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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:35:30 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Gehülfe + +Author: Robert Walser + +Release Date: December 23, 2008 [EBook #27598] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEHÜLFE *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>, +der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p> +</div> + +<h1 style="margin-top: 80px; letter-spacing: 0.1em;">Der Gehülfe</h1> + +<p class="center" style="line-height: 2.5em;"><big style="font-size: 1.4em; font-weight: bold;">Roman</big><br/> +von<br/> +<big style="font-size: 1.6em; font-weight: bold;">Robert Walser</big></p> + +<hr style="margin-top: 6em; width: 14em; height: 2px; color: black; background-color: black; border: none;"/> + +<p class="center" style="line-height: 1.5em; margin-bottom: 6em;">Verlag von Bruno Cassirer<br/> +Berlin</p> + + +<p style="page-break-before: always;"><span class="pagenum"><a name="Page_1">1</a></span> +Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger +Mann vor der Türe eines alleinstehenden, anscheinend +schmucken Hauses. Es regnete. »Es wundert +mich beinahe,« dachte der Dastehende, »daß ich +einen Schirm bei mir habe.« Er besaß nämlich in +seinen früheren Jahren nie einen Regenschirm. In +der einen nach unten grad ausgestreckten Hand +hielt er einen braunen Koffer, einen von den ganz +billigen. Vor den Augen des scheinbar von einer +Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild +zu lesen: C. Tobler, technisches Bureau. Er +wartete noch einen Moment, wie um über irgend +etwas gewiß sehr Belangloses nachzudenken, dann +drückte er auf den Knopf der elektrischen Klingel, +worauf eine Person kam, allem Anschein nach eine +Magd, um ihn eintreten zu lassen.</p> + +<p>»Ich bin der neue Angestellte,« sagte Joseph, +denn so hieß er. Er solle nur eintreten und hier, +die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins +Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_2">2</a></span> +Joseph stieg eine Treppe, die eher für Hühner +als für Menschen gemacht schien, hinunter und trat +rechter Hand ohne weiteres in das technische Bureau +ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging +die Türe auf. An den festen Schritten über die +hölzerne Treppe und am Türaufmachen hatte der +Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung +bestätigte nur die vorausgegangene Gewißheit, +es war in der Tat niemand anderes als +Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur +Tobler. Er machte ziemlich große Augen, er schien +ärgerlich zu sein und war es auch.</p> + +<p>»Warum,« sagte er, Joseph strafend anblickend, +»kommen Sie denn eigentlich heute schon? Ich habe +Sie doch erst für Mittwoch bestellt. Ich bin noch +gar nicht soweit eingerichtet. Haben Sie's so eilig +gehabt? Wa?«</p> + +<p>Für Joseph hatte dieses Weglassen des Schluß-s +am Was etwas Verächtliches. So ein verstümmeltes +Wort klingt ja auch nicht gerade wie eine +freundliche Liebkosung. Er erwiderte, daß man ihn +im Stellenvermittlungsbureau darauf aufmerksam +gemacht habe, daß er heute, Montag früh, anzutreten +habe. Wenn das ein Irrtum sei, so bitte +er um Entschuldigung, er aber könne wahrhaftig +nichts dafür.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_3">3</a></span> +»Sieh da, wie höflich ich bin!« dachte der junge +Mann und mußte innerlich unwillkürlich über sein +Betragen lächeln.</p> + +<p>Tobler schien nicht geneigt, sofort entschuldigen +zu wollen. Er redete noch einige Male um dieselbe +Sache herum, wobei sein ohnehin roter Kopf +empört zu erröten begann. Er »begriff« nicht, es +nahm ihn dies und jenes »Wunder«, schließlich, +nachdem sich sein Erstaunen über den vorgekommenen +Fehler beruhigt hatte, meinte er zu Joseph +schräg hinüber, er könne dableiben.</p> + +<p>»Fortschicken kann ich Sie ja jetzt doch nicht +mehr.« – »Haben Sie Hunger?« setzte er hinzu. +Joseph bejahte ziemlich gleichmütig. Er wunderte +sich aber sogleich über die Ruhe seiner Antwort. +»Vor einem halben Jahr noch,« dachte er rasch, +»würde mich die Hochbeschaffenheit einer derartigen +Frage eingeschüchtert haben, und wie!«</p> + +<p>»Kommen Sie,« sagte der Ingenieur. Mit +diesen Worten führte er seinen neuangeworbenen +Beamten ins Eßzimmer hinauf, das im Erdgeschoß +gelegen war. Das Bureau lag unter der Erdlinie +im Keller. Im Wohn- und Eßzimmer sprach der +Herr folgendes:</p> + +<p>»Setzen Sie sich. Irgendwo, das ist ganz egal. +Und essen Sie, bis Sie satt sind. Hier ist Brot. +<span class="pagenum"><a name="Page_4">4</a></span>Schneiden Sie soviel davon ab wie Sie wollen. +Genieren Sie sich nur nicht. Schenken Sie nur +mehrere Tassen ein. Kaffee ist genug da. Und +da ist Butter. Die Butter ist zum Zugreifen da, +wie Sie sehen. Und da haben Sie auch Konfitüre, +falls Sie ein Liebhaber davon sind. Wollen Sie +Bratkartoffeln dazu essen?«</p> + +<p>»O ja, warum nicht, ganz gern,« hatte Joseph +den Mut zu sagen. Worauf Herr Tobler nach +Pauline, der Magd, rief und ihr auftrug, das Gewünschte +rasch zuzubereiten. Nachdem das Frühstück +beendet war, gab es unten im Kontor, inmitten +der Zeichenbretter und Zirkel und umherliegenden +Bleistifte, zwischen beiden Männern ungefähr +folgende Auseinandersetzung:</p> + +<p>Er müsse, sagte Tobler in rauhem Ton, einen +Kopf als Angestellten haben. Eine Maschine könne +ihm nicht dienen. Wenn Joseph planlos und geistlos +in den Tag hineinarbeiten wolle, so solle er +so gut sein und es gleich auf der Stelle sagen, +damit man von Anfang an wisse, woran man mit +ihm sei. Er, Tobler, benötige eine Intelligenz, +eine selbständig arbeitende Kraft. Wenn Joseph +glaube, er sei keine solche, so möge er so freundlich +sein, usw. Hier drückte sich der technische Erfinder +in Wiederholungen aus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span> +»Ach,« sagte Joseph, »warum sollte ich denn +keinen Kopf haben, Herr Tobler? Was mich betrifft, +ich glaube und hoffe des Bestimmtesten, daß ich +jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, +was Sie glauben werden, von mir verlangen zu +dürfen: Übrigens, meine ich, bin ich hier oben (das +Haus Tobler stund auf einem Hügel) ja vorläufig +nur probeweise. Die Art unseres gegenseitigen Übereinkommens +hindert Sie in keiner Weise, mit mir, +wenn Sie es für notwendig erachten, augenblicklich +Schluß zu machen.«</p> + +<p>Er wolle, fand es Herr Tobler für passend +zu sagen, nicht hoffen, daß es soweit komme. Joseph +möge nichts für ungut nehmen von dem, was er, +Tobler, da soeben gesagt habe. Er habe eben +nur geglaubt, gleich von Anfang an klaren Wein +einschenken zu sollen, und er sei der Meinung, daß +das für beide Teile nur vom Guten könne gewesen +sein. Alsdann wisse jeder, woran er mit dem andern +sei, und so sei es am besten.</p> + +<p>»Gewiß,« bekräftigte Joseph.</p> + +<p>Nach dieser Rücksprache wies der Vorgesetzte +dem Untergebenen den Platz an, woran er schreiben +»könne«. Es war dies ein etwas zu enges, +schmales und zu niedrig gebautes Sitzpult mit +einer Schieblade, worin sich die Markenkasse und +<span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span>einige kleinere Bücher befanden. Der Tisch, denn +nur ein solcher war's und gar kein wahrhaftiges +Pult, stand dicht an einem Fenster und an der +Gartenerde. Darüber hinaus erblickte man in der +Tiefe den ausgedehnten See, weiter das anderseitige +Seeufer. Das alles sah heute sehr trübe +aus, denn es regnete noch immer.</p> + +<p>»Kommen Sie,« sagte plötzlich Tobler, und er +lächelte in etwas, wie es Joseph schien, unziemlicher +Art zu seinen Worten, »meine Frau muß Sie +doch nun auch bald endlich einmal zu Gesicht bekommen. +Kommen Sie mit, ich werde Sie ihr vorstellen. +Und dann müssen Sie auch das Zimmer +sehen, wo Sie schlafen werden.«</p> + +<p>Er führte ihn hinauf in die erste Etage, wo +den beiden eine schlanke, hohe Frauenfigur entgegentrat. +Das war »sie«. »Eine gewöhnliche Frau,« +wollte rasch der junge Angestellte denken, aber er +setzte sogleich in Gedanken hinzu: »und doch nicht.« +Die Dame betrachtete den »Neuen« ironisch und gleichgültig, +aber ohne Absicht. Beides, das Kalte und +das Ironische, schien ihr angeboren zu sein. Sie +streckte ihm nachlässig, ja sogar träge die Hand dar, +er ergriff sie und verneigte sich vor der »Herrin des +Hauses«. So nannte er sie im geheimen, nicht, um +sie zu etwas Schönerem zu erheben, im Gegenteil, +<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>um sie rasch im stillen zu kränken. Diese Frau +benahm sich in seinen Augen entschieden zu hochmütig.</p> + +<p>»Ich hoffe, es wird Ihnen hier bei uns gefallen,« +sagte sie mit einer seltsam hochklingenden +Stimme und verzog dazu ein wenig ihren Mund.</p> + +<p>»Ja, sag du das nur. Sehr hübsch. Ei seht +mal, wie freundlich. Wollen ja sehen.« Auf diese +Art hielt es Joseph für angezeigt, für sich über +jene wohlwollenden Worte nachzudenken. Alsdann +wurde ihm sein Zimmer gezeigt, es lag oben im +kupfernen Turm, es war also ein Turmzimmer, gewissermaßen +ein romantisches und vornehmes. Übrigens +erschien es hell, luftig und freundlich. Das +Bett war sauber, o ja, in solch einem Zimmer würde +sich's wohnen lassen. Nicht übel. Und Joseph +Marti, so hieß er mit seinem ganzen Namen, legte +den Koffer, den er mit hinaufgenommen hatte, +auf dem Parkettboden ab.</p> + +<p>Später wurde er in die Geheimnisse der Toblerschen +geschäftlichen Unternehmungen kurz eingeweiht +und mit den Pflichten, die er zu erfüllen +hatte, im allgemeinen vertraut gemacht. Es ging +ihm dabei eigentümlich, er verstand nur die Hälfte. +Was denn nur mit ihm sei, dachte er und machte +sich Vorwürfe: »Bin ich ein Betrüger, ein Schwätzer? +<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>Will ich Herrn Tobler hintergehen? Er verlangt +einen ›Kopf‹ und ich, ich bin heute absolut kopflos. +Vielleicht daß es morgen früh oder bereits heute +abend besser geht.«</p> + +<p>Das Mittagessen schmeckte ihm ausgezeichnet.</p> + +<p>Wiederum dachte er besorgt. »Wie? Hier sitze +ich und esse, wie es mir seit vielleicht Monaten +nicht mehr gemundet hat, und kapiere nichts von +den Winkelzügen der Unternehmungen Toblers? +Ist das nicht Diebstahl? Das Essen ist wundervoll, +es erinnert mich lebhaft an zu Hause. Solche +Suppe hat Mutter gemacht. Wie kräftig und saftig +das Gemüse ist, und das Fleisch. Wo kriegt man +in der Großstadt dergleichen?«</p> + +<p>»Essen Sie, essen Sie,« trieb Tobler an, »in +meinem Haus wird tapfer gegessen, haben Sie das +verstanden? Nachher wird aber auch gearbeitet.«</p> + +<p>Der Herr sehe, er esse ja, erwiderte Joseph +mit einer Schüchternheit, die ihn beinahe zornig +machte. Er dachte: »Wird er mich nach acht Tagen +auch noch zum Essen antreiben? Wie schmachvoll, +zu empfinden, wie sehr mir dieses fremde Essen +schmeckt. Werde ich diesen unverschämten Appetit +durch entsprechende Leistungen rechtfertigen?«</p> + +<p>Er nahm sich von jeder Speise noch einmal +auf seinen Teller. Ja, er kam aus den Tiefen der +<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>menschlichen Gesellschaft her, aus den schattigen, +schweigsamen, kargen Winkeln der Großstadt. Er +hatte seit Monaten schlecht gegessen.</p> + +<p>Ob man ihm dies etwa anmerke, dachte er +und errötete.</p> + +<p>Ja, ein ganz klein wenig merkten das Toblers +sicher. Die Frau betrachtete ihn mehrfach fast mitleidig. +Die vier Kinder, zwei Mädchen und zwei +Knaben, sahen ihn wie etwas Wildfremdes und +Sonderbares von der Seite her an. Diese ungeniert +fragenden und forschenden Blicke entmutigten +ihn. Solche Blicke erinnern eben an die +Angeflogenheit an etwas Fremdes, an die Behäbigkeit +dieses Fremden, das für sich eine Heimat darstellt, +und an die Heimatlosigkeit desjenigen, der +nun so dasitzt und die Pflicht hat, sich möglichst +rasch und guten Willens in das behagliche fremde +Bild heimatlich einzufügen. Solche Blicke machen +einen frieren im heißesten Sonnenschein, sie dringen +kalt in die Seele, bleiben da einen Moment kalt +liegen und verlassen sie wieder, wie sie gekommen +sind.</p> + +<p>»So. Jetzt an die Arbeit,« rief Tobler. Und +beide verließen den Tisch und begaben sich, der +Herr voran, in das Bureau hinunter, um da, wie +der Befehl lautete, zu arbeiten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span> +»Rauchen Sie?«</p> + +<p>Ja, Joseph rauche ganz gern.</p> + +<p>»Nehmen Sie sich einen Zigarrenstumpen aus +dem blauen Paket dort. Sie dürfen während der +Arbeit ruhig rauchen. Ich tu's ja auch. So. Und +nun sehen Sie einmal hierher, das da, aber sehen +Sie sie ordentlich an, sind die zur ›Reklame-Uhr‹ erforderlichen +Papiere. Können Sie gut rechnen? +– Dann um so besser. Es handelt sich nun in +erster Linie – was tun Sie da? Mein junger +Mann, die Asche gehört in den Aschenbecher. Ich +habe gern Ordnung zwischen meinen eigenen vier +Wänden – also in erster Linie handelt es sich, +nehmen Sie einen Bleistift zur Hand, nun, sagen +wir, um die Zusammenstellung, um die genaue Gewinnberechnung +dieses Unternehmens. Nehmen Sie +Platz hier, ich werde Ihnen sogleich die nötigen +Angaben machen. Und daß Sie mir gefälligst aufpassen, +denn ich sage meine Sachen nicht gern zweimal.«</p> + +<p>»Werde ich taugen?« dachte Joseph. Es war +wenigstens gut, daß zu einer so schwierigen Arbeit +geraucht werden durfte. Ohne Zigarrenstumpen +würde er jetzt an der Rechtbeschaffenheit seines +Kopfes ehrlich gezweifelt haben.</p> + +<p>Während der Angestellte nun schrieb, wobei +<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>ihm der Prinzipal von Zeit zu Zeit über die Schulter +in die entstehende Leistung hinabblickte, spazierte +dieser, eine krumme, langstielige Zigarre zwischen +den schönen, blendend weißen Zähnen tragend, im +Bureau auf und ab, um allerhand Zahlen anzugeben, +die jeweils flink von einer heute noch ein +wenig ungeübten Angestelltenhand nachgezeichnet +wurden. Der bläuliche Rauch hüllte beide arbeitende +Gestalten bald gänzlich ein, draußen vor +den Fenstern schien sich das Wetter aufhellen zu +wollen, Joseph warf ab und zu einen Blick durch +die Scheibe und merkte die Veränderung, die sich +leise am Himmel vollzog. Einmal bellte der Hund +vor der Türe. Tobler trat auf einen Moment +hinaus, um das Tier zu beruhigen. Nach Verlauf +zweier Arbeitsstunden ließ Frau Tobler durch eines +der Kinder zum Nachmittagskaffee rufen. Es sei +draußen im Gartenhaus gedeckt, weil das Wetter +sich gebessert habe. Der Chef ergriff seinen Hut +und sagte zu Joseph, er solle jetzt Kaffeetrinken gehen +und nachher das flüchtig Geschriebene ins reine +setzen, bis er damit fertig sei, werde es wohl Abend +geworden sein.</p> + +<p>Dann ging er. Joseph sah ihn den Hügel durch +den abstürzenden Garten hinuntergehen. Welch eine +stattliche Figur er hat, dachte er, er blieb noch eine +<span class="pagenum"><a name="Page_12">12</a></span>ganze Weile so stehen und begab sich dann zum +Kaffee in das hübsche, grünangestrichene Gartenhaus.</p> + +<p>Während des Imbisses fragte ihn die Frau: +»Sind Sie stellenlos gewesen?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Joseph.</p> + +<p>»Lange?«</p> + +<p>Er gab ihr Auskunft, und sie seufzte jedesmal, +wenn er von gewissen kläglichen Menschen und +Menschenverhältnissen sprach. Sie tat das ganz +leicht und obenhin, und sie behielt außerdem die +jeweiligen Seufzer länger als gerade nötig war im +Mund, als habe sie sich jedesmal an der Annehmlichkeit +dieses Tons und Empfindens weiden können.</p> + +<p>»Gewissen Menschen,« dachte Joseph, »scheint +es Vergnügen zu machen, an bedauerliche Dinge +zu denken. Wie diese Frau Nachdenklichkeit mimt. +Sie seufzt, wie andere lachen, genau so fröhlich. +Ist das jetzt meine Herrin?«</p> + +<p>Später stürzte er sich in seine Reinschrift. Es +wurde Abend. Morgen früh würde es sich ja zeigen, +ob er eine Kraft oder eine Null, eine Intelligenz +oder eine Maschine, ein Kopf oder ein Hohlkopf +sei. Für heute war es seines Erachtens nach genug. +Er räumte seine Arbeit zusammen und ging in sein +Zimmer, froh darüber, für eine kleine Zeitlang +allein sein zu dürfen. Er fing nicht ohne Wehmut +<span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span>an, seinen Handkoffer, seine ganze Besitzung, langsam, +Stück für Stück, auszupacken, wobei er der +unzählbaren Umzüge gedachte, zu deren Erledigung +er sich nun schon so viele Male dieses Köfferchens +bedient hatte. Schlichte Sachen werden einem so +lieb, das empfand der junge Angestellte. Wie es +ihm hier bei Tobler wohl gehen werde, fragte er +sich, während er die paar Wäschestücke, die er besaß, +in absichtlich säuberlichster Manier in den Schrank +legte: »Gut oder schlecht, ich bin einmal da, gehe +es wie es gehen <ins title="kann.">kann.«</ins> Er gelobte sich im stillen, +sich Mühe zu geben, indem er ein Knäuel alter +Faden, Bindfadenteile, Halsbinden, Knöpfe, Nadeln +und abgerissene Leinenfetzen auf den Fußboden +warf. »Wenn ich nun schon einmal hier esse und +schlafe, will ich mich geistig und körperlich dafür auch +anstrengen,« murmelte er weiter, »wie alt bin ich +jetzt? Vierundzwanzig! Das ist keine nennenswerte +Jugend mehr. Ich bin zurückgeblieben im Leben.« +Er hatte den Koffer geleert und stellte ihn in eine +Ecke. Sobald er glaubte, daß es ungefähr Zeit +sei, ging er zum Abendessen, später noch zur Post +ins Dorf hinein, später schlafen.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Im Laufe des nächsten Tages glaubte er sich +mit dem Wesen der »Reklame-Uhr« dadurch bekannt +<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span>gemacht zu haben, daß er begreifen lernte, +daß dieses gewinnbringende Unternehmen eine +dekorative Uhr sei, die Herr Tobler im Begriff war +an Bahnverwaltungen, Restaurateure, Hoteliers &c. +zu verpachten. Solch eine wirklich äußerst hübsch +aussehende Uhr, kalkulierte Joseph, wird beispielsweise +in einen oder in mehrere Straßenbahnwagen +gehängt, und zwar an eine möglichst in aller +Menschen Augen stechende Stelle, damit die fahrenden +und reisenden Mitmenschen ihre Taschenuhren +danach richten können und jederzeit wissen, wie +spät oder wie früh es am Tage ist. Diese Uhr ist +wahrhaftig nicht schlecht, meinte er allen Ernstes, +um so weniger, als sie den Vorzug hat, mit dem +Reklamewesen verbunden zu sein. Zu diesem Behufe +hat man ihr ja ein einfaches oder doppeltes +Adlerflügelpaar aus scheinbarem Silber oder gar +Gold angehängt, zwecks zierlicher Bemalung. Und +was wird man anderes darauf malen wollen als +die genauen Adressen von Firmen, die sich dieser +Flügel oder Felder, wie der technische Ausdruck +lautet, zur nutzbringenden Insertion bedienen. <ins title="Solch">»Solch</ins> +ein Feld kostet Geld; infolgedessen hat man sich, +wie mein Herr, der Herr Tobler, ganz richtig sagt, +an nur erste Handels- und Fabriksfirmen zu wenden. +Die Beträge sind jeweilen zum voraus, und +<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span>zwar laut auszustellender Verträge, in monatlichen +Raten, zu bezahlen. Die Reklame-Uhr kann übrigens +beinahe überall im In- und Ausland Aufstellung +finden. Auf sie setzt, wie es mir schien, Tobler die +wichtigsten Hoffnungen. Freilich kostet die Herstellung +der Uhren und deren kupfernen und zinnernen +Zieraten viel Geld, auch der Dekorationsmaler +will ja sein Geld haben, dafür aber laufen +eben die Inseratengelder hoffentlich und sehr wahrscheinlich +regelmäßig ein. Was sagte doch heute +früh Herr Tobler? Er hat ziemlich viel Geld geerbt, +hat nun aber bereits sein gesamtes Vermögen +in die <ins title="»Reklame-Uhr geworfen«">›Reklame-Uhr geworfen‹</ins>. Ein sonderbarer +Spaß, zehn- bis zwanzigtausend Mark in Uhren zu +werfen. Gut, daß ich mir dieses Wort <ins title="»werfen«">›werfen‹</ins> +gemerkt habe, es scheint mir ein stark im Gebrauch +bestehendes, übrigens sehr klipp und klares Wort +zu sein, das ich vielleicht schon in nächster Zeit in +meinen Korrespondenzen werde anwenden müssen.«</p> + +<p>Joseph steckte sich einen Stumpen in Brand.</p> + +<p>»Eigentlich ein ganz netter Aufenthalt, dieses +technische Bureau hier. Das meiste an der hiesigen +Geschäftsführung ist mir allerdings noch ganz unverständlich. +Ich habe immer das Neue und Fremde +schwer begriffen. Ich erinnere mich, o ja. Im allgemeinen +werde ich von den Leuten für klüger gehalten +<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span>als ich bin, manchmal auch nicht. Das alles +ist ja überhaupt so merkwürdig.«</p> + +<p>Er nahm einen Streifen Papier zur Hand, +strich den Firmenkopf mit ein paar Federstrichen +durch und schrieb rasch folgendes:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Liebe Frau Weiß!</p> + +<p>Sie sind wahrhaftig der erste Mensch, an den +ich von hier oben aus schreibe. Der Gedanke an +Sie ist der erste und leichteste und natürlichste von +allen den vielen Gedanken, die mir gegenwärtig +im Kopf surren. Sie werden sich oft über mein +Betragen gewundert haben in der Zeit, die ich +bei Ihnen zubrachte. Wissen Sie noch, wie Sie +mich oft aus meinem dumpfen, einsiedlerischen Dasein, +aus all meinen üblen Gewohnheiten haben +aufrütteln müssen? Sie sind eine so liebe, gute, +einfache Frau, und vielleicht erlauben Sie mir, Sie +lieb zu haben. Wie oft, ja beinahe alle vier Wochen, +bin ich zu Ihnen ins Zimmer getreten, um Sie +kurz zu ersuchen, mit der monatlichen Miete Geduld +zu haben. Sie haben mich nie gedemütigt, doch +ja immer, aber mit Güte. Wie dankbar ich Ihnen +bin und wie froh ich bin, Ihnen dies sagen zu +dürfen. Was machen und leben Ihre Fräulein +Töchter? Die Größere ist ja nun wohl bald verheiratet. +<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span>Und Fräulein Hedwig, ist sie immer noch +in der Lebensversicherungsgesellschaft tätig? Wie +ich frage! Sind diese Fragen nicht äußerst dumm, +da ich Sie doch erst vor zwei Tagen verlassen habe! +Mich dünkt, liebe, verehrte Frau Weiß, ich sei jahre- +jahre- und jahrelang bei Ihnen gewesen, so schön, +ruhig und lang mutet mich der Gedanke an das +Bei-Ihnen-gewesen-sein an. Kann man Sie kennen +gelernt haben, ohne daß man Sie hat lieben lernen +müssen? Sie haben immer zu mir gesagt, ich sollte +mich schämen, so jung zu sein und dazu so wenig +unternehmenslustig, weil Sie mich stets haben in +meinem dunkeln Zimmer sitzen und liegen sehen. +Ihr Gesicht, Ihre Stimme, Ihr Lachen haben mich +immer getröstet. Sie sind zweimal so alt wie ich +und haben zwölfmal so viel Sorgen und erscheinen +nur so jung, jetzt noch viel mehr als da ich noch +bei Ihnen war. Wie konnte ich immer so wortkarg +zu Ihnen sein. Übrigens bin ich Ihnen ja +noch Geld schuldig, nicht wahr, und ich bin beinahe +froh darüber. Äußere Beziehungen können dann +innere lebendiger erhalten. Zweifeln Sie nie an +meiner Achtung vor Ihnen. Wie dumm ich spreche. +Ich wohne hier in einer hübschen Villa und kann +des Nachmittags jeweilen im Gartenhaus, wenn +schönes Wetter ist, Kaffee trinken. Mein Chef ist +<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span>zurzeit ausgegangen. Das Haus liegt auf einem, +man darf sagen, grünen Hügel, unten neben der +Landstraße, hart am Seeufer, führt die Eisenbahn +vorbei. Ich wohne sehr nett in einem, es kommt +mir ganz herrschaftlich vor, hochgelegenen Turmzimmer. +Mein Herr scheint ein braver Mann zu +sein, etwas hochtrabend. Möglich, daß es zwischen +uns eines Tages persönliche Keilereien gibt. Ich +wünsche es nicht. Wirklich nicht, denn ich möchte +in Frieden leben. Leben Sie wohl Frau Weiß. +Ich habe mir ein schönes, wertvolles Bild von Ihnen +bewahrt, es läßt sich nicht einrahmen aber ebenso +wenig vergessen.</p></div> + +<p>Joseph faltete den Streifen zusammen und +steckte ihn in ein Kuvert. Er lächelte. Für ihn +hatte das Andenken dieser Frau Weiß etwas Freundliches, +warum, darüber wußte er selber kaum recht +Bescheid. Da hatte er nun an eine Frau geschrieben, +die dem Eindruck zufolge, den er ihr von seiner +Person hinterlassen hatte, einen so raschen und beinahe +gefühlvollen Brief gar nicht erwarten durfte +und sicher auch nicht gewärtigte. Hatte die zufällige +Menschenbekanntschaft einen so großen Einfluß +auf ihn? Liebte er es, zu überraschen und zu behexen? +Aber der Brief schien ihm nach kurzer Durchsicht +<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span>und Prüfung passend und er machte sich, da +es ohnehin Zeit dazu war, auf den Weg zur Post.</p> + +<p>Mitten im Dorf blieb plötzlich ein von oben +bis unten rußiger junger Mensch vor ihm stehen, +schaute ihn lachend an und streckte ihm die Hand +entgegen. Joseph spielte den Erstaunten, da er sich +wirklich nicht entsinnen könnte, an welchem Ort und +zu welcher Zeit im bisherigen Leben ihm diese +schwarze Erscheinung konnte begegnet sein. »Du +auch hier, Marti?« rief der Mensch, und nun erkannte +ihn Joseph, es war ein Kamerad aus der +kürzlich erst überstandenen Militärdienstzeit, er begrüßte +ihn, schützte aber dringende Aufträge vor +und verabschiedete sich wieder.</p> + +<p>»Ja, das Militär,« dachte er, indem er seines +Weges weiter ging, »wie wirft es die Menschen +aus allen nur denkbaren Lebensgebieten auf einen +einzigen Empfindungspunkt zusammen. Kein so +feinerzogener, im übrigen gesunder, junger Mensch +lebt im Lande, der es sich nicht eines Tages müßte +gefallen lassen, aus seiner bisherigen, sortierten Umgebung +herauszutreten, um mit dem erstbesten, ebenfalls +jungen Bauern, Kaminfeger, Arbeiter, Kommis +oder gar Tunichtgut gemeinschaftliche Sache zu +machen. Und welche gemeinschaftliche Sache! Die +Luft in der Kaserne ist für einen jeden dieselbe, sie +<span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span>wird für den Baronensohn für gut genug, und für +den geringsten Landarbeiter für angemessen befunden. +Die Rang- und Bildungsunterschiede fallen +<ins title="umbarmherzig">unbarmherzig</ins> in einen großen, bis heute noch immer +unerforschten Abgrund, in die Kameradschaft. Diese +herrscht, denn sie faßt alles zusammen. Die Hand +des Kameraden ist für keinen eine unreine, sie darf +es nicht sein. Der Tyrann Gleichheit ist oft ein +unerträglicher, oder scheint es zu sein, aber was für +ein Erzieher ist er, was für ein Lehrer. Die Brüderlichkeit +kann mißtrauisch und kleinlich im kleinen +sein, sie kann aber auch groß sein, und sie ist groß, +denn sie besitzt die Meinungen, die Gefühle, die +Kräfte und Triebe aller. Wenn ein Staat es versteht, +den Sinn der Jugend in diesen Abgrund zu +lenken, der groß genug wäre für die Erde wieviel +mehr für ein einzelnes Land, so hat er sich damit +nach allen offenen Richtungen hin, an allen vier +Grenzen, mit Festungen umgeben, die unbezwinglich +sind, weil es lebendige, mit Füßen, Gedächtnissen, +Augen, Händen, Köpfen und Herzen ausgestattete +Festungen sind. Den jungen Leuten tut +wahrhaftig eine strenge Lehre not.«</p> + +<p>Hier unterbrach der Angestellte seine Gedanken.</p> + +<p>In der Tat, er rede und denke da wie ein +<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span>Feldhauptmann, dachte er lachend. Bald darauf +befand er sich wieder zu Hause.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Joseph hatte in einer Elastique-Fabrik gearbeitet, +ehe er zum Militär kam. Er erinnerte sich jetzt jener +vormilitärischen Zeit und sah vor sich ein altes, +längliches Gebäude, einen schwarzen Kiesweg, eine +enge Stube und ein bebrilltes, strenges Prinzipalengesicht. +Er war dort, wie man sagt, aushilfsweise +engagiert gewesen, nur so vorübergehend. Er schien +mit seiner ganzen Persönlichkeit nur ein Zipfel, ein +flüchtiges Anhängsel zu sein, ein nur einstweilen +geschlungener Knoten. Beim Antritt der Stellung +war ihm bereits lebhaft der Austritt aus derselben +vor Augen getreten. Der Lehrling im Elastique-Geschäft +war ihm in allem »über«. Joseph mußte +diesen unausgewachsenen Menschen bei jeder Gelegenheit +um Rat fragen. Aber eigentlich kränkte +ihn das nicht einmal. O er war schon an so vieles +gewöhnt gewesen. Er arbeitete kopflos, das heißt, er +mußte sich gestehen, daß ihm mancherlei durchaus +notwendige Kenntnisse abhanden gekommen waren. +Gewisse, für andere Menschen erstaunlich leicht zu +erfassende Dinge prägten sich ihm so merkwürdig +schwer ein. Was war da zu machen gewesen. Sein +Trost und sein Gedanke war die »Vorübergänglichkeit« +<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span>der Stellung. Er wohnte bei einem alten, +spitznasigen und -mundigen Fräulein, die eine sehr +sonderbare, hellgrün gestrichene Stube bewohnte. +Auf einer Etagere befanden sich einige alte und +moderne Bücher. Das Fräulein war, wie es schien, +eine Idealistin, aber keine feurige, sondern eher +eine durch und durch erfrorene. Joseph bekam +rasch heraus, daß sie einen eifrigen Liebesbriefwechsel +unterhielt, und zwar, wie er eines Tages +aus einem achtlos auf dem runden Tisch liegenden, +langen Schreiben ersah, mit einem nach Graubünden +ausgewanderten Buchdrucker oder Architektenzeichner, +er konnte sich dessen jetzt nicht mehr so +recht genau entsinnen. Er las rasch den Brief, er +hatte das Gefühl, daß er dadurch keine sehr bedeutende +Ungerechtigkeit begehe. Übrigens war der +Brief kaum der verstohlenen Lektüre wert, man +hätte ihn ruhig dürfen an alle Säulen der Stadt +plakatieren, so wenig Geheimnisvolles und dem +Fernstehenden Unverständliches enthielt er. Er war +den Büchern, die die Welt liest, nachgeschrieben und +enthielt vorzugsweise kühnlinierte und schraffierte +Reisebeschreibungen. Die Welt sei doch herrlich, +hieß es da, wenn man sich die Mühe nehme, sie +zu Fuß zu durchwandern. Dann wurden der Himmel, +die Wolken, die Halden, die Geißen, Kühe, +<span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span>Kuhglocken und die Berge beschrieben. Wie wichtig +das alles war. Joseph hatte eine kleine Stube +nach hinten gehend inne, dort las er. Sowie er +nur dieses Stübchen betrat, fing ihm auch gleich +die Bücherlektüre über den Kopf zu flattern an. +Er las da so einen von jenen großen Romanen, +an denen man monatelang lesen kann. Die Kost +hatte er in einer Pension von Technikumsschülern +und Kaufmannslehrlingen. Er hatte große Mühe, +sich mit dem jugendlichen Volk einigermaßen zu +unterhalten und schwieg daher meist bei Tisch. Wie +war das alles für ihn erniedrigend. Auch da war +er ein Knopf, der nur lose hing, den man gar +nicht mehr festzunähen sich abmühte, da man zum +voraus wußte, daß der Rock doch nicht lange getragen +werde. Ja, seine Existenz war nur ein +provisorischer Rock, ein nicht recht passender Anzug. +Nahe bei der Stadt lag ein runder, mäßig hoher +Rebhügel, der oben mit Wald gekrönt war. Nun, +das war fürs Spazierengehen ganz artig. Die +Sonntagvormittage verlebte Joseph regelmäßig dort +oben, während welcher Erholung er sich jedesmal +in ferne, beinahe krankhaft schöne Träumereien verwickelt +sah. Unten in der Fabrik ging es weniger +schön zu, trotz des zunehmenden Frühlings, der +seine kleinen duftenden Wunder an den Bäumen +<span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span>und Sträuchern zu entfalten begann. Der Prinzipal +machte Joseph eines Tages ganz gehörig herunter, +ja, er machte ihn schlecht, er nannte ihn geradezu +einen Betrüger, und weswegen? Das war auch +wieder so eine Kopfträgheit gewesen. Hohle Köpfe +können ja nun allerdings einem Handelsgeschäft +erheblichen Schaden zufügen. Man kann schlecht +rechnen, oder aber, und das ist das Schlimme, man +rechnet einfach gar nicht. Für Joseph war es so +schwer gewesen, eine in englischer Pfundwährung +aufgestellte Zinsenrechnung zu prüfen. Dazu fehlten +ihm die paar Kenntnisse, und statt das nun offen +dem Geschäftsherrn einzugestehen, wovor er sich +schämte, setzte er unter die Rechnung, ohne sie wahrhaft +geprüft zu haben, die lügnerische Bestätigung. +Er schrieb mit Bleistift ein M zu der Schlußzahl, +was so viel zu bedeuten hatte als die feste und +ruhige Tatsache des Richtigbefundes. An diesem +einen Tage nun kam es plötzlich durch eine mißtrauische +Frage seitens des Prinzipals heraus, daß +die Prüfung nur geschwindelt, und daß ja Joseph +gar nicht imstande war, eine derartige Rechnung +im Kopf zu lösen. Das waren eben englische Pfund, +und Joseph wußte mit solchen absolut nicht umzugehen. +Er verdiene, sprach der Vorgesetzte, mit +Schimpf und Schande fortgejagt zu werden. Wenn +<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span>er etwas nicht verstehe, so sei das keine Unehrenhaftigkeit, +wenn er aber Verständnis lüge, so sei +das Diebstahl. Man könne es nicht anders nennen, +und Joseph solle sich in Grund und Boden hinab +schämen. O das war ein tobendes Herzklopfen für +ihn gewesen. Er spürte eine schwarze, fressende +Welle über seinem ganzen Dasein. Die eigene, +sonst, wie ihm immer schien, nicht schlechte Seele +schnürte ihn von allen Seiten zu. Er zitterte so +heftig, daß die Zahlen, die er eben schrieb, nachher +ungeheuerlich fremd, verschoben und groß aussahen. +Aber nach einer Stunde war ihm so wohl. Er ging +zur Post, es war eben schönes Wetter, er ging so, und +da meinte er, küsse ihn alles. Die kleinen süßen Blätter +schienen alle in einem liebkosenden, farbigen Schwarm +auf ihn zuzufliegen. Die vorübergehenden, im übrigen +ganz alltäglichen Menschen sahen so schön aus, zum +rein An-den-Hals-werfen. Er schaute glücklich in +alle Gärten hinein, zum offenen Himmel hinauf. +Wie rein und schön waren die weißen, frischen +Wolken. Und das satte, süße Blau. Joseph hatte +das eben Vorgefallene, das Wüste, nicht vergessen, +er trug es beschämt mit sich, aber es hatte sich in +etwas Unbekümmert-Leidvolles, in etwas Ebenmäßig-Verhängnisvolles +verwandelt. Er zitterte noch ein +wenig und dachte: »Also muß man mich mit +<span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span>Demütigungen zur reinen Freude an der Welt +Gottes aufpeitschen?« Nach Feierabend trat er gemütlich +in einen ihm wohlbekannten Zigarrenladen. +Eine Frau hauste dort, eine womöglich, ja wahrscheinlich +und nur zu sehr wahrscheinlich käufliche +Frau. Joseph pflegte sich in ihrem Laden Abend +für Abend auf einen Stuhl zu setzen, eine Zigarre +dazu zu rauchen und zu plaudern mit der Inhaberin. +Er gefiel ihr, das merkte er bald. »Wenn +ich dieser Frau gefalle, so erweise ich ihr einen +kleinen Dienst, regelmäßig bei ihr zu sitzen,« dachte +er und tat auch so. Sie erzählte ihm ihre ganze +Jugend und manches Schöne und Unschöne aus +ihrem Leben. Sie alterte schon und hatte ein ziemlich +häßlich geschminktes Gesicht, aber gute Augen +leuchteten aus demselben hervor, und ihr Mund: +»wie oft wird er geweint haben,« dachte Joseph. +Er blieb immer artig und höflich bei ihr, als ob +dieses Betragen selbstverständlich gewesen wäre. +Einmal streichelte er ihr die Wangen, und er bemerkte +die Freude, die sie über dieser Bewegung +empfand, sie errötete und ihr Mund zuckte, als ob +sie hätte sagen wollen: »zu spät, mein Freund.« +Sie war früher eine Zeitlang Kellnerin gewesen, +aber was hatte das alles zu bedeuten, da doch der +ganze Anhängezipfel nach ein paar Wochen abgetrennt +<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span>wurde. Der Chef schenkte Joseph zum Abschied +eine Gratifikation, trotz jenes Vorfalles mit +der englischen Geldwährung, und wünschte ihm +Glück in die Kaserne. Jetzt kommt eine Eisenbahnfahrt +durch ein frühlingverzaubertes Land, und dann +weiß man nichts mehr, denn von da an ist man +nur noch eine Nummer, man bekommt eine Uniform, +eine Patronentasche, ein Seitengewehr, eine regelrechte +Flinte, ein Käppi und schwere Marschschuhe. +Man ist nichts mehr Eigenes, man ist ein Stück Gehorsam +und ein Stück Übung. Man schläft, ißt, +turnt, schießt, marschiert und gestattet sich Ruhepausen, +aber in vorgeschriebener Weise. Selbst die +Empfindungen werden scharf überwacht. Die Knochen +wollen anfänglich brechen, aber nach und nach +stählt sich der Körper, die biegsamen Kniescheiben +werden zu eisernen Scharnieren, der Kopf wird frei +von Gedanken, die Arme und Hände gewöhnen +sich an das Gewehr, das den Soldaten und Rekruten +überall hin begleitet. Im Traum hört Joseph +Kommandoworte und das Knattern der Schüsse. +Acht Wochen lang dauert das so, es ist keine Ewigkeit, +aber bisweilen scheint es ihm eine.</p> + +<p>Doch was soll das alles, da er doch jetzt in +Herrn Toblers Hause lebt.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span> +Zwei oder drei Tage sind noch keine gar so +sehr lange Zeit. Dieser Zeitraum genügt nicht einmal, +um sich in einem Zimmer ganz zurechtzufinden, +wie viel weniger in einem immerhin stattlichen Haus. +Joseph war ja ohnehin schwer von Begriff, wenigstens +bildete er sich das ein, und Einbildungen sind +nie gänzlich ohne grundlegende Berechtigung. Das +Toblersche Haus war überdies noch zweiteilig, es bestund +aus einem Wohnhaus sowohl wie aus einem +Geschäftshaus, und Josephs Pflicht und Schuldigkeit +war, beide Sorten Häuser ergründen zu lernen. +Wo Familie und Geschäft so nah beieinander sind, +daß sie sich, man möchte sagen, körperlich berühren, +kann man das eine nicht gründlich kennen lernen +und zugleich das andere übersehen. Die Obliegenheiten +eines Angestellten liegen in solch einem Haus +weder ausdrücklich da noch ausdrücklich dort, sondern +überall. Auch die Stunden der Pflichterfüllung +sind keine exakt begrenzten, sondern erstrecken sich +manchmal bis tief in die Nacht hinein, um bisweilen +plötzlich mitten am Tag für eine Zeitlang aufzuhören. +Wer das Vergnügen haben darf, nachmittags +draußen im Gartenhaus in Gesellschaft einer gewiß +gar nicht üblen Frau Kaffee zu trinken, muß nicht +böse werden, wenn er abends nach acht Uhr rasch +noch irgend eine dringende Arbeit erledigen soll. +<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span>Wer so schön zu Mittag ißt, wie Joseph, muß dies +durch verdoppelte Leistungen wieder gut zu machen +suchen. Wer Stumpen rauchen darf während der +Geschäftsstunden, der darf nicht brummen, wenn ihn +die Herrin des Hauses um einen häuslichen oder +familiären Dienst kurz ersucht, auch wenn der Ton, +womit dieses Gesuch ausgesprochen wird, eher ein +befehlshaberischer als ein schüchtern bittender sein +sollte. Wer hat alles Annehmliche und Schmeichelnde +immer zusammen? Wer wird so anmaßend der +Welt gegenüber sein, von ihr nur Kissen zum Daraufruhen +zu verlangen, ohne zu bedenken, daß die +samtenen und seidenen, mit feinem Flaum gefüllten +und gestopften Kissen Geld kosten? Aber Joseph +denkt gar nicht so. Man muß bedenken, daß Joseph +nie viel Geld auf einmal besessen hat.</p> + +<p>Frau Tobler fand an ihm etwas Seltsames, +sozusagen Unalltägliches, ohne ihn aber auch nur +im geringsten gut zu beurteilen. Sie fand ihn ziemlich +lächerlich in seinem dunkelgrün gefärbten, abgetragenen +und erbleichten Anzug, aber auch in +seinem Benehmen wollte sie etwas Komisches entdeckt +wissen, worin sie in gewisser Beziehung recht +hatte. Komisch war sein undezidiertes Auftreten, +sein augenscheinlicher Mangel an Selbstbewußtheit, +und komisch waren auch seine Manieren. Hinwiederum +<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span>muß bemerkt werden, daß Frau Tobler, +eine Bürgersfrau von echtester Abstammung, sehr +leicht geneigt war, vieles komisch zu finden, was +auch nur ein ganz klein wenig ihre Anschauungsweise +fremd berühren konnte. Wenn das aber so +ist, so wollen wir uns weiter nicht darüber aufregen, +daß eine solche Frau einen solchen jungen +Menschen komisch fand, sondern berichten, was sie +zusammen redeten. Versetzen wir uns wieder in +das Gartenhäuschen und in die Fünf-Uhr-Abend-Stunde.</p> + +<p>»Es ist doch ein prächtiger Tag heute,« sagte +Frau Tobler.</p> + +<p>O ja, es sei wirklich herrlich, sagte seinerseits +der Gehülfe. Er drehte sich, am Tisch sitzend, halb +um, und schaute in die bläuliche Ferne. Der See +war ganz blaßblau. Ein Dampfschiff mit klingender +Musik fuhr gerade vorüber. Man konnte die wehenden +Tücher unterscheiden, die dort unten von +den Vergnügungsreisenden geschwenkt wurden. Der +Rauch des Dampfschiffes flog nach hinten und wurde +von der Luft eingesogen. Die Berge am andern +Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schöne +Tag über den See verbreitete, kaum zu sehen. Sie +schienen aus Seide gewoben zu sein. Ja, die ganze +runde Aussicht war blau, selbst das nahe Grün +<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span>und das Rot der Dächer sahen sich bläulich an. +Man hörte ein einziges Gesumme, wie wenn die +ganze Luft, der ganze durchsichtige Raum leise gesungen +hätten. Auch das Summen und Surren +hörte und sah sich blau an, beinahe! Wie schmeckte +wieder einmal der Kaffee. »Warum denke ich an +zu Hause, an die Kindheit, wenn ich diesen sonderbaren +Kaffee trinke?« dachte Joseph.</p> + +<p>Die Frau fing an, von der letztjährigen Sommerfrische +am Vierwaldstädtersee zu reden. Dieses +Jahr gebe es, sagte sie, leider nichts aus so etwas. +Keinen Gedanken! Und dann sei es ja hier wirklich +auch ganz schön. Man brauche eigentlich gar +keine Sommerfrische mehr, wenn man so wohnen +könne, wie sie. Im Grunde genommen sei man +fast immer sehr unbescheiden, man habe stets Wünsche, +und das sei ja auch ganz natürlich – Joseph nickte – +aber zuweilen ähnele es einer wirklichen Arroganz.</p> + +<p>Sie lachte. »Wie seltsam sie lacht,« dachte der +Untergebene und fuhr fort zu denken: »An diesem +Lachen könnte einer, der sich darauf versteifen wollte, +Geographie studieren. Es bezeichnet genau die Gegend, +wo diese Frau her ist. Es ist ein behindertes +Lachen, es kommt nicht ganz natürlich zum Mund +heraus, als wäre es früher durch eine allzupeinliche +Erziehung stets etwas im Zaum gehalten worden. +<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span>Aber es ist schön und fraulich, ja, es ist sogar ein +bißchen frivol. Nur hochanständige Frauen dürfen +so lachen.«</p> + +<p>Inzwischen hatte die Frau längst weitergesprochen, +und zwar von jener geradezu ideal schönen +und traulichen Sommerfrische. Ein junger Amerikaner +habe sie jeden Tag in der Gondel auf den +See hinausgerudert. Das sei noch ein Kavalier +gewesen. Und dann war es doch für eine verheiratete +Frau, wie sie eine sei, reizvoll und neu, einmal +ein paar Wochen ganz allein sein zu können +und dazu noch in solch einer schönen Gegend. Ohne +Mann und ohne die Kinder. Man brauche dabei +noch lange nicht an was Unfeines zu denken. Man +tue den ganzen Tag nichts, esse köstlich und liege +da so im Schatten, unter solch einem herrlichen, +breitästigen Kastanienbaum, wie dort, wo sie das +letzte Jahr gewesen sei, einer war. Solch ein Baum. +Immer wieder sähe sie ihn und sich selbst drunter. +Sie habe auch ein kleines, weißes Hündchen gehabt, +sie habe es immer zu sich ins Bett genommen. +So ein feines, sauberes Geschöpfchen. Nun, dieses +Tier habe sie in dem reizenden Gefühl, das ihr +vorgegaukelt habe, sie sei eine Dame, eine wirkliche +Dame, noch bestärkt. Später habe sie es weggeben +müssen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span> +»Ich muß an die Geschäfte gehen,« sprach Joseph +und erhob sich.</p> + +<p>Ob er so fleißig sei?</p> + +<p>»Nun, man tut, was man für seine Pflicht +hält.« Mit diesen Worten entfernte er sich. Im +Bureau trat ihm eine unsichtbar-sichtbare Erscheinung +entgegen: die Reklame-Uhr. Er setzte sich an den +Schreibtisch und fing an zu korrespondieren. Der +Briefbote kam, um eine Nachnahme zu präsentieren, +es war ein geringer Betrag, Joseph bezahlte aus +seiner Privattasche. Dann schrieb er ein paar Briefe +im Interesse der Reklame-Uhr. Was man für so +eine Uhr nicht alles aufwenden mußte!</p> + +<p>»Sie ist wie ein kleines oder großes Kind, +solch eine Uhr,« dachte der Angestellte, »wie ein +eigensinniges Kind, das der beständigen, aufopfernden +Pflege bedarf, und das nicht einmal dankt dafür. +Gedeiht denn eigentlich dieses Unternehmen, +wächst dieses Kind? Man merkt wenig davon. +Ein Erfinder liebt seine Erfindungen. Diese kostspielige +Uhr ist Tobler beinahe ans Herz gewachsen. +Was aber denken andere Leute von dieser Idee? +Eine Idee muß hinreißen, muß überwältigen, sonst +ist es eine schwere Sache, sie zu praktizieren. Was +mich selber betrifft, so glaube ich fest an die Möglichkeit +einer Realisierung derselben, und ich glaube +<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span>deshalb daran, weil es meine Pflicht ist, weil ich +dafür bezahlt werde. Zwar, wie steht es denn nun +mit meinem Gehalt?«</p> + +<p>Es war in diesem Punkt tatsächlich noch nichts +abgemacht worden.</p> + +<p>Bis zum Sonntag verlief alles ruhig. Was +hätte passieren sollen? Joseph war folgsam und bemühte +sich, ein heiteres Gesicht an den Tag zu legen. +Aber warum hätte er besonders mißmutig sein sollen, +wo ja doch vorläufig nur Ursache zur Zufriedenheit +für ihn vorhanden war. Im Militärdienst ist er +auch nicht verzärtelt worden. In das Wesen der +Reklame-Uhr drang er immer tiefer ein und glaubte +bereits, sie vollständig erfaßt zu haben. Was hatte +es zu bedeuten, daß zwei Wechsel zu je vierhundert +Mark nicht bezahlt wurden. Man schob den Verfalltag +dieser Billetts einfach auf einen Monat hinaus, +es war sogar riesig nett für Joseph, an den +Aussteller der Akzepte schreiben zu dürfen: »Bitte, +haben Sie noch Geduld. Die Finanzierung meiner +Patente läßt nur noch kurze Zeit auf sich warten. +Bis dahin wird es mir möglich geworden sein, die +fälligen Verpflichtungen prompt einzulösen«.</p> + +<p>Er hatte mehrere solcher Briefe zu schreiben, +und er freute sich über die Leichtigkeit, mit der er +den gesamten kaufmännischen Stil beherrschte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span> +Das Dorf hatte er bereits halb durchstöbert. +Zur Post zu gehen war ihm jedesmal ein großes +Vergnügen. Es gab zwei Wege, einen dem See +entlang, auf der breiten Landstraße, und einen +über den Hügel, an Obstbäumen und Bauernhäusern +vorbei. Er wählte fast immer den letztern. +Ihm schien das alles sehr einfach.</p> + +<p>Am Sonntag erhielt er von Tobler eine gute, +deutsche Zigarre nebst fünf Mark Taschengeld, damit +er sich hie und da »etwas leisten könne«.</p> + +<p>Das Haus lag so schön da in dem hellen +Sonnenschein. Es schien Joseph ein wahres Sonntagshaus +zu sein. Er ging den Garten hinunter, +die Badehose in der Hand schwenkend, an den See, +zog sich in einer verfallenen Badehütte, durch deren +Bretterritzen die Sonne hineinleuchtete, behaglich +aus und warf sich nachher ins Wasser. Er schwamm +weit hinaus, es war ihm so wohl zumute. Welchem +Badenden und Schwimmenden, wenn er nicht gerade +am Ertrinken ist, ist es nicht wohl zumut? Es +kam ihm vor, als wölbe und runde sich die heitere, +warme, glatte Seeoberfläche. Das Wasser war +frisch und lau zugleich. Vielleicht strich ein leiser +Windzug darüber her, oder irgend ein Vogel flog +über seinem Kopf, hoch in der Luft, daher. Einmal +kam er einem kleinen Boot nahe, ein einzelner +<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span>Mann saß drin, ein Fischer, der friedlich den Sonntag +verangelte und verschaukelte. Welche Weichheit, +welche schimmernde Helle. Und mit den nackten +empfindungsvollen Armen macht man Schnitte in +dieses nasse, saubere, gütige Element. Jeder Stoß +mit den Beinen bringt einen ein Stück vorwärts +in diesem schönen, tiefen Nassen. Von unten her +wird man von warmen und kühlen Strömen gehoben. +Den Kopf taucht man, um den Übermut +in der Brust zu bewässern, auf kurze Zeit, den +Atem und den Mund und die Augen zudrückend, +hinab, um am ganzen Leib dieses Entzückende zu +spüren. Schwimmend möchte man schreien, oder +nur rufen, oder nur lachen, oder nur etwas sagen, +und man tut's auch. Und dann von den Ufern her, +diese Geräusche und hohen, fernen Formen. Diese +wundervollen hellen Farben an solch einem Sonntagsmorgen. +Man plätschert mit den Händen und +Füßen, steht im Wasser schwebend und trapezturnend, +möchte man sagen, aufrecht, immer dazu die Arme +bewegend. Und es gibt da kein Untersinken. Nun +preßt man noch einmal die Augen geschlossen in +das flüssige, grüne, feste Unergründliche hinab und +schwimmt ans Land. –</p> + +<p>Wie herrlich das war!</p> + +<p>Zum Mittagessen hatten sich Gäste eingefunden.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span> +Dieses mit den Gästen ist Folgendes: Josephs +Vorgänger im Amt war ein gewisser Wirsich gewesen. +Diesen Wirsich hatten die Toblers sehr lieb +gewonnen. Sie erkannten in ihm einen anhänglichen +Menschen und schätzten seine Tüchtigkeit hoch. +Er war ein exakter Mensch, aber er war es nur +in der Nüchternheit. Solange er nüchtern war, +verfügte er über fast alle, ja man darf sagen, alle +Angestelltentugenden. Er war über die Maßen +ordnungsliebend, er besaß Kenntnisse sowohl auf +kaufmännischem wie auf dem juristischen Gebiet, er +war fleißig und energisch. Seinen Chef wußte er +zu jeder Zeit und in beinahe allen vorkommenden +Fällen in vertrauenerweckender und überzeugender +Weise zu vertreten. Zudem hatte er eine saubere +Handschrift. Hell von Verstand und mit lebhaftem +Interesse begabt war es diesem Wirsich ein Leichtes +gewesen, die Geschäfte seines Brotherrn zu dessen +vollkommener Zufriedenheit ganz selbständig zu +führen. In der Führung der Bücher war er sogar +mustergültig. Alle diese Eigenschaften nun +konnten zuzeiten mit einem Mal gänzlich verschwimmen, +und zwar in der Trunkenheit. Wirsich +war kein junger Mann mehr, er zählte ungefähr +fünfunddreißig Jahre, und das ist ein Alter, wo +gewisse Leidenschaften, wenn sie der Träger nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span>vorher gelernt hat zu bezwingen, ein schreckliches +Aussehen und eine furchtbare Ausdehnung anzunehmen +pflegen. Der Alkoholgenuß machte jeweils, +das heißt von Zeit zu Zeit aus diesem Menschen +ein wildes, unvernünftiges Tier, mit dem begreiflicherweise +nichts anzufangen war. Mehrfach wies +ihm Herr Tobler auch die Tür und befahl ihm, +seine Sachen zu packen und sich nie wieder blicken +zu lassen. Wirsich ging dann auch, fluchend und +Beleidigungen ausstoßend, zum Haus hinaus, kehrte +aber jeweils, sobald er wieder er selber geworden +war, mit einem zerknirschten Armesündergesicht zu +der Schwelle zurück, die nie wieder zu betreten er +ein paar Tage vorher im Unfug und Wahnsinn +seiner Betrunkenheit heftig geschworen hatte. Und +Wunder: Tobler behielt ihn immer wieder. Er hielt +ihm bei solcher Gelegenheit je eine gesalzene Strafpredigt, +wie man sie auch ungezogenen Kindern +gegenüber anwendet, sagte ihm aber dann, er könne +dableiben, man wolle über das Vergangene einen +Schleier werfen und es nochmals mit ihm probieren. +Das geschah vier oder fünf Male. Wirsich hatte +etwas Unwiderstehliches an sich. Dies trat besonders +hervor, wenn er den Mund zu einer Bitte +oder Abbitte auftat. Er erschien in diesem Fall so +vollkommen reuig und unglücklich, daß es den +<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span>Toblers warm und heiß wurde und sie ihm <ins title="verzeihten">verziehen</ins>, +ohne daß sie sich Rechenschaft gaben, warum +eigentlich. Dazu kam noch der sonderbare, wie es +schien, tiefgehende Eindruck, den es Wirsich verstand +auf die Personen weiblichen Geschlechtes zu machen. +Es ist als ziemlich sicher anzunehmen, daß auch +Frau Tobler diesem fremdartigen Zauber, diesem +Unerklärlichen, nicht widerstand. Sie respektierte +ihn, solange er ruhig und vernünftig blieb, und +mit dem Rohling und Wüstling hatte sie ein ihr +selber ganz unerklärbares Mitleiden. Schon sein +Äußeres war ja wie für das Urteil der Frauen +geschaffen. Seine scharfen, männlichen Gesichtszüge, +in der Schärfe und Sicherheit durch eine blasse +Hautfarbe noch unterstützt, sein schwarzes Haar, +seine tiefliegenden, großen, dunklen Augen gefielen +ebenso unwillkürlich wie eine gewisse Trockenheit, +die seinem ganzen sonstigen Auftreten und Wesen +anhaftete. Eine solche Hausbackenheit macht in der +Regel den Eindruck der Herzensgüte und der Charakterfestigkeit, +zwei Erscheinungen, denen keine +fühlende Frau widersteht.</p> + +<p>Und so kam es, daß Wirsich immer wieder von +neuem angenommen wurde. Was eine Frau beim +Mittagstisch zu ihrem Mann in leichtem, lachendem, +reichem Ton sagt, bleibt nie gänzlich ohne Einfluß, +<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span>hier um so weniger als ja Tobler selber »diesen +unglückseligen Menschen immer gern hatte leiden +mögen«. Die Mutter des Wirsich kam regelmäßig +bei Anlaß einer Wiederanstellung ihres Sohnes +in die Villa hinauf, um für denselben zu danken. +Auch sie mochte man gern leiden. Übrigens sind +einem ja die Menschen, die man Macht und Einfluß +hat fühlen lassen, immer lieb. Die Wohlhabenheit +und Gutbürgerlichkeit demütigt gern, nein, +vielleicht das nicht gerade, aber sie schaut doch ganz +gern auf Gedemütigte hernieder, was eine Empfindung +ist, der man eine gewisse Gutmütigkeit, aber +auch eine gewisse Roheit nicht absprechen kann.</p> + +<p>Eines Nachts nun trieb es Wirsich doch zu bunt. +Er kam aus der an der Landstraße gelegenen, stark +von allerhand vagabundierendem Volk, darunter +unsaubern Weibern, frequentierten Wirtsstube zur +»Rose« vollständig berauscht, schreiend und tobend, +nach Hause und begehrte Einlaß. Da man ihm +diesen verweigerte, zertrümmerte er mit Hilfe eines +Hackenstockes, den er bei sich trug, die Haustürscheibe +und dann das Gitter derselben, soweit ihm das +gelang. Auch drohte er mit fürchterlicher und unkenntlicher +Stimme mit »Anzünden des ganzen +Nestes«, wie er sich in der Wildheit und Zerstörtheit +seines Kopfes ausdrückte, brüllte, daß ihn nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span>nur die Nachbarschaft, sondern auch die weiter in +der Umgegend wohnenden Leute hören mußten, +und gefiel sich in schmählichen Verwünschungen gegen +seine Wohltäter. Schon hatte er, von den Körperkräften +aller Besinnungslosen und Unempfindlichen +unterstützt, beinahe die Türe eingeworfen, das Schloß +und der Riegel wackelten schon bedenklich, als Herr +Tobler, der, wie es schien, endlich die Geduld verloren +hatte, die Türe von innen her aufriß und +über den Trunkenbold mit einem Hagel von Stockschlägen +herfiel, der denselben zu Boden auf den +Kies warf. Auf den nicht zu mißverstehenden +Befehl Toblers, sich sofort vom Platz wegzubegeben, +da sonst weitere und ähnliche Hiebe seiner harren +würden, erhob sich Wirsich auf allen Vieren, um +aus dem Garten zu rutschen. Einige Male fiel +die Gestalt des Säufers, vom Mond beleuchtet, so +daß die Obenstehenden jede seiner ungeheuerlichen +Bewegungen verfolgen konnten, wieder an die Erde, +stund wieder auf und warf sich endlich, einem +plumpen Bären ähnlich, vollends zum Garten an +die Landstraße hinaus, worauf sie sich gänzlich +verlor.</p> + +<p>Zwei Wochen nach diesem nächtlichen Vorfall +hielt Tobler ein umfangreiches Entschuldigungsschreiben +Wirsichs in der Hand, worin der Übeltäter +<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span>in scheinbar geradezu klassischem Stil Besserung versprach +und bat, Herr Tobler möchte ihn doch noch +ein einziges Mal anstellen, da sich Wirsich sonst +der bittersten Not preisgegeben sähe. Beide, er sowohl +als seine alte Mutter, bäten inständig um +eine nochmalige, wenn auch letzte Zuwendung der +alten, wohltuenden Gunst, die er, er bekenne es +schmerzhaft und aufrichtig, nun schon so oft verscherzt +habe. Wirsich, hieß es in dem Schreiben zum Schluß, +sehne sich so sehr nach dem Haus, nach der ganzen +ihm lieb und wert gewordenen Familie, nach der +Stätte der früheren Wirksamkeit zurück, daß er sich +sagen müsse, entweder er dürfe auf eine Neubelebung +all dieser Dinge hoffen und darüber froh +sein, oder der Riegel sei ihm ein für allemal zugeschoben +und für ihn bleibe nur noch die Verzweiflung, +die Reue, die Scham und die Bitternis +übrig.</p> + +<p>Es war indessen zu spät. Der Riegel war in +der Tat schon vorgeschoben, es war schon ein Ersatz +im Haus. Gleich am nächsten Morgen nach jener +wüsten Nachtszene hatte sich Tobler nach der Hauptstadt +in das Bureau für Stellenvermittlung begeben +und hatte dort Joseph verpflichtet. Das obige +Schreiben gelangte an demselben Tage wie Joseph +ins Toblersche Haus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span> +Die sonntäglichen Gäste aber waren niemand +anders als Wirsich und seine Mutter.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Von der Bewegung des Badens erfrischt begrüßte +Joseph seinen Vorgänger herzlich. Vor der +alten Frau machte er eine leichte Verbeugung. Er +sah wohl auf den ersten Blick, daß die Stimmung +am Mittagstisch eine ziemlich gedrückte war. Man +sprach wenig, und das Wenige der Unterhaltung +war allgemeiner Natur. Etwas Klägliches, Zimperliches +hatte sich rund um das weiße Tischtuch und +um die dampfenden und duftenden Speisen und +um die Menschengesichter herum breit gemacht. Herr +Tobler machte »seine größten Augen«, im übrigen +war er fröhlich und freundlich und ermunterte seine +Gäste in wohlwollend-herablassendem Ton, zuzugreifen. +Jedes Essen schmeckt nach jedem Baden, +auch im Freien, unter solch einem blauen Himmel, +will fast jedes Essen schmecken, dieses heutige Essen +aber fand Joseph geradezu herrlich, so einfach es +auch war. Auch den andern schien es zu munden, +nicht zum mindesten der alten Frau Wirsich, die +sich heute mit einem Schein von feinerem Weltgebaren +umgeben hatte. Wo mochte diese ärmliche +Dame sonst wohnen, und wie? In welchen +Zimmern und in was für Umgebungen? Wie dürftig +<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span>und mager sie aussah! Gleichsam sparsam oder +gespart oder spärlich sah sie aus, besonders neben +dieser üppigen, bürgerlichen, in Fülle und Wärme +geborenen und erzogenen Frau Tobler. Frau Wirsich +und Frau Tobler. Ja, das waren, wenn es +in der Welt irgendwie Differenzen gab, Unterschiede +vom klarsten, reinsten Wasser.</p> + +<p>Immer ein bißchen hochmütig sieht Frau Tobler +aus, aber wie gut steht zu den Linien ihres Gesichtes +und Körpers diese beständige, zarte Spur +von Hochmut. So etwas will man von ihrer Figur +gar nicht wegwünschen, denn es gehört ganz einfach +dazu, wie der tönende, unaussprechliche Zauber zu +einem Volkslied. Dieses Lied klingt fein und in +den allerhöchsten Tönen, Frau Wirsich verstand und +empfand es gar wohl. Wie kläglich das eine Lied +ertönte und wie voll das andere. Herr Tobler +schenkte Rotwein ein. Er wollte auch Wirsich einschenken, +aber die Mutter verdeckte rasch das Glas +ihres Sohnes mit der alten, verknöcherten Hand.</p> + +<p>»Ah bah, warum denn jetzt nicht? Er muß +doch auch etwas trinken,« rief Tobler.</p> + +<p>Da stürzten plötzlich Tränen in die Augen der +alten Frau. Alle sahen es und erbebten. Wirsich +wollte seiner Mutter irgend etwas zuflüstern, aber +eine steife, steinerne Macht, deren er sich nicht zu +<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span>erwehren vermochte, lähmte ihm den Gebrauch der +Zunge. Er saß da wie ein Stockfisch und schaute +auf sein eigenes, zaghaftes Essen hinab. Frau Wirsich +hatte die Hand zurückgenommen, gleichsam erklärend, +es sei ihr nun gezwungenermaßen ganz +gleichgültig, ob jetzt ihr Sohn trinke oder nicht. +Ihre Bewegung sagte: Ja, schenkt ihm nur ein. +Es ist ja doch alles verloren! Wirsich nippte ein +wenig an dem Glas, er schien eine unwiderstehliche +Scheu zu haben vor dem Genuß des Dinges, das +ihn von einer in der Tat für ihn gemütlichen Weltposition +herabgestürzt hatte.</p> + +<p>O Frau Wirsich, deine verweinten Augen trüben +ja ganz deine paar angenommenen, glänzenden Weltmanieren. +Wie hattest du dir vorgenommen, dich fein +zu bewegen, und wie hat dich nun dein Gram überwältigt. +Deine alten Hände, die wie Stirnen durchfurcht +sind, zittern recht sehr. Was spricht dein +Mund? Nichts? Ei, Mutter Wirsich, man muß +sprechen in guter Gesellschaft. Sieh, sieh, wie dich +eine gewisse andere Dame anschaut.</p> + +<p>Frau Tobler schaute Frau Wirsich mit besorgten, +aber kalten Augen leicht von der Seite her an, +indem sie zugleich die Locken ihres jüngsten Kindes, +das neben ihr saß, streichelte. Eine wirklich wohlhabende +Frau! Von der einen Seite strahlte die +<span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span>kindliche Zärtlichkeit und Zutulichkeit zu ihr hinauf, +und die andere Seite erfüllte das Weh einer menschlichen +Schwester. Beides, sowohl das Liebliche wie +das Traurige, schmeichelte der Frau. Sie sagte leise +etwas Tröstliches zu Frau Wirsich, worüber diese +nur abwehrend aber demutvoll den Kopf schüttelte. +Man hatte jetzt gespeist. Herr Tobler reichte sein +Zigarrenetui herum, die Herren rauchten. Diese +Sonne, diese wundervolle Berg- und See- und +Wiesenumgebung. Und dann diese schmale, vorsichtübende +Unterhaltung von diesem Häuflein Menschen. +Ja, man muß schonen, andere sind auch +Menschen! Der Gesichtsausdruck der Herrin des +Hauses sagte das lebhaft. Aber gerade dieses +stumme Zuverstehengeben, daß man schonen wolle, +war schonungslos. Es war vernichtend.</p> + +<p>Die beiden Frauen sprachen dann über die +Kinder Tobler; sie schienen beide erfreut zu sein, +einen, jeglichen Ton der Verletzung entfernenden, +Gesprächsstoff gefunden zu haben. Auch fand sich +das ganz von selber. Man vergaß sich eben ein +bißchen. Von Zeit zu Zeit ruhte das Auge der +alten Frau auf Josephs Gestalt, Gesicht und Benehmen, +wie um die Vorzüge und Schwächen +desselben herauszustudieren und sie in Gedanken +mit der Sohnes-Erscheinung zu vergleichen. Die +<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span>Knaben sprangen bald von ihren Plätzen weg und +spielten im Garten, die Mädchen folgten ihnen, so +daß die erwachsenen Herrschaften allein am Tisch +sitzen blieben. Inzwischen kam die Magd mit einem +hölzernen Tablett in der Hand, um den Tisch abzuräumen. +Man erhob sich. Tobler trug Joseph +auf, »die Glaskugel hinaus zu tragen«, letzterer +schickte sich an, den Befehl auszuführen. Die Glaskugel +war der Stolz der ganzen Villa Tobler.</p> + +<p>Sie hing an kleinen Ketten und Angeln in +einem zierlichen, eisernen Gestell, und war verschiedenfarbig, +so daß sich die umliegenden Weltbilder +in runder, gleichsam aufeinandergetürmter +Perspektive grün, blau, braun, gelb und rot darin +abspiegelten. Sie war ungefähr so groß wie ein +überlebensgroßer Menschenkopf, aber zusammen mit +dem Fußgestell wog sie sicherlich ihre achtzig oder +neunzig Pfund und war schwer zu tragen. Bei +Regenwetter durfte sie nie draußen im Freien stehen +bleiben. Man trug sie immer hinaus und hinein, +hinein und hinaus. Wurde sie einmal naß, so +schimpfte Herr Tobler sehr heftig. Die nasse Kugel +tat ihm direkt weh, wie es denn Menschen gibt, +die mit gewissen, toten Besitztümern wie mit etwas +durchaus Lebendigem umgehen und umgegangen +wissen wollen. Joseph sprang daher sehr rasch nach +<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span>der schönen, farbigen Glaskugel, weil er die Vorliebe +Toblers zu derselben bereits Gelegenheit gehabt +hatte kennen zu lernen.</p> + +<p>Nachdem er den Wunsch und die Schönwetterlaune +und -Freude seines Meisters erfüllt hatte, +entwischte er flink den Augen der Übrigen, trieb +sich die Treppen empor und verschwand in sein +Turmgemach. Wie ruhig und still es hier oben +war. Hier fühlte er sich befreit, von was, das +wußte er eigentlich gar nicht einmal. Aber es genügte, +dieses Gefühl zu haben; die wahre Ursache +sei, dachte er, ja sicherlich irgendwie und wo versteckt +da, aber was bekümmerten ihn jetzt Ursachen. Etwas +Goldenes schien um ihn herum zu schweben. Er besah +sich einen Moment lang im Spiegel: O er sah +noch ganz jung aus, gar nicht so wie Wirsich. Er +mußte unwillkürlich lachen. Es trieb ihn, die Photographie +seiner verstorbenen Mutter zur Hand zu +nehmen. Sie stand da so auf dem Tische. Warum +sie also nicht nehmen und betrachten? Er schaute +sie ziemlich lange, wie ihn deuchte, an, und legte +sie dann wieder an ihren Platz zurück. Dann zog +er ein anderes, jüngeres Bild aus der Tasche seines +Rockes, es war das Porträt einer Tanzschülerin, +eines Mädchens, das er »in der Großstadt« kennen +gelernt hatte. Diese ganze, ferne, menschenerfüllte +<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span>Großstadt. Dieses belebte, hohe Bild, wie entschwunden +schien es ihm, wie lang schon entschwunden. +Er mußte in diesen Gedanken hinein wieder +unwillkürlich lachen. Er machte gewichtige Schritte +im Zimmer auf und ab, rauchend natürlich. Ob +es denn eigentlich durchaus immer nötig sei, so +einen Stengel im Mund zu tragen? Wie herrlich +die frische Berg- und Seeluft durch seine erhöhten +vier Wände strich. Und hier hatte Wirsich gehaust? +Der Mann mit dem Leidensantlitz? Joseph bog +seinen atmenden Kopf zum Fenster hinaus, an die +sonntägliche und mittägliche Welt-Freiheit. Und ich +habe fünf Mark Taschengeld, und kann den Kopf +zu solch einem fürstlich gebauten und gelegenen +Fenster hinausstrecken? –</p> + +<p>Unten im Bureau ging es indessen mehr gedämpft +als fürstlich zu. Der Ton, in dem Herr +Tobler und sein ehemaliger Angestellter, Herr Wirsich, +sich dort unterhielten, war ein sehr, sehr gedämpfter, +ja, beinahe ein dumpfer.</p> + +<p>»Das müssen Sie selbst zugeben,« sagte Tobler, +»daß von einer Wiederaufnahme unserer früheren, +gegenseitigen Beziehungen vorläufig die Rede nicht +mehr sein kann. Den Bruch haben Sie herbeigeführt, +nicht ich, ich würde Sie gerne behalten haben. +Nichts veranlaßt mich, den Marti wegzuschicken, er +<span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span>macht seine Sache auch ganz ordentlich. Es tut +mir leid, Wirsich, glauben Sie mir das nur, aber +Sie sind selbst schuld. Es hat Ihnen niemand befohlen, +mich, Ihren Brotherrn, wie einen dummen +Jungen zu behandeln. Machen Sie nun alles +Weitere mit sich selber ab. Was ich anstandshalber +tun kann, Ihnen zu einem anderweitigen Posten +zu verhelfen, will ich gern tun. Hier ist noch eine +Zigarre. Da. Nehmen Sie.«</p> + +<p>Ob sich denn wirklich jetzt nichts mehr ändern +ließe?</p> + +<p>»Nein, nein, jetzt nicht mehr. Entsinnen Sie +sich übrigens nur, was Sie mir in jener saubern +Nacht zugebrüllt haben, und Sie werden begreifen, +daß es zwischen uns keine Anknüpfungen mehr geben +kann.«</p> + +<p>»Aber Herr Tobler, das war doch alles die +Trunkenheit, nicht ich selber.«</p> + +<p>»Ach was Trunkenheit und nicht Sie selber! +Das ist es ja gerade. Ich habe zu fünf oder sechs +oder mehr Malen gedacht: Das ist nicht er selber! +Freilich sind Sie das alles selber gewesen. Der +Mensch besteht nicht aus zweierlei Dingen, sonst +wäre wahrhaftig das ganze Erdenleben eine zu bequemliche +Sache. Wenn da jeder kommen könnte +mit: ›das bin nicht ich selber gewesen‹, wenn er +<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span>einen Bock geschossen hat, was würden dann noch +Ordnung und Unordnung zu bedeuten haben? +Nein, nein, man sei in Gottesnamen der, der man +ist. Ich habe Sie auf zweierlei Art kennen gelernt. +Glauben Sie, die Welt sei verpflichtet, Sie als ein +Kind, als ein Schoßhündchen zu betrachten? Sie +sind ein erwachsener Mann, und man verlangt von +Ihnen, daß Sie wissen, was man zu tun hat. Mit +verborgenen Leidenschaften, oder wie die Dinger +heißen mögen, von denen die Philosophen reden, +sehe ich mich nicht zu rechnen genötigt. Ich bin +Geschäftsmann und Familienvater und muß mich +verpflichtet fühlen, der Torheit und dem Unanstand +den Eingang in mein Haus zu verbieten. Sie +waren so weit immer fleißig, warum sind Sie mir +mit Unflätigkeiten gekommen? Sie würden mich +ja auslachen. Einfach auslachen würden Sie mich, +und hätten auch ein Recht dazu, wenn ich dumm +genug wäre, Sie wieder anzunehmen. Ich habe +Ihnen meine Meinung jetzt gesagt, lassen Sie uns +Schluß machen.«</p> + +<p>»Es ist also aus zwischen uns?«</p> + +<p>»Vorläufig, ja!«</p> + +<p>Mit diesem Wort trat Tobler zur Bureautüre +hinaus, ging in den Garten, wo er seiner Frau +einen bedeutenden Blick zuwarf, und stellte sich +<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span>dann neben seiner geliebten Glaskugel auf. Die +Zigarre zwischen den Zähnen schaute er abwärts +sein Besitztum behaglich an und ergab auf diese +Weise unbewußt das vollendete Bild herrschaftlicher +Mittagsruhe.</p> + +<p>Zu Wirsich, der noch immer im Bureau unbeweglich +festwurzelte, da, wo er zufällig stehen geblieben +war, kam unversehens Joseph hinein. Beide +maßen sich einen Moment mit den offenen Augen. +Danach aber hielten sie es für am passendsten, sich +über die Fortentwicklung der Toblerschen technischen +Unternehmungen zu unterhalten, welches Gespräch +aber sehr rasch in ein unausstehliches Stocken und +Brechen geriet, bis es vollständig abbrach. Wirsich +bemühte sich, den oberhalb über den Tatsachen +Stehenden zu spielen und erteilte seinem Nachfolger +allerhand Ratschläge und praktische Winke, die jedoch +nicht besonders lebhaft anschlugen.</p> + +<p>Und nun nach dem Nachmittagskaffee. Es +hieß jetzt für die beiden Besucher, sich zu entschließen +und Abschied zu nehmen. Da gab man sich denn +die Hände, und nachher sah man, insofern man +oben auf dem Hügel zurückblieb, zwei unsicher +gehende und auftretende Personen längs des brillanten, +auf je einen Meter Abstand mit je einem +vergoldeten Stern gezierten Gartengitters der Landstraße +<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span>zusteuern. Ein wehmütiger Anblick war das. +Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf +aber brach sie über irgend etwas in ein Gelächter +aus, und da war es deutlich zu hören, wie der +Seufzer und das Gelächter ein und dieselbe Klangfarbe, +ein und denselben Ton hatten.</p> + +<p>Joseph stand etwas abseits und dachte: »Da +gehen sie, der Mann und die alte Frau. Man +sieht sie schon nicht mehr, und hier oben sind sie +bereits halb vergessen. Wie rasch vergißt man das +Benehmen und Gebärden und Tun der Menschen. +Da laufen sie nun, was sie können, die staubige +Landstraße entlang, um zur rechten Zeit auf dem +Bahnhof zu sein oder an der Schiffshaltestelle. Sie +werden beide auf dem langen Weg, zehn Minuten +zu gehen ist lang für zwei Geschlagene und Sorgenvolle, +kaum ein Wort reden, und doch werden sie +reden, eine sehr verständnisvolle Sprache, eine stumme, +eine nur zu wohlverständliche. Das Leid hat +seine ganz eigene Manier zu reden. Und nun lösen +sie die Billetts, oder sie haben sie vielleicht schon, es +gibt ja bekanntlich Retourbilletts, und der Zug braust +heran, und die Armut und die Ungewißheit steigen +zusammen in den Eisenbahnwagen. Die Armut ist +eine alte Frau mit verknöcherten, begehrlichen Händen. +Sie hat heute versucht, bei Tisch Unterhaltung +<span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span>zu machen, wie eine Dame, aber es ist ihr nicht recht +gelungen. Nun fährt sie dahin, an der Seite der +Ungewißheit, in welcher sie, wenn sie recht genau +schaut, ihren eigenen Sohn erkennen muß. Und der +Wagen ist voller vergnüglicher Leute, voller Sonntagsausflügler, +die singen, johlen, plaudern und +lachen. Ein junger Bursch hält sein Mädchen im +Arm, um sie <ins title="einums">ein ums</ins> andere Mal auf den üppigen +Mund zu küssen. Wie furchtbar weh kann die +fremde Freude einer unmutigen Seele tun! Aber +die arme, alte Frau fühlt sich an Hals und Herz +geschnitten. Sie möchte vielleicht jetzt laut um +Hülfe schreien. Weiter geht es. O, dieses ewige +Gerassel der Räder. Die Frau nimmt ihr rötliches +Taschentuch aus der Rocktasche, um die gar zu dummen +und auffälligen Tränen zu verbergen, die stürmisch +aus ihren alten Augen fließen. Wer so alt ist, +wie diese Frau, nein, der sollte nicht mehr weinen +müssen. Aber was kümmern sich die Dinge dieser +sonderbaren Erde um die Gebote der edlen Schicklichkeit? +Die Hämmer fallen ganz blind drauflos, +manchmal auf ein arm' Kind, manchmal, merke dir +das, Frau, auf eine Greisin. Und jetzt sind Mutter +und Sohn an Ort und Stelle und werden aussteigen. +Wie wird es jetzt bei ihnen zu Hause +aussehen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_55">55</a></span> +Er wurde aus seinen Gedanken durch Toblers +wohltönende Stimme aufgeweckt. Was er da so +allein mache? Er solle kommen und ihm helfen, +den Rest Rotwein noch auszutrinken. Ein wenig +später sagte der Hausherr zu ihm:</p> + +<p>»Ja, ja. Der Wirsich ist nun endgültig verabschiedet. +Ich hoffe, daß ein gewisser Anderer +besser zu schätzen weiß, was einer hat, wenn er +hier oben leben darf. Ich brauche wohl nicht zu +sagen, wen ich unter diesem ›gewissen Andern‹ verstehe. +Sie lachen. Ja, lachen Sie meinetwegen. +Das aber sage ich Ihnen im voraus, wenn Sie +irgendwelche Gelüste haben, ich meine, so Sonntags, +was ja auch keinem jungen gesunden Menschen +zu verargen ist, so machen Sie, daß Sie in die +Stadt kommen, dort ist gesorgt für so was, mehr +wie genug. In meinem Hause, haben Sie verstanden, +dulde ich nichts Derartiges. Der Wirsich +hat sich gerade dadurch hier ein für allemal unmöglich +gemacht. Hier muß Anstand herrschen.«</p> + +<p>Dann wurde über Geschäftliches gesprochen.</p> + +<p>Vor allen Dingen, meinte Herr Tobler, müsse +jetzt Geld flüssig gemacht werden, das sei die Hauptsache. +Es komme darauf an, einen Kapitalisten für +die technischen Erfindungen zu gewinnen, womöglich +einen Fabrikherrn, damit mit der Massenanfertigung +<span class="pagenum"><a name="Page_56">56</a></span>der patentierten Artikel gleich begonnen +werden könne. Immerhin, wer nur Geld ins Haus +bringe, der sei ihm willkommen. Seinetwegen +möge es ein Schneidermeister sein, zu verstehen von +der ganzen Sache brauche solch ein Geldgeber gar +nichts, dazu sei er da, er, Tobler.</p> + +<p>»Setzen Sie folgendes Inserat auf.«</p> + +<p>Joseph zog einen Bleistift und ein Notizbuch +aus der Tasche. Es wurde ihm folgendes diktiert:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Für Kapitalisten!</p> + +<p>Ingenieur sucht Anschluß an Kapitalisten zwecks +Finanzierung seiner Patente. Gewinnbringendes, +absolut risikofreies Unternehmen. Offerten unter …</p></div> + +<p>»Und dann können Sie morgen früh, wenn +Sie ins Dorf gehen, ein neues Paket Stumpen +zu fünfhundert Stück nach Hause bringen. Man +muß doch etwas zu rauchen hier haben.«</p> + +<p>Es wurde allmählich Abend.</p> + +<p>Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf, +eine Parketteriebesitzerin und deren Tochter, ein langgewachsenes, +sommersprossiges Mädchen, beide aus +der nächsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und +seiner eigenen fing Tobler ein im ganzen Lande +verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an. Sonst +spielen dieses Spiel nur Männer, aber es wurde +<span class="pagenum"><a name="Page_57">57</a></span>nach und nach auch bei den Frauen Mode, und +zwar bei den sogenannten besseren, nämlich bei +solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, +den Tag über, und das gerade sind ja die Besseren.</p> + +<p>Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin +und die Tochter derselben, spielten ausgezeichnet +Karten, am besten und »schneidigsten« +das Fräulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut. +Wenn das Fräulein einen Trumpf ausspielte, so +kam sie jedesmal in gehörige Aufregung, ganz so, +wie es sich für Spielratzen ziemte, auch klatschte sie +mit ihrer weiblichen Faust wie der älteste und verbohrteste +Spieler auf die Tischplatte und schrie hinwiederum +echt mädchenhaft auf, sobald die Sache +zu ihren Gunsten sich zeigte. Ihre Figur war eckig +und ihr Gesicht recht unschön. Ihre Mutter betrug +sich klug und gesittet. Wie wäre es möglich, eine +ältere gutsituierte Frau zu sein und ein unleidliches +Betragen zu offenbaren?</p> + +<p>Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel, +das er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt +hatte zu lernen, zusah: »es ist interessant, diese drei +Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die +eine tut es gelassen, sie lächelt dabei, das ist die +Älteste. Meine Frau Tobler da aber ist vollständig +weg. Ganz reißt der Zauber des Spiels sie hin. +<span class="pagenum"><a name="Page_58">58</a></span>Ihr Gesicht drückt die echte, leidenschaftliche Spielerlust +aus. Dies verschönt ihr Gesicht gewissermaßen. +Übrigens ist sie die Herrin, und mir steht es in keinerlei +Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist +wie ein aufpassendes Kind dieser Unterhaltung gegenüber. +Aber die dritte, dieses Männerfräulein +da, behüte, ist das eine! Die verdreht die Augen, +während sie setzt und spielt, denkt gewiß Wunder +was für fremde Dinge und hält sich unbedingt für +die Schönste, Beste und Gescheiteste. Nicht auf +zwei Meter Entfernung, in Gedanken, möchte man +der einen Kuß geben. Ein verdorbenes Mädchen. +Sieh da, was für eine spitzige Nase sie hat. Da +erfröre einer bei der kleinsten Berührung. Und in +wie falschen Tonarten sie redet, lacht, sich beklagt +und aufschreit. Ich halte sie für eine schlechte, teuflische +Person, neben ihr aber meine Frau da für +einen Engel.«</p> + +<p>Er würde weiter so räsoniert haben, wenn nicht +Frau Tobler plötzlich auf den Gedanken gekommen +wäre, den sie auch sogleich aussprach, »heute abend +einmal auf dem See Gondel zu fahren.« Es sei +so schön heute abend, und das bißchen Geld, was +es koste, das sei doch gar nicht groß der Rede wert. +Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so +hatte niemand etwas wider den Plan einzuwenden, +<span class="pagenum"><a name="Page_59">59</a></span>nicht einmal Tobler selber, der brummend beistimmte. +Joseph wurde, als ein richtiger Mann für alles, +ins Dorf geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten +Boot längs des Ufers, ohne sich irgendwie aufhalten +zu lassen, denn es müsse jetzt, da es beginne, +Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nähe der +Villa zu fahren. Unten in einer Art Hafen würde +man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich +schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits +verschmähte es, die Partie mitzumachen. Ebenso +konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen, +dagegen beschloß Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen. +Das Fräulein erklärte sich bereit, nicht +nur mitfahren, sondern sogar tüchtig mitrudern zu +wollen, worauf die Hausfrau sich für die Lustfahrt +in Bereitschaft setzen ging.</p> + +<p>Man wartete schon an der Landungsstelle +unterhalb der Villa Tobler auf den breiten Steinplatten +eines alten, außer Gebrauch gestellten Dammes, +als endlich das Schiff, von Joseph gerudert, +anlangte. Alle begannen einzusteigen, Frau Tobler +zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums andere, +reichen konnte. Die beiden Knaben gebärdeten sich +sehr unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr +ihres wilden, unachtsamen Wesens aufmerksam, worauf +sie sich stiller verhielten. Die Mädchen waren +<span class="pagenum"><a name="Page_60">60</a></span>ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Händen +fest an den Rändern des Bootes. Zuletzt +stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das Fahrzeug +an einer rasselnden Kette strammgehalten hatte. +Und dann ging es auf einmal los, Joseph ruderte, +er verstand es ganz gut, aber es ging langsam vorwärts, +doch verlangte niemand, daß es schneller vorwärtsgehen +sollte. Wie kühl auf einmal die Welt +wurde. Frau Tobler sah auf die Kinder, ermahnte +sie, artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu bewegen, +da sonst ein großes Unglück geschähe und +sie alle zusammen ohne Erbarmen ertrinken müßten. +Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen Worte, +hielten sich still, auch die Knaben, denn es war +ihnen jetzt, so mitten draußen in der Nacht und +mitten im murmelnden Wasser, in diesem leise dahingleitenden +Boot doch etwas ängstlich zumute. +Frau Tobler sagte leise, wie schön es sei, hier, und +welch guten Gedanken sie, wie es ihr scheine, gehabt +habe, solches vorzuschlagen. Da genieße man +doch einmal wieder etwas, und ihr Mann würde +besser getan haben, mitzukommen. Aber, setzte sie +hinzu, für so etwas habe er keinen Sinn. – Wie +kühl, wie schön!</p> + +<p>Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend +schwamm im dunkelglitzernden Wasser Leo, +<span class="pagenum"><a name="Page_61">61</a></span>der große Hund, nach. Man rief ihn. Namentlich +riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben +Frau Tobler lag deren seidenes Schirmchen. Ein +befederter Hut schmückte ihren länglich geschnittenen +Kopf. Ihre Hände und Arme waren von langen, +weißen Handschuhen umschlossen. Das Fräulein +schwatzte in einem fort. Aber Frau Tobler, die +sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab +nur zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas +wie eine schöne, glückliche Naturträumerei schien ihr +die gewöhnlichen Tagesdinge und deren umfangreiches +Gerede unwichtig und unwert gemacht zu +haben. Ihre großen Augen leuchteten ruhig und +schön mit dem Gleiten des Schiffes dahin. Ob +Joseph nicht müde werde vom Rudern, fragte sie. +O nein, was sie denke, antwortete er. Das Fräulein +wollte sich in die Ruderbank setzen, Frau +Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst +in zu starke Bewegung gerate. Es brauche ja gar +nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert werde, +um so länger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und +das sei ihr lieb, denn das sei schön.</p> + +<p>Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen +her. Sie ist in der Nützlichkeit und Reinlichkeit +aufgewachsen, in Gegenden, wo die Brauchbarkeit +und die Besonnenheit als das Höchste gelten. Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_62">62</a></span>hat wenig romantische Genüsse in ihrem Leben gehabt, +aber eben deshalb liebt sie sie, denn sie schätzt +sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem +Mann und der Welt sorgsam verbergen muß, weil +man keine »überspannte Gans« sein will, ist deswegen +nicht tot, sondern lebt sein eigentümliches +Leben in der Enge und Stille weiter. Eines Tages +kommt eine kleine mit großen Augen grüßende und +bittende Gelegenheit, und da darf dann das Halbvergessene +einmal erwärmen und lebendig werden, +aber das wiederum nur für kurze Zeit. Wer mit +seiner Genußfreude und Gier vor die Öffentlichkeit +treten darf, wem solches die Lebensverhältnisse leicht +und gefällig erlauben, der stumpft in der Seele +und im Herzen nur zu bald, alles, was darin gebrannt +hat, auslöschend, ab. Nein, diese Frau hat +keinerlei Farbensinn oder dergleichen, sie versteht +nichts von den Gesetzen der Schönheit, aber gerade +deshalb fühlt sie, was schön ist. Sie hat nie Zeit +gehabt, ein Buch voller hoher Gedanken zu lesen, +ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur daran +gedacht, was hoch und was niedrig sei, aber der +hohe Gedanke selber besucht sie jetzt, und das tiefere +Gefühl selber, angezogen von ihrer Unwissenheit, +netzt ihr mit dem nassen Flügel das Bewußtsein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_63">63</a></span> +Ja kühl war's und dunkel um das langsam +fahrende Schiff herum. Der See war ganz ruhig. +Das Stille und Ruhige verband sich mit dem menschlichen +Empfinden und mit der undurchdringlichen +Schwärze der Nacht. Vom Ufer her blitzten die +zerstreuten Lichter und kamen ein paar Geräusche +her, darunter eine helltönende Männerstimme, und +jetzt hörte man vom jenseitigen Strand her eine +warme Handharfe ertönen. Die Töne dieser Musik +schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges +um den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille. +Alles schien eine sonderbare Genugtuung, +Befriedigung und Bedeutung bekommen +zu haben. Das Tiefe setzte sich an das <ins title="unergündlich">unergründlich</ins> +Nasse an. Die Frau hielt ihre Hand leicht in das +Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das +Wasser hinabgesprochen zu haben. Wie das trug, +das schöne, tiefe Wasser. Einmal fuhr ein anderes +Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem +Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stieß einen +leisen Überraschungs-, ja beinahe Schreckensschrei +aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen, es +schien sich plötzlich in ihre Nähe geworfen zu haben, +aus weiter unbekannter Ferne her, oder aus der +Tiefe heraus. Der Himmel war über und über +mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und +<span class="pagenum"><a name="Page_64">64</a></span>umdrehte. Die Frau sagte, sie fröstele jetzt beinahe +ein wenig, und sie warf sich ein Tuch, das sie +mitgenommen hatte, über die Achsel. Joseph +schien es, indem er sie anschaute, als lächle sie +da so im Dunkel, genau würde er es nicht haben +unterscheiden können. Wo ist unser Leo, fragte sie. +Dort, dort. Er schwimmt nach, rief Walter, der +Knabe.</p> + +<p>Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus +der Wasserfläche singend empor und macht einen +neuen, großen See aus dem Raum zwischen Himmel +und See. Sie hat keine Gestalt, und dafür, +was sie darstellt, gibt es kein Auge. Auch singt +sie, aber in Tönen, die kein Ohr zu hören vermag. +Sie streckt ihre feuchten, langen Hände aus, aber +es gibt keine Hand, die ihr die Hand zu reichen +vermöchte. Zu beiden Seiten des nächtlichen Schiffes +sträubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes +Wissen weiß das. Kein Auge sieht in +das Auge der Tiefe. Das Wasser verliert sich, der +gläserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff scheint +jetzt unter dem Wasser ruhig und musizierend und +sicher fortzuschwimmen. –</p> + +<p>Es muß zugegeben werden, daß Joseph sich +ein wenig zu sehr seinen Einbildungen überlassen +hatte. Er merkte kaum, daß die Fahrt zu Ende +<span class="pagenum"><a name="Page_65">65</a></span>war, als man auch schon ans Land anstieß, das +heißt an einen dicken Pfahl, der in der Nähe des +Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler, +der dicht daneben stand, rief seinem Untergebenen +zu, er könne auch besser aufpassen. Es nehme ihn +wirklich Wunder, in welchen Landesteilen Joseph +rudern und steuern gelernt habe. Aber es war +durchaus kein Unheil entstanden, alle stiegen wohlbehalten +aus. Den Rest der Nacht verbrachte man +in einem hübschen, menschenbesetzten Biergarten, wo +Tobler Bekannte antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur +mit seiner Frau, mit denen er sich in +großzügigen Gesprächen zu schaffen machte. Die +kleine, lustige Beamtenfrau erzählte von ihren Hühnern +und Eiern und von dem schwungvollen Handel +mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte +viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft +als »mein Angestellter« den Leuten vorgestellt. +Ein junges, französisches Mädchen, eine +Warenhausverkäuferin, trippelte an der Gesellschaft +vorüber. »<i lang="fr" xml:lang="fr">Une jolie petite française</i>,« sagte die +Kontrolleursfrau, offenkundig voller Vergnügen, +ein paar französische Worte aus dem Gedächtnis +frei hersagen zu dürfen. Das ist immer so in deutschen +Landen, daß die Leute sich freuen, zeigen zu +können, daß sie Französisch verstehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_66">66</a></span> +»Meine Herrin,« dachte <ins title="Josef">Joseph</ins>, »versteht kein +Wort Französisch. Die Arme!«</p> + +<p>Später ging man gemeinschaftlich nach Hause.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war +und eine Kerze angezündet hatte, hielt er, anstatt +sich sogleich ins Bett zu legen, halbausgezogen, und +am Fenster stehend, folgendes Selbstgespräch: »Was +leiste ich eigentlich? Ich kann mich da, wenn ich +will, sogleich ungestört zu Bett legen, um in einen +sehr wahrscheinlich gesunden und tiefen Schlaf zu +versinken. Ich bekomme in Biergärten Bier zu +trinken. Ich kann mit Frau und Kindern Gondel +fahren, ich habe zu essen. Die Luft hier oben ist +eine ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft, +so wäre ich ein Lügner, wenn ich sie tadelte. +Licht und Luft und Gesundheit. Aber was gebe +nun ich dafür? Ist das etwas Reelles und Gewichtiges, +was ich zu bieten vermag? Bin ich klug +und gebe ich das Maß meiner Klugheit auch wirklich +voll her? Was sind das für Dienste, die ich +bis zum heutigen Tage Herrn Tobler bereits geleistet +habe? Alles was recht und gut ist, aber +ich bin felsenfest davon überzeugt, daß mein Herr +und Meister noch wenig Nutzen durch mich davongetragen +hat. Sollten mir der Schneid, die Initiative, +<span class="pagenum"><a name="Page_67">67</a></span>die Begeisterungsfähigkeit fehlen? Das ist +möglich, denn in der Tat, ich bin mit einer merkwürdig +umfangreichen Portion Ruhe ausstaffiert +zur Welt gekommen. Aber schadet denn das etwas? +Freilich schadet es, denn die Unternehmungen +Toblers verlangen leidenschaftliche Anteilnahme, und +die Ruhe der Seele ähnelt bisweilen der trockenen +Gleichgültigkeit. Das Schicksal der Reklame-Uhr zum +Beispiel, hat es mich wirklich auch an allen Fasern +meines Ichs angepackt? Bin ich davon erfüllt? +Ich muß gestehen, ich denke nur allzu oft an ganz +andere Dinge. Das aber, mein bester Herr Gehülfe, +ist Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm +unter in die Angelegenheiten Fremder, du ißt ja +auch Fremder ihr Brot, gehst mit Fremder ihren +Frauen und Kindern auf dem See schiffahren, liegst +in Fremder Kissen und Betten und trinkst Fremder +Rotwein aus. Kopf hoch jetzt, und vor allen Dingen +den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind +hier bei Toblers nicht deshalb, daß wir es nur +schön haben. Es ist eine Ehre, es sich auch ein +bißchen sauer zu machen. Hopp!«</p> + +<p>Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er +löschte die Kerze und warf sich ins Bett. Aber +noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwürfe +»seiner Kopflosigkeit«.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_68">68</a></span> +Im Traum sah er sich mit einem Mal in die +Wohnstube der Frau Wirsich versetzt. Er wußte, +wo er war und wußte es doch nicht recht, es war +ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm +ganz voll Seewasser. Waren die Wirsichs Fische +geworden? Verwunderlicherweise rauchte er eine +Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der +er mit Vorliebe zu rauchen pflegte. Auch Tobler +selber schien ganz in der Nähe zu sein, man hörte +seine metallene Männerstimme, die reine Vorgesetztenstimme. +Diese Stimme schien das Wohnzimmer +umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging die +Türe auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht +als sonst, und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, +das fortwährend zitterte unter der starken +Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube +zitterte, sie hatte Angst, auch die Fensterscheiben +zitterten. Und wie hell es dazu immer war. Es +war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht, sondern +ein wässeriges, gläsernes Licht. Nun ja, man befand +sich eben unter Wasser. Frau Wirsich war mit +einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, aber plötzlich +zerfloß ihr die ganze Arbeit in etwas Glitzernd-Schneidendes, +und Joseph sagte dazu: »sieh da, +Tränen!« Warum er das wohl gesagt hatte? In +diesem Augenblick donnerte und krachte Toblers +<span class="pagenum"><a name="Page_69">69</a></span>Stimme wie ein Ungewitter um die Wohnung der +Armut herum. Aber die alte Frau lächelte nur dazu, +und wie man das Lächeln näher betrachtete, +war es der Hund Leo, noch ganz naß von der +eben unternommenen Schwimmpartie. Die furchtbare +Stimme ging langsam in ein Säuseln über, +wie Blätter im heißen, leisen Sommermittagswinde +etwa zu lispeln und zu säuseln pflegen. Da erschien +Frau Tobler in tiefschwarzem Seidenkleide, +warum sie das trug, konnte man nicht erraten. Sie +trat auf Frau Wirsich mit vornehmer Wohltäterinnengebärde +langsam zu, aber plötzlich schienen ihre Gefühle +eine andere Richtung angenommen zu haben, +denn sie fiel der Frau um den Hals und küßte sie. +Toblers Stimme brummte dazu etwas, was, das +konnte man nicht verstehen. Wahrscheinlich, dachte +Joseph, findet er die Herzensüberwallung seiner +Frau ziemlich überflüssig. Da verwandelte sich auf +einmal die Wirsichsche Wohnung in den Laden jenes +häßlich frisierten und geschminkten Zigarrenweibes, +bei dem Joseph früher täglich auf einem Stuhl gesessen +hatte, um Geschichten aus ihrem Mund anzuhören. +Auch jetzt erzählte sie eine Geschichte, eine +lange und eintönige und traurige, und merkwürdig, +trotzdem sie lang war, dauerte ihre Erzählung kaum +einen Moment. Träume ich das nur, oder erlebe +<span class="pagenum"><a name="Page_70">70</a></span>ich's wirklich, dachte Joseph, und was hat ein +Zigarrenweib mit einer Frau Wirsich zu schaffen? +Da drang ein köstlich gebautes und geschweiftes, +goldenes Boot in den Laden hinein, das Weib +stieg ein, und fort ging es mit ihr, weit fort, bis +sie sich in einem schwarzen, grellen, scharfen Luftraum +verlor, aber ein Pünktchen von ihr blieb in +der hohen Luft hängen. Wieder machte der Traum +einen Sprung und zwar ins Toblersche Kontor +hinunter, dort sah sich Joseph im bloßen Hemd +schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles +schaute ihn fragend an, durchdringend und fragend. +Was das alles war, was ihn beobachtete, konnte +er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es +war scheinbar die ganze, lebendige Welt. Überall +waren Augen, die sich boshaft an seiner sonderbaren +Blöße erfreuten. Das Bureau war ganz grün +vor Schadenfreude, stechend grün. Da suchte er +sich zu erheben, um von diesem Punkte der Scham +fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben, es +war ihm entsetzlich zumut und er erwachte. –</p> + +<p>Er empfand einen brennenden Durst, stand auf +und trank ein Glas Wasser. Darauf trat er ans +Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles +ganz still, das weißliche Mondlicht umzauberte und +umflüsterte die Gegend. Und so warm war es. +<span class="pagenum"><a name="Page_71">71</a></span>Die kleinen, alten Arbeiterhäuser dicht unterhalb +des Hügels schienen in ihrer Form zu schlafen. +Kein einziges kleines Menschen- und Lampenlicht +mehr! Die Seefläche war von Dunst umwoben, +man sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels +unterbrach kurz die Stille der Nacht. Solch ein +Mondlicht, wie das noch den Schlaf versinnbildlichen +konnte. Das war eine Stille, das. Joseph +erinnerte sich nicht, je so etwas gesehen zu haben. +Er wäre beinahe am offenen Fenster selber eingeschlafen.</p> + +<p>Am Morgen verspätete er sich.</p> + +<p>Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend.</p> + +<p>Joseph hatte die Unverschämtheit, zu sagen, es +werde ja doch wohl auf ein paar Minuten nicht +ankommen. Da aber kam er schön an. Erstens +bekam er ein böses Gesicht anzuschauen, zweitens +wurde ihm folgendes gesagt:</p> + +<p>»Sie haben pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. +Mein Haus und mein Geschäft sind kein +Hühnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an, +wenn Sie nicht erwachen können. Übrigens, wollen +Sie oder wollen Sie nicht? Wenn Sie den guten +Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen +wir kurzen Prozeß mit Ihnen. In der Stadt gibt +es genug Leute, die froh über eine solche Stelle +<span class="pagenum"><a name="Page_72">72</a></span>sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren. +Man kann sie heutzutage ja auf der Straße +auflesen. Von Ihnen aber erwarte ich Pünktlichkeit, +verstanden, sonst – ich will das jetzt nicht +mehr aussprechen.«</p> + +<p>Joseph schwieg wohlüberdachtermaßen.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später war Herr Tobler +der gütigste Herr und freundlichste Mann seinem +Gehülfen gegenüber. Er hätte ihn beinahe aus +überlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti +zu ihm. Bis jetzt hatte er immer Herr Marti gesagt.</p> + +<p>Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich +ein außenstehender, er war in der Idee der Vaterlandsliebe +zu suchen. Der folgende Tag war nämlich +der 1. August, und an diesem Tage feierte man +allgemein im Land das alljährlich wiederkehrende +Jubelfest zur Erinnerung an eine hochherzige und +wackere Tat der Vorfahren.</p> + +<p>Joseph mußte ins Dorf laufen, um für den +morgigen Tag allerhand Lampen, Lampions, kleine +Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und Brennmaterialien +zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Außerdem +hatte er so rasch wie möglich, wunderbarerweise +beim Dorfbuchbinder, der dergleichen anzufertigen +verstand, einen hölzernen, zwei Meter hohen und +breiten Rahmen zu bestellen, sowie zwei Fahnentücher, +<span class="pagenum"><a name="Page_73">73</a></span>ein dunkelrotes und ein weißes. Das Tuch +würde dann über den Rahmen gespannt, und das +Ganze ergäbe das Wappen des Landes, nämlich +ein großes rotes Feld mit dem weißen Kreuz in +der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden +Nacht vor die Fassade der Villa Tobler. Hinter +den Rahmen und das Bild würde man brennende +Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch +schimmere und jedermann aus der weiteren und +weitesten Entfernung die zwei Landesfarben leuchten +sähe.</p> + +<p>Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen +alle die notwendigen Gegenstände an. Leute stellten +sich plötzlich ein, um an der Dekorierung des +Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal +<ins title="dawaren">da waren</ins>, und so begann man, überall an Gesimsen +und Nischen, an Borden und Fenstern und Gittern +Fähnchen zu befestigen und Lampen anzubringen. +Sogar in die Büsche und festeren Gewächse des +Gartens legte und hing und stellte und klemmte +man die Beleuchtungsapparate an, so daß in der +ganzen <ins title="toblerschen">Toblerschen</ins> Besitzung keine heimlich nicht +unterminierte und zum bevorstehenden Feuerwerk +vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie glücklich +sah Tobler aus. Das war etwas für ihn. Für +Feste und deren schöne Inszenierung schien er wie +<span class="pagenum"><a name="Page_74">74</a></span>kaum ein zweiter geschaffen zu sein. Beständig trat +er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas +anzuordnen oder selber einen Draht mit der Zange +zu krümmen, eine schief hängende, elektrische Lampe +gerade zu drehen oder um bloß dem Ding zuzuschauen. +Seine Reklame-Uhr schien er vergessen +oder wenigstens verschoben zu haben. Natürlich +war diese ganze Veranstaltung etwas Freudiges, +Feierliches und Geheimnisvolles für die Kinder, die +sich nicht genug wundern konnten und fragen konnten +und denken konnten, was das eigentlich nun zu +bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage +genug für den Festtag zu tun, so daß ihm gar keine +Zeit blieb, darüber nachzusinnen, ob die Dienste, +die er Tobler leistete, wirklich auch wahre Dienste +seien. Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lächeln, +und das Wetter –.</p> + +<p>Davon sagte Tobler, daß, wenn das so anhaltend +prachtvoll schön sei, man ruhig etwas Besonderes +in Szene setzen könne. Auch brauche man bei einer +solchen Gelegenheit das bißchen Kosten nicht zu +scheuen. Das sei schließlich für das Vaterland, und +traurig müsse es um den Mann und Menschen +stehen, der nicht auch ein bißchen Vaterlandsliebe +im Leibe habe. Man mache ja da absolut nicht +mehr als wie anständig sei, zu übertreiben brauche +<span class="pagenum"><a name="Page_75">75</a></span>man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen +Sinn mehr für derartiges habe, wer nur noch die +ganze Zeitlang auf seinem Beruf und Geldschrank +hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schönes Heimatland +zu haben, der könne jeden Tag nach Amerika +oder nach Australien abdampfen, das komme solch +einem doch ganz genau auf ein und dasselbe heraus. +Übrigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er, +Tobler, möge es nun einmal eben gern so, und +damit dürfe es gut sein.</p> + +<p>Von Josephs Turm herab flatterte eine schöne, +große Fahne. Je nachdem der Wind wehte, machte +sie mit ihrem leichten Leib einen kühnen, stolzen +Schwung, oder sie bog sich beschämt und müde zusammen, +oder sie kräuselte und schwang sich kokett +um die Stange, wobei sie sich in ihren eigenen, +graziösen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln +schien. Und dann auf einmal wieder wehte sie +hoch und breit und weit empor, einer Siegerin und +starken Beschützerin ähnlich, um allmählich von neuem +rührend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken. +Dieses prachtvolle Blau am Himmel.</p> + +<p>Geschäftlich vieles zu erledigen, das erschien +beinahe unmöglich. Die Post (es wunderte einen, +daß sie heute überhaupt kam) brachte eine ziemlich +hohe Rechnung betreffend die kürzlich erst stattgefundene +<span class="pagenum"><a name="Page_76">76</a></span>Ausführung des kupfernen Turmdaches, +desselben Daches, auf welches man eine so schöne +Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung +prägte sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers +Gesicht aus, und zwar deutlich, beinahe mathematisch +genau, als hätte man der Stirn den genauen Zahlenbetrag +müssen ablesen können. Als Beigabe zur +patriotischen Feier war solches nicht gerade besonders +erbaulich.</p> + +<p>»Der kann warten,« sagte der Chef, indem er +die Faktura Joseph dicht neben den aufs Pult herabgebeugten, +denkenden und korrespondierenden Kopf +warf. Joseph sprach durch die Nase: natürlich! +als sei er bereits jahrelang im Geschäft tätig gewesen, +als kenne er mehr als zur Genüge schon +die Verhältnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden +und Hoffnungen seines Herrn. Überdies fand er +es heute für passend, gutmütige Töne und Gebärden +an den Tag zu legen. Bei so schönem +Wetter –</p> + +<p>»Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt, +Rechnungen zu präsentieren,« bemerkte Tobler. Er +war gerade mit Zeichnen beschäftigt, und zwar mit +der Skizzierung der »Tiefbohrmaschine«.</p> + +<p>»Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht +wenigstens die Bohrmaschine,« murmelte er zu +<span class="pagenum"><a name="Page_77">77</a></span>Joseph hinüber, und von dem Korrespondenztisch +her klang zur Antwort wieder ein:</p> + +<p>»Natürlich!«</p> + +<p>»Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den +›Schützenautomaten‹, der reißt alles heraus,« redete +der Skizziertisch, worauf die Abteilung für kaufmännisches +Wesen antwortete:</p> + +<p>»Selbstverständlich!«</p> + +<p>»Glaube ich eigentlich an das, was ich da +sage?« dachte Joseph.</p> + +<p>»Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl,« +rief Tobler.</p> + +<p>»Aha!« machte der <ins title="Gehilfe">Gehülfe</ins>.</p> + +<p>Tobler frug <ins title="Josef">Joseph</ins>, ob er nun auch wirklich +schon einen einigermaßen klaren Begriff von diesen +Sachen habe.</p> + +<p>»Ach ja,« glaubte der Schreiber erwidern zu +dürfen.</p> + +<p>Ob er den Brief an das staatliche Patentamt +aufgesetzt habe?</p> + +<p>»Nein, noch nicht.« <ins title="Josef">Joseph</ins> habe heute noch +keine Zeit dazu gefunden.</p> + +<p>»So machen Sie doch, zum Kuckuck!«</p> + +<p>Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte, +ergab es sich, daß das Schreiben falsch war, es +wurde zerrissen und mußte noch einmal geschrieben +<span class="pagenum"><a name="Page_78">78</a></span>werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die Nachmittagskaffeestunde +ausgezeichnet. Außerdem erhielt +er von seiner Frau Weiß aus der Stadt eine Antwort +auf seine letzte Benachrichtigung. Sie schrieb, +er brauche mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen, +das habe gute Zeit. Der Brief war im übrigen +ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig. Aber +hatte er denn etwas anderes erwartet? Nicht im +geringsten. Er hielt gottlob diese gute Frau nie +für geistreich.</p> + +<p>Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte +Wunde unter den Ohren am Hals der Frau +Tobler.</p> + +<p>Woher sie das habe?</p> + +<p>Sie erzählte ihm, es komme von einer Operation +her, und sie werde sich wahrscheinlich ein zweites +Mal an derselben Stelle müssen operieren lassen, +da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte: +da werfe man für so eine Sache viel Geld aus, +in den Rachen der allezeit kostspieligen Arzneikunst, +und von einer wirklichen Heilung sei dann doch +nicht die Rede. Ja, diese Menschen, die Ärzte und +Professoren, sagte sie, nehmen für den kleinsten, dem +Auge des gewöhnlichen Sterblichen kaum bemerkbaren +Schnitt mit der Lanzette ein kleines, halbes +Vermögen in Empfang, und wofür? Dafür, daß +<span class="pagenum"><a name="Page_79">79</a></span>sie irgend einen Fehler begehen, damit man nach +kurzer Zeit wieder zu ihnen laufen, und sich von +neuem kurieren lassen könne.</p> + +<p>Ob es denn schmerze?</p> + +<p>»So! Bisweilen!« sagte die Frau.</p> + +<p>Dann erzählte sie Joseph den Hergang der +Operation. Wie man sie aufgefordert habe, in einen +großen, leeren Saal zu treten, in welchem nichts +anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett +oder Gestell und vier gleichmäßig angezogene Krankenschwestern. +Diese Schwestern hätten eine wie die +andere ausgeschaut, so leer und fühllos. Ihre +Gesichter seien einander so ähnlich gewesen wie +vier gleich große und gleichfarbige Steine. Alsdann +habe man ihr befohlen, und zwar in sonderbar +barschem Ton, das Gestell zu besteigen. Sie wolle +nicht übertreiben, aber sie müsse schon sagen, daß +ihr entsetzlich zumute geworden sei. Nicht ein Zug, +nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit sei um sie +herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck +der Härte und der Herzensverlassenheit gemacht. +Nicht ein Schein einer milden Miene, nicht die Spur +eines tröstenden oder beruhigenden Wortes. Als +ob ein bißchen gütiges Wesen sie hätte vergiften, +anstecken oder gar töten können. Sie meine, das +heiße die Vorsicht und die Korrektheit denn doch +<span class="pagenum"><a name="Page_80">80</a></span>gar zu weit treiben. Dann habe man sie eingeschläfert, +und von da an habe sie natürlich nichts +mehr empfunden und nichts mehr gewußt, bis es +vorbei war. Und vielleicht, schloß sie ihren Bericht, +müsse ja das alles so sein. Man empfinde es nur +als überflüssig herzlos. Der wahre Arzt dürfe aber +vielleicht gar kein Herz haben, wer könne das beurteilen.</p> + +<p>Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch +das Haar.</p> + +<p>Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal +dort – hinlegen zu müssen, sei ihr abscheulich und +peinlich. Und auch noch wegen etwas anderem. +Joseph könne das leicht erraten. Es sei ihr schwer, +ihrem Mann mit so etwas zu kommen, wo die +ganze finanzielle Lage, Joseph müsse das ja wissen, +sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh, +wenn sie keine Ursache zu außergewöhnlichen Ausgaben +habe. Dieses dumme Geld; wie schnöde doch +eigentlich die beständige Sorge um so etwas sei. +Nein, da müsse sie, und sie lächelte, zuerst das neue +Kleid haben, das sie sich schon längst wünschte, ehe +sie den Ärzten wieder etwas gebe. Das könne +ihretwegen noch eine Zeitlang warten.</p> + +<p>Joseph dachte: »Der Herr will die Schlosserwerkstätten +warten lassen und die Frau die Ärzte.« –</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_81">81</a></span> +Der 1. August!</p> + +<p>Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne +besondere Dinge vorübergegangen. Der Abend ist +wieder da, es ist der Festabend. Schon fängt man +an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne +dringen die dumpfen Schläge der Böllerschüsse zu +den Ohren der um das Haus Versammelten. Tobler +hat für einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der +Mechaniker, der den »Schützenautomaten« in Arbeit +hat, ist vom Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung +zu Toblers herübergekommen. Auch die +beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im +Gartenhaus und hat die Weine bereits angestochen. +Tobler glänzt vor Festnachtfreude, schon jetzt, und +je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird, +um so feuriger drückt sich dieser eigentümliche Glanz +auf seinem rötlichen Gesicht ab. Joseph zündet +Kerzen und Lampen an, er muß sich unter jeden +Busch hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen. +Vom Dorf her hört man ein murmelndes Singen +und Lärmen, als müsse dort, in der Entfernung +eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude +herrschen. Neue Schüsse! Diesmal donnern sie vom +andern Seeufer herüber. Tobler ruft: »Ah, die +da drüben machen auch schon Ernst!« Er ruft Joseph +zu sich heran, um ihm »etwas zu trinken«, und neue +<span class="pagenum"><a name="Page_82">82</a></span>ergiebige Winke bezüglich der elektrischen Beleuchtung +des großen Wappenschildes zu geben. Der +Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen +des großen, heiligen Vaterlandes.</p> + +<p>Wie tönte doch da die sonore Stimme des +Herrn Tobler, an diesem großen Abend. Bald +flogen die knisternden und zischenden Raketen in +die Höhe, oder es platzte ein Feuerteufel. Auch +ganze Glutschlangen sprangen, von der Hand des +eifrigen <ins title="Gehilfen">Gehülfen</ins> dirigiert, in die dunkle Luft hinauf, +wahrhaftig, es konnte bald einem Märchen aus +Tausendundeine Nacht gleichen. Wiederum, pum, +ein Schuß aus der Ferne. Die im Dorf schossen +jetzt auch. Tobler rief: »Nun? Kommt ihr auch +bald einmal? Ihr seid doch immer die Spätesten. +Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker!« – Er +lachte aus vollem Halse, ein gefülltes Glas schimmernden, +hellgoldenen Weines in der Hand schwenkend. +Seine verhältnismäßig kleinen Augen sprühten, +als hätten sie Feuerwerk abgeben mögen.</p> + +<p>Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe +und -schlange nach der andern. Joseph glich +einem heldenmütigen Kanonier in der heißen Schlacht, +so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle +Stellung und Haltung eines Kämpfers angenommen, +der scheinbar entschlossen war, sein letztes bißchen +<span class="pagenum"><a name="Page_83">83</a></span>Blut für die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne +eigenes Wollen, nein, ganz von allein. In solchen +Momenten glauben ja die Menschen Wunder was +zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und +Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es +bedarf nur des Weines und des Gewehrdonners, +und der Wahn des Außergewöhnlichen ist zusammengewoben, +fest genug, eine ganze, lange, ruhige, +bescheidene Nacht zu durchschwärmen. Auch Joseph +war, wie sein Herr, vom Herzensfeuer der Festnacht +ergriffen worden.</p> + +<p>»Schießt, ihr Fötzel!«</p> + +<p>Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung, +und er meinte damit jene paar Leute, die +sich immer einen gewissen spöttischen Ton herausnahmen, +wenn er angefangen hatte, am Biertisch +von seinen technischen Erfindungen zu reden. Durch +seinen Ausdruck und Ausruf zeigte er diesen »Schlappschwänzen«, +wie seine abermalige, kurze Ansprache +lautete, deutlich seine Verachtung.</p> + +<p>»Aber Karl!«</p> + +<p>Frau Tobler mußte hell auflachen.</p> + +<p>Berauschend schön war's, als jetzt von den fernen, +unsichtbaren Bergen herab, gleichsam im hohen +Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer zündeten +und brannten. Auch Hornrufe, groß und wuchtig +<span class="pagenum"><a name="Page_84">84</a></span>tönende, kamen aus weiter Höhe und Ferne herabgeklungen, +langsam den metallenen Atem ausstoßend +und ihn lange anhaltend. Das war schön, +und alles, was Ohren hatte, horchte. Ja, wenn +die Berge selber zu tönen und zu reden anfangen, +muß wohl bald das kleine Gezische und Geknatter +der hastigen Raketen schweigen. Bergfeuer brennen +still aber lang, während der Sprühregen der Nähe +emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg +und Geräusch, aber auch gleich wieder ins Nichts +zusammensinkt.</p> + +<p>Mit dem Eindruck, den das große, erleuchtete +Wappenschild mit der roten und weißen Farbe +machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er ließ +daher noch ein paar Flaschen bringen und konnte +sich mit Einschenken in die verschiedenen Gläser gar +nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute müsse +eins über den Durst genommen werden.</p> + +<p>Und so klangen denn die Gläser eifrig aneinander, +der Gläserklang vermischte sich mit dem Gelächter, +das über allerhand rasch ersonnenen und +ausgeführten Torheiten erschallte. Die Wangen +waren so heiß wie der Ausdruck der Augen. Die +Kinder hatte Frau Tobler natürlich schon längst in +die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen +wurde heimlicherweise mit roter Lackfarbe bestrichen +<span class="pagenum"><a name="Page_85">85</a></span>und plötzlich der alten Dame aus der Parkettfabrik +auf die Nase gesetzt, daß er kleben blieb. Tobler +lief auf diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank +zu lachen, er mußte sich die Backen festhalten, da +diese zu zerspritzen drohten.</p> + +<p>Schließlich klingelte und lächelte das Fest mit +dem letzten Glas Wein an den Lippen der Teilnehmer +aus. Die Lust am Späßetreiben erlahmte +und sank jeden Augenblick, hintenüber taumelnd, +in Schlaf. Die Frauen standen auf und gingen +nach Hause, wogegen die Männer sich noch eine +halbe Stunde, allmählich wieder ernsthaft werdend, +im Gartenhaus aufhielten.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Das Dorf Bärensweil, die Gemeinde, in deren +Bezirk sich die Toblersche Ansiedelung befindet, liegt +eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der +großen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, +wie fast alle Dörfer in dieser Gegend, reizend gelegen +und zeichnet sich durch eine ganze Anzahl, +teilweise aus der Rokokozeit herrührender, stattlicher, +herrschaftlicher oder öffentlicher Bauten aus. Auch +sind viele angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken, +Bandwebereien, die ebenfalls schon ein ziemliches +Alter haben. Die Industrie und der Handel +haben hier vor ungefähr hundertfünfzig Jahren +<span class="pagenum"><a name="Page_86">86</a></span>zum ersten Mal ihre mehr oder minder primitiven +Räder und Gurten geschwungen, und sie haben +sich bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten +Rufes nicht nur im Inland, sondern auch in der übrigen, +weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die Kaufleute +und Fabrikanten sind aber nicht bloß im Gelderwerb +hängen und stecken geblieben, nein, sie haben +im Laufe der Jahre und der Geschmacksänderungen +auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch +heute sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben +gewußt. Sie ließen sich in den verschiedenen Zeiten +und Baustilen allerhand reizende, villenartige Gebäude +aufrichten, deren unaufdringliche aber graziöse +Form der zufällige Beschauer noch heute bewundern +und im stillen beneiden kann. Jene reichgewordenen +Leute haben sicher ihre Schlößchen und +Häuser mit Geschmack und Gewicht zu bewohnen +verstanden, derart, daß, wie man ahnen kann, damals +ein schönes, solides häusliches Leben regiert +und bestanden haben muß. Nun bauen aber die +Nachkommen dieser alten vornehmen Handelsfamilien +auch heute noch in einem gemessenen Stil. +Sie verstecken ihre Häuser gern in ältere, bereits +durch ein tüchtiges Wachstum ausgezeichnete Gärten, +denn ihnen ist der Sinn für die Besonderheit und +Schlichtheit durch die Übertragungen des gleichen +<span class="pagenum"><a name="Page_87">87</a></span>Blutes geschenkt und gegeben worden. Auf der +andern Seite sehen wir in Bärenswil oder Bärensweil +viele armütige und elendigliche Bauwerke, und +in diesen wohnen die Arbeiter, und auch diese dem +Reichtum und der zierlichen Schönheit entgegengesetzte +Seite hat schon ihre lange natürliche Überlieferung. +Das armselige Haus kann eben ganz +genau so fest und so lang und so gutbegründet +weiterbestehen wie das wohlhabende und ausgesuchte; +das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht +und das feinere Weltleben fortexistieren.</p> + +<p>Ja, Bärensweil ist ein hübsches und nachdenkliches +Dorf. Seine Gassen und Straßen gleichen +Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl +städtisches als dörfliches und ländliches Wesen und +Treiben. Wenn man hier eine stolze Frau nebst +Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so muß man +nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den +Kopf geschlagen sein, sondern man muß sich nur +die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird +eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich +alles. Auch Kaleschen mit streng uniformierter +Dienerschaft sind hier keine gar so sehr fabelhafte +Seltenheit. Sie brauchen nicht Gräfinnen oder Baroninnen +zu gehören, solches kann auch hie und +da einer Fabrikbesitzersfrau gebühren, um so mehr, +<span class="pagenum"><a name="Page_88">88</a></span>als in diesen Gegenden der stolze Gewerbefleiß wirklich +zum alten Land- und Stadtadel zu zählen ist.</p> + +<p>»Ein reizendes Nest,« würde ein gebildeter +Fremder von Bärensweil sagen. Herr Tobler aber +sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft +sogar auf »das Drecknest«, und zwar nur deshalb, +weil einige Bärensweiler, mit denen er am Stammtisch +des »Segelschiffes« zu sitzen pflegt, an die gesunde +Basis seiner technischen Unternehmungen nicht +so recht glauben wollen.</p> + +<p>Denen wolle er es schon zeigen. Die möchten +ihre Augen eines Tages schön aufreißen, sagt er +in letzter Zeit öfters.</p> + +<p>Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich +hierher gezogen? Was hat ihn veranlaßt, zum +Aufenthaltsort diese Gegend zu wählen? Darüber +herrscht folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler +ist vor noch drei Jahren ein einfacher Angestellter, +Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik gewesen. +Da hat er eines Tages eine größere Summe +Geldes geerbt und dadurch den Plan genährt, sich +selbständig zu machen. Ein noch verhältnismäßig +so junger und heißblütiger Mann ist in allen +Dingen, so auch in der Ausführung von heimlichen +Plänen, stets etwas rasch, und das ist ja ganz in +der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts +<span class="pagenum"><a name="Page_89">89</a></span>oder Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa +zum Abendstern, denn so nennt sie sich, zum Verkauf +ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend, +schöner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen +mit der nicht allzu weitentfernten +Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas für +ihn! Er macht kurzen Prozeß und kauft sich das +Grundstück. Er kann als freier unabhängiger Erfinder +und Geschäftsmann wohnen, wo es ihm beliebt, +er ist an keinerlei Scholle gebunden.</p> + +<p>Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige +treibende Gedanke gewesen, der Tobler nach Bärensweil +geführt hat. Das Heim kann stehen, wo es +will, wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein +freiverfügender und -bestimmender Herr sein, und +er ist es.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Am frühen Morgen nach der Festnacht schaute +sich Joseph unten im Bureau ein wenig den »Schützenautomaten« +an, der schließlich auch studiert sein wollte. +Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur +Hand, auf welchem die ausführliche Beschreibung +dieser Maschine nebst zeichnerischen Wegleitungen +zu lesen und zu sehen war. Was war es nun +mit dieser Nummer zwei der Toblerschen Artikel? +Die Nummer eins kannte man ja bereits beinahe +<span class="pagenum"><a name="Page_90">90</a></span>auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit, +sich mit Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte +sich, wie rasch es ihm gelang, sich mit dem +innern und äußern Wesen dieser Nummer zwei +vertraut zu machen.</p> + +<p>Der Schützenautomat erwies sich als ein Ding, +ähnlich den Schokoladenautomaten, die die reisenden +Menschen auf Bahnhöfen und in allerlei öffentlichen +Lokalen antreffen, nur entsprang dem Schützenautomaten +nicht eine Platte Süßigkeit, Pfefferminz +oder dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. +Die Idee als solche war also keine gerade neue, +sondern nur eine verfeinerte und verschärfte, auf +ein anderes Lebensgebiet geschickt übertragene. Auch +war der Toblersche Automat bedeutend größer, er +war ein dickes, hohes Gestell von einem Meter und +achtzig Höhe und dreiviertel Meter Breite. Der +Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht +hundertjährigen Baumstammes. Am Automaten +war in ungefährer Manneshöhe ein Schlitz +angebracht, zum Hineinwerfen oder -fügen des Geldstückes +oder der Münze, die für Geld erhältlich war. +Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu +warten, dann an einem bequem zu erfassenden +Hebel zu ziehen und das nun in eine offene Schale +stürzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu +<span class="pagenum"><a name="Page_91">91</a></span>nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach. +Die innere Konstruktion beruhte auf drei sich +gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie auf einem +abwärts gleitenden Kanal zur Beförderung der +Patronen, die sich in gleichmäßigen, der staatlichen +Verpackung entsprechenden Paketen in einer Art +von Kamin zu dreißigen von Stücken aufeinandergetürmt +befanden; zog man nun an dem Hebel +mit dem bequem zu erreichenden Griff, so fiel eben +eines der im Kamin befindlichen Stücke äußerst +elegant heraus, und der Apparat funktionierte weiter, +das heißt er blieb still, bis ein zweiter oder ein dritter +Schütze des Weges daherkam und ihn von neuem +zu der eben beschriebenen Betätigung reizte. Aber +noch mehr! Der Automat hatte den Vorzug, mit +dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem eine +kreisrunde Öffnung am oberen Teil desselben jeweilen +bei Einwurf der Münze und Ziehen am +Griff des Hebels eine schönbemalte Reklamescheibe +zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach +aus einem Reifen verschiedenartig gefärbten Papieres, +der mit der ganzen Hebelvorrichtung in engster und +zweckentsprechendster Verbindung stand, derart, daß +der Sturz eines Patronenpäckchens jeweilen eine +erneute Reklame unmittelbar und exakt an die +kreisrunde Öffnung schob, indem sich der Papierreifen +<span class="pagenum"><a name="Page_92">92</a></span>stückweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen +war in »Felder« abgeteilt, die Besetzung und Benützung +der einzelnen Felder kostete Geld, und +dieses Geld mußte die Kosten der Anfertigung des +Automaten brillant herausschlagen: »Aufzustellen +ist der Schützenautomat auf Schützenwiesen gelegentlich +der zahlreich stattfindenden Schützenfeste. Was +die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung +von Bestellungen und Aufträgen wiederum, wie +bei der Reklame-Uhr, an nur erste Firmen zu wenden. +Wenn man annehmen darf, daß sämtliche +Felder mit Reklamen besetzt werden, und man darf +das wohl annehmen, so verdient da Tobler (Joseph +war mit seinen Gedanken so sehr beschäftigt, daß +er anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen +schönen Haufen Geld, denn was die Inserate einbringen, +das übersteigt bei weitem die Kosten der +Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes +in mehreren, sagen wir zehn Automaten, tritt natürlich +eine wesentliche Preisermäßigung ein.«</p> + +<p>Der Kassenbote der Bärensweiler Sparbank +trat ein.</p> + +<p>»Natürlich ein Wechsel,« dachte Joseph. Er +stand von seinem Platz auf, nahm das Formular +in die Hand, besah es von allen Seiten, schüttelte +es hin und her, prüfte es auf das Genaueste, +<span class="pagenum"><a name="Page_93">93</a></span>machte ein zugleich nachdenkliches und wichtiges Gesicht +und sagte dann zu dem Boten, es sei gut, +man werde vorbeikommen.</p> + +<p>Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich +und ging. Joseph nahm sogleich die Feder zur +Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu +ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.</p> + +<p>Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank +mußte gleich telephoniert werden. In diesen Dingen +hatte man nun hoffentlich bald ein wenig Routine. +Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen +fest auf den zu zahlenden Betrag gerichtet, und +dann hatte er einfach den Boten ruhig, ja sogar +etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt +bekam! Leute, die Geld von Tobler haben wollten, +mußten in Zukunft noch ganz anders, noch viel +kräftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, +das gebot das Zartgefühl Herrn Tobler gegenüber. +Der Chef durfte jetzt unter keinen Umständen an +diese widerwärtigen Bagatellen erinnert werden. +Der hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den +konnten jetzt nur die großen Sorgen beschäftigen. +Dafür hatte ja Tobler einen Angestellten, damit +dieser womöglich intelligente und geistreiche Kerl +ihm die kleinlichen Unannehmlichkeiten abnahm, sich +dicht an der Tür aufstellte, um ungerufene, steife +<span class="pagenum"><a name="Page_94">94</a></span>Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefördern. +Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafür rauchte +er jetzt auch wieder einmal einen von den eben +aus dem Dorf herspedierten, neuen Zigarrenstumpen.</p> + +<p>Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler +war den Geschäften nachgegangen und blieb wahrscheinlich +heute den ganzen Tag von zu Hause weg. +Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes +Fischer ankam, das würde fatal sein.</p> + +<p>Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce +»Für Kapitalisten« hin sich schriftlich gemeldet und +schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in allernächster +Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung +der betreffenden Erfindungen vorsprechen.</p> + +<p>Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der +Mann besaß. Dagegen war die Schrift Toblers +wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank- +und feinschreibenden Menschen machten einen schon +zum voraus große Reichtümer ahnen. So wie +dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten: +exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift +entsprach ganz und gar einer vornehmen und +leichten Körperhaltung, einem unmerklichen Kopfnicken, +einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. +Sie war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse +Kälte strömte sie aus, sicher war er das Gegenteil +<span class="pagenum"><a name="Page_95">95</a></span>eines heißblütigen Gesellen, der so schrieb. Diese +paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit +und Bündigkeit erstreckten sich sogar auf das +intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch +noch parfümiert trat dieser Herr Johannes Fischer +unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht +kam. Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es +konnte geschehen, daß er, toll vor Ärger, ganz außer +sich käme. Übrigens hatte er den Befehl zurückgelassen, +dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich +zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz +besonders eingeschärft hatte er Joseph, diesen Herrn +Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu lassen, +sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis +Tobler wieder zu Hause wäre. Womöglich ließ +sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling +eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch +lange nicht gesagt, daß der zu nobel für so etwas +sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers +eins hatten, durfte für jedermann, auch für die +höchstgestellte und erhobene Person, ein Gegenstand +ruhigen Betrachtens und Genusses sein. Dieser +Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben +kommen, es war, glaubte Joseph, genügend +gesorgt für ihn.</p> + +<p>Aber Joseph war es doch ein wenig bange.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_96">96</a></span> +Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte, +wenn der Herr Prinzipal sich außerhalb befand. +So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch +von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache +zum fortwährenden Aufpassen. War er guter Laune, +so hatte man beständig Angst, etwas könnte kommen +und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade +Gegenteil umschlagen. War er gehässig und bissig, +so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber +für einen struben Gauner zu halten, weil man sich +unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten +Stimmung ansah. War er gleichmütig und gesetzt, +so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmäßigen +Wesen keinen auch nur fadenscheinig dünnen Schaden +anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem +Ritzchen und Spältchen verletzt fühle. War der Herr +spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich +in einen Pudel, da es doch galt, dieses +lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten +behend aufzuschnappen. War er gütig, so kam man +sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man +sich verpflichtet zu lächeln.</p> + +<p>Das ganze Haus war ein anderes, wenn der +Hausherr nicht da war. Die Frau schien auch eine +ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich +die beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen +<span class="pagenum"><a name="Page_97">97</a></span>über des strengen Vaters Abwesenheit von weitem +an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler +weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.</p> + +<p>»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?« +dachte Joseph. Da kam Silvi, das ältere +der kleinen Mädchen, und rief zum Mittagessen.</p> + +<p>Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee +und plauderte mit Frau Tobler, schritt ein Herr +den Garten zum Haus hinauf.</p> + +<p>»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,« +sagte die Frau zum Gehülfen.</p> + +<p>Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur +Bureau-Eingangstüre gelangen, als ihm auch schon +der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe, +Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit +angenehmer Stimme der Ankömmling. Nein, sagte +Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider gerade +verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber +er bitte, eintreten zu wollen.</p> + +<p>Der Herr sagte seinen Namen. »Ah Herr +Fischer!« rief Joseph aus. Er verneigte sich etwas +zu fröhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes +Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, +den er gemacht hatte.</p> + +<p>Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das +<span class="pagenum"><a name="Page_98">98</a></span>Zeichenbureau ein, wo derselbe sogleich nach den +technischen Dingen sich zu erkundigen begann, während +er sich mit einer gewissen Überlegenheit nach +allen Seiten umschaute.</p> + +<p>Joseph erklärte ihm die Reklame-Uhr. Er holte +ein Exemplar derselben in Natura herbei, legte sie +vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur Besichtigung, +und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem +aufmerksam alles, was ihn umgab, beobachtenden +Mann die Gewinnchancen des Werkes auseinanderzusetzen.</p> + +<p>Der Fremde, der mit Interesse zuzuhören schien, +fragte, indem er die Adlerflügel der Uhr betrachtete, +ob man sich in der Höhe der angenommenen +Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem +solchen Falle leicht möglich sei, ein wenig verrechne? +Und ob bereits Reklame-Aufträge eingelaufen seien?</p> + +<p>Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und +ein bißchen nachdenklich schien er geworden zu sein, +was sich Joseph, vielleicht etwas früh, zu seinen +Gunsten auslegte.</p> + +<p>Dieser erwiderte, die Summe dürfte wohl kaum +als zu hoch gegriffen betrachtet werden, im Gegenteil, +und Aufträge seien bereits in ganz erfreulicher +Anzahl da.</p> + +<p>»Und die Uhr kostet?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_99">99</a></span> +Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer +klar zu machen, wobei er ein ganz klein wenig, er +wußte selbst nicht warum, stotterte. In der Ungewißheit, +wie er sich zu benehmen habe, wollte er +sich einen gemütlichen Stumpen anzünden, verwarf +aber dieses plötzliche Gelüste als nicht ganz schicklich. +Er errötete.</p> + +<p>»Wie ich sehe,« sprach Herr Fischer, »handelt +es sich hier um ein scheinbar ganz vortrefflich geplantes +und auch, wie mir scheint, bereits ganz gut +vorbereitetes Unternehmen. Dürfte ich mir erlauben, +einige kleine Notizen zu machen?«</p> + +<p>»Aber bitte!«</p> + +<p>Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht +sehr. Aber Stimme und Lippe wollten ihm den +erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War +er aufgeregt? Jedenfalls, das spürte er deutlich, +war er schon darauf vorbereitet, zu sagen, dem +Herrn dürfte es vielleicht angenehm sein, im Garten +eine Tasse Kaffee zu trinken.</p> + +<p>»Meine Frau wartet unten,« bemerkte leicht +der andere. Er schrieb einiges mit Bleistift in ein +elegantes Notizbuch. Plötzlich war er fertig. Joseph +hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist +mit seinen verständnis-erleichternden Notizen +nicht ernst genommen. Er wollte den Mund auftun, +<span class="pagenum"><a name="Page_100">100</a></span>um zu sagen, er könne ja rasch hinunterspringen +und die Dame, die unten wartete, heraufholen.</p> + +<p>Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler +persönlich nicht angetroffen zu haben. Dies sei +schade, aber er hoffe, dieses Vergnügen werde ihm +nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst +für die erhaltene, liebenswürdige Auskunft. +Joseph versuchte zu reden.</p> + +<p>»Schade,« nahm wieder der andere das Wort, +»ich würde mich äußerst wahrscheinlich gleich zu +etwas Definitivem haben entschließen können. Die +Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin +der Ansicht, daß sie sich rentieren wird. Wollen Sie +die Güte haben, und Ihrem Herrn Chef eine höfliche +Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke +Ihnen.«</p> + +<p>»Man kann ja« – War das Joseph, der nicht +besser sprechen konnte?</p> + +<p>Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt +und war gegangen. Sollte man ihm nachspringen? +Was ist man in diesem Augenblick? Muß Joseph +sich nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, +er muß nun ins Gartenhaus gehen, zu einer gespannt +und besorgt wartenden Frau, um derselben +zu sagen, wie »unverantwortlich kopflos« er sich benommen +hat.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_101">101</a></span> +»Das ist dumm, sehr dumm,« dachte er.</p> + +<p>Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, +war Frau Tobler eben damit beschäftigt, dem Knaben +Walter eine Tracht Prügel zu verabreichen. +Sie weinte und sagte, es sei nicht schön, was sie +für Unholde von Kindern habe. Dadurch wurde +es dem Angestellten recht eigentlich trübe ums Herz: +Auf der einen Seite eine weinende und erzürnte +Frau, auf der andern Seite ein ironisch winkender +und grüßender Kapitalist, und im Hintergrund die +Ahnung von der Mißbilligung Toblers.</p> + +<p>Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig +verlassenen Platz und goß sich noch eine Tasse Kaffee +ein. Er dachte: »Warum nicht nehmen, wenn es +doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch +nicht imstande, das herankommende Ungewitter von +meinem Kopf abzulenken.« –</p> + +<p>»War das dieser Herr Fischer?« fragte die Frau. +Sie hatte die Augen getrocknet und schaute nach +der Landstraße hinunter. Dort unten stand in der +Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich +am Anblick des Toblerschen Besitztums zu ergötzen.</p> + +<p>»Ja,« antwortete Joseph, »ich habe versucht, +ihn aufzuhalten, aber es war unmöglich, er sagte, +er müsse absolut gehen. Übrigens hat man ja für +alle Fälle seine Adresse.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_102">102</a></span> +Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig +zum Mund herauskamen. Nein, er hatte nicht sein +Möglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer aufzuhalten. +Wenn er solches jetzt behauptete, so war +<ins title="es jetzt einfach">es einfach</ins> eine freche, frivole Lüge.</p> + +<p>Frau Tobler sagte bekümmert, das werde ihnen +beiden ihr Mann sehr übel nehmen, sie kenne ihn +genau in diesen Stücken.</p> + +<p>Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das +Mädchen, saß auf einem Gartenstein und sang in +leisen, dummen Tönen. Frau Tobler befahl ihr +zu schweigen. Wie das heiß war, sonnig, gelblich +und bläulich. Der Geldmann war jetzt nicht mehr +zu sehen.</p> + +<p>»Sie haben wohl ein wenig Angst?« sagte die +Frau und lächelte.</p> + +<p>»O wegen der Angst,« entgegnete Joseph +trotzig, »das ist das wenigste. Übrigens kann Herr +Tobler mich fortjagen, wenn er will.«</p> + +<p>Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder +klug noch recht und müsse eigentlich ein recht schlimmes +Licht auf seinen Charakter werfen. Natürlich +habe er jetzt ein wenig Angst, man könne ihm +das ja ganz schön ansehen. Aber er solle sich nur +beruhigen, auffressen werde ihn »Karl« nicht können. +Es werde heute abend eben ein gelindes +<span class="pagenum"><a name="Page_103">103</a></span>Donnerwetter absetzen, auf das dürfe Joseph <ins title="immer">immerhin</ins> +sich gefaßt machen.</p> + +<p>Sie lachte hell und schön auf und fuhr fort +zu sprechen.</p> + +<p>Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt +begriffen, den ihr Mann andern Menschen einzuflößen +verstehe. Für Fernerstehende habe er beinahe +etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie +spreche jetzt ernsthaft, und sie verstehe das ausgezeichnet. +Nur sie selber habe nicht die geringste +Angst vor Tobler.</p> + +<p>»Wirklich?« machte Joseph. Er war ruhiger +geworden.</p> + +<p>Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse +nicht hell von Verstand sein, wenn sie sich in dieser +Beziehung einer Täuschung hingeben könne. Sie +empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes +eher als ein Lustspiel, als wie eine Tragödie, +sie müsse jedesmal, sie wisse selbst nicht ganz recht +warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. +Ihr sei das nie merkwürdig, sondern immer natürlich +an ihr erschienen, aber sie wisse wohl, daß es +Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen +und den Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber, +daß es eine anscheinend so unselbständige +Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des +<span class="pagenum"><a name="Page_104">104</a></span>Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie +finde es manchmal gar nicht so komisch, wenn +Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten +schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen +habe, auslasse, in solchen Fällen habe sie nötig, +Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem Gelächter +zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und +nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch +wenn man nur »eine unselbständige Frau« sei. +Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft +über die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel +denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen beiden +heute abend bevorstehe, werde kein andauernder, +sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt +sei, nur ein vorübergehender sein können.</p> + +<p>Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick +etwas Gelassen-Ironisches an sich.</p> + +<p>Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. +Er hatte das Bedürfnis, einen Augenblick +allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile +ein wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden +und beruhigenden Gedanken nicht. So trieb +es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch +dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen +nicht los. Um es endgültig zu bewältigen, +lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch +<span class="pagenum"><a name="Page_105">105</a></span>nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den +Beinen beruhigte und tröstete ihn, und der Anblick +der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn +an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. +Im Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor +in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er würde +eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut +brauchen können, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, +machte er sich sogleich dahinter, vermittels +eines langen Gummischlauches den Garten zu +spritzen. Das dünne Wasser beschrieb in der Abendluft +einen schönen, hohen Bogen und fiel klatschend +auf die Blumen und Gräser und Bäume herab. +Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das +Spritzen, denn man empfand während dieser Arbeit +eine eigentümlich gemütliche und fest geschlossene +Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch +kurz vorher so viel Eifer bewies, den Garten zu +pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwüst +anschimpfen.</p> + +<p>Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es +war doch einfach unmöglich, kurz vorher noch gebackene +Fische zu essen und dann gleich nachher der +Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich +nicht recht zusammen.</p> + +<p>Wie schön wieder der Abend war. Konnte +<span class="pagenum"><a name="Page_106">106</a></span>man an solch einem herrlichen Abend den Unternehmungen +Toblers Verluste beigebracht haben?</p> + +<p>Die Magd setzte eine brennende Lampe ins +Gartenhaus. Nein, im Licht einer so hübschen, +traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, +daß er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer +nicht allzu heftig zu Herzen nähme.</p> + +<p>Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph +in der Schaukelbahn geschaukelt zu werden. Sie +setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an, +und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. +Das war so schön anzusehen, daß der +Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese +Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.</p> + +<p>Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und +Joseph Schritte im Kies den Garten heraufkommen, +es waren »die seinen«.</p> + +<p>Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten +hört, ist dieser Näherkommende auch bereits leibhaftig +da, sein wirkliches Erscheinen ist dann nie +eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen +wie er will.</p> + +<p>Tobler war müde und gereizt, aber das war +nichts Überraschendes, denn so pflegte er immer +nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar +auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_107">107</a></span>das Erklimmen des Hügels Mühe verursacht, und +verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen +ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte +herbeizuholen, glücklich darüber, seinem Vorgesetzten +für eine halbe Minute wenigstens aus dem Wege +zu gehen.</p> + +<p>Als er mit den Rauchutensilien zurückkam, hatte +sich die Lage der Dinge bereits verändert. Tobler +sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch alles +gesagt. Sie stand jetzt da, unerhört kühn, wie es +Joseph erschien, den Mann ruhig anschauend. Dieser +sah aus, wie einer, der nicht fluchen kann, weil er +fühlt, daß er es zu unmäßig täte.</p> + +<p>»Also Herr Fischer war da, wie ich höre,« sagte +er, »wie haben ihm die Dinger gefallen?«</p> + +<p>»Sehr gut!«</p> + +<p>»Die Reklame-Uhr?«</p> + +<p>»Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er +sagte, sie scheine ihm ein ganz ausgezeichnetes Unternehmen +zu sein.«</p> + +<p>»Haben Sie ihn auch auf den Schützenautomaten +aufmerksam gemacht?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Warum nicht?«</p> + +<p>»Herr Fischer hatte so große Eile, seiner Frau +wegen, die unten am Gartentor wartete.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_108">108</a></span> +»Und Sie haben sie warten lassen?«</p> + +<p>Joseph schwieg.</p> + +<p>»Und ich muß einen solchen Tropf von Angestellten +haben,« schrie Tobler, außerstande, die +Wut und den geschäftlichen Jammer, die ihn verzehrten, +länger zurückzuhalten, »ich muß das Unglück +haben, von der eigenen Frau und einem nichtsnutzigen +Gehülfen betrogen zu werden. Da soll +der Teufel Geschäfte machen.«</p> + +<p>Er würde die Petroleumlampe mit der Faust +zerschlagen haben, wenn Frau Tobler sie nicht glücklicherweise +in diesem Moment, bevor die Hand +niedersauste, etwas weiter gerückt hätte.</p> + +<p>»Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen,« +rief die Frau, »und zu sagen, ich betrüge +dich, das verbiete ich dir. Sonst weiß ich dann +auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch +der Joseph verdient nicht, daß er mit Ausdrücken +solcher Art beschimpft werde. Schick ihn ganz fort, +wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber +<ins title="mach'">mach</ins> keine solche Szenen.«</p> + +<p>Sie hatte das als »unselbständige Frau« natürlich +weinend gesprochen, aber was sie sprach, das +hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt, Tobler +war sofort ruhig geworden, das »Gewitter« war +am Vorübergehen. Er fing an, mit Joseph zu ratschlagen, +<span class="pagenum"><a name="Page_109">109</a></span>was man tun könne, um sich die Kapitalien +des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen +zu lassen. Morgen früh müsse sogleich telefoniert +werden.</p> + +<p>Im Leben gewisser Handelsleute spielt das +Telephon eine große Rolle. Die kaufmännischen +Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen +werden.</p> + +<p>Schon der bloße Gedanke, daß man ja diesem +Herrn Fischer morgen früh telephonieren könne, +machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen +wieder aufleben. Wie war es denn möglich, daß, +wenn man derartige Hilfsmittel zur Verfügung +hatte, das Geschäft zu Schanden gehen konnte?</p> + +<p>Und Tobler würde sich unmittelbar nach der +drahtlichen Ankündigung in den Zug setzen und +nach der Residenz fahren, um diesem »entflohenen +Vogel« einen persönlichen Besuch abzustatten.</p> + +<p>Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als +er schon längst wieder heiter und vergnügt geworden +war, als habe die Aufregung innerlich weitergebrannt. +Alle drei spielten noch bis in die späte +Nacht hinein Karten. Joseph müsse das Kartenspiel +auch lernen, hieß es, es sei einer kein rechter +Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.</p> + +<p>Am nächsten Morgen wurde, wie verabredet, +<span class="pagenum"><a name="Page_110">110</a></span>telephoniert. Tobler warf sich in den Eisenbahnwagen, +mit welch zuversichtlicher Miene! Abends +war die Miene eine gedrückte, zornige und traurige. +Das Geschäft war nicht zustande gekommen. Statt +der flüssigen Gelder gab es eine neue, bittere Szene +im nächtlichen Gartenhaus. Tobler saß da wie +das verhaltene Ungewitter selber und gefiel sich in +unschönen, gotteslästerlichen Verwünschungen. So +sagte er unter anderem, seinetwegen möchte die +ganze Erde in Morast versinken, das käme jetzt +alles auf ein und dasselbe heraus. Er selber wate +so wie so in nichts anderem mehr als in einer Unmasse +von Schlamm.</p> + +<p>Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, +was ihn umgebe, zum Teufel in die Hölle zu +wünschen, gebot ihm Frau Tobler Mäßigung. Er +aber fuhr sie so grausam hart an, daß es sie, den +Kopf voran, auf die Tischplatte niederstreckte, worauf +sie sich hoch aufrichtete und mit sanft gesetzten +Schritten davonging.</p> + +<p>»Sie haben Ihrer Frau wehgetan,« wagte +Joseph in einem Anflug von weltmännischer Ritterlichkeit +zu sagen.</p> + +<p>»Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt +verletzt,« erwiderte Tobler.</p> + +<p>Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue +<span class="pagenum"><a name="Page_111">111</a></span>Annonce für die täglich erscheinenden Weltblätter. +In dem Inserat kamen Worte vor wie: »Glänzendes +Unternehmen«, »Höchster Gewinn bei absoluter +Risikolosigkeit«. Das würde man gleich andern +Tages in die Annoncenexpedition schicken.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam +wieder fünf Mark in die Tasche. Er genoß wieder +den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten +zu dürfen. Gerade das hatte entschieden +etwas Poetisches. Heute würde es wieder ein feines +Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schön +gelblich und bräunlich, mit Blumenkohl aus dem +Garten, und dann vielleicht Apfelmus, das hier +oben so wundervoll schmeckte. Auch die bessere +Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler +für eine Manier besaß, zu lachen und einen spöttisch +von oben herab anzusehen, sobald es sich darum +handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, +als ob Joseph ein Schlossermeister gewesen wäre, +zu dem man sagt: »Da. Nehmen Sie. Sie rauchen +gewiß auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre.« +Als ob Joseph soeben mit Gitteranstreichen oder +Türschloßausbessern fertig geworden wäre, oder als +ob er soeben einen Baum gestutzt hätte. Das war +die Art, wie man einem tüchtigen Gärtner eine +<span class="pagenum"><a name="Page_112">112</a></span>Zigarre gibt. War denn etwa Joseph nicht Toblers +»rechte Hand«, und durfte man glauben, man zeichnete +eine solche rechte Hand gebührend aus, indem +man ihr Sonntags etwas Besseres zu rauchen +darbot?</p> + +<p>Er blieb etwas länger im Bett heute, er öffnete +die Fenster und ließ sich im Bett von der +weißlichen Morgensonne anscheinen und anblenden, +was eben auch genossen sein wollte, so gut wie +verschiedenes anderes auch, wie zum Beispiel der +Gedanke an das Frühstück. Wie war heute alles +sonnig und sonntäglich. Das Sonnige und das +Sonntägliche schienen von weit her schon Brüderschaft +miteinander geschlossen zu haben, und der +innige Gedanke ans ruhige Frühstück, ja, der war +auch aus so etwas Sonnigem und Sonntäglichem +gewoben, das spürte man jetzt deutlich. Wie wäre +es möglich gewesen, heute etwa verdrießlich zu sein, +oder gar mißgestimmt, oder gar melancholisch. Es +war etwas Geheimnisvolles in allem, in jedem Gedanken, +an den eigenen Beinen, an den Kleidern +auf dem Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend +sauber gewaschenen Gardinen, an der Waschkommode, +aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, +im Gegenteil, es ruhete und lächelte und friedelte +einen förmlich an. Eigentlich war man gedankenlos, +<span class="pagenum"><a name="Page_113">113</a></span>und man wußte gar nicht warum, aber man +schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und +an der Gedankenlosigkeit lag so viel Sonne, und +wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkürlich an +köstlich gedeckte Frühstückstische. Ja, mit dem einfachen +Gedanken fing dieses dumme aber beinahe +süße Sonntägliche schon an.</p> + +<p>Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als +sonst an und trat auf die viereckige Plattform, die +ihm zur Verfügung stand, hinaus. Von hier sah +man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen +Bäume hinüber. Wie ruhig und blendend +sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd, deckte +den Morgentisch draußen an der freien Luft. Diesem +Anblick konnte der Gehülfe nicht länger widerstehen, +es riß ihn hinunter zu Kaffee, Brot, Butter und +Eingemachtem.</p> + +<p>Später ging er ins Bureau hinunter. Es war +ja nicht viel zu machen da unten, aber er setzte sich +trotzdem, angezogen von einem beinahe lieblichen +Gewohnheitsgefühl, an den Schreibtisch, der wie +ein Küchentisch aussah, und korrespondierte. Ach, +es war heute das reine Tändeln mit der sonst so +ernsthaften Feder. Das Wort »telephonische Unterredung« +erschien ihm ebenso sonntäglich geputzt wie +das Wetter und die Welt draußen. Die Redewendung +<span class="pagenum"><a name="Page_114">114</a></span>»und gestatte ich mir« war blau wie der +See zu Füßen der Villa Tobler, und das »hochachtungsvoll« +am Schluß des Schreibens schien +nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu +duften.</p> + +<p>Er trat zur Bureautür in den Garten hinaus. +Das war ja auch sonntäglich, daß man sich gestatten +durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu unterbrechen, +um rasch den Garten ein bißchen inspizieren +zu gehen. Wie das duftete, wie heiß es schon war, +trotz der noch frühen Morgenstunde. Da würde +man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, +so »genau kam es sicher nicht darauf an«. Ja +heute durfte man diese Worte Tobler ruhig ins +Gesicht hineinsagen, er würde ganz derselben Meinung +wie Joseph sein. Das »Nichtdaraufankommen«, +das war schließlich der ganze Unterschied zwischen +einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze +Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, +Bienensummen und Blumenduften. Heute abend +würde man den Garten auch wieder einmal recht +tüchtig spritzen müssen.</p> + +<p>Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten +vor, indem er das dachte. Er trug jetzt die +Glaskugel ans Freie hinaus.</p> + +<p>Da kam ihm Tobler, mit einem wahrhaft noblen +<span class="pagenum"><a name="Page_115">115</a></span>neuen Anzug bekleidet, entgegen und erklärte ihm, +daß er heute mit Frau und Kindern ausreisen +wolle. Man könne nicht immer zu Hause sitzen, +und der Frau müsse man auch einmal eine Freude +gönnen. Was Joseph beträfe, so werde der wahrscheinlich, +wie Tobler denke, nach der Stadt fahren, +um seine dortigen Freunde aufzusuchen.</p> + +<p>»Das laß du nur einstweilen meine Sache sein, +das mit den Freunden,« gab Joseph dem Herrn +im stillen als stumme Antwort zurück. Laut sagte +er, nein, er wolle heute da bleiben, es passe ihm +besser so.</p> + +<p>»Das können Sie meinetwegen halten, wie Sie +wollen,« sprach Herr Tobler. Ungefähr nach einer +halben Stunde stand die kleine Ausflugsgesellschaft, +bestehend aus den beiden Ehehälften Tobler, den +beiden Knaben, dem Fräulein aus der Nachbarschaft +und der kleinen Dora, reisefertig vor dem Haus, +um dem an einem ziemlich weit entfernten Ort stattfindenden +kantonalen Sängerfest einen halbtägigen +Besuch abzustatten. Frau Tobler hatte ein schwarzseidenes +Kleid an und sah beinahe imponierend +darin aus. Sie empfahl Pauline Obacht über +das Haus an, und zu Joseph sagte sie in gemütlichem +Ton, er möge ebenfalls ein bißchen aufpassen +auf alles, was um das Haus herum vorgehe, +<span class="pagenum"><a name="Page_116">116</a></span>da er doch, wie sie gehört habe, zu Hause +bleiben wolle.</p> + +<p>Endlich begab man sich fort unter dem Geheul +des an der Kette festgebundenen Hundes, den es +bitter zu verdrießen schien, allein zurückbleiben zu +müssen. Neben Joseph kauerte die Silvi, das +Schwesterchen der Dora, am Boden. Dieses Mädchen +schien sich nicht im geringsten über die Ungerechtigkeit, +die ihr widerfuhr, zu grämen. Darin, +daß allein sie von den vier Kindern dagelassen +wurde, erblickte sie etwas Alltägliches. In der Tat +war sie längst an allerlei Zurücksetzungen gewöhnt, +derart, daß ihr beinahe schon alles Empfinden dafür +abhanden gekommen war.</p> + +<p>»Viel Vergnügen zu Hause, Marti,« hatte +Tobler zu Joseph noch gesagt.</p> + +<p>»Ja viel Vergnügen! Sorgen Sie gefälligst +für Ihr Vergnügen, Herr Ingenieur Tobler,« dachte +Joseph ein wenig bitter, als er es sich, mit einem +Buch in der Hand, auf dem Bett, das er halb abdeckte, +oben in seinem <ins title="Luftgemach">Lustgemach</ins>, bequem gemacht +hatte:</p> + +<p>»Da gehen sie, diese merkwürdigen Herrschaften +Tobler, mitsamt dem sauren Engel aus der Parkettfabrik, +auf vergnügliche Sängerfahrten, und die +kleine Silvi lassen sie zu Hause wie ein widerwärtiges +<span class="pagenum"><a name="Page_117">117</a></span>Häuflein Unrat. Diese Silvi ist nur so +ein kleines Hudelchen, für das das schöne Sonntagswetter +zu schade ist. Die schöne Frau Tobler +mag das Mädchen nicht ausstehen, es ist ihr zu +wenig schön, da muß es eben zu Hause sitzen. Und +dieser Herr Unternehmer! Vor drei Tagen noch +haben ihn die Wut und das Gefühl der Enttäuschung +von links nach rechts und im Kreis +herum geschüttelt, daß es ein Jammer gewesen ist, +und heute sagt er zu mir, er wünsche mir viel Vergnügen, +und ich solle in die Stadt zu Bekannten +und Freunden fahren. Er fürchtet, ich würde mit +Pauline, seiner Dienstmagd, anbandeln, das ist +alles.«</p> + +<p>Er gestand sich, daß er zu bitter sei und zwang +sich zur Lektüre des Buches. Da ihm aber dies +nicht gelingen wollte, legte er das Buch beiseite, +trat an den Tisch heran, nahm seine private Feder +zur Hand und einen Streifen Papier und schrieb +folgendes darauf:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Memoiren.</p> + +<p>Ich habe soeben gehässige Gedanken hegen +wollen, aber ich verbiete mir das. Dann habe +ich lesen wollen, aber ich bin dazu nicht imstande +gewesen, der Inhalt des Buches hat mich nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_118">118</a></span>ergriffen, da habe ich das Buch weggelegt, denn +es ist mir unmöglich zu lesen, ohne begeistert von +der Lektüre zu sein. So sitze ich nun an diesem +Tisch und beschäftige mich mit der eigenen Person, +da ich niemanden auf der Welt besitze, der begehrt, +von mir irgendwelche Nachrichten zu erhalten. Wie +lange habe ich nun schon keinen warmen Brief geschrieben? +Jener Brief an die Frau Weiß gibt +mir deutlich zu verstehen, wie es mich aus dem Kreis +nahestehender und teilnehmender Menschen herausgeschüttelt +und -gerüttelt hat, wie sehr mir Menschen +fehlen, die aus natürlichen Gründen ein billiges +Recht haben, von mir Auskunft über mein Wesen +und Treiben zu fordern. Jener Brief ist mit einem +ersonnenen und erdichteten Gefühl geschrieben worden, +er ist wahr, aber er ist zugleich eine Erfindung +gewesen, herauserfunden aus einem Geist, der erschreckt +ist, darüber, daß ihm einfachere und näherliegende +Beziehungen vollständig mangeln. Bin +ich ruhig jetzt? Ja. Und ich sage zu der mittäglichen +Stille, was ich jetzt sage. Rund um mich +herrscht sonntägliche Ruhe, schade, daß ich das nicht +irgend einem Menschen von Gewicht mitteilen kann, +denn das wäre ein ganz hübscher Briefanfang. +Doch jetzt will ich mein Wesen ein bißchen beschreiben.</p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_119">119</a></span>Joseph hielt einen Augenblick inne und fuhr +dann fort zu schreiben:</p> + +<div class="letter"><p>Ich komme aus gutem Hause, aber ich glaube, +ich habe eine etwas zu flüchtige Erziehung genossen. +Ich will mit diesen Worten keineswegs meinen +Vater oder meine Mutter anklagen, behüte Gott +im Himmel, sondern ich will nur versuchen, ob ich +mir klar darüber werden kann, was mit meiner +Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von +Welt, der die Mühe gehabt hat, mich zu ertragen. +Die Verhältnisse, in denen ein Kind aufwächst, erziehen +dasselbe großenteils. Die ganze Gegend und +Gemeinde helfen mit, es zu erziehen. Das elterliche +Wort und die Schule sind freilich die Hauptsache, +aber was ist das für eine Art und Weise, +mich hier mit meiner eigenen, werten Person zu befassen, +ich gehe lieber baden.</p></div> + +<p>Der zum Tagebuchschreiben so wenig taugliche +Gehülfe legte die Feder beiseite, zerriß das Geschriebene +und verließ das Zimmer.</p> + +<p>Nach dem Bad gab es ein Mittagessen mit +Pauline und Silvi. Die ziemlich roh fühlende Magd +suchte unter beständigem Gelächter, das bei Joseph +bezüglich ihres Betragens Zustimmung voraussetzte, +dem Kind Manieren beizubringen, während sie doch +selber kaum solche besaß. Das eitle und herzlose +<span class="pagenum"><a name="Page_120">120</a></span>Bemühen gipfelte in dem mehrere Male wiederholten +Vormachen und Einexerzieren der Führung +von Messer und Gabel, wobei irgendwelcher Erfolg +des Unterrichtes gar nicht erwartet, ja nicht einmal +gewünscht wurde, da ja sonst das Vergnügen des +barschen und belustigenden Einstudierens vorbei gewesen +wäre. Das Kind saß da und schaute mit +großen, tatsächlich dummen Augen bald seine Lehrmeisterin, +bald den gleichmütig zuschauenden Joseph +an und verschüttete in ziemlich garstiger Weise ihr +Essen, worüber sich Pauline in einem erneuten und +übertriebenen Entrüstungswortesturm berauschte, der +für Silvi ernst, aber für Joseph komisch wirken +sollte, gleichsam, um zwei entgegengesetzte Welt- und +Lebensanschauungen mit einem Streich zu befriedigen. +Silvi benahm sich so läppisch, daß es die +Dienstmagd, der seitens der Mutter des Kindes +beinahe unbeschränkte Herrschaft über das kleine +Wesen zuerteilt worden war, für passend fand oder +für nötig erachtete, den Tunichtgut ohne Umstände +zu ohrfeigen und an den Haaren zu schütteln, so +daß Silvi laut aufschrie, nicht vielleicht so sehr des +körperlichen Schmerzes wegen, der übrigens gar so +geringfügig auch nicht war, als wegen eines letzten +Stümpchen Stolzes, verletzten, erniedrigten Kinderstolzes, +sich derart von einer fremden Person, wie +<span class="pagenum"><a name="Page_121">121</a></span>die Pauline eine war, malträtieren lassen zu müssen. +Joseph schwieg dazu. Angesichts des kindlichen Zornes +und Schmerzes spielte die Magd handkehrum +die ernstlich Gekränkte und Beleidigte; das kam daher, +weil Joseph gar nicht lachen wollte, was sie +ganz unbegreiflich fand, und auch daher, weil Silvi +nicht ruhig sich hatte schlagen lassen, was sie in +ihrer Gedankenlosigkeit und Roheit als selbstverständlich +vorausgesetzt hatte. »Ich will dich schreien +lehren, du Unflat,« rief sie, oder krächzte sie vielmehr, +und nahm das Kind, das von seinem Platz +weggelaufen war, und stellte es wieder auf seinen +Stuhl, wobei das Geschöpfchen hart an die Rücklehne +desselben anprallte. Silvi mußte Gabel und +Messer von neuem, und zwar ordentlich, wie ihr +die Lehrerin und Erzieherin durch einen strengen +und spitzen Zuruf befahl, in das Händchen nehmen, +um die wehmütige und appetitlose Mahlzeit gezwungenermaßen +zu beenden. Sie sah infolge der +verweinten Augen für Pauline noch viel dümmer +und ungerader als vorher aus, und da lachte denn +das Muster aller Erziehungsmethoden der Welt laut +auf. Der Anblick der traurig essenden Silvi mußte +auf ihre Lachmuskeln geradezu erschütternd wirken. +Der Humor war also wieder da. Ein schamloses +Mundwerk ist nie zu verachten, und so frug denn +<span class="pagenum"><a name="Page_122">122</a></span>mit breiter Stirn, auf der sich bäuerlich-beschränktes +Erstaunen deutlich abmalte, Pauline den still dasitzenden +Joseph, ob er etwa böse sei, oder was er +sonst habe, daß er gar kein Wort rede? Die Dreistigkeit +und Stiernackigkeit dieser mutwilligen Frage +machten, zu einem unerträglichen Eindruck vereint, +denselben heftig erröten. Er hätte seine Tischnachbarin +tätlich angreifen müssen, wenn er es hätte +unternehmen wollen, sie von dem Gefühl, das ihn +beherrschte, zu überzeugen. So murmelte er nur +etwas und stand vom Tisch auf, welches Benehmen +die Magd in dem Instinkt bestärkte, der ihr weis +machte, Joseph sei in allem ein sehr wenig verträglicher +und vertraulicher Mensch, der es sicherlich +darauf müsse abgesehen haben, sie zu kränken und +unwirsch zu machen. Diese neue boshafte Empfindung +bekam Silvi sogleich zu kosten, indem ihr befohlen +wurde, den Tisch abzuräumen, eine Arbeit, +der sich Pauline eigentlich selber zu unterziehen gehabt +hätte. Das Kind, eifrig bemüht, dem Befehl +der Tyrannin und Unterdrückerin nachzukommen, +stellte sich jeweilen, wenn es etwas vom Tisch herunter +zu nehmen hatte, auf die Zehen der kleinen +Füße, erfaßte mit beiden Händen je eine Schüssel, +einen Teller oder ein paar Bestecke und trug so +Stück für Stück demütig und sorgsam, und den +<span class="pagenum"><a name="Page_123">123</a></span>Küchenwüterich stets anschauend, an den Platz hinaus, +wo die Sachen gereinigt werden mußten. Es +tat dies so, als trüge es in den Ärmchen und Händchen +jedesmal eine kleine, dornige, feuchte Krone, +die von den eigenen Augen schimmernd naß geweinte +Krone des frühen und unabänderlichen Kinderleides.</p> + +<p>Joseph ging in den Wald hinauf. Der Weg +dahin war sehr hübsch und sehr still. Natürlich +war er, während er so ging, von Gedanken an die +kleine, verhutzelte und verschuggte Silvi in Anspruch +genommen. Pauline kam ihm wie ein gefräßiger +Raubvogel vor und Silvi wie die Maus, die sich +unter den Krallen des grausamen Tieres befand. +Wie konnte Frau Tobler ihr zartes Töchterchen diesem +Drachen von Dienstmagd ausliefern? Aber +war denn Silvi so zart und die Magd so sehr ein +Drache? Vielleicht war alles das gar nicht so schlimm. +Man würde da leicht zu Übertreibungen neigen, +wollte man von der einen Seite sofort das Teuflischste, +was es in der Welt gab, annehmen, und +vom andern Teil das Lieblichste und Beste. Der +»Unflat« Silvi war ja schon ein wenig ein solcher, +aber Pauline war Pauline. Joseph erschien es undenkbar, +im stillen etwas Günstiges von Pauline +aussagen zu dürfen, als höchstens etwa, daß ihr +<span class="pagenum"><a name="Page_124">124</a></span>Vater ein ehrlicher Bahnwärter und Landmann sei. +Aber was hatte das Bahnwärterhaus mit dem brutalen +Vergnügen an der Kindermißhandlung zu +tun? Möglich war es ja, daß der Vater der Pauline +ein halber, wütender Stier sein konnte, was +wußte man denn Genaues! Aber diese feine, beinahe +aristokratische Toblerdame, diese Mutter, diese +aus echt bürgerlichen Kreisen herstammende Frau, +die das zarte Empfinden mit der Muttermilch einsog, +diese Kluge, in mancher Hinsicht sogar Schöne, +was war es mit der? Was hatte die für Ursache, +das Kind zu verstoßen und zu verschuggen? Joseph +freute sich an diesem kuriosen Wort: »verschuggen«, +er fand es für die Eigentümlichkeit, die es benannte, +so kennzeichnend. »Verstoßen«, das erinnerte ein +wenig an die Märchenbücher, aber »verschuggen« +konnte man heute noch so gut arme, kleine, wehrlose +Kinder wie vor aberhunderten von Jahren. +Solches gelang ja sogar in einer Villa Tobler, dem +Ort, wo zwei Feen sich so gern aufhielten, nach +Toblers eigener Redensart, der Anstand (es muß +anständig zugehen bei mir) und die Säuberlichkeit +(potz tausend, mehr Ordnung, haben Sie gehört). +Konnten zwei so reizende Feen etwas so Unsauberes +und in der Tat Unanständiges, wie es die +fortwährende Demütigung eines kindlichen Gemütes +<span class="pagenum"><a name="Page_125">125</a></span>war, in ihrem Beisein dulden, war das möglich? +Wie es schien, ja! Es war eben allerlei möglich, +in dieser Welt, wenn man sich die Mühe und +Liebe nahm, auf einem Wiesenspaziergang ein bißchen +darüber nachzudenken.</p> + +<p>Joseph begegnete fast gar keinen Leuten. Ein +paar Bauern standen am Weg. Zu beiden Seiten +desselben streckten sich üppige Wiesen aus, von hunderten +von Fruchtbäumen besetzt. Es war alles so +eng und zugleich so weit und so grün. Bald langte +er im Wald an, er entdeckte nach kurzer Zeit des +Umherlaufens eine kleine, enge, von einem Wasser +durchzogene Waldschlucht und machte es sich im +Moos bequem, indem er sich einfach auf den weichen +Boden hinfallen ließ. Der Bach murmelte so +artig, durch die Blätter der hohen Buchen blitzte +die Sonne, so bekannt, so wohlig, und das saftige +Grün umwob die Schlucht wie mit feinen, süßen +Schleiern. Hier wäre für eine romantische Geschichte +ein schöner, passender Schauplatz gewesen. +Von irgend woher aus den umliegenden Hochebenen +ertönten Schüsse, da war wohl in ziemlicher +Nähe ein Schießstand. Wie still sonst! Kein Lüftchen +konnte in diese grüne, verborgene Welt hineindringen. +Die Bäume hätten vorher umfallen müssen, +aber es waren hohe und alte, die hielten einem +<span class="pagenum"><a name="Page_126">126</a></span>Unwetter, ja zehn Unwettern stand, und heute sah +es da oberhalb der Schlucht nicht nach Winden +und Wettern aus. Irgend ein Ritterfräulein in +Samtrock und ledernen Handschuhen, das weiße +Roß an der Leine führend, das reiche, goldene +Haar ungebunden tragend, hätte jetzt daherkommen +können, Joseph würde sich nicht allzusehr über den +Auftritt gewundert haben. So sah es hier aus, +ganz nach ritterlichen und frauenhaften Begebenheiten. +Aber was konnte viel Schönes und Ritterliches +in der Nähe der Villa Tobler vorkommen? +Etwa gar die Pauline, oder Tobler selber als +abenteuerlustiger und ebenso gekleideter Unternehmer? +Unternehmungen, ja, die gab es in Hülle +und Fülle, kein Zweifel, aber was für welche? +Was hatten technische Unternehmungen mit grünen +Waldschluchten, weißen Rössern, edlen, lieben Frauengestalten +und mit mutigen Taten zu tun? Ritten +in früheren Jahrhunderten die Ritter und Unternehmer +auch auf der »Reklame-Uhr« und auf dem +»Schützenautomaten«, oder auf ähnlichen Gäulen +herum? Gab es damals auch schon »verschuggte« +Kinder, Ecepecen Silvi? O ja, aber eben, man +nannte sie »Verstoßene«, und heute nannte sie da +so einer, der zwischen dem herrlichsten Grün im +Moose lag, »Verschuggte«.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_127">127</a></span> +Er lachte. O es war so schön hier. Im Wald +ist die Stille eine doppelte. Ein weiter Ring von +Bäumen und Gesträuchen bildet die erste Stille, +und die zweite, noch schönere, ist der eigene erwählte +Platz. So wie der Bach murmelte, glaubte +man sich schon in lange, kühle Träumereien verstrickt, +und so wie man ins Grün hinaufschaute, +befand man sich mitten in silbernen und goldenen +und guten Weltanschauungen. Die selber erdachten, +einem fernen und nahen Bekanntenkreis entnommenen +Personen flüsterten leise, sie sagten etwas, +oder sie machten bloß Mienen, während die Augen +eine tief innerliche Sprache für sich redeten. Die +Gefühle traten nackt und mutig auf, und das Feinstempfundene +traf ein verborgenes, sehnsuchtsvolles +Verständnis an. Die Lippen und Gedanken, ohne +der Zeiträume und Lebensstraßen zu bedürfen, küßten +sich, wenn sie sich erkannt hatten; auf den Lippen +sah man die Freude hochaufbrennen, und aus +den Gedanken heraus sang eine zu Bach, Busch +und Waldstille passende, freundliche Wehmut. Man +brauchte nur zu denken, es werde bald Abend werden, +und so schienen auch schon alle bekannten und +unbekannten Landschaften im Abendlicht zu schwimmen. +Der Wald über dem Kopf des Träumers +hob und senkte und wiegte sich leise und tanzte in +<span class="pagenum"><a name="Page_128">128</a></span>dem hinaufgerichteten Auge, und für das Auge war +das Mittanzen keine Frage. Wie schön ist es hier, +sagte Joseph mehrmals still für sich. Plötzlich hatte +er eine lebhafte Erinnerung aus dem Kindheitleben.</p> + +<p>Damals, in der Jugendzeit, gab es auch so eine +Art Schlucht, aber eigentlich war es mehr eine Sandsteingrube, +aber eine so seltsame und zierliche, wie +er später nie wieder eine gesehen hatte. Diese rundliche +Grube befand sich am Rand eines ausgedehnten +Buchen- und Tannen- und Eichenwaldes, er +und seine Geschwister entdeckten sie eines Tages auf +einem hin und herstreifenden Nachmittagsspaziergang. +Es war auch an einem Sommersonntag, vielleicht +war es auch schon ein wenig gegen den Herbst zu. +Die Kinder waren vorausgesprungen, Spiele erfindend +und betreibend, hinterher kamen die Eltern. +Die neuaufgefundene Grube erwies sich als der +herrlichste Spielplatz, man beschloß, dazubleiben und +die Eltern hier zu erwarten. Diese kamen an, und +auch sie fanden den Ort reizend, es gibt Naturpunkte, +die einfach berücken, so dieser. Die Ränder der Grube +waren von einem wahren, kaum durchdringbaren +Baumdickicht bewachsen, so daß es eigentlich nur +neugierigen Kindern aufbewahrt bleiben konnte, +den Ort ausfindig zu machen. Freilich befand sich +an einer Stelle eine breitere Öffnung zum bequemen +<span class="pagenum"><a name="Page_129">129</a></span>Durchschreiten. Mutter setzte sich auf ein Rasenbord +und lehnte sich mit dem Rücken an eine Tanne an. +Es gab da mitten in der Grube eine kleine Erhöhung +natürlichen Ursprunges, die, da sie so hübsch +mit jungen Bäumen besetzt war, von selbst zum +Sitzen und Liegen einlud. Wem hätte das nicht +gefallen müssen? Der Ort, wie er dalag, schien von +einer sinnigen Naturschwärmerhand geschaffen worden +zu sein, aber nein, die Natur selber, so unbekümmert +sie sonst ist, war hier gleichsam so zartfühlend +gewesen, indem sie die Traulichkeit und Geschlossenheit +selber erschuf. Rund um die kleine Erhöhung +streckte und rundete sich eine Spielbahn, +eine Waldwiese, bewachsen von den wunderlichsten +Gräsern, Kräutern und wilden Blumen, die einen +berauschenden, romantischen Duft verbreiteten. Von +der übrigen Welt sah man nichts als ein Stück +Himmel, das die hohen Bäume am Rand der Grube +gesetzmäßig den Blicken abschnitten. Das Ganze glich +einem Plätzchen in einem weitläufigen, herrschaftlichen +Garten, nicht einer zufälligen Waldstelle. Die +Eltern schauten schweigsam dem Treiben der Kinder +zu, die sich, eines das andere, die steilansteigende +Sandwelle der Grube hinauf und hinabjagten, wobei +gelacht und geschrieen wurde. Diese frühen +Stimmen. Wie man nur so wild sein konnte. Die +<span class="pagenum"><a name="Page_130">130</a></span>Kinder waren alle darüber erfreut, daß es der +Mutter hier gefiel, daß sie ruhig sitzen bleiben durfte, +umweht von den Annehmlichkeiten eines so hübschen +Ruheplatzes. Sie kannten die Wünsche und Bedürfnisse +des Muttergemütes. Bald schien denn +auch der ganze Ort erfüllt zu sein von diesem freundlichen, +gedankenvollen Gefallen und von dem kindlichen +Meinen, Glauben und Hoffen, das Richtige +getroffen zu haben. Ein sonderbarer Gemütszauber +machte die lebhaften Spiele noch um ein Bedeutendes +beliebter und stürmischer. Man durfte sich jetzt, +da die Mutter zufrieden zu sein schien, schon ein +wenig Ausgelassenheit über das gewöhnliche Maß +erlauben. Wie es in fast jedem bürgerlichen Familienhaus +irgend eine bedrückende Misere gibt: hier +war sie vollständig neben die Seite gestellt worden, +ja, die Welt schien man vergessen zu haben. Die +Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter, +ob sie böse war oder nicht, nein, sie schaute gütig +und im übrigen gemessen gradaus. Das war +ein gutes Zeichen, und der kleine Grashügel selbst +schien von da an Empfindung bekommen zu haben. +»Sie ist gut aufgelegt,« flüsterten den Kindern die +Blätter der rauschenden Bäume zu. Wenn die +Mutter lächeln konnte, was eine so große Seltenheit +war, dann lächelte ihnen die ganze umliegende +<span class="pagenum"><a name="Page_131">131</a></span>Welt zu. Mutter war schon damals krank, sie litt +an übergroßer Empfindlichkeit. Wie süß kam nun +den Kindern das ruhige Daliegen der Frau vor, +an der das Unglück herumnagte. Das Unglück schien +von diesem traulichen Winkel verbannt zu sein, und +so lispelte und flüsterte denn eine Freude in jedem +Grashalm der kleinen, weltentrückten Waldwiese +und ein freundlicher Glauben in jeder Tannennadel. +Im Schoß der Mutter lagen ein paar Feldblumen, +und der Sonnenschirm lag neben ihr, den Händen +war irgend ein Buch entglitten. Das Gesicht, das +die Kinder fürchteten, sah so friedlich aus. Da +durfte man schon toben und schreien und Übermütigkeiten +einfädeln. Jeder Zug des Gesichtes +sagte: »Ja tobt nur, es geht jetzt. Tobt euch nur +aus, es macht nichts.« Und der ganze liebliche Ort +schien sich gesellig und stürmisch mit im Kreise des +Spieles zu drehen. – »Das war eine Grube gewesen, +und hier ist nur eine Waldschlucht, und das Haus +Tobler ist in der Nähe, und es ist eine unverzeihliche +Sünde, zu träumen, wenn der Mensch das dreiundzwanzigste +Jahr überschritten hat.«</p> + +<p>Joseph machte sich auf den Heimweg.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und +zugleich zierlich, als werde es von lauter Anmut +<span class="pagenum"><a name="Page_132">132</a></span>und Lebensgenügsamkeit bewohnt! Solch ein Haus +ist nicht leicht umzuwerfen; fleißige, geschickte Hände +haben es dauerhaft zusammengefügt, mit Mörtel, +Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht es +nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was können +ein paar geschäftliche Verfehlungen solch einem +Haus schaden?</p> + +<p>Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei +Seiten, aus einer sichtbaren und einer unsichtbaren, +aus einem äußeren Gefüge und aus einem inneren +Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig, +ja, manchmal vielleicht noch wichtiger zum Tragen +und Stützen des Ganzen, wie der äußere. Was +nützt es, wenn ein Haus schmuck und gefällig steht, +wenn die Menschen, die es bewohnen, es nicht zu +stützen und zu ertragen vermögen? Da sind allerdings +die geschäftlichen und ökonomischen Fehler +von großer Bedeutung.</p> + +<p>Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem +Herr Johannes Fischer seine geldspendende Hand +jählings zurückgezogen hat. Gibt es nur einen einzigen +darlehnfähigen Menschen auf der Welt? Wenn +so, dann mußte ja Tobler den Mut wirklich verlieren. +Wie kommt er aber dann gerade jetzt dazu, +sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es +scheint halt doch, der Mann hat noch nicht das +<span class="pagenum"><a name="Page_133">133</a></span>mindeste verloren, sonst dächte er wohl kaum an +solche Bauereien.</p> + +<p>Unten auf der Landstraße stehen öfters Menschen +still, biegen den Kopf zur Höhe und schauen +sich die Villa gemächlich an, und man gewinnt, +wenn man von oben herabschaut, den Eindruck, daß +diese zufälligen Beobachter über den Anblick erfreut +sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein beim Anschauen +eines so reizend gelegenen Hauses? Schon +allein der kupferne Turm ist ja allen Interesses +wert. Der Turm hat ja auch genug Geld gekostet. +Auf die Idee, daß die diesbezügliche Rechnung +oben im Bureau im Fach der unbezahlten Rechnungen +liegt, wird nicht so leicht jemand, der in +den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu +machen Haus und Garten einen viel zu wohlhabenden +Eindruck.</p> + +<p>Der Verwalter der Bank von Bärenswil ist +ja gewiß schon ein wenig nachdenklich geworden, +darüber, daß es im Hause Tobler Sitte sei, die zur +Zahlung präsentierten Wechsel unter dem Gesuch, +dieselben prolongieren zu lassen, zurückzuweisen. +Aber er hütet sich, die Gedanken des Mißtrauens +und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen +hat, laut zu äußern. Es kann alles nur +eine vorübergehende Krisis sein, und ein Bankverwalter +<span class="pagenum"><a name="Page_134">134</a></span>ist in der Regel kein Waschweib, sondern +ein mit sich selbst strenger Mann, der weiß, was +vorlaute Bemerkungen einem strebenden und mit +der Existenz ringenden Geschäftsmann für Unheil +anrichten können. Man ist ein wenig stutzig geworden, +runzelt in seinem Direktionszimmer leicht +die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste, +aber man schweigt, denn man dient dem Handel +und dem industriellen Verkehr der aufblühenden +Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu, obschon +es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf +dem Hügel zum Abendstern ein bißchen bergab geht. +Die Banken und Sparkassen haben gewöhnlich einen +feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen +reden erst dann, wenn die Gewißheit der endgültigen +Zahlungsunfähigkeit buchstäblich vorhanden ist. Da +kann Tobler also noch ins Fäustchen lachen und +froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage +ruht in der Sparbank von Bärenswil wie in einem +wohlverschlossenen Grabe.</p> + +<p>Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern +rauschende Sänger- oder Turnerfestlichkeiten mitzumachen, +der wird wohl noch im geheimen irgend +eine Kreditquelle liegen und fließen haben, die er +eben nur deshalb noch nicht auftut, weil er diese +letzte aller Hülfsbewegungen bis jetzt noch nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_135">135</a></span>nötig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau +hat, die, wenn sie durchs Dorf geht, von allen +Seiten fröhlich gegrüßt wird, mit dem wird es sicher +noch nicht so schlimm stehen.</p> + +<p>Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. +Geld konnte über Nacht in das technische Bureau +hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte +vorläufig nur Geduld zu haben, die Erfolge mußten +sich ja einstellen. Welcher reiche und unternehmende +Mann konnte einer Annonce widerstehen, die mit +den Worten begann: »Glänzendes Unternehmen«? +Und wenn einer einmal so weit gekommen war +und angebissen hatte, würde man ihn schon zu halten +verstehen. Man würde es nicht so machen wie mit +dem Herrn Fischer, der ja übrigens, wenn man sich +die Sache recht überlegte, vielleicht gar nicht gesonnen +gewesen war, Ernst zu machen, und der daher +eigentlich auch gar nicht verdient habe, daß +man ihn so ernst nahm.</p> + +<p>War die Reklame-Uhr etwa plötzlich ins Wasser +gefallen? I woher. Im Gegenteil, heller und +schimmernder als je prangten die eleganten Flügel +ihrer Reklamefelder, und der Schützenautomat? +War man nicht mit der Herstellung eines ersten +Exemplares desselben schon seit Wochen beschäftigt? +Kam nicht der tüchtigste und dienstfertigste aller +<span class="pagenum"><a name="Page_136">136</a></span>Mechaniker fast täglich in die Villa, um mit Tobler +Karten zu spielen? Andere Leute spielten auch +Karten und tranken ihr Glas Wein, und prosperierten +trotzdem, warum Tobler nicht? Das war +nicht einzusehen.</p> + +<p>Dazu, um voreilig kleinmütig zu werden, war +Herr Tobler nicht nach »diesem Lumpen-Bärenswil« +gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es +durchaus sein mußte, auch noch leisten, und zur +Genüge. Nein, es galt gerade jetzt, diesen Hechten +und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um die +neugierigen, spöttischen Nasen herum, was ein lebendiger +und arbeitsfroher Mensch und Mann zu +leisten imstande war, selbst noch in dem Augenblick, +wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschäftshauses +auseinanderzugehen drohten. Und +deshalb ließ Tobler, unbekümmert um das, was +man sich im Dorf in den Wirtshäusern in die Ohren +flüstern würde, den Garten umbauen, um eine +Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen Heuwagen +voll Geld kosten.</p> + +<p>Diese Bärenswiler mußten nicht triumphieren +dürfen, das wäre noch besser gewesen! Denen mußte +man mit aller verfügbaren Gewalt die Freude versalzen, +die diese Menschen empfinden würden, wenn +es so weit käme, daß Tobler wie ein Hampelmann +<span class="pagenum"><a name="Page_137">137</a></span>im Kasperletheater »abzotteln« müßte. Nein, so +weit war man noch nicht. Und zum Trotz würde +Tobler gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, +sobald sie nur einigermaßen fertig hergestellt wäre, +an die angesehensten Bürger des Dorfes, an solche, +die es mit ihm etwa noch ein bißchen aufrichtig +meinten, Einladungskarten schicken, damit sie sähen, +wie fest und wie überlegen er das Leben betrachtete +und anpackte.</p> + +<p>Wer sich für seine Familie, wie Tobler, verantwortlich +fühlte, wer Frau und vier Kinder sein +eigen nannte, den stieß man noch nicht so rasch von +einem einmal erworbenen und bewohnten Platz +und Punkt herunter. Da sollten nur ihrer ein paar +herankommen, er würde sie davonjagen mit Hieben, +geblitzt und gestrahlt aus den bloßen, zornigen +Augen. Und wenn sie dann noch nicht genug hätten, +die Speck- und Wurstesser, nun, so würde es +ihm eben einfallen können, den einen oder den andern +von ihnen handlich anzupacken und über den +Gartenzaun hinüberzuwerfen, Umstände würde er +in einem solchen Fall nicht machen.</p> + +<p>Aber so weit war es noch lange nicht. Noch +hatte die Firma C. Tobler, technisches Bureau, +überall uneingeschränkten Kredit bei den Handwerks- +und Geschäftsleuten von Bärenswil. Tapezierer +<span class="pagenum"><a name="Page_138">138</a></span>und Schreiner, Schlosser und Zimmermann, +Fleischer und Weinhändler, Buchbinder und Buchdrucker, +Gärtner und Kürschner lieferten ihre Arbeiten +und Waren, ohne sofortige Zahlung zu fordern, +in vollem Vertrauen auf eine spätere, gelegentliche +Regulierung, in die Villa zum Abendstern. +Von einem Getuschel und Gezischel in den öffentlichen +Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler +schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, +bloß auf diesen Fall und für diese Lage zum voraus +einzuüben, und das auch nur dann, wenn ihn +ein Mensch oder eine geschäftliche Sache geärgert +hatten.</p> + +<p>Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit +und Wohlanständigkeit rings in die schöne Umgebung +hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden +Sonne, erhoben von einem grünen, wundervoll +zum See und zur Ebene herablachenden Hügel, +umgeben und umarmt von einem wahrhaft herrschaftlichen +Garten, steht es da, die reine bescheidene +und besonnene Freude. Nicht vergebens wird es +von zufällig vorübergehenden Spaziergängern lange +angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum +Anschauen. Hell glänzen seine Fensterscheiben und +seine weißen Gesimse, bräunlich winkt der schöne +Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest her +<span class="pagenum"><a name="Page_139">139</a></span>da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majestätischen +Bewegungen, in Zuckungen, Windungen +und flammenartigem Geröll um die schlanke, +feste Stange. Dieses Haus drückt in seiner Bauart +und an seinem Bauplatz zweierlei Gefühle aus, +das der Lebendigkeit, und das der Ruhe. Ein ganz +klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als +die tief in den lieben, alten Gärten versteckten Herrenhäuser +älteren Ursprungs, aber es ist lieblich, +und wer darin wohnt und dabei denken muß, es +könne sein, daß er es unehrenhafterweise verlassen +müsse, dem darf übel zumut sein, er hat Ursache.</p> + +<p>Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr +Tobler.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Si-vi, Si-vi!</p> + +<p>Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet +es nicht einmal recht. Ein grobes, seit Jahren nicht +mehr geschliffenes Küchenmesser kann ebenso gut Sivi +rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers +das l nicht zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen +weiß diese Magd ausgezeichnet, wenn es +die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die +Befehlshaberstimme zu einem Säuseln und Lispeln +herab. Zu der Dora sagt die Pauline immer: Do-li, +denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge auf das +<span class="pagenum"><a name="Page_140">140</a></span>r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich +genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets +wegläßt. Aber Si-vi klingt eben spitz, und die Silvi +will man verwunden, man will ihr schon mit dem +bloßen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mädchen +spricht niemand liebevoll.</p> + +<p>Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, +da geht es wohl mit ganz natürlichen Dingen +zu, daß alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen +besteht aus Zucker, wenigstens meint man +das eine Zeitlang, denn aus allen Ecken tönt und +flötet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus, +daß man glaubt, es müsse eine schneeweiße Konditorei +in unmittelbarer Nähe sein. Dora ist beinahe +nicht Fleisch und Bein, sondern es sind Mandeln, +Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, +so voll ist die Luft um das Mädchen +herum von Artigkeiten, Süßigkeiten, Knixen und +Liebkosungen.</p> + +<p>Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit +selber. Sie liegt dann, in Kissen gebettet, auf dem +Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der +Hand und ein Engelslächeln auf den Lippen. Jedermann +geht hin und schmeichelt ihr, auch Joseph +tut das, er muß es beinahe tun, es zwingt ihn, denn +die Kleine ist wirklich schön. Sie ist ganz der Vater, +<span class="pagenum"><a name="Page_141">141</a></span>dieselben dunklen Augen, dieselbe Fülle des Gesichts, +ein und dieselbe Nase, überhaupt ganz Herr Tobler.</p> + +<p>Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes +Abbild der Mutter, eine zugleich verkleinerte, aber +auch ziemlich mißratene Photographie derselben. +Armes Kind! Was kann sie dafür, daß man sie +schlecht photographiert hat? Sie ist dünn und doch +plump. Sie scheint von Charakter, wenn man bei +einem Kind von einem solchen sprechen darf, mißtrauisch, +und in der Seele scheint sie falsch und +verlogen zu sein.</p> + +<p>Wie ist dagegen Dorli entzückend aufrichtig im +ganzen Wesen. Deshalb hat man sie ja auch im +ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern. +Man macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr. +Joseph trägt die Dora im Garten herum, auf den +Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so tut +er's. Sie bittet so schön. Der Himmel selber scheint +ihr auf den Lippen zu liegen, wenn sie bittet. Weiße, +kleine Wolken scheinen diesem Kinderhimmel alsdann +zu entschweben, und irgendwo, meint man, müsse +jemand plötzlich angefangen haben Harfe zu spielen. +Sie bittet und befiehlt zugleich. Eine Art unwiderstehlicher +Befehl ist immer mit einer tatsächlich schönen +Bitte verbunden.</p> + +<p>Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schüchtern, zu +<span class="pagenum"><a name="Page_142">142</a></span>verschlagen dazu, sie getraut sich nicht recht, es zu +tun, aber um bitten zu können, muß man ein unbändiges, +kräftiges Vertrauen zu sich und zu andern +haben. Wenn man den schönen Mut zu einer flehentlichen +Bitte finden soll, muß eines zum voraus +von der Erfüllung derselben fest, ja felsenfest überzeugt +sein, aber Silvi ist von niemands Güte überzeugt, +da man sie nur zu rasch und zu unvorsichtig +an ganz anderes gewöhnt hat. Ein verprügeltes +Hudelgeschöpfchen wie Silvi wird leicht von Tag +zu Tag unliebenswürdiger und häßlicher zum Anschauen +und Ertragen, weil sich ein solch kleiner +Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht +nimmt, sondern sogar, aus einem geheimen, schmerzlichen +Trotz, den nur niemand einem unentwickelten +Kind zutraut, bemüht, durch ein immer schlechteres +Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen +stets höher zu reizen. Es ist überhaupt +mit der Silvi ganz eigentümlich, es ist einem fast +unmöglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht. +Die Augen beurteilen sie sogleich schlecht, nur das +Herz, wenn man eines hat, sagt hinterher: Arme, +kleine Silvi!</p> + +<p>Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte, +Edi, der Jüngere, der Vernachlässigte. Aber in gewissen +Familien sind Knaben höher im allgemeinen +<span class="pagenum"><a name="Page_143">143</a></span>geschätzt als Mädchen, so daß es nicht möglich ist, +daß einem weniger geliebten Knaben in einem solchen +Maß alle gütige, warme Zuneigung verloren geht, +wie es beim »verschuggten« Mädchen der Fall sein +kann. Auch in der Familie Tobler ist das so: +Walter und Edi sind, zusammengerechnet, ein höherer +Wert als das weibliche Doppelgebild Dora +und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene +Naturen, der erste ist ein wilder, zu Streichen aufgelegter, +aber offenherziger Bursche, während Edi +gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt, +ganz wie Silvi, sein Schwesterchen, und sehr wenig +spricht, ebenso wie diese. Edi macht sich auch nie +über Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen +den beiden ein unausgesprochenes, aber vielleicht +um so natürlicher empfundenes Einverständnis. Ja, +sie spielen sogar zusammen. Walter würde nie mit +Silvi Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich über +sie lustig und mißhandelt sie oft, weil man den +Knaben daran gewöhnt hat, nichts dabei zu empfinden.</p> + +<p>Von Silvi muß noch erwähnt werden, daß sie +fast jede Nacht ihr Bettchen vernäßt, trotzdem sie +von Pauline regelmäßig aus dem Schlaf geweckt +wird, um auf das Nachttöpfchen gesetzt zu werden. +Diesem körperlichen Makel hat die Kleine hauptsächlich +<span class="pagenum"><a name="Page_144">144</a></span>die strenge Behandlung, welcher man sie +aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des +festen Glaubens, sie sei zu faul zu erwachen und +vom Bett aufzustehen. Pauline hat Auftrag von +Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken +unsauber sei, und zwar jedesmal, und wenn +Ohrfeigen nichts nützen, so solle die Magd nur den +Möbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht +eher etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So +hört man denn oft mitten in der Nacht ein jämmerliches +Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen, +vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen +Schimpfnamen, die Pauline der Sünderin +glaubt anhängen zu müssen. Morgens muß Silvi +das Häfchen, das sie während der Nacht benutzt +hat, selber nach unten tragen. Es ist dies auch eine +Verordnung der Mama, die der Ansicht ist, daß es +sich für eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit +eigenen Händen zu besorgen, die Pauline habe auch +sonst noch genug zu tun. Da sitzt dann das Hutzel- +und Hudelkind mit dem bewußten Gegenstand, den +sie in kurioser Weise neben sich hinstellt, auf einem +der Treppenabsätze und scheint, wenn man sie so +betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die sonst +den Ruf haben, sich um arme, schutzlose Kinder zu +bekümmern, verlassen zu sein. Wenn sie sich »zum +<span class="pagenum"><a name="Page_145">145</a></span>Überfluß« noch widerspenstig zeigt, sperrt man sie +in den Keller, und dann ist des Geschreies und +Polterns gegen die zugeschlossene Kellertüre kein +Ende, so daß sogar Nachbarn, schlichte Arbeiterleute, +auf den Jammer, der aus der Villa tönt, aufmerksam +werden.</p> + +<p>Tobler weiß von alledem wenig, er ist ja so +selten zu Hause, jetzt geht er überhaupt immer mehr +auf Reisen. Er ist von Geschäftssorgen erfüllt und +kann sich der Erziehung und Überwachung seiner +Kinder in nur ganz geringem Grade widmen. So +ein Mann, wie Tobler einer ist, überläßt gern die +häuslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist +und kämpft in Dingen der Reklame-Uhr und des +Schützenautomaten. Der Mann trägt die Verantwortung, +da müßte man hoffen dürfen, die Frau +trage die Liebe und die Mühe. Der Mann kämpft +mit der Existenz, und die Frau sorgt für die Haltung +und für das friedliche Benehmen zu Hause. +Inwiefern das Frau Tobler tut, wird es sich zeigen? +Vielleicht.</p> + +<p>Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten +geben. Die Kinder Tobler bilden ein +sehr ungleichmäßiges Viereck. An den vier Spitzen +des Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi. +Walter spreizt seine Beine und zerreißt seinen frechen +<span class="pagenum"><a name="Page_146">146</a></span>Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt am +Finger und lächelt und schaut auf die sie bedienende +Silvi herab, die der Prinzessin die Schuhe binden +muß. Edi schnitzt an einem Holzstück herum, das +er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die +Arbeit, die das Taschenmesser, dessen er sich bedient, +leistet, versunken. Wo ist da Regelmäßigkeit? Wie +kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht +sein? Pauline schaut zum Küchenfenster heraus. +Diese Person aus den weiteren Volksschichten hat +verwunderlicherweise keinen Sinn für Gerechtigkeit, +oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich +das unregelmäßige Viereck, die Kinder zerstreuen +sich, jedes in seine Art und Weise hinein, in die +Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen, +und in den Weltraum rund um das +Haus Tobler herum, in die Schmerzen und Freuden +hinein, in die Demütigungen und in die kosenden +Worte, in die Stube und in den täglichen Kreis, +in die Schlafnächte und in den Fortgang der kindlichen +Erfahrungen. Vielleicht üben sie sogar einen +gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder +des Toblerschen Unternehmungenschiffes aus. +Wer kann's wissen. –</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Im Laufe der Woche, die im übrigen ruhig +<span class="pagenum"><a name="Page_147">147</a></span>verlief, waren eines Abends zwei Leute, Herr und +Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern +zu Besuch gekommen. Es war recht gemütlich gewesen, +wie man sich auszudrücken pflegt. Man +holte wieder einmal ein Spiel Karten und »jaßte«. +Der »Jaß«, so hieß in der weiten und breiten Landesgegend +ein beliebtes, ja sogar national gefärbtes +und angehauchtes Kartenspiel. Frau Tobler, die +es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden +ist, bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, +unterrichtete Frau Doktor Specker in den zahlreichen +Kniffen, die dasselbe enthielt, letztere Dame war +darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an +diesem Abend viel gelacht und gescherzt worden. +Joseph wurde das Amt eines Kellermeisters übertragen, +er hatte Wein aus dem Keller zu holen +und den Inhalt der Flaschen dann in die Gläser +zu gießen, und es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, +daß er einen gewissen Stolz besaß, der Tobler dumm +vorkam, aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen +Takt, so daß sich sein Chef nicht zu genieren +brauchte, ihn mit den herrschaftlichen Gästen näher +bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter, +hatte Tobler laut gesagt, auf welche Worte sich +Joseph vor der Dame und dem Herrn aus dem +Dorf verneigte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_148">148</a></span> +Was waren es denn eigentlich für Leute gewesen? +Er war Arzt und dazu ein noch blutjunger +Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar +nichts weiteres vor, als die Bestätigung in Weibesgestalt, +die Frau des Arztes zu sein, weiter gar +nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und führte +sich als solche den ganzen Abend still und schüchtern +auf. So war Frau Tobler nicht ganz, der sah man +denn doch, namentlich wenn man beide Frauen miteinander +verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig, +aber an der Frau Doktor Specker war gar nichts +Geheimes. Man aß süßes Gebäck zum Wein, und +die Herren rauchten.</p> + +<p>»Welch ein junger, glücklich aussehender Mensch, +dieser Herr Arzt,« dachte Joseph, indem er sich bemühte, +so klug und so knifflig wie möglich zu spielen. +Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt +richtete an den Gehülfen mehrfach Fragen, woher +er sei, seit wie lange er in Bärenswil und bei +Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle +usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausführlich, +als ihm die Zurückhaltung, die Menschen von unstetem +Lebenswandel in solchen Fällen immer eigen +ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug +gespielt, und es wurden ihm nun in der Spielregel +von allen vier Seiten des Tisches die glänzendsten +<span class="pagenum"><a name="Page_149">149</a></span>Reden gehalten, als würde es gegolten +haben, einen verbohrten, schwerfälligen Ketzer zu +bekehren.</p> + +<p>Gesprochen war im übrigen das Alltägliche +worden, und das war ja schließlich das »Gemütliche« +gewesen.</p> + +<p>Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner +Zwischenfall sittlichen und kulturellen Charakters +vor, in welchem die Gestalt des Vorgängers Wirsich +eine Rolle spielte, dermaßen, daß von diesem aus +dem Hause Tobler beförderten Menschen einige Tage +lang wieder die ziemlich beständige Rede war. Die +Sache war folgende:</p> + +<p>Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen +auch die Dienstmagd aus der Villa Tobler hinausgejagt +worden, die Vorläuferin von Pauline, ein +nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes +und schelmisch, d. h. diebisch veranlagtes junges +Weibsbild, das der Herrin, nach deren Behauptungen, +denen man wohl glauben durfte, ganze +Wäschestücke und anderes gestohlen hatte. Entlassen +war sie worden wegen ihres gierigsinnlichen Wesens +und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in ziemlich +kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten +war, die der Herrschaft nicht verborgen bleiben +konnten, da sie zu augenfällig und in der Tat unanständig +<span class="pagenum"><a name="Page_150">150</a></span>unterhalten wurden. Außerdem war die +betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und +das erschien als eine Gefahr für die Kinder. Sie +hatte sich öfters plötzlich im bloßen Hemd auf der +Treppe und in der Küche gezeigt, indem sie dann +steif und fest und hoch und teuer, und unter Tränen +und Krämpfen ihres fetten Leibes, auf die Vorwürfe, +die man ihr machte, behauptete, sie habe es +nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und müsse +sterben, und was des zynischen und läppischen Geschwätzes +mehr sein mochte. Da die Herrschaften +Tobler genau um die nächtlichen Besuche wußten, +die die lüsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer +abstattete, so fanden sie es kluger- und billigerweise +geraten, das Dienstverhältnis zu dem ungesunden +und verderblichen Mädchen aufzulösen und +ihr den Abschied zu geben.</p> + +<p>Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser +Person, adressiert an Frau Tobler, im Abendstern +an, in welchem die ehemalige Magd in einem unangenehm +vertraulichen Ton schrieb, es seien über +Frau Tobler in der Gegend, wo sie wohne, Gerüchte +verstreut worden, dahin deutend, ihre frühere Herrin +habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem +Wirsich, ein Liebesverhältnis unterhalten, woran +sie, die Magd, in keinerlei Weise glaube, da sie +<span class="pagenum"><a name="Page_151">151</a></span>zum voraus überzeugt sei, daß nur lästerliche und +lügenhafte Zungen es seien, die so etwas hätten +sagen können. Aber verpflichtet habe sie sich gefühlt, +der Frau, bei der sie so lange Zeit gedient +hätte, von den abscheulichen Lästerreden Mitteilung +zu machen, um sie zu warnen usw.</p> + +<p>Dieser Brief, der natürlich weder orthographisch +richtig noch auch nur vernünftig geschrieben war, +versetzte die Empfängerin in die hellste Entrüstung, +denn die darin enthaltene Anhänglichkeit eines +Dienstboten an die frühere Herrschaft war ebenso +sehr erlogen, wie das Vorhandensein eines schlimmen +Gerüchtes betreffs das Betragen der Frau +Tobler. Diese zeigte den Brief Joseph, es war um +die Mittagsstunde, man saß draußen im Gartenhaus, +und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte +ihn, nachdem sie ihn das Schreiben hatte +durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer energischen +Antwort, die sie der frechen Lügnerin schulde, behülflich +zu sein.</p> + +<p>»Warum nicht? gern!« gab Joseph der erregten +und ungehaltenen Frau zur Antwort. Da er dies +in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn +der Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affäre +hineinwickelte, beinahe kränkte, so glaubte Frau +Tobler, er tue ihr nicht gern den erbetenen Gefallen +<span class="pagenum"><a name="Page_152">152</a></span>und sagte, wenn er es nicht gern tue, so könne sie +es ja wohl auch noch allein zustande bringen. +Zwingen wolle sie ihn durchaus nicht. Es scheine +ihm eben kein Vergnügen zu bereiten, ihr zu dienen, +und höflich sei sein Benehmen ihr gegenüber heute +auch nicht gerade.</p> + +<p>»Wieso kein Vergnügen?« entgegnete Joseph +beinahe zornig, »erteilen Sie mir einen strikten Befehl. +Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefaßt +haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in +ein paar Minuten ist die Sache erledigt. Es braucht +gar kein besonderes Vergnügen dabei zu sein.«</p> + +<p>Das war ungezogen. Frau Tobler fühlte das +und wandte ihm, indem sie ihn mit einem erstaunten +Blick maß, den Rücken. Joseph kehrte stillschweigend +zu seiner Arbeit zurück.</p> + +<p>Nach ein paar Minuten erschien auch Frau +Tobler, noch ganz ereifert, im Bureau, bat sich von +dem Gehülfen eine Feder, sowie einen Briefbogen +aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte +einen Augenblick nach und fing an zu schreiben. +Da dies etwas Ungewohntes für sie war, hielt sie +mehrmals während der Übung inne, wobei sie hochaufseufzte +und laut über die Schlechtigkeit des niederen +Volkes klagte. Endlich war sie fertig geworden, +und da konnte sie sich des Bedürfnisses +<span class="pagenum"><a name="Page_153">153</a></span>doch nicht erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten +zu zeigen, um dessen Meinung zu hören. +Der Brief war an die Mutter der heimtückischen +Magd gerichtet und lautete:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Geachtete Frau!</p> + +<p>Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer +Tochter, meiner ehemaligen Dienstmagd, und daß +ich es nur gleich sage, ein unverschämtes und nichtswürdiges +Schreiben. Es werden darin, unter dem +Schein der Treue und Anhänglichkeit an die Herrschaft, +Beleidigungen der gröbsten Art gegen eine +Frau ausgestoßen, die, weil sie gütig und nachsichtig +gewesen ist, nun dafür bestraft wird, daß +sie nicht hart und mitleidlos hat sein können. Wißt, +geachtete Frau, daß Eure Schande von Tochter mich, +währenddem sie hier im Dienst war, bestohlen hat, +und daß ich sie dem Gericht überliefern könnte, wenn +ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich +zu vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, +geachtete Frau, dafür, daß dieser Nichtsnutz seinen +Schnabel halte. Ich weiß, wer es ist, und wer die +Gerüchte sind, die über mich Schlechtigkeiten und +Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes +als dieselbe freche Person, die sich selber bei +mir im Haus der Verletzungen guter Sitte und züchtigen +<span class="pagenum"><a name="Page_154">154</a></span>Lebenswandels schuldig gemacht hat, und zwar, +wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit +dem die lügnerische Schwätzerin nun mich, ihre Herrin +von ehemals, in eine schmutzige Verbindung +setzen will. Der empfangene Brief hat mich in die +höchste Aufregung versetzt, daß Ihr es wisset, Frau! +Und nun habt acht auf die Böswillige, ich rate es +Euch im freundlichen und schwesterlichen Sinne hiermit +an, weil Ihr, wie ich gern annehme, achtenswert +seid und nichts dafür könnt, daß Euer ausgeschämtes +Mädchen ein »Räf« ist. Andernfalls +würde ich mich zu keinen so langen und gutmütigen +Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch vorstellen +könnt, zu strafrechtlichen Maßregeln veranlaßt +sehen. Die Hochachtung, die die Welt einer +Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn es nötig ist, +nicht hindern, vor die Schranken der öffentlichen +Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer +Ehre bestraft zu sehen.</p> + +<p class="center">Somit achtungsvoll, Eure Euch grüßende<br/> +Frau Carl Tobler.</p></div> + +<p>Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen +hatte, er finde denselben gut, nur scheine +er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil, wie +Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher +<span class="pagenum"><a name="Page_155">155</a></span>ins Mittelalter als in die gegenwärtige Welt, die +daran sei, die bestehenden gesellschaftlichen Rang- +und Geburtsunterschiede allmählich, wenn auch nur +nach außen, zu verwischen und aufzulösen. So +schroff dürfe schließlich eine bürgerlich geborene Frau +einer andern bürgerlich Geborenen nicht schreiben, +das könne nur böses Blut erregen und den Wunsch +und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die +Wohlhabenheit tue im übrigen gut, sich gegenüber +der Armut nicht allzuhoch aufzurichten, sondern es +dünke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter +der Magd ganz einfach »Sie«, und »Sehr geehrte +Frau« zu sagen, damit ein etwas herzlicherer und +zugleich höflicherer Ton da sei, was sicher nicht schaden +könne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht +ans Briefeschreiben gewöhnt, wie er sehe. Dies erhelle +sich schon aus dem Vorhandensein der zahlreichen +Schreibfehler, die er während des Lesens +bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er +sich gern dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz +korrigieren.</p> + +<p>Er lachte und bemerkte des weitern, er würde +auch die Behauptung, daß das Mädchen eine Diebin +sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er seinerseits +keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, +was Frau Tobler sage, zweifle, aber es könnten, +<span class="pagenum"><a name="Page_156">156</a></span>sagte er, dumme Geschichten daraus entstehen, die +mehr Verdruß als Genugtuung einbrächten. Ob +sie Beweise habe?</p> + +<p>Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, +dann sagte sie, sie wolle einen zweiten Brief schreiben. +Ihre Erregung habe jetzt ein wenig nachgelassen, +und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder +schreiben können. Aber der ganze Brief müsse doch +in einem energischen Ton abgefaßt sein, sonst habe +er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie lieber +schon gar nicht.</p> + +<p>Während sie schrieb, wurde sie, ohne daß sie +es merkte, von Joseph beobachtet, der ihren Rücken +und Hals betrachtete. Das schöne, frauliche Haar +betupfte und berührte in kleinen, geringelten Löckchen +den schlanken Hals. Wie schlank überhaupt diese +ganze Frauenerscheinung war. Da saß sie nun und +bemühte sich, dem Sinn und Verstand gemäß, und +der Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, +an eine Frau zu schreiben, die vielleicht kaum lesen +konnte. Joseph bedauerte jetzt unwillkürlich, indem +er sie so anschaute, ihr bezüglich ihres gutbürgerlichen +Hochmutes, den er im Grunde genommen +reizend fand, Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn +rührte etwas am Aussehen dieses Frauenrückens, +dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten verzog, +<span class="pagenum"><a name="Page_157">157</a></span>wenn der darunter befindliche Leib sich ein +bißchen bewegte. War diese Frau schön? Im landläufigen +Begriff sicher nicht, im Gegenteil. Aber +auch das Gegenteil entsprach nicht den landläufigen +Begriffen. Joseph würde noch ruhig weitere Betrachtungen +angestellt haben, wenn sich die schreibende +Frau nicht umgedreht hätte. Beider Augen +begegneten sich. Diejenigen des Gehülfen wichen +denjenigen der Frau aus, das schickte sich beinahe +so. Joseph empfand und mußte empfinden, daß +es fast frech gewesen wäre, den Blicken der Frau +stand zu halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens +waren, das so vortrefflich den Hochmut +widerspiegelte, der der Frau, man konnte es nicht +leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren +denn überhaupt Gehülfenaugen gut, als zum Ausweichen +und Niederschlagen, und welcher andere +Ausdruck war diesem andern Augenpaar natürlicher +als der Ausdruck des Erstaunt- und Verwundertseins? +Er bückte sich demzufolge wieder auf seine +Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt +gar nicht so besonders zu tun war.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus +beim <ins title="Kaffetrinken">Kaffeetrinken</ins> einen etwas unfeinen Auftritt.</p> + +<p>Frau Tobler, die nun wieder gänzlich beruhigt +schien, fing plötzlich an, lebhaft den Wirsich zu +<span class="pagenum"><a name="Page_158">158</a></span>rühmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in allem +Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, +wie er sich in jeden kleinen Dienst und in +jede Aufgabe sogleich, ohne viel Wesens zu machen, +hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei +sie Joseph mehrmals spöttisch, wie er es empfinden +mußte, anschaute, was ihn beleidigte. Er rief deshalb +aus:</p> + +<p>»Dieser ewige Wirsich. Man möchte bald meinen, +er sei ein einzig dastehendes Genie gewesen. +Warum befindet er sich denn eigentlich nicht mehr +hier, da man doch beständig von seinen geradezu +himmlischen Eigenschaften redet? Weil er betrunken +gewesen ist? Und glaubt man denn, man habe ein +Recht, alles und jedes Gute von der Person eines +Angestellten zu verlangen, und einen Menschen +wegzujagen, in die offene, schwierige Welt hinaus, +nur weil eine seiner Eigenschaften, eine einzige, die +übrigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist +wahrhaftig ein bißchen zu viel verlangt. Da haben +wir Treue und Klugheit, Wissen und Dienstfertigkeit, +Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle +diese Eigenschaften, und noch einige feine andere +dazu, stecken wir in unsere Dienste, nehmen wir +gleichmütig und fröhlich hin, weil sich das so schickt, +und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes +<span class="pagenum"><a name="Page_159">159</a></span>voll Auszeichnungen für die Hingabe derselben Gehalt, +Kost und Logis geben. Und nun bemerken +wir eines Tages den dunklen Fleck am schönen +Körper, und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit, +und wir lassen den Mann sein Bündelchen +schnüren und fortziehen, wohin er will, aber +wir reden nachher noch einen halben oder ganzen +Meter und ein ganzes Jahr lang und breit von +ihm und seinen ›guten Eigenschaften‹. Man muß +zugeben, daß das kein so gar besonders korrektes +Verhalten ist, insbesondere dann nicht, wenn man +alle diese köstlichen und königlichen Dinge dem +Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf +die Nase bindet, wie Sie, gnädige Frau Tobler, +mir, dem Nachfolger Ihres Wirsich.« –</p> + +<p>Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um +den aufrührerischen Eindruck seiner etwas langen +Rede zu besänftigen und zu zerstreuen. Er hatte +ein bißchen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen +war, und um dem <ins title="Empfindlichen von">empfindlichen Ton</ins> seiner +Sprache einen lustigen Anstrich zu geben, lachte er, +aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen.</p> + +<p>Joseph habe nicht nötig, sagte Frau Tobler +nach einigem Stillschweigen, so zu ihr zu reden, +einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei erstaunt, +<span class="pagenum"><a name="Page_160">160</a></span>ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen. +Wenn er so stolz und empfindlich sei, daß er seinen +Vorgänger nicht rühmen hören könne, so sei es +für ihn besser, sich eine Einsiedlerhütte oben im Wald +zu bauen und da zu hausen, wo nur Wildkatzen +und Füchse leben, unter die Menschen müsse er dann +lieber nicht gehen wollen. In der Welt dürfe einer +nicht alles auf eine so scharfe Wage nehmen. Sie +werde im übrigen nicht umhin können, ihrem Mann +von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren Rede Kenntnis +zu geben, damit Tobler wisse, woran er mit +seinem Angestellten sei.</p> + +<p>Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem +Augenblick rief Joseph aus:</p> + +<p>»Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich +bitte um Verzeihung!«</p> + +<p>Frau Tobler streifte den jungen Mann mit +einem Blick der Verachtung, sie sagte: »Das ist +schon gescheiter« und ging weg.</p> + +<p>»Ich habe die höchste Zeit gehabt. Dort unten +kommt Tobler!« dachte Joseph, und in der Tat +kam eben der Chef, heute unerwarteterweise früher +als sonst, nach Hause.</p> + +<p>Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was +geschehen war, peinlich genau unterrichtet, sagte Herr +Tobler zu Joseph:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_161">161</a></span> +»Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu +behandeln? Was?«</p> + +<p>Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er, +als deren Klagen nicht aufhören wollten, zugerufen, +sie solle ihm »weggehn mit so dummen Sachen.«</p> + +<p>Tatsächlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere +Dinge zu bedenken.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer +wieder einmal der stille, von einer Lampe erleuchtete +Schauplatz eines laut vor sich hergesprochenen +Selbstgespräches. Joseph, indem er sich Rock und +Weste auszog, sagte folgendes zu sich:</p> + +<p>»Ich muß mich besser zusammennehmen, das +geht nicht mehr so. Was hat mich nur antreiben +können, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen? +Achte und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem +Mund einer solchen Dame herauskommt? Und +inzwischen muß sich der arme Herr Tobler auf Geschäftsreisen +abplagen, und sein Herr Angestellter +treibt in Gartenhäusern, neben einer Tasse Kaffee, +solchen Gefühlsunsinn. Solche Frauengeschichten! +Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler +an diesem Wirsich manches Gute zu rühmen weiß? +Das ist doch so einfach. Dieser bleiche Ritter mit +der Armesündermiene hat ihrem Weibergemüt Eindruck +<span class="pagenum"><a name="Page_162">162</a></span>gemacht. Muß mich das aufregen? Wieso +denn? Statt stündlich und halbstündlich an die technischen +Unternehmungen zu denken, lasse ich es mir +angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter +zu überzeugen. Von was? Aha, Charakter! Als +ob es nötig wäre, daß ein Ingenieur-Angestellter +Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dümmsten +Dinge in einem Kopf, der sich zu einem wirklich +nutzbringenden und geschäftefördernden Nachdenken +verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig +Pflichtgefühl? Ich esse hier Brot und trinke Kaffee +und verbinde mit diesen hübschen Vorteilen und +Nutznießungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht +nach schädlicher Gedankenlosigkeit. Und dann +halte ich halbstündige Reden vor einer erschrockenen +und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, daß sie +mich erbost hat. Was nützt das Herrn Tobler? +Wird dadurch seine finanziell schwierige Lage leichter? +Haben sich dadurch die an den Mann zu +bringenden Geschäfte von der Lähmung, die gegenwärtig +an ihnen haftet, erholt? Ich bewohne hier +eines der aussichtsfreisten und schönstgelegenen Zimmer +der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft +sind mir als Gratiszulage vor die Blicke und +Füße gelegt worden, und womit rechtfertige ich ein +solches verschwenderisches Entgegenkommen? Durch +<span class="pagenum"><a name="Page_163">163</a></span>»Kopflosigkeit«! Was geht mich der Wirsich an +samt seinen nächtlichen Weiberbesuchen? Etwas viel +Wichtigeres geht mich viel näher an, und das ist +die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage, +deren Interessen ich im Kopf und im Herzen tragen +sollte. Im Herzen? Warum nicht? Das Herz muß +bei einer Sache sein, wenn die Finger und die Gedanken +richtig sollen arbeiten können. Am Herzen +liegen! Nicht umsonst sagen die Leute so.«</p> + +<p>Er zergrübelte sich lange darüber den Kopf, +was man wohl jetzt noch tun könnte, um der Reklame-Uhr +stramm auf die Beine zu helfen, über welchem +»geschäftlichen Nachdenken« er endlich einschlief.</p> + +<p>Mitten in der Nacht erwachte er plötzlich. Er +richtete sich in den Kissen <ins title="auf!">auf:</ins> Ah, das war Silvis +Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe, öffnete sie +und horchte, und da hörte er die Töne einer widerwärtigen +Szene. Es war Paulines Stimme, die +jetzt rief:</p> + +<p>»Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und +dich aufs Töpfchen zu setzen, du wüstes Geschöpf?« +Silvi wimmerte und suchte sich mit abgebrochenen +Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen +mochte, denn zur Antwort auf ihre jämmerlichen +Entgegnungen gab ihr die Magd Hiebe, daß es +klatschte wie nasse Wäsche.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_164">164</a></span> +Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter, +in das Schlafzimmer der Kleinen, und machte +Pauline milde Vorwürfe. Diese aber rief, er habe +sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun +habe, und er solle nur machen, daß er fortkomme, +worauf sie die Silvi, wie um zu zeigen, welche +Autorität sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren +riß und ihr befahl, sich wieder ins Bett zu legen, +und zwar, zur Strafe, in das durchnäßte.</p> + +<p>Der Gehülfe entfernte sich wieder, scheinbar +demütig das Regiment der Zuchtmeisterin anerkennend. +»Morgen oder übermorgen oder wann +es sei,« dachte er, indem er sich von neuem schlafen +legte, »muß ich der Frau Tobler eine zweite Rede +halten. Mag es lächerlich sein. Es nimmt mich +doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter +des Hauses Tobler bin ich verpflichtet, ein Wort +für die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch ein +Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten +habe.«</p> + +<p>Am nächsten Sonntag eilte er per Bahn nach +der Hauptstadt, nachdem er ein Fünfmarkstück wie +gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war +schönes, heißes Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging +den blauleuchtenden See entlang. Schon beim Aussteigen +aus dem Wagen kam ihm die früher so +<span class="pagenum"><a name="Page_165">165</a></span>wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch +eine verhältnismäßig nur kurze Abwesenheit einen +Ort umgestalten und ganz anders färben konnte; +er hätte das nie für möglich gehalten. Es kam ihm +alles so klein vor. Am Quai, längs des Seeufers +spazierten im grellen Mittagssonnenschein eine Menge +Menschen. Was für ganz fremde Gesichter! Und +so arm erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich +waren es ja Leute aus dem dürftigen, arbeitenden +Volk, keine Herren und Damen, aber etwas +Kümmerliches, das nichts mit der Dürftigkeit der +wirtschaftlichen Armut zu tun hatte, wob sich um +dieses ganze, helle Spaziergängerbild. Es war nichts +anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die +ihm entgegenblendete, und er fühlte es auch und +sagte sich, daß, wenn einer bereits seit Wochen in +der Toblerschen Villa lebe, er nicht nötig habe, sich +über den Anblick eines Städtebildes und dessen Entfremdung +zu verwundern. Bei Toblers gäbe es +eben dickere, rötere Gesichter und festere Hände und +ein gewichtigeres Auftreten, als wie man es hier +in der leichten Stadt sähe, wo die Menschen nur +zu bald mager und unscheinbar von Aussehen werden. +Das Kleine und Enge sei immer eine ziemlich +große und bedeutende Welt für sich, sobald man +eine Zeitlang in nichts anderes mehr hineingeschaut +<span class="pagenum"><a name="Page_166">166</a></span>habe, während gerade umgekehrt das Weite und +wirklich Bedeutende anfangs klein und unansehnlich +erscheine, weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt +und luftig sei. Im Toblerschen Haus herrsche eben +von Anfang an eine gewisse kleine Dicke und Fülle, +und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich, +wogegen die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit +ihren breiten und auseinandergezogenen Rundsichten +scheinbar erkälten, weil sie nach nichts Festem ausschauen. +Das wirklich Wohltuende sei immer so +bescheiden von Ansehen, während wiederum das +Toblersche oder Tyrannische manches Gemütliche und +Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern +und dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme. +Das irgendwo Gefesselt- und Gebundensein +sei zuweilen wärmer und reicher voll +zärtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tür und +Fenster der ganzen Welt offenstehen-lassende Freiheit, +in deren hellen Räumen den Menschen oft +nur zu bald grimmige Kälte oder drückende Hitze +anfahre, aber die Freiheit, die er, Joseph, meine, +du liebe Zeit, das sei doch am Ende das Schicklichste +und Schönste und enthalte unsterblichen Zauber. –</p> + +<p>Bald kam ihm denn auch das Bild städtischen +Sonntaglebens nicht mehr so fremdartig und flüchtig +und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um so +<span class="pagenum"><a name="Page_167">167</a></span>vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm +alles. Er ließ seine Augen mitten unter die vielen +Spaziergänger spazieren gehen, mit seiner an die +Toblersche Küche gewöhnten Nase zog er wieder die +Düfte der Stadt und des Stadttreibens ein, seine +Beine marschierten wieder ganz munter auf städtischem +Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wären.</p> + +<p>Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden +die Menschen sich hin- und herbewegten. +Wie hübsch das war, daß man sich unter das Treiben, +Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren +konnte. Wie hoch der Himmel war, und wie das +Sonnenlicht es sich auf allen Gegenständen, Körpern +und Bewegungen bequem machte, und wie leicht +und fröhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die +Wellen des Sees schlugen gar nicht stürmisch an +die steinernen Dämme an. Es war alles so mild, +so bedeckt, so leicht und hübsch, es war ebenso groß +wie klein geworden, ebenso nah wie fern, ebenso +weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend. Es +schien bald alles, was Joseph sah, ein natürlicher, +stiller, gütiger Traum geworden zu sein, nicht ein +gar so sehr schöner, nein, ein bescheidener, und doch +ein so schöner. –</p> + +<p>Unter den Bäumen eines kleinen Parkes oder +Anlage ruhten Menschen auf Bänken. Wie oft +<span class="pagenum"><a name="Page_168">168</a></span>hatte Joseph die eine oder die andere von diesen +Bänken in Anspruch genommen, damals, als er in +der Stadt gewohnt hatte. Er setzte sich auch jetzt, +und zwar neben ein hübsch aussehendes Mädchen. +Es ergab sich in einem durch den Gehülfen <ins title="eingeleitenen">eingeleiteten</ins> +Gespräch, daß sie Münchnerin sei, die +hier in der ihr gänzlich fremden Stadt auf Arbeit +lauere. Sie erschien arm und unglücklich, aber schon +so manches Mal hatte er arme und wehmütige +Menschen auf diesen Bänken angetroffen und angeredet. +Die beiden sprachen einiges, dann erhob +sich die Münchnerin plötzlich, um davonzugehen. +Ob Joseph ihr mit einer Kleinigkeit an Geld helfen +könne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber doch +etwas an und verabschiedete sich.</p> + +<p>Was saßen auf solchen öffentlichen Ruhebänken +nicht für verschiedenartige Menschen. Joseph fing +an, sie der Reihe nach im Kreis herum zu betrachten. +Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem +Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, +was konnte er sein, was in aller Welt, wenn +nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht täuschte +man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen +Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen +irgend etwas »vor« haben. Und dieses Mädchen +da <i>vis-à-vis</i>, war sie eine Kokotte oder eine Anstandsdame +<span class="pagenum"><a name="Page_169">169</a></span>oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen, +die die Welt mit beiden, reichen, warmen +Armen den Menschen, einem wundervollen Blumenstrauß +ähnlich, darbietet, abholdes Zierpflänzchen +und -Püppchen? Oder konnte sie zweierlei oder gar +dreierlei Gattung auf einmal sein? Möglich, denn +das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben +ließ sich nicht so leicht in Kasten und Ordnungen +abteilen. Und dort der alte, zerfallene Mann mit +dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er +gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man +annehmen, daß er etwa sei? War er ein Bettler? +Gehörte er zu den undefinierbaren Gesellen, die +während der Woche in der famosen Schreibstube +für Stellenlose sitzen, wo sie ein paar Mark im +Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war +er früher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug +einst nebst dito Stock und Handschuhen? Ah, das +Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und +innig demütig machen, und dankbar fürs Wenige, +für das bißchen süße, freie Luft zum Einatmen. +– Und was war das dort links für ein feines, ja +sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar? +Waren es reisende und alle vorhandene +Welt im Flug genießende Engländer oder Amerikaner? +Die Dame trug eine zierliche Feder auf +<span class="pagenum"><a name="Page_170">170</a></span>dem kleinen, ihr wie von irgendher angeflogenen +Hut, und der Herr lachte, er schien sehr glücklich, +nein, beide! Daß sie doch nur immer lachten, es +war ja so schön, zu lachen und sich zu freuen.</p> + +<p>Dieser schöne, liebe, lange Sommer! Joseph +erhob sich und ging langsam weiter, durch eine +reiche, elegante, aber stille Straße. An Sonntagen, +ja, da saßen eben die reichen Leute zu Hause, die +ließen sich heute recht spärlich sehen; auf die Straße +zu gehen, das mochte an diesem Tage nicht fein +genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes, +verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, +oft recht unschön anzuschauende Männer und Frauen. +Welche Demut in solch einem verzettelten Spaziergängerbildnis +war. Wie bitterlich arm ein Menschensonntag +auftreten konnte. »Demütig werden,« +dachte der Gehülfe, »wie ist das für so Manchen +der letzte Lebenszufluchtsort.« –</p> + +<p>Und er kam allmählich durch neue und andere +Straßen.</p> + +<p>Wie viele Straßen! Das dehnte sich in die +Ebene hinaus, Haus an Haus, und die Hügel hinauf, +und den Kanälen entlang, lauter größere und +kleinere Steinblöcke, ausgehauen mit Wohnungen +für reichere und ärmere Menschen. Hin und wieder +kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue, oder eine +<span class="pagenum"><a name="Page_171">171</a></span>eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am zerbröckelnden +Gemäuer. Joseph ging an einem Polizeigebäude +vorüber, aus dessen Lokalen einem ihm eines +Tages vor Jahren der Schrei eines gemißhandelten +Menschen entgegentönte, den man geknebelt hielt +und mit Stockschlägen zu bändigen versucht hatte.</p> + +<p>Es ging jetzt über eine Brücke, die Straßen +erschienen nach und nach unregelmäßiger und loser, +die Gegend, durch die er ging, bekam etwas Dörfliches. +Katzen lagen vor den Haustüren, und die +Häuser waren von kleinen Gärten umsäumt. Die +Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die hohen +Hauswände und auf die Bäume in den Gärten +und auf die Gesichter und Hände der Menschen. +Man war in der Vorstadt.</p> + +<p>Joseph trat in eines der neuen Häuser, die +dieser noch beinahe ländlichen Gegend ein so merkwürdiges +Aussehen gaben, stieg die Treppen empor, +in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete +sich anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den +Staub ab und klingelte dann. Die Türe wurde +aufgetan, und die Frau, die in der Öffnung erschien, +stieß, wie sie den Gehülfen erblickte, einen +leisen Überraschungsschrei aus:</p> + +<p>»Sie sind es, Joseph? Sie sind es? – Kommen +Sie.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172">172</a></span> +Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog +Joseph in ihr Zimmer hinein. Dort schaute sie ihm +ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas +steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lächelte und +sagte:</p> + +<p>»Wie lange haben wir uns nicht gesehen. +Setzen Sie sich.«</p> + +<p>Einen Augenblick später sagte sie:</p> + +<p>»Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans +Fenster. Und dann erzähle mir. Du mußt mir sagen, +wie du so lange hast leben können, ohne mir ein +einziges Sterbenswörtchen zu schreiben, und ohne +mich ein einziges Mal aufzusuchen. Trinkst du? +Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest +Wein in der Flasche.«</p> + +<p>Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing +an, ihr <ins title="vonder">von der</ins> Elastiquefabrik, von den englischen +Pfund, von der Militärdienstzeit und von der Firma +Tobler zu erzählen. Unten auf der vorstädtischen +Wiese spielten und lärmten eine Anzahl Kinder im +Abendsonnenschein. Ein oder das andere Mal pfiff +eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen Betrunkenen +singen und johlen hören, einer von jenen +Gesellen, die den Sonntagabend mit wüsten, sozusagen +brandroten Tönen zu heulen und zu charakterisieren +pflegen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_173">173</a></span> +Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem +jungen Bekannten zuhörte, sind sehr einfach.</p> + +<p>Sie hieß Klara und war die Tochter eines +Zimmermanns. Zufälligerweise stammte sie aus +derselben Gegend wie Tobler und kannte daher +dessen Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch +erzogen worden, aber von der Zeit an, da sie in's +Leben trat, veränderten sich ihre Weltanschauungen +völlig, sie ergab sich der Lektüre freisinniger Schriftsteller, +wie Heine und Börne. Sie arbeitete in +einem Photographengeschäft, zuerst als Retoucheuse, +dann als Empfangsdame und Buchführerin; der +Chef des Geschäftes verliebte sich in sie, und sie +gab sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen +zwanglosen Hingebung zu denken, ja dieselben mit +fester und freier Stirn gewärtigend, hin und war +sehr glücklich. Sie bewohnte noch immer das väterliche +Haus, eine jüngere Schwester von ihr war +inzwischen an der Auszehrung gestorben. Nach dem +Geschäft fuhr sie täglich hin, und zurück in ihr Haus, +mit der Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang. +Zu jener Zeit empfing sie zum ersten Mal Josephs +Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen, +damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und +liebte es, seine Ergüsse, die von jugendlich-unreifer +Art waren, anzuhören.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_174">174</a></span> +Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit +gewesen. Unter dem Namen »Sozialismus« hatte +sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich, eine zugleich +befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe +und um die Körper der Menschen, alte und erfahrene +nicht ausgenommen, geworfen, dermaßen, daß, was +nur Dichter und Schriftsteller hieß, und was nur +jung und rasch bei der Hand und beim Entschluß +war, sich mit dieser Idee beschäftigte. Zeitungen +solchen Schwunges und Charakters schossen wie +brennendfarbige, mit Düften hinreißende Blumen +aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister heraus +an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit. Die +Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals +allgemein mehr geräuschvoll als ernst. Es wurden +häufig Umzüge veranstaltet, an deren Spitze auch +Frauen schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen +hoch in der Luft daherschwenkend. Was nur immer +mit den Verhältnissen und Ordnungen der Welt +unzufrieden war, schloß sich dieser leidenschaftlichen +Gedanken- und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und +zufrieden an, und was die Abenteuerlust einer gewissen +Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und +Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch +hochzuheben und anderteils in die Gemeinheit +des Tages herabzuziehen, das bemerkten die Feinde +<span class="pagenum"><a name="Page_175">175</a></span>dieses »Gedankens« mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln. +Die ganze Welt, Europa und die übrigen +Erdteile, so hieß es damals unter den jungen und +halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese +Idee zu einer fröhlichen Menschenversammlung, +aber nur wer arbeite, sei berechtigt, usw.</p> + +<p>Joseph und Klara waren damals ganz und +gar von diesem vielleicht edlen und schönen Feuer +ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen Meinung +kein Wasserstrahl und keine üble Nachrede +auszulöschen vermochte, und das sich, einem rötlichen +Himmel ähnlich, über die ganze runde rollende Erde +erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode +war, die »Menschheit«.</p> + +<p>Sie saßen oft stundenlang, bis in die späteste +Nacht hinein, in der Stube, die Klara in dem kleinen +Hause ihres Vaters bewohnte, und unterhielten sich +über die Wissenschaften und über herzliche Dinge, +wobei Joseph, so schüchtern er sonst auch im Umgang +mit Menschen war, immer das meiste redete, +wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin wie +eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenüber er +seine Gedanken wie mehr oder weniger gut einstudierte +Schulaufgaben zu äußern und aufzuzählen +hatte. Wie schön waren diese Abende. Jedesmal, +wenn er dann nach Hause ging, leuchtete ihm die +<span class="pagenum"><a name="Page_176">176</a></span>Frau, die damals noch Mädchen war, mit einem +Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer +sanften Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie +ihre Augen <ins title="leuchteten">leuchteten,</ins> wenn er sich zurückbog, um +sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.</p> + +<p>Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine +»freie Frau«, das heißt, sie fühlte sich sehr bald in der +härtesten Weise durch ihren Freund, den Photographen, +verraten und infolgedessen aufs tiefste +degoutiert, so daß sie ihm eines Abends, sie selber +lebte in den ärmlichsten Umständen, einfach die +Türe zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende +Wort sagte: »Geh!« – Er war ihrer unwürdig! +Sie mußte sich das tapfer sagen, oder sie +mußte verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht +mehr die »Menschheit«, sondern sie betete ihr +Kind an.</p> + +<p>Sie schlug sich durch, sie war mutig und war +von jeher ans Zugreifen in die Arbeit gewöhnt +gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen Photographenapparaten +angeschafft und eine Dunkelkammer +eingerichtet, und während sie die Herrlichkeiten +der Erziehung und Pflege eines kleinen Kindes, +die Mühen derselben, die Freuden, die Sorgen um +dies alles empfand, photographierte sie auf Postkarten +und verkehrte mit Händlern und Grossisten +<span class="pagenum"><a name="Page_177">177</a></span>wie der geriebenste Geschäftemacher. Sie schloß sich +einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein ähnliches +Geschick wie sie selber zu kosten bekommen +hatte, häuslich an und lebte mit ihr in ein und +derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger, +eine intelligente aber ungebildete Frau, ein »guter +Kerl«, wie Klara von ihr sagte. Der Mann dieser +Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, +obgleich er ein durchaus an Verstand und Gemüt +geradegebauter Mensch, und durchaus kein religiöser +Schwärmer war. Zu den Schwärmern war +er einfach aus praktischen Gründen übergetreten. +»Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du verlernst +dort am besten das Trinken,« hatte die eigene Frau +zu ihm gesagt. Ihr Hans »trank« nämlich.</p> + +<p>In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph +als ein gerngelittener Gast häufig ein. Etwas +zu essen und zu trinken mochte es da immer geben, +eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, +wenn auch in den Schranken der Zartheit, die immer +um Frauen von Lebenserfahrung gezogen sind, +ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt dürfe +man lachen, da man ein Stück Welt hinter sich +habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften wurden +besprochen. O man hatte nun schon vielerlei +erfahren. Auch Joseph sprach kein Wort mehr von +<span class="pagenum"><a name="Page_178">178</a></span>der »Menschheit«. Das war längst vorüber. Je +schwerer es einem wurde, ein »rechter Mensch« zu +werden, desto weniger mochte man große Worte +in den Mund nehmen, und schwer war es, »recht« +zu bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.</p> + +<p>Nach und nach kam Joseph spärlicher, und dann +geschah es, daß er sich ein ganzes Jahr nicht mehr +blicken ließ. Ein Tages erhielt Klara dann plötzlich +einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen +dürfe? Sie hieß ihn willkommen, und so +ein paar Male, nach wiederholten, langen Absenzen, +immer wieder.</p> + +<p>Und nun saß er da am Fenster, und sie +lauschte dem, was er erzählte.</p> + +<p>Auch Klara erzählte, unter anderem, daß sie +sich bald ehelich verheiraten werde. Das Kind müsse +einen Vater haben, und sie selber bedürfe einer +Mannesstütze, sie sei jetzt öfters unwohl und unfähig, +das Erwerbsleben, das sie so lange geführt +habe, zu ertragen. Sie sei zu schwach geworden, +so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich darnach, +die Müdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, +von einer Hand und von einem guten, offenen +Willen gestreichelt und geliebkost zu sehen. Sie sei +nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der +Mann, den sie erwählt habe, habe sich einfach von +<span class="pagenum"><a name="Page_179">179</a></span>ihr bereden, rühren und erwählen lassen, das Ganze +sei eine zu einfache Geschichte, als daß sie lange +erzählt zu werden brauche. »Er« liebe sie und begehre, +begehre und begehre nur, sie glücklich zu +machen. Ob das nicht das Einfachste von der Welt +sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange +kenne, zu dem allem sage? Er solle schweigen, denn +sie wisse, daß er jetzt nur eine Artigkeit habe auf +die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genüge.</p> + +<p>Sie gab ihm lächelnd die Hand.</p> + +<p>All das Vergangene, sprach sie weiter, all das +schöne Vergangene! Wie gut es gewesen sei, all das +Vorübergegangene, und wie »recht«. Und die <ins title="manigfaltigen">mannigfaltigen</ins> +Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, +wie notwendig! Jung sein, das irre, das müsse +ohne Gedankentiefe reden und handeln, damit es ein +Vorwärts gebe. Nach den Erfahrungen kämen immer +noch Gedanken und Empfindungen genug, und ein +langes Leben erdrücke nachher das Jugendleben.</p> + +<p>Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, +indem sie einander die Worte und Ausrufe aus dem +Mund wegnahmen, um sie gutzuheißen und nachzusagen.</p> + +<p>Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine +Widersprüche, es will keine geben. Eines sagt dem +andern die Erinnerungen nachdenklich und freundlich +<span class="pagenum"><a name="Page_180">180</a></span>nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen +Worte finden nur Beifall und Widerhall, +keine Einwendungen; und Auseinandersetzungen +finden, man möchte sagen, nur im musikalischen +Sinne statt.</p> + +<p>Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte +um sie herum, und machte sie die Welt rückwärts, +gleichsam treppab, überschauen. Sie brauchten ihre +Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen +von selber ihre feinen Arme und Schlingen nach +den Gegenden des Erinnernswerten, um es spürbar +näher zu bringen und zu tragen.</p> + +<p>»Wie oft bin ich launisch und ungroßherzig +gewesen,« sagte Joseph bedauernd. Und Klara erwiderte, +er sei doch der einzige, der immer wieder +zu ihr komme:</p> + +<p>»Du machst lange Pausen, aber du kommst +immer wieder. Du liebst es, dich selten zu machen, +aber man hat während der Pause das Gefühl, du +denkest an einen. Und eines Tages bist du dann +da, und man wundert sich darüber, wie wenig du +dich verändert, wie vortrefflich du es verstanden +hast, der Alte zu bleiben. Und man spricht mit +dir, als seiest du bloß in den nächstbesten Bäckerladen +getreten, habest kein jahrelanges Loch in die +Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir +<span class="pagenum"><a name="Page_181">181</a></span>Flüchtling der Fall ist, seiest immer um einen herum +gewesen. Andere Männer, Joseph, wissen für +immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue +Richtungen, und sie kehren nie wieder an den alten +Freundschaftsplatz zurück. Dich vernachlässigt ein +bißchen das Leben, hörst du, und deshalb kannst +du so schön deinen eigenen Neigungen treu bleiben. +Ich will dich weder verletzen noch preisen, beides +wäre unwahr, und wir beide, nicht wahr, sind bis +jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. +Was du mir bist und was ich dir bin, +bleiben wir uns!«</p> + +<p>Es war Nacht geworden über den Gesprächen. +Sie verabschiedeten sich.</p> + +<p>»Kommst du bald wieder?«</p> + +<p>Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es +sei ja, da er doch, wie sie sage, immer der Alte +bleibe, gleichgültig, ob er in Jahrzehnten oder in +vier Tagen wiederkomme.</p> + +<p>Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du +sonst gern genannt sein willst, wieder in der Villa +Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr schießt +dir als ein flügelschlagender Vogel über den etwas +<span class="pagenum"><a name="Page_182">182</a></span>poetisch, wie es scheint, veranlagten Kopf. Der +weichliche Sonntag ist vorüber, und der harte, +robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, +und da wirst du dich in die Brust werfen müssen, +wenn du seinem kraftvollen Willen einigermaßen +Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der »Alte«, +wie deine Freundin Klara sich ausdrückte, das wird +weniger schaden, als wenn du dir plötzlich einreden +wolltest, ein vollkommen »Neuer« zu werden. So +von einem Tag auf den andern wird man kein +Neuer, auch das schreibe dir, wenn es dir beliebt, +nur gleich hinter die Ohren. Wenn aber einen +»das Leben vernachlässigt«, auch so ein Frauensprüchlein, +und wie es scheint, ein zutreffendes, so +muß man gegen diese in der Tat unwürdige Vernachlässigung +ankämpfen, hörst du, und nicht am +heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmütigen +Sonnenuntergangscheines mit alten Freundinnen +über das »Vergangene« reden. Man wird so etwas +jetzt gefälligst bleiben lassen müssen. Dagegen wird +man sich seiner Pflichten zu erinnern haben, da +Sonntage und Sonntagsausflüge zufälligerweise +nicht ewig andauern, und wird müssen zugeben, +daß diese Pflichten bislang von einem gewissen Gehülfen +auch so ein wenig »vernachlässigt« worden +sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn +<span class="pagenum"><a name="Page_183">183</a></span>selber bis jetzt getan hat. Und die »Kopflosigkeit«? +Ist sie nun endgültig beseitigt worden? So schnell +füllen sich Köpfe nicht an, das muß erarbeitet +werden. Dulde du nur keine Trägheit in dir, und +so wird, meint man, nach und nach schon etwas +in deinen Kopf kommen. Die Reklame-Uhr liegt +am Boden und jammert nach flüssigen Kapitalien. +Nun also, gehe auf sie zu, stütze sie, damit sie sich +wieder langsam, Glied für Glied, erheben und sich +in der Meinung und im Urteil der Menschen ein +für allemal befestigen kann. Eine deines Geistes, +wenn du willst, würdige und nutzbringende Aufgabe. +Sorge du nur auch dafür, daß aus dem +Schützenautomaten bald Patronen herausfallen, +zaudere nicht so lange, zieh energisch am Hebel, die +Maschine, die von Herrn Tobler, deinem Herrn und +Meister, so ingeniös erdacht und ausgeführt worden +ist, wird sich dann schon in Bewegung setzen. +Keine Gefühle jetzt. Man spaziert nicht immer, +man leistet auch einmal etwas, und man wird sich +auch gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern +so rasch wie möglich, die Bohrmaschine näher ansehen +müssen, damit man mit allem, was das Geschäft +Tobler betrifft, Bescheid weiß. Eine nur zu +bescheidene Pflicht für denselben jungen Mann, +der der Frau Tobler, was er so sehr schätzt, helfen +<span class="pagenum"><a name="Page_184">184</a></span>darf, im Garten Wäsche aufzuhängen. Man muß +auch die verborgenen Dinge bedenken, auf die kommt +es an in einem Ingenieurbureau. Zum Waschseilspannen, +mein Herr Gartenbespritzer und -Bewässerer, +hat man Sie nicht hier hinauf auf den grünen +Hügel berufen. Sie spritzen mit Vorliebe den Garten, +nicht wahr? Schämen Sie sich! Und haben +Sie auch schon nur ein einziges Mal an den patentierten +Krankenstuhl gedacht? Nicht? Gott im Himmel, +ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom +»Leben vernachlässigt« zu werden. –</p> + +<p>Das ungefähr waren Josephs eigene Gedanken, +als er am Montag Morgen früh im Bett erwachte. +Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd +mit dem Taghemd zu wechseln, wobei er aber +eine gute Minute im Anblick seiner Beine versunken +blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden +die nackten Arme einer Prüfung unterworfen. +Joseph stellte sich vor den Spiegel und fand es +sehr interessant, sich hin und her zu drehen und +seinen Körper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher +Körper, und gesund, fähig, Anstrengungen +und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen +Leib ausgestattet mußte es eine wahre Sünde sein, +länger als für das Ruhen notwendig im Bett +liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte keine +<span class="pagenum"><a name="Page_185">185</a></span>gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog +sich an.</p> + +<p>Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, +und auf ein paar Minuten konnte es nicht ankommen. +Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer +Meinung, wie Joseph bereits tüchtig erfahren hatte, +aber Tobler selber, der montagete heute. Unter +montagen verstund man das länger als sonst ausgestreckt +im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bißchen +mehr als alle andern Wochentage Wohlseinlassen +und Gehenlassen, und gerade Tobler, der +war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der +würde heute sowieso erst um halb elf Uhr unten +im Bereiche der technischen Lösungen und Probleme +erscheinen.</p> + +<p>Die Haare schienen heute früh außerordentlich +schwer zu bürsten und zu kämmen zu sein. Die +Zahnbürste erinnerte an vergangene Zeiten. Die +Seife, womit man die Hände waschen sollte, glitt +aus, fuhr unters Bett, und man mußte sich bücken +und sie aus dem hintersten Winkel hervorziehen. +Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er +doch gestern prächtig gepaßt hatte. Welche wunderbaren +Dinge. Und wie langweilig das alles war.</p> + +<p>An einem andern Ort und zu einer andern +Stunde wäre das alles vielleicht niedlich, belehrend, +<span class="pagenum"><a name="Page_186">186</a></span>nett, fein, amüsant, ja entzückend gewesen. Joseph +erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo +ihn der Ankauf einer neuen Krawatte oder eines +steifen, englischen Hutes in seelische Aufregung versetzen +konnte. Vor einem halben Jahr hatte er +eine solche Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, +ganz guter, normaler Hut, wie ihn die +»bessern« Herren zu tragen pflegten. Er aber traute +dem Hut nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal +auf den Kopf, vor dem Spiegel, um ihn dann +endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei +Schritte weg von dem niedlichen Ungetüm und beobachtete +ihn, wie ein Vorposten den Feind beobachtet. +Es war nichts an ihm auszusetzen. Hierauf +hängte er ihn an den Nagel, auch da erschien +er ganz harmlos. Er versuchte es wieder mit dem +Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten bis oben +zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefühl, als +ob seine Persönlichkeit eine benebelte, gesalzene, +halbierte geworden sei. Er trat auf die Straße: +er schwankte wie ein schnöder Betrunkener, er fühlte +sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle, +legte den Hut ab: gerettet! – Ja, das war eine +Hutgeschichte gewesen. Auch Kragengeschichten, Mäntelgeschichten +und Schuhgeschichten kamen in seinem +Leben vor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_187">187</a></span> +Er verfügte sich ins Wohnzimmer hinunter, um +zu frühstücken. Er aß unbändig, geradezu unanständig. +Es befand sich übrigens niemand am Tisch, +aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim +Essen brauchte man ja auch so nicht außer acht zu +lassen. Woher er nur einen solchen Hunger hatte? +Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben +der Charakter, das war es. Er hatte eine solche +kindische Freude beim Brotabschneiden, und doch +war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand +er ein solches Vergnügen beim Herauslöffeln der +Bratkartoffeln, und wessen Bratkartoffeln waren es +wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schön +vor, noch etwas über den Appetit hinaus zu essen, +und wem schadete er dadurch? Nachdem er so weit +fertig war, hätte er eigentlich aufstehen können, um +hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, +wenn es einem festhielt am Platz, wenn man sich +nicht zu trennen vermochte vom Eßtisch? Da kam +Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen +Erscheinung.</p> + +<p>Im Bureau! Erst ein bißchen auf und ab +gehen, das gehörte doch schließlich zur Sache, so +fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich vornahm. +Gehörte Joseph zu den Menschen, die mit +Ausschnaufen ein Geschäft beginnen und erst nach +<span class="pagenum"><a name="Page_188">188</a></span>Beendigung desselben, das heißt, nach halber Beendigung +energisch werden, das heißt wiederum, +nur dazu energisch, um sich über irgend einen billigen +Genuß herzumachen? Er zündete langsam +einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen +den Gedanken an die beginnende Arbeit so +sehr versüßten, und rauchte drauf los wie das Mitglied +eines Rauchklubs.</p> + +<p>Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen +Schreibtisch, und fing an, sich nützlich zu erweisen.</p> + +<p>Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgeräumt, +wie Joseph sogleich bemerkte. Man durfte +daher etwas Leichtigkeit in das »Guten Morgen, +Herr Tobler« legen und den Stumpen von neuem +anzünden. In der Tat ging von der Figur des +Vorgesetzten und Chefs der Firma eine außerordentliche +Fröhlichkeit aus. Er schien den Abend +vorher tapfer gezecht zu haben. Jede seiner gegenwärtigen +Gesten sagte: »Nun, jetzt weiß ich, wo der +Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner +Geschäfte eine neue Wendung eintreten.«</p> + +<p>Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise +nach der Richtung, die Josephs sonntägliche Vergnügungen +eingeschlagen hätten und rief, als derselbe +ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:</p> + +<p>»Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? +<span class="pagenum"><a name="Page_189">189</a></span>Und wie hat es Ihnen denn dort nach der längern +Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was? +Jawohl, die Städte vermögen manches zu bieten, +aber man kommt schließlich doch auch gern wieder +zurück. Habe ich recht oder nicht? Aber was ich +sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe, entschuldigen +Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider +mehr am Leib. Da gehen Sie heute nur zu meiner +Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie neu aussehenden +Anzug von mir geben. Sagen Sie nur, +den grauen Anzug, dann wird sie schon verstehen, +welchen. Sie brauchen sich nicht im mindesten zu +genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug +nicht mehr. Und ein paar farbige Hemden mit dazugehörigen +Brüsten und Manschetten, für Sie sicher +ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in +der Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht?«</p> + +<p>»Ich habe alle diese Sachen gar nicht nötig,« +sagte Joseph.</p> + +<p>»Warum nicht nötig? Sie sehen ja selber, wie +bitter nötig Sie's haben. Machen Sie keine Umstände, +wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's, +fertig.«</p> + +<p>Tobler war ungehalten. Plötzlich dachte er +an etwas. Er setzte sich unter die Mechanik des +Probe-Schützenautomaten auf einen dort stehenden +<span class="pagenum"><a name="Page_190">190</a></span>Stuhl und sagte nach einer halben Minute: »Ich +weiß wohl, was Sie denken, Marti. Es ist wahr, +Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und Sie +werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden +Sie sich. Andere müssen jetzt eben auch Geduld +haben. Im übrigen will ich nicht hoffen, daß +Sie's für nötig finden, mir deswegen eine bittere +Miene zu machen. So etwas würde ich keineswegs +in meiner Umgebung dulden. Wer so ißt, wie Sie +essen und eine solche Luft genießt, wie diejenige +ist, die Sie hier oben bei mir einatmen, der hat +noch eine lange Strecke zu laufen bis zur Klage. +Sie leben! Denken Sie nur immer ein bißchen +daran, in welcher Verfassung Sie dagestanden sind, +als ich Sie dort in der Stadt engagiert habe. Sie +sehen wie ein Fürst aus. Dafür werden Sie mir +denn auch ein wenig Dank wissen müssen.«</p> + +<p>Joseph sagte, und es war ihm später unbegreiflich, +wo er die Frechheit dazu hernahm:</p> + +<p>»Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie +Ihrem Untergebenen, Ihnen zu sagen, daß es mir +recht peinlich ist, beständig an das gute Essen, an +die prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen, +in denen ich schlafe, erinnert zu werden. So etwas +kann einem die Luft, den Schlaf und das Essen +beinahe vollständig verderben. Was muten Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_191">191</a></span>mir zu, wenn Sie glauben, Ursache zu haben, mir +den natürlichen Aufenthalt und Genuß, den ich hier +oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu +müssen? Bin ich ein Bettler oder ein Arbeiter? +Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier keine +Szene, ich setze ganz einfach etwas für unser gegenseitig +notwendiges Verständnis auseinander. Ich +möchte festgestellt haben dreierlei. Erstens weiß ich +Ihnen für alles, was Sie mir ›bieten‹, Dank, zweitens +wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem +bisherigen Betragen ruhig entnehmen, und drittens +leiste ich etwas, ein Beweis für dieses Letztere ist +die Tatsache, daß mein Gewissen und Ihre Klugheit +mich immer noch hier beschäftigt sehen. Was +die Kleidergeschenke, die Sie mir gütigst machen +wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment +eines Bessern besonnen: ich nehme sie mit geziemendem +Dank an, ich kann Wäsche und Kleider +brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton +dieser Sprache werden Sie mir verzeihen müssen, +oder – Sie werden gezwungen sein, mich aus dem +Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und +dieses Tones, denn ich habe das aufrichtige Bedürfnis +gefühlt, Ihnen zu zeigen, daß ich mich unter +Umständen gegen – wie soll ich sagen – Grobheiten +wehren kann.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_192">192</a></span> +»Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie +dieses Mundwerk her? Es ist ja zum Lachen, das. +Sind Sie eigentlich närrisch geworden, Joseph +Marti?«</p> + +<p>Tobler fand es für das Vernünftigste, laut zu +lachen. Aber schon im nächsten Augenblick zog sich +seine Stirne in grimmige Falten:</p> + +<p>»So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, daß +Sie imstande sind, etwas zu leisten. Bis jetzt +habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein großes +Maul macht noch keine nennenswerte Leistung, +haben Sie das verstanden? Wo sind die Briefe, +die noch beantwortet werden sollen?«</p> + +<p>Joseph sagte kleinmütig: »Hier!« Er war wieder +völlig befangen. Die Briefe lagen am falschen +Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und schleuderte +ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu +Boden. Er schrie:</p> + +<p>»Und das will noch immer aufbegehren. Passen +Sie lieber besser auf und seien Sie weniger empfindlich. +– Schreiben Sie!«</p> + +<p>Und er diktierte folgendes:</p> + +<div class="letter"><p>An Herrn Martin Grünen in Frauenberg.</p> + +<p>Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit +zwecks Realisierung meiner Reklame-Uhr bewilligte +<span class="pagenum"><a name="Page_193">193</a></span>Darlehn von fünftausend Mark auf den +Ersten des kommenden Monates aufkündigen, habe +ich erhalten und gestatte mir – haben Sie das? – +Ihnen folgendes zu erwidern: 1. ist meine derzeitige +finanzielle Lage derart, daß es mir eine reine Unmöglichkeit +ist, Ihnen auf den angegebenen Termin +den fraglichen Darlehnsbetrag zurückzuerstatten; 2. befinden +Sie sich in einem groben Irrtum, wenn Sie +ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf so +unerwartet rasche Zurückzahlung zu dringen, indem +3. zwischen uns bei Abschluß des Darlehens, so viel +ich mich erinnere, und wie ich, wenn nötig, schwarz +auf weiß beweisen kann, die Vereinbarung getroffen +worden ist, – sind Sie so weit? – daß eine +Zurückerstattung der Schuldsumme erst dann zu erfolgen +hat, sobald die Geschäfte der Reklame-Uhr +ein gewisses, gewinnbringendes Ziel gefunden haben. 4. +Dies ist noch nicht der Fall. 5. Das gemachte +Darlehen ist nicht außer Verbindung speziell dieses +Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen, sowie die Abzahlung +des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen +des letzteren. 6. Würde es sich fragen, ob +eine so kurzfristige Zahlungsforderung in einem Falle, +wie dem unsrigen, überhaupt gestattet wäre. Hauptsache: +das geliehene Geld liegt im obengenannten +Unternehmen und verfällt dem Risiko desselben. – +<span class="pagenum"><a name="Page_194">194</a></span>Sehr geehrter Herr, Sie werden sich nun hoffentlich, +nachdem ich Ihnen meinen Standpunkt erklärt +habe, die Sache noch einmal ernstlich überlegen. +Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich +mich befinde, und Sie werden kaum den Mut +finden, einen Geschäftsmann ruinieren zu wollen, +der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft +dagegen stemmt und wehrt, in die ihm drohende +Tiefe zu sinken. Wenn Sie Ihr Geld wieder haben +wollen, so drängen Sie mich nicht. Die Reklame-Uhr +wird sich bewähren! Ich hoffe Sie genügend +überzeugt zu haben und zeichne hochachtungsvoll – –</p></div> + +<p>»Geben Sie her!« Und Tobler unterzeichnete, +indem er eine volle Minute lang, scheinbar gedankenabwesend, +in den Anblick des Schreibens versunken +blieb.</p> + +<p>Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen +privaten Gedanken hin. Er dachte: »So ist er, +dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine hochmütige +und drohende Stellung ein, dann duckt er +plötzlich klein zusammen und bittet, zu bedenken +usw. Der Herr Grünen werde nicht den Mut finden, +meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn +findet? So wie dieser Brief abgefaßt ist, so pflegen +Verzweifelte zu reden. Zuerst klingt es hochtrabend, +<span class="pagenum"><a name="Page_195">195</a></span>dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch, +dann beißend spöttisch, dann auf einmal kleinmütig, +dann zornig, dann flehentlich, dann plötzlich grob, +dann Brust hoch und noch ein letztes Mal in hochmütigem +Ton: die Uhr <span class="gesperrt">wird</span> sich bewähren! Wer +beweist das? O ein solcher pfiffiger Darlehngeber, +wie dieser Grünen aus Frauenberg einer ist, der +wird hohnlächeln, wenn er diesen gefühlvollen +Brief liest.« –</p> + +<p>Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz +richtiger, wagte er halblaut zu seinem Chef zu sagen. +Das war ein Funke ins Pulverfaß.</p> + +<p>Tobler sprang jählings auf: Was Joseph da +Dummheiten zu schwatzen habe. Wenn er Bemerkungen +machen müsse, so solle er sie nicht erst eine +halbe Stunde nach Erledigung der Sache vom +Mund ablaufen lassen, und dann solle er sehen, +daß es keine so läppischen seien, wie die, die er sich +soeben erlaubt habe.</p> + +<p>»Unsinn!« schrie er, ergriff seinen Hut und +ging davon.</p> + +<p>Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse, +faltete es zusammen, steckte es in einen vorher +schon adressierten Briefumschlag, klebte zu und +frankierte.</p> + +<p>Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der +<span class="pagenum"><a name="Page_196">196</a></span>Buchdruckerei angekommen. Joseph fing an, diese +Zirkulare exakt zusammenzufalten, und zwar zu +jeweiliger Briefkuvertgröße, damit sie in alle Welt +hinaus verschickt werden konnten. Das Rundschreiben +enthielt in hübscher Druckschrift, und mit Klischee-Abbildungen +versehen, die genaue Beschreibung +nebst Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten, +auch einer Toblerschen Erfindung. Vor allen Dingen +galt es, diesen Dampfbehälter den zahlreichen, +in der Umgebung von Bärenswil und weiter im +Land herum verstreuten Fabriken und mechanischen +Werkstätten anzupreisen, womit man einen ganz +hübschen Gewinn zu erzielen hoffte.</p> + +<p>Der Gehülfe faltete bis zur Mittagsessenszeit +diese Papiere zusammen, welche Arbeit für ihn +etwas geradezu Fröhliches und Gedankenförderndes +enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg +während des Essens, abgesehen von Dora, die ihren +reizenden Mund nicht zu halten vermochte. Die +Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte +die langen Schul-Ferien als die Ursache der allgemeinen +Jugendverwilderung an, indem sie sagte, +sie sei wahrhaftig froh über den baldigen Wiederbeginn +der Schulzeit, es werde nun gottlob bald +wieder eine andere Zeit für die Schlingel herantreten. +Die Autorität und das Meerrohr des Lehrers +<span class="pagenum"><a name="Page_197">197</a></span>würden dann vielleicht erreichen, was der Mutter +nicht möglich sei: artiges und aufmerksames Benehmen +ihren Buben anzugewöhnen. Es sei ganz +gut, wenn es allmählich Herbst werde. Während +dieser langen, schönen Sommertage wisse das kleine +Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr, wo +noch irgend eine Gelegenheit sei, Übles und Dummes +anzustellen.</p> + +<p>Bei dem Wort »Herbst« fühlte sich Joseph in +der Seele betroffen. Der schöne Herbst! dachte er. +Einen Augenblick später war er mit Essen fertig +geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler, +es fehle ihm Geld, um Briefmarken kaufen zu können. +Die dadurch unangenehm berührte Frau sagte, +so solle sie auch noch für solche Dinge sorgen, +seufzte und händigte dem Angestellten das Gewünschte +schmollend, aber zugleich ein wenig geschmeichelt, +ein. Man mußte also zu ihr, der Frau, +kommen, um Markengeld zu erwischen und zu ergattern. +Joseph spielte wiederum ein wenig den +Beleidigten.</p> + +<p>Schließlich war er ein Mannesuntergebener, +nicht ein Frauengehülfe. Wie lästig das war, jedes +Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu müssen. +Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begnügte +sich, ihn von oben herab halb anzuschauen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_198">198</a></span> +Er begab sich zur Post. Im Garten waren +mehrere Arbeiter und Handlanger damit beschäftigt, +Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mächtigen +Haufen zu türmen. Die Erde war naß, es +hatte kurz vorher geregnet.</p> + +<p>»Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu +allem. Was denkt Tobler?« brummte Joseph und +erreichte die Landstraße. Aus dem Wirtshaus zur +»Rose«, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur +offenen Tür ein schneidender Schnapsgeruch heraus. +Hier war es, wo der Wirsich seine ersparten +Gehälter und Löhne vertrank. Von hier aus pflegte +er in eine »andere Welt« hinüber zu taumeln, indem +er seinen bessern Teil in der »Rose« unter +dem Tisch liegen ließ. Im Dorf angekommen, trat +der Gehülfe, einer seit kurzem erst angenommenen +Gewohnheit gemäß, in das Restaurant zum Segelschiff +ein, und wer saß dort am runden Stammtisch? +Tobler!</p> + +<p>Da hatte man sie also beide, den Herrn und +den Knecht, und wo? In der Kneipe.</p> + +<p>Gewiß muß man in den Zorn gewöhnlich rasch +eins hinabtrinken, um das Hitzige, was man in der +Brust fühlt, abzukühlen und zu verlöschen, und +ebenso natürlich ist der Durst eines Untergebenen, +der soeben erst Markengeld hat »betteln« müssen +<span class="pagenum"><a name="Page_199">199</a></span>und infolgedessen ziemlich unwirsch aufgelegt ist. +Der Unmut kann, indem man »eins« zu sich nimmt, +zerstreut werden. Gewiß muß und kann man auch +das, aber – es war doch für einen Moment den +beiden etwas kurios zumut, sich im »Segelschiff« +plötzlich bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide +schauten sich kurz aber bedeutend an.</p> + +<p>»So? – Sie scheinen ja auch Durst zu haben,« +sagte Herr Tobler gewichtig aber freundschaftlich zu +dem Eingetretenen. Dieser sagte:</p> + +<p>»Ja! Muß auch sein.«</p> + +<p>Herr Tobler erwartete im »Segelschiff« immer +die anfahrenden und abfahrenden Züge, auch +jetzt »paßte er nur auf seinen Zug auf«. Das +Restaurant lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. +Aber wie oft verpaßte trotzdem Tobler seine +Züge; man konnte, wenn man Wirt hieß, manchmal +beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In +solchen Fällen pflegte er jedesmal zu brummen: +»Jetzt ist mir das cheibe Züglein schon wieder an +der Nase vorbeigefahren.«</p> + +<p>Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief +ihm nach, so daß die andern Wirtsgäste es hören +konnten: »Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heißt +er schnell, er solle mit der Montierung der Uhren +für die Utzwil-Stäfener-Bahn unverzüglich beginnen. +<span class="pagenum"><a name="Page_200">200</a></span>Der Brief muß noch heute abgehen. Das Übrige +werden Sie wohl wissen.«</p> + +<p>Joseph schämte sich ein wenig seines »redeseligen« +Prinzipals, wie er ihn im stillen nannte, +er nickte und drückte sich zur Türe hinaus.</p> + +<p>Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhändler +und ließ sich eine ganze Reihe Gebrauchsgegenstände +für Bureau und Zeichentisch geben, indem +er's »ins Buch aufschreiben ließ«.</p> + +<p>Solch ein niedliches Rechnungsbüchlein, was +ging da nicht alles Mögliche hinein. Man nahm +einfach die Waren und ließ munter aufschreiben.</p> + +<p>Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich +die Frage, wann und ob er einen gewissen Betrag +einkassieren lassen dürfe.</p> + +<p>»O gelegentlich etwa,« entgegnete obenhin Joseph. +»Ich handle sehr richtig,« dachte er, »man +muß zu den Leuten in oberflächlichem Ton sprechen, +dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man +keinen Ernst zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich +zu sein. Hätte ich die Frage dieses Mannes +wichtig genommen, so würde er jetzt Verdacht +haben und schon morgen früh mit der quittierten +Note im Bureau erscheinen. Ich diene meinem +Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rührende Verdächtigungen +von ihm abzulenken.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_201">201</a></span> +Während dieses Gedankenganges hatte er sich +scheinbar aufs Gemütlichste eine Sammlung Ansichtspostkarten +angeschaut. Indem er jetzt den +Laden verließ, lächelte er freundlich, und er wurde +ebenso freundlich vom Besitzer desselben angelächelt.</p> + +<p>Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit +dem Falzen der Zirkulare zu schaffen. Für je ein +Zirkular verwendete er vier Händebewegungen. Er +träumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemütvolle +Herumsinnen um irgend etwas geradezu heraus. +Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender +Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor +dem Schreibtisch und Bureaufenster saß auf einer +dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie nähte +und unterhielt sich in singender Sprechweise mit +ihrem Dorchen.</p> + +<p>»Was dieses Kind es gut hat!« dachte Joseph.</p> + +<p>»Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken?« +fragte Frau Tobler. Sie setzte hinzu: +»Übrigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen Sie. +Der Kaffee steht schon.«</p> + +<p>Im Gartenhaus, während des Imbisses, fühlte +sich der Angestellte durch die Freundlichkeit, mit +der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu sagen, +er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen +zu haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_202">202</a></span> +Was er damit meine? Sie verstehe nicht.</p> + +<p>»Nun, wegen dem Wirsich!«</p> + +<p>Sie sagte, das habe sie längst vergessen. Für +solche Sachen habe sie kein haarscharfes Gedächtnis. +Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen sei? +Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie, +Joseph bekennen zu hören, daß es ihm leid sei, sie +gekränkt zu haben. Er dürfe ruhig sein, und er +solle sich in allem, was das Geschäft ihres Mannes +anbelange, nur immer Mühe geben, das sei die +Hauptsache. Ach sie wünsche manchmal, und besonders +in letzter Zeit, ein geschäftstüchtiger Mensch +zu sein, um Tobler helfen zu können. Wenn sie +daran denke, von hier fortziehen, das Haus, das +sie so lieb gewonnen habe, verlassen – zu – +mü–ssen – –</p> + +<p>Tränen standen ihr in den Augen.</p> + +<p>»Ich will mir Mühe geben!« Er schrie es +beinahe.</p> + +<p>Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu +lächeln.</p> + +<p>»Sie dürfen nicht gleich verzagen.«</p> + +<p>Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmütig +genug all diesen sorgenvollen Dingen gegenüber. +Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie ihr scheine, +ungerechte Vorwürfe gemacht, deswegen, daß sie +<span class="pagenum"><a name="Page_203">203</a></span>seine ganze schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie +habe es für nötig befunden, zu schweigen dazu. +Was denn in einem solchen Fall eine schwache und +ungeübte Frau machen könne? Ob sie gar etwa +den ganzen, guten Tag lang jammern, und eine +wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und +was das nütze? Das würde doch einer einigermaßen +vernünftigen Frau weder einfallen, noch auch +nur anstehen können, so etwas würde sie eher für +gefährlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil +immer ganz guten Mutes, und sie wage es, +sich im stillen für diese Haltung zu loben. Ja, +das tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen +Welt ihr kein einziges Wesen anerkennen wolle. – +Sie wisse im übrigen, wer sie sei, und sie fühle +sich schon aus diesem Grunde verpflichtet, den fröhlichen +und gemessenen Lebensmut nicht so bald +sinken zu lassen. Daneben fühle sie wohl, wie +schwer es ihr Mann zurzeit habe.</p> + +<p>Sie war wieder heiter geworden.</p> + +<p>»Und was Sie betrifft, Joseph,« fuhr sie fort, +indem sie den Gehülfen mit ihren großen Augen +anschaute, »so weiß ich ja, daß Sie ernst bei Ihren +Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann +wird man nicht alle Lösungen und trefflichen Leistungen +aufs Mal verlangen wollen. Sie fahren +<span class="pagenum"><a name="Page_204">204</a></span>einen nur manchmal ein bißchen grob an. Ja, +ja!«</p> + +<p>»Sie demütigen mich, aber ich verdiene es,« +sagte Joseph.</p> + +<p>Beide lachten.</p> + +<p>»Sie sind ein kurioser Mensch,« bemerkte Frau +Tobler, das Gespräch beendend. Sie stund auf. +Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob sie die +Güte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler +soeben geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein +Zimmer legen zu lassen, er wünsche dieselben heute +noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die +betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.</p> + +<p>Nach ungefähr einer Stunde spritzte er den +Garten. Er fand das zu nett, so den dünnen, silbernen +Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu +sehen und das Aufklatschen des Wassers auf den +Blättern der Bäume anzuhören. Die Erdarbeiter +warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und +machten Feierabend. »Ein kurioser Mensch,« dachte +der mit den Schläuchen Beschäftigte, und es wollte +ihm beinahe trübe zumut werden: »Wieso ein +kurioser Mensch?« –</p> + +<p>Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch +Tobler kam an, ungehalten, unfreiwillig. Er hatte +<span class="pagenum"><a name="Page_205">205</a></span>es sich eben im »Segelschiff« gemütlich machen +wollen, als er telephonisch angerufen, und davon +in Kenntnis gesetzt worden war, wer in der Villa +zu Besuch gekommen sei. »Müssen die schon wieder +kommen?« hatte er durchs Telephon zu seiner Frau +gesagt, konnte aber nicht gut absagen, und so verzichtete +er eben auf den Wirtshausjaß, um dafür +zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack +ein wenig »kindelig« war. In der Tat ging es +beim Jaß unter Berufsjassern eben viel ernsthafter +und männlicher zu, vor allem viel schweigsamer, +und Tobler hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde, +unschuldige Jasserei ziemlich verachten gelernt.</p> + +<p>Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er +möchte noch ein wenig in der frischen Luft spazieren +gehen. »So, der entzieht sich der Pflicht, +und ich, ich muß dahocken,« schien Toblers Gesicht +zu sagen, als er Joseph sich ausreden hörte.</p> + +<p>Dieser flüchtete »an die Natur« hinaus. Der +Mond beleuchtete zart und groß die ganze Umgegend. +Irgendwo plätscherte ein Wasser. Er ging +den Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen +hindurch. Die großen Wegsteine waren weiß vom +Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und +zischelte und flüsterte es. Es war alles in einen +<span class="pagenum"><a name="Page_206">206</a></span>duftenden, träumerischen Dunst getaucht. Vom nahen +Wald her hörte er Käuzchengeschrei. Einige +zerstreute Häuser, ein paar zaghafte Geräusche, und +plötzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, +das irgend ein später Wanderer in der Hand trug, +oder ein ruhendes, ein Licht hinter einem halbverdeckten +Fenster. Welche Stille im Dunkel, und +welche Weite im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph +überließ sich vollständig seinen Empfindungen.</p> + +<p>Plötzlich dachte er wieder an den »kuriosen +Menschen«, der er sei. Was er denn eigentlich so +Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht umherzuspazieren, +das war allerdings seltsam genug, +dieses Vergnügen durfte man schon als kurios bezeichnen. +Aber was weiter? War das alles? Nein, +die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes +Leben, das bisher geführte und das vorauszuahnende +zukünftige, das, das war kurios, und Frau +Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte – – +Diese Frauen, wie sie es verstunden, in den Herzen +und Charakteren zu lesen. Wie talentiert sie waren, +einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und +Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen. +Ein kurioser Kerl. Spaßhaft war das, nicht wahr? –</p> + +<p>Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach +Hause.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_207">207</a></span> +Die Bärenswiler oder Bärensweiler sind ein +gutmütiger, aber zugleich etwas heimtückischer, oder, +wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet, heimlichfeißer +Menschenschlag. Sie haben es alle mehr +oder weniger dick hinter den Ohren, sie besitzen alle, +der eine mehr, der andere weniger, irgend etwas +Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle +ein bißchen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. +Sie sind ehrlich und moralisch und nicht ohne +Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine gesunde +bürgerliche und politische Freiheit gewöhnt +gewesen. Aber sie verbinden mit der Ehrlichkeit +gern einen gewissen Schein von Schlauheit und +Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz +Klugem und noch Klügerem aus. Sie schämen +sich alle ein wenig ihrer kernigen, natürlichen Gradheit, +und jeder von ihnen allen will lieber ein +»schlechter Hund« sein als ein Tropf von Esel, den +man leicht übers Ohr hauen kann. Die Bärenswiler +sind nicht leicht übers Ohr zu hauen, davor +kann sich jeder, der das probieren will, tüchtig gewarnt +sein lassen. Sie sind herzensgut, wenn man +sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im +Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber +sie schämen sich auch ihrer Güte, wie fast jeglicher +Gefühlsäußerung. Sie lachen mit den Stockzähnen, +<span class="pagenum"><a name="Page_208">208</a></span>wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen +lachen, sie plaudern mehr mit den gespitzten Ohren +als mit dem ungenierten Mund, sie schweigen gerne, +aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die +leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem +Wirtshaustischmaul zur Welt gekommen wären. +Später schweigen sie wieder volle vier Wochen +lang. Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet, +sie rechnen nach, wo sie Vorzüge, wo Fehler +besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre Mängel +als ihre guten Eigenschaften öffentlich strahlen +zu lassen, damit ja niemand Bescheid wisse, wie +tüchtig sie sind. Um so bessere Handelsgeschäfte +machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel, +sagt man in der rundum liegenden Welt, und nicht +ganz ohne Ursache, aber es sind ihrer immer nur +ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und +um dieser paar Ausnahmen willen müssen die +Bärenswiler manches kecke und ungerechte Wörtlein +hören. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust, +diese Kräfte zu üben; die Geschmacklosen unter +ihnen prahlen deshalb öfters mehr als gut und +recht ist und sind verschrieen im übrigen Land. +Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken +und nüchtern, ein Schlag Menschen, wie geschaffen +dazu, bescheidene aber sichere Geschäfte zu machen +<span class="pagenum"><a name="Page_209">209</a></span>und dito Erfolge zu erzielen. Die Häuser, die sie +bewohnen, sind sauber wie sie selber, die Straßen, +die sie bauen, sind ein bißchen holperig, genau wie +sie selber, und das elektrische Licht, das ihre Dorfstraßen +Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum +exakt wie sie selber. Und unter solch ein Volk +mußte Herr Tobler geraten.</p> + +<p>Herr Ingenieur Tobler!</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwärts. +Auch in der Gegend von Bärenswil blieben +die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie hatten +natürlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun +müssen, sie veränderten sich, trotz des Herrn Tobler, +der vielleicht wünschen mochte, die Zeit stillstehen +zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschäfte nicht +gingen, war der unbewußte Feind alles dessen, +was ruhig und gleichmäßig vorwärtsschritt. Der +Tag oder die Woche ist solch einem Menschen stets +entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man +die Krisis herankommen sieht, zu lang, weil man +sich langweilt am Anblick des lahmen Geschäftsganges. +Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so +murmelte Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem +mehr seit einigen Tagen, und machte sie +scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so +<span class="pagenum"><a name="Page_210">210</a></span>wünschte er sich über die Berge in ein späteres +Jahrzehnt versetzt, um alle diese ihn umgebenden +Dinge nicht mehr anschauen zu müssen.</p> + +<p>Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund +irgendwo etwas still, die Natur schien sich manchmal +die Augen reiben zu müssen. Die Winde +wehten anders als bisher, wenigstens schien das +oft so, Schatten huschten an den Fenstern vorbei, +und die Sonne war eine andere Sonne geworden. +Wenn es warm war draußen, so sagten ein paar +Menschen, echte Bärenswiler, sieh da, wie warm +es immer noch ist. Man dankte für die Milde, +weil man einen Tag vorher, unter der Haustüre +stehend, gesagt hatte: Potz blitz, es fängt zu rumoren +an!</p> + +<p>Hin und wieder runzelte der Himmel seine +schöne, reine Stirne, oder er zog sie sogar in +Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann +war die ganze Hügel- und Seegegend von grauen, +nassen Tüchern umhüllt. Der Regen fiel schwer +auf die Bäume, was nicht hinderte, daß man zur +Post lief, wenn man zufällig ein Angestellter des +Hauses Tobler war. Herr Martin Grünen schien +sich um die schönen, sanften Wechsel der Jahreszeiten +auch nicht viel zu kümmern, sonst würde er +kaum haben schreiben können, alles, was Tobler +<span class="pagenum"><a name="Page_211">211</a></span>an Zahlungsverweigerungsgründen ihm angebe, +das berühre ihn gar nicht, und er beharre auf seiner +Kündigung.</p> + +<p>Und wenn dann das schöne Wetter wieder +kam, wie glücklich konnte das einen berühren. Es +waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu +sehen, ein Weiß, ein Blau und ein Gold, Nebel, +Sonne und Himmelsbläue, drei sehr, sehr feine, ja +sogar vornehme Farben. Man konnte dann fortfahren, +draußen im Garten zu essen, man stund +dann da so, lehnte sich gegen das Gitter und dachte +darüber nach, ob man das schon einmal, irgendwo +in der Jugend vielleicht, könne gesehen haben. Die +Wärme und Farbe waren eines geworden. Ja, +sagte man, solche Farben ergeben eine solche Wärme! +Die Gegend schien zu lächeln, der Himmel schien +selber glücklich über sein Aussehen geworden zu +sein, er schien der Duft und der Inhalt und die +liebe Bedeutung dieses Land- und Seelächelns zu +sein. Wie das alles nur so liegen, stillsein und +strahlen konnte. Wenn man über die Seefläche +hinaus schaute, fühlte man sich, man brauchte nicht +einmal Gehülfe zu sein, von freundlichen, wohltuenden +Worten angesprochen. Schaute man in +die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine +zarte Melancholie in einem. Sah man das Haus +<span class="pagenum"><a name="Page_212">212</a></span>an, so mußte man lachen, obschon die herrische +Pauline gerade am Küchenfenster Teppiche bürstete. +Die Welt schien voller Musik zu sein. Über den +Kronen der Bäume erschienen wie ferne, verhallende +Töne die blendend-leichten-weißen Umrisse der Alpen. +Man sah hin und empfand mit einem Mal das +alles als unwirklich. Dann war's wieder anders. +Andere Aussichten, andere Empfindungen! Auch +die Gegend schien zu empfinden und ihre Empfindungen +zu ändern. Das Empfundene verlor sich +jedesmal in das allesbeherrschende Blau. Ja, +alles war blau angefärbt und angehaucht. Und +dazu diese Frische, dieses Rauschen von den Bäumen +her, in denen immer eine leise, kühle Bewegung +war. Konnte man da arbeiten, sich nützlich +erweisen? Ja, man spannte das Waschseil auf und +half der Waschfrau einen Korb nasser Wäsche aus +dem Keller hinauf an das golden-blaue Licht der +Erde tragen. So etwas zu tun ziemte sich an +einem so schönen, bis in die letzten Winkel von +Farben und Tönen durchzuckten, gleichsam hellgeschliffenen +Tage. Und es gab eine ganze Reihe +solcher Tage, wo man nur vom Bett aufstehen, +sich zum Fenster hinauslehnen und mehrere +Male hintereinander sagen mußte: wie wundervoll!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_213">213</a></span> +Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland +geworden.</p> + +<p>Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschäfte +war keine neue Wendung, keinerlei Umschwung, +nicht einmal ein Seitensprung eingetreten. Die +Sorge und die Enttäuschungen gingen wie ermüdete, +aber an Zucht gewöhnte Soldaten im Schritt vorwärts, +sie erlaubten sich keine Abweichungen. Sie +bildeten, Mißerfolge und Aussichtslosigkeiten mithinzugerechnet, +einen wohlgeordneten Marschzug, +der sich langsam aber stetig vorwärtsbewegte, gradaus +in das Kommende schauend.</p> + +<p>Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschäftsreisen, +als würde ihn der Anblick seines reizenden +Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berührt haben. +Er besaß ein Generalabonnement für sämtliche +Bahnen auf ein volles Vierteljahr gültig, das er +schließlich, da er es sich einmal angeschafft hatte, +auch ausnützen mußte. Wo wäre denn da die gesunde +Vernunft gewesen? Das Reisen als solches +schien ihm überhaupt Vergnügen zu bereiten. Dazu +war er der Mann. Im »Segelschiff« auf den +Zug zu passen, denselben womöglich fürs erste einmal +zu verpassen, dann in den nächsten einzusteigen, +eine gewichtige Geschäftsmappe unter dem Arm, +dann so zu fahren, in alle Welt hinaus, mit den +<span class="pagenum"><a name="Page_214">214</a></span>Fahrgästen ein Gespräch zu beginnen, dem einen +oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen +guten Stumpen zu offerieren, in einer fremden +Gegend schließlich auszusteigen, mit flotten, lebenslustigen +Leuten zu verkehren, bis in alle Nächte +hinein in feineren Restaurants Unterhandlungen +zu pflegen usw.: das war etwas für ihn, das glich +ihm und seinem Wesen, das lenkte ihn ab von unwürdigen +Gedanken, das half ihm, sich wieder ein +bißchen er selber zu fühlen, das war wie sein Anzug, +der ihm so prachtvoll saß.</p> + +<p>Was hatte er nötig, zu Hause zu sitzen, wo +er doch einen Angestellten hatte, den er »füttern« +mußte? Käme ihm gerade noch recht! Da versauerte +er noch gänzlich das bißchen Unternehmungsgeist, +das er noch hatte. Würde dann nicht mehr +viel fehlen und er konnte endgültig »die Bude zuschließen«. +Das fehlte noch: zu Hause sitzen und +sich von den Bärenswilergesichtern höhnisch anglotzen +lassen. Nein, lieber dann gleich eine Kugel +vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen.</p> + +<p>Und so reiste er eben.</p> + +<p>Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die +täglichen Lebensbedürfnisse angefangen, leise an +die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine hochzuheben, +um gemütlich in das Interieur der Toblerschen +<span class="pagenum"><a name="Page_215">215</a></span>Familie blicken zu können, an der Tür zu +stehen, um jemand, der vorüberging, an das Gefühl +der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte +sich jetzt schon ein bißchen mehr als im +Sommer. Sie stund einstweilen da und prüfte +das Terrain, im übrigen verhielt sie sich still. Es +genügte ihr, daß man manchmal ihre Anwesenheit +empfand, sie war höflich und vorsichtig. Eine Türschwelle, +ein Fenstergesims, ein Plätzchen auf dem +Dach oder unter dem Eßtisch, diese Orte schienen +ihr vollkommen zu passen. Sie machte sich in keiner +Weise wichtig, sie streifte mit ihrem kalten Hauch +von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau +Tobler, so daß diese sich manchmal am heiter hellen +Tag umdrehte, als ob jemand hinter ihr sei, als +ob sie hätte fragen sollen: »wer hält sich denn da +hinter mir auf?« –</p> + +<p>Die paar Gelder, die dem technischen Geschäft +zuflossen, wurden sogleich, auf Anraten ihres Mannes, +von der Hausfrau in Empfang genommen. +Brot, Milch und Fleisch wollten doch täglich bezahlt +sein. Man lebte und aß wie immer, man sparte +in keiner Weise an diesen Dingen. Lieber gar nicht +leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn +regelmäßig ausbezahlt, dagegen setzte man beim +Gehülfen Verständnis und Takt genug voraus, die +<span class="pagenum"><a name="Page_216">216</a></span>Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe zu +schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares +Kind aus dem Volk. Einem Mann +durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus +den niederen Schichten des Volkes niemals, und +der Angestellte begriff das.</p> + +<p>Die Knaben gingen wieder zur Schule, was +für die Mutter eine große Erleichterung war, die +sich nun öfters an die milde, herbstliche Sonne auf +die kleine Veranda begeben, und dort in einem +sanft schaukelnden Stuhl liegen konnte. Der Traum +besuchte sie da zuweilen und spiegelte ihr in angenehmen +Farben vor, sie sei eine Herrin und eine +von den freiesten und besten, welcher schönen Gaukelei +sie jeweilen ein kurzes Viertelstündchen, nicht +ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den Aufenthalt +gestatten mußte.</p> + +<p>Eines Tages rief sie den Gehülfen zu sich in +die Veranda hinaus, sie möchte ihn gern etwas +fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler +befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mädchen +spielten im Wohnzimmer.</p> + +<p>Was das heute wieder für schönes Wetter sei, +bemerkte Joseph beim Betreten des Balkons. Die +Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz anderes.</p> + +<p>»An was denn?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_217">217</a></span> +So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke +sie seit ein paar Tagen beständig daran, ob es nicht +viel gescheiter wäre, das Haus, wie es da sei, jetzt +schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn +die Schande des Zwanges, es zu verlassen, das +fühle sie, komme ja doch langsam heran. Mit den +Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts, +sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen.</p> + +<p>»Wieso jetzt gerade?«</p> + +<p>Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte +Joseph, ihr frank und frei seine Meinung bezüglich +der Reklame-Uhr herauszusagen.</p> + +<p>»Ich bin fest davon überzeugt,« sagte er, »daß +sie sich auf guten Wegen befindet. Man muß nur +jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknüpfungen +mit weiteren Kapitalisten« – –</p> + +<p>Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen. +Sie sehe es ihm ja deutlich an, daß er sich verstelle +und ihr da Dinge sage, an die er selber nicht +glaube. Das sei wenig schön von ihm. Was ihn +denn veranlasse, zu glauben, sie könne den harten +Ausdruck der Wahrheit nicht aushalten? Wenn er +lügen wolle, so sei er ein ungetreuer und unanhänglicher +Angestellter, dann glaube sie wirklich, es +habe keinen weiteren Zweck, ihn noch länger dazubehalten. +Sie habe zu wissen verlangt, wie und +<span class="pagenum"><a name="Page_218">218</a></span>was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine +Meinung herauszusagen. Vor allem wünsche sie +zu erfahren, ob der kaufmännische Gehülfe ihres +Mannes überhaupt fähig eines eigenen Gedankens +sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red' +und Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre +kein ganz unbekanntes Ding sei.</p> + +<p>Joseph schwieg.</p> + +<p>Was das für ein Betragen sei? Sie glaube +auch noch das Recht zu haben, ihm einen Befehl +erteilen zu dürfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen +hinuntergefallen sei? Platz würde dort schon +sein, Löcher seien genug darin. Was für ein Stolz +das sei bei so wenig äußerer Ehre? Toblers Kleider +stünden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle +verschwinden, wohin er wolle, daß sie ihn ja nur +nicht mehr zu sehen brauche.</p> + +<p>Joseph war bereits weggegangen. Er ging +um das Haus herum, sagte ein paar Worte zu Leo, +dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich +an den Schreibtisch. Den Stumpen anzuzünden +vergaß er beinahe, er erinnerte sich jedoch sehr +bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen +von diesen immer vorrätigen Rauchstengeln an. +Das behagete ihn seltsam an und er konnte arbeiten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_219">219</a></span> +Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautüre +und sagte ruhig:</p> + +<p>»Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber +es war gut. Vergessen Sie was eben geschehen +ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.«</p> + +<p>Sie schloß die Tür leise und ging wieder. Der +Angestellte zitterte heftig. Es war ihm eine Unmöglichkeit, +die Feder in der Hand zu halten. Das +Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, +Tische und Stühle schienen lebendige Wesen geworden +zu sein. Er setzte den Hut auf und ging +baden. »Rasch noch vor dem Kaffeetrinken,« dachte +er. Und dieser Frau hatte er eine Strafrede Silvis +wegen halten wollen. Welche Torheit!</p> + +<p>Das Glück und die Gesundheit selber baden +nicht mit mehr Genuß in den Wellen des Lebens, +wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte +auf seiner stillen, aber schon kalten Oberfläche, die +wie Öl dalag, so ruhig, so fest. Die Frische des +Elementes ließ den nackten Körper sich kräftiger +und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm +der Wärter laut zu: »Nicht so weit hinausschwimmen, +Sie da draußen. He! Hören Sie nicht?« Joseph +aber schwamm ruhig weiter, er fürchtete nicht im geringsten, +den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte +und zerschnitt mit weiten Armbewegungen +<span class="pagenum"><a name="Page_220">220</a></span>die nasse, schöne Bahn. Aus der Tiefe des Sees +hauchten ihn eiskalte Ströme an: um so schöner, +und er legte sich auf den Rücken, die Augen zum +wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er zurückschwamm, +hatte er vor den Augen das von den +Herbstfarben trunkene Land, das Ufer, die Häuser. +Alles lag da, eingehüllt in einen seligen Farben- +und Düfterausch. Er stieg aus dem Wasser und +kleidete sich an. Beim Weggehen aus der Anstalt +sagte ihm der ängstlich gewordene Wärter, er hätte +ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurückschwimmen +können; wenn ein Unglück passiere, sei +er es, den man verantwortlich mache. Joseph lachte.</p> + +<p>Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr +sagte, es hätte ihn zu sehr gelockt, er habe halt +dieses Jahr noch ein letztes Mal baden müssen.</p> + +<p>Sie saßen im Gartenhaus. Unvergleichlich +schmeckte Joseph das braune Getränk nach dem Bad. +Man müsse wirklich jetzt die paar warmen Tage +noch profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an +zu plaudern von ihrer Verheiratung, von ihrer früheren +Wohnung.</p> + +<p>So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen +könne, wie es einem beliebe, das sei doch +etwas Reizendes und Ruhiges. Das fände man +vielleicht nicht so bald wieder – –</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_221">221</a></span> +Joseph unterbrach sie. Er sagte höflich:</p> + +<p>»Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern. +Warum denken Sie immer an das? Ich möchte +Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Ihr gehorsamer +Diener bin. Doch wozu diese Reibereien? +Hier stehe ich vom Tisch auf und gewärtige die Erlaubnis, +mich wieder setzen zu dürfen.«</p> + +<p>Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich +setzen. Er tat es.</p> + +<p>Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr plötzlich +die Laune, sich in die Reitschule zu setzen, und +sie bat den Gehülfen, sie zu stoßen und die Seile +anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in +die Luft flog und wieder hinuntersauste, rief sie, +das gefalle ihr, und »man müsse jetzt noch ein wenig +vom Garten profitieren«. Bald käme der Winter +und dann heiße es nur zu herrisch: Zu Hause +sitzen!</p> + +<p>Er mußte sie jedoch bald aufhalten, da es ihr +schwindlig zu werden drohte. Indem er das tat, +atmete er gezwungenermaßen den Duft ihres Körpers, +den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen +mußte, ein. Ihre Haare berührten sein Gesicht. +Diese vollen, langen Arme! Er nötigte sich, +wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu küssen, +durchzuckte ihn augenblicklich, aber er tat es nicht. +<span class="pagenum"><a name="Page_222">222</a></span>Eine Minute später dachte er mit Schaudern an +diese einfache Möglichkeit, und er war sehr froh, +dieselbe vernachlässigt zu haben.</p> + +<p>Sie saßen wieder einander gegenüber. Sie +plauderte ausgelassen:</p> + +<p>Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und +sie früher bewohnt hätten, ein junger Mensch ihr den +Hof gemacht habe, ein so närrisch verliebter Kerl +– nein, sie müsse schon laut lachen, daran nur zu +denken, geschweige denn, davon zu sprechen. Eines +Nachts sei dieser junge, übrigens besseren Kreisen +angehörige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen +und habe sich, sie sei schon im Bett gelegen, davor +niedergestürzt und ihr seine heiße Sehnsucht gestanden. +Sie habe ihm vergeblich entrüstet zugerufen +und ihm befohlen, sich sogleich zu entfernen. +Der Mensch sei aufgestanden, aber nicht, um sich +fortzumachen, sondern um sie zu umarmen. Noch +jetzt, wenn sie sich in jenen fürchterlichen Moment +versetze, spüre sie den Druck der Hände, die sich um +sie spannten. Sie habe natürlich um Hilfe gerufen, +und da sei zufälligerweise – und jetzt komme +der lustige Teil der Geschichte – ihr Mann gerade +die Treppe hinaufgekommen. Er hört nur die Schreie, +stürzt sich ins Zimmer, und da habe er den jungen +Mann wirklich wüst hergenommen. Den Stock, +<span class="pagenum"><a name="Page_223">223</a></span>und der sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf +und Schultern entzweigeschlagen, so daß sie, die +Ursache der Prügel, Tobler habe anflehen müssen, +den Gegner, der ja auch gar kein solcher war, doch +zu schonen. Ihr Mann habe denselben dann die +Treppe hinuntergeworfen.</p> + +<p>»Ich muß mich also in acht nehmen,« sagte +Joseph.</p> + +<p>»Sie?« Es hat nie ein verständnisloseres Gesicht +in der Welt gegeben, wie das, das Frau Tobler +dem Gehülfen zeigte, als sie das sagte.</p> + +<p>Sie fing an, sich mit Dora zu beschäftigen. Ob +Joseph ihr einen Gefallen tun möge, wandte sie +sich plötzlich an diesen. Auf der Post liege das +etwas große Paket, das ihr neues Kleid enthalte. +Sie möchte es gar zu gern heute noch anprobieren. +Ob es von dem Angestellten nicht zu viel verlangt +sei, zu wünschen, er möchte das Paket herbeiholen? +Es sei vielleicht zu mühsam, und Joseph habe womöglich +Wichtigeres zu tun.</p> + +<p>Nein, nein, er werde sofort gehen und es +holen, sagte er, ganz glücklich darüber, eine Ursache +gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen +zu können.</p> + +<p>Er lief sogleich weg und brachte nach einer +halben Stunde den Karton ins Wohnzimmer der +<span class="pagenum"><a name="Page_224">224</a></span>Villa Tobler. Die Frau war das völlige Selbstvergessen +im Öffnen der langersehnten Postsendung. +Sie ging in ihr Schlafzimmer hinauf, um das +Kleid anzuziehen, Pauline mußte ihr behilflich sein. +Gut, daß der Herr nicht da war. Wie würde der +über ihre freudige, frauliche Erregung gehöhnt und +geschimpft haben.</p> + +<p>Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das +Wohnzimmer, angetan mit dem hochmodern zugeschnittenen +Kostüm. Es stand ihr prachtvoll. Sie +wünschte von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. +Silvi, die kleine Botenläuferin, mußte den Gehülfen +aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt, +Frau Tobler so schön zu finden. Akkurat wie eine +Baronin, sagte er lachend. Nein, sagte sie, im Ernst, +wie sehe ich aus? Vorzüglich sehe sie aus, gestand +er, und er erlaubte sich hinzuzufügen: »Ihre Figur +tritt sehr gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich +gar nicht mehr wie Frau Tobler aus, sondern +wie eine seeentstiegene Nixe. Für Bärenswiler-Augen +dürfte das Kleid beinahe zu schön sein. +Aber schließlich verdienen diese Leute auch, daß sie +erfahren und sehen können, was hauptstädtische +Schneiderinnen zu leisten vermögen. Stoff und +Form dieses Kostüms sind derart, daß man meinen +möchte, der Stoff selber habe zu der Form +<span class="pagenum"><a name="Page_225">225</a></span>den Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die +Form selber diesen schönen Stoff erwählt zu haben.«</p> + +<p>Über diese Rede war Frau Tobler ganz glücklich. +Sie mochte in Geschmackssachen ein wenig unsicher +sein. Sie sagte lächelnd, sie getraue sich nicht, +in diesem Aufzug über die Gassen von Bärenswil +zu gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen, +wenn sie gelegentlich in die Stadt fahre.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank +stutzte immer mehr. Der Ton, in welchem die Kassenbeamten +der Bärenswiler Bank mit Joseph etwas +besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drückte nicht +mehr nur Erstaunen, sondern auch herablassendes +Mitleid aus. »Schlimm steht es bei euch da oben +auf eurem Hügel,« sagte dieser Ton. Erinnerungen +und Ermahnungen, nun doch endlich zu zahlen, +liefen täglich per Post im Abendstern ein. Nichts +war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend +geraucht wurden.</p> + +<p>Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, +bis auf einige Kleinigkeiten, die Tobler später machen +lassen wollte, sobald es mit ihm wieder einigermaßen +besser stünde. Die Bauunternehmer reichten ihre +Rechnung ein, sie belief sich auf ungefähr tausendfünfhundert +Mark, eine Summe, wie man sie in +<span class="pagenum"><a name="Page_226">226</a></span>der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht mehr +beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus +der Erde graben? Den Leo nächtlich auf einen +lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden +schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab +es im zwanzigsten Jahrhundert leider nicht mehr.</p> + +<p>Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens +wieder ein kleines Fest feiern konnte. Es wurden +Karten versandt an sieben angesehene Männer des +Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nächtlichen +Grottenfest an, die übrigen vier waren, wie man +sich zu entschuldigen pflegt, verhindert. Das tat +übrigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer +erschienen, desto mehr bekam jeder dieser Wenigen +zu trinken. Es befanden sich noch einige Flaschen +ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der +sollte jetzt verknallt werden. Eine würdigere Gelegenheit +würde sich nicht so rasch wieder bieten.</p> + +<p>Die drei Männer, ein Spezereihändler, der +Segelschiffwirt und ein Versicherungsagent, kamen +eines Abends bei stürmischem Wetter, zu der festgesetzten +Zeit, an. Alsogleich begab man sich in +die Feengrotte, ein höhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes +und tapeziertes Ding, länglich wie ein +größeres Ofenloch, etwas zu niedrig, so daß die +Besucher mehr als einmal die Köpfe anstießen. Ein +<span class="pagenum"><a name="Page_227">227</a></span>Tisch wurde in diese Grotte gestellt nebst ein paar +Stühlen, die der Gehülfe und Pauline herbeischleppten. +Eine Lampe war die Beleuchtung.</p> + +<p>Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, +feuriges Getränk in die Gläser ergoß, worauf er +über die kostenden und schmeckenden und schnalzenden +Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So +lange noch ein solches Weinlein im Hause sei, +so – – Tobler hielt in seiner Ansprache inne, +zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen +blitzenden Blick aus seiner Frau Augen. Ja, da +hatte er vor drei heimlichfeißen Bärenswilern eine +Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes +Gemüt von einem Mann.</p> + +<p>Die Unterhaltung wurde immer fröhlicher und +ungezwungener. Recht unfeine Witze, die in Gegenwart +dreier Damen (die Parketteriedamen waren +auch da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von +Mund zu Mund, aufgefangen von laut lachendem +Verständnis. Nur Joseph lachte nicht viel. Ob +er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. +Er solle nur trinken, dann werde er schon munter +werden. Die Sorgen lägen auf dem Grund der +Gläser, und man müsse kurzen Prozeß machen und +sie austrinken. Wo Pauline sei? Die solle den +Neuenburger auch zu versuchen bekommen. Frau +<span class="pagenum"><a name="Page_228">228</a></span>Tobler sagte, das sei nicht nötig, aber der Ingenieur +bestand darauf.</p> + +<p>Geschichten von der anzüglichsten Sorte wurden +zum besten gegeben. Die drei Bärenswiler erwiesen +sich als Meister in der komischen Wiedergabe derselben. +Würde Tobler für jedes Lachen, das an +diesem Abend erschallte, einen Hundertmarkschein +bekommen haben, so wäre er über Nacht ein wahrhaft +fürstlich reicher Mann geworden, hundertmal +wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen +Schlag zu tilgen. Aber das Gelächter trug nichts +ein, es verhallte an den Wänden der kleinen Grotte, +es belustigte bloß, aber bereicherte nicht.</p> + +<p>»Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, +Tobler!« sprach der Segelschiffwirt, indem er ein +volles Glas hochhob. Hierdurch gerührt und verletzt +schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede +auf:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Das will ich auch hoffen!</p> + +<p>Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine +Ideen setzt, so gibt es immer im weiten Umkreis +der Menschen Geschwätze, die dieses Mannes Werke +verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber +steht hoch über diesen Verdächtigungen. Er ist ein +Unternehmer und als solcher verpflichtet, nicht nur +etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis, +<span class="pagenum"><a name="Page_229">229</a></span>meine Herren, sieht kühn, aber es sieht auch oft +prahlerisch und lächerlich aus, weil es die einzig dastehende +und beständige Aufgabe hat, niemandes +Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der +Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem +Zeichentisch tun? Es entsteht an diesen Orten, aber +wollte es da bleiben, wo es entstanden ist, so wäre +es eine bloße, genußsüchtige Träumerei. Hinaus +an das Licht der Welt muß es. Es muß sich zeigen, +es muß die Gefahr, lächerlich und unbrauchbar befunden +zu werden, besiegen, oder es muß von dieser +Gefahr erdrückt werden. Was nützen der Welt die +klugen Köpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben, +was nützen die bloßen Erfindungen? Eine Erfindung +ist eine Arbeit aber kein Wagnis, ein bloßer +hoher Gedanke rüttelt nicht das Kleinste am bestehenden +Bau der Welt. Die Ideen müssen sich +verwirklichen, die Gedanken streben nach der Verkörperung. +Hierzu braucht es des kühnen und unerschrockenen +Mannes, des gesunden und starken +Armes, der festen und treuen Hand. Eines Fußes, +der, wenn es ihm endlich, nach vielen Widerwärtigkeiten, +gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht +bald wieder verlassen wird. Eines Herzens, das +Stürme erträgt, einer, mit einem Wort, männlichen +Seele. Es ist nicht gesagt, daß dieser Mann glücklich +<span class="pagenum"><a name="Page_230">230</a></span>ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden +und rauschenden Erfolg gekrönt sieht, er erstrebt +keine persönliche Macht, er hat nur erreicht, +was ihn, wenn er es nicht erreicht hätte, würde +erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen, +nicht er, seine Idee will aber dafür auch alles erreichen. +Eine Idee stirbt oder sie siegt. Mehr habe +ich nicht zu sagen.</p></div> + +<p>Auf diese ziemlich romantisch gefärbte Rede +lächelten die stillen, schlauen Bärenswilerherren mit +erzwungen zugepreßten Lippen. Frau Tobler war +im höchsten Grad ängstlich geworden. Das Fräulein +aus der Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, +lauschende Umgegend zu verkörpern, so +sehr mit offenem Mund saß sie da. Die alte Dame +verstund kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen +seiner Herrin, und er war zugleich mit ihr +froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues +volles Glas Neuenburger herunterzustürzen. Seine +Rede hatte ihn beinahe stärker mithergenommen +als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder +alle. Der flüchtig sich in die Grotte verlorne Ernst +verflog wieder. Es wurde ein »Jaß« beschlossen. +Toblers Augen glänzten wieder ganz genau so +fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in +der die Raketen zu Dutzenden aufgeflogen waren. +<span class="pagenum"><a name="Page_231">231</a></span>»Ja, für Feste jeglicher Sorte paßt er prachtvoll,« +dachte Joseph.</p> + +<p>Am nächsten Morgen schwammen etliche Pfropfen +im Teich herum, nebst ein paar gelber, vom gestrigen +Sturm hier herüber gewehter Blätter. Es regnete. +Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. +Joseph stand im Garten: welch ein Anblick! Aber +er verbot sich die Stimmung, die ihn ergreifen wollte +und zwang seinen Gedanken eine alltäglich-praktische +Richtungnahme auf.</p> + +<p>Geschäfte im bejahenden und erwerbenden +Sinne gab es immer weniger zu erledigen. Das +Hauptgeschäft bestund nur noch im Abwehren der +Gläubiger, die anfingen, von allen Seiten her, und +in immer schrofferer Weise, zu drängen, und im +Verzögern und Verschieben der Notwendigkeit, mit +Geld herausrücken zu müssen. Geld, Geld, das +mußte herbeigeschafft werden mit allen noch zur +Verfügung stehenden Mitteln, aber der Mittel und +Wege, dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend +wenige, und die paar wenigen Wege waren +durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser +noch möglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem +gemeinen und schamhaften und heimlich betriebenen +Anpumpen privaten Charakters. Auf seinen +Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder +<span class="pagenum"><a name="Page_232">232</a></span>einen Bekannten an, dem gestand er entweder die +nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er schwindelte +ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und +verstund es auf diese Weise, hie und da Geld, +Summen geringen Umfanges, herauszuerwischen. +Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- +oder auf Haushaltungskonto zu buchen.</p> + +<p>Grundsätzlich hatte Joseph seine Bureaustunden +inne zu halten, aber in Wahrheit gab es im Bureau +kaum noch etwas Reelles und Vorwärtsführendes +zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch überhaupt +da zu sein. Eines Morgens ließ der Gehülfe +aus Vergeßlichkeit die Bureautüre offen stehen +beim Weggehen nach der Post. Als er zurückkam, +gab es eine Szene: Tobler sagte heftig, Unordnung +brauche deswegen, daß kein Geld da sei, noch +lange nicht einzureißen. Das verbitte er sich. Wenn +auch keine Barschaften zu entwenden seien, so +könne doch jemand, sei es der Briefbote, sei es ein +anderer, durch die offene Türe, unangemeldet, ohne +daß ein Mensch im Hause es merke, eintreten und +in den Büchern und Papieren herumstöbern.</p> + +<p>Joseph gab zur Antwort, es werde wohl +Pauline gewesen sein, die die Türe habe offen +stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets +streng auf Ordnung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_233">233</a></span> +Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja +diejenige, die ihn wegen dessen verklagt habe, was +er, erstaunlich unverschämterweise, nun auf sie schieben +wolle. Er schiebe überhaupt immer alles auf +Pauline.</p> + +<p>Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, +sagte der in der Schlinge Gefangene. Tobler +gebot ihm zu schweigen.</p> + +<p>Das waren Tage, das, nasse und stürmische, +und doch war ein eigener Zauber dabei. Das +Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmütig-gemütlich. +Die Nässe und Kälte draußen machten +die Zimmer freundlicher. Man heizte jetzt schon. +Durch das neblige Grau der Landschaft brannten +und leuchteten fiebrig die gelben und roten Blätter. +Das Rot der Kirschbaumblätter hatte etwas Glühendes +und Wundes und Wehes, aber es war schön, +das versöhnte und erheiterte wiederum. Oft erschien +das ganze Wiesen- und Baumland in Schleier und +nasse Tücher eingehüllt, oben und unten und in +der Ferne und Nähe alles grau und naß. Wie +durch einen trüben Traum schritt man durch das +alles hindurch. Und doch drückte auch dieses Wetter +und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus. +Man roch die Bäume, unter denen man ging, man +hörte reifes Obst in die Wiese und auf den Weg +<span class="pagenum"><a name="Page_234">234</a></span>fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still +geworden zu sein. Die Geräusche schienen zu schlafen +oder sich zu fürchten, zu tönen. An den frühen +Morgen und späten Abenden drang über den See +der langdahingeatmete Ton der Nebelhörner, die +einander da draußen, Schiffe ankündigend, das +warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute +von hülflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug. +Dazwischen gab es einmal wieder einen schönen +Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder +schöne noch wüste, weder besonders freundliche, noch +besonders trübe, weder sonnige, noch dunkle Tage, +sondern solche, die ganz gleichmäßig licht und dunkel +blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr +nachmittags dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, +wo alles ruhig und mattgolden und ein +bißchen betrübt da lag, wo die Farben still in sich +selber zurücktraten, gleichsam für sich sorgenvoll träumend. +Solche Tage, wie liebte sie Joseph. Alles +kam ihm dann schön, leicht und vertraut vor. Diese +leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos, +beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht +schlimm, vieles nicht mehr schwer, was ihm vorher +schlimm und schwerfällig erschienen war. Eine angenehme +Vergeßlichkeit trieb ihn an solchen Tagen +die hübschen Dorfstraßen entlang. Die Welt war +<span class="pagenum"><a name="Page_235">235</a></span>ruhig, gelassen und gut und gedankenvoll anzusehen. +Man konnte überall hingehen, es blieb +immer dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht, +und das Gesicht blickte einen ernst und zart an.</p> + +<p>Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen +Aufruf: Geld her! ein neues Inserat »Fabrikbeteiligung +gesucht« in die Zeitungen gedruckt. Die +kleinen Geschäftsleute des Dorfes hatten Geld haben +wollen, waren aber abgewiesen, und auf spätere +Zeiten vertröstet worden. Im Dorf wurde infolgedessen +laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die +Frau wagte sich kaum noch recht in die innere Ortschaft, +sie fürchtete, beleidigt zu werden. Die hauptstädtische +Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung +des Preises für das angefertigte Kleid. Der Betrag +belief sich auf rund hundert Mark, eine dem Frauengedächtnis +nur zu gut sich einprägende Summe.</p> + +<p>»Schreiben Sie ihr,« sagte Frau Tobler zum +Gehülfen. Es war eben ein Faß jungen Weines +oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal +wurde auch jetzt noch nicht im Hause gelebt, das +verbot der natürliche Frohsinn, der sich gerade jetzt +wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im +Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor +Speckers, die seit drei Wochen ihre Besuche aufgegeben +hatten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_236">236</a></span> +Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau +Berta Gindroz, einer Französin: sie solle gefälligst +noch ein wenig Geduld haben. Momentan sei +eine Berichtigung nicht gut möglich. Frau Tobler +sei übrigens mit der Arbeit nicht ganz so zufrieden +wie frühere Male, indem das Jüpon zu eng geraten +sei, dasselbe drücke sie unter den Armen. Auf +alle Fälle möchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung +nur ruhig sein. Man könne zurzeit nur +nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, +Herr Tobler sei mit Geschäften und Sorgen zu +sehr überladen. Ob das Kleid nicht wohl erst noch +müsse geändert werden? Man erwarte hierüber Bescheid +und man bitte, davon überzeugt zu sein, usw.</p> + +<p>Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein +Geschäftsherr seine zahlreichen Korrespondenzen zu +unterschreiben pflegt.</p> + +<p>Der ganze Garten lag voller abgefallener und +zugewehter Blätter, da machte sich der Angestellte +eines Nachmittags dahinter und fing an aufzulesen, +zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, +was er vermochte. Der Tag war kalt und finster. +Große, unbestimmbare Wolken lagerten düster am +Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und +sich nach dem edlen, heiteren Sommer zurückzusehnen. +Die Bäume in der Umgebung waren jetzt ganz +<span class="pagenum"><a name="Page_237">237</a></span>kahl geworden, ihre Äste waren schwarz und naß. +Der <ins title="Bahnwäter">Bahnwärter</ins> kam herzu. Derselbe wohnte ganz +in der Nähe, er war ein freundlicher, bescheidener, +zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er kam nun +heran und half Joseph Blätter auflesen, indem er +sagte, was in guten und bessern Tagen recht gewesen +sei, das sei nun wohl in schlimmen Zeiten +nichts als nur billig. Er habe manches Gute von +Herrn Tobler genossen. Derselbe habe ihm etwa +manche Zigarre gegeben und manches hübsche Trinkgeld, +so sähe er nicht ein, weshalb das immer so +andauern müßte, und er sei jedenfalls einer von +denjenigen Bärenswilern, die es gut mit dem allezeit +freigebig gewesenen Ingenieur meinen.</p> + +<p>Bald war der ganze Garten gesäubert. »Auch +schon wieder eine Arbeit erledigt,« sagte lachend +der Bahnwärter. »Ja junger Herr, es gibt mancherlei +Sorten Beschäftigungen, und in allem, was +man mit aufrichtigem Bemühen tut, kann ein Stück +Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt ein paar von Herrn +Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so +ist mir das nicht unwillkommen. Bei dieser Witterung +kann man einen glühenden Stengel schon vertragen.«</p> + +<p>Frau Tobler ließ dem Mann einen halben +Liter »Sauser« geben.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_238">238</a></span> +Der Aktienbierbrauerei Bärenswil wurde betreffs +Besetzung einer Anzahl Felder oder Flügel +der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma schlug +ab, später vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher +Mißerfolg, der Tobler veranlaßte, den Briefbeschwerlöwen +zu Boden zu schmettern, wo er in Stücke +flog, die der Gehülfe aufhob. Gleichzeitig wurde +auf das technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschütz +gerichtet. Die Kanonenkugel verletzte +zwar niemanden, aber sie reizte, ärgerte und +vermehrte die Unruhe.</p> + +<p>Das war niemand anderes als der frühere +Agent und Reisende Toblers, ein gewisser Herr +Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen daherzutraben +kam, um die rückständigen Gehälter und +Provisionen, die sich auf die Konzessionserwerbungen +für die Reklame-Uhr bezogen, einzufordern. Tobler +würde diesem Menschen am liebsten zurückgeantwortet +haben: »Du kannst mir in der Gegend von +Genua in die Schuhe hineinblasen, du Narr, was +du bist,« aber er mußte vernünftigerweise auch diese +neue, unangenehme Schuldforderung anerkennen +und schrieb dem Mann: »ich kann nicht bezahlen!«</p> + +<p>Geduld! Herr Tobler sah sich genötigt, von +allen seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Mitmenschen +Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt +<span class="pagenum"><a name="Page_239">239</a></span>Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig. +Ich bin so unvorsichtig gewesen und habe mein +gesamtes Barvermögen in meine Unternehmungen +geworfen. Treibt mich nicht bis zum Äußersten. +Ich ordne meine Verpflichtungen, ich kann noch +erben, ich besitze noch Ansprüche auf ein mütterliches +Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat, Kapitalien +gesucht, in die Zeitungen, die die Welt bedeuten, +rücken lassen. Der Kopf schwindelt mir zwar +ein wenig, aber usw. –</p> + +<p>Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte +jetzt Tobler mit seinem Advokaten, an +welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten +schrieb.</p> + +<p>Das erste Schützenautomaten-Exemplar war +inzwischen fertig geworden, es funktionierte in der +Tat glänzend und erweckte fröhliche Hoffnungen. +Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es +womöglich noch vorbehalten, die Reklame-Uhr und +das darin geworfene Vermögen zu retten. Der +Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das +fertige Werk zu besichtigen, und dieser folgte der +Aufforderung gerne, umsomehr als der Herbsttag +schön und mild war. Er machte sich zu Fuß auf +und spazierte gemächlich gegen das eine gute Stunde +weit entlegene Nachbardorf zu, rechts zur Begleitung +<span class="pagenum"><a name="Page_240">240</a></span>der in die Höhe schießende Wald, links +der ruhige See, so ließ es sich ganz gut »in Geschäften« +die Landstraße entlang gehen. In der +Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der +mechanischen Werkstätte, fand sie nach vielem Suchen +in den durcheinander gekneteten und gebauten Dorfgassen +und stand nun vor dem elegant mit Dekorationsfarben +angemalten Schützenautomaten. Der +Hersteller desselben, indem er Joseph dartat, wie +glatt und geräuschlos das Ding lief, brummte, nun +erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine angemessene +Entlöhnung, oder man dürfe, meine man, +eine solche gewärtigen, nachdem man doch, was +aber Tobler nur nicht anerkennen wolle, die Hauptsache +am Werk getan habe. Mit Springen, Befehle +erteilen und Umherreisen sei eine Sache eben +noch lange nicht in Wirklichkeit im Gang. Dazu +bedürfe es der Hände, die auch tatsächlich arbeiten. +Ja, Joseph solle nur seinen Chef davon unterrichten, +wie man hierorts die Sachlage auffasse, es +könne nicht schaden, wenn Tobler es wisse.</p> + +<p>Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen +Auslassungen und trat bald den Heimweg wieder an.</p> + +<p>Zu Hause rief man ihm schon von Weitem +entgegen, es warte ein Herr unten im Bureau auf +Herrn Joseph Marti.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_241">241</a></span> +Es war der Verwalter des hauptstädtischen +Stellenvermittlungsbureaus, der Mann, dem der +Gehülfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar +verwilderter Herr, der aber, wie es schien, +die demütigsten und sanftesten Manieren hatte. +Die Herren begrüßten sich gegenseitig freundschaftlich, +beinahe brüderlich, obschon ein bedeutender +Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste +und zerfetzte Gesicht des Verwalters ließ +Joseph an längst überstandene Dinge denken. Eine +armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren +Augen auf, sich selber sah er dort an einem Pult +sitzen, dann sah er den Herrn Tobler zur Tür eintreten, +den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er +sich umguckte nach dem passenden Menschen, der +diesem Herrn Tobler dienen konnte. Wie weit das +alles schon zurücklag.</p> + +<p>Was denn den Herrn Verwalter nach Bärenswil +hinaufgeführt habe?</p> + +<p>Der ältliche Mann, indem er sich im Bureau +nach allen Seiten umschaute, sagte, er komme vor +allen Dingen lediglich aus bloßem Interesse, damit +er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, +wie es scheine, Joseph gefalle. Es sei heute in der +Schreibstube gerade ein schläfriger Tag gewesen, +keinerlei Aufträge, da habe er sich eben in den Zug +<span class="pagenum"><a name="Page_242">242</a></span>gesetzt und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber +ganz nur neugierdehalber komme er auch nicht, er +verbinde gerne mit dem Genußvollen das Nützliche +und Notwendige, und so möchte er sich denn die +Frage erlauben, warum ihm bis heute noch nicht +einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe geschrieben +habe, der Betrag, den die übliche Vermittlungsgebühr +ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine +Briefe und Mahnungen nicht eingetroffen seien?</p> + +<p>»Ja, die sind angekommen, aber es ist kein +Geld da, Herr Verwalter,« antwortete Joseph.</p> + +<p>»Wie? Und nicht einmal für einen so geringen +Betrag?«</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p>Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche +Augen und frug, ob Herr Tobler zu sprechen sei. +Joseph sagte:</p> + +<p>»Herr Tobler ist während all dieser Tage für +Menschen, die Geld von ihm haben wollen, unter +keinen Umständen zu sprechen. Hiefür bin ich da, +sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen +Moment, bitte, setzen, Herr Verwalter. Sie werden +sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder +gehen. Bei aller Hochschätzung vor Ihnen bin ich +gezwungen, Ihnen zu sagen, daß man hier im +Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu +<span class="pagenum"><a name="Page_243">243</a></span>fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau +wie Herr Tobler haben mir den bestimmten Befehl +erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen +Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gespräche +einzulassen, sondern sie kühl abzuweisen. +Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, +als ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der +Schreibstube adieu sagte, um mich nach Bärenswil +zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen +und fleißigen Mann zu erweisen, damit man +mich brauchen könne und mich nicht nach einem +halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder +fortjagen müsse. Sie sehen, ich bin heute noch da, +ich scheine mich also zu bewähren. Ich habe mich +in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse hineingefunden, +und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.«</p> + +<p>»Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt?« +fragte der Verwalter. Der Gehülfe sagte:</p> + +<p>»Nein, und das gehört allerdings zu den +Punkten, die mir nicht recht gefallen. Ich habe +hierüber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen +wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe +auftun wollen, um meinen Vorgesetzten an diese, +wie ich wohl habe empfinden müssen, für ihn nicht +gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der +<span class="pagenum"><a name="Page_244">244</a></span>Mut, zu reden, vergangen, und ich habe dann +jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es! Und ich +lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch.«</p> + +<p>»Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie +gut zu essen?«</p> + +<p>»Ausgezeichnet!«</p> + +<p>Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, +nach allem was gesprochen worden sei, +nichts anderes übrig, als Herrn Tobler auf gerichtlichem +Wege zu betreiben.</p> + +<p>»Tun Sie das,« sagte Joseph. Der Verwalter +griff nach dem abgeschabten Hut, schaute den Gehülfen +väterlich an, gab ihm die Hand und ging.</p> + +<p>Joseph nahm ein Stück Papier zur Hand und +schrieb, da er sich weiter mit nichts Wichtigerem beschäftigt +<ins title="sich">sah</ins>, folgendes darauf:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Schlechte Gewohnheit.</p> + +<p>Eine solche ist das Bedürfnis, gleich alles zu +bedenken, was mir Lebendiges vorgekommen ist. +Das kleinste Begegnis erregt in mir eine sonderbare +Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen, +der mir um der Erinnerungen willen, +die mit seiner alten, armen Gestalt verbunden sind, +lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen, +verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, +<span class="pagenum"><a name="Page_245">245</a></span>als ich in sein Gesicht schaute. Ein Verlust prägte +sich sogleich meinem Herzen ein und ein altes Bild +meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas überspannter, +aber ich bin auch ein genauer Mensch. +Ich empfinde die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen +Dingen peinlich gewissenhaft, und nur ab +und zu muß ich mir wohl oder übel gebieten: Vergiß +das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste +und stürmischste Verlegenheit setzen, ich +bin dann von dem Gedanken an dieses scheinbar +Winzige und Nichtige erfüllt, durch und durch, während +die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, für +mich unerklärlich geworden ist. Diese Momente sind +eine schlechte Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte +Gewohnheit, das was ich da mache, Gedankenaufnotieren. +Ich gehe jetzt zu Frau Tobler. Vielleicht +hat sie eine Arbeit häuslichen Charakters für +mich. –</p></div> + +<p>Er warf das Geschriebene in den Papierkorb +und verließ das Bureau. In der Tat harrte seiner +eine häusliche Arbeit, die darin bestand, die für den +Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer +hinunter in den Keller zu tragen, wo sie geputzt +und gewaschen werden mußten. So zog er +denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster +<span class="pagenum"><a name="Page_246">246</a></span>hinunter. Frau Tobler war erstaunt über seinen +feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die inzwischen +putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den +man ein bißchen zu allem brauchen könne. Sie +hängte dem Lob eine Lehre an und bemerkte mit +ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die +Welt immer unsicherer und veränderlicher werde, +beinahe notwendig, daß junge Leute lernten, sich +in alles zu schicken. Ein Schaden sei es für einen +jungen Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit +den verachteten und geringen Dingen umzugehen +wisse.</p> + +<p>Nachdem die Fenster gewaschen waren, mußten +sie in die Zimmer getragen, und in die richtigen +Fensteröffnungen ordentlich hineingehängt werden. +Frau Tobler ermahnte den Gehülfen zur Vorsicht, +stund dabei und sah ein wenig ängstlich seinen +Aushänge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu +kühn vorkamen. »Wie gut dieser Frau der Ausdruck +des Bangens steht,« dachte der Fensterarbeiter +und war sehr zufrieden mit sich.</p> + +<p>Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit +von ihm, daß er zufrieden, ja glücklich +war, sobald es ihm vergönnt wurde, körperlich zu +arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, +die bessere Menschenhälfte, so ungern an? War +<span class="pagenum"><a name="Page_247">247</a></span>er zum Holzhauer oder zum Kutscher geboren? +Hätte er in Urwäldern oder auf Meerschiffen als +Matrose leben sollen? Schade, daß es in der Nähe +von Bärenswil keine Blockhäuser zu bauen gab.</p> + +<p>Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das +ist übrigens nicht so rasch irgend ein gesundgeborener +Mensch. Aber er hatte so etwas Körperbevorzugendes +an sich. In der Schule, er erinnerte sich +öfters lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er +liebte das Gehen über Land, das Steigen auf +Berge, das Abwaschen von Küchengeschirr. Er hatte +letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner +Mutter Geschichten erzählt. Arme- und Beinbewegungen +empfand er als etwas Köstliches. +Das Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als +das Nachdenken über hohe Dinge. Er schwitzte +gern, das ließ unter Umständen tief blicken. War +er der geborne Ziegelsteinträger? Hätte man ihn +an einen Karren spannen sollen? Herkules war +er jedenfalls nicht.</p> + +<p>Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, +aber er machte zu gern Pausen im Denken. +Als er eines Tages mitten im Dorf Bärenswil +einen Mann sah, der Säcke schleppte, dachte +er sogleich, das tue er auch, sobald Tobler ihn +fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und +<span class="pagenum"><a name="Page_248">248</a></span>jetzt ist es Herbstende und man hängt Vorfenster +an.</p> + +<p>Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen +Wein zu trinken. Auch war es schon Nacht und +Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war +sehr lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon +längst mit Essen fertig geworden waren. Der Mann +der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter, fand +sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas +Sauser ein, er setzte sich mit an den Tisch, und +bald gab er ein fröhliches Lied zum besten. Es +wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die +andern tranken viel. Zu Bett mit euch, Kinder! +rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline trug +Dora auf dem Arm von einem zum andern, um +gute Nacht zu sagen. Die Waschfrau bewies, daß +sie ein drolliges, schnellläufiges Mundwerk hatte, +sie erzählte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- +und Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an +zu singen. Seine Frau wollte es ihm verbieten, +denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler +sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die +Kinder seien ja jetzt fort, und ihnen andern allen +könne ein ausgelassenes Wort nicht viel schaden, +sie selber höre so etwas auch gern einmal an. Der +Zauber des Weines legte dem schwärzlich anzuschauenden, +<span class="pagenum"><a name="Page_249">249</a></span>einäugigen Gesellen tolle Reimereien +auf die Lippen. Es wurde unbändig gelacht, am +meisten von Frau Tobler, die »profitieren« zu +wollen schien, da sie in den letzten Wochen zu ihrem +Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte. +Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute +abend Gesellschaft leisteten, so waren es doch fidele. +Arme Leute, aber aufrichtig fühlende. Außerdem +empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus welchem +Grunde, das Bedürfnis, einmal recht ausgelassen +zu sein, derart, daß sie Vergnügen fand, die +Gläser immer wieder neu zu füllen, bis es Mitternacht +wurde. Joseph war betrunken, er lallte und +war nahe daran, unter den Tisch zu sinken. Die +andern hielten sich besser. Frau Tobler hatte sich +überhaupt mehr dem Genuß des Gespräches und +des Lachens hingegeben als dem des Trinkens. +Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel vertragen +zu können. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, +um in sein Zimmer zu gelangen, als Tobler +erschien mit der ärgerlichen Frage, warum wieder +einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im +Garten draußen sei es stockdunkel, da könne einer ja +Arm und Beine brechen. Er sah, was im Wohnzimmer +vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft +waren aufgestanden. Ein wenig später +<span class="pagenum"><a name="Page_250">250</a></span>sagten die Leute schüchtern gute Nacht und gingen. +Was das für eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler +seine Frau. Diese konnte nur noch lachen und +deutete mit dem Finger auf den Angestellten, der +mit der einfachen Schwierigkeit kämpfte, die Treppe +emporzugelangen. Der Herr war müde, so sagte +er nicht viel. »Gesausert« war worden, es war +ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.</p> + +<p>Am andern Morgen stand Joseph etwas früher +auf und arbeitete extra fleißig, er empfand Gewissensbisse +und fürchtete sich vor der Begegnung +seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein +Ohr abgerissen noch flog etwas um seinen Kopf +herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher +als je, ja, er machte sogar Witze.</p> + +<p>Im Laufe des Tages gestand der Gehülfe Frau +Tobler, daß er sich gefürchtet habe. Sie schaute ihn +groß an, als begreife sie irgend etwas an ihm nicht +und sagte:</p> + +<p>»Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit +und Kühnheit, Joseph. Auf die schmalen Gesimse +zu treten und mitten im Spätherbst in den See +hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten +Furchtgedanken. Auch eine Frau können Sie beleidigen, +ohne stutzig zu werden. Wenn es aber +gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz +<span class="pagenum"><a name="Page_251">251</a></span>unschuldigen Fehler zu vertreten, so fürchten Sie sich. +Da ist man ja wahrhaftig gezwungen, anzunehmen, +entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder +aber, Sie hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? +Was soll ein so scharfausgeprägter Respekt +eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten? +Gerade jetzt, wo es um die äußere Weltlage Toblers +schlecht steht, muß es einen wundern, Sie diesen +Mann in so zarter Weise hochachten zu sehen. Ich +bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind +Sie großherzig? Sind Sie ein Niedriger? Gehen +Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden und bin +es doch Ihnen gegenüber. Und fürchten Sie sich +in Zukunft nicht mehr vor meinem Mann, er hat +noch keinem Menschen den Kopf abgebissen.«</p> + +<p>Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. +Etwas später überraschte Joseph die Frau oben an +der Türe ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe zufällig +offen stehen lassen, im Negligé. Sie stand, +ohne an etwas zu denken, mit entblößten Armen +neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen +der Haare beschäftigt. Als sie Joseph hörte und +sah, stieß sie einen Schrei aus und warf die Türe +zu. Welche herrlichen Arme! dachte der Gehülfe +und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben +auf dem Boden etwas aus altem Gerümpel hervorzusuchen. +<span class="pagenum"><a name="Page_252">252</a></span>Statt das was er suchte, fand er ein +Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich +nicht mehr benutzt wurden. Er schaute diese +hohen Stiefel unverhältnismäßig lange an, bis er +in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.</p> + +<p>Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug +Wäsche in der Hand, die sie hier oben abzulegen +hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete +ihn, als ob sie ihn überhaupt noch nie gesehen +hätte. Was für ein Kind! Dann legte sie ihre +Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stöberte sie, +und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer +offenen Kiste herum und richtete an den ihr zuschauenden +jungen Mann allerhand unverständliche +Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unerträglich +und er ging hinunter.</p> + +<p>Im Bureau: »Frau Tobler wundert sich über +mein Betragen. Dagegen möchte ich mich fast über +das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche +Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbständige Frau, +die Mutter Silvis? Gleich werde ich gehen und +es ihr ins Gesicht hineinsagen, was für eine Rabenmutter +sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte +des Hauses Tobler. Dieses Haus aber wankt, mag +denn auch meine Lebensstellung wanken.«</p> + +<p>Neben der Wohnzimmertüre stand Frau Tobler +<span class="pagenum"><a name="Page_253">253</a></span>und sprach mit großer Erregung ins Telephon hinein. +Offenbar handelte es sich wieder einmal um +eine unangenehme Sache. Ihr Rücken zitterte und +die Schultern hoben und senkten sich stürmisch. Sie +sprach streng und gebieterisch. Sollte der andere +Sprecher ein unverschämter Gläubiger sein? Ihre +Stimme klang so hoch, daß sie in den eigenen Tönen +und Bändern zu zerreißen drohte. Endlich war sie +fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie +schmerzvolles Gesicht. Sie hatte während des Sprechens +geweint.</p> + +<p>»Wer war das?« fragte er.</p> + +<p>»O,« sagte sie, »der Bauunternehmer, der, der +die Grotte gemacht hat. Er will Geld. Ich habe +ihn aber, wie Sie soeben werden gehört haben, in +die Schranken zurückgewiesen.«</p> + +<p>Sie sagte nicht, in was für Schranken. Aber +ob sie es nun gesagt oder nicht gesagt hatte, jedenfalls +hatte der Gehülfe nicht mehr den Mut, sie +eine Rabenmutter zu schelten.</p> + +<p>Er hätte auch ebenso gut ans Telephon gehen +können. Ob er es denn nicht klingeln gehört habe? +Nein? Dann solle er doch immer die Bureautüre +ein wenig offen stehen lassen, dann werde er es +schon hören.</p> + +<p>Joseph hatte es ganz gut klingeln gehört, aber +<span class="pagenum"><a name="Page_254">254</a></span>er war zu träge gewesen und er hatte gedacht: »Die +kann jetzt auch einmal telephonieren. Das schadet +dem Hochmutston nichts.«</p> + +<p>Walter kam und erzählte, wie Edi, sein Bruder, +einem Bärenswiler Herrn die Zunge ausgestreckt, +und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des +Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, +er sei aber überrascht worden und habe eine Ohrfeige +gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem +Mann allerhand Schimpfwörter nachgerufen.</p> + +<p>Das müsse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau +Tobler.</p> + +<p>»An Ihrer Stelle, Frau Tobler«, warf Joseph +ein, »würde ich selber den Knaben bestrafen, meinetwegen +hart, aber ich würde es niemals ›meinem +Mann‹ sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie +ja Sie am besten wissen, mit anderweitigen Dingen +genug beschäftigt, und zweitens sind Sie doch Edis +Mutter und können gewiß ebenso gut wie Ihr +Mann die Strenge, womit der Schlingel bestraft +werden soll, messen. Hört Herr Tobler heute abend +wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus +Ihrem Munde, so dürfte er leicht außer sich geraten, +und die Strafe wird nur zu leicht eine grausame, +aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gnädige +Frau, in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann +<span class="pagenum"><a name="Page_255">255</a></span>versetzen, wenn Sie ihn mit derartigen, in der Tat +nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment belästigen, +den er dazu benutzen will, wieder ein +wenig im Kreise seiner Familie von seinen Geschäften +und Gelderwerbsplänen auszuruhen, und Sie werden +mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich für Ihren +Kränker zu halten, recht geben. Verzeihen Sie +mir. Ich habe im Interesse des Hauses Tobler +gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den +Wunsch, hier nur nützlich zu sein. Sind Sie mir +böse, Frau Tobler?«</p> + +<p>Sie lächelte und schwieg, indem sie es scheinbar +für überflüssig fand, ein Wort zu erwidern. Sie +ging in die Küche hinaus, er ins Bureau hinunter.</p> + +<p>Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, +was selten geschah. Wie es gehe zu Hause, fragte +er mit dunkler, gepreßter Stimme, er befand sich +in übler Laune. Joseph fühlte sich sogleich unbehaglich +beim Klang dieser Stimme. Diese Stimme, +welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mußte denn +Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, +wie sein Gehülfe es sich wohl schmecken +ließ? Der Appetit verging ihm beinahe, und er +nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur +Post ins Dorf zu springen. Tobler hatte seinen +Überzieher mühsam abgelegt. Joseph dachte bei +<span class="pagenum"><a name="Page_256">256</a></span>sich, vielleicht wäre es gut getan gewesen, wenn er +vom Platz aufgesprungen wäre und dem Herrn +geholfen hätte, aus dem Mantel herauszukommen. +Das würde womöglich Toblers schlechte Laune, die +man ihm anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum +nur so wenig zuvorkommend? Ob ihm das +an der Mannesehre geschadet hätte? Schöne Ehre, +dazusitzen und ängstlich zu hoffen, es werde keine +Szene geben. Toblers Auftreten ließ Joseph immer +Szenen befürchten. Ja, dieser Mann hatte +etwas so Zurückgebändigtes an sich, etwas dick und +rot Aufgehäuftes, etwas innerlich Knatterndes und +leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden +Moment losbrechen möchte. Und da war es denn +wirklich nicht angebracht, an Ehrverletzung zu denken, +da tat man einfach das Gute, das Notwendige +und das Zornesausbruch-Verhütende. Man zog +einen Überzieher aus, und der ganze Familienabend +konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzückend +kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war. +Geradezu freigebig. Aber Joseph hatte sich geschämt, +artig zu sein, und noch etwas, die Frau +tat jetzt, als ob er an einem Schnürchen mechanisch +wäre aufgezogen worden, den Mund auf und erzählte +in aufreizendem Tone die Geschichte und +Sünde Edis.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_257">257</a></span> +Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte +demselben einen Schlag an den kleinen Kopf, +der einen starken Mann hätte umwerfen können, +wie mehr ein derartiges Bürschchen, wie der Edi +eins war. Alle im Zimmer zitterten. Frau Tobler +senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt leid, +gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben +und Stößen in die dunkle Nebenkammer hinein. +Walter, der kleine Angeber, war totenbleich geworden. +Dora umklammerte den Arm der Mutter. +Diese wagte zu sagen, es sei genug, Tobler solle +sich beruhigen. Dieser stöhnte.</p> + +<p>»Eine unbegreifliche Frau,« murmelte Joseph +für sich.</p> + +<p>Das müsse noch sein, zu der Zeit, da sowieso +im ganzen Dorf alles, was eine Stimme und +ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem +er sich an den Tisch setzte. Solche Rangen! +Damit jeder Beliebige bald mit Fingern auf ihn, +den Erzieher und Vater, deuten dürfe und sagen +dürfe, die Jungen machen's halt wie der Alte. So +wie man nur einen Fuß ins Haus setze, springe +einem eine Widerwärtigkeit entgegen. Da solle +einer noch den Mut haben, zu hoffen, es sei irgend +eine Wendung zu Besserem möglich. Mit den eigenen +Kindern sei man gestraft. Das komme, weil +<span class="pagenum"><a name="Page_258">258</a></span>man sich verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten, +zu kleiden und zu ernähren. Der Teufel auch. +Barfuß mußten sie ihm nächstens zur Schule gehen, +die Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben +statt Fleisch. Er werde einen andern Takt einführen. +Aber das sei gar nicht nötig, es mache sich +bald von selber. Wenn bald nichts mehr werde +zu essen da sein, wolle er sehen, daß diese seine +Brut ganz anders sich aufführe.</p> + +<p>Er versündige sich, und es genüge jetzt, sagte +Frau Tobler.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Tobler führte kein anderes Regiment in seinem +Hause ein, Taktstock und Tonart blieben dieselben +im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel anderes +im Kopf, und der Hülfsdirigent war eine zu bescheidene, +zu zufriedene Natur. Dem brauchte man +ja nicht einmal die längst verfallenen Gehälter +auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb, +mit dem, was da war. Wolken und Winde flogen +auch um das Haus Tobler noch herum, und so +lange <ins title="die">diese</ins> Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte +es den Gehülfen auch nicht ans Fortgehen mahnen.</p> + +<p>Eines Tages schneite es. Erster Schnee im +Jahr, wie bist du nur so erinnerungsreich anzuschauen. +Altes Erlebtes fliegt mit dir stürmisch dem +<span class="pagenum"><a name="Page_259">259</a></span>Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter +und Geschwistern lösen sich deutlich und vielsagend +von deinen nassen, weißen Schleiern ab. Es wird +einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst, +mit deinen unzähligen Flocken. Man +glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder oder eine +liebe, zaghafte Schwester. Man hält die Hand hin, +um dich aufzufangen, nicht dich ganz, sondern nur +kleine Stücke von dir. Der Kübel, der dich auffangen +wollte, müßte breit und groß sein, wie die +Erde. Lieber, erster Schnee, schneie! Es macht sich +ganz prachtvoll, das weiche Ding, das du da über +Toblers Haus und Garten in aller Stille breitest. +Frau Tobler ruft erstaunt aus: »Es schneit!« Die +Kinder kommen mit Geschrei und mit Flocken in +den geröteten Gesichtern und mit Schneestücken in +den Haaren in die warme Stube hinein. Da wird +Pauline im Garten bald Wege in den Schnee hineinscharren +und fegen müssen, damit Herrn Toblers +Füße und Schuhe nicht allzu naß werden.</p> + +<p>Tobler schickte auch seine Buben noch nicht +barfuß zur Schule. Solch eine Verordnung hatte +ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer +in der netten Villa trotz des wilden Schneegestöbers +und trotz Kälte und Nässe. Joseph zog +seinen Überzieher an, wenn er zur Post lief, es war +<span class="pagenum"><a name="Page_260">260</a></span>ein geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem +warm und kleidete hübsch. Frau Tobler bat den +Gehülfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen mitzubringen, +das Lesen fange an in die langen Nächte +ganz gut zu passen. Jassen könne man auch nicht +jedesmal nach dem Abendessen. Joseph ging in +die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe. +Die Mädchen gingen in kleinen, roten, dicken +Überkleidern in den Schnee hinaus, mit Schlitten, +um den Hügel hinunterzufahren, aber es ging noch +nicht recht, der junge Schnee war zu naß und saß +nicht fest genug auf der steinigen Erde. Leo, der +Hund, half mit sich umherzutummeln.</p> + +<p>Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen +Geruch und Ton haben. Den Frühling meint +man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu haben, +nie so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerüppigkeit +jedes neue Jahr neu und zauberhaft. +Den Herbst hat man sich früher nie recht angeschaut, +erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter +ganz neu, ganz, ganz anders wie vor einem oder +vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre haben ihre +eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr +da und da zugebracht zu haben, heißt es erlebt +und gesehen haben. Orte und Jahre sind eng miteinander +verbunden, und erst Ereignisse und Jahre? +<span class="pagenum"><a name="Page_261">261</a></span>Die Erlebnisse können ein Jahrzehnt ganz neu färben, +wie mehr und wie rascher ein kurzes Jahr. Ein +kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs +zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden +und hat, in Gedanken verloren, gesagt: +»Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es +doch.« –</p> + +<p>Und das Lange war ihm nicht rasch vorübergegangen, +erst als er an dasselbe dachte, schien es +ihm Flügel, Federn und Flaumesleichtigkeit gehabt +zu haben. Es war nun Mitte November, aber +wenn er es sich recht überlegte, so hatte er schon +im Mai der Welt diese Miene und diese Manieren +und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine +Freundin Klara sagte, wenig verändert.</p> + +<p>Und die Welt, verändert sie sich? Nein. Das +Winterbild kann sich über die Sommerwelt werfen, +aus dem Winter kann Frühling werden, aber das +Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt +Masken an und ab, es runzelt und lichtet die große, +schöne Stirne, es lächelt oder es zürnt, aber bleibt +immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es färbt +sich bald bunter, bald matt, bald ist es glühend +und bald blaß, es ist nie ganz dasselbe, es verändert +sich immer ein wenig und bleibt doch immer +lebendig und ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen +<span class="pagenum"><a name="Page_262">262</a></span>Blitze und donnert mit seiner gewaltigen Stimme +den Donner, es weint den Regen in Strömen herab +und läßt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem +Mund herauslächeln, aber an den Zügen und Linien +des Gesichtes verändert sich spurwenig. Manchmal +nur fährt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein +Hagelsturz, eine Fluten-Überschwemmung oder ein +Vulkanfeuer über die ruhige Oberfläche dahin, oder +es erbebt und erschaudert innerlich von Welt- und +Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt +dasselbe. Die Gegenden bleiben dieselben, Städteansichten +allerdings weiten und runden sich aus, +aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen, +von einer Stunde auf die andere, das können +Städte auch nicht. Die Ströme und Flüsse fließen +dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie können +versanden, aber sie stürzen nicht plötzlich über ihre +Strombetten an die offene leichte Luft hinaus. Das +Wasser muß sich durch Kanäle und Höhlen hindurcharbeiten. +Das Strömen und Wühlen ist sein +uraltes Gesetz. Und die Seen liegen, wo sie seit +langer, langer Zeit liegen. Sie springen nicht zur +Sonne hinauf und spielen nicht Ball wie Kinder. +Sie sind manchmal empört und schlagen ihre Wasser +und Wellen zornig zischend zusammen, aber sie verwandeln +sich weder eines Tages in Wolken noch +<span class="pagenum"><a name="Page_263">263</a></span>eines Nachts in wilde Pferde. Alles in und auf +der Erde gehorcht schönen, strengen Gesetzen, wie +die Menschen.</p> + +<p>Es war also jetzt Winter geworden um Toblers +Haus herum.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem +Joseph geglaubt hatte, in die Hauptstadt fahren, +und sich wieder einmal amüsieren zu sollen. In +der Stadt hatte er Nebel in den Straßen gefunden, +nasse Blätter am Boden, Bänke in den Anlagen, +auf die man sich jetzt nicht mehr setzen konnte noch +mochte, in den innern Gassen Lärm und am Abend +vor den zahlreichen Kneipen gröhlende Betrunkene. +Eine halbe Stunde lang war er bei seiner Frau +Weiß gewesen, um ihr zu erklären, wer Tobler und +Frau Tobler seien, aber eine innere Scham und +Ungeduld hatte ihn bei der ruhigen und gelassenen +Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die +Gassen der Sonntagnacht hinuntergegangen und +hatte ein paar Lokale zweifelhaften Genres aufgesucht, +um sich zu »amüsieren«. War er der Mensch dazu +gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken, +und im »Wintergarten« hatte er mit jungen, gigerlhaften +Italienern am Büffet Händel angefangen. +Ebendaselbst stieg er auf die kleine Variétébühne, +<span class="pagenum"><a name="Page_264">264</a></span>vor aller Anwesenden Augen, und zum größten +Gaudium derselben, und fing an, den Gaukler, der +sich dort produzierte, in den Gesetzen des Geschmackes +und der körperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten, +bis er schließlich von einer Handvoll Kellner zum +Lokal hinausgewiesen wurde.</p> + +<p>In der Kälte der Nacht setzte er sich in den Anlagen +auf eine Bank, um sich den Rausch von der herrschenden, +rauhen Witterung aus Kopf und Gliedern +hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind +sauste und rüttelte in den Ästen der Parkanlagebäume. +Das aber schien einem zweiten, nächtlich +hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen, +der sich auf die Bank <i>vis-à-vis</i> von Joseph gelagert +hatte, gänzlich gleichgültig zu sein. Was konnte +das für ein Mensch sein, und was hatte ihn veranlaßt, +sich hier, gleich Joseph, in die offene, rücksichtslose +Sturmnacht zu setzen? Tat man solches? +Der Gehülfe, irgend ein Unglück oder einen Schmerz +ahnend, trat auf die ruhende, dunkle Gestalt zu +und erkannte – Wirsich.</p> + +<p>»Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich?« +frug er erstaunt. Sein Rausch war mit einmal +verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann +sagte er:</p> + +<p>»Wie es mir geht? Schlecht. Wer läge sonst +<span class="pagenum"><a name="Page_265">265</a></span>hier im Regen und in der Kälte? Ich bin ohne +Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen, +ich werde ins Gefängnis kommen.«</p> + +<p>Er brach in lautes, elendes Weinen aus.</p> + +<p>Joseph bot seinem Vorgänger in Toblers Amt +ein Goldstück an. Dieser nahm es, ließ es aber +zu Boden fallen. Der Gehülfe schrie ihn an:</p> + +<p>»Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen +Sie das Geld. Tobler selber hat es mir heute +zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im Abendstern +haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr, +aber wir lassen den Mut keineswegs sinken. Sie, +Wirsich, brauchen durchaus nicht zu sagen, Sie müssen +stehlen gehen. Da schlägt man sich lieber mit der +Hand eins auf den Mund, bevor man so etwas +sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es nicht eine +Schreibstube für Arbeitslose? Aber Sie schämen +sich wohl, dorthin zu gehen, zu dem Herrn Verwalter, +der ein sehr, sehr lieber, mildedenkender, erfahrener +Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines Tages +freidenkend genug gewesen und haben uns aus +dieser Schreibstube einen jungen und in der Tat +vielleicht nicht ganz tüchtigen, wohl aber brauchbaren +und schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti, +geholt, weil Herr Wirsich nicht mehr hat gut tun +wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie, fragen Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_266">266</a></span>morgen früh überall, wo Sie auch mit dem Fuß +hintreten, nach Arbeit, und sein Sie überzeugt, man +gibt Ihnen irgendwie und wo welche. Was für +Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich +schnöde und kalt abgefertigt werden, aber dann gehen +Sie eben weiters, bis Sie gefunden haben, was Sie +in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus man +langsam wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich +verbieten, ans Stehlen zu denken. Der gesunde +Kopf soll der Gebieter sein und bleiben, man soll +ihn nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und +Schurken wird. Doch jetzt würde ich an Ihrer +Stelle mit dem Gelde da, das nicht ich, sondern +Tobler Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernünftiges +Nachtlager für den vorbereitenden Schlaf +aufsuchen gehen. Sagen Sie, was macht Ihre +Mutter?«</p> + +<p>»Krank!« machte Wirsich mehr mit der Hand +als mit dem Mund. Joseph rief aus:</p> + +<p>»Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen +Sie mir nichts, ich weiß es, als ob ich der ständige +Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen +wäre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn +aus jeder Art schlägt, derart, daß er dem fleißigen +Zigarrenstummelaufleser nicht mehr gerade in die +Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz +<span class="pagenum"><a name="Page_267">267</a></span>auf den Herrn Sohn gewesen, hat stets zu ihm +hinauf mit den Augen der Liebe und Bewunderung +geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch, +ist krank, aber könnte gesund sein in den alten und +ausglimmenden Tagen, wenn der Gegenstand der +Pflege und Liebe recht und tüchtig und nur ein +strohhalmdünn wacker tun wollte. Es brauchte ganz +wenig, und die alte Frau wäre zufrieden, und sie +würde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen Stolz +neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind würde sie +schon um der Versuche willen, honett und stark zu +bleiben, beinahe anbeten. Und der Vergeßliche und +Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste +und letzte Möglichkeit des mütterlichen Gefühlsfeuers, +und er ist plump und grausam genug, auf +die Liebe und tage- und jahrelange Freude täppisch +zu treten. Hören Sie, Wirsich, ich möchte Sie am +liebsten durchprügeln.«</p> + +<p>Sie gingen zusammen, um eine Schlafstätte +ausfindig zu machen. Im Gasthaus zum »Roten +Haus« war noch Licht, sie traten in die Gaststube. +Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saßen +um einen Tisch herum, einer gab Schelmenstreiche, +die er scheinbar vielfach verübt hatte, zum besten, +die Übrigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen +und etwas zu trinken. Er würde, dachte er, +<span class="pagenum"><a name="Page_268">268</a></span>morgen früh mit dem allerersten Zug zurück nach +Bärenswil fahren.</p> + +<p>Es war nur noch ein einziges Zimmer im +ganzen Gasthof frei. Wirsich und Marti schliefen +daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie +einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe +Stunde lang zusammen. Wirsich war nach und nach +munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle nur +von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer +wohnen bleiben und hier fleißig Offertbriefe schreiben, +die er, in Kuverts säuberlich gesteckt, selber an Ort +und Stelle hintragen könne. Man müsse sich unter +keinen Umständen schämen, Armut und Not an den +heiteren Tag zu legen, dürfe aber dabei keine gar +zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere +das die Leute, auf deren Wohlwollen es ankomme, +nur zu bald an. Eine Trauermiene sei überdies geschmacklos. +Das Persönlich-Hingehen zu den Geschäftsleuten +habe das Gute, daß diese meist gebildeten +und vernunftvollen Menschen einem etwa ein +Fünfmarkstück in die Hand drückten, da sie den Beweis +vor Augen hätten, daß der Stellensuchende +sich ehrlich Mühe gäbe. So hätten es etliche und +andere, die er, Joseph, sehr gut kenne, gemacht, und +sie hätten dabei immer gewisse bescheidene Erfolge +zu erzielen gewußt. Namen und Schicksal von Hülfeflehenden +<span class="pagenum"><a name="Page_269">269</a></span>seien den Reichen meist ganz schnuppe, +aber diese Herren gäben eben etwas, das sei in +guten, alten Firmen und Familien von alters her +gutmütiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich +armes müsse zu wirklich vornehmem Wesen hingehen, +in aller Ruhe, dort sei es immer noch am +wenigsten am Halse geschnürt und könne atmen und +könne sich zeigen, wie es beschaffen sei und so, wie +es eben einmal leide. Man müsse, wenn man +schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde, +lernen, mit Anstand und Freiheit zu zeigen, +daß man bitte, das entschuldige und verstehe man, +das erweiche ein wenig die Herzen und könne niemals +die gute und geschmeidige Sitte verletzen. +Voll Haltung müsse aber einer dabei sein, dürfe +nicht zu greinen anfangen wie ein halbjähriges +Wickelkind, sondern solle zeigen durch sein Benehmen, +daß er von etwas Großem und Mächtigem, vom +Unglück, darniedergeworfen worden sei. Das ehre +wiederum ein wenig und veranlasse den Härtesten +zur flüchtigen, süßen, edlen, anstandsvollen Milde. +So, jetzt habe er ihm da eine lange Rede gehalten, +und gehörig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie +er zu tun gedenke, wolle er schlafen, denn er müsse +früh wieder aufstehen.</p> + +<p>»Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti,« +<span class="pagenum"><a name="Page_270">270</a></span>sagte der andere. Dann schliefen sie ein. Es war +schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach +drei Stunden Schlaf und einer dämmernden Eisenbahnfahrt, +stand der Gehülfe wieder im technischen +Bureau, zwischen Zeichen- und Schreibtisch. Jetzt +ging er ins Wohnzimmer frühstücken.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und +zwar als Arrestant, nach der Stadt zu begeben. +Einen zweitägigen Arrest hatte er dafür abzusitzen, +daß er die herbstliche Wiederholungsübung versäumte. +Er meldete sich zur bestimmten Stunde +in der Kaserne an, man nahm ihm die Militärpapiere +ab und führte ihn in den Karzer. Dort +lagerten auf Pritschen und untergelegten Mänteln +an die fünfzehn jüngere und ältere Männer, die +alle den Neuankömmling musterten. Es roch nach +allem möglichen Schlechten in dem Raum, dessen +vergittertes Fenster direkt an den Straßenboden +anstieß. »Ich habe wenigstens zu rauchen,« dachte +Joseph und begann, es sich auf einer der Pritschen +nach Möglichkeit bequem zu machen. Bald hatten +ihn alle Insassen der bunten Reihe nach angesprochen. +Es waren aller Art Menschen, die ähnliche +Strafen wie der Gehülfe zu verbüßen hatten. +Einer wie der andere schimpfte. Entweder war es ein +<span class="pagenum"><a name="Page_271">271</a></span>höherer Offizier, der irgend etwas Ungeheuerliches +begangen haben sollte, oder es wurde irgend einem +Staats- oder Zivilbeamten heimgezündet. Die Gesichter +aller dieser fünfzehn oder sechzehn Menschen +drückten Langeweile, Appetit nach Bewegungsfreiheit +und Unzufriedenheit mit der Stumpfheit, die im +Raume herrschte, aus. Es lagen welche Burschen +da, die schon wochenlang saßen, einer sogar, ein +Melker, monatelang.</p> + +<p>Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden +lag hier der Tapezierer, neben dem Maurer und +Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker und +Schweizer der reiche, jüdische Handelsmann, neben +dem Schlossergesellen der Bäckermeister. Keiner +von den fünfzehn Leuten glich dem andern, aber +alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und +Kurzweil trieben. Daß auch wohlhabende und gebildete +Leute da waren, hatte seinen Grund in der +gesetzlichen Unmöglichkeit, Arreststrafen in Geldstrafen +umzugestalten, so daß hier eine Gleichheit der Behandlung +herrschte, wie man sie im ungebändigten, +offenen Leben lange suchen konnte.</p> + +<p>Plötzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmäßig +an der Tagesordnung stehendes Spiel +arrangiert. Es hieß das »Schinkenklopfen« und +bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen +<span class="pagenum"><a name="Page_272">272</a></span>mit der gestreckt flachen Hand auf den Podex desjenigen, +der verdammt war, denselben den unbarmherzigen +Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler +mußte dem Dulder die Augen zudecken, damit +er sich nicht die Herkunft der Hiebe und Schläge +merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die +Person dessen, der ihn gehauen hatte, so war er +frei, und der Ertappte hatte sich, willig oder nicht, +an die unangenehme Stelle des Erlösten herabzubücken, +bis auch ihm das rasch- oder langsam-erkämpfte +Glück des richtigen Erratens zufiel.</p> + +<p>Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs +eifrigste betrieben, bis die Hände vom Schlagen ermüdet +waren. Nach einiger Zeit kam das Essen, +du liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine +Bohnen, Rüben oder Blumenkohl, nicht einmal ein +kleines Schweinefilet, sondern Suppe und ein Stück +Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem +Schluck Wasser. Die Suppe war auch eine Art +Wasser, und die Löffel waren außerdem noch in +ziemlich degoutierender Art und Weise an die Suppentöpfe +angekettet, wie wenn einer das Blei hätte +stehlen wollen, wozu doch sicherlich kein Grund da +war. Aber es war praktisch, dieses Anketten, und +militärisch und beleidigend, und Karzerinsassen waren +begreiflicherweise nicht dazu da, um geschmeichelt, +<span class="pagenum"><a name="Page_273">273</a></span>liebkost und flattiert zu werden. »Der verächtlichen +Handlungsweise die verächtliche Strafe«: das stund +scheinbar auf dem Eßgeschirr deutlich und ankältend +geschrieben.</p> + +<p>Langweilige, öde zwei Tage!</p> + +<p>Der Schweizer oder Melker war von allen noch +der Lustigste. Diesen wahrhaft schön anzuschauenden +Burschen hatten »sie« gefesselt dahergebracht, weil +er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier, +der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen, +daß demselben das Blut zu Mund und Nase hervorspritzte. +Für diese Tat wurde natürlich dem +Melker dann ein ganzer Monat oder mehr zu der +anfänglichen Strafe hinzudiktiert, was aber diesen +scheinbar unerschrockenen und in Dingen der schönen +Ehre vollständig gleichgültigen Menschen gar nicht +weiter beunruhigte. Im Gegenteil, er schuf sich aus +dem stumpfsinnigen, gezwungenen Daliegen einen +possierlichen und fidelen, monatelang anhaltenden +Witz, er verstund es vortrefflich, sich und alle andern +zu unterhalten, und nie wollte in diesem Kellerraum +das Lachen ganz verhallen und erlahmen. +Dieser Melker sprach von Staats- oder Militärpersonen +nie anders als im Tone kindlich-kräftiger +Überlegenheit und Übermutes. Nie kam etwas Giftiges +und Wütend-Zurückgehaltenes über seine Lippen. +<span class="pagenum"><a name="Page_274">274</a></span>Tausend Anekdoten, die er, erfunden oder +wahrhaft erlebt, erzählte, hatten alle mehr oder weniger +zum Inhalt die Betölpelung und Naseführung +irgend welcher Standesmenschen, mit denen +dieser schöne, verdorbene Mensch wie mit lächerlichen +und hölzernen Puppen umzugehen gewohnt schien. +Kraftvoll und geschmeidig wie er war, durfte man +der Hälfte seiner Erzählungen ruhig, und ohne die +gesunde Vernunft zu verletzen, Glauben schenken, +denn das schien in der Tat solch ein Mensch zu +sein, herkommend direkt noch von den stolzen und +unbändigen Ahnen des Landes, ausgestattet mit +längst aus den Generationen entschwundenen Spiel- +und Raufkräften, und mit dem Mute begabt, der +eben die Gesetze und Gebote der weiten Öffentlichkeit +fast notwendigerweise verachtete. Sonderbarerweise +trug er, um den Unfug, den er mit Vorgesetzten +aller Art trieb, noch zu schärfen, auf dem Lockenkopf +eine Militärmütze, die er Gott weiß wo noch +von einem Dienst her aufbewahrt hatte. Neben +all seinen Vagabondiergewohnheiten schien er indessen +durchaus den einfachen, weicheren Empfindungen +nicht abhold zu sein, wenigstens hörte man +ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er +sehr schön und voll Taktgefühl tat. Auch erzählte +er nicht ohne Sehnsucht von seinen vielen und weitläufigen +<span class="pagenum"><a name="Page_275">275</a></span>Wanderschaften, die ihn durch das ganze, +große Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben +hatten. Wie er da mit den Herren und +Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob +es nun teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender +<ins title="Erzählungsphantasie">Erzählerphantasie</ins> bestehen mochte, höchst +possierlich und angenehm, ja sogar romantisch anzuhören. +Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schön +geschwungenen und geformten Mund, eine edle +und freie und ruhige Gesichtsbildung, und er würde +vielleicht, mußte man, wenn man ihn betrachtete, +denken, unter kriegerischen und kühnangelegten Lebensverhältnissen +dem Land außerordentliche Dienste +haben erweisen können. Alles an ihm sprach von +untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich +wenn er sang, was er zu der Zeit, die Joseph +im »Loch« zubrachte, einmal plötzlich mitten in der +Nacht tat, glaubte man, die Töne und den Zauber +der alten, starken Zeit vernehmen zu sollen. Eine +wundervolle, abendliche Landschaft stieg mit dem +Lied wehmütig empor, und man bedauerte den +Sänger und das Zeitalter, das sich gezwungen sah, +mit Menschen von des Melkers Veranlagung derart +kleinlich und mißverständlich zu verfahren, wie +es tatsächlich der Fall war.</p> + +<p>Während diesen zwei Karzertagen hätte der Gehülfe +<span class="pagenum"><a name="Page_276">276</a></span>die schönste Gelegenheit gehabt, über Verschiedenes +nachzudenken, über sein bisheriges Leben +zum Beispiel, oder über Toblers schwierige Weltlage, +oder über die Zukunft, oder über das »Allgemeine +Obligationenrecht«, aber er tat es wiederum +nicht, er versäumte auch diese kostbare Gelegenheit +und begnügte sich, den Späßen und Liedern und +Zoten des Schweizers zuzuhorchen, die ihm interessanter +erschienen als sämtliche Nachdenklichkeit der +neuen und alten Welt. Überdies wurde beinahe +alle zwei Stunden das »Schinkenklopfen« wiederholt, +auch eine Ablenkung vom Drang, zu philosophieren, +oder der <ins title="Gefangenwärter">Gefangenenwärter</ins> trat zur rasselnden +Türe herein, um einen der Arrestanten, der +»fertig« war, abzuberufen, was auch wiederum die +geistige Aufmerksamkeit von höheren Dingen den +niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu +aber auch denken?</p> + +<p>War denn nicht das Erleben und Mitleben +der Gedanke, auf dessen Pflege es am allermeisten +ankam? Und wenn auch die achtundvierzig Stunden +des Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, genügte +denn nicht ein einziger, allgemeiner Gedanke, +um im Leben auf guter, glatter Bahn zu bleiben? +Diese reizenden, achtunggebietenden, mühsam zusammenerdachten +achtundvierzig Gedanken, was konnten +<span class="pagenum"><a name="Page_277">277</a></span>sie dem jungen Menschen nutzen, da es doch vorauszusehen +war, daß er sie morgen vergaß? Ein +einzelner richtungangebender Gedanke war da gewiß +viel besser, aber dieser Gedanke war nicht zu +denken, dieser Gedanke zerfloß in die Empfindungen.</p> + +<p>Einmal hörte Joseph den Melker sagen, das +Vaterländli könne ihm in seiner ganzen Größe, wenn +es wolle, den Buckel hinaufsteigen.</p> + +<p>Wie war das natürlich und unrecht gesprochen. +Freilich, das Vaterland, oder der gesetzliche Begriff +desselben, schikanierte den Melker, hemmte ihn, fesselte +ihn, diktierte ihm öde und gliederzerbrechende +Freiheitsstrafen, langweilte ihn, bereitete ihm Verdrießlichkeiten, +Kosten und Schädigungen an der +körperlichen Gesundheit. Und so wie der Melker +sprach, dachten Tausende. Tausende vom Leben +nicht ganz so gleichmäßig behandelte und vorwärtsgeschobene +Menschen, wie es das militärische Gebot +blind und trocken voraussetzte. Die Diensterfüllungen +kamen nicht einem jeden so glatt gelegen, +wie vielen andern, die aus den Diensterfüllungen +sogar ein Lebens- und Weltgeschäftchen zu +machen wußten, indem sie sich auf Staatskosten +unterhalten und beköstigen ließen. Manchem riß +der Dienst ein unangenehmes Loch in die Laufbahn, +ja manchen konnte er sogar in die bitterste +<span class="pagenum"><a name="Page_278">278</a></span>und brutalste Verlegenheit setzen, indem die paar +mühsam ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige +in das anspruchsvolle Militärtreiben flossen, wovon +am Ende der Dienstpflicht kein Hauch mehr übrig +blieb. Nicht ein jeder konnte dann zu Vater und +Mutter gehen und um Unterstützung bitten, nicht +einen jeden nahmen dann Kontor, Fabrik oder +Werkstätte sogleich wieder auf, sondern er mußte +oft lange warten, bis er wieder zu dem Kreis arbeitender, +lernender, erwerbender und zielbewußter +Menschen gehörte. Konnte man da groß zählen +auf dieses Einzelnen Vaterlandsliebe? Welch eine +Idee!</p> + +<p>»Und trotzdem!« Mit dem erwärmenden Gefühl, +das in diesem gedachten »trotzdem« lag, sprang +der Gehülfe von seiner Pritsche auf, um sich am +»Schinkenklopfen« zu beteiligen. Er hatte Glück, +er mußte nie lange »darhalten«. Er erriet die Hand, +die ihn schlug, jeweilen sofort. Den Schlossergesellen +erkannte er jedesmal an der Wucht des Drauflosschlagens, +den Tapezierer an der Ungeschicktheit des +Schlages, den Juden an den Fehlschlägen, den +Amerikaner an der Zimperlichkeit und Geniertheit, +womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den +Melker an der absichtlich gemilderten und gedämpften +Schwungkraft. Der Melker hatte für Joseph +<span class="pagenum"><a name="Page_279">279</a></span>von Anfang an eine gewisse Zärtlichkeit empfunden. +Er wandte sich jedesmal, wenn er zu erzählen begann, +an diesen, weil er sah, daß der Gehülfe sein +aufmerksamster Zuhörer war.</p> + +<p>Zu rauchen war den »Gefangenen« verboten, +aber Schulkinder kamen an das Gitterfenster heran +und vermittelten den zierlichsten und schönsten Tabakschmuggel. +Einer der Insassen kletterte auf die +Achseln eines zweiten hinauf und pickte vermittels +eines an einen geheimnisvollen Stock befestigten +Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und +geschickt auf und warf dafür die Groschen oder +Rappen den kleinen Verkäuferinnen und Schmugglerinnen +durchs Fenster zu, derart, daß das »Loch« +immer voller Rauch war. Der <ins title="Gefangenwärter">Gefangenenwärter</ins>, +ein anscheinend gutmütiger Mann, schwieg dazu.</p> + +<p>Die zwei Karzernächte waren für Joseph kalt, +fröstelnd und schlaflos. In der zweiten Nacht konnte +er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger Schlaf +war es. Er träumte fieberhaft.</p> + +<p>Das »Vaterländli« des Melkers lag ihm großausgestreckt +mit allen seinen Bezirken und Kantonen +vor den leidenschaftlich schauenden Augen. Aus +einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften, +blendenden Alpen. Zu ihren Füßen erstreckten +sich himmlisch grüne und schöne Matten, umhallt +<span class="pagenum"><a name="Page_280">280</a></span>von Kuhglockentönen. Ein blauer Fluß beschrieb +ein leuchtendes und friedlich gezeichnetes Band +durch die Gegenden, Dörfer und Städte und Ritterburgen +zart berührend. Das ganze Land glich +einem Gemälde, aber dieses Gemälde lebte; Menschen, +Geschehnisse und Gefühle bewegten sich darin +auf und ab wie hübsche und bedeutende Muster +auf einem großen Teppich. Handel und Industrie +schienen wunderbar zu gedeihen, und die ernsten, +schönen Künste lagen in brunnenrauschenden Winkeln +und träumten. Man sah die Dichtkunst am +einsamen Schreibtisch sitzen und sinnen und die +Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die +zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schön und +ermüdet von ihren Schaffenswerkstätten heim. Man +sah den Wegen am Abendlicht an, daß es Heimwege +waren. Weite und schallende und ergreifende +Glocken tönten. Dieses hohe Tönen schien alles, +was da war, zu umschallen, zu umdonnern und +zu umarmen. Daraufhin hörte man das feine, silberne +Klingen eines Geißenglöckchens, und es war einem, +als stünde man auf einer hochgelegenen Bergweide, +umschlossen von Nachbarbergen. Von weit unten +her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen +herauf und das Lärmen der menschlichen +Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten sich diese +<span class="pagenum"><a name="Page_281">281</a></span>Bilder von selber, als wären sie auseinandergeblasen +worden, und eine Kaserne hob sich in ihren Fronten +deutlich und stolz empor. Vor der Kaserne stand +eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter +und unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst +oder Hauptmann saß zu Pferd und ordnete die +Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten, +geleitet von den Offizieren, diese Bewegung ausführten. +Wunderbarerweise war aber dieser Oberst +kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn +deutlich am Mund und an der weithinschallenden +Stimme. Der Melker hielt nun eine kurze, aber +feurige Rede, worin er der militärischen Jugend +das Vaterland ans Herz legte. »Trotz allem!« +dachte Joseph und lächelte. Sie waren ja in der +Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu +lächeln erlauben. Der Tag war ein Sonntag. Ein +junger, hübscher Leutnant trat auf den Soldaten +Joseph zu und sagte freundlich: »Nicht rasiert, +Marti. He?« Worauf er säbelklirrend die Front +weiterschritt. Joseph griff sich verlegen unter das +Kinn: »Noch nicht einmal rasiert bin ich heute!« – +Wie die Sonne strahlte. Wie heiß es war! Plötzlich +gab es im Traum einen Stoß, und ein freies +Feld tat sich auf mit einer liegenden, auseinandergezogenen, +halbrunden Schützenlinie. Die Gewehrschüsse +<span class="pagenum"><a name="Page_282">282</a></span>widerhallten in den nahen Waldbergen, +die Signale ertönten. »Sie sind tot, stürzen Sie +um, Marti!« rief der auf seinem Pferd das Bild +des Gefechtes überschauende Melker-Oberst. »Aha,« +dachte Joseph, »er ist nett zu mir. Er läßt mich +hier auf dem reizenden Grasboden ausruhen.« Er +blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war, +indem er sich die Zeit damit vertrieb, Grashalme +durch den durstigen Mund zu ziehen. Welch eine +Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so +dazuliegen! Aber er sollte jetzt wieder aufspringen +und in Reih und Glied treten. Er konnte nicht, +es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte +nicht aus dem Mund herausgehen, er arbeitete +daran, Schweiß trat ihm auf die Stirn, Angst in +die Seele, und er erwachte und befand sich wieder +auf der Pritsche, dicht neben dem schnarchenden +Schlossergesellen.</p> + +<p>Nach drei Stunden rief ihn der Wärter. Er +war »fertig«. Er nahm Abschied von allen. Dem +armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen hatte, +drückte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere +wieder zurück und konnte die Straße betreten. Die +Glieder waren kalt und steif, im Kopf summte und +läutete und schoß noch der Traum. Eine Stunde +später stand er wieder inmitten der realen, Toblerschen +<span class="pagenum"><a name="Page_283">283</a></span>Geschäfte. Reklame-Uhr und Schützenautomat +winkten ihm ärgerlich und zugleich hilfeflehend entgegen, +und Joseph schrieb wieder an seinem +Schreibtisch.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>»Sie haben jetzt da eine tüchtige Erholungspause +gemacht,« sprach der Ingenieur, »zwei volle +Tage spürt man in einem Geschäft wie dem meinigen. +Es heißt jetzt doppelt hinter der Arbeit +her sein. Hoffentlich merken Sie sich das, was ich +sage. Dazu habe ich natürlich einen Gehülfen nicht +nötig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen +zu lassen. Es wird niemand von mir verlangen +dürfen, daß ich Gehälter aus« – –</p> + +<p>Er hatte sagen wollen: »auszahle«, schnitt +aber plötzlich seiner Rede, nachdenklich werdend, +den Atem ab. Joseph glaubte nicht nötig zu haben, +auch nur ein Wort zu erwidern.</p> + +<p>Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein +bildhübsches, kleines Modell stand auf Toblers +Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von einer +neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur, +scheinbar voller Entzücken, hin und her drehte, um +den Genuß des Anschauens von überall her zu +haben. Sogleich mußte sich der Gehülfe dahinter +setzen und Offertbriefe schreiben an verschiedene +<span class="pagenum"><a name="Page_284">284</a></span>in- und ausländische, größere Krankenmöbelgeschäfte.</p> + +<p>Tobler legte das feine Gerät durch einfache +Schraubendrehung und Hebelverschiebung glatt zusammen, +ließ sich das Ding in gutes Papier einpacken, +nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um +diesen Ungläubigen, den sarkastischen Bärenswilern, +zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder komplett +und gangbar gemacht worden sei.</p> + +<p>Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter +des Ortes zu schreiben, Tobler könne der morgen +früh um neun Uhr stattfindenden Besprechung bezüglich +der Streitsache Martin Grünen persönlich +nicht beiwohnen, da ihn dringende Geschäfte abhielten. +Er erlaube sich daher, dem Herrn Friedensrichter +die nötigen Aufklärungen und Zahlenaufstellungen +schriftlich zu geben, woraus er ersehen +könne, daß usw.</p> + +<p>»Daß mein Herr Tobler ein Engel ist,« lächelte +innerlich, nicht ohne flüchtige Bosheit, der Gehülfe. +Nachdem dieses Schreiben erledigt war, galt es ein +ähnliches, in beinahe noch brüskerem Ton gehaltenes +Erklärungsschreiben an das löbliche Bezirksgericht +abzufassen. Joseph wunderte sich wieder +einmal über die Prägnanz seines Briefstiles, sowie +über die Höflichkeitswendungen, die er plötzlich dem +<span class="pagenum"><a name="Page_285">285</a></span>energischen Ton hie und da einzuflechten wußte. +»Man darf nie zu grob sein,« dachte er bei solchen +Seitensprüngen in die Gegenden der Artigkeit und +des bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen +Brief ziemlich rasch, denn er hatte die Sache jetzt +ja »schon so sehr los«, über welchem zufriedenen +Bewußtsein er wieder einmal einen der wohlbekannten, +unfehlbaren Stumpen anzündete. Mochten +sie kommen, die Friedensrichterämter und Bezirksgerichte, +und die ebenso zahlreichen wie tückischen +amtlichen Zahlungsaufforderungen, er und Tobler, +sie würden deswegen noch lange fortfahren, und +zwar ganz ruhig und seelengemütlich, ihre duftenden +Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen.</p> + +<p>Im Dorf war man allmählich, zuerst einander +es zuflüsternd, jetzt aber es laut auf der Straße +erzählend, einer immer höher steigenden Welle, aus +Einsicht bestehend, ähnlich, zu der Überzeugung gekommen, +daß da oben im Abendstern nichts mehr +zu »retten« sei, wenn man nicht die nötigen Schritte, +wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand +der Betreibungsgesetze einleite. Und so war es +denn dahin gekommen, daß Herr Tobler, sowohl +was die Firma als was die Haushaltung betreffen +mochte, von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich +bestrahlt, beschattet und betrieben wurde. +<span class="pagenum"><a name="Page_286">286</a></span>Es glich einem festtäglichen Speerewerfen, wie es +da von links und rechts, von daher und dorther +auf das Haus Tobler, Löcher und Verstimmungen +einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts- oder +Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hämisch und +zugleich gemütlich ums Haus und rund um den +ganzen Garten herum, als hätte er hier besonders +guter Weile gehabt, als würde es ihm gerade hier +oben ganz besonders wohl gefallen haben. Es sah +aus, als ob der Mann ein stiller Gartenkunst- und +Naturbewunderer gewesen wäre.</p> + +<p>Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem +Baukonsortium oder gar von einer geographischen +Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit dem +Gedächtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber +so sah der Kerl aus. Frau Tobler haßte und fürchtete +ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von den +Fenstern weg, als wäre dieser Mann die personifizierte +trübe Ahnung und Stimmung gewesen. Die +Frau hatte recht, denn wenn man sich erkühnte, +dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes +Antlitz zu betrachten, so fror einen, und man fühlte +sich unwillkürlich von der eiskalten Hand des Unheiles +berührt und gestrichen.</p> + +<p>Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht +eigentümlichsten Art und Weise. Er verstand +<span class="pagenum"><a name="Page_287">287</a></span>es, plötzlich, als hätte ihn die dunkle Erde +selber ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft +gleichsam weghauchend, zu erscheinen. Dann blieb +er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um etwas +zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie +es schien, persönlichen Lust und Freude. Dann +öffnete er die Türe, trat aber noch nicht ein, würde +ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb +stehen, anscheinend, um zu prüfen, welchen Eindruck +sein unheimliches Benehmen machte. Seine kalten +Augen fest auf den unangenehm berührten Gehülfen +gerichtet, kam er jetzt in das Bureau hinein, um +vorläufig abermals eine Pause zu machen. Nie +sagte er guten Tag oder guten Abend. Für ihn +schien die Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht +einmal die Gottesluft, denn dieser Mann schaute +in die Welt hinaus, als ob er nicht nötig hätte, zu +atmen. Sein knochiges Gesicht fest ineinanderklemmend +nahm er jetzt ein oder zwei Formulare aus +einer schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd +hoch in die Luft und ließ sie auf den Schreibtisch +des Gehülfen fallen, schweigend, spitz und hackig, +wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies abgetan +schien er sich an dem Bewußtsein zu weiden, +das ihm sagen mochte, seine Erscheinung sei eine +trostlose und herzbeklemmende gewesen, denn er +<span class="pagenum"><a name="Page_288">288</a></span>dachte in keinerlei Weise daran, sich zu entfernen, +sondern probierte minutenlang, ob es ihm gelinge, die +Brieftasche wieder in seine Rocktasche zu befördern. +Dann sagte er – beinahe – adieu und ging. +Dieses Adieu des Mannes war viel frostiger, als +wenn er gar nichts gesagt hätte, es klang geistesabwesend +und zugleich bewußt kurz und hart. Der +Mann schien dann gehen zu wollen, nein, jetzt tat +er jedesmal erst das Schreckliche, er maß mit seinen +Augen die Umgebung, das Haus und den Garten. +Dann ging die andere Türe auf, Frau Tobler erschien +aufgeregt im Bureau, mit großen Augen und +mit den angstvollen Worten: »Jetzt steht er wieder +im Garten! Sehen Sie, sehen Sie!« –</p> + +<p>An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war +das Wetter meist ein graues, kaltes, schweigendes +Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die Mauern +des Hauses waren an den Sockeln naß, ein scharfer +Seewind blies, neue Schneegestöber oder Regenstürze +versprechend, und der See lag da so bleiern +und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine +schönen Abend- und Morgenfarben? Versunken in +der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab es +weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die +Stunden zeigten alle dasselbe trübe Aussehen, die +Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der lieben, +<span class="pagenum"><a name="Page_289">289</a></span>wohlbekannten Lichtunterschiede überdrüssig geworden +zu sein. Zeigte sich in solch einer Naturtrübheit +und -Entstelltheit noch der Mann mit der +schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler +und der Angestellte, das Erdbild sei plötzlich umgedreht +worden, und man erblicke die Schattenseite +alles Tatsächlichen und Gewohnten, nicht mehr das +Natürliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das +schöne Haus Tobler aufzuhalten, und das Glück +und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja selbst seine +Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, müden, +glanzlosen und bodenlosen Traum verloren zu +haben. Wenn dann Frau Tobler durchs Fenster +schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein +Winter- und Nebelsee geworden war, die Melancholie +erblickte und empfand, die sich auf allem Sichtbaren +breit machte, mußte sie ihr Tuch an die Augen +halten und hineinweinen.</p> + +<p>Als einer der wildesten Gläubiger und Schuldenforderer +erwies sich der Gärtner, der bis dahin stets +die Gartenarbeiten besorgt, und die Gewächse geliefert +und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte +wie ein ganzes Bataillon von Schimpfern auf +Tobler und dessen ganze Familie und sagte, er +wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gönnen, +bis der Tag da sei und er die Genugtuung habe, +<span class="pagenum"><a name="Page_290">290</a></span>diese »hochmütige Gesellschaft« gepfändet und aus +dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man +hinterbrachte Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln, +halb, um ihn im geheimen zu kränken, diese +rohen Worte, und sofort befahl dieser, die Pflanzen, +die ihm gehörten, und die sich in den Gewächshäusern +der Gärtnerei befanden, von dort ohne +weiteres abholen, und sie nach dem Keller des befreundeten +Versicherungsagenten, des Mannes, der +die Grottennacht mitgemacht hatte, führen zu lassen. +Joseph war mit der schleunigen Erledigung dieses +Befehles betraut, und er hatte keine Ursache, zu +zögern. So wurde mit einem einpferdigen Wagen +nach der Gärtnerei gefahren, und dort wurden dann +auch die Pflanzen, darunter ein bereits ziemlich hochgewachsenes +Edeltännchen, aufgeladen. Der zum +Garten verwandelte Wagen fuhr ab, durch die +Straßen, neben den augenaufreißenden Leuten vorbei, +und hielt vor der Wohnung des dem Fuhrmann +bezeichneten Hauses und Mannes. Der Versicherungsagent +selber half mit abladen und in den +Keller tragen, was immer hineingehen mochte. Das +junge edle Tännchen mußte an Schnüren befestigt +werden, damit es in den für sein schlankes und +stolzes Wachstum zu niedern Gewölben wenigstens +schräg stehen konnte. Es tat dem Gehülfen weh, +<span class="pagenum"><a name="Page_291">291</a></span>den Baum derart untergebracht zu schauen, aber, +was war da zu machen? Tobler wollte es so, und +der Wille Toblers blieb alleinige und unbedingte +Richtschnur für das Tun des ersteren.</p> + +<p>Dieser Versicherungsagent war in der Tat +Tobler treu geblieben. Es war dies ein einfacher +aber aufgeklärter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen +Schwierigkeiten rein äußeren Gepräges einem Manne +Freundschaft und Vertrautheit aufzukünden, den er +einmal schätzen gelernt hatte. Er war nun noch +beinahe der einzige, der etwa Sonntags herüber +in die Villa kam, um einen Jaß inszenieren zu +helfen. Etwas zu trinken gab es bei Toblers immer +noch, behüte! Da war ja erst noch in den +letzten Tagen ein kleines Faß voll prächtigen Rheinweines +aus Mainz angekommen, eine verspätete, +aber deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung, +die einer Bestellung aus früheren, besseren +Tagen entsprechen mochte. Tobler schaute groß auf +dieses Faß herab, er wußte sich gar nicht mehr an +den einmal der Firma gegebenen Auftrag, ihm +solchen teuren Wein zu senden, zu erinnern. Joseph +hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin bestand, +den Wein in Flaschen abzuziehen und dann +dieselben gehörig mit Korken zu verschließen, zu +welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche Geschicklichkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_292">292</a></span>an den Tag legte, so daß Frau Tobler, die +dem behenden Ding zusah, scherzweise fragte, ob er +denn früher schon einmal in Kellereien gearbeitet +habe. Auf solche Art gab es im Haus manche +muntere und selbstvergessene Stunde, die vortrefflich +dazu beitrug, über die zahlreich vorkommenden, +schweren Stunden hinüberzuhelfen, was für alle +nötig genug und eine nicht zu unterschätzende Wohltat +war. Da aber wurde eines Tages Frau Tobler +plötzlich krank.</p> + +<p>Sie mußte sich, so ungern sie das gerade jetzt +tat, zu Bett legen, und man war gezwungen, den +Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es seit +vielen Wochen zu vermeiden gewußt hatte, den +Fuß weiter über die Schwelle eines Hauses zu +setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so schlimm +stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er fürchten +mußte, daß er für die ärztliche Arbeit und für +die Mühe des mitternächtlichen Ganges durch eine +stockdunkle Gegend nicht honoriert werden würde. +Er trat an das Bett der Frau still heran und tat +in Manier und Sprache so, als wenn er seine freundschaftlichen +Besuche nie eingestellt hätte, sondern +fortwährend in bester Verbindung mit der Familie +geblieben wäre. Er fragte teilnahmevoll nach den +Schmerzen, und danach, seit wann Frau Tobler +<span class="pagenum"><a name="Page_293">293</a></span>sie habe usw. und übte die ernsten Pflichten seines +Berufes so angenehm, als er es vermochte, aus. +Tobler zeigte dem Doktor später, trotzdem es schon +bald ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen +erstes naturgroßes Modell am selben Tag angekommen +war. Jetzt könne er ja das Möbel gleich +an seiner Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder +und versuchte einen lustigen Ton anzuschlagen, was +aber nicht recht gelingen wollte. »Nicht noch rasch +ein Glas Wein trinken, Herr Doktor?« – Nein. +Der Arzt ging.</p> + +<p>So müsse sie nun auch noch zu allem unschönen +Übrigen im Bett liegen, klagte die Frau zu jedem, +der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug, wehklagte +sie weiter, daß im Haus und im Geschäft +bald alles zusammenstürze, möge nun nicht einmal +die nackte Gesundheit mehr bleiben. Krank müsse +man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein +Auge zum Überwachen mehr als nötig geworden +sei. Und Geld werde das wieder kosten, und wo +es hernehmen? Sie sei so matt, und sie möchte +so gern munter sein, möchte gern das Schlimmste +ertragen. Wo Dora sei? Dora solle zu ihr kommen. +--</p> + +<p>Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer. +Da es aber tagelang so dauerte und +<span class="pagenum"><a name="Page_294">294</a></span>er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mußte, +zu sagen hatte, so wagte er es, das Zimmer zu +betreten. Er tat es mit der Zaghaftigkeit des Menschen +von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute +ihn lächelnd an und gab ihm die Hand, und er +brachte es zustande, ihr gute Besserung zu wünschen. +Wie groß ihre Augen waren. Und diese Hand. +Was für eine Blässe. War das eine Rabenmutter? +Sie fragte, wie es unten im Wohnzimmer aussehe, +und wie sich die Kinder <ins title="benehmen">benähmen</ins> und sagte schwach, +nun müsse einstweilen er ein bißchen den Erzieher +spielen, bis sie wieder aufstehen könne. Sie sehne +sich darnach. Ob auch Pauline noch recht koche. +Und was die Geschäfte machten?</p> + +<p>Er gab ihr Auskunft und war sehr glücklich +über diesen Moment. Und dieser Frau, die sogar +im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand, +der die Krankheit eher Schönheit zutrug als wegnahm, +hatte er eine Moralrede halten wollen? Wie +unrecht und unreif. Und doch, wie wahrscheinlich! +Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um +kein Haar besser als wie immer behandelt.</p> + +<p>Wenn Silvi während dieser Tage ein Geschrei +ausstoßen wollte, zischte ihr Pauline in die Ohren: +»Bist still!« Die Kranke mußte geschont werden.</p> + +<p>Bei der nächsten passenden Gelegenheit geschah +<span class="pagenum"><a name="Page_295">295</a></span>es sodann, daß Tobler dazu kam, den patentierten +Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie war +wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung +und wagte es, die Fehler, die diesem Möbel +anhafteten, zu rügen. Vor allen Dingen, sagte sie, +sei der Stuhl zu schwer, er drücke, und dann müsse +er breiter gebaut sein, er enge zu sehr ein.</p> + +<p>Das war unangenehmer Bescheid von der +eigenen Frau. Tobler, der einsah, daß er gewisse +Dinge außer acht gelassen hatte, ging sofort daran, +die nötigen Änderungen zu treffen, indem er am +Zeichentisch ein paar neue Bestandteile rasch entwarf, +um die Muster alsobald an die Schreinerei +senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger +Umänderungen, und der Stuhl konnte dann um +so energischer in Fabrikation genommen werden. +Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschäfte, +sie seien gespannt auf die Zusendung +eines ersten, kompletten Exemplares.</p> + +<p>Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man +stund mit einer ganz neubegründeten Unternehmungsgesellschaft +in Verbindung, man hatte ausführlich Offerte +eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung +des Geschäftsherrn, da dies gewünscht worden war. +Man hoffte!</p> + +<p>Inzwischen war das elektrische Licht im ganzen +<span class="pagenum"><a name="Page_296">296</a></span>Hause vom Werk aus abgestellt worden, aus Gründen, +die auch allen andern Lieferanten verboten, +weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in +den Abendstern fließen zu lassen. Die Nachricht von +der plötzlichen Ausschaltung des elektrischen Stromes +machte Tobler beinahe krank vor Wut und veranlaßte +ihn, den Herren vom Elektrizitätswerk einen +ebenso ohnmächtig zornigen wie überflüssig groben +Brief zu schreiben, bei dessen Empfang und Lektüre +diese Leute, allen voran der Direktor der Anstalt, in +gutmütig-verächtliches Lachen ausbrachen. Zwangshalber +mußte man sich nun im Hause Tobler wieder +einmal der bescheidenen Petroleumlampen bedienen, +an welches Licht sich alle, außer Tobler, auch rasch +gewöhnen konnten. Dieser aber vermißte zu sehr, +wenn er nachts spät nach Hause kam, den Anblick +seiner geliebten elektrischen Verandalampe, die ihm +jeweilen als das schönleuchtende Wahrzeichen und +als der hellschimmernde Beweis der sicheren Fortexistenz +seines Hauses vorgekommen war. Der +Schmerz um das hellere Licht verband sich in seiner +Brust mit der großen übrigen Wunde und trug +dazu bei, seine Gemütsstimmung noch mehr zu verdunkeln, +derart, daß der jähe Wechsel seiner Laune +für alle Mitwohner das täglich zu kostende Brot +wurde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_297">297</a></span> +Jetzt aber mußte in allererster Linie eine Summe +Geldes beschafft werden, koste es was es wolle. Die +dringendsten Verpflichtungen wenigstens mußten beseitigt +werden, so galt es eines Morgens, der Mutter +Toblers, einer vermögenden, aber hartnäckigen und +in ihren Grundsätzen als unerschütterlich bekannten +Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar folgenden:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Liebe Mutter!</p> + +<p>Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu +Ohren gekommen sein, in welch elender Lage ich +mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem Haus +wie der gefangene Vogel unter den stechenden und +zum voraus schon tötenden Blicken der Schlange. +Ich bin von Gläubigern derart umgeben, daß, wenn +das Freunde und Gönner wären, ich zu den reichen +und allbeliebten Menschen zählen müßte; aber leider +sind es die unbarmherzigsten Leute und ich der +Bedrängteste der Menschen. Du hast mir, liebe +Mutter, früher auch schon mehr als einmal aus der +Klemme geholfen, ich weiß es, und ich bin Dir +allezeit im stillen dankbar dafür gewesen, so bitte +ich Dich denn, und zwar dringendst, und so, wie +Menschen bitten, denen das Messer der öffentlichen +Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal +noch aus der Verlegenheit und sende mir umgehend, +<span class="pagenum"><a name="Page_298">298</a></span>wenn es Dir irgendwie möglich ist, wenigstens einen +vorläufigen Teil der Gelder, die ich nach allem, was +Recht heißt, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter, +versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, daß +ich vollkommen von Deinem guten Willen abhängig +bin, ich sehe auch ein, daß Du mich ins Verderben +stürzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest +Du das wollen können? Gegenwärtig ist auch noch +meine Frau krank, Deine Tochter. Sie liegt im Bett +und wird es so rasch nicht wieder verlassen dürfen, +ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es überhaupt +eines Tages wird verlassen können. Du siehst, auch +das noch! Was soll ein Geschäftsmann, der dermaßen +von Schlägen und Stößen getroffen worden +ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer einigermaßen +gewußt mich über dem Wasser zu halten, +jetzt aber bin ich in der Tat am Rande der absoluten +Unmöglichkeit, mich ferner zu halten, angekommen. +Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, +eines schönen Morgens oder Abends, in der +Zeitung steht, Dein Sohn habe sich das Le – – – +doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz auszusprechen, +denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke +mir unverzüglich das Geld. Auch das ist keine +Drohung, nur eine Mahnung, aber eine sehr ernste. +Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld mehr, +<span class="pagenum"><a name="Page_299">299</a></span>und an den Gedanken, daß die Kinder über kurz +oder lang nichts mehr werden zu essen haben, bin +sowohl ich wie meine Frau längst gewöhnt. Ich +schildere Dir meine Zustände nicht wie sie sind, sondern +so, wie ich sie sehen will, um den Anstand +der Sprache zu bewahren. Meine Frau grüßt Dich +herzlich und umarmt Dich, ebenso Dein Sohn</p> + +<p class="right">Karl Tobler.</p> + +<p>Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom +endlichen Gelingen meiner Unternehmungen felsenfest +überzeugt. Die Reklame-Uhr bewährt sich, verlaß +Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehülfe +verläßt mich, wenn er seinen rückständigen Gehalt +jetzt nicht ausbezahlt erhält.</p> + +<p class="right">Der Obige.</p></div> + +<p>Während Tobler diesen Brief an seinem Pult +aufsetzte, richtete der Angestellte an seinem Schreibtisch +die Mündung des Korrespondenzgeschützes auf +einen Bruder von Tobler, einen in angesehener +Weltstellung in einem entfernteren Landesteil lebenden +Regierungsbaumeister, indem er demselben, +gemäß den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen, +ans Herz legte, wie miserabel es im +Abendstern hergehe und daß es allerhöchste Zeit +sei usw.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_300">300</a></span> +»Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich +werde unterzeichnen, oder nein, halt, der Brief muß +so abgefaßt sein, als würden Sie ihn aus eigenem +Antrieb und Interesse für Ihren Prinzipal geschrieben +haben. Schreiben Sie ihn anders und +unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als schrieben +Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehört? Ich +stehe mit meinem Bruder nicht gut, Sie aber sind +ihm ein vollständig Fremder. Machen Sie rasch. +Ich muß überlesen, was Sie da aufsetzen. Und +dann muß ich zum Bahnhof.« –</p> + +<p>Tobler lachte und sagte:</p> + +<p>»Das sind Kunststücke, mein lieber Marti, aber +man muß sich in Gottesnamen zu helfen wissen. +Schreiben Sie das nur auch gleich meinem noblen +Herrn Bruder, das von Ihrem rückständigen Gehalt. +Und dann wollen wir beide jetzt sehen, ob +die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine Mutter +wird schon müssen. Andernfalls – – und vergessen +Sie nicht, die ganze Reklame-Uhr-Geschichte +noch einmal mit sauberer Schrift übersichtlich zusammenzustellen. +Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens +noch da. Nun holt uns entweder der Teufel +oder wir brechen durch.«</p> + +<p>»Wie diesen Mann die Hoffnungen und ›Kunststücke‹ +hinreißen,« dachte Joseph.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_301">301</a></span> +Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler +wieder aufstehen. Es war auch gut, denn die Pauline +bedurfte einer regierenden Hand in der Tat. +Sie hatte angefangen, nachlässig zu werden. Die +Frau erschien wieder, mit einem dunkelblauen Hauskleid +lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing leise +an, sich den häuslichen Geschäften und Sorgen +wieder zu widmen. Sie trat leise und schön auf, +und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt still zu +lächeln. Ihre Stimme war dünner geworden, ihre +Bewegungen kürzer und furchtsamer, und ihre Augen +schauten nach allen Seiten umher wie neugierige +Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schöne +Sanftheit über ihr ganzes Betragen geworfen, sie +sah aus, als hätte sie sich von nun an nie mehr +ereifern, als hätte sie niemals mehr für irgend etwas +Partei ergreifen können. Mit ihrer Dora verfuhr +sie natürlicher, nicht mehr gar so zuckerig, die Konditorei +hörte ein bißchen auf zu blühen, und die +Silvi konnte sie anschauen, ohne daß ihr der offenbare +Zorn ins Gesicht schoß, was vorher beinahe +jedesmal der Fall gewesen war. Sie schien im +allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens +abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas +Edlerem und Schlichterem als sonst aus, man schaute +sie an und empfand so, und sie selber glaubte auch +<span class="pagenum"><a name="Page_302">302</a></span>so empfinden zu müssen. Das Gesicht drückte Kummer +aus, aber auch Freundlichkeit und Gelassenheit +und etwas beinahe hoheitsvoll Mütterliches. »Ich +bin wieder einigermaßen gesund, Gott sei Dank!« +schienen alle ihre kleinen Gebärden zu sagen, und +diese Sprache mußte eine tiefe und wahrhaftige +sein, denn Bewegungen und Manieren können nicht +gut lügen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als +läge auf ihm noch das erregte Zucken früherer unschöner +Aufregungen, aber im großen ruhigen Auge +lag es und leuchtete es klar geschrieben: »Ich bin +ein wenig besser, feiner und überlegener geworden. +Seht mich an. Nicht wahr, ihr merkt es?« – Ihre +Hände griffen behutsam nach den Handarbeiten oder +Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob +diese Hände die Gabe des Nachdenkens bekommen +hätten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu +sagen: »Wir denken jetzt über manches, manches +viel ruhiger und offener nach. Wir sind zarter geworden.« +– Ja, die ganze Frau Tobler war ein +wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.</p> + +<p>Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das +war tüchtig geheizt worden. Sie schaute durch die +Fensterscheiben hinaus. Draußen lag alles im undurchsichtbaren +Nebel. Wie schön das war, daß +man gar nichts sehen konnte. Wie gemütlich es +<span class="pagenum"><a name="Page_303">303</a></span>hier drinnen war. Einen Augenblick lang flatterte +ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen +Augen, sie sah es in Gedanken ganz ruhig an mit +einem: Nun ja! und es verschwand wieder. Dann +dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstädtische +Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und +sie mußte leise lachen. Sie wischte ein bißchen den +Staub von den Möbeln, aber sie rührte die Möbel +eigentlich mehr nur so an, als würde sie dieselben +haben liebkosen und grüßen wollen. Wie ihr alles +lieb und neu war. Diese paar Tage! Und diese +paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles +in eine fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen. +Es lag alles in einem eigentümlichen, verkleinernden, +verzierlichenden Schimmer, es schwindelte ihr +ein wenig, sie setzte sich.</p> + +<p>Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. +Es war längst zu kalt im Hundehaus geworden. +Nur während der Nacht mußte er draußen liegen.</p> + +<p>Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht +heizen konnte, fing es an unleidlich kalt zu werden, +so verbrachte Joseph die Abende und manchmal +halben Nächte unten in der Wohnstube, meistens +allein mit der Frau, die jetzt kaum noch jemanden +zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die alte +Dame und das Fräulein, waren mit Toblers infolge +<span class="pagenum"><a name="Page_304">304</a></span>eines Meinungs- und Rechtsstreites böse geworden. +Es handelte sich um einen kleinen, an +beide Nachbargüter anstoßenden Grundstücksecken, +den jeder von beiden Parteien beanspruchte. Die +Sache war zu geringfügig, um vor Gericht getragen +zu werden, aber sie machte böses Blut, es entstanden +Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige +freundnachbarliche Verkehr hörte eben auf. +Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder über +den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler +gesagt. Die Freundschaft war damit bündig gebrochen. +Überhaupt, von welchen Personen hatte +nicht Tobler ähnliches gesagt? Fast die meisten +»sollten es nur noch einmal wagen, den Fuß auf +Toblersches Terrain zu setzen, dann würden sie schön +ankommen!« –</p> + +<p>So saß man an den langen Abenden allein. +Die Lampe beleuchtete meistens zwei Köpfe, den +der Frau und den des Gehülfen, der ihr Gesellschaft +leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, +das aufgeschlagen auf <ins title="den">dem</ins> Eßtisch lag.</p> + +<p>Es vergingen einige Tage. Sie wurden in +allen ihren Stunden empfunden, diese Tage. Man +zählte sie, man rechnete mit ihnen, denn es war +nicht gleichgültig, ob sie rasch oder langsam dahingingen, +hing doch das Bestehen des Hauses Tobler +<span class="pagenum"><a name="Page_305">305</a></span>nur noch von Tagen ab. Man verlernte es, an +Monate oder Jahre zu denken, oder man verkürzte +die Gedanken-Monate und -Jahre und veranlaßte +die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen, und +man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die +Tage gaben. Ein Geräusch war wichtig, denn es +konnte der Briefbote sein, der eine neue, sorgenvolle +Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines +Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Töne +waren wichtig, denn es konnten die Töne der Haustürklingel +sein, und es konnte jemand kommen, der +Betrübliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig, +denn er konnte bedeutend sein: »Heda, Herr Tobler +und Frau,« konnte diese Stimme rufen, »rasch mit +euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten +aller Menschenstätten. Sputet euch, denn es +ist Zeit. Ihr habt's lange genug schön gehabt.« – +Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein Ruf +sein. Aber auch die Farben waren wichtig, das +Gesicht des Tages, die Züge und Gebärden dieser, +wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen von +den letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen +und von der Art, wie man es machen mußte, um +auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein. Sie +redeten so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs +zornig auf das Haus Tobler, im Gegenteil, sie +<span class="pagenum"><a name="Page_306">306</a></span>schienen es von hoch und von fern, in Gestalt von +Wolken und Genien, beschirmen, ihm zulächeln und +es trösten zu wollen. Diese Tage glichen der Frau +Tobler beinahe ein wenig. Auch die Tage schienen +krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso +blasses und weiches Aussehen wie die Frau, um +die herum sie sich in der unabänderlichen Reihenfolge +ablösten.</p> + +<p>Aber Frau Tobler war nach und nach wieder +die frühere Frau Tobler geworden. Je mehr sie +gesundete, desto mehr glich sie wieder sich selbst. +Es wäre ja auch gar zu sonderbar zugegangen, +wenn sie plötzlich eine andere hätte werden können. +Nein, so rasch sprang eine lebendige Menschennatur +nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafür war +gesorgt, daß das nicht geschehen konnte, und wie! +Daß die Frau milder ausschaute, das war nur, weil +sie sich noch schwach fühlte.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Eines Abends während dieser Zeit saßen die +Beiden, die Frau und der Gehülfe, bei der Lampe, +im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise. +Wann war er denn überhaupt nicht auf der Reise? +Auf dem Tisch, neben jeder der zwei Personen stand +ein halb gefülltes Glas Rotwein. Sie spielten +Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck +<span class="pagenum"><a name="Page_307">307</a></span>ihres Gesichtes war infolgedessen heiter. Sie +pflegte immer zu lachen, wenn sie beim Kartenspielen +gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie ließ +ein naiv-schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund +springen, das vielleicht zu einer andern Zeit den +Partner geärgert hätte. Aber Joseph trank einen +Schluck Wein auf den Verlust hinab, und beide +setzten das Spiel fort, indem Frau Tobler die Karten +von neuem zu mischen begann. Nach ungefähr +einer Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas +lesen, in dem Buch, das ihr der Gehülfe heute aus +dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde unterbrochen, +die Frau begann gleich zu lesen, während +Joseph sich, unlustig, eine Zeitung oder ein Buch +zur Hand zu nehmen, auf das Ruhebett setzte und +anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien +sich ganz und gar in die Geschichte, die das Buch +enthielt, versenkt zu haben. Mit der einen Hand +strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfältig über die +scheinbar tief nachdenkende Stirne, während ihr Mund +sich still aber unruhig zu bewegen begann, als habe +er etwas zu den Geschehnissen der Lektüre mitzusagen +gehabt. Einmal stieß sie sogar einen leisen aber +kummervollen Seufzer aus und atmete hörbar mit +der Brust auf und ab. Wie das still und sonderbar +anzuschauen war! Joseph versank immer mehr +<span class="pagenum"><a name="Page_308">308</a></span>in die Betrachtung der Leserin, und es war ihm, +als lese auch er in einem großen, geheimnisvoll-spannenden +Buch, ja es war ihm, als lese er geradezu +im selben Buch wie Frau Tobler, deren +Stirne, die er aufmerksam ansah, ihm den Inhalt +desselben auf merkwürdige Weise zu vermitteln und +zu erklären schien.</p> + +<p>»Wie still sie liest,« dachte er, sie noch immer +betrachtend. Plötzlich schaute sie vom Buch auf, +großen Auges zu dem Gehülfen hinüberschauend, +als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer weitentfernten +Welt gewesen, und als habe das Auge +Mühe gehabt, sich zu entsinnen, was das sei, was +es jetzt sah. Sie sagte:</p> + +<p>»Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit +über, während ich gelesen habe, an, und ich merke +nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn +das? Ist es Ihnen nicht zu langweilig?«</p> + +<p>»Nein gar nicht,« erwiderte er.</p> + +<p>»Wie doch so ein Buch fesselt,« bemerkte sie +und las weiter.</p> + +<p>Nach einer Weile schien sie müde geworden zu +sein. Die Augen mochten ihr ein bißchen weh tun. +Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie schloß aber +das Buch noch nicht, als überlege sie, ob sie noch +fortfahren solle oder nicht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_309">309</a></span> +»Frau Tobler!« sagte Joseph ruhig.</p> + +<p>»Was?« fragte sie.</p> + +<p>Sie schloß ihr Buch und schaute nach dem Angestellten +hinüber, der ihr, wie es schien, etwas Besonderes +zu sagen hatte. Aber es verging eine +halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph +zögernd, er sei unvorsichtig. Da habe er ihr etwas +ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe bemerkt, +daß sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden +sei, und daß sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmütigen +Gesichtsausdruck zur Schau trage. Plötzlich +sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die +er schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie +anzusprechen, und nun fehle ihm wieder einmal +der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund +nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau +Tobler schon vor Wochen einmal zu ihm gesagt habe, +nämlich, daß er ein komischer Mensch sei. Das was +er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des +Anhörens wert. Sie solle ihm erlauben, schweigen +zu dürfen.</p> + +<p>Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den +Gehülfen, sich näher zu ihr zu setzen und zu reden. +Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen. +Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen +an, um sie auf Dinge neugierig zu machen, die dann +<span class="pagenum"><a name="Page_310">310</a></span>nicht kämen. So etwas sei feig oder gedankenlos. +Sie höre.</p> + +<p>Joseph hatte sich auf ihr Geheiß an den Tisch +gesetzt und sagte, das, was er zu berichten habe, +handle von der Silvi.</p> + +<p>Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er +fuhr fort:</p> + +<p>»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen +rund herauszusagen, wie abscheulich mir die Behandlungsweise +vorkommt, die man für dieses Kind +übrig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als +einen Wink, den mir Ihre Güte erteilt, fortzufahren. +Sie begehen ein großes Unrecht an dem kleinen +Wesen. Was soll aus diesem Geschöpfchen später +werden? Wird es je den Mut und die gehörige +Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches Betragen +zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern +muß, daß man es in seiner Jugend unmenschlich +erzogen hat? Was ist das für eine Erziehung, +ein Kind einer rohen und dummen Magd, +einer Person, einer Pauline auszuliefern? So etwas +müßte die Klugheit verbieten, auch dann noch, +wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil +ich darüber nachgedacht habe, weil ich so manchen +Tag gesehen habe, was mir aufrichtig weh getan +hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau +<span class="pagenum"><a name="Page_311">311</a></span>Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspüre. +Ich bin grob, nicht wahr? So sind eben zuweilen +komische Menschen. Doch nein. Ich möchte ganz +anders zu Ihnen reden. Es paßt sich nicht so. +Ich habe schon zu viel gesagt, und es kommt heute +kein Wort mehr über meine Lippen.«</p> + +<p>Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, +endlich sagte Frau Tobler, ihr sei schon lange +auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache, +sich wegen Silvi Vorwürfe zu machen. Das alles +komme ihr übrigens jetzt so sonderbar vor. Der +Gehülfe aber brauche keine Angst zu haben, sie verzeihe +ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe +ja, er meine es gut.</p> + +<p>Sie schwieg wiederum. Später bemerkte sie, +sie liebe eben das Kind nicht.</p> + +<p>»Warum nicht?« fragte Joseph.</p> + +<p>Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, +unüberlegte Frage vor. Sie liebe eben Silvi nun +einmal nicht und möge sie nicht ausstehen. Ob man +sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen +könne, und was das für ein Gefühl sei, solch ein +erzwängtes und hervorgewürgtes? Was sie dafür +könne, wenn es sie mit eisernen Schlägen und Hämmern +von der Silvi fortjage, sobald sie sie nur von +weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr so süß +<span class="pagenum"><a name="Page_312">312</a></span>sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar +nicht zu erfahren, und wenn auch; würden ihr die +treffenden Antworten auf solche, wie ihr scheine, +überflüssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen +können? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, daß +sie Unrecht begehe. Schon als ganz kleines Kind +habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen angefangen. +Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es +bezeichne das Gefühl, das sie mit dem Kind verbinde, +ausgezeichnet. Sie wolle probieren, in den +nächsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig +mit dem Herzen anschließen könne, aber sie hoffe +wenig von solchen Versuchen, Liebe lasse sich nicht +erlernen, die habe man und empfinde man, oder +man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben, +das heiße, glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. +Aber sie wolle versuchen, und nun wünsche sie, zu +Bett zu gehen, sie fühle sich recht müde.</p> + +<p>Sie stund auf und ging zur Türe. An der +Schwelle drehte sie sich um und sagte:</p> + +<p>»Ich hätte es bald vergessen – gute Nacht, +Joseph. Wie zerstreut ich bin. Löschen Sie die +Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen. +Tobler wird wohl noch lange nicht kommen. Sie +haben mir heute abend das Herz ein wenig erschwert, +aber ich bin Ihnen nicht böse.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_313">313</a></span> +»Ich wollte, ich hätte geschwiegen,« sagte Joseph.</p> + +<p>»Machen Sie sich keine Gedanken.«</p> + +<p>Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf.</p> + +<p>Der Gehülfe blieb mitten im Zimmer stehen. +Nach kurzer Zeit erschien Tobler. Der andere sagte:</p> + +<p>»Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da +mir zu sagen erlauben wollte: ich habe vor einer +halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen, Ihrer +Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will +Ihnen das zum voraus bekennen. Ihre Frau Gemahlin +wird sich veranlaßt fühlen, sich über mich +zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten, +Dinge letzten und allerletzten Gewichtes. Ich bitte +Sie höflichst, keine so großen Augen machen zu +wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein +Mund noch ich etwas Verzehrbares, es gibt nichts +zu essen an meiner Person. Was den Ton dieser +Sprache betrifft, so erklärt sich dieser daraus, daß +er von einem wütenden Gemüt diktiert wird. Wäre +es nicht besser, Sie jagten Ihren kuriosen Herrn +Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus? +Ihre Frau mißhandelt das ganze Jahr lang +ungestört die Silvi. Wo haben Sie Ihre Augen? +Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer? +Gute Nacht, gute Nacht, ich glaube, ich habe es +nicht mehr nötig, zu warten und zu hören, was +<span class="pagenum"><a name="Page_314">314</a></span>Sie auf eine so sonderbare Aufführung erwidern. +Ich darf annehmen, ich bin entlassen.«</p> + +<p>»Sind Sie betrunken? He!«</p> + +<p>Tobler rief umsonst. Der Gehülfe war bereits +die Treppen hinaufgestiegen. Vor der Türe des +Turmzimmers blieb er plötzlich stehen: »Bin ich +ganz toll?« Und er lief so schnell er vermochte +wieder die Stufen hinunter. Herr Tobler saß noch +im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie vorhin die +Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es täte +ihm leid, sich in unziemlicher und unsinniger Art +und Weise benommen zu haben, er bereue, aber er +bemerke, daß er – noch nicht entlassen sei. Wenn +Herr Tobler noch Geschäftliches zu besprechen habe: +Joseph stehe zur Verfügung.</p> + +<p>Tobler schrie so laut er konnte:</p> + +<p>»Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein +verrückter Kerl. Diese verdammten Bücher!«</p> + +<p>Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmiß +es zu Boden. Er suchte nach beleidigenden Worten +in seinem Gedächtnis, fand sie aber nicht. Teils +sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils +wieder zu viel. »Räuber« schwebte ihm auf der +Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar nicht beleidigen. +Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung +keine Grenzen. Er hätte sagen mögen +<span class="pagenum"><a name="Page_315">315</a></span>»Hund«, aber dieses Wort machte dann wieder alle +Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich außerstande +sah, seinen Gegner in <ins title="anstäniger">anständiger</ins> Weise niederzuwerfen. +Schließlich lachte er. Nein, er brüllte.</p> + +<p>»Machen Sie, daß Sie sofort hinauf in Ihr +Nest kommen.«</p> + +<p>Joseph hielt es für das Geratenste, sich zu +entfernen. Oben angelangt, blieb er im Zimmer +stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu können. +Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht +vor dem Bewußtsein: Er hatte seinen Gehalt noch +nicht und gestattete sich – solche Torheiten. – Wie +würde das morgen werden? Er nahm sich vor, +sich der Frau zu Füßen zu werfen. Wie unsinnig! +Von der Unmöglichkeit, denken zu können, gepeinigt, +trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine +trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und +glitzerte und fror voller Sterne. Es war, als ob +die Sterne alle Kälte, die herrschte, auf die Erde +hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstraße ging +noch ein Mensch. Die Schuhe klapperten metallen +auf den Steinen. Alles da draußen schien von +Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht +selber schien zu tönen, zu klirren. Joseph dachte +an Schlittschuhe, dann an Erz, dann plötzlich an +Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er +<span class="pagenum"><a name="Page_316">316</a></span>hatte das Gefühl von einem leisen Freundschaftsempfinden +für diesen Menschen. Dem begegnete +er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo? +Er trat in sein Zimmer zurück und zog sich aus.</p> + +<p>In diesem Augenblick ertönte ein Schrei Silvis.</p> + +<p>»Da wird die Kleine wieder aus dem Bett +gezogen. Hu, wie kalt,« dachte er. Er horchte noch +eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hörte nichts +mehr und schlief ein.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins +Bureau hinunter. Er dachte: »Wird man mich +fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?«</p> + +<p>Ja, er fühlte, wie lieb es ihm geworden war, +und er dachte weiter:</p> + +<p>»Wie ist es mir möglich, zu leben, ohne Dummheiten +zu begehen? Und in diesem Haus konnte +ich so hübsch Dummheiten begehen. Wie wird es +anderwärts hiermit bestellt sein? Und wie kann +ich daran denken, zu existieren, ohne von Toblers +Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo satt +zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? +An andern Orten ist das Essen so langweilig, +so ganz und gar das Gegenteil von üppig! +Und in wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten +will ich mich nachher schlafen legen? Unter einen behaglichen +<span class="pagenum"><a name="Page_317">317</a></span>Brückenbogen wohl! Gemach! Ach Gott, +sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich +fortfahren zu atmen ohne die Gegenwart dieser +auch im Winter reizenden, landschaftlichen Gegend? +Und wie will ich mich dann abends unterhalten, +wie jetzt mit der lieben, prächtigen Frau Tobler? +Wem Grobheiten sagen? Nicht alle Menschen nehmen +sie so besonders, so eigen, so schön in Empfang. +Wie traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo +wird eine Lampe brennen, so zärtlich, und wo ein +Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie +Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht +mich das mutlos. Und wie können meine Gedanken, +ohne alltägliche Gegenstände wie Reklame-Uhr, +Schützenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine +zu haben, ferner auskommen? Ja, das wird mich +unglücklich machen, ich weiß es. Ich bin hier gebunden, +ich lebe hier. Wie sonderbar anhänglich +ich bin! Und Toblers tiefe, grollende Stimme, wie +bitter werde ich ihren Klang entbehren. Warum +kommt er noch nicht? Ich möchte wissen, woran ich +bin. Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch +ein Sommer mich in die üppigen, grünen Arme +und an die blühende und duftende Brust drücken, +wie der war, den ich hier oben habe erleben und +genießen dürfen? Wo, in welcher Gegend der Welt, +<span class="pagenum"><a name="Page_318">318</a></span>gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline? +Obschon ich mich mit ihr des öftern gezankt +habe, gehört auch sie schließlich mit zu dem Schönen. +Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte ich ›kopflos‹ +sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. +Ich möchte wissen, an welchen Orten der zivilisierten +Welt das sonst noch gestattet wäre? Und der Garten, +den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo +gibt man mir das? Menschen wie ich genießen +sonst nirgends die Annehmlichkeit und den Zauber +von Gärten. Bin ich verloren? Mir ist elend zumut, +ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen +rauchen müssen. Auch das wird mir fehlen. Sei +es.« –</p> + +<p>Als er auch noch an die Fahne im Sommer +dachte, sah er sich genötigt, zu grinsen, um nicht +plötzlich wie ein Schwächling weinen zu müssen. +Dann trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal, +ordentlich guten Morgen sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen.</p> + +<p>Nichts dergleichen!</p> + +<p>Joseph setzte seine demütigste und dienstfertigste +Miene auf, er war unbeschreiblich froh, daß +es noch nicht »so weit« war. Er setzte sich geradezu +leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden +geschäftlichen Aufgaben, und er drehte sich +<span class="pagenum"><a name="Page_319">319</a></span>alle Augenblicke auf seinem Stuhl um, damit er +sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler +tat das Gewöhnliche.</p> + +<p>Was er da gestern für einen Anfall gehabt +habe? frug der Chef in unglaublich freundlichem +Tone.</p> + +<p>»Ja, das war dumm,« sagte der Gehülfe, bescheiden +und beschämt lächelnd.</p> + +<p>Er brauche nicht zu ängsten. Seinen Gehalt +kriege er schon, brummte Tobler.</p> + +<p>»O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene +ihn nicht.«</p> + +<p>»Dummheiten,« sagte Tobler, »ich bin, einige +Kopflosigkeiten, die Sie sich haben zuschulden kommen +lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen. +Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung +ich mich beworben habe, so bleiben wir +hoffentlich auch dann noch zusammen. Man wird +in diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen +können.«</p> + +<p>Später ging der Chef.</p> + +<p>Dora war an diesem Tage krank geworden, +nicht ernstlich. Es war nur eine kleine Erkältung, +aber diese genügte, um das Mädchen zu pflegen, +als wäre ihr letzter Tag herangekommen. Dora +lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, und als Joseph +<span class="pagenum"><a name="Page_320">320</a></span>zufällig sagte, er wolle zur Post gehen, es war +gegen Abend, mußte er Dora versprechen, ihr ein +paar Orangen oder Apfelsinen aus einer Spezereihandlung +mitzubringen, was er denn auch tat.</p> + +<p>Während des Nachtessens redete Frau Tobler +beständig zu der kleinen, reizenden Unpäßlichen +hinüber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi +machte große Augen und hielt den Mund sperrangelweit +offen, als dächte sie darüber nach, wie +es zugehe, daß man so reizend krank sein könne. +Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War +das nichts für sie? Mußte die Natur ihr diesen +hübschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering, +eine kleine Erkältung bekommen zu dürfen? +Sie wäre so gern einmal zärtlicher als sonst, ja +nur einmal ein bißchen wärmer und milder als +sonst behandelt worden. Die Dora! Nein! Silvi +schaute ihr Schwesterchen betrübt und erstaunt an, +als wäre sie nicht imstande gewesen, es sich zu erklären, +wie die da so schön krank daliegen konnte.</p> + +<p>»Tu den Löffel aus dem Mund, Silvi. Ich +kann das nicht ausstehen!« sagte Frau Tobler. Ihr +Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen +bekommen zu haben, eine liebliche und glatte für +Dora, und eine darunter liegende gerunzelte und +strenge für Silvi. Gleichzeitig schaute die Frau +<span class="pagenum"><a name="Page_321">321</a></span>kurz den Angestellten an, als forsche sie auf dessen +Gesicht nach dem, was er dazu etwa denken oder +sagen mochte. Aber Josephs Gesicht lächelte zu +Dora hinüber.</p> + +<p>Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen +richten eben ihre Augen mit Vorliebe dorthin, +wo das Schöne und Wohlgestaltete zu sehen ist, +nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem +Kaffeelöffel in einem ausdruckslosen Mund herumgerührt +wird.</p> + +<p>Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den +schneeweißen Bettkissen heraus, auf denen verstreut, +und Höhlen in den Flaum eindrückend, die mitgebrachten +Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende, +üppige Kindermund. Diese kleinen, aber beinahe +schon bewußt schönen und graziösen Bewegungen. +Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses Vertrauen! +Ja, Dora, du durftest vertrauen, <ins title="da">du</ins> sahest jeden +Moment aus deiner Frau Mama Gesicht Güte dir +entgegenstrahlen.</p> + +<p>Wie arm war da Silvi. Würde dieses Mädchen +je auf den Gedanken gekommen sein, zu wünschen, +man solle ihr Orangen aus den Delikateßwarengeschäften +mit nach Hause bringen? Unter +keinen Umständen. Dazu wußte sie viel zu gut, +wie sehr jedermann geneigt war, ihre Bitten abzuschlagen. +<span class="pagenum"><a name="Page_322">322</a></span>Ihre Bitten waren auch gar keine Bitten, +sondern nur gestammelter Neid. Sie bat erst, wenn +Dora längst ihr gewünschtes hatte. Nie kam sie +auf einen ersten Wunsch. Die Wünsche Silvis waren +alle Wunschkopien, ihre Einfälle waren keine +Einfälle, sondern nur Nachahmungen von solchen, +die Dora zuerst gehabt hatte. Ein echtes Kinderherz +nur kommt auf frische Einfälle, ein verprügeltes +und verachtetes niemals. Die wahre Bitte ist immer +ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie das wahre +Kunstwerk. Silvi war eben nun einmal zweiten, +dritten, vielleicht sogar siebenten Ranges. Alles +was sie sagte, war aus falschem Tone geschmiedet +und gebacken, und alles was sie tat, war altbacken. +Wie alt Silvi bei ihren blütenjungen Jahren schon +war. Welches Unrecht! –</p> + +<p>Joseph hatte das einen Moment überdacht, +während er Dora anschaute. Wenn man die anschaute, +konnte man sich ein klares Bild von ihrem +Gegenstück machen, und man hatte dann gar nicht +nötig, die prüfenden und vergleichenden Augen erst +noch lange auf Silvi zu werfen.</p> + +<p>Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen +Kinder! Joseph hätte aus dem Grund seines Denkens +heraus hörbar seufzen mögen. Als Dora jetzt +in ihr richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden +<span class="pagenum"><a name="Page_323">323</a></span>sollte, trat er zu ihr hin und war so betroffen von +dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, daß er +nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu +küssen. Mit diesem Huldigungskuß wollte er gleichsam +die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art und +auch die Silvi-Art. Aber wie hätte er der zweiten +Art tatsächlich huldigen können? Unmöglich! So +versuchte er, wenigstens in Gedanken der jungen +Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Tröstendes +und Achtungsvolles zu sagen, indem er das +Unausgesprochene mit seinem Mund auf die Hand +der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drückte.</p> + +<p>Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand +ihren Beifall. »Ein kurioser Mensch, dieser Marti!« +dachte sie, »da hat er mich gestern der Silvi wegen +ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb +verliebt in die Dora.« – Sie lächelte gnädig und +sagte zu Dora, da müsse sie aber in Zukunft ihre +Hände säuberlicher halten, wenn sie ferner solche +Küsse darauf bekommen wolle und lachte.</p> + +<p>Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem +Gesicht gute Nacht sagte, sie solle sich besser +zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr geben, +streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu +ihr. Es sei ein Jammer, wie man sie behandeln +und immer wieder strafen müsse. Sie erwarte jetzt +<span class="pagenum"><a name="Page_324">324</a></span>einmal gehörig Besserung. Silvi werde auch älter. +Marsch. Sie solle gehen.</p> + +<p>Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache +liebreich klingen wollen, dann aber, als sei ihm die +Milde unpassend und unmöglich vorgekommen, war +er in die Härte hinübergesprungen, in Abstufungen, +bis er zuletzt selber in einem gebieterischen »Marsch« +sich abbrach.</p> + +<p>Als die vier Kinder fort waren, wurde ein +»Jaß« angefangen. Der Gehülfe hatte jetzt schon +eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der Übung +dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann +fast fortwährend, was ihn veranlaßte, ganz +besonders vorsichtig seine Worte zu wählen, da er +die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten +hervorzubrechen pflegte, genau kannte. Sie spielten +eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit wieder an den +Rotweingläsern nippend, wie am Vorabend. Plötzlich +sagte Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:</p> + +<p>»Wissen Sie es schon, Marti, daß mein Mann +mich zu meiner Schwiegermutter schickt? Ja, es ist +so, und ich werde mich morgen früh auf die Bahn +begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir +müssen ja jetzt das Geld haben, sonst sind wir verloren, +und sie schickt nichts. Sie ist sehr geizig, wenigstens +<span class="pagenum"><a name="Page_325">325</a></span>hält sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie +werden sich denken können, wie unangenehm mir +eine solche Fahrt jetzt ist, aber es muß sein. Diese +Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen +habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten +müssen, ja Marti! Und sie wird kalt zu mir sein, +von oben herab, das fühle ich nur zu deutlich. Es +wird so leicht für sie sein, mich zu kränken, mir weh +zu tun, denn schließlich behandelt man ja eine Bettlerin +nicht, wie man mit Glacéhandschuhen jemanden +anrührt. Sie hat mich übrigens von jeher ein wenig +›auf dem Zug‹ gehabt, ich habe das immer +empfunden. Als ob ich von jeher ihrem Sohn, +meinem Mann, nur Unheil gebracht hätte. Und +so wird sie mir jetzt natürlich entgegentreten: wie +einer Sünderin. Sie wird mir die Kleider, die ich +am Leib trage, vorwerfen, die unnötige Eleganz +derselben, den unglaublich überflüssigen guten Schnitt. +Nein, das neue Kleid werde ich schon nicht anziehen +dürfen. Das hat auch keinen Zweck. Eine, +die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen, +ich werde das alte, schwarze Seidenkleid anziehen, +das macht einen sehr unterwürfigen Eindruck. Ja +ja, Joseph, Sie sehen, andere müssen sich auch +zwingen und dulden und herabwinden zur Bescheidenheit. +Es geht eben so, man weiß gar +<span class="pagenum"><a name="Page_326">326</a></span>nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese +Welt!« –</p> + +<p>»Wir wollen hoffen, daß Sie Erfolg haben,« +bemerkte der Gehülfe. Sie fuhr fort:</p> + +<p>»Dafür schickt mich ja auch Tobler, weil er der +Ansicht ist, daß seiner Mutter meine Erscheinung zu +einem solchen schwierigen und heiklen Zeitpunkt angenehmer +sein werde als die seinige. Sonst sehe +ich allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren +könnte. Ein Stück Bequemlichkeit seinerseits +mag ja dabei sein. Die Männer nehmen gern die +gemütlosen und trockenen Geschäfte auf sich. Wo +es sich aber um ein persönlich-innerliches Opfer +handelt, um eine Pflicht und Arbeit herzlichen Charakters, +um rein seelische Überwindungen, da schieben +sie lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewöhnlich: +›Geh du! Du machst das besser als ich!‹ +was man dann noch als eine Art Gnade und Liebkosung +aufzufassen beinahe gezwungen ist.«</p> + +<p>Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das +Wort:</p> + +<p>»Ja, Sie lachen! Übrigens verbiete ich Ihnen +das nicht. Lachen Sie nur. Ich habe ja auch gelacht, +obschon es uns beiden eigentlich ernster zu +Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, daß ich Erfolg +haben werde. Im übrigen, was rede ich da! Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_327">327</a></span>meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug auf +Toblers Geschäfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, +längst aufgegeben. Es ist jetzt einmal so: +das Vertrauen in meines Mannes Geschäftstüchtigkeit +ist in mir gründlich ins Schwanken geraten. +Ich glaube jetzt überzeugt zu sein, daß er nicht genügend +Raffiniertheit, nicht genügend Herzlosigkeit +besitzt, um rentable Geschäfte machen zu können. +Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach +nur den Ton dieser pfiffigen und schlauen Leute +angenommen, das äußere Betragen, die Manieren, +nicht aber zugleich die Fähigkeiten. Gewiß, es muß +einer, der gute Geschäfte macht, deswegen kein +Blutsauger und schlechter Kerl sein. Das ist noch +lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll, +zu rasch, zu gut und zu natürlich empfindend. +Auch zu leichtgläubig ist er. Nicht wahr, +Sie wundern sich, mich dermaßen reden zu hören, +aber glauben Sie mir, wir Frauen, beständig an +die Enge und an die Beschränktheit des Hauses +gebunden, wir denken über mancherlei nach, und +wir sehen auch manches und fühlen manches. Es +ist uns gegeben, die Dinge ein bißchen zu erraten, +da einmal die korrekten Wissenschaften unsere geschwornen +Feindinnen sind. Wir verstehen es, in +den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen +<span class="pagenum"><a name="Page_328">328</a></span>seltsamerweise nie etwas, wir schweigen, denn wir +drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer +so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens +die geschäftsüberladenen Männer nur auf, aber +überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären +uns mit dem allermeisten, was um uns her +und mit uns selber geschieht, einverstanden, reden +nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der Vermutung, +daß wir kleine und untergeordnete Geister +sind, aussetzen und sind immer zufrieden, ich glaube +es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit seinen +Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, +der kleine Finger, der Schuh am Fuß, meine eigene +Nase sagen es mir. Er lebt zu gern gut, und +das dürfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er +ist zu wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine +eigenen Pläne, das untergräbt dieselben. Er ist +ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles +zu gerade, zu plötzlich, deshalb viel zu einfach. Er +ist eine schöne, volle Natur, und solche Naturen +reüssieren mit solchen Unternehmungen nie, oder +fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede.«</p> + +<p>Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches +Lächeln. Sie hatte schon wieder mit Reden angefangen:</p> + +<p>»Meinen Karl fürchten die Menschen und hintergehen +<span class="pagenum"><a name="Page_329">329</a></span>ihn zugleich und lachen ihn hinter seinem +Rücken aus, denn sie gönnen gerade ihm merkwürdigerweise +allen nur erdenklichen Schaden, und +ich glaube deshalb, weil er seinen Wohlstand und +sein Besitztum zu offen und zu ungeniert gezeigt +hat, dermaßen, daß es ihnen in die Augen hat +stechen müssen. Er ist immer naiv genug gewesen, +vorauszusetzen, andere Leute hätten Freude an seiner +Lebensfreude und Lust an der seinigen, was offenbar +ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter +Standpunkt war. Er hat immer mit vollen +Händen gegeben, das ist eine Schwäche gewesen, +verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber unverzeihlich +im Urteil derjenigen Menschen, die von +ihm eben diese verschwenderischen Wohltaten genossen, +mit einem Wort, die von ihm profitiert haben. Er +hat seine besondere Art, ein bißchen barsch und laut +zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglück, Prahlerei. +Wäre er erfolgreich, so würde man zu derselben +Gewohnheit sagen: Schneid! Ja. Nein, mein +Mann würde viel besser getan haben, wenn er sich +nie selbständig gemacht, sich nie auf eigene Füße +gestellt, sondern sich in seiner bescheidenen Stellung +als technischer Angestellter still gehalten hätte. Wir +waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir +kein eigenes Haus, aber was bedarf es dessen, da +<span class="pagenum"><a name="Page_330">330</a></span>doch nur Sorgen in solch ein eigenes Haus kommen? +Nach Feierabend machten wir unsern stillen, hübschen +Spaziergang rund um den Hügel. Es war zu schön, +um es derart eigensinnig von sich wegzuwerfen, +aber eines Tages wurde es eben weggeworfen.«</p> + +<p>»Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler,« +sagte Joseph. Diese Worte schlugen wie mit Flammen +in ihr Gesicht. Sie rief:</p> + +<p>»Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. +So redet man nicht zu der Frau des Geschäftsmannes, +in dessen Bücher man tagtäglich hineinblicken +kann. Auf diese Art soll man nicht schonen +wollen und einer schwachen Frau das Herz mit +Gewichten beladen. Wieso kann noch alles gut +kommen? Gehen Sie zu den Bedrängern meines +Mannes mit dieser fluchwürdigen Redensart. Sie +haben mich wieder einmal unglücklich gemacht. Ich +will gehen und versuchen, dies zu vergessen.«</p> + +<p>Sie lief aus dem Zimmer.</p> + +<p>Der Gehülfe dachte: »Was ist nun da wieder? +Muß es bald jeden Abend eine heftige Szene geben? +Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide, +und bald kracht es wieder aus Toblers Gemüt +heraus. Bald schreit die Silvi, bald bellt der Leo, +bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, daß +wir alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends +<span class="pagenum"><a name="Page_331">331</a></span>vollständig hinten hinüber schnappten. Dann gute +Nacht schönes Haus Tobler! Aber soweit sind wir noch +nicht. Wollen jetzt erst einmal die mütterlichen Gelder +abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen. +So viel wie in diesem Hause ist mir in +meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht gewaschen +worden. Aber auch das mag gut sein. +Übrigens! Habe ich etwa wieder einmal Angst? +Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler +hat wohl heute wieder im Sinn, im ›Segelschiff‹ +zu übernachten. Das gehört scheinbar auch zu +meinen Berufspflichten, daß ich inzwischen hier seiner +Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat +sie keinen bessern Gesellschafter?«</p> + +<p>Er löschte die Lampe und ging zu Bett.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Andern Tages, es war wieder mehr nasses +als kaltes Wetter, und die Luft hing schwer herunter, +sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den +Gartenhügel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. +Tobler begleitete sie ein Stück hinunter, +sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich nicht +etwa wieder zu erkälten in der Eisenbahnwagenzugluft +und dergleichen. Man sah von oben herab +ein Lächeln im Gesicht der Frau, und ein Winken +mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der +<span class="pagenum"><a name="Page_332">332</a></span>Mutter ebenfalls nachwinkte. Wie naß alles war. +Zu dieser Winterzeit hätte es eigentlich trockener +und kälter sein können, dachte man, und dann verschwand +Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen +bis zuletzt verfolgten. Es waren dies Josephs, +Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben und +Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig, +wie er die Herrin fortgehen gesehen hatte.</p> + +<p>Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische +Einbildungskraft hätte versteifen wollen, +dem Weggang einer Königin. Joseph, der Vasalle, +hätte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten +zu uns modernen Menschen hinübergrüßenden getreuen +Untertanen gewesen wäre, bitterlich weinen +müssen, während die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei +ausgestoßen haben würde, wenn sie eine +von denjenigen gewesen wäre, die in alten Zeiten +schöne und hohe Königinnen, wie die Geschichten +lehren, bedient haben. Und der Hund wäre vielleicht +ein Drache gewesen, und die Kinder Königskinder +und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten +eine, die früher immer dabei waren, wenn +es solche traurige Abschiede für immer gab, als es +noch Schlösser, Burgen, Stadtmauern und Tränen +der Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz +anders.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_333">333</a></span> +Hier handelte es sich nicht um eine immerwährende +Verbannung auf eine öde Felseninsel, sondern +nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um +einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. +Auch eine Königin kam hier nicht vor, es +sei denn, man hätte Frau Tobler als die sorgenvolle +Königin des Hauses zum Abendstern empfunden, +was so ganz apart und wunderlich nicht +hätte sein können. Auch keine düstere Heldengestalt, +sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener +Herr Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stück +weit das Geleite, um ihr, auch nicht gerade Trost, +sondern nur einige vernünftige Worte zuzusprechen. +Und von einem besonders betrübten Knecht und +Vasallen war hier ebensowenig die Frage und Rede +als von einer noch fassungsloseren Kammerfrau. +Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen +da, weiter niemand, außer den Kindern, und das +waren weder Königs- noch Fürstenkinder, sondern +schlichte, bürgerliche, wie sie jedes bessere Haus haben +kann. Leo war kein Drache. Er würde eine solche +mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig übel +genommen haben. Alles in allem war es ein Bild +des zwanzigsten Jahrhunderts.</p> + +<p>Es werde sich nun bald zeigen, wessen man +sich zu gewärtigen habe, meinte Herr Tobler, als +<span class="pagenum"><a name="Page_334">334</a></span>er wieder ins Bureau zurückkehrte. Was ihn betreffe, +er werde und müsse durchdringen. Jeder +andere Gedanke sei lächerlich. Was er immer behauptet +habe, das behaupte er auch heute, und +heute erst recht.</p> + +<p>Und er beschäftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. +Die Handelsabteilung schrieb einen Brief +an den Tiefbauingenieur Joël, der sich, wie es schien, +»gewaltig« für dieses Werk interessierte. Die Kinder +spielten und rauften sich im Bureau. Tobler jagte +sie hinaus. Später verließ er das technische Bureau +selber und ging ins Dorf, des Automaten +wegen.</p> + +<p>Ein wenig später ging auch der Gehülfe weg +und zwar zur Post. Auf dem Wege dahin wurden +ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte nachgeschrien. +Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten +nach, was sie dem Chef würden nachgebrüllt +haben, wenn sie den Mut dazu gehabt +hätten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins +Dorf, auf die breitere Straße, und hier begegnete +ihm der, den er eher im Gasthaus zum »Roten +Haus« vermutet hätte, Wirsich.</p> + +<p>»Sie sind wieder hier?«</p> + +<p>Sie schüttelten sich die Hände. Wirsich schaute +ganz vergnügt drein, er sah aus, als wenn ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_335">335</a></span>eben etwas sehr Entgegenkömmliches passiert wäre. +Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden +und zwar in der Kolonialwarenhandlung Bachmann +& Co. Er sei, wie der Gehülfe ihm angeraten +habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten +Offertbriefen in der Tasche, auf die Wanderung, +von Geschäftshaus zu Geschäftshaus gezogen, und +in der Tat habe man ihn fast überall menschenfreundlich +behandelt, aber man habe nirgends eine +Stellung für ihn frei gehabt, bis er schließlich zu +den Herren Bachmann & Co. hineingegangen sei, +und dort sei dann die Sache zu seinem Glück komplett +geworden. Und nun glaube er sich nach langer +Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fühlen +zu dürfen. Jedenfalls könne er sagen: »Guten +Tag, Freund, du siehst, mir geht es gut.« Ob es +nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nächstbeste +Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst +hinauf zu nehmen?</p> + +<p>»Aber gewiß. Sehr gern. Aber hören Sie, +Wirsich, sagen Sie, können Sie's vertragen?« sagte +Joseph.</p> + +<p>Der andere beteuerte: »Natürlich!« – So gingen +sie in das zunächst liegende Restaurant Central, +wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben +ließen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_336">336</a></span> +»Denn sonst lieber nicht. Es wäre schade um +die neue Position,« glaubte Joseph gut zu tun, +nachzufügen.</p> + +<p>Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es +fiele ihm nicht ein, sagte er, etwa gar wieder so +unvernünftig zu trinken, wie früher. Er habe sich +das jetzt, glaube er, ein für allemal abgewöhnt, so +verkommen sei er denn doch noch lange nicht. Wie +es bei Toblers stehe?</p> + +<p>»Nicht gut,« sagte der Gehülfe, und er erzählte +in kurzen Umrissen den Verfall des Hauses. Wirsich +solle sich aber hüten, zu plaudern, das seien +Geschäftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas +an.</p> + +<p>Wirsich sagte:</p> + +<p>»So habe ich es dem Großhans, diesem Tobler, +doch noch prophezeien können, daß er noch einmal +zu seinem prahlerischen Haus und Garten hinausfliegt. +In jener Nacht hat er's von mir gehört, +und jetzt gehen die Worte in Erfüllung. Was er +andern getan hat, das geschieht ihm nun selber, +und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch? +Sind wir Angestellten ohne die Spur von Empfindung +auf diese Welt gekommen? Wir werden eines +Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz +herausgeworfen, und man glaubt noch, recht und +<span class="pagenum"><a name="Page_337">337</a></span>milde getan zu haben. Pardon, Marti, Sie sind +mein Nachfolger und genießen infolge meines Sturzes +einen, wie Sie selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt. +Sie können natürlich nichts dafür, daß +Sie mich vom Posten verdrängt haben. Was rede +ich: durch Sie habe ich ja die neue Stellung gefunden. +Also Entschuldigung. Ich meine nur, der +Zorn kann einen fortreißen, sich eine so lange Zeit +in der elendesten Verlegenheit und Erniedrigung geschaut +zu haben. Wegen was? Wegen eines Fehlers? +Donnerwetter, jetzt trinke ich grade extra noch +eins. Heda, Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau Gastwirtin, +bringen Sie mir noch solch einen Schoppen. +Sie Marti werden doch wohl auch noch einen +trinken.«</p> + +<p>»Nur bitte ich,« sagte Joseph, »meinen Chef +nicht angreifen zu wollen. Und dann auch nicht +gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein gegenwärtiger +Prinzipal ist kein Großhans. Sie werden +diesen unvorsichtigen, und ich gebe gern zu, im Zorn +gesprochenen Ausdruck zurücknehmen. Tun Sie's +alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe +Ihnen nicht vertrauliche Aufklärungen über Toblers +Lage gegeben, um diesen Mann hinterher beleidigen +zu hören. Im übrigen: Prost! Es freut mich, daß +es Ihnen gut geht.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_338">338</a></span> +»Ich sag' ja: im Zorn!« entschuldigte sich Wirsich.</p> + +<p>Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide +tranken je noch ein Glas, auf welche »Lage« eine +vierte folgte. Sie würden so fortgefahren haben, +wenn nicht jetzt die Türe aufgegangen, und Herr +Tobler selber ins Restaurant getreten wäre. Er +überflog beide Zecher und Angestellten mit einem +zündenden Blick, der den Männern genug sagte.</p> + +<p>Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den +Hut abgezogen, den er vorher ziemlich burschikos +auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die Höflichkeit, +und der Toblersche Blick gebot es nicht minder. +Er stand übrigens bald auf, da das Gespräch mit +Wirsich ohnehin verstummte, rief, er möchte bezahlen +und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink +des Ingenieurs veranlaßte ihn jedoch, in dessen +Nähe zu treten. Dieser fragte:</p> + +<p>»Was will dieser Ungut hier, der Wirsich?«</p> + +<p>Joseph antwortete: »O, er hat eine Stelle gefunden. +Hier dicht nebenan, bei Bachmann & Co. +Seit heute. Er freut sich sehr darüber.«</p> + +<p>»So? Und er trinkt wohl noch immer gern, +was? Der wird sicherlich lange in der neuen Stellung +verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf +der Post?«</p> + +<p>»Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen. +<span class="pagenum"><a name="Page_339">339</a></span>Mein Vorgänger hat mich aufgehalten. Ich +werde gleich gehen, und wenn Sie wünschen, daß +ich Ihnen die Briefe hieherbringe« – –</p> + +<p>Tobler verneinte, und der Gehülfe entfernte sich.</p> + +<p>Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte, +marschierte unsicher vorwärts, wußte nicht, +ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten grüßen sollte +oder nicht, tat es, und sogar tief und demütig, und +stieß zum Überfluß noch an einen Tisch an, bei +welcher Gelegenheit er beinahe umgestürzt wäre. +Sein Achtungsgruß wurde mit keinem Zug einer +Miene erwidert. Tobler »wollte nichts mehr mit +diesem Menschen zu tun haben«. An der Tür stolperte +Wirsich zum zweiten Mal. War das eine +schlimme Vorbedeutung?</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach +Hause gefahren. Herr Tobler, Pauline und Joseph +erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam schnaubend +und rasselnd an. Allerlei Menschen drängten +sich in die Nähe des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden +Ungetümes heran. Die Frau stieg aus, +Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Körbe +und Pakete in Empfang zu nehmen. Mutter Tobler +hatte der Sohnesfrau Verschiedenes mitgegeben, das +konnte man ungefähr zum Voraus wissen, deshalb +<span class="pagenum"><a name="Page_340">340</a></span>war man zu dritt am Bahnhof erschienen. In +zwei Körben befanden sich teils Äpfel, teils Nüsse. +Die Pakete enthielten Sachen für die Frau selber +und für die Kinder.</p> + +<p>Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen, +daß die ganze Sache weder ganz gut noch auch +ganz schlecht abgelaufen war. Es drückte Müdigkeit +und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine +Hälfte des Gesichtes ein bißchen gelächelt hätte. Im +ganzen schien sie ihrem Mann, der sie neugierig +darum befragte, eine genügende und zufriedenstellende +Auskunft gegeben zu haben, denn Tobler +schien nicht übel Lust zu haben, rasch jetzt noch für +eine Weile ins »Segelschiff« zu gehen. Seine Frau +sagte, sie merke ihm wohl an, wohin er zu gehen +wünsche, mit welchen paar Worten denn auch die +bezügliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den Davongehenden +noch nach, er sei in mindestens einer +Stunde wieder im Abendstern und verschwand in +seiner Stammkneipe.</p> + +<p>Die Übrigen gingen nach Hause. Dem Gehülfen +war es eine angenehme Pflicht, die Körbe, +so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch +wenigstens wieder einmal etwas »Körperliches«. +Er schritt hinter den beiden Frauen, hinter der Magd +und der Frau, leicht daher, gänzlich <ins title="gedankenlos">gedankenlos.</ins> +<span class="pagenum"><a name="Page_341">341</a></span>Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum +Laufburschen geboren,« dachte er.</p> + +<p>Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm +von Fragen, aus der kindlichen Wißbegierde heraus +ertönend. Und eine Belagerung der Pakete und +Obstkörbe. Was Großmutter sagen ließe, wollten +die drei Kinder wissen. Nur das Vierte nicht. Silvi +blieb schläfrig und gleichgültig. Auch die Geschenke +ließen dieses Mädchen gleichgültig. »Mich betrifft +das nicht,« sagte ihre Miene. Um so mehr mußten +die Sachen die übrigen drei betreffen. Sie wurden +jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen +und Neugierden in die Betten geschickt.</p> + +<p>»Wie bin ich müde,« sagte Frau Tobler.</p> + +<p>Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr +die Schuhe aus. Sie saß auf dem Sofa. Joseph, +der daneben stand, dachte: »Ich muß gestehen, daß +es mir nicht unangenehm gewesen wäre, wenn sie +zu mir gesagt hätte: zieh mir die Schuhe aus! Ich +glaube, ich hätte mich mit Vergnügen gebückt.« –</p> + +<p>Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er +hinzu und hob ihn ihr auf. Sie lächelte matt und +dankte und sagte:</p> + +<p>»Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht +immer gewesen. Kommt wohl mein Mann bald +nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_342">342</a></span> +»Sehr, sehr gut,« gab er zur Antwort. Pauline +hatte das Zimmer verlassen.</p> + +<p>Er sei eben noch jung, da spreche er so und +müsse wohl auch so sprechen, sagte die Frau. Ihr +sei es so schwer zumut.</p> + +<p>»Haben Sie Verdruß gehabt?«</p> + +<p>Auch! Aber dieser kleine Verdruß berühre sie +wenig. Sie fühle sich heute zu allerhand Gedanken +hingezogen. Ob Joseph noch jassen möge? Ja? +Das sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche +Lust, Karten zu spielen. Sie glaube, das +helfe ihr.</p> + +<p>Sie setzten sich an den Tisch und spielten +Karten. Pauline trug etwas zu essen auf für Frau +Tobler und ging dann wieder. »Vielleicht ist diese +Frau zugleich leichtsinnig und schwermütig veranlagt. +So kann es sein. Übrigens bin ich ein Dummkopf!« +dachte der Gehülfe.</p> + +<p>»Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau,« +sagte mitten im Spiel Frau Tobler.</p> + +<p>»Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das +kann man sich denken. Aber sie wird müssen!«</p> + +<p>»Ja eben!« machte sie. Sie lachten beide. +»Wie das wieder leichtsinnig ist,« dachte der Buchhalter +und Korrespondent des technischen Bureau +C. Tobler. Die Firma! Schließlich war man denn +<span class="pagenum"><a name="Page_343">343</a></span>doch ein gesetzter Mann. Da saßen sie beide wieder +zusammen, sie, die »unbegreifliche Frau« und er, +der »kuriose Mensch«. Joseph mußte laut auflachen. +Was er habe? –</p> + +<p>»O nichts. Dummheiten.«</p> + +<p>Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa +ihr gegenüber keine Scherze erlauben. Er erwiderte +auf diese Bemerkung, er sei der kaufmännische Angestellte +des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie +hoffe, daß er das bestimmte Gefühl habe, er sei +das. Er warf die Karten, die er in der Hand +hielt, auf den Tisch, erbebte und erklärte, ein ernsthafter +und solider Angestellter sei's nicht gewohnt, +bis in alle Nächte hinein Karten zu spielen. Er +war aufgestanden und ging, indem er erwartete, +sie werde ihn zurückrufen, nach der Türe hin. Sie +ließ ihn gehen.</p> + +<p>Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen, +stieg er ins Bureau hinunter, zündete die dort befindliche +Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und +schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau +folgendes:</p> + +<div class="letter"><p class="center">Sehr geehrter Herr!</p> + +<p>Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber um +eine gelegentlich frei werdende, passende Stelle gütigst +<span class="pagenum"><a name="Page_344">344</a></span>vormerken zu wollen. Ich finde mich nicht +veranlaßt, es darauf ankommen zu lassen, eventuell +wieder auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier +oben, Herr Verwalter, spitzen sich immer schärfer zu. +Ich sage: für alle Fälle! und empfehle mich Ihnen</p> + +<p class="center">Hochachtungsvoll<br/> +Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.</p></div> + +<p>Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und +Adressieren dieses Schreibens fertig geworden, als +er vom Garten her Schritte hörte. Eine halbe Minute +später traten Herr Tobler und zwei andere +Herren, offenbar Stammgäste aus dem »Segelschiff«, +ins Bureau ein, laut redend und lachend, und wie +es schien, voll trunkenen Übermutes.</p> + +<p>Was Joseph noch so spät in der Nacht zu arbeiten +habe? fragte mit unsicherer Stimme Tobler. +Er habe wenigstens noch einen wahrhaft fleißigen +und aufopfernden Gehülfen, wie es scheine, bemerkte +er weiter, indem er sich lachend seinen Jaßkollegen +zuwandte. Jetzt aber solle er nur ruhig Feierabend +machen, denn morgen früh sei es auch wieder Tag. +Dann ging er zur Türe, die ins Innere des Hauses +führte und rief, so laut er konnte: Pauline!</p> + +<p>»Herr Tobler?« kam die Antwort von oben +herab.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_345">345</a></span> +»Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen +von dem Rheinwein. Aber es muß rasch geschehen.«</p> + +<p>Joseph hatte kaum nötig, sich von den Herren +zu verabschieden, er sagte kurz gute Nacht und +ging weg. Die andern hörten und bemerkten ihn +gar nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes +zu tun. Die lagen halb am Boden, halb auf dem +Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie +saßen. Die Stühle wurden als Fußschemel benutzt, +und mit den zeichnerischen Entwürfen Toblers kamen +die schläfrigen und lustigen Köpfe in engste Berührung. +Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine +Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte +er sich mit vieler Mühe und Ungeschicktheit an das +Geschäft des Gläserfüllens, worauf dann ein Trinken +begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufgähnen +verbunden und vermischt war. Das bißchen gute +Vernunft, das der Ingenieur noch zur Verfügung +hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden +zu sollen, den Herren und Kameraden die +Toblerschen Erfindungen zu erklären, er stieß aber +nur auf ein Gelächter und sonst auf keinerlei Verständnis. +Der Ernst der männlichen Weltanschauung +lag in einem fallen gelassenen und zerbrochenen +und seinen Inhalt ausgeschütteten Glas Wein am +Boden. Der männliche und menschliche Verstand +<span class="pagenum"><a name="Page_346">346</a></span>gröhlte und johlte und lallte, daß die Wände des +Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu allem, +was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig +rücksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme +in das Bureau hinunterzurufen, um ihr, wie er +sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf vorzustellen. +Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch +die Türe, die sie schüchtern geöffnet hatte, und verschwand +wieder, zurückgeworfen von dem, wie sie +selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen +und unflätigen Bilde, das sich ihren Augen +darbot, und welches ein holländischer Trunkenboldszenenmaler +nicht überzeugender und abschreckender +hätte malen können, als wie es hier in Wahrheit +und Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei +hatte mit dem Verschwinden der Frau noch lange +nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil, sie flammte +und kochte und brannte bis zum frühen Morgen +und bis zu der Ermattung, jener vollständigen, die +den stärksten Zechern schließlich über die Nacken herfällt, +um sie zu beugen und der Länge und Breite +nach unter Tische und Stühle zu strecken. So geschah's +auch, und die ausgelassene Gesellschaft übernachtete +unter gräßlichem Schnarchen im technischen +Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. +Es war Tag. Die Gesellen erwachten. Die zwei +<span class="pagenum"><a name="Page_347">347</a></span>Bärenswiler zottelten in ihre Dorfschaft und engere +Heimat zurück, während Herr Tobler nach +oben ging, in sein und seiner Frau Zimmer, um +den Rausch und Sturm auszuschlafen.</p> + +<p>Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, +das verwüstete und entstellte Bureau wieder +einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als Joseph +um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich +schlimm darin aus, so daß er sich entschloß, sogleich +auf die Post zu gehen. Alles lag durcheinander, +Stühle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstände, +Gläser und Pfropfen. Tinte war verschüttet, +rote und schwarze. Wein schwamm am Boden. +Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. +Es schienen Bären, nicht nur Bärenswiler in dem +Raum gewirtschaftet zu haben, den ein Geruch erfüllte, +daß es schien, als müßte man zehn Tage +hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um +es hier wieder sauber, gemütlich und wohnlich zu +bekommen.</p> + +<p>Auf der Post warf Joseph den Brief an den +Verwalter in den Kasten. »Für alle Fälle,« dachte er.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler +aus dem elterlichen Vermögen viertausend Mark zu. +Das war wenig, aber es war wenigstens etwas, +<span class="pagenum"><a name="Page_348">348</a></span>es genügte gerade, um die allerungeduldigsten und +am schärfsten vorgehenden Dränger zufriedenzustellen. +Joseph hatte längst eine Gläubigerliste zusammengestellt, +und so wurden nun aus dieser +bunten Wiese die am heftigsten duftenden Blumen +ausgesucht, um wenigstens vorläufig diese zu betäuben. +Unter diesen wütenden und augenblendenden +Gewächsen befanden sich unter andern der +Gärtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher ruhen, +bis er Tobler gepfändet und vom Ort verjagt sähe, +das Elektrizitätswerk, das so höhnisch mit den Schultern +gezuckt, und die schöne Beleuchtung abgestellt +hatte, der Schlosser aus der Nachbarschaft, dieser +»undankbare Hund«, wie Tobler ihn nannte, dem +man, wie man sich vorgenommen hatte, das »Geld +vor die Füße schmeißen würde«, der Fleischer, und +aber von jetzt an »keinen Bissen Fleisch mehr aus +dieser Metzgerei«! Der Buchbinder, das »alte Kamel«, +der froh sein dürfte usw., die Uhrenfabrikanten, +denen »man allerdings ihr Drängen nicht +sehr verübeln konnte«, der Metallwarenfabrikant, +der den kupfernen Turm gebaut und verrechnet +hatte, und einige, die ihr Geld »wohl verdienten«.</p> + +<p>Ein halber Tag genügte, um diesen lautesten +und unverschämtesten Forderungen den Mund zu +verstopfen, aber auch das Geld war damit verschwunden. +<span class="pagenum"><a name="Page_349">349</a></span>Was bedeuteten viertausend Mark für +ein über und über verschuldetes Haus? Ein kleiner +Rest dieser Summe wurde der Haushaltung gegeben, +und einen noch winzigeren erhielt Joseph +als Gehalt-Anzahlung.</p> + +<p>Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, +mit blauem Himmel und Winden und mit Schneenässe +an der Erde, als der Gehülfe von Haus <ins title="zu zu">zu</ins> +Haus gegangen war, um Beträge auszubezahlen. +Auch beim Betreibungsbeamten war er vorbeigegangen. +Und wie rasch das Geld schwand, das +merkte er an der leichter werdenden Rocktasche.</p> + +<p>Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben +des Advokaten Bintsch an, worin derselbe erklärte, +es sei von der Mutter nichts mehr zu gewärtigen. +Er habe sein Möglichstes versucht, die Frau zu überzeugen; +seine Bemühungen seien aber zu seinem +Leidwesen ohne Erfolg geblieben. Er rate daher +Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit +zu ertragen.</p> + +<p>Tobler verzog, während er diesen Brief las, +sein Gesicht zu einer schmerzhaft anzusehenden Grimasse. +Er schien einen namenlosen Zorn zu bemeistern. +Dann brach es aus ihm los und warf +ihn auf einen Stuhl nieder, als ob Zentnerlasten +ihn niedergeschmettert hätten. Er keuchte mit seiner +<span class="pagenum"><a name="Page_350">350</a></span>starken Brust, die zu zersprengen drohte, ähnlich +einem zu straff angespannten Bogen. Sein Gesicht +schaute von unten herauf, als sei es von oben herab +von Fäusten niedergepreßt worden. Auf seinem +Nacken schienen jähzornig wiegende und sausende +und stemmende Gewichte zu liegen, lebendige Gewichte. +Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot. +Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden +zu sein, und eine unsichtbar-sichtbare Gestalt +schien sich jetzt dicht neben Tobler zu erheben, +um ihm gemütlich aber kalt auf die zusammenzuckende +Achsel zu klopfen. Die eiserne Notwendigkeit +selber schien ihm zugeflüstert zu haben. »Mann! +Versuche dein Letztes!«</p> + +<p>Tobler öffnete schwerfällig sein amerikanisches +Rollschreibpult, nahm unter Ächzen und Rückenbiegungen, +als ob er Schmerzen gehabt hätte, +eine Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner +Mutter einen Brief zu schreiben. Aber die Buchstaben, +die er aufsetzte, tanzten ihm vor den Augen. +Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung +hoch auf, das Bureau drehte sich, er mußte +aufhören. Er sagte mit röchelnder Stimme zu +Joseph:</p> + +<p>»Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie +ihn, Ihnen zu sagen, wann er zu einer Besprechung +<span class="pagenum"><a name="Page_351">351</a></span>mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es hätte +die größte Eile.«</p> + +<p>Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge +zu leisten. Er war aufgeregt, sprach vielleicht etwas +undeutlich, es war möglich, daß man ihn nicht +recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte +ziemlich lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden +konnte. Hinter ihm her war Tobler die Treppe +hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehülfen, +den die Gegenwart eines so krankhaft erregten +Herrn und Meisters noch mehr verwirrte, +derart, daß, als nunmehr die gewünschte Verbindung +hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in +stammelnden Gesprächen herumschlug, ohne sich verständlich +machen zu können.</p> + +<p>Das war zu viel für Tobler. Mit einem häßlich +tönenden Wutschrei warf er den ungeschickten +Sprecher zur Seite, daß derselbe an den Türrahmen +des Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den +telephonischen Hörer, um das verunglückte Gespräch +zu Ende zu führen und sich den erforderlichen Bescheid +selbst sagen zu lassen.</p> + +<p>Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am +ganzen Leib heftig. Er bekam Fieber und mußte +sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor +kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. »Ist Vater +<span class="pagenum"><a name="Page_352">352</a></span>krank?« frug diese jetzt. Frau Tobler, die besorgt +neben dem liegenden und stöhnenden Manne stand, +sagte zu dem Mädchen: »Ja Kind, Vater ist krank. +Joseph hat ihn geärgert,« wobei sie den Gehülfen +mit einem erstaunten und verächtlichen Blick streifte, +der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem +Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts +geschehen wäre, zu arbeiten, aber es war keine Arbeit, +was er tat, sondern ein Tappen und Tasten +mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemühen, +gleichmütig zu sein, ein Nichtkönnen, ein Anderes, +ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein Herz klopfte +zum Zerspringen.</p> + +<p>Später wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler +war inzwischen in sein Schlafzimmer hinaufgegangen. +Die Besprechung mit dem Advokaten konnte erst +andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es für +den Ingenieur ja in der weiten Welt, scheinbar +und offenbar, vorläufig nichts mehr zu tun. Welches +Bemühen konnte noch einen reellen Zweck haben? +Welche Pläne waren nicht lächerlich? Und krank! +Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu denken, +er liege im Bett und könne bis am andern Tag +ungestört liegen bleiben. Er ließ sagen, wenn +Joseph zur Post gehe, so möchte er ihm ein paar +gute Zigarren mit nach Hause bringen. »Und für +<span class="pagenum"><a name="Page_353">353</a></span>Dora ein paar Orangen, Joseph,« fügte Frau Tobler +hinzu. Dieser führte die Aufträge aus.</p> + +<p>Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits +zu Bett gebracht worden, sagte der Gehülfe +zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, länger in einem +Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, +nachdem er ihn oft genug schon mit Worten beleidigt +habe, nun auch tätlich und körperlich zu beschimpfen. +Das sei zu viel, und er glaube, er täte +am besten, gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen, +und es diesem Mann zu sagen, wie roh und dumm +seine Handlungen seien. Er könne nicht mehr arbeiten, +das fühle er deutlich. Einer, den man herumstoße +und gegen Türen heranwerfe, der sei wohl +auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer +müsse ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es +ja gar nicht möglich, ihn derart, wie es geschehen +sei, zu behandeln. Dies drücke ihm den Atem ab. +Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all +die Zeit her, die er nun hier oben zugebracht habe, +getrieben hätte, so könne das körperliche Schmach +und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und +er? Ob er nicht sich immer ein wenig Mühe gegeben +habe? Er wenigstens wisse es, daß er hin +und wieder mit Liebe und Lust und mit allen +seinen Kräften gearbeitet habe, wenn auch die Kräfte +<span class="pagenum"><a name="Page_354">354</a></span>nicht immer den, er gestehe es, gerechten Anforderungen +hätten entsprechen können. Ob man so, +wie es geschehen sei, die Versuche, tüchtig und aufrichtig +zu sein und zu bleiben, behandle?</p> + +<p>Er weinte.</p> + +<p>Frau Tobler sagte kalt: »Mein Mann ist krank, +wie Sie wissen, und eine Störung wird ihm nicht +gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust +haben, und wenn Sie glauben, es hier oben bei +uns nun so plötzlich nicht mehr aushalten zu können, +so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie +ihm, was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, +Sie werden den Ihnen und Ihrem Betragen geziemenden, +kurz und bündigen Bescheid erhalten.«</p> + +<p>Der Gehülfe blieb sitzen. Dann erhob er sich +und sagte: »Ich gehe noch rasch auf die Post.«</p> + +<p>»Sie wollen also nicht zu meinem Manne +hinaufgehen?«</p> + +<p>Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man +dürfe ihn nicht stören. Er dagegen habe jetzt noch +Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.</p> + +<p>Draußen empfing ihn eine klare, kalte Welt. +Etwas Hohes und Gewölbtes von einer Welt. Es +war kalt geworden. Die Füße schlugen gegen Steine +und Eisstücke. Ein eiskalter Wind wehte durch die +Bäume. Durch die Äste derselben schimmerten die +<span class="pagenum"><a name="Page_355">355</a></span>Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie besessen. +Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, +Frau Tobler würde inzwischen ihrem Mann alles +ausplaudern gehen. Infolge dieses Gedankens beschleunigte +und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt +hatte er überdies auch noch nicht endgültig +ausbezahlt erhalten. Item. Die Hauptsache war: +im Haus bleiben. »Wie unanständig, mich derart +beklagt zu haben,« rief er in die Winternacht hinaus. +Er nahm sich vor, Frau Tobler kniefällig die Hände +zu küssen.</p> + +<p>Sie saß noch im Wohnzimmer, als er es wieder +betrat. Er fing schon in der Türe, welche er aber +vorsichtig zuschloß, zu reden an:</p> + +<p>»Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie +gut, daß Sie noch hier sitzen, daß ich mich vollständig +im Unrecht fühle, darum, daß ich gegen +meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu +voreilig gewesen, und ich bitte, verzeihen Sie mir. +Ich habe mich läppisch benommen, und Herr Tobler, +in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief +geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem +Mann? Haben Sie es ihm schon sagen müssen?«</p> + +<p>»Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt,« antwortete +die Frau.</p> + +<p>»Ich bin froh!« sagte der Gehülfe, und er +<span class="pagenum"><a name="Page_356">356</a></span>setzte sich. Er fuhr fort: »Und ich bin hieher zu +springen gekommen, in der hellen Angst, daß Sie +es ihm schon hätten können gesagt haben. Es tut +mir alles leid, was ich gesagt habe. Man sagt im +Sturm der Gefühle, gnädige Frau, gar so manches, +was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, +daß Sie noch nichts gesagt haben.«</p> + +<p>Das sei vernünftig gesprochen, sagte Frau +Tobler.</p> + +<p>»Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Füßen +zu stürzen und kniend Abbitte zu tun,« stammelte +der Gehülfe.</p> + +<p>So etwas sei gar nicht nötig, pfui, entgegnete +sie.</p> + +<p>Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten +so schön im Zimmer vor. Das war etwas, +das glich einem Heim. Und wie oft war er in +früheren Zeiten durch die bewegten und menschenleeren +Gassen gegangen mit dem kalten und bösen +und niederwerfenden Verlassenheitsgefühl im +Herzen. Er war so alt gewesen in seiner Jugend. +Wie hatte ihn das Bewußtsein, nirgends zu Hause +zu sein, lähmen und innerlich würgen können. Wie +schön war es, jemandem anzugehören, in Haß oder +in Ungeduld, in Mißmut oder in Ergebenheit, in +Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in +<span class="pagenum"><a name="Page_357">357</a></span>solchen Heimstätten, wie war Joseph immer davon +traurig entzückt gewesen, wenn er ihn aus irgend +einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem +Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen, +herabwiderspiegeln sah, zu dem auf der kalten +Straße Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern, +Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu +solchen Fenstern heraus, und wie arm mutete der +Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschönen +nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein +mitgenießen zu dürfen. Dieses schöne Vorrecht der +Bürgerlichen. Diese Güte in den Gesichtern. Dieses +friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte:</p> + +<p>»Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu +glauben.«</p> + +<p>Er habe recht, wenn er das sage, meinte die +Frau, indem sie ruhig fortfuhr, an einem Unterjäckchen +für Dora zu stricken oder zu häkeln. Sie +setzte hinzu:</p> + +<p>»Und muß ich, seine Frau, nicht auch allerhand +von ihm dulden und ertragen? Er ist nun eben +einmal der Herr im Hause, und das ist eine verantwortliche +Position, die von den übrigen Bewohnern +und Gliedern Duldung und Achtung +herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen, aber +kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er +<span class="pagenum"><a name="Page_358">358</a></span>seinem Zorn sagen: sei vernünftig? Der Zorn und +die Gereiztheit sind halt nicht vernünftig. Und wir +andern, die den unübersehbaren Vorteil haben, seinen +Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn +anstrengen, gehorchen zu dürfen, seine Winke, deren +Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir +sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Empörtheit +eben ein wenig aus dem Wege zu gehen verstehen. +Wir sollen es gelernt haben, ihn zu behandeln, +denn ein Herr und Gebieter will auch +auf eine ganz bestimmte Art und Weise behandelt +werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig sein +in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren +Kräfte nicht mehr, wie sonst immer, bewußt ist, in +denen wir ihn unfähig, sich noch, wie bisher, zu beherrschen, +erblicken. Und wenn wir plump, und, +nach unsern Verhältnissen gerechnet, voll Fehler gewesen +sind, so müssen wir nicht allzusehr gekränkt +sein, wenn seine Stimme und das Unmaß seiner +Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti! +Glauben Sie mir, auch ich bin oft voll Wut über +denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht +getan hat, der Sie soll beleidigt und in der unwürdigsten +Weise soll gekränkt haben. Nun, so +setzt man selber eben diese seine Würde ein bißchen +herab und verzeiht, denn – man muß seinem Herrn +<span class="pagenum"><a name="Page_359">359</a></span>und Vorgesetzten verzeihen. Was sollte aus Unternehmungen, +aus Haushalten, aus Geschäften aller +Art, aus Häusern, ja, was sollte aus der Welt +selber werden, wenn die Gesetze mit einem Mal +nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und +stoßen und verletzen dürften? Hat man das ganze +Jahr lang deshalb die Wohltat des Gehorchens +und Nachahmens genossen, daß man dann eines +Tages oder Abends auftreten durfte und sich in +die stolze Brust werfen durfte und sagen durfte: +beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden +ist man ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum +Zorn-Anlaß-Geben. Wenn die Verwirrtheit nichts +dafür kann, daß sie sich dumm benimmt, so ist auch +die Wut nicht so rasch für ihr Schnauben und Toben +verantwortlich zu machen. Und es ist immer +die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin +jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie +mir die Hand. Man kann reden mit Ihnen, und +gehen wir jetzt zu Bett.«</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Weihnachten näherten sich. Auch ins Haus +Tobler mußte die festliche Zeit ja kommen, die Festzeit, +das war etwas Unentrinnbares, das war etwas +Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich +allen Menschen mitteilte, der alle Empfindungen +<span class="pagenum"><a name="Page_360">360</a></span>durchdrang, warum hätte er, dieser Gedanke, um +die Villa zum Abendstern herum einen Umweg +machen sollen? Wie wäre das möglich gewesen? +Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so +hübsch, so auffällig, wie das Toblersche, in der +Welt stund, so gab es ja auch keine vernünftige +oder natürliche Ursache, warum es von irgend etwas, +das in dieser Welt voll Ansehen und Duft +bestund, hätte sollen verschont bleiben. Und dann +war auch noch die Frage: hätten Toblers gern +mögen verschont bleiben?</p> + +<p>Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, +wenn es schon schlimm mit ihm stehe, so meine er +doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa gar +ungefeiert an und in seinem Haus vorüberzuziehen. +So etwas möchte ihm noch gefehlt haben.</p> + +<p>Die umliegende Gegend selber schien sich ja +sogar in ihrer Art auf das schöne Fest zu freuen. +Sie ließ sich ruhig und wohlig mit dicht herabfallendem +Schnee bedecken und hielt so still gleichsam +die große, breite, alte und weite Hand dar, +um aufzunehmen, was da fleißig herunterstürzte, +daß alle Menschen beinahe sagten: »Seht! Es +wird weiß, es weißelt in der Welt. Das ist recht, +denn das schickt sich für Weihnachten.«</p> + +<p>Bald lag auch das ganze See- und Bergland +<span class="pagenum"><a name="Page_361">361</a></span>in einem dicken, festen Schneeschleier. Die rasch sich +etwas einbildenden Köpfe hörten schon das Klingeln +von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch +gar keine herumfuhren. Die Weihnachtstische waren +auch schon gedeckt, denn das ganze Land glich einem +säuberlich weiß überzogenen Weihnachtstisch. +Und die Stille und Gedämpftheit und Wärme solch +einer Landschaft! Man hörte alle Geräusche nur +halb, als ob die Schlosser ihre Hämmer, und die +Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikräder ihre +Schaufeln, und die Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe +mit Watte oder mit wollenen Tüchern eingewickelt +hätten. Man sah nur das Nächste, das, was man +mit zehn Schritten abmessen konnte, die Ferne war +ein undurchdringliches Geschneie und ein fleißiges +Übermalen mit grauer und weißer Farbe. Auch +die Menschen kamen weiß dahergestampft, und man +konnte unter fünf Menschen immer einen sehen, +der sich den Schnee von den Kleidern abschüttelte. +Es war ein Friede da draußen, daß man unwillkürlich +alle Weltdinge als befriedigt und erledigt +und beruhigt annehmen mußte.</p> + +<p>Und da mußte nun Tobler hinfahren, durch +solchen Schneezauber hindurch, per Eisenbahn nach +der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn +Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner +<span class="pagenum"><a name="Page_362">362</a></span>Seite saß wenigstens seine Frau, die mitfuhr, um +einige Geschenksachen im hauptstädtischen Warenhaus +für das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.</p> + +<p>Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, +aber diesmal eine verschneite und deshalb ein wenig +fröhlichere. Paulinens Gelächter und Leos +freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere +Ton-Flecken, obschon sonst ein Gelächter und ein +Gebell hell zu färben pflegten, aber was kam gegen +die glitzernde Schneeweiße an Helligkeit und Schimmer +auf? Man nahm wieder Pakete in Empfang, +und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen und +sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gütige +Weihnachtsfrau selber, und doch war es nur Frau +Tobler, die Frau eines Geschäftsmannes, und noch +dazu eines ruinierten. Aber sie lächelte, und solch +ein Lächeln kann aus der ärmsten und bedrängtesten +Frau eine halbe Fürstin machen, denn ein Lächeln +erinnert immer an etwas Hochachtbares und Wohlanständiges.</p> + +<p>Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen +Tage, sauber und fest, denn es gab kalte Nächte, +die die weiße Decke knirschend zufrieren machten. +Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den +bekannten Berg hinauf. Die kleinen Wege schlängelten +sich hellgelb durch die schimmernd weißen +<span class="pagenum"><a name="Page_363">363</a></span>Wiesen, die Äste der tausend Bäume waren mit +Reif überglitzert: ein zu süßes Schauspiel! Die +Bauernhäuser stunden in dieser feinen, weißen, verzweigten +Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhäuser, +für den Anblick und für das unschuldige Verständnis +eines Kindes geschaffen. Die ganze Gegend +schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich +und sauber angezogen sah sie aus. Sie schien ein +Mädchen zu sein, ein schüchternes und ein bißchen +kränkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph +schritt höher hinauf, und da hoben sich mit einem +Mal die grauen Schleier, die die untere Erde belegten, +zerfasernd auf, durchstochen von dem feurigsten +Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie +im Sommer, machte den Spaziergänger an ein eitles +Märchen glauben. Hohe Tannen standen da, in +stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, +der in der Sonne zerfloß und von den großen +Ästen herabfiel.</p> + +<p>Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht +nach Hause kam, brannte schon im Gastzimmer, +einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der Weihnachtsbaum. +Frau Tobler führte die Kinder zu +demselben hinein und zeigte ihnen die Geschenke. +Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph erhielt +eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, daß das +<span class="pagenum"><a name="Page_364">364</a></span>zwar wenig aber dafür von Herzen sei. Tobler +war bemüht, dem Fest einen gemütlichen, wirtshäuselnden +Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte +Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den +Tannenbaum an, der lieblich umherstrahlte. Frau +Tobler lächelte und sagte ein paar schickliche Worte, +zum Beispiel, wie schön doch so ein Bäumchen sei. +Aber es mochte ihr nicht so recht zum Mund herauskommen. +Überhaupt stockte alles ein bißchen, und +es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht +um die paar dastehenden Menschen, sondern es +legte sich Wehmut um alles. Auch war es kalt im +Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude hätte herrschen +sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher +immer ins Wohnzimmer hinüber, um sich dort ein +wenig Wärme zu holen, und kam dann wieder zum +Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schön und jeder +hat noch Rührung erzwungen. Auch der Toblersche +war schön, nur die Menschen, die um ihn herumstanden, +konnten sich zu keiner längeren und tieferen +Rührung und Freude aufschwingen.</p> + +<p>»Da hätten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen +sein, das waren noch Weihnachten! Kommen +Sie. Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Tobler +zum Gehülfen und veranlaßte ihn, ins Wohnzimmer +an die Wärme zu treten. Letzterer machte +<span class="pagenum"><a name="Page_365">365</a></span>ein unzufriedenes Gesicht, als wäre er der Zigarren +wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau +wußte. Man sei halt dieses Jahr, sagte und +seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung +für so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen +»Jaß« zu machen. Habe man es das ganze Jahr +lang getan, so könne man auch einmal am Weihnachtsabend +zu den Karten greifen, vielleicht werde +es dann ein bißchen lustiger im Zimmer. So nahm +man zu den Spielkarten Zuflucht.</p> + +<p>Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos +geworden. Die Kinder ließ man noch eine +halbe Stunde sich mit den Geschenken beschäftigen, +worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach +und nach verwirtshäuselte die Luft im weihnachtlichen +Wohnzimmer gänzlich. Das Lachen und Benehmen +der drei einsamen Menschen, die da Wein +tranken, teils Zigarren rauchten, teils Bonbons +aßen und miteinander Karten spielten, verlor alle +besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch hätten +an einen Festhauch erinnern können. Es war das +gewöhnliche Benehmen und das allerunfeierlichste +Lachen. Die Stimmung, die nun diese Spieler beherrschte, +war aber nicht einmal die gewohnt-gemütliche, +denn – es war halt doch Weihnachten, und +der feinere und schönere Gedanke, der hie und da +<span class="pagenum"><a name="Page_366">366</a></span>aufblitzen mochte, mahnte vorüberhuschend an die +Sünde, das Fest und den Inhalt desselben derart, +wie es geschah, verdorben und entwertet zu +haben.</p> + +<p>Ja, einsam waren diese drei Menschen, am +einsamsten der Gehülfe, weil er fühlte, daß er als +ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehörte, +das langsam aufhörte, ein solches zu sein; weil er +sich nicht, wie Herr Tobler, sagen durfte, er habe +das Recht, in diesem Hause zu tun und zu verhindern +oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es +nicht sein eigenes war; weil er hätte Weihnachten +haben und begehen wollen, da er sich doch einmal +in solch einem Hause und in solch einer bürgerlichen +Familie befand; weil er des Glaubens gewesen war +in den letzten Jahren, er entbehre viel, solches vermissen +zu müssen, und weil er am mißgestimmtesten +von allen dreien Kartenspielern war und dies als +ein großes Unrecht empfinden mußte.</p> + +<p>»Ist dieses nun heiliger Abend?« dachte er.</p> + +<p>Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es +sei doch nicht ganz recht, an Weihnachten Karten +zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus würde es so +etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich +gar keine Art, wie man da heute Nacht wieder +wirtshäusele.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_367">367</a></span> +Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler: +»So hören wir eben auf!«</p> + +<p>Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus:</p> + +<p>»Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend +zu tun. Aber was ist das für ein +Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der +Wind morgen zum Haus hinausfegen. Ja, da +wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste, und noch dazu +heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glück, +Erfolg und allgemeine, häusliche Freude ist. Wer +hat sich drei oder mehr Monate hindurch unnatürlich +um das Gelingen der Lebensgeschäfte abplagen +müssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal +fröhliche Feste feiern? Ist so etwas überhaupt +denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He?«</p> + +<p>»Nicht ganz, Herr Tobler,« sagte der Gehülfe.</p> + +<p>Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das, +je länger es dauerte, niemand zu unterbrechen wagte. +Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr, die Frau +etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten +sagen, aber alle unterdrückten ihre Gedanken. +Es war, als ob allen der Mund zugenäht +gewesen wäre. Plötzlich schrie Tobler:</p> + +<p>»So tut doch bald eure Schnäbel auf und +saget etwas. Das ist zu langweilig, da geht man +ja gescheiter ins Wirtshaus.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_368">368</a></span> +»Ich gehe ins Bett,« sagte Joseph und verabschiedete +sich. Auch die andern gingen bald nach +oben, und das war Weihnacht gewesen.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Die Neujahrswoche verlief still und eigentümlich +gemütvoll, die Geschäfte lagen am Boden, es +gab wenig zu tun, außer, um einen seltsamen +Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im +Kontor von Zeit zu Zeit zu empfangen. Dieser +halb bäuerlich, halb weltstädtisch angehauchte Kauz +besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast +täglich, indem er den Chef desselben antrieb, <ins title="er er">er</ins> +möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er +im Bureau liegen ließ, tätig sein. Man lachte über +den Mann, dessen Sache man nicht ernst nehmen +konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen +zu den übrigen: »Lacht doch nicht so. Der Mann +ist gar nicht dumm.«</p> + +<p>Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschöpfer +das Kind seines Geistes verfocht und +in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel +zu reden und sorgte in gar nicht übler Weise für +die Unterhaltung in der still und träge dahingehenden +Woche. Der seltsame Mensch besaß keinerlei +exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils +wie ein junger Träumer und Bauer, und andersteils +<span class="pagenum"><a name="Page_369">369</a></span>hätte man ihn für einen Schwindler oder Jahrmarktbudenbesitzer +halten können, denn eines Tages +schlug er Herrn Tobler die öffentliche und unter +Bezahlung von Eintrittsgeld zu besichtigende Schaustellung +der Selbstkrafterzeugmaschine in Städten +und Großstädten vor, an Orten, wo recht viel Volk +sich zu tummeln pflege, über welche Idee man gar +nicht genug glaubte lachen zu sollen.</p> + +<p>Da sollte nun Tobler schon wieder einmal +einem anscheinend ganz begabten Menschen auf die +Beine helfen, damit derselbe nicht in einer Schlosserwerkstätte +als Arbeiter geistig zu verträgen und zu +erlahmen brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging +es denn ihm, und wo waren die hülfsbereiten +Menschen, die dann auch ihm halfen?</p> + +<p>»Alle kommen zu ihm,« sagte Frau Tobler, +»alle denken sie an ihn, wenn sie auf der Suche +nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust, +ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er +hilft jedem. So ist er.«</p> + +<p>Der Gehülfe machte in dieser Woche kürzere +und weitere Spaziergänge in die kalten aber schönen +Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da +gab es Wagenfurchen auf der Landstraße, an die +die Füße anschlugen. Da gab es steifgefrorene +Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote Hände, +<span class="pagenum"><a name="Page_370">370</a></span>die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. +Dickbemäntelte Menschen begegneten ihm, und Nächte +überraschten ihn in unbekannten Gegenden. Oder +es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich +gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende +Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechtes +darauf, mit den Geräuschen, die solche +Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen +pflegen. Und dann stand er plötzlich wieder vor +dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm +hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, +während die halbdunklen Nachtwolken um dasselbe +herumflogen, großen, trauernden, aber lieblichen +Frauen ähnlich, um es scheinbar in die Höhe zu +ziehen, damit es sich auflöse in schöner Weise.</p> + +<p>Zu Hause war dann alles so sonderbar still, +nicht einmal die Silvi mehr konnte man hören. +Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler +schienen sich beiderseits zufrieden gegeben und sich +stumm verbrüdert zu haben. In der Wohnstube +saß etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete +etwas oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem +Schoß und tat gar nichts.</p> + +<p>»Wie Sie mich im Sommer draußen im Garten +gereitschaukelt haben, Marti!« sagte sie einmal. Sie +sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie. +<span class="pagenum"><a name="Page_371">371</a></span>Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei +jetzt ein halbes Jahr hier, und ihr sei es, als sei +er schon so viel länger um sie herum. Wie doch +so etwas derart ins Gefühl komme.</p> + +<p>Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit +sie das tat, schien zu seufzen. Sie sagte:</p> + +<p>»Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel +besser als mein Mann und als ich, aber von mir +will ich gar nicht reden. Sie können von hier weggehen, +Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen +sich in die Eisenbahn und fahren nach wohin Sie +wollen. Sie finden überall Stellung, denn Sie +sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor +sich sieht, Sie seien tüchtig, und Sie sind es ja auch. +Sie haben mit niemandem auf der Welt, mit niemandes +Eigenheit und Bedürfnis, zu rechnen, es +zieht niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewißheit +hinauszuschweifen. Das ist vielleicht oft +bitter, aber wie schön und wie frei kann es sein. +Wenn es Ihnen paßt, und wenn es Ihnen die +paar kleinen, nicht gar sehr genierenden Verhältnisse +erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu +dürfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen +Punkt und Ort wieder aus, und wer wollte, und +was wollte und könnte Sie daran verhindern? +Sie sind vielleicht manchmal unglücklich, aber wer +<span class="pagenum"><a name="Page_372">372</a></span>ist es nicht, manchmal verzweifelt, aber wessen Seele +schonen die Schwierigkeiten? An nichts Dauerndes +sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen +und an nichts Allzuliebevolles gefesselt und angekettet. +Es muß Ihnen manchmal unerhört läuferisch +und luftspringerisch zumute sein, daß Sie sich dermaßen +voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken dürfen. +Und gesund sind Sie auch, und Ihr Herz mag +schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es mir denken, +trotzdem Sie sich öfters so zaghaft benommen haben. +Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun +all die Zeit her mit Ihnen nett und lang und +ruhig unterhalten können, und es hat sich vielleicht +gut getroffen, daß Sie ins Haus zu fliegen gekommen +sind, und ich habe Sie oft schlecht behandelt +–«</p> + +<p>»Frau Tobler!« bat Joseph. Sie schnitt ihm +das Wort ab und fuhr fort:</p> + +<p>»Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich +die Gelegenheit ergreifen, Ihnen zu raten, wenn +Sie einmal von uns fort sind – –«</p> + +<p>»Aber ich gehe ja gar nicht fort!« –</p> + +<p>Sie fuhr weiter:</p> + +<p>»– – fort sind, und gedenken, sich selbständig +zu machen, es anders anzustellen als mein Mann, +ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_373">373</a></span> +»Ich bin nicht pfiffig,« sagte der Gehülfe.</p> + +<p>»Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter +bleiben?«</p> + +<p>Er sagte, das wisse er nicht. Er bekümmere +sich um Zukunftsfragen nicht viel. Sie nahm wieder +das Wort auf und sagte:</p> + +<p>»Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen +und sich etwas einprägen können, auch gelernt haben +Sie mancherlei, wenn Sie es der Mühe wert gehalten +haben, die Augen zu öffnen, und das werden +Sie, so wie ich Sie einigermaßen schon kenne, getan +haben. Sie sind ein bißchen an Erfahrung, an +Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie +werden das alles womöglich eines Tages brauchen +können. Nicht wahr, manches Mal ist man Ihnen +über den Mund gefahren, und getragen und ertragen +haben Sie manches. Sie mußten! Wenn +ich so denke – ach was, ich habe, mit einem Wort, +das Gefühl, Joseph, daß Sie uns jetzt bald, bald +verlassen. Nein, sagen Sie nichts. Sagen Sie +lieber nichts. Einige Tage werden wir ja doch wohl +schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was +meinen Sie?«</p> + +<p>»Ja,« sagte er. Es war ihm unmöglich, mehr +zu sagen.</p> + +<p>Am nächsten Tag schickte er die zu Weihnachten +<span class="pagenum"><a name="Page_374">374</a></span>geschenkt bekommene Kiste Zigarren per Post seinem +Vater, folgendes Schreiben der Sendung beifügend:</p> + +<div class="letter"><p>Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines +Neujahrsgeschenk. Die Zigarren sind mir von meinem +gegenwärtigen Herrn zu Weihnachten gegeben +worden. Du wirst sie gewiß gern rauchen, es sind +gute, zwei davon habe ich probiert, wie Du siehst, +denn zwei fehlen. Wenn ich mit meinen heutigen +sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden Stücke +mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften +anhaften, so kommt mir so recht zum Bewußtsein, +erstens, daß ich Dir niemals schreibe, zweitens, daß +ich arm bin, derart, daß ich Dir nie Geld schicken +kann, zwei Mängel, die ich beweinen würde, wenn +ich mir das erlauben dürfte. Wie geht es Dir? +Ich bin überzeugt, daß ich ein schlechter Sohn bin, +aber ich bin ebenso vollkommen von der Gewißheit +durchdrungen, daß ich ein guter Kerl von Sohn +wäre, wenn es einen Sinn hätte, Briefe zu schreiben +ohne erfreulichen Inhalt. Das Leben, mit dem +man ehrlich glaubt kämpfen zu sollen, gestattete +mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber +Papa. Bleibe gesund und lasse Dir das Essen immer +wohlschmecken und fange das neue Jahr gut +an. Ich will's auch versuchen.</p> + +<p class="right">Dein Sohn Joseph.</p></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_375">375</a></span> +»Er ist ein Greis und geht immer noch den +Geschäften nach,« dachte er.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Die mündlichen Verhandlungen Toblers mit +seinem Rechtsbeistand bewirkten, daß derselbe der +Mutter Tobler einen in energischen Tönen gehaltenen +Brief schrieb, den aber die festbewußte alte +Dame dahin beantwortete, daß der Rest der Sohnesansprüche +bei weitem erschöpft sei, ja, daß sie selber, +eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen müsse, wie +sie sich in ihren alten Tagen durchschlage, und daß +von weiteren Auszahlungen an Karl Tobler die +Rede überhaupt nicht mehr sein könne. Derselbe +Mann, fast möchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe +nichts anderes zu tun, als die notwendigen Folgen +seiner Unvorsichtigkeiten und Unüberlegtheiten zu +tragen. In der Art der Geschäfte, in die er sein +Vermögen geworfen habe, könne sie nichts Gewinn- und +Existenzversprechendes begründet erblicken. Das +Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, +es sei allerhöchste Zeit, daß Tobler sich wieder in +bescheidenere Lebensverhältnisse fügen lerne, die ihn +zwängen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls +tun müssen, zu arbeiten. Für ihn sei es das Beste, +wenn man ihn in der selbsteingebrockten Suppe belasse, +damit er aus den Verlegenheiten, in die er +<span class="pagenum"><a name="Page_376">376</a></span>sich gestürzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der +Mutter, sei nichts mehr zu erwarten.</p> + +<p>Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des +mütterlichen Bescheides übermittelte, wurde rasend, +als er dieselbe durchgelesen hatte. Er gebärdete sich +wie ein wildes Tier, stieß unnatürliche Schimpfworte +gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede, +als wenn sie zugegen gewesen wäre, und +brach dann, wie schon einmal, erschöpft zusammen.</p> + +<p>Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im +technischen Bureau, das nun so oft schon der Schauplatz +ungehöriger und unbeherrschter Szenen hatte +sein müssen. Auch Joseph hatte alles Würdelose +und Fassungslose wieder mit angesehen und angehört. +In diesem Moment wäre er am liebsten +gleich auf und davon gegangen, aber »wozu es +herbeiziehen,« dachte er, »es kommt schon von selber.« +Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und er +fürchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei +sehr häßliche Empfindungen, eine wie die andere +natürlich, aber auch ungerecht. Was veranlaßte +ihn, nun noch länger der Angestellte dieses Mannes +zu bleiben? Der Gehalt-Rückstand? Ja, das auch. +Aber es war noch etwas ganz anderes, etwas +Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens +diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen +<span class="pagenum"><a name="Page_377">377</a></span>Empfindung machte die Flecken der drei andern +vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung +waren auch die drei andern immer, beinahe von +Anfang an, dagewesen, und um so lebhafter. Denn +was einer gern hatte, an was einer sich gebunden +und geschlossen fühlte, das machte ihm eben zu +schaffen, mit dem stritt er sich, an dem paßte ihm +vieles nicht, das haßte er gelegentlich, weil er sich +mächtig von ihm immer angezogen gefühlt hatte.</p> + +<p>Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag +mit einmal wunderbar mild geworden. Die winterliche +Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille +Freudentränen zu weinen, denn was Eis und +Schnee sein mochte, das lief als munteres, warmes +Wasser die Hänge und Hügel hinunter, dem Seewasser +zu. Es rauschte und dampfte, als wenn +sich ein Frühlingstag mitten in den Winter hinein +verloren hätte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag. +Die beiderlei Sorten Gefühle, die schönen und +die schmerzlichen, die sich heute besonders lebhaft in +der Brust des Gehülfen bewegten, reizte das herrliche +Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte +sie zugleich, so daß es ihm, als er zur Post +lief, war, als laufe er nun da zum letzten Mal +den schönen Weg entlang, unter diesen bekannten, +guten Bäumen, an all den Dingen und Gesichtern +<span class="pagenum"><a name="Page_378">378</a></span>vorbei, die Winters und Sommers immer gleich +angenehm anzuschauen gewesen waren.</p> + +<p>Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte +nach Wirsich, den er schon an die zehn Tage nicht +mehr gesehen hatte, und mit dem er sich für den +Silvesterabend zu einer gemütlichen Zusammenkunft +zu verabreden gedachte.</p> + +<p>Der Wirsich? Der sei längst abgegangen. Das +sei ja eine pure Unmöglichkeit gewesen, den zu behalten. +Der sei ja den halben und ganzen Tag +betrunken gewesen.</p> + +<p>Joseph entschuldigte sich und verließ den Laden. +»Ist das möglich,« dachte er und ging langsamen +Schrittes nach dem Postgebäude. Im Postfach +lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Weiß, +auf welcher diese gute Frau ihm Glück und Gedeihen +wünschte. Er lächelte, schloß das Fach zu +und machte sich auf den Heimweg, indem er die +Richtung der Landstraße einschlug. Das Wirtshaus +zur »Rose« streifend, das an der Straße lag, erblickte +er in demselben Wirsich, der an einem Tisch +saß und den Kopf schrecklich verzweifelt in die hohle +Hand stützte. Das Gesicht des unglücklichen Menschen +war blaß wie der Tod, seine Kleider waren +schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_379">379</a></span> +Joseph trat näher und setzte sich zu seinem +Vorgänger. Viel wurde zwischen den beiden nicht +gesprochen. Das Bewußtsein des Unheils findet in +der Regel keine Worte. Der Gehülfe trank ziemlich +stark, gleichsam, um dem Kameraden um eine Seelenstufe +und um ein Stück Verständnis näher zu rücken, +indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und +Verstand beinahe unpassend gewesen wäre. Die +Zeit verging, indem er sich erzählen ließ, wie es gekommen +war, daß der andere aus dem guten Lebensposten +wieder verjagt werden mußte.</p> + +<p>»Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig +spazieren gehen,« sagte dann Joseph. Sie bezahlten, +der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen +unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, +und so gingen sie zusammen, erst ein Stück +gradaus, dann bergauf, über die freundlichen Wiesen. +Wie milde alles war. Wie man da hätte +plaudern und scherzen können, wenn man in Begleitung +eines Kindes, eines Mädchens oder einer +schönen Dame gegangen wäre. Wie man sich, wenn +es halb erlaubt gewesen wäre, hätte küssen können. +Auf einer Bank in Bergeshöhe vielleicht. Oder +wie man gesprochen hätte, etwa mit einem Bruder, +oder wie es da hätte sein können, wenn Wirsich +ein gesetzter, welterfahrener und gutmütiger älterer +<span class="pagenum"><a name="Page_380">380</a></span>Herr gewesen wäre. Gelacht würde man haben, +und ein ernstes, aber ruhiges Wort würde man +schön vor sich hingesprochen haben. Wenn man +aber Wirsich betrachtete, mußte man mit den Verhältnissen +und Geschicken der Welt heimlich zürnen +und grollen, denn Wirsich bot keinen schönen Anblick +dar.</p> + +<p>Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug +ihm leise. Wie kam er dazu, den ganzen halben +Tag von Geschäft und Haus fern zu bleiben, ohne +um Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich +unbehagliche Vorwürfe.</p> + +<p>Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. +Die ganze Landschaft schien ihm zu beten, +so freundlich, mit all den leisen, gedämpften Erdfarben. +Das Grün der Matten lächelte aus dem +Schnee, dieser war von der Sonne zu weißen Flecken +und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es an, +Abend zu werden, und nun hätte er doch nicht +wünschen mögen, er wäre besser nicht mit Wirsich +spazieren gegangen.</p> + +<p>Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das +fühlte er lebhaft. Dieser verunglückte Mensch durfte +nicht gänzlich allein gelassen werden. Und jetzt +paßte die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll +in die Gegend und in die Dämmerungen des +<span class="pagenum"><a name="Page_381">381</a></span>Abends. Schon zündeten Menschen in Häusern +Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, +nur noch die weicheren und breiteren Umrisse, und +sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen beide +den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche +Verabredung getroffen zu haben.</p> + +<p>Tobler war nicht zu Hause. Die Frau saß im +Wohnzimmer, in der Dunkelheit, ganz allein, die +Lampe hatte sie noch nicht angezündet, und Pauline +und die Kinder waren noch irgendwo draußen +in der Umgebung. Sie erschrak über die unvermutete +Ankunft zweier solcher abendlichen Gesellen, +aber sie faßte sich rasch, machte Licht und frug Joseph, +warum er denn heute nicht zum Essen erschienen +sei, Tobler habe sich darüber aufgeregt, er +sei böse, und sie fürchte, es werde nun wieder etwas +Unangenehmes geben.</p> + +<p>»Guten Abend, Wirsich,« sagte sie zu dem andern +und reichte die Hand, »wie geht es Ihnen?«</p> + +<p>»So! Es geht so,« machte der. Joseph ergriff +das Wort:</p> + +<p>»Frau Tobler, würden Sie mir erlauben, für +heute nacht meinen Kameraden bei mir oben im +Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet +er sich in Verlegenheit, wo er übernachten soll, es +sei denn in der ›Rose‹ da unten, aber ich will mein +<span class="pagenum"><a name="Page_382">382</a></span>Möglichstes getan haben, zu versuchen, daß man +ihn verhindert, dort zu nächtigen. Wirsich hat soeben +seine neue Lebensstellung verloren, durch eigene +Schuld, das weiß er selber. Sein Geld hat er vertrunken. +Wenn er sich nun in den See stürzt, so +begeht er ein Ding, worüber wohlsituierte Leute +leicht die Achseln zucken können, das aber schrecklich +und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Säufer +und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche +das hier, auch vor Ihnen selber, Wirsich, laut aus, +denn es gibt vor Naturen, wie er eine ist, keinerlei +Takt zu bewahren, weil überhaupt keine Haltung +mehr da ist. Aber er muß nicht heute zugrunde +gehen, und was mich betrifft, so nehme ich ihn als +meinen besten Freund und Kameraden ungeniert +in ein Haus mit, in dem ich als Arbeiter tätig, +und als Bewohner vertraut bin. Ich werde jetzt +noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat +heute am Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein +Zimmer einzusperren, trocken und lustlos; ich gedenke +im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgänger, daß +ich es nur sage, ruhig und anständig zu durchzechen, +denn so machen es heute ja alle Menschen, die +glauben, es sich erlauben zu dürfen. Ich werde +dann mit Wirsich hieher zurückkehren, um ihn bei +mir oben übernachten zu lassen, mag Herr Tobler +<span class="pagenum"><a name="Page_383">383</a></span>das nun übel nehmen oder nicht. Ich wollte Ihnen +das, gnädige Frau, im voraus sagen. Vieles, was +mich diese ganze Zeit über in Erregung hat versetzen +können, begegnet in meinem Herzen hier jetzt, +nachdem ich das Unglück meines Kameraden angeschaut +habe, der gleichmütigsten und allerschönsten +Ruhe. Ich wage es, dem kommenden Leben tief +und sorglos und warm ins Auge zu blicken. Ich +vertraue meinem bißchen Kraft aufrichtig, und das +ist mehr, als wenn einer Wagenladungen voller +Kräfte und Heuschober voll Fähigkeiten hätte, aber +denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte. +Gute Nacht, Frau Tobler, Ihnen danke ich, daß +Sie die Güte hatten, mich anzuhören.«</p> + +<p>Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die +Kinder kamen gerade in diesem Augenblick zurück. +»Der Wirsich ist da,« riefen sie in heller, lustiger +Freude aus. Er mußte allen die Hand geben, und +alle, die dabeistanden, hatten das seltsame Gefühl, +als habe jetzt Wirsich angefangen, wieder ein Glied +des Hauses Tobler zu werden, oder als sei er während +all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, +als wäre er nur in ein anderes Zimmer +gegangen und hätte dort ein etwas ausschweifendes, +überspanntes Buch gelesen, als hätte seine Abschweifung +nur eine Stunde oder zwei gedauert, +<span class="pagenum"><a name="Page_384">384</a></span>so sehr sprach jetzt die Wiedersehensfröhlichkeit der +Kinder für ihn.</p> + +<p>Da wurde auch die Frau, die ein strenges und +kaltes Gesicht hatte aufsetzen wollen, wieder leutselig +und gewohnt-heiter, und sie sagte den beiden, +die schon in den Garten hinaus getreten waren, +sie sollten aber etwa auch ein bißchen aufs Maß +schauen und mit Trinken und Feten nicht allzu hoch +über die Schnur hauen. Daß Wirsich hier bei Toblers, +wo er doch früher wie zur Familie gehört habe, +übernachten könne, das verstehe sich von selber. Und +sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden, +damit es keine Szene gebe.</p> + +<p>»Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu +Walter!« scholl es aus Josephs Mund nach dem +Haus zurück.</p> + +<p>Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwärter +ein Lied. Die warme Männerstimme wollte, +wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht hineinpassen. +Das Lied klang so gleichmäßig und gleichtönend, +daß man ihm, als man es hörte, zutraute, +es werde noch über das alte Jahr hinaus ins neue +hinein und hinüber tönen wollen.</p> + +<p>Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf +der Landstraße langsam gegen das Dorf zu.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_385">385</a></span> +Was diese zwei Neujahrskameraden in der +Ortschaft und während der Nacht betrieben und +taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele +Gläser sie tranken, welche Art von Gesprächen sie +zusammen führten, das zu beschreiben würde das +Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und +Unbedeutende hinüberschieben. Sie sprachen, was +Kollegen zu sprechen pflegen, und sie handelten, +wie man in der Silvesternacht etwa zu handeln +pflegt, das heißt, sie gaben sich einem langsamen, +aber desto vergnüglicheren und desto zielbewußteren +Rausch hin. In einem der zahlreichen Bärenswiler +Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch mit +Freunden saß und merkwürdigerweise über Religion +sprach. Joseph hörte, so gut er noch hören konnte, +wie sein Chef ausrief, er erziehe seine Kinder gemäß +den Prinzipien der Religion, er selber aber +glaube an nichts, so etwas höre auf, wenn einer +Mann werde. Den beiden Angestellten, dem gegenwärtigen +und dem früheren, schenkte der Ingenieur +infolge seiner heftigen Gesprächsanteilnahme keine +Beachtung.</p> + +<p>Um zwölf Uhr fingen die Glocken an zu tönen +und zu erschallen, um den Beginn des neuen Jahres +läutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz +spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelöst von +<span class="pagenum"><a name="Page_386">386</a></span>den Chören des Männergesangvereines. Viele Leute +umstanden, die Gesichter von Fackeln beleuchtet, das +nächtliche Konzert. Joseph bemerkte den Versicherungsagenten, +der mit Tobler gut stand, aber auch +den wütenden Handelsgärtner, den ärgsten Feind +der technischen Unternehmungen, unter den Zuschauern +und Zuhörern.</p> + +<p>Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschäfte, +bessere, als sonst in Wochen. Manch einer +trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das +ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher +gönnte sich etwas, das er sich sonst nicht wohl hätte +erlauben dürfen; das ergab schöne, fette Rechnungen, +und diese wurden gleich bar bezahlt.</p> + +<p>Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu +der Mitternachtsmusik gekommen, still und verschämt, +im Gegensatz zu den unverschämten Augen, die sie +unter ihren Mitbürgerinnen antraf, die es sich zur +Wonne machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen. +Sie war heute eine einsame, wenig geachtete, wenig +beliebte Frau, aber sie ertrug es.</p> + +<p>Am späten Morgen erwachten im Turmzimmer +zwei noch nicht ausgeschlafene Köpfe. Es war heller +Tag und bereits elf, halb zwölf Uhr, also schon +beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und +Wirsich an, um hinunter zu gehen. Im Bureau +<span class="pagenum"><a name="Page_387">387</a></span>stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er den +Spätling und den unberufenen Eindringling erblickte, +kannte keine Grenzen. Er war nahe daran, +Joseph zu schlagen.</p> + +<p>»Nicht nur,« rief er aus, »daß Sie den ganzen +vorigen Tag, ohne auch nur ein Wort der Entschuldigung +oder der Benachrichtigung zu sagen, +weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert +haben, besitzen Sie auch noch die Frechheit, einen +neuen halben Tag zu versäumen und zu verschlafen. +Unerhört ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten +heute gar nichts Wesentliches zu tun, zugegeben, +aber es kann jemand Geschäfte halber daherkommen, +und welchen Eindruck macht dann das, wenn die +Magd dem Ankömmling sagen muß, der Lump von +Angestellter liege noch oben in seinem Nest. Schweigen +Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht links +und rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat +auch noch die Stirne, in Gesellschaft eines Menschen +anzulangen, der, wenn er sich nicht augenblicklich +jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen, +wie ich ihm befehle, anderes und deutlicheres zu +gewärtigen hat. Und kommt an, mit einer Gelassenheit, +die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem +<ins title="schuldbewußt voll sein">schuldbewußt sein</ins> sollenden Angestellten des +Hauses Tobler ziemt. Dieses Haus ist noch immer +<span class="pagenum"><a name="Page_388">388</a></span>ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit, +in der es sich befindet, darf niemand mich +zum Narren und Buben machen, am allerletzten +mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit +er zu leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und +arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es gilt einen letzten +Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen +Sie die Feder zur Hand.«</p> + +<p>Der Gehülfe sagte mit einer endgültig verletzenden +Ruhe:</p> + +<p>»Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen +Lohnes aus.«</p> + +<p>Er wußte kaum, was er sagte, er hatte nur +das bestimmte Schluß-Bewußtsein. Es wäre ihm +unmöglich gewesen, die Feder in die Hand zu nehmen, +so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkürlich +dasjenige, was die stärkste Möglichkeit darbot, zu +Ende mit all diesen Dingen zu gelangen.</p> + +<p>Tobler war denn auch außer aller Fassung.</p> + +<p>»Machen Sie, daß Sie sofort zum Haus hinauskommen. +Fort! Zu meinen Feinden! Ich brauche +Sie nicht mehr.«</p> + +<p>Er überhäufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst +heftigen, dann immer schwächeren, bis der Ton +der Wut gänzlich in Klage und Schmerz übergegangen +war. Joseph stand immer noch da. Es +<span class="pagenum"><a name="Page_389">389</a></span>dünkte ihn, mit der ganzen Welt Mitleiden haben +zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber stark und +nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich +war längst vorläufig in den Garten hinausgetreten. +Der Hund wedelte seinen alten Bekannten an. +Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des +Wohnzimmers und hörte mit gespanntem Ohr durch +die Wände und Mauern, was von unten her zu +ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete +sie die Bewegungen des im Garten stehenden, +früheren Gehülfen.</p> + +<p>»Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr +Tobler, dann gehe ich,« sprach's vom Schreibtisch aus.</p> + +<p>Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte +Tobler.</p> + +<p>Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr +möglich, zu bleiben, worauf Tobler sagte, das sei +doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef +nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer +Stunde begab sich der Gehülfe, so unauffällig er +konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann +dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er +der Reihe nach wieder diese kleinen, nichts- und +für ihn vielbedeutenden Gegenstände in die Hand, +um sie säuberlich aber rasch in den bereitgehaltenen +Koffer zu stecken. Als er mit Packen fertig war, +<span class="pagenum"><a name="Page_390">390</a></span>stellte er sich für zwei Minuten an das offene Fenster +und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren +Herzen die Gegend an. Dem großen See da +unten warf er sogar eine Kußhand zu, ohne zu +überlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefühl +des plötzlich notwendig gewordenen Abschiednehmens.</p> + +<p>Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat, +rief er Wirsich zu: »Warten Sie. Ich komme im +Moment.« – Dann ging er die Treppe hinunter, +das Köfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das +Herz klopfte!</p> + +<p>»Ich muß nun Adieu sagen, ich muß nun +gehen,« sagte er zu Frau Tobler. Diese fragte:</p> + +<p>»Was hat's denn gegeben? Müssen Sie gehen?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete der Gehülfe.</p> + +<p>»Denken Sie ein bißchen an mich, wenn Sie +fort sind?«</p> + +<p>Er bückte sich und küßte ihr beide Hände. Sie +sagte:</p> + +<p>»Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau +Tobler, es wird Ihnen nicht schaden. Das ist eine +Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen +Sie! Küssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand. +Sagen Sie meinen Kindern adieu. Walter! Komm +<span class="pagenum"><a name="Page_391">391</a></span>doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora, +gib Joseph die Hand. Kommt. Ja.« –</p> + +<p>Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort:</p> + +<p>»Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe +es und wünsche es, und ich weiß es beinahe. Seien +Sie immer ein bißchen demütig, nicht zu viel, Ihren +Mann werden Sie immer stellen müssen. Aber +brausen Sie nie auf, lassen Sie die ersten Worte +des Übelwollens immer unbeantwortet; auf ein +heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein züchtiges, +sanftes. Gewöhnen Sie sich daran, Empfindlichkeiten +in der Stille zu besiegen. Was Frauen jeden +Tag tun müssen das soll auch der Mann nicht +wollen ganz außer acht lassen. Das Weltleben +unterliegt ja denselben Gesetzen wie das häusliche +Leben, nur größeren und breiteren. Nur nie stürmisch! +Haben Sie auch alles, was Ihnen gehört, +eingepackt? Gehen Sie jetzt mit Wirsich? +Hören Sie, Marti, nur nie zwangsweise, immer +ein bißchen artig. Dann werden Sie schon vorwärtskommen. +Ich, ich werde auch bald fortgehen. +Dieses Haus ist verloren. Wir werden, ich und +mein Mann und meine Kinder, irgendwo dann in +der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem billigen +Quartier. Man gewöhnt sich an alles, und nicht +wahr, ein ganz klein wenig gern sind Sie doch hier +<span class="pagenum"><a name="Page_392">392</a></span>bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war doch vieles +hübsch. Wollen Sie Tobler nicht auch adieu sagen +lassen?«</p> + +<p>»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff +zum letzten Mal das Wort:</p> + +<p>»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn +freuen. Er hat es um Sie verdient, daß Sie ihm +nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle. +Sie sind unser Angestellter gewesen – nein, gehen +Sie jetzt. Viel Glück, Joseph.«</p> + +<p>Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann +zu ihren Kindern, als sei gar nichts weiter geschehen. +Er nahm seinen Handkoffer vom Boden +auf und ging. Und dann verließen die beiden, +Marti und Wirsich, den Abendstern.</p> + +<p style="margin-bottom: 80px;">Unten auf der Landstraße angekommen, machte +Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus +der Tasche, zündete sich denselben an und drehte +sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte +es in Gedanken, dann gingen sie weiter.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Gehülfe, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEHÜLFE *** + +***** This file should be named 27598-h.htm or 27598-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/7/5/9/27598/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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