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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:19:15 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Siddhartha + +Author: Hermann Hesse + +Posting Date: May 30, 2011 [EBook #2499] +Release Date: February, 2001 +[Last updated: February 25, 2016] + + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDDHARTHA *** + + + + +Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, +with the assistance of Stefan Langer, sl99@gmx.de, in +scanning the original 1922 edition and Dr. Mary Cicora, +mcicora@yahoo.com, with the proofreading of this +transcription. + + + + + + + + + + +SIDDHARTHA + +Eine indische Dichtung + +von Hermann Hesse + + + + +ERSTER TEIL + + + + +Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet + + + + + +DER SOHN DES BRAHMANEN + +Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten +des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der +schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit Govinda, seinem Freunde, dem +Brahmanensohn. Sonne bräunte seine lichten Schultern am Flußufer, +beim Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern. +Schatten floß in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den +Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei +den Lehren seines Vaters, des Gelehrten, beim Gespräch der Weisen. +Lange schon nahm Siddhartha am Gespräch der Weisen teil, übte sich mit +Govinda im Redekampf, übte sich mit Govinda in der Kunst der +Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er, lautlos das +Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hinein zu +sprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich heraus zu sprechen mit +dem Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben vom Glanz des +klardenkenden Geistes. Schon verstand er, im Innern seines Wesens +Atman zu wissen, unzerstörbar, eins mit dem Weltall. + +Freude sprang in seines Vaters Herzen über den Sohn, den Gelehrigen, +den Wissensdurstigen, einen großen Weisen und Priester sah er in ihm +heranwachsen, einen Fürsten unter den Brahmanen. + +Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn +schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddhartha, +den Starken, den Schönen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den +mit vollkommenem Anstand sie Begrüßenden. + +Liebe rührte sich in den Herzen der jungen Brahmanentöchter, wenn +Siddhartha durch die Gassen der Stadt ging, mit der leuchtenden Stirn, +mit dem Königsauge, mit den schmalen Hüften. + +Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der +Brahmanensohn. Er liebte Siddharthas Auge und holde Stimme, er liebte +seinen Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte +alles, was Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er seinen +Geist, seine hohen, feurigen Gedanken, seinen glühenden Willen, seine +hohe Berufung. Govinda wußte: dieser wird kein gemeiner Brahmane +werden, kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Händler mit +Zaubersprüchen, kein eitler, leerer Redner, kein böser, hinterlistiger +Priester, und auch kein gutes, dummes Schaf in der Herde der Vielen. +Nein, und auch er, Govinda, wollte kein solcher werden, kein Brahmane, +wie es zehntausend gibt. Er wollte Siddhartha folgen, dem Geliebten, +dem Herrlichen. Und wenn Siddhartha einstmals ein Gott würde, wenn er +einstmals eingehen würde zu den Strahlenden, dann wollte Govinda ihm +folgen, als sein Freund, als sein Begleiter, als sein Diener, als sein +Speerträger, sein Schatten. + +So liebten den Siddhartha alle. Allen schuf er Freude, allen war er +zur Lust. + +Er aber, Siddhartha, schuf sich nicht Freude, er war sich nicht zur +Lust. Wandelnd auf den rosigen Wegen des Feigengartens, sitzend im +bläulichen Schatten des Hains der Betrachtung, waschend seine Glieder +im täglichen Sühnebad, opfernd im tiefschattigen Mangowald, von +vollkommenem Anstand der Gebärden, von allen geliebt, aller Freude, +trug er doch keine Freude im Herzen. Träume kamen ihm und rastlose +Gedanken aus dem Wasser des Flusses geflossen, aus den Sternen der +Nacht gefunkelt, aus den Strahlen der Sonne geschmolzen, Träume kamen +ihm und Ruhelosigkeit der Seele, aus den Opfern geraucht, aus den +Versen der Rig-Veda gehaucht, aus den Lehren der alten Brahmanen +geträufelt. + +Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Er hatte +begonnen zu fühlen, daß die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner +Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govindas, nicht immer und +für alle Zeit ihn beglücken, ihn stillen, ihn sättigen, ihm genügen +werde. Er hatte begonnen zu ahnen, daß sein ehrwürdiger Vater und +seine anderen Lehrer, daß die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit +das meiste und beste schon mitgeteilt, daß sie ihre Fülle schon in +sein wartendes Gefäß gegossen hätten, und das Gefäß war nicht voll, +der Geist war nicht begnügt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht +gestillt. Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie +wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie lösten +nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufung +der Götter--aber war dies alles? Gaben die Opfer Glück? Und wie war +das mit den Göttern? War es wirklich Prajapati, der die Welt +erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der All-Eine? +Waren nicht die Götter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der +Zeit untertan, vergänglich? War es also gut, war es richtig, war es +ein sinnvolles und höchstes Tun, den Göttern zu opfern? Wem anders +war zu opfern, wem anders war Verehrung darzubringen als Ihm, dem +Einzigen, dem Atman? Und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo +schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im eigenen Ich, im Innersten, +im Unzerstörbaren, das ein jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies +Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch und Bein, es +war nicht Denken noch Bewußtsein, so lehrten die Weisesten. Wo, wo +also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, zu mir, zum Atman,--gab es +einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte +diesen Weg, niemand wußte ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und +Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge! Alles wußten sie, die +Brahmanen und ihre heiligen Bücher, alles wußten sie, um alles hatten +sie sich gekümmert und um mehr als alles, die Erschaffung der Welt, +das Entstehen der Rede, der Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die +Ordnungen der Sinne, die Taten der Götter--unendlich vieles wußten +sie--aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und +Einzige nicht wußte, das Wichtigste, das allein Wichtige? + +Gewiß, viele Verse der heiligen Bücher, zumal in den Upanishaden des +Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten, herrliche Verse. +"Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und +geschrieben stand, daß der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem +Innersten eingehe und im Atman wohne. Wunderbare Weisheit stand in +diesen Versen, alles Wissen der Weisesten stand hier in magischen +Worten gesammelt, rein wie von Bienen gesammelter Honig. Nein, nicht +gering zu achten war das Ungeheure an Erkenntnis, das hier von +unzählbaren Geschlechterfolgen weiser Brahmanen gesammelt und bewahrt +lag.--Aber wo waren die Brahmanen, wo die Priester, wo die Weisen oder +Büßer, denen es gelungen war, dieses tiefste Wissen nicht bloß zu +wissen, sondern zu leben? Wo war der Kundige, der das Daheimsein im +Atman aus dem Schlafe herüberzauberte ins Wachsein, in das Leben, in +Schritt und Tritt, in Wort und Tat? Viele ehrwürdige Brahmanen kannte +Siddhartha, seinen Vater vor allen, den Reinen, den Gelehrten, den +höchst Ehrwürdigen. Zu bewundern war sein Vater, still und edel war +sein Gehaben, rein sein Leben, weise sein Wort, feine und adlige +Gedanken wohnten in seiner Stirn--aber auch er, der so viel Wissende, +lebte er denn in Seligkeit, hatte er Frieden, war er nicht auch nur +ein Suchender, ein Dürstender? Mußte er nicht immer und immer wieder +an heiligen Quellen, ein Durstender, trinken, am Opfer, an den Büchern, +an der Wechselrede der Brahmanen? Warum mußte er, der Untadelige, +jeden Tag Sünde abwaschen, jeden Tag sich um Reinigung mühen, jeden +Tag von neuem? War denn nicht Atman in ihm, floß denn nicht in seinem +eigenen Herzen der Urquell? Ihn mußte man finden, den Urquell im +eigenen Ich, ihn mußte man zu eigen haben! Alles andre war Suchen, +war Umweg, war Verirrung. + +So waren Siddharthas Gedanken, dies war sein Durst, dies sein Leiden. + +Oft sprach er aus einem Chandogya-Upanishad sich die Worte vor: +"Fürwahr, der Name des Brahman ist Satyam--wahrlich, wer solches weiß, +der geht täglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe, +die himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den +letzten Durst gelöscht. Und von allen Weisen und Weisesten, die er +kannte und deren Belehrung er genoß, von ihnen allen war keiner, der +sie ganz erreicht hatte, die himmlische Welt, der ihn ganz gelöscht +hatte, den ewigen Durst. + +"Govinda," sprach Siddhartha zu seinem Freunde, "Govinda, Lieber, komm +mit mir unter den Banyanenbaum, wir wollen der Versenkung pflegen." + +Sie gingen zum Banyanenbaum, sie setzten sich nieder, hier Siddhartha, +zwanzig Schritte weiter Govinda. Indem er sich niedersetzte, bereit, +das Om zu sprechen, wiederholte Siddhartha murmelnd den Vers: + +Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele, +Das Brahman ist des Pfeiles Ziel, +Das soll man unentwegt treffen. + + +Als die gewohnte Zeit der Versenkungsübung hingegangen war, erhob sich +Govinda. Der Abend war gekommen, Zeit war es, die Waschung der +Abendstunde vorzunehmen. Er rief Siddharthas Namen. Siddhartha gab +nicht Antwort. Siddhartha saß versunken, seine Augen standen starr +auf ein sehr fernes Ziel gerichtet, seine Zungenspitze stand ein wenig +zwischen den Zähnen hervor, er schien nicht zu atmen. So saß er, in +Versenkung gehüllt, Om denkend, seine Seele als Pfeil nach dem Brahman +ausgesandt. + +Einst waren Samanas durch Siddharthas Stadt gezogen, pilgernde Asketen, +drei dürre, erloschene Männer, nicht alt noch jung, mit staubigen und +blutigen Schultern, nahezu nackt von der Sonne versengt, von +Einsamkeit umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere +Schakale im Reich der Menschen. Hinter ihnen her wehte heiß ein Duft +von stiller Leidenschaft, von zerstörendem Dienst, von mitleidloser +Entselbstung. + +Am Abend, nach der Stunde der Betrachtung, sprach Siddhartha zu +Govinda: "Morgen in der Frühe, mein Freund, wird Siddhartha zu den +Samanas gehen. Er wird ein Samana werden." + +Govinda erbleichte, da er die Worte hörte und im unbewegten Gesicht +seines Freundes den Entschluß las, unablenkbar wie der vom Bogen +losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda: +Nun beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein +Schicksal zu sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich +wie eine trockene Bananenschale. + +"O Siddhartha," rief er, "wird das dein Vater dir erlauben?" + +Siddhartha blickte herüber wie ein Erwachender. Pfeilschnell las er +in Govindas Seele, las die Angst, las die Ergebung. + +"O Govinda," sprach er leise, "wir wollen nicht Worte verschwenden. +Morgen mit Tagesanbruch werde ich das Leben der Samanas beginnen. +Rede nicht mehr davon." + +Siddhartha trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast +saß, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater +fühlte, daß einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: "Bist du es, +Siddhartha? So sage, was zu sagen du gekommen bist." + +Sprach Siddhartha: "Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin +gekommen, dir zu sagen, daß mich verlangt, morgen dein Haus zu +verlassen und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden ist mein +Verlangen. Möge mein Vater dem nicht entgegen sein." + +Der Brahmane schwieg, und schwieg so lange, daß im kleinen Fenster die +Sterne wanderten und ihre Figur veränderten, ehe das Schweigen in der +Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen +der Sohn, stumm und regungslos saß auf der Matte der Vater, und die +Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: "Nicht ziemt es dem +Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt +mein Herz. Nicht möchte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem +Munde hören." + +Langsam erhob sich der Brahmane, Siddhartha stand stumm mit gekreuzten +Armen. + +"Worauf wartest du?" fragte der Vater. + +Sprach Siddhartha: "Du weißt es." + +Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager +auf und legte sich nieder. + +Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der +Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das +kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha +stehen, mit gekreuzten Armen, unverrückt. Bleich schimmerte sein +helles Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager +zurück. + +Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der +Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus, +sah den Mond aufgegangen. Durch das Fenster der Kammer blickte er +hinein, da stand Siddhartha, unverrückt, mit gekreuzten Armen, an +seinen bloßen Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im +Herzen, suchte der Vater sein Lager auf. + +Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien +Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddhartha stehen, im Mond, +im Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu +Stunde, schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverrückt +Stehenden, füllte sein Herz mit Zorn, füllte sein Herz mit Unruhe, +füllte sein Herz mit Zagen, füllte es mit Leid. + +Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder, +trat in die Kammer, sah den Jüngling stehen, der ihm groß und wie +fremd erschien. + +"Siddhartha," sprach er, "worauf wartest du?" + +"Du weißt es." + +"Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird, +Abend wird?" + +"Ich werde stehen und warten." + +"Du wirst müde werden, Siddhartha." + +"Ich werde müde werden." + +"Du wirst einschlafen, Siddhartha." + +"Ich werde nicht einschlafen." + +"Du wirst sterben, Siddhartha." + +"Ich werde sterben." + +"Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?" + +"Siddhartha hat immer seinem Vater gehorcht." + +"So willst du dein Vorhaben aufgeben?" + +"Siddhartha wird tun, was sein Vater ihm sagen wird." + +Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, daß +Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er +kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, daß +Siddhartha schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, daß +er ihn schon jetzt verlassen habe. + +Der Vater berührte Siddharthas Schulter. + +"Du wirst," sprach er, "in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast +du Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit. +Findest du Enttäuschung, dann kehre wieder und laß uns wieder +gemeinsam den Göttern opfern. Nun gehe und küsse deine Mutter, sage +ihr, wohin du gehst. Für mich aber ist es Zeit, an den Fluß zu gehen +und die erste Waschung vorzunehmen." + +Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus. +Siddhartha schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang +seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um +zu tun, wie der Vater gesagt hatte. + +Als er im ersten Tageslicht langsam auf erstarrten Beinen die noch +stille Stadt verließ, erhob sich bei der letzten Hütte ein Schatten, +der dort gekauert war, und schloß sich an den Pilgernden an--Govinda. + +"Du bist gekommen", sagte Siddhartha und lächelte. + +"Ich bin gekommen," sagte Govinda. + + + + +BEI DEN SAMANAS + +Am Abend dieses Tages holten sie die Asketen ein, die dürren Samanas, +und boten ihnen Begleitschaft und Gehorsam an. Sie wurden angenommen. + +Siddhartha schenkte sein Gewand einem armen Brahmanen auf der Straße. +Er trug nur noch die Schambinde und den erdfarbenen ungenähten +Überwurf. Er aß nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er +fastete fünfzehn Tage. Er fastete acht und zwanzig Tage. Das Fleisch +schwand ihm von Schenkeln und Wangen. Heiße Träume flackerten aus +seinen vergrößerten Augen, an seinen dorrenden Fingern wuchsen lang +die Nägel und am Kinn der trockne, struppige Bart. Eisig wurde sein +Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er +durch eine Stadt mit schön gekleideten Menschen ging. Er sah Händler +handeln, Fürsten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen, +Huren sich anbieten, Ärzte sich um Kranke mühen, Priester den Tag für +die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Mütter ihre Kinder +stillen--und alles war nicht den Blick seines Auges wert, alles log, +alles stank, alles stank nach Lüge, alles täuschte Sinn und Glück und +Schönheit vor, und alles war uneingestandene Verwesung. Bitter +schmeckte die Welt. Qual war das Leben. + +Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von +Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von +sich selbst wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe +zu finden, im entselbsteten Denken dem Wunder offen zu stehen, das war +sein Ziel. Wenn alles Ich überwunden und gestorben war, wenn jede +Sucht und jeder Trieb im Herzen schwieg, dann mußte das Letzte +erwachen, das Innerste im Wesen, das nicht mehr Ich ist, das große +Geheimnis. + +Schweigend stand Siddhartha im senkrechten Sonnenbrand, glühend vor +Schmerz, glühend vor Durst, und stand, bis er nicht Schmerz noch Durst +mehr fühlte. Schweigend stand er in der Regenzeit, aus seinem Haare +troff das Wasser über frierende Schultern, über frierende Hüften und +Beine, und der Büßer stand, bis Schultern und Beine nicht mehr froren, +bis sie schwiegen, bis sie still waren. Schweigend kauerte er im +Dorngerank, aus der brennenden Haut tropfte das Blut, aus Schwären der +Eiter, und Siddhartha verweilte starr, verweilte regungslos, bis kein +Blut mehr floß, bis nichts mehr stach, bis nichts mehr brannte. + +Siddhartha saß aufrecht und lernte den Atem sparen, lernte mit wenig +Atem auskommen, lernte den Atem abzustellen. Er lernte, mit dem Atem +beginnend, seinen Herzschlag beruhigen, lernte die Schläge seines +Herzens vermindern, bis es wenige und fast keine mehr waren. + +Vom Ältesten der Samanas belehrt, übte Siddhartha Entselbstung, übte +Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog überm +Bambuswald--und Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog +über Wald und Gebirg, war Reiher, fraß Fische, hungerte Reiherhunger, +sprach Reihergekrächz, starb Reihertod. Ein toter Schakal lag am +Sandufer, und Siddharthas Seele schlüpfte in den Leichnam hinein, war +toter Schakal, lag am Strande, blähte sich, stank, verweste, ward von +Hyänen zerstückt, ward von Geiern enthäutet, ward Gerippe, ward Staub, +wehte ins Gefild. Und Siddharthas Seele kehrte zurück, war gestorben, +war verwest, war zerstäubt, hatte den trüben Rausch des Kreislaufs +geschmeckt, harrte in neuem Durst wie ein Jäger auf die Lücke, wo dem +Kreislauf zu entrinnen wäre, wo das Ende der Ursachen, wo leidlose +Ewigkeit begänne. Er tötete seine Sinne, er tötete seine Erinnerung, +er schlüpfte aus seinem Ich in tausend fremde Gestaltungen, war Tier, +war Aas, war Stein, war Holz, war Wasser, und fand sich jedesmal +erwachend wieder, Sonne schien oder Mond, war wieder Ich, schwang im +Kreislauf, fühlte Durst, überwand den Durst, fühlte neuen Durst. + +Vieles lernte Siddhartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg +lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz, +durch das freiwillige Erleiden und Überwinden des Schmerzes, des +Hungers, des Dursts, der Müdigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung +durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes von allen +Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal +verließ er sein Ich, stundenlang und tagelang verharrte er im +Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom Ich hinwegführten, ihr Ende +führte doch immer zum Ich zurück. Ob Siddhartha tausendmal dem Ich +entfloh, im Nichts verweilte, im Tier, im Stein verweilte, +unvermeidlich war die Rückkehr, unentrinnbar die Stunde, da er sich +wiederfand, im Sonnenschein oder im Mondschein, im Schatten oder im +Regen, und wieder Ich und Siddhartha war, und wieder die Qual des +auferlegten Kreislaufes empfand. + +Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog +sich denselben Bemühungen. Selten sprachen sie anderes miteinander, +als der Dienst und die Übungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu +zweien durch die Dörfer, um Nahrung für sich und ihre Lehrer zu +betteln. + +"Wie denkst du, Govinda," sprach einst auf diesem Bettelgang +Siddhartha, "wie denkst du, sind wir weiter gekommen? Haben wir Ziele +erreicht?" + +Antwortete Govinda: "Wir haben gelernt, und wir lernen weiter. Du +wirst ein großer Samana sein, Siddhartha. Schnell hast du jede Übung +gelernt, oft haben die alten Samanas dich bewundert. Du wirst einst +ein Heiliger sein, o Siddhartha." + +Sprach Siddhartha: "Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was +ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda, +hätte ich schneller und einfacher lernen können. In jeder Kneipe +eines Hurenviertels, mein Freund, unter den Fuhrleuten und +Würfelspielern hätte ich es lernen können." + +Sprach Govinda: "Siddhartha macht sich einen Scherz mit mir. Wie +hättest du Versenkung, wie hättest du Anhalten des Atems, wie hättest +du Unempfindsamkeit gegen Hunger und Schmerz dort bei jenen Elenden +lernen sollen?" + +Und Siddhartha sagte leise, als spräche er zu sich selber: "Was ist +Versenkung? Was ist Verlassen des Körpers? Was ist Fasten? Was ist +Anhalten des Atems? Es ist Flucht vor dem Ich, es ist ein kurzes +Entrinnen aus der Qual des Ichseins, es ist eine kurze Betäubung gegen +den Schmerz und die Unsinnigkeit des Lebens. Dieselbe Flucht, +dieselbe kurze Betäubung findet der Ochsentreiber in der Herberge, +wenn er einige Schalen Reiswein trinkt oder gegorene Kokosmilch. Dann +fühlt er sein Selbst nicht mehr, dann fühlt er die Schmerzen des +Lebens nicht mehr, dann findet er kurze Betäubung. Er findet, über +seiner Schale mit Reiswein eingeschlummert, dasselbe, was Siddhartha +und Govinda finden, wenn sie in langen Übungen aus ihrem Körper +entweichen, im Nicht-Ich verweilen. So ist es, o Govinda." + +Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und weißt doch, daß Siddhartha +kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet +der Trinker Betäubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er +kehrt zurück aus dem Wahn und findet alles beim alten, ist nicht +weiser geworden, hat nicht Erkenntnis gesammelt, ist nicht um Stufen +höher gestiegen." + +Und Siddhartha sprach mit Lächeln: "Ich weiß es nicht, ich bin nie ein +Trinker gewesen. Aber daß ich, Siddhartha, in meinen Übungen und +Versenkungen nur kurze Betäubung finde und ebenso weit von der +Weisheit, von der Erlösung entfernt bin wie als Kind im Mutterleibe, +das weiß ich, o Govinda, das weiß ich." + +Und wieder ein anderes Mal, da Siddhartha mit Govinda den Wald verließ, +um im Dorfe etwas Nahrung für ihre Brüder und Lehrer zu betteln, +begann Siddhartha zu sprechen und sagte: "Wie nun, o Govinda, sind +wir wohl auf dem rechten Wege? Nähern wir uns wohl der Erkenntnis? +Nähern wir uns wohl der Erlösung? Oder gehen wir nicht vielleicht im +Kreise--wir, die wir doch dem Kreislauf zu entrinnen dachten?" + +Sprach Govinda: "Viel haben wir gelernt, Siddhartha, viel bleibt noch +zu lernen. Wir gehen nicht im Kreise, wir gehen nach oben, der Kreis +ist eine Spirale, manche Stufe sind wir schon gestiegen." + +Antwortete Siddhartha: "Wie alt wohl, meinst du, ist unser ältester +Samana, unser ehrwürdiger Lehrer?" + +Sprach Govinda: "Vielleicht sechzig Jahre mag unser Ältester zählen." + +Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana +nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich, +wir werden ebenso alt werden und werden uns üben, und werden fasten, +und werden meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er +nicht, wir nicht. O Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es +gibt, wird vielleicht nicht einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir +finden Tröstungen, wir finden Betäubungen, wir lernen +Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns täuschen. Das Wesentliche aber, +den Weg der Wege finden wir nicht." + +"Mögest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte +aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten +Männern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und +ehrwürdigen Samanas, unter so viel suchenden, so viel innig +beflissenen, so viel heiligen Männern keiner den Weg der Wege finden?" + +Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie +Spott enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas +spöttischen Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der +Samanas verlassen, den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide +Durst, o Govinda, und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um +nichts kleiner geworden. Immer habe ich nach Erkenntnis gedürstet, +immer bin ich voll von Fragen gewesen. Ich habe die Brahmanen befragt, +Jahr um Jahr, und habe die heiligen Vedas befragt, Jahr um Jahr, und +habe die frommen Samanas befragt, Jahr um Jahr. Vielleicht, o Govinda, +wäre es ebenso gut, wäre es ebenso klug und ebenso heilsam gewesen, +wenn ich den Nashornvogel oder den Schimpansen befragt hätte. Lange +Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit zu Ende, um dies zu +lernen, o Govinda: daß man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich, +in der Tat jenes Ding nicht, das wir 'Lernen' nennen. Es gibt, o mein +Freund, nur ein Wissen, das ist überall, das ist Atman, das ist in mir +und in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben dies +Wissen hat keinen ärgeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen." + +Da blieb Govinda auf dem Wege stehen, erhob die Hände und sprach: +"Mögest du, Siddhartha, deinen Freund doch nicht mit solchen Reden +beängstigen! Wahrlich, Angst erwecken deine Worte in meinem Herzen. +Und denke doch nur: wo bliebe die Heiligkeit der Gebete, wo bliebe die +Ehrwürdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas, +wenn es so wäre wie du sagst, wenn es kein Lernen gäbe?! Was, o +Siddhartha, was würde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig, +was wertvoll, was ehrwürdig ist?!" + +Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus einer +Upanishad: + +Wer nachsinnend, geläuterten Geistes, in Atman sich versenkt, +Unaussprechlich durch Worte ist seines Herzens Seligkeit. + +Siddhartha aber schwieg. Er dachte der Worte, welche Govinda zu ihm +gesagt hatte, und dachte die Worte bis an ihr Ende. + +Ja, dachte er, gesenkten Hauptes stehend, was bliebe noch übrig von +allem, was uns heilig schien? Was bleibt? Was bewährt sich? Und er +schüttelte den Kopf. + +Einstmals, als die beiden Jünglinge gegen drei Jahre bei den Samanas +gelebt und ihre Übungen geteilt hatten, da erreichte sie auf +mancherlei Wegen und Umwegen eine Kunde, ein Gerücht, eine Sage: Einer +sei erschienen, Gotama genannt, der Erhabene, der Buddha, der habe in +sich das Leid der Welt überwunden und das Rad der Wiedergeburten zum +Stehen gebracht. Lehrend ziehe er, von Jüngern umgeben, durch das +Land, besitzlos, heimatlos, weiblos, im gelben Mantel eines Asketen, +aber mit heiterer Stirn, ein Seliger, und Brahmanen und Fürsten +beugten sich vor ihm und würden seine Schüler. + +Diese Sage, dies Gerücht, dies Märchen klang auf, duftete empor, hier +und dort, in den Städten sprachen die Brahmanen davon, im Wald die +Samanas, immer wieder drang der Name Gotamas, des Buddha, zu den Ohren +der Jünglinge, im Guten und im Bösen, in Lobpreisung und in Schmähung. + +Wie wenn in einem Lande die Pest herrscht, und es erhebt sich die +Kunde, da und dort sei ein Mann, ein Weiser, ein Kundiger, dessen Wort +und Anhauch genüge, um jeden von der Seuche Befallenen zu heilen, und +wie dann diese Kunde das Land durchläuft und jedermann davon spricht, +viele glauben, viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg +machen, um den Weisen, den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land +jene Sage, jene duftende Sage von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus +dem Geschlecht der Sakya. Ihm war, so sprachen die Gläubigen, höchste +Erkenntnis zu eigen, er erinnerte sich seiner vormaligen Leben, er +hatte Nirwana erreicht und kehrte nie mehr in den Kreislauf zurück, +tauchte nie mehr in den trüben Strom der Gestaltungen unter. Vieles +Herrliche und Unglaubliche wurde von ihm berichtet, er hatte Wunder +getan, hatte den Teufel überwunden, hatte mit den Göttern gesprochen. +Seine Feinde und Ungläubigen aber sagten, dieser Gotama sei ein eitler +Verführer, er bringe seine Tage in Wohlleben hin, verachte die Opfer, +sei ohne Gelehrsamkeit und kenne weder Übung noch Kasteiung. + +Süß klang die Sage von Buddha, Zauber duftete aus diesen Berichten. +Krank war ja die Welt, schwer zu ertragen war das Leben--und siehe, +hier schien eine Quelle zu springen, hier schien ein Botenruf zu tönen, +trostvoll, mild, edler Versprechungen voll. Überall, wohin das +Gerücht vom Buddha erscholl, überall in den Ländern Indiens horchten +die Jünglinge auf, fühlten Sehnsucht, fühlten Hoffnung, und unter den +Brahmanensöhnen der Städte und Dörfer war jeder Pilger und Fremdling +willkommen, wenn er Kunde von ihm, dem Erhabenen, dem Sakyamuni, +brachte. + +Auch zu den Samanas im Walde, auch zu Siddhartha, auch zu Govinda war +die Sage gedrungen, langsam, in Tropfen, jeder Tropfen schwer von +Hoffnung, jeder Tropfen schwer von Zweifel. Sie sprachen wenig davon, +denn der Älteste der Samanas war kein Freund dieser Sage. Er hatte +vernommen, daß jener angebliche Buddha vormals Asket gewesen und im +Walde gelebt, sich dann aber zu Wohlleben und Weltlust zurückgewendet +habe, und er hielt nichts von diesem Gotama. + +"O Siddhartha", sprach einst Govinda zu seinem Freunde. "Heute war +ich im Dorf, und ein Brahmane lud mich ein, in sein Haus zu treten, +und in seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit +seinen eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren hören. +Wahrlich, da schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei +mir: Möchte doch auch ich, möchten doch auch wir beide, Siddhartha und +ich, die Stunde erleben, da wir die Lehre aus dem Munde jenes +Vollendeten vernehmen! Sprich, Freund, wollen wir nicht auch dorthin +gehen und die Lehre aus dem Munde des Buddha anhören?" + +Sprach Siddhartha: "Immer, o Govinda, hatte ich gedacht, Govinda würde +bei den Samanas bleiben, immer hatte ich geglaubt, es wäre sein Ziel, +sechzig und siebzig Jahre alt zu worden und immer weiter die Künste +und Übungen zu treiben, welche den Samana zieren. Aber sieh, ich +hatte Govinda zu wenig gekannt, wenig wußte ich von seinem Herzen. +Nun also willst du, Teuerster, einen neuen Pfad einschlagen und +dorthin gehen, wo der Buddha seine Lehre verkündet." + +Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. Mögest du immerhin +spotten, Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine +Lust erwacht, diese Lehre zu hören? Und hast du nicht einst zu mir +gesagt, nicht lange mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?" + +Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme +einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und +sagte: "Wohl, Govinda, wohl hast du gesprochen, richtig hast du dich +erinnert. Mögest du doch auch des andern dich erinnern, das du von +mir gehört hast, daß ich nämlich mißtrauisch und müde gegen Lehre und +Lernen geworden bin, und daß mein Glaube klein ist an Worte, die von +Lehrern zu uns kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene +Lehre zu hören--obschon ich im Herzen glaube, daß wir die beste Frucht +jener Lehre schon gekostet haben." + +Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie +sollte das möglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe +wir sie vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?" + +Sprach Siddhartha: "Laß diese Frucht uns genießen und das weitere +abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem +Gotama verdanken, besteht darin, daß er uns von den Samanas hinwegruft! +Ob er uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf +laß uns ruhigen Herzens warten." + +An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Ältesten der Samanas seinen +Entschluß zu wissen, daß er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem +Ältesten zu wissen mit der Höflichkeit und Bescheidenheit, welche dem +Jüngeren und Schüler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, daß die +beiden Jünglinge ihn verlassen wollten, und redete laut und brauchte +grobe Schimpfworte. + +Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den +Mund zu Govindas Ohr und flüsterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten +zeigen, daß ich etwas bei ihm gelernt habe." + +Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele, +fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte +ihn stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl +ihm, lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde +stumm, sein Auge wurde starr, sein Wille gelähmt, seine Arme hingen +herab, machtlos war er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas +Gedanken aber bemächtigten sich des Samana, er mußte vollführen, was +sie befahlen. Und so verneigte sich der Alte mehrmals, vollzog +segnende Gebärden, sprach stammelnd einen frommen Reisewunsch. Und +die Jünglinge erwiderten dankend die Verneigungen, erwiderten den +Wunsch, zogen grüßend von dannen. + +Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr +gelernt, als ich wußte. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen +alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, wärest du dort geblieben, du +hättest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen." + +"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha. +"Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufrieden geben!" + + + + +GOTAMA + +In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha, +und jedes Haus war gerüstet, den Jüngern Gotamas, den schweigend +Bittenden, die Almosenschale zu füllen. Nahe bei der Stadt lag +Gotamas liebster Aufenthalt, der Hain Jetavana, welchen der reiche +Kaufherr Anathapindika, ein ergebener Verehrer des Erhabenen, ihm und +den Seinen zum Geschenk gemacht hatte. + +Nach dieser Gegend hatten alle Erzählungen und Antworten hingewiesen, +welche den beiden jungen Asketen auf der Suche nach Gotamas Aufenthalt +zuteil wurden. Und da sie in Savathi ankamen, ward ihnen gleich im +ersten Hause, vor dessen Tür sie bittend stehen blieben, Speise +angeboten, und sie nahmen Speise an, und Siddhartha fragte die Frau, +welche ihnen die Speise reichte: + +"Gerne, du Mildtätige, gerne möchten wir erfahren, wo der Buddha +weilt, der Ehrwürdigste, denn wir sind zwei Samanas aus dem Walde, und +sind gekommen, um ihn, den Vollendeten, zu sehen und die Lehre aus +seinem Munde zu vernehmen." + +Sprach die Frau: "Am richtigen Orte wahrlich seid Ihr hier abgestiegen, +Ihr Samanas aus dem Walde. Wisset, in Jetavana, im Garten +Anathapindikas, weilt der Erhabene. Dort möget Ihr, Pilger, die Nacht +verbringen, denn genug Raum ist daselbst für die Unzähligen, die +herbeiströmen, um aus seinem Munde die Lehre zu hören." + +Da freute sich Govinda, und voll Freude rief er: "Wohl denn, so ist +unser Ziel erreicht und unser Weg zu Ende! Aber sage uns, du Mutter +der Pilgernden, kennst du ihn, den Buddha, hast du ihn mit deinen +Augen gesehen?" + +Sprach die Frau: "Viele Male habe ich ihn gesehen, den Erhabenen. An +vielen Tagen habe ich ihn gesehen, wie er durch die Gassen geht, +schweigend, im gelben Mantel, wie er schweigend an den Haustüren seine +Almosenschale darreicht, wie er die gefüllte Schale von dannen trägt." + +Entzückt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und hören. +Aber Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen +und brauchten kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger +und auch Mönche aus Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana +unterwegs. Und da sie in der Nacht dort anlangten, war daselbst ein +beständiges Ankommen, Rufen und Reden von solchen, welche Herberge +heischten und bekamen. Die beiden Samanas, des Lebens im Walde +gewohnt, fanden schnell und geräuschlos einen Unterschlupf und ruhten +da bis zum Morgen. + +Beim Aufgang der Sonne sahen sie mit Erstaunen, welch große Schar, +Gläubige und Neugierige, hier genächtigt hatte. In allen Wegen des +herrlichen Haines wandelten Mönche im gelben Gewand, unter den Bäumen +saßen sie hier und dort, in Betrachtung versenkt--oder im geistlichen +Gespräch, wie eine Stadt waren die schattigen Gärten zu sehen, voll +von Menschen, wimmelnd wie Bienen. Die Mehrzahl der Mönche zog mit +der Almosenschale aus, um in der Stadt Nahrung für die Mittagsmahlzeit, +die einzige des Tages, zu sammeln. Auch der Buddha selbst, der +Erleuchtete, pflegte am Morgen den Bettelgang zu tun. + +Siddhartha sah ihn, und er erkannte ihn alsbald, als hätte ihm ein +Gott ihn gezeigt. Er sah ihn, einen schlichten Mann in gelber Kutte, +die Almosenschale in der Hand tragend, still dahin gehen. + +"Sieh hier!" sagte Siddhartha leise zu Govinda. "Dieser hier ist der +Buddha." + +Aufmerksam blickte Govinda den Mönch in der gelben Kutte an, der sich +in nichts von den Hunderten der Mönche zu unterscheiden schien. Und +bald erkannte auch Govinda: Dieser ist es. Und sie folgten ihm nach +und betrachteten ihn. + +Der Buddha ging seines Weges bescheiden und in Gedanken versunken, +sein stilles Gesicht war weder fröhlich noch traurig, es schien leise +nach innen zu lächeln. Mit einem verborgenen Lächeln, still, ruhig, +einem gesunden Kinde nicht unähnlich, wandelte der Buddha, trug das +Gewand und setzte den Fuß gleich wie alle seine Mönche, nach genauer +Vorschrift. Aber sein Gesicht und sein Schritt, sein still gesenkter +Blick, seine still herabhängende Hand, und noch jeder Finger an seiner +still herabhängenden Hand sprach Friede, sprach Vollkommenheit, suchte +nicht, ahmte nicht nach, atmete sanft in einer unverwelklichen Ruhe, +in einem unverwelklichen Licht, einem unantastbaren Frieden. + +So wandelte Gotama, der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und die +beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner Ruhe, +an der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen, +kein Nachahmen, kein Bemühen zu erkennen war, nur Licht und Frieden. + +"Heute werden wir die Lehre aus seinem Munde vernehmen," sagte Govinda. + + +Siddhartha gab nicht Antwort. Er war wenig neugierig auf die Lehre, +er glaubte nicht, daß sie ihn Neues lehren werde, hatte er doch, +ebenso wie Govinda, wieder und wieder den Inhalt dieser Buddhalehre +vernommen, wenn schon aus Berichten von zweiter und dritter Hand. +Aber er blickte aufmerksam auf Gotamas Haupt, auf seine Schultern, +auf seine Füße, auf seine still herabhängende Hand, und ihm schien, +jedes Glied an jedem Finger dieser Hand war Lehre, sprach, atmete, +duftete, glänzte Wahrheit. Dieser Mann, dieser Buddha, war wahrhaftig +bis in die Gebärde seines letzten Fingers. Dieser Mann war heilig. +Nie hatte Siddhartha einen Menschen so verehrt, nie hatte er einen +Menschen so geliebt wie diesen. + +Die beiden folgten dem Buddha bis zur Stadt und kehrten schweigend +zurück, denn sie selbst gedachten diesen Tag sich der Speise zu +enthalten. Sie sahen Gotama wiederkehren, sahen ihn im Kreise seiner +Jünger die Mahlzeit einnehmen--was er aß, hätte keinen Vogel satt +gemacht--und sahen ihn sich zurückziehen in den Schatten der Mangobäume. + + +Am Abend aber, als die Hitze sich legte und alles im Lager lebendig +ward und sich versammelte, hörten sie den Buddha lehren. Sie hörten +seine Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe, +war voll von Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der +Herkunft des Leidens, vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig floß +und klar seine stille Rede. Leiden war das Leben, voll Leid war die +Welt, aber Erlösung vom Leid war gefunden: Erlösung fand, wer den Weg +des Buddha ging. Mit sanfter, doch fester Stimme sprach der Erhabene, +lehrte die vier Hauptsätze, lehrte den achtfachen Pfad, geduldig ging +er den gewohnten Weg der Lehre, der Beispiele, der Wiederholungen, +hell und still schwebte seine Stimme über den Hörenden, wie ein Licht, +wie ein Sternhimmel. + +Als der Buddha--es war schon Nacht geworden--seine Rede schloß, traten +manche Pilger hervor und baten um Aufnahme in die Gemeinschaft, nahmen +ihre Zuflucht zur Lehre. Und Gotama nahm sie auf, indem er sprach: +"Wohl habt ihr die Lehre vernommen, wohl ist sie verkündigt. Tretet +denn herzu und wandelt in Heiligkeit, allem Leid ein Ende zu bereiten." + +Siehe, da trat auch Govinda hervor, der Schüchterne, und sprach: "Auch +ich nehme meine Zuflucht zum Erhabenen und zu seiner Lehre," und bat +um Aufnahme in die Jüngerschaft, und ward aufgenommen. + +Gleich darauf, da sich der Buddha zur Nachtruhe zurückgezogen hatte, +wendete sich Govinda zu Siddhartha und sprach eifrig: "Siddhartha, +nicht steht es mir zu, dir einen Vorwurf zu machen. Beide haben wir +den Erhabenen gehört, beide haben wir die Lehre vernommen. Govinda +hat die Lehre gehört, er hat seine Zuflucht zu ihr genommen. Du aber, +Verehrter, willst denn nicht auch du den Pfad der Erlösung gehen? +Willst du zögern, willst du noch warten?" + +Siddhartha erwachte wie aus einem Schlafe, als er Govindas Worte +vernahm. Lange blickte er in Govindas Gesicht. Dann sprach er leise, +mit einer Stimme ohne Spott: "Govinda, mein Freund, nun hast du den +Schritt getan, nun hast du den Weg erwählt. Immer, o Govinda, bist du +mein Freund gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen. +Oft habe ich gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt +allein tun, ohne mich, aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein +Mann geworden und wählst selber deinen Weg. Mögest du ihn zu Ende +gehen, o mein Freund! Mögest du Erlösung finden!" + +Govinda, welcher noch nicht völlig verstand, wiederholte mit einem Ton +von Ungeduld seine Frage: "Sprich doch, ich bitte dich, mein Lieber! +Sage mir, wie es ja nicht anders sein kann, daß auch du, mein +gelehrter Freund, deine Zuflucht zum erhabenen Buddha nehmen wirst!" + +Siddhartha legte seine Hand auf die Schulter Govindas: "Du hast meinen +Segenswunsch überhört, o Govinda. Ich wiederhole ihn: Mögest du +diesen Weg zu Ende gehen! Mögest du Erlösung finden!" + +In diesem Augenblick erkannte Govinda, daß sein Freund ihn verlassen +habe, und er begann zu weinen. + +"Siddhartha!" rief er klagend. + +Siddhartha sprach freundlich zu ihm: "Vergiß nicht, Govinda, daß du +nun zu den Samanas des Buddha gehörst! Abgesagt hast du Heimat und +Eltern, abgesagt Herkunft und Eigentum, abgesagt deinem eigenen Willen, +abgesagt der Freundschaft. So will es die Lehre, so will es der +Erhabene. So hast du selbst es gewollt. Morgen, o Govinda, werde ich +dich verlassen." + +Lange noch wandelten die Freunde im Gehölz, lange lagen sie und fanden +nicht den Schlaf. Und immer von neuem drang Govinda in seinen Freund, +er möge ihm sagen, warum er nicht seine Zuflucht zu Gotamas Lehre +nehmen wolle, welchen Fehler denn er in dieser Lehre finde. +Siddhartha aber wies ihn jedesmal zurück und sagte: "Gib dich +zufrieden, Govinda! Sehr gut ist des Erhabenen Lehre, wie sollte ich +einen Fehler an ihr finden?" + +Am frühesten Morgen ging ein Nachfolger Buddhas, einer seiner ältesten +Mönche, durch den Garten und rief alle jene zu sich, welche als +Neulinge ihre Zuflucht zur Lehre genommen hatten, um ihnen das gelbe +Gewand anzulegen und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres +Standes zu unterweisen. Da riß Govinda sich los, umarmte noch einmal +den Freund seiner Jugend und schloß sich dem Zuge der Novizen an. + +Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain. + +Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, und als er ihn mit Ehrfurcht +begrüßte und der Blick des Buddha so voll Güte und Stille war, faßte +der Jüngling Mut und bat den Ehrwürdigen um Erlaubnis, zu ihm zu +sprechen. Schweigend nickte der Erhabene Gewährung. + +Sprach Siddhartha: "Gestern, o Erhabener, war es mir vergönnt, deine +wundersame Lehre zu hören. Zusammen mit meinem Freunde kam ich aus +der Ferne her, um die Lehre zu hören. Und nun wird mein Freund bei +den Deinen bleiben, zu dir hat er seine Zuflucht genommen. Ich aber +trete meine Pilgerschaft aufs neue an." + +"Wie es dir beliebt", sprach der Ehrwürdige höflich. + +"Allzu kühn ist meine Rede," fuhr Siddhartha fort, "aber ich möchte +den Erhabenen nicht verlassen, ohne ihm meine Gedanken in +Aufrichtigkeit mitgeteilt zu haben. Will mir der Ehrwürdige noch +einen Augenblick Gehör schenken?" + +Schweigend nickte der Buddha Gewährung. + +Sprach Siddhartha: "Eines, o Ehrwürdigster, habe ich an deiner Lehre +vor allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist +bewiesen; als eine vollkommene, als eine nie und nirgends +unterbrochene Kette zeigst du die Welt als eine ewige Kette, gefügt +aus Ursachen und Wirkungen. Niemals ist dies so klar gesehen, nie so +unwiderleglich dargestellt worden; höher wahrlich muß jedem Brahmanen +das Herz im Leibe schlagen, wenn er, durch deine Lehre hindurch, die +Welt erblickt als vollkommenen Zusammenhang, lückenlos, klar wie ein +Kristall, nicht vom Zufall abhängig, nicht von Göttern abhängig. Ob +sie gut oder böse, ob das Leben in ihr Leid oder Freude sei, möge +dahingestellt bleiben, es mag vielleicht sein, daß dies nicht +wesentlich ist--aber die Einheit der Welt, der Zusammenhang alles +Geschehens, das Umschlossensein alles Großen und Kleinen vom selben +Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens, +dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter. Nun +aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit +aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine +Lücke strömt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues, +etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen +werden kann: das ist deine Lehre von der Überwindung der Welt, von der +Erlösung. Mit dieser kleinen Lücke, mit dieser kleinen Durchbrechung +aber ist das ganze ewige und einheitliche Weltgesetz wieder zerbrochen +und aufgehoben. Mögest du mir verzeihen, wenn ich diesen Einwand +ausspreche." + +Still hatte Gotama ihm zugehört, unbewegt. Mit seiner gütigen, mit +seiner höflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete: "Du +hast die Lehre gehört, o Brahmanensohn, und wohl dir, daß du über sie +so tief nachgedacht hast. Du hast eine Lücke in ihr gefunden, einen +Fehler. Mögest du weiter darüber nachdenken. Laß dich aber warnen, +du Wißbegieriger, vor dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um +Worte. Es ist an Meinungen nichts gelegen, sie mögen schön oder +häßlich, klug oder töricht sein, jeder kann ihnen anhängen oder sie +verwerfen. Die Lehre aber, die du von mir gehört hast, ist nicht eine +Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt für Wißbegierige zu erklären. +Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist Erlösung vom Leiden. Diese +ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes." + +"Mögest du mir, o Erhabener, nicht zürnen", sagte der Jüngling. +"Nicht um Streit mit dir zu suchen, Streit um Worte, habe ich so zu +dir gesprochen. Du hast wahrlich recht, wenig ist an Meinungen +gelegen. Aber laß mich dies eine noch sagen: Nicht einen Augenblick +habe ich an dir gezweifelt. Ich habe nicht einen Augenblick +gezweifelt, daß du Buddha bist, daß du das Ziel erreicht hast, das +höchste, nach welchem so viel tausend Brahmanen und Brahmanensöhne +unterwegs sind. Du hast die Erlösung vom Tode gefunden. Sie ist dir +geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch +Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung. +Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und--so ist mein Gedanke, o +Erhabener--keinem wird Erlösung zu teil durch Lehre! Keinem, o +Ehrwürdiger, wirst du in Worten und durch Lehre mitteilen und sagen +können, was dir geschehen ist in der Stunde deiner Erleuchtung! Vieles +enthält die Lehre des erleuchteten Buddha, viele lehrt sie, +rechtschaffen zu leben, Böses zu meiden. Eines aber enthält die so +klare, die so ehrwürdige Lehre nicht: sie enthält nicht das Geheimnis +dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den +Hunderttausenden. Dies ist es, was ich gedacht und erkannt habe, als +ich die Lehre hörte. Dies ist es, weswegen ich meine Wanderschaft +fortsetze--nicht um eine andere, eine bessere Lehre zu suchen, denn +ich weiß, es gibt keine, sondern um alle Lehren und alle Lehrer zu +verlassen und allein mein Ziel zu erreichen oder zu sterben. Oftmals +aber werde ich dieses Tages denken, o Erhabener, und dieser Stunde, da +meine Augen einen Heiligen sahen." + +Die Augen des Buddha blickten still zu Boden, still in vollkommenem +Gleichmut strahlte sein unerforschliches Gesicht. + +"Mögen deine Gedanken," sprach der Ehrwürdige langsam, "keine Irrtümer +sein! Mögest du ans Ziel kommen! Aber sage mir: Hast du die Schar +meiner Samanas gesehen, meiner vielen Brüder, welche ihre Zuflucht zur +Lehre genommen haben? Und glaubst du, fremder Samana, glaubst du, daß +es diesen allen besser wäre, die Lehre zu verlassen und in das Leben +der Welt und der Lüste zurückzukehren?" + +"Fern ist ein solcher Gedanke von mir", rief Siddhartha. "Mögen sie +alle bei der Lehre bleiben, mögen sie ihr Ziel erreichen! Nicht steht +mir zu, über eines andern Leben zu urteilen. Einzig für mich, für +mich allein muß ich urteilen, muß ich wählen, muß ich ablehnen. +Erlösung vom Ich suchen wir Samanas, o Erhabener. Wäre ich nun einer +deiner Jünger, o Ehrwürdiger, so fürchte ich, es möchte mir geschehen, +daß nur scheinbar, nur trügerisch mein Ich zur Ruhe käme und erlöst +würde, daß es aber in Wahrheit weiterlebte und groß würde, denn ich +hätte dann die Lehre, hätte meine Nachfolge, hätte meine Liebe zu dir, +hätte die Gemeinschaft der Mönche zu meinem Ich gemacht!" + +Mit halbem Lächeln, mit einer unerschütterten Helle und Freundlichkeit +sah Gotama dem Fremdling ins Auge und verabschiedete ihn mit einer +kaum sichtbaren Gebärde. + +"Klug bist du, o Samana", sprach der Ehrwürdige. + +"Klug weißt du zu reden, mein Freund. Hüte dich vor allzu großer +Klugheit!" + +Hinweg wandelte der Buddha, und sein Blick und halbes Lächeln blieb +für immer in Siddharthas Gedächtnis eingegraben. + +So habe ich noch keinen Menschen blicken und lächeln, sitzen und +schreiten sehen, dachte er, so wahrlich wünsche auch ich blicken und +lächeln, sitzen und schreiten zu können, so frei, so ehrwürdig, so +verborgen, so offen, so kindlich und geheimnisvoll. So wahrlich +blickt und schreitet nur der Mensch, der ins Innerste seines Selbst +gedrungen ist. Wohl, auch ich werde ins Innerste meines Selbst zu +dringen suchen. + +Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich +meine Augen niederschlagen mußte. Vor keinem andern mehr will ich +meine Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird +mich verlocken, da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat. + +Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich, +und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines +Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der +mein Schatten war und nun Gotamas Schatten ist. Geschenkt aber hat er +mir Siddhartha, mich selbst. + + + + +ERWACHEN + +Als Siddhartha den Hain verließ, in welchem der Buddha, der Vollendete, +zurückblieb, in welchem Govinda zurückblieb, da fühlte er, daß in +diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurückblieb und sich +von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfüllte, sann er im +langsamen Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes +Wasser ließ er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis +dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm, +das eben ist Denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu +Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und +beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist. + +Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, daß +er kein Jüngling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest, +daß eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut +verlassen wird, daß eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch +seine ganze Jugend ihn begleitet und zu ihm gehört hatte: der Wunsch, +Lehrer zu haben und Lehren zu hören. Den letzten Lehrer, der an +seinem Wege ihm erschienen war, auch ihn, den höchsten und weisesten +Lehrer, den Heiligsten, Buddha, hatte er verlassen, hatte sich von ihm +trennen müssen, hatte seine Lehre nicht annehmen können. + +Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist +es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und +was sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?" +Und er fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. +Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. +Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte +nur vor ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding +in der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt wie dieses mein Ich, +dies Rätsel, daß ich lebe, daß ich einer und von allen andern +getrennt und abgesondert bin, daß ich Siddhartha bin! Und über kein +Ding in der Welt weiß ich weniger als über mich, über Siddhartha!" + +Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken +erfaßt, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer hervor, ein +neuer Gedanke, der lautete: "Daß ich nichts von mir weiß, daß +Siddhartha mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus +einer Ursache, einer einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf +der Flucht vor mir! Atman suchte ich, Brahman suchte ich, ich war +gewillt, mein Ich zu zerstücken und auseinander zu schälen, um in +seinem unbekannten Innersten den Kern aller Schalen zu finden, den +Atman, das Leben, das Göttliche, das Letzte. Ich selbst aber ging mir +dabei verloren." + +Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein Lächeln erfüllte +sein Gesicht, und ein tiefes Gefühl von Erwachen aus langen Träumen +durchströmte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief +rasch, wie ein Mann, welcher weiß, was er zu tun hat. + +"O," dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den +Siddhartha nicht mehr entschlüpfen lassen! Nicht mehr will ich mein +Denken und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt. +Ich will mich nicht mehr töten und zerstücken, um hinter den Trümmern +ein Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch +Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir +selbst will ich lernen, will ich Schüler sein, will ich mich kennen +lernen, das Geheimnis Siddhartha." + +Er blickte um sich, als sähe er zum ersten Male die Welt. Schön war +die Welt, bunt war die Welt, seltsam und rätselhaft war die Welt! +Hier war Blau, hier war Gelb, hier war Grün, Himmel floß und Fluß, +Wald starrte und Gebirg, alles schön, alles rätselvoll und magisch, +und inmitten er, Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich +selbst. All dieses, all dies Gelb und Blau, Fluß und Wald, ging zum +erstenmal durchs Auge in Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras, +war nicht mehr der Schleier der Maya, war nicht mehr sinnlose und +zufällige Vielfalt der Erscheinungswelt, verächtlich dem tief +denkenden Brahmanen, der die Vielfalt verschmäht, der die Einheit +sucht. Blau war Blau, Fluß war Fluß, und wenn auch im Blau und Fluß +in Siddhartha das Eine und Göttliche verborgen lebte, so war es doch +eben des Göttlichen Art und Sinn, hier Gelb, hier Blau, dort Himmel, +dort Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn und Wesen war nicht +irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in allem. + +"Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin +Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will, +so verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie +Täuschung, Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er +studiert und liebt sie, Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das +Buch der Welt und das Buch meines eigenen Wesens lesen wollte, ich +habe, einem im voraus vermuteten Sinn zuliebe, die Zeichen und +Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der Erscheinungen Täuschung, +nannte mein Auge und meine Zunge zufällige und wertlose Erscheinungen. +Nein, dies ist vorüber, ich bin erwacht, ich bin in der Tat erwacht +und heute erst geboren." + +Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen, +plötzlich, als läge eine Schlange vor ihm auf dem Weg. + +Denn plötzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie +ein Erwachter oder Neugeborener war, er mußte sein Leben neu und +völlig von vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain +Jetavana, den Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend, +schon auf dem Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und +war ihm natürlich und selbstverständlich erschienen, daß er, nach den +Jahren seines Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater +zurückkehre. Jetzt aber, erst in diesem Augenblick, da er stehen +blieb, als läge eine Schlange auf seinem Wege, erwachte er auch zu +dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr, der ich war, ich bin nicht +mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin nicht mehr Brahmane. +Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater tun? Studieren? +Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja vorüber, dies +alles liegt nicht mehr an meinem Wege." + +Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug +lang fror sein Herz, er fühlte es in der Brust innen frieren wie ein +kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er +sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefühlt. +Nun fühlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er +seines Vaters Sohn gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein +Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddhartha, der Erwachte, sonst +nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er +und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der +nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern +gehörte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre Sprache +sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zählte und mit +ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine +Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht +einer und allein, auch ihn umgab Zugehörigkeit, auch er gehörte einem +Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war Mönch geworden, und +tausend Mönche waren seine Brüder, trugen sein Kleid, glaubten seinen +Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo war er +zugehörig? Wessen Leben würde er teilen? Wessen Sprache würde er +sprechen? + +Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er +allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer +Kälte und Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor, +fester geballt. Er fühlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens +gewesen, der letzte Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder +aus, begann rasch und ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause, +nicht mehr zum Vater, nicht mehr zurück. + + + + + + +ZWEITER TEIL--Wilhelm Gundert + +meinem Vetter in Japan gewidmet + + + + +KAMALA + +Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt +war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne überm +Waldgebirge aufgehen und überm fernen Palmenstrande untergehen. Er +sah nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein +Boot im Blauen schwimmend. Er sah Bäume, Sterne, Tiere, Wolken, +Regenbogen, Felsen, Kräuter, Blumen, Bach und Fluß, Taublitz im +morgendlichen Gesträuch, ferne hohe Berge blau und bleich, Vögel +sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles, +tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond +geschienen, immer Flüsse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in +den früheren Zeiten für Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein +flüchtiger und trügerischer Schleier vor seinem Auge, mit Mißtrauen +betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu +werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit +lag. Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und +erkannte die Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht +das Wesen, zielte in kein Jenseits. Schön war die Welt, wenn man sie +so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schön war +Mond und Gestirn, schön war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und +Goldkäfer, Blume und Schmetterling. Schön und lieblich war es, so +durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen +aufgetan, so ohne Mißtrauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt, +anders kühlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne, +anders Kürbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die Nächte, jede +Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel +ein Schiff voll von Schätzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein +Affenvolk im hohen Waldgewölbe wandern, hoch im Geäst, und hörte +seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein +Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im +Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und +blitzend die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und +Leidenschaft duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der +ungestüm Jagende zog. + +All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war +nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehörte dazu. Durch sein +Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond. + +Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im +Garten Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehört, des +göttlichen Buddha, des Abschiedes von Govinda, des Gespräches mit dem +Erhabenen. Seiner eigenen Worte, die er zum Erhabenen gesprochen +hatte, erinnerte er sich wieder, jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde +er dessen inne, daß er da Dinge gesagt hatte, die er damals noch gar +nicht eigentlich wußte. Was er zu Gotama gesagt hatte: sein, des +Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die Lehre, sondern das +Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur Stunde seiner +Erleuchtung erlebt habe--dies war es ja eben, was zu erleben er jetzt +auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst mußte er jetzt +erleben. Wohl hatte er schon lange gewußt, daß sein Selbst Atman sei, +vom selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst +wirklich gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen +wollen. War auch gewiß der Körper nicht das Selbst, und nicht das +Spiel der Sinne, so war es doch auch das Denken nicht, nicht der +Verstand, nicht die erlernte Weisheit, nicht die erlernte Kunst, +Schlüsse zu ziehen und aus schon Gedachtem neue Gedanken zu spinnen. +Nein, auch diese Gedankenwelt war noch diesseits, und es führte zu +keinem Ziele, wenn man das zufällige Ich der Sinne tötete, dafür aber +das zufällige Ich der Gedanken und Gelehrsamkeiten mästete. Beide, +die Gedanken wie die Sinne, waren hübsche Dinge, hinter beiden lag der +letzte Sinn verborgen, beide galt es zu hören, mit beiden zu spielen, +beide weder zu verachten noch zu überschätzen, aus beiden die geheimen +Stimmen des Innersten zu erlauschen. Nach nichts wollte er trachten, +als wonach die Stimme ihm zu trachten beföhle, bei nichts verweilen, +als wo die Stimme es riete. Warum war Gotama einst, in der Stunde der +Stunden, unter dem Bo-Baume niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn +traf? Er hatte eine Stimme gehört, eine Stimme im eigenen Herzen, die +ihm befahl, unter diesem Baume Rast zu suchen, und er hatte nicht +Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht +Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme gehorcht. So zu +gehorchen, nicht äußerm Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das +war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig. + +In der Nacht, da er in der strohernen Hütte eines Fährmanns am Flusse +schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem +gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er: +Warum hast du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine +Arme um ihn, und indem er ihn an seine Brust zog und küßte, war es +nicht Govinda mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll +eine volle Brust, an der lag Siddhartha und trank, süß und stark +schmeckte die Milch dieser Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann, +nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach +jeder Lust. Sie machte trunken und bewußtlos.--Als Siddhartha +erwachte, schimmerte der bleiche Fluß durch die Tür der Hütte, und im +Walde klang tief und wohllaut ein dunkler Eulenruf. + +Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den Fährmann, ihn +über den Fluß zu setzen. Der Fährmann setzte ihn auf seinem +Bambusfloß über den Fluß, rötlich schimmerte im Morgenschein das +breite Wasser. + +"Das ist ein schöner Fluß," sagte er zu seinem Begleiter. + +"Ja," sagte der Fährmann, "ein sehr schöner Fluß, ich liebe ihn über +alles. Oft habe ich ihm zugehört, oft in seine Augen gesehen, und +immer habe ich von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen." + +"Ich danke dir, mein Wohltäter," sprach Siddhartha, da er ans andere +Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und +keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und +Samana." + +"Ich sah es wohl," sprach der Fährmann, "und ich habe keinen Lohn vor +dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein +anderes Mal geben." + +"Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig. + +"Gewiß. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder! +Auch du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! Möge deine +Freundschaft mein Lohn sein. Mögest du meiner gedenken, wenn du den +Göttern opferst." + +Lächelnd schieden sie voneinander. Lächelnd freute sich Siddhartha +über die Freundschaft und Freundlichkeit des Fährmanns. "Wie Govinda +ist er," dachte er lächelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe, +sind wie Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf +Dank hätten. Alle sind unterwürfig, alle mögen gern Freund sein, gern +gehorchen, wenig denken. Kinder sind die Menschen." + +Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhütten wälzten +sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kürbiskernen und Muscheln, +schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden +Samana. Am Ende des Dorfes führte der Weg durch einen Bach, und am +Rande des Baches kniete ein junges Weib und wusch Kleider. Als +Siddhartha sie grüßte, hob sie den Kopf, und blickte mit Lächeln zu +ihm auf, daß er das Weiße in ihrem Auge blitzen sah. Er rief einen +Segensspruch hinüber, wie er unter Reisenden üblich ist, und fragte, +wie weit der Weg bis zur großen Stadt noch sei. Da stand sie auf und +trat zu ihm her, schön schimmerte ihr feuchter Mund im jungen Gesicht. +Sie tauschte Scherzreden mit ihm, fragte, ob er schon gegessen habe, +und ob es wahr sei, daß die Samanas nachts allein im Walde schliefen +und keine Frauen bei sich haben dürfen. Dabei setzte sie ihren linken +Fuß auf seinen rechten und machte eine Bewegung, wie die Frau sie +macht, wenn sie den Mann zu jener Art des Liebesgenusses auffordert, +welchen die Lehrbücher "das Baumbesteigen" nennen. Siddhartha fühlte +sein Blut erwarmen, und da sein Traum ihm in diesem Augenblick wieder +einfiel, bückte er sich ein wenig zu dem Weibe herab und küßte mit den +Lippen die braune Spitze ihrer Brust. Aufschauend sah er ihr Gesicht +voll Verlangen lächeln und die verkleinerten Augen in Sehnsucht flehen. + + +Auch Siddhartha fühlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich +bewegen; da er aber noch nie ein Weib berührt hatte, zögerte er einen +Augenblick, während seine Hände schon bereit waren, nach ihr zu +greifen. Und in diesem Augenblick hörte er, erschauernd, die Stimme +seines Innern, und die Stimme sagte Nein. Da wich vom lächelnden +Gesicht der jungen Frau aller Zauber, er sah nichts mehr als den +feuchten Blick eines brünstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte +er ihre Wange, wandte sich von ihr und verschwand vor der Enttäuschten +leichtfüßig in das Bambusgehölze. + +An diesem Tage erreichte er vor Abend eine große Stadt, und freute +sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den Wäldern +gelebt, und die stroherne Hütte des Fährmanns, in welcher er diese +Nacht geschlafen hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er +über sich gehabt hatte. + +Vor der Stadt, bei einem schönen umzäunten Haine, begegnete dem +Wandernden ein kleiner Troß von Dienern und Dienerinnen, mit Körben +beladen. Inmitten in einer geschmückten Sänfte, von Vieren getragen, +saß auf roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die +Herrin. Siddhartha blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah +dem Aufzuge zu, sah die Diener, die Mägde, die Körbe, sah die Sänfte, +und sah in der Sänfte die Dame. Unter hochgetürmten schwarzen Haaren +sah er ein sehr helles, sehr zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten +Mund wie eine frisch aufgebrochene Feige, Augenbrauen gepflegt und +gemalt in hohen Bogen, dunkle Augen klug und wachsam, lichten hohen +Hals aus grün und goldenem Oberkleide steigend, ruhende helle Hände +lang und schmal mit breiten Goldreifen über den Gelenken. + +Siddhartha sah, wie schön sie war, und sein Herz lachte. Tief +verneigte er sich, als die Sänfte nahe kam, und sich wieder +aufrichtend blickte er in das helle holde Gesicht, las einen +Augenblick in den klugen hochüberwölbten Augen, atmete einen Hauch von +Duft, den er nicht kannte. Lächelnd nickte die schöne Frau, einen +Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr die Diener. + +So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden +Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er +sich, und nun erst ward ihm bewußt, wie ihn die Diener und Mägde am +Eingang betrachtet hatten, wie verächtlich, wie mißtrauisch, wie +abweisend. + +Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler. +Nicht so werde ich bleiben dürfen, nicht so in den Hain treten. Und +er lachte. + +Den nächsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und +nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, daß dies der Hain der Kamala +war, der berühmten Kurtisane, und daß sie außer dem Haine ein Haus in +der Stadt besaß. + +Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel. + +Sein Ziel verfolgend, ließ er sich von der Stadt einschlürfen, trieb +im Strom der Gassen, stand auf Plätzen still, ruhte auf Steintreppen +am Flusse aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem +Barbiergehilfen, den er im Schatten eines Gewölbes hatte arbeiten +sehen, den er betend in einem Tempel Vishnus wiederfand, dem er von +den Geschichten Vishnu's und der Lakschmi erzählte. Bei den Booten am +Flusse schlief er die Nacht, und früh am Morgen, ehe die ersten Kunden +in seinen Laden kamen, ließ er sich von dem Barbiergehilfen den Bart +rasieren und das Haar beschneiden, das Haar kämmen und mit feinem Öle +salben. Dann ging er im Flusse baden. + +Als am Spätnachmittag die schöne Kamala in der Sänfte sich ihrem Haine +näherte, stand am Eingang Siddhartha, verbeugte sich und empfing den +Gruß der Kurtisane. Demjenigen Diener aber, der zuletzt im Zuge ging, +winkte er und bat ihn, der Herrin zu melden, daß ein junger Brahmane +mit ihr zu sprechen begehre. Nach einer Weile kam der Diener zurück, +forderte den Wartenden auf, ihm zu folgen, führte den ihm Folgenden +schweigend in einen Pavillon, wo Kamala auf einem Ruhebette lag, und +ließ ihn bei ihr allein. + +"Bist du nicht gestern schon da draußen gestanden und hast mich +begrüßt?" fragte Kamala. + +"Wohl habe ich gestern schon dich gesehen und begrüßt." + +"Aber trugst du nicht gestern einen Bart, und lange Haare, und Staub +in den Haaren?" + +"Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha +gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein +Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun +aber habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die +erste, die mir noch vor dem Betreten der Stadt begegnete, warst du. +Dies zu sagen, bin ich zu dir gekommen, o Kamala! Du bist die erste +Frau, zu welcher Siddhartha anders als mit niedergeschlagenen Augen +redet. Nie mehr will ich meine Augen niederschlagen, wenn eine schöne +Frau mir begegnet." + +Kamala lächelte und spielte mit ihrem Fächer aus Pfauenfedern. Und +fragte: "Und nur um mir dies zu sagen, ist Siddhartha zu mir +gekommen?" + +"Um dir dies zu sagen, und um dir zu danken, daß du so schön bist. +Und wenn es dir nicht mißfällt, Kamala, möchte ich dich bitten, meine +Freundin und Lehrerin zu sein, denn ich weiß noch nichts von der Kunst, +in welcher du Meisterin bist." + +Da lachte Kamala laut. + +"Nie ist mir das geschehen, Freund, daß ein Samana aus dem Walde zu +mir kam und von mir lernen wollte! Nie ist mir das geschehen, daß ein +Samana mit langen Haaren und in einem alten zerrissenen Schamtuche zu +mir kam! Viele Jünglinge kommen zu mir, und auch Brahmanensöhne sind +darunter, aber sie kommen in schönen Kleidern, sie kommen in feinen +Schuhen, sie haben Wohlgeruch im Haar und Geld in den Beuteln. So, +du Samana, sind die Jünglinge beschaffen, welche zu mir kommen." + +Sprach Siddhartha: "Schon fange ich an, von dir zu lernen. Auch +gestern schon habe ich gelernt. Schon habe ich den Bart abgelegt, +habe das Haar gekämmt, habe Öl im Haare. Weniges ist, das mir noch +fehlt, du Vortreffliche: feine Kleider, feine Schuhe, Geld im Beutel. +Wisse, Schwereres hat Siddhartha sich vorgenommen, als solche +Kleinigkeiten sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht +erreichen, was ich gestern mir vorgenommen habe: dein Freund zu sein +und die Freuden der Liebe von dir zu lernen! Du wirst mich gelehrig +sehen, Kamala, Schwereres habe ich gelernt, als was du mich lehren +sollst. Und nun also: Siddhartha genügt dir nicht, so wie er ist, mit +Öl im Haar, aber ohne Kleider, ohne Schuhe, ohne Geld?" + +Lachend rief Kamala: "Nein, Werter, er genügt noch nicht. Kleider muß +er haben, hübsche Kleider, und Schuhe, hübsche Schuhe, und viel Geld +im Beutel, und Geschenke für Kamala. Weißt du es nun, Samana aus dem +Walde? Hast du es dir gemerkt?" + +"Wohl habe ich es mir gemerkt," rief Siddhartha. "Wie sollte ich mir +nicht merken, was aus einem solchen Munde kommt! Dein Mund ist wie +eine frisch aufgebrochene Feige, Kamala. Auch mein Mund ist rot und +frisch, er wird zu deinem passen, du wirst sehen.--Aber sage, schöne +Kamala, hast du gar keine Furcht vor dem Samana aus dem Walde, der +gekommen ist, um Liebe zu lernen?" + +"Warum sollte ich denn Furcht vor einem Samana haben, einem dummen +Samana aus dem Walde, der von den Schakalen kommt und noch gar nicht +weiß, was Frauen sind?" + +"O, er ist stark, der Samana, und er fürchtet nichts. Er könnte dich +zwingen, schönes Mädchen. Er könnte dich rauben. Er könnte dir weh +tun." + +"Nein, Samana, das fürchte ich nicht. Hat je ein Samana oder ein +Brahmane gefürchtet, einer könnte kommen und ihn packen und ihm seine +Gelehrsamkeit, und seine Frömmigkeit, und seinen Tiefsinn rauben? +Nein, denn die gehören ihm zu eigen und er gibt davon nur, was er +geben will und wem er geben will. So ist es, genau ebenso ist es auch +mit Kamala, und mit den Freuden der Liebe. Schön und rot ist Kamalas +Mund, aber versuche, ihn gegen Kamalas Willen zu küssen, und nicht +einen Tropfen Süßigkeit wirst du von ihm haben, der so viel Süßes zu +geben versteht! Du bist gelehrig, Siddhartha, so lerne auch dies: +Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse +finden, aber rauben kann man sie nicht. Da hast du dir einen falschen +Weg ausgedacht. Nein, schade wäre es, wenn ein hübscher Jüngling wie +du es so falsch angreifen wollte." + +Siddhartha verneigte sich lächelnd. "Schade wäre es, Kamala, wie +sehr hast du recht! Überaus schade wäre es. Nein, von deinem Munde +soll mir kein Tropfen Süßigkeit verloren gehen, noch dir von dem +meinen! Es bleibt also dabei: Siddhartha wird wiederkommen, wenn er +hat, was ihm noch fehlt: Kleider, Schuhe, Geld. Aber sprich, holde +Kamala, kannst du mir nicht noch einen kleinen Rat geben?" + +"Einen Rat? Warum nicht? Wer wollte nicht gerne einem armen, +unwissenden Samana, der von den Schakalen aus dem Walde kommt, einen +Rat geben?" + +"Liebe Kamala, so rate mir wohin soll ich gehen, daß ich am raschesten +jene drei Dinge finde?" + +"Freund, das möchten viele wissen. Du mußt tun, was du gelernt hast, +und dir dafür Geld geben lassen, und Kleider, und Schuhe. Anders +kommt ein Armer nicht zu Geld. Was kannst du denn?" + +"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten." + +"Nichts sonst?" + +"Nichts. Doch, ich kann auch dichten. Willst du mir für ein Gedicht +einen Kuß geben?" + +"Das will ich tun, wenn dein Gedicht mir gefällt. Wie heißt es denn?" + +Siddhartha sprach, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte, +diese Verse: + +In ihren schattigen Hain trat die schöne Kamala, + +An Haines Eingang stand der braune Samana. + +Tief, da er die Lotusblüte erblickte, + +Beugte sich jener, lächelnd dankte Kamala. + +Lieblicher, dachte der Jüngling, als Göttern zu opfern, + +Lieblicher ist es zu opfern der schönen Kamala. + +Laut klatschte Kamala in die Hände, daß die goldenen Armringe klangen. + +"Schön sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere +nichts, wenn ich dir einen Kuß für sie gebe." + +Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres, +und legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene +Feige war. Lange küßte ihn Kamala, und mit tiefem Erstaunen fühlte +Siddhartha, wie sie ihn lehrte, wie sie weise war, wie sie ihn +beherrschte, ihn zurückwies, ihn lockte, und wie hinter diesem ersten +eine lange, eine wohlgeordnete, wohlerprobte Reihe von Küssen stand, +jeder vom andern verschieden, die ihn noch erwarteten. Tief atmend +blieb er stehen, und war in diesem Augenblick wie ein Kind erstaunt +über die Fülle des Wissens und Lernenswerten, die sich vor seinen +Augen erschloß. + +"Sehr schön sind deine Verse," rief Kamala, "wenn ich reich wäre, gäbe +ich dir Goldstücke dafür. Aber schwer wird es dir werden, mit Versen +so viel Geld zu erwerben, wie du brauchst. Denn du brauchst viel Geld, +wenn du Kamalas Freund sein willst." + +"Wie kannst du küssen, Kamala!" stammelte Siddhartha. + +"Ja, das kann ich schon, darum fehlt es mir auch nicht an Kleidern, +Schuhen, Armbändern und allen schönen Dingen. Aber was wird aus dir +werden? Kannst du nichts als denken, fasten, dichten?" + +"Ich kann auch die Opferlieder," sagte Siddhartha, "aber ich will sie +nicht mehr singen. Ich kann auch Zaubersprüche, aber ich will sie +nicht mehr sprechen. Ich habe die Schriften gelesen--" + +"Halt," unterbrach ihn Kamala. "Du kannst lesen? Und schreiben?" + +"Gewiß kann ich das. Manche können das." + +"Die meisten können es nicht. Auch ich kann es nicht. Es ist sehr +gut, daß du lesen und schreiben kannst, sehr gut. Auch die +Zaubersprüche wirst du noch brauchen können." + +In diesem Augenblick kam eine Dienerin gelaufen und flüsterte der +Herrin eine Nachricht ins Ohr. + +"Ich bekomme Besuch," rief Kamala. "Eile und verschwinde, Siddhartha, +niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich +wieder." + +Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein weißes Obergewand +zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich Siddhartha von +der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus gebracht, mit +einem Oberkleid beschenkt, ins Gebüsch geführt und dringlich ermahnt, +sich alsbald ungesehen aus dem Hain zu verlieren. + +Zufrieden tat er, wie ihm geheißen war. Des Waldes gewohnt, brachte +er sich lautlos aus dem Hain und über die Hecke. Zufrieden kehrte er +in die Stadt zurück, das zusammengerollte Kleid unterm Arme tragend. +In einer Herberge, wo Reisende einkehrten, stellte er sich an die Tür, +bat schweigend um Essen, nahm schweigend ein Stück Reiskuchen an. +Vielleicht schon morgen, dachte er, werde ich niemand mehr um Essen +bitten. + +Stolz flammte plötzlich in ihm auf. Er war kein Samana mehr, nicht +mehr stand es ihm an, zu betteln. Er gab den Reiskuchen einem Hunde +und blieb ohne Speise. + +"Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier führt," dachte +Siddhartha. "Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, mühsam +und am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles +leicht, leicht wie der Unterricht im Küssen, den mir Kamala gibt. Ich +brauche Kleider und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele, +sie stören einem nicht den Schlaf." + +Längst hatte er das Stadthaus Kamalas erkundet, dort fand er sich am +andern Tage ein. + +"Es geht gut," rief sie ihm entgegen. "Du wirst bei Kamaswami +erwartet, er ist der reichste Kaufmann dieser Stadt. Wenn du ihm +gefällst, wird er dich in Dienst nehmen. Sei klug, brauner Samana. +Ich habe ihm durch andre von dir erzählen lassen. Sei freundlich +gegen ihn, er ist sehr mächtig. Aber sei nicht zu bescheiden! Ich +will nicht, daß du sein Diener wirst, du sollst seinesgleichen werden, +sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami fängt an, alt und +bequem zu werden. Gefällst du ihm, so wird er dir viel anvertrauen." + +Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern +und heute nichts gegessen, ließ sie Brot und Früchte bringen und +bewirtete ihn. + +"Du hast Glück gehabt," sagte sie beim Abschied, "eine Tür um die +andre tut sich dir auf. Wie kommt das wohl? Hast du einen Zauber?" + +Siddhartha sagte: "Gestern erzählte ich dir, ich verstünde zu denken, +zu warten und zu fasten, du aber fandest, das sei zu nichts nütze. Es +ist aber zu vielem nütze, Kamala, du wirst es sehen. Du wirst sehen, +daß die dummen Samanas im Walde viel Hübsches lernen und können, das +Ihr nicht könnet. Vorgestern war ich noch ein struppiger Bettler, +gestern habe ich schon Kamala geküßt, und bald werde ich ein Kaufmann +sein und Geld haben und all diese Dinge, auf die du Wert legst." + +"Nun ja," gab sie zu. "Aber wie stünde es mit dir ohne mich? Was +wärest du, wenn Kamala dir nicht hülfe?" + +"Liebe Kamala," sagte Siddhartha und richtete sich hoch auf, "als ich +zu dir in deinen Hain kam, tat ich den ersten Schritt. Es war mein +Vorsatz, bei dieser schönsten Frau die Liebe zu lernen. Von jenem +Augenblick an, da ich den Vorsatz faßte, wußte ich auch, daß ich ihn +ausführen werde. Ich wußte, daß du mir helfen würdest, bei deinem +ersten Blick am Eingang des Haines wußte ich es schon." + +"Wenn ich aber nicht gewollt hätte?" + +"Du hast gewollt. Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst, +so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist +es, wenn Siddhartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddhartha tut +nichts, er wartet, er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge +der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne +sich zu rühren; er wird gezogen, er läßt sich fallen. Sein Ziel zieht +ihn an sich, denn er läßt nichts in seine Seele ein, was dem Ziel +widerstreben könnte. Das ist es, was Siddhartha bei den Samanas +gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie +meinen, es werde durch die Dämonen bewirkt. Nichts wird von Dämonen +bewirkt, es gibt keine Dämonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine +Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er +fasten kann." + +Kamala hörte ihm zu. Sie liebte seine Stimme, sie liebte den Blick +seiner Augen. + +"Vielleicht ist es so," sagte sie leise, "wie du sprichst, Freund. +Vielleicht ist es aber auch so, daß Siddhartha ein hübscher Mann ist, +daß sein Blick den Frauen gefällt, daß darum das Glück ihm +entgegenkommt." + +Mit einem Kuß nahm Siddhartha Abschied. "Möge es so sein, meine +Lehrerin. Möge immer mein Blick dir gefallen, möge immer von dir mir +Glück entgegenkommen!" + + + + +BEI DEN KINDERMENSCHEN + +Siddhartha ging zum Kaufmann Kamaswami, in ein reiches Haus ward er +gewiesen, Diener führten ihn zwischen kostbaren Teppichen in ein +Gemach, wo er den Hausherrn erwartete. + +Kamaswami trat ein, ein rascher, geschmeidiger Mann mit stark +ergrauendem Haar, mit sehr klugen, vorsichtigen Augen, mit einem +begehrlichen Mund. Freundlich begrüßten sich Herr und Gast. + +"Man hat mir gesagt," begann der Kaufmann, "daß du ein Brahmane bist, +ein Gelehrter, daß du aber Dienste bei einem Kaufmann suchst. Bist du +denn in Not geraten, Brahmane, daß du Dienste suchst?" + +"Nein," sagte Siddhartha, "ich bin nicht in Not geraten und bin nie in +Not gewesen. Wisse, daß ich von den Samanas komme, bei welchen ich +lange Zeit gelebt habe." + +"Wenn du von den Samanas kommst, wie solltest du da nicht in Not sein? +Sind nicht die Samanas völlig besitzlos?", + +"Besitzlos bin ich," sagte Siddhartha, "wenn es das ist, was du meinst. +Gewiß bin ich besitzlos. Doch bin ich es freiwillig, bin also nicht +in Not." + +"Wovon aber willst du leben, wenn du besitzlos bist?" + +"Ich habe daran noch nie gedacht, Herr. Ich bin mehr als drei Jahre +besitzlos gewesen, und habe niemals daran gedacht, wovon ich leben +solle." + +"So hast du vom Besitz anderer gelebt." + +"Vermutlich ist es so. Auch der Kaufmann lebt ja von der Habe anderer." + +"Wohl gesprochen. Doch nimmt er von den andern das Ihre nicht umsonst; +er gibt ihnen seine Waren dafür." + +"So scheint es sich in der Tat zu verhalten. Jeder nimmt, jeder gibt, +so ist das Leben." + +"Aber erlaube: wenn du besitzlos bist, was willst du da geben?" + +"Jeder gibt, was er hat. Der Krieger gibt Kraft, der Kaufmann gibt +Ware, der Lehrer Lehre, der Bauer Reis, der Fischer Fische." + +"Sehr wohl. Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es, +das du gelernt hast, das du kannst?" + +"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten." + +"Das ist alles?" + +"Ich glaube, es ist alles!" + +"Und wozu nützt es? Zum Beispiel das Fasten--wozu ist es gut?" + +"Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist +Fasten das Allerklügste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel, +Siddhartha nicht fasten gelernt hätte, so müßte er heute noch +irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der +Hunger würde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten, +er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich +vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist +Fasten gut." + +"Du hast Recht, Samana. Warte einen Augenblick." + +Kamaswami ging hinaus und kehrte mit einer Rolle wieder, die er seinem +Gaste hinreichte, indem er fragte: "Kannst du dies lesen?" + +Siddhartha betrachtete die Rolle, in welcher ein Kaufvertrag +niedergeschrieben war, und begann ihren Inhalt vorzulesen. + +"Vortrefflich", sagte Kamaswami. "Und willst du mir etwas auf dieses +Blatt schreiben?" + +Er gab ihm ein Blatt und einen Griffel, und Siddhartha schrieb und gab +das Blatt zurück. + +Kamaswami las: "Schreiben ist gut, Denken ist besser. Klugheit ist +gut, Geduld ist besser." + +"Vorzüglich verstehst du zu schreiben," lobte der Kaufmann. "Manches +werden wir noch miteinander zu sprechen haben. Für heute bitte ich +dich, sei mein Gast und nimm in diesem Hause Wohnung." + +Siddhartha dankte und nahm an, und wohnte nun im Hause des Händlers. +Kleider wurden ihm gebracht, und Schuhe, und ein Diener bereitete ihm +täglich das Bad. Zweimal am Tage wurde eine reichliche Mahlzeit +aufgetragen, Siddhartha aber aß nur einmal am Tage, und aß weder +Fleisch noch trank er Wein. Kamaswami erzählte ihm von seinem Handel, +zeigte ihm Waren und Magazine, zeigte ihm Berechnungen. Vieles Neue +lernte Siddhartha kennen, er hörte viel und sprach wenig. Und der +Worte Kamalas eingedenk, ordnete er sich niemals dem Kaufmanne unter, +zwang ihn, daß er ihn als seinesgleichen, ja als mehr denn +seinesgleichen behandle. Kamaswami betrieb seine Geschäfte mit +Sorglichkeit und oft mit Leidenschaft, Siddhartha aber betrachtete +dies alles wie ein Spiel, dessen Regeln genau zu lernen er bemüht war, +dessen Inhalt aber sein Herz nicht berührte. + +Nicht lange war er in Kamaswamis Hause, da nahm er schon an seines +Hausherrn Handel teil. Täglich aber zu der Stunde, die sie ihm nannte, +besuchte er die schöne Kamala, in hübschen Kleidern, in feinen +Schuhen, und bald brachte er ihr auch Geschenke mit. Vieles lehrte +ihn ihr roter, kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte, +geschmeidige Hand. Ihm, der in der Liebe noch ein Knabe war und dazu +neigte, sich blindlings und unersättlich in die Lust zu stürzen wie +ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, daß man Lust nicht +nehmen kann, ohne Lust zu geben, und daß jede Gebärde, jedes +Streicheln, jede Berührung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des +Körpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Glück bereitet. +Sie lehrte ihn, daß Liebende nach einer Liebesfeier nicht voneinander +gehen dürfen, ohne eins das andere zu bewundern, ohne ebenso besiegt +zu sein, wie gesiegt zu haben, so daß bei keinem von beiden +Übersättigung und Öde entstehe und das böse Gefühl, mißbraucht zu +haben oder mißbraucht worden zu sein. Wunderbare Stunden brachte er +bei der schönen und klugen Künstlerin zu, wurde ihr Schüler, ihr +Liebhaber, ihr Freund. Hier bei Kamala lag der Wert und Sinn seines +jetzigen Lebens, nicht im Handel des Kamaswami. + +Der Kaufmann übertrug ihm das Schreiben wichtiger Briefe und Verträge, +und gewöhnte sich daran, alle wichtigen Angelegenheiten mit ihm zu +beraten. Er sah bald, daß Siddhartha von Reis und Wolle, von +Schiffahrt und Handel wenig verstand, daß aber seine Hand eine +glückliche war, und daß Siddhartha ihn, den Kaufmann, übertraf an Ruhe +und Gleichmut, und in der Kunst des Zuhörenkönnens und Eindringens in +fremde Menschen. "Dieser Brahmane," sagte er zu einem Freunde, "ist +kein richtiger Kaufmann und wird nie einer werden, nie ist seine Seele +mit Leidenschaft bei den Geschäften. Aber er hat das Geheimnis jener +Menschen, zu welchen der Erfolg von selber kommt, sei das nun ein +angeborener guter Stern, sei es Zauber, sei es etwas, das er bei den +Samanas gelernt hat. Immer scheint er mit den Geschäften nur +zu spielen, nie gehen sie ganz in ihn ein, nie beherrschen sie ihn, nie +fürchtet er Mißerfolg, nie bekümmert ihn ein Verlust." + +Der Freund riet dem Händler: "Gib ihm von den Geschäften, die er für +dich treibt, einen Drittel vom Gewinn, laß ihn aber auch denselben +Anteil des Verlustes treffen, wenn Verlust entsteht. So wird er +eifriger werden." + +Kamaswami folgte dem Rat. Siddhartha aber kümmerte sich wenig darum. +Traf ihn Gewinn, so nahm er ihn gleichmütig hin; traf ihn Verlust, so +lachte er und sagte: "Ei sieh, dies ist also schlecht gegangen!" + +Es schien in der Tat, als seien die Geschäfte ihm gleichgültig. +Einmal reiste er in ein Dorf, um dort eine große Reisernte aufzukaufen. +Als er ankam, war aber der Reis schon an einen andern Händler +verkauft. Dennoch blieb Siddhartha manche Tage in jenem Dorf, +bewirtete die Bauern, schenkte ihren Kindern Kupfermünzen, feierte +eine Hochzeit mit und kam überaus zufrieden von der Reise zurück. +Kamaswami machte ihm Vorwürfe, daß er nicht sogleich umgekehrt sei, +daß er Zeit und Geld vergeudet habe. Siddhartha antwortete: "Laß das +Schelten, lieber Freund! Noch nie ist mit Schelten etwas erreicht +worden. Ist Verlust entstanden, so laß mich den Verlust tragen. Ich +bin sehr zufrieden mit dieser Reise. Ich habe vielerlei Menschen +kennengelernt, ein Brahmane ist mein Freund geworden, Kinder sind auf +meinen Knien geritten, Bauern haben mir ihre Felder gezeigt, niemand +hat mich für einen Händler gehalten." + +"Sehr hübsch ist dies alles," rief Kamaswami unwillig, "aber +tatsächlich bist du doch ein Händler, sollte ich meinen! Oder bist du +denn nur zu deinem Vergnügen gereist?" + +"Gewiß," lachte Siddhartha, "gewiß bin ich zu meinem Vergnügen gereist. +Wozu denn sonst? Ich habe Menschen und Gegenden kennengelernt, ich +habe Freundlichkeit und Vertrauen genossen, ich habe Freundschaft +gefunden. Sieh, Lieber, wenn ich Kamaswami gewesen wäre, so wäre ich +sofort, als ich meinen Kauf vereitelt sah, voll Ärger und in Eile +wieder zurückgereist, und Zeit und Geld wäre in der Tat verloren +gewesen. So aber habe ich gute Tage gehabt, habe gelernt, habe Freude +genossen, habe weder mich noch andre durch Ärger und durch +Eilfertigkeit geschädigt. Und wenn ich jemals wieder dorthin komme, +vielleicht um eine spätere Ernte zu kaufen, oder zu welchem Zwecke es +sei, so werden freundliche Menschen mich freundlich und heiter +empfangen, und ich werde mich dafür loben, daß ich damals nicht Eile +und Unmut gezeigt habe. Also laß gut sein, Freund, und schade dir +nicht durch Schelten! Wenn der Tag kommt, an dem du sehen wirst: +Schaden bringt mir dieser Siddhartha, dann sprich ein Wort, und +Siddhartha wird seiner Wege gehen. Bis dahin aber laß uns einer mit +dem andern zufrieden sein." + +Vergeblich waren auch die Versuche des Kaufmanns, Siddhartha zu +überzeugen, daß er sein, Kamaswamis, Brot esse. Siddhartha aß sein +eignes Brot, vielmehr sie beide aßen das Brot anderer, das Brot aller. +Niemals hatte Siddhartha ein Ohr für Kamaswamis Sorgen, und Kamaswami +machte sich viele Sorgen. War ein Geschäft im Gange, welchem +Mißerfolg drohte, schien eine Warensendung verloren, schien ein +Schuldner nicht zahlen zu können, nie konnte Kamaswami seinen +Mitarbeiter überzeugen, daß es nützlich sei, Worte des Kummers oder +des Zornes zu verlieren, Falten auf der Stirn zu haben, schlecht zu +schlafen. Als ihm Kamaswami einstmals vorhielt, er habe alles, was er +verstehe, von ihm gelernt, gab er zur Antwort: "Wolle mich doch nicht +mit solchen Späßen zum Besten haben! Von dir habe ich gelernt, +wieviel ein Korb voll Fische kostet, und wieviel Zins man für +geliehenes Geld fordern kann. Das sind deine Wissenschaften. Denken +habe ich nicht bei dir gelernt, teurer Kamaswami, suche lieber du es +von mir zu lernen." + +In der Tat war seine Seele nicht beim Handel. Die Geschäfte waren gut, +um ihm Geld für Kamala einzubringen, und sie brachten weit mehr ein, +als er brauchte. Im übrigen war Siddharthas Teilnahme und Neugierde +nur bei den Menschen, deren Geschäfte, Handwerke, Sorgen, +Lustbarkeiten und Torheiten ihm früher fremd und fern gewesen waren +wie der Mond. So leicht es ihm gelang, mit allen zu sprechen, mit +allen zu leben, von allen zu lernen, so sehr ward ihm dennoch bewußt, +daß etwas sei, was ihn von ihnen trenne, und dies Trennende war sein +Samanatum. Er sah die Menschen auf eine kindliche oder tierhafte Art +dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie +sich mühen, sah sie leiden und grau werden um Dinge, die ihm dieses +Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine Lust, um kleine Ehren, +er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah sie um Schmerzen +wehklagen, über die der Samana lächelt, und unter Entbehrungen leiden, +die ein Samana nicht fühlt. + +Allem stand er offen, was diese Menschen ihm zubrachten. Willkommen +war ihm der Händler, der ihm Leinwand zum Kauf anbot, willkommen der +Verschuldete, der ein Darlehen suchte, willkommen der Bettler, der ihm +eine Stunde lang die Geschichte seiner Armut erzählte, und welcher +nicht halb so arm war als ein jeder Samana. Den reichen ausländischen +Händler behandelte er nicht anders als den Diener, der ihn rasierte, +und den Straßenverkäufer, von dem er sich beim Bananenkauf um kleine +Münze betrügen ließ. Wenn Kamaswami zu ihm kam, um über seine Sorgen +zu klagen oder ihm wegen eines Geschäftes Vorwürfe zu machen, so hörte +er neugierig und heiter zu, wunderte sich über ihn, suchte ihn zu +verstehen, ließ ihn ein wenig Recht haben, eben soviel als ihm +unentbehrlich schien, und wandte sich von ihm ab, dem Nächsten zu, der +ihn begehrte. Und es kamen viele zu ihm, viele um mit ihm zu handeln, +viele um ihn zu betrügen, viele um ihn auszuhorchen, viele um sein +Mitleid anzurufen, viele um seinen Rat zu hören. Er gab Rat, er +bemitleidete, er schenkte, er ließ sich ein wenig betrügen, und dieses +ganze Spiel und die Leidenschaft, mit welcher alle Menschen dies Spiel +betrieben, beschäftigte seine Gedanken ebensosehr, wie einst die +Götter und das Brahman sie beschäftigt hatten. + +Zuzeiten spürte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme, +die mahnte leise, klagte leise, kaum daß er sie vernahm. Alsdann kam +ihm für eine Stunde zum Bewußtsein, daß er ein seltsames Leben führe, +daß er da lauter Dinge tue, die bloß ein Spiel waren, daß er wohl +heiter sei und zuweilen Freude fühle, daß aber das eigentliche Leben +dennoch an ihm vorbeifließe und ihn nicht berühre. Wie ein +Ballspieler mit seinen Bällen spielt, so spielte er mit seinen +Geschäften, mit den Menschen seiner Umgebung, sah ihnen zu, fand +seinen Spaß an ihnen; mit dem Herzen, mit der Quelle seines Wesens war +er nicht dabei. Die Quelle lief irgendwo, wie fern von ihm, lief und +lief unsichtbar, hatte nichts mehr mit seinem Leben zu tun. Und +einigemal erschrak er ob solchen Gedanken und wünschte sich, es möge +doch auch ihm gegeben sein, bei all dem kindlichen Tun des Tages mit +Leidenschaft und mit dem Herzen beteiligt zu sein, wirklich zu leben, +wirklich zu tun, wirklich zu genießen und zu leben, statt nur so als +ein Zuschauer daneben zu stehen. Immer aber kam er wieder zur schönen +Kamala, lernte Liebeskunst, übte den Kult der Lust, bei welchem mehr +als irgendwo geben und nehmen zu einem wird, plauderte mit ihr, lernte +von ihr, gab ihr Rat, empfing Rat. Sie verstand ihn besser, als +Govinda ihn einst verstanden hatte, sie war ihm ähnlicher. + +Einmal sagte er zu ihr: "Du bist wie ich, du bist anders als die +meisten Menschen. Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist +eine Stille und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und +bei dir daheim sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen +haben das, und doch könnten alle es haben." + +"Nicht alle Menschen sind klug," sagte Kamala. + +"Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso +klug wie ich, und hat doch keine Zuflucht in sich. Andre haben sie, +die an Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala, +sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft, +und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie +Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich +selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn. Unter allen Gelehrten und +Samanas, deren ich viele kannte, war einer von dieser Art, ein +Vollkommener, nie kann ich ihn vergessen. Es ist jener Gotama, der +Erhabene, der Verkündiger jener Lehre. Tausend Jünger hören jeden Tag +seine Lehre, folgen jede Stunde seiner Vorschrift, aber sie alle +sind fallendes Laub, nicht in sich selbst haben sie Lehre und Gesetz." + +Kamala betrachtete ihn mit Lächeln. "Wieder redest du von ihm," sagte +sie, "wieder hast du Samana-Gedanken." + +Siddhartha schwieg, und sie spielten das Spiel der Liebe, eines von +den dreißig oder vierzig verschiedenen Spielen, welche Kamala wußte. +Ihr Leib war biegsam wie der eines Jaguars, und wie der Bogen eines +Jägers; wer von ihr die Liebe gelernt hatte, war vieler Lüste, vieler +Geheimnisse kundig. Lange spielte sie mit Siddhartha, lockte ihn, wies +ihn zurück, zwang ihn, umspannte ihn: freute sich seiner Meisterschaft, +bis er besiegt war und erschöpft an ihrer Seite ruhte. + +Die Hetäre beugte sich über ihn, sah lang in sein Gesicht, in seine +müdgewordenen Augen. + +"Du bist der beste Liebende," sagte sie nachdenklich, "den ich gesehen +habe. Du bist stärker als andre, biegsamer, williger. Gut hast du +meine Kunst gelernt, Siddhartha. Einst, wenn ich älter bin, will ich +von dir ein Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Samana +geblieben, dennoch liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen. +Ist es nicht so?" + +"Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha müde. "Ich bin wie du. Auch +du liebst nicht--wie könntest du sonst die Liebe als eine Kunst +betreiben? Die Menschen von unserer Art können vielleicht nicht +lieben. Die Kindermenschen können es; das ist ihr Geheimnis." + + + + +SANSARA + +Lange Zeit hatte Siddhartha das Leben der Welt und der Lüste gelebt, +ohne ihm doch anzugehören. Seine Sinne, die er in heißen +Samana-Jahren ertötet hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum +gekostet, hatte Wollust gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er +lange Zeit im Herzen noch ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die +Kluge, richtig erkannt. Immer noch war es die Kunst des Denkens, des +Wartens, des Fastens, von welcher sein Leben gelenkt wurde, immer noch +waren die Menschen der Welt, die Kindermenschen, ihm fremd geblieben, +wie er ihnen fremd war. + +Die Jahre liefen dahin, in Wohlergehen eingehüllt fühlte Siddhartha +ihr Schwinden kaum. Er war reich geworden, er besaß längst ein +eigenes Haus und eigene Dienerschaft, und einen Garten vor der Stadt +am Flusse. Die Menschen hatten ihn gerne, sie kamen zu ihm, wenn sie +Geld oder Rat brauchten, niemand aber stand ihm nahe, außer Kamala. + +Jenes hohe, helle Wachsein, welches er einst, auf der Höhe seiner +Jugend, erlebt hatte, in den Tagen nach Gotamas Predigt, nach der +Trennung von Govinda, jene gespannte Erwartung, jenes stolze +Alleinstehen ohne Lehren und ohne Lehrer, jene geschmeidige +Bereitschaft, die göttliche Stimme im eigenen Herzen zu hören, war +allmählich Erinnerung geworden, war vergänglich gewesen; fern und +leise rauschte die heilige Quelle, die einst nahe gewesen war, die +einst in ihm selber gerauscht hatte. Vieles zwar, das er von den +Samanas gelernt, das er von Gotama gelernt, das er von seinem Vater, +dem Brahmanen, gelernt hatte, war noch lange Zeit in ihm geblieben: +mäßiges Leben, Freude am Denken, Stunden der Versenkung, heimliches +Wissen vom Selbst, vom ewigen Ich, das nicht Körper noch Bewußtsein +ist. Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war +untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des +Töpfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam +ermüdet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der +Askese, das Rad des Denkens, das Rad der Unterscheidung lange weiter +geschwungen, schwang immer noch, aber es schwang langsam und zögernd +und war dem Stillstand nahe. Langsam, wie Feuchtigkeit in den +absterbenden Baumstrunk dringt, ihn langsam füllt und faulen macht, +war Welt und Trägheit in Siddharthas Seele gedrungen, langsam füllte +sie seine Seele, machte sie schwer, machte sie müde, schläferte sie +ein. Dafür waren seine Sinne lebendig geworden, viel hatten sie +gelernt, viel erfahren. + +Siddhartha hatte gelernt, Handel zu treiben, Macht über Menschen +auszuüben, sich mit dem Weibe zu vergnügen, er hatte gelernt, schöne +Kleider zu tragen, Dienern zu befehlen, sich in wohlriechenden Wassern +zu baden. Er hatte gelernt, zart und sorgfältig bereitete Speisen zu +essen, auch den Fisch, auch Fleisch und Vogel, Gewürze und Süßigkeiten, +und den Wein zu trinken, der träge und vergessen macht. Er hatte +gelernt, mit Würfeln und auf dem Schachbrette zu spielen, Tänzerinnen +zuzusehen, sich in der Sänfte tragen zu lassen, auf einem weichen Bett +zu schlafen. Aber immer noch hatte er sich von den andern verschieden +und ihnen überlegen gefühlt, immer hatte er ihnen mit ein wenig Spott +zugesehen, mit ein wenig spöttischer Verachtung, mit eben jener +Verachtung, wie sie ein Samana stets für Weltleute fühlt. Wenn +Kamaswami kränklich war, wenn er ärgerlich war, wenn er sich beleidigt +fühlte, wenn er von seinen Kaufmannssorgen geplagt wurde, immer hatte +Siddhartha es mit Spott angesehen. Langsam und unmerklich nur, mit +den dahingehenden Erntezeiten und Regenzeiten, war sein Spott müder +geworden, war seine Überlegenheit stiller geworden. Langsam nur, +zwischen seinen wachsenden Reichtümern, hatte Siddhartha selbst etwas +von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer +Kindlichkeit und von ihrer Ängstlichkeit. Und doch beneidete er sie, +beneidete sie desto mehr, je ähnlicher er ihnen wurde. Er beneidete +sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit, +welche sie ihrem Leben beizulegen vermochten, um die +Leidenschaftlichkeit ihrer Freuden und Ängste, um das bange aber süße +Glück ihrer ewigen Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre +Kinder, in Ehre oder Geld, in Pläne oder Hoffnungen verliebt waren +diese Menschen immerzu. Er aber lernte dies nicht von ihnen, gerade +dies nicht, diese Kinderfreude und Kindertorheit; er lernte von ihnen +gerade das Unangenehme, was er selbst verachtete. Es geschah immer +öfter, daß er am Morgen nach einem geselligen Abend lange liegen blieb +und sich dumpf und müde fühlte. Es geschah, daß er ärgerlich und +ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit seinen Sorgen lang weilte. +Es geschah, daß er allzu laut lachte, wenn er im Würfelspiel verlor. +Sein Gesicht war noch immer klüger und geistiger als andre, aber es +lachte selten, und nahm einen um den andern jene Züge an, die man im +Gesicht reicher Leute so häufig findet, jene Züge der Unzufriedenheit, +der Kränklichkeit, des Mißmutes, der Trägheit, der Lieblosigkeit. +Langsam ergriff ihn die Seelenkrankheit der Reichen. + +Wie ein Schleier, wie ein dünner Nebel senkte sich Müdigkeit über +Siddhartha, langsam, jeden Tag ein wenig dichter, jeden Monat ein +wenig trüber, jedes Jahr ein wenig schwerer. Wie ein neues Kleid mit +der Zeit alt wird, mit der Zeit seine schöne Farbe verliert, Flecken +bekommt, Falten bekommt, an den Säumen abgestoßen wird und hier und +dort blöde, fädige Stellen zu zeigen beginnt, so war Siddharthas neues +Leben, das er nach seiner Trennung von Govinda begonnen hatte, alt +geworden, so verlor es mit den hinrinnenden Jahren Farbe und Glanz, so +sammelten sich Falten und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen, +hier und dort schon häßlich hervorblickend, wartete Enttäuschung und +Ekel. Siddhartha merkte es nicht. Er merkte nur, dass jene helle und +sichere Stimme seines Innern, die einst in ihm erwacht war und ihn in +seinen glänzenden Zeiten je und je geleitet hatte, schweigsam +geworden war. + +Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die +Trägheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das +törichteste stets am meisten verachtet und gehöhnt hatte: die Habgier. +Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schließlich +eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last +geworden. Auf einem seltsamen und listigen Wege war Siddhartha in +diese letzte und schnödeste Abhängigkeit geraten, durch das +Würfelspiel. Seit der Zeit nämlich, da er im Herzen aufgehört hatte, +ein Samana zu sein, begann Siddhartha das Spiel um Geld und +Kostbarkeiten, das er sonst lächelnd und lässig als eine Sitte der +Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und +Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefürchteter Spieler, wenige +wagten es mit ihm, so hoch und frech waren seine Einsätze. Er trieb +das Spiel aus der Not seines Herzens, das Verspielen und Verschleudern +des elenden Geldes schuf ihm eine zornige Freude, auf keine andre +Weise konnte er seine Verachtung des Reichtums, des Götzen der +Kaufleute, deutlicher und höhnischer zeigen. So spielte er hoch und +schonungslos, sich selbst hassend, sich selbst verhöhnend, strich +Tausende ein, warf Tausende weg, verspielte Geld, verspielte Schmuck, +verspielte ein Landhaus, gewann wieder, verspielte wieder. Jene Angst, +jene furchtbare und beklemmende Angst, welche er während des Würfelns, +während des Bangens um hohe Einsätze empfand, jene Angst liebte er +und suchte sie immer zu erneuern, immer zu steigern, immer höher zu +kitzeln, denn in diesem Gefühl allein noch fühlte er etwas wie Glück, +etwas wie Rausch, etwas wie erhöhtes Leben inmitten seines gesättigten, +lauen, faden Lebens. + +Und nach jedem großen Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging +eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen, +denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem +Reichtum seine Verachtung zeigen. Siddhartha verlor die Gelassenheit +bei Verlusten, er verlor die Geduld gegen säumige Zahler, verlor die +Gutmütigkeit gegen Bettler, verlor die Lust am Verschenken und +Wegleihen des Geldes an Bittende. Er, der zehntausend auf einen Wurf +verspielte und dazu lachte, wurde im Handel strenger und kleinlicher, +träumte nachts zuweilen von Geld! Und so oft er aus dieser häßlichen +Bezauberung erwachte, so oft er sein Gesicht im Spiegel an der +Schlafzimmerwand gealtert und häßlicher geworden sah, so oft Scham und +Ekel ihn überfiel, floh er weiter, floh in neues Glücksspiel, floh in +Betäubungen der Wollust, des Weines, und von da zurück in den Trieb +des Häufens und Erwerbens. In diesem sinnlosen Kreislauf lief er sich +müde, lief er sich alt, lief sich krank. + +Da mahnte ihn einst ein Traum. Er war die Abendstunden bei Kamala +gewesen, in ihrem schönen Lustgarten. Sie waren unter den Bäumen +gesessen, im Gespräch, und Kamala hatte nachdenkliche Worte gesagt, +Worte, hinter welchen sich eine Trauer und Müdigkeit verbarg. Von +Gotama hatte sie ihn gebeten zu erzählen, und konnte nicht genug von +ihm hören, wie rein sein Auge, wie still und schön sein Mund, wie +gütig sein Lächeln, wie friedevoll sein Gang gewesen. Lange hatte er +ihr vom erhabenen Buddha erzählen müssen, und Kamala hatte geseufzt, +und hatte gesagt: "Einst, vielleicht bald, werde auch ich diesem Buddha +folgen. Ich werde ihm meinen Lustgarten schenken, und werde meine +Zuflucht zu seiner Lehre nehmen." Darauf aber hatte sie ihn gereizt, +und ihn im Liebesspiel mit schmerzlicher Inbrunst an sich gefesselt, +unter Bissen und unter Tränen, als wolle sie noch einmal aus dieser +eiteln, vergänglichen Lust den letzten süßen Tropfen pressen. Nie war +es Siddhartha so seltsam klar geworden, wie nahe die Wollust dem Tode +verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite gelegen, und Kamalas Antlitz +war ihm nahe gewesen, und unter ihren Augen und neben ihren +Mundwinkeln hatte er, deutlich wie noch niemals, eine bange Schrift +gelesen, eine Schrift von feinen Linien, von leisen Furchen, eine +Schrift, die an den Herbst und an das Alter erinnerte, wie denn auch +Siddhartha selbst, der erst in den Vierzigen stand, schon hier und +dort ergraute Haare zwischen seinen schwarzen bemerkt hatte. +Müdigkeit stand auf Kamalas schönem Gesicht geschrieben, Müdigkeit vom +Gehen eines langen Weges, der kein frohes Ziel hat, Müdigkeit und +beginnende Welke, und verheimlichte, noch nicht gesagte, vielleicht +noch nicht einmal gewußte Bangigkeit: Furcht vor dem Alter, Furcht vor +dem Herbste, Furcht vor dem Sterbenmüssen. Seufzend hatte er von ihr +Abschied genommen, die Seele voll Unlust, und voll verheimlichter +Bangigkeit. + +Dann hatte Siddhartha die Nacht in seinem Hause mit Tänzerinnen beim +Weine zugebracht, hatte gegen seine Standesgenossen den überlegenen +gespielt, welcher er nicht mehr war, hatte viel Wein getrunken und +spät nach Mitternacht sein Lager aufgesucht, müde und dennoch erregt, +dem Weinen und der Verzweiflung nahe, und hatte lang vergeblich den +Schlaf gesucht, das Herz voll eines Elendes, das er nicht mehr +ertragen zu können meinte, voll eines Ekels, von dem er sich +durchdrungen fühlte wie vom lauen, widerlichen Geschmack des Weines, +der allzu süßen, öden Musik, dem allzu weichen Lächeln der Tänzerinnen, +dem allzu süßen Duft ihrer Haare und Brüste. Mehr aber als vor allem +anderen ekelte ihm vor sich selbst, vor seinen duftenden Haaren, vor +dem Weingeruch seines Mundes, vor der schlaffen Müdigkeit und Unlust +seiner Haut. Wie wenn einer, der allzuviel gegessen oder getrunken +hat, es unter Qualen wieder erbricht und doch der Erleichterung froh +ist, so wünschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von +Ekel sich dieser Genüsse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen +Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens +und dem Erwachen der ersten Geschäftigkeit auf der Straße vor seinem +Stadthause war er eingeschlummert, hatte für wenige Augenblicke eine +halbe Betäubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In diesen +Augenblicken hatte er einen Traum: + +Kamala besaß in einem goldenen Käfig einen kleinen seltenen Singvogel. +Von diesem Vogel träumte er. Er träumte: dieser Vogel war stumm +geworden, der sonst stets in der Morgenstunde sang, und da dies ihm +auffiel, trat er vor den Käfig und blickte hinein, da war der kleine +Vogel tot und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen +Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus, +und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm +weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute +von sich geworfen. + +Aus diesem Traum auffahrend, fühlte er sich von tiefer Traurigkeit +umfangen. Wertlos, so schien ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein +Leben dahingeführt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Köstliches +oder Behaltenswertes war ihm in Händen geblieben. Allein stand er +und leer, wie ein Schiffbrüchiger am Ufer. + +Finster begab sich Siddhartha in einen Lustgarten, der ihm gehörte, +verschloß die Pforte, setzte sich unter einem Mangobaum nieder, fühlte +den Tod im Herzen und das Grauen in der Brust, saß und spürte, wie es +in ihm starb, in ihm welkte, in ihm zu Ende ging. Allmählich sammelte +er seine Gedanken, und ging im Geiste nochmals den ganzen Weg seines +Lebens, von den ersten Tagen an, auf welche er sich besinnen konnte. +Wann denn hatte er ein Glück erlebt, eine wahre Wonne gefühlt? O ja, +mehrere Male hatte er solches erlebt. In den Knabenjahren hatte er es +gekostet, wenn er von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem +Herzen gefühlt: "Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im +Disput mit den Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte." +Da hatte er es in seinem Herzen gefühlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu +dem du berufen bist, auf dich warten die Götter." Und wieder als +Jüngling, da ihn das immer höher emporfliehende Ziel alles Nachdenkens +aus der Schar Gleichstrebender heraus- und hinangerissen hatte, da er +in Schmerzen um den Sinn des Brahman rang, da jedes erreichte Wissen +nur neuen Durst in ihm entfachte, da wieder hatte er, mitten im Durst, +mitten im Schmerze dieses selbe gefühlt: "Weiter! Weiter! Du bist +berufen!" Diese Stimme hatte er vernommen, als er seine Heimat +verlassen und das Leben des Samana gewählt hatte, und wieder, als er +von den Samanas hinweg zu jenem Vollendeten, und auch von ihm hinweg +ins Ungewisse gegangen war. Wie lange hatte er diese Stimme nicht +mehr gehört, wie lange keine Höhe mehr erreicht, wie eben und öde war +sein Weg dahingegangen, viele lange Jahre, ohne hohes Ziel, ohne Durst, +ohne Erhebung, mit kleinen Lüsten zufrieden und dennoch nie begnügt! +Alle diese Jahre hatte er, ohne es selbst zu wissen, sich bemüht und +danach gesehnt, ein Mensch wie diese vielen zu werden, wie diese +Kinder, und dabei war sein Leben viel elender und ärmer gewesen als +das ihre, denn ihre Ziele waren nicht die seinen, noch ihre Sorgen, +diese ganze Welt der Kamaswami-Menschen war ihm ja nur ein Spiel +gewesen, ein Tanz, dem man zusieht, eine Komödie. Einzig Kamala war +ihm lieb, war ihm wertvoll gewesen--aber war sie es noch? Brauchte er +sie noch, oder sie ihn? Spielten sie nicht ein Spiel ohne Ende? War +es notwendig, dafür zu leben? Nein, es war nicht notwendig! Dieses +Spiel hieß Sansara, ein Spiel für Kinder, ein Spiel, vielleicht hold +zu spielen, einmal, zweimal, zehnmal--aber immer und immer wieder? + +Da wußte Siddhartha, daß das Spiel zu Ende war, daß er es nicht mehr +spielen könne. Ein Schauder lief ihm über den Leib, in seinem Innern, +so fühlte er, war etwas gestorben. + +Jenen ganzen Tag saß er unter dem Mangobaume, seines Vaters gedenkend, +Govindas gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese verlassen +müssen, um ein Kamaswami zu werden? Er saß noch, als die Nacht +angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er: +"Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten." Er +lächelte ein wenig--war es denn notwendig, war es richtig, war es +nicht ein törichtes Spiel, daß er einen Mangobaum, daß er einen Garten +besaß? + +Auch damit schloß er ab, auch das starb in ihm. Er erhob sich, nahm +Abschied vom Mangobaum, Abschied vom Lustgarten. Da er den Tag ohne +Speise geblieben war, fühlte er heftigen Hunger, und gedachte an sein +Haus in der Stadt, an sein Gemach und Bett, an den Tisch mit den +Speisen. Er lächelte müde, schüttelte sich und nahm Abschied von +diesen Dingen. + +In derselben Nachtstunde verließ Siddhartha seinen Garten, verließ die +Stadt und kam niemals wieder. Lange ließ Kamaswami nach ihm suchen, +der ihn in Räuberhand gefallen glaubte. Kamala ließ nicht nach ihm +suchen. Als sie erfuhr, daß Siddhartha verschwunden sei, wunderte sie +sich nicht. Hatte sie es nicht immer erwartet? War er nicht ein +Samana, ein Heimloser, ein Pilger? Und am meisten hatte sie dies beim +letzten Zusammensein gefühlt, und sie freute sich mitten im Schmerz +des Verlustes, daß sie ihn dieses letzte Mal noch so innig an ihr Herz +gezogen sich noch einmal so ganz von ihm besessen und durchdrungen +gefühlt hatte. + +Als sie die erste Nachricht von Siddharthas Verschwinden bekam, trat +sie ans Fenster, wo sie in einem goldenen Käfig einen seltenen +Singvogel gefangen hielt. Sie öffnete die Tür des Käfigs, nahm den +Vogel heraus und ließ ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem +fliegenden Vogel. Sie empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr, +und hielt ihr Haus verschlossen. Nach einiger Zeit aber ward sie inne, +daß sie von dem letzten Zusammensein mit Siddhartha schwanger sei. + + + + +AM FLUSSE + +Siddhartha wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wußte +nichts als das eine, daß er nicht mehr zurück konnte, daß dies Leben, +wie er es nun viele Jahre lang geführt, vorüber und dahin und bis zum +Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem +er geträumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in +Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich +eingesogen, wie ein Schwamm Wasser einsaugt, bis er voll ist. Voll +war er von Überdruß, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es +in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trösten konnte. + +Sehnlich wünschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, +tot zu sein. Käme doch ein Blitz und erschlüge ihn! Käme doch ein +Tiger und fräße ihn! Gäbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm +Betäubung brächte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab +es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt +hatte, eine Sünde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenöde, +die er nicht auf sich geladen hatte? War es denn noch möglich, zu +leben? War es möglich, nochmals und nochmals wieder Atem zu ziehen, +Atem auszustoßen, Hunger zu fühlen, wieder zu essen, wieder zu +schlafen, wieder beim Weibe zu liegen? War dieser Kreislauf nicht für +ihn erschöpft und abgeschlossen? + +Siddhartha gelangte an den großen Fluß im Walde, an denselben Fluß, +über welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der +Stadt des Gotama kam, ein Fährmann geführt hatte. An diesem Flusse +machte er Halt, blieb zögernd beim Ufer stehen. Müdigkeit und Hunger +hatten ihn geschwächt, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn, +zu welchem Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr +als die tiefe, leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wüsten Traum von +sich zu schütteln, diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem +jämmerlichen und schmachvollen Leben ein Ende zu machen. + +Über das Flußufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen +Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den +Stamm und blickte in das grüne Wasser hinab, das unter ihm zog und zog, +blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfüllt, +sich loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche +Leere spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare +Leere in seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts mehr +gab es für ihn, als sich auszulöschen, als das mißlungene Gebilde +seines Lebens zu zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden Göttern +vor die Füße. Dies war das große Erbrechen, nach dem er sich gesehnt +hatte: der Tod, das Zerschlagen der Form, die er haßte! Mochten ihn +die Fische fressen, diesen Hund von Siddhartha, diesen Irrsinnigen, +diesen verdorbenen und verfaulten Leib, diese erschlaffte und +mißbrauchte Seele! Mochten die Fische und Krokodile ihn fressen, +mochten die Dämonen ihn zerstücken! + +Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht +gespiegelt und spie danach. In tiefer Müdigkeit löste er den Arm vom +Baumstamme und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu +lassen, um endlich unterzugehen. Er sank, mit geschlossenen Augen, +dem Tod entgegen. + +Da zuckte aus entlegenen Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten +seines ermüdeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe, +die er ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte +Anfangswort und Schlußwort aller brahmanischen Gebete, das heilige +"OM", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung". +Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr berührte, +erwachte sein entschlummerter Geist plötzlich, und erkannte die +Torheit seines Tuns. + +Siddhartha erschrak tief. So also stand es um ihn, so verloren war er, +so verirrt und von allem Wissen verlassen, daß er den Tod hatte +suchen können, daß dieser Wunsch, dieser Kinderwunsch in ihm hatte +groß werden können: Ruhe zu finden, indem er seinen Leib auslöschte! +Was alle Qual dieser letzten Zeiten, alle Ernüchterung, alle +Verzweiflung nicht bewirkt hatte, das bewirkte dieser Augenblick, da +das Om in sein Bewußtsein drang: daß er sich in seinem Elend und in +seiner Irrsal erkannte. + +Om! sprach er vor sich hin: Om! Und wußte um Brahman, wußte um die +Unzerstörbarkeit des Lebens, wußte um alles Göttliche wieder, das er +vergessen hatte. + +Doch war dies nur ein Augenblick, ein Blitz. Am Fuß des Kokosbaumes +sank Siddhartha nieder, von der Ermüdung hingestreckt, Om murmelnd, +legte sein Haupt auf die Wurzel des Baumes und sank in tiefen Schlaf. + +Tief war sein Schlaf und frei von Träumen, seit langer Zeit hatte er +einen solchen Schlaf nicht mehr gekannt. Als er nach manchen Stunden +erwachte, war ihm, als seien zehn Jahre vergangen, er hörte das leise +Strömen des Wassers, wußte nicht, wo er sei und wer ihn hierher +gebracht habe, schlug die Augen auf, sah mit Verwunderung Bäume und +Himmel über sich, und erinnerte sich, wo er wäre und wie er hierher +gekommen sei. Doch bedurfte er hierzu einer langen Weile, und das +Vergangene erschien ihm wie von einem Schleier überzogen, unendlich +fern, unendlich weit weg gelegen, unendlich gleichgültig. Er wußte +nur, daß er sein früheres Leben (im ersten Augenblick der Besinnung +erschien ihm dies frühere Leben wie eine weit zurückliegende, einstige +Verkörperung, wie eine frühe Vorgeburt seines jetzigen Ich)--daß er +sein früheres Leben verlassen habe, daß er voll Ekel und Elend sogar +sein Leben habe wegwerfen wollen, daß er aber an einem Flusse, unter +einem Kokosbaume, zu sich gekommen sei, das heilige Wort Om auf den +Lippen, dann entschlummert sei, und nun erwacht als ein neuer Mensch +in die Welt blicke. Leise sprach er das Wort Om vor sich hin, über +welchem er eingeschlafen war, und ihm schien sein ganzer langer Schlaf +sei nichts als ein langes, versunkenes Om-Sprechen gewesen, ein +Om-Denken, ein Untertauchen und völliges Eingehen in Om, in das +Namenlose, Vollendete. + +Was für ein wunderbarer Schlaf war dies doch gewesen! Niemals hatte +ein Schlaf ihn so erfrischt, so erneut, so verjüngt! Vielleicht war +er wirklich gestorben, war untergegangen und in einer neuen Gestalt +wiedergeboren? Aber nein, er kannte sich, er kannte seine Hand und +seine Füße, kannte den Ort, an dem er lag, kannte dies Ich in seiner +Brust, diesen Siddhartha, den Eigenwilligen, den Seltsamen, aber +dieser Siddhartha war dennoch verwandelt, war erneut, war merkwürdig +ausgeschlafen, merkwürdig wach, freudig und neugierig. + +Siddhartha richtete sich empor, da sah er sich gegenüber einen +Menschen sitzen, einen fremden Mann, einen Mönch in gelbem Gewande mit +rasiertem Kopfe, in der Stellung des Nachdenkens. Er betrachtete den +Mann, der weder Haupthaar noch Bart an sich hatte, und nicht lange +hatte er ihn betrachtet, da erkannte er in diesem Mönche Govinda, den +Freund seiner Jugend, Govinda, der seine Zuflucht zum erhabenen Buddha +genommen hatte. Govinda war gealtert, auch er, aber noch immer trug +sein Gesicht die alten Züge, sprach von Eifer, von Treue, von Suchen, +von Ängstlichkeit. Als nun aber Govinda, seinen Blick fühlend, das +Auge aufschlug und ihn anschaute, sah Siddhartha, daß Govinda ihn +nicht erkenne. Govinda freute sich, ihn wach zu finden, offenbar +hatte er lange hier gesessen und auf sein Erwachen gewartet, obwohl er +ihn nicht kannte. + +"Ich habe geschlafen," sagte Siddhartha. "Wie bist denn du hierher +gekommen?" + +"Du hast geschlafen," antwortete Govinda. "Es ist nicht gut, an +solchen Orten zu schlafen, wo häufig Schlangen sind und die Tiere des +Waldes ihre Wege haben. Ich, o Herr, bin ein Jünger des erhabenen +Gotama, des Buddha, des Sakyamuni, und bin mit einer Zahl der Unsrigen +diesen Weg gepilgert, da sah ich dich liegen und schlafen an einem +Orte, wo es gefährlich ist zu schlafen. Darum suchte ich dich zu +wecken, o Herr, und da ich sah, daß dein Schlaf sehr tief war, blieb +ich hinter den Meinigen zurück und saß bei dir. Und dann, so scheint +es, bin ich selbst eingeschlafen, der ich deinen Schlaf bewachen +wollte. Schlecht habe ich meinen Dienst versehen, Müdigkeit hat mich +übermannt. Aber nun, da du ja wach bist, laß mich gehen, damit ich +meine Brüder einhole." + +"Ich danke dir, Samana, daß du meinen Schlaf behütet hast," sprach +Siddhartha. "Freundlich seid Ihr Jünger des Erhabenen. Nun magst du +denn gehen." + +"Ich gehe, Herr. Möge der Herr sich immer wohl befinden." + +"Ich danke dir, Samana." + +Govinda machte das Zeichen des Grußes und sagte: "Lebe wohl." + +"Lebe wohl, Govinda," sagte Siddhartha. + +Der Mönch blieb stehen. + +"Erlaube, Herr, woher kennst du meinen Namen?" + +Da lächelte Siddhartha. + +"Ich kenne dich, o Govinda, aus der Hütte deines Vaters, und aus der +Brahmanenschule, und von den Opfern, und von unsrem Gang zu den +Samanas, und von jener Stunde, da du im Hain Jetavana deine Zuflucht +zum Erhabenen nahmest." + +"Du bist Siddhartha!" rief Govinda laut. "Jetzt erkenne ich dich, und +begreife nicht mehr, wie ich dich nicht sogleich erkennen konnte. Sei +willkommen, Siddhartha, groß ist meine Freude, dich wiederzusehen." + +"Auch mich erfreut es, dich wiederzusehen. Du bist der Wächter meines +Schlafes gewesen, nochmals danke ich dir dafür, obwohl ich keines +Wächters bedurft hätte. Wohin gehst du, o Freund?" + +"Nirgendshin gehe ich. Immer sind wir Mönche unterwegs, solange nicht +Regenzeit ist, immer ziehen wir von Ort zu Ort, leben nach der Regel, +verkündigen die Lehre, nehmen Almosen, ziehen weiter. Immer ist es so. +Du aber, Siddhartha, wo gehst du hin?" + +Sprach Siddhartha: "Auch mit mir steht es so, Freund, wie mit dir. +Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere." + +Govinda sprach: "Du sagst: du pilgerst, und ich glaube dir. Doch +verzeih, o Siddhartha, nicht wie ein Pilger siehst du aus. Du trägst +das Kleid eines Reichen, du trägst die Schuhe eines Vornehmen, und +dein Haar, das nach wohlriechendem Wasser duftet, ist nicht das Haar +eines Pilgers, nicht das Haar eines Samanas." + +"Wohl, Lieber, gut hast du beobachtet, alles sieht dein scharfes Auge. +Doch habe ich nicht zu dir gesagt, daß ich ein Samana sei. Ich sagte: +ich pilgere. Und so ist es: ich pilgere." + +"Du pilgerst," sagte Govinda. "Aber wenige pilgern in solchem Kleide, +wenige in solchen Schuhen, wenige mit solchen Haaren. Nie habe ich, +der ich schon viele Jahre pilgere, solch einen Pilger angetroffen." + +"Ich glaube es dir, mein Govinda. Aber nun, heute, hast du eben einen +solchen Pilger angetroffen, in solchen Schuhen, mit solchem Gewande. +Erinnere dich, Lieber: Vergänglich ist die Welt der Gestaltungen, +vergänglich, höchst vergänglich sind unsere Gewänder, und die Tracht +unserer Haare, und unsere Haare und Körper selbst. Ich trage die +Kleider eines Reichen, da hast du recht gesehen. Ich trage sie, denn +ich bin ein Reicher gewesen, und trage das Haar wie die Weltleute und +Lüstlinge, denn einer von ihnen bin ich gewesen." + +"Und jetzt, Siddhartha, was bist du jetzt?" + +"Ich weiß es nicht, ich weiß es so wenig wie du. Ich bin unterwegs. +Ich war ein Reicher, und bin es nicht mehr; und was ich morgen sein +werde, weiß ich nicht." + +"Du hast deinen Reichtum verloren?" + +"Ich habe ihn verloren, oder er mich. Er ist mir abhanden gekommen. +Schnell dreht sich das Rad der Gestaltungen, Govinda. Wo ist der +Brahmane Siddhartha? Wo ist der Samana Siddhartha? Wo ist der Reiche +Siddhartha? Schnell wechselt das Vergängliche, Govinda, du weißt es." + +Govinda blickte den Freund seiner Jugend lange an, Zweifel im Auge. +Darauf grüßte er ihn, wie man Vornehme grüßt, und ging seines Weges. + +Mit lächelndem Gesicht schaute Siddhartha ihm nach, er liebte ihn noch +immer, diesen Treuen, diesen Ängstlichen. Und wie hätte er, in diesem +Augenblick, in dieser herrlichen Stunde nach seinem wunderbaren +Schlafe, durchdrungen von Om, irgend jemand und irgend etwas nicht +lieben sollen! Eben darin bestand die Verzauberung, welche im Schlafe +und durch das Om in ihm geschehen war, daß er alles liebte, daß er +voll froher Liebe war zu allem, was er sah. Und eben daran, so schien +es ihm jetzt, war er vorher so sehr krank gewesen, daß er nichts und +niemand hatte lieben können. + +Mit lächelndem Gesichte schaute Siddhartha dem hinweggehenden Mönche +nach. Der Schlaf hatte ihn sehr gestärkt, sehr aber quälte ihn der +Hunger, denn er hatte nun zwei Tage nichts gegessen, und lange war die +Zeit vorüber, da er hart gegen den Hunger gewesen war. Mit Kummer, +und doch auch mit Lachen, gedachte er jener Zeit. Damals, so +erinnerte er sich, hatte er sich vor Kamala dreier Dinge gerühmt, +hatte drei edle und unüberwindliche Künste gekonnt: +Fasten--Warten--Denken. Dies war sein Besitz gewesen, seine Macht und +Kraft, sein fester Stab, in den fleißigen, mühseligen Jahren seiner +Jugend hatte er diese drei Künste gelernt, nichts anderes. Und nun +hatten sie ihn verlassen, keine von ihnen war mehr sein, nicht Fasten, +nicht Warten, nicht Denken. Um das Elendeste hatte er sie hingegeben, +um das Vergänglichste, um Sinnenlust, um Wohlleben, um Reichtum! +Seltsam war es ihm in der Tat ergangen. Und jetzt, so schien es, +jetzt war er wirklich ein Kindermensch geworden. + +Siddhartha dachte über seine Lage nach. Schwer fiel ihm das Denken, +er hatte im Grunde keine Lust dazu, doch zwang er sich. + +Nun, dachte er, da alle diese vergänglichsten Dinge mir wieder +entglitten sind, nun stehe ich wieder unter der Sonne, wie ich einst +als kleines Kind gestanden bin, nichts ist mein, nichts kann ich, +nichts vermag ich, nichts habe ich gelernt. Wie ist dies wunderlich! +Jetzt, wo ich nicht mehr jung bin, wo meine Haare schon halb grau sind, +wo die Kräfte nachlassen, jetzt fange ich wieder von vorn und beim +Kinde an! Wieder mußte er lächeln. Ja, seltsam war sein Geschick! +Es ging abwärts mit ihm, und nun stand er wieder leer und nackt und +dumm in der Welt. Aber Kummer darüber konnte er nicht empfinden, nein, +er fühlte sogar großen Anreiz zum Lachen, zum Lachen über sich, zum +Lachen über diese seltsame, törichte Welt. + +"Abwärts geht es mit dir!" sagte er zu sich selber, und lachte dazu, +und wie er es sagte, fiel sein Blick auf den Fluß, und auch den Fluß +sah er abwärts gehen, immer abwärts wandern, und dabei singen und +fröhlich sein. Das gefiel ihm wohl, freundlich lächelte er dem Flusse +zu. War dies nicht der Fluß, in welchem er sich hatte ertränken +wollen, einst, vor hundert Jahren, oder hatte er das geträumt? + +Wunderlich in der Tat war mein Leben, so dachte er, wunderliche Umwege +hat es genommen. Als Knabe habe ich nur mit Göttern und Opfern zu tun +gehabt. Als Jüngling habe ich nur mit Askese, mit Denken und +Versenkung zu tun gehabt, war auf der Suche nach Brahman, verehrte das +Ewige im Atman. Als junger Mann aber zog ich den Büßern nach, lebte +im Walde, litt Hitze und Frost, lernte hungern, lehrte meinen Leib +absterben. Wunderbar kam mir alsdann in der Lehre des großen Buddha +Erkenntnis entgegen, ich fühlte Wissen um die Einheit der Welt in mir +kreisen wie mein eigenes Blut. Aber auch von Buddha und von dem +großen Wissen mußte ich wieder fort. Ich ging und lernte bei Kamala +die Liebeslust, lernte bei Kamaswami den Handel, häufte Geld, vertat +Geld, lernte meinen Magen lieben, lernte meinen Sinnen schmeicheln. +Viele Jahre mußte ich damit hinbringen, den Geist zu verlieren, das +Denken wieder zu verlernen, die Einheit zu vergessen. Ist es nicht so, +als sei ich langsam und auf großen Umwegen aus einem Mann ein Kind +geworden, aus einem Denker ein Kindermensch? Und doch ist dieser Weg +sehr gut gewesen, und doch ist der Vogel in meiner Brust nicht +gestorben. Aber welch ein Weg war das! Ich habe durch so viel +Dummheit, durch so viel Laster, durch so viel Irrtum, durch so viel +Ekel und Enttäuschung und Jammer hindurchgehen müssen, bloß um wieder +ein Kind zu werden und neu anfangen zu können. Aber es war richtig so, +mein Herz sagt Ja dazu, meine Augen lachen dazu. Ich habe +Verzweiflung erleben müssen, ich habe hinabsinken müssen bis zum +törichtesten aller Gedanken, zum Gedanken des Selbstmordes, um Gnade +erleben zu können, um wieder Om zu vernehmen, um wieder richtig +schlafen und richtig erwachen zu können. Ich habe ein Tor werden +müssen, um Atman wieder in mir zu finden. Ich habe sündigen müssen, +um wieder leben zu können. Wohin noch mag mein Weg mich führen? +Närrisch ist er, dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht +im Kreise. Mag er gehen, wie er will, ich will ihn gehen. + +Wunderbar fühlte er in seiner Brust die Freude wallen. + +Woher denn, fragte er sein Herz, woher hast du diese Fröhlichkeit? +Kommt sie wohl aus diesem langen, guten Schlafe her, der mir so sehr +wohlgetan hat? Oder von dem Worte Om, das ich aussprach? Oder davon, +daß ich entronnen bin, daß meine Flucht vollzogen ist, daß ich endlich +wieder frei bin und wie ein Kind unter dem Himmel stehe? O wie gut +ist dies Geflohensein, dies Freigewordensein! Wie rein und schön ist +hier die Luft, wie gut zu atmen! Dort, von wo ich entlief, dort roch +alles nach Salbe, nach Gewürzen, nach Wein, nach Überfluß, nach +Trägheit. Wie haßte ich diese Welt der Reichen, der Schlemmer, der +Spieler! Wie habe ich mich selbst gehaßt, daß ich so lang in dieser +schrecklichen Welt geblieben bin! Wie habe ich mich gehaßt, habe mich +beraubt, vergiftet, gepeinigt, habe mich alt und böse gemacht! Nein, +nie mehr werde ich, wie ich es einst so gerne tat, mir einbilden, daß +Siddhartha weise sei! Dies aber habe ich gut gemacht, dies gefällt mir, +dies muß ich loben, daß es nun ein Ende hat mit jenem Haß gegen mich +selber, mit jenem törichten und öden Leben! Ich lobe dich, Siddharta, +nach soviel Jahren der Torheit hast du wieder einmal einen Einfall +gehabt, hast etwas getan, hast den Vogel in deiner Brust singen hören +und bist ihm gefolgt! + +So lobte er sich, hatte Freude an sich, hörte neugierig seinem Magen +zu, der vor Hunger knurrte. Ein Stück Leid, ein Stück Elend hatte er +nun, so fühlte er, in diesen letzten Zeiten und Tagen ganz und gar +durchgekostet und ausgespien, bis zur Verzweiflung und bis zum Tode +ausgefressen. So war es gut. Lange noch hätte er bei Kamaswami +bleiben können, Geld erwerben, Geld vergeuden, seinen Bauch mästen und +seine Seele verdursten lassen, lange noch hätte er in dieser sanften, +wohlgepolsterten Hölle wohnen können, wäre dies nicht gekommen: der +Augenblick der vollkommenen Trostlosigkeit und Verzweiflung, jener +äußerste Augenblick, da er über dem strömenden Wasser hing und bereit +war, sich zu vernichten. Daß er diese Verzweiflung, diesen tiefsten +Ekel gefühlt hatte, und daß er ihm nicht erlegen war, daß der Vogel, +die frohe Quelle und Stimme in ihm doch noch lebendig war, darüber +fühlte er diese Freude, darüber lachte er, darüber strahlte sein +Gesicht unter den ergrauten Haaren. + +"Es ist gut," dachte er, "alles selber zu kosten, was man zu wissen +nötig hat. Daß Weltlust und Reichtum nicht vom Guten sind, habe ich +schon als Kind gelernt. Gewußt habe ich es lange, erlebt habe ich es +erst jetzt. Und nun weiß ich es, weiß es nicht nur mit dem Gedächtnis, +sondern mit meinen Augen, mit meinem Herzen, mit meinem Magen. Wohl +mir, daß ich es weiß!" + +Lange sann er nach über seine Verwandlung, lauschte dem Vogel, wie er +vor Freude sang. War nicht dieser Vogel in ihm gestorben, hatte er +nicht seinen Tod gefühlt? Nein, etwas anderes in ihm war gestorben, +etwas, das schon, lange sich nach Sterben gesehnt hatte. War es nicht +das, was er einst in seinen glühenden Büßerjahren hatte abtöten +wollen? War es nicht sein Ich, sein kleines, banges und stolzes Ich, +mit dem er so viele Jahre gekämpft hatte, das ihn immer wieder besiegt +hatte, das nach jeder Abtötung wieder da war, Freude verbot, Furcht +empfand? War es nicht dies, was heute endlich seinen Tod gefunden +hatte, hier im Walde an diesem lieblichen Flusse? War es nicht dieses +Todes wegen, daß er jetzt wie ein Kind war, so voll Vertrauen, so ohne +Furcht, so voll Freude? + +Nun auch ahnte Siddhartha, warum er als Brahmane, als Büßer vergeblich +mit diesem Ich gekämpft hatte. Zu viel Wissen hatte ihn gehindert, zu +viel heilige Verse, zu viel Opferregeln, zu viel Kasteiung, zu viel +Tun und Streben! Voll Hochmut war er gewesen, immer der Klügste, +immer der Eifrigste, immer allen um einen Schritt voran, immer der +Wissende und Geistige, immer der Priester oder Weise. In dies +Priestertum, in diesen Hochmut, in diese Geistigkeit hinein hatte sein +Ich sich verkrochen, dort saß es fest und wuchs, während er es mit +Fasten und Buße zu töten meinte. Nun sah er es, und sah, daß die +heimliche Stimme Recht gehabt hatte, daß kein Lehrer ihn je hätte +erlösen können. Darum hatte er in die Welt gehen müssen, sich an Lust +und Macht, an Weib und Geld verlieren müssen, hatte ein Händler, ein +Würfelspieler, Trinker und Habgieriger werden müssen, bis der Priester +und Samana in ihm tot war. Darum hatte er weiter diese häßlichen +Jahre ertragen müssen, den Ekel ertragen, die Leere, die Sinnlosigkeit +eines öden und verlorenen Lebens, bis zum Ende, bis zur bittern +Verzweiflung, bis auch der Lüstling Siddhartha, der Habgierige +Siddhartha sterben konnte. Er war gestorben, ein neuer Siddhartha war +aus dem Schlaf erwacht. Auch er würde alt werden, auch er würde einst +sterben müssen, vergänglich war Siddhartha, vergänglich war jede +Gestaltung. Heute aber war er jung, war ein Kind, der neue Siddhartha, +und war voll Freude. + +Diese Gedanken dachte er, lauschte lächelnd auf seinen Magen, hörte +dankbar einer summenden Biene zu. Heiter blickte er in den strömenden +Fluß, nie hatte ihm ein Wasser so wohl gefallen wie dieses, nie hatte +er Stimme und Gleichnis des ziehenden Wassers so stark und schön +vernommen. Ihm schien, es habe der Fluß ihm etwas Besonderes zu sagen, +etwas, das er noch nicht wisse, das noch auf ihn warte. In diesem +Fluß hatte sich Siddhartha ertränken wollen, in ihm war der alte, müde, +verzweifelte Siddhartha heute ertrunken. Der neue Siddhartha aber +fühlte eine tiefe Liebe zu diesem strömenden Wasser, und beschloß bei +sich, es nicht so bald wieder zu verlassen. + + + + +DER FÄHRMANN + +An diesem Fluß will ich bleiben, dachte Siddhartha, es ist der selbe, +über den ich einstmals auf dem Wege zu den Kindermenschen gekommen bin, +ein freundlicher Fährmann hat mich damals geführt, zu ihm will ich +gehen, von seiner Hütte aus führte mich einst mein Weg in ein neues +Leben, das nun alt geworden und tot ist--möge auch mein jetziger Weg, +mein jetziges neues Leben dort seinen Ausgang nehmen! + +Zärtlich blickte er in das strömende Wasser, in das durchsichtige Grün, +in die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte +Perlen sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel +schwimmen, Himmelsbläue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte +der Fluß ihn an, mit grünen, mit weißen, mit kristallnen, mit +himmelblauen. Wie liebte er dies Wasser, wie entzückte es ihn, wie +war er ihm dankbar! Im Herzen hörte er die Stimme sprechen, die neu +erwachte, und sie sagte ihm: Liebe dies Wasser! Bleibe bei ihm! +Lerne von ihm! O ja, er wollte von ihm lernen, er wollte ihm zuhören. +Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so schien ihm, der +würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse. + +Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das +ergriff seine Seele. Er sah: dies Wasser lief und lief, immerzu lief +es, und war doch immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch +jeden Augenblick neu! O wer dies faßte, dies verstünde! Er verstand +und faßte es nicht, fühlte nur Ahnung sich regen, ferne Erinnerung, +göttliche Stimmen. + +Siddhartha erhob sich, unerträglich wurde das Treiben des Hungers in +seinem Leibe. Hingenommen wanderte er weiter, den Uferpfad hinan, dem +Strom entgegen, lauschte auf die Strömung, lauschte auf den knurrenden +Hunger in seinem Leibe. + +Als er die Fähre erreichte, lag eben das Boot bereit, und derselbe +Fährmann, welcher einst den jungen Samana über den Fluß gesetzt hatte, +stand im Boot, Siddhartha erkannte ihn wieder, auch er war stark +gealtert. + +"Willst du mich übersetzen?" fragte er. + +Der Fährmann, erstaunt, einen so vornehmen Mann allein und zu Fuße +wandern zu sehen, nahm ihn ins Boot und stieß ab. + +"Ein schönes Leben hast du dir erwählt," sprach der Gast. "Schön muß +es sein, jeden Tag an diesem Wasser zu leben und auf ihm zu fahren." + +Lächelnd wiegte sich der Ruderer: "Es ist schön, Herr, es ist, wie du +sagst. Aber ist nicht jedes Leben, ist nicht jede Arbeit schön?" + +"Es mag wohl sein. Dich aber beneide ich um die Deine." + +"Ach, du möchtest bald die Lust an ihr verlieren. Das ist nichts für +Leute in feinen Kleidern." + +Siddhartha lachte. "Schon einmal bin ich heute um meiner Kleider +willen betrachtet worden, mit Mißtrauen betrachtet. Willst du nicht, +Fährmann, diese Kleider, die mir lästig sind, von mir annehmen? Denn +du mußt wissen, ich habe kein Geld, dir einen Fährlohn zu zahlen." + +"Der Herr scherzt," lachte der Fährmann. + +"Ich scherze nicht, Freund. Sieh, schon einmal hast du mich in deinem +Boot über dies Wasser gefahren, um Gotteslohn. So tue es auch heute, +und nimm meine Kleider dafür an." + +"Und will der Herr ohne Kleider weiterreisen?" + +"Ach, am liebsten wollte ich gar nicht weiterreisen. Am liebsten wäre +es mir, Fährmann, wenn du mir eine alte Schürze gäbest und behieltest +mich als deinen Gehilfen bei dir, vielmehr als deinen Lehrling, denn +erst muß ich lernen, mit dem Boot umzugehen." + +Lange blickte der Fährmann den Fremden an, suchend. + +"Jetzt erkenne ich dich," sagte er endlich. "Einst hast du in meiner +Hütte geschlafen, lange ist es her, wohl mehr als zwanzig Jahre mag +das her sein, und bist von mir über den Fluß gebracht worden, und wir +nahmen Abschied voneinander wie gute Freunde. Warst du nicht ein +Samana? Deines Namens kann ich mich nicht mehr entsinnen." + +"Ich heiße Siddhartha, und ich war ein Samana, als du mich zuletzt +gesehen hast." + +"So sei willkommen, Siddhartha. Ich heiße Vasudeva. Du wirst, so +hoffe ich, auch heute mein Gast sein und in meiner Hütte schlafen, und +mir erzählen, woher du kommst, und warum deine schönen Kleider dir so +lästig sind." + +Sie waren in die Mitte des Flusses gelangt, und Vasudeva legte sich +stärker ins Ruder, um gegen die Strömung anzukommen. Ruhig arbeitete +er, den Blick auf der Bootspitze, mit kräftigen Armen. Siddhartha saß +und sah ihm zu, und erinnerte sich, wie schon einstmals, an jenem +letzten Tage seiner Samana-Zeit, Liebe zu diesem Manne sich in seinem +Herzen geregt hatte. Dankbar nahm er Vasudevas Einladung an. Als sie +am Ufer anlegten, half er ihm das Boot an den Pflöcken festbinden, +darauf bat ihn der Fährmann, in die Hütte zu treten, bot ihm Brot und +Wasser, und Siddhartha aß mit Lust, und aß mit Lust auch von den +Mangofrüchten, die ihm Vasudeva anbot. + +Danach setzten sie sich, es ging gegen Sonnenuntergang, auf einem +Baumstamm am Ufer, und Siddhartha erzählte dem Fährmann seine Herkunft +und sein Leben, wie er es heute, in jener Stunde der Verzweiflung, vor +seinen Augen gesehen hatte. Bis tief in die Nacht währte sein +Erzählen. + +Vasudeva hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Alles nahm er lauschend +in sich auf, Herkunft und Kindheit, all das Lernen, all das Suchen, +alle Freude, alle Not. Dies war unter des Fährmanns Tugenden eine der +größten: er verstand wie wenige das Zuhören. Ohne daß er ein Wort +gesprochen hätte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in +sich einließ, still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit +Ungeduld erwartete, nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhörte. +Siddhartha empfand, welches Glück es ist, einem solchen Zuhörer sich +zu bekennen, in sein Herz das eigene Leben zu versenken, das eigene +Suchen, das eigene Leiden. + +Gegen das Ende von Siddharthas Erzählung aber, als er von dem Baum am +Flusse sprach, und von seinem tiefen Fall, vom heiligen Om, und wie er +nach seinem Schlummer eine solche Liebe zu dem Flusse gefühlt hatte, +da lauschte der Fährmann mit verdoppelter Aufmerksamkeit, ganz und +völlig hingegeben, mit geschloßnem Auge. + +Als aber Siddhartha schwieg, und eine lange Stille gewesen war, da +sagte Vasudeva: "Es ist so, wie ich dachte. Der Fluß hat zu dir +gesprochen. Auch dir ist er Freund, auch zu dir spricht er. Das ist +gut, das ist sehr gut. Bleibe bei mir, Siddhartha, mein Freund. Ich +hatte einst eine Frau, ihr Lager war neben dem meinen, doch ist sie +schon lange gestorben, lange habe ich allein gelebt. Lebe nun du mit +mir, es ist Raum und Essen für beide vorhanden." + +"Ich danke dir," sagte Siddhartha, "ich danke dir und nehme an. Und +auch dafür danke ich dir, Vasudeva, daß du mir so gut zugehört hast! +Selten sind die Menschen, welche das Zuhören verstehen. Und keinen +traf ich, der es verstand wie du. Auch hierin werde ich von dir +lernen." + +"Du wirst es lernen," sprach Vasudeva, "aber nicht von mir. Das +Zuhören hat mich der Fluß gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. +Er weiß alles, der Fluß, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch +das hast du schon vom Wasser gelernt, daß es gut ist, nach unten zu +streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen. Der reiche und vornehme +Siddhartha wird ein Ruderknecht, der gelehrte Brahmane Siddhartha wird +ein Fährmann: auch dies ist dir vom Fluß gesagt worden. Du wirst auch +das andere von ihm lernen." + +Sprach Siddhartha, nach einer langen Pause: "Welches andere, +Vasudeva?" + +Vasudeva erhob sich. "Spät ist es geworden," sagte er, "laß uns +schlafen gehen. Ich kann dir das andere nicht sagen, o Freund. Du +wirst es lernen, vielleicht auch weißt du es schon. Sieh, ich bin +kein Gelehrter, ich verstehe nicht zu sprechen, ich verstehe auch +nicht zu denken. Ich verstehe nur zuzuhören und fromm zu sein, sonst +habe ich nichts gelernt. Könnte ich es sagen und lehren, so wäre ich +vielleicht ein Weiser, so aber bin ich nur ein Fährmann, und meine +Aufgabe ist es, Menschen über diesen Fluß zu setzen. Viele habe ich +übergesetzt, Tausende, und ihnen allen ist mein Fluß nichts anderes +gewesen als ein Hindernis auf ihren Reisen. Sie reisten nach Geld und +Geschäften, und zu Hochzeiten, und zu Wallfahrten, und der Fluß war +ihnen im Wege, und der Fährmann war dazu da, sie schnell über das +Hindernis hinweg zubringen. Einige unter den Tausenden aber, einige +wenige, vier oder fünf, denen hat der Fluß aufgehört, ein Hindernis zu +sein, sie haben seine Stimme gehört, sie haben ihm zugehört, und der +Fluß ist ihnen heilig geworden, wie er es mir geworden ist. Laß uns +nun zur Ruhe gehen, Siddhartha." + +Siddhartha blieb bei dem Fährmann und lernte das Boot bedienen, und +wenn nichts an der Fähre zu tun war, arbeitete er mit Vasudeva im +Reisfelde, sammelte Holz, pflückte die Früchte der Pisangbäume. Er +lernte ein Ruder zimmern, und lernte das Boot ausbessern, und Körbe +flechten, und war fröhlich über alles, was er lernte, und die Tage und +Monate liefen schnell hinweg. Mehr aber, als Vasudeva ihn lehren +konnte, lehrte ihn der Fluß. Von ihm lernte er unaufhörlich. Vor +allem lernte er von ihm das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, +mit wartender, geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne +Urteil, ohne Meinung. + +Freundlich lebte er neben Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte +miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund +der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewegen. + +"Hast du," so fragte er ihn einst, "hast auch du vom Flusse jenes +Geheime gelernt: daß es keine Zeit gibt?" + +Vasudevas Gesicht überzog sich mit hellem Lächeln. + +"Ja, Siddhartha," sprach er. "Es ist doch dieses, was du meinst: daß +der Fluß überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am +Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, +überall, zugleich, und daß es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den +Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft?" + +"Dies ist es," sagte Siddhartha. "Und als ich es gelernt hatte, da +sah ich mein Leben an, und es war auch ein Fluß, und es war der Knabe +Siddhartha vom Manne Siddhartha und vom Greis Siddhartha nur durch +Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas +frühere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Rückkehr +zu Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist, +alles hat Wesen und Gegenwart." + +Siddhartha sprach mit Entzücken, tief hatte diese Erleuchtung ihn +beglückt. O, war denn nicht alles Leiden Zeit, war nicht alles +Sichquälen und Sichfürchten Zeit, war nicht alles Schwere, alles +Feindliche in der Welt weg und überwunden, sobald man die Zeit +überwunden hatte, sobald man die Zeit wegdenken konnte? Entzückt +hatte er gesprochen, Vasudeva aber lächelte ihn strahlend an und +nickte Bestätigung, schweigend nickte er, strich mit der Hand über +Siddharthas Schulter, wandte sich zu seiner Arbeit zurück. + +Und wieder einmal, als eben der Fluß in der Regenzeit geschwollen war +und mächtig rauschte, da sagte Siddhartha: "Nicht wahr, o Freund, der +Fluß hat viele Stimmen, sehr viele Stimmen? Hat er nicht die Stimme +eines Königs, und eines Kriegers, und eines Stieres, und eines +Nachtvogels, und einer Gebärenden, und eines Seufzenden, und noch +tausend andere Stimmen?" + +"Es ist so," nickte Vasudeva, "alle Stimmen der Geschöpfe sind in +seiner Stimme." + +"Und weißt du," fuhr Siddhartha fort, "welches Wort er spricht, wenn +es dir gelingt, alle seine zehntausend Stimmen zugleich zu hören?" + +Glücklich lachte Vasudevas Gesicht, er neigte sich gegen Siddhartha +und sprach ihm das heilige Om ins Ohr. Und eben dies war es, was auch +Siddhartha gehört hatte. + +Und von Mal zu Mal ward sein Lächeln dem des Fährmanns ähnlicher, ward +beinahe ebenso strahlend, beinahe ebenso von Glück durchglänzt, ebenso +aus tausend kleinen Falten leuchtend, ebenso kindlich, ebenso +greisenhaft. Viele Reisende, wenn sie die beiden Fährmänner sahen, +hielten sie für Brüder. Oft saßen sie am Abend gemeinsam beim Ufer +auf dem Baumstamm, schwiegen und hörten beide dem Wasser zu, welches +für sie kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des +Seienden, des ewig Werdenden. Und es geschah zuweilen, daß beide beim +Anhören des Flusses an dieselben Dinge dachten, an ein Gespräch von +vorgestern, an einen ihrer Reisenden, dessen Gesicht und Schicksal sie +beschäftigte, an den Tod, an ihre Kindheit, und daß sie beide im +selben Augenblick, wenn der Fluß ihnen etwas Gutes gesagt hatte, +einander anblickten, beide genau dasselbe denkend, beide beglückt über +dieselbe Antwort auf dieselbe Frage. + +Es ging von der Fähre und von den beiden Fährleuten etwas aus, das +manche von den Reisenden spürten. Es geschah zuweilen, daß ein +Reisender, nachdem er in das Gesicht eines der Fährmänner geblickt +hatte, sein Leben zu erzählen begann, Leid erzählte, Böses bekannte, +Trost und Rat erbat. Es geschah zuweilen, daß einer um Erlaubnis bat, +einen Abend bei ihnen zu verweilen, um dem Flusse zuzuhören. Es +geschah auch, daß Neugierige kamen, welchen erzählt worden war, an +dieser Fähre lebten zwei Weise, oder Zauberer, oder Heilige. Die +Neugierigen stellten viele Fragen, aber sie bekamen keine Antworten, +und sie fanden weder Zauberer noch Weise, sie fanden nur zwei alte +freundliche Männlein, welche stumm zu sein und etwas sonderbar und +verblödet' schienen. Und die Neugierigen lachten, und unterhielten +sich darüber, wie töricht und leichtgläubig doch das Volk solche leere +Gerüchte verbreite. + +Die Jahre gingen hin und keiner zählte sie. Da kamen einst Mönche +gepilgert, Anhänger des Gotama, des Buddha, welche baten, sie über den +Fluß zu setzen, und von ihnen erfuhren die Fährmänner, daß sie eiligst +zu ihrem großen Lehrer zurück wanderten, denn es habe sich die +Nachricht verbreitet, der Erhabene sei todkrank und werde bald seinen +letzten Menschentod sterben, um zur Erlösung einzugehen. Nicht lange, +so kam eine neue Schar Mönche gepilgert, und wieder eine, und sowohl +die Mönche wie die meisten der übrigen Reisenden und Wanderer sprachen +von nichts anderem als von Gotama und seinem nahen Tode. Und wie zu +einem Kriegszug oder zur Krönung eines Königs von überall und allen +Seiten her die Menschen strömen und sich gleich Ameisen in Scharen +sammeln, so strömten sie, wie von einem Zauber gezogen, dahin, wo der +große Buddha seinen Tod erwartete, wo das Ungeheure geschehen und der +große Vollendete eines Weltalters zur Herrlichkeit eingehen sollte. + +Viel gedachte Siddhartha in dieser Zeit des sterbenden Weisen, des +großen Lehrers, dessen Stimme Völker ermahnt und Hunderttausende +erweckt hatte, dessen Stimme auch er einst vernommen, dessen heiliges +Antlitz auch er einst mit Ehrfurcht geschaut hatte. Freundlich +gedachte er seiner, sah seinen Weg der Vollendung vor Augen, und +erinnerte sich mit Lächeln der Worte, welche er einst als junger Mann +an ihn, den Erhabenen, gerichtet hatte. Es waren, so schien ihm, +stolze und altkluge Worte gewesen, lächelnd erinnerte er sich ihrer. +Längst wußte er sich nicht mehr von Gotama getrennt, dessen Lehre er +doch nicht hatte annehmen können. Nein, keine Lehre konnte ein +wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft finden wollte. Der +aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre gutheißen, jeden +Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen, +welche im Ewigen lebten, welche das Göttliche atmeten. + +An einem dieser Tage, da so viele zum sterbenden Buddha pilgerten, +pilgerte zu ihm auch Kamala, einst die schönste der Kurtisanen. +Längst hatte sie sich aus ihrem vorigen Leben zurückgezogen, hatte +ihren Garten den Mönchen Gotamas geschenkt, hatte ihre Zuflucht zur +Lehre genommen, gehörte zu den Freundinnen und Wohltäterinnen der +Pilgernden. Zusammen mit dem Knaben Siddhartha, ihrem Sohne, hatte +sie auf die Nachricht vom nahen Tode Gotamas hin sich auf den Weg +gemacht, in einfachem Kleide, zu Fuß. Mit ihrem Söhnlein war sie am +Flusse unterwegs; der Knabe aber war bald ermüdet, begehrte nach Hause +zurück, begehrte zu rasten, begehrte zu essen, wurde trotzig und +weinerlich. + +Kamala mußte häufig mit ihm rasten, er war gewohnt, seinen Willen +gegen sie zu behaupten, sie mußte ihn füttern, mußte ihn trösten, +mußte ihn schelten. Er begriff nicht, warum er mit seiner Mutter +diese mühsame und traurige Pilgerschaft habe antreten müssen, an einen +unbekannten Ort, zu einem fremden Manne, welcher heilig war und +welcher im Sterben lag. Mochte er sterben, was ging dies den Knaben +an? + +Die Pilgernden waren nicht mehr ferne von Vasudevas Fähre, als der +kleine Siddhartha abermals seine Mutter zu einer Rast nötigte. Auch +sie selbst, Kamala, war ermüdet, und während der Knabe an einer Banane +kaute, kauerte sie sich am Boden nieder, schloß ein wenig die Augen +und ruhte. Plötzlich aber stieß sie einen klagenden Schrei aus, der +Knabe sah sie erschrocken an und sah ihr Gesicht von Entsetzen +gebleicht, und unter ihrem Kleide hervor entwich eine kleine schwarze +Schlange, von welcher Kamala gebissen war. + +Eilig liefen sie nun beide des Weges, um zu Menschen zu kommen, und +kamen bis in die Nähe der Fähre, dort sank Kamala zusammen, und +vermochte nicht weiter zu gehen. Der Knabe aber erhob ein klägliches +Geschrei, dazwischen küßte und umhalste er seine Mutter, und auch sie +stimmte in seine lauten Hilferufe ein, bis die Töne Vasudevas Ohr +erreichten, der bei der Fähre stand. Schnell kam er gegangen, nahm +die Frau auf die Arme, trug sie ins Boot, der Knabe lief mit, und bald +kamen sie alle in der Hütte an, wo Siddhartha am Herde stand und eben +Feuer machte. Er blickte auf und sah zuerst das Gesicht des Knaben, +das ihn wunderlich erinnerte, an Vergessenes mahnte. Dann sah er +Kamala, die er alsbald erkannte, obwohl sie besinnungslos im Arm des +Fährmanns lag, und nun wußte er, daß es sein eigner Sohn sei, dessen +Gesicht ihn so sehr gemahnt hatte, und das Herz bewegte sich in seiner +Brust. + +Kamalas Wunde wurde gewaschen, war aber schon schwarz und ihr Leib +angeschwollen, ein Heiltrank wurde ihr eingeflößt. Ihr Bewußtsein +kehrte zurück, sie lag auf Siddharthas Lager in der Hütte, Und über +sie gebeugt stand Siddhartha, der sie einst so sehr geliebt hatte. Es +schien ihr ein Traum zu sein, lächelnd blickte sie in ihres Freundes +Gesicht, nur langsam erkannte sie ihre Lage, erinnerte sich des Bisses, +rief ängstlich nach dem Knaben. + +"Er ist bei dir, sei ohne Sorge," sagte Siddhartha. + +Kamala blickte in seine Augen. Sie sprach mit schwerer Zunge, vom +Gift gelähmt. "Du bist alt geworden, Lieber," sagte sie, "grau bist +du geworden. Aber du gleichst dem jungen Samana, der einst ohne +Kleider mit staubigen Füßen zu mir in den Garten kam. Du gleichst ihm +viel mehr, als du ihm damals glichest, da du mich und Kamaswami +verlassen hast. In den Augen gleichst du ihm, Siddhartha. Ach, auch +ich bin alt geworden, alt--kanntest du mich denn noch?" + +Siddhartha lächelte: "Sogleich kannte ich dich, Kamala, Liebe." + +Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: "Kanntest du auch ihn? Er +ist dein Sohn." + +Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha +nahm ihn auf seine Knie, ließ ihn weinen, streichelte sein Haar, und +beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein, +das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war. +Langsam, mit singender Stimme, begann er es zu sprechen, aus der +Vergangenheit und Kindheit her kamen ihm die Worte geflossen. Und +unter seinem Singsang wurde der Knabe ruhig, schluchzte noch hin und +wieder auf und schlief ein. Siddhartha legte ihn auf Vasudevas Lager. +Vasudeva stand am Herd und kochte Reis. Siddhartha warf ihm einen +Blick zu, den er lächelnd erwiderte. + +"Sie wird sterben," sagte Siddhartha leise. + +Vasudeva nickte, über sein freundliches Gesicht lief der Feuerschein +vom Herde. + +Nochmals erwachte Kamala zum Bewußtsein. Schmerz verzog ihr Gesicht, +Siddharthas Auge las das Leiden auf ihrem Munde, auf ihren erblaßten +Wangen. Stille las er es, aufmerksam, wartend, in ihr Leiden versenkt. +Kamala fühlte es, ihr Blick suchte sein Auge. + +Ihn anblickend, sagte sie: "Nun sehe ich, daß auch deine Augen sich +verändert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran doch erkenne +ich noch, daß du Siddhartha bist? Du bist es, und bist es nicht." + +Siddhartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren. + +"Du hast es erreicht?" fragte sie. "Du hast Friede gefunden?" + +Er lächelte, und legte seine Hand auf ihre. + +"Ich sehe es," sagte sie, "ich sehe es. Auch ich werde Friede finden." + +"Du hast ihn gefunden," sprach Siddhartha flüsternd. + +Kamala blickte ihm unverwandt in die Augen. Sie dachte daran, daß sie +zu Gotama hatte pilgern wollen, um das Gesicht eines Vollendeten zu +sehen, um seinen Frieden zu atmen, und daß sie statt seiner nun ihn +gefunden, und daß es gut war, ebenso gut, als wenn sie jenen gesehen +hätte. Sie wollte es ihm sagen, aber die Zunge gehorchte ihrem Willen +nicht mehr. Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das +Leben erlöschen. Als der letzte Schmerz ihr Auge erfüllte und brach, +als der letzte Schauder über ihre Glieder lief, schloß sein Finger +ihre Lider. + +Lange saß er und blickte auf ihr entschlafenes Gesicht. Lange +betrachtete er ihren Mund, ihren alten, müden Mund mit den schmal +gewordenen Lippen, und erinnerte sich, daß er einst, im Frühling +seiner Jahre, diesen Mund einer frisch aufgebrochenen Feige verglichen +hatte. Lange saß er, las in dem bleichen Gesicht, in den müden Falten, +füllte sich mit dem Anblick, sah sein eigenes Gesicht ebenso liegen, +ebenso weiß, ebenso erloschen, und sah zugleich sein Gesicht und das +ihre jung, mit den roten Lippen, mit dem brennenden Auge, und das +Gefühl der Gegenwart und Gleichzeitigkeit durchdrang ihn völlig, das +Gefühl der Ewigkeit. Tief empfand er, tiefer als jemals, in dieser +Stunde die Unzerstörbarkeit jedes Lebens, die Ewigkeit jedes +Augenblicks. + +Da er sich erhob, hatte Vasudeva Reis für ihn bereitet. Doch aß +Siddhartha nicht. Im Stall, wo ihre Ziege stand, machten sich die +beiden Alten eine Streu zurecht, und Vasudeva legte sich schlafen. +Siddhartha aber ging hinaus und saß die Nacht vor der Hütte, dem +Flusse lauschend, von Vergangenheit umspült, von allen Zeiten seines +Lebens zugleich berührt und umfangen. Zuweilen aber erhob er sich, +trat an die Hüttentür und lauschte, ob der Knabe schlafe. + +Früh am Morgen, noch ehe die Sonne sichtbar ward, kam Vasudeva aus dem +Stalle und trat zu seinem Freunde. + +"Du hast nicht geschlafen," sagte er. + +"Nein, Vasudeva. Ich saß hier, ich hörte dem Flusse zu. Viel hat er +mir gesagt, tief hat er mich mit dem heilsamen Gedanken erfüllt, mit +dem Gedanken der Einheit." + +"Du hast Leid erfahren, Siddhartha, doch ich sehe, es ist keine +Traurigkeit in dein Herz gekommen." + +"Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? Ich, der ich reich +und glücklich war, bin jetzt noch reicher und glücklicher geworden. +Mein Sohn ist mir geschenkt worden." + +"Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, laß uns an +die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala +gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. Auf demselben +Hügel auch wollen wir Kamalas Scheiterhaufen bauen, auf welchem ich +einst meines Weibes Scheiterhaufen gebaut habe." + +Während der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen. + + + + +DER SOHN + +Scheu und weinend hatte der Knabe der Bestattung seiner Mutter +beigewohnt, finster und scheu hatte er Siddhartha angehört, der ihn +als seinen Sohn begrüßte und ihn bei sich in Vasudevas Hütte +willkommen hieß. Bleich saß er tagelang am Hügel der Toten, mochte +nicht essen, verschloß seinen Blick, verschloß sein Herz, wehrte und +sträubte sich gegen das Schicksal. + +Siddhartha schonte ihn und ließ ihn gewähren, er ehrte seine Trauer. +Siddhartha verstand, daß sein Sohn ihn nicht kenne, daß er ihn nicht +lieben könne wie einen Vater. Langsam sah und verstand er auch, daß +der Elfjährige ein verwöhnter Knabe war, ein Mutterkind, und in +Gewohnheiten des Reichtums aufgewachsen, gewohnt an feinere Speisen, +an ein weiches Bett, gewohnt, Dienern zu befehlen. Siddhartha +verstand, daß der Trauernde und Verwöhnte nicht plötzlich und +gutwillig in der Fremde und Armut sich zufrieden geben könne. Er +zwang ihn nicht, er tat manche Arbeit für ihn, suchte stets den besten +Bissen für ihn aus. Langsam hoffte er ihn zu gewinnen, durch +freundliche Geduld. + +Reich und glücklich hatte er sich genannt, als der Knabe zu ihm +gekommen war. Da indessen die Zeit hinfloß, und der Knabe fremd und +finster blieb, da er ein stolzes und trotziges Herz zeigte, keine +Arbeit tun wollte, den Alten keine Ehrfurcht erwies, Vasudevas +Fruchtbäume beraubte, da begann Siddhartha zu verstehen, daß mit +seinem Sohne nicht Glück und Friede zu ihm gekommen war, sondern Leid +und Sorge. Aber er liebte ihn, und lieber war ihm Leid und Sorge der +Liebe, als ihm Glück und Freude ohne den Knaben gewesen war. Seit der +junge Siddhartha in der Hütte war, hatten die Alten sich in die Arbeit +geteilt. Vasudeva hatte das Amt des Fährmanns wieder allein +übernommen, und Siddhartha, um bei dem Sohne zu sein, die Arbeit in +Hütte und Feld. + +Lange Zeit, lange Monate wartete Siddhartha darauf, daß sein Sohn ihn +verstehe, daß er seine Liebe annehme, daß er sie vielleicht erwidere. +Lange Monate wartete Vasudeva, zusehend, wartete und schwieg. Eines +Tages, als Siddhartha der Junge seinen Vater wieder sehr mit Trotz und +Launen gequält und ihm beide Reisschüsseln zerbrochen hatte, nahm +Vasudeva seinen Freund am Abend beiseite und sprach mit ihm. + +"Entschuldige mich," sagte er, "aus freundlichem Herzen rede ich zu +dir. Ich sehe, daß du dich quälst, ich sehe, daß du Kummer hast. +Dein Sohn, Lieber, macht dir Sorge, und auch mir macht er Sorge. An +ein anderes Leben, an ein anderes Nest ist der junge Vogel gewöhnt. +Nicht wie du ist er dem Reichtum und der Stadt entlaufen aus Ekel und +Überdruß, er hat wider seinen Willen dies alles dahinten lassen müssen. +Ich fragte den Fluß, o Freund, vielemale habe ich ihn gefragt. Der +Fluß aber lacht, er lacht mich aus, mich und dich lacht er aus, und +schüttelt sich über unser Torheit. Wasser will zu Wasser, Jugend will +zu Jugend, dein Sohn ist nicht an dem Orte, wo er gedeihen kann. +Frage auch du den Fluß, höre auch du auf ihn!" + +Bekümmert blickte Siddhartha ihm in das freundliche Gesicht, in dessen +vielen Runzeln beständige Heiterkeit wohnte. + +"Kann ich mich denn von ihm trennen?" sagte er leise, beschämt. "Laß +mir noch Zeit, Lieber! Sieh, ich kämpfe um ihn, ich werbe um sein +Herz, mit Liebe und mit freundlicher Geduld will ich es fangen. Auch +zu ihm soll einst der Fluß reden, auch er ist berufen." + +Vasudevas Lächeln blühte wärmer. "O ja, auch er ist berufen, auch er +ist vom ewigen Leben. Aber wissen wir denn, du und ich, wozu er +berufen ist, zu welchem Wege, zu welchen Taten, zu welchen Leiden? +Nicht klein wird sein Leiden sein, stolz und hart ist ja sein Herz, +viel müssen solche leiden, viel irren, viel Unrecht tun, sich viel +Sünde aufladen. Sage mir, mein Lieber: du erziehst deinen Sohn nicht? +Du zwingst ihn nicht? Schlägst ihn nicht? Strafst ihn nicht?" + +"Nein, Vasudeva, das tue ich alles nicht." + +"Ich wußte es. Du zwingst ihn nicht, schlägst ihn nicht, befiehlst +ihm nicht, weil du weißt, daß Weich stärker ist als Hart, Wasser +stärker als Fels, Liebe stärker als Gewalt. Sehr gut, ich lobe dich. +Aber ist es nicht ein Irrtum von dir, zu meinen, daß du ihn nicht +zwingest, nicht strafest? Bindest du ihn nicht in Bande mit deiner +Liebe? Beschämst du ihn nicht täglich, und machst es ihm noch +schwerer, mit deiner Güte und Geduld? Zwingst du ihn nicht, den +hochmütigen und verwöhnten Knaben, in einer Hütte bei zwei alten +Bananenessern zu leben, welchen schon Reis ein Leckerbissen ist, deren +Gedanken nicht seine sein können, deren Herz alt und still ist und +anderen Gang hat als das seine? Ist er mit alledem nicht gezwungen, +nicht gestraft?" + +Betroffen blickte Siddhartha zur Erde. Leise fragte er: "Was, meinst +du, soll ich tun?" + +Sprach Vasudeva: "Bring ihn zur Stadt, bringe ihn in seiner Mutter +Haus, es werden noch Diener dort sein, denen gib ihn. Und wenn keine +mehr da sind, so bringe ihn einem Lehrer, nicht der Lehre wegen, aber +daß er zu anderen Knaben komme, und zu Mädchen, und in die Welt, +welche die seine ist. Hast du daran nie gedacht?" + +"Du siehst in mein Herz," sprach Siddhartha traurig. "Oft habe ich +daran gedacht. Aber sieh, wie soll ich ihn, der ohnehin kein sanftes +Herz hat, in diese Welt geben? Wird er nicht üppig werden, wird er +nicht sich an Lust und Macht verlieren, wird er nicht alle Irrtümer +seines Vaters wiederholen, wird er nicht vielleicht ganz und gar in +Sansara verloren gehen?" + +Hell strahlte des Fährmanns Lächeln auf; er berührte zart Siddharthas +Arm und sagte: "Frage den Fluß darüber, Freund! Höre ihn darüber +lachen! Glaubst du denn wirklich, daß du deine Torheiten begangen +habest, um sie dem Sohn zu ersparen? Und kannst du denn deinen Sohn +vor Sansara schützen? Wie denn? Durch Lehre, durch Gebet, durch +Ermahnung? Lieber, hast du jene Geschichte denn ganz vergessen, jene +lehrreiche Geschichte vom Brahmanensohn Siddhartha, die du mir einst +hier an dieser Stelle erzählt hast? Wer hat den Samana Siddhartha vor +Sansara bewahrt, vor Sünde, vor Habsucht, vor Torheit? Hat seines +Vaters Frömmigkeit, seiner Lehrer Ermahnung, hat sein eigenes Wissen, +sein eigenes Suchen ihn bewahren können? Welcher Vater, welcher Lehrer +hat ihn davor schützen können, selbst das Leben zu leben, selbst +sich mit dem Leben zu beschmutzen, selbst Schuld auf sich zu laden, +selbst den bitteren Trank zu trinken, selber seinen Weg zu finden? + +Glaubst du denn, Lieber, dieser Weg bleibe irgend jemandem vielleicht +erspart? Vielleicht deinem Söhnchen, weil du es liebst, weil du ihm +gern Leid und Schmerz und Enttäuschung ersparen möchtest? Aber auch +wenn du zehnmal für ihn stürbest, würdest du ihm nicht den kleinsten +Teil seines Schicksals damit abnehmen können." + +Noch niemals hatte Vasudeva so viele Worte gesprochen. Freundlich +dankte ihm Siddhartha, ging bekümmert in die Hütte, fand lange keinen +Schlaf. Vasudeva hatte ihm nichts gesagt, das er nicht selbst schon +gedacht und gewußt hätte. Aber es war ein Wissen, das er nicht tun +konnte, stärker als das Wissen war seine Liebe zu dem Knaben, stärker +seine Zärtlichkeit, seine Angst, ihn zu verlieren. Hatte er denn +jemals an irgend etwas so sehr sein Herz verloren, hatte er je +irgendeinen Menschen so geliebt, so blind, so leidend, so erfolglos, +und doch so glücklich? + +Siddhartha konnte seines Freundes Rat nicht befolgen, er konnte den +Sohn nicht hergeben. Er ließ sich von dem Knaben befehlen, er ließ +sich von ihm mißachten. Er schwieg und wartete, begann täglich den +stummen Kampf der Freundlichkeit, den lautlosen Krieg der Geduld. +Auch Vasudeva schwieg und wartete, freundlich, wissend, langmütig. In +der Geduld waren sie beide Meister. + +Einst, als des Knaben Gesicht ihn sehr an Kamala erinnerte, mußte +Siddhartha plötzlich eines Wortes gedenken, das Kamala vor Zeiten, in +den Tagen der Jugend, einmal zu ihm gesagt hatte. "Du kannst nicht +lieben," hatte sie ihm gesagt, und er hatte ihr Recht gegeben und +hatte sich mit einem Stern, die Kindermenschen aber mit fallendem Laub +verglichen, und dennoch hatte er in jenem Wort auch einen Vorwurf +gespürt. In der Tat hatte er niemals sich an einen anderen Menschen +ganz verlieren und hingeben können, sich selbst vergessen, Torheiten +der Liebe eines anderen wegen begehen; nie hatte er das gekonnt, und +dies war, wie ihm damals schien, der große Unterschied gewesen, der +ihn von den Kindermenschen trennte. Nun aber, seit sein Sohn da war, +nun war auch er, Siddhartha, vollends ein Kindermensch geworden, eines +Menschen wegen leidend, einen Menschen liebend, an eine Liebe verloren, +einer Liebe wegen ein Tor geworden. Nun fühlte auch er, spät, einmal +im Leben diese stärkste und seltsamste Leidenschaft, litt an ihr, litt +kläglich, und war doch beseligt, war doch um etwas erneuert, um etwas +reicher. + +Wohl spürte er, daß diese Liebe, diese blinde Liebe zu seinem Sohn +eine Leidenschaft, etwas sehr Menschliches, daß sie Sansara sei, eine +trübe Quelle, ein dunkles Wasser. Dennoch, so fühlte er gleichzeitig, +war sie nicht wertlos, war sie notwendig, kam aus seinem eigenen Wesen. +Auch diese Lust wollte gebüßt, auch diese Schmerzen wollten gekostet +sein, auch diese Torheiten begangen. + +Der Sohn indessen ließ ihn seine Torheiten begehen, ließ ihn werben, +ließ ihn täglich sich vor seinen Launen demütigen. Dieser Vater hatte +nichts, was ihn entzückt, und nichts, was er gefürchtet hätte. Er war +ein guter Mann, dieser Vater, ein guter, gütiger, sanfter Mann, +vielleicht ein sehr frommer Mann, vielleicht ein Heiliger--dies alles +waren nicht Eigenschaften, welche den Knaben gewinnen konnten. +Langweilig war ihm dieser Vater, der ihn da in seiner elenden Hütte +gefangen hielt, langweilig war er ihm, und daß er jede Unart mit +Lächeln, jeden Schimpf mit Freundlichkeit, jede Bosheit mit Güte +beantwortete, das eben war die verhaßteste List dieses alten +Schleichers. Viel lieber wäre der Knabe von ihm bedroht, von ihm +mißhandelt worden. + +Es kam ein Tag, an welchem des jungen Siddhartha Sinn zum Ausbruch kam +und sich offen gegen seinen Vater wandte. Der hatte ihm einen Auftrag +erteilt, er hatte ihn Reisig sammeln geheißen. Der Knabe ging aber +nicht aus der Hütte, er blieb trotzig und wütend stehen, stampfte den +Boden, ballte die Fäuste, und schrie in gewaltigem Ausbruch seinem +Vater Haß und Verachtung ins Gesicht. + +"Hole du selber dein Reisig!" rief er schäumend, "ich bin nicht dein +Knecht. Ich weiß ja, daß du mich nicht schlägst, du wagst es ja nicht; +ich weiß ja, daß du mich mit deiner Frömmigkeit und deiner Nachsicht +beständig strafen und klein machen willst. Du willst, daß ich werden +soll wie du, auch so fromm, auch so sanft, auch so weise! Ich aber, +höre, ich will, dir zu Leide, lieber ein Straßenräuber und Mörder +werden und zur Hölle fahren, als so werden wie du! Ich hasse dich, du +bist nicht mein Vater, und wenn du zehnmal meiner Mutter Buhle gewesen +bist!" + +Zorn und Gram liefen in ihm über, schäumten in hundert wüsten und +bösen Worten dem Vater entgegen. Dann lief der Knabe davon und kam +erst spät am Abend wieder. + +Am andern Morgen aber war er verschwunden. Verschwunden war auch ein +kleiner, aus zweifarbigem Bast geflochtener Korb, in welchem die +Fährleute jene Kupfer- und Silbermünzen aufbewahrten, welche sie als +Fährlohn erhielten. Verschwunden war auch das Boot, Siddhartha sah es +am jenseitigen Ufer liegen. Der Knabe war entlaufen. + +"Ich muß ihm folgen," sagte Siddhartha, der seit jenen gestrigen +Schimpfreden des Knaben vor Jammer zitterte. "Ein Kind kann nicht +allein durch den Wald gehen. Er wird umkommen. Wir müssen ein Floß +bauen, Vasudeva, um übers Wasser zu kommen." + +"Wir werden ein Floß bauen," sagte Vasudeva, "um unser Boot wieder zu +holen, das der Junge entführt hat. Ihn aber solltest du laufen lassen, +Freund, er ist kein Kind mehr, er weiß sich zu helfen. Er sucht den +Weg nach der Stadt, und er hat Recht, vergiß das nicht. Er tut das, +was du selbst zu tun versäumt hast. Er sorgt für sich, er geht seine +Bahn. Ach, Siddhartha, ich sehe dich leiden, aber du leidest +Schmerzen, über die man lachen möchte, über die du selbst bald lachen +wirst." + +Siddhartha antwortete nicht. Er hielt schon das Beil in Händen, und +begann ein Floß aus Bambus zu machen, und Vasudeva half ihm, die +Stämme mit Grasseilen zuzammen zu binden. Dann fuhren sie hinüber, +wurden weit abgetrieben, zogen das Floß am jenseitigen Ufer flußauf. + +"Warum hast du das Beil mitgenommen?" fragte Siddhartha. + +Vasudeva sagte: "Es könnte sein, daß das Ruder unsres Bootes verloren +gegangen wäre." + +Siddhartha aber wußte, was sein Freund dachte. Er dachte, der Knabe +werde das Ruder weggeworfen oder zerbrochen haben, um sich zu rächen +und um sie an der Verfolgung zu hindern. Und wirklich war kein Ruder +mehr im Boote. Vasudeva wies auf den Boden des Bootes, und sah den +Freund mit Lächeln an, als wollte er sagen; "Siehst du nicht, was dein +Sohn dir sagen will? Siehst du nicht, daß er nicht verfolgt sein +will?" Doch sagte er dies nicht mit Worten. Er machte sich daran, +ein neues Ruder zu zimmern. Siddhartha aber nahm Abschied, um nach +dem Entflohenen zu suchen. Vasudeva hinderte ihn nicht. + +Als Siddhartha schon lange im Walde unterwegs war, kam ihm der Gedanke, +daß sein Suchen nutzlos sei. Entweder, so dachte er, war der Knabe +längst voraus und schon in der Stadt angelangt, oder, wenn er noch +unterwegs sein sollte, würde er vor ihm, dem Verfolgenden, sich +verborgen halten. Da er weiter dachte, fand er auch, daß er selbst +nicht in Sorge um seinen Sohn war, daß er im Innersten wußte, er sei +weder umgekommen, noch drohe ihm im Walde Gefahr. Dennoch lief er +ohne Rast, nicht mehr, um ihn zu retten, nur aus Verlangen, nur um ihn +vielleicht nochmals zu sehen. Und er lief bis vor die Stadt. + +Als er nahe bei der Stadt auf die breite Straße gelangte, blieb er +stehen, am Eingang des schönen Lustgartens, der einst Kamala gehört +hatte, wo er sie einst, in der Sänfte, zum erstenmal gesehen hatte. +Das Damalige stand in seiner Seele auf, wieder sah er sich dort stehen, +jung, ein bärtiger nackter Samana, das Haar voll Staub. Lange stand +Siddhartha und blickte durch das offne Tor in den Garten, Mönche in +gelben Kutten sah er unter den schönen Bäumen gehen. + +Lange stand er, nachdenkend, Bilder sehend, der Geschichte seines +Lebens lauschend. Lange stand er, blickte nach den Mönchen, sah statt +ihrer den jungen Siddhartha, sah die junge Kamala unter den hohen +Bäumen gehen. Deutlich sah er sich, wie er von Kamala bewirtet ward, +wie er ihren ersten Kuß empfing, wie er stolz und verächtlich auf sein +Brahmanentum zurückblickte, stolz und verlangend sein Weltleben begann. +Er sah Kamaswami, sah die Diener, die Gelage, die Würfelspieler, die +Musikanten, sah Kamalas Singvogel im Käfig, lebte dies alles nochmals, +atmete Sansara, war nochmals alt und müde, fühlte nochmals den Ekel, +fühlte nochmals den Wunsch, sich auszulöschen, genas nochmals am +heiligen Om. + +Nachdem er lange beim Tor des Gartens gestanden war, sah Siddhartha +ein, daß das Verlangen töricht war, das ihn bis zu dieser Stätte +getrieben hatte, daß er seinem Sohne nicht helfen konnte, daß er sich +nicht an ihn hängen durfte. Tief fühlte er die Liebe zu dem +Entflohenen im Herzen, wie eine Wunde, und fühlte zugleich, daß ihm +die Wunde nicht gegeben war, um in ihr zu wühlen, daß sie zur Blüte +werden und strahlen müsse. + +Daß die Wunde zu dieser Stunde noch nicht blühte, noch nicht strahlte, +machte ihn traurig. An der Stelle des Wunschzieles, das ihn hierher +und dem entflohenen Sohne nachgezogen hatte, stand nun Leere. Traurig +setzte er sich nieder, fühlte etwas in seinem Herzen sterben, empfand +Leere, sah keine Freude mehr, kein Ziel. Er saß versunken, und +wartete. Dies hatte er am Flusse gelernt, dies eine: warten, Geduld +haben, lauschen. Und er saß und lauschte, im Staub der Straße, +lauschte seinem Herzen, wie es müd und traurig ging, wartete auf eine +Stimme. Manche Stunde kauerte er lauschend, sah keine Bilder mehr, +sank in die Leere, ließ sich sinken, ohne einen Weg zu sehen. Und +wenn er die Wunde brennen fühlte, sprach er lautlos das Om, füllte +sich mit Om. Die Mönche im Garten sahen ihn, und da er viele Stunden +kauerte, und auf seinen grauen Haaren der Staub sich sammelte, kam +einer gegangen und legte zwei Pisangfrüchte vor ihm nieder. Der Alte +sah ihn nicht. + +Aus dieser Erstarrung weckte ihn eine Hand, welche seine Schulter +berührte. Alsbald erkannte er diese Berührung, die zarte, schamhafte, +und kam zu sich. Er erhob sich und begrüßte Vasudeva, welcher ihm +nachgegangen war. Und da er in Vasudevas freundliches Gesicht schaute, +in die kleinen, wie mit lauter Lächeln ausgefüllten Falten, in die +heiteren Augen, da lächelte auch er. Er sah nun die Pisangfrüchte vor +sich liegen, hob sie auf, gab eine dem Fährmann, aß selbst die andere. +Darauf ging er schweigend mit Vasudeva in den Wald zurück, kehrte zur +Fähre heim. Keiner sprach von dem, was heute geschehen war, keiner +nannte den Namen des Knaben, keiner sprach von seiner Flucht, keiner +sprach von der Wunde. In der Hütte legte sich Siddhartha auf sein +Lager, und da nach einer Weile Vasudeva zu Ihm trat, um ihm eine +Schale Kokosmilch anzubieten, fand er ihn schon schlafend. + + + + +OM + +Lange noch brannte die Wunde. Manchen Reisenden mußte Siddhartha über +den Fluß setzen, der einen Sohn oder eine Tochter bei sich hatte, und +keinen von ihnen sah er, ohne daß er ihn beneidete, ohne daß er dachte: +"So viele, so viel Tausende besitzen dies holdeste Glück--warum ich +nicht? Auch böse Menschen, auch Diebe, und Räuber haben Kinder, und +lieben sie, und werden von ihnen geliebt, nur ich nicht." So einfach, +so ohne Verstand dachte er nun, so ähnlich war er den Kindermenschen +geworden. + +Anders sah er jetzt die Menschen an als früher, weniger klug, weniger +stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter. Wenn er Reisende +der gewöhnlichen Art übersetzte, Kindermenschen, Geschäftsleute, +Krieger, Weibervolk, so erschienen diese Leute ihm nicht fremd wie +einst: er verstand sie, er verstand und teilte ihr nicht von Gedanken +und Einsichten, sondern einzig von Trieben und Wünschen geleitetes +Leben, er fühlte sich wie sie. Obwohl er nahe der Vollendung war, und +an seiner letzten Wunde trug, schien ihm doch, diese Kindermenschen +seien seine Brüder, ihre Eitelkeiten, Begehrlichkeiten und +Lächerlichkeiten verloren das Lächerliche für ihn, wurden begreiflich, +wurden liebenswert, wurden ihm sogar verehrungswürdig. Die blinde +Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den dummen, blinden Stolz eines +eingebildeten Vaters auf sein einziges Söhnlein, das blinde, wilde +Streben nach Schmuck und nach bewundernden Männeraugen bei einem +jungen, eitlen Weibe, alle diese Triebe, alle diese Kindereien, alle +diese einfachen, törichten, aber ungeheuer starken, stark lebenden, +stark sich durchsetzenden Triebe und Begehrlichkeiten waren für +Siddhartha jetzt keine Kindereien mehr, er sah um ihretwillen die +Menschen leben, sah sie um ihretwillen Unendliches leisten, Reisen tun, +Kriege führen, Unendliches leiden, Unendliches ertragen, und er +konnte sie dafür lieben, er sah das Leben, das Lebendige, das +Unzerstörbare, das Brahman in jeder ihrer Leidenschaften, jeder ihrer +Taten. Liebenswert und bewundernswert waren diese Menschen in ihrer +blinden Treue, ihrer blinden Stärke und Zähigkeit. Nichts fehlte +ihnen, nichts hatte der Wissende und Denker vor ihnen voraus als eine +einzige Kleinigkeit, eine einzige winzig kleine Sache: das Bewußtsein, +den bewußten Gedanken der Einheit alles Lebens. Und Siddhartha +zweifelte sogar zu mancher Stunde, ob dies Wissen, dieser Gedanke so +sehr hoch zu werten, ob nicht auch er vielleicht eine Kinderei der +Denkmenschen, der Denk-Kindermenschen sein möchte. In allem andern +waren die Weltmenschen dem Weisen ebenbürtig, waren ihm oft weit +überlegen, wie ja auch Tiere in ihrem zähen, unbeirrten Tun des +Notwendigen in manchen Augenblicken den Menschen überlegen scheinen +können. + +Langsam blühte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das +Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens +Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine +Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den +Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können. +Langsam blühte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem +Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der +Welt, Lächeln, Einheit. + +Die Wunde aber brannte noch, sehnlich und bitter gedachte Siddhartha +seines Sohnes, pflegte seine Liebe und Zärtlichkeit im Herzen, ließ +den Schmerz an sich fressen, beging alle Torheiten der Liebe. Nicht +von selbst erlosch diese Flamme. + +Und eines Tages, als die Wunde heftig brannte, fuhr Siddhartha über +den Fluß, gejagt von Sehnsucht, stieg aus und war Willens, nach der +Stadt zu gehen und seinen Sohn zu suchen. Der Fluß floß sanft und +leise, es war in der trockenen Jahreszeit, aber seine Stimme klang +sonderbar: sie lachte! Sie lachte deutlich. Der Fluß lachte, er +lachte hell und klar den alten Fährmann aus. Siddhartha blieb stehen, +er beugte sich übers Wasser, um noch besser zu hören, und im still +ziehenden Wasser sah er sein Gesicht gespiegelt, und in diesem +gespiegelten Gesicht war etwas, das ihn erinnerte, etwas Vergessenes, +und da er sich besann, fand er es: dies Gesicht glich einem andern, +das er einst gekannt und geliebt und auch gefürchtet hatte. Es glich +dem Gesicht seines Vaters, des Brahmanen. Und er erinnerte sich, wie +er vor Zeiten, ein Jüngling, seinen Vater gezwungen hatte, ihn zu den +Büßern gehen zu lassen, wie er Abschied von ihm genommen hatte, wie er +gegangen und nie mehr wiedergekommen war. Hatte nicht auch sein Vater +um ihn dasselbe Leid gelitten, wie er es nun um seinen Sohn litt? War +nicht sein Vater längst gestorben, allein, ohne seinen Sohn +wiedergesehen zu haben? Mußte er selbst nicht dies selbe Schicksal +erwarten? War es nicht eine Komödie, eine seltsame und dumme Sache, +diese Wiederholung, dieses Laufen in einem verhängnisvollen Kreise? + +Der Fluß lachte. Ja, es war so, es kam alles wieder, was nicht bis zu +Ende gelitten und gelöst ward, es wurden immer wieder dieselben Leiden +gelitten. Siddhartha aber stieg wieder in das Boot und fuhr zu der +Hütte zurück, seines Vaters gedenkend, seines Sohnes gedenkend, vom +Flusse verlacht, mit sich selbst im Streit, geneigt zur Verzweiflung, +und nicht minder geneigt, über sich und die ganze Welt laut +mitzulachen. Ach, noch blühte die Wunde nicht, noch wehrte sein Herz +sich wider das Schicksal, noch strahlte nicht Heiterkeit und Sieg aus +seinem Leide. Doch fühlte er Hoffnung, und da er zur Hütte +zurückgekehrt war, spürte er ein unbesiegbares Verlangen, sich vor +Vasudeva zu öffnen, ihm alles zu zeigen, ihm, dem Meister des Zuhörens, +alles zu sagen. + +Vasudeva saß in der Hütte und flocht an einem Korbe. Er fuhr nicht +mehr mit dem Fährboot, seine Augen begannen schwach zu werden, und +nicht nur seine Augen; auch seine Arme und Hände. Unverändert und +blühend war nur die Freude und das heitere Wohlwollen seines Gesichtes. + +Siddhartha setzte sich zu dem Greise, langsam begann er zu sprechen. +Worüber sie niemals gesprochen hatten, davon erzählte er jetzt, von +seinem Gange zur Stadt, damals, von der brennenden Wunde, von seinem +Neid beim Anblick glücklicher Väter, von seinem Wissen um die Torheit +solcher Wünsche, von seinem vergeblichen Kampf wider sie. Alles +berichtete er, alles konnte er sagen, auch das Peinlichste, alles ließ +sich sagen, alles sich zeigen, alles konnte er erzählen. Er zeigte +seine Wunde dar, erzählte auch seine heutige Flucht, wie er übers +Wasser gefahren sei, kindischer Flüchtling, willens nach der Stadt zu +wandern, wie der Fluß gelacht habe. + +Während er sprach, lange sprach, während Vasudeva mit stillem Gesicht +lauschte, empfand Siddhartha dies Zuhören Vasudevas stärker, als er es +jemals gefühlt hatte, er spürte, wie seine Schmerzen, seine +Beängstigungen hinüberflossen, wie seine heimliche Hoffnung +hinüberfloß, ihm von drüben wieder entgegenkam. Diesem Zuhörer seine +Wunde zu zeigen, war dasselbe, wie sie im Flusse baden, bis sie kühl +und mit dem Flusse eins wurde. Während er immer noch sprach, immer +noch bekannte und beichtete, fühlte Siddhartha mehr und mehr, daß dies +nicht mehr Vasudeva, nicht mehr ein Mensch war, der ihm zuhörte, daß +dieser regungslos Lauschende seine Beichte in sich einsog wie ein Baum +den Regen, daß dieser Regungslose der Fluß selbst, daß er Gott selbst, +daß er das Ewige selbst war. Und während Siddhartha aufhörte, an sich +und an seine Wunde zu denken, nahm diese Erkenntnis vom veränderten +Wesen des Vasudeva von ihm Besitz, und je mehr er es empfand und +darein eindrang, desto weniger wunderlich wurde es, desto mehr sah er +ein, daß alles in Ordnung und natürlich war, daß Vasudeva schon lange, +beinahe schon immer so gewesen sei, daß nur er selbst es nicht ganz +erkannt hatte, ja daß er selbst von jenem kaum noch verschieden sei. +Er empfand, daß er den alten Vasudeva nun so sehe, wie das Volk die +Götter sieht, und daß dies nicht von Dauer sein könne; er begann im +Herzen von Vasudeva Abschied zu nehmen. Dabei sprach er immer fort. + +Als er zu Ende gesprochen hatte, richtete Vasudeva seinen freundlichen, +etwas schwach gewordenen Blick auf ihn, sprach nicht, strahlte ihm +schweigend Liebe und Heiterkeit entgegen, Verständnis und Wissen. Er +nahm Siddharthas Hand, führte ihn zum Sitz am Ufer, setzte sich mit +ihm nieder, lächelte dem Flusse zu. + +"Du hast ihn lachen hören," sagte er. "Aber du hast nicht alles +gehört. Laß uns lauschen, du wirst mehr hören." + +Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses. +Siddhartha schaute ins Wasser, und im ziehenden Wasser erschienen ihm +Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd; er selbst +erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen +Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe, +begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wünsche stürmend, +jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend. +Der Fluß sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er, +sehnlich floß er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme. + +"Hörst du?" fragte Vasudevas stummer Blick. Siddhartha nickte. + +"Höre besser!" flüsterte Vasudeva. + +Siddhartha bemühte sich, besser zu hören. Das Bild des Vaters, sein +eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas +Bild erschien und zerfloß, und das Bild Govindas, und andre Bilder, +und flossen ineinander über, wurden alle zum Fluß, strebten alle als +Fluß dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses +Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von +unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Fluß, Siddhartha sah +ihn eilen, den Fluß, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen +bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten, +leidend, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der +Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem +folgte ein neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den +Himmel, ward Regen und stürzte aus dem Himmel herab, ward Quelle, ward +Bach, ward Fluß, strebte aufs Neue, floß aufs Neue. Aber die +sehnliche Stimme hatte sich verändert. Noch tönte sie, leidvoll, +suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude +und des Leides, gute und böse Stimmen, lachende und trauernde, hundert +Stimmen, tausend Stimmen. + +Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören +vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, daß er nun das +Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehört, +diese vielen Stimmen im Fluß, heute klang es neu. Schon konnte er die +vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, +nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der +Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Stöhnen der +Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und +verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, +alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, +alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluß des +Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam +diesem Fluß, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf +das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an +irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle +hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das große Lied der +tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hieß Om: die Vollendung. + +"Hörst du," fragte wieder Vasudevas Blick. + +Hell glänzte Vasudevas Lächeln, über all den Runzeln seines alten +Antlitzes schwebte es leuchtend, wie über all den Stimmen des Flusses +das Om schwebte. Hell glänzte sein Lächeln, als er den Freund +anblickte, und hell glänzte nun auch auf Siddharthas Gesicht dasselbe +Lächeln auf. Seine Wunde blühte, sein Leid strahlte, sein Ich war in +die Einheit geflossen. + +In dieser Stunde hörte Siddhartha auf, mit dem Schicksal zu kämpfen, +hörte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht blühte die Heiterkeit des +Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt, +das einverstanden ist mit dem Fluß des Geschehens, mit dem Strom des +Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Strömen hingegeben, der +Einheit zugehörig. + +Als Vasudeva sich von dem Sitz am Ufer erhob, als er in Siddharthas +Augen blickte und die Heiterkeit des Wissens darin strahlen sah, +berührte er dessen Schulter leise mit der Hand, in seiner behutsamen +und zarten Weise, und sagte: "Ich habe auf diese Stunde gewartet, +Lieber. Nun sie gekommen ist, laß mich gehen. Lange habe ich auf +diese Stunde gewartet, lange bin ich der Fährmann Vasudeva gewesen. +Nun ist es genug. Lebe wohl, Hütte, lebe wohl, Fluß, lebe wohl, +Siddhartha!" + +Siddhartha verneigte sich tief vor dem Abschiednehmenden. + +"Ich habe es gewußt," sagte er leise. "Du wirst in die Wälder gehen?" + +"Ich gehe in die Wälder, ich gehe in die Einheit," sprach Vasudeva +strahlend. + +Strahlend ging er hinweg; Siddhartha blickte ihm nach. Mit tiefer +Freude, mit tiefem Ernst blickte er ihm nach, sah seine Schritte voll +Frieden, sah sein Haupt voll Glanz, sah seine Gestalt voll Licht. + + + + +GOVINDA + +Mit anderen Mönchen weilte Govinda einst während einer Rastzeit in dem +Lusthain, welchen die Kurtisane Kamala den Jüngern des Gotama +geschenkt hatte. Er hörte von einem alten Fährmanne sprechen, welcher +eine Tagereise entfernt vom Hain am Flusse wohne, und der von vielen für +einen Weisen gehalten werde. Als Govinda des Weges weiterzog, wählte er +den Weg zur Fähre, begierig diesen Fährmann zu sehen. Denn ob er wohl +sein Leben lang nach der Regel gelebt hatte, auch von den Jungeren +Mönchen seines Alters und seiner Bescheidenheit wegen mit Ehrfurcht +angesehen wurde, war doch in seinem Herzen die Unruhe und das Suchen +nicht erloschen. + +Er kam zum Flüsse, er bat den Alten um überfahrt, und da sie drüben +aus dem Boot stiegen, sagte er zum Alten: "Viel Gutes erweisest du uns +Mönchen und Pilgern, viele von uns hast du schon übergesetzt. Bist +nicht auch du, Fährmann, ein Sucher nach dem rechten Pfade?" + +Sprach Siddhartha, aus den alten Augen lächelnd: "Nennst du dich einen +Sucher, o Ehrwürdiger, und bist doch schon hoch in den Jahren, und +trägst das Gewand der Mönche Gotamas?" + +"Wohl bin ich alt," sprach Govinda, "zu suchen aber habe ich nicht +aufgehört. Nie werde ich aufhören zu suchen, dies scheint meine +Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir +ein Wort sagen, Verehrter?" + +Sprach Siddhartha: "Was sollte ich dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen +haben? Vielleicht das, daß du allzu viel suchst? Daß du vor Suchen +nicht zum Finden kommst?" + +"Wie denn?" fragte Govinda. + +"Wenn jemand sucht," sagte Siddhartha, "dann geschieht es leicht, daß +sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts zu +finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das +Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. +Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen +stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat +ein Sucher, denn, deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht, +was nah vor deinen Augen steht." + +"Noch verstehe ich nicht ganz," bat Govinda, "wie meinst du das?" + +Sprach Siddhartha: "Einst, o Ehrwürdiger, vor manchen Jahren, bist du +schon einmal an diesem Flusse gewesen, und hast am Fluß einen +Schlafenden gefunden, und hast dich zu ihm gesetzt, um seinen Schlaf +zu behüten. Erkannt aber, o Govinda, hast du den Schlafenden nicht." + +Staunend, wie ein Bezauberter, blickte der Mönch in des Fährmanns +Augen. + +"Bist du Siddhartha?" fragte er mit scheuer Stimme. "Ich hätte dich +auch diesesmal nicht erkannt! Herzlich grüße ich dich, Siddhartha, +herzlich freue ich mich, dich nochmals zu sehen! Du hast dich sehr +verändert, Freund.--Und nun bist du also ein Fährmann geworden?" + +Freundlich lachte Siddhartha. "Ein Fährmann, ja. Manche, Govinda, +müssen sich viel verändern, müssen allerlei Gewand tragen, ihrer einer +bin ich, Lieber. Sei willkommen, Govinda, und bleibe die Nacht in +meiner Hütte." + +Govinda blieb die Nacht in der Hütte und schlief auf dem Lager, das +einst Vasudevas Lager gewesen war. Viele Fragen richtete er an den +Freund seiner Jugend, vieles mußte ihm Siddhartha aus seinem Leben +erzählen. + +Als es am andern Morgen Zeit war, die Tageswanderung anzutreten, da +sagte Govinda, nicht ohne Zögern, die Worte: "Ehe ich meinen Weg +fortsetze, Siddhartha, erlaube mir noch eine Frage. Hast du eine +Lehre? Hast du einen Glauben, oder ein Wissen, dem du folgst, das dir +leben und rechttun hilft?" + +Sprach Siddhartha: "Du weißt, Lieber, daß ich schon als junger Mann, +damals, als wir bei den Büßern im Walde lebten, dazu kam, den Lehren +und Lehrern zu mißtrauen und ihnen den Rücken zu wenden. Ich bin +dabei geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine +schöne Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein +reicher Kaufmann war mein Lehrer, und einige Würfelspieler. Einmal +ist auch ein wandernder Jünger Buddhas mein Lehrer gewesen; er saß bei +mir, als ich im Walde eingeschlafen war, auf der Pilgerschaft. Auch +von ihm habe ich gelernt, auch ihm bin ich dankbar, sehr dankbar. Am +meisten aber habe ich hier von diesem Flusse gelernt, und von meinem +Vorgänger, dem Fährmann Vasudeva. Es war ein sehr einfacher Mensch, +Vasudeva, er war kein Denker, aber er wußte das Notwendige so gut wie +Gotama, er war ein Vollkommener, ein Heiliger." + +Govinda sagte: "Noch immer, o Siddhartha, liebst du ein wenig den +Spott, wie mir scheint. Ich glaube dir und weiß es, daß du nicht +einem Lehrer gefolgt bist. Aber hast nicht du selbst, wenn auch nicht +eine Lehre, so doch gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse gefunden, +welche dein eigen sind und die dir leben helfen? Wenn du mir von +diesen etwas sagen möchtest, würdest du mir das Herz erfreuen." + +Sprach Siddhartha: "Ich habe Gedanken gehabt, ja, und Erkenntnisse, je +und je. Ich habe manchmal, für eine Stunde oder für einen Tag, Wissen +in mir gefühlt, so wie man Leben in seinem Herzen fühlt. Manche +Gedanken waren es, aber schwer wäre es für mich, sie dir mitzuteilen. +Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden +habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser +mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit." + +"Scherzest du?" fragte Govinda. + +"Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man +mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie +leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, +aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon +als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben +hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für +Scherz oder für Narrheit halten wirst, der aber mein bester Gedanke +ist. Er heißt: Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! +Nämlich so: eine Wahrheit läßt sich immer nur aussprechen und in Worte +hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken +gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, +alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der +erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so mußte er sie teilen in +Sansara und Nirvana, in Täuschung und Wahrheit, in Leid und Erlösung. +Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg für den, der lehren +will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen, +ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara +oder ganz Nirvana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sündig. +Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, daß Zeit +etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies +oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die +Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit, +zwischen Böse und Gut zu liegen scheint, auch eine Täuschung." + +"Wie das?" fragte Govinda ängstlich. + +"Höre gut, Lieber, höre gut! Der Sünder, der ich bin und der du bist, +der ist Sünder, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst +Nirvana erreichen, wird Buddha sein--und nun siehe: dies 'Einst' ist +Täuschung, ist nur Gleichnis! Der Sünder ist nicht auf dem Weg zur +Buddhaschaft unterwegs, er ist nicht in einer Entwickelung begriffen, +obwohl unser Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen weiß. +Nein, in dem Sünder ist, ist jetzt und heute schon der künftige Buddha, +seine Zukunft ist alle schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den +werdenden, den möglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die +Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen +Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick +vollkommen, alle Sünde trägt schon die Gnade in sich, alle kleinen +Kinder haben schon den Greis in sich, alle Säuglinge den Tod, alle +Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen möglich, vom +anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege sei, im Räuber und +Würfelspieler wartet Buddha, im Brahmanen wartet der Räuber. Es gibt, +in der tiefen Meditation, die Möglichkeit, die Zeit aufzuheben, alles +gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen, +und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahman. Darum +scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Sünde wie +Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles muß so sein, alles bedarf nur +meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden +Einverständnisses, so ist es für mich gut, kann mich nur fördern, kann +mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele +erfahren, daß ich der Sünde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust, +des Strebens nach Gütern, der Eitelkeit, und bedurfte der +schmählichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen, +um die Welt lieben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von +mir gewünschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von +mir ausgedachten Art der Vollkommenheit, sondern sie zu lassen, wie +sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne anzugehören.--Dies, o +Govinda, sind einige, von den Gedanken, die mir in den Sinn gekommen +sind." + +Siddhartha bückte sich, hob einen Stein vom Erdbodene auf und wog ihn +in der Hand. + +"Dies hier," sagte er spielend, "ist ein Stein, und er wird in einer +bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden, +oder Tier oder Mensch. Früher nun hätte ich gesagt: Dieser Stein ist +bloß ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber +weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und +Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hätte ich +früher vielleicht gedacht. Heute aber denke ich: dieser Stein ist +Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich +verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden +könnte, sondern weil er alles längst und immer ist--und gerade dies, +daß er Stein ist, daß er mir jetzt und heute als Stein erscheint, +gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder von seinen +Adern und Höhlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Härte, im Klang, +den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit oder +Feuchtigkeit seiner Oberfläche. Es gibt Steine, die fühlen sich wie +Öl oder wie Seife an, und andre wie Blätter, andre wie Sand, und jeder +ist besonders und betet das Om auf seine Weise, jeder ist Brahman, +zugleich aber und ebensosehr ist er Stein, ist ölig oder saftig, und +gerade das gefällt mir und scheint mir wunderbar und der Anbetung +würdig.--Aber mehr laß mich davon nicht sagen. Die Worte tun dem +geheimen Sinn nicht gut, es wird immer alles gleich ein wenig anders, +wenn man es ausspricht, ein wenig verfälscht, ein wenig närrisch--ja, +und auch das ist sehr gut und gefällt mir sehr, auch damit bin ich +sehr einverstanden, daß das, was eines Menschen Schatz und Weisheit +ist, dem andern immer wie Narrheit klingt." + +Schweigend lauschte Govinda. + +"Warum hast du mir das von dem Steine gesagt?" fragte er nach einer +Pause zögernd. + +"Es geschah ohne Absicht. Oder vielleicht war es so gemeint, daß ich +eben den Stein, und den Fluß, und alle diese Dinge, die wir betrachten +und von denen wir lernen können, liebe. Einen Stein kann ich lieben, +Govinda, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge, +und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum +sind Lehren nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche, +keine Farben, keine Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben +nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den +Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch +Erlösung und Tugend, auch Sansara und Nirvana sind bloße Worte, +Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirvana wäre; es gibt nur das Wort +Nirvana." + +Sprach Govinda: "Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirvana. Es ist ein +Gedanke." + +Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich muß dir +gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht +sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich +halte von Dingen mehr. Hier auf diesem Fährboot zum Beispiel war ein +Mann mein Vorgänger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche +Jahre lang einfach an den Fluß geglaubt, sonst an nichts. Er hatte +gemerkt, daß des Flusses Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie +erzog und lehrte ihn, der Fluß schien ihm ein Gott, viele Jahre lang +wußte er nicht, daß jeder Wind, jede Wolke, jeder Vogel, jeder Käfer +genau so göttlich ist und ebensoviel weiß und lehren kann wie der +verehrte Fluß. Als dieser Heilige aber in die Wälder ging, da wußte +er alles, wußte mehr als du und ich, ohne Lehrer, ohne Bücher, nur +weil er an den Fluß geglaubt hatte." + +Govinda sagte: "Aber ist das, was du 'Dinge' nennst, denn etwas +Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur +Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß--sind sie denn +Wirklichkeiten?" + +"Auch dies," sprach Siddhartha, "bekümmert mich nicht sehr. Mögen die +Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so +sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und +verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie +lieben. Und dies ist nun eine Lehre, über welche du lachen wirst: die +Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die +Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer +Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu +können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und +mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten +zu können." + +"Dies verstehe ich," sprach Govinda. "Aber eben dies hat er, der +Erhabene, als Trug erkannt. Er gebietet Wohlwollen, Schonung, Mitleid, +Duldung, nicht aber Liebe; er verbot uns, unser Herz in Liebe an +Irdisches zu fesseln." + +"Ich weiß es", sagte Siddhartha; sein Lächeln strahlte golden. "Ich +weiß es, Govinda. Und siehe, da sind wir mitten im Dickicht der +Meinungen drin, im Streit um Worte. Denn ich kann nicht leugnen, +meine Worte von der Liebe stehen im Widerspruch, im scheinbaren +Widerspruch zu Gotamas Worten. Eben darum mißtraue ich den Worten so +sehr, denn ich weiß, dieser Widerspruch ist Täuschung. Ich weiß, daß +ich mit Gotama einig bin. Wie sollte denn auch Er die Liebe nicht +kennen, Er, der alles Menschensein in seiner Vergänglichkeit, in seiner +Nichtigkeit erkannt hat, und dennoch die Menschen so sehr liebte, daß +er ein langes, mühevolles Leben einzig darauf verwendet hat, ihnen zu +helfen, sie zu lehren! Auch bei ihm, auch bei deinem großen Lehrer, +ist mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger +als sein Reden, die Gebärde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen. +Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe, nur im Tun, im +Leben." + +Lange schwiegen die beiden alten Männer. Dann sprach Govinda, indem +er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, daß du mir +etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame +Gedanken, nicht alle sind mir sofort verständlich geworden. Dies möge +sein, wie es wolle, ich danke dir, und ich wünsche dir ruhige Tage." + +(Heimlich bei sich aber dachte er: Dieser Siddhartha ist ein +wunderlicher Mensch, wunderliche Gedanken spricht er aus, närrisch +klingt seine Lehre. Anders klingt des Erhabenen reine Lehre, klarer, +reiner, verständlicher, nichts Seltsames, Närrisches oder Lächerliches +ist in ihr enthalten. Aber anders als seine Gedanken scheinen mir +Siddharthas Hände und Füße, seine Augen, seine Stirn, sein Atmen, sein +Lächeln, sein Gruß, sein Gang. Nie mehr, seit unser erhabener Gotama +in Nirvana einging, nie mehr habe ich einen Menschen angetroffen, von +dem ich fühlte: dies ist ein Heiliger. Einzig ihn, diesen Siddhartha, +habe ich so gefunden. Mag seine Lehre seltsam sein, mögen seine Worte +närrisch klingen, sein Blick und seine Hand, seine Haut und sein Haar, +alles an ihm strahlt eine Reinheit, strahlt eine Ruhe, strahlt eine +Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus, welche ich an keinem anderen +Menschen seit dem letzten Tode unseres erhabenen Lehrers gesehen habe.) + +Indem Govinda also dachte, und ein Widerstreit in seinem Herzen war, +neigte er sich nochmals zu Siddhartha, von Liebe gezogen. Tief +verneigte er sich vor dem ruhig Sitzenden. + +"Siddhartha", sprach er, "wir sind alte Männer geworden. Schwerlich +wird einer von uns den andern in dieser Gestalt wiedersehen. Ich sehe, +Geliebter, daß du den Frieden gefunden hast. Ich bekenne, ihn nicht +gefunden zu haben. Sage mir, Verehrter, noch ein Wort, gib mir etwas +mit, das ich fassen, das ich verstehen kann! Gib mir etwas mit auf +meinen Weg. Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha." + +Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen +Lächeln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit +Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben, +ewiges Nichtfinden. + +Siddhartha sah es, und lächelte. + +"Neige dich zu mir!" flüsterte er leise in Govindas Ohr. "Neige dich +zu mir her! So, noch näher! Ganz nahe! Küsse mich auf die Stirn, +Govinda!" + +Während aber Govinda verwundert, und dennoch von großer Liebe und +Ahnung gezogen, seinen Worten gehorchte, sich nahe zu ihm neigte und +seine Stirn mit den Lippen berührte, geschah ihm etwas Wunderbares. +Während seine Gedanken noch bei Siddharthas wunderlichen Worten +verweilten, während er sich noch vergeblich und mit Widerstreben +bemühte, sich die Zeit hinwegzudenken, sich Nirvana und Sansara als +Eines vorzustellen, während sogar eine gewisse Verachtung für die +Worte des Freundes in ihm mit einer ungeheuren Liebe und Ehrfurcht +stritt, geschah ihm dieses: + +Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah statt +dessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen strömenden Fluß +von Gesichtern, von hunderten, von tausenden, welche alle kamen und +vergingen, und doch alle zugleich dazusein schienen, welche alle sich +beständig veränderten und erneuerten, und welche doch alle Siddhartha +waren. Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit +unendlich schmerzvoll geöffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit +brechenden Augen--er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot +und voll Falten, zum Weinen verzogen--er sah das Gesicht eines Mörders, +sah ihn ein Messer in den Leib eines Menschen stechen--er sah, zur +selben Sekunde, diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom +Henker mit einem Schwertschlag abgeschlagen werden--er sah die Körper +von Männern und Frauen nackt in Stellungen und Kämpfen rasender +Liebe--er sah Leichen ausgestreckt, still, kalt, leer--er sah +Tierköpfe, von Ebern, von Krokodilen, von Elefanten, von Stieren, von +Vögeln--er sah Götter, sah Krischna, sah Agni--er sah alle diese +Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der +andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu +gebärend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich +schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine starb doch, +jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein +neues Gesicht, ohne daß doch zwischen einem und dem anderen Gesicht +Zeit gelegen wäre--und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten, +flossen, erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander, und +über alle war beständig etwas Dünnes, Wesenloses, dennoch Seiendes, +wie ein dünnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut, +eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lächelte, +und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda, +in eben diesem selben Augenblick mit den Lippen berührte. Und, so sah +Govinda, dies Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den +strömenden Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den +tausend Geburten und Toten, dies Lächeln Siddharthas war genau +dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche, +vielleicht gütige, vielleicht spöttische, weise, tausendfältige +Lächeln Gotamas, des Buddha, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht +gesehen hatte. So, das wußte Govinda, lächelten die Vollendeten. + +Nicht mehr wissend ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde +oder hundert Jahre gewährt habe, nicht mehr wissend, ob es einen +Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten +wie von einem göttlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung süß +schmeckt, im Innersten verzaubert und aufgelöst, stand Govinda noch +eine kleine Weile, über Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er +soeben geküßt hatte, das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles +Werdens, alles Seins gewesen war. Das Antlitz war unverändert, +nachdem unter seiner Oberfläche die Tiefe der Tausendfältigkeit sich +wieder geschlossen hatte, er lächelte still, lächelte leise und sanft, +vielleicht sehr gütig, vielleicht sehr spöttisch, genau, wie er +gelächelt hatte, der Erhabene. + +Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts +wußte, über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der +innigsten Liebe, der demütigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief +verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen +Lächeln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt +hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Siddhartha, by Hermann Hesse + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDDHARTHA *** + +***** This file should be named 2499-8.txt or 2499-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/9/2499/ + +Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, +with the assistance of Stefan Langer, sl99@gmx.de, in +scanning the original 1922 edition and Dr. Mary Cicora, +mcicora@yahoo.com, with the proofreading of this +transcription. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/2499-8.zip b/2499-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..477e54f --- /dev/null +++ b/2499-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..986812d --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #2499 (https://www.gutenberg.org/ebooks/2499) diff --git a/old/7sidd10.zip b/old/7sidd10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0c7c4ff --- /dev/null +++ b/old/7sidd10.zip diff --git a/old/7sidd11.zip b/old/7sidd11.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a1fb73f --- /dev/null +++ b/old/7sidd11.zip diff --git a/old/7sidd12.zip b/old/7sidd12.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..593ec67 --- /dev/null +++ b/old/7sidd12.zip diff --git a/old/8sidd10.zip b/old/8sidd10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6985bbc --- /dev/null +++ b/old/8sidd10.zip diff --git a/old/8sidd11.zip b/old/8sidd11.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..673f414 --- /dev/null +++ b/old/8sidd11.zip diff --git a/old/8sidd12.zip b/old/8sidd12.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2d2c78c --- /dev/null +++ b/old/8sidd12.zip |
