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Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +file was made using scans of public domain works in the +International Children's Digital Library.) + + + + + + + [Dieser Text ist für Benutzer gedacht, deren Text-Anzeigeprogramm + nicht die volle Unicode (UTF8) Version anzeigen kann. An- und + Abführungsstriche aus dem Original wurden durch »Guillemets« + ersetzt, die einfachen Anführungsstriche haben die einfachere + 'Schreibmaschinenform'. + + Einige Druckfehler sind am Ende des Textes notiert. Formen wie + »Spatzieren« bzw. »Spazieren« sind ungeändert.] + + + + + [Bild: Prinzessin Marie und Rosaurus + Stahlstich d. Kunst u. geogr. Anst. v. Serz & C^ie] + + + Leben und Schicksale + des + _Katers Rosaurus_, + + oder + die kleine Prinzessin und ihre Katze. + + Ein unterhaltendes Lese- und Bilderbuch für Kinder + von + Amalie Winter. + + Mit 1 schwarzem und 5 colorirten Stahlstichen. + + + Leipzig, 1851. + _Baumgärtners Buchhandlung._ + + + + +Kapitel 1. + +Die Ueberraschung. + + + Meine Freuden. + + Wollt Ihr meine Freude hören, + Ruft ein Mädchen voller Lust, + Nun ich will sie gern Euch lehren, + Hegt sie auch in reiner Brust. + + Meine Freude sind die Blüthen + Und die Blumen groß und klein + Die des Himmels Lust und Frieden + Durch die weite Schöpfung streu'n. + + Meine Freuden sind die Thiere, + Schäfchen, Biene, Schmetterling. + Denn in Gottes Lustreviere + Ist mir keines zu gering. + +Die kleine Prinzessin Marie war 6 Jahr alt und führte ein glückliches +Leben. Alle Welt war ihr gut und Jedermann bemühte sich, ihr Freude zu +machen. Täglich wurden kleine Mädchen eingeladen, mit denen sie im +schönen Wagen spatzieren fuhr und mit schönen Spielsachen spielte. + +Die Spielsachen waren aber ganz außerordentlich schön. Sie hatte unter +Anderm eine Puppenstube, welche so groß war, daß nicht nur die Puppen, +sondern auch deren Besitzerin, nebst zwei ihrer Freundinnen darin Platz +fanden. Kanapee, Stühle und der Tisch waren so eingerichtet, daß die +Kinder sich ihrer bedienen konnten und oft wurde dort in Gesellschaft +der Puppen von verschiedener Größe Chocolade getrunken. Der kleine Hund +_Joly_ wurde bei solchen Gelegenheiten ebenfalls eingelassen und erhielt +einen Platz auf dem Kanapee, von wo aus er mit wahrhaft menschlicher +Grazie, ebenfalls Chocolade trank und Bisquit fraß. Wenn er sich +zuweilen vergaß und sich allzu gefräßig zeigte, so wurde er ernstlich +ermahnt und das Prinzeßchen drohte mit dem Finger. + +Die Puppen waren indeß von verschiedener Größe und von ganz +verschiedener Art. Da sah man eine große Puppe als Königin angethan, +mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und dem Hermelinmantel um die +Schultern. Neben ihr saß das Bauermädchen in der Landestracht, mit +Bändermütze, kurzem Rock und goldgesticktem Latz. Ein kleiner Knabe +und ein kleines Mädchen waren in den kurzen Flügelkleidern und weißen +Beinkleidern mit den runden Strohhüten sehr hübsch anzusehen. +-- Außerdem gab es auch Puppen in Haus- und Ball-Kleidern und alle +hatten ihre besondere Garderobe. Viele davon besaßen sehr schönes langes +Haar, und es gewährte den Kindern große Freude, solches zu kämmen und zu +flechten; andere hatten blos Locken, was ihnen auch sehr gut stand. + +Alle diese Puppen waren aber, in dem Augenblick wo diese Geschichte +beginnt, ganz vergessen und lagen in einer Ecke der Puppenstube über +einander gehäuft, denn die Prinzessin hatte kürzlich eine Puppe +erhalten, welche alle anderen aus ihrem Herzen verdrängte; das war +nämlich eine schöne Wickelpuppe. -- Kopf, Arme und Beine waren von +Wachs und das Kinderzeug war äußerst vollständig. Es fehlte nicht an +Windeln, Stopfläppchen und Wickelschnuren. Die Wickelkissen waren mit +Bandschleifen versehen und mit Stickereien garnirt. Die Mützchen waren +prächtig, ganz mit Spitzen und Bändern bedeckt. Es gewährte den Kindern +große Freude, das Puppenkind zu wickeln und trocken zu legen, herum zu +tragen und einzuschläfern, und ihm Brei zu geben, mit dem kleinen +silbernen Breilöffel, aus dem vergoldeten Breinäpfchen. Des Abends wurde +die Puppe immer in die Wiege gelegt, welche ebenfalls in der Puppenstube +stand; und das war eine sehr schöne Wiege von Mahagoniholz, wie nur +wenig Menschenkinder sie besitzen. Es schläft sich nun zwar eben so gut +in einer einfachen Wiege; aber für die Puppe einer kleinen Prinzessin +heißt es doch: »je schöner, je besser«. An dieser Wiege waren nun reiche +Vergoldungen angebracht; ein vergoldeter Engel schwebte darüber und +hielt in seinen Händen den grünen Vorhang von schwerem rauschenden +Seidenstoff: Kopfkissen und Decke waren von rosa Atlas mit Ueberzug von +gesticktem Tüll mit Spitzenbesatz. + +Das schönste Eigenthum der Wickelpuppe war aber das Taufzeug. Es bestand +aus einem langen Kleid von Spitzentüll über rosa Atlas. Das Kind lag auf +einem Kissen von rosa Atlas und nun gab es Spitzen und Schleifen in +Menge. Besonders schön waren die Aermelchen gestickt, und das Mützchen +erregte allgemeine Bewunderung. Eine arme Stickerin hatte vier Wochen +daran gearbeitet und von dem Lohn, den sie dafür bekam, ihre ganze +Familie erhalten. Die Wickelpuppe sah aber in diesem Taufzeug gerade so +aus, wie das Prinzeßchen selbst bei der Taufe ausgesehen hatte. + +»Wir wollen doch Taufens spielen«, sagte _Lisi_ eines Tages, als eine +Gesellschaft kleiner Mädchen bei der Prinzeß versammelt war. Lisi war +die älteste von ihnen und pflegte gewöhnlich die Spiele anzugeben. »Wir +wollen die Wickelpuppe taufen«, sagte sie, »und ich will der Pastor +sein«. Die Kinder nahmen den Vorschlag mit Jubel an; Mademoiselle Gogo, +die Bonne, hatte das Zimmer verlassen wegen eines Besuches und hatte die +Kinder gebeten, recht still zu spielen; nun! bei der Taufe machte man +auch gewiß keinen Spectakel. Lisi wickelte sich in einen schwarzen Shawl +und machte sich von Papier Päffchen an den Hals. Ein kleiner Tisch wurde +als Altar angeputzt. Nun putzten sich auch die Pathen. Das Prinzeßchen +setzte ein Diadem ihrer Mama auf, welches diese wegen dessen Schwere auf +einige Stunden bei ihr abgelegt hatte; ein goldgestickter Longshawl ward +ihr als Schleppe angemacht. Die kleine _Diana_ befestigte zwei +Blumenkränze der Balldamenpuppe auf den Kopf und band ihren himmelblauen +Mantel um die Taille, so daß er hinten Schleppe bildete; die kleine +_Amelie_ hatte eine Echarpe von rosa Flor auf dem Kopfe befestigt und +hüllte sich hinein, so daß sie in einem jener Wölkchen zu stecken +schien, welche Abends vor Untergang der Sonne so schön roth aussehen. +Die lange _Jenny_ hatte aber die Mütze des kleinen Prinzen aufgesetzt, +einen Kindersäbel umgeschnallt und ein Paar Vorhangsquasten als +Epauletten an die Schultern befestigt und wollte durchaus der Herr +Gevatter sein. + +Nun sollte die Taufe losgehen. Lisi hatte nämlich ihr Schwesterchen +taufen sehen und nahm sich vor, es gerade so zu machen. Joly mußte sich +auf die Hinterpfoten setzen, um das Mützchen zu halten, was damals Lisis +Amt gewesen war. + +Als nun die Vorbereitungen vollendet waren und die Kinder feierlich im +Kreise standen, vernahm man plötzlich ein fremdartiges Geräusch, ein +Poltern, Miauen, Winseln. Die Kinder wußten gar nicht, was es war, +-- die Wickelpuppe konnte es doch nicht sein! + +Das Geräusch kam aus dem Kamin, welches im Sommer zugestellt wurde, +damit der Wind nicht herein fauchen konnte. Die Kinder fürchteten sich +und flüchteten schreiend und um Hülfe rufend in das andere Zimmer und +Joly verfiel in ein fürchterliches Gebell. Ueber dem Lärm kam +Mademoiselle Gogo herbei und frug, was es gäbe? Als die Kinder von dem +Spektakel im Kamin erzählten, schüttelte sie bedenklich den Kopf; sie +wußte nicht recht, ob es gerathen sei, das Kamin zu öffnen, es konnte ja +eine Eule oder ein Uhu hineingeflogen sein; diese Vögel haben aber große +Schnäbel und pflegen damit um sich herum zu hacken; es konnte auch eine +Fledermaus sein und Mademoiselle Gogo fürchtete sich vor Fledermäusen. +-- Alles stand um das Kamin in horchender Stellung. -- Ach, die Töne +waren so leise, so hülfebedürftig, man mußte ahnden, daß ein Geschöpf +Gottes sich sehr unbehaglich darin fühle. Lisi riß geschwind das Kamin +auf und siehe, da lag ein kleines allerliebstes Kätzchen. Es konnte kaum +14 Tage alt sein und gefiel den Kindern ungemein. Es war ein buntes +Cypernkätzchen. Es hatte einen langen Schwanz, den es anmuthig bewegte, +kurze Ohren, die es klug zu spitzen wußte und ein Fellchen, so weich und +glatt wie Seide. Dabei schnurrte es äußerst lieblich und schien sich im +Schooß des Prinzeßchens sehr wohl zu befinden. Die Kinder holten Milch +herbei und es leckte dieselbe mit seinem rosarothen Züngelchen. Man sah +es ihm an, daß es ihm gutschmeckte. -- Die Kinder hatten sich um das +Prinzeßchen herumgekauert, um den kleinen Ankömmling recht betrachten zu +können; alle waren davon entzückt, nur nicht Joly, welcher zur Thüre +hinaus gebracht werden mußte, da er Lust zu haben schien, das arme +Kätzchen zu beißen und aufzufressen. + + [Buntbild: Das Kätzchen wird im Kamin entdeckt.] + +Als Lisi aber die Freundinnen aufmerksam machte auf die Sammetpfötchen +des Kätzchens und auf deren rosarothe Sohlen, wurden die Bedienten zum +Abholen gemeldet und man mußte sich trennen. Das Kätzchen war im Schooß +des Prinzeßchens eingeschlafen, und wir wollen es schlafen lassen, um zu +erforschen, wie der kleine Gast eigentlich in das Kamin gekommen war. + + + + +Kapitel 2. + +Wie das Kätzchen in's Kamin kam. + + + In Sonnenschein -- + In dunkler Nacht + Für Mensch und Thier + Gottes Auge wacht. + +Die Art und Weise, wie das Kätzchen in's Kamin gelangt war, gewährt dem +aufmerksamen Leser einen Blick in die traurigen Familienverhältnisse der +Katzen. Bei dem Vogelgeschlecht ist das Männchen dem Weibchen beim +Nestbauen, Brüten und Füttern der Jungen behilflich. Der liebenswürdige +Gatte der Nachtigall singt seinem brütenden Weibchen vor und erfreut +durch seine herrlichen Liebestöne das Ohr des lustwandelnden Menschen. +Auch bei manchem vierfüßigen Thier findet man väterliche Zuneigung und +Fürsorge für die Jungen; aber bei den Katzen ist das nicht der Fall. +Mancher Katzenpapa hat sogar die schlechte Gewohnheit, seine Kleinen zu +fressen. Vielleicht hält er sie für Mäuse oder Ratten; vielleicht haßt +er sie, weil sie die Katzen zu sehr beschäftigen und von den +Mondscheinpromenaden auf den Dächern, vom Besuch der +Katzengesellschaften und von der Theilnahme an den herrlichen +Katzenconzerten, deren Ihr, lieben Kinder, gewiß schon oft gehört habt, +abhalten. Kurz, der Kater frißt seine Jungen und die liebende Katzenmama +ist genöthigt, dieselben gegen ihn zu vertheidigen oder vor ihm zu +verbergen. Das thut sie nun so gut sie kann, indem sie sich zu ihrem +Wochenbett Stellen aufsucht, wo Niemand so leicht hinkommt. -- Kätzchens +Mutter war nun niemand Anders als Mies Mies, die Hofkatze, und sein +Vater, der sehr ehrenwerthe Hofkater, Namens Murr. Beide Eltern +erfreuten sich einer sehr einträglichen Anstellung bei der Küche und +erhielten eine reichliche Besoldung an Hühnerknochen und Fischgräten, +die sie blos mit dem Hofraben zu theilen hatten. Mies Mies fand indeß +noch nebenbei Gelegenheit, manche verhungerte Stadtkatze zu +unterstützen, denn Mies Mies hatte ein gutes Herz; aber der Kater Murr +und der Hofrabe Hans wollten das nicht leiden und scharrten in die Erde, +was sie nicht fressen konnten, lieber, als andere Thiere damit zu +erfreuen. Man hätte nun meinen sollen, bei so reichlicher Kost würde der +Vater seine Kinder verschonen, aber nein! er hatte von Zeit zu Zeit +förmlich Appetit nach jungen Kätzchen und auch der Hofrabe liebte solche +zu verspeisen. Mies Mies kannte alle diese drohenden Gefahren und war +ernstlich darauf bedacht, ihre Kinder denselben zu entziehen. + +Mies Mies hatte auch ein Gespräch der Schloßmagd und des Schloßvoigts +belauscht, worin diese sich vornahmen, keine jungen Kätzchen mehr im +Schloß zu dulden, weil solche Unreinlichkeiten verursachten; alle Kinder +der Mies Mies sollten künftighin ersäuft werden. Man kann sich denken, +wie das Herz der armen Hofkatze schlug, als die Stunde nahte, wo sie +Mutter werden sollte. + +In ihre traurigen Gedanken vertieft schlich sie auf einem vorragenden +Haussims, in den Fenstern der fürstlichen Gastzimmer vorüber und +bemerkte, daß der Wind eines dieser Fenster aufgerissen hatte, ohne daß +irgend Jemand es bemerkt zu haben schien. Im Fremdenzimmer stand aber +ein Himmelbett mit blauseidenen Vorhängen, worin schon Fürsten und +Grafen geschlafen hatten; das mußte sich vortrefflich zum Wochenbett +eignen, es war ganz so weich und sanft, wie Mies Mies es für ihre jungen +Kätzchen nur wünschen konnte; sie schlüpfte also zum Fenster hinein, +sprang auf das Bett, wühlte mit ihren Pfoten eine Art von Nest zwischen +Kopfkissen und Plümeau, und sah sich bald von drei allerliebsten +Kätzchen umgeben, die sie auch während neun Tagen ungestört säugte. Nur +ein Mal täglich verließ sie ihre Kinder, um selbst Nahrung einzunehmen; +das that sie aber nur in der Nacht, damit Niemand erspähen möge, wohin +sie ihre Schritte wendete. + +Die Kätzchen pflegen bis zum neunten Tag blind zu sein, bis dahin leiht +die sorgsame Mutter ihnen ihr Auge und wacht über sie. Mies Mies +erwartete stündlich, daß ihren Kindern das Licht aufgehen werde und +hatte fleißig die geschlossenen Augen geleckt, um ihnen das Aufschlagen +derselben zu erleichtern. Da vernahm sie eines Tages ein Geräusch an der +Thür; ein Schlüssel wurde in's Schlüsselloch gesteckt, das Schloß +gedreht, die Thür ging auf und herein trat die entsetzliche Schloßmagd, +mit einem furchtbaren Besen an einem langen, langen Stiel. Mies Mies +befahl ihren Kindern ganz still zu sein; sie hoffte, die Hofmagd würde +nur kehren und nicht das Bett machen; ängstlich blinzelte sie durch die +Spalten des Vorhangs und verfolgte jede Bewegung der Entsetzlichen. Ach +-- all ihr Hoffen war vergeblich! -- Es waren Gäste angesagt und die +Fremden-Zimmer und Fremden-Betten mußten in Ordnung gebracht werden. +Eine kräftige Hand riß den Vorhang auseinander und das Plümeau in die +Höh'! Welch eine Unthat war da geschehen! -- + +Die Schloßmagd erhob einen gewaltigen Lärm; sie schrie und tobte gegen +die Katze, sie schimpfte und drohte sie zu verderben mit ihrer ganzen +Brut. Mies Mies ließ sich aber nicht so leicht einschüchtern, sie machte +wahre Tigeraugen; sie zischte, knurrte, pustete, machte einen +furchtbaren Katzenbuckel und schien sich zu einem gewaltigen Sprung nach +dem Angesichte der Schloßmagd zu rüsten; dabei bewegte sie ihren Schwanz +wie eine Löwin und zeigte ihre spitzen, scharfen Zähne wie ein Leopard. +Sie erschien in ihrer muthigen Mutterliebe so furchtbar, daß der +Schloßmagd ganz angst und bange wurde für ihre Augen und für ihre rothen +Wangen und sie davon eilte, um den Schloßvoigt als Beistand herbei zu +rufen. + +Frau Mies Mies war indeß nicht so dumm, diesen Beistand abzuwarten; sie +dachte: wenn der Schloßvoigt und die Schloßmagd sich mit ihren +Besenstielen über mich hermachen, dann bin ich mit meinen lieben Kleinen +verloren, da geht es uns schlecht. -- Sie beschloß also, so schnell als +möglich ihre Kätzchen hinweg zu tragen und ihnen ein anderes Unterkommen +zu suchen. So nahm sie denn ein Kätzchen in's Maul und trug es auf's +Dach; dann holte sie das zweite, dann das dritte, und als die Hofmagd +und der Hofknecht kamen, fanden sie das Bett leer. Dasselbe sah aber +nicht reinlich aus und der Hofknecht hielt sich die Nase zu und lief so +schnell als möglich davon. + +Nun ergriff Mies Mies wieder das Kätzchen, das sie zuerst auf das Dach +niedergelegt hatte; sie, deren Zähne so scharf für die Mäuse waren, sie +wußte dieselben ganz stumpf zu machen, damit ihr Kind den mütterlichen +Zahn nicht fühlte. Sie trug es nach einer Bodenkammer, wo sie sich eines +alten Strohsacks erinnerte; dort waren die Kleinen zwar nicht so weich +und vornehm gebettet, wie früher, doch sicher vor Störung. Dann holte +die Mutter das zweite Kind -- unser Kätzchen war aber das dritte, +welches bis zuletzt warten mußte. + +So lag es denn allein auf dem Dache; es war bis jetzt noch blind gewesen +und wußte eigentlich nicht, was man mit ihm vorgenommen hatte; es fror +und ihm war ganz unheimlich zu Muthe; da berührt ein Strahl der +scheidenden Sonne das arme Thier und suchte dessen geschlossenes Auge, +welches sich plötzlich öffnete und zum ersten Male das Licht der Welt +erblickte. Kätzchen verfiel darüber in ein ungeheures Nießen und gerieth +durch diese Bewegung in's Rollen; es rollte vom Dachgiebel herab, immer +weiter, immer weiter; es wäre bis in den Schloßhof gerollt, wenn das +Kamin es nicht aufgenommen hätte. So kam es denn in des Prinzeßchens +Zimmer und gewiß in sehr gute, liebevolle Hände. + + + + +Kapitel 3. + +Wie die Kinder mit dem Kätzchen spielen. + + + Quäle nie ein Thier zum Scherz, + Denn es fühlt wie Du den Schmerz. + +Kätzchens Ankunft war eine große Freude für die Kinder und besonders für +Prinzeß Marie. Wenn sie früh aufwachte, mußte man ihr das kleine Thier +ins Bett bringen, wo sie ihm das Frühstück gab, welches aus Milch und +Bisquit bestand. Joly, der oft eifersüchtig war, wurde ohne Erbarmen +geschlagen und in die Bedientenstube verwiesen, wenn er sich neidisch +zeigte und dem Kätzchen etwas anhaben wollte. Kätzchen fühlte sich auch +bald heimisch in dem blauen mit Sternen besäeten Zimmer, man merkte es +ihm an, daß es in einem Himmelbett zur Welt gekommen war; denn nichts +erschien ihm zu gut, um es zu benutzen. Das Prinzeßchen wollte auch mit +nichts Anderem mehr spielen als mit Kätzchen. Trotzig stand die schöne +große Puppen-Königin in der Ecke, seit 8 Tagen war ihr starkes Haar +nicht gebürstet und geflochten, ihr Staat nicht gewechselt worden. +-- Gabriele, die Balldame, lag eben so lang schon im Himmelbett in der +Nachtjacke und niemand dachte daran, ihr nur ein einziges Mal die +Augenlieder aufschlagen zu lassen, unter welchen doch so schöne blaue +Glasaugen ruhten. Unter dem Tisch lag aber die Wickelpuppe noch im +Taufstaat, denn sie hatte ihre schöne Wiege dem Miaukätzchen einräumen +müssen. Die Puppenstube befand sich aber in großer Unordnung, weil +Miaukätzchen alles darin herumgeworfen hatte; der Kronleuchter war +zertrümmert, die hübschen Nippsachen zerbrochen und die kleine Uhr von +Marzipan sah gar nicht mehr aus wie eine Uhr; denn Miaukätzchen hatte +die süßen Bestandtheile derselben entdeckt und häufig daran geleckt. + +Kätzchen durfte sich auch alle möglichen Freiheiten nehmen. Wenn die +Fürstin durch das Zimmer ging mit dem Schleppkleid, sprang es auf die +Schleppe und ließ sich spazieren fahren. Wenn Prinzeßchen mit dem +Batisttuch wedelte, haschte Kätzchen danach und hing sich mit seinen +kleinen Krallen in dessen Spitzen, welche natürlich darunter litten. + +Mademoiselle Gogo pflegte in einem Lehnsessel Platz zu nehmen, wenn sie +das Prinzeßchen an- oder auskleidete; dann hüpfte Kätzchen auf die +Lehne. »Kätzchen sieht zu«, sagte Mademoiselle Gogo, und sie meinte, das +könne Prinzeßchen vermögen, hübsch still zu halten. Das war aber eines +Tages gar nicht der Fall und Mademoiselle Gogo schüttelte unzufrieden +das Haupt, so daß die rothen Mützenbänder wackelten, und da Kätzchen +meinte, alles was sich bewege, wolle mit ihr spielen, Wupp! war es auf +Mademoiselle Gogos Kopf gesprungen und hatte die rothen Schleifen in den +Klauen. Mademoiselle Gogo fiel aber beinahe in Ohnmacht vor Schrecken +und das Prinzeßchen konnte vor Lachen vollends nicht still halten; aber +das war auch nicht nöthig, denn die gute Mademoiselle Gogo lachte gleich +darauf von ganzem Herzen mit. + +Joly pflegte sein Frühstück und Mittagsmahl beim Kamin in des +Prinzeßchens Zimmer zu erhalten, und Kätzchen, obgleich es schon ganz +gesättigt war, fühlte stets Appetit danach und naschte davon. Wenn nun +der arme zurückgesetzte Joly sich darüber erzürnte, zu bellen anfing und +Kätzchen wegjagen wollte, begann dasselbe zu pusten und zu drohen und +mit ihren Sammetpfötchen Ohrfeigen auszutheilen, so daß Joly das +Schwänzchen einzog und queilte und unter das Kanapee flüchtete. + +Kätzchen war noch gar nicht gut erzogen und pflegte oft die schönen +Teppiche zu verunreinigen; Mademoiselle Gogo machte eine Ruthe, um es zu +strafen, aber Prinzeßchen bat immer vor und wenn alle Welt sich die Nase +zuhielt, meinte sie immer, es sei die Resede, welche so stark dufte -- +und da gab es auch manche Leute, welche das wirklich zu glauben +schienen. + +Eines Tages wurden wieder die guten Freundinnen zu Chocolade gebeten und +alle freuten sich sehr am Kätzchen und spielten mit demselben auf alle +mögliche Weise. Sie bliesen eine Marabout-Feder in dem Zimmer umher und +Kätzchen haschte danach; dann kullerten sie Bälle, ließen ein wächsernes +Mäuschen mit einem Uhrwerk umher laufen; banden eine kleine Puppe an +einen Bindfaden und ließen sie tanzen. Kätzchen machte die +wunderlichsten Sprünge bei solchem Spiel und legte eine wahre +Katzengrazie an den Tag. Eine berühmte Tänzerin soll eine Katze als +Vorbild genommen haben für ihre Pas' und Bewegungen und unser Kätzchen +hätte wirklich Tanzstunde geben können. Zuletzt setzten die Kinder dem +Kätzchen einen Federhut auf und zogen ihm einen Puppenüberrock an, was +sich Kätzchen gefallen ließ, und die Kinder waren ganz vergnügt dabei. + +Endlich frug Lisi: »wie heißt denn das Kätzchen?« und alle waren +erstaunt, daß es noch keinen Namen hatte. »O wir sollten es taufen, wie +neulich die Wickelpuppe, das war doch ein gar zu hübsches Spiel«, sagte +Lisi und Prinzeßchen klatschte vergnügt in die Hände. + +»Das ist prächtig! das ist allerliebst!« riefen die Kinder. + +»Wir kleiden Kätzchen in das Taufzeug der Wickelpuppe«, sagte Diane und +Kätzchen mußte das Schleppkleid anlegen und wurde auf das rosa-atlas +Kissen festgebunden; dabei schien es sich indeß nicht so behaglich und +unterhaltend zu fühlen wie bei den anderen Spielen; es war indeß +gehorsam und lag ganz still, während die Pathen sich putzten. Es war ja +festgebunden. + +Das Prinzeßchen schmückte sich wieder mit dem goldgestickten Shawl, +Diane mit dem blauen Mantel, Amelie mit dem rosa Schleier, Lisi kleidete +sich als Pastor und die lange Jenny erschien wieder als Herr Gevatter. + +Wir haben bis jetzt noch nicht viel von der langen Jenny gesprochen und +das aus guten Gründen. Es ist nicht angenehm, von unartigen Kindern +sprechen zu müssen, und die lange Jenny war ein unartiges Kind. Freilich +konnte sie nichts dafür; denn sie hatte ihre Mutter sehr früh verloren +und wurde vom Vater und von der ganzen Dienerschaft verzogen, welche +über ihre Unarten lachten und ihr allen Willen thaten. Sie war 8 Jahr +alt und so groß wie ein 10jähriges Mädchen; aber in der Schule wußte sie +nicht mehr als die sechsjährigen, und da sie nie ihre Aufgaben machte, +mußte sie immer im Winkel stehen. Bei den Kindergesellschaften störte +sie gern das Spielen, auch erregte sie immer Zank und man hatte sie +nicht lieb und lud sie selten ein; heute war sie aber eingeladen worden. + +»Wie soll das Kätzchen heißen?« frug Lisi. + +»Krallkätzchen!« rief Jenny schnell. + +»O nicht doch,« erwiederte das Prinzeßchen, »das würde ja Kätzchen an +seine einzigen Fehler erinnern.« + +»Schwanzelius,« meinte Diane, »wegen des schönen Schwanzes, den es so +anmuthig zu bewegen weiß.« + +»Scheckchen,« sagte Amelie. »Kätzchen ist ja so scheckig wie die jungen +Kastanien, die wir zuweilen aus den grünen Schalen pochen.« + +Prinzeßchen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen. + +»Ich dächte,« meinte Lisi, »wir tauften Kätzchen Röschen, wegen des +hübschen rosarothen Schnäuzchens, was es hat.« + +»Ja,« sagte Prinzeßchen, »Kätzchen ist aber ein Kater und darf doch +nicht einen weiblichen Namen haben. Auch wird das liebe Thier, wenn es +so groß und dick ist wie Murr, der Hofkater, nicht gut Röschen genannt +werden können.« + +»Nun,« sagte Lisi, »so wollen wir es denn Rosaurus taufen; -- so lang es +jung ist, rufen wir es Röschen, und wird es alt und häßlich, so kann es +Saurus genannt werden.« + +Damit waren die Kinder einverstanden und die Taufe begann. Die Pathen +stellten sich im Kreise auf, wie damals, als die Wickelpuppe getauft +werden sollte. Dem Joly wurde indeß die Demüthigung erspart, seinem +Feind das Mützchen zu halten und er durfte im Lehnstuhl schlummern. + +Lisi begann: + +»Rosaurus, du sollst nicht wie die andern Katzen, arme kleine Vögel +verspeisen; du sollst sie nicht aus ihren Käfigen herauskratzen mit +grausamer Blutgier, worüber die Kinder, denen sie gehören, dann so +bitterlich weinen; du sollst nicht die jungen Vögelchen aus den Nestern +holen, daß die Alten pipen und klagen über ihre unglücklichen Kinder. +Rosaurus, du sollst auch nicht die weißen Mäuschen verfolgen, welche bei +Nacht lustwandeln und durch die rothen Augen und hellen Fellchen sich im +Dunkeln verrathen; Rosaurus, du sollst auch die andern Mäuse ungestört +knuppern lassen an Wurst und Speck, an Zucker und Bisquit. Deine Pathen +versprechen, dich recht gut zu erziehen und dir immer so viel Bisquit +und Braten zu geben, daß du gar nicht an lebendige Leckerbissen denken +kannst. Du sollst durch die Liebe und Fürsorge deiner Pathen aus einem +wilden Raubthiere, aus einem blutdürstigen Hausthiere, in eine edle, +sanftmüthige Schooßkatze umgewandelt werden.« -- -- + +So weit war Lisi in ihrer Rede gekommen, als sie plötzlich unerwarteter +Weise unterbrochen ward. + +Jede Gevatterin hatte nämlich während der Rede den kleinen +Katzen-Täufling einige Secunden auf dem Arm gehalten, wie das bei Lisis +Schwesterchen auch geschehen war, und das Kind hatte ganz still auf dem +Rücken gelegen und nur zuweilen mit den halbzugekniffenen Aeugelein +geblinzelt. Als nun die lange Jenny an die Reihe kam, fing diese an es +heftig zu wiegen, so daß der kleine Rosaurus unruhig ward. + +»Ich möchte wohl,« dachte Jenny, »daß der Balg etwas schrie, er führt +sich gar zu langweilig auf.« + +Während sie nun in scheinbarer Freundlichkeit das Gesicht über ihn +beugte, fuhr sie mit der Hand unter das lange Schleppkleid und kniff +Kätzchen recht tüchtig in den Schwanz. Kaum war das aber geschehen, als +der kleine Täufling ein durchdringendes Geschrei ausstieß und in der +höchsten Wuth nach Jennys Gesicht sprang; es biß sie in die Nase und +schlug beide Vorderkrallen in ihre Wangen, so daß sie vor Schreck das +Kissen fallen ließ. + +Das war Kätzchen eben recht, es schlüpfte heraus aus den seidenen +Fesseln und ergriff die Flucht; dabei überpurzelte es sich einige Mal, +weil das lange Taufkleid den schnellen Lauf hinderte. + +Ueber den Lärm erwachte Joly; er bemerkte schnell, welchen Vortheil +Kätzchens Staat seinem Feind in die Hände spiele. Bellend verfolgte er +das arme Thier; aber dieses sprang mit dem Taufkleid auf einen Stuhl und +gab dem wüthenden Joly, trotz den schönen gestickten Aermeln, zwei derbe +Ohrfeigen auf jede Seite, so daß ihm das Blut aus dem Munde strömte, und +Joly heulend und schreiend sich verkroch. Rosaurus aber floh weiter und +blieb mit der Schleppe an einem Thürriegel hängen, so daß dieselbe +abriß; die Mütze hatte er lange schon verloren, dann schlüpfte er aus +dem Taufjäckchen heraus, indem er mit Krallen und Zähnen alle +Hindernisse zerriß und, heilfroh, seine Banden gebrochen zu haben, +entfloh er, niemand wußte wohin. Niemand wagte auch das wilde Thier zu +verfolgen, denn die Kinder fürchteten dessen Verzweiflung; sie lachten +indeß nach überstandenem Schreck nicht wenig; nur Jenny weinte, denn sie +blutete und es war zu vermuthen, daß sie noch lange die Narben der +Katzenkrallen und Zähne tragen würde. + +Mlle. Gogo kam herbei und wusch ihr die Wunden mit frischem Wasser; +dabei zankte sie aber die Kinder aus wegen des Spiels und meinte, die +Taufe sei eine heilige Handlung; sie sei eingesetzt, um die Menschen +unter die Christen aufzunehmen und man müsse nicht Scherz treiben mit +Kirche und Religion. Lisi bat sehr um Verzeihung, daß sie das Spiel +vorgeschlagen und versicherte, daß sie es nicht überlegt habe. + +Hierauf hatten die Kinder noch viel über den Vorfall zu plaudern, als +die Dienerschaft gemeldet ward, um sie abzuholen; man nahm Abschied und +Prinzeßchen konnte den Moment der Trennung gar nicht erwarten, um das +liebe kleine Kätzchen ans Herz zu drücken, welches sich in seiner Angst +sehr gut verborgen hatte. Es wollte gewiß den Augenblick abwarten, wo +alles still war, um sein Abendbrot zu verlangen. -- Aber es kam nicht. +Prinzeßchen rief mit der süßesten Stimme; sie kroch unter Betten und +Komoden; sie leuchtete ins Kamin: Rosaurus war nicht zu sehen. +Prinzeßchen konnte sich lange nicht entschließen, ins Bett zu gehen; sie +meinte, Kätzchen könnte nicht schlafen, wenn es nicht wie gewöhnlich in +die Puppenwiege gebracht würde. Mlle. Gogo bestand aber darauf, daß die +Prinzessin sich niederlege; diese weinte aber bitterlich, ehe sie +einschlief und glaubte immer im Traum, den kleinen Rosaurus miauen zu +hören. + + + + +Kapitel 4. + +Das Katzenconzert. + + + Meine Freuden sind die Spiele + Mit Geschwistern lieb und hold. + In des Abends heit'rer Kühle + Seid ihr theurer mir als Gold. + + Meine Freude ist die Liebe, + Die das Herz den Eltern weiht, + Des Gehorsams fromme Triebe + Und die reine Dankbarkeit. + +Rosaurus war in seiner Angst über die lange Jenny, die ihn gekniffen, +über Joly, der ihn verfolgt, über das Geschrei der Kinder, welches ihn +erschreckt hatte, in raschem Laufe geflohen und durch alle fürstlichen +Zimmer geeilt, um so viel als möglich Raum zwischen sich und seinen +Feinden zu lassen; im letzten Zimmer hatte es im Kamin eine kleine +Oeffnung entdeckt und war hineingeschlüpft, heilfroh sich in Sicherheit +zu sehen, denn dorthin konnte selbst Joly nicht dringen; er setzte sich +zufrieden auf seine Hinterbeine, schlug den Schwanz um seinen Körper und +begann zu schnurren, was die Katzen immer zu thun pflegen, wenn sie über +das Leben nachdenken. -- Es war dunkel im Kamin, nur von hoch oben drang +zur Oeffnung des Schlotes das Licht ein und erweckte in Rosaurus jenes +Streben nach oben, jenes Bedürfniß der Seele, sich immer höher und höher +zu schwingen, welches dem Katzengeschlecht angeboren ist. Er versuchte, +in die schwarzberußten Wände des Kamins die scharfen Krallen zu fügen +und siehe da! das kluge Thier, welches bisher nur auf ebener Erde und +auf weichem Teppiche gewandelt hatte, es konnte klettern. Ja, Rosaurus +kletterte und kletterte, bis er oben angelangt war, an das Ende der +dunkeln Höhle, die nach einem neuen Leben führte. Rosaurus saß auf dem +Dach; über sich hatte er den Himmel, zu seinen Füßen die Welt, d. h. +den Schloßhof und einen Theil der Stadt. Die letzten Strahlen der +untergehenden Sonne ließen die blechernen Dachrinnen in wunderbarer +Pracht erglänzen; hie und da flatterte noch ein verspäteter Vogel. Der +Hofrabe saß auf dem Balkon und krächzte sein Abendlied, während der +Hofhahn sein letztes Kickeriki, welches wahrscheinlich eine »gute Nacht« +für seine Hühner bedeuten sollte, von sich gab; Rosaurus saß staunend +und entzückt auf dem Dache und wußte gar nicht, was er über alle die +Schönheiten dieser Welt, die sich ihm erschlossen, denken sollte. + +Da sah er aus einem Bodenfenster drei Gestalten hervorkriechen, bei +deren Anblick sein Herz heftig zu schlagen begann. Er hatte diese +Gestalten noch nie gesehen, er wußte nicht, wie sie hießen, es waren +keine Menschen, denn sie gingen nicht auf zwei Füßen, es waren keine +Hunde, obgleich sie auf allen Vieren einherschritten; o nein! es waren +Wesen höherer Art; es mußten Katzen sein. Er vermochte sein Auge nicht +von ihnen hinwegzuwenden, ihre anmuthigen Bewegungen hatten einen +unwiderruflichen Reiz für ihn -- die kleinen Kätzchen sprangen an der +Alten empor; diese legte sie sanft mit der großen Sammetpfote auf den +Rücken und tändelte mit ihnen in freundlicher Herablassung; dann leckte +sie die Kleinen. Dieses ist nämlich die Art und Weise, wie die Katzen +der Reinlichkeit pflegen, und für Rosaurus war dieses Beispiel eine +ernste Mahnung. Ach, wie sah er aus! Auf der einen Katerpfote hatte er +noch den Spitzenärmel des Taufkleides; der übrige Körper war geschwärzt +vom Ruß des Kamins. Rosaurus streifte den Aermel ab und begann nun auch +sich zu lecken, indem er jedoch die Katzenfamilie immer im Auge hatte +und dann und wann durch ein zartes Miau ihre Aufmerksamkeit auf sich zu +lenken suchte. Plötzlich erblickte die große Katze ihn; sie stutzte +einen Augenblick und hielt ein mit dem Tändeln; sie setzte sich auf die +Hinterbeine und sah ihn unverwandt an; dann näherte sie sich ihm mit dem +Zeichen der größten Gemüthsbewegung! -- Plötzlich fühlte Rosaurus sich +von zwei zärtlichen Armen umschlossen und es ahnete ihm, daß seine +Mutter ihn an's Herz drückte. Ja es war Mies Mies, die Hofkatze, welche +den verlorenen Liebling so unverhofft wieder fand, nachdem sie ihn +vierzehn Tage lang beweint hatte. Heute zum ersten Mal führte sie ihre +beiden zurückgebliebenen Kinder in die Welt ein, jetzt hatten sie nichts +mehr vom unnatürlichen Vater noch vom bösen Hofraben zu fürchten, diesen +Gefahren waren sie entwachsen; auch konnte die grausame Schloßmagd sie +hier nicht erreichen. O, das war eine große Freude des Wiedersehens! wie +glücklich fühlte sich Rosaurus! wie hübsch spielte es sich mit den +Geschwistern! welche zierliche Sprünge wurden im Mondenschein von den +drei jungen Kätzchen aufgeführt! Die Mutter hatte ihre große Freude +daran und schaute mit würdiger Miene dem muntern Treiben zu. Plötzlich +drängten die Kleinen sich ängstlich um die Mutter, denn aus einem +Bodenfenster leuchteten ein Paar unheimliche Augen, die sie mit Furcht +erfüllten. Sie hatten aber keine Ursache zum Fürchten, denn es war +niemand Anderes als Murr, der schwarze Hofkater, welcher nur noch zum +Familienglück gefehlt hatte. Es gab eine rührende Erkennungsscene; dann +setzte sich der Kater neben Mies Mies, und während die beiden Alten +plauderten, spielten die Kleinen von Neuem und freueten sich des Lebens. +Als sie das Bedürfniß nach Nahrung fühlten, führte Mies Mies sie alle +nach der Bodenkammer, wo sie auf dem alten Strohsack eine leckere +Mahlzeit anrichtete; dieselbe bestand aus Häringsgräten und +Taubenknöchelchen. Rosaurus fand indeß keinen Geschmack daran; er +rümpfte die Nase und dachte an die guten Bissen des prinzeßlichen +Tisches. + +»Ich habe,« sagte Murr leise zu Mies Mies, »ein Sperlingsnest entdeckt; +die Jungen müssen jetzt ziemlich flügge sein; wie wäre es, meine Liebe, +wenn wir sie jetzt zusammen verspeisten, während die Jugend sich so +herrlich belustigt.« + +»Mein Lieber,« sagte Mies Mies, »wie könnte ich schwelgen in solchem +Genuß, während meine lieben Kleinen denselben entbehren müssen; ich habe +schon längst ein solches Nest gesucht, um ihnen den ersten Unterricht zu +ertheilen, in jenem schönen anmuthigen Vogel- und Mäusespiel, worin +unser Geschlecht so große Geschicklichkeit entwickelt; denn wir stürzen +uns nicht gierig auf unsere Beute, wie andere Thiere, wir zeigen uns +nicht gefräßig und sinnlich: o nein, wir wissen den Genuß zu verlängern +und bekunden dadurch einen höhern Ursprung. Unsere Kinder hatten noch +nie Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln.« + +Murr schien nicht große Lust zu haben, die gute Mahlzeit mit so Vielen +zu theilen, indeß schämte er sich, seinen Eigennutz einzugestehen und so +bewegte sich denn die ganze Familie nach einem andern Theil des Dorfes, +wo in dem Winkel einer Dachrinne ein Sperlingspaar auf seinem Nestchen +schlief. Murr ergriff die Sperlingsmutter mit scharfer sicherer Kralle, +während das Männchen schreiend entschlüpfte. Ach, das Angstgeschrei des +Weibchens erreichte sein Ohr. Murr hatte dasselbe der Mies Mies +gebracht, welche die kleinen Katzen lehrte, wie sie den Vogel bald am +Flügel, bald am Schwanz packen mußten, wie sie ihm bald eine Feder dort, +bald eine hier entreißen sollten und wie sie das frische Blut zu lecken +hatten; endlich fraß Murr das arme Thier, um ihnen zu zeigen, wie man +mit Anstand einen Vogel verzehren müsse. Als nun Murr sich dem Neste +wieder näherte, flatterten die jungen Vögel erschreckt auf; der +Sperlings-Vater saß trostlos auf dem Schornstein, er schwang sich hoch +in die Luft, von wo er Zeuge war des Todes seiner Kleinen; die ganze +Katzenfamilie stürzte sich über dieselben her und entwickelte ihr Talent +zum Vogelspiel; besonders Rosaurus zeigte sich sehr geschickt darin; er +hatte sich nicht umsonst an Maraboutfedern, Knäulen und Puppen geübt; +sein Vögelchen lebte am längsten -- endlich fraß er es auf, wofür er +eine derbe Ohrfeige vom Murr erhielt, welcher dieses auch hatte +verzehren wollen, wie es mit den andern geschehen war. Diese Ohrfeige +nahm Rosaurus sehr übel; er war nicht an eine so unwürdige Behandlung +gewöhnt; auch verglich er im Stillen die guten Bissen in Prinzeßchens +Zimmer, die Bisquits und gebratenen Fleische mit diesem Vögelchen au +naturel. Mies Mies merkte seine Verstimmung, und um ihn auf andere +Gedanken zu bringen, schlug sie einen Gesang vor. Mies Mies hatte eine +wunderschöne Alt-Stimme, Murr einen guten Baß; Beide stimmten ein +herrliches Duett an und die Discantstimmen der drei Kätzchen bildeten +den Chor. Es war eine erhabene Musik! So etwas hatte Rosaurus nie am +Hofe gehört. Thränen der Rührung traten ihm in's Auge, als er im +herrlichen Mondschein, so nah dem Himmel, seine Familie auf den +Hinterbeinen sitzend, mit halbzugekniffenen Augen, weitgeöffneten +Schnauzen und auf die Seite gebeugten Häuptern, so herrlich singen +hörte. + + [Buntbild: Das Katzen-Concert.] + +Aber dieser Gesang sollte fürchterlich enden. Aus dem Schornstein +tauchte ein schwarzes entsetzliches Wesen -- es war ein Schlotfeger! +Er schwang ein furchtbares Instrument und schrie gewaltig über den +Katzenspectakel. Dann schleuderte er das Instrument mitten unter die +Armen, welche in ihrer künstlerischen Begeisterung auf solche Störung +keineswegs gefaßt waren; sie flohen nach allen Seiten zu unter lautem +Jammergeschrei; das weiße und das schwarze Kätzchen waren schwer +verwundet. Rosaurus entkam aber glücklich und fand auch das bekannte +Kamin, wo er geschickt hinabsprang. Leise schlich er in die fürstlichen +Zimmer und legte sich allein in die Puppenwiege, als der Morgen schon +graute. Rosaurus dachte: Ja, hier lebt es sich doch besser als auf dem +Dach, hier ruht es sich besser als auf dem alten Strohsack und die +Hofspeisen schmecken besser als die Hofgräten. Rosaurus nahm sich vor, +noch fernerhin hier zu bleiben und nur dann und wann Spatziergänge auf +das Dach zu halten, um sich den Genuß der herrlichen Concerte zu +gewähren. -- Groß war des Prinzeßchens Freude, als sie am andern Morgen +Rosaurus das Frühstück reichen konnte; aber wie sah Rosaurus aus! Sein +ganzes Fell war schwarz geworden vom Ruß des Kamins und er hatte auch +die schöne Puppenwiege und des Prinzeßchens weißes Nachtkleid schwarz +gemacht. Er saß neben der kleinen Prinzessin, als sie folgendes Gedicht +in den Lehrstunden aufsagen mußte: + +Die Katzen und der Hausherr. + + Murner, eine Cyperkatze + Gab unlängst den Gildeschmauß, + Und ersahe sich zum Platze + Eines Bürgers Wohnung aus. + + Mensch und Thiere schliefen feste, + Selbst der Hausprophete schwieg, + Als ein Schwarm geschwänzter Gäste + Von den nächsten Dächern stieg. + + Murner kommt, sie zu begrüßen, + Führt sie d'rauf in einen Saal, + Und setzt jeden auf ein Kissen + Von der feinsten Katzenzahl. + + Sechzig feiste Mäusezimmel + Machten die Versammlung satt; + Ob geschickt, das weiß der Himmel, + Jeder giebt's so gut er hat. + + Von der Mahlzeit ging's zum Tanze, + Wo der Wirth sich hören ließ, + Und auf einem Rattenschwanze + Manch verliebtes Stückchen blies. + + Hinz, des Erstern Schwiegervater, + Sang darein erbärmlich schön, + Und zween abgelebte Kater + Quälten sich, ihm beizusteh'n. + + Jetzo tanzen alle Katzen, + Poltern, lärmen, daß es kracht, + Zischen, heulen, sprudeln, kratzen, + Bis der Herr im Haus erwacht. + + Dieser springt mit einem Stecken + In den finstern Saal hinein, + Schlägt um sich, sie zu erschrecken, + Schmeißet einen Spiegel ein. + + Stolpert über einige Späne, + Stürzt im Fallen auf die Uhr, + Und zerbricht zwei Reihen Zähne. + Blinder Eifer schadet nur! + +Was mochte wohl Rosaurus denken, als die Prinzessin dieses Gedicht +aufsagte? Gewiß erweckte es in ihm Erinnerungen an die vergangene Nacht. + + + + +Kapitel 5. + +Katzenerziehung. + + + Artig, flink und rein + Müssen Kätzchen sein. + +Rosaurus wurde nun zu einem recht liebenswürdigen Kätzchen erzogen; ja +er zeigte täglich mehr seine großen Anlagen zu den bei einem wirklichen +Hofkater so nöthigen Hofmanieren. Er eignete sich immer mehr den Ton der +feinen Welt an, und wenn auch die kleine Prinzessin sich nicht sehr +bemühte, zu seiner Erziehung beizutragen, indem sie ihn eigentlich nur +verzog, so erwarb sich doch Mlle. Gogo große Verdienste um seine +Bildung. + +Eines Tages hatte Rosaurus sich gerade auf den Sammtsessel gelegt, den +die Prinzessin bei der Lection einnehmen sollte und schien sehr süß zu +schlafen, denn er schnarchte laut. Als nun die Prinzessin ihn vom Stuhl +herunter schieben wollte, so leise und zart als möglich, indem sie ihm +noch gute Worte gab, da ließ das böse Thier ihm seine Krallen fühlen und +vier blutige Streifen liefen auf dem weißen Arm herab. Da ergriff Mlle. +Gogo aber eine kleine Ruthe und schlug Rosaurus damit recht derb auf den +Rücken; er schrie und floh unter das Kanapee. Aber er war ein kluges +Thier und man hat es nie wieder erlebt, daß er sein Sammetpfötchen +verleugnet hätte, wenn die Prinzessin sich mit ihm abgab. -- Ja er legte +sich nie wieder auf ihren Sammetsessel, sondern auf ein Fußbänkchen ihr +zu Füßen; dort rührte Rosaurus sich nicht, während sie Unterricht hatte; +ja zuweilen hörte er so aufmerksam zu, daß man hätte meinen sollen, er +verstände alles, was die Lehrer lehrten. Nur bei dem Klavier-Unterricht +wurde es ihm unheimlich zu Muthe und man sah oft, daß er sich mit seinen +kleinen Pfoten die Ohren zuhielt, wenn die Prinzessin spielte. +Vielleicht waren es einige falsche Töne, die dem für Katzenkonzerte so +gebildeten Ohre weh thaten. Oder liebte Rosaurus überhaupt nicht alles, +was zu laut war? Ja! wenn die Prinzeß die Janitscharen-Musik anstimmte, +da begann Rosaurus oft zu miauen und mußte zum Zimmer hinausgebracht +werden. Eine andere üble Angewohnheit mußte der junge Kater ablegen. Er +liebte nämlich vor Allem zu klettern, und da es im fürstlichen Zimmer +weder Bäume, noch Mauern, noch Dächer gab, um seinem angeborenen Trieb +zu genügen, sprang er gern auf die Tische. Da stieß er im kühnen Sprung +manches hübsche Nipp herab; ihm war es ganz einerlei, ob eine schöne +vergoldete Tasse, ein kostbares Kristallglas oder ein sonstiges +Kunstwerk zu Grunde ging; da mußte Mlle. Gogos Ruthe ihm erst den +richtigen Kunstsinn beibringen. Einstmals war er auf des Prinzeßchens +Schreibtisch gesprungen, hatte erst mit ihren Federn gespielt, dann ein +kostbares in Leder gebundenes Album zernagt und zuletzt noch das +Tintefaß umgeworfen. Das war eine schöne Bescherung! Der arme Rosaurus +mußte gewaltig dafür büßen. + +Rosaurus hatte eine große Abneigung gegen die Ruthe; wir glauben, daß es +nicht blos um des physischen Schmerzes willen war, sondern auch wegen +seiner Ehre; dann mochte er auch nicht leiden, daß sein Fell in +Unordnung gerieth; er hatte den Grundsatz, daß wenn man in guter +Gesellschaft lebe, man auch anständig gekleidet sein müsse. Die Katzen +pflegen nun Toilette zu machen, indem sie sich lecken. Das rosa +Züngelchen dient ihnen als Kleiderbürste, der eigene Speichel als +Schönheitswasser. -- Rosaurus hatte nun ein Plätzchen gefunden, wo es +keinen Schaden anrichten konnte; das war nämlich die Fensterbrüstung. +Dort saß er viel und leckte sich. Sein Fell glänzte wie Schillertaffet; +den Schwanz schlang er auf anmuthige Weise um den Körper, so blickte er +hinaus in die Welt, und alle Vorübergehenden, die ihn sitzen sahen, +blieben stehen und sagten: -- »ach seht doch das hübsche Kätzchen der +Prinzessin!« + +Als nun einstmals die Freundinnen wieder eingeladen wurden, waren sie +höchst erfreut, ihren kleinen Taufpathen wieder zu sehen und alle +streichelten ihn freundlich, nur Jenny nicht, welche noch immer Spuren +seiner Zähne und Krallen im Gesicht trug. Wenn sie ihn ansah, dachte sie +immer: »Das abscheuliche Thier, wenn ich ihm nur etwas anhaben könnte!« +Rosaurus mochte ihre üble Absicht ahnden, denn er entfernte sich und +ließ sich den ganzen Abend nicht mehr sehen. + +Als die Kinder nun abgeholt wurden, war Jenny die erste, welche sich +entfernte, und als sie im Vorzimmer ihren Mantel umnehmen wollte, siehe, +da hatte sich Rosaurus auf demselben gebettet und schlief so fest und +süß, daß er nicht einmal von einer Störung träumte. + +»Du häßliches Thier,« sagte Jenny leise, »da hab' ich dich endlich; du +sollst mir nun für deinen Frevel büßen« und geschwind, ehe es Jemand +sah, und ehe Rosaurus sich auf ein hülferufendes Miau besinnen konnte, +steckte sie ihn in den Arbeitsbeutel und trug ihn mit sich fort. + +»Das ist recht gut, dachte sie im Gehen bei sich selbst, daß das Thier +auf gute Manier fortkommt; denn seitdem es beim Prinzeßchen ist, kann +gar nichts Ordentliches mehr gespielt werden, alles bewegt sich um das +dumme Thier! Wie ich es hasse!« + +Jennys Weg führte über eine Brücke; »ich werde Rosaurus ins Wasser +werfen,« sagte sie zu sich selbst, »da ist es mit ihm auf immer vorbei!« + +Als das Prinzeßchen vor Schlafengehen ihren Rosaurus vergebens suchte, +da dachte sie: O er wird gewiß wieder zur Esse hinauf sein auf das Dach +zu seinen Geschwistern; denn sie hatte durch die Hofmagd von der +Katzengesellschaft gehört, die der Schlotfeger an jenem Abend gestört +hatte, so wie auch von den zwei schwer verwundeten Kätzchen, und sie +ließ dem Schlotfeger befehlen, ihren Rosaurus nicht wieder zu +erschrecken; dann legte sie sich nieder und tröstete sich mit der +Hoffnung, am andern Morgen Rosaurus wieder zu sehen. Diese Hoffnung +sollte aber nicht in Erfüllung gehen. + + + + +Kapitel 6. + +Die Kinder der Armuth. + + + Trockne deine heißen Zähren + Von dem bleichen Angesicht; + Bald wird Gott dir Trost gewähren, + Er vergißt dich ewig nicht. + +In einer engen Straße lebte in einem kleinen Häuschen eine arme Familie. +Sie bewohnte ein niedriges rauchgeschwärztes Hinterstübchen. Vater, +Mutter und Kinder waren in Lumpen gehüllt. Der Vater lag auf einem +Strohsack, welcher des Nachts als Familienbett diente; er hatte den +ganzen Tag darauf gelegen in jenem halbwachen Zustand, den der Genuß +geistiger Getränke, vereint mit Trägheit des Körpers und Verstimmung der +Seele hervorzubringen pflegt. Ob er nicht arbeiten konnte oder wollte? +wer weiß das. Die Mutter arbeitete auch nicht, sondern saß auf einer +hölzernen Bank und hatte ein dreijähriges Töchterchen auf dem Schooß, +welches eben so schmutzig und ungekämmt war, als sie selbst. Ein anderes +kleines Mädchen von 8 Jahren kauerte im Winkel und weinte; sie hatte Weh +am Fuß, weil sie in einen Glasscherben getreten hatte; denn das arme +Kind mußte immer barfuß laufen, weil die Eltern ihr keine Schuhe kaufen +konnten. + +Dieses kleine Mädchen hieß Dorothea und wurde gewöhnlich Dorte genannt. + +»Mich hungert's so sehr«, klagte Dorte, »wäre nicht mein bößer Fuß, so +hätte ich Euch schon längst etwas heim gebracht. Wilhelm braucht immer +mehr Zeit, um etwas zusammen zu betteln.« + +»Wie kommt das nur?« fragte die Mutter. + +»Ja, er kann sich nie ein Herz nehmen, die Leute anzubetteln, da schiebt +er mich immer vor; er maust viel lieber.« + +»Halts Maul, Mädchen!« schrie der Vater, »wenns Jemand hört, so --« + +»Ich wollte ja eben, daß Vater und Mutter es hören möchten,« sagte +Dorte; »mir gehorcht Wilhelm nicht, und ich fürchte immer, daß er noch +sich selbst und uns Alle ins Unglück bringt.« + +»Wir armen Leute,« erwiderte der Vater, »müssen eben so gut leben, als +die Reichen, und wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir's.« + +_Dorte._ Ich habe neulich in der Schule ein Verschen gelernt, welches +ich immer befolgen will: »Du sollst nicht lügen und nicht stehlen, und +was du findest, nicht verhehlen.« + +_Mutter._ Dabei wirst Du aber nicht sehr reich werden! + +_Dorte._ Und doch brachte ich neulich einen ganzen Thaler mit nach +Hause. O der glänzte! Prinzeßchen hatte ihn mir geschenkt, als es im +Winter so kalt war und ich so bitterlich weinte, weil mich so hungerte. + +_Mutter._ Ich weiß wohl, daß du nie so gut weinen kannst, als wenn du +Hunger hast. + +_Dorte._ Darum schickt Ihr mich so oft mit leerem Magen zum Betteln aus. + +_Vater._ Ja die Dorte zwingt es immer mit ihren Thränen, der Wilhelm +aber mit dem Verstande. Das ist ein kluger Kopf! der wird es noch weit +bringen. + +_Dorte._ Bis zum Galgen! so meinte neulich ein dicker Herr. + +_Mutter._ Wer war der Schändliche, der sich unterstand, das von meinem +Wilhelm zu sagen? + +_Dorte._ Ich kenne ihn nicht, es war am Sonntag. + +_Vater._ Wo der Wetterjunge 12 Groschen nach Hause brachte. + +_Dorte._ Ja! die er sich mit Lügen verdient hatte. + +_Mutter._ Wie so denn? + +_Dorte._ Er hatte sich an einer Straßenecke aufgestellt, wo viele Leute +vorüber gehen mußten; dort that er, als ob er weine und etwas suche. Kam +nun ein Mitleidiger vorüber und frug: was ihm fehle? so klagte er, daß +er einen Groschen verloren habe, wofür er für die kranke Mutter Arznei +habe kaufen sollen; nun werde er Schläge erhalten, wenn er nach Hause +käme. Und mancher Vorübergehende schenkte ihm einen Groschen. So wie der +Geber sich aber entfernt hatte, begann die Geschichte von Neuem. + +_Vater._ Der Blitzjunge! + +_Dorte._ Ja, und wie gut er weinen konnte! selbst wenn ich Hunger habe +und mit leerem Magen betteln muß, kann ich es nicht so gut. + +_Mutter._ Du wirst aber immer ein dummes Mädchen bleiben. + +_Dorte._ Ich möchte aber auch nicht so ankommen, wie Wilhelm an jenem +Tage. + +_Vater._ Nun, wie kam er denn an? + +_Dorte._ Ein dicker Herr, der ihm schon ein Mal einen Groschen geschenkt +hatte, kam zufällig denselben Weg wieder zurück. Wilhelm erkannte ihn +aber nicht wieder und begann abermals, um den verlorenen Groschen zu +weinen und zu schluchzen. Da gab der Herr ihm eine Ohrfeige rechts und +eine links und sagte: -- »Vielleicht rettet dich das von dem Galgen.« + + [Buntbild: Rosaurus wird gestohlen.] + +Man hörte hier die Hausthür gehen und herein trat Wilhelm mit einem sehr +vergnügten Gesicht. Er hielt etwas unter der Rocktasche verborgen und +als er sich versichert hatte, daß niemand Fremdes im Zimmer sei, zog er +einen schweren Arbeitsbeutel von grünem Sammet hervor. + +Der Vater erhob sich bei diesem Anblick von seinem Lager, die Mutter +rückte dem Tisch näher, Dorte und die kleine Hanne blickten mit +neugierigen Augen nach dem erbeuteten Gegenstande in der Hoffnung, etwas +Erfreuliches daraus hervorlangen zu sehen. Vater und Mutter erwarteten +Geld, die Kinder Lebensmittel. Wilhelm erzählte, er habe den Beutel +einem kleinen Mädchen vom Arm geschnitten bei der großen Brücke. »Die +wird sich wundern!« sagte er; »sie hat gar nichts gemerkt; auch war es +schon etwas dunkel.« + +Er öffnete den Beutel und heraus kam -- _Rosaurus_; er schien sich nicht +ganz behaglich zu fühlen, ja sogar auf einen feindseligen Angriff gefaßt +zu sein; denn er machte einen gewaltigen Katzenbuckel und begann zu +knurren und zu pusten. Die Kinder lachten. »Nun,« meinte der Vater, »da +hättest du auch etwas Besseres erwischen können.« Glücklicherweise fand +sich nebst einem Taschentuch auch ein Fünfgroschenstück im Beutel; auch +kramte Wilhelm einige Semmeln und Aepfel aus, die er in der Dämmerung +von Bäckern und Höckern gestohlen hatte. -- Man theilte solche unter +sich und verzehrte sie. + +Rosaurus fühlte sich keineswegs heimisch in dieser Umgebung, er war ja +an den fürstlichen Palast gewöhnt; auch verschmähte er die Brodkrumen, +welche Dorte ihm bot, und machte ein ganz philosophisches und +nachdenkliches Gesicht. Vielleicht dachte er an seiner Pathen +Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen, denn er brach in ein +klägliches Miau aus. + +»Was sollen wir nur mit der Katze anfangen, Wilhelm?« sagte die Mutter, +»du wirst uns doch nicht zumuthen, unsere Kaffee-Milch mit ihr zu +theilen. Wirf sie zum Fenster hinaus oder setze sie vor die Thür.« + +»Das arme Thier,« meinte Dorte; »es ist gewiß gewohnt, recht gut +verpflegt zu werden und wird sich auf der Straße unbehaglich fühlen; wir +wollen es bis morgen früh behalten, dann trag ich es in ein vornehmes +Haus, wo man es gewiß aufnimmt.« + +»Nein, nein!« sagte Wilhelm, »die Katze ist mein und bleibt hier. Ich +weiß schon, was ich mit ihr anfange. Morgen geht das Vogelschießen los, +da bringe ich sie in die Menagerie und verkaufe sie als einen Braten für +den großen Löwen. Wenn ich auch nichts dafür bekomme als den freien +Eintritt. Ich sehe so etwas gar zu gern, besonders die Affen -- von +ihnen kann man recht geschickt stibitzen lernen. Auch giebt es dort +gefüllte Taschen, erreichbare Taschentücher, unbeachtete Arbeitsbeutel +-- kurz eine gute Ernte für arme und geschickte Leute.« + +In dieser Gesellschaft brachte Rosaurus die Nacht zu, und schlummerte in +Dortens Schooß so sanft, wie in seiner Puppenwiege. + +Am andern Morgen ward es sehr bald lebendig, denn es war der Tag der +Holzlese und Vater und Mutter gingen in den Wald. Beide waren dafür +bekannt, daß sie lieber frische Aeste abbrachen, als sich mit dem alten +Holz begnügten; dadurch fiel ihre Erndte auch immer reichlicher aus, als +die anderer armen Leute. + +Wilhelm und Dorte sollten in die Schule gehen; letztere wusch und kämmte +vorher das Schwesterchen; dann gab sie Rosaurus ihre Milch und trank +ihren Kaffee schwarz. Wilhelm dehnte sich aber noch lange auf seinem +Strohsacke. + +»Willst du nicht aufstehen?« sagte Dorte, »es ist bald Zeit zur Schule.« +Langsam erhob er sich, frühstückte und machte Anstalt, die Schwester zu +begleiten. Als sie die Thür hinter sich geschlossen hatten, sagte Dorte: +»Es freut mich, daß Hannchen heute nicht so ganz allein bleibt, wie +gewöhnlich.« + +»Wer ist denn bei ihr?« frug der Bruder. + +»Nun das Kätzchen.« + +»Potztausend! das hatte ich ganz vergessen,« sagte er, indem er noch ein +Mal die Thür aufriß, rief er in die Stube. »Hanne, wenn du mir das +Kätzchen anrührst, so kriegst du Prügel!« -- + +Hannchen war aber ein sehr unfolgsames Kind; sie war nicht zum Gehorsam +erzogen worden, und man brauchte ihr nur etwas zu verbieten, so bekam +sie Lust, es zu thun. Als sie sich also allein mit Kätzchen sah, ging +sie auf dasselbe zu, um es zu streicheln. Rosaurus ließ sich das wohl +gefallen und schnurrte; dann nahm sie das Kätzchen auf den Arm und trug +es im Zimmer umher. -- Dann meinte die Kleine, sie wolle etwas zum +Fenster hinaus sehen; deshalb stieg sie auf einen Stuhl, machte das +Fenster auf und lud Kätzchen ein, sich aufs Gesims zu setzen und die +Vorübergehenden zu betrachten. + +Rosaurus schien Gefallen daran zu finden und nahm seine philosophische +Stellung auf den Hinterbeinen an und überlegte sich, was er thun wolle? +Das Fenster war sehr niedrig, ein kleiner Sprung und Rosaurus war auf +der Straße. Vielleicht konnte er sich dann leicht in der Stadt zurecht +finden, und ins Schloß oder wenigstens zu einer Freundin des +Prinzeßchens gelangen. + +Rosaurus fand diesen Schritt sehr gerathen, er machte Anstalt, die +innere Fensterbrüstung mit der äußeren zu vertauschen; -- Hannchen +wollte es nicht leiden und erfaßte den Flüchtling beim Schwanz -- aber +Rosaurus schlug seine Krallen in des Kindes Händchen und husch! -- unten +war er, worauf er in gestrecktem Laufe die Straße verließ. + + + + +Kapitel 7. + +Weitere Erlebnisse des jungen Katers Rosaurus. + + + Wer jetzt das Thierlein liebt, + Wird einst auch Menschen lieben, + Wer jetzt das Thierlein quält, + Wird Menschen einst betrüben. + +Als Rosaurus an das Ende der Straße gelangt war, hielt er im raschen +Laufe an, um wieder zu Athem zu kommen; er setzte sich auf einen +Prallstein, um die unbekannte Straße und seine eigene Lage besser zu +überschauen. Ach! er war in eine ganz fremde Welt gerathen, in welcher +er sich nicht zurecht finden konnte. Fremde Menschen gingen an ihm +vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen; ach! wie fühlte Rosaurus +sich unglücklich und verlassen. -- Plötzlich aber schien sein Schicksal +sich aufzuklären; zwei kleine wohlgekleidete Mädchen kamen daher, +begleitet von ihrer Bonne. Sie hatten große Arbeitstaschen und schienen +in die Schule gehen zu wollen. Rosaurus erkannte Lisi und Amelie, seine +beiden Freundinnen, und hoffte, die Stunde seiner Erlösung habe +geschlagen. Er sprang hinunter vom Prallsteine und eilte auf die Kinder +zu, sich mit einem ausdrucksvollen Katzenbuckel an Lisi anschmiegend und +ihr zwischen die Füße laufend. Die Kinder blieben stehen. + +»Ach! das niedliche Kätzchen,« sagte Amelie, »das sieht doch gerade aus, +wie der Rosaurus der Prinzessin.« + +_Lisi._ Wie käme dieser aber hierher? der schlummert wahrscheinlich noch +in seiner Wiege, oder frühstückt Milch und Bisquit, während dieses arme +Thierchen hier ziemlich hungrig zu sein scheint. + +_Amelie._ Könnten wir es doch mitnehmen, das Kätzchen sieht uns an, als +wolle es unseren Schutz anflehen, es hat gewiß seinen Herrn und seine +Heimath verloren. + +»O!« sagte die Bonne, »es gehört wahrscheinlich in eins der benachbarten +Häuser, man wird es bald suchen und wir würden einen Diebstahl begehen, +wenn wir es mit uns nehmen wollten.« Lisi meinte auch, daß sie doch +unmöglich ein Kätzchen mit in die Schule bringen könnten, und schlug +vor, dem armen Thiere etwas zu fressen zu geben und nach beendeter +Schule wieder an dieser Stelle vorüber zu gehen, um es mitzunehmen, wenn +es noch immer so verlassen, einsam und unglücklich sein sollte. + +Die Kinder brockten zufolge dieses Beschlusses, den auch die Bonne +billigte, etwas Bisquit und Semmel auf einen reinlichen Stein der +Straßenecke, wünschten dem Kätzchen guten Appetit und gingen von dannen. + +Da Rosaurus wirklich großen Hunger hatte und ihm kein Mittel zu Gebote +stand, sich seinen Freundinnen zu erkennen zu geben, indem sie die +Katzenbuckel-Sprache doch nicht so ganz deutlich zu verstehen schienen, +stürzte er sich gefräßig über das Bisquit her, indem er sorgfältig die +Semmelbrocken liegen ließ. -- Er sollte indeß, noch ehe er die Mahlzeit +vollendet hatte, gestört werden; denn er vernahm aus der Ferne ein +furchtbares Donnern und Krachen, und meinte einen Augenblick, die ganze +Welt gehe unter; sein Gemüth beruhigte sich nicht, als er die +Veranlassung dieses Geräusches erblickte. Es kam nämlich ein Ungeheuer +die Straße entlang gesaust; war es ein Thier? war es etwas Anderes? Es +hatte vier glänzende Augen, acht Beine, und noch außerdem vier Räder, +welche den ungeheuren Lärm verursachten. -- Später erfuhr Rosaurus wohl, +daß es eine Kutsche mit zwei Rädern sei, aber damals war er ja gar zu +unerfahren in der Welt. Als das Ungethüm sich auf ihn zu bewegte, +ergriff er die Flucht; er wähnte sich verfolgt, weil die Kutsche +denselben Weg einschlug, wie er, und so lief und lief er denn, bis er in +eine Seitenstraße gerieth, wo der gefährliche Feind vorüber fuhr. So +hatte Rosaurus in der wilden Flucht sich weit entfernt von der Stelle, +wo Lisi und Amelie ihn wieder zu finden gedachten. Rosaurus sollte aber +bald noch andere Gefahren kennen lernen. -- + +Ein vierbeiniges Geschöpf ließ sich nämlich am äußersten Ende der Straße +erblicken. Rosaurus dachte sich gleich, daß dasselbe ein Hund sei, +obgleich es keineswegs dem Joly glich, es war gewiß viermal größer als +Joly, hatte ganz schwarzes gelocktes Haar, lange herunterhängende Ohren +und kleine schwarze Augen, welche unter dichten Haarbüscheln +hervorglänzten. + +Als der Pudel Kartusch den Rosaurus erblickte, stutzte er einen +Augenblick und legte durch ein kurzes abgebrochenes Gebell seine +katzenfeindlichen Gesinnungen an den Tag. Rosaurus war unschlüssig über +seinen Vertheidigungsplan. Konnte er hoffen, mit seinen zarten Krallen +dem großen Hund Ehrfurcht einzuflößen, wie dem kleinen Joly? Gewiß +nicht! Ihm erschien also die Flucht das gerathenste zu sein. Ach, er +wußte nicht, wie schnell Kartusch laufen konnte! -- Kartusch hatte +großen Respekt vor den Krallen der Katzen, aber gar keinen vor ihren +Schwanz, und als er letzteren sich zugewendet sah, verfolgte er mit +freudigem Bellen das arme geängstete Thier. Rosaurus hörte sein +Schnaufen und Knurren, sein drohendes Gebell immer näher rücken, immer +mehr schwand der Raum zwischen ihm und seinem Verfolger; er fühlte schon +den heißen Athem des Pudels und glaubte auch schon dessen Zähne zu +fühlen -- da ersah er einen Baum -- noch ein Mal strengte er seine +schwindenden Kräfte an und sprang hinauf -- bloß ein kleines Stück +seines Schwänzchens blieb in Kartusch's Zähnen zurück; das that zwar +weh, es blutete, aber sein kostbares Leben war doch gerettet. Rosaurus +blickte hohnlächelnd und pustend herab auf den wüthend bellenden +Kartusch, der sich gar nicht darüber zufrieden geben konnte, daß seine +Beute ihm entrissen war. -- Endlich wurde Kartusch durch einen Pfiff +seines Herrn abgerufen. + +»O, hätte der doch eher gepfiffen,« seufzte Rosaurus, indem er seinen +blutenden Schwanz leckte. + +O welch ein Unglück! dieser Schwanz, sein Stolz, seine Freude; dieses +Glied seines Körpers, welches dem Kater eine Aehnlichkeit mit den +Kometen des Himmels giebt, es war verstümmelt; Rosaurus war auf ewig +geschändet! Er überließ sich ganz seinem Schmerz und brach in laute +Klagen aus. + +Diese Klagen vernahm eine muntere Knabenschaar, welche so eben aus der +Schule kam. Das ist der Augenblick, wo die Kinder am übermüthigsten zu +sein pflegen. Sie nahmen Steine und warfen nach dem armen schreienden +Thier. Rosaurus flüchtete immer höher in die dichtesten Zweige des +Baumes; er zog sich hinter die verschlungendsten Aeste zurück und suchte +sich zu schützen gegen das Wurf-Material, welches von allen Seiten in +seiner Nähe einschlug, entweder vorbeiflog oder an den schützenden +Zweigen abprallte. Ein kühner Knabe entschloß sich, an dem Baum hinauf +zu klettern; alle jubelten über diesen Entschluß; der Steinregen war zu +Ende und die Jugend blickte neugierig und mit reger Theilnahme dem +Kletternden nach; Rosaurus hatte sonach eine neue Gefahr zu fürchten. +Der kletternde Knabe mußte sich an die innern Baumäste halten, wo +Rosaurus von den Steinen hingetrieben war, so daß letzterer sich +genöthigt sah, seine Zufluchtsstätte zu verlassen und die äußersten +Spitzen der höchsten Aeste aufzusuchen. Rosaurus war sehr leicht, ihn +trug das dünnste Zweigelchen; die Vögel flohen erschreckt aus den +Wipfeln des Baums, indem sie ein ängstliches Piep Piep ausstießen, und +Rosaurus verspürte in diesem Augenblick einiges Gelüste nach dem +Vogelspiel, er mußte aber diese strafbaren Gedanken unterdrücken wegen +der eigenen Gefahr, welche auch wirklich mit jeder Minute stieg; denn +als der Knabe auf dem Baum nicht Rosaurus selbst packen konnte, ergriff +er den Ast, auf dessen äußersten Spitzen das arme geängstete Thier saß +und schüttelte denselben so stark, daß er sich nicht länger darauf +halten konnte. Rosaurus stürzte aus der schwindelnden Höhe herab, unter +lautem Freudenruf der Schuljugend. + +Jedes andere unbeflügelte Thier würde unstreitig den Hals gebrochen +haben; aber die Katzen haben die große Geschicklichkeit, immer auf den +Beinen zur Erde zu gelangen; das war auch jetzt der Fall mit Rosaurus. +-- Seine Füße waren freilich geprellt und hätten der Ruhe und Pflege auf +weichem Bettchen bedurft; aber unter dieser blutdürstigen Umgebung +konnte er nicht weilen -- er mußte wieder zu schneller Flucht greifen +und unter neuem Steinregen davon laufen. -- Als er endlich sich sicher +glaubte, fühlte er sich von einer kleinen aber kräftigen Hand gepackt +und eine wohlbekannte Stimme rief. »Du bist mein,« und steckte Rosaurus +unter seinen Rock. + +Es war niemand anders als Wilhelm, welcher aus der Schule kam und, in +der Hoffnung, dem Löwen zwei Braten, d. h. zwei Kätzchen, bringen zu +können, die ganze Verfolgung des armen Thiers geleitet hatte. + +Es gab indeß großen Spektakel zu Haus, als Wilhelm Rosaurus Flucht +entdeckte und in dem armen abgehetzten, verstümmelten Kätzchen sein +Eigenthum erkannte. Hannchen wurde von ihm geschimpft, geschlagen und +gekneipt, bis Dorte ihr zu Hülfe kam. + +Am Nachmittag sah Wilhelm indeß ganz anders aus, als am Morgen, denn er +hatte sich sorgsam gewaschen und gekämmt, eine wohlgeflickte +Sonntagsjacke angethan, die verschossenen Hosen stramm gezogen, die +Strümpfe in die Höh gebunden und die Schuhe geschwärzt. »Jetzt,« sagte +er, »bin ich ein schmucker Mensch und ich glaube, der Löwe würde mich +verspeißen, wenn er könnte; ich bin ganz geeignet, um ihm Appetit +einzuflößen.« Rosaurus wurde nun in die Rocktasche gesteckt und so gings +zum Vogelschießen. + +Man zog gerade den großen hölzernen Vogel unter Musik und +Kanonenschüssen empor. Es war ein Adler mit zwei Köpfen. Kronen, Scepter +und Reichsapfel waren vergoldet. Es wurde Rosaurus recht unheimlich im +Gedränge, denn Wilhelm war immer da, wo es am dichtesten war und zwar +aus guten Gründen. + +Viele Buden mit Sehenswürdigkeiten waren aufgeschlagen. Da gab es +Wachsfiguren, Panoramen, Seiltänzer, Taschenspieler und Marionetten zu +sehen; am meisten gab es aber Eßbuden, welche die herrlichsten Bissen +aufgestellt hatten. Da zischten und dampften Bratwürste, dort gab es +Kuchen, Torten, Früchte; Rosaurus verspürte großen Appetit und auch noch +andere empfanden solchen. + +Viele Leute kauften und ließen es sich wohl schmecken; aber viele +standen dabei und konnten sich nichts kaufen und man sah es ihnen doch +an den Augen an, daß sie es so gern gethan hätten; das waren die Armen. +Darunter gehörte auch Wilhelm. -- Er tröstete sich aber mit dem +Gedanken, daß er noch vor Schlafengehen sich auf irgend eine Weise ein +Stück Kuchen verschaffen werde und mit diesem Trost lief er zur +Menagerie. + +Diese war leicht aufzufinden, denn vor derselben schrien Papageien und +tanzten Affen in wunderlichen Sprüngen. Wilhelm bot dem Besitzer der +Menagerie sein Kätzchen zum Verkauf. »Das ist ein rechtes Futter,« sagte +der Mann in verächtlichem Ton, »das füllt ja kaum einen hohlen Zahn des +Löwen aus; doch um des Spaßes willen nehm ich dir den Kater ab. Da hast +du einen Groschen, und wenn du sehen willst, wie dein Kätzchen gefressen +wird, so kannst du in einer Stunde wieder kommen, da wird gefüttert -- +du sollst eingelassen werden, ohne zu zahlen.« + +Wilhelm lief nun mit seinem Groschen zur Kuchenbude. Er dachte zwar +daran, daß der Vater ihm befohlen habe, alles Geld nach Hause zu +bringen; »da müßte ich doch ein rechter Narr sein!« sagte er zu sich +selbst, kaufte ein Stück Kuchen, welches er sehr gemüthlich verzehrte, +während einige seiner armen Schulkameraden ihm nicht ohne Neid zusahen. + + + + +Kapitel 8. + +Die großen Katzen. + + + Tiger! Tiger! Flammenpracht! + In des Waldes dunkler Nacht, + Wo die kühne Meisterhand, + Die sich dieses unterstand, + Daß die Gluth sie angefaßt, + Die du in den Augen hast. + + Ward aus Himmel oder Höll' + Ausgeschöpft die Feuerquell? + Alles wie aus einem Guß! + Welche Hand! und welcher Fuß! + Wo die Esse, die so stolz, + Dieses Hirn aus Erz dir schmolz! + + Aller Wesen letzter Tag + Tiger ist dein, + Was du anfaßt, das ist roth, + Was du angefaßt, ist todt. + Tiger, Tiger, fürchterlich! + Der das Lamm schuf -- schuf er dich? + +Als Wilhelm nach der Menagerie zurückkam, vernahm er schon lautes +Brüllen. Im Vorplatz wurden große Stücke Fleisch zerschnitten; diese +wurden sodann vertheilt, und Wilhelm weidete sich an der Freßbegierde +der Thiere, an ihren scharfen Zähnen und an den wilden Tönen, welche sie +dabei ausstießen. Man warf das Kätzchen in des Löwen Käfig; es zitterte, +und Wilhelm dachte schon, das große Thier werde seiner Angst bald ein +Ende machen und es unter seiner Riesentatze ersticken. Aber nein! der +Löwe schien es gar nicht zu bemerken, es konnte ganz sicher bei ihm +leben; wenn er es nicht aus Zufall zertrat, mit Willen that er es gewiß +nicht. Kätzchen verlor auch wirklich bald alle Angst; es leckte von dem +blutigen Fleisch, welches der Löwe zur Mahlzeit erhielt -- das arme +Thier mußte ja auch sehr hungrig sein; der Löwe ließ es sogar geschehen, +daß es ein kleines Stückchen fraß, und als es gesättigt war, zeigte es +sogar Lust, mit dem Schweif des Königs zu spielen, wie es mit Mlle. +Gogo's Mützenschleife gespielt hatte. + +Als nun die Thiere gefüttert waren, räusperte sich der +Menageriebesitzer, und indem er mit einem Stock nach den verschiedenen +Käfigen deutete, gab er mit lauter Stimme folgenden Bericht. »Sie sehen +hier, meine Herrschaften, den großen Löwen aus Bengalen. Er ist einer +der größten, die man je in Europa gesehen hat, indem er 9 Fuß lang und 5 +Fuß hoch ist. Seine prächtige Gestalt, sein fester Blick, sein stolzer +Gang und sein furchtbares Gebrüll zeugen von seiner Kraft. Seine +ungeheure Muskelstärke verräth sich durch die großen Sprünge die er +macht, um auf seine Beute zu stürzen und durch das Schlagen seines +Schweifes, womit er einen Ochsen zu Boden werfen kann. Sein gewöhnlicher +Gang ist langsam und würdevoll; er pflegt blos zu laufen, wenn er +verfolgt wird. Hinter Gebüsch und Rohr verbirgt er sich und lauert auf +das vorübergehende Wild, welches an einer nahen Quelle zu trinken +pflegt; mit einem ungeheueren Sprunge stürzt er über dasselbe her, indem +er seine Krallen tief in dessen Seiten schlägt und mit seinen Zähnen +dessen Hinterschädel zerbricht. Wenn er im Sprung seine Beute verfehlt +hat, so läßt er sie laufen und versucht nicht, sie zu verfolgen, sondern +legt sich abermals auf die Lauer. Hat er sich satt gefressen, so legt er +sich nieder und schläft zwei bis drei Tage, bis der Hunger ihn wieder +aufweckt. Wenn der Löwe unter eine Heerde geräth, so tödtet er Alles, +was ihm vorkommt, selbst wenn er gesättigt ist. Sein Muth ist nicht so +groß, als man glauben möchte; er greift nur kleinere und schwächere +Thiere an, und wenn er sich in den Bereich der menschlichen Wohnungen +geschlichen hat, so kann man ihn mit einigem Lärm oder auch mit einer +brennenden Fackel verjagen. Indem er die Haut seines Gesichts und +vorzüglich die Stirnhaut mit großer Leichtigkeit bewegt, kann er den +Ausdruck seiner Physiognomie sehr oft wechseln und ihr den einer +furchtbaren Wuth geben, welcher durch die Beweglichkeit seiner Mähne, +die er emporsträuben und nach allen Richtungen hin wenden kann, sehr +erhöht wird. Die Löwin ist kleiner, ruhiger und feiger, als der Löwe, +doch wenn sie Junge hat, ist sie furchtbarer als er, indem sie sich dann +auf Menschen und Thiere ohne Unterschied stürzt, sie tödtet und ihren +Kleinen zuträgt, denen sie bei Zeiten lehrt, das Blut zu saugen und das +Fleisch zu zerreißen. Der Löwe säuft wie ein Hund. Sein Gebrüll ist so +stark, daß man es des Nachts in der Wüste für Donner halten könnte; +er stößt es täglich 5 bis 6 Mal aus, besonders häufig, wenn Regen zu +erwarten steht. Wenn der Löwe Menschen und Thiere zusammen findet, +so fällt er lieber die letztern an, es sei denn, daß ein Mensch ihn +schlägt, bei welcher Gelegenheit er den Beleidiger gewiß schnell +herausfindet. Der Elephant, das Rhinozeros, der Tiger und das Nilpferd +sind die einzigen Thiere, welche ihm Widerstand leisten können und +welche er auch gern vermeidet, wenn er kann. Das Fleisch des Löwen hat +einen unangenehmen starken Nachgeschmack; doch essen die Neger es gern. +Der Löwe gehört dem Katzengeschlecht an, man vergleiche ihn nur mit dem +kleinen Kätzchen, welches ihm Gesellschaft leistet. Beide haben 30 +scharfe Zähne, beide Pfoten mit langen starken Krallen, die sie nach +Belieben einziehen und herausstoßen können; beide haben denselben Bau +des Kopfes und tragen denselben Raubthiercharakter. + + +_Der Tiger_ + +gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Während der Löwe als erstes unter +den fleischfressenden Thieren gilt, ist der Tiger das zweite. Ihm fehlt +die Würde des Löwen; er ist immer blutdürstig und fällt gern die +Menschen an. Ihm fehlt auch des Löwen edler Anstand; sein Körper ist zu +lang, seine Beine zu niedrig; das Haupt hat keine Mähne, die Augen sind +unstät und die Zunge blutroth; er ist von einer unersättlichen Blutgier, +von einer empörenden Grausamkeit beseelt; sein einziger Instinkt scheint +eine stete Wuth zu sein, welche ihn oft so weit verblendet, daß er seine +eigenen Jungen frißt und deren Mutter zerreißt, wenn sie dieselben +vertheidigen will. + +Glücklicher Weise sind diese Thiere nicht sehr zahlreich und blos auf +das heißeste Klima Ostindiens beschränkt. + +Wenn der Tiger irgend ein großes Thier, z. B. ein Pferd oder einen +Büffel getödtet hat, so zerreißt er es nicht an der Stelle der That, +sondern er schleppt es in die Tiefe des Waldes mit einer Leichtigkeit, +daß die Schnelligkeit seines Laufes gar nicht durch die Schwere des +Gegenstandes gehemmt zu sein scheint. Der Tiger ist vielleicht das +einzige Thier, das man nicht zähmen kann; er ist immer bös, sowohl wenn +man ihn gut, als wenn man ihn schlecht behandelt. Nicht Gewohnheit, +nicht Zeit vermag ihn zu bändigen; er zerreißt die Hand, welche ihm +Nahrung reicht, wie die, welche ihn schlägt und alles Lebendige +erscheint ihm nur als erschaffen, um seine Beute zu werden. Die Tigerin +wirft wie die Löwin 4-5 Junge, und ihre Wuth steigert sich bis zu einem +entsetzlichen Grade, wenn man dieselben raubt. + + +_Der Panther_ + +gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Er sieht wild aus, hat ein stets +unruhiges Auge; seine Bewegungen sind heftig und seine Stimme gleicht +der eines wüthenden Hundes. Die Zunge ist rauh und sehr roth; die Zähne +sind stark und spitzig, die Krallen hart und scharf. Das Fell ist schön, +mit schwarzen ringelartigen Flecken besäet. Der Panther gleicht an +Gestalt und Größe einer Dogge von guter Raçe, nur mit kürzern Beinen. + +In Persien und andern Theilen von Asien pflegt man den Panther zur Jagd +zu benutzen, ohne ihn jedoch zähmen zu können, denn er verliert nie +seinen wilden Charakter und wenn man sich seiner bedienen will, bedarf +es großer Mühe, um ihn abzurichten und noch größere Vorsicht, um ihn +auszuführen und zu benutzen. + + +_Die Unze_ + +ist zahlreicher und weiter verbreitet als der Panther. Sie lebt +gewöhnlich in Arabien und im südlichen Asien; man bedient sich ihrer +dort zur Jagd, weil in den heißen Ländern Asiens die Hunde selten sind. +Die Unze hat indeß den Geruch nicht so fein wie der Hund und kann das +Wild nicht nach seiner Fährte verfolgen; auch würde es nicht im +schnellen Laufe verfolgen können, sondern jagt nur nach dem Gesicht und +kann sich nur aus dem Hinterhalt auf ihre Beute stürzen und sie +niederwerfen. + + +_Der Leopard_ + +hat dieselben Gewohnheiten und denselben Charakter, wie der Panther, +aber man kann ihn nicht so leicht zähmen; er bewohnt den Senegal und +Guinea, wo man ihn sehr häufig findet. Panther, Unze und Leopard +bewohnen nur die hintersten Landesstrecken von Asien und Afrika; sie +halten sich am liebsten im dichten Walde und am Ufer der Flüsse auf oder +auch in der Nähe entlegener menschlicher Wohnungen, wo sie den +Hausthieren auf dem Wege nach der Quelle gern auflauern. Sie fallen +selten Menschen an. Leicht erklettern sie Bäume, von deren Zweigen sie +auf ihre Beute herabstürzen. Obgleich sie meistens sehr mager sind, so +gilt ihr Fleisch doch als Leckerbissen für den Reisenden. + +Wilhelm wendete bald sein Interesse von dem Bericht des +Menageriebesitzers ab und den Affen zu, welche auch gar zu lustig +anzuschauen waren. Sie befanden sich in einem großen Bauer, worin sie +unaufhörlich umhersprangen. Ueberall gab es allerliebste Affengruppen. +Hier flöhte eine alte Aeffin ihr Kind mit mütterlicher Liebe; dort +wickelten sie einige Bonbons aus Papierhüllen und grinzten freudig über +den Fund. Manche balgten sich, andere schaukelten sich in großen Ringen, +die mit Seilen aufgehängt waren, oder sie wiegten sich in Zweigen, die +man im innern Raum des Bauers angebracht hatte. Wilhelm meinte immer, +diese Thiere müßten Menschen sein, weil sie so menschliche Bewegungen +zeigten. + +Was ihn aber mehr als alles andere an diesen Affenbauer fesselte, das +waren die zahllosen Kinder, welche umherstanden und im Anschauen +vertieft nicht Acht hatten auf ihre Habseligkeiten. So war es dem +kleinen Taschendieb schon gelungen, einige Taschentücher und einen +wohlgefüllten Arbeitsbeutel zu rauben und in seine Rocktasche zu +verbergen. + + [Buntbild: Rosaurus in dem Löwenkäfig.] + + + + +Kapitel 9. + +Die böse That und deren Folgen. + + + Und ist das Fädchen noch so fein gesponnen, + Am Ende kommt es doch ans Licht der Sonnen. + +Plötzlich vernahm man Geräusch an der Thür und es hieß: -- »die kleine +Prinzessin käme, um die Thiere zu sehen.« Alles blickte nach ihr hin und +freuete sich über ihr freundliches Grüßen und über ihren hübschen Anzug. +-- Wie sie vor den Käfig des großen Löwen trat, stieß sie einen lauten +Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens aus, denn sie erkannte auf +den ersten Blick ihren Rosaurus. Sie wollte auch gleich mit der Hand +durch die Eisenstäbe fahren, um den kleinen Liebling zu streicheln und +zu trösten, aber Mlle. Gogo riß sie erschrocken zurück. -- Der +Menageriebesitzer wurde sogleich gefragt, wie er zu dem Kätzchen +gekommen sei? und er erzählte, daß er es einem unbekannten Knaben +abgekauft habe, welcher noch in diesem Augenblick hier gewesen, -- er +wolle sogleich nach ihm suchen. + +Wilhelm war aber nicht zu finden und das ging auch ganz natürlich zu; +denn als er das Gespräch über das Kätzchen hörte, wurde ihm bang ums +Herz und er kroch unter einen Tisch, worauf Papageien standen, und +dessen unterer Raum mit einem Leinwandvorhang versehen war; da war er +sicher geborgen. Durch ein Loch konnte er Alles sehen, was in der +Menagerie vorging, und hören konnte er auch Alles. So mußte er denn +Zeuge sein, wie der Menageriebesitzer das Kätzchen aus dem Löwenkäfig +holte und einen Thaler erhielt, während er doch nur einen Groschen dafür +bezahlt hatte. Wilhelm ärgerte sich recht, daß er nicht selbst ein so +gutes Geschäft gemacht habe. + +Es wurde ihm indeß sehr unheimlich unter dem Tisch zu Muthe; denn es +befand sich unter demselben eine große Aeffin im Wochenbette, welche den +unberufenen Eindringling mit den langen Armen in den Nacken kratzte, und +unter dem Käfig der Aeffin stand der eines brütenden Pelikans, welcher, +ebenfalls entrüstet über die Störung, Wilhelm so arg biß, daß die Hosen +zerrissen und das Blut strömte. Er, der schon so wenig Sitzefleisch in +der Schule hatte, fürchtete auf diese Weise ganz untüchtig zum Sitzen zu +werden und als die Nachsuchung zu Ende war, benutzte er den Moment, wo +ein dicker Herr sich vor den Tisch gestellt hatte, um hervor zu kriechen +und sich hinter diesem verborgen zu halten. + +Da aber das Böse in seinem Herzen nie schlummern konnte, so entging es +seiner Aufmerksamkeit nicht, daß der dicke Herr eine sehr wohlgefüllte +Börse, woraus er so eben ein Extra-Trinkgeld für die Schlange gezahlt +hatte, in die linke Rocktasche steckte. Die Schlange fraß nämlich so +eben eine Taube in gewohnter grausamer Weise, indem sie mit der +freundlichsten Miene von der Welt dieselbe beleckte und durch ihren +Speichel schlüpfrig und geschmeidig machte; dann zog sie das arme Thier +unbarmherzig in ihren Rachen, und man fühlte, wie es im tiefen Schlund +noch zappelte. + +Wilhelm meinte, der dicke Herr sähe gewiß so aufmerksam zu, daß er es +nicht merken würde, wenn seine zarte Hand ihm in die Tasche griff, und +die Börse heraus holte und im Hui war diese Hand auch drinnen. Aber in +demselben Augenblick fühlte Wilhelm, daß sie von einer anderen, +kräftigeren Hand gefaßt wurde, welche unter dem Rocke schon mußte geruht +haben; zu gleicher Zeit ward sein Ellbogen ergriffen und mit Riesenkraft +auf einen Ruck sein Unterarm wie ein dürres Stück Holz zerknickt. +Wilhelm schrie vor Schreck und vor Schmerz und als der dicke Herr sich +ihm zuwendete, da erkannte er in ihm denselben, der ihm neulich die zwei +Ohrfeigen und den Groschen gegeben hatte. Es war der Herr +Polizei-Präsident. »Aha, sagte dieser, wir kennen uns schon; jetzt hoffe +ich, stiehlst du so bald nicht wieder.« + +Das ganze Publikum war aufmerksam auf den schreienden Knaben geworden +und auch die Prinzessin wollte ihn bedauern und ihm etwas schenken. Aber +der Menageriebesitzer erzählte ihr, daß es derselbe Knabe sei, der ihren +Rosaurus für den Löwen verkauft habe; auch fanden sich beim Ausleeren +seiner Taschen eine Menge gestohlener Gegenstände. »Nein, dieser +verdient kein Mitleid!« meinten die Leute. + +Aber er litt doch große Schmerzen; blaß und zitternd stand er da und +alle Blicke waren auf ihn gerichtet; ein Wundarzt, welcher zufällig in +der Nähe war, untersuchte den Arm und erklärte, derselbe müsse sogleich +eingerichtet werden. + +»Das soll in meinem Haus geschehen,« sagte der Polizei-Präsident; »ich +will ihn bei mir verpflegen lassen und auch alle Kosten tragen. Seine +Eltern taugen gewiß nicht viel, sonst würde der Junge nicht so +durchtrieben sein.« + +So wurde denn Wilhelm fortgebracht, während die kleine Prinzeß mit ihrem +Rosaurus sich nach Haus begab und sich vornahm, ihm das Leben noch viel +angenehmer als früher zu machen. -- Sie konnte sich gar nicht denken, +wie er in des bösen Knaben Hände gekommen sei und als Mlle. Gogo endlich +nähere Erkundigungen einzog, und man nach der Beschreibung Wilhelms und +nach dem Arbeitsbeutel, den er noch besaß, die lange Jenny als die +Ursache von Rosaurus Verschwinden erkannte, da wurde der Letzteren +erklärt, daß sie nie wieder bei der kleinen Prinzessin eingeladen werden +solle, was allerdings eine große Strafe und auch eine große Schande war. +Der Vater schickte sie hierauf in ein Institut und man hoffte, sie werde +von da artiger zurückkehren. + +Es war recht gut, daß Wilhelm in gute Pflege kam, denn zu Hause fehlte +es ja an Allem. Sein Vater hatte beim Holzlesen einen jungen Baum +abgehauen und war dabei ertappt worden, da mußte er zur Strafe für die +Waldbuße arbeiten und da die Mutter nichts verdienen konnte, so war kein +Geld zu Hause. + +Im Hause des Präsidenten fehlte es indeß an Nichts. Wilhelm lag im +reinlichen Bett in einer hübschen Kammer. Eine freundliche Magd bediente +ihn und pflegte ihn. In den ersten Tagen bekam er blos Wassersuppen und +kühlende Getränke zu genießen, später sorgte man für kräftigere Nahrung; +ein freundlicher Arzt besuchte ihn täglich und der Präsident brachte ihm +Bilder und Bücher und setzte sich stundenlang an sein Bett, um ihm +Geschichten zu erzählen, er wußte deren sehr schöne: von klugen Kindern, +die anstatt ihre Geistesgaben auf das Lernen oder etwas Nützliches zu +richten, sie benutzten, um andere Menschen zu überlisten und zu +betrügen; er erzählte auch von Verbrechen, die lange geheim gehalten +wurden, endlich aber doch ans Tageslicht kamen und den Uebelthäter zur +Strafe brachten. + + +_Der Finger Gottes._ + +In einem kleinen Städtchen lebte einst eine glückliche Familie; die +Eltern waren brav und die Kinder gut erzogen. Nur ein Sohn, Namens +Ludwig, gab durch seinen heftigen Charakter oft Ursache zur +Unzufriedenheit; dabei hatte er ein rachsüchtiges Gemüth und in den +Stunden seines Zorns hatte er manchem Freund schon weh gethan und oft +die Geschwister schwer gekränkt. Trotz aller Vorstellungen hatte er +diesen Fehler nicht abgelegt; er war nun 16 Jahr, confirmirt, und noch +immer brach von Zeit zu Zeit, bei unbedeutender Gelegenheit, seine +blinde Wuth aus und äußerte sich in irgend einer Unthat, deren Folgen +indeß nie so bedeutend waren, daß sie eine andere Strafe als die Rügen +des Vaters veranlaßt hätte. + +Eines Tages war Ludwig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers beim Tanzen in +Streit gerathen; in Wuth entbrannt, wollte er mit der Faust auf seinen +Gegner losgehen, dieser aber, stärker wie er, ergriff ihn beim Kragen +und warf ihn zur Thür hinaus. + +Rache brütend ging Ludwig nach Hause; er mußte vor einem Bauerngut +vorbei, welches dem Vater seines Gegners gehörte und einst dessen +Erbtheil werden sollte. Er konnte seinem Beleidiger wohl keinen größern +Schabernack anthun, als wenn er dasselbe niederbrannte. Noch immer war +er in der Aufregung des Zorns und rasch griff er nach dem Feuerzeug und +warf einige glimmende Schwammstückchen ins Fenster. Da diese aber nicht +gleich zündeten, nahm er ein Wachslichtchen, welches auf der Schwester +Weihnachtsbaum gestanden hatte, und warf es brennend in das Stroh. +-- Dann ging er weiter. Er hatte kaum die böse That gethan, als sein +Zorn sich legte und er sie zu bereuen anfing; er hoffte, es werde nicht +Feuer fangen. Als er aber eine Stunde zu Bette war, vernahm er den +Feuerlärm. Er eilte nach der Brandstätte, er half mit löschen und +retten; er war unermüdlich und scheuete keine Gefahr. Er holte sogar ein +Kind aus den Flammen, wobei er selbst sehr beschädigt ward; aber nichts +konnte das ungestüme Pochen seines Herzens beschwichtigen. Das Gut war +niedergebrannt; die Besitzer dankten denen, die beim Retten behülflich +gewesen waren und Ludwig vor allen Andern; der Dank that diesem aber +sehr weh. Er hätte gern sein Hab' und Gut hingegeben, um ihn zu +entschädigen. -- Man quälte sich mit Vermuthungen, wer das Feuer +angelegt habe; weder der Gutsbesitzer noch dessen Sohn hatten Jemand +beleidigt; sie kannten keinen Feind; man hatte nichts gefunden von dem +Mordbrenner, als ein Wachsstöckchen, welches verlöscht war und seinen +Zweck nicht erfüllt hatte. Es giebt so viele Wachsstöckchen in der Welt. +Dieses konnte unmöglich auf den Schuldigen führen. + +Ludwig ward täglich ernster und mehr in sich gekehrt. Seine Wangen +erbleichten, er schlief nicht des Nachts; sein Gewissen quälte ihn; auch +fürchtete er, man möge doch einmal entdecken, daß er ein Mordbrenner sei +und ihn dafür bestrafen. Eines Tages wurde er wirklich abgeholt und +verhört. -- Einer der Untersuchungsrichter war mit Ludwigs Vater +zusammen in der Residenz gewesen und sie hatten zusammen die bunten +Wachslichter für den Weihnachtsbaum gekauft; so wußte er, wo solche +Lichter waren; kaum war diese Spur gefunden, so gedachte man des +Streites, welchen Ludwig am Vorabend des Brandes gehabt. Dann bemerkte +man sein unruhiges Wesen, seine bleichen Wangen. Er ward verhört, +gestand und wurde auf viele Jahre ins Zuchthaus verurtheilt. So kommt +selbst das Geheimnißvollste an den Tag. + +Christian, der Sohn eines Tagelöhners, ging einst an einem Garten +vorüber, wo Aprikosen an einem Baume hingen. Die Früchte waren ganz reif +und hatten die schönsten rothen Backen. »Das will ich mir merken,« +dachte der naschlustige Knabe, »heute Nacht, wenn es dunkel ist, da +komme ich und hole sie mir.« -- Als er fort war, kam Peter, der Sohn des +Hirten; sein Vater hatte ihn betteln geschickt und er kam heim mit einem +Sack voll Brodrinden. Aber er war sehr müde, und da er noch weit von +Hause war, legte er sich vor die Gartenthür, welche eine Art von Obdach +bot, und schlief ein. -- Er wachte auf durch ein Geräusch und sah Jemand +in den Garten steigen. Christian hatte sich zwar vorsichtig umgeschaut, +aber den in dem Schatten der Thür ruhenden Hirtenknaben nicht entdeckt. +Der kleine Peter erkannte dagegen beim Mondenschein den Einsteigenden, +wollte ihn aber nicht stören, weil er fürchtete, derselbe könne ihn +schlagen. Er legte sich also auf die andere Seite und schlief weiter. Am +andern Morgen ward er unsanft von dem Gärtner geweckt, welcher ihn für +den Dieb hielt und ihn durchaus vor die Polizei schleppen wollte; aber +Peter betheuerte seine Unschuld, er zeigte den Inhalt seines Bettelsacks +vor und nannte, da alles nichts half, den wirklichen Dieb. Wirklich fand +der Gärtner, welcher gleich in Christians Wohnung ging, die gestohlenen +Früchte, während Christian noch fest schlief; er hatte ja einen Theil +der Nacht durchwacht und war fest überzeugt, daß Niemand ihn gesehen +habe. -- Gott sieht es aber immer und weiß es auch immer also zu lenken, +daß die menschliche Gerechtigkeit es erfahre und daß schon auf Erden die +Strafe den Verbrecher erreicht. + + +Im Anfang hörte Wilhelm nur mürrisch zu; er hatte ja Schmerzen und diese +Schmerzen hatte der Mann, welcher da vor ihm saß, verursacht. Nach und +nach aber erweichten die liebevollen Worte sein Gemüth; es war ihm oft +zu Muthe, als werde es plötzlich vor seiner Seele Tag; als falle ein +Schleier vor seinen Augen herab und er erkannte eine Wahrheit; diese +Wahrheit hieß aber: Ehrlich währt am längsten. + +Eines Tages, als Wilhelm eine schmerzlose Nacht gehabt hatte und zum +ersten Mal das Bett verlassen konnte, freilich mit festgeschientem Arm, +frug der Präsident ihn mit seiner freundlichen sanften Stimme: »sage mir +doch recht aufrichtig, was du denn eigentlich mit deiner Hand in meiner +Tasche wolltest?« + +_Wilhelm._ Ich wollte Ihren Geldbeutel herausholen. + +_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das gestohlen sei? + +_Wilhelm._ O ja! das wußte ich sehr wohl. + +_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das Stehlen unrecht sei? + +_Wilhelm._ Das wußte ich nicht so ganz genau; ich wußte nur, daß man +gestraft wird, wenn man sich dabei ertappen ließ und ich habe mich +niemals ertappen lassen (hier lächelte Wilhelm triumphirend). + +_Präsident._ Machte dir denn das Stehlen Freude? + +_Wilhelm._ Ja! sehr große, besonders wenn ich es recht geschickt anfing +und wenn es mir mit großer Mühe gelang. Auch war ich froh, wenn ich +etwas nach Hause brachte; und zu Hause konnte man alles brauchen. + +_Präsident._ Wußten denn deine Eltern, daß das, was du nach Hause +brachtest, gestohlenes Gut sei? + +Wilhelm schwieg verlegen; er scheute sich, seine Eltern zu verrathen; +»die Eltern, sagte er, schickten mich mit der Schwester aus, um zu +betteln -- es ging aber gar zu langsam, wir brachten nur wenig zusammen, +kaum genug, ein Brod zu kaufen und ich wollte doch auch manchmal ein +Stückchen Kuchen essen. Man sieht so schöne Sachen bei den Conditoren am +Fenster stehen, das giebt Lust zu naschen und ich fand es ungerecht, daß +die Reichen allein solche gute Sachen genießen sollten.« + +_Präsident._ Als Gott Reiche und Arme schuf, muß er wohl sehr weise +Absichten gehabt haben. Der Arme kann übrigens reich, der Reiche arm +werden, der Arme wird aber nur reich durch Arbeit, nicht durch +Diebstahl; denn auf der Sünde ruht kein Segen. Ich will dir Mittel an +die Hand geben, die dich reich machen können, wenn du brav und arbeitsam +werden willst. + +_Wilhelm._ Ja, das will ich! + +_Präsident._ Nun, so gieb mir die Hand darauf, daß du nie wieder fremdes +Eigenthum an dich nehmen wirst. + +Wilhelm versprach es. + +_Präsident._ Auch versprich mir nie zu lügen. + +Wilhelm versprach es auch. + +_Präsident._ So will ich dich in eine Schule bringen, wo du erzogen und +unterrichtet wirst; dann laß ich dir ein Handwerk lernen, welches dich +ernähren kann, und du kannst dir eins wählen. + +_Wilhelm._ Ich möchte gern Bäcker oder Conditor werden. + +_Präsident._ Haha! wohl wegen der guten Kuchen. + +_Wilhelm._ Ich meine, es muß eine Freude sein, das bereiten zu können, +was so vielen Leuten gut schmeckt. + +_Präsident._ Brav, mein Junge; es ist recht, wenn man nicht blos an sich +selbst, sondern auch an Andere denkt. Bist du mir noch böse, daß ich dir +den Arm in meiner Tasche zerbrach. Ich kann in meiner eignen Tasche doch +machen, was ich will, und was sich unberufen hinein verirrt, muß sich +alles gefallen lassen. + +_Wilhelm._ Ich bin jetzt recht froh, daß Sie mir den Arm zerbrachen und +ich will Ihnen immer recht dankbar dafür sein, wenn Sie mir etwas +Tüchtiges lernen lassen. + +Als der Präsident eines Tages der kleinen Prinzessin begegnete, fragte +diese: + +»Was macht der kleine böse Junge?« + +»Er ist kein böser Junge mehr,« antwortete der Präsident, »und es würde +gar keine bösen Jungen in der Welt geben, wenn die Eltern nicht böse +wären.« Er erzählte hierauf, wie Wilhelm erzogen worden und daß er noch +andere Geschwister habe. Die Prinzessin frug nun, ob diese auch so böse +wären? Man ließ sich nach ihnen erkundigen und hörte bald nur Gutes von +Dorothea; die Prinzessin ließ sie kleiden und in eine Strick- und +Nähschule schicken. Die kleine Hanne wurde aber in einer +Klein-Kinderbewahrschule untergebracht, wo sie beten, singen, stricken +und hübsche Verschen lernte; man hielt sie auch dazu an, sich die Nase +zu putzen und die Hände zu waschen, was sie zu Hause nicht nöthig hatte; +auch mußte sie hübsch sittsam sein. Der Präsident sagte: auf solche +Weise rette man die Kinder von dem Verderben, und führe ihre Seelen dem +Himmel zu. + + + + +Kapitel 10. + +Das große Abenteuer. + + + Verliere den Muth nicht in Gefahr, + Gott wacht und schützt dich immerdar. + +Täglich besuchte die Prinzessin den Löwen und brachte eine Stunde in der +Menagerie zu. Sie war dem Thier sehr dankbar, daß er ihr Kätzchen nicht +gefressen hatte, und wollte ihm ihre Erkenntlichkeit beweisen, indem sie +ihm alle Tage einige Pfund Fleisch brachte. Dieses Fleisch war hübsch in +Stücken geschnitten und auf Papier in einem zierlichen Körbchen +geborgen, welches der Bediente ihr nachtrug. Die Fleischstücken reichte +sie selbst dem Löwen durch das Gitter und sie machte es dabei nicht wie +der Menageriebesitzer bei der Fütterung, welcher ihm das Fleisch, +nachdem er es gereicht hatte, mit dem eisernen Haken so oft wieder +entzog, um ihn recht böse zu machen und den Zuschauern ein Beispiel +seiner bestialischen Wuth zu geben. Nein, sie reichte es dem Löwen recht +schnell und ohne sich zu fürchten. Der Löwe kannte auch bald seine +kleine Wohlthäterin, besonders wenn sie Rosaurus mitbrachte, der ihr +gewöhnlich auf der Schulter saß. Wenn sie mit ihrem Gefolge eintrat, +legte er sich ganz sanftmüthig vor das Gitter nieder und empfing dankbar +sein Geschenk; dabei pflegte er mit Rosaurus um die Wette zu schnurren. + +Im Sommer bewohnte die Prinzessin ein Lustschlößchen in einer kleinen +Entfernung von der Stadt; dort durfte sie recht lustig herumspringen und +recht wenig Stunden haben. Damit sie ihre Gespielinnen nicht entbehre, +wurde Lisi mitgenommen. Joly und Rosaurus durften natürlich nicht +fehlen. Das Schlößchen war von einem hübschen Garten umgeben und an den +Garten stieß ein kleiner Wald. Die Kinder durften sich darin nach +Belieben ergehen und erfreueten sich des Landlebens, indem sie Blumen +suchten, Kränze banden oder Seifenblasen machten. Letztere unterhielten +besonders Rosaurus recht gut, welcher immer danach haschte und sehr +verwundert war, wenn sie unter seinen Sammetpfötchen zerplatzten. Joly +war ebenfalls sehr verlegen, wenn die Kinder ihm ihre Seifenblasen auf +die Nase zerplatzen ließen; er bellte dieselben oft an, zog das +Schwänzchen ein und riß vor ihnen aus. Uebrigens vertrug er sich viel +besser als im Anfang mit Rosaurus. Obgleich sich wohl dann und wann bei +Freßgelegenheiten ein Streit zwischen Beiden erhob wegen des Mein und +Dein, so konnten sie doch recht oft niedlich zusammenspielen. +-- Rosaurus mochte wohl einsehen, daß Joly im Vergleich mit dem Pudel +Kartusch ein sehr wohl erzogener und höflicher Hund sei. + +Eines Tages saß die Prinzessin mit Lisi und Mlle. Gogo am Rand des +Wäldchens auf weichem Rasen und flochten Kränze; Joly und Rosaurus +spielten neben ihnen und sie sprachen, wie das häufig geschah, vom +großen Löwen, den sie erst gestern besucht hatten. Die Prinzessin lobte +ihn abermals, daß er dem Rosaurus nichts zu Leid gethan, worauf Lisi +sagte: + +»Ich habe neulich gelesen, daß der Löwe, obgleich er eigentlich die +Einsamkeit liebt, sich doch leicht an andere Thiere gewöhnen und mit +ihnen freundlich verkehren kann. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab +es in Paris im Jardin des plantes eine Löwin, Namens Constantine, welche +während mehrerer Jahre mit einem kleinen Spitz sehr glücklich lebte. Man +hatte letzteren, welcher weiß und schwarz war, in ihren Käfig geworfen, +und er hatte sich, an allen Gliedern zitternd, in einen Winkel +verkrochen. Die Löwin erhob sich langsam, brüllte mit dumpfer Stimme und +näherte sich dem armen kleinen Thier, welches ein klägliches Geschrei +ausstieß und eine flehende Stellung anzunehmen schien. Sein +verzweiflungsvoller Blick schien die Löwin zu rühren; denn sie legte +sich ruhig nieder, ohne ihm wehe zu thun. Als man bei der Fütterung +Constantine ihre Nahrung gab, ließ sie etwas für den Spitz übrig; er +aber wagte nicht irgend etwas davon zu berühren; ja der größte Hunger +würde ihn nicht vermocht haben, seinen dunkeln Winkel zu verlassen. +Am nächsten Tage fürchtete er sich weniger und entschloß sich, das zu +verzehren, was die Löwin für ihn übrig gelassen hatte. Am zweiten Tag +wagte er es, aus dem Winkel hervorzukriechen und gleich nach der Löwin +zu speisen. Nach acht Tagen erlaubte er der Löwin nicht eher zu fressen, +als bis er selbst sich gesättigt hatte, und wenn sie es wagte, sich +früher dem Fleisch zu nähern, so sprang der Spitz ihr wüthend in's +Gesicht und biß sie mit allen Kräften. + +Im Herbst, als es kalt und feucht wurde, brachte der Spitz die Nächte +zwischen den Beinen der Löwin zu, um warm zu liegen, was sie ebenfalls +willig geschehen ließ. Zum Dank dafür biß er sie eines Tages in einem +Anfall von Wuth dermaßen in den Schwanz, daß das Blut strömte und sie +zeitlebens eine Narbe behielt. -- Nach einigen Jahren starb der Spitz an +Altersschwäche und Constantine schien untröstlich über diesen Verlust. +Man gab ihr verschiedene andere Hunde, die sie alle erwürgte; endlich +ließ sie den einen am Leben, aber sie zeigte demselben nur die größte +Gleichgiltigkeit und erwies ihm nie eine Gefälligkeit. Sie starb auch +bald darauf, wie man meinte, aus Sehnsucht nach ihrem bösen Spitz.« + +Als Lisi kaum diese Geschichte vollendet hatte, begann Joly zu bellen, +und es erschienen drei wunderliche Wesen, welche unter dem Gestrüpp +hervorgekrochen kamen; es waren drei Affen. Die Affenmutter trug ihr +Kleines, welches krank zu sein schien; die Thiere nahten sich zutraulich +und fletschten die Zähne, und hielten die Hände flehend den Kindern hin, +die sie vielleicht erkannten, weil sie sie öfters gesehen hatten, denn +diese Affen gehörten zu der Menagerie; gewiß waren sie entsprungen. +-- Die Prinzessin ließ sogleich Milch und Semmel für sie bringen und mit +Aepfeln und Nüssen sie in ein Zimmer locken, wo sie eingesperrt wurden. + +Nach diesem Ereigniß, welches die Kinder sehr beschäftigte, da sie sich +gar nicht denken konnten, wie die Affen hatten entspringen können, +wandelten sie zusammen in den Wald. Mlle. Gogo begleitete sie aus der +Ferne, Joly und Rosaurus waren ihnen zur Seite. Letzterer schien ganz +besonders gern in dem Wald zu sein und die Prinzessin befürchtete, das +Blut, welches er in des Löwen Käfig geleckt hatte und sein Antheil an +des Löwen Mahlzeit möge in ihm böse Gelüste entwickelt haben. Jedes Mal, +wenn er einen Vogel sah, wurde er stutzig und er vermochte kaum seinen +grausamen Appetit unter einer gleißnerischen Freundlichkeit zu +verbergen. Die Prinzessin pflegte ihn deshalb an einem rosarothen +Atlasband zu befestigen und so an ihrer Seite zu halten, in der +Hoffnung, ihn von seinen sündhaften Begierden zu heilen und ihm gute +Gewohnheiten zu geben. + + [Buntbild: Das große Abenteuer.] + +Als die Kinder nun eine ziemliche Strecke in dem Walde zurückgelegt +hatten und Lisi meinte, sie müßten zurückkehren, indem sie Mlle. Gogo +ganz aus dem Gesicht verloren habe, da vernahmen sie ein ungewohntes +Knistern im Dickicht; die Zweige bogen sich und knickten; Rosaurus +spitzte die Ohren und Joly zog den Schwanz ein und floh eilend dem +Schloß zu. Den Kindern fing es an ganz unheimlich zu werden, sie wußten +nicht warum, und doch blieben sie stehen und blickten regungslos nach +der Stelle, woher das Geräusch kam. + +Aber welch ein Schreck durchrieselte ihre Glieder, als das Gebüsch sich +theilte und niemand anders als der Löwe hervortrat; sehr feierlich und +behutsam blickte er um sich her und schritt mit wahrhaft majestätischem +Anstand auf die Kinder zu. Beiden schlug das Herz heftig und Lisi war so +erschrocken, daß sie in Ohnmacht fiel. Die kleine Prinzessin verlor aber +nicht die Gegenwart ihres Geistes, und im Vertrauen auf ihre alte +Bekanntschaft nahm sie Rosaurus auf die Schulter und blieb vor der +ohnmächtigen Lisi stehen. Der Löwe kam näher; er sah gar nicht grimmig +aus, sondern wedelte freundlich mit dem Riesenschweif und legte sich +dann vor der Prinzessin nieder. Diese nahm ihren ganzen Muth zusammen, +schaute dem Thier in die Augen und sprach einige freundliche Worte zu +ihm, wie sie es gethan, wenn sie ihm Fleisch in den Käfig brachte. + +Plötzlich aber vernahm man im Gebüsch Hundegebell und menschliche +Tritte. Der Löwe horchte, sprang erschrocken auf und stürzte der andern +Seite des Waldes zu; da fand er aber Hindernisse. Dichtes Gebüsch hemmte +seine Flucht. Jäger kamen herbei und nahten auf Schußweite; vier Schüsse +krachten auf ein Mal und wohlgetroffen, mit furchtbarem kläglichen +Gebrüll fiel das edle Thier nieder und wälzte sich in seinem Blute. +Niemand wagte es, sich dem König der Thiere während seines Todeskampfes +zu nähern. -- Die Prinzessin aber wandte sich der ohnmächtigen Freundin +zu, welche mit Hilfe der herbeigeeilten Mlle. Gogo auch bald wieder zu +sich kam. + +Wie aber hatte der große Löwe den Käfig durchbrechen und in den Wald +gelangen können? + +In der vorhergehenden Nacht waren durch die Kohlen eines Bratwurstfeuers +unter andern Buden auch die Menagerie in Brand gerathen. Das trockene +Holz des Gerüstes hatte rasch die Flammen verbreitet, welche allen +Löschungsversuchen des Menageriebesitzers trotzten. Die Thiere stießen +die schrecklichsten Töne aus; sie liefen angsterfüllt in ihren Käfigen +umher; die Papageien schlugen mit den Flügeln, die Affen sprangen herum +und schrieen wie die kleinen Kinder; aber die Raubthiere waren +fürchterlich. Der Tiger fletschte die Zähne, indem er sich in den +Hintergrund des Käfigs zurückzog, er schien das feindliche Element +auffressen zu wollen; -- trostlos sprang der Eisbär in seinem Gefängniß +hin und her; die Hitze erschien ihm unerträglich, und als sein schöner +weißer Pelz Feuer fing, da meinte man, die ganze Welt müsse untergehen, +so tief und trostlos war sein Brummen. Der Panther und der Luchs +versuchten an den eisernen Stäben empor zu klettern, sie klammerten sich +fest daran, bis dieselben glühend wurden; heulend ließen sie dann los +von ihrem Halten und fielen auf den Boden des Käfigs herab, wo sie in +gewaltigem Todeszucken im Rauch erstickten und dann verbrannten. + +Als der Menageriebesitzer sah, daß er das Feuer nicht mehr löschen +konnte, war er darauf bedacht, wenigstens einige seiner Prachtstücken zu +retten, und er versuchte den Wagen, worauf der Käfig des Löwen stand, +aus der Wagenreihe herauszuziehen; dabei fiel derselbe aber um, die Thür +sprang durch die Erschütterung auf und der vom Feuer und Todesangst +wilde Löwe kam heraus. Das Thier war keineswegs wüthend, als es seine +Freiheit erlangte, im Gegentheil war es schüchtern und furchtsam und es +wäre dem Menageriebesitzer ein Leichtes gewesen, es wieder +einzuschließen, wenn er nicht selbst unter dem umgestürzten Wagen +gelegen hätte. Ehe er sich unter demselben hervorhelfen konnte, war der +Löwe langsamen Schrittes durch die schreiende und fliehende +Menschenmenge, die das Feuer herbeigelockt hatte, dem Walde +zugeschritten. Er hatte sich sogar einige Mal sehr würdevoll umgeschaut +und als er die Feuerflamme sich noch ein Mal betrachtet hatte, war er +zögernd in das Dickicht verschwunden. + +Nachdem der Menageriebesitzer noch einige andere Thiere in Sicherheit +gebracht hatte, war er seinem Löwen in den Wald gefolgt in der Hoffnung, +ihn zurückzulocken; derselbe hatte aber seitdem die Bekanntschaft einer +Schafheerde gemacht und einen Hammel verspeist. Dadurch war ihm der Sinn +für die Freiheit aufgegangen; sein Instinkt war erwacht und er gehorchte +nicht mehr der bekannten Stimme, sondern entfernte sich von dem rufenden +Herrn in würdevollem Schritt. + +Man erzählte nun, der Löwe habe auch ein Kind erwürgt und die Polizei +hielt es demnach für ihre Pflicht, sich in die Sache zu mischen. Trotz +den dringenden Bitten des Menageriebesitzers, der so gern seinen Löwen +erhalten wollte, wurden Jäger ausgeschickt, um den gefährlichen Gast der +Wälder und Felder zu erlegen, damit derselbe kein weiteres Unheil +anrichten könne. + + + + +Kapitel 11. + +Aus der Naturgeschichte des Löwen. + + + Und herein mit bedächtigem Schritt + Ein Löwe tritt. + Er sieht sich stumm + Ringsum + Mit langem Gähnen. + Er schüttelt die Mähnen. + Und legt sich nieder. + +Als der letzte Lebensfunke des Löwen verlöscht war, kam der +Menageriebesitzer herbei; er warf sich über die Leiche seines +Prachtstückes und weinte laut. Mit seinen Thieren hatte der arme Mann +sein Vermögen verloren. Die kleine Prinzessin erbot sich, ihm die Haut +des Löwen abzukaufen, sie wollte dieselbe ausstopfen lassen und im +Lustschlößchen aufstellen, da ein in dessen Umgegend erschossener Löwe +gewiß zu den Seltenheiten gehöre; dann lud sie den betrübten Mann ein, +seine Affen in Empfang zu nehmen, deren Erscheinen man sich jetzt +erklären konnte. Jetzt bemerkte man auch, daß das kleine Aeffchen an +Brandwunden leide und man verband es mit kühlender Salbe, wobei es ganz +still hielt. + +Sodann lud man den Menageriebesitzer ein, den Thee mit der Prinzessin zu +trinken; die Kinder gedachten an ihn viele Fragen über seine Thiere zu +thun und sich zu erkundigen, wie er sie erhalten habe. + +»Den Löwen,« erzählte er, »habe ich, als er noch ganz klein war, einem +Araber abgekauft. Der Araber hatte nämlich ausfindig gemacht, daß ein +Löwenpaar in einer Höhle seine Jungen groß ziehe. Die Löwen pflegen nun +niemals ihre Jungen allein zu lassen und wachen deshalb abwechselnd bei +ihnen. Wenn die Löwin die Wache hat, ist sie stets mit ihren Kleinen +beschäftigt; der Löwe aber, welcher meist müde von der Jagd nach Hause +kommt, benutzt die Zeit der Beaufsichtigung, um zu schlafen, und da +schläft er oft sehr fest mit den Kleinen um die Wette. Diesen Augenblick +hatte der Araber nun von einem nahen Baume erlauert; als die Löwin +einige Minuten fort war, kletterte er herab, kroch in die Höhle und nahm +zwei kleine Löwen, die er in seinen Busen barg; sie winselten etwas und +der Vater knurrte im Schlafe so stark, daß der Araber schon meinte, er +sei verloren; er eilte so schnell als möglich fort nach einer Stelle auf +einem Hügel, wo ein Pferd seiner wartete; er hatte solches indeß noch +nicht erreicht, als er die Löwin hinter sich her kommen sah mit dem +Ausdruck und dem Gebrüll der höchsten Wuth. In großen Sätzen durchras'te +sie das Thal und der Araber wäre verloren gewesen, wenn er nicht die +Gegenwart des Geistes gehabt hätte, eines der kleinen Löwen +niederzulegen, so daß die Mutter es finden mußte. Dann bestieg er das +Pferd und jagte davon. Als er mir den jungen Löwen brachte, hatte +derselbe ihn mit scharfen Krallen die Brust zerkratzt, so daß das Blut +in Strömen herabrieselte. Ich mußte dem Araber viel Geld für den jungen +Löwen zahlen und hatte dann noch große Mühe, ehe ich ihn groß brachte; +da können Sie es sich wohl denken, wie sehr es mich betrübt, das schöne +Thier nun verloren zu haben.« Thränen strömten seinen Wangen herab; dann +erzählte er weiter: + +»Es ist schon so viel von den Gewohnheiten des Löwen erzählt worden und +dennoch giebt es noch manchen wenig bekannten Zug in seiner Lebensweise. +Wenn der Löwe in Gesellschaft jagt, so wird der älteste immer zuerst das +Wild anfallen. Ist er so glücklich, dasselbe zu erlegen, so streckt er +sich während einer Viertelstunde an dessen Seite nieder, um wieder zu +Odem zu kommen, und seine Gefährten lagern sich um ihn her. Hat er sich +genugsam ausgeruht, so erhebt er sich und verzehrt den Bauch und die +Brust des getödteten Thieres; das sind die Lieblingsbissen des Löwen. +Sodann legt er sich abermals nieder, ohne daß seine Gefährten oder seine +Jungen sich die geringste Bewegung erlauben. Erst wenn sein Hunger +vollständig befriedigt ist, fallen sie über das getödtete Thier her und +zerfleischen es. So auch wenn ein junger Löwe auf der Jagd glücklich +war, und ein alter ihm naht, wird er sich stets zurückziehen und warten +bis der alte seine Mahlzeit vollendet hat.« + +»Ich beobachtete einst einen großen Löwen, welcher im Gebüsch lag, und +verschiedene Mal seinen ungeheuren Satz nach einem alten Baumstamm +richtete, gleichsam um Kräfte und Blick zu üben.« + +»Ich kannte in Bethanien einen Mann, welcher auf einer Fußreise nach +einer Quelle einlenkte, wo er eine Gazelle zu erlegen hoffte. Die Sonne +stand schon ziemlich hoch, als er diese Quelle erreichte; da er kein +Wild bemerkte, legte er die Flinte auf einen, von wildem Dorngebüsch +beschatteten Felsen, erfrischte sich mit einem kühlen Trunk an der +Quelle und streckte sich dann auf dem Felsen nieder, wo er, nachdem er +seine Pfeife geraucht hatte, einschlief. Bald darauf erweckte ihn indeß +die Hitze der Sonne, welche die Felsenwände zurückstrahlte, und als er +die Augen aufschlug, erblickte er zu seinen Füßen einen großen Löwen, +welcher in liegender Stellung seine glühenden Augen auf ihn gerichtet +hatte. Er blieb einige Augenblicke regungslos, bis er seine +Geistesgegenwart wieder erhielt; verstohlen blickte er nach seiner +Flinte und machte eine Bewegung dieselbe zu ergreifen. Dem Löwen entging +solches indeß nicht, er richtete das Haupt empor und erhob ein +furchtbares Gebrüll. Zu verschiedenen Malen erneuerte der arme Mann den +Versuch seine Waffen zu fassen und jedes Mal drohte ihm der wüthende +Löwe von Neuem mit seinem Gebrüll. Die Lage des Hottentotten wurde immer +peinlicher; der Felsen, worauf er lag, ward so heiß, daß er kaum seine +nackten Füße darauf konnte ruhen lassen. Tag und Nacht verstrichen, ohne +daß der Löwe seine Lage gewechselt hätte. Abermal ging die Sonne empor +und die Gluth ihrer Strahlen ward bald so heftig, daß die schmerzhaften +Füße ganz gefühllos wurden. Gegen Mitte des Tages erhob sich der Löwe +und begab sich an die Quelle, indem er bei jedem Schritt den Kopf +umdrehte, um seinen Gefangenen zu bewachen; und so bald als dieser nur +die kleinste Bewegung mit der Hand machte, drohte das Thier über ihn +herzustürzen; als es getrunken hatte, legte es sich wieder an seinen +Platz und es verstrich eine zweite Nacht, ohne daß sich das Auge des +Königs der Wälder von dem armen Hottentotten abwandte.« + +»Am nächsten Morgen erhob sich der Löwe abermals, um seinen Durst zu +löschen, als ein fernes Geräusch sein Ohr erreichte; er horchte auf und +verschwand im Gebüsch.« + +»Der Hottentotte nahm alle seine Kräfte zusammen, um seine Flinte zu +ergreifen, und wollte sich, nachdem dieses ihm gelungen, aufrichten, +fiel aber wieder nieder, da seine Füße ihn nicht tragen konnten. Mit der +Flinte kroch er an die Quelle und trank in langen Zügen; dann erst +betrachtete er seine Füße und entdeckte, daß seine Zehen ganz verbrannt +waren. Er setzte sich nieder, um die Rückkehr des Löwen zu erwarten, +entschlossen, sein Gewehr in dessen Hirn zu entladen, da er ihn aber +nicht zurückkehren sah, begann er auf allen Vieren den Weg nach seiner +Wohnung einzuschlagen, in der Hoffnung einem Reisenden zu begegnen, der +ihm weiter helfe, was auch geschah; man brachte ihn an einen sichern +Ort, wo er gepflegt werden konnte. Er verlor indeß die Zehen und konnte +niemals wieder sich des vollständigen Gebrauchs seiner Füße erfreuen.« + +»Der Löwe ist beim Fressen, wenn er Hunger hat, sehr grimmig, gesättigt +ist er aber ganz mild. Bei der Jagd ergreift er nie offenbar die Flucht +oder zeigt Furcht. Sucht er auch wegen der Menge der Jäger sich zu +entfernen, so weicht er doch nur langsam und Schritt vor Schritt und +wendet sich von Zeit zu Zeit um. Erreicht er einen Wald, so flieht er +schnell, bis er wieder ins Freie kommt; dann geht er wieder schrittweis, +oder wird er zu sehr gedrängt auch laufend, aber nie springend. Er läuft +wie ein Hund, gerade und vorgestreckt fort; will er aber selbst +angreifen, so springt er auf den Raub, sobald er ihm nahe ist. Auch ist +es wahr, daß er das Feuer fürchtet. Er hat keine besondere Vorliebe für +Menschenfleisch, und zieht jedes andere demselben vor. Nur wenn er zu +alt ist, um Jagd auf die Thiere zu machen, nähert er sich gern den +Städten und fängt Kinder zu seiner Nahrung. Er giebt den Hottentotten +immer den Vorzug vor den weißen Menschen, vielleicht weil sie +unbekleidet sind; er durchbricht oft die Reihen der Jäger, um sich das +erwählte Opfer heraus zu suchen. -- Wenn der Löwe alt wird, verliert er +die Zähne; dann hat er wenig Muth und man sah einen Löwen, der vor einem +Schweine floh, welches sich wehrte und die Borsten gegen ihn sträubte. +Er kann übrigens viele Pfeilschüsse aushalten, nur nicht in den Weichen. +Am Kopf ist er am festesten. In Lybien glaubt man, er verstehe das +Flehen der Frauen. Eine Gefangene, welche mit ihrem Kind am Wege stand, +sah plötzlich einen Löwen vor sich liegen; da warf sie sich im Schrecken +vor ihm nieder und bat ihn jammernd, sie und ihr Kind zu verschonen, +da soll er aufgestanden und fortgegangen sein. Die Absicht des Löwen +verräth der Schwanz; wenn sich derselbe nicht bewegt, so ist das Thier +guter Laune. Ist es das nicht, so schlägt er mit dem Schweif auf die +Erde, und bei wachsender Wuth sich selbst auf den Rücken, gleichsam als +wollte er seinen Zorn dadurch noch mehr reizen. Kämpft die Löwin für +ihre Jungen, so heftet sie die Augen auf den Boden, um nicht vor den +Waffen zu erschrecken. Wenn man indeß dem Löwen eine Decke über Kopf und +Augen wirft, da ist seine Kraft gebrochen und man kann ihn sogar binden, +so furchtsam ist er.« + +»Zwei Jäger stießen plötzlich auf einen Löwen, welcher im Gras lag und +mit dem Schweif schlug; Beide sehen ein, daß es um sie geschehen sei; +als der Löwe nun auf den Einen zusprang, wich derselbe schnell aus, +packte das Thier an der Mähne und klammerte sich fest an ihn. Der Löwe +schüttelte und wälzte sich mit dem Unglücklichen, welcher endlich von +seinem Halten loslassen mußte. Schon sah er den Rachen über sich +geöffnet, als er mit beiden Händen hineinfuhr und des Löwen Zunge +packte. Während dem zielte der andere Jäger nach dem Thier und traf es +tödtlich.« + +»Sobald ein Pferd einen Löwen riecht, achtet es nicht mehr auf Zaum und +Gebiß, sondern reißt mit dem Reiter aus oder wirft ihn ab. Der Löwe +verfolgt indeß das Pferd und läßt den Reiter liegen.« + +»Als ich,« erzählte der Menageriebesitzer, »weiter in der Nähe des +kleinen Sonntagflusses reiste, hörte ich zum ersten Mal die Löwen die +ganze Nacht hindurch brüllen. Das Brüllen besteht aus einem groben +unartikulirten Laute, der etwas Hohles hat, wie der Schall eines +Sprachrohrs. Es ist ein Mittelding zwischen U und O und scheint aus der +Erde zu kommen, so daß man die Richtung nicht errathen kann. Daher +wissen die erschreckten Thiere auch nicht, wohin sie fliehen sollen, +sondern laufen im Dunkeln hin und her und fallen dem Feind in den +Rachen. Während des Brüllens hält nämlich der Löwe das Maul gegen die +Erde. An unserm Vieh konnten wir es jedes Mal erkennen, wenn sich Löwen +näherten, selbst wenn sie nicht brüllten. Die Hunde wagten nicht einen +Laut von sich zu geben, die Ochsen und Pferde holten tief Athem und +zogen langsam an den Riemen, womit sie an die Wagen gebunden waren, +legten sich auf die Erde und standen wieder auf, als wenn sie in +Todesangst wären. Die uns begleitenden Hottentotten machten sodann +Feuer, legten ihre Wurfspieße neben sich und die Europäer luden die +Flinten mit Kugeln. Obschon die Löwen das Feuer fürchten, so wußten die +Hottentotten doch Beispiele, daß sie Menschen davon weggeholt und ganz +in der Nähe aufgefressen hatten. Sie verboten, zur Unzeit zu schießen, +damit im Finstern nicht ein Mensch getroffen werde und beschlossen, das +Thier mit ihren Spießen anzugreifen, während andere sich ihm an die Füße +hängen sollten. Sie behaupteten, daß der Löwe den Menschen, den er +überwältigt und unter sich liegen hat, nicht sogleich tödte, wofern +derselbe ruhig bleibt, sondern ihm erst später unter fürchterlichem +Gebrüll einen Schlag auf die Brust gebe. Die Hottentotten waren indeß +sehr muthig und bezeigten keine Furcht. Einer der Ochsen zeigte sich +ganz besonders ängstlich, so daß es ihm sogar vor Schreck im Leibe +rumpelte; eben so benahm sich auch ein Hengst und beide Thiere hatten +noch nie einen Löwen gesehen. Dagegen scheinen die gemsenartigen Thiere +ihn nicht zu wittern, da sie an seinem Versteck oft so sorglos +vorübergehen, wenn sie an's Wasser wollen, um ihren Durst zu löschen +und dann auch meist seine Beute werden. Will man durch Flüsse setzen, +so pflegt man mit der großen Ochsenpeitsche so laut als möglich zu +klatschen, um auf diese Weise die lauernden Löwen aus ihrem Hinterhalte +zu vertreiben. Das Klatschen der Peitsche tönt weiter als ein +Flintenschuß.« + +»Ein Hottentotte bemerkte eines Tages am obern Sonntagsfluß, daß ihm ein +Löwe zwei Stunden lang nachschlich und schloß daraus, daß derselbe nur +die Nacht abwarte, um über ihn herzufallen. Da er nichts als einen Stock +bei sich hatte, versteckte er sich beim Einbruch der Nacht in eine Kluft +an einem Abgrund, steckte Hut und Wamms auf den Stock, den er aus der +Kluft herausragen ließ, indem er ihn von Zeit zu Zeit bewegte. Der Löwe +schlich ganz leise wie eine Katze herbei, dann sprang er auf den Hut zu +und stürzte die Felsen hinab.« + +»Es ist merkwürdig, daß der Löwe den Menschen gewöhnlich nur verwundet +oder eine Weile wartet, bis er ihm den tödtlichen Streich giebt, während +er die Thiere augenblicklich tödtet. So hatte einer zwei Ochsen, als sie +kaum vom Wagen ausgespannt waren, auf der Stelle den Rücken entzwei +geschlagen. Ein Mann hatte es mit seinen zwei Söhnen gewagt, Jagd auf +einen Löwen zu machen. Sie waren zu Fuß, und als der Löwe hervorstürzte, +hatte er schnell Einen ergriffen und ihn unter sich geworfen und dennoch +hatten die beiden Andern Zeit, den Löwen zu erschießen und den +Unglücklichen zu retten. Ich habe selbst einen am Backen scheußlich +verwundeten Hottentotten gesehen, dem auf einer Jagd ein Löwe bloß +diesen Biß beigebracht hatte, ohne ihm weiter etwas zu thun. Ein anderer +hatte einen Mann bloß in den Arm gebissen. Da er in der Regel keinen +Widerstand begegnet, so scheint er den Muth leicht zu verlieren, wenn +man ihm dergleichen entgegensetzt. In der Berberei, wo er die Uebermacht +des Menschen mehr kennen gelernt hat, soll er sich sogar mit +Stockschlägen von Weibern und Kindern vertreiben lassen.« + +»Die Stärke des Löwen ist außerordentlich. Er schleppt ein Rind im +Rachen fort, wie die Katze eine Maus und springt damit sogar über +Gräben. Ein Büffel ist ihm jedoch zu schwer. Am Buschmannsfluß sahen +zwei Bauern einmal einen Löwen, welcher einen Büffel fortschleppte; sie +vertrieben aber den Löwen, weil sie selbst Lust nach dessen Beute +hatten. Er hatte dem Büffel das Gedärm aus dem Leibe gerissen, um ihn +leichter fortschaffen zu können. Als sie das Fleisch auf den Wagen luden +und fortfuhren, sah er sich recht oft aus dem nahen Wald nach ihnen um, +ohne Zweifel nicht ohne großen Verdruß. Wenn er den Sieg über den Büffel +davon trägt, so geschieht das bloß durch Ueberfall aus einem +Hinterhalte, nicht durch freien Kampf auf dem Felde. Er springt auf ihn +los, setzt ihm die Klauen an den Hals, schlägt ihn mit der Tatze in's +Gesicht, schlingt sich um den Kopf, zieht ihn bei den Hörnern zu Boden +und sucht ihm Maul und Nase zuzudrücken, bis er erstickt oder an seinen +Wunden verblutet.« + +»Uebrigens wehren sich die Büffel, besonders wenn sie Kälber haben, und +ein Löwe soll von einer Heerde Kühe, welche er bei hellem Tage angriff, +todt gestoßen worden sein.« + +»Ein Dutzend gewöhnlicher Hofhunde werden übrigens bei Tag auch Meister +des Löwen. Sein Stolz hält ihn nämlich ab, vor ihnen zu fliehen und er +setzt sich blos hin, um sie mit den Tatzen abzuwehren, womit er freilich +2-3 todt schlägt, aber von den andern zerrissen wird.« + +»Der Löwe ist viel leichter zu tödten als andere Thiere; Büffel und +große Gemsen laufen mit einem Schuß durch Bauch und Gedärme davon, der +Löwe aber bekommt gleich Erbrechen und wird unvermögend zu laufen. Der +Löwe ist übrigens eines der trägsten Raubthiere und giebt sich nicht +gern die Mühe, etwas aufzusuchen, so lange er nicht vom Hunger gedrängt +ist.« + +»Am Kohmiesberge, im Lande der Nomaden, wollte ein Hottentotte eine +Heerde Vieh in's Wasser treiben, als er einen Löwen entdeckte. Er floh +mitten durch die Heerde in der Hoffnung, daß der Löwe eher ein Stück +Vieh ergreifen würde, als ihm zu folgen. Keineswegs. Der Löwe brach +durch die Heerde und folgte dem Hottentotten, der jedoch noch so +glücklich war, auf einen Aloebaum zu klettern und sich hinter einen +Haufen Nester des grauen Webervogels zu verstecken. Der Löwe that einen +Sprung hinauf, verfehlte aber seinen Zweck und fiel auf den Boden. +In mürrischem Schweigen ging er um den Baum, warf dann und wann einen +schrecklichen Blick hinauf, legte sich endlich nieder und ging 24 +Stunden nicht von der Stelle. Endlich begab er sich nach der Quelle, um +seinen Durst zu löschen; der Hottentotte stieg herunter und lief nach +Haus, welches nur eine halbe Stunde entfernt war. Der Löwe folgte ihm +und kehrte erst 300 Schritt vom Hause um.« + +»Der Löwe greift, nach Aussage der Jäger, kein Thier und keinen Menschen +an, wenn sie nicht fliehen, ohne vorher in einer Entfernung von zehn +Schritt sich niedergelegt und seinen Sprung abgemessen zu haben. Daher +schießen die Jäger ihn nicht eher, als bis er sich gelegt hat, weil sie +dann richtig vor den Kopf treffen. -- Begegnet man unbewaffnet einem +Löwen, so sind Muth und Geistesgegenwart das einzige Rettungsmittel. Wer +entflieht, ist unfehlbar verloren, wer ruhig stehen bleibt, den greift +der Löwe nicht an. Die erhabene Gestalt des Menschen flößt ihm, +vorausgesetzt, daß er den leichten Kampf mit den Menschen noch nicht +versucht hat, eher Furcht und Mißtrauen in seine eigene Kraft ein und +eine ruhige Haltung verstärkt diesen Eindruck mit jedem Augenblick. Wenn +er sich auch zum Sprung niederlegt, so wird er denselben doch nicht +wagen, wenn man ihn unbeweglich wie eine Bildsäule in's Auge schaut. Man +muß sich hüten, durch eine unbedachtsame Bewegung Furcht zu verrathen. +Der Ausgang beweist, daß er selbst sich nicht minder gefürchtet hat als +der Mensch; denn nach einiger Zeit erhebt er sich langsam, geht unter +beständigem Umsehen einige Schritte zurück, legt sich wieder, entfernt +sich abermals in immer größeren Zwischenräumen und nimmt endlich, wenn +er ganz außer dem Wirkungskreis des Menschen gekommen zu sein glaubt, in +vollem Laufe die Flucht. Der Löwe wägt die Gefahr ab, der Panther aber +stürzt sich blindlings auf den Feind, unbekümmert, ob er siegen oder +unterliegen werde.« + +So erzählte der Menageriebesitzer lange den Kindern und von Zeit zu Zeit +brachen immer wieder seine Thränen aus. »O,« sagte er betrübt, »wo werde +ich wieder einen Löwen bekommen, der so klug ist wie der meinige und so +schön Komödie spielen kann?« + +»Wie, Komödie?« riefen die Kinder einstimmig. + +»Ja, auf einem großen Theater in Paris.« + +»Man erzählt nämlich eine Geschichte von einer englischen Dame, welche +nach einem andern Welttheil reisen wollte, um ihren Mann zu besuchen. +Das Schiff legte an der Küste von Afrika an, um Wasser einzunehmen und +die Frau stieg mit ihrem Kind an's Land. Sie setzte letzteres unter +einen Baum, um einen Trunk zu holen, und als sie wieder zurückkehren +wollte, erblickte sie mit Schrecken einen Löwen, welcher um das Kind +herumging, es beschnupperte und leckte. Als das kleine Wesen über die +unsanfte Berührung seiner rauhen Zunge zu schreien begann, stutzte der +Löwe und entfernte sich in ruhigem Schritt. Die Mutter eilte nun herbei; +sie hatte schon gemeint, ihren Liebling todt oder verstümmelt zu finden, +aber siehe da, er war unversehrt, und sie sank nieder auf das Knie neben +dem Kinde und dankte Gott, daß er das Herz des Raubthiers gerührt +hatte.« + +»Diese Geschichte wird nun als Singspiel in Paris aufgeführt und mein +Löwe spielte mit. Ich hatte ihn seit seiner frühesten Kindheit darauf +abgerichtet.« + +_Prinzeß._ Aber, wenn er nun wild wird? + +_Lisi._ Fürchtet sich denn das Publikum nicht? + +»Das Publikum weiß wohl,« versetzte der Menageriebesitzer, »daß mein +Löwe von vier dicken Seilen gebunden ist, die man aber nicht sieht.« + +_Prinzeß._ Das Kind ist wohl durch eine Puppe vorgestellt? + +_Menageriebesitzer._ Nein, es ist ein lebendiges Kind. + +_Prinzeß._ Aber welche Mutter wird ihr Kind zu so etwas hergeben? + +_Menageriebesitzer._ Das Kind läuft keine Gefahr, denn es liegt unter +einem Gitter von starkem Draht; dieses schützt vor des Löwen Zahn und +Zunge, während es für das Publikum unsichtbar ist. + +Als der Menageriebesitzer seine Erzählung beendet hatte, begab er sich +auf den Heimweg. Die Kinder aber plauderten noch lange über das +Löwenabenteuer, über den Löwen und dessen Naturgeschichte. + + + + +Kapitel 12. + +Der Kater Rosaurus will König der Wälder werden. + + + Hochmuth + Thut selten gut. + +Das Kind, welches der Löwe gefressen hatte, war niemand anders als die +kleine Hanne. -- Dorte hatte sie wie gewöhnlich sorgsam angekleidet, +gewaschen und gekämmt, um sie in die Klein-Kinderbewahrschule zu +bringen. Sie hatte ihr auch ein Taschentuch mitgegeben, was sie wohl +konnte, da Wilhelm deren so viel gestohlen hatte. Hanne aber wollte +nicht in die Bewahrschule gehen, sondern lieber auf der Straße spielen; +sie war noch immer ein ungehorsames Kind, und als die Schwester mit ihr +auf dem Wege war, riß sie sich los von deren Halten und lief weg. Sie +hatte sich im nahen Gebüsch verstecken wollen, bis Dorte selbst in die +Schule gehen mußte; dann wäre sie während mehrer Stunden ganz ohne +Aufsicht gewesen. Hannchen wußte nicht, daß man nicht davon laufen müsse +vor dem Löwen, und als sie das große Thier erblickte, war sie trotz +ihrem Schrecken auf nichts als auf ihre Flucht bedacht. Sie riß aus, so +schnell die vor Angst zitternden Füße sie tragen konnten, -- aber der +Löwe hatte sie mit zwei Sprüngen erreicht; er mußte noch hungrig sein +trotz des erlegten Schafs, bei dessen Verzehren seine Verfolger ihn +gestört hatten. Mit seiner großen Tatze schlug er das Kind zu Boden und +bald war sie mit Haut und Haaren verspeist. + +Der Ungehorsam wird immer bestraft, auch wenn keine Löwen frei im Walde +herum laufen! -- + +Der große Löwe wurde nun ausgestopft und im Lustschloß der Prinzessin +aufgestellt. Er stand im Hausplatz, und wer zur Hausthür hereintrat, +bewunderte das schöne Thier. Rosaurus erfreute sich ganz besonders an +demselben; er kletterte an dem Schwanz hinauf, setzte sich auf des Löwen +Kopf, zaußte in dessen Mähnen herum und ergötzte durch seine +wunderlichen Sprünge und Geberden die Prinzessin und deren Freundinnen. + +Wenn Rosaurus auf des Löwen Haupte saß, so kamen ihm oft wunderliche +Gedanken; es war, als ob der Muth des großen Todten ihm durch die +Glieder ströme, er bekam Lust, auch ein König der Wälder zu werden. »Ich +verbringe«, sagte Rosaurus zu sich selbst, »hier meine Tage in +Müßiggang; wenn ich durch meine Sprünge eine lachlustige Jugend +unterhalte, so habe ich meinen Beruf erfüllt. Ich führe eigentlich ein +wahres Schlaraffenleben; mir fliegen, so zu sagen, die gebratenen Tauben +in den Mund, während die Natur mir List und Geschicklichkeit verliehen +hat, sie lebendig zu fangen. Ich hänge ab von den Launen einer kleinen +Prinzessin, ich bin gebannt auf die weichen Teppiche der fürstlichen +Zimmer, während die ganze große Welt mir offen steht und Millionen von +Mäusen herumlaufen, die eigentlich nur für mich geschaffen sind. Ich bin +ein Sklave und könnte so gut frei sein. Im Wald, wo alle Thiere froh und +vergnügt herumklettern, muß ich allein Fesseln tragen und werde an einem +rosa Atlasband gehalten. Nein! das geht nicht länger so. Ich bin zwar +noch nicht ein ganz großer ausgewachsener Kater, aber ich fühle doch +schon Kraft und Muth genug, um meine goldenen Fesseln zu brechen und +mich selbst zu ernähren; ich will ein freier Kater sein!« + +Nach diesen Betrachtungen erwartete Rosaurus nur die Gelegenheit, aus +dem Lustschloß zu entkommen, die sich auch leicht fand, da das erste +offene Fenster im Parterre ihm zu seiner Flucht behülflich war; er +bewerkstelligte dieselbe am frühen Morgen, und eilte sogleich, aus +Furcht, daß man ihn bald einfangen würde, in den tiefsten Wald. Er hatte +noch kein Frühstück genossen und freute sich, dasselbe zum ersten Mal in +seinem Leben sich selbst zu erwerben. -- In den Gipfeln der Bäume +erblickte er Nester; das Wasser lief ihm in dem Mund zusammen beim +Gedanken an die zarten Vögelchen, die er knacken wollte; aber ach! als +er die Bäume erklettert hatte, fand er die Nester leer, es war die +Brutzeit vorüber. Nachdem er zu verschiedenen Malen auf ähnliche Weise +getäuscht worden, nahm er sich vor, lieber den Mäusen nachzugehen. Er +wußte sehr wenig Bescheid im Wald, kannte also nicht die mäusereichen +Distrikte und hielt es für das Beste, sich auf die Lauer zu legen. +Es war ein starker Thau gefallen und Rosaurus hatte ganz nasse Füße +bekommen; er suchte also ein trockenes Plätzchen unter einem großen +Baum, wo mehrere Mäuselöcher ihm einige Hoffnung auf Erfüllung seiner +Wünsche eröffneten; dort leckte er seine Pfötchen, putzte sich das Kinn, +und machte eine sehr sorgfältige Toilette, denn er meinte, ein freier +Kater müsse auch auf eine anständige Weise einhergehen. + +Während dieser Beschäftigung hörte er etwas neben sich rascheln -- »eine +Maus«, dachte er -- aber nein, es war ein anderes niedliches Thier. +-- Gelb der Rücken und weiß die Brust, zierlich der Bau. Es war ein +Wiesel. Beide Thiere freuten sich, Bekanntschaft mit einander zu machen; +sie schlossen Freundschaft. -- »Lieber Freund«, sagte das Wiesel, »wenn +du mich lieb hast, so entferne dich von hier; wir befinden uns auf +_meinem_ Mäuserevier; ich habe noch nicht gefrühstückt und wenn mein +Wild dich so schön schnurren hört, da bleibt es in den Höhlen -- vergieb +-- mit Freunden macht man nicht Umstände.« + +Rosaurus hatte gemeint, alle Mäuse wären nur für ihn geschaffen und +siehe, da war ein Nebenbuhler; schnell eilte er nach einem andern Platz; +die Sonne hatte den Thau getrocknet und er schlich im zarten Grase so +leise und weich einher, wie auf dem fürstlichen Teppich. »Hier ist mir +gewiß das Glück hold«, dachte er. Da bemerkte er plötzlich ein +wunderliches Geschöpf; es war ein rundes, ganz mit Stacheln bedecktes +Thier, welches einen sehr kleinen Kopf und sehr kurze Füße hatte; es war +ein Igel. »Was willst du?« frug derselbe mit sanfter Stimme; »du weißt +wohl nicht, daß du hier auf meinem Mäuserevier bist; habe die Güte, dich +zu entfernen, denn mich hungert's. Ich laure schon den ganzen Morgen +vergebens auf ein Frühstück.« + +Rosaurus eilte weiter; er war sehr hungrig; an einem Bergabhang hoffte +er Schutz vor den heißen Strahlen der Sonne und eine Maus zu finden. +Kaum dort angelangt aber vernahm er eine tiefe grobe Stimme, welche aus +einer Höhle hervortönte, und die mit scharfen Zähnen versehene Schnauze +eines Fuchses ließ sich sehen. -- »Mach, daß du fort kommst, du +mauselustiges Thier; das Mäusenest in der Nähe habe ich nicht etwa so +lange für dich aufgespart; wenn ich kein besseres Mahl erwischen kann, +so sollen dessen Bewohner mir gar nicht übel schmecken. Der Hunger ist +der beste Koch!« + +Rosaurus schlich betrübt weiter; er, der gemeint hatte, die Mäuse wären +nur für die Katzen geschaffen, er fand nun, daß noch so viele andere +Thiere auf diese Speise angewiesen waren. -- Sein Muth sank immer mehr; +als er müde sich auf einen Baumstummel setzte, vernahm er ein klägliches +Schreien -- ein Sperber hatte eine Maus gefangen und verzehrte dieselbe +auf einem benachbarten Zweig. + +Der Abend brach ein und Rosaurus war noch nüchtern. Es war dunkle Nacht +und dichte Wolken hatten sich über dem Himmel gelagert und verhüllten +Mond und Sterne; ein fernes Donnern ließ sich vernehmen und Rosaurus +suchte Obdach hinter der verfallenen Mauer eines alten Thurmes. +»Vielleicht läuft mir ein Mäuschen in den Weg, welches Schutz sucht, wie +ich.« -- So dachte Rosaurus und sollte abermals getäuscht werden. Eine +große Eule hatte dort ihr Nest aufgeschlagen und Rosaurus fühlte +plötzlich den krummen Schnabel auf seinem Rücken. Die Eulen hassen die +Katzen von Natur, weil sie von Mäusen leben, wie sie selbst; diese hier +hatte noch obendrein Junge, denen Rosaurus gefährlich werden konnte. + +Erschrocken eilte der arme Kater von dannen; die Eule hatte ihm eine +tiefe Wunde auf dem rechten Schenkel beigebracht und diese schmerzte. +Der Regen strömte herab und Rosaurus befand sich auf freiem Feld; -- er +fühlte sich sehr unglücklich. Was war aus seinen Träumen von Freiheit +geworden? er, welcher ein König der Thiere hatte werden wollen, was war +er jetzt? Ein gedemüthigtes nasses Kätzchen, ohne Obdach, ohne Speise, +das sich nicht mehr nach Hause finden konnte. Ach, er mochte wohl sehr +weit von Hause entfernt sein; wie war er müde! Er streckte sich ins +nasse Gras und sein klägliches Miau mußte alle Mäuse verscheuchen, wenn +der Regen das nicht schon gethan hätte. -- Zuletzt verstummte auch +dieses Miau; Rosaurus lag erstarrt und ohnmächtig und alles Bewußtsein +war von ihm geschwunden. Armer Rosaurus! das war ein schreckliches Ende +seines ehrgeizigen Strebens. + +Die Nacht war vorbei, der Regen hatte aufgehört, die Sonne ging auf, die +Vögel zwitscherten, die Regenwürmer krochen hervor; die Feldmäuschen +streckten ihr spitzig Näschen aus den Löchern, aber Rosaurus merkte +nichts davon. Da kam ein kleines Mädchen daher, es war Dortchen, welche +Etwas nach dem fürstlichen Lustschloß zu tragen hatte; sie sah Rosaurus +am Wege liegen und erkannte ihn an dem abgebissenen Schwänzchen; denn an +etwas Anderem hätte sie ihn nicht erkennen können, so häßlich, schmutzig +und zerzaußt sah er aus. Sie nahm das erstarrte Thier in ihren Mantel +und wärmte es; dann trug sie es zur kleinen Prinzessin. Rosaurus schlug +die Augen auf, ihm war es, als habe er einen schweren Traum gehabt, nur +der große Hunger, den er fühlte, sagte ihm, daß es kein Traum gewesen +sei. Aber da stand auch schon die warme Milch mit Bisquit; während er +fraß, wurde die Wunde ausgewaschen und mit kaltem Rahm benetzt; dann +trug man Rosaurus in sein weiches Bettchen und deckte ihn mit warmen +Tüchern zu. -- Er schlief ein. -- + +Als er erwachte, fühlte er sich neu gestärkt, alle Sehnsucht nach der +Freiheit war geschwunden, er spürte nichts mehr von Gelüsten -- ein +König der Wälder zu sein und empfand mit großem Behagen die +Annehmlichkeit seiner Hofexistenz. Er nahm sich vor, dieselbe nicht mehr +freiwillig aufzugeben, und die unsichere Mäusejagd nicht mehr höher zu +stellen als die Süßigkeiten, welche der Prinzessin weiße Hand ihm +stündlich reichte. + + + + +Schluß. + + + Gieb sie, gieb sie des Lebens Gaben + Und was Dein Herz in Liebe trägt: + Das Herz will seine Stimme haben, + Bevor es stolz und ruhig schlägt. + +Jahre verstrichen. Rosaurus war ein großer dicker Kater geworden; die +niedlichen Sprünge hatte er eingestellt; selten erlaubte er sich einen +Spatziergang auf das Dach; seine Eltern waren gestorben und seine +Geschwister kannten ihn nicht mehr; sie meinten, er habe gar zu feine +Manieren angenommen; wollte immer etwas vorstellen, wenn er unter ihnen +wäre, und wisse von gar nichts zu erzählen, als von dem großen Löwen, +bei dem er drei Stunden zugebracht und den er in Respekt erhalten habe. +-- Dagegen mache er eine verächtliche Miene, wenn sie von ihren Mäusen- +und Ratten-Abenteuern im Keller erzählten; er schien die wichtigsten +Ereignisse ihres Lebens für höchst kleinlich und unbedeutend zu halten +und bei ihren schönsten Konzerten schlief er ein oder schnurrte so laut, +daß der kräftigste Katzenbaß kaum vernehmbar werden konnte. Rosaurus +wurde demnach nicht mehr eingeladen und wenn seine Verwandten ihn mit +einiger Höflichkeit behandelten, so geschah es blos, weil sie +vermutheten, daß er große Schätze an Knochen, Zucker und Bisquit +besitze, die er ihnen einmal Preis geben oder vermachen könne. + +Indessen war Joly gestorben; -- er hatte von allzuguter Nahrung und, wie +Lisi meinte, vom steten Aerger über Rosaurus, die Raute bekommen und war +so ekelhaft geworden, daß man es für nothwendig hielt, ihn todt zu +schießen, wovon freilich die Prinzessin nichts erfahren durfte. Bald +darauf brachte man ihr ein anderes Hündchen, welches dem Joly ähnlich +sah, nur jünger und lustiger. Jetzt kam die Reihe an Rosaurus +eifersüchtig zu werden und er zeigte sich so heftig und erbarmungslos +gegen das kleine Thier, er hatte so wenig von der Großmuth des Löwen +gelernt, daß er dem neuen kleinen Joly einst mit einem starken Schlag +seiner Tatze ein Auge auskratzte. + +Demnach wurde Rosaurus ins Vorzimmer verbannt und der kleine Joly wurde +der Schooßhund und der stete Gefährte der Prinzessin. + +Einst erhielt sie zwei allerliebste kleine Vögelchen; sie waren grün und +man nannte sie die Unzertrennlichen, weil sie immer ganz dicht bei +einander saßen und das Bild einer guten Ehe abgaben. Sie kamen aus +Amerika, wo sie heimisch sind. Die Prinzessin freute sich sehr an den +kleinen Thieren. -- Rosaurus erblickte sie eines Tages und schien zu +meinen, daß sie blos seinetwegen so weit hergekommen seien; er stürzte +sich über den Bauer her und fügte seine Krallen in dessen Drathgitter, +um sie herauszuholen; glücklicherweise trat gerade Lisi ins Zimmer und +erhob ein furchtbares Geschrei. -- Rosaurus ward verjagt und das Leben +der kleinen Vögel gerettet. Der Schreck mochte aber sehr groß gewesen +sein und ihre schönen grünen Federchen flogen im Käfig herum, und hier +und da blutete eine Stelle, wo eine scharfe Kralle die Haut geritzt +hatte. + +Nach dieser Missethat fiel Rosaurus gänzlich in Ungnade; und als +Mademoiselle Gogo einer jungen Erzieherin Platz machte, weil sie wegen +Kränklichkeit in den Ruhestand versetzt zu werden bat, nahm sie +Rosaurus, an den sie sich gewöhnt hatte, mit in ihre Wohnung, wo sie ihn +mit großer Liebe und Sorgfalt pflegte. Die Prinzessin hatte ihr ein +großes weiches Sammetkissen für diesen Lebensgefährten geschenkt; darauf +lag Rosaurus und war noch im Alter ein schöner Kater. Er that eigentlich +nichts als fressen und schnurren -- und das Spinnrädchen der Mlle. Gogo +schnurrte mit ihm um die Wette. + + + + +Druck der Vereins-Buchdruckerei in Leipzig. + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + + +ERRATA + + Die kleine _Diana_ [_ungeändert: später immer »Diane«_] + Prinzeßchen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen. + [_Original hat überflüssiges « am Ende_] + wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir's.« [_« fehlt_] + Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen [_Orig. Pisquit_] + wenn wir es mit uns nehmen wollten.« [_« fehlt_] + folgenden Bericht. »Sie [_« kommt nie_] + solche gute Sachen genießen sollten.« [_« fehlt_] + Bist du mir noch böse, daß ich dir den Arm in meiner Tasche zerbrach. + [_ungeändert: Fehler . for ?_] + »wenn du mich lieb hast [_» fehlt_] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Schicksale des Katers +Rosaurus, by Amalie Winter + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND SCHICKSALE *** + +***** This file should be named 25722-8.txt or 25722-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/5/7/2/25722/ + +Produced by Louise Hope, Norbert H. 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