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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:35:30 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:35:30 -0700
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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Der Gehülfe, by Robert Walser</title>
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Gehülfe, by Robert Walser
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+Title: Der Gehülfe
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+Author: Robert Walser
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+Release Date: December 23, 2008 [EBook #27598]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEHÜLFE ***
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>,
+der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p>
+</div>
+
+<h1 style="margin-top: 80px; letter-spacing: 0.1em;">Der Gehülfe</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 2.5em;"><big style="font-size: 1.4em; font-weight: bold;">Roman</big><br/>
+von<br/>
+<big style="font-size: 1.6em; font-weight: bold;">Robert Walser</big></p>
+
+<hr style="margin-top: 6em; width: 14em; height: 2px; color: black; background-color: black; border: none;"/>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5em; margin-bottom: 6em;">Verlag von Bruno Cassirer<br/>
+Berlin</p>
+
+
+<p style="page-break-before: always;"><span class="pagenum"><a name="Page_1">1</a></span>
+Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger
+Mann vor der Türe eines alleinstehenden, anscheinend
+schmucken Hauses. Es regnete. »Es wundert
+mich beinahe,« dachte der Dastehende, »daß ich
+einen Schirm bei mir habe.« Er besaß nämlich in
+seinen früheren Jahren nie einen Regenschirm. In
+der einen nach unten grad ausgestreckten Hand
+hielt er einen braunen Koffer, einen von den ganz
+billigen. Vor den Augen des scheinbar von einer
+Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild
+zu lesen: C.&nbsp;Tobler, technisches Bureau. Er
+wartete noch einen Moment, wie um über irgend
+etwas gewiß sehr Belangloses nachzudenken, dann
+drückte er auf den Knopf der elektrischen Klingel,
+worauf eine Person kam, allem Anschein nach eine
+Magd, um ihn eintreten zu lassen.</p>
+
+<p>»Ich bin der neue Angestellte,« sagte Joseph,
+denn so hieß er. Er solle nur eintreten und hier,
+die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins
+Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_2">2</a></span>
+Joseph stieg eine Treppe, die eher für Hühner
+als für Menschen gemacht schien, hinunter und trat
+rechter Hand ohne weiteres in das technische Bureau
+ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging
+die Türe auf. An den festen Schritten über die
+hölzerne Treppe und am Türaufmachen hatte der
+Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung
+bestätigte nur die vorausgegangene Gewißheit,
+es war in der Tat niemand anderes als
+Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur
+Tobler. Er machte ziemlich große Augen, er schien
+ärgerlich zu sein und war es auch.</p>
+
+<p>»Warum,« sagte er, Joseph strafend anblickend,
+»kommen Sie denn eigentlich heute schon? Ich habe
+Sie doch erst für Mittwoch bestellt. Ich bin noch
+gar nicht soweit eingerichtet. Haben Sie's so eilig
+gehabt? Wa?«</p>
+
+<p>Für Joseph hatte dieses Weglassen des Schluß-s
+am Was etwas Verächtliches. So ein verstümmeltes
+Wort klingt ja auch nicht gerade wie eine
+freundliche Liebkosung. Er erwiderte, daß man ihn
+im Stellenvermittlungsbureau darauf aufmerksam
+gemacht habe, daß er heute, Montag früh, anzutreten
+habe. Wenn das ein Irrtum sei, so bitte
+er um Entschuldigung, er aber könne wahrhaftig
+nichts dafür.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_3">3</a></span>
+»Sieh da, wie höflich ich bin!« dachte der junge
+Mann und mußte innerlich unwillkürlich über sein
+Betragen lächeln.</p>
+
+<p>Tobler schien nicht geneigt, sofort entschuldigen
+zu wollen. Er redete noch einige Male um dieselbe
+Sache herum, wobei sein ohnehin roter Kopf
+empört zu erröten begann. Er »begriff« nicht, es
+nahm ihn dies und jenes »Wunder«, schließlich,
+nachdem sich sein Erstaunen über den vorgekommenen
+Fehler beruhigt hatte, meinte er zu Joseph
+schräg hinüber, er könne dableiben.</p>
+
+<p>»Fortschicken kann ich Sie ja jetzt doch nicht
+mehr.« &ndash; »Haben Sie Hunger?« setzte er hinzu.
+Joseph bejahte ziemlich gleichmütig. Er wunderte
+sich aber sogleich über die Ruhe seiner Antwort.
+»Vor einem halben Jahr noch,« dachte er rasch,
+»würde mich die Hochbeschaffenheit einer derartigen
+Frage eingeschüchtert haben, und wie!«</p>
+
+<p>»Kommen Sie,« sagte der Ingenieur. Mit
+diesen Worten führte er seinen neuangeworbenen
+Beamten ins Eßzimmer hinauf, das im Erdgeschoß
+gelegen war. Das Bureau lag unter der Erdlinie
+im Keller. Im Wohn- und Eßzimmer sprach der
+Herr folgendes:</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich. Irgendwo, das ist ganz egal.
+Und essen Sie, bis Sie satt sind. Hier ist Brot.
+<span class="pagenum"><a name="Page_4">4</a></span>Schneiden Sie soviel davon ab wie Sie wollen.
+Genieren Sie sich nur nicht. Schenken Sie nur
+mehrere Tassen ein. Kaffee ist genug da. Und
+da ist Butter. Die Butter ist zum Zugreifen da,
+wie Sie sehen. Und da haben Sie auch Konfitüre,
+falls Sie ein Liebhaber davon sind. Wollen Sie
+Bratkartoffeln dazu essen?«</p>
+
+<p>»O ja, warum nicht, ganz gern,« hatte Joseph
+den Mut zu sagen. Worauf Herr Tobler nach
+Pauline, der Magd, rief und ihr auftrug, das Gewünschte
+rasch zuzubereiten. Nachdem das Frühstück
+beendet war, gab es unten im Kontor, inmitten
+der Zeichenbretter und Zirkel und umherliegenden
+Bleistifte, zwischen beiden Männern ungefähr
+folgende Auseinandersetzung:</p>
+
+<p>Er müsse, sagte Tobler in rauhem Ton, einen
+Kopf als Angestellten haben. Eine Maschine könne
+ihm nicht dienen. Wenn Joseph planlos und geistlos
+in den Tag hineinarbeiten wolle, so solle er
+so gut sein und es gleich auf der Stelle sagen,
+damit man von Anfang an wisse, woran man mit
+ihm sei. Er, Tobler, benötige eine Intelligenz,
+eine selbständig arbeitende Kraft. Wenn Joseph
+glaube, er sei keine solche, so möge er so freundlich
+sein, usw. Hier drückte sich der technische Erfinder
+in Wiederholungen aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span>
+»Ach,« sagte Joseph, »warum sollte ich denn
+keinen Kopf haben, Herr Tobler? Was mich betrifft,
+ich glaube und hoffe des Bestimmtesten, daß ich
+jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde,
+was Sie glauben werden, von mir verlangen zu
+dürfen: Übrigens, meine ich, bin ich hier oben (das
+Haus Tobler stund auf einem Hügel) ja vorläufig
+nur probeweise. Die Art unseres gegenseitigen Übereinkommens
+hindert Sie in keiner Weise, mit mir,
+wenn Sie es für notwendig erachten, augenblicklich
+Schluß zu machen.«</p>
+
+<p>Er wolle, fand es Herr Tobler für passend
+zu sagen, nicht hoffen, daß es soweit komme. Joseph
+möge nichts für ungut nehmen von dem, was er,
+Tobler, da soeben gesagt habe. Er habe eben
+nur geglaubt, gleich von Anfang an klaren Wein
+einschenken zu sollen, und er sei der Meinung, daß
+das für beide Teile nur vom Guten könne gewesen
+sein. Alsdann wisse jeder, woran er mit dem andern
+sei, und so sei es am besten.</p>
+
+<p>»Gewiß,« bekräftigte Joseph.</p>
+
+<p>Nach dieser Rücksprache wies der Vorgesetzte
+dem Untergebenen den Platz an, woran er schreiben
+»könne«. Es war dies ein etwas zu enges,
+schmales und zu niedrig gebautes Sitzpult mit
+einer Schieblade, worin sich die Markenkasse und
+<span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span>einige kleinere Bücher befanden. Der Tisch, denn
+nur ein solcher war's und gar kein wahrhaftiges
+Pult, stand dicht an einem Fenster und an der
+Gartenerde. Darüber hinaus erblickte man in der
+Tiefe den ausgedehnten See, weiter das anderseitige
+Seeufer. Das alles sah heute sehr trübe
+aus, denn es regnete noch immer.</p>
+
+<p>»Kommen Sie,« sagte plötzlich Tobler, und er
+lächelte in etwas, wie es Joseph schien, unziemlicher
+Art zu seinen Worten, »meine Frau muß Sie
+doch nun auch bald endlich einmal zu Gesicht bekommen.
+Kommen Sie mit, ich werde Sie ihr vorstellen.
+Und dann müssen Sie auch das Zimmer
+sehen, wo Sie schlafen werden.«</p>
+
+<p>Er führte ihn hinauf in die erste Etage, wo
+den beiden eine schlanke, hohe Frauenfigur entgegentrat.
+Das war »sie«. »Eine gewöhnliche Frau,«
+wollte rasch der junge Angestellte denken, aber er
+setzte sogleich in Gedanken hinzu: »und doch nicht.«
+Die Dame betrachtete den »Neuen« ironisch und gleichgültig,
+aber ohne Absicht. Beides, das Kalte und
+das Ironische, schien ihr angeboren zu sein. Sie
+streckte ihm nachlässig, ja sogar träge die Hand dar,
+er ergriff sie und verneigte sich vor der »Herrin des
+Hauses«. So nannte er sie im geheimen, nicht, um
+sie zu etwas Schönerem zu erheben, im Gegenteil,
+<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>um sie rasch im stillen zu kränken. Diese Frau
+benahm sich in seinen Augen entschieden zu hochmütig.</p>
+
+<p>»Ich hoffe, es wird Ihnen hier bei uns gefallen,«
+sagte sie mit einer seltsam hochklingenden
+Stimme und verzog dazu ein wenig ihren Mund.</p>
+
+<p>»Ja, sag du das nur. Sehr hübsch. Ei seht
+mal, wie freundlich. Wollen ja sehen.« Auf diese
+Art hielt es Joseph für angezeigt, für sich über
+jene wohlwollenden Worte nachzudenken. Alsdann
+wurde ihm sein Zimmer gezeigt, es lag oben im
+kupfernen Turm, es war also ein Turmzimmer, gewissermaßen
+ein romantisches und vornehmes. Übrigens
+erschien es hell, luftig und freundlich. Das
+Bett war sauber, o ja, in solch einem Zimmer würde
+sich's wohnen lassen. Nicht übel. Und Joseph
+Marti, so hieß er mit seinem ganzen Namen, legte
+den Koffer, den er mit hinaufgenommen hatte,
+auf dem Parkettboden ab.</p>
+
+<p>Später wurde er in die Geheimnisse der Toblerschen
+geschäftlichen Unternehmungen kurz eingeweiht
+und mit den Pflichten, die er zu erfüllen
+hatte, im allgemeinen vertraut gemacht. Es ging
+ihm dabei eigentümlich, er verstand nur die Hälfte.
+Was denn nur mit ihm sei, dachte er und machte
+sich Vorwürfe: »Bin ich ein Betrüger, ein Schwätzer?
+<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>Will ich Herrn Tobler hintergehen? Er verlangt
+einen &rsaquo;Kopf&lsaquo; und ich, ich bin heute absolut kopflos.
+Vielleicht daß es morgen früh oder bereits heute
+abend besser geht.«</p>
+
+<p>Das Mittagessen schmeckte ihm ausgezeichnet.</p>
+
+<p>Wiederum dachte er besorgt. »Wie? Hier sitze
+ich und esse, wie es mir seit vielleicht Monaten
+nicht mehr gemundet hat, und kapiere nichts von
+den Winkelzügen der Unternehmungen Toblers?
+Ist das nicht Diebstahl? Das Essen ist wundervoll,
+es erinnert mich lebhaft an zu Hause. Solche
+Suppe hat Mutter gemacht. Wie kräftig und saftig
+das Gemüse ist, und das Fleisch. Wo kriegt man
+in der Großstadt dergleichen?«</p>
+
+<p>»Essen Sie, essen Sie,« trieb Tobler an, »in
+meinem Haus wird tapfer gegessen, haben Sie das
+verstanden? Nachher wird aber auch gearbeitet.«</p>
+
+<p>Der Herr sehe, er esse ja, erwiderte Joseph
+mit einer Schüchternheit, die ihn beinahe zornig
+machte. Er dachte: »Wird er mich nach acht Tagen
+auch noch zum Essen antreiben? Wie schmachvoll,
+zu empfinden, wie sehr mir dieses fremde Essen
+schmeckt. Werde ich diesen unverschämten Appetit
+durch entsprechende Leistungen rechtfertigen?«</p>
+
+<p>Er nahm sich von jeder Speise noch einmal
+auf seinen Teller. Ja, er kam aus den Tiefen der
+<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>menschlichen Gesellschaft her, aus den schattigen,
+schweigsamen, kargen Winkeln der Großstadt. Er
+hatte seit Monaten schlecht gegessen.</p>
+
+<p>Ob man ihm dies etwa anmerke, dachte er
+und errötete.</p>
+
+<p>Ja, ein ganz klein wenig merkten das Toblers
+sicher. Die Frau betrachtete ihn mehrfach fast mitleidig.
+Die vier Kinder, zwei Mädchen und zwei
+Knaben, sahen ihn wie etwas Wildfremdes und
+Sonderbares von der Seite her an. Diese ungeniert
+fragenden und forschenden Blicke entmutigten
+ihn. Solche Blicke erinnern eben an die
+Angeflogenheit an etwas Fremdes, an die Behäbigkeit
+dieses Fremden, das für sich eine Heimat darstellt,
+und an die Heimatlosigkeit desjenigen, der
+nun so dasitzt und die Pflicht hat, sich möglichst
+rasch und guten Willens in das behagliche fremde
+Bild heimatlich einzufügen. Solche Blicke machen
+einen frieren im heißesten Sonnenschein, sie dringen
+kalt in die Seele, bleiben da einen Moment kalt
+liegen und verlassen sie wieder, wie sie gekommen
+sind.</p>
+
+<p>»So. Jetzt an die Arbeit,« rief Tobler. Und
+beide verließen den Tisch und begaben sich, der
+Herr voran, in das Bureau hinunter, um da, wie
+der Befehl lautete, zu arbeiten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span>
+»Rauchen Sie?«</p>
+
+<p>Ja, Joseph rauche ganz gern.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie sich einen Zigarrenstumpen aus
+dem blauen Paket dort. Sie dürfen während der
+Arbeit ruhig rauchen. Ich tu's ja auch. So. Und
+nun sehen Sie einmal hierher, das da, aber sehen
+Sie sie ordentlich an, sind die zur &rsaquo;Reklame-Uhr&lsaquo; erforderlichen
+Papiere. Können Sie gut rechnen?
+&ndash; Dann um so besser. Es handelt sich nun in
+erster Linie &ndash; was tun Sie da? Mein junger
+Mann, die Asche gehört in den Aschenbecher. Ich
+habe gern Ordnung zwischen meinen eigenen vier
+Wänden &ndash; also in erster Linie handelt es sich,
+nehmen Sie einen Bleistift zur Hand, nun, sagen
+wir, um die Zusammenstellung, um die genaue Gewinnberechnung
+dieses Unternehmens. Nehmen Sie
+Platz hier, ich werde Ihnen sogleich die nötigen
+Angaben machen. Und daß Sie mir gefälligst aufpassen,
+denn ich sage meine Sachen nicht gern zweimal.«</p>
+
+<p>»Werde ich taugen?« dachte Joseph. Es war
+wenigstens gut, daß zu einer so schwierigen Arbeit
+geraucht werden durfte. Ohne Zigarrenstumpen
+würde er jetzt an der Rechtbeschaffenheit seines
+Kopfes ehrlich gezweifelt haben.</p>
+
+<p>Während der Angestellte nun schrieb, wobei
+<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>ihm der Prinzipal von Zeit zu Zeit über die Schulter
+in die entstehende Leistung hinabblickte, spazierte
+dieser, eine krumme, langstielige Zigarre zwischen
+den schönen, blendend weißen Zähnen tragend, im
+Bureau auf und ab, um allerhand Zahlen anzugeben,
+die jeweils flink von einer heute noch ein
+wenig ungeübten Angestelltenhand nachgezeichnet
+wurden. Der bläuliche Rauch hüllte beide arbeitende
+Gestalten bald gänzlich ein, draußen vor
+den Fenstern schien sich das Wetter aufhellen zu
+wollen, Joseph warf ab und zu einen Blick durch
+die Scheibe und merkte die Veränderung, die sich
+leise am Himmel vollzog. Einmal bellte der Hund
+vor der Türe. Tobler trat auf einen Moment
+hinaus, um das Tier zu beruhigen. Nach Verlauf
+zweier Arbeitsstunden ließ Frau Tobler durch eines
+der Kinder zum Nachmittagskaffee rufen. Es sei
+draußen im Gartenhaus gedeckt, weil das Wetter
+sich gebessert habe. Der Chef ergriff seinen Hut
+und sagte zu Joseph, er solle jetzt Kaffeetrinken gehen
+und nachher das flüchtig Geschriebene ins reine
+setzen, bis er damit fertig sei, werde es wohl Abend
+geworden sein.</p>
+
+<p>Dann ging er. Joseph sah ihn den Hügel durch
+den abstürzenden Garten hinuntergehen. Welch eine
+stattliche Figur er hat, dachte er, er blieb noch eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_12">12</a></span>ganze Weile so stehen und begab sich dann zum
+Kaffee in das hübsche, grünangestrichene Gartenhaus.</p>
+
+<p>Während des Imbisses fragte ihn die Frau:
+»Sind Sie stellenlos gewesen?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Joseph.</p>
+
+<p>»Lange?«</p>
+
+<p>Er gab ihr Auskunft, und sie seufzte jedesmal,
+wenn er von gewissen kläglichen Menschen und
+Menschenverhältnissen sprach. Sie tat das ganz
+leicht und obenhin, und sie behielt außerdem die
+jeweiligen Seufzer länger als gerade nötig war im
+Mund, als habe sie sich jedesmal an der Annehmlichkeit
+dieses Tons und Empfindens weiden können.</p>
+
+<p>»Gewissen Menschen,« dachte Joseph, »scheint
+es Vergnügen zu machen, an bedauerliche Dinge
+zu denken. Wie diese Frau Nachdenklichkeit mimt.
+Sie seufzt, wie andere lachen, genau so fröhlich.
+Ist das jetzt meine Herrin?«</p>
+
+<p>Später stürzte er sich in seine Reinschrift. Es
+wurde Abend. Morgen früh würde es sich ja zeigen,
+ob er eine Kraft oder eine Null, eine Intelligenz
+oder eine Maschine, ein Kopf oder ein Hohlkopf
+sei. Für heute war es seines Erachtens nach genug.
+Er räumte seine Arbeit zusammen und ging in sein
+Zimmer, froh darüber, für eine kleine Zeitlang
+allein sein zu dürfen. Er fing nicht ohne Wehmut
+<span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span>an, seinen Handkoffer, seine ganze Besitzung, langsam,
+Stück für Stück, auszupacken, wobei er der
+unzählbaren Umzüge gedachte, zu deren Erledigung
+er sich nun schon so viele Male dieses Köfferchens
+bedient hatte. Schlichte Sachen werden einem so
+lieb, das empfand der junge Angestellte. Wie es
+ihm hier bei Tobler wohl gehen werde, fragte er
+sich, während er die paar Wäschestücke, die er besaß,
+in absichtlich säuberlichster Manier in den Schrank
+legte: »Gut oder schlecht, ich bin einmal da, gehe
+es wie es gehen <ins title="kann.">kann.«</ins> Er gelobte sich im stillen,
+sich Mühe zu geben, indem er ein Knäuel alter
+Faden, Bindfadenteile, Halsbinden, Knöpfe, Nadeln
+und abgerissene Leinenfetzen auf den Fußboden
+warf. »Wenn ich nun schon einmal hier esse und
+schlafe, will ich mich geistig und körperlich dafür auch
+anstrengen,« murmelte er weiter, »wie alt bin ich
+jetzt? Vierundzwanzig! Das ist keine nennenswerte
+Jugend mehr. Ich bin zurückgeblieben im Leben.«
+Er hatte den Koffer geleert und stellte ihn in eine
+Ecke. Sobald er glaubte, daß es ungefähr Zeit
+sei, ging er zum Abendessen, später noch zur Post
+ins Dorf hinein, später schlafen.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Im Laufe des nächsten Tages glaubte er sich
+mit dem Wesen der »Reklame-Uhr« dadurch bekannt
+<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span>gemacht zu haben, daß er begreifen lernte,
+daß dieses gewinnbringende Unternehmen eine
+dekorative Uhr sei, die Herr Tobler im Begriff war
+an Bahnverwaltungen, Restaurateure, Hoteliers &amp;c.
+zu verpachten. Solch eine wirklich äußerst hübsch
+aussehende Uhr, kalkulierte Joseph, wird beispielsweise
+in einen oder in mehrere Straßenbahnwagen
+gehängt, und zwar an eine möglichst in aller
+Menschen Augen stechende Stelle, damit die fahrenden
+und reisenden Mitmenschen ihre Taschenuhren
+danach richten können und jederzeit wissen, wie
+spät oder wie früh es am Tage ist. Diese Uhr ist
+wahrhaftig nicht schlecht, meinte er allen Ernstes,
+um so weniger, als sie den Vorzug hat, mit dem
+Reklamewesen verbunden zu sein. Zu diesem Behufe
+hat man ihr ja ein einfaches oder doppeltes
+Adlerflügelpaar aus scheinbarem Silber oder gar
+Gold angehängt, zwecks zierlicher Bemalung. Und
+was wird man anderes darauf malen wollen als
+die genauen Adressen von Firmen, die sich dieser
+Flügel oder Felder, wie der technische Ausdruck
+lautet, zur nutzbringenden Insertion bedienen. <ins title="Solch">»Solch</ins>
+ein Feld kostet Geld; infolgedessen hat man sich,
+wie mein Herr, der Herr Tobler, ganz richtig sagt,
+an nur erste Handels- und Fabriksfirmen zu wenden.
+Die Beträge sind jeweilen zum voraus, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span>zwar laut auszustellender Verträge, in monatlichen
+Raten, zu bezahlen. Die Reklame-Uhr kann übrigens
+beinahe überall im In- und Ausland Aufstellung
+finden. Auf sie setzt, wie es mir schien, Tobler die
+wichtigsten Hoffnungen. Freilich kostet die Herstellung
+der Uhren und deren kupfernen und zinnernen
+Zieraten viel Geld, auch der Dekorationsmaler
+will ja sein Geld haben, dafür aber laufen
+eben die Inseratengelder hoffentlich und sehr wahrscheinlich
+regelmäßig ein. Was sagte doch heute
+früh Herr Tobler? Er hat ziemlich viel Geld geerbt,
+hat nun aber bereits sein gesamtes Vermögen
+in die <ins title="»Reklame-Uhr geworfen«">&rsaquo;Reklame-Uhr geworfen&lsaquo;</ins>. Ein sonderbarer
+Spaß, zehn- bis zwanzigtausend Mark in Uhren zu
+werfen. Gut, daß ich mir dieses Wort <ins title="»werfen«">&rsaquo;werfen&lsaquo;</ins>
+gemerkt habe, es scheint mir ein stark im Gebrauch
+bestehendes, übrigens sehr klipp und klares Wort
+zu sein, das ich vielleicht schon in nächster Zeit in
+meinen Korrespondenzen werde anwenden müssen.«</p>
+
+<p>Joseph steckte sich einen Stumpen in Brand.</p>
+
+<p>»Eigentlich ein ganz netter Aufenthalt, dieses
+technische Bureau hier. Das meiste an der hiesigen
+Geschäftsführung ist mir allerdings noch ganz unverständlich.
+Ich habe immer das Neue und Fremde
+schwer begriffen. Ich erinnere mich, o ja. Im allgemeinen
+werde ich von den Leuten für klüger gehalten
+<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span>als ich bin, manchmal auch nicht. Das alles
+ist ja überhaupt so merkwürdig.«</p>
+
+<p>Er nahm einen Streifen Papier zur Hand,
+strich den Firmenkopf mit ein paar Federstrichen
+durch und schrieb rasch folgendes:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Liebe Frau Weiß!</p>
+
+<p>Sie sind wahrhaftig der erste Mensch, an den
+ich von hier oben aus schreibe. Der Gedanke an
+Sie ist der erste und leichteste und natürlichste von
+allen den vielen Gedanken, die mir gegenwärtig
+im Kopf surren. Sie werden sich oft über mein
+Betragen gewundert haben in der Zeit, die ich
+bei Ihnen zubrachte. Wissen Sie noch, wie Sie
+mich oft aus meinem dumpfen, einsiedlerischen Dasein,
+aus all meinen üblen Gewohnheiten haben
+aufrütteln müssen? Sie sind eine so liebe, gute,
+einfache Frau, und vielleicht erlauben Sie mir, Sie
+lieb zu haben. Wie oft, ja beinahe alle vier Wochen,
+bin ich zu Ihnen ins Zimmer getreten, um Sie
+kurz zu ersuchen, mit der monatlichen Miete Geduld
+zu haben. Sie haben mich nie gedemütigt, doch
+ja immer, aber mit Güte. Wie dankbar ich Ihnen
+bin und wie froh ich bin, Ihnen dies sagen zu
+dürfen. Was machen und leben Ihre Fräulein
+Töchter? Die Größere ist ja nun wohl bald verheiratet.
+<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span>Und Fräulein Hedwig, ist sie immer noch
+in der Lebensversicherungsgesellschaft tätig? Wie
+ich frage! Sind diese Fragen nicht äußerst dumm,
+da ich Sie doch erst vor zwei Tagen verlassen habe!
+Mich dünkt, liebe, verehrte Frau Weiß, ich sei jahre-
+jahre- und jahrelang bei Ihnen gewesen, so schön,
+ruhig und lang mutet mich der Gedanke an das
+Bei-Ihnen-gewesen-sein an. Kann man Sie kennen
+gelernt haben, ohne daß man Sie hat lieben lernen
+müssen? Sie haben immer zu mir gesagt, ich sollte
+mich schämen, so jung zu sein und dazu so wenig
+unternehmenslustig, weil Sie mich stets haben in
+meinem dunkeln Zimmer sitzen und liegen sehen.
+Ihr Gesicht, Ihre Stimme, Ihr Lachen haben mich
+immer getröstet. Sie sind zweimal so alt wie ich
+und haben zwölfmal so viel Sorgen und erscheinen
+nur so jung, jetzt noch viel mehr als da ich noch
+bei Ihnen war. Wie konnte ich immer so wortkarg
+zu Ihnen sein. Übrigens bin ich Ihnen ja
+noch Geld schuldig, nicht wahr, und ich bin beinahe
+froh darüber. Äußere Beziehungen können dann
+innere lebendiger erhalten. Zweifeln Sie nie an
+meiner Achtung vor Ihnen. Wie dumm ich spreche.
+Ich wohne hier in einer hübschen Villa und kann
+des Nachmittags jeweilen im Gartenhaus, wenn
+schönes Wetter ist, Kaffee trinken. Mein Chef ist
+<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span>zurzeit ausgegangen. Das Haus liegt auf einem,
+man darf sagen, grünen Hügel, unten neben der
+Landstraße, hart am Seeufer, führt die Eisenbahn
+vorbei. Ich wohne sehr nett in einem, es kommt
+mir ganz herrschaftlich vor, hochgelegenen Turmzimmer.
+Mein Herr scheint ein braver Mann zu
+sein, etwas hochtrabend. Möglich, daß es zwischen
+uns eines Tages persönliche Keilereien gibt. Ich
+wünsche es nicht. Wirklich nicht, denn ich möchte
+in Frieden leben. Leben Sie wohl Frau Weiß.
+Ich habe mir ein schönes, wertvolles Bild von Ihnen
+bewahrt, es läßt sich nicht einrahmen aber ebenso
+wenig vergessen.</p></div>
+
+<p>Joseph faltete den Streifen zusammen und
+steckte ihn in ein Kuvert. Er lächelte. Für ihn
+hatte das Andenken dieser Frau Weiß etwas Freundliches,
+warum, darüber wußte er selber kaum recht
+Bescheid. Da hatte er nun an eine Frau geschrieben,
+die dem Eindruck zufolge, den er ihr von seiner
+Person hinterlassen hatte, einen so raschen und beinahe
+gefühlvollen Brief gar nicht erwarten durfte
+und sicher auch nicht gewärtigte. Hatte die zufällige
+Menschenbekanntschaft einen so großen Einfluß
+auf ihn? Liebte er es, zu überraschen und zu behexen?
+Aber der Brief schien ihm nach kurzer Durchsicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span>und Prüfung passend und er machte sich, da
+es ohnehin Zeit dazu war, auf den Weg zur Post.</p>
+
+<p>Mitten im Dorf blieb plötzlich ein von oben
+bis unten rußiger junger Mensch vor ihm stehen,
+schaute ihn lachend an und streckte ihm die Hand
+entgegen. Joseph spielte den Erstaunten, da er sich
+wirklich nicht entsinnen könnte, an welchem Ort und
+zu welcher Zeit im bisherigen Leben ihm diese
+schwarze Erscheinung konnte begegnet sein. »Du
+auch hier, Marti?« rief der Mensch, und nun erkannte
+ihn Joseph, es war ein Kamerad aus der
+kürzlich erst überstandenen Militärdienstzeit, er begrüßte
+ihn, schützte aber dringende Aufträge vor
+und verabschiedete sich wieder.</p>
+
+<p>»Ja, das Militär,« dachte er, indem er seines
+Weges weiter ging, »wie wirft es die Menschen
+aus allen nur denkbaren Lebensgebieten auf einen
+einzigen Empfindungspunkt zusammen. Kein so
+feinerzogener, im übrigen gesunder, junger Mensch
+lebt im Lande, der es sich nicht eines Tages müßte
+gefallen lassen, aus seiner bisherigen, sortierten Umgebung
+herauszutreten, um mit dem erstbesten, ebenfalls
+jungen Bauern, Kaminfeger, Arbeiter, Kommis
+oder gar Tunichtgut gemeinschaftliche Sache zu
+machen. Und welche gemeinschaftliche Sache! Die
+Luft in der Kaserne ist für einen jeden dieselbe, sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span>wird für den Baronensohn für gut genug, und für
+den geringsten Landarbeiter für angemessen befunden.
+Die Rang- und Bildungsunterschiede fallen
+<ins title="umbarmherzig">unbarmherzig</ins> in einen großen, bis heute noch immer
+unerforschten Abgrund, in die Kameradschaft. Diese
+herrscht, denn sie faßt alles zusammen. Die Hand
+des Kameraden ist für keinen eine unreine, sie darf
+es nicht sein. Der Tyrann Gleichheit ist oft ein
+unerträglicher, oder scheint es zu sein, aber was für
+ein Erzieher ist er, was für ein Lehrer. Die Brüderlichkeit
+kann mißtrauisch und kleinlich im kleinen
+sein, sie kann aber auch groß sein, und sie ist groß,
+denn sie besitzt die Meinungen, die Gefühle, die
+Kräfte und Triebe aller. Wenn ein Staat es versteht,
+den Sinn der Jugend in diesen Abgrund zu
+lenken, der groß genug wäre für die Erde wieviel
+mehr für ein einzelnes Land, so hat er sich damit
+nach allen offenen Richtungen hin, an allen vier
+Grenzen, mit Festungen umgeben, die unbezwinglich
+sind, weil es lebendige, mit Füßen, Gedächtnissen,
+Augen, Händen, Köpfen und Herzen ausgestattete
+Festungen sind. Den jungen Leuten tut
+wahrhaftig eine strenge Lehre not.«</p>
+
+<p>Hier unterbrach der Angestellte seine Gedanken.</p>
+
+<p>In der Tat, er rede und denke da wie ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span>Feldhauptmann, dachte er lachend. Bald darauf
+befand er sich wieder zu Hause.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Joseph hatte in einer Elastique-Fabrik gearbeitet,
+ehe er zum Militär kam. Er erinnerte sich jetzt jener
+vormilitärischen Zeit und sah vor sich ein altes,
+längliches Gebäude, einen schwarzen Kiesweg, eine
+enge Stube und ein bebrilltes, strenges Prinzipalengesicht.
+Er war dort, wie man sagt, aushilfsweise
+engagiert gewesen, nur so vorübergehend. Er schien
+mit seiner ganzen Persönlichkeit nur ein Zipfel, ein
+flüchtiges Anhängsel zu sein, ein nur einstweilen
+geschlungener Knoten. Beim Antritt der Stellung
+war ihm bereits lebhaft der Austritt aus derselben
+vor Augen getreten. Der Lehrling im Elastique-Geschäft
+war ihm in allem »über«. Joseph mußte
+diesen unausgewachsenen Menschen bei jeder Gelegenheit
+um Rat fragen. Aber eigentlich kränkte
+ihn das nicht einmal. O er war schon an so vieles
+gewöhnt gewesen. Er arbeitete kopflos, das heißt, er
+mußte sich gestehen, daß ihm mancherlei durchaus
+notwendige Kenntnisse abhanden gekommen waren.
+Gewisse, für andere Menschen erstaunlich leicht zu
+erfassende Dinge prägten sich ihm so merkwürdig
+schwer ein. Was war da zu machen gewesen. Sein
+Trost und sein Gedanke war die »Vorübergänglichkeit«
+<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span>der Stellung. Er wohnte bei einem alten,
+spitznasigen und -mundigen Fräulein, die eine sehr
+sonderbare, hellgrün gestrichene Stube bewohnte.
+Auf einer Etagere befanden sich einige alte und
+moderne Bücher. Das Fräulein war, wie es schien,
+eine Idealistin, aber keine feurige, sondern eher
+eine durch und durch erfrorene. Joseph bekam
+rasch heraus, daß sie einen eifrigen Liebesbriefwechsel
+unterhielt, und zwar, wie er eines Tages
+aus einem achtlos auf dem runden Tisch liegenden,
+langen Schreiben ersah, mit einem nach Graubünden
+ausgewanderten Buchdrucker oder Architektenzeichner,
+er konnte sich dessen jetzt nicht mehr so
+recht genau entsinnen. Er las rasch den Brief, er
+hatte das Gefühl, daß er dadurch keine sehr bedeutende
+Ungerechtigkeit begehe. Übrigens war der
+Brief kaum der verstohlenen Lektüre wert, man
+hätte ihn ruhig dürfen an alle Säulen der Stadt
+plakatieren, so wenig Geheimnisvolles und dem
+Fernstehenden Unverständliches enthielt er. Er war
+den Büchern, die die Welt liest, nachgeschrieben und
+enthielt vorzugsweise kühnlinierte und schraffierte
+Reisebeschreibungen. Die Welt sei doch herrlich,
+hieß es da, wenn man sich die Mühe nehme, sie
+zu Fuß zu durchwandern. Dann wurden der Himmel,
+die Wolken, die Halden, die Geißen, Kühe,
+<span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span>Kuhglocken und die Berge beschrieben. Wie wichtig
+das alles war. Joseph hatte eine kleine Stube
+nach hinten gehend inne, dort las er. Sowie er
+nur dieses Stübchen betrat, fing ihm auch gleich
+die Bücherlektüre über den Kopf zu flattern an.
+Er las da so einen von jenen großen Romanen,
+an denen man monatelang lesen kann. Die Kost
+hatte er in einer Pension von Technikumsschülern
+und Kaufmannslehrlingen. Er hatte große Mühe,
+sich mit dem jugendlichen Volk einigermaßen zu
+unterhalten und schwieg daher meist bei Tisch. Wie
+war das alles für ihn erniedrigend. Auch da war
+er ein Knopf, der nur lose hing, den man gar
+nicht mehr festzunähen sich abmühte, da man zum
+voraus wußte, daß der Rock doch nicht lange getragen
+werde. Ja, seine Existenz war nur ein
+provisorischer Rock, ein nicht recht passender Anzug.
+Nahe bei der Stadt lag ein runder, mäßig hoher
+Rebhügel, der oben mit Wald gekrönt war. Nun,
+das war fürs Spazierengehen ganz artig. Die
+Sonntagvormittage verlebte Joseph regelmäßig dort
+oben, während welcher Erholung er sich jedesmal
+in ferne, beinahe krankhaft schöne Träumereien verwickelt
+sah. Unten in der Fabrik ging es weniger
+schön zu, trotz des zunehmenden Frühlings, der
+seine kleinen duftenden Wunder an den Bäumen
+<span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span>und Sträuchern zu entfalten begann. Der Prinzipal
+machte Joseph eines Tages ganz gehörig herunter,
+ja, er machte ihn schlecht, er nannte ihn geradezu
+einen Betrüger, und weswegen? Das war auch
+wieder so eine Kopfträgheit gewesen. Hohle Köpfe
+können ja nun allerdings einem Handelsgeschäft
+erheblichen Schaden zufügen. Man kann schlecht
+rechnen, oder aber, und das ist das Schlimme, man
+rechnet einfach gar nicht. Für Joseph war es so
+schwer gewesen, eine in englischer Pfundwährung
+aufgestellte Zinsenrechnung zu prüfen. Dazu fehlten
+ihm die paar Kenntnisse, und statt das nun offen
+dem Geschäftsherrn einzugestehen, wovor er sich
+schämte, setzte er unter die Rechnung, ohne sie wahrhaft
+geprüft zu haben, die lügnerische Bestätigung.
+Er schrieb mit Bleistift ein M zu der Schlußzahl,
+was so viel zu bedeuten hatte als die feste und
+ruhige Tatsache des Richtigbefundes. An diesem
+einen Tage nun kam es plötzlich durch eine mißtrauische
+Frage seitens des Prinzipals heraus, daß
+die Prüfung nur geschwindelt, und daß ja Joseph
+gar nicht imstande war, eine derartige Rechnung
+im Kopf zu lösen. Das waren eben englische Pfund,
+und Joseph wußte mit solchen absolut nicht umzugehen.
+Er verdiene, sprach der Vorgesetzte, mit
+Schimpf und Schande fortgejagt zu werden. Wenn
+<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span>er etwas nicht verstehe, so sei das keine Unehrenhaftigkeit,
+wenn er aber Verständnis lüge, so sei
+das Diebstahl. Man könne es nicht anders nennen,
+und Joseph solle sich in Grund und Boden hinab
+schämen. O das war ein tobendes Herzklopfen für
+ihn gewesen. Er spürte eine schwarze, fressende
+Welle über seinem ganzen Dasein. Die eigene,
+sonst, wie ihm immer schien, nicht schlechte Seele
+schnürte ihn von allen Seiten zu. Er zitterte so
+heftig, daß die Zahlen, die er eben schrieb, nachher
+ungeheuerlich fremd, verschoben und groß aussahen.
+Aber nach einer Stunde war ihm so wohl. Er ging
+zur Post, es war eben schönes Wetter, er ging so, und
+da meinte er, küsse ihn alles. Die kleinen süßen Blätter
+schienen alle in einem liebkosenden, farbigen Schwarm
+auf ihn zuzufliegen. Die vorübergehenden, im übrigen
+ganz alltäglichen Menschen sahen so schön aus, zum
+rein An-den-Hals-werfen. Er schaute glücklich in
+alle Gärten hinein, zum offenen Himmel hinauf.
+Wie rein und schön waren die weißen, frischen
+Wolken. Und das satte, süße Blau. Joseph hatte
+das eben Vorgefallene, das Wüste, nicht vergessen,
+er trug es beschämt mit sich, aber es hatte sich in
+etwas Unbekümmert-Leidvolles, in etwas Ebenmäßig-Verhängnisvolles
+verwandelt. Er zitterte noch ein
+wenig und dachte: »Also muß man mich mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span>Demütigungen zur reinen Freude an der Welt
+Gottes aufpeitschen?« Nach Feierabend trat er gemütlich
+in einen ihm wohlbekannten Zigarrenladen.
+Eine Frau hauste dort, eine womöglich, ja wahrscheinlich
+und nur zu sehr wahrscheinlich käufliche
+Frau. Joseph pflegte sich in ihrem Laden Abend
+für Abend auf einen Stuhl zu setzen, eine Zigarre
+dazu zu rauchen und zu plaudern mit der Inhaberin.
+Er gefiel ihr, das merkte er bald. »Wenn
+ich dieser Frau gefalle, so erweise ich ihr einen
+kleinen Dienst, regelmäßig bei ihr zu sitzen,« dachte
+er und tat auch so. Sie erzählte ihm ihre ganze
+Jugend und manches Schöne und Unschöne aus
+ihrem Leben. Sie alterte schon und hatte ein ziemlich
+häßlich geschminktes Gesicht, aber gute Augen
+leuchteten aus demselben hervor, und ihr Mund:
+»wie oft wird er geweint haben,« dachte Joseph.
+Er blieb immer artig und höflich bei ihr, als ob
+dieses Betragen selbstverständlich gewesen wäre.
+Einmal streichelte er ihr die Wangen, und er bemerkte
+die Freude, die sie über dieser Bewegung
+empfand, sie errötete und ihr Mund zuckte, als ob
+sie hätte sagen wollen: »zu spät, mein Freund.«
+Sie war früher eine Zeitlang Kellnerin gewesen,
+aber was hatte das alles zu bedeuten, da doch der
+ganze Anhängezipfel nach ein paar Wochen abgetrennt
+<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span>wurde. Der Chef schenkte Joseph zum Abschied
+eine Gratifikation, trotz jenes Vorfalles mit
+der englischen Geldwährung, und wünschte ihm
+Glück in die Kaserne. Jetzt kommt eine Eisenbahnfahrt
+durch ein frühlingverzaubertes Land, und dann
+weiß man nichts mehr, denn von da an ist man
+nur noch eine Nummer, man bekommt eine Uniform,
+eine Patronentasche, ein Seitengewehr, eine regelrechte
+Flinte, ein Käppi und schwere Marschschuhe.
+Man ist nichts mehr Eigenes, man ist ein Stück Gehorsam
+und ein Stück Übung. Man schläft, ißt,
+turnt, schießt, marschiert und gestattet sich Ruhepausen,
+aber in vorgeschriebener Weise. Selbst die
+Empfindungen werden scharf überwacht. Die Knochen
+wollen anfänglich brechen, aber nach und nach
+stählt sich der Körper, die biegsamen Kniescheiben
+werden zu eisernen Scharnieren, der Kopf wird frei
+von Gedanken, die Arme und Hände gewöhnen
+sich an das Gewehr, das den Soldaten und Rekruten
+überall hin begleitet. Im Traum hört Joseph
+Kommandoworte und das Knattern der Schüsse.
+Acht Wochen lang dauert das so, es ist keine Ewigkeit,
+aber bisweilen scheint es ihm eine.</p>
+
+<p>Doch was soll das alles, da er doch jetzt in
+Herrn Toblers Hause lebt.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span>
+Zwei oder drei Tage sind noch keine gar so
+sehr lange Zeit. Dieser Zeitraum genügt nicht einmal,
+um sich in einem Zimmer ganz zurechtzufinden,
+wie viel weniger in einem immerhin stattlichen Haus.
+Joseph war ja ohnehin schwer von Begriff, wenigstens
+bildete er sich das ein, und Einbildungen sind
+nie gänzlich ohne grundlegende Berechtigung. Das
+Toblersche Haus war überdies noch zweiteilig, es bestund
+aus einem Wohnhaus sowohl wie aus einem
+Geschäftshaus, und Josephs Pflicht und Schuldigkeit
+war, beide Sorten Häuser ergründen zu lernen.
+Wo Familie und Geschäft so nah beieinander sind,
+daß sie sich, man möchte sagen, körperlich berühren,
+kann man das eine nicht gründlich kennen lernen
+und zugleich das andere übersehen. Die Obliegenheiten
+eines Angestellten liegen in solch einem Haus
+weder ausdrücklich da noch ausdrücklich dort, sondern
+überall. Auch die Stunden der Pflichterfüllung
+sind keine exakt begrenzten, sondern erstrecken sich
+manchmal bis tief in die Nacht hinein, um bisweilen
+plötzlich mitten am Tag für eine Zeitlang aufzuhören.
+Wer das Vergnügen haben darf, nachmittags
+draußen im Gartenhaus in Gesellschaft einer gewiß
+gar nicht üblen Frau Kaffee zu trinken, muß nicht
+böse werden, wenn er abends nach acht Uhr rasch
+noch irgend eine dringende Arbeit erledigen soll.
+<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span>Wer so schön zu Mittag ißt, wie Joseph, muß dies
+durch verdoppelte Leistungen wieder gut zu machen
+suchen. Wer Stumpen rauchen darf während der
+Geschäftsstunden, der darf nicht brummen, wenn ihn
+die Herrin des Hauses um einen häuslichen oder
+familiären Dienst kurz ersucht, auch wenn der Ton,
+womit dieses Gesuch ausgesprochen wird, eher ein
+befehlshaberischer als ein schüchtern bittender sein
+sollte. Wer hat alles Annehmliche und Schmeichelnde
+immer zusammen? Wer wird so anmaßend der
+Welt gegenüber sein, von ihr nur Kissen zum Daraufruhen
+zu verlangen, ohne zu bedenken, daß die
+samtenen und seidenen, mit feinem Flaum gefüllten
+und gestopften Kissen Geld kosten? Aber Joseph
+denkt gar nicht so. Man muß bedenken, daß Joseph
+nie viel Geld auf einmal besessen hat.</p>
+
+<p>Frau Tobler fand an ihm etwas Seltsames,
+sozusagen Unalltägliches, ohne ihn aber auch nur
+im geringsten gut zu beurteilen. Sie fand ihn ziemlich
+lächerlich in seinem dunkelgrün gefärbten, abgetragenen
+und erbleichten Anzug, aber auch in
+seinem Benehmen wollte sie etwas Komisches entdeckt
+wissen, worin sie in gewisser Beziehung recht
+hatte. Komisch war sein undezidiertes Auftreten,
+sein augenscheinlicher Mangel an Selbstbewußtheit,
+und komisch waren auch seine Manieren. Hinwiederum
+<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span>muß bemerkt werden, daß Frau Tobler,
+eine Bürgersfrau von echtester Abstammung, sehr
+leicht geneigt war, vieles komisch zu finden, was
+auch nur ein ganz klein wenig ihre Anschauungsweise
+fremd berühren konnte. Wenn das aber so
+ist, so wollen wir uns weiter nicht darüber aufregen,
+daß eine solche Frau einen solchen jungen
+Menschen komisch fand, sondern berichten, was sie
+zusammen redeten. Versetzen wir uns wieder in
+das Gartenhäuschen und in die Fünf-Uhr-Abend-Stunde.</p>
+
+<p>»Es ist doch ein prächtiger Tag heute,« sagte
+Frau Tobler.</p>
+
+<p>O ja, es sei wirklich herrlich, sagte seinerseits
+der Gehülfe. Er drehte sich, am Tisch sitzend, halb
+um, und schaute in die bläuliche Ferne. Der See
+war ganz blaßblau. Ein Dampfschiff mit klingender
+Musik fuhr gerade vorüber. Man konnte die wehenden
+Tücher unterscheiden, die dort unten von
+den Vergnügungsreisenden geschwenkt wurden. Der
+Rauch des Dampfschiffes flog nach hinten und wurde
+von der Luft eingesogen. Die Berge am andern
+Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schöne
+Tag über den See verbreitete, kaum zu sehen. Sie
+schienen aus Seide gewoben zu sein. Ja, die ganze
+runde Aussicht war blau, selbst das nahe Grün
+<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span>und das Rot der Dächer sahen sich bläulich an.
+Man hörte ein einziges Gesumme, wie wenn die
+ganze Luft, der ganze durchsichtige Raum leise gesungen
+hätten. Auch das Summen und Surren
+hörte und sah sich blau an, beinahe! Wie schmeckte
+wieder einmal der Kaffee. »Warum denke ich an
+zu Hause, an die Kindheit, wenn ich diesen sonderbaren
+Kaffee trinke?« dachte Joseph.</p>
+
+<p>Die Frau fing an, von der letztjährigen Sommerfrische
+am Vierwaldstädtersee zu reden. Dieses
+Jahr gebe es, sagte sie, leider nichts aus so etwas.
+Keinen Gedanken! Und dann sei es ja hier wirklich
+auch ganz schön. Man brauche eigentlich gar
+keine Sommerfrische mehr, wenn man so wohnen
+könne, wie sie. Im Grunde genommen sei man
+fast immer sehr unbescheiden, man habe stets Wünsche,
+und das sei ja auch ganz natürlich &ndash; Joseph nickte &ndash;
+aber zuweilen ähnele es einer wirklichen Arroganz.</p>
+
+<p>Sie lachte. »Wie seltsam sie lacht,« dachte der
+Untergebene und fuhr fort zu denken: »An diesem
+Lachen könnte einer, der sich darauf versteifen wollte,
+Geographie studieren. Es bezeichnet genau die Gegend,
+wo diese Frau her ist. Es ist ein behindertes
+Lachen, es kommt nicht ganz natürlich zum Mund
+heraus, als wäre es früher durch eine allzupeinliche
+Erziehung stets etwas im Zaum gehalten worden.
+<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span>Aber es ist schön und fraulich, ja, es ist sogar ein
+bißchen frivol. Nur hochanständige Frauen dürfen
+so lachen.«</p>
+
+<p>Inzwischen hatte die Frau längst weitergesprochen,
+und zwar von jener geradezu ideal schönen
+und traulichen Sommerfrische. Ein junger Amerikaner
+habe sie jeden Tag in der Gondel auf den
+See hinausgerudert. Das sei noch ein Kavalier
+gewesen. Und dann war es doch für eine verheiratete
+Frau, wie sie eine sei, reizvoll und neu, einmal
+ein paar Wochen ganz allein sein zu können
+und dazu noch in solch einer schönen Gegend. Ohne
+Mann und ohne die Kinder. Man brauche dabei
+noch lange nicht an was Unfeines zu denken. Man
+tue den ganzen Tag nichts, esse köstlich und liege
+da so im Schatten, unter solch einem herrlichen,
+breitästigen Kastanienbaum, wie dort, wo sie das
+letzte Jahr gewesen sei, einer war. Solch ein Baum.
+Immer wieder sähe sie ihn und sich selbst drunter.
+Sie habe auch ein kleines, weißes Hündchen gehabt,
+sie habe es immer zu sich ins Bett genommen.
+So ein feines, sauberes Geschöpfchen. Nun, dieses
+Tier habe sie in dem reizenden Gefühl, das ihr
+vorgegaukelt habe, sie sei eine Dame, eine wirkliche
+Dame, noch bestärkt. Später habe sie es weggeben
+müssen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span>
+»Ich muß an die Geschäfte gehen,« sprach Joseph
+und erhob sich.</p>
+
+<p>Ob er so fleißig sei?</p>
+
+<p>»Nun, man tut, was man für seine Pflicht
+hält.« Mit diesen Worten entfernte er sich. Im
+Bureau trat ihm eine unsichtbar-sichtbare Erscheinung
+entgegen: die Reklame-Uhr. Er setzte sich an den
+Schreibtisch und fing an zu korrespondieren. Der
+Briefbote kam, um eine Nachnahme zu präsentieren,
+es war ein geringer Betrag, Joseph bezahlte aus
+seiner Privattasche. Dann schrieb er ein paar Briefe
+im Interesse der Reklame-Uhr. Was man für so
+eine Uhr nicht alles aufwenden mußte!</p>
+
+<p>»Sie ist wie ein kleines oder großes Kind,
+solch eine Uhr,« dachte der Angestellte, »wie ein
+eigensinniges Kind, das der beständigen, aufopfernden
+Pflege bedarf, und das nicht einmal dankt dafür.
+Gedeiht denn eigentlich dieses Unternehmen,
+wächst dieses Kind? Man merkt wenig davon.
+Ein Erfinder liebt seine Erfindungen. Diese kostspielige
+Uhr ist Tobler beinahe ans Herz gewachsen.
+Was aber denken andere Leute von dieser Idee?
+Eine Idee muß hinreißen, muß überwältigen, sonst
+ist es eine schwere Sache, sie zu praktizieren. Was
+mich selber betrifft, so glaube ich fest an die Möglichkeit
+einer Realisierung derselben, und ich glaube
+<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span>deshalb daran, weil es meine Pflicht ist, weil ich
+dafür bezahlt werde. Zwar, wie steht es denn nun
+mit meinem Gehalt?«</p>
+
+<p>Es war in diesem Punkt tatsächlich noch nichts
+abgemacht worden.</p>
+
+<p>Bis zum Sonntag verlief alles ruhig. Was
+hätte passieren sollen? Joseph war folgsam und bemühte
+sich, ein heiteres Gesicht an den Tag zu legen.
+Aber warum hätte er besonders mißmutig sein sollen,
+wo ja doch vorläufig nur Ursache zur Zufriedenheit
+für ihn vorhanden war. Im Militärdienst ist er
+auch nicht verzärtelt worden. In das Wesen der
+Reklame-Uhr drang er immer tiefer ein und glaubte
+bereits, sie vollständig erfaßt zu haben. Was hatte
+es zu bedeuten, daß zwei Wechsel zu je vierhundert
+Mark nicht bezahlt wurden. Man schob den Verfalltag
+dieser Billetts einfach auf einen Monat hinaus,
+es war sogar riesig nett für Joseph, an den
+Aussteller der Akzepte schreiben zu dürfen: »Bitte,
+haben Sie noch Geduld. Die Finanzierung meiner
+Patente läßt nur noch kurze Zeit auf sich warten.
+Bis dahin wird es mir möglich geworden sein, die
+fälligen Verpflichtungen prompt einzulösen«.</p>
+
+<p>Er hatte mehrere solcher Briefe zu schreiben,
+und er freute sich über die Leichtigkeit, mit der er
+den gesamten kaufmännischen Stil beherrschte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span>
+Das Dorf hatte er bereits halb durchstöbert.
+Zur Post zu gehen war ihm jedesmal ein großes
+Vergnügen. Es gab zwei Wege, einen dem See
+entlang, auf der breiten Landstraße, und einen
+über den Hügel, an Obstbäumen und Bauernhäusern
+vorbei. Er wählte fast immer den letztern.
+Ihm schien das alles sehr einfach.</p>
+
+<p>Am Sonntag erhielt er von Tobler eine gute,
+deutsche Zigarre nebst fünf Mark Taschengeld, damit
+er sich hie und da »etwas leisten könne«.</p>
+
+<p>Das Haus lag so schön da in dem hellen
+Sonnenschein. Es schien Joseph ein wahres Sonntagshaus
+zu sein. Er ging den Garten hinunter,
+die Badehose in der Hand schwenkend, an den See,
+zog sich in einer verfallenen Badehütte, durch deren
+Bretterritzen die Sonne hineinleuchtete, behaglich
+aus und warf sich nachher ins Wasser. Er schwamm
+weit hinaus, es war ihm so wohl zumute. Welchem
+Badenden und Schwimmenden, wenn er nicht gerade
+am Ertrinken ist, ist es nicht wohl zumut? Es
+kam ihm vor, als wölbe und runde sich die heitere,
+warme, glatte Seeoberfläche. Das Wasser war
+frisch und lau zugleich. Vielleicht strich ein leiser
+Windzug darüber her, oder irgend ein Vogel flog
+über seinem Kopf, hoch in der Luft, daher. Einmal
+kam er einem kleinen Boot nahe, ein einzelner
+<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span>Mann saß drin, ein Fischer, der friedlich den Sonntag
+verangelte und verschaukelte. Welche Weichheit,
+welche schimmernde Helle. Und mit den nackten
+empfindungsvollen Armen macht man Schnitte in
+dieses nasse, saubere, gütige Element. Jeder Stoß
+mit den Beinen bringt einen ein Stück vorwärts
+in diesem schönen, tiefen Nassen. Von unten her
+wird man von warmen und kühlen Strömen gehoben.
+Den Kopf taucht man, um den Übermut
+in der Brust zu bewässern, auf kurze Zeit, den
+Atem und den Mund und die Augen zudrückend,
+hinab, um am ganzen Leib dieses Entzückende zu
+spüren. Schwimmend möchte man schreien, oder
+nur rufen, oder nur lachen, oder nur etwas sagen,
+und man tut's auch. Und dann von den Ufern her,
+diese Geräusche und hohen, fernen Formen. Diese
+wundervollen hellen Farben an solch einem Sonntagsmorgen.
+Man plätschert mit den Händen und
+Füßen, steht im Wasser schwebend und trapezturnend,
+möchte man sagen, aufrecht, immer dazu die Arme
+bewegend. Und es gibt da kein Untersinken. Nun
+preßt man noch einmal die Augen geschlossen in
+das flüssige, grüne, feste Unergründliche hinab und
+schwimmt ans Land.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wie herrlich das war!</p>
+
+<p>Zum Mittagessen hatten sich Gäste eingefunden.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span>
+Dieses mit den Gästen ist Folgendes: Josephs
+Vorgänger im Amt war ein gewisser Wirsich gewesen.
+Diesen Wirsich hatten die Toblers sehr lieb
+gewonnen. Sie erkannten in ihm einen anhänglichen
+Menschen und schätzten seine Tüchtigkeit hoch.
+Er war ein exakter Mensch, aber er war es nur
+in der Nüchternheit. Solange er nüchtern war,
+verfügte er über fast alle, ja man darf sagen, alle
+Angestelltentugenden. Er war über die Maßen
+ordnungsliebend, er besaß Kenntnisse sowohl auf
+kaufmännischem wie auf dem juristischen Gebiet, er
+war fleißig und energisch. Seinen Chef wußte er
+zu jeder Zeit und in beinahe allen vorkommenden
+Fällen in vertrauenerweckender und überzeugender
+Weise zu vertreten. Zudem hatte er eine saubere
+Handschrift. Hell von Verstand und mit lebhaftem
+Interesse begabt war es diesem Wirsich ein Leichtes
+gewesen, die Geschäfte seines Brotherrn zu dessen
+vollkommener Zufriedenheit ganz selbständig zu
+führen. In der Führung der Bücher war er sogar
+mustergültig. Alle diese Eigenschaften nun
+konnten zuzeiten mit einem Mal gänzlich verschwimmen,
+und zwar in der Trunkenheit. Wirsich
+war kein junger Mann mehr, er zählte ungefähr
+fünfunddreißig Jahre, und das ist ein Alter, wo
+gewisse Leidenschaften, wenn sie der Träger nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span>vorher gelernt hat zu bezwingen, ein schreckliches
+Aussehen und eine furchtbare Ausdehnung anzunehmen
+pflegen. Der Alkoholgenuß machte jeweils,
+das heißt von Zeit zu Zeit aus diesem Menschen
+ein wildes, unvernünftiges Tier, mit dem begreiflicherweise
+nichts anzufangen war. Mehrfach wies
+ihm Herr Tobler auch die Tür und befahl ihm,
+seine Sachen zu packen und sich nie wieder blicken
+zu lassen. Wirsich ging dann auch, fluchend und
+Beleidigungen ausstoßend, zum Haus hinaus, kehrte
+aber jeweils, sobald er wieder er selber geworden
+war, mit einem zerknirschten Armesündergesicht zu
+der Schwelle zurück, die nie wieder zu betreten er
+ein paar Tage vorher im Unfug und Wahnsinn
+seiner Betrunkenheit heftig geschworen hatte. Und
+Wunder: Tobler behielt ihn immer wieder. Er hielt
+ihm bei solcher Gelegenheit je eine gesalzene Strafpredigt,
+wie man sie auch ungezogenen Kindern
+gegenüber anwendet, sagte ihm aber dann, er könne
+dableiben, man wolle über das Vergangene einen
+Schleier werfen und es nochmals mit ihm probieren.
+Das geschah vier oder fünf Male. Wirsich hatte
+etwas Unwiderstehliches an sich. Dies trat besonders
+hervor, wenn er den Mund zu einer Bitte
+oder Abbitte auftat. Er erschien in diesem Fall so
+vollkommen reuig und unglücklich, daß es den
+<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span>Toblers warm und heiß wurde und sie ihm <ins title="verzeihten">verziehen</ins>,
+ohne daß sie sich Rechenschaft gaben, warum
+eigentlich. Dazu kam noch der sonderbare, wie es
+schien, tiefgehende Eindruck, den es Wirsich verstand
+auf die Personen weiblichen Geschlechtes zu machen.
+Es ist als ziemlich sicher anzunehmen, daß auch
+Frau Tobler diesem fremdartigen Zauber, diesem
+Unerklärlichen, nicht widerstand. Sie respektierte
+ihn, solange er ruhig und vernünftig blieb, und
+mit dem Rohling und Wüstling hatte sie ein ihr
+selber ganz unerklärbares Mitleiden. Schon sein
+Äußeres war ja wie für das Urteil der Frauen
+geschaffen. Seine scharfen, männlichen Gesichtszüge,
+in der Schärfe und Sicherheit durch eine blasse
+Hautfarbe noch unterstützt, sein schwarzes Haar,
+seine tiefliegenden, großen, dunklen Augen gefielen
+ebenso unwillkürlich wie eine gewisse Trockenheit,
+die seinem ganzen sonstigen Auftreten und Wesen
+anhaftete. Eine solche Hausbackenheit macht in der
+Regel den Eindruck der Herzensgüte und der Charakterfestigkeit,
+zwei Erscheinungen, denen keine
+fühlende Frau widersteht.</p>
+
+<p>Und so kam es, daß Wirsich immer wieder von
+neuem angenommen wurde. Was eine Frau beim
+Mittagstisch zu ihrem Mann in leichtem, lachendem,
+reichem Ton sagt, bleibt nie gänzlich ohne Einfluß,
+<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span>hier um so weniger als ja Tobler selber »diesen
+unglückseligen Menschen immer gern hatte leiden
+mögen«. Die Mutter des Wirsich kam regelmäßig
+bei Anlaß einer Wiederanstellung ihres Sohnes
+in die Villa hinauf, um für denselben zu danken.
+Auch sie mochte man gern leiden. Übrigens sind
+einem ja die Menschen, die man Macht und Einfluß
+hat fühlen lassen, immer lieb. Die Wohlhabenheit
+und Gutbürgerlichkeit demütigt gern, nein,
+vielleicht das nicht gerade, aber sie schaut doch ganz
+gern auf Gedemütigte hernieder, was eine Empfindung
+ist, der man eine gewisse Gutmütigkeit, aber
+auch eine gewisse Roheit nicht absprechen kann.</p>
+
+<p>Eines Nachts nun trieb es Wirsich doch zu bunt.
+Er kam aus der an der Landstraße gelegenen, stark
+von allerhand vagabundierendem Volk, darunter
+unsaubern Weibern, frequentierten Wirtsstube zur
+»Rose« vollständig berauscht, schreiend und tobend,
+nach Hause und begehrte Einlaß. Da man ihm
+diesen verweigerte, zertrümmerte er mit Hilfe eines
+Hackenstockes, den er bei sich trug, die Haustürscheibe
+und dann das Gitter derselben, soweit ihm das
+gelang. Auch drohte er mit fürchterlicher und unkenntlicher
+Stimme mit »Anzünden des ganzen
+Nestes«, wie er sich in der Wildheit und Zerstörtheit
+seines Kopfes ausdrückte, brüllte, daß ihn nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span>nur die Nachbarschaft, sondern auch die weiter in
+der Umgegend wohnenden Leute hören mußten,
+und gefiel sich in schmählichen Verwünschungen gegen
+seine Wohltäter. Schon hatte er, von den Körperkräften
+aller Besinnungslosen und Unempfindlichen
+unterstützt, beinahe die Türe eingeworfen, das Schloß
+und der Riegel wackelten schon bedenklich, als Herr
+Tobler, der, wie es schien, endlich die Geduld verloren
+hatte, die Türe von innen her aufriß und
+über den Trunkenbold mit einem Hagel von Stockschlägen
+herfiel, der denselben zu Boden auf den
+Kies warf. Auf den nicht zu mißverstehenden
+Befehl Toblers, sich sofort vom Platz wegzubegeben,
+da sonst weitere und ähnliche Hiebe seiner harren
+würden, erhob sich Wirsich auf allen Vieren, um
+aus dem Garten zu rutschen. Einige Male fiel
+die Gestalt des Säufers, vom Mond beleuchtet, so
+daß die Obenstehenden jede seiner ungeheuerlichen
+Bewegungen verfolgen konnten, wieder an die Erde,
+stund wieder auf und warf sich endlich, einem
+plumpen Bären ähnlich, vollends zum Garten an
+die Landstraße hinaus, worauf sie sich gänzlich
+verlor.</p>
+
+<p>Zwei Wochen nach diesem nächtlichen Vorfall
+hielt Tobler ein umfangreiches Entschuldigungsschreiben
+Wirsichs in der Hand, worin der Übeltäter
+<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span>in scheinbar geradezu klassischem Stil Besserung versprach
+und bat, Herr Tobler möchte ihn doch noch
+ein einziges Mal anstellen, da sich Wirsich sonst
+der bittersten Not preisgegeben sähe. Beide, er sowohl
+als seine alte Mutter, bäten inständig um
+eine nochmalige, wenn auch letzte Zuwendung der
+alten, wohltuenden Gunst, die er, er bekenne es
+schmerzhaft und aufrichtig, nun schon so oft verscherzt
+habe. Wirsich, hieß es in dem Schreiben zum Schluß,
+sehne sich so sehr nach dem Haus, nach der ganzen
+ihm lieb und wert gewordenen Familie, nach der
+Stätte der früheren Wirksamkeit zurück, daß er sich
+sagen müsse, entweder er dürfe auf eine Neubelebung
+all dieser Dinge hoffen und darüber froh
+sein, oder der Riegel sei ihm ein für allemal zugeschoben
+und für ihn bleibe nur noch die Verzweiflung,
+die Reue, die Scham und die Bitternis
+übrig.</p>
+
+<p>Es war indessen zu spät. Der Riegel war in
+der Tat schon vorgeschoben, es war schon ein Ersatz
+im Haus. Gleich am nächsten Morgen nach jener
+wüsten Nachtszene hatte sich Tobler nach der Hauptstadt
+in das Bureau für Stellenvermittlung begeben
+und hatte dort Joseph verpflichtet. Das obige
+Schreiben gelangte an demselben Tage wie Joseph
+ins Toblersche Haus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span>
+Die sonntäglichen Gäste aber waren niemand
+anders als Wirsich und seine Mutter.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Von der Bewegung des Badens erfrischt begrüßte
+Joseph seinen Vorgänger herzlich. Vor der
+alten Frau machte er eine leichte Verbeugung. Er
+sah wohl auf den ersten Blick, daß die Stimmung
+am Mittagstisch eine ziemlich gedrückte war. Man
+sprach wenig, und das Wenige der Unterhaltung
+war allgemeiner Natur. Etwas Klägliches, Zimperliches
+hatte sich rund um das weiße Tischtuch und
+um die dampfenden und duftenden Speisen und
+um die Menschengesichter herum breit gemacht. Herr
+Tobler machte »seine größten Augen«, im übrigen
+war er fröhlich und freundlich und ermunterte seine
+Gäste in wohlwollend-herablassendem Ton, zuzugreifen.
+Jedes Essen schmeckt nach jedem Baden,
+auch im Freien, unter solch einem blauen Himmel,
+will fast jedes Essen schmecken, dieses heutige Essen
+aber fand Joseph geradezu herrlich, so einfach es
+auch war. Auch den andern schien es zu munden,
+nicht zum mindesten der alten Frau Wirsich, die
+sich heute mit einem Schein von feinerem Weltgebaren
+umgeben hatte. Wo mochte diese ärmliche
+Dame sonst wohnen, und wie? In welchen
+Zimmern und in was für Umgebungen? Wie dürftig
+<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span>und mager sie aussah! Gleichsam sparsam oder
+gespart oder spärlich sah sie aus, besonders neben
+dieser üppigen, bürgerlichen, in Fülle und Wärme
+geborenen und erzogenen Frau Tobler. Frau Wirsich
+und Frau Tobler. Ja, das waren, wenn es
+in der Welt irgendwie Differenzen gab, Unterschiede
+vom klarsten, reinsten Wasser.</p>
+
+<p>Immer ein bißchen hochmütig sieht Frau Tobler
+aus, aber wie gut steht zu den Linien ihres Gesichtes
+und Körpers diese beständige, zarte Spur
+von Hochmut. So etwas will man von ihrer Figur
+gar nicht wegwünschen, denn es gehört ganz einfach
+dazu, wie der tönende, unaussprechliche Zauber zu
+einem Volkslied. Dieses Lied klingt fein und in
+den allerhöchsten Tönen, Frau Wirsich verstand und
+empfand es gar wohl. Wie kläglich das eine Lied
+ertönte und wie voll das andere. Herr Tobler
+schenkte Rotwein ein. Er wollte auch Wirsich einschenken,
+aber die Mutter verdeckte rasch das Glas
+ihres Sohnes mit der alten, verknöcherten Hand.</p>
+
+<p>»Ah bah, warum denn jetzt nicht? Er muß
+doch auch etwas trinken,« rief Tobler.</p>
+
+<p>Da stürzten plötzlich Tränen in die Augen der
+alten Frau. Alle sahen es und erbebten. Wirsich
+wollte seiner Mutter irgend etwas zuflüstern, aber
+eine steife, steinerne Macht, deren er sich nicht zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span>erwehren vermochte, lähmte ihm den Gebrauch der
+Zunge. Er saß da wie ein Stockfisch und schaute
+auf sein eigenes, zaghaftes Essen hinab. Frau Wirsich
+hatte die Hand zurückgenommen, gleichsam erklärend,
+es sei ihr nun gezwungenermaßen ganz
+gleichgültig, ob jetzt ihr Sohn trinke oder nicht.
+Ihre Bewegung sagte: Ja, schenkt ihm nur ein.
+Es ist ja doch alles verloren! Wirsich nippte ein
+wenig an dem Glas, er schien eine unwiderstehliche
+Scheu zu haben vor dem Genuß des Dinges, das
+ihn von einer in der Tat für ihn gemütlichen Weltposition
+herabgestürzt hatte.</p>
+
+<p>O Frau Wirsich, deine verweinten Augen trüben
+ja ganz deine paar angenommenen, glänzenden Weltmanieren.
+Wie hattest du dir vorgenommen, dich fein
+zu bewegen, und wie hat dich nun dein Gram überwältigt.
+Deine alten Hände, die wie Stirnen durchfurcht
+sind, zittern recht sehr. Was spricht dein
+Mund? Nichts? Ei, Mutter Wirsich, man muß
+sprechen in guter Gesellschaft. Sieh, sieh, wie dich
+eine gewisse andere Dame anschaut.</p>
+
+<p>Frau Tobler schaute Frau Wirsich mit besorgten,
+aber kalten Augen leicht von der Seite her an,
+indem sie zugleich die Locken ihres jüngsten Kindes,
+das neben ihr saß, streichelte. Eine wirklich wohlhabende
+Frau! Von der einen Seite strahlte die
+<span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span>kindliche Zärtlichkeit und Zutulichkeit zu ihr hinauf,
+und die andere Seite erfüllte das Weh einer menschlichen
+Schwester. Beides, sowohl das Liebliche wie
+das Traurige, schmeichelte der Frau. Sie sagte leise
+etwas Tröstliches zu Frau Wirsich, worüber diese
+nur abwehrend aber demutvoll den Kopf schüttelte.
+Man hatte jetzt gespeist. Herr Tobler reichte sein
+Zigarrenetui herum, die Herren rauchten. Diese
+Sonne, diese wundervolle Berg- und See- und
+Wiesenumgebung. Und dann diese schmale, vorsichtübende
+Unterhaltung von diesem Häuflein Menschen.
+Ja, man muß schonen, andere sind auch
+Menschen! Der Gesichtsausdruck der Herrin des
+Hauses sagte das lebhaft. Aber gerade dieses
+stumme Zuverstehengeben, daß man schonen wolle,
+war schonungslos. Es war vernichtend.</p>
+
+<p>Die beiden Frauen sprachen dann über die
+Kinder Tobler; sie schienen beide erfreut zu sein,
+einen, jeglichen Ton der Verletzung entfernenden,
+Gesprächsstoff gefunden zu haben. Auch fand sich
+das ganz von selber. Man vergaß sich eben ein
+bißchen. Von Zeit zu Zeit ruhte das Auge der
+alten Frau auf Josephs Gestalt, Gesicht und Benehmen,
+wie um die Vorzüge und Schwächen
+desselben herauszustudieren und sie in Gedanken
+mit der Sohnes-Erscheinung zu vergleichen. Die
+<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span>Knaben sprangen bald von ihren Plätzen weg und
+spielten im Garten, die Mädchen folgten ihnen, so
+daß die erwachsenen Herrschaften allein am Tisch
+sitzen blieben. Inzwischen kam die Magd mit einem
+hölzernen Tablett in der Hand, um den Tisch abzuräumen.
+Man erhob sich. Tobler trug Joseph
+auf, »die Glaskugel hinaus zu tragen«, letzterer
+schickte sich an, den Befehl auszuführen. Die Glaskugel
+war der Stolz der ganzen Villa Tobler.</p>
+
+<p>Sie hing an kleinen Ketten und Angeln in
+einem zierlichen, eisernen Gestell, und war verschiedenfarbig,
+so daß sich die umliegenden Weltbilder
+in runder, gleichsam aufeinandergetürmter
+Perspektive grün, blau, braun, gelb und rot darin
+abspiegelten. Sie war ungefähr so groß wie ein
+überlebensgroßer Menschenkopf, aber zusammen mit
+dem Fußgestell wog sie sicherlich ihre achtzig oder
+neunzig Pfund und war schwer zu tragen. Bei
+Regenwetter durfte sie nie draußen im Freien stehen
+bleiben. Man trug sie immer hinaus und hinein,
+hinein und hinaus. Wurde sie einmal naß, so
+schimpfte Herr Tobler sehr heftig. Die nasse Kugel
+tat ihm direkt weh, wie es denn Menschen gibt,
+die mit gewissen, toten Besitztümern wie mit etwas
+durchaus Lebendigem umgehen und umgegangen
+wissen wollen. Joseph sprang daher sehr rasch nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span>der schönen, farbigen Glaskugel, weil er die Vorliebe
+Toblers zu derselben bereits Gelegenheit gehabt
+hatte kennen zu lernen.</p>
+
+<p>Nachdem er den Wunsch und die Schönwetterlaune
+und -Freude seines Meisters erfüllt hatte,
+entwischte er flink den Augen der Übrigen, trieb
+sich die Treppen empor und verschwand in sein
+Turmgemach. Wie ruhig und still es hier oben
+war. Hier fühlte er sich befreit, von was, das
+wußte er eigentlich gar nicht einmal. Aber es genügte,
+dieses Gefühl zu haben; die wahre Ursache
+sei, dachte er, ja sicherlich irgendwie und wo versteckt
+da, aber was bekümmerten ihn jetzt Ursachen. Etwas
+Goldenes schien um ihn herum zu schweben. Er besah
+sich einen Moment lang im Spiegel: O er sah
+noch ganz jung aus, gar nicht so wie Wirsich. Er
+mußte unwillkürlich lachen. Es trieb ihn, die Photographie
+seiner verstorbenen Mutter zur Hand zu
+nehmen. Sie stand da so auf dem Tische. Warum
+sie also nicht nehmen und betrachten? Er schaute
+sie ziemlich lange, wie ihn deuchte, an, und legte
+sie dann wieder an ihren Platz zurück. Dann zog
+er ein anderes, jüngeres Bild aus der Tasche seines
+Rockes, es war das Porträt einer Tanzschülerin,
+eines Mädchens, das er »in der Großstadt« kennen
+gelernt hatte. Diese ganze, ferne, menschenerfüllte
+<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span>Großstadt. Dieses belebte, hohe Bild, wie entschwunden
+schien es ihm, wie lang schon entschwunden.
+Er mußte in diesen Gedanken hinein wieder
+unwillkürlich lachen. Er machte gewichtige Schritte
+im Zimmer auf und ab, rauchend natürlich. Ob
+es denn eigentlich durchaus immer nötig sei, so
+einen Stengel im Mund zu tragen? Wie herrlich
+die frische Berg- und Seeluft durch seine erhöhten
+vier Wände strich. Und hier hatte Wirsich gehaust?
+Der Mann mit dem Leidensantlitz? Joseph bog
+seinen atmenden Kopf zum Fenster hinaus, an die
+sonntägliche und mittägliche Welt-Freiheit. Und ich
+habe fünf Mark Taschengeld, und kann den Kopf
+zu solch einem fürstlich gebauten und gelegenen
+Fenster hinausstrecken?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Unten im Bureau ging es indessen mehr gedämpft
+als fürstlich zu. Der Ton, in dem Herr
+Tobler und sein ehemaliger Angestellter, Herr Wirsich,
+sich dort unterhielten, war ein sehr, sehr gedämpfter,
+ja, beinahe ein dumpfer.</p>
+
+<p>»Das müssen Sie selbst zugeben,« sagte Tobler,
+»daß von einer Wiederaufnahme unserer früheren,
+gegenseitigen Beziehungen vorläufig die Rede nicht
+mehr sein kann. Den Bruch haben Sie herbeigeführt,
+nicht ich, ich würde Sie gerne behalten haben.
+Nichts veranlaßt mich, den Marti wegzuschicken, er
+<span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span>macht seine Sache auch ganz ordentlich. Es tut
+mir leid, Wirsich, glauben Sie mir das nur, aber
+Sie sind selbst schuld. Es hat Ihnen niemand befohlen,
+mich, Ihren Brotherrn, wie einen dummen
+Jungen zu behandeln. Machen Sie nun alles
+Weitere mit sich selber ab. Was ich anstandshalber
+tun kann, Ihnen zu einem anderweitigen Posten
+zu verhelfen, will ich gern tun. Hier ist noch eine
+Zigarre. Da. Nehmen Sie.«</p>
+
+<p>Ob sich denn wirklich jetzt nichts mehr ändern
+ließe?</p>
+
+<p>»Nein, nein, jetzt nicht mehr. Entsinnen Sie
+sich übrigens nur, was Sie mir in jener saubern
+Nacht zugebrüllt haben, und Sie werden begreifen,
+daß es zwischen uns keine Anknüpfungen mehr geben
+kann.«</p>
+
+<p>»Aber Herr Tobler, das war doch alles die
+Trunkenheit, nicht ich selber.«</p>
+
+<p>»Ach was Trunkenheit und nicht Sie selber!
+Das ist es ja gerade. Ich habe zu fünf oder sechs
+oder mehr Malen gedacht: Das ist nicht er selber!
+Freilich sind Sie das alles selber gewesen. Der
+Mensch besteht nicht aus zweierlei Dingen, sonst
+wäre wahrhaftig das ganze Erdenleben eine zu bequemliche
+Sache. Wenn da jeder kommen könnte
+mit: &rsaquo;das bin nicht ich selber gewesen&lsaquo;, wenn er
+<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span>einen Bock geschossen hat, was würden dann noch
+Ordnung und Unordnung zu bedeuten haben?
+Nein, nein, man sei in Gottesnamen der, der man
+ist. Ich habe Sie auf zweierlei Art kennen gelernt.
+Glauben Sie, die Welt sei verpflichtet, Sie als ein
+Kind, als ein Schoßhündchen zu betrachten? Sie
+sind ein erwachsener Mann, und man verlangt von
+Ihnen, daß Sie wissen, was man zu tun hat. Mit
+verborgenen Leidenschaften, oder wie die Dinger
+heißen mögen, von denen die Philosophen reden,
+sehe ich mich nicht zu rechnen genötigt. Ich bin
+Geschäftsmann und Familienvater und muß mich
+verpflichtet fühlen, der Torheit und dem Unanstand
+den Eingang in mein Haus zu verbieten. Sie
+waren so weit immer fleißig, warum sind Sie mir
+mit Unflätigkeiten gekommen? Sie würden mich
+ja auslachen. Einfach auslachen würden Sie mich,
+und hätten auch ein Recht dazu, wenn ich dumm
+genug wäre, Sie wieder anzunehmen. Ich habe
+Ihnen meine Meinung jetzt gesagt, lassen Sie uns
+Schluß machen.«</p>
+
+<p>»Es ist also aus zwischen uns?«</p>
+
+<p>»Vorläufig, ja!«</p>
+
+<p>Mit diesem Wort trat Tobler zur Bureautüre
+hinaus, ging in den Garten, wo er seiner Frau
+einen bedeutenden Blick zuwarf, und stellte sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span>dann neben seiner geliebten Glaskugel auf. Die
+Zigarre zwischen den Zähnen schaute er abwärts
+sein Besitztum behaglich an und ergab auf diese
+Weise unbewußt das vollendete Bild herrschaftlicher
+Mittagsruhe.</p>
+
+<p>Zu Wirsich, der noch immer im Bureau unbeweglich
+festwurzelte, da, wo er zufällig stehen geblieben
+war, kam unversehens Joseph hinein. Beide
+maßen sich einen Moment mit den offenen Augen.
+Danach aber hielten sie es für am passendsten, sich
+über die Fortentwicklung der Toblerschen technischen
+Unternehmungen zu unterhalten, welches Gespräch
+aber sehr rasch in ein unausstehliches Stocken und
+Brechen geriet, bis es vollständig abbrach. Wirsich
+bemühte sich, den oberhalb über den Tatsachen
+Stehenden zu spielen und erteilte seinem Nachfolger
+allerhand Ratschläge und praktische Winke, die jedoch
+nicht besonders lebhaft anschlugen.</p>
+
+<p>Und nun nach dem Nachmittagskaffee. Es
+hieß jetzt für die beiden Besucher, sich zu entschließen
+und Abschied zu nehmen. Da gab man sich denn
+die Hände, und nachher sah man, insofern man
+oben auf dem Hügel zurückblieb, zwei unsicher
+gehende und auftretende Personen längs des brillanten,
+auf je einen Meter Abstand mit je einem
+vergoldeten Stern gezierten Gartengitters der Landstraße
+<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span>zusteuern. Ein wehmütiger Anblick war das.
+Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf
+aber brach sie über irgend etwas in ein Gelächter
+aus, und da war es deutlich zu hören, wie der
+Seufzer und das Gelächter ein und dieselbe Klangfarbe,
+ein und denselben Ton hatten.</p>
+
+<p>Joseph stand etwas abseits und dachte: »Da
+gehen sie, der Mann und die alte Frau. Man
+sieht sie schon nicht mehr, und hier oben sind sie
+bereits halb vergessen. Wie rasch vergißt man das
+Benehmen und Gebärden und Tun der Menschen.
+Da laufen sie nun, was sie können, die staubige
+Landstraße entlang, um zur rechten Zeit auf dem
+Bahnhof zu sein oder an der Schiffshaltestelle. Sie
+werden beide auf dem langen Weg, zehn Minuten
+zu gehen ist lang für zwei Geschlagene und Sorgenvolle,
+kaum ein Wort reden, und doch werden sie
+reden, eine sehr verständnisvolle Sprache, eine stumme,
+eine nur zu wohlverständliche. Das Leid hat
+seine ganz eigene Manier zu reden. Und nun lösen
+sie die Billetts, oder sie haben sie vielleicht schon, es
+gibt ja bekanntlich Retourbilletts, und der Zug braust
+heran, und die Armut und die Ungewißheit steigen
+zusammen in den Eisenbahnwagen. Die Armut ist
+eine alte Frau mit verknöcherten, begehrlichen Händen.
+Sie hat heute versucht, bei Tisch Unterhaltung
+<span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span>zu machen, wie eine Dame, aber es ist ihr nicht recht
+gelungen. Nun fährt sie dahin, an der Seite der
+Ungewißheit, in welcher sie, wenn sie recht genau
+schaut, ihren eigenen Sohn erkennen muß. Und der
+Wagen ist voller vergnüglicher Leute, voller Sonntagsausflügler,
+die singen, johlen, plaudern und
+lachen. Ein junger Bursch hält sein Mädchen im
+Arm, um sie <ins title="einums">ein ums</ins> andere Mal auf den üppigen
+Mund zu küssen. Wie furchtbar weh kann die
+fremde Freude einer unmutigen Seele tun! Aber
+die arme, alte Frau fühlt sich an Hals und Herz
+geschnitten. Sie möchte vielleicht jetzt laut um
+Hülfe schreien. Weiter geht es. O, dieses ewige
+Gerassel der Räder. Die Frau nimmt ihr rötliches
+Taschentuch aus der Rocktasche, um die gar zu dummen
+und auffälligen Tränen zu verbergen, die stürmisch
+aus ihren alten Augen fließen. Wer so alt ist,
+wie diese Frau, nein, der sollte nicht mehr weinen
+müssen. Aber was kümmern sich die Dinge dieser
+sonderbaren Erde um die Gebote der edlen Schicklichkeit?
+Die Hämmer fallen ganz blind drauflos,
+manchmal auf ein arm' Kind, manchmal, merke dir
+das, Frau, auf eine Greisin. Und jetzt sind Mutter
+und Sohn an Ort und Stelle und werden aussteigen.
+Wie wird es jetzt bei ihnen zu Hause
+aussehen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_55">55</a></span>
+Er wurde aus seinen Gedanken durch Toblers
+wohltönende Stimme aufgeweckt. Was er da so
+allein mache? Er solle kommen und ihm helfen,
+den Rest Rotwein noch auszutrinken. Ein wenig
+später sagte der Hausherr zu ihm:</p>
+
+<p>»Ja, ja. Der Wirsich ist nun endgültig verabschiedet.
+Ich hoffe, daß ein gewisser Anderer
+besser zu schätzen weiß, was einer hat, wenn er
+hier oben leben darf. Ich brauche wohl nicht zu
+sagen, wen ich unter diesem &rsaquo;gewissen Andern&lsaquo; verstehe.
+Sie lachen. Ja, lachen Sie meinetwegen.
+Das aber sage ich Ihnen im voraus, wenn Sie
+irgendwelche Gelüste haben, ich meine, so Sonntags,
+was ja auch keinem jungen gesunden Menschen
+zu verargen ist, so machen Sie, daß Sie in die
+Stadt kommen, dort ist gesorgt für so was, mehr
+wie genug. In meinem Hause, haben Sie verstanden,
+dulde ich nichts Derartiges. Der Wirsich
+hat sich gerade dadurch hier ein für allemal unmöglich
+gemacht. Hier muß Anstand herrschen.«</p>
+
+<p>Dann wurde über Geschäftliches gesprochen.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen, meinte Herr Tobler, müsse
+jetzt Geld flüssig gemacht werden, das sei die Hauptsache.
+Es komme darauf an, einen Kapitalisten für
+die technischen Erfindungen zu gewinnen, womöglich
+einen Fabrikherrn, damit mit der Massenanfertigung
+<span class="pagenum"><a name="Page_56">56</a></span>der patentierten Artikel gleich begonnen
+werden könne. Immerhin, wer nur Geld ins Haus
+bringe, der sei ihm willkommen. Seinetwegen
+möge es ein Schneidermeister sein, zu verstehen von
+der ganzen Sache brauche solch ein Geldgeber gar
+nichts, dazu sei er da, er, Tobler.</p>
+
+<p>»Setzen Sie folgendes Inserat auf.«</p>
+
+<p>Joseph zog einen Bleistift und ein Notizbuch
+aus der Tasche. Es wurde ihm folgendes diktiert:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Für Kapitalisten!</p>
+
+<p>Ingenieur sucht Anschluß an Kapitalisten zwecks
+Finanzierung seiner Patente. Gewinnbringendes,
+absolut risikofreies Unternehmen. Offerten unter&nbsp;&hellip;</p></div>
+
+<p>»Und dann können Sie morgen früh, wenn
+Sie ins Dorf gehen, ein neues Paket Stumpen
+zu fünfhundert Stück nach Hause bringen. Man
+muß doch etwas zu rauchen hier haben.«</p>
+
+<p>Es wurde allmählich Abend.</p>
+
+<p>Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf,
+eine Parketteriebesitzerin und deren Tochter, ein langgewachsenes,
+sommersprossiges Mädchen, beide aus
+der nächsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und
+seiner eigenen fing Tobler ein im ganzen Lande
+verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an. Sonst
+spielen dieses Spiel nur Männer, aber es wurde
+<span class="pagenum"><a name="Page_57">57</a></span>nach und nach auch bei den Frauen Mode, und
+zwar bei den sogenannten besseren, nämlich bei
+solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten,
+den Tag über, und das gerade sind ja die Besseren.</p>
+
+<p>Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin
+und die Tochter derselben, spielten ausgezeichnet
+Karten, am besten und »schneidigsten«
+das Fräulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut.
+Wenn das Fräulein einen Trumpf ausspielte, so
+kam sie jedesmal in gehörige Aufregung, ganz so,
+wie es sich für Spielratzen ziemte, auch klatschte sie
+mit ihrer weiblichen Faust wie der älteste und verbohrteste
+Spieler auf die Tischplatte und schrie hinwiederum
+echt mädchenhaft auf, sobald die Sache
+zu ihren Gunsten sich zeigte. Ihre Figur war eckig
+und ihr Gesicht recht unschön. Ihre Mutter betrug
+sich klug und gesittet. Wie wäre es möglich, eine
+ältere gutsituierte Frau zu sein und ein unleidliches
+Betragen zu offenbaren?</p>
+
+<p>Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel,
+das er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt
+hatte zu lernen, zusah: »es ist interessant, diese drei
+Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die
+eine tut es gelassen, sie lächelt dabei, das ist die
+Älteste. Meine Frau Tobler da aber ist vollständig
+weg. Ganz reißt der Zauber des Spiels sie hin.
+<span class="pagenum"><a name="Page_58">58</a></span>Ihr Gesicht drückt die echte, leidenschaftliche Spielerlust
+aus. Dies verschönt ihr Gesicht gewissermaßen.
+Übrigens ist sie die Herrin, und mir steht es in keinerlei
+Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist
+wie ein aufpassendes Kind dieser Unterhaltung gegenüber.
+Aber die dritte, dieses Männerfräulein
+da, behüte, ist das eine! Die verdreht die Augen,
+während sie setzt und spielt, denkt gewiß Wunder
+was für fremde Dinge und hält sich unbedingt für
+die Schönste, Beste und Gescheiteste. Nicht auf
+zwei Meter Entfernung, in Gedanken, möchte man
+der einen Kuß geben. Ein verdorbenes Mädchen.
+Sieh da, was für eine spitzige Nase sie hat. Da
+erfröre einer bei der kleinsten Berührung. Und in
+wie falschen Tonarten sie redet, lacht, sich beklagt
+und aufschreit. Ich halte sie für eine schlechte, teuflische
+Person, neben ihr aber meine Frau da für
+einen Engel.«</p>
+
+<p>Er würde weiter so räsoniert haben, wenn nicht
+Frau Tobler plötzlich auf den Gedanken gekommen
+wäre, den sie auch sogleich aussprach, »heute abend
+einmal auf dem See Gondel zu fahren.« Es sei
+so schön heute abend, und das bißchen Geld, was
+es koste, das sei doch gar nicht groß der Rede wert.
+Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so
+hatte niemand etwas wider den Plan einzuwenden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_59">59</a></span>nicht einmal Tobler selber, der brummend beistimmte.
+Joseph wurde, als ein richtiger Mann für alles,
+ins Dorf geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten
+Boot längs des Ufers, ohne sich irgendwie aufhalten
+zu lassen, denn es müsse jetzt, da es beginne,
+Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nähe der
+Villa zu fahren. Unten in einer Art Hafen würde
+man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich
+schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits
+verschmähte es, die Partie mitzumachen. Ebenso
+konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen,
+dagegen beschloß Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen.
+Das Fräulein erklärte sich bereit, nicht
+nur mitfahren, sondern sogar tüchtig mitrudern zu
+wollen, worauf die Hausfrau sich für die Lustfahrt
+in Bereitschaft setzen ging.</p>
+
+<p>Man wartete schon an der Landungsstelle
+unterhalb der Villa Tobler auf den breiten Steinplatten
+eines alten, außer Gebrauch gestellten Dammes,
+als endlich das Schiff, von Joseph gerudert,
+anlangte. Alle begannen einzusteigen, Frau Tobler
+zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums andere,
+reichen konnte. Die beiden Knaben gebärdeten sich
+sehr unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr
+ihres wilden, unachtsamen Wesens aufmerksam, worauf
+sie sich stiller verhielten. Die Mädchen waren
+<span class="pagenum"><a name="Page_60">60</a></span>ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Händen
+fest an den Rändern des Bootes. Zuletzt
+stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das Fahrzeug
+an einer rasselnden Kette strammgehalten hatte.
+Und dann ging es auf einmal los, Joseph ruderte,
+er verstand es ganz gut, aber es ging langsam vorwärts,
+doch verlangte niemand, daß es schneller vorwärtsgehen
+sollte. Wie kühl auf einmal die Welt
+wurde. Frau Tobler sah auf die Kinder, ermahnte
+sie, artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu bewegen,
+da sonst ein großes Unglück geschähe und
+sie alle zusammen ohne Erbarmen ertrinken müßten.
+Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen Worte,
+hielten sich still, auch die Knaben, denn es war
+ihnen jetzt, so mitten draußen in der Nacht und
+mitten im murmelnden Wasser, in diesem leise dahingleitenden
+Boot doch etwas ängstlich zumute.
+Frau Tobler sagte leise, wie schön es sei, hier, und
+welch guten Gedanken sie, wie es ihr scheine, gehabt
+habe, solches vorzuschlagen. Da genieße man
+doch einmal wieder etwas, und ihr Mann würde
+besser getan haben, mitzukommen. Aber, setzte sie
+hinzu, für so etwas habe er keinen Sinn. &ndash; Wie
+kühl, wie schön!</p>
+
+<p>Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend
+schwamm im dunkelglitzernden Wasser Leo,
+<span class="pagenum"><a name="Page_61">61</a></span>der große Hund, nach. Man rief ihn. Namentlich
+riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben
+Frau Tobler lag deren seidenes Schirmchen. Ein
+befederter Hut schmückte ihren länglich geschnittenen
+Kopf. Ihre Hände und Arme waren von langen,
+weißen Handschuhen umschlossen. Das Fräulein
+schwatzte in einem fort. Aber Frau Tobler, die
+sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab
+nur zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas
+wie eine schöne, glückliche Naturträumerei schien ihr
+die gewöhnlichen Tagesdinge und deren umfangreiches
+Gerede unwichtig und unwert gemacht zu
+haben. Ihre großen Augen leuchteten ruhig und
+schön mit dem Gleiten des Schiffes dahin. Ob
+Joseph nicht müde werde vom Rudern, fragte sie.
+O nein, was sie denke, antwortete er. Das Fräulein
+wollte sich in die Ruderbank setzen, Frau
+Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst
+in zu starke Bewegung gerate. Es brauche ja gar
+nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert werde,
+um so länger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und
+das sei ihr lieb, denn das sei schön.</p>
+
+<p>Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen
+her. Sie ist in der Nützlichkeit und Reinlichkeit
+aufgewachsen, in Gegenden, wo die Brauchbarkeit
+und die Besonnenheit als das Höchste gelten. Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_62">62</a></span>hat wenig romantische Genüsse in ihrem Leben gehabt,
+aber eben deshalb liebt sie sie, denn sie schätzt
+sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem
+Mann und der Welt sorgsam verbergen muß, weil
+man keine »überspannte Gans« sein will, ist deswegen
+nicht tot, sondern lebt sein eigentümliches
+Leben in der Enge und Stille weiter. Eines Tages
+kommt eine kleine mit großen Augen grüßende und
+bittende Gelegenheit, und da darf dann das Halbvergessene
+einmal erwärmen und lebendig werden,
+aber das wiederum nur für kurze Zeit. Wer mit
+seiner Genußfreude und Gier vor die Öffentlichkeit
+treten darf, wem solches die Lebensverhältnisse leicht
+und gefällig erlauben, der stumpft in der Seele
+und im Herzen nur zu bald, alles, was darin gebrannt
+hat, auslöschend, ab. Nein, diese Frau hat
+keinerlei Farbensinn oder dergleichen, sie versteht
+nichts von den Gesetzen der Schönheit, aber gerade
+deshalb fühlt sie, was schön ist. Sie hat nie Zeit
+gehabt, ein Buch voller hoher Gedanken zu lesen,
+ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur daran
+gedacht, was hoch und was niedrig sei, aber der
+hohe Gedanke selber besucht sie jetzt, und das tiefere
+Gefühl selber, angezogen von ihrer Unwissenheit,
+netzt ihr mit dem nassen Flügel das Bewußtsein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_63">63</a></span>
+Ja kühl war's und dunkel um das langsam
+fahrende Schiff herum. Der See war ganz ruhig.
+Das Stille und Ruhige verband sich mit dem menschlichen
+Empfinden und mit der undurchdringlichen
+Schwärze der Nacht. Vom Ufer her blitzten die
+zerstreuten Lichter und kamen ein paar Geräusche
+her, darunter eine helltönende Männerstimme, und
+jetzt hörte man vom jenseitigen Strand her eine
+warme Handharfe ertönen. Die Töne dieser Musik
+schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges
+um den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille.
+Alles schien eine sonderbare Genugtuung,
+Befriedigung und Bedeutung bekommen
+zu haben. Das Tiefe setzte sich an das <ins title="unergündlich">unergründlich</ins>
+Nasse an. Die Frau hielt ihre Hand leicht in das
+Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das
+Wasser hinabgesprochen zu haben. Wie das trug,
+das schöne, tiefe Wasser. Einmal fuhr ein anderes
+Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem
+Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stieß einen
+leisen Überraschungs-, ja beinahe Schreckensschrei
+aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen, es
+schien sich plötzlich in ihre Nähe geworfen zu haben,
+aus weiter unbekannter Ferne her, oder aus der
+Tiefe heraus. Der Himmel war über und über
+mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und
+<span class="pagenum"><a name="Page_64">64</a></span>umdrehte. Die Frau sagte, sie fröstele jetzt beinahe
+ein wenig, und sie warf sich ein Tuch, das sie
+mitgenommen hatte, über die Achsel. Joseph
+schien es, indem er sie anschaute, als lächle sie
+da so im Dunkel, genau würde er es nicht haben
+unterscheiden können. Wo ist unser Leo, fragte sie.
+Dort, dort. Er schwimmt nach, rief Walter, der
+Knabe.</p>
+
+<p>Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus
+der Wasserfläche singend empor und macht einen
+neuen, großen See aus dem Raum zwischen Himmel
+und See. Sie hat keine Gestalt, und dafür,
+was sie darstellt, gibt es kein Auge. Auch singt
+sie, aber in Tönen, die kein Ohr zu hören vermag.
+Sie streckt ihre feuchten, langen Hände aus, aber
+es gibt keine Hand, die ihr die Hand zu reichen
+vermöchte. Zu beiden Seiten des nächtlichen Schiffes
+sträubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes
+Wissen weiß das. Kein Auge sieht in
+das Auge der Tiefe. Das Wasser verliert sich, der
+gläserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff scheint
+jetzt unter dem Wasser ruhig und musizierend und
+sicher fortzuschwimmen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es muß zugegeben werden, daß Joseph sich
+ein wenig zu sehr seinen Einbildungen überlassen
+hatte. Er merkte kaum, daß die Fahrt zu Ende
+<span class="pagenum"><a name="Page_65">65</a></span>war, als man auch schon ans Land anstieß, das
+heißt an einen dicken Pfahl, der in der Nähe des
+Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler,
+der dicht daneben stand, rief seinem Untergebenen
+zu, er könne auch besser aufpassen. Es nehme ihn
+wirklich Wunder, in welchen Landesteilen Joseph
+rudern und steuern gelernt habe. Aber es war
+durchaus kein Unheil entstanden, alle stiegen wohlbehalten
+aus. Den Rest der Nacht verbrachte man
+in einem hübschen, menschenbesetzten Biergarten, wo
+Tobler Bekannte antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur
+mit seiner Frau, mit denen er sich in
+großzügigen Gesprächen zu schaffen machte. Die
+kleine, lustige Beamtenfrau erzählte von ihren Hühnern
+und Eiern und von dem schwungvollen Handel
+mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte
+viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft
+als »mein Angestellter« den Leuten vorgestellt.
+Ein junges, französisches Mädchen, eine
+Warenhausverkäuferin, trippelte an der Gesellschaft
+vorüber. »<i lang="fr" xml:lang="fr">Une jolie petite française</i>,« sagte die
+Kontrolleursfrau, offenkundig voller Vergnügen,
+ein paar französische Worte aus dem Gedächtnis
+frei hersagen zu dürfen. Das ist immer so in deutschen
+Landen, daß die Leute sich freuen, zeigen zu
+können, daß sie Französisch verstehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_66">66</a></span>
+»Meine Herrin,« dachte <ins title="Josef">Joseph</ins>, »versteht kein
+Wort Französisch. Die Arme!«</p>
+
+<p>Später ging man gemeinschaftlich nach Hause.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war
+und eine Kerze angezündet hatte, hielt er, anstatt
+sich sogleich ins Bett zu legen, halbausgezogen, und
+am Fenster stehend, folgendes Selbstgespräch: »Was
+leiste ich eigentlich? Ich kann mich da, wenn ich
+will, sogleich ungestört zu Bett legen, um in einen
+sehr wahrscheinlich gesunden und tiefen Schlaf zu
+versinken. Ich bekomme in Biergärten Bier zu
+trinken. Ich kann mit Frau und Kindern Gondel
+fahren, ich habe zu essen. Die Luft hier oben ist
+eine ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft,
+so wäre ich ein Lügner, wenn ich sie tadelte.
+Licht und Luft und Gesundheit. Aber was gebe
+nun ich dafür? Ist das etwas Reelles und Gewichtiges,
+was ich zu bieten vermag? Bin ich klug
+und gebe ich das Maß meiner Klugheit auch wirklich
+voll her? Was sind das für Dienste, die ich
+bis zum heutigen Tage Herrn Tobler bereits geleistet
+habe? Alles was recht und gut ist, aber
+ich bin felsenfest davon überzeugt, daß mein Herr
+und Meister noch wenig Nutzen durch mich davongetragen
+hat. Sollten mir der Schneid, die Initiative,
+<span class="pagenum"><a name="Page_67">67</a></span>die Begeisterungsfähigkeit fehlen? Das ist
+möglich, denn in der Tat, ich bin mit einer merkwürdig
+umfangreichen Portion Ruhe ausstaffiert
+zur Welt gekommen. Aber schadet denn das etwas?
+Freilich schadet es, denn die Unternehmungen
+Toblers verlangen leidenschaftliche Anteilnahme, und
+die Ruhe der Seele ähnelt bisweilen der trockenen
+Gleichgültigkeit. Das Schicksal der Reklame-Uhr zum
+Beispiel, hat es mich wirklich auch an allen Fasern
+meines Ichs angepackt? Bin ich davon erfüllt?
+Ich muß gestehen, ich denke nur allzu oft an ganz
+andere Dinge. Das aber, mein bester Herr Gehülfe,
+ist Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm
+unter in die Angelegenheiten Fremder, du ißt ja
+auch Fremder ihr Brot, gehst mit Fremder ihren
+Frauen und Kindern auf dem See schiffahren, liegst
+in Fremder Kissen und Betten und trinkst Fremder
+Rotwein aus. Kopf hoch jetzt, und vor allen Dingen
+den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind
+hier bei Toblers nicht deshalb, daß wir es nur
+schön haben. Es ist eine Ehre, es sich auch ein
+bißchen sauer zu machen. Hopp!«</p>
+
+<p>Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er
+löschte die Kerze und warf sich ins Bett. Aber
+noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwürfe
+»seiner Kopflosigkeit«.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_68">68</a></span>
+Im Traum sah er sich mit einem Mal in die
+Wohnstube der Frau Wirsich versetzt. Er wußte,
+wo er war und wußte es doch nicht recht, es war
+ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm
+ganz voll Seewasser. Waren die Wirsichs Fische
+geworden? Verwunderlicherweise rauchte er eine
+Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der
+er mit Vorliebe zu rauchen pflegte. Auch Tobler
+selber schien ganz in der Nähe zu sein, man hörte
+seine metallene Männerstimme, die reine Vorgesetztenstimme.
+Diese Stimme schien das Wohnzimmer
+umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging die
+Türe auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht
+als sonst, und setzte sich in einen Winkel des Zimmers,
+das fortwährend zitterte unter der starken
+Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube
+zitterte, sie hatte Angst, auch die Fensterscheiben
+zitterten. Und wie hell es dazu immer war. Es
+war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht, sondern
+ein wässeriges, gläsernes Licht. Nun ja, man befand
+sich eben unter Wasser. Frau Wirsich war mit
+einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, aber plötzlich
+zerfloß ihr die ganze Arbeit in etwas Glitzernd-Schneidendes,
+und Joseph sagte dazu: »sieh da,
+Tränen!« Warum er das wohl gesagt hatte? In
+diesem Augenblick donnerte und krachte Toblers
+<span class="pagenum"><a name="Page_69">69</a></span>Stimme wie ein Ungewitter um die Wohnung der
+Armut herum. Aber die alte Frau lächelte nur dazu,
+und wie man das Lächeln näher betrachtete,
+war es der Hund Leo, noch ganz naß von der
+eben unternommenen Schwimmpartie. Die furchtbare
+Stimme ging langsam in ein Säuseln über,
+wie Blätter im heißen, leisen Sommermittagswinde
+etwa zu lispeln und zu säuseln pflegen. Da erschien
+Frau Tobler in tiefschwarzem Seidenkleide,
+warum sie das trug, konnte man nicht erraten. Sie
+trat auf Frau Wirsich mit vornehmer Wohltäterinnengebärde
+langsam zu, aber plötzlich schienen ihre Gefühle
+eine andere Richtung angenommen zu haben,
+denn sie fiel der Frau um den Hals und küßte sie.
+Toblers Stimme brummte dazu etwas, was, das
+konnte man nicht verstehen. Wahrscheinlich, dachte
+Joseph, findet er die Herzensüberwallung seiner
+Frau ziemlich überflüssig. Da verwandelte sich auf
+einmal die Wirsichsche Wohnung in den Laden jenes
+häßlich frisierten und geschminkten Zigarrenweibes,
+bei dem Joseph früher täglich auf einem Stuhl gesessen
+hatte, um Geschichten aus ihrem Mund anzuhören.
+Auch jetzt erzählte sie eine Geschichte, eine
+lange und eintönige und traurige, und merkwürdig,
+trotzdem sie lang war, dauerte ihre Erzählung kaum
+einen Moment. Träume ich das nur, oder erlebe
+<span class="pagenum"><a name="Page_70">70</a></span>ich's wirklich, dachte Joseph, und was hat ein
+Zigarrenweib mit einer Frau Wirsich zu schaffen?
+Da drang ein köstlich gebautes und geschweiftes,
+goldenes Boot in den Laden hinein, das Weib
+stieg ein, und fort ging es mit ihr, weit fort, bis
+sie sich in einem schwarzen, grellen, scharfen Luftraum
+verlor, aber ein Pünktchen von ihr blieb in
+der hohen Luft hängen. Wieder machte der Traum
+einen Sprung und zwar ins Toblersche Kontor
+hinunter, dort sah sich Joseph im bloßen Hemd
+schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles
+schaute ihn fragend an, durchdringend und fragend.
+Was das alles war, was ihn beobachtete, konnte
+er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es
+war scheinbar die ganze, lebendige Welt. Überall
+waren Augen, die sich boshaft an seiner sonderbaren
+Blöße erfreuten. Das Bureau war ganz grün
+vor Schadenfreude, stechend grün. Da suchte er
+sich zu erheben, um von diesem Punkte der Scham
+fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben, es
+war ihm entsetzlich zumut und er erwachte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er empfand einen brennenden Durst, stand auf
+und trank ein Glas Wasser. Darauf trat er ans
+Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles
+ganz still, das weißliche Mondlicht umzauberte und
+umflüsterte die Gegend. Und so warm war es.
+<span class="pagenum"><a name="Page_71">71</a></span>Die kleinen, alten Arbeiterhäuser dicht unterhalb
+des Hügels schienen in ihrer Form zu schlafen.
+Kein einziges kleines Menschen- und Lampenlicht
+mehr! Die Seefläche war von Dunst umwoben,
+man sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels
+unterbrach kurz die Stille der Nacht. Solch ein
+Mondlicht, wie das noch den Schlaf versinnbildlichen
+konnte. Das war eine Stille, das. Joseph
+erinnerte sich nicht, je so etwas gesehen zu haben.
+Er wäre beinahe am offenen Fenster selber eingeschlafen.</p>
+
+<p>Am Morgen verspätete er sich.</p>
+
+<p>Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend.</p>
+
+<p>Joseph hatte die Unverschämtheit, zu sagen, es
+werde ja doch wohl auf ein paar Minuten nicht
+ankommen. Da aber kam er schön an. Erstens
+bekam er ein böses Gesicht anzuschauen, zweitens
+wurde ihm folgendes gesagt:</p>
+
+<p>»Sie haben pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen.
+Mein Haus und mein Geschäft sind kein
+Hühnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an,
+wenn Sie nicht erwachen können. Übrigens, wollen
+Sie oder wollen Sie nicht? Wenn Sie den guten
+Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen
+wir kurzen Prozeß mit Ihnen. In der Stadt gibt
+es genug Leute, die froh über eine solche Stelle
+<span class="pagenum"><a name="Page_72">72</a></span>sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren.
+Man kann sie heutzutage ja auf der Straße
+auflesen. Von Ihnen aber erwarte ich Pünktlichkeit,
+verstanden, sonst &ndash; ich will das jetzt nicht
+mehr aussprechen.«</p>
+
+<p>Joseph schwieg wohlüberdachtermaßen.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später war Herr Tobler
+der gütigste Herr und freundlichste Mann seinem
+Gehülfen gegenüber. Er hätte ihn beinahe aus
+überlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti
+zu ihm. Bis jetzt hatte er immer Herr Marti gesagt.</p>
+
+<p>Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich
+ein außenstehender, er war in der Idee der Vaterlandsliebe
+zu suchen. Der folgende Tag war nämlich
+der 1. August, und an diesem Tage feierte man
+allgemein im Land das alljährlich wiederkehrende
+Jubelfest zur Erinnerung an eine hochherzige und
+wackere Tat der Vorfahren.</p>
+
+<p>Joseph mußte ins Dorf laufen, um für den
+morgigen Tag allerhand Lampen, Lampions, kleine
+Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und Brennmaterialien
+zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Außerdem
+hatte er so rasch wie möglich, wunderbarerweise
+beim Dorfbuchbinder, der dergleichen anzufertigen
+verstand, einen hölzernen, zwei Meter hohen und
+breiten Rahmen zu bestellen, sowie zwei Fahnentücher,
+<span class="pagenum"><a name="Page_73">73</a></span>ein dunkelrotes und ein weißes. Das Tuch
+würde dann über den Rahmen gespannt, und das
+Ganze ergäbe das Wappen des Landes, nämlich
+ein großes rotes Feld mit dem weißen Kreuz in
+der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden
+Nacht vor die Fassade der Villa Tobler. Hinter
+den Rahmen und das Bild würde man brennende
+Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch
+schimmere und jedermann aus der weiteren und
+weitesten Entfernung die zwei Landesfarben leuchten
+sähe.</p>
+
+<p>Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen
+alle die notwendigen Gegenstände an. Leute stellten
+sich plötzlich ein, um an der Dekorierung des
+Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal
+<ins title="dawaren">da waren</ins>, und so begann man, überall an Gesimsen
+und Nischen, an Borden und Fenstern und Gittern
+Fähnchen zu befestigen und Lampen anzubringen.
+Sogar in die Büsche und festeren Gewächse des
+Gartens legte und hing und stellte und klemmte
+man die Beleuchtungsapparate an, so daß in der
+ganzen <ins title="toblerschen">Toblerschen</ins> Besitzung keine heimlich nicht
+unterminierte und zum bevorstehenden Feuerwerk
+vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie glücklich
+sah Tobler aus. Das war etwas für ihn. Für
+Feste und deren schöne Inszenierung schien er wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_74">74</a></span>kaum ein zweiter geschaffen zu sein. Beständig trat
+er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas
+anzuordnen oder selber einen Draht mit der Zange
+zu krümmen, eine schief hängende, elektrische Lampe
+gerade zu drehen oder um bloß dem Ding zuzuschauen.
+Seine Reklame-Uhr schien er vergessen
+oder wenigstens verschoben zu haben. Natürlich
+war diese ganze Veranstaltung etwas Freudiges,
+Feierliches und Geheimnisvolles für die Kinder, die
+sich nicht genug wundern konnten und fragen konnten
+und denken konnten, was das eigentlich nun zu
+bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage
+genug für den Festtag zu tun, so daß ihm gar keine
+Zeit blieb, darüber nachzusinnen, ob die Dienste,
+die er Tobler leistete, wirklich auch wahre Dienste
+seien. Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lächeln,
+und das Wetter&nbsp;&ndash;.</p>
+
+<p>Davon sagte Tobler, daß, wenn das so anhaltend
+prachtvoll schön sei, man ruhig etwas Besonderes
+in Szene setzen könne. Auch brauche man bei einer
+solchen Gelegenheit das bißchen Kosten nicht zu
+scheuen. Das sei schließlich für das Vaterland, und
+traurig müsse es um den Mann und Menschen
+stehen, der nicht auch ein bißchen Vaterlandsliebe
+im Leibe habe. Man mache ja da absolut nicht
+mehr als wie anständig sei, zu übertreiben brauche
+<span class="pagenum"><a name="Page_75">75</a></span>man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen
+Sinn mehr für derartiges habe, wer nur noch die
+ganze Zeitlang auf seinem Beruf und Geldschrank
+hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schönes Heimatland
+zu haben, der könne jeden Tag nach Amerika
+oder nach Australien abdampfen, das komme solch
+einem doch ganz genau auf ein und dasselbe heraus.
+Übrigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er,
+Tobler, möge es nun einmal eben gern so, und
+damit dürfe es gut sein.</p>
+
+<p>Von Josephs Turm herab flatterte eine schöne,
+große Fahne. Je nachdem der Wind wehte, machte
+sie mit ihrem leichten Leib einen kühnen, stolzen
+Schwung, oder sie bog sich beschämt und müde zusammen,
+oder sie kräuselte und schwang sich kokett
+um die Stange, wobei sie sich in ihren eigenen,
+graziösen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln
+schien. Und dann auf einmal wieder wehte sie
+hoch und breit und weit empor, einer Siegerin und
+starken Beschützerin ähnlich, um allmählich von neuem
+rührend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken.
+Dieses prachtvolle Blau am Himmel.</p>
+
+<p>Geschäftlich vieles zu erledigen, das erschien
+beinahe unmöglich. Die Post (es wunderte einen,
+daß sie heute überhaupt kam) brachte eine ziemlich
+hohe Rechnung betreffend die kürzlich erst stattgefundene
+<span class="pagenum"><a name="Page_76">76</a></span>Ausführung des kupfernen Turmdaches,
+desselben Daches, auf welches man eine so schöne
+Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung
+prägte sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers
+Gesicht aus, und zwar deutlich, beinahe mathematisch
+genau, als hätte man der Stirn den genauen Zahlenbetrag
+müssen ablesen können. Als Beigabe zur
+patriotischen Feier war solches nicht gerade besonders
+erbaulich.</p>
+
+<p>»Der kann warten,« sagte der Chef, indem er
+die Faktura Joseph dicht neben den aufs Pult herabgebeugten,
+denkenden und korrespondierenden Kopf
+warf. Joseph sprach durch die Nase: natürlich!
+als sei er bereits jahrelang im Geschäft tätig gewesen,
+als kenne er mehr als zur Genüge schon
+die Verhältnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden
+und Hoffnungen seines Herrn. Überdies fand er
+es heute für passend, gutmütige Töne und Gebärden
+an den Tag zu legen. Bei so schönem
+Wetter&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt,
+Rechnungen zu präsentieren,« bemerkte Tobler. Er
+war gerade mit Zeichnen beschäftigt, und zwar mit
+der Skizzierung der »Tiefbohrmaschine«.</p>
+
+<p>»Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht
+wenigstens die Bohrmaschine,« murmelte er zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_77">77</a></span>Joseph hinüber, und von dem Korrespondenztisch
+her klang zur Antwort wieder ein:</p>
+
+<p>»Natürlich!«</p>
+
+<p>»Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den
+&rsaquo;Schützenautomaten&lsaquo;, der reißt alles heraus,« redete
+der Skizziertisch, worauf die Abteilung für kaufmännisches
+Wesen antwortete:</p>
+
+<p>»Selbstverständlich!«</p>
+
+<p>»Glaube ich eigentlich an das, was ich da
+sage?« dachte Joseph.</p>
+
+<p>»Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl,«
+rief Tobler.</p>
+
+<p>»Aha!« machte der <ins title="Gehilfe">Gehülfe</ins>.</p>
+
+<p>Tobler frug <ins title="Josef">Joseph</ins>, ob er nun auch wirklich
+schon einen einigermaßen klaren Begriff von diesen
+Sachen habe.</p>
+
+<p>»Ach ja,« glaubte der Schreiber erwidern zu
+dürfen.</p>
+
+<p>Ob er den Brief an das staatliche Patentamt
+aufgesetzt habe?</p>
+
+<p>»Nein, noch nicht.« <ins title="Josef">Joseph</ins> habe heute noch
+keine Zeit dazu gefunden.</p>
+
+<p>»So machen Sie doch, zum Kuckuck!«</p>
+
+<p>Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte,
+ergab es sich, daß das Schreiben falsch war, es
+wurde zerrissen und mußte noch einmal geschrieben
+<span class="pagenum"><a name="Page_78">78</a></span>werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die Nachmittagskaffeestunde
+ausgezeichnet. Außerdem erhielt
+er von seiner Frau Weiß aus der Stadt eine Antwort
+auf seine letzte Benachrichtigung. Sie schrieb,
+er brauche mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen,
+das habe gute Zeit. Der Brief war im übrigen
+ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig. Aber
+hatte er denn etwas anderes erwartet? Nicht im
+geringsten. Er hielt gottlob diese gute Frau nie
+für geistreich.</p>
+
+<p>Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte
+Wunde unter den Ohren am Hals der Frau
+Tobler.</p>
+
+<p>Woher sie das habe?</p>
+
+<p>Sie erzählte ihm, es komme von einer Operation
+her, und sie werde sich wahrscheinlich ein zweites
+Mal an derselben Stelle müssen operieren lassen,
+da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte:
+da werfe man für so eine Sache viel Geld aus,
+in den Rachen der allezeit kostspieligen Arzneikunst,
+und von einer wirklichen Heilung sei dann doch
+nicht die Rede. Ja, diese Menschen, die Ärzte und
+Professoren, sagte sie, nehmen für den kleinsten, dem
+Auge des gewöhnlichen Sterblichen kaum bemerkbaren
+Schnitt mit der Lanzette ein kleines, halbes
+Vermögen in Empfang, und wofür? Dafür, daß
+<span class="pagenum"><a name="Page_79">79</a></span>sie irgend einen Fehler begehen, damit man nach
+kurzer Zeit wieder zu ihnen laufen, und sich von
+neuem kurieren lassen könne.</p>
+
+<p>Ob es denn schmerze?</p>
+
+<p>»So! Bisweilen!« sagte die Frau.</p>
+
+<p>Dann erzählte sie Joseph den Hergang der
+Operation. Wie man sie aufgefordert habe, in einen
+großen, leeren Saal zu treten, in welchem nichts
+anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett
+oder Gestell und vier gleichmäßig angezogene Krankenschwestern.
+Diese Schwestern hätten eine wie die
+andere ausgeschaut, so leer und fühllos. Ihre
+Gesichter seien einander so ähnlich gewesen wie
+vier gleich große und gleichfarbige Steine. Alsdann
+habe man ihr befohlen, und zwar in sonderbar
+barschem Ton, das Gestell zu besteigen. Sie wolle
+nicht übertreiben, aber sie müsse schon sagen, daß
+ihr entsetzlich zumute geworden sei. Nicht ein Zug,
+nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit sei um sie
+herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck
+der Härte und der Herzensverlassenheit gemacht.
+Nicht ein Schein einer milden Miene, nicht die Spur
+eines tröstenden oder beruhigenden Wortes. Als
+ob ein bißchen gütiges Wesen sie hätte vergiften,
+anstecken oder gar töten können. Sie meine, das
+heiße die Vorsicht und die Korrektheit denn doch
+<span class="pagenum"><a name="Page_80">80</a></span>gar zu weit treiben. Dann habe man sie eingeschläfert,
+und von da an habe sie natürlich nichts
+mehr empfunden und nichts mehr gewußt, bis es
+vorbei war. Und vielleicht, schloß sie ihren Bericht,
+müsse ja das alles so sein. Man empfinde es nur
+als überflüssig herzlos. Der wahre Arzt dürfe aber
+vielleicht gar kein Herz haben, wer könne das beurteilen.</p>
+
+<p>Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch
+das Haar.</p>
+
+<p>Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal
+dort &ndash; hinlegen zu müssen, sei ihr abscheulich und
+peinlich. Und auch noch wegen etwas anderem.
+Joseph könne das leicht erraten. Es sei ihr schwer,
+ihrem Mann mit so etwas zu kommen, wo die
+ganze finanzielle Lage, Joseph müsse das ja wissen,
+sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh,
+wenn sie keine Ursache zu außergewöhnlichen Ausgaben
+habe. Dieses dumme Geld; wie schnöde doch
+eigentlich die beständige Sorge um so etwas sei.
+Nein, da müsse sie, und sie lächelte, zuerst das neue
+Kleid haben, das sie sich schon längst wünschte, ehe
+sie den Ärzten wieder etwas gebe. Das könne
+ihretwegen noch eine Zeitlang warten.</p>
+
+<p>Joseph dachte: »Der Herr will die Schlosserwerkstätten
+warten lassen und die Frau die Ärzte.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_81">81</a></span>
+Der 1. August!</p>
+
+<p>Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne
+besondere Dinge vorübergegangen. Der Abend ist
+wieder da, es ist der Festabend. Schon fängt man
+an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne
+dringen die dumpfen Schläge der Böllerschüsse zu
+den Ohren der um das Haus Versammelten. Tobler
+hat für einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der
+Mechaniker, der den »Schützenautomaten« in Arbeit
+hat, ist vom Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung
+zu Toblers herübergekommen. Auch die
+beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im
+Gartenhaus und hat die Weine bereits angestochen.
+Tobler glänzt vor Festnachtfreude, schon jetzt, und
+je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird,
+um so feuriger drückt sich dieser eigentümliche Glanz
+auf seinem rötlichen Gesicht ab. Joseph zündet
+Kerzen und Lampen an, er muß sich unter jeden
+Busch hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen.
+Vom Dorf her hört man ein murmelndes Singen
+und Lärmen, als müsse dort, in der Entfernung
+eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude
+herrschen. Neue Schüsse! Diesmal donnern sie vom
+andern Seeufer herüber. Tobler ruft: »Ah, die
+da drüben machen auch schon Ernst!« Er ruft Joseph
+zu sich heran, um ihm »etwas zu trinken«, und neue
+<span class="pagenum"><a name="Page_82">82</a></span>ergiebige Winke bezüglich der elektrischen Beleuchtung
+des großen Wappenschildes zu geben. Der
+Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen
+des großen, heiligen Vaterlandes.</p>
+
+<p>Wie tönte doch da die sonore Stimme des
+Herrn Tobler, an diesem großen Abend. Bald
+flogen die knisternden und zischenden Raketen in
+die Höhe, oder es platzte ein Feuerteufel. Auch
+ganze Glutschlangen sprangen, von der Hand des
+eifrigen <ins title="Gehilfen">Gehülfen</ins> dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,
+wahrhaftig, es konnte bald einem Märchen aus
+Tausendundeine Nacht gleichen. Wiederum, pum,
+ein Schuß aus der Ferne. Die im Dorf schossen
+jetzt auch. Tobler rief: »Nun? Kommt ihr auch
+bald einmal? Ihr seid doch immer die Spätesten.
+Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker!« &ndash; Er
+lachte aus vollem Halse, ein gefülltes Glas schimmernden,
+hellgoldenen Weines in der Hand schwenkend.
+Seine verhältnismäßig kleinen Augen sprühten,
+als hätten sie Feuerwerk abgeben mögen.</p>
+
+<p>Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe
+und -schlange nach der andern. Joseph glich
+einem heldenmütigen Kanonier in der heißen Schlacht,
+so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle
+Stellung und Haltung eines Kämpfers angenommen,
+der scheinbar entschlossen war, sein letztes bißchen
+<span class="pagenum"><a name="Page_83">83</a></span>Blut für die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne
+eigenes Wollen, nein, ganz von allein. In solchen
+Momenten glauben ja die Menschen Wunder was
+zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und
+Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es
+bedarf nur des Weines und des Gewehrdonners,
+und der Wahn des Außergewöhnlichen ist zusammengewoben,
+fest genug, eine ganze, lange, ruhige,
+bescheidene Nacht zu durchschwärmen. Auch Joseph
+war, wie sein Herr, vom Herzensfeuer der Festnacht
+ergriffen worden.</p>
+
+<p>»Schießt, ihr Fötzel!«</p>
+
+<p>Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung,
+und er meinte damit jene paar Leute, die
+sich immer einen gewissen spöttischen Ton herausnahmen,
+wenn er angefangen hatte, am Biertisch
+von seinen technischen Erfindungen zu reden. Durch
+seinen Ausdruck und Ausruf zeigte er diesen »Schlappschwänzen«,
+wie seine abermalige, kurze Ansprache
+lautete, deutlich seine Verachtung.</p>
+
+<p>»Aber Karl!«</p>
+
+<p>Frau Tobler mußte hell auflachen.</p>
+
+<p>Berauschend schön war's, als jetzt von den fernen,
+unsichtbaren Bergen herab, gleichsam im hohen
+Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer zündeten
+und brannten. Auch Hornrufe, groß und wuchtig
+<span class="pagenum"><a name="Page_84">84</a></span>tönende, kamen aus weiter Höhe und Ferne herabgeklungen,
+langsam den metallenen Atem ausstoßend
+und ihn lange anhaltend. Das war schön,
+und alles, was Ohren hatte, horchte. Ja, wenn
+die Berge selber zu tönen und zu reden anfangen,
+muß wohl bald das kleine Gezische und Geknatter
+der hastigen Raketen schweigen. Bergfeuer brennen
+still aber lang, während der Sprühregen der Nähe
+emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg
+und Geräusch, aber auch gleich wieder ins Nichts
+zusammensinkt.</p>
+
+<p>Mit dem Eindruck, den das große, erleuchtete
+Wappenschild mit der roten und weißen Farbe
+machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er ließ
+daher noch ein paar Flaschen bringen und konnte
+sich mit Einschenken in die verschiedenen Gläser gar
+nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute müsse
+eins über den Durst genommen werden.</p>
+
+<p>Und so klangen denn die Gläser eifrig aneinander,
+der Gläserklang vermischte sich mit dem Gelächter,
+das über allerhand rasch ersonnenen und
+ausgeführten Torheiten erschallte. Die Wangen
+waren so heiß wie der Ausdruck der Augen. Die
+Kinder hatte Frau Tobler natürlich schon längst in
+die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen
+wurde heimlicherweise mit roter Lackfarbe bestrichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_85">85</a></span>und plötzlich der alten Dame aus der Parkettfabrik
+auf die Nase gesetzt, daß er kleben blieb. Tobler
+lief auf diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank
+zu lachen, er mußte sich die Backen festhalten, da
+diese zu zerspritzen drohten.</p>
+
+<p>Schließlich klingelte und lächelte das Fest mit
+dem letzten Glas Wein an den Lippen der Teilnehmer
+aus. Die Lust am Späßetreiben erlahmte
+und sank jeden Augenblick, hintenüber taumelnd,
+in Schlaf. Die Frauen standen auf und gingen
+nach Hause, wogegen die Männer sich noch eine
+halbe Stunde, allmählich wieder ernsthaft werdend,
+im Gartenhaus aufhielten.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Das Dorf Bärensweil, die Gemeinde, in deren
+Bezirk sich die Toblersche Ansiedelung befindet, liegt
+eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der
+großen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist,
+wie fast alle Dörfer in dieser Gegend, reizend gelegen
+und zeichnet sich durch eine ganze Anzahl,
+teilweise aus der Rokokozeit herrührender, stattlicher,
+herrschaftlicher oder öffentlicher Bauten aus. Auch
+sind viele angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken,
+Bandwebereien, die ebenfalls schon ein ziemliches
+Alter haben. Die Industrie und der Handel
+haben hier vor ungefähr hundertfünfzig Jahren
+<span class="pagenum"><a name="Page_86">86</a></span>zum ersten Mal ihre mehr oder minder primitiven
+Räder und Gurten geschwungen, und sie haben
+sich bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten
+Rufes nicht nur im Inland, sondern auch in der übrigen,
+weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die Kaufleute
+und Fabrikanten sind aber nicht bloß im Gelderwerb
+hängen und stecken geblieben, nein, sie haben
+im Laufe der Jahre und der Geschmacksänderungen
+auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch
+heute sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben
+gewußt. Sie ließen sich in den verschiedenen Zeiten
+und Baustilen allerhand reizende, villenartige Gebäude
+aufrichten, deren unaufdringliche aber graziöse
+Form der zufällige Beschauer noch heute bewundern
+und im stillen beneiden kann. Jene reichgewordenen
+Leute haben sicher ihre Schlößchen und
+Häuser mit Geschmack und Gewicht zu bewohnen
+verstanden, derart, daß, wie man ahnen kann, damals
+ein schönes, solides häusliches Leben regiert
+und bestanden haben muß. Nun bauen aber die
+Nachkommen dieser alten vornehmen Handelsfamilien
+auch heute noch in einem gemessenen Stil.
+Sie verstecken ihre Häuser gern in ältere, bereits
+durch ein tüchtiges Wachstum ausgezeichnete Gärten,
+denn ihnen ist der Sinn für die Besonderheit und
+Schlichtheit durch die Übertragungen des gleichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_87">87</a></span>Blutes geschenkt und gegeben worden. Auf der
+andern Seite sehen wir in Bärenswil oder Bärensweil
+viele armütige und elendigliche Bauwerke, und
+in diesen wohnen die Arbeiter, und auch diese dem
+Reichtum und der zierlichen Schönheit entgegengesetzte
+Seite hat schon ihre lange natürliche Überlieferung.
+Das armselige Haus kann eben ganz
+genau so fest und so lang und so gutbegründet
+weiterbestehen wie das wohlhabende und ausgesuchte;
+das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht
+und das feinere Weltleben fortexistieren.</p>
+
+<p>Ja, Bärensweil ist ein hübsches und nachdenkliches
+Dorf. Seine Gassen und Straßen gleichen
+Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl
+städtisches als dörfliches und ländliches Wesen und
+Treiben. Wenn man hier eine stolze Frau nebst
+Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so muß man
+nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den
+Kopf geschlagen sein, sondern man muß sich nur
+die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird
+eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich
+alles. Auch Kaleschen mit streng uniformierter
+Dienerschaft sind hier keine gar so sehr fabelhafte
+Seltenheit. Sie brauchen nicht Gräfinnen oder Baroninnen
+zu gehören, solches kann auch hie und
+da einer Fabrikbesitzersfrau gebühren, um so mehr,
+<span class="pagenum"><a name="Page_88">88</a></span>als in diesen Gegenden der stolze Gewerbefleiß wirklich
+zum alten Land- und Stadtadel zu zählen ist.</p>
+
+<p>»Ein reizendes Nest,« würde ein gebildeter
+Fremder von Bärensweil sagen. Herr Tobler aber
+sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft
+sogar auf »das Drecknest«, und zwar nur deshalb,
+weil einige Bärensweiler, mit denen er am Stammtisch
+des »Segelschiffes« zu sitzen pflegt, an die gesunde
+Basis seiner technischen Unternehmungen nicht
+so recht glauben wollen.</p>
+
+<p>Denen wolle er es schon zeigen. Die möchten
+ihre Augen eines Tages schön aufreißen, sagt er
+in letzter Zeit öfters.</p>
+
+<p>Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich
+hierher gezogen? Was hat ihn veranlaßt, zum
+Aufenthaltsort diese Gegend zu wählen? Darüber
+herrscht folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler
+ist vor noch drei Jahren ein einfacher Angestellter,
+Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik gewesen.
+Da hat er eines Tages eine größere Summe
+Geldes geerbt und dadurch den Plan genährt, sich
+selbständig zu machen. Ein noch verhältnismäßig
+so junger und heißblütiger Mann ist in allen
+Dingen, so auch in der Ausführung von heimlichen
+Plänen, stets etwas rasch, und das ist ja ganz in
+der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts
+<span class="pagenum"><a name="Page_89">89</a></span>oder Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa
+zum Abendstern, denn so nennt sie sich, zum Verkauf
+ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend,
+schöner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen
+mit der nicht allzu weitentfernten
+Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas für
+ihn! Er macht kurzen Prozeß und kauft sich das
+Grundstück. Er kann als freier unabhängiger Erfinder
+und Geschäftsmann wohnen, wo es ihm beliebt,
+er ist an keinerlei Scholle gebunden.</p>
+
+<p>Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige
+treibende Gedanke gewesen, der Tobler nach Bärensweil
+geführt hat. Das Heim kann stehen, wo es
+will, wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein
+freiverfügender und -bestimmender Herr sein, und
+er ist es.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Am frühen Morgen nach der Festnacht schaute
+sich Joseph unten im Bureau ein wenig den »Schützenautomaten«
+an, der schließlich auch studiert sein wollte.
+Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur
+Hand, auf welchem die ausführliche Beschreibung
+dieser Maschine nebst zeichnerischen Wegleitungen
+zu lesen und zu sehen war. Was war es nun
+mit dieser Nummer zwei der Toblerschen Artikel?
+Die Nummer eins kannte man ja bereits beinahe
+<span class="pagenum"><a name="Page_90">90</a></span>auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit,
+sich mit Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte
+sich, wie rasch es ihm gelang, sich mit dem
+innern und äußern Wesen dieser Nummer zwei
+vertraut zu machen.</p>
+
+<p>Der Schützenautomat erwies sich als ein Ding,
+ähnlich den Schokoladenautomaten, die die reisenden
+Menschen auf Bahnhöfen und in allerlei öffentlichen
+Lokalen antreffen, nur entsprang dem Schützenautomaten
+nicht eine Platte Süßigkeit, Pfefferminz
+oder dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen.
+Die Idee als solche war also keine gerade neue,
+sondern nur eine verfeinerte und verschärfte, auf
+ein anderes Lebensgebiet geschickt übertragene. Auch
+war der Toblersche Automat bedeutend größer, er
+war ein dickes, hohes Gestell von einem Meter und
+achtzig Höhe und dreiviertel Meter Breite. Der
+Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht
+hundertjährigen Baumstammes. Am Automaten
+war in ungefährer Manneshöhe ein Schlitz
+angebracht, zum Hineinwerfen oder -fügen des Geldstückes
+oder der Münze, die für Geld erhältlich war.
+Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu
+warten, dann an einem bequem zu erfassenden
+Hebel zu ziehen und das nun in eine offene Schale
+stürzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_91">91</a></span>nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach.
+Die innere Konstruktion beruhte auf drei sich
+gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie auf einem
+abwärts gleitenden Kanal zur Beförderung der
+Patronen, die sich in gleichmäßigen, der staatlichen
+Verpackung entsprechenden Paketen in einer Art
+von Kamin zu dreißigen von Stücken aufeinandergetürmt
+befanden; zog man nun an dem Hebel
+mit dem bequem zu erreichenden Griff, so fiel eben
+eines der im Kamin befindlichen Stücke äußerst
+elegant heraus, und der Apparat funktionierte weiter,
+das heißt er blieb still, bis ein zweiter oder ein dritter
+Schütze des Weges daherkam und ihn von neuem
+zu der eben beschriebenen Betätigung reizte. Aber
+noch mehr! Der Automat hatte den Vorzug, mit
+dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem eine
+kreisrunde Öffnung am oberen Teil desselben jeweilen
+bei Einwurf der Münze und Ziehen am
+Griff des Hebels eine schönbemalte Reklamescheibe
+zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach
+aus einem Reifen verschiedenartig gefärbten Papieres,
+der mit der ganzen Hebelvorrichtung in engster und
+zweckentsprechendster Verbindung stand, derart, daß
+der Sturz eines Patronenpäckchens jeweilen eine
+erneute Reklame unmittelbar und exakt an die
+kreisrunde Öffnung schob, indem sich der Papierreifen
+<span class="pagenum"><a name="Page_92">92</a></span>stückweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen
+war in »Felder« abgeteilt, die Besetzung und Benützung
+der einzelnen Felder kostete Geld, und
+dieses Geld mußte die Kosten der Anfertigung des
+Automaten brillant herausschlagen: »Aufzustellen
+ist der Schützenautomat auf Schützenwiesen gelegentlich
+der zahlreich stattfindenden Schützenfeste. Was
+die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung
+von Bestellungen und Aufträgen wiederum, wie
+bei der Reklame-Uhr, an nur erste Firmen zu wenden.
+Wenn man annehmen darf, daß sämtliche
+Felder mit Reklamen besetzt werden, und man darf
+das wohl annehmen, so verdient da Tobler (Joseph
+war mit seinen Gedanken so sehr beschäftigt, daß
+er anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen
+schönen Haufen Geld, denn was die Inserate einbringen,
+das übersteigt bei weitem die Kosten der
+Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes
+in mehreren, sagen wir zehn Automaten, tritt natürlich
+eine wesentliche Preisermäßigung ein.«</p>
+
+<p>Der Kassenbote der Bärensweiler Sparbank
+trat ein.</p>
+
+<p>»Natürlich ein Wechsel,« dachte Joseph. Er
+stand von seinem Platz auf, nahm das Formular
+in die Hand, besah es von allen Seiten, schüttelte
+es hin und her, prüfte es auf das Genaueste,
+<span class="pagenum"><a name="Page_93">93</a></span>machte ein zugleich nachdenkliches und wichtiges Gesicht
+und sagte dann zu dem Boten, es sei gut,
+man werde vorbeikommen.</p>
+
+<p>Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich
+und ging. Joseph nahm sogleich die Feder zur
+Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu
+ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.</p>
+
+<p>Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank
+mußte gleich telephoniert werden. In diesen Dingen
+hatte man nun hoffentlich bald ein wenig Routine.
+Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen
+fest auf den zu zahlenden Betrag gerichtet, und
+dann hatte er einfach den Boten ruhig, ja sogar
+etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt
+bekam! Leute, die Geld von Tobler haben wollten,
+mußten in Zukunft noch ganz anders, noch viel
+kräftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht,
+das gebot das Zartgefühl Herrn Tobler gegenüber.
+Der Chef durfte jetzt unter keinen Umständen an
+diese widerwärtigen Bagatellen erinnert werden.
+Der hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den
+konnten jetzt nur die großen Sorgen beschäftigen.
+Dafür hatte ja Tobler einen Angestellten, damit
+dieser womöglich intelligente und geistreiche Kerl
+ihm die kleinlichen Unannehmlichkeiten abnahm, sich
+dicht an der Tür aufstellte, um ungerufene, steife
+<span class="pagenum"><a name="Page_94">94</a></span>Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefördern.
+Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafür rauchte
+er jetzt auch wieder einmal einen von den eben
+aus dem Dorf herspedierten, neuen Zigarrenstumpen.</p>
+
+<p>Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler
+war den Geschäften nachgegangen und blieb wahrscheinlich
+heute den ganzen Tag von zu Hause weg.
+Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes
+Fischer ankam, das würde fatal sein.</p>
+
+<p>Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce
+»Für Kapitalisten« hin sich schriftlich gemeldet und
+schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in allernächster
+Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung
+der betreffenden Erfindungen vorsprechen.</p>
+
+<p>Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der
+Mann besaß. Dagegen war die Schrift Toblers
+wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank-
+und feinschreibenden Menschen machten einen schon
+zum voraus große Reichtümer ahnen. So wie
+dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten:
+exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift
+entsprach ganz und gar einer vornehmen und
+leichten Körperhaltung, einem unmerklichen Kopfnicken,
+einer ruhigen, sprechenden Handbewegung.
+Sie war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse
+Kälte strömte sie aus, sicher war er das Gegenteil
+<span class="pagenum"><a name="Page_95">95</a></span>eines heißblütigen Gesellen, der so schrieb. Diese
+paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit
+und Bündigkeit erstreckten sich sogar auf das
+intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch
+noch parfümiert trat dieser Herr Johannes Fischer
+unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht
+kam. Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es
+konnte geschehen, daß er, toll vor Ärger, ganz außer
+sich käme. Übrigens hatte er den Befehl zurückgelassen,
+dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich
+zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz
+besonders eingeschärft hatte er Joseph, diesen Herrn
+Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu lassen,
+sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis
+Tobler wieder zu Hause wäre. Womöglich ließ
+sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling
+eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch
+lange nicht gesagt, daß der zu nobel für so etwas
+sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers
+eins hatten, durfte für jedermann, auch für die
+höchstgestellte und erhobene Person, ein Gegenstand
+ruhigen Betrachtens und Genusses sein. Dieser
+Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben
+kommen, es war, glaubte Joseph, genügend
+gesorgt für ihn.</p>
+
+<p>Aber Joseph war es doch ein wenig bange.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_96">96</a></span>
+Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte,
+wenn der Herr Prinzipal sich außerhalb befand.
+So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch
+von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache
+zum fortwährenden Aufpassen. War er guter Laune,
+so hatte man beständig Angst, etwas könnte kommen
+und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade
+Gegenteil umschlagen. War er gehässig und bissig,
+so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber
+für einen struben Gauner zu halten, weil man sich
+unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten
+Stimmung ansah. War er gleichmütig und gesetzt,
+so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmäßigen
+Wesen keinen auch nur fadenscheinig dünnen Schaden
+anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem
+Ritzchen und Spältchen verletzt fühle. War der Herr
+spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich
+in einen Pudel, da es doch galt, dieses
+lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten
+behend aufzuschnappen. War er gütig, so kam man
+sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man
+sich verpflichtet zu lächeln.</p>
+
+<p>Das ganze Haus war ein anderes, wenn der
+Hausherr nicht da war. Die Frau schien auch eine
+ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich
+die beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen
+<span class="pagenum"><a name="Page_97">97</a></span>über des strengen Vaters Abwesenheit von weitem
+an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler
+weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.</p>
+
+<p>»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?«
+dachte Joseph. Da kam Silvi, das ältere
+der kleinen Mädchen, und rief zum Mittagessen.</p>
+
+<p>Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee
+und plauderte mit Frau Tobler, schritt ein Herr
+den Garten zum Haus hinauf.</p>
+
+<p>»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,«
+sagte die Frau zum Gehülfen.</p>
+
+<p>Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur
+Bureau-Eingangstüre gelangen, als ihm auch schon
+der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe,
+Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit
+angenehmer Stimme der Ankömmling. Nein, sagte
+Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider gerade
+verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber
+er bitte, eintreten zu wollen.</p>
+
+<p>Der Herr sagte seinen Namen. »Ah Herr
+Fischer!« rief Joseph aus. Er verneigte sich etwas
+zu fröhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes
+Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler,
+den er gemacht hatte.</p>
+
+<p>Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das
+<span class="pagenum"><a name="Page_98">98</a></span>Zeichenbureau ein, wo derselbe sogleich nach den
+technischen Dingen sich zu erkundigen begann, während
+er sich mit einer gewissen Überlegenheit nach
+allen Seiten umschaute.</p>
+
+<p>Joseph erklärte ihm die Reklame-Uhr. Er holte
+ein Exemplar derselben in Natura herbei, legte sie
+vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur Besichtigung,
+und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem
+aufmerksam alles, was ihn umgab, beobachtenden
+Mann die Gewinnchancen des Werkes auseinanderzusetzen.</p>
+
+<p>Der Fremde, der mit Interesse zuzuhören schien,
+fragte, indem er die Adlerflügel der Uhr betrachtete,
+ob man sich in der Höhe der angenommenen
+Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem
+solchen Falle leicht möglich sei, ein wenig verrechne?
+Und ob bereits Reklame-Aufträge eingelaufen seien?</p>
+
+<p>Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und
+ein bißchen nachdenklich schien er geworden zu sein,
+was sich Joseph, vielleicht etwas früh, zu seinen
+Gunsten auslegte.</p>
+
+<p>Dieser erwiderte, die Summe dürfte wohl kaum
+als zu hoch gegriffen betrachtet werden, im Gegenteil,
+und Aufträge seien bereits in ganz erfreulicher
+Anzahl da.</p>
+
+<p>»Und die Uhr kostet?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_99">99</a></span>
+Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer
+klar zu machen, wobei er ein ganz klein wenig, er
+wußte selbst nicht warum, stotterte. In der Ungewißheit,
+wie er sich zu benehmen habe, wollte er
+sich einen gemütlichen Stumpen anzünden, verwarf
+aber dieses plötzliche Gelüste als nicht ganz schicklich.
+Er errötete.</p>
+
+<p>»Wie ich sehe,« sprach Herr Fischer, »handelt
+es sich hier um ein scheinbar ganz vortrefflich geplantes
+und auch, wie mir scheint, bereits ganz gut
+vorbereitetes Unternehmen. Dürfte ich mir erlauben,
+einige kleine Notizen zu machen?«</p>
+
+<p>»Aber bitte!«</p>
+
+<p>Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht
+sehr. Aber Stimme und Lippe wollten ihm den
+erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War
+er aufgeregt? Jedenfalls, das spürte er deutlich,
+war er schon darauf vorbereitet, zu sagen, dem
+Herrn dürfte es vielleicht angenehm sein, im Garten
+eine Tasse Kaffee zu trinken.</p>
+
+<p>»Meine Frau wartet unten,« bemerkte leicht
+der andere. Er schrieb einiges mit Bleistift in ein
+elegantes Notizbuch. Plötzlich war er fertig. Joseph
+hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist
+mit seinen verständnis-erleichternden Notizen
+nicht ernst genommen. Er wollte den Mund auftun,
+<span class="pagenum"><a name="Page_100">100</a></span>um zu sagen, er könne ja rasch hinunterspringen
+und die Dame, die unten wartete, heraufholen.</p>
+
+<p>Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler
+persönlich nicht angetroffen zu haben. Dies sei
+schade, aber er hoffe, dieses Vergnügen werde ihm
+nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst
+für die erhaltene, liebenswürdige Auskunft.
+Joseph versuchte zu reden.</p>
+
+<p>»Schade,« nahm wieder der andere das Wort,
+»ich würde mich äußerst wahrscheinlich gleich zu
+etwas Definitivem haben entschließen können. Die
+Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin
+der Ansicht, daß sie sich rentieren wird. Wollen Sie
+die Güte haben, und Ihrem Herrn Chef eine höfliche
+Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke
+Ihnen.«</p>
+
+<p>»Man kann ja« &ndash; War das Joseph, der nicht
+besser sprechen konnte?</p>
+
+<p>Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt
+und war gegangen. Sollte man ihm nachspringen?
+Was ist man in diesem Augenblick? Muß Joseph
+sich nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint,
+er muß nun ins Gartenhaus gehen, zu einer gespannt
+und besorgt wartenden Frau, um derselben
+zu sagen, wie »unverantwortlich kopflos« er sich benommen
+hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_101">101</a></span>
+»Das ist dumm, sehr dumm,« dachte er.</p>
+
+<p>Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte,
+war Frau Tobler eben damit beschäftigt, dem Knaben
+Walter eine Tracht Prügel zu verabreichen.
+Sie weinte und sagte, es sei nicht schön, was sie
+für Unholde von Kindern habe. Dadurch wurde
+es dem Angestellten recht eigentlich trübe ums Herz:
+Auf der einen Seite eine weinende und erzürnte
+Frau, auf der andern Seite ein ironisch winkender
+und grüßender Kapitalist, und im Hintergrund die
+Ahnung von der Mißbilligung Toblers.</p>
+
+<p>Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig
+verlassenen Platz und goß sich noch eine Tasse Kaffee
+ein. Er dachte: »Warum nicht nehmen, wenn es
+doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch
+nicht imstande, das herankommende Ungewitter von
+meinem Kopf abzulenken.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»War das dieser Herr Fischer?« fragte die Frau.
+Sie hatte die Augen getrocknet und schaute nach
+der Landstraße hinunter. Dort unten stand in der
+Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich
+am Anblick des Toblerschen Besitztums zu ergötzen.</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Joseph, »ich habe versucht,
+ihn aufzuhalten, aber es war unmöglich, er sagte,
+er müsse absolut gehen. Übrigens hat man ja für
+alle Fälle seine Adresse.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_102">102</a></span>
+Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig
+zum Mund herauskamen. Nein, er hatte nicht sein
+Möglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer aufzuhalten.
+Wenn er solches jetzt behauptete, so war
+<ins title="es jetzt einfach">es einfach</ins> eine freche, frivole Lüge.</p>
+
+<p>Frau Tobler sagte bekümmert, das werde ihnen
+beiden ihr Mann sehr übel nehmen, sie kenne ihn
+genau in diesen Stücken.</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das
+Mädchen, saß auf einem Gartenstein und sang in
+leisen, dummen Tönen. Frau Tobler befahl ihr
+zu schweigen. Wie das heiß war, sonnig, gelblich
+und bläulich. Der Geldmann war jetzt nicht mehr
+zu sehen.</p>
+
+<p>»Sie haben wohl ein wenig Angst?« sagte die
+Frau und lächelte.</p>
+
+<p>»O wegen der Angst,« entgegnete Joseph
+trotzig, »das ist das wenigste. Übrigens kann Herr
+Tobler mich fortjagen, wenn er will.«</p>
+
+<p>Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder
+klug noch recht und müsse eigentlich ein recht schlimmes
+Licht auf seinen Charakter werfen. Natürlich
+habe er jetzt ein wenig Angst, man könne ihm
+das ja ganz schön ansehen. Aber er solle sich nur
+beruhigen, auffressen werde ihn »Karl« nicht können.
+Es werde heute abend eben ein gelindes
+<span class="pagenum"><a name="Page_103">103</a></span>Donnerwetter absetzen, auf das dürfe Joseph <ins title="immer">immerhin</ins>
+sich gefaßt machen.</p>
+
+<p>Sie lachte hell und schön auf und fuhr fort
+zu sprechen.</p>
+
+<p>Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt
+begriffen, den ihr Mann andern Menschen einzuflößen
+verstehe. Für Fernerstehende habe er beinahe
+etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie
+spreche jetzt ernsthaft, und sie verstehe das ausgezeichnet.
+Nur sie selber habe nicht die geringste
+Angst vor Tobler.</p>
+
+<p>»Wirklich?« machte Joseph. Er war ruhiger
+geworden.</p>
+
+<p>Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse
+nicht hell von Verstand sein, wenn sie sich in dieser
+Beziehung einer Täuschung hingeben könne. Sie
+empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes
+eher als ein Lustspiel, als wie eine Tragödie,
+sie müsse jedesmal, sie wisse selbst nicht ganz recht
+warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne.
+Ihr sei das nie merkwürdig, sondern immer natürlich
+an ihr erschienen, aber sie wisse wohl, daß es
+Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen
+und den Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber,
+daß es eine anscheinend so unselbständige
+Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des
+<span class="pagenum"><a name="Page_104">104</a></span>Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie
+finde es manchmal gar nicht so komisch, wenn
+Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten
+schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen
+habe, auslasse, in solchen Fällen habe sie nötig,
+Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem Gelächter
+zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und
+nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch
+wenn man nur »eine unselbständige Frau« sei.
+Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft
+über die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel
+denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen beiden
+heute abend bevorstehe, werde kein andauernder,
+sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt
+sei, nur ein vorübergehender sein können.</p>
+
+<p>Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick
+etwas Gelassen-Ironisches an sich.</p>
+
+<p>Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf.
+Er hatte das Bedürfnis, einen Augenblick
+allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile
+ein wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden
+und beruhigenden Gedanken nicht. So trieb
+es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch
+dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen
+nicht los. Um es endgültig zu bewältigen,
+lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_105">105</a></span>nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den
+Beinen beruhigte und tröstete ihn, und der Anblick
+der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn
+an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe.
+Im Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor
+in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er würde
+eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut
+brauchen können, dachte er. Wieder zu Hause angekommen,
+machte er sich sogleich dahinter, vermittels
+eines langen Gummischlauches den Garten zu
+spritzen. Das dünne Wasser beschrieb in der Abendluft
+einen schönen, hohen Bogen und fiel klatschend
+auf die Blumen und Gräser und Bäume herab.
+Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das
+Spritzen, denn man empfand während dieser Arbeit
+eine eigentümlich gemütliche und fest geschlossene
+Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch
+kurz vorher so viel Eifer bewies, den Garten zu
+pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwüst
+anschimpfen.</p>
+
+<p>Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es
+war doch einfach unmöglich, kurz vorher noch gebackene
+Fische zu essen und dann gleich nachher der
+Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich
+nicht recht zusammen.</p>
+
+<p>Wie schön wieder der Abend war. Konnte
+<span class="pagenum"><a name="Page_106">106</a></span>man an solch einem herrlichen Abend den Unternehmungen
+Toblers Verluste beigebracht haben?</p>
+
+<p>Die Magd setzte eine brennende Lampe ins
+Gartenhaus. Nein, im Licht einer so hübschen,
+traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten,
+daß er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer
+nicht allzu heftig zu Herzen nähme.</p>
+
+<p>Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph
+in der Schaukelbahn geschaukelt zu werden. Sie
+setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an,
+und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung.
+Das war so schön anzusehen, daß der
+Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese
+Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.</p>
+
+<p>Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und
+Joseph Schritte im Kies den Garten heraufkommen,
+es waren »die seinen«.</p>
+
+<p>Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten
+hört, ist dieser Näherkommende auch bereits leibhaftig
+da, sein wirkliches Erscheinen ist dann nie
+eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen
+wie er will.</p>
+
+<p>Tobler war müde und gereizt, aber das war
+nichts Überraschendes, denn so pflegte er immer
+nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar
+auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm
+<span class="pagenum"><a name="Page_107">107</a></span>das Erklimmen des Hügels Mühe verursacht, und
+verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen
+ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte
+herbeizuholen, glücklich darüber, seinem Vorgesetzten
+für eine halbe Minute wenigstens aus dem Wege
+zu gehen.</p>
+
+<p>Als er mit den Rauchutensilien zurückkam, hatte
+sich die Lage der Dinge bereits verändert. Tobler
+sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch alles
+gesagt. Sie stand jetzt da, unerhört kühn, wie es
+Joseph erschien, den Mann ruhig anschauend. Dieser
+sah aus, wie einer, der nicht fluchen kann, weil er
+fühlt, daß er es zu unmäßig täte.</p>
+
+<p>»Also Herr Fischer war da, wie ich höre,« sagte
+er, »wie haben ihm die Dinger gefallen?«</p>
+
+<p>»Sehr gut!«</p>
+
+<p>»Die Reklame-Uhr?«</p>
+
+<p>»Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er
+sagte, sie scheine ihm ein ganz ausgezeichnetes Unternehmen
+zu sein.«</p>
+
+<p>»Haben Sie ihn auch auf den Schützenautomaten
+aufmerksam gemacht?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Warum nicht?«</p>
+
+<p>»Herr Fischer hatte so große Eile, seiner Frau
+wegen, die unten am Gartentor wartete.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_108">108</a></span>
+»Und Sie haben sie warten lassen?«</p>
+
+<p>Joseph schwieg.</p>
+
+<p>»Und ich muß einen solchen Tropf von Angestellten
+haben,« schrie Tobler, außerstande, die
+Wut und den geschäftlichen Jammer, die ihn verzehrten,
+länger zurückzuhalten, »ich muß das Unglück
+haben, von der eigenen Frau und einem nichtsnutzigen
+Gehülfen betrogen zu werden. Da soll
+der Teufel Geschäfte machen.«</p>
+
+<p>Er würde die Petroleumlampe mit der Faust
+zerschlagen haben, wenn Frau Tobler sie nicht glücklicherweise
+in diesem Moment, bevor die Hand
+niedersauste, etwas weiter gerückt hätte.</p>
+
+<p>»Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen,«
+rief die Frau, »und zu sagen, ich betrüge
+dich, das verbiete ich dir. Sonst weiß ich dann
+auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch
+der Joseph verdient nicht, daß er mit Ausdrücken
+solcher Art beschimpft werde. Schick ihn ganz fort,
+wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber
+<ins title="mach'">mach</ins> keine solche Szenen.«</p>
+
+<p>Sie hatte das als »unselbständige Frau« natürlich
+weinend gesprochen, aber was sie sprach, das
+hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt, Tobler
+war sofort ruhig geworden, das »Gewitter« war
+am Vorübergehen. Er fing an, mit Joseph zu ratschlagen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_109">109</a></span>was man tun könne, um sich die Kapitalien
+des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen
+zu lassen. Morgen früh müsse sogleich telefoniert
+werden.</p>
+
+<p>Im Leben gewisser Handelsleute spielt das
+Telephon eine große Rolle. Die kaufmännischen
+Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen
+werden.</p>
+
+<p>Schon der bloße Gedanke, daß man ja diesem
+Herrn Fischer morgen früh telephonieren könne,
+machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen
+wieder aufleben. Wie war es denn möglich, daß,
+wenn man derartige Hilfsmittel zur Verfügung
+hatte, das Geschäft zu Schanden gehen konnte?</p>
+
+<p>Und Tobler würde sich unmittelbar nach der
+drahtlichen Ankündigung in den Zug setzen und
+nach der Residenz fahren, um diesem »entflohenen
+Vogel« einen persönlichen Besuch abzustatten.</p>
+
+<p>Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als
+er schon längst wieder heiter und vergnügt geworden
+war, als habe die Aufregung innerlich weitergebrannt.
+Alle drei spielten noch bis in die späte
+Nacht hinein Karten. Joseph müsse das Kartenspiel
+auch lernen, hieß es, es sei einer kein rechter
+Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen wurde, wie verabredet,
+<span class="pagenum"><a name="Page_110">110</a></span>telephoniert. Tobler warf sich in den Eisenbahnwagen,
+mit welch zuversichtlicher Miene! Abends
+war die Miene eine gedrückte, zornige und traurige.
+Das Geschäft war nicht zustande gekommen. Statt
+der flüssigen Gelder gab es eine neue, bittere Szene
+im nächtlichen Gartenhaus. Tobler saß da wie
+das verhaltene Ungewitter selber und gefiel sich in
+unschönen, gotteslästerlichen Verwünschungen. So
+sagte er unter anderem, seinetwegen möchte die
+ganze Erde in Morast versinken, das käme jetzt
+alles auf ein und dasselbe heraus. Er selber wate
+so wie so in nichts anderem mehr als in einer Unmasse
+von Schlamm.</p>
+
+<p>Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles,
+was ihn umgebe, zum Teufel in die Hölle zu
+wünschen, gebot ihm Frau Tobler Mäßigung. Er
+aber fuhr sie so grausam hart an, daß es sie, den
+Kopf voran, auf die Tischplatte niederstreckte, worauf
+sie sich hoch aufrichtete und mit sanft gesetzten
+Schritten davonging.</p>
+
+<p>»Sie haben Ihrer Frau wehgetan,« wagte
+Joseph in einem Anflug von weltmännischer Ritterlichkeit
+zu sagen.</p>
+
+<p>»Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt
+verletzt,« erwiderte Tobler.</p>
+
+<p>Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue
+<span class="pagenum"><a name="Page_111">111</a></span>Annonce für die täglich erscheinenden Weltblätter.
+In dem Inserat kamen Worte vor wie: »Glänzendes
+Unternehmen«, »Höchster Gewinn bei absoluter
+Risikolosigkeit«. Das würde man gleich andern
+Tages in die Annoncenexpedition schicken.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam
+wieder fünf Mark in die Tasche. Er genoß wieder
+den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten
+zu dürfen. Gerade das hatte entschieden
+etwas Poetisches. Heute würde es wieder ein feines
+Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schön
+gelblich und bräunlich, mit Blumenkohl aus dem
+Garten, und dann vielleicht Apfelmus, das hier
+oben so wundervoll schmeckte. Auch die bessere
+Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler
+für eine Manier besaß, zu lachen und einen spöttisch
+von oben herab anzusehen, sobald es sich darum
+handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade,
+als ob Joseph ein Schlossermeister gewesen wäre,
+zu dem man sagt: »Da. Nehmen Sie. Sie rauchen
+gewiß auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre.«
+Als ob Joseph soeben mit Gitteranstreichen oder
+Türschloßausbessern fertig geworden wäre, oder als
+ob er soeben einen Baum gestutzt hätte. Das war
+die Art, wie man einem tüchtigen Gärtner eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_112">112</a></span>Zigarre gibt. War denn etwa Joseph nicht Toblers
+»rechte Hand«, und durfte man glauben, man zeichnete
+eine solche rechte Hand gebührend aus, indem
+man ihr Sonntags etwas Besseres zu rauchen
+darbot?</p>
+
+<p>Er blieb etwas länger im Bett heute, er öffnete
+die Fenster und ließ sich im Bett von der
+weißlichen Morgensonne anscheinen und anblenden,
+was eben auch genossen sein wollte, so gut wie
+verschiedenes anderes auch, wie zum Beispiel der
+Gedanke an das Frühstück. Wie war heute alles
+sonnig und sonntäglich. Das Sonnige und das
+Sonntägliche schienen von weit her schon Brüderschaft
+miteinander geschlossen zu haben, und der
+innige Gedanke ans ruhige Frühstück, ja, der war
+auch aus so etwas Sonnigem und Sonntäglichem
+gewoben, das spürte man jetzt deutlich. Wie wäre
+es möglich gewesen, heute etwa verdrießlich zu sein,
+oder gar mißgestimmt, oder gar melancholisch. Es
+war etwas Geheimnisvolles in allem, in jedem Gedanken,
+an den eigenen Beinen, an den Kleidern
+auf dem Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend
+sauber gewaschenen Gardinen, an der Waschkommode,
+aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend,
+im Gegenteil, es ruhete und lächelte und friedelte
+einen förmlich an. Eigentlich war man gedankenlos,
+<span class="pagenum"><a name="Page_113">113</a></span>und man wußte gar nicht warum, aber man
+schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und
+an der Gedankenlosigkeit lag so viel Sonne, und
+wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkürlich an
+köstlich gedeckte Frühstückstische. Ja, mit dem einfachen
+Gedanken fing dieses dumme aber beinahe
+süße Sonntägliche schon an.</p>
+
+<p>Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als
+sonst an und trat auf die viereckige Plattform, die
+ihm zur Verfügung stand, hinaus. Von hier sah
+man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen
+Bäume hinüber. Wie ruhig und blendend
+sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd, deckte
+den Morgentisch draußen an der freien Luft. Diesem
+Anblick konnte der Gehülfe nicht länger widerstehen,
+es riß ihn hinunter zu Kaffee, Brot, Butter und
+Eingemachtem.</p>
+
+<p>Später ging er ins Bureau hinunter. Es war
+ja nicht viel zu machen da unten, aber er setzte sich
+trotzdem, angezogen von einem beinahe lieblichen
+Gewohnheitsgefühl, an den Schreibtisch, der wie
+ein Küchentisch aussah, und korrespondierte. Ach,
+es war heute das reine Tändeln mit der sonst so
+ernsthaften Feder. Das Wort »telephonische Unterredung«
+erschien ihm ebenso sonntäglich geputzt wie
+das Wetter und die Welt draußen. Die Redewendung
+<span class="pagenum"><a name="Page_114">114</a></span>»und gestatte ich mir« war blau wie der
+See zu Füßen der Villa Tobler, und das »hochachtungsvoll«
+am Schluß des Schreibens schien
+nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu
+duften.</p>
+
+<p>Er trat zur Bureautür in den Garten hinaus.
+Das war ja auch sonntäglich, daß man sich gestatten
+durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu unterbrechen,
+um rasch den Garten ein bißchen inspizieren
+zu gehen. Wie das duftete, wie heiß es schon war,
+trotz der noch frühen Morgenstunde. Da würde
+man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen,
+so »genau kam es sicher nicht darauf an«. Ja
+heute durfte man diese Worte Tobler ruhig ins
+Gesicht hineinsagen, er würde ganz derselben Meinung
+wie Joseph sein. Das »Nichtdaraufankommen«,
+das war schließlich der ganze Unterschied zwischen
+einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze
+Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze,
+Bienensummen und Blumenduften. Heute abend
+würde man den Garten auch wieder einmal recht
+tüchtig spritzen müssen.</p>
+
+<p>Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten
+vor, indem er das dachte. Er trug jetzt die
+Glaskugel ans Freie hinaus.</p>
+
+<p>Da kam ihm Tobler, mit einem wahrhaft noblen
+<span class="pagenum"><a name="Page_115">115</a></span>neuen Anzug bekleidet, entgegen und erklärte ihm,
+daß er heute mit Frau und Kindern ausreisen
+wolle. Man könne nicht immer zu Hause sitzen,
+und der Frau müsse man auch einmal eine Freude
+gönnen. Was Joseph beträfe, so werde der wahrscheinlich,
+wie Tobler denke, nach der Stadt fahren,
+um seine dortigen Freunde aufzusuchen.</p>
+
+<p>»Das laß du nur einstweilen meine Sache sein,
+das mit den Freunden,« gab Joseph dem Herrn
+im stillen als stumme Antwort zurück. Laut sagte
+er, nein, er wolle heute da bleiben, es passe ihm
+besser so.</p>
+
+<p>»Das können Sie meinetwegen halten, wie Sie
+wollen,« sprach Herr Tobler. Ungefähr nach einer
+halben Stunde stand die kleine Ausflugsgesellschaft,
+bestehend aus den beiden Ehehälften Tobler, den
+beiden Knaben, dem Fräulein aus der Nachbarschaft
+und der kleinen Dora, reisefertig vor dem Haus,
+um dem an einem ziemlich weit entfernten Ort stattfindenden
+kantonalen Sängerfest einen halbtägigen
+Besuch abzustatten. Frau Tobler hatte ein schwarzseidenes
+Kleid an und sah beinahe imponierend
+darin aus. Sie empfahl Pauline Obacht über
+das Haus an, und zu Joseph sagte sie in gemütlichem
+Ton, er möge ebenfalls ein bißchen aufpassen
+auf alles, was um das Haus herum vorgehe,
+<span class="pagenum"><a name="Page_116">116</a></span>da er doch, wie sie gehört habe, zu Hause
+bleiben wolle.</p>
+
+<p>Endlich begab man sich fort unter dem Geheul
+des an der Kette festgebundenen Hundes, den es
+bitter zu verdrießen schien, allein zurückbleiben zu
+müssen. Neben Joseph kauerte die Silvi, das
+Schwesterchen der Dora, am Boden. Dieses Mädchen
+schien sich nicht im geringsten über die Ungerechtigkeit,
+die ihr widerfuhr, zu grämen. Darin,
+daß allein sie von den vier Kindern dagelassen
+wurde, erblickte sie etwas Alltägliches. In der Tat
+war sie längst an allerlei Zurücksetzungen gewöhnt,
+derart, daß ihr beinahe schon alles Empfinden dafür
+abhanden gekommen war.</p>
+
+<p>»Viel Vergnügen zu Hause, Marti,« hatte
+Tobler zu Joseph noch gesagt.</p>
+
+<p>»Ja viel Vergnügen! Sorgen Sie gefälligst
+für Ihr Vergnügen, Herr Ingenieur Tobler,« dachte
+Joseph ein wenig bitter, als er es sich, mit einem
+Buch in der Hand, auf dem Bett, das er halb abdeckte,
+oben in seinem <ins title="Luftgemach">Lustgemach</ins>, bequem gemacht
+hatte:</p>
+
+<p>»Da gehen sie, diese merkwürdigen Herrschaften
+Tobler, mitsamt dem sauren Engel aus der Parkettfabrik,
+auf vergnügliche Sängerfahrten, und die
+kleine Silvi lassen sie zu Hause wie ein widerwärtiges
+<span class="pagenum"><a name="Page_117">117</a></span>Häuflein Unrat. Diese Silvi ist nur so
+ein kleines Hudelchen, für das das schöne Sonntagswetter
+zu schade ist. Die schöne Frau Tobler
+mag das Mädchen nicht ausstehen, es ist ihr zu
+wenig schön, da muß es eben zu Hause sitzen. Und
+dieser Herr Unternehmer! Vor drei Tagen noch
+haben ihn die Wut und das Gefühl der Enttäuschung
+von links nach rechts und im Kreis
+herum geschüttelt, daß es ein Jammer gewesen ist,
+und heute sagt er zu mir, er wünsche mir viel Vergnügen,
+und ich solle in die Stadt zu Bekannten
+und Freunden fahren. Er fürchtet, ich würde mit
+Pauline, seiner Dienstmagd, anbandeln, das ist
+alles.«</p>
+
+<p>Er gestand sich, daß er zu bitter sei und zwang
+sich zur Lektüre des Buches. Da ihm aber dies
+nicht gelingen wollte, legte er das Buch beiseite,
+trat an den Tisch heran, nahm seine private Feder
+zur Hand und einen Streifen Papier und schrieb
+folgendes darauf:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Memoiren.</p>
+
+<p>Ich habe soeben gehässige Gedanken hegen
+wollen, aber ich verbiete mir das. Dann habe
+ich lesen wollen, aber ich bin dazu nicht imstande
+gewesen, der Inhalt des Buches hat mich nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_118">118</a></span>ergriffen, da habe ich das Buch weggelegt, denn
+es ist mir unmöglich zu lesen, ohne begeistert von
+der Lektüre zu sein. So sitze ich nun an diesem
+Tisch und beschäftige mich mit der eigenen Person,
+da ich niemanden auf der Welt besitze, der begehrt,
+von mir irgendwelche Nachrichten zu erhalten. Wie
+lange habe ich nun schon keinen warmen Brief geschrieben?
+Jener Brief an die Frau Weiß gibt
+mir deutlich zu verstehen, wie es mich aus dem Kreis
+nahestehender und teilnehmender Menschen herausgeschüttelt
+und -gerüttelt hat, wie sehr mir Menschen
+fehlen, die aus natürlichen Gründen ein billiges
+Recht haben, von mir Auskunft über mein Wesen
+und Treiben zu fordern. Jener Brief ist mit einem
+ersonnenen und erdichteten Gefühl geschrieben worden,
+er ist wahr, aber er ist zugleich eine Erfindung
+gewesen, herauserfunden aus einem Geist, der erschreckt
+ist, darüber, daß ihm einfachere und näherliegende
+Beziehungen vollständig mangeln. Bin
+ich ruhig jetzt? Ja. Und ich sage zu der mittäglichen
+Stille, was ich jetzt sage. Rund um mich
+herrscht sonntägliche Ruhe, schade, daß ich das nicht
+irgend einem Menschen von Gewicht mitteilen kann,
+denn das wäre ein ganz hübscher Briefanfang.
+Doch jetzt will ich mein Wesen ein bißchen beschreiben.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_119">119</a></span>Joseph hielt einen Augenblick inne und fuhr
+dann fort zu schreiben:</p>
+
+<div class="letter"><p>Ich komme aus gutem Hause, aber ich glaube,
+ich habe eine etwas zu flüchtige Erziehung genossen.
+Ich will mit diesen Worten keineswegs meinen
+Vater oder meine Mutter anklagen, behüte Gott
+im Himmel, sondern ich will nur versuchen, ob ich
+mir klar darüber werden kann, was mit meiner
+Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von
+Welt, der die Mühe gehabt hat, mich zu ertragen.
+Die Verhältnisse, in denen ein Kind aufwächst, erziehen
+dasselbe großenteils. Die ganze Gegend und
+Gemeinde helfen mit, es zu erziehen. Das elterliche
+Wort und die Schule sind freilich die Hauptsache,
+aber was ist das für eine Art und Weise,
+mich hier mit meiner eigenen, werten Person zu befassen,
+ich gehe lieber baden.</p></div>
+
+<p>Der zum Tagebuchschreiben so wenig taugliche
+Gehülfe legte die Feder beiseite, zerriß das Geschriebene
+und verließ das Zimmer.</p>
+
+<p>Nach dem Bad gab es ein Mittagessen mit
+Pauline und Silvi. Die ziemlich roh fühlende Magd
+suchte unter beständigem Gelächter, das bei Joseph
+bezüglich ihres Betragens Zustimmung voraussetzte,
+dem Kind Manieren beizubringen, während sie doch
+selber kaum solche besaß. Das eitle und herzlose
+<span class="pagenum"><a name="Page_120">120</a></span>Bemühen gipfelte in dem mehrere Male wiederholten
+Vormachen und Einexerzieren der Führung
+von Messer und Gabel, wobei irgendwelcher Erfolg
+des Unterrichtes gar nicht erwartet, ja nicht einmal
+gewünscht wurde, da ja sonst das Vergnügen des
+barschen und belustigenden Einstudierens vorbei gewesen
+wäre. Das Kind saß da und schaute mit
+großen, tatsächlich dummen Augen bald seine Lehrmeisterin,
+bald den gleichmütig zuschauenden Joseph
+an und verschüttete in ziemlich garstiger Weise ihr
+Essen, worüber sich Pauline in einem erneuten und
+übertriebenen Entrüstungswortesturm berauschte, der
+für Silvi ernst, aber für Joseph komisch wirken
+sollte, gleichsam, um zwei entgegengesetzte Welt- und
+Lebensanschauungen mit einem Streich zu befriedigen.
+Silvi benahm sich so läppisch, daß es die
+Dienstmagd, der seitens der Mutter des Kindes
+beinahe unbeschränkte Herrschaft über das kleine
+Wesen zuerteilt worden war, für passend fand oder
+für nötig erachtete, den Tunichtgut ohne Umstände
+zu ohrfeigen und an den Haaren zu schütteln, so
+daß Silvi laut aufschrie, nicht vielleicht so sehr des
+körperlichen Schmerzes wegen, der übrigens gar so
+geringfügig auch nicht war, als wegen eines letzten
+Stümpchen Stolzes, verletzten, erniedrigten Kinderstolzes,
+sich derart von einer fremden Person, wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_121">121</a></span>die Pauline eine war, malträtieren lassen zu müssen.
+Joseph schwieg dazu. Angesichts des kindlichen Zornes
+und Schmerzes spielte die Magd handkehrum
+die ernstlich Gekränkte und Beleidigte; das kam daher,
+weil Joseph gar nicht lachen wollte, was sie
+ganz unbegreiflich fand, und auch daher, weil Silvi
+nicht ruhig sich hatte schlagen lassen, was sie in
+ihrer Gedankenlosigkeit und Roheit als selbstverständlich
+vorausgesetzt hatte. »Ich will dich schreien
+lehren, du Unflat,« rief sie, oder krächzte sie vielmehr,
+und nahm das Kind, das von seinem Platz
+weggelaufen war, und stellte es wieder auf seinen
+Stuhl, wobei das Geschöpfchen hart an die Rücklehne
+desselben anprallte. Silvi mußte Gabel und
+Messer von neuem, und zwar ordentlich, wie ihr
+die Lehrerin und Erzieherin durch einen strengen
+und spitzen Zuruf befahl, in das Händchen nehmen,
+um die wehmütige und appetitlose Mahlzeit gezwungenermaßen
+zu beenden. Sie sah infolge der
+verweinten Augen für Pauline noch viel dümmer
+und ungerader als vorher aus, und da lachte denn
+das Muster aller Erziehungsmethoden der Welt laut
+auf. Der Anblick der traurig essenden Silvi mußte
+auf ihre Lachmuskeln geradezu erschütternd wirken.
+Der Humor war also wieder da. Ein schamloses
+Mundwerk ist nie zu verachten, und so frug denn
+<span class="pagenum"><a name="Page_122">122</a></span>mit breiter Stirn, auf der sich bäuerlich-beschränktes
+Erstaunen deutlich abmalte, Pauline den still dasitzenden
+Joseph, ob er etwa böse sei, oder was er
+sonst habe, daß er gar kein Wort rede? Die Dreistigkeit
+und Stiernackigkeit dieser mutwilligen Frage
+machten, zu einem unerträglichen Eindruck vereint,
+denselben heftig erröten. Er hätte seine Tischnachbarin
+tätlich angreifen müssen, wenn er es hätte
+unternehmen wollen, sie von dem Gefühl, das ihn
+beherrschte, zu überzeugen. So murmelte er nur
+etwas und stand vom Tisch auf, welches Benehmen
+die Magd in dem Instinkt bestärkte, der ihr weis
+machte, Joseph sei in allem ein sehr wenig verträglicher
+und vertraulicher Mensch, der es sicherlich
+darauf müsse abgesehen haben, sie zu kränken und
+unwirsch zu machen. Diese neue boshafte Empfindung
+bekam Silvi sogleich zu kosten, indem ihr befohlen
+wurde, den Tisch abzuräumen, eine Arbeit,
+der sich Pauline eigentlich selber zu unterziehen gehabt
+hätte. Das Kind, eifrig bemüht, dem Befehl
+der Tyrannin und Unterdrückerin nachzukommen,
+stellte sich jeweilen, wenn es etwas vom Tisch herunter
+zu nehmen hatte, auf die Zehen der kleinen
+Füße, erfaßte mit beiden Händen je eine Schüssel,
+einen Teller oder ein paar Bestecke und trug so
+Stück für Stück demütig und sorgsam, und den
+<span class="pagenum"><a name="Page_123">123</a></span>Küchenwüterich stets anschauend, an den Platz hinaus,
+wo die Sachen gereinigt werden mußten. Es
+tat dies so, als trüge es in den Ärmchen und Händchen
+jedesmal eine kleine, dornige, feuchte Krone,
+die von den eigenen Augen schimmernd naß geweinte
+Krone des frühen und unabänderlichen Kinderleides.</p>
+
+<p>Joseph ging in den Wald hinauf. Der Weg
+dahin war sehr hübsch und sehr still. Natürlich
+war er, während er so ging, von Gedanken an die
+kleine, verhutzelte und verschuggte Silvi in Anspruch
+genommen. Pauline kam ihm wie ein gefräßiger
+Raubvogel vor und Silvi wie die Maus, die sich
+unter den Krallen des grausamen Tieres befand.
+Wie konnte Frau Tobler ihr zartes Töchterchen diesem
+Drachen von Dienstmagd ausliefern? Aber
+war denn Silvi so zart und die Magd so sehr ein
+Drache? Vielleicht war alles das gar nicht so schlimm.
+Man würde da leicht zu Übertreibungen neigen,
+wollte man von der einen Seite sofort das Teuflischste,
+was es in der Welt gab, annehmen, und
+vom andern Teil das Lieblichste und Beste. Der
+»Unflat« Silvi war ja schon ein wenig ein solcher,
+aber Pauline war Pauline. Joseph erschien es undenkbar,
+im stillen etwas Günstiges von Pauline
+aussagen zu dürfen, als höchstens etwa, daß ihr
+<span class="pagenum"><a name="Page_124">124</a></span>Vater ein ehrlicher Bahnwärter und Landmann sei.
+Aber was hatte das Bahnwärterhaus mit dem brutalen
+Vergnügen an der Kindermißhandlung zu
+tun? Möglich war es ja, daß der Vater der Pauline
+ein halber, wütender Stier sein konnte, was
+wußte man denn Genaues! Aber diese feine, beinahe
+aristokratische Toblerdame, diese Mutter, diese
+aus echt bürgerlichen Kreisen herstammende Frau,
+die das zarte Empfinden mit der Muttermilch einsog,
+diese Kluge, in mancher Hinsicht sogar Schöne,
+was war es mit der? Was hatte die für Ursache,
+das Kind zu verstoßen und zu verschuggen? Joseph
+freute sich an diesem kuriosen Wort: »verschuggen«,
+er fand es für die Eigentümlichkeit, die es benannte,
+so kennzeichnend. »Verstoßen«, das erinnerte ein
+wenig an die Märchenbücher, aber »verschuggen«
+konnte man heute noch so gut arme, kleine, wehrlose
+Kinder wie vor aberhunderten von Jahren.
+Solches gelang ja sogar in einer Villa Tobler, dem
+Ort, wo zwei Feen sich so gern aufhielten, nach
+Toblers eigener Redensart, der Anstand (es muß
+anständig zugehen bei mir) und die Säuberlichkeit
+(potz tausend, mehr Ordnung, haben Sie gehört).
+Konnten zwei so reizende Feen etwas so Unsauberes
+und in der Tat Unanständiges, wie es die
+fortwährende Demütigung eines kindlichen Gemütes
+<span class="pagenum"><a name="Page_125">125</a></span>war, in ihrem Beisein dulden, war das möglich?
+Wie es schien, ja! Es war eben allerlei möglich,
+in dieser Welt, wenn man sich die Mühe und
+Liebe nahm, auf einem Wiesenspaziergang ein bißchen
+darüber nachzudenken.</p>
+
+<p>Joseph begegnete fast gar keinen Leuten. Ein
+paar Bauern standen am Weg. Zu beiden Seiten
+desselben streckten sich üppige Wiesen aus, von hunderten
+von Fruchtbäumen besetzt. Es war alles so
+eng und zugleich so weit und so grün. Bald langte
+er im Wald an, er entdeckte nach kurzer Zeit des
+Umherlaufens eine kleine, enge, von einem Wasser
+durchzogene Waldschlucht und machte es sich im
+Moos bequem, indem er sich einfach auf den weichen
+Boden hinfallen ließ. Der Bach murmelte so
+artig, durch die Blätter der hohen Buchen blitzte
+die Sonne, so bekannt, so wohlig, und das saftige
+Grün umwob die Schlucht wie mit feinen, süßen
+Schleiern. Hier wäre für eine romantische Geschichte
+ein schöner, passender Schauplatz gewesen.
+Von irgend woher aus den umliegenden Hochebenen
+ertönten Schüsse, da war wohl in ziemlicher
+Nähe ein Schießstand. Wie still sonst! Kein Lüftchen
+konnte in diese grüne, verborgene Welt hineindringen.
+Die Bäume hätten vorher umfallen müssen,
+aber es waren hohe und alte, die hielten einem
+<span class="pagenum"><a name="Page_126">126</a></span>Unwetter, ja zehn Unwettern stand, und heute sah
+es da oberhalb der Schlucht nicht nach Winden
+und Wettern aus. Irgend ein Ritterfräulein in
+Samtrock und ledernen Handschuhen, das weiße
+Roß an der Leine führend, das reiche, goldene
+Haar ungebunden tragend, hätte jetzt daherkommen
+können, Joseph würde sich nicht allzusehr über den
+Auftritt gewundert haben. So sah es hier aus,
+ganz nach ritterlichen und frauenhaften Begebenheiten.
+Aber was konnte viel Schönes und Ritterliches
+in der Nähe der Villa Tobler vorkommen?
+Etwa gar die Pauline, oder Tobler selber als
+abenteuerlustiger und ebenso gekleideter Unternehmer?
+Unternehmungen, ja, die gab es in Hülle
+und Fülle, kein Zweifel, aber was für welche?
+Was hatten technische Unternehmungen mit grünen
+Waldschluchten, weißen Rössern, edlen, lieben Frauengestalten
+und mit mutigen Taten zu tun? Ritten
+in früheren Jahrhunderten die Ritter und Unternehmer
+auch auf der »Reklame-Uhr« und auf dem
+»Schützenautomaten«, oder auf ähnlichen Gäulen
+herum? Gab es damals auch schon »verschuggte«
+Kinder, Ecepecen Silvi? O ja, aber eben, man
+nannte sie »Verstoßene«, und heute nannte sie da
+so einer, der zwischen dem herrlichsten Grün im
+Moose lag, »Verschuggte«.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_127">127</a></span>
+Er lachte. O es war so schön hier. Im Wald
+ist die Stille eine doppelte. Ein weiter Ring von
+Bäumen und Gesträuchen bildet die erste Stille,
+und die zweite, noch schönere, ist der eigene erwählte
+Platz. So wie der Bach murmelte, glaubte
+man sich schon in lange, kühle Träumereien verstrickt,
+und so wie man ins Grün hinaufschaute,
+befand man sich mitten in silbernen und goldenen
+und guten Weltanschauungen. Die selber erdachten,
+einem fernen und nahen Bekanntenkreis entnommenen
+Personen flüsterten leise, sie sagten etwas,
+oder sie machten bloß Mienen, während die Augen
+eine tief innerliche Sprache für sich redeten. Die
+Gefühle traten nackt und mutig auf, und das Feinstempfundene
+traf ein verborgenes, sehnsuchtsvolles
+Verständnis an. Die Lippen und Gedanken, ohne
+der Zeiträume und Lebensstraßen zu bedürfen, küßten
+sich, wenn sie sich erkannt hatten; auf den Lippen
+sah man die Freude hochaufbrennen, und aus
+den Gedanken heraus sang eine zu Bach, Busch
+und Waldstille passende, freundliche Wehmut. Man
+brauchte nur zu denken, es werde bald Abend werden,
+und so schienen auch schon alle bekannten und
+unbekannten Landschaften im Abendlicht zu schwimmen.
+Der Wald über dem Kopf des Träumers
+hob und senkte und wiegte sich leise und tanzte in
+<span class="pagenum"><a name="Page_128">128</a></span>dem hinaufgerichteten Auge, und für das Auge war
+das Mittanzen keine Frage. Wie schön ist es hier,
+sagte Joseph mehrmals still für sich. Plötzlich hatte
+er eine lebhafte Erinnerung aus dem Kindheitleben.</p>
+
+<p>Damals, in der Jugendzeit, gab es auch so eine
+Art Schlucht, aber eigentlich war es mehr eine Sandsteingrube,
+aber eine so seltsame und zierliche, wie
+er später nie wieder eine gesehen hatte. Diese rundliche
+Grube befand sich am Rand eines ausgedehnten
+Buchen- und Tannen- und Eichenwaldes, er
+und seine Geschwister entdeckten sie eines Tages auf
+einem hin und herstreifenden Nachmittagsspaziergang.
+Es war auch an einem Sommersonntag, vielleicht
+war es auch schon ein wenig gegen den Herbst zu.
+Die Kinder waren vorausgesprungen, Spiele erfindend
+und betreibend, hinterher kamen die Eltern.
+Die neuaufgefundene Grube erwies sich als der
+herrlichste Spielplatz, man beschloß, dazubleiben und
+die Eltern hier zu erwarten. Diese kamen an, und
+auch sie fanden den Ort reizend, es gibt Naturpunkte,
+die einfach berücken, so dieser. Die Ränder der Grube
+waren von einem wahren, kaum durchdringbaren
+Baumdickicht bewachsen, so daß es eigentlich nur
+neugierigen Kindern aufbewahrt bleiben konnte,
+den Ort ausfindig zu machen. Freilich befand sich
+an einer Stelle eine breitere Öffnung zum bequemen
+<span class="pagenum"><a name="Page_129">129</a></span>Durchschreiten. Mutter setzte sich auf ein Rasenbord
+und lehnte sich mit dem Rücken an eine Tanne an.
+Es gab da mitten in der Grube eine kleine Erhöhung
+natürlichen Ursprunges, die, da sie so hübsch
+mit jungen Bäumen besetzt war, von selbst zum
+Sitzen und Liegen einlud. Wem hätte das nicht
+gefallen müssen? Der Ort, wie er dalag, schien von
+einer sinnigen Naturschwärmerhand geschaffen worden
+zu sein, aber nein, die Natur selber, so unbekümmert
+sie sonst ist, war hier gleichsam so zartfühlend
+gewesen, indem sie die Traulichkeit und Geschlossenheit
+selber erschuf. Rund um die kleine Erhöhung
+streckte und rundete sich eine Spielbahn,
+eine Waldwiese, bewachsen von den wunderlichsten
+Gräsern, Kräutern und wilden Blumen, die einen
+berauschenden, romantischen Duft verbreiteten. Von
+der übrigen Welt sah man nichts als ein Stück
+Himmel, das die hohen Bäume am Rand der Grube
+gesetzmäßig den Blicken abschnitten. Das Ganze glich
+einem Plätzchen in einem weitläufigen, herrschaftlichen
+Garten, nicht einer zufälligen Waldstelle. Die
+Eltern schauten schweigsam dem Treiben der Kinder
+zu, die sich, eines das andere, die steilansteigende
+Sandwelle der Grube hinauf und hinabjagten, wobei
+gelacht und geschrieen wurde. Diese frühen
+Stimmen. Wie man nur so wild sein konnte. Die
+<span class="pagenum"><a name="Page_130">130</a></span>Kinder waren alle darüber erfreut, daß es der
+Mutter hier gefiel, daß sie ruhig sitzen bleiben durfte,
+umweht von den Annehmlichkeiten eines so hübschen
+Ruheplatzes. Sie kannten die Wünsche und Bedürfnisse
+des Muttergemütes. Bald schien denn
+auch der ganze Ort erfüllt zu sein von diesem freundlichen,
+gedankenvollen Gefallen und von dem kindlichen
+Meinen, Glauben und Hoffen, das Richtige
+getroffen zu haben. Ein sonderbarer Gemütszauber
+machte die lebhaften Spiele noch um ein Bedeutendes
+beliebter und stürmischer. Man durfte sich jetzt,
+da die Mutter zufrieden zu sein schien, schon ein
+wenig Ausgelassenheit über das gewöhnliche Maß
+erlauben. Wie es in fast jedem bürgerlichen Familienhaus
+irgend eine bedrückende Misere gibt: hier
+war sie vollständig neben die Seite gestellt worden,
+ja, die Welt schien man vergessen zu haben. Die
+Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter,
+ob sie böse war oder nicht, nein, sie schaute gütig
+und im übrigen gemessen gradaus. Das war
+ein gutes Zeichen, und der kleine Grashügel selbst
+schien von da an Empfindung bekommen zu haben.
+»Sie ist gut aufgelegt,« flüsterten den Kindern die
+Blätter der rauschenden Bäume zu. Wenn die
+Mutter lächeln konnte, was eine so große Seltenheit
+war, dann lächelte ihnen die ganze umliegende
+<span class="pagenum"><a name="Page_131">131</a></span>Welt zu. Mutter war schon damals krank, sie litt
+an übergroßer Empfindlichkeit. Wie süß kam nun
+den Kindern das ruhige Daliegen der Frau vor,
+an der das Unglück herumnagte. Das Unglück schien
+von diesem traulichen Winkel verbannt zu sein, und
+so lispelte und flüsterte denn eine Freude in jedem
+Grashalm der kleinen, weltentrückten Waldwiese
+und ein freundlicher Glauben in jeder Tannennadel.
+Im Schoß der Mutter lagen ein paar Feldblumen,
+und der Sonnenschirm lag neben ihr, den Händen
+war irgend ein Buch entglitten. Das Gesicht, das
+die Kinder fürchteten, sah so friedlich aus. Da
+durfte man schon toben und schreien und Übermütigkeiten
+einfädeln. Jeder Zug des Gesichtes
+sagte: »Ja tobt nur, es geht jetzt. Tobt euch nur
+aus, es macht nichts.« Und der ganze liebliche Ort
+schien sich gesellig und stürmisch mit im Kreise des
+Spieles zu drehen. &ndash; »Das war eine Grube gewesen,
+und hier ist nur eine Waldschlucht, und das Haus
+Tobler ist in der Nähe, und es ist eine unverzeihliche
+Sünde, zu träumen, wenn der Mensch das dreiundzwanzigste
+Jahr überschritten hat.«</p>
+
+<p>Joseph machte sich auf den Heimweg.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und
+zugleich zierlich, als werde es von lauter Anmut
+<span class="pagenum"><a name="Page_132">132</a></span>und Lebensgenügsamkeit bewohnt! Solch ein Haus
+ist nicht leicht umzuwerfen; fleißige, geschickte Hände
+haben es dauerhaft zusammengefügt, mit Mörtel,
+Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht es
+nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was können
+ein paar geschäftliche Verfehlungen solch einem
+Haus schaden?</p>
+
+<p>Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei
+Seiten, aus einer sichtbaren und einer unsichtbaren,
+aus einem äußeren Gefüge und aus einem inneren
+Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig,
+ja, manchmal vielleicht noch wichtiger zum Tragen
+und Stützen des Ganzen, wie der äußere. Was
+nützt es, wenn ein Haus schmuck und gefällig steht,
+wenn die Menschen, die es bewohnen, es nicht zu
+stützen und zu ertragen vermögen? Da sind allerdings
+die geschäftlichen und ökonomischen Fehler
+von großer Bedeutung.</p>
+
+<p>Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem
+Herr Johannes Fischer seine geldspendende Hand
+jählings zurückgezogen hat. Gibt es nur einen einzigen
+darlehnfähigen Menschen auf der Welt? Wenn
+so, dann mußte ja Tobler den Mut wirklich verlieren.
+Wie kommt er aber dann gerade jetzt dazu,
+sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es
+scheint halt doch, der Mann hat noch nicht das
+<span class="pagenum"><a name="Page_133">133</a></span>mindeste verloren, sonst dächte er wohl kaum an
+solche Bauereien.</p>
+
+<p>Unten auf der Landstraße stehen öfters Menschen
+still, biegen den Kopf zur Höhe und schauen
+sich die Villa gemächlich an, und man gewinnt,
+wenn man von oben herabschaut, den Eindruck, daß
+diese zufälligen Beobachter über den Anblick erfreut
+sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein beim Anschauen
+eines so reizend gelegenen Hauses? Schon
+allein der kupferne Turm ist ja allen Interesses
+wert. Der Turm hat ja auch genug Geld gekostet.
+Auf die Idee, daß die diesbezügliche Rechnung
+oben im Bureau im Fach der unbezahlten Rechnungen
+liegt, wird nicht so leicht jemand, der in
+den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu
+machen Haus und Garten einen viel zu wohlhabenden
+Eindruck.</p>
+
+<p>Der Verwalter der Bank von Bärenswil ist
+ja gewiß schon ein wenig nachdenklich geworden,
+darüber, daß es im Hause Tobler Sitte sei, die zur
+Zahlung präsentierten Wechsel unter dem Gesuch,
+dieselben prolongieren zu lassen, zurückzuweisen.
+Aber er hütet sich, die Gedanken des Mißtrauens
+und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen
+hat, laut zu äußern. Es kann alles nur
+eine vorübergehende Krisis sein, und ein Bankverwalter
+<span class="pagenum"><a name="Page_134">134</a></span>ist in der Regel kein Waschweib, sondern
+ein mit sich selbst strenger Mann, der weiß, was
+vorlaute Bemerkungen einem strebenden und mit
+der Existenz ringenden Geschäftsmann für Unheil
+anrichten können. Man ist ein wenig stutzig geworden,
+runzelt in seinem Direktionszimmer leicht
+die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste,
+aber man schweigt, denn man dient dem Handel
+und dem industriellen Verkehr der aufblühenden
+Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu, obschon
+es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf
+dem Hügel zum Abendstern ein bißchen bergab geht.
+Die Banken und Sparkassen haben gewöhnlich einen
+feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen
+reden erst dann, wenn die Gewißheit der endgültigen
+Zahlungsunfähigkeit buchstäblich vorhanden ist. Da
+kann Tobler also noch ins Fäustchen lachen und
+froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage
+ruht in der Sparbank von Bärenswil wie in einem
+wohlverschlossenen Grabe.</p>
+
+<p>Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern
+rauschende Sänger- oder Turnerfestlichkeiten mitzumachen,
+der wird wohl noch im geheimen irgend
+eine Kreditquelle liegen und fließen haben, die er
+eben nur deshalb noch nicht auftut, weil er diese
+letzte aller Hülfsbewegungen bis jetzt noch nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_135">135</a></span>nötig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau
+hat, die, wenn sie durchs Dorf geht, von allen
+Seiten fröhlich gegrüßt wird, mit dem wird es sicher
+noch nicht so schlimm stehen.</p>
+
+<p>Und es stand ja auch gar nicht so schlimm.
+Geld konnte über Nacht in das technische Bureau
+hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte
+vorläufig nur Geduld zu haben, die Erfolge mußten
+sich ja einstellen. Welcher reiche und unternehmende
+Mann konnte einer Annonce widerstehen, die mit
+den Worten begann: »Glänzendes Unternehmen«?
+Und wenn einer einmal so weit gekommen war
+und angebissen hatte, würde man ihn schon zu halten
+verstehen. Man würde es nicht so machen wie mit
+dem Herrn Fischer, der ja übrigens, wenn man sich
+die Sache recht überlegte, vielleicht gar nicht gesonnen
+gewesen war, Ernst zu machen, und der daher
+eigentlich auch gar nicht verdient habe, daß
+man ihn so ernst nahm.</p>
+
+<p>War die Reklame-Uhr etwa plötzlich ins Wasser
+gefallen? I woher. Im Gegenteil, heller und
+schimmernder als je prangten die eleganten Flügel
+ihrer Reklamefelder, und der Schützenautomat?
+War man nicht mit der Herstellung eines ersten
+Exemplares desselben schon seit Wochen beschäftigt?
+Kam nicht der tüchtigste und dienstfertigste aller
+<span class="pagenum"><a name="Page_136">136</a></span>Mechaniker fast täglich in die Villa, um mit Tobler
+Karten zu spielen? Andere Leute spielten auch
+Karten und tranken ihr Glas Wein, und prosperierten
+trotzdem, warum Tobler nicht? Das war
+nicht einzusehen.</p>
+
+<p>Dazu, um voreilig kleinmütig zu werden, war
+Herr Tobler nicht nach »diesem Lumpen-Bärenswil«
+gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es
+durchaus sein mußte, auch noch leisten, und zur
+Genüge. Nein, es galt gerade jetzt, diesen Hechten
+und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um die
+neugierigen, spöttischen Nasen herum, was ein lebendiger
+und arbeitsfroher Mensch und Mann zu
+leisten imstande war, selbst noch in dem Augenblick,
+wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschäftshauses
+auseinanderzugehen drohten. Und
+deshalb ließ Tobler, unbekümmert um das, was
+man sich im Dorf in den Wirtshäusern in die Ohren
+flüstern würde, den Garten umbauen, um eine
+Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen Heuwagen
+voll Geld kosten.</p>
+
+<p>Diese Bärenswiler mußten nicht triumphieren
+dürfen, das wäre noch besser gewesen! Denen mußte
+man mit aller verfügbaren Gewalt die Freude versalzen,
+die diese Menschen empfinden würden, wenn
+es so weit käme, daß Tobler wie ein Hampelmann
+<span class="pagenum"><a name="Page_137">137</a></span>im Kasperletheater »abzotteln« müßte. Nein, so
+weit war man noch nicht. Und zum Trotz würde
+Tobler gelegentlich der Einweihung seiner Grotte,
+sobald sie nur einigermaßen fertig hergestellt wäre,
+an die angesehensten Bürger des Dorfes, an solche,
+die es mit ihm etwa noch ein bißchen aufrichtig
+meinten, Einladungskarten schicken, damit sie sähen,
+wie fest und wie überlegen er das Leben betrachtete
+und anpackte.</p>
+
+<p>Wer sich für seine Familie, wie Tobler, verantwortlich
+fühlte, wer Frau und vier Kinder sein
+eigen nannte, den stieß man noch nicht so rasch von
+einem einmal erworbenen und bewohnten Platz
+und Punkt herunter. Da sollten nur ihrer ein paar
+herankommen, er würde sie davonjagen mit Hieben,
+geblitzt und gestrahlt aus den bloßen, zornigen
+Augen. Und wenn sie dann noch nicht genug hätten,
+die Speck- und Wurstesser, nun, so würde es
+ihm eben einfallen können, den einen oder den andern
+von ihnen handlich anzupacken und über den
+Gartenzaun hinüberzuwerfen, Umstände würde er
+in einem solchen Fall nicht machen.</p>
+
+<p>Aber so weit war es noch lange nicht. Noch
+hatte die Firma C.&nbsp;Tobler, technisches Bureau,
+überall uneingeschränkten Kredit bei den Handwerks-
+und Geschäftsleuten von Bärenswil. Tapezierer
+<span class="pagenum"><a name="Page_138">138</a></span>und Schreiner, Schlosser und Zimmermann,
+Fleischer und Weinhändler, Buchbinder und Buchdrucker,
+Gärtner und Kürschner lieferten ihre Arbeiten
+und Waren, ohne sofortige Zahlung zu fordern,
+in vollem Vertrauen auf eine spätere, gelegentliche
+Regulierung, in die Villa zum Abendstern.
+Von einem Getuschel und Gezischel in den öffentlichen
+Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler
+schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog,
+bloß auf diesen Fall und für diese Lage zum voraus
+einzuüben, und das auch nur dann, wenn ihn
+ein Mensch oder eine geschäftliche Sache geärgert
+hatten.</p>
+
+<p>Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit
+und Wohlanständigkeit rings in die schöne Umgebung
+hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden
+Sonne, erhoben von einem grünen, wundervoll
+zum See und zur Ebene herablachenden Hügel,
+umgeben und umarmt von einem wahrhaft herrschaftlichen
+Garten, steht es da, die reine bescheidene
+und besonnene Freude. Nicht vergebens wird es
+von zufällig vorübergehenden Spaziergängern lange
+angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum
+Anschauen. Hell glänzen seine Fensterscheiben und
+seine weißen Gesimse, bräunlich winkt der schöne
+Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest her
+<span class="pagenum"><a name="Page_139">139</a></span>da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majestätischen
+Bewegungen, in Zuckungen, Windungen
+und flammenartigem Geröll um die schlanke,
+feste Stange. Dieses Haus drückt in seiner Bauart
+und an seinem Bauplatz zweierlei Gefühle aus,
+das der Lebendigkeit, und das der Ruhe. Ein ganz
+klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als
+die tief in den lieben, alten Gärten versteckten Herrenhäuser
+älteren Ursprungs, aber es ist lieblich,
+und wer darin wohnt und dabei denken muß, es
+könne sein, daß er es unehrenhafterweise verlassen
+müsse, dem darf übel zumut sein, er hat Ursache.</p>
+
+<p>Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr
+Tobler.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Si-vi, Si-vi!</p>
+
+<p>Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet
+es nicht einmal recht. Ein grobes, seit Jahren nicht
+mehr geschliffenes Küchenmesser kann ebenso gut Sivi
+rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers
+das l nicht zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen
+weiß diese Magd ausgezeichnet, wenn es
+die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die
+Befehlshaberstimme zu einem Säuseln und Lispeln
+herab. Zu der Dora sagt die Pauline immer: Do-li,
+denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge auf das
+<span class="pagenum"><a name="Page_140">140</a></span>r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich
+genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets
+wegläßt. Aber Si-vi klingt eben spitz, und die Silvi
+will man verwunden, man will ihr schon mit dem
+bloßen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mädchen
+spricht niemand liebevoll.</p>
+
+<p>Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen,
+da geht es wohl mit ganz natürlichen Dingen
+zu, daß alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen
+besteht aus Zucker, wenigstens meint man
+das eine Zeitlang, denn aus allen Ecken tönt und
+flötet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus,
+daß man glaubt, es müsse eine schneeweiße Konditorei
+in unmittelbarer Nähe sein. Dora ist beinahe
+nicht Fleisch und Bein, sondern es sind Mandeln,
+Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens,
+so voll ist die Luft um das Mädchen
+herum von Artigkeiten, Süßigkeiten, Knixen und
+Liebkosungen.</p>
+
+<p>Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit
+selber. Sie liegt dann, in Kissen gebettet, auf dem
+Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der
+Hand und ein Engelslächeln auf den Lippen. Jedermann
+geht hin und schmeichelt ihr, auch Joseph
+tut das, er muß es beinahe tun, es zwingt ihn, denn
+die Kleine ist wirklich schön. Sie ist ganz der Vater,
+<span class="pagenum"><a name="Page_141">141</a></span>dieselben dunklen Augen, dieselbe Fülle des Gesichts,
+ein und dieselbe Nase, überhaupt ganz Herr Tobler.</p>
+
+<p>Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes
+Abbild der Mutter, eine zugleich verkleinerte, aber
+auch ziemlich mißratene Photographie derselben.
+Armes Kind! Was kann sie dafür, daß man sie
+schlecht photographiert hat? Sie ist dünn und doch
+plump. Sie scheint von Charakter, wenn man bei
+einem Kind von einem solchen sprechen darf, mißtrauisch,
+und in der Seele scheint sie falsch und
+verlogen zu sein.</p>
+
+<p>Wie ist dagegen Dorli entzückend aufrichtig im
+ganzen Wesen. Deshalb hat man sie ja auch im
+ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern.
+Man macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr.
+Joseph trägt die Dora im Garten herum, auf den
+Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so tut
+er's. Sie bittet so schön. Der Himmel selber scheint
+ihr auf den Lippen zu liegen, wenn sie bittet. Weiße,
+kleine Wolken scheinen diesem Kinderhimmel alsdann
+zu entschweben, und irgendwo, meint man, müsse
+jemand plötzlich angefangen haben Harfe zu spielen.
+Sie bittet und befiehlt zugleich. Eine Art unwiderstehlicher
+Befehl ist immer mit einer tatsächlich schönen
+Bitte verbunden.</p>
+
+<p>Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schüchtern, zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_142">142</a></span>verschlagen dazu, sie getraut sich nicht recht, es zu
+tun, aber um bitten zu können, muß man ein unbändiges,
+kräftiges Vertrauen zu sich und zu andern
+haben. Wenn man den schönen Mut zu einer flehentlichen
+Bitte finden soll, muß eines zum voraus
+von der Erfüllung derselben fest, ja felsenfest überzeugt
+sein, aber Silvi ist von niemands Güte überzeugt,
+da man sie nur zu rasch und zu unvorsichtig
+an ganz anderes gewöhnt hat. Ein verprügeltes
+Hudelgeschöpfchen wie Silvi wird leicht von Tag
+zu Tag unliebenswürdiger und häßlicher zum Anschauen
+und Ertragen, weil sich ein solch kleiner
+Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht
+nimmt, sondern sogar, aus einem geheimen, schmerzlichen
+Trotz, den nur niemand einem unentwickelten
+Kind zutraut, bemüht, durch ein immer schlechteres
+Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen
+stets höher zu reizen. Es ist überhaupt
+mit der Silvi ganz eigentümlich, es ist einem fast
+unmöglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht.
+Die Augen beurteilen sie sogleich schlecht, nur das
+Herz, wenn man eines hat, sagt hinterher: Arme,
+kleine Silvi!</p>
+
+<p>Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte,
+Edi, der Jüngere, der Vernachlässigte. Aber in gewissen
+Familien sind Knaben höher im allgemeinen
+<span class="pagenum"><a name="Page_143">143</a></span>geschätzt als Mädchen, so daß es nicht möglich ist,
+daß einem weniger geliebten Knaben in einem solchen
+Maß alle gütige, warme Zuneigung verloren geht,
+wie es beim »verschuggten« Mädchen der Fall sein
+kann. Auch in der Familie Tobler ist das so:
+Walter und Edi sind, zusammengerechnet, ein höherer
+Wert als das weibliche Doppelgebild Dora
+und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene
+Naturen, der erste ist ein wilder, zu Streichen aufgelegter,
+aber offenherziger Bursche, während Edi
+gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt,
+ganz wie Silvi, sein Schwesterchen, und sehr wenig
+spricht, ebenso wie diese. Edi macht sich auch nie
+über Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen
+den beiden ein unausgesprochenes, aber vielleicht
+um so natürlicher empfundenes Einverständnis. Ja,
+sie spielen sogar zusammen. Walter würde nie mit
+Silvi Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich über
+sie lustig und mißhandelt sie oft, weil man den
+Knaben daran gewöhnt hat, nichts dabei zu empfinden.</p>
+
+<p>Von Silvi muß noch erwähnt werden, daß sie
+fast jede Nacht ihr Bettchen vernäßt, trotzdem sie
+von Pauline regelmäßig aus dem Schlaf geweckt
+wird, um auf das Nachttöpfchen gesetzt zu werden.
+Diesem körperlichen Makel hat die Kleine hauptsächlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_144">144</a></span>die strenge Behandlung, welcher man sie
+aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des
+festen Glaubens, sie sei zu faul zu erwachen und
+vom Bett aufzustehen. Pauline hat Auftrag von
+Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken
+unsauber sei, und zwar jedesmal, und wenn
+Ohrfeigen nichts nützen, so solle die Magd nur den
+Möbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht
+eher etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So
+hört man denn oft mitten in der Nacht ein jämmerliches
+Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen,
+vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen
+Schimpfnamen, die Pauline der Sünderin
+glaubt anhängen zu müssen. Morgens muß Silvi
+das Häfchen, das sie während der Nacht benutzt
+hat, selber nach unten tragen. Es ist dies auch eine
+Verordnung der Mama, die der Ansicht ist, daß es
+sich für eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit
+eigenen Händen zu besorgen, die Pauline habe auch
+sonst noch genug zu tun. Da sitzt dann das Hutzel-
+und Hudelkind mit dem bewußten Gegenstand, den
+sie in kurioser Weise neben sich hinstellt, auf einem
+der Treppenabsätze und scheint, wenn man sie so
+betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die sonst
+den Ruf haben, sich um arme, schutzlose Kinder zu
+bekümmern, verlassen zu sein. Wenn sie sich »zum
+<span class="pagenum"><a name="Page_145">145</a></span>Überfluß« noch widerspenstig zeigt, sperrt man sie
+in den Keller, und dann ist des Geschreies und
+Polterns gegen die zugeschlossene Kellertüre kein
+Ende, so daß sogar Nachbarn, schlichte Arbeiterleute,
+auf den Jammer, der aus der Villa tönt, aufmerksam
+werden.</p>
+
+<p>Tobler weiß von alledem wenig, er ist ja so
+selten zu Hause, jetzt geht er überhaupt immer mehr
+auf Reisen. Er ist von Geschäftssorgen erfüllt und
+kann sich der Erziehung und Überwachung seiner
+Kinder in nur ganz geringem Grade widmen. So
+ein Mann, wie Tobler einer ist, überläßt gern die
+häuslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist
+und kämpft in Dingen der Reklame-Uhr und des
+Schützenautomaten. Der Mann trägt die Verantwortung,
+da müßte man hoffen dürfen, die Frau
+trage die Liebe und die Mühe. Der Mann kämpft
+mit der Existenz, und die Frau sorgt für die Haltung
+und für das friedliche Benehmen zu Hause.
+Inwiefern das Frau Tobler tut, wird es sich zeigen?
+Vielleicht.</p>
+
+<p>Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten
+geben. Die Kinder Tobler bilden ein
+sehr ungleichmäßiges Viereck. An den vier Spitzen
+des Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi.
+Walter spreizt seine Beine und zerreißt seinen frechen
+<span class="pagenum"><a name="Page_146">146</a></span>Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt am
+Finger und lächelt und schaut auf die sie bedienende
+Silvi herab, die der Prinzessin die Schuhe binden
+muß. Edi schnitzt an einem Holzstück herum, das
+er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die
+Arbeit, die das Taschenmesser, dessen er sich bedient,
+leistet, versunken. Wo ist da Regelmäßigkeit? Wie
+kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht
+sein? Pauline schaut zum Küchenfenster heraus.
+Diese Person aus den weiteren Volksschichten hat
+verwunderlicherweise keinen Sinn für Gerechtigkeit,
+oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich
+das unregelmäßige Viereck, die Kinder zerstreuen
+sich, jedes in seine Art und Weise hinein, in die
+Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen,
+und in den Weltraum rund um das
+Haus Tobler herum, in die Schmerzen und Freuden
+hinein, in die Demütigungen und in die kosenden
+Worte, in die Stube und in den täglichen Kreis,
+in die Schlafnächte und in den Fortgang der kindlichen
+Erfahrungen. Vielleicht üben sie sogar einen
+gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder
+des Toblerschen Unternehmungenschiffes aus.
+Wer kann's wissen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Im Laufe der Woche, die im übrigen ruhig
+<span class="pagenum"><a name="Page_147">147</a></span>verlief, waren eines Abends zwei Leute, Herr und
+Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern
+zu Besuch gekommen. Es war recht gemütlich gewesen,
+wie man sich auszudrücken pflegt. Man
+holte wieder einmal ein Spiel Karten und »jaßte«.
+Der »Jaß«, so hieß in der weiten und breiten Landesgegend
+ein beliebtes, ja sogar national gefärbtes
+und angehauchtes Kartenspiel. Frau Tobler, die
+es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden
+ist, bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte,
+unterrichtete Frau Doktor Specker in den zahlreichen
+Kniffen, die dasselbe enthielt, letztere Dame war
+darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an
+diesem Abend viel gelacht und gescherzt worden.
+Joseph wurde das Amt eines Kellermeisters übertragen,
+er hatte Wein aus dem Keller zu holen
+und den Inhalt der Flaschen dann in die Gläser
+zu gießen, und es zeigte sich bei dieser Gelegenheit,
+daß er einen gewissen Stolz besaß, der Tobler dumm
+vorkam, aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen
+Takt, so daß sich sein Chef nicht zu genieren
+brauchte, ihn mit den herrschaftlichen Gästen näher
+bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter,
+hatte Tobler laut gesagt, auf welche Worte sich
+Joseph vor der Dame und dem Herrn aus dem
+Dorf verneigte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_148">148</a></span>
+Was waren es denn eigentlich für Leute gewesen?
+Er war Arzt und dazu ein noch blutjunger
+Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar
+nichts weiteres vor, als die Bestätigung in Weibesgestalt,
+die Frau des Arztes zu sein, weiter gar
+nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und führte
+sich als solche den ganzen Abend still und schüchtern
+auf. So war Frau Tobler nicht ganz, der sah man
+denn doch, namentlich wenn man beide Frauen miteinander
+verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig,
+aber an der Frau Doktor Specker war gar nichts
+Geheimes. Man aß süßes Gebäck zum Wein, und
+die Herren rauchten.</p>
+
+<p>»Welch ein junger, glücklich aussehender Mensch,
+dieser Herr Arzt,« dachte Joseph, indem er sich bemühte,
+so klug und so knifflig wie möglich zu spielen.
+Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt
+richtete an den Gehülfen mehrfach Fragen, woher
+er sei, seit wie lange er in Bärenswil und bei
+Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle
+usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausführlich,
+als ihm die Zurückhaltung, die Menschen von unstetem
+Lebenswandel in solchen Fällen immer eigen
+ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug
+gespielt, und es wurden ihm nun in der Spielregel
+von allen vier Seiten des Tisches die glänzendsten
+<span class="pagenum"><a name="Page_149">149</a></span>Reden gehalten, als würde es gegolten
+haben, einen verbohrten, schwerfälligen Ketzer zu
+bekehren.</p>
+
+<p>Gesprochen war im übrigen das Alltägliche
+worden, und das war ja schließlich das »Gemütliche«
+gewesen.</p>
+
+<p>Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner
+Zwischenfall sittlichen und kulturellen Charakters
+vor, in welchem die Gestalt des Vorgängers Wirsich
+eine Rolle spielte, dermaßen, daß von diesem aus
+dem Hause Tobler beförderten Menschen einige Tage
+lang wieder die ziemlich beständige Rede war. Die
+Sache war folgende:</p>
+
+<p>Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen
+auch die Dienstmagd aus der Villa Tobler hinausgejagt
+worden, die Vorläuferin von Pauline, ein
+nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes
+und schelmisch, d.&nbsp;h. diebisch veranlagtes junges
+Weibsbild, das der Herrin, nach deren Behauptungen,
+denen man wohl glauben durfte, ganze
+Wäschestücke und anderes gestohlen hatte. Entlassen
+war sie worden wegen ihres gierigsinnlichen Wesens
+und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in ziemlich
+kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten
+war, die der Herrschaft nicht verborgen bleiben
+konnten, da sie zu augenfällig und in der Tat unanständig
+<span class="pagenum"><a name="Page_150">150</a></span>unterhalten wurden. Außerdem war die
+betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und
+das erschien als eine Gefahr für die Kinder. Sie
+hatte sich öfters plötzlich im bloßen Hemd auf der
+Treppe und in der Küche gezeigt, indem sie dann
+steif und fest und hoch und teuer, und unter Tränen
+und Krämpfen ihres fetten Leibes, auf die Vorwürfe,
+die man ihr machte, behauptete, sie habe es
+nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und müsse
+sterben, und was des zynischen und läppischen Geschwätzes
+mehr sein mochte. Da die Herrschaften
+Tobler genau um die nächtlichen Besuche wußten,
+die die lüsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer
+abstattete, so fanden sie es kluger- und billigerweise
+geraten, das Dienstverhältnis zu dem ungesunden
+und verderblichen Mädchen aufzulösen und
+ihr den Abschied zu geben.</p>
+
+<p>Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser
+Person, adressiert an Frau Tobler, im Abendstern
+an, in welchem die ehemalige Magd in einem unangenehm
+vertraulichen Ton schrieb, es seien über
+Frau Tobler in der Gegend, wo sie wohne, Gerüchte
+verstreut worden, dahin deutend, ihre frühere Herrin
+habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem
+Wirsich, ein Liebesverhältnis unterhalten, woran
+sie, die Magd, in keinerlei Weise glaube, da sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_151">151</a></span>zum voraus überzeugt sei, daß nur lästerliche und
+lügenhafte Zungen es seien, die so etwas hätten
+sagen können. Aber verpflichtet habe sie sich gefühlt,
+der Frau, bei der sie so lange Zeit gedient
+hätte, von den abscheulichen Lästerreden Mitteilung
+zu machen, um sie zu warnen usw.</p>
+
+<p>Dieser Brief, der natürlich weder orthographisch
+richtig noch auch nur vernünftig geschrieben war,
+versetzte die Empfängerin in die hellste Entrüstung,
+denn die darin enthaltene Anhänglichkeit eines
+Dienstboten an die frühere Herrschaft war ebenso
+sehr erlogen, wie das Vorhandensein eines schlimmen
+Gerüchtes betreffs das Betragen der Frau
+Tobler. Diese zeigte den Brief Joseph, es war um
+die Mittagsstunde, man saß draußen im Gartenhaus,
+und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte
+ihn, nachdem sie ihn das Schreiben hatte
+durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer energischen
+Antwort, die sie der frechen Lügnerin schulde, behülflich
+zu sein.</p>
+
+<p>»Warum nicht? gern!« gab Joseph der erregten
+und ungehaltenen Frau zur Antwort. Da er dies
+in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn
+der Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affäre
+hineinwickelte, beinahe kränkte, so glaubte Frau
+Tobler, er tue ihr nicht gern den erbetenen Gefallen
+<span class="pagenum"><a name="Page_152">152</a></span>und sagte, wenn er es nicht gern tue, so könne sie
+es ja wohl auch noch allein zustande bringen.
+Zwingen wolle sie ihn durchaus nicht. Es scheine
+ihm eben kein Vergnügen zu bereiten, ihr zu dienen,
+und höflich sei sein Benehmen ihr gegenüber heute
+auch nicht gerade.</p>
+
+<p>»Wieso kein Vergnügen?« entgegnete Joseph
+beinahe zornig, »erteilen Sie mir einen strikten Befehl.
+Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefaßt
+haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in
+ein paar Minuten ist die Sache erledigt. Es braucht
+gar kein besonderes Vergnügen dabei zu sein.«</p>
+
+<p>Das war ungezogen. Frau Tobler fühlte das
+und wandte ihm, indem sie ihn mit einem erstaunten
+Blick maß, den Rücken. Joseph kehrte stillschweigend
+zu seiner Arbeit zurück.</p>
+
+<p>Nach ein paar Minuten erschien auch Frau
+Tobler, noch ganz ereifert, im Bureau, bat sich von
+dem Gehülfen eine Feder, sowie einen Briefbogen
+aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte
+einen Augenblick nach und fing an zu schreiben.
+Da dies etwas Ungewohntes für sie war, hielt sie
+mehrmals während der Übung inne, wobei sie hochaufseufzte
+und laut über die Schlechtigkeit des niederen
+Volkes klagte. Endlich war sie fertig geworden,
+und da konnte sie sich des Bedürfnisses
+<span class="pagenum"><a name="Page_153">153</a></span>doch nicht erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten
+zu zeigen, um dessen Meinung zu hören.
+Der Brief war an die Mutter der heimtückischen
+Magd gerichtet und lautete:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Geachtete Frau!</p>
+
+<p>Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer
+Tochter, meiner ehemaligen Dienstmagd, und daß
+ich es nur gleich sage, ein unverschämtes und nichtswürdiges
+Schreiben. Es werden darin, unter dem
+Schein der Treue und Anhänglichkeit an die Herrschaft,
+Beleidigungen der gröbsten Art gegen eine
+Frau ausgestoßen, die, weil sie gütig und nachsichtig
+gewesen ist, nun dafür bestraft wird, daß
+sie nicht hart und mitleidlos hat sein können. Wißt,
+geachtete Frau, daß Eure Schande von Tochter mich,
+währenddem sie hier im Dienst war, bestohlen hat,
+und daß ich sie dem Gericht überliefern könnte, wenn
+ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich
+zu vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget,
+geachtete Frau, dafür, daß dieser Nichtsnutz seinen
+Schnabel halte. Ich weiß, wer es ist, und wer die
+Gerüchte sind, die über mich Schlechtigkeiten und
+Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes
+als dieselbe freche Person, die sich selber bei
+mir im Haus der Verletzungen guter Sitte und züchtigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_154">154</a></span>Lebenswandels schuldig gemacht hat, und zwar,
+wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit
+dem die lügnerische Schwätzerin nun mich, ihre Herrin
+von ehemals, in eine schmutzige Verbindung
+setzen will. Der empfangene Brief hat mich in die
+höchste Aufregung versetzt, daß Ihr es wisset, Frau!
+Und nun habt acht auf die Böswillige, ich rate es
+Euch im freundlichen und schwesterlichen Sinne hiermit
+an, weil Ihr, wie ich gern annehme, achtenswert
+seid und nichts dafür könnt, daß Euer ausgeschämtes
+Mädchen ein »Räf« ist. Andernfalls
+würde ich mich zu keinen so langen und gutmütigen
+Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch vorstellen
+könnt, zu strafrechtlichen Maßregeln veranlaßt
+sehen. Die Hochachtung, die die Welt einer
+Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn es nötig ist,
+nicht hindern, vor die Schranken der öffentlichen
+Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer
+Ehre bestraft zu sehen.</p>
+
+<p class="center">Somit achtungsvoll, Eure Euch grüßende<br/>
+Frau Carl Tobler.</p></div>
+
+<p>Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen
+hatte, er finde denselben gut, nur scheine
+er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil, wie
+Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher
+<span class="pagenum"><a name="Page_155">155</a></span>ins Mittelalter als in die gegenwärtige Welt, die
+daran sei, die bestehenden gesellschaftlichen Rang-
+und Geburtsunterschiede allmählich, wenn auch nur
+nach außen, zu verwischen und aufzulösen. So
+schroff dürfe schließlich eine bürgerlich geborene Frau
+einer andern bürgerlich Geborenen nicht schreiben,
+das könne nur böses Blut erregen und den Wunsch
+und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die
+Wohlhabenheit tue im übrigen gut, sich gegenüber
+der Armut nicht allzuhoch aufzurichten, sondern es
+dünke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter
+der Magd ganz einfach »Sie«, und »Sehr geehrte
+Frau« zu sagen, damit ein etwas herzlicherer und
+zugleich höflicherer Ton da sei, was sicher nicht schaden
+könne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht
+ans Briefeschreiben gewöhnt, wie er sehe. Dies erhelle
+sich schon aus dem Vorhandensein der zahlreichen
+Schreibfehler, die er während des Lesens
+bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er
+sich gern dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz
+korrigieren.</p>
+
+<p>Er lachte und bemerkte des weitern, er würde
+auch die Behauptung, daß das Mädchen eine Diebin
+sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er seinerseits
+keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen,
+was Frau Tobler sage, zweifle, aber es könnten,
+<span class="pagenum"><a name="Page_156">156</a></span>sagte er, dumme Geschichten daraus entstehen, die
+mehr Verdruß als Genugtuung einbrächten. Ob
+sie Beweise habe?</p>
+
+<p>Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich,
+dann sagte sie, sie wolle einen zweiten Brief schreiben.
+Ihre Erregung habe jetzt ein wenig nachgelassen,
+und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder
+schreiben können. Aber der ganze Brief müsse doch
+in einem energischen Ton abgefaßt sein, sonst habe
+er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie lieber
+schon gar nicht.</p>
+
+<p>Während sie schrieb, wurde sie, ohne daß sie
+es merkte, von Joseph beobachtet, der ihren Rücken
+und Hals betrachtete. Das schöne, frauliche Haar
+betupfte und berührte in kleinen, geringelten Löckchen
+den schlanken Hals. Wie schlank überhaupt diese
+ganze Frauenerscheinung war. Da saß sie nun und
+bemühte sich, dem Sinn und Verstand gemäß, und
+der Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend,
+an eine Frau zu schreiben, die vielleicht kaum lesen
+konnte. Joseph bedauerte jetzt unwillkürlich, indem
+er sie so anschaute, ihr bezüglich ihres gutbürgerlichen
+Hochmutes, den er im Grunde genommen
+reizend fand, Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn
+rührte etwas am Aussehen dieses Frauenrückens,
+dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten verzog,
+<span class="pagenum"><a name="Page_157">157</a></span>wenn der darunter befindliche Leib sich ein
+bißchen bewegte. War diese Frau schön? Im landläufigen
+Begriff sicher nicht, im Gegenteil. Aber
+auch das Gegenteil entsprach nicht den landläufigen
+Begriffen. Joseph würde noch ruhig weitere Betrachtungen
+angestellt haben, wenn sich die schreibende
+Frau nicht umgedreht hätte. Beider Augen
+begegneten sich. Diejenigen des Gehülfen wichen
+denjenigen der Frau aus, das schickte sich beinahe
+so. Joseph empfand und mußte empfinden, daß
+es fast frech gewesen wäre, den Blicken der Frau
+stand zu halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens
+waren, das so vortrefflich den Hochmut
+widerspiegelte, der der Frau, man konnte es nicht
+leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren
+denn überhaupt Gehülfenaugen gut, als zum Ausweichen
+und Niederschlagen, und welcher andere
+Ausdruck war diesem andern Augenpaar natürlicher
+als der Ausdruck des Erstaunt- und Verwundertseins?
+Er bückte sich demzufolge wieder auf seine
+Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt
+gar nicht so besonders zu tun war.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus
+beim <ins title="Kaffetrinken">Kaffeetrinken</ins> einen etwas unfeinen Auftritt.</p>
+
+<p>Frau Tobler, die nun wieder gänzlich beruhigt
+schien, fing plötzlich an, lebhaft den Wirsich zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_158">158</a></span>rühmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in allem
+Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen,
+wie er sich in jeden kleinen Dienst und in
+jede Aufgabe sogleich, ohne viel Wesens zu machen,
+hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei
+sie Joseph mehrmals spöttisch, wie er es empfinden
+mußte, anschaute, was ihn beleidigte. Er rief deshalb
+aus:</p>
+
+<p>»Dieser ewige Wirsich. Man möchte bald meinen,
+er sei ein einzig dastehendes Genie gewesen.
+Warum befindet er sich denn eigentlich nicht mehr
+hier, da man doch beständig von seinen geradezu
+himmlischen Eigenschaften redet? Weil er betrunken
+gewesen ist? Und glaubt man denn, man habe ein
+Recht, alles und jedes Gute von der Person eines
+Angestellten zu verlangen, und einen Menschen
+wegzujagen, in die offene, schwierige Welt hinaus,
+nur weil eine seiner Eigenschaften, eine einzige, die
+übrigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist
+wahrhaftig ein bißchen zu viel verlangt. Da haben
+wir Treue und Klugheit, Wissen und Dienstfertigkeit,
+Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle
+diese Eigenschaften, und noch einige feine andere
+dazu, stecken wir in unsere Dienste, nehmen wir
+gleichmütig und fröhlich hin, weil sich das so schickt,
+und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes
+<span class="pagenum"><a name="Page_159">159</a></span>voll Auszeichnungen für die Hingabe derselben Gehalt,
+Kost und Logis geben. Und nun bemerken
+wir eines Tages den dunklen Fleck am schönen
+Körper, und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit,
+und wir lassen den Mann sein Bündelchen
+schnüren und fortziehen, wohin er will, aber
+wir reden nachher noch einen halben oder ganzen
+Meter und ein ganzes Jahr lang und breit von
+ihm und seinen &rsaquo;guten Eigenschaften&lsaquo;. Man muß
+zugeben, daß das kein so gar besonders korrektes
+Verhalten ist, insbesondere dann nicht, wenn man
+alle diese köstlichen und königlichen Dinge dem
+Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf
+die Nase bindet, wie Sie, gnädige Frau Tobler,
+mir, dem Nachfolger Ihres Wirsich.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um
+den aufrührerischen Eindruck seiner etwas langen
+Rede zu besänftigen und zu zerstreuen. Er hatte
+ein bißchen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen
+war, und um dem <ins title="Empfindlichen von">empfindlichen Ton</ins> seiner
+Sprache einen lustigen Anstrich zu geben, lachte er,
+aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen.</p>
+
+<p>Joseph habe nicht nötig, sagte Frau Tobler
+nach einigem Stillschweigen, so zu ihr zu reden,
+einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei erstaunt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_160">160</a></span>ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen.
+Wenn er so stolz und empfindlich sei, daß er seinen
+Vorgänger nicht rühmen hören könne, so sei es
+für ihn besser, sich eine Einsiedlerhütte oben im Wald
+zu bauen und da zu hausen, wo nur Wildkatzen
+und Füchse leben, unter die Menschen müsse er dann
+lieber nicht gehen wollen. In der Welt dürfe einer
+nicht alles auf eine so scharfe Wage nehmen. Sie
+werde im übrigen nicht umhin können, ihrem Mann
+von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren Rede Kenntnis
+zu geben, damit Tobler wisse, woran er mit
+seinem Angestellten sei.</p>
+
+<p>Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem
+Augenblick rief Joseph aus:</p>
+
+<p>»Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich
+bitte um Verzeihung!«</p>
+
+<p>Frau Tobler streifte den jungen Mann mit
+einem Blick der Verachtung, sie sagte: »Das ist
+schon gescheiter« und ging weg.</p>
+
+<p>»Ich habe die höchste Zeit gehabt. Dort unten
+kommt Tobler!« dachte Joseph, und in der Tat
+kam eben der Chef, heute unerwarteterweise früher
+als sonst, nach Hause.</p>
+
+<p>Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was
+geschehen war, peinlich genau unterrichtet, sagte Herr
+Tobler zu Joseph:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_161">161</a></span>
+»Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu
+behandeln? Was?«</p>
+
+<p>Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er,
+als deren Klagen nicht aufhören wollten, zugerufen,
+sie solle ihm »weggehn mit so dummen Sachen.«</p>
+
+<p>Tatsächlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere
+Dinge zu bedenken.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer
+wieder einmal der stille, von einer Lampe erleuchtete
+Schauplatz eines laut vor sich hergesprochenen
+Selbstgespräches. Joseph, indem er sich Rock und
+Weste auszog, sagte folgendes zu sich:</p>
+
+<p>»Ich muß mich besser zusammennehmen, das
+geht nicht mehr so. Was hat mich nur antreiben
+können, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen?
+Achte und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem
+Mund einer solchen Dame herauskommt? Und
+inzwischen muß sich der arme Herr Tobler auf Geschäftsreisen
+abplagen, und sein Herr Angestellter
+treibt in Gartenhäusern, neben einer Tasse Kaffee,
+solchen Gefühlsunsinn. Solche Frauengeschichten!
+Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler
+an diesem Wirsich manches Gute zu rühmen weiß?
+Das ist doch so einfach. Dieser bleiche Ritter mit
+der Armesündermiene hat ihrem Weibergemüt Eindruck
+<span class="pagenum"><a name="Page_162">162</a></span>gemacht. Muß mich das aufregen? Wieso
+denn? Statt stündlich und halbstündlich an die technischen
+Unternehmungen zu denken, lasse ich es mir
+angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter
+zu überzeugen. Von was? Aha, Charakter! Als
+ob es nötig wäre, daß ein Ingenieur-Angestellter
+Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dümmsten
+Dinge in einem Kopf, der sich zu einem wirklich
+nutzbringenden und geschäftefördernden Nachdenken
+verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig
+Pflichtgefühl? Ich esse hier Brot und trinke Kaffee
+und verbinde mit diesen hübschen Vorteilen und
+Nutznießungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht
+nach schädlicher Gedankenlosigkeit. Und dann
+halte ich halbstündige Reden vor einer erschrockenen
+und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, daß sie
+mich erbost hat. Was nützt das Herrn Tobler?
+Wird dadurch seine finanziell schwierige Lage leichter?
+Haben sich dadurch die an den Mann zu
+bringenden Geschäfte von der Lähmung, die gegenwärtig
+an ihnen haftet, erholt? Ich bewohne hier
+eines der aussichtsfreisten und schönstgelegenen Zimmer
+der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft
+sind mir als Gratiszulage vor die Blicke und
+Füße gelegt worden, und womit rechtfertige ich ein
+solches verschwenderisches Entgegenkommen? Durch
+<span class="pagenum"><a name="Page_163">163</a></span>»Kopflosigkeit«! Was geht mich der Wirsich an
+samt seinen nächtlichen Weiberbesuchen? Etwas viel
+Wichtigeres geht mich viel näher an, und das ist
+die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage,
+deren Interessen ich im Kopf und im Herzen tragen
+sollte. Im Herzen? Warum nicht? Das Herz muß
+bei einer Sache sein, wenn die Finger und die Gedanken
+richtig sollen arbeiten können. Am Herzen
+liegen! Nicht umsonst sagen die Leute so.«</p>
+
+<p>Er zergrübelte sich lange darüber den Kopf,
+was man wohl jetzt noch tun könnte, um der Reklame-Uhr
+stramm auf die Beine zu helfen, über welchem
+»geschäftlichen Nachdenken« er endlich einschlief.</p>
+
+<p>Mitten in der Nacht erwachte er plötzlich. Er
+richtete sich in den Kissen <ins title="auf!">auf:</ins> Ah, das war Silvis
+Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe, öffnete sie
+und horchte, und da hörte er die Töne einer widerwärtigen
+Szene. Es war Paulines Stimme, die
+jetzt rief:</p>
+
+<p>»Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und
+dich aufs Töpfchen zu setzen, du wüstes Geschöpf?«
+Silvi wimmerte und suchte sich mit abgebrochenen
+Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen
+mochte, denn zur Antwort auf ihre jämmerlichen
+Entgegnungen gab ihr die Magd Hiebe, daß es
+klatschte wie nasse Wäsche.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_164">164</a></span>
+Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter,
+in das Schlafzimmer der Kleinen, und machte
+Pauline milde Vorwürfe. Diese aber rief, er habe
+sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun
+habe, und er solle nur machen, daß er fortkomme,
+worauf sie die Silvi, wie um zu zeigen, welche
+Autorität sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren
+riß und ihr befahl, sich wieder ins Bett zu legen,
+und zwar, zur Strafe, in das durchnäßte.</p>
+
+<p>Der Gehülfe entfernte sich wieder, scheinbar
+demütig das Regiment der Zuchtmeisterin anerkennend.
+»Morgen oder übermorgen oder wann
+es sei,« dachte er, indem er sich von neuem schlafen
+legte, »muß ich der Frau Tobler eine zweite Rede
+halten. Mag es lächerlich sein. Es nimmt mich
+doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter
+des Hauses Tobler bin ich verpflichtet, ein Wort
+für die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch ein
+Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten
+habe.«</p>
+
+<p>Am nächsten Sonntag eilte er per Bahn nach
+der Hauptstadt, nachdem er ein Fünfmarkstück wie
+gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war
+schönes, heißes Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging
+den blauleuchtenden See entlang. Schon beim Aussteigen
+aus dem Wagen kam ihm die früher so
+<span class="pagenum"><a name="Page_165">165</a></span>wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch
+eine verhältnismäßig nur kurze Abwesenheit einen
+Ort umgestalten und ganz anders färben konnte;
+er hätte das nie für möglich gehalten. Es kam ihm
+alles so klein vor. Am Quai, längs des Seeufers
+spazierten im grellen Mittagssonnenschein eine Menge
+Menschen. Was für ganz fremde Gesichter! Und
+so arm erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich
+waren es ja Leute aus dem dürftigen, arbeitenden
+Volk, keine Herren und Damen, aber etwas
+Kümmerliches, das nichts mit der Dürftigkeit der
+wirtschaftlichen Armut zu tun hatte, wob sich um
+dieses ganze, helle Spaziergängerbild. Es war nichts
+anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die
+ihm entgegenblendete, und er fühlte es auch und
+sagte sich, daß, wenn einer bereits seit Wochen in
+der Toblerschen Villa lebe, er nicht nötig habe, sich
+über den Anblick eines Städtebildes und dessen Entfremdung
+zu verwundern. Bei Toblers gäbe es
+eben dickere, rötere Gesichter und festere Hände und
+ein gewichtigeres Auftreten, als wie man es hier
+in der leichten Stadt sähe, wo die Menschen nur
+zu bald mager und unscheinbar von Aussehen werden.
+Das Kleine und Enge sei immer eine ziemlich
+große und bedeutende Welt für sich, sobald man
+eine Zeitlang in nichts anderes mehr hineingeschaut
+<span class="pagenum"><a name="Page_166">166</a></span>habe, während gerade umgekehrt das Weite und
+wirklich Bedeutende anfangs klein und unansehnlich
+erscheine, weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt
+und luftig sei. Im Toblerschen Haus herrsche eben
+von Anfang an eine gewisse kleine Dicke und Fülle,
+und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich,
+wogegen die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit
+ihren breiten und auseinandergezogenen Rundsichten
+scheinbar erkälten, weil sie nach nichts Festem ausschauen.
+Das wirklich Wohltuende sei immer so
+bescheiden von Ansehen, während wiederum das
+Toblersche oder Tyrannische manches Gemütliche und
+Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern
+und dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme.
+Das irgendwo Gefesselt- und Gebundensein
+sei zuweilen wärmer und reicher voll
+zärtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tür und
+Fenster der ganzen Welt offenstehen-lassende Freiheit,
+in deren hellen Räumen den Menschen oft
+nur zu bald grimmige Kälte oder drückende Hitze
+anfahre, aber die Freiheit, die er, Joseph, meine,
+du liebe Zeit, das sei doch am Ende das Schicklichste
+und Schönste und enthalte unsterblichen Zauber.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Bald kam ihm denn auch das Bild städtischen
+Sonntaglebens nicht mehr so fremdartig und flüchtig
+und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um so
+<span class="pagenum"><a name="Page_167">167</a></span>vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm
+alles. Er ließ seine Augen mitten unter die vielen
+Spaziergänger spazieren gehen, mit seiner an die
+Toblersche Küche gewöhnten Nase zog er wieder die
+Düfte der Stadt und des Stadttreibens ein, seine
+Beine marschierten wieder ganz munter auf städtischem
+Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wären.</p>
+
+<p>Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden
+die Menschen sich hin- und herbewegten.
+Wie hübsch das war, daß man sich unter das Treiben,
+Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren
+konnte. Wie hoch der Himmel war, und wie das
+Sonnenlicht es sich auf allen Gegenständen, Körpern
+und Bewegungen bequem machte, und wie leicht
+und fröhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die
+Wellen des Sees schlugen gar nicht stürmisch an
+die steinernen Dämme an. Es war alles so mild,
+so bedeckt, so leicht und hübsch, es war ebenso groß
+wie klein geworden, ebenso nah wie fern, ebenso
+weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend. Es
+schien bald alles, was Joseph sah, ein natürlicher,
+stiller, gütiger Traum geworden zu sein, nicht ein
+gar so sehr schöner, nein, ein bescheidener, und doch
+ein so schöner.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Unter den Bäumen eines kleinen Parkes oder
+Anlage ruhten Menschen auf Bänken. Wie oft
+<span class="pagenum"><a name="Page_168">168</a></span>hatte Joseph die eine oder die andere von diesen
+Bänken in Anspruch genommen, damals, als er in
+der Stadt gewohnt hatte. Er setzte sich auch jetzt,
+und zwar neben ein hübsch aussehendes Mädchen.
+Es ergab sich in einem durch den Gehülfen <ins title="eingeleitenen">eingeleiteten</ins>
+Gespräch, daß sie Münchnerin sei, die
+hier in der ihr gänzlich fremden Stadt auf Arbeit
+lauere. Sie erschien arm und unglücklich, aber schon
+so manches Mal hatte er arme und wehmütige
+Menschen auf diesen Bänken angetroffen und angeredet.
+Die beiden sprachen einiges, dann erhob
+sich die Münchnerin plötzlich, um davonzugehen.
+Ob Joseph ihr mit einer Kleinigkeit an Geld helfen
+könne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber doch
+etwas an und verabschiedete sich.</p>
+
+<p>Was saßen auf solchen öffentlichen Ruhebänken
+nicht für verschiedenartige Menschen. Joseph fing
+an, sie der Reihe nach im Kreis herum zu betrachten.
+Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem
+Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete,
+was konnte er sein, was in aller Welt, wenn
+nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht täuschte
+man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen
+Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen
+irgend etwas »vor« haben. Und dieses Mädchen
+da <i>vis-à-vis</i>, war sie eine Kokotte oder eine Anstandsdame
+<span class="pagenum"><a name="Page_169">169</a></span>oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen,
+die die Welt mit beiden, reichen, warmen
+Armen den Menschen, einem wundervollen Blumenstrauß
+ähnlich, darbietet, abholdes Zierpflänzchen
+und -Püppchen? Oder konnte sie zweierlei oder gar
+dreierlei Gattung auf einmal sein? Möglich, denn
+das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben
+ließ sich nicht so leicht in Kasten und Ordnungen
+abteilen. Und dort der alte, zerfallene Mann mit
+dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er
+gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man
+annehmen, daß er etwa sei? War er ein Bettler?
+Gehörte er zu den undefinierbaren Gesellen, die
+während der Woche in der famosen Schreibstube
+für Stellenlose sitzen, wo sie ein paar Mark im
+Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war
+er früher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug
+einst nebst dito Stock und Handschuhen? Ah, das
+Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und
+innig demütig machen, und dankbar fürs Wenige,
+für das bißchen süße, freie Luft zum Einatmen.
+&ndash; Und was war das dort links für ein feines, ja
+sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar?
+Waren es reisende und alle vorhandene
+Welt im Flug genießende Engländer oder Amerikaner?
+Die Dame trug eine zierliche Feder auf
+<span class="pagenum"><a name="Page_170">170</a></span>dem kleinen, ihr wie von irgendher angeflogenen
+Hut, und der Herr lachte, er schien sehr glücklich,
+nein, beide! Daß sie doch nur immer lachten, es
+war ja so schön, zu lachen und sich zu freuen.</p>
+
+<p>Dieser schöne, liebe, lange Sommer! Joseph
+erhob sich und ging langsam weiter, durch eine
+reiche, elegante, aber stille Straße. An Sonntagen,
+ja, da saßen eben die reichen Leute zu Hause, die
+ließen sich heute recht spärlich sehen; auf die Straße
+zu gehen, das mochte an diesem Tage nicht fein
+genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes,
+verstreutes Volk pendelte und wackelte daher,
+oft recht unschön anzuschauende Männer und Frauen.
+Welche Demut in solch einem verzettelten Spaziergängerbildnis
+war. Wie bitterlich arm ein Menschensonntag
+auftreten konnte. »Demütig werden,«
+dachte der Gehülfe, »wie ist das für so Manchen
+der letzte Lebenszufluchtsort.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und er kam allmählich durch neue und andere
+Straßen.</p>
+
+<p>Wie viele Straßen! Das dehnte sich in die
+Ebene hinaus, Haus an Haus, und die Hügel hinauf,
+und den Kanälen entlang, lauter größere und
+kleinere Steinblöcke, ausgehauen mit Wohnungen
+für reichere und ärmere Menschen. Hin und wieder
+kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue, oder eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_171">171</a></span>eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am zerbröckelnden
+Gemäuer. Joseph ging an einem Polizeigebäude
+vorüber, aus dessen Lokalen einem ihm eines
+Tages vor Jahren der Schrei eines gemißhandelten
+Menschen entgegentönte, den man geknebelt hielt
+und mit Stockschlägen zu bändigen versucht hatte.</p>
+
+<p>Es ging jetzt über eine Brücke, die Straßen
+erschienen nach und nach unregelmäßiger und loser,
+die Gegend, durch die er ging, bekam etwas Dörfliches.
+Katzen lagen vor den Haustüren, und die
+Häuser waren von kleinen Gärten umsäumt. Die
+Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die hohen
+Hauswände und auf die Bäume in den Gärten
+und auf die Gesichter und Hände der Menschen.
+Man war in der Vorstadt.</p>
+
+<p>Joseph trat in eines der neuen Häuser, die
+dieser noch beinahe ländlichen Gegend ein so merkwürdiges
+Aussehen gaben, stieg die Treppen empor,
+in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete
+sich anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den
+Staub ab und klingelte dann. Die Türe wurde
+aufgetan, und die Frau, die in der Öffnung erschien,
+stieß, wie sie den Gehülfen erblickte, einen
+leisen Überraschungsschrei aus:</p>
+
+<p>»Sie sind es, Joseph? Sie sind es? &ndash; Kommen
+Sie.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172">172</a></span>
+Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog
+Joseph in ihr Zimmer hinein. Dort schaute sie ihm
+ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas
+steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lächelte und
+sagte:</p>
+
+<p>»Wie lange haben wir uns nicht gesehen.
+Setzen Sie sich.«</p>
+
+<p>Einen Augenblick später sagte sie:</p>
+
+<p>»Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans
+Fenster. Und dann erzähle mir. Du mußt mir sagen,
+wie du so lange hast leben können, ohne mir ein
+einziges Sterbenswörtchen zu schreiben, und ohne
+mich ein einziges Mal aufzusuchen. Trinkst du?
+Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest
+Wein in der Flasche.«</p>
+
+<p>Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing
+an, ihr <ins title="vonder">von der</ins> Elastiquefabrik, von den englischen
+Pfund, von der Militärdienstzeit und von der Firma
+Tobler zu erzählen. Unten auf der vorstädtischen
+Wiese spielten und lärmten eine Anzahl Kinder im
+Abendsonnenschein. Ein oder das andere Mal pfiff
+eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen Betrunkenen
+singen und johlen hören, einer von jenen
+Gesellen, die den Sonntagabend mit wüsten, sozusagen
+brandroten Tönen zu heulen und zu charakterisieren
+pflegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_173">173</a></span>
+Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem
+jungen Bekannten zuhörte, sind sehr einfach.</p>
+
+<p>Sie hieß Klara und war die Tochter eines
+Zimmermanns. Zufälligerweise stammte sie aus
+derselben Gegend wie Tobler und kannte daher
+dessen Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch
+erzogen worden, aber von der Zeit an, da sie in's
+Leben trat, veränderten sich ihre Weltanschauungen
+völlig, sie ergab sich der Lektüre freisinniger Schriftsteller,
+wie Heine und Börne. Sie arbeitete in
+einem Photographengeschäft, zuerst als Retoucheuse,
+dann als Empfangsdame und Buchführerin; der
+Chef des Geschäftes verliebte sich in sie, und sie
+gab sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen
+zwanglosen Hingebung zu denken, ja dieselben mit
+fester und freier Stirn gewärtigend, hin und war
+sehr glücklich. Sie bewohnte noch immer das väterliche
+Haus, eine jüngere Schwester von ihr war
+inzwischen an der Auszehrung gestorben. Nach dem
+Geschäft fuhr sie täglich hin, und zurück in ihr Haus,
+mit der Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang.
+Zu jener Zeit empfing sie zum ersten Mal Josephs
+Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen,
+damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und
+liebte es, seine Ergüsse, die von jugendlich-unreifer
+Art waren, anzuhören.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_174">174</a></span>
+Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit
+gewesen. Unter dem Namen »Sozialismus« hatte
+sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich, eine zugleich
+befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe
+und um die Körper der Menschen, alte und erfahrene
+nicht ausgenommen, geworfen, dermaßen, daß, was
+nur Dichter und Schriftsteller hieß, und was nur
+jung und rasch bei der Hand und beim Entschluß
+war, sich mit dieser Idee beschäftigte. Zeitungen
+solchen Schwunges und Charakters schossen wie
+brennendfarbige, mit Düften hinreißende Blumen
+aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister heraus
+an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit. Die
+Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals
+allgemein mehr geräuschvoll als ernst. Es wurden
+häufig Umzüge veranstaltet, an deren Spitze auch
+Frauen schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen
+hoch in der Luft daherschwenkend. Was nur immer
+mit den Verhältnissen und Ordnungen der Welt
+unzufrieden war, schloß sich dieser leidenschaftlichen
+Gedanken- und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und
+zufrieden an, und was die Abenteuerlust einer gewissen
+Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und
+Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch
+hochzuheben und anderteils in die Gemeinheit
+des Tages herabzuziehen, das bemerkten die Feinde
+<span class="pagenum"><a name="Page_175">175</a></span>dieses »Gedankens« mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln.
+Die ganze Welt, Europa und die übrigen
+Erdteile, so hieß es damals unter den jungen und
+halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese
+Idee zu einer fröhlichen Menschenversammlung,
+aber nur wer arbeite, sei berechtigt, usw.</p>
+
+<p>Joseph und Klara waren damals ganz und
+gar von diesem vielleicht edlen und schönen Feuer
+ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen Meinung
+kein Wasserstrahl und keine üble Nachrede
+auszulöschen vermochte, und das sich, einem rötlichen
+Himmel ähnlich, über die ganze runde rollende Erde
+erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode
+war, die »Menschheit«.</p>
+
+<p>Sie saßen oft stundenlang, bis in die späteste
+Nacht hinein, in der Stube, die Klara in dem kleinen
+Hause ihres Vaters bewohnte, und unterhielten sich
+über die Wissenschaften und über herzliche Dinge,
+wobei Joseph, so schüchtern er sonst auch im Umgang
+mit Menschen war, immer das meiste redete,
+wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin wie
+eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenüber er
+seine Gedanken wie mehr oder weniger gut einstudierte
+Schulaufgaben zu äußern und aufzuzählen
+hatte. Wie schön waren diese Abende. Jedesmal,
+wenn er dann nach Hause ging, leuchtete ihm die
+<span class="pagenum"><a name="Page_176">176</a></span>Frau, die damals noch Mädchen war, mit einem
+Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer
+sanften Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie
+ihre Augen <ins title="leuchteten">leuchteten,</ins> wenn er sich zurückbog, um
+sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.</p>
+
+<p>Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine
+»freie Frau«, das heißt, sie fühlte sich sehr bald in der
+härtesten Weise durch ihren Freund, den Photographen,
+verraten und infolgedessen aufs tiefste
+degoutiert, so daß sie ihm eines Abends, sie selber
+lebte in den ärmlichsten Umständen, einfach die
+Türe zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende
+Wort sagte: »Geh!« &ndash; Er war ihrer unwürdig!
+Sie mußte sich das tapfer sagen, oder sie
+mußte verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht
+mehr die »Menschheit«, sondern sie betete ihr
+Kind an.</p>
+
+<p>Sie schlug sich durch, sie war mutig und war
+von jeher ans Zugreifen in die Arbeit gewöhnt
+gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen Photographenapparaten
+angeschafft und eine Dunkelkammer
+eingerichtet, und während sie die Herrlichkeiten
+der Erziehung und Pflege eines kleinen Kindes,
+die Mühen derselben, die Freuden, die Sorgen um
+dies alles empfand, photographierte sie auf Postkarten
+und verkehrte mit Händlern und Grossisten
+<span class="pagenum"><a name="Page_177">177</a></span>wie der geriebenste Geschäftemacher. Sie schloß sich
+einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein ähnliches
+Geschick wie sie selber zu kosten bekommen
+hatte, häuslich an und lebte mit ihr in ein und
+derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger,
+eine intelligente aber ungebildete Frau, ein »guter
+Kerl«, wie Klara von ihr sagte. Der Mann dieser
+Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee,
+obgleich er ein durchaus an Verstand und Gemüt
+geradegebauter Mensch, und durchaus kein religiöser
+Schwärmer war. Zu den Schwärmern war
+er einfach aus praktischen Gründen übergetreten.
+»Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du verlernst
+dort am besten das Trinken,« hatte die eigene Frau
+zu ihm gesagt. Ihr Hans »trank« nämlich.</p>
+
+<p>In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph
+als ein gerngelittener Gast häufig ein. Etwas
+zu essen und zu trinken mochte es da immer geben,
+eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel,
+wenn auch in den Schranken der Zartheit, die immer
+um Frauen von Lebenserfahrung gezogen sind,
+ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt dürfe
+man lachen, da man ein Stück Welt hinter sich
+habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften wurden
+besprochen. O man hatte nun schon vielerlei
+erfahren. Auch Joseph sprach kein Wort mehr von
+<span class="pagenum"><a name="Page_178">178</a></span>der »Menschheit«. Das war längst vorüber. Je
+schwerer es einem wurde, ein »rechter Mensch« zu
+werden, desto weniger mochte man große Worte
+in den Mund nehmen, und schwer war es, »recht«
+zu bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.</p>
+
+<p>Nach und nach kam Joseph spärlicher, und dann
+geschah es, daß er sich ein ganzes Jahr nicht mehr
+blicken ließ. Ein Tages erhielt Klara dann plötzlich
+einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen
+dürfe? Sie hieß ihn willkommen, und so
+ein paar Male, nach wiederholten, langen Absenzen,
+immer wieder.</p>
+
+<p>Und nun saß er da am Fenster, und sie
+lauschte dem, was er erzählte.</p>
+
+<p>Auch Klara erzählte, unter anderem, daß sie
+sich bald ehelich verheiraten werde. Das Kind müsse
+einen Vater haben, und sie selber bedürfe einer
+Mannesstütze, sie sei jetzt öfters unwohl und unfähig,
+das Erwerbsleben, das sie so lange geführt
+habe, zu ertragen. Sie sei zu schwach geworden,
+so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich darnach,
+die Müdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche,
+von einer Hand und von einem guten, offenen
+Willen gestreichelt und geliebkost zu sehen. Sie sei
+nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der
+Mann, den sie erwählt habe, habe sich einfach von
+<span class="pagenum"><a name="Page_179">179</a></span>ihr bereden, rühren und erwählen lassen, das Ganze
+sei eine zu einfache Geschichte, als daß sie lange
+erzählt zu werden brauche. »Er« liebe sie und begehre,
+begehre und begehre nur, sie glücklich zu
+machen. Ob das nicht das Einfachste von der Welt
+sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange
+kenne, zu dem allem sage? Er solle schweigen, denn
+sie wisse, daß er jetzt nur eine Artigkeit habe auf
+die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genüge.</p>
+
+<p>Sie gab ihm lächelnd die Hand.</p>
+
+<p>All das Vergangene, sprach sie weiter, all das
+schöne Vergangene! Wie gut es gewesen sei, all das
+Vorübergegangene, und wie »recht«. Und die <ins title="manigfaltigen">mannigfaltigen</ins>
+Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose,
+wie notwendig! Jung sein, das irre, das müsse
+ohne Gedankentiefe reden und handeln, damit es ein
+Vorwärts gebe. Nach den Erfahrungen kämen immer
+noch Gedanken und Empfindungen genug, und ein
+langes Leben erdrücke nachher das Jugendleben.</p>
+
+<p>Und sie sprachen beide von der Vergangenheit,
+indem sie einander die Worte und Ausrufe aus dem
+Mund wegnahmen, um sie gutzuheißen und nachzusagen.</p>
+
+<p>Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine
+Widersprüche, es will keine geben. Eines sagt dem
+andern die Erinnerungen nachdenklich und freundlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_180">180</a></span>nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen
+Worte finden nur Beifall und Widerhall,
+keine Einwendungen; und Auseinandersetzungen
+finden, man möchte sagen, nur im musikalischen
+Sinne statt.</p>
+
+<p>Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte
+um sie herum, und machte sie die Welt rückwärts,
+gleichsam treppab, überschauen. Sie brauchten ihre
+Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen
+von selber ihre feinen Arme und Schlingen nach
+den Gegenden des Erinnernswerten, um es spürbar
+näher zu bringen und zu tragen.</p>
+
+<p>»Wie oft bin ich launisch und ungroßherzig
+gewesen,« sagte Joseph bedauernd. Und Klara erwiderte,
+er sei doch der einzige, der immer wieder
+zu ihr komme:</p>
+
+<p>»Du machst lange Pausen, aber du kommst
+immer wieder. Du liebst es, dich selten zu machen,
+aber man hat während der Pause das Gefühl, du
+denkest an einen. Und eines Tages bist du dann
+da, und man wundert sich darüber, wie wenig du
+dich verändert, wie vortrefflich du es verstanden
+hast, der Alte zu bleiben. Und man spricht mit
+dir, als seiest du bloß in den nächstbesten Bäckerladen
+getreten, habest kein jahrelanges Loch in die
+Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir
+<span class="pagenum"><a name="Page_181">181</a></span>Flüchtling der Fall ist, seiest immer um einen herum
+gewesen. Andere Männer, Joseph, wissen für
+immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue
+Richtungen, und sie kehren nie wieder an den alten
+Freundschaftsplatz zurück. Dich vernachlässigt ein
+bißchen das Leben, hörst du, und deshalb kannst
+du so schön deinen eigenen Neigungen treu bleiben.
+Ich will dich weder verletzen noch preisen, beides
+wäre unwahr, und wir beide, nicht wahr, sind bis
+jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren.
+Was du mir bist und was ich dir bin,
+bleiben wir uns!«</p>
+
+<p>Es war Nacht geworden über den Gesprächen.
+Sie verabschiedeten sich.</p>
+
+<p>»Kommst du bald wieder?«</p>
+
+<p>Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es
+sei ja, da er doch, wie sie sage, immer der Alte
+bleibe, gleichgültig, ob er in Jahrzehnten oder in
+vier Tagen wiederkomme.</p>
+
+<p>Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du
+sonst gern genannt sein willst, wieder in der Villa
+Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr schießt
+dir als ein flügelschlagender Vogel über den etwas
+<span class="pagenum"><a name="Page_182">182</a></span>poetisch, wie es scheint, veranlagten Kopf. Der
+weichliche Sonntag ist vorüber, und der harte,
+robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt,
+und da wirst du dich in die Brust werfen müssen,
+wenn du seinem kraftvollen Willen einigermaßen
+Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der »Alte«,
+wie deine Freundin Klara sich ausdrückte, das wird
+weniger schaden, als wenn du dir plötzlich einreden
+wolltest, ein vollkommen »Neuer« zu werden. So
+von einem Tag auf den andern wird man kein
+Neuer, auch das schreibe dir, wenn es dir beliebt,
+nur gleich hinter die Ohren. Wenn aber einen
+»das Leben vernachlässigt«, auch so ein Frauensprüchlein,
+und wie es scheint, ein zutreffendes, so
+muß man gegen diese in der Tat unwürdige Vernachlässigung
+ankämpfen, hörst du, und nicht am
+heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmütigen
+Sonnenuntergangscheines mit alten Freundinnen
+über das »Vergangene« reden. Man wird so etwas
+jetzt gefälligst bleiben lassen müssen. Dagegen wird
+man sich seiner Pflichten zu erinnern haben, da
+Sonntage und Sonntagsausflüge zufälligerweise
+nicht ewig andauern, und wird müssen zugeben,
+daß diese Pflichten bislang von einem gewissen Gehülfen
+auch so ein wenig »vernachlässigt« worden
+sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn
+<span class="pagenum"><a name="Page_183">183</a></span>selber bis jetzt getan hat. Und die »Kopflosigkeit«?
+Ist sie nun endgültig beseitigt worden? So schnell
+füllen sich Köpfe nicht an, das muß erarbeitet
+werden. Dulde du nur keine Trägheit in dir, und
+so wird, meint man, nach und nach schon etwas
+in deinen Kopf kommen. Die Reklame-Uhr liegt
+am Boden und jammert nach flüssigen Kapitalien.
+Nun also, gehe auf sie zu, stütze sie, damit sie sich
+wieder langsam, Glied für Glied, erheben und sich
+in der Meinung und im Urteil der Menschen ein
+für allemal befestigen kann. Eine deines Geistes,
+wenn du willst, würdige und nutzbringende Aufgabe.
+Sorge du nur auch dafür, daß aus dem
+Schützenautomaten bald Patronen herausfallen,
+zaudere nicht so lange, zieh energisch am Hebel, die
+Maschine, die von Herrn Tobler, deinem Herrn und
+Meister, so ingeniös erdacht und ausgeführt worden
+ist, wird sich dann schon in Bewegung setzen.
+Keine Gefühle jetzt. Man spaziert nicht immer,
+man leistet auch einmal etwas, und man wird sich
+auch gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern
+so rasch wie möglich, die Bohrmaschine näher ansehen
+müssen, damit man mit allem, was das Geschäft
+Tobler betrifft, Bescheid weiß. Eine nur zu
+bescheidene Pflicht für denselben jungen Mann,
+der der Frau Tobler, was er so sehr schätzt, helfen
+<span class="pagenum"><a name="Page_184">184</a></span>darf, im Garten Wäsche aufzuhängen. Man muß
+auch die verborgenen Dinge bedenken, auf die kommt
+es an in einem Ingenieurbureau. Zum Waschseilspannen,
+mein Herr Gartenbespritzer und -Bewässerer,
+hat man Sie nicht hier hinauf auf den grünen
+Hügel berufen. Sie spritzen mit Vorliebe den Garten,
+nicht wahr? Schämen Sie sich! Und haben
+Sie auch schon nur ein einziges Mal an den patentierten
+Krankenstuhl gedacht? Nicht? Gott im Himmel,
+ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom
+»Leben vernachlässigt« zu werden.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Das ungefähr waren Josephs eigene Gedanken,
+als er am Montag Morgen früh im Bett erwachte.
+Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd
+mit dem Taghemd zu wechseln, wobei er aber
+eine gute Minute im Anblick seiner Beine versunken
+blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden
+die nackten Arme einer Prüfung unterworfen.
+Joseph stellte sich vor den Spiegel und fand es
+sehr interessant, sich hin und her zu drehen und
+seinen Körper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher
+Körper, und gesund, fähig, Anstrengungen
+und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen
+Leib ausgestattet mußte es eine wahre Sünde sein,
+länger als für das Ruhen notwendig im Bett
+liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte keine
+<span class="pagenum"><a name="Page_185">185</a></span>gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog
+sich an.</p>
+
+<p>Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit,
+und auf ein paar Minuten konnte es nicht ankommen.
+Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer
+Meinung, wie Joseph bereits tüchtig erfahren hatte,
+aber Tobler selber, der montagete heute. Unter
+montagen verstund man das länger als sonst ausgestreckt
+im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bißchen
+mehr als alle andern Wochentage Wohlseinlassen
+und Gehenlassen, und gerade Tobler, der
+war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der
+würde heute sowieso erst um halb elf Uhr unten
+im Bereiche der technischen Lösungen und Probleme
+erscheinen.</p>
+
+<p>Die Haare schienen heute früh außerordentlich
+schwer zu bürsten und zu kämmen zu sein. Die
+Zahnbürste erinnerte an vergangene Zeiten. Die
+Seife, womit man die Hände waschen sollte, glitt
+aus, fuhr unters Bett, und man mußte sich bücken
+und sie aus dem hintersten Winkel hervorziehen.
+Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er
+doch gestern prächtig gepaßt hatte. Welche wunderbaren
+Dinge. Und wie langweilig das alles war.</p>
+
+<p>An einem andern Ort und zu einer andern
+Stunde wäre das alles vielleicht niedlich, belehrend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_186">186</a></span>nett, fein, amüsant, ja entzückend gewesen. Joseph
+erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo
+ihn der Ankauf einer neuen Krawatte oder eines
+steifen, englischen Hutes in seelische Aufregung versetzen
+konnte. Vor einem halben Jahr hatte er
+eine solche Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher,
+ganz guter, normaler Hut, wie ihn die
+»bessern« Herren zu tragen pflegten. Er aber traute
+dem Hut nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal
+auf den Kopf, vor dem Spiegel, um ihn dann
+endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei
+Schritte weg von dem niedlichen Ungetüm und beobachtete
+ihn, wie ein Vorposten den Feind beobachtet.
+Es war nichts an ihm auszusetzen. Hierauf
+hängte er ihn an den Nagel, auch da erschien
+er ganz harmlos. Er versuchte es wieder mit dem
+Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten bis oben
+zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefühl, als
+ob seine Persönlichkeit eine benebelte, gesalzene,
+halbierte geworden sei. Er trat auf die Straße:
+er schwankte wie ein schnöder Betrunkener, er fühlte
+sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle,
+legte den Hut ab: gerettet! &ndash; Ja, das war eine
+Hutgeschichte gewesen. Auch Kragengeschichten, Mäntelgeschichten
+und Schuhgeschichten kamen in seinem
+Leben vor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_187">187</a></span>
+Er verfügte sich ins Wohnzimmer hinunter, um
+zu frühstücken. Er aß unbändig, geradezu unanständig.
+Es befand sich übrigens niemand am Tisch,
+aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim
+Essen brauchte man ja auch so nicht außer acht zu
+lassen. Woher er nur einen solchen Hunger hatte?
+Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben
+der Charakter, das war es. Er hatte eine solche
+kindische Freude beim Brotabschneiden, und doch
+war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand
+er ein solches Vergnügen beim Herauslöffeln der
+Bratkartoffeln, und wessen Bratkartoffeln waren es
+wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schön
+vor, noch etwas über den Appetit hinaus zu essen,
+und wem schadete er dadurch? Nachdem er so weit
+fertig war, hätte er eigentlich aufstehen können, um
+hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen,
+wenn es einem festhielt am Platz, wenn man sich
+nicht zu trennen vermochte vom Eßtisch? Da kam
+Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen
+Erscheinung.</p>
+
+<p>Im Bureau! Erst ein bißchen auf und ab
+gehen, das gehörte doch schließlich zur Sache, so
+fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich vornahm.
+Gehörte Joseph zu den Menschen, die mit
+Ausschnaufen ein Geschäft beginnen und erst nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_188">188</a></span>Beendigung desselben, das heißt, nach halber Beendigung
+energisch werden, das heißt wiederum,
+nur dazu energisch, um sich über irgend einen billigen
+Genuß herzumachen? Er zündete langsam
+einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen
+den Gedanken an die beginnende Arbeit so
+sehr versüßten, und rauchte drauf los wie das Mitglied
+eines Rauchklubs.</p>
+
+<p>Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen
+Schreibtisch, und fing an, sich nützlich zu erweisen.</p>
+
+<p>Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgeräumt,
+wie Joseph sogleich bemerkte. Man durfte
+daher etwas Leichtigkeit in das »Guten Morgen,
+Herr Tobler« legen und den Stumpen von neuem
+anzünden. In der Tat ging von der Figur des
+Vorgesetzten und Chefs der Firma eine außerordentliche
+Fröhlichkeit aus. Er schien den Abend
+vorher tapfer gezecht zu haben. Jede seiner gegenwärtigen
+Gesten sagte: »Nun, jetzt weiß ich, wo der
+Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner
+Geschäfte eine neue Wendung eintreten.«</p>
+
+<p>Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise
+nach der Richtung, die Josephs sonntägliche Vergnügungen
+eingeschlagen hätten und rief, als derselbe
+ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:</p>
+
+<p>»Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen?
+<span class="pagenum"><a name="Page_189">189</a></span>Und wie hat es Ihnen denn dort nach der längern
+Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was?
+Jawohl, die Städte vermögen manches zu bieten,
+aber man kommt schließlich doch auch gern wieder
+zurück. Habe ich recht oder nicht? Aber was ich
+sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe, entschuldigen
+Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider
+mehr am Leib. Da gehen Sie heute nur zu meiner
+Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie neu aussehenden
+Anzug von mir geben. Sagen Sie nur,
+den grauen Anzug, dann wird sie schon verstehen,
+welchen. Sie brauchen sich nicht im mindesten zu
+genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug
+nicht mehr. Und ein paar farbige Hemden mit dazugehörigen
+Brüsten und Manschetten, für Sie sicher
+ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in
+der Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht?«</p>
+
+<p>»Ich habe alle diese Sachen gar nicht nötig,«
+sagte Joseph.</p>
+
+<p>»Warum nicht nötig? Sie sehen ja selber, wie
+bitter nötig Sie's haben. Machen Sie keine Umstände,
+wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's,
+fertig.«</p>
+
+<p>Tobler war ungehalten. Plötzlich dachte er
+an etwas. Er setzte sich unter die Mechanik des
+Probe-Schützenautomaten auf einen dort stehenden
+<span class="pagenum"><a name="Page_190">190</a></span>Stuhl und sagte nach einer halben Minute: »Ich
+weiß wohl, was Sie denken, Marti. Es ist wahr,
+Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und Sie
+werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden
+Sie sich. Andere müssen jetzt eben auch Geduld
+haben. Im übrigen will ich nicht hoffen, daß
+Sie's für nötig finden, mir deswegen eine bittere
+Miene zu machen. So etwas würde ich keineswegs
+in meiner Umgebung dulden. Wer so ißt, wie Sie
+essen und eine solche Luft genießt, wie diejenige
+ist, die Sie hier oben bei mir einatmen, der hat
+noch eine lange Strecke zu laufen bis zur Klage.
+Sie leben! Denken Sie nur immer ein bißchen
+daran, in welcher Verfassung Sie dagestanden sind,
+als ich Sie dort in der Stadt engagiert habe. Sie
+sehen wie ein Fürst aus. Dafür werden Sie mir
+denn auch ein wenig Dank wissen müssen.«</p>
+
+<p>Joseph sagte, und es war ihm später unbegreiflich,
+wo er die Frechheit dazu hernahm:</p>
+
+<p>»Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie
+Ihrem Untergebenen, Ihnen zu sagen, daß es mir
+recht peinlich ist, beständig an das gute Essen, an
+die prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen,
+in denen ich schlafe, erinnert zu werden. So etwas
+kann einem die Luft, den Schlaf und das Essen
+beinahe vollständig verderben. Was muten Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_191">191</a></span>mir zu, wenn Sie glauben, Ursache zu haben, mir
+den natürlichen Aufenthalt und Genuß, den ich hier
+oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu
+müssen? Bin ich ein Bettler oder ein Arbeiter?
+Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier keine
+Szene, ich setze ganz einfach etwas für unser gegenseitig
+notwendiges Verständnis auseinander. Ich
+möchte festgestellt haben dreierlei. Erstens weiß ich
+Ihnen für alles, was Sie mir &rsaquo;bieten&lsaquo;, Dank, zweitens
+wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem
+bisherigen Betragen ruhig entnehmen, und drittens
+leiste ich etwas, ein Beweis für dieses Letztere ist
+die Tatsache, daß mein Gewissen und Ihre Klugheit
+mich immer noch hier beschäftigt sehen. Was
+die Kleidergeschenke, die Sie mir gütigst machen
+wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment
+eines Bessern besonnen: ich nehme sie mit geziemendem
+Dank an, ich kann Wäsche und Kleider
+brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton
+dieser Sprache werden Sie mir verzeihen müssen,
+oder &ndash; Sie werden gezwungen sein, mich aus dem
+Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und
+dieses Tones, denn ich habe das aufrichtige Bedürfnis
+gefühlt, Ihnen zu zeigen, daß ich mich unter
+Umständen gegen &ndash; wie soll ich sagen &ndash; Grobheiten
+wehren kann.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_192">192</a></span>
+»Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie
+dieses Mundwerk her? Es ist ja zum Lachen, das.
+Sind Sie eigentlich närrisch geworden, Joseph
+Marti?«</p>
+
+<p>Tobler fand es für das Vernünftigste, laut zu
+lachen. Aber schon im nächsten Augenblick zog sich
+seine Stirne in grimmige Falten:</p>
+
+<p>»So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, daß
+Sie imstande sind, etwas zu leisten. Bis jetzt
+habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein großes
+Maul macht noch keine nennenswerte Leistung,
+haben Sie das verstanden? Wo sind die Briefe,
+die noch beantwortet werden sollen?«</p>
+
+<p>Joseph sagte kleinmütig: »Hier!« Er war wieder
+völlig befangen. Die Briefe lagen am falschen
+Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und schleuderte
+ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu
+Boden. Er schrie:</p>
+
+<p>»Und das will noch immer aufbegehren. Passen
+Sie lieber besser auf und seien Sie weniger empfindlich.
+&ndash; Schreiben Sie!«</p>
+
+<p>Und er diktierte folgendes:</p>
+
+<div class="letter"><p>An Herrn Martin Grünen in Frauenberg.</p>
+
+<p>Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit
+zwecks Realisierung meiner Reklame-Uhr bewilligte
+<span class="pagenum"><a name="Page_193">193</a></span>Darlehn von fünftausend Mark auf den
+Ersten des kommenden Monates aufkündigen, habe
+ich erhalten und gestatte mir &ndash; haben Sie das? &ndash;
+Ihnen folgendes zu erwidern: 1. ist meine derzeitige
+finanzielle Lage derart, daß es mir eine reine Unmöglichkeit
+ist, Ihnen auf den angegebenen Termin
+den fraglichen Darlehnsbetrag zurückzuerstatten; 2. befinden
+Sie sich in einem groben Irrtum, wenn Sie
+ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf so
+unerwartet rasche Zurückzahlung zu dringen, indem
+3. zwischen uns bei Abschluß des Darlehens, so viel
+ich mich erinnere, und wie ich, wenn nötig, schwarz
+auf weiß beweisen kann, die Vereinbarung getroffen
+worden ist, &ndash; sind Sie so weit? &ndash; daß eine
+Zurückerstattung der Schuldsumme erst dann zu erfolgen
+hat, sobald die Geschäfte der Reklame-Uhr
+ein gewisses, gewinnbringendes Ziel gefunden haben. 4.
+Dies ist noch nicht der Fall. 5. Das gemachte
+Darlehen ist nicht außer Verbindung speziell dieses
+Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen, sowie die Abzahlung
+des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen
+des letzteren. 6. Würde es sich fragen, ob
+eine so kurzfristige Zahlungsforderung in einem Falle,
+wie dem unsrigen, überhaupt gestattet wäre. Hauptsache:
+das geliehene Geld liegt im obengenannten
+Unternehmen und verfällt dem Risiko desselben. &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_194">194</a></span>Sehr geehrter Herr, Sie werden sich nun hoffentlich,
+nachdem ich Ihnen meinen Standpunkt erklärt
+habe, die Sache noch einmal ernstlich überlegen.
+Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich
+mich befinde, und Sie werden kaum den Mut
+finden, einen Geschäftsmann ruinieren zu wollen,
+der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft
+dagegen stemmt und wehrt, in die ihm drohende
+Tiefe zu sinken. Wenn Sie Ihr Geld wieder haben
+wollen, so drängen Sie mich nicht. Die Reklame-Uhr
+wird sich bewähren! Ich hoffe Sie genügend
+überzeugt zu haben und zeichne hochachtungsvoll&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p></div>
+
+<p>»Geben Sie her!« Und Tobler unterzeichnete,
+indem er eine volle Minute lang, scheinbar gedankenabwesend,
+in den Anblick des Schreibens versunken
+blieb.</p>
+
+<p>Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen
+privaten Gedanken hin. Er dachte: »So ist er,
+dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine hochmütige
+und drohende Stellung ein, dann duckt er
+plötzlich klein zusammen und bittet, zu bedenken
+usw. Der Herr Grünen werde nicht den Mut finden,
+meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn
+findet? So wie dieser Brief abgefaßt ist, so pflegen
+Verzweifelte zu reden. Zuerst klingt es hochtrabend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_195">195</a></span>dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch,
+dann beißend spöttisch, dann auf einmal kleinmütig,
+dann zornig, dann flehentlich, dann plötzlich grob,
+dann Brust hoch und noch ein letztes Mal in hochmütigem
+Ton: die Uhr <span class="gesperrt">wird</span> sich bewähren! Wer
+beweist das? O ein solcher pfiffiger Darlehngeber,
+wie dieser Grünen aus Frauenberg einer ist, der
+wird hohnlächeln, wenn er diesen gefühlvollen
+Brief liest.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz
+richtiger, wagte er halblaut zu seinem Chef zu sagen.
+Das war ein Funke ins Pulverfaß.</p>
+
+<p>Tobler sprang jählings auf: Was Joseph da
+Dummheiten zu schwatzen habe. Wenn er Bemerkungen
+machen müsse, so solle er sie nicht erst eine
+halbe Stunde nach Erledigung der Sache vom
+Mund ablaufen lassen, und dann solle er sehen,
+daß es keine so läppischen seien, wie die, die er sich
+soeben erlaubt habe.</p>
+
+<p>»Unsinn!« schrie er, ergriff seinen Hut und
+ging davon.</p>
+
+<p>Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse,
+faltete es zusammen, steckte es in einen vorher
+schon adressierten Briefumschlag, klebte zu und
+frankierte.</p>
+
+<p>Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der
+<span class="pagenum"><a name="Page_196">196</a></span>Buchdruckerei angekommen. Joseph fing an, diese
+Zirkulare exakt zusammenzufalten, und zwar zu
+jeweiliger Briefkuvertgröße, damit sie in alle Welt
+hinaus verschickt werden konnten. Das Rundschreiben
+enthielt in hübscher Druckschrift, und mit Klischee-Abbildungen
+versehen, die genaue Beschreibung
+nebst Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten,
+auch einer Toblerschen Erfindung. Vor allen Dingen
+galt es, diesen Dampfbehälter den zahlreichen,
+in der Umgebung von Bärenswil und weiter im
+Land herum verstreuten Fabriken und mechanischen
+Werkstätten anzupreisen, womit man einen ganz
+hübschen Gewinn zu erzielen hoffte.</p>
+
+<p>Der Gehülfe faltete bis zur Mittagsessenszeit
+diese Papiere zusammen, welche Arbeit für ihn
+etwas geradezu Fröhliches und Gedankenförderndes
+enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg
+während des Essens, abgesehen von Dora, die ihren
+reizenden Mund nicht zu halten vermochte. Die
+Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte
+die langen Schul-Ferien als die Ursache der allgemeinen
+Jugendverwilderung an, indem sie sagte,
+sie sei wahrhaftig froh über den baldigen Wiederbeginn
+der Schulzeit, es werde nun gottlob bald
+wieder eine andere Zeit für die Schlingel herantreten.
+Die Autorität und das Meerrohr des Lehrers
+<span class="pagenum"><a name="Page_197">197</a></span>würden dann vielleicht erreichen, was der Mutter
+nicht möglich sei: artiges und aufmerksames Benehmen
+ihren Buben anzugewöhnen. Es sei ganz
+gut, wenn es allmählich Herbst werde. Während
+dieser langen, schönen Sommertage wisse das kleine
+Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr, wo
+noch irgend eine Gelegenheit sei, Übles und Dummes
+anzustellen.</p>
+
+<p>Bei dem Wort »Herbst« fühlte sich Joseph in
+der Seele betroffen. Der schöne Herbst! dachte er.
+Einen Augenblick später war er mit Essen fertig
+geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler,
+es fehle ihm Geld, um Briefmarken kaufen zu können.
+Die dadurch unangenehm berührte Frau sagte,
+so solle sie auch noch für solche Dinge sorgen,
+seufzte und händigte dem Angestellten das Gewünschte
+schmollend, aber zugleich ein wenig geschmeichelt,
+ein. Man mußte also zu ihr, der Frau,
+kommen, um Markengeld zu erwischen und zu ergattern.
+Joseph spielte wiederum ein wenig den
+Beleidigten.</p>
+
+<p>Schließlich war er ein Mannesuntergebener,
+nicht ein Frauengehülfe. Wie lästig das war, jedes
+Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu müssen.
+Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begnügte
+sich, ihn von oben herab halb anzuschauen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_198">198</a></span>
+Er begab sich zur Post. Im Garten waren
+mehrere Arbeiter und Handlanger damit beschäftigt,
+Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mächtigen
+Haufen zu türmen. Die Erde war naß, es
+hatte kurz vorher geregnet.</p>
+
+<p>»Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu
+allem. Was denkt Tobler?« brummte Joseph und
+erreichte die Landstraße. Aus dem Wirtshaus zur
+»Rose«, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur
+offenen Tür ein schneidender Schnapsgeruch heraus.
+Hier war es, wo der Wirsich seine ersparten
+Gehälter und Löhne vertrank. Von hier aus pflegte
+er in eine »andere Welt« hinüber zu taumeln, indem
+er seinen bessern Teil in der »Rose« unter
+dem Tisch liegen ließ. Im Dorf angekommen, trat
+der Gehülfe, einer seit kurzem erst angenommenen
+Gewohnheit gemäß, in das Restaurant zum Segelschiff
+ein, und wer saß dort am runden Stammtisch?
+Tobler!</p>
+
+<p>Da hatte man sie also beide, den Herrn und
+den Knecht, und wo? In der Kneipe.</p>
+
+<p>Gewiß muß man in den Zorn gewöhnlich rasch
+eins hinabtrinken, um das Hitzige, was man in der
+Brust fühlt, abzukühlen und zu verlöschen, und
+ebenso natürlich ist der Durst eines Untergebenen,
+der soeben erst Markengeld hat »betteln« müssen
+<span class="pagenum"><a name="Page_199">199</a></span>und infolgedessen ziemlich unwirsch aufgelegt ist.
+Der Unmut kann, indem man »eins« zu sich nimmt,
+zerstreut werden. Gewiß muß und kann man auch
+das, aber &ndash; es war doch für einen Moment den
+beiden etwas kurios zumut, sich im »Segelschiff«
+plötzlich bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide
+schauten sich kurz aber bedeutend an.</p>
+
+<p>»So? &ndash; Sie scheinen ja auch Durst zu haben,«
+sagte Herr Tobler gewichtig aber freundschaftlich zu
+dem Eingetretenen. Dieser sagte:</p>
+
+<p>»Ja! Muß auch sein.«</p>
+
+<p>Herr Tobler erwartete im »Segelschiff« immer
+die anfahrenden und abfahrenden Züge, auch
+jetzt »paßte er nur auf seinen Zug auf«. Das
+Restaurant lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes.
+Aber wie oft verpaßte trotzdem Tobler seine
+Züge; man konnte, wenn man Wirt hieß, manchmal
+beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In
+solchen Fällen pflegte er jedesmal zu brummen:
+»Jetzt ist mir das cheibe Züglein schon wieder an
+der Nase vorbeigefahren.«</p>
+
+<p>Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief
+ihm nach, so daß die andern Wirtsgäste es hören
+konnten: »Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heißt
+er schnell, er solle mit der Montierung der Uhren
+für die Utzwil-Stäfener-Bahn unverzüglich beginnen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_200">200</a></span>Der Brief muß noch heute abgehen. Das Übrige
+werden Sie wohl wissen.«</p>
+
+<p>Joseph schämte sich ein wenig seines »redeseligen«
+Prinzipals, wie er ihn im stillen nannte,
+er nickte und drückte sich zur Türe hinaus.</p>
+
+<p>Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhändler
+und ließ sich eine ganze Reihe Gebrauchsgegenstände
+für Bureau und Zeichentisch geben, indem
+er's »ins Buch aufschreiben ließ«.</p>
+
+<p>Solch ein niedliches Rechnungsbüchlein, was
+ging da nicht alles Mögliche hinein. Man nahm
+einfach die Waren und ließ munter aufschreiben.</p>
+
+<p>Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich
+die Frage, wann und ob er einen gewissen Betrag
+einkassieren lassen dürfe.</p>
+
+<p>»O gelegentlich etwa,« entgegnete obenhin Joseph.
+»Ich handle sehr richtig,« dachte er, »man
+muß zu den Leuten in oberflächlichem Ton sprechen,
+dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man
+keinen Ernst zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich
+zu sein. Hätte ich die Frage dieses Mannes
+wichtig genommen, so würde er jetzt Verdacht
+haben und schon morgen früh mit der quittierten
+Note im Bureau erscheinen. Ich diene meinem
+Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rührende Verdächtigungen
+von ihm abzulenken.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_201">201</a></span>
+Während dieses Gedankenganges hatte er sich
+scheinbar aufs Gemütlichste eine Sammlung Ansichtspostkarten
+angeschaut. Indem er jetzt den
+Laden verließ, lächelte er freundlich, und er wurde
+ebenso freundlich vom Besitzer desselben angelächelt.</p>
+
+<p>Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit
+dem Falzen der Zirkulare zu schaffen. Für je ein
+Zirkular verwendete er vier Händebewegungen. Er
+träumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemütvolle
+Herumsinnen um irgend etwas geradezu heraus.
+Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender
+Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor
+dem Schreibtisch und Bureaufenster saß auf einer
+dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie nähte
+und unterhielt sich in singender Sprechweise mit
+ihrem Dorchen.</p>
+
+<p>»Was dieses Kind es gut hat!« dachte Joseph.</p>
+
+<p>»Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken?«
+fragte Frau Tobler. Sie setzte hinzu:
+Ȇbrigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen Sie.
+Der Kaffee steht schon.«</p>
+
+<p>Im Gartenhaus, während des Imbisses, fühlte
+sich der Angestellte durch die Freundlichkeit, mit
+der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu sagen,
+er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen
+zu haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_202">202</a></span>
+Was er damit meine? Sie verstehe nicht.</p>
+
+<p>»Nun, wegen dem Wirsich!«</p>
+
+<p>Sie sagte, das habe sie längst vergessen. Für
+solche Sachen habe sie kein haarscharfes Gedächtnis.
+Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen sei?
+Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie,
+Joseph bekennen zu hören, daß es ihm leid sei, sie
+gekränkt zu haben. Er dürfe ruhig sein, und er
+solle sich in allem, was das Geschäft ihres Mannes
+anbelange, nur immer Mühe geben, das sei die
+Hauptsache. Ach sie wünsche manchmal, und besonders
+in letzter Zeit, ein geschäftstüchtiger Mensch
+zu sein, um Tobler helfen zu können. Wenn sie
+daran denke, von hier fortziehen, das Haus, das
+sie so lieb gewonnen habe, verlassen &ndash; zu &ndash;
+mü&ndash;ssen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Tränen standen ihr in den Augen.</p>
+
+<p>»Ich will mir Mühe geben!« Er schrie es
+beinahe.</p>
+
+<p>Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu
+lächeln.</p>
+
+<p>»Sie dürfen nicht gleich verzagen.«</p>
+
+<p>Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmütig
+genug all diesen sorgenvollen Dingen gegenüber.
+Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie ihr scheine,
+ungerechte Vorwürfe gemacht, deswegen, daß sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_203">203</a></span>seine ganze schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie
+habe es für nötig befunden, zu schweigen dazu.
+Was denn in einem solchen Fall eine schwache und
+ungeübte Frau machen könne? Ob sie gar etwa
+den ganzen, guten Tag lang jammern, und eine
+wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und
+was das nütze? Das würde doch einer einigermaßen
+vernünftigen Frau weder einfallen, noch auch
+nur anstehen können, so etwas würde sie eher für
+gefährlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil
+immer ganz guten Mutes, und sie wage es,
+sich im stillen für diese Haltung zu loben. Ja,
+das tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen
+Welt ihr kein einziges Wesen anerkennen wolle. &ndash;
+Sie wisse im übrigen, wer sie sei, und sie fühle
+sich schon aus diesem Grunde verpflichtet, den fröhlichen
+und gemessenen Lebensmut nicht so bald
+sinken zu lassen. Daneben fühle sie wohl, wie
+schwer es ihr Mann zurzeit habe.</p>
+
+<p>Sie war wieder heiter geworden.</p>
+
+<p>»Und was Sie betrifft, Joseph,« fuhr sie fort,
+indem sie den Gehülfen mit ihren großen Augen
+anschaute, »so weiß ich ja, daß Sie ernst bei Ihren
+Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann
+wird man nicht alle Lösungen und trefflichen Leistungen
+aufs Mal verlangen wollen. Sie fahren
+<span class="pagenum"><a name="Page_204">204</a></span>einen nur manchmal ein bißchen grob an. Ja,
+ja!«</p>
+
+<p>»Sie demütigen mich, aber ich verdiene es,«
+sagte Joseph.</p>
+
+<p>Beide lachten.</p>
+
+<p>»Sie sind ein kurioser Mensch,« bemerkte Frau
+Tobler, das Gespräch beendend. Sie stund auf.
+Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob sie die
+Güte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler
+soeben geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein
+Zimmer legen zu lassen, er wünsche dieselben heute
+noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die
+betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.</p>
+
+<p>Nach ungefähr einer Stunde spritzte er den
+Garten. Er fand das zu nett, so den dünnen, silbernen
+Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu
+sehen und das Aufklatschen des Wassers auf den
+Blättern der Bäume anzuhören. Die Erdarbeiter
+warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und
+machten Feierabend. »Ein kurioser Mensch,« dachte
+der mit den Schläuchen Beschäftigte, und es wollte
+ihm beinahe trübe zumut werden: »Wieso ein
+kurioser Mensch?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch
+Tobler kam an, ungehalten, unfreiwillig. Er hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_205">205</a></span>es sich eben im »Segelschiff« gemütlich machen
+wollen, als er telephonisch angerufen, und davon
+in Kenntnis gesetzt worden war, wer in der Villa
+zu Besuch gekommen sei. »Müssen die schon wieder
+kommen?« hatte er durchs Telephon zu seiner Frau
+gesagt, konnte aber nicht gut absagen, und so verzichtete
+er eben auf den Wirtshausjaß, um dafür
+zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack
+ein wenig »kindelig« war. In der Tat ging es
+beim Jaß unter Berufsjassern eben viel ernsthafter
+und männlicher zu, vor allem viel schweigsamer,
+und Tobler hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde,
+unschuldige Jasserei ziemlich verachten gelernt.</p>
+
+<p>Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er
+möchte noch ein wenig in der frischen Luft spazieren
+gehen. »So, der entzieht sich der Pflicht,
+und ich, ich muß dahocken,« schien Toblers Gesicht
+zu sagen, als er Joseph sich ausreden hörte.</p>
+
+<p>Dieser flüchtete »an die Natur« hinaus. Der
+Mond beleuchtete zart und groß die ganze Umgegend.
+Irgendwo plätscherte ein Wasser. Er ging
+den Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen
+hindurch. Die großen Wegsteine waren weiß vom
+Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und
+zischelte und flüsterte es. Es war alles in einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_206">206</a></span>duftenden, träumerischen Dunst getaucht. Vom nahen
+Wald her hörte er Käuzchengeschrei. Einige
+zerstreute Häuser, ein paar zaghafte Geräusche, und
+plötzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes,
+das irgend ein später Wanderer in der Hand trug,
+oder ein ruhendes, ein Licht hinter einem halbverdeckten
+Fenster. Welche Stille im Dunkel, und
+welche Weite im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph
+überließ sich vollständig seinen Empfindungen.</p>
+
+<p>Plötzlich dachte er wieder an den »kuriosen
+Menschen«, der er sei. Was er denn eigentlich so
+Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht umherzuspazieren,
+das war allerdings seltsam genug,
+dieses Vergnügen durfte man schon als kurios bezeichnen.
+Aber was weiter? War das alles? Nein,
+die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes
+Leben, das bisher geführte und das vorauszuahnende
+zukünftige, das, das war kurios, und Frau
+Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+Diese Frauen, wie sie es verstunden, in den Herzen
+und Charakteren zu lesen. Wie talentiert sie waren,
+einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und
+Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen.
+Ein kurioser Kerl. Spaßhaft war das, nicht wahr?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach
+Hause.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_207">207</a></span>
+Die Bärenswiler oder Bärensweiler sind ein
+gutmütiger, aber zugleich etwas heimtückischer, oder,
+wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet, heimlichfeißer
+Menschenschlag. Sie haben es alle mehr
+oder weniger dick hinter den Ohren, sie besitzen alle,
+der eine mehr, der andere weniger, irgend etwas
+Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle
+ein bißchen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus.
+Sie sind ehrlich und moralisch und nicht ohne
+Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine gesunde
+bürgerliche und politische Freiheit gewöhnt
+gewesen. Aber sie verbinden mit der Ehrlichkeit
+gern einen gewissen Schein von Schlauheit und
+Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz
+Klugem und noch Klügerem aus. Sie schämen
+sich alle ein wenig ihrer kernigen, natürlichen Gradheit,
+und jeder von ihnen allen will lieber ein
+»schlechter Hund« sein als ein Tropf von Esel, den
+man leicht übers Ohr hauen kann. Die Bärenswiler
+sind nicht leicht übers Ohr zu hauen, davor
+kann sich jeder, der das probieren will, tüchtig gewarnt
+sein lassen. Sie sind herzensgut, wenn man
+sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im
+Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber
+sie schämen sich auch ihrer Güte, wie fast jeglicher
+Gefühlsäußerung. Sie lachen mit den Stockzähnen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_208">208</a></span>wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen
+lachen, sie plaudern mehr mit den gespitzten Ohren
+als mit dem ungenierten Mund, sie schweigen gerne,
+aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die
+leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem
+Wirtshaustischmaul zur Welt gekommen wären.
+Später schweigen sie wieder volle vier Wochen
+lang. Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet,
+sie rechnen nach, wo sie Vorzüge, wo Fehler
+besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre Mängel
+als ihre guten Eigenschaften öffentlich strahlen
+zu lassen, damit ja niemand Bescheid wisse, wie
+tüchtig sie sind. Um so bessere Handelsgeschäfte
+machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel,
+sagt man in der rundum liegenden Welt, und nicht
+ganz ohne Ursache, aber es sind ihrer immer nur
+ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und
+um dieser paar Ausnahmen willen müssen die
+Bärenswiler manches kecke und ungerechte Wörtlein
+hören. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust,
+diese Kräfte zu üben; die Geschmacklosen unter
+ihnen prahlen deshalb öfters mehr als gut und
+recht ist und sind verschrieen im übrigen Land.
+Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken
+und nüchtern, ein Schlag Menschen, wie geschaffen
+dazu, bescheidene aber sichere Geschäfte zu machen
+<span class="pagenum"><a name="Page_209">209</a></span>und dito Erfolge zu erzielen. Die Häuser, die sie
+bewohnen, sind sauber wie sie selber, die Straßen,
+die sie bauen, sind ein bißchen holperig, genau wie
+sie selber, und das elektrische Licht, das ihre Dorfstraßen
+Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum
+exakt wie sie selber. Und unter solch ein Volk
+mußte Herr Tobler geraten.</p>
+
+<p>Herr Ingenieur Tobler!</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwärts.
+Auch in der Gegend von Bärenswil blieben
+die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie hatten
+natürlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun
+müssen, sie veränderten sich, trotz des Herrn Tobler,
+der vielleicht wünschen mochte, die Zeit stillstehen
+zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschäfte nicht
+gingen, war der unbewußte Feind alles dessen,
+was ruhig und gleichmäßig vorwärtsschritt. Der
+Tag oder die Woche ist solch einem Menschen stets
+entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man
+die Krisis herankommen sieht, zu lang, weil man
+sich langweilt am Anblick des lahmen Geschäftsganges.
+Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so
+murmelte Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem
+mehr seit einigen Tagen, und machte sie
+scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so
+<span class="pagenum"><a name="Page_210">210</a></span>wünschte er sich über die Berge in ein späteres
+Jahrzehnt versetzt, um alle diese ihn umgebenden
+Dinge nicht mehr anschauen zu müssen.</p>
+
+<p>Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund
+irgendwo etwas still, die Natur schien sich manchmal
+die Augen reiben zu müssen. Die Winde
+wehten anders als bisher, wenigstens schien das
+oft so, Schatten huschten an den Fenstern vorbei,
+und die Sonne war eine andere Sonne geworden.
+Wenn es warm war draußen, so sagten ein paar
+Menschen, echte Bärenswiler, sieh da, wie warm
+es immer noch ist. Man dankte für die Milde,
+weil man einen Tag vorher, unter der Haustüre
+stehend, gesagt hatte: Potz blitz, es fängt zu rumoren
+an!</p>
+
+<p>Hin und wieder runzelte der Himmel seine
+schöne, reine Stirne, oder er zog sie sogar in
+Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann
+war die ganze Hügel- und Seegegend von grauen,
+nassen Tüchern umhüllt. Der Regen fiel schwer
+auf die Bäume, was nicht hinderte, daß man zur
+Post lief, wenn man zufällig ein Angestellter des
+Hauses Tobler war. Herr Martin Grünen schien
+sich um die schönen, sanften Wechsel der Jahreszeiten
+auch nicht viel zu kümmern, sonst würde er
+kaum haben schreiben können, alles, was Tobler
+<span class="pagenum"><a name="Page_211">211</a></span>an Zahlungsverweigerungsgründen ihm angebe,
+das berühre ihn gar nicht, und er beharre auf seiner
+Kündigung.</p>
+
+<p>Und wenn dann das schöne Wetter wieder
+kam, wie glücklich konnte das einen berühren. Es
+waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu
+sehen, ein Weiß, ein Blau und ein Gold, Nebel,
+Sonne und Himmelsbläue, drei sehr, sehr feine, ja
+sogar vornehme Farben. Man konnte dann fortfahren,
+draußen im Garten zu essen, man stund
+dann da so, lehnte sich gegen das Gitter und dachte
+darüber nach, ob man das schon einmal, irgendwo
+in der Jugend vielleicht, könne gesehen haben. Die
+Wärme und Farbe waren eines geworden. Ja,
+sagte man, solche Farben ergeben eine solche Wärme!
+Die Gegend schien zu lächeln, der Himmel schien
+selber glücklich über sein Aussehen geworden zu
+sein, er schien der Duft und der Inhalt und die
+liebe Bedeutung dieses Land- und Seelächelns zu
+sein. Wie das alles nur so liegen, stillsein und
+strahlen konnte. Wenn man über die Seefläche
+hinaus schaute, fühlte man sich, man brauchte nicht
+einmal Gehülfe zu sein, von freundlichen, wohltuenden
+Worten angesprochen. Schaute man in
+die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine
+zarte Melancholie in einem. Sah man das Haus
+<span class="pagenum"><a name="Page_212">212</a></span>an, so mußte man lachen, obschon die herrische
+Pauline gerade am Küchenfenster Teppiche bürstete.
+Die Welt schien voller Musik zu sein. Über den
+Kronen der Bäume erschienen wie ferne, verhallende
+Töne die blendend-leichten-weißen Umrisse der Alpen.
+Man sah hin und empfand mit einem Mal das
+alles als unwirklich. Dann war's wieder anders.
+Andere Aussichten, andere Empfindungen! Auch
+die Gegend schien zu empfinden und ihre Empfindungen
+zu ändern. Das Empfundene verlor sich
+jedesmal in das allesbeherrschende Blau. Ja,
+alles war blau angefärbt und angehaucht. Und
+dazu diese Frische, dieses Rauschen von den Bäumen
+her, in denen immer eine leise, kühle Bewegung
+war. Konnte man da arbeiten, sich nützlich
+erweisen? Ja, man spannte das Waschseil auf und
+half der Waschfrau einen Korb nasser Wäsche aus
+dem Keller hinauf an das golden-blaue Licht der
+Erde tragen. So etwas zu tun ziemte sich an
+einem so schönen, bis in die letzten Winkel von
+Farben und Tönen durchzuckten, gleichsam hellgeschliffenen
+Tage. Und es gab eine ganze Reihe
+solcher Tage, wo man nur vom Bett aufstehen,
+sich zum Fenster hinauslehnen und mehrere
+Male hintereinander sagen mußte: wie wundervoll!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_213">213</a></span>
+Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland
+geworden.</p>
+
+<p>Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschäfte
+war keine neue Wendung, keinerlei Umschwung,
+nicht einmal ein Seitensprung eingetreten. Die
+Sorge und die Enttäuschungen gingen wie ermüdete,
+aber an Zucht gewöhnte Soldaten im Schritt vorwärts,
+sie erlaubten sich keine Abweichungen. Sie
+bildeten, Mißerfolge und Aussichtslosigkeiten mithinzugerechnet,
+einen wohlgeordneten Marschzug,
+der sich langsam aber stetig vorwärtsbewegte, gradaus
+in das Kommende schauend.</p>
+
+<p>Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschäftsreisen,
+als würde ihn der Anblick seines reizenden
+Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berührt haben.
+Er besaß ein Generalabonnement für sämtliche
+Bahnen auf ein volles Vierteljahr gültig, das er
+schließlich, da er es sich einmal angeschafft hatte,
+auch ausnützen mußte. Wo wäre denn da die gesunde
+Vernunft gewesen? Das Reisen als solches
+schien ihm überhaupt Vergnügen zu bereiten. Dazu
+war er der Mann. Im »Segelschiff« auf den
+Zug zu passen, denselben womöglich fürs erste einmal
+zu verpassen, dann in den nächsten einzusteigen,
+eine gewichtige Geschäftsmappe unter dem Arm,
+dann so zu fahren, in alle Welt hinaus, mit den
+<span class="pagenum"><a name="Page_214">214</a></span>Fahrgästen ein Gespräch zu beginnen, dem einen
+oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen
+guten Stumpen zu offerieren, in einer fremden
+Gegend schließlich auszusteigen, mit flotten, lebenslustigen
+Leuten zu verkehren, bis in alle Nächte
+hinein in feineren Restaurants Unterhandlungen
+zu pflegen usw.: das war etwas für ihn, das glich
+ihm und seinem Wesen, das lenkte ihn ab von unwürdigen
+Gedanken, das half ihm, sich wieder ein
+bißchen er selber zu fühlen, das war wie sein Anzug,
+der ihm so prachtvoll saß.</p>
+
+<p>Was hatte er nötig, zu Hause zu sitzen, wo
+er doch einen Angestellten hatte, den er »füttern«
+mußte? Käme ihm gerade noch recht! Da versauerte
+er noch gänzlich das bißchen Unternehmungsgeist,
+das er noch hatte. Würde dann nicht mehr
+viel fehlen und er konnte endgültig »die Bude zuschließen«.
+Das fehlte noch: zu Hause sitzen und
+sich von den Bärenswilergesichtern höhnisch anglotzen
+lassen. Nein, lieber dann gleich eine Kugel
+vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen.</p>
+
+<p>Und so reiste er eben.</p>
+
+<p>Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die
+täglichen Lebensbedürfnisse angefangen, leise an
+die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine hochzuheben,
+um gemütlich in das Interieur der Toblerschen
+<span class="pagenum"><a name="Page_215">215</a></span>Familie blicken zu können, an der Tür zu
+stehen, um jemand, der vorüberging, an das Gefühl
+der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte
+sich jetzt schon ein bißchen mehr als im
+Sommer. Sie stund einstweilen da und prüfte
+das Terrain, im übrigen verhielt sie sich still. Es
+genügte ihr, daß man manchmal ihre Anwesenheit
+empfand, sie war höflich und vorsichtig. Eine Türschwelle,
+ein Fenstergesims, ein Plätzchen auf dem
+Dach oder unter dem Eßtisch, diese Orte schienen
+ihr vollkommen zu passen. Sie machte sich in keiner
+Weise wichtig, sie streifte mit ihrem kalten Hauch
+von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau
+Tobler, so daß diese sich manchmal am heiter hellen
+Tag umdrehte, als ob jemand hinter ihr sei, als
+ob sie hätte fragen sollen: »wer hält sich denn da
+hinter mir auf?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die paar Gelder, die dem technischen Geschäft
+zuflossen, wurden sogleich, auf Anraten ihres Mannes,
+von der Hausfrau in Empfang genommen.
+Brot, Milch und Fleisch wollten doch täglich bezahlt
+sein. Man lebte und aß wie immer, man sparte
+in keiner Weise an diesen Dingen. Lieber gar nicht
+leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn
+regelmäßig ausbezahlt, dagegen setzte man beim
+Gehülfen Verständnis und Takt genug voraus, die
+<span class="pagenum"><a name="Page_216">216</a></span>Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe zu
+schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares
+Kind aus dem Volk. Einem Mann
+durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus
+den niederen Schichten des Volkes niemals, und
+der Angestellte begriff das.</p>
+
+<p>Die Knaben gingen wieder zur Schule, was
+für die Mutter eine große Erleichterung war, die
+sich nun öfters an die milde, herbstliche Sonne auf
+die kleine Veranda begeben, und dort in einem
+sanft schaukelnden Stuhl liegen konnte. Der Traum
+besuchte sie da zuweilen und spiegelte ihr in angenehmen
+Farben vor, sie sei eine Herrin und eine
+von den freiesten und besten, welcher schönen Gaukelei
+sie jeweilen ein kurzes Viertelstündchen, nicht
+ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den Aufenthalt
+gestatten mußte.</p>
+
+<p>Eines Tages rief sie den Gehülfen zu sich in
+die Veranda hinaus, sie möchte ihn gern etwas
+fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler
+befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mädchen
+spielten im Wohnzimmer.</p>
+
+<p>Was das heute wieder für schönes Wetter sei,
+bemerkte Joseph beim Betreten des Balkons. Die
+Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz anderes.</p>
+
+<p>»An was denn?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_217">217</a></span>
+So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke
+sie seit ein paar Tagen beständig daran, ob es nicht
+viel gescheiter wäre, das Haus, wie es da sei, jetzt
+schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn
+die Schande des Zwanges, es zu verlassen, das
+fühle sie, komme ja doch langsam heran. Mit den
+Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts,
+sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen.</p>
+
+<p>»Wieso jetzt gerade?«</p>
+
+<p>Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte
+Joseph, ihr frank und frei seine Meinung bezüglich
+der Reklame-Uhr herauszusagen.</p>
+
+<p>»Ich bin fest davon überzeugt,« sagte er, »daß
+sie sich auf guten Wegen befindet. Man muß nur
+jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknüpfungen
+mit weiteren Kapitalisten«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen.
+Sie sehe es ihm ja deutlich an, daß er sich verstelle
+und ihr da Dinge sage, an die er selber nicht
+glaube. Das sei wenig schön von ihm. Was ihn
+denn veranlasse, zu glauben, sie könne den harten
+Ausdruck der Wahrheit nicht aushalten? Wenn er
+lügen wolle, so sei er ein ungetreuer und unanhänglicher
+Angestellter, dann glaube sie wirklich, es
+habe keinen weiteren Zweck, ihn noch länger dazubehalten.
+Sie habe zu wissen verlangt, wie und
+<span class="pagenum"><a name="Page_218">218</a></span>was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine
+Meinung herauszusagen. Vor allem wünsche sie
+zu erfahren, ob der kaufmännische Gehülfe ihres
+Mannes überhaupt fähig eines eigenen Gedankens
+sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red'
+und Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre
+kein ganz unbekanntes Ding sei.</p>
+
+<p>Joseph schwieg.</p>
+
+<p>Was das für ein Betragen sei? Sie glaube
+auch noch das Recht zu haben, ihm einen Befehl
+erteilen zu dürfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen
+hinuntergefallen sei? Platz würde dort schon
+sein, Löcher seien genug darin. Was für ein Stolz
+das sei bei so wenig äußerer Ehre? Toblers Kleider
+stünden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle
+verschwinden, wohin er wolle, daß sie ihn ja nur
+nicht mehr zu sehen brauche.</p>
+
+<p>Joseph war bereits weggegangen. Er ging
+um das Haus herum, sagte ein paar Worte zu Leo,
+dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich
+an den Schreibtisch. Den Stumpen anzuzünden
+vergaß er beinahe, er erinnerte sich jedoch sehr
+bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen
+von diesen immer vorrätigen Rauchstengeln an.
+Das behagete ihn seltsam an und er konnte arbeiten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_219">219</a></span>
+Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautüre
+und sagte ruhig:</p>
+
+<p>»Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber
+es war gut. Vergessen Sie was eben geschehen
+ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.«</p>
+
+<p>Sie schloß die Tür leise und ging wieder. Der
+Angestellte zitterte heftig. Es war ihm eine Unmöglichkeit,
+die Feder in der Hand zu halten. Das
+Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster,
+Tische und Stühle schienen lebendige Wesen geworden
+zu sein. Er setzte den Hut auf und ging
+baden. »Rasch noch vor dem Kaffeetrinken,« dachte
+er. Und dieser Frau hatte er eine Strafrede Silvis
+wegen halten wollen. Welche Torheit!</p>
+
+<p>Das Glück und die Gesundheit selber baden
+nicht mit mehr Genuß in den Wellen des Lebens,
+wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte
+auf seiner stillen, aber schon kalten Oberfläche, die
+wie Öl dalag, so ruhig, so fest. Die Frische des
+Elementes ließ den nackten Körper sich kräftiger
+und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm
+der Wärter laut zu: »Nicht so weit hinausschwimmen,
+Sie da draußen. He! Hören Sie nicht?« Joseph
+aber schwamm ruhig weiter, er fürchtete nicht im geringsten,
+den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte
+und zerschnitt mit weiten Armbewegungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_220">220</a></span>die nasse, schöne Bahn. Aus der Tiefe des Sees
+hauchten ihn eiskalte Ströme an: um so schöner,
+und er legte sich auf den Rücken, die Augen zum
+wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er zurückschwamm,
+hatte er vor den Augen das von den
+Herbstfarben trunkene Land, das Ufer, die Häuser.
+Alles lag da, eingehüllt in einen seligen Farben-
+und Düfterausch. Er stieg aus dem Wasser und
+kleidete sich an. Beim Weggehen aus der Anstalt
+sagte ihm der ängstlich gewordene Wärter, er hätte
+ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurückschwimmen
+können; wenn ein Unglück passiere, sei
+er es, den man verantwortlich mache. Joseph lachte.</p>
+
+<p>Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr
+sagte, es hätte ihn zu sehr gelockt, er habe halt
+dieses Jahr noch ein letztes Mal baden müssen.</p>
+
+<p>Sie saßen im Gartenhaus. Unvergleichlich
+schmeckte Joseph das braune Getränk nach dem Bad.
+Man müsse wirklich jetzt die paar warmen Tage
+noch profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an
+zu plaudern von ihrer Verheiratung, von ihrer früheren
+Wohnung.</p>
+
+<p>So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen
+könne, wie es einem beliebe, das sei doch
+etwas Reizendes und Ruhiges. Das fände man
+vielleicht nicht so bald wieder&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_221">221</a></span>
+Joseph unterbrach sie. Er sagte höflich:</p>
+
+<p>»Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern.
+Warum denken Sie immer an das? Ich möchte
+Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Ihr gehorsamer
+Diener bin. Doch wozu diese Reibereien?
+Hier stehe ich vom Tisch auf und gewärtige die Erlaubnis,
+mich wieder setzen zu dürfen.«</p>
+
+<p>Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich
+setzen. Er tat es.</p>
+
+<p>Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr plötzlich
+die Laune, sich in die Reitschule zu setzen, und
+sie bat den Gehülfen, sie zu stoßen und die Seile
+anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in
+die Luft flog und wieder hinuntersauste, rief sie,
+das gefalle ihr, und »man müsse jetzt noch ein wenig
+vom Garten profitieren«. Bald käme der Winter
+und dann heiße es nur zu herrisch: Zu Hause
+sitzen!</p>
+
+<p>Er mußte sie jedoch bald aufhalten, da es ihr
+schwindlig zu werden drohte. Indem er das tat,
+atmete er gezwungenermaßen den Duft ihres Körpers,
+den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen
+mußte, ein. Ihre Haare berührten sein Gesicht.
+Diese vollen, langen Arme! Er nötigte sich,
+wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu küssen,
+durchzuckte ihn augenblicklich, aber er tat es nicht.
+<span class="pagenum"><a name="Page_222">222</a></span>Eine Minute später dachte er mit Schaudern an
+diese einfache Möglichkeit, und er war sehr froh,
+dieselbe vernachlässigt zu haben.</p>
+
+<p>Sie saßen wieder einander gegenüber. Sie
+plauderte ausgelassen:</p>
+
+<p>Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und
+sie früher bewohnt hätten, ein junger Mensch ihr den
+Hof gemacht habe, ein so närrisch verliebter Kerl
+&ndash; nein, sie müsse schon laut lachen, daran nur zu
+denken, geschweige denn, davon zu sprechen. Eines
+Nachts sei dieser junge, übrigens besseren Kreisen
+angehörige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen
+und habe sich, sie sei schon im Bett gelegen, davor
+niedergestürzt und ihr seine heiße Sehnsucht gestanden.
+Sie habe ihm vergeblich entrüstet zugerufen
+und ihm befohlen, sich sogleich zu entfernen.
+Der Mensch sei aufgestanden, aber nicht, um sich
+fortzumachen, sondern um sie zu umarmen. Noch
+jetzt, wenn sie sich in jenen fürchterlichen Moment
+versetze, spüre sie den Druck der Hände, die sich um
+sie spannten. Sie habe natürlich um Hilfe gerufen,
+und da sei zufälligerweise &ndash; und jetzt komme
+der lustige Teil der Geschichte &ndash; ihr Mann gerade
+die Treppe hinaufgekommen. Er hört nur die Schreie,
+stürzt sich ins Zimmer, und da habe er den jungen
+Mann wirklich wüst hergenommen. Den Stock,
+<span class="pagenum"><a name="Page_223">223</a></span>und der sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf
+und Schultern entzweigeschlagen, so daß sie, die
+Ursache der Prügel, Tobler habe anflehen müssen,
+den Gegner, der ja auch gar kein solcher war, doch
+zu schonen. Ihr Mann habe denselben dann die
+Treppe hinuntergeworfen.</p>
+
+<p>»Ich muß mich also in acht nehmen,« sagte
+Joseph.</p>
+
+<p>»Sie?« Es hat nie ein verständnisloseres Gesicht
+in der Welt gegeben, wie das, das Frau Tobler
+dem Gehülfen zeigte, als sie das sagte.</p>
+
+<p>Sie fing an, sich mit Dora zu beschäftigen. Ob
+Joseph ihr einen Gefallen tun möge, wandte sie
+sich plötzlich an diesen. Auf der Post liege das
+etwas große Paket, das ihr neues Kleid enthalte.
+Sie möchte es gar zu gern heute noch anprobieren.
+Ob es von dem Angestellten nicht zu viel verlangt
+sei, zu wünschen, er möchte das Paket herbeiholen?
+Es sei vielleicht zu mühsam, und Joseph habe womöglich
+Wichtigeres zu tun.</p>
+
+<p>Nein, nein, er werde sofort gehen und es
+holen, sagte er, ganz glücklich darüber, eine Ursache
+gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen
+zu können.</p>
+
+<p>Er lief sogleich weg und brachte nach einer
+halben Stunde den Karton ins Wohnzimmer der
+<span class="pagenum"><a name="Page_224">224</a></span>Villa Tobler. Die Frau war das völlige Selbstvergessen
+im Öffnen der langersehnten Postsendung.
+Sie ging in ihr Schlafzimmer hinauf, um das
+Kleid anzuziehen, Pauline mußte ihr behilflich sein.
+Gut, daß der Herr nicht da war. Wie würde der
+über ihre freudige, frauliche Erregung gehöhnt und
+geschimpft haben.</p>
+
+<p>Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das
+Wohnzimmer, angetan mit dem hochmodern zugeschnittenen
+Kostüm. Es stand ihr prachtvoll. Sie
+wünschte von Joseph zu wissen, wie sie aussehe.
+Silvi, die kleine Botenläuferin, mußte den Gehülfen
+aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt,
+Frau Tobler so schön zu finden. Akkurat wie eine
+Baronin, sagte er lachend. Nein, sagte sie, im Ernst,
+wie sehe ich aus? Vorzüglich sehe sie aus, gestand
+er, und er erlaubte sich hinzuzufügen: »Ihre Figur
+tritt sehr gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich
+gar nicht mehr wie Frau Tobler aus, sondern
+wie eine seeentstiegene Nixe. Für Bärenswiler-Augen
+dürfte das Kleid beinahe zu schön sein.
+Aber schließlich verdienen diese Leute auch, daß sie
+erfahren und sehen können, was hauptstädtische
+Schneiderinnen zu leisten vermögen. Stoff und
+Form dieses Kostüms sind derart, daß man meinen
+möchte, der Stoff selber habe zu der Form
+<span class="pagenum"><a name="Page_225">225</a></span>den Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die
+Form selber diesen schönen Stoff erwählt zu haben.«</p>
+
+<p>Über diese Rede war Frau Tobler ganz glücklich.
+Sie mochte in Geschmackssachen ein wenig unsicher
+sein. Sie sagte lächelnd, sie getraue sich nicht,
+in diesem Aufzug über die Gassen von Bärenswil
+zu gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen,
+wenn sie gelegentlich in die Stadt fahre.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank
+stutzte immer mehr. Der Ton, in welchem die Kassenbeamten
+der Bärenswiler Bank mit Joseph etwas
+besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drückte nicht
+mehr nur Erstaunen, sondern auch herablassendes
+Mitleid aus. »Schlimm steht es bei euch da oben
+auf eurem Hügel,« sagte dieser Ton. Erinnerungen
+und Ermahnungen, nun doch endlich zu zahlen,
+liefen täglich per Post im Abendstern ein. Nichts
+war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend
+geraucht wurden.</p>
+
+<p>Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden,
+bis auf einige Kleinigkeiten, die Tobler später machen
+lassen wollte, sobald es mit ihm wieder einigermaßen
+besser stünde. Die Bauunternehmer reichten ihre
+Rechnung ein, sie belief sich auf ungefähr tausendfünfhundert
+Mark, eine Summe, wie man sie in
+<span class="pagenum"><a name="Page_226">226</a></span>der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht mehr
+beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus
+der Erde graben? Den Leo nächtlich auf einen
+lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden
+schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab
+es im zwanzigsten Jahrhundert leider nicht mehr.</p>
+
+<p>Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens
+wieder ein kleines Fest feiern konnte. Es wurden
+Karten versandt an sieben angesehene Männer des
+Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nächtlichen
+Grottenfest an, die übrigen vier waren, wie man
+sich zu entschuldigen pflegt, verhindert. Das tat
+übrigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer
+erschienen, desto mehr bekam jeder dieser Wenigen
+zu trinken. Es befanden sich noch einige Flaschen
+ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der
+sollte jetzt verknallt werden. Eine würdigere Gelegenheit
+würde sich nicht so rasch wieder bieten.</p>
+
+<p>Die drei Männer, ein Spezereihändler, der
+Segelschiffwirt und ein Versicherungsagent, kamen
+eines Abends bei stürmischem Wetter, zu der festgesetzten
+Zeit, an. Alsogleich begab man sich in
+die Feengrotte, ein höhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes
+und tapeziertes Ding, länglich wie ein
+größeres Ofenloch, etwas zu niedrig, so daß die
+Besucher mehr als einmal die Köpfe anstießen. Ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_227">227</a></span>Tisch wurde in diese Grotte gestellt nebst ein paar
+Stühlen, die der Gehülfe und Pauline herbeischleppten.
+Eine Lampe war die Beleuchtung.</p>
+
+<p>Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles,
+feuriges Getränk in die Gläser ergoß, worauf er
+über die kostenden und schmeckenden und schnalzenden
+Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So
+lange noch ein solches Weinlein im Hause sei,
+so &ndash;&nbsp;&ndash; Tobler hielt in seiner Ansprache inne,
+zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen
+blitzenden Blick aus seiner Frau Augen. Ja, da
+hatte er vor drei heimlichfeißen Bärenswilern eine
+Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes
+Gemüt von einem Mann.</p>
+
+<p>Die Unterhaltung wurde immer fröhlicher und
+ungezwungener. Recht unfeine Witze, die in Gegenwart
+dreier Damen (die Parketteriedamen waren
+auch da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von
+Mund zu Mund, aufgefangen von laut lachendem
+Verständnis. Nur Joseph lachte nicht viel. Ob
+er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn.
+Er solle nur trinken, dann werde er schon munter
+werden. Die Sorgen lägen auf dem Grund der
+Gläser, und man müsse kurzen Prozeß machen und
+sie austrinken. Wo Pauline sei? Die solle den
+Neuenburger auch zu versuchen bekommen. Frau
+<span class="pagenum"><a name="Page_228">228</a></span>Tobler sagte, das sei nicht nötig, aber der Ingenieur
+bestand darauf.</p>
+
+<p>Geschichten von der anzüglichsten Sorte wurden
+zum besten gegeben. Die drei Bärenswiler erwiesen
+sich als Meister in der komischen Wiedergabe derselben.
+Würde Tobler für jedes Lachen, das an
+diesem Abend erschallte, einen Hundertmarkschein
+bekommen haben, so wäre er über Nacht ein wahrhaft
+fürstlich reicher Mann geworden, hundertmal
+wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen
+Schlag zu tilgen. Aber das Gelächter trug nichts
+ein, es verhallte an den Wänden der kleinen Grotte,
+es belustigte bloß, aber bereicherte nicht.</p>
+
+<p>»Auf das Gelingen deiner Unternehmungen,
+Tobler!« sprach der Segelschiffwirt, indem er ein
+volles Glas hochhob. Hierdurch gerührt und verletzt
+schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede
+auf:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Das will ich auch hoffen!</p>
+
+<p>Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine
+Ideen setzt, so gibt es immer im weiten Umkreis
+der Menschen Geschwätze, die dieses Mannes Werke
+verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber
+steht hoch über diesen Verdächtigungen. Er ist ein
+Unternehmer und als solcher verpflichtet, nicht nur
+etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis,
+<span class="pagenum"><a name="Page_229">229</a></span>meine Herren, sieht kühn, aber es sieht auch oft
+prahlerisch und lächerlich aus, weil es die einzig dastehende
+und beständige Aufgabe hat, niemandes
+Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der
+Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem
+Zeichentisch tun? Es entsteht an diesen Orten, aber
+wollte es da bleiben, wo es entstanden ist, so wäre
+es eine bloße, genußsüchtige Träumerei. Hinaus
+an das Licht der Welt muß es. Es muß sich zeigen,
+es muß die Gefahr, lächerlich und unbrauchbar befunden
+zu werden, besiegen, oder es muß von dieser
+Gefahr erdrückt werden. Was nützen der Welt die
+klugen Köpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben,
+was nützen die bloßen Erfindungen? Eine Erfindung
+ist eine Arbeit aber kein Wagnis, ein bloßer
+hoher Gedanke rüttelt nicht das Kleinste am bestehenden
+Bau der Welt. Die Ideen müssen sich
+verwirklichen, die Gedanken streben nach der Verkörperung.
+Hierzu braucht es des kühnen und unerschrockenen
+Mannes, des gesunden und starken
+Armes, der festen und treuen Hand. Eines Fußes,
+der, wenn es ihm endlich, nach vielen Widerwärtigkeiten,
+gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht
+bald wieder verlassen wird. Eines Herzens, das
+Stürme erträgt, einer, mit einem Wort, männlichen
+Seele. Es ist nicht gesagt, daß dieser Mann glücklich
+<span class="pagenum"><a name="Page_230">230</a></span>ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden
+und rauschenden Erfolg gekrönt sieht, er erstrebt
+keine persönliche Macht, er hat nur erreicht,
+was ihn, wenn er es nicht erreicht hätte, würde
+erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen,
+nicht er, seine Idee will aber dafür auch alles erreichen.
+Eine Idee stirbt oder sie siegt. Mehr habe
+ich nicht zu sagen.</p></div>
+
+<p>Auf diese ziemlich romantisch gefärbte Rede
+lächelten die stillen, schlauen Bärenswilerherren mit
+erzwungen zugepreßten Lippen. Frau Tobler war
+im höchsten Grad ängstlich geworden. Das Fräulein
+aus der Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende,
+lauschende Umgegend zu verkörpern, so
+sehr mit offenem Mund saß sie da. Die alte Dame
+verstund kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen
+seiner Herrin, und er war zugleich mit ihr
+froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues
+volles Glas Neuenburger herunterzustürzen. Seine
+Rede hatte ihn beinahe stärker mithergenommen
+als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder
+alle. Der flüchtig sich in die Grotte verlorne Ernst
+verflog wieder. Es wurde ein »Jaß« beschlossen.
+Toblers Augen glänzten wieder ganz genau so
+fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in
+der die Raketen zu Dutzenden aufgeflogen waren.
+<span class="pagenum"><a name="Page_231">231</a></span>»Ja, für Feste jeglicher Sorte paßt er prachtvoll,«
+dachte Joseph.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen schwammen etliche Pfropfen
+im Teich herum, nebst ein paar gelber, vom gestrigen
+Sturm hier herüber gewehter Blätter. Es regnete.
+Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus.
+Joseph stand im Garten: welch ein Anblick! Aber
+er verbot sich die Stimmung, die ihn ergreifen wollte
+und zwang seinen Gedanken eine alltäglich-praktische
+Richtungnahme auf.</p>
+
+<p>Geschäfte im bejahenden und erwerbenden
+Sinne gab es immer weniger zu erledigen. Das
+Hauptgeschäft bestund nur noch im Abwehren der
+Gläubiger, die anfingen, von allen Seiten her, und
+in immer schrofferer Weise, zu drängen, und im
+Verzögern und Verschieben der Notwendigkeit, mit
+Geld herausrücken zu müssen. Geld, Geld, das
+mußte herbeigeschafft werden mit allen noch zur
+Verfügung stehenden Mitteln, aber der Mittel und
+Wege, dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend
+wenige, und die paar wenigen Wege waren
+durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser
+noch möglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem
+gemeinen und schamhaften und heimlich betriebenen
+Anpumpen privaten Charakters. Auf seinen
+Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder
+<span class="pagenum"><a name="Page_232">232</a></span>einen Bekannten an, dem gestand er entweder die
+nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er schwindelte
+ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und
+verstund es auf diese Weise, hie und da Geld,
+Summen geringen Umfanges, herauszuerwischen.
+Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat-
+oder auf Haushaltungskonto zu buchen.</p>
+
+<p>Grundsätzlich hatte Joseph seine Bureaustunden
+inne zu halten, aber in Wahrheit gab es im Bureau
+kaum noch etwas Reelles und Vorwärtsführendes
+zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch überhaupt
+da zu sein. Eines Morgens ließ der Gehülfe
+aus Vergeßlichkeit die Bureautüre offen stehen
+beim Weggehen nach der Post. Als er zurückkam,
+gab es eine Szene: Tobler sagte heftig, Unordnung
+brauche deswegen, daß kein Geld da sei, noch
+lange nicht einzureißen. Das verbitte er sich. Wenn
+auch keine Barschaften zu entwenden seien, so
+könne doch jemand, sei es der Briefbote, sei es ein
+anderer, durch die offene Türe, unangemeldet, ohne
+daß ein Mensch im Hause es merke, eintreten und
+in den Büchern und Papieren herumstöbern.</p>
+
+<p>Joseph gab zur Antwort, es werde wohl
+Pauline gewesen sein, die die Türe habe offen
+stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets
+streng auf Ordnung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_233">233</a></span>
+Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja
+diejenige, die ihn wegen dessen verklagt habe, was
+er, erstaunlich unverschämterweise, nun auf sie schieben
+wolle. Er schiebe überhaupt immer alles auf
+Pauline.</p>
+
+<p>Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul,
+sagte der in der Schlinge Gefangene. Tobler
+gebot ihm zu schweigen.</p>
+
+<p>Das waren Tage, das, nasse und stürmische,
+und doch war ein eigener Zauber dabei. Das
+Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmütig-gemütlich.
+Die Nässe und Kälte draußen machten
+die Zimmer freundlicher. Man heizte jetzt schon.
+Durch das neblige Grau der Landschaft brannten
+und leuchteten fiebrig die gelben und roten Blätter.
+Das Rot der Kirschbaumblätter hatte etwas Glühendes
+und Wundes und Wehes, aber es war schön,
+das versöhnte und erheiterte wiederum. Oft erschien
+das ganze Wiesen- und Baumland in Schleier und
+nasse Tücher eingehüllt, oben und unten und in
+der Ferne und Nähe alles grau und naß. Wie
+durch einen trüben Traum schritt man durch das
+alles hindurch. Und doch drückte auch dieses Wetter
+und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus.
+Man roch die Bäume, unter denen man ging, man
+hörte reifes Obst in die Wiese und auf den Weg
+<span class="pagenum"><a name="Page_234">234</a></span>fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still
+geworden zu sein. Die Geräusche schienen zu schlafen
+oder sich zu fürchten, zu tönen. An den frühen
+Morgen und späten Abenden drang über den See
+der langdahingeatmete Ton der Nebelhörner, die
+einander da draußen, Schiffe ankündigend, das
+warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute
+von hülflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug.
+Dazwischen gab es einmal wieder einen schönen
+Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder
+schöne noch wüste, weder besonders freundliche, noch
+besonders trübe, weder sonnige, noch dunkle Tage,
+sondern solche, die ganz gleichmäßig licht und dunkel
+blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr
+nachmittags dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags,
+wo alles ruhig und mattgolden und ein
+bißchen betrübt da lag, wo die Farben still in sich
+selber zurücktraten, gleichsam für sich sorgenvoll träumend.
+Solche Tage, wie liebte sie Joseph. Alles
+kam ihm dann schön, leicht und vertraut vor. Diese
+leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos,
+beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht
+schlimm, vieles nicht mehr schwer, was ihm vorher
+schlimm und schwerfällig erschienen war. Eine angenehme
+Vergeßlichkeit trieb ihn an solchen Tagen
+die hübschen Dorfstraßen entlang. Die Welt war
+<span class="pagenum"><a name="Page_235">235</a></span>ruhig, gelassen und gut und gedankenvoll anzusehen.
+Man konnte überall hingehen, es blieb
+immer dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht,
+und das Gesicht blickte einen ernst und zart an.</p>
+
+<p>Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen
+Aufruf: Geld her! ein neues Inserat »Fabrikbeteiligung
+gesucht« in die Zeitungen gedruckt. Die
+kleinen Geschäftsleute des Dorfes hatten Geld haben
+wollen, waren aber abgewiesen, und auf spätere
+Zeiten vertröstet worden. Im Dorf wurde infolgedessen
+laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die
+Frau wagte sich kaum noch recht in die innere Ortschaft,
+sie fürchtete, beleidigt zu werden. Die hauptstädtische
+Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung
+des Preises für das angefertigte Kleid. Der Betrag
+belief sich auf rund hundert Mark, eine dem Frauengedächtnis
+nur zu gut sich einprägende Summe.</p>
+
+<p>»Schreiben Sie ihr,« sagte Frau Tobler zum
+Gehülfen. Es war eben ein Faß jungen Weines
+oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal
+wurde auch jetzt noch nicht im Hause gelebt, das
+verbot der natürliche Frohsinn, der sich gerade jetzt
+wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im
+Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor
+Speckers, die seit drei Wochen ihre Besuche aufgegeben
+hatten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_236">236</a></span>
+Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau
+Berta Gindroz, einer Französin: sie solle gefälligst
+noch ein wenig Geduld haben. Momentan sei
+eine Berichtigung nicht gut möglich. Frau Tobler
+sei übrigens mit der Arbeit nicht ganz so zufrieden
+wie frühere Male, indem das Jüpon zu eng geraten
+sei, dasselbe drücke sie unter den Armen. Auf
+alle Fälle möchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung
+nur ruhig sein. Man könne zurzeit nur
+nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen,
+Herr Tobler sei mit Geschäften und Sorgen zu
+sehr überladen. Ob das Kleid nicht wohl erst noch
+müsse geändert werden? Man erwarte hierüber Bescheid
+und man bitte, davon überzeugt zu sein, usw.</p>
+
+<p>Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein
+Geschäftsherr seine zahlreichen Korrespondenzen zu
+unterschreiben pflegt.</p>
+
+<p>Der ganze Garten lag voller abgefallener und
+zugewehter Blätter, da machte sich der Angestellte
+eines Nachmittags dahinter und fing an aufzulesen,
+zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen,
+was er vermochte. Der Tag war kalt und finster.
+Große, unbestimmbare Wolken lagerten düster am
+Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und
+sich nach dem edlen, heiteren Sommer zurückzusehnen.
+Die Bäume in der Umgebung waren jetzt ganz
+<span class="pagenum"><a name="Page_237">237</a></span>kahl geworden, ihre Äste waren schwarz und naß.
+Der <ins title="Bahnwäter">Bahnwärter</ins> kam herzu. Derselbe wohnte ganz
+in der Nähe, er war ein freundlicher, bescheidener,
+zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er kam nun
+heran und half Joseph Blätter auflesen, indem er
+sagte, was in guten und bessern Tagen recht gewesen
+sei, das sei nun wohl in schlimmen Zeiten
+nichts als nur billig. Er habe manches Gute von
+Herrn Tobler genossen. Derselbe habe ihm etwa
+manche Zigarre gegeben und manches hübsche Trinkgeld,
+so sähe er nicht ein, weshalb das immer so
+andauern müßte, und er sei jedenfalls einer von
+denjenigen Bärenswilern, die es gut mit dem allezeit
+freigebig gewesenen Ingenieur meinen.</p>
+
+<p>Bald war der ganze Garten gesäubert. »Auch
+schon wieder eine Arbeit erledigt,« sagte lachend
+der Bahnwärter. »Ja junger Herr, es gibt mancherlei
+Sorten Beschäftigungen, und in allem, was
+man mit aufrichtigem Bemühen tut, kann ein Stück
+Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt ein paar von Herrn
+Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so
+ist mir das nicht unwillkommen. Bei dieser Witterung
+kann man einen glühenden Stengel schon vertragen.«</p>
+
+<p>Frau Tobler ließ dem Mann einen halben
+Liter »Sauser« geben.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_238">238</a></span>
+Der Aktienbierbrauerei Bärenswil wurde betreffs
+Besetzung einer Anzahl Felder oder Flügel
+der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma schlug
+ab, später vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher
+Mißerfolg, der Tobler veranlaßte, den Briefbeschwerlöwen
+zu Boden zu schmettern, wo er in Stücke
+flog, die der Gehülfe aufhob. Gleichzeitig wurde
+auf das technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschütz
+gerichtet. Die Kanonenkugel verletzte
+zwar niemanden, aber sie reizte, ärgerte und
+vermehrte die Unruhe.</p>
+
+<p>Das war niemand anderes als der frühere
+Agent und Reisende Toblers, ein gewisser Herr
+Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen daherzutraben
+kam, um die rückständigen Gehälter und
+Provisionen, die sich auf die Konzessionserwerbungen
+für die Reklame-Uhr bezogen, einzufordern. Tobler
+würde diesem Menschen am liebsten zurückgeantwortet
+haben: »Du kannst mir in der Gegend von
+Genua in die Schuhe hineinblasen, du Narr, was
+du bist,« aber er mußte vernünftigerweise auch diese
+neue, unangenehme Schuldforderung anerkennen
+und schrieb dem Mann: »ich kann nicht bezahlen!«</p>
+
+<p>Geduld! Herr Tobler sah sich genötigt, von
+allen seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Mitmenschen
+Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt
+<span class="pagenum"><a name="Page_239">239</a></span>Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig.
+Ich bin so unvorsichtig gewesen und habe mein
+gesamtes Barvermögen in meine Unternehmungen
+geworfen. Treibt mich nicht bis zum Äußersten.
+Ich ordne meine Verpflichtungen, ich kann noch
+erben, ich besitze noch Ansprüche auf ein mütterliches
+Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat, Kapitalien
+gesucht, in die Zeitungen, die die Welt bedeuten,
+rücken lassen. Der Kopf schwindelt mir zwar
+ein wenig, aber usw.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte
+jetzt Tobler mit seinem Advokaten, an
+welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten
+schrieb.</p>
+
+<p>Das erste Schützenautomaten-Exemplar war
+inzwischen fertig geworden, es funktionierte in der
+Tat glänzend und erweckte fröhliche Hoffnungen.
+Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es
+womöglich noch vorbehalten, die Reklame-Uhr und
+das darin geworfene Vermögen zu retten. Der
+Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das
+fertige Werk zu besichtigen, und dieser folgte der
+Aufforderung gerne, umsomehr als der Herbsttag
+schön und mild war. Er machte sich zu Fuß auf
+und spazierte gemächlich gegen das eine gute Stunde
+weit entlegene Nachbardorf zu, rechts zur Begleitung
+<span class="pagenum"><a name="Page_240">240</a></span>der in die Höhe schießende Wald, links
+der ruhige See, so ließ es sich ganz gut »in Geschäften«
+die Landstraße entlang gehen. In der
+Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der
+mechanischen Werkstätte, fand sie nach vielem Suchen
+in den durcheinander gekneteten und gebauten Dorfgassen
+und stand nun vor dem elegant mit Dekorationsfarben
+angemalten Schützenautomaten. Der
+Hersteller desselben, indem er Joseph dartat, wie
+glatt und geräuschlos das Ding lief, brummte, nun
+erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine angemessene
+Entlöhnung, oder man dürfe, meine man,
+eine solche gewärtigen, nachdem man doch, was
+aber Tobler nur nicht anerkennen wolle, die Hauptsache
+am Werk getan habe. Mit Springen, Befehle
+erteilen und Umherreisen sei eine Sache eben
+noch lange nicht in Wirklichkeit im Gang. Dazu
+bedürfe es der Hände, die auch tatsächlich arbeiten.
+Ja, Joseph solle nur seinen Chef davon unterrichten,
+wie man hierorts die Sachlage auffasse, es
+könne nicht schaden, wenn Tobler es wisse.</p>
+
+<p>Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen
+Auslassungen und trat bald den Heimweg wieder an.</p>
+
+<p>Zu Hause rief man ihm schon von Weitem
+entgegen, es warte ein Herr unten im Bureau auf
+Herrn Joseph Marti.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_241">241</a></span>
+Es war der Verwalter des hauptstädtischen
+Stellenvermittlungsbureaus, der Mann, dem der
+Gehülfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar
+verwilderter Herr, der aber, wie es schien,
+die demütigsten und sanftesten Manieren hatte.
+Die Herren begrüßten sich gegenseitig freundschaftlich,
+beinahe brüderlich, obschon ein bedeutender
+Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste
+und zerfetzte Gesicht des Verwalters ließ
+Joseph an längst überstandene Dinge denken. Eine
+armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren
+Augen auf, sich selber sah er dort an einem Pult
+sitzen, dann sah er den Herrn Tobler zur Tür eintreten,
+den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er
+sich umguckte nach dem passenden Menschen, der
+diesem Herrn Tobler dienen konnte. Wie weit das
+alles schon zurücklag.</p>
+
+<p>Was denn den Herrn Verwalter nach Bärenswil
+hinaufgeführt habe?</p>
+
+<p>Der ältliche Mann, indem er sich im Bureau
+nach allen Seiten umschaute, sagte, er komme vor
+allen Dingen lediglich aus bloßem Interesse, damit
+er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es,
+wie es scheine, Joseph gefalle. Es sei heute in der
+Schreibstube gerade ein schläfriger Tag gewesen,
+keinerlei Aufträge, da habe er sich eben in den Zug
+<span class="pagenum"><a name="Page_242">242</a></span>gesetzt und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber
+ganz nur neugierdehalber komme er auch nicht, er
+verbinde gerne mit dem Genußvollen das Nützliche
+und Notwendige, und so möchte er sich denn die
+Frage erlauben, warum ihm bis heute noch nicht
+einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe geschrieben
+habe, der Betrag, den die übliche Vermittlungsgebühr
+ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine
+Briefe und Mahnungen nicht eingetroffen seien?</p>
+
+<p>»Ja, die sind angekommen, aber es ist kein
+Geld da, Herr Verwalter,« antwortete Joseph.</p>
+
+<p>»Wie? Und nicht einmal für einen so geringen
+Betrag?«</p>
+
+<p>»Nein!«</p>
+
+<p>Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche
+Augen und frug, ob Herr Tobler zu sprechen sei.
+Joseph sagte:</p>
+
+<p>»Herr Tobler ist während all dieser Tage für
+Menschen, die Geld von ihm haben wollen, unter
+keinen Umständen zu sprechen. Hiefür bin ich da,
+sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen
+Moment, bitte, setzen, Herr Verwalter. Sie werden
+sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder
+gehen. Bei aller Hochschätzung vor Ihnen bin ich
+gezwungen, Ihnen zu sagen, daß man hier im
+Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_243">243</a></span>fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau
+wie Herr Tobler haben mir den bestimmten Befehl
+erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen
+Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gespräche
+einzulassen, sondern sie kühl abzuweisen.
+Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals,
+als ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der
+Schreibstube adieu sagte, um mich nach Bärenswil
+zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen
+und fleißigen Mann zu erweisen, damit man
+mich brauchen könne und mich nicht nach einem
+halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder
+fortjagen müsse. Sie sehen, ich bin heute noch da,
+ich scheine mich also zu bewähren. Ich habe mich
+in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse hineingefunden,
+und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.«</p>
+
+<p>»Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt?«
+fragte der Verwalter. Der Gehülfe sagte:</p>
+
+<p>»Nein, und das gehört allerdings zu den
+Punkten, die mir nicht recht gefallen. Ich habe
+hierüber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen
+wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe
+auftun wollen, um meinen Vorgesetzten an diese,
+wie ich wohl habe empfinden müssen, für ihn nicht
+gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der
+<span class="pagenum"><a name="Page_244">244</a></span>Mut, zu reden, vergangen, und ich habe dann
+jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es! Und ich
+lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch.«</p>
+
+<p>»Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie
+gut zu essen?«</p>
+
+<p>»Ausgezeichnet!«</p>
+
+<p>Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter,
+nach allem was gesprochen worden sei,
+nichts anderes übrig, als Herrn Tobler auf gerichtlichem
+Wege zu betreiben.</p>
+
+<p>»Tun Sie das,« sagte Joseph. Der Verwalter
+griff nach dem abgeschabten Hut, schaute den Gehülfen
+väterlich an, gab ihm die Hand und ging.</p>
+
+<p>Joseph nahm ein Stück Papier zur Hand und
+schrieb, da er sich weiter mit nichts Wichtigerem beschäftigt
+<ins title="sich">sah</ins>, folgendes darauf:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Schlechte Gewohnheit.</p>
+
+<p>Eine solche ist das Bedürfnis, gleich alles zu
+bedenken, was mir Lebendiges vorgekommen ist.
+Das kleinste Begegnis erregt in mir eine sonderbare
+Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen,
+der mir um der Erinnerungen willen,
+die mit seiner alten, armen Gestalt verbunden sind,
+lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen,
+verloren, oder nur liegen gelassen zu haben,
+<span class="pagenum"><a name="Page_245">245</a></span>als ich in sein Gesicht schaute. Ein Verlust prägte
+sich sogleich meinem Herzen ein und ein altes Bild
+meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas überspannter,
+aber ich bin auch ein genauer Mensch.
+Ich empfinde die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen
+Dingen peinlich gewissenhaft, und nur ab
+und zu muß ich mir wohl oder übel gebieten: Vergiß
+das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste
+und stürmischste Verlegenheit setzen, ich
+bin dann von dem Gedanken an dieses scheinbar
+Winzige und Nichtige erfüllt, durch und durch, während
+die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, für
+mich unerklärlich geworden ist. Diese Momente sind
+eine schlechte Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte
+Gewohnheit, das was ich da mache, Gedankenaufnotieren.
+Ich gehe jetzt zu Frau Tobler. Vielleicht
+hat sie eine Arbeit häuslichen Charakters für
+mich.&nbsp;&ndash;</p></div>
+
+<p>Er warf das Geschriebene in den Papierkorb
+und verließ das Bureau. In der Tat harrte seiner
+eine häusliche Arbeit, die darin bestand, die für den
+Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer
+hinunter in den Keller zu tragen, wo sie geputzt
+und gewaschen werden mußten. So zog er
+denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster
+<span class="pagenum"><a name="Page_246">246</a></span>hinunter. Frau Tobler war erstaunt über seinen
+feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die inzwischen
+putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den
+man ein bißchen zu allem brauchen könne. Sie
+hängte dem Lob eine Lehre an und bemerkte mit
+ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die
+Welt immer unsicherer und veränderlicher werde,
+beinahe notwendig, daß junge Leute lernten, sich
+in alles zu schicken. Ein Schaden sei es für einen
+jungen Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit
+den verachteten und geringen Dingen umzugehen
+wisse.</p>
+
+<p>Nachdem die Fenster gewaschen waren, mußten
+sie in die Zimmer getragen, und in die richtigen
+Fensteröffnungen ordentlich hineingehängt werden.
+Frau Tobler ermahnte den Gehülfen zur Vorsicht,
+stund dabei und sah ein wenig ängstlich seinen
+Aushänge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu
+kühn vorkamen. »Wie gut dieser Frau der Ausdruck
+des Bangens steht,« dachte der Fensterarbeiter
+und war sehr zufrieden mit sich.</p>
+
+<p>Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit
+von ihm, daß er zufrieden, ja glücklich
+war, sobald es ihm vergönnt wurde, körperlich zu
+arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist,
+die bessere Menschenhälfte, so ungern an? War
+<span class="pagenum"><a name="Page_247">247</a></span>er zum Holzhauer oder zum Kutscher geboren?
+Hätte er in Urwäldern oder auf Meerschiffen als
+Matrose leben sollen? Schade, daß es in der Nähe
+von Bärenswil keine Blockhäuser zu bauen gab.</p>
+
+<p>Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das
+ist übrigens nicht so rasch irgend ein gesundgeborener
+Mensch. Aber er hatte so etwas Körperbevorzugendes
+an sich. In der Schule, er erinnerte sich
+öfters lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er
+liebte das Gehen über Land, das Steigen auf
+Berge, das Abwaschen von Küchengeschirr. Er hatte
+letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner
+Mutter Geschichten erzählt. Arme- und Beinbewegungen
+empfand er als etwas Köstliches.
+Das Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als
+das Nachdenken über hohe Dinge. Er schwitzte
+gern, das ließ unter Umständen tief blicken. War
+er der geborne Ziegelsteinträger? Hätte man ihn
+an einen Karren spannen sollen? Herkules war
+er jedenfalls nicht.</p>
+
+<p>Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte,
+aber er machte zu gern Pausen im Denken.
+Als er eines Tages mitten im Dorf Bärenswil
+einen Mann sah, der Säcke schleppte, dachte
+er sogleich, das tue er auch, sobald Tobler ihn
+fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und
+<span class="pagenum"><a name="Page_248">248</a></span>jetzt ist es Herbstende und man hängt Vorfenster
+an.</p>
+
+<p>Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen
+Wein zu trinken. Auch war es schon Nacht und
+Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war
+sehr lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon
+längst mit Essen fertig geworden waren. Der Mann
+der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter, fand
+sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas
+Sauser ein, er setzte sich mit an den Tisch, und
+bald gab er ein fröhliches Lied zum besten. Es
+wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die
+andern tranken viel. Zu Bett mit euch, Kinder!
+rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline trug
+Dora auf dem Arm von einem zum andern, um
+gute Nacht zu sagen. Die Waschfrau bewies, daß
+sie ein drolliges, schnellläufiges Mundwerk hatte,
+sie erzählte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes-
+und Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an
+zu singen. Seine Frau wollte es ihm verbieten,
+denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler
+sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die
+Kinder seien ja jetzt fort, und ihnen andern allen
+könne ein ausgelassenes Wort nicht viel schaden,
+sie selber höre so etwas auch gern einmal an. Der
+Zauber des Weines legte dem schwärzlich anzuschauenden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_249">249</a></span>einäugigen Gesellen tolle Reimereien
+auf die Lippen. Es wurde unbändig gelacht, am
+meisten von Frau Tobler, die »profitieren« zu
+wollen schien, da sie in den letzten Wochen zu ihrem
+Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte.
+Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute
+abend Gesellschaft leisteten, so waren es doch fidele.
+Arme Leute, aber aufrichtig fühlende. Außerdem
+empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus welchem
+Grunde, das Bedürfnis, einmal recht ausgelassen
+zu sein, derart, daß sie Vergnügen fand, die
+Gläser immer wieder neu zu füllen, bis es Mitternacht
+wurde. Joseph war betrunken, er lallte und
+war nahe daran, unter den Tisch zu sinken. Die
+andern hielten sich besser. Frau Tobler hatte sich
+überhaupt mehr dem Genuß des Gespräches und
+des Lachens hingegeben als dem des Trinkens.
+Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel vertragen
+zu können. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf,
+um in sein Zimmer zu gelangen, als Tobler
+erschien mit der ärgerlichen Frage, warum wieder
+einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im
+Garten draußen sei es stockdunkel, da könne einer ja
+Arm und Beine brechen. Er sah, was im Wohnzimmer
+vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft
+waren aufgestanden. Ein wenig später
+<span class="pagenum"><a name="Page_250">250</a></span>sagten die Leute schüchtern gute Nacht und gingen.
+Was das für eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler
+seine Frau. Diese konnte nur noch lachen und
+deutete mit dem Finger auf den Angestellten, der
+mit der einfachen Schwierigkeit kämpfte, die Treppe
+emporzugelangen. Der Herr war müde, so sagte
+er nicht viel. »Gesausert« war worden, es war
+ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.</p>
+
+<p>Am andern Morgen stand Joseph etwas früher
+auf und arbeitete extra fleißig, er empfand Gewissensbisse
+und fürchtete sich vor der Begegnung
+seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein
+Ohr abgerissen noch flog etwas um seinen Kopf
+herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher
+als je, ja, er machte sogar Witze.</p>
+
+<p>Im Laufe des Tages gestand der Gehülfe Frau
+Tobler, daß er sich gefürchtet habe. Sie schaute ihn
+groß an, als begreife sie irgend etwas an ihm nicht
+und sagte:</p>
+
+<p>»Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit
+und Kühnheit, Joseph. Auf die schmalen Gesimse
+zu treten und mitten im Spätherbst in den See
+hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten
+Furchtgedanken. Auch eine Frau können Sie beleidigen,
+ohne stutzig zu werden. Wenn es aber
+gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz
+<span class="pagenum"><a name="Page_251">251</a></span>unschuldigen Fehler zu vertreten, so fürchten Sie sich.
+Da ist man ja wahrhaftig gezwungen, anzunehmen,
+entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder
+aber, Sie hassen ihn heimlich. Was soll man glauben?
+Was soll ein so scharfausgeprägter Respekt
+eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten?
+Gerade jetzt, wo es um die äußere Weltlage Toblers
+schlecht steht, muß es einen wundern, Sie diesen
+Mann in so zarter Weise hochachten zu sehen. Ich
+bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind
+Sie großherzig? Sind Sie ein Niedriger? Gehen
+Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden und bin
+es doch Ihnen gegenüber. Und fürchten Sie sich
+in Zukunft nicht mehr vor meinem Mann, er hat
+noch keinem Menschen den Kopf abgebissen.«</p>
+
+<p>Das war im Wohnzimmer gesprochen worden.
+Etwas später überraschte Joseph die Frau oben an
+der Türe ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe zufällig
+offen stehen lassen, im Negligé. Sie stand,
+ohne an etwas zu denken, mit entblößten Armen
+neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen
+der Haare beschäftigt. Als sie Joseph hörte und
+sah, stieß sie einen Schrei aus und warf die Türe
+zu. Welche herrlichen Arme! dachte der Gehülfe
+und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben
+auf dem Boden etwas aus altem Gerümpel hervorzusuchen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_252">252</a></span>Statt das was er suchte, fand er ein
+Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich
+nicht mehr benutzt wurden. Er schaute diese
+hohen Stiefel unverhältnismäßig lange an, bis er
+in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.</p>
+
+<p>Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug
+Wäsche in der Hand, die sie hier oben abzulegen
+hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete
+ihn, als ob sie ihn überhaupt noch nie gesehen
+hätte. Was für ein Kind! Dann legte sie ihre
+Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stöberte sie,
+und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer
+offenen Kiste herum und richtete an den ihr zuschauenden
+jungen Mann allerhand unverständliche
+Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unerträglich
+und er ging hinunter.</p>
+
+<p>Im Bureau: »Frau Tobler wundert sich über
+mein Betragen. Dagegen möchte ich mich fast über
+das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche
+Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbständige Frau,
+die Mutter Silvis? Gleich werde ich gehen und
+es ihr ins Gesicht hineinsagen, was für eine Rabenmutter
+sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte
+des Hauses Tobler. Dieses Haus aber wankt, mag
+denn auch meine Lebensstellung wanken.«</p>
+
+<p>Neben der Wohnzimmertüre stand Frau Tobler
+<span class="pagenum"><a name="Page_253">253</a></span>und sprach mit großer Erregung ins Telephon hinein.
+Offenbar handelte es sich wieder einmal um
+eine unangenehme Sache. Ihr Rücken zitterte und
+die Schultern hoben und senkten sich stürmisch. Sie
+sprach streng und gebieterisch. Sollte der andere
+Sprecher ein unverschämter Gläubiger sein? Ihre
+Stimme klang so hoch, daß sie in den eigenen Tönen
+und Bändern zu zerreißen drohte. Endlich war sie
+fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie
+schmerzvolles Gesicht. Sie hatte während des Sprechens
+geweint.</p>
+
+<p>»Wer war das?« fragte er.</p>
+
+<p>»O,« sagte sie, »der Bauunternehmer, der, der
+die Grotte gemacht hat. Er will Geld. Ich habe
+ihn aber, wie Sie soeben werden gehört haben, in
+die Schranken zurückgewiesen.«</p>
+
+<p>Sie sagte nicht, in was für Schranken. Aber
+ob sie es nun gesagt oder nicht gesagt hatte, jedenfalls
+hatte der Gehülfe nicht mehr den Mut, sie
+eine Rabenmutter zu schelten.</p>
+
+<p>Er hätte auch ebenso gut ans Telephon gehen
+können. Ob er es denn nicht klingeln gehört habe?
+Nein? Dann solle er doch immer die Bureautüre
+ein wenig offen stehen lassen, dann werde er es
+schon hören.</p>
+
+<p>Joseph hatte es ganz gut klingeln gehört, aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_254">254</a></span>er war zu träge gewesen und er hatte gedacht: »Die
+kann jetzt auch einmal telephonieren. Das schadet
+dem Hochmutston nichts.«</p>
+
+<p>Walter kam und erzählte, wie Edi, sein Bruder,
+einem Bärenswiler Herrn die Zunge ausgestreckt,
+und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des
+Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen,
+er sei aber überrascht worden und habe eine Ohrfeige
+gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem
+Mann allerhand Schimpfwörter nachgerufen.</p>
+
+<p>Das müsse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau
+Tobler.</p>
+
+<p>»An Ihrer Stelle, Frau Tobler«, warf Joseph
+ein, »würde ich selber den Knaben bestrafen, meinetwegen
+hart, aber ich würde es niemals &rsaquo;meinem
+Mann&lsaquo; sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie
+ja Sie am besten wissen, mit anderweitigen Dingen
+genug beschäftigt, und zweitens sind Sie doch Edis
+Mutter und können gewiß ebenso gut wie Ihr
+Mann die Strenge, womit der Schlingel bestraft
+werden soll, messen. Hört Herr Tobler heute abend
+wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus
+Ihrem Munde, so dürfte er leicht außer sich geraten,
+und die Strafe wird nur zu leicht eine grausame,
+aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gnädige
+Frau, in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann
+<span class="pagenum"><a name="Page_255">255</a></span>versetzen, wenn Sie ihn mit derartigen, in der Tat
+nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment belästigen,
+den er dazu benutzen will, wieder ein
+wenig im Kreise seiner Familie von seinen Geschäften
+und Gelderwerbsplänen auszuruhen, und Sie werden
+mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich für Ihren
+Kränker zu halten, recht geben. Verzeihen Sie
+mir. Ich habe im Interesse des Hauses Tobler
+gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den
+Wunsch, hier nur nützlich zu sein. Sind Sie mir
+böse, Frau Tobler?«</p>
+
+<p>Sie lächelte und schwieg, indem sie es scheinbar
+für überflüssig fand, ein Wort zu erwidern. Sie
+ging in die Küche hinaus, er ins Bureau hinunter.</p>
+
+<p>Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause,
+was selten geschah. Wie es gehe zu Hause, fragte
+er mit dunkler, gepreßter Stimme, er befand sich
+in übler Laune. Joseph fühlte sich sogleich unbehaglich
+beim Klang dieser Stimme. Diese Stimme,
+welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mußte denn
+Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren,
+wie sein Gehülfe es sich wohl schmecken
+ließ? Der Appetit verging ihm beinahe, und er
+nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur
+Post ins Dorf zu springen. Tobler hatte seinen
+Überzieher mühsam abgelegt. Joseph dachte bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_256">256</a></span>sich, vielleicht wäre es gut getan gewesen, wenn er
+vom Platz aufgesprungen wäre und dem Herrn
+geholfen hätte, aus dem Mantel herauszukommen.
+Das würde womöglich Toblers schlechte Laune, die
+man ihm anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum
+nur so wenig zuvorkommend? Ob ihm das
+an der Mannesehre geschadet hätte? Schöne Ehre,
+dazusitzen und ängstlich zu hoffen, es werde keine
+Szene geben. Toblers Auftreten ließ Joseph immer
+Szenen befürchten. Ja, dieser Mann hatte
+etwas so Zurückgebändigtes an sich, etwas dick und
+rot Aufgehäuftes, etwas innerlich Knatterndes und
+leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden
+Moment losbrechen möchte. Und da war es denn
+wirklich nicht angebracht, an Ehrverletzung zu denken,
+da tat man einfach das Gute, das Notwendige
+und das Zornesausbruch-Verhütende. Man zog
+einen Überzieher aus, und der ganze Familienabend
+konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzückend
+kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war.
+Geradezu freigebig. Aber Joseph hatte sich geschämt,
+artig zu sein, und noch etwas, die Frau
+tat jetzt, als ob er an einem Schnürchen mechanisch
+wäre aufgezogen worden, den Mund auf und erzählte
+in aufreizendem Tone die Geschichte und
+Sünde Edis.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_257">257</a></span>
+Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte
+demselben einen Schlag an den kleinen Kopf,
+der einen starken Mann hätte umwerfen können,
+wie mehr ein derartiges Bürschchen, wie der Edi
+eins war. Alle im Zimmer zitterten. Frau Tobler
+senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt leid,
+gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben
+und Stößen in die dunkle Nebenkammer hinein.
+Walter, der kleine Angeber, war totenbleich geworden.
+Dora umklammerte den Arm der Mutter.
+Diese wagte zu sagen, es sei genug, Tobler solle
+sich beruhigen. Dieser stöhnte.</p>
+
+<p>»Eine unbegreifliche Frau,« murmelte Joseph
+für sich.</p>
+
+<p>Das müsse noch sein, zu der Zeit, da sowieso
+im ganzen Dorf alles, was eine Stimme und
+ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem
+er sich an den Tisch setzte. Solche Rangen!
+Damit jeder Beliebige bald mit Fingern auf ihn,
+den Erzieher und Vater, deuten dürfe und sagen
+dürfe, die Jungen machen's halt wie der Alte. So
+wie man nur einen Fuß ins Haus setze, springe
+einem eine Widerwärtigkeit entgegen. Da solle
+einer noch den Mut haben, zu hoffen, es sei irgend
+eine Wendung zu Besserem möglich. Mit den eigenen
+Kindern sei man gestraft. Das komme, weil
+<span class="pagenum"><a name="Page_258">258</a></span>man sich verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten,
+zu kleiden und zu ernähren. Der Teufel auch.
+Barfuß mußten sie ihm nächstens zur Schule gehen,
+die Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben
+statt Fleisch. Er werde einen andern Takt einführen.
+Aber das sei gar nicht nötig, es mache sich
+bald von selber. Wenn bald nichts mehr werde
+zu essen da sein, wolle er sehen, daß diese seine
+Brut ganz anders sich aufführe.</p>
+
+<p>Er versündige sich, und es genüge jetzt, sagte
+Frau Tobler.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Tobler führte kein anderes Regiment in seinem
+Hause ein, Taktstock und Tonart blieben dieselben
+im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel anderes
+im Kopf, und der Hülfsdirigent war eine zu bescheidene,
+zu zufriedene Natur. Dem brauchte man
+ja nicht einmal die längst verfallenen Gehälter
+auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb,
+mit dem, was da war. Wolken und Winde flogen
+auch um das Haus Tobler noch herum, und so
+lange <ins title="die">diese</ins> Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte
+es den Gehülfen auch nicht ans Fortgehen mahnen.</p>
+
+<p>Eines Tages schneite es. Erster Schnee im
+Jahr, wie bist du nur so erinnerungsreich anzuschauen.
+Altes Erlebtes fliegt mit dir stürmisch dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_259">259</a></span>Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter
+und Geschwistern lösen sich deutlich und vielsagend
+von deinen nassen, weißen Schleiern ab. Es wird
+einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst,
+mit deinen unzähligen Flocken. Man
+glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder oder eine
+liebe, zaghafte Schwester. Man hält die Hand hin,
+um dich aufzufangen, nicht dich ganz, sondern nur
+kleine Stücke von dir. Der Kübel, der dich auffangen
+wollte, müßte breit und groß sein, wie die
+Erde. Lieber, erster Schnee, schneie! Es macht sich
+ganz prachtvoll, das weiche Ding, das du da über
+Toblers Haus und Garten in aller Stille breitest.
+Frau Tobler ruft erstaunt aus: »Es schneit!« Die
+Kinder kommen mit Geschrei und mit Flocken in
+den geröteten Gesichtern und mit Schneestücken in
+den Haaren in die warme Stube hinein. Da wird
+Pauline im Garten bald Wege in den Schnee hineinscharren
+und fegen müssen, damit Herrn Toblers
+Füße und Schuhe nicht allzu naß werden.</p>
+
+<p>Tobler schickte auch seine Buben noch nicht
+barfuß zur Schule. Solch eine Verordnung hatte
+ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer
+in der netten Villa trotz des wilden Schneegestöbers
+und trotz Kälte und Nässe. Joseph zog
+seinen Überzieher an, wenn er zur Post lief, es war
+<span class="pagenum"><a name="Page_260">260</a></span>ein geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem
+warm und kleidete hübsch. Frau Tobler bat den
+Gehülfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen mitzubringen,
+das Lesen fange an in die langen Nächte
+ganz gut zu passen. Jassen könne man auch nicht
+jedesmal nach dem Abendessen. Joseph ging in
+die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe.
+Die Mädchen gingen in kleinen, roten, dicken
+Überkleidern in den Schnee hinaus, mit Schlitten,
+um den Hügel hinunterzufahren, aber es ging noch
+nicht recht, der junge Schnee war zu naß und saß
+nicht fest genug auf der steinigen Erde. Leo, der
+Hund, half mit sich umherzutummeln.</p>
+
+<p>Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen
+Geruch und Ton haben. Den Frühling meint
+man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu haben,
+nie so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerüppigkeit
+jedes neue Jahr neu und zauberhaft.
+Den Herbst hat man sich früher nie recht angeschaut,
+erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter
+ganz neu, ganz, ganz anders wie vor einem oder
+vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre haben ihre
+eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr
+da und da zugebracht zu haben, heißt es erlebt
+und gesehen haben. Orte und Jahre sind eng miteinander
+verbunden, und erst Ereignisse und Jahre?
+<span class="pagenum"><a name="Page_261">261</a></span>Die Erlebnisse können ein Jahrzehnt ganz neu färben,
+wie mehr und wie rascher ein kurzes Jahr. Ein
+kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs
+zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden
+und hat, in Gedanken verloren, gesagt:
+»Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es
+doch.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und das Lange war ihm nicht rasch vorübergegangen,
+erst als er an dasselbe dachte, schien es
+ihm Flügel, Federn und Flaumesleichtigkeit gehabt
+zu haben. Es war nun Mitte November, aber
+wenn er es sich recht überlegte, so hatte er schon
+im Mai der Welt diese Miene und diese Manieren
+und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine
+Freundin Klara sagte, wenig verändert.</p>
+
+<p>Und die Welt, verändert sie sich? Nein. Das
+Winterbild kann sich über die Sommerwelt werfen,
+aus dem Winter kann Frühling werden, aber das
+Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt
+Masken an und ab, es runzelt und lichtet die große,
+schöne Stirne, es lächelt oder es zürnt, aber bleibt
+immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es färbt
+sich bald bunter, bald matt, bald ist es glühend
+und bald blaß, es ist nie ganz dasselbe, es verändert
+sich immer ein wenig und bleibt doch immer
+lebendig und ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen
+<span class="pagenum"><a name="Page_262">262</a></span>Blitze und donnert mit seiner gewaltigen Stimme
+den Donner, es weint den Regen in Strömen herab
+und läßt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem
+Mund herauslächeln, aber an den Zügen und Linien
+des Gesichtes verändert sich spurwenig. Manchmal
+nur fährt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein
+Hagelsturz, eine Fluten-Überschwemmung oder ein
+Vulkanfeuer über die ruhige Oberfläche dahin, oder
+es erbebt und erschaudert innerlich von Welt- und
+Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt
+dasselbe. Die Gegenden bleiben dieselben, Städteansichten
+allerdings weiten und runden sich aus,
+aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen,
+von einer Stunde auf die andere, das können
+Städte auch nicht. Die Ströme und Flüsse fließen
+dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie können
+versanden, aber sie stürzen nicht plötzlich über ihre
+Strombetten an die offene leichte Luft hinaus. Das
+Wasser muß sich durch Kanäle und Höhlen hindurcharbeiten.
+Das Strömen und Wühlen ist sein
+uraltes Gesetz. Und die Seen liegen, wo sie seit
+langer, langer Zeit liegen. Sie springen nicht zur
+Sonne hinauf und spielen nicht Ball wie Kinder.
+Sie sind manchmal empört und schlagen ihre Wasser
+und Wellen zornig zischend zusammen, aber sie verwandeln
+sich weder eines Tages in Wolken noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_263">263</a></span>eines Nachts in wilde Pferde. Alles in und auf
+der Erde gehorcht schönen, strengen Gesetzen, wie
+die Menschen.</p>
+
+<p>Es war also jetzt Winter geworden um Toblers
+Haus herum.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem
+Joseph geglaubt hatte, in die Hauptstadt fahren,
+und sich wieder einmal amüsieren zu sollen. In
+der Stadt hatte er Nebel in den Straßen gefunden,
+nasse Blätter am Boden, Bänke in den Anlagen,
+auf die man sich jetzt nicht mehr setzen konnte noch
+mochte, in den innern Gassen Lärm und am Abend
+vor den zahlreichen Kneipen gröhlende Betrunkene.
+Eine halbe Stunde lang war er bei seiner Frau
+Weiß gewesen, um ihr zu erklären, wer Tobler und
+Frau Tobler seien, aber eine innere Scham und
+Ungeduld hatte ihn bei der ruhigen und gelassenen
+Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die
+Gassen der Sonntagnacht hinuntergegangen und
+hatte ein paar Lokale zweifelhaften Genres aufgesucht,
+um sich zu »amüsieren«. War er der Mensch dazu
+gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken,
+und im »Wintergarten« hatte er mit jungen, gigerlhaften
+Italienern am Büffet Händel angefangen.
+Ebendaselbst stieg er auf die kleine Variétébühne,
+<span class="pagenum"><a name="Page_264">264</a></span>vor aller Anwesenden Augen, und zum größten
+Gaudium derselben, und fing an, den Gaukler, der
+sich dort produzierte, in den Gesetzen des Geschmackes
+und der körperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten,
+bis er schließlich von einer Handvoll Kellner zum
+Lokal hinausgewiesen wurde.</p>
+
+<p>In der Kälte der Nacht setzte er sich in den Anlagen
+auf eine Bank, um sich den Rausch von der herrschenden,
+rauhen Witterung aus Kopf und Gliedern
+hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind
+sauste und rüttelte in den Ästen der Parkanlagebäume.
+Das aber schien einem zweiten, nächtlich
+hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen,
+der sich auf die Bank <i>vis-à-vis</i> von Joseph gelagert
+hatte, gänzlich gleichgültig zu sein. Was konnte
+das für ein Mensch sein, und was hatte ihn veranlaßt,
+sich hier, gleich Joseph, in die offene, rücksichtslose
+Sturmnacht zu setzen? Tat man solches?
+Der Gehülfe, irgend ein Unglück oder einen Schmerz
+ahnend, trat auf die ruhende, dunkle Gestalt zu
+und erkannte &ndash; Wirsich.</p>
+
+<p>»Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich?«
+frug er erstaunt. Sein Rausch war mit einmal
+verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann
+sagte er:</p>
+
+<p>»Wie es mir geht? Schlecht. Wer läge sonst
+<span class="pagenum"><a name="Page_265">265</a></span>hier im Regen und in der Kälte? Ich bin ohne
+Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen,
+ich werde ins Gefängnis kommen.«</p>
+
+<p>Er brach in lautes, elendes Weinen aus.</p>
+
+<p>Joseph bot seinem Vorgänger in Toblers Amt
+ein Goldstück an. Dieser nahm es, ließ es aber
+zu Boden fallen. Der Gehülfe schrie ihn an:</p>
+
+<p>»Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen
+Sie das Geld. Tobler selber hat es mir heute
+zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im Abendstern
+haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr,
+aber wir lassen den Mut keineswegs sinken. Sie,
+Wirsich, brauchen durchaus nicht zu sagen, Sie müssen
+stehlen gehen. Da schlägt man sich lieber mit der
+Hand eins auf den Mund, bevor man so etwas
+sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es nicht eine
+Schreibstube für Arbeitslose? Aber Sie schämen
+sich wohl, dorthin zu gehen, zu dem Herrn Verwalter,
+der ein sehr, sehr lieber, mildedenkender, erfahrener
+Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines Tages
+freidenkend genug gewesen und haben uns aus
+dieser Schreibstube einen jungen und in der Tat
+vielleicht nicht ganz tüchtigen, wohl aber brauchbaren
+und schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti,
+geholt, weil Herr Wirsich nicht mehr hat gut tun
+wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie, fragen Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_266">266</a></span>morgen früh überall, wo Sie auch mit dem Fuß
+hintreten, nach Arbeit, und sein Sie überzeugt, man
+gibt Ihnen irgendwie und wo welche. Was für
+Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich
+schnöde und kalt abgefertigt werden, aber dann gehen
+Sie eben weiters, bis Sie gefunden haben, was Sie
+in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus man
+langsam wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich
+verbieten, ans Stehlen zu denken. Der gesunde
+Kopf soll der Gebieter sein und bleiben, man soll
+ihn nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und
+Schurken wird. Doch jetzt würde ich an Ihrer
+Stelle mit dem Gelde da, das nicht ich, sondern
+Tobler Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernünftiges
+Nachtlager für den vorbereitenden Schlaf
+aufsuchen gehen. Sagen Sie, was macht Ihre
+Mutter?«</p>
+
+<p>»Krank!« machte Wirsich mehr mit der Hand
+als mit dem Mund. Joseph rief aus:</p>
+
+<p>»Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen
+Sie mir nichts, ich weiß es, als ob ich der ständige
+Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen
+wäre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn
+aus jeder Art schlägt, derart, daß er dem fleißigen
+Zigarrenstummelaufleser nicht mehr gerade in die
+Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz
+<span class="pagenum"><a name="Page_267">267</a></span>auf den Herrn Sohn gewesen, hat stets zu ihm
+hinauf mit den Augen der Liebe und Bewunderung
+geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch,
+ist krank, aber könnte gesund sein in den alten und
+ausglimmenden Tagen, wenn der Gegenstand der
+Pflege und Liebe recht und tüchtig und nur ein
+strohhalmdünn wacker tun wollte. Es brauchte ganz
+wenig, und die alte Frau wäre zufrieden, und sie
+würde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen Stolz
+neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind würde sie
+schon um der Versuche willen, honett und stark zu
+bleiben, beinahe anbeten. Und der Vergeßliche und
+Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste
+und letzte Möglichkeit des mütterlichen Gefühlsfeuers,
+und er ist plump und grausam genug, auf
+die Liebe und tage- und jahrelange Freude täppisch
+zu treten. Hören Sie, Wirsich, ich möchte Sie am
+liebsten durchprügeln.«</p>
+
+<p>Sie gingen zusammen, um eine Schlafstätte
+ausfindig zu machen. Im Gasthaus zum »Roten
+Haus« war noch Licht, sie traten in die Gaststube.
+Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saßen
+um einen Tisch herum, einer gab Schelmenstreiche,
+die er scheinbar vielfach verübt hatte, zum besten,
+die Übrigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen
+und etwas zu trinken. Er würde, dachte er,
+<span class="pagenum"><a name="Page_268">268</a></span>morgen früh mit dem allerersten Zug zurück nach
+Bärenswil fahren.</p>
+
+<p>Es war nur noch ein einziges Zimmer im
+ganzen Gasthof frei. Wirsich und Marti schliefen
+daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie
+einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe
+Stunde lang zusammen. Wirsich war nach und nach
+munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle nur
+von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer
+wohnen bleiben und hier fleißig Offertbriefe schreiben,
+die er, in Kuverts säuberlich gesteckt, selber an Ort
+und Stelle hintragen könne. Man müsse sich unter
+keinen Umständen schämen, Armut und Not an den
+heiteren Tag zu legen, dürfe aber dabei keine gar
+zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere
+das die Leute, auf deren Wohlwollen es ankomme,
+nur zu bald an. Eine Trauermiene sei überdies geschmacklos.
+Das Persönlich-Hingehen zu den Geschäftsleuten
+habe das Gute, daß diese meist gebildeten
+und vernunftvollen Menschen einem etwa ein
+Fünfmarkstück in die Hand drückten, da sie den Beweis
+vor Augen hätten, daß der Stellensuchende
+sich ehrlich Mühe gäbe. So hätten es etliche und
+andere, die er, Joseph, sehr gut kenne, gemacht, und
+sie hätten dabei immer gewisse bescheidene Erfolge
+zu erzielen gewußt. Namen und Schicksal von Hülfeflehenden
+<span class="pagenum"><a name="Page_269">269</a></span>seien den Reichen meist ganz schnuppe,
+aber diese Herren gäben eben etwas, das sei in
+guten, alten Firmen und Familien von alters her
+gutmütiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich
+armes müsse zu wirklich vornehmem Wesen hingehen,
+in aller Ruhe, dort sei es immer noch am
+wenigsten am Halse geschnürt und könne atmen und
+könne sich zeigen, wie es beschaffen sei und so, wie
+es eben einmal leide. Man müsse, wenn man
+schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde,
+lernen, mit Anstand und Freiheit zu zeigen,
+daß man bitte, das entschuldige und verstehe man,
+das erweiche ein wenig die Herzen und könne niemals
+die gute und geschmeidige Sitte verletzen.
+Voll Haltung müsse aber einer dabei sein, dürfe
+nicht zu greinen anfangen wie ein halbjähriges
+Wickelkind, sondern solle zeigen durch sein Benehmen,
+daß er von etwas Großem und Mächtigem, vom
+Unglück, darniedergeworfen worden sei. Das ehre
+wiederum ein wenig und veranlasse den Härtesten
+zur flüchtigen, süßen, edlen, anstandsvollen Milde.
+So, jetzt habe er ihm da eine lange Rede gehalten,
+und gehörig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie
+er zu tun gedenke, wolle er schlafen, denn er müsse
+früh wieder aufstehen.</p>
+
+<p>»Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti,«
+<span class="pagenum"><a name="Page_270">270</a></span>sagte der andere. Dann schliefen sie ein. Es war
+schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach
+drei Stunden Schlaf und einer dämmernden Eisenbahnfahrt,
+stand der Gehülfe wieder im technischen
+Bureau, zwischen Zeichen- und Schreibtisch. Jetzt
+ging er ins Wohnzimmer frühstücken.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und
+zwar als Arrestant, nach der Stadt zu begeben.
+Einen zweitägigen Arrest hatte er dafür abzusitzen,
+daß er die herbstliche Wiederholungsübung versäumte.
+Er meldete sich zur bestimmten Stunde
+in der Kaserne an, man nahm ihm die Militärpapiere
+ab und führte ihn in den Karzer. Dort
+lagerten auf Pritschen und untergelegten Mänteln
+an die fünfzehn jüngere und ältere Männer, die
+alle den Neuankömmling musterten. Es roch nach
+allem möglichen Schlechten in dem Raum, dessen
+vergittertes Fenster direkt an den Straßenboden
+anstieß. »Ich habe wenigstens zu rauchen,« dachte
+Joseph und begann, es sich auf einer der Pritschen
+nach Möglichkeit bequem zu machen. Bald hatten
+ihn alle Insassen der bunten Reihe nach angesprochen.
+Es waren aller Art Menschen, die ähnliche
+Strafen wie der Gehülfe zu verbüßen hatten.
+Einer wie der andere schimpfte. Entweder war es ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_271">271</a></span>höherer Offizier, der irgend etwas Ungeheuerliches
+begangen haben sollte, oder es wurde irgend einem
+Staats- oder Zivilbeamten heimgezündet. Die Gesichter
+aller dieser fünfzehn oder sechzehn Menschen
+drückten Langeweile, Appetit nach Bewegungsfreiheit
+und Unzufriedenheit mit der Stumpfheit, die im
+Raume herrschte, aus. Es lagen welche Burschen
+da, die schon wochenlang saßen, einer sogar, ein
+Melker, monatelang.</p>
+
+<p>Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden
+lag hier der Tapezierer, neben dem Maurer und
+Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker und
+Schweizer der reiche, jüdische Handelsmann, neben
+dem Schlossergesellen der Bäckermeister. Keiner
+von den fünfzehn Leuten glich dem andern, aber
+alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und
+Kurzweil trieben. Daß auch wohlhabende und gebildete
+Leute da waren, hatte seinen Grund in der
+gesetzlichen Unmöglichkeit, Arreststrafen in Geldstrafen
+umzugestalten, so daß hier eine Gleichheit der Behandlung
+herrschte, wie man sie im ungebändigten,
+offenen Leben lange suchen konnte.</p>
+
+<p>Plötzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmäßig
+an der Tagesordnung stehendes Spiel
+arrangiert. Es hieß das »Schinkenklopfen« und
+bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen
+<span class="pagenum"><a name="Page_272">272</a></span>mit der gestreckt flachen Hand auf den Podex desjenigen,
+der verdammt war, denselben den unbarmherzigen
+Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler
+mußte dem Dulder die Augen zudecken, damit
+er sich nicht die Herkunft der Hiebe und Schläge
+merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die
+Person dessen, der ihn gehauen hatte, so war er
+frei, und der Ertappte hatte sich, willig oder nicht,
+an die unangenehme Stelle des Erlösten herabzubücken,
+bis auch ihm das rasch- oder langsam-erkämpfte
+Glück des richtigen Erratens zufiel.</p>
+
+<p>Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs
+eifrigste betrieben, bis die Hände vom Schlagen ermüdet
+waren. Nach einiger Zeit kam das Essen,
+du liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine
+Bohnen, Rüben oder Blumenkohl, nicht einmal ein
+kleines Schweinefilet, sondern Suppe und ein Stück
+Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem
+Schluck Wasser. Die Suppe war auch eine Art
+Wasser, und die Löffel waren außerdem noch in
+ziemlich degoutierender Art und Weise an die Suppentöpfe
+angekettet, wie wenn einer das Blei hätte
+stehlen wollen, wozu doch sicherlich kein Grund da
+war. Aber es war praktisch, dieses Anketten, und
+militärisch und beleidigend, und Karzerinsassen waren
+begreiflicherweise nicht dazu da, um geschmeichelt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_273">273</a></span>liebkost und flattiert zu werden. »Der verächtlichen
+Handlungsweise die verächtliche Strafe«: das stund
+scheinbar auf dem Eßgeschirr deutlich und ankältend
+geschrieben.</p>
+
+<p>Langweilige, öde zwei Tage!</p>
+
+<p>Der Schweizer oder Melker war von allen noch
+der Lustigste. Diesen wahrhaft schön anzuschauenden
+Burschen hatten »sie« gefesselt dahergebracht, weil
+er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier,
+der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen,
+daß demselben das Blut zu Mund und Nase hervorspritzte.
+Für diese Tat wurde natürlich dem
+Melker dann ein ganzer Monat oder mehr zu der
+anfänglichen Strafe hinzudiktiert, was aber diesen
+scheinbar unerschrockenen und in Dingen der schönen
+Ehre vollständig gleichgültigen Menschen gar nicht
+weiter beunruhigte. Im Gegenteil, er schuf sich aus
+dem stumpfsinnigen, gezwungenen Daliegen einen
+possierlichen und fidelen, monatelang anhaltenden
+Witz, er verstund es vortrefflich, sich und alle andern
+zu unterhalten, und nie wollte in diesem Kellerraum
+das Lachen ganz verhallen und erlahmen.
+Dieser Melker sprach von Staats- oder Militärpersonen
+nie anders als im Tone kindlich-kräftiger
+Überlegenheit und Übermutes. Nie kam etwas Giftiges
+und Wütend-Zurückgehaltenes über seine Lippen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_274">274</a></span>Tausend Anekdoten, die er, erfunden oder
+wahrhaft erlebt, erzählte, hatten alle mehr oder weniger
+zum Inhalt die Betölpelung und Naseführung
+irgend welcher Standesmenschen, mit denen
+dieser schöne, verdorbene Mensch wie mit lächerlichen
+und hölzernen Puppen umzugehen gewohnt schien.
+Kraftvoll und geschmeidig wie er war, durfte man
+der Hälfte seiner Erzählungen ruhig, und ohne die
+gesunde Vernunft zu verletzen, Glauben schenken,
+denn das schien in der Tat solch ein Mensch zu
+sein, herkommend direkt noch von den stolzen und
+unbändigen Ahnen des Landes, ausgestattet mit
+längst aus den Generationen entschwundenen Spiel-
+und Raufkräften, und mit dem Mute begabt, der
+eben die Gesetze und Gebote der weiten Öffentlichkeit
+fast notwendigerweise verachtete. Sonderbarerweise
+trug er, um den Unfug, den er mit Vorgesetzten
+aller Art trieb, noch zu schärfen, auf dem Lockenkopf
+eine Militärmütze, die er Gott weiß wo noch
+von einem Dienst her aufbewahrt hatte. Neben
+all seinen Vagabondiergewohnheiten schien er indessen
+durchaus den einfachen, weicheren Empfindungen
+nicht abhold zu sein, wenigstens hörte man
+ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er
+sehr schön und voll Taktgefühl tat. Auch erzählte
+er nicht ohne Sehnsucht von seinen vielen und weitläufigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_275">275</a></span>Wanderschaften, die ihn durch das ganze,
+große Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben
+hatten. Wie er da mit den Herren und
+Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob
+es nun teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender
+<ins title="Erzählungsphantasie">Erzählerphantasie</ins> bestehen mochte, höchst
+possierlich und angenehm, ja sogar romantisch anzuhören.
+Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schön
+geschwungenen und geformten Mund, eine edle
+und freie und ruhige Gesichtsbildung, und er würde
+vielleicht, mußte man, wenn man ihn betrachtete,
+denken, unter kriegerischen und kühnangelegten Lebensverhältnissen
+dem Land außerordentliche Dienste
+haben erweisen können. Alles an ihm sprach von
+untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich
+wenn er sang, was er zu der Zeit, die Joseph
+im »Loch« zubrachte, einmal plötzlich mitten in der
+Nacht tat, glaubte man, die Töne und den Zauber
+der alten, starken Zeit vernehmen zu sollen. Eine
+wundervolle, abendliche Landschaft stieg mit dem
+Lied wehmütig empor, und man bedauerte den
+Sänger und das Zeitalter, das sich gezwungen sah,
+mit Menschen von des Melkers Veranlagung derart
+kleinlich und mißverständlich zu verfahren, wie
+es tatsächlich der Fall war.</p>
+
+<p>Während diesen zwei Karzertagen hätte der Gehülfe
+<span class="pagenum"><a name="Page_276">276</a></span>die schönste Gelegenheit gehabt, über Verschiedenes
+nachzudenken, über sein bisheriges Leben
+zum Beispiel, oder über Toblers schwierige Weltlage,
+oder über die Zukunft, oder über das »Allgemeine
+Obligationenrecht«, aber er tat es wiederum
+nicht, er versäumte auch diese kostbare Gelegenheit
+und begnügte sich, den Späßen und Liedern und
+Zoten des Schweizers zuzuhorchen, die ihm interessanter
+erschienen als sämtliche Nachdenklichkeit der
+neuen und alten Welt. Überdies wurde beinahe
+alle zwei Stunden das »Schinkenklopfen« wiederholt,
+auch eine Ablenkung vom Drang, zu philosophieren,
+oder der <ins title="Gefangenwärter">Gefangenenwärter</ins> trat zur rasselnden
+Türe herein, um einen der Arrestanten, der
+»fertig« war, abzuberufen, was auch wiederum die
+geistige Aufmerksamkeit von höheren Dingen den
+niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu
+aber auch denken?</p>
+
+<p>War denn nicht das Erleben und Mitleben
+der Gedanke, auf dessen Pflege es am allermeisten
+ankam? Und wenn auch die achtundvierzig Stunden
+des Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, genügte
+denn nicht ein einziger, allgemeiner Gedanke,
+um im Leben auf guter, glatter Bahn zu bleiben?
+Diese reizenden, achtunggebietenden, mühsam zusammenerdachten
+achtundvierzig Gedanken, was konnten
+<span class="pagenum"><a name="Page_277">277</a></span>sie dem jungen Menschen nutzen, da es doch vorauszusehen
+war, daß er sie morgen vergaß? Ein
+einzelner richtungangebender Gedanke war da gewiß
+viel besser, aber dieser Gedanke war nicht zu
+denken, dieser Gedanke zerfloß in die Empfindungen.</p>
+
+<p>Einmal hörte Joseph den Melker sagen, das
+Vaterländli könne ihm in seiner ganzen Größe, wenn
+es wolle, den Buckel hinaufsteigen.</p>
+
+<p>Wie war das natürlich und unrecht gesprochen.
+Freilich, das Vaterland, oder der gesetzliche Begriff
+desselben, schikanierte den Melker, hemmte ihn, fesselte
+ihn, diktierte ihm öde und gliederzerbrechende
+Freiheitsstrafen, langweilte ihn, bereitete ihm Verdrießlichkeiten,
+Kosten und Schädigungen an der
+körperlichen Gesundheit. Und so wie der Melker
+sprach, dachten Tausende. Tausende vom Leben
+nicht ganz so gleichmäßig behandelte und vorwärtsgeschobene
+Menschen, wie es das militärische Gebot
+blind und trocken voraussetzte. Die Diensterfüllungen
+kamen nicht einem jeden so glatt gelegen,
+wie vielen andern, die aus den Diensterfüllungen
+sogar ein Lebens- und Weltgeschäftchen zu
+machen wußten, indem sie sich auf Staatskosten
+unterhalten und beköstigen ließen. Manchem riß
+der Dienst ein unangenehmes Loch in die Laufbahn,
+ja manchen konnte er sogar in die bitterste
+<span class="pagenum"><a name="Page_278">278</a></span>und brutalste Verlegenheit setzen, indem die paar
+mühsam ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige
+in das anspruchsvolle Militärtreiben flossen, wovon
+am Ende der Dienstpflicht kein Hauch mehr übrig
+blieb. Nicht ein jeder konnte dann zu Vater und
+Mutter gehen und um Unterstützung bitten, nicht
+einen jeden nahmen dann Kontor, Fabrik oder
+Werkstätte sogleich wieder auf, sondern er mußte
+oft lange warten, bis er wieder zu dem Kreis arbeitender,
+lernender, erwerbender und zielbewußter
+Menschen gehörte. Konnte man da groß zählen
+auf dieses Einzelnen Vaterlandsliebe? Welch eine
+Idee!</p>
+
+<p>»Und trotzdem!« Mit dem erwärmenden Gefühl,
+das in diesem gedachten »trotzdem« lag, sprang
+der Gehülfe von seiner Pritsche auf, um sich am
+»Schinkenklopfen« zu beteiligen. Er hatte Glück,
+er mußte nie lange »darhalten«. Er erriet die Hand,
+die ihn schlug, jeweilen sofort. Den Schlossergesellen
+erkannte er jedesmal an der Wucht des Drauflosschlagens,
+den Tapezierer an der Ungeschicktheit des
+Schlages, den Juden an den Fehlschlägen, den
+Amerikaner an der Zimperlichkeit und Geniertheit,
+womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den
+Melker an der absichtlich gemilderten und gedämpften
+Schwungkraft. Der Melker hatte für Joseph
+<span class="pagenum"><a name="Page_279">279</a></span>von Anfang an eine gewisse Zärtlichkeit empfunden.
+Er wandte sich jedesmal, wenn er zu erzählen begann,
+an diesen, weil er sah, daß der Gehülfe sein
+aufmerksamster Zuhörer war.</p>
+
+<p>Zu rauchen war den »Gefangenen« verboten,
+aber Schulkinder kamen an das Gitterfenster heran
+und vermittelten den zierlichsten und schönsten Tabakschmuggel.
+Einer der Insassen kletterte auf die
+Achseln eines zweiten hinauf und pickte vermittels
+eines an einen geheimnisvollen Stock befestigten
+Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und
+geschickt auf und warf dafür die Groschen oder
+Rappen den kleinen Verkäuferinnen und Schmugglerinnen
+durchs Fenster zu, derart, daß das »Loch«
+immer voller Rauch war. Der <ins title="Gefangenwärter">Gefangenenwärter</ins>,
+ein anscheinend gutmütiger Mann, schwieg dazu.</p>
+
+<p>Die zwei Karzernächte waren für Joseph kalt,
+fröstelnd und schlaflos. In der zweiten Nacht konnte
+er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger Schlaf
+war es. Er träumte fieberhaft.</p>
+
+<p>Das »Vaterländli« des Melkers lag ihm großausgestreckt
+mit allen seinen Bezirken und Kantonen
+vor den leidenschaftlich schauenden Augen. Aus
+einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften,
+blendenden Alpen. Zu ihren Füßen erstreckten
+sich himmlisch grüne und schöne Matten, umhallt
+<span class="pagenum"><a name="Page_280">280</a></span>von Kuhglockentönen. Ein blauer Fluß beschrieb
+ein leuchtendes und friedlich gezeichnetes Band
+durch die Gegenden, Dörfer und Städte und Ritterburgen
+zart berührend. Das ganze Land glich
+einem Gemälde, aber dieses Gemälde lebte; Menschen,
+Geschehnisse und Gefühle bewegten sich darin
+auf und ab wie hübsche und bedeutende Muster
+auf einem großen Teppich. Handel und Industrie
+schienen wunderbar zu gedeihen, und die ernsten,
+schönen Künste lagen in brunnenrauschenden Winkeln
+und träumten. Man sah die Dichtkunst am
+einsamen Schreibtisch sitzen und sinnen und die
+Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die
+zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schön und
+ermüdet von ihren Schaffenswerkstätten heim. Man
+sah den Wegen am Abendlicht an, daß es Heimwege
+waren. Weite und schallende und ergreifende
+Glocken tönten. Dieses hohe Tönen schien alles,
+was da war, zu umschallen, zu umdonnern und
+zu umarmen. Daraufhin hörte man das feine, silberne
+Klingen eines Geißenglöckchens, und es war einem,
+als stünde man auf einer hochgelegenen Bergweide,
+umschlossen von Nachbarbergen. Von weit unten
+her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen
+herauf und das Lärmen der menschlichen
+Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten sich diese
+<span class="pagenum"><a name="Page_281">281</a></span>Bilder von selber, als wären sie auseinandergeblasen
+worden, und eine Kaserne hob sich in ihren Fronten
+deutlich und stolz empor. Vor der Kaserne stand
+eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter
+und unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst
+oder Hauptmann saß zu Pferd und ordnete die
+Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten,
+geleitet von den Offizieren, diese Bewegung ausführten.
+Wunderbarerweise war aber dieser Oberst
+kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn
+deutlich am Mund und an der weithinschallenden
+Stimme. Der Melker hielt nun eine kurze, aber
+feurige Rede, worin er der militärischen Jugend
+das Vaterland ans Herz legte. »Trotz allem!«
+dachte Joseph und lächelte. Sie waren ja in der
+Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu
+lächeln erlauben. Der Tag war ein Sonntag. Ein
+junger, hübscher Leutnant trat auf den Soldaten
+Joseph zu und sagte freundlich: »Nicht rasiert,
+Marti. He?« Worauf er säbelklirrend die Front
+weiterschritt. Joseph griff sich verlegen unter das
+Kinn: »Noch nicht einmal rasiert bin ich heute!« &ndash;
+Wie die Sonne strahlte. Wie heiß es war! Plötzlich
+gab es im Traum einen Stoß, und ein freies
+Feld tat sich auf mit einer liegenden, auseinandergezogenen,
+halbrunden Schützenlinie. Die Gewehrschüsse
+<span class="pagenum"><a name="Page_282">282</a></span>widerhallten in den nahen Waldbergen,
+die Signale ertönten. »Sie sind tot, stürzen Sie
+um, Marti!« rief der auf seinem Pferd das Bild
+des Gefechtes überschauende Melker-Oberst. »Aha,«
+dachte Joseph, »er ist nett zu mir. Er läßt mich
+hier auf dem reizenden Grasboden ausruhen.« Er
+blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war,
+indem er sich die Zeit damit vertrieb, Grashalme
+durch den durstigen Mund zu ziehen. Welch eine
+Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so
+dazuliegen! Aber er sollte jetzt wieder aufspringen
+und in Reih und Glied treten. Er konnte nicht,
+es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte
+nicht aus dem Mund herausgehen, er arbeitete
+daran, Schweiß trat ihm auf die Stirn, Angst in
+die Seele, und er erwachte und befand sich wieder
+auf der Pritsche, dicht neben dem schnarchenden
+Schlossergesellen.</p>
+
+<p>Nach drei Stunden rief ihn der Wärter. Er
+war »fertig«. Er nahm Abschied von allen. Dem
+armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen hatte,
+drückte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere
+wieder zurück und konnte die Straße betreten. Die
+Glieder waren kalt und steif, im Kopf summte und
+läutete und schoß noch der Traum. Eine Stunde
+später stand er wieder inmitten der realen, Toblerschen
+<span class="pagenum"><a name="Page_283">283</a></span>Geschäfte. Reklame-Uhr und Schützenautomat
+winkten ihm ärgerlich und zugleich hilfeflehend entgegen,
+und Joseph schrieb wieder an seinem
+Schreibtisch.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>»Sie haben jetzt da eine tüchtige Erholungspause
+gemacht,« sprach der Ingenieur, »zwei volle
+Tage spürt man in einem Geschäft wie dem meinigen.
+Es heißt jetzt doppelt hinter der Arbeit
+her sein. Hoffentlich merken Sie sich das, was ich
+sage. Dazu habe ich natürlich einen Gehülfen nicht
+nötig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen
+zu lassen. Es wird niemand von mir verlangen
+dürfen, daß ich Gehälter aus«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er hatte sagen wollen: »auszahle«, schnitt
+aber plötzlich seiner Rede, nachdenklich werdend,
+den Atem ab. Joseph glaubte nicht nötig zu haben,
+auch nur ein Wort zu erwidern.</p>
+
+<p>Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein
+bildhübsches, kleines Modell stand auf Toblers
+Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von einer
+neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur,
+scheinbar voller Entzücken, hin und her drehte, um
+den Genuß des Anschauens von überall her zu
+haben. Sogleich mußte sich der Gehülfe dahinter
+setzen und Offertbriefe schreiben an verschiedene
+<span class="pagenum"><a name="Page_284">284</a></span>in- und ausländische, größere Krankenmöbelgeschäfte.</p>
+
+<p>Tobler legte das feine Gerät durch einfache
+Schraubendrehung und Hebelverschiebung glatt zusammen,
+ließ sich das Ding in gutes Papier einpacken,
+nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um
+diesen Ungläubigen, den sarkastischen Bärenswilern,
+zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder komplett
+und gangbar gemacht worden sei.</p>
+
+<p>Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter
+des Ortes zu schreiben, Tobler könne der morgen
+früh um neun Uhr stattfindenden Besprechung bezüglich
+der Streitsache Martin Grünen persönlich
+nicht beiwohnen, da ihn dringende Geschäfte abhielten.
+Er erlaube sich daher, dem Herrn Friedensrichter
+die nötigen Aufklärungen und Zahlenaufstellungen
+schriftlich zu geben, woraus er ersehen
+könne, daß usw.</p>
+
+<p>»Daß mein Herr Tobler ein Engel ist,« lächelte
+innerlich, nicht ohne flüchtige Bosheit, der Gehülfe.
+Nachdem dieses Schreiben erledigt war, galt es ein
+ähnliches, in beinahe noch brüskerem Ton gehaltenes
+Erklärungsschreiben an das löbliche Bezirksgericht
+abzufassen. Joseph wunderte sich wieder
+einmal über die Prägnanz seines Briefstiles, sowie
+über die Höflichkeitswendungen, die er plötzlich dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_285">285</a></span>energischen Ton hie und da einzuflechten wußte.
+»Man darf nie zu grob sein,« dachte er bei solchen
+Seitensprüngen in die Gegenden der Artigkeit und
+des bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen
+Brief ziemlich rasch, denn er hatte die Sache jetzt
+ja »schon so sehr los«, über welchem zufriedenen
+Bewußtsein er wieder einmal einen der wohlbekannten,
+unfehlbaren Stumpen anzündete. Mochten
+sie kommen, die Friedensrichterämter und Bezirksgerichte,
+und die ebenso zahlreichen wie tückischen
+amtlichen Zahlungsaufforderungen, er und Tobler,
+sie würden deswegen noch lange fortfahren, und
+zwar ganz ruhig und seelengemütlich, ihre duftenden
+Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen.</p>
+
+<p>Im Dorf war man allmählich, zuerst einander
+es zuflüsternd, jetzt aber es laut auf der Straße
+erzählend, einer immer höher steigenden Welle, aus
+Einsicht bestehend, ähnlich, zu der Überzeugung gekommen,
+daß da oben im Abendstern nichts mehr
+zu »retten« sei, wenn man nicht die nötigen Schritte,
+wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand
+der Betreibungsgesetze einleite. Und so war es
+denn dahin gekommen, daß Herr Tobler, sowohl
+was die Firma als was die Haushaltung betreffen
+mochte, von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich
+bestrahlt, beschattet und betrieben wurde.
+<span class="pagenum"><a name="Page_286">286</a></span>Es glich einem festtäglichen Speerewerfen, wie es
+da von links und rechts, von daher und dorther
+auf das Haus Tobler, Löcher und Verstimmungen
+einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts- oder
+Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hämisch und
+zugleich gemütlich ums Haus und rund um den
+ganzen Garten herum, als hätte er hier besonders
+guter Weile gehabt, als würde es ihm gerade hier
+oben ganz besonders wohl gefallen haben. Es sah
+aus, als ob der Mann ein stiller Gartenkunst- und
+Naturbewunderer gewesen wäre.</p>
+
+<p>Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem
+Baukonsortium oder gar von einer geographischen
+Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit dem
+Gedächtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber
+so sah der Kerl aus. Frau Tobler haßte und fürchtete
+ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von den
+Fenstern weg, als wäre dieser Mann die personifizierte
+trübe Ahnung und Stimmung gewesen. Die
+Frau hatte recht, denn wenn man sich erkühnte,
+dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes
+Antlitz zu betrachten, so fror einen, und man fühlte
+sich unwillkürlich von der eiskalten Hand des Unheiles
+berührt und gestrichen.</p>
+
+<p>Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht
+eigentümlichsten Art und Weise. Er verstand
+<span class="pagenum"><a name="Page_287">287</a></span>es, plötzlich, als hätte ihn die dunkle Erde
+selber ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft
+gleichsam weghauchend, zu erscheinen. Dann blieb
+er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um etwas
+zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie
+es schien, persönlichen Lust und Freude. Dann
+öffnete er die Türe, trat aber noch nicht ein, würde
+ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb
+stehen, anscheinend, um zu prüfen, welchen Eindruck
+sein unheimliches Benehmen machte. Seine kalten
+Augen fest auf den unangenehm berührten Gehülfen
+gerichtet, kam er jetzt in das Bureau hinein, um
+vorläufig abermals eine Pause zu machen. Nie
+sagte er guten Tag oder guten Abend. Für ihn
+schien die Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht
+einmal die Gottesluft, denn dieser Mann schaute
+in die Welt hinaus, als ob er nicht nötig hätte, zu
+atmen. Sein knochiges Gesicht fest ineinanderklemmend
+nahm er jetzt ein oder zwei Formulare aus
+einer schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd
+hoch in die Luft und ließ sie auf den Schreibtisch
+des Gehülfen fallen, schweigend, spitz und hackig,
+wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies abgetan
+schien er sich an dem Bewußtsein zu weiden,
+das ihm sagen mochte, seine Erscheinung sei eine
+trostlose und herzbeklemmende gewesen, denn er
+<span class="pagenum"><a name="Page_288">288</a></span>dachte in keinerlei Weise daran, sich zu entfernen,
+sondern probierte minutenlang, ob es ihm gelinge, die
+Brieftasche wieder in seine Rocktasche zu befördern.
+Dann sagte er &ndash; beinahe &ndash; adieu und ging.
+Dieses Adieu des Mannes war viel frostiger, als
+wenn er gar nichts gesagt hätte, es klang geistesabwesend
+und zugleich bewußt kurz und hart. Der
+Mann schien dann gehen zu wollen, nein, jetzt tat
+er jedesmal erst das Schreckliche, er maß mit seinen
+Augen die Umgebung, das Haus und den Garten.
+Dann ging die andere Türe auf, Frau Tobler erschien
+aufgeregt im Bureau, mit großen Augen und
+mit den angstvollen Worten: »Jetzt steht er wieder
+im Garten! Sehen Sie, sehen Sie!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war
+das Wetter meist ein graues, kaltes, schweigendes
+Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die Mauern
+des Hauses waren an den Sockeln naß, ein scharfer
+Seewind blies, neue Schneegestöber oder Regenstürze
+versprechend, und der See lag da so bleiern
+und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine
+schönen Abend- und Morgenfarben? Versunken in
+der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab es
+weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die
+Stunden zeigten alle dasselbe trübe Aussehen, die
+Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der lieben,
+<span class="pagenum"><a name="Page_289">289</a></span>wohlbekannten Lichtunterschiede überdrüssig geworden
+zu sein. Zeigte sich in solch einer Naturtrübheit
+und -Entstelltheit noch der Mann mit der
+schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler
+und der Angestellte, das Erdbild sei plötzlich umgedreht
+worden, und man erblicke die Schattenseite
+alles Tatsächlichen und Gewohnten, nicht mehr das
+Natürliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das
+schöne Haus Tobler aufzuhalten, und das Glück
+und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja selbst seine
+Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, müden,
+glanzlosen und bodenlosen Traum verloren zu
+haben. Wenn dann Frau Tobler durchs Fenster
+schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein
+Winter- und Nebelsee geworden war, die Melancholie
+erblickte und empfand, die sich auf allem Sichtbaren
+breit machte, mußte sie ihr Tuch an die Augen
+halten und hineinweinen.</p>
+
+<p>Als einer der wildesten Gläubiger und Schuldenforderer
+erwies sich der Gärtner, der bis dahin stets
+die Gartenarbeiten besorgt, und die Gewächse geliefert
+und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte
+wie ein ganzes Bataillon von Schimpfern auf
+Tobler und dessen ganze Familie und sagte, er
+wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gönnen,
+bis der Tag da sei und er die Genugtuung habe,
+<span class="pagenum"><a name="Page_290">290</a></span>diese »hochmütige Gesellschaft« gepfändet und aus
+dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man
+hinterbrachte Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln,
+halb, um ihn im geheimen zu kränken, diese
+rohen Worte, und sofort befahl dieser, die Pflanzen,
+die ihm gehörten, und die sich in den Gewächshäusern
+der Gärtnerei befanden, von dort ohne
+weiteres abholen, und sie nach dem Keller des befreundeten
+Versicherungsagenten, des Mannes, der
+die Grottennacht mitgemacht hatte, führen zu lassen.
+Joseph war mit der schleunigen Erledigung dieses
+Befehles betraut, und er hatte keine Ursache, zu
+zögern. So wurde mit einem einpferdigen Wagen
+nach der Gärtnerei gefahren, und dort wurden dann
+auch die Pflanzen, darunter ein bereits ziemlich hochgewachsenes
+Edeltännchen, aufgeladen. Der zum
+Garten verwandelte Wagen fuhr ab, durch die
+Straßen, neben den augenaufreißenden Leuten vorbei,
+und hielt vor der Wohnung des dem Fuhrmann
+bezeichneten Hauses und Mannes. Der Versicherungsagent
+selber half mit abladen und in den
+Keller tragen, was immer hineingehen mochte. Das
+junge edle Tännchen mußte an Schnüren befestigt
+werden, damit es in den für sein schlankes und
+stolzes Wachstum zu niedern Gewölben wenigstens
+schräg stehen konnte. Es tat dem Gehülfen weh,
+<span class="pagenum"><a name="Page_291">291</a></span>den Baum derart untergebracht zu schauen, aber,
+was war da zu machen? Tobler wollte es so, und
+der Wille Toblers blieb alleinige und unbedingte
+Richtschnur für das Tun des ersteren.</p>
+
+<p>Dieser Versicherungsagent war in der Tat
+Tobler treu geblieben. Es war dies ein einfacher
+aber aufgeklärter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen
+Schwierigkeiten rein äußeren Gepräges einem Manne
+Freundschaft und Vertrautheit aufzukünden, den er
+einmal schätzen gelernt hatte. Er war nun noch
+beinahe der einzige, der etwa Sonntags herüber
+in die Villa kam, um einen Jaß inszenieren zu
+helfen. Etwas zu trinken gab es bei Toblers immer
+noch, behüte! Da war ja erst noch in den
+letzten Tagen ein kleines Faß voll prächtigen Rheinweines
+aus Mainz angekommen, eine verspätete,
+aber deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung,
+die einer Bestellung aus früheren, besseren
+Tagen entsprechen mochte. Tobler schaute groß auf
+dieses Faß herab, er wußte sich gar nicht mehr an
+den einmal der Firma gegebenen Auftrag, ihm
+solchen teuren Wein zu senden, zu erinnern. Joseph
+hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin bestand,
+den Wein in Flaschen abzuziehen und dann
+dieselben gehörig mit Korken zu verschließen, zu
+welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche Geschicklichkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_292">292</a></span>an den Tag legte, so daß Frau Tobler, die
+dem behenden Ding zusah, scherzweise fragte, ob er
+denn früher schon einmal in Kellereien gearbeitet
+habe. Auf solche Art gab es im Haus manche
+muntere und selbstvergessene Stunde, die vortrefflich
+dazu beitrug, über die zahlreich vorkommenden,
+schweren Stunden hinüberzuhelfen, was für alle
+nötig genug und eine nicht zu unterschätzende Wohltat
+war. Da aber wurde eines Tages Frau Tobler
+plötzlich krank.</p>
+
+<p>Sie mußte sich, so ungern sie das gerade jetzt
+tat, zu Bett legen, und man war gezwungen, den
+Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es seit
+vielen Wochen zu vermeiden gewußt hatte, den
+Fuß weiter über die Schwelle eines Hauses zu
+setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so schlimm
+stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er fürchten
+mußte, daß er für die ärztliche Arbeit und für
+die Mühe des mitternächtlichen Ganges durch eine
+stockdunkle Gegend nicht honoriert werden würde.
+Er trat an das Bett der Frau still heran und tat
+in Manier und Sprache so, als wenn er seine freundschaftlichen
+Besuche nie eingestellt hätte, sondern
+fortwährend in bester Verbindung mit der Familie
+geblieben wäre. Er fragte teilnahmevoll nach den
+Schmerzen, und danach, seit wann Frau Tobler
+<span class="pagenum"><a name="Page_293">293</a></span>sie habe usw. und übte die ernsten Pflichten seines
+Berufes so angenehm, als er es vermochte, aus.
+Tobler zeigte dem Doktor später, trotzdem es schon
+bald ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen
+erstes naturgroßes Modell am selben Tag angekommen
+war. Jetzt könne er ja das Möbel gleich
+an seiner Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder
+und versuchte einen lustigen Ton anzuschlagen, was
+aber nicht recht gelingen wollte. »Nicht noch rasch
+ein Glas Wein trinken, Herr Doktor?« &ndash; Nein.
+Der Arzt ging.</p>
+
+<p>So müsse sie nun auch noch zu allem unschönen
+Übrigen im Bett liegen, klagte die Frau zu jedem,
+der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug, wehklagte
+sie weiter, daß im Haus und im Geschäft
+bald alles zusammenstürze, möge nun nicht einmal
+die nackte Gesundheit mehr bleiben. Krank müsse
+man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein
+Auge zum Überwachen mehr als nötig geworden
+sei. Und Geld werde das wieder kosten, und wo
+es hernehmen? Sie sei so matt, und sie möchte
+so gern munter sein, möchte gern das Schlimmste
+ertragen. Wo Dora sei? Dora solle zu ihr kommen.
+--</p>
+
+<p>Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer.
+Da es aber tagelang so dauerte und
+<span class="pagenum"><a name="Page_294">294</a></span>er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mußte,
+zu sagen hatte, so wagte er es, das Zimmer zu
+betreten. Er tat es mit der Zaghaftigkeit des Menschen
+von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute
+ihn lächelnd an und gab ihm die Hand, und er
+brachte es zustande, ihr gute Besserung zu wünschen.
+Wie groß ihre Augen waren. Und diese Hand.
+Was für eine Blässe. War das eine Rabenmutter?
+Sie fragte, wie es unten im Wohnzimmer aussehe,
+und wie sich die Kinder <ins title="benehmen">benähmen</ins> und sagte schwach,
+nun müsse einstweilen er ein bißchen den Erzieher
+spielen, bis sie wieder aufstehen könne. Sie sehne
+sich darnach. Ob auch Pauline noch recht koche.
+Und was die Geschäfte machten?</p>
+
+<p>Er gab ihr Auskunft und war sehr glücklich
+über diesen Moment. Und dieser Frau, die sogar
+im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand,
+der die Krankheit eher Schönheit zutrug als wegnahm,
+hatte er eine Moralrede halten wollen? Wie
+unrecht und unreif. Und doch, wie wahrscheinlich!
+Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um
+kein Haar besser als wie immer behandelt.</p>
+
+<p>Wenn Silvi während dieser Tage ein Geschrei
+ausstoßen wollte, zischte ihr Pauline in die Ohren:
+»Bist still!« Die Kranke mußte geschont werden.</p>
+
+<p>Bei der nächsten passenden Gelegenheit geschah
+<span class="pagenum"><a name="Page_295">295</a></span>es sodann, daß Tobler dazu kam, den patentierten
+Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie war
+wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung
+und wagte es, die Fehler, die diesem Möbel
+anhafteten, zu rügen. Vor allen Dingen, sagte sie,
+sei der Stuhl zu schwer, er drücke, und dann müsse
+er breiter gebaut sein, er enge zu sehr ein.</p>
+
+<p>Das war unangenehmer Bescheid von der
+eigenen Frau. Tobler, der einsah, daß er gewisse
+Dinge außer acht gelassen hatte, ging sofort daran,
+die nötigen Änderungen zu treffen, indem er am
+Zeichentisch ein paar neue Bestandteile rasch entwarf,
+um die Muster alsobald an die Schreinerei
+senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger
+Umänderungen, und der Stuhl konnte dann um
+so energischer in Fabrikation genommen werden.
+Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschäfte,
+sie seien gespannt auf die Zusendung
+eines ersten, kompletten Exemplares.</p>
+
+<p>Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man
+stund mit einer ganz neubegründeten Unternehmungsgesellschaft
+in Verbindung, man hatte ausführlich Offerte
+eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung
+des Geschäftsherrn, da dies gewünscht worden war.
+Man hoffte!</p>
+
+<p>Inzwischen war das elektrische Licht im ganzen
+<span class="pagenum"><a name="Page_296">296</a></span>Hause vom Werk aus abgestellt worden, aus Gründen,
+die auch allen andern Lieferanten verboten,
+weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in
+den Abendstern fließen zu lassen. Die Nachricht von
+der plötzlichen Ausschaltung des elektrischen Stromes
+machte Tobler beinahe krank vor Wut und veranlaßte
+ihn, den Herren vom Elektrizitätswerk einen
+ebenso ohnmächtig zornigen wie überflüssig groben
+Brief zu schreiben, bei dessen Empfang und Lektüre
+diese Leute, allen voran der Direktor der Anstalt, in
+gutmütig-verächtliches Lachen ausbrachen. Zwangshalber
+mußte man sich nun im Hause Tobler wieder
+einmal der bescheidenen Petroleumlampen bedienen,
+an welches Licht sich alle, außer Tobler, auch rasch
+gewöhnen konnten. Dieser aber vermißte zu sehr,
+wenn er nachts spät nach Hause kam, den Anblick
+seiner geliebten elektrischen Verandalampe, die ihm
+jeweilen als das schönleuchtende Wahrzeichen und
+als der hellschimmernde Beweis der sicheren Fortexistenz
+seines Hauses vorgekommen war. Der
+Schmerz um das hellere Licht verband sich in seiner
+Brust mit der großen übrigen Wunde und trug
+dazu bei, seine Gemütsstimmung noch mehr zu verdunkeln,
+derart, daß der jähe Wechsel seiner Laune
+für alle Mitwohner das täglich zu kostende Brot
+wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_297">297</a></span>
+Jetzt aber mußte in allererster Linie eine Summe
+Geldes beschafft werden, koste es was es wolle. Die
+dringendsten Verpflichtungen wenigstens mußten beseitigt
+werden, so galt es eines Morgens, der Mutter
+Toblers, einer vermögenden, aber hartnäckigen und
+in ihren Grundsätzen als unerschütterlich bekannten
+Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar folgenden:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Liebe Mutter!</p>
+
+<p>Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu
+Ohren gekommen sein, in welch elender Lage ich
+mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem Haus
+wie der gefangene Vogel unter den stechenden und
+zum voraus schon tötenden Blicken der Schlange.
+Ich bin von Gläubigern derart umgeben, daß, wenn
+das Freunde und Gönner wären, ich zu den reichen
+und allbeliebten Menschen zählen müßte; aber leider
+sind es die unbarmherzigsten Leute und ich der
+Bedrängteste der Menschen. Du hast mir, liebe
+Mutter, früher auch schon mehr als einmal aus der
+Klemme geholfen, ich weiß es, und ich bin Dir
+allezeit im stillen dankbar dafür gewesen, so bitte
+ich Dich denn, und zwar dringendst, und so, wie
+Menschen bitten, denen das Messer der öffentlichen
+Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal
+noch aus der Verlegenheit und sende mir umgehend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_298">298</a></span>wenn es Dir irgendwie möglich ist, wenigstens einen
+vorläufigen Teil der Gelder, die ich nach allem, was
+Recht heißt, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter,
+versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, daß
+ich vollkommen von Deinem guten Willen abhängig
+bin, ich sehe auch ein, daß Du mich ins Verderben
+stürzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest
+Du das wollen können? Gegenwärtig ist auch noch
+meine Frau krank, Deine Tochter. Sie liegt im Bett
+und wird es so rasch nicht wieder verlassen dürfen,
+ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es überhaupt
+eines Tages wird verlassen können. Du siehst, auch
+das noch! Was soll ein Geschäftsmann, der dermaßen
+von Schlägen und Stößen getroffen worden
+ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer einigermaßen
+gewußt mich über dem Wasser zu halten,
+jetzt aber bin ich in der Tat am Rande der absoluten
+Unmöglichkeit, mich ferner zu halten, angekommen.
+Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal,
+eines schönen Morgens oder Abends, in der
+Zeitung steht, Dein Sohn habe sich das Le &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz auszusprechen,
+denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke
+mir unverzüglich das Geld. Auch das ist keine
+Drohung, nur eine Mahnung, aber eine sehr ernste.
+Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld mehr,
+<span class="pagenum"><a name="Page_299">299</a></span>und an den Gedanken, daß die Kinder über kurz
+oder lang nichts mehr werden zu essen haben, bin
+sowohl ich wie meine Frau längst gewöhnt. Ich
+schildere Dir meine Zustände nicht wie sie sind, sondern
+so, wie ich sie sehen will, um den Anstand
+der Sprache zu bewahren. Meine Frau grüßt Dich
+herzlich und umarmt Dich, ebenso Dein Sohn</p>
+
+<p class="right">Karl Tobler.</p>
+
+<p>Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom
+endlichen Gelingen meiner Unternehmungen felsenfest
+überzeugt. Die Reklame-Uhr bewährt sich, verlaß
+Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehülfe
+verläßt mich, wenn er seinen rückständigen Gehalt
+jetzt nicht ausbezahlt erhält.</p>
+
+<p class="right">Der Obige.</p></div>
+
+<p>Während Tobler diesen Brief an seinem Pult
+aufsetzte, richtete der Angestellte an seinem Schreibtisch
+die Mündung des Korrespondenzgeschützes auf
+einen Bruder von Tobler, einen in angesehener
+Weltstellung in einem entfernteren Landesteil lebenden
+Regierungsbaumeister, indem er demselben,
+gemäß den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen,
+ans Herz legte, wie miserabel es im
+Abendstern hergehe und daß es allerhöchste Zeit
+sei usw.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_300">300</a></span>
+»Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich
+werde unterzeichnen, oder nein, halt, der Brief muß
+so abgefaßt sein, als würden Sie ihn aus eigenem
+Antrieb und Interesse für Ihren Prinzipal geschrieben
+haben. Schreiben Sie ihn anders und
+unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als schrieben
+Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehört? Ich
+stehe mit meinem Bruder nicht gut, Sie aber sind
+ihm ein vollständig Fremder. Machen Sie rasch.
+Ich muß überlesen, was Sie da aufsetzen. Und
+dann muß ich zum Bahnhof.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Tobler lachte und sagte:</p>
+
+<p>»Das sind Kunststücke, mein lieber Marti, aber
+man muß sich in Gottesnamen zu helfen wissen.
+Schreiben Sie das nur auch gleich meinem noblen
+Herrn Bruder, das von Ihrem rückständigen Gehalt.
+Und dann wollen wir beide jetzt sehen, ob
+die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine Mutter
+wird schon müssen. Andernfalls &ndash;&nbsp;&ndash; und vergessen
+Sie nicht, die ganze Reklame-Uhr-Geschichte
+noch einmal mit sauberer Schrift übersichtlich zusammenzustellen.
+Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens
+noch da. Nun holt uns entweder der Teufel
+oder wir brechen durch.«</p>
+
+<p>»Wie diesen Mann die Hoffnungen und &rsaquo;Kunststücke&lsaquo;
+hinreißen,« dachte Joseph.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_301">301</a></span>
+Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler
+wieder aufstehen. Es war auch gut, denn die Pauline
+bedurfte einer regierenden Hand in der Tat.
+Sie hatte angefangen, nachlässig zu werden. Die
+Frau erschien wieder, mit einem dunkelblauen Hauskleid
+lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing leise
+an, sich den häuslichen Geschäften und Sorgen
+wieder zu widmen. Sie trat leise und schön auf,
+und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt still zu
+lächeln. Ihre Stimme war dünner geworden, ihre
+Bewegungen kürzer und furchtsamer, und ihre Augen
+schauten nach allen Seiten umher wie neugierige
+Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schöne
+Sanftheit über ihr ganzes Betragen geworfen, sie
+sah aus, als hätte sie sich von nun an nie mehr
+ereifern, als hätte sie niemals mehr für irgend etwas
+Partei ergreifen können. Mit ihrer Dora verfuhr
+sie natürlicher, nicht mehr gar so zuckerig, die Konditorei
+hörte ein bißchen auf zu blühen, und die
+Silvi konnte sie anschauen, ohne daß ihr der offenbare
+Zorn ins Gesicht schoß, was vorher beinahe
+jedesmal der Fall gewesen war. Sie schien im
+allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens
+abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas
+Edlerem und Schlichterem als sonst aus, man schaute
+sie an und empfand so, und sie selber glaubte auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_302">302</a></span>so empfinden zu müssen. Das Gesicht drückte Kummer
+aus, aber auch Freundlichkeit und Gelassenheit
+und etwas beinahe hoheitsvoll Mütterliches. »Ich
+bin wieder einigermaßen gesund, Gott sei Dank!«
+schienen alle ihre kleinen Gebärden zu sagen, und
+diese Sprache mußte eine tiefe und wahrhaftige
+sein, denn Bewegungen und Manieren können nicht
+gut lügen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als
+läge auf ihm noch das erregte Zucken früherer unschöner
+Aufregungen, aber im großen ruhigen Auge
+lag es und leuchtete es klar geschrieben: »Ich bin
+ein wenig besser, feiner und überlegener geworden.
+Seht mich an. Nicht wahr, ihr merkt es?« &ndash; Ihre
+Hände griffen behutsam nach den Handarbeiten oder
+Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob
+diese Hände die Gabe des Nachdenkens bekommen
+hätten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu
+sagen: »Wir denken jetzt über manches, manches
+viel ruhiger und offener nach. Wir sind zarter geworden.«
+&ndash; Ja, die ganze Frau Tobler war ein
+wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.</p>
+
+<p>Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das
+war tüchtig geheizt worden. Sie schaute durch die
+Fensterscheiben hinaus. Draußen lag alles im undurchsichtbaren
+Nebel. Wie schön das war, daß
+man gar nichts sehen konnte. Wie gemütlich es
+<span class="pagenum"><a name="Page_303">303</a></span>hier drinnen war. Einen Augenblick lang flatterte
+ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen
+Augen, sie sah es in Gedanken ganz ruhig an mit
+einem: Nun ja! und es verschwand wieder. Dann
+dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstädtische
+Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und
+sie mußte leise lachen. Sie wischte ein bißchen den
+Staub von den Möbeln, aber sie rührte die Möbel
+eigentlich mehr nur so an, als würde sie dieselben
+haben liebkosen und grüßen wollen. Wie ihr alles
+lieb und neu war. Diese paar Tage! Und diese
+paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles
+in eine fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen.
+Es lag alles in einem eigentümlichen, verkleinernden,
+verzierlichenden Schimmer, es schwindelte ihr
+ein wenig, sie setzte sich.</p>
+
+<p>Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer.
+Es war längst zu kalt im Hundehaus geworden.
+Nur während der Nacht mußte er draußen liegen.</p>
+
+<p>Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht
+heizen konnte, fing es an unleidlich kalt zu werden,
+so verbrachte Joseph die Abende und manchmal
+halben Nächte unten in der Wohnstube, meistens
+allein mit der Frau, die jetzt kaum noch jemanden
+zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die alte
+Dame und das Fräulein, waren mit Toblers infolge
+<span class="pagenum"><a name="Page_304">304</a></span>eines Meinungs- und Rechtsstreites böse geworden.
+Es handelte sich um einen kleinen, an
+beide Nachbargüter anstoßenden Grundstücksecken,
+den jeder von beiden Parteien beanspruchte. Die
+Sache war zu geringfügig, um vor Gericht getragen
+zu werden, aber sie machte böses Blut, es entstanden
+Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige
+freundnachbarliche Verkehr hörte eben auf.
+Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder über
+den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler
+gesagt. Die Freundschaft war damit bündig gebrochen.
+Überhaupt, von welchen Personen hatte
+nicht Tobler ähnliches gesagt? Fast die meisten
+»sollten es nur noch einmal wagen, den Fuß auf
+Toblersches Terrain zu setzen, dann würden sie schön
+ankommen!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So saß man an den langen Abenden allein.
+Die Lampe beleuchtete meistens zwei Köpfe, den
+der Frau und den des Gehülfen, der ihr Gesellschaft
+leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch,
+das aufgeschlagen auf <ins title="den">dem</ins> Eßtisch lag.</p>
+
+<p>Es vergingen einige Tage. Sie wurden in
+allen ihren Stunden empfunden, diese Tage. Man
+zählte sie, man rechnete mit ihnen, denn es war
+nicht gleichgültig, ob sie rasch oder langsam dahingingen,
+hing doch das Bestehen des Hauses Tobler
+<span class="pagenum"><a name="Page_305">305</a></span>nur noch von Tagen ab. Man verlernte es, an
+Monate oder Jahre zu denken, oder man verkürzte
+die Gedanken-Monate und -Jahre und veranlaßte
+die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen, und
+man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die
+Tage gaben. Ein Geräusch war wichtig, denn es
+konnte der Briefbote sein, der eine neue, sorgenvolle
+Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines
+Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Töne
+waren wichtig, denn es konnten die Töne der Haustürklingel
+sein, und es konnte jemand kommen, der
+Betrübliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig,
+denn er konnte bedeutend sein: »Heda, Herr Tobler
+und Frau,« konnte diese Stimme rufen, »rasch mit
+euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten
+aller Menschenstätten. Sputet euch, denn es
+ist Zeit. Ihr habt's lange genug schön gehabt.« &ndash;
+Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein Ruf
+sein. Aber auch die Farben waren wichtig, das
+Gesicht des Tages, die Züge und Gebärden dieser,
+wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen von
+den letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen
+und von der Art, wie man es machen mußte, um
+auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein. Sie
+redeten so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs
+zornig auf das Haus Tobler, im Gegenteil, sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_306">306</a></span>schienen es von hoch und von fern, in Gestalt von
+Wolken und Genien, beschirmen, ihm zulächeln und
+es trösten zu wollen. Diese Tage glichen der Frau
+Tobler beinahe ein wenig. Auch die Tage schienen
+krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso
+blasses und weiches Aussehen wie die Frau, um
+die herum sie sich in der unabänderlichen Reihenfolge
+ablösten.</p>
+
+<p>Aber Frau Tobler war nach und nach wieder
+die frühere Frau Tobler geworden. Je mehr sie
+gesundete, desto mehr glich sie wieder sich selbst.
+Es wäre ja auch gar zu sonderbar zugegangen,
+wenn sie plötzlich eine andere hätte werden können.
+Nein, so rasch sprang eine lebendige Menschennatur
+nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafür war
+gesorgt, daß das nicht geschehen konnte, und wie!
+Daß die Frau milder ausschaute, das war nur, weil
+sie sich noch schwach fühlte.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Eines Abends während dieser Zeit saßen die
+Beiden, die Frau und der Gehülfe, bei der Lampe,
+im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise.
+Wann war er denn überhaupt nicht auf der Reise?
+Auf dem Tisch, neben jeder der zwei Personen stand
+ein halb gefülltes Glas Rotwein. Sie spielten
+Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck
+<span class="pagenum"><a name="Page_307">307</a></span>ihres Gesichtes war infolgedessen heiter. Sie
+pflegte immer zu lachen, wenn sie beim Kartenspielen
+gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie ließ
+ein naiv-schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund
+springen, das vielleicht zu einer andern Zeit den
+Partner geärgert hätte. Aber Joseph trank einen
+Schluck Wein auf den Verlust hinab, und beide
+setzten das Spiel fort, indem Frau Tobler die Karten
+von neuem zu mischen begann. Nach ungefähr
+einer Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas
+lesen, in dem Buch, das ihr der Gehülfe heute aus
+dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde unterbrochen,
+die Frau begann gleich zu lesen, während
+Joseph sich, unlustig, eine Zeitung oder ein Buch
+zur Hand zu nehmen, auf das Ruhebett setzte und
+anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien
+sich ganz und gar in die Geschichte, die das Buch
+enthielt, versenkt zu haben. Mit der einen Hand
+strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfältig über die
+scheinbar tief nachdenkende Stirne, während ihr Mund
+sich still aber unruhig zu bewegen begann, als habe
+er etwas zu den Geschehnissen der Lektüre mitzusagen
+gehabt. Einmal stieß sie sogar einen leisen aber
+kummervollen Seufzer aus und atmete hörbar mit
+der Brust auf und ab. Wie das still und sonderbar
+anzuschauen war! Joseph versank immer mehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_308">308</a></span>in die Betrachtung der Leserin, und es war ihm,
+als lese auch er in einem großen, geheimnisvoll-spannenden
+Buch, ja es war ihm, als lese er geradezu
+im selben Buch wie Frau Tobler, deren
+Stirne, die er aufmerksam ansah, ihm den Inhalt
+desselben auf merkwürdige Weise zu vermitteln und
+zu erklären schien.</p>
+
+<p>»Wie still sie liest,« dachte er, sie noch immer
+betrachtend. Plötzlich schaute sie vom Buch auf,
+großen Auges zu dem Gehülfen hinüberschauend,
+als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer weitentfernten
+Welt gewesen, und als habe das Auge
+Mühe gehabt, sich zu entsinnen, was das sei, was
+es jetzt sah. Sie sagte:</p>
+
+<p>»Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit
+über, während ich gelesen habe, an, und ich merke
+nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn
+das? Ist es Ihnen nicht zu langweilig?«</p>
+
+<p>»Nein gar nicht,« erwiderte er.</p>
+
+<p>»Wie doch so ein Buch fesselt,« bemerkte sie
+und las weiter.</p>
+
+<p>Nach einer Weile schien sie müde geworden zu
+sein. Die Augen mochten ihr ein bißchen weh tun.
+Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie schloß aber
+das Buch noch nicht, als überlege sie, ob sie noch
+fortfahren solle oder nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_309">309</a></span>
+»Frau Tobler!« sagte Joseph ruhig.</p>
+
+<p>»Was?« fragte sie.</p>
+
+<p>Sie schloß ihr Buch und schaute nach dem Angestellten
+hinüber, der ihr, wie es schien, etwas Besonderes
+zu sagen hatte. Aber es verging eine
+halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph
+zögernd, er sei unvorsichtig. Da habe er ihr etwas
+ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe bemerkt,
+daß sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden
+sei, und daß sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmütigen
+Gesichtsausdruck zur Schau trage. Plötzlich
+sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die
+er schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie
+anzusprechen, und nun fehle ihm wieder einmal
+der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund
+nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau
+Tobler schon vor Wochen einmal zu ihm gesagt habe,
+nämlich, daß er ein komischer Mensch sei. Das was
+er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des
+Anhörens wert. Sie solle ihm erlauben, schweigen
+zu dürfen.</p>
+
+<p>Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den
+Gehülfen, sich näher zu ihr zu setzen und zu reden.
+Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen.
+Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen
+an, um sie auf Dinge neugierig zu machen, die dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_310">310</a></span>nicht kämen. So etwas sei feig oder gedankenlos.
+Sie höre.</p>
+
+<p>Joseph hatte sich auf ihr Geheiß an den Tisch
+gesetzt und sagte, das, was er zu berichten habe,
+handle von der Silvi.</p>
+
+<p>Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er
+fuhr fort:</p>
+
+<p>»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen
+rund herauszusagen, wie abscheulich mir die Behandlungsweise
+vorkommt, die man für dieses Kind
+übrig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als
+einen Wink, den mir Ihre Güte erteilt, fortzufahren.
+Sie begehen ein großes Unrecht an dem kleinen
+Wesen. Was soll aus diesem Geschöpfchen später
+werden? Wird es je den Mut und die gehörige
+Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches Betragen
+zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern
+muß, daß man es in seiner Jugend unmenschlich
+erzogen hat? Was ist das für eine Erziehung,
+ein Kind einer rohen und dummen Magd,
+einer Person, einer Pauline auszuliefern? So etwas
+müßte die Klugheit verbieten, auch dann noch,
+wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil
+ich darüber nachgedacht habe, weil ich so manchen
+Tag gesehen habe, was mir aufrichtig weh getan
+hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau
+<span class="pagenum"><a name="Page_311">311</a></span>Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspüre.
+Ich bin grob, nicht wahr? So sind eben zuweilen
+komische Menschen. Doch nein. Ich möchte ganz
+anders zu Ihnen reden. Es paßt sich nicht so.
+Ich habe schon zu viel gesagt, und es kommt heute
+kein Wort mehr über meine Lippen.«</p>
+
+<p>Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer,
+endlich sagte Frau Tobler, ihr sei schon lange
+auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache,
+sich wegen Silvi Vorwürfe zu machen. Das alles
+komme ihr übrigens jetzt so sonderbar vor. Der
+Gehülfe aber brauche keine Angst zu haben, sie verzeihe
+ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe
+ja, er meine es gut.</p>
+
+<p>Sie schwieg wiederum. Später bemerkte sie,
+sie liebe eben das Kind nicht.</p>
+
+<p>»Warum nicht?« fragte Joseph.</p>
+
+<p>Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme,
+unüberlegte Frage vor. Sie liebe eben Silvi nun
+einmal nicht und möge sie nicht ausstehen. Ob man
+sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen
+könne, und was das für ein Gefühl sei, solch ein
+erzwängtes und hervorgewürgtes? Was sie dafür
+könne, wenn es sie mit eisernen Schlägen und Hämmern
+von der Silvi fortjage, sobald sie sie nur von
+weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr so süß
+<span class="pagenum"><a name="Page_312">312</a></span>sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar
+nicht zu erfahren, und wenn auch; würden ihr die
+treffenden Antworten auf solche, wie ihr scheine,
+überflüssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen
+können? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, daß
+sie Unrecht begehe. Schon als ganz kleines Kind
+habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen angefangen.
+Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es
+bezeichne das Gefühl, das sie mit dem Kind verbinde,
+ausgezeichnet. Sie wolle probieren, in den
+nächsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig
+mit dem Herzen anschließen könne, aber sie hoffe
+wenig von solchen Versuchen, Liebe lasse sich nicht
+erlernen, die habe man und empfinde man, oder
+man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben,
+das heiße, glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben.
+Aber sie wolle versuchen, und nun wünsche sie, zu
+Bett zu gehen, sie fühle sich recht müde.</p>
+
+<p>Sie stund auf und ging zur Türe. An der
+Schwelle drehte sie sich um und sagte:</p>
+
+<p>»Ich hätte es bald vergessen &ndash; gute Nacht,
+Joseph. Wie zerstreut ich bin. Löschen Sie die
+Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen.
+Tobler wird wohl noch lange nicht kommen. Sie
+haben mir heute abend das Herz ein wenig erschwert,
+aber ich bin Ihnen nicht böse.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_313">313</a></span>
+»Ich wollte, ich hätte geschwiegen,« sagte Joseph.</p>
+
+<p>»Machen Sie sich keine Gedanken.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf.</p>
+
+<p>Der Gehülfe blieb mitten im Zimmer stehen.
+Nach kurzer Zeit erschien Tobler. Der andere sagte:</p>
+
+<p>»Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da
+mir zu sagen erlauben wollte: ich habe vor einer
+halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen, Ihrer
+Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will
+Ihnen das zum voraus bekennen. Ihre Frau Gemahlin
+wird sich veranlaßt fühlen, sich über mich
+zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten,
+Dinge letzten und allerletzten Gewichtes. Ich bitte
+Sie höflichst, keine so großen Augen machen zu
+wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein
+Mund noch ich etwas Verzehrbares, es gibt nichts
+zu essen an meiner Person. Was den Ton dieser
+Sprache betrifft, so erklärt sich dieser daraus, daß
+er von einem wütenden Gemüt diktiert wird. Wäre
+es nicht besser, Sie jagten Ihren kuriosen Herrn
+Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus?
+Ihre Frau mißhandelt das ganze Jahr lang
+ungestört die Silvi. Wo haben Sie Ihre Augen?
+Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer?
+Gute Nacht, gute Nacht, ich glaube, ich habe es
+nicht mehr nötig, zu warten und zu hören, was
+<span class="pagenum"><a name="Page_314">314</a></span>Sie auf eine so sonderbare Aufführung erwidern.
+Ich darf annehmen, ich bin entlassen.«</p>
+
+<p>»Sind Sie betrunken? He!«</p>
+
+<p>Tobler rief umsonst. Der Gehülfe war bereits
+die Treppen hinaufgestiegen. Vor der Türe des
+Turmzimmers blieb er plötzlich stehen: »Bin ich
+ganz toll?« Und er lief so schnell er vermochte
+wieder die Stufen hinunter. Herr Tobler saß noch
+im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie vorhin die
+Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es täte
+ihm leid, sich in unziemlicher und unsinniger Art
+und Weise benommen zu haben, er bereue, aber er
+bemerke, daß er &ndash; noch nicht entlassen sei. Wenn
+Herr Tobler noch Geschäftliches zu besprechen habe:
+Joseph stehe zur Verfügung.</p>
+
+<p>Tobler schrie so laut er konnte:</p>
+
+<p>»Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein
+verrückter Kerl. Diese verdammten Bücher!«</p>
+
+<p>Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmiß
+es zu Boden. Er suchte nach beleidigenden Worten
+in seinem Gedächtnis, fand sie aber nicht. Teils
+sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils
+wieder zu viel. »Räuber« schwebte ihm auf der
+Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar nicht beleidigen.
+Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung
+keine Grenzen. Er hätte sagen mögen
+<span class="pagenum"><a name="Page_315">315</a></span>»Hund«, aber dieses Wort machte dann wieder alle
+Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich außerstande
+sah, seinen Gegner in <ins title="anstäniger">anständiger</ins> Weise niederzuwerfen.
+Schließlich lachte er. Nein, er brüllte.</p>
+
+<p>»Machen Sie, daß Sie sofort hinauf in Ihr
+Nest kommen.«</p>
+
+<p>Joseph hielt es für das Geratenste, sich zu
+entfernen. Oben angelangt, blieb er im Zimmer
+stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu können.
+Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht
+vor dem Bewußtsein: Er hatte seinen Gehalt noch
+nicht und gestattete sich &ndash; solche Torheiten. &ndash; Wie
+würde das morgen werden? Er nahm sich vor,
+sich der Frau zu Füßen zu werfen. Wie unsinnig!
+Von der Unmöglichkeit, denken zu können, gepeinigt,
+trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine
+trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und
+glitzerte und fror voller Sterne. Es war, als ob
+die Sterne alle Kälte, die herrschte, auf die Erde
+hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstraße ging
+noch ein Mensch. Die Schuhe klapperten metallen
+auf den Steinen. Alles da draußen schien von
+Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht
+selber schien zu tönen, zu klirren. Joseph dachte
+an Schlittschuhe, dann an Erz, dann plötzlich an
+Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er
+<span class="pagenum"><a name="Page_316">316</a></span>hatte das Gefühl von einem leisen Freundschaftsempfinden
+für diesen Menschen. Dem begegnete
+er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo?
+Er trat in sein Zimmer zurück und zog sich aus.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick ertönte ein Schrei Silvis.</p>
+
+<p>»Da wird die Kleine wieder aus dem Bett
+gezogen. Hu, wie kalt,« dachte er. Er horchte noch
+eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hörte nichts
+mehr und schlief ein.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins
+Bureau hinunter. Er dachte: »Wird man mich
+fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?«</p>
+
+<p>Ja, er fühlte, wie lieb es ihm geworden war,
+und er dachte weiter:</p>
+
+<p>»Wie ist es mir möglich, zu leben, ohne Dummheiten
+zu begehen? Und in diesem Haus konnte
+ich so hübsch Dummheiten begehen. Wie wird es
+anderwärts hiermit bestellt sein? Und wie kann
+ich daran denken, zu existieren, ohne von Toblers
+Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo satt
+zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig?
+An andern Orten ist das Essen so langweilig,
+so ganz und gar das Gegenteil von üppig!
+Und in wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten
+will ich mich nachher schlafen legen? Unter einen behaglichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_317">317</a></span>Brückenbogen wohl! Gemach! Ach Gott,
+sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich
+fortfahren zu atmen ohne die Gegenwart dieser
+auch im Winter reizenden, landschaftlichen Gegend?
+Und wie will ich mich dann abends unterhalten,
+wie jetzt mit der lieben, prächtigen Frau Tobler?
+Wem Grobheiten sagen? Nicht alle Menschen nehmen
+sie so besonders, so eigen, so schön in Empfang.
+Wie traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo
+wird eine Lampe brennen, so zärtlich, und wo ein
+Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie
+Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht
+mich das mutlos. Und wie können meine Gedanken,
+ohne alltägliche Gegenstände wie Reklame-Uhr,
+Schützenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine
+zu haben, ferner auskommen? Ja, das wird mich
+unglücklich machen, ich weiß es. Ich bin hier gebunden,
+ich lebe hier. Wie sonderbar anhänglich
+ich bin! Und Toblers tiefe, grollende Stimme, wie
+bitter werde ich ihren Klang entbehren. Warum
+kommt er noch nicht? Ich möchte wissen, woran ich
+bin. Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch
+ein Sommer mich in die üppigen, grünen Arme
+und an die blühende und duftende Brust drücken,
+wie der war, den ich hier oben habe erleben und
+genießen dürfen? Wo, in welcher Gegend der Welt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_318">318</a></span>gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline?
+Obschon ich mich mit ihr des öftern gezankt
+habe, gehört auch sie schließlich mit zu dem Schönen.
+Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte ich &rsaquo;kopflos&lsaquo;
+sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade.
+Ich möchte wissen, an welchen Orten der zivilisierten
+Welt das sonst noch gestattet wäre? Und der Garten,
+den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo
+gibt man mir das? Menschen wie ich genießen
+sonst nirgends die Annehmlichkeit und den Zauber
+von Gärten. Bin ich verloren? Mir ist elend zumut,
+ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen
+rauchen müssen. Auch das wird mir fehlen. Sei
+es.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Als er auch noch an die Fahne im Sommer
+dachte, sah er sich genötigt, zu grinsen, um nicht
+plötzlich wie ein Schwächling weinen zu müssen.
+Dann trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal,
+ordentlich guten Morgen sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen.</p>
+
+<p>Nichts dergleichen!</p>
+
+<p>Joseph setzte seine demütigste und dienstfertigste
+Miene auf, er war unbeschreiblich froh, daß
+es noch nicht »so weit« war. Er setzte sich geradezu
+leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden
+geschäftlichen Aufgaben, und er drehte sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_319">319</a></span>alle Augenblicke auf seinem Stuhl um, damit er
+sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler
+tat das Gewöhnliche.</p>
+
+<p>Was er da gestern für einen Anfall gehabt
+habe? frug der Chef in unglaublich freundlichem
+Tone.</p>
+
+<p>»Ja, das war dumm,« sagte der Gehülfe, bescheiden
+und beschämt lächelnd.</p>
+
+<p>Er brauche nicht zu ängsten. Seinen Gehalt
+kriege er schon, brummte Tobler.</p>
+
+<p>»O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene
+ihn nicht.«</p>
+
+<p>»Dummheiten,« sagte Tobler, »ich bin, einige
+Kopflosigkeiten, die Sie sich haben zuschulden kommen
+lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen.
+Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung
+ich mich beworben habe, so bleiben wir
+hoffentlich auch dann noch zusammen. Man wird
+in diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen
+können.«</p>
+
+<p>Später ging der Chef.</p>
+
+<p>Dora war an diesem Tage krank geworden,
+nicht ernstlich. Es war nur eine kleine Erkältung,
+aber diese genügte, um das Mädchen zu pflegen,
+als wäre ihr letzter Tag herangekommen. Dora
+lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, und als Joseph
+<span class="pagenum"><a name="Page_320">320</a></span>zufällig sagte, er wolle zur Post gehen, es war
+gegen Abend, mußte er Dora versprechen, ihr ein
+paar Orangen oder Apfelsinen aus einer Spezereihandlung
+mitzubringen, was er denn auch tat.</p>
+
+<p>Während des Nachtessens redete Frau Tobler
+beständig zu der kleinen, reizenden Unpäßlichen
+hinüber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi
+machte große Augen und hielt den Mund sperrangelweit
+offen, als dächte sie darüber nach, wie
+es zugehe, daß man so reizend krank sein könne.
+Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War
+das nichts für sie? Mußte die Natur ihr diesen
+hübschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering,
+eine kleine Erkältung bekommen zu dürfen?
+Sie wäre so gern einmal zärtlicher als sonst, ja
+nur einmal ein bißchen wärmer und milder als
+sonst behandelt worden. Die Dora! Nein! Silvi
+schaute ihr Schwesterchen betrübt und erstaunt an,
+als wäre sie nicht imstande gewesen, es sich zu erklären,
+wie die da so schön krank daliegen konnte.</p>
+
+<p>»Tu den Löffel aus dem Mund, Silvi. Ich
+kann das nicht ausstehen!« sagte Frau Tobler. Ihr
+Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen
+bekommen zu haben, eine liebliche und glatte für
+Dora, und eine darunter liegende gerunzelte und
+strenge für Silvi. Gleichzeitig schaute die Frau
+<span class="pagenum"><a name="Page_321">321</a></span>kurz den Angestellten an, als forsche sie auf dessen
+Gesicht nach dem, was er dazu etwa denken oder
+sagen mochte. Aber Josephs Gesicht lächelte zu
+Dora hinüber.</p>
+
+<p>Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen
+richten eben ihre Augen mit Vorliebe dorthin,
+wo das Schöne und Wohlgestaltete zu sehen ist,
+nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem
+Kaffeelöffel in einem ausdruckslosen Mund herumgerührt
+wird.</p>
+
+<p>Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den
+schneeweißen Bettkissen heraus, auf denen verstreut,
+und Höhlen in den Flaum eindrückend, die mitgebrachten
+Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende,
+üppige Kindermund. Diese kleinen, aber beinahe
+schon bewußt schönen und graziösen Bewegungen.
+Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses Vertrauen!
+Ja, Dora, du durftest vertrauen, <ins title="da">du</ins> sahest jeden
+Moment aus deiner Frau Mama Gesicht Güte dir
+entgegenstrahlen.</p>
+
+<p>Wie arm war da Silvi. Würde dieses Mädchen
+je auf den Gedanken gekommen sein, zu wünschen,
+man solle ihr Orangen aus den Delikateßwarengeschäften
+mit nach Hause bringen? Unter
+keinen Umständen. Dazu wußte sie viel zu gut,
+wie sehr jedermann geneigt war, ihre Bitten abzuschlagen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_322">322</a></span>Ihre Bitten waren auch gar keine Bitten,
+sondern nur gestammelter Neid. Sie bat erst, wenn
+Dora längst ihr gewünschtes hatte. Nie kam sie
+auf einen ersten Wunsch. Die Wünsche Silvis waren
+alle Wunschkopien, ihre Einfälle waren keine
+Einfälle, sondern nur Nachahmungen von solchen,
+die Dora zuerst gehabt hatte. Ein echtes Kinderherz
+nur kommt auf frische Einfälle, ein verprügeltes
+und verachtetes niemals. Die wahre Bitte ist immer
+ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie das wahre
+Kunstwerk. Silvi war eben nun einmal zweiten,
+dritten, vielleicht sogar siebenten Ranges. Alles
+was sie sagte, war aus falschem Tone geschmiedet
+und gebacken, und alles was sie tat, war altbacken.
+Wie alt Silvi bei ihren blütenjungen Jahren schon
+war. Welches Unrecht!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Joseph hatte das einen Moment überdacht,
+während er Dora anschaute. Wenn man die anschaute,
+konnte man sich ein klares Bild von ihrem
+Gegenstück machen, und man hatte dann gar nicht
+nötig, die prüfenden und vergleichenden Augen erst
+noch lange auf Silvi zu werfen.</p>
+
+<p>Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen
+Kinder! Joseph hätte aus dem Grund seines Denkens
+heraus hörbar seufzen mögen. Als Dora jetzt
+in ihr richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden
+<span class="pagenum"><a name="Page_323">323</a></span>sollte, trat er zu ihr hin und war so betroffen von
+dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, daß er
+nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu
+küssen. Mit diesem Huldigungskuß wollte er gleichsam
+die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art und
+auch die Silvi-Art. Aber wie hätte er der zweiten
+Art tatsächlich huldigen können? Unmöglich! So
+versuchte er, wenigstens in Gedanken der jungen
+Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Tröstendes
+und Achtungsvolles zu sagen, indem er das
+Unausgesprochene mit seinem Mund auf die Hand
+der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drückte.</p>
+
+<p>Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand
+ihren Beifall. »Ein kurioser Mensch, dieser Marti!«
+dachte sie, »da hat er mich gestern der Silvi wegen
+ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb
+verliebt in die Dora.« &ndash; Sie lächelte gnädig und
+sagte zu Dora, da müsse sie aber in Zukunft ihre
+Hände säuberlicher halten, wenn sie ferner solche
+Küsse darauf bekommen wolle und lachte.</p>
+
+<p>Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem
+Gesicht gute Nacht sagte, sie solle sich besser
+zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr geben,
+streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu
+ihr. Es sei ein Jammer, wie man sie behandeln
+und immer wieder strafen müsse. Sie erwarte jetzt
+<span class="pagenum"><a name="Page_324">324</a></span>einmal gehörig Besserung. Silvi werde auch älter.
+Marsch. Sie solle gehen.</p>
+
+<p>Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache
+liebreich klingen wollen, dann aber, als sei ihm die
+Milde unpassend und unmöglich vorgekommen, war
+er in die Härte hinübergesprungen, in Abstufungen,
+bis er zuletzt selber in einem gebieterischen »Marsch«
+sich abbrach.</p>
+
+<p>Als die vier Kinder fort waren, wurde ein
+»Jaß« angefangen. Der Gehülfe hatte jetzt schon
+eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der Übung
+dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann
+fast fortwährend, was ihn veranlaßte, ganz
+besonders vorsichtig seine Worte zu wählen, da er
+die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten
+hervorzubrechen pflegte, genau kannte. Sie spielten
+eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit wieder an den
+Rotweingläsern nippend, wie am Vorabend. Plötzlich
+sagte Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:</p>
+
+<p>»Wissen Sie es schon, Marti, daß mein Mann
+mich zu meiner Schwiegermutter schickt? Ja, es ist
+so, und ich werde mich morgen früh auf die Bahn
+begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir
+müssen ja jetzt das Geld haben, sonst sind wir verloren,
+und sie schickt nichts. Sie ist sehr geizig, wenigstens
+<span class="pagenum"><a name="Page_325">325</a></span>hält sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie
+werden sich denken können, wie unangenehm mir
+eine solche Fahrt jetzt ist, aber es muß sein. Diese
+Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen
+habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten
+müssen, ja Marti! Und sie wird kalt zu mir sein,
+von oben herab, das fühle ich nur zu deutlich. Es
+wird so leicht für sie sein, mich zu kränken, mir weh
+zu tun, denn schließlich behandelt man ja eine Bettlerin
+nicht, wie man mit Glacéhandschuhen jemanden
+anrührt. Sie hat mich übrigens von jeher ein wenig
+&rsaquo;auf dem Zug&lsaquo; gehabt, ich habe das immer
+empfunden. Als ob ich von jeher ihrem Sohn,
+meinem Mann, nur Unheil gebracht hätte. Und
+so wird sie mir jetzt natürlich entgegentreten: wie
+einer Sünderin. Sie wird mir die Kleider, die ich
+am Leib trage, vorwerfen, die unnötige Eleganz
+derselben, den unglaublich überflüssigen guten Schnitt.
+Nein, das neue Kleid werde ich schon nicht anziehen
+dürfen. Das hat auch keinen Zweck. Eine,
+die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen,
+ich werde das alte, schwarze Seidenkleid anziehen,
+das macht einen sehr unterwürfigen Eindruck. Ja
+ja, Joseph, Sie sehen, andere müssen sich auch
+zwingen und dulden und herabwinden zur Bescheidenheit.
+Es geht eben so, man weiß gar
+<span class="pagenum"><a name="Page_326">326</a></span>nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese
+Welt!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Wir wollen hoffen, daß Sie Erfolg haben,«
+bemerkte der Gehülfe. Sie fuhr fort:</p>
+
+<p>»Dafür schickt mich ja auch Tobler, weil er der
+Ansicht ist, daß seiner Mutter meine Erscheinung zu
+einem solchen schwierigen und heiklen Zeitpunkt angenehmer
+sein werde als die seinige. Sonst sehe
+ich allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren
+könnte. Ein Stück Bequemlichkeit seinerseits
+mag ja dabei sein. Die Männer nehmen gern die
+gemütlosen und trockenen Geschäfte auf sich. Wo
+es sich aber um ein persönlich-innerliches Opfer
+handelt, um eine Pflicht und Arbeit herzlichen Charakters,
+um rein seelische Überwindungen, da schieben
+sie lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewöhnlich:
+&rsaquo;Geh du! Du machst das besser als ich!&lsaquo;
+was man dann noch als eine Art Gnade und Liebkosung
+aufzufassen beinahe gezwungen ist.«</p>
+
+<p>Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das
+Wort:</p>
+
+<p>»Ja, Sie lachen! Übrigens verbiete ich Ihnen
+das nicht. Lachen Sie nur. Ich habe ja auch gelacht,
+obschon es uns beiden eigentlich ernster zu
+Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, daß ich Erfolg
+haben werde. Im übrigen, was rede ich da! Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_327">327</a></span>meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug auf
+Toblers Geschäfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln,
+längst aufgegeben. Es ist jetzt einmal so:
+das Vertrauen in meines Mannes Geschäftstüchtigkeit
+ist in mir gründlich ins Schwanken geraten.
+Ich glaube jetzt überzeugt zu sein, daß er nicht genügend
+Raffiniertheit, nicht genügend Herzlosigkeit
+besitzt, um rentable Geschäfte machen zu können.
+Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach
+nur den Ton dieser pfiffigen und schlauen Leute
+angenommen, das äußere Betragen, die Manieren,
+nicht aber zugleich die Fähigkeiten. Gewiß, es muß
+einer, der gute Geschäfte macht, deswegen kein
+Blutsauger und schlechter Kerl sein. Das ist noch
+lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll,
+zu rasch, zu gut und zu natürlich empfindend.
+Auch zu leichtgläubig ist er. Nicht wahr,
+Sie wundern sich, mich dermaßen reden zu hören,
+aber glauben Sie mir, wir Frauen, beständig an
+die Enge und an die Beschränktheit des Hauses
+gebunden, wir denken über mancherlei nach, und
+wir sehen auch manches und fühlen manches. Es
+ist uns gegeben, die Dinge ein bißchen zu erraten,
+da einmal die korrekten Wissenschaften unsere geschwornen
+Feindinnen sind. Wir verstehen es, in
+den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen
+<span class="pagenum"><a name="Page_328">328</a></span>seltsamerweise nie etwas, wir schweigen, denn wir
+drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer
+so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens
+die geschäftsüberladenen Männer nur auf, aber
+überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären
+uns mit dem allermeisten, was um uns her
+und mit uns selber geschieht, einverstanden, reden
+nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der Vermutung,
+daß wir kleine und untergeordnete Geister
+sind, aussetzen und sind immer zufrieden, ich glaube
+es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit seinen
+Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen,
+der kleine Finger, der Schuh am Fuß, meine eigene
+Nase sagen es mir. Er lebt zu gern gut, und
+das dürfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er
+ist zu wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine
+eigenen Pläne, das untergräbt dieselben. Er ist
+ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles
+zu gerade, zu plötzlich, deshalb viel zu einfach. Er
+ist eine schöne, volle Natur, und solche Naturen
+reüssieren mit solchen Unternehmungen nie, oder
+fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede.«</p>
+
+<p>Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches
+Lächeln. Sie hatte schon wieder mit Reden angefangen:</p>
+
+<p>»Meinen Karl fürchten die Menschen und hintergehen
+<span class="pagenum"><a name="Page_329">329</a></span>ihn zugleich und lachen ihn hinter seinem
+Rücken aus, denn sie gönnen gerade ihm merkwürdigerweise
+allen nur erdenklichen Schaden, und
+ich glaube deshalb, weil er seinen Wohlstand und
+sein Besitztum zu offen und zu ungeniert gezeigt
+hat, dermaßen, daß es ihnen in die Augen hat
+stechen müssen. Er ist immer naiv genug gewesen,
+vorauszusetzen, andere Leute hätten Freude an seiner
+Lebensfreude und Lust an der seinigen, was offenbar
+ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter
+Standpunkt war. Er hat immer mit vollen
+Händen gegeben, das ist eine Schwäche gewesen,
+verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber unverzeihlich
+im Urteil derjenigen Menschen, die von
+ihm eben diese verschwenderischen Wohltaten genossen,
+mit einem Wort, die von ihm profitiert haben. Er
+hat seine besondere Art, ein bißchen barsch und laut
+zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglück, Prahlerei.
+Wäre er erfolgreich, so würde man zu derselben
+Gewohnheit sagen: Schneid! Ja. Nein, mein
+Mann würde viel besser getan haben, wenn er sich
+nie selbständig gemacht, sich nie auf eigene Füße
+gestellt, sondern sich in seiner bescheidenen Stellung
+als technischer Angestellter still gehalten hätte. Wir
+waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir
+kein eigenes Haus, aber was bedarf es dessen, da
+<span class="pagenum"><a name="Page_330">330</a></span>doch nur Sorgen in solch ein eigenes Haus kommen?
+Nach Feierabend machten wir unsern stillen, hübschen
+Spaziergang rund um den Hügel. Es war zu schön,
+um es derart eigensinnig von sich wegzuwerfen,
+aber eines Tages wurde es eben weggeworfen.«</p>
+
+<p>»Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler,«
+sagte Joseph. Diese Worte schlugen wie mit Flammen
+in ihr Gesicht. Sie rief:</p>
+
+<p>»Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich.
+So redet man nicht zu der Frau des Geschäftsmannes,
+in dessen Bücher man tagtäglich hineinblicken
+kann. Auf diese Art soll man nicht schonen
+wollen und einer schwachen Frau das Herz mit
+Gewichten beladen. Wieso kann noch alles gut
+kommen? Gehen Sie zu den Bedrängern meines
+Mannes mit dieser fluchwürdigen Redensart. Sie
+haben mich wieder einmal unglücklich gemacht. Ich
+will gehen und versuchen, dies zu vergessen.«</p>
+
+<p>Sie lief aus dem Zimmer.</p>
+
+<p>Der Gehülfe dachte: »Was ist nun da wieder?
+Muß es bald jeden Abend eine heftige Szene geben?
+Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide,
+und bald kracht es wieder aus Toblers Gemüt
+heraus. Bald schreit die Silvi, bald bellt der Leo,
+bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, daß
+wir alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends
+<span class="pagenum"><a name="Page_331">331</a></span>vollständig hinten hinüber schnappten. Dann gute
+Nacht schönes Haus Tobler! Aber soweit sind wir noch
+nicht. Wollen jetzt erst einmal die mütterlichen Gelder
+abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen.
+So viel wie in diesem Hause ist mir in
+meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht gewaschen
+worden. Aber auch das mag gut sein.
+Übrigens! Habe ich etwa wieder einmal Angst?
+Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler
+hat wohl heute wieder im Sinn, im &rsaquo;Segelschiff&lsaquo;
+zu übernachten. Das gehört scheinbar auch zu
+meinen Berufspflichten, daß ich inzwischen hier seiner
+Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat
+sie keinen bessern Gesellschafter?«</p>
+
+<p>Er löschte die Lampe und ging zu Bett.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Andern Tages, es war wieder mehr nasses
+als kaltes Wetter, und die Luft hing schwer herunter,
+sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den
+Gartenhügel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben.
+Tobler begleitete sie ein Stück hinunter,
+sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich nicht
+etwa wieder zu erkälten in der Eisenbahnwagenzugluft
+und dergleichen. Man sah von oben herab
+ein Lächeln im Gesicht der Frau, und ein Winken
+mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der
+<span class="pagenum"><a name="Page_332">332</a></span>Mutter ebenfalls nachwinkte. Wie naß alles war.
+Zu dieser Winterzeit hätte es eigentlich trockener
+und kälter sein können, dachte man, und dann verschwand
+Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen
+bis zuletzt verfolgten. Es waren dies Josephs,
+Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben und
+Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig,
+wie er die Herrin fortgehen gesehen hatte.</p>
+
+<p>Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische
+Einbildungskraft hätte versteifen wollen,
+dem Weggang einer Königin. Joseph, der Vasalle,
+hätte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten
+zu uns modernen Menschen hinübergrüßenden getreuen
+Untertanen gewesen wäre, bitterlich weinen
+müssen, während die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei
+ausgestoßen haben würde, wenn sie eine
+von denjenigen gewesen wäre, die in alten Zeiten
+schöne und hohe Königinnen, wie die Geschichten
+lehren, bedient haben. Und der Hund wäre vielleicht
+ein Drache gewesen, und die Kinder Königskinder
+und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten
+eine, die früher immer dabei waren, wenn
+es solche traurige Abschiede für immer gab, als es
+noch Schlösser, Burgen, Stadtmauern und Tränen
+der Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz
+anders.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_333">333</a></span>
+Hier handelte es sich nicht um eine immerwährende
+Verbannung auf eine öde Felseninsel, sondern
+nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um
+einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch.
+Auch eine Königin kam hier nicht vor, es
+sei denn, man hätte Frau Tobler als die sorgenvolle
+Königin des Hauses zum Abendstern empfunden,
+was so ganz apart und wunderlich nicht
+hätte sein können. Auch keine düstere Heldengestalt,
+sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener
+Herr Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stück
+weit das Geleite, um ihr, auch nicht gerade Trost,
+sondern nur einige vernünftige Worte zuzusprechen.
+Und von einem besonders betrübten Knecht und
+Vasallen war hier ebensowenig die Frage und Rede
+als von einer noch fassungsloseren Kammerfrau.
+Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen
+da, weiter niemand, außer den Kindern, und das
+waren weder Königs- noch Fürstenkinder, sondern
+schlichte, bürgerliche, wie sie jedes bessere Haus haben
+kann. Leo war kein Drache. Er würde eine solche
+mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig übel
+genommen haben. Alles in allem war es ein Bild
+des zwanzigsten Jahrhunderts.</p>
+
+<p>Es werde sich nun bald zeigen, wessen man
+sich zu gewärtigen habe, meinte Herr Tobler, als
+<span class="pagenum"><a name="Page_334">334</a></span>er wieder ins Bureau zurückkehrte. Was ihn betreffe,
+er werde und müsse durchdringen. Jeder
+andere Gedanke sei lächerlich. Was er immer behauptet
+habe, das behaupte er auch heute, und
+heute erst recht.</p>
+
+<p>Und er beschäftigte sich mit der Tiefbohrmaschine.
+Die Handelsabteilung schrieb einen Brief
+an den Tiefbauingenieur Joël, der sich, wie es schien,
+»gewaltig« für dieses Werk interessierte. Die Kinder
+spielten und rauften sich im Bureau. Tobler jagte
+sie hinaus. Später verließ er das technische Bureau
+selber und ging ins Dorf, des Automaten
+wegen.</p>
+
+<p>Ein wenig später ging auch der Gehülfe weg
+und zwar zur Post. Auf dem Wege dahin wurden
+ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte nachgeschrien.
+Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten
+nach, was sie dem Chef würden nachgebrüllt
+haben, wenn sie den Mut dazu gehabt
+hätten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins
+Dorf, auf die breitere Straße, und hier begegnete
+ihm der, den er eher im Gasthaus zum »Roten
+Haus« vermutet hätte, Wirsich.</p>
+
+<p>»Sie sind wieder hier?«</p>
+
+<p>Sie schüttelten sich die Hände. Wirsich schaute
+ganz vergnügt drein, er sah aus, als wenn ihm
+<span class="pagenum"><a name="Page_335">335</a></span>eben etwas sehr Entgegenkömmliches passiert wäre.
+Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden
+und zwar in der Kolonialwarenhandlung Bachmann
+&amp; Co. Er sei, wie der Gehülfe ihm angeraten
+habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten
+Offertbriefen in der Tasche, auf die Wanderung,
+von Geschäftshaus zu Geschäftshaus gezogen, und
+in der Tat habe man ihn fast überall menschenfreundlich
+behandelt, aber man habe nirgends eine
+Stellung für ihn frei gehabt, bis er schließlich zu
+den Herren Bachmann &amp; Co. hineingegangen sei,
+und dort sei dann die Sache zu seinem Glück komplett
+geworden. Und nun glaube er sich nach langer
+Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fühlen
+zu dürfen. Jedenfalls könne er sagen: »Guten
+Tag, Freund, du siehst, mir geht es gut.« Ob es
+nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nächstbeste
+Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst
+hinauf zu nehmen?</p>
+
+<p>»Aber gewiß. Sehr gern. Aber hören Sie,
+Wirsich, sagen Sie, können Sie's vertragen?« sagte
+Joseph.</p>
+
+<p>Der andere beteuerte: »Natürlich!« &ndash; So gingen
+sie in das zunächst liegende Restaurant Central,
+wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben
+ließen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_336">336</a></span>
+»Denn sonst lieber nicht. Es wäre schade um
+die neue Position,« glaubte Joseph gut zu tun,
+nachzufügen.</p>
+
+<p>Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es
+fiele ihm nicht ein, sagte er, etwa gar wieder so
+unvernünftig zu trinken, wie früher. Er habe sich
+das jetzt, glaube er, ein für allemal abgewöhnt, so
+verkommen sei er denn doch noch lange nicht. Wie
+es bei Toblers stehe?</p>
+
+<p>»Nicht gut,« sagte der Gehülfe, und er erzählte
+in kurzen Umrissen den Verfall des Hauses. Wirsich
+solle sich aber hüten, zu plaudern, das seien
+Geschäftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas
+an.</p>
+
+<p>Wirsich sagte:</p>
+
+<p>»So habe ich es dem Großhans, diesem Tobler,
+doch noch prophezeien können, daß er noch einmal
+zu seinem prahlerischen Haus und Garten hinausfliegt.
+In jener Nacht hat er's von mir gehört,
+und jetzt gehen die Worte in Erfüllung. Was er
+andern getan hat, das geschieht ihm nun selber,
+und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch?
+Sind wir Angestellten ohne die Spur von Empfindung
+auf diese Welt gekommen? Wir werden eines
+Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz
+herausgeworfen, und man glaubt noch, recht und
+<span class="pagenum"><a name="Page_337">337</a></span>milde getan zu haben. Pardon, Marti, Sie sind
+mein Nachfolger und genießen infolge meines Sturzes
+einen, wie Sie selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt.
+Sie können natürlich nichts dafür, daß
+Sie mich vom Posten verdrängt haben. Was rede
+ich: durch Sie habe ich ja die neue Stellung gefunden.
+Also Entschuldigung. Ich meine nur, der
+Zorn kann einen fortreißen, sich eine so lange Zeit
+in der elendesten Verlegenheit und Erniedrigung geschaut
+zu haben. Wegen was? Wegen eines Fehlers?
+Donnerwetter, jetzt trinke ich grade extra noch
+eins. Heda, Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau Gastwirtin,
+bringen Sie mir noch solch einen Schoppen.
+Sie Marti werden doch wohl auch noch einen
+trinken.«</p>
+
+<p>»Nur bitte ich,« sagte Joseph, »meinen Chef
+nicht angreifen zu wollen. Und dann auch nicht
+gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein gegenwärtiger
+Prinzipal ist kein Großhans. Sie werden
+diesen unvorsichtigen, und ich gebe gern zu, im Zorn
+gesprochenen Ausdruck zurücknehmen. Tun Sie's
+alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe
+Ihnen nicht vertrauliche Aufklärungen über Toblers
+Lage gegeben, um diesen Mann hinterher beleidigen
+zu hören. Im übrigen: Prost! Es freut mich, daß
+es Ihnen gut geht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_338">338</a></span>
+»Ich sag' ja: im Zorn!« entschuldigte sich Wirsich.</p>
+
+<p>Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide
+tranken je noch ein Glas, auf welche »Lage« eine
+vierte folgte. Sie würden so fortgefahren haben,
+wenn nicht jetzt die Türe aufgegangen, und Herr
+Tobler selber ins Restaurant getreten wäre. Er
+überflog beide Zecher und Angestellten mit einem
+zündenden Blick, der den Männern genug sagte.</p>
+
+<p>Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den
+Hut abgezogen, den er vorher ziemlich burschikos
+auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die Höflichkeit,
+und der Toblersche Blick gebot es nicht minder.
+Er stand übrigens bald auf, da das Gespräch mit
+Wirsich ohnehin verstummte, rief, er möchte bezahlen
+und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink
+des Ingenieurs veranlaßte ihn jedoch, in dessen
+Nähe zu treten. Dieser fragte:</p>
+
+<p>»Was will dieser Ungut hier, der Wirsich?«</p>
+
+<p>Joseph antwortete: »O, er hat eine Stelle gefunden.
+Hier dicht nebenan, bei Bachmann &amp; Co.
+Seit heute. Er freut sich sehr darüber.«</p>
+
+<p>»So? Und er trinkt wohl noch immer gern,
+was? Der wird sicherlich lange in der neuen Stellung
+verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf
+der Post?«</p>
+
+<p>»Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_339">339</a></span>Mein Vorgänger hat mich aufgehalten. Ich
+werde gleich gehen, und wenn Sie wünschen, daß
+ich Ihnen die Briefe hieherbringe«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Tobler verneinte, und der Gehülfe entfernte sich.</p>
+
+<p>Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte,
+marschierte unsicher vorwärts, wußte nicht,
+ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten grüßen sollte
+oder nicht, tat es, und sogar tief und demütig, und
+stieß zum Überfluß noch an einen Tisch an, bei
+welcher Gelegenheit er beinahe umgestürzt wäre.
+Sein Achtungsgruß wurde mit keinem Zug einer
+Miene erwidert. Tobler »wollte nichts mehr mit
+diesem Menschen zu tun haben«. An der Tür stolperte
+Wirsich zum zweiten Mal. War das eine
+schlimme Vorbedeutung?</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach
+Hause gefahren. Herr Tobler, Pauline und Joseph
+erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam schnaubend
+und rasselnd an. Allerlei Menschen drängten
+sich in die Nähe des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden
+Ungetümes heran. Die Frau stieg aus,
+Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Körbe
+und Pakete in Empfang zu nehmen. Mutter Tobler
+hatte der Sohnesfrau Verschiedenes mitgegeben, das
+konnte man ungefähr zum Voraus wissen, deshalb
+<span class="pagenum"><a name="Page_340">340</a></span>war man zu dritt am Bahnhof erschienen. In
+zwei Körben befanden sich teils Äpfel, teils Nüsse.
+Die Pakete enthielten Sachen für die Frau selber
+und für die Kinder.</p>
+
+<p>Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen,
+daß die ganze Sache weder ganz gut noch auch
+ganz schlecht abgelaufen war. Es drückte Müdigkeit
+und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine
+Hälfte des Gesichtes ein bißchen gelächelt hätte. Im
+ganzen schien sie ihrem Mann, der sie neugierig
+darum befragte, eine genügende und zufriedenstellende
+Auskunft gegeben zu haben, denn Tobler
+schien nicht übel Lust zu haben, rasch jetzt noch für
+eine Weile ins »Segelschiff« zu gehen. Seine Frau
+sagte, sie merke ihm wohl an, wohin er zu gehen
+wünsche, mit welchen paar Worten denn auch die
+bezügliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den Davongehenden
+noch nach, er sei in mindestens einer
+Stunde wieder im Abendstern und verschwand in
+seiner Stammkneipe.</p>
+
+<p>Die Übrigen gingen nach Hause. Dem Gehülfen
+war es eine angenehme Pflicht, die Körbe,
+so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch
+wenigstens wieder einmal etwas »Körperliches«.
+Er schritt hinter den beiden Frauen, hinter der Magd
+und der Frau, leicht daher, gänzlich <ins title="gedankenlos">gedankenlos.</ins>
+<span class="pagenum"><a name="Page_341">341</a></span>Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum
+Laufburschen geboren,« dachte er.</p>
+
+<p>Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm
+von Fragen, aus der kindlichen Wißbegierde heraus
+ertönend. Und eine Belagerung der Pakete und
+Obstkörbe. Was Großmutter sagen ließe, wollten
+die drei Kinder wissen. Nur das Vierte nicht. Silvi
+blieb schläfrig und gleichgültig. Auch die Geschenke
+ließen dieses Mädchen gleichgültig. »Mich betrifft
+das nicht,« sagte ihre Miene. Um so mehr mußten
+die Sachen die übrigen drei betreffen. Sie wurden
+jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen
+und Neugierden in die Betten geschickt.</p>
+
+<p>»Wie bin ich müde,« sagte Frau Tobler.</p>
+
+<p>Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr
+die Schuhe aus. Sie saß auf dem Sofa. Joseph,
+der daneben stand, dachte: »Ich muß gestehen, daß
+es mir nicht unangenehm gewesen wäre, wenn sie
+zu mir gesagt hätte: zieh mir die Schuhe aus! Ich
+glaube, ich hätte mich mit Vergnügen gebückt.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er
+hinzu und hob ihn ihr auf. Sie lächelte matt und
+dankte und sagte:</p>
+
+<p>»Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht
+immer gewesen. Kommt wohl mein Mann bald
+nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_342">342</a></span>
+»Sehr, sehr gut,« gab er zur Antwort. Pauline
+hatte das Zimmer verlassen.</p>
+
+<p>Er sei eben noch jung, da spreche er so und
+müsse wohl auch so sprechen, sagte die Frau. Ihr
+sei es so schwer zumut.</p>
+
+<p>»Haben Sie Verdruß gehabt?«</p>
+
+<p>Auch! Aber dieser kleine Verdruß berühre sie
+wenig. Sie fühle sich heute zu allerhand Gedanken
+hingezogen. Ob Joseph noch jassen möge? Ja?
+Das sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche
+Lust, Karten zu spielen. Sie glaube, das
+helfe ihr.</p>
+
+<p>Sie setzten sich an den Tisch und spielten
+Karten. Pauline trug etwas zu essen auf für Frau
+Tobler und ging dann wieder. »Vielleicht ist diese
+Frau zugleich leichtsinnig und schwermütig veranlagt.
+So kann es sein. Übrigens bin ich ein Dummkopf!«
+dachte der Gehülfe.</p>
+
+<p>»Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau,«
+sagte mitten im Spiel Frau Tobler.</p>
+
+<p>»Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das
+kann man sich denken. Aber sie wird müssen!«</p>
+
+<p>»Ja eben!« machte sie. Sie lachten beide.
+»Wie das wieder leichtsinnig ist,« dachte der Buchhalter
+und Korrespondent des technischen Bureau
+C.&nbsp;Tobler. Die Firma! Schließlich war man denn
+<span class="pagenum"><a name="Page_343">343</a></span>doch ein gesetzter Mann. Da saßen sie beide wieder
+zusammen, sie, die »unbegreifliche Frau« und er,
+der »kuriose Mensch«. Joseph mußte laut auflachen.
+Was er habe?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»O nichts. Dummheiten.«</p>
+
+<p>Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa
+ihr gegenüber keine Scherze erlauben. Er erwiderte
+auf diese Bemerkung, er sei der kaufmännische Angestellte
+des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie
+hoffe, daß er das bestimmte Gefühl habe, er sei
+das. Er warf die Karten, die er in der Hand
+hielt, auf den Tisch, erbebte und erklärte, ein ernsthafter
+und solider Angestellter sei's nicht gewohnt,
+bis in alle Nächte hinein Karten zu spielen. Er
+war aufgestanden und ging, indem er erwartete,
+sie werde ihn zurückrufen, nach der Türe hin. Sie
+ließ ihn gehen.</p>
+
+<p>Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen,
+stieg er ins Bureau hinunter, zündete die dort befindliche
+Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und
+schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau
+folgendes:</p>
+
+<div class="letter"><p class="center">Sehr geehrter Herr!</p>
+
+<p>Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber um
+eine gelegentlich frei werdende, passende Stelle gütigst
+<span class="pagenum"><a name="Page_344">344</a></span>vormerken zu wollen. Ich finde mich nicht
+veranlaßt, es darauf ankommen zu lassen, eventuell
+wieder auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier
+oben, Herr Verwalter, spitzen sich immer schärfer zu.
+Ich sage: für alle Fälle! und empfehle mich Ihnen</p>
+
+<p class="center">Hochachtungsvoll<br/>
+Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.</p></div>
+
+<p>Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und
+Adressieren dieses Schreibens fertig geworden, als
+er vom Garten her Schritte hörte. Eine halbe Minute
+später traten Herr Tobler und zwei andere
+Herren, offenbar Stammgäste aus dem »Segelschiff«,
+ins Bureau ein, laut redend und lachend, und wie
+es schien, voll trunkenen Übermutes.</p>
+
+<p>Was Joseph noch so spät in der Nacht zu arbeiten
+habe? fragte mit unsicherer Stimme Tobler.
+Er habe wenigstens noch einen wahrhaft fleißigen
+und aufopfernden Gehülfen, wie es scheine, bemerkte
+er weiter, indem er sich lachend seinen Jaßkollegen
+zuwandte. Jetzt aber solle er nur ruhig Feierabend
+machen, denn morgen früh sei es auch wieder Tag.
+Dann ging er zur Türe, die ins Innere des Hauses
+führte und rief, so laut er konnte: Pauline!</p>
+
+<p>»Herr Tobler?« kam die Antwort von oben
+herab.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_345">345</a></span>
+»Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen
+von dem Rheinwein. Aber es muß rasch geschehen.«</p>
+
+<p>Joseph hatte kaum nötig, sich von den Herren
+zu verabschieden, er sagte kurz gute Nacht und
+ging weg. Die andern hörten und bemerkten ihn
+gar nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes
+zu tun. Die lagen halb am Boden, halb auf dem
+Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie
+saßen. Die Stühle wurden als Fußschemel benutzt,
+und mit den zeichnerischen Entwürfen Toblers kamen
+die schläfrigen und lustigen Köpfe in engste Berührung.
+Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine
+Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte
+er sich mit vieler Mühe und Ungeschicktheit an das
+Geschäft des Gläserfüllens, worauf dann ein Trinken
+begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufgähnen
+verbunden und vermischt war. Das bißchen gute
+Vernunft, das der Ingenieur noch zur Verfügung
+hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden
+zu sollen, den Herren und Kameraden die
+Toblerschen Erfindungen zu erklären, er stieß aber
+nur auf ein Gelächter und sonst auf keinerlei Verständnis.
+Der Ernst der männlichen Weltanschauung
+lag in einem fallen gelassenen und zerbrochenen
+und seinen Inhalt ausgeschütteten Glas Wein am
+Boden. Der männliche und menschliche Verstand
+<span class="pagenum"><a name="Page_346">346</a></span>gröhlte und johlte und lallte, daß die Wände des
+Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu allem,
+was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig
+rücksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme
+in das Bureau hinunterzurufen, um ihr, wie er
+sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf vorzustellen.
+Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch
+die Türe, die sie schüchtern geöffnet hatte, und verschwand
+wieder, zurückgeworfen von dem, wie sie
+selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen
+und unflätigen Bilde, das sich ihren Augen
+darbot, und welches ein holländischer Trunkenboldszenenmaler
+nicht überzeugender und abschreckender
+hätte malen können, als wie es hier in Wahrheit
+und Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei
+hatte mit dem Verschwinden der Frau noch lange
+nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil, sie flammte
+und kochte und brannte bis zum frühen Morgen
+und bis zu der Ermattung, jener vollständigen, die
+den stärksten Zechern schließlich über die Nacken herfällt,
+um sie zu beugen und der Länge und Breite
+nach unter Tische und Stühle zu strecken. So geschah's
+auch, und die ausgelassene Gesellschaft übernachtete
+unter gräßlichem Schnarchen im technischen
+Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen.
+Es war Tag. Die Gesellen erwachten. Die zwei
+<span class="pagenum"><a name="Page_347">347</a></span>Bärenswiler zottelten in ihre Dorfschaft und engere
+Heimat zurück, während Herr Tobler nach
+oben ging, in sein und seiner Frau Zimmer, um
+den Rausch und Sturm auszuschlafen.</p>
+
+<p>Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten,
+das verwüstete und entstellte Bureau wieder
+einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als Joseph
+um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich
+schlimm darin aus, so daß er sich entschloß, sogleich
+auf die Post zu gehen. Alles lag durcheinander,
+Stühle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstände,
+Gläser und Pfropfen. Tinte war verschüttet,
+rote und schwarze. Wein schwamm am Boden.
+Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden.
+Es schienen Bären, nicht nur Bärenswiler in dem
+Raum gewirtschaftet zu haben, den ein Geruch erfüllte,
+daß es schien, als müßte man zehn Tage
+hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um
+es hier wieder sauber, gemütlich und wohnlich zu
+bekommen.</p>
+
+<p>Auf der Post warf Joseph den Brief an den
+Verwalter in den Kasten. »Für alle Fälle,« dachte er.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler
+aus dem elterlichen Vermögen viertausend Mark zu.
+Das war wenig, aber es war wenigstens etwas,
+<span class="pagenum"><a name="Page_348">348</a></span>es genügte gerade, um die allerungeduldigsten und
+am schärfsten vorgehenden Dränger zufriedenzustellen.
+Joseph hatte längst eine Gläubigerliste zusammengestellt,
+und so wurden nun aus dieser
+bunten Wiese die am heftigsten duftenden Blumen
+ausgesucht, um wenigstens vorläufig diese zu betäuben.
+Unter diesen wütenden und augenblendenden
+Gewächsen befanden sich unter andern der
+Gärtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher ruhen,
+bis er Tobler gepfändet und vom Ort verjagt sähe,
+das Elektrizitätswerk, das so höhnisch mit den Schultern
+gezuckt, und die schöne Beleuchtung abgestellt
+hatte, der Schlosser aus der Nachbarschaft, dieser
+»undankbare Hund«, wie Tobler ihn nannte, dem
+man, wie man sich vorgenommen hatte, das »Geld
+vor die Füße schmeißen würde«, der Fleischer, und
+aber von jetzt an »keinen Bissen Fleisch mehr aus
+dieser Metzgerei«! Der Buchbinder, das »alte Kamel«,
+der froh sein dürfte usw., die Uhrenfabrikanten,
+denen »man allerdings ihr Drängen nicht
+sehr verübeln konnte«, der Metallwarenfabrikant,
+der den kupfernen Turm gebaut und verrechnet
+hatte, und einige, die ihr Geld »wohl verdienten«.</p>
+
+<p>Ein halber Tag genügte, um diesen lautesten
+und unverschämtesten Forderungen den Mund zu
+verstopfen, aber auch das Geld war damit verschwunden.
+<span class="pagenum"><a name="Page_349">349</a></span>Was bedeuteten viertausend Mark für
+ein über und über verschuldetes Haus? Ein kleiner
+Rest dieser Summe wurde der Haushaltung gegeben,
+und einen noch winzigeren erhielt Joseph
+als Gehalt-Anzahlung.</p>
+
+<p>Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen,
+mit blauem Himmel und Winden und mit Schneenässe
+an der Erde, als der Gehülfe von Haus <ins title="zu zu">zu</ins>
+Haus gegangen war, um Beträge auszubezahlen.
+Auch beim Betreibungsbeamten war er vorbeigegangen.
+Und wie rasch das Geld schwand, das
+merkte er an der leichter werdenden Rocktasche.</p>
+
+<p>Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben
+des Advokaten Bintsch an, worin derselbe erklärte,
+es sei von der Mutter nichts mehr zu gewärtigen.
+Er habe sein Möglichstes versucht, die Frau zu überzeugen;
+seine Bemühungen seien aber zu seinem
+Leidwesen ohne Erfolg geblieben. Er rate daher
+Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit
+zu ertragen.</p>
+
+<p>Tobler verzog, während er diesen Brief las,
+sein Gesicht zu einer schmerzhaft anzusehenden Grimasse.
+Er schien einen namenlosen Zorn zu bemeistern.
+Dann brach es aus ihm los und warf
+ihn auf einen Stuhl nieder, als ob Zentnerlasten
+ihn niedergeschmettert hätten. Er keuchte mit seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_350">350</a></span>starken Brust, die zu zersprengen drohte, ähnlich
+einem zu straff angespannten Bogen. Sein Gesicht
+schaute von unten herauf, als sei es von oben herab
+von Fäusten niedergepreßt worden. Auf seinem
+Nacken schienen jähzornig wiegende und sausende
+und stemmende Gewichte zu liegen, lebendige Gewichte.
+Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot.
+Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden
+zu sein, und eine unsichtbar-sichtbare Gestalt
+schien sich jetzt dicht neben Tobler zu erheben,
+um ihm gemütlich aber kalt auf die zusammenzuckende
+Achsel zu klopfen. Die eiserne Notwendigkeit
+selber schien ihm zugeflüstert zu haben. »Mann!
+Versuche dein Letztes!«</p>
+
+<p>Tobler öffnete schwerfällig sein amerikanisches
+Rollschreibpult, nahm unter Ächzen und Rückenbiegungen,
+als ob er Schmerzen gehabt hätte,
+eine Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner
+Mutter einen Brief zu schreiben. Aber die Buchstaben,
+die er aufsetzte, tanzten ihm vor den Augen.
+Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung
+hoch auf, das Bureau drehte sich, er mußte
+aufhören. Er sagte mit röchelnder Stimme zu
+Joseph:</p>
+
+<p>»Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie
+ihn, Ihnen zu sagen, wann er zu einer Besprechung
+<span class="pagenum"><a name="Page_351">351</a></span>mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es hätte
+die größte Eile.«</p>
+
+<p>Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge
+zu leisten. Er war aufgeregt, sprach vielleicht etwas
+undeutlich, es war möglich, daß man ihn nicht
+recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte
+ziemlich lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden
+konnte. Hinter ihm her war Tobler die Treppe
+hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehülfen,
+den die Gegenwart eines so krankhaft erregten
+Herrn und Meisters noch mehr verwirrte,
+derart, daß, als nunmehr die gewünschte Verbindung
+hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in
+stammelnden Gesprächen herumschlug, ohne sich verständlich
+machen zu können.</p>
+
+<p>Das war zu viel für Tobler. Mit einem häßlich
+tönenden Wutschrei warf er den ungeschickten
+Sprecher zur Seite, daß derselbe an den Türrahmen
+des Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den
+telephonischen Hörer, um das verunglückte Gespräch
+zu Ende zu führen und sich den erforderlichen Bescheid
+selbst sagen zu lassen.</p>
+
+<p>Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am
+ganzen Leib heftig. Er bekam Fieber und mußte
+sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor
+kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. »Ist Vater
+<span class="pagenum"><a name="Page_352">352</a></span>krank?« frug diese jetzt. Frau Tobler, die besorgt
+neben dem liegenden und stöhnenden Manne stand,
+sagte zu dem Mädchen: »Ja Kind, Vater ist krank.
+Joseph hat ihn geärgert,« wobei sie den Gehülfen
+mit einem erstaunten und verächtlichen Blick streifte,
+der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem
+Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts
+geschehen wäre, zu arbeiten, aber es war keine Arbeit,
+was er tat, sondern ein Tappen und Tasten
+mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemühen,
+gleichmütig zu sein, ein Nichtkönnen, ein Anderes,
+ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein Herz klopfte
+zum Zerspringen.</p>
+
+<p>Später wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler
+war inzwischen in sein Schlafzimmer hinaufgegangen.
+Die Besprechung mit dem Advokaten konnte erst
+andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es für
+den Ingenieur ja in der weiten Welt, scheinbar
+und offenbar, vorläufig nichts mehr zu tun. Welches
+Bemühen konnte noch einen reellen Zweck haben?
+Welche Pläne waren nicht lächerlich? Und krank!
+Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu denken,
+er liege im Bett und könne bis am andern Tag
+ungestört liegen bleiben. Er ließ sagen, wenn
+Joseph zur Post gehe, so möchte er ihm ein paar
+gute Zigarren mit nach Hause bringen. »Und für
+<span class="pagenum"><a name="Page_353">353</a></span>Dora ein paar Orangen, Joseph,« fügte Frau Tobler
+hinzu. Dieser führte die Aufträge aus.</p>
+
+<p>Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits
+zu Bett gebracht worden, sagte der Gehülfe
+zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, länger in einem
+Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn,
+nachdem er ihn oft genug schon mit Worten beleidigt
+habe, nun auch tätlich und körperlich zu beschimpfen.
+Das sei zu viel, und er glaube, er täte
+am besten, gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen,
+und es diesem Mann zu sagen, wie roh und dumm
+seine Handlungen seien. Er könne nicht mehr arbeiten,
+das fühle er deutlich. Einer, den man herumstoße
+und gegen Türen heranwerfe, der sei wohl
+auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer
+müsse ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es
+ja gar nicht möglich, ihn derart, wie es geschehen
+sei, zu behandeln. Dies drücke ihm den Atem ab.
+Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all
+die Zeit her, die er nun hier oben zugebracht habe,
+getrieben hätte, so könne das körperliche Schmach
+und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und
+er? Ob er nicht sich immer ein wenig Mühe gegeben
+habe? Er wenigstens wisse es, daß er hin
+und wieder mit Liebe und Lust und mit allen
+seinen Kräften gearbeitet habe, wenn auch die Kräfte
+<span class="pagenum"><a name="Page_354">354</a></span>nicht immer den, er gestehe es, gerechten Anforderungen
+hätten entsprechen können. Ob man so,
+wie es geschehen sei, die Versuche, tüchtig und aufrichtig
+zu sein und zu bleiben, behandle?</p>
+
+<p>Er weinte.</p>
+
+<p>Frau Tobler sagte kalt: »Mein Mann ist krank,
+wie Sie wissen, und eine Störung wird ihm nicht
+gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust
+haben, und wenn Sie glauben, es hier oben bei
+uns nun so plötzlich nicht mehr aushalten zu können,
+so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie
+ihm, was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke,
+Sie werden den Ihnen und Ihrem Betragen geziemenden,
+kurz und bündigen Bescheid erhalten.«</p>
+
+<p>Der Gehülfe blieb sitzen. Dann erhob er sich
+und sagte: »Ich gehe noch rasch auf die Post.«</p>
+
+<p>»Sie wollen also nicht zu meinem Manne
+hinaufgehen?«</p>
+
+<p>Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man
+dürfe ihn nicht stören. Er dagegen habe jetzt noch
+Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.</p>
+
+<p>Draußen empfing ihn eine klare, kalte Welt.
+Etwas Hohes und Gewölbtes von einer Welt. Es
+war kalt geworden. Die Füße schlugen gegen Steine
+und Eisstücke. Ein eiskalter Wind wehte durch die
+Bäume. Durch die Äste derselben schimmerten die
+<span class="pagenum"><a name="Page_355">355</a></span>Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie besessen.
+Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst,
+Frau Tobler würde inzwischen ihrem Mann alles
+ausplaudern gehen. Infolge dieses Gedankens beschleunigte
+und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt
+hatte er überdies auch noch nicht endgültig
+ausbezahlt erhalten. Item. Die Hauptsache war:
+im Haus bleiben. »Wie unanständig, mich derart
+beklagt zu haben,« rief er in die Winternacht hinaus.
+Er nahm sich vor, Frau Tobler kniefällig die Hände
+zu küssen.</p>
+
+<p>Sie saß noch im Wohnzimmer, als er es wieder
+betrat. Er fing schon in der Türe, welche er aber
+vorsichtig zuschloß, zu reden an:</p>
+
+<p>»Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie
+gut, daß Sie noch hier sitzen, daß ich mich vollständig
+im Unrecht fühle, darum, daß ich gegen
+meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu
+voreilig gewesen, und ich bitte, verzeihen Sie mir.
+Ich habe mich läppisch benommen, und Herr Tobler,
+in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief
+geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem
+Mann? Haben Sie es ihm schon sagen müssen?«</p>
+
+<p>»Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt,« antwortete
+die Frau.</p>
+
+<p>»Ich bin froh!« sagte der Gehülfe, und er
+<span class="pagenum"><a name="Page_356">356</a></span>setzte sich. Er fuhr fort: »Und ich bin hieher zu
+springen gekommen, in der hellen Angst, daß Sie
+es ihm schon hätten können gesagt haben. Es tut
+mir alles leid, was ich gesagt habe. Man sagt im
+Sturm der Gefühle, gnädige Frau, gar so manches,
+was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh,
+daß Sie noch nichts gesagt haben.«</p>
+
+<p>Das sei vernünftig gesprochen, sagte Frau
+Tobler.</p>
+
+<p>»Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Füßen
+zu stürzen und kniend Abbitte zu tun,« stammelte
+der Gehülfe.</p>
+
+<p>So etwas sei gar nicht nötig, pfui, entgegnete
+sie.</p>
+
+<p>Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten
+so schön im Zimmer vor. Das war etwas,
+das glich einem Heim. Und wie oft war er in
+früheren Zeiten durch die bewegten und menschenleeren
+Gassen gegangen mit dem kalten und bösen
+und niederwerfenden Verlassenheitsgefühl im
+Herzen. Er war so alt gewesen in seiner Jugend.
+Wie hatte ihn das Bewußtsein, nirgends zu Hause
+zu sein, lähmen und innerlich würgen können. Wie
+schön war es, jemandem anzugehören, in Haß oder
+in Ungeduld, in Mißmut oder in Ergebenheit, in
+Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in
+<span class="pagenum"><a name="Page_357">357</a></span>solchen Heimstätten, wie war Joseph immer davon
+traurig entzückt gewesen, wenn er ihn aus irgend
+einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem
+Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen,
+herabwiderspiegeln sah, zu dem auf der kalten
+Straße Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern,
+Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu
+solchen Fenstern heraus, und wie arm mutete der
+Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschönen
+nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein
+mitgenießen zu dürfen. Dieses schöne Vorrecht der
+Bürgerlichen. Diese Güte in den Gesichtern. Dieses
+friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte:</p>
+
+<p>»Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu
+glauben.«</p>
+
+<p>Er habe recht, wenn er das sage, meinte die
+Frau, indem sie ruhig fortfuhr, an einem Unterjäckchen
+für Dora zu stricken oder zu häkeln. Sie
+setzte hinzu:</p>
+
+<p>»Und muß ich, seine Frau, nicht auch allerhand
+von ihm dulden und ertragen? Er ist nun eben
+einmal der Herr im Hause, und das ist eine verantwortliche
+Position, die von den übrigen Bewohnern
+und Gliedern Duldung und Achtung
+herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen, aber
+kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er
+<span class="pagenum"><a name="Page_358">358</a></span>seinem Zorn sagen: sei vernünftig? Der Zorn und
+die Gereiztheit sind halt nicht vernünftig. Und wir
+andern, die den unübersehbaren Vorteil haben, seinen
+Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn
+anstrengen, gehorchen zu dürfen, seine Winke, deren
+Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir
+sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Empörtheit
+eben ein wenig aus dem Wege zu gehen verstehen.
+Wir sollen es gelernt haben, ihn zu behandeln,
+denn ein Herr und Gebieter will auch
+auf eine ganz bestimmte Art und Weise behandelt
+werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig sein
+in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren
+Kräfte nicht mehr, wie sonst immer, bewußt ist, in
+denen wir ihn unfähig, sich noch, wie bisher, zu beherrschen,
+erblicken. Und wenn wir plump, und,
+nach unsern Verhältnissen gerechnet, voll Fehler gewesen
+sind, so müssen wir nicht allzusehr gekränkt
+sein, wenn seine Stimme und das Unmaß seiner
+Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti!
+Glauben Sie mir, auch ich bin oft voll Wut über
+denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht
+getan hat, der Sie soll beleidigt und in der unwürdigsten
+Weise soll gekränkt haben. Nun, so
+setzt man selber eben diese seine Würde ein bißchen
+herab und verzeiht, denn &ndash; man muß seinem Herrn
+<span class="pagenum"><a name="Page_359">359</a></span>und Vorgesetzten verzeihen. Was sollte aus Unternehmungen,
+aus Haushalten, aus Geschäften aller
+Art, aus Häusern, ja, was sollte aus der Welt
+selber werden, wenn die Gesetze mit einem Mal
+nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und
+stoßen und verletzen dürften? Hat man das ganze
+Jahr lang deshalb die Wohltat des Gehorchens
+und Nachahmens genossen, daß man dann eines
+Tages oder Abends auftreten durfte und sich in
+die stolze Brust werfen durfte und sagen durfte:
+beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden
+ist man ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum
+Zorn-Anlaß-Geben. Wenn die Verwirrtheit nichts
+dafür kann, daß sie sich dumm benimmt, so ist auch
+die Wut nicht so rasch für ihr Schnauben und Toben
+verantwortlich zu machen. Und es ist immer
+die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin
+jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie
+mir die Hand. Man kann reden mit Ihnen, und
+gehen wir jetzt zu Bett.«</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Weihnachten näherten sich. Auch ins Haus
+Tobler mußte die festliche Zeit ja kommen, die Festzeit,
+das war etwas Unentrinnbares, das war etwas
+Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich
+allen Menschen mitteilte, der alle Empfindungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_360">360</a></span>durchdrang, warum hätte er, dieser Gedanke, um
+die Villa zum Abendstern herum einen Umweg
+machen sollen? Wie wäre das möglich gewesen?
+Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so
+hübsch, so auffällig, wie das Toblersche, in der
+Welt stund, so gab es ja auch keine vernünftige
+oder natürliche Ursache, warum es von irgend etwas,
+das in dieser Welt voll Ansehen und Duft
+bestund, hätte sollen verschont bleiben. Und dann
+war auch noch die Frage: hätten Toblers gern
+mögen verschont bleiben?</p>
+
+<p>Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte,
+wenn es schon schlimm mit ihm stehe, so meine er
+doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa gar
+ungefeiert an und in seinem Haus vorüberzuziehen.
+So etwas möchte ihm noch gefehlt haben.</p>
+
+<p>Die umliegende Gegend selber schien sich ja
+sogar in ihrer Art auf das schöne Fest zu freuen.
+Sie ließ sich ruhig und wohlig mit dicht herabfallendem
+Schnee bedecken und hielt so still gleichsam
+die große, breite, alte und weite Hand dar,
+um aufzunehmen, was da fleißig herunterstürzte,
+daß alle Menschen beinahe sagten: »Seht! Es
+wird weiß, es weißelt in der Welt. Das ist recht,
+denn das schickt sich für Weihnachten.«</p>
+
+<p>Bald lag auch das ganze See- und Bergland
+<span class="pagenum"><a name="Page_361">361</a></span>in einem dicken, festen Schneeschleier. Die rasch sich
+etwas einbildenden Köpfe hörten schon das Klingeln
+von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch
+gar keine herumfuhren. Die Weihnachtstische waren
+auch schon gedeckt, denn das ganze Land glich einem
+säuberlich weiß überzogenen Weihnachtstisch.
+Und die Stille und Gedämpftheit und Wärme solch
+einer Landschaft! Man hörte alle Geräusche nur
+halb, als ob die Schlosser ihre Hämmer, und die
+Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikräder ihre
+Schaufeln, und die Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe
+mit Watte oder mit wollenen Tüchern eingewickelt
+hätten. Man sah nur das Nächste, das, was man
+mit zehn Schritten abmessen konnte, die Ferne war
+ein undurchdringliches Geschneie und ein fleißiges
+Übermalen mit grauer und weißer Farbe. Auch
+die Menschen kamen weiß dahergestampft, und man
+konnte unter fünf Menschen immer einen sehen,
+der sich den Schnee von den Kleidern abschüttelte.
+Es war ein Friede da draußen, daß man unwillkürlich
+alle Weltdinge als befriedigt und erledigt
+und beruhigt annehmen mußte.</p>
+
+<p>Und da mußte nun Tobler hinfahren, durch
+solchen Schneezauber hindurch, per Eisenbahn nach
+der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn
+Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_362">362</a></span>Seite saß wenigstens seine Frau, die mitfuhr, um
+einige Geschenksachen im hauptstädtischen Warenhaus
+für das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.</p>
+
+<p>Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene,
+aber diesmal eine verschneite und deshalb ein wenig
+fröhlichere. Paulinens Gelächter und Leos
+freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere
+Ton-Flecken, obschon sonst ein Gelächter und ein
+Gebell hell zu färben pflegten, aber was kam gegen
+die glitzernde Schneeweiße an Helligkeit und Schimmer
+auf? Man nahm wieder Pakete in Empfang,
+und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen und
+sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gütige
+Weihnachtsfrau selber, und doch war es nur Frau
+Tobler, die Frau eines Geschäftsmannes, und noch
+dazu eines ruinierten. Aber sie lächelte, und solch
+ein Lächeln kann aus der ärmsten und bedrängtesten
+Frau eine halbe Fürstin machen, denn ein Lächeln
+erinnert immer an etwas Hochachtbares und Wohlanständiges.</p>
+
+<p>Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen
+Tage, sauber und fest, denn es gab kalte Nächte,
+die die weiße Decke knirschend zufrieren machten.
+Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den
+bekannten Berg hinauf. Die kleinen Wege schlängelten
+sich hellgelb durch die schimmernd weißen
+<span class="pagenum"><a name="Page_363">363</a></span>Wiesen, die Äste der tausend Bäume waren mit
+Reif überglitzert: ein zu süßes Schauspiel! Die
+Bauernhäuser stunden in dieser feinen, weißen, verzweigten
+Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhäuser,
+für den Anblick und für das unschuldige Verständnis
+eines Kindes geschaffen. Die ganze Gegend
+schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich
+und sauber angezogen sah sie aus. Sie schien ein
+Mädchen zu sein, ein schüchternes und ein bißchen
+kränkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph
+schritt höher hinauf, und da hoben sich mit einem
+Mal die grauen Schleier, die die untere Erde belegten,
+zerfasernd auf, durchstochen von dem feurigsten
+Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie
+im Sommer, machte den Spaziergänger an ein eitles
+Märchen glauben. Hohe Tannen standen da, in
+stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen,
+der in der Sonne zerfloß und von den großen
+Ästen herabfiel.</p>
+
+<p>Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht
+nach Hause kam, brannte schon im Gastzimmer,
+einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der Weihnachtsbaum.
+Frau Tobler führte die Kinder zu
+demselben hinein und zeigte ihnen die Geschenke.
+Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph erhielt
+eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, daß das
+<span class="pagenum"><a name="Page_364">364</a></span>zwar wenig aber dafür von Herzen sei. Tobler
+war bemüht, dem Fest einen gemütlichen, wirtshäuselnden
+Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte
+Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den
+Tannenbaum an, der lieblich umherstrahlte. Frau
+Tobler lächelte und sagte ein paar schickliche Worte,
+zum Beispiel, wie schön doch so ein Bäumchen sei.
+Aber es mochte ihr nicht so recht zum Mund herauskommen.
+Überhaupt stockte alles ein bißchen, und
+es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht
+um die paar dastehenden Menschen, sondern es
+legte sich Wehmut um alles. Auch war es kalt im
+Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude hätte herrschen
+sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher
+immer ins Wohnzimmer hinüber, um sich dort ein
+wenig Wärme zu holen, und kam dann wieder zum
+Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schön und jeder
+hat noch Rührung erzwungen. Auch der Toblersche
+war schön, nur die Menschen, die um ihn herumstanden,
+konnten sich zu keiner längeren und tieferen
+Rührung und Freude aufschwingen.</p>
+
+<p>»Da hätten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen
+sein, das waren noch Weihnachten! Kommen
+Sie. Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Tobler
+zum Gehülfen und veranlaßte ihn, ins Wohnzimmer
+an die Wärme zu treten. Letzterer machte
+<span class="pagenum"><a name="Page_365">365</a></span>ein unzufriedenes Gesicht, als wäre er der Zigarren
+wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau
+wußte. Man sei halt dieses Jahr, sagte und
+seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung
+für so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen
+»Jaß« zu machen. Habe man es das ganze Jahr
+lang getan, so könne man auch einmal am Weihnachtsabend
+zu den Karten greifen, vielleicht werde
+es dann ein bißchen lustiger im Zimmer. So nahm
+man zu den Spielkarten Zuflucht.</p>
+
+<p>Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos
+geworden. Die Kinder ließ man noch eine
+halbe Stunde sich mit den Geschenken beschäftigen,
+worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach
+und nach verwirtshäuselte die Luft im weihnachtlichen
+Wohnzimmer gänzlich. Das Lachen und Benehmen
+der drei einsamen Menschen, die da Wein
+tranken, teils Zigarren rauchten, teils Bonbons
+aßen und miteinander Karten spielten, verlor alle
+besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch hätten
+an einen Festhauch erinnern können. Es war das
+gewöhnliche Benehmen und das allerunfeierlichste
+Lachen. Die Stimmung, die nun diese Spieler beherrschte,
+war aber nicht einmal die gewohnt-gemütliche,
+denn &ndash; es war halt doch Weihnachten, und
+der feinere und schönere Gedanke, der hie und da
+<span class="pagenum"><a name="Page_366">366</a></span>aufblitzen mochte, mahnte vorüberhuschend an die
+Sünde, das Fest und den Inhalt desselben derart,
+wie es geschah, verdorben und entwertet zu
+haben.</p>
+
+<p>Ja, einsam waren diese drei Menschen, am
+einsamsten der Gehülfe, weil er fühlte, daß er als
+ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehörte,
+das langsam aufhörte, ein solches zu sein; weil er
+sich nicht, wie Herr Tobler, sagen durfte, er habe
+das Recht, in diesem Hause zu tun und zu verhindern
+oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es
+nicht sein eigenes war; weil er hätte Weihnachten
+haben und begehen wollen, da er sich doch einmal
+in solch einem Hause und in solch einer bürgerlichen
+Familie befand; weil er des Glaubens gewesen war
+in den letzten Jahren, er entbehre viel, solches vermissen
+zu müssen, und weil er am mißgestimmtesten
+von allen dreien Kartenspielern war und dies als
+ein großes Unrecht empfinden mußte.</p>
+
+<p>»Ist dieses nun heiliger Abend?« dachte er.</p>
+
+<p>Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es
+sei doch nicht ganz recht, an Weihnachten Karten
+zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus würde es so
+etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich
+gar keine Art, wie man da heute Nacht wieder
+wirtshäusele.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_367">367</a></span>
+Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler:
+»So hören wir eben auf!«</p>
+
+<p>Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus:</p>
+
+<p>»Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend
+zu tun. Aber was ist das für ein
+Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der
+Wind morgen zum Haus hinausfegen. Ja, da
+wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste, und noch dazu
+heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glück,
+Erfolg und allgemeine, häusliche Freude ist. Wer
+hat sich drei oder mehr Monate hindurch unnatürlich
+um das Gelingen der Lebensgeschäfte abplagen
+müssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal
+fröhliche Feste feiern? Ist so etwas überhaupt
+denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He?«</p>
+
+<p>»Nicht ganz, Herr Tobler,« sagte der Gehülfe.</p>
+
+<p>Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das,
+je länger es dauerte, niemand zu unterbrechen wagte.
+Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr, die Frau
+etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten
+sagen, aber alle unterdrückten ihre Gedanken.
+Es war, als ob allen der Mund zugenäht
+gewesen wäre. Plötzlich schrie Tobler:</p>
+
+<p>»So tut doch bald eure Schnäbel auf und
+saget etwas. Das ist zu langweilig, da geht man
+ja gescheiter ins Wirtshaus.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_368">368</a></span>
+»Ich gehe ins Bett,« sagte Joseph und verabschiedete
+sich. Auch die andern gingen bald nach
+oben, und das war Weihnacht gewesen.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Die Neujahrswoche verlief still und eigentümlich
+gemütvoll, die Geschäfte lagen am Boden, es
+gab wenig zu tun, außer, um einen seltsamen
+Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im
+Kontor von Zeit zu Zeit zu empfangen. Dieser
+halb bäuerlich, halb weltstädtisch angehauchte Kauz
+besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast
+täglich, indem er den Chef desselben antrieb, <ins title="er er">er</ins>
+möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er
+im Bureau liegen ließ, tätig sein. Man lachte über
+den Mann, dessen Sache man nicht ernst nehmen
+konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen
+zu den übrigen: »Lacht doch nicht so. Der Mann
+ist gar nicht dumm.«</p>
+
+<p>Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschöpfer
+das Kind seines Geistes verfocht und
+in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel
+zu reden und sorgte in gar nicht übler Weise für
+die Unterhaltung in der still und träge dahingehenden
+Woche. Der seltsame Mensch besaß keinerlei
+exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils
+wie ein junger Träumer und Bauer, und andersteils
+<span class="pagenum"><a name="Page_369">369</a></span>hätte man ihn für einen Schwindler oder Jahrmarktbudenbesitzer
+halten können, denn eines Tages
+schlug er Herrn Tobler die öffentliche und unter
+Bezahlung von Eintrittsgeld zu besichtigende Schaustellung
+der Selbstkrafterzeugmaschine in Städten
+und Großstädten vor, an Orten, wo recht viel Volk
+sich zu tummeln pflege, über welche Idee man gar
+nicht genug glaubte lachen zu sollen.</p>
+
+<p>Da sollte nun Tobler schon wieder einmal
+einem anscheinend ganz begabten Menschen auf die
+Beine helfen, damit derselbe nicht in einer Schlosserwerkstätte
+als Arbeiter geistig zu verträgen und zu
+erlahmen brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging
+es denn ihm, und wo waren die hülfsbereiten
+Menschen, die dann auch ihm halfen?</p>
+
+<p>»Alle kommen zu ihm,« sagte Frau Tobler,
+»alle denken sie an ihn, wenn sie auf der Suche
+nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust,
+ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er
+hilft jedem. So ist er.«</p>
+
+<p>Der Gehülfe machte in dieser Woche kürzere
+und weitere Spaziergänge in die kalten aber schönen
+Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da
+gab es Wagenfurchen auf der Landstraße, an die
+die Füße anschlugen. Da gab es steifgefrorene
+Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote Hände,
+<span class="pagenum"><a name="Page_370">370</a></span>die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen.
+Dickbemäntelte Menschen begegneten ihm, und Nächte
+überraschten ihn in unbekannten Gegenden. Oder
+es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich
+gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende
+Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechtes
+darauf, mit den Geräuschen, die solche
+Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen
+pflegen. Und dann stand er plötzlich wieder vor
+dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm
+hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte,
+während die halbdunklen Nachtwolken um dasselbe
+herumflogen, großen, trauernden, aber lieblichen
+Frauen ähnlich, um es scheinbar in die Höhe zu
+ziehen, damit es sich auflöse in schöner Weise.</p>
+
+<p>Zu Hause war dann alles so sonderbar still,
+nicht einmal die Silvi mehr konnte man hören.
+Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler
+schienen sich beiderseits zufrieden gegeben und sich
+stumm verbrüdert zu haben. In der Wohnstube
+saß etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete
+etwas oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem
+Schoß und tat gar nichts.</p>
+
+<p>»Wie Sie mich im Sommer draußen im Garten
+gereitschaukelt haben, Marti!« sagte sie einmal. Sie
+sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie.
+<span class="pagenum"><a name="Page_371">371</a></span>Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei
+jetzt ein halbes Jahr hier, und ihr sei es, als sei
+er schon so viel länger um sie herum. Wie doch
+so etwas derart ins Gefühl komme.</p>
+
+<p>Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit
+sie das tat, schien zu seufzen. Sie sagte:</p>
+
+<p>»Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel
+besser als mein Mann und als ich, aber von mir
+will ich gar nicht reden. Sie können von hier weggehen,
+Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen
+sich in die Eisenbahn und fahren nach wohin Sie
+wollen. Sie finden überall Stellung, denn Sie
+sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor
+sich sieht, Sie seien tüchtig, und Sie sind es ja auch.
+Sie haben mit niemandem auf der Welt, mit niemandes
+Eigenheit und Bedürfnis, zu rechnen, es
+zieht niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewißheit
+hinauszuschweifen. Das ist vielleicht oft
+bitter, aber wie schön und wie frei kann es sein.
+Wenn es Ihnen paßt, und wenn es Ihnen die
+paar kleinen, nicht gar sehr genierenden Verhältnisse
+erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu
+dürfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen
+Punkt und Ort wieder aus, und wer wollte, und
+was wollte und könnte Sie daran verhindern?
+Sie sind vielleicht manchmal unglücklich, aber wer
+<span class="pagenum"><a name="Page_372">372</a></span>ist es nicht, manchmal verzweifelt, aber wessen Seele
+schonen die Schwierigkeiten? An nichts Dauerndes
+sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen
+und an nichts Allzuliebevolles gefesselt und angekettet.
+Es muß Ihnen manchmal unerhört läuferisch
+und luftspringerisch zumute sein, daß Sie sich dermaßen
+voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken dürfen.
+Und gesund sind Sie auch, und Ihr Herz mag
+schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es mir denken,
+trotzdem Sie sich öfters so zaghaft benommen haben.
+Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun
+all die Zeit her mit Ihnen nett und lang und
+ruhig unterhalten können, und es hat sich vielleicht
+gut getroffen, daß Sie ins Haus zu fliegen gekommen
+sind, und ich habe Sie oft schlecht behandelt
+&ndash;«</p>
+
+<p>»Frau Tobler!« bat Joseph. Sie schnitt ihm
+das Wort ab und fuhr fort:</p>
+
+<p>»Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich
+die Gelegenheit ergreifen, Ihnen zu raten, wenn
+Sie einmal von uns fort sind&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber ich gehe ja gar nicht fort!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie fuhr weiter:</p>
+
+<p>»&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;fort sind, und gedenken, sich selbständig
+zu machen, es anders anzustellen als mein Mann,
+ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_373">373</a></span>
+»Ich bin nicht pfiffig,« sagte der Gehülfe.</p>
+
+<p>»Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter
+bleiben?«</p>
+
+<p>Er sagte, das wisse er nicht. Er bekümmere
+sich um Zukunftsfragen nicht viel. Sie nahm wieder
+das Wort auf und sagte:</p>
+
+<p>»Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen
+und sich etwas einprägen können, auch gelernt haben
+Sie mancherlei, wenn Sie es der Mühe wert gehalten
+haben, die Augen zu öffnen, und das werden
+Sie, so wie ich Sie einigermaßen schon kenne, getan
+haben. Sie sind ein bißchen an Erfahrung, an
+Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie
+werden das alles womöglich eines Tages brauchen
+können. Nicht wahr, manches Mal ist man Ihnen
+über den Mund gefahren, und getragen und ertragen
+haben Sie manches. Sie mußten! Wenn
+ich so denke &ndash; ach was, ich habe, mit einem Wort,
+das Gefühl, Joseph, daß Sie uns jetzt bald, bald
+verlassen. Nein, sagen Sie nichts. Sagen Sie
+lieber nichts. Einige Tage werden wir ja doch wohl
+schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was
+meinen Sie?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte er. Es war ihm unmöglich, mehr
+zu sagen.</p>
+
+<p>Am nächsten Tag schickte er die zu Weihnachten
+<span class="pagenum"><a name="Page_374">374</a></span>geschenkt bekommene Kiste Zigarren per Post seinem
+Vater, folgendes Schreiben der Sendung beifügend:</p>
+
+<div class="letter"><p>Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines
+Neujahrsgeschenk. Die Zigarren sind mir von meinem
+gegenwärtigen Herrn zu Weihnachten gegeben
+worden. Du wirst sie gewiß gern rauchen, es sind
+gute, zwei davon habe ich probiert, wie Du siehst,
+denn zwei fehlen. Wenn ich mit meinen heutigen
+sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden Stücke
+mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften
+anhaften, so kommt mir so recht zum Bewußtsein,
+erstens, daß ich Dir niemals schreibe, zweitens, daß
+ich arm bin, derart, daß ich Dir nie Geld schicken
+kann, zwei Mängel, die ich beweinen würde, wenn
+ich mir das erlauben dürfte. Wie geht es Dir?
+Ich bin überzeugt, daß ich ein schlechter Sohn bin,
+aber ich bin ebenso vollkommen von der Gewißheit
+durchdrungen, daß ich ein guter Kerl von Sohn
+wäre, wenn es einen Sinn hätte, Briefe zu schreiben
+ohne erfreulichen Inhalt. Das Leben, mit dem
+man ehrlich glaubt kämpfen zu sollen, gestattete
+mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber
+Papa. Bleibe gesund und lasse Dir das Essen immer
+wohlschmecken und fange das neue Jahr gut
+an. Ich will's auch versuchen.</p>
+
+<p class="right">Dein Sohn Joseph.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_375">375</a></span>
+»Er ist ein Greis und geht immer noch den
+Geschäften nach,« dachte er.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p>Die mündlichen Verhandlungen Toblers mit
+seinem Rechtsbeistand bewirkten, daß derselbe der
+Mutter Tobler einen in energischen Tönen gehaltenen
+Brief schrieb, den aber die festbewußte alte
+Dame dahin beantwortete, daß der Rest der Sohnesansprüche
+bei weitem erschöpft sei, ja, daß sie selber,
+eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen müsse, wie
+sie sich in ihren alten Tagen durchschlage, und daß
+von weiteren Auszahlungen an Karl Tobler die
+Rede überhaupt nicht mehr sein könne. Derselbe
+Mann, fast möchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe
+nichts anderes zu tun, als die notwendigen Folgen
+seiner Unvorsichtigkeiten und Unüberlegtheiten zu
+tragen. In der Art der Geschäfte, in die er sein
+Vermögen geworfen habe, könne sie nichts Gewinn- und
+Existenzversprechendes begründet erblicken. Das
+Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden,
+es sei allerhöchste Zeit, daß Tobler sich wieder in
+bescheidenere Lebensverhältnisse fügen lerne, die ihn
+zwängen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls
+tun müssen, zu arbeiten. Für ihn sei es das Beste,
+wenn man ihn in der selbsteingebrockten Suppe belasse,
+damit er aus den Verlegenheiten, in die er
+<span class="pagenum"><a name="Page_376">376</a></span>sich gestürzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der
+Mutter, sei nichts mehr zu erwarten.</p>
+
+<p>Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des
+mütterlichen Bescheides übermittelte, wurde rasend,
+als er dieselbe durchgelesen hatte. Er gebärdete sich
+wie ein wildes Tier, stieß unnatürliche Schimpfworte
+gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede,
+als wenn sie zugegen gewesen wäre, und
+brach dann, wie schon einmal, erschöpft zusammen.</p>
+
+<p>Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im
+technischen Bureau, das nun so oft schon der Schauplatz
+ungehöriger und unbeherrschter Szenen hatte
+sein müssen. Auch Joseph hatte alles Würdelose
+und Fassungslose wieder mit angesehen und angehört.
+In diesem Moment wäre er am liebsten
+gleich auf und davon gegangen, aber »wozu es
+herbeiziehen,« dachte er, »es kommt schon von selber.«
+Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und er
+fürchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei
+sehr häßliche Empfindungen, eine wie die andere
+natürlich, aber auch ungerecht. Was veranlaßte
+ihn, nun noch länger der Angestellte dieses Mannes
+zu bleiben? Der Gehalt-Rückstand? Ja, das auch.
+Aber es war noch etwas ganz anderes, etwas
+Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens
+diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_377">377</a></span>Empfindung machte die Flecken der drei andern
+vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung
+waren auch die drei andern immer, beinahe von
+Anfang an, dagewesen, und um so lebhafter. Denn
+was einer gern hatte, an was einer sich gebunden
+und geschlossen fühlte, das machte ihm eben zu
+schaffen, mit dem stritt er sich, an dem paßte ihm
+vieles nicht, das haßte er gelegentlich, weil er sich
+mächtig von ihm immer angezogen gefühlt hatte.</p>
+
+<p>Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag
+mit einmal wunderbar mild geworden. Die winterliche
+Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille
+Freudentränen zu weinen, denn was Eis und
+Schnee sein mochte, das lief als munteres, warmes
+Wasser die Hänge und Hügel hinunter, dem Seewasser
+zu. Es rauschte und dampfte, als wenn
+sich ein Frühlingstag mitten in den Winter hinein
+verloren hätte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag.
+Die beiderlei Sorten Gefühle, die schönen und
+die schmerzlichen, die sich heute besonders lebhaft in
+der Brust des Gehülfen bewegten, reizte das herrliche
+Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte
+sie zugleich, so daß es ihm, als er zur Post
+lief, war, als laufe er nun da zum letzten Mal
+den schönen Weg entlang, unter diesen bekannten,
+guten Bäumen, an all den Dingen und Gesichtern
+<span class="pagenum"><a name="Page_378">378</a></span>vorbei, die Winters und Sommers immer gleich
+angenehm anzuschauen gewesen waren.</p>
+
+<p>Er trat bei Bachmann &amp; Co. ein und fragte
+nach Wirsich, den er schon an die zehn Tage nicht
+mehr gesehen hatte, und mit dem er sich für den
+Silvesterabend zu einer gemütlichen Zusammenkunft
+zu verabreden gedachte.</p>
+
+<p>Der Wirsich? Der sei längst abgegangen. Das
+sei ja eine pure Unmöglichkeit gewesen, den zu behalten.
+Der sei ja den halben und ganzen Tag
+betrunken gewesen.</p>
+
+<p>Joseph entschuldigte sich und verließ den Laden.
+»Ist das möglich,« dachte er und ging langsamen
+Schrittes nach dem Postgebäude. Im Postfach
+lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Weiß,
+auf welcher diese gute Frau ihm Glück und Gedeihen
+wünschte. Er lächelte, schloß das Fach zu
+und machte sich auf den Heimweg, indem er die
+Richtung der Landstraße einschlug. Das Wirtshaus
+zur »Rose« streifend, das an der Straße lag, erblickte
+er in demselben Wirsich, der an einem Tisch
+saß und den Kopf schrecklich verzweifelt in die hohle
+Hand stützte. Das Gesicht des unglücklichen Menschen
+war blaß wie der Tod, seine Kleider waren
+schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_379">379</a></span>
+Joseph trat näher und setzte sich zu seinem
+Vorgänger. Viel wurde zwischen den beiden nicht
+gesprochen. Das Bewußtsein des Unheils findet in
+der Regel keine Worte. Der Gehülfe trank ziemlich
+stark, gleichsam, um dem Kameraden um eine Seelenstufe
+und um ein Stück Verständnis näher zu rücken,
+indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und
+Verstand beinahe unpassend gewesen wäre. Die
+Zeit verging, indem er sich erzählen ließ, wie es gekommen
+war, daß der andere aus dem guten Lebensposten
+wieder verjagt werden mußte.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig
+spazieren gehen,« sagte dann Joseph. Sie bezahlten,
+der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen
+unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden,
+und so gingen sie zusammen, erst ein Stück
+gradaus, dann bergauf, über die freundlichen Wiesen.
+Wie milde alles war. Wie man da hätte
+plaudern und scherzen können, wenn man in Begleitung
+eines Kindes, eines Mädchens oder einer
+schönen Dame gegangen wäre. Wie man sich, wenn
+es halb erlaubt gewesen wäre, hätte küssen können.
+Auf einer Bank in Bergeshöhe vielleicht. Oder
+wie man gesprochen hätte, etwa mit einem Bruder,
+oder wie es da hätte sein können, wenn Wirsich
+ein gesetzter, welterfahrener und gutmütiger älterer
+<span class="pagenum"><a name="Page_380">380</a></span>Herr gewesen wäre. Gelacht würde man haben,
+und ein ernstes, aber ruhiges Wort würde man
+schön vor sich hingesprochen haben. Wenn man
+aber Wirsich betrachtete, mußte man mit den Verhältnissen
+und Geschicken der Welt heimlich zürnen
+und grollen, denn Wirsich bot keinen schönen Anblick
+dar.</p>
+
+<p>Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug
+ihm leise. Wie kam er dazu, den ganzen halben
+Tag von Geschäft und Haus fern zu bleiben, ohne
+um Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich
+unbehagliche Vorwürfe.</p>
+
+<p>Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut.
+Die ganze Landschaft schien ihm zu beten,
+so freundlich, mit all den leisen, gedämpften Erdfarben.
+Das Grün der Matten lächelte aus dem
+Schnee, dieser war von der Sonne zu weißen Flecken
+und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es an,
+Abend zu werden, und nun hätte er doch nicht
+wünschen mögen, er wäre besser nicht mit Wirsich
+spazieren gegangen.</p>
+
+<p>Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das
+fühlte er lebhaft. Dieser verunglückte Mensch durfte
+nicht gänzlich allein gelassen werden. Und jetzt
+paßte die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll
+in die Gegend und in die Dämmerungen des
+<span class="pagenum"><a name="Page_381">381</a></span>Abends. Schon zündeten Menschen in Häusern
+Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr,
+nur noch die weicheren und breiteren Umrisse, und
+sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen beide
+den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche
+Verabredung getroffen zu haben.</p>
+
+<p>Tobler war nicht zu Hause. Die Frau saß im
+Wohnzimmer, in der Dunkelheit, ganz allein, die
+Lampe hatte sie noch nicht angezündet, und Pauline
+und die Kinder waren noch irgendwo draußen
+in der Umgebung. Sie erschrak über die unvermutete
+Ankunft zweier solcher abendlichen Gesellen,
+aber sie faßte sich rasch, machte Licht und frug Joseph,
+warum er denn heute nicht zum Essen erschienen
+sei, Tobler habe sich darüber aufgeregt, er
+sei böse, und sie fürchte, es werde nun wieder etwas
+Unangenehmes geben.</p>
+
+<p>»Guten Abend, Wirsich,« sagte sie zu dem andern
+und reichte die Hand, »wie geht es Ihnen?«</p>
+
+<p>»So! Es geht so,« machte der. Joseph ergriff
+das Wort:</p>
+
+<p>»Frau Tobler, würden Sie mir erlauben, für
+heute nacht meinen Kameraden bei mir oben im
+Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet
+er sich in Verlegenheit, wo er übernachten soll, es
+sei denn in der &rsaquo;Rose&lsaquo; da unten, aber ich will mein
+<span class="pagenum"><a name="Page_382">382</a></span>Möglichstes getan haben, zu versuchen, daß man
+ihn verhindert, dort zu nächtigen. Wirsich hat soeben
+seine neue Lebensstellung verloren, durch eigene
+Schuld, das weiß er selber. Sein Geld hat er vertrunken.
+Wenn er sich nun in den See stürzt, so
+begeht er ein Ding, worüber wohlsituierte Leute
+leicht die Achseln zucken können, das aber schrecklich
+und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Säufer
+und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche
+das hier, auch vor Ihnen selber, Wirsich, laut aus,
+denn es gibt vor Naturen, wie er eine ist, keinerlei
+Takt zu bewahren, weil überhaupt keine Haltung
+mehr da ist. Aber er muß nicht heute zugrunde
+gehen, und was mich betrifft, so nehme ich ihn als
+meinen besten Freund und Kameraden ungeniert
+in ein Haus mit, in dem ich als Arbeiter tätig,
+und als Bewohner vertraut bin. Ich werde jetzt
+noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat
+heute am Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein
+Zimmer einzusperren, trocken und lustlos; ich gedenke
+im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgänger, daß
+ich es nur sage, ruhig und anständig zu durchzechen,
+denn so machen es heute ja alle Menschen, die
+glauben, es sich erlauben zu dürfen. Ich werde
+dann mit Wirsich hieher zurückkehren, um ihn bei
+mir oben übernachten zu lassen, mag Herr Tobler
+<span class="pagenum"><a name="Page_383">383</a></span>das nun übel nehmen oder nicht. Ich wollte Ihnen
+das, gnädige Frau, im voraus sagen. Vieles, was
+mich diese ganze Zeit über in Erregung hat versetzen
+können, begegnet in meinem Herzen hier jetzt,
+nachdem ich das Unglück meines Kameraden angeschaut
+habe, der gleichmütigsten und allerschönsten
+Ruhe. Ich wage es, dem kommenden Leben tief
+und sorglos und warm ins Auge zu blicken. Ich
+vertraue meinem bißchen Kraft aufrichtig, und das
+ist mehr, als wenn einer Wagenladungen voller
+Kräfte und Heuschober voll Fähigkeiten hätte, aber
+denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte.
+Gute Nacht, Frau Tobler, Ihnen danke ich, daß
+Sie die Güte hatten, mich anzuhören.«</p>
+
+<p>Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die
+Kinder kamen gerade in diesem Augenblick zurück.
+»Der Wirsich ist da,« riefen sie in heller, lustiger
+Freude aus. Er mußte allen die Hand geben, und
+alle, die dabeistanden, hatten das seltsame Gefühl,
+als habe jetzt Wirsich angefangen, wieder ein Glied
+des Hauses Tobler zu werden, oder als sei er während
+all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben,
+als wäre er nur in ein anderes Zimmer
+gegangen und hätte dort ein etwas ausschweifendes,
+überspanntes Buch gelesen, als hätte seine Abschweifung
+nur eine Stunde oder zwei gedauert,
+<span class="pagenum"><a name="Page_384">384</a></span>so sehr sprach jetzt die Wiedersehensfröhlichkeit der
+Kinder für ihn.</p>
+
+<p>Da wurde auch die Frau, die ein strenges und
+kaltes Gesicht hatte aufsetzen wollen, wieder leutselig
+und gewohnt-heiter, und sie sagte den beiden,
+die schon in den Garten hinaus getreten waren,
+sie sollten aber etwa auch ein bißchen aufs Maß
+schauen und mit Trinken und Feten nicht allzu hoch
+über die Schnur hauen. Daß Wirsich hier bei Toblers,
+wo er doch früher wie zur Familie gehört habe,
+übernachten könne, das verstehe sich von selber. Und
+sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden,
+damit es keine Szene gebe.</p>
+
+<p>»Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu
+Walter!« scholl es aus Josephs Mund nach dem
+Haus zurück.</p>
+
+<p>Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwärter
+ein Lied. Die warme Männerstimme wollte,
+wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht hineinpassen.
+Das Lied klang so gleichmäßig und gleichtönend,
+daß man ihm, als man es hörte, zutraute,
+es werde noch über das alte Jahr hinaus ins neue
+hinein und hinüber tönen wollen.</p>
+
+<p>Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf
+der Landstraße langsam gegen das Dorf zu.</p>
+
+<hr class="tb"/>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_385">385</a></span>
+Was diese zwei Neujahrskameraden in der
+Ortschaft und während der Nacht betrieben und
+taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele
+Gläser sie tranken, welche Art von Gesprächen sie
+zusammen führten, das zu beschreiben würde das
+Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und
+Unbedeutende hinüberschieben. Sie sprachen, was
+Kollegen zu sprechen pflegen, und sie handelten,
+wie man in der Silvesternacht etwa zu handeln
+pflegt, das heißt, sie gaben sich einem langsamen,
+aber desto vergnüglicheren und desto zielbewußteren
+Rausch hin. In einem der zahlreichen Bärenswiler
+Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch mit
+Freunden saß und merkwürdigerweise über Religion
+sprach. Joseph hörte, so gut er noch hören konnte,
+wie sein Chef ausrief, er erziehe seine Kinder gemäß
+den Prinzipien der Religion, er selber aber
+glaube an nichts, so etwas höre auf, wenn einer
+Mann werde. Den beiden Angestellten, dem gegenwärtigen
+und dem früheren, schenkte der Ingenieur
+infolge seiner heftigen Gesprächsanteilnahme keine
+Beachtung.</p>
+
+<p>Um zwölf Uhr fingen die Glocken an zu tönen
+und zu erschallen, um den Beginn des neuen Jahres
+läutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz
+spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelöst von
+<span class="pagenum"><a name="Page_386">386</a></span>den Chören des Männergesangvereines. Viele Leute
+umstanden, die Gesichter von Fackeln beleuchtet, das
+nächtliche Konzert. Joseph bemerkte den Versicherungsagenten,
+der mit Tobler gut stand, aber auch
+den wütenden Handelsgärtner, den ärgsten Feind
+der technischen Unternehmungen, unter den Zuschauern
+und Zuhörern.</p>
+
+<p>Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschäfte,
+bessere, als sonst in Wochen. Manch einer
+trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das
+ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher
+gönnte sich etwas, das er sich sonst nicht wohl hätte
+erlauben dürfen; das ergab schöne, fette Rechnungen,
+und diese wurden gleich bar bezahlt.</p>
+
+<p>Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu
+der Mitternachtsmusik gekommen, still und verschämt,
+im Gegensatz zu den unverschämten Augen, die sie
+unter ihren Mitbürgerinnen antraf, die es sich zur
+Wonne machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen.
+Sie war heute eine einsame, wenig geachtete, wenig
+beliebte Frau, aber sie ertrug es.</p>
+
+<p>Am späten Morgen erwachten im Turmzimmer
+zwei noch nicht ausgeschlafene Köpfe. Es war heller
+Tag und bereits elf, halb zwölf Uhr, also schon
+beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und
+Wirsich an, um hinunter zu gehen. Im Bureau
+<span class="pagenum"><a name="Page_387">387</a></span>stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er den
+Spätling und den unberufenen Eindringling erblickte,
+kannte keine Grenzen. Er war nahe daran,
+Joseph zu schlagen.</p>
+
+<p>»Nicht nur,« rief er aus, »daß Sie den ganzen
+vorigen Tag, ohne auch nur ein Wort der Entschuldigung
+oder der Benachrichtigung zu sagen,
+weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert
+haben, besitzen Sie auch noch die Frechheit, einen
+neuen halben Tag zu versäumen und zu verschlafen.
+Unerhört ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten
+heute gar nichts Wesentliches zu tun, zugegeben,
+aber es kann jemand Geschäfte halber daherkommen,
+und welchen Eindruck macht dann das, wenn die
+Magd dem Ankömmling sagen muß, der Lump von
+Angestellter liege noch oben in seinem Nest. Schweigen
+Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht links
+und rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat
+auch noch die Stirne, in Gesellschaft eines Menschen
+anzulangen, der, wenn er sich nicht augenblicklich
+jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen,
+wie ich ihm befehle, anderes und deutlicheres zu
+gewärtigen hat. Und kommt an, mit einer Gelassenheit,
+die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem
+<ins title="schuldbewußt voll sein">schuldbewußt sein</ins> sollenden Angestellten des
+Hauses Tobler ziemt. Dieses Haus ist noch immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_388">388</a></span>ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit,
+in der es sich befindet, darf niemand mich
+zum Narren und Buben machen, am allerletzten
+mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit
+er zu leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und
+arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es gilt einen letzten
+Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen
+Sie die Feder zur Hand.«</p>
+
+<p>Der Gehülfe sagte mit einer endgültig verletzenden
+Ruhe:</p>
+
+<p>»Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen
+Lohnes aus.«</p>
+
+<p>Er wußte kaum, was er sagte, er hatte nur
+das bestimmte Schluß-Bewußtsein. Es wäre ihm
+unmöglich gewesen, die Feder in die Hand zu nehmen,
+so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkürlich
+dasjenige, was die stärkste Möglichkeit darbot, zu
+Ende mit all diesen Dingen zu gelangen.</p>
+
+<p>Tobler war denn auch außer aller Fassung.</p>
+
+<p>»Machen Sie, daß Sie sofort zum Haus hinauskommen.
+Fort! Zu meinen Feinden! Ich brauche
+Sie nicht mehr.«</p>
+
+<p>Er überhäufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst
+heftigen, dann immer schwächeren, bis der Ton
+der Wut gänzlich in Klage und Schmerz übergegangen
+war. Joseph stand immer noch da. Es
+<span class="pagenum"><a name="Page_389">389</a></span>dünkte ihn, mit der ganzen Welt Mitleiden haben
+zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber stark und
+nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich
+war längst vorläufig in den Garten hinausgetreten.
+Der Hund wedelte seinen alten Bekannten an.
+Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des
+Wohnzimmers und hörte mit gespanntem Ohr durch
+die Wände und Mauern, was von unten her zu
+ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete
+sie die Bewegungen des im Garten stehenden,
+früheren Gehülfen.</p>
+
+<p>»Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr
+Tobler, dann gehe ich,« sprach's vom Schreibtisch aus.</p>
+
+<p>Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte
+Tobler.</p>
+
+<p>Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr
+möglich, zu bleiben, worauf Tobler sagte, das sei
+doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef
+nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer
+Stunde begab sich der Gehülfe, so unauffällig er
+konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann
+dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er
+der Reihe nach wieder diese kleinen, nichts- und
+für ihn vielbedeutenden Gegenstände in die Hand,
+um sie säuberlich aber rasch in den bereitgehaltenen
+Koffer zu stecken. Als er mit Packen fertig war,
+<span class="pagenum"><a name="Page_390">390</a></span>stellte er sich für zwei Minuten an das offene Fenster
+und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren
+Herzen die Gegend an. Dem großen See da
+unten warf er sogar eine Kußhand zu, ohne zu
+überlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefühl
+des plötzlich notwendig gewordenen Abschiednehmens.</p>
+
+<p>Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat,
+rief er Wirsich zu: »Warten Sie. Ich komme im
+Moment.« &ndash; Dann ging er die Treppe hinunter,
+das Köfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das
+Herz klopfte!</p>
+
+<p>»Ich muß nun Adieu sagen, ich muß nun
+gehen,« sagte er zu Frau Tobler. Diese fragte:</p>
+
+<p>»Was hat's denn gegeben? Müssen Sie gehen?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete der Gehülfe.</p>
+
+<p>»Denken Sie ein bißchen an mich, wenn Sie
+fort sind?«</p>
+
+<p>Er bückte sich und küßte ihr beide Hände. Sie
+sagte:</p>
+
+<p>»Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau
+Tobler, es wird Ihnen nicht schaden. Das ist eine
+Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen
+Sie! Küssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand.
+Sagen Sie meinen Kindern adieu. Walter! Komm
+<span class="pagenum"><a name="Page_391">391</a></span>doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora,
+gib Joseph die Hand. Kommt. Ja.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort:</p>
+
+<p>»Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe
+es und wünsche es, und ich weiß es beinahe. Seien
+Sie immer ein bißchen demütig, nicht zu viel, Ihren
+Mann werden Sie immer stellen müssen. Aber
+brausen Sie nie auf, lassen Sie die ersten Worte
+des Übelwollens immer unbeantwortet; auf ein
+heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein züchtiges,
+sanftes. Gewöhnen Sie sich daran, Empfindlichkeiten
+in der Stille zu besiegen. Was Frauen jeden
+Tag tun müssen das soll auch der Mann nicht
+wollen ganz außer acht lassen. Das Weltleben
+unterliegt ja denselben Gesetzen wie das häusliche
+Leben, nur größeren und breiteren. Nur nie stürmisch!
+Haben Sie auch alles, was Ihnen gehört,
+eingepackt? Gehen Sie jetzt mit Wirsich?
+Hören Sie, Marti, nur nie zwangsweise, immer
+ein bißchen artig. Dann werden Sie schon vorwärtskommen.
+Ich, ich werde auch bald fortgehen.
+Dieses Haus ist verloren. Wir werden, ich und
+mein Mann und meine Kinder, irgendwo dann in
+der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem billigen
+Quartier. Man gewöhnt sich an alles, und nicht
+wahr, ein ganz klein wenig gern sind Sie doch hier
+<span class="pagenum"><a name="Page_392">392</a></span>bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war doch vieles
+hübsch. Wollen Sie Tobler nicht auch adieu sagen
+lassen?«</p>
+
+<p>»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff
+zum letzten Mal das Wort:</p>
+
+<p>»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn
+freuen. Er hat es um Sie verdient, daß Sie ihm
+nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle.
+Sie sind unser Angestellter gewesen &ndash; nein, gehen
+Sie jetzt. Viel Glück, Joseph.«</p>
+
+<p>Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann
+zu ihren Kindern, als sei gar nichts weiter geschehen.
+Er nahm seinen Handkoffer vom Boden
+auf und ging. Und dann verließen die beiden,
+Marti und Wirsich, den Abendstern.</p>
+
+<p style="margin-bottom: 80px;">Unten auf der Landstraße angekommen, machte
+Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus
+der Tasche, zündete sich denselben an und drehte
+sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte
+es in Gedanken, dann gingen sie weiter.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Gehülfe, by Robert Walser
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEHÜLFE ***
+
+***** This file should be named 27598-h.htm or 27598-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/7/5/9/27598/
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+</pre>
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