diff options
Diffstat (limited to '25722-h/25722-h.htm')
| -rw-r--r-- | 25722-h/25722-h.htm | 3456 |
1 files changed, 3456 insertions, 0 deletions
diff --git a/25722-h/25722-h.htm b/25722-h/25722-h.htm new file mode 100644 index 0000000..5a996fe --- /dev/null +++ b/25722-h/25722-h.htm @@ -0,0 +1,3456 @@ + +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> +<html> +<head> +<title>Der Kater Rosaurus</title> +<meta http-equiv = "Content-Type" content = "text/html; charset=UTF-8"> + +<style type = "text/css"> + +body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} + +div.titlepage {margin-top: 4em; margin-bottom: 4em;} + +hr {width: 80%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; +text-align: center;} +hr.mid {width: 40%;} +hr.tiny {width: 20%;} + +hr.chapter {width: 30%; margin-top: 4em;} +hr.above {width: 10%;} +hr.below {width: 20%; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em;} + +sup {font-size: 75%; line-height: 50%;} + +em {font-style: normal; letter-spacing: .2em; padding-left: .2em;} + +h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; font-style: normal; +font-weight: normal; line-height: 1.5; margin-top: .5em; +margin-bottom: .5em;} + +h1 {font-size: 200%;} +h2 {font-size: 175%;} +h3 {font-size: 150%;} +h1.one {font-size: 200%;} +h1.two, h2.two, h3.two {font-size: 150%;} +h1.three, h2.three, h3.three {font-size: 125%;} +h1.four, h2.four, h3.four {font-size: 100%;} + +h4 {font-size: 125%; font-weight: bold;} +h4 span.title {font-size: 90%; letter-spacing: .2em;} +h5 {font-size: 108%; letter-spacing: .2em;} +p + h5 {margin-top: 1.5em;} +h6 {font-size: 85%;} + +p {margin-top: .5em; margin-bottom: 0em; line-height: 1.2;} + +p.illustration {text-align: center; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;} +p.caption {text-align: center; margin-bottom: 1em; font-family: cursive;} + +div.verse {margin-top: .5em; margin-bottom: .5em; margin-right: auto; +margin-left: auto; font-size: 92%;} +div.verse p {margin-top: 0; margin-left: 4em; text-indent: -4em;} +div.verse p.indent {margin-left: 5em;} +div.verse p.stanza {margin-top: .5em;} +div.verse table {margin-top: 0; margin-bottom: 0; font-size: 100%;} + + +/* tables */ + +table {margin-left: auto; margin-right: auto; +margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;} + +td {vertical-align: top; text-align: left; padding: .1em;} + + +/* text formatting */ + +span.smaller {font-size: 88%;} + +/* my additions */ + +/* correction popup */ + +ins.correction {text-decoration: none; border-bottom: thin dotted red;} + +/* page number */ + +span.pagenum {position: absolute; right: 2%; font-size: 95%; +font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right; +text-indent: 0em;} + +/* Transcriber's Note */ + +div.mynote, p.mynote {background-color: #DDE; color: #000; +margin: 1em 5%; font-family: sans-serif; font-size: 90%;} +div.mynote {padding: .5em 1em 1em;} +p.mynote {padding: 1em;} +div.mynote a {text-decoration: none;} + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Leben und Schicksale des Katers Rosaurus, by +Amalie Winter + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Leben und Schicksale des Katers Rosaurus + oder die kleine Prinzessin und ihre Katze + +Author: Amalie Winter + +Release Date: June 7, 2008 [EBook #25722] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND SCHICKSALE *** + + + + +Produced by Louise Hope, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +file was made using scans of public domain works in the +International Children's Digital Library.) + + + + + + +</pre> + + +<div class = "mynote"> + +<p><a name = "start" id = "start">Dieser Text</a> benutzt die +UTF-8-Kodierung (unicode). Wenn die Apostrophe, Anführungszeichen und +die Umlaute in diesem Absatz als seltsame Zeichen dargestellt werden, +könnte es auch an Ihrem inkompatiblen Browser oder an fehlenden Fonts +(Zeichensätzen) liegen. Stellen Sie zunächst sicher, dass der +„Zeichensatz“ oder „Datei-Kodierung“ auf Unicode (UTF-8 ) eingestellt +ist. Eventuell ist es auch nötig, die Standardschrift Ihres Browser zu +ändern.</p> + +<p>Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins class = "correction" +title = "wie so">popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen wie +„spazieren“ bzw. „spatzieren“ sind ungeändert.</p> + +</div> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/frontis.jpg" width = "389" height = "494" +alt = "Mädchen mit Katze im Schoss"><br> +<span class = "smaller"> +<i>Stahlstich d. Kunst u. geogr. Anst. v. Serz & +C<sup>ie</sup></i></span> +</p> + +<p class = "caption"> +Prinzessin Marie und Rosaurus</p> + +<div class = "titlepage"> + +<h1 class = "two">Leben und Schicksale</h1> + +<h1 class = "three">des</h1> + +<h1 class = "one"><b><em>Katers Rosaurus,</em></b></h1> + +<h1 class = "four">oder</h1> + +<h1 class = "three">die kleine Prinzessin und ihre Katze.</h1> + +<hr class = "tiny"> + +<h2 class = "three">Ein unterhaltendes Lese- und Bilderbuch für +Kinder</h2> + +<h2 class = "four">von</h2> + +<h2 class = "three"><b>Amalie Winter.</b></h2> + +<h2 class = "four">Mit 1 schwarzem und 5 colorirten Stahlstichen.</h2> + +<hr class = "mid"> + +<h3 class = "three">Leipzig, 1851.</h3> + +<h3 class = "four"><em>Baumgärtners Buchhandlung.</em></h3> + +</div> + +<span class = "pagenum">1</span> +<h4><a name = "kap1" id = "kap1">Kapitel 1.</a><br> +<span class = "title">Die Ueberraschung.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<h5>Meine Freuden.</h5> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Wollt Ihr meine Freude hören,</p> +<p>Ruft ein Mädchen voller Lust,</p> +<p>Nun ich will sie gern Euch lehren,</p> +<p>Hegt sie auch in reiner Brust.</p> + +<p class = "stanza indent"> +Meine Freude sind die Blüthen</p> +<p class = "indent"> +Und die Blumen groß und klein</p> +<p class = "indent"> +Die des Himmels Lust und Frieden</p> +<p class = "indent"> +Durch die weite Schöpfung streu’n.</p> + +<p class = "stanza"> +Meine Freuden sind die Thiere,</p> +<p>Schäfchen, Biene, Schmetterling.</p> +<p>Denn in Gottes Lustreviere</p> +<p>Ist mir keines zu gering.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<span class = "pagenum">2</span> +<p>Die kleine Prinzessin Marie war 6 Jahr alt und führte ein glückliches +Leben. Alle Welt war ihr gut und Jedermann bemühte sich, ihr Freude zu +machen. Täglich wurden kleine Mädchen eingeladen, mit denen sie im +schönen Wagen spatzieren fuhr und mit schönen Spielsachen spielte.</p> + +<p>Die Spielsachen waren aber ganz außerordentlich schön. Sie hatte +unter Anderm eine Puppenstube, welche so groß war, daß nicht nur die +Puppen, sondern auch deren Besitzerin, nebst zwei ihrer Freundinnen +darin Platz fanden. Kanapee, Stühle und der Tisch waren so eingerichtet, +daß die Kinder sich ihrer bedienen konnten und oft wurde dort in +Gesellschaft der Puppen von verschiedener Größe Chocolade getrunken. Der +kleine Hund <em>Joly</em> wurde bei solchen Gelegenheiten ebenfalls +eingelassen und erhielt einen Platz auf dem Kanapee, von wo aus er mit +wahrhaft menschlicher Grazie, ebenfalls Chocolade trank und Bisquit +fraß. Wenn er sich zuweilen vergaß und sich allzu gefräßig zeigte, so +wurde er ernstlich ermahnt und das Prinzeßchen drohte mit dem +Finger.</p> + +<p>Die Puppen waren indeß von verschiedener Größe und von ganz +verschiedener Art. Da sah man eine große Puppe als Königin angethan, mit +einer goldenen Krone auf dem Kopf und dem Hermelinmantel um die +Schultern. Neben ihr saß das Bauermädchen in der Landestracht, mit +Bändermütze, kurzem Rock und goldgesticktem Latz. Ein kleiner Knabe und +ein kleines Mädchen waren in den kurzen +<span class = "pagenum">3</span> +Flügelkleidern und weißen Beinkleidern mit den runden Strohhüten sehr +hübsch anzusehen. — Außerdem gab es auch Puppen in Haus- und +Ball-Kleidern und alle hatten ihre besondere Garderobe. Viele davon +besaßen sehr schönes langes Haar, und es gewährte den Kindern große +Freude, solches zu kämmen und zu flechten; andere hatten blos Locken, +was ihnen auch sehr gut stand.</p> + +<p>Alle diese Puppen waren aber, in dem Augenblick wo diese Geschichte +beginnt, ganz vergessen und lagen in einer Ecke der Puppenstube über +einander gehäuft, denn die Prinzessin hatte kürzlich eine Puppe +erhalten, welche alle anderen aus ihrem Herzen verdrängte; das war +nämlich eine schöne Wickelpuppe. — Kopf, Arme und Beine waren +von Wachs und das Kinderzeug war äußerst vollständig. Es fehlte nicht an +Windeln, Stopfläppchen und Wickelschnuren. Die Wickelkissen waren mit +Bandschleifen versehen und mit Stickereien garnirt. Die Mützchen waren +prächtig, ganz mit Spitzen und Bändern bedeckt. Es gewährte den Kindern +große Freude, das Puppenkind zu wickeln und trocken zu legen, herum zu +tragen und einzuschläfern, und ihm Brei zu geben, mit dem kleinen +silbernen Breilöffel, aus dem vergoldeten Breinäpfchen. Des Abends wurde +die Puppe immer in die Wiege gelegt, welche ebenfalls in der Puppenstube +stand; und das war eine sehr schöne Wiege von Mahagoniholz, wie nur +wenig Menschenkinder sie besitzen. Es schläft sich nun zwar eben so gut +in einer einfachen +<span class = "pagenum">4</span> +Wiege; aber für die Puppe einer kleinen Prinzessin heißt es doch: „je +schöner, je besser“. An dieser Wiege waren nun reiche Vergoldungen +angebracht; ein vergoldeter Engel schwebte darüber und hielt in seinen +Händen den grünen Vorhang von schwerem rauschenden Seidenstoff: +Kopfkissen und Decke waren von rosa Atlas mit Ueberzug von gesticktem +Tüll mit Spitzenbesatz.</p> + +<p>Das schönste Eigenthum der Wickelpuppe war aber das Taufzeug. Es +bestand aus einem langen Kleid von Spitzentüll über rosa Atlas. Das Kind +lag auf einem Kissen von rosa Atlas und nun gab es Spitzen und Schleifen +in Menge. Besonders schön waren die Aermelchen gestickt, und das +Mützchen erregte allgemeine Bewunderung. Eine arme Stickerin hatte vier +Wochen daran gearbeitet und von dem Lohn, den sie dafür bekam, ihre +ganze Familie erhalten. Die Wickelpuppe sah aber in diesem Taufzeug +gerade so aus, wie das Prinzeßchen selbst bei der Taufe ausgesehen +hatte.</p> + +<p>„Wir wollen doch Taufens spielen“, sagte <em>Lisi</em> eines Tages, +als eine Gesellschaft kleiner Mädchen bei der Prinzeß versammelt war. +Lisi war die älteste von ihnen und pflegte gewöhnlich die Spiele +anzugeben. „Wir wollen die Wickelpuppe taufen“, sagte sie, „und ich will +der Pastor sein“. Die Kinder nahmen den Vorschlag mit Jubel an; +Mademoiselle Gogo, die Bonne, hatte das Zimmer verlassen wegen eines +Besuches und hatte die Kinder gebeten, +<span class = "pagenum">5</span> +recht still zu spielen; nun! bei der Taufe machte man auch gewiß keinen +Spectakel. Lisi wickelte sich in einen schwarzen Shawl und machte sich +von Papier Päffchen an den Hals. Ein kleiner Tisch wurde als Altar +angeputzt. Nun putzten sich auch die Pathen. Das Prinzeßchen setzte ein +Diadem ihrer Mama auf, welches diese wegen dessen Schwere auf einige +Stunden bei ihr abgelegt hatte; ein goldgestickter Longshawl ward ihr +als Schleppe angemacht. Die kleine <ins class = "correction" title = +"ungeändert: später immer »Diane«"><em>Diana</em></ins> befestigte zwei +Blumenkränze der Balldamenpuppe auf den Kopf und band ihren himmelblauen +Mantel um die Taille, so daß er hinten Schleppe bildete; die kleine +<em>Amelie</em> hatte eine Echarpe von rosa Flor auf dem Kopfe befestigt +und hüllte sich hinein, so daß sie in einem jener Wölkchen zu stecken +schien, welche Abends vor Untergang der Sonne so schön roth aussehen. +Die lange <em>Jenny</em> hatte aber die Mütze des kleinen Prinzen +aufgesetzt, einen Kindersäbel umgeschnallt und ein Paar Vorhangsquasten +als Epauletten an die Schultern befestigt und wollte durchaus der Herr +Gevatter sein.</p> + +<p>Nun sollte die Taufe losgehen. Lisi hatte nämlich ihr Schwesterchen +taufen sehen und nahm sich vor, es gerade so zu machen. Joly mußte sich +auf die Hinterpfoten setzen, um das Mützchen zu halten, was damals Lisis +Amt gewesen war.</p> + +<p>Als nun die Vorbereitungen vollendet waren und die Kinder feierlich +im Kreise standen, vernahm man plötzlich +<span class = "pagenum">6</span> +ein fremdartiges Geräusch, ein Poltern, Miauen, Winseln. Die Kinder +wußten gar nicht, was es war, — die Wickelpuppe konnte es doch +nicht sein!</p> + +<p>Das Geräusch kam aus dem Kamin, welches im Sommer zugestellt wurde, +damit der Wind nicht herein fauchen konnte. Die Kinder fürchteten sich +und flüchteten schreiend und um Hülfe rufend in das andere Zimmer und +Joly verfiel in ein fürchterliches Gebell. Ueber dem Lärm kam +Mademoiselle Gogo herbei und frug, was es gäbe? Als die Kinder von dem +Spektakel im Kamin erzählten, schüttelte sie bedenklich den Kopf; sie +wußte nicht recht, ob es gerathen sei, das Kamin zu öffnen, es konnte ja +eine Eule oder ein Uhu hineingeflogen sein; diese Vögel haben aber große +Schnäbel und pflegen damit um sich herum zu hacken; es konnte auch eine +Fledermaus sein und Mademoiselle Gogo fürchtete sich vor Fledermäusen. +— Alles stand um das Kamin in horchender Stellung. +— Ach, die Töne waren so leise, so hülfebedürftig, man mußte +ahnden, daß ein Geschöpf Gottes sich sehr unbehaglich darin fühle. Lisi +riß geschwind das Kamin auf und siehe, da lag ein kleines allerliebstes +Kätzchen. Es konnte kaum 14 Tage alt sein und gefiel den Kindern +ungemein. Es war ein buntes Cypernkätzchen. Es hatte einen langen +Schwanz, den es anmuthig bewegte, kurze Ohren, die es klug zu spitzen +wußte und ein Fellchen, so weich und glatt wie Seide. Dabei schnurrte es +äußerst lieblich und schien sich im Schooß des Prinzeßchens +<span class = "pagenum">7</span> +sehr wohl zu befinden. Die Kinder holten Milch herbei und es leckte +dieselbe mit seinem rosarothen Züngelchen. Man sah es ihm an, daß es ihm +gutschmeckte. — Die Kinder hatten sich um das Prinzeßchen +herumgekauert, um den kleinen Ankömmling recht betrachten zu können; +alle waren davon entzückt, nur nicht Joly, welcher zur Thüre hinaus +gebracht werden mußte, da er Lust zu haben schien, das arme Kätzchen zu +beißen und aufzufressen.</p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/pic1.jpg" width = "438" height = "557" +alt = "Kinder und Frau sehen auf Kätzchen im Kamin"> +</p> + +<p class = "caption"> +Das Kätzchen wird im Kamin entdeckt.</p> + +<p>Als Lisi aber die Freundinnen aufmerksam machte auf die +Sammetpfötchen des Kätzchens und auf deren rosarothe Sohlen, wurden die +Bedienten zum Abholen gemeldet und man mußte sich trennen. Das Kätzchen +war im Schooß des Prinzeßchens eingeschlafen, und wir wollen es schlafen +lassen, um zu erforschen, wie der kleine Gast eigentlich in das Kamin +gekommen war. <!-- I do not believe that the kitten as described is 14 +days old. 8 weeks, probably. --></p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">8</span> +<h4><a name = "kap2" id = "kap2">Kapitel 2.</a><br> +<span class = "title">Wie das Kätzchen in’s Kamin kam.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>In Sonnenschein —</p> +<p>In dunkler Nacht</p> +<p>Für Mensch und Thier</p> +<p>Gottes Auge wacht.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Die Art und Weise, wie das Kätzchen in’s Kamin gelangt war, gewährt +dem aufmerksamen Leser einen Blick in die traurigen Familienverhältnisse +der Katzen. Bei dem Vogelgeschlecht ist das Männchen dem Weibchen beim +Nestbauen, Brüten und Füttern der Jungen behilflich. Der liebenswürdige +Gatte der Nachtigall singt seinem brütenden Weibchen vor und erfreut +durch seine herrlichen Liebestöne das Ohr des lustwandelnden Menschen. +Auch bei manchem +<span class = "pagenum">9</span> +vierfüßigen Thier findet man väterliche Zuneigung und Fürsorge für die +Jungen; aber bei den Katzen ist das nicht der Fall. Mancher Katzenpapa +hat sogar die schlechte Gewohnheit, seine Kleinen zu fressen. Vielleicht +hält er sie für Mäuse oder Ratten; vielleicht haßt er sie, weil sie die +Katzen zu sehr beschäftigen und von den Mondscheinpromenaden auf den +Dächern, vom Besuch der Katzengesellschaften und von der Theilnahme an +den herrlichen Katzenconzerten, deren Ihr, lieben Kinder, gewiß schon +oft gehört habt, abhalten. Kurz, der Kater frißt seine Jungen und die +liebende Katzenmama ist genöthigt, dieselben gegen ihn zu vertheidigen +oder vor ihm zu verbergen. Das thut sie nun so gut sie kann, indem sie +sich zu ihrem Wochenbett Stellen aufsucht, wo Niemand so leicht +hinkommt. — Kätzchens Mutter war nun niemand Anders als Mies +Mies, die Hofkatze, und sein Vater, der sehr ehrenwerthe Hofkater, +Namens Murr. Beide Eltern erfreuten sich einer sehr einträglichen +Anstellung bei der Küche und erhielten eine reichliche Besoldung an +Hühnerknochen und Fischgräten, die sie blos mit dem Hofraben zu theilen +hatten. Mies Mies fand indeß noch nebenbei Gelegenheit, manche +verhungerte Stadtkatze zu unterstützen, denn Mies Mies hatte ein gutes +Herz; aber der Kater Murr und der Hofrabe Hans wollten das nicht leiden +und scharrten in die Erde, was sie nicht fressen konnten, lieber, als +andere Thiere damit zu erfreuen. Man hätte nun meinen sollen, bei so +<span class = "pagenum">10</span> +reichlicher Kost würde der Vater seine Kinder verschonen, aber nein! er +hatte von Zeit zu Zeit förmlich Appetit nach jungen Kätzchen und auch +der Hofrabe liebte solche zu verspeisen. Mies Mies kannte alle diese +drohenden Gefahren und war ernstlich darauf bedacht, ihre Kinder +denselben zu entziehen.</p> + +<p>Mies Mies hatte auch ein Gespräch der Schloßmagd und des Schloßvoigts +belauscht, worin diese sich vornahmen, keine jungen Kätzchen mehr im +Schloß zu dulden, weil solche Unreinlichkeiten verursachten; alle Kinder +der Mies Mies sollten künftighin ersäuft werden. Man kann sich denken, +wie das Herz der armen Hofkatze schlug, als die Stunde nahte, wo sie +Mutter werden sollte.</p> + +<p>In ihre traurigen Gedanken vertieft schlich sie auf einem vorragenden +Haussims, in den Fenstern der fürstlichen Gastzimmer vorüber und +bemerkte, daß der Wind eines dieser Fenster aufgerissen hatte, ohne daß +irgend Jemand es bemerkt zu haben schien. Im Fremdenzimmer stand aber +ein Himmelbett mit blauseidenen Vorhängen, worin schon Fürsten und +Grafen geschlafen hatten; das mußte sich vortrefflich zum Wochenbett +eignen, es war ganz so weich und sanft, wie Mies Mies es für ihre jungen +Kätzchen nur wünschen konnte; sie schlüpfte also zum Fenster hinein, +sprang auf das Bett, wühlte mit ihren Pfoten eine Art von Nest zwischen +Kopfkissen und Plümeau, und sah sich bald von drei allerliebsten +Kätzchen umgeben, die +<span class = "pagenum">11</span> +sie auch während neun Tagen ungestört säugte. Nur ein Mal täglich +verließ sie ihre Kinder, um selbst Nahrung einzunehmen; das that sie +aber nur in der Nacht, damit Niemand erspähen möge, wohin sie ihre +Schritte wendete.</p> + +<p>Die Kätzchen pflegen bis zum neunten Tag blind zu sein, bis dahin +leiht die sorgsame Mutter ihnen ihr Auge und wacht über sie. Mies Mies +erwartete stündlich, daß ihren Kindern das Licht aufgehen werde und +hatte fleißig die geschlossenen Augen geleckt, um ihnen das Aufschlagen +derselben zu erleichtern. Da vernahm sie eines Tages ein Geräusch an der +Thür; ein Schlüssel wurde in’s Schlüsselloch gesteckt, das Schloß +gedreht, die Thür ging auf und herein trat die entsetzliche Schloßmagd, +mit einem furchtbaren Besen an einem langen, langen Stiel. Mies Mies +befahl ihren Kindern ganz still zu sein; sie hoffte, die Hofmagd würde +nur kehren und nicht das Bett machen; ängstlich blinzelte sie durch die +Spalten des Vorhangs und verfolgte jede Bewegung der Entsetzlichen. Ach +— all ihr Hoffen war vergeblich! — Es waren Gäste angesagt +und die Fremden-Zimmer und Fremden-Betten mußten in Ordnung gebracht +werden. Eine kräftige Hand riß den Vorhang auseinander und das Plümeau +in die Höh’! Welch eine Unthat war da geschehen! —</p> + +<p>Die Schloßmagd erhob einen gewaltigen Lärm; sie schrie und tobte +gegen die Katze, sie schimpfte und drohte sie zu verderben mit ihrer +ganzen Brut. Mies Mies ließ +<span class = "pagenum">12</span> +sich aber nicht so leicht einschüchtern, sie machte wahre Tigeraugen; +sie zischte, knurrte, pustete, machte einen furchtbaren Katzenbuckel und +schien sich zu einem gewaltigen Sprung nach dem Angesichte der +Schloßmagd zu rüsten; dabei bewegte sie ihren Schwanz wie eine Löwin und +zeigte ihre spitzen, scharfen Zähne wie ein Leopard. Sie erschien in +ihrer muthigen Mutterliebe so furchtbar, daß der Schloßmagd ganz angst +und bange wurde für ihre Augen und für ihre rothen Wangen und sie davon +eilte, um den Schloßvoigt als Beistand herbei zu rufen.</p> + +<p>Frau Mies Mies war indeß nicht so dumm, diesen Beistand abzuwarten; +sie dachte: wenn der Schloßvoigt und die Schloßmagd sich mit ihren +Besenstielen über mich hermachen, dann bin ich mit meinen lieben Kleinen +verloren, da geht es uns schlecht. — Sie beschloß also, so +schnell als möglich ihre Kätzchen hinweg zu tragen und ihnen ein anderes +Unterkommen zu suchen. So nahm sie denn ein Kätzchen in’s Maul und trug +es auf’s Dach; dann holte sie das zweite, dann das dritte, und als die +Hofmagd und der Hofknecht kamen, fanden sie das Bett leer. Dasselbe sah +aber nicht reinlich aus und der Hofknecht hielt sich die Nase zu und +lief so schnell als möglich davon.</p> + +<p>Nun ergriff Mies Mies wieder das Kätzchen, das sie zuerst auf das +Dach niedergelegt hatte; sie, deren Zähne so scharf für die Mäuse waren, +sie wußte dieselben ganz +<span class = "pagenum">13</span> +stumpf zu machen, damit ihr Kind den mütterlichen Zahn nicht fühlte. Sie +trug es nach einer Bodenkammer, wo sie sich eines alten Strohsacks +erinnerte; dort waren die Kleinen zwar nicht so weich und vornehm +gebettet, wie früher, doch sicher vor Störung. Dann holte die Mutter das +zweite Kind — unser Kätzchen war aber das dritte, welches bis +zuletzt warten mußte.</p> + +<p>So lag es denn allein auf dem Dache; es war bis jetzt noch blind +gewesen und wußte eigentlich nicht, was man mit ihm vorgenommen hatte; +es fror und ihm war ganz unheimlich zu Muthe; da berührt ein Strahl der +scheidenden Sonne das arme Thier und suchte dessen geschlossenes Auge, +welches sich plötzlich öffnete und zum ersten Male das Licht der Welt +erblickte. Kätzchen verfiel darüber in ein ungeheures Nießen und gerieth +durch diese Bewegung in’s Rollen; es rollte vom Dachgiebel herab, immer +weiter, immer weiter; es wäre bis in den Schloßhof gerollt, wenn das +Kamin es nicht aufgenommen hätte. So kam es denn in des Prinzeßchens +Zimmer und gewiß in sehr gute, liebevolle Hände.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">14</span> +<h4><a name = "kap3" id = "kap3">Kapitel 3.</a><br> +<span class = "title">Wie die Kinder mit dem Kätzchen +spielen.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Quäle nie ein Thier zum Scherz,</p> +<p>Denn es fühlt wie Du den Schmerz.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Kätzchens Ankunft war eine große Freude für die Kinder und besonders +für Prinzeß Marie. Wenn sie früh aufwachte, mußte man ihr das kleine +Thier ins Bett bringen, wo sie ihm das Frühstück gab, welches aus Milch +und Bisquit bestand. Joly, der oft eifersüchtig war, wurde ohne Erbarmen +geschlagen und in die Bedientenstube verwiesen, wenn er sich neidisch +zeigte und dem Kätzchen etwas anhaben wollte. Kätzchen fühlte sich auch +bald heimisch in dem blauen mit Sternen besäeten Zimmer, man merkte es +ihm an, daß es in einem Himmelbett zur Welt gekommen war; +<span class = "pagenum">15</span> +denn nichts erschien ihm zu gut, um es zu benutzen. Das Prinzeßchen +wollte auch mit nichts Anderem mehr spielen als mit Kätzchen. Trotzig +stand die schöne große Puppen-Königin in der Ecke, seit 8 Tagen war ihr +starkes Haar nicht gebürstet und geflochten, ihr Staat nicht gewechselt +worden. — Gabriele, die Balldame, lag eben so lang schon im +Himmelbett in der Nachtjacke und niemand dachte daran, ihr nur ein +einziges Mal die Augenlieder aufschlagen zu lassen, unter welchen doch +so schöne blaue Glasaugen ruhten. Unter dem Tisch lag aber die +Wickelpuppe noch im Taufstaat, denn sie hatte ihre schöne Wiege dem +Miaukätzchen einräumen müssen. Die Puppenstube befand sich aber in +großer Unordnung, weil Miaukätzchen alles darin herumgeworfen hatte; der +Kronleuchter war zertrümmert, die hübschen Nippsachen zerbrochen und die +kleine Uhr von Marzipan sah gar nicht mehr aus wie eine Uhr; denn +Miaukätzchen hatte die süßen Bestandtheile derselben entdeckt und häufig +daran geleckt.</p> + +<p>Kätzchen durfte sich auch alle möglichen Freiheiten nehmen. Wenn die +Fürstin durch das Zimmer ging mit dem Schleppkleid, sprang es auf die +Schleppe und ließ sich spazieren fahren. Wenn Prinzeßchen mit dem +Batisttuch wedelte, haschte Kätzchen danach und hing sich mit seinen +kleinen Krallen in dessen Spitzen, welche natürlich darunter litten.</p> + +<p>Mademoiselle Gogo pflegte in einem Lehnsessel Platz +<span class = "pagenum">16</span> +zu nehmen, wenn sie das Prinzeßchen an- oder auskleidete; dann hüpfte +Kätzchen auf die Lehne. „Kätzchen sieht zu“, sagte Mademoiselle Gogo, +und sie meinte, das könne Prinzeßchen vermögen, hübsch still zu halten. +Das war aber eines Tages gar nicht der Fall und Mademoiselle Gogo +schüttelte unzufrieden das Haupt, so daß die rothen Mützenbänder +wackelten, und da Kätzchen meinte, alles was sich bewege, wolle mit ihr +spielen, Wupp! war es auf Mademoiselle Gogos Kopf gesprungen und hatte +die rothen Schleifen in den Klauen. Mademoiselle Gogo fiel aber beinahe +in Ohnmacht vor Schrecken und das Prinzeßchen konnte vor Lachen vollends +nicht still halten; aber das war auch nicht nöthig, denn die gute +Mademoiselle Gogo lachte gleich darauf von ganzem Herzen mit.</p> + +<p>Joly pflegte sein Frühstück und Mittagsmahl beim Kamin in des +Prinzeßchens Zimmer zu erhalten, und Kätzchen, obgleich es schon ganz +gesättigt war, fühlte stets Appetit danach und naschte davon. Wenn nun +der arme zurückgesetzte Joly sich darüber erzürnte, zu bellen anfing und +Kätzchen wegjagen wollte, begann dasselbe zu pusten und zu drohen und +mit ihren Sammetpfötchen Ohrfeigen auszutheilen, so daß Joly das +Schwänzchen einzog und queilte und unter das Kanapee flüchtete.</p> + +<p>Kätzchen war noch gar nicht gut erzogen und pflegte oft die schönen +Teppiche zu verunreinigen; Mademoiselle Gogo machte eine Ruthe, um es zu +strafen, aber Prinzeßchen +<span class = "pagenum">17</span> +bat immer vor und wenn alle Welt sich die Nase zuhielt, meinte sie +immer, es sei die Resede, welche so stark dufte — und da gab es +auch manche Leute, welche das wirklich zu glauben schienen.</p> + +<p>Eines Tages wurden wieder die guten Freundinnen zu Chocolade gebeten +und alle freuten sich sehr am Kätzchen und spielten mit demselben auf +alle mögliche Weise. Sie bliesen eine Marabout-Feder in dem Zimmer umher +und Kätzchen haschte danach; dann kullerten sie Bälle, ließen ein +wächsernes Mäuschen mit einem Uhrwerk umher laufen; banden eine kleine +Puppe an einen Bindfaden und ließen sie tanzen. Kätzchen machte die +wunderlichsten Sprünge bei solchem Spiel und legte eine wahre +Katzengrazie an den Tag. Eine berühmte Tänzerin soll eine Katze als +Vorbild genommen haben für ihre Pas’ und Bewegungen und unser Kätzchen +hätte wirklich Tanzstunde geben können. Zuletzt setzten die Kinder dem +Kätzchen einen Federhut auf und zogen ihm einen Puppenüberrock an, was +sich Kätzchen gefallen ließ, und die Kinder waren ganz vergnügt +dabei.</p> + +<p>Endlich frug Lisi: „wie heißt denn das Kätzchen?“ und alle waren +erstaunt, daß es noch keinen Namen hatte. „O wir sollten es taufen, +wie neulich die Wickelpuppe, das war doch ein gar zu hübsches Spiel“, +sagte Lisi und Prinzeßchen klatschte vergnügt in die Hände.</p> + +<p>„Das ist prächtig! das ist allerliebst!“ riefen die Kinder.</p> + +<span class = "pagenum">18</span> +<p>„Wir kleiden Kätzchen in das Taufzeug der Wickelpuppe“, sagte Diane +und Kätzchen mußte das Schleppkleid anlegen und wurde auf das rosa-atlas +Kissen festgebunden; dabei schien es sich indeß nicht so behaglich und +unterhaltend zu fühlen wie bei den anderen Spielen; es war indeß +gehorsam und lag ganz still, während die Pathen sich putzten. Es war ja +festgebunden.</p> + +<p>Das Prinzeßchen schmückte sich wieder mit dem goldgestickten Shawl, +Diane mit dem blauen Mantel, Amelie mit dem rosa Schleier, Lisi kleidete +sich als Pastor und die lange Jenny erschien wieder als Herr +Gevatter.</p> + +<p>Wir haben bis jetzt noch nicht viel von der langen Jenny gesprochen +und das aus guten Gründen. Es ist nicht angenehm, von unartigen Kindern +sprechen zu müssen, und die lange Jenny war ein unartiges Kind. Freilich +konnte sie nichts dafür; denn sie hatte ihre Mutter sehr früh verloren +und wurde vom Vater und von der ganzen Dienerschaft verzogen, welche +über ihre Unarten lachten und ihr allen Willen thaten. Sie war 8 Jahr +alt und so groß wie ein 10jähriges Mädchen; aber in der Schule wußte sie +nicht mehr als die sechsjährigen, und da sie nie ihre Aufgaben machte, +mußte sie immer im Winkel stehen. Bei den Kindergesellschaften störte +sie gern das Spielen, auch erregte sie immer Zank und man hatte sie +nicht lieb und lud sie selten ein; heute war sie aber eingeladen +worden.</p> + +<span class = "pagenum">19</span> +<p>„Wie soll das Kätzchen heißen?“ frug Lisi.</p> + +<p>„Krallkätzchen!“ rief Jenny schnell.</p> + +<p>„O nicht doch,“ erwiederte das Prinzeßchen, „das würde ja Kätzchen an +seine einzigen Fehler erinnern.“</p> + +<p>„Schwanzelius,“ meinte Diane, „wegen des schönen Schwanzes, den es so +anmuthig zu bewegen weiß.“</p> + +<p>„Scheckchen,“ sagte Amelie. „Kätzchen ist ja so scheckig wie die +jungen Kastanien, die wir zuweilen aus den grünen Schalen pochen.“</p> + +<p>Prinzeßchen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen<ins class += "correction" title = "überflüssiges “">. </ins></p> + +<p>„Ich dächte,“ meinte Lisi, „wir tauften Kätzchen Röschen, wegen des +hübschen rosarothen Schnäuzchens, was es hat.“</p> + +<p>„Ja,“ sagte Prinzeßchen, „Kätzchen ist aber ein Kater und darf doch +nicht einen weiblichen Namen haben. Auch wird das liebe Thier, wenn es +so groß und dick ist wie Murr, der Hofkater, nicht gut Röschen genannt +werden können.“</p> + +<p>„Nun,“ sagte Lisi, „so wollen wir es denn Rosaurus taufen; — so +lang es jung ist, rufen wir es Röschen, und wird es alt und häßlich, so +kann es Saurus genannt werden.“</p> + +<p>Damit waren die Kinder einverstanden und die Taufe begann. Die Pathen +stellten sich im Kreise auf, wie damals, als die Wickelpuppe getauft +werden sollte. Dem Joly +<span class = "pagenum">20</span> +wurde indeß die Demüthigung erspart, seinem Feind das Mützchen zu halten +und er durfte im Lehnstuhl schlummern.</p> + +<p>Lisi begann:</p> + +<p>„Rosaurus, du sollst nicht wie die andern Katzen, arme kleine Vögel +verspeisen; du sollst sie nicht aus ihren Käfigen herauskratzen mit +grausamer Blutgier, worüber die Kinder, denen sie gehören, dann so +bitterlich weinen; du sollst nicht die jungen Vögelchen aus den Nestern +holen, daß die Alten pipen und klagen über ihre unglücklichen Kinder. +Rosaurus, du sollst auch nicht die weißen Mäuschen verfolgen, welche bei +Nacht lustwandeln und durch die rothen Augen und hellen Fellchen sich im +Dunkeln verrathen; Rosaurus, du sollst auch die andern Mäuse ungestört +knuppern lassen an Wurst und Speck, an Zucker und Bisquit. Deine Pathen +versprechen, dich recht gut zu erziehen und dir immer so viel Bisquit +und Braten zu geben, daß du gar nicht an lebendige Leckerbissen denken +kannst. Du sollst durch die Liebe und Fürsorge deiner Pathen aus einem +wilden Raubthiere, aus einem blutdürstigen Hausthiere, in eine edle, +sanftmüthige Schooßkatze umgewandelt werden.“ — —</p> + +<p>So weit war Lisi in ihrer Rede gekommen, als sie plötzlich +unerwarteter Weise unterbrochen ward.</p> + +<p>Jede Gevatterin hatte nämlich während der Rede den kleinen +Katzen-Täufling einige Secunden auf dem Arm gehalten, wie das bei Lisis +Schwesterchen auch geschehen +<span class = "pagenum">21</span> +war, und das Kind hatte ganz still auf dem Rücken gelegen und nur +zuweilen mit den halbzugekniffenen Aeugelein geblinzelt. Als nun die +lange Jenny an die Reihe kam, fing diese an es heftig zu wiegen, so daß +der kleine Rosaurus unruhig ward.</p> + +<p>„Ich möchte wohl,“ dachte Jenny, „daß der Balg etwas schrie, er führt +sich gar zu langweilig auf.“</p> + +<p>Während sie nun in scheinbarer Freundlichkeit das Gesicht über ihn +beugte, fuhr sie mit der Hand unter das lange Schleppkleid und kniff +Kätzchen recht tüchtig in den Schwanz. Kaum war das aber geschehen, als +der kleine Täufling ein durchdringendes Geschrei ausstieß und in der +höchsten Wuth nach Jennys Gesicht sprang; es biß sie in die Nase und +schlug beide Vorderkrallen in ihre Wangen, so daß sie vor Schreck das +Kissen fallen ließ.</p> + +<p>Das war Kätzchen eben recht, es schlüpfte heraus aus den seidenen +Fesseln und ergriff die Flucht; dabei überpurzelte es sich einige Mal, +weil das lange Taufkleid den schnellen Lauf hinderte.</p> + +<p>Ueber den Lärm erwachte Joly; er bemerkte schnell, welchen Vortheil +Kätzchens Staat seinem Feind in die Hände spiele. Bellend verfolgte er +das arme Thier; aber dieses sprang mit dem Taufkleid auf einen Stuhl und +gab dem wüthenden Joly, trotz den schönen gestickten Aermeln, zwei derbe +Ohrfeigen auf jede Seite, so daß ihm das Blut aus dem Munde strömte, und +Joly heulend und schreiend +<span class = "pagenum">22</span> +sich verkroch. Rosaurus aber floh weiter und blieb mit der Schleppe an +einem Thürriegel hängen, so daß dieselbe abriß; die Mütze hatte er lange +schon verloren, dann schlüpfte er aus dem Taufjäckchen heraus, indem er +mit Krallen und Zähnen alle Hindernisse zerriß und, heilfroh, seine +Banden gebrochen zu haben, entfloh er, niemand wußte wohin. Niemand +wagte auch das wilde Thier zu verfolgen, denn die Kinder fürchteten +dessen Verzweiflung; sie lachten indeß nach überstandenem Schreck nicht +wenig; nur Jenny weinte, denn sie blutete und es war zu vermuthen, daß +sie noch lange die Narben der Katzenkrallen und Zähne tragen würde.</p> + +<p>Mlle. Gogo kam herbei und wusch ihr die Wunden mit frischem Wasser; +dabei zankte sie aber die Kinder aus wegen des Spiels und meinte, die +Taufe sei eine heilige Handlung; sie sei eingesetzt, um die Menschen +unter die Christen aufzunehmen und man müsse nicht Scherz treiben mit +Kirche und Religion. Lisi bat sehr um Verzeihung, daß sie das Spiel +vorgeschlagen und versicherte, daß sie es nicht überlegt habe.</p> + +<p>Hierauf hatten die Kinder noch viel über den Vorfall zu plaudern, als +die Dienerschaft gemeldet ward, um sie abzuholen; man nahm Abschied und +Prinzeßchen konnte den Moment der Trennung gar nicht erwarten, um das +liebe kleine Kätzchen ans Herz zu drücken, welches sich in seiner Angst +sehr gut verborgen hatte. Es wollte gewiß +<span class = "pagenum">23</span> +den Augenblick abwarten, wo alles still war, um sein Abendbrot zu +verlangen. — Aber es kam nicht. Prinzeßchen rief mit der +süßesten Stimme; sie kroch unter Betten und Komoden; sie leuchtete ins +Kamin: Rosaurus war nicht zu sehen. Prinzeßchen konnte sich lange nicht +entschließen, ins Bett zu gehen; sie meinte, Kätzchen könnte nicht +schlafen, wenn es nicht wie gewöhnlich in die Puppenwiege gebracht +würde. Mlle. Gogo bestand aber darauf, daß die Prinzessin sich +niederlege; diese weinte aber bitterlich, ehe sie einschlief und glaubte +immer im Traum, den kleinen Rosaurus miauen zu hören.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">24</span> +<h4><a name = "kap4" id = "kap4">Kapitel 4.</a><br> +<span class = "title">Das Katzenconzert.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Meine Freuden sind die Spiele</p> +<p>Mit Geschwistern lieb und hold.</p> +<p>In des Abends heit’rer Kühle</p> +<p>Seid ihr theurer mir als Gold.</p> + +<p class = "stanza"> +Meine Freude ist die Liebe,</p> +<p>Die das Herz den Eltern weiht,</p> +<p>Des Gehorsams fromme Triebe</p> +<p>Und die reine Dankbarkeit.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Rosaurus war in seiner Angst über die lange Jenny, die ihn gekniffen, +über Joly, der ihn verfolgt, über das Geschrei der Kinder, welches ihn +erschreckt hatte, in raschem Laufe geflohen und durch alle fürstlichen +Zimmer geeilt, +<span class = "pagenum">25</span> +um so viel als möglich Raum zwischen sich und seinen Feinden zu lassen; +im letzten Zimmer hatte es im Kamin eine kleine Oeffnung entdeckt und +war hineingeschlüpft, heilfroh sich in Sicherheit zu sehen, denn dorthin +konnte selbst Joly nicht dringen; er setzte sich zufrieden auf seine +Hinterbeine, schlug den Schwanz um seinen Körper und begann zu +schnurren, was die Katzen immer zu thun pflegen, wenn sie über das Leben +nachdenken. — Es war dunkel im Kamin, nur von hoch oben drang +zur Oeffnung des Schlotes das Licht ein und erweckte in Rosaurus jenes +Streben nach oben, jenes Bedürfniß der Seele, sich immer höher und höher +zu schwingen, welches dem Katzengeschlecht angeboren ist. Er versuchte, +in die schwarzberußten Wände des Kamins die scharfen Krallen zu fügen +und siehe da! das kluge Thier, welches bisher nur auf ebener Erde und +auf weichem Teppiche gewandelt hatte, es konnte klettern. Ja, Rosaurus +kletterte und kletterte, bis er oben angelangt war, an das Ende der +dunkeln Höhle, die nach einem neuen Leben führte. Rosaurus saß auf dem +Dach; über sich hatte er den Himmel, zu seinen Füßen die Welt, +d. h. den Schloßhof und einen Theil der Stadt. Die letzten Strahlen +der untergehenden Sonne ließen die blechernen Dachrinnen in wunderbarer +Pracht erglänzen; hie und da flatterte noch ein verspäteter Vogel. Der +Hofrabe saß auf dem Balkon und krächzte sein Abendlied, während der +Hofhahn sein letztes Kickeriki, welches wahrscheinlich eine „gute Nacht“ +<span class = "pagenum">26</span> +für seine Hühner bedeuten sollte, von sich gab; Rosaurus saß staunend +und entzückt auf dem Dache und wußte gar nicht, was er über alle die +Schönheiten dieser Welt, die sich ihm erschlossen, denken sollte.</p> + +<p>Da sah er aus einem Bodenfenster drei Gestalten hervorkriechen, bei +deren Anblick sein Herz heftig zu schlagen begann. Er hatte diese +Gestalten noch nie gesehen, er wußte nicht, wie sie hießen, es waren +keine Menschen, denn sie gingen nicht auf zwei Füßen, es waren keine +Hunde, obgleich sie auf allen Vieren einherschritten; o nein! es +waren Wesen höherer Art; es mußten Katzen sein. Er vermochte sein Auge +nicht von ihnen hinwegzuwenden, ihre anmuthigen Bewegungen hatten einen +unwiderruflichen Reiz für ihn — die kleinen Kätzchen sprangen an +der Alten empor; diese legte sie sanft mit der großen Sammetpfote auf +den Rücken und tändelte mit ihnen in freundlicher Herablassung; dann +leckte sie die Kleinen. Dieses ist nämlich die Art und Weise, wie die +Katzen der Reinlichkeit pflegen, und für Rosaurus war dieses Beispiel +eine ernste Mahnung. Ach, wie sah er aus! Auf der einen Katerpfote hatte +er noch den Spitzenärmel des Taufkleides; der übrige Körper war +geschwärzt vom Ruß des Kamins. Rosaurus streifte den Aermel ab und +begann nun auch sich zu lecken, indem er jedoch die Katzenfamilie immer +im Auge hatte und dann und wann durch ein zartes Miau ihre +Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchte. Plötzlich erblickte +<span class = "pagenum">27</span> +die große Katze ihn; sie stutzte einen Augenblick und hielt ein mit dem +Tändeln; sie setzte sich auf die Hinterbeine und sah ihn unverwandt an; +dann näherte sie sich ihm mit dem Zeichen der größten Gemüthsbewegung! +— Plötzlich fühlte Rosaurus sich von zwei zärtlichen Armen +umschlossen und es ahnete ihm, daß seine Mutter ihn an’s Herz drückte. +Ja es war Mies Mies, die Hofkatze, welche den verlorenen Liebling so +unverhofft wieder fand, nachdem sie ihn vierzehn Tage lang beweint +hatte. Heute zum ersten Mal führte sie ihre beiden zurückgebliebenen +Kinder in die Welt ein, jetzt hatten sie nichts mehr vom unnatürlichen +Vater noch vom bösen Hofraben zu fürchten, diesen Gefahren waren sie +entwachsen; auch konnte die grausame Schloßmagd sie hier nicht +erreichen. O, das war eine große Freude des Wiedersehens! wie glücklich +fühlte sich Rosaurus! wie hübsch spielte es sich mit den Geschwistern! +welche zierliche Sprünge wurden im Mondenschein von den drei jungen +Kätzchen aufgeführt! Die Mutter hatte ihre große Freude daran und +schaute mit würdiger Miene dem muntern Treiben zu. Plötzlich drängten +die Kleinen sich ängstlich um die Mutter, denn aus einem Bodenfenster +leuchteten ein Paar unheimliche Augen, die sie mit Furcht erfüllten. Sie +hatten aber keine Ursache zum Fürchten, denn es war niemand Anderes als +Murr, der schwarze Hofkater, welcher nur noch zum Familienglück gefehlt +hatte. Es gab eine rührende Erkennungsscene; dann setzte sich der Kater +neben +<span class = "pagenum">28</span> +Mies Mies, und während die beiden Alten plauderten, spielten die Kleinen +von Neuem und freueten sich des Lebens. Als sie das Bedürfniß nach +Nahrung fühlten, führte Mies Mies sie alle nach der Bodenkammer, wo sie +auf dem alten Strohsack eine leckere Mahlzeit anrichtete; dieselbe +bestand aus Häringsgräten und Taubenknöchelchen. Rosaurus fand indeß +keinen Geschmack daran; er rümpfte die Nase und dachte an die guten +Bissen des prinzeßlichen Tisches.</p> + +<p>„Ich habe,“ sagte Murr leise zu Mies Mies, „ein Sperlingsnest +entdeckt; die Jungen müssen jetzt ziemlich flügge sein; wie wäre es, +meine Liebe, wenn wir sie jetzt zusammen verspeisten, während die Jugend +sich so herrlich belustigt.“</p> + +<p>„Mein Lieber,“ sagte Mies Mies, „wie könnte ich schwelgen in solchem +Genuß, während meine lieben Kleinen denselben entbehren müssen; ich habe +schon längst ein solches Nest gesucht, um ihnen den ersten Unterricht zu +ertheilen, in jenem schönen anmuthigen Vogel- und Mäusespiel, worin +unser Geschlecht so große Geschicklichkeit entwickelt; denn wir stürzen +uns nicht gierig auf unsere Beute, wie andere Thiere, wir zeigen uns +nicht gefräßig und sinnlich: o nein, wir wissen den Genuß zu +verlängern und bekunden dadurch einen höhern Ursprung. Unsere Kinder +hatten noch nie Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln.“</p> + +<p>Murr schien nicht große Lust zu haben, die gute Mahlzeit +<span class = "pagenum">29</span> +mit so Vielen zu theilen, indeß schämte er sich, seinen Eigennutz +einzugestehen und so bewegte sich denn die ganze Familie nach einem +andern Theil des Dorfes, wo in dem Winkel einer Dachrinne ein +Sperlingspaar auf seinem Nestchen schlief. Murr ergriff die +Sperlingsmutter mit scharfer sicherer Kralle, während das Männchen +schreiend entschlüpfte. Ach, das Angstgeschrei des Weibchens erreichte +sein Ohr. Murr hatte dasselbe der Mies Mies gebracht, welche die kleinen +Katzen lehrte, wie sie den Vogel bald am Flügel, bald am Schwanz packen +mußten, wie sie ihm bald eine Feder dort, bald eine hier entreißen +sollten und wie sie das frische Blut zu lecken hatten; endlich fraß Murr +das arme Thier, um ihnen zu zeigen, wie man mit Anstand einen Vogel +verzehren müsse. Als nun Murr sich dem Neste wieder näherte, flatterten +die jungen Vögel erschreckt auf; der Sperlings-Vater saß trostlos auf +dem Schornstein, er schwang sich hoch in die Luft, von wo er Zeuge war +des Todes seiner Kleinen; die ganze Katzenfamilie stürzte sich über +dieselben her und entwickelte ihr Talent zum Vogelspiel; besonders +Rosaurus zeigte sich sehr geschickt darin; er hatte sich nicht umsonst +an Maraboutfedern, Knäulen und Puppen geübt; sein Vögelchen lebte am +längsten — endlich fraß er es auf, wofür er eine derbe Ohrfeige +vom Murr erhielt, welcher dieses auch hatte verzehren wollen, wie es mit +den andern geschehen war. Diese Ohrfeige nahm Rosaurus sehr übel; er war +nicht an eine so +<span class = "pagenum">30</span> +unwürdige Behandlung gewöhnt; auch verglich er im Stillen die guten +Bissen in Prinzeßchens Zimmer, die Bisquits und gebratenen Fleische mit +diesem Vögelchen au naturel. Mies Mies merkte seine Verstimmung, und um +ihn auf andere Gedanken zu bringen, schlug sie einen Gesang vor. Mies +Mies hatte eine wunderschöne Alt-Stimme, Murr einen guten Baß; Beide +stimmten ein herrliches Duett an und die Discantstimmen der drei +Kätzchen bildeten den Chor. Es war eine erhabene Musik! So etwas hatte +Rosaurus nie am Hofe gehört. Thränen der Rührung traten ihm in’s Auge, +als er im herrlichen Mondschein, so nah dem Himmel, seine Familie auf +den Hinterbeinen sitzend, mit halbzugekniffenen Augen, weitgeöffneten +Schnauzen und auf die Seite gebeugten Häuptern, so herrlich singen +hörte.</p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/pic2.jpg" width = "432" height = "559" +alt = "Katzenfamilie mit Musik, und Schornsteinfeger auf dem Dach"> +</p> + +<p class = "caption"> +Das Katzen-Concert.</p> + +<p>Aber dieser Gesang sollte fürchterlich enden. Aus dem Schornstein +tauchte ein schwarzes entsetzliches Wesen — es war ein +Schlotfeger! Er schwang ein furchtbares Instrument und schrie gewaltig +über den Katzenspectakel. Dann schleuderte er das Instrument mitten +unter die Armen, welche in ihrer künstlerischen Begeisterung auf solche +Störung keineswegs gefaßt waren; sie flohen nach allen Seiten zu unter +lautem Jammergeschrei; das weiße und das schwarze Kätzchen waren schwer +verwundet. Rosaurus entkam aber glücklich und fand auch das bekannte +Kamin, wo er geschickt hinabsprang. Leise schlich er in die fürstlichen +<span class = "pagenum">31</span> +Zimmer und legte sich allein in die Puppenwiege, als der Morgen schon +graute. Rosaurus dachte: Ja, hier lebt es sich doch besser als auf dem +Dach, hier ruht es sich besser als auf dem alten Strohsack und die +Hofspeisen schmecken besser als die Hofgräten. Rosaurus nahm sich vor, +noch fernerhin hier zu bleiben und nur dann und wann Spatziergänge auf +das Dach zu halten, um sich den Genuß der herrlichen Concerte zu +gewähren. — Groß war des Prinzeßchens Freude, als sie am +andern Morgen Rosaurus das Frühstück reichen konnte; aber wie sah +Rosaurus aus! Sein ganzes Fell war schwarz geworden vom Ruß des Kamins +und er hatte auch die schöne Puppenwiege und des Prinzeßchens weißes +Nachtkleid schwarz gemacht. Er saß neben der kleinen Prinzessin, als sie +folgendes Gedicht in den Lehrstunden aufsagen mußte:</p> + +<h5>Die Katzen und der Hausherr.</h5> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Murner, eine Cyperkatze</p> +<p>Gab unlängst den Gildeschmauß,</p> +<p>Und ersahe sich zum Platze</p> +<p>Eines Bürgers Wohnung aus.</p> + +<p class = "stanza"> +Mensch und Thiere schliefen feste,</p> +<p>Selbst der Hausprophete schwieg,</p> +<p>Als ein Schwarm geschwänzter Gäste</p> +<p>Von den nächsten Dächern stieg.</p> + +<span class = "pagenum">32</span> +<p class = "stanza"> +Murner kommt, sie zu begrüßen,</p> +<p>Führt sie d’rauf in einen Saal,</p> +<p>Und setzt jeden auf ein Kissen</p> +<p>Von der feinsten Katzenzahl.</p> + +<p class = "stanza"> +Sechzig feiste Mäusezimmel</p> +<p>Machten die Versammlung satt;</p> +<p>Ob geschickt, das weiß der Himmel,</p> +<p>Jeder giebt’s so gut er hat.</p> + +<p class = "stanza"> +Von der Mahlzeit ging’s zum Tanze,</p> +<p>Wo der Wirth sich hören ließ,</p> +<p>Und auf einem Rattenschwanze</p> +<p>Manch verliebtes Stückchen blies.</p> + +<p class = "stanza"> +Hinz, des Erstern Schwiegervater,</p> +<p>Sang darein erbärmlich schön,</p> +<p>Und zween abgelebte Kater</p> +<p>Quälten sich, ihm beizusteh’n.</p> + +<p class = "stanza"> +Jetzo tanzen alle Katzen,</p> +<p>Poltern, lärmen, daß es kracht,</p> +<p>Zischen, heulen, sprudeln, kratzen,</p> +<p>Bis der Herr im Haus erwacht.</p> + +<p class = "stanza"> +Dieser springt mit einem Stecken</p> +<p>In den finstern Saal hinein,</p> +<p>Schlägt um sich, sie zu erschrecken,</p> +<p>Schmeißet einen Spiegel ein.</p> + +<span class = "pagenum">33</span> +<p class = "stanza"> +Stolpert über einige Späne,</p> +<p>Stürzt im Fallen auf die Uhr,</p> +<p>Und zerbricht zwei Reihen Zähne.</p> +<p>Blinder Eifer schadet nur!</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Was mochte wohl Rosaurus denken, als die Prinzessin dieses Gedicht +aufsagte? Gewiß erweckte es in ihm Erinnerungen an die vergangene +Nacht.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">34</span> +<h4><a name = "kap5" id = "kap5">Kapitel 5.</a><br> +<span class = "title">Katzenerziehung.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Artig, flink und rein</p> +<p>Müssen Kätzchen sein.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Rosaurus wurde nun zu einem recht liebenswürdigen Kätzchen erzogen; +ja er zeigte täglich mehr seine großen Anlagen zu den bei einem +wirklichen Hofkater so nöthigen Hofmanieren. Er eignete sich immer mehr +den Ton der feinen Welt an, und wenn auch die kleine Prinzessin sich +nicht sehr bemühte, zu seiner Erziehung beizutragen, indem sie ihn +eigentlich nur verzog, so erwarb sich doch Mlle. Gogo große Verdienste +um seine Bildung.</p> + +<p>Eines Tages hatte Rosaurus sich gerade auf den Sammtsessel gelegt, +den die Prinzessin bei der Lection einnehmen +<span class = "pagenum">35</span> +sollte und schien sehr süß zu schlafen, denn er schnarchte laut. Als nun +die Prinzessin ihn vom Stuhl herunter schieben wollte, so leise und zart +als möglich, indem sie ihm noch gute Worte gab, da ließ das böse Thier +ihm seine Krallen fühlen und vier blutige Streifen liefen auf dem weißen +Arm herab. Da ergriff Mlle. Gogo aber eine kleine Ruthe und schlug +Rosaurus damit recht derb auf den Rücken; er schrie und floh unter das +Kanapee. Aber er war ein kluges Thier und man hat es nie wieder erlebt, +daß er sein Sammetpfötchen verleugnet hätte, wenn die Prinzessin sich +mit ihm abgab. — Ja er legte sich nie wieder auf ihren +Sammetsessel, sondern auf ein Fußbänkchen ihr zu Füßen; dort rührte +Rosaurus sich nicht, während sie Unterricht hatte; ja zuweilen hörte er +so aufmerksam zu, daß man hätte meinen sollen, er verstände alles, was +die Lehrer lehrten. Nur bei dem Klavier-Unterricht wurde es ihm +unheimlich zu Muthe und man sah oft, daß er sich mit seinen kleinen +Pfoten die Ohren zuhielt, wenn die Prinzessin spielte. Vielleicht waren +es einige falsche Töne, die dem für Katzenkonzerte so gebildeten Ohre +weh thaten. Oder liebte Rosaurus überhaupt nicht alles, was zu laut war? +Ja! wenn die Prinzeß die Janitscharen-Musik anstimmte, da begann +Rosaurus oft zu miauen und mußte zum Zimmer hinausgebracht werden. Eine +andere üble Angewohnheit mußte der junge Kater ablegen. Er liebte +nämlich vor Allem zu klettern, und da es im fürstlichen +<span class = "pagenum">36</span> +Zimmer weder Bäume, noch Mauern, noch Dächer gab, um seinem angeborenen +Trieb zu genügen, sprang er gern auf die Tische. Da stieß er im kühnen +Sprung manches hübsche Nipp herab; ihm war es ganz einerlei, ob eine +schöne vergoldete Tasse, ein kostbares Kristallglas oder ein sonstiges +Kunstwerk zu Grunde ging; da mußte Mlle. Gogos Ruthe ihm erst den +richtigen Kunstsinn beibringen. Einstmals war er auf des Prinzeßchens +Schreibtisch gesprungen, hatte erst mit ihren Federn gespielt, dann ein +kostbares in Leder gebundenes Album zernagt und zuletzt noch das +Tintefaß umgeworfen. Das war eine schöne Bescherung! Der arme Rosaurus +mußte gewaltig dafür büßen.</p> + +<p>Rosaurus hatte eine große Abneigung gegen die Ruthe; wir glauben, daß +es nicht blos um des physischen Schmerzes willen war, sondern auch wegen +seiner Ehre; dann mochte er auch nicht leiden, daß sein Fell in +Unordnung gerieth; er hatte den Grundsatz, daß wenn man in guter +Gesellschaft lebe, man auch anständig gekleidet sein müsse. Die Katzen +pflegen nun Toilette zu machen, indem sie sich lecken. Das rosa +Züngelchen dient ihnen als Kleiderbürste, der eigene Speichel als +Schönheitswasser. — Rosaurus hatte nun ein Plätzchen +gefunden, wo es keinen Schaden anrichten konnte; das war nämlich die +Fensterbrüstung. Dort saß er viel und leckte sich. Sein Fell glänzte wie +Schillertaffet; den Schwanz schlang er auf anmuthige Weise um den +Körper, so blickte er hinaus in die Welt, und alle Vorübergehenden, +<span class = "pagenum">37</span> +die ihn sitzen sahen, blieben stehen und sagten: — „ach seht doch +das hübsche Kätzchen der Prinzessin!“</p> + +<p>Als nun einstmals die Freundinnen wieder eingeladen wurden, waren sie +höchst erfreut, ihren kleinen Taufpathen wieder zu sehen und alle +streichelten ihn freundlich, nur Jenny nicht, welche noch immer Spuren +seiner Zähne und Krallen im Gesicht trug. Wenn sie ihn ansah, dachte sie +immer: „Das abscheuliche Thier, wenn ich ihm nur etwas anhaben könnte!“ +Rosaurus mochte ihre üble Absicht ahnden, denn er entfernte sich und +ließ sich den ganzen Abend nicht mehr sehen.</p> + +<p>Als die Kinder nun abgeholt wurden, war Jenny die erste, welche sich +entfernte, und als sie im Vorzimmer ihren Mantel umnehmen wollte, siehe, +da hatte sich Rosaurus auf demselben gebettet und schlief so fest und +süß, daß er nicht einmal von einer Störung träumte.</p> + +<p>„Du häßliches Thier,“ sagte Jenny leise, „da hab’ ich dich endlich; +du sollst mir nun für deinen Frevel büßen“ und geschwind, ehe es Jemand +sah, und ehe Rosaurus sich auf ein hülferufendes Miau besinnen konnte, +steckte sie ihn in den Arbeitsbeutel und trug ihn mit sich fort.</p> + +<p>„Das ist recht gut, dachte sie im Gehen bei sich selbst, daß das +Thier auf gute Manier fortkommt; denn seitdem es beim Prinzeßchen ist, +kann gar nichts Ordentliches mehr gespielt werden, alles bewegt sich um +das dumme Thier! Wie ich es hasse!“</p> + +<span class = "pagenum">38</span> +<p>Jennys Weg führte über eine Brücke; „ich werde Rosaurus ins Wasser +werfen,“ sagte sie zu sich selbst, „da ist es mit ihm auf immer +vorbei!“</p> + +<p>Als das Prinzeßchen vor Schlafengehen ihren Rosaurus vergebens +suchte, da dachte sie: O er wird gewiß wieder zur Esse hinauf sein +auf das Dach zu seinen Geschwistern; denn sie hatte durch die Hofmagd +von der Katzengesellschaft gehört, die der Schlotfeger an jenem Abend +gestört hatte, so wie auch von den zwei schwer verwundeten Kätzchen, und +sie ließ dem Schlotfeger befehlen, ihren Rosaurus nicht wieder zu +erschrecken; dann legte sie sich nieder und tröstete sich mit der +Hoffnung, am andern Morgen Rosaurus wieder zu sehen. Diese Hoffnung +sollte aber nicht in Erfüllung gehen.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">39</span> +<h4><a name = "kap6" id = "kap6">Kapitel 6.</a><br> +<span class = "title">Die Kinder der Armuth.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Trockne deine heißen Zähren</p> +<p>Von dem bleichen Angesicht;</p> +<p>Bald wird Gott dir Trost gewähren,</p> +<p>Er vergißt dich ewig nicht.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>In einer engen Straße lebte in einem kleinen Häuschen eine arme +Familie. Sie bewohnte ein niedriges rauchgeschwärztes Hinterstübchen. +Vater, Mutter und Kinder waren in Lumpen gehüllt. Der Vater lag auf +einem Strohsack, welcher des Nachts als Familienbett diente; er hatte +den ganzen Tag darauf gelegen in jenem halbwachen Zustand, den der Genuß +geistiger Getränke, vereint mit Trägheit des Körpers und Verstimmung der +Seele hervorzubringen +<span class = "pagenum">40</span> +pflegt. Ob er nicht arbeiten konnte oder wollte? wer weiß das. Die +Mutter arbeitete auch nicht, sondern saß auf einer hölzernen Bank und +hatte ein dreijähriges Töchterchen auf dem Schooß, welches eben so +schmutzig und ungekämmt war, als sie selbst. Ein anderes kleines Mädchen +von 8 Jahren kauerte im Winkel und weinte; sie hatte Weh am Fuß, weil +sie in einen Glasscherben getreten hatte; denn das arme Kind mußte immer +barfuß laufen, weil die Eltern ihr keine Schuhe kaufen konnten.</p> + +<p>Dieses kleine Mädchen hieß Dorothea und wurde gewöhnlich Dorte +genannt.</p> + +<p>„Mich hungert’s so sehr“, klagte Dorte, „wäre nicht mein bößer Fuß, +so hätte ich Euch schon längst etwas heim gebracht. Wilhelm braucht +immer mehr Zeit, um etwas zusammen zu betteln.“</p> + +<p>„Wie kommt das nur?“ fragte die Mutter.</p> + +<p>„Ja, er kann sich nie ein Herz nehmen, die Leute anzubetteln, da +schiebt er mich immer vor; er maust viel lieber.“</p> + +<p>„Halts Maul, Mädchen!“ schrie der Vater, „wenns Jemand hört, so +—“</p> + +<p>„Ich wollte ja eben, daß Vater und Mutter es hören möchten,“ sagte +Dorte; „mir gehorcht Wilhelm nicht, und ich fürchte immer, daß er noch +sich selbst und uns Alle ins Unglück bringt.“</p> + +<span class = "pagenum">41</span> +<p>„Wir armen Leute,“ erwiderte der Vater, „müssen eben so gut leben, +als die Reichen, und wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir’s<ins +class = "correction" title = "“ fehlt">.“</ins></p> + +<p><em>Dort</em>e. Ich habe neulich in der Schule ein Verschen gelernt, +welches ich immer befolgen will: „Du sollst nicht lügen und nicht +stehlen, und was du findest, nicht verhehlen.“</p> + +<p><em>Mutte</em>r. Dabei wirst Du aber nicht sehr reich werden!</p> + +<p><em>Dort</em>e. Und doch brachte ich neulich einen ganzen Thaler mit +nach Hause. O der glänzte! Prinzeßchen hatte ihn mir geschenkt, als +es im Winter so kalt war und ich so bitterlich weinte, weil mich so +hungerte.</p> + +<p><em>Mutte</em>r. Ich weiß wohl, daß du nie so gut weinen kannst, als +wenn du Hunger hast.</p> + +<p><em>Dort</em>e. Darum schickt Ihr mich so oft mit leerem Magen zum +Betteln aus.</p> + +<p><em>Vate</em>r. Ja die Dorte zwingt es immer mit ihren Thränen, der +Wilhelm aber mit dem Verstande. Das ist ein kluger Kopf! der wird es +noch weit bringen.</p> + +<p><em>Dort</em>e. Bis zum Galgen! so meinte neulich ein dicker +Herr.</p> + +<p><em>Mutte</em>r. Wer war der Schändliche, der sich unterstand, das +von meinem Wilhelm zu sagen?</p> + +<p><em>Dort</em>e. Ich kenne ihn nicht, es war am Sonntag.</p> + +<span class = "pagenum">42</span> +<p><em>Vate</em>r. Wo der Wetterjunge 12 Groschen nach Hause +brachte.</p> + +<p><em>Dort</em>e. Ja! die er sich mit Lügen verdient hatte.</p> + +<p><em>Mutte</em>r. Wie so denn?</p> + +<p><em>Dort</em>e. Er hatte sich an einer Straßenecke aufgestellt, wo +viele Leute vorüber gehen mußten; dort that er, als ob er weine und +etwas suche. Kam nun ein Mitleidiger vorüber und frug: was ihm fehle? so +klagte er, daß er einen Groschen verloren habe, wofür er für die kranke +Mutter Arznei habe kaufen sollen; nun werde er Schläge erhalten, wenn er +nach Hause käme. Und mancher Vorübergehende schenkte ihm einen Groschen. +So wie der Geber sich aber entfernt hatte, begann die Geschichte von +Neuem.</p> + +<p><em>Vate</em>r. Der Blitzjunge!</p> + +<p><em>Dort</em>e. Ja, und wie gut er weinen konnte! selbst wenn ich +Hunger habe und mit leerem Magen betteln muß, kann ich es nicht so +gut.</p> + +<p><em>Mutte</em>r. Du wirst aber immer ein dummes Mädchen bleiben.</p> + +<p><em>Dort</em>e. Ich möchte aber auch nicht so ankommen, wie Wilhelm +an jenem Tage.</p> + +<p><em>Vate</em>r. Nun, wie kam er denn an?</p> + +<p><em>Dort</em>e. Ein dicker Herr, der ihm schon ein Mal einen Groschen +geschenkt hatte, kam zufällig denselben Weg wieder zurück. Wilhelm +erkannte ihn aber nicht wieder und begann abermals, um den verlorenen +Groschen zu +<span class = "pagenum">43</span> +weinen und zu schluchzen. Da gab der Herr ihm eine Ohrfeige rechts und +eine links und sagte: — „Vielleicht rettet dich das von dem +Galgen.“</p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/pic3.jpg" width = "433" height = "557" +alt = "Rosaurus auf dem Tisch der arme Familie"> +</p> + +<p class = "caption"> +Rosaurus wird gestohlen.</p> + +<p>Man hörte hier die Hausthür gehen und herein trat Wilhelm mit einem +sehr vergnügten Gesicht. Er hielt etwas unter der Rocktasche verborgen +und als er sich versichert hatte, daß niemand Fremdes im Zimmer sei, zog +er einen schweren Arbeitsbeutel von grünem Sammet hervor.</p> + +<p>Der Vater erhob sich bei diesem Anblick von seinem Lager, die Mutter +rückte dem Tisch näher, Dorte und die kleine Hanne blickten mit +neugierigen Augen nach dem erbeuteten Gegenstande in der Hoffnung, etwas +Erfreuliches daraus hervorlangen zu sehen. Vater und Mutter erwarteten +Geld, die Kinder Lebensmittel. Wilhelm erzählte, er habe den Beutel +einem kleinen Mädchen vom Arm geschnitten bei der großen Brücke. „Die +wird sich wundern!“ sagte er; „sie hat gar nichts gemerkt; auch war es +schon etwas dunkel.“</p> + +<p>Er öffnete den Beutel und heraus kam — <em>Rosaurus</em>; er +schien sich nicht ganz behaglich zu fühlen, ja sogar auf einen +feindseligen Angriff gefaßt zu sein; denn er machte einen gewaltigen +Katzenbuckel und begann zu knurren und zu pusten. Die Kinder lachten. +„Nun,“ meinte der Vater, „da hättest du auch etwas Besseres erwischen +können.“ Glücklicherweise fand sich nebst einem Taschentuch +<span class = "pagenum">44</span> +auch ein Fünfgroschenstück im Beutel; auch kramte Wilhelm einige Semmeln +und Aepfel aus, die er in der Dämmerung von Bäckern und Höckern +gestohlen hatte. — Man theilte solche unter sich und +verzehrte sie.</p> + +<p>Rosaurus fühlte sich keineswegs heimisch in dieser Umgebung, er war +ja an den fürstlichen Palast gewöhnt; auch verschmähte er die +Brodkrumen, welche Dorte ihm bot, und machte ein ganz philosophisches +und nachdenkliches Gesicht. Vielleicht dachte er an seiner Pathen +Versprechungen von <ins class = "correction" title = "Originaltext hat »Pisquit«">Bisquit</ins> +und Leckerbissen, denn er brach in ein klägliches Miau aus.</p> + +<p>„Was sollen wir nur mit der Katze anfangen, Wilhelm?“ sagte die +Mutter, „du wirst uns doch nicht zumuthen, unsere Kaffee-Milch mit ihr +zu theilen. Wirf sie zum Fenster hinaus oder setze sie vor die +Thür.“</p> + +<p>„Das arme Thier,“ meinte Dorte; „es ist gewiß gewohnt, recht gut +verpflegt zu werden und wird sich auf der Straße unbehaglich fühlen; wir +wollen es bis morgen früh behalten, dann trag ich es in ein vornehmes +Haus, wo man es gewiß aufnimmt.“</p> + +<p>„Nein, nein!“ sagte Wilhelm, „die Katze ist mein und bleibt hier. Ich +weiß schon, was ich mit ihr anfange. Morgen geht das Vogelschießen los, +da bringe ich sie in die Menagerie und verkaufe sie als einen Braten für +den großen Löwen. Wenn ich auch nichts dafür bekomme als +<span class = "pagenum">45</span> +den freien Eintritt. Ich sehe so etwas gar zu gern, besonders die Affen +— von ihnen kann man recht geschickt stibitzen lernen. Auch giebt +es dort gefüllte Taschen, erreichbare Taschentücher, unbeachtete +Arbeitsbeutel — kurz eine gute Ernte für arme und geschickte +Leute.“</p> + +<p>In dieser Gesellschaft brachte Rosaurus die Nacht zu, und schlummerte +in Dortens Schooß so sanft, wie in seiner Puppenwiege.</p> + +<p>Am andern Morgen ward es sehr bald lebendig, denn es war der Tag der +Holzlese und Vater und Mutter gingen in den Wald. Beide waren dafür +bekannt, daß sie lieber frische Aeste abbrachen, als sich mit dem alten +Holz begnügten; dadurch fiel ihre Erndte auch immer reichlicher aus, als +die anderer armen Leute.</p> + +<p>Wilhelm und Dorte sollten in die Schule gehen; letztere wusch und +kämmte vorher das Schwesterchen; dann gab sie Rosaurus ihre Milch und +trank ihren Kaffee schwarz. Wilhelm dehnte sich aber noch lange auf +seinem Strohsacke.</p> + +<p>„Willst du nicht aufstehen?“ sagte Dorte, „es ist bald Zeit zur +Schule.“ Langsam erhob er sich, frühstückte und machte Anstalt, die +Schwester zu begleiten. Als sie die Thür hinter sich geschlossen hatten, +sagte Dorte: „Es freut mich, daß Hannchen heute nicht so ganz allein +bleibt, wie gewöhnlich.“</p> + +<p>„Wer ist denn bei ihr?“ frug der Bruder.</p> + +<span class = "pagenum">46</span> +<p>„Nun das Kätzchen.“</p> + +<p>„Potztausend! das hatte ich ganz vergessen,“ sagte er, indem er noch +ein Mal die Thür aufriß, rief er in die Stube. „Hanne, wenn du mir das +Kätzchen anrührst, so kriegst du Prügel!“ —</p> + +<p>Hannchen war aber ein sehr unfolgsames Kind; sie war nicht zum +Gehorsam erzogen worden, und man brauchte ihr nur etwas zu verbieten, so +bekam sie Lust, es zu thun. Als sie sich also allein mit Kätzchen sah, +ging sie auf dasselbe zu, um es zu streicheln. Rosaurus ließ sich das +wohl gefallen und schnurrte; dann nahm sie das Kätzchen auf den Arm und +trug es im Zimmer umher. — Dann meinte die Kleine, sie wolle +etwas zum Fenster hinaus sehen; deshalb stieg sie auf einen Stuhl, +machte das Fenster auf und lud Kätzchen ein, sich aufs Gesims zu setzen +und die Vorübergehenden zu betrachten.</p> + +<p>Rosaurus schien Gefallen daran zu finden und nahm seine +philosophische Stellung auf den Hinterbeinen an und überlegte sich, was +er thun wolle? Das Fenster war sehr niedrig, ein kleiner Sprung und +Rosaurus war auf der Straße. Vielleicht konnte er sich dann leicht in +der Stadt zurecht finden, und ins Schloß oder wenigstens zu einer +Freundin des Prinzeßchens gelangen.</p> + +<p>Rosaurus fand diesen Schritt sehr gerathen, er machte Anstalt, die +innere Fensterbrüstung mit der äußeren zu vertauschen; — Hannchen +wollte es nicht leiden und erfaßte +<span class = "pagenum">47</span> +den Flüchtling beim Schwanz — aber Rosaurus schlug seine Krallen +in des Kindes Händchen und husch! — unten war er, worauf er in +gestrecktem Laufe die Straße verließ.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">48</span> +<h4><a name = "kap7" id = "kap7">Kapitel 7.</a><br> +<span class = "title">Weitere Erlebnisse des jungen Katers +Rosaurus.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Wer jetzt das Thierlein liebt,</p> +<p>Wird einst auch Menschen lieben,</p> +<p>Wer jetzt das Thierlein quält,</p> +<p>Wird Menschen einst betrüben.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Als Rosaurus an das Ende der Straße gelangt war, hielt er im raschen +Laufe an, um wieder zu Athem zu kommen; er setzte sich auf einen +Prallstein, um die unbekannte Straße und seine eigene Lage besser zu +überschauen. Ach! er war in eine ganz fremde Welt gerathen, in welcher +er sich nicht zurecht finden konnte. Fremde Menschen gingen an ihm +vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen; ach! wie fühlte Rosaurus +sich unglücklich und verlassen. — <span class = +"pagenum">49</span> +Plötzlich aber schien sein Schicksal sich aufzuklären; zwei kleine +wohlgekleidete Mädchen kamen daher, begleitet von ihrer Bonne. Sie +hatten große Arbeitstaschen und schienen in die Schule gehen zu wollen. +Rosaurus erkannte Lisi und Amelie, seine beiden Freundinnen, und hoffte, +die Stunde seiner Erlösung habe geschlagen. Er sprang hinunter vom +Prallsteine und eilte auf die Kinder zu, sich mit einem ausdrucksvollen +Katzenbuckel an Lisi anschmiegend und ihr zwischen die Füße laufend. Die +Kinder blieben stehen.</p> + +<p>„Ach! das niedliche Kätzchen,“ sagte Amelie, „das sieht doch gerade +aus, wie der Rosaurus der Prinzessin.“</p> + +<p><em>Lis</em>i. Wie käme dieser aber hierher? der schlummert +wahrscheinlich noch in seiner Wiege, oder frühstückt Milch und Bisquit, +während dieses arme Thierchen hier ziemlich hungrig zu sein scheint.</p> + +<p><em>Ameli</em>e. Könnten wir es doch mitnehmen, das Kätzchen sieht +uns an, als wolle es unseren Schutz anflehen, es hat gewiß seinen Herrn +und seine Heimath verloren.</p> + +<p>„O!“ sagte die Bonne, „es gehört wahrscheinlich in eins der +benachbarten Häuser, man wird es bald suchen und wir würden einen +Diebstahl begehen, wenn wir es mit uns nehmen wollten<ins class = +"correction" title = "“ fehlt">.“</ins> Lisi meinte auch, daß sie doch +unmöglich ein Kätzchen mit in die Schule bringen könnten, und schlug +vor, dem armen Thiere etwas zu fressen zu geben und nach beendeter +Schule wieder an dieser Stelle vorüber +<span class = "pagenum">50</span> +zu gehen, um es mitzunehmen, wenn es noch immer so verlassen, einsam und +unglücklich sein sollte.</p> + +<p>Die Kinder brockten zufolge dieses Beschlusses, den auch die Bonne +billigte, etwas Bisquit und Semmel auf einen reinlichen Stein der +Straßenecke, wünschten dem Kätzchen guten Appetit und gingen von +dannen.</p> + +<p>Da Rosaurus wirklich großen Hunger hatte und ihm kein Mittel zu +Gebote stand, sich seinen Freundinnen zu erkennen zu geben, indem sie +die Katzenbuckel-Sprache doch nicht so ganz deutlich zu verstehen +schienen, stürzte er sich gefräßig über das Bisquit her, indem er +sorgfältig die Semmelbrocken liegen ließ. — Er sollte indeß, +noch ehe er die Mahlzeit vollendet hatte, gestört werden; denn er +vernahm aus der Ferne ein furchtbares Donnern und Krachen, und meinte +einen Augenblick, die ganze Welt gehe unter; sein Gemüth beruhigte sich +nicht, als er die Veranlassung dieses Geräusches erblickte. Es kam +nämlich ein Ungeheuer die Straße entlang gesaust; war es ein Thier? war +es etwas Anderes? Es hatte vier glänzende Augen, acht Beine, und noch +außerdem vier Räder, welche den ungeheuren Lärm verursachten. +— Später erfuhr Rosaurus wohl, daß es eine Kutsche mit zwei +Rädern sei, aber damals war er ja gar zu unerfahren in der Welt. Als das +Ungethüm sich auf ihn zu bewegte, ergriff er die Flucht; er wähnte sich +verfolgt, weil die Kutsche denselben Weg einschlug, wie er, und so lief +und lief er denn, bis er in eine Seitenstraße +<span class = "pagenum">51</span> +gerieth, wo der gefährliche Feind vorüber fuhr. So hatte Rosaurus in der +wilden Flucht sich weit entfernt von der Stelle, wo Lisi und Amelie ihn +wieder zu finden gedachten. Rosaurus sollte aber bald noch andere +Gefahren kennen lernen. —</p> + +<p>Ein vierbeiniges Geschöpf ließ sich nämlich am äußersten Ende der +Straße erblicken. Rosaurus dachte sich gleich, daß dasselbe ein Hund +sei, obgleich es keineswegs dem Joly glich, es war gewiß viermal größer +als Joly, hatte ganz schwarzes gelocktes Haar, lange herunterhängende +Ohren und kleine schwarze Augen, welche unter dichten Haarbüscheln +hervorglänzten.</p> + +<p>Als der Pudel Kartusch den Rosaurus erblickte, stutzte er einen +Augenblick und legte durch ein kurzes abgebrochenes Gebell seine +katzenfeindlichen Gesinnungen an den Tag. Rosaurus war unschlüssig über +seinen Vertheidigungsplan. Konnte er hoffen, mit seinen zarten Krallen +dem großen Hund Ehrfurcht einzuflößen, wie dem kleinen Joly? Gewiß +nicht! Ihm erschien also die Flucht das gerathenste zu sein. Ach, er +wußte nicht, wie schnell Kartusch laufen konnte! — Kartusch hatte +großen Respekt vor den Krallen der Katzen, aber gar keinen vor ihren +Schwanz, und als er letzteren sich zugewendet sah, verfolgte er mit +freudigem Bellen das arme geängstete Thier. Rosaurus hörte sein +Schnaufen und Knurren, sein drohendes Gebell immer näher rücken, immer +mehr schwand der Raum zwischen ihm +<span class = "pagenum">52</span> +und seinem Verfolger; er fühlte schon den heißen Athem des Pudels und +glaubte auch schon dessen Zähne zu fühlen — da ersah er einen Baum +— noch ein Mal strengte er seine schwindenden Kräfte an und sprang +hinauf — bloß ein kleines Stück seines Schwänzchens blieb in +Kartusch’s Zähnen zurück; das that zwar weh, es blutete, aber sein +kostbares Leben war doch gerettet. Rosaurus blickte hohnlächelnd und +pustend herab auf den wüthend bellenden Kartusch, der sich gar nicht +darüber zufrieden geben konnte, daß seine Beute ihm entrissen war. +— Endlich wurde Kartusch durch einen Pfiff seines Herrn +abgerufen.</p> + +<p>„O, hätte der doch eher gepfiffen,“ seufzte Rosaurus, indem er seinen +blutenden Schwanz leckte.</p> + +<p>O welch ein Unglück! dieser Schwanz, sein Stolz, seine Freude; dieses +Glied seines Körpers, welches dem Kater eine Aehnlichkeit mit den +Kometen des Himmels giebt, es war verstümmelt; Rosaurus war auf ewig +geschändet! Er überließ sich ganz seinem Schmerz und brach in laute +Klagen aus.</p> + +<p>Diese Klagen vernahm eine muntere Knabenschaar, welche so eben aus +der Schule kam. Das ist der Augenblick, wo die Kinder am übermüthigsten +zu sein pflegen. Sie nahmen Steine und warfen nach dem armen schreienden +Thier. Rosaurus flüchtete immer höher in die dichtesten Zweige des +Baumes; er zog sich hinter die verschlungendsten Aeste zurück und suchte +sich zu schützen gegen das +<span class = "pagenum">48</span> +Wurf-Material, welches von allen Seiten in seiner Nähe einschlug, +entweder vorbeiflog oder an den schützenden Zweigen abprallte. Ein +kühner Knabe entschloß sich, an dem Baum hinauf zu klettern; alle +jubelten über diesen Entschluß; der Steinregen war zu Ende und die +Jugend blickte neugierig und mit reger Theilnahme dem Kletternden nach; +Rosaurus hatte sonach eine neue Gefahr zu fürchten. Der kletternde Knabe +mußte sich an die innern Baumäste halten, wo Rosaurus von den Steinen +hingetrieben war, so daß letzterer sich genöthigt sah, seine +Zufluchtsstätte zu verlassen und die äußersten Spitzen der höchsten +Aeste aufzusuchen. Rosaurus war sehr leicht, ihn trug das dünnste +Zweigelchen; die Vögel flohen erschreckt aus den Wipfeln des Baums, +indem sie ein ängstliches Piep Piep ausstießen, und Rosaurus verspürte +in diesem Augenblick einiges Gelüste nach dem Vogelspiel, er mußte aber +diese strafbaren Gedanken unterdrücken wegen der eigenen Gefahr, welche +auch wirklich mit jeder Minute stieg; denn als der Knabe auf dem Baum +nicht Rosaurus selbst packen konnte, ergriff er den Ast, auf dessen +äußersten Spitzen das arme geängstete Thier saß und schüttelte denselben +so stark, daß er sich nicht länger darauf halten konnte. Rosaurus +stürzte aus der schwindelnden Höhe herab, unter lautem Freudenruf der +Schuljugend.</p> + +<p>Jedes andere unbeflügelte Thier würde unstreitig den Hals gebrochen +haben; aber die Katzen haben die große +<span class = "pagenum">54</span> +Geschicklichkeit, immer auf den Beinen zur Erde zu gelangen; das war +auch jetzt der Fall mit Rosaurus. — Seine Füße waren freilich +geprellt und hätten der Ruhe und Pflege auf weichem Bettchen bedurft; +aber unter dieser blutdürstigen Umgebung konnte er nicht weilen — +er mußte wieder zu schneller Flucht greifen und unter neuem Steinregen +davon laufen. — Als er endlich sich sicher glaubte, fühlte er +sich von einer kleinen aber kräftigen Hand gepackt und eine wohlbekannte +Stimme rief. „Du bist mein,“ und steckte Rosaurus unter seinen Rock.</p> + +<p>Es war niemand anders als Wilhelm, welcher aus der Schule kam und, in +der Hoffnung, dem Löwen zwei Braten, d. h. zwei Kätzchen, bringen +zu können, die ganze Verfolgung des armen Thiers geleitet hatte.</p> + +<p>Es gab indeß großen Spektakel zu Haus, als Wilhelm Rosaurus Flucht +entdeckte und in dem armen abgehetzten, verstümmelten Kätzchen sein +Eigenthum erkannte. Hannchen wurde von ihm geschimpft, geschlagen und +gekneipt, bis Dorte ihr zu Hülfe kam.</p> + +<p>Am Nachmittag sah Wilhelm indeß ganz anders aus, als am Morgen, denn +er hatte sich sorgsam gewaschen und gekämmt, eine wohlgeflickte +Sonntagsjacke angethan, die verschossenen Hosen stramm gezogen, die +Strümpfe in die Höh gebunden und die Schuhe geschwärzt. „Jetzt,“ sagte +er, „bin ich ein schmucker Mensch und ich glaube, der Löwe würde mich +verspeißen, wenn er könnte; ich bin ganz geeignet, +<span class = "pagenum">55</span> +um ihm Appetit einzuflößen.“ Rosaurus wurde nun in die Rocktasche +gesteckt und so gings zum Vogelschießen.</p> + +<p>Man zog gerade den großen hölzernen Vogel unter Musik und +Kanonenschüssen empor. Es war ein Adler mit zwei Köpfen. Kronen, Scepter +und Reichsapfel waren vergoldet. Es wurde Rosaurus recht unheimlich im +Gedränge, denn Wilhelm war immer da, wo es am dichtesten war und zwar +aus guten Gründen.</p> + +<p>Viele Buden mit Sehenswürdigkeiten waren aufgeschlagen. Da gab es +Wachsfiguren, Panoramen, Seiltänzer, Taschenspieler und Marionetten zu +sehen; am meisten gab es aber Eßbuden, welche die herrlichsten Bissen +aufgestellt hatten. Da zischten und dampften Bratwürste, dort gab es +Kuchen, Torten, Früchte; Rosaurus verspürte großen Appetit und auch noch +andere empfanden solchen.</p> + +<p>Viele Leute kauften und ließen es sich wohl schmecken; aber viele +standen dabei und konnten sich nichts kaufen und man sah es ihnen doch +an den Augen an, daß sie es so gern gethan hätten; das waren die Armen. +Darunter gehörte auch Wilhelm. — Er tröstete sich aber mit +dem Gedanken, daß er noch vor Schlafengehen sich auf irgend eine Weise +ein Stück Kuchen verschaffen werde und mit diesem Trost lief er zur +Menagerie.</p> + +<p>Diese war leicht aufzufinden, denn vor derselben schrien Papageien +und tanzten Affen in wunderlichen Sprüngen. Wilhelm bot dem Besitzer der +Menagerie sein Kätzchen zum +<span class = "pagenum">56</span> +Verkauf. „Das ist ein rechtes Futter,“ sagte der Mann in verächtlichem +Ton, „das füllt ja kaum einen hohlen Zahn des Löwen aus; doch um des +Spaßes willen nehm ich dir den Kater ab. Da hast du einen Groschen, und +wenn du sehen willst, wie dein Kätzchen gefressen wird, so kannst du in +einer Stunde wieder kommen, da wird gefüttert — du sollst +eingelassen werden, ohne zu zahlen.“</p> + +<p>Wilhelm lief nun mit seinem Groschen zur Kuchenbude. Er dachte zwar +daran, daß der Vater ihm befohlen habe, alles Geld nach Hause zu +bringen; „da müßte ich doch ein rechter Narr sein!“ sagte er zu sich +selbst, kaufte ein Stück Kuchen, welches er sehr gemüthlich verzehrte, +während einige seiner armen Schulkameraden ihm nicht ohne Neid +zusahen.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">57</span> +<h4><a name = "kap8" id = "kap8">Kapitel 8.</a><br> +<span class = "title">Die großen Katzen.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Tiger! Tiger! Flammenpracht!</p> +<p>In des Waldes dunkler Nacht,</p> +<p>Wo die kühne Meisterhand,</p> +<p>Die sich dieses unterstand,</p> +<p>Daß die Gluth sie angefaßt,</p> +<p>Die du in den Augen hast.</p> + +<p class = "stanza"> +Ward aus Himmel oder Höll’</p> +<p>Ausgeschöpft die Feuerquell?</p> +<p>Alles wie aus einem Guß!</p> +<p>Welche Hand! und welcher Fuß!</p> +<p>Wo die Esse, die so stolz,</p> +<p>Dieses Hirn aus Erz dir schmolz!</p> + +<p class = "stanza"> +Aller Wesen letzter Tag</p> +<p>Tiger ist dein,</p> +<span class = "pagenum">58</span> +<p>Was du anfaßt, das ist roth,</p> +<p>Was du angefaßt, ist todt.</p> +<p>Tiger, Tiger, fürchterlich!</p> +<p>Der das Lamm schuf — schuf er dich?</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Als Wilhelm nach der Menagerie zurückkam, vernahm er schon lautes +Brüllen. Im Vorplatz wurden große Stücke Fleisch zerschnitten; diese +wurden sodann vertheilt, und Wilhelm weidete sich an der Freßbegierde +der Thiere, an ihren scharfen Zähnen und an den wilden Tönen, welche sie +dabei ausstießen. Man warf das Kätzchen in des Löwen Käfig; es zitterte, +und Wilhelm dachte schon, das große Thier werde seiner Angst bald ein +Ende machen und es unter seiner Riesentatze ersticken. Aber nein! der +Löwe schien es gar nicht zu bemerken, es konnte ganz sicher bei ihm +leben; wenn er es nicht aus Zufall zertrat, mit Willen that er es gewiß +nicht. Kätzchen verlor auch wirklich bald alle Angst; es leckte von dem +blutigen Fleisch, welches der Löwe zur Mahlzeit erhielt — das arme +Thier mußte ja auch sehr hungrig sein; der Löwe ließ es sogar geschehen, +daß es ein kleines Stückchen fraß, und als es gesättigt war, zeigte es +sogar Lust, mit dem Schweif des Königs zu spielen, wie es mit Mlle. +Gogo’s Mützenschleife gespielt hatte.</p> + +<p>Als nun die Thiere gefüttert waren, räusperte sich der +Menageriebesitzer, und indem er mit einem Stock nach +<span class = "pagenum">59</span> +den verschiedenen Käfigen deutete, gab er mit lauter Stimme folgenden +Bericht.<ins class = "correction" title = "“ kommt nie"> „</ins>Sie +sehen hier, meine Herrschaften, den großen Löwen aus Bengalen. Er ist +einer der größten, die man je in Europa gesehen hat, indem er 9 Fuß lang +und 5 Fuß hoch ist. Seine prächtige Gestalt, sein fester Blick, sein +stolzer Gang und sein furchtbares Gebrüll zeugen von seiner Kraft. Seine +ungeheure Muskelstärke verräth sich durch die großen Sprünge die er +macht, um auf seine Beute zu stürzen und durch das Schlagen seines +Schweifes, womit er einen Ochsen zu Boden werfen kann. Sein gewöhnlicher +Gang ist langsam und würdevoll; er pflegt blos zu laufen, wenn er +verfolgt wird. Hinter Gebüsch und Rohr verbirgt er sich und lauert auf +das vorübergehende Wild, welches an einer nahen Quelle zu trinken +pflegt; mit einem ungeheueren Sprunge stürzt er über dasselbe her, indem +er seine Krallen tief in dessen Seiten schlägt und mit seinen Zähnen +dessen Hinterschädel zerbricht. Wenn er im Sprung seine Beute verfehlt +hat, so läßt er sie laufen und versucht nicht, sie zu verfolgen, sondern +legt sich abermals auf die Lauer. Hat er sich satt gefressen, so legt er +sich nieder und schläft zwei bis drei Tage, bis der Hunger ihn wieder +aufweckt. Wenn der Löwe unter eine Heerde geräth, so tödtet er Alles, +was ihm vorkommt, selbst wenn er gesättigt ist. Sein Muth ist nicht so +groß, als man glauben möchte; er greift nur kleinere und schwächere +Thiere an, und wenn er sich in den Bereich der menschlichen +<span class = "pagenum">60</span> +Wohnungen geschlichen hat, so kann man ihn mit einigem Lärm oder auch +mit einer brennenden Fackel verjagen. Indem er die Haut seines Gesichts +und vorzüglich die Stirnhaut mit großer Leichtigkeit bewegt, kann er den +Ausdruck seiner Physiognomie sehr oft wechseln und ihr den einer +furchtbaren Wuth geben, welcher durch die Beweglichkeit seiner Mähne, +die er emporsträuben und nach allen Richtungen hin wenden kann, sehr +erhöht wird. Die Löwin ist kleiner, ruhiger und feiger, als der Löwe, +doch wenn sie Junge hat, ist sie furchtbarer als er, indem sie sich dann +auf Menschen und Thiere ohne Unterschied stürzt, sie tödtet und ihren +Kleinen zuträgt, denen sie bei Zeiten lehrt, das Blut zu saugen und das +Fleisch zu zerreißen. Der Löwe säuft wie ein Hund. Sein Gebrüll ist so +stark, daß man es des Nachts in der Wüste für Donner halten könnte; er +stößt es täglich 5 bis 6 Mal aus, besonders häufig, wenn Regen zu +erwarten steht. Wenn der Löwe Menschen und Thiere zusammen findet, so +fällt er lieber die letztern an, es sei denn, daß ein Mensch ihn +schlägt, bei welcher Gelegenheit er den Beleidiger gewiß schnell +herausfindet. Der Elephant, das Rhinozeros, der Tiger und das Nilpferd +sind die einzigen Thiere, welche ihm Widerstand leisten können und +welche er auch gern vermeidet, wenn er kann. Das Fleisch des Löwen hat +einen unangenehmen starken Nachgeschmack; doch essen die Neger es gern. +Der Löwe gehört dem Katzengeschlecht an, man +<span class = "pagenum">61</span> +vergleiche ihn nur mit dem kleinen Kätzchen, welches ihm Gesellschaft +leistet. Beide haben 30 scharfe Zähne, beide Pfoten mit langen starken +Krallen, die sie nach Belieben einziehen und herausstoßen können; beide +haben denselben Bau des Kopfes und tragen denselben +Raubthiercharakter.</p> + + +<h5><a name = "tiger" id = "tiger">Der Tiger</a></h5> + +<p>gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Während der Löwe als erstes +unter den fleischfressenden Thieren gilt, ist der Tiger das zweite. Ihm +fehlt die Würde des Löwen; er ist immer blutdürstig und fällt gern die +Menschen an. Ihm fehlt auch des Löwen edler Anstand; sein Körper ist zu +lang, seine Beine zu niedrig; das Haupt hat keine Mähne, die Augen sind +unstät und die Zunge blutroth; er ist von einer unersättlichen Blutgier, +von einer empörenden Grausamkeit beseelt; sein einziger Instinkt scheint +eine stete Wuth zu sein, welche ihn oft so weit verblendet, daß er seine +eigenen Jungen frißt und deren Mutter zerreißt, wenn sie dieselben +vertheidigen will.</p> + +<p>Glücklicher Weise sind diese Thiere nicht sehr zahlreich und blos auf +das heißeste Klima Ostindiens beschränkt.</p> + +<p>Wenn der Tiger irgend ein großes Thier, z. B. ein Pferd oder +einen Büffel getödtet hat, so zerreißt er es nicht an der Stelle der +That, sondern er schleppt es in die Tiefe des Waldes mit einer +Leichtigkeit, daß die Schnelligkeit +<span class = "pagenum">62</span> +seines Laufes gar nicht durch die Schwere des Gegenstandes gehemmt zu +sein scheint. Der Tiger ist vielleicht das einzige Thier, das man nicht +zähmen kann; er ist immer bös, sowohl wenn man ihn gut, als wenn man ihn +schlecht behandelt. Nicht Gewohnheit, nicht Zeit vermag ihn zu bändigen; +er zerreißt die Hand, welche ihm Nahrung reicht, wie die, welche ihn +schlägt und alles Lebendige erscheint ihm nur als erschaffen, um seine +Beute zu werden. Die Tigerin wirft wie die Löwin 4-5 Junge, und ihre +Wuth steigert sich bis zu einem entsetzlichen Grade, wenn man dieselben +raubt.</p> + + +<h5><a name = "panther" id = "panther">Der Panther</a></h5> + +<p>gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Er sieht wild aus, hat ein +stets unruhiges Auge; seine Bewegungen sind heftig und seine Stimme +gleicht der eines wüthenden Hundes. Die Zunge ist rauh und sehr roth; +die Zähne sind stark und spitzig, die Krallen hart und scharf. Das Fell +ist schön, mit schwarzen ringelartigen Flecken besäet. Der Panther +gleicht an Gestalt und Größe einer Dogge von guter Raçe, nur mit kürzern +Beinen.</p> + +<p>In Persien und andern Theilen von Asien pflegt man den Panther zur +Jagd zu benutzen, ohne ihn jedoch zähmen zu können, denn er verliert nie +seinen wilden Charakter und wenn man sich seiner bedienen will, bedarf +es +<span class = "pagenum">63</span> +großer Mühe, um ihn abzurichten und noch größere Vorsicht, um ihn +auszuführen und zu benutzen.</p> + + +<h5><a name = "unze" id = "unze">Die Unze</a></h5> + +<p>ist zahlreicher und weiter verbreitet als der Panther. Sie lebt +gewöhnlich in Arabien und im südlichen Asien; man bedient sich ihrer +dort zur Jagd, weil in den heißen Ländern Asiens die Hunde selten sind. +Die Unze hat indeß den Geruch nicht so fein wie der Hund und kann das +Wild nicht nach seiner Fährte verfolgen; auch würde es nicht im +schnellen Laufe verfolgen können, sondern jagt nur nach dem Gesicht und +kann sich nur aus dem Hinterhalt auf ihre Beute stürzen und sie +niederwerfen.</p> + + +<h5><a name = "leopard" id = "leopard">Der Leopard</a></h5> + +<p>hat dieselben Gewohnheiten und denselben Charakter, wie der Panther, +aber man kann ihn nicht so leicht zähmen; er bewohnt den Senegal und +Guinea, wo man ihn sehr häufig findet. Panther, Unze und Leopard +bewohnen nur die hintersten Landesstrecken von Asien und Afrika; sie +halten sich am liebsten im dichten Walde und am Ufer der Flüsse auf oder +auch in der Nähe entlegener menschlicher Wohnungen, wo sie den +Hausthieren auf dem Wege nach der Quelle gern auflauern. Sie fallen +selten Menschen an. +<span class = "pagenum">64</span> +Leicht erklettern sie Bäume, von deren Zweigen sie auf ihre Beute +herabstürzen. Obgleich sie meistens sehr mager sind, so gilt ihr Fleisch +doch als Leckerbissen für den Reisenden.</p> + +<p>Wilhelm wendete bald sein Interesse von dem Bericht des +Menageriebesitzers ab und den Affen zu, welche auch gar zu lustig +anzuschauen waren. Sie befanden sich in einem großen Bauer, worin sie +unaufhörlich umhersprangen. Ueberall gab es allerliebste Affengruppen. +Hier flöhte eine alte Aeffin ihr Kind mit mütterlicher Liebe; dort +wickelten sie einige Bonbons aus Papierhüllen und grinzten freudig über +den Fund. Manche balgten sich, andere schaukelten sich in großen Ringen, +die mit Seilen aufgehängt waren, oder sie wiegten sich in Zweigen, die +man im innern Raum des Bauers angebracht hatte. Wilhelm meinte immer, +diese Thiere müßten Menschen sein, weil sie so menschliche Bewegungen +zeigten.</p> + +<p>Was ihn aber mehr als alles andere an diesen Affenbauer fesselte, das +waren die zahllosen Kinder, welche umherstanden und im Anschauen +vertieft nicht Acht hatten auf ihre Habseligkeiten. So war es dem +kleinen Taschendieb schon gelungen, einige Taschentücher und einen +wohlgefüllten Arbeitsbeutel zu rauben und in seine Rocktasche zu +verbergen.</p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/pic4.jpg" width = "434" height = "556" +alt = "Der Kater mit dem Löwe"> +</p> + +<p class = "caption"> +Rosaurus in dem Löwenkäfig.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">65</span> +<h4><a name = "kap9" id = "kap9">Kapitel 9.</a><br> +<span class = "title">Die böse That und deren Folgen.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Und ist das Fädchen noch so fein gesponnen,</p> +<p>Am Ende kommt es doch ans Licht der Sonnen.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Plötzlich vernahm man Geräusch an der Thür und es hieß: — „die +kleine Prinzessin käme, um die Thiere zu sehen.“ Alles blickte nach ihr +hin und freuete sich über ihr freundliches Grüßen und über ihren +hübschen Anzug. — Wie sie vor den Käfig des großen Löwen +trat, stieß sie einen lauten Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens +aus, denn sie erkannte auf den ersten Blick ihren Rosaurus. Sie wollte +auch gleich mit der Hand durch die Eisenstäbe fahren, um den kleinen +Liebling zu streicheln und zu trösten, aber Mlle. Gogo riß sie +erschrocken zurück. — Der Menageriebesitzer wurde sogleich +gefragt, wie er zu dem Kätzchen +<span class = "pagenum">66</span> +gekommen sei? und er erzählte, daß er es einem unbekannten Knaben +abgekauft habe, welcher noch in diesem Augenblick hier gewesen, — +er wolle sogleich nach ihm suchen.</p> + +<p>Wilhelm war aber nicht zu finden und das ging auch ganz natürlich zu; +denn als er das Gespräch über das Kätzchen hörte, wurde ihm bang ums +Herz und er kroch unter einen Tisch, worauf Papageien standen, und +dessen unterer Raum mit einem Leinwandvorhang versehen war; da war er +sicher geborgen. Durch ein Loch konnte er Alles sehen, was in der +Menagerie vorging, und hören konnte er auch Alles. So mußte er denn +Zeuge sein, wie der Menageriebesitzer das Kätzchen aus dem Löwenkäfig +holte und einen Thaler erhielt, während er doch nur einen Groschen dafür +bezahlt hatte. Wilhelm ärgerte sich recht, daß er nicht selbst ein so +gutes Geschäft gemacht habe.</p> + +<p>Es wurde ihm indeß sehr unheimlich unter dem Tisch zu Muthe; denn es +befand sich unter demselben eine große Aeffin im Wochenbette, welche den +unberufenen Eindringling mit den langen Armen in den Nacken kratzte, und +unter dem Käfig der Aeffin stand der eines brütenden Pelikans, welcher, +ebenfalls entrüstet über die Störung, Wilhelm so arg biß, daß die Hosen +zerrissen und das Blut strömte. Er, der schon so wenig Sitzefleisch in +der Schule hatte, fürchtete auf diese Weise ganz untüchtig zum Sitzen zu +werden und als die Nachsuchung zu Ende war, benutzte er den Moment, wo +ein dicker Herr sich vor den Tisch gestellt +<span class = "pagenum">67</span> +hatte, um hervor zu kriechen und sich hinter diesem verborgen zu +halten.</p> + +<p>Da aber das Böse in seinem Herzen nie schlummern konnte, so entging +es seiner Aufmerksamkeit nicht, daß der dicke Herr eine sehr +wohlgefüllte Börse, woraus er so eben ein Extra-Trinkgeld für die +Schlange gezahlt hatte, in die linke Rocktasche steckte. Die Schlange +fraß nämlich so eben eine Taube in gewohnter grausamer Weise, indem sie +mit der freundlichsten Miene von der Welt dieselbe beleckte und durch +ihren Speichel schlüpfrig und geschmeidig machte; dann zog sie das arme +Thier unbarmherzig in ihren Rachen, und man fühlte, wie es im tiefen +Schlund noch zappelte.</p> + +<p>Wilhelm meinte, der dicke Herr sähe gewiß so aufmerksam zu, daß er es +nicht merken würde, wenn seine zarte Hand ihm in die Tasche griff, und +die Börse heraus holte und im Hui war diese Hand auch drinnen. Aber in +demselben Augenblick fühlte Wilhelm, daß sie von einer anderen, +kräftigeren Hand gefaßt wurde, welche unter dem Rocke schon mußte geruht +haben; zu gleicher Zeit ward sein Ellbogen ergriffen und mit Riesenkraft +auf einen Ruck sein Unterarm wie ein dürres Stück Holz zerknickt. +Wilhelm schrie vor Schreck und vor Schmerz und als der dicke Herr sich +ihm zuwendete, da erkannte er in ihm denselben, der ihm neulich die zwei +Ohrfeigen und den Groschen gegeben hatte. Es war der Herr +Polizei-Präsident. „Aha, sagte +<span class = "pagenum">68</span> +dieser, wir kennen uns schon; jetzt hoffe ich, stiehlst du so bald nicht +wieder.“</p> + +<p>Das ganze Publikum war aufmerksam auf den schreienden Knaben geworden +und auch die Prinzessin wollte ihn bedauern und ihm etwas schenken. Aber +der Menageriebesitzer erzählte ihr, daß es derselbe Knabe sei, der ihren +Rosaurus für den Löwen verkauft habe; auch fanden sich beim Ausleeren +seiner Taschen eine Menge gestohlener Gegenstände. „Nein, dieser +verdient kein Mitleid!“ meinten die Leute.</p> + +<p>Aber er litt doch große Schmerzen; blaß und zitternd stand er da und +alle Blicke waren auf ihn gerichtet; ein Wundarzt, welcher zufällig in +der Nähe war, untersuchte den Arm und erklärte, derselbe müsse sogleich +eingerichtet werden.</p> + +<p>„Das soll in meinem Haus geschehen,“ sagte der Polizei-Präsident; +„ich will ihn bei mir verpflegen lassen und auch alle Kosten tragen. +Seine Eltern taugen gewiß nicht viel, sonst würde der Junge nicht so +durchtrieben sein.“</p> + +<p>So wurde denn Wilhelm fortgebracht, während die kleine Prinzeß mit +ihrem Rosaurus sich nach Haus begab und sich vornahm, ihm das Leben noch +viel angenehmer als früher zu machen. — Sie konnte sich gar +nicht denken, wie er in des bösen Knaben Hände gekommen sei und als +Mlle. Gogo endlich nähere Erkundigungen einzog, und man nach der +Beschreibung Wilhelms und nach dem Arbeitsbeutel, +<span class = "pagenum">69</span> +den er noch besaß, die lange Jenny als die Ursache von Rosaurus +Verschwinden erkannte, da wurde der Letzteren erklärt, daß sie nie +wieder bei der kleinen Prinzessin eingeladen werden solle, was +allerdings eine große Strafe und auch eine große Schande war. Der Vater +schickte sie hierauf in ein Institut und man hoffte, sie werde von da +artiger zurückkehren.</p> + +<p>Es war recht gut, daß Wilhelm in gute Pflege kam, denn zu Hause +fehlte es ja an Allem. Sein Vater hatte beim Holzlesen einen jungen Baum +abgehauen und war dabei ertappt worden, da mußte er zur Strafe für die +Waldbuße arbeiten und da die Mutter nichts verdienen konnte, so war kein +Geld zu Hause.</p> + +<p>Im Hause des Präsidenten fehlte es indeß an Nichts. Wilhelm lag im +reinlichen Bett in einer hübschen Kammer. Eine freundliche Magd bediente +ihn und pflegte ihn. In den ersten Tagen bekam er blos Wassersuppen und +kühlende Getränke zu genießen, später sorgte man für kräftigere Nahrung; +ein freundlicher Arzt besuchte ihn täglich und der Präsident brachte ihm +Bilder und Bücher und setzte sich stundenlang an sein Bett, um ihm +Geschichten zu erzählen, er wußte deren sehr schöne: von klugen Kindern, +die anstatt ihre Geistesgaben auf das Lernen oder etwas Nützliches zu +richten, sie benutzten, um andere Menschen zu überlisten und zu +betrügen; er erzählte auch von Verbrechen, die lange +<span class = "pagenum">70</span> +geheim gehalten wurden, endlich aber doch ans Tageslicht kamen und den +Uebelthäter zur Strafe brachten.</p> + + +<h5><a name = "finger" id = "finger">Der Finger Gottes.</a></h5> + +<p>In einem kleinen Städtchen lebte einst eine glückliche Familie; die +Eltern waren brav und die Kinder gut erzogen. Nur ein Sohn, Namens +Ludwig, gab durch seinen heftigen Charakter oft Ursache zur +Unzufriedenheit; dabei hatte er ein rachsüchtiges Gemüth und in den +Stunden seines Zorns hatte er manchem Freund schon weh gethan und oft +die Geschwister schwer gekränkt. Trotz aller Vorstellungen hatte er +diesen Fehler nicht abgelegt; er war nun 16 Jahr, confirmirt, und noch +immer brach von Zeit zu Zeit, bei unbedeutender Gelegenheit, seine +blinde Wuth aus und äußerte sich in irgend einer Unthat, deren Folgen +indeß nie so bedeutend waren, daß sie eine andere Strafe als die Rügen +des Vaters veranlaßt hätte.</p> + +<p>Eines Tages war Ludwig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers beim Tanzen +in Streit gerathen; in Wuth entbrannt, wollte er mit der Faust auf +seinen Gegner losgehen, dieser aber, stärker wie er, ergriff ihn beim +Kragen und warf ihn zur Thür hinaus.</p> + +<p>Rache brütend ging Ludwig nach Hause; er mußte vor einem Bauerngut +vorbei, welches dem Vater seines Gegners +<span class = "pagenum">71</span> +gehörte und einst dessen Erbtheil werden sollte. Er konnte seinem +Beleidiger wohl keinen größern Schabernack anthun, als wenn er dasselbe +niederbrannte. Noch immer war er in der Aufregung des Zorns und rasch +griff er nach dem Feuerzeug und warf einige glimmende Schwammstückchen +ins Fenster. Da diese aber nicht gleich zündeten, nahm er ein +Wachslichtchen, welches auf der Schwester Weihnachtsbaum gestanden +hatte, und warf es brennend in das Stroh. — Dann ging er +weiter. Er hatte kaum die böse That gethan, als sein Zorn sich legte und +er sie zu bereuen anfing; er hoffte, es werde nicht Feuer fangen. Als er +aber eine Stunde zu Bette war, vernahm er den Feuerlärm. Er eilte nach +der Brandstätte, er half mit löschen und retten; er war unermüdlich und +scheuete keine Gefahr. Er holte sogar ein Kind aus den Flammen, wobei er +selbst sehr beschädigt ward; aber nichts konnte das ungestüme Pochen +seines Herzens beschwichtigen. Das Gut war niedergebrannt; die Besitzer +dankten denen, die beim Retten behülflich gewesen waren und Ludwig vor +allen Andern; der Dank that diesem aber sehr weh. Er hätte gern sein +Hab’ und Gut hingegeben, um ihn zu entschädigen. — Man quälte +sich mit Vermuthungen, wer das Feuer angelegt habe; weder der +Gutsbesitzer noch dessen Sohn hatten Jemand beleidigt; sie kannten +keinen Feind; man hatte nichts gefunden von dem Mordbrenner, als ein +Wachsstöckchen, welches verlöscht war und seinen Zweck nicht erfüllt +hatte. +<span class = "pagenum">72</span> +Es giebt so viele Wachsstöckchen in der Welt. Dieses konnte unmöglich +auf den Schuldigen führen.</p> + +<p>Ludwig ward täglich ernster und mehr in sich gekehrt. Seine Wangen +erbleichten, er schlief nicht des Nachts; sein Gewissen quälte ihn; auch +fürchtete er, man möge doch einmal entdecken, daß er ein Mordbrenner sei +und ihn dafür bestrafen. Eines Tages wurde er wirklich abgeholt und +verhört. — Einer der Untersuchungsrichter war mit Ludwigs +Vater zusammen in der Residenz gewesen und sie hatten zusammen die +bunten Wachslichter für den Weihnachtsbaum gekauft; so wußte er, wo +solche Lichter waren; kaum war diese Spur gefunden, so gedachte man des +Streites, welchen Ludwig am Vorabend des Brandes gehabt. Dann bemerkte +man sein unruhiges Wesen, seine bleichen Wangen. Er ward verhört, +gestand und wurde auf viele Jahre ins Zuchthaus verurtheilt. So kommt +selbst das Geheimnißvollste an den Tag.</p> + +<p>Christian, der Sohn eines Tagelöhners, ging einst an einem Garten +vorüber, wo Aprikosen an einem Baume hingen. Die Früchte waren ganz reif +und hatten die schönsten rothen Backen. „Das will ich mir merken,“ +dachte der naschlustige Knabe, „heute Nacht, wenn es dunkel ist, da +komme ich und hole sie mir.“ — Als er fort war, kam Peter, der +Sohn des Hirten; sein Vater hatte ihn betteln geschickt und er kam heim +mit einem Sack voll Brodrinden. Aber er war sehr müde, und da er noch +weit von Hause +<span class = "pagenum">73</span> +war, legte er sich vor die Gartenthür, welche eine Art von Obdach bot, +und schlief ein. — Er wachte auf durch ein Geräusch und sah +Jemand in den Garten steigen. Christian hatte sich zwar vorsichtig +umgeschaut, aber den in dem Schatten der Thür ruhenden Hirtenknaben +nicht entdeckt. Der kleine Peter erkannte dagegen beim Mondenschein den +Einsteigenden, wollte ihn aber nicht stören, weil er fürchtete, derselbe +könne ihn schlagen. Er legte sich also auf die andere Seite und schlief +weiter. Am andern Morgen ward er unsanft von dem Gärtner geweckt, +welcher ihn für den Dieb hielt und ihn durchaus vor die Polizei +schleppen wollte; aber Peter betheuerte seine Unschuld, er zeigte den +Inhalt seines Bettelsacks vor und nannte, da alles nichts half, den +wirklichen Dieb. Wirklich fand der Gärtner, welcher gleich in Christians +Wohnung ging, die gestohlenen Früchte, während Christian noch fest +schlief; er hatte ja einen Theil der Nacht durchwacht und war fest +überzeugt, daß Niemand ihn gesehen habe. — Gott sieht es aber +immer und weiß es auch immer also zu lenken, daß die menschliche +Gerechtigkeit es erfahre und daß schon auf Erden die Strafe den +Verbrecher erreicht.</p> + +<hr class = "mid"> + +<p>Im Anfang hörte Wilhelm nur mürrisch zu; er hatte ja Schmerzen und +diese Schmerzen hatte der Mann, welcher +<span class = "pagenum">74</span> +da vor ihm saß, verursacht. Nach und nach aber erweichten die +liebevollen Worte sein Gemüth; es war ihm oft zu Muthe, als werde es +plötzlich vor seiner Seele Tag; als falle ein Schleier vor seinen Augen +herab und er erkannte eine Wahrheit; diese Wahrheit hieß aber: Ehrlich +währt am längsten.</p> + +<p>Eines Tages, als Wilhelm eine schmerzlose Nacht gehabt hatte und zum +ersten Mal das Bett verlassen konnte, freilich mit festgeschientem Arm, +frug der Präsident ihn mit seiner freundlichen sanften Stimme: „sage mir +doch recht aufrichtig, was du denn eigentlich mit deiner Hand in meiner +Tasche wolltest?“</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. Ich wollte Ihren Geldbeutel herausholen.</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Wußtest du denn nicht, daß das gestohlen sei?</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. O ja! das wußte ich sehr wohl.</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Wußtest du denn nicht, daß das Stehlen unrecht +sei?</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. Das wußte ich nicht so ganz genau; ich wußte nur, +daß man gestraft wird, wenn man sich dabei ertappen ließ und ich habe +mich niemals ertappen lassen (hier lächelte Wilhelm triumphirend).</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Machte dir denn das Stehlen Freude?</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. Ja! sehr große, besonders wenn ich es recht +geschickt anfing und wenn es mir mit großer Mühe +<span class = "pagenum">74</span> +gelang. Auch war ich froh, wenn ich etwas nach Hause brachte; und zu +Hause konnte man alles brauchen.</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Wußten denn deine Eltern, daß das, was du nach +Hause brachtest, gestohlenes Gut sei?</p> + +<p>Wilhelm schwieg verlegen; er scheute sich, seine Eltern zu verrathen; +„die Eltern, sagte er, schickten mich mit der Schwester aus, um zu +betteln — es ging aber gar zu langsam, wir brachten nur wenig +zusammen, kaum genug, ein Brod zu kaufen und ich wollte doch auch +manchmal ein Stückchen Kuchen essen. Man sieht so schöne Sachen bei den +Conditoren am Fenster stehen, das giebt Lust zu naschen und ich fand es +ungerecht, daß die Reichen allein solche gute Sachen genießen +sollten<ins class = "correction" title = "“ fehlt">.“</ins></p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Als Gott Reiche und Arme schuf, muß er wohl sehr +weise Absichten gehabt haben. Der Arme kann übrigens reich, der Reiche +arm werden, der Arme wird aber nur reich durch Arbeit, nicht durch +Diebstahl; denn auf der Sünde ruht kein Segen. Ich will dir Mittel an +die Hand geben, die dich reich machen können, wenn du brav und arbeitsam +werden willst.</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. Ja, das will ich!</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Nun, so gieb mir die Hand darauf, daß du nie +wieder fremdes Eigenthum an dich nehmen wirst.</p> + +<p>Wilhelm versprach es.</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Auch versprich mir nie zu lügen.</p> + +<span class = "pagenum">76</span> +<p>Wilhelm versprach es auch.</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. So will ich dich in eine Schule bringen, wo du +erzogen und unterrichtet wirst; dann laß ich dir ein Handwerk lernen, +welches dich ernähren kann, und du kannst dir eins wählen.</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. Ich möchte gern Bäcker oder Conditor werden.</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Haha! wohl wegen der guten Kuchen.</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. Ich meine, es muß eine Freude sein, das bereiten zu +können, was so vielen Leuten gut schmeckt.</p> + +<p><em>Präsiden</em>t. Brav, mein Junge; es ist recht, wenn man nicht +blos an sich selbst, sondern auch an Andere denkt. Bist du mir noch +böse, daß ich dir den Arm in meiner Tasche zerbrach<ins class = +"correction" title = "Fehler ».« für »?« ?">. </ins>Ich kann in meiner +eignen Tasche doch machen, was ich will, und was sich unberufen hinein +verirrt, muß sich alles gefallen lassen.</p> + +<p><em>Wilhel</em>m. Ich bin jetzt recht froh, daß Sie mir den Arm +zerbrachen und ich will Ihnen immer recht dankbar dafür sein, wenn Sie +mir etwas Tüchtiges lernen lassen.</p> + +<p>Als der Präsident eines Tages der kleinen Prinzessin begegnete, +fragte diese:</p> + +<p>„Was macht der kleine böse Junge?“</p> + +<p>„Er ist kein böser Junge mehr,“ antwortete der Präsident, „und es +würde gar keine bösen Jungen in der Welt geben, wenn die Eltern nicht +böse wären.“ Er erzählte hierauf, wie Wilhelm erzogen worden und daß er +noch +<span class = "pagenum">77</span> +andere Geschwister habe. Die Prinzessin frug nun, ob diese auch so böse +wären? Man ließ sich nach ihnen erkundigen und hörte bald nur Gutes von +Dorothea; die Prinzessin ließ sie kleiden und in eine Strick- und +Nähschule schicken. Die kleine Hanne wurde aber in einer +Klein-Kinderbewahrschule untergebracht, wo sie beten, singen, stricken +und hübsche Verschen lernte; man hielt sie auch dazu an, sich die Nase +zu putzen und die Hände zu waschen, was sie zu Hause nicht nöthig hatte; +auch mußte sie hübsch sittsam sein. Der Präsident sagte: auf solche +Weise rette man die Kinder von dem Verderben, und führe ihre Seelen dem +Himmel zu.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">78</span> +<h4><a name = "kap10" id = "kap10">Kapitel 10.</a><br> +<span class = "title">Das große Abenteuer.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Verliere den Muth nicht in Gefahr,</p> +<p>Gott wacht und schützt dich immerdar.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Täglich besuchte die Prinzessin den Löwen und brachte eine Stunde in +der Menagerie zu. Sie war dem Thier sehr dankbar, daß er ihr Kätzchen +nicht gefressen hatte, und wollte ihm ihre Erkenntlichkeit beweisen, +indem sie ihm alle Tage einige Pfund Fleisch brachte. Dieses Fleisch war +hübsch in Stücken geschnitten und auf Papier in einem zierlichen +Körbchen geborgen, welches der Bediente ihr nachtrug. Die Fleischstücken +reichte sie selbst dem Löwen durch das Gitter und sie machte es dabei +nicht wie der +<span class = "pagenum">79</span> +Menageriebesitzer bei der Fütterung, welcher ihm das Fleisch, nachdem er +es gereicht hatte, mit dem eisernen Haken so oft wieder entzog, um ihn +recht böse zu machen und den Zuschauern ein Beispiel seiner +bestialischen Wuth zu geben. Nein, sie reichte es dem Löwen recht +schnell und ohne sich zu fürchten. Der Löwe kannte auch bald seine +kleine Wohlthäterin, besonders wenn sie Rosaurus mitbrachte, der ihr +gewöhnlich auf der Schulter saß. Wenn sie mit ihrem Gefolge eintrat, +legte er sich ganz sanftmüthig vor das Gitter nieder und empfing dankbar +sein Geschenk; dabei pflegte er mit Rosaurus um die Wette zu +schnurren.</p> + +<p>Im Sommer bewohnte die Prinzessin ein Lustschlößchen in einer kleinen +Entfernung von der Stadt; dort durfte sie recht lustig herumspringen und +recht wenig Stunden haben. Damit sie ihre Gespielinnen nicht entbehre, +wurde Lisi mitgenommen. Joly und Rosaurus durften natürlich nicht +fehlen. Das Schlößchen war von einem hübschen Garten umgeben und an den +Garten stieß ein kleiner Wald. Die Kinder durften sich darin nach +Belieben ergehen und erfreueten sich des Landlebens, indem sie Blumen +suchten, Kränze banden oder Seifenblasen machten. Letztere unterhielten +besonders Rosaurus recht gut, welcher immer danach haschte und sehr +verwundert war, wenn sie unter seinen Sammetpfötchen zerplatzten. Joly +war ebenfalls sehr verlegen, wenn die Kinder ihm ihre Seifenblasen auf +die Nase zerplatzen ließen; er bellte dieselben oft an, zog das +<span class = "pagenum">80</span> +Schwänzchen ein und riß vor ihnen aus. Uebrigens vertrug er sich viel +besser als im Anfang mit Rosaurus. Obgleich sich wohl dann und wann bei +Freßgelegenheiten ein Streit zwischen Beiden erhob wegen des Mein und +Dein, so konnten sie doch recht oft niedlich zusammenspielen. +— Rosaurus mochte wohl einsehen, daß Joly im Vergleich mit +dem Pudel Kartusch ein sehr wohl erzogener und höflicher Hund sei.</p> + +<p>Eines Tages saß die Prinzessin mit Lisi und Mlle. Gogo am Rand des +Wäldchens auf weichem Rasen und flochten Kränze; Joly und Rosaurus +spielten neben ihnen und sie sprachen, wie das häufig geschah, vom +großen Löwen, den sie erst gestern besucht hatten. Die Prinzessin lobte +ihn abermals, daß er dem Rosaurus nichts zu Leid gethan, worauf Lisi +sagte:</p> + +<p>„Ich habe neulich gelesen, daß der Löwe, obgleich er eigentlich die +Einsamkeit liebt, sich doch leicht an andere Thiere gewöhnen und mit +ihnen freundlich verkehren kann. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab +es in Paris im Jardin des plantes eine Löwin, Namens Constantine, welche +während mehrerer Jahre mit einem kleinen Spitz sehr glücklich lebte. Man +hatte letzteren, welcher weiß und schwarz war, in ihren Käfig geworfen, +und er hatte sich, an allen Gliedern zitternd, in einen Winkel +verkrochen. Die Löwin erhob sich langsam, brüllte mit dumpfer Stimme und +näherte sich dem armen kleinen Thier, welches ein klägliches Geschrei +<span class = "pagenum">81</span> +ausstieß und eine flehende Stellung anzunehmen schien. Sein +verzweiflungsvoller Blick schien die Löwin zu rühren; denn sie legte +sich ruhig nieder, ohne ihm wehe zu thun. Als man bei der Fütterung +Constantine ihre Nahrung gab, ließ sie etwas für den Spitz übrig; er +aber wagte nicht irgend etwas davon zu berühren; ja der größte Hunger +würde ihn nicht vermocht haben, seinen dunkeln Winkel zu verlassen. Am +nächsten Tage fürchtete er sich weniger und entschloß sich, das zu +verzehren, was die Löwin für ihn übrig gelassen hatte. Am zweiten Tag +wagte er es, aus dem Winkel hervorzukriechen und gleich nach der Löwin +zu speisen. Nach acht Tagen erlaubte er der Löwin nicht eher zu fressen, +als bis er selbst sich gesättigt hatte, und wenn sie es wagte, sich +früher dem Fleisch zu nähern, so sprang der Spitz ihr wüthend in’s +Gesicht und biß sie mit allen Kräften.</p> + +<p>Im Herbst, als es kalt und feucht wurde, brachte der Spitz die Nächte +zwischen den Beinen der Löwin zu, um warm zu liegen, was sie ebenfalls +willig geschehen ließ. Zum Dank dafür biß er sie eines Tages in einem +Anfall von Wuth dermaßen in den Schwanz, daß das Blut strömte und sie +zeitlebens eine Narbe behielt. — Nach einigen Jahren starb +der Spitz an Altersschwäche und Constantine schien untröstlich über +diesen Verlust. Man gab ihr verschiedene andere Hunde, die sie alle +erwürgte; endlich ließ sie den einen am Leben, aber sie zeigte demselben +nur die +<span class = "pagenum">82</span> +größte Gleichgiltigkeit und erwies ihm nie eine Gefälligkeit. Sie starb +auch bald darauf, wie man meinte, aus Sehnsucht nach ihrem bösen +Spitz.“</p> + +<p>Als Lisi kaum diese Geschichte vollendet hatte, begann Joly zu +bellen, und es erschienen drei wunderliche Wesen, welche unter dem +Gestrüpp hervorgekrochen kamen; es waren drei Affen. Die Affenmutter +trug ihr Kleines, welches krank zu sein schien; die Thiere nahten sich +zutraulich und fletschten die Zähne, und hielten die Hände flehend den +Kindern hin, die sie vielleicht erkannten, weil sie sie öfters gesehen +hatten, denn diese Affen gehörten zu der Menagerie; gewiß waren sie +entsprungen. — Die Prinzessin ließ sogleich Milch und Semmel +für sie bringen und mit Aepfeln und Nüssen sie in ein Zimmer locken, wo +sie eingesperrt wurden.</p> + +<p>Nach diesem Ereigniß, welches die Kinder sehr beschäftigte, da sie +sich gar nicht denken konnten, wie die Affen hatten entspringen können, +wandelten sie zusammen in den Wald. Mlle. Gogo begleitete sie aus der +Ferne, Joly und Rosaurus waren ihnen zur Seite. Letzterer schien ganz +besonders gern in dem Wald zu sein und die Prinzessin befürchtete, das +Blut, welches er in des Löwen Käfig geleckt hatte und sein Antheil an +des Löwen Mahlzeit möge in ihm böse Gelüste entwickelt haben. Jedes Mal, +wenn er einen Vogel sah, wurde er stutzig und er vermochte kaum seinen +grausamen Appetit unter einer gleißnerischen Freundlichkeit zu +verbergen. Die Prinzessin pflegte ihn deshalb +<span class = "pagenum">83</span> +an einem rosarothen Atlasband zu befestigen und so an ihrer Seite zu +halten, in der Hoffnung, ihn von seinen sündhaften Begierden zu heilen +und ihm gute Gewohnheiten zu geben.</p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/pic5.jpg" width = "440" height = "560" +alt = "Marie, Lisi und Rosaurus treffen den Löwe im Wald"> +</p> + +<p class = "caption"> +Das große Abenteuer.</p> + +<p>Als die Kinder nun eine ziemliche Strecke in dem Walde zurückgelegt +hatten und Lisi meinte, sie müßten zurückkehren, indem sie Mlle. Gogo +ganz aus dem Gesicht verloren habe, da vernahmen sie ein ungewohntes +Knistern im Dickicht; die Zweige bogen sich und knickten; Rosaurus +spitzte die Ohren und Joly zog den Schwanz ein und floh eilend dem +Schloß zu. Den Kindern fing es an ganz unheimlich zu werden, sie wußten +nicht warum, und doch blieben sie stehen und blickten regungslos nach +der Stelle, woher das Geräusch kam.</p> + +<p>Aber welch ein Schreck durchrieselte ihre Glieder, als das Gebüsch +sich theilte und niemand anders als der Löwe hervortrat; sehr feierlich +und behutsam blickte er um sich her und schritt mit wahrhaft +majestätischem Anstand auf die Kinder zu. Beiden schlug das Herz heftig +und Lisi war so erschrocken, daß sie in Ohnmacht fiel. Die kleine +Prinzessin verlor aber nicht die Gegenwart ihres Geistes, und im +Vertrauen auf ihre alte Bekanntschaft nahm sie Rosaurus auf die Schulter +und blieb vor der ohnmächtigen Lisi stehen. Der Löwe kam näher; er sah +gar nicht grimmig aus, sondern wedelte freundlich mit dem Riesenschweif +und legte sich dann vor der Prinzessin nieder. Diese nahm +<span class = "pagenum">74</span> +ihren ganzen Muth zusammen, schaute dem Thier in die Augen und sprach +einige freundliche Worte zu ihm, wie sie es gethan, wenn sie ihm Fleisch +in den Käfig brachte.</p> + +<p>Plötzlich aber vernahm man im Gebüsch Hundegebell und menschliche +Tritte. Der Löwe horchte, sprang erschrocken auf und stürzte der andern +Seite des Waldes zu; da fand er aber Hindernisse. Dichtes Gebüsch hemmte +seine Flucht. Jäger kamen herbei und nahten auf Schußweite; vier Schüsse +krachten auf ein Mal und wohlgetroffen, mit furchtbarem kläglichen +Gebrüll fiel das edle Thier nieder und wälzte sich in seinem Blute. +Niemand wagte es, sich dem König der Thiere während seines Todeskampfes +zu nähern. — Die Prinzessin aber wandte sich der ohnmächtigen +Freundin zu, welche mit Hilfe der herbeigeeilten Mlle. Gogo auch bald +wieder zu sich kam.</p> + +<p>Wie aber hatte der große Löwe den Käfig durchbrechen und in den Wald +gelangen können?</p> + +<p>In der vorhergehenden Nacht waren durch die Kohlen eines +Bratwurstfeuers unter andern Buden auch die Menagerie in Brand gerathen. +Das trockene Holz des Gerüstes hatte rasch die Flammen verbreitet, +welche allen Löschungsversuchen des Menageriebesitzers trotzten. Die +Thiere stießen die schrecklichsten Töne aus; sie liefen angsterfüllt in +ihren Käfigen umher; die Papageien schlugen mit den Flügeln, die Affen +sprangen herum und schrieen wie die kleinen Kinder; aber die Raubthiere +waren fürchterlich. +<span class = "pagenum">75</span> +Der Tiger fletschte die Zähne, indem er sich in den Hintergrund des +Käfigs zurückzog, er schien das feindliche Element auffressen zu wollen; +— trostlos sprang der Eisbär in seinem Gefängniß hin und her; die +Hitze erschien ihm unerträglich, und als sein schöner weißer Pelz Feuer +fing, da meinte man, die ganze Welt müsse untergehen, so tief und +trostlos war sein Brummen. Der Panther und der Luchs versuchten an den +eisernen Stäben empor zu klettern, sie klammerten sich fest daran, bis +dieselben glühend wurden; heulend ließen sie dann los von ihrem Halten +und fielen auf den Boden des Käfigs herab, wo sie in gewaltigem +Todeszucken im Rauch erstickten und dann verbrannten.</p> + +<p>Als der Menageriebesitzer sah, daß er das Feuer nicht mehr löschen +konnte, war er darauf bedacht, wenigstens einige seiner Prachtstücken zu +retten, und er versuchte den Wagen, worauf der Käfig des Löwen stand, +aus der Wagenreihe herauszuziehen; dabei fiel derselbe aber um, die Thür +sprang durch die Erschütterung auf und der vom Feuer und Todesangst +wilde Löwe kam heraus. Das Thier war keineswegs wüthend, als es seine +Freiheit erlangte, im Gegentheil war es schüchtern und furchtsam und es +wäre dem Menageriebesitzer ein Leichtes gewesen, es wieder +einzuschließen, wenn er nicht selbst unter dem umgestürzten Wagen +gelegen hätte. Ehe er sich unter demselben hervorhelfen konnte, war der +Löwe langsamen Schrittes durch +<span class = "pagenum">86</span> +die schreiende und fliehende Menschenmenge, die das Feuer herbeigelockt +hatte, dem Walde zugeschritten. Er hatte sich sogar einige Mal sehr +würdevoll umgeschaut und als er die Feuerflamme sich noch ein Mal +betrachtet hatte, war er zögernd in das Dickicht verschwunden.</p> + +<p>Nachdem der Menageriebesitzer noch einige andere Thiere in Sicherheit +gebracht hatte, war er seinem Löwen in den Wald gefolgt in der Hoffnung, +ihn zurückzulocken; derselbe hatte aber seitdem die Bekanntschaft einer +Schafheerde gemacht und einen Hammel verspeist. Dadurch war ihm der Sinn +für die Freiheit aufgegangen; sein Instinkt war erwacht und er gehorchte +nicht mehr der bekannten Stimme, sondern entfernte sich von dem rufenden +Herrn in würdevollem Schritt.</p> + +<p>Man erzählte nun, der Löwe habe auch ein Kind erwürgt und die Polizei +hielt es demnach für ihre Pflicht, sich in die Sache zu mischen. Trotz +den dringenden Bitten des Menageriebesitzers, der so gern seinen Löwen +erhalten wollte, wurden Jäger ausgeschickt, um den gefährlichen Gast der +Wälder und Felder zu erlegen, damit derselbe kein weiteres Unheil +anrichten könne.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">87</span> +<h4><a name = "kap11" id = "kap11">Kapitel 11.</a><br> +<span class = "title">Aus der Naturgeschichte des Löwen.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Und herein mit bedächtigem Schritt</p> +<p>Ein Löwe tritt.</p> +<p>Er sieht sich stumm</p> +<p>Ringsum</p> +<p>Mit langem Gähnen.</p> +<p>Er schüttelt die Mähnen.</p> +<p>Und legt sich nieder.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Als der letzte Lebensfunke des Löwen verlöscht war, kam der +Menageriebesitzer herbei; er warf sich über die Leiche seines +Prachtstückes und weinte laut. Mit seinen Thieren hatte der arme Mann +sein Vermögen verloren. Die kleine Prinzessin erbot sich, ihm die Haut +des Löwen abzukaufen, sie wollte dieselbe ausstopfen lassen und im +<span class = "pagenum">88</span> +Lustschlößchen aufstellen, da ein in dessen Umgegend erschossener Löwe +gewiß zu den Seltenheiten gehöre; dann lud sie den betrübten Mann ein, +seine Affen in Empfang zu nehmen, deren Erscheinen man sich jetzt +erklären konnte. Jetzt bemerkte man auch, daß das kleine Aeffchen an +Brandwunden leide und man verband es mit kühlender Salbe, wobei es ganz +still hielt.</p> + +<p>Sodann lud man den Menageriebesitzer ein, den Thee mit der Prinzessin +zu trinken; die Kinder gedachten an ihn viele Fragen über seine Thiere +zu thun und sich zu erkundigen, wie er sie erhalten habe.</p> + +<p>„Den Löwen,“ erzählte er, „habe ich, als er noch ganz klein war, +einem Araber abgekauft. Der Araber hatte nämlich ausfindig gemacht, daß +ein Löwenpaar in einer Höhle seine Jungen groß ziehe. Die Löwen pflegen +nun niemals ihre Jungen allein zu lassen und wachen deshalb abwechselnd +bei ihnen. Wenn die Löwin die Wache hat, ist sie stets mit ihren Kleinen +beschäftigt; der Löwe aber, welcher meist müde von der Jagd nach Hause +kommt, benutzt die Zeit der Beaufsichtigung, um zu schlafen, und da +schläft er oft sehr fest mit den Kleinen um die Wette. Diesen Augenblick +hatte der Araber nun von einem nahen Baume erlauert; als die Löwin +einige Minuten fort war, kletterte er herab, kroch in die Höhle und nahm +zwei kleine Löwen, die er in seinen Busen barg; sie winselten etwas und +der Vater knurrte im Schlafe so stark, daß der Araber schon +<span class = "pagenum">89</span> +meinte, er sei verloren; er eilte so schnell als möglich fort nach einer +Stelle auf einem Hügel, wo ein Pferd seiner wartete; er hatte solches +indeß noch nicht erreicht, als er die Löwin hinter sich her kommen sah +mit dem Ausdruck und dem Gebrüll der höchsten Wuth. In großen Sätzen +durchras’te sie das Thal und der Araber wäre verloren gewesen, wenn er +nicht die Gegenwart des Geistes gehabt hätte, eines der kleinen Löwen +niederzulegen, so daß die Mutter es finden mußte. Dann bestieg er das +Pferd und jagte davon. Als er mir den jungen Löwen brachte, hatte +derselbe ihn mit scharfen Krallen die Brust zerkratzt, so daß das Blut +in Strömen herabrieselte. Ich mußte dem Araber viel Geld für den jungen +Löwen zahlen und hatte dann noch große Mühe, ehe ich ihn groß brachte; +da können Sie es sich wohl denken, wie sehr es mich betrübt, das schöne +Thier nun verloren zu haben.“ Thränen strömten seinen Wangen herab; dann +erzählte er weiter:</p> + +<p>„Es ist schon so viel von den Gewohnheiten des Löwen erzählt worden +und dennoch giebt es noch manchen wenig bekannten Zug in seiner +Lebensweise. Wenn der Löwe in Gesellschaft jagt, so wird der älteste +immer zuerst das Wild anfallen. Ist er so glücklich, dasselbe zu +erlegen, so streckt er sich während einer Viertelstunde an dessen Seite +nieder, um wieder zu Odem zu kommen, und seine Gefährten lagern sich um +ihn her. Hat er sich genugsam ausgeruht, so erhebt er sich und verzehrt +den Bauch und die Brust des +<span class = "pagenum">90</span> +getödteten Thieres; das sind die Lieblingsbissen des Löwen. Sodann legt +er sich abermals nieder, ohne daß seine Gefährten oder seine Jungen sich +die geringste Bewegung erlauben. Erst wenn sein Hunger vollständig +befriedigt ist, fallen sie über das getödtete Thier her und zerfleischen +es. So auch wenn ein junger Löwe auf der Jagd glücklich war, und ein +alter ihm naht, wird er sich stets zurückziehen und warten bis der alte +seine Mahlzeit vollendet hat.“</p> + +<p>„Ich beobachtete einst einen großen Löwen, welcher im Gebüsch lag, +und verschiedene Mal seinen ungeheuren Satz nach einem alten Baumstamm +richtete, gleichsam um Kräfte und Blick zu üben.“</p> + +<p>„Ich kannte in Bethanien einen Mann, welcher auf einer Fußreise nach +einer Quelle einlenkte, wo er eine Gazelle zu erlegen hoffte. Die Sonne +stand schon ziemlich hoch, als er diese Quelle erreichte; da er kein +Wild bemerkte, legte er die Flinte auf einen, von wildem Dorngebüsch +beschatteten Felsen, erfrischte sich mit einem kühlen Trunk an der +Quelle und streckte sich dann auf dem Felsen nieder, wo er, nachdem er +seine Pfeife geraucht hatte, einschlief. Bald darauf erweckte ihn indeß +die Hitze der Sonne, welche die Felsenwände zurückstrahlte, und als er +die Augen aufschlug, erblickte er zu seinen Füßen einen großen Löwen, +welcher in liegender Stellung seine glühenden Augen auf ihn gerichtet +hatte. Er blieb einige Augenblicke regungslos, bis er seine +Geistesgegenwart wieder erhielt; verstohlen +<span class = "pagenum">91</span> +blickte er nach seiner Flinte und machte eine Bewegung dieselbe zu +ergreifen. Dem Löwen entging solches indeß nicht, er richtete das Haupt +empor und erhob ein furchtbares Gebrüll. Zu verschiedenen Malen +erneuerte der arme Mann den Versuch seine Waffen zu fassen und jedes Mal +drohte ihm der wüthende Löwe von Neuem mit seinem Gebrüll. Die Lage des +Hottentotten wurde immer peinlicher; der Felsen, worauf er lag, ward so +heiß, daß er kaum seine nackten Füße darauf konnte ruhen lassen. Tag und +Nacht verstrichen, ohne daß der Löwe seine Lage gewechselt hätte. +Abermal ging die Sonne empor und die Gluth ihrer Strahlen ward bald so +heftig, daß die schmerzhaften Füße ganz gefühllos wurden. Gegen Mitte +des Tages erhob sich der Löwe und begab sich an die Quelle, indem er bei +jedem Schritt den Kopf umdrehte, um seinen Gefangenen zu bewachen; und +so bald als dieser nur die kleinste Bewegung mit der Hand machte, drohte +das Thier über ihn herzustürzen; als es getrunken hatte, legte es sich +wieder an seinen Platz und es verstrich eine zweite Nacht, ohne daß sich +das Auge des Königs der Wälder von dem armen Hottentotten abwandte.“</p> + +<p>„Am nächsten Morgen erhob sich der Löwe abermals, um seinen Durst zu +löschen, als ein fernes Geräusch sein Ohr erreichte; er horchte auf und +verschwand im Gebüsch.“</p> + +<p>„Der Hottentotte nahm alle seine Kräfte zusammen, um seine Flinte zu +ergreifen, und wollte sich, nachdem dieses +<span class = "pagenum">92</span> +ihm gelungen, aufrichten, fiel aber wieder nieder, da seine Füße ihn +nicht tragen konnten. Mit der Flinte kroch er an die Quelle und trank in +langen Zügen; dann erst betrachtete er seine Füße und entdeckte, daß +seine Zehen ganz verbrannt waren. Er setzte sich nieder, um die Rückkehr +des Löwen zu erwarten, entschlossen, sein Gewehr in dessen Hirn zu +entladen, da er ihn aber nicht zurückkehren sah, begann er auf allen +Vieren den Weg nach seiner Wohnung einzuschlagen, in der Hoffnung einem +Reisenden zu begegnen, der ihm weiter helfe, was auch geschah; man +brachte ihn an einen sichern Ort, wo er gepflegt werden konnte. Er +verlor indeß die Zehen und konnte niemals wieder sich des vollständigen +Gebrauchs seiner Füße erfreuen.“</p> + +<p>„Der Löwe ist beim Fressen, wenn er Hunger hat, sehr grimmig, +gesättigt ist er aber ganz mild. Bei der Jagd ergreift er nie offenbar +die Flucht oder zeigt Furcht. Sucht er auch wegen der Menge der Jäger +sich zu entfernen, so weicht er doch nur langsam und Schritt vor Schritt +und wendet sich von Zeit zu Zeit um. Erreicht er einen Wald, so flieht +er schnell, bis er wieder ins Freie kommt; dann geht er wieder +schrittweis, oder wird er zu sehr gedrängt auch laufend, aber nie +springend. Er läuft wie ein Hund, gerade und vorgestreckt fort; will er +aber selbst angreifen, so springt er auf den Raub, sobald er ihm nahe +ist. Auch ist es wahr, daß er das Feuer fürchtet. +<span class = "pagenum">93</span> +Er hat keine besondere Vorliebe für Menschenfleisch, und zieht jedes +andere demselben vor. Nur wenn er zu alt ist, um Jagd auf die Thiere zu +machen, nähert er sich gern den Städten und fängt Kinder zu seiner +Nahrung. Er giebt den Hottentotten immer den Vorzug vor den weißen +Menschen, vielleicht weil sie unbekleidet sind; er durchbricht oft die +Reihen der Jäger, um sich das erwählte Opfer heraus zu suchen. +— Wenn der Löwe alt wird, verliert er die Zähne; dann hat er +wenig Muth und man sah einen Löwen, der vor einem Schweine floh, welches +sich wehrte und die Borsten gegen ihn sträubte. Er kann übrigens viele +Pfeilschüsse aushalten, nur nicht in den Weichen. Am Kopf ist er am +festesten. In Lybien glaubt man, er verstehe das Flehen der Frauen. Eine +Gefangene, welche mit ihrem Kind am Wege stand, sah plötzlich einen +Löwen vor sich liegen; da warf sie sich im Schrecken vor ihm nieder und +bat ihn jammernd, sie und ihr Kind zu verschonen, da soll er +aufgestanden und fortgegangen sein. Die Absicht des Löwen verräth der +Schwanz; wenn sich derselbe nicht bewegt, so ist das Thier guter Laune. +Ist es das nicht, so schlägt er mit dem Schweif auf die Erde, und bei +wachsender Wuth sich selbst auf den Rücken, gleichsam als wollte er +seinen Zorn dadurch noch mehr reizen. Kämpft die Löwin für ihre Jungen, +so heftet sie die Augen auf den Boden, um nicht vor den Waffen zu +erschrecken. Wenn man indeß dem Löwen eine Decke über Kopf und Augen +<span class = "pagenum">94</span> +wirft, da ist seine Kraft gebrochen und man kann ihn sogar binden, so +furchtsam ist er.“</p> + +<p>„Zwei Jäger stießen plötzlich auf einen Löwen, welcher im Gras lag +und mit dem Schweif schlug; Beide sehen ein, daß es um sie geschehen +sei; als der Löwe nun auf den Einen zusprang, wich derselbe schnell aus, +packte das Thier an der Mähne und klammerte sich fest an ihn. Der Löwe +schüttelte und wälzte sich mit dem Unglücklichen, welcher endlich von +seinem Halten loslassen mußte. Schon sah er den Rachen über sich +geöffnet, als er mit beiden Händen hineinfuhr und des Löwen Zunge +packte. Während dem zielte der andere Jäger nach dem Thier und traf es +tödtlich.“</p> + +<p>„Sobald ein Pferd einen Löwen riecht, achtet es nicht mehr auf Zaum +und Gebiß, sondern reißt mit dem Reiter aus oder wirft ihn ab. Der Löwe +verfolgt indeß das Pferd und läßt den Reiter liegen.“</p> + +<p>„Als ich,“ erzählte der Menageriebesitzer, „weiter in der Nähe des +kleinen Sonntagflusses reiste, hörte ich zum ersten Mal die Löwen die +ganze Nacht hindurch brüllen. Das Brüllen besteht aus einem groben +unartikulirten Laute, der etwas Hohles hat, wie der Schall eines +Sprachrohrs. Es ist ein Mittelding zwischen U und O und scheint aus der +Erde zu kommen, so daß man die Richtung nicht errathen kann. Daher +wissen die erschreckten Thiere auch nicht, wohin sie fliehen sollen, +sondern laufen im Dunkeln +<span class = "pagenum">95</span> +hin und her und fallen dem Feind in den Rachen. Während des Brüllens +hält nämlich der Löwe das Maul gegen die Erde. An unserm Vieh konnten +wir es jedes Mal erkennen, wenn sich Löwen näherten, selbst wenn sie +nicht brüllten. Die Hunde wagten nicht einen Laut von sich zu geben, die +Ochsen und Pferde holten tief Athem und zogen langsam an den Riemen, +womit sie an die Wagen gebunden waren, legten sich auf die Erde und +standen wieder auf, als wenn sie in Todesangst wären. Die uns +begleitenden Hottentotten machten sodann Feuer, legten ihre Wurfspieße +neben sich und die Europäer luden die Flinten mit Kugeln. Obschon die +Löwen das Feuer fürchten, so wußten die Hottentotten doch Beispiele, daß +sie Menschen davon weggeholt und ganz in der Nähe aufgefressen hatten. +Sie verboten, zur Unzeit zu schießen, damit im Finstern nicht ein Mensch +getroffen werde und beschlossen, das Thier mit ihren Spießen +anzugreifen, während andere sich ihm an die Füße hängen sollten. Sie +behaupteten, daß der Löwe den Menschen, den er überwältigt und unter +sich liegen hat, nicht sogleich tödte, wofern derselbe ruhig bleibt, +sondern ihm erst später unter fürchterlichem Gebrüll einen Schlag auf +die Brust gebe. Die Hottentotten waren indeß sehr muthig und bezeigten +keine Furcht. Einer der Ochsen zeigte sich ganz besonders ängstlich, so +daß es ihm sogar vor Schreck im Leibe rumpelte; eben so benahm sich auch +ein Hengst und beide Thiere hatten noch nie einen +<span class = "pagenum">96</span> +Löwen gesehen. Dagegen scheinen die gemsenartigen Thiere ihn nicht zu +wittern, da sie an seinem Versteck oft so sorglos vorübergehen, wenn sie +an’s Wasser wollen, um ihren Durst zu löschen und dann auch meist seine +Beute werden. Will man durch Flüsse setzen, so pflegt man mit der großen +Ochsenpeitsche so laut als möglich zu klatschen, um auf diese Weise die +lauernden Löwen aus ihrem Hinterhalte zu vertreiben. Das Klatschen der +Peitsche tönt weiter als ein Flintenschuß.“</p> + +<p>„Ein Hottentotte bemerkte eines Tages am obern Sonntagsfluß, daß ihm +ein Löwe zwei Stunden lang nachschlich und schloß daraus, daß derselbe +nur die Nacht abwarte, um über ihn herzufallen. Da er nichts als einen +Stock bei sich hatte, versteckte er sich beim Einbruch der Nacht in eine +Kluft an einem Abgrund, steckte Hut und Wamms auf den Stock, den er aus +der Kluft herausragen ließ, indem er ihn von Zeit zu Zeit bewegte. Der +Löwe schlich ganz leise wie eine Katze herbei, dann sprang er auf den +Hut zu und stürzte die Felsen hinab.“</p> + +<p>„Es ist merkwürdig, daß der Löwe den Menschen gewöhnlich nur +verwundet oder eine Weile wartet, bis er ihm den tödtlichen Streich +giebt, während er die Thiere augenblicklich tödtet. So hatte einer zwei +Ochsen, als sie kaum vom Wagen ausgespannt waren, auf der Stelle den +Rücken entzwei geschlagen. Ein Mann hatte es mit seinen zwei Söhnen +gewagt, Jagd auf einen Löwen zu machen. Sie +<span class = "pagenum">97</span> +waren zu Fuß, und als der Löwe hervorstürzte, hatte er schnell Einen +ergriffen und ihn unter sich geworfen und dennoch hatten die beiden +Andern Zeit, den Löwen zu erschießen und den Unglücklichen zu retten. +Ich habe selbst einen am Backen scheußlich verwundeten Hottentotten +gesehen, dem auf einer Jagd ein Löwe bloß diesen Biß beigebracht hatte, +ohne ihm weiter etwas zu thun. Ein anderer hatte einen Mann bloß in den +Arm gebissen. Da er in der Regel keinen Widerstand begegnet, so scheint +er den Muth leicht zu verlieren, wenn man ihm dergleichen entgegensetzt. +In der Berberei, wo er die Uebermacht des Menschen mehr kennen gelernt +hat, soll er sich sogar mit Stockschlägen von Weibern und Kindern +vertreiben lassen.“</p> + +<p>„Die Stärke des Löwen ist außerordentlich. Er schleppt ein Rind im +Rachen fort, wie die Katze eine Maus und springt damit sogar über +Gräben. Ein Büffel ist ihm jedoch zu schwer. Am Buschmannsfluß sahen +zwei Bauern einmal einen Löwen, welcher einen Büffel fortschleppte; sie +vertrieben aber den Löwen, weil sie selbst Lust nach dessen Beute +hatten. Er hatte dem Büffel das Gedärm aus dem Leibe gerissen, um ihn +leichter fortschaffen zu können. Als sie das Fleisch auf den Wagen luden +und fortfuhren, sah er sich recht oft aus dem nahen Wald nach ihnen um, +ohne Zweifel nicht ohne großen Verdruß. Wenn er den Sieg über den Büffel +davon trägt, so geschieht das bloß durch Ueberfall aus einem +Hinterhalte, nicht durch freien Kampf +<span class = "pagenum">98</span> +auf dem Felde. Er springt auf ihn los, setzt ihm die Klauen an den Hals, +schlägt ihn mit der Tatze in’s Gesicht, schlingt sich um den Kopf, zieht +ihn bei den Hörnern zu Boden und sucht ihm Maul und Nase zuzudrücken, +bis er erstickt oder an seinen Wunden verblutet.“</p> + +<p>„Uebrigens wehren sich die Büffel, besonders wenn sie Kälber haben, +und ein Löwe soll von einer Heerde Kühe, welche er bei hellem Tage +angriff, todt gestoßen worden sein.“</p> + +<p>„Ein Dutzend gewöhnlicher Hofhunde werden übrigens bei Tag auch +Meister des Löwen. Sein Stolz hält ihn nämlich ab, vor ihnen zu fliehen +und er setzt sich blos hin, um sie mit den Tatzen abzuwehren, womit er +freilich 2-3 todt schlägt, aber von den andern zerrissen wird.“</p> + +<p>„Der Löwe ist viel leichter zu tödten als andere Thiere; Büffel und +große Gemsen laufen mit einem Schuß durch Bauch und Gedärme davon, der +Löwe aber bekommt gleich Erbrechen und wird unvermögend zu laufen. Der +Löwe ist übrigens eines der trägsten Raubthiere und giebt sich nicht +gern die Mühe, etwas aufzusuchen, so lange er nicht vom Hunger gedrängt +ist.“</p> + +<p>„Am Kohmiesberge, im Lande der Nomaden, wollte ein Hottentotte eine +Heerde Vieh in’s Wasser treiben, als er einen Löwen entdeckte. Er floh +mitten durch die Heerde in der Hoffnung, daß der Löwe eher ein Stück +Vieh ergreifen würde, als ihm zu folgen. Keineswegs. Der Löwe +<span class = "pagenum">99</span> +brach durch die Heerde und folgte dem Hottentotten, der jedoch noch so +glücklich war, auf einen Aloebaum zu klettern und sich hinter einen +Haufen Nester des grauen Webervogels zu verstecken. Der Löwe that einen +Sprung hinauf, verfehlte aber seinen Zweck und fiel auf den Boden. In +mürrischem Schweigen ging er um den Baum, warf dann und wann einen +schrecklichen Blick hinauf, legte sich endlich nieder und ging 24 +Stunden nicht von der Stelle. Endlich begab er sich nach der Quelle, um +seinen Durst zu löschen; der Hottentotte stieg herunter und lief nach +Haus, welches nur eine halbe Stunde entfernt war. Der Löwe folgte ihm +und kehrte erst 300 Schritt vom Hause um.“</p> + +<p>„Der Löwe greift, nach Aussage der Jäger, kein Thier und keinen +Menschen an, wenn sie nicht fliehen, ohne vorher in einer Entfernung von +zehn Schritt sich niedergelegt und seinen Sprung abgemessen zu haben. +Daher schießen die Jäger ihn nicht eher, als bis er sich gelegt hat, +weil sie dann richtig vor den Kopf treffen. — Begegnet man +unbewaffnet einem Löwen, so sind Muth und Geistesgegenwart das einzige +Rettungsmittel. Wer entflieht, ist unfehlbar verloren, wer ruhig stehen +bleibt, den greift der Löwe nicht an. Die erhabene Gestalt des Menschen +flößt ihm, vorausgesetzt, daß er den leichten Kampf mit den Menschen +noch nicht versucht hat, eher Furcht und Mißtrauen in seine eigene Kraft +ein und eine ruhige Haltung verstärkt diesen Eindruck mit jedem +Augenblick. Wenn er +<span class = "pagenum">100</span> +sich auch zum Sprung niederlegt, so wird er denselben doch nicht wagen, +wenn man ihn unbeweglich wie eine Bildsäule in’s Auge schaut. Man muß +sich hüten, durch eine unbedachtsame Bewegung Furcht zu verrathen. Der +Ausgang beweist, daß er selbst sich nicht minder gefürchtet hat als der +Mensch; denn nach einiger Zeit erhebt er sich langsam, geht unter +beständigem Umsehen einige Schritte zurück, legt sich wieder, entfernt +sich abermals in immer größeren Zwischenräumen und nimmt endlich, wenn +er ganz außer dem Wirkungskreis des Menschen gekommen zu sein glaubt, in +vollem Laufe die Flucht. Der Löwe wägt die Gefahr ab, der Panther aber +stürzt sich blindlings auf den Feind, unbekümmert, ob er siegen oder +unterliegen werde.“</p> + +<p>So erzählte der Menageriebesitzer lange den Kindern und von Zeit zu +Zeit brachen immer wieder seine Thränen aus. „O,“ sagte er betrübt, „wo +werde ich wieder einen Löwen bekommen, der so klug ist wie der meinige +und so schön Komödie spielen kann?“</p> + +<p>„Wie, Komödie?“ riefen die Kinder einstimmig.</p> + +<p>„Ja, auf einem großen Theater in Paris.“</p> + +<p>„Man erzählt nämlich eine Geschichte von einer englischen Dame, +welche nach einem andern Welttheil reisen wollte, um ihren Mann zu +besuchen. Das Schiff legte an der Küste von Afrika an, um Wasser +einzunehmen und die Frau stieg mit ihrem Kind an’s Land. Sie setzte +letzteres unter einen Baum, um einen Trunk zu holen, und +<span class = "pagenum">101</span> +als sie wieder zurückkehren wollte, erblickte sie mit Schrecken einen +Löwen, welcher um das Kind herumging, es beschnupperte und leckte. Als +das kleine Wesen über die unsanfte Berührung seiner rauhen Zunge zu +schreien begann, stutzte der Löwe und entfernte sich in ruhigem Schritt. +Die Mutter eilte nun herbei; sie hatte schon gemeint, ihren Liebling +todt oder verstümmelt zu finden, aber siehe da, er war unversehrt, und +sie sank nieder auf das Knie neben dem Kinde und dankte Gott, daß er das +Herz des Raubthiers gerührt hatte.“</p> + +<p>„Diese Geschichte wird nun als Singspiel in Paris aufgeführt und mein +Löwe spielte mit. Ich hatte ihn seit seiner frühesten Kindheit darauf +abgerichtet.“</p> + +<p><em>Prinze</em>ß. Aber, wenn er nun wild wird?</p> + +<p><em>Lis</em>i. Fürchtet sich denn das Publikum nicht?</p> + +<p>„Das Publikum weiß wohl,“ versetzte der Menageriebesitzer, „daß mein +Löwe von vier dicken Seilen gebunden ist, die man aber nicht sieht.“</p> + +<p><em>Prinze</em>ß. Das Kind ist wohl durch eine Puppe vorgestellt?</p> + +<p><em>Menageriebesitze</em>r. Nein, es ist ein lebendiges Kind.</p> + +<p><em>Prinze</em>ß. Aber welche Mutter wird ihr Kind zu so etwas +hergeben?</p> + +<p><em>Menageriebesitze</em>r. Das Kind läuft keine Gefahr, denn es +liegt unter einem Gitter von starkem Draht; dieses +<span class = "pagenum">102</span> +schützt vor des Löwen Zahn und Zunge, während es für das Publikum +unsichtbar ist.</p> + +<p>Als der Menageriebesitzer seine Erzählung beendet hatte, begab er +sich auf den Heimweg. Die Kinder aber plauderten noch lange über das +Löwenabenteuer, über den Löwen und dessen Naturgeschichte.</p> + + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">103</span> +<h4><a name = "kap12" id = "kap12">Kapitel 12.</a><br> +<span class = "title">Der Kater Rosaurus will König<br> +der Wälder werden.</span></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Hochmuth</p> +<p>Thut selten gut.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Das Kind, welches der Löwe gefressen hatte, war niemand anders als +die kleine Hanne. — Dorte hatte sie wie gewöhnlich sorgsam +angekleidet, gewaschen und gekämmt, um sie in die +Klein-Kinderbewahrschule zu bringen. Sie hatte ihr auch ein Taschentuch +mitgegeben, was sie wohl konnte, da Wilhelm deren so viel gestohlen +hatte. Hanne aber wollte nicht in die Bewahrschule gehen, sondern lieber +auf der Straße spielen; sie war noch immer ein ungehorsames +<span class = "pagenum">104</span> +Kind, und als die Schwester mit ihr auf dem Wege war, riß sie sich los +von deren Halten und lief weg. Sie hatte sich im nahen Gebüsch +verstecken wollen, bis Dorte selbst in die Schule gehen mußte; dann wäre +sie während mehrer Stunden ganz ohne Aufsicht gewesen. Hannchen wußte +nicht, daß man nicht davon laufen müsse vor dem Löwen, und als sie das +große Thier erblickte, war sie trotz ihrem Schrecken auf nichts als auf +ihre Flucht bedacht. Sie riß aus, so schnell die vor Angst zitternden +Füße sie tragen konnten, — aber der Löwe hatte sie mit zwei +Sprüngen erreicht; er mußte noch hungrig sein trotz des erlegten Schafs, +bei dessen Verzehren seine Verfolger ihn gestört hatten. Mit seiner +großen Tatze schlug er das Kind zu Boden und bald war sie mit Haut und +Haaren verspeist.</p> + +<p>Der Ungehorsam wird immer bestraft, auch wenn keine Löwen frei im +Walde herum laufen! —</p> + +<p>Der große Löwe wurde nun ausgestopft und im Lustschloß der Prinzessin +aufgestellt. Er stand im Hausplatz, und wer zur Hausthür hereintrat, +bewunderte das schöne Thier. Rosaurus erfreute sich ganz besonders an +demselben; er kletterte an dem Schwanz hinauf, setzte sich auf des Löwen +Kopf, zaußte in dessen Mähnen herum und ergötzte durch seine +wunderlichen Sprünge und Geberden die Prinzessin und deren +Freundinnen.</p> + +<p>Wenn Rosaurus auf des Löwen Haupte saß, so kamen ihm oft wunderliche +Gedanken; es war, als ob der Muth +<span class = "pagenum">105</span> +des großen Todten ihm durch die Glieder ströme, er bekam Lust, auch ein +König der Wälder zu werden. „Ich verbringe“, sagte Rosaurus zu sich +selbst, „hier meine Tage in Müßiggang; wenn ich durch meine Sprünge eine +lachlustige Jugend unterhalte, so habe ich meinen Beruf erfüllt. Ich +führe eigentlich ein wahres Schlaraffenleben; mir fliegen, so zu sagen, +die gebratenen Tauben in den Mund, während die Natur mir List und +Geschicklichkeit verliehen hat, sie lebendig zu fangen. Ich hänge ab von +den Launen einer kleinen Prinzessin, ich bin gebannt auf die weichen +Teppiche der fürstlichen Zimmer, während die ganze große Welt mir offen +steht und Millionen von Mäusen herumlaufen, die eigentlich nur für mich +geschaffen sind. Ich bin ein Sklave und könnte so gut frei sein. Im +Wald, wo alle Thiere froh und vergnügt herumklettern, muß ich allein +Fesseln tragen und werde an einem rosa Atlasband gehalten. Nein! das +geht nicht länger so. Ich bin zwar noch nicht ein ganz großer +ausgewachsener Kater, aber ich fühle doch schon Kraft und Muth genug, um +meine goldenen Fesseln zu brechen und mich selbst zu ernähren; ich will +ein freier Kater sein!“</p> + +<p>Nach diesen Betrachtungen erwartete Rosaurus nur die Gelegenheit, aus +dem Lustschloß zu entkommen, die sich auch leicht fand, da das erste +offene Fenster im Parterre ihm zu seiner Flucht behülflich war; er +bewerkstelligte dieselbe am frühen Morgen, und eilte sogleich, aus +Furcht, daß man +<span class = "pagenum">106</span> +ihn bald einfangen würde, in den tiefsten Wald. Er hatte noch kein +Frühstück genossen und freute sich, dasselbe zum ersten Mal in seinem +Leben sich selbst zu erwerben. — In den Gipfeln der Bäume +erblickte er Nester; das Wasser lief ihm in dem Mund zusammen beim +Gedanken an die zarten Vögelchen, die er knacken wollte; aber ach! als +er die Bäume erklettert hatte, fand er die Nester leer, es war die +Brutzeit vorüber. Nachdem er zu verschiedenen Malen auf ähnliche Weise +getäuscht worden, nahm er sich vor, lieber den Mäusen nachzugehen. Er +wußte sehr wenig Bescheid im Wald, kannte also nicht die mäusereichen +Distrikte und hielt es für das Beste, sich auf die Lauer zu legen. Es +war ein starker Thau gefallen und Rosaurus hatte ganz nasse Füße +bekommen; er suchte also ein trockenes Plätzchen unter einem großen +Baum, wo mehrere Mäuselöcher ihm einige Hoffnung auf Erfüllung seiner +Wünsche eröffneten; dort leckte er seine Pfötchen, putzte sich das Kinn, +und machte eine sehr sorgfältige Toilette, denn er meinte, ein freier +Kater müsse auch auf eine anständige Weise einhergehen.</p> + +<p>Während dieser Beschäftigung hörte er etwas neben sich rascheln +— „eine Maus“, dachte er — aber nein, es war ein anderes +niedliches Thier. — Gelb der Rücken und weiß die Brust, +zierlich der Bau. Es war ein Wiesel. Beide Thiere freuten sich, +Bekanntschaft mit einander zu machen; sie schlossen Freundschaft. +— „Lieber Freund“, sagte das Wiesel,<ins class = "correction" +title = "„ fehlt"> „</ins>wenn du mich lieb hast, so entferne dich von +hier; +<span class = "pagenum">107</span> +wir befinden uns auf <em>meinem</em> Mäuserevier; ich habe noch nicht +gefrühstückt und wenn mein Wild dich so schön schnurren hört, da bleibt +es in den Höhlen — vergieb — mit Freunden macht man nicht +Umstände.“</p> + +<p>Rosaurus hatte gemeint, alle Mäuse wären nur für ihn geschaffen und +siehe, da war ein Nebenbuhler; schnell eilte er nach einem andern Platz; +die Sonne hatte den Thau getrocknet und er schlich im zarten Grase so +leise und weich einher, wie auf dem fürstlichen Teppich. „Hier ist mir +gewiß das Glück hold“, dachte er. Da bemerkte er plötzlich ein +wunderliches Geschöpf; es war ein rundes, ganz mit Stacheln bedecktes +Thier, welches einen sehr kleinen Kopf und sehr kurze Füße hatte; es war +ein Igel. „Was willst du?“ frug derselbe mit sanfter Stimme; „du weißt +wohl nicht, daß du hier auf meinem Mäuserevier bist; habe die Güte, dich +zu entfernen, denn mich hungert’s. Ich laure schon den ganzen Morgen +vergebens auf ein Frühstück.“</p> + +<p>Rosaurus eilte weiter; er war sehr hungrig; an einem Bergabhang +hoffte er Schutz vor den heißen Strahlen der Sonne und eine Maus zu +finden. Kaum dort angelangt aber vernahm er eine tiefe grobe Stimme, +welche aus einer Höhle hervortönte, und die mit scharfen Zähnen +versehene Schnauze eines Fuchses ließ sich sehen. — „Mach, +daß du fort kommst, du mauselustiges Thier; das Mäusenest in der Nähe +habe ich nicht etwa so lange für dich aufgespart; +<span class = "pagenum">108</span> +wenn ich kein besseres Mahl erwischen kann, so sollen dessen Bewohner +mir gar nicht übel schmecken. Der Hunger ist der beste Koch!“</p> + +<p>Rosaurus schlich betrübt weiter; er, der gemeint hatte, die Mäuse +wären nur für die Katzen geschaffen, er fand nun, daß noch so viele +andere Thiere auf diese Speise angewiesen waren. — Sein Muth +sank immer mehr; als er müde sich auf einen Baumstummel setzte, vernahm +er ein klägliches Schreien — ein Sperber hatte eine Maus gefangen +und verzehrte dieselbe auf einem benachbarten Zweig.</p> + +<p>Der Abend brach ein und Rosaurus war noch nüchtern. Es war dunkle +Nacht und dichte Wolken hatten sich über dem Himmel gelagert und +verhüllten Mond und Sterne; ein fernes Donnern ließ sich vernehmen und +Rosaurus suchte Obdach hinter der verfallenen Mauer eines alten Thurmes. +„Vielleicht läuft mir ein Mäuschen in den Weg, welches Schutz sucht, wie +ich.“ — So dachte Rosaurus und sollte abermals getäuscht werden. +Eine große Eule hatte dort ihr Nest aufgeschlagen und Rosaurus fühlte +plötzlich den krummen Schnabel auf seinem Rücken. Die Eulen hassen die +Katzen von Natur, weil sie von Mäusen leben, wie sie selbst; diese hier +hatte noch obendrein Junge, denen Rosaurus gefährlich werden konnte.</p> + +<p>Erschrocken eilte der arme Kater von dannen; die Eule hatte ihm eine +tiefe Wunde auf dem rechten Schenkel beigebracht und diese schmerzte. +Der Regen strömte herab und +<span class = "pagenum">109</span> +Rosaurus befand sich auf freiem Feld; — er fühlte sich sehr +unglücklich. Was war aus seinen Träumen von Freiheit geworden? er, +welcher ein König der Thiere hatte werden wollen, was war er jetzt? Ein +gedemüthigtes nasses Kätzchen, ohne Obdach, ohne Speise, das sich nicht +mehr nach Hause finden konnte. Ach, er mochte wohl sehr weit von Hause +entfernt sein; wie war er müde! Er streckte sich ins nasse Gras und sein +klägliches Miau mußte alle Mäuse verscheuchen, wenn der Regen das nicht +schon gethan hätte. — Zuletzt verstummte auch dieses Miau; +Rosaurus lag erstarrt und ohnmächtig und alles Bewußtsein war von ihm +geschwunden. Armer Rosaurus! das war ein schreckliches Ende seines +ehrgeizigen Strebens.</p> + +<p>Die Nacht war vorbei, der Regen hatte aufgehört, die Sonne ging auf, +die Vögel zwitscherten, die Regenwürmer krochen hervor; die Feldmäuschen +streckten ihr spitzig Näschen aus den Löchern, aber Rosaurus merkte +nichts davon. Da kam ein kleines Mädchen daher, es war Dortchen, welche +Etwas nach dem fürstlichen Lustschloß zu tragen hatte; sie sah Rosaurus +am Wege liegen und erkannte ihn an dem abgebissenen Schwänzchen; denn an +etwas Anderem hätte sie ihn nicht erkennen können, so häßlich, schmutzig +und zerzaußt sah er aus. Sie nahm das erstarrte Thier in ihren Mantel +und wärmte es; dann trug sie es zur kleinen Prinzessin. Rosaurus schlug +die Augen auf, ihm war es, als habe er einen schweren Traum gehabt, nur +der +<span class = "pagenum">110</span> +große Hunger, den er fühlte, sagte ihm, daß es kein Traum gewesen sei. +Aber da stand auch schon die warme Milch mit Bisquit; während er fraß, +wurde die Wunde ausgewaschen und mit kaltem Rahm benetzt; dann trug man +Rosaurus in sein weiches Bettchen und deckte ihn mit warmen Tüchern zu. +— Er schlief ein. —</p> + +<p>Als er erwachte, fühlte er sich neu gestärkt, alle Sehnsucht nach der +Freiheit war geschwunden, er spürte nichts mehr von Gelüsten — ein +König der Wälder zu sein und empfand mit großem Behagen die +Annehmlichkeit seiner Hofexistenz. Er nahm sich vor, dieselbe nicht mehr +freiwillig aufzugeben, und die unsichere Mäusejagd nicht mehr höher zu +stellen als die Süßigkeiten, welche der Prinzessin weiße Hand ihm +stündlich reichte.</p> + +<hr class = "chapter"> + +<span class = "pagenum">111</span> +<h4><a name = "kap13" id = "kap13"><em>Schluß.</em></a></h4> + +<hr class = "above"> + +<div class = "verse"> +<table summary = "Gedicht"> +<tr><td> +<p>Gieb sie, gieb sie des Lebens Gaben</p> +<p>Und was Dein Herz in Liebe trägt:</p> +<p>Das Herz will seine Stimme haben,</p> +<p>Bevor es stolz und ruhig schlägt.</p> +</td></tr> +</table> +</div> + +<hr class = "below"> + +<p>Jahre verstrichen. Rosaurus war ein großer dicker Kater geworden; die +niedlichen Sprünge hatte er eingestellt; selten erlaubte er sich einen +Spatziergang auf das Dach; seine Eltern waren gestorben und seine +Geschwister kannten ihn nicht mehr; sie meinten, er habe gar zu feine +Manieren angenommen; wollte immer etwas vorstellen, wenn er unter ihnen +wäre, und wisse von gar nichts zu erzählen, als von dem großen Löwen, +bei dem er drei Stunden zugebracht und den er in Respekt erhalten habe. +— Dagegen mache er eine verächtliche Miene, wenn sie von +ihren Mäusen- und Ratten-Abenteuern im Keller erzählten; +<span class = "pagenum">112</span> +er schien die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens für höchst kleinlich +und unbedeutend zu halten und bei ihren schönsten Konzerten schlief er +ein oder schnurrte so laut, daß der kräftigste Katzenbaß kaum vernehmbar +werden konnte. Rosaurus wurde demnach nicht mehr eingeladen und wenn +seine Verwandten ihn mit einiger Höflichkeit behandelten, so geschah es +blos, weil sie vermutheten, daß er große Schätze an Knochen, Zucker und +Bisquit besitze, die er ihnen einmal Preis geben oder vermachen +könne.</p> + +<p>Indessen war Joly gestorben; — er hatte von allzuguter Nahrung +und, wie Lisi meinte, vom steten Aerger über Rosaurus, die Raute +bekommen und war so ekelhaft geworden, daß man es für nothwendig hielt, +ihn todt zu schießen, wovon freilich die Prinzessin nichts erfahren +durfte. Bald darauf brachte man ihr ein anderes Hündchen, welches dem +Joly ähnlich sah, nur jünger und lustiger. Jetzt kam die Reihe an +Rosaurus eifersüchtig zu werden und er zeigte sich so heftig und +erbarmungslos gegen das kleine Thier, er hatte so wenig von der Großmuth +des Löwen gelernt, daß er dem neuen kleinen Joly einst mit einem starken +Schlag seiner Tatze ein Auge auskratzte.</p> + +<p>Demnach wurde Rosaurus ins Vorzimmer verbannt und der kleine Joly +wurde der Schooßhund und der stete Gefährte der Prinzessin.</p> + +<p>Einst erhielt sie zwei allerliebste kleine Vögelchen; sie waren grün +und man nannte sie die Unzertrennlichen, weil +<span class = "pagenum">113</span> +sie immer ganz dicht bei einander saßen und das Bild einer guten Ehe +abgaben. Sie kamen aus Amerika, wo sie heimisch sind. Die Prinzessin +freute sich sehr an den kleinen Thieren. — Rosaurus erblickte +sie eines Tages und schien zu meinen, daß sie blos seinetwegen so weit +hergekommen seien; er stürzte sich über den Bauer her und fügte seine +Krallen in dessen Drathgitter, um sie herauszuholen; glücklicherweise +trat gerade Lisi ins Zimmer und erhob ein furchtbares Geschrei. +— Rosaurus ward verjagt und das Leben der kleinen Vögel +gerettet. Der Schreck mochte aber sehr groß gewesen sein und ihre +schönen grünen Federchen flogen im Käfig herum, und hier und da blutete +eine Stelle, wo eine scharfe Kralle die Haut geritzt hatte.</p> + +<p>Nach dieser Missethat fiel Rosaurus gänzlich in Ungnade; und als +Mademoiselle Gogo einer jungen Erzieherin Platz machte, weil sie wegen +Kränklichkeit in den Ruhestand versetzt zu werden bat, nahm sie +Rosaurus, an den sie sich gewöhnt hatte, mit in ihre Wohnung, wo sie ihn +mit großer Liebe und Sorgfalt pflegte. Die Prinzessin hatte ihr ein +großes weiches Sammetkissen für diesen Lebensgefährten geschenkt; darauf +lag Rosaurus und war noch im Alter ein schöner Kater. Er that eigentlich +nichts als fressen und schnurren — und das Spinnrädchen der Mlle. +Gogo schnurrte mit ihm um die Wette.</p> + +<hr class = "mid"> + +<div class = "titlepage"> + +<span class = "pagenum">114</span> +<h6>Druck der Vereins-Buchdruckerei in Leipzig.</h6> + +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Schicksale des Katers +Rosaurus, by Amalie Winter + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND SCHICKSALE *** + +***** This file should be named 25722-h.htm or 25722-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/5/7/2/25722/ + +Produced by Louise Hope, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +file was made using scans of public domain works in the +International Children's Digital Library.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> |
