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+The Project Gutenberg EBook of Leben und Schicksale des Katers Rosaurus, by
+Amalie Winter
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Leben und Schicksale des Katers Rosaurus
+ oder die kleine Prinzessin und ihre Katze
+
+Author: Amalie Winter
+
+Release Date: June 7, 2008 [EBook #25722]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND SCHICKSALE ***
+
+
+
+
+Produced by Louise Hope, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+file was made using scans of public domain works in the
+International Children's Digital Library.)
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+ [Dieser Text benutzt die UTF-8-Kodierung (unicode). Wenn die
+ Apostrophe, Anführungszeichen und die Umlaute in diesem Absatz
+ als seltsame Zeichen dargestellt werden, sollten Sie in Ihrem
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+ Standardschrift zu ändern. Wenn das auch nichts hilft, nehmen
+ Sie stattdessen die Latin-1 Version dieses Textes.
+
+ Einige Druckfehler sind am Ende des Textes notiert. Formen wie
+ „Spatzieren“ bzw. „Spazieren“ sind ungeändert.]
+
+
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+
+ [Bild: Prinzessin Marie und Rosaurus
+ Stahlstich d. Kunst u. geogr. Anst. v. Serz & C^ie]
+
+
+ Leben und Schicksale
+ des
+ _Katers Rosaurus_,
+
+ oder
+ die kleine Prinzessin und ihre Katze.
+
+ Ein unterhaltendes Lese- und Bilderbuch für Kinder
+ von
+ Amalie Winter.
+
+ Mit 1 schwarzem und 5 colorirten Stahlstichen.
+
+
+ Leipzig, 1851.
+ _Baumgärtners Buchhandlung._
+
+
+
+
+Kapitel 1.
+
+Die Ueberraschung.
+
+
+ Meine Freuden.
+
+ Wollt Ihr meine Freude hören,
+ Ruft ein Mädchen voller Lust,
+ Nun ich will sie gern Euch lehren,
+ Hegt sie auch in reiner Brust.
+
+ Meine Freude sind die Blüthen
+ Und die Blumen groß und klein
+ Die des Himmels Lust und Frieden
+ Durch die weite Schöpfung streu’n.
+
+ Meine Freuden sind die Thiere,
+ Schäfchen, Biene, Schmetterling.
+ Denn in Gottes Lustreviere
+ Ist mir keines zu gering.
+
+Die kleine Prinzessin Marie war 6 Jahr alt und führte ein glückliches
+Leben. Alle Welt war ihr gut und Jedermann bemühte sich, ihr Freude zu
+machen. Täglich wurden kleine Mädchen eingeladen, mit denen sie im
+schönen Wagen spatzieren fuhr und mit schönen Spielsachen spielte.
+
+Die Spielsachen waren aber ganz außerordentlich schön. Sie hatte unter
+Anderm eine Puppenstube, welche so groß war, daß nicht nur die Puppen,
+sondern auch deren Besitzerin, nebst zwei ihrer Freundinnen darin Platz
+fanden. Kanapee, Stühle und der Tisch waren so eingerichtet, daß die
+Kinder sich ihrer bedienen konnten und oft wurde dort in Gesellschaft
+der Puppen von verschiedener Größe Chocolade getrunken. Der kleine Hund
+_Joly_ wurde bei solchen Gelegenheiten ebenfalls eingelassen und erhielt
+einen Platz auf dem Kanapee, von wo aus er mit wahrhaft menschlicher
+Grazie, ebenfalls Chocolade trank und Bisquit fraß. Wenn er sich
+zuweilen vergaß und sich allzu gefräßig zeigte, so wurde er ernstlich
+ermahnt und das Prinzeßchen drohte mit dem Finger.
+
+Die Puppen waren indeß von verschiedener Größe und von ganz
+verschiedener Art. Da sah man eine große Puppe als Königin angethan,
+mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und dem Hermelinmantel um die
+Schultern. Neben ihr saß das Bauermädchen in der Landestracht, mit
+Bändermütze, kurzem Rock und goldgesticktem Latz. Ein kleiner Knabe
+und ein kleines Mädchen waren in den kurzen Flügelkleidern und weißen
+Beinkleidern mit den runden Strohhüten sehr hübsch anzusehen.
+-- Außerdem gab es auch Puppen in Haus- und Ball-Kleidern und alle
+hatten ihre besondere Garderobe. Viele davon besaßen sehr schönes langes
+Haar, und es gewährte den Kindern große Freude, solches zu kämmen und zu
+flechten; andere hatten blos Locken, was ihnen auch sehr gut stand.
+
+Alle diese Puppen waren aber, in dem Augenblick wo diese Geschichte
+beginnt, ganz vergessen und lagen in einer Ecke der Puppenstube über
+einander gehäuft, denn die Prinzessin hatte kürzlich eine Puppe
+erhalten, welche alle anderen aus ihrem Herzen verdrängte; das war
+nämlich eine schöne Wickelpuppe. -- Kopf, Arme und Beine waren von
+Wachs und das Kinderzeug war äußerst vollständig. Es fehlte nicht an
+Windeln, Stopfläppchen und Wickelschnuren. Die Wickelkissen waren mit
+Bandschleifen versehen und mit Stickereien garnirt. Die Mützchen waren
+prächtig, ganz mit Spitzen und Bändern bedeckt. Es gewährte den Kindern
+große Freude, das Puppenkind zu wickeln und trocken zu legen, herum zu
+tragen und einzuschläfern, und ihm Brei zu geben, mit dem kleinen
+silbernen Breilöffel, aus dem vergoldeten Breinäpfchen. Des Abends wurde
+die Puppe immer in die Wiege gelegt, welche ebenfalls in der Puppenstube
+stand; und das war eine sehr schöne Wiege von Mahagoniholz, wie nur
+wenig Menschenkinder sie besitzen. Es schläft sich nun zwar eben so gut
+in einer einfachen Wiege; aber für die Puppe einer kleinen Prinzessin
+heißt es doch: „je schöner, je besser“. An dieser Wiege waren nun reiche
+Vergoldungen angebracht; ein vergoldeter Engel schwebte darüber und
+hielt in seinen Händen den grünen Vorhang von schwerem rauschenden
+Seidenstoff: Kopfkissen und Decke waren von rosa Atlas mit Ueberzug von
+gesticktem Tüll mit Spitzenbesatz.
+
+Das schönste Eigenthum der Wickelpuppe war aber das Taufzeug. Es bestand
+aus einem langen Kleid von Spitzentüll über rosa Atlas. Das Kind lag auf
+einem Kissen von rosa Atlas und nun gab es Spitzen und Schleifen in
+Menge. Besonders schön waren die Aermelchen gestickt, und das Mützchen
+erregte allgemeine Bewunderung. Eine arme Stickerin hatte vier Wochen
+daran gearbeitet und von dem Lohn, den sie dafür bekam, ihre ganze
+Familie erhalten. Die Wickelpuppe sah aber in diesem Taufzeug gerade so
+aus, wie das Prinzeßchen selbst bei der Taufe ausgesehen hatte.
+
+„Wir wollen doch Taufens spielen“, sagte _Lisi_ eines Tages, als eine
+Gesellschaft kleiner Mädchen bei der Prinzeß versammelt war. Lisi war
+die älteste von ihnen und pflegte gewöhnlich die Spiele anzugeben. „Wir
+wollen die Wickelpuppe taufen“, sagte sie, „und ich will der Pastor
+sein“. Die Kinder nahmen den Vorschlag mit Jubel an; Mademoiselle Gogo,
+die Bonne, hatte das Zimmer verlassen wegen eines Besuches und hatte die
+Kinder gebeten, recht still zu spielen; nun! bei der Taufe machte man
+auch gewiß keinen Spectakel. Lisi wickelte sich in einen schwarzen Shawl
+und machte sich von Papier Päffchen an den Hals. Ein kleiner Tisch wurde
+als Altar angeputzt. Nun putzten sich auch die Pathen. Das Prinzeßchen
+setzte ein Diadem ihrer Mama auf, welches diese wegen dessen Schwere auf
+einige Stunden bei ihr abgelegt hatte; ein goldgestickter Longshawl ward
+ihr als Schleppe angemacht. Die kleine _Diana_ befestigte zwei
+Blumenkränze der Balldamenpuppe auf den Kopf und band ihren himmelblauen
+Mantel um die Taille, so daß er hinten Schleppe bildete; die kleine
+_Amelie_ hatte eine Echarpe von rosa Flor auf dem Kopfe befestigt und
+hüllte sich hinein, so daß sie in einem jener Wölkchen zu stecken
+schien, welche Abends vor Untergang der Sonne so schön roth aussehen.
+Die lange _Jenny_ hatte aber die Mütze des kleinen Prinzen aufgesetzt,
+einen Kindersäbel umgeschnallt und ein Paar Vorhangsquasten als
+Epauletten an die Schultern befestigt und wollte durchaus der Herr
+Gevatter sein.
+
+Nun sollte die Taufe losgehen. Lisi hatte nämlich ihr Schwesterchen
+taufen sehen und nahm sich vor, es gerade so zu machen. Joly mußte sich
+auf die Hinterpfoten setzen, um das Mützchen zu halten, was damals Lisis
+Amt gewesen war.
+
+Als nun die Vorbereitungen vollendet waren und die Kinder feierlich im
+Kreise standen, vernahm man plötzlich ein fremdartiges Geräusch, ein
+Poltern, Miauen, Winseln. Die Kinder wußten gar nicht, was es war,
+-- die Wickelpuppe konnte es doch nicht sein!
+
+Das Geräusch kam aus dem Kamin, welches im Sommer zugestellt wurde,
+damit der Wind nicht herein fauchen konnte. Die Kinder fürchteten sich
+und flüchteten schreiend und um Hülfe rufend in das andere Zimmer und
+Joly verfiel in ein fürchterliches Gebell. Ueber dem Lärm kam
+Mademoiselle Gogo herbei und frug, was es gäbe? Als die Kinder von dem
+Spektakel im Kamin erzählten, schüttelte sie bedenklich den Kopf; sie
+wußte nicht recht, ob es gerathen sei, das Kamin zu öffnen, es konnte ja
+eine Eule oder ein Uhu hineingeflogen sein; diese Vögel haben aber große
+Schnäbel und pflegen damit um sich herum zu hacken; es konnte auch eine
+Fledermaus sein und Mademoiselle Gogo fürchtete sich vor Fledermäusen.
+-- Alles stand um das Kamin in horchender Stellung. -- Ach, die Töne
+waren so leise, so hülfebedürftig, man mußte ahnden, daß ein Geschöpf
+Gottes sich sehr unbehaglich darin fühle. Lisi riß geschwind das Kamin
+auf und siehe, da lag ein kleines allerliebstes Kätzchen. Es konnte kaum
+14 Tage alt sein und gefiel den Kindern ungemein. Es war ein buntes
+Cypernkätzchen. Es hatte einen langen Schwanz, den es anmuthig bewegte,
+kurze Ohren, die es klug zu spitzen wußte und ein Fellchen, so weich und
+glatt wie Seide. Dabei schnurrte es äußerst lieblich und schien sich im
+Schooß des Prinzeßchens sehr wohl zu befinden. Die Kinder holten Milch
+herbei und es leckte dieselbe mit seinem rosarothen Züngelchen. Man sah
+es ihm an, daß es ihm gutschmeckte. -- Die Kinder hatten sich um das
+Prinzeßchen herumgekauert, um den kleinen Ankömmling recht betrachten zu
+können; alle waren davon entzückt, nur nicht Joly, welcher zur Thüre
+hinaus gebracht werden mußte, da er Lust zu haben schien, das arme
+Kätzchen zu beißen und aufzufressen.
+
+ [Buntbild: Das Kätzchen wird im Kamin entdeckt.]
+
+Als Lisi aber die Freundinnen aufmerksam machte auf die Sammetpfötchen
+des Kätzchens und auf deren rosarothe Sohlen, wurden die Bedienten zum
+Abholen gemeldet und man mußte sich trennen. Das Kätzchen war im Schooß
+des Prinzeßchens eingeschlafen, und wir wollen es schlafen lassen, um zu
+erforschen, wie der kleine Gast eigentlich in das Kamin gekommen war.
+
+
+
+
+Kapitel 2.
+
+Wie das Kätzchen in’s Kamin kam.
+
+
+ In Sonnenschein --
+ In dunkler Nacht
+ Für Mensch und Thier
+ Gottes Auge wacht.
+
+Die Art und Weise, wie das Kätzchen in’s Kamin gelangt war, gewährt dem
+aufmerksamen Leser einen Blick in die traurigen Familienverhältnisse der
+Katzen. Bei dem Vogelgeschlecht ist das Männchen dem Weibchen beim
+Nestbauen, Brüten und Füttern der Jungen behilflich. Der liebenswürdige
+Gatte der Nachtigall singt seinem brütenden Weibchen vor und erfreut
+durch seine herrlichen Liebestöne das Ohr des lustwandelnden Menschen.
+Auch bei manchem vierfüßigen Thier findet man väterliche Zuneigung und
+Fürsorge für die Jungen; aber bei den Katzen ist das nicht der Fall.
+Mancher Katzenpapa hat sogar die schlechte Gewohnheit, seine Kleinen zu
+fressen. Vielleicht hält er sie für Mäuse oder Ratten; vielleicht haßt
+er sie, weil sie die Katzen zu sehr beschäftigen und von den
+Mondscheinpromenaden auf den Dächern, vom Besuch der
+Katzengesellschaften und von der Theilnahme an den herrlichen
+Katzenconzerten, deren Ihr, lieben Kinder, gewiß schon oft gehört habt,
+abhalten. Kurz, der Kater frißt seine Jungen und die liebende Katzenmama
+ist genöthigt, dieselben gegen ihn zu vertheidigen oder vor ihm zu
+verbergen. Das thut sie nun so gut sie kann, indem sie sich zu ihrem
+Wochenbett Stellen aufsucht, wo Niemand so leicht hinkommt. -- Kätzchens
+Mutter war nun niemand Anders als Mies Mies, die Hofkatze, und sein
+Vater, der sehr ehrenwerthe Hofkater, Namens Murr. Beide Eltern
+erfreuten sich einer sehr einträglichen Anstellung bei der Küche und
+erhielten eine reichliche Besoldung an Hühnerknochen und Fischgräten,
+die sie blos mit dem Hofraben zu theilen hatten. Mies Mies fand indeß
+noch nebenbei Gelegenheit, manche verhungerte Stadtkatze zu
+unterstützen, denn Mies Mies hatte ein gutes Herz; aber der Kater Murr
+und der Hofrabe Hans wollten das nicht leiden und scharrten in die Erde,
+was sie nicht fressen konnten, lieber, als andere Thiere damit zu
+erfreuen. Man hätte nun meinen sollen, bei so reichlicher Kost würde der
+Vater seine Kinder verschonen, aber nein! er hatte von Zeit zu Zeit
+förmlich Appetit nach jungen Kätzchen und auch der Hofrabe liebte solche
+zu verspeisen. Mies Mies kannte alle diese drohenden Gefahren und war
+ernstlich darauf bedacht, ihre Kinder denselben zu entziehen.
+
+Mies Mies hatte auch ein Gespräch der Schloßmagd und des Schloßvoigts
+belauscht, worin diese sich vornahmen, keine jungen Kätzchen mehr im
+Schloß zu dulden, weil solche Unreinlichkeiten verursachten; alle Kinder
+der Mies Mies sollten künftighin ersäuft werden. Man kann sich denken,
+wie das Herz der armen Hofkatze schlug, als die Stunde nahte, wo sie
+Mutter werden sollte.
+
+In ihre traurigen Gedanken vertieft schlich sie auf einem vorragenden
+Haussims, in den Fenstern der fürstlichen Gastzimmer vorüber und
+bemerkte, daß der Wind eines dieser Fenster aufgerissen hatte, ohne daß
+irgend Jemand es bemerkt zu haben schien. Im Fremdenzimmer stand aber
+ein Himmelbett mit blauseidenen Vorhängen, worin schon Fürsten und
+Grafen geschlafen hatten; das mußte sich vortrefflich zum Wochenbett
+eignen, es war ganz so weich und sanft, wie Mies Mies es für ihre jungen
+Kätzchen nur wünschen konnte; sie schlüpfte also zum Fenster hinein,
+sprang auf das Bett, wühlte mit ihren Pfoten eine Art von Nest zwischen
+Kopfkissen und Plümeau, und sah sich bald von drei allerliebsten
+Kätzchen umgeben, die sie auch während neun Tagen ungestört säugte. Nur
+ein Mal täglich verließ sie ihre Kinder, um selbst Nahrung einzunehmen;
+das that sie aber nur in der Nacht, damit Niemand erspähen möge, wohin
+sie ihre Schritte wendete.
+
+Die Kätzchen pflegen bis zum neunten Tag blind zu sein, bis dahin leiht
+die sorgsame Mutter ihnen ihr Auge und wacht über sie. Mies Mies
+erwartete stündlich, daß ihren Kindern das Licht aufgehen werde und
+hatte fleißig die geschlossenen Augen geleckt, um ihnen das Aufschlagen
+derselben zu erleichtern. Da vernahm sie eines Tages ein Geräusch an der
+Thür; ein Schlüssel wurde in’s Schlüsselloch gesteckt, das Schloß
+gedreht, die Thür ging auf und herein trat die entsetzliche Schloßmagd,
+mit einem furchtbaren Besen an einem langen, langen Stiel. Mies Mies
+befahl ihren Kindern ganz still zu sein; sie hoffte, die Hofmagd würde
+nur kehren und nicht das Bett machen; ängstlich blinzelte sie durch die
+Spalten des Vorhangs und verfolgte jede Bewegung der Entsetzlichen. Ach
+-- all ihr Hoffen war vergeblich! -- Es waren Gäste angesagt und die
+Fremden-Zimmer und Fremden-Betten mußten in Ordnung gebracht werden.
+Eine kräftige Hand riß den Vorhang auseinander und das Plümeau in die
+Höh’! Welch eine Unthat war da geschehen! --
+
+Die Schloßmagd erhob einen gewaltigen Lärm; sie schrie und tobte gegen
+die Katze, sie schimpfte und drohte sie zu verderben mit ihrer ganzen
+Brut. Mies Mies ließ sich aber nicht so leicht einschüchtern, sie machte
+wahre Tigeraugen; sie zischte, knurrte, pustete, machte einen
+furchtbaren Katzenbuckel und schien sich zu einem gewaltigen Sprung nach
+dem Angesichte der Schloßmagd zu rüsten; dabei bewegte sie ihren Schwanz
+wie eine Löwin und zeigte ihre spitzen, scharfen Zähne wie ein Leopard.
+Sie erschien in ihrer muthigen Mutterliebe so furchtbar, daß der
+Schloßmagd ganz angst und bange wurde für ihre Augen und für ihre rothen
+Wangen und sie davon eilte, um den Schloßvoigt als Beistand herbei zu
+rufen.
+
+Frau Mies Mies war indeß nicht so dumm, diesen Beistand abzuwarten; sie
+dachte: wenn der Schloßvoigt und die Schloßmagd sich mit ihren
+Besenstielen über mich hermachen, dann bin ich mit meinen lieben Kleinen
+verloren, da geht es uns schlecht. -- Sie beschloß also, so schnell als
+möglich ihre Kätzchen hinweg zu tragen und ihnen ein anderes Unterkommen
+zu suchen. So nahm sie denn ein Kätzchen in’s Maul und trug es auf’s
+Dach; dann holte sie das zweite, dann das dritte, und als die Hofmagd
+und der Hofknecht kamen, fanden sie das Bett leer. Dasselbe sah aber
+nicht reinlich aus und der Hofknecht hielt sich die Nase zu und lief so
+schnell als möglich davon.
+
+Nun ergriff Mies Mies wieder das Kätzchen, das sie zuerst auf das Dach
+niedergelegt hatte; sie, deren Zähne so scharf für die Mäuse waren, sie
+wußte dieselben ganz stumpf zu machen, damit ihr Kind den mütterlichen
+Zahn nicht fühlte. Sie trug es nach einer Bodenkammer, wo sie sich eines
+alten Strohsacks erinnerte; dort waren die Kleinen zwar nicht so weich
+und vornehm gebettet, wie früher, doch sicher vor Störung. Dann holte
+die Mutter das zweite Kind -- unser Kätzchen war aber das dritte,
+welches bis zuletzt warten mußte.
+
+So lag es denn allein auf dem Dache; es war bis jetzt noch blind gewesen
+und wußte eigentlich nicht, was man mit ihm vorgenommen hatte; es fror
+und ihm war ganz unheimlich zu Muthe; da berührt ein Strahl der
+scheidenden Sonne das arme Thier und suchte dessen geschlossenes Auge,
+welches sich plötzlich öffnete und zum ersten Male das Licht der Welt
+erblickte. Kätzchen verfiel darüber in ein ungeheures Nießen und gerieth
+durch diese Bewegung in’s Rollen; es rollte vom Dachgiebel herab, immer
+weiter, immer weiter; es wäre bis in den Schloßhof gerollt, wenn das
+Kamin es nicht aufgenommen hätte. So kam es denn in des Prinzeßchens
+Zimmer und gewiß in sehr gute, liebevolle Hände.
+
+
+
+
+Kapitel 3.
+
+Wie die Kinder mit dem Kätzchen spielen.
+
+
+ Quäle nie ein Thier zum Scherz,
+ Denn es fühlt wie Du den Schmerz.
+
+Kätzchens Ankunft war eine große Freude für die Kinder und besonders für
+Prinzeß Marie. Wenn sie früh aufwachte, mußte man ihr das kleine Thier
+ins Bett bringen, wo sie ihm das Frühstück gab, welches aus Milch und
+Bisquit bestand. Joly, der oft eifersüchtig war, wurde ohne Erbarmen
+geschlagen und in die Bedientenstube verwiesen, wenn er sich neidisch
+zeigte und dem Kätzchen etwas anhaben wollte. Kätzchen fühlte sich auch
+bald heimisch in dem blauen mit Sternen besäeten Zimmer, man merkte es
+ihm an, daß es in einem Himmelbett zur Welt gekommen war; denn nichts
+erschien ihm zu gut, um es zu benutzen. Das Prinzeßchen wollte auch mit
+nichts Anderem mehr spielen als mit Kätzchen. Trotzig stand die schöne
+große Puppen-Königin in der Ecke, seit 8 Tagen war ihr starkes Haar
+nicht gebürstet und geflochten, ihr Staat nicht gewechselt worden.
+-- Gabriele, die Balldame, lag eben so lang schon im Himmelbett in der
+Nachtjacke und niemand dachte daran, ihr nur ein einziges Mal die
+Augenlieder aufschlagen zu lassen, unter welchen doch so schöne blaue
+Glasaugen ruhten. Unter dem Tisch lag aber die Wickelpuppe noch im
+Taufstaat, denn sie hatte ihre schöne Wiege dem Miaukätzchen einräumen
+müssen. Die Puppenstube befand sich aber in großer Unordnung, weil
+Miaukätzchen alles darin herumgeworfen hatte; der Kronleuchter war
+zertrümmert, die hübschen Nippsachen zerbrochen und die kleine Uhr von
+Marzipan sah gar nicht mehr aus wie eine Uhr; denn Miaukätzchen hatte
+die süßen Bestandtheile derselben entdeckt und häufig daran geleckt.
+
+Kätzchen durfte sich auch alle möglichen Freiheiten nehmen. Wenn die
+Fürstin durch das Zimmer ging mit dem Schleppkleid, sprang es auf die
+Schleppe und ließ sich spazieren fahren. Wenn Prinzeßchen mit dem
+Batisttuch wedelte, haschte Kätzchen danach und hing sich mit seinen
+kleinen Krallen in dessen Spitzen, welche natürlich darunter litten.
+
+Mademoiselle Gogo pflegte in einem Lehnsessel Platz zu nehmen, wenn sie
+das Prinzeßchen an- oder auskleidete; dann hüpfte Kätzchen auf die
+Lehne. „Kätzchen sieht zu“, sagte Mademoiselle Gogo, und sie meinte, das
+könne Prinzeßchen vermögen, hübsch still zu halten. Das war aber eines
+Tages gar nicht der Fall und Mademoiselle Gogo schüttelte unzufrieden
+das Haupt, so daß die rothen Mützenbänder wackelten, und da Kätzchen
+meinte, alles was sich bewege, wolle mit ihr spielen, Wupp! war es auf
+Mademoiselle Gogos Kopf gesprungen und hatte die rothen Schleifen in den
+Klauen. Mademoiselle Gogo fiel aber beinahe in Ohnmacht vor Schrecken
+und das Prinzeßchen konnte vor Lachen vollends nicht still halten; aber
+das war auch nicht nöthig, denn die gute Mademoiselle Gogo lachte gleich
+darauf von ganzem Herzen mit.
+
+Joly pflegte sein Frühstück und Mittagsmahl beim Kamin in des
+Prinzeßchens Zimmer zu erhalten, und Kätzchen, obgleich es schon ganz
+gesättigt war, fühlte stets Appetit danach und naschte davon. Wenn nun
+der arme zurückgesetzte Joly sich darüber erzürnte, zu bellen anfing und
+Kätzchen wegjagen wollte, begann dasselbe zu pusten und zu drohen und
+mit ihren Sammetpfötchen Ohrfeigen auszutheilen, so daß Joly das
+Schwänzchen einzog und queilte und unter das Kanapee flüchtete.
+
+Kätzchen war noch gar nicht gut erzogen und pflegte oft die schönen
+Teppiche zu verunreinigen; Mademoiselle Gogo machte eine Ruthe, um es zu
+strafen, aber Prinzeßchen bat immer vor und wenn alle Welt sich die Nase
+zuhielt, meinte sie immer, es sei die Resede, welche so stark dufte --
+und da gab es auch manche Leute, welche das wirklich zu glauben
+schienen.
+
+Eines Tages wurden wieder die guten Freundinnen zu Chocolade gebeten und
+alle freuten sich sehr am Kätzchen und spielten mit demselben auf alle
+mögliche Weise. Sie bliesen eine Marabout-Feder in dem Zimmer umher und
+Kätzchen haschte danach; dann kullerten sie Bälle, ließen ein wächsernes
+Mäuschen mit einem Uhrwerk umher laufen; banden eine kleine Puppe an
+einen Bindfaden und ließen sie tanzen. Kätzchen machte die
+wunderlichsten Sprünge bei solchem Spiel und legte eine wahre
+Katzengrazie an den Tag. Eine berühmte Tänzerin soll eine Katze als
+Vorbild genommen haben für ihre Pas’ und Bewegungen und unser Kätzchen
+hätte wirklich Tanzstunde geben können. Zuletzt setzten die Kinder dem
+Kätzchen einen Federhut auf und zogen ihm einen Puppenüberrock an, was
+sich Kätzchen gefallen ließ, und die Kinder waren ganz vergnügt dabei.
+
+Endlich frug Lisi: „wie heißt denn das Kätzchen?“ und alle waren
+erstaunt, daß es noch keinen Namen hatte. „O wir sollten es taufen, wie
+neulich die Wickelpuppe, das war doch ein gar zu hübsches Spiel“, sagte
+Lisi und Prinzeßchen klatschte vergnügt in die Hände.
+
+„Das ist prächtig! das ist allerliebst!“ riefen die Kinder.
+
+„Wir kleiden Kätzchen in das Taufzeug der Wickelpuppe“, sagte Diane und
+Kätzchen mußte das Schleppkleid anlegen und wurde auf das rosa-atlas
+Kissen festgebunden; dabei schien es sich indeß nicht so behaglich und
+unterhaltend zu fühlen wie bei den anderen Spielen; es war indeß
+gehorsam und lag ganz still, während die Pathen sich putzten. Es war ja
+festgebunden.
+
+Das Prinzeßchen schmückte sich wieder mit dem goldgestickten Shawl,
+Diane mit dem blauen Mantel, Amelie mit dem rosa Schleier, Lisi kleidete
+sich als Pastor und die lange Jenny erschien wieder als Herr Gevatter.
+
+Wir haben bis jetzt noch nicht viel von der langen Jenny gesprochen und
+das aus guten Gründen. Es ist nicht angenehm, von unartigen Kindern
+sprechen zu müssen, und die lange Jenny war ein unartiges Kind. Freilich
+konnte sie nichts dafür; denn sie hatte ihre Mutter sehr früh verloren
+und wurde vom Vater und von der ganzen Dienerschaft verzogen, welche
+über ihre Unarten lachten und ihr allen Willen thaten. Sie war 8 Jahr
+alt und so groß wie ein 10jähriges Mädchen; aber in der Schule wußte sie
+nicht mehr als die sechsjährigen, und da sie nie ihre Aufgaben machte,
+mußte sie immer im Winkel stehen. Bei den Kindergesellschaften störte
+sie gern das Spielen, auch erregte sie immer Zank und man hatte sie
+nicht lieb und lud sie selten ein; heute war sie aber eingeladen worden.
+
+„Wie soll das Kätzchen heißen?“ frug Lisi.
+
+„Krallkätzchen!“ rief Jenny schnell.
+
+„O nicht doch,“ erwiederte das Prinzeßchen, „das würde ja Kätzchen an
+seine einzigen Fehler erinnern.“
+
+„Schwanzelius,“ meinte Diane, „wegen des schönen Schwanzes, den es so
+anmuthig zu bewegen weiß.“
+
+„Scheckchen,“ sagte Amelie. „Kätzchen ist ja so scheckig wie die jungen
+Kastanien, die wir zuweilen aus den grünen Schalen pochen.“
+
+Prinzeßchen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen.
+
+„Ich dächte,“ meinte Lisi, „wir tauften Kätzchen Röschen, wegen des
+hübschen rosarothen Schnäuzchens, was es hat.“
+
+„Ja,“ sagte Prinzeßchen, „Kätzchen ist aber ein Kater und darf doch
+nicht einen weiblichen Namen haben. Auch wird das liebe Thier, wenn es
+so groß und dick ist wie Murr, der Hofkater, nicht gut Röschen genannt
+werden können.“
+
+„Nun,“ sagte Lisi, „so wollen wir es denn Rosaurus taufen; -- so lang es
+jung ist, rufen wir es Röschen, und wird es alt und häßlich, so kann es
+Saurus genannt werden.“
+
+Damit waren die Kinder einverstanden und die Taufe begann. Die Pathen
+stellten sich im Kreise auf, wie damals, als die Wickelpuppe getauft
+werden sollte. Dem Joly wurde indeß die Demüthigung erspart, seinem
+Feind das Mützchen zu halten und er durfte im Lehnstuhl schlummern.
+
+Lisi begann:
+
+„Rosaurus, du sollst nicht wie die andern Katzen, arme kleine Vögel
+verspeisen; du sollst sie nicht aus ihren Käfigen herauskratzen mit
+grausamer Blutgier, worüber die Kinder, denen sie gehören, dann so
+bitterlich weinen; du sollst nicht die jungen Vögelchen aus den Nestern
+holen, daß die Alten pipen und klagen über ihre unglücklichen Kinder.
+Rosaurus, du sollst auch nicht die weißen Mäuschen verfolgen, welche bei
+Nacht lustwandeln und durch die rothen Augen und hellen Fellchen sich im
+Dunkeln verrathen; Rosaurus, du sollst auch die andern Mäuse ungestört
+knuppern lassen an Wurst und Speck, an Zucker und Bisquit. Deine Pathen
+versprechen, dich recht gut zu erziehen und dir immer so viel Bisquit
+und Braten zu geben, daß du gar nicht an lebendige Leckerbissen denken
+kannst. Du sollst durch die Liebe und Fürsorge deiner Pathen aus einem
+wilden Raubthiere, aus einem blutdürstigen Hausthiere, in eine edle,
+sanftmüthige Schooßkatze umgewandelt werden.“ -- --
+
+So weit war Lisi in ihrer Rede gekommen, als sie plötzlich unerwarteter
+Weise unterbrochen ward.
+
+Jede Gevatterin hatte nämlich während der Rede den kleinen
+Katzen-Täufling einige Secunden auf dem Arm gehalten, wie das bei Lisis
+Schwesterchen auch geschehen war, und das Kind hatte ganz still auf dem
+Rücken gelegen und nur zuweilen mit den halbzugekniffenen Aeugelein
+geblinzelt. Als nun die lange Jenny an die Reihe kam, fing diese an es
+heftig zu wiegen, so daß der kleine Rosaurus unruhig ward.
+
+„Ich möchte wohl,“ dachte Jenny, „daß der Balg etwas schrie, er führt
+sich gar zu langweilig auf.“
+
+Während sie nun in scheinbarer Freundlichkeit das Gesicht über ihn
+beugte, fuhr sie mit der Hand unter das lange Schleppkleid und kniff
+Kätzchen recht tüchtig in den Schwanz. Kaum war das aber geschehen, als
+der kleine Täufling ein durchdringendes Geschrei ausstieß und in der
+höchsten Wuth nach Jennys Gesicht sprang; es biß sie in die Nase und
+schlug beide Vorderkrallen in ihre Wangen, so daß sie vor Schreck das
+Kissen fallen ließ.
+
+Das war Kätzchen eben recht, es schlüpfte heraus aus den seidenen
+Fesseln und ergriff die Flucht; dabei überpurzelte es sich einige Mal,
+weil das lange Taufkleid den schnellen Lauf hinderte.
+
+Ueber den Lärm erwachte Joly; er bemerkte schnell, welchen Vortheil
+Kätzchens Staat seinem Feind in die Hände spiele. Bellend verfolgte er
+das arme Thier; aber dieses sprang mit dem Taufkleid auf einen Stuhl und
+gab dem wüthenden Joly, trotz den schönen gestickten Aermeln, zwei derbe
+Ohrfeigen auf jede Seite, so daß ihm das Blut aus dem Munde strömte, und
+Joly heulend und schreiend sich verkroch. Rosaurus aber floh weiter und
+blieb mit der Schleppe an einem Thürriegel hängen, so daß dieselbe
+abriß; die Mütze hatte er lange schon verloren, dann schlüpfte er aus
+dem Taufjäckchen heraus, indem er mit Krallen und Zähnen alle
+Hindernisse zerriß und, heilfroh, seine Banden gebrochen zu haben,
+entfloh er, niemand wußte wohin. Niemand wagte auch das wilde Thier zu
+verfolgen, denn die Kinder fürchteten dessen Verzweiflung; sie lachten
+indeß nach überstandenem Schreck nicht wenig; nur Jenny weinte, denn sie
+blutete und es war zu vermuthen, daß sie noch lange die Narben der
+Katzenkrallen und Zähne tragen würde.
+
+Mlle. Gogo kam herbei und wusch ihr die Wunden mit frischem Wasser;
+dabei zankte sie aber die Kinder aus wegen des Spiels und meinte, die
+Taufe sei eine heilige Handlung; sie sei eingesetzt, um die Menschen
+unter die Christen aufzunehmen und man müsse nicht Scherz treiben mit
+Kirche und Religion. Lisi bat sehr um Verzeihung, daß sie das Spiel
+vorgeschlagen und versicherte, daß sie es nicht überlegt habe.
+
+Hierauf hatten die Kinder noch viel über den Vorfall zu plaudern, als
+die Dienerschaft gemeldet ward, um sie abzuholen; man nahm Abschied und
+Prinzeßchen konnte den Moment der Trennung gar nicht erwarten, um das
+liebe kleine Kätzchen ans Herz zu drücken, welches sich in seiner Angst
+sehr gut verborgen hatte. Es wollte gewiß den Augenblick abwarten, wo
+alles still war, um sein Abendbrot zu verlangen. -- Aber es kam nicht.
+Prinzeßchen rief mit der süßesten Stimme; sie kroch unter Betten und
+Komoden; sie leuchtete ins Kamin: Rosaurus war nicht zu sehen.
+Prinzeßchen konnte sich lange nicht entschließen, ins Bett zu gehen; sie
+meinte, Kätzchen könnte nicht schlafen, wenn es nicht wie gewöhnlich in
+die Puppenwiege gebracht würde. Mlle. Gogo bestand aber darauf, daß die
+Prinzessin sich niederlege; diese weinte aber bitterlich, ehe sie
+einschlief und glaubte immer im Traum, den kleinen Rosaurus miauen zu
+hören.
+
+
+
+
+Kapitel 4.
+
+Das Katzenconzert.
+
+
+ Meine Freuden sind die Spiele
+ Mit Geschwistern lieb und hold.
+ In des Abends heit’rer Kühle
+ Seid ihr theurer mir als Gold.
+
+ Meine Freude ist die Liebe,
+ Die das Herz den Eltern weiht,
+ Des Gehorsams fromme Triebe
+ Und die reine Dankbarkeit.
+
+Rosaurus war in seiner Angst über die lange Jenny, die ihn gekniffen,
+über Joly, der ihn verfolgt, über das Geschrei der Kinder, welches ihn
+erschreckt hatte, in raschem Laufe geflohen und durch alle fürstlichen
+Zimmer geeilt, um so viel als möglich Raum zwischen sich und seinen
+Feinden zu lassen; im letzten Zimmer hatte es im Kamin eine kleine
+Oeffnung entdeckt und war hineingeschlüpft, heilfroh sich in Sicherheit
+zu sehen, denn dorthin konnte selbst Joly nicht dringen; er setzte sich
+zufrieden auf seine Hinterbeine, schlug den Schwanz um seinen Körper und
+begann zu schnurren, was die Katzen immer zu thun pflegen, wenn sie über
+das Leben nachdenken. -- Es war dunkel im Kamin, nur von hoch oben drang
+zur Oeffnung des Schlotes das Licht ein und erweckte in Rosaurus jenes
+Streben nach oben, jenes Bedürfniß der Seele, sich immer höher und höher
+zu schwingen, welches dem Katzengeschlecht angeboren ist. Er versuchte,
+in die schwarzberußten Wände des Kamins die scharfen Krallen zu fügen
+und siehe da! das kluge Thier, welches bisher nur auf ebener Erde und
+auf weichem Teppiche gewandelt hatte, es konnte klettern. Ja, Rosaurus
+kletterte und kletterte, bis er oben angelangt war, an das Ende der
+dunkeln Höhle, die nach einem neuen Leben führte. Rosaurus saß auf dem
+Dach; über sich hatte er den Himmel, zu seinen Füßen die Welt, d. h.
+den Schloßhof und einen Theil der Stadt. Die letzten Strahlen der
+untergehenden Sonne ließen die blechernen Dachrinnen in wunderbarer
+Pracht erglänzen; hie und da flatterte noch ein verspäteter Vogel. Der
+Hofrabe saß auf dem Balkon und krächzte sein Abendlied, während der
+Hofhahn sein letztes Kickeriki, welches wahrscheinlich eine „gute Nacht“
+für seine Hühner bedeuten sollte, von sich gab; Rosaurus saß staunend
+und entzückt auf dem Dache und wußte gar nicht, was er über alle die
+Schönheiten dieser Welt, die sich ihm erschlossen, denken sollte.
+
+Da sah er aus einem Bodenfenster drei Gestalten hervorkriechen, bei
+deren Anblick sein Herz heftig zu schlagen begann. Er hatte diese
+Gestalten noch nie gesehen, er wußte nicht, wie sie hießen, es waren
+keine Menschen, denn sie gingen nicht auf zwei Füßen, es waren keine
+Hunde, obgleich sie auf allen Vieren einherschritten; o nein! es waren
+Wesen höherer Art; es mußten Katzen sein. Er vermochte sein Auge nicht
+von ihnen hinwegzuwenden, ihre anmuthigen Bewegungen hatten einen
+unwiderruflichen Reiz für ihn -- die kleinen Kätzchen sprangen an der
+Alten empor; diese legte sie sanft mit der großen Sammetpfote auf den
+Rücken und tändelte mit ihnen in freundlicher Herablassung; dann leckte
+sie die Kleinen. Dieses ist nämlich die Art und Weise, wie die Katzen
+der Reinlichkeit pflegen, und für Rosaurus war dieses Beispiel eine
+ernste Mahnung. Ach, wie sah er aus! Auf der einen Katerpfote hatte er
+noch den Spitzenärmel des Taufkleides; der übrige Körper war geschwärzt
+vom Ruß des Kamins. Rosaurus streifte den Aermel ab und begann nun auch
+sich zu lecken, indem er jedoch die Katzenfamilie immer im Auge hatte
+und dann und wann durch ein zartes Miau ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
+lenken suchte. Plötzlich erblickte die große Katze ihn; sie stutzte
+einen Augenblick und hielt ein mit dem Tändeln; sie setzte sich auf die
+Hinterbeine und sah ihn unverwandt an; dann näherte sie sich ihm mit dem
+Zeichen der größten Gemüthsbewegung! -- Plötzlich fühlte Rosaurus sich
+von zwei zärtlichen Armen umschlossen und es ahnete ihm, daß seine
+Mutter ihn an’s Herz drückte. Ja es war Mies Mies, die Hofkatze, welche
+den verlorenen Liebling so unverhofft wieder fand, nachdem sie ihn
+vierzehn Tage lang beweint hatte. Heute zum ersten Mal führte sie ihre
+beiden zurückgebliebenen Kinder in die Welt ein, jetzt hatten sie nichts
+mehr vom unnatürlichen Vater noch vom bösen Hofraben zu fürchten, diesen
+Gefahren waren sie entwachsen; auch konnte die grausame Schloßmagd sie
+hier nicht erreichen. O, das war eine große Freude des Wiedersehens! wie
+glücklich fühlte sich Rosaurus! wie hübsch spielte es sich mit den
+Geschwistern! welche zierliche Sprünge wurden im Mondenschein von den
+drei jungen Kätzchen aufgeführt! Die Mutter hatte ihre große Freude
+daran und schaute mit würdiger Miene dem muntern Treiben zu. Plötzlich
+drängten die Kleinen sich ängstlich um die Mutter, denn aus einem
+Bodenfenster leuchteten ein Paar unheimliche Augen, die sie mit Furcht
+erfüllten. Sie hatten aber keine Ursache zum Fürchten, denn es war
+niemand Anderes als Murr, der schwarze Hofkater, welcher nur noch zum
+Familienglück gefehlt hatte. Es gab eine rührende Erkennungsscene; dann
+setzte sich der Kater neben Mies Mies, und während die beiden Alten
+plauderten, spielten die Kleinen von Neuem und freueten sich des Lebens.
+Als sie das Bedürfniß nach Nahrung fühlten, führte Mies Mies sie alle
+nach der Bodenkammer, wo sie auf dem alten Strohsack eine leckere
+Mahlzeit anrichtete; dieselbe bestand aus Häringsgräten und
+Taubenknöchelchen. Rosaurus fand indeß keinen Geschmack daran; er
+rümpfte die Nase und dachte an die guten Bissen des prinzeßlichen
+Tisches.
+
+„Ich habe,“ sagte Murr leise zu Mies Mies, „ein Sperlingsnest entdeckt;
+die Jungen müssen jetzt ziemlich flügge sein; wie wäre es, meine Liebe,
+wenn wir sie jetzt zusammen verspeisten, während die Jugend sich so
+herrlich belustigt.“
+
+„Mein Lieber,“ sagte Mies Mies, „wie könnte ich schwelgen in solchem
+Genuß, während meine lieben Kleinen denselben entbehren müssen; ich habe
+schon längst ein solches Nest gesucht, um ihnen den ersten Unterricht zu
+ertheilen, in jenem schönen anmuthigen Vogel- und Mäusespiel, worin
+unser Geschlecht so große Geschicklichkeit entwickelt; denn wir stürzen
+uns nicht gierig auf unsere Beute, wie andere Thiere, wir zeigen uns
+nicht gefräßig und sinnlich: o nein, wir wissen den Genuß zu verlängern
+und bekunden dadurch einen höhern Ursprung. Unsere Kinder hatten noch
+nie Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln.“
+
+Murr schien nicht große Lust zu haben, die gute Mahlzeit mit so Vielen
+zu theilen, indeß schämte er sich, seinen Eigennutz einzugestehen und so
+bewegte sich denn die ganze Familie nach einem andern Theil des Dorfes,
+wo in dem Winkel einer Dachrinne ein Sperlingspaar auf seinem Nestchen
+schlief. Murr ergriff die Sperlingsmutter mit scharfer sicherer Kralle,
+während das Männchen schreiend entschlüpfte. Ach, das Angstgeschrei des
+Weibchens erreichte sein Ohr. Murr hatte dasselbe der Mies Mies
+gebracht, welche die kleinen Katzen lehrte, wie sie den Vogel bald am
+Flügel, bald am Schwanz packen mußten, wie sie ihm bald eine Feder dort,
+bald eine hier entreißen sollten und wie sie das frische Blut zu lecken
+hatten; endlich fraß Murr das arme Thier, um ihnen zu zeigen, wie man
+mit Anstand einen Vogel verzehren müsse. Als nun Murr sich dem Neste
+wieder näherte, flatterten die jungen Vögel erschreckt auf; der
+Sperlings-Vater saß trostlos auf dem Schornstein, er schwang sich hoch
+in die Luft, von wo er Zeuge war des Todes seiner Kleinen; die ganze
+Katzenfamilie stürzte sich über dieselben her und entwickelte ihr Talent
+zum Vogelspiel; besonders Rosaurus zeigte sich sehr geschickt darin; er
+hatte sich nicht umsonst an Maraboutfedern, Knäulen und Puppen geübt;
+sein Vögelchen lebte am längsten -- endlich fraß er es auf, wofür er
+eine derbe Ohrfeige vom Murr erhielt, welcher dieses auch hatte
+verzehren wollen, wie es mit den andern geschehen war. Diese Ohrfeige
+nahm Rosaurus sehr übel; er war nicht an eine so unwürdige Behandlung
+gewöhnt; auch verglich er im Stillen die guten Bissen in Prinzeßchens
+Zimmer, die Bisquits und gebratenen Fleische mit diesem Vögelchen au
+naturel. Mies Mies merkte seine Verstimmung, und um ihn auf andere
+Gedanken zu bringen, schlug sie einen Gesang vor. Mies Mies hatte eine
+wunderschöne Alt-Stimme, Murr einen guten Baß; Beide stimmten ein
+herrliches Duett an und die Discantstimmen der drei Kätzchen bildeten
+den Chor. Es war eine erhabene Musik! So etwas hatte Rosaurus nie am
+Hofe gehört. Thränen der Rührung traten ihm in’s Auge, als er im
+herrlichen Mondschein, so nah dem Himmel, seine Familie auf den
+Hinterbeinen sitzend, mit halbzugekniffenen Augen, weitgeöffneten
+Schnauzen und auf die Seite gebeugten Häuptern, so herrlich singen
+hörte.
+
+ [Buntbild: Das Katzen-Concert.]
+
+Aber dieser Gesang sollte fürchterlich enden. Aus dem Schornstein
+tauchte ein schwarzes entsetzliches Wesen -- es war ein Schlotfeger!
+Er schwang ein furchtbares Instrument und schrie gewaltig über den
+Katzenspectakel. Dann schleuderte er das Instrument mitten unter die
+Armen, welche in ihrer künstlerischen Begeisterung auf solche Störung
+keineswegs gefaßt waren; sie flohen nach allen Seiten zu unter lautem
+Jammergeschrei; das weiße und das schwarze Kätzchen waren schwer
+verwundet. Rosaurus entkam aber glücklich und fand auch das bekannte
+Kamin, wo er geschickt hinabsprang. Leise schlich er in die fürstlichen
+Zimmer und legte sich allein in die Puppenwiege, als der Morgen schon
+graute. Rosaurus dachte: Ja, hier lebt es sich doch besser als auf dem
+Dach, hier ruht es sich besser als auf dem alten Strohsack und die
+Hofspeisen schmecken besser als die Hofgräten. Rosaurus nahm sich vor,
+noch fernerhin hier zu bleiben und nur dann und wann Spatziergänge auf
+das Dach zu halten, um sich den Genuß der herrlichen Concerte zu
+gewähren. -- Groß war des Prinzeßchens Freude, als sie am andern Morgen
+Rosaurus das Frühstück reichen konnte; aber wie sah Rosaurus aus! Sein
+ganzes Fell war schwarz geworden vom Ruß des Kamins und er hatte auch
+die schöne Puppenwiege und des Prinzeßchens weißes Nachtkleid schwarz
+gemacht. Er saß neben der kleinen Prinzessin, als sie folgendes Gedicht
+in den Lehrstunden aufsagen mußte:
+
+Die Katzen und der Hausherr.
+
+ Murner, eine Cyperkatze
+ Gab unlängst den Gildeschmauß,
+ Und ersahe sich zum Platze
+ Eines Bürgers Wohnung aus.
+
+ Mensch und Thiere schliefen feste,
+ Selbst der Hausprophete schwieg,
+ Als ein Schwarm geschwänzter Gäste
+ Von den nächsten Dächern stieg.
+
+ Murner kommt, sie zu begrüßen,
+ Führt sie d’rauf in einen Saal,
+ Und setzt jeden auf ein Kissen
+ Von der feinsten Katzenzahl.
+
+ Sechzig feiste Mäusezimmel
+ Machten die Versammlung satt;
+ Ob geschickt, das weiß der Himmel,
+ Jeder giebt’s so gut er hat.
+
+ Von der Mahlzeit ging’s zum Tanze,
+ Wo der Wirth sich hören ließ,
+ Und auf einem Rattenschwanze
+ Manch verliebtes Stückchen blies.
+
+ Hinz, des Erstern Schwiegervater,
+ Sang darein erbärmlich schön,
+ Und zween abgelebte Kater
+ Quälten sich, ihm beizusteh’n.
+
+ Jetzo tanzen alle Katzen,
+ Poltern, lärmen, daß es kracht,
+ Zischen, heulen, sprudeln, kratzen,
+ Bis der Herr im Haus erwacht.
+
+ Dieser springt mit einem Stecken
+ In den finstern Saal hinein,
+ Schlägt um sich, sie zu erschrecken,
+ Schmeißet einen Spiegel ein.
+
+ Stolpert über einige Späne,
+ Stürzt im Fallen auf die Uhr,
+ Und zerbricht zwei Reihen Zähne.
+ Blinder Eifer schadet nur!
+
+Was mochte wohl Rosaurus denken, als die Prinzessin dieses Gedicht
+aufsagte? Gewiß erweckte es in ihm Erinnerungen an die vergangene Nacht.
+
+
+
+
+Kapitel 5.
+
+Katzenerziehung.
+
+
+ Artig, flink und rein
+ Müssen Kätzchen sein.
+
+Rosaurus wurde nun zu einem recht liebenswürdigen Kätzchen erzogen; ja
+er zeigte täglich mehr seine großen Anlagen zu den bei einem wirklichen
+Hofkater so nöthigen Hofmanieren. Er eignete sich immer mehr den Ton der
+feinen Welt an, und wenn auch die kleine Prinzessin sich nicht sehr
+bemühte, zu seiner Erziehung beizutragen, indem sie ihn eigentlich nur
+verzog, so erwarb sich doch Mlle. Gogo große Verdienste um seine
+Bildung.
+
+Eines Tages hatte Rosaurus sich gerade auf den Sammtsessel gelegt, den
+die Prinzessin bei der Lection einnehmen sollte und schien sehr süß zu
+schlafen, denn er schnarchte laut. Als nun die Prinzessin ihn vom Stuhl
+herunter schieben wollte, so leise und zart als möglich, indem sie ihm
+noch gute Worte gab, da ließ das böse Thier ihm seine Krallen fühlen und
+vier blutige Streifen liefen auf dem weißen Arm herab. Da ergriff Mlle.
+Gogo aber eine kleine Ruthe und schlug Rosaurus damit recht derb auf den
+Rücken; er schrie und floh unter das Kanapee. Aber er war ein kluges
+Thier und man hat es nie wieder erlebt, daß er sein Sammetpfötchen
+verleugnet hätte, wenn die Prinzessin sich mit ihm abgab. -- Ja er legte
+sich nie wieder auf ihren Sammetsessel, sondern auf ein Fußbänkchen ihr
+zu Füßen; dort rührte Rosaurus sich nicht, während sie Unterricht hatte;
+ja zuweilen hörte er so aufmerksam zu, daß man hätte meinen sollen, er
+verstände alles, was die Lehrer lehrten. Nur bei dem Klavier-Unterricht
+wurde es ihm unheimlich zu Muthe und man sah oft, daß er sich mit seinen
+kleinen Pfoten die Ohren zuhielt, wenn die Prinzessin spielte.
+Vielleicht waren es einige falsche Töne, die dem für Katzenkonzerte so
+gebildeten Ohre weh thaten. Oder liebte Rosaurus überhaupt nicht alles,
+was zu laut war? Ja! wenn die Prinzeß die Janitscharen-Musik anstimmte,
+da begann Rosaurus oft zu miauen und mußte zum Zimmer hinausgebracht
+werden. Eine andere üble Angewohnheit mußte der junge Kater ablegen. Er
+liebte nämlich vor Allem zu klettern, und da es im fürstlichen Zimmer
+weder Bäume, noch Mauern, noch Dächer gab, um seinem angeborenen Trieb
+zu genügen, sprang er gern auf die Tische. Da stieß er im kühnen Sprung
+manches hübsche Nipp herab; ihm war es ganz einerlei, ob eine schöne
+vergoldete Tasse, ein kostbares Kristallglas oder ein sonstiges
+Kunstwerk zu Grunde ging; da mußte Mlle. Gogos Ruthe ihm erst den
+richtigen Kunstsinn beibringen. Einstmals war er auf des Prinzeßchens
+Schreibtisch gesprungen, hatte erst mit ihren Federn gespielt, dann ein
+kostbares in Leder gebundenes Album zernagt und zuletzt noch das
+Tintefaß umgeworfen. Das war eine schöne Bescherung! Der arme Rosaurus
+mußte gewaltig dafür büßen.
+
+Rosaurus hatte eine große Abneigung gegen die Ruthe; wir glauben, daß es
+nicht blos um des physischen Schmerzes willen war, sondern auch wegen
+seiner Ehre; dann mochte er auch nicht leiden, daß sein Fell in
+Unordnung gerieth; er hatte den Grundsatz, daß wenn man in guter
+Gesellschaft lebe, man auch anständig gekleidet sein müsse. Die Katzen
+pflegen nun Toilette zu machen, indem sie sich lecken. Das rosa
+Züngelchen dient ihnen als Kleiderbürste, der eigene Speichel als
+Schönheitswasser. -- Rosaurus hatte nun ein Plätzchen gefunden, wo es
+keinen Schaden anrichten konnte; das war nämlich die Fensterbrüstung.
+Dort saß er viel und leckte sich. Sein Fell glänzte wie Schillertaffet;
+den Schwanz schlang er auf anmuthige Weise um den Körper, so blickte er
+hinaus in die Welt, und alle Vorübergehenden, die ihn sitzen sahen,
+blieben stehen und sagten: -- „ach seht doch das hübsche Kätzchen der
+Prinzessin!“
+
+Als nun einstmals die Freundinnen wieder eingeladen wurden, waren sie
+höchst erfreut, ihren kleinen Taufpathen wieder zu sehen und alle
+streichelten ihn freundlich, nur Jenny nicht, welche noch immer Spuren
+seiner Zähne und Krallen im Gesicht trug. Wenn sie ihn ansah, dachte sie
+immer: „Das abscheuliche Thier, wenn ich ihm nur etwas anhaben könnte!“
+Rosaurus mochte ihre üble Absicht ahnden, denn er entfernte sich und
+ließ sich den ganzen Abend nicht mehr sehen.
+
+Als die Kinder nun abgeholt wurden, war Jenny die erste, welche sich
+entfernte, und als sie im Vorzimmer ihren Mantel umnehmen wollte, siehe,
+da hatte sich Rosaurus auf demselben gebettet und schlief so fest und
+süß, daß er nicht einmal von einer Störung träumte.
+
+„Du häßliches Thier,“ sagte Jenny leise, „da hab’ ich dich endlich; du
+sollst mir nun für deinen Frevel büßen“ und geschwind, ehe es Jemand
+sah, und ehe Rosaurus sich auf ein hülferufendes Miau besinnen konnte,
+steckte sie ihn in den Arbeitsbeutel und trug ihn mit sich fort.
+
+„Das ist recht gut, dachte sie im Gehen bei sich selbst, daß das Thier
+auf gute Manier fortkommt; denn seitdem es beim Prinzeßchen ist, kann
+gar nichts Ordentliches mehr gespielt werden, alles bewegt sich um das
+dumme Thier! Wie ich es hasse!“
+
+Jennys Weg führte über eine Brücke; „ich werde Rosaurus ins Wasser
+werfen,“ sagte sie zu sich selbst, „da ist es mit ihm auf immer vorbei!“
+
+Als das Prinzeßchen vor Schlafengehen ihren Rosaurus vergebens suchte,
+da dachte sie: O er wird gewiß wieder zur Esse hinauf sein auf das Dach
+zu seinen Geschwistern; denn sie hatte durch die Hofmagd von der
+Katzengesellschaft gehört, die der Schlotfeger an jenem Abend gestört
+hatte, so wie auch von den zwei schwer verwundeten Kätzchen, und sie
+ließ dem Schlotfeger befehlen, ihren Rosaurus nicht wieder zu
+erschrecken; dann legte sie sich nieder und tröstete sich mit der
+Hoffnung, am andern Morgen Rosaurus wieder zu sehen. Diese Hoffnung
+sollte aber nicht in Erfüllung gehen.
+
+
+
+
+Kapitel 6.
+
+Die Kinder der Armuth.
+
+
+ Trockne deine heißen Zähren
+ Von dem bleichen Angesicht;
+ Bald wird Gott dir Trost gewähren,
+ Er vergißt dich ewig nicht.
+
+In einer engen Straße lebte in einem kleinen Häuschen eine arme Familie.
+Sie bewohnte ein niedriges rauchgeschwärztes Hinterstübchen. Vater,
+Mutter und Kinder waren in Lumpen gehüllt. Der Vater lag auf einem
+Strohsack, welcher des Nachts als Familienbett diente; er hatte den
+ganzen Tag darauf gelegen in jenem halbwachen Zustand, den der Genuß
+geistiger Getränke, vereint mit Trägheit des Körpers und Verstimmung der
+Seele hervorzubringen pflegt. Ob er nicht arbeiten konnte oder wollte?
+wer weiß das. Die Mutter arbeitete auch nicht, sondern saß auf einer
+hölzernen Bank und hatte ein dreijähriges Töchterchen auf dem Schooß,
+welches eben so schmutzig und ungekämmt war, als sie selbst. Ein anderes
+kleines Mädchen von 8 Jahren kauerte im Winkel und weinte; sie hatte Weh
+am Fuß, weil sie in einen Glasscherben getreten hatte; denn das arme
+Kind mußte immer barfuß laufen, weil die Eltern ihr keine Schuhe kaufen
+konnten.
+
+Dieses kleine Mädchen hieß Dorothea und wurde gewöhnlich Dorte genannt.
+
+„Mich hungert’s so sehr“, klagte Dorte, „wäre nicht mein bößer Fuß, so
+hätte ich Euch schon längst etwas heim gebracht. Wilhelm braucht immer
+mehr Zeit, um etwas zusammen zu betteln.“
+
+„Wie kommt das nur?“ fragte die Mutter.
+
+„Ja, er kann sich nie ein Herz nehmen, die Leute anzubetteln, da schiebt
+er mich immer vor; er maust viel lieber.“
+
+„Halts Maul, Mädchen!“ schrie der Vater, „wenns Jemand hört, so --“
+
+„Ich wollte ja eben, daß Vater und Mutter es hören möchten,“ sagte
+Dorte; „mir gehorcht Wilhelm nicht, und ich fürchte immer, daß er noch
+sich selbst und uns Alle ins Unglück bringt.“
+
+„Wir armen Leute,“ erwiderte der Vater, „müssen eben so gut leben, als
+die Reichen, und wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir’s.“
+
+_Dorte._ Ich habe neulich in der Schule ein Verschen gelernt, welches
+ich immer befolgen will: „Du sollst nicht lügen und nicht stehlen, und
+was du findest, nicht verhehlen.“
+
+_Mutter._ Dabei wirst Du aber nicht sehr reich werden!
+
+_Dorte._ Und doch brachte ich neulich einen ganzen Thaler mit nach
+Hause. O der glänzte! Prinzeßchen hatte ihn mir geschenkt, als es im
+Winter so kalt war und ich so bitterlich weinte, weil mich so hungerte.
+
+_Mutter._ Ich weiß wohl, daß du nie so gut weinen kannst, als wenn du
+Hunger hast.
+
+_Dorte._ Darum schickt Ihr mich so oft mit leerem Magen zum Betteln aus.
+
+_Vater._ Ja die Dorte zwingt es immer mit ihren Thränen, der Wilhelm
+aber mit dem Verstande. Das ist ein kluger Kopf! der wird es noch weit
+bringen.
+
+_Dorte._ Bis zum Galgen! so meinte neulich ein dicker Herr.
+
+_Mutter._ Wer war der Schändliche, der sich unterstand, das von meinem
+Wilhelm zu sagen?
+
+_Dorte._ Ich kenne ihn nicht, es war am Sonntag.
+
+_Vater._ Wo der Wetterjunge 12 Groschen nach Hause brachte.
+
+_Dorte._ Ja! die er sich mit Lügen verdient hatte.
+
+_Mutter._ Wie so denn?
+
+_Dorte._ Er hatte sich an einer Straßenecke aufgestellt, wo viele Leute
+vorüber gehen mußten; dort that er, als ob er weine und etwas suche. Kam
+nun ein Mitleidiger vorüber und frug: was ihm fehle? so klagte er, daß
+er einen Groschen verloren habe, wofür er für die kranke Mutter Arznei
+habe kaufen sollen; nun werde er Schläge erhalten, wenn er nach Hause
+käme. Und mancher Vorübergehende schenkte ihm einen Groschen. So wie der
+Geber sich aber entfernt hatte, begann die Geschichte von Neuem.
+
+_Vater._ Der Blitzjunge!
+
+_Dorte._ Ja, und wie gut er weinen konnte! selbst wenn ich Hunger habe
+und mit leerem Magen betteln muß, kann ich es nicht so gut.
+
+_Mutter._ Du wirst aber immer ein dummes Mädchen bleiben.
+
+_Dorte._ Ich möchte aber auch nicht so ankommen, wie Wilhelm an jenem
+Tage.
+
+_Vater._ Nun, wie kam er denn an?
+
+_Dorte._ Ein dicker Herr, der ihm schon ein Mal einen Groschen geschenkt
+hatte, kam zufällig denselben Weg wieder zurück. Wilhelm erkannte ihn
+aber nicht wieder und begann abermals, um den verlorenen Groschen zu
+weinen und zu schluchzen. Da gab der Herr ihm eine Ohrfeige rechts und
+eine links und sagte: -- „Vielleicht rettet dich das von dem Galgen.“
+
+ [Buntbild: Rosaurus wird gestohlen.]
+
+Man hörte hier die Hausthür gehen und herein trat Wilhelm mit einem sehr
+vergnügten Gesicht. Er hielt etwas unter der Rocktasche verborgen und
+als er sich versichert hatte, daß niemand Fremdes im Zimmer sei, zog er
+einen schweren Arbeitsbeutel von grünem Sammet hervor.
+
+Der Vater erhob sich bei diesem Anblick von seinem Lager, die Mutter
+rückte dem Tisch näher, Dorte und die kleine Hanne blickten mit
+neugierigen Augen nach dem erbeuteten Gegenstande in der Hoffnung, etwas
+Erfreuliches daraus hervorlangen zu sehen. Vater und Mutter erwarteten
+Geld, die Kinder Lebensmittel. Wilhelm erzählte, er habe den Beutel
+einem kleinen Mädchen vom Arm geschnitten bei der großen Brücke. „Die
+wird sich wundern!“ sagte er; „sie hat gar nichts gemerkt; auch war es
+schon etwas dunkel.“
+
+Er öffnete den Beutel und heraus kam -- _Rosaurus_; er schien sich nicht
+ganz behaglich zu fühlen, ja sogar auf einen feindseligen Angriff gefaßt
+zu sein; denn er machte einen gewaltigen Katzenbuckel und begann zu
+knurren und zu pusten. Die Kinder lachten. „Nun,“ meinte der Vater, „da
+hättest du auch etwas Besseres erwischen können.“ Glücklicherweise fand
+sich nebst einem Taschentuch auch ein Fünfgroschenstück im Beutel; auch
+kramte Wilhelm einige Semmeln und Aepfel aus, die er in der Dämmerung
+von Bäckern und Höckern gestohlen hatte. -- Man theilte solche unter
+sich und verzehrte sie.
+
+Rosaurus fühlte sich keineswegs heimisch in dieser Umgebung, er war ja
+an den fürstlichen Palast gewöhnt; auch verschmähte er die Brodkrumen,
+welche Dorte ihm bot, und machte ein ganz philosophisches und
+nachdenkliches Gesicht. Vielleicht dachte er an seiner Pathen
+Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen, denn er brach in ein
+klägliches Miau aus.
+
+„Was sollen wir nur mit der Katze anfangen, Wilhelm?“ sagte die Mutter,
+„du wirst uns doch nicht zumuthen, unsere Kaffee-Milch mit ihr zu
+theilen. Wirf sie zum Fenster hinaus oder setze sie vor die Thür.“
+
+„Das arme Thier,“ meinte Dorte; „es ist gewiß gewohnt, recht gut
+verpflegt zu werden und wird sich auf der Straße unbehaglich fühlen; wir
+wollen es bis morgen früh behalten, dann trag ich es in ein vornehmes
+Haus, wo man es gewiß aufnimmt.“
+
+„Nein, nein!“ sagte Wilhelm, „die Katze ist mein und bleibt hier. Ich
+weiß schon, was ich mit ihr anfange. Morgen geht das Vogelschießen los,
+da bringe ich sie in die Menagerie und verkaufe sie als einen Braten für
+den großen Löwen. Wenn ich auch nichts dafür bekomme als den freien
+Eintritt. Ich sehe so etwas gar zu gern, besonders die Affen -- von
+ihnen kann man recht geschickt stibitzen lernen. Auch giebt es dort
+gefüllte Taschen, erreichbare Taschentücher, unbeachtete Arbeitsbeutel
+-- kurz eine gute Ernte für arme und geschickte Leute.“
+
+In dieser Gesellschaft brachte Rosaurus die Nacht zu, und schlummerte in
+Dortens Schooß so sanft, wie in seiner Puppenwiege.
+
+Am andern Morgen ward es sehr bald lebendig, denn es war der Tag der
+Holzlese und Vater und Mutter gingen in den Wald. Beide waren dafür
+bekannt, daß sie lieber frische Aeste abbrachen, als sich mit dem alten
+Holz begnügten; dadurch fiel ihre Erndte auch immer reichlicher aus, als
+die anderer armen Leute.
+
+Wilhelm und Dorte sollten in die Schule gehen; letztere wusch und kämmte
+vorher das Schwesterchen; dann gab sie Rosaurus ihre Milch und trank
+ihren Kaffee schwarz. Wilhelm dehnte sich aber noch lange auf seinem
+Strohsacke.
+
+„Willst du nicht aufstehen?“ sagte Dorte, „es ist bald Zeit zur Schule.“
+Langsam erhob er sich, frühstückte und machte Anstalt, die Schwester zu
+begleiten. Als sie die Thür hinter sich geschlossen hatten, sagte Dorte:
+„Es freut mich, daß Hannchen heute nicht so ganz allein bleibt, wie
+gewöhnlich.“
+
+„Wer ist denn bei ihr?“ frug der Bruder.
+
+„Nun das Kätzchen.“
+
+„Potztausend! das hatte ich ganz vergessen,“ sagte er, indem er noch ein
+Mal die Thür aufriß, rief er in die Stube. „Hanne, wenn du mir das
+Kätzchen anrührst, so kriegst du Prügel!“ --
+
+Hannchen war aber ein sehr unfolgsames Kind; sie war nicht zum Gehorsam
+erzogen worden, und man brauchte ihr nur etwas zu verbieten, so bekam
+sie Lust, es zu thun. Als sie sich also allein mit Kätzchen sah, ging
+sie auf dasselbe zu, um es zu streicheln. Rosaurus ließ sich das wohl
+gefallen und schnurrte; dann nahm sie das Kätzchen auf den Arm und trug
+es im Zimmer umher. -- Dann meinte die Kleine, sie wolle etwas zum
+Fenster hinaus sehen; deshalb stieg sie auf einen Stuhl, machte das
+Fenster auf und lud Kätzchen ein, sich aufs Gesims zu setzen und die
+Vorübergehenden zu betrachten.
+
+Rosaurus schien Gefallen daran zu finden und nahm seine philosophische
+Stellung auf den Hinterbeinen an und überlegte sich, was er thun wolle?
+Das Fenster war sehr niedrig, ein kleiner Sprung und Rosaurus war auf
+der Straße. Vielleicht konnte er sich dann leicht in der Stadt zurecht
+finden, und ins Schloß oder wenigstens zu einer Freundin des
+Prinzeßchens gelangen.
+
+Rosaurus fand diesen Schritt sehr gerathen, er machte Anstalt, die
+innere Fensterbrüstung mit der äußeren zu vertauschen; -- Hannchen
+wollte es nicht leiden und erfaßte den Flüchtling beim Schwanz -- aber
+Rosaurus schlug seine Krallen in des Kindes Händchen und husch! -- unten
+war er, worauf er in gestrecktem Laufe die Straße verließ.
+
+
+
+
+Kapitel 7.
+
+Weitere Erlebnisse des jungen Katers Rosaurus.
+
+
+ Wer jetzt das Thierlein liebt,
+ Wird einst auch Menschen lieben,
+ Wer jetzt das Thierlein quält,
+ Wird Menschen einst betrüben.
+
+Als Rosaurus an das Ende der Straße gelangt war, hielt er im raschen
+Laufe an, um wieder zu Athem zu kommen; er setzte sich auf einen
+Prallstein, um die unbekannte Straße und seine eigene Lage besser zu
+überschauen. Ach! er war in eine ganz fremde Welt gerathen, in welcher
+er sich nicht zurecht finden konnte. Fremde Menschen gingen an ihm
+vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen; ach! wie fühlte Rosaurus
+sich unglücklich und verlassen. -- Plötzlich aber schien sein Schicksal
+sich aufzuklären; zwei kleine wohlgekleidete Mädchen kamen daher,
+begleitet von ihrer Bonne. Sie hatten große Arbeitstaschen und schienen
+in die Schule gehen zu wollen. Rosaurus erkannte Lisi und Amelie, seine
+beiden Freundinnen, und hoffte, die Stunde seiner Erlösung habe
+geschlagen. Er sprang hinunter vom Prallsteine und eilte auf die Kinder
+zu, sich mit einem ausdrucksvollen Katzenbuckel an Lisi anschmiegend und
+ihr zwischen die Füße laufend. Die Kinder blieben stehen.
+
+„Ach! das niedliche Kätzchen,“ sagte Amelie, „das sieht doch gerade aus,
+wie der Rosaurus der Prinzessin.“
+
+_Lisi._ Wie käme dieser aber hierher? der schlummert wahrscheinlich noch
+in seiner Wiege, oder frühstückt Milch und Bisquit, während dieses arme
+Thierchen hier ziemlich hungrig zu sein scheint.
+
+_Amelie._ Könnten wir es doch mitnehmen, das Kätzchen sieht uns an, als
+wolle es unseren Schutz anflehen, es hat gewiß seinen Herrn und seine
+Heimath verloren.
+
+„O!“ sagte die Bonne, „es gehört wahrscheinlich in eins der benachbarten
+Häuser, man wird es bald suchen und wir würden einen Diebstahl begehen,
+wenn wir es mit uns nehmen wollten.“ Lisi meinte auch, daß sie doch
+unmöglich ein Kätzchen mit in die Schule bringen könnten, und schlug
+vor, dem armen Thiere etwas zu fressen zu geben und nach beendeter
+Schule wieder an dieser Stelle vorüber zu gehen, um es mitzunehmen, wenn
+es noch immer so verlassen, einsam und unglücklich sein sollte.
+
+Die Kinder brockten zufolge dieses Beschlusses, den auch die Bonne
+billigte, etwas Bisquit und Semmel auf einen reinlichen Stein der
+Straßenecke, wünschten dem Kätzchen guten Appetit und gingen von dannen.
+
+Da Rosaurus wirklich großen Hunger hatte und ihm kein Mittel zu Gebote
+stand, sich seinen Freundinnen zu erkennen zu geben, indem sie die
+Katzenbuckel-Sprache doch nicht so ganz deutlich zu verstehen schienen,
+stürzte er sich gefräßig über das Bisquit her, indem er sorgfältig die
+Semmelbrocken liegen ließ. -- Er sollte indeß, noch ehe er die Mahlzeit
+vollendet hatte, gestört werden; denn er vernahm aus der Ferne ein
+furchtbares Donnern und Krachen, und meinte einen Augenblick, die ganze
+Welt gehe unter; sein Gemüth beruhigte sich nicht, als er die
+Veranlassung dieses Geräusches erblickte. Es kam nämlich ein Ungeheuer
+die Straße entlang gesaust; war es ein Thier? war es etwas Anderes? Es
+hatte vier glänzende Augen, acht Beine, und noch außerdem vier Räder,
+welche den ungeheuren Lärm verursachten. -- Später erfuhr Rosaurus wohl,
+daß es eine Kutsche mit zwei Rädern sei, aber damals war er ja gar zu
+unerfahren in der Welt. Als das Ungethüm sich auf ihn zu bewegte,
+ergriff er die Flucht; er wähnte sich verfolgt, weil die Kutsche
+denselben Weg einschlug, wie er, und so lief und lief er denn, bis er in
+eine Seitenstraße gerieth, wo der gefährliche Feind vorüber fuhr. So
+hatte Rosaurus in der wilden Flucht sich weit entfernt von der Stelle,
+wo Lisi und Amelie ihn wieder zu finden gedachten. Rosaurus sollte aber
+bald noch andere Gefahren kennen lernen. --
+
+Ein vierbeiniges Geschöpf ließ sich nämlich am äußersten Ende der Straße
+erblicken. Rosaurus dachte sich gleich, daß dasselbe ein Hund sei,
+obgleich es keineswegs dem Joly glich, es war gewiß viermal größer als
+Joly, hatte ganz schwarzes gelocktes Haar, lange herunterhängende Ohren
+und kleine schwarze Augen, welche unter dichten Haarbüscheln
+hervorglänzten.
+
+Als der Pudel Kartusch den Rosaurus erblickte, stutzte er einen
+Augenblick und legte durch ein kurzes abgebrochenes Gebell seine
+katzenfeindlichen Gesinnungen an den Tag. Rosaurus war unschlüssig über
+seinen Vertheidigungsplan. Konnte er hoffen, mit seinen zarten Krallen
+dem großen Hund Ehrfurcht einzuflößen, wie dem kleinen Joly? Gewiß
+nicht! Ihm erschien also die Flucht das gerathenste zu sein. Ach, er
+wußte nicht, wie schnell Kartusch laufen konnte! -- Kartusch hatte
+großen Respekt vor den Krallen der Katzen, aber gar keinen vor ihren
+Schwanz, und als er letzteren sich zugewendet sah, verfolgte er mit
+freudigem Bellen das arme geängstete Thier. Rosaurus hörte sein
+Schnaufen und Knurren, sein drohendes Gebell immer näher rücken, immer
+mehr schwand der Raum zwischen ihm und seinem Verfolger; er fühlte schon
+den heißen Athem des Pudels und glaubte auch schon dessen Zähne zu
+fühlen -- da ersah er einen Baum -- noch ein Mal strengte er seine
+schwindenden Kräfte an und sprang hinauf -- bloß ein kleines Stück
+seines Schwänzchens blieb in Kartusch’s Zähnen zurück; das that zwar
+weh, es blutete, aber sein kostbares Leben war doch gerettet. Rosaurus
+blickte hohnlächelnd und pustend herab auf den wüthend bellenden
+Kartusch, der sich gar nicht darüber zufrieden geben konnte, daß seine
+Beute ihm entrissen war. -- Endlich wurde Kartusch durch einen Pfiff
+seines Herrn abgerufen.
+
+„O, hätte der doch eher gepfiffen,“ seufzte Rosaurus, indem er seinen
+blutenden Schwanz leckte.
+
+O welch ein Unglück! dieser Schwanz, sein Stolz, seine Freude; dieses
+Glied seines Körpers, welches dem Kater eine Aehnlichkeit mit den
+Kometen des Himmels giebt, es war verstümmelt; Rosaurus war auf ewig
+geschändet! Er überließ sich ganz seinem Schmerz und brach in laute
+Klagen aus.
+
+Diese Klagen vernahm eine muntere Knabenschaar, welche so eben aus der
+Schule kam. Das ist der Augenblick, wo die Kinder am übermüthigsten zu
+sein pflegen. Sie nahmen Steine und warfen nach dem armen schreienden
+Thier. Rosaurus flüchtete immer höher in die dichtesten Zweige des
+Baumes; er zog sich hinter die verschlungendsten Aeste zurück und suchte
+sich zu schützen gegen das Wurf-Material, welches von allen Seiten in
+seiner Nähe einschlug, entweder vorbeiflog oder an den schützenden
+Zweigen abprallte. Ein kühner Knabe entschloß sich, an dem Baum hinauf
+zu klettern; alle jubelten über diesen Entschluß; der Steinregen war zu
+Ende und die Jugend blickte neugierig und mit reger Theilnahme dem
+Kletternden nach; Rosaurus hatte sonach eine neue Gefahr zu fürchten.
+Der kletternde Knabe mußte sich an die innern Baumäste halten, wo
+Rosaurus von den Steinen hingetrieben war, so daß letzterer sich
+genöthigt sah, seine Zufluchtsstätte zu verlassen und die äußersten
+Spitzen der höchsten Aeste aufzusuchen. Rosaurus war sehr leicht, ihn
+trug das dünnste Zweigelchen; die Vögel flohen erschreckt aus den
+Wipfeln des Baums, indem sie ein ängstliches Piep Piep ausstießen, und
+Rosaurus verspürte in diesem Augenblick einiges Gelüste nach dem
+Vogelspiel, er mußte aber diese strafbaren Gedanken unterdrücken wegen
+der eigenen Gefahr, welche auch wirklich mit jeder Minute stieg; denn
+als der Knabe auf dem Baum nicht Rosaurus selbst packen konnte, ergriff
+er den Ast, auf dessen äußersten Spitzen das arme geängstete Thier saß
+und schüttelte denselben so stark, daß er sich nicht länger darauf
+halten konnte. Rosaurus stürzte aus der schwindelnden Höhe herab, unter
+lautem Freudenruf der Schuljugend.
+
+Jedes andere unbeflügelte Thier würde unstreitig den Hals gebrochen
+haben; aber die Katzen haben die große Geschicklichkeit, immer auf den
+Beinen zur Erde zu gelangen; das war auch jetzt der Fall mit Rosaurus.
+-- Seine Füße waren freilich geprellt und hätten der Ruhe und Pflege auf
+weichem Bettchen bedurft; aber unter dieser blutdürstigen Umgebung
+konnte er nicht weilen -- er mußte wieder zu schneller Flucht greifen
+und unter neuem Steinregen davon laufen. -- Als er endlich sich sicher
+glaubte, fühlte er sich von einer kleinen aber kräftigen Hand gepackt
+und eine wohlbekannte Stimme rief. „Du bist mein,“ und steckte Rosaurus
+unter seinen Rock.
+
+Es war niemand anders als Wilhelm, welcher aus der Schule kam und, in
+der Hoffnung, dem Löwen zwei Braten, d. h. zwei Kätzchen, bringen zu
+können, die ganze Verfolgung des armen Thiers geleitet hatte.
+
+Es gab indeß großen Spektakel zu Haus, als Wilhelm Rosaurus Flucht
+entdeckte und in dem armen abgehetzten, verstümmelten Kätzchen sein
+Eigenthum erkannte. Hannchen wurde von ihm geschimpft, geschlagen und
+gekneipt, bis Dorte ihr zu Hülfe kam.
+
+Am Nachmittag sah Wilhelm indeß ganz anders aus, als am Morgen, denn er
+hatte sich sorgsam gewaschen und gekämmt, eine wohlgeflickte
+Sonntagsjacke angethan, die verschossenen Hosen stramm gezogen, die
+Strümpfe in die Höh gebunden und die Schuhe geschwärzt. „Jetzt,“ sagte
+er, „bin ich ein schmucker Mensch und ich glaube, der Löwe würde mich
+verspeißen, wenn er könnte; ich bin ganz geeignet, um ihm Appetit
+einzuflößen.“ Rosaurus wurde nun in die Rocktasche gesteckt und so gings
+zum Vogelschießen.
+
+Man zog gerade den großen hölzernen Vogel unter Musik und
+Kanonenschüssen empor. Es war ein Adler mit zwei Köpfen. Kronen, Scepter
+und Reichsapfel waren vergoldet. Es wurde Rosaurus recht unheimlich im
+Gedränge, denn Wilhelm war immer da, wo es am dichtesten war und zwar
+aus guten Gründen.
+
+Viele Buden mit Sehenswürdigkeiten waren aufgeschlagen. Da gab es
+Wachsfiguren, Panoramen, Seiltänzer, Taschenspieler und Marionetten zu
+sehen; am meisten gab es aber Eßbuden, welche die herrlichsten Bissen
+aufgestellt hatten. Da zischten und dampften Bratwürste, dort gab es
+Kuchen, Torten, Früchte; Rosaurus verspürte großen Appetit und auch noch
+andere empfanden solchen.
+
+Viele Leute kauften und ließen es sich wohl schmecken; aber viele
+standen dabei und konnten sich nichts kaufen und man sah es ihnen doch
+an den Augen an, daß sie es so gern gethan hätten; das waren die Armen.
+Darunter gehörte auch Wilhelm. -- Er tröstete sich aber mit dem
+Gedanken, daß er noch vor Schlafengehen sich auf irgend eine Weise ein
+Stück Kuchen verschaffen werde und mit diesem Trost lief er zur
+Menagerie.
+
+Diese war leicht aufzufinden, denn vor derselben schrien Papageien und
+tanzten Affen in wunderlichen Sprüngen. Wilhelm bot dem Besitzer der
+Menagerie sein Kätzchen zum Verkauf. „Das ist ein rechtes Futter,“ sagte
+der Mann in verächtlichem Ton, „das füllt ja kaum einen hohlen Zahn des
+Löwen aus; doch um des Spaßes willen nehm ich dir den Kater ab. Da hast
+du einen Groschen, und wenn du sehen willst, wie dein Kätzchen gefressen
+wird, so kannst du in einer Stunde wieder kommen, da wird gefüttert --
+du sollst eingelassen werden, ohne zu zahlen.“
+
+Wilhelm lief nun mit seinem Groschen zur Kuchenbude. Er dachte zwar
+daran, daß der Vater ihm befohlen habe, alles Geld nach Hause zu
+bringen; „da müßte ich doch ein rechter Narr sein!“ sagte er zu sich
+selbst, kaufte ein Stück Kuchen, welches er sehr gemüthlich verzehrte,
+während einige seiner armen Schulkameraden ihm nicht ohne Neid zusahen.
+
+
+
+
+Kapitel 8.
+
+Die großen Katzen.
+
+
+ Tiger! Tiger! Flammenpracht!
+ In des Waldes dunkler Nacht,
+ Wo die kühne Meisterhand,
+ Die sich dieses unterstand,
+ Daß die Gluth sie angefaßt,
+ Die du in den Augen hast.
+
+ Ward aus Himmel oder Höll’
+ Ausgeschöpft die Feuerquell?
+ Alles wie aus einem Guß!
+ Welche Hand! und welcher Fuß!
+ Wo die Esse, die so stolz,
+ Dieses Hirn aus Erz dir schmolz!
+
+ Aller Wesen letzter Tag
+ Tiger ist dein,
+ Was du anfaßt, das ist roth,
+ Was du angefaßt, ist todt.
+ Tiger, Tiger, fürchterlich!
+ Der das Lamm schuf -- schuf er dich?
+
+Als Wilhelm nach der Menagerie zurückkam, vernahm er schon lautes
+Brüllen. Im Vorplatz wurden große Stücke Fleisch zerschnitten; diese
+wurden sodann vertheilt, und Wilhelm weidete sich an der Freßbegierde
+der Thiere, an ihren scharfen Zähnen und an den wilden Tönen, welche sie
+dabei ausstießen. Man warf das Kätzchen in des Löwen Käfig; es zitterte,
+und Wilhelm dachte schon, das große Thier werde seiner Angst bald ein
+Ende machen und es unter seiner Riesentatze ersticken. Aber nein! der
+Löwe schien es gar nicht zu bemerken, es konnte ganz sicher bei ihm
+leben; wenn er es nicht aus Zufall zertrat, mit Willen that er es gewiß
+nicht. Kätzchen verlor auch wirklich bald alle Angst; es leckte von dem
+blutigen Fleisch, welches der Löwe zur Mahlzeit erhielt -- das arme
+Thier mußte ja auch sehr hungrig sein; der Löwe ließ es sogar geschehen,
+daß es ein kleines Stückchen fraß, und als es gesättigt war, zeigte es
+sogar Lust, mit dem Schweif des Königs zu spielen, wie es mit Mlle.
+Gogo’s Mützenschleife gespielt hatte.
+
+Als nun die Thiere gefüttert waren, räusperte sich der
+Menageriebesitzer, und indem er mit einem Stock nach den verschiedenen
+Käfigen deutete, gab er mit lauter Stimme folgenden Bericht. „Sie sehen
+hier, meine Herrschaften, den großen Löwen aus Bengalen. Er ist einer
+der größten, die man je in Europa gesehen hat, indem er 9 Fuß lang und 5
+Fuß hoch ist. Seine prächtige Gestalt, sein fester Blick, sein stolzer
+Gang und sein furchtbares Gebrüll zeugen von seiner Kraft. Seine
+ungeheure Muskelstärke verräth sich durch die großen Sprünge die er
+macht, um auf seine Beute zu stürzen und durch das Schlagen seines
+Schweifes, womit er einen Ochsen zu Boden werfen kann. Sein gewöhnlicher
+Gang ist langsam und würdevoll; er pflegt blos zu laufen, wenn er
+verfolgt wird. Hinter Gebüsch und Rohr verbirgt er sich und lauert auf
+das vorübergehende Wild, welches an einer nahen Quelle zu trinken
+pflegt; mit einem ungeheueren Sprunge stürzt er über dasselbe her, indem
+er seine Krallen tief in dessen Seiten schlägt und mit seinen Zähnen
+dessen Hinterschädel zerbricht. Wenn er im Sprung seine Beute verfehlt
+hat, so läßt er sie laufen und versucht nicht, sie zu verfolgen, sondern
+legt sich abermals auf die Lauer. Hat er sich satt gefressen, so legt er
+sich nieder und schläft zwei bis drei Tage, bis der Hunger ihn wieder
+aufweckt. Wenn der Löwe unter eine Heerde geräth, so tödtet er Alles,
+was ihm vorkommt, selbst wenn er gesättigt ist. Sein Muth ist nicht so
+groß, als man glauben möchte; er greift nur kleinere und schwächere
+Thiere an, und wenn er sich in den Bereich der menschlichen Wohnungen
+geschlichen hat, so kann man ihn mit einigem Lärm oder auch mit einer
+brennenden Fackel verjagen. Indem er die Haut seines Gesichts und
+vorzüglich die Stirnhaut mit großer Leichtigkeit bewegt, kann er den
+Ausdruck seiner Physiognomie sehr oft wechseln und ihr den einer
+furchtbaren Wuth geben, welcher durch die Beweglichkeit seiner Mähne,
+die er emporsträuben und nach allen Richtungen hin wenden kann, sehr
+erhöht wird. Die Löwin ist kleiner, ruhiger und feiger, als der Löwe,
+doch wenn sie Junge hat, ist sie furchtbarer als er, indem sie sich dann
+auf Menschen und Thiere ohne Unterschied stürzt, sie tödtet und ihren
+Kleinen zuträgt, denen sie bei Zeiten lehrt, das Blut zu saugen und das
+Fleisch zu zerreißen. Der Löwe säuft wie ein Hund. Sein Gebrüll ist so
+stark, daß man es des Nachts in der Wüste für Donner halten könnte;
+er stößt es täglich 5 bis 6 Mal aus, besonders häufig, wenn Regen zu
+erwarten steht. Wenn der Löwe Menschen und Thiere zusammen findet,
+so fällt er lieber die letztern an, es sei denn, daß ein Mensch ihn
+schlägt, bei welcher Gelegenheit er den Beleidiger gewiß schnell
+herausfindet. Der Elephant, das Rhinozeros, der Tiger und das Nilpferd
+sind die einzigen Thiere, welche ihm Widerstand leisten können und
+welche er auch gern vermeidet, wenn er kann. Das Fleisch des Löwen hat
+einen unangenehmen starken Nachgeschmack; doch essen die Neger es gern.
+Der Löwe gehört dem Katzengeschlecht an, man vergleiche ihn nur mit dem
+kleinen Kätzchen, welches ihm Gesellschaft leistet. Beide haben 30
+scharfe Zähne, beide Pfoten mit langen starken Krallen, die sie nach
+Belieben einziehen und herausstoßen können; beide haben denselben Bau
+des Kopfes und tragen denselben Raubthiercharakter.
+
+
+_Der Tiger_
+
+gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Während der Löwe als erstes unter
+den fleischfressenden Thieren gilt, ist der Tiger das zweite. Ihm fehlt
+die Würde des Löwen; er ist immer blutdürstig und fällt gern die
+Menschen an. Ihm fehlt auch des Löwen edler Anstand; sein Körper ist zu
+lang, seine Beine zu niedrig; das Haupt hat keine Mähne, die Augen sind
+unstät und die Zunge blutroth; er ist von einer unersättlichen Blutgier,
+von einer empörenden Grausamkeit beseelt; sein einziger Instinkt scheint
+eine stete Wuth zu sein, welche ihn oft so weit verblendet, daß er seine
+eigenen Jungen frißt und deren Mutter zerreißt, wenn sie dieselben
+vertheidigen will.
+
+Glücklicher Weise sind diese Thiere nicht sehr zahlreich und blos auf
+das heißeste Klima Ostindiens beschränkt.
+
+Wenn der Tiger irgend ein großes Thier, z. B. ein Pferd oder einen
+Büffel getödtet hat, so zerreißt er es nicht an der Stelle der That,
+sondern er schleppt es in die Tiefe des Waldes mit einer Leichtigkeit,
+daß die Schnelligkeit seines Laufes gar nicht durch die Schwere des
+Gegenstandes gehemmt zu sein scheint. Der Tiger ist vielleicht das
+einzige Thier, das man nicht zähmen kann; er ist immer bös, sowohl wenn
+man ihn gut, als wenn man ihn schlecht behandelt. Nicht Gewohnheit,
+nicht Zeit vermag ihn zu bändigen; er zerreißt die Hand, welche ihm
+Nahrung reicht, wie die, welche ihn schlägt und alles Lebendige
+erscheint ihm nur als erschaffen, um seine Beute zu werden. Die Tigerin
+wirft wie die Löwin 4-5 Junge, und ihre Wuth steigert sich bis zu einem
+entsetzlichen Grade, wenn man dieselben raubt.
+
+
+_Der Panther_
+
+gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Er sieht wild aus, hat ein stets
+unruhiges Auge; seine Bewegungen sind heftig und seine Stimme gleicht
+der eines wüthenden Hundes. Die Zunge ist rauh und sehr roth; die Zähne
+sind stark und spitzig, die Krallen hart und scharf. Das Fell ist schön,
+mit schwarzen ringelartigen Flecken besäet. Der Panther gleicht an
+Gestalt und Größe einer Dogge von guter Raçe, nur mit kürzern Beinen.
+
+In Persien und andern Theilen von Asien pflegt man den Panther zur Jagd
+zu benutzen, ohne ihn jedoch zähmen zu können, denn er verliert nie
+seinen wilden Charakter und wenn man sich seiner bedienen will, bedarf
+es großer Mühe, um ihn abzurichten und noch größere Vorsicht, um ihn
+auszuführen und zu benutzen.
+
+
+_Die Unze_
+
+ist zahlreicher und weiter verbreitet als der Panther. Sie lebt
+gewöhnlich in Arabien und im südlichen Asien; man bedient sich ihrer
+dort zur Jagd, weil in den heißen Ländern Asiens die Hunde selten sind.
+Die Unze hat indeß den Geruch nicht so fein wie der Hund und kann das
+Wild nicht nach seiner Fährte verfolgen; auch würde es nicht im
+schnellen Laufe verfolgen können, sondern jagt nur nach dem Gesicht und
+kann sich nur aus dem Hinterhalt auf ihre Beute stürzen und sie
+niederwerfen.
+
+
+_Der Leopard_
+
+hat dieselben Gewohnheiten und denselben Charakter, wie der Panther,
+aber man kann ihn nicht so leicht zähmen; er bewohnt den Senegal und
+Guinea, wo man ihn sehr häufig findet. Panther, Unze und Leopard
+bewohnen nur die hintersten Landesstrecken von Asien und Afrika; sie
+halten sich am liebsten im dichten Walde und am Ufer der Flüsse auf oder
+auch in der Nähe entlegener menschlicher Wohnungen, wo sie den
+Hausthieren auf dem Wege nach der Quelle gern auflauern. Sie fallen
+selten Menschen an. Leicht erklettern sie Bäume, von deren Zweigen sie
+auf ihre Beute herabstürzen. Obgleich sie meistens sehr mager sind, so
+gilt ihr Fleisch doch als Leckerbissen für den Reisenden.
+
+Wilhelm wendete bald sein Interesse von dem Bericht des
+Menageriebesitzers ab und den Affen zu, welche auch gar zu lustig
+anzuschauen waren. Sie befanden sich in einem großen Bauer, worin sie
+unaufhörlich umhersprangen. Ueberall gab es allerliebste Affengruppen.
+Hier flöhte eine alte Aeffin ihr Kind mit mütterlicher Liebe; dort
+wickelten sie einige Bonbons aus Papierhüllen und grinzten freudig über
+den Fund. Manche balgten sich, andere schaukelten sich in großen Ringen,
+die mit Seilen aufgehängt waren, oder sie wiegten sich in Zweigen, die
+man im innern Raum des Bauers angebracht hatte. Wilhelm meinte immer,
+diese Thiere müßten Menschen sein, weil sie so menschliche Bewegungen
+zeigten.
+
+Was ihn aber mehr als alles andere an diesen Affenbauer fesselte, das
+waren die zahllosen Kinder, welche umherstanden und im Anschauen
+vertieft nicht Acht hatten auf ihre Habseligkeiten. So war es dem
+kleinen Taschendieb schon gelungen, einige Taschentücher und einen
+wohlgefüllten Arbeitsbeutel zu rauben und in seine Rocktasche zu
+verbergen.
+
+ [Buntbild: Rosaurus in dem Löwenkäfig.]
+
+
+
+
+Kapitel 9.
+
+Die böse That und deren Folgen.
+
+
+ Und ist das Fädchen noch so fein gesponnen,
+ Am Ende kommt es doch ans Licht der Sonnen.
+
+Plötzlich vernahm man Geräusch an der Thür und es hieß: -- „die kleine
+Prinzessin käme, um die Thiere zu sehen.“ Alles blickte nach ihr hin und
+freuete sich über ihr freundliches Grüßen und über ihren hübschen Anzug.
+-- Wie sie vor den Käfig des großen Löwen trat, stieß sie einen lauten
+Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens aus, denn sie erkannte auf
+den ersten Blick ihren Rosaurus. Sie wollte auch gleich mit der Hand
+durch die Eisenstäbe fahren, um den kleinen Liebling zu streicheln und
+zu trösten, aber Mlle. Gogo riß sie erschrocken zurück. -- Der
+Menageriebesitzer wurde sogleich gefragt, wie er zu dem Kätzchen
+gekommen sei? und er erzählte, daß er es einem unbekannten Knaben
+abgekauft habe, welcher noch in diesem Augenblick hier gewesen, -- er
+wolle sogleich nach ihm suchen.
+
+Wilhelm war aber nicht zu finden und das ging auch ganz natürlich zu;
+denn als er das Gespräch über das Kätzchen hörte, wurde ihm bang ums
+Herz und er kroch unter einen Tisch, worauf Papageien standen, und
+dessen unterer Raum mit einem Leinwandvorhang versehen war; da war er
+sicher geborgen. Durch ein Loch konnte er Alles sehen, was in der
+Menagerie vorging, und hören konnte er auch Alles. So mußte er denn
+Zeuge sein, wie der Menageriebesitzer das Kätzchen aus dem Löwenkäfig
+holte und einen Thaler erhielt, während er doch nur einen Groschen dafür
+bezahlt hatte. Wilhelm ärgerte sich recht, daß er nicht selbst ein so
+gutes Geschäft gemacht habe.
+
+Es wurde ihm indeß sehr unheimlich unter dem Tisch zu Muthe; denn es
+befand sich unter demselben eine große Aeffin im Wochenbette, welche den
+unberufenen Eindringling mit den langen Armen in den Nacken kratzte, und
+unter dem Käfig der Aeffin stand der eines brütenden Pelikans, welcher,
+ebenfalls entrüstet über die Störung, Wilhelm so arg biß, daß die Hosen
+zerrissen und das Blut strömte. Er, der schon so wenig Sitzefleisch in
+der Schule hatte, fürchtete auf diese Weise ganz untüchtig zum Sitzen zu
+werden und als die Nachsuchung zu Ende war, benutzte er den Moment, wo
+ein dicker Herr sich vor den Tisch gestellt hatte, um hervor zu kriechen
+und sich hinter diesem verborgen zu halten.
+
+Da aber das Böse in seinem Herzen nie schlummern konnte, so entging es
+seiner Aufmerksamkeit nicht, daß der dicke Herr eine sehr wohlgefüllte
+Börse, woraus er so eben ein Extra-Trinkgeld für die Schlange gezahlt
+hatte, in die linke Rocktasche steckte. Die Schlange fraß nämlich so
+eben eine Taube in gewohnter grausamer Weise, indem sie mit der
+freundlichsten Miene von der Welt dieselbe beleckte und durch ihren
+Speichel schlüpfrig und geschmeidig machte; dann zog sie das arme Thier
+unbarmherzig in ihren Rachen, und man fühlte, wie es im tiefen Schlund
+noch zappelte.
+
+Wilhelm meinte, der dicke Herr sähe gewiß so aufmerksam zu, daß er es
+nicht merken würde, wenn seine zarte Hand ihm in die Tasche griff, und
+die Börse heraus holte und im Hui war diese Hand auch drinnen. Aber in
+demselben Augenblick fühlte Wilhelm, daß sie von einer anderen,
+kräftigeren Hand gefaßt wurde, welche unter dem Rocke schon mußte geruht
+haben; zu gleicher Zeit ward sein Ellbogen ergriffen und mit Riesenkraft
+auf einen Ruck sein Unterarm wie ein dürres Stück Holz zerknickt.
+Wilhelm schrie vor Schreck und vor Schmerz und als der dicke Herr sich
+ihm zuwendete, da erkannte er in ihm denselben, der ihm neulich die zwei
+Ohrfeigen und den Groschen gegeben hatte. Es war der Herr
+Polizei-Präsident. „Aha, sagte dieser, wir kennen uns schon; jetzt hoffe
+ich, stiehlst du so bald nicht wieder.“
+
+Das ganze Publikum war aufmerksam auf den schreienden Knaben geworden
+und auch die Prinzessin wollte ihn bedauern und ihm etwas schenken. Aber
+der Menageriebesitzer erzählte ihr, daß es derselbe Knabe sei, der ihren
+Rosaurus für den Löwen verkauft habe; auch fanden sich beim Ausleeren
+seiner Taschen eine Menge gestohlener Gegenstände. „Nein, dieser
+verdient kein Mitleid!“ meinten die Leute.
+
+Aber er litt doch große Schmerzen; blaß und zitternd stand er da und
+alle Blicke waren auf ihn gerichtet; ein Wundarzt, welcher zufällig in
+der Nähe war, untersuchte den Arm und erklärte, derselbe müsse sogleich
+eingerichtet werden.
+
+„Das soll in meinem Haus geschehen,“ sagte der Polizei-Präsident; „ich
+will ihn bei mir verpflegen lassen und auch alle Kosten tragen. Seine
+Eltern taugen gewiß nicht viel, sonst würde der Junge nicht so
+durchtrieben sein.“
+
+So wurde denn Wilhelm fortgebracht, während die kleine Prinzeß mit ihrem
+Rosaurus sich nach Haus begab und sich vornahm, ihm das Leben noch viel
+angenehmer als früher zu machen. -- Sie konnte sich gar nicht denken,
+wie er in des bösen Knaben Hände gekommen sei und als Mlle. Gogo endlich
+nähere Erkundigungen einzog, und man nach der Beschreibung Wilhelms und
+nach dem Arbeitsbeutel, den er noch besaß, die lange Jenny als die
+Ursache von Rosaurus Verschwinden erkannte, da wurde der Letzteren
+erklärt, daß sie nie wieder bei der kleinen Prinzessin eingeladen werden
+solle, was allerdings eine große Strafe und auch eine große Schande war.
+Der Vater schickte sie hierauf in ein Institut und man hoffte, sie werde
+von da artiger zurückkehren.
+
+Es war recht gut, daß Wilhelm in gute Pflege kam, denn zu Hause fehlte
+es ja an Allem. Sein Vater hatte beim Holzlesen einen jungen Baum
+abgehauen und war dabei ertappt worden, da mußte er zur Strafe für die
+Waldbuße arbeiten und da die Mutter nichts verdienen konnte, so war kein
+Geld zu Hause.
+
+Im Hause des Präsidenten fehlte es indeß an Nichts. Wilhelm lag im
+reinlichen Bett in einer hübschen Kammer. Eine freundliche Magd bediente
+ihn und pflegte ihn. In den ersten Tagen bekam er blos Wassersuppen und
+kühlende Getränke zu genießen, später sorgte man für kräftigere Nahrung;
+ein freundlicher Arzt besuchte ihn täglich und der Präsident brachte ihm
+Bilder und Bücher und setzte sich stundenlang an sein Bett, um ihm
+Geschichten zu erzählen, er wußte deren sehr schöne: von klugen Kindern,
+die anstatt ihre Geistesgaben auf das Lernen oder etwas Nützliches zu
+richten, sie benutzten, um andere Menschen zu überlisten und zu
+betrügen; er erzählte auch von Verbrechen, die lange geheim gehalten
+wurden, endlich aber doch ans Tageslicht kamen und den Uebelthäter zur
+Strafe brachten.
+
+
+_Der Finger Gottes._
+
+In einem kleinen Städtchen lebte einst eine glückliche Familie; die
+Eltern waren brav und die Kinder gut erzogen. Nur ein Sohn, Namens
+Ludwig, gab durch seinen heftigen Charakter oft Ursache zur
+Unzufriedenheit; dabei hatte er ein rachsüchtiges Gemüth und in den
+Stunden seines Zorns hatte er manchem Freund schon weh gethan und oft
+die Geschwister schwer gekränkt. Trotz aller Vorstellungen hatte er
+diesen Fehler nicht abgelegt; er war nun 16 Jahr, confirmirt, und noch
+immer brach von Zeit zu Zeit, bei unbedeutender Gelegenheit, seine
+blinde Wuth aus und äußerte sich in irgend einer Unthat, deren Folgen
+indeß nie so bedeutend waren, daß sie eine andere Strafe als die Rügen
+des Vaters veranlaßt hätte.
+
+Eines Tages war Ludwig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers beim Tanzen in
+Streit gerathen; in Wuth entbrannt, wollte er mit der Faust auf seinen
+Gegner losgehen, dieser aber, stärker wie er, ergriff ihn beim Kragen
+und warf ihn zur Thür hinaus.
+
+Rache brütend ging Ludwig nach Hause; er mußte vor einem Bauerngut
+vorbei, welches dem Vater seines Gegners gehörte und einst dessen
+Erbtheil werden sollte. Er konnte seinem Beleidiger wohl keinen größern
+Schabernack anthun, als wenn er dasselbe niederbrannte. Noch immer war
+er in der Aufregung des Zorns und rasch griff er nach dem Feuerzeug und
+warf einige glimmende Schwammstückchen ins Fenster. Da diese aber nicht
+gleich zündeten, nahm er ein Wachslichtchen, welches auf der Schwester
+Weihnachtsbaum gestanden hatte, und warf es brennend in das Stroh.
+-- Dann ging er weiter. Er hatte kaum die böse That gethan, als sein
+Zorn sich legte und er sie zu bereuen anfing; er hoffte, es werde nicht
+Feuer fangen. Als er aber eine Stunde zu Bette war, vernahm er den
+Feuerlärm. Er eilte nach der Brandstätte, er half mit löschen und
+retten; er war unermüdlich und scheuete keine Gefahr. Er holte sogar ein
+Kind aus den Flammen, wobei er selbst sehr beschädigt ward; aber nichts
+konnte das ungestüme Pochen seines Herzens beschwichtigen. Das Gut war
+niedergebrannt; die Besitzer dankten denen, die beim Retten behülflich
+gewesen waren und Ludwig vor allen Andern; der Dank that diesem aber
+sehr weh. Er hätte gern sein Hab’ und Gut hingegeben, um ihn zu
+entschädigen. -- Man quälte sich mit Vermuthungen, wer das Feuer
+angelegt habe; weder der Gutsbesitzer noch dessen Sohn hatten Jemand
+beleidigt; sie kannten keinen Feind; man hatte nichts gefunden von dem
+Mordbrenner, als ein Wachsstöckchen, welches verlöscht war und seinen
+Zweck nicht erfüllt hatte. Es giebt so viele Wachsstöckchen in der Welt.
+Dieses konnte unmöglich auf den Schuldigen führen.
+
+Ludwig ward täglich ernster und mehr in sich gekehrt. Seine Wangen
+erbleichten, er schlief nicht des Nachts; sein Gewissen quälte ihn; auch
+fürchtete er, man möge doch einmal entdecken, daß er ein Mordbrenner sei
+und ihn dafür bestrafen. Eines Tages wurde er wirklich abgeholt und
+verhört. -- Einer der Untersuchungsrichter war mit Ludwigs Vater
+zusammen in der Residenz gewesen und sie hatten zusammen die bunten
+Wachslichter für den Weihnachtsbaum gekauft; so wußte er, wo solche
+Lichter waren; kaum war diese Spur gefunden, so gedachte man des
+Streites, welchen Ludwig am Vorabend des Brandes gehabt. Dann bemerkte
+man sein unruhiges Wesen, seine bleichen Wangen. Er ward verhört,
+gestand und wurde auf viele Jahre ins Zuchthaus verurtheilt. So kommt
+selbst das Geheimnißvollste an den Tag.
+
+Christian, der Sohn eines Tagelöhners, ging einst an einem Garten
+vorüber, wo Aprikosen an einem Baume hingen. Die Früchte waren ganz reif
+und hatten die schönsten rothen Backen. „Das will ich mir merken,“
+dachte der naschlustige Knabe, „heute Nacht, wenn es dunkel ist, da
+komme ich und hole sie mir.“ -- Als er fort war, kam Peter, der Sohn des
+Hirten; sein Vater hatte ihn betteln geschickt und er kam heim mit einem
+Sack voll Brodrinden. Aber er war sehr müde, und da er noch weit von
+Hause war, legte er sich vor die Gartenthür, welche eine Art von Obdach
+bot, und schlief ein. -- Er wachte auf durch ein Geräusch und sah Jemand
+in den Garten steigen. Christian hatte sich zwar vorsichtig umgeschaut,
+aber den in dem Schatten der Thür ruhenden Hirtenknaben nicht entdeckt.
+Der kleine Peter erkannte dagegen beim Mondenschein den Einsteigenden,
+wollte ihn aber nicht stören, weil er fürchtete, derselbe könne ihn
+schlagen. Er legte sich also auf die andere Seite und schlief weiter. Am
+andern Morgen ward er unsanft von dem Gärtner geweckt, welcher ihn für
+den Dieb hielt und ihn durchaus vor die Polizei schleppen wollte; aber
+Peter betheuerte seine Unschuld, er zeigte den Inhalt seines Bettelsacks
+vor und nannte, da alles nichts half, den wirklichen Dieb. Wirklich fand
+der Gärtner, welcher gleich in Christians Wohnung ging, die gestohlenen
+Früchte, während Christian noch fest schlief; er hatte ja einen Theil
+der Nacht durchwacht und war fest überzeugt, daß Niemand ihn gesehen
+habe. -- Gott sieht es aber immer und weiß es auch immer also zu lenken,
+daß die menschliche Gerechtigkeit es erfahre und daß schon auf Erden die
+Strafe den Verbrecher erreicht.
+
+
+Im Anfang hörte Wilhelm nur mürrisch zu; er hatte ja Schmerzen und diese
+Schmerzen hatte der Mann, welcher da vor ihm saß, verursacht. Nach und
+nach aber erweichten die liebevollen Worte sein Gemüth; es war ihm oft
+zu Muthe, als werde es plötzlich vor seiner Seele Tag; als falle ein
+Schleier vor seinen Augen herab und er erkannte eine Wahrheit; diese
+Wahrheit hieß aber: Ehrlich währt am längsten.
+
+Eines Tages, als Wilhelm eine schmerzlose Nacht gehabt hatte und zum
+ersten Mal das Bett verlassen konnte, freilich mit festgeschientem Arm,
+frug der Präsident ihn mit seiner freundlichen sanften Stimme: „sage mir
+doch recht aufrichtig, was du denn eigentlich mit deiner Hand in meiner
+Tasche wolltest?“
+
+_Wilhelm._ Ich wollte Ihren Geldbeutel herausholen.
+
+_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das gestohlen sei?
+
+_Wilhelm._ O ja! das wußte ich sehr wohl.
+
+_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das Stehlen unrecht sei?
+
+_Wilhelm._ Das wußte ich nicht so ganz genau; ich wußte nur, daß man
+gestraft wird, wenn man sich dabei ertappen ließ und ich habe mich
+niemals ertappen lassen (hier lächelte Wilhelm triumphirend).
+
+_Präsident._ Machte dir denn das Stehlen Freude?
+
+_Wilhelm._ Ja! sehr große, besonders wenn ich es recht geschickt anfing
+und wenn es mir mit großer Mühe gelang. Auch war ich froh, wenn ich
+etwas nach Hause brachte; und zu Hause konnte man alles brauchen.
+
+_Präsident._ Wußten denn deine Eltern, daß das, was du nach Hause
+brachtest, gestohlenes Gut sei?
+
+Wilhelm schwieg verlegen; er scheute sich, seine Eltern zu verrathen;
+„die Eltern, sagte er, schickten mich mit der Schwester aus, um zu
+betteln -- es ging aber gar zu langsam, wir brachten nur wenig zusammen,
+kaum genug, ein Brod zu kaufen und ich wollte doch auch manchmal ein
+Stückchen Kuchen essen. Man sieht so schöne Sachen bei den Conditoren am
+Fenster stehen, das giebt Lust zu naschen und ich fand es ungerecht, daß
+die Reichen allein solche gute Sachen genießen sollten.“
+
+_Präsident._ Als Gott Reiche und Arme schuf, muß er wohl sehr weise
+Absichten gehabt haben. Der Arme kann übrigens reich, der Reiche arm
+werden, der Arme wird aber nur reich durch Arbeit, nicht durch
+Diebstahl; denn auf der Sünde ruht kein Segen. Ich will dir Mittel an
+die Hand geben, die dich reich machen können, wenn du brav und arbeitsam
+werden willst.
+
+_Wilhelm._ Ja, das will ich!
+
+_Präsident._ Nun, so gieb mir die Hand darauf, daß du nie wieder fremdes
+Eigenthum an dich nehmen wirst.
+
+Wilhelm versprach es.
+
+_Präsident._ Auch versprich mir nie zu lügen.
+
+Wilhelm versprach es auch.
+
+_Präsident._ So will ich dich in eine Schule bringen, wo du erzogen und
+unterrichtet wirst; dann laß ich dir ein Handwerk lernen, welches dich
+ernähren kann, und du kannst dir eins wählen.
+
+_Wilhelm._ Ich möchte gern Bäcker oder Conditor werden.
+
+_Präsident._ Haha! wohl wegen der guten Kuchen.
+
+_Wilhelm._ Ich meine, es muß eine Freude sein, das bereiten zu können,
+was so vielen Leuten gut schmeckt.
+
+_Präsident._ Brav, mein Junge; es ist recht, wenn man nicht blos an sich
+selbst, sondern auch an Andere denkt. Bist du mir noch böse, daß ich dir
+den Arm in meiner Tasche zerbrach. Ich kann in meiner eignen Tasche doch
+machen, was ich will, und was sich unberufen hinein verirrt, muß sich
+alles gefallen lassen.
+
+_Wilhelm._ Ich bin jetzt recht froh, daß Sie mir den Arm zerbrachen und
+ich will Ihnen immer recht dankbar dafür sein, wenn Sie mir etwas
+Tüchtiges lernen lassen.
+
+Als der Präsident eines Tages der kleinen Prinzessin begegnete, fragte
+diese:
+
+„Was macht der kleine böse Junge?“
+
+„Er ist kein böser Junge mehr,“ antwortete der Präsident, „und es würde
+gar keine bösen Jungen in der Welt geben, wenn die Eltern nicht böse
+wären.“ Er erzählte hierauf, wie Wilhelm erzogen worden und daß er noch
+andere Geschwister habe. Die Prinzessin frug nun, ob diese auch so böse
+wären? Man ließ sich nach ihnen erkundigen und hörte bald nur Gutes von
+Dorothea; die Prinzessin ließ sie kleiden und in eine Strick- und
+Nähschule schicken. Die kleine Hanne wurde aber in einer
+Klein-Kinderbewahrschule untergebracht, wo sie beten, singen, stricken
+und hübsche Verschen lernte; man hielt sie auch dazu an, sich die Nase
+zu putzen und die Hände zu waschen, was sie zu Hause nicht nöthig hatte;
+auch mußte sie hübsch sittsam sein. Der Präsident sagte: auf solche
+Weise rette man die Kinder von dem Verderben, und führe ihre Seelen dem
+Himmel zu.
+
+
+
+
+Kapitel 10.
+
+Das große Abenteuer.
+
+
+ Verliere den Muth nicht in Gefahr,
+ Gott wacht und schützt dich immerdar.
+
+Täglich besuchte die Prinzessin den Löwen und brachte eine Stunde in der
+Menagerie zu. Sie war dem Thier sehr dankbar, daß er ihr Kätzchen nicht
+gefressen hatte, und wollte ihm ihre Erkenntlichkeit beweisen, indem sie
+ihm alle Tage einige Pfund Fleisch brachte. Dieses Fleisch war hübsch in
+Stücken geschnitten und auf Papier in einem zierlichen Körbchen
+geborgen, welches der Bediente ihr nachtrug. Die Fleischstücken reichte
+sie selbst dem Löwen durch das Gitter und sie machte es dabei nicht wie
+der Menageriebesitzer bei der Fütterung, welcher ihm das Fleisch,
+nachdem er es gereicht hatte, mit dem eisernen Haken so oft wieder
+entzog, um ihn recht böse zu machen und den Zuschauern ein Beispiel
+seiner bestialischen Wuth zu geben. Nein, sie reichte es dem Löwen recht
+schnell und ohne sich zu fürchten. Der Löwe kannte auch bald seine
+kleine Wohlthäterin, besonders wenn sie Rosaurus mitbrachte, der ihr
+gewöhnlich auf der Schulter saß. Wenn sie mit ihrem Gefolge eintrat,
+legte er sich ganz sanftmüthig vor das Gitter nieder und empfing dankbar
+sein Geschenk; dabei pflegte er mit Rosaurus um die Wette zu schnurren.
+
+Im Sommer bewohnte die Prinzessin ein Lustschlößchen in einer kleinen
+Entfernung von der Stadt; dort durfte sie recht lustig herumspringen und
+recht wenig Stunden haben. Damit sie ihre Gespielinnen nicht entbehre,
+wurde Lisi mitgenommen. Joly und Rosaurus durften natürlich nicht
+fehlen. Das Schlößchen war von einem hübschen Garten umgeben und an den
+Garten stieß ein kleiner Wald. Die Kinder durften sich darin nach
+Belieben ergehen und erfreueten sich des Landlebens, indem sie Blumen
+suchten, Kränze banden oder Seifenblasen machten. Letztere unterhielten
+besonders Rosaurus recht gut, welcher immer danach haschte und sehr
+verwundert war, wenn sie unter seinen Sammetpfötchen zerplatzten. Joly
+war ebenfalls sehr verlegen, wenn die Kinder ihm ihre Seifenblasen auf
+die Nase zerplatzen ließen; er bellte dieselben oft an, zog das
+Schwänzchen ein und riß vor ihnen aus. Uebrigens vertrug er sich viel
+besser als im Anfang mit Rosaurus. Obgleich sich wohl dann und wann bei
+Freßgelegenheiten ein Streit zwischen Beiden erhob wegen des Mein und
+Dein, so konnten sie doch recht oft niedlich zusammenspielen.
+-- Rosaurus mochte wohl einsehen, daß Joly im Vergleich mit dem Pudel
+Kartusch ein sehr wohl erzogener und höflicher Hund sei.
+
+Eines Tages saß die Prinzessin mit Lisi und Mlle. Gogo am Rand des
+Wäldchens auf weichem Rasen und flochten Kränze; Joly und Rosaurus
+spielten neben ihnen und sie sprachen, wie das häufig geschah, vom
+großen Löwen, den sie erst gestern besucht hatten. Die Prinzessin lobte
+ihn abermals, daß er dem Rosaurus nichts zu Leid gethan, worauf Lisi
+sagte:
+
+„Ich habe neulich gelesen, daß der Löwe, obgleich er eigentlich die
+Einsamkeit liebt, sich doch leicht an andere Thiere gewöhnen und mit
+ihnen freundlich verkehren kann. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab
+es in Paris im Jardin des plantes eine Löwin, Namens Constantine, welche
+während mehrerer Jahre mit einem kleinen Spitz sehr glücklich lebte. Man
+hatte letzteren, welcher weiß und schwarz war, in ihren Käfig geworfen,
+und er hatte sich, an allen Gliedern zitternd, in einen Winkel
+verkrochen. Die Löwin erhob sich langsam, brüllte mit dumpfer Stimme und
+näherte sich dem armen kleinen Thier, welches ein klägliches Geschrei
+ausstieß und eine flehende Stellung anzunehmen schien. Sein
+verzweiflungsvoller Blick schien die Löwin zu rühren; denn sie legte
+sich ruhig nieder, ohne ihm wehe zu thun. Als man bei der Fütterung
+Constantine ihre Nahrung gab, ließ sie etwas für den Spitz übrig; er
+aber wagte nicht irgend etwas davon zu berühren; ja der größte Hunger
+würde ihn nicht vermocht haben, seinen dunkeln Winkel zu verlassen.
+Am nächsten Tage fürchtete er sich weniger und entschloß sich, das zu
+verzehren, was die Löwin für ihn übrig gelassen hatte. Am zweiten Tag
+wagte er es, aus dem Winkel hervorzukriechen und gleich nach der Löwin
+zu speisen. Nach acht Tagen erlaubte er der Löwin nicht eher zu fressen,
+als bis er selbst sich gesättigt hatte, und wenn sie es wagte, sich
+früher dem Fleisch zu nähern, so sprang der Spitz ihr wüthend in’s
+Gesicht und biß sie mit allen Kräften.
+
+Im Herbst, als es kalt und feucht wurde, brachte der Spitz die Nächte
+zwischen den Beinen der Löwin zu, um warm zu liegen, was sie ebenfalls
+willig geschehen ließ. Zum Dank dafür biß er sie eines Tages in einem
+Anfall von Wuth dermaßen in den Schwanz, daß das Blut strömte und sie
+zeitlebens eine Narbe behielt. -- Nach einigen Jahren starb der Spitz an
+Altersschwäche und Constantine schien untröstlich über diesen Verlust.
+Man gab ihr verschiedene andere Hunde, die sie alle erwürgte; endlich
+ließ sie den einen am Leben, aber sie zeigte demselben nur die größte
+Gleichgiltigkeit und erwies ihm nie eine Gefälligkeit. Sie starb auch
+bald darauf, wie man meinte, aus Sehnsucht nach ihrem bösen Spitz.“
+
+Als Lisi kaum diese Geschichte vollendet hatte, begann Joly zu bellen,
+und es erschienen drei wunderliche Wesen, welche unter dem Gestrüpp
+hervorgekrochen kamen; es waren drei Affen. Die Affenmutter trug ihr
+Kleines, welches krank zu sein schien; die Thiere nahten sich zutraulich
+und fletschten die Zähne, und hielten die Hände flehend den Kindern hin,
+die sie vielleicht erkannten, weil sie sie öfters gesehen hatten, denn
+diese Affen gehörten zu der Menagerie; gewiß waren sie entsprungen.
+-- Die Prinzessin ließ sogleich Milch und Semmel für sie bringen und mit
+Aepfeln und Nüssen sie in ein Zimmer locken, wo sie eingesperrt wurden.
+
+Nach diesem Ereigniß, welches die Kinder sehr beschäftigte, da sie sich
+gar nicht denken konnten, wie die Affen hatten entspringen können,
+wandelten sie zusammen in den Wald. Mlle. Gogo begleitete sie aus der
+Ferne, Joly und Rosaurus waren ihnen zur Seite. Letzterer schien ganz
+besonders gern in dem Wald zu sein und die Prinzessin befürchtete, das
+Blut, welches er in des Löwen Käfig geleckt hatte und sein Antheil an
+des Löwen Mahlzeit möge in ihm böse Gelüste entwickelt haben. Jedes Mal,
+wenn er einen Vogel sah, wurde er stutzig und er vermochte kaum seinen
+grausamen Appetit unter einer gleißnerischen Freundlichkeit zu
+verbergen. Die Prinzessin pflegte ihn deshalb an einem rosarothen
+Atlasband zu befestigen und so an ihrer Seite zu halten, in der
+Hoffnung, ihn von seinen sündhaften Begierden zu heilen und ihm gute
+Gewohnheiten zu geben.
+
+ [Buntbild: Das große Abenteuer.]
+
+Als die Kinder nun eine ziemliche Strecke in dem Walde zurückgelegt
+hatten und Lisi meinte, sie müßten zurückkehren, indem sie Mlle. Gogo
+ganz aus dem Gesicht verloren habe, da vernahmen sie ein ungewohntes
+Knistern im Dickicht; die Zweige bogen sich und knickten; Rosaurus
+spitzte die Ohren und Joly zog den Schwanz ein und floh eilend dem
+Schloß zu. Den Kindern fing es an ganz unheimlich zu werden, sie wußten
+nicht warum, und doch blieben sie stehen und blickten regungslos nach
+der Stelle, woher das Geräusch kam.
+
+Aber welch ein Schreck durchrieselte ihre Glieder, als das Gebüsch sich
+theilte und niemand anders als der Löwe hervortrat; sehr feierlich und
+behutsam blickte er um sich her und schritt mit wahrhaft majestätischem
+Anstand auf die Kinder zu. Beiden schlug das Herz heftig und Lisi war so
+erschrocken, daß sie in Ohnmacht fiel. Die kleine Prinzessin verlor aber
+nicht die Gegenwart ihres Geistes, und im Vertrauen auf ihre alte
+Bekanntschaft nahm sie Rosaurus auf die Schulter und blieb vor der
+ohnmächtigen Lisi stehen. Der Löwe kam näher; er sah gar nicht grimmig
+aus, sondern wedelte freundlich mit dem Riesenschweif und legte sich
+dann vor der Prinzessin nieder. Diese nahm ihren ganzen Muth zusammen,
+schaute dem Thier in die Augen und sprach einige freundliche Worte zu
+ihm, wie sie es gethan, wenn sie ihm Fleisch in den Käfig brachte.
+
+Plötzlich aber vernahm man im Gebüsch Hundegebell und menschliche
+Tritte. Der Löwe horchte, sprang erschrocken auf und stürzte der andern
+Seite des Waldes zu; da fand er aber Hindernisse. Dichtes Gebüsch hemmte
+seine Flucht. Jäger kamen herbei und nahten auf Schußweite; vier Schüsse
+krachten auf ein Mal und wohlgetroffen, mit furchtbarem kläglichen
+Gebrüll fiel das edle Thier nieder und wälzte sich in seinem Blute.
+Niemand wagte es, sich dem König der Thiere während seines Todeskampfes
+zu nähern. -- Die Prinzessin aber wandte sich der ohnmächtigen Freundin
+zu, welche mit Hilfe der herbeigeeilten Mlle. Gogo auch bald wieder zu
+sich kam.
+
+Wie aber hatte der große Löwe den Käfig durchbrechen und in den Wald
+gelangen können?
+
+In der vorhergehenden Nacht waren durch die Kohlen eines Bratwurstfeuers
+unter andern Buden auch die Menagerie in Brand gerathen. Das trockene
+Holz des Gerüstes hatte rasch die Flammen verbreitet, welche allen
+Löschungsversuchen des Menageriebesitzers trotzten. Die Thiere stießen
+die schrecklichsten Töne aus; sie liefen angsterfüllt in ihren Käfigen
+umher; die Papageien schlugen mit den Flügeln, die Affen sprangen herum
+und schrieen wie die kleinen Kinder; aber die Raubthiere waren
+fürchterlich. Der Tiger fletschte die Zähne, indem er sich in den
+Hintergrund des Käfigs zurückzog, er schien das feindliche Element
+auffressen zu wollen; -- trostlos sprang der Eisbär in seinem Gefängniß
+hin und her; die Hitze erschien ihm unerträglich, und als sein schöner
+weißer Pelz Feuer fing, da meinte man, die ganze Welt müsse untergehen,
+so tief und trostlos war sein Brummen. Der Panther und der Luchs
+versuchten an den eisernen Stäben empor zu klettern, sie klammerten sich
+fest daran, bis dieselben glühend wurden; heulend ließen sie dann los
+von ihrem Halten und fielen auf den Boden des Käfigs herab, wo sie in
+gewaltigem Todeszucken im Rauch erstickten und dann verbrannten.
+
+Als der Menageriebesitzer sah, daß er das Feuer nicht mehr löschen
+konnte, war er darauf bedacht, wenigstens einige seiner Prachtstücken zu
+retten, und er versuchte den Wagen, worauf der Käfig des Löwen stand,
+aus der Wagenreihe herauszuziehen; dabei fiel derselbe aber um, die Thür
+sprang durch die Erschütterung auf und der vom Feuer und Todesangst
+wilde Löwe kam heraus. Das Thier war keineswegs wüthend, als es seine
+Freiheit erlangte, im Gegentheil war es schüchtern und furchtsam und es
+wäre dem Menageriebesitzer ein Leichtes gewesen, es wieder
+einzuschließen, wenn er nicht selbst unter dem umgestürzten Wagen
+gelegen hätte. Ehe er sich unter demselben hervorhelfen konnte, war der
+Löwe langsamen Schrittes durch die schreiende und fliehende
+Menschenmenge, die das Feuer herbeigelockt hatte, dem Walde
+zugeschritten. Er hatte sich sogar einige Mal sehr würdevoll umgeschaut
+und als er die Feuerflamme sich noch ein Mal betrachtet hatte, war er
+zögernd in das Dickicht verschwunden.
+
+Nachdem der Menageriebesitzer noch einige andere Thiere in Sicherheit
+gebracht hatte, war er seinem Löwen in den Wald gefolgt in der Hoffnung,
+ihn zurückzulocken; derselbe hatte aber seitdem die Bekanntschaft einer
+Schafheerde gemacht und einen Hammel verspeist. Dadurch war ihm der Sinn
+für die Freiheit aufgegangen; sein Instinkt war erwacht und er gehorchte
+nicht mehr der bekannten Stimme, sondern entfernte sich von dem rufenden
+Herrn in würdevollem Schritt.
+
+Man erzählte nun, der Löwe habe auch ein Kind erwürgt und die Polizei
+hielt es demnach für ihre Pflicht, sich in die Sache zu mischen. Trotz
+den dringenden Bitten des Menageriebesitzers, der so gern seinen Löwen
+erhalten wollte, wurden Jäger ausgeschickt, um den gefährlichen Gast der
+Wälder und Felder zu erlegen, damit derselbe kein weiteres Unheil
+anrichten könne.
+
+
+
+
+Kapitel 11.
+
+Aus der Naturgeschichte des Löwen.
+
+
+ Und herein mit bedächtigem Schritt
+ Ein Löwe tritt.
+ Er sieht sich stumm
+ Ringsum
+ Mit langem Gähnen.
+ Er schüttelt die Mähnen.
+ Und legt sich nieder.
+
+Als der letzte Lebensfunke des Löwen verlöscht war, kam der
+Menageriebesitzer herbei; er warf sich über die Leiche seines
+Prachtstückes und weinte laut. Mit seinen Thieren hatte der arme Mann
+sein Vermögen verloren. Die kleine Prinzessin erbot sich, ihm die Haut
+des Löwen abzukaufen, sie wollte dieselbe ausstopfen lassen und im
+Lustschlößchen aufstellen, da ein in dessen Umgegend erschossener Löwe
+gewiß zu den Seltenheiten gehöre; dann lud sie den betrübten Mann ein,
+seine Affen in Empfang zu nehmen, deren Erscheinen man sich jetzt
+erklären konnte. Jetzt bemerkte man auch, daß das kleine Aeffchen an
+Brandwunden leide und man verband es mit kühlender Salbe, wobei es ganz
+still hielt.
+
+Sodann lud man den Menageriebesitzer ein, den Thee mit der Prinzessin zu
+trinken; die Kinder gedachten an ihn viele Fragen über seine Thiere zu
+thun und sich zu erkundigen, wie er sie erhalten habe.
+
+„Den Löwen,“ erzählte er, „habe ich, als er noch ganz klein war, einem
+Araber abgekauft. Der Araber hatte nämlich ausfindig gemacht, daß ein
+Löwenpaar in einer Höhle seine Jungen groß ziehe. Die Löwen pflegen nun
+niemals ihre Jungen allein zu lassen und wachen deshalb abwechselnd bei
+ihnen. Wenn die Löwin die Wache hat, ist sie stets mit ihren Kleinen
+beschäftigt; der Löwe aber, welcher meist müde von der Jagd nach Hause
+kommt, benutzt die Zeit der Beaufsichtigung, um zu schlafen, und da
+schläft er oft sehr fest mit den Kleinen um die Wette. Diesen Augenblick
+hatte der Araber nun von einem nahen Baume erlauert; als die Löwin
+einige Minuten fort war, kletterte er herab, kroch in die Höhle und nahm
+zwei kleine Löwen, die er in seinen Busen barg; sie winselten etwas und
+der Vater knurrte im Schlafe so stark, daß der Araber schon meinte, er
+sei verloren; er eilte so schnell als möglich fort nach einer Stelle auf
+einem Hügel, wo ein Pferd seiner wartete; er hatte solches indeß noch
+nicht erreicht, als er die Löwin hinter sich her kommen sah mit dem
+Ausdruck und dem Gebrüll der höchsten Wuth. In großen Sätzen durchras’te
+sie das Thal und der Araber wäre verloren gewesen, wenn er nicht die
+Gegenwart des Geistes gehabt hätte, eines der kleinen Löwen
+niederzulegen, so daß die Mutter es finden mußte. Dann bestieg er das
+Pferd und jagte davon. Als er mir den jungen Löwen brachte, hatte
+derselbe ihn mit scharfen Krallen die Brust zerkratzt, so daß das Blut
+in Strömen herabrieselte. Ich mußte dem Araber viel Geld für den jungen
+Löwen zahlen und hatte dann noch große Mühe, ehe ich ihn groß brachte;
+da können Sie es sich wohl denken, wie sehr es mich betrübt, das schöne
+Thier nun verloren zu haben.“ Thränen strömten seinen Wangen herab; dann
+erzählte er weiter:
+
+„Es ist schon so viel von den Gewohnheiten des Löwen erzählt worden und
+dennoch giebt es noch manchen wenig bekannten Zug in seiner Lebensweise.
+Wenn der Löwe in Gesellschaft jagt, so wird der älteste immer zuerst das
+Wild anfallen. Ist er so glücklich, dasselbe zu erlegen, so streckt er
+sich während einer Viertelstunde an dessen Seite nieder, um wieder zu
+Odem zu kommen, und seine Gefährten lagern sich um ihn her. Hat er sich
+genugsam ausgeruht, so erhebt er sich und verzehrt den Bauch und die
+Brust des getödteten Thieres; das sind die Lieblingsbissen des Löwen.
+Sodann legt er sich abermals nieder, ohne daß seine Gefährten oder seine
+Jungen sich die geringste Bewegung erlauben. Erst wenn sein Hunger
+vollständig befriedigt ist, fallen sie über das getödtete Thier her und
+zerfleischen es. So auch wenn ein junger Löwe auf der Jagd glücklich
+war, und ein alter ihm naht, wird er sich stets zurückziehen und warten
+bis der alte seine Mahlzeit vollendet hat.“
+
+„Ich beobachtete einst einen großen Löwen, welcher im Gebüsch lag, und
+verschiedene Mal seinen ungeheuren Satz nach einem alten Baumstamm
+richtete, gleichsam um Kräfte und Blick zu üben.“
+
+„Ich kannte in Bethanien einen Mann, welcher auf einer Fußreise nach
+einer Quelle einlenkte, wo er eine Gazelle zu erlegen hoffte. Die Sonne
+stand schon ziemlich hoch, als er diese Quelle erreichte; da er kein
+Wild bemerkte, legte er die Flinte auf einen, von wildem Dorngebüsch
+beschatteten Felsen, erfrischte sich mit einem kühlen Trunk an der
+Quelle und streckte sich dann auf dem Felsen nieder, wo er, nachdem er
+seine Pfeife geraucht hatte, einschlief. Bald darauf erweckte ihn indeß
+die Hitze der Sonne, welche die Felsenwände zurückstrahlte, und als er
+die Augen aufschlug, erblickte er zu seinen Füßen einen großen Löwen,
+welcher in liegender Stellung seine glühenden Augen auf ihn gerichtet
+hatte. Er blieb einige Augenblicke regungslos, bis er seine
+Geistesgegenwart wieder erhielt; verstohlen blickte er nach seiner
+Flinte und machte eine Bewegung dieselbe zu ergreifen. Dem Löwen entging
+solches indeß nicht, er richtete das Haupt empor und erhob ein
+furchtbares Gebrüll. Zu verschiedenen Malen erneuerte der arme Mann den
+Versuch seine Waffen zu fassen und jedes Mal drohte ihm der wüthende
+Löwe von Neuem mit seinem Gebrüll. Die Lage des Hottentotten wurde immer
+peinlicher; der Felsen, worauf er lag, ward so heiß, daß er kaum seine
+nackten Füße darauf konnte ruhen lassen. Tag und Nacht verstrichen, ohne
+daß der Löwe seine Lage gewechselt hätte. Abermal ging die Sonne empor
+und die Gluth ihrer Strahlen ward bald so heftig, daß die schmerzhaften
+Füße ganz gefühllos wurden. Gegen Mitte des Tages erhob sich der Löwe
+und begab sich an die Quelle, indem er bei jedem Schritt den Kopf
+umdrehte, um seinen Gefangenen zu bewachen; und so bald als dieser nur
+die kleinste Bewegung mit der Hand machte, drohte das Thier über ihn
+herzustürzen; als es getrunken hatte, legte es sich wieder an seinen
+Platz und es verstrich eine zweite Nacht, ohne daß sich das Auge des
+Königs der Wälder von dem armen Hottentotten abwandte.“
+
+„Am nächsten Morgen erhob sich der Löwe abermals, um seinen Durst zu
+löschen, als ein fernes Geräusch sein Ohr erreichte; er horchte auf und
+verschwand im Gebüsch.“
+
+„Der Hottentotte nahm alle seine Kräfte zusammen, um seine Flinte zu
+ergreifen, und wollte sich, nachdem dieses ihm gelungen, aufrichten,
+fiel aber wieder nieder, da seine Füße ihn nicht tragen konnten. Mit der
+Flinte kroch er an die Quelle und trank in langen Zügen; dann erst
+betrachtete er seine Füße und entdeckte, daß seine Zehen ganz verbrannt
+waren. Er setzte sich nieder, um die Rückkehr des Löwen zu erwarten,
+entschlossen, sein Gewehr in dessen Hirn zu entladen, da er ihn aber
+nicht zurückkehren sah, begann er auf allen Vieren den Weg nach seiner
+Wohnung einzuschlagen, in der Hoffnung einem Reisenden zu begegnen, der
+ihm weiter helfe, was auch geschah; man brachte ihn an einen sichern
+Ort, wo er gepflegt werden konnte. Er verlor indeß die Zehen und konnte
+niemals wieder sich des vollständigen Gebrauchs seiner Füße erfreuen.“
+
+„Der Löwe ist beim Fressen, wenn er Hunger hat, sehr grimmig, gesättigt
+ist er aber ganz mild. Bei der Jagd ergreift er nie offenbar die Flucht
+oder zeigt Furcht. Sucht er auch wegen der Menge der Jäger sich zu
+entfernen, so weicht er doch nur langsam und Schritt vor Schritt und
+wendet sich von Zeit zu Zeit um. Erreicht er einen Wald, so flieht er
+schnell, bis er wieder ins Freie kommt; dann geht er wieder schrittweis,
+oder wird er zu sehr gedrängt auch laufend, aber nie springend. Er läuft
+wie ein Hund, gerade und vorgestreckt fort; will er aber selbst
+angreifen, so springt er auf den Raub, sobald er ihm nahe ist. Auch ist
+es wahr, daß er das Feuer fürchtet. Er hat keine besondere Vorliebe für
+Menschenfleisch, und zieht jedes andere demselben vor. Nur wenn er zu
+alt ist, um Jagd auf die Thiere zu machen, nähert er sich gern den
+Städten und fängt Kinder zu seiner Nahrung. Er giebt den Hottentotten
+immer den Vorzug vor den weißen Menschen, vielleicht weil sie
+unbekleidet sind; er durchbricht oft die Reihen der Jäger, um sich das
+erwählte Opfer heraus zu suchen. -- Wenn der Löwe alt wird, verliert er
+die Zähne; dann hat er wenig Muth und man sah einen Löwen, der vor einem
+Schweine floh, welches sich wehrte und die Borsten gegen ihn sträubte.
+Er kann übrigens viele Pfeilschüsse aushalten, nur nicht in den Weichen.
+Am Kopf ist er am festesten. In Lybien glaubt man, er verstehe das
+Flehen der Frauen. Eine Gefangene, welche mit ihrem Kind am Wege stand,
+sah plötzlich einen Löwen vor sich liegen; da warf sie sich im Schrecken
+vor ihm nieder und bat ihn jammernd, sie und ihr Kind zu verschonen,
+da soll er aufgestanden und fortgegangen sein. Die Absicht des Löwen
+verräth der Schwanz; wenn sich derselbe nicht bewegt, so ist das Thier
+guter Laune. Ist es das nicht, so schlägt er mit dem Schweif auf die
+Erde, und bei wachsender Wuth sich selbst auf den Rücken, gleichsam als
+wollte er seinen Zorn dadurch noch mehr reizen. Kämpft die Löwin für
+ihre Jungen, so heftet sie die Augen auf den Boden, um nicht vor den
+Waffen zu erschrecken. Wenn man indeß dem Löwen eine Decke über Kopf und
+Augen wirft, da ist seine Kraft gebrochen und man kann ihn sogar binden,
+so furchtsam ist er.“
+
+„Zwei Jäger stießen plötzlich auf einen Löwen, welcher im Gras lag und
+mit dem Schweif schlug; Beide sehen ein, daß es um sie geschehen sei;
+als der Löwe nun auf den Einen zusprang, wich derselbe schnell aus,
+packte das Thier an der Mähne und klammerte sich fest an ihn. Der Löwe
+schüttelte und wälzte sich mit dem Unglücklichen, welcher endlich von
+seinem Halten loslassen mußte. Schon sah er den Rachen über sich
+geöffnet, als er mit beiden Händen hineinfuhr und des Löwen Zunge
+packte. Während dem zielte der andere Jäger nach dem Thier und traf es
+tödtlich.“
+
+„Sobald ein Pferd einen Löwen riecht, achtet es nicht mehr auf Zaum und
+Gebiß, sondern reißt mit dem Reiter aus oder wirft ihn ab. Der Löwe
+verfolgt indeß das Pferd und läßt den Reiter liegen.“
+
+„Als ich,“ erzählte der Menageriebesitzer, „weiter in der Nähe des
+kleinen Sonntagflusses reiste, hörte ich zum ersten Mal die Löwen die
+ganze Nacht hindurch brüllen. Das Brüllen besteht aus einem groben
+unartikulirten Laute, der etwas Hohles hat, wie der Schall eines
+Sprachrohrs. Es ist ein Mittelding zwischen U und O und scheint aus der
+Erde zu kommen, so daß man die Richtung nicht errathen kann. Daher
+wissen die erschreckten Thiere auch nicht, wohin sie fliehen sollen,
+sondern laufen im Dunkeln hin und her und fallen dem Feind in den
+Rachen. Während des Brüllens hält nämlich der Löwe das Maul gegen die
+Erde. An unserm Vieh konnten wir es jedes Mal erkennen, wenn sich Löwen
+näherten, selbst wenn sie nicht brüllten. Die Hunde wagten nicht einen
+Laut von sich zu geben, die Ochsen und Pferde holten tief Athem und
+zogen langsam an den Riemen, womit sie an die Wagen gebunden waren,
+legten sich auf die Erde und standen wieder auf, als wenn sie in
+Todesangst wären. Die uns begleitenden Hottentotten machten sodann
+Feuer, legten ihre Wurfspieße neben sich und die Europäer luden die
+Flinten mit Kugeln. Obschon die Löwen das Feuer fürchten, so wußten die
+Hottentotten doch Beispiele, daß sie Menschen davon weggeholt und ganz
+in der Nähe aufgefressen hatten. Sie verboten, zur Unzeit zu schießen,
+damit im Finstern nicht ein Mensch getroffen werde und beschlossen, das
+Thier mit ihren Spießen anzugreifen, während andere sich ihm an die Füße
+hängen sollten. Sie behaupteten, daß der Löwe den Menschen, den er
+überwältigt und unter sich liegen hat, nicht sogleich tödte, wofern
+derselbe ruhig bleibt, sondern ihm erst später unter fürchterlichem
+Gebrüll einen Schlag auf die Brust gebe. Die Hottentotten waren indeß
+sehr muthig und bezeigten keine Furcht. Einer der Ochsen zeigte sich
+ganz besonders ängstlich, so daß es ihm sogar vor Schreck im Leibe
+rumpelte; eben so benahm sich auch ein Hengst und beide Thiere hatten
+noch nie einen Löwen gesehen. Dagegen scheinen die gemsenartigen Thiere
+ihn nicht zu wittern, da sie an seinem Versteck oft so sorglos
+vorübergehen, wenn sie an’s Wasser wollen, um ihren Durst zu löschen
+und dann auch meist seine Beute werden. Will man durch Flüsse setzen,
+so pflegt man mit der großen Ochsenpeitsche so laut als möglich zu
+klatschen, um auf diese Weise die lauernden Löwen aus ihrem Hinterhalte
+zu vertreiben. Das Klatschen der Peitsche tönt weiter als ein
+Flintenschuß.“
+
+„Ein Hottentotte bemerkte eines Tages am obern Sonntagsfluß, daß ihm ein
+Löwe zwei Stunden lang nachschlich und schloß daraus, daß derselbe nur
+die Nacht abwarte, um über ihn herzufallen. Da er nichts als einen Stock
+bei sich hatte, versteckte er sich beim Einbruch der Nacht in eine Kluft
+an einem Abgrund, steckte Hut und Wamms auf den Stock, den er aus der
+Kluft herausragen ließ, indem er ihn von Zeit zu Zeit bewegte. Der Löwe
+schlich ganz leise wie eine Katze herbei, dann sprang er auf den Hut zu
+und stürzte die Felsen hinab.“
+
+„Es ist merkwürdig, daß der Löwe den Menschen gewöhnlich nur verwundet
+oder eine Weile wartet, bis er ihm den tödtlichen Streich giebt, während
+er die Thiere augenblicklich tödtet. So hatte einer zwei Ochsen, als sie
+kaum vom Wagen ausgespannt waren, auf der Stelle den Rücken entzwei
+geschlagen. Ein Mann hatte es mit seinen zwei Söhnen gewagt, Jagd auf
+einen Löwen zu machen. Sie waren zu Fuß, und als der Löwe hervorstürzte,
+hatte er schnell Einen ergriffen und ihn unter sich geworfen und dennoch
+hatten die beiden Andern Zeit, den Löwen zu erschießen und den
+Unglücklichen zu retten. Ich habe selbst einen am Backen scheußlich
+verwundeten Hottentotten gesehen, dem auf einer Jagd ein Löwe bloß
+diesen Biß beigebracht hatte, ohne ihm weiter etwas zu thun. Ein anderer
+hatte einen Mann bloß in den Arm gebissen. Da er in der Regel keinen
+Widerstand begegnet, so scheint er den Muth leicht zu verlieren, wenn
+man ihm dergleichen entgegensetzt. In der Berberei, wo er die Uebermacht
+des Menschen mehr kennen gelernt hat, soll er sich sogar mit
+Stockschlägen von Weibern und Kindern vertreiben lassen.“
+
+„Die Stärke des Löwen ist außerordentlich. Er schleppt ein Rind im
+Rachen fort, wie die Katze eine Maus und springt damit sogar über
+Gräben. Ein Büffel ist ihm jedoch zu schwer. Am Buschmannsfluß sahen
+zwei Bauern einmal einen Löwen, welcher einen Büffel fortschleppte; sie
+vertrieben aber den Löwen, weil sie selbst Lust nach dessen Beute
+hatten. Er hatte dem Büffel das Gedärm aus dem Leibe gerissen, um ihn
+leichter fortschaffen zu können. Als sie das Fleisch auf den Wagen luden
+und fortfuhren, sah er sich recht oft aus dem nahen Wald nach ihnen um,
+ohne Zweifel nicht ohne großen Verdruß. Wenn er den Sieg über den Büffel
+davon trägt, so geschieht das bloß durch Ueberfall aus einem
+Hinterhalte, nicht durch freien Kampf auf dem Felde. Er springt auf ihn
+los, setzt ihm die Klauen an den Hals, schlägt ihn mit der Tatze in’s
+Gesicht, schlingt sich um den Kopf, zieht ihn bei den Hörnern zu Boden
+und sucht ihm Maul und Nase zuzudrücken, bis er erstickt oder an seinen
+Wunden verblutet.“
+
+„Uebrigens wehren sich die Büffel, besonders wenn sie Kälber haben, und
+ein Löwe soll von einer Heerde Kühe, welche er bei hellem Tage angriff,
+todt gestoßen worden sein.“
+
+„Ein Dutzend gewöhnlicher Hofhunde werden übrigens bei Tag auch Meister
+des Löwen. Sein Stolz hält ihn nämlich ab, vor ihnen zu fliehen und er
+setzt sich blos hin, um sie mit den Tatzen abzuwehren, womit er freilich
+2-3 todt schlägt, aber von den andern zerrissen wird.“
+
+„Der Löwe ist viel leichter zu tödten als andere Thiere; Büffel und
+große Gemsen laufen mit einem Schuß durch Bauch und Gedärme davon, der
+Löwe aber bekommt gleich Erbrechen und wird unvermögend zu laufen. Der
+Löwe ist übrigens eines der trägsten Raubthiere und giebt sich nicht
+gern die Mühe, etwas aufzusuchen, so lange er nicht vom Hunger gedrängt
+ist.“
+
+„Am Kohmiesberge, im Lande der Nomaden, wollte ein Hottentotte eine
+Heerde Vieh in’s Wasser treiben, als er einen Löwen entdeckte. Er floh
+mitten durch die Heerde in der Hoffnung, daß der Löwe eher ein Stück
+Vieh ergreifen würde, als ihm zu folgen. Keineswegs. Der Löwe brach
+durch die Heerde und folgte dem Hottentotten, der jedoch noch so
+glücklich war, auf einen Aloebaum zu klettern und sich hinter einen
+Haufen Nester des grauen Webervogels zu verstecken. Der Löwe that einen
+Sprung hinauf, verfehlte aber seinen Zweck und fiel auf den Boden.
+In mürrischem Schweigen ging er um den Baum, warf dann und wann einen
+schrecklichen Blick hinauf, legte sich endlich nieder und ging 24
+Stunden nicht von der Stelle. Endlich begab er sich nach der Quelle, um
+seinen Durst zu löschen; der Hottentotte stieg herunter und lief nach
+Haus, welches nur eine halbe Stunde entfernt war. Der Löwe folgte ihm
+und kehrte erst 300 Schritt vom Hause um.“
+
+„Der Löwe greift, nach Aussage der Jäger, kein Thier und keinen Menschen
+an, wenn sie nicht fliehen, ohne vorher in einer Entfernung von zehn
+Schritt sich niedergelegt und seinen Sprung abgemessen zu haben. Daher
+schießen die Jäger ihn nicht eher, als bis er sich gelegt hat, weil sie
+dann richtig vor den Kopf treffen. -- Begegnet man unbewaffnet einem
+Löwen, so sind Muth und Geistesgegenwart das einzige Rettungsmittel. Wer
+entflieht, ist unfehlbar verloren, wer ruhig stehen bleibt, den greift
+der Löwe nicht an. Die erhabene Gestalt des Menschen flößt ihm,
+vorausgesetzt, daß er den leichten Kampf mit den Menschen noch nicht
+versucht hat, eher Furcht und Mißtrauen in seine eigene Kraft ein und
+eine ruhige Haltung verstärkt diesen Eindruck mit jedem Augenblick. Wenn
+er sich auch zum Sprung niederlegt, so wird er denselben doch nicht
+wagen, wenn man ihn unbeweglich wie eine Bildsäule in’s Auge schaut. Man
+muß sich hüten, durch eine unbedachtsame Bewegung Furcht zu verrathen.
+Der Ausgang beweist, daß er selbst sich nicht minder gefürchtet hat als
+der Mensch; denn nach einiger Zeit erhebt er sich langsam, geht unter
+beständigem Umsehen einige Schritte zurück, legt sich wieder, entfernt
+sich abermals in immer größeren Zwischenräumen und nimmt endlich, wenn
+er ganz außer dem Wirkungskreis des Menschen gekommen zu sein glaubt, in
+vollem Laufe die Flucht. Der Löwe wägt die Gefahr ab, der Panther aber
+stürzt sich blindlings auf den Feind, unbekümmert, ob er siegen oder
+unterliegen werde.“
+
+So erzählte der Menageriebesitzer lange den Kindern und von Zeit zu Zeit
+brachen immer wieder seine Thränen aus. „O,“ sagte er betrübt, „wo werde
+ich wieder einen Löwen bekommen, der so klug ist wie der meinige und so
+schön Komödie spielen kann?“
+
+„Wie, Komödie?“ riefen die Kinder einstimmig.
+
+„Ja, auf einem großen Theater in Paris.“
+
+„Man erzählt nämlich eine Geschichte von einer englischen Dame, welche
+nach einem andern Welttheil reisen wollte, um ihren Mann zu besuchen.
+Das Schiff legte an der Küste von Afrika an, um Wasser einzunehmen und
+die Frau stieg mit ihrem Kind an’s Land. Sie setzte letzteres unter
+einen Baum, um einen Trunk zu holen, und als sie wieder zurückkehren
+wollte, erblickte sie mit Schrecken einen Löwen, welcher um das Kind
+herumging, es beschnupperte und leckte. Als das kleine Wesen über die
+unsanfte Berührung seiner rauhen Zunge zu schreien begann, stutzte der
+Löwe und entfernte sich in ruhigem Schritt. Die Mutter eilte nun herbei;
+sie hatte schon gemeint, ihren Liebling todt oder verstümmelt zu finden,
+aber siehe da, er war unversehrt, und sie sank nieder auf das Knie neben
+dem Kinde und dankte Gott, daß er das Herz des Raubthiers gerührt
+hatte.“
+
+„Diese Geschichte wird nun als Singspiel in Paris aufgeführt und mein
+Löwe spielte mit. Ich hatte ihn seit seiner frühesten Kindheit darauf
+abgerichtet.“
+
+_Prinzeß._ Aber, wenn er nun wild wird?
+
+_Lisi._ Fürchtet sich denn das Publikum nicht?
+
+„Das Publikum weiß wohl,“ versetzte der Menageriebesitzer, „daß mein
+Löwe von vier dicken Seilen gebunden ist, die man aber nicht sieht.“
+
+_Prinzeß._ Das Kind ist wohl durch eine Puppe vorgestellt?
+
+_Menageriebesitzer._ Nein, es ist ein lebendiges Kind.
+
+_Prinzeß._ Aber welche Mutter wird ihr Kind zu so etwas hergeben?
+
+_Menageriebesitzer._ Das Kind läuft keine Gefahr, denn es liegt unter
+einem Gitter von starkem Draht; dieses schützt vor des Löwen Zahn und
+Zunge, während es für das Publikum unsichtbar ist.
+
+Als der Menageriebesitzer seine Erzählung beendet hatte, begab er sich
+auf den Heimweg. Die Kinder aber plauderten noch lange über das
+Löwenabenteuer, über den Löwen und dessen Naturgeschichte.
+
+
+
+
+Kapitel 12.
+
+Der Kater Rosaurus will König der Wälder werden.
+
+
+ Hochmuth
+ Thut selten gut.
+
+Das Kind, welches der Löwe gefressen hatte, war niemand anders als die
+kleine Hanne. -- Dorte hatte sie wie gewöhnlich sorgsam angekleidet,
+gewaschen und gekämmt, um sie in die Klein-Kinderbewahrschule zu
+bringen. Sie hatte ihr auch ein Taschentuch mitgegeben, was sie wohl
+konnte, da Wilhelm deren so viel gestohlen hatte. Hanne aber wollte
+nicht in die Bewahrschule gehen, sondern lieber auf der Straße spielen;
+sie war noch immer ein ungehorsames Kind, und als die Schwester mit ihr
+auf dem Wege war, riß sie sich los von deren Halten und lief weg. Sie
+hatte sich im nahen Gebüsch verstecken wollen, bis Dorte selbst in die
+Schule gehen mußte; dann wäre sie während mehrer Stunden ganz ohne
+Aufsicht gewesen. Hannchen wußte nicht, daß man nicht davon laufen müsse
+vor dem Löwen, und als sie das große Thier erblickte, war sie trotz
+ihrem Schrecken auf nichts als auf ihre Flucht bedacht. Sie riß aus, so
+schnell die vor Angst zitternden Füße sie tragen konnten, -- aber der
+Löwe hatte sie mit zwei Sprüngen erreicht; er mußte noch hungrig sein
+trotz des erlegten Schafs, bei dessen Verzehren seine Verfolger ihn
+gestört hatten. Mit seiner großen Tatze schlug er das Kind zu Boden und
+bald war sie mit Haut und Haaren verspeist.
+
+Der Ungehorsam wird immer bestraft, auch wenn keine Löwen frei im Walde
+herum laufen! --
+
+Der große Löwe wurde nun ausgestopft und im Lustschloß der Prinzessin
+aufgestellt. Er stand im Hausplatz, und wer zur Hausthür hereintrat,
+bewunderte das schöne Thier. Rosaurus erfreute sich ganz besonders an
+demselben; er kletterte an dem Schwanz hinauf, setzte sich auf des Löwen
+Kopf, zaußte in dessen Mähnen herum und ergötzte durch seine
+wunderlichen Sprünge und Geberden die Prinzessin und deren Freundinnen.
+
+Wenn Rosaurus auf des Löwen Haupte saß, so kamen ihm oft wunderliche
+Gedanken; es war, als ob der Muth des großen Todten ihm durch die
+Glieder ströme, er bekam Lust, auch ein König der Wälder zu werden. „Ich
+verbringe“, sagte Rosaurus zu sich selbst, „hier meine Tage in
+Müßiggang; wenn ich durch meine Sprünge eine lachlustige Jugend
+unterhalte, so habe ich meinen Beruf erfüllt. Ich führe eigentlich ein
+wahres Schlaraffenleben; mir fliegen, so zu sagen, die gebratenen Tauben
+in den Mund, während die Natur mir List und Geschicklichkeit verliehen
+hat, sie lebendig zu fangen. Ich hänge ab von den Launen einer kleinen
+Prinzessin, ich bin gebannt auf die weichen Teppiche der fürstlichen
+Zimmer, während die ganze große Welt mir offen steht und Millionen von
+Mäusen herumlaufen, die eigentlich nur für mich geschaffen sind. Ich bin
+ein Sklave und könnte so gut frei sein. Im Wald, wo alle Thiere froh und
+vergnügt herumklettern, muß ich allein Fesseln tragen und werde an einem
+rosa Atlasband gehalten. Nein! das geht nicht länger so. Ich bin zwar
+noch nicht ein ganz großer ausgewachsener Kater, aber ich fühle doch
+schon Kraft und Muth genug, um meine goldenen Fesseln zu brechen und
+mich selbst zu ernähren; ich will ein freier Kater sein!“
+
+Nach diesen Betrachtungen erwartete Rosaurus nur die Gelegenheit, aus
+dem Lustschloß zu entkommen, die sich auch leicht fand, da das erste
+offene Fenster im Parterre ihm zu seiner Flucht behülflich war; er
+bewerkstelligte dieselbe am frühen Morgen, und eilte sogleich, aus
+Furcht, daß man ihn bald einfangen würde, in den tiefsten Wald. Er hatte
+noch kein Frühstück genossen und freute sich, dasselbe zum ersten Mal in
+seinem Leben sich selbst zu erwerben. -- In den Gipfeln der Bäume
+erblickte er Nester; das Wasser lief ihm in dem Mund zusammen beim
+Gedanken an die zarten Vögelchen, die er knacken wollte; aber ach! als
+er die Bäume erklettert hatte, fand er die Nester leer, es war die
+Brutzeit vorüber. Nachdem er zu verschiedenen Malen auf ähnliche Weise
+getäuscht worden, nahm er sich vor, lieber den Mäusen nachzugehen. Er
+wußte sehr wenig Bescheid im Wald, kannte also nicht die mäusereichen
+Distrikte und hielt es für das Beste, sich auf die Lauer zu legen.
+Es war ein starker Thau gefallen und Rosaurus hatte ganz nasse Füße
+bekommen; er suchte also ein trockenes Plätzchen unter einem großen
+Baum, wo mehrere Mäuselöcher ihm einige Hoffnung auf Erfüllung seiner
+Wünsche eröffneten; dort leckte er seine Pfötchen, putzte sich das Kinn,
+und machte eine sehr sorgfältige Toilette, denn er meinte, ein freier
+Kater müsse auch auf eine anständige Weise einhergehen.
+
+Während dieser Beschäftigung hörte er etwas neben sich rascheln -- „eine
+Maus“, dachte er -- aber nein, es war ein anderes niedliches Thier.
+-- Gelb der Rücken und weiß die Brust, zierlich der Bau. Es war ein
+Wiesel. Beide Thiere freuten sich, Bekanntschaft mit einander zu machen;
+sie schlossen Freundschaft. -- „Lieber Freund“, sagte das Wiesel, „wenn
+du mich lieb hast, so entferne dich von hier; wir befinden uns auf
+_meinem_ Mäuserevier; ich habe noch nicht gefrühstückt und wenn mein
+Wild dich so schön schnurren hört, da bleibt es in den Höhlen -- vergieb
+-- mit Freunden macht man nicht Umstände.“
+
+Rosaurus hatte gemeint, alle Mäuse wären nur für ihn geschaffen und
+siehe, da war ein Nebenbuhler; schnell eilte er nach einem andern Platz;
+die Sonne hatte den Thau getrocknet und er schlich im zarten Grase so
+leise und weich einher, wie auf dem fürstlichen Teppich. „Hier ist mir
+gewiß das Glück hold“, dachte er. Da bemerkte er plötzlich ein
+wunderliches Geschöpf; es war ein rundes, ganz mit Stacheln bedecktes
+Thier, welches einen sehr kleinen Kopf und sehr kurze Füße hatte; es war
+ein Igel. „Was willst du?“ frug derselbe mit sanfter Stimme; „du weißt
+wohl nicht, daß du hier auf meinem Mäuserevier bist; habe die Güte, dich
+zu entfernen, denn mich hungert’s. Ich laure schon den ganzen Morgen
+vergebens auf ein Frühstück.“
+
+Rosaurus eilte weiter; er war sehr hungrig; an einem Bergabhang hoffte
+er Schutz vor den heißen Strahlen der Sonne und eine Maus zu finden.
+Kaum dort angelangt aber vernahm er eine tiefe grobe Stimme, welche aus
+einer Höhle hervortönte, und die mit scharfen Zähnen versehene Schnauze
+eines Fuchses ließ sich sehen. -- „Mach, daß du fort kommst, du
+mauselustiges Thier; das Mäusenest in der Nähe habe ich nicht etwa so
+lange für dich aufgespart; wenn ich kein besseres Mahl erwischen kann,
+so sollen dessen Bewohner mir gar nicht übel schmecken. Der Hunger ist
+der beste Koch!“
+
+Rosaurus schlich betrübt weiter; er, der gemeint hatte, die Mäuse wären
+nur für die Katzen geschaffen, er fand nun, daß noch so viele andere
+Thiere auf diese Speise angewiesen waren. -- Sein Muth sank immer mehr;
+als er müde sich auf einen Baumstummel setzte, vernahm er ein klägliches
+Schreien -- ein Sperber hatte eine Maus gefangen und verzehrte dieselbe
+auf einem benachbarten Zweig.
+
+Der Abend brach ein und Rosaurus war noch nüchtern. Es war dunkle Nacht
+und dichte Wolken hatten sich über dem Himmel gelagert und verhüllten
+Mond und Sterne; ein fernes Donnern ließ sich vernehmen und Rosaurus
+suchte Obdach hinter der verfallenen Mauer eines alten Thurmes.
+„Vielleicht läuft mir ein Mäuschen in den Weg, welches Schutz sucht, wie
+ich.“ -- So dachte Rosaurus und sollte abermals getäuscht werden. Eine
+große Eule hatte dort ihr Nest aufgeschlagen und Rosaurus fühlte
+plötzlich den krummen Schnabel auf seinem Rücken. Die Eulen hassen die
+Katzen von Natur, weil sie von Mäusen leben, wie sie selbst; diese hier
+hatte noch obendrein Junge, denen Rosaurus gefährlich werden konnte.
+
+Erschrocken eilte der arme Kater von dannen; die Eule hatte ihm eine
+tiefe Wunde auf dem rechten Schenkel beigebracht und diese schmerzte.
+Der Regen strömte herab und Rosaurus befand sich auf freiem Feld; -- er
+fühlte sich sehr unglücklich. Was war aus seinen Träumen von Freiheit
+geworden? er, welcher ein König der Thiere hatte werden wollen, was war
+er jetzt? Ein gedemüthigtes nasses Kätzchen, ohne Obdach, ohne Speise,
+das sich nicht mehr nach Hause finden konnte. Ach, er mochte wohl sehr
+weit von Hause entfernt sein; wie war er müde! Er streckte sich ins
+nasse Gras und sein klägliches Miau mußte alle Mäuse verscheuchen, wenn
+der Regen das nicht schon gethan hätte. -- Zuletzt verstummte auch
+dieses Miau; Rosaurus lag erstarrt und ohnmächtig und alles Bewußtsein
+war von ihm geschwunden. Armer Rosaurus! das war ein schreckliches Ende
+seines ehrgeizigen Strebens.
+
+Die Nacht war vorbei, der Regen hatte aufgehört, die Sonne ging auf, die
+Vögel zwitscherten, die Regenwürmer krochen hervor; die Feldmäuschen
+streckten ihr spitzig Näschen aus den Löchern, aber Rosaurus merkte
+nichts davon. Da kam ein kleines Mädchen daher, es war Dortchen, welche
+Etwas nach dem fürstlichen Lustschloß zu tragen hatte; sie sah Rosaurus
+am Wege liegen und erkannte ihn an dem abgebissenen Schwänzchen; denn an
+etwas Anderem hätte sie ihn nicht erkennen können, so häßlich, schmutzig
+und zerzaußt sah er aus. Sie nahm das erstarrte Thier in ihren Mantel
+und wärmte es; dann trug sie es zur kleinen Prinzessin. Rosaurus schlug
+die Augen auf, ihm war es, als habe er einen schweren Traum gehabt, nur
+der große Hunger, den er fühlte, sagte ihm, daß es kein Traum gewesen
+sei. Aber da stand auch schon die warme Milch mit Bisquit; während er
+fraß, wurde die Wunde ausgewaschen und mit kaltem Rahm benetzt; dann
+trug man Rosaurus in sein weiches Bettchen und deckte ihn mit warmen
+Tüchern zu. -- Er schlief ein. --
+
+Als er erwachte, fühlte er sich neu gestärkt, alle Sehnsucht nach der
+Freiheit war geschwunden, er spürte nichts mehr von Gelüsten -- ein
+König der Wälder zu sein und empfand mit großem Behagen die
+Annehmlichkeit seiner Hofexistenz. Er nahm sich vor, dieselbe nicht mehr
+freiwillig aufzugeben, und die unsichere Mäusejagd nicht mehr höher zu
+stellen als die Süßigkeiten, welche der Prinzessin weiße Hand ihm
+stündlich reichte.
+
+
+
+
+Schluß.
+
+
+ Gieb sie, gieb sie des Lebens Gaben
+ Und was Dein Herz in Liebe trägt:
+ Das Herz will seine Stimme haben,
+ Bevor es stolz und ruhig schlägt.
+
+Jahre verstrichen. Rosaurus war ein großer dicker Kater geworden; die
+niedlichen Sprünge hatte er eingestellt; selten erlaubte er sich einen
+Spatziergang auf das Dach; seine Eltern waren gestorben und seine
+Geschwister kannten ihn nicht mehr; sie meinten, er habe gar zu feine
+Manieren angenommen; wollte immer etwas vorstellen, wenn er unter ihnen
+wäre, und wisse von gar nichts zu erzählen, als von dem großen Löwen,
+bei dem er drei Stunden zugebracht und den er in Respekt erhalten habe.
+-- Dagegen mache er eine verächtliche Miene, wenn sie von ihren Mäusen-
+und Ratten-Abenteuern im Keller erzählten; er schien die wichtigsten
+Ereignisse ihres Lebens für höchst kleinlich und unbedeutend zu halten
+und bei ihren schönsten Konzerten schlief er ein oder schnurrte so laut,
+daß der kräftigste Katzenbaß kaum vernehmbar werden konnte. Rosaurus
+wurde demnach nicht mehr eingeladen und wenn seine Verwandten ihn mit
+einiger Höflichkeit behandelten, so geschah es blos, weil sie
+vermutheten, daß er große Schätze an Knochen, Zucker und Bisquit
+besitze, die er ihnen einmal Preis geben oder vermachen könne.
+
+Indessen war Joly gestorben; -- er hatte von allzuguter Nahrung und, wie
+Lisi meinte, vom steten Aerger über Rosaurus, die Raute bekommen und war
+so ekelhaft geworden, daß man es für nothwendig hielt, ihn todt zu
+schießen, wovon freilich die Prinzessin nichts erfahren durfte. Bald
+darauf brachte man ihr ein anderes Hündchen, welches dem Joly ähnlich
+sah, nur jünger und lustiger. Jetzt kam die Reihe an Rosaurus
+eifersüchtig zu werden und er zeigte sich so heftig und erbarmungslos
+gegen das kleine Thier, er hatte so wenig von der Großmuth des Löwen
+gelernt, daß er dem neuen kleinen Joly einst mit einem starken Schlag
+seiner Tatze ein Auge auskratzte.
+
+Demnach wurde Rosaurus ins Vorzimmer verbannt und der kleine Joly wurde
+der Schooßhund und der stete Gefährte der Prinzessin.
+
+Einst erhielt sie zwei allerliebste kleine Vögelchen; sie waren grün und
+man nannte sie die Unzertrennlichen, weil sie immer ganz dicht bei
+einander saßen und das Bild einer guten Ehe abgaben. Sie kamen aus
+Amerika, wo sie heimisch sind. Die Prinzessin freute sich sehr an den
+kleinen Thieren. -- Rosaurus erblickte sie eines Tages und schien zu
+meinen, daß sie blos seinetwegen so weit hergekommen seien; er stürzte
+sich über den Bauer her und fügte seine Krallen in dessen Drathgitter,
+um sie herauszuholen; glücklicherweise trat gerade Lisi ins Zimmer und
+erhob ein furchtbares Geschrei. -- Rosaurus ward verjagt und das Leben
+der kleinen Vögel gerettet. Der Schreck mochte aber sehr groß gewesen
+sein und ihre schönen grünen Federchen flogen im Käfig herum, und hier
+und da blutete eine Stelle, wo eine scharfe Kralle die Haut geritzt
+hatte.
+
+Nach dieser Missethat fiel Rosaurus gänzlich in Ungnade; und als
+Mademoiselle Gogo einer jungen Erzieherin Platz machte, weil sie wegen
+Kränklichkeit in den Ruhestand versetzt zu werden bat, nahm sie
+Rosaurus, an den sie sich gewöhnt hatte, mit in ihre Wohnung, wo sie ihn
+mit großer Liebe und Sorgfalt pflegte. Die Prinzessin hatte ihr ein
+großes weiches Sammetkissen für diesen Lebensgefährten geschenkt; darauf
+lag Rosaurus und war noch im Alter ein schöner Kater. Er that eigentlich
+nichts als fressen und schnurren -- und das Spinnrädchen der Mlle. Gogo
+schnurrte mit ihm um die Wette.
+
+
+
+
+Druck der Vereins-Buchdruckerei in Leipzig.
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+
+ERRATA
+
+ Die kleine _Diana_ [_ungeändert: später immer »Diane«_]
+ Prinzeßchen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen.
+ [_Original hat überflüssiges “ am Ende_]
+ wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir’s.“ [_“ fehlt_]
+ Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen [_Orig. Pisquit_]
+ wenn wir es mit uns nehmen wollten.“ [_“ fehlt_]
+ folgenden Bericht. „Sie [_“ kommt nie_]
+ solche gute Sachen genießen sollten.“ [_“ fehlt_]
+ Bist du mir noch böse, daß ich dir den Arm in meiner Tasche zerbrach.
+ [_ungeändert: Fehler . for ?_]
+ „wenn du mich lieb hast [_„ fehlt_]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Schicksale des Katers
+Rosaurus, by Amalie Winter
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND SCHICKSALE ***
+
+***** This file should be named 25722-0.txt or 25722-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/5/7/2/25722/
+
+Produced by Louise Hope, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+file was made using scans of public domain works in the
+International Children's Digital Library.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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