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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:26:41 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Engelhart Ratgeber + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: August 23, 2008 [EBook #26402] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Engelhart Ratgeber + + Roman + von + Jakob Wassermann + + + + + Erstes Kapitel + + +Engelharts erste Kindheitserinnerung knüpfte sich an eine Feuersbrunst. +Die Mutter saß am offenen Fenster, und der Knabe spielte zu ihren Füßen +in der Nähe eines Kochtopfes, in dessen Innern sich Überreste von +Pflaumenmus befanden. Da wurde Frau Ratgeber durch einen Aufschrei von +der Gasse veranlaßt, zum Fenster hinauszuschauen. Neugierig kletterte +Engelhart auf einen Stuhl, beugte sich über das Sims und sah, von der +Mutter beim Ärmel festgehalten, eine ragende Feuersäule, die fern aus +der Tiefe der Straße emporschoß. Nachdem er das Schauspiel mit +erstaunten Blicken betrachtet, kehrte er wieder zum Fußboden zurück und +benutzte die anderswo hingelenkte Aufmerksamkeit der Mutter, um aus dem +Pflaumentopf ein paar Fingerspitzen voll zu naschen. + +Am folgenden Tag um die Dämmerungszeit nahm er ein kleines Spielhäuschen, +begab sich damit und mit Zündhölzern versehen in den abgelegensten +Winkel des Hofes, scharrte einen Sandhügel zusammen, trug Späne herbei +und machte im Innern seines Gebäudes Feuer an. Die Flammen schlugen jäh +aus dem kleinen Tor heraus, die durch rote Farbenflecke angedeuteten +Fensterchen begannen zu zerfließen, der ganze Hof lag in lichterlohem +Schein. Bald kamen Leute gelaufen, die den Miniaturbrand löschten und +den Knaben verprügelten. + +Im Erdgeschoß des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft. Jede Nacht +drang der Zecher Lärm herauf, nicht selten kam es zu einer Schlägerei, +und ein Gestochener brüllte die schlafenden Bewohner wach. Schlimmer war +für Engelhart das allwöchentliche Schweineschlachten. Das Todesgeschrei +schnitt ihm furchtbar durch die Brust, seine Phantasie war damit +belastet, sein Denken wurde verdunkelt, und wenn das Tier unter dem +letzten Messerstich ersterbend wimmerte, schlich Engelhart totenbleich +in die Kleiderkammer, riß eine Schranktür auf und steckte den Kopf +zwischen die hängenden Gewänder. Es war ein Glück, daß seine Eltern, +kurz nachdem er fünf Jahre alt geworden war, in die nahegelegene +Theatergasse verzogen. + +In jenem Sommer heiratete die jüngste von Frau Ratgebers Schwestern. Da +die Hochzeit in Karlstadt stattfand, einem uralten Örtchen am Main, +reisten Herr und Frau Ratgeber dorthin und nahmen Engelhart mit, während +die beiden kleineren Geschwister, die dreijährige Gerda und der kaum ein +Jahr alte Abel, unter der Obhut einer treuen Magd zu Hause blieben. Es +war ein düster bewölkter Tag. Der Knabe blickte mit dankbarem Gefühl auf +den Vater, der, kaum daß die Fahrt begonnen hatte, ein gebratenes Huhn +aus der Reisetasche nahm und mit dem ihm eignen seltsam verlegenen +Schmunzeln verzehrte. Frau Agathe saß versonnen da, bisweilen warf sie +einen flüchtigen Blick auf die Landschaft hinaus. + +Das Hotel, in dem sie zu später Nacht ankamen, war ein früheres Kloster +und hatte weitgewölbte Räume. Engelhart wurde in ein entlegenes Gemach +geführt, wo vier Betten standen. Im blassen Kerzenlicht sah er mit +verschlafenen Augen drei Mädchengestalten, und man erklärte ihm, daß es +seine Cousinen aus Gunzenhausen seien. Die Mädchen flüsterten und +lachten, endlich trat die jüngste, die schon im Hemde war, vor ihn hin +und sagte, es schicke sich nicht, daß Knaben bei den Mädchen schliefen. +Er kroch in einen Mauerwinkel, um sich in Eile zu entkleiden, dann +setzte sich Frau Ratgeber zu ihm an den Bettrand, es wurde noch eine +Weile hin und her gesprochen, Engelhart sah einen haarumwallten +Mädchenkopf, der sich über die Schulter seiner Mutter beugte, und, schon +auf der Schwelle des Schlummers taumelnd, starrte er noch einmal in das +übermütige Gesicht seiner jüngsten Vetterin. + +Am andern Tag war die Hochzeit. Während der Trauung hörte man die Braut +weinen, es schien, als ahne sie ihr trauriges Schicksal voraus, während +der Bräutigam, Herr Peter Salomon Curius, selbstbewußt und höhnisch +lächelnd um sich blickte. Die Sache war die, daß es kein Geschöpf auf +Gottes Erdboden gab, dem er sich nicht überlegen gefühlt hätte. + +Als das Hochzeitsmahl zu Ende war, wurde Engelhart mit den andern +Kindern ins Freie geschickt. Es war ein lieblicher Garten hinter dem +Haus, voll Apfel- und Kirschenbäumen. In dem dumpfen Trieb aufzufallen, +sonderte sich Engelhart von der Gesellschaft ab und schritt in einer den +Erwachsenen abgelauschten Gangart in der Tiefe des Gartens hin und her. +Was ihm unbewußt dabei vorgeschwebt hatte, geschah; die jüngste Cousine +folgte ihm, stellte sich ihm gegenüber und blitzte ihn mit dunkeln Augen +schweigend an. Nach einer Weile fragte Engelhart um ihren Namen, den er +wohl schon einige Male gehört, aber nicht eigentlich begriffen hatte. +Sie hieß Esmeralda, nach der Frau des Onkels Michael in Wien, und man +rief sie Esmee. Dieser Umstand erweckte von neuem Engelharts prickelnde +Eifersucht, und er fing an, prahlerische Reden zu führen. Der Lügengeist +kam über ihn, zum Schluß stand er seinem wahnvollen Gerede machtlos +gegenüber, und Esmee, die ihn verwundert angestarrt hatte, lief +spöttisch lachend davon. + +Um diese Zeit faßten seine Eltern den Beschluß, ihn, obwohl er zum +pflichtmäßigen Schulbesuch noch ein Jahr Zeit hatte, in eine +Vorbereitungsklasse zu schicken, die ein alter Lehrer namens Herschkamm +leitete. Herr Ratgeber, der große Stücke auf Engelharts Begabung hielt +und große Erwartungen von seiner Zukunft hegte, war ungeduldig, ihn in +den Kreis des Lebens eintreten, von der Quelle des Wissens trinken zu +sehen. Er dachte an seine eigne entbehrungs- und mühevolle Jugend. Noch +in den ersten Jahren seiner Ehe liebte er gehaltvolle Gespräche und gute +Bücher und bewahrte eine schwärmerische Achtung für alles, was ihm +geistig versagt und durch äußerliche Umstände vorenthalten blieb. + +Nun war der alte Herschkamm ein seltsam gewählter Pförtner an den Toren +der Bildung, ein dicker kleiner Greis mit dem Wesen eines betrunkenen +Kobolds. Er hielt sich beständig für überlistet und tanzte in Anfällen +grenzenloser Wut von einem Ende der winzigen Schulstube zum andern; +dabei hielt er einen langen Flederwisch in der Hand, mit dem er ein +geisterhaftes Geräusch machte, er spie und gurgelte, stampfte, klopfte, +brüllte, und alles etwa um ein harmloses Wort. Das Schauspiel füllte +Engelharts Herz mit Bangigkeit, doch bald war er daran gewöhnt und +heckte mit den andern freche Streiche aus. Ein beliebtes Vergnügen war +es, daß während des Unterrichts und während der kurzsichtige Herschkamm +seine Figuren an die Tafel malte, einer um den andern seinen Platz +verließ und sich zur Türe hinausstahl, so daß schließlich nur noch zwei +oder drei lautlos grinsend dasaßen. Dann begann das Tanzen und Fauchen, +der Flederwisch wurde hervorgezogen, der Alte sauste hinaus und trieb +die Schar vor sich her wie ein bellender Hund das gackernde Geflügel. +Das Wunderbare war, daß dieses wütigtolle Männchen sonst in jeder +Beziehung ein sanftes, ja demütiges Benehmen zeigte. Er lebte mit einer +uralten Schwester, und oftmals, an Sonntagen und schönen Sommerabenden, +sah man die beiden Arm in Arm friedlich und den Bekannten zulächelnd +durch die Alleen am Bahnhof trippeln. + +Der Weg nach Herschkamms Schule führte Engelhart am städtischen +Waisenhaus vorüber, und täglich sah er die Waisenknaben, schwarz +gekleidet, mit schwarzen Mützen und bleichen Gesichtern in Hof und +Garten wandeln, ein auffallendes Gegenbild zu der Ungebundenheit und dem +rohen Übermut seiner Kameraden. Bisweilen begegnete er ihnen, wenn sie +in langem Zug durch die Straßen gingen; ihr leiser Gang, ihr murmelndes +Sprechen, ihr scheues Auge bedrückten und erschreckten ihn, oft sah er +im Traum den langen Zug vorüberziehen, schwarz und bleich wie Kadetten +des Todes. + +Zu solchen Bildern gesellten sich Erzählungen und Märchen. Ratgebers +hatten seit Jahren eine Magd namens Ketti, und von dieser wurde +Engelhart sehr geliebt. Sie stammte aus Heilbronn und hatte neben +fränkischer Herbheit auch das Gemüthafte und Phantasievolle, das dem +schwäbischen Wesen eignet. Um die Dämmerungsstunde, am liebsten im +Winter und späten Herbst, wenn die Arbeit getan war und die Küche vom +Glanz der geputzten Geschirre strahlte, nahm sie den Knaben bei der +Hand, kauerte mit ihm zum Ofen, und während sie aus Holzscheiten +Spreißel riß und die Stücke behutsam vor sich hinlegte, erzählte sie +ihre Geschichten. Es war gut, daß in der Person der Magd das Volk zu ihm +redete und seine vielfache, zu Sage und Gedicht verwebte Not und Lust, +aber es war schlimm, daß ihm auf andre Weise die Wirklichkeit entrückt +ward und daß er sich selber zum Gegenstand phantastischer Vorstellungen +machte. Er schuf sich den Wahn, daß er ein Kind von königlicher Abkunft +sei, daß ihm der Thron vorenthalten werden solle und daß Abenteuer +gefährlicher Art ihn einst auf dem Weg seiner Sendung erwarteten. Es kam +so weit, daß er der Eltern in mitleidiger Herablassung gedachte und den +Geschwistern durch einen beziehungsvollen Hochmut unleidlich wurde. +Jedes Geringfügige gewann einen besonderen Glanz, schon allein das +bloße Hinrollen von Tag und Nacht, und Sinnloses erhielt tiefen Sinn. +Frau Ratgeber hatte einen Verwandten in der Stadt, einen alten +Sonderling namens Zederholz, man nannte ihn kurzweg Vetter Zederholz. Er +kam oft an Sonntagen zu Besuch, wobei er sich der Mutter gegenüber mit +veralteter Galanterie gebärdete; Engelhart aber reichte er jedesmal mit +einer leichten Verbeugung die Hand und sagte mit dem Ausdruck +feierlicher Hochachtung, wobei er den Zeigefinger hob: »Engelhart ist +eine Kapazität.« Obwohl der Knabe nicht wußte, was das Wort zu bedeuten +habe, legte er es in der für seine Einbildung günstigsten Weise aus und +schmückte sich damit. + +Seine Mutter konnte den Hirngespinsten wenig entgegensetzen, denn ihre +zurückhaltende und geschehenlassende Natur war überhaupt nicht geeignet, +gegen so bestimmte und absurde Neigungen anzukämpfen. Frau Agathe +verkehrte selten mit andern Frauen, sie war viel allein und wurde von +schlimmen Ahnungen geplagt. Sie hatte etwas Fernhaltendes für Menschen, +sei es durch ihre Schönheit -- man nannte sie die schönste Frau von +Franken --, sei es durch eine angeborene Traurigkeit des Herzens. Herr +Ratgeber konnte sich nur in seinen Ausruhestunden lebhafter des Sohnes +annehmen. Er war über den größten Teil des Jahres auf Reisen, die +Mühseligkeit der Geschäfte stumpfte ihn ab. Er war noch immer von +ungeheuern Hoffnungen für die Zukunft erfüllt, obwohl ihm nichts Rechtes +gelingen wollte. Er war immer voll von Plänen, Pläne und Entwürfe +besaßen eine außerordentliche Macht über sein Gemüt, aber etwas +verkettete, verstrickte ihn, er blieb im Kleinen stecken und kam nicht +vom Pfennig los. Der beständig sich erneuernde Kummer darüber trug dazu +bei, die Stimmung zwischen ihm und seinem Weibe zu verdunkeln, der +Ehrgeiz hielt ihn ab, sich mit völliger Offenheit zu geben, und jenes +edlere, der gröbsten Notdurft abgewandte Dasein, von dem sie beide +vielleicht geträumt, blieb eben ein Traum. Frau Agathe ließ sich nichts +merken, alles Leiden preßte sie in ihr dämmerndes Innere zurück, nur +bisweilen, etwa in einem Brief an ihre Geschwister, brach es wie ein +fahler Blitz hervor, gegen ihren Willen und sie selbst erschreckend. + + + + + Zweites Kapitel + + +Noch war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf des Unbewußtseins, und +höchstens ein Traum ließ ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles, +Spieltrieb erfüllte ihn ganz. Abends, wenn er schon im Bette war, die +Mutter saß bei der Lampe und nähte, spielte er mit Stahlfedern, +gebrauchten Zündhölzern und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er +hielt die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, daß dieses allerlei +Erhöhungen, Falten und Mulden bildete, und darin sah er ein unheimlich +zerklüftetes Gebirge mit finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die +Söldnerscharen begingen die Höhen und Tiefen und kämpften mit Zwergen +und wilden Tieren; vom gespensterhaften Schein der Lampe bestrahlt, +schwebten Feen über das Bettgebirge, und den Schluß bildete ein +gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten flehten um Gnade, aber +Engelhart war gesonnen, die Rolle des Weltenschöpfers folgerichtig zu +vollenden, mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische +Felsenland ward zur öden Ebene, Weltennacht brach ein. Oft ermahnte die +Mutter zum Schlaf, oder Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung +hin, während sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete. Bevor Frau +Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte sie eine Weile zu ruhen und zu +denken, ihr Kopf mit der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein +Seufzer war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie denken? An ihre +Einsamkeit? An den frühen Tod? + +Bald wurde an Engelhart eine übergroße Begehrlichkeit bemerkbar, und er +glaubte nur in die Welt gesetzt zu sein, um ihre Schätze an seine Brust +zu drücken, liebend oder hassend. Wo hätte er auch Grenzen finden +sollen? Das Auge ist unersättlich. Einmal hing er seine Lust an eine +Orange. Orangen waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben, +aber Engelhart wußte Rat. Er ging um jene Zeit schon in die öffentliche +Schule und erhielt jeden Morgen von der Mutter drei Pfennige zum +Vesperbrot. Er berechnete, daß er siebenmal kein Brot kaufen dürfe, um +in den Besitz der Orange zu gelangen. Das Geld versteckte er in einem +heimlichen Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er +aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches Geklapper, als +er seine Kupfermünzen auf den Steintisch legte. Nun geschah es, daß +plötzlich sein Vater vor ihm stand, als er den Laden verließ. Herr +Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder merkte an des +andern Schweigen, wie die Sache stand. Herr Ratgeber löste die mühsam +erworbene Frucht aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause +gegenüber sah der Major Friedlein zu, der Tag für Tag von morgens bis +abends aus dem Fenster lehnte, eine lange Pfeife rauchte und in seinem +pechschwarzen Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen Stadt. +Zuhause gab es ein scharfes Verhör und Vorwürfe, auch von der Mutter. +Das wäre in Ordnung gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts mehr +zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger Stachel das Gefühl +erlittener Ungerechtigkeit. + +Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart begab sich mit Bruder und +Schwester auf die Christbaumbesuche. Da sie Juden waren, hatten sie +keinen Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen Christen +lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre öden Zimmer, und +Sehnsucht trieb sie fort. Wie Bettelkinder gingen sie von Tür zu Tür, +wurden überall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und Nüssen beschenkt. +Am liebsten verweilte Engelhart dann bei Webers unten im Haus. Da waren +zwei Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen und wohnten allein +bei der Großmutter. Die Mutter hatte sie unehelichen Standes geboren und +hatte ein abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die alte Frau +Weber war wunderlich; sie war sehr dick und haßte die Menschen. Daß sie +Engelhart und seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud, +geschah aus einer Vorliebe, die sie für Frau Ratgeber hegte. Aber sie +ließ nicht alle drei zu gleicher Zeit ein; eins mußte nach dem andern +kommen und durfte nicht länger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern +hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die Schwestern spielten still +vor sich hin, die Großmutter saß auf einem erhöhten Tritt beim Fenster +und las in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum strahlten die +Kerzenflammen wie zuckende Sternchen. + +Thekla war ein robustes Geschöpf, das den ganzen Tag arbeitete, kochte, +Wasser schleppte und die Böden fegte. Die sechsjährige Selma war dagegen +zart und fein. Stirn, Wangen und Hände waren weiß an ihr, auch die Haare +waren beinahe weiß. Ihr Anblick erschreckte Engelhart. Ähnliches spürte +er in der Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis ins Herz +empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit sich nie +zurechtzufinden fürchtete. Einmal kam er an einem Winternachmittag von +der Schule zurück und fand niemand daheim. Er läutete mehrmals, die +Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus, schließlich schritt er langsam +besinnend die Treppe hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen +sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute seien. Er hatte +Hunger. Er öffnete die Türe der fremden Wohnung und sah nun Selma nackt +vor einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und Schmutz bedeckt, +lagen daneben. Engelhart war erstaunt und ergriffen; das Menschenbild +gefiel ihm, Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten träg +und mißmutig, plötzlich lief sie unhörbar ins Nebenzimmer. Die alte Frau +Weber drehte sich auf ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das +demütig bestürzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte sie mit tiefen +männlichen Tönen. + +Als es Frühling wurde, durfte Engelhart an Sonntagnachmittagen mit +seinem Vater nach Altenberg gehen, einem kleinen Dorf zwischen Nürnberg +und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte. Der alte Ratgeber war +Seiler, und oft schaute Engelhart zu, wenn der Greis im +steingepflasterten Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke +drehte. Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er war +gewöhnlich still und müde, aber ein höherer Glanz ging von ihm aus, wenn +er von seiner Gesellen- und Wanderzeit erzählte. Er hatte die Welt +gesehen und sprach mit scheuer Verehrung davon. »Als ich im Jahr dreißig +nach Wien kam,« sagte er und berichtete, bei welchem Tor er eingezogen +und durch welche Straßen er gegangen war. Er meinte, damals sei das +Leben noch lebenswert gewesen. 'Im Jahre dreißig,' dachte Engelhart; er +wußte nicht, daß achtzehnhundertdreißig gemeint sei, und er sah im +Großvater eine Figur von mythisch gotthaftem Alter. + +Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber anwesend. Die beiden +Brüder hatten gemeinschaftlich das Geschäft in der Stadt, aber sie waren +feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers Bruder Hermann war +ein Mann, der nichts in der Welt liebte außer seine eigne Person, die +aber gründlich. Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von seiner +Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von seiner trockenen +Geschäftspraxis; für die geistig überschauende Art des älteren Bruders +hatte er kein Verständnis, er bezeichnete diese Art als phantastisch und +ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz an sich zu bringen. Er +hatte den siebziger Krieg als Trompeter mitgemacht; es war auch in +seiner Stimme etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er schlau +und schläfrig aus. + +Einmal erzählte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen Eltern. Es war +an einem schönen Tag im Mai, und Engelhart ging mit der Mutter über die +Wiesen jenseits der Maxbrücke gegen die Wolfschlucht. Dort setzten sie +sich unter einem Kastanienbaum nieder, Frau Ratgeber nahm ihre +Handarbeit, und dann begann sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu +sprechen; seine Fragen führten auf den Weg ihrer eignen Gedanken. + +Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter Mann von lebhaftem Geist +gewesen. Er hatte an der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in +Zürich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen in seine +unterfränkische Heimat zurückkehrte, kaufte er vier Webstühle, nahm vier +Gesellen ins Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger solider +Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald dachte er daran, sich zu +verheiraten. Auf der Heimreise hatte er in Uhlfeld bei Fürth ein überaus +schönes Mädchen aus vornehmer Judenfamilie kennen gelernt, und er hielt +um ihre Hand an. Nun war es üblich, nicht nur daß der Mann im Haus der +Braut einen Besuch abstattete, sondern daß auch das Mädchen ins Haus des +Bräutigams kam, und zwar allein. Daher machte sich die schöne +Uhlfelderin auf und marschierte drei Tage lang zu Fuß, da eine Postfahrt +zu viel Geld gekostet hätte, nach Sommerhausen am Main. Wenn ihr das +Gehen in den Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und stopfte +sie in das Bündel auf ihrem Rücken. Der Bräutigam kam ihr bis Ochsenfurt +entgegen. + +Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die Familie geriet in Wohlstand +und konnte einen Weinberg, ein Stück Ackerland und einen Gemüsegarten +erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige Verbesserungen an den +Webstühlen an. Aber mit einem Male kamen die Maschinenwebstühle auf und +Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde. David Herz +wartete nicht das letzte Ende ab; er schickte die Gesellen fort, ließ +die Stühle auf den Speicher bringen und eröffnete einen Tuchladen. Weil +aber keine Käufer kamen, mußte man mit den Waren über Land gehen, doch +war es nach damaligem Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das +Gesetz mußte umgangen werden, wenn anders die Familie vor Hunger bewahrt +werden sollte. Nach und nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen, +die ältesten halfen schon, sie mußten bei Nacht und Nebel mit dem +Warenbündel auf Schleichwegen in die Dörfer wandern, und die Gendarmen +mußten mit kostbarem Geld bestochen werden. Aber es wurde noch +schlechter, Mißernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit +des Landes und der Gewerbe in Fesseln, Emilie, die älteste, sollte +vorteilhaft heiraten, aber das sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf +die grausamste Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben innerhalb +dreier Jahre hinweg, darauf folgte die Mutter, erschöpft an Leib und +Seele, und der Vater war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn +hatte das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht, er verlor +den Glauben an Gott und Menschheit und starb, noch nicht fünfzig Jahre +alt. + +Engelhart ward betrübt von der Erzählung. Das Ereignisvolle daran, Tod, +Krankheit, Armut, prägte sich ihm unvergeßlich ein. Als er mit der +Mutter nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die silberne +Abenddämmerung zu blicken. Frau Agathe nahm den Knaben an der Hand und +sie schritten schweigsam dahin. Engelhart begriff plötzlich, daß seine +Mutter nicht glücklich war. + +In einer der folgenden Nächte erwachte Engelhart und merkte, daß fremde +Leute in den Zimmern waren, Leute mit einem ängstlichen und +geschäftigen Wesen. In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht +brennen; bald kam einer und schraubte es höher, bald ein andrer und +drehte es tiefer, sie flüsterten, sie lächelten, und da sich der Knabe +schlafend stellte, achteten sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar +Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da hörte er aus dem Zimmer der +Mutter ein Stöhnen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich +auf, sah sich allein und lauschte. Die erschütternden Töne wiederholten +sich. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte mit Eile in die Kleider und +wollte zur Mutter. Aber eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zurück, +Ahnung nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die Küche. Ketti saß am +Herd; ihr rannen Tränen über die Backen, doch trank sie mit ziemlicher +Seelenruhe eine Schale aufgewärmten Kaffees. Sie begehrte auf, als sie +des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und begab sich in den Hof, +setzte sich, in der Nachtkühle schauernd, auf die Hühnersteige und +schlief dort unversehens ein. Er schlief über eine Stunde, das Krähen +des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus zurück und begegnete auf der +Treppe der Tante Iduna Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie +war groß und hager, ein riesenhafter grüner Schal hing um ihre +Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete sie den Knaben und sagte +endlich mit zweideutigem Lächeln und unehrlicher Kameraderie in ihrer +hellen Stimme: »Nun, Engelhart, der Storch ist zu euch gekommen und hat +ein Brüderchen gebracht. Hast du ihn nicht klappern gehört?« + +Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: »Nein, ich habe die Mutter +weinen gehört.« + +Es malte sich in seinem Bewußtsein dies: nicht, daß ein Kind gebracht, +sondern daß es geboren worden sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung +wurde in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag ging er zu +Fräulein Frühwald, die mit Ratgebers auf demselben Flur wohnte. Fräulein +Frühwald war eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte. Das +einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von Sägespänen, denn sie +verdiente ihren Unterhalt damit, daß sie Blechkapseln glänzend machte. +Während sie Engelhart in ein Gespräch zu verwickeln versuchte, schlug +dieser ein umfängliches Buch auf, das auf dem Tische lag. Es war die +Bibel, Altes und Neues Testament. Er blätterte unschlüssig umher, da +fiel sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig Söhne, die +alle aus seiner Lende entsprossen waren, denn er hatte viele Weiber. +»Was ist das, eine Lende?« fragte er das unablässig redende Fräulein. +Sie antwortete, eine Lende sei ein Stück Fleisch. »Auch beim Menschen +ein Stück Fleisch?« fragte er. + +»Gewiß,« rief sie lachend und schlug sich auf die Hüfte, »hier.« + +Er kam nun öfter zu Fräulein Frühwald, die für jede Gesellschaft dankbar +war, setzte sich an den Tisch und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm +wenig Verstand daraus, obwohl er das Fabelmäßige leicht begriff. Die +erwachten Zweifel über Geburt und Geborenwerden fanden Nahrung, doch +keine Lösung; Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur, die er +auch in seinem Innern beben und wachsen fühlte. Eines aber riß sein +Gemüt hin, vielleicht weil es mit Worten nicht ausgedrückt war, nämlich +das Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das Paradies mit seinem +Frieden, die Wasserflut und die um den Berg Ararat neu sich hebende +Welt, der Turmbau im babylonischen Land, der Brand der sündhaften Städte +und das Meer über ihnen. Mit andern Augen als bisher trat er unter den +freien Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene Länder und Zeiten +überwölbt hatte, und wie eine Stirn die Erinnerung des Gelebten +aufbewahrt, glaubte er im Firmament das Andenken jener gewaltigen +Ereignisse vergraben. + +Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen durfte, vermochte er kein +Wort über die Lippen zu bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie +mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen stellte. Zuerst +wunderte sich Frau Agathe, dann schalt sie, noch halb gutmütig, dann +wandte sie sich unwillig, ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach +Hause kam, berichtete sie über die Verstocktheit des Knaben. Herr +Ratgeber glaubte, daß Engelhart irgendetwas auf dem Gewissen habe, er +nahm ihn bei der Hand, führte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu +fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche Stillehalten des +Knaben bestärkten seinen Verdacht, er wurde zornig und schlug Engelhart +mit Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entpreßte dem +Gezüchtigten Tränen, es schien ihm, als ob die Unbill alles Maß +übersteige, es erfaßte ihn auf einmal ein Gefühl von Liebe für etwas +Unsichtbares, Unnennbares, das außerhalb der Welt lag, in der er sich +bewegte. + +Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am dritten entschloß er sich, +ohne Erlaubnis an ihr Bett zu kommen, um sie zu versöhnen. Doch sie +hatte Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da und außerdem dessen +Vater, der also Engelharts Urahn war, ein Mann von sechsundneunzig +Jahren. Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter Nürnberg. Ein +zottiger Bart von rötlichweißer Farbe schloß das ungemein große, rote, +zerwühlte, volle Gesicht wie in einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte, +hielt er die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen und stierte +mit den scheu versteckten Augen auf ihn wie auf etwas Weitentferntes, +Winziges, gleich als ob er zeigen wolle, daß achtundachtzig Jahre +zwischen ihm und diesem Kinde lägen. Er griff in die Manteltasche und +reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart zwei halbverschimmelte +Schokoladestückchen. Seit dreißig Jahren war er nicht in der Stadt +gewesen, und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte ihn +angetrieben, sondern die bloße Neugierde zu sehen, was die Zeiten +gebracht hätten. Der andre Alte verhielt sich gleichmütig, der Besuch +des Vaters war ihm, dem Siebzigjährigen, eine Last. Frau Agathe blickte +mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von denen keiner um die +Nähe des Grabes zu wissen schien. + + + + + Drittes Kapitel + + +Mitte Juli mußte Herr Ratgeber eine Reise antreten, die ihn für einige +Monate von seiner Familie trennte. Frau Agathe beschloß, diese Zeit auf +dem Lande zuzubringen und mit den Kindern ihre Schwester Emilie Wahrmann +in Gunzenhausen zu besuchen. Ihr Leib, ihr Geist bedurften der Ruhe. Die +Tage vor der Fahrt vergingen mit vielfacher Arbeit. Noch in der letzten +Stunde war sie beschäftigt, die Polstermöbel zu überziehen, die Läden +herabzulassen, Kampfer zu streuen; dann stand sie ermüdet auf der +Schwelle, ihre Gestalt hob sich schmal aus dem Dämmer des verdunkelten +Raumes, sie war blaß von dem überstandenen Wochenbett, die Stirn, für +eine Frauenstirn ungewöhnlich hoch, war an den Schläfen wie Marmor von +blauen Adern durchzogen, ihre Augen hatten einen doppelten Blick, den +nach außen für die Gegenstände, und den ruhigen, warmen süßen Blick nach +innen für das Unbekannte. + +Die Familie Wahrmann bewohnte ein einstöckiges Haus an der Straße, die +vom Tor des Blasturms aus gegen den Wald führte und wenige hundert Meter +weiter schon Landstraße wurde. Auf jeder Seite standen etwa ein Dutzend +solcher Häuser von ganz gleicher Bauart, und zwischen je zweien war ein +kleiner Garten oder Hof. Frau Agathe fand bei der Schwester, was sie vom +Leben innig wünschte: Sorglosigkeit. Die Erinnerung an ihre Mädchentage +erwachte; hier hatte sie, nachdem der Vater gestorben war, bis zu ihrer +Verheiratung gelebt; hier hatte sie manche Nacht durchtanzt, hier hatte +sie Herr Ratgeber zum erstenmal erblickt. Nun war sie wieder da, von +liebreicher Gastfreundschaft gehegt, und vier Kinder mit ihr als Zeugen +der verflossenen Jahre. Ihre gehobene Stimmung wirkte wie ein +seelenvolles Leuchten auf die Gemüter der andern Hausbewohner. + +Engelhart vertrug sich gut mit den Cousinen. Helene, die älteste, +liebte es, ihn zu necken. Nicht seine Gedanken waren vor ihrem Spott +sicher. Sie war selten schlecht gelaunt, sie entdeckte mit Scharfblick +an jedem Menschen die komische Seite und jeder bot ihr daher +unerschöpflichen Stoff zum Lachen. Sie hatte aber auch Respekt für +geistige Dinge, für gute Bücher, es war nichts Kleinstädtisches in ihr. +Ganz anders Jettchen, die zweite. Sie war eine trübe Träumerin, stets +von Unzufriedenheit und zielloser Eifersucht erfüllt. Sie neigte schon +als Kind zu einer halb schwärmerischen, halb gottmeisternden +Frömmigkeit, und da sie nicht hübsch war, sprach sie gern mit Verachtung +von dem eiteln Wesen schöner Mädchen. Die jüngste nun, Esmee, hatte +etwas Teuflisches für Engelhart; er fürchtete sie, wenn sie an den +Sommerabenden auf der Straße wandelten und sich das Mädchen lächelnd an +ihn drängte, ihren Arm in den seinen schob und beim Sprechen ihr Gesicht +so nahe wie möglich an das seine brachte. Sie war immer von einem +einzigen Zustand vollkommen beherrscht, von Wildheit oder Angst, +Müdigkeit oder Begierde. An Regentagen gebärdete sie sich oft, als wolle +sie vor Ungeduld die Mauern niederreißen, und im Wald pflegte sie mit +schmetternder Stimme zu singen: + + »In den Garten wollen wir gehn, + Wo die schönen Rosen stehn, + Stehn der Rosen gar zu viel, + Brech' ich mir eine, wo ich will.« + +Am Anfang des Waldes stand ein Wirtshaus, kurzweg die »Höhe« genannt, +und an Sonntagen pilgerte das halbe Städtchen hinauf. Engelhart fand +sich dann unbehaglich in dem Menschentrubel, und er schlich davon. Er +hatte einen Lieblingsplatz im Wald unter einer alten Eiche; nahebei war +ein Ruinenstein der römischen Mauer. So saß er einmal und lauschte auf +die Tanzmusik, die von der »Höhe« herüberklang. Da legten sich zwei +kleine Hände über seine Augen und eine zarte Stimme wisperte: »Wer bin +ich?« Eigensinnig schwieg er still, und als sich Esmee schmollend an +seine Seite setzte, herrschte er sie an: »Warum bist du mir denn +nachgelaufen?« Sie antwortete nichts, sondern schüttelte heftig ihr lose +hängendes Haar. Er verfiel wieder in sein verstocktes Schweigen. Es +flogen Glühwürmer auf, hinter dem Weg schimmerte es goldgelb vom Mond, +aus dem Westen brummte dumpf der Donner. Plötzlich sprang Esmee auf, +packte blitzschnell mit beiden Händen Engelharts Kopf und biß ihn ins +Ohr. Er schrie, sie lief davon, ihr Lachen vermischte sich mit dem +Rascheln der Zweige, Engelhart eilte ihr nach. Als er in den Wirtsgarten +kam, hatten sich die Gäste schon in den Saal geflüchtet, da es zu +tröpfeln anfing. Esmee stand auf der obersten Stufe der Terrasse. Sie +hatte einen Zipfel ihres Taschentuchs zwischen den Zähnen und riß daran, +während sie in den Saal blickte, die Augen in unheimlicher Wildheit +funkelnd. + +Engelhart trat, mit der Hand das schmerzende Ohr bedeckend, in den Saal +und gewahrte unter den ersten Paaren, die sich zum Walzer anschickten, +seine Mutter und den Premierleutnant Siderlich. Er erstaunte über ihr +Aussehen, über ihre roten Wangen und glänzenden Augen. Ihre Bewegungen +hatten etwas Fräuleinhaftes, wenn sie dankte, den Kopf zur Schulter +neigte, den Fuß zum Tanz vorsetzte. + +Der Premierleutnant Siderlich lag schon seit zehn Jahren mit einer +Halbkompagnie im Ort, man sagte, daß es eine ewige Strafversetzung sei. +Er wohnte bei Wahrmanns zur Miete, doch gingen diese mit dem Plan um, +ihm zu kündigen, da er in der letzten Zeit oft betrunken war. Das +gewöhnliche Volk nannte ihn wegen seiner außergewöhnlichen Länge und +Magerkeit den Lattenhanni. Er verkehrte mit niemand, hatte weder +Kameraden noch Freunde und empfing oder schrieb nie einen Brief. Jeden +Abend um acht Uhr ging er ins Gasthaus zur Post und verzehrte dort sein +kärgliches Nachtessen. Wenn er fertig war und neben seinem Tisch bekam +etwa ein andrer Gast zu essen, so beugte er sich gegen dessen Teller +herüber und sagte, mit der Zunge schnalzend, gierig und überrascht: »Ah, +das ist aber ein schöner Braten, so einen Braten bekomme ich nie,« oder: +»Das ist aber ein kolossaler Fisch, so einen bekomme ich nie.« Hierauf +rief er die Kellnerin oder den Wirt und fragte mit trauriger Stimme: +»Warum bekomme ich nie eine so große Portion wie der Herr Expeditor?« + +»Aber ich bitte, Herr Premier,« sagte der Wirt, »es ist ganz genau +dasselbe Stück.« + +Beim nächtlichen Nachhausegehen nahm er sich auf der Straße sehr +zusammen, kaum hatte er jedoch die Haustüre bei Wahrmanns aufgesperrt, +so stimmte er einen greulich unmelodischen Gesang an und stolperte +geräuschvoll die Stiege empor. + +Seit Frau Ratgeber im Hause weilte, betrank er sich nicht mehr und +verwendete größere Sorgfalt als bisher auf seinen Anzug. Am Morgen nach +dem kleinen Tanzfest schickte er seinen Burschen mit einem Strauß von +Rosen und einer Visitenkarte, auf deren Rückseite in sorgfältig gemalten +Buchstaben zu lesen stand: + + Schönheit besiegt ein jedes Herz + Und sei es auch so hart wie Erz. + +Bald danach hörte man ihn mit klirrendem Wehrgehänge die Stiege +herabpoltern, er machte im Frühstückszimmer seine Aufwartung, aber seine +Haltung verlor an Sicherheit, als die Kinder, durch sein wunderliches +Grimassenschneiden belustigt, kichernd entflohen. + +Es nahte die Zeit der Reife, das Obst auf den Bäumen wurde schwer. +Täglich wanderten die Kinder in die Beeren. Spät nachmittags zog die +belebte Schar heimwärts, die Mütter kamen ihnen auf der Landstraße +entgegen und freuten sich der reichen Ausbeute. An einem schönen +Septembertag brachen beide Familien morgens um fünf Uhr auf und fuhren +nach Pappenheim, wo sie von Bekannten zur Obstlese eingeladen waren. +Engelhart, sich von den Seinen mit Absicht entfernend, schritt durch den +riesengroßen Garten, der über mehrere Hügel hingebreitet war, und sah +ein Schloß, das den Gipfel eines Berges krönte. Es wurde ihm feurig zu +Sinn, als er wieder zu den andern zurückkehrte, stieß er ein +Jubelgeschrei aus. Doch diese waren ebenfalls in Glückseligkeit +gefangen, Frau Agathe schritt mit stillem Lächeln umher und deutete +manchmal auf den Himmel, der so strahlend war, als ob ein blaues Feuer +ihn erfüllte. Dann sank die Sonne, Engelhart hatte ein schneidendes +Gefühl von Schmerz, es tönte eine Stimme: jetzt ist es genug der +Freuden. + +Wenige Tage später mußten sie nach Hause reisen, Herr Ratgeber war +früher, als er gedacht, zurückgekehrt. Kisten und Koffer wurden gepackt, +und gegen Abend setzte sich die ganze Karawane nach dem Bahnhof in +Bewegung. Erst dort begriff Engelhart, daß es sich um Scheiden und +Trennung handle. Wie im Schlaf küßte er die Mädchen, später durchzuckte +es ihn, daß er Esmees Mund feucht auf dem seinen gefühlt. Der Zug +rasselte davon, die Nacht brach ein, fremde Leute saßen im Coupé, Ketti +hielt den Säugling im Arm, Gerda und Abel schlummerten aneinandergelehnt. +Auch Frau Agathe schien müde, ihr Blick war in die Dunkelheit hinaus +gerichtet, die Hände lagen still im Schoß. Engelhart schaute sie an und +seine Lippen murmelten wie von selber Esmees Verse und zerhackten sie +mit dem Takt der Eisenbahnräder: + + »In den Garten wollen wir gehn, + Wo die schönen Rosen stehn, + Stehn der Rosen gar zu viel, + Brech' ich mir eine, wo ich will.« + +Er träumte, daß ein ungeheurer Mensch käme und ihn wie ein Stück Holz +unter den Arm schiebe. Der Mensch schritt durch eine eiserne Tür, die er +hinter sich zuschlug, und betrat ein dunkleres Gemach. Er eilte weiter +zur nächsten Tür, die er ebenfalls zuschlug, und so weiter, von Tür zu +Tür, bis sie in einen grauenvoll finstern Raum kamen. + +Ein paar Tage hernach schrieb Frau Agathe einen langen Brief an ihre +Schwester in Gunzenhausen. Sie meldete die glückliche Ankunft, und daß +weder den Kleinen noch den Großen ein Unfall zugestoßen sei. Dann +beschrieb sie ausführlich, in welchem Zustand sie die Wohnung +angetroffen habe; in den Fugen des Flurgatters sei der Staub fingersdick +gelegen, das Türschloß im Wohnzimmer sei vollständig eingerostet; im +grünen Zimmer hätten die Motten trotz aller Schutzmaßregeln die +Rücklehne des Plüschsofas angefressen; in der Küche sei vom Hagelwetter +im August ein Fenster zertrümmert worden. Nachdem alles das ausführlich +geschildert war, dankte Frau Ratgeber ihrer Schwester und deren Gatten +für die lange Gastfreundschaft. Sie drückte ihre Dankbarkeit in den +leidenschaftlichsten Worten aus, zu denen sie in mündlicher Rede nie den +Mut gefunden hätte, und erklärte sich unvermögend, solche Opfer nur +annähernd in gleicher Münze zu bezahlen. Sie gestand, daß sie sich seit +der Abreise grenzenlos unglücklich fühle und daß sie wisse, eine geheime +Stimme habe es ihr zugeflüstert, sie werde die Schwester und die Nichten +nicht mehr wiedersehen. Sie erzählte, wie trostlos Engelhart sich +benehme und fügte hinzu, daß sie seines versteckten und träumerischen +Charakters wegen recht besorgt sei. + +Ungern besuchte Engelhart die Schule. Aber er mußte. Schon tönte das +Wort Pflicht als ein Fanfarenstoß an seine Ohren. Ihm war es das +liebste, zu gehen, wohin er wollte, zu unternehmen, wozu sein Inneres +ihn antrieb. Er spielte mit sich selbst; sogar das Sehen seiner Augen +wurde zum Spiel; auf der Gasse gehend, probierte er, ob man nicht auch +mit dem Mund sehen könne. Er dachte klüger zu sein als Gott oder ihn +wenigstens zu kontrollieren. Er schloß die Augendeckel, schob die Lippen +vor, und da er nun weiter zu gehen vermochte, dachte er in seiner +Albernheit, Gott eines Bessern belehrt zu haben, während er ihn nur +beschummelt hatte, denn ein ganz klein wenig hatte er doch durch den +Spalt zwischen den Lidern gespäht. + +Herr Ratgeber tadelte das Guckindieluftwesen heftig. »Hände aus den +Taschen! Frisch, frisch! Munter!« rief er, wenn der Knabe sinnend +einhertrottete. Aber Engelhart fand sich nur eingeschüchtert, und er +verbarg eifersüchtig sein Herz. Tausend Fragen waren in ihm erwacht, +Bedeutendes und Nichtiges lag gleich schwer vor seinem Weg. Er hatte +niemand, um zu fragen; die Mutter war in solchen Dingen nicht +entgegenkommend, dem Vater war nichts lästiger, als wenn man ihn viel +und um vielerlei befragte. Von den Lehrern erwartete er nichts und sie +gaben auch nichts. + +Im Spätherbst verbreitete sich das Gerücht von einem Weltuntergang. Der +furchtbare Termin war für Anfang November prophezeit. Engelhart wunderte +sich über das gefaßte Wesen der Leute, er wunderte sich, daß sie noch +aßen und tranken, daß sie schwatzend unter den Haustoren standen und den +hellen Himmel betrachteten, und er freute sich auf ihren Schrecken und +ihre Verzweiflung, wenn das Ungeheure kam. Er spazierte in der Mitte der +Straße auf und ab, um beim Zusammensturz der Häuser verschont zu +bleiben. Allmählich sammelten sich vor der Pfistergasse, wo man den +Ausblick auf das freie Feld hatte, viele Erwartungsvolle an und starrten +in den aufgehenden Mond. Die Abergläubischen hatten wenig Zuspruch, wer +Angst hatte, wollte sie doch nicht zeigen, denn man lebte in einer +aufgeklärten Protestantenstadt. Dennoch war die Enttäuschung allgemein, +als es Abend ward und Himmel und Erde ihr friedliches Aussehen nicht +veränderten. Engelharts Unzufriedenheit wurde gemildert durch das +gebundene und sehnsüchtige Gefühl, das ihm der Mond einflößte; die +unsichtbare Bewegung des Gestirns bewegte ihn mit. Auf dem Heimweg traf +er Selma Weber, sie gingen zusammen und plauderten; doch da unterbrach +Selma das Gespräch und fragte ängstlich: »Ist es wahr, daß du ein Jud +bist?« Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht +aus dem Kopf. Eines Tages, es war schon Winter geworden, tiefer Schnee +lag, vergnügte er sich damit, in die Fußstapfen eines vor ihm her +gehenden Knaben zu treten. Da dieser aber viel größere Schritte machte, +mußte er seine Beine übermäßig spreizen, was einen komischen Anblick +bot. Er hörte denn auch ein schallendes Gelächter und sah Fräulein +Holländer, die am Fenster ihrer ebenerdigen Wohnung lehnte und sein +Treiben belustigt mitansah. Dieses Fräulein war eine Jüdin, eine +ältliche Jungfer, die mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen gegen den +Spitalgarten bewohnte. Engelhart kam oft dorthin, weil das Hoftor mit +bunten Glasscheiben versehen war, und er liebte es, durch die farbigen +Gläser auf die fernen Hügel des Vestnerwaldes und auf die Wiesen des +Flußtals hinunterzublicken. + +Als der größere Knabe das Lachen vernahm, blieb er stehen und sah sich +um, und Engelhart, mit beiden Füßen in einer einzigen seiner Fußstapfen, +blieb ebenfalls stehen. Der andre stierte ihn drohend an und sagte +haßerfüllt: »Du Jud.« Darauf kamen noch ein paar Burschen, stellten sich +um Engelhart herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen. Er wußte +sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch. Er grübelte noch in sich +hinein, als jene schon verschwunden waren; da winkte ihm Fräulein +Holländer zu, er folgte, und als er im Zimmer war, schloß sie das +Fenster, reichte ihm einen gebratenen Apfel aus der Ofenröhre, und +während er aß, holte sie ein dickes Buch herbei, schlug es auf und las +ihm folgende Stelle vor: »Da wohnten die Nachkommen der Juden aus der +babylonischen Gefangenschaft. Sie bewahrten noch ihre Stammbäume und +konnten ihre Geschlechter auf die Fürsten und Propheten Judas +zurückführen. Ihr Oberhaupt wohnte zu Bagdad und führte den Titel: Fürst +der Gefangenschaft. Er stammte in gerader Linie vom König David; +Christen und Heiden anerkannten seine Abkunft und nannten ihn unser +Herr, der Sohn Davids. Sein Ansehen erstreckte sich über die Länder des +Ostens bis Tibet und Hindostan. Es wurden ihm die größten Ehren +erwiesen, und wenn er öffentlich erschien, trug er Kleider von +gestickter Seide und einen weißen Turban mit goldenem Diademe.« + +Engelhart senkte den Kopf und dachte nach. »Ist es ein Märchenbuch?« +fragte er. + +»Nein, kein Märchenbuch!« erwiderte sie. Sie zeigte das Titelblatt, und +er las: Benjamin von Tudelas Reisen. Da lächelte Engelhart aufatmend vor +sich hin und war dessen gewiss, daß er ein Mensch unter Menschen bleiben +durfte. Nachmittags kam Fräulein Holländer zu Frau Agathe. Sie trug +gelbe Handschuhe, die an allen zehn Fingerspitzen zerrissen waren, einen +außerordentlich großen Hut mit Federn und ein kupferglänzendes +Seidenkleid. Sie sprach mit der ihr eignen geschraubten Lebhaftigkeit +über den Knaben, über seine Begabung, sein schönes, belebtes Gesicht und +schloß ihre Rede mit den Worten aus der Geschichte Bileams: »Es wird ein +Stern aufgehen aus Jakob.« Frau Ratgeber ward es angst und schwül, und +sie war froh, als die Person wieder fort war. + +An seinem Geburtstag, wo er neun Jahre alt wurde, erhielt Engelhart die +Erlaubnis, sich Spielwaren aus dem Geschäft des Vaters zu holen. Am +Nachmittag nach der Schule ging er hin. Es waren niedrige, lichtlose +Räume dort. Hinter einem Holzgitter saßen Herr Ratgeber und sein Bruder, +ein jeder wachsam im dumpfen Haß. Nebenan befanden sich die jungen Leute +und Peter Salomon Curius, den Herr Ratgeber als Buchhalter angestellt +hatte. Er war stets muntrer Laune, schmunzelte zum Fenster hinaus, wenn +die Dienstmädchen der Nachbarschaft vorübergingen, rauchte, trank Bier, +erzählte Geschichten, die alle einen Anhauch von Größenwahn hatten. Er +glich einem Herzog, der zum Scherz Lakaiendienste verrichtet, oder einem +Millionär, der zur Belustigung seiner Gäste selber den Koch macht. Er +wußte alles besser, und wenn einer die Kunst zu fliegen erfunden, hätte +Herr Peter Salomon mit geringschätzigem Lachen gesagt: »Ach was, das +hab' ich schon vor zehn Jahren gekonnt, es ist gar nichts weiter dabei, +jeder windige Sperling macht dasselbe, ich habe es längst aufgegeben, +denn, unter uns, es ist eine langweilige Sache.« + +In den verliesartigen Zimmern roch es nach Tinte, Staub und Spinnweben. +Lange suchte Engelhart, um etwas zu finden, was nicht bloß der +augenblicklichen Lust, sondern auch zukünftigen Wünschen Genüge tun +konnte, und er wählte schließlich eine Trommel und einen Spiegel. Zu +Hause fingen Gerda und Abel zu weinen an und wollten auch etwas haben; +er lachte sie aus, die Mutter schalt, sie empfand vielleicht dunkel, daß +da keine Unschuld mehr sei, wo mißgünstiges Behagen an fremdem Neid sich +sättigt. Sie warf ihm vor, er habe kein Herz für seine Geschwister, doch +konnte sie nicht ermessen, wie es sich damit in Wirklichkeit verhielt. + +Wie ihr alles in der Stille Sorge machte, so auch dies. Zudem erfuhr sie +von einer ungewöhnlich hinterlistigen Handlung, die er bald hernach +beging, und ihr Urteil über den Knaben verwirrte sich noch mehr. Er +hatte mit den Kindern des Pedells von der nahegelegenen Bürgerschule +Bekanntschaft geschlossen und jagte mit ihnen oft in dem großen, mit +Bäumen bepflanzten Hof umher. An den Spielen beteiligte sich Selma +Weber, ferner das Töchterchen des Direktors, ein liebliches, +ausgelassenes Ding, und Sophie Hellmut, das Kind eines Arztes. Vor den +drei Mädchen suchte sich Engelhart durch Geschrei und heldenmäßiges +Wesen hervorzutun, oder wenn nicht so, dann durch ein gekränktes und +sauertöpfisches Beiseitestehen, das ganz grundlos war, wodurch er aber +doch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wähnte. Den tiefsten Eindruck +machte Sophie Hellmut auf ihn. Sie war so schwermütig wie eine Nacht, +die von Stürmen in der Ferne zittert und doch ihre Wolken ruhig +vorübergleiten läßt, weil sie hofft, daß es Morgen wird. + +Nun war ein gewisser Rindsblatt in der Gesellschaft, ein rothaariger, +häßlicher Knabe, der sich scharwenzelnd und prahlend um Sophie zu +schaffen machte und gegen den Engelhart bösen Groll hegte. Einmal fing +es an zu regnen, und alle flüchteten in eines der leeren Schulzimmer. +Sie schrien und lärmten, bis die Dämmerung einbrach, da kam Rindsblatt +dazu, sprang mit einem Satz auf den Katheder, ließ die Beine baumeln und +spuckte mit einem Ausdruck zur Seite, als wolle er sämtliche Lehrer der +Welt totspucken. Die Mädchen wurden von unten zum Nachtessen gerufen und +schossen tobend hinaus, Engelhart folgte verdrossen, nur Rindsblatt +blieb sitzen, um zu zeigen, daß er keinem Ruf gehorchen müsse, und +begann laut zu singen; Engelhart kehrte noch einmal zur Tür zurück und +hörte, wie die Stiefelhacken des Knaben hohl gegen das Brett schlugen, +er sah den Schlüssel im Schloß stecken und drehte ihn um, so daß der +Verhaßte gefangen war. Dann rannte er die Treppe hinab und setzte sich +auf die Brunnenbank im Hof. Der Abend war schon eingebrochen, hohe +Mauern blickten durch den rieselnden Regen. Lang blieb es still, endlich +wurde oben ein Fenster aufgerissen, und Rindsblatt schrie. Niemand +hörte, er wiederholte sein Geschrei, schon saß ihm die Furcht in der +Kehle. Engelhart verspürte eine trotzige Genugtuung, den trockenen +Prahler so bang zu wissen, gleichwohl schlich er zaghaft in den Flur, da +sah er den Pedell mit der Lampe die Stiege hinaufschreiten, denn oben +hämmerte es so fürchterlich an die Türe, daß das Treppenhaus dröhnte. +Rindsblatt wußte, wer ihm den Streich gespielt, und gab es an. Doch ließ +er sich Engelhart gegenüber nichts merken, er rächte sich nicht, obschon +er stärker und älter war. Das erschreckte Engelhart, nie ging er ohne +das unheimlichste Gefühl an dem Burschen vorüber, und er ahnte, daß in +jener Brust ein gefährlich-giftiger Haß brüte und sich mit Vorsicht der +rechten Stunde gewärtig hielt. + +Es wurde Frühling. Am zweiten Sonntag im April während eines +Spazierganges sagte Frau Ratgeber, es sei ihr heute besonders wohl +zumut. Aber als sie nach Hause kamen, war Engelhart eine Zeitlang mit +der Mutter allein im Zimmer, Herr Ratgeber war im Hohlwegsgarten zu +einem Glas Bier eingekehrt, Gerda und Abel waren bei Tante Curius, Ketti +ging mit dem kleinen Benjamin noch auf der Straße, da sah Frau Ratgeber +den Knaben eigentümlich an und sagte, es verlange sie, ins Bett zu gehen +und zu ruhen. Sie klagte über Schmerzen im Ohr. + +Am nächsten Tag begannen die Osterferien. Festlich gestimmt trat +Engelhart nach der Schule ins Schlafzimmer, wo Frau Agathe lag. Die +grünen Rolläden waren herabgelassen, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, +auf dem Tischchen stand eine Arzneiflasche mit brauner Flüssigkeit. Die +Mutter fragte ihn nach diesem und jenem und gab ihm Ermahnungen +allgemeiner Art. Sie meinte, das beste im Leben sei Gehorsam und +Sichfügen. Aber Engelhart suchte den Sinn ihrer Worte als etwas +Unbehagliches beiseite zu schieben. Was war ihm Gehorsam? Ein Zwang, dem +seine Schwäche unterlag. Er wollte frei sein, er hatte die eigensinnige +Überzeugung von einer im Innern der Brust wirkenden Kraft, die sich +frech über alle Vernunft der Wohlgesinnten hinwegsetzte. Er erwiderte +nichts, und da Frau Agathe den Zustand des verstockten Schweigens bei +ihm kannte und fürchtete, hieß sie ihn gehen. Als er die Schwelle des +Zimmers überschritt, hörte er sie seufzen. + + + + + Viertes Kapitel + + +Eine weite Ebene, Wiesen und Felder, in spinnwebgrauem Nebel. Die +Landstraße mit den hohen Pappeln kriecht weiß und leer in den Nebel +hinaus, und so absonderlich wie der blühenden Frühlingslandschaft in dem +herbstlichen Dunst ist es Engelhart zumut. Eine trügerisch-schwermütige +Stille liegt über der Welt, der Bauer steht auf dem Acker und faltet +bedenklich die Stirn. Ein liebliches Kindergesichtchen taucht aus dem +Nebel, es ist Benjamin auf Kettis Arm. Man schickt ihn zu den Großeltern +nach Altenberg, im Haus darf er nicht mehr bleiben, Frau Agathe muß Ruhe +haben. Das kleine Bübchen jauchzt, da Engelhart possenhaft vor ihm +hertanzt, es weiß nicht, daß es bald sterben wird. Drüben im Dorf wartet +der Tod auf Benjamin, der Tod hat die Nebelschwaden aufs grüne Land +gebreitet. + +Auch Engelhart, Gerda und Abel mußten das elterliche Haus verlassen und +wurden bei der Familie Dessauer in einem vornehmen Haus an der +Bahnhofstraße untergebracht. Frau Dessauer war eine entfernte Verwandte +der Mutter und lebte mit ihrem Sohn und seiner Frau in der +Abgeschlossenheit reicher Leute. Dort mußte man leise gehen und leise +sprechen, man mußte die Klinke in der Hand halten, bis die Türe +geschlossen war, man mußte artig sein. Artig, artig! hallte es aus jedem +Winkel. + +Die Kinder wagten schließlich vor lauter Artigkeit nicht zu gestehen, +wann sie Hunger hatten, Engelhart schlich bedrückt durch die langen +Korridore und betrachtete stumm die hohen Türen. Er vernahm die Klänge +eines Klaviers und lauschte. Eine Singstimme fiel ein. Das Lied zog ihn +unwiderstehlich an, und er betrat das Zimmer. Die alte Frau saß am +Instrument, die junge stand daneben und sang. Als sie den Knaben +gewahrten, unterbrachen sie Spiel und Gesang, zwei Augenpaare blickten +ihn dürr und strafend an. Man tritt nie in ein Zimmer, ohne anzuklopfen, +hieß es, er solle wieder hinaus und sich melden. Er schaute starr zu +Boden, dann lief er davon und auf die Straße. Die beiden Frauen kamen +überein, daß der Knabe von einem bösartigen Geist erfüllt sei und daß +man vor ihm auf der Hut sein müsse. Indessen lief Engelhart zum Bahndamm +hinüber und spazierte an den schimmernden Geleisen entlang, die +gleichsam eigenbeweglich in die Ferne liefen. Sehnsucht packte ihn, er +spürte unter den Sohlen ein Zittern, als er sich auf das blanke Eisen +stellte, dann warf er sich platt zur Erde und legte das Ohr auf die +Schiene. Das Unglück brachte gerade in dieser Minute den jungen Dessauer +des Wegs, er befahl Engelhart aufzustehen und führte ihn wortlos in das +stille Haus zurück. Dort wurde ein Verhör angestellt, und der Beschluß +war, daß Engelhart fortgeschafft wurde, da man für einen Knaben von so +verbrecherischen Anlagen nicht die Verantwortung übernehmen wollte. + +Er kam zu Frau Iduna Hopf. Wieder eine neue Welt; ein uraltes Haus am +Helmplatz, im finstern Flur der Backofen eines Bäckers, morsche Treppen, +die bei jedem Schritt jämmerlich ächzten, und oben die winzigen +Stübchen. Im Wohnzimmer war ein Bücherschrank mit einer Glastüre, davor +stand Engelhart, betrachtete die enggepreßten Reihen der Bücher und las +die Titel auf den Rücken der Einbände. Iduna Hopf behauptete, es seien +die tiefsinnigsten Werke der Welt, außer ihrem Immanuel würden alle +Leute wahnsinnig, die darin läsen. Später einmal, wenn Engelhart zu +Jahren und Verstand gekommen, werde sie trachten, ihm das Heiligtum zu +erschließen. + +Er vertraute diesem »Später« ohne weiteres. Er ahnte, was ihm im dunkeln +Spiel der Zufälle und Schicksale für ein Los fallen könne, und daß er, +an ödem Strande kauernd, sich begnügen würde, wenn ihm die Woge aus +einem Schiffbruch ein armseliges Buch vor die Füße spülte. Nach Wissen +und Belehrung stand ihm der Sinn nicht vor dem Bücherkasten, er +verlangte nach anderm, nach Seelenspeise, Wärme des Herzens. + +Tag um Tag verging, denn sie lassen sich nicht halten, die Sonne steigt +und sinkt, die Sterne scheinen und verschwinden, der Tag des Schicksals +ist seiner Sache sicher und kann warten. Auf einmal berührte Engelhart +aus dem Ungefähr heraus ein Gedanke: es geschieht etwas zu Hause; da +hielt es ihn nicht länger. Als er vor der elterlichen Wohnung läutete, +gab die Glocke, die sonst schrill und frech gegellt, nur einen dünnen, +gedämpften Ton. Der Klöppel war mit Leinwand umwickelt. Er war +verwundert, als er im Wohnzimmer den Onkel Michael aus Wien, den +einzigen Bruder der Mutter, und dessen Frau traf. Auch ein paar andre +Leute waren zugegen. Kein Lächeln begrüßte ihn, alle schienen wie in die +Betrachtung eines Loches vertieft. Herr Ratgeber lehnte regungslos im +Sessel, der sonst so glänzende und martialische Schnurrbart hing +kraftlos über die Lippen. Eine fremde Person kam aus dem Krankenzimmer +und lispelte: »Ach, du bist da, Engelhart -- deine Mutter hat heute nach +dir verlangt.« + +Er ging in das dunkle Zimmer, und allmählich lösten seine Blicke die +weiße Gestalt mit der weißen Binde um die Stirn aus der Dämmerung. An +das Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, böses Gefühl, wie wenn der +Sturmwind Sand in die Augen treibt. Er fand die Mutter so verändert, +daß er furchtsam den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau +Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte seine Hand, und er, +rätselhafte Verstocktheit, machte es ihr nicht leichter, sondern stellte +sich, als sähe er es nicht. + +Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden. Der Professor hatte +schon wenige Stunden später gesehen, daß die Sache eine schlimme Wendung +nahm. Der Tod, winzig wie ein Elf, wühlte in den geheimnisvollen Gängen +des Ohres. + +In der Nacht wurde Engelhart plötzlich vom Schlaf verlassen. Es +umschauerte ihn; sein Herz wußte, was es verlieren sollte, es sträubte +sich und fing an zu brennen wie eine Schnittwunde am Finger. Es spürte, +was für Wetter nun heranziehen würde, und daß die Paradieseszeiten, +paradiesisch Schmerz und Lust, vorüber seien. So kam ihm das Gefühl des +Versäumnisses, zum erstenmal das Gefühl der Unwiederbringlichkeit, das +wie ein schwarzer Schatten aus der Finsternis trat und ihm das Wort und +den Begriff Verlust hinschleuderte. Das war kein Träumen mehr, sondern +ein doppeltes Erwachen des Leibes und der Seele, kein Spiel mehr, +sondern der wilde, unbewegliche Ernst. + +Er nächtigte in dem Bretterverschlag, den sonst die Magd innehatte, +verließ das Bett und schlich barfüßig in den Flur. Aber Nachtkälte und +Nachtfurcht hauchten ihn an, er kehrte um und blieb, ohne zu schlafen, +bis der Morgen graute. Dann kleidete er sich an und ging hinüber. Auf +der Schwelle ihrer Wohnung stand kreidebleich das Fräulein Frühwald, den +Kopf an den Türpfosten gelehnt. Es wurde dem Knaben kühl um die Brust, +unsicheren Fußes betrat er das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer. Dort +lag Herr Ratgeber auf dem Sofa, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, den +Kopf zwischen den Armen, und gab Töne von sich, die wie Gelächter +klangen. Engelhart ging weiter, endlich hatte er ein abgelegenes +Plätzchen gefunden. Er lehnte die Stirn gegen den Rand eines eisernen +Öfchens und sah seine Tränen vor sich auf den Boden fallen. + +Später erschienen viele Leute, gegen Abend wurde der Sarg gebracht. Als +es am dritten Tag zum Begräbnis ging, standen die Hausbewohner und die +Nachbarn vorm Tor. Die Goldschläger hörten auf zu hämmern und traten in +respektvoller Haltung auf die Straße. Der Major Friedlein schaute wie +immer aus seinem Fenster, doch hatte er diesmal keine Pfeife. Bis der +Zug zum Gottesacker kam, hatten sich unzählig viele Menschen +angeschlossen, aus manchem Fenster hing ein schwarzes Tuch oder blickte +eine weinende Frau. + +Engelhart mußte die Schaufel nehmen und Erde ins Grab werfen. Als alles +aus war, kam der Vetter Zederholz, klopfte ihm auf die Schulter und +sagte: »Lieber Sohn, so etwas kommt nicht zum zweitenmal.« Er blickte +freundlich und traurig zugleich auf den Knaben, und zwischen den +Fettfalten seiner Wangen glänzte es feucht. + +So war die schöne Seele hinunter. Es war, als ob sie nie gelebt, als ob +ihr Lächeln nie gelebt hätte, ihr volles, wahres Auge, ihr karges und +wohlgemeintes Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Straße und das +Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller, von dem sie gegessen. + +Schlimm, daß Engelhart durch einen äußerlichen Trauerdienst der Trauer +seines Gemüts entführt wurde. Jeden Morgen, sobald der Tag graute, mußte +er aufstehen und zum Gebetshaus eilen, um das Totengebet dort laut zu +beten. Jeden Morgen allzu früh riß ihn eine rauhe Hand zum Wachsein auf, +und noch halb schlafend wankte er durch die Gassen. Gott wolle es und +das Seelenheil der Mutter, sagte man ihm. Er glaubte nicht an einen +Gott, der dieses wollte, er verhielt sich feindselig gegen einen Gott, +der es darauf abgesehen hatte, seinen Schlaf zu zerreißen. Das war +schlimm, denn dadurch wurde sein Himmel plötzlich leer. Innerliche Güter +statt in Kämpfen in verstimmter Selbstsucht verlieren, heißt ohne Würde +und Gewinn verlieren. Freilich war Engelhart darin von je ungeleitet +geblieben, der Vater stand diesen Dingen scheu gegenüber, es war ihm +unbequem, daran zu rühren, und er hatte keine Zeit, darüber +nachzudenken; die Mutter, einfach in ihrem Glauben wie in ihrem Wesen, +hatte gemeint, das wüchse von selber in der Brust wie der Baum in guter +Erde. Aber es kam kein Baum heraus, nur ein schmächtiges Reis, das vor +dem ersten Windhauch zerbrach. Zudem lebte das werdende Geschlecht +damals in einer Luft nüchterner Praktiken, und der höhere Sinn fand in +kränklicher Sehnsucht sein Heil. + +Kurze Zeit nach Frau Agathes Tod sagte Ketti den Dienst auf. Es blieb +unbekannt, was sie vertrieb. Zu einigen Leuten äußerte sie, sie wolle +nicht bei mutterlosen Kindern bleiben. Man wandte ein, daß sie nun erst +recht nötig und am Platze wäre, aber sie sagte, es täte ihr zu weh; sie +möge auch keinen andern Dienst mehr annehmen und gehe in ihre Heimat. +Sie war zehn Jahre im Haus gewesen, und Herr Ratgeber ließ sie ungern +ziehen. Er war den ganzen Tag im Geschäft, zu Mittag schlang er hastig +seine Mahlzeit hinunter, warf kaum einen Blick auf die Kinder, zündete +die Zigarre an und ging wieder. Die Verwandten sagten ihm, daß die +Kinder auf diese Weise verwildern müßten, auch kostete der kleine +Haushalt mehr als je zu den Zeiten der Frau. Da entschloß er sich, eine +Wirtschafterin zu nehmen, und er hielt Nachfrage nach einer +entsprechenden Person, die zugleich eine gewisse Geistesbildung besitzen +sollte. Es dauerte nicht lange, da erschien ein großes blasses, blondes +Frauenzimmer im Haus, und Herr Ratgeber glaubte gut gewählt zu haben. +Wenige Tage, nachdem das Fräulein, dessen Name Adele Spanheim war, seine +Stellung angetreten hatte, übergab er ihr das Wirtschaftsgeld für drei +Monate und reiste fort. Mehr als je träumte er jetzt von Reichtum oder +doch von behaglicher Wohlhabenheit; er spannte alle Kräfte an, um sich +auf jene Höhe des Lebens zu schwingen, auf der man von den Menschen +geachtet werden muß; es war, als ob das nun erstarrte Herz ihm keinerlei +Rücksichten des Gefühls auferlegte, er mußte nicht und nirgends mehr +verweilen, konnte sich völlig seinen Projekten hingeben, und wenn ihm +auch nicht vergönnt war, ins Weite hinaus zu wirken, das wußte er, so +wollte er doch in seinem Kreis etwas gelten. Er war nie ein Jammerer, er +beklagte nie sein Geschick; diese Kraft, sich zu verschließen, +entfremdete ihn aber auch der Teilnahme der denk- und gemütfaulen +Leute, die rings um ihn gemächlich ihre Existenz bauten. + +Adele Spanheim verlangte blinden Gehorsam von den Kindern. Die beiden +Kleinen bequemten sich dazu, sie konnten ja noch nicht sehend wollen. +Engelhart widerstrebte trotzig. Das Blut schoß ihm in die Stirn, wenn +sie lachend einen Befehl gab, nicht aus Einsicht, sondern aus bloßer +Lust am Kommandieren. In einem ihrer wöchentlichen Berichte über die +Ausgaben und die Vorfälle im Haus, die sie Herrn Ratgeber zu senden +hatte, klagte sie, daß Engelhart ihr ohne den gebührenden Respekt +begegne und daß es ihr schwer falle, gegen seine freche +Selbstherrlichkeit aufzukommen. Darauf schrieb Herr Ratgeber zurück, +wenn sich der Knabe nicht bessern wolle, erlaube er ihr jede Form der +Züchtigung. Diese Briefstelle las ihm das Fräulein vor. Engelhart +vernahm mit Unglauben und Schmerz des Vaters Worte, die so fremdartig +aus der Ferne klangen, so kaltherzig auf dem Papier standen. Er forderte +Fräulein Spanheim auf, ihm den Brief zu zeigen, sie willfahrte, und es +wurde ihm leicht, die schönen klaren Schriftzüge zu lesen. +Niedergedrückt schlich der Knabe im Haus umher und stellte sich, des +schlechten Wetters nicht achtend, unter das Haustor. Die anbrechende +Nacht verscheuchte ihn, und als er hinaufging, hatte er Kopfschmerz und +jagende Hitze. Adele Spanheim sah ihn bleich hereinschwanken und wurde +besorgt. Sie entkleidete ihn und strich ihm kosend über das Haar, aber +ihr verändertes ängstliches Benehmen beleidigte seinen Stolz. + +Er bekam den Scharlach in der gefährlichsten Form, lag vier Tage +bewußtlos, bäumte sich aus der pflegenden Hand und schrie vor sich hin. +Danach, als er genas, füllte sich seine Brust mit Süßigkeit, es wurde +ihm offenbar, daß er durch ein dunkles Tor neuerdings ins Leben trat, +etwas von Lebensschönheit wurde ihm bewußt, über einem langhinlaufenden +Weg strahlte die Sonne mit herrlicher Gewalt, an beiden Seiten hingen +Rosengirlanden und über smaragdenen Wiesen flogen Vögel, wie er sie nie +zuvor erblickt, sie hatten etwas menschlich Sanftes im Ausdruck ihrer +Augen und es wirkte beruhigend, wenn sie langsam sichere Kreise um +denselben Mittelpunkt zogen. Gleichzeitig hörte er die vertrauten +Geräusche von der Straße, das Hämmern der Goldschläger, dies +meisterhafte Schlagen im kurzen Wechseltakt, das Geschrei der spielenden +Kinder, den Gesang vom Wirtshaus und vieles andre. Der Tod hörte auf, +ein Wort für ihn zu sein. Er wurde Bild und glich dem Bild des Lebens, +nur daß alles umschattet und erstarrt war. Die Frage entstand: Wären die +Stadt und ihre Häuser noch vorhanden, wenn ich tot wäre? Würden die +Bälle der Kinder draußen noch ebenso in die Luft fliegen, die Leute im +Wirtshaus noch ebenso singen? Er begriff oder fühlte dunkel das Einzige +des Lebens, die wunderbare unermeßliche unbegreifliche Macht, die den +Menschen atmen läßt und die ihn zugleich die Finsternis ahnen läßt -- +dort, jenseits des Rosenwegs, über welchen die sanftäugigen Vögel +fliegen, die er im Halbtraum gewahrt. + +Täglich kam Doktor Federlein, flüsterte eine Weile mit Fräulein Adele, +dann trat er ans Lager, von Karbolgeruch umwallt wie ein Priester von +Weihrauch, nickte dem Knaben zu, schrieb ein neues Rezept, befühlte +seinen Puls, kitzelte ihn am Kinn, schüttelte vor dem Spiegel seine +dunkeln, bereits angegrauten Locken und ging wieder. Herr Ratgeber war +von der Reise zurückgekehrt, Engelhart sah ihn aber nur des Abends. +Neues Unglück hatte ihn getroffen, der kleine Benjamin war draußen in +Altenberg gestorben. Wie ein Schatten war er seiner Mutter nachgefolgt, +als ob sie, schon unter der Erde, das winzige Seelchen noch verlangt +hätte, das in unergründlicher Trauer sein Leben kränkelnd hinschleppte. + +Als Engelhart zum erstenmal wieder ausgehen durfte, fuhr Adele Spanheim +mit ihm und den beiden Geschwistern nach Nürnberg zu ihren Eltern. Es +war prächtiges Wetter, kristallen wölbte sich der Himmel, die Blätter +begannen schon gelb zu werden und hingen glühend an den Bäumen des +Stadtgrabens, vieleckig, vieltürmig, mit strahlend roten Dächern erhob +sich die Burg und zur Rechten die säulenschlanken Türme von Sankt +Sebald. Zwischen dem Henkersteg und dem Weinmarkt traten sie in das +düstre Tor eines altertümlichen Hauses, stiegen eine riesenbreite Treppe +mit flachen Stufen hinan und schritten oben über eine Holzgalerie mit +schön geschnitztem Geländer. Unten war der Hof, es plätscherte Wasser +aus dem Brunnen in ein steinernes Becken. In der Wohnstube befanden sich +zwei alte Leute und fünf erwachsene junge Männer, Adeles Brüder. Die +Kinder wurden in die Ecke des Zimmers an einen kleinen Tisch gesetzt und +erhielten Kaffee und Kuchen. Die acht Leute redeten leise miteinander, +bisweilen flog ein musternder Blick zu den Kindern herüber. An den +Wänden des großen Raums standen hochbeinige Stühle und zwischen den +Fenstern hing ein Bild, ein Mädchenkopf mit schwarzen, zur Schulter +fallenden Haaren. Der Ausdruck des Gesichts erinnerte Engelhart an +Sophie Hellmut, der Blick hatte etwas Zärtliches und Fragendes, und er +konnte sein Auge nicht davon wenden. Er stand auf, um das schöne Gesicht +näher zu haben, da ertönte vom Kaffeetisch aus, das Wispern +durchbrechend, Adele Spanheims Stimme: »Engelhart, sitzen bleiben!« Die +Tasse an den Lippen, betrachtete sie ihn erwartungsvoll, auch die fünf +Brüder sahen ihn an. Mit verzerrtem Gesicht starrte der Knabe zu Boden, +und es wäre vielleicht zu einem Auftritt gekommen, wenn nicht die +Ankunft eines neuen Gastes die Aufmerksamkeit des Fräuleins abgelenkt +hätte. Diesen Umstand benutzte Engelhart und stahl sich aus dem Zimmer. +Draußen lehnte er sich einige Minuten lang über die Galerie und blickte +entzückt in das blaue Himmelsviereck; auf der andern Seite konnte er +durch eine geöffnete Türe in ein halbdunkles Zimmer sehen, in dessen +Mitte ein Aquarium stand; Goldfische blitzten an der Glaswand vorbei, +und ein schmaler Sonnenstreifen lag wie ein goldener Stab quer im grünen +Wasser. + +Die Furcht, entdeckt und geholt zu werden, trieb ihn weiter, auf die +Straße, über den Platz zur Sebalderkirche. Zaudernd stand er dort vor +einer offenen Seitentüre. Es zog ihn hinein, und doch lähmte ein +Unbekanntes seinen Fuß. Frömmigkeit, der Genuß des Wunderglaubens, die +Seligkeit des Gebets, alles das war ihm fremd geblieben, aber die +Furcht, Gottesfurcht, nicht im biblischen Sinn, behauchte ihn bisweilen +wie die Kälte der Winternacht, die durch die Fensterfugen in das +erwärmte Zimmer streicht. Und nun der gewaltige Bau, die schwere +Dämmerung drinnen, und das Fremde und Steinerne, das den Christen und +das Christentum in seinen Augen umgab. + +Er ging hinein. Die gewaltigen Pfeiler, die erhabenen Bogen und Gewölbe, +wie schräg gefaltete ungeheure Hände nach oben geneigt, das Halblicht, +verstärkt und bemalt durch die bunten Glasfenster, die Stille des Ortes +und seine ungeheure Raumfülle, dies Emporstrebende, Emporweisende, es +machte ihn schaudern bis ins Mark. Als dann die Glocke im Turm zu läuten +anfing und ihn die Klänge umschwirrten wie das Flügelschlagen mystischer +Wesen, trugen ihn die Beine kaum mehr, er suchte einen Winkel, um sich +zu verkriechen, und taumelte vorwärts, bis ein schwarzes Gitter ihn +aufhielt. Es war das Sebaldusgrab. Langsam wich die Blindheit von seinen +Augen, er gewahrte zahllose kleine Figürchen, lieblich gestaltet, in +stiller, vorgesetzter Bewegung, und sein Erstaunen war groß. Das +Zittern, das Grauen wich, auf einmal fand er sich heimisch, als hätte er +Spiel und Spielgenossen entdeckt, und lange konnte er sich nicht +trennen. + +Zu spät erinnerte er sich der verflossenen Zeit. Alle Spanheims waren +auf der Suche nach ihm. Adele stand im Flur und empfing ihn wortlos, mit +eisig kalter Miene. Auch Gerda und Abel behandelten ihn hochmütig, denn +sie waren durch seinen Fehltritt in Gnade gekommen. Nach und nach kamen +die Brüder Adelens zurück, lachten spöttisch, und einer zwickte den +Knaben ins Ohr. Auf der Heimfahrt bewahrte Adele ihre bedeutungsvolle +Zurückhaltung, und als er sich zum Schlafengehen anschickte, nahm sie +einen Stock, stellte sich an das Bett und genoß seine stumme Angst, +seinen flehenden Blick. »Wo warst du, während wir dich gesucht haben?« +fragte sie durch die geschlossenen Zähne. Da er nichts antwortete, +geriet sie vor Zorn außer sich, packte ihn beim Hemd, und wie er +zurückwich, riß das Hemd entzwei. Der Knabe lief nackt gegen das Fenster +und, den Leib gegen die Mauer gepreßt, den Arm abwehrend +zurückgestreckt, rief er wild: »Schlagen Sie mich nicht!« + +In Adele Spanheims Gesicht ging eine wunderliche Veränderung vor. Sie +errötete, nahm die Kerze vom Tisch und sagte mit dunklerer, rauherer +Stimme, ohne die Augen von der Gestalt des Knaben abzuwenden: »Geh nur +schlafen, du ... Bub.« Bei diesem zögernd ausgesprochenen Wort lächelte +sie. Im Bette liegend, dachte Engelhart an ihr sonderbares Lächeln und +schlief in Scham und Traurigkeit ein. + + + + + Fünftes Kapitel + + +Adele Spanheims Herrlichkeit nahm bald ein Ende. Eines Nachmittags +betrat Herr Ratgeber wider seine Gewohnheit die Küche und sah, daß +Fräulein Adele mit träumerisch aufgerissenen Augen vor einem Topf mit +eingemachten Preiselbeeren saß und von Zeit zu Zeit einen Kaffeelöffel +voll in den Mund steckte. Gerda und Abel kauerten lüstern dabei, man +spürte, wie ihnen der Mund wässerte. Da Herr Ratgeber auch sonst +unzufrieden war mit der Leitung des Haushalts, sagte er: jetzt ist es +genug, und gab der naschhaften Dame den Laufpaß. Damit gewann die Sorge +um die führerlosen Kinder neue Macht. + +Herr Ratgeber hatte sich inzwischen mit seinem Bruder Hermann endgültig +entzweit. Er war im Begriff, aus dem gemeinsamen Geschäft zu scheiden +und eine Fabrik zu gründen; Produzent sein, die Ware gleichsam aus dem +Nichts erschaffen, die Hände des Arbeiters unmittelbar in seinen Dienst +nehmen, Maschinen in Betrieb setzen und im großen Stil wirtschaften, das +war sein Traum. Er hatte es satt, Bänder und Pfeifenspitzen zu +verkaufen, wie er sich verächtlich ausdrückte, und um jeden Groschen +Verdienst mühevoll schwatzen zu müssen. Nach langen Erwägungen entschloß +er sich für die Holzwarenbranche, und da er vorerst nicht viel von der +Sache verstand, suchte er sich durch nächtelanges Studieren zu helfen. +Aber so stolz seine Pläne waren, es fehlte Herrn Ratgeber an Kapital. Er +wandte sich an den reichen Bruder seiner verstorbenen Frau, und da er +eine wunderbar überzeugende Art zu schreiben hatte, ließ sich Michael +Herz bestimmen, zehntausend Mark herzugeben. Aber damit hatte Herr +Ratgeber nicht genug. Er war leidenschaftlich bemüht, seiner Idee unter +den bisherigen Geschäftsfreunden geldkräftige Anhänger zu gewinnen, und +phantasievoll und tatgierig, wie er war, versprach er einem jeden goldne +Berge. Mit weithinaus gerichtetem Blick ging er in dieser Zeit umher, +beständig ein Lächeln zwischen den Lippen verhüllend, welches sagen +sollte: Laßt mich nur gewähren, laßt mich nur ans Ruder kommen. Er +glaubte, die Stunde sei reif, wo er die nacheilenden Schatten seiner +bedrückten Jugend in die Flucht schlagen könne, und sagte sich mit +stürmischer Entschlossenheit: Es muß sein, muß gelingen. Dieses Muß +trieb ihn zeit seines Lebens von Mühsal zu Mühsal und von Mißlingen zu +Mißlingen. + +Nun gab es einen Mann in der Stadt, der das Treiben des Herrn Ratgeber +mit der größten Neugierde verfolgte. Er hieß Teilheimer, hatte brandrote +Haare, ein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht, und sein Beruf war, +über die Angelegenheiten seiner Mitbürger aufs genaueste unterrichtet zu +sein. Er saß zum Beispiel im Wirtshaus und summte scheinbar achtlos vor +sich hin. Da ging der Weinhändler Strunz am Fenster vorüber. Teilheimer +zwinkerte listig mit den Augen und sagte: »Schau, schau, da geht der +Strunz zum Bezirksarzt, um seinen fälligen Wechsel einzukassieren; wird +ihm aber nichts nutzen, der Mann hat selbst kein Geld und der +Schwiegervater gibt nichts mehr her; böse Geschichte.« Oder man redete +in einer Gesellschaft über das gesunde Aussehen und die Frische einer +schönen Frau, was den roten Teilheimer zu der beiläufigen Bemerkung +veranlaßte, daß diese Frau den Krebs in der Leber sitzen habe und daß +ihr nur noch ein Jahr und etliche Tage zu leben vergönnt sei. + +Dieser magische Seher machte sich auf, um Herrn Ratgeber beizustehen. +Eines Tages kam Engelhart von der Schule und stürmte ins Zimmer. Da sah +er den Vater am Ofen stehen, den Kopf gebückt, in unbewegliches +Nachdenken versunken. Am Tisch ihm gegenüber saß der rote Teilheimer, +ein Bein übers andre geschlagen, einen Zigarrenstummel mit vergnüglicher +Miene über die Lippen wälzend und einen Bleistift auf ein mit Zahlen +beschriebenes Blatt bohrend, als ob er den Speer in die Brust eines +Besiegten tauche. Sein Auge blitzte feldherrnhaft, als er dem Knaben mit +einer Handbewegung das Zimmer verwies. Am darauffolgenden Nachmittag war +es wieder so, nur daß noch Iduna Hopf dabei war; Herr Ratgeber stand +wieder vor dem Ofen und schien qualvoll unentschieden, der rote +Teilheimer spießte wieder den Bleistift kühn in die Zahlenleiber. Iduna +Hopf machte dem Knaben ein Zeichen, er aber wollte es nicht verstehen +und blieb in ahnungsvollem Trotz. Da sagte Iduna Hopf, gegen Herrn +Ratgeber gewendet: »Da sieh mal, Joseph, wie vernachlässigt der Junge +herumgeht.« Herr Ratgeber blickte zerstreut und unruhig in des Knaben +Gesicht. + +Eine Woche später kam Herr Ratgeber zu früherer Stunde als sonst nach +Haus, schritt erregt im Zimmer auf und ab, befahl der Magd, sogleich +sein Essen zu bereiten, er fahre über den Abend nach Nürnberg. Dann +kleidete er sich sonntäglich an, kam wieder zu den Kindern heraus, pfiff +leise vor sich hin, öffnete, als sei ihm zu heiß, das Fenster und beugte +sich eine Weile hinaus. Inzwischen war der Braten aufgetragen worden, er +setzte sich zu Tisch, und da ihn die Kinder andächtig umstanden und +jedem Bissen nachschauten, der in seinem Munde verschwand, schnitt er +drei gleich große Stücke Brotes ab, legte auf jedes eine Scheibe Fleisch +und teilte aus. Während sie alle drei schmausten, gab er sich einen Ruck +und sagte: »Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit wieder +Ordnung unter euch ist. Seid anständig und macht mir Ehre.« Er vermied +es bei diesen Worten, seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er +aufstand, richtete er den Blick mit plötzlicher Strenge auf Engelhart, +der den Vater atemlos anstarrte. + +Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei fremde Frauen ins Zimmer. +Die eine von ihnen sagte: »Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich bin +eure neue Mutter.« Sie hatte ein süßliches Wesen. »Sehr schöne Kinder,« +sagte die andre Frau, die eine helle kalte Stimme hatte. Darauf begaben +sich beide an die Besichtigung der Wohnung und unterwarfen jedes +Möbelstück und jedes Porzellanfigürchen einer eingehenden Beurteilung. + +Engelhart verhielt sich stille, an manchen Tagen aber kam es über ihn +und trieb ihn umher wie einen Ball, der von unsichtbaren Händen von +einem Eck ins andre geworfen wird. Da fand er die Kleider zu eng, das +Haus zu klein, den Himmel zu niedrig, und er lief ohne Sinn und Ziel +durch die Gassen, bis er in einem Winkel Halt machte und in die Luft +starrte. Er hatte in einem Buch die Geschichte gelesen von dem der +auszog, das Gruseln zu lernen, und diese Geschichte machte Eindruck auf +ihn durch etwas, das hinter den erzählten Vorgängen steckte, wie in +einem Nebel des Grauens hin und her wogend. Er spürte die Kluft, die ihn +von jenem trennte, der das Gruseln nicht lernen konnte, denn im Anfang +seines Denkens war die Furcht, Furcht vor dem Ungewissen, Unsichtbaren, +Unnennbaren, Furcht mitten in der Freude und im Spiel. Zagend stand er +einem dämonenhaften Wesen gegenüber, dessen Wille es ist, zu zerstören +und irrezuführen, den freifliegenden Wunsch aufzufangen und an die Erde +zu fesseln. + +Im sogenannten Feldschlößchen, eine halbe Stunde von Nürnberg entfernt, +feierte Herr Ratgeber seine zweite Hochzeit. Die Kinder saßen an diesem +Tag in dumpfer Spannung zu Hause. Gegen Abend brachte jemand von der +Hochzeitsgesellschaft eine Torte und Grüße vom Vater, der mit seiner +neuen Frau schon abgereist war. Die Botschaft wurde kaum gehört, alle +machten sie sich über die Torte her, auch die Magd erhielt ein Stück, +und um sich erkenntlich zu zeigen, verschwand sie dann und überließ die +Kinder für den ganzen Abend sich selber. Sie befanden sich im großen +Wohnzimmer, und Engelhart beschäftigte sich, die Aufsichtslosigkeit +nutzend, mit der großen Wanduhr. Er liebte diese Uhr und die lautlosen +Schwingungen des gelbfunkelnden Perpendikels; er suchte eine Seele in +ihr. Zu diesem Zweck stellte er einen Schemel auf einen Stuhl, kletterte +hinauf, öffnete den Glasdeckel und lauschte dem heimlichen Rädergesurr; +bisweilen gab es ein Geräusch, das einem Seufzer glich. Nach einer Weile +begann er an dem Zifferblatt zu hantieren, es gelang ihm, eine Schraube +zu lockern, und auf einmal hatte er beide Zeiger in der Hand. Er +erschrak, ihm war zumute, als seien einem lebenden Wesen die Arme +abgefallen; umsonst probierte er, das Übel wieder gut zu machen, +plötzlich stieg er herunter und legte die Zeiger kleinlaut auf die +Kommode. Es war ein ziemlich stürmischer Abend, das Feuer im Ofen war +erloschen, die Kinder froren. Zudem ging auch das Öl in der Lampe auf +die Neige. Auf der Straße und im Haus war es totenstill, Abel war am +Tische sitzend über seiner Schiefertafel eingeschlummert, Gerda schlich +eine Weile in dem düster werdenden Zimmer hin und her, dann drückte sie +sich in die Ofenecke und fing an, leise vor sich hinzuweinen. Engelhart +verbarg seine Gefühle, so gut es möglich war, er stellte sich gegen die +Tür und horchte und wagte endlich zu öffnen. Draußen war's finster. Er +überredete sich zur Tapferkeit und schritt hinaus, um nach der Magd zu +rufen. Doch war die Finsternis so groß, daß ihm das Geräusch des eignen +Herzens Angst einflößte. Nie hatte er etwas so Teuflisches in der Nacht +geahnt, er machte eine betende Bewegung mit den Armen, sein Auge fand +aber keinen Aufblick. Dies machte die Finsternis doppelt schwer und öde, +und da Gerda ängstlich seinen Namen rief, kehrte er zurück. Er schaute +zur Uhr, um zu sehen, wie spät es sei, und das Grauen überlief seine +Haut, als er ihr zeigerloses Blatt gewahrte und darunter den +Perpendikel, ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen wäre. Es +schien, als ob die Zeit ihr Maß verloren habe und die Nacht kein Ende +nehmen würde. + +Acht Tage später spielten die Kinder im Flur neben der Stiege, Engelhart +hatte aus Stühlen eine Kutsche gebaut, Abel war Postillon, Gerda, in +einem unermeßlich langen, weit über die Dielen schweifenden Mantel der +Mutter und einen großen Federhut auf dem Kopf, machte die vornehme +Passagierin, und Engelhart war der Räuber, der die Kutsche im Wald zu +überfallen hatte. Mitten im größten Getöse tauchten Herr Ratgeber und +die fremde Frau, die neue Mutter, auf und blieben auf der halben Höhe +der Treppe stehen. Herr Ratgeber, das Reiseköfferchen tragend, winkte +den Kindern lachend zu, innezuhalten, die Frau schüttelte verdrossen +lächelnd den Kopf, und ihre Blicke blieben auf Gerda haften, die +vergeblich bemüht war, sich aus dem Reisemantel zu befreien. + +Von Stund an ging alles einen andern Gang im Hause. Früh, mit dem +Glockenschlag sieben hieß es aufstehen; es war keine Minute der +Besinnung erlaubt, kein Sichdehnen, kein Zurückdenken an die Träume, ein +Rütteln an der Schulter und: heraus. Besonders für den kleinen +krummbeinigen Abel war es hart, oft, wenn er schon gewaschen und +angekleidet war, fielen ihm am Frühstückstisch die Augen wieder zu. Es +gab keine Pfennige mehr zum Vesperbrot, und damit war eine der schönsten +Vergnügungen zerstört: den Schulhof verlassen, über die Straße zum +Bäcker laufen und so mit einigen andern, welche die gleiche +Schicksalsgunst genossen, eine scheinhafte kurze Freiheit erobern. Nach +der Schule mußte man in gemessener Zeit zu Hause sein, Frau Ratgeber +haßte das Streunen. Am Abend, kaum war das Brot gegessen, hieß es +wieder: ins Bett, ins Bett; kein Einwand galt, alles war Befehl und +Regel geworden. Die neue Frau Ratgeber meinte es nicht schlecht mit den +Kindern, sie glaubte das Rechte zu wollen und zu tun, auch wenn sie das +Brot, bis auf den Millimeter berechnet, vorschnitt, Fleisch nur in den +winzigsten Portionen verteilte, den Zucker zum Kaffee abschaffte, so daß +das wasserdünne graubraune Getränk kaum hinunterzubringen war. Engelhart +wußte natürlich nichts von dem Zwang, zu sparen, unter dem sie stand, +und daß sie nur durch die scharfsinnigste Strategie in den Ausgaben mit +dem zugewiesenen Wochengeld den Haushalt bestreiten konnte. Er spürte +nur die haßartige Lieblosigkeit, die ihm vorenthielt, was er bis jetzt +genossen hatte; er bäumte sich auf unter tyrannischen Verboten, er wurde +hinterlistig, wenn er sich hinterlistig angeklagt sah, feig oder rasend +den aufgebauschten Beschuldigungen gegenüber, die stets vor das Tribunal +des Vaters gebracht wurden, und er blieb bei großen Versehungen reuelos, +weil auch die kleinsten ungroßmütig verdammt wurden. Bald griff er zur +Lüge aus Furcht, aus Diplomatie, zur gedankenlosen Lüge, ja zur Lüge, +die er nur erfand, um sich in einer dumpfen Weise an der Frau zu rächen. +Nicht selten gebrauchte er langwierige Ausreden, um sich eines +erbärmlichen Vorteils zu versichern, und war einmal ein auskömmlicher +Tag mit der Stiefmutter, so tat er freundlicher gegen sie, als ihm +zumute war, schmeichelte ihrem Bedürfnis nach Klatsch durch allerhand +Geschichten und suchte sie möglichst lang bei guter Laune zu erhalten. +Zweimal in der Woche ging sie des Abends zum Fleischer, da begleitete er +sie, schleppte den schweren Korb nach Hause, saß am Tisch bei ihr, wenn +sie Linsen klaubte oder Äpfel schälte, und wenn er im Plaudern war und +sie bisweilen zum Lachen brachte, dann übersah sie es, daß er die Butzen +der Äpfel aß oder das in den Streifschalen verbliebene Fruchtfleisch mit +den Zähnen herausschabte; dann durfte er auch noch eine halbe Stunde in +seinem geliebten Don Quichotte lesen oder aus Zwirn, Gläsern und +allerlei Schachteln sonderbare Paläste bauen. Wies sie ihn aber zu Bett, +so durfte kein Widerspruch fallen. Das freie, arglose Wort fand kein +Echo in ihr, die rückhaltlose Heiterkeit erweckte ihr Verdruß und +Mißtrauen, der offene Blick erschien ihr frech. In ihr selbst war nichts +als tartüffisches Ducken gegen gesellschaftlich Höherstehende, auch wenn +sie nachgewiesenermaßen nur hundert Mark mehr Einkommen besaßen. In den +engsten und dunkelsten Verhältnissen eines fränkischen Judendorfs +aufgewachsen, war sie von einer dämonischen Liebe zum Geld besessen. Im +Geld suchte sie die Quellen des Lebens. Sie war aufs genaueste mit den +Verhältnissen aller Familien der Stadt bekannt und richtete auf der +Straße ihren Gruß nach eines jeden Besitz. Wenn ein reicher Mann starb, +war sie immer ein wenig erstaunt darüber, daß Gott seine Hand auch nach +einem solchen Inbegriff irdischer Macht ausstreckte. Ihr ganzes Tun und +Lassen war von rätselhaftem Neid durchflutet. Ihre Züge waren zerrissen +von Unruhe, Unmut, Ungenügsamkeit und Ehrgeiz, ihr Blick war stechend, +ihr Mund bitter und ärgerlich zusammengepreßt. Sie war eine Natur, alles +Wohlwollens bar, ohne sanftes Verweilen im Augenblick, ohne frauenhaftes +Träumen. Wenn andre Tausende auf Tausende häuften, wollte sie wenigstens +Pfennig um Pfennig sammeln, und weil sie darin kein Ende sah und alle +Geister des Behagens auf immer von der Schwelle verscheucht wurden, an +der sie begehrlich lechzend stand, so entsprang Fried- und +Lichtlosigkeit aus allem, woran sie die Hände rührte. Ihr war es nicht +gegeben, Zutrauen zu erwecken, die früheren Freunde der Familie blieben +fern. Kein gemütliches Bild, keine anziehende Vorstellung belebte die +Räume, wenn Engelhart, fern vom Hause, sie sich gegenwärtig hielt. +Einsam sparte und haderte die Frau und füllte ihre Tage mit +erschöpfender Arbeit. + +Einmal kam Engelhart hungrig aus der Schule, und als er durch die Küche +ging, wo sich gerade niemand aufhielt, sah er einen Korb voll kleiner +Äpfel auf dem Anricht stehen. Unbedenklich nahm er zwei Äpfel, verzehrte +sie im Zimmer, entledigte sich des Schulgeräts und schickte sich an, +möglichst schnell zu entkommen, denn es war der erste schöne Tag nach +regnerischen Wochen. Plötzlich stand die Stiefmutter vor ihm und fragte +atemlos: »Wer hat von den Äpfeln gestohlen?« + +Der Knabe starrte sie an; er war im Begriff, es ruhig zu bekennen, doch +das Wort »gestohlen« machte ihn stutzig. »Ich habe nichts gestohlen,« +antwortete er. Das Zittern seiner Stimme und besonders das Erröten +strafte ihn Lügen. + +»Leugne nicht,« sagte die Frau, »ich habe die Äpfel gezählt; du wirst ja +feuerrot, du schlechter Mensch.« Damit schlug sie ihn vor den Kopf, daß +er zurücktaumelte; noch einmal erhob sie den Arm, Engelhart fing ihn auf +und hielt ihn krampfhaft fest, darauf wurde sie von Wut und Bosheit +übermannt und schlug aus aller Kraft mit beiden Fäusten los. Der Knabe +schrie; je mehr er schrie, je wilder wurde die Frau; die Leute vom Haus +liefen zusammen, die Magd rannte von der Waschküche herauf. Endlich +gelang es Engelhart zu entkommen, er taumelte in den Flur, tastete sich +am Gitter entlang und verkroch sich im finsteren Ende des Korridors +zwischen zwei Schränken. Er blieb unbeweglich dort, um zu warten, bis +der Vater kam. Endlich vernahm er seine kurzen hastigen Schritte und +atmete auf. Es verfloß geraume Zeit, bevor Herr Ratgeber das Zimmer +wieder verließ. Schon bedrückte den Knaben die Einsamkeit und +Halbdunkelheit, er glaubte es aber so lang ertragen zu müssen, bis er +mit Güte ins Licht zurückgeführt würde. Da rief die Stimme des Vaters +seinen Namen, doch mit so hartem Klang, daß er erschrak und sich nicht +rührte. Noch einmal tönte der Ruf, lauter, gereizter, ungeduldiger. + +»Dort hinten steckt er,« sagte Abel, der herangeschlichen war und den +Bruder verlegen zwinkernd betrachtete. + +Herr Ratgeber packte Engelhart am Arm und zerrte ihn hinein. »Zum Lügner +bist du geworden, zum Dieb? Du willst mir Kummer machen, ich weiß es +schon lang, fort aus meinen Augen, ich kann dich nicht mehr sehen!« +Damit wandte sich Herr Ratgeber ab, ging in das nächste Zimmer und +schlug die Tür zu. Die Sprache, die er geführt, raubte Engelhart beinahe +das Gefühl des Lebens. Besonders der Umstand, daß er gar nicht gefragt +worden, daß kein Fünkchen Recht auf seiner Seite gelten sollte, daß der +Vater den Worten seiner Frau ohne weiteres Glauben schenkte, das +umkrampfte seine Brust, und er hatte eine solche Verzweiflung bisher +noch nicht kennen gelernt. + +Nicht mehr ganz derselbe wie vorher verließ er das Haus und ging über +den Bahndamm bis auf den Dambacher Weg. Der schöne Tag, die vollkommene +Ruhe der Felder und Wiesen, der lautlos dahinfließende Rednitzfluß mit +seinen Wasserrädern, die alte Schwedenfeste in der Ferne und der Wald +rings um sie wie ein blauer Kranz: dies alles zog ihn empor aus dem +Abgrund seines Schmerzes. Er setzte sich unter einen Weidenbaum dicht am +Ufer und verfolgte das Treiben der Krähen, die sich in seiner +Nachbarschaft furchtlos niederließen. Das Flußbett war vom langen Regen +hoch angeschwollen, das Wasser trug auf seinem Rücken Hunderte von +Baumzweigen dahin. Hätte ihn nicht der Hunger gequält, so wäre Engelhart +bis in die Nacht hier geblieben; er umfaßte Land, Wald, Wasser und +Himmel mit einer neuen, ernsten Empfindung, er fühlte mit dunkler +Genugtuung, was ihm beschieden sein könnte, wenn er in sich wirken +lassen würde, was so groß, so feierlich sich als Welt, als Natur vor ihm +hinbreitete. Als er heimwärts wanderte, sank die Sonne hinter den +Waldrändern, der Himmel sah aus, wie wenn aus verborgenen Quellen +rotglühendes Eisen über ihn hingeströmt wäre. Darüber streckten sich, +aus einem Mittelpunkt hervorlaufend, grüne Strahlenbüschel, einzelne +Wolken hingen gleich ruhig brennenden Schiffen im Zenit und die Ebene +zitterte im rötlichen Dunst. + +Fremd und fremder fand sich Engelhart dem Vater gegenüber, und auch +dieser vergaß seinen Groll diesmal lange nicht, vielleicht um die +Ahnung von eigner Schuld zu ersticken. An einem Sonntagabend holte Herr +Ratgeber die Gitarre von der Wand. In früheren Zeiten hatte er oft und +gern darauf gespielt und Lieder gesungen, die er noch aus seiner +Knabenzeit kannte. Er pflegte damals unbestimmt, doch glücklich vor sich +hin zu lächeln, und seine Augen füllten sich mit einem Ausdruck +schamhafter Schwärmerei. Heute schlug er wie suchend ein paar Akkorde +an; Engelhart bat, er möge doch singen, aber Herr Ratgeber zog die Stirn +in Falten, legte das Instrument beiseite, machte eine abwehrende +Bewegung mit der Hand und sagte rauh: »Du kannst schlafen gehen.« Die +Gitarre wanderte bald darauf in die Rumpelkammer. Herr Ratgeber zeigte +nie mehr Verlangen nach ihr. + +Die Fabrik war im Gang, sechsundzwanzig Arbeiter waren an den +Hobelbänken, an der Kreissäge, am Gasmotor tätig. Herr Ratgeber war +tagelang beschäftigt, die fertiggestellten Holzschachteln mit Bildern zu +bekleben und diese dann zu lackieren. Er hatte aus Sparsamkeitsrücksichten +nur einen einzigen Kommis aufgenommen, einen gewissen Lechner, der an +Epilepsie litt. Oft schien es, als lausche Herr Ratgeber mit +Befriedigung auf das furchtbar jauchzende Kreischen der Säge, das von +den Fabrikräumen hereindrang, lauter und wilder, wenn eine Tür geöffnet +wurde; meist aber war er traurig und verstimmt. An den Zahltagen kamen +die Arbeiter zur Kasse, es gab nicht selten Streit, die Leute nahmen +eine drohende Haltung an. Wenn Herr Ratgeber dann wieder allein war, +rechnete er stundenlang, stellte den Umsatz fest, überschlug die +Herstellungskosten eines neuen Artikels und beriet mit dem Werkführer +über Löhne und Holzsorten. Spät am Abend schrieb er Briefe und Fakturen, +zeichnete Muster und Pläne oder lackierte abermals die einfältigen +Bilder auf den Schachteln. Oft kam Engelhart und erinnerte den Vater an +das Nachtessen, dann löschte Herr Ratgeber mit einem letzten Blick und +Seufzen die Lichter, versperrte Laden, Geldschrank und Türen und ging +schweigend mit dem Knaben nach Hause. Unbewußt schnitt es Engelhart ins +Herz, wenn der Vater einmal wieder vergnügt war, etwa wenn Fremde da +waren -- wenn er mit seinen funkelnden Augen an harmlosen Gesprächen +teilnahm, wenn er sich selbst wieder spürte und die Zeitläufte vergaß. +Es wohnten ungelenkte Kräfte in seiner Brust, aber Kräfte waren es; mit +beiden Fäusten hielt er sich grimmig an der Lebensleiter fest und konnte +nicht empor, vielleicht weil ein brutaler Vorgänger die Sprossen +zerbrochen hatte. + +Die Kinder sahen nur noch die richterliche Gewalt in ihm, er schien +nicht mehr Teilnahme für sie zu hegen als der Drahtziehende im +Puppentheater an den gehorchenmüssenden Marionetten. Bei Tisch durfte +nicht gesprochen werden, anständige Kinder sprechen nicht bei Tisch, +hieß es. Ein Verbot wurde ausgesprochen, die Kinder wollten den Grund +wissen, dies setzte oft in Verlegenheit, und jede Erörterung wurde mit +dem Satz abgeschnitten: Genug, ein Kind fragt nicht warum. Der Vater +verlor das Licht in Engelharts Augen, es kam vor, daß er beim Schall +seiner Schritte zitterte. Er lernte in den Blicken und zwischen den +Lippen der Menschen lesen, erfüllt von Mißtrauen und allgemeiner Angst. +Gerade in dieser Zeit fand er einen Kameraden. Sein Name war Philipp +Raimund, es war ein aufgeweckter Knabe von graziösem Wesen; er hatte +etwas Beschwingtes, Beherztes, das in seinem Gang und in seiner Art, den +Kopf zu tragen, zur Geltung kam, seine Stimmung war durchsichtig wie +Glas, alles an ihm war hell, seine Äußerungen hatten eine famose +angeborene Kräftigkeit. An einem Mittwochnachmittag marschierten sie +zusammen in den Burgfarnbacher Wald, bis sie an eine tiefeinsame Stelle +kamen. Dort rasteten sie. Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart, +sie sprachen über die Schule, dann über ihre Eltern, und Raimund fragte +beiläufig, ob es Engelhart nicht gut zu Hause habe. + +»Wir haben jetzt eine Stiefmutter,« entgegnete dieser in einem Ton, als +ob es sich um eine kleine vorübergehende Unannehmlichkeit handle. + +»Autsch!« rief Raimund teilnehmend und patschte sich auf die Schenkel. +Von da an wurde sein Benehmen noch zarter und freundlicher; er berührte +diesen Umstand niemals wieder. Immer mehr nahm die Philosophie von ihren +Unterhaltungen Besitz, und sie stritten mit Eifer über die Existenz +Gottes. Engelhart leugnete Gott; das bekümmerte Raimund, und er hatte +viele Gründe dagegen. »Können denn die Blumen und die Bäume von selbst +entstehen?« fragte er eindringlich, »und die Sonne, sie ist doch da, +folglich muß sie geschaffen worden sein.« + +»Sie ist ewig,« antwortete Engelhart. + +»Ewig? Was heißt das?« warf Raimund nachdenklich entgegen. »Ewig ist +nichts, das ist doch nur ein Wort.« + +Dieser Einwand machte Engelhart stutzig, er hätte nichts zu sagen +gewußt, wenn Raimund nicht hinzugefügt hätte: »Und der Mensch, so schön +und lebendig, glaubst du, durch Zauberei ist er gekommen?« + +»Die Menschen entstehen aus sich selbst,« sagte Engelhart. + +»Wie, aus sich selbst?« fragte der andre erstaunt. + +»Ich weiß es,« behauptete Engelhart finster, dennoch sank in diesem +Augenblick seine Wissenschaft in Nichts zusammen, und aus Groll darüber +ward er störrisch. »Wie ist denn Gott?« warf er dem Freunde grimmig ein. +»Was ist denn Gott? wie denkst du ihn? wie sieht er aus?« + +Raimund lächelte sonderbar liebenswürdig und sagte ruhig: »Er ist ein +Wesen.« Dazu machte er eine getragene Handbewegung und sein Gesicht +hatte den Ausdruck der Verehrung. + +Dies geistige Einander- und Sichselbstsuchen im kindischen Wortgefecht, +dies warme Emporsehnen und Hinausfühlen war genug des Glücks, was konnte +ein Ja oder Nein daran vermehren oder davon rauben? Ihre Worte glichen +leerem Fliegengesurr in sommerlicher Luft, was Engelhart dachte, teilte +er dem Freunde mit, aber was sie empfanden, verbargen sie einander +sorgsam, so wurde ihr Beisammensein reich an unterirdischen Quellen. +Raimund zuerst fand Engelharts Herz voll von Freundschaft, er bereitete +es zu für die Freundschaft, er machte ihm das Gespräch mit einem +vertrauten Genossen unentbehrlich. + +Eines Tages durfte Gerda an einem Spaziergang der Freunde teilnehmen, +und das kam so: Engelhart hatte Raimund abgeholt, und sie gingen an dem +Haus vorbei, wo Ratgebers wohnten. Da sahen sie Gerda auf der +Steintreppe des Spenglerladens sitzen und weinen. Die Knaben fragten sie +aus, und sie erzählte, sie habe ein Glas zerbrochen und sei geschlagen +worden. Der mitleidige Raimund lud sie ein, mitzukommen, und sie besann +sich nicht lang. Sie wanderten in den Vestnerwald, Gerdas blasses +Gesicht färbte sich in der belebenden Luft, und ihre Augen, deren +Ausdruck stets zwischen Pfiffigkeit und Träumerei wechselte, blickten +freier. Sie gab nur Angst vor neuer Züchtigung zu erkennen, weil sie so +weit vom Hause war, aber Raimund lachte und meinte, das wolle er schon +richten. In der Tat hatte Frau Ratgeber eine Schwäche für den Knaben, +weil er angesehener Leute Kind war und ihr sein Verkehr mit Engelhart +schmeichelhaft vorkam; er war der Sohn eines Landgerichtsrats. + +Die drei zogen tiefer in den Wald und beachteten kaum, daß die Dämmerung +einbrach. Bisweilen blieb Raimund stehen und hielt mit scharfen Augen +Umschau. Ein Uhu schrie in der Ferne, es wurde schnell dunkel, gerade +daß sie noch den Waldrand und die Landstraße erreichten, ohne in die +Irre gegangen zu sein. Gerda war plötzlich todmüde, sie war nicht +gewohnt zu marschieren, sie sank nieder in das feuchte Gras und +schüttelte auf Raimunds scherzhaften Vorschlag, daß er und Engelhart sie +tragen könnten, matt lächelnd den Kopf. Gleich darauf war sie +eingeschlafen. + +»Lassen wir sie ein wenig schlafen,« murmelte Engelhart, »jetzt ist +alles eins, Prügel gibt's sowieso.« Vor ihnen im Osten stieg der +Vollmond auf; zur Mulde vertieft, lagen die Äcker, und auf dem Kamm des +langgestreckten Hügels standen drei Pappelbäume, scharf in den Himmel +gezeichnet. Raimund machte sich lustig über Engelharts Schweigsamkeit, +auch später, als sie schon auf dem Heimweg waren, das verschlafene +Mädchen in ihrer Mitte führend. Aber er konnte nicht anders, es war ihm +bang ums Herz, und er vermochte nicht Rechenschaft zu geben warum, er +fand kein Wort, keinen Gedanken dafür. Es war, als verursache die +Schönheit der Nacht ihm Schmerz, er spürte eine Kraft in sich, die er +nicht anzuwenden wußte, es beunruhigte ihn eine Fülle, welche die Brust +zu sprengen drohte. + +Raimund begleitete die Geschwister bis nach Hause und machte einen so +geschickten Fürsprecher, daß man Gnade walten ließ. Das war der letzte +schöne Tag mit Raimund, bald darauf verließen seine Eltern die Stadt, +sein Vater war nach Bamberg versetzt worden. + + + + + Sechstes Kapitel + + +Im darauffolgenden Herbst zogen Ratgebers in jenes Haus, in dessen +Hoftrakt sich die Fabrik des Vaters befand. Engelhart hatte jetzt +ernsthaft für die Schule zu arbeiten, wenn er vorwärts kommen wollte, +doch er genügte keineswegs allen Ansprüchen und brachte vielfach +schlechte Zensuren. + +»Du bist nicht bei der Sache,« sagte Herr Ratgeber streng, »du träumst.« + +»Er ist ein Duckmäuser,« fügte die Stiefmutter hinzu, »sieh ihn nur an, +er hat keinen freien Blick.« Dieser Vorwurf traf den Knaben empfindlich; +er wußte sein Auge nach innen beschäftigt, wenn ihn jemand anrief, riß +er sich erst los von einem inneren Bild, aber dann fühlte er seinen +Blick ohne Scheu, er fürchtete die Augen der Menschen nicht, höchstens +die der fremden Frau, die er Mutter nennen sollte. Er konnte sich +freilich nicht geben, sondern wollte genommen werden, doch liebte er die +Menschen, und das mit jedem Tage mehr; selbst vom Gleichgültigsten +zurückgestoßen zu werden, war ihm ärgerlich. Er suchte Zuneigung, +Zustimmung, Einverständnis und gewahrte, wohin er auch sah, die Spuren +halbverwischter, mühsam verdeckter Leiden und die Schatten des Hasses, +alle quälten sich aneinander, einer schürfte sich am andern wund, auch +im eignen kleinen Kreis war niemals Frieden. Die Sparwut der Stiefmutter +überschritt jedes Maß, bei den Bekannten in der Stadt sprach man offen +davon, daß die Ratgeberschen Kinder hungern müßten, Frau Karoline Curius +schrieb es an Michael Herz nach Wien. Dieser gab nun seiner Schwester +eine Summe in Verwahrung, sie solle sich der Kinder annehmen, und +Engelhart solle wöchentlich eine Mark Taschengeld erhalten. Ferner +beschloß er, Gerda aus dem elterlichen Haus zu nehmen; er verständigte +sich mit dem Vater, und ehe Weihnachten kam, reiste das glückliche +Mädchen, jetzt erst seiner Kindheit wiedergegeben, nach dem +oberfränkischen Städtchen Neustadt, wo sie in einem rühmlich bekannten +Pensionat Aufnahme fand. + +Engelhart erschien sich mit seiner wöchentlichen Rente als reicher Mann, +doch erwuchs ihm keine Freude daraus. Wenn er den Besitz genießen +wollte, mußte er ihn ängstlich geheimhalten, und diese Heimlichkeit +bedrückte ihn: das lichtscheue Gebaren beim Kauf jedes Stückchen Brotes, +das Verstecken seiner Pfennige am Abend vor dem Schlafengehen; was eine +Erleichterung hätte sein sollen, beschwerte ihn, er haßte sich, wenn er +seinen Hunger stillte, und inbrünstig suchte sich sein Geist aus der +trüben Täglichkeit zu lösen. Durch Zufall kam ihm ein populäres Buch +über die Sternenwelt in die Hand, und entzückt sog er das fabelhafte +Neue in sich auf. Welch ein Himmel, welch eine Welt! Die Gestirne ein +feuerflüssiges Chaos, alles Werden ein Spiel von Jahrmillionen, die +unscheinbare Milchstraße in zahl- und namenlose Sonnen geteilt, jede +sich regend in grauenhafter Gesetzmäßigkeit, das ganze Universum ein +Bild zielloser Eile, ein Hinrasen durch unendliche Finsternis. Des +Knaben Gedanken tasteten sich schauernd von Erscheinung zu Erscheinung, +wie Schneegestöber in einen Garten mit jungen Blättern wirbelte und +stürzte dies alles in seinen Kopf, Andacht mischte sich mit Traurigkeit, +und es schien ihm vergeblich, ein Glück für das eigne schwanke Herz zu +suchen, das wie ein Atom im Staubmeer unter einem kurzen Lichtstrahl +leuchtend zuckt, um dann still in die Dunkelheit zu gleiten. Oft drohte +ihm die Brust zu zerspringen, und wenn er lange in einer entlegenen Ecke +vor sich hingegrübelt, lief er hinaus durch die Straßen ins freie Feld, +redete laut vor sich hin, berauschte sich in unsinnigen Gesängen, um an +einem einsamen Punkt der Landschaft plötzlich stehen zu bleiben und +sehnsüchtig auf Stimmen zu horchen, die seine entbrannte Phantasie in +die Fernen und Tiefen zauberte. + +War all das nur ein buntes, böses Träumen der ums Wachsein sich +quälenden Seele? An Nebeltagen verschwimmen Himmel und Erde, und der +Schatten an einer Mauer scheint sich in die Wolken zu recken. + +In dieser Zeit kam Engelhart fast täglich ins Haus der Tante Curius. +Herr Peter Salomon hatte seinen Posten im Ratgeberschen Geschäft längst +aufgegeben und betrieb eine Kohlenhandlung, aber seine Einkünfte hätten +ihm nicht gestattet, das Feinschmeckerleben zu führen, zu dem er sich +ausersehen glaubte, wenn nicht Michael Herz in Wien regelmäßige und +bedeutende Zuschüsse gewährt hätte. Peter Salomon betrachtete das als +einen selbstverständlichen Tribut, und wenn kein Geld mehr da war, sagte +er mit einer gravitätischen Handbewegung: »Karoline, du mußt nach Wien +schreiben; dein Michael muß bluten, da hilft kein Herrgott.« Dann +tänzelte er lächelnd von einem Fuß auf den andern, trällerte ein Lied +und ging ins Wirtshaus. Der Kohlenhandel ging natürlich schlecht, da +Herr Curius nicht zu arbeiten liebte; er begnügte sich mit dem +Bewußtsein, daß in ihm das Talent zu einem Millionär stecke. Eines Tages +kaufte er für zwölftausend Mark, es war alles, was er überhaupt besaß, +einen Bauplatz, der am äußersten Rande der Stadt gegen Muggenhof zu lag, +und obwohl ihm alle vernünftigen Leute die Aussichtslosigkeit des +Projektes lebhaft vor Augen stellten, führte er seinen Willen durch, und +seine Hauptbeschäftigung bestand von nun an darin, erstens so oft als +tunlich auf seinem eignen Grund und Boden spazieren zu gehen, zweitens +zu warten, bis irgendein wunderbares Ereignis die Landpreise so in die +Höhe treibe, daß er zum reichen Manne würde. »In zehn Jahren,« +behauptete er mit jener Sicherheit, die ihn in den Augen seiner Frau zu +einem Genie machte, »wird man mir zweimalhunderttausend Mark anbieten, +aber ich werde noch weitere zehn Jahre zusehen. Ihr sollt den Curius +kennen lernen.« + +Nun war beinahe seit dem ersten Tag der Ehe eine Person namens Barbara +Kroner im Hause, die zuerst als Köchin, dann als Wirtschafterin galt, +die aber in Wirklichkeit die Geliebte Peter Salomons war. Man erzählte +sich, daß alle drei, Mann, Frau und Magd, in demselben Zimmer schliefen +und daß die Frau gezwungen sei, die Zärtlichkeit ihres Mannes mit der +Fremden zu sehen, man entrüstete sich darüber und gab der Frau schuld, +da sie etwas beschränkten Geistes war. Aber sie liebte ihren Peter +Salomon so abgöttisch, daß sie in seiner Gegenwart nicht den Blick von +ihm wandte, und ihre Selbstverleugnung war so groß, daß sie die andre +mitliebte, daß die andre die Herrin spielen und mit demselben +Allerweltshohn wie Curius jede Billigkeit vergessen durfte. Barbara +Kroner weigerte sich schließlich, die gemeine Hausarbeit zu verrichten, +und drang darauf, daß ein Dienstmädchen angestellt werde. Peter Salomon +benutzte die Gelegenheit und wählte unter denen, die sich dazu anboten, +ein höchst scharmuzierliches Frauenzimmer, wie er sich ausdrückte, eine +gewisse Anna Wild aus der Gegend von Baireuth. Sie gefiel Peter Salomon +so über die Maßen, daß er Frau samt Kebsweib vergaß und sich emsig +hinter die Neue machte. Anna Wild war in der Tat ein schönes Weib; sie +ging meist mit kokett gesenkten Augen, und wenn sie lächelte, flammten +hinter den feuchten Lippen die weißesten Zähne. Die Kroner wurde von +Eifersucht erfaßt, es gab fortwährend Zänkereien, einmal wollte die Wild +Phosphorkappen von Zündhölzern in ihrer Suppe gefunden haben. Alledem +sah Frau Curius still zu. Nicht nur, daß sie die Unbequemlichkeiten +ertrug, sondern sie warb auch noch bei Anna Wild für ihren Gatten und +begünstigte sie, als sie in ihr die Mehrgeliebte sah. + +An einem Abend kam Engelhart hinüber und sah Anna Wild hinter der +Kellertür sitzen, ein Öllämpchen neben sich, und in die Tiefe starren. +Der Knabe fragte, auf wen sie warte, sie blickte ihn flüchtig an, +schüttelte den Kopf und rief nach einer kleinen Weile gegen die Wohnung +hinauf: »Herr Curius! Herr Curius!« Es kam keine Antwort, das Mädchen +wandte sich zu Engelhart und forderte ihn auf, sie in den Keller zu +begleiten, sie fürchte sich allein. Er ging mit, sie rollte ein kleines +Bierfaß aus dem Verschlag, stellte es auf die Bank, wo das Lämpchen +stand, nahm den Hammer und hieb mit starken Schlägen den Keil in den +Spund. Dann nahm sie den Abzugsschlauch, steckte ihn in die Öffnung und +trank am andern Ende mit langen, durstigen Schlücken. Plötzlich hielt +sie inne und sagte: »Du könntest mir gleich einen Kuß geben, du +Kleiner.« Da er nicht antwortete, zog sie ihn am Arm heran und hieß ihn +aus dem Schlauch trinken, wie sie selbst getan. »Ordentlich!« befahl +sie. »Du wirst kein Mann, wenn du nicht trinken kannst.« Und ehe er sich +dessen versah, ergriff sie ihn ganz wie er war, drückte seine Schulter +an ihre Brust, packte mit der Hand sein Kinn und küßte ihn mitten auf +den Mund. Engelhart packte sie zornig bei den Haaren und suchte ihren +Kopf zurückzustemmen, ihm war, als berühre ein zuckender, kühler Fisch +seine Lippen, endlich riß er sich mit aller Kraft los und stolperte die +finstere Treppe hinauf. Anna Wild lachte hinter ihm drein und rief: +»Wirst kein Mann, wenn du nicht küssen kannst.« + +Tagelang vermied Engelhart den Blick der Menschen, und wenn ihn jemand +anredete, erschrak er. Bisweilen rieb er mit den Fingern seine Lippen +ab, als suche er das Gedächtnis an jenen fischhaften Druck +fortzuwischen. Wenn er aus dem Schlaf erwachte, blickte er unruhig in +die Finsternis, der Wind rüttelte am Fenster, und es war ihm, als laure +draußen, den Raum zwischen Himmel und Erde füllend, ein ungeheures +Raubtier. Vielleicht hätte er das ganze Erlebnis wieder vergessen, wenn +nicht andre Dinge sich ereignet hätten, die seinem Nachdenken und seiner +dumpfen Verstörtheit neue Nahrung gaben. Die Magd bei Ratgebers hatte +einen Liebhaber aus der Fabrik, und es kam heraus, daß dieser sich +allnächtlich in ihre Kammer schlich. Eines Nachts wachte Engelhart von +wildem Schreien und Schimpfen auf. Er erhob sich und lugte durch die +Türspalte. Die Magd und ihr Liebhaber standen beide im Hemd vor Herrn +Ratgeber, das Weib heulte, der Liebhaber und Herr Ratgeber brüllten. +Oben und unten öffneten sich Türen, verschlafene Leute erschienen, und +endlich mußte das Paar, nachdem es sich angekleidet hatte, schimpflich +das Haus verlassen. Darauf folgte eine angstvolle Zeit, in jeder Nacht +vor Torschluß läutete die Flurglocke stürmisch, der Liebhaber und seine +Kumpane standen draußen und verlangten unter unheimlichen Reden den Lohn +der Magd für die nichteingehaltene Kündigungsfrist. Da nicht aufgemacht +wurde, stießen sie das Glas an der Türe ein und einer warf sein Messer +in den Korridor. Das ging so fort, bis die Polizei dem Treiben ein Ende +machte. + +Langsam und mit unerbittlicher Gewalt tauchte für Engelhart ein Warum +nach dem andern aus der Tiefe des Nichtwissens empor. Er dürstete nach +Wahrheit und Aufklärung und mußte unerlöst hangen zwischen Lüge und +Feigheit, mußte zitternd weilen wie der Blinde, der an einen Stein stößt +und sich nicht weiter wagt, trotzdem zu beiden Seiten kein andres +Hindernis ist. Ja, er mußte in der Luft der Heuchelei zum Heuchler +werden, so daß ihm bangte, wenn von den mysteriösen Dingen zu Hause oder +unter Freunden geflüstert wurde und er sich anschickte, mit Befangenheit +den Unbefangenen zu spielen. Was er auch von den Menschen und ihren +Einrichtungen beurteilen lernte, erschien ihm widersinnig und grausam. + +Es war im Karneval, da ereignete es sich, daß unter Engelharts +Mitschülern das Gerücht umlief, ein gewisser Bachmann, der dieselbe +Klasse besuchte, aber zwei Jahre älter und wegen seines gewalttätigen +Wesens von allen gefürchtet und gemieden war, habe seinem Vater eine +große Summe Geldes entwendet und alles im Verlauf kurzer Zeit in einem +öffentlichen Haus verpraßt. Die Sage kam zu den Ohren der Lehrer und des +Rektors, es fand eine große Untersuchung statt, in die auch einige +Schüler der oberen Klassen verwickelt wurden, und Bachmann und seine +Mitschuldigen wurden dimittiert. Am Nachmittag des Faschingdienstags +kehrte Engelhart mit einer Schar von Kameraden von der Turnstunde +zurück. Die Turnhalle war etwas außerhalb der Stadt gelegen, und ohne +daß Engelhart wußte, was im Werk war, bemerkte er plötzlich ein +heimliches Raunen und aufgeregtes Tuscheln unter den Knaben, und sie +zogen in eine Seitengasse, wo ein paar unscheinbare Häuser standen, +deren Fenster mit grünen Läden verschlossen waren. Die Schar, es waren +zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben, wurde immer stiller, einige sahen +sich mit furchtsamen, fast irr glänzenden Augen um, andre lächelten +scheu. Sie standen eine Weile unschlüssig, zwei oder drei rieten +umzukehren, da öffnete sich im oberen Stock eines Häuschens ein Fenster, +und der dicke Bachmann, der Stier, wie sein Spitzname lautete, lehnte +sich über das Sims. Er hatte eine Harlekinmütze auf dem Kopf und sah +wüst und verkommen aus. Hinter ihm erschienen zwei oder drei Mädchen, +bis zur Brust entblößt; sie lachten und klapperten zugleich vor Kälte +mit den Zähnen, die eine hielt eine Weinflasche in die Höhe, die andre +stieß Lockrufe aus, wie wenn man Hunde lockt. Auch sie hatten bunte +Papiermützen, mit klingenden Schellen behangen. + +Unten standen die Knaben vollständig lautlos. Von denen, die rückwärts +standen, schlichen einige ängstlich davon. Bachmann forderte sie auf, +ins Haus zu kommen, er habe Geld genug, doch keiner antwortete. Es +dunkelte schon, und nach und nach machten sich alle aus dem Staub. +Engelhart trieb sich noch eine Weile in der heute mehr als sonst +belebten Stadt umher; als er heimkam, sah er unten im Packraum neben dem +Schreibzimmer des Vaters den Kommis Lechner. Es drängte ihn, mit irgend +jemand zu sprechen. Er hatte die Gesellschaft gerade dieses Menschen bis +jetzt gemieden, er war einmal dabei gewesen, als Lechner im +epileptischen Krampf niedergestürzt war, Tisch und Bank mit sich +reißend, in grauenhaftem Gebrüll mit allen Gliedern zuckend; seitdem war +ihm seine Nähe unerträglich, und doch konnte er heute nicht anders, er +gesellte sich zu ihm, begann scheinbar harmlos zu plaudern und erzählte +ihm die Geschichte mit Bachmann stockend und umständlich. Gewiß merkte +Lechner das Bedrückte und Fragende in Engelharts Gebaren, und er +benutzte den Anlaß, um als Wissender den Unwissenden zu sticheln. +Engelhart setzte sich auf eine Kiste und hörte zu wie einer, der +Vorwürfe verdient. Da nahm Lechner einen mitleidig-lehrhaften und +vertraulichen Ton an, lehnte sich flüsternd über den Tisch und seine +Augen flackerten glimmerig. Von namenloser Scham wie gerädert, lauschte +Engelhart den unverkleideten Worten des Menschen. Sein erster stechender +Gedanke war: 'Und meine Mutter?' Es erleichterte ihn, daß er ihr nicht +begegnen mußte, daß ihr Tod ihm erspart hatte, sie mit Augen voll +solcher Kenntnis ansehen zu sollen. Mit einem Abscheu vor Lechner, der +keines Wortes fähig war, erhob er sich und ging. Der andre, der +Dankbarkeit und begieriges Eingehen erwartet hatte, war erzürnt; er +haßte den Knaben von da an und verfolgte ihn bei jeder Gelegenheit mit +hämischen Anspielungen. Ja, seine Tücke scheute nicht davor zurück, +Herrn Ratgeber mit dem wohlgemeinten Hinweis auf Engelharts frühe und +gefährliche Reife zu beunruhigen. + +Engelhart schlief mit seinem Bruder Abel, der jetzt neun Jahre alt war, +in einem Bette. Abel war ein ganz und gar verprügeltes Kind; die steten +Gefahren, von denen er umlauert war, hatten ihn tückisch und verschlagen +gemacht, und da ihm jede wahre Zucht mangelte, bot sein Charakter dem +Schlechten und Niedrigen immer weniger Hemmungen dar. Engelhart hatte +ihn wegen kleiner Verrätereien, durch die sich Abel bei der Stiefmutter +ein Stück Brot oder ein gutes Wort erkaufte, vielfach zu fürchten, doch +hatte er schließlich ein Mittel gefunden, durch das er den Bruder im +Zaum halten und an sich fesseln konnte: er erzählte ihm allabendlich vor +dem Einschlafen Geschichten, Märchen und Abenteuer, die er gelesen +hatte, und als ihm der Vorrat ausging, fing er an, selbsterfundene +Geschichten zu erzählen, und zwar solche, die er nicht zu Ende führte, +sondern in schlauer Manier stets im spannendsten Moment mit der +Zeitungsphrase abbrach: Fortsetzung folgt morgen. So entstanden nicht +selten sonderbare und raffinierte Verwicklungen, deren Lösung immer +weiter hinausgeschoben wurde und die an Engelharts Gedächtnis große +Anforderungen stellten. Abel war ein atemloser Zuhörer, es kam vor, daß +er den Bruder auch bei Tag bedrängte, weil ihm die Neugier keine Ruhe +ließ. + +Heute lag Engelhart schweigend neben Abel in der Dunkelheit, und so sehr +ihn dieser auch um die Weitererzählung der Geschichte bestürmte, er +konnte kein Wort über die Lippen bringen; das Reden schien ihm häßlich, +im unverfänglichsten Worte spürte er plötzlich einen Stachel, der die +Seele ritzte. Als Abel sich endlich zufrieden gegeben hatte und schlief, +erhob sich Engelhart aus dem Bett und setzte sich im Hemd ans Fenster. +Weite dunkle Höfe lagen vor ihm, und schwarze Dächer klebten am Gewölke, +hinter dem umrißlos der gelbe Mond zerfloß. Engelhart stützte den +Ellbogen auf das Sims, sein Herz badete erleichtert in der wunderbaren +Nachtstille, und Tränen stürzten ihm aus den Augen. + +Frau Wahrmann hatte Engelhart schon im Winter eingeladen, die Osterzeit +bei ihr zu verbringen; Herr Ratgeber verweigerte seine Erlaubnis, doch, +besorgt über des Knaben Fortschritte in der Schule, gab er das +Versprechen, ihn zu den Sommerferien nach Gunzenhausen zu schicken, wenn +er in die höhere Klasse aufsteigen dürfe. Engelhart gehörte nicht zu den +Naturen, für die eine Belohnung zum inneren Ansporn wird, im Gegenteil, +er fand sich durch Erwartungen, die er erregte, entschieden gelähmt; +nichts ward bei ihm durch Entschluß und klar bewußtes Handeln, alles +wuchs aus einem ungeheuern Druck und Trieb hervor, und das seinem Wesen +Widrige nahm oft nur durch die Fügung eines guten Sterns keinen übeln +Ausgang. So hatte er geringe Hoffnungen für einen Sommer, wie ihn seine +Sehnsucht wollte, jetzt, wo alle Lernfreudigkeit geschwunden war und +sein tiefbetrübter Geist, der Unschuld des Betrachtens entrissen, +lichtscheu an den Wurzeln des Lebens nagte. Es vergingen die Monate, und +er ertrug ungeduldiger als jemals die gleichmäßige Fesselung durch ehern +eingeteilte Stunden, oft wurde seine Ruhelosigkeit so groß, daß ihn kein +noch so geliebtes Buch zu halten vermochte, und er spürte es: wenn er +diesen Sommer die Freiheit nicht bekam, und das, was er, geheimnisvoll +vorauserlebend, in ihm ahnte, dann mußte er den feindseligen Gewalten +erliegen, denen er keinen Namen geben konnte. Einmal, auf dem Weg zur +Schule, hörte er bei einem Neubau einige Leute aufschreien und ihm +zuwinken; in derselben Sekunde vernahm er ein unheimliches Klirren und +Knattern, rings um ihn schwirrte es, da sah er sich mitten in dem Flügel +eines großen Fensterstockes stehen, der aus der zweiten Etage +herabgestürzt war. Das riesige Ding war durch den erstaunlichsten Zufall +gleichsam rings um ihn herumgefallen, die Scheiben waren nach außen +geflogen und auf dem Pflaster zersplittert, er stand unverletzt mitten +im Rahmen, als hätte er sich hineingestellt. Wie trunken blieb er eine +Weile stehen und wurde von den Zuschauern kopfschüttelnd betrachtet. Er +nahm es als ein gutes Vorzeichen, er faßte wieder Vertrauen, und süße +Lebenssicherheit ergriff Besitz von ihm. + +Endlich kam die Entscheidung, und sie fiel günstig aus. Anfangs August +durfte er reisen. Des Abends langte er an, herzlich begrüßt, und lag +bald darauf wieder im selben Bett wie vor sechs Jahren, hörte die +dröhnenden, langsamen Stundenschläge der Blasturmglocke, den mahnenden +Gesang des Nachtwächters, die Eisenbahnzüge im Tal draußen, wie auf +einer Brücke durch den Weltraum rollend. In der Frühe fragte ihn Frau +Wahrmann über die Verhältnisse daheim aus; sie war eine gute und +gerechte Frau und geriet beinahe außer sich über seine Erzählungen, in +denen er zudem alles ihn selbst Demütigende verschwieg. + +Im Hause der Frau Wahrmann hatte sich wenig geändert. Helene war nun +ein heiratsfähiges Mädchen, aber sie machte sich wenig Gedanken darüber, +und ihre Hauptsorge war auf ein harmloses Amüsement gerichtet; die +zweite, die Gottsucherin, ergrübelte sich ein Leben voll eingelernter +Idealismen, und ihr Los war schon jetzt die beständig seufzende Trauer +darüber, daß das Lebendig-Seiende mit dem sehnsüchtig Erdachten so wenig +übereinstimmte. In Esmee zeigte sich die Unbefangenheit einer kräftig +auf Form und Erscheinung gerichteten Natur, und sie war immer wieder die +Versöhnerin zwischen der spöttisch-überlegenen Helene und der +hadernd-unzufriedenen Jette; sie ließ alles Unangenehme an sich +herankommen und wurde dann spielend damit fertig. So sehr sie noch Kind +war, so hatte ihr Herz schon für immer gewählt, einen jungen Studenten, +Spiel- und Schulkameraden. Dies zu wissen war für Engelhart schmerzlich, +nicht als ob seine Gedanken jemals wünschevoll um Esmees Bild gewebt +hätten, aber sie schon in Besitz genommen zu wissen, das erregte seinen +Unwillen. Es war etwas Gehemmtes und Zelotisches in seinem Blick, wenn +er ihre naiv koketten Künste beobachtete, er suchte Streit mit dem +Mädchen wie mit dem hübschen Gymnasiasten, der ihr Freund war. Schien es +nicht, als ob Lechners Enthüllungen das Liebestreiben der Menschen für +ihn zu einem epileptischen Krampf gemacht hätten? Oft geschah es, daß er +sich absonderte, wenn die Mädchen und Knaben hinaus in die Wiesen +wanderten, doch er ging dann nicht seine eignen Wege, sondern folgte +jenen wie ein Spion, verbarg sich hinter Gebüsch, wenn sie rasteten, +beobachtete argwöhnisch und erregt ihr Treiben und wandte das Auge nicht +von Esmee und ihrem Anbeter. Und wie schimpflich, wie erniedrigt +erschien er sich dabei, ausgestoßen von dem Kreis fröhlicher +Beziehungen, untötbaren Neid in der Brust. + +Es kam auch ein junger Mensch namens Benedikt Knoll ins Wahrmannsche +Haus, gleichfalls ein Student, siebzehn Jahre alt, also drei Jahre älter +als Engelhart, und dieser gewann durch Scharfsinn und vielfaches Wissen +dort eine geistige Oberherrschaft, ja eine Art Tyrannei. Er war ein sehr +kleiner, häßlicher Mensch von früh entwickeltem sarkastischen Witz, ein +Jude und eine echte Judennatur, den frommen und gedrückten Geschlechtern +entsprossen und unbewußt bemüht, diese Abkunft durch ausschweifende +Freigeisterei und ein brünstiges Streben nach Unabhängigkeit zu +verleugnen. Ihm näherte sich Engelhart schüchtern, bereit, eine +Überlegenheit anzuerkennen, die sich so selbstherrlich gab und die +keinen Widerspruch, sondern nur Bewunderung erfuhr. Benedikt Knoll ließ +sich die Gelegenheit nicht entgehen, seine erzieherischen Ideen zu +verwirklichen, und am lebhaftesten experimentierte er dann an Engelhart, +wenn er an den Mädchen willige und andächtige Zuhörerinnen hatte. Er +hatte sehr viel Heine gelesen und verachtete, wie es damals unter jungen +Leuten Brauch war, Schiller und Schillersche Begeisterung; mit einem +Heineschen Witz ließ sich jede ins Traumhafte und Fantastische +schweifende Wendung des Gesprächs mühelos und unter dem Dank des +Publikums ersticken. An Sommerabenden, wo man unter dem klaren +Sternenhimmel zwischen den Häusern und duftenden Gärten auf und ab +wandelte, wurde mit wenigen ironischen Seitenhieben Gott aus der Welt +gejagt und Wissenschaft, das heißt blöder Augenschein trat an seine +Stelle. Nun hatte ja Engelhart freilich auf seine Weise schon Gott +verloren, nur nicht so leicht, so überhebend, so hausbacken, und +immerhin lag im verlassenen, noch nicht entheiligten Tempel der +schutzlose Mensch ehrfürchtig auf den Knien. Dies aber verwirrte sein +Gemüt schwer, und bei all der unwiderstehlichen, prickelnden Gewalt, die +Benedikt über ihn gewonnen hatte, fing er doch an, ihn im Innersten zu +hassen und zu fürchten. Dann bestach ihn wieder die freiere Anschauung +von den Dingen des Lebens und das kühnere Urteil des kleinen Studenten, +und sie verabredeten, in Korrespondenz zu bleiben. Engelhart trat jetzt +in ein Alter, wo Geist oder die Maske des Geistes, das scheinhafte Wort, +schon als Triumph über die lastenden Schicksalsmächte gilt. Diese +Andacht des Alleshinnehmens und Alleseinsaugens kam dem kritischen Knoll +verdächtig vor, er ärgerte sich über die zage Verschleierung des +Ausdrucks, wenn Engelhart von der Zukunft und seinem künftigen Beruf +sprach. »Da dich dein Vater zum Kaufmann machen will, so tu nicht, als +ob du zu was Besserem geboren wärst,« schalt er grob; »du gehabst dich, +als ob's eine Schande wäre, aber es sitzen noch ganz andre Leute wie du +auf dem Drehsessel.« + +Engelhart schwieg, und eine dunkle Verstimmung bemächtigte sich seiner. +Was konnte es helfen, er hatte keine Lust dazu. Aber wozu sonst? Die +Zukunft war ihm eine finstre Nacht, aus deren Tiefe wie ein scharlachner +Brand irgendetwas Unbekanntes strahlte. Auch wenn er in sein Inneres +schaute, sah er dieses Feuer, dessen er sich vor den Menschen schämte +und das ihn beunruhigte, wenn er allein war. Es schwebte ihm etwas vor, +ähnlich wie atemloses Graben und Schaufeln im Innern der Erde und daß +junge Frauen aus einer jäh geöffneten Pforte traten, um ihm schweigend +und ergriffen zuzuhören, wenn er von der Finsternis und seiner +Einsamkeit erzählte. Oder er dachte sich in einem seit Jahrhunderten +verlassenen und verfallenen Haus von Gemach zu Gemach wandernd; nur die +letzte Tür war verriegelt, und als er weitergehen wollte, vernahm er aus +dem Innern eine Stimme, die voll unerhörten Schmerzes ein unerhörtes +Leiden berichtete. Er sah auch das Bild zahlloser, über eine Heide +hinstürmender wilder Pferde, und er selbst kam des Wegs, die ungestüme +Schar blieb versteinert stehen und er schritt ruhig durch die willigen +Reihen. Er sehnte sich nach den Menschen im allgemeinen und fürchtete +sie wieder im besonderen. Er liebte es, mit halbgeschlossenen Augen +dazuliegen und über etwas zu lächeln, was ungreifbar, ein süßer Hauch, +über seine Seele flog. Das war es ungefähr, und es erschien ihm +verwerflich und unfruchtbar, so zu sein, aber er konnte nicht anders. + +An einem Regentag zeigte sich ein fremdes Gesicht im vertrauten Kreis, +ein Mädchen namens Hedwig Andergast, eine Offizierstochter aus Nürnberg, +die bei ihren Verwandten, den Notarsleuten, zu Besuch weilte. Sie war +ein wenig älter als Engelhart; da er sie sah, hatte er ein höchst +wunderliches Gefühl: ihm war, als träume er und sie tanze luftig leicht +auf seiner ausgestreckten Hand. Er wurde später gefragt, ob er sie +hübsch fände, und er konnte nicht antworten, weil er, kaum daß sie aus +dem Zimmer gegangen, sich an keinen Zug ihres Gesichts erinnern konnte. +Die Mädchen bedrängten ihn, besonders Helene hätte gern gewußt, ob die +Fremde den Vorrang vor ihr verdiente, da tat er eine feindselige +Äußerung gegen Hedwig Andergast, ganz ohne Ursache, in unklarer Wallung +des Gemüts. Natürlich kam Hedwig oft, sie hatte Gefallen an den +Wahrmannschen Mädchen gefunden, und da hatte Esmee, boshaft gelaunt, den +Einfall, Hedwig die Worte Engelharts in seinem Beisein zu wiederholen. +Das Mädchen sagte nichts, sie zuckte nur die Achseln, aber der ruhige, +verwunderte Blick ihrer grauen Augen traf ihn tief. + +An einem Nachmittag, wo es regnete und gewitterte, wurde beschlossen, +auf den großen Dachboden zu gehen und dort zu spielen. Die meisten +Spiele erwiesen sich für längere Dauer als unzulänglich; Helene und +Jettchen brachten Blumen herauf, steckten sie mit den Stengeln der Reihe +nach in die Fugen zwischen die Dielen, und der öde Dachboden stellte +einen Garten vor. Man dachte sich einen hohen Zaun ringsum, Helene war +Pförtnerin und ließ nur diejenigen hinein, die einen selbstgereimten +Vers aufzusagen wußten. Alle zogen sich mehr oder weniger geschickt aus +der Schlinge, nur Engelhart brachte in der kritischen Lage nicht ein +Wort über die Lippen. Dies schmerzte ihn selbst, denn er wußte etwas und +konnte es nur nicht sagen, hätte es nicht sagen können um keinen Preis +der Welt. Als sie ihn verspotteten, nahm er eine Holzlatte, hieb den +Blumen die Köpfe ab und fuchtelte derart um sich, daß die Cousinen +schreiend in eine Ecke flüchteten, während Hedwig Andergast sich in den +großen Schlitten setzte, der hier oben seine Sommersiesta hielt, und +gleichgültig, ja etwas müde vor sich hin blickte. Schließlich, sein +Gebaren wurde ihm selber unbehaglich, sprang Engelhart auf eine Kiste +und schleuderte die Latte wie einen Speer von sich. Sie traf Hedwig +seitwärts an der Stirn, ein Aufschrei folgte, Engelhart sah Blut, die +Mädchen kamen bleich aus ihren Verstecken, Esmee lief, um Wasser zu +holen, Helene wusch die unbedeutende Wunde und band ein Tuch um Hedwigs +Stirne. Nachher gingen sie alle ins Klavierzimmer hinunter, räumten +Tische und Stühle beiseite, um zu tanzen, denn Hedwig wollte zeigen, daß +sie sich aus dem Unfall nichts mache. Aber Engelhart war verschwunden. +Er hatte sich eine Weile im Hof herumgetrieben und war dann in die +Scheune gegangen, wo er sich oben zwischen den Holzstößen verbarg. Das +Gewitter hatte aufgehört, die Sonne schien in das kleine Fenster an der +Mauer; er sah hinaus, über ein schmales Gäßchen hinweg bot sich der +Blick auf den Garten des Kasinos und auf die leuchtenden tropfenden +Bäume. Unten ging Premierleutnant Siderlich vorbei und wie gewöhnlich +folgten ihm einige Knaben mit höhnenden Zurufen. Premierleutnant +Siderlich wohnte längst nicht mehr bei Wahrmanns, auch war er aus dem +Heeresdienst entlassen, lief in Zivilkleidung herum und war zur +öffentlichen Spottgestalt geworden. Die Knaben machten sich über seine +Trunkenheit lustig, vielleicht schien er auch nur betrunken und war in +Wirklichkeit krank, jedenfalls torkelte er haltlos am Zaun entlang. +Währenddem kam Hedwig Andergast aus dem Wahrmannschen Hause und betrat +das Gäßchen. Sie hatte noch das weiße Tuch um die Schläfe gebunden. Der +Premierleutnant Siderlich blieb vor ihr stehen und legte, als ob er noch +Soldat wäre, die Hand salutierend an den Hut. Die Knaben johlten, +Siderlich lächelte verzerrt. Hedwig sagte zu dem vordersten der Knaben: +»Schämt euch doch, ihr Buben, seht ihr denn nicht, daß sich der Mann +nicht wehren kann?« Einer aus der Schar entgegnete frech: »Er wirft +immer in der Nacht Steine nach den Fenstern.« Der Premierleutnant machte +eine protestierende Geste, aber die andern lachten und schrien: »Ja, +ja!« Hedwig sah noch eine Weile zu, bis sie alle fort waren, dann ging +sie weiter. Engelhart hörte sie etwas murmeln und sie schüttelte den +Kopf. Ein unwillkürlicher Ausruf oder ein Räuspern von ihm ließ sie +emporschauen; sie hemmte ihren Schritt und lachte, wobei sich ein +goldiger Glanz über ihre Lider breitete; Engelhart war es, als ob er +durch den lachenden Mund bis in ihr Herz hinabsehen könnte. + +Am Abend trat eine Gestalt an sein Bett und hieß ihn aufstehen. Er +gehorchte und kleidete sich an. Die Gestalt führte ihn hinaus. Am Himmel +zuckten beständige Blitze; es sah aus, als ob unter den Rändern der Erde +ein großes Spiritusfeuer kochte und die Flammen schlugen beständig über. +Er wurde von der Gestalt bis zum Altmühlfluß geführt. Dort lag ein Boot, +und sie stiegen ein, fuhren ohne Stange noch Ruder stromaufwärts, und da +erwies es sich plötzlich, daß die Gestalt Hedwig Andergast war; ihr +Gesicht war wie mit einem Silberschleier behangen, und als er sie +schüchtern fragte, warum sie nicht spreche, legte sie stumm die Hand auf +die Brust und seufzte. + +Es war ein Wunschbild natürlich, aber Wahrheit steckte darin. So sah er +sie und sich selbst, ringsum von Wundern umgeben. Es war nicht mehr die +alte Erde, auf der er wandelte, es erschien ihm ein wenig lächerlich, zu +gehen, zu sprechen und zu schlafen. Er mied Hedwig Andergasts Nähe, +nichts enttäuschte ihn so sehr, als ihre Stimme zu hören, und nichts +beglückte ihn so, als einen Raum zu betreten und zu wissen, daß sie +dagewesen war. Es stimmte ihn böse, wenn sie in seiner Gegenwart von +ihrem Elternhaus erzählte, von ihren Kleidern oder von Vergnügungen und +Gesellschaften, er sah sie dann so wild an, daß das Mädchen erstaunte +und erschrak; dagegen suchte er am Abend den Garten und die dunkle Laube +auf und saß regungslos, bis es zehn Uhr schlug und die Tante zum +Schlafengehen rief. Dort wurde ihm der Tag erst Wirklichkeit und holdes +Schauen, er fühlte den Leib der Bäume von sommerlichen Säften strotzen, +in den Mondstreifen leuchtete das Blut der Blumen, alle Dinge waren +doppelt entblößt und doppelt verhüllt. Es erschien ihm wichtig, daß man +gütig und anerkennend gegen ihn sei, und Hedwig Andergast wählte er vor +allen andern aus, daß sie es sei. Wenn er im Freien ging, im Wald, warf +er sich bisweilen zur Erde und horchte; der Wind sang, im Innern der +Erde sang es mit, die ganze Natur hatte Atem, Stimme, Bewegung, Antlitz, +Mark und Sehnsucht. Wenn er an Hedwigs Gestalt und Namen dachte, +erzitterte sein Herz, aber wenn sie kam und ging und ihm wie allen die +Hand reichte, schaute er finster zur Seite. Er empfand es als eine +Demütigung, von ihr gekannt zu sein. Schließlich wußten doch bald alle, +was mit ihm vorging, er gehörte nicht zu denen, die ihre inneren +Zustände verbergen können, da wurde jedes Zusammensein eine Qual, und es +genügte, wenn Hedwig bei einer Anspielung errötete, daß er aufsprang, +forteilte und sich den ganzen Tag über nicht mehr sehen ließ. Von allem +am meisten haßte er das Wort Liebe; er wurde blaß und seine Fäuste +ballten sich, wenn er es hörte; das epileptisch verkrampfte Gesicht +Lechners tauchte hinter dem Wort empor, er erschien sich besudelt und +unwert seiner Träume. Damit hing es auch zusammen, daß ihm der Anblick +seines nackten Körpers schmerzlich und peinvoll war und daß er nach dem +Bad mit größter Hast wieder in die Kleider schlüpfte; am liebsten hätte +er im Finstern gebadet. Wenn er körperlich an Hedwig Andergast dachte, +geschah es mit demselben Schauder, den er damals gespürt, als bei +Lechners hündischen Erklärungen der Gedanke an die Mutter sein Gemüt +aufgewühlt hatte. + +Die Tage wurden merklich kürzer, ein herbstlicher Hauch ging durch die +Landschaft. Die Kirchweih kam, die gewöhnlich das Ende des Sommers +bedeutete; auf dem Rasen vor den Ruinen der alten Stadtmauer wurden die +Buden errichtet, saßen die Bauern auf Bretterbänken im Freien und +tranken Bier aus steinernen Krügen. Die Cousinen schauten vor den +Fenstern der Wirtshäuser dem Tanze zu und Engelhart, abgestoßen von dem +Lärm und Gewühl, spazierte am Schilf des Ufers hin, und wenn er sich +umkehrte, sah er die Figur eines Seiltänzermädchens im himbeerroten +Trikot auf hohem Seil voltigieren; es war, als ob sie durch den +blaßblauen Äther des Himmels schwebte. + +Bevor die schönen Tage verstrichen, wollte man noch einen Ausflug auf +den Hesselberg unternehmen, und an einem Abend, wo der Barometer und die +Prophezeiungen der Bauern günstig waren, wurde eine frühe Morgenstunde +zum Abmarsch festgesetzt. Es war herrliches Wetter. Bei dem Dorf +Wurmbach verließ man die Landstraße und wanderte über die Wiesen. Knoll +und Esmees Student machten die Führer, Frau Wahrmann und Helene +schlossen den Zug. Die Mädchen sangen Lieder und pflückten Blumen, an +den Ufern eines Waldbachs war Mittagsrast. Durch Dörfer ging's, die +unberührt von der großen Welt am Bergeshang versteckt lagen wie die +Perle in der Muschel. Engelhart sammelte Steine, oben im Schloß +verfolgte er eine Eidechse bis ins Innere eines verfallenen Turms. Nicht +mehr so belebt war der Heimmarsch, die Mädchen wurden müde, Esmee klagte +über ihre wunden Füße, Engelhart gab sich, wie oft in der +Dämmerungsstunde, einer selbstsüchtigen Traurigkeit hin. Der Himmel war +mit Purpur begossen, die Blätter der Bäume glichen Blutstropfen, dann +kam die Dunkelheit, feuchte Dünste entstiegen dem Boden, Frösche +quakten, das Grillengezirp erfüllte die Luft wie ein Sausen; aus der +verblassenden Glut hinter den Hügeln wanderten die Sterne herauf. Wie +zufällig hatten sich Engelhart und Hedwig Andergast einander gesellt. +»Sieh mal die Sterne,« sagte Engelhart und deutete hinauf. Sie sah die +Sterne an, aber sie hatte sie schon zu oft gesehen, es machte ihr wenig +Eindruck. Sie fragte ihn, ob er wisse, daß sie übermorgen wieder nach +Hause reise; er wußte es nicht; ob er wisse, wo ihre Eltern in Nürnberg +wohnten; er wußte es nicht, sie erklärte es ihm. Dann schwiegen sie +lange Zeit. + +Dem Mädchen wurde sonderbar zumute. Vielleicht fühlte sie das zum +Springen volle Herz ihres Gefährten und daß ihm von allen Menschenworten +keins zu Gebote stand, um sich zu erleichtern. Irgend etwas Namenloses +riß sie plötzlich hin, sie schwankte zwischen Ungeduld und Bangigkeit, +der bunte Jahrmarkt ihrer Gedanken und Wünsche bedeckte sich mit dem +Mantel sanfter Schwermut. Ihr war, als müsse sie ihm helfen, aber sie +wußte nicht wie, sie war genau so hilflos wie er. Die Dunkelheit, die +Stille, die Einsamkeit, die Müdigkeit, die sie empfand, der weite Weg, +der noch vor ihnen lag, all das machte sie zaghaft, einem unbestimmten +Mitleid zugänglich, und aus dem Kind wurde plötzlich ein Weib, +wenigstens für diese eine Stunde. Ihre Blicke suchten einander, konnten +sich aber nicht treffen und flohen dann wieder erschreckt in die Ferne. +Das mattere und vollere Schlagen der Herzen wechselte wie im Takt, das +Gras bog sich williger unter ihren Füßen und sie versanken so in ihr +gegenseitiges Schweigen, daß sie wie aus dem Schlaf emporschreckten, als +dicht hinter ihnen die Baßstimme des kleinen Knoll ertönte, der sich mit +Helene über das Leben in der großen Stadt unterhielt. Es war spät, als +sie heimkamen; vor der Tür des Wahrmannschen Hauses fand ein höchst +geräuschvolles Gutenachtsagen statt. Esmee setzte sich auf die +Steintreppe und nahm einen Vorschuß auf den Schlaf ihrer Nacht. Hedwig +stand eine Weile bei den andern, dann kam sie wieder zu Engelhart, dann +entfernte sie sich wieder und kam abermals, schlang den Arm um den +Laternenpfahl und schaute mit erregt glänzenden Augen die leere Straße +hinunter. Es war ein unbewußtes Nichtvoneinanderkönnen. Wenn ein weiser +Geist zwischen ihnen schwebte, so hat er vielleicht gelächelt über das +kindlich bittersüße Spiel. + +Am übernächsten Tag reiste Hedwig, und nun war doch die Welt verödet für +Engelhart. Auch seine Frist war um. Die Trennung von dem liebreichen +Haus fiel ihm schwer aufs Herz. Am Ende der dritten Septemberwoche traf +er im elterlichen Hause ein. Dort hatte sich nichts verändert. Der Vater +webte in seiner Arbeit und in seinen Sorgen wie in Qualm, Abel war +verprügelter als vordem, ein von schlechten Einflüssen durchaus in die +Enge getriebener Knabe. Er war häßlich geworden, auf seinem fahlen +Gesicht kündigten sich die Laster an, nur in den Augen schimmerte noch, +tief und immer tiefer schlummernd, das Weh um eine ertötete Kindheit. +Engelhart wurde freudlos empfangen; Frau Ratgeber, gleichwie aufgereizt +durch den Widerschein der verlebten Tage auf seiner Stirn, verfolgte ihn +mit unverstelltem Haß. Er nahm es hin. Seine Fähigkeit, Widerwärtiges zu +tragen, war größer geworden. + +An einem Nachmittag in jeder Woche entriß er sich allen Pflichten und +marschierte heimlich nach Nürnberg und vor das Haus an der Rosenau, wo +Hedwig Andergast wohnte. Er langte gewöhnlich an, wenn es schon dunkel +wurde, stellte sich an die gegenüberliegende Straßenseite und blickte zu +den erleuchteten Fenstern hinauf. Wenn sich ein Schatten an den Gardinen +zeigte, krampfte sich ihm die Brust zusammen, wenn jemand aus dem Tor +trat, hielt er den Atem an. Der Winter kam, er fürchtete kein Wetter, +scheute nicht den langen Weg hin und zurück, in Schnee, in Stürmen stand +er dort und verließ den Warteposten erst wieder, wenn die Zeit drängte +und er bis in die Adern durchfroren war. Er bekam Hedwig Andergast +nicht ein einziges Mal zu Gesicht, er sah sie überhaupt niemals wieder +und die Trübnis des alltäglichen Lebens schwemmte die frohen Farben der +Erinnerung aus seinem Geiste hinweg. + + + + + Siebentes Kapitel + + +Von Woche zu Woche nahm in Engelhart der Abscheu gegen die Schule zu. Er +verachtete die Auszeichnungen, die dem stumpfen Fleiß, dem tierischen +Gehorsam, der gedankenlosen Aufmerksamkeit zuteil wurden, angewidert von +dieser ungeschmückten Welt, der aufreibenden Wiederholung mechanischer +Geschäftigkeiten, versank sein Geist in die Sphäre des Traums so tief, +daß es ihn oft Mühe kostete, die Stimme eines Menschen zu vernehmen, der +vor ihm stand und mit ihm redete. Man sagte dann von ihm, er sei +zerstreut, und er zog sich das Mißtrauen und die Geringschätzung fast +aller Lehrer zu, die seiner Begabung das beste und seinem guten Willen +das schlechteste Zeugnis ausstellten, was zur Folge hatte, daß jede +seiner Handlungen als Ausgeburt einer böswilligen Gesinnung aufgenommen +und durch züchtlerische Maßregeln bestraft wurde. + +Keine wohlmeinende und freundliche Gestalt trat ihm unter seinen Lehrern +entgegen. Es waren Männer, die nicht einen Beruf erfüllten, sondern ein +Amt innehatten. Sie kümmerten sich nicht um die Seele, sondern nur um +die Kenntnis der Knaben. Sie hatten der höheren Stelle, der sie +untergeordnet waren, nur den Beweis zu erbringen, daß sie ein +vorgeschriebenes Pensum erledigten, so wie die Kellner dem Wirt die +Ablieferung der Zahlmarken schuldig sind. Sie nährten den Wissensdurst +mit Regeln und belohnten den Fleiß durch Zensuren, das unterweisende +Wort war nur eine Grimasse, der Geist der Belehrung eine Mumie, +vertrocknet durch viele Jahre eines wesenlosen Treibens. Ihre Belebtheit +war aufgedunsen, ihre Vertraulichkeit voll falscher Töne, ihre Strenge +lieblos und zynisch. Die meisten erschienen gleichsam mit einer Maske +vor dem Gesicht, hielten sie unruhig und krampfhaft fest und schäumten +vor Zorn, wenn sie ihnen bei einer unerwarteten Gelegenheit entfiel. +Wenn er einem Lehrer auf der Straße begegnete, war es Engelhart oft, als +schäme sich der Mann seines Straßengesichts, der antwortende Gruß war +dann widerwillig oder von übertriebener Gefälligkeit. Auch in den +Lehrstunden spürte er mit unsicherem Staunen, wie in manchem eine Art +Angst oder Scheu nicht bloß vor der Meinung und dem Urteil, sondern vor +dem Menschlichen, Fleischlichen der Schüler zutage trat; da wurde ein +gefürchteter Tyrann unversehens kindisch und es sah aus, als wolle er +durch eine tölpische Zärtlichkeit seinen Mangel an Herzensbeteiligung +vergessen machen. Um den Mund des einen zuckte beständig ein +unbegreiflicher Hohn; ein andrer fürchtete, lächerlich zu werden, und +war wortkarg wie ein Einsiedler; der dritte, puppenhaft geziert und +seine ganze Natur verhüllend unter einer starren Sachlichkeit, wählte +sich einige Lieblinge, die er verhätschelte, während er allen andern +kalt und hart begegnete; der vierte benahm sich wie ein Sklavenhalter; +der fünfte liebte es, eine erheuchelte Gutmütigkeit und Umgänglichkeit +als Falle zu benutzen, der sechste war ein unfähiger Schwächling, der +siebente ein Narr. Kein echter und ganzer Mensch; was sie lehrten, blieb +tot: Regeln, Formeln, Zahlen, Register. Da sie nicht Teilnahme erwecken +konnten, hielten sie die Furcht in Atem, Drohung und Strafe waren ihre +Büttel. Sie wußten nichts vom Geiste, und der Sache waren sie entfremdet; +ihr Ziel: Dressur. Sie waren beherrscht von jenem Parade- und +Uniforminstinkt, der die Glieder des jugendlichen Reichs für immer +verkrüppelt hat. + +Eines wirkt ins andre; auf einem Distelstrauch wachsen nicht Rosen. +Engelharts Mitschüler waren in ihrem innersten Wesen zuchtlos. Nur mit +der gemeinsten Notdurft der Dinge vertraut, waren sie jeglichen +Aufschwungs bar, und seltsam war es, die angeborenen Eigenschaften, +Roheit, Tücke, Heuchelei, feiges Kriechen, von dem dünnen Schimmer +unechter Bildung übertüncht zu sehen. Sie waren mit den Rätseln des +Daseins fertig, ehe noch das Leben die erste Silbe zu ihnen gesprochen +hatte; sie waren nur füreinander geschaffen, nicht für sich selbst; wenn +so ein Knabe allein auf der Straße ging, hatte sein Gesicht den Ausdruck +des Schlafs. In ihrer Brust war keine Musik, und Respekt hatten sie nur +vor dem Gelde. Eines war Engelhart immer aufgefallen, nämlich daß sie +nicht sprechen konnten, daß sie nicht ruhig sitzen oder gehen konnten, +um gut und natürlich zu sprechen; entweder schrien sie oder sie +tuschelten. Dies letztere erregte seinen Abscheu in hohem Grad, denn er +ahnte, was sie mit ihrem Munde und ihren Gedanken beschmutzten, wenn sie +zu dreien oder vieren beisammenstanden und erregt grinsend einander das +Wort von der Lippe rissen. Bisweilen gesellte er sich hinzu, um sich zu +schützen, denn aus Absonderung erwuchs ihm Haß, aber sie nahmen sich in +acht vor ihm, auch ummauerte sich sein Wesen, und ohne daß er darum +wußte, ward seine Haltung feindselig. Die meisten hatten Reiz und Anmut +der Jugend schon eingebüßt, ihre Gesichter waren hohl und fahl von +Stubenluft und ungesunden Trieben, in seine untersten Schlünde +hinabgestoßen war der edle Kindergenius und schon thronte auf den +Stirnen der brutale Zweck. + +Nichtsdestoweniger fand Engelhart ein paar Kameraden, die manche seiner +Neigungen teilten. Mit ihnen verabredete er sich zu weiten +Spaziergängen, und daraus wurde schließlich etwas wie ein Kultus mit +wunderlichen Zeremonien und Gepflogenheiten. Sie versammelten sich an +einem möglichst abgelegenen Punkt der Stadt, und bevor der Marsch +begann, erhielt jeder einen Spielnamen, der zugleich eine bestimmte +Rolle in sich schloß. Die Mitglieder der Gesellschaft leisteten das +Gelübde des Schweigens, und die Formen des Verkehrs, feierlicher gemacht +durch Worte aus einer selbsterfundenen Sprache und durch eine künstliche +Rangordnung geregelt, suchten auf die Haltung und den Geist der Truppe +zu wirken. Mit Anbruch des Frühlings wurden die Märsche bis gegen den +Moritzberg und die Wälder an den Ufern der Zenn ausgedehnt. Wenn das +einsame Schloß des befreundeten Königs erreicht war, nämlich ein +Forsthaus oder eine Fuhrmannskneipe, sonderte sich Engelhart von den +Genossen ab und stellte in der tiefen Wildnis dem Auerochsen und dem +Bären nach oder er ging horchend dahin, untertauchend in die Stille und +die Augen zu Boden geheftet wie der traurige Prinz, dessen Herz vor +Sehnsucht krank ist. Er besaß das Land, das sie durchzogen, es war in +Wahrheit sein Eigentum; es war ihm herrlich zu Sinn, wenn sie alle +schweigend in einer fast leidenschaftlichen Gangart dahineilten und der +Wind schüttelte die Baumkronen und die Krähen schwirrten vor ihnen auf. +Er brachte etwas Stürmisches und Atemloses in diese Wanderzüge, nicht so +sehr durch die Begierde nach immer neuen Eroberungen als durch die +unbeschreibliche Unruhe und das Drängende, Gärende, Wollende seines +ganzen Wesens. Am liebsten hätte er nirgends Rast gemacht, nur immer +ziehen, ziehen, ziehen, die Welt war so groß, der Himmel so weit. + +An Tagen, wo es unmöglich war, die Stadt oder gar das Haus zu verlassen, +schloß er sich in die Kammer ein, rannte stundenlang auf und ab und sang +dazu, indem er sich von einem unsichtbaren Orchester begleitet wähnte. +Dann war sein Schlaf schwer und oft unterbrochen, auch war ihm das +Zubettgehen mehr als je verhaßt und er meinte durch den Schlummer eine +Einbuße an Leben zu erleiden. Es geschah immer häufiger, daß er sich zur +vorgerückten Abendzeit heimlich aus dem Hause stahl, und er wußte die +Magd zu bereden, daß sie ihn heimlich wieder einließ. Am Pegnitzufer, +dicht neben der Mauer des protestantischen Kirchhofs, stand ein altes +und wegen einer Senkung des feuchten Erdreichs unlängst verlassenes +Haus. Der Besitzer wollte es nicht abtragen lassen, da der Grund +ziemlich wertlos war; so hatte man an den Seitenmauern einstweilen +Stützbalken angebracht, und um die Wände im Innern vor weiterer Fäulnis +zu bewahren, standen Trockenöfen in den Räumen und die rote Glut +strahlte aus den Fenstern weit in die Nacht. Das Tor war verriegelt, +doch Engelhart stieg durch eines der erdgeschössigen Fenster ein, +kauerte sich in einen Winkel und gab sich dem Abenteuerlichen und +Gesuchten seiner Lage mit erwartungsvollem Trotze hin. Es war ihm recht, +wenn es in den Dielen über ihm geisterhaft knackte oder im Keller die +Ratten rumorten. Die Nähe des Kirchhofs war es besonders, die ihn +ergriff; durch ein seitliches Fenster konnte er die Trauerweiden und +Grabsteinkreuze ungeachtet der Dunkelheit gewahren. Es steckt ein +doppelgängerisches Wesen in der menschlichen Brust; sein Revier ist der +Traum, es macht das Unbegreifliche zum Bild, den Willen bindet es und +wie die Spinne das Insekt, umklammert es die Seele und entsaugt ihm die +Kräfte einer behaglichen Freiheit. Bei manchem durchbricht es seinen +Bezirk, bemächtigt sich auch des wachen Geistes, prägt die Marke der +Hörigkeit selbst auf die jugendliche Stirn, will vernommen sein, und +wenn es nicht gegenwärtig ist, will es beständig erharrt werden, es +macht den Stetigen flüchtig und den freundlichen Charakter einsam, mit +holden Versprechungen umgaukelt es das Herz, mischt das Gift der +Ungeduld in jede freudig ruhende Stunde und trägt das Bewußtsein des +Lebens mit bedächtiger Grausamkeit frühzeitig auf die Wege des Todes, +läßt um das Ende wissen, wenn noch nicht einmal die erste Frucht des +Daseins reif geworden ist. + +Drei- oder viermal mochte Engelhart unbehelligt in dem leeren Hause +geweilt haben, da sah er einst, während er sich erhob und zum Fenster +schritt, ein verzerrt-grinsendes Gesicht von draußen hereinblicken. Er +erschrak, und erst als das Gesicht verschwunden war, erkannte er seinen +alten Feind, den rothaarigen Rindsblatt. Seit er ihm vor Jahren den +übeln Streich gespielt, hatte er nicht ein Wort mit ihm gewechselt. +Engelhart begriff, daß ihm der Bursche aufgelauert haben müsse, +vielleicht war er selbst auf der Straße an ihm vorbeigegangen, ohne ihn +zu sehen. Er verbarg sich wieder, wartete geraume Weile, dann öffnete er +vorsichtig das Fenster, schaute hinaus und da er nichts Verdächtiges +wahrnahm, verließ er seinen Zufluchtsort. Kaum war er draußen, so kam +von der Uferböschung eine Gestalt auf ihn zu, die den Arm drohend erhob. +Es war Rindsblatt. Engelhart begann zu laufen, der andre lief +hinterdrein. Engelhart lief hinunter gegen den Markt, das Wasser der +Pfützen spritzte unter seinen Stiefeln auf, sein Gewand war mit Kot +bedeckt, die Schritte hallten von den Häusermauern zurück, das +anfängliche Lustgefühl der raschen Bewegung verwandelte sich in Angst, +die Angst wuchs und versperrte seine Kehle, er lief blindlings, ohne zu +wissen wohin, der andre ihm nach, endlich kamen sie in die abschüssigen +Straßen der Altstadt, Wasser und Wassergeplätscher machten ein Ende, +dort unten war alles überschwemmt, weit über den Schießanger und das +neue Schlachthaus hinaus, und wo sie standen, bespülte die Flut schon +die Torstufen der Häuser. Mondschein lag auf dem weiten Spiegel des +Sees, drüben beim Wehr sprühte silbern die Gischt. Engelhart stierte +hinab, keuchend vom Lauf, Rindsblatts Gesicht war schweflig fahl und er +sagte durch die verpreßten Zähne: »Ich will dich jetzt ins Wasser werfen +und ersäufen. Dann sind wir quitt.« Engelhart keuchte verächtlich: »Ein +schlechter Kerl, wer seine Rache so lang aufhebt.« Mit grünlich +glitzernden Augen schnellte Rindsblatt auf ihn zu, da kam aus einer +Seitengasse ein ungeheurer schwarzer Fleischerhund, stellte sich +bösartig knurrend zwischen die beiden Knaben und fixierte einen um den +andern mit offenem Maul und hängender Zunge. Sie wagten nicht, sich zu +rühren, und als das Tier durch einen schrillen Pfiff zurückgerufen +wurde, schien sich Rindsblatt eines andern besonnen zu haben, er machte +kehrt und seine plump schreitende Gestalt entfernte sich langsam gegen +den Lilienplatz. + +Am nächsten Tag wurde Engelhart zum Rektor berufen, Rindsblatt hatte die +nächtlichen Ausflüge und das Einsteigen in das fremde Haus denunziert. +Engelharts Benehmen war das eines Schuldigen; feierliche Verhöre +zerbrachen bei ihm jeden Widerstand und jedes Selbstgefühl, seine äußere +Haltung wurde durchaus von der Haltung der andern hervorgebracht. Da der +Rektor nichts Wesentliches herausbringen konnte und da das, was +Engelhart berichtete, ziemlich verhalten und konfus klang, glaubte er an +einen verstockten Heuchler geraten zu sein. Auch der Ordinarius hegte +den Verdacht, daß hier eine geheime Verbindung oder Verschwörung im Werk +war, doch keine der üblichen Pressionen und moralischen Folterungen +führte zu einem Aufschluß, der unbekannten Übeltat war nicht +beizukommen, und so wurde Engelhart schließlich zu mehrstündiger +Einsperrung verurteilt und sein Vater erhielt über das Vorgefallene +ausführlichen Bericht. Alles nahm einen amtlich-wichtigtuerischen Weg, +jeder, der ein bißchen Macht hatte, spielte auf seine Weise Polizei, auf +Subordination war jeder Geist gedrillt und keinen kam ein menschliches +Lächeln an. Auch Herr Ratgeber faßte das Geschehnis völlig als +Staatshandlung auf und verbarg nicht seinen Kummer und seine +Enttäuschung um den Sohn. Engelhart mußte sich zu Hause abermals einer +Reihe von Verhören unterwerfen, und Frau Ratgeber strafte ihn, wie sie +eben zu strafen pflegte, durch Demütigungen berechnetster Art und +dadurch, daß sie ihm verschiedentlich die Mahlzeiten vorenthielt. + +In dieser Zeit wuchs für Engelhart nicht viel Trost. Er ging mit +gesenktem Kopf herum, auch sein inneres Schauen war verschleiert. Oft +beobachtete er Männer auf der Straße mit dem furchtbaren Hintergedanken, +welcher von diesen wildfremden Leuten ihm wohl besser hätte Vater sein +können als der eigne Vater. Bisweilen ruhte er am Tisch zu Hause von den +anstrengenden und sinnlos weitläufigen Schularbeiten aus und blickte an +der Lampe vorbei in das auf die Zeitung herabgebeugte Gesicht seines +Vaters. Er faßte die Möglichkeit ins Auge, mit ihm zu sprechen, etwa wie +mit einem Freund, und schon der Gedanke hatte etwas Absurdes. In allen +Büchern war die Rede von dem heiligen Band zwischen Vater und Kind, er +spürte es nicht, er spürte nur das Joch unliebsamer Strenge und +schablonenhafter Zucht. Die Worte, die sie hie und da wechselten, waren +aus der kargen Enge des praktischen Bedarfs geboren, hatten niemals +einen geistigen Hauch, vom Scherz nicht zu reden. Er wußte sich's nicht +zu gestehen und fühlte doch, daß ein solches Beieinanderleben, selbst +wenn es dem natürlichsten Gesetz der Dinge entstammte, etwas Unwahres, +ja Frevelhaftes hatte, und er glaubte außerdem dessen gewiß zu sein, daß +er dem Vater zur Last war und daß das unaufhörliche Hindrängen gegen die +Zukunft nichts weiter vorstelle als die Ungeduld, sich seiner zu +entledigen. Er sah, wie rücksichtsvoll sich der Vater gegen seine zweite +Frau benahm und wie er alles geschehen ließ, was sie gegen ihn und den +Bruder unternahm, und wie er geflissentlich schwieg oder nur schüchtern +zu widerstreben wagte, wenn ein offenbares Unrecht ihm zu Ohren kam; +Engelhart hörte auf zu hadern, er wähnte, irgendeine bindende +Verpflichtung des Vaters läge dem zugrunde, der Vater müsse sich +irgendwie an dieser Frau vergangen haben, sei in Schuld und Sühne +verstrickt und finde nicht mehr zu sich selbst. Unter solchen Erwägungen +wurde ihm Frau Ratgeber zu einer hassenswerten Gestalt und den Vater gab +er für sein Herz, einer unerbittlichen Logik gehorchend, verloren. + +Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo auf einem mäßig großen Regal +die Bücher des Vaters aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner +Lieblingsgewohnheit unter den alten Scharteken, die sämtlich aus Herrn +Ratgebers Jugend und Jünglingsalter waren. Beim Aufschlagen eines +grauen, mehr von der Zeit als vom Lesen zerstörten Bandes, einer +Abhandlung über das Prinzip der Elektrizität, gewahrte er auf dem +Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines Vaters. Die Verse waren +überschrieben: An Agathe Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit +aufgestützten Armen, vor sich hin: + + Ist es bestimmt in Gottes Walten, + Daß ich Agathe soll erhalten, + Die mir des Lebens Inhalt gibt, + Dann will ich keine Mühe scheuen, + Mich selbst durch Tugend zu erneuen, + Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt. + + Ach, dieses holde Blühn auf Erden! + So schön war noch kein Lenzeswerden + Meiner Dunkelheit gewohnten Brust. + Doch süßer, als wenn Zephyr fächelt, + Ist's, wenn Agathes Auge lächelt, + Davor wird jeder Schmerz zur Lust. + +Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es zu wagen, sich einer +sanften Regung völlig zu ergeben. Die gelesenen Worte veränderten +unerwartet das Bild des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein +Geschöpf, das er für stumm gehalten, plötzlich zu reden begonnen hätte. +Ob wohl die Mutter um dies Gedicht gewußt? Wenn nicht, so mußte sie +zeitlebens über die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben sein, +denn daß der Vater je mit ihr davon gesprochen haben könne, schien ihm +undenkbar. Jedenfalls verbarg er seine Entdeckung sorgfältig und ließ +sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater so +gedankenverloren an, daß dieser, unangenehm berührt, sich das freche +Anstarren, wie er es nannte, verbat. + +Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen. Sein Unglück erfüllte sich +nicht auf einen Schlag, es nippte langsam, Schluck für Schluck von den +Kräften seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings brach +während einer Mittagsstunde ein Brand in der Fabrik aus. Herr Ratgeber +saß gerade beim Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst, da +gellte von drunten der durchdringende Schrei: Feuer! Mit den Worten: »um +Gottes Himmels willen« sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter. +Weißer, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des Erdgeschosses, das +Holz und die Sägespäne waren eine gar zu leichte Beute für die Flammen. +Nach wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die großen Leiter- und +Spritzenwagen konnten nicht durch den Toreingang des Vorderhauses +fahren, die Leitern mußten abgeladen und die Schläuche bis auf die +Straße gelegt werden, wodurch eine verhängnisvolle Verzögerung entstand. +Herr Ratgeber war indessen von seinem Bureau aus in das Innere der +brennenden Werkstätten gedrungen; später wurde er gefragt, warum er dies +getan, da er doch als einzelner auf keinen Fall etwas hätte ausrichten +können; er wußte nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb +gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er dermaßen in Qualm gehüllt, +daß er weder vor- noch rückwärts konnte, die Sinne schwanden ihm und er +fiel um. Zum Glück durchbrachen die Feuerwehrmänner in demselben +Augenblick eine hier befindliche, mit Brettern verschlagene Tür, sie +sahen Herrn Ratgeber liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart schaute +vom Fenster oben zu; er rührte sich nicht, Frau Ratgeber weinte und +schrie, räumte die Schränke aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er +stand am Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgebäudes war +eine Gipsgießerei; auf den Simsen lagen gewöhnlich allerlei Masken und +Reliefs, und Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst sich +entringenden Spannung, wie die Figuren vom Rauch geschwärzt wurden und +die Gesichter der Masken sich langsam verzerrten. + +Die Folge des Brandes war, daß die Polizei den ferneren Betrieb der +Fabrik nicht mehr gestattete, da die Lage des zwischen Hinterhäusern +eingezwängten Traktes als zu gefährlich befunden wurde. Herr Ratgeber +mußte so schnell als möglich eine andre Lokalität haben, auch sann er +auf Vergrößerung der ganzen Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn +keineswegs dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine Pläne +begegneten dem Mißtrauen der Geldleute, und wie um ihn zu demütigen, +wies man darauf hin, daß sein Bruder, seitdem er allein das Geschäft in +Händen habe, trefflich gedeihe. »Gewiß,« entgegnete Herr Ratgeber, »ich +bin eben kein Krämertalent, ich bin Fabrikant.« Schließlich gewann er +durch seine geduldige und überzeugende Beredsamkeit doch noch einen +Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde, er mietete ein +leerstehendes Haus am äußersten Rande der Schwabacher Landstraße, unweit +davon stand, gleichfalls in großer Einsamkeit und Stadtferne, ein +neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit seiner Familie +bezog. Nach der Rückseite breiteten sich die Wiesen aus, und ein mageres +Waldstück schloß den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter, lag +das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die sich bis gegen +Kadolzburg und Erlangen dehnten. Das auf der Höhe der Chaussee gelegene +Gebäude war den herbstlichen Stürmen von allen Seiten schutzlos +preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall bis in seine +Grundmauern; wenn die Sonne unterging, waren die Wände und +Fensterscheiben wie mit Blut bestrichen, alle Gegenstände im Zimmer +glühten von innen heraus und im Spiegel über dem Sofa malte sich noch +einmal das flammende Himmelsmeer über der auf ihre stärksten und +einfachsten Linien zurückgeführten Landschaft. Die Verlassenheit hier +draußen wirkte nicht wohltätig auf Engelhart; Besuche kamen höchst +selten, auch für die Kameraden wohnte er zu weit, und innerhalb der +Familie war doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des andern +Verfehlungen und Sünden auf, nur Furcht vereinte sie hie und da einmal, +zum Beispiel als in einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender +Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit der darauffolgenden +Nächte allen zehnfach fühlbar wurde. So wühlte sich Engelhart immer mehr +in gefährliches Abgeschlossensein, dunkler färbten sich seine Träume, +von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was alle Menschen rings um ihn herum +an ihr Dasein knüpfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, nämlich ein +schwaches, ein süßes und ein diabolisches. Das erste fügte sich jedem +Druck des Windes und der Trauer jedes Augenblicks, fügte sich und +unterlag, es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und machte ihn zum +Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten; das zweite verlieh ihm tiefen +Atem, tiefes Weilen bei sich selbst und die Liebe für die kleinen Dinge, +an denen andre gleichgültig vorübergehen, es schuf Dämmerung um seine +Augen und breitete eine gewisse Andacht über seine zügellosen +Phantasien; das dritte war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es +erzeugte aus jeder Bewegung des Gemüts einen leidenschaftlichen Rausch, +erweckte Ansprüche an das Leben, die sich niemals erfüllen konnten, +vertauschte im Nu Freude und Angst, Ungeduld und Apathie, +Überheblichkeit und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In einem alten +Buche las er einmal Worte, die ihm lange Zeit rätselhaft erschienen und +später plötzlich eine furchtbare Bedeutung enthüllten: Da stehst du am +Abgrund des Bösen, armseliger Mensch, und scheuest dich, +hinunterzublicken, aber wenn du auch deinen Pfad abkehrst, so werden +dich dennoch die Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges Mal +freiwillig das Ohr geliehen hast. + +Er war der Stadt und ihrer Menschen müde, er sehnte sich nach Freiheit +und nach der Welt; ganze Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte +die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte Ferne denkend. Aber die +Zeit erfüllte sich. Als der Sommer kam, der letzte Sommer der +Knechtschaft, wie er meinte, teilte ihm der Vater mit, daß Michael Herz +in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu sich ins Geschäft zu +nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten gekostet, meinte Herr Ratgeber, +den Mann so weit zu bringen, er selbst habe sich für den guten Willen +und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam verbürgen müssen; +Engelhart beruhigte seinen Vater, er versprach alles, was man wollte, er +dachte gar nicht an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und daß +er dem Vater wie dem Onkel gegenüber eine ernsthafte Verantwortung auf +sich nahm, es drängte ihn hinaus, etwas andres überlegte er nicht. Aus +den Briefen des Oheims spürte er heraus, daß dieser große Hoffnungen auf +ihn setze, doch daß er nichts so sehr fürchte als enttäuscht zu werden. +Michael Herz wollte Sicherheit und sichere Gewähr. Er war ein +kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus dem Nichts zu +Wohlhabenheit und einer angesehenen Stellung emporgearbeitet und gefiel +sich in dem Gedanken, daß der Sohn seiner geliebtesten Schwester berufen +sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen. Aber vielleicht sagte ihm +eine Ahnung, wie viel Schmerz und Kränkung ihm aus diesem Vorhaben +erwachsen könne, deshalb konnte er lange Zeit keinen Entschluß fassen. +Von alldem wandte Engelhart seine Gedanken ab; den guten Willen, den +spürte er, aber es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der für ein Stück +Brot alle möglichen Dinge zu leisten verspricht; er weiß, daß sein Sinn +sich wenden wird, wenn er das Stück Brot gegessen hat, aber daran will +er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangsprüfung; Engelhart war stets +ein mittelmäßiger Schüler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um den +Erfolg, auch sie waren es müde, einen sechzehnjährigen Burschen, der +Geld verdienen konnte, noch länger auf dem Hals sitzen zu haben, aber +Engelhart war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er schrieb +und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und es gelang, das Widerwärtige +ergab sich, es war irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm, +man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als sonst und +durchstrich das Konto seiner Schuld. Es war ein Aufwachen unbekannter +Kräfte, und hätte sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel +ihnen wissender, frömmer, forschender hingegeben, so wären sie +vielleicht in seinem Dienst verblieben und hätten ihm Wege gebahnt. + +Als alles glücklich abgelaufen war, wurde seine Ausrüstung notdürftig +instand gesetzt und Frau Ratgeber entdeckte auf einmal ein besorgliches +Herz für den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute Zeit. An +einem Septembertag wanderte Engelhart mit dem Vater nach Altenberg, um +vom Großvater Abschied zu nehmen. Dort war es auch längst nicht mehr, +wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da seine zweite Frau gestorben, +um seiner Einsamkeit abzuhelfen, den Schwiegersohn mit seiner Familie +von einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen Dorf zu +sich ins Haus gerufen. Es waren sechs Kinder da, die Frau, Herrn +Ratgebers Schwester, war unheilbar krank, der Mann war ein Frömmler und +verstand nicht zu arbeiten, der älteste Sohn war ein Taugenichts, zwei +Kinder lagen noch in der Wiege, das ganze Wesen verwandelte sich in +Elend und Sorge. Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zurück und +betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den sehr verfallenen Mann, er +saß in einem schmutzigen Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand. +Engelhart fühlte drückend und fast beschämt seine prahlerische Jugend, +die mit dem Glanz ihrer herausfordernden Hoffnungen vor diesem Ende +eines Lebens stand. Nachdem beide lange geschwiegen und einander bloß +angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade ein kleines +schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte es dem Enkel. Dieser zögerte, es +zu nehmen, denn es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt: +»Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart, eine feine Frau, hat mir +arg leid getan um die Frau. Dein Vater hat kein Glück mehr, seit sie tot +ist.« + +Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand Engelhart eines Abends mit +seinem Vater im Regen vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den +Zug. Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: »Sei ein braver Mensch, +werde ein braver Mann.« Er ließ sich keine Rührung anmerken, und als +Engelhart schon im Coupé saß und aus dem erleuchteten Fenster blickte, +lächelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes, zuckendes Lächeln. +Dann rollte der Zug davon, Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des +letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und die Ferne das Licht +verschlungen hatten, darauf seufzte er, spannte seinen Regenschirm auf +und ging in tiefem Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte +Auszüge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr nachts, und als er +fertig war, sah er, daß es aus war mit seinen stolzen Plänen und +Hoffnungen. Der Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer +betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr alles mit. Sie lag stumm +da, Bitterkeit und Wut verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von +einem schwarzen Seidenkleid geträumt, ferner von einem Hut mit echten +Straußfedern. Damit war es nichts; sie knirschte mit den Zähnen, legte +sich auf die andre Seite und schlief mit bösem Gesicht wieder ein. + + + + + Achtes Kapitel + + +Mit seinem kleinen Köfferchen stand Engelhart vor der hohen Tür im +weißen, erleuchteten Treppenhaus und suchte ziemlich lange nach dem +Glockenzug; den elektrischen Knopf übersah er. Schließlich klopfte er +mit dem Finger zaghaft an, das Stubenmädchen öffnete, sah ihn lächelnd +stehen und meldete seine Ankunft der Herrschaft. Herr und Frau Herz +kamen heraus, begrüßten ihn und musterten ebenfalls lächelnd seinen +Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor unter ihren Blicken die +vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens. + +Der erste Gang durch die Straßen; was er sah, schien ihm begehrenswert, +alles war Erscheinung. Mit Gier starrte er in die Gesichter fremder +Menschen, glaubte ihre Gefühle und Wünsche zu erraten; der Lärm der +Fuhrwerke machte ihn trunken vor Glück, das Glockenläuten von den +Kirchen versetzte ihn in eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den +Häusern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der großen Stadt knüpfte er +stärkere Beziehungen, als zu den beiden Menschen, mit denen er lebte und +auf die er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte Befremden. +Nur bei den Mahlzeiten war er verständlich, weil er Portionen vertilgte +wie ein ausgehungerter Sträfling. Mit dem Zustand seines Gemüts +beschäftigte man sich nicht, es war nicht üblich; daß er sich glücklich +fühlen müsse, wurde vorausgesetzt. Herr Ratgeber richtete einen Brief an +Michael Herz, worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit +unerbittlicher Strenge zu ahnden. Solche Worte waren nicht im Sinne von +Michael Herz; leider bemerkte er bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur +Sache, er schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen, +wohin das vielartige Treiben ziele, es war nichts Eigentätiges an ihm. + +Der Packraum der Fabrik befand sich in einer Art von überdecktem +Schacht, dort mußten den ganzen Tag die Gasflammen brennen. Eine +gewundene Holztreppe führte zu den Werkstätten empor. Der Oberpacker +glossierte den Inhalt eines Theaterstücks, das er gestern gesehen; als +er fertig war, kramte ein andrer seine Erinnerungen an den +Ringtheaterbrand aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von +Schauspielern. Engelhart saß träge auf den Sprossen einer Leiter. Als +dem Verwandten des Chefs wurden ihm gewisse Rücksichten +entgegengebracht, und die bezahlten Leute, von denen niemand eine +wirkliche Pflicht erfüllte, sahen seine Versäumnisse nicht ungern. Sie +wußten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und blieb ein Fremdling. + +Auf der Holztreppe erschien jetzt ein großes schlankes Fabrikmädchen und +richtete den lauernden Blick auf Engelhart. Er erblaßte. Das Mädchen +ging absichtlich nahe und langsam an ihm vorüber und ihr Rock streifte +seine Knie. Er stand auf, schlich in den halbdunkeln Nebenraum und warf +sich seufzend auf eine schmale Kiste. Plötzlich sah er empor, Michael +Herz stand vor ihm und schaute ihn mit einem tiefen Blick des Vorwurfs +schweigend an. Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte +Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine unüberwindliche Scheu +vor dem Oheim, er sah in ihm das Ideal eines Mannes und Menschen, auch +äußerlich; Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren die eines +Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war kein Geschäftsmann in +gewöhnlichem Sinn; er arbeitete mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten +Ernst eines Künstlers. Zu Hause war er aufgeräumt, ja übermütig und am +glücklichsten dann, wenn er Gäste hatte, die sich bei ihm wohl fühlten. + +Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei, wo er mehr unter +Aufsicht und Arbeitszwang stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim +zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor einem hohen Pult am +Fenster. Neben ihm saß Herr Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem +Pult hatte und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am Abend, wenn +andre anfingen, sich zu betrinken, war er schon so voll, daß er den Hut +nicht mehr auf den Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent, +behandelte Engelhart mit spöttischem Hochmut. Er sagte: »In Franken muß +es recht merkwürdige Charaktere geben,« wenn Engelhart einen +Tintenklecks auf einen Brief machte. + +»Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben anstatt auf Haben, wie ich +Ihnen ausdrücklich gesagt habe, Herr Ratgeber,« rief der Buchhalter mit +schmerzlichem Augenaufschlag. Er war ein würdiger, gelassener Mann, ein +treuer Diener der Firma. Herr Patkul knurrte bedeutungsvoll; es hieß so +viel als: mich hätte man längst hinausgeworfen bei solcher Unfähigkeit. + +Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten Blätter des Buches +vor Engelhart. Er erzitterte wie bei einer elektrischen Berührung. +»Woran denken Sie denn?« fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel; »an +das selige Franken? Dort scheint man freilich von Soll und Haben wenig +zu wissen.« Herr Patkul rief Bravo und klatschte in die Hände, der +Buchhalter ließ ein vorsichtiges Lachen hören. + +Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum der letzten Nacht. Die Träume +waren es, die ihn so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es, +sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erzählen, sah jedoch, daß +von ihrem Duft und Grauen nichts an den Worten haften blieb. Die +Tintenluft lastete bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er +addieren sollte, glichen einem Haufen dünnfüßiger Käfer, sie krabbelten +davon, während er sie mit der Bleistiftspitze verfolgte; unmöglich, die +bewegliche, dünnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann klang ein +Leierkasten von einem nachbarlichen Hof herüber und sein Herz krampfte +sich zusammen vor Sehnsucht nach der Freiheit. + +»Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage nicht dies Dasein,« +schrieb er abends, als die Verwandten im Theater waren, an den Studenten +Benedikt Knoll in München. Vor ihm auf dem Tisch stand die gefüllte +Teekanne, und das heiße Getränk erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb +und schrieb, zwölf, fünfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte die +Überschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich. Nach langer Pause war +der Briefwechsel von beiden wieder aufgenommen worden; Knoll übernahm +die Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen über Engelhart +hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart merkte es kaum. Die Person +Benedikts war ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an ihn +schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen. + +Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins Zimmer. »Ich habe dir doch +verboten, bis in die Nacht hinein zu schreiben,« rief sie aus. Ihr +Gesicht war weiß vor Ärger. Sie drehte ihm das Licht vor der Nase ab. +Sie haßte ihn, seit sie wußte, daß ihr Mann sich des Knaben wegen sorgte +und kümmerte. Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts +Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung und Widerwillen +getränkt. Seine Neigung, von Dingen außerhalb des praktischen Lebens zu +reden, fertigte sie mit höhnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende, +heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie die meisten kinderlosen +Frauen des Gleichgewichts. Sie liebte abgöttisch ihren Gatten, war +zugleich seine Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war sie +verdrießlich und zerquält und wußte kein Mittel, der Langeweile zu +entgehen, die sie folterte. + +Zwei bis drei Stunden lag Engelhart wach im Bett und seine Sinne waren +so erregt, daß ihm die Finsternis als ein purpurner Rauch erschien, der +sich zu Gestalten ballte. + +Am Sonntag zeigte ihm Emil Oesterle die Stadt, sie gingen im Prater +spazieren, und wenn sie nach Hause kamen, tranken sie Tee und spielten +Schach. Oesterle war ein sanfter Bursche, aber es mißfiel Engelhart, daß +er vor Michael Herz ein kriechendes Benehmen zur Schau trug. Er sollte +Engelharts Interesse an kaufmännischen Gegenständen wecken und +französische Konversation mit ihm treiben, doch Engelhart sah ihn dann +so spöttisch an, daß er verstummte. Sie waren schon ziemlich vertraut +und duzten einander; an einem Feiertag nach Tisch holte Engelhart den +Gefährten von seiner Wohnung ab. Beiläufig fragte Oesterle, ob Engelhart +des Morgens im Bureau gearbeitet habe, und dieser bejahte. Am folgenden +Tag erfuhr Oesterle jedoch, daß Engelhart keineswegs in der Fabrik +gewesen sei, sondern sich in den Straßen herumgetrieben habe; blaß und +aufgeregt kam er und stellte Engelhart, der nun als Lügner dastand, zur +Rede. Warum er nicht die Wahrheit gesagt, er wußte es kaum, ein Nein, +ein Ja, es entflog oft den Lippen, ehe er nur dachte, und manchmal +wünschte er geradezu zu lügen. Oesterle gab seinen Abscheu gegen die +Lüge mit Entrüstung kund und sagte: »Wenn du mich noch ein einziges Mal +belügst, Engelhart, werde ich aufhören, dein Freund zu sein.« + +Tückische Fäden spinnt das Schicksal; wenige Jahre später endete +Oesterle im Zuchthaus, weil er in dem Geschäft, wo er angestellt war, +große Geldunterschlagungen begangen hatte. + +Als der Winter um war, wurde es klar, daß es auf diese Weise mit +Engelhart nicht weiterging. Er hielt es keine Stunde hintereinander in +dem Schreibzimmer aus. Wenn Michael Herz hereinkam, fragte er mit leiser +Stimme, wo sein Neffe sei; der Buchhalter zuckte die Achseln, Herr +Hallwachs lächelte vielsagend, Herr Patkul knurrte. Eines Tages fühlte +sich der Buchhalter verpflichtet, seinem Chef die volle Wahrheit über +den jungen Ratgeber zu sagen. + +Um zwölf Uhr ging Engelhart mit Onkel Michael zusammen nach Hause. Es +herrschte ein beklommenes Schweigen zwischen ihnen. Auch bei Tische +schwieg Michael Herz; Frau Esmee bemerkte, daß er einen starken Kummer +in sich hineindränge. Plötzlich schien es, als ob eine Gebärde, ein +Blick Engelharts seinen offenen Zorn furchtbar entfesselte. Er +schleuderte Messer und Gabel von sich, sein Gesicht wurde dunkelrot und +er stieß maßlose Drohungen und Vorwürfe gegen Engelhart aus, der wie +gelähmt dasaß. Frau Esmee umhalste den erregten Mann und suchte ihm Ruhe +und Fassung zurückzuschmeicheln, zugleich winkte sie Engelhart +gebieterisch zu, er solle das Zimmer verlassen. + +Er suchte Emil Oesterle auf, um das Vorgefallene mit ihm zu besprechen. +Aber der furchtsame Mensch hütete sich, etwas zu sagen, was Michael Herz +hätte mißbilligen können. Den größten Teil des Nachmittags verwandte +Engelhart dazu, um einen dringlichen Brief an Benedikt Knoll zu +schreiben. Es war sein verderblicher Wahn, stets von den andern Menschen +Billigung, Verständnis, Hilfe zu erwarten. + +Er spürte irgendeine unfaßbare Kraft in sich, sein Blut wirbelte in den +Adern, Beglücktheit und tiefste Trauer wechselten von einer Minute zur +andern. Lauer Frühlingswind strich durch den Park, in dem er ging, +durch die hohen Fenster des Konzertsaals fiel das Licht auf die +schwarzen Bäume. Es war, als würde der Walzer drinnen von Geistern +gespielt, die Menschheit lag im Todesschlaf, er allein war der Lebende, +für ihn allein war die Welt entstanden. + +Benedikt Knoll schrieb: »Wenn Du ernsten Willen hast und Notabene Geld, +so komm. Ich werde Dich bald so weit haben, daß Du Vorlesungen besuchen +kannst. Es sind nicht lauter erleuchtete Geister, die sich am Busen der +Alma mater mästen. Schließlich vermag Minerva ihre Mannen so gut zu +ernähren wie Merkur die seinen.« + +»Nun, was willst du eigentlich? was schwebt dir vor?« fragte Michael +Herz. »Bist du zur Besinnung gekommen?« -- Zögernd offenbarte Engelhart +seinen glühenden Wunsch zu studieren. Michael Herz schwieg. Seine +geröteten, hochgewölbten Lider senkten sich über die unruhig irrenden +Augen. »Gut, studiere,« entgegnete er endlich schroff. »Ich gebe keinen +Kreuzer dafür her. Wer so wie du sein Glück mit Füßen tritt, ist nicht +mehr wert, als zu verhungern. Das merke dir: und wenn ich dich an einer +Straßenecke liegen sehe und du schnappst nach Brot, ich höre nichts, ich +kenne dich nicht.« -- »Du hast mich gefragt, was ich will, ich habe +ehrlich geantwortet, Onkel,« sagte Engelhart. »Natürlich, ich bin arm +und kann ohne deine Zustimmung nichts tun.« Frau Esmee kam dazu, und die +ungemessene Verachtung, die sie Engelhart bezeugte, machte ihn völlig +verstockt. Jedes unbefangene Wort auf eine bestimmte Dankesschuld hin +beurteilt zu sehen, das erbittert. + +Michael Herz sprach mit seinen Freunden über den Fall. Sie sagten +zumeist das, was er oder vielmehr was Frau Esmee hören wollte. Nur ein +einziger, auf dessen Klugheit und Weltkenntnis er große Stücke hielt -- +es war der Hausarzt --, machte sich anheischig, mit Engelhart zu reden, +und stellte ihm das Unbillige, ja Vernunftlose seines Verhaltens vor. +Engelhart horchte auf. Das war der erste Mann, der menschlich mit ihm +redete und nicht wie von einem Turm herunter allgemein tönende Worte von +sich gab. »Ich kann nicht,« war alles, was Engelhart zu antworten +vermochte, doch hatte seine Stimme einen flehentlichen Klang. + +Am ersten Mai fuhr das Ehepaar Herz für einige Tage aufs Land. +Engelhart blickte von seinem Zimmer aus in den Hof auf die fensterlose +Rückenmauer des Nachbarhauses. Auf einem vorspringenden Steinabsatz saß +ein Sperling. »Bleibt er sitzen, bis ich zwanzig zähle, so tue ich's +noch heute,« sagte Engelhart. Mit vorgenommener Langsamkeit fing er an +zu zählen. Sein Herz klopfte bang. Als er bei zwölf war, legte der Vogel +das Köpfchen schräg ins Gefieder und schaute in die Richtung, wo +Engelhart stand. Er konnte bis dreiundzwanzig zählen, da flog das +Tierchen auf und zwitscherte ins Sonnenlicht hinein. + +Engelhart überrechnete seine Barschaft; er hatte sich ungefähr fünfzig +Gulden erspart und meinte, es sei viel Geld. Dann ging er ins Museum, +sah aber keine Bilder an, sondern setzte sich in eine Ecke und +beobachtete lange Zeit das Spiel eines Sonnenstrahls, der sich um eine +Marmorsäule wand. Eine schöne Frau, in dunkeln Sammet gekleidet, schritt +vorüber, ohne ihn zu sehen. Sie trug zwei gelbe Rosen in der Hand, und +er hörte sie mit gedankenvoll lächelndem Mund etwas flüstern. + +Nachmittags packte er seinen Koffer, die Dienstboten kümmerten sich +nicht um ihn. Als es dunkel wurde, verließ er das Haus. Es war ein +göttlich milder Abend; der Mond lag zwischen scharfgeschnittenen Wolken +wie in einer dunkelblauen Schüssel. Jetzt war es ihm doch gar eigen ums +Herz, weder traurig noch lustig, sondern weh und verantwortungsvoll. Auf +dem Bahnhof kaufte er ein Billett nach München. Er mußte über eine +Stunde bis zur Abfahrt warten, dann wurde er in einem unabgeteilten +Wagen mit mehr als dreißig Personen zusammengepfercht. Nach den ersten +Stationen wurde es erträglicher, aber die Luft war schlecht und die +Beleuchtung trübe. Engelhart drückte die Stirn an die Fensterscheibe +und schaute in die mondbeschienene Wald- und Hügellandschaft. + +Ihm gegenüber saß eine Bauernmagd; sie hatte ein rotes Tuch über die +Holzlehne gebreitet, darauf hatte sie den Kopf gelegt und schlief. Ein +sonderbarer Kitzel trieb ihn, an dem Tuch zu zupfen; die Nachbarn sahen +zu und lachten. Der Beifall ermunterte ihn und er wiederholte es, jetzt +rutschte das Haupt der Schläferin ein Stück herunter. Die Zuschauer +waren höchst belustigt, die ganze Gesellschaft wurde munter, und als die +Bäuerin schließlich ein unwilliges Gebrumm hören ließ, brachen alle in +dröhnendes Gelächter aus. Engelhart nahm einen Zigarettenstummel und +steckte ihn der immer noch Schlummernden in den Mund. Die Leute fühlten +sich wie im Theater, ein altes Weib bekam vor Lachen einen Hustenanfall. +Die Schläferin schlug die Augen auf, ihr verschämtes und bestürztes +Gesicht vermehrte den Jubel. Engelhart ließ es damit nicht genug sein, +es kam wie eine Wut der Tollheit über ihn, er bellte, krähte, wieherte, +nannte einen dicken, triefäugigen Menschen beständig »Herr Professor«, +stieg auf die Bank und hielt eine unsinnige Ansprache, dabei empfand er +im Innern ein finsteres Staunen über sich. Der Raum war von Tabaksqualm +erfüllt, die lachenden Gesichter verzerrten sich vor seinen Augen zu +unheimlichen Gebilden. Am andern Ende des Wagens saß ein Prälat; dieser +wandte sich an die Zunächstsitzenden und sagte: »Der junge Mensch kommt +mir verdächtig vor.« Darauf erhob sich ein andrer, offenbar ein +Handlungsreisender, und rief Engelhart zu: »Sie, sagen Sie mal, sind Sie +vielleicht Ihrem Herrn Vater mit dem Geld davongelaufen?« Engelhart +stutzte, dann erwiderte er mit gespielter Verachtung: »Mein Vater hat +gar kein Geld.« Da sah Engelhart ein strenges Augenpaar auf sich +gerichtet. Es war ein blasser, einfach gekleideter Mann mit einer Narbe +auf der Stirn. Streng und drohend war der auf ihn geheftete Blick. +Allmählich wich das berauschte Wesen einer tiefen Niedergeschlagenheit. +'Warum starrt er mich so düster an?' grübelte Engelhart. Er wünschte mit +dem Fremden zu sprechen; es lag ihm daran, jenem mitzuteilen, daß er +nichts Böses im Schilde führe, daß es überflüssig sei, ihm unfreundlich +entgegenzutreten, und daß er Menschen suche, von denen er geliebt sein +wollte. Aber es gab keinen Weg von ihm zu dem Fremden, obwohl sie nur +drei Schritte voneinander entfernt waren, es gab kein Mittel, den +Unversöhnlichen milder zu stimmen. + +Als der Zug sich der Grenze näherte, wurde es Tag. Zur Rechten lagen die +rosig umhauchten Gipfel der Berge in der gläsernen Frühluft. Eine dumpfe +Stimme rief: »Engelhart! Engelhart!« War es nicht der Mann mit der +Narbe? Nein, jener war fort, der Platz, auf dem er gesessen, war leer. -- + +»Wieviel Geld hast du mitgebracht?« fragte Benedikt Knoll. Engelhart +nannte die Summe, die er noch besaß. »Und für wie lange soll das +reichen?« fragte Knoll weiter. Darauf wußte Engelhart keine Antwort. +Knoll war erschrocken. »Kommst du denn ohne die Einwilligung deines +Onkels?« fragte er und erfuhr, daß Engelhart als Flüchtling kam. Nun +hatte der kleine Student nicht mehr das geringste Wohlgefallen an der +Ankunft des Freundes. Indessen schmiedeten sie noch am selben Tag einen +diplomatischen Brief an Michael Herz. Knoll teilte dem von ihm verehrten +Manne mit, wie die Dinge standen und daß er sich für die anständige +Führung Engelharts verbürge. Wenn er wirklich das Zeug zu einem Manne +der Wissenschaft habe, dürfe man ihn doch nicht untergehen lassen; Herr +Herz möge Gnade walten lassen und den Hilflosen vor Not schützen. Als +Antwort kam nach acht Tagen nichts weiter als eine geschäftliche Notiz +der Firma, wonach Engelhart bis auf weiteres an jedem Monatsersten +fünfzig Mark ausgezahlt erhalten sollte. Benedikt Knoll rang die Hände. +»Fünfzig Mark!« rief er aus, »da mußt du von jedem Fünfzehnten ab einen +vierzehntägigen Schlaf tun.« Das Zimmer, das er für Engelhart gemietet, +kostete allein den dritten Teil dieser Summe. Aber wenn Engelhart +fünfzig Mark in der Hand hatte, hielt er es für unmöglich, daß so viel +Geld jemals ganz ausgegeben werden könne. Erst wenn die letzten Groschen +in der Tasche klimperten, wurde ihm unbehaglich zumute. + +Knoll spürte wenig Lust, den Lehrer zu machen, und Engelhart noch +weniger, Schüler zu sein. Er hatte genug gelernt, nun wollte er sehen, +atmen, leben. Trotzdem verbrachten sie einen Tag damit, auf dem +Büchermarkt eine lateinische und eine griechische Grammatik +einzuhandeln. Es geschah der Form wegen. Dann kamen auch Stunden, wo +Engelhart sich aufraffte und seinem Gedächtnis eine Reihe von Vokabeln +einprägte, die er am nächsten Tag wieder vergaß. Es ist aussichtslos, +dachte Benedikt Knoll und sann darauf, wie er sich der lästigen +Verantwortung entledigen könne. Inzwischen lebten sie als gute +Kameraden, und da Engelhart an einem unstillbaren Hunger nach Menschen +litt, machte ihn Knoll mit seinen Kommilitonen bekannt. Engelhart kam +jedem einzelnen mit kindlichem Vertrauen entgegen, aber er setzte sie +damit in Verlegenheit; sie wunderten sich über ihn, was er sagte, +erschien sonderbar einfältig oder unverständlich. Knoll hingegen war +beliebt, und wenn er Engelhart zur Zielscheibe seines Witzes machte, +sahen sie auch diesen mit günstigeren Augen an, weil sie über ihn lachen +konnten. + +Sie standen fest auf ihren Füßen, die Studenten und Studentlein. Jeder +verübte mit dem, was er besaß, und war es noch so wenig, greulich viel +Lärm und Geklapper, so daß seiner Armseligkeit nicht beizukommen war. +Ungeachtet aller Liederbuchphrasen von deutschem Männerstolz und echtem +Germanentum waren sie die Knechte eines jämmerlichen Formelwesens, und +der ganze Freiheitsdrang hatte ausgetobt, wenn sie eine Straßenlaterne +zerschlagen und einen Nachtwächter beschimpft hatten. Sie waren +überzeugt, als Schirmherren für die idealen Güter der Nation bestellt zu +sein, doch im Grunde betrachteten sie all das wissenschaftliche oder +patriotische Getue als ein Geschäft wie jedes andre. Kräfte der Ahnung, +Kräfte des Herzens wurden im Bier ersäuft. + +Es war ein Juniabend, Knoll und Engelhart spazierten mit fünf andern +Studenten über die Ludwigstraße, Knolls Intimus, ein gewisser +Schustermann, führte seinen Hund an der Leine, eine schöne dänische +Dogge. Plötzlich riß sich das Tier los, verfolgte einen andern Hund, kam +aber, als sein Herr pfiff, sogleich zurück. Nun war jedoch Schustermann, +auch sonst ein galliger Bursche, diesmal in boshaft trunkener Laune. Er +fing an, den Hund aufs grausamste zu schlagen, und schließlich blutete +das Tier aus mehreren Wunden. Je mehr es mißhandelt wurde, je +erbärmlicher winselte es um Gnade; Schustermanns Freunde standen lachend +herum, und einer sagte: »Der Hund ist wie ein Jud.« Engelhart fuhr +zusammen und erwiderte mit stockender Stimme: »Wenn man die Juden auch +blutig schlägt, um Gnade pflegen sie nicht zu betteln.« Die Studenten +fanden den Auftritt peinlich, und der älteste bemerkte naserümpfend: +»Mir scheint, er bildet sich was darauf ein, daß er ein Jude ist.« Knoll +war wütend und zischte Engelhart zu: »Nur nicht pathetisch sein, das +gibt es hier nicht.« + +Am andern Tag kam er zu Engelhart ins Zimmer und machte ihm förmliche +Vorhaltungen. »Was kümmert es die Leute, daß du Jude bist,« eiferte er. +»Schlimm genug, daß wir es sind, wir haben nicht nötig, viel Aufhebens +davon zu machen. Wir wollen endlich Ruhe haben und alles vergessen, und +jene sollen gleichfalls vergessen.« + +Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte ihn nicht mehr nach +ihrer Gesellschaft. + +»Wie willst du überhaupt vorwärts kommen mit deiner beispiellosen +Anmaßung?« fuhr Knoll fort. + +»Ich -- anmaßend?« flüsterte Engelhart erstaunt und bestürzt. »Ebensogut +könntest du sagen, Schustermanns Hund sei gestern abend mutig gewesen.« + +Knoll beachtete die Einrede nicht. »Du arbeitest nichts, du hast kein +Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue, was ich für dich getan habe,« +sagte er. + +Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in die Abendröte. Fern +zwischen Häusern schwebte noch ein schmales Sonnensegment. Herz der +Welt, du sollst erglühen, dachte er mit jähem Entzücken -- Worte, die er +nie früher gehört. Von einem gegenüberliegenden Wirtshaus drangen +Harfen- und Geigenklänge herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn, sein +ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer Musik, das Dämmern +und Weben der Zeit, ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen +unfaßbarer Akkorde. + +»Komm, Benedikt,« sagte er versöhnend, »laß uns eine Partie Schach +spielen.« Knoll war es zufrieden, und da er gewann, kehrte seine gute +Laune zurück. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem Brief an Frau +Wahrmann Engelharts Treiben höchst abfällig. Das machte böses Blut, auch +Herr Ratgeber, der jetzt in Würzburg wohnte und dort als +Versicherungsinspektor tätig war, erhielt Nachricht, wie die Sache +stand. Er schrieb sogleich an Engelhart und beschwor ihn, umzukehren, +solange es noch Zeit sei. »Willst du denn das geistige Proletariat um +eine hoffnungslose Existenz vermehren?« schrieb Herr Ratgeber. »Ist es +denn kein Beruf, der deiner würdig ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du +denn eigentlich? O, alles Unglück kommt über mich, auch diese +Erwartungen nun zuschanden, und wie steh' ich vor meinem Schwager Herz +da! Wenn deine Mutter noch lebte, das würde sie töten. Kann dich nichts +andres bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an die Leiden und +Entbehrungen, die dir bevorstehen.« + +So von allen Seiten in die Enge getrieben, verlor Engelhart selbst das +Vertrauen zu dem gegenwärtigen Zustand. Das Schlimmste war, daß er mit +dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des Monats nicht wußte, wovon +er leben sollte. Er konnte nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu +essen pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er träumte sich hinweg über +die Mißlichkeiten, sein Inneres befand sich in einer beständigen Glut. + +Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach Hause, auch die geringe +Zahl der übrigen Bekannten verließ die Stadt. Engelhart wanderte unter +den Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende war. Das Gewimmel +geputzter Menschen stimmte ihn traurig. Vor der kleinen Rotunde +begegnete ihm eine auffallend schöne Frau, er blieb stehen und sah ihr +mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den Englischen Garten. +Bei der Mühle lagen riesige Felsen im Wasser, er kletterte von Stein zu +Stein und ruhte endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren nicht +Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein mystisches Weben in seinem +Innern, das einen Zustand von Dämmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg +kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat hinein und ließ sich von +der kühlen Stille wollüstig umschauern. + +Es war ihm zumute wie einem Seiltänzer, dem die Balancierstange +entfallen und der nun die Augen schließt und bebend in die Luft greift, +um nicht zu stürzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben. Er +merkte nicht, daß es im Zimmer dunkel wurde. Um neun Uhr pochte die +Hausfrau und brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich jäh und +glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit engelhaften Zügen und +einer sanften Gewalt der Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame, +die ein Seifen- und Kerzengeschäft führte. + +Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat verlassen und weilte bei +den Eltern in Würzburg, von wo sie ihm einen ihrer kindlichen und +unbedeutenden Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb +wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung schlaff waren. War +es doch ein weibliches Wesen, das ihm von Bluts wegen zugehörte. +Stundenlang saß er in der Nacht und betrachtete immer wieder das Bildnis +der Schwester. + +Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge, daß Engelhart der +Müßiggängerei ein Ende mache und einstweilen nach Würzburg reise. +Engelhart war der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit floß +fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen, mußte aber seine +Uhrkette verkaufen, da sonst das Geld zur Fahrt nicht gereicht hätte. Er +wurde nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet aus. +Trotzdem schien Herr Ratgeber nie verdrossen, eher bekümmert, und auch +dies nur, wenn er sich unbeobachtet wußte. Er litt unter seinem neuen +Beruf, denn es war der jämmerlichste von allen Berufen der Welt und +zwang den zurückhaltenden Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz +unverschämt war, durfte kein Mittel verschmäht werden, und wer am +meisten schwatzen konnte, trug den Sieg davon. + +Abel war Lehrling in einem Tuchgeschäft; in der Schule hatte er nicht +länger bleiben wollen, aber in seiner Stellung tat er auch nicht gut, er +machte schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft war beschlossen +worden, ihn nach Amerika zu expedieren; Herr Ratgeber hatte sich an +einen Jugendfreund gewandt, der drüben reich geworden war. Am zehnten +September ging das Schiff von Bremen ab, bis dahin mußte Abel +reisefertig sein. + +»Du mußt nach Wien schreiben und Abbitte leisten,« war das erste Wort +morgens und das letzte abends für Engelhart. Er sträubte sich aus allen +Kräften, der bloße Gedanke machte ihn sich selber zum Abscheu. Aber die +Tage sind lang und das Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die +Demütigungen und Vorwürfe von seiten der Stiefmutter wirkte der stille +Kummer des Vaters. Herr Ratgeber vermochte dem Sohn gegenüber nicht +beredt zu werden, wie er sich's vorgenommen hatte. Er nahm in Engelharts +Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken im Auge, einen Tonfall der Sprache, +was ihn an die eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein Herz +milder als sein Urteil. Es war öde um ihn, unwillkürlich suchte er im +Gefühl zu den Kindern einen Halt. + +Es war ein wunderbar verblühender Sommer, ein stetiges Abflammen in den +Herbst hinein. Engelhart trieb sich in den Weinbergen herum und schaute +von oben auf die türmereiche Stadt nieder. Im Hause war er gern, wenn +Gerda zugegen war. Sie war schön zu nennen, zart von Gestalt, blaß von +Gesicht; ihr schüchternes Auge, ihr sanftes Hinträumen machten einen +innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen; sie lachte; vom Bruder +beschenkt zu werden, erschien ihr komisch. + +Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte. Engelhart stand auf, +klopfte an Gerdas Schlafzimmertüre und fragte, ob sie sich fürchte. Sie +schlief und hörte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das Donnern in +die Ferne zog. Er dachte darüber nach, ob Gerda einst glücklich sein +würde. Auf der Straße bemerkte er sie von weitem und blieb in +unbesieglicher Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und ihre +Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen tadelnswert +überschwenglich, und er erinnerte sich mißbilligend an die seltsame +Gewohnheit, die sie hatte, Kalk von den Wänden zu schaben und zu essen. + +Gefährten hatte er hier keinen. Es gab viele Studenten in der Stadt, +doch er fühlte sich nicht zu ihnen gehörig; es gab auch viele Kaufleute, +und zu den Kaufleuten gehörte er gleichfalls nicht. + +Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz geschrieben und +abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen und Selbstanklagen. Vor +der Stadtmauer beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem kein Wasser mehr +lief. Dorthin eilte Engelhart, wühlte das Gesicht ins Moos, und nachdem +er eine Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte sich auf +den Rücken und studierte die Wolken. Oben auf der Mauer war eine +einsame, von Birken- und Ahornbäumen gebildete Allee. Am Tag vor Abels +Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der dumpfe Abel hatte +keinen Begriff von Reise und Ferne, er freute sich nur, der +unerträglichen Tyrannei der Stiefmutter entrinnen zu können. Widerwillig +war er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen und Ratschläge +lästig. Sie setzten sich auf eine Steinbank, und Abel sagte gelangweilt: +»Du könntest mir wenigstens eine Geschichte erzählen, Engelhart, wie +früher, weißt du noch?« -- »Schön, ich will dir etwas erzählen,« +antwortete Engelhart, »die Geschichte vom ewigen Bräutigam.« Er schaute +eine Weile besinnend in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da fing er +an: + +Es lebte einmal ein ganz gewöhnlicher Hirtenjunge, dessen größtes +Vergnügen war es, auf der Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je +nachdem die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, daß sie ihm nicht ins +Gesicht schien. Wenn man ihn fragte: »Nichts zu tun, Jackele?« so +antwortete er: »Alles schon getan,« und sie nannten ihn daher Jackele +Katzenpelz. Einmal wurde Jackele mit den Gänsen auf eine Waldwiese +geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich auf den Rücken und +dachte darüber nach, was wohl hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen +sein möchte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank, erhob er sich und +wollte die Gänse zusammenrufen. Da sah er einen großen rosigen Flamingo, +der vom Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die Flügel +ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die Luft flog. Kaum hatten +die Gänse den zauberhaften Ruf vernommen, so flatterte eine nach der +andern hinauf, und sie zogen in langer weißer Linie zuerst um die +Baumkronen und dann in den abendlichen Äther. Als Jackele ohne die Gänse +heimkam, fielen die Dorfbewohner über ihn her, prügelten ihn erbärmlich, +und sein Vater wies ihn von der Tür und sagte, er solle ihm nicht mehr +vor Augen kommen ohne die Gänseherde. Mitten in der Nacht mußte er aus +dem Dorf wandern und sann darüber nach, wie er wieder zu den albernen +Gänsen kommen könnte. Die Frösche hockten aufgeblasen in der Wiese und +quackten: + + »Jackele, Jackele, wo sind denn deine Gäns'? + Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schwänz'.« + +Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den Gänsen und wurde +traurig. Da tauchte ein silberner Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser +empor, tanzte eine Weile umher und flüsterte endlich: + + »Jackele, nicht weinen, + Sternlein soll scheinen, + Sturmwind soll wehn, + Mußt durch die sieben finstern Länder gehn.« + +'Wie soll ich den Weg durch die sieben finstern Länder finden?' dachte +Jackele. Aber die Sterne schienen so hell vor ihm her, daß er nicht in +die Irre geraten konnte, und als er anfing, müde zu werden, kam der +Wind, nahm ihn auf seine Schulter und trug ihn bis dorthin, wo wieder +die Sonne am Himmel stand. Da sah er auch schon die schimmernden Mauern +der königlichen Burg in einem Garten mit lauter dunkelroten Blumen. Und +wie er aufhorchte, hörte er von drinnen ein wohlbekanntes Geschnatter +und wußte, daß seine Gänse im Schloß des Königs seien. Er pochte +schüchtern an das eiserne Tor, doch niemand hörte ihn, und es ward nicht +geöffnet. Schon fing sein Mut wieder an zu schwinden, da flog ein +Bienenschwarm heran, kreiste um seinen Kopf, und wie er mit den Händen +Gesicht und Augen verdeckte, um sich vor ihren Stichen zu schützen, +hörte er, wie sie summten: + + »Mußt das feige Blut bezwingen, + Nicht nur warten, nicht nur hoffen, + Wolle nur, so wird's gelingen, + Riegel fällt und Tor ist offen.« + +Als er dies vernommen, nahm er seine ganze Kraft und alle Gedanken +zusammen und schritt auf das Tor los, und wirklich, es tat sich auf. Der +Soldat, der vor der Tür des Königs Wache hielt, ließ vor Schrecken das +Gewehr fallen und eilte, den Vorgang zu melden. Auch der König geriet in +Angst, und dachte, ein Zauberer sei gekommen, um ihn zu vernichten. Er +warf den Purpurmantel über die Schulter, ging dem Fremdling entgegen, +lud ihn ins Schloß und bot ihm eine Stelle als Reichsminister an. Der +alberne Hirtenjunge schüttelte den Kopf und forderte nichts weiter als +seine Gänse. Da lächelte der König, ließ den Stall öffnen, die Gänse +marschierten freudig gackernd heraus, Jackele trieb sie aus dem Tor und +sie wanderten allesamt gegen die Heimat. Nun befand sich jedoch unter +den Höflingen des Königs ein wirklicher Zauberer; dieser hatte alles +mitangesehen und sich in seinem verzwickten Verstand gesagt, mit den +Gänsen müsse es eine eigne Bewandtnis haben; kurzum, er glaubte nicht an +die Einfalt des Hirten und meinte, Jackele sei vielleicht ein Mensch, +der über geheimnisvolle Kräfte der Geisterwelt verfüge. Er setzte sich +deshalb in den Kopf, ihm die Gänse abzulisten, eilte ihm nach, +verwandelte sich in einen Zwerg und stand plötzlich wie aus der Erde +gewachsen vor Jackele da. »Gib mir deine Gänse,« sagte er, »und ich will +dir geben, was noch kein Mensch besaß.« + +»Was willst du mir geben?« fragte der Hirt. + +Der Zwerg hielt ihm eine goldne Schüssel entgegen, und darauf lagen drei +Dinge: ein weißer Edelstein, ein gläsernes Auge und ein frisch blutendes +Herz, so klein wie eines Vogels Herz. »Wähle,« sagte der Zwerg. + +»Was ist es mit dem Edelstein?« fragte Jackele. + +»Er gibt Reichtum,« antwortete der Zwerg. + +»Und mit dem Auge?« fragte der Hirt. + +»Es gibt Wissen,« sagte der Zwerg. + +»Und das Herz?« + +Da schüttelte der Zwerg den Kopf und entgegnete, darüber könne er keine +Auskunft geben. + +Da griff Jackele schnell nach dem Herzen, und kaum hielt er es in der +Hand, so war der Zwerg samt allen Gänsen verschwunden. Jackele spürte +aber auf einmal eine mächtige Unruhe in seinem Innern. Als er in das +Dorf zurückkam, fand er in allen Gesichtern Spott und Haß. Die Kunde, +daß er um der elenden Gänse willen des Königs Gnade ausgeschlagen hatte, +war ihm vorausgeeilt, und da er nun nicht einmal die Gänse +zurückbrachte, verwünschten sie ihn wegen seiner Dummheit, jagten ihn +davon und schrien: + + »Katzenpelz-Jackele, + Kein Geld im Sackele, + Im Kopf kein Verstand, + Der ärgste Tropf im Land.« + +Immer gewaltiger wurde aber die Unruhe in der armen Brust des Hirten. Es +zog ihn die kreuz und die quer durch das Land, es zog ihn zu den +Menschen, er fand auch da und dort Aufnahme, aber er konnte nirgends +bleiben, immer trieb es ihn weiter und schließlich fingen die Leute an, +ihm zu mißtrauen und sagten: Man muß sich hüten vor ihm, er hat einen +bösen Blick. Da er auch kein Geld besaß, so gaben sie ihm nichts mehr zu +essen, und er mußte hungern. Nach überlangem Wandern begegnete er auf +der Landstraße einem dürren alten Weiblein und fragte, ob sie nicht +wisse, wie man Schätze erwerben könne, denn er bereute jetzt aufs +heftigste, daß er damals nicht den Edelstein von der goldenen Schüssel +genommen. + +»Zieh nur weiter bis gegen Mittag,« sagte das Weiblein, »da kommt ein +Berg und da wohnt ein Schmied, der weiß, wie man Schätze erwerben kann.« + +Jackele kam richtig vor die Schmiede und bat den Schmied, der nackt, +mit rußgeschwärztem Leibe vor der Esse stand, er möge ihm helfen, +Schätze zu erwerben. Der Schmied führte ihn in die Werkstatt und hieß +ihn den Blasbalg treten. Das Feuer fauchte auf und Jackele sah glühendes +Gold in den Flammen liegen; seine Begehrlichkeit erwachte, ohne zu +überlegen griff er mitten in die Glut und wollte das Gold nehmen. Aber +das Feuer verbrannte seine beiden Arme bis an die Ellbogen hinauf, und +er warf sich auf die Erde hin und schrie vor Schmerzen. Der Schmied +lachte, ergriff den großen Hammer, ließ ihn viele Male auf den Amboß +heruntersausen und bei jedem Schlag rief er lachend aus: »Schaff dir das +Herz vom Leibe! Schaff dir das Herz vom Leibe!« Jackele verließ die +Schmiede und kam alsbald in den dunkelsten Wald, den er je gesehen. Es +wurde ihm so einsam, daß er zu sterben fürchtete, außerdem schmerzten +ihn die verbrannten Arme. Als es Abend wurde, machte er am Rande eines +verfallenen Brunnens Rast, und da ungeachtet aller Müdigkeit doch wieder +die treibende Unruhe über ihn kam, dachte er an die Worte des Schmieds, +nahm das blutende Herz, das so klein wie eines Vogels Herz war und +sagte: »Du teuflisches Ding, du hast mir die Seele vergiftet, hast mir +die Ruhe genommen, so fahr in die Tiefe, ich will deiner los sein.« +Damit schleuderte er das Geschenk des Zwergs in den Brunnen hinab. + +Auf einmal hörte er wieder jenes vertraute Geschnatter in der Luft wie +vor dem Königsschloß, und als er emporschaute, sah er drei Gänse aus +seiner Herde, und jede saß auf der Krone eines Baumes. Jetzt flatterte +die erste herab, setzte sich an den Rand des schwarzen Loches und rief: + + »Herz der Welt, du sollst erglühen, + Ich bring' dir einen Bräutigam, + Laß ihm deine Schätze blühen.« + +Darauf entstand ein Leuchten in der Tiefe des Brunnens, wie wenn alle +Finsternis des Erdenschoßes sich in eitel Feuer verwandelt hätte. Die +Bäume fingen an zu rauschen wie Orgeln, die Vögel zwitscherten, daß es +wie der Gesang von Elfen ertönte, und Jackele starrte hinab, sah der +Welten Herz erglühen und seine Sehnsucht und Reue wurden so groß, daß er +meinte, es werde ihm die Brust auseinanderreißen. Die zweite von den +Gänsen rief indessen immerfort: »Du bist der Bräutigam, du bist der +Bräutigam;« und die dritte, die schwarzflüglige, flog auf, ließ sich, +als sie über der Mitte des Brunnens schwebte, langsam zur Tiefe sinken, +und da sie unten war, fing sie an zu brennen, ward aber plötzlich +verzaubert und kam als herrlicher Paradiesvogel wieder empor. Sie ließ +ein paar Wassertropfen aus dem Schnabel auf Jackeles Wunden fallen, daß +sie sogleich heilten, und sagte: »Das Herz der Welt läßt dich grüßen, du +sollst hinuntersteigen und dich ihm anvermählen.« Inzwischen war Jackele +von einem Holzknecht bemerkt worden, der es den Leuten im Dorf verraten +hatte. Diese eilten nun mit Dreschflegeln herbei, um den unnützen +Gesellen totzuschlagen. Wie staunten sie aber, als sie ihn mit einem +silbernen Kleide angetan am Rand des Brunnens sitzen sahen, den fremden +Vogel auf der Schulter. Sie wagten ihn kaum anzuschauen und gingen +schließlich beängstigt und kopfschüttelnd wieder nach Hause. Nun sollte +Jackele in den Brunnen steigen, doch das war ein so schweres +Unternehmen, daß Tag um Tag verging und er nicht einen Schritt +weiterkam. Es gab kein Seil, das lang genug gewesen wäre; er mochte +graben und schaufeln und Leitern bauen, es half alles nichts, und wäre +nicht der Gesang des Paradiesvogels gewesen und der beseligende Anblick +des glühenden Herzens in der Tiefe, so wäre er verzweifelt und hätte von +seinem Vorhaben abgelassen. Was weiter mit ihm geschehen ist, kann ich +nicht sagen, weil ich's nicht weiß. Vielleicht ist es ihm am letzten Tag +vor seinem Tode doch gelungen. + +Abel war unzufrieden mit dieser Geschichte. Er sagte, an Zaubereien +glaube er nicht, und daß Gänse und Frösche sprechen könnten, sei nicht +wahr. Sie schritten währenddem beide über die gewundenen Terrassen herab +in die Lauben- und Efeugänge des Gartens und sahen die vielfach +verzierte Fassade des Schlosses vom bleichen Abendlicht übergossen. +Engelhart war tief in Gedanken und durch die Luft wie durch die +Blumengerüche gleicherweise erregt. + +In der Frühe um halb fünf nahm Abel Abschied. Engelhart und der Vater +begleiteten ihn zum Bahnhof. Herrn Ratgeber ging es nahe; auch hatten +ihm einige Bekannte die Sache bedenklich gemacht, es sei doch +gefährlich, einen Knaben von dreizehn Jahren bis ans andre Ende der Welt +zu schicken. Als sie wieder auf dem Heimweg waren, bemerkte Engelhart, +daß es um den Mund des Vaters verräterisch zuckte. Gleich darauf trafen +sie am Glacis einen Rimparer Bauern, der mit einer Fuhr zum Markt kam, +Herr Ratgeber rief ihn an, fragte, was in den Säcken enthalten sei, und +verhandelte dann eifrig wegen eines Zentners Kartoffeln mit ihm. + +Wenige Tage später kam der Antwortbrief von Michael Herz. Er wolle den +Gelöbnissen trauen und es noch ein einziges und letztes Mal probieren. +In sein eignes Geschäft könne er Engelhart schon aus Gründen der +Disziplin nicht zurücknehmen, er habe einen Freund, den Chef des +angesehenen Exporthauses Freitag und Sohn, bewogen, Engelhart als +Lehrling aufzunehmen. Es hänge alles andre davon ab, ob er dort ernsten +Willen und dauernde Besserung zeige. Durch seinen Wahnsinn habe er ein +ganzes Jahr vergeudet, hoffentlich hätten ihn seine Erfahrungen für +immer belehrt. Darauf folgten noch Anweisungen über die Reise; er solle +nach der Ankunft in einem billigen Vorstadthotel übernachten und sich am +Morgen gleich seinem künftigen Chef vorstellen. Ihn in seinem eignen +Hause wohnen zu lassen, halte er nicht für angemessen, einer solchen +Vergünstigung müsse sich Engelhart erst würdig zeigen. Er habe einen +seiner Angestellten, Herrn Kapeller, beauftragt, ein Zimmer zu mieten. +»Zu Mittag kannst du bei uns sein,« schloß das polizeimäßig sachliche +Schreiben, an dessen Inhalt Engelhart schluckte und würgte, »das +Abendbrot bekommst du bei der Familie Kapeller.« + +Herr Ratgeber war glücklich über den Verlauf. Er nahm den Sohn mit ins +Kaffeehaus, zahlte die Zeche für ihn und erteilte ihm gute Lehren. Die +aufrichtig gemeinten Worte schwirrten inhaltslos an Engelharts Ohr +vorüber. + + + + + Neuntes Kapitel + + +Die trübselige Reise, das Übernachten in einem schmutzigen Hotel, das +peinliche Wiedersehen mit dem Oheim, es glich einem Traum von nicht +unerwarteter Häßlichkeit. Im Vorzimmer der Firma Freitag und Sohn mußte +Engelhart stundenlang warten. Junge Leute mit bleichen und hochmütigen +Gesichtern saßen an den Pulten im Kontor, in das er durch eine Glastür +blicken konnte. Ein schwarzbärtiger finsterer Herr führte ihn +schließlich ins Privatgemach des Chefs. Dieser Raum zeigte einen +weibischen Luxus und glich mehr dem Boudoir einer Kokotte als dem Zimmer +eines Geschäftsmannes. Herr Freitag, ein kleines grauhaariges Männchen, +lag in einem ungeheuern Ledersessel und hielt, nach Art der +Weitsichtigen lesend, in der ausgestreckten Hand ein Buch. Erst nachdem +Engelhart den schüchternen Gruß wiederholt hatte, wendete Herr Freitag +den Kopf und starrte, scheinbar höchst überrascht, den jungen Menschen +mit herausquellenden Augen von oben bis unten an. »Bevor Sie das nächste +Mal in ein anständiges Zimmer treten, lassen Sie Ihre Stiefel säubern, +Verehrtester,« zeterte er mit einem umkippenden Kastratenstimmchen. »Sie +sind also der Ausreißer, wie? Schön, schön, wir werden ja sehen, wenn +Sie nicht parieren, werf' ich Sie hinaus. Adieu, junger Mann.« + +Ein enges düstres Loch im Erdgeschoß eines engen düstern Hauses war das +Zimmer, das Engelhart bewohnen sollte. Es hatte keinen eignen Eingang +und war nur durch die Küche und das Wohnzimmer der Partei zu erreichen. +Nebenan war die Straße, wenn ein Fuhrwerk über das Pflaster donnerte, +begannen die Fensterscheiben und das Geschirr auf dem Waschtisch zu +klappern. Engelhart dachte, es sei nicht möglich, hier zu schlafen, es +sei nicht möglich, hier zu leben. Er setzte sich auf einen Stuhl mit +zerrissenem Rohrgeflecht, und erst nach einer Stunde regungslosen +Hinbrütens ging er daran, seinen Koffer auszupacken. Er hatte das +Gefühl, als ob sein Blut bitter geworden sei. + +Kapellers wohnten ein Stockwerk höher. Es waren vier Brüder, die bei der +Mutter lebten, lauter junge Männer, denen das bloße Aufderweltsein schon +gewaltigen Spaß machte; wenn sie außerdem noch tanzen und ins Theater +gehen konnten, waren ihre Ansprüche an das Leben erfüllt. Die Frau besaß +ein kleines Geschäft auf der Hauptstraße und brachte sich knapp durch, +aber sie ließ sich nichts abgehen und war die lustigste von allen. +Zuerst begegneten sie Engelhart mit der Achtung, die sie dem Neffen +eines reichen Mannes schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie +sein insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig. Es kam +auch vor, daß er aus sich herausging und zu plaudern begann; es durfte +nur ein sympathischer Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten seine +Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig klangen, sie wurden von +Mißtrauen gegen diese Worte erfaßt, waren überhaupt beunruhigt, +sträubten sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert, wenn er +endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen, so brach der Streit aus. +Die jüngeren schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei Michael +Herz angestellt war und Engelhart schon von früher kannte, nahm sich +seiner an, suchte die Natur des Knaben nach irgendeiner geläufigen +Schablone zu erläutern, auch die Mutter war nicht abgeneigt, den Fremden +in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn aber doch nur wie einen +Schauspieler, der einem für bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt; +endlich fand der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Erörterungen +abschnitt, und sagte: »Er ist halt ein Jud.« Am nächsten Tag gab ihnen +Engelhart wieder neuen Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich +der jüngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder Manier +und mit wahren Bärentatzen ein paar Märsche und Walzer herunter. Während +er eine Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: »Ich kann auch Klavier +spielen,« und unter dem neugierigen Schweigen der Familie setzte er sich +vor das Instrument, schaute eine Weile in die Luft und viele Monate +lang vergaß er die drangvolle Sehnsucht nicht, die ihn in diesen +Augenblicken erfüllte. Es war wie ein Wahn, er hatte gedacht, er müsse +spielen können, die Tasten und die Saiten könnten nicht anders, als +seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mußte er unter dem hämischen +Gelächter der am Tische Sitzenden abziehen, und obwohl tief beschämt, +lachte er mit ihnen. + +Im Freitagschen Geschäft kümmerte man sich weniger um ihn, als er +erwartet hatte. Im Anfang hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand +von seiner Bemühung Notiz nahm und es gleichgültig schien, ob er viel +oder wenig tat, erlahmte er schnell. Was soll ich denn hier? war die +Frage, die ihm beständig durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte +er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft nützen? Nach Gelderwerb +stand ihm nicht der Sinn, und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn +er sie nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und dorthin +geschoben, keiner scherte sich um den andern, es wurde nur gerade das +Notwendige geleistet und das mit viel Lärm und Wichtigtuerei. Herr +Freitag selbst war Spekulant und hatte an der Börse ein großes Vermögen +gewonnen. Er betrachtete das Warengeschäft als eine Spielerei und hielt +es nur mit Rücksicht auf seine Söhne in Gang, von denen sich aber +niemals einer blicken ließ. Wenn sich Herr Freitag vorn in den +Schreibstuben befand, wurden in der sogenannten Auslieferung, wo +Engelhart beschäftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten aufgestellt, +damit er seine Leute nicht überrumple. Schon von weitem hörte man ihn +fauchen, spucken und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit +Flügeln um sich zu schlagen, wenn er durch die drei Säle zappelte, +steckte seine Nase in jedes Stück Papier und behauptete unablässig, er +sehe alles, er höre alles, ihm entgehe nichts. Gefürchtet wurde bloß +Herr Gallus, der finstere Schwarzbärtige, der Prokurist der Firma, und +dessen Vertrauensperson war die Expedientin, Fräulein Ernestine +Kirchner. Sie mochte nicht mehr ganz jung sein, vielleicht +achtundzwanzig Jahre alt, hatte eine hübsche Gestalt, einen langsamen +und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie wurde von allen, auch +von Herrn Freitag, mit Respekt behandelt, nur der finstere Gallus nannte +sie kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichmäßig heiteres Naturell +wirkte sie besänftigend auf die verschiedenartigen Elemente, und sie +beobachtete Engelharts unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme. +Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit auferlegt und sie war am +Nachmittag noch ungetan, so ließ sie keinen Vorwurf hören, sondern ging +in aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor der +Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und nahm sich das nächste Mal +zusammen. + +»Woran denken Sie eigentlich?« fragte sie ihn einmal und sah ihn mit +ihren dunkelblauen Augen erstaunt an; »wie kann man unaufhörlich +denken!« + +»Ich denke gar nichts,« erwiderte er, »ich bin nur traurig.« + +»Ach du himmlische Güte!« rief sie aus und schlug gutmütig spottend die +Hände zusammen. Sie fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick +war ein Aufglänzen, es schien ihr, als habe sie diesen dunkeln Kopf mit +den gesammelten Zügen vor vielen Jahren schon gesehen, es überrieselte +sie eine freudige Erinnerung. + +In demselben Raum arbeitete ein häßlicher, einäugiger und fast zahnloser +Mensch namens Zeis; er war tüchtig und der einzige, der kaufmännischen +Ehrgeiz besaß, aber aus Furcht vor der Aufsässigkeit der lediglich +taglöhnernden Genossen versteckte er sich hinter einem schlappen und +schläfrigen Wesen. Mit Mißvergnügen war er Zeuge des guten Einvernehmens +zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit Franz Kapeller bekannt war, +erfuhr er einiges über Engelharts früheres Schicksal und benutzte dann +seine Wissenschaft zu bösartigen Entstellungen. Außerdem hetzte er die +andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles in der Stille und mit einer +wirkungsvollen Gleichgültigkeit. Einmal mußte Engelhart mit dem ältesten +Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank tragen, es war Abend, +als sie zurückkehrten, Porkowsky blieb auf der belebten Straße bei einer +Dirne stehen und führte ein freches Gespräch, um sich vor Engelhart als +Lebemann aufzuspielen. Engelhart hörte eine Weile wie versteinert zu, +dann machte er sich davon und kam lange vor dem andern ins Geschäft. +Dies mußte auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht wurde, war es streng +untersagt, daß die Boten sich trennten, selbst auf dem Heimweg. +Engelhart trug Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky machte sich +diesen Umstand zunutze und brachte bei Herrn Gallus eine Lüge vor, durch +die Engelhart schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut zu +sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu war er zu vornehm, er +begnügte sich mit einem geringschätzigen Lächeln, das sich müde durch +seinen kohlschwarzen Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle +Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam jeder zwei oder +drei Dukaten, Engelhart allein ging leer aus. Es hieß, der Chef sei +unzufrieden mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld gerechnet, +weil er einige Bücher davon hatte kaufen wollen, nach denen er längst +Begierde empfand, und er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn, +wieviel er bekommen habe, und er erzählte, er habe zwanzig Gulden +bekommen. Sie erfuhren bald die Wahrheit, es war auch eine gar zu +unvorsichtige Lüge, doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern +suchten ihn durch tägliche versteckte Bosheiten zu beschämen. Sie +glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut zu haben. + +Vor dem Oheim ließ sich natürlich nichts verheimlichen. Aber er nahm es +nicht so schwer, wie Engelhart gefürchtet, es war, als ob er sich zur +Nachsicht entschlossen hätte. Es ging Michael Herz eigen mit Engelhart. +Etwas widerstrebte ihm an dem jungen Menschen aufs äußerste, die ganze +Art der Lebensführung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit des +Auftretens, etwas feige Beklommenes, worunter es seltsam zuckte und +wühlte wie bei jemand, der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem +Ausbruch eines Feuers fürchtet. Anderseits sprach das Blut mit +deutlicher Stimme für den Neffen; wenn er mit Engelhart allein war, +bestach ihn oft ein Wort, das so lebendig und neu klang, wie er es sonst +von keinem Mund noch gehört, und er konnte sich dem flehentlichen Werben +eines Blickes so wenig entziehen, daß er ihn aufs gütigste und doch so +scheu, als beginge er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch befragte. +Dies rührte Engelhart stets, und er hätte sich der Käuflichkeit des +Gefühls schuldig gefunden, wenn er bei solchem Anlaß ein Verlangen +geäußert hätte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mißtrauen und +hier ein unfruchtbares Sichverschließen. Michael Herz vergaß rasch; er +vergaß das Üble, was man ihm zugefügt, und er vergaß den günstigen +Eindruck, den er erhalten; alle Kräfte des Willens und der Energie +verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte er nur dämmernd hin und war +jeder fremden Einflüsterung zugänglich, insonderheit von seiten der +Frau, die er in seiner stillen Weise unendlich vergötterte. Es machte +Engelhart Kummer, daß er die Abneigung dieser Frau nicht zu besiegen +vermochte. Als er eines Mittags bei Schneegestöber das Geschäft verließ, +bot eine Blumenhändlerin ihm wie allen Vorübergehenden Veilchen zum Kauf +an. Er überlegte im Weitergehen, kehrte um und nahm drei Sträußchen, die +er zusammenband. In allem Ernst dachte er, daß er Frau Esmee durch die +Blumen milder stimmen könne. Es kam Farbe in seine Wangen, er +verdoppelte seine Schritte und beglückwünschte sich zu dem Einfall. Frau +Esmee nahm den Strauß mit unbewegter Miene entgegen, nicht gerade +verdrossen, aber doch gelangweilt oder als ob er einen Gegenstand vom +Teppich aufgehoben hätte, den sie fallen gelassen. Während des Essens +war sein Gesicht weiß wie der Teller und der Oheim äußerte sich besorgt +über seinen Mangel an Appetit. Später mußte er bei einigen Handwerkern +in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er sah da immer viel Elend, +kranke Weiber, betrunkene Männer, rhachitische Kinder, armselige Stuben, +in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war. In tiefer Betrübnis +kam er gegen Anbruch der Dämmerung ins Geschäft zurück. Von den Herren +im Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge waren fort, Ernestine +Kirchner saß allein an ihrem Schreibpult, und als er eintrat, schob sie +einen angefangenen Brief beiseite, stützte den Kopf in die Hand und +schaute in den immer dichter fallenden Schnee hinaus, der die Gasse mit +bläulichem Licht füllte. Endlich sagte sie, sie habe heute Vorwürfe +darüber hören müssen, daß sie seine Lässigkeit nicht nur dulde, sondern +geradeswegs unterstütze. Er seufzte, und ohne sie anzuschauen, griff er +zur Feder. Sie lehnte sich mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre +Schulter streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die +langsam und maschinenmäßig Zahlen und Buchstaben aufs Papier schrieben. + +Ernestine dachte, daß vielleicht ein Geheimnis auf ihm laste. Sie +wünschte, daß der leidenschaftlich verpreßte Mund sich öffnen solle. +Freilich wußte sie schon, daß er die Dinge zu schwer nahm und alles zu +nahe an sich herantreten ließ, daß er zu bedürftig um die Herzen der +Menschen warb und sich wehrlos der umklammernden Verstimmung preisgab, +wenn er sich fortgestoßen fühlte. Plötzlich warf er den Kopf etwas +zurück und sagte: »Ich bin nicht dafür geboren, damit Sie es nur +wissen.« + +Sie lächelte, und ihr verwunderter Blick schien fragen zu wollen: und +wofür bist du denn geboren? »Aber Kind,« sagte sie sanft, nahm seinen +Kopf zwischen beide Hände und drehte ihn wie den einer Puppe, bis sie +seine Augen den ihren gegenüber hatte. »Ich weiß alles,« sagte sie mit +einem gespannten und heiteren Ausdruck in den Mienen, »alles, alles, +alles.« Damit küßte sie ihn dreimal auf die Lippen. Engelhart lehnte die +Stirn an ihre Wange; er spürte einen leichten Schrecken, als befinde er +sich nun in Schuld. Gleich hernach hörten sie Schritte; Herr Gallus kam +und fragte grob, warum noch kein Licht brenne. Er schritt ein paarmal +schweigend auf und ab, reichte Ernestine ein kleines, verschnürtes Paket +und ging wieder. + +Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur Seite. Zum erstenmal im +Leben durfte er sich aussprechen, mit seinen eignen Worten sprechen, +ohne Rückhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war. Noch nie hatte +Ernestine dergleichen gehört; sie war erstaunt. Welcher Trotz, welche +Glut! Im Nu entstanden Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht, +ein Funkenschwall von großen Worten prasselte, berauscht vom offenbar +Unmöglichen, begann er zu tanzen, aber die einfache Frage: was willst +du? wohinaus, Jüngling? die auf Ernestinens Lippen brannte, vermochte er +nicht zu beantworten. Ein neugieriger Blick des Mädchens verletzte ihn, +und er fiel in dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt, durch +Worte, durch Blicke, durch das Beargwöhnen fremder Gedanken zu leiden. +Sie war zärtlicher als eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine +Leidenschaft erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu dämpfen. »Mein +Liebling,« sagte sie zu ihm. Immer trug sie sein trunkenes Gesicht im +Innern, das geistige Auge, aber das liebste war ihr sein Träumerlächeln, +wenn er vor ihr saß mit verschleiertem Blick, still und aufrecht wie +eine Pflanze. + +Es kam der Frühling, und mit ihm eine bange Zeit für Engelhart. An einem +der ersten schönen Tage begleitete er Ernestine vom Geschäft aus in ein +entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen wollte. Sie +plauderten ruhig, Engelhart erzählte von seinen Eltern; es umfing ihn +stets ein tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit Ernestine ging +und wenn sie mit einem wunderbaren Ernst ihm zuhörte. Dann trennten sie +sich, und er kehrte allein zurück. Die Sonne war schon untergegangen, +rosiger Staub erfüllte die Straße, die Luft roch wie Wein. Engelhart +spürte eine schreckliche Erregung, er spürte sie wie kleine Kugeln durch +die Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und atmete schwer. +Menschen und Dinge erschienen ihm wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen +und Mädchen, die er sah, fielen plötzlich die Gewänder ab, und sie +schritten nackt dahin; er sah, wie ihre Knie sich bogen und die Haut +über den Hüften schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern der +Häuser hindurch und gewahrte überall das, was ihm Grauen und Lust +erregte. In seiner Kammer angekommen, ließ er die Rolläden herab, +verstopfte mit Baumwolle die Ohren und brütete vor sich hin. In der +Nacht konnte er nicht schlafen. Er wälzte sich wie ein Vergifteter auf +dem Lager. Die leichte Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm +heiß, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr zündete er die Kerze an und +versuchte zu lesen. Das Herz schlug so laut, wie wenn man mit dem +Knöchel an ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den Kopf gegen +die Wand, aber die Stille hatte tausend Zungen und führte Bilder herauf, +die vor Scham seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung +sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine. Da trat sie schon an +das Lager, und er küßte sie wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in +seinen Armen, er warf sich schluchzend über sie hin und ließ Blut von +seinem Blut in ihre Pulse strömen. Doch seltsam, als er am nächsten Tag +mit ihr allein war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die +Erinnerung an die Wünsche der Nacht ließ ihn vor Scham erbleichen. Und +kaum war er allein, so kam es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer +auf die Straße und marschierte weit, bis er zu dem Haus kam, wo +Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn, zu ihren Fenstern emporzublicken, +und das tolle Fieber wich vollends, als er müde war vom Stehen. + +Wohl bemerkte Ernestine die Veränderung in seinem Wesen, und sie ahnte +den Grund. Ihre Unbefangenheit und die seelenvolle Freiheit ihm +gegenüber schwanden langsam hin, und das schmerzte sie. Sie hatte kein +leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen lagen hinter ihr; durch gewisse +Verpflichtungen war sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und +dies kann den Geist mehr umdüstern als unmittelbare Leiden. +Demungeachtet war ihr eine süße Heiterkeit des Herzens verblieben, und +ihr Gemüt war das jener Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und +für alle Bitterkeiten, welche sie erfahren müssen, in ihrer Brust eine +ganz besondere, ehern verschlossene Kammer besitzen. Sie hatte nicht +beabsichtigt, in Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur so +gekommen; jetzt fühlte sie sich auf einmal wunderlich verkettet, und das +machte sie schwermütig. Er glaubte, sie wisse nichts von seinen +verborgenen Drangsalen, aber sie wußte alles, da sie schon ein +erfahrenes Weib war und das Leben kennen gelernt hatte. Freilich hatte +sie gedacht, ihn führen, ihm helfen zu können, etwas in ihm erhob sie +über sich selbst; nun fühlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich. +In einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es wäre besser, +wenn sie nun wieder einander fremd würden. Aber als sie ihn dann ansah, +bereute sie ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben viel; +selbst die ungern durchlebte Vergangenheit schwindet im Leuchten eines +geliebten Auges hin. Sie drückte die Lippen auf seine Haare, während er +in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigentümliche Schlaffheit an, +halb sitzend, halb hingelehnt blieb er, regungslos wie eine Zielscheibe +für die Geschosse des Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen, +denn er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das lag in +mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und hatte kaum Gestalt; es +schwamm hoch im Bereich des Traumes gleich einer Wolke über +Schneegipfeln. + +Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der beiden nicht unbemerkt +geblieben. Der einäugige Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen +und konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte es, Ernestine zur +Rede zu stellen; sie fertigte ihn nach Gebühr ab. Darauf machte er sich +an den Prokuristen. Herr Gallus war zu hochmütig, um Notiz davon zu +nehmen, wenigstens blieb er äußerlich kalt. Doch war er an diesem Tag +finsterer denn je, und als der Korrespondent ihm einen Brief zur +Unterschrift reichte, riß er das beschriebene Blatt ohne Anlaß mitten +durch und knirschte mit den Zähnen. Man sagte allgemein, daß er +Ernestine Kirchner heiraten wolle und daß sie sich ihm versprochen habe. +Sie verließen auch oft zusammen das Geschäft, und einmal bei Regenwetter +waren sie Arm in Arm gegangen. Wenn Engelhart darüber etwas erfahren +wollte, schüttelte Ernestine bedächtig den Kopf, und es schien, als ob +sie nicht gern davon sprechen höre. Im übrigen zeigte sie sich jenen +Umtrieben gegenüber sorglos wie jemand, der seiner Macht sicher ist. +Herr Zeis wußte immer mehr die Lehrlinge aufzuhetzen, von denen +Porkowsky schon längst Engelharts geschworener Feind war; sie +schnüffelten unaufhörlich um ihn herum, kontrollierten seine Arbeit, +wußten es anzustellen, daß er möglichst viel in der Stadt herumlaufen +mußte, streuten bösartige Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber +fassen wollte, zerfloß alles in Luft und Gelächter. Engelhart glaubte es +oft kaum ertragen zu können, er atmete wie in Gewitterschwüle, er wurde +mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die heißen Tage des Sommers +und jenes andre, das ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene +Gefühl seines Leibes, so daß ihm zumute war wie einem Menschen, der vor +dem Spiegel steht und sein eignes Bild nicht gewahrt. + +Eines Nachmittags, es war Ende Juli, ließ der Buchhalter Herrn Zeis eine +Faktura abfordern, die er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr +Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen, erinnerte sich +aber, sie auf Fräulein Kirchners Tisch gesehen zu haben. Es wurde +gesucht, alle Schubladen aufgerissen, alle Mappen durchstöbert, +schließlich wurde die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftstück +zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling Porkowsky +versicherte sogar, Zeuge gewesen zu sein. Engelhart protestierte, es kam +Herr Gallus hinzu, öffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes und +murmelte etwas Verächtliches über die Unordnung darin. Engelhart +bemerkte schüchtern, Porkowsky habe schon in der Lade gesucht. Herr +Gallus zuckte die Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte +Engelhart mit einem Blick maßloser Geringschätzung. Er hatte die +Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen und zwischen zwei Löschblättern +ein Bild hervorgezogen, eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit +einen ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten sich neugierig +hinzugedrängt und kicherten. Herr Gallus faltete das Blatt schweigend +zusammen; er stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf den +Fußspitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine, die außerordentlich blaß +geworden war, und sagte: »Das scheint ja ein hoffnungsvoller Jüngling zu +sein.« + +Engelhart zitterte am ganzen Körper. Er spürte Nadelstiche im Kopf und +griff unwillkürlich an seine Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam +zwischen die Zähne geschlürft, und seine Züge zeigten einen +beängstigenden Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf Porkowsky, und +nicht so bald hatte er das höhnisch-feindselige und dumpf-verlegene +Lächeln auf dessen vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm +alles klar wurde. Ohne Besinnung stürzte er auf den Burschen zu, packte +ihn mit der einen Faust an der Kehle, mit der andern bei der Schulter +und riß ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf, der Prokurist +und Herr Zeis fielen dem Rasenden in die Arme und drängten ihn gegen das +Fenster, wo er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen blieb. +Porkowsky stöhnte und lag dann still da, doch war er nicht verletzt. +Herr Gallus ging zu der Glastüre, die von diesem Raum aus auf die Straße +führte, öffnete sie, streckte die Hand aus und rief Engelhart zu: +»Marsch!« Engelhart nahm seinen Hut und ging, ohne den Blick zu erheben. + +In demselben Schritt und derselben geduckten Haltung, wie er jene +verlassen, schlich er weiter und wurde noch in entfernten Straßen von +ihren haßerfüllten Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat in ein +Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich jedoch nicht lange auf, +sondern ging nach Hause, warf sich auf das Bett und schlief ein. Er +träumte, daß er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde, über +der sich jedoch statt des Himmels eine seltsam grüne, moosartige Decke +wölbte. Freudig wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er sich +durch eine gläserne Wand gehemmt, die er vorher nicht bemerkt. Er +versuchte es nach einer andern Seite, und es erging ihm nicht besser, +ringsum waren gläserne Wände, und allmählich wurde ihm der Anblick der +Schönheit zur Qual, in der er dann aufwachte. + +Kapellers ließen ihn wissen, daß sie den Abend auf dem Kahlenberg +zubringen wollten, wenn er mitzutun Lust habe, sei er willkommen, wenn +nicht, finde er kaltes Nachtessen bereit. Er schlug das Anerbieten aus; +um acht Uhr aß er oben alleine, und als er wieder herunterkam, fand er +einen Brief von Ernestine, den ein Bote gebracht hatte. »Mein +Liebling,« schrieb sie, »ich weiß, daß Du unschuldig bist. Du sollst +nicht verzweifeln, ich will alles wieder für Dich richten. Vertraue nur +auf mich, mein Liebling, mehr kann ich Dir für heute nicht sagen.« Da +beschloß er, in ihre Wohnung zu gehen. Nach einer halben Stunde war er +dort und läutete. Es wurde erst nach geraumer Weile geöffnet. Ernestine +schien befangen, als sie ihn sah. Sie bat ihn, zu warten, darauf ging +sie ins Zimmer zurück, flüsterte dort mit jemand, und als er später +eintrat, war sie allein. Doch hinter der verschlossenen Tür des +Nebenzimmers hörte er ungeniertes Lachen und Scherzen. Ernestine +erzählte ihm, daß sie die Wohnung mit einer Freundin teile, einer +Ladnerin aus der Inneren Stadt, und das Mädchen habe ihren Verlobten bei +sich. Allmählich wurde es drinnen sonderbar still, auch das Gespräch +zwischen Engelhart und Ernestine geriet ins Stocken. Er hatte geglaubt, +freier mit ihr reden zu können, doch sie war bedrückt und nachdenklich, +auch küßte sie ihn nicht. Es war ein schwüler Abend, beide Fenster waren +offen, das Zimmer lag hoch, man blickte über Dächer in den purpurnen +Abendhimmel, auf der andern Seite des Horizonts grollte leiser Donner. +Engelhart erhob sich und trat zum Fenster, Ernestine folgte ihm und +legte den Arm um seine Schulter; so starrten sie ziemlich lange gegen +die Straße hinunter, hörten ihr Blut rauschen und ihr Herz pochen, und +beides klang fremd und beängstigend. Ernestine wußte nun um das +Unabänderliche, das kommen mußte, und hätte es gerne nicht geschehen +lassen, aber es gibt Stunden, wo der Wille wie ein abgeschlagenes Tier +müde wird. Beim Lampenlicht beugte sie sich noch einmal über Engelhart +und blickte ihm tief in die Augen. »Ach,« seufzte sie und deckte die +Hand über seine Lider, »du weißt noch nichts von der Welt.« Er glich +einem Kind, als er stundenlang schweigend an ihrer Brust lag. Er dachte, +mehr von der Welt zu wissen sei überflüssig. Dünkte ihm dies schon zu +viel. + +In den nächsten Tagen trieb er sich müßig umher. Jeden Morgen erhielt er +ein Briefchen von Ernestine, worin sie ihn benachrichtigte, wie die +Dinge standen. Sie hatte es durchgesetzt, daß Herrn Freitag von dem +Vorfall keine Mitteilung gemacht wurde, doch Herr Zeis hatte den +Lehrling Porkowsky, der eine Verletzung am Kopf erlitten zu haben +behauptete, zur Forderung eines Schadenersatzes aufgehetzt. Porkowsky +verlangte fünfzig Gulden und drohte, wenn er diese nicht erhalte, sich +an Herrn Freitag und an Michael Herz zu wenden. Ernestine stellte ihm +vor, daß er den Denkzettel wohl verdient habe und daß Engelhart Ratgeber +selbst ein armer Mensch sei, aber da die Geschichte Geld zu tragen +versprach, blieb der Bursche starrsinnig und beteuerte außerdem seine +Unschuld. Engelhart wußte nicht, wie er eine so große Summe auftreiben +solle, und doch durfte der Oheim um keinen Preis das Geschehene +erfahren, ein unauslöschlicher Schimpf wäre haften geblieben; er +vermochte sich gegen solche Dinge mit Worten nicht zu verteidigen. Nun +war aber Michael Herz seit drei Wochen verreist und hatte Engelhart, um +ihm einen Beweis des Vertrauens und der wieder erwachenden guten +Gesinnung zu geben, bis zu einem gewissen Grad freien Kredit an der +Kasse der Firma eröffnet. Engelhart hatte sogleich begriffen, daß dies +nichts andres bedeutete als eine Probe für sein Anstandsgefühl, selbst +wenn es kein berechneter Plan des Oheims war, und er hatte bis jetzt +nicht den geringsten Gebrauch von der Vergünstigung gemacht. Porkowskys +Verhalten wurde drohender, Ernestine meinte schüchtern, sie wolle +Engelhart einen Teil des Geldes leihen, so viel sie eben entbehren +könne. Er schlug es aus, ging am andern Tag zum Kassier der Firma Herz, +ließ sich fünfzig Gulden auszahlen und schickte sie an Ernestine mit der +Bitte, den Elenden zu befriedigen. + +Der Oheim kam zurück und war erstaunt, daß Engelhart einen +verhältnismäßig so bedeutenden Betrag auf einmal erhoben hatte; sein +Erstaunen verwandelte sich in Unwillen, als der junge Mensch über die +Verwendung des Geldes keine Auskunft geben konnte oder wollte, und er +vermutete natürlich das Schlimmste. Eines kam zum andern, Michael Herz +erkundigte sich bei seinem Geschäftsfreund Freitag; dieser, von Herrn +Gallus beraten, wußte nichts Gutes über Engelhart zu berichten und litt +außerdem zu der kritischen Stunde an Podagra, was ihn boshaft und +menschenfeindlich machte. Noch am selben Tag ließ Frau Esmee Engelhart +zu sich rufen; sie lag im Bette, da sie Migräne hatte, und sah verweint +aus. Engelhart mußte bittere Worte schlucken, der ganze Kummer des +Oheims sprach aus dem Munde der Frau. Der Onkel wolle ihn nicht mehr +sehen, wurde ihm gesagt, er möge nach Hause reisen und sich auf eigne +Faust durchs Leben schlagen. Der Wille des Oheims sei, daß er jetzt sein +Militärjahr abdiene, vielleicht könne strenge Zucht ihn noch vor dem +moralischen Untergang retten. Da er zweitausend Mark mütterliches +Vermögen habe, werde ihm ein Teil dieses Geldes zur Bestreitung seiner +Bedürfnisse ausgesetzt werden. In solchem Sinne hatte Michael Herz +bereits an Herrn Ratgeber geschrieben, hatte aber aus Rücksicht für den +vielfach enttäuschten Mann Engelharts Vergehungen nur flüchtig und in +verschleierter Form erwähnt. + +An einem schönen Abend war Engelhart noch einmal mit Ernestine +beisammen. Sie waren weit draußen an der Westbahn, und nachdem sie lange +über die Wiesen spazieren gegangen waren und nun die lieblichen Hügel +von blauer Dunkelheit umsponnen wurden, kehrten sie in einem Wirtsgarten +ein, wo eine Musikkapelle spielte. Über ihnen dehnte sich das schwere +Laubgewölbe uralter Kastanienbäume, und wenn die Musik schwieg, hörten +sie hin und wieder eine Frucht dumpf zur Erde fallen. Engelhart hatte +dem Mädchen noch nicht gesagt, daß er reisen müsse und schon morgen +reisen müsse, aber sie merkte an seiner bedrückten Schweigsamkeit, was +im Werke war. Sie summte ein sentimentales Liedchen mit, das der Hornist +in die Nacht hinausschmetterte, Engelhart trank von dem roten Landwein, +lehnte den Kopf etwas zurück und blickte mit aufleuchtenden Augen gegen +den Sternenhimmel. Er wußte eigentlich nicht, wie ihm geschah, er lebte +und lebte doch nicht, er spürte die Erde und liebte die Erde und war ihr +wieder fremd, sie schoben ihn, ohne seinen Willen ging es hierhin und +dorthin, und doch fühlte er sich, wenn er deutlich die Bewegung +erkundete, von einer geheimnisvollen Strömung sicher getragen. Mochten +sie ihm alles rauben, die vergängliche Lust des Tages, ja auch das Brot +zur Stillung des Hungers, so besaß er sich doch selbst, und wenn er +ärmer schien als der Ärmste, so war er in Wirklichkeit noch reicher als +die Reichsten, und er dachte: 'mir gehören doch die Sterne'. + +Auf der Heimfahrt sagte er dann zu Ernestine, daß er heute Abschied von +ihr nehme. Sie erwiderte nichts. Er ging noch mit ihr in die Wohnung, +und als er aufbrach, war es spät. Ernestine suchte aus einem Kästchen +einen schmalen Goldring mit einem Türkis hervor und steckte ihn an +Engelharts Finger. »Leb wohl, Liebling,« sagte sie mit erstickter +Stimme, »und Gott segne dich.« Der Duft von ihrem Körper blieb an seinen +Kleidern haften und war ihm noch länger in die Erinnerung gegraben als +das Bild ihrer leicht schreitenden Gestalt. + +Bei Regenwetter war er damals von Würzburg abgefahren, bei Regenwetter +kam er dahin zurück. + +Gerda weilte nicht mehr beim Vater, sie war bei den Verwandten in +Gunzenhausen und sollte mit Helene Wahrmann im Oktober nach Wien reisen. + +Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael Herz, nämlich daß der +Militärdienst auf den undisziplinierten Geist des Jünglings als eine +wohltuende Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon einen +Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter sagte, er ist ein echter +Ratgeber, er liebt nur sich selbst. Für seine Bedürfnisse sorgte sie +schlecht und recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch die +Außenwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah mit Rücksicht auf die +Augen der Leute, und wenn einem was vergönnt wurde, hieß es gleichsam: +Na, seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist! Herr Ratgeber hatte +in seinem neuen Beruf Ärger und Zurücksetzung genug erfahren müssen. +Beim Antritt seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft +versprochen, daß kein zweiter Inspektor neben ihm arbeiten solle; kaum +aber hatte er sich bekannt gemacht und durch seinen unermüdlichen Eifer +die Anstalt, der er diente, wahrhaft gefördert, als sie alle Abmachungen +vergaßen und doch einen zweiten anstellten, einen sehr windigen Herrn +namens Dingelfeld, der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die Kunden +wegzuschnappen, und durch ein anmaßendes Wesen jeden Einspruch +vergeblich machte. Dazu war dieser Dingelfeld für alles, was er war und +hatte, Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst vor völligem +Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten Namen gerettet hatte. Niedrige +Seelen werden durch den Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht +gestimmt, und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er würgte seinen +Gram in sich hinein, sein lebhaftes und stolzes Auge begann unsicherer +zu werden, oft, wenn er mit Engelhart allein war, machte er +pessimistische Bemerkungen über die Menschen, und das war bei ihm der +Ausdruck einer tiefen Verdüsterung. Mehr als das unsolide Gebaren seines +Nebenbuhlers schmerzte ihn die Wortbrüchigkeit der Vorgesetzten. Sein +Blut geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die er erfahren, +und in jedem Brief wies er auf seine Leistungen hin und forderte +Gerechtigkeit. Jene ließen sich jedoch auf persönliche Dinge nicht ein, +sie suchten den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und große +Versprechungen kirre zu machen oder schnitten jede Erörterung mit einer +amtlichen Phrase ab, die das unwillkürliche Eingeständnis enthielt: Wir +dürfen Verträge brechen, denn wir sind die Mächtigen, wir sitzen auf dem +Geldsack. + +Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war untersucht und trotz +seiner Jugend angenommen worden. Am ersten Oktober stand er mit vielen +andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den verschiedenen Kompagnien +zugeteilt, dann führte ein Unteroffizier ihn und sieben oder acht +Gefährten in das Bataillonsgebäude, die Monturen wurden ausgeteilt, die +Räume angewiesen und man war Soldat. Alles lief schweigend ab, hatte +beinahe etwas Drohendes, der Ton absoluten Befehls berührte Engelhart +zunächst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs kaum fassen, und +als der Feldwebel die Namen der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte +nicht viel und er hätte über die Berserkerstimme des Mannes gelacht. +Aber das Lachen verging ihm bald. + +Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern von sich selbst, etwas +seinem Wesen ungeheuer Fremdes vollbringe, und er mußte sich bisweilen +besinnen, wo er war und was er davon denken sollte. Die Kaserne durfte +er in den nächsten Wochen nur zu den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick +der kahlen, langen, weißgetünchten Wände verursachte Frösteln. Wenn er +am Fenster stand, sah er die Bauern auf dem Feld und beneidete sie um +ihre Freiheit. + +Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den Dienst angetreten +hatten, behandelten ihn mit Kälte; einerseits war er ihnen zu jung, +anderseits erregte er ihr Mißtrauen, ohne daß sie den Grund hätten +bezeichnen können; das alte Mißtrauen, das Engelhart nun so oft und in +so vielen Augen wahrgenommen. Um neben ihnen, die lauter vollwüchsige +und robuste Burschen waren, nicht zurückzustehen, spannte er bei den +körperlichen Übungen seine Willenskraft aufs äußerste an, so daß er nach +dem stundenlangen Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen konnte, +sondern sich am Geländer mühsam emporwinden mußte. Eines Tages befahl +der Feldwebel den Einjährigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen +Lebens zu verfassen und die Handschrift nach gemessener Zeit in der +Kanzlei abzuliefern. Jeder verstand die Sache so, wie sie eben zu +verstehen war, nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht allein +seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht erforderlicher Breite, +sondern auch seine Gefühle zu schildern, seiner Verfehlungen sich +anzuklagen, und machte im unglückseligen Drang zu einer Beichte, was +nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte. Und als er fertig +war, setzte er folgende Zeilen an den Schluß, die ihm wie die Erinnerung +an ein altes Lied durch den Sinn schossen: + + »Die Seele, die berührst du nicht, + Die ist im Leib vergraben, + Sie weiß nicht, was die Lippe spricht, + Will's auch nicht Kunde haben. + Im stillen träumt und blüht sie hin, + Läßt Leid und Glück verfluten + Und ziehet ewigen Gewinn + Vom Bösen und vom Guten.« + +Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann gerufen, einem dicken +asthmatischen Herrn, der völlig unter dem Einfluß des Feldwebels stand +und außerdem in beständiger Höllenangst vor allen Vorgesetzten lebte. +Der Mann stellte sich ganz rabiat wie über eine angetane Schmach, warf +Engelhart die beschriebenen Bögen zerrissen vor die Füße und forderte +den Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen Menschen zu haben. +Die Sache wurde auch weiterhin ruchbar und erregte den Hohn der +Mannschaft und die Entrüstung der andern Einjährigen. Gefühle zu äußern +war ein schimpflicher Verstoß gegen den allgemeinen Geist der Truppe, +jedes andre Vergehen wäre ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah +es zu spät ein. Er lernte die Zähne zusammenbeißen. Es ging nicht an, +sich von jedem Tropf über die Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm +an äußerer Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen seines +Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich an die Roheit des +herrschenden Tons und an die ausgesuchte Perfidie und Lust zu quälen +gewöhnt hatte, die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein +unstillbarer Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle Kräfte zusammen, +um sich nichts merken zu lassen. Immerhin blieb sein Gesicht verdächtig +und sein still beobachtender Blick unbequem. + +Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der für ein bestimmtes Wochengeld +seine Kleider und Ausrüstungsstücke instand zu halten hatte. Es war ein +Soldat im dritten Jahr namens Söhnlein, ein unansehnlicher Mensch mit +krebsrotem, immer fettglänzendem Gesicht und einem halb blöden, halb +furchtsamen Lächeln. War es Zufall oder Übelwollen oder berechnete +Bosheit, jedenfalls war dieser Söhnlein der verachtetste Mensch in der +Kompagnie, ja im ganzen Regiment. Er konnte nicht unangefochten durch +ein Zimmer gehen, er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm +eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas schief ging, hieß es: +der Söhnlein, wenn die Kompagnie schlecht exerziert hatte, mußte es +zumeist der Unglückliche büßen, und er war bisweilen in der Nacht aus +dem Schlaf gerissen und entsetzlich mißhandelt worden. Einmal sah +Engelhart den Schrank des Soldaten offen und an der Innenfläche der Türe +eine zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was dies bedeuten +sollte, und Söhnlein verriet ihm schüchtern und mit aufleuchtendem +Blick, daß er noch so viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem +Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes Geschäft, wieder einen +Kreidestrich auszuwischen. Offenbar hatte mit diesem Burschen noch +niemand so geredet, wie man mit einem Menschen spricht, denn er bezeigte +Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete, eine so +leidenschaftliche Dankbarkeit und Anhänglichkeit, daß dieser sich kaum +erwehren konnte und, um häßlichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug +war, auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu werfen, wenn +die andern Steine warfen. Und als ob Söhnlein in seinem dumpfen Gemüt +solchen äußeren Zwang zu ahnen vermöchte, wurde seine Zuneigung für +Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie taub, wenn dieser +gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen. + +Einst im November wurden sämtliche Mannschaften des Regiments um vier +Uhr morgens aus dem Schlaf geweckt. Die Strohsäcke wurden in den Hof +geschafft, um frische Füllung zu erhalten. Es war eine eiskalte, aber +klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat, verschwand seine betäubende +Schlafsucht, und er blickte überrascht zum Himmel empor; so hatte er die +Sterne noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und dicht gesät. +Er wusch beim Brunnen das Gesicht, und wie er zum Tor zurückkehren +wollte, sah er einige Leute um einen schon halbgeleerten Sack +versammelt, auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war Söhnlein, der +versicherte, daß er sich krank fühle. Die Soldaten lachten, und der +Zimmerälteste befahl ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder +zurück. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an jeder Ecke, hoben ihn +samt dem Daraufliegenden empor und schleuderten ihn fünf- oder sechsmal +in die Luft, wobei sie das ängstliche Schreien des Mannes nicht +achteten. + +Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte über den weiten +dämmerigen Raum des Hofes, der sich wie eine Sandwüste vor ihm dehnte, +bevölkert von schwärzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er mit wilden +Tieren zusammengekettet wäre. Alle verzehrten sich in der Sehnsucht nach +Freiheit, alle waren von Haß erglüht gegen die Bändiger, aber wenn der +Bändiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so hielten sie den Atem +an. Es war ein ungeheures Gebäude gegenseitiger Verantwortung, begründet +auf Furcht und Heuchelei, und Brüder verleugneten einander, wenn der +eine fürchtete, für den andern verantwortlich zu werden. Es ward +Engelhart unheimlich in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter den +Menschen. + +Die Soldaten hatten den Söhnlein inzwischen losgelassen, weil ein +Unteroffizier hinzugetreten war. Söhnlein taumelte diesem über die +Strohbüschel entgegen und stieß ein paar unartikulierte Laute hervor. +»Er stellt sich krank,« sagte einer von der Schneiderwerkstätte. Dem +Korporal kam dies sehr ungelegen, denn er war für den Gesundheitsstand +seiner Abteilung in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing an, in der +unflätigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen, und hob schließlich, +rasend und berauscht von dem Zustand des Zorns, den er genoß wie jeden +andern Rausch, die Arme zum Schlag. Söhnlein muckste nicht, denn er +wußte, wenn er nur die Miene der Widersetzlichkeit annahm, würde er so +bald keinen Kreidestrich mehr von seiner Schranktür löschen können. So +lächelte er eben in seiner albernen und bestürzten Weise vor sich hin. + +Beim Anblick all der infamen Willkür drehte sich Engelhart das Herz im +Leibe um. Nie hatte er sich so völlig in eines andern Seele versetzt, +und als Söhnleins Augenlider krampfhaft zu blinzeln begannen, spürte er +dies unmittelbar und empfand die ratlose Verzweiflung, die jenen +erfüllen mußte. 'Aber warum hilfst du ihm nicht?' rief eine Stimme in +seinem Innern, 'warum schweigst du, Feigling? Warum nimmt sogar dein +Gesicht einen wohlgefälligen Ausdruck an, wenn der Blick des Bändigers +dich trifft?' + +Die Vernunft ist eine beredte Kupplerin im Dienst des gemeinen Nutzens, +wenn es sich darum handelt, Vorwürfe höherer Art zu ersticken. Aber es +kam doch mehr und mehr so, daß Engelhart sich verhärtete und daß er das +Schlimmste tat, was ein Mensch an seiner Seele begehen kann, daß er sich +verachten lernte, daß er böse ward wie die andern und gleichgültig wie +die andern und daß eine innere Welt des Traumes, der Sehnsucht, der +Ideale sich deutlich trennte von der äußeren Welt des Essens, des +Schlafens, des Gelderwerbs und der simplen Nüchternheit. Eines ist der +Himmel, ein zweites die Erde, und wenn so sich Licht von Finsternis +geschieden hat, dann waltet die kupplerische Vernunft ihres Trösteramts +und meint, nun seiest du reif geworden. Aber dies Reifwerden ist kein +Süßwerden und kein Fruchtbarwerden, davon überzeugte sich Engelhart +bald, es ist ein Bitterwerden und Leerwerden. Da ist ein Damm aufgebaut +zwischen der Menschheit und dem Menschen; die Menschheit ist das Äußere +und der Mensch das Innere, und die inneren Wasser stauen sich, bohren +Abgründe und unheilvolle Löcher, kein Aus- und Einströmen mehr, kein +gesegnetes Gleichmaß; allgemeines Unheil wird zum Spiel, zum bemalten +Vorhang, der sich verschiebt und, sobald es dem Geiste beliebt, einem +weniger aufdringlichen Gegenstand Platz macht. Engelhart fühlte, daß er +sich verstockte, aber die fortwährende Erschöpfung des Körpers, der er +ausgesetzt war, ließ ihn nicht mehr zum Nachdenken gelangen. Wenn ihn +das Schicksal zur Ruhe und zum Glück kommen ließ, war er verloren. Die +Seele, die berührt man nicht, das ist wahr, und sie braucht auch nicht +zu erfahren, was die Lippe spricht, aber sie muß unschuldig bleiben, und +sie bleibt es eher, wenn die Hand einen Mord begeht, als wenn die Zunge +schweigt, wo ein höchstes Gebot sie zu reden auffordert. + + + + + Zehntes Kapitel + + +Kurz vor Weihnachten mußte Engelhart vor der alten Kaserne am Mainufer +das erstemal Wache stehen. Es war eigen, in der tiefen Finsternis +zwischen zwei festen Grenzpunkten stundenlang auf und ab zu wandeln. Das +Verrinnen der Zeit glich dem Abtropfen der Flüssigkeit aus einem Gefäße. +Von sieben Uhren der Stadt hörte er die Viertelstundenschläge. Auf dem +Strom bis gegen die Steinbrücke hin waren Holzkähne verankert und das +Wasser schlickerte unter ihnen. Oben auf der Festung brannte ein rotes +Signallicht. Das Gewehr lag Engelhart wie ein Baum auf der Schulter, und +die fallenden Schneeflocken erzählten vom Schlaf, sie waren wie +sichtbarer Schlaf, sie machten die Glieder trunken von Schlaf. + +Mit dem Frühjahr begannen auf dem Galgenberg die Kompagnie- und +Bataillonsübungen. Da zuckte jedes Glied des Truppenkörpers von +Verantwortlichkeitsangst, jeder Soldat zitterte vor seinem Korporal, der +Leutnant vor dem Hauptmann, der Hauptmann vor dem Major, der Major vor +dem Oberst, der Oberst vor dem General. Ein schlechtgeputzter Knopf, ein +schiefhängendes Seitengewehr raubte ganzen Kategorien von Vorgesetzten +die Besinnung, hundert Leute mußten das kleinste Versehen eines +einzelnen büßen, ein Strauchelnder entfesselte die Wut des ganzen +Haufens, und dies gegenseitige viehische Entsetzen war es, was man +Disziplin nannte. Was bedeutete daneben der eingebildete »Feind«? Der +Feind steht da und dort, hieß es, gegen den Feind mußte vorgegangen, auf +den Feind gefeuert werden, alle sprachen von ihm mit Respekt und wie von +etwas Furchtbarem, er war Anfang und Antrieb zu dem waffenstarrenden +Spiel, Gründer und Erhalter des Systems, der unbewegliche Götze, dessen +Name jeden Schrecken heiligte, und doch, er war nirgends zu sehen, er +war Luft, ein Wort, ein Nichts. + +Im Innern stak der Feind, aber das wußten sie nicht. + +Mit dem Vorschreiten der Jahreszeit nahmen die Anstrengungen des +Dienstes zu. Zwölf- bis vierzehnhundert lautlose Sklaven, schwer +bepackt, noch müde vom vergangenen Tag, noch schlaff von unvollendeter +Ruhe, marschierten täglich durch das noch schlummernde Land. + +Der kraftvolle Gleichschritt der Kolonnen gibt der Bewegung den düstern +Rhythmus, verleiht ihr etwas von dem Erstaunlichen einer ungeheuern +Maschine, ihr tiefes Schweigen rührt ans Herz. Die Sonne kommt, die +graublaue Frühluft erglüht. Engelhart liebt den Morgen, es ist die +einzige Stunde, wo seine Hoffnungen wieder frisch werden. Es geht über +die Brücke, an den sanften Biegungen der Weinberge entlang, hügelauf, +hügelab, die Straße schlägt sich durch den Wald. Hier allein sein +dürfen, denkt Engelhart, nur eine Stunde auf dem Moos liegen dürfen. +Eine uralte verwitterte Eiche steht inmitten einer grünen Lichtung; es +ist etwas fürstlich Einsames um sie, erst in weitem Abstand wagen andre +Bäume zu wachsen. Engelhart gräbt ihr Bild in sein Gedächtnis, hier will +er weilen, wenn er frei sein wird. + +Der Tag wird heiß, schwer lastet der Tornister auf den Schultern, der +Kasten des Gewehrs schneidet ins Fleisch, der Helmrand beginnt auf Stirn +und Augen unheimlich zu drücken. Es ist ein Spaßmacher in Engelharts +Abteilung, der immerfort Geschichten erzählt und der die Mannschaft oft +ihrer Mühsal vergessen läßt; er ist deshalb wohlgelitten bei den +Offizieren und erlaubt sich Freiheiten, die den andern ein lügnerisches +Gefühl von Freiheit geben. + +Endlich naht der Feind. Das Verfolgungs- und Versteckenspiel beginnt. +Ein Bataillon stürmt zum Angriff vor und stößt ein Geschrei aus, wodurch +es seine Bereitwilligkeit zu sterben kundgibt. Dies Hurraschreien klingt +durchaus nicht begeistert, sondern qual- und hohnvoll. Die Säumigen +werden von zähneknirschenden Unteroffizieren zu größerer Eile +angetrieben. Eine Kompagnie verirrt sich, der Regimentsadjutant rast auf +schäumendem Gaul zu dem unseligen Hauptmann, der sich die Haare rauft. +Die Trompeter blasen Halt; kurze Rast; Heimkehr. + +Der Anblick der endlosen Landstraße flößt Grauen ein. Die Soldaten +können nicht mehr vorwärts blicken, jeder stiert auf die Stiefel des +Vordermanns. Wer aus dem Schritt gerät, wird mit Lästerungen überhäuft. +Der heiße, weiße, blendende Staub umhüllt den Zug wie Nebel; Wimpern, +Lippen und Zähne sind voll Staub. Widerliche Gerüche steigen auf. +Engelhart, müde und durstgepeinigt, richtet die Gedanken mit schlaffer +Beharrlichkeit auf das Mittagessen. Manchmal empfindet er den trotzigen +Antrieb, stehen zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der +Nachfolgenden herauszufordern. Die Gespräche der Leute verstummen, +schweißtriefend, mit wunden Füßen und wunden Schenkeln schwanken viele +daher, Zerrbilder des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen, +niemand rührt sich, der Befehl wird wiederholt, da erhebt sich zuerst +die dünne Stimme des Spaßmachers, andre fallen ein, der Rhythmus rüttelt +sie auf. Es scheint ein lustiges Lied von volksmäßiger Einfachheit, doch +hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen werden von den +Sängern der Harmlosigkeit beraubt und klingen wie Stichworte des +Aufruhrs. Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft drohend +seinen Namen, er öffnet mechanisch den Mund. Und nun sieht man +talabwärts die roten Backsteinbaracken der Kaserne, in der prallen +Mittagssonne gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen +sehnsüchtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe. Welche Qual, wenn +der Hauptmann sich zuletzt noch zu einer Ansprache bemüßigt findet. Er +liebt es, in väterlichem Ton zu reden, er hält auf Popularität. Wüßte er +um die Gedanken der tückisch lächelnden Soldaten, er zöge vor zu +schweigen. Es ist der Wahn, den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein +Hirn in einem Taumel erhält, daß er sich geliebt und bewundert glaubt. + +Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag ein altes +Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern und ein Ring gleichmäßig +gesetzter Pappelbäume umgaben die zahlreichen Gebäude, von denen Frieden +über die ganze liebliche Landschaft auszuströmen schien. Engelhart zog +es bei Spaziergängen oftmals hierher, auch von der Landstraße aus ließ +er sich mit einer Fähre übersetzen und wanderte langsam dem +efeubehangenen Tor zu. Seitab vom Fußweg stand ein Christuskreuz, und +vor diesem verweilte Engelhart bisweilen in tiefem Nachdenken, wobei +uralt feindseliges Mißtrauen und bange Lust der Annäherung sich +mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht hätte, mehr noch einen +Menschen. Was ihn zu dem Erlöserbildnis trieb, war die Idee des Opfers, +der betäubte Wille rang um Erlösung, er suchte für seinen Schmerz das +höchste Symbol. Das war es; er war Opfer und suchte die Wollust des +Opfers. Es ergriff ihn jener schwärmerische Fatalismus, der eine +Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit strebt und alles +Bewußtsein im Traum und Wahn auflöst. + +Es war in den Hundstagen. An einem Morgen war Bataillonsexerzieren +gewesen, zurückgekehrt, mußte die Kompagnie zur Schießstätte, die in +einem anderthalb Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb drei Uhr +nachmittags waren die Leute, aufs höchste erschöpft, wieder in der +Kaserne. Engelhart erbat und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach +Hause, nichts wünschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit hinunter und +legte sich entkleidet ins Bett. Um sechs Uhr wurde heftig an der +Wohnungsglocke geläutet. Es war Söhnlein. Er hob Engelhart beinahe aus +den Kissen und trieb ihn zur äußersten Eile. Beim Appell war Nachtübung +angesagt worden, um sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein. +Engelhart flog in die Kleider, sie stürmten auf die Straße, und da die +Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt war, wollten sie einen +Wagen auftreiben, fanden aber keinen. So mußten sie im Laufschritt unter +dem Aufsehen der Passanten über die Glacis rennen; als sie auf dem +Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel. Sie kamen an, als die +Kompagnien schon im Hof zusammentraten, oben mußten sie sich in rasender +Hast feldmarschmäßig rüsten, doch es lief glimpflich ab, die Offiziere +begannen eben die Musterung, als Engelhart an seinen leergelassenen +Platz trat. + +Söhnlein war zufrieden, daß es ihm gelungen war, seinen Herrn vor Strafe +zu bewahren, und achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenmänner. Er +war überhaupt in der letzten Zeit immer heiterer geworden, denn auf +seiner Schranktüre befanden sich nur noch vierundvierzig Kreidestriche. + +Der Marsch ging über das Dorf Randersacker nach dem Hügelland in der +Gegend von Eibelstadt. Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am +Abend rein und kühl. Engelharts wie der andern Leute von der Kompagnie +bemächtigte sich nach und nach eine solche Müdigkeit, daß sie sich nur +noch hinzuschleppen vermochten. Der Hauptmann, besorgt, daß ihm seine +Abteilung Schande machen werde, ritt auf seinem alten dicken Gaul +unaufhörlich an den Reihen hin und her, wobei er die Leute in seiner +halb keifenden, halb gönnerhaften Weise zu ermuntern suchte. Trotzdem +traten fünf oder sechs Rekruten aus und blieben am Straßengraben liegen. +Bei der ersten Raststelle fielen die meisten um wie die Stöcke. Der +Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten Weiler, und die +Kompagnie erhielt den Befehl, Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant +wählte fünf Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und Söhnlein. Sie +marschierten über einen langgezogenen Hang bis an den Rand eines tiefen +Forstes. Söhnlein wurde als erster Posten ausgestellt, und an dem +schwankenden Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine +außerordentliche Erschöpfung. Die andern standen schweigend gegen den +mattleuchtenden Himmel gekehrt, aus dessen östlicher Tiefe sich langsam +schwebend der Mond erhob und eine scharlachne Röte auf das Gelände warf. +Der Leutnant schritt im taufeuchten Wiesenrain auf und ab; nach einer +Weile dünkte es ihm notwendig, einen zweiten Posten über den ersten +hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen Punkt auf dem Kamm +des Hügels bei einer einzelnen Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr +und marschierte ab. Der Weg führte ihn dort vorüber, wo Söhnlein stehen +sollte, doch als er hinkam, gewahrte er jenen nicht, sah sich um und +erblickte ihn endlich schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes +gelehnt. + +Der Anblick überraschte und rührte ihn. Anstatt den Pflichtvergessenen +ohne Zögern zu wecken, stellte er sich hin, stützte das Kinn auf die +Gewehrmündung und starrte verloren in das Kindergesicht des Schläfers, +das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es war eine heilige Stille +rings. Gelbliche Lichtflecke zitterten auf dem Boden. Das dürre +Blätterwerk, das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie +geläutertes Gold. Plötzlich vernahm Engelhart dicht hinter sich +Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich nieder, um Söhnlein +aufzuwecken, aber es war zu spät, der Reiter, es war der Adjutant des +Majors, der die Posten inspizieren sollte, hatte den Unglücklichen schon +bemerkt. Söhnlein schaute eine Weile benommen um sich, und als ihm das +Bewußtsein wiederkehrte, wurde er weiß wie Kalk. Engelhart war es, als +müsse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um Gnade für den +Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen Jammer, der in Söhnleins +Brust tobte, und fühlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte mit +eisiger Sachlichkeit, ob er schon länger hier sei oder soeben +dazugekommen sei, und er antwortete, er sei soeben dazugekommen, war +daher für seinen Teil in Sicherheit. + +Es wurde Meldung an die Kompagnie und das Regiment erstattet. Der +Hauptmann wurde zum Oberst befohlen und kam außer sich vor Wut zurück. +Söhnleins Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen waren trüb +und irr. Die Kameraden betrachteten ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem +Heimmarsch sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre +Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmerälteste, wie +Söhnlein eine Weile unbeweglich vor seinem Schrank stand, und er sagte: + +»Na, Söhnlein, das kostet dich ein paar Monate. Aber mach dir nichts +daraus, da brauchst du wenigstens nicht zu schuften.« + +Auch die aufreibenden Wochen der großen Herbstübungen gingen vorüber, +und dann war Engelhart frei. Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde +wieder zu besitzen, den frühen Morgen verschlafen zu dürfen, der eignen +Entschlüsse Herr zu sein, Zeit zu haben, viel Zeit ... Am ersten Tag +suchte er den Park des Veitshöchheimer Schlosses auf und schlenderte in +musikalischer Entzückung durch die beschnittenen Alleen und künstlichen +Laubengänge. Vor einer der verwitterten Statuen, die um das große +Wasserbassin aufgestellt waren, blieb er lange stehen, und es schien, +als ob die Figur zu ihm spreche, ja er hörte deutlich ihre Worte: + + »Des Sommers verdorrte Blätter rollen + Um meinen Fuß. + Unaufhörliches Spiel der Jahre! + Laß über meine kühlen Glieder, Zeit, + Den weitgesäumten Mantel streifen, + Und achte nicht, was mir die Brust füllt, + Den bittern Gleichmut. + Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei, + Das über stolzen Geschlechtern trauert, + Unlebendig, + Zerrbild alles Gewesenen. + Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt, + Wird die Vergangenheit Traum + Und die Gegenwart fühlbarer Tod.« + +Das glückliche Schwärmen durfte nicht lange dauern. Es wurde von Anfang +an verdüstert durch die Frage, was nun werden solle. Was nun, was +anfangen? Womit das Leben verdienen? Es galt, einen Beruf zu ergreifen +oder vielmehr ein Geschäft zu betreiben und von niemandes Gnade abhängig +zu sein. Herr Ratgeber meinte bekümmert, er sei jetzt alt genug, um die +Torheiten zu lassen und an eine geordnete Existenz zu denken. Nach +mancherlei Erwägungen wandte sich Herr Ratgeber an seinen unmittelbaren +Vorgesetzten, den Generalagenten in Nürnberg, und fragte an, ob +Engelhart in dessen Bureau einen Posten finden könne, und die Antwort +war bejahend; es sei gerade eine Korrespondentenstelle frei, wenn der +junge Ratgeber einige stilistische Gewandtheit und außerdem guten Willen +besitze, stehe seiner Anstellung nichts im Wege, der vorläufige Gehalt +sei sechzig Mark für den Monat. Das war jämmerlich wenig, doch Engelhart +durfte sich nicht besinnen, er mußte den ersten besten Strick erfassen, +den man ihm zuwarf, und Herr Ratgeber war froh, der bedrängendsten Sorge +los zu sein. Auch für ihn selbst war des Bleibens in Würzburg ein Ende; +zwischen ihm und Inspektor Dingelfeld war offene Feindschaft +ausgebrochen, der Elende suchte Streit, wo er konnte, und sein +eingestandener Zweck war, den älteren Rivalen zu verdrängen. Herr +Ratgeber hatte schließlich von der Gesellschaft seinen Abschied +verlangt, aber diese wollte einen so tüchtigen Arbeiter durchaus nicht +verlieren und erklärte sich bereit, ihn unter Gehaltserhöhung nach +München zu versetzen. Der Wettstreit zwischen den beiden Nebenbuhlern +war den Herren nicht unangenehm gewesen, er förderte entschieden das +Geschäft, nur zum Äußersten durfte es nicht kommen. Herr Ratgeber war +denn auch zufrieden und fand seine Ehre wiederhergestellt; die +Aufbesserung seines kümmerlichen Lohnes machte ihm mehr Freude als ein +Lotteriegewinst, es war doch irgendeine Anerkennung für all die Mühe; er +brauchte Anerkennung. + +Engelhart mietete sich in Nürnberg auf dem Jakobsplatz ein, der Kirche +gegenüber. Es war die billigste Wohnungsgelegenheit, die er hatte +auftreiben können, er zahlte nur acht Mark monatlich. Es war ein +liliputanisches Zimmer, und das höchst baufällige Häuschen, in dem es +sich befand, gehörte dem Ehepaar Hadebusch, wunderlichen Leuten, die +jene Mischung von Bosheit und Gemütlichkeit besaßen, wie sie im untern +Bürgerstand häufig ist. Der Mann, schon ein Siebziger, war +Bürstenmacher; es roch im Haus beständig nach Borsten, Leim und +Laugenwasser. Während Engelhart in der düstern Wohnstube das Frühstück +verzehrte, politisierte der Alte, das heißt er pries die vergangenen +Zeiten. Frau Hadebusch war ein dickes, habgieriges Weib; wenn sie Geld +sah, konnte sie sich kaum beherrschen und lachte übers ganze Gesicht. +Mit überlegener Schlauheit und scheinbar unverfänglichen Fragen suchte +sie sich über Engelharts Vermögensverhältnisse Klarheit zu verschaffen, +und wenn sie merkte, daß er es übelnahm, suchte sie ihn mit +scheinheiligem Gejammer und den ungereimtesten Geschichten von ihrer +eignen Armut zu versöhnen. Sie hatte einen Sohn, der ein Idiot war und +nur zum Holzhacken und Stubenauskehren zu gebrauchen war. + +Frau Hadebusch hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen Steinkohlen. +Sie beschwor, daß seit Menschengedenken kein solch schwarzes Teufelszeug +in ihr Haus gekommen sei, beutete aber diesen Umstand aus und berechnete +das Holz zum Heizen mit unverschämten Preisen. Engelhart wagte bei +seinem dürftigen Einkommen nicht, das eiserne Öflein in seiner Kammer so +lange zu speisen, daß es für den Abend ausreichende Wärme gab, und so +saß er oft frierend bei seinen Büchern oder er legte sich ins Bett und +las weiter bis Mitternacht. Die morschen Dachsparren über ihm krachten +manchmal so laut, daß er aus dem Schlaf erwachte, und durch die Fugen +der schlecht schließenden winzigen Fenster surrte der Wind. Außerdem +störte ihn die Nähe des Kirchturmes und seiner dröhnenden Glocke nicht +wenig. + +Sein ordnungsloses Bücherlesen entsprang nicht der Lernbegierde und +hatte keinen reingeistigen Antrieb. Nichts beruhigte, nichts befriedigte +ihn dabei, alles stachelte ihn auf. Er suchte die Welt, er suchte das, +was die Jünglinge mit feierlicher Deutung »das Leben« zu nennen pflegen. +Er konnte sich nicht zu der Annahme entschließen, daß das, was er bisher +gelebt, schon »das Leben« sei, und erschien sich wie ein Wesen, das wohl +Flügel besitzt, sie aber nicht gebrauchen darf. Tag für Tag, vom Morgen +bis zum Abend befand er sich in einer innerlich verzitternden Erregung +und seine Seele glich dem glühenden Draht über einer Flamme, der nicht +nachgeben, sich nicht biegen kann, weil er an den Enden festgenietet +ist. Die während des Fronjahrs eingeschlummerten Kräfte und versiegten +Quellen sprudelten jetzt um so gewaltsamer hervor, und Engelhart war +sich seines Zustandes als einer unaufhörlichen Gefahr wohl bewußt; er +wünschte, sich selber zu entfliehen, und wie nie zuvor trieb es ihn zu +den Menschen. Er wollte mit Worten vernehmen, wie es um sie und wie es +um ihn stand. Er glaubte an einen, irgendeinen, der den Schlüssel zu dem +großen Mysterium besaß, und es dürstete ihn nach lebendigem Wissen, +lebendigem Wort, lebendiger Freundschaft. + +Die elende Kammer wurde ihm zuwider. Er suchte an den Abenden andern +Aufenthalt und lief, kein Unwetter scheuend, sich die Beine müd, um +schließlich in einer abgelegenen Kneipe zu landen und bei einer Tasse +Kaffee trübselig vor sich hinzustarren. Einst zu später Stunde kam er in +ein enges Seitengäßchen und blieb lauschend stehen. Eine dunkle, in +leidenschaftlichen Worten einsam redende Stimme drang wie aus dem +Innern der Erde zu ihm. »Da trat hervor einer, anzusehen wie die +Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den +hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: 'Ewig, heilig, +gerecht, unverfälschbar! Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine +Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelndem Wurme!'« ... Engelhart ging zu +einem Fensterloch dicht über dem Boden und blickte wie in einen Trichter +hinunter. Er sah einen matterleuchteten Raum mit Wirtshaustischen und +-bänken. Auf einer Bank an der Mauer saß eine kleine Gesellschaft junger +Leute, ein einzelner kauerte vor ihnen auf den Steinfliesen, und die +Worte, die er sprach, hatten sein Gesicht zerwühlt, seine Lippen +förmlich zerrissen und seine Augen im Wahnsinn gebadet. »Gnade, Gnade +jedem Sünder der Erde und des Abgrunds!« schrie er jetzt und schlug die +Hände an die Wangen. Engelhart schauderte. + +Bald darauf war es zu Ende und die Zuhörer klatschten. »Diesen Franz +macht dir kein Schauspieler der Welt nach, Klewein!« ließ sich jetzt die +heisere Stimme eines langen, hageren Menschen vernehmen, und mit +verächtlichem Lachen, beide Hände in den Hosentaschen, fuhr er fort: »Im +übrigen war dieser Schiller doch ein Mordsstümper. Es ist nur eine +Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Lächerlich! Hunderttausend Wahrheiten, +Millionen Tugenden und schließlich wieder keine; keine Wahrheit, das +ist's, Kinder, denn wenn es eine Wahrheit gäbe, warum sollten wir sie +nicht erkannt haben?« + +Wehmütig an seine abgesonderte Existenz gemahnt, die ihn wie durch ein +fortwirkendes Gesetz von jeder wahrhaft geselligen Vereinigung +ausschloß, lauschte Engelhart durstigen Ohrs den Gesprächen, die von +einem Geist großartiger Weltverachtung durchweht schienen. Nach einer +Weile schritt er zum Eingang, überlegte hin und her, zählte in Gedanken +seine Barschaft nach und stieg endlich die steinerne Treppe zu dem +Weinkeller hinab. + +Sein schüchterner Gruß blieb unbemerkt. Er setzte sich abseits und +bestellte ein kleines Fläschchen italienischen Landweins. Sein Betragen +erregte die Aufmerksamkeit des langen Hageren, den seine Kumpane Peter +Palm nannten. Engelhart errötete, als er dem stumpflohenden Blick der +schwarzen Augen begegnete. Es war der Blick eines Jägers, eines +Wilddiebs, bevor er die Flinte anlegt. Jener Klewein, der den Monolog +gesprochen, brütete schweigend vor sich hin; über seinem hart markierten +Schauspielergesicht bebte die Haut wie Wasser, das leichter Wind zu +Falten bläst. Niemals hatte Engelhart den Ausdruck des schlechten +Gewissens so deutlich und wild auf einem Antlitz gesehen. Die drei +andern waren ein wenig betrunken oder stellten sich so. Einer, den sie +Baron nannten, hatte ein verblasenes Lächeln auf dem bübchenhaften +Gesicht; diesem flüsterte der Lange etwas zu, er kam an Engelharts Tisch +und forderte ihn mit gezierter Höflichkeit auf, sich zu der Gesellschaft +zu setzen. Engelhart dankte; Spannung und Entzücken benahmen ihm fast +die Sinne. + +So glaubte er endlich das Tor betreten zu haben, das ins Leben führt, in +das berühmte »Leben«. Von nun an wurde die Nacht sein Tag, wie für den +Schmuggler, und schmugglerhaft war dies Herumziehen an den Grenzen der +bürgerlichen Bezirke, auf den Lippen Hohn und in der Brust die Furcht +vor ihren Zollwächtern. Oft kam er erst um vier Uhr morgens nach Hause, +schlief dann über die Zeit, kam verspätet, dumpf und müde ins Bureau und +wurde unverläßlich bei der Arbeit. Diese Arbeit bestand im Briefeschreiben +an säumige Zahler, an unschlüssige Versicherungskandidaten, in +Beantwortung von Beschwerdeschriften, in juridischen und ökonomischen +Aufklärungen, Agenteninstruktionen, im Ausstellen von Prämienquittungen, +Berichten an die Direktion und vielem andern. Er hatte sich geschickt +und willig gezeigt, der Bureauchef schätzte den denkenden Kopf in ihm, +wie er sagte, und zeichnete ihn dadurch aus, daß er ein täglich +wachsendes Pensum erledigt haben wollte. Der Bureauchef war ein kleines, +zartes, wachsbleiches, schweigsames Männchen namens Zittel, eine +Schreibernatur durch und durch, geschmeidig, flink, giftig. Als +Engelhart jählings zu erlahmen begann wie eine Maschine, an der ein +Rädchen zerbrochen ist, heftete er bisweilen seine kalten Reptilaugen, +die hinter dicken Brillengläsern glitzerten, forschend und streng auf +ihn und sagte mit berechneter Sanftmut: »Schade, Herr Ratgeber, wirklich +schade.« Doch Engelhart empfand Ekel; nie wurde er das Gefühl einer +ungeheuern Versäumnis los, und besaß er dann die Zeit, nach der er sich +gesehnt, so rann sie ihm aus den Fingern, wie Sand durch ein Sieb läuft. +Manchen Tag vermochte er zu Herrn Zittels Bekümmernis nicht drei Sätze +aufs Papier zu bringen, plötzlich packte ihn die Angst vor der +Brotlosigkeit, er arbeitete in zehn Stunden ab, was sich in zehn Tagen +angehäuft hatte, und Herr Zittel konnte dann nicht umhin, eine solche +Leistung kopfschüttelnd zu bewundern. Schlimm war es, daß er mit dem +Geld in verzweifelte Unordnung kam. Schon am fünften, am siebenten des +Monats mußte er um Vorschuß bitten, für viele Wochen hinaus konnte er +nicht mehr auf seinen vollen Gehalt rechnen, an notwendige Anschaffungen +für Kleidungsstücke oder gar an Bücherkaufen war nicht zu denken, und +wenn er die Miete und das Mittagessen gezahlt hatte, so lief das übrige +rasch bei den nächtlichen Gelagen davon. Und weil unter dem Einfluß +Peter Palms niemand sich anders führte, jeder aus dem Leeren +wirtschaftete und dies trübselige Wesen zum Heldentum emporgelogen +wurde, so dachte Engelhart, alles müsse so sein, wie es war, und es sei +ein Schimpf, anders aufzutreten, als mit prahlerischen Ansprüchen an +eine blind undankbare Welt. + +Peter Palm stammte aus den niedrigsten Verhältnissen. Seine Mutter war +eine Waschfrau in Plobenhof, den Vater hatte er nie gekannt. Er hatte +studiert, Stipendien hatten ihm anfangs fortgeholfen, jetzt war er im +siebzehnten oder achtzehnten Semester und brachte es nicht weiter. Er +hatte viel erlebt und viel gelesen; in seinem Charakter herrschte das +Böse vor. Sein Gemüt war verbittert, ja gleichsam mit Schwären bedeckt, +nicht nur durch Armut und Entbehrungen war es dahin gekommen, sondern +auch durch angeborne Zügellosigkeit des Herzens. Er hielt sich für eine +Art modernen Sokrates, doch mißhandelte er seine Mutter, um ein paar +Pfennige von ihr zu erpressen. Von allen, die um ihn waren, hatte er +Franz Klewein am unbedingtesten in seiner Gewalt. Auch dieser war arm, +hatte abenteuerliche Fahrten hinter sich, war Matrose gewesen, hatte in +einem indischen Hafen desertiert, war in einem Reisfeld von Hindus +aufgefunden und verpflegt worden; dann nach Europa zurückgekehrt, trieb +es ihn zur Schauspielerei, aber er fand damit nur ein kümmerliches +Auskommen. Er war der leidenschaftlichste Mensch, den Engelhart je +gesehen. Er hatte etwas von einem edeln Tier; äußerlich trat er wortkarg +und mit gemessener Ruhe auf, nur in den kleinen unter vorspringenden +Stirnknochen versteckten Augen flackerten unheimliche Feuer. Sein +Scharfsinn war groß, er beobachtete mit Lust und mit Haß und seine +Bemerkungen ritzten förmlich die Haut durch ihre ätzende Bosheit. Er war +noch jung, kaum sechsundzwanzig, ehedem war er sicherlich eine zum +Positiven geneigte Natur gewesen, aber das Schicksal hatte ihn müde +gejagt. Dazu kam noch Peter Palm über ihn; er hatte ihn in einer +Berliner Lasterhöhle kennen gelernt, gerade als er mit dem Entschluß +kämpfte, seinem Leben ein Ende zu machen. Durch Palm wurde er aus der +dämmernden Bahn gerissen, die Helligkeit der Zweifel machte ihn sich +selber doppelt verachtenswert. Er hatte kein Engagement mehr, kaum ein +Unterkommen, und niemand wußte, wie er sein Leben fristete. Den größten +Teil seiner Zeit verbrachte er grüblerisch erstarrt im Paradieschen. + +Das Paradieschen war ein winziges Gebäude, dicht am Stadtgraben erbaut; +jenseits erhob sich der kolossale Turm des Ludwigstores. Zur Nachtzeit +blickten die erleuchteten Fensterchen einladend über den stillen Platz +und rückwärts fiel der Lichtschein in das Pflanzengewinde über der +uralten Festungsmauer. Im Paradieschen war alles winzig: der Wirt, die +Kellnerin, der Spiegel im Goldrahmen, Tische, Stühle, Tassen, Löffel und +das Stehklavier an der Wand. Palms treuester Trabant, ein einfältiger +Sachse namens Jentsch führte auf dem gebrechlichen Instrument seine +wesenlosen Phantasien aus. Er machte die Stimmung. Stimmung, das war das +große Wort. Keiner wußte, was im Kern darunter zu verstehen sei, sie +wollten vergessen, es war ein Aufprasseln letzter Gemütskräfte. Es war +zum Beispiel ein Mann dabei, der für einen Erfinder galt, ein bejahrter +Herr; er hatte ein Vermögen für seine Hirngespinste verschwendet und war +jetzt im Elend; dieser zog immer sein Taschentuch und wischte die Tränen +ab, wenn Jentsch spielte. »Nur zu, nur zu,« murmelte er bei jeder Pause, +»das tut wohl, lieber Jentsch, das tut mir wohl.« Doch dieser stellte +sich selten ein und wurde nie recht ernst genommen, denn es fehlte ihm +der flagellantische Geist, der alle Schläge des Geschicks dadurch +mildert, daß er eine Selbstpeinigung daraus macht und jede Schuld mit +der Krone des Martyriums schmückt. + +Einer aus der Gesellschaft hatte das Wort aufgebracht: wir sind die +Totengräber der Ideale. Engelhart suchte hinter den totengräberischen +Worten die neuen Ideale. Mit beklemmter Brust saß er da und lauschte und +wurde trunken von Worten. Gefühl und Wort waren ihm noch untrennbar +eins. Die große Gebärde riß ihn hin. Alles ward geleugnet; ein Spiel +seiner selbst rollte der Erdball gesetzlos durch den verödeten Raum. +Engelhart spürte Angst vor seiner Existenz und bewunderte den Mut der +Leugner. Peter Palm durchschaute seine Jünger; wenn er ihre Schwäche +erkannt hatte, durfte er alles wagen. Die Vergeblichkeit menschlichen +Mühens wurde in seinem Munde ein Argument des Triumphes. Er nannte sich +in einer geistreichen Stunde den Beichtvater der Todgeweihten; er versah +die sinkenden Seelen mit den Sakramenten. Wenn er redete, schwiegen +alle. In seinem bräunlichen, langgezogenen Fanatikergesicht zitterte Wut +gegen jeden Besitz, gegen jede Hoffnung, ja gegen jeden Kampf. »Du bist +ein Moslem,« sagte Klewein verächtlich und mit dem Schmerz, den er um +sein gestrandetes Leben empfand, »deine Ausbrüche sind Konvulsionen des +Quietismus.« Klewein glich dem im Käfig eingesperrten Wolf; dasselbe +ruhelose Auf und Ab, dasselbe sinnlos verstockte Starren auf das eiserne +Gitter. Einmal blieb er in der Nacht vor der Frauenkirche stehen und hob +die geballten Fäuste. Dann drehte er sich um und schrie: »Ein Weib, ein +Weib, ein Königreich für ein Weib!« Peter Palm lachte und suchte +nachzuweisen, daß das wahrhaft moderne Weib in der Dirne kristallisiert +sei. Engelhart widersprach. Die treuherzige Unschuld seiner Rede +erbitterte Palm und er riet ihm, mit einem Kindertrompetchen vor eine +Mädchenschule zu ziehen und Reveille zu blasen. »Sie sind auch einer von +denen, die Helena in jedem Weibe sehen,« sagte er und prophezeite ihm +ein Leben der Schmach und der Enttäuschungen. Darauf wußte Engelhart +nichts zu entgegnen. Alles, was gesagt wurde, nahm er ganz so, wie es +gesagt wurde, das amüsierte Peter Palm im stillen. Doch ärgerte er sich +über ein Unbezeichenbares in den Augen des jungen Menschen, er ärgerte +sich sogar, wenn Engelhart seinen, Palms, Worten allzuviel Gewicht +beilegte, und eines Tages bemerkte er gegen Klewein, daß da doch nicht +Blut von seinem Blut sei; fremde Rasse; solche Burschen müßten von +Rechts wegen reich sein, dann könne man sie mit gutem Gewissen +verachten. »Ich bin überzeugt, er wird einmal das große Los gewinnen,« +schloß er hämisch. + +Doch im Grunde wußte er besser Bescheid über Engelhart, als er sich +zugestehen mochte, er wußte besser Bescheid als Engelhart selbst. Er +nannte ihn Seelenspürhund, Gefühlsparasit. Doch hier war ein Etwas, das +er nicht zerreißen noch zerbrechen konnte, gleichsam aus der eignen Hand +des Schöpfers hervorgegangenes Gespinst, das man nicht anrühren darf, +ohne vom Blitz getroffen zu werden. Sein Hinundherzittern über den +Gebilden des Lebens gemahnte Palm an die Kompaßnadel, die bei allem +Zittern stetig zum Pole zeigt. Sein zerrütteter Organismus spürte die +Gesundheit des Gesunden traumhaft scharf, bald war er sich auch klar, +wohin das unbewußte Wesen heimlich ziele, von dem Engelhart so qualvoll +beunruhigt wurde, und ein gelegentlicher Fund bestätigte seine +Mutmaßung. + +An einem Sonntagnachmittag lag Engelhart, von Kopfschmerzen gequält, auf +dem Sofa (er wohnte jetzt im zweiten Stock eines Hauses in Steinbühl), +als Palm und Klewein erschienen. Sie machten sich's nach ihrer Art +bequem, schwadronierten von diesem und jenem, Klewein entwickelte nicht +zum erstenmal seinen Plan, nach Amerika auszuwandern, Palm hatte +indessen die Tischlade aufgezogen und stöberte ungeniert unter den +Briefen und Papieren Engelharts. Es fiel ihm ein dicht bekritzelter +Bogen in die Hand, auf dem die Geschichte vom kleinen Bräutigam +aufgeschrieben war, die Engelhart seinem Bruder erzählt hatte; einzelne +Merkworte waren ihm nicht aus dem Sinn gegangen und er hatte, vor +Monaten schon, sich der ganzen Bilderfolge durch Niederschreiben +entledigt. Palm las und las, begann spöttisch zu lächeln, dann laut zu +kreischen, Engelhart merkte zu spät, was vorging. Palm ließ sich den +Raub nicht mehr entreißen, auch Kleweins Einspruch half nichts, Palm +bestand darauf, das Elaborat müsse im Paradieschen verlesen werden, auch +Herr Barbeck habe heute zu kommen versprochen, das treffe sich +ausgezeichnet, der sei der rechte Mann für so was. Welche Verachtung lag +in seinen Worten! Engelhart glaubte, seine Unfähigkeit werde an den +Pranger gestellt, und wollte vor Scham vergehen. Die Verlesung fand zu +einer Stunde statt, wo noch keine fremden Gäste im Paradieschen waren; +die simple Geschichte wurde mit blutigem Hohn aufgenommen und +vollständig niederkritisiert. Zuhörer waren Palm, Klewein, Jentsch, der +Baron, dann ein halbnärrischer Maler, der den Spitznamen Krapotkin +hatte, da er unaufhörlich Stellen aus den Schriften dieses +Anarchistenführers deklamierte, und ferner Herr Barbeck. Dieser gab sich +den Anschein, als nehme er die Geschichte ernst, und fragte Engelhart am +Schlusse, was das Ganze zu bedeuten habe und von wo die Verse +abgeschrieben seien. Engelhart schwieg. »Was haben Sie denn vor, was +wollen Sie werden?« fuhr Barbeck mit geheimnisvollem Grinsen zu fragen +fort. Und als Engelhart verlegen die Achseln zuckte, lachten alle, +Barbeck aber sagte: »Na, Jüngling, mich werden Sie nicht hinters Licht +führen, ich kenne das, bin selber dort gewesen, hinterm Licht nämlich, +hab' selber Äpfel gestohlen.« + +Barbeck kam von da an allabendlich ins Paradieschen. Mit seinem +tückisch-vielsagenden Lächeln versicherte er, daß ihm der kleine +Bräutigam, auf diesen Spitznamen nagelte er Engelhart fest, Interesse +eingeflößt habe. Es hatte eine eigne Bewandtnis mit Herrn Barbeck, und +Engelhart fürchtete den Mann mehr noch, als er mit der Zeit Peter Palm +fürchten gelernt hatte. Peter Palm gab sich wenigstens wie er war, eher +noch schlechter als besser, es war etwas Ehrliches in seiner dürren +Dämonenhaftigkeit, aber dieser wechselte beständig sein Wesen und war +ungreifbar wie die schillernde Qualle. Er war Privatgelehrter, das +heißt, er betitelte sich so. Er behauptete, Astrologie und Alchymie zu +studieren, und meinte, wenn die Rede darauf kam, die alten Burschen in +Babylon seien gar nicht so dumm gewesen. Dabei ließ er die frivol +glänzenden Äuglein forschend von Gesicht zu Gesicht wandern, denn er war +ungemein eitel, so eitel, daß er nicht vertrug, wenn jemand in der +Gesellschaft einen guten Witz machte, gerade als ob es nur ein +bestimmtes Quantum Gelächter in der Welt gebe und er um seinen Anteil zu +kommen fürchte. Er besaß lange glatte, blonde Haare, die am Hinterkopf +kunstvoll beschnitten waren und den mädchenhaft zarten Nacken frei +ließen; häufig strich er mit der Hand über den Kopf, wobei er zärtlich +sinnend oder boshaft triumphierend in die Luft schaute. Wenn jemand +seinen Worten widersprach, so fing er an, irgendeine Melodie vor sich +hinzusummen, und drehte den Kopf wie eine Soubrette mit schmachtendem +Blick zur Seite. Er war wohlhabend, aber geizig; einmal war es Peter +Palm gelungen, ihn anzupumpen, darauf hatte sich Barbeck monatelang +nicht mehr blicken lassen. Bei Tag war er ein Bürger, nie hätte er sich +bei Tag etwas gegen die bürgerliche Ordnung zuschulden kommen lassen; +bei Nacht dagegen setzte er Ehre darein, für einen erfahrenen Glücks- und +Lebemann zu gelten, sprach mit pfiffig verschlagener Miene von seinen +Abenteuern und von gewissen Häusern der Liebe an der Stadtmauer drüben. +Alle andern verachteten immer nur die Menschen im allgemeinen mit +Ausnahme der Anwesenden, jeder Anwesende war eine Persönlichkeit von +Bedeutung; Barbeck verachtete alle und zeigte jedem, daß er ihn +verachte, ihm konnte man nichts vormachen, der älteste Ruhm zerstob vor +seinen Augen in Dunst, und er pflegte nur hin und wieder mit +feinschmeckerischem Zungeschnalzen Dinge zu loben, über die sich niemand +eines Lobes versah oder die zu tadeln albern gewesen wäre. + +Engelhart wurde bis ins tiefste Herz beunruhigt. Dies gefühllose +Fertigsein; dies unbedingte Sichersitzen auf felsenfesten Urteilen; +diese hohnlachende Philosophie, die ohne Skrupel das Erhabene von seinem +Thron zerrte. Oft saß er wie im Fieber und jeder Abend endete mit +Stunden des Lebensüberdrusses. Denn wozu leben, wenn das, was er so +göttlich in seinem Innern walten fühlte, nur ein aberwitziges Spiel war, +ein Traumgesicht, das vor andern zur Grimasse erstarrte? Mit Angst hielt +er sich fest, um nicht zu fallen. Die überfließende Empfindung suchte er +zu verbergen, es war freilich umsonst, sie wußten es alle, sie machten +sich zu Meistern seiner Unsicherheit und zerhämmerten sein Herz. Wie das +Weltkind unter Pfaffen gezwungen wird, sein natürliches Betragen für +eine Sünde anzusehen, so bequemte er sich, um doch wenigstens für +ebenbürtig genommen zu werden, mit ihren Gebärden zu reden und ihren +Anschauungen beizupflichten. Er war der erste und der letzte bei allen +Gelagen, genoß unzureichenden Schlaf und nährte sich schlecht. Seine +Lebensführung war unsinnig, er mußte Schulden machen, und anständige +Leute, die ihm bisher wohlgewollt, wurden ihm feindselig gesinnt. Es war +alles umsonst, Peter Palm glaubte ihm nicht. »Geben Sie sich keine +Mühe,« sagte er, »Sie sind ja doch nur ein verkappter Philister, der +zähneklappernd einen Ausflug ins feindliche Land macht.« O dieser Dämon +im Schlafrock! + +Eines Nachts kam Barbeck aufgeregt ins Paradieschen und verkündete, +Amöna Siebert sei in der Stadt und tanze in den Reichshallen. Daraufhin +wurde der Beschluß gefaßt, aufzubrechen, um die Siebert zu sehen, die +nach Peter Palms Beteuerung das genialste Weib unter der Sonne war. +Amöna Siebert war vor acht oder zehn Jahren Kellnerin im Wirtshaus zum +Mondschein gewesen, und das siebzehnjährige Mädchen, ohne durch +Schönheit aufzufallen, fand wegen ihrer Heiterkeit viele Anbeter. Eines +Morgens nach einem Ball hatte sie den kleinen Saal aufzuräumen, und +plötzlich fiel ihr bei, eine Menge Stühle in zwei Reihen zu setzen, +diese für Tänzer und Tänzerinnen anzusehen und zwischen ihnen hindurch +die Touren einer Anglaise zu tanzen, ein Vergnügen, das sie +leidenschaftlich liebte, weil sie dabei die Leichtigkeit und Anmut ihrer +Bewegungen spüren konnte. Ein durchreisender Fremder belauschte und +überraschte sie, er machte ihr das Anerbieten, sie ausbilden zu lassen, +einige Monate darauf hörte man von ihren großen Triumphen, plötzlich war +sie verschollen und es hieß, ein italienischer Graf habe sie entführt. +Viel später war sie noch einmal in der Stadt gewesen und hatte getanzt, +darauf hieß es wieder, ein Liebhaber habe sich ihre Gutmütigkeit zunutze +gemacht und sie zugrunde gerichtet. Jedenfalls ging es ihr jetzt +schlecht, sonst wäre sie nicht in den Reichshallen aufgetreten, einem +Lokal letzten Rangs. An diesem Abend tanzte sie nicht, am nächsten Abend +sah sie Engelhart zum erstenmal, hatte aber keinen guten Eindruck von +ihr; ihre Bewegungen erschienen ihm frech und gewaltsam, nur die +traurigen, starr in die rauchige Luft des eklen Raums gerichteten Augen +berührten sympathisch. Barbeck machte sich hinter einen von Amöna +Sieberts Bekannten, und dieser versprach, ihn und seine Freunde mit der +Tänzerin zusammenzubringen, die gegenwärtig ohne Anhang sei. Barbeck +hatte Bedenken, die Sache drohte Geld zu kosten, er war der einzige +Zahlungsfähige bei der Partie, indessen gab er sich der Hoffnung hin, +auf die Kosten zu kommen, und gegen Mitternacht zog die ganze +Gesellschaft mit Amöna in einen Weinkeller. Amöna Siebert trug sich wie +eine vornehme Dame. Ihr oberflächlich lustiger Ton zeugte von der +stetigen Gewohnheit des Verkehrs mit fremden Leuten. Mehrmals hatte es +dennoch den Anschein, als fühle sie sich unbehaglich und aus dem +verschleierten Blick sprühte Widerwillen. Barbeck benahm sich wie ein +Faun, er trank mehr, als er vertragen konnte, und wurde nach und nach +zudringlich, Klewein, bebend vor Wut, ließ ihn barsch an, es entstand +Streit, Peter Palm mußte sich ins Mittel legen, am Ende stritten auch +Klewein und Palm und warfen einander Wahrheiten an den Kopf. Der Baron +suchte Amöna mit aristokratischen Manieren zu bestechen, während Jentsch +und Krapotkin die Gelegenheit des Freitisches benutzten, um sich gütlich +zu tun. Engelhart litt. Eine mahnende Stimme ertönte in seinem Innern, +und wie unter einer Bergeslast stützte er den Kopf in die Hände. + +Es blieb nicht verborgen, daß Klewein für die Siebert leidenschaftlich +entbrannt war. Er opferte das letzte, was er hatte, um sich einen +tadellosen Anzug zu verschaffen. Ob er erhört wurde, war nicht zu +erfahren, man wußte nur, daß er mitsamt seinem feinen Anzug obdachlos +war, denn Palm, bei dem er oft genächtigt, wollte nichts mehr von ihm +wissen. Es beleidigte ihn, sich um eines Frauenzimmers willen beiseite +geschoben zu sehen. Jentsch und der Erfinder gingen einmal spät nachts +am Güterbahnhof spazieren, da überraschten sie Klewein, wie er sich auf +einem Frachtfuhrwerk das Lager zum Schlafen richtete. Er machte +humoristische Glossen darüber, die beiden dummen Menschen ließen sich +täuschen und lachten mit ihm. Barbeck war die ganze Zeit über voll Gift +und Galle, tröstete sich aber immer wieder mit Peter Palms Versicherung, +daß die Siebert unmöglich einem Klewein ihre Gunst schenken könne. Eine +Woche später hieß es, Amöna Siebert sei krank und die Direktion der +Reichshallen mache Schwierigkeiten mit dem Kontrakt, das Mädchen habe +ihre Wohnung aufgeben müssen und sei zu einer armen Verwandten gezogen. + +Eines Abends trafen sich Engelhart und Klewein am Laufertor, +schlenderten eine Weile planlos um den Graben, und Klewein wurde von +Minute zu Minute düsterer und zerstreuter. Engelhart dachte, es seien +die Geldsorgen schuld, und da Monatsanfang war und er gerade ein paar +Taler in der Tasche hatte, fragte er Klewein, ob er ihm aushelfen könne. +Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, aber Kleweins Betragen +veränderte sich deshalb nicht. Engelhart war nicht fähig, jemand +auszuforschen, er liebte gar nicht Geständnisse eines andern, er war zu +sehr mit sich selbst beschäftigt. Klewein schlug ihm vor, mit in die +Reichshallen zu gehen, und auf dem Wege dorthin erzählte er, offenbar in +dem qualvollen Drang, sich irgendwem zu eröffnen, wie ihn Amöna Siebert +an der Nase herumführe, wie sie ihn leiden lasse durch seine +Leidenschaft und daß er darüber des Lebens satt und übersatt geworden +sei. Wie aus Fieberphantasien stieg Amönas Bild empor als das einer +Vergifterin, eines Molochs. + +Stumm saßen sie während der Vorstellung in den Reichshallen, gehässig +aufgeregt durch den Lärm, die widerliche Musik und den Anblick der +verwüsteten Männer- und Weibergesichter. Später gingen sie mit Amöna in +ein nahegelegenes Café. Klewein redete beständig, Amöna unterbrach ihn +oft mit einer spöttisch stachelnden Bemerkung, sie sah matt und blaß +aus, oft schien es, als werde ihre Brust ausgeglüht von einer +verborgenen rasenden Ungeduld. + +Engelhart schwieg zumeist. Ihn erbarmte des Weibes, er wußte nicht wie +und warum. Die Gegenwart einer Frau stimmte ihn überhaupt stets milder +und süßer. Auf dem Heimweg entstand plötzlich ein Wortwechsel zwischen +Klewein und Amöna; eigentlich um nichts, der Zwiespalt lag mehr in den +beiden Menschen selber als in ihrer Wirkung aufeinander. Als Klewein sie +aufs äußerste gereizt hatte, blieb Amöna stehen und sagte kalt: »Jetzt +habe ich genug von Ihnen,« und streckte dabei befehlend den Arm aus. +Klewein starrte sie an, dann verbeugte er sich sarkastisch und ging +hinweg. Seine heftigen Schritte verklangen in der Finsternis. Amöna +wendete sich mit einem drohenden Blick zu Engelhart und fragte: »Sind +Sie auch so einer?« Und da er schwieg, nahm sie seinen Arm, und da er +ihr nicht werbend entgegenkam, schien sie zu erstaunen. Unter einer +Gaslaterne nahm sie ihm den Hut ab, legte die Hand auf seine Schulter, +sah ihn prüfend an und sagte halb lächelnd, halb traurig: »So jung, so +jung!« Sie blieben eine Weile stehen, dann sagte sie: »Jetzt gehen Sie +nach Hause und schlafen Sie sich mal aus, und morgen abend um neun Uhr +kommen Sie zu mir, ich tanze morgen nicht, ich fühle mich wieder unwohl, +kommen Sie zu mir in die Wohnung.« Sie nannte ihm die Straße und das +Haus, nickte kokett und schritt langsam davon. Engelhart kam taumelnd +heim, entschlief erst, als der Tag anbrach, und wurde durch einen +Abgesandten des Bureaus aufgeweckt, der ihm ein Schreiben von Herrn +Zittel übergab. Herr Zittel schrieb, seine Geduld sei nun zu Ende, nur +der Rücksicht, die man auf seinen Vater nehme, habe es Engelhart zu +verdanken, daß man ihn noch nicht davongejagt. Engelhart schrieb zur +Antwort, er sei krank, versprach morgen zu kommen, versprach sich zu +bessern. Als er um sieben Uhr nachmittags ins Paradieschen kam, war +Barbeck zugegen, es wurde natürlich über Klewein und Amöna geredet, +durch ein unvorsichtiges Wort machte er den immer lauernden und +mißtrauischen Barbeck stutzig und sein Erröten setzte ihn noch mehr in +Verdacht. Es erschienen auf einmal viele Leute, meist unbekannte +Gesichter, einer von ihnen trat zum Tisch und begrüßte Barbeck, es war +ein schlanker Mensch mit außerordentlich schönen, bleichen Zügen, hinter +dem Zwicker funkelten feurige Augen. Engelhart war es längst müde, immer +wieder Menschen zu sehen, ihm bangte vor jedem neuen Namen, auch dieser +Fremde machte ihn ungeduldig, indessen ward er sehr bestürzt durch den +ernsten, tiefen, mitleidigen Blick, der ihn aus jenen Augen traf. Er +begann zornig zu werden und schaute mit Absicht in eine andre Richtung, +endlich zahlte er und brach auf. Barbeck bat, auf ihn zu warten, er +wolle ihn begleiten, Engelhart zögerte und erwog, wie er sich des Mannes +entledigen könne, es war schon halb neun. Draußen fragte er nach dem +schwarzbärtigen Herrn, der ihm so ärgerlich gewesen war, und Barbeck +sagte, das sei ein toller Kauz, ein ganz toller Kauz. Das war alles. +»Was ist er denn? wie heißt er?« fragte Engelhart mit beständig +wachsendem Groll. Er heiße Justin Schildknecht und sei ... eben ein +toller Kauz. Barbeck lachte wieder einmal geheimnisvoll in sich hinein. + +In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so. Barbeck hatte sich einst, +ohne Vorwissen Engelharts, eine stenographische Abschrift von der +Geschichte vom kleinen Bräutigam gemacht. Vor kurzem war er mit Justin +Schildknecht, einem seiner bürgerlichen Tagesbekannten, beisammen +gewesen, und um zur Erlustigung beizutragen, hatte er das Geschichtchen +vorgelesen, gespickt mit eignen witzigen Einschiebseln. Der Zuhörer +hatte sich aber in andrer Weise dafür erwärmt und den Wunsch geäußert, +Engelhart kennen zu lernen. Nichts leichter als das, meinte Barbeck, +kommen Sie um die und die Stunde da und da hin. + +Es war schwül. Bleifarbene Wolken umsäumten den Himmel, die den +vergehenden Tag wie Tiere in unsichtbaren Klauen noch zu halten +schienen. Während Engelhart überlegte, wie er von Barbeck loskommen +könne, war ihm der Zufall bei seinem Vorhaben behilflich. Von der Haller +Wiese her zog ein großer Trupp Menschen, lauter Arbeiter. Es war eine +Kundgebung. Die Leute von den Spiegelglasfabriken hatten einen Streik +veranstaltet. Aus dem Tor marschierten Polizeileute. Junge Burschen +pfiffen und johlten, ein Herr im Zylinder rannte in größter Eile +inmitten der Fahrstraße, Engelhart entschlüpfte in das Gedränge. + +Als er vor dem Haus anlangte, wo Amöna wohnte, es war ein altes Gebäude +nahe der Insel Schütt, fing es an zu regnen. Sein Blut war so aufgeregt, +daß der Arm zitterte, als er an der Glocke zog, und ungeduldigstes +Verlangen machte sein Auge feucht. Ein altes buckliges Weib, wie einer +Hexengeschichte entlaufen, öffnete und führte ihn über einen modrig +riechenden Gang in ein kellerartiges Gemach. Ein riesiger Altnürnberger +Schrank und eine Ampel mit rotem Glas konnten nicht den Eindruck der +Armseligkeit mildern. An einigen Nägeln an der Wand hingen die bunten +Gewänder der Tänzerin und sie selbst saß auf dem Sofa und nähte eine +blaue Schleife auf ihren Hut. Sie schwatzte wie ein kleines Mädchen, +fragte ihn, ob er reich sei, ob er reich werden wolle, schimpfte auf die +reichen Leute, auf das Geld, auf die Männer, auf die ganze Welt. »Früher +ist man wenigstens in die Kirche gegangen,« sagte sie, »jetzt fehlt auch +das.« Dann blickte sie plötzlich auf und fragte mit seltsamer +Heftigkeit, ob er sie schön finde; und da er betreten schwieg, ob er sie +hübsch finde, ob sie schon verblüht sei. »Die Spiegel lügen,« rief sie +aus, »nur die Weiber sind ehrlich, wenn sie aufhören, neidisch zu sein.« +Sie stand auf, ging zur Tür, lauschte, riegelte zu, trat dann zu +Engelhart und sah wartend, lächelnd, nicht ganz ohne Befangenheit in +sein Gesicht. Alles an ihr war ein wenig gelblich, das Haar, die Haut, +ja sogar die Augen. + +Engelhart vermochte weder zu reden noch sich zu bewegen, er saß wie +angeschmiedet und erstaunte selbst über seinen unbegreiflichen Zustand. +Nicht als ob ihm Amöna auf einmal reizlos erschienen wäre. Er fühlte +noch dasselbe dumpfe Verlangen nach ihr wie vordem. Aber zuerst war es +dies gewesen: er glaubte sie durch eine Miene oder Gebärde der +Annäherung zu beleidigen, sie, die er doch kaum kannte; dann fürchtete +er etwas andres, das Leben hinter ihr, die Bitterkeit in ihrer Brust, +und außerdem war es ihm unmöglich, ihr auch nur ein einziges zärtliches +Wort zu sagen, weil er keine Zärtlichkeit empfand und weil er sie nicht +niedrig genug schätzte, um skrupellos zu nehmen, was vielleicht mit Mut +und Selbstverleugnung gegeben wurde. Es war zugleich Stolz und Feigheit, +Achtung vor dem Weibe und Angst vor einer Verantwortung, Trotz und +Scham, doch hauptsächlich wohl Scham und schließlich auch eine nagende, +beklemmende Traurigkeit. Alles das war es, nur kein Zugreifen und +unbekümmertes Wagen. Zu viel enthielt jeder Augenblick für ihn, zu +eifrig schaute er vorwärts und rückwärts und seitwärts und nach innen +hinein in die Tiefe. Ein Mensch war ihm etwas unergründlich Vielfaches, +Schwieriges, Gewundenes, Rätselhaftes, und ein Weib, das war nun ganz +und gar ein Geheimnis. + +Amöna hatte ihn zu liebkosen versucht; sie ließ nun ab und setzte sich +bleich und stumm auf den Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen +Blick in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und ihr Gesicht +hatte einen herausfordernden, wild-verächtlichen Ausdruck. Dann ging +eine ganze Kette von Veränderungen in ihrem Gesicht vor; die Züge +erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte eine hohle +Müdigkeit über Wangen und Mund, über den Leib flog ein Schauder, sie +warf sich quer über das Bett und seufzte aus furchtbar bedrängter Brust. +Engelhart war sehr bestürzt darüber, was er da angerichtet, er hätte es +gern wieder ungeschehen gemacht, aber das war nun vorbei. So stand er +auf, ging zur Türe und sagte schüchtern gute Nacht. + +Draußen regnete es noch in Strömen, wie Peitschenschläge klatschte es +aufs Pflaster. Indes er unter dem Toreingang wartete und den Hutrand +herunterstülpte, weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm ins Gesicht +spritzte, löste sich aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Mauer +eine Gestalt und kam rasch auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart +erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit beiden Händen +seine Rechte und mit schlotternden Kinnladen murmelte er: »Mensch! +Mensch!« Es war nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und +leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich jedoch in +wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht sagen: das, was du fürchtest, +ist nicht geschehen, denn es gibt eine Männereitelkeit, die stärker ist +als jedes Gefühl von Sünde. + +Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen. Ja, er behandelte +Engelhart herzlicher als vorher und suchte im übrigen wieder Peter Palms +Gesellschaft, die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie beschäftigten +sich nach alter Gewohnheit damit, Höhlen zu bauen und andrer Leute +Vorratskammern zu plündern. + +Es begann damals ein neuer Wind durch die Zeiten zu wehen; vieles +zerbarst, was bislang in unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein +Frühling des Gedankens war es, ein März der Hoffnungen, mit Fug durfte +man Gewohntem mißtrauen, es brachen Blüten auf, so fremdartig, daß müde +Augen sie für Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier zu atmen +und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart spürte es in allen Fasern und +wußte nicht, wohinaus damit; ein heftiges, blindes Wollen machte ihn +unfähig, dem Augenblick, der gegenwärtigen Stunde genugzutun, seine +Sehnsucht schien ihm doch nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an +die rechte Stelle führte. Jene aber, an die er sich drangvoll anschloß, +taten, als wüßten sie von nichts. Wenn der Sturm brauste, sagten sie: +»Ach was, das Fenster schließt wieder einmal nicht«, und statt die +Richtung zu deuten, machten sie sich über die Wetterfahne lustig. Sie +verwühlten sich, und um nichts zu sehen, wenn es am wetterträchtigen +Himmel leuchtete, schlossen sie krampfhaft die Augen und schrien: Es ist +finster. Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen +angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen und etwas Arges, Schmähliches +kam über ihn. + +Mit dem trotzigen Entschluß zur Verworfenheit, gleichsam mit verhängtem +Gesicht und aufgerissener Brust hatte sich Klewein in ein +lasterhaft-ausschweifendes Treiben gestürzt. Der Baron, ebenfalls ein +Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen, unterstützte +ihn, Barbeck machte den lüsternen Neugierigen und Peter Palm sprach von +sozialwissenschaftlichen Forschungsreisen, damit die Sache ein +Mäntelchen habe. Es mußte alles ein Mäntelchen haben, jeder Mann und +jedes Ding. »Kommen Sie, Freundchen,« sagte er zu Engelhart, als dieser +einmal schmerzlich zögerte, »die verlorenen Söhne gehören zu den +verlorenen Töchtern.« Sie traten in ein Haus, auf dessen Steinschwelle +sich eine Lache geronnenen Blutes befand; daneben lag ein +zerschnittener, halbverfaulter Apfel. + +Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste Frauenzimmer auf und +zogen mit ihnen umher. Am Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust +den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden durchpflügten Brust +verschütteten. Engelhart ward seinem Mitleid und seinem Abscheu ein +Spielball. Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen den +offenen Gräbern für alle Hoffnungen des Lebens. Aber die Dirne ist +vogelfrei, sie steht außerhalb der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist +die Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus, sie ist +pflichtenlos und legt niemandem eine Pflicht auf. + +Engelhart wußte, was er beging. Wie der Geldborger den besten Freund +fliehen und fürchten lernt, dem er verschuldet wird, so geht es auch +dem, der sein eignes Herz zum Gläubiger macht; er findet einen +unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je mehr Engelhart sich mit +Schuld bedeckte, je mehr betörte er sich mit dem Traum einer großen +Erlösung. Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit und +baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, eine Gespielin +der Götter. Daß Engelhart, so für die Liebe geschaffen wie keiner, +gerade an ihr zum Frevler werden mußte und zum immer wissenden Frevler, +zum sühneerwartenden; seine Jugend hinwerfen mußte, das verirrte Gefühl +nicht bewahren konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und eine +Bestimmung alles von sich werfen mußte, was ihn stark und rein erhalten +konnte! + +Es war eine Septembernacht, der Morgen ließ schon die Giebel der Häuser +erblassen, da ging Engelhart mit wunderlicher Langsamkeit, die Hände vor +das Gesicht gedrückt, Schritt für Schritt seiner Wohnung zu. Er mochte +nicht emporblicken, die schwarzen Fenster der Häuser wurden ihm zu +Augen, wie die Augen von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der +Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht, den er durch +Barbeck kennen gelernt und den er seitdem nicht wiedergesehen hatte. Er +hatte die Hände vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte +vorüberging, und sah ihm unwillkürlich nach. Plötzlich drehte sich +Schildknecht um, kam wieder zurück, sie wechselten ein paar Worte, auf +einmal fühlte Engelhart wie durch einen Zauberschlüssel sein Inneres +aufgeschlossen, sie gingen miteinander weiter, redeten, redeten, +Verwicklungen lösten sich, Nebel entschwebten, der Himmel wurde licht, +Engelhart fand sich so herrlich verstanden, zärtlich beruhigt, endlich +ein hörendes Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus +Bergwerksschächten empor, und als sie sich trennten, besaß er einen +Freund. + + + + + Elftes Kapitel + + +Justin Schildknecht trat als Prediger und Reformator in den Lebenskreis +Engelharts. Dies und dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die +Sache so und so anfassen, sagte er; Engelhart wußte, wie verkehrt alles +war und wo das Rechte lag, und war doch entzückt, es mit Worten zu +vernehmen. Bisher hatte niemand sich die Mühe genommen, ihm einen Weg zu +weisen, als ob es gleichgültig sei, wohin er ging, da er nicht stille +hielt vor der Krippe, wo sie ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte: +»Du gehörst ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du gehörst hinaus +in die Welt, du gehörst der Welt und gehörst dir selbst.« Das machte +Engelhart sicher wie einen, der lange Zeit ein von der Behörde nicht +konzessioniertes Geschäft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein vom +Minister selbst erhält. + +Zunächst heißt es sich von Peter Palm und seiner Sippe losmachen, +erklärte Schildknecht. Nichts schien leichter; Engelhart dachte: 'Ich +meide die Gesellschaft und alles ist in Ordnung.' Aber wenn die Stunde +kam, trieb es ihn an die gewohnte Stätte, als wäre sein Blut vergiftet +von der Luft dort, von den Blicken, Worten und Zeichen, von all dem +Nichts, und fände nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch lag +in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen Menschen, denen er +einmal nur den geringsten Teil seines Herzens geschenkt, und er verstand +es nicht, irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich +fesselte, unbekümmert zu zerschneiden. Er schleppte immer sämtliche +Überbleibsel aller Beziehungen zu Menschen schwerfällig hinter sich her. + +Dazu kam, daß Peter Palm plötzlich Besitzrechte an Engelhart geltend +machte wie an einen Sklaven, der die Freiheit will. Engelhart nahm das +sehr ernst. Er erachtete sich für gebunden, ihm schien, als ob ein +Vertrag ihn feßle. Daß Schildknecht um dessentwillen nicht an ihm irre +ward und hinter der schwächlichen Handlung das verzagte Gemüt spürte, +das war ein schöner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er ließ sich zum +Schein selbst von den Fäden umgarnen, aus denen er ihn lösen wollte, zog +nächtelang mit umher, und wenn sie dann allein waren, redete er ihm +gütig zu und riß den Flitterschleier von dem genialischen Unwesen. + +Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem uralten Hause am +Egydienplatz. Über dem Tor war der Körper eines aufhorchenden, im Lauf +stillestehenden Windspiels in Stein gemeißelt. Schildknechts Wesen und +Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild nervöser Wachsamkeit. Er +war reizbar und scheu wie ein eingesperrtes Tier. Einmal führte er +Engelhart in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das Bildnis seines Vaters +hing. Engelhart empfand beinahe Furcht vor dem schwarzbärtigen Gesicht +mit den durchdringenden Augen und beneidete dennoch den Freund, über +dessen Leben eine so verehrungswürdige und gewaltige Erscheinung +thronte. In seiner behaglich-breiten und schnörkelhaft-abschweifenden +Manier erzählte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr in die +Bürgerversammlung gekommen war und wie der Anblick seiner majestätischen +Person genügte, um die Zwieträchtigen eines Sinnes zu machen. Aber die +Erinnerung an diesen Mann, die Rückwirkung einer tyrannischen und +klösterlichen Erziehung beirrte Justins bis zur Schmerzhaftigkeit +empfänglichen Geist mehr, als sie ihn festigte. + +Er war Entwurfzeichner für eine chromolithographische Anstalt und +verdiente ziemlich karg sein Brot. Der Kopf war ihm voll von Plänen und +Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten, und er fand +nicht den Weg in die große Welt. Vielfaches Mißlingen hatte ihn +argwöhnisch gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm ihm den +Atem. Er war verlobt mit einem schönen Mädchen aus wohlhabender Familie, +die Eltern der Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange +Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern, giftige +Schlangen, nur im Neid vegetierend, trugen schmutzigen Klatsch ins Haus, +machten die Braut zum Aschenbrödel, häuften die Erbitterung. +Schildknechts Vergangenheit wurde böswillig durchforscht, anonyme Briefe +tauchten auf, das Verhältnis mit der Geliebten wurde zur Qual. +Schildknecht war zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill +verzehrte ihn. Wochenlang durfte er dem Mädchen nicht nahen, dann hielt +er sich geflissentlich fern. Engelhart sah einmal das junge Ding, +verschüchtert ging sie daher, doch gleich Beatrice »macht' ihr Anblick +jedes Ding bescheiden«, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen. +Schildknecht sprach selten von ihr und nur in Andeutungen, denn in +allem, was Frauen und Liebe betraf, war er scheu und keusch. + +Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was irgend mit Werktätigkeit +zusammenhing, schob er in weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit +unfertiger Hand zu freveln. Er meinte, es müsse wie Sturmflut über ihn +kommen, und es sei nichts vonnöten, als der gemeinen Misere enthoben zu +sein. Einstweilen biß er sich die Lippen blutig an der Kette, die ihn +hielt. Seltsam war es für Engelhart, mit Schildknecht vor dem +Sebaldusgrab zu stehen, das er als Knabe in der dumpfen Lust an +Gestaltlichkeit betrachtet hatte, und doch ahnend, wie Schönheit aus +dem innersten Kern der Welt sprießt. Schildknecht vergötterte die alten +Meister, in ihnen sah er alles verkörpert, was ihm die Heimat war und +geben konnte. Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug, er +stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu viel, das ermüdete +Engelhart, unter solchem Zwang hätte er auch im Paradies trotzig die +Augen geschlossen. So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches, +manches Werk, manchen Menschen, manches freie Staunen. Um sich und den +Freund baute Schildknecht eine Mauer des Hasses, und Engelhart öffnete +sein Ohr für Schildknechts böses Hadern gegen die Zeit; mit der Gabe des +Wohlwollens ohnehin spärlich bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos +der Menschheit entgegendrängt, entfernte sich Engelhart, selber noch +Ringender, hoffärtig und besserwissend von den Ringenden, als ob er +darum schon des Irrtums enthoben wäre, weil er angefangen, fremdes Irren +zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum erstenmal, das Gefühl +eignen Wertes gab, genügte, um einer Welt den Rücken zu kehren. Und als +Schildknecht den Freund so weit hatte, als er nur schüchtern glimmende +Hoffnungen zu stärkerer Glut angefacht hatte, dem unaufhörlich fragenden +Herzen in seiner ganzen Person ein verkörpertes, lebendiges, trotziges +Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer, ihn aus Peter Palms +Zauberkreis zu befreien, und Engelhart war verwundert und beschämt, als +es ihn plötzlich nicht mehr zurückzog in die dunkle Sphäre. + +Schildknecht erlaubte nicht, daß Engelhart das armselige Loch in der +Arbeitervorstadt weiter bewohnte. Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in +Sankt Johannis vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald spürte +Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und Licht. Bis in die späte +Nacht, auch wenn Schildknecht schon längst gegangen war, konnte +Engelhart nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen, wenn die +Morgendämmerung durch die Gardinen blinzelte. Gestalten, denen er nie +begegnet, regten sich wie Schattenbilder an der Wand, lösten sich von +der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz Schicksal. In ihrem +Schreiten war Musik. Der Wille, sie festzuhalten, erschütterte jeden +Nerv. Sie waren Stücke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm fremd; +ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern war er vertraut. Sie +sprachen nicht, sie tönten, und nicht die Freude, sondern das Leiden +machte sie tönend. Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln +Körper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs einem Rufe, sie +erschienen, nach echter Gespensterart, wann es ihnen beliebte. + +Engelharts Blut wurde trunken und matt und wieder trunken durch die +verführerische Gaukelei. Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er +irrte im Bodenlosen und nährte den Geist mit den Verlockungen der +Phantome. In den letzten Tagen des Spätherbstes wurde es so schlimm, daß +er die Erfüllung der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche lang +verließ er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um mit Schildknecht +umherzustreifen. Ohne eigentlich krank zu sein, war sein Körper von +unbeschreiblicher Schlaffheit umfangen. Es quälte ihn ein seltsamer +Durst, der vor jeder Labung in Ekel überging. Im Schlummer empfand er +wie Sturmgebrause die Lebensangst, und alle Zweifel sah er in der +geöffneten Brust als gelbe Würmer sich winden. Eines Abends hockte er +jämmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte durch das offene Türchen +in die Glut. Da barst eine Kohle knisternd auseinander, und eines von +den Gespenstern stieg daraus empor; es war wie ein Knabe anzusehen, +winzig klein, und es setzte sich Engelhart auf den Schoß. Der ganze Raum +war plötzlich von einer bisweilen stockenden Melodie erfüllt: + + Es war ein Bild im Bilde, + Als ich den Tod erdacht, + Sein trunkenboldisch Jauchzen + Durchgeisterte die Nacht. + + Der Mantel wie von Flammen, + Das Auge wie von Stahl, + Der Busen eine Wunde, -- + So flog er kalt und fahl. + + Er schüttelt seine Taschen, + Die Seelchen flattern aus, + Das wispert, wimmert, kichert, + Und jedes sucht sein Haus. + + Nur eins voll seligem Grauen, + Betäubt von Schein und Schall, + Verliert sich ohne Heimat + Im bodenlosen All. + +Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und schlief in seinen Kleidern +still und gesundend bis zum Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloße +Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr es ihn. + +Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren es nicht. Sie waren nur +die Entschleierer, die Ausgraber des geheimnisvoll in Brunnentiefe +ruhenden Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, das +Brücken baut von Traum zu Traum. + +Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich entschuldigt; als er +hinkam, machte ihm Herr Zittel die Mitteilung, daß er entlassen sei. Er +erhielt noch einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig +ausbezahlt und außerdem, gnadenhalber, ein präsentables Zeugnis, damit +seine Existenz nicht völlig ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult +drehte sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art Methodist, der +seine freien Stunden, hauptsächlich von sieben bis neun Uhr abends, auf +christliche Nächstenliebe gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges +Gesicht machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete den +blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf Engelhart, dann ging er +ins Privatzimmer des Generalagenten, um das Zeugnis unterschreiben zu +lassen. Der Methodist rückte ein Weilchen auf seinem Sessel, schließlich +sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen aus seiner Tasche zum +Vorschein, hinkte auf Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll +flötender Stimme ein Stück zerbröckelten Lebkuchens an. Engelhart lachte +gutmütig und dankte. + +Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrücke, sah ins Wasser und +überlegte, was er jetzt beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon +besetzt; das war immer seine feste Überzeugung im voraus, daß alle +Posten schon besetzt seien. Er kam sich vor wie jemand, der bei einem +Fest ungeladen und zu spät kommt, über viele Köpfe hinweg gerade noch +einen Fahnenfetzen winken sieht, während die Musik nur durch +verschlossene Türen zu ihm dringt. + +Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war Schildknecht. + +»Warum so tiefsinnig, alter Schwede?« fragte er in jenem +gemütlich-heiteren Ton, der ihm stets Engelharts ganzes Herz zuwandte. +Engelhart erzählte, und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. »Wie +steht es mit den Finanzen?« fragte er. »Schulden? Wo und wieviel? Gut; +jetzt lassen Sie mich mal gewähren. Wir werden ein schönes Brieflein an +den Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir werden ihm +klarmachen, daß der Herrgott ein paar Individuen erschaffen hat, deren +Hinterteil sich für den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden +ihm sagen, daß es einige Pflanzen gibt, die rasch ins Blühen kommen und +rasch ins Welken, und wieder andre, bei denen die Sache langsam geht, je +langsamer, je süßer die Früchte werden. Wir werden ihm zu verstehen +geben, daß der satte Magen ein guter Moralist und der hungrige ein +Behälter von Sünden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.« + +»Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein paar Taler schickt?« +entgegnete Engelhart; »was dann, wenn das Geld verzehrt ist?« + +»Zuerst müssen Sie aus der verdammten Klemme kommen,« sagte +Schildknecht. »Erst atmen und dann denken. Was später sein wird, dafür +lassen Sie nur mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.« + +Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach Engelhart, die +Geldsumme, um die er den Oheim bat, am Tage seiner Mündigwerdung +zurückzuerstatten; er hatte von seinem mütterlichen Vermögen noch einen +Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael Herz schickte den +erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, aber kühlen Zeilen. »Ich +hoffe, daß Du Deine bedrückte Lage, in welche Du durch eigne Schuld und +eignen Entschluß geraten bist, nun etwas erleichtern kannst.« Von +Zurückzahlung keine Silbe. Aber hätte Engelhart hinter den Zeilen zu +lesen verstanden, hätte er nicht immer nur bei solchen Menschen Feinheit +und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig mühen mußte und die ihn +geistig nahmen, so hätte er sein Gelöbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort +nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, dort habe er ohnehin +ausgespielt und ein Vorteil sei ein Vorteil. + +Wenige Tage später erhielt Engelhart auch einen Brief seines Vaters. +Herr Ratgeber wußte noch nicht, daß Engelhart ohne Posten sei, deshalb +empfand dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er werde sich +in der kommenden Woche in Nürnberg aufhalten, wo er geschäftlich zu tun +habe. Herr Ratgeber schrieb, daß er über Engelharts Treiben nur +Ungünstiges vernehme, er beklagte sich bitter über die Nachlässigkeit +des Sohnes, der ihn monatelang ohne Brief lasse und sich nur an ihn +wende, wenn er etwas brauche. »Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie +Dich einen kalten Selbstsüchtling nennt,« hieß es weiter, »schon lange +bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. Und was ist mit Deinem +Fortkommen? Wahrlich, ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du +einundzwanzig Jahre alt, in zwei Monaten bist Du großjährig, alle Deine +früheren Kameraden haben schon glänzende Stellungen und Du mußt +Schreiberdienste leisten für einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine +teure Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? Für nichts +zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines Kind stehst Du im praktischen +Leben, und wenn ich bedenke, daß Du mir schon behilflich sein könntest, +mein schweres Los zu erleichtern, dann frißt es mir ins Herz, Dich so +mißraten zu sehen. Sieh doch zu, daß Du bei einer Bank unterkommst, +suche meinen Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben sie Dir +Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf es nicht weitergehen.« + +Zum Schluß kamen noch einige versöhnliche Sätze, als fühle Herr +Ratgeber, daß er die Kluft zwischen sich und dem Sohne nicht erweitern +dürfe, aber Engelhart blieb ungerührt. Er las das Schreiben seines +Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort »Undankbarkeit« zuckte dieser +zusammen. + +»Wenn nur die Herren Väter einsehen wollten, daß das weitaus größere +Vergnügen auf ihrer Seite war,« knurrte er. »Immer soll das +Kinderkriegen auch zugleich ein Zinsengeschäft sein.« + +Solche Worte von den Lippen des Freundes erkälteten Engelharts Gemüt +noch mehr gegen den Vater. Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten +Brief. »Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder Verständnis +gefunden,« sagte er zu Schildknecht, wie um sich vor sich selbst zu +rechtfertigen. Er war Tor genug, zu glauben, vom Verständnis sei alles +Glück abhängig; er selbst wollte verstanden werden, aber er bequemte +sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, wenigstens dort, wo es +sich um jenes nach seiner Ansicht niedrige Vegetieren handelte, das +sogenannte praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam und er +durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, versteckte er sich. Nur +zum Schlafen kam er spät am Abend heim, zweimal fand er einen Zettel +seines Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen fragende und +befremdete, das zweitemal abgerissene, empörte Worte darauf. Engelhart +hörte nicht und fühlte nicht. Den ganzen Tag über hielt er sich in +Schildknechts Hause auf. + +Frau Schildknecht hatte ihn zuerst kühl, beinahe feindselig behandelt, +denn sein Umgang mit Justin schien diesen noch mehr aus der Bahn zu +reißen als alle früheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie +Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, versöhnte sie sich mit ihm. +»Sie sind auch ein wacker verprügeltes Männlein,« sagte sie und schaute +ihm tief, beinahe finster in die Augen. Das Haus war die reinste +Katzenmenagerie. Um die Dämmerstunde öffnete Frau Schildknecht die Tür +und zwei schwarze Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos +herein. Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein mystisches +Wesen und schrieb ihr dämonische Klugheit zu. Er erzählte von einem +Kater, der, merkwürdig begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die +Gassen gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er auf die +Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden und nie wieder zum Vorschein +gekommen. Eines Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit +mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese nach einer Katze mit +Steinen warfen. Er war wie außer sich und schlug mit der Kraft von +dreien die ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das halbtote +Tier in seinen Arm, sprach ihm zärtlich Trost zu und trug es nach Hause. + +Tag um Tag wurde Engelharts Zusammenleben mit Schildknecht inniger, +alle andern Menschen erschienen ihm fremd, und wo immer er auch sonst +Anschluß und Annäherung gesucht hatte, nichts blieb von diesen +Beziehungen übrig, er zerbrach jede Fessel, vergaß jede Rücksicht außer +dieser einen, die nun sein innerstes Leben ausmachte. Da er sich +überdies von Justin Schildknecht eifersüchtig bewacht sah, bis auf +Blicke, bis auf Gedanken, fand er sich doppelt verpflichtet und doppelt +ergeben. Höher flogen ja seine kühnsten Wünsche nicht, als sich mit der +ganzen Person einzusetzen für ein wahres Gefühl der Freundschaft, nur so +erschien er sich geborgen, nur darin erblickte er Möglichkeiten des +Gedeihens. Er erschloß mit Inbrunst sein Herz. Keine Hoffnung, keine +Furcht blieb geheim. Über jede fern von dem Freund verbrachte Stunde +legte er Rechenschaft ab. Nichts hatte Gewicht, was nicht Schildknecht +billigen konnte, nichts wurde Erlebnis, was er nicht mit ihm erlebte. +Was auch in der Welt geschah, große und kleine Dinge, schließlich kam es +nur darauf an, wie es ihnen beiden dienen konnte. Ihm schien, man könne +nicht zugrunde gehen, wenn man durch ein gleichgestimmtes Herz gehalten +würde. Auch kannte er nicht mehr das Gefühl der Einsamkeit, das ihn +vordem so oft gequält. Ein Tag voll Bangigkeit zählte nicht, denn er +verhieß doch ein beseligendes Gespräch mit dem Freund, und über all das +Drohende und Bedrängende sprechen zu können, das bedeutete soviel als +es beseitigen. Sie wanderten in mondhellen Nächten durch die winkligen +Gassen, über die Brücken und auf die Burg, oder saßen bei schlechtem +Wetter in einer Kneipe; Schildknecht erzählte von seiner Vergangenheit, +und dabei wurde ihm alles zum Märchen, ebenso wie Engelhart alles zum +Märchen wurde, wenn er von der Zukunft sprach. Leider besaß keiner von +ihnen die rechte Geduld, dem andern zuzuhören, es ging ihnen wie zwei +Hungrigen, die aus derselben Schüssel essen und bei allem Wohlwollen +füreinander doch nach den größten Bissen schnappen. Wie einfach wurde +das Getriebe der Welt in solchen Stunden! Auf dieser Seite der Haß, auf +der andern die Liebe, hier der Untergang und dort das Gelingen, Gut und +Böse geteilt wie Licht und Finsternis, es kam gar nicht zum Exempel, +denn alle Größen standen ausgerechnet da, und die Zauberformel hieß: +Zugreifen! + +Solange er mit Engelhart allein war, fühlte sich Justin Schildknecht +ruhig und frei gestimmt. Er war, wie auch Engelhart, ein sehr mäßiger +Mensch, trank nie, nur im Tabakrauchen waren sie beide ausschweifend. +Wenn sich nun ein dritter zu ihnen gesellte, was hier und da vorkam, +denn Schildknecht hatte zahlreiche Bekannte in der Stadt, dann machte er +den Eindruck eines Betrunkenen, und Engelhart selbst erschrak über sein +scheues, zerflattertes, geschwätziges und gefährliches Wesen. +Schildknecht traute keinem, er hatte an jedem seine Erfahrungen gemacht, +er wollte niemand in sein Inneres blicken lassen, darum verkleidete, +verstellte, versteckte er sich. Er war immer ein klein wenig Komödiant, +nicht völlig aufgelöst in sein Schicksal oder seine Stimmung, stets ein +bißchen von außen nach sich selber schielend. Nach und nach zogen sich +alle von ihm zurück, auch Leute, die ihm wohlwollten. Er hatte ganz +aufgehört zu arbeiten, und seine Verhältnisse wurden drückend. Der +Mutter gegenüber hatte er ein schlechtes Gewissen und mied tagelang das +Haus, nächtigte in Engelharts Wohnung. »Es wird ein schlechtes Ende +nehmen,« sagte Frau Schildknecht. Ihr sibyllenhaftes Wesen wühlte Justin +tief auf. Mutter und Sohn konnten nicht eine Viertelstunde nebeneinander +weilen, ohne daß es zu heftigem Wortwechsel kam, und je maßloser sich +Justin benahm, je stiller und eisiger wurde die Frau, gleichsam +leuchtend von furchtbarer Voraussicht. Bei alledem wunderte sich Justin, +daß sie sich Engelhart gegenüber sanft und freundlich zeigte, und hielt +es ihr sehr zugute. Er liebte und verehrte sie, aber eigentlich nur in +Gedanken, er sah in ihr eine wunderliche und geheimnisvolle Person, den +dunkeln Kräften der Natur verwandt, denen der Sterbliche unbewußt +widerstrebt. + +Indessen hatten die Eltern seiner Verlobten von dem Lotterleben Kunde +erlangt und sich unter Aufgebot von allerlei Spionen Gewißheit +verschafft. Sie untersagten der Tochter jeden Verkehr mit dem +pflichtvergessenen Mann. In atemloser Erbitterung verbrachte +Schildknecht die darauffolgende Zeit. Zudem gab es andre Schwierigkeiten +materieller Art, die ihn ruhelos machten. Seine letzte Betäubung waren +die Pläne, die er mit Engelhart schmiedete. Er selbst glaubte eigentlich +nicht mehr an sich, aber Engelhart glaubte an sich, fest, naiv und froh; +das war tröstlich, das war der Grund, weshalb Schildknecht oft wie in +Bewunderung zu dem jüngeren Genossen emporsah. + +Eines Nachmittags um die Dämmerstunde kamen sie beide vor Schildknechts +Haus und mußten dreimal läuten, ehe geöffnet ward. Oben im Wohnzimmer +gewahrten sie die Umrisse einer Gestalt, die sich aus kniender Stellung +erhob, und ehe Justin noch ein Streichholz in Brand gesteckt, trat seine +Mutter zu ihm und sagte: »Mach dich gefaßt, es gibt ein Gewitter.« +Schildknecht zündete die Lampe an; das Zylinderglas zitterte in seiner +Hand, als er seine Braut im Zimmer sah, und er fragte rauh: »Was habt +ihr denn miteinander?« Frau Schildknecht nahm eine offene Kassette, die +mit Schmucksachen gefüllt war, vom Tisch, klappte sie zu und trug sie in +den Nebenraum. Die unschuldigen Augen des jungen Mädchens leuchteten vor +Angst. Justin schlug seine Faust mit solcher Gewalt auf die Lehne eines +Stuhls, daß der Knöchel des Mittelfingers zu bluten begann. Dabei schrie +er: »Ich will wissen, ich will wissen!« Wieder trat Frau Schildknecht +auf ihn zu und flüsterte. Er zuckte zusammen, packte sie an der Schulter +und mit einem heiseren Aufbrüllen riß er sie herum. Sie strauchelte und +stürzte mit der Stirn gegen die Ofenkante. Das junge Mädchen hielt die +Arme flehend ausgestreckt, dann wurde ihr Antlitz flammend rot, sie +griff nach ihrem Mantel und ging. Justin ließ sich auf das Sofa fallen +und begrub das Gesicht zwischen den Armen. Frau Schildknecht warf +Engelhart einen sonderbaren triumphierenden Blick zu, dann seufzte sie +und zog die Vorhänge über dem Fenster zusammen. Engelhart empfand +plötzlich Grauen vor Schildknecht, er spürte etwas Fremdes und +Unüberwindliches zwischen sich und ihm; es war, als ob eine Hand sein +Haupt umspannte, den Kopf in eine bestimmte Richtung drehte und ihn so +zwang, beständig auf den beleuchtetsten Fleck des Raumes zu starren. + +Nach diesem Vorfall entstand in Schildknecht der Entschluß, die Stadt zu +verlassen und sein Leben zu ändern. Er setzte sich mit mehreren +ausländischen Firmen in Verbindung, sein Name war nicht unbekannt, +seine Arbeiten empfahlen sich von selbst, schließlich konnte er unter +den Angeboten wählen und entschied sich für eine Stellung in der +Schweiz. Am dritten Januar sollte er reisen. Er gab Engelhart das feste +Versprechen, auch für ihn dort zu wirken, er wollte einen erträglichen +Posten für ihn suchen und so, auf gesünderer Grundlage als bis jetzt, an +der großen geistigen Zukunft gemeinsam weiterbauen; ohne Sicherheit des +Brotes gebe es keine Entfaltung der Idee, meinte Schildknecht. + +Als die Eltern der Braut von Schildknechts Vorhaben vernahmen und sahen, +daß es damit ernst war, lenkten sie ein und am Silvesterabend fand eine +Art Versöhnung statt mit darauffolgendem Familienessen, von welchem sich +nur Justins Mutter fernhielt. Sie ließ sich von dem Schmerz nichts +merken, den ihr Justins Wanderplan verursachte. + +Den selben Silvesterabend verbrachte Engelhart bei entfernt Verwandten, +einer Tochter von Iduna Hopf, die an einen Kaufmann in der Stadt +verheiratet und die ihm sehr freundlich gesinnt war. Er trank ein paar +Glas Punsch über die Besinnung, und als er gegen zwei Uhr morgens die +Gesellschaft verließ, tanzten die Häuser auf der Straße. Er war noch +nicht ganz betrunken, aber es war ihm ungeheuer selig zumute, so daß er +an jeder Ecke stehen blieb und eine Weile in sich hineinkicherte, bevor +er weiterging. In solcher Verfassung nach Hause zu wandeln und sich ins +Bett zu legen, erschien untunlich, daher schlug er die Richtung nach dem +Egydienplatz ein und stand alsbald vor Schildknechts Hause. Der Platz +lag verödet. Es fiel Schnee, der im Laternenlicht aufblitzte wie +Silberstickerei. In der Mitte des Platzes stand die Kirche gleich einer +riesigen schwarzen Faust mit erhobenem Daumen. Aus den umliegenden +Straßen drang das Geschrei der Neujahrsrufer in die Stille. Engelhart +stand eine Weile glücklich lächelnd, dann stimmte er ein Liedchen an. +Das Familienfest mußte schon zu Ende sein, denn aus Schildknechts Kammer +funkelte Licht und nun wurde auch das Fenster geöffnet, Schildknechts +lachendes Gesicht erschien und es entspann sich ein kleines +metaphysisches Zwiegespräch, in dessen Verlauf der schon +Schlafensbereite droben die Ansicht vertrat, daß es gut sei, noch ein +wenig das neue Jahr im Freien zu genießen, da es doch wahrscheinlich nur +in frischem Zustand genießbar und morgen schon der Tag der Trennung sei. +Sie gingen über den Markt zum Haller Tor. In der Nähe des Henkerstegs +sahen sie plötzlich eine gegen die Schwerkraft kämpfende Gestalt und +erkannten Barbeck: zerrauft, beschneit, beschmutzt, ohne Hut und ohne +die ironisch-gemessene Miene, die ihn sonst auszeichnete und ihm ein so +weltüberlegenes Ansehen gab. Hinter ihm her schwankte ein höchst +verwahrlostes Frauenzimmer, die ihm abwechselnd Schimpfnamen und +Koseworte zurief; bisweilen packte sie ihn beim Rockschoß, diese +Berührung elektrisierte den Mann und erweckte wieder sein bürgerliches +Gefühl; er kehrte sich gegen die Verfolgerin und drohte würdevoll und +betrübt mit der Polizei. Da gewahrte er Schildknecht und Engelhart, und +beide beobachteten, wie er sich mit aller Kraft zusammennahm, sich gegen +einen Baum lehnte, seine Börse zog, in der Halbfinsternis nach einem +Geldstück fischte und dieses der Frauensperson mit den mild +hingeseufzten Worten reichte: »Sie hungert, die Arme.« Dann ging er, +ernüchtert, eine Strecke Wegs mit den Freunden und zwischen Glucksen, +Lachen und Schläfrigkeit schimpfte er auf die zunehmende Unzucht und im +Anschluß daran auf das moderne Geisteswesen, und indem er Engelhart mit +höhnischem Lächeln auf die Schulter klopfte und ihn gewohntermaßen mit +»Jüngling« anredete, empfahl er ihm Kritik und warnte ihn vor schlechter +Gesellschaft. Schließlich fiel ihm ein, daß er die Abwesenheit seines +Hutes erklären müsse, und sich verabschiedend behauptete er, er gehe +jetzt des Nachts ohne Hut, weil er dies für die Gesundheit förderlicher +halte. + +Schildknecht war nach und nach ernst geworden. Dem wunderlichen Manne +nachblickend und Engelhart unter den Arm fassend, sagte er: »Das ist der +Feind, der wahre Erbfeind; an ihm verblutet die Kraft des Volkes. Ihm +werden Sie noch oft im Leben begegnen, alter Freund, er wird Ihnen, was +Sie auch leisten, immer wieder erklären, daß Sie es anders machen müssen +und daß irgendwer es schon längst besser gemacht hat, und er wird Sie +nicht immer so gleichgültig lassen wie jetzt, er wird Ihnen manchmal die +Blutadern öffnen und sich freuen, wenn der rote Saft zu Boden fließt. Es +gibt Geschicktere wie den, die sich besser verstecken und von denen +keiner erfährt, wo sie ihre schmutzigen Stunden zubringen, und die sich +hüten, ihre Kopfbedeckung dabei zu verlieren. Geben Sie wohl acht und +gewöhnen Sie sich beizeiten an die Physiognomie des Mannes; er ist der +heimliche Dieb, der jeder Brust das Teuerste entwendet.« + +Am zweiten Januar reiste Schildknecht. Als Engelhart nun allein war, +wurde ihm doch bang vor seiner Lage. Das Geld des Oheims war schon +verbraucht, er machte nun Schulden, die am Termin seiner Volljährigkeit +bezahlt werden mußten. Außerdem entwöhnte er sich von aller Arbeit, +durchwachte nach wie vor die Nächte, schlief bis in den Mittag und +müßiggängerte dann herum, ohne Ziel und oft auch ohne Lust. Bei den +gesitteten und ordentlichen Menschen seiner Bekanntschaft machte er sich +dadurch vollends zum Gegenstand der Verachtung, was ihn keineswegs +gleichgültig ließ, denn er bewahrte in seinem Innern eine versteckte +Liebe für das Bürgerliche, eine gewisse Zärtlichkeit für die behaglichen +Häuser und Stuben und friedlich umgrenzten Gemüter. So schwankte er +einsam unter den Menschen umher, den Kopf angefüllt mit nebelhaft +verschwommenen Idealen. Sein Nichtstun war noch ohne innere Frucht und +stachelte ihn daher nicht selten zu unwürdigem Zeitvertreib, zu +Billard- und Kartenspiel mit einem erstbesten. Der Abscheu vor sich +selbst trieb ihn dann wieder hinab in eine dunkle Traumestiefe, und +indem er sich zu vergessen suchte, wurde die gestaltlose Sehnsucht in +seiner Seele chaotischer. Was er las, das las er allzu beziehentlich, er +litt an allem, am Schönen wie am Häßlichen, die Wurzeln seines Wesens +waren vergiftet von einem Ehrgeiz, der nicht aus noch ein wußte, er +besaß keinen Maßstab, weder für die Dinge noch für sich selbst, sein +Geist anerkannte kein übernommenes Gebot und wußte eigen-persönliche +nicht zu formen oder zu befolgen. Ihm blieb nicht einmal ein Gott, von +dem er sich lösen oder mit dem er hadern konnte, nicht einmal an seinen +Zweifeln hatte er einen Anhalt, wär's auch nur der, den ein Kampfspiel +und seine Erschöpfungen geben, denn alles, kaum gefaßt, zerfloß wieder, +hatte nicht Hang und Bestand, jedes Wort, jeder Begriff löste sich in +ungreifbare Teilchen auf, ihm ward nur eines in seltenen Stunden +geschenkt, ein Bild, das aus der Dunkelheit emporschwamm, fester +umrissen und tiefer gegründet als alle Wirklichkeit und deutlicher als +die Sprache zu sein vermag, feurig aus Leiden geboren und zur Freude +strebend, und demgegenüber wurden allerdings höchste Pflichten +kategorisch, dies knüpfte ihn an die Zeit und an die Menschheit, hielt +seine Sinne in Bereitschaft, sein Gefühl in Bewegung und behütete ihn +vor innerer Verlotterung. + +Es waren schlimme Wochen. Schildknecht schrieb nicht hoffnungsvoll. +Seine Briefe sprachen an durch Geist und einen Ton freier Paradoxie, +aber der Grimm über die Gebundenheit eines Lohnarbeiterdaseins knirschte +aus jeder Zeile. Engelhart, der die Gesellschaft Schildknechts hart +entbehrte, sah ein, daß er sich in diesem Fall nicht auf den Freund +verlassen dürfe, und er nahm sich einstweilen vor, bald einen Entschluß +zu fassen. Als er zufällig auf der Straße Herrn Zittel traf, fragte ihn +dieser nach seinen Lebensumständen aus. Er antwortete zuerst mit +prahlerischer Sorglosigkeit, als sei er im Begriff, eine +Millionenerbschaft anzutreten, gab aber schließlich zu, daß er zwar +nicht gerade einen neuen Posten suche, jedoch nicht abgeneigt wäre, bei +günstigen Bedingungen zuzugreifen. Herr Zittel durchschaute das +kindische Spiel und sagte, er könne Engelhart vielleicht dienlich sein, +er solle ihm seine Photographie und eine Abschrift des Zeugnisses +senden. Immerhin kann ich mich ja photographieren lassen, dachte +Engelhart gnädig, und eines Morgens scheitelte er säuberlich sein Haar, +steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch und ging, zum erstenmal in +seinem Leben, mit klopfendem Herzen zum Photographen. Sein Gesicht im +Spiegel kannte er zur Genüge, es auf dem Papier zu sehen, reizte ihn +plötzlich über die Maßen. + +Mittlerweile hatte er nach mancherlei Formalitäten die Reste seines +Vermögens erhalten und obwohl er beinahe die Hälfte zur Begleichung der +Schulden sofort aufbrauchte, erschien er sich doch als ein Krösus. Frau +Schildknecht, die er oft besuchte und der er von seiner veränderten Lage +in seligem Übermut erzählte, tippte mit der Fingerspitze auf seine Stirn +und meinte, da drinnen sei anscheinend wenig Verstand, doch sei er der +reichste arme Mann, der ihr je untergekommen. Zu seinem Schrecken nahm +er wahr, daß das Geld schneller verschwand als Wasser aus einem +zerlöcherten Tiegel. Bisweilen suchte ihn einer von den Kumpanen Peter +Palms auf -- Geld hat einen durchdringenden Geruch -- und redete ihm so +lange um den Bart, bis er gutmütig ein Goldstück gab. An einem +stürmischen Frühlingstag begegnete er vor der Stadtmauer Amöna Siebert. +Sie sah fahl und vernachlässigt aus, gleichsam gewürgt vom Unglück, von +früherer Schönheit waren nur noch traurige Spuren in ihrem Antlitz. +Engelhart, entsetzt über die Geschwindigkeit eines solchen Verfalls, +ging ein Stück Wegs mit ihr; es rührte ihn die mühsame Schelmerei ihres +Lächelns und ihre fieberisch kalte Hand. Zuerst wagte er nicht, ihr +Hilfe anzubieten, als sie dann wie zufällig vor einem Wurstladen stehen +blieb und geistesabwesend auf die appetitlich ausgelegten Fleischwaren +starrte, fragte er leise und schüchtern, ob sie Geld wolle, und steckte +ihr hastig ein Papierchen in die Hand, worauf er wie ein Verbrecher +davonlief. + +Er verstand nicht das Geld; er war töricht genug, es zu mißachten; er +wußte nicht, daß Geld auch edel sein kann; er hatte nur einfache +Bedürfnisse, aber diese befriedigte er unbedenklich, ohne zu überlegen; +manchmal gelüstete es ihn, den vornehmen Herrn zu spielen, dann machte +er eine sinnlose Ausgabe, die einem vornehmen Herrn nie eingefallen +wäre; unter anderm kaufte er ganze Stöße von teuerstem Schreibpapier, +als ob er ein Papiergeschäft einrichten wolle. Als endlich sein enormer +Reichtum bis auf etwa hundert Mark zusammengeschmolzen war, kam er zur +Besinnung. Schon eine Woche zuvor hatte ihm Herr Zittel mitgeteilt, daß +im Bureau der Gesellschaft »Minerva« im breisgauischen Freiburg ein +Posten offen sei, mit neunzig Mark im Monat dotiert, er möge sich ohne +Verzug dorthin wenden, und zwar solle er an den Generalagenten, Herrn +Lutterott, persönlich schreiben. Er solle den Brief sorgfältig +stilisieren, denn Herr Lutterott sei ein Mann von feinsten +Umgangsformen, Reserveoffizier, und halte viel von Äußerlichkeiten. In +der Angst, daß es schon zu spät sein könnte, setzte sich Engelhart, +trotzdem schon Mitternacht vorüber war, gleich hin und verfaßte eine +meisterliche Epistel, der es weder an Amtsschnörkeln noch an einer +gewissen fachmännischen Eleganz gebrach; sein Konterfei legte er ohne +besonderen Hinweis bei. Der Erfolg blieb nicht aus. Herr Lutterott +antwortete, die Stelle sei zwar schon vergeben, aber an einen Unwürdigen, +dem er die Tür zu weisen genötigt sei. Er nehme die Offerte an, +Engelhart solle sich am fünfzehnten April in seinem Bureau einfinden, +die Reisekosten würden nach dreimonatlicher zufriedenstellender +Dienstleistung zur Hälfte ersetzt. Aus diesem Schreiben spürte Engelhart +ahnungsvoll eine widerwärtige Geschraubtheit heraus, doch er war froh, +dem gefährlichen Herumtreiben entrissen zu sein, und außerdem ging die +Fahrt gen Süden, wenn auch nicht zu Schildknecht selbst, so doch in +seine größere Nähe. + +Am Tag vor seiner Reise spazierte Engelhart am Kanal entlang nach Fürth. +Dort machte er seinem Vormund einen Abschiedsbesuch und hörte bei dieser +Gelegenheit, daß Tante Lina Curius wahnsinnig und in eine Irrenanstalt +verbracht worden sei, während Peter Salomon im Verein mit der Kroner das +Haus behüte, noch immer darauf warte, daß sein Bauplatz ihn zum +Millionär mache und sich inzwischen von Michael Herz ernähren lasse. +Auch zu Iduna Hopf ging er, die noch immer in dem alten Haus mit den +knarrenden Stiegen wohnte, jetzt einsam, da ihr Mann gestorben war; sie +sah alt und müde aus. Überhaupt waren so viele gestorben und hingegangen +in den wenigen Jahren, alte und junge: der Vetter Zederholz, das +Fräulein Holländer, der alte Herschkamm, der Doktor Federlein, der +epileptische Lechner. Auf der Königstraße gewahrte Engelhart plötzlich +ein Gesicht, das ihm bekannt, ja vertraut erschien: es war Ludwig +Raimund, sein erster Gespiele und Kamerad. Auch er erkannte Engelhart +und sprach ihn freudig an; er war Chemiker geworden und war in der +großen Anilinfabrik draußen bei Doos angestellt. Seltsam dies +Wiedererkennen, wie sich die Züge des Kindes bewahrt, doch nur in der +allgemeinen Linie des Antlitzes, während alle Flächen sich gedehnt +hatten, die eine zur Leblosigkeit erstarrt, die andre von verborgenen +Leidenschaften und unedeln Trieben verwüstet war. Erst schien er +Engelhart noch ganz der alte, noch ebenso heiter und graziös, doch bald +bemerkte er eine Art gnädiger Herablassung an Raimund wie bei einem +Vornehmen, der dem Geringeren gegenüber seine Vornehmheit taktvoll +verbirgt, auch eine gewisse ängstliche Unsicherheit wie bei einem, der +angepumpt zu werden fürchtet und sich innerlich eine Ausrede +zurechtlegt. Sie sprachen über dies und jenes, Raimund hatte lauter +fertige Urteile, die meisten Fragen waren für ihn endgültig erledigt, +und wenn noch irgendwo ein Zweifel in ihm steckte, so zuckte er die +Achseln, als wollte er sagen: was mich betrifft, ich habe ein festes +Einkommen, mit dem übrigen wird man schon fertig. Schließlich gingen sie +in eine Bierstube, wo noch fünf oder sechs frühere Schulkameraden saßen +und Karten spielten. Es waren lauter wohlbestallte Leute, die ihre +Sorglosigkeit wie ein Plakat an der Stirn trugen; ihre Gesichter waren +aufgeschwemmt, frühverlebt, sie witzelten, sie spöttelten, und in ihrem +Gebaren lag gleichfalls das schamlose Geständnis, daß sie nichts andres +schätzten als das feste Einkommen. Wenn Engelhart etwas sagte, +blinzelten sie mißtrauisch mit den Lidern, dann musterten sie heimlich +schielend seinen Anzug und seine schlecht sitzende Krawatte. Am +herzlichsten benahmen sie sich, als er sich verabschiedete. + +Er ging gegen die Altstadt und befand sich auf einmal in stiller Gasse +vor dem Tor des Friedhofs, in welchem seiner Mutter Grab war. Er öffnete +die Pforte, schritt hinein und wanderte eine Weile sinnend zwischen den +uralten Steinen umher. In welchem Teil des Friedhofs das Grab lag, wußte +er nicht mehr, und er hätte leicht vergeblich suchen mögen, wäre nicht +ein eigentümliches Hinziehen gewesen, das er nie in solcher Stärke an +sich beobachtet hatte. Endlich stand er vor dem rötlichen Sandstein, auf +dem in halbverwaschenen Goldlettern der Name von Frau Agathe Ratgeber +leuchtete. Das Grab war vernachlässigt, der Hügel ganz platt, keine +Blume wuchs, nur Gras. Ringsum in solcher Nähe, daß es wie das Gedränge +auf einem Jahrmarkt wirkte, standen andre verwitterte Steine, zudem +herrschte nicht einmal Frieden, denn draußen vor der Mauer erschallte +das lebhafte Gehämmer der Goldschläger und auf der andern Seite, +hügelabwärts in der Ebene, keuchte und klapperte eine Dampfmühle. Doch +war es eigen, daß ihn diese Geräusche mit besonderer Macht in seine +Jugend zurückzogen. Traurige Jugend. Wie furchtbar die Stunde, als er +drüben im Leichenhaus gesessen und schwarze Gestalten wisperten um ihn +herum. Damals konnte er noch keine Empfindung dafür haben, daß sie mit +kaum zweiunddreißig Jahren davonging; die Mutter ist für ein Kind +alterslos. Freilich, das Leben hätte ihr noch bitterböse Geschenke +gemacht, und doch! Leben, nur leben! Was gäbe es sonst. Irgendeine +äußere Stimme rief: »Bete!« Er begriff nicht, wie man in solchen +Augenblicken beten könne, alles, was an Wort und Ausdruck streifte, war +erstickt, er spürte nur ein warmes Aufkochen des Blutes vom Herzen aus +durch den Körper, und er konnte den Begriff des Todes nur umfassen, +indem er das Leben doppelt inbrünstig fühlte. Wozu beten? sich selbst +ausweichen? die wahre Andacht abweisen? Bevor er ging, riß er einen +Grashalm ab und bewahrte ihn auf mit dem Gedanken: vielleicht ist er aus +dem Saft ihres Auges gebaut. + +Seines Vaters dachte er nicht; dieser lebte ja noch. + +An einem Mittwoch Abend kam er in Freiburg an. Seine Brust wurde von +Traurigkeit umschnürt, als er durch die Straßen der unbekannten Stadt +ging. Es regnete und er besaß keinen Schirm; für hundert +Überflüssigkeiten hatte er Geld ausgegeben, aber das Notwendige +anzuschaffen, hatte er sich nie entschließen können. Er trat also unter +ein Tor und ließ die fremden Menschen an sich vorüberwandeln. + +Die Generalagentur der »Minerva« lag im ersten Stock eines villenartigen +Hauses vor der Stadt; im Erdgeschoß befand sich eine kleine +Weinwirtschaft. Dunkelblauer Himmel strahlte über den Häusern, als +Engelhart am Morgen hinauswanderte, dunkelbewaldete Berge schienen auf +allen Seiten die Flucht der Straßen zu begrenzen. Der Flieder stand +schon blühend, seine Düfte flossen in Wellen durch die Gitter der +zahlreichen Gärten. Hoffnungsvoll gestimmt, voll Lust und Ernst zur +Arbeit, trat Engelhart vor Herrn Lutterott und war nicht unzufrieden, +als er erfuhr, daß er der einzige Beamte des Bureaus sein würde. + +Herr Lutterott war ein Vierziger, klein, feist, geschniegelt und +gebügelt, mit einem Leutnantsschnurrbart und leutnantsmäßig schnarrender +Stimme. Er empfing den neuen Untergebenen mit korrekter, jedoch etwas +düsterer Höflichkeit und würdigte ihn einer längeren Ansprache, die den +Eindruck des Auswendiggelernten machte. Die erste Hälfte jedes Satzes +klang militärisch schroff und abgerissen, dann machte er eine Pause, in +der er andächtig seine rosigen Fingernägel betrachtete, um mit +pathetischen Wendungen und salbungsvoll ausladenden Gesten fortzufahren. +Er verbreitete sich über die Pflichten eines Beamten; er verlange +Pflichttreue und Sittlichkeit, sagte er. Bei dem Worte Sittlichkeit +schloß er die Augen wie zum Schlafe. Er sagte, Engelharts Photographie +habe ihm gefallen, es habe ihn erfreut, ein ehrliches Gesicht zu sehen, +was ihm aber mißfallen habe und was er dringendst abzustellen bitte, das +seien die Haare, die seit mindestens zwei Monaten nicht kurzgeschnitten +sein konnten; das erinnere ja beinahe an einen Schauspieler oder Maler +oder ähnliches Gelichter. Zum Schluß gab er Engelhart eine +Wohnungsadresse, bestellte ihn für den Nachmittag und entließ ihn mit +hoheitsvoller Kühle. + +An diesem Tag, am Freitag und Samstag, gingen die Dinge nicht uneben. +Herr Lutterott zeigte zwar stets das Benehmen eines regierenden Fürsten, +und manchmal kribbelte es Engelhart in den Fingern, wenn der Mann mit +müd-verachtungsvollen Blicken seine Befehle gab, aber vor dem Fenster, +an dem er arbeitete, war ein Garten, und weiter draußen sah er Wiesen +und darüber den hochwipfligen Wald. Leider mußte er Herrn Lutterott +gleich um Vorschuß bitten, da alles Geld für die Reise aufgegangen war, +und dies machte die übelste Wirkung; Herr Lutterott fuhr mit dem +Zeigefinger zwischen Kragen und Hals umher und sagte mit leise +wimmernder Stimme: »Es ist nicht korrekt, es ist nicht korrekt.« Am +Sonntagmorgen nun kam er aus Eifer ins Bureau, obwohl dies nicht zu den +»Pflichten« gehörte; um zehn Uhr erschien Herr Lutterott, aufs feinste +herausgeputzt, im Salonrock und mit gestreifter Hose, eine Diamantnadel +in der Krawatte, das Haar pomadisiert und bis zum Nacken gescheitelt. In +seinem Privatzimmer empfing er einen alten Herrn im Zylinder, und +Engelhart hörte ihn untertänig räuspern und säuseln, um halb elf kam er +heraus, wieder ganz Fürst, und sagte kurzangebunden zu Engelhart: »Sie +können jetzt in die Kirche gehen.« + +Verwundert blickte Engelhart empor und antwortete: »Ich danke; ich gehe +nicht in die Kirche, ich bin Jude.« + +Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein Gesicht war käseweiß. +»Was -- Jude?« stammelte er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte +er vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verließ er das Zimmer. +Engelhart legte die Feder weg und schaute, nichts Böses vermutend, doch +überaus peinlich berührt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor ihm +lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zurück. Er wischte sich mit dem +blendend weißen Taschentuch die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf +und ließ folgende kleine Rede vom Stapel: »Ich habe selbstverständlich +nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß Sie Jude sind. Nur, +verzeihen Sie, kommt mir die Sache insofern überraschend, als ich nie +die Absicht gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte -- um es kurz +zu sagen, meine religiösen und menschlichen Überzeugungen wurzeln in +ganz anderm Boden, und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben +mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, daß man sich irren kann, es +steht zu wünschen, daß Sie die löbliche Ausnahme bilden, sprechen wir +also nicht mehr davon.« + +Engelhart schwieg. Ihn ekelte. + +Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine eiserne Geldkassette zum +Vorschein, in deren einzelnen Fächern sich Silber- und Nickelmünzen +befanden, ungefähr an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies sei die +kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe, daß sein Vertrauen +unerschüttert sei, überlasse er sie ihm zur Verwaltung. Bei diesen +Worten erbleichte Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig. In +Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger Triumph, den zu +verbergen er sich keine Mühe gab. Seine Augen sagten: 'Wagst du es, dich +an diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine Herkunft lassen +solches vermuten, dann wehe!' Denselben Ausdruck des Triumphes hatten +seine Augen von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen +konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn er ihn auf einer +Vergeßlichkeit ertappte, wenn die Akten auf einem falschen Platz lagen. +Er pflegte seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn ihn +Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung eines Wortes bat, +wurde Herr Lutterott scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl +auf und sagte alles, Silbe für Silbe, noch einmal mit scharfer, +bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein Blick grünlich funkelte. War +ein einziger Satz eines langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit +stilisiert, so zerriß er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht, sondern +machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung und verließ das Zimmer +mit einem leichten Hüsteln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand +aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so beliebte es Herrn +Lutterott, Engelhart mit einer niederträchtigen Zumutung zu demütigen, +etwa, er solle dem Herrn den Rockärmel abbürsten oder er solle die Tür +vor ihm öffnen, oder er schrie ihn an, wenn seine Feder kratzte, und +dergleichen mehr. + +Engelhart erkannte wohl, daß dies Ranküne war, aber er trug es, weil er +es tragen wollte. Er biß die Zähne zusammen und dachte, stärker zu sein +als der Schmerz, den er über die unendlichen Beleidigungen empfand. +Einst saß er während der Mittagstunde drunten in der Weinwirtschaft, als +Herr Lutterott eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen älteren +Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich hinüber, in seinen +Gedanken stellte er sich vor, daß dieser Lutterott doch schließlich ein +Mensch sei und daß es vielleicht nur der rechten Worte bedürfe, um ihn +auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Plötzlich nahm Lutterott ein +Kärtchen aus seiner Brieftasche, schrieb etwas auf, rief die Kellnerin, +und diese trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene. Er las: +»Es ziemt sich nicht für den Untergebenen, seinem Chef frech ins Gesicht +zu stieren.« Da stand er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn, +aber er beherrschte sich und ging. + +Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besaß Engelhart kein Geld mehr +zum Notwendigsten des Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um +Vorschuß zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche Not dazu. Er +hatte es bis zur letzten Stunde des Nachmittags aufgespart. Kurz vor +sieben Uhr brachte er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte, +betrachtete die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe den +Geldschrank schon geschlossen, Engelhart müsse sich bis zum andern +Morgen gedulden. Damit entfernte er sich rasch und überließ dem jungen +Mann wie alltäglich das Schließen der Räume. Engelhart, der Hunger hatte +und nicht wußte, wie er ihn stillen sollte, entschloß sich in seiner +Hilflosigkeit, bis zum andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen +Spesenkasse aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung stand, steckte +ein Zweimarkstück zu sich, ging hin und aß sich satt. Gleich in der +Frühe erinnerte er Herrn Lutterott an den erbetenen Vorschuß, da er vor +allem den entnommenen Betrag wieder zurücklegen wollte. Doch Herr +Lutterott erwiderte, während seine Züge sich verkniffen wie bei jemand, +der in die Sonne blickt: »Gern, aber vorher möchte ich Ihre Kasse +revidieren.« Engelhart wurde es kalt und heiß, denn er durchschaute nun +die Infamie völlig. In einem Ton, dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte +er, daß er zwei Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott lächelte +unendlich vornehm und runzelte die Stirn. Er entgegnete, er wundere +sich, daß ein so aufgeweckter Kopf sich nicht klar gewesen sei über die +Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen Begriff zu bezeichnen ihm +Engelhart wohl erlasse. Daß nach einem solchen Vergehen von einem +weiteren Verbleiben im Dienste der »Minerva« keine Rede sein könne, +verstehe sich von selbst. »Sie haben zwanzig Mark Vorschuß, hier haben +Sie noch zehn Mark, mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert,« schloß +Herr Lutterott seine Rede, »und somit sind Sie ein freier Mann.« + +Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine halbe Minute die Türklinke +an und ging. Jeder andre hätte gesprochen, wäre aufgebraust, hätte +versucht, seine Würde zurückzuerkämpfen, ihm waren die Lippen +versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt als erbittert. + +Jetzt sollte er die für seine Verhältnisse ziemlich hohe Miete seines +Zimmers bezahlen, er sollte essen, trinken, leben, aber womit? Er +schrieb an Schildknecht und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich +nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so geduldig geschluckt, +beichten zu müssen, hätte seinen Stolz verletzt. Sonderbarerweise +verspürte er auch jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den schändlichen +Mann, eine naive Wehmut umdämmerte seine Sinne, und er war neugierig, +wie all dies enden würde. Stundenlang wanderte er durch die schönen +Villenstraßen dieser reichen und glänzenden Stadt, las die Namenschilder +an den Pforten und beschäftigte sich mit den Träumen von Wohlhabenheit, +Glück und Ehre. Es erschien ihm wahrscheinlich, daß unter diesen ruhig +Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und liebende Hilfe +gewährt hätte, nur kannte er ihn eben nicht, jedenfalls sah er sich +jedes der schmucken Häuser mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam +an. + +Schildknecht antwortete in einem langen, bestürzten, heißatmigen Brief; +auch seine eigne Existenz sei dort in der löblichen Schweiz, kaum neu +aufgerichtet, wieder zertrümmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm +unbekannt, doch seien die Erinnyen fühlbar hinter ihm her. Er sagte, daß +er nach Engelharts Gesellschaft Begierde trage, wie wenn er seit +Jahrzehnten unter Hottentotten lebte, gleichwohl dürfe er ihn nicht +ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber glühend unter den +Füßen. Wie stets, kam er in verhüllten Wendungen auf die Pläne zu +sprechen, die in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die er als +goldene Verheißung hinter den Gewittern erblickte. Engelhart war erwärmt +und getröstet durch dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber +geholfen war ihm damit natürlich nicht. Schon lebte er in Schulden, +schon betrachteten ihn die Leute scheu und finster, schon stieg das +Wasser bis zum Hals. Von einer Stunde zur andern gebieterischer +bedrängt, eilte er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten +Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am Äußersten, Unerhörtes +sei vorgefallen, der Vater möge ihm fünfzig Mark senden. Diese +absichtlich aufgepeitschte Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam, es +war fast, wie wenn ein von Räubern Angefallener mechanisch die Börse +zieht. Doch ein paar Stunden später erhielt Engelhart auch einen Brief +des Vaters. + +»Du weißt, daß ich selbst mit mir zu kämpfen habe,« schrieb Herr +Ratgeber, »und daß ich mich ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es +ist ein himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese Weise mit +Geldforderungen zu belästigen. Ein junger Mann in Deinem Alter muß +verdienen, was er braucht, und wenn nicht, muß er sich nach der Decke +strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du mich nur durch +Schrecken zwingen, Dir zu helfen? Wo hast Du die achthundert Mark Deines +Erbteils hingebracht? Ich schinde mich wie ein Taglöhner, nein, ein +Taglöhner hat Ruhe, wenn er gearbeitet hat, ich aber nicht, meine Frau +gönnt sich keinen guten Bissen, wir gönnen uns keinerlei Vergnügen, und +Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu holen. Dabei nagt noch der +Wurm in mir über Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen; +wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, daß Du nur einen Vater kennst, wenn +Du etwas von ihm haben willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur +in ordentliche Bahnen lenkst; laß doch endlich die Ideale und werde ein +praktischer, brauchbarer Mensch.« + +Zum Schluß hieß es: »Es grüßt Dich Dein Dich liebender Vater«; aber dies +erschien Engelhart als bloße Floskel. Er antwortete dankend, +besänftigend, ausführlich, doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater +für geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas +Selbstverständliches hin. + +Eines Morgens packte Engelhart seine Siebensachen, zahlte die +rückständige Miete, verließ das Zimmer, deponierte seinen Koffer auf dem +Bahnhof, und nur mit einem winzigen Bündel belastet, marschierte er aus +der Stadt und in den Wald. Er wollte wandern, gleichviel wohin, er wußte +auch nicht wohin, er war satt von den Menschen. Er lief an diesem Tag +die Kreuz und Quer und kam, da er keines suchte, auch zu keinem Ziel. In +einer Waldwirtschaft nahm er Milch und Brot zu sich und erstieg hierauf +die Höhe. Er strebte zu einer vom Sonnenuntergang beleuchteten Wolke und +erblickte sie dann gegenüber, gleichsam auf der andern Seite der Straße. +Am Rand einer Lichtung warf er sich müde hin, wartete noch, bis die +Sterne entflammt waren, dann schlief er ein und erwachte erst wieder, +als die Wipfel glühten und das Firmament von karmoisinfarbenen +Zickzackstreifen bedeckt war. Seine Kleider waren feucht, rasch lief er +den Hang herab, bis die Nässe verdunstet war. Er trank von einer Quelle +und lauschte dem langsamen Gebimmel der Kuhglocken. Unweit davon war ein +Holzplatz, auf dem noch niemand arbeitete; er fand eine Hacke am +Schuppen, nahm ein Scheit und drosch darauflos: es stellte Herrn +Lutterott vor. Zuerst hieb er ihm die Beine ab, dann die Arme, dann den +Kopf, dann zerschmetterte er das Rückgrat. So verfuhr er auch mit andern +Feinden und mit den Feinden Justin Schildknechts. Es war ein +erfrischendes Geschäft. + +Mittags begann es zu regnen, doch Engelhart ging ruhig weiter, halb +beschützt vom Laubdach der Bäume. Die Schnittfläche von den Stümpfen +abgesägter Bäume leuchtete wie gelbes Feuer durch die Nebelschwaden. +Bisweilen blieb er an den Stümpfen stehen, zählte die Jahresringe und +dachte, wieviel vollendete Schicksale hier verhaftet seien in dem +schmalen Raum zwischen Ring und Ring. An der Waldöffnung gegen einen See +kam er zu dem einsamen Haus eines Schwarzwaldbauern, da fand er Aufnahme +und freundliche Bewirtung. Nach Name, Zweck und Herkunft wurde nicht +viel gefragt, er teilte ihre Mahlzeit am riesigen Tisch und schlief im +Heu. Am nächsten Tag fuhr er auf den See hinaus, landete an einem +verödeten Teil des Ufers, erkletterte die Hänge, lag stundenlang +regungslos auf einer Felsplatte und kehrte am Abend zum Hause des +Bauern zurück. Für das Essen zahlte er ein paar Pfennige, das Nachtlager +zu berechnen weigerte sich der Bauer. + +Von einem höher gelegenen Weiler kam täglich zu früher Stunde eine +kleine Schar von Knaben und Mädchen herab, welche die Schule im Tal +besuchten. Gegen Abend kehrten sie wieder zurück. Vom Sehen, Grüßen und +kurzem Zwiegespräch an war allmählich eine Art Vertraulichkeit zwischen +ihnen und Engelhart entstanden. Er sah sie morgens von fern, wenn sie +den Weg herabtrippelten, schritt ihnen entgegen, wenn sie vom Dorf +heraufkamen, und begleitete sie heimwärts. Wenn er sich ins Moos setzte, +rasteten sie auch und lagerten sich um ihn herum. Einmal kam die Rede +auf Geschichten, und er begann Geschichten zu erzählen. Die bloße +neugierige Verwunderung der Kinder verwandelte sich in Zuneigung. Die +drei Mädchen pflückten ihm Blumen, die Buben sagten die einfältigen +Verse auf, die sie gelernt hatten. Sie hielten ihn vielleicht für einen +gutmütigen Schulmeister auf Urlaub, da sie vor ihm zu glänzen suchten. +Aber sein Herz lag in tiefer Ruhe bis zu der Stunde, wo eine +Gesellschaft von städtischen Ausflüglern am Weg vorüberwanderte. Ihr +Lachen und ihre Gespräche scheuchten ihn auf, Ehrgeiz wurde wach, der +seltsame Trieb, ihnen, diesen Fremdesten, etwas zu bedeuten, vor sie +hinzutreten mit den Worten: »Ich bin Engelhart Ratgeber,« worauf sie +schweigend die Augen senken und antworten mußten: »Sprich zu uns, +verehrter Mann.« + +Da fing also die Unrast an; und drei Tage später kam er an einen +hochumgitterten Garten im Tal. Es war Sonnenuntergangszeit. Nahe dem +Eingangstor saß ein junges Mädchen auf einer Steinbank. Sie trug ein +schimmernd weißes Gewand, lose gegürtet, und hielt ein Buch auf den +Knien, in dem sie blätterte. Von dem Pfirsichbaum über ihr tropften hier +und da weiße Blütenblätter ab, und einige blieben in ihrem dunkeln Haar +hängen. Es war ein Bild, das Reichtum, Glück und Schönheit in sich +schloß. Engelhart, von den Gebüschen halb verborgen, blieb schweigend. +Das, was er liebte und begehrte, hüllte sich ihm gern in schwermutvolle +Schleier, und was andre zum Kampf ermunterte, weckte ihm nur das +schamhafte Gefühl der Armut. Er fürchtete dies Los, zu dem er sich +geboren sah: draußen zu stehen vor der Mauer, nein, vor dem Gitter, das +den Augen alles gab und der Hand nichts. + +In dieser Stunde liebte er das junge Mädchen, das er gewiß kaum beachtet +hätte, wenn es ihm auf der Straße begegnet wäre, mit leidenschaftlichem +Schmerz; ganz in sich versunken, floh er in den Wald zurück, ging und +ging, immer dem schwachen Purpurschein nach, der zwischen den Stämmen +glühte, durch all die bewegten Träume hindurch dem fernen Ruf eines +Kuckucks lauschend, bis er zu spät inneward, daß er sich verirrt hatte. +Die Wege wurden von hastig aufschwellender Dunkelheit verschlungen, +Engelhart fing an zu laufen, bis er mit der Stirn an einen Baumstamm +rannte. Er tastete mit den Armen umher, er suchte mit den Augen den +Himmel, vergebens; ihm war, als könne er die Finsternis befühlen wie +einen schwarzen, kühlen Körper. Er blieb stehen und horchte und vernahm +nichts als das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Nun hatte er Angst +vor jedem Schritt nach vorwärts, ihm schien, als werde er langsam in +einem Trichter zur Tiefe gezogen, er umklammerte einen Baum und schrie +auf, da dieser sich im Kreis mit ihm bewegte. Die Finsternis zerteilte +sich gleichsam in Wolken, in rotumränderte, zuckende schwarze Fetzen, +die sich zu wüsten Visionen ballten und, wie von einem Orkan gepeitscht, +wieder auseinander flossen. Engelhart spürte die Blässe seines Gesichts, +und plötzlich erstarrten seine Glieder, als er in weiter Ferne, durch +Zweige flammend, ein unheimlich gelbes Licht gewahrte. Er brauchte +Minuten, um sich zu sammeln und um zu erkennen, daß es der Mond war. +Vorsichtig schreitend, ging er dem Schein entgegen bis zu einer +Lichtung, die mit gefällten Bäumen besät war. Erschöpft sank er hin, +konnte aber die Augen nicht schließen, sondern blickte lange Zeit +unaufhörlich in den milchig bestrahlten Himmel. Ihn erschreckte alles, +der Gedanke an die Tiefen und Höhen, an die Nacht und an die Sterne. Es +blieb zu wenig übrig für das selbstsüchtige, sich selbst suchende Herz. + +Als der Tag graute, fand er nicht ohne Schwierigkeit seine Bauernhütte. +Er schlief lange, und nach Tisch verkündete er seinen Entschluß, +weiterzuwandern. Da man ihn fragte, wohin, entgegnete er lächelnd: nach +Süden. Der Bauer und sein Knecht begleiteten ihn bis zur Landstraße +hinab, eine Stunde später war er auf dem Bahnhof und nahm ein Billett +nach Basel. Von dort wollte er zu Fuß weiter, um seine Börse zu schonen. +Weil er jedoch am Abend in Basel ankam und nicht in die Nacht hinein +marschieren konnte, war er töricht genug, in einem nahegelegenen Hotel +Quartier zu nehmen, was ihn mehr Geld kostete als viele Stunden +Eisenbahnfahrt. Noch dazu mußte er sich ob seines Aussehens und des +fehlenden Reisegepäcks halber -- den Koffer hatte er an die Adresse des +Vaters geschickt -- eine wegwerfende Behandlung gefallen lassen, und es +nutzte ihm nichts, daß er sich bei einer gelegentlichen Zwiesprache mit +dem Portier als Philosoph von Beruf bezeichnete. + +Dann kam ein schöner Wandertag durch sommerlich blühendes Land unter +wolkenlosem Himmel. Er nächtigte in einer Fuhrmannsschenke, und am +zweiten Tag fuhr er auf dem Wagen einer Seiltänzerfamilie bis nach Baden +mit. Es waren abgerackerte Leute, selbst die Kinder schienen +sterbensmüde, nur der Clown war ein aufgeweckter Mensch, der sich nicht +ohne Geist über die Eigentümlichkeiten verschiedener Nationen lustig +machte. Am Nachmittag des dritten Tages sah Engelhart von fern den +silberglänzenden Zürcher See, und er setzte sich in den Kopf, noch ans +Gestade zu gelangen, bevor das Unwetter ausbrach, das schon seit Stunden +am Himmel sich zusammenzog. Bald begann der schwere Regen zu fallen, die +Bäume der Allee schienen sich in den schwefelgelben Blitzen wie Fackeln +zu entzünden und den Flammen oben schien der Donner aus der Tiefe der +Erde heraus zu antworten. Weit und breit war kein Haus, der Regen +strömte wie aus Fässern, im Nu war der einsame Wandersmann schlottrig +naß, auch merkte er, daß seine Stiefel zerrissen waren und Wasser +fingen. Er lief über einen Wiesenweg und schloß die Augen vor den +Blitzen. Nun glänzte der See nicht mehr, einem erblindeten Auge gleich +dämmerte er durch den Nebel herauf. Endlich ein Garten, endlich ein +Haus, und ein Wirtshaus zum Glück. Als er in den Flur stürmte, stoben +zwei Mädchen kreischend auseinander. Die Wirtin kam, eine junge Frau mit +schmachtenden Augen. Sie blickte zuerst unwillig auf den +heruntergekommen aussehenden Gast, als sie aber sah, wie er unter den +triefenden Kleidern zitterte, bot sie ihm von selbst ein Zimmer an und +führte ihn in den oberen Stock. Von rascher Sympathie ergriffen, +erzählte ihr Engelhart von seiner Wanderschaft, und während ihm die +fremde Frau wie eine Mutter beim Auskleiden behilflich war, öffnete er +zutraulich sein Herz und führte die durch lange Einsamkeit wohlgenährten +Hoffnungen vor. Die Frau lächelte; sie sah, daß sie es mit keinem +gewöhnlichen Landstreicher zu tun hatte; als er im Bett lag, setzte sie +sich zu ihm und plauderte unbefangen über ihr Leben; sie war Witwe und +ihr um vieles älterer Mann war während eines Herbststurms im See +ertrunken. Die Wirtschaft ging schlecht, fuhr sie fort, Neider und +Verleumder brächten ihr üble Nachrede in der Stadt, und sie wolle nun +den Kram verkaufen und in die neue Welt fahren. Sie berichtete alles in +einem einzigen kunterbunten Satz, und ihr Gesicht sah auch bei den +bekümmertsten Worten froh und freundlich aus. Später brachte sie Essen +und Wein, und dann küßte sie ihren jungen Gast und blieb bis in die +späte Nacht bei ihm. In der Frühe war Engelhart entzückt, als er, die +Fensterladen öffnend, den See vor sich liegen sah und dahinter die +Gebirge, von grünen Kuppen an aufwärts steigend bis zu rosigen und +silbernen Schneegipfeln. An der Mauer unter dem Fenster hingen die +reifen Kirschen und der betaute Garten glich einem Diamantfeld. Seine +Kleider waren getrocknet, er rüstete zum Aufbruch und ließ sich durch +das Bitten der Frau nicht halten. Sie weigerte sich, Bezahlung von ihm +zu nehmen und ließ ihn noch mit dem Boot zur Stadt hinüberfahren. + +Zwei Stunden später war er in Oberstraß, in Schildknechts Wohnung. +Schildknecht war nicht zu Hause. Engelhart wartete im Garten und malte +sich still träumend das Gesicht des Freundes beim Wiedersehen aus. Es +wurde Mittag, schließlich sagte die Vermieterin, er möge doch einmal bei +Herrn Heilemann nachfragen, dies sei ein Freund von Herrn Schildknecht, +bei dem er alle Tage zu Besuch sei und wohne in der Geßner-Allee. 'Ein +Freund?' dachte Engelhart überlegen, 'nein, liebe Frau, Schildknecht hat +nur einen einzigen Freund, und das bin ich.' Die Frau beschrieb ihm den +Weg, er ging hin und erfuhr, daß die Herren in dem großen Kaffeehaus an +der Bahnhofstraße seien. Als er dort eintrat, sah er Schildknecht an +einem Tisch in Gesellschaft mehrerer stutzerhaft gekleideter Männer, +schweigsam und finster vor sich hinbrütend. Engelhart trat von rückwärts +näher und legte lächelnd beide Hände auf seine Schultern. Schildknecht +zuckte zusammen, drehte sich um, sprang empor, und sein jubelnder +Aufschrei, sein echtes, wildes, beinahe kindisches Lachen rührten und +erschütterten Engelhart; in der Freude darüber, daß ihn der ersehnte +Augenblick nicht enttäuscht hatte, vergaß er alle Sorgen. Dies +eifervolle, heiter-belebte Gespräch, er genoß es als die Erfüllung eines +Traumes; die Gegenwart war verdrängt, auch das Letzterlebte schien +belanglos im Vergleich zu den gemeinsamen Erinnerungen. + +Aber die Fragen: Wie steht's? Wie bist Du gerüstet? Was hast du in der +Tasche? Was soll's überhaupt? waren doch, klar oder umschrieben geformt, +unvermeidlich. Schildknecht sah, daß er das ganze Geschick des zärtlich +vertrauenden Menschen halten und lenken sollte, das war zuviel, dem +fühlte er sich nicht gewachsen. In einer schlaflosen Stunde zündete er +die Kerze an, leuchtete hinab auf die Matratze, auf der Engelhart lag, +und Schildknecht suchte etwas in diesem vom Schlummer trunkenen Gesicht. +Seine eigne Miene trug den Ausdruck des Zweifels. Da die Lippen des +Schläfers sich zu bewegen begannen, beugte er sich noch tiefer und +lauschte ängstlich, wie wenn er das Geständnis eines Verrats erwarte. +Plötzlich schlug Engelhart die Augen auf und erschrak, als er den im +Kerzenlicht flammenden Blick des Freundes lauernd auf sich ruhen sah. +Schildknecht schüttelte besorgt den Kopf und sagte mild: »Etwas haben +Sie mir verborgen, lieber Ratgeber; nun sprechen Sie mal von der Leber +weg.« + +Engelhart antwortete nicht. Er starrte in den Lichtkreis an der Decke. +Wie gewöhnlich war sein Erstaunen größer als der Trieb zu fragen. Ja, er +hatte von dieser Minute an ein Geheimnis. + + + + + Zwölftes Kapitel + + +Nur mit Mühe ließ sich Schildknecht davon abbringen, dem famosen Herrn +Lutterott einen Zorn- und Schmähbrief zu schreiben. »Solche Kerle sind +jetzt das Bürgerideal,« knirschte er; »so sehen sie aus, die oben wohl +gelitten und unten gefürchtet sind. O herrliches Deutschland!« + +Engelhart hatte längst aufgehört, des Mannes in Groll zu gedenken. Nur +daß Lutterott es gewagt hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu +machen, erfüllte ihn mit nachhaltiger Verwunderung. + +»Haben Sie denn nie an persönliche Gefahren aus solcher Quelle gedacht?« +fragte Schildknecht. + +Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums nie geschämt und habe +auch nie Anlaß gehabt, sonderlich stolz darauf zu sein. »Ist es nicht +gleichgültig, welcher Provinz der großen Menschheit der einzelne seine +Herkunft zuschreibt?« fragte er. + +»Gewiß,« antwortete Schildknecht. »Aber ist Ihnen denn nicht bekannt, +daß Millionen von Ihren Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten +Jammer vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?« + +»Ich weiß es,« sagte Engelhart; »aber der größte Teil der Menschen lebt +im Jammer, und die Tatsache berührt mich mehr als der Grund.« + +»Und wissen Sie nicht, daß das ganze Mittelalter vom Blut der Juden +gedüngt ist?« + +»Ich weiß es, aber ich sage mir, Blut ist ein guter Dünger; aus Blut +wächst Leben. Mit Blut wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde +erobert.« + +»Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen, daß der Christ in +Ihren Augen ein Fremdling war?« + +Engelhart nickte lebhaft. »Ich erinnere mich auch an Blicke, Worte und +Gebärden, die mich verletzen sollten und zurückweisen wollten,« +entgegnete er. »Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen Schmerz zu +machen; ich fühlte, daß es kein Problem für mich war. Ich bin vielleicht +zu stolz dazu. Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen dies als +wichtig nehmen müßte, dann wären eben alle meine Wurzeln der Nahrung +beraubt. Den such' ich nicht, der deshalb an mir vorübergeht. Ich bin +ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie ein Christ sind. Unsre +Vergangenheit liegt in den Worten, nicht unsre Zukunft.« + +Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann fing er wieder an und +sagte: »Es ist ein großes Kapitel. Ich für meinen Teil, ich liebe ja die +Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein Blut sträubt sich +dagegen.« + +»Auch gegen mich?« fragte Engelhart lächelnd und besorgt. + +»Man soll nicht ein Gefühl zergliedern, sonst hört es auf, ganz zu +sein,« antwortete Schildknecht mit niedergeschlagenen Augen. »Aber es +kommt mir oft vor, als ob in unserm Verhältnis noch eine andre Macht +gebieten würde als die, die Menschen sonst einander begegnen und sich +finden läßt. Es kommt mir vor, als ob dabei eine Art höhere Vergeltung +im Spiel wäre. Meine Vorfahren sind altsässige Nürnberger Patrizier +gewesen. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß vor ziemlich genau +vierhundert Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden und zwar +unter den üblichen Greueln: Erpressung, Raub und Mord. Nun ist es in +unsrer Familie eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in einem +alten Schriftstück bestätigt gefunden, daß ein gewisser Schildknecht vom +Schildknechtstein, der den Juden tief verschuldet war, mit großer +Leidenschaft und Tücke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen in seinem +Haus habe vergiften lassen und schließlich mit eigner Hand an die +hundert Juden erschlagen habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer +oder der andre Ihrer Ältervordern unter den Erschlagenen, aber sehen Sie +mich nicht so beklommen an, ich fühle mich nicht verantwortlich für den +Schweinehund von damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem Vater +weiß, daß er den Juden zwar günstig gesinnt war, jedoch nie einem die +Hand reichte und es, wenn möglich, überhaupt vermied, mit Juden zu +reden. Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor, als ob der Sturm +des Schicksals uns, mich und Sie, auf einem Gebirgshang zueinander +getrieben habe, mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen. +Als ich Sie damals im Paradieschen zum erstenmal sah, da zog's mich zu +Ihnen mit einer Mischung von Haß, Neid und Schuld. 'Möglicherweise,' +dacht' ich mir, 'geht es doch wieder aufwärts,' und ich suchte die +Oberhand über Sie zu gewinnen --« + +»Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster,« warf Engelhart ein, voll +seltsamer Angst vor dem bekenntnishaften Ton Schildknechts. + +Dieser ließ sich nicht irre machen und fuhr mit bleicher werdendem +Gesicht fort: »Mag sein. Aber ich habe keine Sicherheit, daß Sie mir +nicht, ein paar hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen Stein +auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner von den Dankbaren. Was ist +denn Freundschaft? Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen Menschen +vorgeht; und was wahre Freundschaft ist, erkennt man erst an den Wunden, +die man davongetragen hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte, ist +das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit eines Stammes +emporgetrieben werden und in denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie +soll ich mich ausdrücken, einen Mund erhalten, die haben viel Chaos, +viel flüssiges Schicksal in sich. Das Judentum sind Sie ja los, aber der +Jude, der in Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen machen, er +wird Ihnen immer wieder Finsternis ins Gemüt pressen, auch die Lust zur +Finsternis und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust zu +erlösen und all diesen Quark, an dem unsre Besten verbluten.« + +Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck, nicht, weil es ihm so +neu war, sondern weil er plötzlich seine Art und sein Blut, das +Persönliche und Kreatürliche, gesetzmäßiger empfand. Dem lebendigen +Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen Zufälligkeiten entkleiden +zu dürfen; je inniger er sich in das Auf und Ab des Menschentums +verwoben sieht, je mehr muß seine Zuversicht und Ruhe wachsen. Justin +Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz willkommen, und es war, als +bereue er das Gespräch. Er wünschte nicht, daß Engelhart auf sich allein +gestellt sei, und vermied von nun an, über Gegenstände zu sprechen, aus +denen das Selbstbewußtsein des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein +Wohlwollen verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar spürte er, +wie man zu lieben und zu hassen vermag in einem Atemzug. + +Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren; aus welchem Grunde, +erfuhr Engelhart nicht, vermutete jedoch, daß er sich von jenem +Heilemann, in dessen Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den +größten Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelmäßiger Arbeit hatte +abziehen lassen. Auch über die Person Heilemanns vermochte Engelhart +nicht Klarheit zu gewinnen. Er war Vertreter einer großen deutschen +Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber auf dem Kavaliersfuß +und zog mit einem Hofstaat von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt +und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht und er waren +Schulkameraden; jetzt schien es, als ob Schildknecht in sonderbarer +Abhängigkeit von ihm bestehe. Vielleicht, daß er Schulden bei ihm hatte +machen müssen; jedenfalls benahm er sich in Heilemanns Gegenwart +gedrückt und zweideutig ergeben, ein Anblick, bei dem es Engelhart +jämmerlich zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer die Launen +und das Aufschäumen des verletzten Stolzes ansehen und ertragen mußte. +Es war ein nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit. +Mit Schmerz sah Engelhart den Freund in den trüben Fluten kämpfen, aus +denen er selbst durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und diesmal +bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht tat alles, um die +Ursachen seiner Lage zu verwischen, und gab sich den Anschein dessen, +der die Gesellschaft studieren, ein Stück Leben ergründen will. + +An einem der ersten Abende fand in Heilemanns Wohnung ein Gelage statt, +und um die Lustbarkeit zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei +Heilemann zu nächtigen. Neun Personen schliefen in zwei kleinen Zimmern. +Engelhart lag auf einem Teppich und konnte kein Auge zutun. Als er alle +andern schnarchen hörte, erhob er sich und floh aus dem Wein- und +Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon, an dessen Gitter blühende +Glyzinien hingen. Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich +stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart freute sich und +dachte, nun könnten sie wieder einmal ein bißchen reden, aber +Schildknecht machte ihm Vorwürfe über sein schweigsames und unfrohes +Wesen, das in einer Gesellschaft von so harmloser Art übel vermerkt +werden müsse. Engelhart nickte zu allem und gab dem Freunde recht. Doch +hatte er in keiner Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als +jetzt. Ähnliche Nächte wiederholten sich nicht, aber es wurden Ausflüge +zu Schiff unternommen, bei denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer +solchen Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht und machte ihn +unwillig auf Engelharts schäbige Kopfbedeckung aufmerksam. »Ihr Freund +soll sich einen Hut kaufen,« sagte er und warf ein Zehnfrankenstück über +den Tisch. Das war nun allerdings zuviel für Schildknecht; er erblaßte +und entfernte sich schweigend mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser, +daß Schildknecht ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte. + +Mitte Juli mußte Heilemann eine Geschäftsreise antreten, und kaum war +er fort, so stob auch seine Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich +Schildknecht gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Vermögenslage zu +unterrichten. Sobald er offen und wahr sein durfte, kam seine gütigere +Natur wieder zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, daß sie jetzt +aneinander festhielten und nicht der ordinären Notdurft wegen das +Freundschaftsgärtlein verdorren ließen. Er bemühte sich bei seinen +Bekannten, um für Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang +mit ihm von Geschäft zu Geschäft, aber die erhaltenen Empfehlungen waren +mager, wohlwollendes Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben +und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit der Mühe +spiegelte sich in ihren Gesichtern wider, und der trotzige Unmut machte +auch Bereitwilligere stutzig. »Sie müssen sprechen,« sagte Schildknecht +zu Engelhart, »Sie müssen sich ins Licht setzen, die Leute merken ja, +daß Sie keine zehn Rappen im Sack tragen, dem Bettler wirft man +höchstens ein Stück Brot hin, nur wer fordert, wird gehört.« + +In den ersten Tagen hatte das vorhandene Geld noch zu einem Mittagessen +in einer Gastwirtschaft ausgereicht, dann kam die Stunde, wo man sich +aufs Hungern einrichten mußte. Schildknecht hatte keinen Menschen in der +Stadt, den er, ohne seine Empfindlichkeit aufs tiefste zu verwunden, um +ein Darlehen ansprechen konnte. Und ehe er sich nach Hause wandte, +wollte er das Schlimmste über sich ergehen lassen. Die Augen zu und +hinein ins Wasser, war seine tägliche Redensart. Engelhart hatte sich +noch einmal mit einer schüchternen Bitte an den Vater gewandt, natürlich +umsonst; Herrn Ratgebers Antwort war ein einziges Händeringen, worüber +sich Schildknecht weidlich lustig machte. Sie richteten nun ihr Leben so +ein, daß sie bis über den Mittag hinaus im Bette lagen, sich dann mit +der Umständlichkeit von Modedamen ankleideten und ins Kaffeehaus +marschierten, wo sie den Nachmittag über sitzenblieben. Nur hier hatten +sie, hauptsächlich durch das Ansehen, welches Heilemann genoß, ein wenig +Kredit; sie tranken Tee und verzehrten zur Stillung des Appetits eine +große Anzahl von Semmeln, lasen Zeitungen und Wochenschriften aus aller +Welt, beobachteten und kritisierten die vor den Fenstern +vorüberwandelnden Menschen, wobei diejenigen, die sattgegessen aussahen, +am übelsten wegkamen. Niemals und nicht mit einem Blick ließ +Schildknecht in all der Zeit Engelhart merken, daß er ihm zur Last +falle, ihn fessele und das eigne Fortkommen erschwere. Eher noch schien +er selbst den Freund zu halten und tat so, als wäre die ganze Pein nur +ein Examen, das ihnen das Schicksal bereitet. Aber schließlich, _er_ +war in seinem Hause, er war es, der gab, und Geben macht müde und +tyrannisch. Am Abend wurden tiefsinnige Gespräche ausgesponnen, und +Schildknecht verstand es, zwischen zwei gesprochene Worte eine ungesagte +Bitternis zu legen wie jemand, der eine Nadel auf ein Butterbrot +streicht. Gegen Mitternacht gediehen die Fäden dünner, weil der Magen, +wie ein Hund gegen Diebe, sein Knurren gegen das Wortgeklapper erhob, +dann nahm der eine in seinem Bett, der andre auf der Matratze zu den +Träumen Zuflucht. + +Schildknecht träumte schwer, oft erwachte Engelhart von seinem Stöhnen +und sah ihn beim Morgengrauen totenbleich liegen, mit feuchten +Angstperlen auf der Stirn. Er liebte nicht das schlafende Gesicht +Schildknechts, ja er fürchtete es. Einmal nun hatte Schildknecht einen +angenehmen Traum und erzählte ihn: er sei am Meer gestanden und drei +Schiffe, voll mit Gold beladen, seien auf ihn zugeschwommen, seien wie +Vögel geradeswegs in seine Arme geflogen, und dann sei in zahllosen +kleinen Fässern das Gold um ihn aufgestapelt worden, aber immer, wenn er +zugreifen wollte, habe sich eine Hand auf seine Schulter gelegt, und +eine Stimme sprach: »Warten, es kommt noch mehr.« + +Das war der ganze Traum, und Engelhart bedauerte, daß er zu Ende war, +denn er hätte gern gewußt, was Schildknecht mit seinen Reichtümern +angefangen. Allmählich wurde dieser Gedanke zu einer sorgenvollen und +krankhaften Vorstellung, es war etwas dabei, was ihn bezüglich seiner +eignen Person beunruhigte, und da er es über Tag und Nacht nicht los +werden konnte und mit sich zu Rate ging, wie er dem Freund von seinem +zweifelvollen Zustand Kunde geben sollte, entsann er sich einer alten +Geschichte, und mitten in einem Gespräch bat er Schildknecht ziemlich +unvermittelt, ihm zuzuhören. + +»Zwei edle Ritter in der Bretagne,« so begann er, »liebten einander +sehr. Beide waren arm, nur besaß der eine von ihnen einen schönen +Zelter. Und der andre fing eines Tags an nachzudenken und sprach bei +sich: 'Mein Freund hat einen schönen Zelter; wenn ich ihn darum bäte, +würde er ihn mir wohl geben?' Eine Zeitlang schwankte er zwischen ja und +nein, endlich aber kam er zu dem Schluß, der Freund würde ihm den Zelter +nicht geben. Der Ritter wurde traurig und erschien mit anderm Gesicht +vor seinem Freund, doch dieser merkte nichts. Darüber wurde der Gram des +Ritters immer größer, er hörte auf, mit dem Freund zu sprechen und +wandte das Auge ab, wenn jener vorüberging. Der andre, der den Zelter +besaß, konnte dies nicht länger ertragen und stellte ihn zur Rede, +fragte, weshalb er ihn meide, weshalb er erzürnt sei. Da antwortete er: +'Weil ich dich um deinen Zelter gebeten habe und du ihn mir abgeschlagen +hast, und weil ich nun sehe, daß wir zu Unrecht Freunde heißen.'« + +Schildknecht war ziemlich erstaunt über die Geschichte, und als er +darüber nachzudenken begann, geriet er in eine gereizte Stimmung. Eben +das hatte Engelhart gefürchtet und hatte deswegen auch die Erzählung +nicht zu Ende gebracht. Natürlich hatte der Ritter, der den Zelter +besaß, voll Rührung den andern umarmt und gesprochen: »Alles, was mir +gehört, gehört auch dir.« Es war ihm zu banal erschienen, dies +hinzuzufügen, vielleicht kam es der Wahrheit näher, wenn die beiden +Ritter von nun an Feinde wurden. + +Als Heilemann zurückkehrte, waren die zwei Hungersgenossen so +ausgemergelt, daß selbst der kühle Genüßling erschrak und sich ernstlich +bemühte, für Schildknecht einen anständigen Posten aufzutreiben. Doch +sagte er ihm: »Das mit deinem Freund Ratgeber ist nichts, der taugt +nicht, den mußt du loswerden,« und nach einer kurzen Beratung wurde +beschlossen, daß Engelhart zu seinem Vater reisen müsse, der habe die +nächste Pflicht, für ihn zu sorgen. »Hier sind zwanzig Franken,« sagte +Heilemann, »damit kann er bis München durchkommen, und er soll sich nur +schleunigst trollen, ist überhaupt ein unleidlicher Kumpan.« + +Engelhart ahnte nichts von diesen Beschlüssen, als er am Nachmittag +desselben Tages an einer Partie teilnahm, welche von Heilemann, +Schildknecht und einigen andern, Damen und Herren, veranstaltet wurde. +Sie fuhren mit dem Dampfer bis Meilen, wanderten noch eine Stunde am +Ufer entlang und kamen gegen Abend in ein Gartenwirtshaus, wo eine +Musikkapelle spielte. Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz umzogen, +die meisten Leute flüchteten auf das eben abgehende Schiff, und so blieb +die kleine Gesellschaft, in der Engelhart sich befand, mit den +Musikanten fast allein zurück. Heilemann ließ im Saal oben den Tisch +decken und mietete die Musikanten, da nach dem Essen ein Tanzvergnügen +geplant war. Während der Mahlzeit war Schildknecht sehr aufgeräumt, +erzählte ein halb Dutzend seiner lustigen Geschichten und hielt dabei +geflissentlich seine Augen von Engelhart fern, dem er gegenüber saß. +Engelhart glaubte, es sei darum, weil er all diese Geschichten schon +kannte und Schildknecht sich deshalb vor ihm geniere. Es lachten alle, +nur er lachte nicht, und dies kränkte Schildknecht; am Schluß stand er +hastig auf, warf die Serviette auf den Stuhl und verließ den Saal. +Engelhart war ein wenig erkältet durch dies auffällige Benehmen, +indessen folgte er alsbald dem Freund und traf ihn nach einigem Suchen +unten an der Uferböschung, wo er auf einem Felsstück hockte und in die +blitzezuckende Ferne starrte. Engelhart setzte sich zwei Schritte von +ihm weg, noch dichter an das Wasser. + +Das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, schien die Dunkelheit des +Abends rascher zu beschwören, und nach einer Weile gewahrte Engelhart +den Freund nur noch als formlosen Schattenriß, kaum von dem Laubwerk +eines tiefhängenden Weidenbaums abgehoben, in welchem ein Vogel +klagenden Gesang anstimmte. Mit jeder Minute mehr spürte Engelhart das +Schweigen als etwas Feindseliges, und es war, als ob sein Ohr Zuflucht +nähme zum Glucksen des Wassers und zum leisen Geroll des Donners. +Endlich fing Schildknecht an zu sagen, was er sagen mußte, seine Stimme +klang tief, ruhig und verschleiert. Hätte er sich darauf beschränkt, zu +sagen: So und so liegen die Dinge, es geht nicht mehr weiter, wir +halbieren uns bloß die Möglichkeiten und Hoffnungen des Lebens, statt +sie zu verstärken, und es ist ein Ausweg gefunden worden, der in der +Natur der Dinge liegt, so wäre alles gut gewesen; aber das tat er nicht, +er ging der Sache vom sittlichen Standpunkt aus zu Leibe und suchte es +so hinzustellen, als hätten die Fehler und schlechten Eigenschaften +Engelharts von Anfang an alles zum Schlimmen gewandt. Er redete sich +eine Fülle aufgespeicherter Bitterkeit von der Brust und meinte, er sei +immer der Gaul, der den fremden Wagen aus dem Dreck zerren müsse, von +ihm verlange man Haltung, Verantwortung, Verständnis, von ihm den +Zelter, aber andre wollten nicht geben, andre säßen düster und stumm da, +wenn er für eine ganze Affenkompagnie den Extrahanswursten mache. + +Als er seine Rede beendigt hatte, fiel die dumpfe Streichmusik vom Saale +oben ein, und Engelhart beobachtete weit draußen in der Schwärze, die +über dem See brütete, ein langsam gleitendes Laternenlicht; aber +allmählich verschwamm es in seinen Augen, und mit dem Gedanken: Alles +verschwendet, das ganze Herz verschwendet, schoß ihm das Wasser unter +den Lidern hervor, und er weinte lange still vor sich hin. + +Zwölf Stunden später saß er schon auf der Eisenbahn und fuhr mit dem +geringsten Gepäck, das je ein Reisender besessen, gegen Norden. Sein +jämmerliches Ausgehungertsein war schuld, daß er auf jeder Station etwas +zu essen kaufte und während der Überfahrt auf dem Bodensee-Dampfer +unbedenklich an der teuern Mahlzeit teilnahm. So kam es dann, daß er, +auf dem Bahnhof in Lindau stehend, von seinen paar Franken nichts mehr +übrig hatte. Es war fünf Uhr nachmittags, in einer Viertelstunde ging +der Schnellzug, dieser hatte keine dritte Klasse, und Engelhart sah +sich außerstande, den Zuschlagspreis zu entrichten. Der nächste Zug ging +erst in der Nacht und fuhr elf Stunden statt sechs. Und wo Unterkunft +suchen bis dahin, wovon leben; außerdem drängte es ihn vorwärts, als ob +am neuen Ziel das Heil bereit sei. Wie er nun in den letzten zehn +Minuten, während der Zug schon dastand und die Lokomotive gleichsam +einladend schnaubte, ratlos und verzweifelt auf dem Bahnsteig hin und +her rannte, trat ein graubärtiger Schaffner auf ihn zu und fragte, was +ihm denn sei, ob er jemand erwarte oder ob er sich krank fühle. +Engelhart wollte kurz ausweichend antworten, aber das ehrlich-gute +Gesicht des Mannes flößte ihm Vertrauen ein, und er gestand zögernd +seine Verlegenheit. Da sagte der Alte, er wolle ihm gern helfen, er möge +sich nur einen Platz suchen, die Überzahlung betrage etwas über sechs +Mark, die wolle er für ihn auslegen. »Ich werd' es Ihnen morgen +zurückbringen, bei meiner Seligkeit!« rief Engelhart mit heiligem Eifer. +»Nun, nun, ich glaub' Ihnen schon,« beschwichtigte ihn der Alte und +klopfte ihm auf die Schulter. Als er während der Fahrt das Billett +brachte, schrieb er ihm seine Adresse auf einen Zettel und wies alle +Danksagungen schmunzelnd ab. + +Es wurde Mitternacht, ehe Engelhart, weit in der nördlichen Vorstadt +irrend, die Straße und das Haus fand, wo sein Vater wohnte. Dann mußte +er lange läuten, bis Frau Ratgeber herunterkam. Sie war sehr überrascht +und schien des Ankömmlings nicht eben froh zu sein; bedrückten Herzens +schlich er hinter ihr die vier Stockwerke empor, und seine scherzhafte +Anspielung über die Nähe des Himmels hier oben beantwortete sie mit +einem Seufzer über das harte Leben. Sie brachte willig herbei, was sie +noch zu essen im Haus hatte, setzte sich ihm sodann gegenüber, blickte +mit ihren scheuen Augen ängstlich-musternd in sein Gesicht und meinte +vorwurfsvoll, er sehe gut aus. Ihr Antlitz war förmlich +zusammengeschrumpft von den Sorgen, und die dünnen schwarzen +Haarsträhnen gaben den Zügen einen zigeunerhaften Ausdruck. Der Vater +sei verreist, berichtete sie, und werde erst über den andern Tag +zurückkommen; und nun suchte sie ihn auszuforschen voll Angst, daß sie +da einen müßigen Kostgänger zu füttern haben werde, aber es verdroß +Engelhart, daß sie keine gerade Frage stellte, sondern nur so um den +Brei herumging; daher schwadronierte er eine Weile von seinen +Aussichten, und es wurde ihm selber gläubig zumute, bis ihm einfiel, daß +er doch am Morgen seinem guten Schaffner das geliehene Geld +zurückbringen müsse. Er schluckte und würgte an den Worten, endlich kam +es heraus, halb Bitte, halb Forderung. Frau Ratgeber erklärte mit +Entschiedenheit, daß sie keinen überflüssigen Pfennig besitze und nichts +geben könne. »Es muß sein,« sagte Engelhart erbleichend. »Wenn es sein +muß, so verschaff' dir's eben,« entgegnete sie höhnisch, »von mir +bekommst du's nicht, von deinem Vater auch nicht. Wir haben genug +Trübsal mit dir gehabt, und jetzt kommst du wieder als Bettler.« Alle +seine Sünden und seine ganze Schmach hielt sie ihm vor und blieb bei +ihrer Weigerung, auch als er sich aufs Flehen verlegte. »Und jetzt ist +es spät,« schnitt sie endlich ab, »ich habe gearbeitet, ich will +schlafen.« + +Für Engelhart war an Schlaf nicht zu denken. Endlose Stunden hindurch +schritt er im Zimmer auf und ab. Pläne zu schmieden war er nicht der +Mann, ihn peitschte es bloß von Impuls zu Impuls. Als er am Morgen die +Stiefmutter zur Küche gehen hörte, eilte er hinaus und vertrat ihr den +Weg. »Ich verpfände mich dir mit meinem ganzen Leben, mit meiner ganzen +Zukunft,« flüsterte er, »nur gib mir diese paar Mark, sonst bin ich +ehrlos.« Frau Ratgeber zuckte die Achseln und machte ein böses Gesicht, +aber es war etwas in seinem Blick, wovon sie niedergezwungen wurde. +Ungefähr eine Minute lang besann sie sich, dann kehrte sie ins +Wohnzimmer zurück. Engelhart ließ sie nicht aus den Augen, als fürchte +er den gewonnenen Vorteil sonst wieder einzubüßen, er begleitete sie und +sah zu, wie sie die Kommode aufschloß. Stumm reichte sie ihm ein +schweres silbernes Armband, in der Mitte war ein alter Reichstaler +eingelötet, der ein Städtebild mit vielen Türmen zeigte. »Geh damit ins +Leihamt,« sagte Frau Ratgeber, »du bist mir schon genug schuldig, jetzt +auch noch das.« Engelhart erkannte das Schmuckstück, es hatte einst +seiner Mutter gehört, und er betrachtete es mit düsterer Miene, hinter +der er seine Wehmut versteckte. Doch ging er hin, löste Geld dafür und +bezahlte seine Schuld. + +Nachträglich bereute Frau Ratgeber ihre Schwäche, und Engelhart mußte +ihren erbitterten Hader dulden. Es war ihm keine ruhige Stunde gegönnt. +Sein ernster Entschluß, sich um einen Verdienst umzutun, geriet +einigermaßen ins Wanken, weil ihn davor ekelte, fremden Menschen unter +die Augen zu treten und ihre Gleichgültigkeit ertragen zu sollen. +Indessen kam sein Vater zurück, müde von der Arbeit und erschöpft von +der Hundstagshitze. Der Mann war sichtlich gealtert, an Körper und +Gesicht trat eine fette Aufgeschwommenheit hervor, doch sein Anzug war +höchst adrett und den ergrauenden Schnurrbart hatte er schwarz gefärbt +und nach der neuesten Mode gebürstet. Die Begrüßung zwischen Vater und +Sohn war beeinflußt durch das finstere Schweigen der dabeistehenden +Frau, und dieses Schweigen enthielt für Herrn Ratgeber die Aufforderung +zu Vorwürfen und Abrechnungen. Während Engelhart auf dem Sopha saß, ging +Herr Ratgeber mit seinen kurzen Schritten im Zimmer herum und redete +sich in Zorn und Schmerz. Doch beständig war auch ein Ausdruck der +Verlegenheit in seinem Gesicht, und wenn Engelhart antwortete, zuckte +das seltsame Schmunzeln um seine Lippen, durch das er seiner Aufregung +Herr zu werden suchte. + +Engelhart fragte, wie es Abel ergehe; Herr Ratgeber antwortete stolz, +der bringe sich durch, der sei tüchtig und werde offenbar ein großer +Mann. Doch wenige Tage darauf kam über Abel furchtbare Nachricht aus +Amerika. Er hatte wieder einmal Dummheiten gemacht und war entlassen +worden; dann war er irgendwohin ins Innere des Landes gefahren, hatte +Schweinfurter Grün genommen und sich zum Überfluß ins Wasser gestürzt. +Ein Farmer hatte ihn aufgefischt, und jetzt lag er in einem Hospital in +Ohio und mußte außerdem, wie dort üblich, wegen des versuchten +Selbstmords Strafe gewärtigen. Herr Ratgeber war gerade beschäftigt, +sich zu rasieren, als der Unglücksbrief kam. Die Frau las ihn weinend +vor, Herr Ratgeber legte zitternd das Messer beiseite und stieß, immer +jenes entsetzliche Schmunzeln um den Mund, dumpf klagende Töne aus. Mit +der halbbarbierten Wange setzte er sich an den Tisch und schrieb +sogleich einen langen Brief. Fast feindselig beobachtete Engelhart die +flink über das Papier sich bewegende Hand. 'Wenn er nur seine +hochtrabenden Worte setzen kann,' dachte er; 'wahrscheinlich jammert er +wieder über das Schicksal und die Undankbarkeit der Kinder, und nie +scheint er zu ahnen, daß er bloß erntet, was er selber gesät.' + +Es half nichts, Herr Ratgeber mußte Geld nach Amerika schicken, aber von +diesem Tag an war seine beste Hoffnung dahin und er wurde ein wenig +stiller und schweigsamer als bisher. Zu vielem Nachdenken ließ ihm sein +Beruf keine Zeit. Er war beständig auf den Beinen, gönnte sich kaum die +Ausgabe für die Pferdebahn und kam oft so abgeschlagen heim, daß er sich +gleich nach der Mahlzeit zum Schlafen hinlegte. Die Gesellschaft, für +die er arbeitete, wußte ihm wenig Dank und glaubte wie die schlechten +Erzieher, durch Aufmunterung ihren Vorteil zu versäumen. Es war nur ein +beständiges Hetzen und Stacheln, um jede gerechte Entschädigung mußte er +feilschen, und in seinem Ärger über solche Unbill konnte sein Auge einen +irren und hilflosen Ausdruck annehmen. Seine Sprache gegenüber Engelhart +war bitter und gereizt; er schämte sich vor seinen Bekannten, daß er +einen erwachsenen Sohn zu Hause sitzen hatte, der nichts war, kein Amt +bekleidete und es darauf anzulegen schien, den Seinen zur Last zu +fallen. Vergeblich suchte er ein Unterkommen für ihn, und so oft er +Engelhart antrieb, daß er selber etwas tun solle, setzte ihm dieser eine +unbegreifliche Verstocktheit entgegen. »Ich kann dich nicht ernähren,« +sagte Herr Ratgeber dann, und dunkler Zorn machte sein Auge wild; +Engelhart aber hörte nur: ich will dir nicht helfen. Ein Wort gab das +andre, und schließlich forderte der Vater mit leidenschaftlicher +Heftigkeit jene fünfzig Mark zurück, die er damals nach Freiburg +geschickt. Er forderte sie in einem Ton zurück, als wolle er sagen: gib +mir die Träume wieder, die Erwartungen, die ich einst von dir gehegt. +Engelhart war erstaunt und entgegnete verzweifelt, ob man ihm denn das +Fleisch aus dem Leibe zu schneiden gedenke. Er redete mit wunderlicher +Glut von der Zukunft, so wie Leute sprechen, die mit den eignen Worten +ihre Zweifel ersticken wollen, aber Herr Ratgeber antwortete mit einem +höhnischen Lachen. »Du bist nur da, um Herzen zu zertreten,« sagte er +zitternd. »Ein Prahler warst du von je; was soll dies Nichtstun +bedeuten? Glaubst du denn, wenn du in der Nacht vor deinem Schreibpapier +sitzest und sinnloses Zeug malst, glaubst du denn, daß du damit je einen +Bissen Brot erwirbst? Es ist ein Betrug an dir und an uns.« Und +Engelhart erwiderte unbesonnen: »Ja, Vater, warum hast du mich denn auf +die Welt gesetzt?« Da schwieg Herr Ratgeber und war, ohne daß er es +zeigte, im Tiefsten beleidigt und verwundet; 'ein Kind, das seinen Vater +schlägt,' dachte er. Doch immer fing der böse Streit über jene fünfzig +Mark von neuem an, so daß Engelhart keine größere Sehnsucht kannte, als +dies Geld zu besitzen, es ihnen vor die Füße zu werfen und ihnen Liebe +und Achtung zu kündigen für immer. Eine stille und unaufhörlich +wachsende Erregung ergriff wie eine geheimnisvolle Krankheit Geist und +Leib. Nun kam es aber bisweilen vor, daß Herr Ratgeber von dem Verlangen +gepeinigt wurde, den Grund dieses zerstückten und schwelenden Wesens zu +erforschen; nicht selten stand er des Nachts an der Kammertür und +lauschte, was Engelhart wohl drinnen treiben mochte; offen zu fragen +getraute er sich nicht, glaubte auch seinen Stolz und seine Autorität +dadurch zu gefährden; bei Tisch geschah es, daß er einen schüchtern +fragenden Blick auf den Sohn warf, wenn er annahm, daß seine Frau es +nicht bemerken konnte. Oder er begann von den Männern des Geistes zu +reden, denen er noch immer einen ungeschmälerten, beinahe +abergläubischen Respekt entgegenbrachte; von denen, die im öffentlichen +Leben standen, von denen, die es so weit gebracht hatten, daß eine +Zeitung ihre Feder in Dienst nahm. Er erzählte, wie schon so oft, daß er +im Jahre siebzig an der Wirtstafel eines thüringischen Städtchens neben +dem großen Karl Gutzkow gesessen sei, und fügte hinzu: »Ja, das waren +eben lauter hochstudierte Männer.« Engelhart schwieg. Sein Sinn war +verhärtet und voll Hohn. Wähnte er doch weit über den Götzen zu stehen, +die seines Vaters Ehrfurcht genossen. Und er haßte die Schrift, die +schamlose Entblößung der Seele durch die Schrift, fürchtete jenes Siegel +zu brechen, mit dem der Schöpfer das Mysterium des Schaffens versiegelt +hat. Es war ihm noch alles Leben, bloßes, einfaches Leben, angefüllt +mit unentweihten Gesichten, grenzenlosen Möglichkeiten. Scham hätte +seine Lippen verbrannt, wenn sie davon gesprochen hätten. So mag es Adam +in der ersten Paradiesesnacht zumute gewesen sein; der Baum, der Fels, +die Wolke, die Dunkelheit selbst, nichts war ihm Wirklichkeit, alles +Symbole seiner Angst, seines Zagens und seiner Hoffnung, und mehr als +Weib und Schlange brachte ihn der Tag zu Fall. + +Indessen verging die Zeit, und Engelhart mußte allgemach auf irgendeine +Verbesserung seiner Lage sinnen. Es schmeckte ihm der Bissen nicht mehr, +mit dem sie seinen Hunger stillten. Zwischen ihm und der Stiefmutter +wuchs die Erbitterung bis ins Maßlose. Kaum daß er ihr des Morgens unter +die Augen getreten war, begann sie sein Ohr mit Anklagen und Vorwürfen +zu füllen, und sie verstand es, mit vergifteten Pfeilen die +empfindlichsten Stellen zu treffen. »Von je warst du ein Taugenichts,« +hieß es, »schon in der Schule hast du nicht lernen wollen; geh nur mit +deinen Luftschlössern, es sind lauter Lügen, du bist ja ein geborener +Lügner; natürlich, davon willst du nichts wissen, aber seit ich dich +kenne, lügst und betrügst du; damals mit den Äpfeln, was war das doch +für eine Niedertracht, und später hast du mich beim Vater verleumdet, du +wirst's noch weit bringen, du wirst deinen Vater ins Grab bringen;« in +solchem Ton steigerte sich die Rede, und Engelharts Blut lief schwer und +brennend durch die Adern. Die endlosen Beleidigungen verursachten ihm +körperliche Übelkeit und Ermattung, er verlor den Schlaf und sann in +seinem schlechten Bett mit beklommenem Herzen vor sich hin. An einem +heißen Mittag im August kam er, nach mancherlei fruchtlosen Gängen aufs +tiefste entmutigt, aus der Stadt zurück und setzte sich in Erwartung des +Mittagbrotes an den schmalen Tisch in der Küche. Der Vater war in +Geschäften nach Landshut gefahren und sollte drei Tage fortbleiben. +Nachdem er eine Weile gesessen und in den düstern und schwülen Lichthof +gestarrt hatte, sagte Frau Ratgeber, heute habe sie nichts gekocht, und +damit warf sie ihm ein Stück Brot hin. »Wie? ist dir's vielleicht nicht +recht?« fuhr sie auf, als er die Lippen verzog. Sein Schweigen reizte +sie, wie jede Antwort sie gereizt hätte. »So ein Lump,« grollte sie vor +sich hin, »will nicht arbeiten, stiehlt dem Herrgott die Tage und seinem +Vater den letzten Groschen.« Engelhart stand auf und wiederholte mit +zitternden Lippen: »Lump?« Die Frau stellte sich ihm gegenüber, und ihre +glanzlosen Brombeeraugen drehten sich konvulsivisch: »Ja!« fauchte sie, +»Lump! Lump! Lump! Glaubst du, wir wissen nicht, was du für schlechte +Streiche in Freiburg gemacht hast? Steh nur da wie ein Herr, glaubst +du, man weiß nicht, daß du ins Zuchthaus gehörst?« Engelhart schrie auf; +der ganze Raum verschwand und nichts blieb übrig als ein großes blankes +Küchenmesser, das am Herdrande lag. Dorthin griff er, schwang die Klinge +in die Luft, schrie abermals, die Frau stürzte mit vors Gesicht +geschlagenen Händen zurück, er folgte ihr, aber dann kam die Hemmung, +jenes unbegreifliche Etwas, das den Menschen solcher Art zu keiner sich +selbst vollendenden Handlung gelangen läßt, das in die dunkelste Nacht +ihrer Leidenschaft wie ein Funke fällt oder wie eine unüberhörbare +Stimme tönt. Er verlor das Bewußtsein und fiel nieder. Als er erwachte, +wusch ihm Frau Ratgeber das Gesicht mit Essig. Sie weinte, war aufgelöst +in Tränen. Nach einigen Minuten hatte er sich so weit erholt, daß er +aufstehen und sich zum Fortgehen anschicken konnte. Die Frau erbot sich, +Kaffee zu bereiten, er schüttelte den Kopf und verließ die Wohnung. + +In einer nahegelegenen Straße wanderte er von einem Eck zum andern bis +gegen Abend beständig hin und zurück. Dann war er einigermaßen +gesammelt, las die Vermietezettel vor den Haustoren, stieg in einem +weitläufigen Gebäude bis unter das Dach, mietete die ausgeschriebene +Mansarde und schickte sich gleich an, die Nacht hier zu verbringen. Am +andern Morgen überlegte er lange hin und her, wie er zu seinen +Habseligkeiten kommen könne; endlich entschloß er sich doch, selbst in +die väterliche Wohnung zu gehen. Glücklicherweise war Frau Ratgeber auf +dem Markt, und eine Zuspringerin, welche die Böden fegte, behütete das +Haus. Er packte eilig seine Sachen in den Koffer und stellte +Betrachtungen darüber an, was er von all dem verkaufen könne, um sich +ein wenig Geld zu verschaffen. Es war nichts, er besaß lauter ärmliches +Zeug, das ihm noch dazu unentbehrlich war. Da fiel sein Blick auf das +Bücherregal des Vaters; die Bände standen noch immer in derselben +Reihenfolge wie vor vielen Jahren, als ob keine Hand inzwischen sie +berührt hätte. Er suchte drei oder vier Bände heraus, von deren Erlös er +sich etwas versprechen konnte, schrieb einen Zettel an den Vater, worin +er die Tat bekannte, fügte seine Adresse bei und legte den Zettel an +eine Stelle, wo ihn der Vater, und nur er allein, finden mußte, nämlich +in die Schublade, wo sich das Rasiergeräte befand. Die Bücher verkaufte +er am selben Tag und erhielt zwei Mark dafür. + +Das war an einem Donnerstag. Am Samstag in der Frühe erhielt er einen +Brief vom Vater. »Lieber Engelhart,« begann das Schreiben, »zwischen uns +ist von heute an jedes Band zerschnitten. Über den Vorfall mit der +Mutter will ich kein Wort verlieren, darüber zu sprechen, verbietet sich +von selbst. Gott verzeihe mir, daß ich Dich nicht zu einem besseren +Sohn und brauchbaren Menschen herangebildet habe. Außerdem hast Du, um +es ganz frei herauszusagen, ordinär gegen mich gehandelt, indem Du +hinter meinem Rücken die Bücher verkauft hast, für die Du doch nur ein +paar elende Pfennige erhalten konntest. Es fehlt mir mein französisches +Wörterbuch, dann das Werk 'Kraft und Stoff' und Freytags 'Verlorne +Handschrift'. Ich hatte diese Bücher lieb, sie waren mir wie Freunde, +sie haben mich über den größten Teil meines Lebensweges treulich +begleitet, und ich misse sie mit schwerem Herzen. Handelt man so gegen +den Vater, der es doch stets gut mit Dir gemeint hat? Das hätte ich nie +und nimmer von Dir gedacht, und zur Erklärung kann ich nur annehmen, daß +Dein sittliches Gefühl getrübt ist. Doch genug, ich habe mich über die +Geschichte so alteriert, daß ich es nicht in Worte bringen kann, und +deshalb lege ich auch die Angelegenheit #ad acta#.« + +So weit der Brief. Aber es war auch eine kleine Nachschrift dabei, ein +unerwartetes und rührendes Anhängsel: »Hierbei schicke ich Dir, obwohl +ich es hart entbehre, fünf Mark in Briefmarken, damit Du nicht hungern +mußt.« Und wie ein bunt kariertes Fähnchen hingen die angeklebten Marken +vom Rand des Briefblattes herab. 'Er will sich einschmeicheln,' dachte +Engelhart, und sein Sinn blieb starr. + +Von seiner Mansarde aus konnte er über die meisten Häuser der Umgebung +hinwegblicken, und bei Nacht hatte er ein großes Stück Sternenhimmel vor +sich, während aus den Höfen die beleuchteten Fenster heraufglühten und +mit dem Vorrücken der Stunden nach und nach erloschen. In den ersten +Tagen war der Morgen eine goldene Zeit, denn die Sonne schien +geradeswegs ins Fenster, keine unwirsche Hand drohte an die Tür zu +klopfen und zur Tätigkeit zu mahnen, und die Gewißheit, daß die bösen +Träume der Nacht etwas Bestandloses und Unwirkliches waren, genoß sich +wie eine herrliche Speise. Der jähe Frieden inmitten einer bewegten +Stadt hatte etwas seltsam Betäubendes. Zunächst galt es, das winzige +Kapital möglichst praktisch auszunutzen, es gleichsam dünn und breit zu +schlagen. Von der Vermieterin verschaffte er sich einen Kochtopf und +einen Spiritusapparat, dann kaufte er einen kleinen Sack Äpfel, ferner +einen Vorrat von Käse, Kaffee und Zucker. Die Äpfel schälte er und +kochte sie zu Mus, und das gab eine Mittagsmahlzeit, morgens und abends +nahm er den eigengebrauten Kaffee zu sich und hatte bald die Kunst +entdeckt, wie man ihn auf die einfachste Weise schwarz und stark werden +läßt. Aber die zwei Taler waren bald dahin, und die Vorräte im Schrank +dauerten auch nicht gar lange. Was war zu tun, um dem schmerzhaften +Hunger zu entgehen? Engelhart studierte die Stellenangebote in den +Zeitungen, und da er das teure Geld nicht für Briefmarken ausgeben +konnte, lief er selber überall hin und stand oft in der Frühe mit +hundert andern vor dem Ausgabeort der Zeitungen. Dann fing das +Marschieren an, straßauf, straßunter, immer mit einem Keimchen von +Hoffnung in der Brust; schüchtern trat man vor irgendeinen Herrn hin, +der in einem muffigen Schreibzimmer saß wie eine Spinne im Mauerwinkel, +aber jedesmal war schon ein andrer dagewesen, der es wahrscheinlich noch +billiger machte und auch einschmeichelndere Manieren gezeigt hatte. Mit +heiß und kaltem Körper schlich dann der Bittsteller demütig wieder +heimwärts und kaufte für das letzte Restchen Mammon ein paar Gramm +Tabak. Es war ein Glück, daß sich der Herbst mit schönem Wetter anließ, +da brauchte man wenigstens keinen Regenschirm, und die defekt gewordenen +Stiefel schluckten statt Wasser bloß Staub. Einmal nun hatte Engelhart +einen wunderbaren Einfall. In einer Stadt, sagte er sich, wo so viel +hunderttausend Menschen leben und unter ihnen so viel reiche Menschen, +zugereiste Fremde, ja sogar Fürstlichkeiten und der königliche Hof, in +einer solchen Stadt muß doch notwendigerweise auch einiges Geld auf der +Straße verloren werden; wenn also einer es unternimmt, zu suchen, +geschickt zu suchen, und besitzt Instinkt zu dergleichen, so kann es am +Erfolg nicht mangeln; angenommen, ich entdeckte auf solche Manier einen +Brillantschmuck im Werte von soundsoviel tausend Mark, so steht mir als +Finderlohn der zehnte Teil zu, und ich bin aus der Patsche. Die Logik +dieser Überlegungen entzückte ihn in so hohem Maß, daß er sich ungesäumt +ans Werk begab. Mit gesenktem Kopf und aufmerksam auf das Pflaster +gerichtetem Blick strich er langsam durch die Hauptstraßen und die +vornehmen Quartiere. Vor den Gasthöfen, wo die Fremden abstiegen, stand +er wie ein Wachtposten, blickte in kein Gesicht, sondern starr und +begehrlich zu Boden. Sah er von fern etwas schimmern, so eilte er mit +klopfender Brust darauf zu und erblaßte, wenn es nur ein Fetzen +Stanniolpapier oder ein Messingknopf war. Stundenlang ging er in der +Bahnhofshalle umher, dachte sehnsüchtig an das viele Geld, das dort an +den Schaltern ausgewechselt wurde, und wünschte sich nur ein Tröpfchen +von dem Überfluß. Er wurde zornig, wenn seine Gedanken abschweifen +wollten von der Erde, wenn sie in der Luft suchten, was doch zweifellos +unten im Schmutze lag, aber es half alles nichts, er fand nie auch bloß +eine Kupfermünze, viel weniger den besagten Brillantschmuck. + +Es nahte die Zeit, wo die Miete fällig war, es mußte etwas geschehen, +auch der Magen ertrug es nicht länger. Die Frau, bei der er wohnte, war +eine gutmütige Person, sie drängte nicht und schien Mitleid zu haben, +obwohl er nie mit ihr über seine Lage sprach, sondern im Gegenteil +unbekümmert drauflos prahlte von steinreichen Verwandten, hochgestellten +Freunden und illustren Beziehungen jeder Art. Aber er war doch froh, +wenn die Alte am Abend eine Schüssel mit Salat, ein paar Kartoffeln oder +eine halbe Wurst auf seinen Tisch gebracht hatte, und kam zu dem +wehmütigen Schluß: ohne Menschen geht's eben nicht. Eines Tages fragte +er in einem Warenbazar um eine Stellung an, und sie nahmen ihn, ohne +viel nach seinen Kenntnissen zu fragen. Kenntnisse waren auch nicht +erforderlich, er mußte des Morgens die Fußböden ausspritzen und kehren +und den ganzen übrigen Tag, mit einer Schildmütze versehen, durch die +Stadt rennen und Lieferungszettel austragen. Dafür bekam er fünfzig +Pfennig jeden Abend. Vielleicht hätte er dies noch erduldet, aber mit +dem groben und perfiden Wesen, das da herrschte, konnte er sich nicht +befreunden, und er beschloß, lieber elend zugrunde zu gehen, als jeden +Stolz zu vergessen und der getretene Knecht von Knechten zu sein. Sieben +Tage hatte die Herrlichkeit gedauert, dann kroch er wieder in sein +einsames Loch. Darauf fand er Arbeit bei einem sonderbaren Mann, dem +Redakteur eines patriotischen Winkelblättchens. Der Mann hieß Saffran +und hatte eine bläuliche Nase. Er verfaßte Lobesartikel über den +Regenten und die Häupter des Adels. Engelhart mußte nach dem Diktat +stenographieren und zu Hause das Schriftstück ins reine bringen. Für die +Großquartseite war der Preis von zehn Pfennig vereinbart worden, und +Engelhart schrieb ganze Nächte hindurch, um eine lumpige Mark +herauszuschinden. Nun war es aber des Teufels mit Herrn Saffran; erstens +stellte er sich taub, wenn man Geld haben wollte, gebrauchte Ausflüchte, +tat, als habe er schon Vorschuß gegeben, oder rannte plötzlich davon mit +den Worten: »Ach Gott, ach Gott, Seine Königliche Hoheit haben mich ja +zur Audienz befohlen;« zweitens aber zählte er die Silben, untersuchte, +ob auf jeder Seite gleich viel Worte standen, und wenn die Sache nicht +in Ordnung war, schlug er die Hände zusammen und jammerte laut über die +Niedertracht der Welt. Er besaß den Orden für Wissenschaft und Kunst, +und als Engelhart einmal mit düsterer Entschlossenheit seinen Lohn +begehrte, nahm er das Ehrenzeichen und steckte es vor die Brust wie +einer, der einen Stern vom Himmel gepflückt hat und sich damit böse +Geister vom Leibe halten will, dann gab er noch allerlei sublime +Redensarten von sich, bevor er endlich den Geldbeutel öffnete. + +Auch diese Erwerbsquelle versiegte mit der dritten Woche. Um das Unheil +voll zu machen, wurde die Mietsfrau sehr krank; sie wurde ins Spital +geschafft, und Engelhart mußte ein andres Asyl suchen. Er fand ein +Zimmer in der Heßgasse über eine Stiege, größer und freundlicher, aber +auch teurer als das bisherige. Es war ihm selbst unerklärlich, weshalb +er dies tat; aber er hatte das Gefühl, als müßten die Umstände sich +bessern, weil er ein besseres Bett gefunden. Die Not, die er litt, +machte ihn entschieden traurig und ratlos, aber es war, als könne sie +nicht ganz in die Tiefe seines Herzens dringen, wie auch der Sturm nicht +bis auf den Grund des Meeres dringen kann. Doch rückte ihm das Ungemach +bitter zuleibe. Alles, was er nur im geringsten entbehren konnte, trug +er zum Trödler, sogar den alten Reisekoffer, der ihn seit dem ersten +Verlassen der Heimat begleitet. Schließlich entäußerte er sich auch des +Ringleins, das er einst beim Abschied von Ernestine erhalten. In den +ersten Oktobertagen wurde es kalt. In seinem Tagebuch gab Engelhart der +Sehnsucht nach einem Ofenfeuer Ausdruck, indem er züngelnde Flammen um +ein nacktes Männchen zeichnete. Alles Papier und die alten Zeitungen, +deren er habhaft werden konnte, warf er ins Ofenloch und freute sich, +wenn es prasselte, an der bloßen Illusion von Wärme. Seine Einsamkeit +weckte seltsame Gelüste und Gewohnheiten in ihm. Etwa eine Viertelstunde +vom Haus entfernt lag ein Kirchhof. Dorthin war bald sein täglicher +Spaziergang gerichtet, und täglich stand er um dieselbe Nachmittagszeit +vor dem Fenster des Leichenhauses, um die drinnen aufgebahrten Toten zu +betrachten. Die Särge lagen offen nebeneinander, schräg gegen die Erde +gestellt, so daß es aussah, als ob sich die starren Körper, wenn nur +noch ein Fünkchen Wille in ihnen brannte, mühelos erheben könnten, oder +als ob sie auch von selbst diesen Ort aufsuchten und verließen, um über +Nacht wieder andern den Platz zu räumen. Engelhart war jedesmal +neugierig, welche Gesichter er heute sehen würde, und er studierte in +den des Lebens beraubten Zügen alle Offenbarungen des Leidens. Die +niedrigen Begierden hatte der Tod nicht auszulöschen vermocht, manche +faltenvolle Stirne war von Habsucht und Bosheit zerpflügt, mancher Mund +schien von Wut zusammengepreßt, daß er verstummen gemußt, ehe das Ziel +eines gemeinen Ehrgeizes erreicht war. Engelhart konnte sich oft kaum +trennen von dem Anblick der Leichengesichter, er erschien sich wie ein +Wächter, hingestellt auf die Brücke zwischen Lebenden und Toten, mit +heimlichem Triumph und befriedigter Rache Zeugnisse der Vergänglichkeit +sammelnd. War ein Antlitz unter den Toten, das in besonderer Weise auf +ein Leben der Tücke, Trägheit und Lüge hinwies, so forschte er nach dem +Namen und der Stunde der Beerdigung, folgte als letzter Gast dem +Leichenzug und lauschte mit wunderlich glänzenden Augen den +Lobpreisungen des Geistlichen und der Freunde. An den Fenstern des +Leichenhauses schärfte er seinen Blick für die Eigenschaften des +menschlichen Herzens, und es ging so weit, daß er auf den Gesichtern der +Lebenden, die an ihm vorüberwandelten, die Züge seiner Toten +wiederzuerkennen suchte und mit grausamer Lust alles erstickte, was von +Liebeswünschen in seiner Seele wohnte. Dies Treiben setzte er so lange +fort, bis er eines Tages ein junges Mädchen aufgebahrt sah, dessen +Anblick ihm Tränen in die Augen trieb. Es war ein herrlich schönes Kind +von gleichsam nur hingeträumter Gestalt, und die Wangen waren wie aus +Abendröte geformt; die Haare schienen noch lebendig und flossen +unruhevoll unter dem Myrtenkränzchen hervor. Engelhart blickte mit Liebe +auf das fremde Wesen, plötzlich erwachte eine stürmische Begierde nach +Musik und trieb ihn am Abend vor das Odeonsgebäude, aber sein Ohr fing +nur ein paar matt verschwebende Harmonien auf. + +In den Nächten war es nun so, daß er vor Hunger nicht schlafen konnte +und in das Kissen biß; daß er aufstand und das Fenster öffnete, um den +Frost zu spüren, um durch die heftige neue Empfindung die alte +schleichende zu betäuben. Zwar dachte er jeden Morgen: 'Jetzt bist du +der Wandlung um einen Tag näher, schlimmer darf es nicht werden, und +zugrunde gehen wirst du nicht,' doch es war, als verdopple sich seine +Verlassenheit, und es kam vor, daß er, in seinem Zimmer sitzend, die +Türe nicht zuschloß, damit ein zufällig Vorbeigehender hereinschauen +konnte. Plötzlich setzte er sich hin und schrieb an Schildknecht nach +Zürich, zerriß den Brief, schrieb wieder, versteckte fast gauklerisch +seine Not hinter den Zeilen, und während die Feder über das Papier lief, +sammelte sich unter dem Gaumen Bitterkeit. Es war hauptsächlich von den +Tränen am See die Rede und von dem, was damit zusammenhing und was nun +ein melancholisches Bildchen wurde mit Blitzen, die über den Nachthimmel +zuckten und einer Walzermusik vom Hause her. + +Den Brief warf er unfrankiert in den Kasten, und er wußte jetzt, daß er +seine einzige und letzte Hoffnung trug. Zwei Tage später kam +Schildknechts eilige Antwort und zugleich eine Summe von fünfundsechzig +Franken bar. Der gute Mensch hatte alles begriffen, und der Schreck war +ihm in die Glieder gefahren. Es war auch höchste Zeit; Engelhart lief +nach Brot, der Krämer borgte schon seit einer halben Woche nicht mehr. +Erst als er sich gesättigt hatte las er Schildknechts Brief -- ohne +eigentliche Dankgefühle, eher staunend, daß noch eine Hand in der Welt +sich für ihn regte. Schildknecht schrieb, daß er nun wieder eine +auskömmliche Stellung gefunden habe, auch in der Heimat stünden seine +Angelegenheiten gut, und er werde wohl demnächst heiraten. Den Vorwurf +bösen Trotzes könne er Engelhart nicht ersparen, denn daß er keinen +besseren Freund auf Erden habe als ihn, Justin Schildknecht, hätte er +wissen und nie vergessen dürfen, auch wenn er ihm in desperater Laune +einmal den Kopf gewaschen habe. Und was die Tränen am See anlange, so +hoffe er dafür noch etwas recht Großes für Engelhart zu tun, er möge +daher nicht danken für die erbärmlichen paar Goldstücke, sondern +seinerseits sich weiterhin als Gläubiger betrachten. »Ich habe kein +Talent zum Judas,« schloß der herzliche und ehrliche Brief, »und wenn +ich auch nicht leugne, daß einer, der den Gott in sich spürt, einmal +beim Satan gewesen sein muß, so möchte ich doch lieber selbst im +Fegefeuer braten, als nur ein einziges Scheit Holz für einen Freund dazu +herschleppen. Ihnen, lieber Ratgeber, wird sich eines Tages jählings +dieselbe Welt zu Diensten geben, die sich jetzt so grausam verschließt. +Dann werden Ihre jetzigen Leiden die bunten Gläser sein, durch welche +Sie zurückblicken auf die Zeit, in der Sie sich noch ganz und gar +besaßen, vielleicht sehnsüchtig werden Sie zurückblicken und werden ein +wenig Dämmerung begehren, wenn überall das grelle Licht Ihrem Inneren +nicht mehr mühelos zu träumen erlaubt. Sie werden gezwungen sein, aus +dem Blut Ihrer Wunden Bilder zu malen, die man auf den Markt schickt, +und das wird weh tun, und schließlich werden Sie das eigne Herz zu einem +Marktplatz machen, wo Freundschaft und Liebe feilgeboten wird, und auch +das wird weh tun, nicht Ihnen, sondern uns, mir, dem Freund.« + +Engelhart ließ einige Tage verstreichen, in denen er angelegentlich über +Schildknechts Worte nachdachte. Dann antwortete er folgendes: »Im +Augenblick der größten Bedrängnis haben Sie ihre Hand nach mir +ausgestreckt, lieber Freund, ich konnte Ihre Hand ergreifen und war +gerettet. Die Tat soll Ihnen unvergessen bleiben, denn sie ist die +Brücke, die mich wieder zu den Menschen führt. Wahrhaftig, ich habe +schon verlernt, wie man mit Menschen spricht und wie man ihnen in die +Augen sehen soll. Sie geben mir Hoffnung, daß alles, was ich jetzt +erlebe, einst eine köstliche Speise für meine Erinnerung sein und daß +dieses nun so Bittere dann süß schmecken wird. Aber was hilft es dem zum +Krüppel geschlagenen Soldaten, wenn ihm später die Aufregungen der +Schlacht herrlich dünken? Und daß ich zum Krüppel gemacht werde, zum +Krüppel an Herz und Seele, das fürchte ich. Wir wollen uns doch nicht +mit Redensarten trösten und jede Not zur Notwendigkeit stempeln. Einer +Bestimmung zu leben ist ja schön, aber wo ist meine Bestimmung? Ich sehe +sie nicht, ich fühle sie nicht. Jeder Straßenkehrer scheint mir mehr +Bestimmung in sich zu tragen als ich, der ich ein von allen andern +gemiedenes und wahrscheinlich mit Recht gemiedenes Zufallsgeschöpf bin. +Was mich oft in seltenen Stunden beseligt, scheint mir widersinnig und +haltlos, als ob man Nebeldunst an eine Spindel heften wollte, um Faden +daraus zu drehen. Es ist ein treuloses Spuk- und Phantasietreiben, mit +dem man sich selber um den besten Teil der Menschlichkeit betrügt. Doch +ich kann nicht anders! Jetzt bin ich schon so weit verschlagen, daß ich +nicht mehr weiß, wo es nach vorwärts und wo es nach rückwärts geht. Es +ist ja auch gleich, denn die Welt ist rund. Wie dem aber sei, Sie haben +redlich an mir gehandelt, teurer Schildknecht, als ein wirklicher +Schildknecht haben Sie sich gezeigt, und von den bewußten Tränen am See +soll nun nicht mehr die Rede sein. Ich war zu angespannt damals und zu +sehr auf Ihr Wohlwollen angewiesen, ich hatte die übertriebensten und +ungesundesten Vorstellungen von Freundschaft. Das ist nun vorüber. Was +soll es auch heißen, sich an einen einzelnen zu binden, den man doch +verlieren muß? Freundeswege müssen sich immer dort trennen, wo Herz dem +Herzen gar zu nahe kommt, vielleicht Menschenwege überhaupt. +Gleichgesinnte Geister finden sich doch immer wieder und werden aus +eigenstem Interesse gegeneinander und gegen die Welt wirken, das übrige +scheint mir auf schwächliche Empfindsamkeit hinauszulaufen. Man kann ja +nicht einander um den Hals fallen, und so wird der Freund allmählich zur +Surrogatfigur und muß enttäuschen, weil er ein Geschöpf der Sehnsucht +aus ganz andern Bezirken ist. Nicht so ist es mit den Frauen, aber +darüber habe ich nie mit Ihnen zu sprechen gewagt und will es auch jetzt +nicht. Immerhin sollen Sie wissen, daß sich oft mein Inneres in einer +ungeheuren Erwartung preßt und weitet und daß es Stunden gibt, wo ich +wie in einem feurigen Fieber meine ganze bisherige Existenz als ein +dunkles Hinströmen gegen eine noch unsichtbare Gestalt empfinde, die zu +mir gehört wie der Morgen zur Dämmerung. Das mag eine ebensolche +Illusion sein wie die von der Freundschaft, und sicher wird man eines +Tages auch aus diesem Lügengarn sich wickeln, um eben kurzweg und +einfach seinen Mann zu stellen, aber eine gewisse Summe von Leben und +Erleben, von Umfassen und Sichlösen ist wohl nötig, damit man zu sich +selber erwachen kann. Mit meinem Vater bin ich nun vollends auseinander, +und ich bin froh, daß dies beschwerende Verhältnis aus meinem Dasein +hinausoperiert ist. Ich bin sein Fleisch und Blut, aber nicht sein +Geist und Herz, und das hab' ich stets sehr zu büßen gehabt. Nun leben +Sie wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut.« + +In dieser Zeit begann Engelhart sehr unter nächtlichem Traumwesen zu +leiden. Zumeist träumte er Landschaften, doch in so unheimlicher +Beleuchtung und Farbe, daß ihm angst und bang dabei ward. Oder er +träumte, daß er sich in einer großen Gesellschaft von Leuten befand, die +er gut kannte, von denen ihn aber keiner beachtete; sie mieden ihn, und +wenn er dicht vor jemand hintrat, so schlug dieser die Augen nieder. +Schmerzlich schloß er die Demütigungen in sich ein, nahm sich aber vor, +bei Tisch eine Rede zu halten und, in das Gewand einer Parabel +gekleidet, den Leuten ihre Niedertracht zu bedenken zu geben. Während er +noch an den Worten herumzupfte, die er wählen wollte, erhob sich ein +andrer und sprach solch sinnlos-witzelndes Zeug, daß alle lachten und +zugleich schadenfroh auf Engelhart starrten. Oder er träumte, sein +Zimmer befinde sich über dem Hof eines gewaltigen Hammerwerks. Er sieht, +hört, spürt den Hammer, während er schläft. Plötzlich erschallen +furchtbare Rufe: 'Zu Hilfe! zu Hilfe!' Man trägt ein Mädchen mit +zerschmetterten Gliedern herein. Eine seltsame Leidenschaft zu der Toten +durchdringt ihn bis zu den Fingerspitzen. Auf einmal wird sie lebendig, +zu gleicher Zeit wird aus dem Zimmer ein riesengroßer Saal. Er will mit +dem Mädchen, das sehnsüchtig begehrend nach ihm blickt, allein sein und +die Türen schließen. Aber während er eine Türe zumacht, springen immer +fünf, sechs andre auf, und fremde Leute huschen schattenhaft vorüber. +Sein Zorn, sein Gram, seine Ungeduld werden ins unerträgliche +gesteigert, schließlich will er jenes Frauenzimmer liebkosen, da +verschwindet sie hämisch lächelnd durch ein Loch in der Mauer. + +Seine Tage, in halber Untätigkeit verbracht, füllten ihn mit der +unbestimmten und brennenden Empfindung einer Schuld. Die andauernde +Absonderung von den Menschen gewährte keinerlei Befriedigung, sie gab +nur Unruhe und einen dünkelhaften Schmerz. Die Träume des Schlafs +wucherten gleichsam nach außen, und er sah Erscheinungen am hellichten +Tage, hörte Stimmen, die ihn ermunterten, und hatte Augenblicke einer +sonderbaren tiefen Verlorenheit, wo Angst und Freude beinahe +gleichzeitig sein Herz zusammendrückten. Er fand ein Vergnügen daran, +vor dem Spiegel sein eignes Gesicht so lange zu betrachten, bis er in +eine Art von Verliebtheit geriet. Wie ein aus dem Erdreich gerissener +Baum samt Wurzeln und Blattwerk schwamm er auf einer trüben Flut ins +Ungewisse hinaus, und an den Ufern standen viele Zuschauer feindselig +schweigend. Häufiger als jemals, auch in dem Traumtreiben, tauchte die +Gestalt des Vaters auf, niemals wohlwollend, sondern ärgerlich, +mürrisch, schimpfend, unzufrieden und hart; Engelhart aber nahm eine +vorwurfsvolle, ja fast frohlockende Haltung an, als wolle er sagen: So +weit hast du es kommen lassen. Ferner sah er den Vater, wie er gierig +beim Mittagessen die Suppe hinablöffelte, und das erweckte seinen +Widerwillen, oder wie er vor sich hinschmunzelte, wenn ihm endlich +einmal ein Geschäft geglückt war. Engelhart erinnerte sich, wie der +Vater einst mit nervös zuckendem Gesicht von dem Verlust einiger +Groschen gesprochen hatte; irgendeine Spesenrechnung war von der +Direktion nicht anerkannt worden, und Engelhart sah, wie der Vater +dastand, den Hut etwas schief auf dem Kopf und den einen Arm auf den +Regenschirm gestützt, und während er beleidigt und empört den Hergang +erzählte, rieb er den Zeigefinger unablässig und mit krankhafter +Schnelligkeit an dem silbernen Ring des Schirmstocks. Dies hatte +Engelhart damals unangenehm und peinlich berührt, es war ihm niedrig +erschienen, sich einiger Pfennige wegen so zu erhitzen, auch jetzt +dachte er ohne Wohlwollen daran, dennoch lag in dem Vorgang etwas +Schweres und Bedeutungsvolles, ja Rätselhaftes. + +Eines Abends verließ der Einsame, Ruhelose kurz vor Mitternacht seine +Behausung, in welcher ihn mit der vorrückenden Stunde eine immer größere +Bangigkeit gequält hatte. Nach mancherlei Herumirren geriet er in ein +verödetes Café, und während er mit dem Eifer, den Leerheit und +Rastlosigkeit erzeugen, die Zeitungen las, setzte sich ein Mann an +denselben Tisch, wo er saß, trotzdem die meisten Tische rings frei +waren. Der Mann hatte ein ziemlich gewöhnliches Gesicht; er hatte einen +rötlich braunen Vollbart und trug eine goldene Brille. In seiner Scheu +vor Menschen vermied es Engelhart, sein Gegenüber anzuschauen, plötzlich +spürte er jedoch, daß der andre mit unverschämter Beharrlichkeit seine +Blicke auf ihn gerichtet hielt. Dies wurde lästig, er stand auf, holte +eine andre Zeitung und setzte sich an einen andern Tisch. Es dauerte +nicht lange, so stand der Fremde gleichfalls auf und setzte sich +Engelhart neuerdings gegenüber. Dieser hob erblassend den Kopf und +erschrak vor dem verschwommenen, flüchtigen und zugleich klammernden +Blick des Mannes. Der Unbekannte hatte den Hut aufbehalten, und er +löffelte mit tückischem Lächeln in einem Wasserglas, in das er Zucker +geworfen hatte. Es ist ein Detektiv, ein Spion, fuhr es Engelhart durch +den Sinn; es war ihm nicht anders, als habe er ein großes Verbrechen +begangen und man sei ihm auf der Spur. Er fühlte sein Blut eiskalt +werden und überlegte, wie er sich aus der entsetzlichen Lage befreien +könne; das Beste schien, mit dem unheimlichen Menschen, ohne +Befangenheit zu zeigen, anzuknüpfen, er äußerte also irgendeine +Redensart über das Wetter. Der Mann antwortete nicht, sondern zog statt +dessen ein kleines Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin, wobei +ein kaltes spitzes Lächeln seinen Mund bewegte. Tief erregt im Innern, +doch in sein Gesicht einen heuchlerisch-interessierten Ausdruck +zwingend, beobachtete Engelhart dies und ließ keine Bewegung des +Menschen außer acht, als müsse er einem Überfall zuvorkommen. Um seinen +Aufbruch vorzubereiten und den andern über den Grund zu täuschen, +stellte er sich müde und verschlafen und guckte gähnend nach der +Wanduhr, aber das Antlitz seines Gegenübers wurde immer feierlicher und +haßerfüllter, plötzlich warf Engelhart seine Zeche auf den Tisch, packte +seinen Mantel und verließ beinahe laufend den Raum. Ohne den Mantel +zuzuknöpfen, rannte er auf der dunkeln Hälfte der mondbeschienenen +Straße hin. Da hörte er Schritte hinter sich, er duckte den Kopf und +verdoppelte seine Eile. Um den Verfolger irrezuführen, schlug er eine +falsche Richtung ein und beschrieb einen ungeheuren Kreis, bevor er es +wagte, dem Haus, in welchem er wohnte, zu nahen. Schweißnaß und atemlos +kam er heim, und erst als der Morgen graute, verlöschte er die Lampe und +schlief ein. Diesmal hatte er keinen Traum von bestimmtem Umriß; es +sickerte nur durch seinen Schlaf das Bewußtsein von der Lächerlichkeit +seines Tuns und der Unmännlichkeit seiner Haltung. Dann wuchs eine graue +Wand aus einem Abgrund empor, und es rief eine Stimme: + + »Und an die Wand, und an die Wand + Da malt des Schicksals Schattenhand + Die Zeichen des Verderbens hin.« + +Darauf erblickte er sich selbst, über einen Brief gebeugt, der an +Michael Herz gerichtet war, und er sah die Worte: »Ich bin kein +Kaufmann, ich bin Bergmann, ich bin Arzt,« und diese Begriffe: Bergmann, +Arzt schienen ihm bedeutend und beweiskräftig. Mit brennendem Durst +erwachte er jählings und richtete sich auf. Trotzdem es Tag war, war das +Zimmer düster vom Nebel, der draußen lag. Das Verlangen nach Licht +mischte sich in seinem Gehirn seltsam mit der Begierde nach Wasser; er +nahm Sturz und Zylinder von der Lampe, schraubte die Krone ab, ergriff +nun aber das ölgefüllte Gefäß und setzte es an die Lippen, um zu +trinken. Der Petroleumgeruch brachte ihn zur Besinnung, er schlug die +Hände zusammen, warf sich wieder aufs Bett und fing an zu weinen. + +So war es nun mit seinem Leben beschaffen. + +Da geschah es um die Dämmerungsstunde dieses Tages, daß ihn ein Ungefähr +in die Nähe der väterlichen Wohnung brachte. Eine Weile schlich er +scheu und verdrossen vor dem Tor im nassen Nebel herum, endlich nahm er +sich zusammen und stieg die Treppen empor. Er glaubte seinen Vater zu +riechen, jene merkwürdige Mischung von Zigarren- und Schreibstubengeruch, +die ihm seit der Kindheit vertraut war. Weil auf sein wiederholtes +Läuten niemand erschien, ging er erleichtert wieder davon und glaubte +eine Pflicht erfüllt zu haben. Doch am folgenden Tag trieb es ihn +abermals hin. Diesmal war Frau Ratgeber zu Hause; sie empfing ihn nicht +freundlich, nicht unfreundlich, lud ihn ins Wohnzimmer und erzählte ihm, +daß der Vater sich auf einem Erholungsurlaub im Gebirge befinde; der +Arzt habe ihn hingeschickt, denn er leide an einer frühzeitigen +Verkalkung der Gefäße. Frau Ratgeber war redseliger als sonst, offenbar +suchte sie sich über ihre Besorgnis hinwegzuplaudern. Sie setzte ihrem +Gast sogar ein Gläschen Likör vor und nahm das Glas von dem feinen +Service, das seit Jahrzehnten unberührt im Schranke stand. Engelhart, +ziemlich betroffen über die Ehre, die ihm widerfuhr, fragte, wie lange +der Vater schon abwesend sei. Nicht länger als eine Woche, war die +Antwort, aber er befinde sich so wohl dort, daß er ganz überschwengliche +Briefe schreibe. 'Das hat er immer gekonnt,' dachte Engelhart, und sein +Gesicht verdüsterte sich, 'überschwengliche Briefe, das war seine +Stärke.' + +Er kam öfter. Das Eigentümliche war nun, daß ihm die Frau nach dem Mund +redete, und da er den Zweck, den sie verfolgte, nicht sehen konnte, +wurde ihm bisweilen unheimlich. Sie beklagte ihr Leben und das des +Vaters, aber sie stellte sich dabei doch ins Licht und den Mann in den +Schatten: er habe sich nie etwas versagt, er sei doch immer mit allem +fertig geworden, er selbst war doch immer die Hauptperson. »Ich, ich, +das ist das Ratgebersche Wort,« zischte sie mit schlecht verborgenem +Haß. Engelhart graute es bei dem Gedanken, daß der Vater in einer +solchen Luft von Lieblosigkeit atmete, doch dachte er: 'Sie muß ihn am +besten kennen, da sie dreizehn Jahre mit ihm gelebt.' Eines Tages +erschien während seiner Anwesenheit ein Fremder, ein netter junger Mann, +der in dem Alpenkurort mit Herrn Ratgeber beisammen gewesen war und +einige Aufträge von ihm überbrachte -- aus bloßer Sympathie und +Gefälligkeit. Dünkte es Engelhart schon verwunderlich, daß irgendein +Mensch in selbstloser Zuneigung etwas für seinen Vater unternahm, für +diesen Mann der Geldsucht und der scheuen Abkehr von allen freien +menschlichen Beziehungen, so erstaunte er noch weit mehr über die +Erzählungen des Besuchers. Mit liebenswürdigem Pathos berichtete der +junge Mann, daß Herr Ratgeber ganz benommen sei von der Schönheit der +Landschaft und daß er mit einem Gesicht durch die Wälder streife, als +hätte er Bäume nie zuvor erblickt; daß er stillvergnügt an seinem +Plätzchen sitze, wenn die Kurkapelle ihre Stücke aufspiele, und daß er +sogar eines Abends im Hotel eine ältere Dame zum Tanz aufgefordert habe. +Alles erscheine ihm schön, mit allem sei er zufrieden und über alles +Ungewohnte sei er erstaunt wie ein Kind. + +Frau Ratgeber hörte mit sauersüßem Lächeln zu und sagte: »Ich glaube, +ich glaube, so eine Erholung täte mir auch gut.« Kaum war der Fremde +fort, so kam ein Brief vom Vater, in dem er seine morgige Ankunft +meldete; die Direktion habe die Verlängerung des Urlaubs nicht +gestattet, außerdem sei ihm nicht ganz wohl und er fürchte den Gedanken, +sich vielleicht fern vom Hause krank hinlegen zu müssen. Dann kam ein +wehmütig-zurückschauendes Lob der Gegend, der Ruhe, der Sonne. + +Den nächsten und den übernächsten Tag ging Engelhart wieder seine +einsamen Wege; war es Trotz oder Scham oder Stolz, er brachte es nicht +zu dem Entschluß, sich dem Vater zu zeigen. Am Morgen des dritten Tages, +während er noch im Bette lag, ward an seine Tür gepocht, er schlüpfte +rasch in die Kleider, öffnete, das verzerrte Gesicht eines Weibes +streckte sich ihm entgegen, kreischte: »Ihr Vater! Ihr Vater!« und +verschwand wieder. Eine Viertelstunde später war er dort im Haus, +schritt mit bleiernen Füßen durch den Korridor und die Küche in das +erste Zimmer, wo, aschfahl anzusehen, Frau Ratgeber stand und mit +starrer Bewegung auf das Bett wies. Engelhart erblickte ein großes +blutbeflecktes Leintuch, welches eine menschliche Gestalt bedeckte. Er +hob das Tuch an einem Ende auf und zog es weg, und es lag ein +aufgeschwemmter Körper da, ein Mann mit nahezu unkenntlichem Gesicht, +den Mund, der nie hatte sprechen können, verdeckt unter eisgrauem +Schnurrbart und unabgewischtem Todesschaum, die Stirn gleichsam +zerschmettert, die Fäuste geballt, die Füße krampfhaft an das untere +Brett der Lagerstatt gedrängt -- nie vergaß Engelhart dies furchtbare +Bild einer letzten Energie, eines letzten verzweifelten +Schrittfassenwollens. + +Während Engelhart dastand und sich wunderte, während ihm graute und +während er im Innern weinte, ohne sich zu verhehlen, daß sein Anrecht +auf edle Tränen noch verwirkt war, sah er plötzlich den Vater in der +stillen Alpenlandschaft wandeln, so wie es jener zugereiste Mensch +geschildert hatte. Er sah ihn mit all seinen Gebärden, etwas bedrückt +von ungewohntem Alleinsein, doch befremdet und feierlich gestimmt durch +den Anblick der Natur und durch das Gefühl der ruhenden Stunden. War es +denn nicht seine erste Rast im Leben? War ihm denn nicht jeder grünende +Zweig etwas Niegesehenes? Mußte er nicht mit dem Erstaunen eines Kindes +Zeuge sein von dem Verschwinden der Sonne hinter Schneegipfeln und dem +Aufbrennen der Sterne? Sicherlich hatte sich der Vater bei alledem ein +bißchen geschämt und hatte seine Freude für sich behalten aus lauter +Angst, daß man Zweifel in seine Bildung setzen möchte. Engelhart begriff +dies auf einmal mit einer unerwarteten Schärfe. Immer wieder sah er die +untersetzte, tripplig gehende Gestalt über eine Wiese schreiten und mit +eigentümlicher Verlegenheit und wachsam verschlossenem Staunen vor sich +hin blicken. Dadurch wurde seine Rührung erweckt und seine Tränen +konnten fließen. Er erinnerte sich nach und nach an zahlreiche +sympathische Züge im Wesen des Vaters, an Dinge, denen er nie zuvor +Bedeutung zugemessen hatte, die sich aber jetzt zum eindringlichen Bilde +formten und die Ursache waren, daß der Schmerz wie in sichtbaren Flammen +um ihn schlug. Er erinnerte sich zum Beispiel, daß er vor Jahren in +Würzburg mit dem Vater spazieren gegangen war, daß sie von der Höhe +eines Hügels aus den Tönen eines Posthorns gelauscht hatten und daß des +Vaters Gesicht plötzlich einen unendlich traurigen Ausdruck gezeigt +hatte und daß er rasch die Augen niederschlug, als Engelhart ihn +anschaute. Ferner erinnerte er sich, daß der Vater einst zu einem +Geschäftsfreund gekommen und daß er vor Entzücken sich kaum fassen +konnte, als ein kleiner Hund ihn wiedererkannte und freudig bellend an +ihm emporsprang. + +Aber all dies war nur eine harmlose Kleinmalerei seiner wachsenden Reue +und Schuld. Ein paar Tage später schrieb er an Justin Schildknecht die +Nachricht von seines Vaters Tod. »Es kam zu früh,« schrieb er, »nicht +allein für ihn, den Frühgealterten, der ein abgehetztes, kleines, +elendes, finsteres und unverstandenes Dasein wie durch eignen Entschluß +endete, sondern auch zu früh für mich. Ich hatte mich stets höhnisch +gewehrt gegen seine Forderung der Dankbarkeit, aber ach, er wollte ja +nur in kleiner Münze bezahlt haben, nur almosengleich zurückbekommen, +was er mir, ein unermeßliches Kapital, das Leben selbst, geschenkt. Und +er meinte ja gar nicht Dankbarkeit, er meinte Liebe. Wenn er +'Dankbarkeit' sagte, so meinte er damit seinen Stolz und seine Scham zu +schonen, denn er wollte natürlich lieber Gläubiger als Bettler sein. +Freund, ich finde mich in unerhörtem Maße schuldig; ich finde mich so +vieler Versäumnisse schuldig, als es Stunden, ja als es Gedanken der +Vergangenheit gibt, und wenn viele den Tod als Gleichmacher und +Stummacher preisen, so finde ich, er ist ein furchtbarer Unterscheider +und gewaltiger Rechner. Trägheit ist meine Schuld, Trägheit hat meine +Brust vernietet, und diese aufs Enge und Niedrige gestellte Existenz +meines Vaters erscheint mir jetzt inniger an die göttlichen Mächte +gekettet als die meine, die anmaßend zu einer eiteln Verkündigung +strebt. Wer in der Tiefe seine Unschuld wahrt, ist der nicht größer zu +achten als der, der sie in den Höhen verliert? Und das ist es, er hatte +Unschuld, alles Üble an ihm, sein kleinmütiges Streben, seine +Pfennigangst, sein armer Geiz und Ehrgeiz, es waren nur die Zeichen und +Merkmale seiner Unschuld, und ich, wie ich bin und stehe, ich bin der +Verräter an dieser Unschuld. Wozu denn alle Hoheit der Empfindung, alle +Gaben des Gesichts, da die dunkle Kreatur, aus der ich Wurzel +geschlagen, unerkannt neben mir verschmachten mußte? Sühnen will ich, +und Gott gebe mir Entsühnungskraft und lasse mich den Weg zu den +Menschen finden, den ich schon verloren habe. Vielleicht ist dies meine +Bestimmung, den gemordeten Seelen Liebe zu weihen und aus ihnen etwas +wie Astralkörperchen zu formen, welche man in jener frostigen Halle +aufstellt, in der die Menschheit ihren vielfältigen Geschäftigkeiten +frönt. Ich will mich unter sie schleichen und still meine Arbeit +suchen.« + +Als er diesen Brief geschrieben, verließ Engelhart die Stadt und +wanderte weit in die südlich gelegenen Wälder und Hügel. Er dachte +während dieses Marsches viel an seine Kindheit und Jugend, und ein +seltsamer Reigen bunter Figuren erhob sich, flatterte tänzerisch leicht +an seinem inneren Auge vorbei, und er spürte bei ihrem Anblick etwas wie +bittersüße Reife. Schließlich setzte er sich ans Flußufer und malte mit +dem Stock einige Zeilen in den feuchten Sand: + + »Es ist noch dieselbe Sonne, + Die derselben Erde lacht; + Aus demselben Schleim und Blute + Sind Gott, Mann und Kind gemacht. + Nichts geblieben, nichts geschwunden, + Alles jung und alles alt, + Tod und Leben sind verbunden, + Zum Symbol wird die Gestalt.« + +Bewegten Herzens machte er sich auf den Heimweg, und je mehr er sich +wieder der Stadt näherte, je trüber umschleierte sich sein Auge, als +ahne er das not- und mühevolle Dasein, dem er zuschritt und das ihm ein +nicht weniger strenges Antlitz zeigte, seit er den Preis kannte, um den +es seine höchsten Kränze bot. Noch einmal hielt er inne und schaute +zurück: der Strom krümmte sich in goldener Flut aus dem Hügelgelände +hervor, ein paar schwarze Vögel geleiteten ihn, langsam fliegend, und +Mond und Sonne standen zu gleicher Zeit am Himmel. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1907 erschienenen Erstausgabe erstellt. Diese erschien in +»Deutsche Romanbibliothek«, fünfunddreißigster Jahrgang 1907, Hefte +9-18. Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 177: [Doppelpunkt ergänzt] fragte ängstlich: »Ist es wahr +S. 177: [Komma ergänzt] Schritte machte, mußte +S. 180: [Komma ergänzt] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat +S. 189: [Punkt gelöscht] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte +S. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits +S. 193: [Komma ergänzt] die haßartige Lieblosigkeit, die +S. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende +S. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner +S. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer +S. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte +S. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen +S. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine +S. 323: [vereinheitlicht] Aegidienplatz -> Egydienplatz +S. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen +S. 325: [vereinheitlicht] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte +S. 367: [fehlende Letter] ein Mann mi nahezu -> mit + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first +publication of the novel in "Deutsche Romanbibliothek", 35th volume +1907, issues 9-18. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, +Ü. The table below lists all corrections applied to the original text. + +p. 177: [added colon] fragte ängstlich: »Ist es wahr +p. 177: [added comma] Schritte machte, mußte +p. 180: [added comma] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat +p. 189: [deleted period] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte +p. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits +p. 193: [added comma] die haßartige Lieblosigkeit, die +p. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende +p. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner +p. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer +p. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte +p. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen +p. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine +p. 323: [normalized] Aegidienplatz -> Egydienplatz +p. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen +p. 325: [normalized] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte +p. 367: [normalized] ein Mann mi nahezu -> mit + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENGELHART RATGEBER *** + +***** This file should be named 26402-8.txt or 26402-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/6/4/0/26402/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. 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