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+The Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Engelhart Ratgeber
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: August 23, 2008 [EBook #26402]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER ***
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Engelhart Ratgeber
+
+ Roman
+ von
+ Jakob Wassermann
+
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+ Erstes Kapitel
+
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+Engelharts erste Kindheitserinnerung knüpfte sich an eine Feuersbrunst.
+Die Mutter saß am offenen Fenster, und der Knabe spielte zu ihren Füßen
+in der Nähe eines Kochtopfes, in dessen Innern sich Überreste von
+Pflaumenmus befanden. Da wurde Frau Ratgeber durch einen Aufschrei von
+der Gasse veranlaßt, zum Fenster hinauszuschauen. Neugierig kletterte
+Engelhart auf einen Stuhl, beugte sich über das Sims und sah, von der
+Mutter beim Ärmel festgehalten, eine ragende Feuersäule, die fern aus
+der Tiefe der Straße emporschoß. Nachdem er das Schauspiel mit
+erstaunten Blicken betrachtet, kehrte er wieder zum Fußboden zurück und
+benutzte die anderswo hingelenkte Aufmerksamkeit der Mutter, um aus dem
+Pflaumentopf ein paar Fingerspitzen voll zu naschen.
+
+Am folgenden Tag um die Dämmerungszeit nahm er ein kleines Spielhäuschen,
+begab sich damit und mit Zündhölzern versehen in den abgelegensten
+Winkel des Hofes, scharrte einen Sandhügel zusammen, trug Späne herbei
+und machte im Innern seines Gebäudes Feuer an. Die Flammen schlugen jäh
+aus dem kleinen Tor heraus, die durch rote Farbenflecke angedeuteten
+Fensterchen begannen zu zerfließen, der ganze Hof lag in lichterlohem
+Schein. Bald kamen Leute gelaufen, die den Miniaturbrand löschten und
+den Knaben verprügelten.
+
+Im Erdgeschoß des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft. Jede Nacht
+drang der Zecher Lärm herauf, nicht selten kam es zu einer Schlägerei,
+und ein Gestochener brüllte die schlafenden Bewohner wach. Schlimmer war
+für Engelhart das allwöchentliche Schweineschlachten. Das Todesgeschrei
+schnitt ihm furchtbar durch die Brust, seine Phantasie war damit
+belastet, sein Denken wurde verdunkelt, und wenn das Tier unter dem
+letzten Messerstich ersterbend wimmerte, schlich Engelhart totenbleich
+in die Kleiderkammer, riß eine Schranktür auf und steckte den Kopf
+zwischen die hängenden Gewänder. Es war ein Glück, daß seine Eltern,
+kurz nachdem er fünf Jahre alt geworden war, in die nahegelegene
+Theatergasse verzogen.
+
+In jenem Sommer heiratete die jüngste von Frau Ratgebers Schwestern. Da
+die Hochzeit in Karlstadt stattfand, einem uralten Örtchen am Main,
+reisten Herr und Frau Ratgeber dorthin und nahmen Engelhart mit, während
+die beiden kleineren Geschwister, die dreijährige Gerda und der kaum ein
+Jahr alte Abel, unter der Obhut einer treuen Magd zu Hause blieben. Es
+war ein düster bewölkter Tag. Der Knabe blickte mit dankbarem Gefühl auf
+den Vater, der, kaum daß die Fahrt begonnen hatte, ein gebratenes Huhn
+aus der Reisetasche nahm und mit dem ihm eignen seltsam verlegenen
+Schmunzeln verzehrte. Frau Agathe saß versonnen da, bisweilen warf sie
+einen flüchtigen Blick auf die Landschaft hinaus.
+
+Das Hotel, in dem sie zu später Nacht ankamen, war ein früheres Kloster
+und hatte weitgewölbte Räume. Engelhart wurde in ein entlegenes Gemach
+geführt, wo vier Betten standen. Im blassen Kerzenlicht sah er mit
+verschlafenen Augen drei Mädchengestalten, und man erklärte ihm, daß es
+seine Cousinen aus Gunzenhausen seien. Die Mädchen flüsterten und
+lachten, endlich trat die jüngste, die schon im Hemde war, vor ihn hin
+und sagte, es schicke sich nicht, daß Knaben bei den Mädchen schliefen.
+Er kroch in einen Mauerwinkel, um sich in Eile zu entkleiden, dann
+setzte sich Frau Ratgeber zu ihm an den Bettrand, es wurde noch eine
+Weile hin und her gesprochen, Engelhart sah einen haarumwallten
+Mädchenkopf, der sich über die Schulter seiner Mutter beugte, und, schon
+auf der Schwelle des Schlummers taumelnd, starrte er noch einmal in das
+übermütige Gesicht seiner jüngsten Vetterin.
+
+Am andern Tag war die Hochzeit. Während der Trauung hörte man die Braut
+weinen, es schien, als ahne sie ihr trauriges Schicksal voraus, während
+der Bräutigam, Herr Peter Salomon Curius, selbstbewußt und höhnisch
+lächelnd um sich blickte. Die Sache war die, daß es kein Geschöpf auf
+Gottes Erdboden gab, dem er sich nicht überlegen gefühlt hätte.
+
+Als das Hochzeitsmahl zu Ende war, wurde Engelhart mit den andern
+Kindern ins Freie geschickt. Es war ein lieblicher Garten hinter dem
+Haus, voll Apfel- und Kirschenbäumen. In dem dumpfen Trieb aufzufallen,
+sonderte sich Engelhart von der Gesellschaft ab und schritt in einer den
+Erwachsenen abgelauschten Gangart in der Tiefe des Gartens hin und her.
+Was ihm unbewußt dabei vorgeschwebt hatte, geschah; die jüngste Cousine
+folgte ihm, stellte sich ihm gegenüber und blitzte ihn mit dunkeln Augen
+schweigend an. Nach einer Weile fragte Engelhart um ihren Namen, den er
+wohl schon einige Male gehört, aber nicht eigentlich begriffen hatte.
+Sie hieß Esmeralda, nach der Frau des Onkels Michael in Wien, und man
+rief sie Esmee. Dieser Umstand erweckte von neuem Engelharts prickelnde
+Eifersucht, und er fing an, prahlerische Reden zu führen. Der Lügengeist
+kam über ihn, zum Schluß stand er seinem wahnvollen Gerede machtlos
+gegenüber, und Esmee, die ihn verwundert angestarrt hatte, lief
+spöttisch lachend davon.
+
+Um diese Zeit faßten seine Eltern den Beschluß, ihn, obwohl er zum
+pflichtmäßigen Schulbesuch noch ein Jahr Zeit hatte, in eine
+Vorbereitungsklasse zu schicken, die ein alter Lehrer namens Herschkamm
+leitete. Herr Ratgeber, der große Stücke auf Engelharts Begabung hielt
+und große Erwartungen von seiner Zukunft hegte, war ungeduldig, ihn in
+den Kreis des Lebens eintreten, von der Quelle des Wissens trinken zu
+sehen. Er dachte an seine eigne entbehrungs- und mühevolle Jugend. Noch
+in den ersten Jahren seiner Ehe liebte er gehaltvolle Gespräche und gute
+Bücher und bewahrte eine schwärmerische Achtung für alles, was ihm
+geistig versagt und durch äußerliche Umstände vorenthalten blieb.
+
+Nun war der alte Herschkamm ein seltsam gewählter Pförtner an den Toren
+der Bildung, ein dicker kleiner Greis mit dem Wesen eines betrunkenen
+Kobolds. Er hielt sich beständig für überlistet und tanzte in Anfällen
+grenzenloser Wut von einem Ende der winzigen Schulstube zum andern;
+dabei hielt er einen langen Flederwisch in der Hand, mit dem er ein
+geisterhaftes Geräusch machte, er spie und gurgelte, stampfte, klopfte,
+brüllte, und alles etwa um ein harmloses Wort. Das Schauspiel füllte
+Engelharts Herz mit Bangigkeit, doch bald war er daran gewöhnt und
+heckte mit den andern freche Streiche aus. Ein beliebtes Vergnügen war
+es, daß während des Unterrichts und während der kurzsichtige Herschkamm
+seine Figuren an die Tafel malte, einer um den andern seinen Platz
+verließ und sich zur Türe hinausstahl, so daß schließlich nur noch zwei
+oder drei lautlos grinsend dasaßen. Dann begann das Tanzen und Fauchen,
+der Flederwisch wurde hervorgezogen, der Alte sauste hinaus und trieb
+die Schar vor sich her wie ein bellender Hund das gackernde Geflügel.
+Das Wunderbare war, daß dieses wütigtolle Männchen sonst in jeder
+Beziehung ein sanftes, ja demütiges Benehmen zeigte. Er lebte mit einer
+uralten Schwester, und oftmals, an Sonntagen und schönen Sommerabenden,
+sah man die beiden Arm in Arm friedlich und den Bekannten zulächelnd
+durch die Alleen am Bahnhof trippeln.
+
+Der Weg nach Herschkamms Schule führte Engelhart am städtischen
+Waisenhaus vorüber, und täglich sah er die Waisenknaben, schwarz
+gekleidet, mit schwarzen Mützen und bleichen Gesichtern in Hof und
+Garten wandeln, ein auffallendes Gegenbild zu der Ungebundenheit und dem
+rohen Übermut seiner Kameraden. Bisweilen begegnete er ihnen, wenn sie
+in langem Zug durch die Straßen gingen; ihr leiser Gang, ihr murmelndes
+Sprechen, ihr scheues Auge bedrückten und erschreckten ihn, oft sah er
+im Traum den langen Zug vorüberziehen, schwarz und bleich wie Kadetten
+des Todes.
+
+Zu solchen Bildern gesellten sich Erzählungen und Märchen. Ratgebers
+hatten seit Jahren eine Magd namens Ketti, und von dieser wurde
+Engelhart sehr geliebt. Sie stammte aus Heilbronn und hatte neben
+fränkischer Herbheit auch das Gemüthafte und Phantasievolle, das dem
+schwäbischen Wesen eignet. Um die Dämmerungsstunde, am liebsten im
+Winter und späten Herbst, wenn die Arbeit getan war und die Küche vom
+Glanz der geputzten Geschirre strahlte, nahm sie den Knaben bei der
+Hand, kauerte mit ihm zum Ofen, und während sie aus Holzscheiten
+Spreißel riß und die Stücke behutsam vor sich hinlegte, erzählte sie
+ihre Geschichten. Es war gut, daß in der Person der Magd das Volk zu ihm
+redete und seine vielfache, zu Sage und Gedicht verwebte Not und Lust,
+aber es war schlimm, daß ihm auf andre Weise die Wirklichkeit entrückt
+ward und daß er sich selber zum Gegenstand phantastischer Vorstellungen
+machte. Er schuf sich den Wahn, daß er ein Kind von königlicher Abkunft
+sei, daß ihm der Thron vorenthalten werden solle und daß Abenteuer
+gefährlicher Art ihn einst auf dem Weg seiner Sendung erwarteten. Es kam
+so weit, daß er der Eltern in mitleidiger Herablassung gedachte und den
+Geschwistern durch einen beziehungsvollen Hochmut unleidlich wurde.
+Jedes Geringfügige gewann einen besonderen Glanz, schon allein das
+bloße Hinrollen von Tag und Nacht, und Sinnloses erhielt tiefen Sinn.
+Frau Ratgeber hatte einen Verwandten in der Stadt, einen alten
+Sonderling namens Zederholz, man nannte ihn kurzweg Vetter Zederholz. Er
+kam oft an Sonntagen zu Besuch, wobei er sich der Mutter gegenüber mit
+veralteter Galanterie gebärdete; Engelhart aber reichte er jedesmal mit
+einer leichten Verbeugung die Hand und sagte mit dem Ausdruck
+feierlicher Hochachtung, wobei er den Zeigefinger hob: »Engelhart ist
+eine Kapazität.« Obwohl der Knabe nicht wußte, was das Wort zu bedeuten
+habe, legte er es in der für seine Einbildung günstigsten Weise aus und
+schmückte sich damit.
+
+Seine Mutter konnte den Hirngespinsten wenig entgegensetzen, denn ihre
+zurückhaltende und geschehenlassende Natur war überhaupt nicht geeignet,
+gegen so bestimmte und absurde Neigungen anzukämpfen. Frau Agathe
+verkehrte selten mit andern Frauen, sie war viel allein und wurde von
+schlimmen Ahnungen geplagt. Sie hatte etwas Fernhaltendes für Menschen,
+sei es durch ihre Schönheit -- man nannte sie die schönste Frau von
+Franken --, sei es durch eine angeborene Traurigkeit des Herzens. Herr
+Ratgeber konnte sich nur in seinen Ausruhestunden lebhafter des Sohnes
+annehmen. Er war über den größten Teil des Jahres auf Reisen, die
+Mühseligkeit der Geschäfte stumpfte ihn ab. Er war noch immer von
+ungeheuern Hoffnungen für die Zukunft erfüllt, obwohl ihm nichts Rechtes
+gelingen wollte. Er war immer voll von Plänen, Pläne und Entwürfe
+besaßen eine außerordentliche Macht über sein Gemüt, aber etwas
+verkettete, verstrickte ihn, er blieb im Kleinen stecken und kam nicht
+vom Pfennig los. Der beständig sich erneuernde Kummer darüber trug dazu
+bei, die Stimmung zwischen ihm und seinem Weibe zu verdunkeln, der
+Ehrgeiz hielt ihn ab, sich mit völliger Offenheit zu geben, und jenes
+edlere, der gröbsten Notdurft abgewandte Dasein, von dem sie beide
+vielleicht geträumt, blieb eben ein Traum. Frau Agathe ließ sich nichts
+merken, alles Leiden preßte sie in ihr dämmerndes Innere zurück, nur
+bisweilen, etwa in einem Brief an ihre Geschwister, brach es wie ein
+fahler Blitz hervor, gegen ihren Willen und sie selbst erschreckend.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+
+Noch war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf des Unbewußtseins, und
+höchstens ein Traum ließ ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles,
+Spieltrieb erfüllte ihn ganz. Abends, wenn er schon im Bette war, die
+Mutter saß bei der Lampe und nähte, spielte er mit Stahlfedern,
+gebrauchten Zündhölzern und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er
+hielt die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, daß dieses allerlei
+Erhöhungen, Falten und Mulden bildete, und darin sah er ein unheimlich
+zerklüftetes Gebirge mit finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die
+Söldnerscharen begingen die Höhen und Tiefen und kämpften mit Zwergen
+und wilden Tieren; vom gespensterhaften Schein der Lampe bestrahlt,
+schwebten Feen über das Bettgebirge, und den Schluß bildete ein
+gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten flehten um Gnade, aber
+Engelhart war gesonnen, die Rolle des Weltenschöpfers folgerichtig zu
+vollenden, mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische
+Felsenland ward zur öden Ebene, Weltennacht brach ein. Oft ermahnte die
+Mutter zum Schlaf, oder Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung
+hin, während sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete. Bevor Frau
+Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte sie eine Weile zu ruhen und zu
+denken, ihr Kopf mit der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein
+Seufzer war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie denken? An ihre
+Einsamkeit? An den frühen Tod?
+
+Bald wurde an Engelhart eine übergroße Begehrlichkeit bemerkbar, und er
+glaubte nur in die Welt gesetzt zu sein, um ihre Schätze an seine Brust
+zu drücken, liebend oder hassend. Wo hätte er auch Grenzen finden
+sollen? Das Auge ist unersättlich. Einmal hing er seine Lust an eine
+Orange. Orangen waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben,
+aber Engelhart wußte Rat. Er ging um jene Zeit schon in die öffentliche
+Schule und erhielt jeden Morgen von der Mutter drei Pfennige zum
+Vesperbrot. Er berechnete, daß er siebenmal kein Brot kaufen dürfe, um
+in den Besitz der Orange zu gelangen. Das Geld versteckte er in einem
+heimlichen Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er
+aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches Geklapper, als
+er seine Kupfermünzen auf den Steintisch legte. Nun geschah es, daß
+plötzlich sein Vater vor ihm stand, als er den Laden verließ. Herr
+Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder merkte an des
+andern Schweigen, wie die Sache stand. Herr Ratgeber löste die mühsam
+erworbene Frucht aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause
+gegenüber sah der Major Friedlein zu, der Tag für Tag von morgens bis
+abends aus dem Fenster lehnte, eine lange Pfeife rauchte und in seinem
+pechschwarzen Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen Stadt.
+Zuhause gab es ein scharfes Verhör und Vorwürfe, auch von der Mutter.
+Das wäre in Ordnung gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts mehr
+zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger Stachel das Gefühl
+erlittener Ungerechtigkeit.
+
+Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart begab sich mit Bruder und
+Schwester auf die Christbaumbesuche. Da sie Juden waren, hatten sie
+keinen Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen Christen
+lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre öden Zimmer, und
+Sehnsucht trieb sie fort. Wie Bettelkinder gingen sie von Tür zu Tür,
+wurden überall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und Nüssen beschenkt.
+Am liebsten verweilte Engelhart dann bei Webers unten im Haus. Da waren
+zwei Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen und wohnten allein
+bei der Großmutter. Die Mutter hatte sie unehelichen Standes geboren und
+hatte ein abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die alte Frau
+Weber war wunderlich; sie war sehr dick und haßte die Menschen. Daß sie
+Engelhart und seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud,
+geschah aus einer Vorliebe, die sie für Frau Ratgeber hegte. Aber sie
+ließ nicht alle drei zu gleicher Zeit ein; eins mußte nach dem andern
+kommen und durfte nicht länger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern
+hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die Schwestern spielten still
+vor sich hin, die Großmutter saß auf einem erhöhten Tritt beim Fenster
+und las in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum strahlten die
+Kerzenflammen wie zuckende Sternchen.
+
+Thekla war ein robustes Geschöpf, das den ganzen Tag arbeitete, kochte,
+Wasser schleppte und die Böden fegte. Die sechsjährige Selma war dagegen
+zart und fein. Stirn, Wangen und Hände waren weiß an ihr, auch die Haare
+waren beinahe weiß. Ihr Anblick erschreckte Engelhart. Ähnliches spürte
+er in der Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis ins Herz
+empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit sich nie
+zurechtzufinden fürchtete. Einmal kam er an einem Winternachmittag von
+der Schule zurück und fand niemand daheim. Er läutete mehrmals, die
+Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus, schließlich schritt er langsam
+besinnend die Treppe hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen
+sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute seien. Er hatte
+Hunger. Er öffnete die Türe der fremden Wohnung und sah nun Selma nackt
+vor einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und Schmutz bedeckt,
+lagen daneben. Engelhart war erstaunt und ergriffen; das Menschenbild
+gefiel ihm, Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten träg
+und mißmutig, plötzlich lief sie unhörbar ins Nebenzimmer. Die alte Frau
+Weber drehte sich auf ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das
+demütig bestürzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte sie mit tiefen
+männlichen Tönen.
+
+Als es Frühling wurde, durfte Engelhart an Sonntagnachmittagen mit
+seinem Vater nach Altenberg gehen, einem kleinen Dorf zwischen Nürnberg
+und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte. Der alte Ratgeber war
+Seiler, und oft schaute Engelhart zu, wenn der Greis im
+steingepflasterten Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke
+drehte. Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er war
+gewöhnlich still und müde, aber ein höherer Glanz ging von ihm aus, wenn
+er von seiner Gesellen- und Wanderzeit erzählte. Er hatte die Welt
+gesehen und sprach mit scheuer Verehrung davon. »Als ich im Jahr dreißig
+nach Wien kam,« sagte er und berichtete, bei welchem Tor er eingezogen
+und durch welche Straßen er gegangen war. Er meinte, damals sei das
+Leben noch lebenswert gewesen. 'Im Jahre dreißig,' dachte Engelhart; er
+wußte nicht, daß achtzehnhundertdreißig gemeint sei, und er sah im
+Großvater eine Figur von mythisch gotthaftem Alter.
+
+Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber anwesend. Die beiden
+Brüder hatten gemeinschaftlich das Geschäft in der Stadt, aber sie waren
+feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers Bruder Hermann war
+ein Mann, der nichts in der Welt liebte außer seine eigne Person, die
+aber gründlich. Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von seiner
+Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von seiner trockenen
+Geschäftspraxis; für die geistig überschauende Art des älteren Bruders
+hatte er kein Verständnis, er bezeichnete diese Art als phantastisch und
+ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz an sich zu bringen. Er
+hatte den siebziger Krieg als Trompeter mitgemacht; es war auch in
+seiner Stimme etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er schlau
+und schläfrig aus.
+
+Einmal erzählte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen Eltern. Es war
+an einem schönen Tag im Mai, und Engelhart ging mit der Mutter über die
+Wiesen jenseits der Maxbrücke gegen die Wolfschlucht. Dort setzten sie
+sich unter einem Kastanienbaum nieder, Frau Ratgeber nahm ihre
+Handarbeit, und dann begann sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu
+sprechen; seine Fragen führten auf den Weg ihrer eignen Gedanken.
+
+Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter Mann von lebhaftem Geist
+gewesen. Er hatte an der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in
+Zürich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen in seine
+unterfränkische Heimat zurückkehrte, kaufte er vier Webstühle, nahm vier
+Gesellen ins Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger solider
+Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald dachte er daran, sich zu
+verheiraten. Auf der Heimreise hatte er in Uhlfeld bei Fürth ein überaus
+schönes Mädchen aus vornehmer Judenfamilie kennen gelernt, und er hielt
+um ihre Hand an. Nun war es üblich, nicht nur daß der Mann im Haus der
+Braut einen Besuch abstattete, sondern daß auch das Mädchen ins Haus des
+Bräutigams kam, und zwar allein. Daher machte sich die schöne
+Uhlfelderin auf und marschierte drei Tage lang zu Fuß, da eine Postfahrt
+zu viel Geld gekostet hätte, nach Sommerhausen am Main. Wenn ihr das
+Gehen in den Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und stopfte
+sie in das Bündel auf ihrem Rücken. Der Bräutigam kam ihr bis Ochsenfurt
+entgegen.
+
+Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die Familie geriet in Wohlstand
+und konnte einen Weinberg, ein Stück Ackerland und einen Gemüsegarten
+erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige Verbesserungen an den
+Webstühlen an. Aber mit einem Male kamen die Maschinenwebstühle auf und
+Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde. David Herz
+wartete nicht das letzte Ende ab; er schickte die Gesellen fort, ließ
+die Stühle auf den Speicher bringen und eröffnete einen Tuchladen. Weil
+aber keine Käufer kamen, mußte man mit den Waren über Land gehen, doch
+war es nach damaligem Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das
+Gesetz mußte umgangen werden, wenn anders die Familie vor Hunger bewahrt
+werden sollte. Nach und nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen,
+die ältesten halfen schon, sie mußten bei Nacht und Nebel mit dem
+Warenbündel auf Schleichwegen in die Dörfer wandern, und die Gendarmen
+mußten mit kostbarem Geld bestochen werden. Aber es wurde noch
+schlechter, Mißernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit
+des Landes und der Gewerbe in Fesseln, Emilie, die älteste, sollte
+vorteilhaft heiraten, aber das sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf
+die grausamste Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben innerhalb
+dreier Jahre hinweg, darauf folgte die Mutter, erschöpft an Leib und
+Seele, und der Vater war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn
+hatte das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht, er verlor
+den Glauben an Gott und Menschheit und starb, noch nicht fünfzig Jahre
+alt.
+
+Engelhart ward betrübt von der Erzählung. Das Ereignisvolle daran, Tod,
+Krankheit, Armut, prägte sich ihm unvergeßlich ein. Als er mit der
+Mutter nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die silberne
+Abenddämmerung zu blicken. Frau Agathe nahm den Knaben an der Hand und
+sie schritten schweigsam dahin. Engelhart begriff plötzlich, daß seine
+Mutter nicht glücklich war.
+
+In einer der folgenden Nächte erwachte Engelhart und merkte, daß fremde
+Leute in den Zimmern waren, Leute mit einem ängstlichen und
+geschäftigen Wesen. In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht
+brennen; bald kam einer und schraubte es höher, bald ein andrer und
+drehte es tiefer, sie flüsterten, sie lächelten, und da sich der Knabe
+schlafend stellte, achteten sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar
+Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da hörte er aus dem Zimmer der
+Mutter ein Stöhnen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich
+auf, sah sich allein und lauschte. Die erschütternden Töne wiederholten
+sich. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte mit Eile in die Kleider und
+wollte zur Mutter. Aber eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zurück,
+Ahnung nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die Küche. Ketti saß am
+Herd; ihr rannen Tränen über die Backen, doch trank sie mit ziemlicher
+Seelenruhe eine Schale aufgewärmten Kaffees. Sie begehrte auf, als sie
+des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und begab sich in den Hof,
+setzte sich, in der Nachtkühle schauernd, auf die Hühnersteige und
+schlief dort unversehens ein. Er schlief über eine Stunde, das Krähen
+des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus zurück und begegnete auf der
+Treppe der Tante Iduna Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie
+war groß und hager, ein riesenhafter grüner Schal hing um ihre
+Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete sie den Knaben und sagte
+endlich mit zweideutigem Lächeln und unehrlicher Kameraderie in ihrer
+hellen Stimme: »Nun, Engelhart, der Storch ist zu euch gekommen und hat
+ein Brüderchen gebracht. Hast du ihn nicht klappern gehört?«
+
+Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: »Nein, ich habe die Mutter
+weinen gehört.«
+
+Es malte sich in seinem Bewußtsein dies: nicht, daß ein Kind gebracht,
+sondern daß es geboren worden sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung
+wurde in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag ging er zu
+Fräulein Frühwald, die mit Ratgebers auf demselben Flur wohnte. Fräulein
+Frühwald war eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte. Das
+einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von Sägespänen, denn sie
+verdiente ihren Unterhalt damit, daß sie Blechkapseln glänzend machte.
+Während sie Engelhart in ein Gespräch zu verwickeln versuchte, schlug
+dieser ein umfängliches Buch auf, das auf dem Tische lag. Es war die
+Bibel, Altes und Neues Testament. Er blätterte unschlüssig umher, da
+fiel sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig Söhne, die
+alle aus seiner Lende entsprossen waren, denn er hatte viele Weiber.
+»Was ist das, eine Lende?« fragte er das unablässig redende Fräulein.
+Sie antwortete, eine Lende sei ein Stück Fleisch. »Auch beim Menschen
+ein Stück Fleisch?« fragte er.
+
+»Gewiß,« rief sie lachend und schlug sich auf die Hüfte, »hier.«
+
+Er kam nun öfter zu Fräulein Frühwald, die für jede Gesellschaft dankbar
+war, setzte sich an den Tisch und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm
+wenig Verstand daraus, obwohl er das Fabelmäßige leicht begriff. Die
+erwachten Zweifel über Geburt und Geborenwerden fanden Nahrung, doch
+keine Lösung; Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur, die er
+auch in seinem Innern beben und wachsen fühlte. Eines aber riß sein
+Gemüt hin, vielleicht weil es mit Worten nicht ausgedrückt war, nämlich
+das Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das Paradies mit seinem
+Frieden, die Wasserflut und die um den Berg Ararat neu sich hebende
+Welt, der Turmbau im babylonischen Land, der Brand der sündhaften Städte
+und das Meer über ihnen. Mit andern Augen als bisher trat er unter den
+freien Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene Länder und Zeiten
+überwölbt hatte, und wie eine Stirn die Erinnerung des Gelebten
+aufbewahrt, glaubte er im Firmament das Andenken jener gewaltigen
+Ereignisse vergraben.
+
+Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen durfte, vermochte er kein
+Wort über die Lippen zu bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie
+mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen stellte. Zuerst
+wunderte sich Frau Agathe, dann schalt sie, noch halb gutmütig, dann
+wandte sie sich unwillig, ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach
+Hause kam, berichtete sie über die Verstocktheit des Knaben. Herr
+Ratgeber glaubte, daß Engelhart irgendetwas auf dem Gewissen habe, er
+nahm ihn bei der Hand, führte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu
+fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche Stillehalten des
+Knaben bestärkten seinen Verdacht, er wurde zornig und schlug Engelhart
+mit Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entpreßte dem
+Gezüchtigten Tränen, es schien ihm, als ob die Unbill alles Maß
+übersteige, es erfaßte ihn auf einmal ein Gefühl von Liebe für etwas
+Unsichtbares, Unnennbares, das außerhalb der Welt lag, in der er sich
+bewegte.
+
+Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am dritten entschloß er sich,
+ohne Erlaubnis an ihr Bett zu kommen, um sie zu versöhnen. Doch sie
+hatte Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da und außerdem dessen
+Vater, der also Engelharts Urahn war, ein Mann von sechsundneunzig
+Jahren. Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter Nürnberg. Ein
+zottiger Bart von rötlichweißer Farbe schloß das ungemein große, rote,
+zerwühlte, volle Gesicht wie in einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte,
+hielt er die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen und stierte
+mit den scheu versteckten Augen auf ihn wie auf etwas Weitentferntes,
+Winziges, gleich als ob er zeigen wolle, daß achtundachtzig Jahre
+zwischen ihm und diesem Kinde lägen. Er griff in die Manteltasche und
+reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart zwei halbverschimmelte
+Schokoladestückchen. Seit dreißig Jahren war er nicht in der Stadt
+gewesen, und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte ihn
+angetrieben, sondern die bloße Neugierde zu sehen, was die Zeiten
+gebracht hätten. Der andre Alte verhielt sich gleichmütig, der Besuch
+des Vaters war ihm, dem Siebzigjährigen, eine Last. Frau Agathe blickte
+mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von denen keiner um die
+Nähe des Grabes zu wissen schien.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+
+Mitte Juli mußte Herr Ratgeber eine Reise antreten, die ihn für einige
+Monate von seiner Familie trennte. Frau Agathe beschloß, diese Zeit auf
+dem Lande zuzubringen und mit den Kindern ihre Schwester Emilie Wahrmann
+in Gunzenhausen zu besuchen. Ihr Leib, ihr Geist bedurften der Ruhe. Die
+Tage vor der Fahrt vergingen mit vielfacher Arbeit. Noch in der letzten
+Stunde war sie beschäftigt, die Polstermöbel zu überziehen, die Läden
+herabzulassen, Kampfer zu streuen; dann stand sie ermüdet auf der
+Schwelle, ihre Gestalt hob sich schmal aus dem Dämmer des verdunkelten
+Raumes, sie war blaß von dem überstandenen Wochenbett, die Stirn, für
+eine Frauenstirn ungewöhnlich hoch, war an den Schläfen wie Marmor von
+blauen Adern durchzogen, ihre Augen hatten einen doppelten Blick, den
+nach außen für die Gegenstände, und den ruhigen, warmen süßen Blick nach
+innen für das Unbekannte.
+
+Die Familie Wahrmann bewohnte ein einstöckiges Haus an der Straße, die
+vom Tor des Blasturms aus gegen den Wald führte und wenige hundert Meter
+weiter schon Landstraße wurde. Auf jeder Seite standen etwa ein Dutzend
+solcher Häuser von ganz gleicher Bauart, und zwischen je zweien war ein
+kleiner Garten oder Hof. Frau Agathe fand bei der Schwester, was sie vom
+Leben innig wünschte: Sorglosigkeit. Die Erinnerung an ihre Mädchentage
+erwachte; hier hatte sie, nachdem der Vater gestorben war, bis zu ihrer
+Verheiratung gelebt; hier hatte sie manche Nacht durchtanzt, hier hatte
+sie Herr Ratgeber zum erstenmal erblickt. Nun war sie wieder da, von
+liebreicher Gastfreundschaft gehegt, und vier Kinder mit ihr als Zeugen
+der verflossenen Jahre. Ihre gehobene Stimmung wirkte wie ein
+seelenvolles Leuchten auf die Gemüter der andern Hausbewohner.
+
+Engelhart vertrug sich gut mit den Cousinen. Helene, die älteste,
+liebte es, ihn zu necken. Nicht seine Gedanken waren vor ihrem Spott
+sicher. Sie war selten schlecht gelaunt, sie entdeckte mit Scharfblick
+an jedem Menschen die komische Seite und jeder bot ihr daher
+unerschöpflichen Stoff zum Lachen. Sie hatte aber auch Respekt für
+geistige Dinge, für gute Bücher, es war nichts Kleinstädtisches in ihr.
+Ganz anders Jettchen, die zweite. Sie war eine trübe Träumerin, stets
+von Unzufriedenheit und zielloser Eifersucht erfüllt. Sie neigte schon
+als Kind zu einer halb schwärmerischen, halb gottmeisternden
+Frömmigkeit, und da sie nicht hübsch war, sprach sie gern mit Verachtung
+von dem eiteln Wesen schöner Mädchen. Die jüngste nun, Esmee, hatte
+etwas Teuflisches für Engelhart; er fürchtete sie, wenn sie an den
+Sommerabenden auf der Straße wandelten und sich das Mädchen lächelnd an
+ihn drängte, ihren Arm in den seinen schob und beim Sprechen ihr Gesicht
+so nahe wie möglich an das seine brachte. Sie war immer von einem
+einzigen Zustand vollkommen beherrscht, von Wildheit oder Angst,
+Müdigkeit oder Begierde. An Regentagen gebärdete sie sich oft, als wolle
+sie vor Ungeduld die Mauern niederreißen, und im Wald pflegte sie mit
+schmetternder Stimme zu singen:
+
+ »In den Garten wollen wir gehn,
+ Wo die schönen Rosen stehn,
+ Stehn der Rosen gar zu viel,
+ Brech' ich mir eine, wo ich will.«
+
+Am Anfang des Waldes stand ein Wirtshaus, kurzweg die »Höhe« genannt,
+und an Sonntagen pilgerte das halbe Städtchen hinauf. Engelhart fand
+sich dann unbehaglich in dem Menschentrubel, und er schlich davon. Er
+hatte einen Lieblingsplatz im Wald unter einer alten Eiche; nahebei war
+ein Ruinenstein der römischen Mauer. So saß er einmal und lauschte auf
+die Tanzmusik, die von der »Höhe« herüberklang. Da legten sich zwei
+kleine Hände über seine Augen und eine zarte Stimme wisperte: »Wer bin
+ich?« Eigensinnig schwieg er still, und als sich Esmee schmollend an
+seine Seite setzte, herrschte er sie an: »Warum bist du mir denn
+nachgelaufen?« Sie antwortete nichts, sondern schüttelte heftig ihr lose
+hängendes Haar. Er verfiel wieder in sein verstocktes Schweigen. Es
+flogen Glühwürmer auf, hinter dem Weg schimmerte es goldgelb vom Mond,
+aus dem Westen brummte dumpf der Donner. Plötzlich sprang Esmee auf,
+packte blitzschnell mit beiden Händen Engelharts Kopf und biß ihn ins
+Ohr. Er schrie, sie lief davon, ihr Lachen vermischte sich mit dem
+Rascheln der Zweige, Engelhart eilte ihr nach. Als er in den Wirtsgarten
+kam, hatten sich die Gäste schon in den Saal geflüchtet, da es zu
+tröpfeln anfing. Esmee stand auf der obersten Stufe der Terrasse. Sie
+hatte einen Zipfel ihres Taschentuchs zwischen den Zähnen und riß daran,
+während sie in den Saal blickte, die Augen in unheimlicher Wildheit
+funkelnd.
+
+Engelhart trat, mit der Hand das schmerzende Ohr bedeckend, in den Saal
+und gewahrte unter den ersten Paaren, die sich zum Walzer anschickten,
+seine Mutter und den Premierleutnant Siderlich. Er erstaunte über ihr
+Aussehen, über ihre roten Wangen und glänzenden Augen. Ihre Bewegungen
+hatten etwas Fräuleinhaftes, wenn sie dankte, den Kopf zur Schulter
+neigte, den Fuß zum Tanz vorsetzte.
+
+Der Premierleutnant Siderlich lag schon seit zehn Jahren mit einer
+Halbkompagnie im Ort, man sagte, daß es eine ewige Strafversetzung sei.
+Er wohnte bei Wahrmanns zur Miete, doch gingen diese mit dem Plan um,
+ihm zu kündigen, da er in der letzten Zeit oft betrunken war. Das
+gewöhnliche Volk nannte ihn wegen seiner außergewöhnlichen Länge und
+Magerkeit den Lattenhanni. Er verkehrte mit niemand, hatte weder
+Kameraden noch Freunde und empfing oder schrieb nie einen Brief. Jeden
+Abend um acht Uhr ging er ins Gasthaus zur Post und verzehrte dort sein
+kärgliches Nachtessen. Wenn er fertig war und neben seinem Tisch bekam
+etwa ein andrer Gast zu essen, so beugte er sich gegen dessen Teller
+herüber und sagte, mit der Zunge schnalzend, gierig und überrascht: »Ah,
+das ist aber ein schöner Braten, so einen Braten bekomme ich nie,« oder:
+»Das ist aber ein kolossaler Fisch, so einen bekomme ich nie.« Hierauf
+rief er die Kellnerin oder den Wirt und fragte mit trauriger Stimme:
+»Warum bekomme ich nie eine so große Portion wie der Herr Expeditor?«
+
+»Aber ich bitte, Herr Premier,« sagte der Wirt, »es ist ganz genau
+dasselbe Stück.«
+
+Beim nächtlichen Nachhausegehen nahm er sich auf der Straße sehr
+zusammen, kaum hatte er jedoch die Haustüre bei Wahrmanns aufgesperrt,
+so stimmte er einen greulich unmelodischen Gesang an und stolperte
+geräuschvoll die Stiege empor.
+
+Seit Frau Ratgeber im Hause weilte, betrank er sich nicht mehr und
+verwendete größere Sorgfalt als bisher auf seinen Anzug. Am Morgen nach
+dem kleinen Tanzfest schickte er seinen Burschen mit einem Strauß von
+Rosen und einer Visitenkarte, auf deren Rückseite in sorgfältig gemalten
+Buchstaben zu lesen stand:
+
+ Schönheit besiegt ein jedes Herz
+ Und sei es auch so hart wie Erz.
+
+Bald danach hörte man ihn mit klirrendem Wehrgehänge die Stiege
+herabpoltern, er machte im Frühstückszimmer seine Aufwartung, aber seine
+Haltung verlor an Sicherheit, als die Kinder, durch sein wunderliches
+Grimassenschneiden belustigt, kichernd entflohen.
+
+Es nahte die Zeit der Reife, das Obst auf den Bäumen wurde schwer.
+Täglich wanderten die Kinder in die Beeren. Spät nachmittags zog die
+belebte Schar heimwärts, die Mütter kamen ihnen auf der Landstraße
+entgegen und freuten sich der reichen Ausbeute. An einem schönen
+Septembertag brachen beide Familien morgens um fünf Uhr auf und fuhren
+nach Pappenheim, wo sie von Bekannten zur Obstlese eingeladen waren.
+Engelhart, sich von den Seinen mit Absicht entfernend, schritt durch den
+riesengroßen Garten, der über mehrere Hügel hingebreitet war, und sah
+ein Schloß, das den Gipfel eines Berges krönte. Es wurde ihm feurig zu
+Sinn, als er wieder zu den andern zurückkehrte, stieß er ein
+Jubelgeschrei aus. Doch diese waren ebenfalls in Glückseligkeit
+gefangen, Frau Agathe schritt mit stillem Lächeln umher und deutete
+manchmal auf den Himmel, der so strahlend war, als ob ein blaues Feuer
+ihn erfüllte. Dann sank die Sonne, Engelhart hatte ein schneidendes
+Gefühl von Schmerz, es tönte eine Stimme: jetzt ist es genug der
+Freuden.
+
+Wenige Tage später mußten sie nach Hause reisen, Herr Ratgeber war
+früher, als er gedacht, zurückgekehrt. Kisten und Koffer wurden gepackt,
+und gegen Abend setzte sich die ganze Karawane nach dem Bahnhof in
+Bewegung. Erst dort begriff Engelhart, daß es sich um Scheiden und
+Trennung handle. Wie im Schlaf küßte er die Mädchen, später durchzuckte
+es ihn, daß er Esmees Mund feucht auf dem seinen gefühlt. Der Zug
+rasselte davon, die Nacht brach ein, fremde Leute saßen im Coupé, Ketti
+hielt den Säugling im Arm, Gerda und Abel schlummerten aneinandergelehnt.
+Auch Frau Agathe schien müde, ihr Blick war in die Dunkelheit hinaus
+gerichtet, die Hände lagen still im Schoß. Engelhart schaute sie an und
+seine Lippen murmelten wie von selber Esmees Verse und zerhackten sie
+mit dem Takt der Eisenbahnräder:
+
+ »In den Garten wollen wir gehn,
+ Wo die schönen Rosen stehn,
+ Stehn der Rosen gar zu viel,
+ Brech' ich mir eine, wo ich will.«
+
+Er träumte, daß ein ungeheurer Mensch käme und ihn wie ein Stück Holz
+unter den Arm schiebe. Der Mensch schritt durch eine eiserne Tür, die er
+hinter sich zuschlug, und betrat ein dunkleres Gemach. Er eilte weiter
+zur nächsten Tür, die er ebenfalls zuschlug, und so weiter, von Tür zu
+Tür, bis sie in einen grauenvoll finstern Raum kamen.
+
+Ein paar Tage hernach schrieb Frau Agathe einen langen Brief an ihre
+Schwester in Gunzenhausen. Sie meldete die glückliche Ankunft, und daß
+weder den Kleinen noch den Großen ein Unfall zugestoßen sei. Dann
+beschrieb sie ausführlich, in welchem Zustand sie die Wohnung
+angetroffen habe; in den Fugen des Flurgatters sei der Staub fingersdick
+gelegen, das Türschloß im Wohnzimmer sei vollständig eingerostet; im
+grünen Zimmer hätten die Motten trotz aller Schutzmaßregeln die
+Rücklehne des Plüschsofas angefressen; in der Küche sei vom Hagelwetter
+im August ein Fenster zertrümmert worden. Nachdem alles das ausführlich
+geschildert war, dankte Frau Ratgeber ihrer Schwester und deren Gatten
+für die lange Gastfreundschaft. Sie drückte ihre Dankbarkeit in den
+leidenschaftlichsten Worten aus, zu denen sie in mündlicher Rede nie den
+Mut gefunden hätte, und erklärte sich unvermögend, solche Opfer nur
+annähernd in gleicher Münze zu bezahlen. Sie gestand, daß sie sich seit
+der Abreise grenzenlos unglücklich fühle und daß sie wisse, eine geheime
+Stimme habe es ihr zugeflüstert, sie werde die Schwester und die Nichten
+nicht mehr wiedersehen. Sie erzählte, wie trostlos Engelhart sich
+benehme und fügte hinzu, daß sie seines versteckten und träumerischen
+Charakters wegen recht besorgt sei.
+
+Ungern besuchte Engelhart die Schule. Aber er mußte. Schon tönte das
+Wort Pflicht als ein Fanfarenstoß an seine Ohren. Ihm war es das
+liebste, zu gehen, wohin er wollte, zu unternehmen, wozu sein Inneres
+ihn antrieb. Er spielte mit sich selbst; sogar das Sehen seiner Augen
+wurde zum Spiel; auf der Gasse gehend, probierte er, ob man nicht auch
+mit dem Mund sehen könne. Er dachte klüger zu sein als Gott oder ihn
+wenigstens zu kontrollieren. Er schloß die Augendeckel, schob die Lippen
+vor, und da er nun weiter zu gehen vermochte, dachte er in seiner
+Albernheit, Gott eines Bessern belehrt zu haben, während er ihn nur
+beschummelt hatte, denn ein ganz klein wenig hatte er doch durch den
+Spalt zwischen den Lidern gespäht.
+
+Herr Ratgeber tadelte das Guckindieluftwesen heftig. »Hände aus den
+Taschen! Frisch, frisch! Munter!« rief er, wenn der Knabe sinnend
+einhertrottete. Aber Engelhart fand sich nur eingeschüchtert, und er
+verbarg eifersüchtig sein Herz. Tausend Fragen waren in ihm erwacht,
+Bedeutendes und Nichtiges lag gleich schwer vor seinem Weg. Er hatte
+niemand, um zu fragen; die Mutter war in solchen Dingen nicht
+entgegenkommend, dem Vater war nichts lästiger, als wenn man ihn viel
+und um vielerlei befragte. Von den Lehrern erwartete er nichts und sie
+gaben auch nichts.
+
+Im Spätherbst verbreitete sich das Gerücht von einem Weltuntergang. Der
+furchtbare Termin war für Anfang November prophezeit. Engelhart wunderte
+sich über das gefaßte Wesen der Leute, er wunderte sich, daß sie noch
+aßen und tranken, daß sie schwatzend unter den Haustoren standen und den
+hellen Himmel betrachteten, und er freute sich auf ihren Schrecken und
+ihre Verzweiflung, wenn das Ungeheure kam. Er spazierte in der Mitte der
+Straße auf und ab, um beim Zusammensturz der Häuser verschont zu
+bleiben. Allmählich sammelten sich vor der Pfistergasse, wo man den
+Ausblick auf das freie Feld hatte, viele Erwartungsvolle an und starrten
+in den aufgehenden Mond. Die Abergläubischen hatten wenig Zuspruch, wer
+Angst hatte, wollte sie doch nicht zeigen, denn man lebte in einer
+aufgeklärten Protestantenstadt. Dennoch war die Enttäuschung allgemein,
+als es Abend ward und Himmel und Erde ihr friedliches Aussehen nicht
+veränderten. Engelharts Unzufriedenheit wurde gemildert durch das
+gebundene und sehnsüchtige Gefühl, das ihm der Mond einflößte; die
+unsichtbare Bewegung des Gestirns bewegte ihn mit. Auf dem Heimweg traf
+er Selma Weber, sie gingen zusammen und plauderten; doch da unterbrach
+Selma das Gespräch und fragte ängstlich: »Ist es wahr, daß du ein Jud
+bist?« Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht
+aus dem Kopf. Eines Tages, es war schon Winter geworden, tiefer Schnee
+lag, vergnügte er sich damit, in die Fußstapfen eines vor ihm her
+gehenden Knaben zu treten. Da dieser aber viel größere Schritte machte,
+mußte er seine Beine übermäßig spreizen, was einen komischen Anblick
+bot. Er hörte denn auch ein schallendes Gelächter und sah Fräulein
+Holländer, die am Fenster ihrer ebenerdigen Wohnung lehnte und sein
+Treiben belustigt mitansah. Dieses Fräulein war eine Jüdin, eine
+ältliche Jungfer, die mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen gegen den
+Spitalgarten bewohnte. Engelhart kam oft dorthin, weil das Hoftor mit
+bunten Glasscheiben versehen war, und er liebte es, durch die farbigen
+Gläser auf die fernen Hügel des Vestnerwaldes und auf die Wiesen des
+Flußtals hinunterzublicken.
+
+Als der größere Knabe das Lachen vernahm, blieb er stehen und sah sich
+um, und Engelhart, mit beiden Füßen in einer einzigen seiner Fußstapfen,
+blieb ebenfalls stehen. Der andre stierte ihn drohend an und sagte
+haßerfüllt: »Du Jud.« Darauf kamen noch ein paar Burschen, stellten sich
+um Engelhart herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen. Er wußte
+sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch. Er grübelte noch in sich
+hinein, als jene schon verschwunden waren; da winkte ihm Fräulein
+Holländer zu, er folgte, und als er im Zimmer war, schloß sie das
+Fenster, reichte ihm einen gebratenen Apfel aus der Ofenröhre, und
+während er aß, holte sie ein dickes Buch herbei, schlug es auf und las
+ihm folgende Stelle vor: »Da wohnten die Nachkommen der Juden aus der
+babylonischen Gefangenschaft. Sie bewahrten noch ihre Stammbäume und
+konnten ihre Geschlechter auf die Fürsten und Propheten Judas
+zurückführen. Ihr Oberhaupt wohnte zu Bagdad und führte den Titel: Fürst
+der Gefangenschaft. Er stammte in gerader Linie vom König David;
+Christen und Heiden anerkannten seine Abkunft und nannten ihn unser
+Herr, der Sohn Davids. Sein Ansehen erstreckte sich über die Länder des
+Ostens bis Tibet und Hindostan. Es wurden ihm die größten Ehren
+erwiesen, und wenn er öffentlich erschien, trug er Kleider von
+gestickter Seide und einen weißen Turban mit goldenem Diademe.«
+
+Engelhart senkte den Kopf und dachte nach. »Ist es ein Märchenbuch?«
+fragte er.
+
+»Nein, kein Märchenbuch!« erwiderte sie. Sie zeigte das Titelblatt, und
+er las: Benjamin von Tudelas Reisen. Da lächelte Engelhart aufatmend vor
+sich hin und war dessen gewiss, daß er ein Mensch unter Menschen bleiben
+durfte. Nachmittags kam Fräulein Holländer zu Frau Agathe. Sie trug
+gelbe Handschuhe, die an allen zehn Fingerspitzen zerrissen waren, einen
+außerordentlich großen Hut mit Federn und ein kupferglänzendes
+Seidenkleid. Sie sprach mit der ihr eignen geschraubten Lebhaftigkeit
+über den Knaben, über seine Begabung, sein schönes, belebtes Gesicht und
+schloß ihre Rede mit den Worten aus der Geschichte Bileams: »Es wird ein
+Stern aufgehen aus Jakob.« Frau Ratgeber ward es angst und schwül, und
+sie war froh, als die Person wieder fort war.
+
+An seinem Geburtstag, wo er neun Jahre alt wurde, erhielt Engelhart die
+Erlaubnis, sich Spielwaren aus dem Geschäft des Vaters zu holen. Am
+Nachmittag nach der Schule ging er hin. Es waren niedrige, lichtlose
+Räume dort. Hinter einem Holzgitter saßen Herr Ratgeber und sein Bruder,
+ein jeder wachsam im dumpfen Haß. Nebenan befanden sich die jungen Leute
+und Peter Salomon Curius, den Herr Ratgeber als Buchhalter angestellt
+hatte. Er war stets muntrer Laune, schmunzelte zum Fenster hinaus, wenn
+die Dienstmädchen der Nachbarschaft vorübergingen, rauchte, trank Bier,
+erzählte Geschichten, die alle einen Anhauch von Größenwahn hatten. Er
+glich einem Herzog, der zum Scherz Lakaiendienste verrichtet, oder einem
+Millionär, der zur Belustigung seiner Gäste selber den Koch macht. Er
+wußte alles besser, und wenn einer die Kunst zu fliegen erfunden, hätte
+Herr Peter Salomon mit geringschätzigem Lachen gesagt: »Ach was, das
+hab' ich schon vor zehn Jahren gekonnt, es ist gar nichts weiter dabei,
+jeder windige Sperling macht dasselbe, ich habe es längst aufgegeben,
+denn, unter uns, es ist eine langweilige Sache.«
+
+In den verliesartigen Zimmern roch es nach Tinte, Staub und Spinnweben.
+Lange suchte Engelhart, um etwas zu finden, was nicht bloß der
+augenblicklichen Lust, sondern auch zukünftigen Wünschen Genüge tun
+konnte, und er wählte schließlich eine Trommel und einen Spiegel. Zu
+Hause fingen Gerda und Abel zu weinen an und wollten auch etwas haben;
+er lachte sie aus, die Mutter schalt, sie empfand vielleicht dunkel, daß
+da keine Unschuld mehr sei, wo mißgünstiges Behagen an fremdem Neid sich
+sättigt. Sie warf ihm vor, er habe kein Herz für seine Geschwister, doch
+konnte sie nicht ermessen, wie es sich damit in Wirklichkeit verhielt.
+
+Wie ihr alles in der Stille Sorge machte, so auch dies. Zudem erfuhr sie
+von einer ungewöhnlich hinterlistigen Handlung, die er bald hernach
+beging, und ihr Urteil über den Knaben verwirrte sich noch mehr. Er
+hatte mit den Kindern des Pedells von der nahegelegenen Bürgerschule
+Bekanntschaft geschlossen und jagte mit ihnen oft in dem großen, mit
+Bäumen bepflanzten Hof umher. An den Spielen beteiligte sich Selma
+Weber, ferner das Töchterchen des Direktors, ein liebliches,
+ausgelassenes Ding, und Sophie Hellmut, das Kind eines Arztes. Vor den
+drei Mädchen suchte sich Engelhart durch Geschrei und heldenmäßiges
+Wesen hervorzutun, oder wenn nicht so, dann durch ein gekränktes und
+sauertöpfisches Beiseitestehen, das ganz grundlos war, wodurch er aber
+doch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wähnte. Den tiefsten Eindruck
+machte Sophie Hellmut auf ihn. Sie war so schwermütig wie eine Nacht,
+die von Stürmen in der Ferne zittert und doch ihre Wolken ruhig
+vorübergleiten läßt, weil sie hofft, daß es Morgen wird.
+
+Nun war ein gewisser Rindsblatt in der Gesellschaft, ein rothaariger,
+häßlicher Knabe, der sich scharwenzelnd und prahlend um Sophie zu
+schaffen machte und gegen den Engelhart bösen Groll hegte. Einmal fing
+es an zu regnen, und alle flüchteten in eines der leeren Schulzimmer.
+Sie schrien und lärmten, bis die Dämmerung einbrach, da kam Rindsblatt
+dazu, sprang mit einem Satz auf den Katheder, ließ die Beine baumeln und
+spuckte mit einem Ausdruck zur Seite, als wolle er sämtliche Lehrer der
+Welt totspucken. Die Mädchen wurden von unten zum Nachtessen gerufen und
+schossen tobend hinaus, Engelhart folgte verdrossen, nur Rindsblatt
+blieb sitzen, um zu zeigen, daß er keinem Ruf gehorchen müsse, und
+begann laut zu singen; Engelhart kehrte noch einmal zur Tür zurück und
+hörte, wie die Stiefelhacken des Knaben hohl gegen das Brett schlugen,
+er sah den Schlüssel im Schloß stecken und drehte ihn um, so daß der
+Verhaßte gefangen war. Dann rannte er die Treppe hinab und setzte sich
+auf die Brunnenbank im Hof. Der Abend war schon eingebrochen, hohe
+Mauern blickten durch den rieselnden Regen. Lang blieb es still, endlich
+wurde oben ein Fenster aufgerissen, und Rindsblatt schrie. Niemand
+hörte, er wiederholte sein Geschrei, schon saß ihm die Furcht in der
+Kehle. Engelhart verspürte eine trotzige Genugtuung, den trockenen
+Prahler so bang zu wissen, gleichwohl schlich er zaghaft in den Flur, da
+sah er den Pedell mit der Lampe die Stiege hinaufschreiten, denn oben
+hämmerte es so fürchterlich an die Türe, daß das Treppenhaus dröhnte.
+Rindsblatt wußte, wer ihm den Streich gespielt, und gab es an. Doch ließ
+er sich Engelhart gegenüber nichts merken, er rächte sich nicht, obschon
+er stärker und älter war. Das erschreckte Engelhart, nie ging er ohne
+das unheimlichste Gefühl an dem Burschen vorüber, und er ahnte, daß in
+jener Brust ein gefährlich-giftiger Haß brüte und sich mit Vorsicht der
+rechten Stunde gewärtig hielt.
+
+Es wurde Frühling. Am zweiten Sonntag im April während eines
+Spazierganges sagte Frau Ratgeber, es sei ihr heute besonders wohl
+zumut. Aber als sie nach Hause kamen, war Engelhart eine Zeitlang mit
+der Mutter allein im Zimmer, Herr Ratgeber war im Hohlwegsgarten zu
+einem Glas Bier eingekehrt, Gerda und Abel waren bei Tante Curius, Ketti
+ging mit dem kleinen Benjamin noch auf der Straße, da sah Frau Ratgeber
+den Knaben eigentümlich an und sagte, es verlange sie, ins Bett zu gehen
+und zu ruhen. Sie klagte über Schmerzen im Ohr.
+
+Am nächsten Tag begannen die Osterferien. Festlich gestimmt trat
+Engelhart nach der Schule ins Schlafzimmer, wo Frau Agathe lag. Die
+grünen Rolläden waren herabgelassen, um die Sonnenstrahlen abzuhalten,
+auf dem Tischchen stand eine Arzneiflasche mit brauner Flüssigkeit. Die
+Mutter fragte ihn nach diesem und jenem und gab ihm Ermahnungen
+allgemeiner Art. Sie meinte, das beste im Leben sei Gehorsam und
+Sichfügen. Aber Engelhart suchte den Sinn ihrer Worte als etwas
+Unbehagliches beiseite zu schieben. Was war ihm Gehorsam? Ein Zwang, dem
+seine Schwäche unterlag. Er wollte frei sein, er hatte die eigensinnige
+Überzeugung von einer im Innern der Brust wirkenden Kraft, die sich
+frech über alle Vernunft der Wohlgesinnten hinwegsetzte. Er erwiderte
+nichts, und da Frau Agathe den Zustand des verstockten Schweigens bei
+ihm kannte und fürchtete, hieß sie ihn gehen. Als er die Schwelle des
+Zimmers überschritt, hörte er sie seufzen.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+
+Eine weite Ebene, Wiesen und Felder, in spinnwebgrauem Nebel. Die
+Landstraße mit den hohen Pappeln kriecht weiß und leer in den Nebel
+hinaus, und so absonderlich wie der blühenden Frühlingslandschaft in dem
+herbstlichen Dunst ist es Engelhart zumut. Eine trügerisch-schwermütige
+Stille liegt über der Welt, der Bauer steht auf dem Acker und faltet
+bedenklich die Stirn. Ein liebliches Kindergesichtchen taucht aus dem
+Nebel, es ist Benjamin auf Kettis Arm. Man schickt ihn zu den Großeltern
+nach Altenberg, im Haus darf er nicht mehr bleiben, Frau Agathe muß Ruhe
+haben. Das kleine Bübchen jauchzt, da Engelhart possenhaft vor ihm
+hertanzt, es weiß nicht, daß es bald sterben wird. Drüben im Dorf wartet
+der Tod auf Benjamin, der Tod hat die Nebelschwaden aufs grüne Land
+gebreitet.
+
+Auch Engelhart, Gerda und Abel mußten das elterliche Haus verlassen und
+wurden bei der Familie Dessauer in einem vornehmen Haus an der
+Bahnhofstraße untergebracht. Frau Dessauer war eine entfernte Verwandte
+der Mutter und lebte mit ihrem Sohn und seiner Frau in der
+Abgeschlossenheit reicher Leute. Dort mußte man leise gehen und leise
+sprechen, man mußte die Klinke in der Hand halten, bis die Türe
+geschlossen war, man mußte artig sein. Artig, artig! hallte es aus jedem
+Winkel.
+
+Die Kinder wagten schließlich vor lauter Artigkeit nicht zu gestehen,
+wann sie Hunger hatten, Engelhart schlich bedrückt durch die langen
+Korridore und betrachtete stumm die hohen Türen. Er vernahm die Klänge
+eines Klaviers und lauschte. Eine Singstimme fiel ein. Das Lied zog ihn
+unwiderstehlich an, und er betrat das Zimmer. Die alte Frau saß am
+Instrument, die junge stand daneben und sang. Als sie den Knaben
+gewahrten, unterbrachen sie Spiel und Gesang, zwei Augenpaare blickten
+ihn dürr und strafend an. Man tritt nie in ein Zimmer, ohne anzuklopfen,
+hieß es, er solle wieder hinaus und sich melden. Er schaute starr zu
+Boden, dann lief er davon und auf die Straße. Die beiden Frauen kamen
+überein, daß der Knabe von einem bösartigen Geist erfüllt sei und daß
+man vor ihm auf der Hut sein müsse. Indessen lief Engelhart zum Bahndamm
+hinüber und spazierte an den schimmernden Geleisen entlang, die
+gleichsam eigenbeweglich in die Ferne liefen. Sehnsucht packte ihn, er
+spürte unter den Sohlen ein Zittern, als er sich auf das blanke Eisen
+stellte, dann warf er sich platt zur Erde und legte das Ohr auf die
+Schiene. Das Unglück brachte gerade in dieser Minute den jungen Dessauer
+des Wegs, er befahl Engelhart aufzustehen und führte ihn wortlos in das
+stille Haus zurück. Dort wurde ein Verhör angestellt, und der Beschluß
+war, daß Engelhart fortgeschafft wurde, da man für einen Knaben von so
+verbrecherischen Anlagen nicht die Verantwortung übernehmen wollte.
+
+Er kam zu Frau Iduna Hopf. Wieder eine neue Welt; ein uraltes Haus am
+Helmplatz, im finstern Flur der Backofen eines Bäckers, morsche Treppen,
+die bei jedem Schritt jämmerlich ächzten, und oben die winzigen
+Stübchen. Im Wohnzimmer war ein Bücherschrank mit einer Glastüre, davor
+stand Engelhart, betrachtete die enggepreßten Reihen der Bücher und las
+die Titel auf den Rücken der Einbände. Iduna Hopf behauptete, es seien
+die tiefsinnigsten Werke der Welt, außer ihrem Immanuel würden alle
+Leute wahnsinnig, die darin läsen. Später einmal, wenn Engelhart zu
+Jahren und Verstand gekommen, werde sie trachten, ihm das Heiligtum zu
+erschließen.
+
+Er vertraute diesem »Später« ohne weiteres. Er ahnte, was ihm im dunkeln
+Spiel der Zufälle und Schicksale für ein Los fallen könne, und daß er,
+an ödem Strande kauernd, sich begnügen würde, wenn ihm die Woge aus
+einem Schiffbruch ein armseliges Buch vor die Füße spülte. Nach Wissen
+und Belehrung stand ihm der Sinn nicht vor dem Bücherkasten, er
+verlangte nach anderm, nach Seelenspeise, Wärme des Herzens.
+
+Tag um Tag verging, denn sie lassen sich nicht halten, die Sonne steigt
+und sinkt, die Sterne scheinen und verschwinden, der Tag des Schicksals
+ist seiner Sache sicher und kann warten. Auf einmal berührte Engelhart
+aus dem Ungefähr heraus ein Gedanke: es geschieht etwas zu Hause; da
+hielt es ihn nicht länger. Als er vor der elterlichen Wohnung läutete,
+gab die Glocke, die sonst schrill und frech gegellt, nur einen dünnen,
+gedämpften Ton. Der Klöppel war mit Leinwand umwickelt. Er war
+verwundert, als er im Wohnzimmer den Onkel Michael aus Wien, den
+einzigen Bruder der Mutter, und dessen Frau traf. Auch ein paar andre
+Leute waren zugegen. Kein Lächeln begrüßte ihn, alle schienen wie in die
+Betrachtung eines Loches vertieft. Herr Ratgeber lehnte regungslos im
+Sessel, der sonst so glänzende und martialische Schnurrbart hing
+kraftlos über die Lippen. Eine fremde Person kam aus dem Krankenzimmer
+und lispelte: »Ach, du bist da, Engelhart -- deine Mutter hat heute nach
+dir verlangt.«
+
+Er ging in das dunkle Zimmer, und allmählich lösten seine Blicke die
+weiße Gestalt mit der weißen Binde um die Stirn aus der Dämmerung. An
+das Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, böses Gefühl, wie wenn der
+Sturmwind Sand in die Augen treibt. Er fand die Mutter so verändert,
+daß er furchtsam den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau
+Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte seine Hand, und er,
+rätselhafte Verstocktheit, machte es ihr nicht leichter, sondern stellte
+sich, als sähe er es nicht.
+
+Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden. Der Professor hatte
+schon wenige Stunden später gesehen, daß die Sache eine schlimme Wendung
+nahm. Der Tod, winzig wie ein Elf, wühlte in den geheimnisvollen Gängen
+des Ohres.
+
+In der Nacht wurde Engelhart plötzlich vom Schlaf verlassen. Es
+umschauerte ihn; sein Herz wußte, was es verlieren sollte, es sträubte
+sich und fing an zu brennen wie eine Schnittwunde am Finger. Es spürte,
+was für Wetter nun heranziehen würde, und daß die Paradieseszeiten,
+paradiesisch Schmerz und Lust, vorüber seien. So kam ihm das Gefühl des
+Versäumnisses, zum erstenmal das Gefühl der Unwiederbringlichkeit, das
+wie ein schwarzer Schatten aus der Finsternis trat und ihm das Wort und
+den Begriff Verlust hinschleuderte. Das war kein Träumen mehr, sondern
+ein doppeltes Erwachen des Leibes und der Seele, kein Spiel mehr,
+sondern der wilde, unbewegliche Ernst.
+
+Er nächtigte in dem Bretterverschlag, den sonst die Magd innehatte,
+verließ das Bett und schlich barfüßig in den Flur. Aber Nachtkälte und
+Nachtfurcht hauchten ihn an, er kehrte um und blieb, ohne zu schlafen,
+bis der Morgen graute. Dann kleidete er sich an und ging hinüber. Auf
+der Schwelle ihrer Wohnung stand kreidebleich das Fräulein Frühwald, den
+Kopf an den Türpfosten gelehnt. Es wurde dem Knaben kühl um die Brust,
+unsicheren Fußes betrat er das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer. Dort
+lag Herr Ratgeber auf dem Sofa, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, den
+Kopf zwischen den Armen, und gab Töne von sich, die wie Gelächter
+klangen. Engelhart ging weiter, endlich hatte er ein abgelegenes
+Plätzchen gefunden. Er lehnte die Stirn gegen den Rand eines eisernen
+Öfchens und sah seine Tränen vor sich auf den Boden fallen.
+
+Später erschienen viele Leute, gegen Abend wurde der Sarg gebracht. Als
+es am dritten Tag zum Begräbnis ging, standen die Hausbewohner und die
+Nachbarn vorm Tor. Die Goldschläger hörten auf zu hämmern und traten in
+respektvoller Haltung auf die Straße. Der Major Friedlein schaute wie
+immer aus seinem Fenster, doch hatte er diesmal keine Pfeife. Bis der
+Zug zum Gottesacker kam, hatten sich unzählig viele Menschen
+angeschlossen, aus manchem Fenster hing ein schwarzes Tuch oder blickte
+eine weinende Frau.
+
+Engelhart mußte die Schaufel nehmen und Erde ins Grab werfen. Als alles
+aus war, kam der Vetter Zederholz, klopfte ihm auf die Schulter und
+sagte: »Lieber Sohn, so etwas kommt nicht zum zweitenmal.« Er blickte
+freundlich und traurig zugleich auf den Knaben, und zwischen den
+Fettfalten seiner Wangen glänzte es feucht.
+
+So war die schöne Seele hinunter. Es war, als ob sie nie gelebt, als ob
+ihr Lächeln nie gelebt hätte, ihr volles, wahres Auge, ihr karges und
+wohlgemeintes Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Straße und das
+Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller, von dem sie gegessen.
+
+Schlimm, daß Engelhart durch einen äußerlichen Trauerdienst der Trauer
+seines Gemüts entführt wurde. Jeden Morgen, sobald der Tag graute, mußte
+er aufstehen und zum Gebetshaus eilen, um das Totengebet dort laut zu
+beten. Jeden Morgen allzu früh riß ihn eine rauhe Hand zum Wachsein auf,
+und noch halb schlafend wankte er durch die Gassen. Gott wolle es und
+das Seelenheil der Mutter, sagte man ihm. Er glaubte nicht an einen
+Gott, der dieses wollte, er verhielt sich feindselig gegen einen Gott,
+der es darauf abgesehen hatte, seinen Schlaf zu zerreißen. Das war
+schlimm, denn dadurch wurde sein Himmel plötzlich leer. Innerliche Güter
+statt in Kämpfen in verstimmter Selbstsucht verlieren, heißt ohne Würde
+und Gewinn verlieren. Freilich war Engelhart darin von je ungeleitet
+geblieben, der Vater stand diesen Dingen scheu gegenüber, es war ihm
+unbequem, daran zu rühren, und er hatte keine Zeit, darüber
+nachzudenken; die Mutter, einfach in ihrem Glauben wie in ihrem Wesen,
+hatte gemeint, das wüchse von selber in der Brust wie der Baum in guter
+Erde. Aber es kam kein Baum heraus, nur ein schmächtiges Reis, das vor
+dem ersten Windhauch zerbrach. Zudem lebte das werdende Geschlecht
+damals in einer Luft nüchterner Praktiken, und der höhere Sinn fand in
+kränklicher Sehnsucht sein Heil.
+
+Kurze Zeit nach Frau Agathes Tod sagte Ketti den Dienst auf. Es blieb
+unbekannt, was sie vertrieb. Zu einigen Leuten äußerte sie, sie wolle
+nicht bei mutterlosen Kindern bleiben. Man wandte ein, daß sie nun erst
+recht nötig und am Platze wäre, aber sie sagte, es täte ihr zu weh; sie
+möge auch keinen andern Dienst mehr annehmen und gehe in ihre Heimat.
+Sie war zehn Jahre im Haus gewesen, und Herr Ratgeber ließ sie ungern
+ziehen. Er war den ganzen Tag im Geschäft, zu Mittag schlang er hastig
+seine Mahlzeit hinunter, warf kaum einen Blick auf die Kinder, zündete
+die Zigarre an und ging wieder. Die Verwandten sagten ihm, daß die
+Kinder auf diese Weise verwildern müßten, auch kostete der kleine
+Haushalt mehr als je zu den Zeiten der Frau. Da entschloß er sich, eine
+Wirtschafterin zu nehmen, und er hielt Nachfrage nach einer
+entsprechenden Person, die zugleich eine gewisse Geistesbildung besitzen
+sollte. Es dauerte nicht lange, da erschien ein großes blasses, blondes
+Frauenzimmer im Haus, und Herr Ratgeber glaubte gut gewählt zu haben.
+Wenige Tage, nachdem das Fräulein, dessen Name Adele Spanheim war, seine
+Stellung angetreten hatte, übergab er ihr das Wirtschaftsgeld für drei
+Monate und reiste fort. Mehr als je träumte er jetzt von Reichtum oder
+doch von behaglicher Wohlhabenheit; er spannte alle Kräfte an, um sich
+auf jene Höhe des Lebens zu schwingen, auf der man von den Menschen
+geachtet werden muß; es war, als ob das nun erstarrte Herz ihm keinerlei
+Rücksichten des Gefühls auferlegte, er mußte nicht und nirgends mehr
+verweilen, konnte sich völlig seinen Projekten hingeben, und wenn ihm
+auch nicht vergönnt war, ins Weite hinaus zu wirken, das wußte er, so
+wollte er doch in seinem Kreis etwas gelten. Er war nie ein Jammerer, er
+beklagte nie sein Geschick; diese Kraft, sich zu verschließen,
+entfremdete ihn aber auch der Teilnahme der denk- und gemütfaulen
+Leute, die rings um ihn gemächlich ihre Existenz bauten.
+
+Adele Spanheim verlangte blinden Gehorsam von den Kindern. Die beiden
+Kleinen bequemten sich dazu, sie konnten ja noch nicht sehend wollen.
+Engelhart widerstrebte trotzig. Das Blut schoß ihm in die Stirn, wenn
+sie lachend einen Befehl gab, nicht aus Einsicht, sondern aus bloßer
+Lust am Kommandieren. In einem ihrer wöchentlichen Berichte über die
+Ausgaben und die Vorfälle im Haus, die sie Herrn Ratgeber zu senden
+hatte, klagte sie, daß Engelhart ihr ohne den gebührenden Respekt
+begegne und daß es ihr schwer falle, gegen seine freche
+Selbstherrlichkeit aufzukommen. Darauf schrieb Herr Ratgeber zurück,
+wenn sich der Knabe nicht bessern wolle, erlaube er ihr jede Form der
+Züchtigung. Diese Briefstelle las ihm das Fräulein vor. Engelhart
+vernahm mit Unglauben und Schmerz des Vaters Worte, die so fremdartig
+aus der Ferne klangen, so kaltherzig auf dem Papier standen. Er forderte
+Fräulein Spanheim auf, ihm den Brief zu zeigen, sie willfahrte, und es
+wurde ihm leicht, die schönen klaren Schriftzüge zu lesen.
+Niedergedrückt schlich der Knabe im Haus umher und stellte sich, des
+schlechten Wetters nicht achtend, unter das Haustor. Die anbrechende
+Nacht verscheuchte ihn, und als er hinaufging, hatte er Kopfschmerz und
+jagende Hitze. Adele Spanheim sah ihn bleich hereinschwanken und wurde
+besorgt. Sie entkleidete ihn und strich ihm kosend über das Haar, aber
+ihr verändertes ängstliches Benehmen beleidigte seinen Stolz.
+
+Er bekam den Scharlach in der gefährlichsten Form, lag vier Tage
+bewußtlos, bäumte sich aus der pflegenden Hand und schrie vor sich hin.
+Danach, als er genas, füllte sich seine Brust mit Süßigkeit, es wurde
+ihm offenbar, daß er durch ein dunkles Tor neuerdings ins Leben trat,
+etwas von Lebensschönheit wurde ihm bewußt, über einem langhinlaufenden
+Weg strahlte die Sonne mit herrlicher Gewalt, an beiden Seiten hingen
+Rosengirlanden und über smaragdenen Wiesen flogen Vögel, wie er sie nie
+zuvor erblickt, sie hatten etwas menschlich Sanftes im Ausdruck ihrer
+Augen und es wirkte beruhigend, wenn sie langsam sichere Kreise um
+denselben Mittelpunkt zogen. Gleichzeitig hörte er die vertrauten
+Geräusche von der Straße, das Hämmern der Goldschläger, dies
+meisterhafte Schlagen im kurzen Wechseltakt, das Geschrei der spielenden
+Kinder, den Gesang vom Wirtshaus und vieles andre. Der Tod hörte auf,
+ein Wort für ihn zu sein. Er wurde Bild und glich dem Bild des Lebens,
+nur daß alles umschattet und erstarrt war. Die Frage entstand: Wären die
+Stadt und ihre Häuser noch vorhanden, wenn ich tot wäre? Würden die
+Bälle der Kinder draußen noch ebenso in die Luft fliegen, die Leute im
+Wirtshaus noch ebenso singen? Er begriff oder fühlte dunkel das Einzige
+des Lebens, die wunderbare unermeßliche unbegreifliche Macht, die den
+Menschen atmen läßt und die ihn zugleich die Finsternis ahnen läßt --
+dort, jenseits des Rosenwegs, über welchen die sanftäugigen Vögel
+fliegen, die er im Halbtraum gewahrt.
+
+Täglich kam Doktor Federlein, flüsterte eine Weile mit Fräulein Adele,
+dann trat er ans Lager, von Karbolgeruch umwallt wie ein Priester von
+Weihrauch, nickte dem Knaben zu, schrieb ein neues Rezept, befühlte
+seinen Puls, kitzelte ihn am Kinn, schüttelte vor dem Spiegel seine
+dunkeln, bereits angegrauten Locken und ging wieder. Herr Ratgeber war
+von der Reise zurückgekehrt, Engelhart sah ihn aber nur des Abends.
+Neues Unglück hatte ihn getroffen, der kleine Benjamin war draußen in
+Altenberg gestorben. Wie ein Schatten war er seiner Mutter nachgefolgt,
+als ob sie, schon unter der Erde, das winzige Seelchen noch verlangt
+hätte, das in unergründlicher Trauer sein Leben kränkelnd hinschleppte.
+
+Als Engelhart zum erstenmal wieder ausgehen durfte, fuhr Adele Spanheim
+mit ihm und den beiden Geschwistern nach Nürnberg zu ihren Eltern. Es
+war prächtiges Wetter, kristallen wölbte sich der Himmel, die Blätter
+begannen schon gelb zu werden und hingen glühend an den Bäumen des
+Stadtgrabens, vieleckig, vieltürmig, mit strahlend roten Dächern erhob
+sich die Burg und zur Rechten die säulenschlanken Türme von Sankt
+Sebald. Zwischen dem Henkersteg und dem Weinmarkt traten sie in das
+düstre Tor eines altertümlichen Hauses, stiegen eine riesenbreite Treppe
+mit flachen Stufen hinan und schritten oben über eine Holzgalerie mit
+schön geschnitztem Geländer. Unten war der Hof, es plätscherte Wasser
+aus dem Brunnen in ein steinernes Becken. In der Wohnstube befanden sich
+zwei alte Leute und fünf erwachsene junge Männer, Adeles Brüder. Die
+Kinder wurden in die Ecke des Zimmers an einen kleinen Tisch gesetzt und
+erhielten Kaffee und Kuchen. Die acht Leute redeten leise miteinander,
+bisweilen flog ein musternder Blick zu den Kindern herüber. An den
+Wänden des großen Raums standen hochbeinige Stühle und zwischen den
+Fenstern hing ein Bild, ein Mädchenkopf mit schwarzen, zur Schulter
+fallenden Haaren. Der Ausdruck des Gesichts erinnerte Engelhart an
+Sophie Hellmut, der Blick hatte etwas Zärtliches und Fragendes, und er
+konnte sein Auge nicht davon wenden. Er stand auf, um das schöne Gesicht
+näher zu haben, da ertönte vom Kaffeetisch aus, das Wispern
+durchbrechend, Adele Spanheims Stimme: »Engelhart, sitzen bleiben!« Die
+Tasse an den Lippen, betrachtete sie ihn erwartungsvoll, auch die fünf
+Brüder sahen ihn an. Mit verzerrtem Gesicht starrte der Knabe zu Boden,
+und es wäre vielleicht zu einem Auftritt gekommen, wenn nicht die
+Ankunft eines neuen Gastes die Aufmerksamkeit des Fräuleins abgelenkt
+hätte. Diesen Umstand benutzte Engelhart und stahl sich aus dem Zimmer.
+Draußen lehnte er sich einige Minuten lang über die Galerie und blickte
+entzückt in das blaue Himmelsviereck; auf der andern Seite konnte er
+durch eine geöffnete Türe in ein halbdunkles Zimmer sehen, in dessen
+Mitte ein Aquarium stand; Goldfische blitzten an der Glaswand vorbei,
+und ein schmaler Sonnenstreifen lag wie ein goldener Stab quer im grünen
+Wasser.
+
+Die Furcht, entdeckt und geholt zu werden, trieb ihn weiter, auf die
+Straße, über den Platz zur Sebalderkirche. Zaudernd stand er dort vor
+einer offenen Seitentüre. Es zog ihn hinein, und doch lähmte ein
+Unbekanntes seinen Fuß. Frömmigkeit, der Genuß des Wunderglaubens, die
+Seligkeit des Gebets, alles das war ihm fremd geblieben, aber die
+Furcht, Gottesfurcht, nicht im biblischen Sinn, behauchte ihn bisweilen
+wie die Kälte der Winternacht, die durch die Fensterfugen in das
+erwärmte Zimmer streicht. Und nun der gewaltige Bau, die schwere
+Dämmerung drinnen, und das Fremde und Steinerne, das den Christen und
+das Christentum in seinen Augen umgab.
+
+Er ging hinein. Die gewaltigen Pfeiler, die erhabenen Bogen und Gewölbe,
+wie schräg gefaltete ungeheure Hände nach oben geneigt, das Halblicht,
+verstärkt und bemalt durch die bunten Glasfenster, die Stille des Ortes
+und seine ungeheure Raumfülle, dies Emporstrebende, Emporweisende, es
+machte ihn schaudern bis ins Mark. Als dann die Glocke im Turm zu läuten
+anfing und ihn die Klänge umschwirrten wie das Flügelschlagen mystischer
+Wesen, trugen ihn die Beine kaum mehr, er suchte einen Winkel, um sich
+zu verkriechen, und taumelte vorwärts, bis ein schwarzes Gitter ihn
+aufhielt. Es war das Sebaldusgrab. Langsam wich die Blindheit von seinen
+Augen, er gewahrte zahllose kleine Figürchen, lieblich gestaltet, in
+stiller, vorgesetzter Bewegung, und sein Erstaunen war groß. Das
+Zittern, das Grauen wich, auf einmal fand er sich heimisch, als hätte er
+Spiel und Spielgenossen entdeckt, und lange konnte er sich nicht
+trennen.
+
+Zu spät erinnerte er sich der verflossenen Zeit. Alle Spanheims waren
+auf der Suche nach ihm. Adele stand im Flur und empfing ihn wortlos, mit
+eisig kalter Miene. Auch Gerda und Abel behandelten ihn hochmütig, denn
+sie waren durch seinen Fehltritt in Gnade gekommen. Nach und nach kamen
+die Brüder Adelens zurück, lachten spöttisch, und einer zwickte den
+Knaben ins Ohr. Auf der Heimfahrt bewahrte Adele ihre bedeutungsvolle
+Zurückhaltung, und als er sich zum Schlafengehen anschickte, nahm sie
+einen Stock, stellte sich an das Bett und genoß seine stumme Angst,
+seinen flehenden Blick. »Wo warst du, während wir dich gesucht haben?«
+fragte sie durch die geschlossenen Zähne. Da er nichts antwortete,
+geriet sie vor Zorn außer sich, packte ihn beim Hemd, und wie er
+zurückwich, riß das Hemd entzwei. Der Knabe lief nackt gegen das Fenster
+und, den Leib gegen die Mauer gepreßt, den Arm abwehrend
+zurückgestreckt, rief er wild: »Schlagen Sie mich nicht!«
+
+In Adele Spanheims Gesicht ging eine wunderliche Veränderung vor. Sie
+errötete, nahm die Kerze vom Tisch und sagte mit dunklerer, rauherer
+Stimme, ohne die Augen von der Gestalt des Knaben abzuwenden: »Geh nur
+schlafen, du ... Bub.« Bei diesem zögernd ausgesprochenen Wort lächelte
+sie. Im Bette liegend, dachte Engelhart an ihr sonderbares Lächeln und
+schlief in Scham und Traurigkeit ein.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+
+Adele Spanheims Herrlichkeit nahm bald ein Ende. Eines Nachmittags
+betrat Herr Ratgeber wider seine Gewohnheit die Küche und sah, daß
+Fräulein Adele mit träumerisch aufgerissenen Augen vor einem Topf mit
+eingemachten Preiselbeeren saß und von Zeit zu Zeit einen Kaffeelöffel
+voll in den Mund steckte. Gerda und Abel kauerten lüstern dabei, man
+spürte, wie ihnen der Mund wässerte. Da Herr Ratgeber auch sonst
+unzufrieden war mit der Leitung des Haushalts, sagte er: jetzt ist es
+genug, und gab der naschhaften Dame den Laufpaß. Damit gewann die Sorge
+um die führerlosen Kinder neue Macht.
+
+Herr Ratgeber hatte sich inzwischen mit seinem Bruder Hermann endgültig
+entzweit. Er war im Begriff, aus dem gemeinsamen Geschäft zu scheiden
+und eine Fabrik zu gründen; Produzent sein, die Ware gleichsam aus dem
+Nichts erschaffen, die Hände des Arbeiters unmittelbar in seinen Dienst
+nehmen, Maschinen in Betrieb setzen und im großen Stil wirtschaften, das
+war sein Traum. Er hatte es satt, Bänder und Pfeifenspitzen zu
+verkaufen, wie er sich verächtlich ausdrückte, und um jeden Groschen
+Verdienst mühevoll schwatzen zu müssen. Nach langen Erwägungen entschloß
+er sich für die Holzwarenbranche, und da er vorerst nicht viel von der
+Sache verstand, suchte er sich durch nächtelanges Studieren zu helfen.
+Aber so stolz seine Pläne waren, es fehlte Herrn Ratgeber an Kapital. Er
+wandte sich an den reichen Bruder seiner verstorbenen Frau, und da er
+eine wunderbar überzeugende Art zu schreiben hatte, ließ sich Michael
+Herz bestimmen, zehntausend Mark herzugeben. Aber damit hatte Herr
+Ratgeber nicht genug. Er war leidenschaftlich bemüht, seiner Idee unter
+den bisherigen Geschäftsfreunden geldkräftige Anhänger zu gewinnen, und
+phantasievoll und tatgierig, wie er war, versprach er einem jeden goldne
+Berge. Mit weithinaus gerichtetem Blick ging er in dieser Zeit umher,
+beständig ein Lächeln zwischen den Lippen verhüllend, welches sagen
+sollte: Laßt mich nur gewähren, laßt mich nur ans Ruder kommen. Er
+glaubte, die Stunde sei reif, wo er die nacheilenden Schatten seiner
+bedrückten Jugend in die Flucht schlagen könne, und sagte sich mit
+stürmischer Entschlossenheit: Es muß sein, muß gelingen. Dieses Muß
+trieb ihn zeit seines Lebens von Mühsal zu Mühsal und von Mißlingen zu
+Mißlingen.
+
+Nun gab es einen Mann in der Stadt, der das Treiben des Herrn Ratgeber
+mit der größten Neugierde verfolgte. Er hieß Teilheimer, hatte brandrote
+Haare, ein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht, und sein Beruf war,
+über die Angelegenheiten seiner Mitbürger aufs genaueste unterrichtet zu
+sein. Er saß zum Beispiel im Wirtshaus und summte scheinbar achtlos vor
+sich hin. Da ging der Weinhändler Strunz am Fenster vorüber. Teilheimer
+zwinkerte listig mit den Augen und sagte: »Schau, schau, da geht der
+Strunz zum Bezirksarzt, um seinen fälligen Wechsel einzukassieren; wird
+ihm aber nichts nutzen, der Mann hat selbst kein Geld und der
+Schwiegervater gibt nichts mehr her; böse Geschichte.« Oder man redete
+in einer Gesellschaft über das gesunde Aussehen und die Frische einer
+schönen Frau, was den roten Teilheimer zu der beiläufigen Bemerkung
+veranlaßte, daß diese Frau den Krebs in der Leber sitzen habe und daß
+ihr nur noch ein Jahr und etliche Tage zu leben vergönnt sei.
+
+Dieser magische Seher machte sich auf, um Herrn Ratgeber beizustehen.
+Eines Tages kam Engelhart von der Schule und stürmte ins Zimmer. Da sah
+er den Vater am Ofen stehen, den Kopf gebückt, in unbewegliches
+Nachdenken versunken. Am Tisch ihm gegenüber saß der rote Teilheimer,
+ein Bein übers andre geschlagen, einen Zigarrenstummel mit vergnüglicher
+Miene über die Lippen wälzend und einen Bleistift auf ein mit Zahlen
+beschriebenes Blatt bohrend, als ob er den Speer in die Brust eines
+Besiegten tauche. Sein Auge blitzte feldherrnhaft, als er dem Knaben mit
+einer Handbewegung das Zimmer verwies. Am darauffolgenden Nachmittag war
+es wieder so, nur daß noch Iduna Hopf dabei war; Herr Ratgeber stand
+wieder vor dem Ofen und schien qualvoll unentschieden, der rote
+Teilheimer spießte wieder den Bleistift kühn in die Zahlenleiber. Iduna
+Hopf machte dem Knaben ein Zeichen, er aber wollte es nicht verstehen
+und blieb in ahnungsvollem Trotz. Da sagte Iduna Hopf, gegen Herrn
+Ratgeber gewendet: »Da sieh mal, Joseph, wie vernachlässigt der Junge
+herumgeht.« Herr Ratgeber blickte zerstreut und unruhig in des Knaben
+Gesicht.
+
+Eine Woche später kam Herr Ratgeber zu früherer Stunde als sonst nach
+Haus, schritt erregt im Zimmer auf und ab, befahl der Magd, sogleich
+sein Essen zu bereiten, er fahre über den Abend nach Nürnberg. Dann
+kleidete er sich sonntäglich an, kam wieder zu den Kindern heraus, pfiff
+leise vor sich hin, öffnete, als sei ihm zu heiß, das Fenster und beugte
+sich eine Weile hinaus. Inzwischen war der Braten aufgetragen worden, er
+setzte sich zu Tisch, und da ihn die Kinder andächtig umstanden und
+jedem Bissen nachschauten, der in seinem Munde verschwand, schnitt er
+drei gleich große Stücke Brotes ab, legte auf jedes eine Scheibe Fleisch
+und teilte aus. Während sie alle drei schmausten, gab er sich einen Ruck
+und sagte: »Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit wieder
+Ordnung unter euch ist. Seid anständig und macht mir Ehre.« Er vermied
+es bei diesen Worten, seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er
+aufstand, richtete er den Blick mit plötzlicher Strenge auf Engelhart,
+der den Vater atemlos anstarrte.
+
+Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei fremde Frauen ins Zimmer.
+Die eine von ihnen sagte: »Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich bin
+eure neue Mutter.« Sie hatte ein süßliches Wesen. »Sehr schöne Kinder,«
+sagte die andre Frau, die eine helle kalte Stimme hatte. Darauf begaben
+sich beide an die Besichtigung der Wohnung und unterwarfen jedes
+Möbelstück und jedes Porzellanfigürchen einer eingehenden Beurteilung.
+
+Engelhart verhielt sich stille, an manchen Tagen aber kam es über ihn
+und trieb ihn umher wie einen Ball, der von unsichtbaren Händen von
+einem Eck ins andre geworfen wird. Da fand er die Kleider zu eng, das
+Haus zu klein, den Himmel zu niedrig, und er lief ohne Sinn und Ziel
+durch die Gassen, bis er in einem Winkel Halt machte und in die Luft
+starrte. Er hatte in einem Buch die Geschichte gelesen von dem der
+auszog, das Gruseln zu lernen, und diese Geschichte machte Eindruck auf
+ihn durch etwas, das hinter den erzählten Vorgängen steckte, wie in
+einem Nebel des Grauens hin und her wogend. Er spürte die Kluft, die ihn
+von jenem trennte, der das Gruseln nicht lernen konnte, denn im Anfang
+seines Denkens war die Furcht, Furcht vor dem Ungewissen, Unsichtbaren,
+Unnennbaren, Furcht mitten in der Freude und im Spiel. Zagend stand er
+einem dämonenhaften Wesen gegenüber, dessen Wille es ist, zu zerstören
+und irrezuführen, den freifliegenden Wunsch aufzufangen und an die Erde
+zu fesseln.
+
+Im sogenannten Feldschlößchen, eine halbe Stunde von Nürnberg entfernt,
+feierte Herr Ratgeber seine zweite Hochzeit. Die Kinder saßen an diesem
+Tag in dumpfer Spannung zu Hause. Gegen Abend brachte jemand von der
+Hochzeitsgesellschaft eine Torte und Grüße vom Vater, der mit seiner
+neuen Frau schon abgereist war. Die Botschaft wurde kaum gehört, alle
+machten sie sich über die Torte her, auch die Magd erhielt ein Stück,
+und um sich erkenntlich zu zeigen, verschwand sie dann und überließ die
+Kinder für den ganzen Abend sich selber. Sie befanden sich im großen
+Wohnzimmer, und Engelhart beschäftigte sich, die Aufsichtslosigkeit
+nutzend, mit der großen Wanduhr. Er liebte diese Uhr und die lautlosen
+Schwingungen des gelbfunkelnden Perpendikels; er suchte eine Seele in
+ihr. Zu diesem Zweck stellte er einen Schemel auf einen Stuhl, kletterte
+hinauf, öffnete den Glasdeckel und lauschte dem heimlichen Rädergesurr;
+bisweilen gab es ein Geräusch, das einem Seufzer glich. Nach einer Weile
+begann er an dem Zifferblatt zu hantieren, es gelang ihm, eine Schraube
+zu lockern, und auf einmal hatte er beide Zeiger in der Hand. Er
+erschrak, ihm war zumute, als seien einem lebenden Wesen die Arme
+abgefallen; umsonst probierte er, das Übel wieder gut zu machen,
+plötzlich stieg er herunter und legte die Zeiger kleinlaut auf die
+Kommode. Es war ein ziemlich stürmischer Abend, das Feuer im Ofen war
+erloschen, die Kinder froren. Zudem ging auch das Öl in der Lampe auf
+die Neige. Auf der Straße und im Haus war es totenstill, Abel war am
+Tische sitzend über seiner Schiefertafel eingeschlummert, Gerda schlich
+eine Weile in dem düster werdenden Zimmer hin und her, dann drückte sie
+sich in die Ofenecke und fing an, leise vor sich hinzuweinen. Engelhart
+verbarg seine Gefühle, so gut es möglich war, er stellte sich gegen die
+Tür und horchte und wagte endlich zu öffnen. Draußen war's finster. Er
+überredete sich zur Tapferkeit und schritt hinaus, um nach der Magd zu
+rufen. Doch war die Finsternis so groß, daß ihm das Geräusch des eignen
+Herzens Angst einflößte. Nie hatte er etwas so Teuflisches in der Nacht
+geahnt, er machte eine betende Bewegung mit den Armen, sein Auge fand
+aber keinen Aufblick. Dies machte die Finsternis doppelt schwer und öde,
+und da Gerda ängstlich seinen Namen rief, kehrte er zurück. Er schaute
+zur Uhr, um zu sehen, wie spät es sei, und das Grauen überlief seine
+Haut, als er ihr zeigerloses Blatt gewahrte und darunter den
+Perpendikel, ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen wäre. Es
+schien, als ob die Zeit ihr Maß verloren habe und die Nacht kein Ende
+nehmen würde.
+
+Acht Tage später spielten die Kinder im Flur neben der Stiege, Engelhart
+hatte aus Stühlen eine Kutsche gebaut, Abel war Postillon, Gerda, in
+einem unermeßlich langen, weit über die Dielen schweifenden Mantel der
+Mutter und einen großen Federhut auf dem Kopf, machte die vornehme
+Passagierin, und Engelhart war der Räuber, der die Kutsche im Wald zu
+überfallen hatte. Mitten im größten Getöse tauchten Herr Ratgeber und
+die fremde Frau, die neue Mutter, auf und blieben auf der halben Höhe
+der Treppe stehen. Herr Ratgeber, das Reiseköfferchen tragend, winkte
+den Kindern lachend zu, innezuhalten, die Frau schüttelte verdrossen
+lächelnd den Kopf, und ihre Blicke blieben auf Gerda haften, die
+vergeblich bemüht war, sich aus dem Reisemantel zu befreien.
+
+Von Stund an ging alles einen andern Gang im Hause. Früh, mit dem
+Glockenschlag sieben hieß es aufstehen; es war keine Minute der
+Besinnung erlaubt, kein Sichdehnen, kein Zurückdenken an die Träume, ein
+Rütteln an der Schulter und: heraus. Besonders für den kleinen
+krummbeinigen Abel war es hart, oft, wenn er schon gewaschen und
+angekleidet war, fielen ihm am Frühstückstisch die Augen wieder zu. Es
+gab keine Pfennige mehr zum Vesperbrot, und damit war eine der schönsten
+Vergnügungen zerstört: den Schulhof verlassen, über die Straße zum
+Bäcker laufen und so mit einigen andern, welche die gleiche
+Schicksalsgunst genossen, eine scheinhafte kurze Freiheit erobern. Nach
+der Schule mußte man in gemessener Zeit zu Hause sein, Frau Ratgeber
+haßte das Streunen. Am Abend, kaum war das Brot gegessen, hieß es
+wieder: ins Bett, ins Bett; kein Einwand galt, alles war Befehl und
+Regel geworden. Die neue Frau Ratgeber meinte es nicht schlecht mit den
+Kindern, sie glaubte das Rechte zu wollen und zu tun, auch wenn sie das
+Brot, bis auf den Millimeter berechnet, vorschnitt, Fleisch nur in den
+winzigsten Portionen verteilte, den Zucker zum Kaffee abschaffte, so daß
+das wasserdünne graubraune Getränk kaum hinunterzubringen war. Engelhart
+wußte natürlich nichts von dem Zwang, zu sparen, unter dem sie stand,
+und daß sie nur durch die scharfsinnigste Strategie in den Ausgaben mit
+dem zugewiesenen Wochengeld den Haushalt bestreiten konnte. Er spürte
+nur die haßartige Lieblosigkeit, die ihm vorenthielt, was er bis jetzt
+genossen hatte; er bäumte sich auf unter tyrannischen Verboten, er wurde
+hinterlistig, wenn er sich hinterlistig angeklagt sah, feig oder rasend
+den aufgebauschten Beschuldigungen gegenüber, die stets vor das Tribunal
+des Vaters gebracht wurden, und er blieb bei großen Versehungen reuelos,
+weil auch die kleinsten ungroßmütig verdammt wurden. Bald griff er zur
+Lüge aus Furcht, aus Diplomatie, zur gedankenlosen Lüge, ja zur Lüge,
+die er nur erfand, um sich in einer dumpfen Weise an der Frau zu rächen.
+Nicht selten gebrauchte er langwierige Ausreden, um sich eines
+erbärmlichen Vorteils zu versichern, und war einmal ein auskömmlicher
+Tag mit der Stiefmutter, so tat er freundlicher gegen sie, als ihm
+zumute war, schmeichelte ihrem Bedürfnis nach Klatsch durch allerhand
+Geschichten und suchte sie möglichst lang bei guter Laune zu erhalten.
+Zweimal in der Woche ging sie des Abends zum Fleischer, da begleitete er
+sie, schleppte den schweren Korb nach Hause, saß am Tisch bei ihr, wenn
+sie Linsen klaubte oder Äpfel schälte, und wenn er im Plaudern war und
+sie bisweilen zum Lachen brachte, dann übersah sie es, daß er die Butzen
+der Äpfel aß oder das in den Streifschalen verbliebene Fruchtfleisch mit
+den Zähnen herausschabte; dann durfte er auch noch eine halbe Stunde in
+seinem geliebten Don Quichotte lesen oder aus Zwirn, Gläsern und
+allerlei Schachteln sonderbare Paläste bauen. Wies sie ihn aber zu Bett,
+so durfte kein Widerspruch fallen. Das freie, arglose Wort fand kein
+Echo in ihr, die rückhaltlose Heiterkeit erweckte ihr Verdruß und
+Mißtrauen, der offene Blick erschien ihr frech. In ihr selbst war nichts
+als tartüffisches Ducken gegen gesellschaftlich Höherstehende, auch wenn
+sie nachgewiesenermaßen nur hundert Mark mehr Einkommen besaßen. In den
+engsten und dunkelsten Verhältnissen eines fränkischen Judendorfs
+aufgewachsen, war sie von einer dämonischen Liebe zum Geld besessen. Im
+Geld suchte sie die Quellen des Lebens. Sie war aufs genaueste mit den
+Verhältnissen aller Familien der Stadt bekannt und richtete auf der
+Straße ihren Gruß nach eines jeden Besitz. Wenn ein reicher Mann starb,
+war sie immer ein wenig erstaunt darüber, daß Gott seine Hand auch nach
+einem solchen Inbegriff irdischer Macht ausstreckte. Ihr ganzes Tun und
+Lassen war von rätselhaftem Neid durchflutet. Ihre Züge waren zerrissen
+von Unruhe, Unmut, Ungenügsamkeit und Ehrgeiz, ihr Blick war stechend,
+ihr Mund bitter und ärgerlich zusammengepreßt. Sie war eine Natur, alles
+Wohlwollens bar, ohne sanftes Verweilen im Augenblick, ohne frauenhaftes
+Träumen. Wenn andre Tausende auf Tausende häuften, wollte sie wenigstens
+Pfennig um Pfennig sammeln, und weil sie darin kein Ende sah und alle
+Geister des Behagens auf immer von der Schwelle verscheucht wurden, an
+der sie begehrlich lechzend stand, so entsprang Fried- und
+Lichtlosigkeit aus allem, woran sie die Hände rührte. Ihr war es nicht
+gegeben, Zutrauen zu erwecken, die früheren Freunde der Familie blieben
+fern. Kein gemütliches Bild, keine anziehende Vorstellung belebte die
+Räume, wenn Engelhart, fern vom Hause, sie sich gegenwärtig hielt.
+Einsam sparte und haderte die Frau und füllte ihre Tage mit
+erschöpfender Arbeit.
+
+Einmal kam Engelhart hungrig aus der Schule, und als er durch die Küche
+ging, wo sich gerade niemand aufhielt, sah er einen Korb voll kleiner
+Äpfel auf dem Anricht stehen. Unbedenklich nahm er zwei Äpfel, verzehrte
+sie im Zimmer, entledigte sich des Schulgeräts und schickte sich an,
+möglichst schnell zu entkommen, denn es war der erste schöne Tag nach
+regnerischen Wochen. Plötzlich stand die Stiefmutter vor ihm und fragte
+atemlos: »Wer hat von den Äpfeln gestohlen?«
+
+Der Knabe starrte sie an; er war im Begriff, es ruhig zu bekennen, doch
+das Wort »gestohlen« machte ihn stutzig. »Ich habe nichts gestohlen,«
+antwortete er. Das Zittern seiner Stimme und besonders das Erröten
+strafte ihn Lügen.
+
+»Leugne nicht,« sagte die Frau, »ich habe die Äpfel gezählt; du wirst ja
+feuerrot, du schlechter Mensch.« Damit schlug sie ihn vor den Kopf, daß
+er zurücktaumelte; noch einmal erhob sie den Arm, Engelhart fing ihn auf
+und hielt ihn krampfhaft fest, darauf wurde sie von Wut und Bosheit
+übermannt und schlug aus aller Kraft mit beiden Fäusten los. Der Knabe
+schrie; je mehr er schrie, je wilder wurde die Frau; die Leute vom Haus
+liefen zusammen, die Magd rannte von der Waschküche herauf. Endlich
+gelang es Engelhart zu entkommen, er taumelte in den Flur, tastete sich
+am Gitter entlang und verkroch sich im finsteren Ende des Korridors
+zwischen zwei Schränken. Er blieb unbeweglich dort, um zu warten, bis
+der Vater kam. Endlich vernahm er seine kurzen hastigen Schritte und
+atmete auf. Es verfloß geraume Zeit, bevor Herr Ratgeber das Zimmer
+wieder verließ. Schon bedrückte den Knaben die Einsamkeit und
+Halbdunkelheit, er glaubte es aber so lang ertragen zu müssen, bis er
+mit Güte ins Licht zurückgeführt würde. Da rief die Stimme des Vaters
+seinen Namen, doch mit so hartem Klang, daß er erschrak und sich nicht
+rührte. Noch einmal tönte der Ruf, lauter, gereizter, ungeduldiger.
+
+»Dort hinten steckt er,« sagte Abel, der herangeschlichen war und den
+Bruder verlegen zwinkernd betrachtete.
+
+Herr Ratgeber packte Engelhart am Arm und zerrte ihn hinein. »Zum Lügner
+bist du geworden, zum Dieb? Du willst mir Kummer machen, ich weiß es
+schon lang, fort aus meinen Augen, ich kann dich nicht mehr sehen!«
+Damit wandte sich Herr Ratgeber ab, ging in das nächste Zimmer und
+schlug die Tür zu. Die Sprache, die er geführt, raubte Engelhart beinahe
+das Gefühl des Lebens. Besonders der Umstand, daß er gar nicht gefragt
+worden, daß kein Fünkchen Recht auf seiner Seite gelten sollte, daß der
+Vater den Worten seiner Frau ohne weiteres Glauben schenkte, das
+umkrampfte seine Brust, und er hatte eine solche Verzweiflung bisher
+noch nicht kennen gelernt.
+
+Nicht mehr ganz derselbe wie vorher verließ er das Haus und ging über
+den Bahndamm bis auf den Dambacher Weg. Der schöne Tag, die vollkommene
+Ruhe der Felder und Wiesen, der lautlos dahinfließende Rednitzfluß mit
+seinen Wasserrädern, die alte Schwedenfeste in der Ferne und der Wald
+rings um sie wie ein blauer Kranz: dies alles zog ihn empor aus dem
+Abgrund seines Schmerzes. Er setzte sich unter einen Weidenbaum dicht am
+Ufer und verfolgte das Treiben der Krähen, die sich in seiner
+Nachbarschaft furchtlos niederließen. Das Flußbett war vom langen Regen
+hoch angeschwollen, das Wasser trug auf seinem Rücken Hunderte von
+Baumzweigen dahin. Hätte ihn nicht der Hunger gequält, so wäre Engelhart
+bis in die Nacht hier geblieben; er umfaßte Land, Wald, Wasser und
+Himmel mit einer neuen, ernsten Empfindung, er fühlte mit dunkler
+Genugtuung, was ihm beschieden sein könnte, wenn er in sich wirken
+lassen würde, was so groß, so feierlich sich als Welt, als Natur vor ihm
+hinbreitete. Als er heimwärts wanderte, sank die Sonne hinter den
+Waldrändern, der Himmel sah aus, wie wenn aus verborgenen Quellen
+rotglühendes Eisen über ihn hingeströmt wäre. Darüber streckten sich,
+aus einem Mittelpunkt hervorlaufend, grüne Strahlenbüschel, einzelne
+Wolken hingen gleich ruhig brennenden Schiffen im Zenit und die Ebene
+zitterte im rötlichen Dunst.
+
+Fremd und fremder fand sich Engelhart dem Vater gegenüber, und auch
+dieser vergaß seinen Groll diesmal lange nicht, vielleicht um die
+Ahnung von eigner Schuld zu ersticken. An einem Sonntagabend holte Herr
+Ratgeber die Gitarre von der Wand. In früheren Zeiten hatte er oft und
+gern darauf gespielt und Lieder gesungen, die er noch aus seiner
+Knabenzeit kannte. Er pflegte damals unbestimmt, doch glücklich vor sich
+hin zu lächeln, und seine Augen füllten sich mit einem Ausdruck
+schamhafter Schwärmerei. Heute schlug er wie suchend ein paar Akkorde
+an; Engelhart bat, er möge doch singen, aber Herr Ratgeber zog die Stirn
+in Falten, legte das Instrument beiseite, machte eine abwehrende
+Bewegung mit der Hand und sagte rauh: »Du kannst schlafen gehen.« Die
+Gitarre wanderte bald darauf in die Rumpelkammer. Herr Ratgeber zeigte
+nie mehr Verlangen nach ihr.
+
+Die Fabrik war im Gang, sechsundzwanzig Arbeiter waren an den
+Hobelbänken, an der Kreissäge, am Gasmotor tätig. Herr Ratgeber war
+tagelang beschäftigt, die fertiggestellten Holzschachteln mit Bildern zu
+bekleben und diese dann zu lackieren. Er hatte aus Sparsamkeitsrücksichten
+nur einen einzigen Kommis aufgenommen, einen gewissen Lechner, der an
+Epilepsie litt. Oft schien es, als lausche Herr Ratgeber mit
+Befriedigung auf das furchtbar jauchzende Kreischen der Säge, das von
+den Fabrikräumen hereindrang, lauter und wilder, wenn eine Tür geöffnet
+wurde; meist aber war er traurig und verstimmt. An den Zahltagen kamen
+die Arbeiter zur Kasse, es gab nicht selten Streit, die Leute nahmen
+eine drohende Haltung an. Wenn Herr Ratgeber dann wieder allein war,
+rechnete er stundenlang, stellte den Umsatz fest, überschlug die
+Herstellungskosten eines neuen Artikels und beriet mit dem Werkführer
+über Löhne und Holzsorten. Spät am Abend schrieb er Briefe und Fakturen,
+zeichnete Muster und Pläne oder lackierte abermals die einfältigen
+Bilder auf den Schachteln. Oft kam Engelhart und erinnerte den Vater an
+das Nachtessen, dann löschte Herr Ratgeber mit einem letzten Blick und
+Seufzen die Lichter, versperrte Laden, Geldschrank und Türen und ging
+schweigend mit dem Knaben nach Hause. Unbewußt schnitt es Engelhart ins
+Herz, wenn der Vater einmal wieder vergnügt war, etwa wenn Fremde da
+waren -- wenn er mit seinen funkelnden Augen an harmlosen Gesprächen
+teilnahm, wenn er sich selbst wieder spürte und die Zeitläufte vergaß.
+Es wohnten ungelenkte Kräfte in seiner Brust, aber Kräfte waren es; mit
+beiden Fäusten hielt er sich grimmig an der Lebensleiter fest und konnte
+nicht empor, vielleicht weil ein brutaler Vorgänger die Sprossen
+zerbrochen hatte.
+
+Die Kinder sahen nur noch die richterliche Gewalt in ihm, er schien
+nicht mehr Teilnahme für sie zu hegen als der Drahtziehende im
+Puppentheater an den gehorchenmüssenden Marionetten. Bei Tisch durfte
+nicht gesprochen werden, anständige Kinder sprechen nicht bei Tisch,
+hieß es. Ein Verbot wurde ausgesprochen, die Kinder wollten den Grund
+wissen, dies setzte oft in Verlegenheit, und jede Erörterung wurde mit
+dem Satz abgeschnitten: Genug, ein Kind fragt nicht warum. Der Vater
+verlor das Licht in Engelharts Augen, es kam vor, daß er beim Schall
+seiner Schritte zitterte. Er lernte in den Blicken und zwischen den
+Lippen der Menschen lesen, erfüllt von Mißtrauen und allgemeiner Angst.
+Gerade in dieser Zeit fand er einen Kameraden. Sein Name war Philipp
+Raimund, es war ein aufgeweckter Knabe von graziösem Wesen; er hatte
+etwas Beschwingtes, Beherztes, das in seinem Gang und in seiner Art, den
+Kopf zu tragen, zur Geltung kam, seine Stimmung war durchsichtig wie
+Glas, alles an ihm war hell, seine Äußerungen hatten eine famose
+angeborene Kräftigkeit. An einem Mittwochnachmittag marschierten sie
+zusammen in den Burgfarnbacher Wald, bis sie an eine tiefeinsame Stelle
+kamen. Dort rasteten sie. Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart,
+sie sprachen über die Schule, dann über ihre Eltern, und Raimund fragte
+beiläufig, ob es Engelhart nicht gut zu Hause habe.
+
+»Wir haben jetzt eine Stiefmutter,« entgegnete dieser in einem Ton, als
+ob es sich um eine kleine vorübergehende Unannehmlichkeit handle.
+
+»Autsch!« rief Raimund teilnehmend und patschte sich auf die Schenkel.
+Von da an wurde sein Benehmen noch zarter und freundlicher; er berührte
+diesen Umstand niemals wieder. Immer mehr nahm die Philosophie von ihren
+Unterhaltungen Besitz, und sie stritten mit Eifer über die Existenz
+Gottes. Engelhart leugnete Gott; das bekümmerte Raimund, und er hatte
+viele Gründe dagegen. »Können denn die Blumen und die Bäume von selbst
+entstehen?« fragte er eindringlich, »und die Sonne, sie ist doch da,
+folglich muß sie geschaffen worden sein.«
+
+»Sie ist ewig,« antwortete Engelhart.
+
+»Ewig? Was heißt das?« warf Raimund nachdenklich entgegen. »Ewig ist
+nichts, das ist doch nur ein Wort.«
+
+Dieser Einwand machte Engelhart stutzig, er hätte nichts zu sagen
+gewußt, wenn Raimund nicht hinzugefügt hätte: »Und der Mensch, so schön
+und lebendig, glaubst du, durch Zauberei ist er gekommen?«
+
+»Die Menschen entstehen aus sich selbst,« sagte Engelhart.
+
+»Wie, aus sich selbst?« fragte der andre erstaunt.
+
+»Ich weiß es,« behauptete Engelhart finster, dennoch sank in diesem
+Augenblick seine Wissenschaft in Nichts zusammen, und aus Groll darüber
+ward er störrisch. »Wie ist denn Gott?« warf er dem Freunde grimmig ein.
+»Was ist denn Gott? wie denkst du ihn? wie sieht er aus?«
+
+Raimund lächelte sonderbar liebenswürdig und sagte ruhig: »Er ist ein
+Wesen.« Dazu machte er eine getragene Handbewegung und sein Gesicht
+hatte den Ausdruck der Verehrung.
+
+Dies geistige Einander- und Sichselbstsuchen im kindischen Wortgefecht,
+dies warme Emporsehnen und Hinausfühlen war genug des Glücks, was konnte
+ein Ja oder Nein daran vermehren oder davon rauben? Ihre Worte glichen
+leerem Fliegengesurr in sommerlicher Luft, was Engelhart dachte, teilte
+er dem Freunde mit, aber was sie empfanden, verbargen sie einander
+sorgsam, so wurde ihr Beisammensein reich an unterirdischen Quellen.
+Raimund zuerst fand Engelharts Herz voll von Freundschaft, er bereitete
+es zu für die Freundschaft, er machte ihm das Gespräch mit einem
+vertrauten Genossen unentbehrlich.
+
+Eines Tages durfte Gerda an einem Spaziergang der Freunde teilnehmen,
+und das kam so: Engelhart hatte Raimund abgeholt, und sie gingen an dem
+Haus vorbei, wo Ratgebers wohnten. Da sahen sie Gerda auf der
+Steintreppe des Spenglerladens sitzen und weinen. Die Knaben fragten sie
+aus, und sie erzählte, sie habe ein Glas zerbrochen und sei geschlagen
+worden. Der mitleidige Raimund lud sie ein, mitzukommen, und sie besann
+sich nicht lang. Sie wanderten in den Vestnerwald, Gerdas blasses
+Gesicht färbte sich in der belebenden Luft, und ihre Augen, deren
+Ausdruck stets zwischen Pfiffigkeit und Träumerei wechselte, blickten
+freier. Sie gab nur Angst vor neuer Züchtigung zu erkennen, weil sie so
+weit vom Hause war, aber Raimund lachte und meinte, das wolle er schon
+richten. In der Tat hatte Frau Ratgeber eine Schwäche für den Knaben,
+weil er angesehener Leute Kind war und ihr sein Verkehr mit Engelhart
+schmeichelhaft vorkam; er war der Sohn eines Landgerichtsrats.
+
+Die drei zogen tiefer in den Wald und beachteten kaum, daß die Dämmerung
+einbrach. Bisweilen blieb Raimund stehen und hielt mit scharfen Augen
+Umschau. Ein Uhu schrie in der Ferne, es wurde schnell dunkel, gerade
+daß sie noch den Waldrand und die Landstraße erreichten, ohne in die
+Irre gegangen zu sein. Gerda war plötzlich todmüde, sie war nicht
+gewohnt zu marschieren, sie sank nieder in das feuchte Gras und
+schüttelte auf Raimunds scherzhaften Vorschlag, daß er und Engelhart sie
+tragen könnten, matt lächelnd den Kopf. Gleich darauf war sie
+eingeschlafen.
+
+»Lassen wir sie ein wenig schlafen,« murmelte Engelhart, »jetzt ist
+alles eins, Prügel gibt's sowieso.« Vor ihnen im Osten stieg der
+Vollmond auf; zur Mulde vertieft, lagen die Äcker, und auf dem Kamm des
+langgestreckten Hügels standen drei Pappelbäume, scharf in den Himmel
+gezeichnet. Raimund machte sich lustig über Engelharts Schweigsamkeit,
+auch später, als sie schon auf dem Heimweg waren, das verschlafene
+Mädchen in ihrer Mitte führend. Aber er konnte nicht anders, es war ihm
+bang ums Herz, und er vermochte nicht Rechenschaft zu geben warum, er
+fand kein Wort, keinen Gedanken dafür. Es war, als verursache die
+Schönheit der Nacht ihm Schmerz, er spürte eine Kraft in sich, die er
+nicht anzuwenden wußte, es beunruhigte ihn eine Fülle, welche die Brust
+zu sprengen drohte.
+
+Raimund begleitete die Geschwister bis nach Hause und machte einen so
+geschickten Fürsprecher, daß man Gnade walten ließ. Das war der letzte
+schöne Tag mit Raimund, bald darauf verließen seine Eltern die Stadt,
+sein Vater war nach Bamberg versetzt worden.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+
+Im darauffolgenden Herbst zogen Ratgebers in jenes Haus, in dessen
+Hoftrakt sich die Fabrik des Vaters befand. Engelhart hatte jetzt
+ernsthaft für die Schule zu arbeiten, wenn er vorwärts kommen wollte,
+doch er genügte keineswegs allen Ansprüchen und brachte vielfach
+schlechte Zensuren.
+
+»Du bist nicht bei der Sache,« sagte Herr Ratgeber streng, »du träumst.«
+
+»Er ist ein Duckmäuser,« fügte die Stiefmutter hinzu, »sieh ihn nur an,
+er hat keinen freien Blick.« Dieser Vorwurf traf den Knaben empfindlich;
+er wußte sein Auge nach innen beschäftigt, wenn ihn jemand anrief, riß
+er sich erst los von einem inneren Bild, aber dann fühlte er seinen
+Blick ohne Scheu, er fürchtete die Augen der Menschen nicht, höchstens
+die der fremden Frau, die er Mutter nennen sollte. Er konnte sich
+freilich nicht geben, sondern wollte genommen werden, doch liebte er die
+Menschen, und das mit jedem Tage mehr; selbst vom Gleichgültigsten
+zurückgestoßen zu werden, war ihm ärgerlich. Er suchte Zuneigung,
+Zustimmung, Einverständnis und gewahrte, wohin er auch sah, die Spuren
+halbverwischter, mühsam verdeckter Leiden und die Schatten des Hasses,
+alle quälten sich aneinander, einer schürfte sich am andern wund, auch
+im eignen kleinen Kreis war niemals Frieden. Die Sparwut der Stiefmutter
+überschritt jedes Maß, bei den Bekannten in der Stadt sprach man offen
+davon, daß die Ratgeberschen Kinder hungern müßten, Frau Karoline Curius
+schrieb es an Michael Herz nach Wien. Dieser gab nun seiner Schwester
+eine Summe in Verwahrung, sie solle sich der Kinder annehmen, und
+Engelhart solle wöchentlich eine Mark Taschengeld erhalten. Ferner
+beschloß er, Gerda aus dem elterlichen Haus zu nehmen; er verständigte
+sich mit dem Vater, und ehe Weihnachten kam, reiste das glückliche
+Mädchen, jetzt erst seiner Kindheit wiedergegeben, nach dem
+oberfränkischen Städtchen Neustadt, wo sie in einem rühmlich bekannten
+Pensionat Aufnahme fand.
+
+Engelhart erschien sich mit seiner wöchentlichen Rente als reicher Mann,
+doch erwuchs ihm keine Freude daraus. Wenn er den Besitz genießen
+wollte, mußte er ihn ängstlich geheimhalten, und diese Heimlichkeit
+bedrückte ihn: das lichtscheue Gebaren beim Kauf jedes Stückchen Brotes,
+das Verstecken seiner Pfennige am Abend vor dem Schlafengehen; was eine
+Erleichterung hätte sein sollen, beschwerte ihn, er haßte sich, wenn er
+seinen Hunger stillte, und inbrünstig suchte sich sein Geist aus der
+trüben Täglichkeit zu lösen. Durch Zufall kam ihm ein populäres Buch
+über die Sternenwelt in die Hand, und entzückt sog er das fabelhafte
+Neue in sich auf. Welch ein Himmel, welch eine Welt! Die Gestirne ein
+feuerflüssiges Chaos, alles Werden ein Spiel von Jahrmillionen, die
+unscheinbare Milchstraße in zahl- und namenlose Sonnen geteilt, jede
+sich regend in grauenhafter Gesetzmäßigkeit, das ganze Universum ein
+Bild zielloser Eile, ein Hinrasen durch unendliche Finsternis. Des
+Knaben Gedanken tasteten sich schauernd von Erscheinung zu Erscheinung,
+wie Schneegestöber in einen Garten mit jungen Blättern wirbelte und
+stürzte dies alles in seinen Kopf, Andacht mischte sich mit Traurigkeit,
+und es schien ihm vergeblich, ein Glück für das eigne schwanke Herz zu
+suchen, das wie ein Atom im Staubmeer unter einem kurzen Lichtstrahl
+leuchtend zuckt, um dann still in die Dunkelheit zu gleiten. Oft drohte
+ihm die Brust zu zerspringen, und wenn er lange in einer entlegenen Ecke
+vor sich hingegrübelt, lief er hinaus durch die Straßen ins freie Feld,
+redete laut vor sich hin, berauschte sich in unsinnigen Gesängen, um an
+einem einsamen Punkt der Landschaft plötzlich stehen zu bleiben und
+sehnsüchtig auf Stimmen zu horchen, die seine entbrannte Phantasie in
+die Fernen und Tiefen zauberte.
+
+War all das nur ein buntes, böses Träumen der ums Wachsein sich
+quälenden Seele? An Nebeltagen verschwimmen Himmel und Erde, und der
+Schatten an einer Mauer scheint sich in die Wolken zu recken.
+
+In dieser Zeit kam Engelhart fast täglich ins Haus der Tante Curius.
+Herr Peter Salomon hatte seinen Posten im Ratgeberschen Geschäft längst
+aufgegeben und betrieb eine Kohlenhandlung, aber seine Einkünfte hätten
+ihm nicht gestattet, das Feinschmeckerleben zu führen, zu dem er sich
+ausersehen glaubte, wenn nicht Michael Herz in Wien regelmäßige und
+bedeutende Zuschüsse gewährt hätte. Peter Salomon betrachtete das als
+einen selbstverständlichen Tribut, und wenn kein Geld mehr da war, sagte
+er mit einer gravitätischen Handbewegung: »Karoline, du mußt nach Wien
+schreiben; dein Michael muß bluten, da hilft kein Herrgott.« Dann
+tänzelte er lächelnd von einem Fuß auf den andern, trällerte ein Lied
+und ging ins Wirtshaus. Der Kohlenhandel ging natürlich schlecht, da
+Herr Curius nicht zu arbeiten liebte; er begnügte sich mit dem
+Bewußtsein, daß in ihm das Talent zu einem Millionär stecke. Eines Tages
+kaufte er für zwölftausend Mark, es war alles, was er überhaupt besaß,
+einen Bauplatz, der am äußersten Rande der Stadt gegen Muggenhof zu lag,
+und obwohl ihm alle vernünftigen Leute die Aussichtslosigkeit des
+Projektes lebhaft vor Augen stellten, führte er seinen Willen durch, und
+seine Hauptbeschäftigung bestand von nun an darin, erstens so oft als
+tunlich auf seinem eignen Grund und Boden spazieren zu gehen, zweitens
+zu warten, bis irgendein wunderbares Ereignis die Landpreise so in die
+Höhe treibe, daß er zum reichen Manne würde. »In zehn Jahren,«
+behauptete er mit jener Sicherheit, die ihn in den Augen seiner Frau zu
+einem Genie machte, »wird man mir zweimalhunderttausend Mark anbieten,
+aber ich werde noch weitere zehn Jahre zusehen. Ihr sollt den Curius
+kennen lernen.«
+
+Nun war beinahe seit dem ersten Tag der Ehe eine Person namens Barbara
+Kroner im Hause, die zuerst als Köchin, dann als Wirtschafterin galt,
+die aber in Wirklichkeit die Geliebte Peter Salomons war. Man erzählte
+sich, daß alle drei, Mann, Frau und Magd, in demselben Zimmer schliefen
+und daß die Frau gezwungen sei, die Zärtlichkeit ihres Mannes mit der
+Fremden zu sehen, man entrüstete sich darüber und gab der Frau schuld,
+da sie etwas beschränkten Geistes war. Aber sie liebte ihren Peter
+Salomon so abgöttisch, daß sie in seiner Gegenwart nicht den Blick von
+ihm wandte, und ihre Selbstverleugnung war so groß, daß sie die andre
+mitliebte, daß die andre die Herrin spielen und mit demselben
+Allerweltshohn wie Curius jede Billigkeit vergessen durfte. Barbara
+Kroner weigerte sich schließlich, die gemeine Hausarbeit zu verrichten,
+und drang darauf, daß ein Dienstmädchen angestellt werde. Peter Salomon
+benutzte die Gelegenheit und wählte unter denen, die sich dazu anboten,
+ein höchst scharmuzierliches Frauenzimmer, wie er sich ausdrückte, eine
+gewisse Anna Wild aus der Gegend von Baireuth. Sie gefiel Peter Salomon
+so über die Maßen, daß er Frau samt Kebsweib vergaß und sich emsig
+hinter die Neue machte. Anna Wild war in der Tat ein schönes Weib; sie
+ging meist mit kokett gesenkten Augen, und wenn sie lächelte, flammten
+hinter den feuchten Lippen die weißesten Zähne. Die Kroner wurde von
+Eifersucht erfaßt, es gab fortwährend Zänkereien, einmal wollte die Wild
+Phosphorkappen von Zündhölzern in ihrer Suppe gefunden haben. Alledem
+sah Frau Curius still zu. Nicht nur, daß sie die Unbequemlichkeiten
+ertrug, sondern sie warb auch noch bei Anna Wild für ihren Gatten und
+begünstigte sie, als sie in ihr die Mehrgeliebte sah.
+
+An einem Abend kam Engelhart hinüber und sah Anna Wild hinter der
+Kellertür sitzen, ein Öllämpchen neben sich, und in die Tiefe starren.
+Der Knabe fragte, auf wen sie warte, sie blickte ihn flüchtig an,
+schüttelte den Kopf und rief nach einer kleinen Weile gegen die Wohnung
+hinauf: »Herr Curius! Herr Curius!« Es kam keine Antwort, das Mädchen
+wandte sich zu Engelhart und forderte ihn auf, sie in den Keller zu
+begleiten, sie fürchte sich allein. Er ging mit, sie rollte ein kleines
+Bierfaß aus dem Verschlag, stellte es auf die Bank, wo das Lämpchen
+stand, nahm den Hammer und hieb mit starken Schlägen den Keil in den
+Spund. Dann nahm sie den Abzugsschlauch, steckte ihn in die Öffnung und
+trank am andern Ende mit langen, durstigen Schlücken. Plötzlich hielt
+sie inne und sagte: »Du könntest mir gleich einen Kuß geben, du
+Kleiner.« Da er nicht antwortete, zog sie ihn am Arm heran und hieß ihn
+aus dem Schlauch trinken, wie sie selbst getan. »Ordentlich!« befahl
+sie. »Du wirst kein Mann, wenn du nicht trinken kannst.« Und ehe er sich
+dessen versah, ergriff sie ihn ganz wie er war, drückte seine Schulter
+an ihre Brust, packte mit der Hand sein Kinn und küßte ihn mitten auf
+den Mund. Engelhart packte sie zornig bei den Haaren und suchte ihren
+Kopf zurückzustemmen, ihm war, als berühre ein zuckender, kühler Fisch
+seine Lippen, endlich riß er sich mit aller Kraft los und stolperte die
+finstere Treppe hinauf. Anna Wild lachte hinter ihm drein und rief:
+»Wirst kein Mann, wenn du nicht küssen kannst.«
+
+Tagelang vermied Engelhart den Blick der Menschen, und wenn ihn jemand
+anredete, erschrak er. Bisweilen rieb er mit den Fingern seine Lippen
+ab, als suche er das Gedächtnis an jenen fischhaften Druck
+fortzuwischen. Wenn er aus dem Schlaf erwachte, blickte er unruhig in
+die Finsternis, der Wind rüttelte am Fenster, und es war ihm, als laure
+draußen, den Raum zwischen Himmel und Erde füllend, ein ungeheures
+Raubtier. Vielleicht hätte er das ganze Erlebnis wieder vergessen, wenn
+nicht andre Dinge sich ereignet hätten, die seinem Nachdenken und seiner
+dumpfen Verstörtheit neue Nahrung gaben. Die Magd bei Ratgebers hatte
+einen Liebhaber aus der Fabrik, und es kam heraus, daß dieser sich
+allnächtlich in ihre Kammer schlich. Eines Nachts wachte Engelhart von
+wildem Schreien und Schimpfen auf. Er erhob sich und lugte durch die
+Türspalte. Die Magd und ihr Liebhaber standen beide im Hemd vor Herrn
+Ratgeber, das Weib heulte, der Liebhaber und Herr Ratgeber brüllten.
+Oben und unten öffneten sich Türen, verschlafene Leute erschienen, und
+endlich mußte das Paar, nachdem es sich angekleidet hatte, schimpflich
+das Haus verlassen. Darauf folgte eine angstvolle Zeit, in jeder Nacht
+vor Torschluß läutete die Flurglocke stürmisch, der Liebhaber und seine
+Kumpane standen draußen und verlangten unter unheimlichen Reden den Lohn
+der Magd für die nichteingehaltene Kündigungsfrist. Da nicht aufgemacht
+wurde, stießen sie das Glas an der Türe ein und einer warf sein Messer
+in den Korridor. Das ging so fort, bis die Polizei dem Treiben ein Ende
+machte.
+
+Langsam und mit unerbittlicher Gewalt tauchte für Engelhart ein Warum
+nach dem andern aus der Tiefe des Nichtwissens empor. Er dürstete nach
+Wahrheit und Aufklärung und mußte unerlöst hangen zwischen Lüge und
+Feigheit, mußte zitternd weilen wie der Blinde, der an einen Stein stößt
+und sich nicht weiter wagt, trotzdem zu beiden Seiten kein andres
+Hindernis ist. Ja, er mußte in der Luft der Heuchelei zum Heuchler
+werden, so daß ihm bangte, wenn von den mysteriösen Dingen zu Hause oder
+unter Freunden geflüstert wurde und er sich anschickte, mit Befangenheit
+den Unbefangenen zu spielen. Was er auch von den Menschen und ihren
+Einrichtungen beurteilen lernte, erschien ihm widersinnig und grausam.
+
+Es war im Karneval, da ereignete es sich, daß unter Engelharts
+Mitschülern das Gerücht umlief, ein gewisser Bachmann, der dieselbe
+Klasse besuchte, aber zwei Jahre älter und wegen seines gewalttätigen
+Wesens von allen gefürchtet und gemieden war, habe seinem Vater eine
+große Summe Geldes entwendet und alles im Verlauf kurzer Zeit in einem
+öffentlichen Haus verpraßt. Die Sage kam zu den Ohren der Lehrer und des
+Rektors, es fand eine große Untersuchung statt, in die auch einige
+Schüler der oberen Klassen verwickelt wurden, und Bachmann und seine
+Mitschuldigen wurden dimittiert. Am Nachmittag des Faschingdienstags
+kehrte Engelhart mit einer Schar von Kameraden von der Turnstunde
+zurück. Die Turnhalle war etwas außerhalb der Stadt gelegen, und ohne
+daß Engelhart wußte, was im Werk war, bemerkte er plötzlich ein
+heimliches Raunen und aufgeregtes Tuscheln unter den Knaben, und sie
+zogen in eine Seitengasse, wo ein paar unscheinbare Häuser standen,
+deren Fenster mit grünen Läden verschlossen waren. Die Schar, es waren
+zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben, wurde immer stiller, einige sahen
+sich mit furchtsamen, fast irr glänzenden Augen um, andre lächelten
+scheu. Sie standen eine Weile unschlüssig, zwei oder drei rieten
+umzukehren, da öffnete sich im oberen Stock eines Häuschens ein Fenster,
+und der dicke Bachmann, der Stier, wie sein Spitzname lautete, lehnte
+sich über das Sims. Er hatte eine Harlekinmütze auf dem Kopf und sah
+wüst und verkommen aus. Hinter ihm erschienen zwei oder drei Mädchen,
+bis zur Brust entblößt; sie lachten und klapperten zugleich vor Kälte
+mit den Zähnen, die eine hielt eine Weinflasche in die Höhe, die andre
+stieß Lockrufe aus, wie wenn man Hunde lockt. Auch sie hatten bunte
+Papiermützen, mit klingenden Schellen behangen.
+
+Unten standen die Knaben vollständig lautlos. Von denen, die rückwärts
+standen, schlichen einige ängstlich davon. Bachmann forderte sie auf,
+ins Haus zu kommen, er habe Geld genug, doch keiner antwortete. Es
+dunkelte schon, und nach und nach machten sich alle aus dem Staub.
+Engelhart trieb sich noch eine Weile in der heute mehr als sonst
+belebten Stadt umher; als er heimkam, sah er unten im Packraum neben dem
+Schreibzimmer des Vaters den Kommis Lechner. Es drängte ihn, mit irgend
+jemand zu sprechen. Er hatte die Gesellschaft gerade dieses Menschen bis
+jetzt gemieden, er war einmal dabei gewesen, als Lechner im
+epileptischen Krampf niedergestürzt war, Tisch und Bank mit sich
+reißend, in grauenhaftem Gebrüll mit allen Gliedern zuckend; seitdem war
+ihm seine Nähe unerträglich, und doch konnte er heute nicht anders, er
+gesellte sich zu ihm, begann scheinbar harmlos zu plaudern und erzählte
+ihm die Geschichte mit Bachmann stockend und umständlich. Gewiß merkte
+Lechner das Bedrückte und Fragende in Engelharts Gebaren, und er
+benutzte den Anlaß, um als Wissender den Unwissenden zu sticheln.
+Engelhart setzte sich auf eine Kiste und hörte zu wie einer, der
+Vorwürfe verdient. Da nahm Lechner einen mitleidig-lehrhaften und
+vertraulichen Ton an, lehnte sich flüsternd über den Tisch und seine
+Augen flackerten glimmerig. Von namenloser Scham wie gerädert, lauschte
+Engelhart den unverkleideten Worten des Menschen. Sein erster stechender
+Gedanke war: 'Und meine Mutter?' Es erleichterte ihn, daß er ihr nicht
+begegnen mußte, daß ihr Tod ihm erspart hatte, sie mit Augen voll
+solcher Kenntnis ansehen zu sollen. Mit einem Abscheu vor Lechner, der
+keines Wortes fähig war, erhob er sich und ging. Der andre, der
+Dankbarkeit und begieriges Eingehen erwartet hatte, war erzürnt; er
+haßte den Knaben von da an und verfolgte ihn bei jeder Gelegenheit mit
+hämischen Anspielungen. Ja, seine Tücke scheute nicht davor zurück,
+Herrn Ratgeber mit dem wohlgemeinten Hinweis auf Engelharts frühe und
+gefährliche Reife zu beunruhigen.
+
+Engelhart schlief mit seinem Bruder Abel, der jetzt neun Jahre alt war,
+in einem Bette. Abel war ein ganz und gar verprügeltes Kind; die steten
+Gefahren, von denen er umlauert war, hatten ihn tückisch und verschlagen
+gemacht, und da ihm jede wahre Zucht mangelte, bot sein Charakter dem
+Schlechten und Niedrigen immer weniger Hemmungen dar. Engelhart hatte
+ihn wegen kleiner Verrätereien, durch die sich Abel bei der Stiefmutter
+ein Stück Brot oder ein gutes Wort erkaufte, vielfach zu fürchten, doch
+hatte er schließlich ein Mittel gefunden, durch das er den Bruder im
+Zaum halten und an sich fesseln konnte: er erzählte ihm allabendlich vor
+dem Einschlafen Geschichten, Märchen und Abenteuer, die er gelesen
+hatte, und als ihm der Vorrat ausging, fing er an, selbsterfundene
+Geschichten zu erzählen, und zwar solche, die er nicht zu Ende führte,
+sondern in schlauer Manier stets im spannendsten Moment mit der
+Zeitungsphrase abbrach: Fortsetzung folgt morgen. So entstanden nicht
+selten sonderbare und raffinierte Verwicklungen, deren Lösung immer
+weiter hinausgeschoben wurde und die an Engelharts Gedächtnis große
+Anforderungen stellten. Abel war ein atemloser Zuhörer, es kam vor, daß
+er den Bruder auch bei Tag bedrängte, weil ihm die Neugier keine Ruhe
+ließ.
+
+Heute lag Engelhart schweigend neben Abel in der Dunkelheit, und so sehr
+ihn dieser auch um die Weitererzählung der Geschichte bestürmte, er
+konnte kein Wort über die Lippen bringen; das Reden schien ihm häßlich,
+im unverfänglichsten Worte spürte er plötzlich einen Stachel, der die
+Seele ritzte. Als Abel sich endlich zufrieden gegeben hatte und schlief,
+erhob sich Engelhart aus dem Bett und setzte sich im Hemd ans Fenster.
+Weite dunkle Höfe lagen vor ihm, und schwarze Dächer klebten am Gewölke,
+hinter dem umrißlos der gelbe Mond zerfloß. Engelhart stützte den
+Ellbogen auf das Sims, sein Herz badete erleichtert in der wunderbaren
+Nachtstille, und Tränen stürzten ihm aus den Augen.
+
+Frau Wahrmann hatte Engelhart schon im Winter eingeladen, die Osterzeit
+bei ihr zu verbringen; Herr Ratgeber verweigerte seine Erlaubnis, doch,
+besorgt über des Knaben Fortschritte in der Schule, gab er das
+Versprechen, ihn zu den Sommerferien nach Gunzenhausen zu schicken, wenn
+er in die höhere Klasse aufsteigen dürfe. Engelhart gehörte nicht zu den
+Naturen, für die eine Belohnung zum inneren Ansporn wird, im Gegenteil,
+er fand sich durch Erwartungen, die er erregte, entschieden gelähmt;
+nichts ward bei ihm durch Entschluß und klar bewußtes Handeln, alles
+wuchs aus einem ungeheuern Druck und Trieb hervor, und das seinem Wesen
+Widrige nahm oft nur durch die Fügung eines guten Sterns keinen übeln
+Ausgang. So hatte er geringe Hoffnungen für einen Sommer, wie ihn seine
+Sehnsucht wollte, jetzt, wo alle Lernfreudigkeit geschwunden war und
+sein tiefbetrübter Geist, der Unschuld des Betrachtens entrissen,
+lichtscheu an den Wurzeln des Lebens nagte. Es vergingen die Monate, und
+er ertrug ungeduldiger als jemals die gleichmäßige Fesselung durch ehern
+eingeteilte Stunden, oft wurde seine Ruhelosigkeit so groß, daß ihn kein
+noch so geliebtes Buch zu halten vermochte, und er spürte es: wenn er
+diesen Sommer die Freiheit nicht bekam, und das, was er, geheimnisvoll
+vorauserlebend, in ihm ahnte, dann mußte er den feindseligen Gewalten
+erliegen, denen er keinen Namen geben konnte. Einmal, auf dem Weg zur
+Schule, hörte er bei einem Neubau einige Leute aufschreien und ihm
+zuwinken; in derselben Sekunde vernahm er ein unheimliches Klirren und
+Knattern, rings um ihn schwirrte es, da sah er sich mitten in dem Flügel
+eines großen Fensterstockes stehen, der aus der zweiten Etage
+herabgestürzt war. Das riesige Ding war durch den erstaunlichsten Zufall
+gleichsam rings um ihn herumgefallen, die Scheiben waren nach außen
+geflogen und auf dem Pflaster zersplittert, er stand unverletzt mitten
+im Rahmen, als hätte er sich hineingestellt. Wie trunken blieb er eine
+Weile stehen und wurde von den Zuschauern kopfschüttelnd betrachtet. Er
+nahm es als ein gutes Vorzeichen, er faßte wieder Vertrauen, und süße
+Lebenssicherheit ergriff Besitz von ihm.
+
+Endlich kam die Entscheidung, und sie fiel günstig aus. Anfangs August
+durfte er reisen. Des Abends langte er an, herzlich begrüßt, und lag
+bald darauf wieder im selben Bett wie vor sechs Jahren, hörte die
+dröhnenden, langsamen Stundenschläge der Blasturmglocke, den mahnenden
+Gesang des Nachtwächters, die Eisenbahnzüge im Tal draußen, wie auf
+einer Brücke durch den Weltraum rollend. In der Frühe fragte ihn Frau
+Wahrmann über die Verhältnisse daheim aus; sie war eine gute und
+gerechte Frau und geriet beinahe außer sich über seine Erzählungen, in
+denen er zudem alles ihn selbst Demütigende verschwieg.
+
+Im Hause der Frau Wahrmann hatte sich wenig geändert. Helene war nun
+ein heiratsfähiges Mädchen, aber sie machte sich wenig Gedanken darüber,
+und ihre Hauptsorge war auf ein harmloses Amüsement gerichtet; die
+zweite, die Gottsucherin, ergrübelte sich ein Leben voll eingelernter
+Idealismen, und ihr Los war schon jetzt die beständig seufzende Trauer
+darüber, daß das Lebendig-Seiende mit dem sehnsüchtig Erdachten so wenig
+übereinstimmte. In Esmee zeigte sich die Unbefangenheit einer kräftig
+auf Form und Erscheinung gerichteten Natur, und sie war immer wieder die
+Versöhnerin zwischen der spöttisch-überlegenen Helene und der
+hadernd-unzufriedenen Jette; sie ließ alles Unangenehme an sich
+herankommen und wurde dann spielend damit fertig. So sehr sie noch Kind
+war, so hatte ihr Herz schon für immer gewählt, einen jungen Studenten,
+Spiel- und Schulkameraden. Dies zu wissen war für Engelhart schmerzlich,
+nicht als ob seine Gedanken jemals wünschevoll um Esmees Bild gewebt
+hätten, aber sie schon in Besitz genommen zu wissen, das erregte seinen
+Unwillen. Es war etwas Gehemmtes und Zelotisches in seinem Blick, wenn
+er ihre naiv koketten Künste beobachtete, er suchte Streit mit dem
+Mädchen wie mit dem hübschen Gymnasiasten, der ihr Freund war. Schien es
+nicht, als ob Lechners Enthüllungen das Liebestreiben der Menschen für
+ihn zu einem epileptischen Krampf gemacht hätten? Oft geschah es, daß er
+sich absonderte, wenn die Mädchen und Knaben hinaus in die Wiesen
+wanderten, doch er ging dann nicht seine eignen Wege, sondern folgte
+jenen wie ein Spion, verbarg sich hinter Gebüsch, wenn sie rasteten,
+beobachtete argwöhnisch und erregt ihr Treiben und wandte das Auge nicht
+von Esmee und ihrem Anbeter. Und wie schimpflich, wie erniedrigt
+erschien er sich dabei, ausgestoßen von dem Kreis fröhlicher
+Beziehungen, untötbaren Neid in der Brust.
+
+Es kam auch ein junger Mensch namens Benedikt Knoll ins Wahrmannsche
+Haus, gleichfalls ein Student, siebzehn Jahre alt, also drei Jahre älter
+als Engelhart, und dieser gewann durch Scharfsinn und vielfaches Wissen
+dort eine geistige Oberherrschaft, ja eine Art Tyrannei. Er war ein sehr
+kleiner, häßlicher Mensch von früh entwickeltem sarkastischen Witz, ein
+Jude und eine echte Judennatur, den frommen und gedrückten Geschlechtern
+entsprossen und unbewußt bemüht, diese Abkunft durch ausschweifende
+Freigeisterei und ein brünstiges Streben nach Unabhängigkeit zu
+verleugnen. Ihm näherte sich Engelhart schüchtern, bereit, eine
+Überlegenheit anzuerkennen, die sich so selbstherrlich gab und die
+keinen Widerspruch, sondern nur Bewunderung erfuhr. Benedikt Knoll ließ
+sich die Gelegenheit nicht entgehen, seine erzieherischen Ideen zu
+verwirklichen, und am lebhaftesten experimentierte er dann an Engelhart,
+wenn er an den Mädchen willige und andächtige Zuhörerinnen hatte. Er
+hatte sehr viel Heine gelesen und verachtete, wie es damals unter jungen
+Leuten Brauch war, Schiller und Schillersche Begeisterung; mit einem
+Heineschen Witz ließ sich jede ins Traumhafte und Fantastische
+schweifende Wendung des Gesprächs mühelos und unter dem Dank des
+Publikums ersticken. An Sommerabenden, wo man unter dem klaren
+Sternenhimmel zwischen den Häusern und duftenden Gärten auf und ab
+wandelte, wurde mit wenigen ironischen Seitenhieben Gott aus der Welt
+gejagt und Wissenschaft, das heißt blöder Augenschein trat an seine
+Stelle. Nun hatte ja Engelhart freilich auf seine Weise schon Gott
+verloren, nur nicht so leicht, so überhebend, so hausbacken, und
+immerhin lag im verlassenen, noch nicht entheiligten Tempel der
+schutzlose Mensch ehrfürchtig auf den Knien. Dies aber verwirrte sein
+Gemüt schwer, und bei all der unwiderstehlichen, prickelnden Gewalt, die
+Benedikt über ihn gewonnen hatte, fing er doch an, ihn im Innersten zu
+hassen und zu fürchten. Dann bestach ihn wieder die freiere Anschauung
+von den Dingen des Lebens und das kühnere Urteil des kleinen Studenten,
+und sie verabredeten, in Korrespondenz zu bleiben. Engelhart trat jetzt
+in ein Alter, wo Geist oder die Maske des Geistes, das scheinhafte Wort,
+schon als Triumph über die lastenden Schicksalsmächte gilt. Diese
+Andacht des Alleshinnehmens und Alleseinsaugens kam dem kritischen Knoll
+verdächtig vor, er ärgerte sich über die zage Verschleierung des
+Ausdrucks, wenn Engelhart von der Zukunft und seinem künftigen Beruf
+sprach. »Da dich dein Vater zum Kaufmann machen will, so tu nicht, als
+ob du zu was Besserem geboren wärst,« schalt er grob; »du gehabst dich,
+als ob's eine Schande wäre, aber es sitzen noch ganz andre Leute wie du
+auf dem Drehsessel.«
+
+Engelhart schwieg, und eine dunkle Verstimmung bemächtigte sich seiner.
+Was konnte es helfen, er hatte keine Lust dazu. Aber wozu sonst? Die
+Zukunft war ihm eine finstre Nacht, aus deren Tiefe wie ein scharlachner
+Brand irgendetwas Unbekanntes strahlte. Auch wenn er in sein Inneres
+schaute, sah er dieses Feuer, dessen er sich vor den Menschen schämte
+und das ihn beunruhigte, wenn er allein war. Es schwebte ihm etwas vor,
+ähnlich wie atemloses Graben und Schaufeln im Innern der Erde und daß
+junge Frauen aus einer jäh geöffneten Pforte traten, um ihm schweigend
+und ergriffen zuzuhören, wenn er von der Finsternis und seiner
+Einsamkeit erzählte. Oder er dachte sich in einem seit Jahrhunderten
+verlassenen und verfallenen Haus von Gemach zu Gemach wandernd; nur die
+letzte Tür war verriegelt, und als er weitergehen wollte, vernahm er aus
+dem Innern eine Stimme, die voll unerhörten Schmerzes ein unerhörtes
+Leiden berichtete. Er sah auch das Bild zahlloser, über eine Heide
+hinstürmender wilder Pferde, und er selbst kam des Wegs, die ungestüme
+Schar blieb versteinert stehen und er schritt ruhig durch die willigen
+Reihen. Er sehnte sich nach den Menschen im allgemeinen und fürchtete
+sie wieder im besonderen. Er liebte es, mit halbgeschlossenen Augen
+dazuliegen und über etwas zu lächeln, was ungreifbar, ein süßer Hauch,
+über seine Seele flog. Das war es ungefähr, und es erschien ihm
+verwerflich und unfruchtbar, so zu sein, aber er konnte nicht anders.
+
+An einem Regentag zeigte sich ein fremdes Gesicht im vertrauten Kreis,
+ein Mädchen namens Hedwig Andergast, eine Offizierstochter aus Nürnberg,
+die bei ihren Verwandten, den Notarsleuten, zu Besuch weilte. Sie war
+ein wenig älter als Engelhart; da er sie sah, hatte er ein höchst
+wunderliches Gefühl: ihm war, als träume er und sie tanze luftig leicht
+auf seiner ausgestreckten Hand. Er wurde später gefragt, ob er sie
+hübsch fände, und er konnte nicht antworten, weil er, kaum daß sie aus
+dem Zimmer gegangen, sich an keinen Zug ihres Gesichts erinnern konnte.
+Die Mädchen bedrängten ihn, besonders Helene hätte gern gewußt, ob die
+Fremde den Vorrang vor ihr verdiente, da tat er eine feindselige
+Äußerung gegen Hedwig Andergast, ganz ohne Ursache, in unklarer Wallung
+des Gemüts. Natürlich kam Hedwig oft, sie hatte Gefallen an den
+Wahrmannschen Mädchen gefunden, und da hatte Esmee, boshaft gelaunt, den
+Einfall, Hedwig die Worte Engelharts in seinem Beisein zu wiederholen.
+Das Mädchen sagte nichts, sie zuckte nur die Achseln, aber der ruhige,
+verwunderte Blick ihrer grauen Augen traf ihn tief.
+
+An einem Nachmittag, wo es regnete und gewitterte, wurde beschlossen,
+auf den großen Dachboden zu gehen und dort zu spielen. Die meisten
+Spiele erwiesen sich für längere Dauer als unzulänglich; Helene und
+Jettchen brachten Blumen herauf, steckten sie mit den Stengeln der Reihe
+nach in die Fugen zwischen die Dielen, und der öde Dachboden stellte
+einen Garten vor. Man dachte sich einen hohen Zaun ringsum, Helene war
+Pförtnerin und ließ nur diejenigen hinein, die einen selbstgereimten
+Vers aufzusagen wußten. Alle zogen sich mehr oder weniger geschickt aus
+der Schlinge, nur Engelhart brachte in der kritischen Lage nicht ein
+Wort über die Lippen. Dies schmerzte ihn selbst, denn er wußte etwas und
+konnte es nur nicht sagen, hätte es nicht sagen können um keinen Preis
+der Welt. Als sie ihn verspotteten, nahm er eine Holzlatte, hieb den
+Blumen die Köpfe ab und fuchtelte derart um sich, daß die Cousinen
+schreiend in eine Ecke flüchteten, während Hedwig Andergast sich in den
+großen Schlitten setzte, der hier oben seine Sommersiesta hielt, und
+gleichgültig, ja etwas müde vor sich hin blickte. Schließlich, sein
+Gebaren wurde ihm selber unbehaglich, sprang Engelhart auf eine Kiste
+und schleuderte die Latte wie einen Speer von sich. Sie traf Hedwig
+seitwärts an der Stirn, ein Aufschrei folgte, Engelhart sah Blut, die
+Mädchen kamen bleich aus ihren Verstecken, Esmee lief, um Wasser zu
+holen, Helene wusch die unbedeutende Wunde und band ein Tuch um Hedwigs
+Stirne. Nachher gingen sie alle ins Klavierzimmer hinunter, räumten
+Tische und Stühle beiseite, um zu tanzen, denn Hedwig wollte zeigen, daß
+sie sich aus dem Unfall nichts mache. Aber Engelhart war verschwunden.
+Er hatte sich eine Weile im Hof herumgetrieben und war dann in die
+Scheune gegangen, wo er sich oben zwischen den Holzstößen verbarg. Das
+Gewitter hatte aufgehört, die Sonne schien in das kleine Fenster an der
+Mauer; er sah hinaus, über ein schmales Gäßchen hinweg bot sich der
+Blick auf den Garten des Kasinos und auf die leuchtenden tropfenden
+Bäume. Unten ging Premierleutnant Siderlich vorbei und wie gewöhnlich
+folgten ihm einige Knaben mit höhnenden Zurufen. Premierleutnant
+Siderlich wohnte längst nicht mehr bei Wahrmanns, auch war er aus dem
+Heeresdienst entlassen, lief in Zivilkleidung herum und war zur
+öffentlichen Spottgestalt geworden. Die Knaben machten sich über seine
+Trunkenheit lustig, vielleicht schien er auch nur betrunken und war in
+Wirklichkeit krank, jedenfalls torkelte er haltlos am Zaun entlang.
+Währenddem kam Hedwig Andergast aus dem Wahrmannschen Hause und betrat
+das Gäßchen. Sie hatte noch das weiße Tuch um die Schläfe gebunden. Der
+Premierleutnant Siderlich blieb vor ihr stehen und legte, als ob er noch
+Soldat wäre, die Hand salutierend an den Hut. Die Knaben johlten,
+Siderlich lächelte verzerrt. Hedwig sagte zu dem vordersten der Knaben:
+»Schämt euch doch, ihr Buben, seht ihr denn nicht, daß sich der Mann
+nicht wehren kann?« Einer aus der Schar entgegnete frech: »Er wirft
+immer in der Nacht Steine nach den Fenstern.« Der Premierleutnant machte
+eine protestierende Geste, aber die andern lachten und schrien: »Ja,
+ja!« Hedwig sah noch eine Weile zu, bis sie alle fort waren, dann ging
+sie weiter. Engelhart hörte sie etwas murmeln und sie schüttelte den
+Kopf. Ein unwillkürlicher Ausruf oder ein Räuspern von ihm ließ sie
+emporschauen; sie hemmte ihren Schritt und lachte, wobei sich ein
+goldiger Glanz über ihre Lider breitete; Engelhart war es, als ob er
+durch den lachenden Mund bis in ihr Herz hinabsehen könnte.
+
+Am Abend trat eine Gestalt an sein Bett und hieß ihn aufstehen. Er
+gehorchte und kleidete sich an. Die Gestalt führte ihn hinaus. Am Himmel
+zuckten beständige Blitze; es sah aus, als ob unter den Rändern der Erde
+ein großes Spiritusfeuer kochte und die Flammen schlugen beständig über.
+Er wurde von der Gestalt bis zum Altmühlfluß geführt. Dort lag ein Boot,
+und sie stiegen ein, fuhren ohne Stange noch Ruder stromaufwärts, und da
+erwies es sich plötzlich, daß die Gestalt Hedwig Andergast war; ihr
+Gesicht war wie mit einem Silberschleier behangen, und als er sie
+schüchtern fragte, warum sie nicht spreche, legte sie stumm die Hand auf
+die Brust und seufzte.
+
+Es war ein Wunschbild natürlich, aber Wahrheit steckte darin. So sah er
+sie und sich selbst, ringsum von Wundern umgeben. Es war nicht mehr die
+alte Erde, auf der er wandelte, es erschien ihm ein wenig lächerlich, zu
+gehen, zu sprechen und zu schlafen. Er mied Hedwig Andergasts Nähe,
+nichts enttäuschte ihn so sehr, als ihre Stimme zu hören, und nichts
+beglückte ihn so, als einen Raum zu betreten und zu wissen, daß sie
+dagewesen war. Es stimmte ihn böse, wenn sie in seiner Gegenwart von
+ihrem Elternhaus erzählte, von ihren Kleidern oder von Vergnügungen und
+Gesellschaften, er sah sie dann so wild an, daß das Mädchen erstaunte
+und erschrak; dagegen suchte er am Abend den Garten und die dunkle Laube
+auf und saß regungslos, bis es zehn Uhr schlug und die Tante zum
+Schlafengehen rief. Dort wurde ihm der Tag erst Wirklichkeit und holdes
+Schauen, er fühlte den Leib der Bäume von sommerlichen Säften strotzen,
+in den Mondstreifen leuchtete das Blut der Blumen, alle Dinge waren
+doppelt entblößt und doppelt verhüllt. Es erschien ihm wichtig, daß man
+gütig und anerkennend gegen ihn sei, und Hedwig Andergast wählte er vor
+allen andern aus, daß sie es sei. Wenn er im Freien ging, im Wald, warf
+er sich bisweilen zur Erde und horchte; der Wind sang, im Innern der
+Erde sang es mit, die ganze Natur hatte Atem, Stimme, Bewegung, Antlitz,
+Mark und Sehnsucht. Wenn er an Hedwigs Gestalt und Namen dachte,
+erzitterte sein Herz, aber wenn sie kam und ging und ihm wie allen die
+Hand reichte, schaute er finster zur Seite. Er empfand es als eine
+Demütigung, von ihr gekannt zu sein. Schließlich wußten doch bald alle,
+was mit ihm vorging, er gehörte nicht zu denen, die ihre inneren
+Zustände verbergen können, da wurde jedes Zusammensein eine Qual, und es
+genügte, wenn Hedwig bei einer Anspielung errötete, daß er aufsprang,
+forteilte und sich den ganzen Tag über nicht mehr sehen ließ. Von allem
+am meisten haßte er das Wort Liebe; er wurde blaß und seine Fäuste
+ballten sich, wenn er es hörte; das epileptisch verkrampfte Gesicht
+Lechners tauchte hinter dem Wort empor, er erschien sich besudelt und
+unwert seiner Träume. Damit hing es auch zusammen, daß ihm der Anblick
+seines nackten Körpers schmerzlich und peinvoll war und daß er nach dem
+Bad mit größter Hast wieder in die Kleider schlüpfte; am liebsten hätte
+er im Finstern gebadet. Wenn er körperlich an Hedwig Andergast dachte,
+geschah es mit demselben Schauder, den er damals gespürt, als bei
+Lechners hündischen Erklärungen der Gedanke an die Mutter sein Gemüt
+aufgewühlt hatte.
+
+Die Tage wurden merklich kürzer, ein herbstlicher Hauch ging durch die
+Landschaft. Die Kirchweih kam, die gewöhnlich das Ende des Sommers
+bedeutete; auf dem Rasen vor den Ruinen der alten Stadtmauer wurden die
+Buden errichtet, saßen die Bauern auf Bretterbänken im Freien und
+tranken Bier aus steinernen Krügen. Die Cousinen schauten vor den
+Fenstern der Wirtshäuser dem Tanze zu und Engelhart, abgestoßen von dem
+Lärm und Gewühl, spazierte am Schilf des Ufers hin, und wenn er sich
+umkehrte, sah er die Figur eines Seiltänzermädchens im himbeerroten
+Trikot auf hohem Seil voltigieren; es war, als ob sie durch den
+blaßblauen Äther des Himmels schwebte.
+
+Bevor die schönen Tage verstrichen, wollte man noch einen Ausflug auf
+den Hesselberg unternehmen, und an einem Abend, wo der Barometer und die
+Prophezeiungen der Bauern günstig waren, wurde eine frühe Morgenstunde
+zum Abmarsch festgesetzt. Es war herrliches Wetter. Bei dem Dorf
+Wurmbach verließ man die Landstraße und wanderte über die Wiesen. Knoll
+und Esmees Student machten die Führer, Frau Wahrmann und Helene
+schlossen den Zug. Die Mädchen sangen Lieder und pflückten Blumen, an
+den Ufern eines Waldbachs war Mittagsrast. Durch Dörfer ging's, die
+unberührt von der großen Welt am Bergeshang versteckt lagen wie die
+Perle in der Muschel. Engelhart sammelte Steine, oben im Schloß
+verfolgte er eine Eidechse bis ins Innere eines verfallenen Turms. Nicht
+mehr so belebt war der Heimmarsch, die Mädchen wurden müde, Esmee klagte
+über ihre wunden Füße, Engelhart gab sich, wie oft in der
+Dämmerungsstunde, einer selbstsüchtigen Traurigkeit hin. Der Himmel war
+mit Purpur begossen, die Blätter der Bäume glichen Blutstropfen, dann
+kam die Dunkelheit, feuchte Dünste entstiegen dem Boden, Frösche
+quakten, das Grillengezirp erfüllte die Luft wie ein Sausen; aus der
+verblassenden Glut hinter den Hügeln wanderten die Sterne herauf. Wie
+zufällig hatten sich Engelhart und Hedwig Andergast einander gesellt.
+»Sieh mal die Sterne,« sagte Engelhart und deutete hinauf. Sie sah die
+Sterne an, aber sie hatte sie schon zu oft gesehen, es machte ihr wenig
+Eindruck. Sie fragte ihn, ob er wisse, daß sie übermorgen wieder nach
+Hause reise; er wußte es nicht; ob er wisse, wo ihre Eltern in Nürnberg
+wohnten; er wußte es nicht, sie erklärte es ihm. Dann schwiegen sie
+lange Zeit.
+
+Dem Mädchen wurde sonderbar zumute. Vielleicht fühlte sie das zum
+Springen volle Herz ihres Gefährten und daß ihm von allen Menschenworten
+keins zu Gebote stand, um sich zu erleichtern. Irgend etwas Namenloses
+riß sie plötzlich hin, sie schwankte zwischen Ungeduld und Bangigkeit,
+der bunte Jahrmarkt ihrer Gedanken und Wünsche bedeckte sich mit dem
+Mantel sanfter Schwermut. Ihr war, als müsse sie ihm helfen, aber sie
+wußte nicht wie, sie war genau so hilflos wie er. Die Dunkelheit, die
+Stille, die Einsamkeit, die Müdigkeit, die sie empfand, der weite Weg,
+der noch vor ihnen lag, all das machte sie zaghaft, einem unbestimmten
+Mitleid zugänglich, und aus dem Kind wurde plötzlich ein Weib,
+wenigstens für diese eine Stunde. Ihre Blicke suchten einander, konnten
+sich aber nicht treffen und flohen dann wieder erschreckt in die Ferne.
+Das mattere und vollere Schlagen der Herzen wechselte wie im Takt, das
+Gras bog sich williger unter ihren Füßen und sie versanken so in ihr
+gegenseitiges Schweigen, daß sie wie aus dem Schlaf emporschreckten, als
+dicht hinter ihnen die Baßstimme des kleinen Knoll ertönte, der sich mit
+Helene über das Leben in der großen Stadt unterhielt. Es war spät, als
+sie heimkamen; vor der Tür des Wahrmannschen Hauses fand ein höchst
+geräuschvolles Gutenachtsagen statt. Esmee setzte sich auf die
+Steintreppe und nahm einen Vorschuß auf den Schlaf ihrer Nacht. Hedwig
+stand eine Weile bei den andern, dann kam sie wieder zu Engelhart, dann
+entfernte sie sich wieder und kam abermals, schlang den Arm um den
+Laternenpfahl und schaute mit erregt glänzenden Augen die leere Straße
+hinunter. Es war ein unbewußtes Nichtvoneinanderkönnen. Wenn ein weiser
+Geist zwischen ihnen schwebte, so hat er vielleicht gelächelt über das
+kindlich bittersüße Spiel.
+
+Am übernächsten Tag reiste Hedwig, und nun war doch die Welt verödet für
+Engelhart. Auch seine Frist war um. Die Trennung von dem liebreichen
+Haus fiel ihm schwer aufs Herz. Am Ende der dritten Septemberwoche traf
+er im elterlichen Hause ein. Dort hatte sich nichts verändert. Der Vater
+webte in seiner Arbeit und in seinen Sorgen wie in Qualm, Abel war
+verprügelter als vordem, ein von schlechten Einflüssen durchaus in die
+Enge getriebener Knabe. Er war häßlich geworden, auf seinem fahlen
+Gesicht kündigten sich die Laster an, nur in den Augen schimmerte noch,
+tief und immer tiefer schlummernd, das Weh um eine ertötete Kindheit.
+Engelhart wurde freudlos empfangen; Frau Ratgeber, gleichwie aufgereizt
+durch den Widerschein der verlebten Tage auf seiner Stirn, verfolgte ihn
+mit unverstelltem Haß. Er nahm es hin. Seine Fähigkeit, Widerwärtiges zu
+tragen, war größer geworden.
+
+An einem Nachmittag in jeder Woche entriß er sich allen Pflichten und
+marschierte heimlich nach Nürnberg und vor das Haus an der Rosenau, wo
+Hedwig Andergast wohnte. Er langte gewöhnlich an, wenn es schon dunkel
+wurde, stellte sich an die gegenüberliegende Straßenseite und blickte zu
+den erleuchteten Fenstern hinauf. Wenn sich ein Schatten an den Gardinen
+zeigte, krampfte sich ihm die Brust zusammen, wenn jemand aus dem Tor
+trat, hielt er den Atem an. Der Winter kam, er fürchtete kein Wetter,
+scheute nicht den langen Weg hin und zurück, in Schnee, in Stürmen stand
+er dort und verließ den Warteposten erst wieder, wenn die Zeit drängte
+und er bis in die Adern durchfroren war. Er bekam Hedwig Andergast
+nicht ein einziges Mal zu Gesicht, er sah sie überhaupt niemals wieder
+und die Trübnis des alltäglichen Lebens schwemmte die frohen Farben der
+Erinnerung aus seinem Geiste hinweg.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+
+Von Woche zu Woche nahm in Engelhart der Abscheu gegen die Schule zu. Er
+verachtete die Auszeichnungen, die dem stumpfen Fleiß, dem tierischen
+Gehorsam, der gedankenlosen Aufmerksamkeit zuteil wurden, angewidert von
+dieser ungeschmückten Welt, der aufreibenden Wiederholung mechanischer
+Geschäftigkeiten, versank sein Geist in die Sphäre des Traums so tief,
+daß es ihn oft Mühe kostete, die Stimme eines Menschen zu vernehmen, der
+vor ihm stand und mit ihm redete. Man sagte dann von ihm, er sei
+zerstreut, und er zog sich das Mißtrauen und die Geringschätzung fast
+aller Lehrer zu, die seiner Begabung das beste und seinem guten Willen
+das schlechteste Zeugnis ausstellten, was zur Folge hatte, daß jede
+seiner Handlungen als Ausgeburt einer böswilligen Gesinnung aufgenommen
+und durch züchtlerische Maßregeln bestraft wurde.
+
+Keine wohlmeinende und freundliche Gestalt trat ihm unter seinen Lehrern
+entgegen. Es waren Männer, die nicht einen Beruf erfüllten, sondern ein
+Amt innehatten. Sie kümmerten sich nicht um die Seele, sondern nur um
+die Kenntnis der Knaben. Sie hatten der höheren Stelle, der sie
+untergeordnet waren, nur den Beweis zu erbringen, daß sie ein
+vorgeschriebenes Pensum erledigten, so wie die Kellner dem Wirt die
+Ablieferung der Zahlmarken schuldig sind. Sie nährten den Wissensdurst
+mit Regeln und belohnten den Fleiß durch Zensuren, das unterweisende
+Wort war nur eine Grimasse, der Geist der Belehrung eine Mumie,
+vertrocknet durch viele Jahre eines wesenlosen Treibens. Ihre Belebtheit
+war aufgedunsen, ihre Vertraulichkeit voll falscher Töne, ihre Strenge
+lieblos und zynisch. Die meisten erschienen gleichsam mit einer Maske
+vor dem Gesicht, hielten sie unruhig und krampfhaft fest und schäumten
+vor Zorn, wenn sie ihnen bei einer unerwarteten Gelegenheit entfiel.
+Wenn er einem Lehrer auf der Straße begegnete, war es Engelhart oft, als
+schäme sich der Mann seines Straßengesichts, der antwortende Gruß war
+dann widerwillig oder von übertriebener Gefälligkeit. Auch in den
+Lehrstunden spürte er mit unsicherem Staunen, wie in manchem eine Art
+Angst oder Scheu nicht bloß vor der Meinung und dem Urteil, sondern vor
+dem Menschlichen, Fleischlichen der Schüler zutage trat; da wurde ein
+gefürchteter Tyrann unversehens kindisch und es sah aus, als wolle er
+durch eine tölpische Zärtlichkeit seinen Mangel an Herzensbeteiligung
+vergessen machen. Um den Mund des einen zuckte beständig ein
+unbegreiflicher Hohn; ein andrer fürchtete, lächerlich zu werden, und
+war wortkarg wie ein Einsiedler; der dritte, puppenhaft geziert und
+seine ganze Natur verhüllend unter einer starren Sachlichkeit, wählte
+sich einige Lieblinge, die er verhätschelte, während er allen andern
+kalt und hart begegnete; der vierte benahm sich wie ein Sklavenhalter;
+der fünfte liebte es, eine erheuchelte Gutmütigkeit und Umgänglichkeit
+als Falle zu benutzen, der sechste war ein unfähiger Schwächling, der
+siebente ein Narr. Kein echter und ganzer Mensch; was sie lehrten, blieb
+tot: Regeln, Formeln, Zahlen, Register. Da sie nicht Teilnahme erwecken
+konnten, hielten sie die Furcht in Atem, Drohung und Strafe waren ihre
+Büttel. Sie wußten nichts vom Geiste, und der Sache waren sie entfremdet;
+ihr Ziel: Dressur. Sie waren beherrscht von jenem Parade- und
+Uniforminstinkt, der die Glieder des jugendlichen Reichs für immer
+verkrüppelt hat.
+
+Eines wirkt ins andre; auf einem Distelstrauch wachsen nicht Rosen.
+Engelharts Mitschüler waren in ihrem innersten Wesen zuchtlos. Nur mit
+der gemeinsten Notdurft der Dinge vertraut, waren sie jeglichen
+Aufschwungs bar, und seltsam war es, die angeborenen Eigenschaften,
+Roheit, Tücke, Heuchelei, feiges Kriechen, von dem dünnen Schimmer
+unechter Bildung übertüncht zu sehen. Sie waren mit den Rätseln des
+Daseins fertig, ehe noch das Leben die erste Silbe zu ihnen gesprochen
+hatte; sie waren nur füreinander geschaffen, nicht für sich selbst; wenn
+so ein Knabe allein auf der Straße ging, hatte sein Gesicht den Ausdruck
+des Schlafs. In ihrer Brust war keine Musik, und Respekt hatten sie nur
+vor dem Gelde. Eines war Engelhart immer aufgefallen, nämlich daß sie
+nicht sprechen konnten, daß sie nicht ruhig sitzen oder gehen konnten,
+um gut und natürlich zu sprechen; entweder schrien sie oder sie
+tuschelten. Dies letztere erregte seinen Abscheu in hohem Grad, denn er
+ahnte, was sie mit ihrem Munde und ihren Gedanken beschmutzten, wenn sie
+zu dreien oder vieren beisammenstanden und erregt grinsend einander das
+Wort von der Lippe rissen. Bisweilen gesellte er sich hinzu, um sich zu
+schützen, denn aus Absonderung erwuchs ihm Haß, aber sie nahmen sich in
+acht vor ihm, auch ummauerte sich sein Wesen, und ohne daß er darum
+wußte, ward seine Haltung feindselig. Die meisten hatten Reiz und Anmut
+der Jugend schon eingebüßt, ihre Gesichter waren hohl und fahl von
+Stubenluft und ungesunden Trieben, in seine untersten Schlünde
+hinabgestoßen war der edle Kindergenius und schon thronte auf den
+Stirnen der brutale Zweck.
+
+Nichtsdestoweniger fand Engelhart ein paar Kameraden, die manche seiner
+Neigungen teilten. Mit ihnen verabredete er sich zu weiten
+Spaziergängen, und daraus wurde schließlich etwas wie ein Kultus mit
+wunderlichen Zeremonien und Gepflogenheiten. Sie versammelten sich an
+einem möglichst abgelegenen Punkt der Stadt, und bevor der Marsch
+begann, erhielt jeder einen Spielnamen, der zugleich eine bestimmte
+Rolle in sich schloß. Die Mitglieder der Gesellschaft leisteten das
+Gelübde des Schweigens, und die Formen des Verkehrs, feierlicher gemacht
+durch Worte aus einer selbsterfundenen Sprache und durch eine künstliche
+Rangordnung geregelt, suchten auf die Haltung und den Geist der Truppe
+zu wirken. Mit Anbruch des Frühlings wurden die Märsche bis gegen den
+Moritzberg und die Wälder an den Ufern der Zenn ausgedehnt. Wenn das
+einsame Schloß des befreundeten Königs erreicht war, nämlich ein
+Forsthaus oder eine Fuhrmannskneipe, sonderte sich Engelhart von den
+Genossen ab und stellte in der tiefen Wildnis dem Auerochsen und dem
+Bären nach oder er ging horchend dahin, untertauchend in die Stille und
+die Augen zu Boden geheftet wie der traurige Prinz, dessen Herz vor
+Sehnsucht krank ist. Er besaß das Land, das sie durchzogen, es war in
+Wahrheit sein Eigentum; es war ihm herrlich zu Sinn, wenn sie alle
+schweigend in einer fast leidenschaftlichen Gangart dahineilten und der
+Wind schüttelte die Baumkronen und die Krähen schwirrten vor ihnen auf.
+Er brachte etwas Stürmisches und Atemloses in diese Wanderzüge, nicht so
+sehr durch die Begierde nach immer neuen Eroberungen als durch die
+unbeschreibliche Unruhe und das Drängende, Gärende, Wollende seines
+ganzen Wesens. Am liebsten hätte er nirgends Rast gemacht, nur immer
+ziehen, ziehen, ziehen, die Welt war so groß, der Himmel so weit.
+
+An Tagen, wo es unmöglich war, die Stadt oder gar das Haus zu verlassen,
+schloß er sich in die Kammer ein, rannte stundenlang auf und ab und sang
+dazu, indem er sich von einem unsichtbaren Orchester begleitet wähnte.
+Dann war sein Schlaf schwer und oft unterbrochen, auch war ihm das
+Zubettgehen mehr als je verhaßt und er meinte durch den Schlummer eine
+Einbuße an Leben zu erleiden. Es geschah immer häufiger, daß er sich zur
+vorgerückten Abendzeit heimlich aus dem Hause stahl, und er wußte die
+Magd zu bereden, daß sie ihn heimlich wieder einließ. Am Pegnitzufer,
+dicht neben der Mauer des protestantischen Kirchhofs, stand ein altes
+und wegen einer Senkung des feuchten Erdreichs unlängst verlassenes
+Haus. Der Besitzer wollte es nicht abtragen lassen, da der Grund
+ziemlich wertlos war; so hatte man an den Seitenmauern einstweilen
+Stützbalken angebracht, und um die Wände im Innern vor weiterer Fäulnis
+zu bewahren, standen Trockenöfen in den Räumen und die rote Glut
+strahlte aus den Fenstern weit in die Nacht. Das Tor war verriegelt,
+doch Engelhart stieg durch eines der erdgeschössigen Fenster ein,
+kauerte sich in einen Winkel und gab sich dem Abenteuerlichen und
+Gesuchten seiner Lage mit erwartungsvollem Trotze hin. Es war ihm recht,
+wenn es in den Dielen über ihm geisterhaft knackte oder im Keller die
+Ratten rumorten. Die Nähe des Kirchhofs war es besonders, die ihn
+ergriff; durch ein seitliches Fenster konnte er die Trauerweiden und
+Grabsteinkreuze ungeachtet der Dunkelheit gewahren. Es steckt ein
+doppelgängerisches Wesen in der menschlichen Brust; sein Revier ist der
+Traum, es macht das Unbegreifliche zum Bild, den Willen bindet es und
+wie die Spinne das Insekt, umklammert es die Seele und entsaugt ihm die
+Kräfte einer behaglichen Freiheit. Bei manchem durchbricht es seinen
+Bezirk, bemächtigt sich auch des wachen Geistes, prägt die Marke der
+Hörigkeit selbst auf die jugendliche Stirn, will vernommen sein, und
+wenn es nicht gegenwärtig ist, will es beständig erharrt werden, es
+macht den Stetigen flüchtig und den freundlichen Charakter einsam, mit
+holden Versprechungen umgaukelt es das Herz, mischt das Gift der
+Ungeduld in jede freudig ruhende Stunde und trägt das Bewußtsein des
+Lebens mit bedächtiger Grausamkeit frühzeitig auf die Wege des Todes,
+läßt um das Ende wissen, wenn noch nicht einmal die erste Frucht des
+Daseins reif geworden ist.
+
+Drei- oder viermal mochte Engelhart unbehelligt in dem leeren Hause
+geweilt haben, da sah er einst, während er sich erhob und zum Fenster
+schritt, ein verzerrt-grinsendes Gesicht von draußen hereinblicken. Er
+erschrak, und erst als das Gesicht verschwunden war, erkannte er seinen
+alten Feind, den rothaarigen Rindsblatt. Seit er ihm vor Jahren den
+übeln Streich gespielt, hatte er nicht ein Wort mit ihm gewechselt.
+Engelhart begriff, daß ihm der Bursche aufgelauert haben müsse,
+vielleicht war er selbst auf der Straße an ihm vorbeigegangen, ohne ihn
+zu sehen. Er verbarg sich wieder, wartete geraume Weile, dann öffnete er
+vorsichtig das Fenster, schaute hinaus und da er nichts Verdächtiges
+wahrnahm, verließ er seinen Zufluchtsort. Kaum war er draußen, so kam
+von der Uferböschung eine Gestalt auf ihn zu, die den Arm drohend erhob.
+Es war Rindsblatt. Engelhart begann zu laufen, der andre lief
+hinterdrein. Engelhart lief hinunter gegen den Markt, das Wasser der
+Pfützen spritzte unter seinen Stiefeln auf, sein Gewand war mit Kot
+bedeckt, die Schritte hallten von den Häusermauern zurück, das
+anfängliche Lustgefühl der raschen Bewegung verwandelte sich in Angst,
+die Angst wuchs und versperrte seine Kehle, er lief blindlings, ohne zu
+wissen wohin, der andre ihm nach, endlich kamen sie in die abschüssigen
+Straßen der Altstadt, Wasser und Wassergeplätscher machten ein Ende,
+dort unten war alles überschwemmt, weit über den Schießanger und das
+neue Schlachthaus hinaus, und wo sie standen, bespülte die Flut schon
+die Torstufen der Häuser. Mondschein lag auf dem weiten Spiegel des
+Sees, drüben beim Wehr sprühte silbern die Gischt. Engelhart stierte
+hinab, keuchend vom Lauf, Rindsblatts Gesicht war schweflig fahl und er
+sagte durch die verpreßten Zähne: »Ich will dich jetzt ins Wasser werfen
+und ersäufen. Dann sind wir quitt.« Engelhart keuchte verächtlich: »Ein
+schlechter Kerl, wer seine Rache so lang aufhebt.« Mit grünlich
+glitzernden Augen schnellte Rindsblatt auf ihn zu, da kam aus einer
+Seitengasse ein ungeheurer schwarzer Fleischerhund, stellte sich
+bösartig knurrend zwischen die beiden Knaben und fixierte einen um den
+andern mit offenem Maul und hängender Zunge. Sie wagten nicht, sich zu
+rühren, und als das Tier durch einen schrillen Pfiff zurückgerufen
+wurde, schien sich Rindsblatt eines andern besonnen zu haben, er machte
+kehrt und seine plump schreitende Gestalt entfernte sich langsam gegen
+den Lilienplatz.
+
+Am nächsten Tag wurde Engelhart zum Rektor berufen, Rindsblatt hatte die
+nächtlichen Ausflüge und das Einsteigen in das fremde Haus denunziert.
+Engelharts Benehmen war das eines Schuldigen; feierliche Verhöre
+zerbrachen bei ihm jeden Widerstand und jedes Selbstgefühl, seine äußere
+Haltung wurde durchaus von der Haltung der andern hervorgebracht. Da der
+Rektor nichts Wesentliches herausbringen konnte und da das, was
+Engelhart berichtete, ziemlich verhalten und konfus klang, glaubte er an
+einen verstockten Heuchler geraten zu sein. Auch der Ordinarius hegte
+den Verdacht, daß hier eine geheime Verbindung oder Verschwörung im Werk
+war, doch keine der üblichen Pressionen und moralischen Folterungen
+führte zu einem Aufschluß, der unbekannten Übeltat war nicht
+beizukommen, und so wurde Engelhart schließlich zu mehrstündiger
+Einsperrung verurteilt und sein Vater erhielt über das Vorgefallene
+ausführlichen Bericht. Alles nahm einen amtlich-wichtigtuerischen Weg,
+jeder, der ein bißchen Macht hatte, spielte auf seine Weise Polizei, auf
+Subordination war jeder Geist gedrillt und keinen kam ein menschliches
+Lächeln an. Auch Herr Ratgeber faßte das Geschehnis völlig als
+Staatshandlung auf und verbarg nicht seinen Kummer und seine
+Enttäuschung um den Sohn. Engelhart mußte sich zu Hause abermals einer
+Reihe von Verhören unterwerfen, und Frau Ratgeber strafte ihn, wie sie
+eben zu strafen pflegte, durch Demütigungen berechnetster Art und
+dadurch, daß sie ihm verschiedentlich die Mahlzeiten vorenthielt.
+
+In dieser Zeit wuchs für Engelhart nicht viel Trost. Er ging mit
+gesenktem Kopf herum, auch sein inneres Schauen war verschleiert. Oft
+beobachtete er Männer auf der Straße mit dem furchtbaren Hintergedanken,
+welcher von diesen wildfremden Leuten ihm wohl besser hätte Vater sein
+können als der eigne Vater. Bisweilen ruhte er am Tisch zu Hause von den
+anstrengenden und sinnlos weitläufigen Schularbeiten aus und blickte an
+der Lampe vorbei in das auf die Zeitung herabgebeugte Gesicht seines
+Vaters. Er faßte die Möglichkeit ins Auge, mit ihm zu sprechen, etwa wie
+mit einem Freund, und schon der Gedanke hatte etwas Absurdes. In allen
+Büchern war die Rede von dem heiligen Band zwischen Vater und Kind, er
+spürte es nicht, er spürte nur das Joch unliebsamer Strenge und
+schablonenhafter Zucht. Die Worte, die sie hie und da wechselten, waren
+aus der kargen Enge des praktischen Bedarfs geboren, hatten niemals
+einen geistigen Hauch, vom Scherz nicht zu reden. Er wußte sich's nicht
+zu gestehen und fühlte doch, daß ein solches Beieinanderleben, selbst
+wenn es dem natürlichsten Gesetz der Dinge entstammte, etwas Unwahres,
+ja Frevelhaftes hatte, und er glaubte außerdem dessen gewiß zu sein, daß
+er dem Vater zur Last war und daß das unaufhörliche Hindrängen gegen die
+Zukunft nichts weiter vorstelle als die Ungeduld, sich seiner zu
+entledigen. Er sah, wie rücksichtsvoll sich der Vater gegen seine zweite
+Frau benahm und wie er alles geschehen ließ, was sie gegen ihn und den
+Bruder unternahm, und wie er geflissentlich schwieg oder nur schüchtern
+zu widerstreben wagte, wenn ein offenbares Unrecht ihm zu Ohren kam;
+Engelhart hörte auf zu hadern, er wähnte, irgendeine bindende
+Verpflichtung des Vaters läge dem zugrunde, der Vater müsse sich
+irgendwie an dieser Frau vergangen haben, sei in Schuld und Sühne
+verstrickt und finde nicht mehr zu sich selbst. Unter solchen Erwägungen
+wurde ihm Frau Ratgeber zu einer hassenswerten Gestalt und den Vater gab
+er für sein Herz, einer unerbittlichen Logik gehorchend, verloren.
+
+Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo auf einem mäßig großen Regal
+die Bücher des Vaters aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner
+Lieblingsgewohnheit unter den alten Scharteken, die sämtlich aus Herrn
+Ratgebers Jugend und Jünglingsalter waren. Beim Aufschlagen eines
+grauen, mehr von der Zeit als vom Lesen zerstörten Bandes, einer
+Abhandlung über das Prinzip der Elektrizität, gewahrte er auf dem
+Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines Vaters. Die Verse waren
+überschrieben: An Agathe Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit
+aufgestützten Armen, vor sich hin:
+
+ Ist es bestimmt in Gottes Walten,
+ Daß ich Agathe soll erhalten,
+ Die mir des Lebens Inhalt gibt,
+ Dann will ich keine Mühe scheuen,
+ Mich selbst durch Tugend zu erneuen,
+ Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt.
+
+ Ach, dieses holde Blühn auf Erden!
+ So schön war noch kein Lenzeswerden
+ Meiner Dunkelheit gewohnten Brust.
+ Doch süßer, als wenn Zephyr fächelt,
+ Ist's, wenn Agathes Auge lächelt,
+ Davor wird jeder Schmerz zur Lust.
+
+Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es zu wagen, sich einer
+sanften Regung völlig zu ergeben. Die gelesenen Worte veränderten
+unerwartet das Bild des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein
+Geschöpf, das er für stumm gehalten, plötzlich zu reden begonnen hätte.
+Ob wohl die Mutter um dies Gedicht gewußt? Wenn nicht, so mußte sie
+zeitlebens über die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben sein,
+denn daß der Vater je mit ihr davon gesprochen haben könne, schien ihm
+undenkbar. Jedenfalls verbarg er seine Entdeckung sorgfältig und ließ
+sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater so
+gedankenverloren an, daß dieser, unangenehm berührt, sich das freche
+Anstarren, wie er es nannte, verbat.
+
+Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen. Sein Unglück erfüllte sich
+nicht auf einen Schlag, es nippte langsam, Schluck für Schluck von den
+Kräften seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings brach
+während einer Mittagsstunde ein Brand in der Fabrik aus. Herr Ratgeber
+saß gerade beim Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst, da
+gellte von drunten der durchdringende Schrei: Feuer! Mit den Worten: »um
+Gottes Himmels willen« sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter.
+Weißer, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des Erdgeschosses, das
+Holz und die Sägespäne waren eine gar zu leichte Beute für die Flammen.
+Nach wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die großen Leiter- und
+Spritzenwagen konnten nicht durch den Toreingang des Vorderhauses
+fahren, die Leitern mußten abgeladen und die Schläuche bis auf die
+Straße gelegt werden, wodurch eine verhängnisvolle Verzögerung entstand.
+Herr Ratgeber war indessen von seinem Bureau aus in das Innere der
+brennenden Werkstätten gedrungen; später wurde er gefragt, warum er dies
+getan, da er doch als einzelner auf keinen Fall etwas hätte ausrichten
+können; er wußte nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb
+gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er dermaßen in Qualm gehüllt,
+daß er weder vor- noch rückwärts konnte, die Sinne schwanden ihm und er
+fiel um. Zum Glück durchbrachen die Feuerwehrmänner in demselben
+Augenblick eine hier befindliche, mit Brettern verschlagene Tür, sie
+sahen Herrn Ratgeber liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart schaute
+vom Fenster oben zu; er rührte sich nicht, Frau Ratgeber weinte und
+schrie, räumte die Schränke aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er
+stand am Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgebäudes war
+eine Gipsgießerei; auf den Simsen lagen gewöhnlich allerlei Masken und
+Reliefs, und Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst sich
+entringenden Spannung, wie die Figuren vom Rauch geschwärzt wurden und
+die Gesichter der Masken sich langsam verzerrten.
+
+Die Folge des Brandes war, daß die Polizei den ferneren Betrieb der
+Fabrik nicht mehr gestattete, da die Lage des zwischen Hinterhäusern
+eingezwängten Traktes als zu gefährlich befunden wurde. Herr Ratgeber
+mußte so schnell als möglich eine andre Lokalität haben, auch sann er
+auf Vergrößerung der ganzen Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn
+keineswegs dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine Pläne
+begegneten dem Mißtrauen der Geldleute, und wie um ihn zu demütigen,
+wies man darauf hin, daß sein Bruder, seitdem er allein das Geschäft in
+Händen habe, trefflich gedeihe. »Gewiß,« entgegnete Herr Ratgeber, »ich
+bin eben kein Krämertalent, ich bin Fabrikant.« Schließlich gewann er
+durch seine geduldige und überzeugende Beredsamkeit doch noch einen
+Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde, er mietete ein
+leerstehendes Haus am äußersten Rande der Schwabacher Landstraße, unweit
+davon stand, gleichfalls in großer Einsamkeit und Stadtferne, ein
+neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit seiner Familie
+bezog. Nach der Rückseite breiteten sich die Wiesen aus, und ein mageres
+Waldstück schloß den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter, lag
+das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die sich bis gegen
+Kadolzburg und Erlangen dehnten. Das auf der Höhe der Chaussee gelegene
+Gebäude war den herbstlichen Stürmen von allen Seiten schutzlos
+preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall bis in seine
+Grundmauern; wenn die Sonne unterging, waren die Wände und
+Fensterscheiben wie mit Blut bestrichen, alle Gegenstände im Zimmer
+glühten von innen heraus und im Spiegel über dem Sofa malte sich noch
+einmal das flammende Himmelsmeer über der auf ihre stärksten und
+einfachsten Linien zurückgeführten Landschaft. Die Verlassenheit hier
+draußen wirkte nicht wohltätig auf Engelhart; Besuche kamen höchst
+selten, auch für die Kameraden wohnte er zu weit, und innerhalb der
+Familie war doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des andern
+Verfehlungen und Sünden auf, nur Furcht vereinte sie hie und da einmal,
+zum Beispiel als in einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender
+Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit der darauffolgenden
+Nächte allen zehnfach fühlbar wurde. So wühlte sich Engelhart immer mehr
+in gefährliches Abgeschlossensein, dunkler färbten sich seine Träume,
+von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was alle Menschen rings um ihn herum
+an ihr Dasein knüpfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, nämlich ein
+schwaches, ein süßes und ein diabolisches. Das erste fügte sich jedem
+Druck des Windes und der Trauer jedes Augenblicks, fügte sich und
+unterlag, es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und machte ihn zum
+Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten; das zweite verlieh ihm tiefen
+Atem, tiefes Weilen bei sich selbst und die Liebe für die kleinen Dinge,
+an denen andre gleichgültig vorübergehen, es schuf Dämmerung um seine
+Augen und breitete eine gewisse Andacht über seine zügellosen
+Phantasien; das dritte war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es
+erzeugte aus jeder Bewegung des Gemüts einen leidenschaftlichen Rausch,
+erweckte Ansprüche an das Leben, die sich niemals erfüllen konnten,
+vertauschte im Nu Freude und Angst, Ungeduld und Apathie,
+Überheblichkeit und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In einem alten
+Buche las er einmal Worte, die ihm lange Zeit rätselhaft erschienen und
+später plötzlich eine furchtbare Bedeutung enthüllten: Da stehst du am
+Abgrund des Bösen, armseliger Mensch, und scheuest dich,
+hinunterzublicken, aber wenn du auch deinen Pfad abkehrst, so werden
+dich dennoch die Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges Mal
+freiwillig das Ohr geliehen hast.
+
+Er war der Stadt und ihrer Menschen müde, er sehnte sich nach Freiheit
+und nach der Welt; ganze Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte
+die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte Ferne denkend. Aber die
+Zeit erfüllte sich. Als der Sommer kam, der letzte Sommer der
+Knechtschaft, wie er meinte, teilte ihm der Vater mit, daß Michael Herz
+in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu sich ins Geschäft zu
+nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten gekostet, meinte Herr Ratgeber,
+den Mann so weit zu bringen, er selbst habe sich für den guten Willen
+und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam verbürgen müssen;
+Engelhart beruhigte seinen Vater, er versprach alles, was man wollte, er
+dachte gar nicht an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und daß
+er dem Vater wie dem Onkel gegenüber eine ernsthafte Verantwortung auf
+sich nahm, es drängte ihn hinaus, etwas andres überlegte er nicht. Aus
+den Briefen des Oheims spürte er heraus, daß dieser große Hoffnungen auf
+ihn setze, doch daß er nichts so sehr fürchte als enttäuscht zu werden.
+Michael Herz wollte Sicherheit und sichere Gewähr. Er war ein
+kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus dem Nichts zu
+Wohlhabenheit und einer angesehenen Stellung emporgearbeitet und gefiel
+sich in dem Gedanken, daß der Sohn seiner geliebtesten Schwester berufen
+sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen. Aber vielleicht sagte ihm
+eine Ahnung, wie viel Schmerz und Kränkung ihm aus diesem Vorhaben
+erwachsen könne, deshalb konnte er lange Zeit keinen Entschluß fassen.
+Von alldem wandte Engelhart seine Gedanken ab; den guten Willen, den
+spürte er, aber es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der für ein Stück
+Brot alle möglichen Dinge zu leisten verspricht; er weiß, daß sein Sinn
+sich wenden wird, wenn er das Stück Brot gegessen hat, aber daran will
+er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangsprüfung; Engelhart war stets
+ein mittelmäßiger Schüler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um den
+Erfolg, auch sie waren es müde, einen sechzehnjährigen Burschen, der
+Geld verdienen konnte, noch länger auf dem Hals sitzen zu haben, aber
+Engelhart war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er schrieb
+und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und es gelang, das Widerwärtige
+ergab sich, es war irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm,
+man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als sonst und
+durchstrich das Konto seiner Schuld. Es war ein Aufwachen unbekannter
+Kräfte, und hätte sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel
+ihnen wissender, frömmer, forschender hingegeben, so wären sie
+vielleicht in seinem Dienst verblieben und hätten ihm Wege gebahnt.
+
+Als alles glücklich abgelaufen war, wurde seine Ausrüstung notdürftig
+instand gesetzt und Frau Ratgeber entdeckte auf einmal ein besorgliches
+Herz für den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute Zeit. An
+einem Septembertag wanderte Engelhart mit dem Vater nach Altenberg, um
+vom Großvater Abschied zu nehmen. Dort war es auch längst nicht mehr,
+wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da seine zweite Frau gestorben,
+um seiner Einsamkeit abzuhelfen, den Schwiegersohn mit seiner Familie
+von einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen Dorf zu
+sich ins Haus gerufen. Es waren sechs Kinder da, die Frau, Herrn
+Ratgebers Schwester, war unheilbar krank, der Mann war ein Frömmler und
+verstand nicht zu arbeiten, der älteste Sohn war ein Taugenichts, zwei
+Kinder lagen noch in der Wiege, das ganze Wesen verwandelte sich in
+Elend und Sorge. Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zurück und
+betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den sehr verfallenen Mann, er
+saß in einem schmutzigen Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand.
+Engelhart fühlte drückend und fast beschämt seine prahlerische Jugend,
+die mit dem Glanz ihrer herausfordernden Hoffnungen vor diesem Ende
+eines Lebens stand. Nachdem beide lange geschwiegen und einander bloß
+angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade ein kleines
+schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte es dem Enkel. Dieser zögerte, es
+zu nehmen, denn es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt:
+»Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart, eine feine Frau, hat mir
+arg leid getan um die Frau. Dein Vater hat kein Glück mehr, seit sie tot
+ist.«
+
+Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand Engelhart eines Abends mit
+seinem Vater im Regen vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den
+Zug. Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: »Sei ein braver Mensch,
+werde ein braver Mann.« Er ließ sich keine Rührung anmerken, und als
+Engelhart schon im Coupé saß und aus dem erleuchteten Fenster blickte,
+lächelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes, zuckendes Lächeln.
+Dann rollte der Zug davon, Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des
+letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und die Ferne das Licht
+verschlungen hatten, darauf seufzte er, spannte seinen Regenschirm auf
+und ging in tiefem Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte
+Auszüge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr nachts, und als er
+fertig war, sah er, daß es aus war mit seinen stolzen Plänen und
+Hoffnungen. Der Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer
+betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr alles mit. Sie lag stumm
+da, Bitterkeit und Wut verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von
+einem schwarzen Seidenkleid geträumt, ferner von einem Hut mit echten
+Straußfedern. Damit war es nichts; sie knirschte mit den Zähnen, legte
+sich auf die andre Seite und schlief mit bösem Gesicht wieder ein.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel
+
+
+Mit seinem kleinen Köfferchen stand Engelhart vor der hohen Tür im
+weißen, erleuchteten Treppenhaus und suchte ziemlich lange nach dem
+Glockenzug; den elektrischen Knopf übersah er. Schließlich klopfte er
+mit dem Finger zaghaft an, das Stubenmädchen öffnete, sah ihn lächelnd
+stehen und meldete seine Ankunft der Herrschaft. Herr und Frau Herz
+kamen heraus, begrüßten ihn und musterten ebenfalls lächelnd seinen
+Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor unter ihren Blicken die
+vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens.
+
+Der erste Gang durch die Straßen; was er sah, schien ihm begehrenswert,
+alles war Erscheinung. Mit Gier starrte er in die Gesichter fremder
+Menschen, glaubte ihre Gefühle und Wünsche zu erraten; der Lärm der
+Fuhrwerke machte ihn trunken vor Glück, das Glockenläuten von den
+Kirchen versetzte ihn in eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den
+Häusern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der großen Stadt knüpfte er
+stärkere Beziehungen, als zu den beiden Menschen, mit denen er lebte und
+auf die er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte Befremden.
+Nur bei den Mahlzeiten war er verständlich, weil er Portionen vertilgte
+wie ein ausgehungerter Sträfling. Mit dem Zustand seines Gemüts
+beschäftigte man sich nicht, es war nicht üblich; daß er sich glücklich
+fühlen müsse, wurde vorausgesetzt. Herr Ratgeber richtete einen Brief an
+Michael Herz, worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit
+unerbittlicher Strenge zu ahnden. Solche Worte waren nicht im Sinne von
+Michael Herz; leider bemerkte er bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur
+Sache, er schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen,
+wohin das vielartige Treiben ziele, es war nichts Eigentätiges an ihm.
+
+Der Packraum der Fabrik befand sich in einer Art von überdecktem
+Schacht, dort mußten den ganzen Tag die Gasflammen brennen. Eine
+gewundene Holztreppe führte zu den Werkstätten empor. Der Oberpacker
+glossierte den Inhalt eines Theaterstücks, das er gestern gesehen; als
+er fertig war, kramte ein andrer seine Erinnerungen an den
+Ringtheaterbrand aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von
+Schauspielern. Engelhart saß träge auf den Sprossen einer Leiter. Als
+dem Verwandten des Chefs wurden ihm gewisse Rücksichten
+entgegengebracht, und die bezahlten Leute, von denen niemand eine
+wirkliche Pflicht erfüllte, sahen seine Versäumnisse nicht ungern. Sie
+wußten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und blieb ein Fremdling.
+
+Auf der Holztreppe erschien jetzt ein großes schlankes Fabrikmädchen und
+richtete den lauernden Blick auf Engelhart. Er erblaßte. Das Mädchen
+ging absichtlich nahe und langsam an ihm vorüber und ihr Rock streifte
+seine Knie. Er stand auf, schlich in den halbdunkeln Nebenraum und warf
+sich seufzend auf eine schmale Kiste. Plötzlich sah er empor, Michael
+Herz stand vor ihm und schaute ihn mit einem tiefen Blick des Vorwurfs
+schweigend an. Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte
+Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine unüberwindliche Scheu
+vor dem Oheim, er sah in ihm das Ideal eines Mannes und Menschen, auch
+äußerlich; Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren die eines
+Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war kein Geschäftsmann in
+gewöhnlichem Sinn; er arbeitete mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten
+Ernst eines Künstlers. Zu Hause war er aufgeräumt, ja übermütig und am
+glücklichsten dann, wenn er Gäste hatte, die sich bei ihm wohl fühlten.
+
+Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei, wo er mehr unter
+Aufsicht und Arbeitszwang stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim
+zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor einem hohen Pult am
+Fenster. Neben ihm saß Herr Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem
+Pult hatte und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am Abend, wenn
+andre anfingen, sich zu betrinken, war er schon so voll, daß er den Hut
+nicht mehr auf den Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent,
+behandelte Engelhart mit spöttischem Hochmut. Er sagte: »In Franken muß
+es recht merkwürdige Charaktere geben,« wenn Engelhart einen
+Tintenklecks auf einen Brief machte.
+
+»Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben anstatt auf Haben, wie ich
+Ihnen ausdrücklich gesagt habe, Herr Ratgeber,« rief der Buchhalter mit
+schmerzlichem Augenaufschlag. Er war ein würdiger, gelassener Mann, ein
+treuer Diener der Firma. Herr Patkul knurrte bedeutungsvoll; es hieß so
+viel als: mich hätte man längst hinausgeworfen bei solcher Unfähigkeit.
+
+Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten Blätter des Buches
+vor Engelhart. Er erzitterte wie bei einer elektrischen Berührung.
+»Woran denken Sie denn?« fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel; »an
+das selige Franken? Dort scheint man freilich von Soll und Haben wenig
+zu wissen.« Herr Patkul rief Bravo und klatschte in die Hände, der
+Buchhalter ließ ein vorsichtiges Lachen hören.
+
+Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum der letzten Nacht. Die Träume
+waren es, die ihn so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es,
+sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erzählen, sah jedoch, daß
+von ihrem Duft und Grauen nichts an den Worten haften blieb. Die
+Tintenluft lastete bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er
+addieren sollte, glichen einem Haufen dünnfüßiger Käfer, sie krabbelten
+davon, während er sie mit der Bleistiftspitze verfolgte; unmöglich, die
+bewegliche, dünnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann klang ein
+Leierkasten von einem nachbarlichen Hof herüber und sein Herz krampfte
+sich zusammen vor Sehnsucht nach der Freiheit.
+
+»Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage nicht dies Dasein,«
+schrieb er abends, als die Verwandten im Theater waren, an den Studenten
+Benedikt Knoll in München. Vor ihm auf dem Tisch stand die gefüllte
+Teekanne, und das heiße Getränk erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb
+und schrieb, zwölf, fünfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte die
+Überschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich. Nach langer Pause war
+der Briefwechsel von beiden wieder aufgenommen worden; Knoll übernahm
+die Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen über Engelhart
+hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart merkte es kaum. Die Person
+Benedikts war ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an ihn
+schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen.
+
+Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins Zimmer. »Ich habe dir doch
+verboten, bis in die Nacht hinein zu schreiben,« rief sie aus. Ihr
+Gesicht war weiß vor Ärger. Sie drehte ihm das Licht vor der Nase ab.
+Sie haßte ihn, seit sie wußte, daß ihr Mann sich des Knaben wegen sorgte
+und kümmerte. Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts
+Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung und Widerwillen
+getränkt. Seine Neigung, von Dingen außerhalb des praktischen Lebens zu
+reden, fertigte sie mit höhnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende,
+heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie die meisten kinderlosen
+Frauen des Gleichgewichts. Sie liebte abgöttisch ihren Gatten, war
+zugleich seine Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war sie
+verdrießlich und zerquält und wußte kein Mittel, der Langeweile zu
+entgehen, die sie folterte.
+
+Zwei bis drei Stunden lag Engelhart wach im Bett und seine Sinne waren
+so erregt, daß ihm die Finsternis als ein purpurner Rauch erschien, der
+sich zu Gestalten ballte.
+
+Am Sonntag zeigte ihm Emil Oesterle die Stadt, sie gingen im Prater
+spazieren, und wenn sie nach Hause kamen, tranken sie Tee und spielten
+Schach. Oesterle war ein sanfter Bursche, aber es mißfiel Engelhart, daß
+er vor Michael Herz ein kriechendes Benehmen zur Schau trug. Er sollte
+Engelharts Interesse an kaufmännischen Gegenständen wecken und
+französische Konversation mit ihm treiben, doch Engelhart sah ihn dann
+so spöttisch an, daß er verstummte. Sie waren schon ziemlich vertraut
+und duzten einander; an einem Feiertag nach Tisch holte Engelhart den
+Gefährten von seiner Wohnung ab. Beiläufig fragte Oesterle, ob Engelhart
+des Morgens im Bureau gearbeitet habe, und dieser bejahte. Am folgenden
+Tag erfuhr Oesterle jedoch, daß Engelhart keineswegs in der Fabrik
+gewesen sei, sondern sich in den Straßen herumgetrieben habe; blaß und
+aufgeregt kam er und stellte Engelhart, der nun als Lügner dastand, zur
+Rede. Warum er nicht die Wahrheit gesagt, er wußte es kaum, ein Nein,
+ein Ja, es entflog oft den Lippen, ehe er nur dachte, und manchmal
+wünschte er geradezu zu lügen. Oesterle gab seinen Abscheu gegen die
+Lüge mit Entrüstung kund und sagte: »Wenn du mich noch ein einziges Mal
+belügst, Engelhart, werde ich aufhören, dein Freund zu sein.«
+
+Tückische Fäden spinnt das Schicksal; wenige Jahre später endete
+Oesterle im Zuchthaus, weil er in dem Geschäft, wo er angestellt war,
+große Geldunterschlagungen begangen hatte.
+
+Als der Winter um war, wurde es klar, daß es auf diese Weise mit
+Engelhart nicht weiterging. Er hielt es keine Stunde hintereinander in
+dem Schreibzimmer aus. Wenn Michael Herz hereinkam, fragte er mit leiser
+Stimme, wo sein Neffe sei; der Buchhalter zuckte die Achseln, Herr
+Hallwachs lächelte vielsagend, Herr Patkul knurrte. Eines Tages fühlte
+sich der Buchhalter verpflichtet, seinem Chef die volle Wahrheit über
+den jungen Ratgeber zu sagen.
+
+Um zwölf Uhr ging Engelhart mit Onkel Michael zusammen nach Hause. Es
+herrschte ein beklommenes Schweigen zwischen ihnen. Auch bei Tische
+schwieg Michael Herz; Frau Esmee bemerkte, daß er einen starken Kummer
+in sich hineindränge. Plötzlich schien es, als ob eine Gebärde, ein
+Blick Engelharts seinen offenen Zorn furchtbar entfesselte. Er
+schleuderte Messer und Gabel von sich, sein Gesicht wurde dunkelrot und
+er stieß maßlose Drohungen und Vorwürfe gegen Engelhart aus, der wie
+gelähmt dasaß. Frau Esmee umhalste den erregten Mann und suchte ihm Ruhe
+und Fassung zurückzuschmeicheln, zugleich winkte sie Engelhart
+gebieterisch zu, er solle das Zimmer verlassen.
+
+Er suchte Emil Oesterle auf, um das Vorgefallene mit ihm zu besprechen.
+Aber der furchtsame Mensch hütete sich, etwas zu sagen, was Michael Herz
+hätte mißbilligen können. Den größten Teil des Nachmittags verwandte
+Engelhart dazu, um einen dringlichen Brief an Benedikt Knoll zu
+schreiben. Es war sein verderblicher Wahn, stets von den andern Menschen
+Billigung, Verständnis, Hilfe zu erwarten.
+
+Er spürte irgendeine unfaßbare Kraft in sich, sein Blut wirbelte in den
+Adern, Beglücktheit und tiefste Trauer wechselten von einer Minute zur
+andern. Lauer Frühlingswind strich durch den Park, in dem er ging,
+durch die hohen Fenster des Konzertsaals fiel das Licht auf die
+schwarzen Bäume. Es war, als würde der Walzer drinnen von Geistern
+gespielt, die Menschheit lag im Todesschlaf, er allein war der Lebende,
+für ihn allein war die Welt entstanden.
+
+Benedikt Knoll schrieb: »Wenn Du ernsten Willen hast und Notabene Geld,
+so komm. Ich werde Dich bald so weit haben, daß Du Vorlesungen besuchen
+kannst. Es sind nicht lauter erleuchtete Geister, die sich am Busen der
+Alma mater mästen. Schließlich vermag Minerva ihre Mannen so gut zu
+ernähren wie Merkur die seinen.«
+
+»Nun, was willst du eigentlich? was schwebt dir vor?« fragte Michael
+Herz. »Bist du zur Besinnung gekommen?« -- Zögernd offenbarte Engelhart
+seinen glühenden Wunsch zu studieren. Michael Herz schwieg. Seine
+geröteten, hochgewölbten Lider senkten sich über die unruhig irrenden
+Augen. »Gut, studiere,« entgegnete er endlich schroff. »Ich gebe keinen
+Kreuzer dafür her. Wer so wie du sein Glück mit Füßen tritt, ist nicht
+mehr wert, als zu verhungern. Das merke dir: und wenn ich dich an einer
+Straßenecke liegen sehe und du schnappst nach Brot, ich höre nichts, ich
+kenne dich nicht.« -- »Du hast mich gefragt, was ich will, ich habe
+ehrlich geantwortet, Onkel,« sagte Engelhart. »Natürlich, ich bin arm
+und kann ohne deine Zustimmung nichts tun.« Frau Esmee kam dazu, und die
+ungemessene Verachtung, die sie Engelhart bezeugte, machte ihn völlig
+verstockt. Jedes unbefangene Wort auf eine bestimmte Dankesschuld hin
+beurteilt zu sehen, das erbittert.
+
+Michael Herz sprach mit seinen Freunden über den Fall. Sie sagten
+zumeist das, was er oder vielmehr was Frau Esmee hören wollte. Nur ein
+einziger, auf dessen Klugheit und Weltkenntnis er große Stücke hielt --
+es war der Hausarzt --, machte sich anheischig, mit Engelhart zu reden,
+und stellte ihm das Unbillige, ja Vernunftlose seines Verhaltens vor.
+Engelhart horchte auf. Das war der erste Mann, der menschlich mit ihm
+redete und nicht wie von einem Turm herunter allgemein tönende Worte von
+sich gab. »Ich kann nicht,« war alles, was Engelhart zu antworten
+vermochte, doch hatte seine Stimme einen flehentlichen Klang.
+
+Am ersten Mai fuhr das Ehepaar Herz für einige Tage aufs Land.
+Engelhart blickte von seinem Zimmer aus in den Hof auf die fensterlose
+Rückenmauer des Nachbarhauses. Auf einem vorspringenden Steinabsatz saß
+ein Sperling. »Bleibt er sitzen, bis ich zwanzig zähle, so tue ich's
+noch heute,« sagte Engelhart. Mit vorgenommener Langsamkeit fing er an
+zu zählen. Sein Herz klopfte bang. Als er bei zwölf war, legte der Vogel
+das Köpfchen schräg ins Gefieder und schaute in die Richtung, wo
+Engelhart stand. Er konnte bis dreiundzwanzig zählen, da flog das
+Tierchen auf und zwitscherte ins Sonnenlicht hinein.
+
+Engelhart überrechnete seine Barschaft; er hatte sich ungefähr fünfzig
+Gulden erspart und meinte, es sei viel Geld. Dann ging er ins Museum,
+sah aber keine Bilder an, sondern setzte sich in eine Ecke und
+beobachtete lange Zeit das Spiel eines Sonnenstrahls, der sich um eine
+Marmorsäule wand. Eine schöne Frau, in dunkeln Sammet gekleidet, schritt
+vorüber, ohne ihn zu sehen. Sie trug zwei gelbe Rosen in der Hand, und
+er hörte sie mit gedankenvoll lächelndem Mund etwas flüstern.
+
+Nachmittags packte er seinen Koffer, die Dienstboten kümmerten sich
+nicht um ihn. Als es dunkel wurde, verließ er das Haus. Es war ein
+göttlich milder Abend; der Mond lag zwischen scharfgeschnittenen Wolken
+wie in einer dunkelblauen Schüssel. Jetzt war es ihm doch gar eigen ums
+Herz, weder traurig noch lustig, sondern weh und verantwortungsvoll. Auf
+dem Bahnhof kaufte er ein Billett nach München. Er mußte über eine
+Stunde bis zur Abfahrt warten, dann wurde er in einem unabgeteilten
+Wagen mit mehr als dreißig Personen zusammengepfercht. Nach den ersten
+Stationen wurde es erträglicher, aber die Luft war schlecht und die
+Beleuchtung trübe. Engelhart drückte die Stirn an die Fensterscheibe
+und schaute in die mondbeschienene Wald- und Hügellandschaft.
+
+Ihm gegenüber saß eine Bauernmagd; sie hatte ein rotes Tuch über die
+Holzlehne gebreitet, darauf hatte sie den Kopf gelegt und schlief. Ein
+sonderbarer Kitzel trieb ihn, an dem Tuch zu zupfen; die Nachbarn sahen
+zu und lachten. Der Beifall ermunterte ihn und er wiederholte es, jetzt
+rutschte das Haupt der Schläferin ein Stück herunter. Die Zuschauer
+waren höchst belustigt, die ganze Gesellschaft wurde munter, und als die
+Bäuerin schließlich ein unwilliges Gebrumm hören ließ, brachen alle in
+dröhnendes Gelächter aus. Engelhart nahm einen Zigarettenstummel und
+steckte ihn der immer noch Schlummernden in den Mund. Die Leute fühlten
+sich wie im Theater, ein altes Weib bekam vor Lachen einen Hustenanfall.
+Die Schläferin schlug die Augen auf, ihr verschämtes und bestürztes
+Gesicht vermehrte den Jubel. Engelhart ließ es damit nicht genug sein,
+es kam wie eine Wut der Tollheit über ihn, er bellte, krähte, wieherte,
+nannte einen dicken, triefäugigen Menschen beständig »Herr Professor«,
+stieg auf die Bank und hielt eine unsinnige Ansprache, dabei empfand er
+im Innern ein finsteres Staunen über sich. Der Raum war von Tabaksqualm
+erfüllt, die lachenden Gesichter verzerrten sich vor seinen Augen zu
+unheimlichen Gebilden. Am andern Ende des Wagens saß ein Prälat; dieser
+wandte sich an die Zunächstsitzenden und sagte: »Der junge Mensch kommt
+mir verdächtig vor.« Darauf erhob sich ein andrer, offenbar ein
+Handlungsreisender, und rief Engelhart zu: »Sie, sagen Sie mal, sind Sie
+vielleicht Ihrem Herrn Vater mit dem Geld davongelaufen?« Engelhart
+stutzte, dann erwiderte er mit gespielter Verachtung: »Mein Vater hat
+gar kein Geld.« Da sah Engelhart ein strenges Augenpaar auf sich
+gerichtet. Es war ein blasser, einfach gekleideter Mann mit einer Narbe
+auf der Stirn. Streng und drohend war der auf ihn geheftete Blick.
+Allmählich wich das berauschte Wesen einer tiefen Niedergeschlagenheit.
+'Warum starrt er mich so düster an?' grübelte Engelhart. Er wünschte mit
+dem Fremden zu sprechen; es lag ihm daran, jenem mitzuteilen, daß er
+nichts Böses im Schilde führe, daß es überflüssig sei, ihm unfreundlich
+entgegenzutreten, und daß er Menschen suche, von denen er geliebt sein
+wollte. Aber es gab keinen Weg von ihm zu dem Fremden, obwohl sie nur
+drei Schritte voneinander entfernt waren, es gab kein Mittel, den
+Unversöhnlichen milder zu stimmen.
+
+Als der Zug sich der Grenze näherte, wurde es Tag. Zur Rechten lagen die
+rosig umhauchten Gipfel der Berge in der gläsernen Frühluft. Eine dumpfe
+Stimme rief: »Engelhart! Engelhart!« War es nicht der Mann mit der
+Narbe? Nein, jener war fort, der Platz, auf dem er gesessen, war leer. --
+
+»Wieviel Geld hast du mitgebracht?« fragte Benedikt Knoll. Engelhart
+nannte die Summe, die er noch besaß. »Und für wie lange soll das
+reichen?« fragte Knoll weiter. Darauf wußte Engelhart keine Antwort.
+Knoll war erschrocken. »Kommst du denn ohne die Einwilligung deines
+Onkels?« fragte er und erfuhr, daß Engelhart als Flüchtling kam. Nun
+hatte der kleine Student nicht mehr das geringste Wohlgefallen an der
+Ankunft des Freundes. Indessen schmiedeten sie noch am selben Tag einen
+diplomatischen Brief an Michael Herz. Knoll teilte dem von ihm verehrten
+Manne mit, wie die Dinge standen und daß er sich für die anständige
+Führung Engelharts verbürge. Wenn er wirklich das Zeug zu einem Manne
+der Wissenschaft habe, dürfe man ihn doch nicht untergehen lassen; Herr
+Herz möge Gnade walten lassen und den Hilflosen vor Not schützen. Als
+Antwort kam nach acht Tagen nichts weiter als eine geschäftliche Notiz
+der Firma, wonach Engelhart bis auf weiteres an jedem Monatsersten
+fünfzig Mark ausgezahlt erhalten sollte. Benedikt Knoll rang die Hände.
+»Fünfzig Mark!« rief er aus, »da mußt du von jedem Fünfzehnten ab einen
+vierzehntägigen Schlaf tun.« Das Zimmer, das er für Engelhart gemietet,
+kostete allein den dritten Teil dieser Summe. Aber wenn Engelhart
+fünfzig Mark in der Hand hatte, hielt er es für unmöglich, daß so viel
+Geld jemals ganz ausgegeben werden könne. Erst wenn die letzten Groschen
+in der Tasche klimperten, wurde ihm unbehaglich zumute.
+
+Knoll spürte wenig Lust, den Lehrer zu machen, und Engelhart noch
+weniger, Schüler zu sein. Er hatte genug gelernt, nun wollte er sehen,
+atmen, leben. Trotzdem verbrachten sie einen Tag damit, auf dem
+Büchermarkt eine lateinische und eine griechische Grammatik
+einzuhandeln. Es geschah der Form wegen. Dann kamen auch Stunden, wo
+Engelhart sich aufraffte und seinem Gedächtnis eine Reihe von Vokabeln
+einprägte, die er am nächsten Tag wieder vergaß. Es ist aussichtslos,
+dachte Benedikt Knoll und sann darauf, wie er sich der lästigen
+Verantwortung entledigen könne. Inzwischen lebten sie als gute
+Kameraden, und da Engelhart an einem unstillbaren Hunger nach Menschen
+litt, machte ihn Knoll mit seinen Kommilitonen bekannt. Engelhart kam
+jedem einzelnen mit kindlichem Vertrauen entgegen, aber er setzte sie
+damit in Verlegenheit; sie wunderten sich über ihn, was er sagte,
+erschien sonderbar einfältig oder unverständlich. Knoll hingegen war
+beliebt, und wenn er Engelhart zur Zielscheibe seines Witzes machte,
+sahen sie auch diesen mit günstigeren Augen an, weil sie über ihn lachen
+konnten.
+
+Sie standen fest auf ihren Füßen, die Studenten und Studentlein. Jeder
+verübte mit dem, was er besaß, und war es noch so wenig, greulich viel
+Lärm und Geklapper, so daß seiner Armseligkeit nicht beizukommen war.
+Ungeachtet aller Liederbuchphrasen von deutschem Männerstolz und echtem
+Germanentum waren sie die Knechte eines jämmerlichen Formelwesens, und
+der ganze Freiheitsdrang hatte ausgetobt, wenn sie eine Straßenlaterne
+zerschlagen und einen Nachtwächter beschimpft hatten. Sie waren
+überzeugt, als Schirmherren für die idealen Güter der Nation bestellt zu
+sein, doch im Grunde betrachteten sie all das wissenschaftliche oder
+patriotische Getue als ein Geschäft wie jedes andre. Kräfte der Ahnung,
+Kräfte des Herzens wurden im Bier ersäuft.
+
+Es war ein Juniabend, Knoll und Engelhart spazierten mit fünf andern
+Studenten über die Ludwigstraße, Knolls Intimus, ein gewisser
+Schustermann, führte seinen Hund an der Leine, eine schöne dänische
+Dogge. Plötzlich riß sich das Tier los, verfolgte einen andern Hund, kam
+aber, als sein Herr pfiff, sogleich zurück. Nun war jedoch Schustermann,
+auch sonst ein galliger Bursche, diesmal in boshaft trunkener Laune. Er
+fing an, den Hund aufs grausamste zu schlagen, und schließlich blutete
+das Tier aus mehreren Wunden. Je mehr es mißhandelt wurde, je
+erbärmlicher winselte es um Gnade; Schustermanns Freunde standen lachend
+herum, und einer sagte: »Der Hund ist wie ein Jud.« Engelhart fuhr
+zusammen und erwiderte mit stockender Stimme: »Wenn man die Juden auch
+blutig schlägt, um Gnade pflegen sie nicht zu betteln.« Die Studenten
+fanden den Auftritt peinlich, und der älteste bemerkte naserümpfend:
+»Mir scheint, er bildet sich was darauf ein, daß er ein Jude ist.« Knoll
+war wütend und zischte Engelhart zu: »Nur nicht pathetisch sein, das
+gibt es hier nicht.«
+
+Am andern Tag kam er zu Engelhart ins Zimmer und machte ihm förmliche
+Vorhaltungen. »Was kümmert es die Leute, daß du Jude bist,« eiferte er.
+»Schlimm genug, daß wir es sind, wir haben nicht nötig, viel Aufhebens
+davon zu machen. Wir wollen endlich Ruhe haben und alles vergessen, und
+jene sollen gleichfalls vergessen.«
+
+Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte ihn nicht mehr nach
+ihrer Gesellschaft.
+
+»Wie willst du überhaupt vorwärts kommen mit deiner beispiellosen
+Anmaßung?« fuhr Knoll fort.
+
+»Ich -- anmaßend?« flüsterte Engelhart erstaunt und bestürzt. »Ebensogut
+könntest du sagen, Schustermanns Hund sei gestern abend mutig gewesen.«
+
+Knoll beachtete die Einrede nicht. »Du arbeitest nichts, du hast kein
+Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue, was ich für dich getan habe,«
+sagte er.
+
+Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in die Abendröte. Fern
+zwischen Häusern schwebte noch ein schmales Sonnensegment. Herz der
+Welt, du sollst erglühen, dachte er mit jähem Entzücken -- Worte, die er
+nie früher gehört. Von einem gegenüberliegenden Wirtshaus drangen
+Harfen- und Geigenklänge herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn, sein
+ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer Musik, das Dämmern
+und Weben der Zeit, ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen
+unfaßbarer Akkorde.
+
+»Komm, Benedikt,« sagte er versöhnend, »laß uns eine Partie Schach
+spielen.« Knoll war es zufrieden, und da er gewann, kehrte seine gute
+Laune zurück. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem Brief an Frau
+Wahrmann Engelharts Treiben höchst abfällig. Das machte böses Blut, auch
+Herr Ratgeber, der jetzt in Würzburg wohnte und dort als
+Versicherungsinspektor tätig war, erhielt Nachricht, wie die Sache
+stand. Er schrieb sogleich an Engelhart und beschwor ihn, umzukehren,
+solange es noch Zeit sei. »Willst du denn das geistige Proletariat um
+eine hoffnungslose Existenz vermehren?« schrieb Herr Ratgeber. »Ist es
+denn kein Beruf, der deiner würdig ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du
+denn eigentlich? O, alles Unglück kommt über mich, auch diese
+Erwartungen nun zuschanden, und wie steh' ich vor meinem Schwager Herz
+da! Wenn deine Mutter noch lebte, das würde sie töten. Kann dich nichts
+andres bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an die Leiden und
+Entbehrungen, die dir bevorstehen.«
+
+So von allen Seiten in die Enge getrieben, verlor Engelhart selbst das
+Vertrauen zu dem gegenwärtigen Zustand. Das Schlimmste war, daß er mit
+dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des Monats nicht wußte, wovon
+er leben sollte. Er konnte nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu
+essen pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er träumte sich hinweg über
+die Mißlichkeiten, sein Inneres befand sich in einer beständigen Glut.
+
+Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach Hause, auch die geringe
+Zahl der übrigen Bekannten verließ die Stadt. Engelhart wanderte unter
+den Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende war. Das Gewimmel
+geputzter Menschen stimmte ihn traurig. Vor der kleinen Rotunde
+begegnete ihm eine auffallend schöne Frau, er blieb stehen und sah ihr
+mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den Englischen Garten.
+Bei der Mühle lagen riesige Felsen im Wasser, er kletterte von Stein zu
+Stein und ruhte endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren nicht
+Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein mystisches Weben in seinem
+Innern, das einen Zustand von Dämmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg
+kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat hinein und ließ sich von
+der kühlen Stille wollüstig umschauern.
+
+Es war ihm zumute wie einem Seiltänzer, dem die Balancierstange
+entfallen und der nun die Augen schließt und bebend in die Luft greift,
+um nicht zu stürzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben. Er
+merkte nicht, daß es im Zimmer dunkel wurde. Um neun Uhr pochte die
+Hausfrau und brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich jäh und
+glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit engelhaften Zügen und
+einer sanften Gewalt der Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame,
+die ein Seifen- und Kerzengeschäft führte.
+
+Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat verlassen und weilte bei
+den Eltern in Würzburg, von wo sie ihm einen ihrer kindlichen und
+unbedeutenden Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb
+wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung schlaff waren. War
+es doch ein weibliches Wesen, das ihm von Bluts wegen zugehörte.
+Stundenlang saß er in der Nacht und betrachtete immer wieder das Bildnis
+der Schwester.
+
+Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge, daß Engelhart der
+Müßiggängerei ein Ende mache und einstweilen nach Würzburg reise.
+Engelhart war der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit floß
+fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen, mußte aber seine
+Uhrkette verkaufen, da sonst das Geld zur Fahrt nicht gereicht hätte. Er
+wurde nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet aus.
+Trotzdem schien Herr Ratgeber nie verdrossen, eher bekümmert, und auch
+dies nur, wenn er sich unbeobachtet wußte. Er litt unter seinem neuen
+Beruf, denn es war der jämmerlichste von allen Berufen der Welt und
+zwang den zurückhaltenden Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz
+unverschämt war, durfte kein Mittel verschmäht werden, und wer am
+meisten schwatzen konnte, trug den Sieg davon.
+
+Abel war Lehrling in einem Tuchgeschäft; in der Schule hatte er nicht
+länger bleiben wollen, aber in seiner Stellung tat er auch nicht gut, er
+machte schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft war beschlossen
+worden, ihn nach Amerika zu expedieren; Herr Ratgeber hatte sich an
+einen Jugendfreund gewandt, der drüben reich geworden war. Am zehnten
+September ging das Schiff von Bremen ab, bis dahin mußte Abel
+reisefertig sein.
+
+»Du mußt nach Wien schreiben und Abbitte leisten,« war das erste Wort
+morgens und das letzte abends für Engelhart. Er sträubte sich aus allen
+Kräften, der bloße Gedanke machte ihn sich selber zum Abscheu. Aber die
+Tage sind lang und das Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die
+Demütigungen und Vorwürfe von seiten der Stiefmutter wirkte der stille
+Kummer des Vaters. Herr Ratgeber vermochte dem Sohn gegenüber nicht
+beredt zu werden, wie er sich's vorgenommen hatte. Er nahm in Engelharts
+Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken im Auge, einen Tonfall der Sprache,
+was ihn an die eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein Herz
+milder als sein Urteil. Es war öde um ihn, unwillkürlich suchte er im
+Gefühl zu den Kindern einen Halt.
+
+Es war ein wunderbar verblühender Sommer, ein stetiges Abflammen in den
+Herbst hinein. Engelhart trieb sich in den Weinbergen herum und schaute
+von oben auf die türmereiche Stadt nieder. Im Hause war er gern, wenn
+Gerda zugegen war. Sie war schön zu nennen, zart von Gestalt, blaß von
+Gesicht; ihr schüchternes Auge, ihr sanftes Hinträumen machten einen
+innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen; sie lachte; vom Bruder
+beschenkt zu werden, erschien ihr komisch.
+
+Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte. Engelhart stand auf,
+klopfte an Gerdas Schlafzimmertüre und fragte, ob sie sich fürchte. Sie
+schlief und hörte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das Donnern in
+die Ferne zog. Er dachte darüber nach, ob Gerda einst glücklich sein
+würde. Auf der Straße bemerkte er sie von weitem und blieb in
+unbesieglicher Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und ihre
+Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen tadelnswert
+überschwenglich, und er erinnerte sich mißbilligend an die seltsame
+Gewohnheit, die sie hatte, Kalk von den Wänden zu schaben und zu essen.
+
+Gefährten hatte er hier keinen. Es gab viele Studenten in der Stadt,
+doch er fühlte sich nicht zu ihnen gehörig; es gab auch viele Kaufleute,
+und zu den Kaufleuten gehörte er gleichfalls nicht.
+
+Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz geschrieben und
+abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen und Selbstanklagen. Vor
+der Stadtmauer beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem kein Wasser mehr
+lief. Dorthin eilte Engelhart, wühlte das Gesicht ins Moos, und nachdem
+er eine Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte sich auf
+den Rücken und studierte die Wolken. Oben auf der Mauer war eine
+einsame, von Birken- und Ahornbäumen gebildete Allee. Am Tag vor Abels
+Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der dumpfe Abel hatte
+keinen Begriff von Reise und Ferne, er freute sich nur, der
+unerträglichen Tyrannei der Stiefmutter entrinnen zu können. Widerwillig
+war er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen und Ratschläge
+lästig. Sie setzten sich auf eine Steinbank, und Abel sagte gelangweilt:
+»Du könntest mir wenigstens eine Geschichte erzählen, Engelhart, wie
+früher, weißt du noch?« -- »Schön, ich will dir etwas erzählen,«
+antwortete Engelhart, »die Geschichte vom ewigen Bräutigam.« Er schaute
+eine Weile besinnend in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da fing er
+an:
+
+Es lebte einmal ein ganz gewöhnlicher Hirtenjunge, dessen größtes
+Vergnügen war es, auf der Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je
+nachdem die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, daß sie ihm nicht ins
+Gesicht schien. Wenn man ihn fragte: »Nichts zu tun, Jackele?« so
+antwortete er: »Alles schon getan,« und sie nannten ihn daher Jackele
+Katzenpelz. Einmal wurde Jackele mit den Gänsen auf eine Waldwiese
+geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich auf den Rücken und
+dachte darüber nach, was wohl hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen
+sein möchte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank, erhob er sich und
+wollte die Gänse zusammenrufen. Da sah er einen großen rosigen Flamingo,
+der vom Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die Flügel
+ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die Luft flog. Kaum hatten
+die Gänse den zauberhaften Ruf vernommen, so flatterte eine nach der
+andern hinauf, und sie zogen in langer weißer Linie zuerst um die
+Baumkronen und dann in den abendlichen Äther. Als Jackele ohne die Gänse
+heimkam, fielen die Dorfbewohner über ihn her, prügelten ihn erbärmlich,
+und sein Vater wies ihn von der Tür und sagte, er solle ihm nicht mehr
+vor Augen kommen ohne die Gänseherde. Mitten in der Nacht mußte er aus
+dem Dorf wandern und sann darüber nach, wie er wieder zu den albernen
+Gänsen kommen könnte. Die Frösche hockten aufgeblasen in der Wiese und
+quackten:
+
+ »Jackele, Jackele, wo sind denn deine Gäns'?
+ Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schwänz'.«
+
+Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den Gänsen und wurde
+traurig. Da tauchte ein silberner Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser
+empor, tanzte eine Weile umher und flüsterte endlich:
+
+ »Jackele, nicht weinen,
+ Sternlein soll scheinen,
+ Sturmwind soll wehn,
+ Mußt durch die sieben finstern Länder gehn.«
+
+'Wie soll ich den Weg durch die sieben finstern Länder finden?' dachte
+Jackele. Aber die Sterne schienen so hell vor ihm her, daß er nicht in
+die Irre geraten konnte, und als er anfing, müde zu werden, kam der
+Wind, nahm ihn auf seine Schulter und trug ihn bis dorthin, wo wieder
+die Sonne am Himmel stand. Da sah er auch schon die schimmernden Mauern
+der königlichen Burg in einem Garten mit lauter dunkelroten Blumen. Und
+wie er aufhorchte, hörte er von drinnen ein wohlbekanntes Geschnatter
+und wußte, daß seine Gänse im Schloß des Königs seien. Er pochte
+schüchtern an das eiserne Tor, doch niemand hörte ihn, und es ward nicht
+geöffnet. Schon fing sein Mut wieder an zu schwinden, da flog ein
+Bienenschwarm heran, kreiste um seinen Kopf, und wie er mit den Händen
+Gesicht und Augen verdeckte, um sich vor ihren Stichen zu schützen,
+hörte er, wie sie summten:
+
+ »Mußt das feige Blut bezwingen,
+ Nicht nur warten, nicht nur hoffen,
+ Wolle nur, so wird's gelingen,
+ Riegel fällt und Tor ist offen.«
+
+Als er dies vernommen, nahm er seine ganze Kraft und alle Gedanken
+zusammen und schritt auf das Tor los, und wirklich, es tat sich auf. Der
+Soldat, der vor der Tür des Königs Wache hielt, ließ vor Schrecken das
+Gewehr fallen und eilte, den Vorgang zu melden. Auch der König geriet in
+Angst, und dachte, ein Zauberer sei gekommen, um ihn zu vernichten. Er
+warf den Purpurmantel über die Schulter, ging dem Fremdling entgegen,
+lud ihn ins Schloß und bot ihm eine Stelle als Reichsminister an. Der
+alberne Hirtenjunge schüttelte den Kopf und forderte nichts weiter als
+seine Gänse. Da lächelte der König, ließ den Stall öffnen, die Gänse
+marschierten freudig gackernd heraus, Jackele trieb sie aus dem Tor und
+sie wanderten allesamt gegen die Heimat. Nun befand sich jedoch unter
+den Höflingen des Königs ein wirklicher Zauberer; dieser hatte alles
+mitangesehen und sich in seinem verzwickten Verstand gesagt, mit den
+Gänsen müsse es eine eigne Bewandtnis haben; kurzum, er glaubte nicht an
+die Einfalt des Hirten und meinte, Jackele sei vielleicht ein Mensch,
+der über geheimnisvolle Kräfte der Geisterwelt verfüge. Er setzte sich
+deshalb in den Kopf, ihm die Gänse abzulisten, eilte ihm nach,
+verwandelte sich in einen Zwerg und stand plötzlich wie aus der Erde
+gewachsen vor Jackele da. »Gib mir deine Gänse,« sagte er, »und ich will
+dir geben, was noch kein Mensch besaß.«
+
+»Was willst du mir geben?« fragte der Hirt.
+
+Der Zwerg hielt ihm eine goldne Schüssel entgegen, und darauf lagen drei
+Dinge: ein weißer Edelstein, ein gläsernes Auge und ein frisch blutendes
+Herz, so klein wie eines Vogels Herz. »Wähle,« sagte der Zwerg.
+
+»Was ist es mit dem Edelstein?« fragte Jackele.
+
+»Er gibt Reichtum,« antwortete der Zwerg.
+
+»Und mit dem Auge?« fragte der Hirt.
+
+»Es gibt Wissen,« sagte der Zwerg.
+
+»Und das Herz?«
+
+Da schüttelte der Zwerg den Kopf und entgegnete, darüber könne er keine
+Auskunft geben.
+
+Da griff Jackele schnell nach dem Herzen, und kaum hielt er es in der
+Hand, so war der Zwerg samt allen Gänsen verschwunden. Jackele spürte
+aber auf einmal eine mächtige Unruhe in seinem Innern. Als er in das
+Dorf zurückkam, fand er in allen Gesichtern Spott und Haß. Die Kunde,
+daß er um der elenden Gänse willen des Königs Gnade ausgeschlagen hatte,
+war ihm vorausgeeilt, und da er nun nicht einmal die Gänse
+zurückbrachte, verwünschten sie ihn wegen seiner Dummheit, jagten ihn
+davon und schrien:
+
+ »Katzenpelz-Jackele,
+ Kein Geld im Sackele,
+ Im Kopf kein Verstand,
+ Der ärgste Tropf im Land.«
+
+Immer gewaltiger wurde aber die Unruhe in der armen Brust des Hirten. Es
+zog ihn die kreuz und die quer durch das Land, es zog ihn zu den
+Menschen, er fand auch da und dort Aufnahme, aber er konnte nirgends
+bleiben, immer trieb es ihn weiter und schließlich fingen die Leute an,
+ihm zu mißtrauen und sagten: Man muß sich hüten vor ihm, er hat einen
+bösen Blick. Da er auch kein Geld besaß, so gaben sie ihm nichts mehr zu
+essen, und er mußte hungern. Nach überlangem Wandern begegnete er auf
+der Landstraße einem dürren alten Weiblein und fragte, ob sie nicht
+wisse, wie man Schätze erwerben könne, denn er bereute jetzt aufs
+heftigste, daß er damals nicht den Edelstein von der goldenen Schüssel
+genommen.
+
+»Zieh nur weiter bis gegen Mittag,« sagte das Weiblein, »da kommt ein
+Berg und da wohnt ein Schmied, der weiß, wie man Schätze erwerben kann.«
+
+Jackele kam richtig vor die Schmiede und bat den Schmied, der nackt,
+mit rußgeschwärztem Leibe vor der Esse stand, er möge ihm helfen,
+Schätze zu erwerben. Der Schmied führte ihn in die Werkstatt und hieß
+ihn den Blasbalg treten. Das Feuer fauchte auf und Jackele sah glühendes
+Gold in den Flammen liegen; seine Begehrlichkeit erwachte, ohne zu
+überlegen griff er mitten in die Glut und wollte das Gold nehmen. Aber
+das Feuer verbrannte seine beiden Arme bis an die Ellbogen hinauf, und
+er warf sich auf die Erde hin und schrie vor Schmerzen. Der Schmied
+lachte, ergriff den großen Hammer, ließ ihn viele Male auf den Amboß
+heruntersausen und bei jedem Schlag rief er lachend aus: »Schaff dir das
+Herz vom Leibe! Schaff dir das Herz vom Leibe!« Jackele verließ die
+Schmiede und kam alsbald in den dunkelsten Wald, den er je gesehen. Es
+wurde ihm so einsam, daß er zu sterben fürchtete, außerdem schmerzten
+ihn die verbrannten Arme. Als es Abend wurde, machte er am Rande eines
+verfallenen Brunnens Rast, und da ungeachtet aller Müdigkeit doch wieder
+die treibende Unruhe über ihn kam, dachte er an die Worte des Schmieds,
+nahm das blutende Herz, das so klein wie eines Vogels Herz war und
+sagte: »Du teuflisches Ding, du hast mir die Seele vergiftet, hast mir
+die Ruhe genommen, so fahr in die Tiefe, ich will deiner los sein.«
+Damit schleuderte er das Geschenk des Zwergs in den Brunnen hinab.
+
+Auf einmal hörte er wieder jenes vertraute Geschnatter in der Luft wie
+vor dem Königsschloß, und als er emporschaute, sah er drei Gänse aus
+seiner Herde, und jede saß auf der Krone eines Baumes. Jetzt flatterte
+die erste herab, setzte sich an den Rand des schwarzen Loches und rief:
+
+ »Herz der Welt, du sollst erglühen,
+ Ich bring' dir einen Bräutigam,
+ Laß ihm deine Schätze blühen.«
+
+Darauf entstand ein Leuchten in der Tiefe des Brunnens, wie wenn alle
+Finsternis des Erdenschoßes sich in eitel Feuer verwandelt hätte. Die
+Bäume fingen an zu rauschen wie Orgeln, die Vögel zwitscherten, daß es
+wie der Gesang von Elfen ertönte, und Jackele starrte hinab, sah der
+Welten Herz erglühen und seine Sehnsucht und Reue wurden so groß, daß er
+meinte, es werde ihm die Brust auseinanderreißen. Die zweite von den
+Gänsen rief indessen immerfort: »Du bist der Bräutigam, du bist der
+Bräutigam;« und die dritte, die schwarzflüglige, flog auf, ließ sich,
+als sie über der Mitte des Brunnens schwebte, langsam zur Tiefe sinken,
+und da sie unten war, fing sie an zu brennen, ward aber plötzlich
+verzaubert und kam als herrlicher Paradiesvogel wieder empor. Sie ließ
+ein paar Wassertropfen aus dem Schnabel auf Jackeles Wunden fallen, daß
+sie sogleich heilten, und sagte: »Das Herz der Welt läßt dich grüßen, du
+sollst hinuntersteigen und dich ihm anvermählen.« Inzwischen war Jackele
+von einem Holzknecht bemerkt worden, der es den Leuten im Dorf verraten
+hatte. Diese eilten nun mit Dreschflegeln herbei, um den unnützen
+Gesellen totzuschlagen. Wie staunten sie aber, als sie ihn mit einem
+silbernen Kleide angetan am Rand des Brunnens sitzen sahen, den fremden
+Vogel auf der Schulter. Sie wagten ihn kaum anzuschauen und gingen
+schließlich beängstigt und kopfschüttelnd wieder nach Hause. Nun sollte
+Jackele in den Brunnen steigen, doch das war ein so schweres
+Unternehmen, daß Tag um Tag verging und er nicht einen Schritt
+weiterkam. Es gab kein Seil, das lang genug gewesen wäre; er mochte
+graben und schaufeln und Leitern bauen, es half alles nichts, und wäre
+nicht der Gesang des Paradiesvogels gewesen und der beseligende Anblick
+des glühenden Herzens in der Tiefe, so wäre er verzweifelt und hätte von
+seinem Vorhaben abgelassen. Was weiter mit ihm geschehen ist, kann ich
+nicht sagen, weil ich's nicht weiß. Vielleicht ist es ihm am letzten Tag
+vor seinem Tode doch gelungen.
+
+Abel war unzufrieden mit dieser Geschichte. Er sagte, an Zaubereien
+glaube er nicht, und daß Gänse und Frösche sprechen könnten, sei nicht
+wahr. Sie schritten währenddem beide über die gewundenen Terrassen herab
+in die Lauben- und Efeugänge des Gartens und sahen die vielfach
+verzierte Fassade des Schlosses vom bleichen Abendlicht übergossen.
+Engelhart war tief in Gedanken und durch die Luft wie durch die
+Blumengerüche gleicherweise erregt.
+
+In der Frühe um halb fünf nahm Abel Abschied. Engelhart und der Vater
+begleiteten ihn zum Bahnhof. Herrn Ratgeber ging es nahe; auch hatten
+ihm einige Bekannte die Sache bedenklich gemacht, es sei doch
+gefährlich, einen Knaben von dreizehn Jahren bis ans andre Ende der Welt
+zu schicken. Als sie wieder auf dem Heimweg waren, bemerkte Engelhart,
+daß es um den Mund des Vaters verräterisch zuckte. Gleich darauf trafen
+sie am Glacis einen Rimparer Bauern, der mit einer Fuhr zum Markt kam,
+Herr Ratgeber rief ihn an, fragte, was in den Säcken enthalten sei, und
+verhandelte dann eifrig wegen eines Zentners Kartoffeln mit ihm.
+
+Wenige Tage später kam der Antwortbrief von Michael Herz. Er wolle den
+Gelöbnissen trauen und es noch ein einziges und letztes Mal probieren.
+In sein eignes Geschäft könne er Engelhart schon aus Gründen der
+Disziplin nicht zurücknehmen, er habe einen Freund, den Chef des
+angesehenen Exporthauses Freitag und Sohn, bewogen, Engelhart als
+Lehrling aufzunehmen. Es hänge alles andre davon ab, ob er dort ernsten
+Willen und dauernde Besserung zeige. Durch seinen Wahnsinn habe er ein
+ganzes Jahr vergeudet, hoffentlich hätten ihn seine Erfahrungen für
+immer belehrt. Darauf folgten noch Anweisungen über die Reise; er solle
+nach der Ankunft in einem billigen Vorstadthotel übernachten und sich am
+Morgen gleich seinem künftigen Chef vorstellen. Ihn in seinem eignen
+Hause wohnen zu lassen, halte er nicht für angemessen, einer solchen
+Vergünstigung müsse sich Engelhart erst würdig zeigen. Er habe einen
+seiner Angestellten, Herrn Kapeller, beauftragt, ein Zimmer zu mieten.
+»Zu Mittag kannst du bei uns sein,« schloß das polizeimäßig sachliche
+Schreiben, an dessen Inhalt Engelhart schluckte und würgte, »das
+Abendbrot bekommst du bei der Familie Kapeller.«
+
+Herr Ratgeber war glücklich über den Verlauf. Er nahm den Sohn mit ins
+Kaffeehaus, zahlte die Zeche für ihn und erteilte ihm gute Lehren. Die
+aufrichtig gemeinten Worte schwirrten inhaltslos an Engelharts Ohr
+vorüber.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel
+
+
+Die trübselige Reise, das Übernachten in einem schmutzigen Hotel, das
+peinliche Wiedersehen mit dem Oheim, es glich einem Traum von nicht
+unerwarteter Häßlichkeit. Im Vorzimmer der Firma Freitag und Sohn mußte
+Engelhart stundenlang warten. Junge Leute mit bleichen und hochmütigen
+Gesichtern saßen an den Pulten im Kontor, in das er durch eine Glastür
+blicken konnte. Ein schwarzbärtiger finsterer Herr führte ihn
+schließlich ins Privatgemach des Chefs. Dieser Raum zeigte einen
+weibischen Luxus und glich mehr dem Boudoir einer Kokotte als dem Zimmer
+eines Geschäftsmannes. Herr Freitag, ein kleines grauhaariges Männchen,
+lag in einem ungeheuern Ledersessel und hielt, nach Art der
+Weitsichtigen lesend, in der ausgestreckten Hand ein Buch. Erst nachdem
+Engelhart den schüchternen Gruß wiederholt hatte, wendete Herr Freitag
+den Kopf und starrte, scheinbar höchst überrascht, den jungen Menschen
+mit herausquellenden Augen von oben bis unten an. »Bevor Sie das nächste
+Mal in ein anständiges Zimmer treten, lassen Sie Ihre Stiefel säubern,
+Verehrtester,« zeterte er mit einem umkippenden Kastratenstimmchen. »Sie
+sind also der Ausreißer, wie? Schön, schön, wir werden ja sehen, wenn
+Sie nicht parieren, werf' ich Sie hinaus. Adieu, junger Mann.«
+
+Ein enges düstres Loch im Erdgeschoß eines engen düstern Hauses war das
+Zimmer, das Engelhart bewohnen sollte. Es hatte keinen eignen Eingang
+und war nur durch die Küche und das Wohnzimmer der Partei zu erreichen.
+Nebenan war die Straße, wenn ein Fuhrwerk über das Pflaster donnerte,
+begannen die Fensterscheiben und das Geschirr auf dem Waschtisch zu
+klappern. Engelhart dachte, es sei nicht möglich, hier zu schlafen, es
+sei nicht möglich, hier zu leben. Er setzte sich auf einen Stuhl mit
+zerrissenem Rohrgeflecht, und erst nach einer Stunde regungslosen
+Hinbrütens ging er daran, seinen Koffer auszupacken. Er hatte das
+Gefühl, als ob sein Blut bitter geworden sei.
+
+Kapellers wohnten ein Stockwerk höher. Es waren vier Brüder, die bei der
+Mutter lebten, lauter junge Männer, denen das bloße Aufderweltsein schon
+gewaltigen Spaß machte; wenn sie außerdem noch tanzen und ins Theater
+gehen konnten, waren ihre Ansprüche an das Leben erfüllt. Die Frau besaß
+ein kleines Geschäft auf der Hauptstraße und brachte sich knapp durch,
+aber sie ließ sich nichts abgehen und war die lustigste von allen.
+Zuerst begegneten sie Engelhart mit der Achtung, die sie dem Neffen
+eines reichen Mannes schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie
+sein insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig. Es kam
+auch vor, daß er aus sich herausging und zu plaudern begann; es durfte
+nur ein sympathischer Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten seine
+Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig klangen, sie wurden von
+Mißtrauen gegen diese Worte erfaßt, waren überhaupt beunruhigt,
+sträubten sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert, wenn er
+endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen, so brach der Streit aus.
+Die jüngeren schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei Michael
+Herz angestellt war und Engelhart schon von früher kannte, nahm sich
+seiner an, suchte die Natur des Knaben nach irgendeiner geläufigen
+Schablone zu erläutern, auch die Mutter war nicht abgeneigt, den Fremden
+in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn aber doch nur wie einen
+Schauspieler, der einem für bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt;
+endlich fand der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Erörterungen
+abschnitt, und sagte: »Er ist halt ein Jud.« Am nächsten Tag gab ihnen
+Engelhart wieder neuen Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich
+der jüngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder Manier
+und mit wahren Bärentatzen ein paar Märsche und Walzer herunter. Während
+er eine Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: »Ich kann auch Klavier
+spielen,« und unter dem neugierigen Schweigen der Familie setzte er sich
+vor das Instrument, schaute eine Weile in die Luft und viele Monate
+lang vergaß er die drangvolle Sehnsucht nicht, die ihn in diesen
+Augenblicken erfüllte. Es war wie ein Wahn, er hatte gedacht, er müsse
+spielen können, die Tasten und die Saiten könnten nicht anders, als
+seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mußte er unter dem hämischen
+Gelächter der am Tische Sitzenden abziehen, und obwohl tief beschämt,
+lachte er mit ihnen.
+
+Im Freitagschen Geschäft kümmerte man sich weniger um ihn, als er
+erwartet hatte. Im Anfang hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand
+von seiner Bemühung Notiz nahm und es gleichgültig schien, ob er viel
+oder wenig tat, erlahmte er schnell. Was soll ich denn hier? war die
+Frage, die ihm beständig durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte
+er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft nützen? Nach Gelderwerb
+stand ihm nicht der Sinn, und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn
+er sie nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und dorthin
+geschoben, keiner scherte sich um den andern, es wurde nur gerade das
+Notwendige geleistet und das mit viel Lärm und Wichtigtuerei. Herr
+Freitag selbst war Spekulant und hatte an der Börse ein großes Vermögen
+gewonnen. Er betrachtete das Warengeschäft als eine Spielerei und hielt
+es nur mit Rücksicht auf seine Söhne in Gang, von denen sich aber
+niemals einer blicken ließ. Wenn sich Herr Freitag vorn in den
+Schreibstuben befand, wurden in der sogenannten Auslieferung, wo
+Engelhart beschäftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten aufgestellt,
+damit er seine Leute nicht überrumple. Schon von weitem hörte man ihn
+fauchen, spucken und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit
+Flügeln um sich zu schlagen, wenn er durch die drei Säle zappelte,
+steckte seine Nase in jedes Stück Papier und behauptete unablässig, er
+sehe alles, er höre alles, ihm entgehe nichts. Gefürchtet wurde bloß
+Herr Gallus, der finstere Schwarzbärtige, der Prokurist der Firma, und
+dessen Vertrauensperson war die Expedientin, Fräulein Ernestine
+Kirchner. Sie mochte nicht mehr ganz jung sein, vielleicht
+achtundzwanzig Jahre alt, hatte eine hübsche Gestalt, einen langsamen
+und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie wurde von allen, auch
+von Herrn Freitag, mit Respekt behandelt, nur der finstere Gallus nannte
+sie kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichmäßig heiteres Naturell
+wirkte sie besänftigend auf die verschiedenartigen Elemente, und sie
+beobachtete Engelharts unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme.
+Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit auferlegt und sie war am
+Nachmittag noch ungetan, so ließ sie keinen Vorwurf hören, sondern ging
+in aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor der
+Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und nahm sich das nächste Mal
+zusammen.
+
+»Woran denken Sie eigentlich?« fragte sie ihn einmal und sah ihn mit
+ihren dunkelblauen Augen erstaunt an; »wie kann man unaufhörlich
+denken!«
+
+»Ich denke gar nichts,« erwiderte er, »ich bin nur traurig.«
+
+»Ach du himmlische Güte!« rief sie aus und schlug gutmütig spottend die
+Hände zusammen. Sie fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick
+war ein Aufglänzen, es schien ihr, als habe sie diesen dunkeln Kopf mit
+den gesammelten Zügen vor vielen Jahren schon gesehen, es überrieselte
+sie eine freudige Erinnerung.
+
+In demselben Raum arbeitete ein häßlicher, einäugiger und fast zahnloser
+Mensch namens Zeis; er war tüchtig und der einzige, der kaufmännischen
+Ehrgeiz besaß, aber aus Furcht vor der Aufsässigkeit der lediglich
+taglöhnernden Genossen versteckte er sich hinter einem schlappen und
+schläfrigen Wesen. Mit Mißvergnügen war er Zeuge des guten Einvernehmens
+zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit Franz Kapeller bekannt war,
+erfuhr er einiges über Engelharts früheres Schicksal und benutzte dann
+seine Wissenschaft zu bösartigen Entstellungen. Außerdem hetzte er die
+andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles in der Stille und mit einer
+wirkungsvollen Gleichgültigkeit. Einmal mußte Engelhart mit dem ältesten
+Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank tragen, es war Abend,
+als sie zurückkehrten, Porkowsky blieb auf der belebten Straße bei einer
+Dirne stehen und führte ein freches Gespräch, um sich vor Engelhart als
+Lebemann aufzuspielen. Engelhart hörte eine Weile wie versteinert zu,
+dann machte er sich davon und kam lange vor dem andern ins Geschäft.
+Dies mußte auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht wurde, war es streng
+untersagt, daß die Boten sich trennten, selbst auf dem Heimweg.
+Engelhart trug Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky machte sich
+diesen Umstand zunutze und brachte bei Herrn Gallus eine Lüge vor, durch
+die Engelhart schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut zu
+sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu war er zu vornehm, er
+begnügte sich mit einem geringschätzigen Lächeln, das sich müde durch
+seinen kohlschwarzen Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle
+Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam jeder zwei oder
+drei Dukaten, Engelhart allein ging leer aus. Es hieß, der Chef sei
+unzufrieden mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld gerechnet,
+weil er einige Bücher davon hatte kaufen wollen, nach denen er längst
+Begierde empfand, und er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn,
+wieviel er bekommen habe, und er erzählte, er habe zwanzig Gulden
+bekommen. Sie erfuhren bald die Wahrheit, es war auch eine gar zu
+unvorsichtige Lüge, doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern
+suchten ihn durch tägliche versteckte Bosheiten zu beschämen. Sie
+glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut zu haben.
+
+Vor dem Oheim ließ sich natürlich nichts verheimlichen. Aber er nahm es
+nicht so schwer, wie Engelhart gefürchtet, es war, als ob er sich zur
+Nachsicht entschlossen hätte. Es ging Michael Herz eigen mit Engelhart.
+Etwas widerstrebte ihm an dem jungen Menschen aufs äußerste, die ganze
+Art der Lebensführung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit des
+Auftretens, etwas feige Beklommenes, worunter es seltsam zuckte und
+wühlte wie bei jemand, der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem
+Ausbruch eines Feuers fürchtet. Anderseits sprach das Blut mit
+deutlicher Stimme für den Neffen; wenn er mit Engelhart allein war,
+bestach ihn oft ein Wort, das so lebendig und neu klang, wie er es sonst
+von keinem Mund noch gehört, und er konnte sich dem flehentlichen Werben
+eines Blickes so wenig entziehen, daß er ihn aufs gütigste und doch so
+scheu, als beginge er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch befragte.
+Dies rührte Engelhart stets, und er hätte sich der Käuflichkeit des
+Gefühls schuldig gefunden, wenn er bei solchem Anlaß ein Verlangen
+geäußert hätte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mißtrauen und
+hier ein unfruchtbares Sichverschließen. Michael Herz vergaß rasch; er
+vergaß das Üble, was man ihm zugefügt, und er vergaß den günstigen
+Eindruck, den er erhalten; alle Kräfte des Willens und der Energie
+verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte er nur dämmernd hin und war
+jeder fremden Einflüsterung zugänglich, insonderheit von seiten der
+Frau, die er in seiner stillen Weise unendlich vergötterte. Es machte
+Engelhart Kummer, daß er die Abneigung dieser Frau nicht zu besiegen
+vermochte. Als er eines Mittags bei Schneegestöber das Geschäft verließ,
+bot eine Blumenhändlerin ihm wie allen Vorübergehenden Veilchen zum Kauf
+an. Er überlegte im Weitergehen, kehrte um und nahm drei Sträußchen, die
+er zusammenband. In allem Ernst dachte er, daß er Frau Esmee durch die
+Blumen milder stimmen könne. Es kam Farbe in seine Wangen, er
+verdoppelte seine Schritte und beglückwünschte sich zu dem Einfall. Frau
+Esmee nahm den Strauß mit unbewegter Miene entgegen, nicht gerade
+verdrossen, aber doch gelangweilt oder als ob er einen Gegenstand vom
+Teppich aufgehoben hätte, den sie fallen gelassen. Während des Essens
+war sein Gesicht weiß wie der Teller und der Oheim äußerte sich besorgt
+über seinen Mangel an Appetit. Später mußte er bei einigen Handwerkern
+in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er sah da immer viel Elend,
+kranke Weiber, betrunkene Männer, rhachitische Kinder, armselige Stuben,
+in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war. In tiefer Betrübnis
+kam er gegen Anbruch der Dämmerung ins Geschäft zurück. Von den Herren
+im Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge waren fort, Ernestine
+Kirchner saß allein an ihrem Schreibpult, und als er eintrat, schob sie
+einen angefangenen Brief beiseite, stützte den Kopf in die Hand und
+schaute in den immer dichter fallenden Schnee hinaus, der die Gasse mit
+bläulichem Licht füllte. Endlich sagte sie, sie habe heute Vorwürfe
+darüber hören müssen, daß sie seine Lässigkeit nicht nur dulde, sondern
+geradeswegs unterstütze. Er seufzte, und ohne sie anzuschauen, griff er
+zur Feder. Sie lehnte sich mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre
+Schulter streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die
+langsam und maschinenmäßig Zahlen und Buchstaben aufs Papier schrieben.
+
+Ernestine dachte, daß vielleicht ein Geheimnis auf ihm laste. Sie
+wünschte, daß der leidenschaftlich verpreßte Mund sich öffnen solle.
+Freilich wußte sie schon, daß er die Dinge zu schwer nahm und alles zu
+nahe an sich herantreten ließ, daß er zu bedürftig um die Herzen der
+Menschen warb und sich wehrlos der umklammernden Verstimmung preisgab,
+wenn er sich fortgestoßen fühlte. Plötzlich warf er den Kopf etwas
+zurück und sagte: »Ich bin nicht dafür geboren, damit Sie es nur
+wissen.«
+
+Sie lächelte, und ihr verwunderter Blick schien fragen zu wollen: und
+wofür bist du denn geboren? »Aber Kind,« sagte sie sanft, nahm seinen
+Kopf zwischen beide Hände und drehte ihn wie den einer Puppe, bis sie
+seine Augen den ihren gegenüber hatte. »Ich weiß alles,« sagte sie mit
+einem gespannten und heiteren Ausdruck in den Mienen, »alles, alles,
+alles.« Damit küßte sie ihn dreimal auf die Lippen. Engelhart lehnte die
+Stirn an ihre Wange; er spürte einen leichten Schrecken, als befinde er
+sich nun in Schuld. Gleich hernach hörten sie Schritte; Herr Gallus kam
+und fragte grob, warum noch kein Licht brenne. Er schritt ein paarmal
+schweigend auf und ab, reichte Ernestine ein kleines, verschnürtes Paket
+und ging wieder.
+
+Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur Seite. Zum erstenmal im
+Leben durfte er sich aussprechen, mit seinen eignen Worten sprechen,
+ohne Rückhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war. Noch nie hatte
+Ernestine dergleichen gehört; sie war erstaunt. Welcher Trotz, welche
+Glut! Im Nu entstanden Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht,
+ein Funkenschwall von großen Worten prasselte, berauscht vom offenbar
+Unmöglichen, begann er zu tanzen, aber die einfache Frage: was willst
+du? wohinaus, Jüngling? die auf Ernestinens Lippen brannte, vermochte er
+nicht zu beantworten. Ein neugieriger Blick des Mädchens verletzte ihn,
+und er fiel in dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt, durch
+Worte, durch Blicke, durch das Beargwöhnen fremder Gedanken zu leiden.
+Sie war zärtlicher als eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine
+Leidenschaft erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu dämpfen. »Mein
+Liebling,« sagte sie zu ihm. Immer trug sie sein trunkenes Gesicht im
+Innern, das geistige Auge, aber das liebste war ihr sein Träumerlächeln,
+wenn er vor ihr saß mit verschleiertem Blick, still und aufrecht wie
+eine Pflanze.
+
+Es kam der Frühling, und mit ihm eine bange Zeit für Engelhart. An einem
+der ersten schönen Tage begleitete er Ernestine vom Geschäft aus in ein
+entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen wollte. Sie
+plauderten ruhig, Engelhart erzählte von seinen Eltern; es umfing ihn
+stets ein tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit Ernestine ging
+und wenn sie mit einem wunderbaren Ernst ihm zuhörte. Dann trennten sie
+sich, und er kehrte allein zurück. Die Sonne war schon untergegangen,
+rosiger Staub erfüllte die Straße, die Luft roch wie Wein. Engelhart
+spürte eine schreckliche Erregung, er spürte sie wie kleine Kugeln durch
+die Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und atmete schwer.
+Menschen und Dinge erschienen ihm wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen
+und Mädchen, die er sah, fielen plötzlich die Gewänder ab, und sie
+schritten nackt dahin; er sah, wie ihre Knie sich bogen und die Haut
+über den Hüften schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern der
+Häuser hindurch und gewahrte überall das, was ihm Grauen und Lust
+erregte. In seiner Kammer angekommen, ließ er die Rolläden herab,
+verstopfte mit Baumwolle die Ohren und brütete vor sich hin. In der
+Nacht konnte er nicht schlafen. Er wälzte sich wie ein Vergifteter auf
+dem Lager. Die leichte Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm
+heiß, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr zündete er die Kerze an und
+versuchte zu lesen. Das Herz schlug so laut, wie wenn man mit dem
+Knöchel an ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den Kopf gegen
+die Wand, aber die Stille hatte tausend Zungen und führte Bilder herauf,
+die vor Scham seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung
+sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine. Da trat sie schon an
+das Lager, und er küßte sie wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in
+seinen Armen, er warf sich schluchzend über sie hin und ließ Blut von
+seinem Blut in ihre Pulse strömen. Doch seltsam, als er am nächsten Tag
+mit ihr allein war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die
+Erinnerung an die Wünsche der Nacht ließ ihn vor Scham erbleichen. Und
+kaum war er allein, so kam es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer
+auf die Straße und marschierte weit, bis er zu dem Haus kam, wo
+Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn, zu ihren Fenstern emporzublicken,
+und das tolle Fieber wich vollends, als er müde war vom Stehen.
+
+Wohl bemerkte Ernestine die Veränderung in seinem Wesen, und sie ahnte
+den Grund. Ihre Unbefangenheit und die seelenvolle Freiheit ihm
+gegenüber schwanden langsam hin, und das schmerzte sie. Sie hatte kein
+leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen lagen hinter ihr; durch gewisse
+Verpflichtungen war sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und
+dies kann den Geist mehr umdüstern als unmittelbare Leiden.
+Demungeachtet war ihr eine süße Heiterkeit des Herzens verblieben, und
+ihr Gemüt war das jener Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und
+für alle Bitterkeiten, welche sie erfahren müssen, in ihrer Brust eine
+ganz besondere, ehern verschlossene Kammer besitzen. Sie hatte nicht
+beabsichtigt, in Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur so
+gekommen; jetzt fühlte sie sich auf einmal wunderlich verkettet, und das
+machte sie schwermütig. Er glaubte, sie wisse nichts von seinen
+verborgenen Drangsalen, aber sie wußte alles, da sie schon ein
+erfahrenes Weib war und das Leben kennen gelernt hatte. Freilich hatte
+sie gedacht, ihn führen, ihm helfen zu können, etwas in ihm erhob sie
+über sich selbst; nun fühlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich.
+In einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es wäre besser,
+wenn sie nun wieder einander fremd würden. Aber als sie ihn dann ansah,
+bereute sie ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben viel;
+selbst die ungern durchlebte Vergangenheit schwindet im Leuchten eines
+geliebten Auges hin. Sie drückte die Lippen auf seine Haare, während er
+in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigentümliche Schlaffheit an,
+halb sitzend, halb hingelehnt blieb er, regungslos wie eine Zielscheibe
+für die Geschosse des Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen,
+denn er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das lag in
+mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und hatte kaum Gestalt; es
+schwamm hoch im Bereich des Traumes gleich einer Wolke über
+Schneegipfeln.
+
+Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der beiden nicht unbemerkt
+geblieben. Der einäugige Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen
+und konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte es, Ernestine zur
+Rede zu stellen; sie fertigte ihn nach Gebühr ab. Darauf machte er sich
+an den Prokuristen. Herr Gallus war zu hochmütig, um Notiz davon zu
+nehmen, wenigstens blieb er äußerlich kalt. Doch war er an diesem Tag
+finsterer denn je, und als der Korrespondent ihm einen Brief zur
+Unterschrift reichte, riß er das beschriebene Blatt ohne Anlaß mitten
+durch und knirschte mit den Zähnen. Man sagte allgemein, daß er
+Ernestine Kirchner heiraten wolle und daß sie sich ihm versprochen habe.
+Sie verließen auch oft zusammen das Geschäft, und einmal bei Regenwetter
+waren sie Arm in Arm gegangen. Wenn Engelhart darüber etwas erfahren
+wollte, schüttelte Ernestine bedächtig den Kopf, und es schien, als ob
+sie nicht gern davon sprechen höre. Im übrigen zeigte sie sich jenen
+Umtrieben gegenüber sorglos wie jemand, der seiner Macht sicher ist.
+Herr Zeis wußte immer mehr die Lehrlinge aufzuhetzen, von denen
+Porkowsky schon längst Engelharts geschworener Feind war; sie
+schnüffelten unaufhörlich um ihn herum, kontrollierten seine Arbeit,
+wußten es anzustellen, daß er möglichst viel in der Stadt herumlaufen
+mußte, streuten bösartige Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber
+fassen wollte, zerfloß alles in Luft und Gelächter. Engelhart glaubte es
+oft kaum ertragen zu können, er atmete wie in Gewitterschwüle, er wurde
+mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die heißen Tage des Sommers
+und jenes andre, das ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene
+Gefühl seines Leibes, so daß ihm zumute war wie einem Menschen, der vor
+dem Spiegel steht und sein eignes Bild nicht gewahrt.
+
+Eines Nachmittags, es war Ende Juli, ließ der Buchhalter Herrn Zeis eine
+Faktura abfordern, die er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr
+Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen, erinnerte sich
+aber, sie auf Fräulein Kirchners Tisch gesehen zu haben. Es wurde
+gesucht, alle Schubladen aufgerissen, alle Mappen durchstöbert,
+schließlich wurde die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftstück
+zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling Porkowsky
+versicherte sogar, Zeuge gewesen zu sein. Engelhart protestierte, es kam
+Herr Gallus hinzu, öffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes und
+murmelte etwas Verächtliches über die Unordnung darin. Engelhart
+bemerkte schüchtern, Porkowsky habe schon in der Lade gesucht. Herr
+Gallus zuckte die Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte
+Engelhart mit einem Blick maßloser Geringschätzung. Er hatte die
+Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen und zwischen zwei Löschblättern
+ein Bild hervorgezogen, eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit
+einen ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten sich neugierig
+hinzugedrängt und kicherten. Herr Gallus faltete das Blatt schweigend
+zusammen; er stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf den
+Fußspitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine, die außerordentlich blaß
+geworden war, und sagte: »Das scheint ja ein hoffnungsvoller Jüngling zu
+sein.«
+
+Engelhart zitterte am ganzen Körper. Er spürte Nadelstiche im Kopf und
+griff unwillkürlich an seine Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam
+zwischen die Zähne geschlürft, und seine Züge zeigten einen
+beängstigenden Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf Porkowsky, und
+nicht so bald hatte er das höhnisch-feindselige und dumpf-verlegene
+Lächeln auf dessen vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm
+alles klar wurde. Ohne Besinnung stürzte er auf den Burschen zu, packte
+ihn mit der einen Faust an der Kehle, mit der andern bei der Schulter
+und riß ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf, der Prokurist
+und Herr Zeis fielen dem Rasenden in die Arme und drängten ihn gegen das
+Fenster, wo er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen blieb.
+Porkowsky stöhnte und lag dann still da, doch war er nicht verletzt.
+Herr Gallus ging zu der Glastüre, die von diesem Raum aus auf die Straße
+führte, öffnete sie, streckte die Hand aus und rief Engelhart zu:
+»Marsch!« Engelhart nahm seinen Hut und ging, ohne den Blick zu erheben.
+
+In demselben Schritt und derselben geduckten Haltung, wie er jene
+verlassen, schlich er weiter und wurde noch in entfernten Straßen von
+ihren haßerfüllten Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat in ein
+Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich jedoch nicht lange auf,
+sondern ging nach Hause, warf sich auf das Bett und schlief ein. Er
+träumte, daß er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde, über
+der sich jedoch statt des Himmels eine seltsam grüne, moosartige Decke
+wölbte. Freudig wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er sich
+durch eine gläserne Wand gehemmt, die er vorher nicht bemerkt. Er
+versuchte es nach einer andern Seite, und es erging ihm nicht besser,
+ringsum waren gläserne Wände, und allmählich wurde ihm der Anblick der
+Schönheit zur Qual, in der er dann aufwachte.
+
+Kapellers ließen ihn wissen, daß sie den Abend auf dem Kahlenberg
+zubringen wollten, wenn er mitzutun Lust habe, sei er willkommen, wenn
+nicht, finde er kaltes Nachtessen bereit. Er schlug das Anerbieten aus;
+um acht Uhr aß er oben alleine, und als er wieder herunterkam, fand er
+einen Brief von Ernestine, den ein Bote gebracht hatte. »Mein
+Liebling,« schrieb sie, »ich weiß, daß Du unschuldig bist. Du sollst
+nicht verzweifeln, ich will alles wieder für Dich richten. Vertraue nur
+auf mich, mein Liebling, mehr kann ich Dir für heute nicht sagen.« Da
+beschloß er, in ihre Wohnung zu gehen. Nach einer halben Stunde war er
+dort und läutete. Es wurde erst nach geraumer Weile geöffnet. Ernestine
+schien befangen, als sie ihn sah. Sie bat ihn, zu warten, darauf ging
+sie ins Zimmer zurück, flüsterte dort mit jemand, und als er später
+eintrat, war sie allein. Doch hinter der verschlossenen Tür des
+Nebenzimmers hörte er ungeniertes Lachen und Scherzen. Ernestine
+erzählte ihm, daß sie die Wohnung mit einer Freundin teile, einer
+Ladnerin aus der Inneren Stadt, und das Mädchen habe ihren Verlobten bei
+sich. Allmählich wurde es drinnen sonderbar still, auch das Gespräch
+zwischen Engelhart und Ernestine geriet ins Stocken. Er hatte geglaubt,
+freier mit ihr reden zu können, doch sie war bedrückt und nachdenklich,
+auch küßte sie ihn nicht. Es war ein schwüler Abend, beide Fenster waren
+offen, das Zimmer lag hoch, man blickte über Dächer in den purpurnen
+Abendhimmel, auf der andern Seite des Horizonts grollte leiser Donner.
+Engelhart erhob sich und trat zum Fenster, Ernestine folgte ihm und
+legte den Arm um seine Schulter; so starrten sie ziemlich lange gegen
+die Straße hinunter, hörten ihr Blut rauschen und ihr Herz pochen, und
+beides klang fremd und beängstigend. Ernestine wußte nun um das
+Unabänderliche, das kommen mußte, und hätte es gerne nicht geschehen
+lassen, aber es gibt Stunden, wo der Wille wie ein abgeschlagenes Tier
+müde wird. Beim Lampenlicht beugte sie sich noch einmal über Engelhart
+und blickte ihm tief in die Augen. »Ach,« seufzte sie und deckte die
+Hand über seine Lider, »du weißt noch nichts von der Welt.« Er glich
+einem Kind, als er stundenlang schweigend an ihrer Brust lag. Er dachte,
+mehr von der Welt zu wissen sei überflüssig. Dünkte ihm dies schon zu
+viel.
+
+In den nächsten Tagen trieb er sich müßig umher. Jeden Morgen erhielt er
+ein Briefchen von Ernestine, worin sie ihn benachrichtigte, wie die
+Dinge standen. Sie hatte es durchgesetzt, daß Herrn Freitag von dem
+Vorfall keine Mitteilung gemacht wurde, doch Herr Zeis hatte den
+Lehrling Porkowsky, der eine Verletzung am Kopf erlitten zu haben
+behauptete, zur Forderung eines Schadenersatzes aufgehetzt. Porkowsky
+verlangte fünfzig Gulden und drohte, wenn er diese nicht erhalte, sich
+an Herrn Freitag und an Michael Herz zu wenden. Ernestine stellte ihm
+vor, daß er den Denkzettel wohl verdient habe und daß Engelhart Ratgeber
+selbst ein armer Mensch sei, aber da die Geschichte Geld zu tragen
+versprach, blieb der Bursche starrsinnig und beteuerte außerdem seine
+Unschuld. Engelhart wußte nicht, wie er eine so große Summe auftreiben
+solle, und doch durfte der Oheim um keinen Preis das Geschehene
+erfahren, ein unauslöschlicher Schimpf wäre haften geblieben; er
+vermochte sich gegen solche Dinge mit Worten nicht zu verteidigen. Nun
+war aber Michael Herz seit drei Wochen verreist und hatte Engelhart, um
+ihm einen Beweis des Vertrauens und der wieder erwachenden guten
+Gesinnung zu geben, bis zu einem gewissen Grad freien Kredit an der
+Kasse der Firma eröffnet. Engelhart hatte sogleich begriffen, daß dies
+nichts andres bedeutete als eine Probe für sein Anstandsgefühl, selbst
+wenn es kein berechneter Plan des Oheims war, und er hatte bis jetzt
+nicht den geringsten Gebrauch von der Vergünstigung gemacht. Porkowskys
+Verhalten wurde drohender, Ernestine meinte schüchtern, sie wolle
+Engelhart einen Teil des Geldes leihen, so viel sie eben entbehren
+könne. Er schlug es aus, ging am andern Tag zum Kassier der Firma Herz,
+ließ sich fünfzig Gulden auszahlen und schickte sie an Ernestine mit der
+Bitte, den Elenden zu befriedigen.
+
+Der Oheim kam zurück und war erstaunt, daß Engelhart einen
+verhältnismäßig so bedeutenden Betrag auf einmal erhoben hatte; sein
+Erstaunen verwandelte sich in Unwillen, als der junge Mensch über die
+Verwendung des Geldes keine Auskunft geben konnte oder wollte, und er
+vermutete natürlich das Schlimmste. Eines kam zum andern, Michael Herz
+erkundigte sich bei seinem Geschäftsfreund Freitag; dieser, von Herrn
+Gallus beraten, wußte nichts Gutes über Engelhart zu berichten und litt
+außerdem zu der kritischen Stunde an Podagra, was ihn boshaft und
+menschenfeindlich machte. Noch am selben Tag ließ Frau Esmee Engelhart
+zu sich rufen; sie lag im Bette, da sie Migräne hatte, und sah verweint
+aus. Engelhart mußte bittere Worte schlucken, der ganze Kummer des
+Oheims sprach aus dem Munde der Frau. Der Onkel wolle ihn nicht mehr
+sehen, wurde ihm gesagt, er möge nach Hause reisen und sich auf eigne
+Faust durchs Leben schlagen. Der Wille des Oheims sei, daß er jetzt sein
+Militärjahr abdiene, vielleicht könne strenge Zucht ihn noch vor dem
+moralischen Untergang retten. Da er zweitausend Mark mütterliches
+Vermögen habe, werde ihm ein Teil dieses Geldes zur Bestreitung seiner
+Bedürfnisse ausgesetzt werden. In solchem Sinne hatte Michael Herz
+bereits an Herrn Ratgeber geschrieben, hatte aber aus Rücksicht für den
+vielfach enttäuschten Mann Engelharts Vergehungen nur flüchtig und in
+verschleierter Form erwähnt.
+
+An einem schönen Abend war Engelhart noch einmal mit Ernestine
+beisammen. Sie waren weit draußen an der Westbahn, und nachdem sie lange
+über die Wiesen spazieren gegangen waren und nun die lieblichen Hügel
+von blauer Dunkelheit umsponnen wurden, kehrten sie in einem Wirtsgarten
+ein, wo eine Musikkapelle spielte. Über ihnen dehnte sich das schwere
+Laubgewölbe uralter Kastanienbäume, und wenn die Musik schwieg, hörten
+sie hin und wieder eine Frucht dumpf zur Erde fallen. Engelhart hatte
+dem Mädchen noch nicht gesagt, daß er reisen müsse und schon morgen
+reisen müsse, aber sie merkte an seiner bedrückten Schweigsamkeit, was
+im Werke war. Sie summte ein sentimentales Liedchen mit, das der Hornist
+in die Nacht hinausschmetterte, Engelhart trank von dem roten Landwein,
+lehnte den Kopf etwas zurück und blickte mit aufleuchtenden Augen gegen
+den Sternenhimmel. Er wußte eigentlich nicht, wie ihm geschah, er lebte
+und lebte doch nicht, er spürte die Erde und liebte die Erde und war ihr
+wieder fremd, sie schoben ihn, ohne seinen Willen ging es hierhin und
+dorthin, und doch fühlte er sich, wenn er deutlich die Bewegung
+erkundete, von einer geheimnisvollen Strömung sicher getragen. Mochten
+sie ihm alles rauben, die vergängliche Lust des Tages, ja auch das Brot
+zur Stillung des Hungers, so besaß er sich doch selbst, und wenn er
+ärmer schien als der Ärmste, so war er in Wirklichkeit noch reicher als
+die Reichsten, und er dachte: 'mir gehören doch die Sterne'.
+
+Auf der Heimfahrt sagte er dann zu Ernestine, daß er heute Abschied von
+ihr nehme. Sie erwiderte nichts. Er ging noch mit ihr in die Wohnung,
+und als er aufbrach, war es spät. Ernestine suchte aus einem Kästchen
+einen schmalen Goldring mit einem Türkis hervor und steckte ihn an
+Engelharts Finger. »Leb wohl, Liebling,« sagte sie mit erstickter
+Stimme, »und Gott segne dich.« Der Duft von ihrem Körper blieb an seinen
+Kleidern haften und war ihm noch länger in die Erinnerung gegraben als
+das Bild ihrer leicht schreitenden Gestalt.
+
+Bei Regenwetter war er damals von Würzburg abgefahren, bei Regenwetter
+kam er dahin zurück.
+
+Gerda weilte nicht mehr beim Vater, sie war bei den Verwandten in
+Gunzenhausen und sollte mit Helene Wahrmann im Oktober nach Wien reisen.
+
+Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael Herz, nämlich daß der
+Militärdienst auf den undisziplinierten Geist des Jünglings als eine
+wohltuende Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon einen
+Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter sagte, er ist ein echter
+Ratgeber, er liebt nur sich selbst. Für seine Bedürfnisse sorgte sie
+schlecht und recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch die
+Außenwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah mit Rücksicht auf die
+Augen der Leute, und wenn einem was vergönnt wurde, hieß es gleichsam:
+Na, seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist! Herr Ratgeber hatte
+in seinem neuen Beruf Ärger und Zurücksetzung genug erfahren müssen.
+Beim Antritt seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft
+versprochen, daß kein zweiter Inspektor neben ihm arbeiten solle; kaum
+aber hatte er sich bekannt gemacht und durch seinen unermüdlichen Eifer
+die Anstalt, der er diente, wahrhaft gefördert, als sie alle Abmachungen
+vergaßen und doch einen zweiten anstellten, einen sehr windigen Herrn
+namens Dingelfeld, der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die Kunden
+wegzuschnappen, und durch ein anmaßendes Wesen jeden Einspruch
+vergeblich machte. Dazu war dieser Dingelfeld für alles, was er war und
+hatte, Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst vor völligem
+Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten Namen gerettet hatte. Niedrige
+Seelen werden durch den Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht
+gestimmt, und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er würgte seinen
+Gram in sich hinein, sein lebhaftes und stolzes Auge begann unsicherer
+zu werden, oft, wenn er mit Engelhart allein war, machte er
+pessimistische Bemerkungen über die Menschen, und das war bei ihm der
+Ausdruck einer tiefen Verdüsterung. Mehr als das unsolide Gebaren seines
+Nebenbuhlers schmerzte ihn die Wortbrüchigkeit der Vorgesetzten. Sein
+Blut geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die er erfahren,
+und in jedem Brief wies er auf seine Leistungen hin und forderte
+Gerechtigkeit. Jene ließen sich jedoch auf persönliche Dinge nicht ein,
+sie suchten den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und große
+Versprechungen kirre zu machen oder schnitten jede Erörterung mit einer
+amtlichen Phrase ab, die das unwillkürliche Eingeständnis enthielt: Wir
+dürfen Verträge brechen, denn wir sind die Mächtigen, wir sitzen auf dem
+Geldsack.
+
+Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war untersucht und trotz
+seiner Jugend angenommen worden. Am ersten Oktober stand er mit vielen
+andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den verschiedenen Kompagnien
+zugeteilt, dann führte ein Unteroffizier ihn und sieben oder acht
+Gefährten in das Bataillonsgebäude, die Monturen wurden ausgeteilt, die
+Räume angewiesen und man war Soldat. Alles lief schweigend ab, hatte
+beinahe etwas Drohendes, der Ton absoluten Befehls berührte Engelhart
+zunächst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs kaum fassen, und
+als der Feldwebel die Namen der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte
+nicht viel und er hätte über die Berserkerstimme des Mannes gelacht.
+Aber das Lachen verging ihm bald.
+
+Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern von sich selbst, etwas
+seinem Wesen ungeheuer Fremdes vollbringe, und er mußte sich bisweilen
+besinnen, wo er war und was er davon denken sollte. Die Kaserne durfte
+er in den nächsten Wochen nur zu den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick
+der kahlen, langen, weißgetünchten Wände verursachte Frösteln. Wenn er
+am Fenster stand, sah er die Bauern auf dem Feld und beneidete sie um
+ihre Freiheit.
+
+Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den Dienst angetreten
+hatten, behandelten ihn mit Kälte; einerseits war er ihnen zu jung,
+anderseits erregte er ihr Mißtrauen, ohne daß sie den Grund hätten
+bezeichnen können; das alte Mißtrauen, das Engelhart nun so oft und in
+so vielen Augen wahrgenommen. Um neben ihnen, die lauter vollwüchsige
+und robuste Burschen waren, nicht zurückzustehen, spannte er bei den
+körperlichen Übungen seine Willenskraft aufs äußerste an, so daß er nach
+dem stundenlangen Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen konnte,
+sondern sich am Geländer mühsam emporwinden mußte. Eines Tages befahl
+der Feldwebel den Einjährigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen
+Lebens zu verfassen und die Handschrift nach gemessener Zeit in der
+Kanzlei abzuliefern. Jeder verstand die Sache so, wie sie eben zu
+verstehen war, nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht allein
+seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht erforderlicher Breite,
+sondern auch seine Gefühle zu schildern, seiner Verfehlungen sich
+anzuklagen, und machte im unglückseligen Drang zu einer Beichte, was
+nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte. Und als er fertig
+war, setzte er folgende Zeilen an den Schluß, die ihm wie die Erinnerung
+an ein altes Lied durch den Sinn schossen:
+
+ »Die Seele, die berührst du nicht,
+ Die ist im Leib vergraben,
+ Sie weiß nicht, was die Lippe spricht,
+ Will's auch nicht Kunde haben.
+ Im stillen träumt und blüht sie hin,
+ Läßt Leid und Glück verfluten
+ Und ziehet ewigen Gewinn
+ Vom Bösen und vom Guten.«
+
+Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann gerufen, einem dicken
+asthmatischen Herrn, der völlig unter dem Einfluß des Feldwebels stand
+und außerdem in beständiger Höllenangst vor allen Vorgesetzten lebte.
+Der Mann stellte sich ganz rabiat wie über eine angetane Schmach, warf
+Engelhart die beschriebenen Bögen zerrissen vor die Füße und forderte
+den Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen Menschen zu haben.
+Die Sache wurde auch weiterhin ruchbar und erregte den Hohn der
+Mannschaft und die Entrüstung der andern Einjährigen. Gefühle zu äußern
+war ein schimpflicher Verstoß gegen den allgemeinen Geist der Truppe,
+jedes andre Vergehen wäre ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah
+es zu spät ein. Er lernte die Zähne zusammenbeißen. Es ging nicht an,
+sich von jedem Tropf über die Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm
+an äußerer Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen seines
+Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich an die Roheit des
+herrschenden Tons und an die ausgesuchte Perfidie und Lust zu quälen
+gewöhnt hatte, die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein
+unstillbarer Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle Kräfte zusammen,
+um sich nichts merken zu lassen. Immerhin blieb sein Gesicht verdächtig
+und sein still beobachtender Blick unbequem.
+
+Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der für ein bestimmtes Wochengeld
+seine Kleider und Ausrüstungsstücke instand zu halten hatte. Es war ein
+Soldat im dritten Jahr namens Söhnlein, ein unansehnlicher Mensch mit
+krebsrotem, immer fettglänzendem Gesicht und einem halb blöden, halb
+furchtsamen Lächeln. War es Zufall oder Übelwollen oder berechnete
+Bosheit, jedenfalls war dieser Söhnlein der verachtetste Mensch in der
+Kompagnie, ja im ganzen Regiment. Er konnte nicht unangefochten durch
+ein Zimmer gehen, er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm
+eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas schief ging, hieß es:
+der Söhnlein, wenn die Kompagnie schlecht exerziert hatte, mußte es
+zumeist der Unglückliche büßen, und er war bisweilen in der Nacht aus
+dem Schlaf gerissen und entsetzlich mißhandelt worden. Einmal sah
+Engelhart den Schrank des Soldaten offen und an der Innenfläche der Türe
+eine zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was dies bedeuten
+sollte, und Söhnlein verriet ihm schüchtern und mit aufleuchtendem
+Blick, daß er noch so viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem
+Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes Geschäft, wieder einen
+Kreidestrich auszuwischen. Offenbar hatte mit diesem Burschen noch
+niemand so geredet, wie man mit einem Menschen spricht, denn er bezeigte
+Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete, eine so
+leidenschaftliche Dankbarkeit und Anhänglichkeit, daß dieser sich kaum
+erwehren konnte und, um häßlichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug
+war, auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu werfen, wenn
+die andern Steine warfen. Und als ob Söhnlein in seinem dumpfen Gemüt
+solchen äußeren Zwang zu ahnen vermöchte, wurde seine Zuneigung für
+Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie taub, wenn dieser
+gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen.
+
+Einst im November wurden sämtliche Mannschaften des Regiments um vier
+Uhr morgens aus dem Schlaf geweckt. Die Strohsäcke wurden in den Hof
+geschafft, um frische Füllung zu erhalten. Es war eine eiskalte, aber
+klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat, verschwand seine betäubende
+Schlafsucht, und er blickte überrascht zum Himmel empor; so hatte er die
+Sterne noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und dicht gesät.
+Er wusch beim Brunnen das Gesicht, und wie er zum Tor zurückkehren
+wollte, sah er einige Leute um einen schon halbgeleerten Sack
+versammelt, auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war Söhnlein, der
+versicherte, daß er sich krank fühle. Die Soldaten lachten, und der
+Zimmerälteste befahl ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder
+zurück. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an jeder Ecke, hoben ihn
+samt dem Daraufliegenden empor und schleuderten ihn fünf- oder sechsmal
+in die Luft, wobei sie das ängstliche Schreien des Mannes nicht
+achteten.
+
+Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte über den weiten
+dämmerigen Raum des Hofes, der sich wie eine Sandwüste vor ihm dehnte,
+bevölkert von schwärzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er mit wilden
+Tieren zusammengekettet wäre. Alle verzehrten sich in der Sehnsucht nach
+Freiheit, alle waren von Haß erglüht gegen die Bändiger, aber wenn der
+Bändiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so hielten sie den Atem
+an. Es war ein ungeheures Gebäude gegenseitiger Verantwortung, begründet
+auf Furcht und Heuchelei, und Brüder verleugneten einander, wenn der
+eine fürchtete, für den andern verantwortlich zu werden. Es ward
+Engelhart unheimlich in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter den
+Menschen.
+
+Die Soldaten hatten den Söhnlein inzwischen losgelassen, weil ein
+Unteroffizier hinzugetreten war. Söhnlein taumelte diesem über die
+Strohbüschel entgegen und stieß ein paar unartikulierte Laute hervor.
+»Er stellt sich krank,« sagte einer von der Schneiderwerkstätte. Dem
+Korporal kam dies sehr ungelegen, denn er war für den Gesundheitsstand
+seiner Abteilung in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing an, in der
+unflätigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen, und hob schließlich,
+rasend und berauscht von dem Zustand des Zorns, den er genoß wie jeden
+andern Rausch, die Arme zum Schlag. Söhnlein muckste nicht, denn er
+wußte, wenn er nur die Miene der Widersetzlichkeit annahm, würde er so
+bald keinen Kreidestrich mehr von seiner Schranktür löschen können. So
+lächelte er eben in seiner albernen und bestürzten Weise vor sich hin.
+
+Beim Anblick all der infamen Willkür drehte sich Engelhart das Herz im
+Leibe um. Nie hatte er sich so völlig in eines andern Seele versetzt,
+und als Söhnleins Augenlider krampfhaft zu blinzeln begannen, spürte er
+dies unmittelbar und empfand die ratlose Verzweiflung, die jenen
+erfüllen mußte. 'Aber warum hilfst du ihm nicht?' rief eine Stimme in
+seinem Innern, 'warum schweigst du, Feigling? Warum nimmt sogar dein
+Gesicht einen wohlgefälligen Ausdruck an, wenn der Blick des Bändigers
+dich trifft?'
+
+Die Vernunft ist eine beredte Kupplerin im Dienst des gemeinen Nutzens,
+wenn es sich darum handelt, Vorwürfe höherer Art zu ersticken. Aber es
+kam doch mehr und mehr so, daß Engelhart sich verhärtete und daß er das
+Schlimmste tat, was ein Mensch an seiner Seele begehen kann, daß er sich
+verachten lernte, daß er böse ward wie die andern und gleichgültig wie
+die andern und daß eine innere Welt des Traumes, der Sehnsucht, der
+Ideale sich deutlich trennte von der äußeren Welt des Essens, des
+Schlafens, des Gelderwerbs und der simplen Nüchternheit. Eines ist der
+Himmel, ein zweites die Erde, und wenn so sich Licht von Finsternis
+geschieden hat, dann waltet die kupplerische Vernunft ihres Trösteramts
+und meint, nun seiest du reif geworden. Aber dies Reifwerden ist kein
+Süßwerden und kein Fruchtbarwerden, davon überzeugte sich Engelhart
+bald, es ist ein Bitterwerden und Leerwerden. Da ist ein Damm aufgebaut
+zwischen der Menschheit und dem Menschen; die Menschheit ist das Äußere
+und der Mensch das Innere, und die inneren Wasser stauen sich, bohren
+Abgründe und unheilvolle Löcher, kein Aus- und Einströmen mehr, kein
+gesegnetes Gleichmaß; allgemeines Unheil wird zum Spiel, zum bemalten
+Vorhang, der sich verschiebt und, sobald es dem Geiste beliebt, einem
+weniger aufdringlichen Gegenstand Platz macht. Engelhart fühlte, daß er
+sich verstockte, aber die fortwährende Erschöpfung des Körpers, der er
+ausgesetzt war, ließ ihn nicht mehr zum Nachdenken gelangen. Wenn ihn
+das Schicksal zur Ruhe und zum Glück kommen ließ, war er verloren. Die
+Seele, die berührt man nicht, das ist wahr, und sie braucht auch nicht
+zu erfahren, was die Lippe spricht, aber sie muß unschuldig bleiben, und
+sie bleibt es eher, wenn die Hand einen Mord begeht, als wenn die Zunge
+schweigt, wo ein höchstes Gebot sie zu reden auffordert.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel
+
+
+Kurz vor Weihnachten mußte Engelhart vor der alten Kaserne am Mainufer
+das erstemal Wache stehen. Es war eigen, in der tiefen Finsternis
+zwischen zwei festen Grenzpunkten stundenlang auf und ab zu wandeln. Das
+Verrinnen der Zeit glich dem Abtropfen der Flüssigkeit aus einem Gefäße.
+Von sieben Uhren der Stadt hörte er die Viertelstundenschläge. Auf dem
+Strom bis gegen die Steinbrücke hin waren Holzkähne verankert und das
+Wasser schlickerte unter ihnen. Oben auf der Festung brannte ein rotes
+Signallicht. Das Gewehr lag Engelhart wie ein Baum auf der Schulter, und
+die fallenden Schneeflocken erzählten vom Schlaf, sie waren wie
+sichtbarer Schlaf, sie machten die Glieder trunken von Schlaf.
+
+Mit dem Frühjahr begannen auf dem Galgenberg die Kompagnie- und
+Bataillonsübungen. Da zuckte jedes Glied des Truppenkörpers von
+Verantwortlichkeitsangst, jeder Soldat zitterte vor seinem Korporal, der
+Leutnant vor dem Hauptmann, der Hauptmann vor dem Major, der Major vor
+dem Oberst, der Oberst vor dem General. Ein schlechtgeputzter Knopf, ein
+schiefhängendes Seitengewehr raubte ganzen Kategorien von Vorgesetzten
+die Besinnung, hundert Leute mußten das kleinste Versehen eines
+einzelnen büßen, ein Strauchelnder entfesselte die Wut des ganzen
+Haufens, und dies gegenseitige viehische Entsetzen war es, was man
+Disziplin nannte. Was bedeutete daneben der eingebildete »Feind«? Der
+Feind steht da und dort, hieß es, gegen den Feind mußte vorgegangen, auf
+den Feind gefeuert werden, alle sprachen von ihm mit Respekt und wie von
+etwas Furchtbarem, er war Anfang und Antrieb zu dem waffenstarrenden
+Spiel, Gründer und Erhalter des Systems, der unbewegliche Götze, dessen
+Name jeden Schrecken heiligte, und doch, er war nirgends zu sehen, er
+war Luft, ein Wort, ein Nichts.
+
+Im Innern stak der Feind, aber das wußten sie nicht.
+
+Mit dem Vorschreiten der Jahreszeit nahmen die Anstrengungen des
+Dienstes zu. Zwölf- bis vierzehnhundert lautlose Sklaven, schwer
+bepackt, noch müde vom vergangenen Tag, noch schlaff von unvollendeter
+Ruhe, marschierten täglich durch das noch schlummernde Land.
+
+Der kraftvolle Gleichschritt der Kolonnen gibt der Bewegung den düstern
+Rhythmus, verleiht ihr etwas von dem Erstaunlichen einer ungeheuern
+Maschine, ihr tiefes Schweigen rührt ans Herz. Die Sonne kommt, die
+graublaue Frühluft erglüht. Engelhart liebt den Morgen, es ist die
+einzige Stunde, wo seine Hoffnungen wieder frisch werden. Es geht über
+die Brücke, an den sanften Biegungen der Weinberge entlang, hügelauf,
+hügelab, die Straße schlägt sich durch den Wald. Hier allein sein
+dürfen, denkt Engelhart, nur eine Stunde auf dem Moos liegen dürfen.
+Eine uralte verwitterte Eiche steht inmitten einer grünen Lichtung; es
+ist etwas fürstlich Einsames um sie, erst in weitem Abstand wagen andre
+Bäume zu wachsen. Engelhart gräbt ihr Bild in sein Gedächtnis, hier will
+er weilen, wenn er frei sein wird.
+
+Der Tag wird heiß, schwer lastet der Tornister auf den Schultern, der
+Kasten des Gewehrs schneidet ins Fleisch, der Helmrand beginnt auf Stirn
+und Augen unheimlich zu drücken. Es ist ein Spaßmacher in Engelharts
+Abteilung, der immerfort Geschichten erzählt und der die Mannschaft oft
+ihrer Mühsal vergessen läßt; er ist deshalb wohlgelitten bei den
+Offizieren und erlaubt sich Freiheiten, die den andern ein lügnerisches
+Gefühl von Freiheit geben.
+
+Endlich naht der Feind. Das Verfolgungs- und Versteckenspiel beginnt.
+Ein Bataillon stürmt zum Angriff vor und stößt ein Geschrei aus, wodurch
+es seine Bereitwilligkeit zu sterben kundgibt. Dies Hurraschreien klingt
+durchaus nicht begeistert, sondern qual- und hohnvoll. Die Säumigen
+werden von zähneknirschenden Unteroffizieren zu größerer Eile
+angetrieben. Eine Kompagnie verirrt sich, der Regimentsadjutant rast auf
+schäumendem Gaul zu dem unseligen Hauptmann, der sich die Haare rauft.
+Die Trompeter blasen Halt; kurze Rast; Heimkehr.
+
+Der Anblick der endlosen Landstraße flößt Grauen ein. Die Soldaten
+können nicht mehr vorwärts blicken, jeder stiert auf die Stiefel des
+Vordermanns. Wer aus dem Schritt gerät, wird mit Lästerungen überhäuft.
+Der heiße, weiße, blendende Staub umhüllt den Zug wie Nebel; Wimpern,
+Lippen und Zähne sind voll Staub. Widerliche Gerüche steigen auf.
+Engelhart, müde und durstgepeinigt, richtet die Gedanken mit schlaffer
+Beharrlichkeit auf das Mittagessen. Manchmal empfindet er den trotzigen
+Antrieb, stehen zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der
+Nachfolgenden herauszufordern. Die Gespräche der Leute verstummen,
+schweißtriefend, mit wunden Füßen und wunden Schenkeln schwanken viele
+daher, Zerrbilder des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen,
+niemand rührt sich, der Befehl wird wiederholt, da erhebt sich zuerst
+die dünne Stimme des Spaßmachers, andre fallen ein, der Rhythmus rüttelt
+sie auf. Es scheint ein lustiges Lied von volksmäßiger Einfachheit, doch
+hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen werden von den
+Sängern der Harmlosigkeit beraubt und klingen wie Stichworte des
+Aufruhrs. Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft drohend
+seinen Namen, er öffnet mechanisch den Mund. Und nun sieht man
+talabwärts die roten Backsteinbaracken der Kaserne, in der prallen
+Mittagssonne gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen
+sehnsüchtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe. Welche Qual, wenn
+der Hauptmann sich zuletzt noch zu einer Ansprache bemüßigt findet. Er
+liebt es, in väterlichem Ton zu reden, er hält auf Popularität. Wüßte er
+um die Gedanken der tückisch lächelnden Soldaten, er zöge vor zu
+schweigen. Es ist der Wahn, den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein
+Hirn in einem Taumel erhält, daß er sich geliebt und bewundert glaubt.
+
+Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag ein altes
+Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern und ein Ring gleichmäßig
+gesetzter Pappelbäume umgaben die zahlreichen Gebäude, von denen Frieden
+über die ganze liebliche Landschaft auszuströmen schien. Engelhart zog
+es bei Spaziergängen oftmals hierher, auch von der Landstraße aus ließ
+er sich mit einer Fähre übersetzen und wanderte langsam dem
+efeubehangenen Tor zu. Seitab vom Fußweg stand ein Christuskreuz, und
+vor diesem verweilte Engelhart bisweilen in tiefem Nachdenken, wobei
+uralt feindseliges Mißtrauen und bange Lust der Annäherung sich
+mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht hätte, mehr noch einen
+Menschen. Was ihn zu dem Erlöserbildnis trieb, war die Idee des Opfers,
+der betäubte Wille rang um Erlösung, er suchte für seinen Schmerz das
+höchste Symbol. Das war es; er war Opfer und suchte die Wollust des
+Opfers. Es ergriff ihn jener schwärmerische Fatalismus, der eine
+Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit strebt und alles
+Bewußtsein im Traum und Wahn auflöst.
+
+Es war in den Hundstagen. An einem Morgen war Bataillonsexerzieren
+gewesen, zurückgekehrt, mußte die Kompagnie zur Schießstätte, die in
+einem anderthalb Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb drei Uhr
+nachmittags waren die Leute, aufs höchste erschöpft, wieder in der
+Kaserne. Engelhart erbat und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach
+Hause, nichts wünschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit hinunter und
+legte sich entkleidet ins Bett. Um sechs Uhr wurde heftig an der
+Wohnungsglocke geläutet. Es war Söhnlein. Er hob Engelhart beinahe aus
+den Kissen und trieb ihn zur äußersten Eile. Beim Appell war Nachtübung
+angesagt worden, um sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein.
+Engelhart flog in die Kleider, sie stürmten auf die Straße, und da die
+Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt war, wollten sie einen
+Wagen auftreiben, fanden aber keinen. So mußten sie im Laufschritt unter
+dem Aufsehen der Passanten über die Glacis rennen; als sie auf dem
+Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel. Sie kamen an, als die
+Kompagnien schon im Hof zusammentraten, oben mußten sie sich in rasender
+Hast feldmarschmäßig rüsten, doch es lief glimpflich ab, die Offiziere
+begannen eben die Musterung, als Engelhart an seinen leergelassenen
+Platz trat.
+
+Söhnlein war zufrieden, daß es ihm gelungen war, seinen Herrn vor Strafe
+zu bewahren, und achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenmänner. Er
+war überhaupt in der letzten Zeit immer heiterer geworden, denn auf
+seiner Schranktüre befanden sich nur noch vierundvierzig Kreidestriche.
+
+Der Marsch ging über das Dorf Randersacker nach dem Hügelland in der
+Gegend von Eibelstadt. Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am
+Abend rein und kühl. Engelharts wie der andern Leute von der Kompagnie
+bemächtigte sich nach und nach eine solche Müdigkeit, daß sie sich nur
+noch hinzuschleppen vermochten. Der Hauptmann, besorgt, daß ihm seine
+Abteilung Schande machen werde, ritt auf seinem alten dicken Gaul
+unaufhörlich an den Reihen hin und her, wobei er die Leute in seiner
+halb keifenden, halb gönnerhaften Weise zu ermuntern suchte. Trotzdem
+traten fünf oder sechs Rekruten aus und blieben am Straßengraben liegen.
+Bei der ersten Raststelle fielen die meisten um wie die Stöcke. Der
+Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten Weiler, und die
+Kompagnie erhielt den Befehl, Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant
+wählte fünf Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und Söhnlein. Sie
+marschierten über einen langgezogenen Hang bis an den Rand eines tiefen
+Forstes. Söhnlein wurde als erster Posten ausgestellt, und an dem
+schwankenden Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine
+außerordentliche Erschöpfung. Die andern standen schweigend gegen den
+mattleuchtenden Himmel gekehrt, aus dessen östlicher Tiefe sich langsam
+schwebend der Mond erhob und eine scharlachne Röte auf das Gelände warf.
+Der Leutnant schritt im taufeuchten Wiesenrain auf und ab; nach einer
+Weile dünkte es ihm notwendig, einen zweiten Posten über den ersten
+hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen Punkt auf dem Kamm
+des Hügels bei einer einzelnen Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr
+und marschierte ab. Der Weg führte ihn dort vorüber, wo Söhnlein stehen
+sollte, doch als er hinkam, gewahrte er jenen nicht, sah sich um und
+erblickte ihn endlich schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes
+gelehnt.
+
+Der Anblick überraschte und rührte ihn. Anstatt den Pflichtvergessenen
+ohne Zögern zu wecken, stellte er sich hin, stützte das Kinn auf die
+Gewehrmündung und starrte verloren in das Kindergesicht des Schläfers,
+das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es war eine heilige Stille
+rings. Gelbliche Lichtflecke zitterten auf dem Boden. Das dürre
+Blätterwerk, das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie
+geläutertes Gold. Plötzlich vernahm Engelhart dicht hinter sich
+Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich nieder, um Söhnlein
+aufzuwecken, aber es war zu spät, der Reiter, es war der Adjutant des
+Majors, der die Posten inspizieren sollte, hatte den Unglücklichen schon
+bemerkt. Söhnlein schaute eine Weile benommen um sich, und als ihm das
+Bewußtsein wiederkehrte, wurde er weiß wie Kalk. Engelhart war es, als
+müsse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um Gnade für den
+Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen Jammer, der in Söhnleins
+Brust tobte, und fühlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte mit
+eisiger Sachlichkeit, ob er schon länger hier sei oder soeben
+dazugekommen sei, und er antwortete, er sei soeben dazugekommen, war
+daher für seinen Teil in Sicherheit.
+
+Es wurde Meldung an die Kompagnie und das Regiment erstattet. Der
+Hauptmann wurde zum Oberst befohlen und kam außer sich vor Wut zurück.
+Söhnleins Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen waren trüb
+und irr. Die Kameraden betrachteten ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem
+Heimmarsch sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre
+Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmerälteste, wie
+Söhnlein eine Weile unbeweglich vor seinem Schrank stand, und er sagte:
+
+»Na, Söhnlein, das kostet dich ein paar Monate. Aber mach dir nichts
+daraus, da brauchst du wenigstens nicht zu schuften.«
+
+Auch die aufreibenden Wochen der großen Herbstübungen gingen vorüber,
+und dann war Engelhart frei. Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde
+wieder zu besitzen, den frühen Morgen verschlafen zu dürfen, der eignen
+Entschlüsse Herr zu sein, Zeit zu haben, viel Zeit ... Am ersten Tag
+suchte er den Park des Veitshöchheimer Schlosses auf und schlenderte in
+musikalischer Entzückung durch die beschnittenen Alleen und künstlichen
+Laubengänge. Vor einer der verwitterten Statuen, die um das große
+Wasserbassin aufgestellt waren, blieb er lange stehen, und es schien,
+als ob die Figur zu ihm spreche, ja er hörte deutlich ihre Worte:
+
+ »Des Sommers verdorrte Blätter rollen
+ Um meinen Fuß.
+ Unaufhörliches Spiel der Jahre!
+ Laß über meine kühlen Glieder, Zeit,
+ Den weitgesäumten Mantel streifen,
+ Und achte nicht, was mir die Brust füllt,
+ Den bittern Gleichmut.
+ Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei,
+ Das über stolzen Geschlechtern trauert,
+ Unlebendig,
+ Zerrbild alles Gewesenen.
+ Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt,
+ Wird die Vergangenheit Traum
+ Und die Gegenwart fühlbarer Tod.«
+
+Das glückliche Schwärmen durfte nicht lange dauern. Es wurde von Anfang
+an verdüstert durch die Frage, was nun werden solle. Was nun, was
+anfangen? Womit das Leben verdienen? Es galt, einen Beruf zu ergreifen
+oder vielmehr ein Geschäft zu betreiben und von niemandes Gnade abhängig
+zu sein. Herr Ratgeber meinte bekümmert, er sei jetzt alt genug, um die
+Torheiten zu lassen und an eine geordnete Existenz zu denken. Nach
+mancherlei Erwägungen wandte sich Herr Ratgeber an seinen unmittelbaren
+Vorgesetzten, den Generalagenten in Nürnberg, und fragte an, ob
+Engelhart in dessen Bureau einen Posten finden könne, und die Antwort
+war bejahend; es sei gerade eine Korrespondentenstelle frei, wenn der
+junge Ratgeber einige stilistische Gewandtheit und außerdem guten Willen
+besitze, stehe seiner Anstellung nichts im Wege, der vorläufige Gehalt
+sei sechzig Mark für den Monat. Das war jämmerlich wenig, doch Engelhart
+durfte sich nicht besinnen, er mußte den ersten besten Strick erfassen,
+den man ihm zuwarf, und Herr Ratgeber war froh, der bedrängendsten Sorge
+los zu sein. Auch für ihn selbst war des Bleibens in Würzburg ein Ende;
+zwischen ihm und Inspektor Dingelfeld war offene Feindschaft
+ausgebrochen, der Elende suchte Streit, wo er konnte, und sein
+eingestandener Zweck war, den älteren Rivalen zu verdrängen. Herr
+Ratgeber hatte schließlich von der Gesellschaft seinen Abschied
+verlangt, aber diese wollte einen so tüchtigen Arbeiter durchaus nicht
+verlieren und erklärte sich bereit, ihn unter Gehaltserhöhung nach
+München zu versetzen. Der Wettstreit zwischen den beiden Nebenbuhlern
+war den Herren nicht unangenehm gewesen, er förderte entschieden das
+Geschäft, nur zum Äußersten durfte es nicht kommen. Herr Ratgeber war
+denn auch zufrieden und fand seine Ehre wiederhergestellt; die
+Aufbesserung seines kümmerlichen Lohnes machte ihm mehr Freude als ein
+Lotteriegewinst, es war doch irgendeine Anerkennung für all die Mühe; er
+brauchte Anerkennung.
+
+Engelhart mietete sich in Nürnberg auf dem Jakobsplatz ein, der Kirche
+gegenüber. Es war die billigste Wohnungsgelegenheit, die er hatte
+auftreiben können, er zahlte nur acht Mark monatlich. Es war ein
+liliputanisches Zimmer, und das höchst baufällige Häuschen, in dem es
+sich befand, gehörte dem Ehepaar Hadebusch, wunderlichen Leuten, die
+jene Mischung von Bosheit und Gemütlichkeit besaßen, wie sie im untern
+Bürgerstand häufig ist. Der Mann, schon ein Siebziger, war
+Bürstenmacher; es roch im Haus beständig nach Borsten, Leim und
+Laugenwasser. Während Engelhart in der düstern Wohnstube das Frühstück
+verzehrte, politisierte der Alte, das heißt er pries die vergangenen
+Zeiten. Frau Hadebusch war ein dickes, habgieriges Weib; wenn sie Geld
+sah, konnte sie sich kaum beherrschen und lachte übers ganze Gesicht.
+Mit überlegener Schlauheit und scheinbar unverfänglichen Fragen suchte
+sie sich über Engelharts Vermögensverhältnisse Klarheit zu verschaffen,
+und wenn sie merkte, daß er es übelnahm, suchte sie ihn mit
+scheinheiligem Gejammer und den ungereimtesten Geschichten von ihrer
+eignen Armut zu versöhnen. Sie hatte einen Sohn, der ein Idiot war und
+nur zum Holzhacken und Stubenauskehren zu gebrauchen war.
+
+Frau Hadebusch hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen Steinkohlen.
+Sie beschwor, daß seit Menschengedenken kein solch schwarzes Teufelszeug
+in ihr Haus gekommen sei, beutete aber diesen Umstand aus und berechnete
+das Holz zum Heizen mit unverschämten Preisen. Engelhart wagte bei
+seinem dürftigen Einkommen nicht, das eiserne Öflein in seiner Kammer so
+lange zu speisen, daß es für den Abend ausreichende Wärme gab, und so
+saß er oft frierend bei seinen Büchern oder er legte sich ins Bett und
+las weiter bis Mitternacht. Die morschen Dachsparren über ihm krachten
+manchmal so laut, daß er aus dem Schlaf erwachte, und durch die Fugen
+der schlecht schließenden winzigen Fenster surrte der Wind. Außerdem
+störte ihn die Nähe des Kirchturmes und seiner dröhnenden Glocke nicht
+wenig.
+
+Sein ordnungsloses Bücherlesen entsprang nicht der Lernbegierde und
+hatte keinen reingeistigen Antrieb. Nichts beruhigte, nichts befriedigte
+ihn dabei, alles stachelte ihn auf. Er suchte die Welt, er suchte das,
+was die Jünglinge mit feierlicher Deutung »das Leben« zu nennen pflegen.
+Er konnte sich nicht zu der Annahme entschließen, daß das, was er bisher
+gelebt, schon »das Leben« sei, und erschien sich wie ein Wesen, das wohl
+Flügel besitzt, sie aber nicht gebrauchen darf. Tag für Tag, vom Morgen
+bis zum Abend befand er sich in einer innerlich verzitternden Erregung
+und seine Seele glich dem glühenden Draht über einer Flamme, der nicht
+nachgeben, sich nicht biegen kann, weil er an den Enden festgenietet
+ist. Die während des Fronjahrs eingeschlummerten Kräfte und versiegten
+Quellen sprudelten jetzt um so gewaltsamer hervor, und Engelhart war
+sich seines Zustandes als einer unaufhörlichen Gefahr wohl bewußt; er
+wünschte, sich selber zu entfliehen, und wie nie zuvor trieb es ihn zu
+den Menschen. Er wollte mit Worten vernehmen, wie es um sie und wie es
+um ihn stand. Er glaubte an einen, irgendeinen, der den Schlüssel zu dem
+großen Mysterium besaß, und es dürstete ihn nach lebendigem Wissen,
+lebendigem Wort, lebendiger Freundschaft.
+
+Die elende Kammer wurde ihm zuwider. Er suchte an den Abenden andern
+Aufenthalt und lief, kein Unwetter scheuend, sich die Beine müd, um
+schließlich in einer abgelegenen Kneipe zu landen und bei einer Tasse
+Kaffee trübselig vor sich hinzustarren. Einst zu später Stunde kam er in
+ein enges Seitengäßchen und blieb lauschend stehen. Eine dunkle, in
+leidenschaftlichen Worten einsam redende Stimme drang wie aus dem
+Innern der Erde zu ihm. »Da trat hervor einer, anzusehen wie die
+Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den
+hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: 'Ewig, heilig,
+gerecht, unverfälschbar! Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine
+Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelndem Wurme!'« ... Engelhart ging zu
+einem Fensterloch dicht über dem Boden und blickte wie in einen Trichter
+hinunter. Er sah einen matterleuchteten Raum mit Wirtshaustischen und
+-bänken. Auf einer Bank an der Mauer saß eine kleine Gesellschaft junger
+Leute, ein einzelner kauerte vor ihnen auf den Steinfliesen, und die
+Worte, die er sprach, hatten sein Gesicht zerwühlt, seine Lippen
+förmlich zerrissen und seine Augen im Wahnsinn gebadet. »Gnade, Gnade
+jedem Sünder der Erde und des Abgrunds!« schrie er jetzt und schlug die
+Hände an die Wangen. Engelhart schauderte.
+
+Bald darauf war es zu Ende und die Zuhörer klatschten. »Diesen Franz
+macht dir kein Schauspieler der Welt nach, Klewein!« ließ sich jetzt die
+heisere Stimme eines langen, hageren Menschen vernehmen, und mit
+verächtlichem Lachen, beide Hände in den Hosentaschen, fuhr er fort: »Im
+übrigen war dieser Schiller doch ein Mordsstümper. Es ist nur eine
+Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Lächerlich! Hunderttausend Wahrheiten,
+Millionen Tugenden und schließlich wieder keine; keine Wahrheit, das
+ist's, Kinder, denn wenn es eine Wahrheit gäbe, warum sollten wir sie
+nicht erkannt haben?«
+
+Wehmütig an seine abgesonderte Existenz gemahnt, die ihn wie durch ein
+fortwirkendes Gesetz von jeder wahrhaft geselligen Vereinigung
+ausschloß, lauschte Engelhart durstigen Ohrs den Gesprächen, die von
+einem Geist großartiger Weltverachtung durchweht schienen. Nach einer
+Weile schritt er zum Eingang, überlegte hin und her, zählte in Gedanken
+seine Barschaft nach und stieg endlich die steinerne Treppe zu dem
+Weinkeller hinab.
+
+Sein schüchterner Gruß blieb unbemerkt. Er setzte sich abseits und
+bestellte ein kleines Fläschchen italienischen Landweins. Sein Betragen
+erregte die Aufmerksamkeit des langen Hageren, den seine Kumpane Peter
+Palm nannten. Engelhart errötete, als er dem stumpflohenden Blick der
+schwarzen Augen begegnete. Es war der Blick eines Jägers, eines
+Wilddiebs, bevor er die Flinte anlegt. Jener Klewein, der den Monolog
+gesprochen, brütete schweigend vor sich hin; über seinem hart markierten
+Schauspielergesicht bebte die Haut wie Wasser, das leichter Wind zu
+Falten bläst. Niemals hatte Engelhart den Ausdruck des schlechten
+Gewissens so deutlich und wild auf einem Antlitz gesehen. Die drei
+andern waren ein wenig betrunken oder stellten sich so. Einer, den sie
+Baron nannten, hatte ein verblasenes Lächeln auf dem bübchenhaften
+Gesicht; diesem flüsterte der Lange etwas zu, er kam an Engelharts Tisch
+und forderte ihn mit gezierter Höflichkeit auf, sich zu der Gesellschaft
+zu setzen. Engelhart dankte; Spannung und Entzücken benahmen ihm fast
+die Sinne.
+
+So glaubte er endlich das Tor betreten zu haben, das ins Leben führt, in
+das berühmte »Leben«. Von nun an wurde die Nacht sein Tag, wie für den
+Schmuggler, und schmugglerhaft war dies Herumziehen an den Grenzen der
+bürgerlichen Bezirke, auf den Lippen Hohn und in der Brust die Furcht
+vor ihren Zollwächtern. Oft kam er erst um vier Uhr morgens nach Hause,
+schlief dann über die Zeit, kam verspätet, dumpf und müde ins Bureau und
+wurde unverläßlich bei der Arbeit. Diese Arbeit bestand im Briefeschreiben
+an säumige Zahler, an unschlüssige Versicherungskandidaten, in
+Beantwortung von Beschwerdeschriften, in juridischen und ökonomischen
+Aufklärungen, Agenteninstruktionen, im Ausstellen von Prämienquittungen,
+Berichten an die Direktion und vielem andern. Er hatte sich geschickt
+und willig gezeigt, der Bureauchef schätzte den denkenden Kopf in ihm,
+wie er sagte, und zeichnete ihn dadurch aus, daß er ein täglich
+wachsendes Pensum erledigt haben wollte. Der Bureauchef war ein kleines,
+zartes, wachsbleiches, schweigsames Männchen namens Zittel, eine
+Schreibernatur durch und durch, geschmeidig, flink, giftig. Als
+Engelhart jählings zu erlahmen begann wie eine Maschine, an der ein
+Rädchen zerbrochen ist, heftete er bisweilen seine kalten Reptilaugen,
+die hinter dicken Brillengläsern glitzerten, forschend und streng auf
+ihn und sagte mit berechneter Sanftmut: »Schade, Herr Ratgeber, wirklich
+schade.« Doch Engelhart empfand Ekel; nie wurde er das Gefühl einer
+ungeheuern Versäumnis los, und besaß er dann die Zeit, nach der er sich
+gesehnt, so rann sie ihm aus den Fingern, wie Sand durch ein Sieb läuft.
+Manchen Tag vermochte er zu Herrn Zittels Bekümmernis nicht drei Sätze
+aufs Papier zu bringen, plötzlich packte ihn die Angst vor der
+Brotlosigkeit, er arbeitete in zehn Stunden ab, was sich in zehn Tagen
+angehäuft hatte, und Herr Zittel konnte dann nicht umhin, eine solche
+Leistung kopfschüttelnd zu bewundern. Schlimm war es, daß er mit dem
+Geld in verzweifelte Unordnung kam. Schon am fünften, am siebenten des
+Monats mußte er um Vorschuß bitten, für viele Wochen hinaus konnte er
+nicht mehr auf seinen vollen Gehalt rechnen, an notwendige Anschaffungen
+für Kleidungsstücke oder gar an Bücherkaufen war nicht zu denken, und
+wenn er die Miete und das Mittagessen gezahlt hatte, so lief das übrige
+rasch bei den nächtlichen Gelagen davon. Und weil unter dem Einfluß
+Peter Palms niemand sich anders führte, jeder aus dem Leeren
+wirtschaftete und dies trübselige Wesen zum Heldentum emporgelogen
+wurde, so dachte Engelhart, alles müsse so sein, wie es war, und es sei
+ein Schimpf, anders aufzutreten, als mit prahlerischen Ansprüchen an
+eine blind undankbare Welt.
+
+Peter Palm stammte aus den niedrigsten Verhältnissen. Seine Mutter war
+eine Waschfrau in Plobenhof, den Vater hatte er nie gekannt. Er hatte
+studiert, Stipendien hatten ihm anfangs fortgeholfen, jetzt war er im
+siebzehnten oder achtzehnten Semester und brachte es nicht weiter. Er
+hatte viel erlebt und viel gelesen; in seinem Charakter herrschte das
+Böse vor. Sein Gemüt war verbittert, ja gleichsam mit Schwären bedeckt,
+nicht nur durch Armut und Entbehrungen war es dahin gekommen, sondern
+auch durch angeborne Zügellosigkeit des Herzens. Er hielt sich für eine
+Art modernen Sokrates, doch mißhandelte er seine Mutter, um ein paar
+Pfennige von ihr zu erpressen. Von allen, die um ihn waren, hatte er
+Franz Klewein am unbedingtesten in seiner Gewalt. Auch dieser war arm,
+hatte abenteuerliche Fahrten hinter sich, war Matrose gewesen, hatte in
+einem indischen Hafen desertiert, war in einem Reisfeld von Hindus
+aufgefunden und verpflegt worden; dann nach Europa zurückgekehrt, trieb
+es ihn zur Schauspielerei, aber er fand damit nur ein kümmerliches
+Auskommen. Er war der leidenschaftlichste Mensch, den Engelhart je
+gesehen. Er hatte etwas von einem edeln Tier; äußerlich trat er wortkarg
+und mit gemessener Ruhe auf, nur in den kleinen unter vorspringenden
+Stirnknochen versteckten Augen flackerten unheimliche Feuer. Sein
+Scharfsinn war groß, er beobachtete mit Lust und mit Haß und seine
+Bemerkungen ritzten förmlich die Haut durch ihre ätzende Bosheit. Er war
+noch jung, kaum sechsundzwanzig, ehedem war er sicherlich eine zum
+Positiven geneigte Natur gewesen, aber das Schicksal hatte ihn müde
+gejagt. Dazu kam noch Peter Palm über ihn; er hatte ihn in einer
+Berliner Lasterhöhle kennen gelernt, gerade als er mit dem Entschluß
+kämpfte, seinem Leben ein Ende zu machen. Durch Palm wurde er aus der
+dämmernden Bahn gerissen, die Helligkeit der Zweifel machte ihn sich
+selber doppelt verachtenswert. Er hatte kein Engagement mehr, kaum ein
+Unterkommen, und niemand wußte, wie er sein Leben fristete. Den größten
+Teil seiner Zeit verbrachte er grüblerisch erstarrt im Paradieschen.
+
+Das Paradieschen war ein winziges Gebäude, dicht am Stadtgraben erbaut;
+jenseits erhob sich der kolossale Turm des Ludwigstores. Zur Nachtzeit
+blickten die erleuchteten Fensterchen einladend über den stillen Platz
+und rückwärts fiel der Lichtschein in das Pflanzengewinde über der
+uralten Festungsmauer. Im Paradieschen war alles winzig: der Wirt, die
+Kellnerin, der Spiegel im Goldrahmen, Tische, Stühle, Tassen, Löffel und
+das Stehklavier an der Wand. Palms treuester Trabant, ein einfältiger
+Sachse namens Jentsch führte auf dem gebrechlichen Instrument seine
+wesenlosen Phantasien aus. Er machte die Stimmung. Stimmung, das war das
+große Wort. Keiner wußte, was im Kern darunter zu verstehen sei, sie
+wollten vergessen, es war ein Aufprasseln letzter Gemütskräfte. Es war
+zum Beispiel ein Mann dabei, der für einen Erfinder galt, ein bejahrter
+Herr; er hatte ein Vermögen für seine Hirngespinste verschwendet und war
+jetzt im Elend; dieser zog immer sein Taschentuch und wischte die Tränen
+ab, wenn Jentsch spielte. »Nur zu, nur zu,« murmelte er bei jeder Pause,
+»das tut wohl, lieber Jentsch, das tut mir wohl.« Doch dieser stellte
+sich selten ein und wurde nie recht ernst genommen, denn es fehlte ihm
+der flagellantische Geist, der alle Schläge des Geschicks dadurch
+mildert, daß er eine Selbstpeinigung daraus macht und jede Schuld mit
+der Krone des Martyriums schmückt.
+
+Einer aus der Gesellschaft hatte das Wort aufgebracht: wir sind die
+Totengräber der Ideale. Engelhart suchte hinter den totengräberischen
+Worten die neuen Ideale. Mit beklemmter Brust saß er da und lauschte und
+wurde trunken von Worten. Gefühl und Wort waren ihm noch untrennbar
+eins. Die große Gebärde riß ihn hin. Alles ward geleugnet; ein Spiel
+seiner selbst rollte der Erdball gesetzlos durch den verödeten Raum.
+Engelhart spürte Angst vor seiner Existenz und bewunderte den Mut der
+Leugner. Peter Palm durchschaute seine Jünger; wenn er ihre Schwäche
+erkannt hatte, durfte er alles wagen. Die Vergeblichkeit menschlichen
+Mühens wurde in seinem Munde ein Argument des Triumphes. Er nannte sich
+in einer geistreichen Stunde den Beichtvater der Todgeweihten; er versah
+die sinkenden Seelen mit den Sakramenten. Wenn er redete, schwiegen
+alle. In seinem bräunlichen, langgezogenen Fanatikergesicht zitterte Wut
+gegen jeden Besitz, gegen jede Hoffnung, ja gegen jeden Kampf. »Du bist
+ein Moslem,« sagte Klewein verächtlich und mit dem Schmerz, den er um
+sein gestrandetes Leben empfand, »deine Ausbrüche sind Konvulsionen des
+Quietismus.« Klewein glich dem im Käfig eingesperrten Wolf; dasselbe
+ruhelose Auf und Ab, dasselbe sinnlos verstockte Starren auf das eiserne
+Gitter. Einmal blieb er in der Nacht vor der Frauenkirche stehen und hob
+die geballten Fäuste. Dann drehte er sich um und schrie: »Ein Weib, ein
+Weib, ein Königreich für ein Weib!« Peter Palm lachte und suchte
+nachzuweisen, daß das wahrhaft moderne Weib in der Dirne kristallisiert
+sei. Engelhart widersprach. Die treuherzige Unschuld seiner Rede
+erbitterte Palm und er riet ihm, mit einem Kindertrompetchen vor eine
+Mädchenschule zu ziehen und Reveille zu blasen. »Sie sind auch einer von
+denen, die Helena in jedem Weibe sehen,« sagte er und prophezeite ihm
+ein Leben der Schmach und der Enttäuschungen. Darauf wußte Engelhart
+nichts zu entgegnen. Alles, was gesagt wurde, nahm er ganz so, wie es
+gesagt wurde, das amüsierte Peter Palm im stillen. Doch ärgerte er sich
+über ein Unbezeichenbares in den Augen des jungen Menschen, er ärgerte
+sich sogar, wenn Engelhart seinen, Palms, Worten allzuviel Gewicht
+beilegte, und eines Tages bemerkte er gegen Klewein, daß da doch nicht
+Blut von seinem Blut sei; fremde Rasse; solche Burschen müßten von
+Rechts wegen reich sein, dann könne man sie mit gutem Gewissen
+verachten. »Ich bin überzeugt, er wird einmal das große Los gewinnen,«
+schloß er hämisch.
+
+Doch im Grunde wußte er besser Bescheid über Engelhart, als er sich
+zugestehen mochte, er wußte besser Bescheid als Engelhart selbst. Er
+nannte ihn Seelenspürhund, Gefühlsparasit. Doch hier war ein Etwas, das
+er nicht zerreißen noch zerbrechen konnte, gleichsam aus der eignen Hand
+des Schöpfers hervorgegangenes Gespinst, das man nicht anrühren darf,
+ohne vom Blitz getroffen zu werden. Sein Hinundherzittern über den
+Gebilden des Lebens gemahnte Palm an die Kompaßnadel, die bei allem
+Zittern stetig zum Pole zeigt. Sein zerrütteter Organismus spürte die
+Gesundheit des Gesunden traumhaft scharf, bald war er sich auch klar,
+wohin das unbewußte Wesen heimlich ziele, von dem Engelhart so qualvoll
+beunruhigt wurde, und ein gelegentlicher Fund bestätigte seine
+Mutmaßung.
+
+An einem Sonntagnachmittag lag Engelhart, von Kopfschmerzen gequält, auf
+dem Sofa (er wohnte jetzt im zweiten Stock eines Hauses in Steinbühl),
+als Palm und Klewein erschienen. Sie machten sich's nach ihrer Art
+bequem, schwadronierten von diesem und jenem, Klewein entwickelte nicht
+zum erstenmal seinen Plan, nach Amerika auszuwandern, Palm hatte
+indessen die Tischlade aufgezogen und stöberte ungeniert unter den
+Briefen und Papieren Engelharts. Es fiel ihm ein dicht bekritzelter
+Bogen in die Hand, auf dem die Geschichte vom kleinen Bräutigam
+aufgeschrieben war, die Engelhart seinem Bruder erzählt hatte; einzelne
+Merkworte waren ihm nicht aus dem Sinn gegangen und er hatte, vor
+Monaten schon, sich der ganzen Bilderfolge durch Niederschreiben
+entledigt. Palm las und las, begann spöttisch zu lächeln, dann laut zu
+kreischen, Engelhart merkte zu spät, was vorging. Palm ließ sich den
+Raub nicht mehr entreißen, auch Kleweins Einspruch half nichts, Palm
+bestand darauf, das Elaborat müsse im Paradieschen verlesen werden, auch
+Herr Barbeck habe heute zu kommen versprochen, das treffe sich
+ausgezeichnet, der sei der rechte Mann für so was. Welche Verachtung lag
+in seinen Worten! Engelhart glaubte, seine Unfähigkeit werde an den
+Pranger gestellt, und wollte vor Scham vergehen. Die Verlesung fand zu
+einer Stunde statt, wo noch keine fremden Gäste im Paradieschen waren;
+die simple Geschichte wurde mit blutigem Hohn aufgenommen und
+vollständig niederkritisiert. Zuhörer waren Palm, Klewein, Jentsch, der
+Baron, dann ein halbnärrischer Maler, der den Spitznamen Krapotkin
+hatte, da er unaufhörlich Stellen aus den Schriften dieses
+Anarchistenführers deklamierte, und ferner Herr Barbeck. Dieser gab sich
+den Anschein, als nehme er die Geschichte ernst, und fragte Engelhart am
+Schlusse, was das Ganze zu bedeuten habe und von wo die Verse
+abgeschrieben seien. Engelhart schwieg. »Was haben Sie denn vor, was
+wollen Sie werden?« fuhr Barbeck mit geheimnisvollem Grinsen zu fragen
+fort. Und als Engelhart verlegen die Achseln zuckte, lachten alle,
+Barbeck aber sagte: »Na, Jüngling, mich werden Sie nicht hinters Licht
+führen, ich kenne das, bin selber dort gewesen, hinterm Licht nämlich,
+hab' selber Äpfel gestohlen.«
+
+Barbeck kam von da an allabendlich ins Paradieschen. Mit seinem
+tückisch-vielsagenden Lächeln versicherte er, daß ihm der kleine
+Bräutigam, auf diesen Spitznamen nagelte er Engelhart fest, Interesse
+eingeflößt habe. Es hatte eine eigne Bewandtnis mit Herrn Barbeck, und
+Engelhart fürchtete den Mann mehr noch, als er mit der Zeit Peter Palm
+fürchten gelernt hatte. Peter Palm gab sich wenigstens wie er war, eher
+noch schlechter als besser, es war etwas Ehrliches in seiner dürren
+Dämonenhaftigkeit, aber dieser wechselte beständig sein Wesen und war
+ungreifbar wie die schillernde Qualle. Er war Privatgelehrter, das
+heißt, er betitelte sich so. Er behauptete, Astrologie und Alchymie zu
+studieren, und meinte, wenn die Rede darauf kam, die alten Burschen in
+Babylon seien gar nicht so dumm gewesen. Dabei ließ er die frivol
+glänzenden Äuglein forschend von Gesicht zu Gesicht wandern, denn er war
+ungemein eitel, so eitel, daß er nicht vertrug, wenn jemand in der
+Gesellschaft einen guten Witz machte, gerade als ob es nur ein
+bestimmtes Quantum Gelächter in der Welt gebe und er um seinen Anteil zu
+kommen fürchte. Er besaß lange glatte, blonde Haare, die am Hinterkopf
+kunstvoll beschnitten waren und den mädchenhaft zarten Nacken frei
+ließen; häufig strich er mit der Hand über den Kopf, wobei er zärtlich
+sinnend oder boshaft triumphierend in die Luft schaute. Wenn jemand
+seinen Worten widersprach, so fing er an, irgendeine Melodie vor sich
+hinzusummen, und drehte den Kopf wie eine Soubrette mit schmachtendem
+Blick zur Seite. Er war wohlhabend, aber geizig; einmal war es Peter
+Palm gelungen, ihn anzupumpen, darauf hatte sich Barbeck monatelang
+nicht mehr blicken lassen. Bei Tag war er ein Bürger, nie hätte er sich
+bei Tag etwas gegen die bürgerliche Ordnung zuschulden kommen lassen;
+bei Nacht dagegen setzte er Ehre darein, für einen erfahrenen Glücks- und
+Lebemann zu gelten, sprach mit pfiffig verschlagener Miene von seinen
+Abenteuern und von gewissen Häusern der Liebe an der Stadtmauer drüben.
+Alle andern verachteten immer nur die Menschen im allgemeinen mit
+Ausnahme der Anwesenden, jeder Anwesende war eine Persönlichkeit von
+Bedeutung; Barbeck verachtete alle und zeigte jedem, daß er ihn
+verachte, ihm konnte man nichts vormachen, der älteste Ruhm zerstob vor
+seinen Augen in Dunst, und er pflegte nur hin und wieder mit
+feinschmeckerischem Zungeschnalzen Dinge zu loben, über die sich niemand
+eines Lobes versah oder die zu tadeln albern gewesen wäre.
+
+Engelhart wurde bis ins tiefste Herz beunruhigt. Dies gefühllose
+Fertigsein; dies unbedingte Sichersitzen auf felsenfesten Urteilen;
+diese hohnlachende Philosophie, die ohne Skrupel das Erhabene von seinem
+Thron zerrte. Oft saß er wie im Fieber und jeder Abend endete mit
+Stunden des Lebensüberdrusses. Denn wozu leben, wenn das, was er so
+göttlich in seinem Innern walten fühlte, nur ein aberwitziges Spiel war,
+ein Traumgesicht, das vor andern zur Grimasse erstarrte? Mit Angst hielt
+er sich fest, um nicht zu fallen. Die überfließende Empfindung suchte er
+zu verbergen, es war freilich umsonst, sie wußten es alle, sie machten
+sich zu Meistern seiner Unsicherheit und zerhämmerten sein Herz. Wie das
+Weltkind unter Pfaffen gezwungen wird, sein natürliches Betragen für
+eine Sünde anzusehen, so bequemte er sich, um doch wenigstens für
+ebenbürtig genommen zu werden, mit ihren Gebärden zu reden und ihren
+Anschauungen beizupflichten. Er war der erste und der letzte bei allen
+Gelagen, genoß unzureichenden Schlaf und nährte sich schlecht. Seine
+Lebensführung war unsinnig, er mußte Schulden machen, und anständige
+Leute, die ihm bisher wohlgewollt, wurden ihm feindselig gesinnt. Es war
+alles umsonst, Peter Palm glaubte ihm nicht. »Geben Sie sich keine
+Mühe,« sagte er, »Sie sind ja doch nur ein verkappter Philister, der
+zähneklappernd einen Ausflug ins feindliche Land macht.« O dieser Dämon
+im Schlafrock!
+
+Eines Nachts kam Barbeck aufgeregt ins Paradieschen und verkündete,
+Amöna Siebert sei in der Stadt und tanze in den Reichshallen. Daraufhin
+wurde der Beschluß gefaßt, aufzubrechen, um die Siebert zu sehen, die
+nach Peter Palms Beteuerung das genialste Weib unter der Sonne war.
+Amöna Siebert war vor acht oder zehn Jahren Kellnerin im Wirtshaus zum
+Mondschein gewesen, und das siebzehnjährige Mädchen, ohne durch
+Schönheit aufzufallen, fand wegen ihrer Heiterkeit viele Anbeter. Eines
+Morgens nach einem Ball hatte sie den kleinen Saal aufzuräumen, und
+plötzlich fiel ihr bei, eine Menge Stühle in zwei Reihen zu setzen,
+diese für Tänzer und Tänzerinnen anzusehen und zwischen ihnen hindurch
+die Touren einer Anglaise zu tanzen, ein Vergnügen, das sie
+leidenschaftlich liebte, weil sie dabei die Leichtigkeit und Anmut ihrer
+Bewegungen spüren konnte. Ein durchreisender Fremder belauschte und
+überraschte sie, er machte ihr das Anerbieten, sie ausbilden zu lassen,
+einige Monate darauf hörte man von ihren großen Triumphen, plötzlich war
+sie verschollen und es hieß, ein italienischer Graf habe sie entführt.
+Viel später war sie noch einmal in der Stadt gewesen und hatte getanzt,
+darauf hieß es wieder, ein Liebhaber habe sich ihre Gutmütigkeit zunutze
+gemacht und sie zugrunde gerichtet. Jedenfalls ging es ihr jetzt
+schlecht, sonst wäre sie nicht in den Reichshallen aufgetreten, einem
+Lokal letzten Rangs. An diesem Abend tanzte sie nicht, am nächsten Abend
+sah sie Engelhart zum erstenmal, hatte aber keinen guten Eindruck von
+ihr; ihre Bewegungen erschienen ihm frech und gewaltsam, nur die
+traurigen, starr in die rauchige Luft des eklen Raums gerichteten Augen
+berührten sympathisch. Barbeck machte sich hinter einen von Amöna
+Sieberts Bekannten, und dieser versprach, ihn und seine Freunde mit der
+Tänzerin zusammenzubringen, die gegenwärtig ohne Anhang sei. Barbeck
+hatte Bedenken, die Sache drohte Geld zu kosten, er war der einzige
+Zahlungsfähige bei der Partie, indessen gab er sich der Hoffnung hin,
+auf die Kosten zu kommen, und gegen Mitternacht zog die ganze
+Gesellschaft mit Amöna in einen Weinkeller. Amöna Siebert trug sich wie
+eine vornehme Dame. Ihr oberflächlich lustiger Ton zeugte von der
+stetigen Gewohnheit des Verkehrs mit fremden Leuten. Mehrmals hatte es
+dennoch den Anschein, als fühle sie sich unbehaglich und aus dem
+verschleierten Blick sprühte Widerwillen. Barbeck benahm sich wie ein
+Faun, er trank mehr, als er vertragen konnte, und wurde nach und nach
+zudringlich, Klewein, bebend vor Wut, ließ ihn barsch an, es entstand
+Streit, Peter Palm mußte sich ins Mittel legen, am Ende stritten auch
+Klewein und Palm und warfen einander Wahrheiten an den Kopf. Der Baron
+suchte Amöna mit aristokratischen Manieren zu bestechen, während Jentsch
+und Krapotkin die Gelegenheit des Freitisches benutzten, um sich gütlich
+zu tun. Engelhart litt. Eine mahnende Stimme ertönte in seinem Innern,
+und wie unter einer Bergeslast stützte er den Kopf in die Hände.
+
+Es blieb nicht verborgen, daß Klewein für die Siebert leidenschaftlich
+entbrannt war. Er opferte das letzte, was er hatte, um sich einen
+tadellosen Anzug zu verschaffen. Ob er erhört wurde, war nicht zu
+erfahren, man wußte nur, daß er mitsamt seinem feinen Anzug obdachlos
+war, denn Palm, bei dem er oft genächtigt, wollte nichts mehr von ihm
+wissen. Es beleidigte ihn, sich um eines Frauenzimmers willen beiseite
+geschoben zu sehen. Jentsch und der Erfinder gingen einmal spät nachts
+am Güterbahnhof spazieren, da überraschten sie Klewein, wie er sich auf
+einem Frachtfuhrwerk das Lager zum Schlafen richtete. Er machte
+humoristische Glossen darüber, die beiden dummen Menschen ließen sich
+täuschen und lachten mit ihm. Barbeck war die ganze Zeit über voll Gift
+und Galle, tröstete sich aber immer wieder mit Peter Palms Versicherung,
+daß die Siebert unmöglich einem Klewein ihre Gunst schenken könne. Eine
+Woche später hieß es, Amöna Siebert sei krank und die Direktion der
+Reichshallen mache Schwierigkeiten mit dem Kontrakt, das Mädchen habe
+ihre Wohnung aufgeben müssen und sei zu einer armen Verwandten gezogen.
+
+Eines Abends trafen sich Engelhart und Klewein am Laufertor,
+schlenderten eine Weile planlos um den Graben, und Klewein wurde von
+Minute zu Minute düsterer und zerstreuter. Engelhart dachte, es seien
+die Geldsorgen schuld, und da Monatsanfang war und er gerade ein paar
+Taler in der Tasche hatte, fragte er Klewein, ob er ihm aushelfen könne.
+Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, aber Kleweins Betragen
+veränderte sich deshalb nicht. Engelhart war nicht fähig, jemand
+auszuforschen, er liebte gar nicht Geständnisse eines andern, er war zu
+sehr mit sich selbst beschäftigt. Klewein schlug ihm vor, mit in die
+Reichshallen zu gehen, und auf dem Wege dorthin erzählte er, offenbar in
+dem qualvollen Drang, sich irgendwem zu eröffnen, wie ihn Amöna Siebert
+an der Nase herumführe, wie sie ihn leiden lasse durch seine
+Leidenschaft und daß er darüber des Lebens satt und übersatt geworden
+sei. Wie aus Fieberphantasien stieg Amönas Bild empor als das einer
+Vergifterin, eines Molochs.
+
+Stumm saßen sie während der Vorstellung in den Reichshallen, gehässig
+aufgeregt durch den Lärm, die widerliche Musik und den Anblick der
+verwüsteten Männer- und Weibergesichter. Später gingen sie mit Amöna in
+ein nahegelegenes Café. Klewein redete beständig, Amöna unterbrach ihn
+oft mit einer spöttisch stachelnden Bemerkung, sie sah matt und blaß
+aus, oft schien es, als werde ihre Brust ausgeglüht von einer
+verborgenen rasenden Ungeduld.
+
+Engelhart schwieg zumeist. Ihn erbarmte des Weibes, er wußte nicht wie
+und warum. Die Gegenwart einer Frau stimmte ihn überhaupt stets milder
+und süßer. Auf dem Heimweg entstand plötzlich ein Wortwechsel zwischen
+Klewein und Amöna; eigentlich um nichts, der Zwiespalt lag mehr in den
+beiden Menschen selber als in ihrer Wirkung aufeinander. Als Klewein sie
+aufs äußerste gereizt hatte, blieb Amöna stehen und sagte kalt: »Jetzt
+habe ich genug von Ihnen,« und streckte dabei befehlend den Arm aus.
+Klewein starrte sie an, dann verbeugte er sich sarkastisch und ging
+hinweg. Seine heftigen Schritte verklangen in der Finsternis. Amöna
+wendete sich mit einem drohenden Blick zu Engelhart und fragte: »Sind
+Sie auch so einer?« Und da er schwieg, nahm sie seinen Arm, und da er
+ihr nicht werbend entgegenkam, schien sie zu erstaunen. Unter einer
+Gaslaterne nahm sie ihm den Hut ab, legte die Hand auf seine Schulter,
+sah ihn prüfend an und sagte halb lächelnd, halb traurig: »So jung, so
+jung!« Sie blieben eine Weile stehen, dann sagte sie: »Jetzt gehen Sie
+nach Hause und schlafen Sie sich mal aus, und morgen abend um neun Uhr
+kommen Sie zu mir, ich tanze morgen nicht, ich fühle mich wieder unwohl,
+kommen Sie zu mir in die Wohnung.« Sie nannte ihm die Straße und das
+Haus, nickte kokett und schritt langsam davon. Engelhart kam taumelnd
+heim, entschlief erst, als der Tag anbrach, und wurde durch einen
+Abgesandten des Bureaus aufgeweckt, der ihm ein Schreiben von Herrn
+Zittel übergab. Herr Zittel schrieb, seine Geduld sei nun zu Ende, nur
+der Rücksicht, die man auf seinen Vater nehme, habe es Engelhart zu
+verdanken, daß man ihn noch nicht davongejagt. Engelhart schrieb zur
+Antwort, er sei krank, versprach morgen zu kommen, versprach sich zu
+bessern. Als er um sieben Uhr nachmittags ins Paradieschen kam, war
+Barbeck zugegen, es wurde natürlich über Klewein und Amöna geredet,
+durch ein unvorsichtiges Wort machte er den immer lauernden und
+mißtrauischen Barbeck stutzig und sein Erröten setzte ihn noch mehr in
+Verdacht. Es erschienen auf einmal viele Leute, meist unbekannte
+Gesichter, einer von ihnen trat zum Tisch und begrüßte Barbeck, es war
+ein schlanker Mensch mit außerordentlich schönen, bleichen Zügen, hinter
+dem Zwicker funkelten feurige Augen. Engelhart war es längst müde, immer
+wieder Menschen zu sehen, ihm bangte vor jedem neuen Namen, auch dieser
+Fremde machte ihn ungeduldig, indessen ward er sehr bestürzt durch den
+ernsten, tiefen, mitleidigen Blick, der ihn aus jenen Augen traf. Er
+begann zornig zu werden und schaute mit Absicht in eine andre Richtung,
+endlich zahlte er und brach auf. Barbeck bat, auf ihn zu warten, er
+wolle ihn begleiten, Engelhart zögerte und erwog, wie er sich des Mannes
+entledigen könne, es war schon halb neun. Draußen fragte er nach dem
+schwarzbärtigen Herrn, der ihm so ärgerlich gewesen war, und Barbeck
+sagte, das sei ein toller Kauz, ein ganz toller Kauz. Das war alles.
+»Was ist er denn? wie heißt er?« fragte Engelhart mit beständig
+wachsendem Groll. Er heiße Justin Schildknecht und sei ... eben ein
+toller Kauz. Barbeck lachte wieder einmal geheimnisvoll in sich hinein.
+
+In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so. Barbeck hatte sich einst,
+ohne Vorwissen Engelharts, eine stenographische Abschrift von der
+Geschichte vom kleinen Bräutigam gemacht. Vor kurzem war er mit Justin
+Schildknecht, einem seiner bürgerlichen Tagesbekannten, beisammen
+gewesen, und um zur Erlustigung beizutragen, hatte er das Geschichtchen
+vorgelesen, gespickt mit eignen witzigen Einschiebseln. Der Zuhörer
+hatte sich aber in andrer Weise dafür erwärmt und den Wunsch geäußert,
+Engelhart kennen zu lernen. Nichts leichter als das, meinte Barbeck,
+kommen Sie um die und die Stunde da und da hin.
+
+Es war schwül. Bleifarbene Wolken umsäumten den Himmel, die den
+vergehenden Tag wie Tiere in unsichtbaren Klauen noch zu halten
+schienen. Während Engelhart überlegte, wie er von Barbeck loskommen
+könne, war ihm der Zufall bei seinem Vorhaben behilflich. Von der Haller
+Wiese her zog ein großer Trupp Menschen, lauter Arbeiter. Es war eine
+Kundgebung. Die Leute von den Spiegelglasfabriken hatten einen Streik
+veranstaltet. Aus dem Tor marschierten Polizeileute. Junge Burschen
+pfiffen und johlten, ein Herr im Zylinder rannte in größter Eile
+inmitten der Fahrstraße, Engelhart entschlüpfte in das Gedränge.
+
+Als er vor dem Haus anlangte, wo Amöna wohnte, es war ein altes Gebäude
+nahe der Insel Schütt, fing es an zu regnen. Sein Blut war so aufgeregt,
+daß der Arm zitterte, als er an der Glocke zog, und ungeduldigstes
+Verlangen machte sein Auge feucht. Ein altes buckliges Weib, wie einer
+Hexengeschichte entlaufen, öffnete und führte ihn über einen modrig
+riechenden Gang in ein kellerartiges Gemach. Ein riesiger Altnürnberger
+Schrank und eine Ampel mit rotem Glas konnten nicht den Eindruck der
+Armseligkeit mildern. An einigen Nägeln an der Wand hingen die bunten
+Gewänder der Tänzerin und sie selbst saß auf dem Sofa und nähte eine
+blaue Schleife auf ihren Hut. Sie schwatzte wie ein kleines Mädchen,
+fragte ihn, ob er reich sei, ob er reich werden wolle, schimpfte auf die
+reichen Leute, auf das Geld, auf die Männer, auf die ganze Welt. »Früher
+ist man wenigstens in die Kirche gegangen,« sagte sie, »jetzt fehlt auch
+das.« Dann blickte sie plötzlich auf und fragte mit seltsamer
+Heftigkeit, ob er sie schön finde; und da er betreten schwieg, ob er sie
+hübsch finde, ob sie schon verblüht sei. »Die Spiegel lügen,« rief sie
+aus, »nur die Weiber sind ehrlich, wenn sie aufhören, neidisch zu sein.«
+Sie stand auf, ging zur Tür, lauschte, riegelte zu, trat dann zu
+Engelhart und sah wartend, lächelnd, nicht ganz ohne Befangenheit in
+sein Gesicht. Alles an ihr war ein wenig gelblich, das Haar, die Haut,
+ja sogar die Augen.
+
+Engelhart vermochte weder zu reden noch sich zu bewegen, er saß wie
+angeschmiedet und erstaunte selbst über seinen unbegreiflichen Zustand.
+Nicht als ob ihm Amöna auf einmal reizlos erschienen wäre. Er fühlte
+noch dasselbe dumpfe Verlangen nach ihr wie vordem. Aber zuerst war es
+dies gewesen: er glaubte sie durch eine Miene oder Gebärde der
+Annäherung zu beleidigen, sie, die er doch kaum kannte; dann fürchtete
+er etwas andres, das Leben hinter ihr, die Bitterkeit in ihrer Brust,
+und außerdem war es ihm unmöglich, ihr auch nur ein einziges zärtliches
+Wort zu sagen, weil er keine Zärtlichkeit empfand und weil er sie nicht
+niedrig genug schätzte, um skrupellos zu nehmen, was vielleicht mit Mut
+und Selbstverleugnung gegeben wurde. Es war zugleich Stolz und Feigheit,
+Achtung vor dem Weibe und Angst vor einer Verantwortung, Trotz und
+Scham, doch hauptsächlich wohl Scham und schließlich auch eine nagende,
+beklemmende Traurigkeit. Alles das war es, nur kein Zugreifen und
+unbekümmertes Wagen. Zu viel enthielt jeder Augenblick für ihn, zu
+eifrig schaute er vorwärts und rückwärts und seitwärts und nach innen
+hinein in die Tiefe. Ein Mensch war ihm etwas unergründlich Vielfaches,
+Schwieriges, Gewundenes, Rätselhaftes, und ein Weib, das war nun ganz
+und gar ein Geheimnis.
+
+Amöna hatte ihn zu liebkosen versucht; sie ließ nun ab und setzte sich
+bleich und stumm auf den Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen
+Blick in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und ihr Gesicht
+hatte einen herausfordernden, wild-verächtlichen Ausdruck. Dann ging
+eine ganze Kette von Veränderungen in ihrem Gesicht vor; die Züge
+erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte eine hohle
+Müdigkeit über Wangen und Mund, über den Leib flog ein Schauder, sie
+warf sich quer über das Bett und seufzte aus furchtbar bedrängter Brust.
+Engelhart war sehr bestürzt darüber, was er da angerichtet, er hätte es
+gern wieder ungeschehen gemacht, aber das war nun vorbei. So stand er
+auf, ging zur Türe und sagte schüchtern gute Nacht.
+
+Draußen regnete es noch in Strömen, wie Peitschenschläge klatschte es
+aufs Pflaster. Indes er unter dem Toreingang wartete und den Hutrand
+herunterstülpte, weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm ins Gesicht
+spritzte, löste sich aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Mauer
+eine Gestalt und kam rasch auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart
+erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit beiden Händen
+seine Rechte und mit schlotternden Kinnladen murmelte er: »Mensch!
+Mensch!« Es war nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und
+leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich jedoch in
+wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht sagen: das, was du fürchtest,
+ist nicht geschehen, denn es gibt eine Männereitelkeit, die stärker ist
+als jedes Gefühl von Sünde.
+
+Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen. Ja, er behandelte
+Engelhart herzlicher als vorher und suchte im übrigen wieder Peter Palms
+Gesellschaft, die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie beschäftigten
+sich nach alter Gewohnheit damit, Höhlen zu bauen und andrer Leute
+Vorratskammern zu plündern.
+
+Es begann damals ein neuer Wind durch die Zeiten zu wehen; vieles
+zerbarst, was bislang in unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein
+Frühling des Gedankens war es, ein März der Hoffnungen, mit Fug durfte
+man Gewohntem mißtrauen, es brachen Blüten auf, so fremdartig, daß müde
+Augen sie für Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier zu atmen
+und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart spürte es in allen Fasern und
+wußte nicht, wohinaus damit; ein heftiges, blindes Wollen machte ihn
+unfähig, dem Augenblick, der gegenwärtigen Stunde genugzutun, seine
+Sehnsucht schien ihm doch nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an
+die rechte Stelle führte. Jene aber, an die er sich drangvoll anschloß,
+taten, als wüßten sie von nichts. Wenn der Sturm brauste, sagten sie:
+»Ach was, das Fenster schließt wieder einmal nicht«, und statt die
+Richtung zu deuten, machten sie sich über die Wetterfahne lustig. Sie
+verwühlten sich, und um nichts zu sehen, wenn es am wetterträchtigen
+Himmel leuchtete, schlossen sie krampfhaft die Augen und schrien: Es ist
+finster. Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen
+angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen und etwas Arges, Schmähliches
+kam über ihn.
+
+Mit dem trotzigen Entschluß zur Verworfenheit, gleichsam mit verhängtem
+Gesicht und aufgerissener Brust hatte sich Klewein in ein
+lasterhaft-ausschweifendes Treiben gestürzt. Der Baron, ebenfalls ein
+Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen, unterstützte
+ihn, Barbeck machte den lüsternen Neugierigen und Peter Palm sprach von
+sozialwissenschaftlichen Forschungsreisen, damit die Sache ein
+Mäntelchen habe. Es mußte alles ein Mäntelchen haben, jeder Mann und
+jedes Ding. »Kommen Sie, Freundchen,« sagte er zu Engelhart, als dieser
+einmal schmerzlich zögerte, »die verlorenen Söhne gehören zu den
+verlorenen Töchtern.« Sie traten in ein Haus, auf dessen Steinschwelle
+sich eine Lache geronnenen Blutes befand; daneben lag ein
+zerschnittener, halbverfaulter Apfel.
+
+Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste Frauenzimmer auf und
+zogen mit ihnen umher. Am Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust
+den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden durchpflügten Brust
+verschütteten. Engelhart ward seinem Mitleid und seinem Abscheu ein
+Spielball. Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen den
+offenen Gräbern für alle Hoffnungen des Lebens. Aber die Dirne ist
+vogelfrei, sie steht außerhalb der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist
+die Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus, sie ist
+pflichtenlos und legt niemandem eine Pflicht auf.
+
+Engelhart wußte, was er beging. Wie der Geldborger den besten Freund
+fliehen und fürchten lernt, dem er verschuldet wird, so geht es auch
+dem, der sein eignes Herz zum Gläubiger macht; er findet einen
+unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je mehr Engelhart sich mit
+Schuld bedeckte, je mehr betörte er sich mit dem Traum einer großen
+Erlösung. Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit und
+baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, eine Gespielin
+der Götter. Daß Engelhart, so für die Liebe geschaffen wie keiner,
+gerade an ihr zum Frevler werden mußte und zum immer wissenden Frevler,
+zum sühneerwartenden; seine Jugend hinwerfen mußte, das verirrte Gefühl
+nicht bewahren konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und eine
+Bestimmung alles von sich werfen mußte, was ihn stark und rein erhalten
+konnte!
+
+Es war eine Septembernacht, der Morgen ließ schon die Giebel der Häuser
+erblassen, da ging Engelhart mit wunderlicher Langsamkeit, die Hände vor
+das Gesicht gedrückt, Schritt für Schritt seiner Wohnung zu. Er mochte
+nicht emporblicken, die schwarzen Fenster der Häuser wurden ihm zu
+Augen, wie die Augen von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der
+Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht, den er durch
+Barbeck kennen gelernt und den er seitdem nicht wiedergesehen hatte. Er
+hatte die Hände vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte
+vorüberging, und sah ihm unwillkürlich nach. Plötzlich drehte sich
+Schildknecht um, kam wieder zurück, sie wechselten ein paar Worte, auf
+einmal fühlte Engelhart wie durch einen Zauberschlüssel sein Inneres
+aufgeschlossen, sie gingen miteinander weiter, redeten, redeten,
+Verwicklungen lösten sich, Nebel entschwebten, der Himmel wurde licht,
+Engelhart fand sich so herrlich verstanden, zärtlich beruhigt, endlich
+ein hörendes Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus
+Bergwerksschächten empor, und als sie sich trennten, besaß er einen
+Freund.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel
+
+
+Justin Schildknecht trat als Prediger und Reformator in den Lebenskreis
+Engelharts. Dies und dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die
+Sache so und so anfassen, sagte er; Engelhart wußte, wie verkehrt alles
+war und wo das Rechte lag, und war doch entzückt, es mit Worten zu
+vernehmen. Bisher hatte niemand sich die Mühe genommen, ihm einen Weg zu
+weisen, als ob es gleichgültig sei, wohin er ging, da er nicht stille
+hielt vor der Krippe, wo sie ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte:
+»Du gehörst ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du gehörst hinaus
+in die Welt, du gehörst der Welt und gehörst dir selbst.« Das machte
+Engelhart sicher wie einen, der lange Zeit ein von der Behörde nicht
+konzessioniertes Geschäft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein vom
+Minister selbst erhält.
+
+Zunächst heißt es sich von Peter Palm und seiner Sippe losmachen,
+erklärte Schildknecht. Nichts schien leichter; Engelhart dachte: 'Ich
+meide die Gesellschaft und alles ist in Ordnung.' Aber wenn die Stunde
+kam, trieb es ihn an die gewohnte Stätte, als wäre sein Blut vergiftet
+von der Luft dort, von den Blicken, Worten und Zeichen, von all dem
+Nichts, und fände nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch lag
+in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen Menschen, denen er
+einmal nur den geringsten Teil seines Herzens geschenkt, und er verstand
+es nicht, irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich
+fesselte, unbekümmert zu zerschneiden. Er schleppte immer sämtliche
+Überbleibsel aller Beziehungen zu Menschen schwerfällig hinter sich her.
+
+Dazu kam, daß Peter Palm plötzlich Besitzrechte an Engelhart geltend
+machte wie an einen Sklaven, der die Freiheit will. Engelhart nahm das
+sehr ernst. Er erachtete sich für gebunden, ihm schien, als ob ein
+Vertrag ihn feßle. Daß Schildknecht um dessentwillen nicht an ihm irre
+ward und hinter der schwächlichen Handlung das verzagte Gemüt spürte,
+das war ein schöner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er ließ sich zum
+Schein selbst von den Fäden umgarnen, aus denen er ihn lösen wollte, zog
+nächtelang mit umher, und wenn sie dann allein waren, redete er ihm
+gütig zu und riß den Flitterschleier von dem genialischen Unwesen.
+
+Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem uralten Hause am
+Egydienplatz. Über dem Tor war der Körper eines aufhorchenden, im Lauf
+stillestehenden Windspiels in Stein gemeißelt. Schildknechts Wesen und
+Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild nervöser Wachsamkeit. Er
+war reizbar und scheu wie ein eingesperrtes Tier. Einmal führte er
+Engelhart in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das Bildnis seines Vaters
+hing. Engelhart empfand beinahe Furcht vor dem schwarzbärtigen Gesicht
+mit den durchdringenden Augen und beneidete dennoch den Freund, über
+dessen Leben eine so verehrungswürdige und gewaltige Erscheinung
+thronte. In seiner behaglich-breiten und schnörkelhaft-abschweifenden
+Manier erzählte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr in die
+Bürgerversammlung gekommen war und wie der Anblick seiner majestätischen
+Person genügte, um die Zwieträchtigen eines Sinnes zu machen. Aber die
+Erinnerung an diesen Mann, die Rückwirkung einer tyrannischen und
+klösterlichen Erziehung beirrte Justins bis zur Schmerzhaftigkeit
+empfänglichen Geist mehr, als sie ihn festigte.
+
+Er war Entwurfzeichner für eine chromolithographische Anstalt und
+verdiente ziemlich karg sein Brot. Der Kopf war ihm voll von Plänen und
+Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten, und er fand
+nicht den Weg in die große Welt. Vielfaches Mißlingen hatte ihn
+argwöhnisch gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm ihm den
+Atem. Er war verlobt mit einem schönen Mädchen aus wohlhabender Familie,
+die Eltern der Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange
+Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern, giftige
+Schlangen, nur im Neid vegetierend, trugen schmutzigen Klatsch ins Haus,
+machten die Braut zum Aschenbrödel, häuften die Erbitterung.
+Schildknechts Vergangenheit wurde böswillig durchforscht, anonyme Briefe
+tauchten auf, das Verhältnis mit der Geliebten wurde zur Qual.
+Schildknecht war zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill
+verzehrte ihn. Wochenlang durfte er dem Mädchen nicht nahen, dann hielt
+er sich geflissentlich fern. Engelhart sah einmal das junge Ding,
+verschüchtert ging sie daher, doch gleich Beatrice »macht' ihr Anblick
+jedes Ding bescheiden«, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen.
+Schildknecht sprach selten von ihr und nur in Andeutungen, denn in
+allem, was Frauen und Liebe betraf, war er scheu und keusch.
+
+Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was irgend mit Werktätigkeit
+zusammenhing, schob er in weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit
+unfertiger Hand zu freveln. Er meinte, es müsse wie Sturmflut über ihn
+kommen, und es sei nichts vonnöten, als der gemeinen Misere enthoben zu
+sein. Einstweilen biß er sich die Lippen blutig an der Kette, die ihn
+hielt. Seltsam war es für Engelhart, mit Schildknecht vor dem
+Sebaldusgrab zu stehen, das er als Knabe in der dumpfen Lust an
+Gestaltlichkeit betrachtet hatte, und doch ahnend, wie Schönheit aus
+dem innersten Kern der Welt sprießt. Schildknecht vergötterte die alten
+Meister, in ihnen sah er alles verkörpert, was ihm die Heimat war und
+geben konnte. Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug, er
+stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu viel, das ermüdete
+Engelhart, unter solchem Zwang hätte er auch im Paradies trotzig die
+Augen geschlossen. So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches,
+manches Werk, manchen Menschen, manches freie Staunen. Um sich und den
+Freund baute Schildknecht eine Mauer des Hasses, und Engelhart öffnete
+sein Ohr für Schildknechts böses Hadern gegen die Zeit; mit der Gabe des
+Wohlwollens ohnehin spärlich bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos
+der Menschheit entgegendrängt, entfernte sich Engelhart, selber noch
+Ringender, hoffärtig und besserwissend von den Ringenden, als ob er
+darum schon des Irrtums enthoben wäre, weil er angefangen, fremdes Irren
+zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum erstenmal, das Gefühl
+eignen Wertes gab, genügte, um einer Welt den Rücken zu kehren. Und als
+Schildknecht den Freund so weit hatte, als er nur schüchtern glimmende
+Hoffnungen zu stärkerer Glut angefacht hatte, dem unaufhörlich fragenden
+Herzen in seiner ganzen Person ein verkörpertes, lebendiges, trotziges
+Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer, ihn aus Peter Palms
+Zauberkreis zu befreien, und Engelhart war verwundert und beschämt, als
+es ihn plötzlich nicht mehr zurückzog in die dunkle Sphäre.
+
+Schildknecht erlaubte nicht, daß Engelhart das armselige Loch in der
+Arbeitervorstadt weiter bewohnte. Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in
+Sankt Johannis vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald spürte
+Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und Licht. Bis in die späte
+Nacht, auch wenn Schildknecht schon längst gegangen war, konnte
+Engelhart nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen, wenn die
+Morgendämmerung durch die Gardinen blinzelte. Gestalten, denen er nie
+begegnet, regten sich wie Schattenbilder an der Wand, lösten sich von
+der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz Schicksal. In ihrem
+Schreiten war Musik. Der Wille, sie festzuhalten, erschütterte jeden
+Nerv. Sie waren Stücke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm fremd;
+ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern war er vertraut. Sie
+sprachen nicht, sie tönten, und nicht die Freude, sondern das Leiden
+machte sie tönend. Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln
+Körper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs einem Rufe, sie
+erschienen, nach echter Gespensterart, wann es ihnen beliebte.
+
+Engelharts Blut wurde trunken und matt und wieder trunken durch die
+verführerische Gaukelei. Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er
+irrte im Bodenlosen und nährte den Geist mit den Verlockungen der
+Phantome. In den letzten Tagen des Spätherbstes wurde es so schlimm, daß
+er die Erfüllung der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche lang
+verließ er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um mit Schildknecht
+umherzustreifen. Ohne eigentlich krank zu sein, war sein Körper von
+unbeschreiblicher Schlaffheit umfangen. Es quälte ihn ein seltsamer
+Durst, der vor jeder Labung in Ekel überging. Im Schlummer empfand er
+wie Sturmgebrause die Lebensangst, und alle Zweifel sah er in der
+geöffneten Brust als gelbe Würmer sich winden. Eines Abends hockte er
+jämmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte durch das offene Türchen
+in die Glut. Da barst eine Kohle knisternd auseinander, und eines von
+den Gespenstern stieg daraus empor; es war wie ein Knabe anzusehen,
+winzig klein, und es setzte sich Engelhart auf den Schoß. Der ganze Raum
+war plötzlich von einer bisweilen stockenden Melodie erfüllt:
+
+ Es war ein Bild im Bilde,
+ Als ich den Tod erdacht,
+ Sein trunkenboldisch Jauchzen
+ Durchgeisterte die Nacht.
+
+ Der Mantel wie von Flammen,
+ Das Auge wie von Stahl,
+ Der Busen eine Wunde, --
+ So flog er kalt und fahl.
+
+ Er schüttelt seine Taschen,
+ Die Seelchen flattern aus,
+ Das wispert, wimmert, kichert,
+ Und jedes sucht sein Haus.
+
+ Nur eins voll seligem Grauen,
+ Betäubt von Schein und Schall,
+ Verliert sich ohne Heimat
+ Im bodenlosen All.
+
+Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und schlief in seinen Kleidern
+still und gesundend bis zum Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloße
+Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr es ihn.
+
+Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren es nicht. Sie waren nur
+die Entschleierer, die Ausgraber des geheimnisvoll in Brunnentiefe
+ruhenden Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, das
+Brücken baut von Traum zu Traum.
+
+Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich entschuldigt; als er
+hinkam, machte ihm Herr Zittel die Mitteilung, daß er entlassen sei. Er
+erhielt noch einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig
+ausbezahlt und außerdem, gnadenhalber, ein präsentables Zeugnis, damit
+seine Existenz nicht völlig ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult
+drehte sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art Methodist, der
+seine freien Stunden, hauptsächlich von sieben bis neun Uhr abends, auf
+christliche Nächstenliebe gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges
+Gesicht machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete den
+blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf Engelhart, dann ging er
+ins Privatzimmer des Generalagenten, um das Zeugnis unterschreiben zu
+lassen. Der Methodist rückte ein Weilchen auf seinem Sessel, schließlich
+sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen aus seiner Tasche zum
+Vorschein, hinkte auf Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll
+flötender Stimme ein Stück zerbröckelten Lebkuchens an. Engelhart lachte
+gutmütig und dankte.
+
+Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrücke, sah ins Wasser und
+überlegte, was er jetzt beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon
+besetzt; das war immer seine feste Überzeugung im voraus, daß alle
+Posten schon besetzt seien. Er kam sich vor wie jemand, der bei einem
+Fest ungeladen und zu spät kommt, über viele Köpfe hinweg gerade noch
+einen Fahnenfetzen winken sieht, während die Musik nur durch
+verschlossene Türen zu ihm dringt.
+
+Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war Schildknecht.
+
+»Warum so tiefsinnig, alter Schwede?« fragte er in jenem
+gemütlich-heiteren Ton, der ihm stets Engelharts ganzes Herz zuwandte.
+Engelhart erzählte, und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. »Wie
+steht es mit den Finanzen?« fragte er. »Schulden? Wo und wieviel? Gut;
+jetzt lassen Sie mich mal gewähren. Wir werden ein schönes Brieflein an
+den Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir werden ihm
+klarmachen, daß der Herrgott ein paar Individuen erschaffen hat, deren
+Hinterteil sich für den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden
+ihm sagen, daß es einige Pflanzen gibt, die rasch ins Blühen kommen und
+rasch ins Welken, und wieder andre, bei denen die Sache langsam geht, je
+langsamer, je süßer die Früchte werden. Wir werden ihm zu verstehen
+geben, daß der satte Magen ein guter Moralist und der hungrige ein
+Behälter von Sünden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.«
+
+»Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein paar Taler schickt?«
+entgegnete Engelhart; »was dann, wenn das Geld verzehrt ist?«
+
+»Zuerst müssen Sie aus der verdammten Klemme kommen,« sagte
+Schildknecht. »Erst atmen und dann denken. Was später sein wird, dafür
+lassen Sie nur mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.«
+
+Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach Engelhart, die
+Geldsumme, um die er den Oheim bat, am Tage seiner Mündigwerdung
+zurückzuerstatten; er hatte von seinem mütterlichen Vermögen noch einen
+Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael Herz schickte den
+erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, aber kühlen Zeilen. »Ich
+hoffe, daß Du Deine bedrückte Lage, in welche Du durch eigne Schuld und
+eignen Entschluß geraten bist, nun etwas erleichtern kannst.« Von
+Zurückzahlung keine Silbe. Aber hätte Engelhart hinter den Zeilen zu
+lesen verstanden, hätte er nicht immer nur bei solchen Menschen Feinheit
+und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig mühen mußte und die ihn
+geistig nahmen, so hätte er sein Gelöbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort
+nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, dort habe er ohnehin
+ausgespielt und ein Vorteil sei ein Vorteil.
+
+Wenige Tage später erhielt Engelhart auch einen Brief seines Vaters.
+Herr Ratgeber wußte noch nicht, daß Engelhart ohne Posten sei, deshalb
+empfand dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er werde sich
+in der kommenden Woche in Nürnberg aufhalten, wo er geschäftlich zu tun
+habe. Herr Ratgeber schrieb, daß er über Engelharts Treiben nur
+Ungünstiges vernehme, er beklagte sich bitter über die Nachlässigkeit
+des Sohnes, der ihn monatelang ohne Brief lasse und sich nur an ihn
+wende, wenn er etwas brauche. »Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie
+Dich einen kalten Selbstsüchtling nennt,« hieß es weiter, »schon lange
+bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. Und was ist mit Deinem
+Fortkommen? Wahrlich, ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du
+einundzwanzig Jahre alt, in zwei Monaten bist Du großjährig, alle Deine
+früheren Kameraden haben schon glänzende Stellungen und Du mußt
+Schreiberdienste leisten für einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine
+teure Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? Für nichts
+zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines Kind stehst Du im praktischen
+Leben, und wenn ich bedenke, daß Du mir schon behilflich sein könntest,
+mein schweres Los zu erleichtern, dann frißt es mir ins Herz, Dich so
+mißraten zu sehen. Sieh doch zu, daß Du bei einer Bank unterkommst,
+suche meinen Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben sie Dir
+Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf es nicht weitergehen.«
+
+Zum Schluß kamen noch einige versöhnliche Sätze, als fühle Herr
+Ratgeber, daß er die Kluft zwischen sich und dem Sohne nicht erweitern
+dürfe, aber Engelhart blieb ungerührt. Er las das Schreiben seines
+Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort »Undankbarkeit« zuckte dieser
+zusammen.
+
+»Wenn nur die Herren Väter einsehen wollten, daß das weitaus größere
+Vergnügen auf ihrer Seite war,« knurrte er. »Immer soll das
+Kinderkriegen auch zugleich ein Zinsengeschäft sein.«
+
+Solche Worte von den Lippen des Freundes erkälteten Engelharts Gemüt
+noch mehr gegen den Vater. Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten
+Brief. »Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder Verständnis
+gefunden,« sagte er zu Schildknecht, wie um sich vor sich selbst zu
+rechtfertigen. Er war Tor genug, zu glauben, vom Verständnis sei alles
+Glück abhängig; er selbst wollte verstanden werden, aber er bequemte
+sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, wenigstens dort, wo es
+sich um jenes nach seiner Ansicht niedrige Vegetieren handelte, das
+sogenannte praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam und er
+durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, versteckte er sich. Nur
+zum Schlafen kam er spät am Abend heim, zweimal fand er einen Zettel
+seines Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen fragende und
+befremdete, das zweitemal abgerissene, empörte Worte darauf. Engelhart
+hörte nicht und fühlte nicht. Den ganzen Tag über hielt er sich in
+Schildknechts Hause auf.
+
+Frau Schildknecht hatte ihn zuerst kühl, beinahe feindselig behandelt,
+denn sein Umgang mit Justin schien diesen noch mehr aus der Bahn zu
+reißen als alle früheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie
+Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, versöhnte sie sich mit ihm.
+»Sie sind auch ein wacker verprügeltes Männlein,« sagte sie und schaute
+ihm tief, beinahe finster in die Augen. Das Haus war die reinste
+Katzenmenagerie. Um die Dämmerstunde öffnete Frau Schildknecht die Tür
+und zwei schwarze Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos
+herein. Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein mystisches
+Wesen und schrieb ihr dämonische Klugheit zu. Er erzählte von einem
+Kater, der, merkwürdig begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die
+Gassen gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er auf die
+Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden und nie wieder zum Vorschein
+gekommen. Eines Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit
+mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese nach einer Katze mit
+Steinen warfen. Er war wie außer sich und schlug mit der Kraft von
+dreien die ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das halbtote
+Tier in seinen Arm, sprach ihm zärtlich Trost zu und trug es nach Hause.
+
+Tag um Tag wurde Engelharts Zusammenleben mit Schildknecht inniger,
+alle andern Menschen erschienen ihm fremd, und wo immer er auch sonst
+Anschluß und Annäherung gesucht hatte, nichts blieb von diesen
+Beziehungen übrig, er zerbrach jede Fessel, vergaß jede Rücksicht außer
+dieser einen, die nun sein innerstes Leben ausmachte. Da er sich
+überdies von Justin Schildknecht eifersüchtig bewacht sah, bis auf
+Blicke, bis auf Gedanken, fand er sich doppelt verpflichtet und doppelt
+ergeben. Höher flogen ja seine kühnsten Wünsche nicht, als sich mit der
+ganzen Person einzusetzen für ein wahres Gefühl der Freundschaft, nur so
+erschien er sich geborgen, nur darin erblickte er Möglichkeiten des
+Gedeihens. Er erschloß mit Inbrunst sein Herz. Keine Hoffnung, keine
+Furcht blieb geheim. Über jede fern von dem Freund verbrachte Stunde
+legte er Rechenschaft ab. Nichts hatte Gewicht, was nicht Schildknecht
+billigen konnte, nichts wurde Erlebnis, was er nicht mit ihm erlebte.
+Was auch in der Welt geschah, große und kleine Dinge, schließlich kam es
+nur darauf an, wie es ihnen beiden dienen konnte. Ihm schien, man könne
+nicht zugrunde gehen, wenn man durch ein gleichgestimmtes Herz gehalten
+würde. Auch kannte er nicht mehr das Gefühl der Einsamkeit, das ihn
+vordem so oft gequält. Ein Tag voll Bangigkeit zählte nicht, denn er
+verhieß doch ein beseligendes Gespräch mit dem Freund, und über all das
+Drohende und Bedrängende sprechen zu können, das bedeutete soviel als
+es beseitigen. Sie wanderten in mondhellen Nächten durch die winkligen
+Gassen, über die Brücken und auf die Burg, oder saßen bei schlechtem
+Wetter in einer Kneipe; Schildknecht erzählte von seiner Vergangenheit,
+und dabei wurde ihm alles zum Märchen, ebenso wie Engelhart alles zum
+Märchen wurde, wenn er von der Zukunft sprach. Leider besaß keiner von
+ihnen die rechte Geduld, dem andern zuzuhören, es ging ihnen wie zwei
+Hungrigen, die aus derselben Schüssel essen und bei allem Wohlwollen
+füreinander doch nach den größten Bissen schnappen. Wie einfach wurde
+das Getriebe der Welt in solchen Stunden! Auf dieser Seite der Haß, auf
+der andern die Liebe, hier der Untergang und dort das Gelingen, Gut und
+Böse geteilt wie Licht und Finsternis, es kam gar nicht zum Exempel,
+denn alle Größen standen ausgerechnet da, und die Zauberformel hieß:
+Zugreifen!
+
+Solange er mit Engelhart allein war, fühlte sich Justin Schildknecht
+ruhig und frei gestimmt. Er war, wie auch Engelhart, ein sehr mäßiger
+Mensch, trank nie, nur im Tabakrauchen waren sie beide ausschweifend.
+Wenn sich nun ein dritter zu ihnen gesellte, was hier und da vorkam,
+denn Schildknecht hatte zahlreiche Bekannte in der Stadt, dann machte er
+den Eindruck eines Betrunkenen, und Engelhart selbst erschrak über sein
+scheues, zerflattertes, geschwätziges und gefährliches Wesen.
+Schildknecht traute keinem, er hatte an jedem seine Erfahrungen gemacht,
+er wollte niemand in sein Inneres blicken lassen, darum verkleidete,
+verstellte, versteckte er sich. Er war immer ein klein wenig Komödiant,
+nicht völlig aufgelöst in sein Schicksal oder seine Stimmung, stets ein
+bißchen von außen nach sich selber schielend. Nach und nach zogen sich
+alle von ihm zurück, auch Leute, die ihm wohlwollten. Er hatte ganz
+aufgehört zu arbeiten, und seine Verhältnisse wurden drückend. Der
+Mutter gegenüber hatte er ein schlechtes Gewissen und mied tagelang das
+Haus, nächtigte in Engelharts Wohnung. »Es wird ein schlechtes Ende
+nehmen,« sagte Frau Schildknecht. Ihr sibyllenhaftes Wesen wühlte Justin
+tief auf. Mutter und Sohn konnten nicht eine Viertelstunde nebeneinander
+weilen, ohne daß es zu heftigem Wortwechsel kam, und je maßloser sich
+Justin benahm, je stiller und eisiger wurde die Frau, gleichsam
+leuchtend von furchtbarer Voraussicht. Bei alledem wunderte sich Justin,
+daß sie sich Engelhart gegenüber sanft und freundlich zeigte, und hielt
+es ihr sehr zugute. Er liebte und verehrte sie, aber eigentlich nur in
+Gedanken, er sah in ihr eine wunderliche und geheimnisvolle Person, den
+dunkeln Kräften der Natur verwandt, denen der Sterbliche unbewußt
+widerstrebt.
+
+Indessen hatten die Eltern seiner Verlobten von dem Lotterleben Kunde
+erlangt und sich unter Aufgebot von allerlei Spionen Gewißheit
+verschafft. Sie untersagten der Tochter jeden Verkehr mit dem
+pflichtvergessenen Mann. In atemloser Erbitterung verbrachte
+Schildknecht die darauffolgende Zeit. Zudem gab es andre Schwierigkeiten
+materieller Art, die ihn ruhelos machten. Seine letzte Betäubung waren
+die Pläne, die er mit Engelhart schmiedete. Er selbst glaubte eigentlich
+nicht mehr an sich, aber Engelhart glaubte an sich, fest, naiv und froh;
+das war tröstlich, das war der Grund, weshalb Schildknecht oft wie in
+Bewunderung zu dem jüngeren Genossen emporsah.
+
+Eines Nachmittags um die Dämmerstunde kamen sie beide vor Schildknechts
+Haus und mußten dreimal läuten, ehe geöffnet ward. Oben im Wohnzimmer
+gewahrten sie die Umrisse einer Gestalt, die sich aus kniender Stellung
+erhob, und ehe Justin noch ein Streichholz in Brand gesteckt, trat seine
+Mutter zu ihm und sagte: »Mach dich gefaßt, es gibt ein Gewitter.«
+Schildknecht zündete die Lampe an; das Zylinderglas zitterte in seiner
+Hand, als er seine Braut im Zimmer sah, und er fragte rauh: »Was habt
+ihr denn miteinander?« Frau Schildknecht nahm eine offene Kassette, die
+mit Schmucksachen gefüllt war, vom Tisch, klappte sie zu und trug sie in
+den Nebenraum. Die unschuldigen Augen des jungen Mädchens leuchteten vor
+Angst. Justin schlug seine Faust mit solcher Gewalt auf die Lehne eines
+Stuhls, daß der Knöchel des Mittelfingers zu bluten begann. Dabei schrie
+er: »Ich will wissen, ich will wissen!« Wieder trat Frau Schildknecht
+auf ihn zu und flüsterte. Er zuckte zusammen, packte sie an der Schulter
+und mit einem heiseren Aufbrüllen riß er sie herum. Sie strauchelte und
+stürzte mit der Stirn gegen die Ofenkante. Das junge Mädchen hielt die
+Arme flehend ausgestreckt, dann wurde ihr Antlitz flammend rot, sie
+griff nach ihrem Mantel und ging. Justin ließ sich auf das Sofa fallen
+und begrub das Gesicht zwischen den Armen. Frau Schildknecht warf
+Engelhart einen sonderbaren triumphierenden Blick zu, dann seufzte sie
+und zog die Vorhänge über dem Fenster zusammen. Engelhart empfand
+plötzlich Grauen vor Schildknecht, er spürte etwas Fremdes und
+Unüberwindliches zwischen sich und ihm; es war, als ob eine Hand sein
+Haupt umspannte, den Kopf in eine bestimmte Richtung drehte und ihn so
+zwang, beständig auf den beleuchtetsten Fleck des Raumes zu starren.
+
+Nach diesem Vorfall entstand in Schildknecht der Entschluß, die Stadt zu
+verlassen und sein Leben zu ändern. Er setzte sich mit mehreren
+ausländischen Firmen in Verbindung, sein Name war nicht unbekannt,
+seine Arbeiten empfahlen sich von selbst, schließlich konnte er unter
+den Angeboten wählen und entschied sich für eine Stellung in der
+Schweiz. Am dritten Januar sollte er reisen. Er gab Engelhart das feste
+Versprechen, auch für ihn dort zu wirken, er wollte einen erträglichen
+Posten für ihn suchen und so, auf gesünderer Grundlage als bis jetzt, an
+der großen geistigen Zukunft gemeinsam weiterbauen; ohne Sicherheit des
+Brotes gebe es keine Entfaltung der Idee, meinte Schildknecht.
+
+Als die Eltern der Braut von Schildknechts Vorhaben vernahmen und sahen,
+daß es damit ernst war, lenkten sie ein und am Silvesterabend fand eine
+Art Versöhnung statt mit darauffolgendem Familienessen, von welchem sich
+nur Justins Mutter fernhielt. Sie ließ sich von dem Schmerz nichts
+merken, den ihr Justins Wanderplan verursachte.
+
+Den selben Silvesterabend verbrachte Engelhart bei entfernt Verwandten,
+einer Tochter von Iduna Hopf, die an einen Kaufmann in der Stadt
+verheiratet und die ihm sehr freundlich gesinnt war. Er trank ein paar
+Glas Punsch über die Besinnung, und als er gegen zwei Uhr morgens die
+Gesellschaft verließ, tanzten die Häuser auf der Straße. Er war noch
+nicht ganz betrunken, aber es war ihm ungeheuer selig zumute, so daß er
+an jeder Ecke stehen blieb und eine Weile in sich hineinkicherte, bevor
+er weiterging. In solcher Verfassung nach Hause zu wandeln und sich ins
+Bett zu legen, erschien untunlich, daher schlug er die Richtung nach dem
+Egydienplatz ein und stand alsbald vor Schildknechts Hause. Der Platz
+lag verödet. Es fiel Schnee, der im Laternenlicht aufblitzte wie
+Silberstickerei. In der Mitte des Platzes stand die Kirche gleich einer
+riesigen schwarzen Faust mit erhobenem Daumen. Aus den umliegenden
+Straßen drang das Geschrei der Neujahrsrufer in die Stille. Engelhart
+stand eine Weile glücklich lächelnd, dann stimmte er ein Liedchen an.
+Das Familienfest mußte schon zu Ende sein, denn aus Schildknechts Kammer
+funkelte Licht und nun wurde auch das Fenster geöffnet, Schildknechts
+lachendes Gesicht erschien und es entspann sich ein kleines
+metaphysisches Zwiegespräch, in dessen Verlauf der schon
+Schlafensbereite droben die Ansicht vertrat, daß es gut sei, noch ein
+wenig das neue Jahr im Freien zu genießen, da es doch wahrscheinlich nur
+in frischem Zustand genießbar und morgen schon der Tag der Trennung sei.
+Sie gingen über den Markt zum Haller Tor. In der Nähe des Henkerstegs
+sahen sie plötzlich eine gegen die Schwerkraft kämpfende Gestalt und
+erkannten Barbeck: zerrauft, beschneit, beschmutzt, ohne Hut und ohne
+die ironisch-gemessene Miene, die ihn sonst auszeichnete und ihm ein so
+weltüberlegenes Ansehen gab. Hinter ihm her schwankte ein höchst
+verwahrlostes Frauenzimmer, die ihm abwechselnd Schimpfnamen und
+Koseworte zurief; bisweilen packte sie ihn beim Rockschoß, diese
+Berührung elektrisierte den Mann und erweckte wieder sein bürgerliches
+Gefühl; er kehrte sich gegen die Verfolgerin und drohte würdevoll und
+betrübt mit der Polizei. Da gewahrte er Schildknecht und Engelhart, und
+beide beobachteten, wie er sich mit aller Kraft zusammennahm, sich gegen
+einen Baum lehnte, seine Börse zog, in der Halbfinsternis nach einem
+Geldstück fischte und dieses der Frauensperson mit den mild
+hingeseufzten Worten reichte: »Sie hungert, die Arme.« Dann ging er,
+ernüchtert, eine Strecke Wegs mit den Freunden und zwischen Glucksen,
+Lachen und Schläfrigkeit schimpfte er auf die zunehmende Unzucht und im
+Anschluß daran auf das moderne Geisteswesen, und indem er Engelhart mit
+höhnischem Lächeln auf die Schulter klopfte und ihn gewohntermaßen mit
+»Jüngling« anredete, empfahl er ihm Kritik und warnte ihn vor schlechter
+Gesellschaft. Schließlich fiel ihm ein, daß er die Abwesenheit seines
+Hutes erklären müsse, und sich verabschiedend behauptete er, er gehe
+jetzt des Nachts ohne Hut, weil er dies für die Gesundheit förderlicher
+halte.
+
+Schildknecht war nach und nach ernst geworden. Dem wunderlichen Manne
+nachblickend und Engelhart unter den Arm fassend, sagte er: »Das ist der
+Feind, der wahre Erbfeind; an ihm verblutet die Kraft des Volkes. Ihm
+werden Sie noch oft im Leben begegnen, alter Freund, er wird Ihnen, was
+Sie auch leisten, immer wieder erklären, daß Sie es anders machen müssen
+und daß irgendwer es schon längst besser gemacht hat, und er wird Sie
+nicht immer so gleichgültig lassen wie jetzt, er wird Ihnen manchmal die
+Blutadern öffnen und sich freuen, wenn der rote Saft zu Boden fließt. Es
+gibt Geschicktere wie den, die sich besser verstecken und von denen
+keiner erfährt, wo sie ihre schmutzigen Stunden zubringen, und die sich
+hüten, ihre Kopfbedeckung dabei zu verlieren. Geben Sie wohl acht und
+gewöhnen Sie sich beizeiten an die Physiognomie des Mannes; er ist der
+heimliche Dieb, der jeder Brust das Teuerste entwendet.«
+
+Am zweiten Januar reiste Schildknecht. Als Engelhart nun allein war,
+wurde ihm doch bang vor seiner Lage. Das Geld des Oheims war schon
+verbraucht, er machte nun Schulden, die am Termin seiner Volljährigkeit
+bezahlt werden mußten. Außerdem entwöhnte er sich von aller Arbeit,
+durchwachte nach wie vor die Nächte, schlief bis in den Mittag und
+müßiggängerte dann herum, ohne Ziel und oft auch ohne Lust. Bei den
+gesitteten und ordentlichen Menschen seiner Bekanntschaft machte er sich
+dadurch vollends zum Gegenstand der Verachtung, was ihn keineswegs
+gleichgültig ließ, denn er bewahrte in seinem Innern eine versteckte
+Liebe für das Bürgerliche, eine gewisse Zärtlichkeit für die behaglichen
+Häuser und Stuben und friedlich umgrenzten Gemüter. So schwankte er
+einsam unter den Menschen umher, den Kopf angefüllt mit nebelhaft
+verschwommenen Idealen. Sein Nichtstun war noch ohne innere Frucht und
+stachelte ihn daher nicht selten zu unwürdigem Zeitvertreib, zu
+Billard- und Kartenspiel mit einem erstbesten. Der Abscheu vor sich
+selbst trieb ihn dann wieder hinab in eine dunkle Traumestiefe, und
+indem er sich zu vergessen suchte, wurde die gestaltlose Sehnsucht in
+seiner Seele chaotischer. Was er las, das las er allzu beziehentlich, er
+litt an allem, am Schönen wie am Häßlichen, die Wurzeln seines Wesens
+waren vergiftet von einem Ehrgeiz, der nicht aus noch ein wußte, er
+besaß keinen Maßstab, weder für die Dinge noch für sich selbst, sein
+Geist anerkannte kein übernommenes Gebot und wußte eigen-persönliche
+nicht zu formen oder zu befolgen. Ihm blieb nicht einmal ein Gott, von
+dem er sich lösen oder mit dem er hadern konnte, nicht einmal an seinen
+Zweifeln hatte er einen Anhalt, wär's auch nur der, den ein Kampfspiel
+und seine Erschöpfungen geben, denn alles, kaum gefaßt, zerfloß wieder,
+hatte nicht Hang und Bestand, jedes Wort, jeder Begriff löste sich in
+ungreifbare Teilchen auf, ihm ward nur eines in seltenen Stunden
+geschenkt, ein Bild, das aus der Dunkelheit emporschwamm, fester
+umrissen und tiefer gegründet als alle Wirklichkeit und deutlicher als
+die Sprache zu sein vermag, feurig aus Leiden geboren und zur Freude
+strebend, und demgegenüber wurden allerdings höchste Pflichten
+kategorisch, dies knüpfte ihn an die Zeit und an die Menschheit, hielt
+seine Sinne in Bereitschaft, sein Gefühl in Bewegung und behütete ihn
+vor innerer Verlotterung.
+
+Es waren schlimme Wochen. Schildknecht schrieb nicht hoffnungsvoll.
+Seine Briefe sprachen an durch Geist und einen Ton freier Paradoxie,
+aber der Grimm über die Gebundenheit eines Lohnarbeiterdaseins knirschte
+aus jeder Zeile. Engelhart, der die Gesellschaft Schildknechts hart
+entbehrte, sah ein, daß er sich in diesem Fall nicht auf den Freund
+verlassen dürfe, und er nahm sich einstweilen vor, bald einen Entschluß
+zu fassen. Als er zufällig auf der Straße Herrn Zittel traf, fragte ihn
+dieser nach seinen Lebensumständen aus. Er antwortete zuerst mit
+prahlerischer Sorglosigkeit, als sei er im Begriff, eine
+Millionenerbschaft anzutreten, gab aber schließlich zu, daß er zwar
+nicht gerade einen neuen Posten suche, jedoch nicht abgeneigt wäre, bei
+günstigen Bedingungen zuzugreifen. Herr Zittel durchschaute das
+kindische Spiel und sagte, er könne Engelhart vielleicht dienlich sein,
+er solle ihm seine Photographie und eine Abschrift des Zeugnisses
+senden. Immerhin kann ich mich ja photographieren lassen, dachte
+Engelhart gnädig, und eines Morgens scheitelte er säuberlich sein Haar,
+steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch und ging, zum erstenmal in
+seinem Leben, mit klopfendem Herzen zum Photographen. Sein Gesicht im
+Spiegel kannte er zur Genüge, es auf dem Papier zu sehen, reizte ihn
+plötzlich über die Maßen.
+
+Mittlerweile hatte er nach mancherlei Formalitäten die Reste seines
+Vermögens erhalten und obwohl er beinahe die Hälfte zur Begleichung der
+Schulden sofort aufbrauchte, erschien er sich doch als ein Krösus. Frau
+Schildknecht, die er oft besuchte und der er von seiner veränderten Lage
+in seligem Übermut erzählte, tippte mit der Fingerspitze auf seine Stirn
+und meinte, da drinnen sei anscheinend wenig Verstand, doch sei er der
+reichste arme Mann, der ihr je untergekommen. Zu seinem Schrecken nahm
+er wahr, daß das Geld schneller verschwand als Wasser aus einem
+zerlöcherten Tiegel. Bisweilen suchte ihn einer von den Kumpanen Peter
+Palms auf -- Geld hat einen durchdringenden Geruch -- und redete ihm so
+lange um den Bart, bis er gutmütig ein Goldstück gab. An einem
+stürmischen Frühlingstag begegnete er vor der Stadtmauer Amöna Siebert.
+Sie sah fahl und vernachlässigt aus, gleichsam gewürgt vom Unglück, von
+früherer Schönheit waren nur noch traurige Spuren in ihrem Antlitz.
+Engelhart, entsetzt über die Geschwindigkeit eines solchen Verfalls,
+ging ein Stück Wegs mit ihr; es rührte ihn die mühsame Schelmerei ihres
+Lächelns und ihre fieberisch kalte Hand. Zuerst wagte er nicht, ihr
+Hilfe anzubieten, als sie dann wie zufällig vor einem Wurstladen stehen
+blieb und geistesabwesend auf die appetitlich ausgelegten Fleischwaren
+starrte, fragte er leise und schüchtern, ob sie Geld wolle, und steckte
+ihr hastig ein Papierchen in die Hand, worauf er wie ein Verbrecher
+davonlief.
+
+Er verstand nicht das Geld; er war töricht genug, es zu mißachten; er
+wußte nicht, daß Geld auch edel sein kann; er hatte nur einfache
+Bedürfnisse, aber diese befriedigte er unbedenklich, ohne zu überlegen;
+manchmal gelüstete es ihn, den vornehmen Herrn zu spielen, dann machte
+er eine sinnlose Ausgabe, die einem vornehmen Herrn nie eingefallen
+wäre; unter anderm kaufte er ganze Stöße von teuerstem Schreibpapier,
+als ob er ein Papiergeschäft einrichten wolle. Als endlich sein enormer
+Reichtum bis auf etwa hundert Mark zusammengeschmolzen war, kam er zur
+Besinnung. Schon eine Woche zuvor hatte ihm Herr Zittel mitgeteilt, daß
+im Bureau der Gesellschaft »Minerva« im breisgauischen Freiburg ein
+Posten offen sei, mit neunzig Mark im Monat dotiert, er möge sich ohne
+Verzug dorthin wenden, und zwar solle er an den Generalagenten, Herrn
+Lutterott, persönlich schreiben. Er solle den Brief sorgfältig
+stilisieren, denn Herr Lutterott sei ein Mann von feinsten
+Umgangsformen, Reserveoffizier, und halte viel von Äußerlichkeiten. In
+der Angst, daß es schon zu spät sein könnte, setzte sich Engelhart,
+trotzdem schon Mitternacht vorüber war, gleich hin und verfaßte eine
+meisterliche Epistel, der es weder an Amtsschnörkeln noch an einer
+gewissen fachmännischen Eleganz gebrach; sein Konterfei legte er ohne
+besonderen Hinweis bei. Der Erfolg blieb nicht aus. Herr Lutterott
+antwortete, die Stelle sei zwar schon vergeben, aber an einen Unwürdigen,
+dem er die Tür zu weisen genötigt sei. Er nehme die Offerte an,
+Engelhart solle sich am fünfzehnten April in seinem Bureau einfinden,
+die Reisekosten würden nach dreimonatlicher zufriedenstellender
+Dienstleistung zur Hälfte ersetzt. Aus diesem Schreiben spürte Engelhart
+ahnungsvoll eine widerwärtige Geschraubtheit heraus, doch er war froh,
+dem gefährlichen Herumtreiben entrissen zu sein, und außerdem ging die
+Fahrt gen Süden, wenn auch nicht zu Schildknecht selbst, so doch in
+seine größere Nähe.
+
+Am Tag vor seiner Reise spazierte Engelhart am Kanal entlang nach Fürth.
+Dort machte er seinem Vormund einen Abschiedsbesuch und hörte bei dieser
+Gelegenheit, daß Tante Lina Curius wahnsinnig und in eine Irrenanstalt
+verbracht worden sei, während Peter Salomon im Verein mit der Kroner das
+Haus behüte, noch immer darauf warte, daß sein Bauplatz ihn zum
+Millionär mache und sich inzwischen von Michael Herz ernähren lasse.
+Auch zu Iduna Hopf ging er, die noch immer in dem alten Haus mit den
+knarrenden Stiegen wohnte, jetzt einsam, da ihr Mann gestorben war; sie
+sah alt und müde aus. Überhaupt waren so viele gestorben und hingegangen
+in den wenigen Jahren, alte und junge: der Vetter Zederholz, das
+Fräulein Holländer, der alte Herschkamm, der Doktor Federlein, der
+epileptische Lechner. Auf der Königstraße gewahrte Engelhart plötzlich
+ein Gesicht, das ihm bekannt, ja vertraut erschien: es war Ludwig
+Raimund, sein erster Gespiele und Kamerad. Auch er erkannte Engelhart
+und sprach ihn freudig an; er war Chemiker geworden und war in der
+großen Anilinfabrik draußen bei Doos angestellt. Seltsam dies
+Wiedererkennen, wie sich die Züge des Kindes bewahrt, doch nur in der
+allgemeinen Linie des Antlitzes, während alle Flächen sich gedehnt
+hatten, die eine zur Leblosigkeit erstarrt, die andre von verborgenen
+Leidenschaften und unedeln Trieben verwüstet war. Erst schien er
+Engelhart noch ganz der alte, noch ebenso heiter und graziös, doch bald
+bemerkte er eine Art gnädiger Herablassung an Raimund wie bei einem
+Vornehmen, der dem Geringeren gegenüber seine Vornehmheit taktvoll
+verbirgt, auch eine gewisse ängstliche Unsicherheit wie bei einem, der
+angepumpt zu werden fürchtet und sich innerlich eine Ausrede
+zurechtlegt. Sie sprachen über dies und jenes, Raimund hatte lauter
+fertige Urteile, die meisten Fragen waren für ihn endgültig erledigt,
+und wenn noch irgendwo ein Zweifel in ihm steckte, so zuckte er die
+Achseln, als wollte er sagen: was mich betrifft, ich habe ein festes
+Einkommen, mit dem übrigen wird man schon fertig. Schließlich gingen sie
+in eine Bierstube, wo noch fünf oder sechs frühere Schulkameraden saßen
+und Karten spielten. Es waren lauter wohlbestallte Leute, die ihre
+Sorglosigkeit wie ein Plakat an der Stirn trugen; ihre Gesichter waren
+aufgeschwemmt, frühverlebt, sie witzelten, sie spöttelten, und in ihrem
+Gebaren lag gleichfalls das schamlose Geständnis, daß sie nichts andres
+schätzten als das feste Einkommen. Wenn Engelhart etwas sagte,
+blinzelten sie mißtrauisch mit den Lidern, dann musterten sie heimlich
+schielend seinen Anzug und seine schlecht sitzende Krawatte. Am
+herzlichsten benahmen sie sich, als er sich verabschiedete.
+
+Er ging gegen die Altstadt und befand sich auf einmal in stiller Gasse
+vor dem Tor des Friedhofs, in welchem seiner Mutter Grab war. Er öffnete
+die Pforte, schritt hinein und wanderte eine Weile sinnend zwischen den
+uralten Steinen umher. In welchem Teil des Friedhofs das Grab lag, wußte
+er nicht mehr, und er hätte leicht vergeblich suchen mögen, wäre nicht
+ein eigentümliches Hinziehen gewesen, das er nie in solcher Stärke an
+sich beobachtet hatte. Endlich stand er vor dem rötlichen Sandstein, auf
+dem in halbverwaschenen Goldlettern der Name von Frau Agathe Ratgeber
+leuchtete. Das Grab war vernachlässigt, der Hügel ganz platt, keine
+Blume wuchs, nur Gras. Ringsum in solcher Nähe, daß es wie das Gedränge
+auf einem Jahrmarkt wirkte, standen andre verwitterte Steine, zudem
+herrschte nicht einmal Frieden, denn draußen vor der Mauer erschallte
+das lebhafte Gehämmer der Goldschläger und auf der andern Seite,
+hügelabwärts in der Ebene, keuchte und klapperte eine Dampfmühle. Doch
+war es eigen, daß ihn diese Geräusche mit besonderer Macht in seine
+Jugend zurückzogen. Traurige Jugend. Wie furchtbar die Stunde, als er
+drüben im Leichenhaus gesessen und schwarze Gestalten wisperten um ihn
+herum. Damals konnte er noch keine Empfindung dafür haben, daß sie mit
+kaum zweiunddreißig Jahren davonging; die Mutter ist für ein Kind
+alterslos. Freilich, das Leben hätte ihr noch bitterböse Geschenke
+gemacht, und doch! Leben, nur leben! Was gäbe es sonst. Irgendeine
+äußere Stimme rief: »Bete!« Er begriff nicht, wie man in solchen
+Augenblicken beten könne, alles, was an Wort und Ausdruck streifte, war
+erstickt, er spürte nur ein warmes Aufkochen des Blutes vom Herzen aus
+durch den Körper, und er konnte den Begriff des Todes nur umfassen,
+indem er das Leben doppelt inbrünstig fühlte. Wozu beten? sich selbst
+ausweichen? die wahre Andacht abweisen? Bevor er ging, riß er einen
+Grashalm ab und bewahrte ihn auf mit dem Gedanken: vielleicht ist er aus
+dem Saft ihres Auges gebaut.
+
+Seines Vaters dachte er nicht; dieser lebte ja noch.
+
+An einem Mittwoch Abend kam er in Freiburg an. Seine Brust wurde von
+Traurigkeit umschnürt, als er durch die Straßen der unbekannten Stadt
+ging. Es regnete und er besaß keinen Schirm; für hundert
+Überflüssigkeiten hatte er Geld ausgegeben, aber das Notwendige
+anzuschaffen, hatte er sich nie entschließen können. Er trat also unter
+ein Tor und ließ die fremden Menschen an sich vorüberwandeln.
+
+Die Generalagentur der »Minerva« lag im ersten Stock eines villenartigen
+Hauses vor der Stadt; im Erdgeschoß befand sich eine kleine
+Weinwirtschaft. Dunkelblauer Himmel strahlte über den Häusern, als
+Engelhart am Morgen hinauswanderte, dunkelbewaldete Berge schienen auf
+allen Seiten die Flucht der Straßen zu begrenzen. Der Flieder stand
+schon blühend, seine Düfte flossen in Wellen durch die Gitter der
+zahlreichen Gärten. Hoffnungsvoll gestimmt, voll Lust und Ernst zur
+Arbeit, trat Engelhart vor Herrn Lutterott und war nicht unzufrieden,
+als er erfuhr, daß er der einzige Beamte des Bureaus sein würde.
+
+Herr Lutterott war ein Vierziger, klein, feist, geschniegelt und
+gebügelt, mit einem Leutnantsschnurrbart und leutnantsmäßig schnarrender
+Stimme. Er empfing den neuen Untergebenen mit korrekter, jedoch etwas
+düsterer Höflichkeit und würdigte ihn einer längeren Ansprache, die den
+Eindruck des Auswendiggelernten machte. Die erste Hälfte jedes Satzes
+klang militärisch schroff und abgerissen, dann machte er eine Pause, in
+der er andächtig seine rosigen Fingernägel betrachtete, um mit
+pathetischen Wendungen und salbungsvoll ausladenden Gesten fortzufahren.
+Er verbreitete sich über die Pflichten eines Beamten; er verlange
+Pflichttreue und Sittlichkeit, sagte er. Bei dem Worte Sittlichkeit
+schloß er die Augen wie zum Schlafe. Er sagte, Engelharts Photographie
+habe ihm gefallen, es habe ihn erfreut, ein ehrliches Gesicht zu sehen,
+was ihm aber mißfallen habe und was er dringendst abzustellen bitte, das
+seien die Haare, die seit mindestens zwei Monaten nicht kurzgeschnitten
+sein konnten; das erinnere ja beinahe an einen Schauspieler oder Maler
+oder ähnliches Gelichter. Zum Schluß gab er Engelhart eine
+Wohnungsadresse, bestellte ihn für den Nachmittag und entließ ihn mit
+hoheitsvoller Kühle.
+
+An diesem Tag, am Freitag und Samstag, gingen die Dinge nicht uneben.
+Herr Lutterott zeigte zwar stets das Benehmen eines regierenden Fürsten,
+und manchmal kribbelte es Engelhart in den Fingern, wenn der Mann mit
+müd-verachtungsvollen Blicken seine Befehle gab, aber vor dem Fenster,
+an dem er arbeitete, war ein Garten, und weiter draußen sah er Wiesen
+und darüber den hochwipfligen Wald. Leider mußte er Herrn Lutterott
+gleich um Vorschuß bitten, da alles Geld für die Reise aufgegangen war,
+und dies machte die übelste Wirkung; Herr Lutterott fuhr mit dem
+Zeigefinger zwischen Kragen und Hals umher und sagte mit leise
+wimmernder Stimme: »Es ist nicht korrekt, es ist nicht korrekt.« Am
+Sonntagmorgen nun kam er aus Eifer ins Bureau, obwohl dies nicht zu den
+»Pflichten« gehörte; um zehn Uhr erschien Herr Lutterott, aufs feinste
+herausgeputzt, im Salonrock und mit gestreifter Hose, eine Diamantnadel
+in der Krawatte, das Haar pomadisiert und bis zum Nacken gescheitelt. In
+seinem Privatzimmer empfing er einen alten Herrn im Zylinder, und
+Engelhart hörte ihn untertänig räuspern und säuseln, um halb elf kam er
+heraus, wieder ganz Fürst, und sagte kurzangebunden zu Engelhart: »Sie
+können jetzt in die Kirche gehen.«
+
+Verwundert blickte Engelhart empor und antwortete: »Ich danke; ich gehe
+nicht in die Kirche, ich bin Jude.«
+
+Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein Gesicht war käseweiß.
+»Was -- Jude?« stammelte er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte
+er vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verließ er das Zimmer.
+Engelhart legte die Feder weg und schaute, nichts Böses vermutend, doch
+überaus peinlich berührt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor ihm
+lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zurück. Er wischte sich mit dem
+blendend weißen Taschentuch die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf
+und ließ folgende kleine Rede vom Stapel: »Ich habe selbstverständlich
+nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß Sie Jude sind. Nur,
+verzeihen Sie, kommt mir die Sache insofern überraschend, als ich nie
+die Absicht gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte -- um es kurz
+zu sagen, meine religiösen und menschlichen Überzeugungen wurzeln in
+ganz anderm Boden, und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben
+mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, daß man sich irren kann, es
+steht zu wünschen, daß Sie die löbliche Ausnahme bilden, sprechen wir
+also nicht mehr davon.«
+
+Engelhart schwieg. Ihn ekelte.
+
+Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine eiserne Geldkassette zum
+Vorschein, in deren einzelnen Fächern sich Silber- und Nickelmünzen
+befanden, ungefähr an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies sei die
+kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe, daß sein Vertrauen
+unerschüttert sei, überlasse er sie ihm zur Verwaltung. Bei diesen
+Worten erbleichte Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig. In
+Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger Triumph, den zu
+verbergen er sich keine Mühe gab. Seine Augen sagten: 'Wagst du es, dich
+an diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine Herkunft lassen
+solches vermuten, dann wehe!' Denselben Ausdruck des Triumphes hatten
+seine Augen von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen
+konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn er ihn auf einer
+Vergeßlichkeit ertappte, wenn die Akten auf einem falschen Platz lagen.
+Er pflegte seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn ihn
+Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung eines Wortes bat,
+wurde Herr Lutterott scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl
+auf und sagte alles, Silbe für Silbe, noch einmal mit scharfer,
+bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein Blick grünlich funkelte. War
+ein einziger Satz eines langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit
+stilisiert, so zerriß er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht, sondern
+machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung und verließ das Zimmer
+mit einem leichten Hüsteln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand
+aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so beliebte es Herrn
+Lutterott, Engelhart mit einer niederträchtigen Zumutung zu demütigen,
+etwa, er solle dem Herrn den Rockärmel abbürsten oder er solle die Tür
+vor ihm öffnen, oder er schrie ihn an, wenn seine Feder kratzte, und
+dergleichen mehr.
+
+Engelhart erkannte wohl, daß dies Ranküne war, aber er trug es, weil er
+es tragen wollte. Er biß die Zähne zusammen und dachte, stärker zu sein
+als der Schmerz, den er über die unendlichen Beleidigungen empfand.
+Einst saß er während der Mittagstunde drunten in der Weinwirtschaft, als
+Herr Lutterott eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen älteren
+Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich hinüber, in seinen
+Gedanken stellte er sich vor, daß dieser Lutterott doch schließlich ein
+Mensch sei und daß es vielleicht nur der rechten Worte bedürfe, um ihn
+auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Plötzlich nahm Lutterott ein
+Kärtchen aus seiner Brieftasche, schrieb etwas auf, rief die Kellnerin,
+und diese trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene. Er las:
+»Es ziemt sich nicht für den Untergebenen, seinem Chef frech ins Gesicht
+zu stieren.« Da stand er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn,
+aber er beherrschte sich und ging.
+
+Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besaß Engelhart kein Geld mehr
+zum Notwendigsten des Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um
+Vorschuß zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche Not dazu. Er
+hatte es bis zur letzten Stunde des Nachmittags aufgespart. Kurz vor
+sieben Uhr brachte er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte,
+betrachtete die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe den
+Geldschrank schon geschlossen, Engelhart müsse sich bis zum andern
+Morgen gedulden. Damit entfernte er sich rasch und überließ dem jungen
+Mann wie alltäglich das Schließen der Räume. Engelhart, der Hunger hatte
+und nicht wußte, wie er ihn stillen sollte, entschloß sich in seiner
+Hilflosigkeit, bis zum andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen
+Spesenkasse aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung stand, steckte
+ein Zweimarkstück zu sich, ging hin und aß sich satt. Gleich in der
+Frühe erinnerte er Herrn Lutterott an den erbetenen Vorschuß, da er vor
+allem den entnommenen Betrag wieder zurücklegen wollte. Doch Herr
+Lutterott erwiderte, während seine Züge sich verkniffen wie bei jemand,
+der in die Sonne blickt: »Gern, aber vorher möchte ich Ihre Kasse
+revidieren.« Engelhart wurde es kalt und heiß, denn er durchschaute nun
+die Infamie völlig. In einem Ton, dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte
+er, daß er zwei Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott lächelte
+unendlich vornehm und runzelte die Stirn. Er entgegnete, er wundere
+sich, daß ein so aufgeweckter Kopf sich nicht klar gewesen sei über die
+Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen Begriff zu bezeichnen ihm
+Engelhart wohl erlasse. Daß nach einem solchen Vergehen von einem
+weiteren Verbleiben im Dienste der »Minerva« keine Rede sein könne,
+verstehe sich von selbst. »Sie haben zwanzig Mark Vorschuß, hier haben
+Sie noch zehn Mark, mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert,« schloß
+Herr Lutterott seine Rede, »und somit sind Sie ein freier Mann.«
+
+Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine halbe Minute die Türklinke
+an und ging. Jeder andre hätte gesprochen, wäre aufgebraust, hätte
+versucht, seine Würde zurückzuerkämpfen, ihm waren die Lippen
+versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt als erbittert.
+
+Jetzt sollte er die für seine Verhältnisse ziemlich hohe Miete seines
+Zimmers bezahlen, er sollte essen, trinken, leben, aber womit? Er
+schrieb an Schildknecht und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich
+nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so geduldig geschluckt,
+beichten zu müssen, hätte seinen Stolz verletzt. Sonderbarerweise
+verspürte er auch jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den schändlichen
+Mann, eine naive Wehmut umdämmerte seine Sinne, und er war neugierig,
+wie all dies enden würde. Stundenlang wanderte er durch die schönen
+Villenstraßen dieser reichen und glänzenden Stadt, las die Namenschilder
+an den Pforten und beschäftigte sich mit den Träumen von Wohlhabenheit,
+Glück und Ehre. Es erschien ihm wahrscheinlich, daß unter diesen ruhig
+Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und liebende Hilfe
+gewährt hätte, nur kannte er ihn eben nicht, jedenfalls sah er sich
+jedes der schmucken Häuser mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam
+an.
+
+Schildknecht antwortete in einem langen, bestürzten, heißatmigen Brief;
+auch seine eigne Existenz sei dort in der löblichen Schweiz, kaum neu
+aufgerichtet, wieder zertrümmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm
+unbekannt, doch seien die Erinnyen fühlbar hinter ihm her. Er sagte, daß
+er nach Engelharts Gesellschaft Begierde trage, wie wenn er seit
+Jahrzehnten unter Hottentotten lebte, gleichwohl dürfe er ihn nicht
+ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber glühend unter den
+Füßen. Wie stets, kam er in verhüllten Wendungen auf die Pläne zu
+sprechen, die in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die er als
+goldene Verheißung hinter den Gewittern erblickte. Engelhart war erwärmt
+und getröstet durch dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber
+geholfen war ihm damit natürlich nicht. Schon lebte er in Schulden,
+schon betrachteten ihn die Leute scheu und finster, schon stieg das
+Wasser bis zum Hals. Von einer Stunde zur andern gebieterischer
+bedrängt, eilte er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten
+Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am Äußersten, Unerhörtes
+sei vorgefallen, der Vater möge ihm fünfzig Mark senden. Diese
+absichtlich aufgepeitschte Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam, es
+war fast, wie wenn ein von Räubern Angefallener mechanisch die Börse
+zieht. Doch ein paar Stunden später erhielt Engelhart auch einen Brief
+des Vaters.
+
+»Du weißt, daß ich selbst mit mir zu kämpfen habe,« schrieb Herr
+Ratgeber, »und daß ich mich ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es
+ist ein himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese Weise mit
+Geldforderungen zu belästigen. Ein junger Mann in Deinem Alter muß
+verdienen, was er braucht, und wenn nicht, muß er sich nach der Decke
+strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du mich nur durch
+Schrecken zwingen, Dir zu helfen? Wo hast Du die achthundert Mark Deines
+Erbteils hingebracht? Ich schinde mich wie ein Taglöhner, nein, ein
+Taglöhner hat Ruhe, wenn er gearbeitet hat, ich aber nicht, meine Frau
+gönnt sich keinen guten Bissen, wir gönnen uns keinerlei Vergnügen, und
+Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu holen. Dabei nagt noch der
+Wurm in mir über Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen;
+wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, daß Du nur einen Vater kennst, wenn
+Du etwas von ihm haben willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur
+in ordentliche Bahnen lenkst; laß doch endlich die Ideale und werde ein
+praktischer, brauchbarer Mensch.«
+
+Zum Schluß hieß es: »Es grüßt Dich Dein Dich liebender Vater«; aber dies
+erschien Engelhart als bloße Floskel. Er antwortete dankend,
+besänftigend, ausführlich, doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater
+für geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas
+Selbstverständliches hin.
+
+Eines Morgens packte Engelhart seine Siebensachen, zahlte die
+rückständige Miete, verließ das Zimmer, deponierte seinen Koffer auf dem
+Bahnhof, und nur mit einem winzigen Bündel belastet, marschierte er aus
+der Stadt und in den Wald. Er wollte wandern, gleichviel wohin, er wußte
+auch nicht wohin, er war satt von den Menschen. Er lief an diesem Tag
+die Kreuz und Quer und kam, da er keines suchte, auch zu keinem Ziel. In
+einer Waldwirtschaft nahm er Milch und Brot zu sich und erstieg hierauf
+die Höhe. Er strebte zu einer vom Sonnenuntergang beleuchteten Wolke und
+erblickte sie dann gegenüber, gleichsam auf der andern Seite der Straße.
+Am Rand einer Lichtung warf er sich müde hin, wartete noch, bis die
+Sterne entflammt waren, dann schlief er ein und erwachte erst wieder,
+als die Wipfel glühten und das Firmament von karmoisinfarbenen
+Zickzackstreifen bedeckt war. Seine Kleider waren feucht, rasch lief er
+den Hang herab, bis die Nässe verdunstet war. Er trank von einer Quelle
+und lauschte dem langsamen Gebimmel der Kuhglocken. Unweit davon war ein
+Holzplatz, auf dem noch niemand arbeitete; er fand eine Hacke am
+Schuppen, nahm ein Scheit und drosch darauflos: es stellte Herrn
+Lutterott vor. Zuerst hieb er ihm die Beine ab, dann die Arme, dann den
+Kopf, dann zerschmetterte er das Rückgrat. So verfuhr er auch mit andern
+Feinden und mit den Feinden Justin Schildknechts. Es war ein
+erfrischendes Geschäft.
+
+Mittags begann es zu regnen, doch Engelhart ging ruhig weiter, halb
+beschützt vom Laubdach der Bäume. Die Schnittfläche von den Stümpfen
+abgesägter Bäume leuchtete wie gelbes Feuer durch die Nebelschwaden.
+Bisweilen blieb er an den Stümpfen stehen, zählte die Jahresringe und
+dachte, wieviel vollendete Schicksale hier verhaftet seien in dem
+schmalen Raum zwischen Ring und Ring. An der Waldöffnung gegen einen See
+kam er zu dem einsamen Haus eines Schwarzwaldbauern, da fand er Aufnahme
+und freundliche Bewirtung. Nach Name, Zweck und Herkunft wurde nicht
+viel gefragt, er teilte ihre Mahlzeit am riesigen Tisch und schlief im
+Heu. Am nächsten Tag fuhr er auf den See hinaus, landete an einem
+verödeten Teil des Ufers, erkletterte die Hänge, lag stundenlang
+regungslos auf einer Felsplatte und kehrte am Abend zum Hause des
+Bauern zurück. Für das Essen zahlte er ein paar Pfennige, das Nachtlager
+zu berechnen weigerte sich der Bauer.
+
+Von einem höher gelegenen Weiler kam täglich zu früher Stunde eine
+kleine Schar von Knaben und Mädchen herab, welche die Schule im Tal
+besuchten. Gegen Abend kehrten sie wieder zurück. Vom Sehen, Grüßen und
+kurzem Zwiegespräch an war allmählich eine Art Vertraulichkeit zwischen
+ihnen und Engelhart entstanden. Er sah sie morgens von fern, wenn sie
+den Weg herabtrippelten, schritt ihnen entgegen, wenn sie vom Dorf
+heraufkamen, und begleitete sie heimwärts. Wenn er sich ins Moos setzte,
+rasteten sie auch und lagerten sich um ihn herum. Einmal kam die Rede
+auf Geschichten, und er begann Geschichten zu erzählen. Die bloße
+neugierige Verwunderung der Kinder verwandelte sich in Zuneigung. Die
+drei Mädchen pflückten ihm Blumen, die Buben sagten die einfältigen
+Verse auf, die sie gelernt hatten. Sie hielten ihn vielleicht für einen
+gutmütigen Schulmeister auf Urlaub, da sie vor ihm zu glänzen suchten.
+Aber sein Herz lag in tiefer Ruhe bis zu der Stunde, wo eine
+Gesellschaft von städtischen Ausflüglern am Weg vorüberwanderte. Ihr
+Lachen und ihre Gespräche scheuchten ihn auf, Ehrgeiz wurde wach, der
+seltsame Trieb, ihnen, diesen Fremdesten, etwas zu bedeuten, vor sie
+hinzutreten mit den Worten: »Ich bin Engelhart Ratgeber,« worauf sie
+schweigend die Augen senken und antworten mußten: »Sprich zu uns,
+verehrter Mann.«
+
+Da fing also die Unrast an; und drei Tage später kam er an einen
+hochumgitterten Garten im Tal. Es war Sonnenuntergangszeit. Nahe dem
+Eingangstor saß ein junges Mädchen auf einer Steinbank. Sie trug ein
+schimmernd weißes Gewand, lose gegürtet, und hielt ein Buch auf den
+Knien, in dem sie blätterte. Von dem Pfirsichbaum über ihr tropften hier
+und da weiße Blütenblätter ab, und einige blieben in ihrem dunkeln Haar
+hängen. Es war ein Bild, das Reichtum, Glück und Schönheit in sich
+schloß. Engelhart, von den Gebüschen halb verborgen, blieb schweigend.
+Das, was er liebte und begehrte, hüllte sich ihm gern in schwermutvolle
+Schleier, und was andre zum Kampf ermunterte, weckte ihm nur das
+schamhafte Gefühl der Armut. Er fürchtete dies Los, zu dem er sich
+geboren sah: draußen zu stehen vor der Mauer, nein, vor dem Gitter, das
+den Augen alles gab und der Hand nichts.
+
+In dieser Stunde liebte er das junge Mädchen, das er gewiß kaum beachtet
+hätte, wenn es ihm auf der Straße begegnet wäre, mit leidenschaftlichem
+Schmerz; ganz in sich versunken, floh er in den Wald zurück, ging und
+ging, immer dem schwachen Purpurschein nach, der zwischen den Stämmen
+glühte, durch all die bewegten Träume hindurch dem fernen Ruf eines
+Kuckucks lauschend, bis er zu spät inneward, daß er sich verirrt hatte.
+Die Wege wurden von hastig aufschwellender Dunkelheit verschlungen,
+Engelhart fing an zu laufen, bis er mit der Stirn an einen Baumstamm
+rannte. Er tastete mit den Armen umher, er suchte mit den Augen den
+Himmel, vergebens; ihm war, als könne er die Finsternis befühlen wie
+einen schwarzen, kühlen Körper. Er blieb stehen und horchte und vernahm
+nichts als das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Nun hatte er Angst
+vor jedem Schritt nach vorwärts, ihm schien, als werde er langsam in
+einem Trichter zur Tiefe gezogen, er umklammerte einen Baum und schrie
+auf, da dieser sich im Kreis mit ihm bewegte. Die Finsternis zerteilte
+sich gleichsam in Wolken, in rotumränderte, zuckende schwarze Fetzen,
+die sich zu wüsten Visionen ballten und, wie von einem Orkan gepeitscht,
+wieder auseinander flossen. Engelhart spürte die Blässe seines Gesichts,
+und plötzlich erstarrten seine Glieder, als er in weiter Ferne, durch
+Zweige flammend, ein unheimlich gelbes Licht gewahrte. Er brauchte
+Minuten, um sich zu sammeln und um zu erkennen, daß es der Mond war.
+Vorsichtig schreitend, ging er dem Schein entgegen bis zu einer
+Lichtung, die mit gefällten Bäumen besät war. Erschöpft sank er hin,
+konnte aber die Augen nicht schließen, sondern blickte lange Zeit
+unaufhörlich in den milchig bestrahlten Himmel. Ihn erschreckte alles,
+der Gedanke an die Tiefen und Höhen, an die Nacht und an die Sterne. Es
+blieb zu wenig übrig für das selbstsüchtige, sich selbst suchende Herz.
+
+Als der Tag graute, fand er nicht ohne Schwierigkeit seine Bauernhütte.
+Er schlief lange, und nach Tisch verkündete er seinen Entschluß,
+weiterzuwandern. Da man ihn fragte, wohin, entgegnete er lächelnd: nach
+Süden. Der Bauer und sein Knecht begleiteten ihn bis zur Landstraße
+hinab, eine Stunde später war er auf dem Bahnhof und nahm ein Billett
+nach Basel. Von dort wollte er zu Fuß weiter, um seine Börse zu schonen.
+Weil er jedoch am Abend in Basel ankam und nicht in die Nacht hinein
+marschieren konnte, war er töricht genug, in einem nahegelegenen Hotel
+Quartier zu nehmen, was ihn mehr Geld kostete als viele Stunden
+Eisenbahnfahrt. Noch dazu mußte er sich ob seines Aussehens und des
+fehlenden Reisegepäcks halber -- den Koffer hatte er an die Adresse des
+Vaters geschickt -- eine wegwerfende Behandlung gefallen lassen, und es
+nutzte ihm nichts, daß er sich bei einer gelegentlichen Zwiesprache mit
+dem Portier als Philosoph von Beruf bezeichnete.
+
+Dann kam ein schöner Wandertag durch sommerlich blühendes Land unter
+wolkenlosem Himmel. Er nächtigte in einer Fuhrmannsschenke, und am
+zweiten Tag fuhr er auf dem Wagen einer Seiltänzerfamilie bis nach Baden
+mit. Es waren abgerackerte Leute, selbst die Kinder schienen
+sterbensmüde, nur der Clown war ein aufgeweckter Mensch, der sich nicht
+ohne Geist über die Eigentümlichkeiten verschiedener Nationen lustig
+machte. Am Nachmittag des dritten Tages sah Engelhart von fern den
+silberglänzenden Zürcher See, und er setzte sich in den Kopf, noch ans
+Gestade zu gelangen, bevor das Unwetter ausbrach, das schon seit Stunden
+am Himmel sich zusammenzog. Bald begann der schwere Regen zu fallen, die
+Bäume der Allee schienen sich in den schwefelgelben Blitzen wie Fackeln
+zu entzünden und den Flammen oben schien der Donner aus der Tiefe der
+Erde heraus zu antworten. Weit und breit war kein Haus, der Regen
+strömte wie aus Fässern, im Nu war der einsame Wandersmann schlottrig
+naß, auch merkte er, daß seine Stiefel zerrissen waren und Wasser
+fingen. Er lief über einen Wiesenweg und schloß die Augen vor den
+Blitzen. Nun glänzte der See nicht mehr, einem erblindeten Auge gleich
+dämmerte er durch den Nebel herauf. Endlich ein Garten, endlich ein
+Haus, und ein Wirtshaus zum Glück. Als er in den Flur stürmte, stoben
+zwei Mädchen kreischend auseinander. Die Wirtin kam, eine junge Frau mit
+schmachtenden Augen. Sie blickte zuerst unwillig auf den
+heruntergekommen aussehenden Gast, als sie aber sah, wie er unter den
+triefenden Kleidern zitterte, bot sie ihm von selbst ein Zimmer an und
+führte ihn in den oberen Stock. Von rascher Sympathie ergriffen,
+erzählte ihr Engelhart von seiner Wanderschaft, und während ihm die
+fremde Frau wie eine Mutter beim Auskleiden behilflich war, öffnete er
+zutraulich sein Herz und führte die durch lange Einsamkeit wohlgenährten
+Hoffnungen vor. Die Frau lächelte; sie sah, daß sie es mit keinem
+gewöhnlichen Landstreicher zu tun hatte; als er im Bett lag, setzte sie
+sich zu ihm und plauderte unbefangen über ihr Leben; sie war Witwe und
+ihr um vieles älterer Mann war während eines Herbststurms im See
+ertrunken. Die Wirtschaft ging schlecht, fuhr sie fort, Neider und
+Verleumder brächten ihr üble Nachrede in der Stadt, und sie wolle nun
+den Kram verkaufen und in die neue Welt fahren. Sie berichtete alles in
+einem einzigen kunterbunten Satz, und ihr Gesicht sah auch bei den
+bekümmertsten Worten froh und freundlich aus. Später brachte sie Essen
+und Wein, und dann küßte sie ihren jungen Gast und blieb bis in die
+späte Nacht bei ihm. In der Frühe war Engelhart entzückt, als er, die
+Fensterladen öffnend, den See vor sich liegen sah und dahinter die
+Gebirge, von grünen Kuppen an aufwärts steigend bis zu rosigen und
+silbernen Schneegipfeln. An der Mauer unter dem Fenster hingen die
+reifen Kirschen und der betaute Garten glich einem Diamantfeld. Seine
+Kleider waren getrocknet, er rüstete zum Aufbruch und ließ sich durch
+das Bitten der Frau nicht halten. Sie weigerte sich, Bezahlung von ihm
+zu nehmen und ließ ihn noch mit dem Boot zur Stadt hinüberfahren.
+
+Zwei Stunden später war er in Oberstraß, in Schildknechts Wohnung.
+Schildknecht war nicht zu Hause. Engelhart wartete im Garten und malte
+sich still träumend das Gesicht des Freundes beim Wiedersehen aus. Es
+wurde Mittag, schließlich sagte die Vermieterin, er möge doch einmal bei
+Herrn Heilemann nachfragen, dies sei ein Freund von Herrn Schildknecht,
+bei dem er alle Tage zu Besuch sei und wohne in der Geßner-Allee. 'Ein
+Freund?' dachte Engelhart überlegen, 'nein, liebe Frau, Schildknecht hat
+nur einen einzigen Freund, und das bin ich.' Die Frau beschrieb ihm den
+Weg, er ging hin und erfuhr, daß die Herren in dem großen Kaffeehaus an
+der Bahnhofstraße seien. Als er dort eintrat, sah er Schildknecht an
+einem Tisch in Gesellschaft mehrerer stutzerhaft gekleideter Männer,
+schweigsam und finster vor sich hinbrütend. Engelhart trat von rückwärts
+näher und legte lächelnd beide Hände auf seine Schultern. Schildknecht
+zuckte zusammen, drehte sich um, sprang empor, und sein jubelnder
+Aufschrei, sein echtes, wildes, beinahe kindisches Lachen rührten und
+erschütterten Engelhart; in der Freude darüber, daß ihn der ersehnte
+Augenblick nicht enttäuscht hatte, vergaß er alle Sorgen. Dies
+eifervolle, heiter-belebte Gespräch, er genoß es als die Erfüllung eines
+Traumes; die Gegenwart war verdrängt, auch das Letzterlebte schien
+belanglos im Vergleich zu den gemeinsamen Erinnerungen.
+
+Aber die Fragen: Wie steht's? Wie bist Du gerüstet? Was hast du in der
+Tasche? Was soll's überhaupt? waren doch, klar oder umschrieben geformt,
+unvermeidlich. Schildknecht sah, daß er das ganze Geschick des zärtlich
+vertrauenden Menschen halten und lenken sollte, das war zuviel, dem
+fühlte er sich nicht gewachsen. In einer schlaflosen Stunde zündete er
+die Kerze an, leuchtete hinab auf die Matratze, auf der Engelhart lag,
+und Schildknecht suchte etwas in diesem vom Schlummer trunkenen Gesicht.
+Seine eigne Miene trug den Ausdruck des Zweifels. Da die Lippen des
+Schläfers sich zu bewegen begannen, beugte er sich noch tiefer und
+lauschte ängstlich, wie wenn er das Geständnis eines Verrats erwarte.
+Plötzlich schlug Engelhart die Augen auf und erschrak, als er den im
+Kerzenlicht flammenden Blick des Freundes lauernd auf sich ruhen sah.
+Schildknecht schüttelte besorgt den Kopf und sagte mild: »Etwas haben
+Sie mir verborgen, lieber Ratgeber; nun sprechen Sie mal von der Leber
+weg.«
+
+Engelhart antwortete nicht. Er starrte in den Lichtkreis an der Decke.
+Wie gewöhnlich war sein Erstaunen größer als der Trieb zu fragen. Ja, er
+hatte von dieser Minute an ein Geheimnis.
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel
+
+
+Nur mit Mühe ließ sich Schildknecht davon abbringen, dem famosen Herrn
+Lutterott einen Zorn- und Schmähbrief zu schreiben. »Solche Kerle sind
+jetzt das Bürgerideal,« knirschte er; »so sehen sie aus, die oben wohl
+gelitten und unten gefürchtet sind. O herrliches Deutschland!«
+
+Engelhart hatte längst aufgehört, des Mannes in Groll zu gedenken. Nur
+daß Lutterott es gewagt hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu
+machen, erfüllte ihn mit nachhaltiger Verwunderung.
+
+»Haben Sie denn nie an persönliche Gefahren aus solcher Quelle gedacht?«
+fragte Schildknecht.
+
+Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums nie geschämt und habe
+auch nie Anlaß gehabt, sonderlich stolz darauf zu sein. »Ist es nicht
+gleichgültig, welcher Provinz der großen Menschheit der einzelne seine
+Herkunft zuschreibt?« fragte er.
+
+»Gewiß,« antwortete Schildknecht. »Aber ist Ihnen denn nicht bekannt,
+daß Millionen von Ihren Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten
+Jammer vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?«
+
+»Ich weiß es,« sagte Engelhart; »aber der größte Teil der Menschen lebt
+im Jammer, und die Tatsache berührt mich mehr als der Grund.«
+
+»Und wissen Sie nicht, daß das ganze Mittelalter vom Blut der Juden
+gedüngt ist?«
+
+»Ich weiß es, aber ich sage mir, Blut ist ein guter Dünger; aus Blut
+wächst Leben. Mit Blut wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde
+erobert.«
+
+»Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen, daß der Christ in
+Ihren Augen ein Fremdling war?«
+
+Engelhart nickte lebhaft. »Ich erinnere mich auch an Blicke, Worte und
+Gebärden, die mich verletzen sollten und zurückweisen wollten,«
+entgegnete er. »Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen Schmerz zu
+machen; ich fühlte, daß es kein Problem für mich war. Ich bin vielleicht
+zu stolz dazu. Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen dies als
+wichtig nehmen müßte, dann wären eben alle meine Wurzeln der Nahrung
+beraubt. Den such' ich nicht, der deshalb an mir vorübergeht. Ich bin
+ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie ein Christ sind. Unsre
+Vergangenheit liegt in den Worten, nicht unsre Zukunft.«
+
+Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann fing er wieder an und
+sagte: »Es ist ein großes Kapitel. Ich für meinen Teil, ich liebe ja die
+Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein Blut sträubt sich
+dagegen.«
+
+»Auch gegen mich?« fragte Engelhart lächelnd und besorgt.
+
+»Man soll nicht ein Gefühl zergliedern, sonst hört es auf, ganz zu
+sein,« antwortete Schildknecht mit niedergeschlagenen Augen. »Aber es
+kommt mir oft vor, als ob in unserm Verhältnis noch eine andre Macht
+gebieten würde als die, die Menschen sonst einander begegnen und sich
+finden läßt. Es kommt mir vor, als ob dabei eine Art höhere Vergeltung
+im Spiel wäre. Meine Vorfahren sind altsässige Nürnberger Patrizier
+gewesen. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß vor ziemlich genau
+vierhundert Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden und zwar
+unter den üblichen Greueln: Erpressung, Raub und Mord. Nun ist es in
+unsrer Familie eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in einem
+alten Schriftstück bestätigt gefunden, daß ein gewisser Schildknecht vom
+Schildknechtstein, der den Juden tief verschuldet war, mit großer
+Leidenschaft und Tücke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen in seinem
+Haus habe vergiften lassen und schließlich mit eigner Hand an die
+hundert Juden erschlagen habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer
+oder der andre Ihrer Ältervordern unter den Erschlagenen, aber sehen Sie
+mich nicht so beklommen an, ich fühle mich nicht verantwortlich für den
+Schweinehund von damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem Vater
+weiß, daß er den Juden zwar günstig gesinnt war, jedoch nie einem die
+Hand reichte und es, wenn möglich, überhaupt vermied, mit Juden zu
+reden. Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor, als ob der Sturm
+des Schicksals uns, mich und Sie, auf einem Gebirgshang zueinander
+getrieben habe, mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen.
+Als ich Sie damals im Paradieschen zum erstenmal sah, da zog's mich zu
+Ihnen mit einer Mischung von Haß, Neid und Schuld. 'Möglicherweise,'
+dacht' ich mir, 'geht es doch wieder aufwärts,' und ich suchte die
+Oberhand über Sie zu gewinnen --«
+
+»Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster,« warf Engelhart ein, voll
+seltsamer Angst vor dem bekenntnishaften Ton Schildknechts.
+
+Dieser ließ sich nicht irre machen und fuhr mit bleicher werdendem
+Gesicht fort: »Mag sein. Aber ich habe keine Sicherheit, daß Sie mir
+nicht, ein paar hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen Stein
+auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner von den Dankbaren. Was ist
+denn Freundschaft? Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen Menschen
+vorgeht; und was wahre Freundschaft ist, erkennt man erst an den Wunden,
+die man davongetragen hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte, ist
+das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit eines Stammes
+emporgetrieben werden und in denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie
+soll ich mich ausdrücken, einen Mund erhalten, die haben viel Chaos,
+viel flüssiges Schicksal in sich. Das Judentum sind Sie ja los, aber der
+Jude, der in Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen machen, er
+wird Ihnen immer wieder Finsternis ins Gemüt pressen, auch die Lust zur
+Finsternis und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust zu
+erlösen und all diesen Quark, an dem unsre Besten verbluten.«
+
+Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck, nicht, weil es ihm so
+neu war, sondern weil er plötzlich seine Art und sein Blut, das
+Persönliche und Kreatürliche, gesetzmäßiger empfand. Dem lebendigen
+Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen Zufälligkeiten entkleiden
+zu dürfen; je inniger er sich in das Auf und Ab des Menschentums
+verwoben sieht, je mehr muß seine Zuversicht und Ruhe wachsen. Justin
+Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz willkommen, und es war, als
+bereue er das Gespräch. Er wünschte nicht, daß Engelhart auf sich allein
+gestellt sei, und vermied von nun an, über Gegenstände zu sprechen, aus
+denen das Selbstbewußtsein des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein
+Wohlwollen verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar spürte er,
+wie man zu lieben und zu hassen vermag in einem Atemzug.
+
+Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren; aus welchem Grunde,
+erfuhr Engelhart nicht, vermutete jedoch, daß er sich von jenem
+Heilemann, in dessen Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den
+größten Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelmäßiger Arbeit hatte
+abziehen lassen. Auch über die Person Heilemanns vermochte Engelhart
+nicht Klarheit zu gewinnen. Er war Vertreter einer großen deutschen
+Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber auf dem Kavaliersfuß
+und zog mit einem Hofstaat von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt
+und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht und er waren
+Schulkameraden; jetzt schien es, als ob Schildknecht in sonderbarer
+Abhängigkeit von ihm bestehe. Vielleicht, daß er Schulden bei ihm hatte
+machen müssen; jedenfalls benahm er sich in Heilemanns Gegenwart
+gedrückt und zweideutig ergeben, ein Anblick, bei dem es Engelhart
+jämmerlich zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer die Launen
+und das Aufschäumen des verletzten Stolzes ansehen und ertragen mußte.
+Es war ein nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit.
+Mit Schmerz sah Engelhart den Freund in den trüben Fluten kämpfen, aus
+denen er selbst durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und diesmal
+bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht tat alles, um die
+Ursachen seiner Lage zu verwischen, und gab sich den Anschein dessen,
+der die Gesellschaft studieren, ein Stück Leben ergründen will.
+
+An einem der ersten Abende fand in Heilemanns Wohnung ein Gelage statt,
+und um die Lustbarkeit zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei
+Heilemann zu nächtigen. Neun Personen schliefen in zwei kleinen Zimmern.
+Engelhart lag auf einem Teppich und konnte kein Auge zutun. Als er alle
+andern schnarchen hörte, erhob er sich und floh aus dem Wein- und
+Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon, an dessen Gitter blühende
+Glyzinien hingen. Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich
+stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart freute sich und
+dachte, nun könnten sie wieder einmal ein bißchen reden, aber
+Schildknecht machte ihm Vorwürfe über sein schweigsames und unfrohes
+Wesen, das in einer Gesellschaft von so harmloser Art übel vermerkt
+werden müsse. Engelhart nickte zu allem und gab dem Freunde recht. Doch
+hatte er in keiner Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als
+jetzt. Ähnliche Nächte wiederholten sich nicht, aber es wurden Ausflüge
+zu Schiff unternommen, bei denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer
+solchen Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht und machte ihn
+unwillig auf Engelharts schäbige Kopfbedeckung aufmerksam. »Ihr Freund
+soll sich einen Hut kaufen,« sagte er und warf ein Zehnfrankenstück über
+den Tisch. Das war nun allerdings zuviel für Schildknecht; er erblaßte
+und entfernte sich schweigend mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser,
+daß Schildknecht ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte.
+
+Mitte Juli mußte Heilemann eine Geschäftsreise antreten, und kaum war
+er fort, so stob auch seine Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich
+Schildknecht gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Vermögenslage zu
+unterrichten. Sobald er offen und wahr sein durfte, kam seine gütigere
+Natur wieder zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, daß sie jetzt
+aneinander festhielten und nicht der ordinären Notdurft wegen das
+Freundschaftsgärtlein verdorren ließen. Er bemühte sich bei seinen
+Bekannten, um für Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang
+mit ihm von Geschäft zu Geschäft, aber die erhaltenen Empfehlungen waren
+mager, wohlwollendes Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben
+und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit der Mühe
+spiegelte sich in ihren Gesichtern wider, und der trotzige Unmut machte
+auch Bereitwilligere stutzig. »Sie müssen sprechen,« sagte Schildknecht
+zu Engelhart, »Sie müssen sich ins Licht setzen, die Leute merken ja,
+daß Sie keine zehn Rappen im Sack tragen, dem Bettler wirft man
+höchstens ein Stück Brot hin, nur wer fordert, wird gehört.«
+
+In den ersten Tagen hatte das vorhandene Geld noch zu einem Mittagessen
+in einer Gastwirtschaft ausgereicht, dann kam die Stunde, wo man sich
+aufs Hungern einrichten mußte. Schildknecht hatte keinen Menschen in der
+Stadt, den er, ohne seine Empfindlichkeit aufs tiefste zu verwunden, um
+ein Darlehen ansprechen konnte. Und ehe er sich nach Hause wandte,
+wollte er das Schlimmste über sich ergehen lassen. Die Augen zu und
+hinein ins Wasser, war seine tägliche Redensart. Engelhart hatte sich
+noch einmal mit einer schüchternen Bitte an den Vater gewandt, natürlich
+umsonst; Herrn Ratgebers Antwort war ein einziges Händeringen, worüber
+sich Schildknecht weidlich lustig machte. Sie richteten nun ihr Leben so
+ein, daß sie bis über den Mittag hinaus im Bette lagen, sich dann mit
+der Umständlichkeit von Modedamen ankleideten und ins Kaffeehaus
+marschierten, wo sie den Nachmittag über sitzenblieben. Nur hier hatten
+sie, hauptsächlich durch das Ansehen, welches Heilemann genoß, ein wenig
+Kredit; sie tranken Tee und verzehrten zur Stillung des Appetits eine
+große Anzahl von Semmeln, lasen Zeitungen und Wochenschriften aus aller
+Welt, beobachteten und kritisierten die vor den Fenstern
+vorüberwandelnden Menschen, wobei diejenigen, die sattgegessen aussahen,
+am übelsten wegkamen. Niemals und nicht mit einem Blick ließ
+Schildknecht in all der Zeit Engelhart merken, daß er ihm zur Last
+falle, ihn fessele und das eigne Fortkommen erschwere. Eher noch schien
+er selbst den Freund zu halten und tat so, als wäre die ganze Pein nur
+ein Examen, das ihnen das Schicksal bereitet. Aber schließlich, _er_
+war in seinem Hause, er war es, der gab, und Geben macht müde und
+tyrannisch. Am Abend wurden tiefsinnige Gespräche ausgesponnen, und
+Schildknecht verstand es, zwischen zwei gesprochene Worte eine ungesagte
+Bitternis zu legen wie jemand, der eine Nadel auf ein Butterbrot
+streicht. Gegen Mitternacht gediehen die Fäden dünner, weil der Magen,
+wie ein Hund gegen Diebe, sein Knurren gegen das Wortgeklapper erhob,
+dann nahm der eine in seinem Bett, der andre auf der Matratze zu den
+Träumen Zuflucht.
+
+Schildknecht träumte schwer, oft erwachte Engelhart von seinem Stöhnen
+und sah ihn beim Morgengrauen totenbleich liegen, mit feuchten
+Angstperlen auf der Stirn. Er liebte nicht das schlafende Gesicht
+Schildknechts, ja er fürchtete es. Einmal nun hatte Schildknecht einen
+angenehmen Traum und erzählte ihn: er sei am Meer gestanden und drei
+Schiffe, voll mit Gold beladen, seien auf ihn zugeschwommen, seien wie
+Vögel geradeswegs in seine Arme geflogen, und dann sei in zahllosen
+kleinen Fässern das Gold um ihn aufgestapelt worden, aber immer, wenn er
+zugreifen wollte, habe sich eine Hand auf seine Schulter gelegt, und
+eine Stimme sprach: »Warten, es kommt noch mehr.«
+
+Das war der ganze Traum, und Engelhart bedauerte, daß er zu Ende war,
+denn er hätte gern gewußt, was Schildknecht mit seinen Reichtümern
+angefangen. Allmählich wurde dieser Gedanke zu einer sorgenvollen und
+krankhaften Vorstellung, es war etwas dabei, was ihn bezüglich seiner
+eignen Person beunruhigte, und da er es über Tag und Nacht nicht los
+werden konnte und mit sich zu Rate ging, wie er dem Freund von seinem
+zweifelvollen Zustand Kunde geben sollte, entsann er sich einer alten
+Geschichte, und mitten in einem Gespräch bat er Schildknecht ziemlich
+unvermittelt, ihm zuzuhören.
+
+»Zwei edle Ritter in der Bretagne,« so begann er, »liebten einander
+sehr. Beide waren arm, nur besaß der eine von ihnen einen schönen
+Zelter. Und der andre fing eines Tags an nachzudenken und sprach bei
+sich: 'Mein Freund hat einen schönen Zelter; wenn ich ihn darum bäte,
+würde er ihn mir wohl geben?' Eine Zeitlang schwankte er zwischen ja und
+nein, endlich aber kam er zu dem Schluß, der Freund würde ihm den Zelter
+nicht geben. Der Ritter wurde traurig und erschien mit anderm Gesicht
+vor seinem Freund, doch dieser merkte nichts. Darüber wurde der Gram des
+Ritters immer größer, er hörte auf, mit dem Freund zu sprechen und
+wandte das Auge ab, wenn jener vorüberging. Der andre, der den Zelter
+besaß, konnte dies nicht länger ertragen und stellte ihn zur Rede,
+fragte, weshalb er ihn meide, weshalb er erzürnt sei. Da antwortete er:
+'Weil ich dich um deinen Zelter gebeten habe und du ihn mir abgeschlagen
+hast, und weil ich nun sehe, daß wir zu Unrecht Freunde heißen.'«
+
+Schildknecht war ziemlich erstaunt über die Geschichte, und als er
+darüber nachzudenken begann, geriet er in eine gereizte Stimmung. Eben
+das hatte Engelhart gefürchtet und hatte deswegen auch die Erzählung
+nicht zu Ende gebracht. Natürlich hatte der Ritter, der den Zelter
+besaß, voll Rührung den andern umarmt und gesprochen: »Alles, was mir
+gehört, gehört auch dir.« Es war ihm zu banal erschienen, dies
+hinzuzufügen, vielleicht kam es der Wahrheit näher, wenn die beiden
+Ritter von nun an Feinde wurden.
+
+Als Heilemann zurückkehrte, waren die zwei Hungersgenossen so
+ausgemergelt, daß selbst der kühle Genüßling erschrak und sich ernstlich
+bemühte, für Schildknecht einen anständigen Posten aufzutreiben. Doch
+sagte er ihm: »Das mit deinem Freund Ratgeber ist nichts, der taugt
+nicht, den mußt du loswerden,« und nach einer kurzen Beratung wurde
+beschlossen, daß Engelhart zu seinem Vater reisen müsse, der habe die
+nächste Pflicht, für ihn zu sorgen. »Hier sind zwanzig Franken,« sagte
+Heilemann, »damit kann er bis München durchkommen, und er soll sich nur
+schleunigst trollen, ist überhaupt ein unleidlicher Kumpan.«
+
+Engelhart ahnte nichts von diesen Beschlüssen, als er am Nachmittag
+desselben Tages an einer Partie teilnahm, welche von Heilemann,
+Schildknecht und einigen andern, Damen und Herren, veranstaltet wurde.
+Sie fuhren mit dem Dampfer bis Meilen, wanderten noch eine Stunde am
+Ufer entlang und kamen gegen Abend in ein Gartenwirtshaus, wo eine
+Musikkapelle spielte. Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz umzogen,
+die meisten Leute flüchteten auf das eben abgehende Schiff, und so blieb
+die kleine Gesellschaft, in der Engelhart sich befand, mit den
+Musikanten fast allein zurück. Heilemann ließ im Saal oben den Tisch
+decken und mietete die Musikanten, da nach dem Essen ein Tanzvergnügen
+geplant war. Während der Mahlzeit war Schildknecht sehr aufgeräumt,
+erzählte ein halb Dutzend seiner lustigen Geschichten und hielt dabei
+geflissentlich seine Augen von Engelhart fern, dem er gegenüber saß.
+Engelhart glaubte, es sei darum, weil er all diese Geschichten schon
+kannte und Schildknecht sich deshalb vor ihm geniere. Es lachten alle,
+nur er lachte nicht, und dies kränkte Schildknecht; am Schluß stand er
+hastig auf, warf die Serviette auf den Stuhl und verließ den Saal.
+Engelhart war ein wenig erkältet durch dies auffällige Benehmen,
+indessen folgte er alsbald dem Freund und traf ihn nach einigem Suchen
+unten an der Uferböschung, wo er auf einem Felsstück hockte und in die
+blitzezuckende Ferne starrte. Engelhart setzte sich zwei Schritte von
+ihm weg, noch dichter an das Wasser.
+
+Das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, schien die Dunkelheit des
+Abends rascher zu beschwören, und nach einer Weile gewahrte Engelhart
+den Freund nur noch als formlosen Schattenriß, kaum von dem Laubwerk
+eines tiefhängenden Weidenbaums abgehoben, in welchem ein Vogel
+klagenden Gesang anstimmte. Mit jeder Minute mehr spürte Engelhart das
+Schweigen als etwas Feindseliges, und es war, als ob sein Ohr Zuflucht
+nähme zum Glucksen des Wassers und zum leisen Geroll des Donners.
+Endlich fing Schildknecht an zu sagen, was er sagen mußte, seine Stimme
+klang tief, ruhig und verschleiert. Hätte er sich darauf beschränkt, zu
+sagen: So und so liegen die Dinge, es geht nicht mehr weiter, wir
+halbieren uns bloß die Möglichkeiten und Hoffnungen des Lebens, statt
+sie zu verstärken, und es ist ein Ausweg gefunden worden, der in der
+Natur der Dinge liegt, so wäre alles gut gewesen; aber das tat er nicht,
+er ging der Sache vom sittlichen Standpunkt aus zu Leibe und suchte es
+so hinzustellen, als hätten die Fehler und schlechten Eigenschaften
+Engelharts von Anfang an alles zum Schlimmen gewandt. Er redete sich
+eine Fülle aufgespeicherter Bitterkeit von der Brust und meinte, er sei
+immer der Gaul, der den fremden Wagen aus dem Dreck zerren müsse, von
+ihm verlange man Haltung, Verantwortung, Verständnis, von ihm den
+Zelter, aber andre wollten nicht geben, andre säßen düster und stumm da,
+wenn er für eine ganze Affenkompagnie den Extrahanswursten mache.
+
+Als er seine Rede beendigt hatte, fiel die dumpfe Streichmusik vom Saale
+oben ein, und Engelhart beobachtete weit draußen in der Schwärze, die
+über dem See brütete, ein langsam gleitendes Laternenlicht; aber
+allmählich verschwamm es in seinen Augen, und mit dem Gedanken: Alles
+verschwendet, das ganze Herz verschwendet, schoß ihm das Wasser unter
+den Lidern hervor, und er weinte lange still vor sich hin.
+
+Zwölf Stunden später saß er schon auf der Eisenbahn und fuhr mit dem
+geringsten Gepäck, das je ein Reisender besessen, gegen Norden. Sein
+jämmerliches Ausgehungertsein war schuld, daß er auf jeder Station etwas
+zu essen kaufte und während der Überfahrt auf dem Bodensee-Dampfer
+unbedenklich an der teuern Mahlzeit teilnahm. So kam es dann, daß er,
+auf dem Bahnhof in Lindau stehend, von seinen paar Franken nichts mehr
+übrig hatte. Es war fünf Uhr nachmittags, in einer Viertelstunde ging
+der Schnellzug, dieser hatte keine dritte Klasse, und Engelhart sah
+sich außerstande, den Zuschlagspreis zu entrichten. Der nächste Zug ging
+erst in der Nacht und fuhr elf Stunden statt sechs. Und wo Unterkunft
+suchen bis dahin, wovon leben; außerdem drängte es ihn vorwärts, als ob
+am neuen Ziel das Heil bereit sei. Wie er nun in den letzten zehn
+Minuten, während der Zug schon dastand und die Lokomotive gleichsam
+einladend schnaubte, ratlos und verzweifelt auf dem Bahnsteig hin und
+her rannte, trat ein graubärtiger Schaffner auf ihn zu und fragte, was
+ihm denn sei, ob er jemand erwarte oder ob er sich krank fühle.
+Engelhart wollte kurz ausweichend antworten, aber das ehrlich-gute
+Gesicht des Mannes flößte ihm Vertrauen ein, und er gestand zögernd
+seine Verlegenheit. Da sagte der Alte, er wolle ihm gern helfen, er möge
+sich nur einen Platz suchen, die Überzahlung betrage etwas über sechs
+Mark, die wolle er für ihn auslegen. »Ich werd' es Ihnen morgen
+zurückbringen, bei meiner Seligkeit!« rief Engelhart mit heiligem Eifer.
+»Nun, nun, ich glaub' Ihnen schon,« beschwichtigte ihn der Alte und
+klopfte ihm auf die Schulter. Als er während der Fahrt das Billett
+brachte, schrieb er ihm seine Adresse auf einen Zettel und wies alle
+Danksagungen schmunzelnd ab.
+
+Es wurde Mitternacht, ehe Engelhart, weit in der nördlichen Vorstadt
+irrend, die Straße und das Haus fand, wo sein Vater wohnte. Dann mußte
+er lange läuten, bis Frau Ratgeber herunterkam. Sie war sehr überrascht
+und schien des Ankömmlings nicht eben froh zu sein; bedrückten Herzens
+schlich er hinter ihr die vier Stockwerke empor, und seine scherzhafte
+Anspielung über die Nähe des Himmels hier oben beantwortete sie mit
+einem Seufzer über das harte Leben. Sie brachte willig herbei, was sie
+noch zu essen im Haus hatte, setzte sich ihm sodann gegenüber, blickte
+mit ihren scheuen Augen ängstlich-musternd in sein Gesicht und meinte
+vorwurfsvoll, er sehe gut aus. Ihr Antlitz war förmlich
+zusammengeschrumpft von den Sorgen, und die dünnen schwarzen
+Haarsträhnen gaben den Zügen einen zigeunerhaften Ausdruck. Der Vater
+sei verreist, berichtete sie, und werde erst über den andern Tag
+zurückkommen; und nun suchte sie ihn auszuforschen voll Angst, daß sie
+da einen müßigen Kostgänger zu füttern haben werde, aber es verdroß
+Engelhart, daß sie keine gerade Frage stellte, sondern nur so um den
+Brei herumging; daher schwadronierte er eine Weile von seinen
+Aussichten, und es wurde ihm selber gläubig zumute, bis ihm einfiel, daß
+er doch am Morgen seinem guten Schaffner das geliehene Geld
+zurückbringen müsse. Er schluckte und würgte an den Worten, endlich kam
+es heraus, halb Bitte, halb Forderung. Frau Ratgeber erklärte mit
+Entschiedenheit, daß sie keinen überflüssigen Pfennig besitze und nichts
+geben könne. »Es muß sein,« sagte Engelhart erbleichend. »Wenn es sein
+muß, so verschaff' dir's eben,« entgegnete sie höhnisch, »von mir
+bekommst du's nicht, von deinem Vater auch nicht. Wir haben genug
+Trübsal mit dir gehabt, und jetzt kommst du wieder als Bettler.« Alle
+seine Sünden und seine ganze Schmach hielt sie ihm vor und blieb bei
+ihrer Weigerung, auch als er sich aufs Flehen verlegte. »Und jetzt ist
+es spät,« schnitt sie endlich ab, »ich habe gearbeitet, ich will
+schlafen.«
+
+Für Engelhart war an Schlaf nicht zu denken. Endlose Stunden hindurch
+schritt er im Zimmer auf und ab. Pläne zu schmieden war er nicht der
+Mann, ihn peitschte es bloß von Impuls zu Impuls. Als er am Morgen die
+Stiefmutter zur Küche gehen hörte, eilte er hinaus und vertrat ihr den
+Weg. »Ich verpfände mich dir mit meinem ganzen Leben, mit meiner ganzen
+Zukunft,« flüsterte er, »nur gib mir diese paar Mark, sonst bin ich
+ehrlos.« Frau Ratgeber zuckte die Achseln und machte ein böses Gesicht,
+aber es war etwas in seinem Blick, wovon sie niedergezwungen wurde.
+Ungefähr eine Minute lang besann sie sich, dann kehrte sie ins
+Wohnzimmer zurück. Engelhart ließ sie nicht aus den Augen, als fürchte
+er den gewonnenen Vorteil sonst wieder einzubüßen, er begleitete sie und
+sah zu, wie sie die Kommode aufschloß. Stumm reichte sie ihm ein
+schweres silbernes Armband, in der Mitte war ein alter Reichstaler
+eingelötet, der ein Städtebild mit vielen Türmen zeigte. »Geh damit ins
+Leihamt,« sagte Frau Ratgeber, »du bist mir schon genug schuldig, jetzt
+auch noch das.« Engelhart erkannte das Schmuckstück, es hatte einst
+seiner Mutter gehört, und er betrachtete es mit düsterer Miene, hinter
+der er seine Wehmut versteckte. Doch ging er hin, löste Geld dafür und
+bezahlte seine Schuld.
+
+Nachträglich bereute Frau Ratgeber ihre Schwäche, und Engelhart mußte
+ihren erbitterten Hader dulden. Es war ihm keine ruhige Stunde gegönnt.
+Sein ernster Entschluß, sich um einen Verdienst umzutun, geriet
+einigermaßen ins Wanken, weil ihn davor ekelte, fremden Menschen unter
+die Augen zu treten und ihre Gleichgültigkeit ertragen zu sollen.
+Indessen kam sein Vater zurück, müde von der Arbeit und erschöpft von
+der Hundstagshitze. Der Mann war sichtlich gealtert, an Körper und
+Gesicht trat eine fette Aufgeschwommenheit hervor, doch sein Anzug war
+höchst adrett und den ergrauenden Schnurrbart hatte er schwarz gefärbt
+und nach der neuesten Mode gebürstet. Die Begrüßung zwischen Vater und
+Sohn war beeinflußt durch das finstere Schweigen der dabeistehenden
+Frau, und dieses Schweigen enthielt für Herrn Ratgeber die Aufforderung
+zu Vorwürfen und Abrechnungen. Während Engelhart auf dem Sopha saß, ging
+Herr Ratgeber mit seinen kurzen Schritten im Zimmer herum und redete
+sich in Zorn und Schmerz. Doch beständig war auch ein Ausdruck der
+Verlegenheit in seinem Gesicht, und wenn Engelhart antwortete, zuckte
+das seltsame Schmunzeln um seine Lippen, durch das er seiner Aufregung
+Herr zu werden suchte.
+
+Engelhart fragte, wie es Abel ergehe; Herr Ratgeber antwortete stolz,
+der bringe sich durch, der sei tüchtig und werde offenbar ein großer
+Mann. Doch wenige Tage darauf kam über Abel furchtbare Nachricht aus
+Amerika. Er hatte wieder einmal Dummheiten gemacht und war entlassen
+worden; dann war er irgendwohin ins Innere des Landes gefahren, hatte
+Schweinfurter Grün genommen und sich zum Überfluß ins Wasser gestürzt.
+Ein Farmer hatte ihn aufgefischt, und jetzt lag er in einem Hospital in
+Ohio und mußte außerdem, wie dort üblich, wegen des versuchten
+Selbstmords Strafe gewärtigen. Herr Ratgeber war gerade beschäftigt,
+sich zu rasieren, als der Unglücksbrief kam. Die Frau las ihn weinend
+vor, Herr Ratgeber legte zitternd das Messer beiseite und stieß, immer
+jenes entsetzliche Schmunzeln um den Mund, dumpf klagende Töne aus. Mit
+der halbbarbierten Wange setzte er sich an den Tisch und schrieb
+sogleich einen langen Brief. Fast feindselig beobachtete Engelhart die
+flink über das Papier sich bewegende Hand. 'Wenn er nur seine
+hochtrabenden Worte setzen kann,' dachte er; 'wahrscheinlich jammert er
+wieder über das Schicksal und die Undankbarkeit der Kinder, und nie
+scheint er zu ahnen, daß er bloß erntet, was er selber gesät.'
+
+Es half nichts, Herr Ratgeber mußte Geld nach Amerika schicken, aber von
+diesem Tag an war seine beste Hoffnung dahin und er wurde ein wenig
+stiller und schweigsamer als bisher. Zu vielem Nachdenken ließ ihm sein
+Beruf keine Zeit. Er war beständig auf den Beinen, gönnte sich kaum die
+Ausgabe für die Pferdebahn und kam oft so abgeschlagen heim, daß er sich
+gleich nach der Mahlzeit zum Schlafen hinlegte. Die Gesellschaft, für
+die er arbeitete, wußte ihm wenig Dank und glaubte wie die schlechten
+Erzieher, durch Aufmunterung ihren Vorteil zu versäumen. Es war nur ein
+beständiges Hetzen und Stacheln, um jede gerechte Entschädigung mußte er
+feilschen, und in seinem Ärger über solche Unbill konnte sein Auge einen
+irren und hilflosen Ausdruck annehmen. Seine Sprache gegenüber Engelhart
+war bitter und gereizt; er schämte sich vor seinen Bekannten, daß er
+einen erwachsenen Sohn zu Hause sitzen hatte, der nichts war, kein Amt
+bekleidete und es darauf anzulegen schien, den Seinen zur Last zu
+fallen. Vergeblich suchte er ein Unterkommen für ihn, und so oft er
+Engelhart antrieb, daß er selber etwas tun solle, setzte ihm dieser eine
+unbegreifliche Verstocktheit entgegen. »Ich kann dich nicht ernähren,«
+sagte Herr Ratgeber dann, und dunkler Zorn machte sein Auge wild;
+Engelhart aber hörte nur: ich will dir nicht helfen. Ein Wort gab das
+andre, und schließlich forderte der Vater mit leidenschaftlicher
+Heftigkeit jene fünfzig Mark zurück, die er damals nach Freiburg
+geschickt. Er forderte sie in einem Ton zurück, als wolle er sagen: gib
+mir die Träume wieder, die Erwartungen, die ich einst von dir gehegt.
+Engelhart war erstaunt und entgegnete verzweifelt, ob man ihm denn das
+Fleisch aus dem Leibe zu schneiden gedenke. Er redete mit wunderlicher
+Glut von der Zukunft, so wie Leute sprechen, die mit den eignen Worten
+ihre Zweifel ersticken wollen, aber Herr Ratgeber antwortete mit einem
+höhnischen Lachen. »Du bist nur da, um Herzen zu zertreten,« sagte er
+zitternd. »Ein Prahler warst du von je; was soll dies Nichtstun
+bedeuten? Glaubst du denn, wenn du in der Nacht vor deinem Schreibpapier
+sitzest und sinnloses Zeug malst, glaubst du denn, daß du damit je einen
+Bissen Brot erwirbst? Es ist ein Betrug an dir und an uns.« Und
+Engelhart erwiderte unbesonnen: »Ja, Vater, warum hast du mich denn auf
+die Welt gesetzt?« Da schwieg Herr Ratgeber und war, ohne daß er es
+zeigte, im Tiefsten beleidigt und verwundet; 'ein Kind, das seinen Vater
+schlägt,' dachte er. Doch immer fing der böse Streit über jene fünfzig
+Mark von neuem an, so daß Engelhart keine größere Sehnsucht kannte, als
+dies Geld zu besitzen, es ihnen vor die Füße zu werfen und ihnen Liebe
+und Achtung zu kündigen für immer. Eine stille und unaufhörlich
+wachsende Erregung ergriff wie eine geheimnisvolle Krankheit Geist und
+Leib. Nun kam es aber bisweilen vor, daß Herr Ratgeber von dem Verlangen
+gepeinigt wurde, den Grund dieses zerstückten und schwelenden Wesens zu
+erforschen; nicht selten stand er des Nachts an der Kammertür und
+lauschte, was Engelhart wohl drinnen treiben mochte; offen zu fragen
+getraute er sich nicht, glaubte auch seinen Stolz und seine Autorität
+dadurch zu gefährden; bei Tisch geschah es, daß er einen schüchtern
+fragenden Blick auf den Sohn warf, wenn er annahm, daß seine Frau es
+nicht bemerken konnte. Oder er begann von den Männern des Geistes zu
+reden, denen er noch immer einen ungeschmälerten, beinahe
+abergläubischen Respekt entgegenbrachte; von denen, die im öffentlichen
+Leben standen, von denen, die es so weit gebracht hatten, daß eine
+Zeitung ihre Feder in Dienst nahm. Er erzählte, wie schon so oft, daß er
+im Jahre siebzig an der Wirtstafel eines thüringischen Städtchens neben
+dem großen Karl Gutzkow gesessen sei, und fügte hinzu: »Ja, das waren
+eben lauter hochstudierte Männer.« Engelhart schwieg. Sein Sinn war
+verhärtet und voll Hohn. Wähnte er doch weit über den Götzen zu stehen,
+die seines Vaters Ehrfurcht genossen. Und er haßte die Schrift, die
+schamlose Entblößung der Seele durch die Schrift, fürchtete jenes Siegel
+zu brechen, mit dem der Schöpfer das Mysterium des Schaffens versiegelt
+hat. Es war ihm noch alles Leben, bloßes, einfaches Leben, angefüllt
+mit unentweihten Gesichten, grenzenlosen Möglichkeiten. Scham hätte
+seine Lippen verbrannt, wenn sie davon gesprochen hätten. So mag es Adam
+in der ersten Paradiesesnacht zumute gewesen sein; der Baum, der Fels,
+die Wolke, die Dunkelheit selbst, nichts war ihm Wirklichkeit, alles
+Symbole seiner Angst, seines Zagens und seiner Hoffnung, und mehr als
+Weib und Schlange brachte ihn der Tag zu Fall.
+
+Indessen verging die Zeit, und Engelhart mußte allgemach auf irgendeine
+Verbesserung seiner Lage sinnen. Es schmeckte ihm der Bissen nicht mehr,
+mit dem sie seinen Hunger stillten. Zwischen ihm und der Stiefmutter
+wuchs die Erbitterung bis ins Maßlose. Kaum daß er ihr des Morgens unter
+die Augen getreten war, begann sie sein Ohr mit Anklagen und Vorwürfen
+zu füllen, und sie verstand es, mit vergifteten Pfeilen die
+empfindlichsten Stellen zu treffen. »Von je warst du ein Taugenichts,«
+hieß es, »schon in der Schule hast du nicht lernen wollen; geh nur mit
+deinen Luftschlössern, es sind lauter Lügen, du bist ja ein geborener
+Lügner; natürlich, davon willst du nichts wissen, aber seit ich dich
+kenne, lügst und betrügst du; damals mit den Äpfeln, was war das doch
+für eine Niedertracht, und später hast du mich beim Vater verleumdet, du
+wirst's noch weit bringen, du wirst deinen Vater ins Grab bringen;« in
+solchem Ton steigerte sich die Rede, und Engelharts Blut lief schwer und
+brennend durch die Adern. Die endlosen Beleidigungen verursachten ihm
+körperliche Übelkeit und Ermattung, er verlor den Schlaf und sann in
+seinem schlechten Bett mit beklommenem Herzen vor sich hin. An einem
+heißen Mittag im August kam er, nach mancherlei fruchtlosen Gängen aufs
+tiefste entmutigt, aus der Stadt zurück und setzte sich in Erwartung des
+Mittagbrotes an den schmalen Tisch in der Küche. Der Vater war in
+Geschäften nach Landshut gefahren und sollte drei Tage fortbleiben.
+Nachdem er eine Weile gesessen und in den düstern und schwülen Lichthof
+gestarrt hatte, sagte Frau Ratgeber, heute habe sie nichts gekocht, und
+damit warf sie ihm ein Stück Brot hin. »Wie? ist dir's vielleicht nicht
+recht?« fuhr sie auf, als er die Lippen verzog. Sein Schweigen reizte
+sie, wie jede Antwort sie gereizt hätte. »So ein Lump,« grollte sie vor
+sich hin, »will nicht arbeiten, stiehlt dem Herrgott die Tage und seinem
+Vater den letzten Groschen.« Engelhart stand auf und wiederholte mit
+zitternden Lippen: »Lump?« Die Frau stellte sich ihm gegenüber, und ihre
+glanzlosen Brombeeraugen drehten sich konvulsivisch: »Ja!« fauchte sie,
+»Lump! Lump! Lump! Glaubst du, wir wissen nicht, was du für schlechte
+Streiche in Freiburg gemacht hast? Steh nur da wie ein Herr, glaubst
+du, man weiß nicht, daß du ins Zuchthaus gehörst?« Engelhart schrie auf;
+der ganze Raum verschwand und nichts blieb übrig als ein großes blankes
+Küchenmesser, das am Herdrande lag. Dorthin griff er, schwang die Klinge
+in die Luft, schrie abermals, die Frau stürzte mit vors Gesicht
+geschlagenen Händen zurück, er folgte ihr, aber dann kam die Hemmung,
+jenes unbegreifliche Etwas, das den Menschen solcher Art zu keiner sich
+selbst vollendenden Handlung gelangen läßt, das in die dunkelste Nacht
+ihrer Leidenschaft wie ein Funke fällt oder wie eine unüberhörbare
+Stimme tönt. Er verlor das Bewußtsein und fiel nieder. Als er erwachte,
+wusch ihm Frau Ratgeber das Gesicht mit Essig. Sie weinte, war aufgelöst
+in Tränen. Nach einigen Minuten hatte er sich so weit erholt, daß er
+aufstehen und sich zum Fortgehen anschicken konnte. Die Frau erbot sich,
+Kaffee zu bereiten, er schüttelte den Kopf und verließ die Wohnung.
+
+In einer nahegelegenen Straße wanderte er von einem Eck zum andern bis
+gegen Abend beständig hin und zurück. Dann war er einigermaßen
+gesammelt, las die Vermietezettel vor den Haustoren, stieg in einem
+weitläufigen Gebäude bis unter das Dach, mietete die ausgeschriebene
+Mansarde und schickte sich gleich an, die Nacht hier zu verbringen. Am
+andern Morgen überlegte er lange hin und her, wie er zu seinen
+Habseligkeiten kommen könne; endlich entschloß er sich doch, selbst in
+die väterliche Wohnung zu gehen. Glücklicherweise war Frau Ratgeber auf
+dem Markt, und eine Zuspringerin, welche die Böden fegte, behütete das
+Haus. Er packte eilig seine Sachen in den Koffer und stellte
+Betrachtungen darüber an, was er von all dem verkaufen könne, um sich
+ein wenig Geld zu verschaffen. Es war nichts, er besaß lauter ärmliches
+Zeug, das ihm noch dazu unentbehrlich war. Da fiel sein Blick auf das
+Bücherregal des Vaters; die Bände standen noch immer in derselben
+Reihenfolge wie vor vielen Jahren, als ob keine Hand inzwischen sie
+berührt hätte. Er suchte drei oder vier Bände heraus, von deren Erlös er
+sich etwas versprechen konnte, schrieb einen Zettel an den Vater, worin
+er die Tat bekannte, fügte seine Adresse bei und legte den Zettel an
+eine Stelle, wo ihn der Vater, und nur er allein, finden mußte, nämlich
+in die Schublade, wo sich das Rasiergeräte befand. Die Bücher verkaufte
+er am selben Tag und erhielt zwei Mark dafür.
+
+Das war an einem Donnerstag. Am Samstag in der Frühe erhielt er einen
+Brief vom Vater. »Lieber Engelhart,« begann das Schreiben, »zwischen uns
+ist von heute an jedes Band zerschnitten. Über den Vorfall mit der
+Mutter will ich kein Wort verlieren, darüber zu sprechen, verbietet sich
+von selbst. Gott verzeihe mir, daß ich Dich nicht zu einem besseren
+Sohn und brauchbaren Menschen herangebildet habe. Außerdem hast Du, um
+es ganz frei herauszusagen, ordinär gegen mich gehandelt, indem Du
+hinter meinem Rücken die Bücher verkauft hast, für die Du doch nur ein
+paar elende Pfennige erhalten konntest. Es fehlt mir mein französisches
+Wörterbuch, dann das Werk 'Kraft und Stoff' und Freytags 'Verlorne
+Handschrift'. Ich hatte diese Bücher lieb, sie waren mir wie Freunde,
+sie haben mich über den größten Teil meines Lebensweges treulich
+begleitet, und ich misse sie mit schwerem Herzen. Handelt man so gegen
+den Vater, der es doch stets gut mit Dir gemeint hat? Das hätte ich nie
+und nimmer von Dir gedacht, und zur Erklärung kann ich nur annehmen, daß
+Dein sittliches Gefühl getrübt ist. Doch genug, ich habe mich über die
+Geschichte so alteriert, daß ich es nicht in Worte bringen kann, und
+deshalb lege ich auch die Angelegenheit #ad acta#.«
+
+So weit der Brief. Aber es war auch eine kleine Nachschrift dabei, ein
+unerwartetes und rührendes Anhängsel: »Hierbei schicke ich Dir, obwohl
+ich es hart entbehre, fünf Mark in Briefmarken, damit Du nicht hungern
+mußt.« Und wie ein bunt kariertes Fähnchen hingen die angeklebten Marken
+vom Rand des Briefblattes herab. 'Er will sich einschmeicheln,' dachte
+Engelhart, und sein Sinn blieb starr.
+
+Von seiner Mansarde aus konnte er über die meisten Häuser der Umgebung
+hinwegblicken, und bei Nacht hatte er ein großes Stück Sternenhimmel vor
+sich, während aus den Höfen die beleuchteten Fenster heraufglühten und
+mit dem Vorrücken der Stunden nach und nach erloschen. In den ersten
+Tagen war der Morgen eine goldene Zeit, denn die Sonne schien
+geradeswegs ins Fenster, keine unwirsche Hand drohte an die Tür zu
+klopfen und zur Tätigkeit zu mahnen, und die Gewißheit, daß die bösen
+Träume der Nacht etwas Bestandloses und Unwirkliches waren, genoß sich
+wie eine herrliche Speise. Der jähe Frieden inmitten einer bewegten
+Stadt hatte etwas seltsam Betäubendes. Zunächst galt es, das winzige
+Kapital möglichst praktisch auszunutzen, es gleichsam dünn und breit zu
+schlagen. Von der Vermieterin verschaffte er sich einen Kochtopf und
+einen Spiritusapparat, dann kaufte er einen kleinen Sack Äpfel, ferner
+einen Vorrat von Käse, Kaffee und Zucker. Die Äpfel schälte er und
+kochte sie zu Mus, und das gab eine Mittagsmahlzeit, morgens und abends
+nahm er den eigengebrauten Kaffee zu sich und hatte bald die Kunst
+entdeckt, wie man ihn auf die einfachste Weise schwarz und stark werden
+läßt. Aber die zwei Taler waren bald dahin, und die Vorräte im Schrank
+dauerten auch nicht gar lange. Was war zu tun, um dem schmerzhaften
+Hunger zu entgehen? Engelhart studierte die Stellenangebote in den
+Zeitungen, und da er das teure Geld nicht für Briefmarken ausgeben
+konnte, lief er selber überall hin und stand oft in der Frühe mit
+hundert andern vor dem Ausgabeort der Zeitungen. Dann fing das
+Marschieren an, straßauf, straßunter, immer mit einem Keimchen von
+Hoffnung in der Brust; schüchtern trat man vor irgendeinen Herrn hin,
+der in einem muffigen Schreibzimmer saß wie eine Spinne im Mauerwinkel,
+aber jedesmal war schon ein andrer dagewesen, der es wahrscheinlich noch
+billiger machte und auch einschmeichelndere Manieren gezeigt hatte. Mit
+heiß und kaltem Körper schlich dann der Bittsteller demütig wieder
+heimwärts und kaufte für das letzte Restchen Mammon ein paar Gramm
+Tabak. Es war ein Glück, daß sich der Herbst mit schönem Wetter anließ,
+da brauchte man wenigstens keinen Regenschirm, und die defekt gewordenen
+Stiefel schluckten statt Wasser bloß Staub. Einmal nun hatte Engelhart
+einen wunderbaren Einfall. In einer Stadt, sagte er sich, wo so viel
+hunderttausend Menschen leben und unter ihnen so viel reiche Menschen,
+zugereiste Fremde, ja sogar Fürstlichkeiten und der königliche Hof, in
+einer solchen Stadt muß doch notwendigerweise auch einiges Geld auf der
+Straße verloren werden; wenn also einer es unternimmt, zu suchen,
+geschickt zu suchen, und besitzt Instinkt zu dergleichen, so kann es am
+Erfolg nicht mangeln; angenommen, ich entdeckte auf solche Manier einen
+Brillantschmuck im Werte von soundsoviel tausend Mark, so steht mir als
+Finderlohn der zehnte Teil zu, und ich bin aus der Patsche. Die Logik
+dieser Überlegungen entzückte ihn in so hohem Maß, daß er sich ungesäumt
+ans Werk begab. Mit gesenktem Kopf und aufmerksam auf das Pflaster
+gerichtetem Blick strich er langsam durch die Hauptstraßen und die
+vornehmen Quartiere. Vor den Gasthöfen, wo die Fremden abstiegen, stand
+er wie ein Wachtposten, blickte in kein Gesicht, sondern starr und
+begehrlich zu Boden. Sah er von fern etwas schimmern, so eilte er mit
+klopfender Brust darauf zu und erblaßte, wenn es nur ein Fetzen
+Stanniolpapier oder ein Messingknopf war. Stundenlang ging er in der
+Bahnhofshalle umher, dachte sehnsüchtig an das viele Geld, das dort an
+den Schaltern ausgewechselt wurde, und wünschte sich nur ein Tröpfchen
+von dem Überfluß. Er wurde zornig, wenn seine Gedanken abschweifen
+wollten von der Erde, wenn sie in der Luft suchten, was doch zweifellos
+unten im Schmutze lag, aber es half alles nichts, er fand nie auch bloß
+eine Kupfermünze, viel weniger den besagten Brillantschmuck.
+
+Es nahte die Zeit, wo die Miete fällig war, es mußte etwas geschehen,
+auch der Magen ertrug es nicht länger. Die Frau, bei der er wohnte, war
+eine gutmütige Person, sie drängte nicht und schien Mitleid zu haben,
+obwohl er nie mit ihr über seine Lage sprach, sondern im Gegenteil
+unbekümmert drauflos prahlte von steinreichen Verwandten, hochgestellten
+Freunden und illustren Beziehungen jeder Art. Aber er war doch froh,
+wenn die Alte am Abend eine Schüssel mit Salat, ein paar Kartoffeln oder
+eine halbe Wurst auf seinen Tisch gebracht hatte, und kam zu dem
+wehmütigen Schluß: ohne Menschen geht's eben nicht. Eines Tages fragte
+er in einem Warenbazar um eine Stellung an, und sie nahmen ihn, ohne
+viel nach seinen Kenntnissen zu fragen. Kenntnisse waren auch nicht
+erforderlich, er mußte des Morgens die Fußböden ausspritzen und kehren
+und den ganzen übrigen Tag, mit einer Schildmütze versehen, durch die
+Stadt rennen und Lieferungszettel austragen. Dafür bekam er fünfzig
+Pfennig jeden Abend. Vielleicht hätte er dies noch erduldet, aber mit
+dem groben und perfiden Wesen, das da herrschte, konnte er sich nicht
+befreunden, und er beschloß, lieber elend zugrunde zu gehen, als jeden
+Stolz zu vergessen und der getretene Knecht von Knechten zu sein. Sieben
+Tage hatte die Herrlichkeit gedauert, dann kroch er wieder in sein
+einsames Loch. Darauf fand er Arbeit bei einem sonderbaren Mann, dem
+Redakteur eines patriotischen Winkelblättchens. Der Mann hieß Saffran
+und hatte eine bläuliche Nase. Er verfaßte Lobesartikel über den
+Regenten und die Häupter des Adels. Engelhart mußte nach dem Diktat
+stenographieren und zu Hause das Schriftstück ins reine bringen. Für die
+Großquartseite war der Preis von zehn Pfennig vereinbart worden, und
+Engelhart schrieb ganze Nächte hindurch, um eine lumpige Mark
+herauszuschinden. Nun war es aber des Teufels mit Herrn Saffran; erstens
+stellte er sich taub, wenn man Geld haben wollte, gebrauchte Ausflüchte,
+tat, als habe er schon Vorschuß gegeben, oder rannte plötzlich davon mit
+den Worten: »Ach Gott, ach Gott, Seine Königliche Hoheit haben mich ja
+zur Audienz befohlen;« zweitens aber zählte er die Silben, untersuchte,
+ob auf jeder Seite gleich viel Worte standen, und wenn die Sache nicht
+in Ordnung war, schlug er die Hände zusammen und jammerte laut über die
+Niedertracht der Welt. Er besaß den Orden für Wissenschaft und Kunst,
+und als Engelhart einmal mit düsterer Entschlossenheit seinen Lohn
+begehrte, nahm er das Ehrenzeichen und steckte es vor die Brust wie
+einer, der einen Stern vom Himmel gepflückt hat und sich damit böse
+Geister vom Leibe halten will, dann gab er noch allerlei sublime
+Redensarten von sich, bevor er endlich den Geldbeutel öffnete.
+
+Auch diese Erwerbsquelle versiegte mit der dritten Woche. Um das Unheil
+voll zu machen, wurde die Mietsfrau sehr krank; sie wurde ins Spital
+geschafft, und Engelhart mußte ein andres Asyl suchen. Er fand ein
+Zimmer in der Heßgasse über eine Stiege, größer und freundlicher, aber
+auch teurer als das bisherige. Es war ihm selbst unerklärlich, weshalb
+er dies tat; aber er hatte das Gefühl, als müßten die Umstände sich
+bessern, weil er ein besseres Bett gefunden. Die Not, die er litt,
+machte ihn entschieden traurig und ratlos, aber es war, als könne sie
+nicht ganz in die Tiefe seines Herzens dringen, wie auch der Sturm nicht
+bis auf den Grund des Meeres dringen kann. Doch rückte ihm das Ungemach
+bitter zuleibe. Alles, was er nur im geringsten entbehren konnte, trug
+er zum Trödler, sogar den alten Reisekoffer, der ihn seit dem ersten
+Verlassen der Heimat begleitet. Schließlich entäußerte er sich auch des
+Ringleins, das er einst beim Abschied von Ernestine erhalten. In den
+ersten Oktobertagen wurde es kalt. In seinem Tagebuch gab Engelhart der
+Sehnsucht nach einem Ofenfeuer Ausdruck, indem er züngelnde Flammen um
+ein nacktes Männchen zeichnete. Alles Papier und die alten Zeitungen,
+deren er habhaft werden konnte, warf er ins Ofenloch und freute sich,
+wenn es prasselte, an der bloßen Illusion von Wärme. Seine Einsamkeit
+weckte seltsame Gelüste und Gewohnheiten in ihm. Etwa eine Viertelstunde
+vom Haus entfernt lag ein Kirchhof. Dorthin war bald sein täglicher
+Spaziergang gerichtet, und täglich stand er um dieselbe Nachmittagszeit
+vor dem Fenster des Leichenhauses, um die drinnen aufgebahrten Toten zu
+betrachten. Die Särge lagen offen nebeneinander, schräg gegen die Erde
+gestellt, so daß es aussah, als ob sich die starren Körper, wenn nur
+noch ein Fünkchen Wille in ihnen brannte, mühelos erheben könnten, oder
+als ob sie auch von selbst diesen Ort aufsuchten und verließen, um über
+Nacht wieder andern den Platz zu räumen. Engelhart war jedesmal
+neugierig, welche Gesichter er heute sehen würde, und er studierte in
+den des Lebens beraubten Zügen alle Offenbarungen des Leidens. Die
+niedrigen Begierden hatte der Tod nicht auszulöschen vermocht, manche
+faltenvolle Stirne war von Habsucht und Bosheit zerpflügt, mancher Mund
+schien von Wut zusammengepreßt, daß er verstummen gemußt, ehe das Ziel
+eines gemeinen Ehrgeizes erreicht war. Engelhart konnte sich oft kaum
+trennen von dem Anblick der Leichengesichter, er erschien sich wie ein
+Wächter, hingestellt auf die Brücke zwischen Lebenden und Toten, mit
+heimlichem Triumph und befriedigter Rache Zeugnisse der Vergänglichkeit
+sammelnd. War ein Antlitz unter den Toten, das in besonderer Weise auf
+ein Leben der Tücke, Trägheit und Lüge hinwies, so forschte er nach dem
+Namen und der Stunde der Beerdigung, folgte als letzter Gast dem
+Leichenzug und lauschte mit wunderlich glänzenden Augen den
+Lobpreisungen des Geistlichen und der Freunde. An den Fenstern des
+Leichenhauses schärfte er seinen Blick für die Eigenschaften des
+menschlichen Herzens, und es ging so weit, daß er auf den Gesichtern der
+Lebenden, die an ihm vorüberwandelten, die Züge seiner Toten
+wiederzuerkennen suchte und mit grausamer Lust alles erstickte, was von
+Liebeswünschen in seiner Seele wohnte. Dies Treiben setzte er so lange
+fort, bis er eines Tages ein junges Mädchen aufgebahrt sah, dessen
+Anblick ihm Tränen in die Augen trieb. Es war ein herrlich schönes Kind
+von gleichsam nur hingeträumter Gestalt, und die Wangen waren wie aus
+Abendröte geformt; die Haare schienen noch lebendig und flossen
+unruhevoll unter dem Myrtenkränzchen hervor. Engelhart blickte mit Liebe
+auf das fremde Wesen, plötzlich erwachte eine stürmische Begierde nach
+Musik und trieb ihn am Abend vor das Odeonsgebäude, aber sein Ohr fing
+nur ein paar matt verschwebende Harmonien auf.
+
+In den Nächten war es nun so, daß er vor Hunger nicht schlafen konnte
+und in das Kissen biß; daß er aufstand und das Fenster öffnete, um den
+Frost zu spüren, um durch die heftige neue Empfindung die alte
+schleichende zu betäuben. Zwar dachte er jeden Morgen: 'Jetzt bist du
+der Wandlung um einen Tag näher, schlimmer darf es nicht werden, und
+zugrunde gehen wirst du nicht,' doch es war, als verdopple sich seine
+Verlassenheit, und es kam vor, daß er, in seinem Zimmer sitzend, die
+Türe nicht zuschloß, damit ein zufällig Vorbeigehender hereinschauen
+konnte. Plötzlich setzte er sich hin und schrieb an Schildknecht nach
+Zürich, zerriß den Brief, schrieb wieder, versteckte fast gauklerisch
+seine Not hinter den Zeilen, und während die Feder über das Papier lief,
+sammelte sich unter dem Gaumen Bitterkeit. Es war hauptsächlich von den
+Tränen am See die Rede und von dem, was damit zusammenhing und was nun
+ein melancholisches Bildchen wurde mit Blitzen, die über den Nachthimmel
+zuckten und einer Walzermusik vom Hause her.
+
+Den Brief warf er unfrankiert in den Kasten, und er wußte jetzt, daß er
+seine einzige und letzte Hoffnung trug. Zwei Tage später kam
+Schildknechts eilige Antwort und zugleich eine Summe von fünfundsechzig
+Franken bar. Der gute Mensch hatte alles begriffen, und der Schreck war
+ihm in die Glieder gefahren. Es war auch höchste Zeit; Engelhart lief
+nach Brot, der Krämer borgte schon seit einer halben Woche nicht mehr.
+Erst als er sich gesättigt hatte las er Schildknechts Brief -- ohne
+eigentliche Dankgefühle, eher staunend, daß noch eine Hand in der Welt
+sich für ihn regte. Schildknecht schrieb, daß er nun wieder eine
+auskömmliche Stellung gefunden habe, auch in der Heimat stünden seine
+Angelegenheiten gut, und er werde wohl demnächst heiraten. Den Vorwurf
+bösen Trotzes könne er Engelhart nicht ersparen, denn daß er keinen
+besseren Freund auf Erden habe als ihn, Justin Schildknecht, hätte er
+wissen und nie vergessen dürfen, auch wenn er ihm in desperater Laune
+einmal den Kopf gewaschen habe. Und was die Tränen am See anlange, so
+hoffe er dafür noch etwas recht Großes für Engelhart zu tun, er möge
+daher nicht danken für die erbärmlichen paar Goldstücke, sondern
+seinerseits sich weiterhin als Gläubiger betrachten. »Ich habe kein
+Talent zum Judas,« schloß der herzliche und ehrliche Brief, »und wenn
+ich auch nicht leugne, daß einer, der den Gott in sich spürt, einmal
+beim Satan gewesen sein muß, so möchte ich doch lieber selbst im
+Fegefeuer braten, als nur ein einziges Scheit Holz für einen Freund dazu
+herschleppen. Ihnen, lieber Ratgeber, wird sich eines Tages jählings
+dieselbe Welt zu Diensten geben, die sich jetzt so grausam verschließt.
+Dann werden Ihre jetzigen Leiden die bunten Gläser sein, durch welche
+Sie zurückblicken auf die Zeit, in der Sie sich noch ganz und gar
+besaßen, vielleicht sehnsüchtig werden Sie zurückblicken und werden ein
+wenig Dämmerung begehren, wenn überall das grelle Licht Ihrem Inneren
+nicht mehr mühelos zu träumen erlaubt. Sie werden gezwungen sein, aus
+dem Blut Ihrer Wunden Bilder zu malen, die man auf den Markt schickt,
+und das wird weh tun, und schließlich werden Sie das eigne Herz zu einem
+Marktplatz machen, wo Freundschaft und Liebe feilgeboten wird, und auch
+das wird weh tun, nicht Ihnen, sondern uns, mir, dem Freund.«
+
+Engelhart ließ einige Tage verstreichen, in denen er angelegentlich über
+Schildknechts Worte nachdachte. Dann antwortete er folgendes: »Im
+Augenblick der größten Bedrängnis haben Sie ihre Hand nach mir
+ausgestreckt, lieber Freund, ich konnte Ihre Hand ergreifen und war
+gerettet. Die Tat soll Ihnen unvergessen bleiben, denn sie ist die
+Brücke, die mich wieder zu den Menschen führt. Wahrhaftig, ich habe
+schon verlernt, wie man mit Menschen spricht und wie man ihnen in die
+Augen sehen soll. Sie geben mir Hoffnung, daß alles, was ich jetzt
+erlebe, einst eine köstliche Speise für meine Erinnerung sein und daß
+dieses nun so Bittere dann süß schmecken wird. Aber was hilft es dem zum
+Krüppel geschlagenen Soldaten, wenn ihm später die Aufregungen der
+Schlacht herrlich dünken? Und daß ich zum Krüppel gemacht werde, zum
+Krüppel an Herz und Seele, das fürchte ich. Wir wollen uns doch nicht
+mit Redensarten trösten und jede Not zur Notwendigkeit stempeln. Einer
+Bestimmung zu leben ist ja schön, aber wo ist meine Bestimmung? Ich sehe
+sie nicht, ich fühle sie nicht. Jeder Straßenkehrer scheint mir mehr
+Bestimmung in sich zu tragen als ich, der ich ein von allen andern
+gemiedenes und wahrscheinlich mit Recht gemiedenes Zufallsgeschöpf bin.
+Was mich oft in seltenen Stunden beseligt, scheint mir widersinnig und
+haltlos, als ob man Nebeldunst an eine Spindel heften wollte, um Faden
+daraus zu drehen. Es ist ein treuloses Spuk- und Phantasietreiben, mit
+dem man sich selber um den besten Teil der Menschlichkeit betrügt. Doch
+ich kann nicht anders! Jetzt bin ich schon so weit verschlagen, daß ich
+nicht mehr weiß, wo es nach vorwärts und wo es nach rückwärts geht. Es
+ist ja auch gleich, denn die Welt ist rund. Wie dem aber sei, Sie haben
+redlich an mir gehandelt, teurer Schildknecht, als ein wirklicher
+Schildknecht haben Sie sich gezeigt, und von den bewußten Tränen am See
+soll nun nicht mehr die Rede sein. Ich war zu angespannt damals und zu
+sehr auf Ihr Wohlwollen angewiesen, ich hatte die übertriebensten und
+ungesundesten Vorstellungen von Freundschaft. Das ist nun vorüber. Was
+soll es auch heißen, sich an einen einzelnen zu binden, den man doch
+verlieren muß? Freundeswege müssen sich immer dort trennen, wo Herz dem
+Herzen gar zu nahe kommt, vielleicht Menschenwege überhaupt.
+Gleichgesinnte Geister finden sich doch immer wieder und werden aus
+eigenstem Interesse gegeneinander und gegen die Welt wirken, das übrige
+scheint mir auf schwächliche Empfindsamkeit hinauszulaufen. Man kann ja
+nicht einander um den Hals fallen, und so wird der Freund allmählich zur
+Surrogatfigur und muß enttäuschen, weil er ein Geschöpf der Sehnsucht
+aus ganz andern Bezirken ist. Nicht so ist es mit den Frauen, aber
+darüber habe ich nie mit Ihnen zu sprechen gewagt und will es auch jetzt
+nicht. Immerhin sollen Sie wissen, daß sich oft mein Inneres in einer
+ungeheuren Erwartung preßt und weitet und daß es Stunden gibt, wo ich
+wie in einem feurigen Fieber meine ganze bisherige Existenz als ein
+dunkles Hinströmen gegen eine noch unsichtbare Gestalt empfinde, die zu
+mir gehört wie der Morgen zur Dämmerung. Das mag eine ebensolche
+Illusion sein wie die von der Freundschaft, und sicher wird man eines
+Tages auch aus diesem Lügengarn sich wickeln, um eben kurzweg und
+einfach seinen Mann zu stellen, aber eine gewisse Summe von Leben und
+Erleben, von Umfassen und Sichlösen ist wohl nötig, damit man zu sich
+selber erwachen kann. Mit meinem Vater bin ich nun vollends auseinander,
+und ich bin froh, daß dies beschwerende Verhältnis aus meinem Dasein
+hinausoperiert ist. Ich bin sein Fleisch und Blut, aber nicht sein
+Geist und Herz, und das hab' ich stets sehr zu büßen gehabt. Nun leben
+Sie wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut.«
+
+In dieser Zeit begann Engelhart sehr unter nächtlichem Traumwesen zu
+leiden. Zumeist träumte er Landschaften, doch in so unheimlicher
+Beleuchtung und Farbe, daß ihm angst und bang dabei ward. Oder er
+träumte, daß er sich in einer großen Gesellschaft von Leuten befand, die
+er gut kannte, von denen ihn aber keiner beachtete; sie mieden ihn, und
+wenn er dicht vor jemand hintrat, so schlug dieser die Augen nieder.
+Schmerzlich schloß er die Demütigungen in sich ein, nahm sich aber vor,
+bei Tisch eine Rede zu halten und, in das Gewand einer Parabel
+gekleidet, den Leuten ihre Niedertracht zu bedenken zu geben. Während er
+noch an den Worten herumzupfte, die er wählen wollte, erhob sich ein
+andrer und sprach solch sinnlos-witzelndes Zeug, daß alle lachten und
+zugleich schadenfroh auf Engelhart starrten. Oder er träumte, sein
+Zimmer befinde sich über dem Hof eines gewaltigen Hammerwerks. Er sieht,
+hört, spürt den Hammer, während er schläft. Plötzlich erschallen
+furchtbare Rufe: 'Zu Hilfe! zu Hilfe!' Man trägt ein Mädchen mit
+zerschmetterten Gliedern herein. Eine seltsame Leidenschaft zu der Toten
+durchdringt ihn bis zu den Fingerspitzen. Auf einmal wird sie lebendig,
+zu gleicher Zeit wird aus dem Zimmer ein riesengroßer Saal. Er will mit
+dem Mädchen, das sehnsüchtig begehrend nach ihm blickt, allein sein und
+die Türen schließen. Aber während er eine Türe zumacht, springen immer
+fünf, sechs andre auf, und fremde Leute huschen schattenhaft vorüber.
+Sein Zorn, sein Gram, seine Ungeduld werden ins unerträgliche
+gesteigert, schließlich will er jenes Frauenzimmer liebkosen, da
+verschwindet sie hämisch lächelnd durch ein Loch in der Mauer.
+
+Seine Tage, in halber Untätigkeit verbracht, füllten ihn mit der
+unbestimmten und brennenden Empfindung einer Schuld. Die andauernde
+Absonderung von den Menschen gewährte keinerlei Befriedigung, sie gab
+nur Unruhe und einen dünkelhaften Schmerz. Die Träume des Schlafs
+wucherten gleichsam nach außen, und er sah Erscheinungen am hellichten
+Tage, hörte Stimmen, die ihn ermunterten, und hatte Augenblicke einer
+sonderbaren tiefen Verlorenheit, wo Angst und Freude beinahe
+gleichzeitig sein Herz zusammendrückten. Er fand ein Vergnügen daran,
+vor dem Spiegel sein eignes Gesicht so lange zu betrachten, bis er in
+eine Art von Verliebtheit geriet. Wie ein aus dem Erdreich gerissener
+Baum samt Wurzeln und Blattwerk schwamm er auf einer trüben Flut ins
+Ungewisse hinaus, und an den Ufern standen viele Zuschauer feindselig
+schweigend. Häufiger als jemals, auch in dem Traumtreiben, tauchte die
+Gestalt des Vaters auf, niemals wohlwollend, sondern ärgerlich,
+mürrisch, schimpfend, unzufrieden und hart; Engelhart aber nahm eine
+vorwurfsvolle, ja fast frohlockende Haltung an, als wolle er sagen: So
+weit hast du es kommen lassen. Ferner sah er den Vater, wie er gierig
+beim Mittagessen die Suppe hinablöffelte, und das erweckte seinen
+Widerwillen, oder wie er vor sich hinschmunzelte, wenn ihm endlich
+einmal ein Geschäft geglückt war. Engelhart erinnerte sich, wie der
+Vater einst mit nervös zuckendem Gesicht von dem Verlust einiger
+Groschen gesprochen hatte; irgendeine Spesenrechnung war von der
+Direktion nicht anerkannt worden, und Engelhart sah, wie der Vater
+dastand, den Hut etwas schief auf dem Kopf und den einen Arm auf den
+Regenschirm gestützt, und während er beleidigt und empört den Hergang
+erzählte, rieb er den Zeigefinger unablässig und mit krankhafter
+Schnelligkeit an dem silbernen Ring des Schirmstocks. Dies hatte
+Engelhart damals unangenehm und peinlich berührt, es war ihm niedrig
+erschienen, sich einiger Pfennige wegen so zu erhitzen, auch jetzt
+dachte er ohne Wohlwollen daran, dennoch lag in dem Vorgang etwas
+Schweres und Bedeutungsvolles, ja Rätselhaftes.
+
+Eines Abends verließ der Einsame, Ruhelose kurz vor Mitternacht seine
+Behausung, in welcher ihn mit der vorrückenden Stunde eine immer größere
+Bangigkeit gequält hatte. Nach mancherlei Herumirren geriet er in ein
+verödetes Café, und während er mit dem Eifer, den Leerheit und
+Rastlosigkeit erzeugen, die Zeitungen las, setzte sich ein Mann an
+denselben Tisch, wo er saß, trotzdem die meisten Tische rings frei
+waren. Der Mann hatte ein ziemlich gewöhnliches Gesicht; er hatte einen
+rötlich braunen Vollbart und trug eine goldene Brille. In seiner Scheu
+vor Menschen vermied es Engelhart, sein Gegenüber anzuschauen, plötzlich
+spürte er jedoch, daß der andre mit unverschämter Beharrlichkeit seine
+Blicke auf ihn gerichtet hielt. Dies wurde lästig, er stand auf, holte
+eine andre Zeitung und setzte sich an einen andern Tisch. Es dauerte
+nicht lange, so stand der Fremde gleichfalls auf und setzte sich
+Engelhart neuerdings gegenüber. Dieser hob erblassend den Kopf und
+erschrak vor dem verschwommenen, flüchtigen und zugleich klammernden
+Blick des Mannes. Der Unbekannte hatte den Hut aufbehalten, und er
+löffelte mit tückischem Lächeln in einem Wasserglas, in das er Zucker
+geworfen hatte. Es ist ein Detektiv, ein Spion, fuhr es Engelhart durch
+den Sinn; es war ihm nicht anders, als habe er ein großes Verbrechen
+begangen und man sei ihm auf der Spur. Er fühlte sein Blut eiskalt
+werden und überlegte, wie er sich aus der entsetzlichen Lage befreien
+könne; das Beste schien, mit dem unheimlichen Menschen, ohne
+Befangenheit zu zeigen, anzuknüpfen, er äußerte also irgendeine
+Redensart über das Wetter. Der Mann antwortete nicht, sondern zog statt
+dessen ein kleines Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin, wobei
+ein kaltes spitzes Lächeln seinen Mund bewegte. Tief erregt im Innern,
+doch in sein Gesicht einen heuchlerisch-interessierten Ausdruck
+zwingend, beobachtete Engelhart dies und ließ keine Bewegung des
+Menschen außer acht, als müsse er einem Überfall zuvorkommen. Um seinen
+Aufbruch vorzubereiten und den andern über den Grund zu täuschen,
+stellte er sich müde und verschlafen und guckte gähnend nach der
+Wanduhr, aber das Antlitz seines Gegenübers wurde immer feierlicher und
+haßerfüllter, plötzlich warf Engelhart seine Zeche auf den Tisch, packte
+seinen Mantel und verließ beinahe laufend den Raum. Ohne den Mantel
+zuzuknöpfen, rannte er auf der dunkeln Hälfte der mondbeschienenen
+Straße hin. Da hörte er Schritte hinter sich, er duckte den Kopf und
+verdoppelte seine Eile. Um den Verfolger irrezuführen, schlug er eine
+falsche Richtung ein und beschrieb einen ungeheuren Kreis, bevor er es
+wagte, dem Haus, in welchem er wohnte, zu nahen. Schweißnaß und atemlos
+kam er heim, und erst als der Morgen graute, verlöschte er die Lampe und
+schlief ein. Diesmal hatte er keinen Traum von bestimmtem Umriß; es
+sickerte nur durch seinen Schlaf das Bewußtsein von der Lächerlichkeit
+seines Tuns und der Unmännlichkeit seiner Haltung. Dann wuchs eine graue
+Wand aus einem Abgrund empor, und es rief eine Stimme:
+
+ »Und an die Wand, und an die Wand
+ Da malt des Schicksals Schattenhand
+ Die Zeichen des Verderbens hin.«
+
+Darauf erblickte er sich selbst, über einen Brief gebeugt, der an
+Michael Herz gerichtet war, und er sah die Worte: »Ich bin kein
+Kaufmann, ich bin Bergmann, ich bin Arzt,« und diese Begriffe: Bergmann,
+Arzt schienen ihm bedeutend und beweiskräftig. Mit brennendem Durst
+erwachte er jählings und richtete sich auf. Trotzdem es Tag war, war das
+Zimmer düster vom Nebel, der draußen lag. Das Verlangen nach Licht
+mischte sich in seinem Gehirn seltsam mit der Begierde nach Wasser; er
+nahm Sturz und Zylinder von der Lampe, schraubte die Krone ab, ergriff
+nun aber das ölgefüllte Gefäß und setzte es an die Lippen, um zu
+trinken. Der Petroleumgeruch brachte ihn zur Besinnung, er schlug die
+Hände zusammen, warf sich wieder aufs Bett und fing an zu weinen.
+
+So war es nun mit seinem Leben beschaffen.
+
+Da geschah es um die Dämmerungsstunde dieses Tages, daß ihn ein Ungefähr
+in die Nähe der väterlichen Wohnung brachte. Eine Weile schlich er
+scheu und verdrossen vor dem Tor im nassen Nebel herum, endlich nahm er
+sich zusammen und stieg die Treppen empor. Er glaubte seinen Vater zu
+riechen, jene merkwürdige Mischung von Zigarren- und Schreibstubengeruch,
+die ihm seit der Kindheit vertraut war. Weil auf sein wiederholtes
+Läuten niemand erschien, ging er erleichtert wieder davon und glaubte
+eine Pflicht erfüllt zu haben. Doch am folgenden Tag trieb es ihn
+abermals hin. Diesmal war Frau Ratgeber zu Hause; sie empfing ihn nicht
+freundlich, nicht unfreundlich, lud ihn ins Wohnzimmer und erzählte ihm,
+daß der Vater sich auf einem Erholungsurlaub im Gebirge befinde; der
+Arzt habe ihn hingeschickt, denn er leide an einer frühzeitigen
+Verkalkung der Gefäße. Frau Ratgeber war redseliger als sonst, offenbar
+suchte sie sich über ihre Besorgnis hinwegzuplaudern. Sie setzte ihrem
+Gast sogar ein Gläschen Likör vor und nahm das Glas von dem feinen
+Service, das seit Jahrzehnten unberührt im Schranke stand. Engelhart,
+ziemlich betroffen über die Ehre, die ihm widerfuhr, fragte, wie lange
+der Vater schon abwesend sei. Nicht länger als eine Woche, war die
+Antwort, aber er befinde sich so wohl dort, daß er ganz überschwengliche
+Briefe schreibe. 'Das hat er immer gekonnt,' dachte Engelhart, und sein
+Gesicht verdüsterte sich, 'überschwengliche Briefe, das war seine
+Stärke.'
+
+Er kam öfter. Das Eigentümliche war nun, daß ihm die Frau nach dem Mund
+redete, und da er den Zweck, den sie verfolgte, nicht sehen konnte,
+wurde ihm bisweilen unheimlich. Sie beklagte ihr Leben und das des
+Vaters, aber sie stellte sich dabei doch ins Licht und den Mann in den
+Schatten: er habe sich nie etwas versagt, er sei doch immer mit allem
+fertig geworden, er selbst war doch immer die Hauptperson. »Ich, ich,
+das ist das Ratgebersche Wort,« zischte sie mit schlecht verborgenem
+Haß. Engelhart graute es bei dem Gedanken, daß der Vater in einer
+solchen Luft von Lieblosigkeit atmete, doch dachte er: 'Sie muß ihn am
+besten kennen, da sie dreizehn Jahre mit ihm gelebt.' Eines Tages
+erschien während seiner Anwesenheit ein Fremder, ein netter junger Mann,
+der in dem Alpenkurort mit Herrn Ratgeber beisammen gewesen war und
+einige Aufträge von ihm überbrachte -- aus bloßer Sympathie und
+Gefälligkeit. Dünkte es Engelhart schon verwunderlich, daß irgendein
+Mensch in selbstloser Zuneigung etwas für seinen Vater unternahm, für
+diesen Mann der Geldsucht und der scheuen Abkehr von allen freien
+menschlichen Beziehungen, so erstaunte er noch weit mehr über die
+Erzählungen des Besuchers. Mit liebenswürdigem Pathos berichtete der
+junge Mann, daß Herr Ratgeber ganz benommen sei von der Schönheit der
+Landschaft und daß er mit einem Gesicht durch die Wälder streife, als
+hätte er Bäume nie zuvor erblickt; daß er stillvergnügt an seinem
+Plätzchen sitze, wenn die Kurkapelle ihre Stücke aufspiele, und daß er
+sogar eines Abends im Hotel eine ältere Dame zum Tanz aufgefordert habe.
+Alles erscheine ihm schön, mit allem sei er zufrieden und über alles
+Ungewohnte sei er erstaunt wie ein Kind.
+
+Frau Ratgeber hörte mit sauersüßem Lächeln zu und sagte: »Ich glaube,
+ich glaube, so eine Erholung täte mir auch gut.« Kaum war der Fremde
+fort, so kam ein Brief vom Vater, in dem er seine morgige Ankunft
+meldete; die Direktion habe die Verlängerung des Urlaubs nicht
+gestattet, außerdem sei ihm nicht ganz wohl und er fürchte den Gedanken,
+sich vielleicht fern vom Hause krank hinlegen zu müssen. Dann kam ein
+wehmütig-zurückschauendes Lob der Gegend, der Ruhe, der Sonne.
+
+Den nächsten und den übernächsten Tag ging Engelhart wieder seine
+einsamen Wege; war es Trotz oder Scham oder Stolz, er brachte es nicht
+zu dem Entschluß, sich dem Vater zu zeigen. Am Morgen des dritten Tages,
+während er noch im Bette lag, ward an seine Tür gepocht, er schlüpfte
+rasch in die Kleider, öffnete, das verzerrte Gesicht eines Weibes
+streckte sich ihm entgegen, kreischte: »Ihr Vater! Ihr Vater!« und
+verschwand wieder. Eine Viertelstunde später war er dort im Haus,
+schritt mit bleiernen Füßen durch den Korridor und die Küche in das
+erste Zimmer, wo, aschfahl anzusehen, Frau Ratgeber stand und mit
+starrer Bewegung auf das Bett wies. Engelhart erblickte ein großes
+blutbeflecktes Leintuch, welches eine menschliche Gestalt bedeckte. Er
+hob das Tuch an einem Ende auf und zog es weg, und es lag ein
+aufgeschwemmter Körper da, ein Mann mit nahezu unkenntlichem Gesicht,
+den Mund, der nie hatte sprechen können, verdeckt unter eisgrauem
+Schnurrbart und unabgewischtem Todesschaum, die Stirn gleichsam
+zerschmettert, die Fäuste geballt, die Füße krampfhaft an das untere
+Brett der Lagerstatt gedrängt -- nie vergaß Engelhart dies furchtbare
+Bild einer letzten Energie, eines letzten verzweifelten
+Schrittfassenwollens.
+
+Während Engelhart dastand und sich wunderte, während ihm graute und
+während er im Innern weinte, ohne sich zu verhehlen, daß sein Anrecht
+auf edle Tränen noch verwirkt war, sah er plötzlich den Vater in der
+stillen Alpenlandschaft wandeln, so wie es jener zugereiste Mensch
+geschildert hatte. Er sah ihn mit all seinen Gebärden, etwas bedrückt
+von ungewohntem Alleinsein, doch befremdet und feierlich gestimmt durch
+den Anblick der Natur und durch das Gefühl der ruhenden Stunden. War es
+denn nicht seine erste Rast im Leben? War ihm denn nicht jeder grünende
+Zweig etwas Niegesehenes? Mußte er nicht mit dem Erstaunen eines Kindes
+Zeuge sein von dem Verschwinden der Sonne hinter Schneegipfeln und dem
+Aufbrennen der Sterne? Sicherlich hatte sich der Vater bei alledem ein
+bißchen geschämt und hatte seine Freude für sich behalten aus lauter
+Angst, daß man Zweifel in seine Bildung setzen möchte. Engelhart begriff
+dies auf einmal mit einer unerwarteten Schärfe. Immer wieder sah er die
+untersetzte, tripplig gehende Gestalt über eine Wiese schreiten und mit
+eigentümlicher Verlegenheit und wachsam verschlossenem Staunen vor sich
+hin blicken. Dadurch wurde seine Rührung erweckt und seine Tränen
+konnten fließen. Er erinnerte sich nach und nach an zahlreiche
+sympathische Züge im Wesen des Vaters, an Dinge, denen er nie zuvor
+Bedeutung zugemessen hatte, die sich aber jetzt zum eindringlichen Bilde
+formten und die Ursache waren, daß der Schmerz wie in sichtbaren Flammen
+um ihn schlug. Er erinnerte sich zum Beispiel, daß er vor Jahren in
+Würzburg mit dem Vater spazieren gegangen war, daß sie von der Höhe
+eines Hügels aus den Tönen eines Posthorns gelauscht hatten und daß des
+Vaters Gesicht plötzlich einen unendlich traurigen Ausdruck gezeigt
+hatte und daß er rasch die Augen niederschlug, als Engelhart ihn
+anschaute. Ferner erinnerte er sich, daß der Vater einst zu einem
+Geschäftsfreund gekommen und daß er vor Entzücken sich kaum fassen
+konnte, als ein kleiner Hund ihn wiedererkannte und freudig bellend an
+ihm emporsprang.
+
+Aber all dies war nur eine harmlose Kleinmalerei seiner wachsenden Reue
+und Schuld. Ein paar Tage später schrieb er an Justin Schildknecht die
+Nachricht von seines Vaters Tod. »Es kam zu früh,« schrieb er, »nicht
+allein für ihn, den Frühgealterten, der ein abgehetztes, kleines,
+elendes, finsteres und unverstandenes Dasein wie durch eignen Entschluß
+endete, sondern auch zu früh für mich. Ich hatte mich stets höhnisch
+gewehrt gegen seine Forderung der Dankbarkeit, aber ach, er wollte ja
+nur in kleiner Münze bezahlt haben, nur almosengleich zurückbekommen,
+was er mir, ein unermeßliches Kapital, das Leben selbst, geschenkt. Und
+er meinte ja gar nicht Dankbarkeit, er meinte Liebe. Wenn er
+'Dankbarkeit' sagte, so meinte er damit seinen Stolz und seine Scham zu
+schonen, denn er wollte natürlich lieber Gläubiger als Bettler sein.
+Freund, ich finde mich in unerhörtem Maße schuldig; ich finde mich so
+vieler Versäumnisse schuldig, als es Stunden, ja als es Gedanken der
+Vergangenheit gibt, und wenn viele den Tod als Gleichmacher und
+Stummacher preisen, so finde ich, er ist ein furchtbarer Unterscheider
+und gewaltiger Rechner. Trägheit ist meine Schuld, Trägheit hat meine
+Brust vernietet, und diese aufs Enge und Niedrige gestellte Existenz
+meines Vaters erscheint mir jetzt inniger an die göttlichen Mächte
+gekettet als die meine, die anmaßend zu einer eiteln Verkündigung
+strebt. Wer in der Tiefe seine Unschuld wahrt, ist der nicht größer zu
+achten als der, der sie in den Höhen verliert? Und das ist es, er hatte
+Unschuld, alles Üble an ihm, sein kleinmütiges Streben, seine
+Pfennigangst, sein armer Geiz und Ehrgeiz, es waren nur die Zeichen und
+Merkmale seiner Unschuld, und ich, wie ich bin und stehe, ich bin der
+Verräter an dieser Unschuld. Wozu denn alle Hoheit der Empfindung, alle
+Gaben des Gesichts, da die dunkle Kreatur, aus der ich Wurzel
+geschlagen, unerkannt neben mir verschmachten mußte? Sühnen will ich,
+und Gott gebe mir Entsühnungskraft und lasse mich den Weg zu den
+Menschen finden, den ich schon verloren habe. Vielleicht ist dies meine
+Bestimmung, den gemordeten Seelen Liebe zu weihen und aus ihnen etwas
+wie Astralkörperchen zu formen, welche man in jener frostigen Halle
+aufstellt, in der die Menschheit ihren vielfältigen Geschäftigkeiten
+frönt. Ich will mich unter sie schleichen und still meine Arbeit
+suchen.«
+
+Als er diesen Brief geschrieben, verließ Engelhart die Stadt und
+wanderte weit in die südlich gelegenen Wälder und Hügel. Er dachte
+während dieses Marsches viel an seine Kindheit und Jugend, und ein
+seltsamer Reigen bunter Figuren erhob sich, flatterte tänzerisch leicht
+an seinem inneren Auge vorbei, und er spürte bei ihrem Anblick etwas wie
+bittersüße Reife. Schließlich setzte er sich ans Flußufer und malte mit
+dem Stock einige Zeilen in den feuchten Sand:
+
+ »Es ist noch dieselbe Sonne,
+ Die derselben Erde lacht;
+ Aus demselben Schleim und Blute
+ Sind Gott, Mann und Kind gemacht.
+ Nichts geblieben, nichts geschwunden,
+ Alles jung und alles alt,
+ Tod und Leben sind verbunden,
+ Zum Symbol wird die Gestalt.«
+
+Bewegten Herzens machte er sich auf den Heimweg, und je mehr er sich
+wieder der Stadt näherte, je trüber umschleierte sich sein Auge, als
+ahne er das not- und mühevolle Dasein, dem er zuschritt und das ihm ein
+nicht weniger strenges Antlitz zeigte, seit er den Preis kannte, um den
+es seine höchsten Kränze bot. Noch einmal hielt er inne und schaute
+zurück: der Strom krümmte sich in goldener Flut aus dem Hügelgelände
+hervor, ein paar schwarze Vögel geleiteten ihn, langsam fliegend, und
+Mond und Sonne standen zu gleicher Zeit am Himmel.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1907 erschienenen Erstausgabe erstellt. Diese erschien in
+»Deutsche Romanbibliothek«, fünfunddreißigster Jahrgang 1907, Hefte
+9-18. Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 177: [Doppelpunkt ergänzt] fragte ängstlich: »Ist es wahr
+S. 177: [Komma ergänzt] Schritte machte, mußte
+S. 180: [Komma ergänzt] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat
+S. 189: [Punkt gelöscht] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte
+S. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits
+S. 193: [Komma ergänzt] die haßartige Lieblosigkeit, die
+S. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende
+S. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner
+S. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer
+S. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte
+S. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen
+S. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine
+S. 323: [vereinheitlicht] Aegidienplatz -> Egydienplatz
+S. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen
+S. 325: [vereinheitlicht] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte
+S. 367: [fehlende Letter] ein Mann mi nahezu -> mit
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first
+publication of the novel in "Deutsche Romanbibliothek", 35th volume
+1907, issues 9-18. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö,
+Ü. The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p. 177: [added colon] fragte ängstlich: »Ist es wahr
+p. 177: [added comma] Schritte machte, mußte
+p. 180: [added comma] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat
+p. 189: [deleted period] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte
+p. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits
+p. 193: [added comma] die haßartige Lieblosigkeit, die
+p. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende
+p. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner
+p. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer
+p. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte
+p. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen
+p. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine
+p. 323: [normalized] Aegidienplatz -> Egydienplatz
+p. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen
+p. 325: [normalized] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte
+p. 367: [normalized] ein Mann mi nahezu -> mit
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER ***
+
+***** This file should be named 26402-8.txt or 26402-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/6/4/0/26402/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
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+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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+
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
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+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+that
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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