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+The Project Gutenberg EBook of Schläfst du Mutter?, Ruth, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schläfst du Mutter?, Ruth
+ Novellen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: August 28, 2008 [EBook #26444]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLÄFST DU MUTTER?, RUTH ***
+
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+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
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+
+ Kleine Bibliothek Langen Bd. I
+
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Schläfst du Mutter?
+ Ruth
+
+ Novellen
+
+
+ [Illustration: Verlagslogo AL]
+
+
+ Paris, Leipzig, München
+ _Verlag von Albert Langen_
+ 1897
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+ Seite
+ Schläfst du, Mutter? 9
+ Ruth 83
+
+
+
+
+ Schläfst du Mutter?
+
+ [Illustration]
+
+ I.
+
+
+ Peter Vogelsang
+ Geht auf den Grillenfang,
+ Hat eine lange Nase
+ Und Ohren wie ein Hase ...
+
+Ich lasse sie schreien, die Knirpse, dachte Peter und schritt würdevoll
+seine Straße fürbaß. Das Spottgedicht stammte vom Herrn Lehrer selbst,
+aber Peter war fest überzeugt davon, daß ihn diese »Kinderei«
+gleichgültig lasse. Wenn er in den Zwischenpausen träumerisch, fast
+tiefsinnig im Schulhof stand, hinten am Zaun, wo man auf den Fluß
+hinabsehen konnte, der so ruhig und so klar vorbeiströmte, oder wenn er
+abseits von dem Knäuel der Aufgeregten mit nachdenklich verschränkten
+Armen dastand, mußte ihn oft die spöttische Mahnung des Lehrers aus
+seinem Sinnen wecken. Aber Peter lächelte nur, und dieses Lächeln war
+nicht ohne eine gewisse Geringschätzung; denn er war bei seinen neun
+Jahren schon ein beachtenswerter Philosoph, der über den lieben Gott
+bereits sein ganz bestimmtes Urteil hatte.
+
+Es war ein Mittwoch-Nachmittag und er ging spazieren. Er trug einen
+dünnen Spazierstock aus Weichselrohr, – die Mutter hatte ihn gestern
+erst gekauft, – und damit hieb er fortwährend auf die Einfassung des
+Trottoirs los, gerade als könne er sich damit von einer Summe innerer
+Zweifel befreien. Am Lilienplatz ertönten die Schmiedehämmer und das war
+ein heller, fast klagender Laut. Peter blieb stehen, denn diese Töne
+fesselten ihn sehr. Klang es nicht, wie wenn die alten und berühmten
+Recken mit ihren Schwertern aufeinander loshieben? Wahrlich, wenn man
+die Augen schloß, so konnte man glauben, Laurin kämpfe in vollem
+Gewaffen mit Dietrich von Bern. Dann sah er noch zu, wie einem Pferd die
+Hufeisen erneuert wurden, und so beklommen war sein Herz bei diesem
+Schauspiel, daß ihn selbst der arge Gestank des angesengten Hufs nicht
+vertreiben konnte. Er staunte nur, daß ein Pferd so schön stille halten
+konnte, während man ihm Nägel in die Füße schlug. Er ging weiter, aber
+das Staunen über diesen sonderbaren Umstand wollte ihn gar nicht mehr
+verlassen. Er dachte: man sollte das einmal bei mir probieren! man
+sollte _mir_ einmal Nägel in die Füße schlagen! Erstens würde ich
+schreien und dann ... dann würde schon Papa kommen ...
+
+Als er sich der Fischergasse mit ihrem schlechten Pflaster und ihren
+kleinen, baufälligen Häusern näherte, dachte er: dies Fürth ist doch
+eine häßliche Stadt. Warum hat mich der liebe Gott nicht in einer Stadt
+mit schöneren Häusern geboren werden lassen? Schon der Name ist so
+häßlich. Es giebt doch so schöne Städte: Babylon oder Bagdad oder
+Palmyra ....
+
+Seine kindische Sehnsucht machte seine Schritte größer und hurtiger.
+Bald lagen die Wiesen vor ihm.
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Lange Zeit verfolgte er die Landstraße, die kahl und schattenlos dalag,
+während der weiße Staub sie gleich einer Mehlschicht bedeckte. Am
+wolkenlosen Himmel stand die Sonne, und alles Land lag da: leblos,
+gleichsam schlaftrunken. Bienen und Hummeln summten vorbei und der
+Kohlweißling und das Pfauenauge flatterten umher. Hinter den Hügeln
+drüben erhob sich ein Dorfkirchturm einsam in die Luft, lang und schmal
+wie eine Lanze. Ein leichter Schleier verhüllte die Fernen, und je
+weiter sich der Knabe von der Stadt entfernte, desto stiller, desto
+feiertäglicher wurde es in der Runde um ihn. Er hätte immer zuwandern
+mögen in diese große Ebene hinaus, die so trügerisch den Schein eines
+Unermeßlichen erweckte. Nichts fesselte das Auge hier und stets sah man
+die schwere, gleichförmige Linie des Horizonts: aber dies Flachland
+birgt Schönheiten, die denen der Nacht verwandt sind.
+
+Peter Vogelsangs Ziel war der Wald. Und während er weitertrippelte,
+überließ er sich völlig seinen Träumereien. Wie herrlich wäre es, wenn
+er jetzt als Anführer einer Armee die Straße zöge! Natürlich mußte er
+dazu schon groß sein und stark, – stärker wie Haushammers Fritz, ja
+sogar stärker wie der Vater selbst. Er blieb stehen ..... nein, am Ende
+war es doch viel hübscher, Kapitän zu werden, Seeräuber zu werden. Er
+legte den Finger an die Nase und sann emsig darüber nach, was wohl
+ersprießlicher sein möchte: Feldmarschall zu werden oder Seeräuber?
+Wenn er aber bedachte, daß man es vom Feldmarschall gar leicht zum
+Kaiser bringen kann? Es war schwer, darüber ins Klare zu kommen. Er
+wollte die Bäume an der linken Seite der Straße zählen, bis hinauf zur
+Hügelspitze; und wenn eine gerade Zahl herauskam, wollte er Kaiser
+werden und wenn eine ungerade herauskam, wollte er Seeräuber werden.
+Wenn das Tante Lina wüßte, würde sie natürlich wieder lachen, aber wovon
+verstand sie denn eigentlich etwas? Überhaupt, die Mädchen verstehen ja
+gar nichts, sagte er finster vor sich hin. Er haßte die Mädchen, und
+obwohl Tante Lina schon verheiratet war, rechnete sie Peter doch zu den
+Mädchen. Sie redete immer bloß von ihrem Alfredchen und von ihren neuen
+Tüllgardinen oder so und vom lieben Gott zum Beispiel verstand sie gar
+nichts. Auch hatte sie nicht einmal gewußt, daß die Sonne größer ist,
+als die Erde. Das Empörendste war aber, daß sie immer vom Storch
+sprach, der die kleinen Kinder bringe. Als ob er das geglaubt hätte,
+solche Kindermärchen!
+
+Und er versank in tiefes Grübeln. Eigentlich war er doch noch nicht
+fertig mit diesem Storch. Wer sollte einen denn sonst bringen, wenn es
+nicht der Storch war? Aber andrerseits, welches Interesse konnte der
+Storch daran haben, daß die Menschen Kinder bekämen? Ja, – und dies war
+der Hauptpunkt: im Herbst ziehen doch die Störche fort, können also
+keine Kinder bringen: er wußte aber ganz genau, daß die Kinder auch dann
+auf die Welt kommen, wenn gar keine Störche mehr da sind. Und was ist
+dies für ein geheimnißvoller Ort, wo die vielen winzigen Kinderchen
+liegen? Ein großer See, von dunklen Wildnissen umspannt; rosenfarbige
+Vögel schwimmen darauf umher und am Rand steht himmelhohes Schilf. Und
+es giebt keinen Tag und es giebt keine Nacht dort, sondern immer nur
+ein seltsames Dämmern und eine Prinzessin liegt im Wald und ist
+verzaubert und schläft, bis der Königssohn kommt.
+
+Er betrat den Wald. Schlanke Föhren standen da, soweit man sehen konnte.
+Ringsherum war es halbhell; aber wenn man zwischen den Stämmen
+durchschaute, wurde es dunkler und immer dunkler, bis sich der Blick in
+Nacht verlor. Der Boden war schwellend weich und glatt, denn er war von
+Nadeln ganz besät. Ein Specht hackte unaufhörlich, und weit in der Ferne
+rief der Kuckuck. Drüben am Grabenrand standen große, schneeweiße Blüten
+auf starken Stengeln, und sie schwankten hin und her, wenn ein Luftzug
+sie traf.
+
+Hier und dort waren die Stümpfe frisch abgesägter Bäume, und das glatte
+Holz leuchtete mit seinem dunklen Gelb weithin durch den Wald. Bald
+schlossen sich die Stämme dichter zusammen und jegliches Geräusch
+verstummte. Es schien auch, als ob die Bäume höher würden und die
+Dämmerung breitete sich aus gleich einem Schleier. Müde schlich Peter
+vorwärts. Spinnfäden, die sich von Stamm zu Stamm spannten, legten sich
+um seine Wangen, und das Unterholz breitete sich aus wie eine kleine
+Wildnis und erschwerte das Gehen. Erschöpft legte sich der Knabe unter
+einigen Tannen zur Rast nieder. Wie schlank und stolz erhoben sich die
+starken Bäume! Wie weich war dieses Lager trockener Nadeln, wie süß und
+still war die Luft und wie voll von Frühlingsträumen war sie! Wie schwer
+wurden die Gedanken und wie heimlich zugleich! Wie fern war die Welt,
+wie fern der Lehrer mit seinen Schulaufgaben und die dummen Buben alle
+mit ihren Neckereien! Wie müd konnte man sein und wie froh zugleich!
+
+Peter wollte sich bald wieder erheben, aber auf seinen Gliedern lastete
+es wie Blei. Er sagte sich: ich muß ja nach Hause; ich werde sonst zu
+spät zum Abendessen kommen. Doch er hatte nicht einmal die Kraft, den
+Kopf zu heben. Es war schön, mit ausgestreckten Gliedern daliegen zu
+können wie ein Kaiser und ins dunkelgrüne Nadelwerk zu blicken. Immer zu
+phantasieren, so, als ob es keine Menschen gäbe. Wenn er Kaiser wäre,
+wie schön würde es auf der Welt sein! Nur dreimal in der Woche würde
+Schule abgehalten und dann würde er Stolbergs Wilhelm, der ihn immer
+während der Rechenstunde am Nacken kitzelte, von seinen Leibwächtern
+durchprügeln lassen. Aber mitten in die herrlichen Gedanken trat wieder
+die Sorge um die Heimkehr. Er fühlte es wie einen Druck auf dem Herzen,
+ja, es wurde ihm sehr angst, aber dennoch fesselte es ihn wie mit Ketten
+an diese weiche, kühle Walderde. Die Mutter glaubte ihn bei Haushammers
+Fritz oder bei Tante Lina, und er lag da, fern von der Stadt und ihm war
+so gut! Er hatte nun die Empfindung, als sei er aufgesprungen und
+wandere heimwärts, aber in Wirklichkeit waren ihm die Lider zugefallen
+und er schlief.
+
+Er träumte, daß er ein Pferd sei und man ihm Hufeisen an die Füße
+nagelte. Aber siehe, er empfand gar keinen Schmerz und er war sogar
+stolz auf diesen neuen glänzenden Schmuck.
+
+Dann träumte er, er sei gestorben. Er wurde in einen Sarg gelegt und
+wurde begraben. Aber als er drunten lag im Grab, da fand er, daß er noch
+nicht ganz gestorben sei, und er wachte wieder auf. Er krabbelte aus dem
+Loch heraus und, angethan mit einem großen weißen Totenlaken, machte er
+sich auf den Heimweg. Die Stadt lag noch im Morgengrauen und war ganz,
+ganz öde. Da begegnete ihm am Bahnhof Haushammers Fritz.
+
+»Ich hab’ gedacht, du bist tot,« sagte der.
+
+»Ich war schon tot,« erwiderte Peter, »aber jetzt bin ich wieder
+aufgewacht.«
+
+»Jetzt gehst gewiß heim?«
+
+Peter nickte.
+
+»Was wird denn da dein Vater sagen, wennst jetzt schon wieder kommst?
+Der wird schimpfen!«
+
+Am Brunnendenkmal blieb Peter stehen und dachte nach. Und er bekam
+solche Furcht davor, was der Vater sagen würde, daß er schnell wieder
+umkehrte und sich ins Grab legte.
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Als er erwachte, war es Nacht. Große Angst erfaßte ihn, und die kühle
+Luft drang ihm bis auf die Haut. Das Weinen war ihm nah, als er sich so
+allein sah, mitten im Wald, Gott weiß zu welcher Stunde der Nacht. Wenn
+jetzt Räuber kämen oder Mörder, oder Kobolde oder Riesen ... Hastig ging
+er vorwärts, am ganzen Körper zitternd.
+
+Schneller, als er gedacht, lichtete sich der Wald. Und dann ging er die
+Landstraße hinab und weithin dehnten sich Äcker und Wiesen und das
+grüne Mondlicht lag auf allem Land. Schierlingskraut und Löwenzahn
+standen am Weg und der Tau breitete sich aus, daß es schien, als ob der
+Boden dampfe.
+
+Peter schritt rasch und mit angstvollem Herzen weiter. Kein Mensch
+begegnete ihm; kein Haus, keine Wirtschaft war in der Nähe. So still war
+es und so voll Frieden wie in einer Kirche. Wenn er innehielt, um Atem
+zu schöpfen, konnte er weit in der Ferne den Schrei des Käuzchens
+vernehmen und er fürchtete sich davor. Einmal biß er sich auf die
+Unterlippe, um nicht laut aufzuweinen. Was wird die Mutter sagen,
+murmelte er beständig vor sich hin. Da entsann er sich dunkel, daß ein
+schwerer Traum seinen Schlaf beunruhigt hatte. Aber er wußte nicht mehr,
+was er geträumt hatte. Er zermarterte sich förmlich, dachte tief und
+andächtig nach, aber es war, als necke ihn der Traum noch jetzt, – je
+mehr er sich quälte, je ferner fühlte er sich seiner Spur. Doch hatte
+er die Empfindung, als sei dadurch eine Lücke in seinem Innern
+entstanden; die Vorstellung des bösen Traums beunruhigte sein Gemüt, und
+die Furcht vor dem Unbekannten ließ das nur Geträumte zu einer
+lebendigen Gefahr anwachsen.
+
+Schon betrat er die Straßen der Stadt, da hörte er elf Uhr vom
+Rathausturm schlagen. Er seufzte erleichtert auf, denn er hatte
+geglaubt, es sei schon drei Uhr oder gar vier Uhr. Allerdings, wie
+einsam war es auch auf all den Gassen! Kaum daß man in den Stockwerken
+der Häuser noch hie und da ein Licht gewahrte. Keine Laterne brannte.
+Zauberhaft nahm es sich aus, wenn so die Straße in Licht und Finsternis
+geteilt schien, auf der einen Seite der Mondschein, der die nüchternen
+Bauten verschönte und alles Häßliche an ihnen versteckte. Die
+scharfgeschnittenen Schatten, die es überall gab und dann der tiefgrüne
+Nachthimmel mit ein paar schüchternen Sternen, die nur wie hingehaucht
+erschienen ... Über all dem schwebte dieser leise, leichte, duftige
+Frühlingsnebel, unbeweglich und traumhaft.
+
+Bald stand Peter am Wohnhaus in der Theaterstraße. Das Thor war
+versperrt und er mußte läuten. Niemand kam. Sein Herz klopfte zum
+Zerspringen, als er zum zweitenmal den verrosteten Glockenknopf zog. Ein
+schriller, zirpender Laut drang bis auf die Straße heraus.
+
+Endlich wurde oben ein Fenster aufgerissen, und der Kopf der alten Magd
+wurde sichtbar. Ihre große, weiße Haube ragte weit vornüber. Sie
+grunzte, rief etwas ins Zimmer zurück, schlug das Fenster wieder zu, und
+gleich darauf polterte sie die Stiege herab und empfing den Knaben mit
+jener Flut wohlgemeinter Schmähungen, die oft größere Freudenbezeugungen
+sind als Küsse. Der Vater sei fort, um ihn zu suchen, und die Mutter
+weine sich die Augen aus dem Kopf.
+
+Als er furchtsam die Thür des Wohnzimmers öffnete, sah er die Mutter am
+Tisch sitzen. Aber sie weinte nicht. Sie blickte den Knaben traurig an,
+doch so, als ob sie ganz vergessen hätte, daß sie seinetwegen Sorgen
+gehabt, und als ob ganz andere Bekümmernisse sie jetzt erfüllten, – wie
+eine Frau, welche die Zukunft ihrer Kinder in dunklen Farben sieht. Sie
+sagte kein Wort zu Peter.
+
+Der Knabe stand an der andern Seite des Tisches und wagte nicht, die
+Augen aufzuschlagen. Er heftete seine Blicke auf die Zeitung und
+immerfort las er die Kapitelüberschrift des Romans. Immerfort las er
+das: »Achtzehntes Kapitel. Alma wird gerächt.« Dabei aber schlug das
+Ticktack der großen Wanduhr unaufhörlich an sein Ohr, und sogar das
+schnelle Ticken der kleinen Taschenuhr vernahm er, die der Mutter
+gehörte, und die an der Wand über der Kommode hing. Bald darauf begann
+Barbara in der Küche geräuschvoll mit den Tellern zu hantieren, und
+diesen Lärm empfand er im Innern wie einen Trost.
+
+Als sein Blick nach einiger Zeit die Mutter traf, hatte sie sich blaß
+und abgespannt in den Stuhl zurückgelehnt. Und seltsam, in diesem Moment
+kam es wie eine Erleuchtung über ihn, und der Traum im Wald stand
+lebhaft und in aufdringlichen Farben vor seiner Seele. Aber noch immer
+redete er nicht. Das war ihm unmöglich, hinzugehn zur Mutter, ihre Hand
+zu nehmen und zu sagen: verzeih mir.
+
+»Wo warst du?« fragte endlich die Mutter mit einem Stirnrunzeln, das so
+klang, als wäre sie von einer Last schwerer Träume erlöst worden. Dann
+erst wiederholte sie, gleichsam sich selbst findend, in strengerem Ton
+und mit drohendem Stirnrunzeln: »Wo warst du?«
+
+Peters Finger spielten mit den Fransen des Tischtuchs, und seine Blicke
+suchten am Boden umher. Und so oft auch die Mutter fragen mochte, der
+Knabe schwieg beharrlich. Nicht aus Trotz, nicht aus Verstocktheit,
+nicht aus Furcht, sondern nur deshalb, weil er nicht reden konnte. Er
+vermochte nicht ein einziges Wort zu finden. Er kam sich in diesem
+Augenblick so schuldbeladen vor und zugleich so arm und weltverloren,
+daß er sich völlig in diese Vorstellungen voll Schmerz und Trauer
+vertiefte.
+
+Da hörte man Schritte auf der Treppe, und die Mutter nahm ihn rasch bei
+der Hand. »Der Vater kommt,« sagte sie, »er wird dich schlagen. Schnell,
+geh hinein und schlüpf ins Bett. Ich will ihm sagen, daß du schläfst.
+Und jetzt mußt du brav sein, und wenn du brav bist, sag’ ich es Lizzi.
+Lizzi kommt nämlich morgen. Freust du dich? Du hast sie doch schon lange
+nicht mehr gesehn –? Das ist jetzt ein großes, schönes Mädchen geworden
+und du mußt recht nett mit ihr sein.«
+
+Dann stand er in dem finstern Zimmer, wo sich sein Bett befand. Aber er
+entkleidete sich nicht, sondern setzte sich auf den Bettrand und versank
+in tiefes Sinnen. Was die Mutter eben gethan, erschütterte ihn bis ins
+Innerste. Sie wollte also nicht, daß der Vater ihn schlug –? Ja, und
+warum war sie so traurig gewesen? Sonst, wenn er sich verspätet oder
+wenn er irgend ein Unheil angerichtet, hatte sie ihn ermahnt oder hatte
+gescholten, und heute war sie so still und nachsichtig gewesen ... Hätte
+sie ihn doch lieber gescholten! Hätte sie ihn doch an den Ohren
+gepackt!... Aber sie schien so traurig zu sein und er fragte sich: warum
+ist die Mutter nicht glücklich? Sie hat doch immer so viel Geld, und sie
+kocht doch immer so gute Sachen, und so schöne Kleider hat sie, und
+Schmucksachen, und den Vater hat sie auch –? Und Lizzi sollte kommen –?
+Die freche kleine Cousine Lizzi –? Er wollte ihr schon zeigen, daß er
+jetzt ein Mann geworden sei, und wenn sie frech war, so würde er sie
+einfach mit Verachtung strafen ... Aber im tiefsten Grund seines Herzens
+wurde es gleichsam ein bischen warm und gemütlich, wenn er an Lizzi
+dachte.
+
+Die regelmäßigen Atemzüge der beiden kleineren Geschwister drangen an
+sein Ohr und vom Wohnzimmer her kam jetzt die sonore Stimme des Vaters
+in beständigem Gemurmel herüber. Das Mondlicht fiel durchs Fenster und
+zeichnete vier Parallelogramme auf den Boden, über denen der Schatten
+des Gardinenmusters wie ein Nebel gebreitet war.
+
+Da hörte er des Vaters Stimme hart und hastig: »Es muß sein, Agnes. Das
+Geld muß ich haben. Ich bedaure, daß ich so viel Liebe an dich
+verschwendet habe, wenn du mir nicht einmal dies kleine Opfer bringen
+kannst.«
+
+Darauf erwiderte die Mutter eindringlich und entschieden: »Niemals,
+Rudolf! Das Geld ist für unsere Kinder deponiert worden und kein Pfennig
+soll davon genommen werden. Du hast es damals selbst gewollt. Ich
+erinnere mich noch genau, wie du kamst. Oder soll das auch nur eine von
+deinen großen Redensarten gewesen sein?«
+
+»Ich mache keine Redensarten. Du machst Redensarten. Und wenn du eine
+vernünftige Frau wärst, würdest du wissen, was du jetzt zu thun hast. Du
+siehst doch, daß ich zu Grunde gehe ...«
+
+»Du bist ein Egoist,« erwiderte die Mutter so leise und so traurig, daß
+von diesem Tage an das Wort Egoist in Peters Vorstellungen als etwas
+Ungeheures und Furchteinflößendes sich entpuppte. »Du hast nie für
+andere Leute ein Gefühl gehabt. Nur für dich. Man braucht dich ja nur
+reden zu hören. Selbst wenn du von andern sprichst, sprichst du nur von
+dir selbst; heut abend, wie Peter nicht kam, hast du nur immer über die
+Sorge gejammert, die dir der Bub macht, aber –«
+
+»Schweig, schweig, du bist lächerlich,« flüsterte der Vater heftig und
+sehr erregt.
+
+»Schweigen? Ich hab elf Jahre lang geschwiegen. Ich gebe mein Herzblut
+für euch hin, sagst du immer. Aber ich, ich für meinen Teil finde gar
+nichts Besonderes in dem, was du thust. Erstens sitzest du jeden Abend
+im Wirtshaus und spielst und bist vergnügt und ich bin dir gleichgültig.
+Es ist dir gleichgültig, was ich treibe. Wir waren eine gute Partie, nun
+ja, das ist eigentlich alles. Du hast nie gewußt, was eine Frau ist und
+was sie sonst noch für Sehnsucht haben könnte außer ihrem Wochengeld und
+– – Ich darf zu Grunde gehen in Langeweile und Einsamkeit, du hast ja
+deine Gesellschaft beim Kartenspiel, und die ist dir lieber als Frau und
+Kinder .... nein, nein, denke nur nicht, daß ich was von dir begehre.
+Ich habe nie was gewollt, aber was du jetzt von mir willst, – o ich
+durchschaue dich. Dich kenn ich!«
+
+Noch viele Worte hörte Peter, aber es waren nur Worte für ihn. Langsam
+kleidete er sich aus und kroch ins Bett. Seine Bewegungen waren alle
+schwer, fast getragen vom Nachdenken. Ja, er kam sich so feierlich vor,
+so viel würdevoller als sonst und viel männlicher. Und er glaubte alles
+zu verstehen, was er gehört hatte. Zum erstenmal schaute er in das
+Leben, das vor ihm lag, hinein wie in ein dunkles Loch. Ein leichter
+Schreck ergriff seine Seele, und er fühlte etwas wie Schwäche gegenüber
+den künftigen Tagen. Diese Welt erschien ihm vollgepfropft mit
+unheimlichen Schicksalen und häßlichen Leiden. Sein Geist flüchtete
+ängstlich in die alten Zeiten der Sagen und der Heldenthaten und das
+Übernatürliche und Traumhafte war ihm das allein Begreifliche und
+Berechtigte. Und er schloß die Augen und Bild auf Bild, blaß und blasser
+schwebte ihm vorbei, und Märchen und Wunder erfüllten sein Herz und
+seine Träume waren leicht und golden.
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Ganz ohne Übergang, ganz plötzlich und stürmisch waren Ende April diese
+warmen Tage gekommen. In allen Gassen roch es nach Frühling und die
+jungen Blüten wiegten sich bedächtig hin und her und wußten ihr junges
+Leben noch nicht so recht zu genießen. Der Frühling hat uns überfallen,
+sagte Frau Agnes Vogelsang und sie lächelte dabei so, als ob von einem
+guten Freunde gesprochen würde.
+
+Peter, der seit drei Tagen Ferien hatte, fühlte sich froh im Bewußtsein
+der freien Herrschaft über all die Stunden des Tages. Des Morgens saß
+er still im Zimmer und las. Er vertiefte sich in die Historien des alten
+babylonischen Reiches. Ja, diese asiatischen Völker in all ihrem satten
+Prunk, mit dem Geheimnisvollen und Düstern, das sie umgiebt, lockten ihn
+sehr. Wenn er die seltsame Geschichte des Sardanapal las, so ergriff ihn
+jedesmal eine fast dichterische Glut, und er sah die Feuer an den Wänden
+des Palastes lodern, und er hörte die schmerzlichen Schreie der Frauen,
+und er sah den König selbst, wie er inmitten seiner Getreuen stand und
+die Lanze gepackt hielt wie ein echter Held und wie er bleich wurde und
+wie dann die Flammen kamen und wie der Rauch kam und wie er lächelte und
+immer lächelte, wenn die andern sich vor Schmerz wanden. So sah er den
+Sardanapal. Und er erzählte das alles Haushammers Fritz, und sie
+unternahmen Heldenthaten von ähnlicher Bedeutung, zogen mit
+Holzschwertern in den Wald hinaus und suchten einsame Burgen und stille
+Höhlen und wilde Tiere und die Fußstapfen böswilliger Feinde. Und er
+träumte des Nachts von seltsamen Ländern, wo Blumen waren so groß wie
+bei uns die Bäume und wo ein ewiger Sonnenbrand herrscht oder eine ewige
+Dämmerung oder der süße Frieden des Waldes und wo die Menschen gute
+Augen haben und wo fromme und starke Könige die schönsten Knaben als
+Pagen in ihren Palast rufen lassen. So ging sein Tag in Träumen hin, und
+sein Auge suchte in dieser Welt der Zahlen nach Wundern. Und er las auch
+die Bibel (heimlich las er sie), und ein kühler Schreck erfaßte sein
+empfindliches Herz vor jenen blutigen Greueln und vor jenen
+übermenschlichen Gestalten der grauen Vorzeit. Und erst des Abends, wenn
+er oft mit Barbara am Herdfeuer der Küche saß, wenn die Sphinxe und die
+Nixen und die Nymphen sich erhoben aus düsteren Verstecken, wenn der
+Wald in seiner süßen und ziehenden Dunkelheit wie ein lebendiger Mensch
+erschien, wenn die flackernden Flammen des Herdfeuers als kleine,
+boshafte Kobolde ein spukhaftes Wesen trieben, wenn Drachen und
+Lindwürmer mit feurigen Glotzaugen vor dem Sims saßen und durch die
+Scheiben starrten, wenn jeder Kochtopf sich als ein Zauberwerkzeug und
+jeder Schemel sich als feige schleichendes Tier entpuppte, dann war das
+Leben eitel Abenteuer und Furchtbarkeit für Peter und es lockte und rief
+ihn hinaus auf Haide und Moor und Wald und Thal mit tausend
+wohlverständlichen Stimmen.
+
+Frau Agnes liebte das alles nicht. Sie liebte die Träumereien nicht und
+sie liebte die Märchenbücher nicht für den Knaben. In dem
+melancholischen Ausdruck seiner Augen lagen ohnehin schmerzliche
+Garantieen die Fülle für sie. Sie wußte, daß er nur mit älteren Knaben
+verkehrte und daß er gegen jüngere einen gewissen Hochmut zur Schau trug
+oder eine fast väterliche Nachsicht. Es war ihr ja kein Rätsel, wie
+dies Düstre, gleichsam Schwerflüssige in das Kind gekommen war. Ihr
+selbst hatte das Leben nie viel Munterkeit und Glück gegeben, und trüb
+und finster und plump war diese Stadt. Streng und ernst und geradlinig
+war das Land. Wenn man draußen stand auf dem Feld und man sah die
+bleiernen Wolken des Himmels über sich, so mußte man träumen. Man verlor
+die Energie des Gedankens und mußte träumen. Das Haus da war nicht alt,
+sonst hätte gewiß nicht jene heimliche Poesie der alten fränkischen
+Häuser gefehlt, – nein, es war so neu und kahl wie die Fabrikschlöte,
+die gegen den Anger hinaus lagen. Und viel Werkthätigkeit und Hastigkeit
+war in allen Straßen der Nähe und spielende, schlecht gekleidete Kinder
+schrieen und lärmten in allen Höfen.
+
+Doch den Zimmern der Etage hatte Frau Agnes die Züge ihres Wesens
+aufgedrückt, und jene unauffällige, wohlthuende Harmonie lag darüber,
+von der Tante Regina meinte, daß man dabei an seine Kindheit denken
+müsse. Wie fremd und geheiligt erschien Peter stets der halbdunkle Salon
+mit seinen grünlichen Lichtern, mit dem scheuen Glanz seiner hohen
+Spiegel! Und wenn seine Mutter mit ihrem ein wenig schleppenden Gang
+durch die Flucht der Räume schritt und nachdenklich hier eine Decke
+glättete und dort den Staub von einer Platte wischte, so fühlte selbst
+der Knabe, wie vieler Enttäuschungen es bedurft hatte, um all ihre
+Wünsche auf dies winzige Königreich zu beschränken, und ein schmerzlich
+unbewußtes Begreifenwollen regte sich in ihm.
+
+Heut soll Lizzi kommen, dachte Peter, der am Ofen saß, den Kopf in die
+Hand und den Ellbogen auf das Knie gestützt. Und er dachte darüber nach,
+welch ein ernstes und gemessenes Gesicht er machen wollte, wenn er ihr
+die Hand gab; er wollte sich verbeugen und wollte sagen: Ach, das ist
+schön, daß du gekommen bist. Nach dem Ach wollte er eine kleine Pause
+machen.
+
+Von der Küche drangen Bratengerüche herein, und überdies roch es nach
+Kastaniengemüse. Peter lächelte begehrlich und dann runzelte er die
+Stirn, in Sorge, daß die Mutter zu wenig davon kochen würde wie neulich.
+Diese Sorge beunruhigte ihn so sehr, daß er beschloß, in die Küche zu
+gehen.
+
+Aber als er den Fuß über die Schwelle der Küchenthür setzte, blieb er
+erschrocken stehen. Frau Agnes saß auf dem Kehrichtfaß, in der einen
+Hand den langen, hölzernen Kochlöffel, mit dem sie das Mus gerührt
+hatte, in der andern einen Brief. Sie sah über den Knaben hinweg,
+geradeaus ins Leere. Ihr Gesicht war fahl und ihre Lippen waren blau.
+Peter wagte nicht, sich zu rühren, während er lange Zeit mit zuckenden
+Mundwinkeln dastand und zuschaute, wie langsam stille Thränen über die
+Wangen seiner Mutter rannen und wie ihr Oberkörper sich vorbeugte und
+auf das Anricht zu fallen schien. Und dann erhob sie sich rasch und sie
+schämte sich, vor dem Kind so schwach gewesen zu sein; daher drückte sie
+das Taschentuch fest gegen die Augen, als sie hinausging.
+
+Peter sann und sann. Doch inmitten der Erregung sah er das
+Kastaniengemüse schmoren und brodeln und damit das leckere Gericht nicht
+zu Grunde gehe, nahm er zaghaft den großen Löffel und rührte und rührte,
+während seine schwärmerischen Blicke gleichsam die Finsternis des Lebens
+zu durchdringen suchten und ein großes Mitleiden ihn erfaßte gegen ein
+Unbestimmtes, gegen ein leidendes und trauriges Geschöpf. Doch in seine
+männlichen Entschlüsse und altklugen Betrachtungen fuhr die fette Stimme
+der alten Barbara, die ihm den Löffel aus der Hand riß und mit
+entrüsteten Naturlauten den unbequemen Koch vor die Thüre setzte.
+
+Aber dann lief sie ihm plötzlich nach, nahm ihn auf den Arm und setzte
+sich auf die Stufen im Flur. Auch sie hatte verweinte Augen, doch sah
+sie nichtsdestoweniger sehr grimmig aus. Und sie sagte zu Peter, daß
+sein Vater fort sei und daß sein Vater ein Taugenichts sei und daß sie
+ihm, Peter, die Rippen entzweischlagen werde, wenn er nicht dazuthue,
+ein ordentlicher und braver Mensch zu werden, der seiner Mutter eitel
+Freude bereitet. Und sie schien Lust zu haben, die angedrohte Strafe
+sogleich zu vollziehen.
+
+Peter begriff nichts von alledem. Was sollte das heißen: der Vater ist
+fort? Wenn man einmal verheiratet ist, gehört man auch zusammen und dann
+hat man sich auch lieb. Was konnte der Vater ohne die Mutter anfangen?
+Wer würde ihm sein Essen kochen? Wer würde ihm die Strümpfe stricken?
+Peter schüttelte den Kopf und lächelte still und froh in sich hinein.
+Dann ging er mit übergroßen Schritten im Wohnzimmer auf und ab und
+dachte an Lizzi, die von all dem keine Ahnung hatte, und er freute sich
+darauf, sie unterrichten zu können, wie bitter und ernst das Leben ist,
+und daß die kleinen Kinder ganz wo anders herkommen als vom Storch, und
+daß es für ihn eine beschlossene Sache sei, Feldmarschall zu werden.
+
+Und sein Blick glitt etwas trotzig zur Mutter hinüber, die am Fenster
+stand und die Stirn an den eisernen Quer-Riegel gedrückt hatte. Ihre
+Frisur hatte sich gelöst und das reiche, dunkelblonde Haar fiel wie eine
+Flut, wie ein Wasserfall bis hernieder auf die Erde und oben in den
+zitternden Löckchen spielten die Sonnenstrahlen. Und als der Knabe den
+bitteren und gequälten Ausdruck ihres Gesichts sah, wachte auf einmal
+eine heiße Begierde in ihm auf, recht schnell groß zu werden, und er
+fühlte es wie eine Schmach und es demütigte ihn förmlich, daß er noch so
+klein war und erst neun Jahre alt.
+
+Gleich nach Tisch schlich er davon. Im Korridor hatten die beiden
+Geschwister aus einer Stiege und drei Stühlen ein Art Karosse erbaut und
+davor stand ein richtiges Holzpferd. Peter sollte den Kutscher machen
+wie sonst, doch Peter lächelte verächtlich und sagte: Ich bin überhaupt
+schon viel zu groß für das Zeugs da. Und er achtete den Protest der
+Bittsteller für nichts und schritt erhobenen Hauptes weiter. Doch er
+konnte es nicht unterlassen, trotz des fast männlichen Stolzes, der ihn
+jetzt erfüllte, rittlings am Stiegengeländer herabzugleiten, so daß er
+blitzschnell im Hausflur anlangte.
+
+Hinaus gegen den Fronmüllerssteg und unter die Riesenbögen der
+Eisenbahnbrücke! Dort legte er sich ins warme Gras und blickte hinauf an
+die Wölbung und träumte von einem Zusammenstoß, wobei viele Menschen
+umkamen und wo er sich als ein hilfreicher und tapferer Mann zeigen
+könne. Und dann ging es quer durch die Wiesen zum Waldmannsweiher, wo
+braun und schwer und düster das Wasser lag. Und das Wasser war tief wie
+ein Meer und in seinem Grund gab es ungeheure Fische und böse Geister,
+die der König Salomon in Flaschen eingesperrt hatte. Und ringsherum gab
+es keinen Vogel und kein Mensch ging vorbei. Und die Bäume hatten
+dunkelrote Blätter, die ganz unbeweglich an den Zweigen hingen. Drüben
+rauschte der Fluß und hinauf und hinunter streckte sich die Ebene schier
+endlos. Die Stille war groß und der Frieden war eindringlich, und es
+kamen wieder die alten Träume der Macht über Peter, und er sah sich in
+samtenem Gewand vor dem Lehrer stehen und der zitterte vor Ehrfurcht und
+fragte: Was begehrt mein hoher Gebieter? Und dann zerfloß diese Fülle
+von Schönheit und Ruhm und eine weiche zerfließende Wehmut beherrschte
+dies Kind, und seine Augen blickten verlangend nach der Lösung eines
+Rätsels, obwohl es doch noch weit von jener Periode entfernt war, wo
+der jugendliche Geist sich mit schemenhaften Bildern zerquält und
+befleckt. Aber das Leben selbst erschien ihm als etwas ganz
+Erstaunliches und Fremdartiges: in seiner Seele schrie es förmlich nach
+Licht, wenn seine kindliche Phantasie vor jener Schranke Halt machen
+mußte, an welcher der Storch stand, ein Gegenstand der Verachtung und
+ehrfurchtgebietend zugleich. Es war auch etwas in ihm, das gleichsam
+nach Hilfe rief, nach Freundschaft. Es dürstete ihn danach, in die Arme
+genommen zu werden, in weiche, gute Arme, und daß man ihn dann küßte,
+auf die Stirn vielleicht oder auf den Mund, und daß man ihm sagte. Du
+bist brav, Peter, und ich hab’ dich gern und du hast so nette Augen und
+dein Haar ist so weich. So träumte Peter und seine Frische und die
+natürliche Kraft seines Wesens waren es, die ihn erschauern ließen, wenn
+eine schöne Frau seinen Weg kreuzte und wenn sie ihn anlächelte, daß er
+hätte vergehen mögen, oder daß er hätte weinen mögen in irgend einem
+süßen Schmerz.
+
+Und als er gegen fünf Uhr des Nachmittags am Thor des Geschäfts in der
+Blumenstraße ankam, zitterte immer noch sein Herz unter der Stärke und
+dem Reichtum seiner Sehnsucht. Im Gewölbe herrschte eine große Unordnung
+und die lichtlosen, kellerartigen Magazine waren noch unheimlicher als
+sonst. Aus den morschen, zerfaserten Dielen stieg bei jedem Schritt der
+Staub auf und alle Spinngewebe waren schwer davon. Peter wagte es nicht,
+die Mutter anzureden, die in einem Verschlag nebenan über Büchern und
+Rechnungen gebeugt saß. Niemand beachtete ihn und er hatte den innigen
+Wunsch, daß ihm jetzt etwas recht Schlimmes und Bitteres passieren möge,
+nur damit man sich ein wenig um ihn kümmere.
+
+Er ging hinaus auf den Hof, setzte sich auf den Brunnentrog und
+gedachte, über all das Unerklärliche, das sich hier abspielte, tief und
+eindringlich nachzudenken. Doch er dachte statt dessen nur an
+Haushammers Fritz und an die Schlacht, die er heute mit ihm gewinnen
+müsse. Wenn ich doch so gut wiehern könnte wie Fritz, dachte er; er
+sitzt auf seinem Pfahl und wiehert wie ein richtiges Pferd.
+
+Da berührte plötzlich eine leichte, kleine Hand seine Schulter, und als
+er aufschaute, war es Lizzi. Er vermochte nicht zu sprechen. Er wurde
+purpurrot im Gesicht und es ward ihm so heiß, daß er kühle Tropfen auf
+seiner Stirn verspürte. »Grüß Gott, du,« begann das Mädchen. »Kannst du
+nicht einmal grüß Gott sagen?« – »Grüß Gott,« flüsterte der Knabe
+folgsam. »Hübsch bist du übrigens«, erklärte Lizzi anerkennend und warf
+den Kopf in den Nacken. »Weißt, ich bin schon seit drei Uhr da. Um drei
+Uhr bin ich mit der Bahn gekommen.« – »Allein?« fragte Peter mit
+schüchterner Bewunderung. – »Ach nein, Vetter Höfting hat mich
+begleitet. Der ist Soldat.« – »Hm«, machte Peter, »ich werde auch
+Soldat, ich werde Marschall.«
+
+»Eigentlich hättest du mich doch küssen sollen,« meinte Lizzi
+stirnrunzelnd. »Ich bin ja von der Reise gekommen.«
+
+»Thu’s doch!« erwiderte Peter, über und über erglühend.
+
+»Nein, – du _mich_! eine Dame darf einem Herrn keinen Kuß geben,« sagte
+Lizzi laut und nachdrücklich.
+
+»Du bist doch keine Dame,« brummte Peter verächtlich und er freute sich,
+daß er diesen wegwerfenden Ton gefunden hatte. »Du prahlst ja.«
+
+Aber Lizzi lachte ausgelassen und schob trotzig das Kinn zurück. »Gerade
+bin ich’s! Und doch! Überhaupt du! Deine Mutter hat gesagt, du bist ein
+Träumer.« Und sie tanzte um ihn herum und klatschte in die Hände.
+
+Peter antwortete nichts. Er machte ein schwermütiges Gesicht und hieb
+mit seinem Weichselrohr emsig auf den Brunnenschwengel los. Da trat das
+Mädchen zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Du, Peter, was ist denn
+eigentlich bei euch los? Sag doch nur? Tante Agnes hat geweint, wie ich
+gekommen bin. Sag doch! Ich bin so neugierig!«
+
+»Das verstehst du ja doch nicht!« Peter machte sich würdevoll daran,
+seinen Rock zuzuknöpfen.
+
+»Bist du mir bös?« fragte die kleine Lizzi und zog verlegen an Peters
+Haaren. »Komm, sei lustig! Du mußt nicht immer so den Kopf hängen. Wenn
+du lustig bist, will ich dich auch küssen, – wahrhaftig!«
+
+Und sie näherte ihre Wangen dem Gesicht des Knaben. Und sie sah ihn an
+mit jener seltsamen Koketterie kleiner Mädchen. Peter preßte die Lippen
+zusammen und sein Kopf ward ihm wahrlich schwer. Und mit zwei Fingern
+zog er an der Unterlippe und riß ein Stückchen Haut davon weg. Das alles
+begriff Lizzi nicht. Nicht, warum er so rot geworden, und auch sein
+Schweigen nicht. Doch plötzlich, während sie sinnend zum Himmel
+emporblickte, ergoß sich über ihre Wangen eine Flut von Scham. Sie
+wandte sich und lief ins Haus. Und Peter schüttelte betrübt den Kopf. Er
+fühlte sich erbittert und erregt und unzufrieden und wußte nicht warum.
+Gehässig und feindselig blickte er zu Boden.
+
+ [Illustration]
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Und gegen Abend gingen sie zusammen nach Hause, Hand in Hand.
+
+Schon war die Sonne untergegangen und am westlichen Himmel lag die Röte
+wie ein großer, gleichmäßiger Farbenklex. Der Himmel war wolkenlos; er
+sah in seiner Klarheit wie poliert aus und die Bäume in den Gärten, die
+Sträucher und die Hecken waren mit ihrem blauvioletten Kolorit gleichsam
+hineingraviert in das stählerne Blau des Firmaments. Man sah gar keine
+eilfertigen Menschen; jeder schien müde zu sein wie nach einem Bad. Man
+vermochte an gar nichts anderes zu denken als nur daran, wie schön
+dieser Abend sei.
+
+Und die zwei Kinder trotteten an den Häusermauern entlang. Sie blickten
+in die Abendröte und ihnen war, als müßten sie immer weitergehen, bis
+hinein in das Sonnenfeuer, um dort, wer weiß, vielleicht nur zu
+schlafen. Die Häuser, die mit der Front nach Westen standen, waren unten
+an der Straße ganz grau, ganz in Dämmerung begraben und nach oben hin
+wurde es immer heller, so daß der First in fahlem Licht erglänzte. Und
+den Kindern war es, als stünden da lauter Riesen, Leib an Leib, die mit
+bleichen Stirnen hinausguckten ins abendliche Land.
+
+Dann standen sie daheim am Flurfenster, das gegen die Höfe hinausführte.
+Hier war es so ruhig wie zur Mitternachtszeit. Über den Mauern, über den
+Häusern war der Mond heraufgestiegen, rund und glühend wie eine
+Riesen-Orange. Man mußte ihn doch greifen können, den Mond. Ob man sich
+wohl die Hand verbrennen würde, wenn man seine guten Wangen streichelte?
+Ach sie wollten auf die Straße und auf das Feld hinaus und wollten
+wandern und wandern, bis sie den Mond erhascht hatten. Und wenn sie müde
+wurden, kam vielleicht eine Fee und trug sie hin bis zum Mond und die
+Fee würde ihnen Flügel geben, daß sie immer umherfliegen könnten auf der
+ganzen Welt.
+
+Um acht Uhr fuhr eine Kutsche am Haus vor. Da brachten sie Frau Agnes.
+Der Buchhalter und der Reisende führten sie die Treppen herauf und
+legten sie im Wohnzimmer aufs Sofa. Sie war im Gewölbe ohnmächtig
+geworden.
+
+Die Dunkelheit, die Nacht war schon hereingebrochen und die Sterne
+flimmerten am Himmel. Peter saß am Fenster, während Lizzi mit den beiden
+Kleinen spielte und scherzte. Er lauschte auf die Klänge eines Klaviers,
+das irgendwo in der Nachbarschaft gespielt wurde. Es war wohl eine
+klägliche Art Musik das, aber des Knaben Seele zitterte in andächtiger
+Sehnsucht den Tönen nach. Jede Musik, auch die ärmste, griff gleichsam
+mit Krallen in sein Gemüt, so daß er es im Innern wie eine Wunde
+empfand, die man ihm geschlagen. Er dachte dabei an die Mutter, die er
+liebte und der er niemals zeigen konnte, daß er sie liebte. Ja, weil er
+sie liebte, mußte er trotzig gegen sie sein und schweigsam und er konnte
+nur dann das ganze Herz in den Blick legen, mit dem er sie anschaute,
+wenn sie ihn nicht bemerkte. Es war, als ob ihm jetzt manches Zukünftige
+sichtbar würde, und seine Brust ward von einer lastenden Bitterkeit
+erfüllt. Furchtsam, mit weiten Augen sah er ins Ungemessene.
+
+Am andern Tag kam Tante Regina. Mürrisch, mit fast drohendem Gesicht
+ging sie im Haus umher. Sie war groß und hager. Ihr Gesicht war
+gänzlich verknöchert, und ihr Mund war eingekniffen, und wenn sie mit
+Jemandem sprach, so schaute sie ihn ununterbrochen, fast ohne mit den
+Lidern zu zucken an, so daß es Vielen völlig unmöglich war, zu lügen,
+wenn sie mit ihr redeten. Wenn der Abend kam, setzte sie sich ans Bett
+der Schwester und legte ihre Hand auf die Stirn der Kranken, und es lag
+etwas so Beruhigendes und Liebevolles in dieser Berührung, daß Frau
+Agnes oft mit einem Lächeln im Gesicht, langsam einschlummerte. Es war
+beständig dasselbe Lächeln bei ihr; ein Lächeln mit diesen Worten: o ich
+habe meine Ideale schon lange begraben.
+
+Peter saß lesend im Wohnzimmer, und das Licht der Lampe war durch einen
+Crepeschirm so sehr gedämpft, daß rings alles in einer warmen, roten
+Dämmerung lag. Und wenn er die Augen vom Buch erhob, konnte er die
+Mutter sehen, wie sie in der weißen Nachtjacke auf den weißen Kissen
+lag. Auch das Gesicht erschien ihm wie ein weißer Fleck, und die
+blonden Haare erschienen fast schwarz und umrahmten ihren Körper, der
+bewegungslos hingestreckt war in der Dunkelheit drinnen.
+
+Und dann kam Lizzi hergeschlichen und legte ihren Arm um des Knaben Hals
+und sie sahen zusammen auf ein Buch nieder, und Peter that so, als ob er
+weiterläse, während sein Herz in ungestümer Bangnis klopfte. Sie gingen
+auch wohl an den Nachmittagen zusammen spazieren und spielten Vater und
+Mutter, wobei Peter gar zu sehr mit Kenntnissen prahlte, während Lizzi
+das Kleid raffte, als ob die Schleppe den Boden streife und schmutzig
+würde. Das ärgerte dann den Knaben, und er nannte sie eine Prahlerin und
+klopfte mit seinem Stock auf die Pflastersteine los. Darauf hielt sich
+Lizzi die Ohren zu und rief, das könne sie nicht aushalten, der Lärm
+mache sie »nervös«. »Das hast du von deiner Mutter gehört«, meinte Peter
+triumphierend wie ein Ethymologe, der einen Wortstamm entdeckt hat;
+dann begann Lizzi zu heulen, und dies erschütterte nun Peter gar sehr,
+so daß er um Verzeihung bat und wie ein Hündchen zu Kreuze kroch.
+
+Sie hatten bald keine Geheimnisse mehr, und das Leben war ihnen wie ein
+großer Blütengarten und die Sonne schien hell, bis sie ahnten, was im
+Hause vorging und der schwüle Hauch des Unglücks ihre unschuldige Stirn
+streifte.
+
+Von Tag zu Tag wurde Frau Agnes kränker. Erst war der Doktor jeden
+zweiten und dritten Tag gekommen, nach einer Woche schon kam er täglich.
+Und Tag und Nacht saß Tante Regina an ihrem Bett, oder sie sah in der
+Küche nach, schaffte Ruhe und Ordnung im Haus, und dabei wurde sie immer
+wortkarger und mürrischer. Zu Ende des Mai wurde nach einem Professor
+von der Universität telegraphiert. Als Peter dies hörte, berichtete er
+es atemlos, jedoch ohne Arg, seiner kleinen Kameradin und die beiden
+freuten sich, einmal einen Professor mit eigenen Augen sehen zu können.
+
+Kein Laut durfte im Haus hörbar werden. Jetzt begann es auch zu regnen,
+und es regnete unaufhörlich, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Da
+gingen Peter und Lizzi in den Flur, setzten sich ans Fenster und lasen
+Märchen. Und es war sehr still. Die beiden kleineren Geschwister waren
+schon gestern zu einer entfernten Verwandten geschafft worden, da sie
+immer großen Lärm verübten.
+
+»Du, ich möchte eigentlich wissen, wie das ist, wenn man tot ist,«
+unterbrach plötzlich die kleine Lizzi die Lektüre.
+
+»Da hat man kein Herz und kein Gehirn mehr«, erwiderte Peter. »Ja,
+eigentlich möcht ich auch wissen, wie das ist,« fügte er nach einer
+Weile träumerisch hinzu. »Tot .... tot .... was für ein dummes Wort:
+t, o, t ...«
+
+»Was ist mehr: tot oder maustot?« fragte Lizzi. »Du, – glaubst du das
+vom Himmel und von der Hölle?«
+
+»Von der Hölle, – nein! aber einen Himmel muß es doch geben.«
+
+»Ja, aber die Räuber und die, –?«
+
+Lizzi nagte beklommen an ihrer Unterlippe.
+
+»Ich habe schon einmal geträumt, ich wäre tot,« erzählte Peter, der
+seiner Kameradin imponieren wollte. »Aber da bin ich wieder aufgewacht.
+Möchtest du sterben?«
+
+Das Mädchen schüttelte langsam den Kopf, und sie flüsterte
+geheimnisvoll: »Weißt du, wo der liebe Gott wohnt? Ich weiß es. Neben
+dem Leichenhaus wohnt er, auf dem alten Kirchhof .... Ja, das ist wahr,
+das hat meine Freundin gesagt und der hat’s ihr Bruder gesagt.«
+
+»Das ist blöd«, erklärte Peter. »Der liebe Gott hat gar nicht Platz im
+Leichenhaus und dann kann er ja auch viel schönere Häuser haben, wenn
+er will.«
+
+»Er will aber nicht.«
+
+»Ach und überhaupt, der liebe Gott wohnt gar nicht auf der Welt. Er
+wohnt im Firmament, weit, weit, weit draußen überm Meer, wo schon die
+Mauer ist. Die ist so hoch wie der Himmel. Das hat Barbara gesagt. Die
+muß es doch wissen, die ist doch schon groß.«
+
+Lizzi zuckte die Achseln und sprang davon. Sie wollte in den Hof, aber
+sie erinnerte sich des Regens, und so blieb sie auf der Treppe sitzen
+und legte das Köpfchen zwischen ihre Hände; die Ellbogen auf die Kniee
+gestützt, sah sie gedankenvoll vor sich nieder. Peter kam und setzte
+sich zu ihr. Wie mechanisch ergriffen sich beide an den Händen und sie
+redeten kein Wort zu einander. Es war so dunkel da und so heimlich und
+man konnte hinabsehen in den Hausflur, und sogar ein Stückchen Straße
+konnte man sehen. Der Regen plätscherte und plätscherte und rann die
+Rinnen herab und es war wie ein Traum, daß sie da saßen, dicht eins ans
+andere geschmiegt, so daß Jedes des Andern Herz klopfen hörte. Und es
+schien das Haus voll Todesahnungen zu sein und Peter dachte daran, daß
+Barbara ihm gestern gesagt, wenn in einem Haus jemand sterben muß, dann
+fliegt drei Tage vorher der Totenvogel um das Dach. Dreimal fliegt er um
+den First und stößt einen Schrei aus und dann ist er verschwunden. Ihm
+war, als sehe er die schwarzen Fittige, als fühle er das Rauschen dieser
+Fittige und sein Gesicht wurde gar bleich bei solcher Vorstellung. Den
+ganzen Tag über waren schon die Verwandten gekommen und hatten die
+Mutter besucht und hatten so trübselig dreingeschaut. Kaum daß sie zu
+sprechen gewagt hatten. Was sollte das alles bedeuten? Er fürchtete sich
+vor etwas Unbestimmtem und Namenlosem, vor etwas Schrecklichem. Stets
+sah er den finstern Herrn Professor von der Universität vor sich, den
+Alle so ehrfürchtig behandelten, und der so vornehm war, daß er gar
+nicht einmal reden mochte. O, er hätte groß sein mögen, er hätte dies
+alles durchschauen mögen ..... Ein Hahn krähte und Lizzi lachte und
+versuchte, das grelle Kikeriki nachzuahmen. Aber Peter legte ihr
+erschrocken die Hand auf den Mund. Ihm war, als seien sie jetzt in einem
+Heiligtum und die Stille und der Frieden dürften nicht gestört werden,
+um keinen Preis. Der Regen und sein Geplätscher, die Dämmerung
+ringsumher und das alles machte ihn unbeschreiblich traurig. Er hätte
+gar gern weinen mögen, wenn er sich nicht geschämt hätte vor dem
+Mädchen. Daher zuckten nur seine Lippen, und er schaute am
+Stiegengeländer hinab, als ob er da in die Ewigkeit schaute. Und er
+nickte immer recht ernst, wenn in kurzen Pausen ein großer Tropfen vor
+dem Hofthor klatschte. Dort hat die Dachrinne ein Loch, dachte er.
+
+Dann sagte Lizzi, sie habe Hunger, und Peter, als sei dies eine
+Bevorzugung, versicherte eilig, auch er habe Hunger. So gingen sie
+hinauf in die Küche und verlangten von Barbara ein Butterbrot. Die aber
+zog ihr Taschentuch rasch vom Gesicht und herrschte die Kinder grimmig
+an. Herzlose Rangen seien sie; jetzt sei keine Zeit, um zu essen; sie
+sollten sich zum Teufel scheren und wenn noch einmal eins komme, werde
+sie den Besen nehmen.
+
+Nun wurde auch Lizzi traurig. Müd und gottverlassen wanderten sie im
+Haus herum, vom Zimmer in den Flur, in den Hof. Niemand kümmerte sich um
+sie und das Herz ward ihnen plötzlich schwer wie Blei. Peter schlug vor,
+sie wollten in den Speicher gehen, und das Mädchen folgte willenlos. Es
+war, wie wenn sie sich ihm jetzt unterwürfe und sich bereit erkläre,
+ihm in allen Stücken zu gehorchen. So ängstlich war ihr zu Mut.
+
+Ein graues, dämmeriges Licht herrschte im Speicher und eine trockene,
+schwüle Luft. Hier giebt es Taranteln und Molche, dachte Peter, und er
+fürchtete sich, laut aufzutreten. Alle Verschläge waren geschlossen, bis
+auf einen einzigen, der sich ganz hinten, zwischen zwei Kaminen befand.
+Da hinein gingen die Kinder, und Lizzi breitete eine braune,
+durchlöcherte Decke, die in einer großen Kiste gelegen, auf dem Boden
+aus, und beide setzten sich darauf, ganz in den spitzen Winkel zwischen
+Dach und Boden hinein. Und das Rascheln und Trommeln des Regens auf dem
+Dach war ganz sonderlich anzuhören, und bald sagte Lizzi, daß sie sich
+fürchte. Doch Peter stand auf und versuchte, den mutigen Beschützer zu
+spielen, obwohl auch ihm sehr bang zu Mut war und er es bitter bereute,
+heraufgegangen zu sein. Er stand jetzt am Dachfensterchen und sah
+hinaus auf die Stadt, auf das weite, ebene Land. Und der Abend nahte
+heran und drüben im Westen war der Himmel mit einem tiefdüsterroten Band
+gesäumt. Kein Geräusch drang bis hier herauf aus dem Gewimmel der
+Häuser, und die Türme, die emporragten, erschienen ihm fast wie Stengel
+ohne Blüten. Jetzt begannen hinten am Giebel die Tauben zu gurren, und
+immer stärker trommelte der Regen auf das Schieferdach und tropfte in
+die Rinne hinab. Über das kleine Fenster floß das Wasser in Strömen, so
+daß man den Himmel nicht mehr sehen konnte. Peter wagte sich nicht mehr
+zu rühren; alles in der Runde war ihm plötzlich unheimlich geworden, und
+er bat den lieben Gott um Hilfe in dieser Not. Lizzi begann leise zu
+weinen, da ging er doch hin, um sie zu trösten und er setzte sich wieder
+zu ihr. Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und legte ihre Wange an
+die seine. Peter schloß seine Augen, denn auf einmal war es ziemlich
+dunkel geworden, und er wagte nicht hineinzublicken in diese Dunkelheit,
+denn da sah er den Tod leibhaftig vor sich stehen. Und dann kam auch der
+liebe Gott und blickte streng herab auf Peter. Es fiel ihm ein, daß er
+noch gar nicht seine Schulaufgaben gemacht habe, und wie ein leiser
+Schauer wurde ihm dunkel bewußt, daß es nicht gut sei, solch ein Träumer
+zu sein. Er sagte gute Worte zu dem kleinen furchtsamen Mädchen, dessen
+Körper zitternd an ihm lehnte, und er küßte sie auf den Mund. Dann sagte
+er, sie wollten jetzt wieder hinunter gehen, er fürchte sich nimmer. Da
+wischte Lizzi die Thränen von ihren Wangen und folgte ihm, bisweilen
+einen leisen Schrei ausstoßend, wenn irgend ein ungewohnter Laut hörbar
+wurde. Kaum war sie unten, so war es für sie, als ob nichts geschehen
+wäre. Sie forderte Peter auf, mit ihr zu spielen und sie spielten
+Namen-Erraten. Da stritten sie, welcher Name schöner sei: Regina oder
+Agnes. Peter behauptete, Tante Regina laute häßlich, aber Tante Agnes,
+das sei wunderbar, herrlich sei das. Lizzi fand jedoch, daß damit die
+Ehre ihrer Mutter angegriffen sei und schmollte mit Peter.
+
+Am andern Tag kam Peter ins Wohnzimmer, um zu lesen. Als ihn Tante
+Regina sah, lächelte sie voll Trauer und Güte, und sie sagte, daß die
+Mutter sehr krank sei. Sie hatte die Thür zum Schlafzimmer nicht ganz
+geschlossen, darum dämpfte sie ihre Stimme. Aber die Kranke hatte sie
+trotzdem gehört, und sie rief mit erloschener Stimme, Peter solle hinein
+kommen.
+
+Es war halbdunkel drinnen. Es roch nach Karbol und nach jener
+abgelagerten, aufgespeicherten Wärme, die den Krankenzimmern eigen ist.
+Weiche Teppiche bedeckten den Boden, und Peter beschaute neugierig die
+vielen Flaschen und Fläschchen und Schachteln und Schüsseln. Er empfand
+nicht Mitleid mit der Mutter, sondern nur Neugierde und Ehrfurcht
+erfüllten ihn. Ja, er wünschte auch einmal so krank zu werden, damit man
+so besorgt um ihn sei, und damit er alles so schön habe. Und die Mutter
+legte nun ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. Da hatte
+sie auf einmal jenen Zug der Unerbittlichkeit, den die Mutter als die
+strafende Macht in seiner Vorstellung besaß, verloren. Und das machte
+ihn traurig. Er hätte ihr gern sein armes Herz ausschütten mögen. Er
+hätte ihr sagen mögen, wie verhaßt ihm die Schule war und der dumme
+Lehrer, und daß niemand da sei, der ihn verstehe und der ihn so recht
+von ganzer Seele lieb habe, und daß er die Mutter schrecklich lieb habe
+und es nur nicht sagen könne .... Er brachte kein Wort über die Lippen.
+Die Mutter reichte ihm eine der Aprikosen, die auf dem kleinen Tischchen
+am Bett lagen, und er konnte ihr nicht einmal danken.
+
+»Willst du denn ein guter Mensch werden, Peter?« fragte Frau Agnes
+leise. »Schau, du mußt später immer an mich denken, wenn dir etwas nicht
+recht erscheint. Ach, und du mußt kein solcher Träumer sein, das mußt du
+mir versprechen. Du mußt nicht den Kopf immer hängen lassen. Du mußt
+froh sein, du mußt dir was Großes vornehmen im Leben und mußt immer
+deine Pflicht erfüllen. Nur nicht so viel träumen; schau, ich hab’ auch
+mein Leben verträumt und es ist nichts daraus geworden.«
+
+Erschöpft hielt sie inne, und dann kamen die Ärzte, und Tante Regina
+schob ihn hinaus. Immerfort mußte er an die Mutter denken und an das,
+was sie ihm gesagt. Er vermochte nicht eigentlich darüber nachzudenken,
+sondern es war nur ein dumpfes Hinträumen; er fragte sich furchtsam, was
+das wohl sei, dies geheimnisvolle »Leben«, daß man sich so sorgen mußte
+darob. Er dachte auch wieder daran, daß er bis jetzt noch keine
+Schulaufgaben gemacht und daß er alle Ferientage verbummelt und
+verträumt habe. Doch der Abend nahte schon, und er war so müde vom
+Grübeln, daß er ins Bett ging. Stundenlang hatte er schon geschlafen, da
+hatte er folgenden Traum.
+
+Er fuhr in einer Karosse und neben ihm saß die Mutter. Und sie blickte
+mit ihren großen, wundervollen Augen nachdenklich vor sich nieder. Durch
+eine weite Wüste fuhren sie, in der man nichts als Sand und Steine und
+die rote Sonne sah. Und hinter der Kutsche lief der Vater und schwang
+die Peitsche. Sein Gesicht war ganz rot und aufgequollen, ganz häßlich
+und er schrie immer und konnte nicht nachkommen. Die Mutter aber
+lächelte verächtlich und streichelte Peters Haar langsam und liebevoll
+und flüsterte: verträumt hab’ ich mein Leben, verträumt ... Plötzlich
+aber traf sie die Peitsche des Vaters mitten ins Gesicht, und das helle
+Blut floß aus ihren Wangen und aus ihrer Stirn. Sie wurde immer
+bleicher, aber der Vater schrie immerzu, und die Karosse stand nicht
+still. Peter fühlte, wie die Hand der Mutter auf seinem Kopf erstarrte,
+wie sich die Finger ins Haar einkrampften, als sie sich zurücklehnte,
+seufzend und bleich .....
+
+Da erwachte er mit einem halberstickten Schrei. Es war anfangs so völlig
+Nacht um ihn, daß er nicht einmal das Fenster sehen konnte, gerade wie
+wenn seine Augen im Traum durch eine grelle Lichtflut geblendet worden
+wären. Eine unbestimmte Angst erfaßte ihn, jenes Gefühl, das gar oft in
+der Finsternis der Nacht kommt, und das den Menschen unerbittlich
+zwingt, Schreckbilder zu sehen und an sie zu glauben. Und dann ging
+diese Angst wieder in jene allgemeine und beklemmende Furcht vor dem
+Leben über und er kam sich so hilflos vor, so allein. Sein Herz klopfte
+laut ... Doch plötzlich war es, als ob ein wilder und ungestümer
+Entschluß in seiner Seele erwacht sei. Ich will nicht träumen, sagte er
+sich, ich will ein Mann werden. Und jetzt muß ich auch meine
+Schulaufgaben machen, ja heute Nacht noch, und die Mutter soll sehen,
+daß ich nicht so ein Herumträumer bin. Feldmarschall werden, das ist ja
+Unsinn; Baumeister will ich werden, da kann man viele schöne Häuser
+bauen, und man kann über alle Maurer befehlen und hat auch viel Geld. Da
+kann ich dann der Mutter was davon geben. Ich will ihr ein großes,
+marmornes Schloß am Meer bauen, darinnen soll sie wohnen, ganz allein
+mit mir. Und ihm wurde das Leben plötzlich golden und heiter in seiner
+Wirklichkeit, nicht mehr wie früher im Traum. Und eine ganz fremde Glut
+erwärmte nun seinen Körper, so, als ob er vorher hätte leiden müssen
+durch Frost, und als ob man ihn an nun ein wärmendes Feuer getragen
+hätte. Ein ganzes Weltbild spiegelte sich in seinem kindlichen Geist,
+und er sah wohl, daß er noch im Thal wandere, wo es düster war, in der
+Schlucht, dahin der Tag noch nicht dringen könne; doch oben auf dem Kamm
+der Berge, da war das Licht und da war Helligkeit, so daß man die Augen
+zumachen mußte davor. Glück war da oben und Frohheit und Jauchzen und
+frischer Kampf und keine Träume, sondern der Weg lag da so klar und
+bestimmt, daß man nicht fehltreten konnte. Und eine schöne Frau stand
+da. Sie lächelte ihm zu, sie warf ihm Blüten ins Gesicht, und sie neckte
+ihn, wenn er den Kopf hängen ließ und grübeln wollte. Blühende
+Landschaften sah er und Flüsse, die vom Gold der Sonne glänzten, und er
+gewahrte nichts mehr von der Finsternis ringsumher. Ach, wenn er doch
+jetzt groß wäre und stark, dann hätte er heiraten können, und ein Schloß
+würde er sich bauen mitten im Wald, und lauter Schlösser in der Runde so
+herrlich, wie die Residenz des Königs ... Was wollte er alles
+ausrichten im Leben, was alles vor sich bringen! Wie große Augen würde
+Lizzi machen, wenn er ihr dies alles berichtete! Und nun mußte er zur
+Mutter, jetzt gleich, und mußte ihr sagen, daß er kein Träumer mehr sei
+und kein Kopfhänger, daß er froh sein werde und gut, und gegen alle
+Menschen freundlich ....
+
+Er sprang aus dem Bett und eilte in das Zimmer der Mutter. Im Wohnzimmer
+war es finster und ihm schien, als klänge vom Sofa her ein Stöhnen. Er
+blieb stehen und betastete sich und knöpfte das Hemdchen, das über der
+Brust offen stand, wieder zu. Denn es fror ihn, barfüßig und im Hemd,
+wie er war.
+
+Im Krankenzimmer brannte Licht. Aber die Lampe war so tief
+heruntergeschraubt, daß von der Schwelle aus kaum noch die Gardinen
+sichtbar waren. Dem Knaben erschien alles anders, gleichsam starrer,
+lebloser. Er wußte nicht, wie weit die Nacht vorgerückt war, und ihm
+graute auf einmal vor dieser Einsamkeit und vor der Stille. Wo war Tante
+Regina? Wo war Barbara? Indem er ins Wohnzimmer zurückschaute, sah er
+sich selbst im Spiegel, – nur einen weißen Fleck, düster und
+gespensterhaft.
+
+Dort lag die Mutter. Sie rührte sich nicht. Er flüsterte: »Mutter!« Aber
+sie blieb trotzdem unbeweglich. Er ging näher heran. Kaum konnte er sich
+aufrecht erhalten, so sehr hatte ihn eine unbestimmte Furcht ergriffen,
+eine Furcht, die ihm heiß machte, die sein Herz beschwerte, die ihn
+daran denken ließ, ob es nicht gut wäre, niederzuknieen und zu beten. Er
+hatte sehr große Lust zu weinen, aber es umwehte ihn wie ein Schauer
+unsichtbarer Fittiche, so daß er mit weit aufgerissenen Augen vergeblich
+der Thränen harrte ... Da stand er nun am Bett. Die Aprikosen lagen
+noch auf dem Tischchen. Wie leicht hätte er nun eine nehmen können und
+niemand würde was merken. Und die Arzneiflaschen standen da, rot
+beklebt.
+
+Die Mutter war bleicher, als er je an einem Menschen gesehen. Er sah sie
+gar nicht atmen, und er fragte sich neugierig, wie es komme, daß sie so
+unnatürlich starr dalag, mit dieser wächsernen Farbe des Angesichts. Die
+Augenlider waren ja nicht einmal völlig geschlossen; das Dunkel des
+Augapfels schimmerte durch die Wimpern, – so, als wäre sie über irgend
+einen Gegenstand in sehr tiefe Gedanken gefallen, so daß sie alles um
+sich her vergessen mußte. Aufgelöst waren die Haare und sie flossen
+hinab über den Bettrand .... Jetzt hörte er ganz deutlich, daß Jemand im
+Wohnzimmer draußen stöhnte! Das mußte wohl Tante Regina sein. Aber
+weshalb sollte sie wohl weinen? Sie war doch schon so alt. So alte Leute
+weinen doch nicht mehr.
+
+Peter berührte die Hand der Mutter und erschrak. Wie kalt fühlte sich
+das Fleisch an! So kalt wie ein Stein. Er beugte sich zu ihr. Er näherte
+die Lippen ihrem Ohr und fragte: »Schläfst du Mutter?«
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Ruth
+
+ [Illustration]
+
+
+Abgespannt und unbeweglich saß Formes, der Student in seiner Kammer und
+starrte mit verglasten Blicken zu Boden. Ein Leben der Eintönigkeit und
+der Demütigungen, wie er es führte, ein Leben des Nichtsthuns und der
+Jagd nach schalen Genüssen hat freilich seine Augenblicke der
+Zerknirschung, in denen man jene guten Vorsätze faßt, welche später
+zertrümmert und zerschellt sich wiederfinden, gleichwie die Fetzen eines
+vom Packeis zerrissenen Kahnes. Lange Zeit saß der hagere Student so,
+dem schmerzlichen Anschauen eines leeren Daseins hingegeben, und der
+Regen fiel vom Himmel und benetzte die Scheiben und klatschte auf den
+Pflastersteinen der Gasse mit seltsamer Geschwätzigkeit, und nebenan
+lärmten die Kinder und eines sang ein Lied und das andere knallte mit
+einer Peitsche und ein drittes blies in ein Trompetchen, so daß es
+schrill und durchdringend in alle Ecken des Hauses scholl. Die Bälge
+verbittern mir auch noch das Leben, dachte Formes und blickte finster in
+den grauen Himmel hinein. Wie traurig, daß die Mutter auf die
+Verpflegung fremder Kinder angewiesen ist. Und wie kläglich ist der
+Gewinn daraus! Meist waren es Bauernkinder aus den umliegenden
+Ortschaften, die in der Stadt die Schule besuchten und nur am Sonnabend
+zu ihren Eltern gingen, um den Feiertag zu Hause zuzubringen. Und als
+die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Formes, froh, von seinen
+Grübeleien abgelenkt zu sein, und betrat das Zimmer, wo die sechs Kinder
+wie sechs Vögelchen in heiterem und lautem Spiel umhertollten. Sie
+haschten einander mit Jauchzen und Händeklatschen; ihre Augen
+leuchteten und ihre Wangen waren frisch gerötet. Eine düster brennende
+Lampe stand auf dem Tisch; um die Lampe herum lagen in krausem Wirrsal
+Schiefertafeln und Fibeln und Griffel, und die kleinen, braunen
+Rechenbüchelchen von Heuner.
+
+In dem Augenblick, wo Formes den Raum betrat, wurde es mäuschenstill
+unter dem kleinen Völkchen. Jedes der Kinder blieb an seinem Platz wie
+angewurzelt stehen und jedes schaute zu Boden, – so, als ob es genascht
+hätte und dabei ertappt worden wäre. Manche blinzelten scheu von unten
+herauf an dem »Mann« empor, und zwei lächelten sich sogar verstohlen zu.
+
+Mit den Händen in den Hosentaschen blieb Formes an der Thüre stehen und
+versuchte, kindlich unbefangen zu lächeln. Aber er fühlte selbst, wie
+schlecht ihm das gelang, und aus Ärger darüber, wohl auch aus Ärger, daß
+er sich bei Kindern mit einem Lächeln einschmeicheln wollte, klapperte
+er heftig mit den Schlüsseln in seiner Tasche. Und er forderte die
+Kleinen mit rauher Stimme auf, weiter zu spielen, und dazu nickte er
+jovial und zwinkerte mit den Augen. Die Kinder begannen sich wieder zu
+bewegen; sie gingen umher, plauderten miteinander, aber es lastete
+gleichsam wie ein Druck auf ihren Herzen. Kein frohes Spiel wollte sich
+mehr gestalten, und Formes gewahrte mit einem Zorn, der ihn selbst
+betroffen machte, wie sie immer stiller und scheuer wurden, wie sie sich
+schließlich um den Tisch gruppierten, um mit etwas trotziger und
+herausfordernder Geschäftigkeit ihre Schulaufgaben zu vollenden. Formes
+runzelte die Stirn und blies den Atem durch die gespitzten Lippen. Er
+fühlte sich überflüssig und beschämt und wußte durchaus nicht weshalb.
+Er errötete (wie lange schon war er nicht mehr errötet!), und auch
+hiervon wurde ihm der Grund nicht klar. Er versuchte, kindlich mit den
+Kindern zu reden, aber was er sagte, war nur kindisch, so daß die vier
+Mädchen leise darüber kicherten und sich viel verständiger dünkten als
+er.
+
+Da gewahrte er in einer Ecke, dicht an die bunte Gardine geschmiegt, ein
+Kind, das ihm gänzlich fremd war. Und er war bestürzt durch den Anblick,
+der sich ihm bot. Ein bleiches Gesichtchen sah in süßen Ovallinien aus
+einer Flut glänzend schwarzer Haare hervor. Die gelbliche Blässe dieses
+Antlitzes war so fremdartig, und die großen, dunkelen Augen, die wie
+Sterne aus der finsteren Ecke herüberleuchteten, waren von so seltner
+Glut erfüllt, daß Formes hinüberstarrte wie auf eine Erscheinung. Das
+Kind rührte sich nicht. Es hatte die Blicke unverwandt auf den langen,
+hageren Menschen gerichtet, voll Furcht und zugleich voll Wildheit. Und
+die Nasenflügel zitterten leicht, und die kleinen schmalen Händchen
+klammerten sich fest an die Gardine und hinter diesem Bild voll Zauber
+lugte die matte Nacht herein, durchzittert und durchwogt von letzten
+Dämmerlichtern. Formes fragte sich beklommen, wo das Mädchen herkomme,
+denn er hatte es noch nicht gesehen unter den übrigen. Aber unter den
+Blicken des Kindes verwirrten sich seine Gedanken. Sein Herz öffnete
+sich plötzlich einer Bitterkeit, die ihm ganz neu war, und die ihn auf
+sein vergangenes Leben schauen ließ, wie auf eine einzige durchschlemmte
+Nacht. Eine brennende Sehnsucht nach Frieden und friedlicher Arbeit
+erfüllte ihn plötzlich und ein sonnenvolles Land öffnete sich plötzlich
+seiner Seele, und ein Haus stand davor mit weißgetünchten Mauern und
+grünen Fensterläden und ein Park, an dessen Wegen die Bäume wie
+Brautpaare standen und sich die Äste reichten. Doch dies währte kaum
+länger, als man braucht, es zu erzählen. Er wollte hingehen, um das
+Mädchen anzureden, aber siehe, seine Glieder waren wie gelähmt. Er
+wagte es nicht, das Kind anzureden. Darüber war er sich völlig klar,
+daß er zu feig war, den furchtsamen und doch unbefangenen,
+durchbohrenden Blicken des seltsamen Geschöpfes stand zu halten, und er
+ging, – er flüchtete aus dem Zimmer. Draußen fragte er die Schwester
+nach dem Neuankömmling. »Aus der werden wir auch nicht klug,« erwiderte
+Cenci etwas hastig. »Das Kind spricht nicht, es lacht nicht, es spielt
+nicht, wenn sie alle spielen. Seine Mutter ist ein armes, armes Mädchen,
+das sich kümmerlich mit Nähen fristet. Kaum ein paar Pfennige kann sie
+für das Wurm zahlen.«
+
+Formes nahm Hut und Mantel. Erst als er die einsame Straße entlang ging,
+verlor sich langsam die drückende Wehmut in seinem Herzen. Aber am
+folgenden Tage suchte er den Anblick des Kindes zu vermeiden, wo es
+möglich war. Er schalt sich thöricht, er machte sich mit Heftigkeit und
+Erbitterung vor sich selbst lächerlich, aber er gedachte mit Schrecken
+an die Reihe jener nagenden Gefühle, die das erste Erblicken des blassen
+Mädchens in ihm hervorgerufen hatte. Einmal jedoch, spät war es am
+Abend, stand das Kind im Flur, eben als er sich zum Ausgehen rüstete. Es
+war barfüßig und mit einem dünnen, weißen, Kattunschlafröckchen angethan
+und schaute mit unverwandten Blicken in den Sternenhimmel, der über den
+Schneedächern, über den Schneefeldern, über den Gärten und über den
+Wäldern lag, wie eine schwarzblaue Glasglocke, die an vielen, vielen
+Punkten durchlöchert ist, so daß man das goldene Feuer durchblitzen
+sieht, welches im Himmel brennt. Da faßte Formes den Entschluß, das Kind
+anzureden. Er that es mit Widerwillen und mit Überwindung, aber ihm war,
+als könne er sich dadurch loskaufen von der fremden, eindringlichen,
+beängstigenden Macht, welche dies Kind auf ihn ausübte.
+
+»Wie heißt du denn?« fragte er, zu dem Mädchen tretend, und sah mit
+einem seltsamen Gemisch von Geringschätzung und Scham auf dessen ruhig
+zum Nacken strömendes Haupthaar.
+
+»Ruth heiße ich,« erwiderte die Kleine mit einer vornehmen Biegung des
+Köpfchens. »Ruth« wiederholte sie scheu, als könne man ihren Namen nicht
+gleich aufs erste Mal verstehen. Dann sah sie ihm wieder mit jenem
+vollen, bangen Blick in die Augen, der ihn zwang, sich abzuwenden. Wenn
+nur jenes Grübeln von mir ginge, dachte Formes. Und von neuem kam das
+Bild: blaßwangig mit feuchten, schweren Augen, in denen der suchende
+Blick lag und von Verlassenheit und Freudlosigkeit redete. Es war, wie
+wenn Stimmen des Himmels sprächen; es war auch, wie wenn in tiefer
+Nacht, gleich nachdem der Sturm sich zur Ruhe gelegt hat, eine sanfte
+und gleichmäßige Musik aus geheimnisvollen Räumen fließt und sie wogt
+und schwindet, während das Herz klopft und die Lippen ein verlangendes
+Wort murmeln. Und wir können wähnen, daß auf unserm Haupt eine goldene
+Krone säße und langsam hinschmölze vor den Strahlen des Glücks und der
+Erwartung. Und ein fremder Stolz umgiebt die Wangen und den Mund. Und
+die Nacht ist so reich, und die Sterne wandeln so vorsichtig dahin, um
+die Sehnsucht nicht geringer werden zu lassen. Und in den Flammen des
+Ofens steigen feurige Paläste auf und lassen uns wünschen: so möcht’ ich
+wohnen.
+
+Alles dies empfand Formes und noch mehr.
+
+In der nächsten Nacht ereignete es sich, daß er durch den leisen Druck
+einer Kinderhand aus dem Schlafe geweckt wurde. Ruth stand an seinem
+Bett. Wie das Kind zu dieser tiefen Nachtstunde hereingefunden, blieb
+ihm verborgen. In wenigen Sekunden war all seine Schlaftrunkenheit
+verscheucht, und mit Schrecken und Staunen betrachtete er das Kind in
+dem ungewissen Dämmerlicht der halbhellen Winternacht.
+
+»Du mußt uns helfen; willst du?« flüsterte Ruth ganz leise und schauerte
+zusammen. »Schau, die Mutter weint oft die ganze Nacht, wenn sie glaubt,
+daß ich schlafe. Weißt du, warum sie weint? Nicht? Dann mußt du hingehen
+und mußt sie fragen.«
+
+Formes fühlte etwas zerfließen in seinem Herzen und er preßte die Lippen
+zusammen. »Du frierst ja, Kind,« sagte er mit rauher Stimme, nahm das
+Mädchen und zog es in sein Bett.
+
+»Bist du auch brav? Betest du auch?« fragte Ruth, als sie zufrieden das
+Köpfchen in den Kissen zurecht gelegt hatte.
+
+»Nein.«
+
+»Nein? Wirklich? Niemals betest du?«
+
+»Doch – bisweilen –«
+
+»Und warum hast du denn so einen langen Bart? Wie häßlich das ist, der
+kratzt ja, den mußt du dir wegthun lassen. Willst du? O, was bist du
+für ein schwarzer, schwarzer Mann, – du!«
+
+Und sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Formes lachte.
+
+»Gelt, du läßt deinen Bart ein wenig schneiden? Dann hab’ ich dich gern.
+Und versprich mir auch, daß du der Mutter helfen willst. Du weißt doch
+wo sie wohnt? Also paß auf: nämlich in der Bauerngasse im dritten
+Stock.«
+
+»Warum hab’ ich denn keinen Vater wie die anderen Kinder?« fragte die
+kleine Ruth nach langem Stillschweigen. Und als Formes nicht antwortete,
+weil wieder jene beengende und heiße Wehmut über ihn hereinbrach,
+flüsterte sie weiter: »Sie fragen mich immer alle, wie heißt denn dein
+Vater?... aber ich weiß nicht, ich weiß gar nicht. Das ist doch dumm,
+gelt? Was ist er denn nur? Vielleicht hat er mich nicht lieb, du? Sag
+doch.«
+
+»Ja, ich weiß auch nicht,« erwiderte Formes, und er fand es gar schwer,
+Worte zu finden für das Kind.
+
+Und nach langem Nachdenken begann das Mädchen hastig, als dürfe es diese
+Frage nicht vergessen. »Du, was ist weiter, Amerika oder die Welt?«
+
+Der große Student konnte nicht darauf antworten. Es war eine fremde
+Sprache, die er vernahm. Ungewohnter Gefühle voll, schaute er in die
+dunkle Nacht hinein, die lautlos auf der Erde lag und die sich
+unermeßlich hinzudehnen schien über alle Länder und über alle Sterne. Er
+hörte wohl, wie das Kind weiter plauderte, und nicht zur Ruhe darüber
+kommen konnte, wo der liebe Gott wohne und ob er Flügel habe wie die
+Engel und ob das Paradies schöner sei wie der Stadtgarten hinter der
+Burg, aber er fühlte sich arm dieser kindlichen Welt gegenüber und er
+sah immer nur auf die Häusermauern hinaus, den Kopf auf den Arm
+gestützt. Er sah gleichsam die Stille draußen schleichen, wie sie mit
+wehenden Tüchern alle Dinge umwand, und er sah den dunklen Schlaf mit
+müßigem Schritt durch die Gassen schleichen. Endlich warf er auch seine
+Körner in die Augen der kleinen Ruth, während Formes bis zum Anbruch des
+Tages wach blieb.
+
+Am folgenden Nachmittag ließ er sich die Hälfte des Bartes abnehmen und
+ging dann in die Bauerngasse, nachdem ihm Cenci auch die Nummer des
+Hauses angegeben hatte. Er vermochte sich zwar durchaus nicht
+vorzustellen, wie er helfen könnte; denn Geld besaß er nicht. Aber er
+ging von einer fremden Macht befehligt, und ein wunderbares Vertrauen zu
+dieser Macht erfüllte ihn.
+
+Als er die drei überaus steilen Treppen erklommen und eine zerbrechliche
+Thür geöffnet hatte, sah er ein junges, schmächtiges Weib beim Fenster
+sitzen, das sich bei seinem Eintritt erhob. Aber sie sah ihn kaum, als
+sie laut aufschrie, und es war, als ob sie seinen Namen suchte. Er
+zitterte. Das junge Weib blickte ihn lange Zeit an, mit Lippen, die
+gleichsam durstig waren, zu reden, aber sie brachte nicht eine Silbe
+hervor. Formes fühlte, daß er kalt wurde an Händen und Füßen. Nur
+unvollkommen konnte er denken, und er sah das Gesicht dieser Frau, wie
+es jünger war und schöner; er sah es wie sie heraufstieg aus den Nebeln
+vergangener Jahre mit all der jugendlichen Anmut des Weibes, das eben
+die Schwelle der Kindheit verläßt. Nur flüchtige Tage waren es gewesen,
+Tage der Leidenschaft und lange, lange hatte Formes selbst den Namen des
+Mädchens vergessen, das sich ihm so hingegeben: ohne Frage, was die
+Zukunft bringen möge und ob der Mann mit strenger Faust den Zügel des
+tollen Renners Leben zu halten verstünde. Und das Voneinandergehen kam
+still und natürlich, wie bei zweien, die sich nun entbehren können,
+nachdem sie gemeinsam das Mahl der Freude genossen haben. Und das eine
+versank in Not und das andere versank in Not und auf Flügelfüßen
+enteilte die Zeit, leer an Glück und berstend von gespenstigen
+Schicksalen. Sie ist an meinem Herzen gelegen und Ruth ist mein Kind,
+dachte Formes und eine solche süße Befriedigung floß in seine Brust, daß
+sich seine Augen mit hellen Thränen füllten. Wie der Mondschein im
+Herbst an den Fenstern zittert, so durchirrte eine scheue Glut sein
+ganzes Wesen und warf einen zauberischen Schein auf den Weg, der vor ihm
+lag. Er wußte nicht, was er zu dem jungen Weib sagte, er sah nur, daß es
+ihr plötzlich klar geworden, wohin sie ihr Kind gebracht, sah, wie sich
+ihr Gesicht in Angst, Abscheu und Reue verzog, und da wandte er sich zum
+Gehen. Nicht, als ob er zu verstockt gewesen wäre, ihr die Hand zur
+Versöhnung zu reichen, aber er erachtete dies nicht für wesentlich;
+ganz Anderes erfüllte ihn nun und das Kind, das er gewonnen, wollte er
+schnell beglücken mit allem Glück der Liebe. Darum war er gegangen.
+
+Das arme Weib aber raffte ein Tuch und ihren Mantel aus einer Ecke
+hervor und stürzte fort: ihr war, als sei Ruth in Gefahr und als müsse
+sie das Kind noch in dieser Stunde sehen und zurückbringen in ihr
+dürftiges Heim, damit es nicht verdorben werde durch den Blick des
+betrügerischen Mannes, dem sie sich einst berechnungslos ergeben hatte.
+
+Formes wanderte weit hinaus in die Felder, wo es sehr einsam war. Ein
+bleiern schwerer Himmel hing droben und der niedere Flug der Raben trieb
+Staub aus den Äckern empor. Und hinten lag die Stadt ausgebreitet, und
+die roten Ziegeldächer schoben sich ineinander wie die Schuppen eines
+Reptils, und die Häuser stiegen an bis gegen die Burg hinauf, dem
+ehrwürdigen Heim heldenhafter Kaiser. Niemals hatte diesen hagern
+Studenten eine solche Fülle weicher und trauriger Empfindungen
+beherrscht. Bereit zur Hingebung an Gutes und Edles, sah er einen Weg in
+die Zukunft vor sich, den er wandeln wollte mit herber Entschlossenheit.
+Sich loslösen von den Genossen und allein den stillen Pfad zur Kraft
+wandeln, das beschloß er. Die lockere Weisheit des fatalistischen
+Beharrens verachten zu lernen und sich mit strenger Arbeit ein Bett zum
+guten Schlaf erkaufen, das Leben der Mühe wert zu leben machen, hingehen
+und hoffen und allen Kleingeist zerbrechen wie dürres Rohr, das war ein
+Ziel. Er fühlte, daß es gut würde, wenn er jetzt gehorchte und die
+beglückende Frohheit und Kampfwilligkeit nicht ungenutzt vergehen ließ.
+Und das alles hatte ein armes Kind vollbracht, das an ihn glaubte und
+dem er näher stand, als irgend ein Mann der Welt. Er sagte sich, daß
+etwas Herrliches und Erhabenes darin liegt, ein Wesen zu lieben,
+welches vom eigenen Fleische stammt, ein Wesen, das lachen kann und
+weinen kann und beten kann, und das Schönheit besitzt, die ihm
+zugeflossen reichlich und wundervoll, wie aus einem unsichtbaren
+Gnadenquell.
+
+Er kehrte nach der Stadt zurück und hatte indes einen feinen,
+glücklichen Plan ersonnen. Er suchte einen jungen Freund auf und bat so
+ernst und eindringlich, wie er nie zuvor gethan, um ein Darlehn von zehn
+Mark. Im Besitz des Verlangten, betrat er einen großen Spielwarenbazar,
+wo er eine überaus prächtige Puppe kaufte. Sie hatte echtes Haar von
+aschblonder Färbung und besaß einen edlen, damenhaften Gesichtsausdruck.
+Es war eine Puppe, die Persönlichkeit besaß. Ihre Bewegungen waren weder
+eckig noch kreischten die Gelenke dabei, sondern sie hatte die
+einschmeichelnde Grazie einer Südländerin, und wenn sie »Mama« sagte, so
+klang das, wie wenn ein wirkliches Mädchen sagt: Ich liebe dich. Ihre
+Kleidung war so kostbar, daß ein tartarischer Chan vor ihr sich hätte
+schämen müssen. Mit diesem köstlichen Schatz also bepackt, wanderte
+Formes dem nördlichen Stadtteil zu. Sein Herz klopfte vor ungestümer
+Bewegung und zum erstenmal empfand er, darüber erstaunend, die Freude
+des Gebens.
+
+Es war schon acht Uhr, als er zu Hause anlangte. Freilich waren die
+Kinder jetzt schon zu Bett gegangen, aber er wollte Ruth wieder wecken.
+Ohne der Schwester oder der Mutter zu begegnen, schlich er zum
+Schlafzimmer der Sieben. Er zündete eine Kerze an und bemerkte, daß
+seine Hände dabei zitterten. Dann suchte er die Bettchen ab; immer
+ungeduldiger ging er von einem zum andern, und er wußte nicht, wie ihm
+geschah, als er das Mädchen nicht fand. Es waren vier Betten und eins
+stand leer. In den andern lagen je zwei Kinder. Er suchte noch einmal,
+er leuchtete jedem der Schläfer ins Gesicht, aber die kleine Ruth fand
+er nicht. Da lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln war kindlich und
+voll Heiterkeit. Während der Dauer dieses schönen Lächelns war er ein
+völlig anderer Mensch. Er ging mit der Kerze in der Hand in sein eigenes
+Zimmer; denn er war fest überzeugt, das Kind habe sich heimlich dort
+drüben eingenistet, um bei ihm bleiben zu können. Im Korridor jedoch
+traf ihn seine Schwester Cenci, die ihn etwas erstaunt ansah, als sie
+ihn mit dem Licht in der einen und dem Packet in der andern Hand
+erblickte. »Du, Hans,« sagte sie, als sie sich schon abgewandt hatte,
+»die kleine Ruth ist heute plötzlich geholt worden. Ihre Mutter war da
+und war sehr aufgeregt. Sie hat uns das Geld auf den Tisch geworfen und
+ist dann mit dem Kinde gegangen. – Was ist dir denn, Hans? Du bist ja so
+bleich?« Mit langsamem Kopfschütteln wandte sie sich ab und zum ersten
+Male fühlte sie sich durch irgend etwas dem Bruder nahe, obwohl ihr
+keineswegs der Grund davon klar wurde. Stets lag Finsternis und Sorge
+über diesem Haus und die Menschen darin waren froh, wenn sie mit ihrem
+Tag zu Ende waren und sich das bischen Schlaf ergattert hatten.
+
+Formes stand noch geraume Zeit. Ein dumpfer Laut entwand sich seinen
+Lippen und mit heißem Ingrimm fühlte er, daß etwas Herrliches für ihn
+verloren gegangen sei in dieser Stunde. Dann ging er hinab auf die
+Straße und zertrümmerte die kostbare Puppe am Rinnstein. Damit
+zertrümmerte er auch das lockende Gebäude der süßen und hoffnungsvollen
+Träume. Schwer und grau zogen die Wolken der kommenden Jahre heran. Wie
+lichtlos war all dies Treiben, all dies Hangen zwischen Hoffnung und
+Verbitterung! Es geht einer einen blühenden Wiesenweg entlang und
+mühelos vermeint er das köstliche Dach seiner Heimat zu erreichen. Aber
+da öffnet sich plötzlich eine weite Schlucht vor seinem stockenden Fuß,
+und er kniet verzweifelt auf einen harten Fels nieder, und mit
+geringschätzigem Lächeln giebt er es auf, das Hoffen und das Warten.
+
+Formes ging zum Thor und sah gegen den hellen Mond empor. Schwebte nicht
+unter den Himmeln ein Kind mit blassen Wangen und streckte die Arme nach
+ihm aus?
+
+ [Illustration]
+
+
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig.
+
+
+
+ Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.
+
+ Jakob Wassermann
+
+ Melusine
+ Ein Liebesroman
+
+ Preis 2 Mark 50 Pf.
+
+Der Liebesroman von _Jakob Wassermann_ _»Melusine«_ ist ein schweres und
+trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an fühlt man sich
+seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt bereits das Ende der
+Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man merkt schon an dem Ton, an
+der Vortragsart des Verfassers, daß er uns Verhältnisse schildert, aus
+denen es kein Entrinnen giebt, bange, zerrüttete, trostlose
+Verhältnisse, in denen die Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich
+weinen, ohne etwas ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft
+scheues und schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und
+einem bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend,
+die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos, von ihrem
+Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine Geliebte ist. Sie
+haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal mit ihm gebrochen, aber
+sie ist arm und hilflos und so muß sie sich von ihm brutalisieren
+lassen. In der Familienpension lernt sie einen jungen Studenten kennen,
+und ein leidenschaftliches Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den
+beiden. Aber das Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit
+Ekel vor der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die
+Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so
+entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch dem
+Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch dessen nicht.
+Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor unserer Seele. Eine
+große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz in Moll klingt und das ein
+eigenartiges und dichterisches genannt werden darf.
+
+ (Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.)
+
+
+
+ Kleine Bibliothek Langen Bd. II.
+
+ MARCEL PRÉVOST
+
+ JULCHENS HEIRAT
+
+ [Illustration]
+
+ PARIS * LEIPZIG * MÜNCHEN
+
+ ALBERT LANGEN’S VERLAG
+
+ Jeder Band M. 1.–
+
+
+
+ Kleine Bibliothek Langen Bd. III.
+
+ A. SKRAM
+ VERRATEN
+
+ [Illustration]
+
+ Jeder Band M. 1.–
+
+
+
+ SIMPLICISSIMUS
+
+ ILLUSTRIERTE
+ WOCHENSCHRIFT
+
+ [Illustration]
+
+ PREIS 10 PF. ALBERT LANGEN’S VERLAG. MÜNCHEN.
+
+ Abonnement vierteljährlich 1 Mark 25 Pf.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1897 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 012: von einer Summe iunerer Zweifel -> innerer
+S. 022: [Anführungszeichen ergänzt] jetzt bin ich wieder aufgewacht.«
+S. 031: [Ellipse vervollständigt] an den Ohren gepackt!...
+S. 041: Wenn man draußeu stand -> draußen
+S. 041: die Züge ihres Wesens anfgedrückt -> aufgedrückt
+S. 075: gerade wie wenn seine Angen -> Augen
+S. 076: [Ellipse vervollständigt] Sein Herz klopfte laut ...
+S. 088: wie sie sich schießlich um den Tisch gruppierten -> schließlich
+S. 093: [Anführungszeichen ergänzt] heißt du denn?« fragte er
+S. 094: ereignete es sich. daß er -> sich, daß
+S. 096: [Ellipse vervollständigt] wie heißt denn dein Vater?... aber
+S. 101: ihr war. als sei Ruth -> war, als
+S. 101: dem ehwürdigen Heim -> ehrwürdigen ]
+
+
+
+[Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first
+print edition, published in 1897. The table below lists all corrections
+applied to the original text.
+
+p. 012: von einer Summe iunerer Zweifel -> innerer
+p. 022: [added closing quotes] jetzt bin ich wieder aufgewacht.«
+p. 031: [extended ellipsis] an den Ohren gepackt!...
+p. 041: Wenn man draußeu stand -> draußen
+p. 041: die Züge ihres Wesens anfgedrückt -> aufgedrückt
+p. 075: gerade wie wenn seine Angen -> Augen
+p. 076: [extended ellipsis] Sein Herz klopfte laut ...
+p. 088: wie sie sich schießlich um den Tisch gruppierten -> schließlich
+p. 093: [added closing quotes] heißt du denn?« fragte er
+p. 094: ereignete es sich. daß er -> sich, daß
+p. 096: [extended ellipsis] wie heißt denn dein Vater?... aber
+p. 101: ihr war. als sei Ruth -> war, als
+p. 101: dem ehwürdigen Heim -> ehrwürdigen ]
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Schläfst du Mutter?, Ruth, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLÄFST DU MUTTER?, RUTH ***
+
+***** This file should be named 26444-0.txt or 26444-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/6/4/4/26444/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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