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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:19:15 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Siddhartha, by Hermann Hesse
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Siddhartha
+
+Author: Hermann Hesse
+
+Posting Date: May 30, 2011 [EBook #2499]
+Release Date: February, 2001
+[Last updated: February 25, 2016]
+
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDDHARTHA ***
+
+
+
+
+Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com,
+with the assistance of Stefan Langer, sl99@gmx.de, in
+scanning the original 1922 edition and Dr. Mary Cicora,
+mcicora@yahoo.com, with the proofreading of this
+transcription.
+
+
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+
+SIDDHARTHA
+
+Eine indische Dichtung
+
+von Hermann Hesse
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+ERSTER TEIL
+
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+
+Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet
+
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+
+DER SOHN DES BRAHMANEN
+
+Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten
+des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der
+schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit Govinda, seinem Freunde, dem
+Brahmanensohn. Sonne bräunte seine lichten Schultern am Flußufer,
+beim Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern.
+Schatten floß in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den
+Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei
+den Lehren seines Vaters, des Gelehrten, beim Gespräch der Weisen.
+Lange schon nahm Siddhartha am Gespräch der Weisen teil, übte sich mit
+Govinda im Redekampf, übte sich mit Govinda in der Kunst der
+Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er, lautlos das
+Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hinein zu
+sprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich heraus zu sprechen mit
+dem Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben vom Glanz des
+klardenkenden Geistes. Schon verstand er, im Innern seines Wesens
+Atman zu wissen, unzerstörbar, eins mit dem Weltall.
+
+Freude sprang in seines Vaters Herzen über den Sohn, den Gelehrigen,
+den Wissensdurstigen, einen großen Weisen und Priester sah er in ihm
+heranwachsen, einen Fürsten unter den Brahmanen.
+
+Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn
+schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddhartha,
+den Starken, den Schönen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den
+mit vollkommenem Anstand sie Begrüßenden.
+
+Liebe rührte sich in den Herzen der jungen Brahmanentöchter, wenn
+Siddhartha durch die Gassen der Stadt ging, mit der leuchtenden Stirn,
+mit dem Königsauge, mit den schmalen Hüften.
+
+Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der
+Brahmanensohn. Er liebte Siddharthas Auge und holde Stimme, er liebte
+seinen Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte
+alles, was Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er seinen
+Geist, seine hohen, feurigen Gedanken, seinen glühenden Willen, seine
+hohe Berufung. Govinda wußte: dieser wird kein gemeiner Brahmane
+werden, kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Händler mit
+Zaubersprüchen, kein eitler, leerer Redner, kein böser, hinterlistiger
+Priester, und auch kein gutes, dummes Schaf in der Herde der Vielen.
+Nein, und auch er, Govinda, wollte kein solcher werden, kein Brahmane,
+wie es zehntausend gibt. Er wollte Siddhartha folgen, dem Geliebten,
+dem Herrlichen. Und wenn Siddhartha einstmals ein Gott würde, wenn er
+einstmals eingehen würde zu den Strahlenden, dann wollte Govinda ihm
+folgen, als sein Freund, als sein Begleiter, als sein Diener, als sein
+Speerträger, sein Schatten.
+
+So liebten den Siddhartha alle. Allen schuf er Freude, allen war er
+zur Lust.
+
+Er aber, Siddhartha, schuf sich nicht Freude, er war sich nicht zur
+Lust. Wandelnd auf den rosigen Wegen des Feigengartens, sitzend im
+bläulichen Schatten des Hains der Betrachtung, waschend seine Glieder
+im täglichen Sühnebad, opfernd im tiefschattigen Mangowald, von
+vollkommenem Anstand der Gebärden, von allen geliebt, aller Freude,
+trug er doch keine Freude im Herzen. Träume kamen ihm und rastlose
+Gedanken aus dem Wasser des Flusses geflossen, aus den Sternen der
+Nacht gefunkelt, aus den Strahlen der Sonne geschmolzen, Träume kamen
+ihm und Ruhelosigkeit der Seele, aus den Opfern geraucht, aus den
+Versen der Rig-Veda gehaucht, aus den Lehren der alten Brahmanen
+geträufelt.
+
+Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Er hatte
+begonnen zu fühlen, daß die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner
+Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govindas, nicht immer und
+für alle Zeit ihn beglücken, ihn stillen, ihn sättigen, ihm genügen
+werde. Er hatte begonnen zu ahnen, daß sein ehrwürdiger Vater und
+seine anderen Lehrer, daß die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit
+das meiste und beste schon mitgeteilt, daß sie ihre Fülle schon in
+sein wartendes Gefäß gegossen hätten, und das Gefäß war nicht voll,
+der Geist war nicht begnügt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht
+gestillt. Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie
+wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie lösten
+nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufung
+der Götter--aber war dies alles? Gaben die Opfer Glück? Und wie war
+das mit den Göttern? War es wirklich Prajapati, der die Welt
+erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der All-Eine?
+Waren nicht die Götter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der
+Zeit untertan, vergänglich? War es also gut, war es richtig, war es
+ein sinnvolles und höchstes Tun, den Göttern zu opfern? Wem anders
+war zu opfern, wem anders war Verehrung darzubringen als Ihm, dem
+Einzigen, dem Atman? Und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo
+schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im eigenen Ich, im Innersten,
+im Unzerstörbaren, das ein jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies
+Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch und Bein, es
+war nicht Denken noch Bewußtsein, so lehrten die Weisesten. Wo, wo
+also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, zu mir, zum Atman,--gab es
+einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte
+diesen Weg, niemand wußte ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und
+Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge! Alles wußten sie, die
+Brahmanen und ihre heiligen Bücher, alles wußten sie, um alles hatten
+sie sich gekümmert und um mehr als alles, die Erschaffung der Welt,
+das Entstehen der Rede, der Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die
+Ordnungen der Sinne, die Taten der Götter--unendlich vieles wußten
+sie--aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und
+Einzige nicht wußte, das Wichtigste, das allein Wichtige?
+
+Gewiß, viele Verse der heiligen Bücher, zumal in den Upanishaden des
+Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten, herrliche Verse.
+"Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und
+geschrieben stand, daß der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem
+Innersten eingehe und im Atman wohne. Wunderbare Weisheit stand in
+diesen Versen, alles Wissen der Weisesten stand hier in magischen
+Worten gesammelt, rein wie von Bienen gesammelter Honig. Nein, nicht
+gering zu achten war das Ungeheure an Erkenntnis, das hier von
+unzählbaren Geschlechterfolgen weiser Brahmanen gesammelt und bewahrt
+lag.--Aber wo waren die Brahmanen, wo die Priester, wo die Weisen oder
+Büßer, denen es gelungen war, dieses tiefste Wissen nicht bloß zu
+wissen, sondern zu leben? Wo war der Kundige, der das Daheimsein im
+Atman aus dem Schlafe herüberzauberte ins Wachsein, in das Leben, in
+Schritt und Tritt, in Wort und Tat? Viele ehrwürdige Brahmanen kannte
+Siddhartha, seinen Vater vor allen, den Reinen, den Gelehrten, den
+höchst Ehrwürdigen. Zu bewundern war sein Vater, still und edel war
+sein Gehaben, rein sein Leben, weise sein Wort, feine und adlige
+Gedanken wohnten in seiner Stirn--aber auch er, der so viel Wissende,
+lebte er denn in Seligkeit, hatte er Frieden, war er nicht auch nur
+ein Suchender, ein Dürstender? Mußte er nicht immer und immer wieder
+an heiligen Quellen, ein Durstender, trinken, am Opfer, an den Büchern,
+an der Wechselrede der Brahmanen? Warum mußte er, der Untadelige,
+jeden Tag Sünde abwaschen, jeden Tag sich um Reinigung mühen, jeden
+Tag von neuem? War denn nicht Atman in ihm, floß denn nicht in seinem
+eigenen Herzen der Urquell? Ihn mußte man finden, den Urquell im
+eigenen Ich, ihn mußte man zu eigen haben! Alles andre war Suchen,
+war Umweg, war Verirrung.
+
+So waren Siddharthas Gedanken, dies war sein Durst, dies sein Leiden.
+
+Oft sprach er aus einem Chandogya-Upanishad sich die Worte vor:
+"Fürwahr, der Name des Brahman ist Satyam--wahrlich, wer solches weiß,
+der geht täglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe,
+die himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den
+letzten Durst gelöscht. Und von allen Weisen und Weisesten, die er
+kannte und deren Belehrung er genoß, von ihnen allen war keiner, der
+sie ganz erreicht hatte, die himmlische Welt, der ihn ganz gelöscht
+hatte, den ewigen Durst.
+
+"Govinda," sprach Siddhartha zu seinem Freunde, "Govinda, Lieber, komm
+mit mir unter den Banyanenbaum, wir wollen der Versenkung pflegen."
+
+Sie gingen zum Banyanenbaum, sie setzten sich nieder, hier Siddhartha,
+zwanzig Schritte weiter Govinda. Indem er sich niedersetzte, bereit,
+das Om zu sprechen, wiederholte Siddhartha murmelnd den Vers:
+
+Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele,
+Das Brahman ist des Pfeiles Ziel,
+Das soll man unentwegt treffen.
+
+
+Als die gewohnte Zeit der Versenkungsübung hingegangen war, erhob sich
+Govinda. Der Abend war gekommen, Zeit war es, die Waschung der
+Abendstunde vorzunehmen. Er rief Siddharthas Namen. Siddhartha gab
+nicht Antwort. Siddhartha saß versunken, seine Augen standen starr
+auf ein sehr fernes Ziel gerichtet, seine Zungenspitze stand ein wenig
+zwischen den Zähnen hervor, er schien nicht zu atmen. So saß er, in
+Versenkung gehüllt, Om denkend, seine Seele als Pfeil nach dem Brahman
+ausgesandt.
+
+Einst waren Samanas durch Siddharthas Stadt gezogen, pilgernde Asketen,
+drei dürre, erloschene Männer, nicht alt noch jung, mit staubigen und
+blutigen Schultern, nahezu nackt von der Sonne versengt, von
+Einsamkeit umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere
+Schakale im Reich der Menschen. Hinter ihnen her wehte heiß ein Duft
+von stiller Leidenschaft, von zerstörendem Dienst, von mitleidloser
+Entselbstung.
+
+Am Abend, nach der Stunde der Betrachtung, sprach Siddhartha zu
+Govinda: "Morgen in der Frühe, mein Freund, wird Siddhartha zu den
+Samanas gehen. Er wird ein Samana werden."
+
+Govinda erbleichte, da er die Worte hörte und im unbewegten Gesicht
+seines Freundes den Entschluß las, unablenkbar wie der vom Bogen
+losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda:
+Nun beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein
+Schicksal zu sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich
+wie eine trockene Bananenschale.
+
+"O Siddhartha," rief er, "wird das dein Vater dir erlauben?"
+
+Siddhartha blickte herüber wie ein Erwachender. Pfeilschnell las er
+in Govindas Seele, las die Angst, las die Ergebung.
+
+"O Govinda," sprach er leise, "wir wollen nicht Worte verschwenden.
+Morgen mit Tagesanbruch werde ich das Leben der Samanas beginnen.
+Rede nicht mehr davon."
+
+Siddhartha trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast
+saß, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater
+fühlte, daß einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: "Bist du es,
+Siddhartha? So sage, was zu sagen du gekommen bist."
+
+Sprach Siddhartha: "Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin
+gekommen, dir zu sagen, daß mich verlangt, morgen dein Haus zu
+verlassen und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden ist mein
+Verlangen. Möge mein Vater dem nicht entgegen sein."
+
+Der Brahmane schwieg, und schwieg so lange, daß im kleinen Fenster die
+Sterne wanderten und ihre Figur veränderten, ehe das Schweigen in der
+Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen
+der Sohn, stumm und regungslos saß auf der Matte der Vater, und die
+Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: "Nicht ziemt es dem
+Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt
+mein Herz. Nicht möchte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem
+Munde hören."
+
+Langsam erhob sich der Brahmane, Siddhartha stand stumm mit gekreuzten
+Armen.
+
+"Worauf wartest du?" fragte der Vater.
+
+Sprach Siddhartha: "Du weißt es."
+
+Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager
+auf und legte sich nieder.
+
+Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
+Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das
+kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha
+stehen, mit gekreuzten Armen, unverrückt. Bleich schimmerte sein
+helles Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager
+zurück.
+
+Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
+Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus,
+sah den Mond aufgegangen. Durch das Fenster der Kammer blickte er
+hinein, da stand Siddhartha, unverrückt, mit gekreuzten Armen, an
+seinen bloßen Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im
+Herzen, suchte der Vater sein Lager auf.
+
+Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien
+Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddhartha stehen, im Mond,
+im Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu
+Stunde, schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverrückt
+Stehenden, füllte sein Herz mit Zorn, füllte sein Herz mit Unruhe,
+füllte sein Herz mit Zagen, füllte es mit Leid.
+
+Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder,
+trat in die Kammer, sah den Jüngling stehen, der ihm groß und wie
+fremd erschien.
+
+"Siddhartha," sprach er, "worauf wartest du?"
+
+"Du weißt es."
+
+"Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird,
+Abend wird?"
+
+"Ich werde stehen und warten."
+
+"Du wirst müde werden, Siddhartha."
+
+"Ich werde müde werden."
+
+"Du wirst einschlafen, Siddhartha."
+
+"Ich werde nicht einschlafen."
+
+"Du wirst sterben, Siddhartha."
+
+"Ich werde sterben."
+
+"Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?"
+
+"Siddhartha hat immer seinem Vater gehorcht."
+
+"So willst du dein Vorhaben aufgeben?"
+
+"Siddhartha wird tun, was sein Vater ihm sagen wird."
+
+Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, daß
+Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er
+kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, daß
+Siddhartha schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, daß
+er ihn schon jetzt verlassen habe.
+
+Der Vater berührte Siddharthas Schulter.
+
+"Du wirst," sprach er, "in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast
+du Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit.
+Findest du Enttäuschung, dann kehre wieder und laß uns wieder
+gemeinsam den Göttern opfern. Nun gehe und küsse deine Mutter, sage
+ihr, wohin du gehst. Für mich aber ist es Zeit, an den Fluß zu gehen
+und die erste Waschung vorzunehmen."
+
+Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus.
+Siddhartha schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang
+seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um
+zu tun, wie der Vater gesagt hatte.
+
+Als er im ersten Tageslicht langsam auf erstarrten Beinen die noch
+stille Stadt verließ, erhob sich bei der letzten Hütte ein Schatten,
+der dort gekauert war, und schloß sich an den Pilgernden an--Govinda.
+
+"Du bist gekommen", sagte Siddhartha und lächelte.
+
+"Ich bin gekommen," sagte Govinda.
+
+
+
+
+BEI DEN SAMANAS
+
+Am Abend dieses Tages holten sie die Asketen ein, die dürren Samanas,
+und boten ihnen Begleitschaft und Gehorsam an. Sie wurden angenommen.
+
+Siddhartha schenkte sein Gewand einem armen Brahmanen auf der Straße.
+Er trug nur noch die Schambinde und den erdfarbenen ungenähten
+Überwurf. Er aß nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er
+fastete fünfzehn Tage. Er fastete acht und zwanzig Tage. Das Fleisch
+schwand ihm von Schenkeln und Wangen. Heiße Träume flackerten aus
+seinen vergrößerten Augen, an seinen dorrenden Fingern wuchsen lang
+die Nägel und am Kinn der trockne, struppige Bart. Eisig wurde sein
+Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er
+durch eine Stadt mit schön gekleideten Menschen ging. Er sah Händler
+handeln, Fürsten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen,
+Huren sich anbieten, Ärzte sich um Kranke mühen, Priester den Tag für
+die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Mütter ihre Kinder
+stillen--und alles war nicht den Blick seines Auges wert, alles log,
+alles stank, alles stank nach Lüge, alles täuschte Sinn und Glück und
+Schönheit vor, und alles war uneingestandene Verwesung. Bitter
+schmeckte die Welt. Qual war das Leben.
+
+Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von
+Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von
+sich selbst wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe
+zu finden, im entselbsteten Denken dem Wunder offen zu stehen, das war
+sein Ziel. Wenn alles Ich überwunden und gestorben war, wenn jede
+Sucht und jeder Trieb im Herzen schwieg, dann mußte das Letzte
+erwachen, das Innerste im Wesen, das nicht mehr Ich ist, das große
+Geheimnis.
+
+Schweigend stand Siddhartha im senkrechten Sonnenbrand, glühend vor
+Schmerz, glühend vor Durst, und stand, bis er nicht Schmerz noch Durst
+mehr fühlte. Schweigend stand er in der Regenzeit, aus seinem Haare
+troff das Wasser über frierende Schultern, über frierende Hüften und
+Beine, und der Büßer stand, bis Schultern und Beine nicht mehr froren,
+bis sie schwiegen, bis sie still waren. Schweigend kauerte er im
+Dorngerank, aus der brennenden Haut tropfte das Blut, aus Schwären der
+Eiter, und Siddhartha verweilte starr, verweilte regungslos, bis kein
+Blut mehr floß, bis nichts mehr stach, bis nichts mehr brannte.
+
+Siddhartha saß aufrecht und lernte den Atem sparen, lernte mit wenig
+Atem auskommen, lernte den Atem abzustellen. Er lernte, mit dem Atem
+beginnend, seinen Herzschlag beruhigen, lernte die Schläge seines
+Herzens vermindern, bis es wenige und fast keine mehr waren.
+
+Vom Ältesten der Samanas belehrt, übte Siddhartha Entselbstung, übte
+Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog überm
+Bambuswald--und Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog
+über Wald und Gebirg, war Reiher, fraß Fische, hungerte Reiherhunger,
+sprach Reihergekrächz, starb Reihertod. Ein toter Schakal lag am
+Sandufer, und Siddharthas Seele schlüpfte in den Leichnam hinein, war
+toter Schakal, lag am Strande, blähte sich, stank, verweste, ward von
+Hyänen zerstückt, ward von Geiern enthäutet, ward Gerippe, ward Staub,
+wehte ins Gefild. Und Siddharthas Seele kehrte zurück, war gestorben,
+war verwest, war zerstäubt, hatte den trüben Rausch des Kreislaufs
+geschmeckt, harrte in neuem Durst wie ein Jäger auf die Lücke, wo dem
+Kreislauf zu entrinnen wäre, wo das Ende der Ursachen, wo leidlose
+Ewigkeit begänne. Er tötete seine Sinne, er tötete seine Erinnerung,
+er schlüpfte aus seinem Ich in tausend fremde Gestaltungen, war Tier,
+war Aas, war Stein, war Holz, war Wasser, und fand sich jedesmal
+erwachend wieder, Sonne schien oder Mond, war wieder Ich, schwang im
+Kreislauf, fühlte Durst, überwand den Durst, fühlte neuen Durst.
+
+Vieles lernte Siddhartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg
+lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz,
+durch das freiwillige Erleiden und Überwinden des Schmerzes, des
+Hungers, des Dursts, der Müdigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung
+durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes von allen
+Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal
+verließ er sein Ich, stundenlang und tagelang verharrte er im
+Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom Ich hinwegführten, ihr Ende
+führte doch immer zum Ich zurück. Ob Siddhartha tausendmal dem Ich
+entfloh, im Nichts verweilte, im Tier, im Stein verweilte,
+unvermeidlich war die Rückkehr, unentrinnbar die Stunde, da er sich
+wiederfand, im Sonnenschein oder im Mondschein, im Schatten oder im
+Regen, und wieder Ich und Siddhartha war, und wieder die Qual des
+auferlegten Kreislaufes empfand.
+
+Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog
+sich denselben Bemühungen. Selten sprachen sie anderes miteinander,
+als der Dienst und die Übungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu
+zweien durch die Dörfer, um Nahrung für sich und ihre Lehrer zu
+betteln.
+
+"Wie denkst du, Govinda," sprach einst auf diesem Bettelgang
+Siddhartha, "wie denkst du, sind wir weiter gekommen? Haben wir Ziele
+erreicht?"
+
+Antwortete Govinda: "Wir haben gelernt, und wir lernen weiter. Du
+wirst ein großer Samana sein, Siddhartha. Schnell hast du jede Übung
+gelernt, oft haben die alten Samanas dich bewundert. Du wirst einst
+ein Heiliger sein, o Siddhartha."
+
+Sprach Siddhartha: "Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was
+ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda,
+hätte ich schneller und einfacher lernen können. In jeder Kneipe
+eines Hurenviertels, mein Freund, unter den Fuhrleuten und
+Würfelspielern hätte ich es lernen können."
+
+Sprach Govinda: "Siddhartha macht sich einen Scherz mit mir. Wie
+hättest du Versenkung, wie hättest du Anhalten des Atems, wie hättest
+du Unempfindsamkeit gegen Hunger und Schmerz dort bei jenen Elenden
+lernen sollen?"
+
+Und Siddhartha sagte leise, als spräche er zu sich selber: "Was ist
+Versenkung? Was ist Verlassen des Körpers? Was ist Fasten? Was ist
+Anhalten des Atems? Es ist Flucht vor dem Ich, es ist ein kurzes
+Entrinnen aus der Qual des Ichseins, es ist eine kurze Betäubung gegen
+den Schmerz und die Unsinnigkeit des Lebens. Dieselbe Flucht,
+dieselbe kurze Betäubung findet der Ochsentreiber in der Herberge,
+wenn er einige Schalen Reiswein trinkt oder gegorene Kokosmilch. Dann
+fühlt er sein Selbst nicht mehr, dann fühlt er die Schmerzen des
+Lebens nicht mehr, dann findet er kurze Betäubung. Er findet, über
+seiner Schale mit Reiswein eingeschlummert, dasselbe, was Siddhartha
+und Govinda finden, wenn sie in langen Übungen aus ihrem Körper
+entweichen, im Nicht-Ich verweilen. So ist es, o Govinda."
+
+Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und weißt doch, daß Siddhartha
+kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet
+der Trinker Betäubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er
+kehrt zurück aus dem Wahn und findet alles beim alten, ist nicht
+weiser geworden, hat nicht Erkenntnis gesammelt, ist nicht um Stufen
+höher gestiegen."
+
+Und Siddhartha sprach mit Lächeln: "Ich weiß es nicht, ich bin nie ein
+Trinker gewesen. Aber daß ich, Siddhartha, in meinen Übungen und
+Versenkungen nur kurze Betäubung finde und ebenso weit von der
+Weisheit, von der Erlösung entfernt bin wie als Kind im Mutterleibe,
+das weiß ich, o Govinda, das weiß ich."
+
+Und wieder ein anderes Mal, da Siddhartha mit Govinda den Wald verließ,
+um im Dorfe etwas Nahrung für ihre Brüder und Lehrer zu betteln,
+begann Siddhartha zu sprechen und sagte: "Wie nun, o Govinda, sind
+wir wohl auf dem rechten Wege? Nähern wir uns wohl der Erkenntnis?
+Nähern wir uns wohl der Erlösung? Oder gehen wir nicht vielleicht im
+Kreise--wir, die wir doch dem Kreislauf zu entrinnen dachten?"
+
+Sprach Govinda: "Viel haben wir gelernt, Siddhartha, viel bleibt noch
+zu lernen. Wir gehen nicht im Kreise, wir gehen nach oben, der Kreis
+ist eine Spirale, manche Stufe sind wir schon gestiegen."
+
+Antwortete Siddhartha: "Wie alt wohl, meinst du, ist unser ältester
+Samana, unser ehrwürdiger Lehrer?"
+
+Sprach Govinda: "Vielleicht sechzig Jahre mag unser Ältester zählen."
+
+Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana
+nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich,
+wir werden ebenso alt werden und werden uns üben, und werden fasten,
+und werden meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er
+nicht, wir nicht. O Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es
+gibt, wird vielleicht nicht einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir
+finden Tröstungen, wir finden Betäubungen, wir lernen
+Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns täuschen. Das Wesentliche aber,
+den Weg der Wege finden wir nicht."
+
+"Mögest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte
+aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten
+Männern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und
+ehrwürdigen Samanas, unter so viel suchenden, so viel innig
+beflissenen, so viel heiligen Männern keiner den Weg der Wege finden?"
+
+Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie
+Spott enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas
+spöttischen Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der
+Samanas verlassen, den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide
+Durst, o Govinda, und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um
+nichts kleiner geworden. Immer habe ich nach Erkenntnis gedürstet,
+immer bin ich voll von Fragen gewesen. Ich habe die Brahmanen befragt,
+Jahr um Jahr, und habe die heiligen Vedas befragt, Jahr um Jahr, und
+habe die frommen Samanas befragt, Jahr um Jahr. Vielleicht, o Govinda,
+wäre es ebenso gut, wäre es ebenso klug und ebenso heilsam gewesen,
+wenn ich den Nashornvogel oder den Schimpansen befragt hätte. Lange
+Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit zu Ende, um dies zu
+lernen, o Govinda: daß man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich,
+in der Tat jenes Ding nicht, das wir 'Lernen' nennen. Es gibt, o mein
+Freund, nur ein Wissen, das ist überall, das ist Atman, das ist in mir
+und in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben dies
+Wissen hat keinen ärgeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen."
+
+Da blieb Govinda auf dem Wege stehen, erhob die Hände und sprach:
+"Mögest du, Siddhartha, deinen Freund doch nicht mit solchen Reden
+beängstigen! Wahrlich, Angst erwecken deine Worte in meinem Herzen.
+Und denke doch nur: wo bliebe die Heiligkeit der Gebete, wo bliebe die
+Ehrwürdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas,
+wenn es so wäre wie du sagst, wenn es kein Lernen gäbe?! Was, o
+Siddhartha, was würde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig,
+was wertvoll, was ehrwürdig ist?!"
+
+Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus einer
+Upanishad:
+
+Wer nachsinnend, geläuterten Geistes, in Atman sich versenkt,
+Unaussprechlich durch Worte ist seines Herzens Seligkeit.
+
+Siddhartha aber schwieg. Er dachte der Worte, welche Govinda zu ihm
+gesagt hatte, und dachte die Worte bis an ihr Ende.
+
+Ja, dachte er, gesenkten Hauptes stehend, was bliebe noch übrig von
+allem, was uns heilig schien? Was bleibt? Was bewährt sich? Und er
+schüttelte den Kopf.
+
+Einstmals, als die beiden Jünglinge gegen drei Jahre bei den Samanas
+gelebt und ihre Übungen geteilt hatten, da erreichte sie auf
+mancherlei Wegen und Umwegen eine Kunde, ein Gerücht, eine Sage: Einer
+sei erschienen, Gotama genannt, der Erhabene, der Buddha, der habe in
+sich das Leid der Welt überwunden und das Rad der Wiedergeburten zum
+Stehen gebracht. Lehrend ziehe er, von Jüngern umgeben, durch das
+Land, besitzlos, heimatlos, weiblos, im gelben Mantel eines Asketen,
+aber mit heiterer Stirn, ein Seliger, und Brahmanen und Fürsten
+beugten sich vor ihm und würden seine Schüler.
+
+Diese Sage, dies Gerücht, dies Märchen klang auf, duftete empor, hier
+und dort, in den Städten sprachen die Brahmanen davon, im Wald die
+Samanas, immer wieder drang der Name Gotamas, des Buddha, zu den Ohren
+der Jünglinge, im Guten und im Bösen, in Lobpreisung und in Schmähung.
+
+Wie wenn in einem Lande die Pest herrscht, und es erhebt sich die
+Kunde, da und dort sei ein Mann, ein Weiser, ein Kundiger, dessen Wort
+und Anhauch genüge, um jeden von der Seuche Befallenen zu heilen, und
+wie dann diese Kunde das Land durchläuft und jedermann davon spricht,
+viele glauben, viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg
+machen, um den Weisen, den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land
+jene Sage, jene duftende Sage von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus
+dem Geschlecht der Sakya. Ihm war, so sprachen die Gläubigen, höchste
+Erkenntnis zu eigen, er erinnerte sich seiner vormaligen Leben, er
+hatte Nirwana erreicht und kehrte nie mehr in den Kreislauf zurück,
+tauchte nie mehr in den trüben Strom der Gestaltungen unter. Vieles
+Herrliche und Unglaubliche wurde von ihm berichtet, er hatte Wunder
+getan, hatte den Teufel überwunden, hatte mit den Göttern gesprochen.
+Seine Feinde und Ungläubigen aber sagten, dieser Gotama sei ein eitler
+Verführer, er bringe seine Tage in Wohlleben hin, verachte die Opfer,
+sei ohne Gelehrsamkeit und kenne weder Übung noch Kasteiung.
+
+Süß klang die Sage von Buddha, Zauber duftete aus diesen Berichten.
+Krank war ja die Welt, schwer zu ertragen war das Leben--und siehe,
+hier schien eine Quelle zu springen, hier schien ein Botenruf zu tönen,
+trostvoll, mild, edler Versprechungen voll. Überall, wohin das
+Gerücht vom Buddha erscholl, überall in den Ländern Indiens horchten
+die Jünglinge auf, fühlten Sehnsucht, fühlten Hoffnung, und unter den
+Brahmanensöhnen der Städte und Dörfer war jeder Pilger und Fremdling
+willkommen, wenn er Kunde von ihm, dem Erhabenen, dem Sakyamuni,
+brachte.
+
+Auch zu den Samanas im Walde, auch zu Siddhartha, auch zu Govinda war
+die Sage gedrungen, langsam, in Tropfen, jeder Tropfen schwer von
+Hoffnung, jeder Tropfen schwer von Zweifel. Sie sprachen wenig davon,
+denn der Älteste der Samanas war kein Freund dieser Sage. Er hatte
+vernommen, daß jener angebliche Buddha vormals Asket gewesen und im
+Walde gelebt, sich dann aber zu Wohlleben und Weltlust zurückgewendet
+habe, und er hielt nichts von diesem Gotama.
+
+"O Siddhartha", sprach einst Govinda zu seinem Freunde. "Heute war
+ich im Dorf, und ein Brahmane lud mich ein, in sein Haus zu treten,
+und in seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit
+seinen eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren hören.
+Wahrlich, da schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei
+mir: Möchte doch auch ich, möchten doch auch wir beide, Siddhartha und
+ich, die Stunde erleben, da wir die Lehre aus dem Munde jenes
+Vollendeten vernehmen! Sprich, Freund, wollen wir nicht auch dorthin
+gehen und die Lehre aus dem Munde des Buddha anhören?"
+
+Sprach Siddhartha: "Immer, o Govinda, hatte ich gedacht, Govinda würde
+bei den Samanas bleiben, immer hatte ich geglaubt, es wäre sein Ziel,
+sechzig und siebzig Jahre alt zu worden und immer weiter die Künste
+und Übungen zu treiben, welche den Samana zieren. Aber sieh, ich
+hatte Govinda zu wenig gekannt, wenig wußte ich von seinem Herzen.
+Nun also willst du, Teuerster, einen neuen Pfad einschlagen und
+dorthin gehen, wo der Buddha seine Lehre verkündet."
+
+Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. Mögest du immerhin
+spotten, Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine
+Lust erwacht, diese Lehre zu hören? Und hast du nicht einst zu mir
+gesagt, nicht lange mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?"
+
+Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme
+einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und
+sagte: "Wohl, Govinda, wohl hast du gesprochen, richtig hast du dich
+erinnert. Mögest du doch auch des andern dich erinnern, das du von
+mir gehört hast, daß ich nämlich mißtrauisch und müde gegen Lehre und
+Lernen geworden bin, und daß mein Glaube klein ist an Worte, die von
+Lehrern zu uns kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene
+Lehre zu hören--obschon ich im Herzen glaube, daß wir die beste Frucht
+jener Lehre schon gekostet haben."
+
+Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie
+sollte das möglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe
+wir sie vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"
+
+Sprach Siddhartha: "Laß diese Frucht uns genießen und das weitere
+abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem
+Gotama verdanken, besteht darin, daß er uns von den Samanas hinwegruft!
+Ob er uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf
+laß uns ruhigen Herzens warten."
+
+An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Ältesten der Samanas seinen
+Entschluß zu wissen, daß er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem
+Ältesten zu wissen mit der Höflichkeit und Bescheidenheit, welche dem
+Jüngeren und Schüler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, daß die
+beiden Jünglinge ihn verlassen wollten, und redete laut und brauchte
+grobe Schimpfworte.
+
+Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den
+Mund zu Govindas Ohr und flüsterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten
+zeigen, daß ich etwas bei ihm gelernt habe."
+
+Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele,
+fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte
+ihn stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl
+ihm, lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde
+stumm, sein Auge wurde starr, sein Wille gelähmt, seine Arme hingen
+herab, machtlos war er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas
+Gedanken aber bemächtigten sich des Samana, er mußte vollführen, was
+sie befahlen. Und so verneigte sich der Alte mehrmals, vollzog
+segnende Gebärden, sprach stammelnd einen frommen Reisewunsch. Und
+die Jünglinge erwiderten dankend die Verneigungen, erwiderten den
+Wunsch, zogen grüßend von dannen.
+
+Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr
+gelernt, als ich wußte. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen
+alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, wärest du dort geblieben, du
+hättest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen."
+
+"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha.
+"Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufrieden geben!"
+
+
+
+
+GOTAMA
+
+In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha,
+und jedes Haus war gerüstet, den Jüngern Gotamas, den schweigend
+Bittenden, die Almosenschale zu füllen. Nahe bei der Stadt lag
+Gotamas liebster Aufenthalt, der Hain Jetavana, welchen der reiche
+Kaufherr Anathapindika, ein ergebener Verehrer des Erhabenen, ihm und
+den Seinen zum Geschenk gemacht hatte.
+
+Nach dieser Gegend hatten alle Erzählungen und Antworten hingewiesen,
+welche den beiden jungen Asketen auf der Suche nach Gotamas Aufenthalt
+zuteil wurden. Und da sie in Savathi ankamen, ward ihnen gleich im
+ersten Hause, vor dessen Tür sie bittend stehen blieben, Speise
+angeboten, und sie nahmen Speise an, und Siddhartha fragte die Frau,
+welche ihnen die Speise reichte:
+
+"Gerne, du Mildtätige, gerne möchten wir erfahren, wo der Buddha
+weilt, der Ehrwürdigste, denn wir sind zwei Samanas aus dem Walde, und
+sind gekommen, um ihn, den Vollendeten, zu sehen und die Lehre aus
+seinem Munde zu vernehmen."
+
+Sprach die Frau: "Am richtigen Orte wahrlich seid Ihr hier abgestiegen,
+Ihr Samanas aus dem Walde. Wisset, in Jetavana, im Garten
+Anathapindikas, weilt der Erhabene. Dort möget Ihr, Pilger, die Nacht
+verbringen, denn genug Raum ist daselbst für die Unzähligen, die
+herbeiströmen, um aus seinem Munde die Lehre zu hören."
+
+Da freute sich Govinda, und voll Freude rief er: "Wohl denn, so ist
+unser Ziel erreicht und unser Weg zu Ende! Aber sage uns, du Mutter
+der Pilgernden, kennst du ihn, den Buddha, hast du ihn mit deinen
+Augen gesehen?"
+
+Sprach die Frau: "Viele Male habe ich ihn gesehen, den Erhabenen. An
+vielen Tagen habe ich ihn gesehen, wie er durch die Gassen geht,
+schweigend, im gelben Mantel, wie er schweigend an den Haustüren seine
+Almosenschale darreicht, wie er die gefüllte Schale von dannen trägt."
+
+Entzückt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und hören.
+Aber Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen
+und brauchten kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger
+und auch Mönche aus Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana
+unterwegs. Und da sie in der Nacht dort anlangten, war daselbst ein
+beständiges Ankommen, Rufen und Reden von solchen, welche Herberge
+heischten und bekamen. Die beiden Samanas, des Lebens im Walde
+gewohnt, fanden schnell und geräuschlos einen Unterschlupf und ruhten
+da bis zum Morgen.
+
+Beim Aufgang der Sonne sahen sie mit Erstaunen, welch große Schar,
+Gläubige und Neugierige, hier genächtigt hatte. In allen Wegen des
+herrlichen Haines wandelten Mönche im gelben Gewand, unter den Bäumen
+saßen sie hier und dort, in Betrachtung versenkt--oder im geistlichen
+Gespräch, wie eine Stadt waren die schattigen Gärten zu sehen, voll
+von Menschen, wimmelnd wie Bienen. Die Mehrzahl der Mönche zog mit
+der Almosenschale aus, um in der Stadt Nahrung für die Mittagsmahlzeit,
+die einzige des Tages, zu sammeln. Auch der Buddha selbst, der
+Erleuchtete, pflegte am Morgen den Bettelgang zu tun.
+
+Siddhartha sah ihn, und er erkannte ihn alsbald, als hätte ihm ein
+Gott ihn gezeigt. Er sah ihn, einen schlichten Mann in gelber Kutte,
+die Almosenschale in der Hand tragend, still dahin gehen.
+
+"Sieh hier!" sagte Siddhartha leise zu Govinda. "Dieser hier ist der
+Buddha."
+
+Aufmerksam blickte Govinda den Mönch in der gelben Kutte an, der sich
+in nichts von den Hunderten der Mönche zu unterscheiden schien. Und
+bald erkannte auch Govinda: Dieser ist es. Und sie folgten ihm nach
+und betrachteten ihn.
+
+Der Buddha ging seines Weges bescheiden und in Gedanken versunken,
+sein stilles Gesicht war weder fröhlich noch traurig, es schien leise
+nach innen zu lächeln. Mit einem verborgenen Lächeln, still, ruhig,
+einem gesunden Kinde nicht unähnlich, wandelte der Buddha, trug das
+Gewand und setzte den Fuß gleich wie alle seine Mönche, nach genauer
+Vorschrift. Aber sein Gesicht und sein Schritt, sein still gesenkter
+Blick, seine still herabhängende Hand, und noch jeder Finger an seiner
+still herabhängenden Hand sprach Friede, sprach Vollkommenheit, suchte
+nicht, ahmte nicht nach, atmete sanft in einer unverwelklichen Ruhe,
+in einem unverwelklichen Licht, einem unantastbaren Frieden.
+
+So wandelte Gotama, der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und die
+beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner Ruhe,
+an der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen,
+kein Nachahmen, kein Bemühen zu erkennen war, nur Licht und Frieden.
+
+"Heute werden wir die Lehre aus seinem Munde vernehmen," sagte Govinda.
+
+
+Siddhartha gab nicht Antwort. Er war wenig neugierig auf die Lehre,
+er glaubte nicht, daß sie ihn Neues lehren werde, hatte er doch,
+ebenso wie Govinda, wieder und wieder den Inhalt dieser Buddhalehre
+vernommen, wenn schon aus Berichten von zweiter und dritter Hand.
+Aber er blickte aufmerksam auf Gotamas Haupt, auf seine Schultern,
+auf seine Füße, auf seine still herabhängende Hand, und ihm schien,
+jedes Glied an jedem Finger dieser Hand war Lehre, sprach, atmete,
+duftete, glänzte Wahrheit. Dieser Mann, dieser Buddha, war wahrhaftig
+bis in die Gebärde seines letzten Fingers. Dieser Mann war heilig.
+Nie hatte Siddhartha einen Menschen so verehrt, nie hatte er einen
+Menschen so geliebt wie diesen.
+
+Die beiden folgten dem Buddha bis zur Stadt und kehrten schweigend
+zurück, denn sie selbst gedachten diesen Tag sich der Speise zu
+enthalten. Sie sahen Gotama wiederkehren, sahen ihn im Kreise seiner
+Jünger die Mahlzeit einnehmen--was er aß, hätte keinen Vogel satt
+gemacht--und sahen ihn sich zurückziehen in den Schatten der Mangobäume.
+
+
+Am Abend aber, als die Hitze sich legte und alles im Lager lebendig
+ward und sich versammelte, hörten sie den Buddha lehren. Sie hörten
+seine Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe,
+war voll von Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der
+Herkunft des Leidens, vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig floß
+und klar seine stille Rede. Leiden war das Leben, voll Leid war die
+Welt, aber Erlösung vom Leid war gefunden: Erlösung fand, wer den Weg
+des Buddha ging. Mit sanfter, doch fester Stimme sprach der Erhabene,
+lehrte die vier Hauptsätze, lehrte den achtfachen Pfad, geduldig ging
+er den gewohnten Weg der Lehre, der Beispiele, der Wiederholungen,
+hell und still schwebte seine Stimme über den Hörenden, wie ein Licht,
+wie ein Sternhimmel.
+
+Als der Buddha--es war schon Nacht geworden--seine Rede schloß, traten
+manche Pilger hervor und baten um Aufnahme in die Gemeinschaft, nahmen
+ihre Zuflucht zur Lehre. Und Gotama nahm sie auf, indem er sprach:
+"Wohl habt ihr die Lehre vernommen, wohl ist sie verkündigt. Tretet
+denn herzu und wandelt in Heiligkeit, allem Leid ein Ende zu bereiten."
+
+Siehe, da trat auch Govinda hervor, der Schüchterne, und sprach: "Auch
+ich nehme meine Zuflucht zum Erhabenen und zu seiner Lehre," und bat
+um Aufnahme in die Jüngerschaft, und ward aufgenommen.
+
+Gleich darauf, da sich der Buddha zur Nachtruhe zurückgezogen hatte,
+wendete sich Govinda zu Siddhartha und sprach eifrig: "Siddhartha,
+nicht steht es mir zu, dir einen Vorwurf zu machen. Beide haben wir
+den Erhabenen gehört, beide haben wir die Lehre vernommen. Govinda
+hat die Lehre gehört, er hat seine Zuflucht zu ihr genommen. Du aber,
+Verehrter, willst denn nicht auch du den Pfad der Erlösung gehen?
+Willst du zögern, willst du noch warten?"
+
+Siddhartha erwachte wie aus einem Schlafe, als er Govindas Worte
+vernahm. Lange blickte er in Govindas Gesicht. Dann sprach er leise,
+mit einer Stimme ohne Spott: "Govinda, mein Freund, nun hast du den
+Schritt getan, nun hast du den Weg erwählt. Immer, o Govinda, bist du
+mein Freund gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen.
+Oft habe ich gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt
+allein tun, ohne mich, aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein
+Mann geworden und wählst selber deinen Weg. Mögest du ihn zu Ende
+gehen, o mein Freund! Mögest du Erlösung finden!"
+
+Govinda, welcher noch nicht völlig verstand, wiederholte mit einem Ton
+von Ungeduld seine Frage: "Sprich doch, ich bitte dich, mein Lieber!
+Sage mir, wie es ja nicht anders sein kann, daß auch du, mein
+gelehrter Freund, deine Zuflucht zum erhabenen Buddha nehmen wirst!"
+
+Siddhartha legte seine Hand auf die Schulter Govindas: "Du hast meinen
+Segenswunsch überhört, o Govinda. Ich wiederhole ihn: Mögest du
+diesen Weg zu Ende gehen! Mögest du Erlösung finden!"
+
+In diesem Augenblick erkannte Govinda, daß sein Freund ihn verlassen
+habe, und er begann zu weinen.
+
+"Siddhartha!" rief er klagend.
+
+Siddhartha sprach freundlich zu ihm: "Vergiß nicht, Govinda, daß du
+nun zu den Samanas des Buddha gehörst! Abgesagt hast du Heimat und
+Eltern, abgesagt Herkunft und Eigentum, abgesagt deinem eigenen Willen,
+abgesagt der Freundschaft. So will es die Lehre, so will es der
+Erhabene. So hast du selbst es gewollt. Morgen, o Govinda, werde ich
+dich verlassen."
+
+Lange noch wandelten die Freunde im Gehölz, lange lagen sie und fanden
+nicht den Schlaf. Und immer von neuem drang Govinda in seinen Freund,
+er möge ihm sagen, warum er nicht seine Zuflucht zu Gotamas Lehre
+nehmen wolle, welchen Fehler denn er in dieser Lehre finde.
+Siddhartha aber wies ihn jedesmal zurück und sagte: "Gib dich
+zufrieden, Govinda! Sehr gut ist des Erhabenen Lehre, wie sollte ich
+einen Fehler an ihr finden?"
+
+Am frühesten Morgen ging ein Nachfolger Buddhas, einer seiner ältesten
+Mönche, durch den Garten und rief alle jene zu sich, welche als
+Neulinge ihre Zuflucht zur Lehre genommen hatten, um ihnen das gelbe
+Gewand anzulegen und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres
+Standes zu unterweisen. Da riß Govinda sich los, umarmte noch einmal
+den Freund seiner Jugend und schloß sich dem Zuge der Novizen an.
+
+Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain.
+
+Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, und als er ihn mit Ehrfurcht
+begrüßte und der Blick des Buddha so voll Güte und Stille war, faßte
+der Jüngling Mut und bat den Ehrwürdigen um Erlaubnis, zu ihm zu
+sprechen. Schweigend nickte der Erhabene Gewährung.
+
+Sprach Siddhartha: "Gestern, o Erhabener, war es mir vergönnt, deine
+wundersame Lehre zu hören. Zusammen mit meinem Freunde kam ich aus
+der Ferne her, um die Lehre zu hören. Und nun wird mein Freund bei
+den Deinen bleiben, zu dir hat er seine Zuflucht genommen. Ich aber
+trete meine Pilgerschaft aufs neue an."
+
+"Wie es dir beliebt", sprach der Ehrwürdige höflich.
+
+"Allzu kühn ist meine Rede," fuhr Siddhartha fort, "aber ich möchte
+den Erhabenen nicht verlassen, ohne ihm meine Gedanken in
+Aufrichtigkeit mitgeteilt zu haben. Will mir der Ehrwürdige noch
+einen Augenblick Gehör schenken?"
+
+Schweigend nickte der Buddha Gewährung.
+
+Sprach Siddhartha: "Eines, o Ehrwürdigster, habe ich an deiner Lehre
+vor allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist
+bewiesen; als eine vollkommene, als eine nie und nirgends
+unterbrochene Kette zeigst du die Welt als eine ewige Kette, gefügt
+aus Ursachen und Wirkungen. Niemals ist dies so klar gesehen, nie so
+unwiderleglich dargestellt worden; höher wahrlich muß jedem Brahmanen
+das Herz im Leibe schlagen, wenn er, durch deine Lehre hindurch, die
+Welt erblickt als vollkommenen Zusammenhang, lückenlos, klar wie ein
+Kristall, nicht vom Zufall abhängig, nicht von Göttern abhängig. Ob
+sie gut oder böse, ob das Leben in ihr Leid oder Freude sei, möge
+dahingestellt bleiben, es mag vielleicht sein, daß dies nicht
+wesentlich ist--aber die Einheit der Welt, der Zusammenhang alles
+Geschehens, das Umschlossensein alles Großen und Kleinen vom selben
+Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens,
+dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter. Nun
+aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit
+aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine
+Lücke strömt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues,
+etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen
+werden kann: das ist deine Lehre von der Überwindung der Welt, von der
+Erlösung. Mit dieser kleinen Lücke, mit dieser kleinen Durchbrechung
+aber ist das ganze ewige und einheitliche Weltgesetz wieder zerbrochen
+und aufgehoben. Mögest du mir verzeihen, wenn ich diesen Einwand
+ausspreche."
+
+Still hatte Gotama ihm zugehört, unbewegt. Mit seiner gütigen, mit
+seiner höflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete: "Du
+hast die Lehre gehört, o Brahmanensohn, und wohl dir, daß du über sie
+so tief nachgedacht hast. Du hast eine Lücke in ihr gefunden, einen
+Fehler. Mögest du weiter darüber nachdenken. Laß dich aber warnen,
+du Wißbegieriger, vor dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um
+Worte. Es ist an Meinungen nichts gelegen, sie mögen schön oder
+häßlich, klug oder töricht sein, jeder kann ihnen anhängen oder sie
+verwerfen. Die Lehre aber, die du von mir gehört hast, ist nicht eine
+Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt für Wißbegierige zu erklären.
+Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist Erlösung vom Leiden. Diese
+ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes."
+
+"Mögest du mir, o Erhabener, nicht zürnen", sagte der Jüngling.
+"Nicht um Streit mit dir zu suchen, Streit um Worte, habe ich so zu
+dir gesprochen. Du hast wahrlich recht, wenig ist an Meinungen
+gelegen. Aber laß mich dies eine noch sagen: Nicht einen Augenblick
+habe ich an dir gezweifelt. Ich habe nicht einen Augenblick
+gezweifelt, daß du Buddha bist, daß du das Ziel erreicht hast, das
+höchste, nach welchem so viel tausend Brahmanen und Brahmanensöhne
+unterwegs sind. Du hast die Erlösung vom Tode gefunden. Sie ist dir
+geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch
+Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung.
+Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und--so ist mein Gedanke, o
+Erhabener--keinem wird Erlösung zu teil durch Lehre! Keinem, o
+Ehrwürdiger, wirst du in Worten und durch Lehre mitteilen und sagen
+können, was dir geschehen ist in der Stunde deiner Erleuchtung! Vieles
+enthält die Lehre des erleuchteten Buddha, viele lehrt sie,
+rechtschaffen zu leben, Böses zu meiden. Eines aber enthält die so
+klare, die so ehrwürdige Lehre nicht: sie enthält nicht das Geheimnis
+dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den
+Hunderttausenden. Dies ist es, was ich gedacht und erkannt habe, als
+ich die Lehre hörte. Dies ist es, weswegen ich meine Wanderschaft
+fortsetze--nicht um eine andere, eine bessere Lehre zu suchen, denn
+ich weiß, es gibt keine, sondern um alle Lehren und alle Lehrer zu
+verlassen und allein mein Ziel zu erreichen oder zu sterben. Oftmals
+aber werde ich dieses Tages denken, o Erhabener, und dieser Stunde, da
+meine Augen einen Heiligen sahen."
+
+Die Augen des Buddha blickten still zu Boden, still in vollkommenem
+Gleichmut strahlte sein unerforschliches Gesicht.
+
+"Mögen deine Gedanken," sprach der Ehrwürdige langsam, "keine Irrtümer
+sein! Mögest du ans Ziel kommen! Aber sage mir: Hast du die Schar
+meiner Samanas gesehen, meiner vielen Brüder, welche ihre Zuflucht zur
+Lehre genommen haben? Und glaubst du, fremder Samana, glaubst du, daß
+es diesen allen besser wäre, die Lehre zu verlassen und in das Leben
+der Welt und der Lüste zurückzukehren?"
+
+"Fern ist ein solcher Gedanke von mir", rief Siddhartha. "Mögen sie
+alle bei der Lehre bleiben, mögen sie ihr Ziel erreichen! Nicht steht
+mir zu, über eines andern Leben zu urteilen. Einzig für mich, für
+mich allein muß ich urteilen, muß ich wählen, muß ich ablehnen.
+Erlösung vom Ich suchen wir Samanas, o Erhabener. Wäre ich nun einer
+deiner Jünger, o Ehrwürdiger, so fürchte ich, es möchte mir geschehen,
+daß nur scheinbar, nur trügerisch mein Ich zur Ruhe käme und erlöst
+würde, daß es aber in Wahrheit weiterlebte und groß würde, denn ich
+hätte dann die Lehre, hätte meine Nachfolge, hätte meine Liebe zu dir,
+hätte die Gemeinschaft der Mönche zu meinem Ich gemacht!"
+
+Mit halbem Lächeln, mit einer unerschütterten Helle und Freundlichkeit
+sah Gotama dem Fremdling ins Auge und verabschiedete ihn mit einer
+kaum sichtbaren Gebärde.
+
+"Klug bist du, o Samana", sprach der Ehrwürdige.
+
+"Klug weißt du zu reden, mein Freund. Hüte dich vor allzu großer
+Klugheit!"
+
+Hinweg wandelte der Buddha, und sein Blick und halbes Lächeln blieb
+für immer in Siddharthas Gedächtnis eingegraben.
+
+So habe ich noch keinen Menschen blicken und lächeln, sitzen und
+schreiten sehen, dachte er, so wahrlich wünsche auch ich blicken und
+lächeln, sitzen und schreiten zu können, so frei, so ehrwürdig, so
+verborgen, so offen, so kindlich und geheimnisvoll. So wahrlich
+blickt und schreitet nur der Mensch, der ins Innerste seines Selbst
+gedrungen ist. Wohl, auch ich werde ins Innerste meines Selbst zu
+dringen suchen.
+
+Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich
+meine Augen niederschlagen mußte. Vor keinem andern mehr will ich
+meine Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird
+mich verlocken, da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat.
+
+Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich,
+und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines
+Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der
+mein Schatten war und nun Gotamas Schatten ist. Geschenkt aber hat er
+mir Siddhartha, mich selbst.
+
+
+
+
+ERWACHEN
+
+Als Siddhartha den Hain verließ, in welchem der Buddha, der Vollendete,
+zurückblieb, in welchem Govinda zurückblieb, da fühlte er, daß in
+diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurückblieb und sich
+von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfüllte, sann er im
+langsamen Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes
+Wasser ließ er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis
+dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm,
+das eben ist Denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu
+Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und
+beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.
+
+Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, daß
+er kein Jüngling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest,
+daß eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut
+verlassen wird, daß eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch
+seine ganze Jugend ihn begleitet und zu ihm gehört hatte: der Wunsch,
+Lehrer zu haben und Lehren zu hören. Den letzten Lehrer, der an
+seinem Wege ihm erschienen war, auch ihn, den höchsten und weisesten
+Lehrer, den Heiligsten, Buddha, hatte er verlassen, hatte sich von ihm
+trennen müssen, hatte seine Lehre nicht annehmen können.
+
+Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist
+es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und
+was sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?"
+Und er fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte.
+Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte.
+Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte
+nur vor ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding
+in der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt wie dieses mein Ich,
+dies Rätsel, daß ich lebe, daß ich einer und von allen andern
+getrennt und abgesondert bin, daß ich Siddhartha bin! Und über kein
+Ding in der Welt weiß ich weniger als über mich, über Siddhartha!"
+
+Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken
+erfaßt, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer hervor, ein
+neuer Gedanke, der lautete: "Daß ich nichts von mir weiß, daß
+Siddhartha mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus
+einer Ursache, einer einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf
+der Flucht vor mir! Atman suchte ich, Brahman suchte ich, ich war
+gewillt, mein Ich zu zerstücken und auseinander zu schälen, um in
+seinem unbekannten Innersten den Kern aller Schalen zu finden, den
+Atman, das Leben, das Göttliche, das Letzte. Ich selbst aber ging mir
+dabei verloren."
+
+Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein Lächeln erfüllte
+sein Gesicht, und ein tiefes Gefühl von Erwachen aus langen Träumen
+durchströmte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief
+rasch, wie ein Mann, welcher weiß, was er zu tun hat.
+
+"O," dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den
+Siddhartha nicht mehr entschlüpfen lassen! Nicht mehr will ich mein
+Denken und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt.
+Ich will mich nicht mehr töten und zerstücken, um hinter den Trümmern
+ein Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch
+Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir
+selbst will ich lernen, will ich Schüler sein, will ich mich kennen
+lernen, das Geheimnis Siddhartha."
+
+Er blickte um sich, als sähe er zum ersten Male die Welt. Schön war
+die Welt, bunt war die Welt, seltsam und rätselhaft war die Welt!
+Hier war Blau, hier war Gelb, hier war Grün, Himmel floß und Fluß,
+Wald starrte und Gebirg, alles schön, alles rätselvoll und magisch,
+und inmitten er, Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich
+selbst. All dieses, all dies Gelb und Blau, Fluß und Wald, ging zum
+erstenmal durchs Auge in Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras,
+war nicht mehr der Schleier der Maya, war nicht mehr sinnlose und
+zufällige Vielfalt der Erscheinungswelt, verächtlich dem tief
+denkenden Brahmanen, der die Vielfalt verschmäht, der die Einheit
+sucht. Blau war Blau, Fluß war Fluß, und wenn auch im Blau und Fluß
+in Siddhartha das Eine und Göttliche verborgen lebte, so war es doch
+eben des Göttlichen Art und Sinn, hier Gelb, hier Blau, dort Himmel,
+dort Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn und Wesen war nicht
+irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in allem.
+
+"Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin
+Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will,
+so verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie
+Täuschung, Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er
+studiert und liebt sie, Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das
+Buch der Welt und das Buch meines eigenen Wesens lesen wollte, ich
+habe, einem im voraus vermuteten Sinn zuliebe, die Zeichen und
+Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der Erscheinungen Täuschung,
+nannte mein Auge und meine Zunge zufällige und wertlose Erscheinungen.
+Nein, dies ist vorüber, ich bin erwacht, ich bin in der Tat erwacht
+und heute erst geboren."
+
+Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen,
+plötzlich, als läge eine Schlange vor ihm auf dem Weg.
+
+Denn plötzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie
+ein Erwachter oder Neugeborener war, er mußte sein Leben neu und
+völlig von vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain
+Jetavana, den Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend,
+schon auf dem Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und
+war ihm natürlich und selbstverständlich erschienen, daß er, nach den
+Jahren seines Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater
+zurückkehre. Jetzt aber, erst in diesem Augenblick, da er stehen
+blieb, als läge eine Schlange auf seinem Wege, erwachte er auch zu
+dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr, der ich war, ich bin nicht
+mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin nicht mehr Brahmane.
+Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater tun? Studieren?
+Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja vorüber, dies
+alles liegt nicht mehr an meinem Wege."
+
+Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug
+lang fror sein Herz, er fühlte es in der Brust innen frieren wie ein
+kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er
+sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefühlt.
+Nun fühlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er
+seines Vaters Sohn gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein
+Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddhartha, der Erwachte, sonst
+nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er
+und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der
+nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern
+gehörte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre Sprache
+sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zählte und mit
+ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine
+Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht
+einer und allein, auch ihn umgab Zugehörigkeit, auch er gehörte einem
+Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war Mönch geworden, und
+tausend Mönche waren seine Brüder, trugen sein Kleid, glaubten seinen
+Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo war er
+zugehörig? Wessen Leben würde er teilen? Wessen Sprache würde er
+sprechen?
+
+Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er
+allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer
+Kälte und Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor,
+fester geballt. Er fühlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens
+gewesen, der letzte Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder
+aus, begann rasch und ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause,
+nicht mehr zum Vater, nicht mehr zurück.
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+ZWEITER TEIL--Wilhelm Gundert
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+meinem Vetter in Japan gewidmet
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+KAMALA
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+Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt
+war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne überm
+Waldgebirge aufgehen und überm fernen Palmenstrande untergehen. Er
+sah nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein
+Boot im Blauen schwimmend. Er sah Bäume, Sterne, Tiere, Wolken,
+Regenbogen, Felsen, Kräuter, Blumen, Bach und Fluß, Taublitz im
+morgendlichen Gesträuch, ferne hohe Berge blau und bleich, Vögel
+sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles,
+tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond
+geschienen, immer Flüsse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in
+den früheren Zeiten für Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein
+flüchtiger und trügerischer Schleier vor seinem Auge, mit Mißtrauen
+betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu
+werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit
+lag. Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und
+erkannte die Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht
+das Wesen, zielte in kein Jenseits. Schön war die Welt, wenn man sie
+so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schön war
+Mond und Gestirn, schön war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und
+Goldkäfer, Blume und Schmetterling. Schön und lieblich war es, so
+durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen
+aufgetan, so ohne Mißtrauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt,
+anders kühlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne,
+anders Kürbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die Nächte, jede
+Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel
+ein Schiff voll von Schätzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein
+Affenvolk im hohen Waldgewölbe wandern, hoch im Geäst, und hörte
+seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein
+Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im
+Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und
+blitzend die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und
+Leidenschaft duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der
+ungestüm Jagende zog.
+
+All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war
+nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehörte dazu. Durch sein
+Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.
+
+Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im
+Garten Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehört, des
+göttlichen Buddha, des Abschiedes von Govinda, des Gespräches mit dem
+Erhabenen. Seiner eigenen Worte, die er zum Erhabenen gesprochen
+hatte, erinnerte er sich wieder, jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde
+er dessen inne, daß er da Dinge gesagt hatte, die er damals noch gar
+nicht eigentlich wußte. Was er zu Gotama gesagt hatte: sein, des
+Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die Lehre, sondern das
+Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur Stunde seiner
+Erleuchtung erlebt habe--dies war es ja eben, was zu erleben er jetzt
+auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst mußte er jetzt
+erleben. Wohl hatte er schon lange gewußt, daß sein Selbst Atman sei,
+vom selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst
+wirklich gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen
+wollen. War auch gewiß der Körper nicht das Selbst, und nicht das
+Spiel der Sinne, so war es doch auch das Denken nicht, nicht der
+Verstand, nicht die erlernte Weisheit, nicht die erlernte Kunst,
+Schlüsse zu ziehen und aus schon Gedachtem neue Gedanken zu spinnen.
+Nein, auch diese Gedankenwelt war noch diesseits, und es führte zu
+keinem Ziele, wenn man das zufällige Ich der Sinne tötete, dafür aber
+das zufällige Ich der Gedanken und Gelehrsamkeiten mästete. Beide,
+die Gedanken wie die Sinne, waren hübsche Dinge, hinter beiden lag der
+letzte Sinn verborgen, beide galt es zu hören, mit beiden zu spielen,
+beide weder zu verachten noch zu überschätzen, aus beiden die geheimen
+Stimmen des Innersten zu erlauschen. Nach nichts wollte er trachten,
+als wonach die Stimme ihm zu trachten beföhle, bei nichts verweilen,
+als wo die Stimme es riete. Warum war Gotama einst, in der Stunde der
+Stunden, unter dem Bo-Baume niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn
+traf? Er hatte eine Stimme gehört, eine Stimme im eigenen Herzen, die
+ihm befahl, unter diesem Baume Rast zu suchen, und er hatte nicht
+Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht
+Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme gehorcht. So zu
+gehorchen, nicht äußerm Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das
+war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig.
+
+In der Nacht, da er in der strohernen Hütte eines Fährmanns am Flusse
+schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem
+gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er:
+Warum hast du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine
+Arme um ihn, und indem er ihn an seine Brust zog und küßte, war es
+nicht Govinda mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll
+eine volle Brust, an der lag Siddhartha und trank, süß und stark
+schmeckte die Milch dieser Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann,
+nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach
+jeder Lust. Sie machte trunken und bewußtlos.--Als Siddhartha
+erwachte, schimmerte der bleiche Fluß durch die Tür der Hütte, und im
+Walde klang tief und wohllaut ein dunkler Eulenruf.
+
+Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den Fährmann, ihn
+über den Fluß zu setzen. Der Fährmann setzte ihn auf seinem
+Bambusfloß über den Fluß, rötlich schimmerte im Morgenschein das
+breite Wasser.
+
+"Das ist ein schöner Fluß," sagte er zu seinem Begleiter.
+
+"Ja," sagte der Fährmann, "ein sehr schöner Fluß, ich liebe ihn über
+alles. Oft habe ich ihm zugehört, oft in seine Augen gesehen, und
+immer habe ich von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen."
+
+"Ich danke dir, mein Wohltäter," sprach Siddhartha, da er ans andere
+Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und
+keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und
+Samana."
+
+"Ich sah es wohl," sprach der Fährmann, "und ich habe keinen Lohn vor
+dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein
+anderes Mal geben."
+
+"Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig.
+
+"Gewiß. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder!
+Auch du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! Möge deine
+Freundschaft mein Lohn sein. Mögest du meiner gedenken, wenn du den
+Göttern opferst."
+
+Lächelnd schieden sie voneinander. Lächelnd freute sich Siddhartha
+über die Freundschaft und Freundlichkeit des Fährmanns. "Wie Govinda
+ist er," dachte er lächelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe,
+sind wie Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf
+Dank hätten. Alle sind unterwürfig, alle mögen gern Freund sein, gern
+gehorchen, wenig denken. Kinder sind die Menschen."
+
+Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhütten wälzten
+sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kürbiskernen und Muscheln,
+schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden
+Samana. Am Ende des Dorfes führte der Weg durch einen Bach, und am
+Rande des Baches kniete ein junges Weib und wusch Kleider. Als
+Siddhartha sie grüßte, hob sie den Kopf, und blickte mit Lächeln zu
+ihm auf, daß er das Weiße in ihrem Auge blitzen sah. Er rief einen
+Segensspruch hinüber, wie er unter Reisenden üblich ist, und fragte,
+wie weit der Weg bis zur großen Stadt noch sei. Da stand sie auf und
+trat zu ihm her, schön schimmerte ihr feuchter Mund im jungen Gesicht.
+Sie tauschte Scherzreden mit ihm, fragte, ob er schon gegessen habe,
+und ob es wahr sei, daß die Samanas nachts allein im Walde schliefen
+und keine Frauen bei sich haben dürfen. Dabei setzte sie ihren linken
+Fuß auf seinen rechten und machte eine Bewegung, wie die Frau sie
+macht, wenn sie den Mann zu jener Art des Liebesgenusses auffordert,
+welchen die Lehrbücher "das Baumbesteigen" nennen. Siddhartha fühlte
+sein Blut erwarmen, und da sein Traum ihm in diesem Augenblick wieder
+einfiel, bückte er sich ein wenig zu dem Weibe herab und küßte mit den
+Lippen die braune Spitze ihrer Brust. Aufschauend sah er ihr Gesicht
+voll Verlangen lächeln und die verkleinerten Augen in Sehnsucht flehen.
+
+
+Auch Siddhartha fühlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich
+bewegen; da er aber noch nie ein Weib berührt hatte, zögerte er einen
+Augenblick, während seine Hände schon bereit waren, nach ihr zu
+greifen. Und in diesem Augenblick hörte er, erschauernd, die Stimme
+seines Innern, und die Stimme sagte Nein. Da wich vom lächelnden
+Gesicht der jungen Frau aller Zauber, er sah nichts mehr als den
+feuchten Blick eines brünstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte
+er ihre Wange, wandte sich von ihr und verschwand vor der Enttäuschten
+leichtfüßig in das Bambusgehölze.
+
+An diesem Tage erreichte er vor Abend eine große Stadt, und freute
+sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den Wäldern
+gelebt, und die stroherne Hütte des Fährmanns, in welcher er diese
+Nacht geschlafen hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er
+über sich gehabt hatte.
+
+Vor der Stadt, bei einem schönen umzäunten Haine, begegnete dem
+Wandernden ein kleiner Troß von Dienern und Dienerinnen, mit Körben
+beladen. Inmitten in einer geschmückten Sänfte, von Vieren getragen,
+saß auf roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die
+Herrin. Siddhartha blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah
+dem Aufzuge zu, sah die Diener, die Mägde, die Körbe, sah die Sänfte,
+und sah in der Sänfte die Dame. Unter hochgetürmten schwarzen Haaren
+sah er ein sehr helles, sehr zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten
+Mund wie eine frisch aufgebrochene Feige, Augenbrauen gepflegt und
+gemalt in hohen Bogen, dunkle Augen klug und wachsam, lichten hohen
+Hals aus grün und goldenem Oberkleide steigend, ruhende helle Hände
+lang und schmal mit breiten Goldreifen über den Gelenken.
+
+Siddhartha sah, wie schön sie war, und sein Herz lachte. Tief
+verneigte er sich, als die Sänfte nahe kam, und sich wieder
+aufrichtend blickte er in das helle holde Gesicht, las einen
+Augenblick in den klugen hochüberwölbten Augen, atmete einen Hauch von
+Duft, den er nicht kannte. Lächelnd nickte die schöne Frau, einen
+Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr die Diener.
+
+So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden
+Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er
+sich, und nun erst ward ihm bewußt, wie ihn die Diener und Mägde am
+Eingang betrachtet hatten, wie verächtlich, wie mißtrauisch, wie
+abweisend.
+
+Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler.
+Nicht so werde ich bleiben dürfen, nicht so in den Hain treten. Und
+er lachte.
+
+Den nächsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und
+nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, daß dies der Hain der Kamala
+war, der berühmten Kurtisane, und daß sie außer dem Haine ein Haus in
+der Stadt besaß.
+
+Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel.
+
+Sein Ziel verfolgend, ließ er sich von der Stadt einschlürfen, trieb
+im Strom der Gassen, stand auf Plätzen still, ruhte auf Steintreppen
+am Flusse aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem
+Barbiergehilfen, den er im Schatten eines Gewölbes hatte arbeiten
+sehen, den er betend in einem Tempel Vishnus wiederfand, dem er von
+den Geschichten Vishnu's und der Lakschmi erzählte. Bei den Booten am
+Flusse schlief er die Nacht, und früh am Morgen, ehe die ersten Kunden
+in seinen Laden kamen, ließ er sich von dem Barbiergehilfen den Bart
+rasieren und das Haar beschneiden, das Haar kämmen und mit feinem Öle
+salben. Dann ging er im Flusse baden.
+
+Als am Spätnachmittag die schöne Kamala in der Sänfte sich ihrem Haine
+näherte, stand am Eingang Siddhartha, verbeugte sich und empfing den
+Gruß der Kurtisane. Demjenigen Diener aber, der zuletzt im Zuge ging,
+winkte er und bat ihn, der Herrin zu melden, daß ein junger Brahmane
+mit ihr zu sprechen begehre. Nach einer Weile kam der Diener zurück,
+forderte den Wartenden auf, ihm zu folgen, führte den ihm Folgenden
+schweigend in einen Pavillon, wo Kamala auf einem Ruhebette lag, und
+ließ ihn bei ihr allein.
+
+"Bist du nicht gestern schon da draußen gestanden und hast mich
+begrüßt?" fragte Kamala.
+
+"Wohl habe ich gestern schon dich gesehen und begrüßt."
+
+"Aber trugst du nicht gestern einen Bart, und lange Haare, und Staub
+in den Haaren?"
+
+"Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha
+gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein
+Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun
+aber habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die
+erste, die mir noch vor dem Betreten der Stadt begegnete, warst du.
+Dies zu sagen, bin ich zu dir gekommen, o Kamala! Du bist die erste
+Frau, zu welcher Siddhartha anders als mit niedergeschlagenen Augen
+redet. Nie mehr will ich meine Augen niederschlagen, wenn eine schöne
+Frau mir begegnet."
+
+Kamala lächelte und spielte mit ihrem Fächer aus Pfauenfedern. Und
+fragte: "Und nur um mir dies zu sagen, ist Siddhartha zu mir
+gekommen?"
+
+"Um dir dies zu sagen, und um dir zu danken, daß du so schön bist.
+Und wenn es dir nicht mißfällt, Kamala, möchte ich dich bitten, meine
+Freundin und Lehrerin zu sein, denn ich weiß noch nichts von der Kunst,
+in welcher du Meisterin bist."
+
+Da lachte Kamala laut.
+
+"Nie ist mir das geschehen, Freund, daß ein Samana aus dem Walde zu
+mir kam und von mir lernen wollte! Nie ist mir das geschehen, daß ein
+Samana mit langen Haaren und in einem alten zerrissenen Schamtuche zu
+mir kam! Viele Jünglinge kommen zu mir, und auch Brahmanensöhne sind
+darunter, aber sie kommen in schönen Kleidern, sie kommen in feinen
+Schuhen, sie haben Wohlgeruch im Haar und Geld in den Beuteln. So,
+du Samana, sind die Jünglinge beschaffen, welche zu mir kommen."
+
+Sprach Siddhartha: "Schon fange ich an, von dir zu lernen. Auch
+gestern schon habe ich gelernt. Schon habe ich den Bart abgelegt,
+habe das Haar gekämmt, habe Öl im Haare. Weniges ist, das mir noch
+fehlt, du Vortreffliche: feine Kleider, feine Schuhe, Geld im Beutel.
+Wisse, Schwereres hat Siddhartha sich vorgenommen, als solche
+Kleinigkeiten sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht
+erreichen, was ich gestern mir vorgenommen habe: dein Freund zu sein
+und die Freuden der Liebe von dir zu lernen! Du wirst mich gelehrig
+sehen, Kamala, Schwereres habe ich gelernt, als was du mich lehren
+sollst. Und nun also: Siddhartha genügt dir nicht, so wie er ist, mit
+Öl im Haar, aber ohne Kleider, ohne Schuhe, ohne Geld?"
+
+Lachend rief Kamala: "Nein, Werter, er genügt noch nicht. Kleider muß
+er haben, hübsche Kleider, und Schuhe, hübsche Schuhe, und viel Geld
+im Beutel, und Geschenke für Kamala. Weißt du es nun, Samana aus dem
+Walde? Hast du es dir gemerkt?"
+
+"Wohl habe ich es mir gemerkt," rief Siddhartha. "Wie sollte ich mir
+nicht merken, was aus einem solchen Munde kommt! Dein Mund ist wie
+eine frisch aufgebrochene Feige, Kamala. Auch mein Mund ist rot und
+frisch, er wird zu deinem passen, du wirst sehen.--Aber sage, schöne
+Kamala, hast du gar keine Furcht vor dem Samana aus dem Walde, der
+gekommen ist, um Liebe zu lernen?"
+
+"Warum sollte ich denn Furcht vor einem Samana haben, einem dummen
+Samana aus dem Walde, der von den Schakalen kommt und noch gar nicht
+weiß, was Frauen sind?"
+
+"O, er ist stark, der Samana, und er fürchtet nichts. Er könnte dich
+zwingen, schönes Mädchen. Er könnte dich rauben. Er könnte dir weh
+tun."
+
+"Nein, Samana, das fürchte ich nicht. Hat je ein Samana oder ein
+Brahmane gefürchtet, einer könnte kommen und ihn packen und ihm seine
+Gelehrsamkeit, und seine Frömmigkeit, und seinen Tiefsinn rauben?
+Nein, denn die gehören ihm zu eigen und er gibt davon nur, was er
+geben will und wem er geben will. So ist es, genau ebenso ist es auch
+mit Kamala, und mit den Freuden der Liebe. Schön und rot ist Kamalas
+Mund, aber versuche, ihn gegen Kamalas Willen zu küssen, und nicht
+einen Tropfen Süßigkeit wirst du von ihm haben, der so viel Süßes zu
+geben versteht! Du bist gelehrig, Siddhartha, so lerne auch dies:
+Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse
+finden, aber rauben kann man sie nicht. Da hast du dir einen falschen
+Weg ausgedacht. Nein, schade wäre es, wenn ein hübscher Jüngling wie
+du es so falsch angreifen wollte."
+
+Siddhartha verneigte sich lächelnd. "Schade wäre es, Kamala, wie
+sehr hast du recht! Überaus schade wäre es. Nein, von deinem Munde
+soll mir kein Tropfen Süßigkeit verloren gehen, noch dir von dem
+meinen! Es bleibt also dabei: Siddhartha wird wiederkommen, wenn er
+hat, was ihm noch fehlt: Kleider, Schuhe, Geld. Aber sprich, holde
+Kamala, kannst du mir nicht noch einen kleinen Rat geben?"
+
+"Einen Rat? Warum nicht? Wer wollte nicht gerne einem armen,
+unwissenden Samana, der von den Schakalen aus dem Walde kommt, einen
+Rat geben?"
+
+"Liebe Kamala, so rate mir wohin soll ich gehen, daß ich am raschesten
+jene drei Dinge finde?"
+
+"Freund, das möchten viele wissen. Du mußt tun, was du gelernt hast,
+und dir dafür Geld geben lassen, und Kleider, und Schuhe. Anders
+kommt ein Armer nicht zu Geld. Was kannst du denn?"
+
+"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."
+
+"Nichts sonst?"
+
+"Nichts. Doch, ich kann auch dichten. Willst du mir für ein Gedicht
+einen Kuß geben?"
+
+"Das will ich tun, wenn dein Gedicht mir gefällt. Wie heißt es denn?"
+
+Siddhartha sprach, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte,
+diese Verse:
+
+In ihren schattigen Hain trat die schöne Kamala,
+
+An Haines Eingang stand der braune Samana.
+
+Tief, da er die Lotusblüte erblickte,
+
+Beugte sich jener, lächelnd dankte Kamala.
+
+Lieblicher, dachte der Jüngling, als Göttern zu opfern,
+
+Lieblicher ist es zu opfern der schönen Kamala.
+
+Laut klatschte Kamala in die Hände, daß die goldenen Armringe klangen.
+
+"Schön sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere
+nichts, wenn ich dir einen Kuß für sie gebe."
+
+Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres,
+und legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene
+Feige war. Lange küßte ihn Kamala, und mit tiefem Erstaunen fühlte
+Siddhartha, wie sie ihn lehrte, wie sie weise war, wie sie ihn
+beherrschte, ihn zurückwies, ihn lockte, und wie hinter diesem ersten
+eine lange, eine wohlgeordnete, wohlerprobte Reihe von Küssen stand,
+jeder vom andern verschieden, die ihn noch erwarteten. Tief atmend
+blieb er stehen, und war in diesem Augenblick wie ein Kind erstaunt
+über die Fülle des Wissens und Lernenswerten, die sich vor seinen
+Augen erschloß.
+
+"Sehr schön sind deine Verse," rief Kamala, "wenn ich reich wäre, gäbe
+ich dir Goldstücke dafür. Aber schwer wird es dir werden, mit Versen
+so viel Geld zu erwerben, wie du brauchst. Denn du brauchst viel Geld,
+wenn du Kamalas Freund sein willst."
+
+"Wie kannst du küssen, Kamala!" stammelte Siddhartha.
+
+"Ja, das kann ich schon, darum fehlt es mir auch nicht an Kleidern,
+Schuhen, Armbändern und allen schönen Dingen. Aber was wird aus dir
+werden? Kannst du nichts als denken, fasten, dichten?"
+
+"Ich kann auch die Opferlieder," sagte Siddhartha, "aber ich will sie
+nicht mehr singen. Ich kann auch Zaubersprüche, aber ich will sie
+nicht mehr sprechen. Ich habe die Schriften gelesen--"
+
+"Halt," unterbrach ihn Kamala. "Du kannst lesen? Und schreiben?"
+
+"Gewiß kann ich das. Manche können das."
+
+"Die meisten können es nicht. Auch ich kann es nicht. Es ist sehr
+gut, daß du lesen und schreiben kannst, sehr gut. Auch die
+Zaubersprüche wirst du noch brauchen können."
+
+In diesem Augenblick kam eine Dienerin gelaufen und flüsterte der
+Herrin eine Nachricht ins Ohr.
+
+"Ich bekomme Besuch," rief Kamala. "Eile und verschwinde, Siddhartha,
+niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich
+wieder."
+
+Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein weißes Obergewand
+zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich Siddhartha von
+der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus gebracht, mit
+einem Oberkleid beschenkt, ins Gebüsch geführt und dringlich ermahnt,
+sich alsbald ungesehen aus dem Hain zu verlieren.
+
+Zufrieden tat er, wie ihm geheißen war. Des Waldes gewohnt, brachte
+er sich lautlos aus dem Hain und über die Hecke. Zufrieden kehrte er
+in die Stadt zurück, das zusammengerollte Kleid unterm Arme tragend.
+In einer Herberge, wo Reisende einkehrten, stellte er sich an die Tür,
+bat schweigend um Essen, nahm schweigend ein Stück Reiskuchen an.
+Vielleicht schon morgen, dachte er, werde ich niemand mehr um Essen
+bitten.
+
+Stolz flammte plötzlich in ihm auf. Er war kein Samana mehr, nicht
+mehr stand es ihm an, zu betteln. Er gab den Reiskuchen einem Hunde
+und blieb ohne Speise.
+
+"Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier führt," dachte
+Siddhartha. "Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, mühsam
+und am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles
+leicht, leicht wie der Unterricht im Küssen, den mir Kamala gibt. Ich
+brauche Kleider und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele,
+sie stören einem nicht den Schlaf."
+
+Längst hatte er das Stadthaus Kamalas erkundet, dort fand er sich am
+andern Tage ein.
+
+"Es geht gut," rief sie ihm entgegen. "Du wirst bei Kamaswami
+erwartet, er ist der reichste Kaufmann dieser Stadt. Wenn du ihm
+gefällst, wird er dich in Dienst nehmen. Sei klug, brauner Samana.
+Ich habe ihm durch andre von dir erzählen lassen. Sei freundlich
+gegen ihn, er ist sehr mächtig. Aber sei nicht zu bescheiden! Ich
+will nicht, daß du sein Diener wirst, du sollst seinesgleichen werden,
+sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami fängt an, alt und
+bequem zu werden. Gefällst du ihm, so wird er dir viel anvertrauen."
+
+Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern
+und heute nichts gegessen, ließ sie Brot und Früchte bringen und
+bewirtete ihn.
+
+"Du hast Glück gehabt," sagte sie beim Abschied, "eine Tür um die
+andre tut sich dir auf. Wie kommt das wohl? Hast du einen Zauber?"
+
+Siddhartha sagte: "Gestern erzählte ich dir, ich verstünde zu denken,
+zu warten und zu fasten, du aber fandest, das sei zu nichts nütze. Es
+ist aber zu vielem nütze, Kamala, du wirst es sehen. Du wirst sehen,
+daß die dummen Samanas im Walde viel Hübsches lernen und können, das
+Ihr nicht könnet. Vorgestern war ich noch ein struppiger Bettler,
+gestern habe ich schon Kamala geküßt, und bald werde ich ein Kaufmann
+sein und Geld haben und all diese Dinge, auf die du Wert legst."
+
+"Nun ja," gab sie zu. "Aber wie stünde es mit dir ohne mich? Was
+wärest du, wenn Kamala dir nicht hülfe?"
+
+"Liebe Kamala," sagte Siddhartha und richtete sich hoch auf, "als ich
+zu dir in deinen Hain kam, tat ich den ersten Schritt. Es war mein
+Vorsatz, bei dieser schönsten Frau die Liebe zu lernen. Von jenem
+Augenblick an, da ich den Vorsatz faßte, wußte ich auch, daß ich ihn
+ausführen werde. Ich wußte, daß du mir helfen würdest, bei deinem
+ersten Blick am Eingang des Haines wußte ich es schon."
+
+"Wenn ich aber nicht gewollt hätte?"
+
+"Du hast gewollt. Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst,
+so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist
+es, wenn Siddhartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddhartha tut
+nichts, er wartet, er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge
+der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne
+sich zu rühren; er wird gezogen, er läßt sich fallen. Sein Ziel zieht
+ihn an sich, denn er läßt nichts in seine Seele ein, was dem Ziel
+widerstreben könnte. Das ist es, was Siddhartha bei den Samanas
+gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie
+meinen, es werde durch die Dämonen bewirkt. Nichts wird von Dämonen
+bewirkt, es gibt keine Dämonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine
+Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er
+fasten kann."
+
+Kamala hörte ihm zu. Sie liebte seine Stimme, sie liebte den Blick
+seiner Augen.
+
+"Vielleicht ist es so," sagte sie leise, "wie du sprichst, Freund.
+Vielleicht ist es aber auch so, daß Siddhartha ein hübscher Mann ist,
+daß sein Blick den Frauen gefällt, daß darum das Glück ihm
+entgegenkommt."
+
+Mit einem Kuß nahm Siddhartha Abschied. "Möge es so sein, meine
+Lehrerin. Möge immer mein Blick dir gefallen, möge immer von dir mir
+Glück entgegenkommen!"
+
+
+
+
+BEI DEN KINDERMENSCHEN
+
+Siddhartha ging zum Kaufmann Kamaswami, in ein reiches Haus ward er
+gewiesen, Diener führten ihn zwischen kostbaren Teppichen in ein
+Gemach, wo er den Hausherrn erwartete.
+
+Kamaswami trat ein, ein rascher, geschmeidiger Mann mit stark
+ergrauendem Haar, mit sehr klugen, vorsichtigen Augen, mit einem
+begehrlichen Mund. Freundlich begrüßten sich Herr und Gast.
+
+"Man hat mir gesagt," begann der Kaufmann, "daß du ein Brahmane bist,
+ein Gelehrter, daß du aber Dienste bei einem Kaufmann suchst. Bist du
+denn in Not geraten, Brahmane, daß du Dienste suchst?"
+
+"Nein," sagte Siddhartha, "ich bin nicht in Not geraten und bin nie in
+Not gewesen. Wisse, daß ich von den Samanas komme, bei welchen ich
+lange Zeit gelebt habe."
+
+"Wenn du von den Samanas kommst, wie solltest du da nicht in Not sein?
+Sind nicht die Samanas völlig besitzlos?",
+
+"Besitzlos bin ich," sagte Siddhartha, "wenn es das ist, was du meinst.
+Gewiß bin ich besitzlos. Doch bin ich es freiwillig, bin also nicht
+in Not."
+
+"Wovon aber willst du leben, wenn du besitzlos bist?"
+
+"Ich habe daran noch nie gedacht, Herr. Ich bin mehr als drei Jahre
+besitzlos gewesen, und habe niemals daran gedacht, wovon ich leben
+solle."
+
+"So hast du vom Besitz anderer gelebt."
+
+"Vermutlich ist es so. Auch der Kaufmann lebt ja von der Habe anderer."
+
+"Wohl gesprochen. Doch nimmt er von den andern das Ihre nicht umsonst;
+er gibt ihnen seine Waren dafür."
+
+"So scheint es sich in der Tat zu verhalten. Jeder nimmt, jeder gibt,
+so ist das Leben."
+
+"Aber erlaube: wenn du besitzlos bist, was willst du da geben?"
+
+"Jeder gibt, was er hat. Der Krieger gibt Kraft, der Kaufmann gibt
+Ware, der Lehrer Lehre, der Bauer Reis, der Fischer Fische."
+
+"Sehr wohl. Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es,
+das du gelernt hast, das du kannst?"
+
+"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."
+
+"Das ist alles?"
+
+"Ich glaube, es ist alles!"
+
+"Und wozu nützt es? Zum Beispiel das Fasten--wozu ist es gut?"
+
+"Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist
+Fasten das Allerklügste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel,
+Siddhartha nicht fasten gelernt hätte, so müßte er heute noch
+irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der
+Hunger würde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten,
+er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich
+vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist
+Fasten gut."
+
+"Du hast Recht, Samana. Warte einen Augenblick."
+
+Kamaswami ging hinaus und kehrte mit einer Rolle wieder, die er seinem
+Gaste hinreichte, indem er fragte: "Kannst du dies lesen?"
+
+Siddhartha betrachtete die Rolle, in welcher ein Kaufvertrag
+niedergeschrieben war, und begann ihren Inhalt vorzulesen.
+
+"Vortrefflich", sagte Kamaswami. "Und willst du mir etwas auf dieses
+Blatt schreiben?"
+
+Er gab ihm ein Blatt und einen Griffel, und Siddhartha schrieb und gab
+das Blatt zurück.
+
+Kamaswami las: "Schreiben ist gut, Denken ist besser. Klugheit ist
+gut, Geduld ist besser."
+
+"Vorzüglich verstehst du zu schreiben," lobte der Kaufmann. "Manches
+werden wir noch miteinander zu sprechen haben. Für heute bitte ich
+dich, sei mein Gast und nimm in diesem Hause Wohnung."
+
+Siddhartha dankte und nahm an, und wohnte nun im Hause des Händlers.
+Kleider wurden ihm gebracht, und Schuhe, und ein Diener bereitete ihm
+täglich das Bad. Zweimal am Tage wurde eine reichliche Mahlzeit
+aufgetragen, Siddhartha aber aß nur einmal am Tage, und aß weder
+Fleisch noch trank er Wein. Kamaswami erzählte ihm von seinem Handel,
+zeigte ihm Waren und Magazine, zeigte ihm Berechnungen. Vieles Neue
+lernte Siddhartha kennen, er hörte viel und sprach wenig. Und der
+Worte Kamalas eingedenk, ordnete er sich niemals dem Kaufmanne unter,
+zwang ihn, daß er ihn als seinesgleichen, ja als mehr denn
+seinesgleichen behandle. Kamaswami betrieb seine Geschäfte mit
+Sorglichkeit und oft mit Leidenschaft, Siddhartha aber betrachtete
+dies alles wie ein Spiel, dessen Regeln genau zu lernen er bemüht war,
+dessen Inhalt aber sein Herz nicht berührte.
+
+Nicht lange war er in Kamaswamis Hause, da nahm er schon an seines
+Hausherrn Handel teil. Täglich aber zu der Stunde, die sie ihm nannte,
+besuchte er die schöne Kamala, in hübschen Kleidern, in feinen
+Schuhen, und bald brachte er ihr auch Geschenke mit. Vieles lehrte
+ihn ihr roter, kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte,
+geschmeidige Hand. Ihm, der in der Liebe noch ein Knabe war und dazu
+neigte, sich blindlings und unersättlich in die Lust zu stürzen wie
+ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, daß man Lust nicht
+nehmen kann, ohne Lust zu geben, und daß jede Gebärde, jedes
+Streicheln, jede Berührung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des
+Körpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Glück bereitet.
+Sie lehrte ihn, daß Liebende nach einer Liebesfeier nicht voneinander
+gehen dürfen, ohne eins das andere zu bewundern, ohne ebenso besiegt
+zu sein, wie gesiegt zu haben, so daß bei keinem von beiden
+Übersättigung und Öde entstehe und das böse Gefühl, mißbraucht zu
+haben oder mißbraucht worden zu sein. Wunderbare Stunden brachte er
+bei der schönen und klugen Künstlerin zu, wurde ihr Schüler, ihr
+Liebhaber, ihr Freund. Hier bei Kamala lag der Wert und Sinn seines
+jetzigen Lebens, nicht im Handel des Kamaswami.
+
+Der Kaufmann übertrug ihm das Schreiben wichtiger Briefe und Verträge,
+und gewöhnte sich daran, alle wichtigen Angelegenheiten mit ihm zu
+beraten. Er sah bald, daß Siddhartha von Reis und Wolle, von
+Schiffahrt und Handel wenig verstand, daß aber seine Hand eine
+glückliche war, und daß Siddhartha ihn, den Kaufmann, übertraf an Ruhe
+und Gleichmut, und in der Kunst des Zuhörenkönnens und Eindringens in
+fremde Menschen. "Dieser Brahmane," sagte er zu einem Freunde, "ist
+kein richtiger Kaufmann und wird nie einer werden, nie ist seine Seele
+mit Leidenschaft bei den Geschäften. Aber er hat das Geheimnis jener
+Menschen, zu welchen der Erfolg von selber kommt, sei das nun ein
+angeborener guter Stern, sei es Zauber, sei es etwas, das er bei den
+Samanas gelernt hat. Immer scheint er mit den Geschäften nur
+zu spielen, nie gehen sie ganz in ihn ein, nie beherrschen sie ihn, nie
+fürchtet er Mißerfolg, nie bekümmert ihn ein Verlust."
+
+Der Freund riet dem Händler: "Gib ihm von den Geschäften, die er für
+dich treibt, einen Drittel vom Gewinn, laß ihn aber auch denselben
+Anteil des Verlustes treffen, wenn Verlust entsteht. So wird er
+eifriger werden."
+
+Kamaswami folgte dem Rat. Siddhartha aber kümmerte sich wenig darum.
+Traf ihn Gewinn, so nahm er ihn gleichmütig hin; traf ihn Verlust, so
+lachte er und sagte: "Ei sieh, dies ist also schlecht gegangen!"
+
+Es schien in der Tat, als seien die Geschäfte ihm gleichgültig.
+Einmal reiste er in ein Dorf, um dort eine große Reisernte aufzukaufen.
+Als er ankam, war aber der Reis schon an einen andern Händler
+verkauft. Dennoch blieb Siddhartha manche Tage in jenem Dorf,
+bewirtete die Bauern, schenkte ihren Kindern Kupfermünzen, feierte
+eine Hochzeit mit und kam überaus zufrieden von der Reise zurück.
+Kamaswami machte ihm Vorwürfe, daß er nicht sogleich umgekehrt sei,
+daß er Zeit und Geld vergeudet habe. Siddhartha antwortete: "Laß das
+Schelten, lieber Freund! Noch nie ist mit Schelten etwas erreicht
+worden. Ist Verlust entstanden, so laß mich den Verlust tragen. Ich
+bin sehr zufrieden mit dieser Reise. Ich habe vielerlei Menschen
+kennengelernt, ein Brahmane ist mein Freund geworden, Kinder sind auf
+meinen Knien geritten, Bauern haben mir ihre Felder gezeigt, niemand
+hat mich für einen Händler gehalten."
+
+"Sehr hübsch ist dies alles," rief Kamaswami unwillig, "aber
+tatsächlich bist du doch ein Händler, sollte ich meinen! Oder bist du
+denn nur zu deinem Vergnügen gereist?"
+
+"Gewiß," lachte Siddhartha, "gewiß bin ich zu meinem Vergnügen gereist.
+Wozu denn sonst? Ich habe Menschen und Gegenden kennengelernt, ich
+habe Freundlichkeit und Vertrauen genossen, ich habe Freundschaft
+gefunden. Sieh, Lieber, wenn ich Kamaswami gewesen wäre, so wäre ich
+sofort, als ich meinen Kauf vereitelt sah, voll Ärger und in Eile
+wieder zurückgereist, und Zeit und Geld wäre in der Tat verloren
+gewesen. So aber habe ich gute Tage gehabt, habe gelernt, habe Freude
+genossen, habe weder mich noch andre durch Ärger und durch
+Eilfertigkeit geschädigt. Und wenn ich jemals wieder dorthin komme,
+vielleicht um eine spätere Ernte zu kaufen, oder zu welchem Zwecke es
+sei, so werden freundliche Menschen mich freundlich und heiter
+empfangen, und ich werde mich dafür loben, daß ich damals nicht Eile
+und Unmut gezeigt habe. Also laß gut sein, Freund, und schade dir
+nicht durch Schelten! Wenn der Tag kommt, an dem du sehen wirst:
+Schaden bringt mir dieser Siddhartha, dann sprich ein Wort, und
+Siddhartha wird seiner Wege gehen. Bis dahin aber laß uns einer mit
+dem andern zufrieden sein."
+
+Vergeblich waren auch die Versuche des Kaufmanns, Siddhartha zu
+überzeugen, daß er sein, Kamaswamis, Brot esse. Siddhartha aß sein
+eignes Brot, vielmehr sie beide aßen das Brot anderer, das Brot aller.
+Niemals hatte Siddhartha ein Ohr für Kamaswamis Sorgen, und Kamaswami
+machte sich viele Sorgen. War ein Geschäft im Gange, welchem
+Mißerfolg drohte, schien eine Warensendung verloren, schien ein
+Schuldner nicht zahlen zu können, nie konnte Kamaswami seinen
+Mitarbeiter überzeugen, daß es nützlich sei, Worte des Kummers oder
+des Zornes zu verlieren, Falten auf der Stirn zu haben, schlecht zu
+schlafen. Als ihm Kamaswami einstmals vorhielt, er habe alles, was er
+verstehe, von ihm gelernt, gab er zur Antwort: "Wolle mich doch nicht
+mit solchen Späßen zum Besten haben! Von dir habe ich gelernt,
+wieviel ein Korb voll Fische kostet, und wieviel Zins man für
+geliehenes Geld fordern kann. Das sind deine Wissenschaften. Denken
+habe ich nicht bei dir gelernt, teurer Kamaswami, suche lieber du es
+von mir zu lernen."
+
+In der Tat war seine Seele nicht beim Handel. Die Geschäfte waren gut,
+um ihm Geld für Kamala einzubringen, und sie brachten weit mehr ein,
+als er brauchte. Im übrigen war Siddharthas Teilnahme und Neugierde
+nur bei den Menschen, deren Geschäfte, Handwerke, Sorgen,
+Lustbarkeiten und Torheiten ihm früher fremd und fern gewesen waren
+wie der Mond. So leicht es ihm gelang, mit allen zu sprechen, mit
+allen zu leben, von allen zu lernen, so sehr ward ihm dennoch bewußt,
+daß etwas sei, was ihn von ihnen trenne, und dies Trennende war sein
+Samanatum. Er sah die Menschen auf eine kindliche oder tierhafte Art
+dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie
+sich mühen, sah sie leiden und grau werden um Dinge, die ihm dieses
+Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine Lust, um kleine Ehren,
+er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah sie um Schmerzen
+wehklagen, über die der Samana lächelt, und unter Entbehrungen leiden,
+die ein Samana nicht fühlt.
+
+Allem stand er offen, was diese Menschen ihm zubrachten. Willkommen
+war ihm der Händler, der ihm Leinwand zum Kauf anbot, willkommen der
+Verschuldete, der ein Darlehen suchte, willkommen der Bettler, der ihm
+eine Stunde lang die Geschichte seiner Armut erzählte, und welcher
+nicht halb so arm war als ein jeder Samana. Den reichen ausländischen
+Händler behandelte er nicht anders als den Diener, der ihn rasierte,
+und den Straßenverkäufer, von dem er sich beim Bananenkauf um kleine
+Münze betrügen ließ. Wenn Kamaswami zu ihm kam, um über seine Sorgen
+zu klagen oder ihm wegen eines Geschäftes Vorwürfe zu machen, so hörte
+er neugierig und heiter zu, wunderte sich über ihn, suchte ihn zu
+verstehen, ließ ihn ein wenig Recht haben, eben soviel als ihm
+unentbehrlich schien, und wandte sich von ihm ab, dem Nächsten zu, der
+ihn begehrte. Und es kamen viele zu ihm, viele um mit ihm zu handeln,
+viele um ihn zu betrügen, viele um ihn auszuhorchen, viele um sein
+Mitleid anzurufen, viele um seinen Rat zu hören. Er gab Rat, er
+bemitleidete, er schenkte, er ließ sich ein wenig betrügen, und dieses
+ganze Spiel und die Leidenschaft, mit welcher alle Menschen dies Spiel
+betrieben, beschäftigte seine Gedanken ebensosehr, wie einst die
+Götter und das Brahman sie beschäftigt hatten.
+
+Zuzeiten spürte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme,
+die mahnte leise, klagte leise, kaum daß er sie vernahm. Alsdann kam
+ihm für eine Stunde zum Bewußtsein, daß er ein seltsames Leben führe,
+daß er da lauter Dinge tue, die bloß ein Spiel waren, daß er wohl
+heiter sei und zuweilen Freude fühle, daß aber das eigentliche Leben
+dennoch an ihm vorbeifließe und ihn nicht berühre. Wie ein
+Ballspieler mit seinen Bällen spielt, so spielte er mit seinen
+Geschäften, mit den Menschen seiner Umgebung, sah ihnen zu, fand
+seinen Spaß an ihnen; mit dem Herzen, mit der Quelle seines Wesens war
+er nicht dabei. Die Quelle lief irgendwo, wie fern von ihm, lief und
+lief unsichtbar, hatte nichts mehr mit seinem Leben zu tun. Und
+einigemal erschrak er ob solchen Gedanken und wünschte sich, es möge
+doch auch ihm gegeben sein, bei all dem kindlichen Tun des Tages mit
+Leidenschaft und mit dem Herzen beteiligt zu sein, wirklich zu leben,
+wirklich zu tun, wirklich zu genießen und zu leben, statt nur so als
+ein Zuschauer daneben zu stehen. Immer aber kam er wieder zur schönen
+Kamala, lernte Liebeskunst, übte den Kult der Lust, bei welchem mehr
+als irgendwo geben und nehmen zu einem wird, plauderte mit ihr, lernte
+von ihr, gab ihr Rat, empfing Rat. Sie verstand ihn besser, als
+Govinda ihn einst verstanden hatte, sie war ihm ähnlicher.
+
+Einmal sagte er zu ihr: "Du bist wie ich, du bist anders als die
+meisten Menschen. Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist
+eine Stille und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und
+bei dir daheim sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen
+haben das, und doch könnten alle es haben."
+
+"Nicht alle Menschen sind klug," sagte Kamala.
+
+"Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso
+klug wie ich, und hat doch keine Zuflucht in sich. Andre haben sie,
+die an Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala,
+sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft,
+und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie
+Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich
+selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn. Unter allen Gelehrten und
+Samanas, deren ich viele kannte, war einer von dieser Art, ein
+Vollkommener, nie kann ich ihn vergessen. Es ist jener Gotama, der
+Erhabene, der Verkündiger jener Lehre. Tausend Jünger hören jeden Tag
+seine Lehre, folgen jede Stunde seiner Vorschrift, aber sie alle
+sind fallendes Laub, nicht in sich selbst haben sie Lehre und Gesetz."
+
+Kamala betrachtete ihn mit Lächeln. "Wieder redest du von ihm," sagte
+sie, "wieder hast du Samana-Gedanken."
+
+Siddhartha schwieg, und sie spielten das Spiel der Liebe, eines von
+den dreißig oder vierzig verschiedenen Spielen, welche Kamala wußte.
+Ihr Leib war biegsam wie der eines Jaguars, und wie der Bogen eines
+Jägers; wer von ihr die Liebe gelernt hatte, war vieler Lüste, vieler
+Geheimnisse kundig. Lange spielte sie mit Siddhartha, lockte ihn, wies
+ihn zurück, zwang ihn, umspannte ihn: freute sich seiner Meisterschaft,
+bis er besiegt war und erschöpft an ihrer Seite ruhte.
+
+Die Hetäre beugte sich über ihn, sah lang in sein Gesicht, in seine
+müdgewordenen Augen.
+
+"Du bist der beste Liebende," sagte sie nachdenklich, "den ich gesehen
+habe. Du bist stärker als andre, biegsamer, williger. Gut hast du
+meine Kunst gelernt, Siddhartha. Einst, wenn ich älter bin, will ich
+von dir ein Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Samana
+geblieben, dennoch liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen.
+Ist es nicht so?"
+
+"Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha müde. "Ich bin wie du. Auch
+du liebst nicht--wie könntest du sonst die Liebe als eine Kunst
+betreiben? Die Menschen von unserer Art können vielleicht nicht
+lieben. Die Kindermenschen können es; das ist ihr Geheimnis."
+
+
+
+
+SANSARA
+
+Lange Zeit hatte Siddhartha das Leben der Welt und der Lüste gelebt,
+ohne ihm doch anzugehören. Seine Sinne, die er in heißen
+Samana-Jahren ertötet hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum
+gekostet, hatte Wollust gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er
+lange Zeit im Herzen noch ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die
+Kluge, richtig erkannt. Immer noch war es die Kunst des Denkens, des
+Wartens, des Fastens, von welcher sein Leben gelenkt wurde, immer noch
+waren die Menschen der Welt, die Kindermenschen, ihm fremd geblieben,
+wie er ihnen fremd war.
+
+Die Jahre liefen dahin, in Wohlergehen eingehüllt fühlte Siddhartha
+ihr Schwinden kaum. Er war reich geworden, er besaß längst ein
+eigenes Haus und eigene Dienerschaft, und einen Garten vor der Stadt
+am Flusse. Die Menschen hatten ihn gerne, sie kamen zu ihm, wenn sie
+Geld oder Rat brauchten, niemand aber stand ihm nahe, außer Kamala.
+
+Jenes hohe, helle Wachsein, welches er einst, auf der Höhe seiner
+Jugend, erlebt hatte, in den Tagen nach Gotamas Predigt, nach der
+Trennung von Govinda, jene gespannte Erwartung, jenes stolze
+Alleinstehen ohne Lehren und ohne Lehrer, jene geschmeidige
+Bereitschaft, die göttliche Stimme im eigenen Herzen zu hören, war
+allmählich Erinnerung geworden, war vergänglich gewesen; fern und
+leise rauschte die heilige Quelle, die einst nahe gewesen war, die
+einst in ihm selber gerauscht hatte. Vieles zwar, das er von den
+Samanas gelernt, das er von Gotama gelernt, das er von seinem Vater,
+dem Brahmanen, gelernt hatte, war noch lange Zeit in ihm geblieben:
+mäßiges Leben, Freude am Denken, Stunden der Versenkung, heimliches
+Wissen vom Selbst, vom ewigen Ich, das nicht Körper noch Bewußtsein
+ist. Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war
+untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des
+Töpfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam
+ermüdet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der
+Askese, das Rad des Denkens, das Rad der Unterscheidung lange weiter
+geschwungen, schwang immer noch, aber es schwang langsam und zögernd
+und war dem Stillstand nahe. Langsam, wie Feuchtigkeit in den
+absterbenden Baumstrunk dringt, ihn langsam füllt und faulen macht,
+war Welt und Trägheit in Siddharthas Seele gedrungen, langsam füllte
+sie seine Seele, machte sie schwer, machte sie müde, schläferte sie
+ein. Dafür waren seine Sinne lebendig geworden, viel hatten sie
+gelernt, viel erfahren.
+
+Siddhartha hatte gelernt, Handel zu treiben, Macht über Menschen
+auszuüben, sich mit dem Weibe zu vergnügen, er hatte gelernt, schöne
+Kleider zu tragen, Dienern zu befehlen, sich in wohlriechenden Wassern
+zu baden. Er hatte gelernt, zart und sorgfältig bereitete Speisen zu
+essen, auch den Fisch, auch Fleisch und Vogel, Gewürze und Süßigkeiten,
+und den Wein zu trinken, der träge und vergessen macht. Er hatte
+gelernt, mit Würfeln und auf dem Schachbrette zu spielen, Tänzerinnen
+zuzusehen, sich in der Sänfte tragen zu lassen, auf einem weichen Bett
+zu schlafen. Aber immer noch hatte er sich von den andern verschieden
+und ihnen überlegen gefühlt, immer hatte er ihnen mit ein wenig Spott
+zugesehen, mit ein wenig spöttischer Verachtung, mit eben jener
+Verachtung, wie sie ein Samana stets für Weltleute fühlt. Wenn
+Kamaswami kränklich war, wenn er ärgerlich war, wenn er sich beleidigt
+fühlte, wenn er von seinen Kaufmannssorgen geplagt wurde, immer hatte
+Siddhartha es mit Spott angesehen. Langsam und unmerklich nur, mit
+den dahingehenden Erntezeiten und Regenzeiten, war sein Spott müder
+geworden, war seine Überlegenheit stiller geworden. Langsam nur,
+zwischen seinen wachsenden Reichtümern, hatte Siddhartha selbst etwas
+von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer
+Kindlichkeit und von ihrer Ängstlichkeit. Und doch beneidete er sie,
+beneidete sie desto mehr, je ähnlicher er ihnen wurde. Er beneidete
+sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit,
+welche sie ihrem Leben beizulegen vermochten, um die
+Leidenschaftlichkeit ihrer Freuden und Ängste, um das bange aber süße
+Glück ihrer ewigen Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre
+Kinder, in Ehre oder Geld, in Pläne oder Hoffnungen verliebt waren
+diese Menschen immerzu. Er aber lernte dies nicht von ihnen, gerade
+dies nicht, diese Kinderfreude und Kindertorheit; er lernte von ihnen
+gerade das Unangenehme, was er selbst verachtete. Es geschah immer
+öfter, daß er am Morgen nach einem geselligen Abend lange liegen blieb
+und sich dumpf und müde fühlte. Es geschah, daß er ärgerlich und
+ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit seinen Sorgen lang weilte.
+Es geschah, daß er allzu laut lachte, wenn er im Würfelspiel verlor.
+Sein Gesicht war noch immer klüger und geistiger als andre, aber es
+lachte selten, und nahm einen um den andern jene Züge an, die man im
+Gesicht reicher Leute so häufig findet, jene Züge der Unzufriedenheit,
+der Kränklichkeit, des Mißmutes, der Trägheit, der Lieblosigkeit.
+Langsam ergriff ihn die Seelenkrankheit der Reichen.
+
+Wie ein Schleier, wie ein dünner Nebel senkte sich Müdigkeit über
+Siddhartha, langsam, jeden Tag ein wenig dichter, jeden Monat ein
+wenig trüber, jedes Jahr ein wenig schwerer. Wie ein neues Kleid mit
+der Zeit alt wird, mit der Zeit seine schöne Farbe verliert, Flecken
+bekommt, Falten bekommt, an den Säumen abgestoßen wird und hier und
+dort blöde, fädige Stellen zu zeigen beginnt, so war Siddharthas neues
+Leben, das er nach seiner Trennung von Govinda begonnen hatte, alt
+geworden, so verlor es mit den hinrinnenden Jahren Farbe und Glanz, so
+sammelten sich Falten und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen,
+hier und dort schon häßlich hervorblickend, wartete Enttäuschung und
+Ekel. Siddhartha merkte es nicht. Er merkte nur, dass jene helle und
+sichere Stimme seines Innern, die einst in ihm erwacht war und ihn in
+seinen glänzenden Zeiten je und je geleitet hatte, schweigsam
+geworden war.
+
+Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die
+Trägheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das
+törichteste stets am meisten verachtet und gehöhnt hatte: die Habgier.
+Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schließlich
+eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last
+geworden. Auf einem seltsamen und listigen Wege war Siddhartha in
+diese letzte und schnödeste Abhängigkeit geraten, durch das
+Würfelspiel. Seit der Zeit nämlich, da er im Herzen aufgehört hatte,
+ein Samana zu sein, begann Siddhartha das Spiel um Geld und
+Kostbarkeiten, das er sonst lächelnd und lässig als eine Sitte der
+Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und
+Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefürchteter Spieler, wenige
+wagten es mit ihm, so hoch und frech waren seine Einsätze. Er trieb
+das Spiel aus der Not seines Herzens, das Verspielen und Verschleudern
+des elenden Geldes schuf ihm eine zornige Freude, auf keine andre
+Weise konnte er seine Verachtung des Reichtums, des Götzen der
+Kaufleute, deutlicher und höhnischer zeigen. So spielte er hoch und
+schonungslos, sich selbst hassend, sich selbst verhöhnend, strich
+Tausende ein, warf Tausende weg, verspielte Geld, verspielte Schmuck,
+verspielte ein Landhaus, gewann wieder, verspielte wieder. Jene Angst,
+jene furchtbare und beklemmende Angst, welche er während des Würfelns,
+während des Bangens um hohe Einsätze empfand, jene Angst liebte er
+und suchte sie immer zu erneuern, immer zu steigern, immer höher zu
+kitzeln, denn in diesem Gefühl allein noch fühlte er etwas wie Glück,
+etwas wie Rausch, etwas wie erhöhtes Leben inmitten seines gesättigten,
+lauen, faden Lebens.
+
+Und nach jedem großen Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging
+eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen,
+denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem
+Reichtum seine Verachtung zeigen. Siddhartha verlor die Gelassenheit
+bei Verlusten, er verlor die Geduld gegen säumige Zahler, verlor die
+Gutmütigkeit gegen Bettler, verlor die Lust am Verschenken und
+Wegleihen des Geldes an Bittende. Er, der zehntausend auf einen Wurf
+verspielte und dazu lachte, wurde im Handel strenger und kleinlicher,
+träumte nachts zuweilen von Geld! Und so oft er aus dieser häßlichen
+Bezauberung erwachte, so oft er sein Gesicht im Spiegel an der
+Schlafzimmerwand gealtert und häßlicher geworden sah, so oft Scham und
+Ekel ihn überfiel, floh er weiter, floh in neues Glücksspiel, floh in
+Betäubungen der Wollust, des Weines, und von da zurück in den Trieb
+des Häufens und Erwerbens. In diesem sinnlosen Kreislauf lief er sich
+müde, lief er sich alt, lief sich krank.
+
+Da mahnte ihn einst ein Traum. Er war die Abendstunden bei Kamala
+gewesen, in ihrem schönen Lustgarten. Sie waren unter den Bäumen
+gesessen, im Gespräch, und Kamala hatte nachdenkliche Worte gesagt,
+Worte, hinter welchen sich eine Trauer und Müdigkeit verbarg. Von
+Gotama hatte sie ihn gebeten zu erzählen, und konnte nicht genug von
+ihm hören, wie rein sein Auge, wie still und schön sein Mund, wie
+gütig sein Lächeln, wie friedevoll sein Gang gewesen. Lange hatte er
+ihr vom erhabenen Buddha erzählen müssen, und Kamala hatte geseufzt,
+und hatte gesagt: "Einst, vielleicht bald, werde auch ich diesem Buddha
+folgen. Ich werde ihm meinen Lustgarten schenken, und werde meine
+Zuflucht zu seiner Lehre nehmen." Darauf aber hatte sie ihn gereizt,
+und ihn im Liebesspiel mit schmerzlicher Inbrunst an sich gefesselt,
+unter Bissen und unter Tränen, als wolle sie noch einmal aus dieser
+eiteln, vergänglichen Lust den letzten süßen Tropfen pressen. Nie war
+es Siddhartha so seltsam klar geworden, wie nahe die Wollust dem Tode
+verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite gelegen, und Kamalas Antlitz
+war ihm nahe gewesen, und unter ihren Augen und neben ihren
+Mundwinkeln hatte er, deutlich wie noch niemals, eine bange Schrift
+gelesen, eine Schrift von feinen Linien, von leisen Furchen, eine
+Schrift, die an den Herbst und an das Alter erinnerte, wie denn auch
+Siddhartha selbst, der erst in den Vierzigen stand, schon hier und
+dort ergraute Haare zwischen seinen schwarzen bemerkt hatte.
+Müdigkeit stand auf Kamalas schönem Gesicht geschrieben, Müdigkeit vom
+Gehen eines langen Weges, der kein frohes Ziel hat, Müdigkeit und
+beginnende Welke, und verheimlichte, noch nicht gesagte, vielleicht
+noch nicht einmal gewußte Bangigkeit: Furcht vor dem Alter, Furcht vor
+dem Herbste, Furcht vor dem Sterbenmüssen. Seufzend hatte er von ihr
+Abschied genommen, die Seele voll Unlust, und voll verheimlichter
+Bangigkeit.
+
+Dann hatte Siddhartha die Nacht in seinem Hause mit Tänzerinnen beim
+Weine zugebracht, hatte gegen seine Standesgenossen den überlegenen
+gespielt, welcher er nicht mehr war, hatte viel Wein getrunken und
+spät nach Mitternacht sein Lager aufgesucht, müde und dennoch erregt,
+dem Weinen und der Verzweiflung nahe, und hatte lang vergeblich den
+Schlaf gesucht, das Herz voll eines Elendes, das er nicht mehr
+ertragen zu können meinte, voll eines Ekels, von dem er sich
+durchdrungen fühlte wie vom lauen, widerlichen Geschmack des Weines,
+der allzu süßen, öden Musik, dem allzu weichen Lächeln der Tänzerinnen,
+dem allzu süßen Duft ihrer Haare und Brüste. Mehr aber als vor allem
+anderen ekelte ihm vor sich selbst, vor seinen duftenden Haaren, vor
+dem Weingeruch seines Mundes, vor der schlaffen Müdigkeit und Unlust
+seiner Haut. Wie wenn einer, der allzuviel gegessen oder getrunken
+hat, es unter Qualen wieder erbricht und doch der Erleichterung froh
+ist, so wünschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von
+Ekel sich dieser Genüsse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen
+Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens
+und dem Erwachen der ersten Geschäftigkeit auf der Straße vor seinem
+Stadthause war er eingeschlummert, hatte für wenige Augenblicke eine
+halbe Betäubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In diesen
+Augenblicken hatte er einen Traum:
+
+Kamala besaß in einem goldenen Käfig einen kleinen seltenen Singvogel.
+Von diesem Vogel träumte er. Er träumte: dieser Vogel war stumm
+geworden, der sonst stets in der Morgenstunde sang, und da dies ihm
+auffiel, trat er vor den Käfig und blickte hinein, da war der kleine
+Vogel tot und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen
+Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus,
+und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm
+weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute
+von sich geworfen.
+
+Aus diesem Traum auffahrend, fühlte er sich von tiefer Traurigkeit
+umfangen. Wertlos, so schien ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein
+Leben dahingeführt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Köstliches
+oder Behaltenswertes war ihm in Händen geblieben. Allein stand er
+und leer, wie ein Schiffbrüchiger am Ufer.
+
+Finster begab sich Siddhartha in einen Lustgarten, der ihm gehörte,
+verschloß die Pforte, setzte sich unter einem Mangobaum nieder, fühlte
+den Tod im Herzen und das Grauen in der Brust, saß und spürte, wie es
+in ihm starb, in ihm welkte, in ihm zu Ende ging. Allmählich sammelte
+er seine Gedanken, und ging im Geiste nochmals den ganzen Weg seines
+Lebens, von den ersten Tagen an, auf welche er sich besinnen konnte.
+Wann denn hatte er ein Glück erlebt, eine wahre Wonne gefühlt? O ja,
+mehrere Male hatte er solches erlebt. In den Knabenjahren hatte er es
+gekostet, wenn er von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem
+Herzen gefühlt: "Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im
+Disput mit den Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte."
+Da hatte er es in seinem Herzen gefühlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu
+dem du berufen bist, auf dich warten die Götter." Und wieder als
+Jüngling, da ihn das immer höher emporfliehende Ziel alles Nachdenkens
+aus der Schar Gleichstrebender heraus- und hinangerissen hatte, da er
+in Schmerzen um den Sinn des Brahman rang, da jedes erreichte Wissen
+nur neuen Durst in ihm entfachte, da wieder hatte er, mitten im Durst,
+mitten im Schmerze dieses selbe gefühlt: "Weiter! Weiter! Du bist
+berufen!" Diese Stimme hatte er vernommen, als er seine Heimat
+verlassen und das Leben des Samana gewählt hatte, und wieder, als er
+von den Samanas hinweg zu jenem Vollendeten, und auch von ihm hinweg
+ins Ungewisse gegangen war. Wie lange hatte er diese Stimme nicht
+mehr gehört, wie lange keine Höhe mehr erreicht, wie eben und öde war
+sein Weg dahingegangen, viele lange Jahre, ohne hohes Ziel, ohne Durst,
+ohne Erhebung, mit kleinen Lüsten zufrieden und dennoch nie begnügt!
+Alle diese Jahre hatte er, ohne es selbst zu wissen, sich bemüht und
+danach gesehnt, ein Mensch wie diese vielen zu werden, wie diese
+Kinder, und dabei war sein Leben viel elender und ärmer gewesen als
+das ihre, denn ihre Ziele waren nicht die seinen, noch ihre Sorgen,
+diese ganze Welt der Kamaswami-Menschen war ihm ja nur ein Spiel
+gewesen, ein Tanz, dem man zusieht, eine Komödie. Einzig Kamala war
+ihm lieb, war ihm wertvoll gewesen--aber war sie es noch? Brauchte er
+sie noch, oder sie ihn? Spielten sie nicht ein Spiel ohne Ende? War
+es notwendig, dafür zu leben? Nein, es war nicht notwendig! Dieses
+Spiel hieß Sansara, ein Spiel für Kinder, ein Spiel, vielleicht hold
+zu spielen, einmal, zweimal, zehnmal--aber immer und immer wieder?
+
+Da wußte Siddhartha, daß das Spiel zu Ende war, daß er es nicht mehr
+spielen könne. Ein Schauder lief ihm über den Leib, in seinem Innern,
+so fühlte er, war etwas gestorben.
+
+Jenen ganzen Tag saß er unter dem Mangobaume, seines Vaters gedenkend,
+Govindas gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese verlassen
+müssen, um ein Kamaswami zu werden? Er saß noch, als die Nacht
+angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er:
+"Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten." Er
+lächelte ein wenig--war es denn notwendig, war es richtig, war es
+nicht ein törichtes Spiel, daß er einen Mangobaum, daß er einen Garten
+besaß?
+
+Auch damit schloß er ab, auch das starb in ihm. Er erhob sich, nahm
+Abschied vom Mangobaum, Abschied vom Lustgarten. Da er den Tag ohne
+Speise geblieben war, fühlte er heftigen Hunger, und gedachte an sein
+Haus in der Stadt, an sein Gemach und Bett, an den Tisch mit den
+Speisen. Er lächelte müde, schüttelte sich und nahm Abschied von
+diesen Dingen.
+
+In derselben Nachtstunde verließ Siddhartha seinen Garten, verließ die
+Stadt und kam niemals wieder. Lange ließ Kamaswami nach ihm suchen,
+der ihn in Räuberhand gefallen glaubte. Kamala ließ nicht nach ihm
+suchen. Als sie erfuhr, daß Siddhartha verschwunden sei, wunderte sie
+sich nicht. Hatte sie es nicht immer erwartet? War er nicht ein
+Samana, ein Heimloser, ein Pilger? Und am meisten hatte sie dies beim
+letzten Zusammensein gefühlt, und sie freute sich mitten im Schmerz
+des Verlustes, daß sie ihn dieses letzte Mal noch so innig an ihr Herz
+gezogen sich noch einmal so ganz von ihm besessen und durchdrungen
+gefühlt hatte.
+
+Als sie die erste Nachricht von Siddharthas Verschwinden bekam, trat
+sie ans Fenster, wo sie in einem goldenen Käfig einen seltenen
+Singvogel gefangen hielt. Sie öffnete die Tür des Käfigs, nahm den
+Vogel heraus und ließ ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem
+fliegenden Vogel. Sie empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr,
+und hielt ihr Haus verschlossen. Nach einiger Zeit aber ward sie inne,
+daß sie von dem letzten Zusammensein mit Siddhartha schwanger sei.
+
+
+
+
+AM FLUSSE
+
+Siddhartha wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wußte
+nichts als das eine, daß er nicht mehr zurück konnte, daß dies Leben,
+wie er es nun viele Jahre lang geführt, vorüber und dahin und bis zum
+Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem
+er geträumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in
+Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich
+eingesogen, wie ein Schwamm Wasser einsaugt, bis er voll ist. Voll
+war er von Überdruß, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es
+in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trösten konnte.
+
+Sehnlich wünschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben,
+tot zu sein. Käme doch ein Blitz und erschlüge ihn! Käme doch ein
+Tiger und fräße ihn! Gäbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm
+Betäubung brächte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab
+es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt
+hatte, eine Sünde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenöde,
+die er nicht auf sich geladen hatte? War es denn noch möglich, zu
+leben? War es möglich, nochmals und nochmals wieder Atem zu ziehen,
+Atem auszustoßen, Hunger zu fühlen, wieder zu essen, wieder zu
+schlafen, wieder beim Weibe zu liegen? War dieser Kreislauf nicht für
+ihn erschöpft und abgeschlossen?
+
+Siddhartha gelangte an den großen Fluß im Walde, an denselben Fluß,
+über welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der
+Stadt des Gotama kam, ein Fährmann geführt hatte. An diesem Flusse
+machte er Halt, blieb zögernd beim Ufer stehen. Müdigkeit und Hunger
+hatten ihn geschwächt, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn,
+zu welchem Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr
+als die tiefe, leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wüsten Traum von
+sich zu schütteln, diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem
+jämmerlichen und schmachvollen Leben ein Ende zu machen.
+
+Über das Flußufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen
+Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den
+Stamm und blickte in das grüne Wasser hinab, das unter ihm zog und zog,
+blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfüllt,
+sich loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche
+Leere spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare
+Leere in seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts mehr
+gab es für ihn, als sich auszulöschen, als das mißlungene Gebilde
+seines Lebens zu zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden Göttern
+vor die Füße. Dies war das große Erbrechen, nach dem er sich gesehnt
+hatte: der Tod, das Zerschlagen der Form, die er haßte! Mochten ihn
+die Fische fressen, diesen Hund von Siddhartha, diesen Irrsinnigen,
+diesen verdorbenen und verfaulten Leib, diese erschlaffte und
+mißbrauchte Seele! Mochten die Fische und Krokodile ihn fressen,
+mochten die Dämonen ihn zerstücken!
+
+Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht
+gespiegelt und spie danach. In tiefer Müdigkeit löste er den Arm vom
+Baumstamme und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu
+lassen, um endlich unterzugehen. Er sank, mit geschlossenen Augen,
+dem Tod entgegen.
+
+Da zuckte aus entlegenen Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten
+seines ermüdeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe,
+die er ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte
+Anfangswort und Schlußwort aller brahmanischen Gebete, das heilige
+"OM", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung".
+Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr berührte,
+erwachte sein entschlummerter Geist plötzlich, und erkannte die
+Torheit seines Tuns.
+
+Siddhartha erschrak tief. So also stand es um ihn, so verloren war er,
+so verirrt und von allem Wissen verlassen, daß er den Tod hatte
+suchen können, daß dieser Wunsch, dieser Kinderwunsch in ihm hatte
+groß werden können: Ruhe zu finden, indem er seinen Leib auslöschte!
+Was alle Qual dieser letzten Zeiten, alle Ernüchterung, alle
+Verzweiflung nicht bewirkt hatte, das bewirkte dieser Augenblick, da
+das Om in sein Bewußtsein drang: daß er sich in seinem Elend und in
+seiner Irrsal erkannte.
+
+Om! sprach er vor sich hin: Om! Und wußte um Brahman, wußte um die
+Unzerstörbarkeit des Lebens, wußte um alles Göttliche wieder, das er
+vergessen hatte.
+
+Doch war dies nur ein Augenblick, ein Blitz. Am Fuß des Kokosbaumes
+sank Siddhartha nieder, von der Ermüdung hingestreckt, Om murmelnd,
+legte sein Haupt auf die Wurzel des Baumes und sank in tiefen Schlaf.
+
+Tief war sein Schlaf und frei von Träumen, seit langer Zeit hatte er
+einen solchen Schlaf nicht mehr gekannt. Als er nach manchen Stunden
+erwachte, war ihm, als seien zehn Jahre vergangen, er hörte das leise
+Strömen des Wassers, wußte nicht, wo er sei und wer ihn hierher
+gebracht habe, schlug die Augen auf, sah mit Verwunderung Bäume und
+Himmel über sich, und erinnerte sich, wo er wäre und wie er hierher
+gekommen sei. Doch bedurfte er hierzu einer langen Weile, und das
+Vergangene erschien ihm wie von einem Schleier überzogen, unendlich
+fern, unendlich weit weg gelegen, unendlich gleichgültig. Er wußte
+nur, daß er sein früheres Leben (im ersten Augenblick der Besinnung
+erschien ihm dies frühere Leben wie eine weit zurückliegende, einstige
+Verkörperung, wie eine frühe Vorgeburt seines jetzigen Ich)--daß er
+sein früheres Leben verlassen habe, daß er voll Ekel und Elend sogar
+sein Leben habe wegwerfen wollen, daß er aber an einem Flusse, unter
+einem Kokosbaume, zu sich gekommen sei, das heilige Wort Om auf den
+Lippen, dann entschlummert sei, und nun erwacht als ein neuer Mensch
+in die Welt blicke. Leise sprach er das Wort Om vor sich hin, über
+welchem er eingeschlafen war, und ihm schien sein ganzer langer Schlaf
+sei nichts als ein langes, versunkenes Om-Sprechen gewesen, ein
+Om-Denken, ein Untertauchen und völliges Eingehen in Om, in das
+Namenlose, Vollendete.
+
+Was für ein wunderbarer Schlaf war dies doch gewesen! Niemals hatte
+ein Schlaf ihn so erfrischt, so erneut, so verjüngt! Vielleicht war
+er wirklich gestorben, war untergegangen und in einer neuen Gestalt
+wiedergeboren? Aber nein, er kannte sich, er kannte seine Hand und
+seine Füße, kannte den Ort, an dem er lag, kannte dies Ich in seiner
+Brust, diesen Siddhartha, den Eigenwilligen, den Seltsamen, aber
+dieser Siddhartha war dennoch verwandelt, war erneut, war merkwürdig
+ausgeschlafen, merkwürdig wach, freudig und neugierig.
+
+Siddhartha richtete sich empor, da sah er sich gegenüber einen
+Menschen sitzen, einen fremden Mann, einen Mönch in gelbem Gewande mit
+rasiertem Kopfe, in der Stellung des Nachdenkens. Er betrachtete den
+Mann, der weder Haupthaar noch Bart an sich hatte, und nicht lange
+hatte er ihn betrachtet, da erkannte er in diesem Mönche Govinda, den
+Freund seiner Jugend, Govinda, der seine Zuflucht zum erhabenen Buddha
+genommen hatte. Govinda war gealtert, auch er, aber noch immer trug
+sein Gesicht die alten Züge, sprach von Eifer, von Treue, von Suchen,
+von Ängstlichkeit. Als nun aber Govinda, seinen Blick fühlend, das
+Auge aufschlug und ihn anschaute, sah Siddhartha, daß Govinda ihn
+nicht erkenne. Govinda freute sich, ihn wach zu finden, offenbar
+hatte er lange hier gesessen und auf sein Erwachen gewartet, obwohl er
+ihn nicht kannte.
+
+"Ich habe geschlafen," sagte Siddhartha. "Wie bist denn du hierher
+gekommen?"
+
+"Du hast geschlafen," antwortete Govinda. "Es ist nicht gut, an
+solchen Orten zu schlafen, wo häufig Schlangen sind und die Tiere des
+Waldes ihre Wege haben. Ich, o Herr, bin ein Jünger des erhabenen
+Gotama, des Buddha, des Sakyamuni, und bin mit einer Zahl der Unsrigen
+diesen Weg gepilgert, da sah ich dich liegen und schlafen an einem
+Orte, wo es gefährlich ist zu schlafen. Darum suchte ich dich zu
+wecken, o Herr, und da ich sah, daß dein Schlaf sehr tief war, blieb
+ich hinter den Meinigen zurück und saß bei dir. Und dann, so scheint
+es, bin ich selbst eingeschlafen, der ich deinen Schlaf bewachen
+wollte. Schlecht habe ich meinen Dienst versehen, Müdigkeit hat mich
+übermannt. Aber nun, da du ja wach bist, laß mich gehen, damit ich
+meine Brüder einhole."
+
+"Ich danke dir, Samana, daß du meinen Schlaf behütet hast," sprach
+Siddhartha. "Freundlich seid Ihr Jünger des Erhabenen. Nun magst du
+denn gehen."
+
+"Ich gehe, Herr. Möge der Herr sich immer wohl befinden."
+
+"Ich danke dir, Samana."
+
+Govinda machte das Zeichen des Grußes und sagte: "Lebe wohl."
+
+"Lebe wohl, Govinda," sagte Siddhartha.
+
+Der Mönch blieb stehen.
+
+"Erlaube, Herr, woher kennst du meinen Namen?"
+
+Da lächelte Siddhartha.
+
+"Ich kenne dich, o Govinda, aus der Hütte deines Vaters, und aus der
+Brahmanenschule, und von den Opfern, und von unsrem Gang zu den
+Samanas, und von jener Stunde, da du im Hain Jetavana deine Zuflucht
+zum Erhabenen nahmest."
+
+"Du bist Siddhartha!" rief Govinda laut. "Jetzt erkenne ich dich, und
+begreife nicht mehr, wie ich dich nicht sogleich erkennen konnte. Sei
+willkommen, Siddhartha, groß ist meine Freude, dich wiederzusehen."
+
+"Auch mich erfreut es, dich wiederzusehen. Du bist der Wächter meines
+Schlafes gewesen, nochmals danke ich dir dafür, obwohl ich keines
+Wächters bedurft hätte. Wohin gehst du, o Freund?"
+
+"Nirgendshin gehe ich. Immer sind wir Mönche unterwegs, solange nicht
+Regenzeit ist, immer ziehen wir von Ort zu Ort, leben nach der Regel,
+verkündigen die Lehre, nehmen Almosen, ziehen weiter. Immer ist es so.
+Du aber, Siddhartha, wo gehst du hin?"
+
+Sprach Siddhartha: "Auch mit mir steht es so, Freund, wie mit dir.
+Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere."
+
+Govinda sprach: "Du sagst: du pilgerst, und ich glaube dir. Doch
+verzeih, o Siddhartha, nicht wie ein Pilger siehst du aus. Du trägst
+das Kleid eines Reichen, du trägst die Schuhe eines Vornehmen, und
+dein Haar, das nach wohlriechendem Wasser duftet, ist nicht das Haar
+eines Pilgers, nicht das Haar eines Samanas."
+
+"Wohl, Lieber, gut hast du beobachtet, alles sieht dein scharfes Auge.
+Doch habe ich nicht zu dir gesagt, daß ich ein Samana sei. Ich sagte:
+ich pilgere. Und so ist es: ich pilgere."
+
+"Du pilgerst," sagte Govinda. "Aber wenige pilgern in solchem Kleide,
+wenige in solchen Schuhen, wenige mit solchen Haaren. Nie habe ich,
+der ich schon viele Jahre pilgere, solch einen Pilger angetroffen."
+
+"Ich glaube es dir, mein Govinda. Aber nun, heute, hast du eben einen
+solchen Pilger angetroffen, in solchen Schuhen, mit solchem Gewande.
+Erinnere dich, Lieber: Vergänglich ist die Welt der Gestaltungen,
+vergänglich, höchst vergänglich sind unsere Gewänder, und die Tracht
+unserer Haare, und unsere Haare und Körper selbst. Ich trage die
+Kleider eines Reichen, da hast du recht gesehen. Ich trage sie, denn
+ich bin ein Reicher gewesen, und trage das Haar wie die Weltleute und
+Lüstlinge, denn einer von ihnen bin ich gewesen."
+
+"Und jetzt, Siddhartha, was bist du jetzt?"
+
+"Ich weiß es nicht, ich weiß es so wenig wie du. Ich bin unterwegs.
+Ich war ein Reicher, und bin es nicht mehr; und was ich morgen sein
+werde, weiß ich nicht."
+
+"Du hast deinen Reichtum verloren?"
+
+"Ich habe ihn verloren, oder er mich. Er ist mir abhanden gekommen.
+Schnell dreht sich das Rad der Gestaltungen, Govinda. Wo ist der
+Brahmane Siddhartha? Wo ist der Samana Siddhartha? Wo ist der Reiche
+Siddhartha? Schnell wechselt das Vergängliche, Govinda, du weißt es."
+
+Govinda blickte den Freund seiner Jugend lange an, Zweifel im Auge.
+Darauf grüßte er ihn, wie man Vornehme grüßt, und ging seines Weges.
+
+Mit lächelndem Gesicht schaute Siddhartha ihm nach, er liebte ihn noch
+immer, diesen Treuen, diesen Ängstlichen. Und wie hätte er, in diesem
+Augenblick, in dieser herrlichen Stunde nach seinem wunderbaren
+Schlafe, durchdrungen von Om, irgend jemand und irgend etwas nicht
+lieben sollen! Eben darin bestand die Verzauberung, welche im Schlafe
+und durch das Om in ihm geschehen war, daß er alles liebte, daß er
+voll froher Liebe war zu allem, was er sah. Und eben daran, so schien
+es ihm jetzt, war er vorher so sehr krank gewesen, daß er nichts und
+niemand hatte lieben können.
+
+Mit lächelndem Gesichte schaute Siddhartha dem hinweggehenden Mönche
+nach. Der Schlaf hatte ihn sehr gestärkt, sehr aber quälte ihn der
+Hunger, denn er hatte nun zwei Tage nichts gegessen, und lange war die
+Zeit vorüber, da er hart gegen den Hunger gewesen war. Mit Kummer,
+und doch auch mit Lachen, gedachte er jener Zeit. Damals, so
+erinnerte er sich, hatte er sich vor Kamala dreier Dinge gerühmt,
+hatte drei edle und unüberwindliche Künste gekonnt:
+Fasten--Warten--Denken. Dies war sein Besitz gewesen, seine Macht und
+Kraft, sein fester Stab, in den fleißigen, mühseligen Jahren seiner
+Jugend hatte er diese drei Künste gelernt, nichts anderes. Und nun
+hatten sie ihn verlassen, keine von ihnen war mehr sein, nicht Fasten,
+nicht Warten, nicht Denken. Um das Elendeste hatte er sie hingegeben,
+um das Vergänglichste, um Sinnenlust, um Wohlleben, um Reichtum!
+Seltsam war es ihm in der Tat ergangen. Und jetzt, so schien es,
+jetzt war er wirklich ein Kindermensch geworden.
+
+Siddhartha dachte über seine Lage nach. Schwer fiel ihm das Denken,
+er hatte im Grunde keine Lust dazu, doch zwang er sich.
+
+Nun, dachte er, da alle diese vergänglichsten Dinge mir wieder
+entglitten sind, nun stehe ich wieder unter der Sonne, wie ich einst
+als kleines Kind gestanden bin, nichts ist mein, nichts kann ich,
+nichts vermag ich, nichts habe ich gelernt. Wie ist dies wunderlich!
+Jetzt, wo ich nicht mehr jung bin, wo meine Haare schon halb grau sind,
+wo die Kräfte nachlassen, jetzt fange ich wieder von vorn und beim
+Kinde an! Wieder mußte er lächeln. Ja, seltsam war sein Geschick!
+Es ging abwärts mit ihm, und nun stand er wieder leer und nackt und
+dumm in der Welt. Aber Kummer darüber konnte er nicht empfinden, nein,
+er fühlte sogar großen Anreiz zum Lachen, zum Lachen über sich, zum
+Lachen über diese seltsame, törichte Welt.
+
+"Abwärts geht es mit dir!" sagte er zu sich selber, und lachte dazu,
+und wie er es sagte, fiel sein Blick auf den Fluß, und auch den Fluß
+sah er abwärts gehen, immer abwärts wandern, und dabei singen und
+fröhlich sein. Das gefiel ihm wohl, freundlich lächelte er dem Flusse
+zu. War dies nicht der Fluß, in welchem er sich hatte ertränken
+wollen, einst, vor hundert Jahren, oder hatte er das geträumt?
+
+Wunderlich in der Tat war mein Leben, so dachte er, wunderliche Umwege
+hat es genommen. Als Knabe habe ich nur mit Göttern und Opfern zu tun
+gehabt. Als Jüngling habe ich nur mit Askese, mit Denken und
+Versenkung zu tun gehabt, war auf der Suche nach Brahman, verehrte das
+Ewige im Atman. Als junger Mann aber zog ich den Büßern nach, lebte
+im Walde, litt Hitze und Frost, lernte hungern, lehrte meinen Leib
+absterben. Wunderbar kam mir alsdann in der Lehre des großen Buddha
+Erkenntnis entgegen, ich fühlte Wissen um die Einheit der Welt in mir
+kreisen wie mein eigenes Blut. Aber auch von Buddha und von dem
+großen Wissen mußte ich wieder fort. Ich ging und lernte bei Kamala
+die Liebeslust, lernte bei Kamaswami den Handel, häufte Geld, vertat
+Geld, lernte meinen Magen lieben, lernte meinen Sinnen schmeicheln.
+Viele Jahre mußte ich damit hinbringen, den Geist zu verlieren, das
+Denken wieder zu verlernen, die Einheit zu vergessen. Ist es nicht so,
+als sei ich langsam und auf großen Umwegen aus einem Mann ein Kind
+geworden, aus einem Denker ein Kindermensch? Und doch ist dieser Weg
+sehr gut gewesen, und doch ist der Vogel in meiner Brust nicht
+gestorben. Aber welch ein Weg war das! Ich habe durch so viel
+Dummheit, durch so viel Laster, durch so viel Irrtum, durch so viel
+Ekel und Enttäuschung und Jammer hindurchgehen müssen, bloß um wieder
+ein Kind zu werden und neu anfangen zu können. Aber es war richtig so,
+mein Herz sagt Ja dazu, meine Augen lachen dazu. Ich habe
+Verzweiflung erleben müssen, ich habe hinabsinken müssen bis zum
+törichtesten aller Gedanken, zum Gedanken des Selbstmordes, um Gnade
+erleben zu können, um wieder Om zu vernehmen, um wieder richtig
+schlafen und richtig erwachen zu können. Ich habe ein Tor werden
+müssen, um Atman wieder in mir zu finden. Ich habe sündigen müssen,
+um wieder leben zu können. Wohin noch mag mein Weg mich führen?
+Närrisch ist er, dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht
+im Kreise. Mag er gehen, wie er will, ich will ihn gehen.
+
+Wunderbar fühlte er in seiner Brust die Freude wallen.
+
+Woher denn, fragte er sein Herz, woher hast du diese Fröhlichkeit?
+Kommt sie wohl aus diesem langen, guten Schlafe her, der mir so sehr
+wohlgetan hat? Oder von dem Worte Om, das ich aussprach? Oder davon,
+daß ich entronnen bin, daß meine Flucht vollzogen ist, daß ich endlich
+wieder frei bin und wie ein Kind unter dem Himmel stehe? O wie gut
+ist dies Geflohensein, dies Freigewordensein! Wie rein und schön ist
+hier die Luft, wie gut zu atmen! Dort, von wo ich entlief, dort roch
+alles nach Salbe, nach Gewürzen, nach Wein, nach Überfluß, nach
+Trägheit. Wie haßte ich diese Welt der Reichen, der Schlemmer, der
+Spieler! Wie habe ich mich selbst gehaßt, daß ich so lang in dieser
+schrecklichen Welt geblieben bin! Wie habe ich mich gehaßt, habe mich
+beraubt, vergiftet, gepeinigt, habe mich alt und böse gemacht! Nein,
+nie mehr werde ich, wie ich es einst so gerne tat, mir einbilden, daß
+Siddhartha weise sei! Dies aber habe ich gut gemacht, dies gefällt mir,
+dies muß ich loben, daß es nun ein Ende hat mit jenem Haß gegen mich
+selber, mit jenem törichten und öden Leben! Ich lobe dich, Siddharta,
+nach soviel Jahren der Torheit hast du wieder einmal einen Einfall
+gehabt, hast etwas getan, hast den Vogel in deiner Brust singen hören
+und bist ihm gefolgt!
+
+So lobte er sich, hatte Freude an sich, hörte neugierig seinem Magen
+zu, der vor Hunger knurrte. Ein Stück Leid, ein Stück Elend hatte er
+nun, so fühlte er, in diesen letzten Zeiten und Tagen ganz und gar
+durchgekostet und ausgespien, bis zur Verzweiflung und bis zum Tode
+ausgefressen. So war es gut. Lange noch hätte er bei Kamaswami
+bleiben können, Geld erwerben, Geld vergeuden, seinen Bauch mästen und
+seine Seele verdursten lassen, lange noch hätte er in dieser sanften,
+wohlgepolsterten Hölle wohnen können, wäre dies nicht gekommen: der
+Augenblick der vollkommenen Trostlosigkeit und Verzweiflung, jener
+äußerste Augenblick, da er über dem strömenden Wasser hing und bereit
+war, sich zu vernichten. Daß er diese Verzweiflung, diesen tiefsten
+Ekel gefühlt hatte, und daß er ihm nicht erlegen war, daß der Vogel,
+die frohe Quelle und Stimme in ihm doch noch lebendig war, darüber
+fühlte er diese Freude, darüber lachte er, darüber strahlte sein
+Gesicht unter den ergrauten Haaren.
+
+"Es ist gut," dachte er, "alles selber zu kosten, was man zu wissen
+nötig hat. Daß Weltlust und Reichtum nicht vom Guten sind, habe ich
+schon als Kind gelernt. Gewußt habe ich es lange, erlebt habe ich es
+erst jetzt. Und nun weiß ich es, weiß es nicht nur mit dem Gedächtnis,
+sondern mit meinen Augen, mit meinem Herzen, mit meinem Magen. Wohl
+mir, daß ich es weiß!"
+
+Lange sann er nach über seine Verwandlung, lauschte dem Vogel, wie er
+vor Freude sang. War nicht dieser Vogel in ihm gestorben, hatte er
+nicht seinen Tod gefühlt? Nein, etwas anderes in ihm war gestorben,
+etwas, das schon, lange sich nach Sterben gesehnt hatte. War es nicht
+das, was er einst in seinen glühenden Büßerjahren hatte abtöten
+wollen? War es nicht sein Ich, sein kleines, banges und stolzes Ich,
+mit dem er so viele Jahre gekämpft hatte, das ihn immer wieder besiegt
+hatte, das nach jeder Abtötung wieder da war, Freude verbot, Furcht
+empfand? War es nicht dies, was heute endlich seinen Tod gefunden
+hatte, hier im Walde an diesem lieblichen Flusse? War es nicht dieses
+Todes wegen, daß er jetzt wie ein Kind war, so voll Vertrauen, so ohne
+Furcht, so voll Freude?
+
+Nun auch ahnte Siddhartha, warum er als Brahmane, als Büßer vergeblich
+mit diesem Ich gekämpft hatte. Zu viel Wissen hatte ihn gehindert, zu
+viel heilige Verse, zu viel Opferregeln, zu viel Kasteiung, zu viel
+Tun und Streben! Voll Hochmut war er gewesen, immer der Klügste,
+immer der Eifrigste, immer allen um einen Schritt voran, immer der
+Wissende und Geistige, immer der Priester oder Weise. In dies
+Priestertum, in diesen Hochmut, in diese Geistigkeit hinein hatte sein
+Ich sich verkrochen, dort saß es fest und wuchs, während er es mit
+Fasten und Buße zu töten meinte. Nun sah er es, und sah, daß die
+heimliche Stimme Recht gehabt hatte, daß kein Lehrer ihn je hätte
+erlösen können. Darum hatte er in die Welt gehen müssen, sich an Lust
+und Macht, an Weib und Geld verlieren müssen, hatte ein Händler, ein
+Würfelspieler, Trinker und Habgieriger werden müssen, bis der Priester
+und Samana in ihm tot war. Darum hatte er weiter diese häßlichen
+Jahre ertragen müssen, den Ekel ertragen, die Leere, die Sinnlosigkeit
+eines öden und verlorenen Lebens, bis zum Ende, bis zur bittern
+Verzweiflung, bis auch der Lüstling Siddhartha, der Habgierige
+Siddhartha sterben konnte. Er war gestorben, ein neuer Siddhartha war
+aus dem Schlaf erwacht. Auch er würde alt werden, auch er würde einst
+sterben müssen, vergänglich war Siddhartha, vergänglich war jede
+Gestaltung. Heute aber war er jung, war ein Kind, der neue Siddhartha,
+und war voll Freude.
+
+Diese Gedanken dachte er, lauschte lächelnd auf seinen Magen, hörte
+dankbar einer summenden Biene zu. Heiter blickte er in den strömenden
+Fluß, nie hatte ihm ein Wasser so wohl gefallen wie dieses, nie hatte
+er Stimme und Gleichnis des ziehenden Wassers so stark und schön
+vernommen. Ihm schien, es habe der Fluß ihm etwas Besonderes zu sagen,
+etwas, das er noch nicht wisse, das noch auf ihn warte. In diesem
+Fluß hatte sich Siddhartha ertränken wollen, in ihm war der alte, müde,
+verzweifelte Siddhartha heute ertrunken. Der neue Siddhartha aber
+fühlte eine tiefe Liebe zu diesem strömenden Wasser, und beschloß bei
+sich, es nicht so bald wieder zu verlassen.
+
+
+
+
+DER FÄHRMANN
+
+An diesem Fluß will ich bleiben, dachte Siddhartha, es ist der selbe,
+über den ich einstmals auf dem Wege zu den Kindermenschen gekommen bin,
+ein freundlicher Fährmann hat mich damals geführt, zu ihm will ich
+gehen, von seiner Hütte aus führte mich einst mein Weg in ein neues
+Leben, das nun alt geworden und tot ist--möge auch mein jetziger Weg,
+mein jetziges neues Leben dort seinen Ausgang nehmen!
+
+Zärtlich blickte er in das strömende Wasser, in das durchsichtige Grün,
+in die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte
+Perlen sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel
+schwimmen, Himmelsbläue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte
+der Fluß ihn an, mit grünen, mit weißen, mit kristallnen, mit
+himmelblauen. Wie liebte er dies Wasser, wie entzückte es ihn, wie
+war er ihm dankbar! Im Herzen hörte er die Stimme sprechen, die neu
+erwachte, und sie sagte ihm: Liebe dies Wasser! Bleibe bei ihm!
+Lerne von ihm! O ja, er wollte von ihm lernen, er wollte ihm zuhören.
+Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so schien ihm, der
+würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse.
+
+Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das
+ergriff seine Seele. Er sah: dies Wasser lief und lief, immerzu lief
+es, und war doch immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch
+jeden Augenblick neu! O wer dies faßte, dies verstünde! Er verstand
+und faßte es nicht, fühlte nur Ahnung sich regen, ferne Erinnerung,
+göttliche Stimmen.
+
+Siddhartha erhob sich, unerträglich wurde das Treiben des Hungers in
+seinem Leibe. Hingenommen wanderte er weiter, den Uferpfad hinan, dem
+Strom entgegen, lauschte auf die Strömung, lauschte auf den knurrenden
+Hunger in seinem Leibe.
+
+Als er die Fähre erreichte, lag eben das Boot bereit, und derselbe
+Fährmann, welcher einst den jungen Samana über den Fluß gesetzt hatte,
+stand im Boot, Siddhartha erkannte ihn wieder, auch er war stark
+gealtert.
+
+"Willst du mich übersetzen?" fragte er.
+
+Der Fährmann, erstaunt, einen so vornehmen Mann allein und zu Fuße
+wandern zu sehen, nahm ihn ins Boot und stieß ab.
+
+"Ein schönes Leben hast du dir erwählt," sprach der Gast. "Schön muß
+es sein, jeden Tag an diesem Wasser zu leben und auf ihm zu fahren."
+
+Lächelnd wiegte sich der Ruderer: "Es ist schön, Herr, es ist, wie du
+sagst. Aber ist nicht jedes Leben, ist nicht jede Arbeit schön?"
+
+"Es mag wohl sein. Dich aber beneide ich um die Deine."
+
+"Ach, du möchtest bald die Lust an ihr verlieren. Das ist nichts für
+Leute in feinen Kleidern."
+
+Siddhartha lachte. "Schon einmal bin ich heute um meiner Kleider
+willen betrachtet worden, mit Mißtrauen betrachtet. Willst du nicht,
+Fährmann, diese Kleider, die mir lästig sind, von mir annehmen? Denn
+du mußt wissen, ich habe kein Geld, dir einen Fährlohn zu zahlen."
+
+"Der Herr scherzt," lachte der Fährmann.
+
+"Ich scherze nicht, Freund. Sieh, schon einmal hast du mich in deinem
+Boot über dies Wasser gefahren, um Gotteslohn. So tue es auch heute,
+und nimm meine Kleider dafür an."
+
+"Und will der Herr ohne Kleider weiterreisen?"
+
+"Ach, am liebsten wollte ich gar nicht weiterreisen. Am liebsten wäre
+es mir, Fährmann, wenn du mir eine alte Schürze gäbest und behieltest
+mich als deinen Gehilfen bei dir, vielmehr als deinen Lehrling, denn
+erst muß ich lernen, mit dem Boot umzugehen."
+
+Lange blickte der Fährmann den Fremden an, suchend.
+
+"Jetzt erkenne ich dich," sagte er endlich. "Einst hast du in meiner
+Hütte geschlafen, lange ist es her, wohl mehr als zwanzig Jahre mag
+das her sein, und bist von mir über den Fluß gebracht worden, und wir
+nahmen Abschied voneinander wie gute Freunde. Warst du nicht ein
+Samana? Deines Namens kann ich mich nicht mehr entsinnen."
+
+"Ich heiße Siddhartha, und ich war ein Samana, als du mich zuletzt
+gesehen hast."
+
+"So sei willkommen, Siddhartha. Ich heiße Vasudeva. Du wirst, so
+hoffe ich, auch heute mein Gast sein und in meiner Hütte schlafen, und
+mir erzählen, woher du kommst, und warum deine schönen Kleider dir so
+lästig sind."
+
+Sie waren in die Mitte des Flusses gelangt, und Vasudeva legte sich
+stärker ins Ruder, um gegen die Strömung anzukommen. Ruhig arbeitete
+er, den Blick auf der Bootspitze, mit kräftigen Armen. Siddhartha saß
+und sah ihm zu, und erinnerte sich, wie schon einstmals, an jenem
+letzten Tage seiner Samana-Zeit, Liebe zu diesem Manne sich in seinem
+Herzen geregt hatte. Dankbar nahm er Vasudevas Einladung an. Als sie
+am Ufer anlegten, half er ihm das Boot an den Pflöcken festbinden,
+darauf bat ihn der Fährmann, in die Hütte zu treten, bot ihm Brot und
+Wasser, und Siddhartha aß mit Lust, und aß mit Lust auch von den
+Mangofrüchten, die ihm Vasudeva anbot.
+
+Danach setzten sie sich, es ging gegen Sonnenuntergang, auf einem
+Baumstamm am Ufer, und Siddhartha erzählte dem Fährmann seine Herkunft
+und sein Leben, wie er es heute, in jener Stunde der Verzweiflung, vor
+seinen Augen gesehen hatte. Bis tief in die Nacht währte sein
+Erzählen.
+
+Vasudeva hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Alles nahm er lauschend
+in sich auf, Herkunft und Kindheit, all das Lernen, all das Suchen,
+alle Freude, alle Not. Dies war unter des Fährmanns Tugenden eine der
+größten: er verstand wie wenige das Zuhören. Ohne daß er ein Wort
+gesprochen hätte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in
+sich einließ, still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit
+Ungeduld erwartete, nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhörte.
+Siddhartha empfand, welches Glück es ist, einem solchen Zuhörer sich
+zu bekennen, in sein Herz das eigene Leben zu versenken, das eigene
+Suchen, das eigene Leiden.
+
+Gegen das Ende von Siddharthas Erzählung aber, als er von dem Baum am
+Flusse sprach, und von seinem tiefen Fall, vom heiligen Om, und wie er
+nach seinem Schlummer eine solche Liebe zu dem Flusse gefühlt hatte,
+da lauschte der Fährmann mit verdoppelter Aufmerksamkeit, ganz und
+völlig hingegeben, mit geschloßnem Auge.
+
+Als aber Siddhartha schwieg, und eine lange Stille gewesen war, da
+sagte Vasudeva: "Es ist so, wie ich dachte. Der Fluß hat zu dir
+gesprochen. Auch dir ist er Freund, auch zu dir spricht er. Das ist
+gut, das ist sehr gut. Bleibe bei mir, Siddhartha, mein Freund. Ich
+hatte einst eine Frau, ihr Lager war neben dem meinen, doch ist sie
+schon lange gestorben, lange habe ich allein gelebt. Lebe nun du mit
+mir, es ist Raum und Essen für beide vorhanden."
+
+"Ich danke dir," sagte Siddhartha, "ich danke dir und nehme an. Und
+auch dafür danke ich dir, Vasudeva, daß du mir so gut zugehört hast!
+Selten sind die Menschen, welche das Zuhören verstehen. Und keinen
+traf ich, der es verstand wie du. Auch hierin werde ich von dir
+lernen."
+
+"Du wirst es lernen," sprach Vasudeva, "aber nicht von mir. Das
+Zuhören hat mich der Fluß gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen.
+Er weiß alles, der Fluß, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch
+das hast du schon vom Wasser gelernt, daß es gut ist, nach unten zu
+streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen. Der reiche und vornehme
+Siddhartha wird ein Ruderknecht, der gelehrte Brahmane Siddhartha wird
+ein Fährmann: auch dies ist dir vom Fluß gesagt worden. Du wirst auch
+das andere von ihm lernen."
+
+Sprach Siddhartha, nach einer langen Pause: "Welches andere,
+Vasudeva?"
+
+Vasudeva erhob sich. "Spät ist es geworden," sagte er, "laß uns
+schlafen gehen. Ich kann dir das andere nicht sagen, o Freund. Du
+wirst es lernen, vielleicht auch weißt du es schon. Sieh, ich bin
+kein Gelehrter, ich verstehe nicht zu sprechen, ich verstehe auch
+nicht zu denken. Ich verstehe nur zuzuhören und fromm zu sein, sonst
+habe ich nichts gelernt. Könnte ich es sagen und lehren, so wäre ich
+vielleicht ein Weiser, so aber bin ich nur ein Fährmann, und meine
+Aufgabe ist es, Menschen über diesen Fluß zu setzen. Viele habe ich
+übergesetzt, Tausende, und ihnen allen ist mein Fluß nichts anderes
+gewesen als ein Hindernis auf ihren Reisen. Sie reisten nach Geld und
+Geschäften, und zu Hochzeiten, und zu Wallfahrten, und der Fluß war
+ihnen im Wege, und der Fährmann war dazu da, sie schnell über das
+Hindernis hinweg zubringen. Einige unter den Tausenden aber, einige
+wenige, vier oder fünf, denen hat der Fluß aufgehört, ein Hindernis zu
+sein, sie haben seine Stimme gehört, sie haben ihm zugehört, und der
+Fluß ist ihnen heilig geworden, wie er es mir geworden ist. Laß uns
+nun zur Ruhe gehen, Siddhartha."
+
+Siddhartha blieb bei dem Fährmann und lernte das Boot bedienen, und
+wenn nichts an der Fähre zu tun war, arbeitete er mit Vasudeva im
+Reisfelde, sammelte Holz, pflückte die Früchte der Pisangbäume. Er
+lernte ein Ruder zimmern, und lernte das Boot ausbessern, und Körbe
+flechten, und war fröhlich über alles, was er lernte, und die Tage und
+Monate liefen schnell hinweg. Mehr aber, als Vasudeva ihn lehren
+konnte, lehrte ihn der Fluß. Von ihm lernte er unaufhörlich. Vor
+allem lernte er von ihm das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen,
+mit wartender, geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne
+Urteil, ohne Meinung.
+
+Freundlich lebte er neben Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte
+miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund
+der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewegen.
+
+"Hast du," so fragte er ihn einst, "hast auch du vom Flusse jenes
+Geheime gelernt: daß es keine Zeit gibt?"
+
+Vasudevas Gesicht überzog sich mit hellem Lächeln.
+
+"Ja, Siddhartha," sprach er. "Es ist doch dieses, was du meinst: daß
+der Fluß überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am
+Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge,
+überall, zugleich, und daß es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den
+Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft?"
+
+"Dies ist es," sagte Siddhartha. "Und als ich es gelernt hatte, da
+sah ich mein Leben an, und es war auch ein Fluß, und es war der Knabe
+Siddhartha vom Manne Siddhartha und vom Greis Siddhartha nur durch
+Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas
+frühere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Rückkehr
+zu Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist,
+alles hat Wesen und Gegenwart."
+
+Siddhartha sprach mit Entzücken, tief hatte diese Erleuchtung ihn
+beglückt. O, war denn nicht alles Leiden Zeit, war nicht alles
+Sichquälen und Sichfürchten Zeit, war nicht alles Schwere, alles
+Feindliche in der Welt weg und überwunden, sobald man die Zeit
+überwunden hatte, sobald man die Zeit wegdenken konnte? Entzückt
+hatte er gesprochen, Vasudeva aber lächelte ihn strahlend an und
+nickte Bestätigung, schweigend nickte er, strich mit der Hand über
+Siddharthas Schulter, wandte sich zu seiner Arbeit zurück.
+
+Und wieder einmal, als eben der Fluß in der Regenzeit geschwollen war
+und mächtig rauschte, da sagte Siddhartha: "Nicht wahr, o Freund, der
+Fluß hat viele Stimmen, sehr viele Stimmen? Hat er nicht die Stimme
+eines Königs, und eines Kriegers, und eines Stieres, und eines
+Nachtvogels, und einer Gebärenden, und eines Seufzenden, und noch
+tausend andere Stimmen?"
+
+"Es ist so," nickte Vasudeva, "alle Stimmen der Geschöpfe sind in
+seiner Stimme."
+
+"Und weißt du," fuhr Siddhartha fort, "welches Wort er spricht, wenn
+es dir gelingt, alle seine zehntausend Stimmen zugleich zu hören?"
+
+Glücklich lachte Vasudevas Gesicht, er neigte sich gegen Siddhartha
+und sprach ihm das heilige Om ins Ohr. Und eben dies war es, was auch
+Siddhartha gehört hatte.
+
+Und von Mal zu Mal ward sein Lächeln dem des Fährmanns ähnlicher, ward
+beinahe ebenso strahlend, beinahe ebenso von Glück durchglänzt, ebenso
+aus tausend kleinen Falten leuchtend, ebenso kindlich, ebenso
+greisenhaft. Viele Reisende, wenn sie die beiden Fährmänner sahen,
+hielten sie für Brüder. Oft saßen sie am Abend gemeinsam beim Ufer
+auf dem Baumstamm, schwiegen und hörten beide dem Wasser zu, welches
+für sie kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des
+Seienden, des ewig Werdenden. Und es geschah zuweilen, daß beide beim
+Anhören des Flusses an dieselben Dinge dachten, an ein Gespräch von
+vorgestern, an einen ihrer Reisenden, dessen Gesicht und Schicksal sie
+beschäftigte, an den Tod, an ihre Kindheit, und daß sie beide im
+selben Augenblick, wenn der Fluß ihnen etwas Gutes gesagt hatte,
+einander anblickten, beide genau dasselbe denkend, beide beglückt über
+dieselbe Antwort auf dieselbe Frage.
+
+Es ging von der Fähre und von den beiden Fährleuten etwas aus, das
+manche von den Reisenden spürten. Es geschah zuweilen, daß ein
+Reisender, nachdem er in das Gesicht eines der Fährmänner geblickt
+hatte, sein Leben zu erzählen begann, Leid erzählte, Böses bekannte,
+Trost und Rat erbat. Es geschah zuweilen, daß einer um Erlaubnis bat,
+einen Abend bei ihnen zu verweilen, um dem Flusse zuzuhören. Es
+geschah auch, daß Neugierige kamen, welchen erzählt worden war, an
+dieser Fähre lebten zwei Weise, oder Zauberer, oder Heilige. Die
+Neugierigen stellten viele Fragen, aber sie bekamen keine Antworten,
+und sie fanden weder Zauberer noch Weise, sie fanden nur zwei alte
+freundliche Männlein, welche stumm zu sein und etwas sonderbar und
+verblödet' schienen. Und die Neugierigen lachten, und unterhielten
+sich darüber, wie töricht und leichtgläubig doch das Volk solche leere
+Gerüchte verbreite.
+
+Die Jahre gingen hin und keiner zählte sie. Da kamen einst Mönche
+gepilgert, Anhänger des Gotama, des Buddha, welche baten, sie über den
+Fluß zu setzen, und von ihnen erfuhren die Fährmänner, daß sie eiligst
+zu ihrem großen Lehrer zurück wanderten, denn es habe sich die
+Nachricht verbreitet, der Erhabene sei todkrank und werde bald seinen
+letzten Menschentod sterben, um zur Erlösung einzugehen. Nicht lange,
+so kam eine neue Schar Mönche gepilgert, und wieder eine, und sowohl
+die Mönche wie die meisten der übrigen Reisenden und Wanderer sprachen
+von nichts anderem als von Gotama und seinem nahen Tode. Und wie zu
+einem Kriegszug oder zur Krönung eines Königs von überall und allen
+Seiten her die Menschen strömen und sich gleich Ameisen in Scharen
+sammeln, so strömten sie, wie von einem Zauber gezogen, dahin, wo der
+große Buddha seinen Tod erwartete, wo das Ungeheure geschehen und der
+große Vollendete eines Weltalters zur Herrlichkeit eingehen sollte.
+
+Viel gedachte Siddhartha in dieser Zeit des sterbenden Weisen, des
+großen Lehrers, dessen Stimme Völker ermahnt und Hunderttausende
+erweckt hatte, dessen Stimme auch er einst vernommen, dessen heiliges
+Antlitz auch er einst mit Ehrfurcht geschaut hatte. Freundlich
+gedachte er seiner, sah seinen Weg der Vollendung vor Augen, und
+erinnerte sich mit Lächeln der Worte, welche er einst als junger Mann
+an ihn, den Erhabenen, gerichtet hatte. Es waren, so schien ihm,
+stolze und altkluge Worte gewesen, lächelnd erinnerte er sich ihrer.
+Längst wußte er sich nicht mehr von Gotama getrennt, dessen Lehre er
+doch nicht hatte annehmen können. Nein, keine Lehre konnte ein
+wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft finden wollte. Der
+aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre gutheißen, jeden
+Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen,
+welche im Ewigen lebten, welche das Göttliche atmeten.
+
+An einem dieser Tage, da so viele zum sterbenden Buddha pilgerten,
+pilgerte zu ihm auch Kamala, einst die schönste der Kurtisanen.
+Längst hatte sie sich aus ihrem vorigen Leben zurückgezogen, hatte
+ihren Garten den Mönchen Gotamas geschenkt, hatte ihre Zuflucht zur
+Lehre genommen, gehörte zu den Freundinnen und Wohltäterinnen der
+Pilgernden. Zusammen mit dem Knaben Siddhartha, ihrem Sohne, hatte
+sie auf die Nachricht vom nahen Tode Gotamas hin sich auf den Weg
+gemacht, in einfachem Kleide, zu Fuß. Mit ihrem Söhnlein war sie am
+Flusse unterwegs; der Knabe aber war bald ermüdet, begehrte nach Hause
+zurück, begehrte zu rasten, begehrte zu essen, wurde trotzig und
+weinerlich.
+
+Kamala mußte häufig mit ihm rasten, er war gewohnt, seinen Willen
+gegen sie zu behaupten, sie mußte ihn füttern, mußte ihn trösten,
+mußte ihn schelten. Er begriff nicht, warum er mit seiner Mutter
+diese mühsame und traurige Pilgerschaft habe antreten müssen, an einen
+unbekannten Ort, zu einem fremden Manne, welcher heilig war und
+welcher im Sterben lag. Mochte er sterben, was ging dies den Knaben
+an?
+
+Die Pilgernden waren nicht mehr ferne von Vasudevas Fähre, als der
+kleine Siddhartha abermals seine Mutter zu einer Rast nötigte. Auch
+sie selbst, Kamala, war ermüdet, und während der Knabe an einer Banane
+kaute, kauerte sie sich am Boden nieder, schloß ein wenig die Augen
+und ruhte. Plötzlich aber stieß sie einen klagenden Schrei aus, der
+Knabe sah sie erschrocken an und sah ihr Gesicht von Entsetzen
+gebleicht, und unter ihrem Kleide hervor entwich eine kleine schwarze
+Schlange, von welcher Kamala gebissen war.
+
+Eilig liefen sie nun beide des Weges, um zu Menschen zu kommen, und
+kamen bis in die Nähe der Fähre, dort sank Kamala zusammen, und
+vermochte nicht weiter zu gehen. Der Knabe aber erhob ein klägliches
+Geschrei, dazwischen küßte und umhalste er seine Mutter, und auch sie
+stimmte in seine lauten Hilferufe ein, bis die Töne Vasudevas Ohr
+erreichten, der bei der Fähre stand. Schnell kam er gegangen, nahm
+die Frau auf die Arme, trug sie ins Boot, der Knabe lief mit, und bald
+kamen sie alle in der Hütte an, wo Siddhartha am Herde stand und eben
+Feuer machte. Er blickte auf und sah zuerst das Gesicht des Knaben,
+das ihn wunderlich erinnerte, an Vergessenes mahnte. Dann sah er
+Kamala, die er alsbald erkannte, obwohl sie besinnungslos im Arm des
+Fährmanns lag, und nun wußte er, daß es sein eigner Sohn sei, dessen
+Gesicht ihn so sehr gemahnt hatte, und das Herz bewegte sich in seiner
+Brust.
+
+Kamalas Wunde wurde gewaschen, war aber schon schwarz und ihr Leib
+angeschwollen, ein Heiltrank wurde ihr eingeflößt. Ihr Bewußtsein
+kehrte zurück, sie lag auf Siddharthas Lager in der Hütte, Und über
+sie gebeugt stand Siddhartha, der sie einst so sehr geliebt hatte. Es
+schien ihr ein Traum zu sein, lächelnd blickte sie in ihres Freundes
+Gesicht, nur langsam erkannte sie ihre Lage, erinnerte sich des Bisses,
+rief ängstlich nach dem Knaben.
+
+"Er ist bei dir, sei ohne Sorge," sagte Siddhartha.
+
+Kamala blickte in seine Augen. Sie sprach mit schwerer Zunge, vom
+Gift gelähmt. "Du bist alt geworden, Lieber," sagte sie, "grau bist
+du geworden. Aber du gleichst dem jungen Samana, der einst ohne
+Kleider mit staubigen Füßen zu mir in den Garten kam. Du gleichst ihm
+viel mehr, als du ihm damals glichest, da du mich und Kamaswami
+verlassen hast. In den Augen gleichst du ihm, Siddhartha. Ach, auch
+ich bin alt geworden, alt--kanntest du mich denn noch?"
+
+Siddhartha lächelte: "Sogleich kannte ich dich, Kamala, Liebe."
+
+Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: "Kanntest du auch ihn? Er
+ist dein Sohn."
+
+Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha
+nahm ihn auf seine Knie, ließ ihn weinen, streichelte sein Haar, und
+beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein,
+das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war.
+Langsam, mit singender Stimme, begann er es zu sprechen, aus der
+Vergangenheit und Kindheit her kamen ihm die Worte geflossen. Und
+unter seinem Singsang wurde der Knabe ruhig, schluchzte noch hin und
+wieder auf und schlief ein. Siddhartha legte ihn auf Vasudevas Lager.
+Vasudeva stand am Herd und kochte Reis. Siddhartha warf ihm einen
+Blick zu, den er lächelnd erwiderte.
+
+"Sie wird sterben," sagte Siddhartha leise.
+
+Vasudeva nickte, über sein freundliches Gesicht lief der Feuerschein
+vom Herde.
+
+Nochmals erwachte Kamala zum Bewußtsein. Schmerz verzog ihr Gesicht,
+Siddharthas Auge las das Leiden auf ihrem Munde, auf ihren erblaßten
+Wangen. Stille las er es, aufmerksam, wartend, in ihr Leiden versenkt.
+Kamala fühlte es, ihr Blick suchte sein Auge.
+
+Ihn anblickend, sagte sie: "Nun sehe ich, daß auch deine Augen sich
+verändert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran doch erkenne
+ich noch, daß du Siddhartha bist? Du bist es, und bist es nicht."
+
+Siddhartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren.
+
+"Du hast es erreicht?" fragte sie. "Du hast Friede gefunden?"
+
+Er lächelte, und legte seine Hand auf ihre.
+
+"Ich sehe es," sagte sie, "ich sehe es. Auch ich werde Friede finden."
+
+"Du hast ihn gefunden," sprach Siddhartha flüsternd.
+
+Kamala blickte ihm unverwandt in die Augen. Sie dachte daran, daß sie
+zu Gotama hatte pilgern wollen, um das Gesicht eines Vollendeten zu
+sehen, um seinen Frieden zu atmen, und daß sie statt seiner nun ihn
+gefunden, und daß es gut war, ebenso gut, als wenn sie jenen gesehen
+hätte. Sie wollte es ihm sagen, aber die Zunge gehorchte ihrem Willen
+nicht mehr. Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das
+Leben erlöschen. Als der letzte Schmerz ihr Auge erfüllte und brach,
+als der letzte Schauder über ihre Glieder lief, schloß sein Finger
+ihre Lider.
+
+Lange saß er und blickte auf ihr entschlafenes Gesicht. Lange
+betrachtete er ihren Mund, ihren alten, müden Mund mit den schmal
+gewordenen Lippen, und erinnerte sich, daß er einst, im Frühling
+seiner Jahre, diesen Mund einer frisch aufgebrochenen Feige verglichen
+hatte. Lange saß er, las in dem bleichen Gesicht, in den müden Falten,
+füllte sich mit dem Anblick, sah sein eigenes Gesicht ebenso liegen,
+ebenso weiß, ebenso erloschen, und sah zugleich sein Gesicht und das
+ihre jung, mit den roten Lippen, mit dem brennenden Auge, und das
+Gefühl der Gegenwart und Gleichzeitigkeit durchdrang ihn völlig, das
+Gefühl der Ewigkeit. Tief empfand er, tiefer als jemals, in dieser
+Stunde die Unzerstörbarkeit jedes Lebens, die Ewigkeit jedes
+Augenblicks.
+
+Da er sich erhob, hatte Vasudeva Reis für ihn bereitet. Doch aß
+Siddhartha nicht. Im Stall, wo ihre Ziege stand, machten sich die
+beiden Alten eine Streu zurecht, und Vasudeva legte sich schlafen.
+Siddhartha aber ging hinaus und saß die Nacht vor der Hütte, dem
+Flusse lauschend, von Vergangenheit umspült, von allen Zeiten seines
+Lebens zugleich berührt und umfangen. Zuweilen aber erhob er sich,
+trat an die Hüttentür und lauschte, ob der Knabe schlafe.
+
+Früh am Morgen, noch ehe die Sonne sichtbar ward, kam Vasudeva aus dem
+Stalle und trat zu seinem Freunde.
+
+"Du hast nicht geschlafen," sagte er.
+
+"Nein, Vasudeva. Ich saß hier, ich hörte dem Flusse zu. Viel hat er
+mir gesagt, tief hat er mich mit dem heilsamen Gedanken erfüllt, mit
+dem Gedanken der Einheit."
+
+"Du hast Leid erfahren, Siddhartha, doch ich sehe, es ist keine
+Traurigkeit in dein Herz gekommen."
+
+"Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? Ich, der ich reich
+und glücklich war, bin jetzt noch reicher und glücklicher geworden.
+Mein Sohn ist mir geschenkt worden."
+
+"Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, laß uns an
+die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala
+gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. Auf demselben
+Hügel auch wollen wir Kamalas Scheiterhaufen bauen, auf welchem ich
+einst meines Weibes Scheiterhaufen gebaut habe."
+
+Während der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen.
+
+
+
+
+DER SOHN
+
+Scheu und weinend hatte der Knabe der Bestattung seiner Mutter
+beigewohnt, finster und scheu hatte er Siddhartha angehört, der ihn
+als seinen Sohn begrüßte und ihn bei sich in Vasudevas Hütte
+willkommen hieß. Bleich saß er tagelang am Hügel der Toten, mochte
+nicht essen, verschloß seinen Blick, verschloß sein Herz, wehrte und
+sträubte sich gegen das Schicksal.
+
+Siddhartha schonte ihn und ließ ihn gewähren, er ehrte seine Trauer.
+Siddhartha verstand, daß sein Sohn ihn nicht kenne, daß er ihn nicht
+lieben könne wie einen Vater. Langsam sah und verstand er auch, daß
+der Elfjährige ein verwöhnter Knabe war, ein Mutterkind, und in
+Gewohnheiten des Reichtums aufgewachsen, gewohnt an feinere Speisen,
+an ein weiches Bett, gewohnt, Dienern zu befehlen. Siddhartha
+verstand, daß der Trauernde und Verwöhnte nicht plötzlich und
+gutwillig in der Fremde und Armut sich zufrieden geben könne. Er
+zwang ihn nicht, er tat manche Arbeit für ihn, suchte stets den besten
+Bissen für ihn aus. Langsam hoffte er ihn zu gewinnen, durch
+freundliche Geduld.
+
+Reich und glücklich hatte er sich genannt, als der Knabe zu ihm
+gekommen war. Da indessen die Zeit hinfloß, und der Knabe fremd und
+finster blieb, da er ein stolzes und trotziges Herz zeigte, keine
+Arbeit tun wollte, den Alten keine Ehrfurcht erwies, Vasudevas
+Fruchtbäume beraubte, da begann Siddhartha zu verstehen, daß mit
+seinem Sohne nicht Glück und Friede zu ihm gekommen war, sondern Leid
+und Sorge. Aber er liebte ihn, und lieber war ihm Leid und Sorge der
+Liebe, als ihm Glück und Freude ohne den Knaben gewesen war. Seit der
+junge Siddhartha in der Hütte war, hatten die Alten sich in die Arbeit
+geteilt. Vasudeva hatte das Amt des Fährmanns wieder allein
+übernommen, und Siddhartha, um bei dem Sohne zu sein, die Arbeit in
+Hütte und Feld.
+
+Lange Zeit, lange Monate wartete Siddhartha darauf, daß sein Sohn ihn
+verstehe, daß er seine Liebe annehme, daß er sie vielleicht erwidere.
+Lange Monate wartete Vasudeva, zusehend, wartete und schwieg. Eines
+Tages, als Siddhartha der Junge seinen Vater wieder sehr mit Trotz und
+Launen gequält und ihm beide Reisschüsseln zerbrochen hatte, nahm
+Vasudeva seinen Freund am Abend beiseite und sprach mit ihm.
+
+"Entschuldige mich," sagte er, "aus freundlichem Herzen rede ich zu
+dir. Ich sehe, daß du dich quälst, ich sehe, daß du Kummer hast.
+Dein Sohn, Lieber, macht dir Sorge, und auch mir macht er Sorge. An
+ein anderes Leben, an ein anderes Nest ist der junge Vogel gewöhnt.
+Nicht wie du ist er dem Reichtum und der Stadt entlaufen aus Ekel und
+Überdruß, er hat wider seinen Willen dies alles dahinten lassen müssen.
+Ich fragte den Fluß, o Freund, vielemale habe ich ihn gefragt. Der
+Fluß aber lacht, er lacht mich aus, mich und dich lacht er aus, und
+schüttelt sich über unser Torheit. Wasser will zu Wasser, Jugend will
+zu Jugend, dein Sohn ist nicht an dem Orte, wo er gedeihen kann.
+Frage auch du den Fluß, höre auch du auf ihn!"
+
+Bekümmert blickte Siddhartha ihm in das freundliche Gesicht, in dessen
+vielen Runzeln beständige Heiterkeit wohnte.
+
+"Kann ich mich denn von ihm trennen?" sagte er leise, beschämt. "Laß
+mir noch Zeit, Lieber! Sieh, ich kämpfe um ihn, ich werbe um sein
+Herz, mit Liebe und mit freundlicher Geduld will ich es fangen. Auch
+zu ihm soll einst der Fluß reden, auch er ist berufen."
+
+Vasudevas Lächeln blühte wärmer. "O ja, auch er ist berufen, auch er
+ist vom ewigen Leben. Aber wissen wir denn, du und ich, wozu er
+berufen ist, zu welchem Wege, zu welchen Taten, zu welchen Leiden?
+Nicht klein wird sein Leiden sein, stolz und hart ist ja sein Herz,
+viel müssen solche leiden, viel irren, viel Unrecht tun, sich viel
+Sünde aufladen. Sage mir, mein Lieber: du erziehst deinen Sohn nicht?
+Du zwingst ihn nicht? Schlägst ihn nicht? Strafst ihn nicht?"
+
+"Nein, Vasudeva, das tue ich alles nicht."
+
+"Ich wußte es. Du zwingst ihn nicht, schlägst ihn nicht, befiehlst
+ihm nicht, weil du weißt, daß Weich stärker ist als Hart, Wasser
+stärker als Fels, Liebe stärker als Gewalt. Sehr gut, ich lobe dich.
+Aber ist es nicht ein Irrtum von dir, zu meinen, daß du ihn nicht
+zwingest, nicht strafest? Bindest du ihn nicht in Bande mit deiner
+Liebe? Beschämst du ihn nicht täglich, und machst es ihm noch
+schwerer, mit deiner Güte und Geduld? Zwingst du ihn nicht, den
+hochmütigen und verwöhnten Knaben, in einer Hütte bei zwei alten
+Bananenessern zu leben, welchen schon Reis ein Leckerbissen ist, deren
+Gedanken nicht seine sein können, deren Herz alt und still ist und
+anderen Gang hat als das seine? Ist er mit alledem nicht gezwungen,
+nicht gestraft?"
+
+Betroffen blickte Siddhartha zur Erde. Leise fragte er: "Was, meinst
+du, soll ich tun?"
+
+Sprach Vasudeva: "Bring ihn zur Stadt, bringe ihn in seiner Mutter
+Haus, es werden noch Diener dort sein, denen gib ihn. Und wenn keine
+mehr da sind, so bringe ihn einem Lehrer, nicht der Lehre wegen, aber
+daß er zu anderen Knaben komme, und zu Mädchen, und in die Welt,
+welche die seine ist. Hast du daran nie gedacht?"
+
+"Du siehst in mein Herz," sprach Siddhartha traurig. "Oft habe ich
+daran gedacht. Aber sieh, wie soll ich ihn, der ohnehin kein sanftes
+Herz hat, in diese Welt geben? Wird er nicht üppig werden, wird er
+nicht sich an Lust und Macht verlieren, wird er nicht alle Irrtümer
+seines Vaters wiederholen, wird er nicht vielleicht ganz und gar in
+Sansara verloren gehen?"
+
+Hell strahlte des Fährmanns Lächeln auf; er berührte zart Siddharthas
+Arm und sagte: "Frage den Fluß darüber, Freund! Höre ihn darüber
+lachen! Glaubst du denn wirklich, daß du deine Torheiten begangen
+habest, um sie dem Sohn zu ersparen? Und kannst du denn deinen Sohn
+vor Sansara schützen? Wie denn? Durch Lehre, durch Gebet, durch
+Ermahnung? Lieber, hast du jene Geschichte denn ganz vergessen, jene
+lehrreiche Geschichte vom Brahmanensohn Siddhartha, die du mir einst
+hier an dieser Stelle erzählt hast? Wer hat den Samana Siddhartha vor
+Sansara bewahrt, vor Sünde, vor Habsucht, vor Torheit? Hat seines
+Vaters Frömmigkeit, seiner Lehrer Ermahnung, hat sein eigenes Wissen,
+sein eigenes Suchen ihn bewahren können? Welcher Vater, welcher Lehrer
+hat ihn davor schützen können, selbst das Leben zu leben, selbst
+sich mit dem Leben zu beschmutzen, selbst Schuld auf sich zu laden,
+selbst den bitteren Trank zu trinken, selber seinen Weg zu finden?
+
+Glaubst du denn, Lieber, dieser Weg bleibe irgend jemandem vielleicht
+erspart? Vielleicht deinem Söhnchen, weil du es liebst, weil du ihm
+gern Leid und Schmerz und Enttäuschung ersparen möchtest? Aber auch
+wenn du zehnmal für ihn stürbest, würdest du ihm nicht den kleinsten
+Teil seines Schicksals damit abnehmen können."
+
+Noch niemals hatte Vasudeva so viele Worte gesprochen. Freundlich
+dankte ihm Siddhartha, ging bekümmert in die Hütte, fand lange keinen
+Schlaf. Vasudeva hatte ihm nichts gesagt, das er nicht selbst schon
+gedacht und gewußt hätte. Aber es war ein Wissen, das er nicht tun
+konnte, stärker als das Wissen war seine Liebe zu dem Knaben, stärker
+seine Zärtlichkeit, seine Angst, ihn zu verlieren. Hatte er denn
+jemals an irgend etwas so sehr sein Herz verloren, hatte er je
+irgendeinen Menschen so geliebt, so blind, so leidend, so erfolglos,
+und doch so glücklich?
+
+Siddhartha konnte seines Freundes Rat nicht befolgen, er konnte den
+Sohn nicht hergeben. Er ließ sich von dem Knaben befehlen, er ließ
+sich von ihm mißachten. Er schwieg und wartete, begann täglich den
+stummen Kampf der Freundlichkeit, den lautlosen Krieg der Geduld.
+Auch Vasudeva schwieg und wartete, freundlich, wissend, langmütig. In
+der Geduld waren sie beide Meister.
+
+Einst, als des Knaben Gesicht ihn sehr an Kamala erinnerte, mußte
+Siddhartha plötzlich eines Wortes gedenken, das Kamala vor Zeiten, in
+den Tagen der Jugend, einmal zu ihm gesagt hatte. "Du kannst nicht
+lieben," hatte sie ihm gesagt, und er hatte ihr Recht gegeben und
+hatte sich mit einem Stern, die Kindermenschen aber mit fallendem Laub
+verglichen, und dennoch hatte er in jenem Wort auch einen Vorwurf
+gespürt. In der Tat hatte er niemals sich an einen anderen Menschen
+ganz verlieren und hingeben können, sich selbst vergessen, Torheiten
+der Liebe eines anderen wegen begehen; nie hatte er das gekonnt, und
+dies war, wie ihm damals schien, der große Unterschied gewesen, der
+ihn von den Kindermenschen trennte. Nun aber, seit sein Sohn da war,
+nun war auch er, Siddhartha, vollends ein Kindermensch geworden, eines
+Menschen wegen leidend, einen Menschen liebend, an eine Liebe verloren,
+einer Liebe wegen ein Tor geworden. Nun fühlte auch er, spät, einmal
+im Leben diese stärkste und seltsamste Leidenschaft, litt an ihr, litt
+kläglich, und war doch beseligt, war doch um etwas erneuert, um etwas
+reicher.
+
+Wohl spürte er, daß diese Liebe, diese blinde Liebe zu seinem Sohn
+eine Leidenschaft, etwas sehr Menschliches, daß sie Sansara sei, eine
+trübe Quelle, ein dunkles Wasser. Dennoch, so fühlte er gleichzeitig,
+war sie nicht wertlos, war sie notwendig, kam aus seinem eigenen Wesen.
+Auch diese Lust wollte gebüßt, auch diese Schmerzen wollten gekostet
+sein, auch diese Torheiten begangen.
+
+Der Sohn indessen ließ ihn seine Torheiten begehen, ließ ihn werben,
+ließ ihn täglich sich vor seinen Launen demütigen. Dieser Vater hatte
+nichts, was ihn entzückt, und nichts, was er gefürchtet hätte. Er war
+ein guter Mann, dieser Vater, ein guter, gütiger, sanfter Mann,
+vielleicht ein sehr frommer Mann, vielleicht ein Heiliger--dies alles
+waren nicht Eigenschaften, welche den Knaben gewinnen konnten.
+Langweilig war ihm dieser Vater, der ihn da in seiner elenden Hütte
+gefangen hielt, langweilig war er ihm, und daß er jede Unart mit
+Lächeln, jeden Schimpf mit Freundlichkeit, jede Bosheit mit Güte
+beantwortete, das eben war die verhaßteste List dieses alten
+Schleichers. Viel lieber wäre der Knabe von ihm bedroht, von ihm
+mißhandelt worden.
+
+Es kam ein Tag, an welchem des jungen Siddhartha Sinn zum Ausbruch kam
+und sich offen gegen seinen Vater wandte. Der hatte ihm einen Auftrag
+erteilt, er hatte ihn Reisig sammeln geheißen. Der Knabe ging aber
+nicht aus der Hütte, er blieb trotzig und wütend stehen, stampfte den
+Boden, ballte die Fäuste, und schrie in gewaltigem Ausbruch seinem
+Vater Haß und Verachtung ins Gesicht.
+
+"Hole du selber dein Reisig!" rief er schäumend, "ich bin nicht dein
+Knecht. Ich weiß ja, daß du mich nicht schlägst, du wagst es ja nicht;
+ich weiß ja, daß du mich mit deiner Frömmigkeit und deiner Nachsicht
+beständig strafen und klein machen willst. Du willst, daß ich werden
+soll wie du, auch so fromm, auch so sanft, auch so weise! Ich aber,
+höre, ich will, dir zu Leide, lieber ein Straßenräuber und Mörder
+werden und zur Hölle fahren, als so werden wie du! Ich hasse dich, du
+bist nicht mein Vater, und wenn du zehnmal meiner Mutter Buhle gewesen
+bist!"
+
+Zorn und Gram liefen in ihm über, schäumten in hundert wüsten und
+bösen Worten dem Vater entgegen. Dann lief der Knabe davon und kam
+erst spät am Abend wieder.
+
+Am andern Morgen aber war er verschwunden. Verschwunden war auch ein
+kleiner, aus zweifarbigem Bast geflochtener Korb, in welchem die
+Fährleute jene Kupfer- und Silbermünzen aufbewahrten, welche sie als
+Fährlohn erhielten. Verschwunden war auch das Boot, Siddhartha sah es
+am jenseitigen Ufer liegen. Der Knabe war entlaufen.
+
+"Ich muß ihm folgen," sagte Siddhartha, der seit jenen gestrigen
+Schimpfreden des Knaben vor Jammer zitterte. "Ein Kind kann nicht
+allein durch den Wald gehen. Er wird umkommen. Wir müssen ein Floß
+bauen, Vasudeva, um übers Wasser zu kommen."
+
+"Wir werden ein Floß bauen," sagte Vasudeva, "um unser Boot wieder zu
+holen, das der Junge entführt hat. Ihn aber solltest du laufen lassen,
+Freund, er ist kein Kind mehr, er weiß sich zu helfen. Er sucht den
+Weg nach der Stadt, und er hat Recht, vergiß das nicht. Er tut das,
+was du selbst zu tun versäumt hast. Er sorgt für sich, er geht seine
+Bahn. Ach, Siddhartha, ich sehe dich leiden, aber du leidest
+Schmerzen, über die man lachen möchte, über die du selbst bald lachen
+wirst."
+
+Siddhartha antwortete nicht. Er hielt schon das Beil in Händen, und
+begann ein Floß aus Bambus zu machen, und Vasudeva half ihm, die
+Stämme mit Grasseilen zuzammen zu binden. Dann fuhren sie hinüber,
+wurden weit abgetrieben, zogen das Floß am jenseitigen Ufer flußauf.
+
+"Warum hast du das Beil mitgenommen?" fragte Siddhartha.
+
+Vasudeva sagte: "Es könnte sein, daß das Ruder unsres Bootes verloren
+gegangen wäre."
+
+Siddhartha aber wußte, was sein Freund dachte. Er dachte, der Knabe
+werde das Ruder weggeworfen oder zerbrochen haben, um sich zu rächen
+und um sie an der Verfolgung zu hindern. Und wirklich war kein Ruder
+mehr im Boote. Vasudeva wies auf den Boden des Bootes, und sah den
+Freund mit Lächeln an, als wollte er sagen; "Siehst du nicht, was dein
+Sohn dir sagen will? Siehst du nicht, daß er nicht verfolgt sein
+will?" Doch sagte er dies nicht mit Worten. Er machte sich daran,
+ein neues Ruder zu zimmern. Siddhartha aber nahm Abschied, um nach
+dem Entflohenen zu suchen. Vasudeva hinderte ihn nicht.
+
+Als Siddhartha schon lange im Walde unterwegs war, kam ihm der Gedanke,
+daß sein Suchen nutzlos sei. Entweder, so dachte er, war der Knabe
+längst voraus und schon in der Stadt angelangt, oder, wenn er noch
+unterwegs sein sollte, würde er vor ihm, dem Verfolgenden, sich
+verborgen halten. Da er weiter dachte, fand er auch, daß er selbst
+nicht in Sorge um seinen Sohn war, daß er im Innersten wußte, er sei
+weder umgekommen, noch drohe ihm im Walde Gefahr. Dennoch lief er
+ohne Rast, nicht mehr, um ihn zu retten, nur aus Verlangen, nur um ihn
+vielleicht nochmals zu sehen. Und er lief bis vor die Stadt.
+
+Als er nahe bei der Stadt auf die breite Straße gelangte, blieb er
+stehen, am Eingang des schönen Lustgartens, der einst Kamala gehört
+hatte, wo er sie einst, in der Sänfte, zum erstenmal gesehen hatte.
+Das Damalige stand in seiner Seele auf, wieder sah er sich dort stehen,
+jung, ein bärtiger nackter Samana, das Haar voll Staub. Lange stand
+Siddhartha und blickte durch das offne Tor in den Garten, Mönche in
+gelben Kutten sah er unter den schönen Bäumen gehen.
+
+Lange stand er, nachdenkend, Bilder sehend, der Geschichte seines
+Lebens lauschend. Lange stand er, blickte nach den Mönchen, sah statt
+ihrer den jungen Siddhartha, sah die junge Kamala unter den hohen
+Bäumen gehen. Deutlich sah er sich, wie er von Kamala bewirtet ward,
+wie er ihren ersten Kuß empfing, wie er stolz und verächtlich auf sein
+Brahmanentum zurückblickte, stolz und verlangend sein Weltleben begann.
+Er sah Kamaswami, sah die Diener, die Gelage, die Würfelspieler, die
+Musikanten, sah Kamalas Singvogel im Käfig, lebte dies alles nochmals,
+atmete Sansara, war nochmals alt und müde, fühlte nochmals den Ekel,
+fühlte nochmals den Wunsch, sich auszulöschen, genas nochmals am
+heiligen Om.
+
+Nachdem er lange beim Tor des Gartens gestanden war, sah Siddhartha
+ein, daß das Verlangen töricht war, das ihn bis zu dieser Stätte
+getrieben hatte, daß er seinem Sohne nicht helfen konnte, daß er sich
+nicht an ihn hängen durfte. Tief fühlte er die Liebe zu dem
+Entflohenen im Herzen, wie eine Wunde, und fühlte zugleich, daß ihm
+die Wunde nicht gegeben war, um in ihr zu wühlen, daß sie zur Blüte
+werden und strahlen müsse.
+
+Daß die Wunde zu dieser Stunde noch nicht blühte, noch nicht strahlte,
+machte ihn traurig. An der Stelle des Wunschzieles, das ihn hierher
+und dem entflohenen Sohne nachgezogen hatte, stand nun Leere. Traurig
+setzte er sich nieder, fühlte etwas in seinem Herzen sterben, empfand
+Leere, sah keine Freude mehr, kein Ziel. Er saß versunken, und
+wartete. Dies hatte er am Flusse gelernt, dies eine: warten, Geduld
+haben, lauschen. Und er saß und lauschte, im Staub der Straße,
+lauschte seinem Herzen, wie es müd und traurig ging, wartete auf eine
+Stimme. Manche Stunde kauerte er lauschend, sah keine Bilder mehr,
+sank in die Leere, ließ sich sinken, ohne einen Weg zu sehen. Und
+wenn er die Wunde brennen fühlte, sprach er lautlos das Om, füllte
+sich mit Om. Die Mönche im Garten sahen ihn, und da er viele Stunden
+kauerte, und auf seinen grauen Haaren der Staub sich sammelte, kam
+einer gegangen und legte zwei Pisangfrüchte vor ihm nieder. Der Alte
+sah ihn nicht.
+
+Aus dieser Erstarrung weckte ihn eine Hand, welche seine Schulter
+berührte. Alsbald erkannte er diese Berührung, die zarte, schamhafte,
+und kam zu sich. Er erhob sich und begrüßte Vasudeva, welcher ihm
+nachgegangen war. Und da er in Vasudevas freundliches Gesicht schaute,
+in die kleinen, wie mit lauter Lächeln ausgefüllten Falten, in die
+heiteren Augen, da lächelte auch er. Er sah nun die Pisangfrüchte vor
+sich liegen, hob sie auf, gab eine dem Fährmann, aß selbst die andere.
+Darauf ging er schweigend mit Vasudeva in den Wald zurück, kehrte zur
+Fähre heim. Keiner sprach von dem, was heute geschehen war, keiner
+nannte den Namen des Knaben, keiner sprach von seiner Flucht, keiner
+sprach von der Wunde. In der Hütte legte sich Siddhartha auf sein
+Lager, und da nach einer Weile Vasudeva zu Ihm trat, um ihm eine
+Schale Kokosmilch anzubieten, fand er ihn schon schlafend.
+
+
+
+
+OM
+
+Lange noch brannte die Wunde. Manchen Reisenden mußte Siddhartha über
+den Fluß setzen, der einen Sohn oder eine Tochter bei sich hatte, und
+keinen von ihnen sah er, ohne daß er ihn beneidete, ohne daß er dachte:
+"So viele, so viel Tausende besitzen dies holdeste Glück--warum ich
+nicht? Auch böse Menschen, auch Diebe, und Räuber haben Kinder, und
+lieben sie, und werden von ihnen geliebt, nur ich nicht." So einfach,
+so ohne Verstand dachte er nun, so ähnlich war er den Kindermenschen
+geworden.
+
+Anders sah er jetzt die Menschen an als früher, weniger klug, weniger
+stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter. Wenn er Reisende
+der gewöhnlichen Art übersetzte, Kindermenschen, Geschäftsleute,
+Krieger, Weibervolk, so erschienen diese Leute ihm nicht fremd wie
+einst: er verstand sie, er verstand und teilte ihr nicht von Gedanken
+und Einsichten, sondern einzig von Trieben und Wünschen geleitetes
+Leben, er fühlte sich wie sie. Obwohl er nahe der Vollendung war, und
+an seiner letzten Wunde trug, schien ihm doch, diese Kindermenschen
+seien seine Brüder, ihre Eitelkeiten, Begehrlichkeiten und
+Lächerlichkeiten verloren das Lächerliche für ihn, wurden begreiflich,
+wurden liebenswert, wurden ihm sogar verehrungswürdig. Die blinde
+Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den dummen, blinden Stolz eines
+eingebildeten Vaters auf sein einziges Söhnlein, das blinde, wilde
+Streben nach Schmuck und nach bewundernden Männeraugen bei einem
+jungen, eitlen Weibe, alle diese Triebe, alle diese Kindereien, alle
+diese einfachen, törichten, aber ungeheuer starken, stark lebenden,
+stark sich durchsetzenden Triebe und Begehrlichkeiten waren für
+Siddhartha jetzt keine Kindereien mehr, er sah um ihretwillen die
+Menschen leben, sah sie um ihretwillen Unendliches leisten, Reisen tun,
+Kriege führen, Unendliches leiden, Unendliches ertragen, und er
+konnte sie dafür lieben, er sah das Leben, das Lebendige, das
+Unzerstörbare, das Brahman in jeder ihrer Leidenschaften, jeder ihrer
+Taten. Liebenswert und bewundernswert waren diese Menschen in ihrer
+blinden Treue, ihrer blinden Stärke und Zähigkeit. Nichts fehlte
+ihnen, nichts hatte der Wissende und Denker vor ihnen voraus als eine
+einzige Kleinigkeit, eine einzige winzig kleine Sache: das Bewußtsein,
+den bewußten Gedanken der Einheit alles Lebens. Und Siddhartha
+zweifelte sogar zu mancher Stunde, ob dies Wissen, dieser Gedanke so
+sehr hoch zu werten, ob nicht auch er vielleicht eine Kinderei der
+Denkmenschen, der Denk-Kindermenschen sein möchte. In allem andern
+waren die Weltmenschen dem Weisen ebenbürtig, waren ihm oft weit
+überlegen, wie ja auch Tiere in ihrem zähen, unbeirrten Tun des
+Notwendigen in manchen Augenblicken den Menschen überlegen scheinen
+können.
+
+Langsam blühte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das
+Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens
+Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine
+Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den
+Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können.
+Langsam blühte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem
+Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der
+Welt, Lächeln, Einheit.
+
+Die Wunde aber brannte noch, sehnlich und bitter gedachte Siddhartha
+seines Sohnes, pflegte seine Liebe und Zärtlichkeit im Herzen, ließ
+den Schmerz an sich fressen, beging alle Torheiten der Liebe. Nicht
+von selbst erlosch diese Flamme.
+
+Und eines Tages, als die Wunde heftig brannte, fuhr Siddhartha über
+den Fluß, gejagt von Sehnsucht, stieg aus und war Willens, nach der
+Stadt zu gehen und seinen Sohn zu suchen. Der Fluß floß sanft und
+leise, es war in der trockenen Jahreszeit, aber seine Stimme klang
+sonderbar: sie lachte! Sie lachte deutlich. Der Fluß lachte, er
+lachte hell und klar den alten Fährmann aus. Siddhartha blieb stehen,
+er beugte sich übers Wasser, um noch besser zu hören, und im still
+ziehenden Wasser sah er sein Gesicht gespiegelt, und in diesem
+gespiegelten Gesicht war etwas, das ihn erinnerte, etwas Vergessenes,
+und da er sich besann, fand er es: dies Gesicht glich einem andern,
+das er einst gekannt und geliebt und auch gefürchtet hatte. Es glich
+dem Gesicht seines Vaters, des Brahmanen. Und er erinnerte sich, wie
+er vor Zeiten, ein Jüngling, seinen Vater gezwungen hatte, ihn zu den
+Büßern gehen zu lassen, wie er Abschied von ihm genommen hatte, wie er
+gegangen und nie mehr wiedergekommen war. Hatte nicht auch sein Vater
+um ihn dasselbe Leid gelitten, wie er es nun um seinen Sohn litt? War
+nicht sein Vater längst gestorben, allein, ohne seinen Sohn
+wiedergesehen zu haben? Mußte er selbst nicht dies selbe Schicksal
+erwarten? War es nicht eine Komödie, eine seltsame und dumme Sache,
+diese Wiederholung, dieses Laufen in einem verhängnisvollen Kreise?
+
+Der Fluß lachte. Ja, es war so, es kam alles wieder, was nicht bis zu
+Ende gelitten und gelöst ward, es wurden immer wieder dieselben Leiden
+gelitten. Siddhartha aber stieg wieder in das Boot und fuhr zu der
+Hütte zurück, seines Vaters gedenkend, seines Sohnes gedenkend, vom
+Flusse verlacht, mit sich selbst im Streit, geneigt zur Verzweiflung,
+und nicht minder geneigt, über sich und die ganze Welt laut
+mitzulachen. Ach, noch blühte die Wunde nicht, noch wehrte sein Herz
+sich wider das Schicksal, noch strahlte nicht Heiterkeit und Sieg aus
+seinem Leide. Doch fühlte er Hoffnung, und da er zur Hütte
+zurückgekehrt war, spürte er ein unbesiegbares Verlangen, sich vor
+Vasudeva zu öffnen, ihm alles zu zeigen, ihm, dem Meister des Zuhörens,
+alles zu sagen.
+
+Vasudeva saß in der Hütte und flocht an einem Korbe. Er fuhr nicht
+mehr mit dem Fährboot, seine Augen begannen schwach zu werden, und
+nicht nur seine Augen; auch seine Arme und Hände. Unverändert und
+blühend war nur die Freude und das heitere Wohlwollen seines Gesichtes.
+
+Siddhartha setzte sich zu dem Greise, langsam begann er zu sprechen.
+Worüber sie niemals gesprochen hatten, davon erzählte er jetzt, von
+seinem Gange zur Stadt, damals, von der brennenden Wunde, von seinem
+Neid beim Anblick glücklicher Väter, von seinem Wissen um die Torheit
+solcher Wünsche, von seinem vergeblichen Kampf wider sie. Alles
+berichtete er, alles konnte er sagen, auch das Peinlichste, alles ließ
+sich sagen, alles sich zeigen, alles konnte er erzählen. Er zeigte
+seine Wunde dar, erzählte auch seine heutige Flucht, wie er übers
+Wasser gefahren sei, kindischer Flüchtling, willens nach der Stadt zu
+wandern, wie der Fluß gelacht habe.
+
+Während er sprach, lange sprach, während Vasudeva mit stillem Gesicht
+lauschte, empfand Siddhartha dies Zuhören Vasudevas stärker, als er es
+jemals gefühlt hatte, er spürte, wie seine Schmerzen, seine
+Beängstigungen hinüberflossen, wie seine heimliche Hoffnung
+hinüberfloß, ihm von drüben wieder entgegenkam. Diesem Zuhörer seine
+Wunde zu zeigen, war dasselbe, wie sie im Flusse baden, bis sie kühl
+und mit dem Flusse eins wurde. Während er immer noch sprach, immer
+noch bekannte und beichtete, fühlte Siddhartha mehr und mehr, daß dies
+nicht mehr Vasudeva, nicht mehr ein Mensch war, der ihm zuhörte, daß
+dieser regungslos Lauschende seine Beichte in sich einsog wie ein Baum
+den Regen, daß dieser Regungslose der Fluß selbst, daß er Gott selbst,
+daß er das Ewige selbst war. Und während Siddhartha aufhörte, an sich
+und an seine Wunde zu denken, nahm diese Erkenntnis vom veränderten
+Wesen des Vasudeva von ihm Besitz, und je mehr er es empfand und
+darein eindrang, desto weniger wunderlich wurde es, desto mehr sah er
+ein, daß alles in Ordnung und natürlich war, daß Vasudeva schon lange,
+beinahe schon immer so gewesen sei, daß nur er selbst es nicht ganz
+erkannt hatte, ja daß er selbst von jenem kaum noch verschieden sei.
+Er empfand, daß er den alten Vasudeva nun so sehe, wie das Volk die
+Götter sieht, und daß dies nicht von Dauer sein könne; er begann im
+Herzen von Vasudeva Abschied zu nehmen. Dabei sprach er immer fort.
+
+Als er zu Ende gesprochen hatte, richtete Vasudeva seinen freundlichen,
+etwas schwach gewordenen Blick auf ihn, sprach nicht, strahlte ihm
+schweigend Liebe und Heiterkeit entgegen, Verständnis und Wissen. Er
+nahm Siddharthas Hand, führte ihn zum Sitz am Ufer, setzte sich mit
+ihm nieder, lächelte dem Flusse zu.
+
+"Du hast ihn lachen hören," sagte er. "Aber du hast nicht alles
+gehört. Laß uns lauschen, du wirst mehr hören."
+
+Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses.
+Siddhartha schaute ins Wasser, und im ziehenden Wasser erschienen ihm
+Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd; er selbst
+erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen
+Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe,
+begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wünsche stürmend,
+jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend.
+Der Fluß sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er,
+sehnlich floß er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.
+
+"Hörst du?" fragte Vasudevas stummer Blick. Siddhartha nickte.
+
+"Höre besser!" flüsterte Vasudeva.
+
+Siddhartha bemühte sich, besser zu hören. Das Bild des Vaters, sein
+eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas
+Bild erschien und zerfloß, und das Bild Govindas, und andre Bilder,
+und flossen ineinander über, wurden alle zum Fluß, strebten alle als
+Fluß dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses
+Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von
+unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Fluß, Siddhartha sah
+ihn eilen, den Fluß, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen
+bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten,
+leidend, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der
+Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem
+folgte ein neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den
+Himmel, ward Regen und stürzte aus dem Himmel herab, ward Quelle, ward
+Bach, ward Fluß, strebte aufs Neue, floß aufs Neue. Aber die
+sehnliche Stimme hatte sich verändert. Noch tönte sie, leidvoll,
+suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude
+und des Leides, gute und böse Stimmen, lachende und trauernde, hundert
+Stimmen, tausend Stimmen.
+
+Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören
+vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, daß er nun das
+Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehört,
+diese vielen Stimmen im Fluß, heute klang es neu. Schon konnte er die
+vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden,
+nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der
+Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Stöhnen der
+Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und
+verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen,
+alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse,
+alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluß des
+Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam
+diesem Fluß, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf
+das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an
+irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle
+hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das große Lied der
+tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hieß Om: die Vollendung.
+
+"Hörst du," fragte wieder Vasudevas Blick.
+
+Hell glänzte Vasudevas Lächeln, über all den Runzeln seines alten
+Antlitzes schwebte es leuchtend, wie über all den Stimmen des Flusses
+das Om schwebte. Hell glänzte sein Lächeln, als er den Freund
+anblickte, und hell glänzte nun auch auf Siddharthas Gesicht dasselbe
+Lächeln auf. Seine Wunde blühte, sein Leid strahlte, sein Ich war in
+die Einheit geflossen.
+
+In dieser Stunde hörte Siddhartha auf, mit dem Schicksal zu kämpfen,
+hörte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht blühte die Heiterkeit des
+Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt,
+das einverstanden ist mit dem Fluß des Geschehens, mit dem Strom des
+Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Strömen hingegeben, der
+Einheit zugehörig.
+
+Als Vasudeva sich von dem Sitz am Ufer erhob, als er in Siddharthas
+Augen blickte und die Heiterkeit des Wissens darin strahlen sah,
+berührte er dessen Schulter leise mit der Hand, in seiner behutsamen
+und zarten Weise, und sagte: "Ich habe auf diese Stunde gewartet,
+Lieber. Nun sie gekommen ist, laß mich gehen. Lange habe ich auf
+diese Stunde gewartet, lange bin ich der Fährmann Vasudeva gewesen.
+Nun ist es genug. Lebe wohl, Hütte, lebe wohl, Fluß, lebe wohl,
+Siddhartha!"
+
+Siddhartha verneigte sich tief vor dem Abschiednehmenden.
+
+"Ich habe es gewußt," sagte er leise. "Du wirst in die Wälder gehen?"
+
+"Ich gehe in die Wälder, ich gehe in die Einheit," sprach Vasudeva
+strahlend.
+
+Strahlend ging er hinweg; Siddhartha blickte ihm nach. Mit tiefer
+Freude, mit tiefem Ernst blickte er ihm nach, sah seine Schritte voll
+Frieden, sah sein Haupt voll Glanz, sah seine Gestalt voll Licht.
+
+
+
+
+GOVINDA
+
+Mit anderen Mönchen weilte Govinda einst während einer Rastzeit in dem
+Lusthain, welchen die Kurtisane Kamala den Jüngern des Gotama
+geschenkt hatte. Er hörte von einem alten Fährmanne sprechen, welcher
+eine Tagereise entfernt vom Hain am Flusse wohne, und der von vielen für
+einen Weisen gehalten werde. Als Govinda des Weges weiterzog, wählte er
+den Weg zur Fähre, begierig diesen Fährmann zu sehen. Denn ob er wohl
+sein Leben lang nach der Regel gelebt hatte, auch von den Jungeren
+Mönchen seines Alters und seiner Bescheidenheit wegen mit Ehrfurcht
+angesehen wurde, war doch in seinem Herzen die Unruhe und das Suchen
+nicht erloschen.
+
+Er kam zum Flüsse, er bat den Alten um überfahrt, und da sie drüben
+aus dem Boot stiegen, sagte er zum Alten: "Viel Gutes erweisest du uns
+Mönchen und Pilgern, viele von uns hast du schon übergesetzt. Bist
+nicht auch du, Fährmann, ein Sucher nach dem rechten Pfade?"
+
+Sprach Siddhartha, aus den alten Augen lächelnd: "Nennst du dich einen
+Sucher, o Ehrwürdiger, und bist doch schon hoch in den Jahren, und
+trägst das Gewand der Mönche Gotamas?"
+
+"Wohl bin ich alt," sprach Govinda, "zu suchen aber habe ich nicht
+aufgehört. Nie werde ich aufhören zu suchen, dies scheint meine
+Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir
+ein Wort sagen, Verehrter?"
+
+Sprach Siddhartha: "Was sollte ich dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen
+haben? Vielleicht das, daß du allzu viel suchst? Daß du vor Suchen
+nicht zum Finden kommst?"
+
+"Wie denn?" fragte Govinda.
+
+"Wenn jemand sucht," sagte Siddhartha, "dann geschieht es leicht, daß
+sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts zu
+finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das
+Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.
+Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen
+stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat
+ein Sucher, denn, deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht,
+was nah vor deinen Augen steht."
+
+"Noch verstehe ich nicht ganz," bat Govinda, "wie meinst du das?"
+
+Sprach Siddhartha: "Einst, o Ehrwürdiger, vor manchen Jahren, bist du
+schon einmal an diesem Flusse gewesen, und hast am Fluß einen
+Schlafenden gefunden, und hast dich zu ihm gesetzt, um seinen Schlaf
+zu behüten. Erkannt aber, o Govinda, hast du den Schlafenden nicht."
+
+Staunend, wie ein Bezauberter, blickte der Mönch in des Fährmanns
+Augen.
+
+"Bist du Siddhartha?" fragte er mit scheuer Stimme. "Ich hätte dich
+auch diesesmal nicht erkannt! Herzlich grüße ich dich, Siddhartha,
+herzlich freue ich mich, dich nochmals zu sehen! Du hast dich sehr
+verändert, Freund.--Und nun bist du also ein Fährmann geworden?"
+
+Freundlich lachte Siddhartha. "Ein Fährmann, ja. Manche, Govinda,
+müssen sich viel verändern, müssen allerlei Gewand tragen, ihrer einer
+bin ich, Lieber. Sei willkommen, Govinda, und bleibe die Nacht in
+meiner Hütte."
+
+Govinda blieb die Nacht in der Hütte und schlief auf dem Lager, das
+einst Vasudevas Lager gewesen war. Viele Fragen richtete er an den
+Freund seiner Jugend, vieles mußte ihm Siddhartha aus seinem Leben
+erzählen.
+
+Als es am andern Morgen Zeit war, die Tageswanderung anzutreten, da
+sagte Govinda, nicht ohne Zögern, die Worte: "Ehe ich meinen Weg
+fortsetze, Siddhartha, erlaube mir noch eine Frage. Hast du eine
+Lehre? Hast du einen Glauben, oder ein Wissen, dem du folgst, das dir
+leben und rechttun hilft?"
+
+Sprach Siddhartha: "Du weißt, Lieber, daß ich schon als junger Mann,
+damals, als wir bei den Büßern im Walde lebten, dazu kam, den Lehren
+und Lehrern zu mißtrauen und ihnen den Rücken zu wenden. Ich bin
+dabei geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine
+schöne Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein
+reicher Kaufmann war mein Lehrer, und einige Würfelspieler. Einmal
+ist auch ein wandernder Jünger Buddhas mein Lehrer gewesen; er saß bei
+mir, als ich im Walde eingeschlafen war, auf der Pilgerschaft. Auch
+von ihm habe ich gelernt, auch ihm bin ich dankbar, sehr dankbar. Am
+meisten aber habe ich hier von diesem Flusse gelernt, und von meinem
+Vorgänger, dem Fährmann Vasudeva. Es war ein sehr einfacher Mensch,
+Vasudeva, er war kein Denker, aber er wußte das Notwendige so gut wie
+Gotama, er war ein Vollkommener, ein Heiliger."
+
+Govinda sagte: "Noch immer, o Siddhartha, liebst du ein wenig den
+Spott, wie mir scheint. Ich glaube dir und weiß es, daß du nicht
+einem Lehrer gefolgt bist. Aber hast nicht du selbst, wenn auch nicht
+eine Lehre, so doch gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse gefunden,
+welche dein eigen sind und die dir leben helfen? Wenn du mir von
+diesen etwas sagen möchtest, würdest du mir das Herz erfreuen."
+
+Sprach Siddhartha: "Ich habe Gedanken gehabt, ja, und Erkenntnisse, je
+und je. Ich habe manchmal, für eine Stunde oder für einen Tag, Wissen
+in mir gefühlt, so wie man Leben in seinem Herzen fühlt. Manche
+Gedanken waren es, aber schwer wäre es für mich, sie dir mitzuteilen.
+Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden
+habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser
+mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit."
+
+"Scherzest du?" fragte Govinda.
+
+"Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man
+mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie
+leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun,
+aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon
+als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben
+hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für
+Scherz oder für Narrheit halten wirst, der aber mein bester Gedanke
+ist. Er heißt: Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr!
+Nämlich so: eine Wahrheit läßt sich immer nur aussprechen und in Worte
+hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken
+gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb,
+alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der
+erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so mußte er sie teilen in
+Sansara und Nirvana, in Täuschung und Wahrheit, in Leid und Erlösung.
+Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg für den, der lehren
+will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen,
+ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara
+oder ganz Nirvana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sündig.
+Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, daß Zeit
+etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies
+oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die
+Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit,
+zwischen Böse und Gut zu liegen scheint, auch eine Täuschung."
+
+"Wie das?" fragte Govinda ängstlich.
+
+"Höre gut, Lieber, höre gut! Der Sünder, der ich bin und der du bist,
+der ist Sünder, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst
+Nirvana erreichen, wird Buddha sein--und nun siehe: dies 'Einst' ist
+Täuschung, ist nur Gleichnis! Der Sünder ist nicht auf dem Weg zur
+Buddhaschaft unterwegs, er ist nicht in einer Entwickelung begriffen,
+obwohl unser Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen weiß.
+Nein, in dem Sünder ist, ist jetzt und heute schon der künftige Buddha,
+seine Zukunft ist alle schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den
+werdenden, den möglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die
+Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen
+Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick
+vollkommen, alle Sünde trägt schon die Gnade in sich, alle kleinen
+Kinder haben schon den Greis in sich, alle Säuglinge den Tod, alle
+Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen möglich, vom
+anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege sei, im Räuber und
+Würfelspieler wartet Buddha, im Brahmanen wartet der Räuber. Es gibt,
+in der tiefen Meditation, die Möglichkeit, die Zeit aufzuheben, alles
+gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen,
+und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahman. Darum
+scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Sünde wie
+Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles muß so sein, alles bedarf nur
+meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden
+Einverständnisses, so ist es für mich gut, kann mich nur fördern, kann
+mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele
+erfahren, daß ich der Sünde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust,
+des Strebens nach Gütern, der Eitelkeit, und bedurfte der
+schmählichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen,
+um die Welt lieben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von
+mir gewünschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von
+mir ausgedachten Art der Vollkommenheit, sondern sie zu lassen, wie
+sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne anzugehören.--Dies, o
+Govinda, sind einige, von den Gedanken, die mir in den Sinn gekommen
+sind."
+
+Siddhartha bückte sich, hob einen Stein vom Erdbodene auf und wog ihn
+in der Hand.
+
+"Dies hier," sagte er spielend, "ist ein Stein, und er wird in einer
+bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden,
+oder Tier oder Mensch. Früher nun hätte ich gesagt: Dieser Stein ist
+bloß ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber
+weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und
+Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hätte ich
+früher vielleicht gedacht. Heute aber denke ich: dieser Stein ist
+Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich
+verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden
+könnte, sondern weil er alles längst und immer ist--und gerade dies,
+daß er Stein ist, daß er mir jetzt und heute als Stein erscheint,
+gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder von seinen
+Adern und Höhlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Härte, im Klang,
+den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit oder
+Feuchtigkeit seiner Oberfläche. Es gibt Steine, die fühlen sich wie
+Öl oder wie Seife an, und andre wie Blätter, andre wie Sand, und jeder
+ist besonders und betet das Om auf seine Weise, jeder ist Brahman,
+zugleich aber und ebensosehr ist er Stein, ist ölig oder saftig, und
+gerade das gefällt mir und scheint mir wunderbar und der Anbetung
+würdig.--Aber mehr laß mich davon nicht sagen. Die Worte tun dem
+geheimen Sinn nicht gut, es wird immer alles gleich ein wenig anders,
+wenn man es ausspricht, ein wenig verfälscht, ein wenig närrisch--ja,
+und auch das ist sehr gut und gefällt mir sehr, auch damit bin ich
+sehr einverstanden, daß das, was eines Menschen Schatz und Weisheit
+ist, dem andern immer wie Narrheit klingt."
+
+Schweigend lauschte Govinda.
+
+"Warum hast du mir das von dem Steine gesagt?" fragte er nach einer
+Pause zögernd.
+
+"Es geschah ohne Absicht. Oder vielleicht war es so gemeint, daß ich
+eben den Stein, und den Fluß, und alle diese Dinge, die wir betrachten
+und von denen wir lernen können, liebe. Einen Stein kann ich lieben,
+Govinda, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge,
+und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum
+sind Lehren nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche,
+keine Farben, keine Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben
+nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den
+Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch
+Erlösung und Tugend, auch Sansara und Nirvana sind bloße Worte,
+Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirvana wäre; es gibt nur das Wort
+Nirvana."
+
+Sprach Govinda: "Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirvana. Es ist ein
+Gedanke."
+
+Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich muß dir
+gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht
+sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich
+halte von Dingen mehr. Hier auf diesem Fährboot zum Beispiel war ein
+Mann mein Vorgänger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche
+Jahre lang einfach an den Fluß geglaubt, sonst an nichts. Er hatte
+gemerkt, daß des Flusses Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie
+erzog und lehrte ihn, der Fluß schien ihm ein Gott, viele Jahre lang
+wußte er nicht, daß jeder Wind, jede Wolke, jeder Vogel, jeder Käfer
+genau so göttlich ist und ebensoviel weiß und lehren kann wie der
+verehrte Fluß. Als dieser Heilige aber in die Wälder ging, da wußte
+er alles, wußte mehr als du und ich, ohne Lehrer, ohne Bücher, nur
+weil er an den Fluß geglaubt hatte."
+
+Govinda sagte: "Aber ist das, was du 'Dinge' nennst, denn etwas
+Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur
+Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß--sind sie denn
+Wirklichkeiten?"
+
+"Auch dies," sprach Siddhartha, "bekümmert mich nicht sehr. Mögen die
+Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so
+sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und
+verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie
+lieben. Und dies ist nun eine Lehre, über welche du lachen wirst: die
+Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die
+Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer
+Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu
+können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und
+mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten
+zu können."
+
+"Dies verstehe ich," sprach Govinda. "Aber eben dies hat er, der
+Erhabene, als Trug erkannt. Er gebietet Wohlwollen, Schonung, Mitleid,
+Duldung, nicht aber Liebe; er verbot uns, unser Herz in Liebe an
+Irdisches zu fesseln."
+
+"Ich weiß es", sagte Siddhartha; sein Lächeln strahlte golden. "Ich
+weiß es, Govinda. Und siehe, da sind wir mitten im Dickicht der
+Meinungen drin, im Streit um Worte. Denn ich kann nicht leugnen,
+meine Worte von der Liebe stehen im Widerspruch, im scheinbaren
+Widerspruch zu Gotamas Worten. Eben darum mißtraue ich den Worten so
+sehr, denn ich weiß, dieser Widerspruch ist Täuschung. Ich weiß, daß
+ich mit Gotama einig bin. Wie sollte denn auch Er die Liebe nicht
+kennen, Er, der alles Menschensein in seiner Vergänglichkeit, in seiner
+Nichtigkeit erkannt hat, und dennoch die Menschen so sehr liebte, daß
+er ein langes, mühevolles Leben einzig darauf verwendet hat, ihnen zu
+helfen, sie zu lehren! Auch bei ihm, auch bei deinem großen Lehrer,
+ist mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger
+als sein Reden, die Gebärde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen.
+Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe, nur im Tun, im
+Leben."
+
+Lange schwiegen die beiden alten Männer. Dann sprach Govinda, indem
+er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, daß du mir
+etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame
+Gedanken, nicht alle sind mir sofort verständlich geworden. Dies möge
+sein, wie es wolle, ich danke dir, und ich wünsche dir ruhige Tage."
+
+(Heimlich bei sich aber dachte er: Dieser Siddhartha ist ein
+wunderlicher Mensch, wunderliche Gedanken spricht er aus, närrisch
+klingt seine Lehre. Anders klingt des Erhabenen reine Lehre, klarer,
+reiner, verständlicher, nichts Seltsames, Närrisches oder Lächerliches
+ist in ihr enthalten. Aber anders als seine Gedanken scheinen mir
+Siddharthas Hände und Füße, seine Augen, seine Stirn, sein Atmen, sein
+Lächeln, sein Gruß, sein Gang. Nie mehr, seit unser erhabener Gotama
+in Nirvana einging, nie mehr habe ich einen Menschen angetroffen, von
+dem ich fühlte: dies ist ein Heiliger. Einzig ihn, diesen Siddhartha,
+habe ich so gefunden. Mag seine Lehre seltsam sein, mögen seine Worte
+närrisch klingen, sein Blick und seine Hand, seine Haut und sein Haar,
+alles an ihm strahlt eine Reinheit, strahlt eine Ruhe, strahlt eine
+Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus, welche ich an keinem anderen
+Menschen seit dem letzten Tode unseres erhabenen Lehrers gesehen habe.)
+
+Indem Govinda also dachte, und ein Widerstreit in seinem Herzen war,
+neigte er sich nochmals zu Siddhartha, von Liebe gezogen. Tief
+verneigte er sich vor dem ruhig Sitzenden.
+
+"Siddhartha", sprach er, "wir sind alte Männer geworden. Schwerlich
+wird einer von uns den andern in dieser Gestalt wiedersehen. Ich sehe,
+Geliebter, daß du den Frieden gefunden hast. Ich bekenne, ihn nicht
+gefunden zu haben. Sage mir, Verehrter, noch ein Wort, gib mir etwas
+mit, das ich fassen, das ich verstehen kann! Gib mir etwas mit auf
+meinen Weg. Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha."
+
+Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen
+Lächeln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit
+Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben,
+ewiges Nichtfinden.
+
+Siddhartha sah es, und lächelte.
+
+"Neige dich zu mir!" flüsterte er leise in Govindas Ohr. "Neige dich
+zu mir her! So, noch näher! Ganz nahe! Küsse mich auf die Stirn,
+Govinda!"
+
+Während aber Govinda verwundert, und dennoch von großer Liebe und
+Ahnung gezogen, seinen Worten gehorchte, sich nahe zu ihm neigte und
+seine Stirn mit den Lippen berührte, geschah ihm etwas Wunderbares.
+Während seine Gedanken noch bei Siddharthas wunderlichen Worten
+verweilten, während er sich noch vergeblich und mit Widerstreben
+bemühte, sich die Zeit hinwegzudenken, sich Nirvana und Sansara als
+Eines vorzustellen, während sogar eine gewisse Verachtung für die
+Worte des Freundes in ihm mit einer ungeheuren Liebe und Ehrfurcht
+stritt, geschah ihm dieses:
+
+Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah statt
+dessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen strömenden Fluß
+von Gesichtern, von hunderten, von tausenden, welche alle kamen und
+vergingen, und doch alle zugleich dazusein schienen, welche alle sich
+beständig veränderten und erneuerten, und welche doch alle Siddhartha
+waren. Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit
+unendlich schmerzvoll geöffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit
+brechenden Augen--er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot
+und voll Falten, zum Weinen verzogen--er sah das Gesicht eines Mörders,
+sah ihn ein Messer in den Leib eines Menschen stechen--er sah, zur
+selben Sekunde, diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom
+Henker mit einem Schwertschlag abgeschlagen werden--er sah die Körper
+von Männern und Frauen nackt in Stellungen und Kämpfen rasender
+Liebe--er sah Leichen ausgestreckt, still, kalt, leer--er sah
+Tierköpfe, von Ebern, von Krokodilen, von Elefanten, von Stieren, von
+Vögeln--er sah Götter, sah Krischna, sah Agni--er sah alle diese
+Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der
+andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu
+gebärend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich
+schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine starb doch,
+jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein
+neues Gesicht, ohne daß doch zwischen einem und dem anderen Gesicht
+Zeit gelegen wäre--und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten,
+flossen, erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander, und
+über alle war beständig etwas Dünnes, Wesenloses, dennoch Seiendes,
+wie ein dünnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut,
+eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lächelte,
+und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda,
+in eben diesem selben Augenblick mit den Lippen berührte. Und, so sah
+Govinda, dies Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den
+strömenden Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den
+tausend Geburten und Toten, dies Lächeln Siddharthas war genau
+dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche,
+vielleicht gütige, vielleicht spöttische, weise, tausendfältige
+Lächeln Gotamas, des Buddha, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht
+gesehen hatte. So, das wußte Govinda, lächelten die Vollendeten.
+
+Nicht mehr wissend ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde
+oder hundert Jahre gewährt habe, nicht mehr wissend, ob es einen
+Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten
+wie von einem göttlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung süß
+schmeckt, im Innersten verzaubert und aufgelöst, stand Govinda noch
+eine kleine Weile, über Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er
+soeben geküßt hatte, das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles
+Werdens, alles Seins gewesen war. Das Antlitz war unverändert,
+nachdem unter seiner Oberfläche die Tiefe der Tausendfältigkeit sich
+wieder geschlossen hatte, er lächelte still, lächelte leise und sanft,
+vielleicht sehr gütig, vielleicht sehr spöttisch, genau, wie er
+gelächelt hatte, der Erhabene.
+
+Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts
+wußte, über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der
+innigsten Liebe, der demütigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief
+verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen
+Lächeln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt
+hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Siddhartha, by Hermann Hesse
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDDHARTHA ***
+
+***** This file should be named 2499-8.txt or 2499-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/9/2499/
+
+Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com,
+with the assistance of Stefan Langer, sl99@gmx.de, in
+scanning the original 1922 edition and Dr. Mary Cicora,
+mcicora@yahoo.com, with the proofreading of this
+transcription.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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