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+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents. Band 2. by Alexander von Humboldt
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.
+
+Author: Alexander von Humboldt
+
+Release Date: , March 3, 2008 [Ebook #24746]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***
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+
+Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.
+
+
+by Alexander von Humboldt
+
+
+
+
+Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008)
+
+
+
+
+
+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
+
+ Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
+
+ Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
+
+ ------------------
+
+ 1859
+
+ ------------------
+
+ Zweiter Band
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Neuntes Kapitel.
+Zehntes Kapitel.
+Elftes Kapitel.
+Zwoelftes Kapitel.
+Dreizehntes Kapitel.
+Vierzehntes Kapitel.
+Fuenfzehntes Kapitel.
+Sechzehntes Kapitel.
+Siebzehntes Kapitel.
+Liste explizit genannter Werke
+Anmerkungen des Korrekturlesers
+
+
+
+
+
+
+NEUNTES KAPITEL.
+
+
+ Koerperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen.
+
+
+Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich
+keine allgemeinen Betrachtungen ueber die Staemme der Eingeborenen, welche
+Neu-Andalusien bewohnen, ueber ihre Sitten, ihre Sprache und ihren
+gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von
+dem wir ausgegangen, moechte ich alles diess, das fuer die Geschichte des
+Menschengeschlechts von so grosser Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt
+zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen,
+desto mehr wird uns das Interesse fuer diese Gegenstaende, den Erscheinungen
+der physischen Natur gegenueber, in Anspruch nehmen. Der nordoestliche Theil
+des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen
+hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Voelkerschaften, die sie bewohnen,
+den Thaelern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem noerdlichen Ende
+Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Muendung des Lena
+hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht,
+ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck urspruenglicher voelliger
+Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten
+der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Voelkern, die
+einst auf bedeutend hoeherer Culturstufe standen, und wie soll man ein
+Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches ueberhaupt
+vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem
+Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein
+grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was
+sich auf die urspruenglichen Zustaende des Menschen und auf die aelteste
+Bevoelkerung eines Festlandes bezieht, an und fuer sich der Geschichte
+angehoerte, so wuerden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die
+Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen
+wird, nach der die Wilden aus der buergerlichen Gesellschaft ausgestossene,
+in die Waelder getriebene Staemme sind. Das Wort _'Barbar'_, das wir von
+Griechen und Roemern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen
+versunkenen Horde.
+
+Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden grosse gesellschaftliche Vereine
+unter den Eingeborenen nur auf dem Ruecken der Cordilleren und auf den
+Asien gegenueber liegenden Kuesten. Auf den mit Wald bedeckten, von Fluessen
+durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwaerts
+ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende
+Voelkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten,
+zerstreut gleich den Truemmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob
+uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen
+und die Beobachtung der Koerperbildung dazu dienen koennen, die
+verschiedenen Staemme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu
+verfolgen und ein paar jener Familienzuege aufzufinden, durch die sich die
+urspruengliche Einheit unseres Geschlechtes verraeth.
+
+Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Laendern, deren Gebirge wir
+vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva
+Barcelona, beinahe noch die Haelfte der schwachen Bevoelkerung. Ihre
+Kopfzahl laesst sich auf 60,000 schaetzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien
+kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenueber der Staerke der Jaegervoelker in
+Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien
+dagegen haelt, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht,
+z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten
+mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner
+als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zaehlt aber ueber
+400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in
+Cumana leben nicht alle in den Missionsdoerfern; man findet sie zerstreut
+in der Umgegend der Staedte, auf den Kuesten, wohin sie des Fischfangs wegen
+ziehen, selbst auf den kleinen Hoefen in den Llanos oder Savanen. In den
+Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein
+15,000 Indianer, die fast saemmtlich dem Chaymasstamm angehoeren. Indessen
+sind die Doerfer dort nicht so stark bevoelkert, wie in der Provinz
+Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fuenf- bis sechshundert, waehrend
+man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu
+indianische Doerfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich
+die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000
+schaetzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die
+Guaiqueries auf der Insel Margarita und die grosse Masse der Guaraunos, die
+auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhaengigkeit behauptet haben.
+Diese schaetzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; diess scheint mir aber zu
+viel. Ausser den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den
+sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Cano
+Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken
+lassen, gibt es seit dreissig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden
+Indianer mehr.
+
+Ungern brauche ich das Wort _'wild'_, weil es zwischen dem
+*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder
+unabhaengigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die
+Erfahrung haeufig widerspricht. In den Waeldern Suedamerikas gibt es Staemme
+Eingeborener, die unter Haeuptlingen friedlich in Doerfern leben, auf
+ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus
+letzterer ihre Haengematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die
+nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren.
+Die irrige Meinung, als waeren saemmtliche nicht unterworfene Eingeborene
+umherziehende Jaegervoelker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra
+Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europaeer; er besteht noch
+jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der
+Waelder, wohin nie ein Missionaer den Fuss gesetzt hat. Das verdankt man
+allerdings dem Regiment der Missionen, dass der Eingeborene Anhaenglichkeit
+an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewoehnt und ein
+ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in
+dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer voellig
+von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche
+Vorstellungen vom gegenwaertigen Zustand der Voelker in Suedamerika, wenn man
+einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits
+*heidnisch*, *wild* und *unabhaengig* fuer gleichbedeutend haelt. Der
+unterworfene Indianer ist haeufig so wenig ein Christ als der unabhaengige
+Goetzendiener; beide sind voellig vom augenblicklichen Beduerfnis in Anspruch
+genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Masse vollkommene
+Gleichgueltigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die
+Natur und ihre Kraefte goettlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst
+gehoert dem Kindesalter der Voelker an; er kennt noch keine Goetzen und keine
+heiligen Orte ausser Hoehlen, Schluchten und Forsten.
+
+Wenn die unabhaengigen Indianer noerdlich vom Orinoco und Apure, d. h. von
+den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem
+Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht
+schliessen, dass es jetzt in diesen Laendern weniger Eingeborene gibt, als
+zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomaeus Las Casas. In meinem Werke
+ueber Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung
+der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen
+Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race
+ist auf beiden Festlaendern Amerikas noch ueber sechs Millionen stark, und
+obgleich unzaehlige Staemme und Sprachen ausgestorben sind oder sich
+verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass zwischen den
+Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit
+Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend
+zugenommen hat. Zwei caraibische Doerfer in den Missionen von Piritu oder
+am Carony zaehlen mehr Familien als vier oder fuenf Voelkerschaften am
+Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustaende der unabhaengig gebliebenen
+Caraiben an den Quellen des Esquibo und suedlich von den Bergen von
+Pacaraimo thun zur Genuege dar, wie sehr auch bei diesem schoenen
+Menschenschlag die Bevoelkerung der Missionen die Masse der unabhaengigen
+und verbuendeten Caraiben uebersteigt. Uebrigens verhaelt es sich mit den
+Wilden im heissen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese
+beduerfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die
+Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein
+kleines Stueck Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die
+Beruehrung mit den Weissen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die,
+nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi
+zurueckgedraengt, sich den Lebensunterhalt in dem Maasse abgeschnitten sehen,
+in dem man ihr Gebiet beschraenkt. In der gemaessigten Zone, in den
+_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Beruehrung
+mit den europaeischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden,
+weil die Beruehrung dort eine unmittelbare ist.
+
+Im groessten Theil von Suedamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den
+Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weissen
+breiten sich langsam aus. Die Moenchsorden haben ihre Niederlassungen
+zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer
+gegruendet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben
+allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschraenkt, aber fast aller Orten
+ist durch sie eine Zunahme der Bevoelkerung herbeigefuehrt worden, wie sie
+beim Nomadenleben der unabhaengigen Indianer nicht moeglich ist. Im Maass als
+die Ordensgeistlichen gegen die Waelder vorruecken und den Eingeborenen Land
+abgewinnen, suchen ihrerseits die weissen Ansiedler von der andern Seite
+her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der
+weltliche Arm fortwaehrend die unterworfenen Indianer dem Moenchsregiment zu
+entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmaehlich Pfarrer an die
+Stelle der Missionaere. Weisse und Mischlinge lassen sich, beguenstigt von
+den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu
+spanischen Doerfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, dass
+sie eine Volkssprache gehabt haben. So rueckt die Cultur von der Kueste ins
+Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten,
+aber sichern, gleichmaessigen Schrittes.
+
+Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen
+_Govierno de Cumana_ begreift, zaehlen in ihrer gegenwaertigen Bevoelkerung
+mehr als vierzehn Voelkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas,
+Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der
+Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas,
+Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn
+Voelkerschaften glauben selbst, dass sie ganz verschiedener Abstammung sind.
+Man weiss nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Huetten an der
+Muendung des Orinoco auf Baeumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von
+Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Koepfe. Unter den uebrigen
+Voelkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf
+den suedlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den
+Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf
+dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht
+unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und
+Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, dass sie demselben
+Sprachstamm anzugehoeren scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe
+verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung
+herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit.
+
+Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben,
+Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Voelker zu betrachten.
+Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich
+nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, dass ihre
+Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind
+Kuestenvoelker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Staemme betrifft,
+die gegenwaertig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben,
+so laesst sich ueber ihre urspruengliche Abstammung und ihr Verhaeltniss zu
+andern, ehemals maechtigeren Voelkern schwer etwas aussagen. Die
+Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die
+Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise
+der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen
+von Indianern von Cumana und von der Kueste von Paria, als ob die
+Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie
+sogar die Staemme nach ihren Haeuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die
+sie bewohnen. Dadurch haeuft sich die Zahl der Voelkerschaften ins
+Unendliche und werden alle Angaben der Missionaere ueber die ungleichartigen
+Elemente in der Bevoelkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie
+will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener
+Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil
+des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben
+und der Chaymas im suedlichen und oestlichen? Durch die grosse
+Uebereinstimmung in der Koerperbildung werden Untersuchungen der Art sehr
+schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung voellig
+verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit
+von Sprachen bei Voelkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer
+Koerperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen
+sprechen koerperlich ungemein verschiedene Voelker, Lappen, Finnen und
+Esthen, die germanischen Voelker und die Hindus, die Perser und die Kurden
+Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die groesste Aehnlichkeit mit
+einander haben.
+
+Die Indianer in den Missionen treiben saemmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme
+derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewaechse;
+ihre Huetten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung
+ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhaeltniss zu den
+Missionaeren und den aus ihrer Mitte gewaehlten Beamten, Alles ist nach
+Vorschriften geordnet, die ueberall gelten. Und dennoch -- und diess ist
+eine hoechst merkwuerdige Beobachtung in der Geschichte der Voelker -- war
+diese grosse Gleichfoermigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die
+individuellen Zuege, die Schattirungen, durch welche sich die
+amerikanischen Voelkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit
+kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zaehes Festhalten an
+den bei jedem Stamm wieder anders gefaerbten Sitten und Gebraeuchen, das der
+ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrueckt. Diesen Charakterzuegen
+begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai
+und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische
+Organisation der Eingeborenen, aber die moenchische Zucht leistet ihnen
+wesentlich Vorschub.
+
+Es gibt in den Missionen nur wenige Doerfer, wo die Familien verschiedenen
+Voelkerschaften angehoeren und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so
+verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu
+regieren. Meist haben die Moenche ganze Nationen, oder doch bedeutende
+Stuecke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Doerfern
+untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes;
+denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der
+Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben,
+Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthuemlichkeiten um so mehr, da
+sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualitaet des
+Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf
+Gedanken und Empfindung zurueck. Durch diesen innigen Verband zwischen
+Sprache, Volkscharakter und Koerperbildung erhalten sich die Voelker
+einander gegenueber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthuemlichkeit, und
+diess ist eine unerschoepfliche Quelle von Bewegung und Leben in der
+geistigen Welt.
+
+Die Missionaere konnten den Indianern gewisse alte Gebraeuche bei der Geburt
+eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten;
+sie konnten es dahin bringen, dass sie sich nicht mehr die Haut bemalten
+oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim grossen
+Haufen die aberglaeubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen
+Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebraeuche abzustellen
+und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu
+ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt
+gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in bestaendigem Kampfe mit
+feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und fuehrt so dem wilden,
+unabhaengigen Indianer gegenueber ein einfoermigeres, unthaetigeres, der
+Entwicklung der Geistes- und Gemuethskraft weniger guenstiges Leben. Wenn er
+gutmuethig ist, so kommt diess nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil
+er gefuehlvoll ist und gemuethlich. Wo er ausser Verkehr mit den Weissen auch
+all den Gegenstaenden ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt
+zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle
+seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Beduerfniss bestimmt
+zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist
+ernst, geheimnissvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an
+das Aussehen der Eingeborenen nicht gewoehnt ist, haelt ihre Traegheit und
+geistige Starrheit leicht fuer den Ausdruck der Schwermuth und des
+Tiefsinns.
+
+Ich habe die Charakterzuege des Indianers und die Veraenderungen, die sein
+Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um
+den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden
+sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas,
+deren ueber 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht
+sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte
+des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die
+Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Sued die Caraiben zu Nachbarn.
+Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern
+des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Cano de Caripe. Nach
+der genauen statistischen Aufnahme des Paters Praefekten zaehlte man im.Jahr
+1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn
+*Missions*doerfer; das aelteste ist von 1728, und sie zaehlten 6433 Einwohner
+in 1465 Haushaltungen; sechzehn Doerfer _de doctrina_; das aelteste ist von
+1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien.
+
+Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden;
+die damals noch unabhaengigen Caraiben machten Einfaelle und brannten ganze
+Doerfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevoelkerung
+zurueck in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der
+kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weissen. Viele
+Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Suempfe.
+Vierzehn alte Missionen blieben wueste liegen oder wurden nicht wieder
+aufgebaut.
+
+Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; diess faellt namentlich auf, wenn
+man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und
+Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen,
+sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die
+Mittelgroesse eines Chaymas betraegt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuss 10
+Zoll. Ihr Koerper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit,
+die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die
+der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und
+Neugrenadas bis herab zu den heissen Tieflaendern am Amazonenstrom. Die
+climatischen Unterschiede aeussern keinen Einfluss mehr auf dieselbe; sie ist
+durch organische Verhaeltnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten
+unabaenderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird
+die gleichfoermige Hautfarbe roether, dem Kupfer aehnlicher; bei den Chaymas
+dagegen ist sie dunkelbraun und naehert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck
+"kupferfarbige Menschen" zur Bezeichnung der Eingeborenen waere im
+tropischen Amerika niemals aufgekommen.
+
+Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber
+doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewoelbt; daher
+heisst es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schoenen
+Weibe, "sie sey fett und habe eine schmale Stirne." Die Augen der Chaymas
+sind schwarz, tiefliegend und stark in die Laenge gezogen; sie sind weder
+so schief gestellt noch so klein wie bei den Voelkern mongolischer Race,
+von denen Jornandes sagt, sie haben "vielmehr Punkte als Augen," _magis
+puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schlaefen zu dennoch
+merklich in die Hoehe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder
+dunkelbraun, duenn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange
+Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schlaefrig niederzuschlagen, gibt dem
+Blick der Weiber etwas Sanftes und laesst das verschleierte Auge kleiner
+erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie ueberhaupt alle
+Eingeborenen Suedamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die
+vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gaenzlich
+mangelnden Bart sich der mongolischen Race naehern, so unterscheiden sie
+sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang
+ist, der ganzen Laenge nach vorspringt und bei den Nasloechern dicker wird,
+welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Voelkern caucasischer
+Race. Der grosse Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat haeufig
+einen gutmuethigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden
+Geschlechtern zwei Furchen von den Nasloechern gegen die Mundwinkel. Das
+Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und
+breit.
+
+Die Zaehne sind bei den Chaymas schoen und weiss, wie bei allen Menschen von
+einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den
+ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensaeften
+und Aetzkalk die Zaehne schwarz zu faerben; gegenwaertig weiss man nichts mehr
+davon. Die Voelkerstaemme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den
+Einfaellen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her
+geschoben worden, dass die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und
+Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas.
+Ich bezweifle sehr, dass der Brauch des Schwaerzens der Zaehne, wie Gomara
+behauptet, mit seltsamen Schoenheitsbegriffen zusammenhaengt(1), oder dass es
+ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die
+Indianer so gut wie nichts; auch die Weissen in den spanischen Colonien,
+wenigstens in den heissen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichfoermig
+ist, leiden selten daran. Auf dem Ruecken der Cordilleren, in Santa-Fe und
+Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt.
+
+Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Voelker, die ich gesehen,
+kleine, schmale Haende. Ihre Fuesse aber sind gross und die Zehen bleiben
+beweglicher als gewoehnlich. Alle Chaymas sehen einander aehnlich wie nahe
+Verwandte, und diese gleichfoermige Bildung, die von den Reisenden so oft
+hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen
+zwischen dem zwanzigsten und fuenfzigsten Jahr das Alter nicht durch
+Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfaelligkeit des Koerpers verraeth.
+Tritt man in eine Huette, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den
+Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach
+meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen
+Momenten, auf den oertlichen Verhaeltnissen der indianischen Voelkerschaften
+und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Voelker
+zerfallen in eine Unzahl von Staemmen, die sich toedtlich hassen und niemals
+Ehen unter einander schliessen, selbst wenn ihre Mundarten demselben
+Sprachstamme angehoeren und nur ein kleiner Flussarm oder eine Huegelkette
+ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Staemme sind, desto mehr
+muss sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander
+verbinden, eine gewisse gleichfoermige Bildung, ein organischer, recht
+eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhaelt sich unter
+der Zucht der Missionen, die nur Eine Voelkerschaft unter der Obhut haben.
+Die Vereinzelung ist so stark wie frueher; Ehen werden nur unter
+Angehoerigen derselben Dorfschaft geschlossen. Fuer diese
+Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Voelkerschaft ein
+Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren
+sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Waeldern spanisch gelernt haben,
+einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme
+gehoeren, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten.
+
+Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren
+Einfluss sich ja auch bei den europaeischen Juden, bei den indischen Kasten
+und allen Gebirgsvoelkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher
+weniger beachtete. Ich habe schon frueher bemerkt, dass es vorzueglich die
+Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht.
+Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie
+als eine, die diesem oder jenem Individuum zukaeme. Der wilde Mensch
+verhaelt sich hierin dem gebildeten gegenueber wie die Thiere einer und
+derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, waehrend die andern in
+der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der
+Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Koerperbau und Farbe kommen nur bei
+den Hausthieren haeufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Zuege
+und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den
+Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in
+einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim
+Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den
+Zuegen ab, und die Zuege werden desto beweglicher, je haeufiger,
+mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in
+den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen
+Beduerfniss bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast muehelos
+befriedigt, fuehrt er ein traeges, einfoermiges Leben. Unter den
+Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese
+Einfoermigkeit, diese Starrheit der Verhaeltnisse drueckt sich auch in den
+Gesichtszuegen der Indianer aus.
+
+Unter der Zucht der Moenche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und
+Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Waeldern
+lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemuethsbewegungen
+ueberlaesst, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal
+krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorueber, je
+staerker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am
+Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen,
+aber er haelt laenger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher
+Entwicklung nicht die Staerke oder die augenblickliche Entfesselung der
+Leidenschaften, was den Zuegen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern
+vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in bestaendiger Beruehrung mit
+der Aussenwelt erhaelt, Zahl und Maass unserer Schmerzen und unserer Freuden
+steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurueckwirkt.
+Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Zuege das belebte Naturreich
+verschoenern, so ist auch nicht zu laeugnen, dass beide zwar nicht allein
+Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der grossen
+Voelkerfamilie kommen diese Vorzuege keiner Race in hoeherem Maasse zu als der
+caucasischen oder europaeischen. Nur beim weissen Menschen tritt das Blut
+ploetzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der
+Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemuethsbewegungen so bedeutend
+verstaerkt. "Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden koennen?"
+sagt der Europaeer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den
+Indianer. Man muss uebrigens zugeben, dass diese Starrheit der Zuege nicht
+allen Racen mit sehr dunkel gefaerbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner
+lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern.
+
+Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine
+Bemerkungen ueber ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die
+Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen,
+waehrend meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren
+Charakter durchgaengig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den
+Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionaeren
+erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten.
+
+Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Voelker in sehr heissen Laendern, eine
+entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen
+Schriftstellern hoeren wir, dass im noerdlichen Europa die Hemden und
+Beinkleider, welche die Missionaere austheilten, nicht wenig zur Bekehrung
+der Heiden beigetragen haben. In der heissen Zone dagegen schaemen sich die
+Eingeborenen, wie sie sagen, dass sie Kleider tragen sollen, und sie laufen
+in die Waelder, wenn man sie zu fruehe noethigt, ihr Nacktgehen aufzugeben.
+Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Moenche, Maenner und Weiber
+im Innern der Haeuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine
+Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Maennern
+hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten,
+zwoelften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei.
+Das Hemd ist so geschnitten, dass Vorderstueck und Rueckenstueck durch zwei
+schmale Baender auf der Schulter zusammenhaengen. Es kam vor, dass wir
+Eingeborenen ausserhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei
+Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm
+trugen. Sie wollten sich lieber auf den blossen Leib regnen, als ihre
+Kleider nass werden lassen. Die aeltesten Weiber versteckten sich dabei
+hinter die Baeume und schlugen ein lautes Gelaechter auf, wenn wir an ihnen
+vorueber kamen. Die Missionaere klagen meist, dass Schaam und Gefuehl fuer das
+Anstaendige bei den jungen Maedchen nicht viel entwickelter seyen als bei
+den Maennern. Schon Ferdinand Columbus erzaehlt, sein Vater habe im Jahr
+1498 auf der Insel Trinidad voellig nackte Weiber angetroffen, waehrend die
+Maenner den _'Guayuco'_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als
+eine Schuerze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Kueste von Paria
+die Maedchen von den verheiratheten Weibern dadurch, dass sie, wie Cardinal
+Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, dass sie
+einen anders gefaerbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den
+Chaymas und allen nackten Voelkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur
+zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur
+befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Maedchen heirathen
+haeufig mit zwoelf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionaere,
+nackt, das heisst ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht
+daran zu erinnern, dass bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen
+und indianischen Doerfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut
+Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener,
+der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den
+ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land
+gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem
+Kopf ackern sah, und er glaubte "in einem armseligen Lande zu seyn, wo
+sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen."
+
+Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schoenheitsbegriffen nicht huebsch;
+indessen haben die jungen Maedchen etwas Sanftes und Wehmuethiges im Blick,
+das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm
+absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zoepfe geflochten. Die Haut
+bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck
+als Hals- und Armbaender aus Muscheln, Voegelknochen und Fruchtkernen.
+Maenner und Weiber sind sehr musculoes, aber der Koerper ist fleischigt mit
+runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, dass mir nie ein Individuum mit
+einer natuerlichen Missbildung aufgestossen ist; dasselbe gilt von den vielen
+tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fuenf
+Jahren gesehen. Dergleichen Missbildungen sind bei gewissen Racen ungemein
+selten, besonders aber bei Voelkern, deren Hautgewebe stark gefaerbt ist.
+Ich kann nicht glauben, dass sie allein Folgen hoeherer Cultur, einer
+weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniss sind. In Europa
+heirathet ein buckligtes oder sehr haessliches Maedchen, wenn sie Vermoegen
+hat, und die Kinder erben haeufig die Missbildung der Mutter. Im wilden
+Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts
+einen Mann vermoegen, eine Missbildete oder sehr Kraenkliche zum Weibe zu
+nehmen. Hat eine solche das seltene Glueck, dass sie das Alter der Reife
+erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man moechte glauben, die Wilden
+seyen alle so wohlgebildet und so kraeftig, weil die schwaechlichen Kinder
+aus Verwahrlosung fruehe wegsterben und nur die kraeftigen am Leben bleiben;
+aber diess kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die
+Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und
+Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren
+Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen
+dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfaehigkeit, vom urspruenglichen Typus
+abzuweichen, so muessen wir darin doch wohl grossentheils angeborene Anlage
+erblicken, das, worin eben der eigenthuemliche Racencharakter besteht. Ich
+sage absichtlich: grossentheils, weil ich den Einfluss der Cultur nicht ganz
+ausschliessen moechte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weissen, wird
+der Koerper durch Luxus und Weichlichkeit geschwaecht, und aus diesem Grunde
+waren frueher Missbildungen in Couzco und Tenochtitlan haeufiger; aber unter
+den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der groessten
+Sitteneinfalt leben, haette Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten
+aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah.
+
+Die Sitte des fruehzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen
+bezeugen, der Zunahme der Bevoelkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese
+fruehe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heissen
+Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestkueste von Amerika, bei den
+Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriaeken, wo haeufig
+zehnjaehrige Maedchen Muetter sind. Man kann sich nur wundern, dass die
+Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei
+keiner Race und in keinem Klima veraendert.
+
+Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere
+Voelker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reissen sie aus;
+aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur
+desshalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch
+waeren die Indianer groesstentheils ziemlich bartlos. Ich sage groesstentheils,
+denn es gibt Voelkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben
+den andern stehen und desshalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher
+gehoeren in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die
+Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in
+Suedamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne
+sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den duennen
+Kinnbart auszuraufen, sich haeufig rasiren, so waechst der Bart staerker.
+Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Messdiener lebhaft
+wuenschten den Vaeter Kapuzinern, ihren Missionaeren und Meistern zu
+gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Masse
+verhasst, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille
+fliesst aus derselben Quelle wie die Vorliebe fuer abgeflachte Stirnen, die
+an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise
+zu Tage kommt. Den Voelkern gilt immer fuer schoen, was ihre eigene
+Koerperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da
+ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine
+rothbraune Haut gegeben hat, so haelt sich jeder fuer desto schoener, je
+weniger sein Koerper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut
+mit _'Roucou'_, _'Chica'_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist.
+
+Die Lebensweise der Chaymas ist hoechst einfoermig. Sie legen sich
+regelmaessig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb
+fuenf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Haengematte.
+Die Weiber sind so frostig, dass ich sie in der Kirche vor Kaelte zittern
+sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im
+Innern sind die Huetten der Indianer aeusserst sauber. Ihr Bettzeug, ihre
+Schilfmatten, ihre Toepfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und
+Pfeile, Alles befindet sich in der schoensten Ordnung. Maenner und Weiber
+baden taeglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die
+Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Laendern
+vorzugsweise von den Kleidern herruehrt. Ausser dem Haus im Dorfe haben sie
+meist auf ihren _'Conucos'_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht
+einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblaettern gedeckte Huette von
+geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten
+sie sich doch dort auf, so oft sie nur koennen. Schon oben gedachten wir
+ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben
+in der Wildniss zurueckzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten
+ihren Eltern und ziehen vier, fuenf Tage in den Waeldern herum, von
+Fruechten, von Palmkohl und Wurzeln sich naehrend. Wenn man in den Missionen
+reist, sieht man haeufig die Doerfer fast ganz leer stehen, weil die
+Einwohner in ihren Gaerten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den
+civilisirten Voelkern fliesst wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben
+moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen
+Unabhaengigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur ueberall auf den
+Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenueber sieht.
+
+Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen
+halbbarbarischen Voelkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit faellt
+ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen,
+trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen
+Weg durch das Gestraeuch bahnt. Das Weib ging gebueckt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere
+sassen nicht selten oben auf dem Buendel. Trotz dieser gesellschaftlichen
+Unterordnung schienen mir die Weiber der suedamerikanischen Indianer
+gluecklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem
+Mississippi werden ueberall, wo die Eingeborenen nicht groesstentheils von
+der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kuerbisse nur von den Weibern gebaut; der
+Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heissen Zone gibt es
+nur sehr wenige Jaegervoelker, und in den Missionen arbeiten die Maenner im
+Felde so gut wie die Weiber.
+
+Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch
+lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weissen nicht
+in Beruehrung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte
+Indianer zu heissen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrueckt,
+_'latinisirte'_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein
+bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich
+spaeter besucht, am meisten auffiel, das ist, dass es den Indianern so
+ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf
+spanisch auszudruecken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den
+Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie fuer noch einfaeltiger halten als
+Kinder, wenn ein Weisser sie ueber Gegenstaende befragt, mit denen sie von
+Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionaere versichern, dieses Stocken
+sey nicht Folge der Schuechternheit; bei den Indianern, die taeglich ins
+Haus des Missionaers kommen und bei der oeffentlichen Arbeit die Aussicht
+fuehren, sey es keineswegs natuerliche Beschraenktheit, sondern nur
+Unvermoegen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden
+Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr
+moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu
+verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt,
+Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen,
+Mulatten und Weissen in der Naehe der Staedte in Pfarrdoerfern wohnen. Ich war
+oft erstaunt, mit welcher Gelaeufigkeit in Caripe der _'Alcalde'_, der
+_'Governador'_, der _'Sargento mayor'_ stundenlang zu den vor der Kirche
+versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten fuer die
+Woche, schalten die Traegen, drohten den Unanstelligen. Diese Haeuptlinge,
+die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionaers der Gemeinde zur
+Kenntniss bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit
+starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Zuege bleiben dabei
+unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch.
+
+Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und
+ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr
+zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausfluegen in der Naehe des
+Klosters begleiteten und wir durch die Moenche Fragen an sie richten
+liessen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage
+stellte; und ihre Traegheit und nebenbei auch jene schlaue Hoeflichkeit, die
+auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, liess sie nicht selten
+ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten
+schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen
+wollen, koennen sie vor diesem gefaelligen Jasagen sich nicht genug in Acht
+nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe
+stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der
+Hoehle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus
+und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu
+besinnen und sagte dann zur Unterstuetzung meiner Annahme: "Freilich, wie
+waere auch sonst vorne in der Hoehle immer Wasser im Bett?"
+
+Alle Zahlenverhaeltnisse fassen die Chaymas ausserordentlich schwer. Ich
+habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey
+achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an
+den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fuenfhundert Jahren
+civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich grosse Zahlen
+ausdruecken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im
+Verkehr mit den Missionaeren dazu genoethigt sind, so zaehlen die faehigsten
+spanisch, aber so, dass man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf
+30 oder 50. In der Chaymassprache zaehlen dieselben Menschen nicht ueber 5
+oder 6. Es ist natuerlich, dass sie sich vorzugsweise der Worte einer
+Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen
+gelernt haben. Seit die europaeischen Gelehrten es der Muehe werth halten,
+den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der
+semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt,
+schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus
+Rechnung der Rohheit der Voelker kommt. Man erkennt an, dass fast ueberall
+die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als
+man nach der Culturlosigkeit der Voelker, die sie sprechen, vermuthen
+sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schoensten
+Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen
+hat ein klareres, regelmaessigeres und einfacheres Zahlsystem als das
+Oquichua und das Aztekische, die in den grossen Reichen Couzco und Anahuac
+gesprochen wurden. Duerfte man nun sagen, in diesen Sprachen zaehle man
+nicht ueber vier, weil es in den Doerfern, wo sich dieselben unter den armen
+Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen
+gibt, die nicht weiter zaehlen koennen? Die seltsame Ansicht, nach der so
+viele Voelker Amerikas nur bis zu fuenf, zehn oder zwanzig sollen zaehlen
+koennen, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wussten, dass die
+Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen
+Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heisst nach den Fingern
+Einer Hand, beider Haende, der Haende und Fuesse zusammen) einen Abschnitt
+machen, und dass 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fuenf eins, zehn
+drei und "Fuss zehn" ausgedrueckt werden. Kann man sagen, die Zahlen der
+Europaeer gehen nicht ueber zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe
+von zehn Einheiten beisammen ist?
+
+Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die
+Toechtersprachen des Lateinischen, dass die Jesuiten, welche Alles, was ihre
+Anstalten foerdern konnte, aufs Sorgfaeltigste in Betracht zogen, bei den
+Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr
+regelmaessige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das
+Guarani, einfuehrten. Sie suchten durch diese Sprachen die aermeren,
+plumperen, im Satzbau nicht so regelmaessigen Mundarten zu verdraengen. Und
+der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener
+Staemme liessen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese
+verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel
+zwischen den Missionaeren und den Neubekehrten. Mit Unrecht wuerde man
+glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen
+gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluss zweier
+auf einander eifersuechtiger Gewalten, der Bischoefe und der Statthalter, zu
+entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere
+Gruende, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese
+Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden
+zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch
+die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Laendern
+bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form
+oder doch das Aussehen von Ursprachen.
+
+Wenn es heisst, ein Daene lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter
+Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man
+zunaechst, diess ruehre daher, dass alle germanischen Sprachen oder alle
+Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein
+haben; man vergisst, dass es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere
+gibt, die Voelker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die
+Sprache ist keineswegs ein Ergebniss willkuehrlicher Uebereinkunft; der
+Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Moeglichkeit der
+Inversionen, Alles ist ein Ausfluss unseres Innern, unserer eigenthuemlichen
+Organisation. Im Menschen lebt ein unbewusst thaetiges und ordnendes
+Princip, das bei Voelkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt
+ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder
+am Meeresufer, die ganze Lebensweise moegen die Laute umwandeln, die
+Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber
+alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen
+unberuehrt. Die Einfluesse des Klimas und aller aeussern Verhaeltnisse sind ein
+verschwindendes Moment dem gegenueber, was der Racencharakter wirkt, die
+Gesammtheit der dem Menschen eigenthuemlichen, sich vererbenden Anlagen.
+
+In Amerika nun -- und dieses Ergebniss der neuesten Forschungen ist fuer die
+Geschichte unserer Gattung von der hoechsten Bedeutung -- in Amerika haben
+vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heissen Ufern dieses
+Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz
+verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein
+ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und
+das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem
+grammatischen Bau die ueberraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren
+Wurzeln einander um nichts aehnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen
+und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit,
+Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast
+ueberall in der neuen Welt, dass die Zeitwoerter eine ganze Menge Formen und
+Tempora haben, ein kuenstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder
+durch Flexion der persoenlichen Fuerwoerter, welche die Wortendungen bilden,
+oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhaeltnisse
+des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder
+leblos, maennlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher
+Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil
+amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben
+(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung
+uebereinkommen und von den Toechtersprachen des Lateinischen durchaus
+abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine
+amerikanische Sprache als die des europaeischen Mutterlandes. In den
+Waeldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen
+sprechen hoeren. Haeufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem
+andern als ihrem eigenen Idiom mit einander.
+
+Haette man das System der Jesuiten befolgt, so waeren bereits weit
+verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am
+Orinoco spraeche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Sueden und
+Suedwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionaere
+koennten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen
+hoechst regelmaessig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit,
+und wuerden so den Eingeborenen, ueber die sie herrschen, weit naeher kommen.
+Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus
+einem Dutzend Voelkerschaften bestehen, verschwaenden mit der
+Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten wuerden todte Sprachen;
+aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine
+Individualitaet und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf
+friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus
+in die neue Welt eingefuehrt, mit Waffengewalt durchzufuehren begonnen.
+
+Wie mag man sich auch wundern, dass die Chaymas, die Caraiben, die Saliven
+oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man
+bedenkt, dass fuenf-, sechshundert Indianern Ein Weisser, Ein Missionaer
+gegenuebersteht, und dass dieser alle Muehe hat, einen Governador, Alcalden
+oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Koennte man statt der Zucht der
+Missionaere die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre
+Sitten saenftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten,
+ohne desshalb gebildeter zu seyn), koennte man die Weissen, statt sie ferne
+zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben
+lassen, so waeren die amerikanischen Sprachen bald von den europaeischen
+verdraengt, und die Eingeborenen ueberkaemen mit den letzteren die gewaltige
+Masse neuer Vorstellungen, welche die Fruechte der Cultur sind. Dann
+brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder
+das Guarany, einzufuehren. Aber nachdem ich mich in den Missionen des
+suedlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzuege und die
+Missbraeuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die
+Ansicht aussprechen, dass dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn
+wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern laesst und das als
+Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von buergerlicher
+Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Roemer
+haben in Gallien, in Baetica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft
+schnell auch ihre Sprache eingefuehrt; aber die eingeborenen Voelker dieser
+Laender waren keine Wilde. Sie wohnten in Staedten, sie kannten den Gebrauch
+des Geldes, sie hatten buergerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe
+Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und
+den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in
+unmittelbare Beruehrung gekommen. Dagegen sehen wir der Einfuehrung der
+Sprachen der Mutterlaender ueberall fast unueberwindliche Hindernisse
+entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder roemische Colonien
+auf wirklich barbarischen Kuesten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und
+unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem
+civilisirten Menschen gegenueber.
+
+Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das
+Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie
+weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_,
+_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, dass
+diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber
+Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten
+selbst einverleibt sind. Mit Unrecht wuerde man diese Rauheit des
+Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind
+urspruenglich diesem gemaessigten Klima fremd. Sie sind erst durch die
+Missionaere dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie
+allen Bewohnern heisser Landstriche, die Kaelte in Caripe, wie sie es
+nennen, Anfangs sehr zuwider. Waehrend unseres Aufenthalts im
+Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniss von
+Chaymasworten angelegt. Ich weiss wohl, dass der Bau und die grammatischen
+Formen fuer die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute
+und der Wurzeln, und dass diese Analogie der Laute nicht selten in
+verschiedenen Dialekten derselben Sprache voellig unkenntlich wird; denn
+die Staemme, in welche eine Nation zerfaellt, haben haeufig fuer dieselben
+Gegenstaende voellig verschiedene Benennungen. So kommt es, dass man sehr
+leicht irre geht, wenn man, die Flexionen ausser Augen lassend, nur nach
+den Wurzeln, z. B. nach den Worten fuer Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei
+Idiome allein wegen der Unaehnlichkeit der Laute fuer voellig verschieden
+erklaert. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden
+gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugaenglich ist.
+Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane
+des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben fuer sich
+kennen. Die Woerterverzeichnisse sind nicht zu vernachlaessigen; sie geben
+sogar ueber den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluss,
+wenn der Reisende Saetze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort
+flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender
+Weise geschieht, die persoenlichen und possessiven Fuerwoerter bezeichnet
+werden.
+
+Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona
+sind gegenwaertig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische.
+Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat
+ihr Woerterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfasst von den Patres Tauste,
+Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios
+Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im
+siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die
+Missionen gekommen und in den Waeldern zu Grunde gegangen. Wegen der grossen
+Feuchtigkeit und der Gefraessigkeit der Insekten lassen sich in diesen
+heissen Laendern Buecher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller
+Vorsichtsmassregeln sind sie in kurzer Zeit gaenzlich verdorben. Nur mit
+grosser Muehe konnte ich in den Missionen und Kloestern die Grammatiken
+amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner
+Rueckkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu
+Koenigsberg uebermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem
+schoenen grossen Werk ueber die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals
+versaeumt meine Notizen ueber die Chaymassprache aus meinem Tagebuch
+abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch
+der Abt Hervas dieser Sprache erwaehnen, gebe ich hier kurz das Ergebniss
+meiner Untersuchungen.
+
+Auf dem rechten Ufer des Orinoco, suedoestlich von der Mission Encaramada,
+ueber hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in
+mehrere Dialekte zerfaellt. Diese einst sehr maechtige Nation ist auf wenige
+Koepfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den
+Orinoco, durch die grossen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine
+noch schwerer zu uebersteigende Schranke, durch Voelker von caraibischem
+Staemme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen oertlichen
+Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der
+Tamanacusprache. Die aeltesten Missionare in Caripe wissen nichts von
+dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast
+nie an das suedliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der
+Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache
+dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rueckkehr
+nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer
+Grammatik verglich, die ein alter Missionaer am Orinoco in Italien drucken
+lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili
+vermuthet, dass die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu
+verwandt seyn muesse.
+
+Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die
+Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die
+Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die
+persoenlichen Fuerwoerter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_,
+ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder
+_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person
+ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu.
+
++---------------------+-----------------+
+| Chaymas | Tamanacu |
++---------------------+-----------------+
+|_Ure_, ich. | _ure._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Tuna_, Wasser. | _Tuna._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Conopo_, Regen. | _Canepo._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Poturu_, Wissen. | _Puturo._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Apoto_, Feuer. | _U-apto._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Je_, Baum. | _Jeje._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Ata_, Haus. | _Aute._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Euya_, dir. | _Auya._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Toya_, ihm. | _Iteuya._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Guane_, Honig. | _Uane._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Nacaramayre_, er | _Nacaramai._ |
+|hat's gesagt. | |
++---------------------+-----------------+
+|_Piache_, Zauberer, | _Psiache._ |
+|Arzt. | |
++---------------------+-----------------+
+|_Tibin_, eins. | _Obin._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Aco_, zwei. | _Oco._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Oroa_, drei. | _Orua._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Pun_, Fleisch. | _Punu._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Pra_, nicht. | _Pra._ |
++---------------------+-----------------+
+
+*Seyn* heisst im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persoenliche
+Fuerwort *ich* (_u_ von _u-re_), so laesst man des Wohlklangs wegen vor dem
+_u_ ein _g_ hoeren, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die
+erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte
+durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; "_muerepuec araquapemaz,_", "
+warum bist du traurig?" woertlich: "das fuer traurig du seyn?" "_punpuec
+topuchemaz,_" "du bist fett von Koerper;" woertlich: "Fleisch (_pun_) fuer
+(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_)." Die zueignenden Fuerwoerter
+kommen vor das Hauptwort zu stehen: "_upatay,_" "in meinem Hause;"
+woertlich: "ich Haus in." Alle Praepositionen wie die Negation _pra_ werden
+nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: "_ipuec,_ mit ihm,"
+woertlich "er mit;" "_euya,_ zu dir, oder dir zu;" "_epuec charpe guaz_"
+"ich bin lustig mit dir;" woertlich: "du mit lustig ich seyn;" "_ucarepra,_
+nicht wie ich;" woertlich: "ich wie nicht;" "_quenpotupra quoguaz_ ich
+kenne ihn nicht;" woertlich: "ihn kennend nicht ich bin;" "_quenepra
+quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen," woertlich: "ihn sehend nicht ich
+bin." Im Tamanacu sagt man: "_acurivane,_ schoen," und "_acurivanepra,_
+haesslich, nicht schoen;" "_uotopra,_ es gibt keinen Fisch," woertlich: "Fisch
+nicht;" "_uteripipra,_ ich will nicht gehen;" woertlich: "ich gehen wollen
+nicht;" und diess ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen,
+und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit
+dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die
+Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrueckt: "_amoyenlenganti,_
+es ist sehr kalt;" "_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt." In
+aehnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht
+angehaengt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B.
+_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen.
+
+Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmaessig ist,
+lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den
+Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloss zur Bildung des
+Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen
+Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwoerter angehaengt. Diese
+Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Huelfszeitwoerter _as_ und
+_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan,
+ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die
+einander unaehnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der
+geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau
+der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten,
+offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen.
+
+Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des
+Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses
+bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_
+bezeichnet: "_teure,_ er selbst," "_teurecon,_ sie selbst;" "_taronocon,_
+die hier;" "_montaonocon,_ die dort," wenn der Sprechende einen Ort meint,
+an dem er sich selbst befand; "_miyonocon,_ die dort," wenn er von einem
+Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen
+Adverbe _aqui_ und _ala (alla),_ deren Sinn sich in den Sprachen von
+germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung
+wiedergeben laesst.
+
+Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute
+nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Diess schien mir um so
+auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Voelkern besondere
+Worte fuer Gott und fuer Sonne findet. Der Caraibe wirft "_tamoussicabo,_
+den Alten des Himmels," und "_veyou,_ die Sonne," nicht zusammen. Sogar
+der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines
+Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heisst die
+Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) waehrend Gott _Vinay Huayna_, der
+ewig Junge, genannt wird.
+
+Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente,
+die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor
+das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persoenliche Fuerwort. Der
+Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck faellt, geht Allem voran, was sonst
+ausgesagt wird. Der Amerikaner wuerde sagen: "Freiheit voellige lieben wir,"
+statt: wir lieben voellige Freiheit; "dir nicht gluecklich bin ich," statt:
+mit dir bin ich gluecklich. Diese Saetze haben eine gewisse Unmittelbarkeit,
+Bestimmtheit, Buendigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel
+fehlt. Ob wohl diese Voelker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst
+ueberlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen waeren? Man
+koennte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Roemer in
+ihren bestimmten, klaren, aber etwas schuechternen Toechtersprachen
+umgewandelt worden ist.
+
+Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen,
+fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein
+Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache,
+in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in
+den Worten so haeufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_
+weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen
+vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im
+franzoesischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_
+erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu
+_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen
+Mundarten fehlen, so kommt diess vom innigen Verwandtschaftsverhaeltniss
+zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher
+Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden
+verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_,
+_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Buerde,
+_pous_, Fuss. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und
+aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani,
+aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Buechse).
+
+Trotz der erwaehnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, dass das Chaymas als
+ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano,
+Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und
+die beiden Sprachen scheinen mir hoechstens in dem Grade verwandt, wie das
+Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehoeren derselben Unterabtheilung
+der grossen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen
+Sprachen an. Da es fuer die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maass gibt,
+so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten
+Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie
+Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch
+und Sanskrit.
+
+Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, dass alle
+Sprachen in zwei grosse Classen zerfallen, indem die einen, mit
+vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere
+Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, waehrend die andern, plumperen,
+weniger bildungsfaehigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln
+roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie fuer sich braucht, ihre
+eigenthuemliche Physiognomie beibehalten. Diese hoechst geistreiche
+Auffassung waere unrichtia, wenn man annaehme, es gebe vielsylbige Sprachen
+ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus
+organisch entwickeln, kennen gar keinen aeusserlichen Zuwachs durch
+*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon oefters als Agglutination
+oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt fuer
+Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht urspruenglich Affixe, von
+denen nur ein oder zwei Consonanten uebrig geblieben sind. Es ist mit den
+Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz fuer
+sich, nichts ist dem Andern voellig unaehnlich. Je weiter man in ihren
+innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden
+Eigenthuemlichkeiten. "Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem
+scharf umrissen scheinen." [Wilhelm v. Humboldt]
+
+Lassen wir aber auch fuer die Sprachen keinen durchgreifenden
+Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, dass im
+gegenwaertigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern
+zur aeusserlichen Aggregation. Zu den ersteren gehoeren bekanntlich die
+Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu
+den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder
+Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das
+Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben
+mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation
+oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber
+ein ziemlich entwickeltes Gefuehl fuer Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft
+oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die
+mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhaeltnisse bezeichnet.
+
+Betrachtet man den eigenthuemlichen Bau der amerikanischen Sprachen naeher,
+so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete
+Ansicht ruehrt, dass die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem
+Hebraeischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am
+Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hoerte ich diesen Gedanken aeussern,
+besonders Geistliche, die vom Hebraeischen und Baskischen einige
+oberflaechliche Kenntniss hatten. Liegen etwa religioese Ruecksichten einer so
+seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas,
+haben etwas leichtglaeubige Reisende das Hallelujah der Hebraeer singen
+hoeren, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen
+Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertoenen. Ich will
+nicht glauben, dass die Voelker des lateinischen Europa Alles hebraeisch oder
+baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles,
+was nicht im griechischen oder roemischen Styl gehalten war, egyptische
+Denkmaeler nannte. Ich glaube vielmehr, dass das grammatische System der
+amerikanischen Sprachen die Missionaere des sechzehnten Jahrhunderts in
+ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Voelker der neuen Welt
+bestaerkt hat. Einen Beweis hiefuer liefert die langweilige Compilation des
+Paters GARCIA: "_Tratad del origen de los indios._" Dass die possessiven
+und persoenlichen Fuerwoerter hinter Substantiven und Zeitwoertern stehen, und
+dass letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthuemlichkeiten des
+Hebraeischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden
+es nun sehr merkwuerdig, dass die amerikanischen Sprachen dieselben Formen
+aufzuweisen haben. Sie wussten nicht, dass die Uebereinstimmung in
+verschiedenen einzelnen Zuegen fuer die gemeinsame Abstammung der Sprachen
+nichts beweist.
+
+Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr
+verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine
+Familienaehnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die
+Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente
+auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen
+Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles
+diess konnte die Taeuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen
+es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch
+keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser
+physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und
+dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgaengig von einander abweichen.
+*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, woertlich: wissend nicht
+ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna
+aichi_, er wird nicht tragen, woertlich: tragend nicht wird seyn;
+_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu;
+_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier;
+_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen;
+_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich
+kehre zurueck; _Maypur butke_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutke_,
+ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein boeser Maypure-Indianer; _aicataje_
+ein boeses Weib.
+
+*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, woertlich: ich liebend ihn bin;
+_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den
+Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen;
+_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges
+kindisches Benehmen.(8)
+
+Diesen Beispielen moegen einige beschreibende Composita folgen, die an die
+Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen
+wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetaet des Ausdrucks ueberraschen.
+*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, woertlich: Vater (_im-de_) des Honigs
+(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, woertlich: die Soehne des Fusses; die
+Finger, _amgna-mucuru_, die Soehne der Hand; die Schwaemme, _jeje-panari_,
+woertlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_,
+woertlich: veraestete Wurzeln; die Blaetter, _prutpe-jareri_, woertlich: die
+Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, woertlich: gerade oder senkrechte
+Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, woertlich: das Feuer des Donners oder des
+Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, woertlich: was zum Auge gehoert;
+_odotsa_, Getoese der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, woertlich:
+der lebendige Stein.
+
+Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwoerter eine Unzahl Tempora, ein
+doppeltes Praesens, vier Praeterita, drei Futura. Diese Haeufung ist selbst
+den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des
+Baskischen zaehlt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des
+Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion
+haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch blosse
+Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren
+sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist
+aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Fuer sich geben
+diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen.
+Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten
+Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Raederwerk. Man erkennt die
+Kuenstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es
+ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man koennte sie fuer
+sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedaechte, dass der menschliche
+Geist unverrueckt einem einmal erhaltenen Anstoss folgt, dass die Voelker nach
+einem urspruenglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen
+erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und dass es Laender gibt, wo
+Sprache, Verfassung, Sitten und Kuenste seit vielen Jahrhunderten wie
+festgebannt sind.
+
+Die hoechste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Voelkern
+stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehoeren. Die
+hauptsaechlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein
+natuerliches Hinderniss der Culturentwicklung; es geht ihnen grossentheils
+die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln
+mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz
+geben. Wir duerfen indessen nicht vergessen, dass ein schon im hohen
+Alterthum hochberuehmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer
+Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau
+unwillkuerlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein-
+oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder
+Hauptwort angehaengt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen,
+haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen fuer Groesse, Neid, Leichtsinn,
+_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit,
+_metrepherpeton_, aus fuenf leicht zu unterscheidenden Elementen
+zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes
+(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) boese (_on_). Und
+dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die
+chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an
+einander gerueckt sind und sich gar nicht unmittelbar beruehren. So viel ist
+gewiss, sind einmal die Voelker aus ihrem Schlummer aufgeruettelt und auf die
+Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das
+Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudruecken und Seelenregungen zu
+schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von
+Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen
+Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich uebertragen, und
+man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und
+philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere
+Literaturprodukt ins Peruanische uebersetzen.
+
+Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der
+Eroberung hat zur natuerlichen Folge gehabt, dass nicht wenige amerikanische
+Worte in die spanische Sprache uebergegangen sind. Manche dieser Worte
+bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt
+waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung
+(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehoeren der Sprache der grossen
+Antillen au, die frueher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hiess.
+Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco
+u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu
+besuchen, hatten sie bereits Worte fuer die nutzbarsten Gewaechse, die auf
+den Antillen, wie auf den Kuesten von Cumana und Paria vorkommen. Sie
+behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei,
+durch sie wurden dieselben ueber ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo
+die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Voelkern, die
+von der Existenz der Antillen gar nichts wussten. Manchen Worten, die in
+den spanischen Colonien in taeglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen
+mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache,
+_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schuerze,
+_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist
+tamanakisch, _Chinchorro_ (Haengematte) und _Tutuma_ (die Frucht der
+_Crescentia Cujete_, oder ein Gefaess fuer Fluessigkeiten) sind Chaymaswoerter.
+
+Ich habe lange bei Betrachtungen ueber die amerikanischen Sprachen
+verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke
+bespraeche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der
+Art sind. Es verhaelt sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmaelern
+halb barbarischer Voelker zukommt. Man beschaeftigt sich mit ihnen nicht,
+weil sie fuer sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen koennen,
+sondern weil die Untersuchung fuer die Geschichte unseres Geschlechts und
+den Entwicklungsgang unserer Geisteskraefte nicht ohne Belang ist.
+
+Ehe Cortes nach der Landung an der Kueste von Mexico seine Schiffe
+verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war
+Europa auf die Laender, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit
+der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man
+die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Diess faellt
+alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest,
+namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe
+Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen
+Bemerkungen ueber Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle
+Begeisterung fuer die grossen Entdeckungen eines an ausserordentlichen
+Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine naehere Beschreibung der
+Sitten der Voelker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier
+(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen
+scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklaeren, den ich im spanischen
+Amerika haeufig habe besprechen hoeren.
+
+Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die
+Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, dass
+die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten
+Besucher haben am Vorgebirge Paria weisse Menschen mit blonden Haaren
+gesehen? Waren diess Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und
+ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer
+hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Staemme mit dunklerer
+Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man frueher auf der Landenge von
+Panama gefunden? Aber Faelle dieser Missbildung sind bei der kupferfarbigen
+Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den
+Einwohnern von Paria ueberhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9)
+beschreiben sie wie Voelker germanischen Stammes: sie seyen weiss mit
+blonden Haaren. Ferner sollen sie aehnlich wie Tuerken gekleidet gewesen
+seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach muendlichen Berichten, die sie
+gesammelt.
+
+Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand
+Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, naeher ansehen. Da heisst es
+bloss, "der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria
+und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena
+conversacion_) und weisser gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin
+gesehen." Damit ist doch wohl nicht gesagt, dass die Pariagotos weiss
+gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kuehlen
+Morgen sah der grosse Mann eine Bestaetigung seiner seltsamen Hypothese von
+der unregelmaessigen Kruemmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in
+diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in
+der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine
+angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten
+anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit
+den *tartarischen* Voelkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des
+breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben.
+
+Gab es aber zu Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts auf den Kuesten von Cumana
+so wenig als jetzt Menschen mit weisslichter Haut, so darf man daraus
+desshalb nicht schliessen, dass bei den Eingeborenen der neuen Welt das
+Hautsystem durchgaengig gleichfoermig organisirt sey. Wenn man sagt, sie
+seyen alle kupferfarbig, so ist diess so unrichtig, als wenn man behauptet,
+sie waeren nicht so dunkel gefaerbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth
+aussetzten oder nicht von der Luft gebraeunt wuerden. Man kann die
+Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur
+einen gehoeren die Eskimos in Groenland, in Labrador und auf der Nordkueste
+der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstrasse, der Halbinsel Alaska und
+des Prinz-Williams-Sunds. Der oestliche und der westliche Zweig dieser
+Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern
+Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe
+Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich
+sogar, wie in neuerer Zeit ausser Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter,
+zu den Bewohnern des nordoestlichen Asiens; denn die Mundart der
+Tschuktschen an der Muendung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die
+Sprache der Eskimos auf der Europa gegenueberliegenden Kueste von Amerika.
+Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt
+diese hyperboraeische Race nur am Meeresufer. Sie naehren sich von Fischen,
+sind fast durchgaengig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind
+lebhaft, beweglich, geschwaetzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und
+schwarz; aber (und diess zeichnet die Race, die ich die
+Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist
+urspruenglich weisslicht. Es ist gewiss, dass die Kinder der Groenlaender weiss
+zur Welt kommen; bei manchen erhaelt sich diese Farbe, und auch bei den
+dunkelsten (den von der Luft am meisten gebraeunten) sieht man nicht selten
+das Blut auf den Wangen roth durchschimmern.
+
+Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfasst alle Voeller ausser den
+Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluss bis zur Magellanschen Meerenge, von den
+Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und
+Tehuelhets in der suedlichen Halbkugel. Die Voelker dieses zweiten Zweiges
+sind groesser, staerker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen
+hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru,
+in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms,
+im ganzen Strich von Suedamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den
+sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei,
+drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Dass die Eingeborenen
+nur von Luft und Sonne gebraeunte Weisse seyn moechten, ist einem Spanier in
+Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im
+nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Staemme, bei denen die Kinder weiss
+sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die
+Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Haeuptling der Miamis
+Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten
+Koerpertheile fast weiss. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und
+nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico
+niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich
+fast bestaendig in ihren Haeusern aufhalten. Westwaerts von den Miamis, auf
+der gegenueberliegenden asiatischen Kueste, bei den Koluschen und
+Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Maedchen, wenn
+sie angehalten werden sich zu waschen, so weiss wie Europaeer. Diese weisse
+Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvoelkern in
+Chili zukommen.(11)
+
+Diess sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr
+verbreiteten Ansicht von der ausserordentlichen Gleichfoermigkeit der
+Koerperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir
+dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu,
+dass die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in
+der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren
+sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstaemme zu gruppiren,
+so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschliessend zu Werke geht. Wir
+wollten hier darthun, dass, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet,
+mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Staemme vorkommen, bei denen die
+Kinder weiss zur Welt kommen, ohne dass sich, bis zur Zeit der Eroberung
+zurueck, darthun liesse, dass sie sich mit Europaeern vermischt haetten. Dieser
+Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei
+physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der
+Mexicaner und die weissen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu
+beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heissesten Erdstrich ihr
+Leben lang und bei voller Kraft die weisslichte Hautfarbe der Mestizen
+behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den
+spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen
+unmoeglich gemacht.
+
+Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus
+mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Koerperbau, als die Farbe. Bei
+den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe
+haeufiger als solche nach dem Koerperbau. Das Haar der Saeugethiere, die
+Federn der Voegel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je
+nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach
+den Hitze- und Kaeltegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im
+Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen
+guten Beobachtungen geht hervor, dass sich die Hautfarbe wohl beim
+Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen
+Race aendert. Die Eskimos in Groenland und die Lappen sind gebraeunt durch
+den Einfluss der Luft, aber ihre Kinder kommen weiss zur Welt. Ob und welche
+Veraenderungen die Natur in Zeitraeumen hervorbringen mag, gegen welche alle
+geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darueber haben wir nichts zu
+sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt,
+sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Fuehrern hat.
+
+Die Voelker mit weisser Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weissen Menschen;
+nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Voelker durch die
+uebermaessige Sonnengluth geschwaerzt oder gebraeunt worden. Diese Ansicht, die
+schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch,
+hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was
+Theodectes zweitausend Jahre frueher poetisch ausgesprochen: "die Nationen
+tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen." Waere die Geschichte
+von schwarzen Voelkern geschrieben worden, sie haetten behauptet, was
+neuerdings sogar von Europaeern angenommen worden ist, der Mensch sey
+urspruenglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der
+Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen
+gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle
+Faerbung in eine hellere uebergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind
+Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, bestaendig
+geworden und haben sich unveraendert fortgepflanzt; aber nichts weist
+darauf hin, dass, unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen der menschlichen
+Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe,
+kupferfarbige und weisse, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den
+Einfluss des Klimas, der Nahrung und anderer aeusserer Umstaende vom
+urspruenglichen Typus bedeutend abweichen.
+
+Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen
+zurueckzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen,
+die vier- und fuenfmal hoeher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe
+mich hier vorlaeufig nur auf das Zeugniss ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah
+die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heissen Kuesten von
+Panama, und wiederum in Louisiana, im noerdlichen gemaessigten Erdstrich. Er
+hatte den Vortheil, dass er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch
+nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, dass der
+Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so
+broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in
+der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den
+heissen Ufern des Orinoco Indianern mit weisslichter Haut begegnen: _est
+durans originis vis._
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 1 Die Voelker, welche die Spanier auf der Kueste von Paria antrafen,
+ hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit
+ Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablaetter oder
+ Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Kueste,
+ nur weiter ostwaerts, bei den Guajiros an der Muendung des Rio la
+ Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, fuehren das Pulver
+ von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als
+ Kapsel dient, am Guertel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein
+ Handelsartikel, wie frueher, nach Gomara, das der Indianer in Paria.
+ In Europa werden die Zaehne vom uebermaessigen Tabakrauchen gleichfalls
+ gelb und schwarz. Waere der Schluss richtig, man rauche bei uns, weil
+ man gelbe Zaehne schoener finde als weisse?
+
+ 2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4.
+
+ 3 So uebertrieben die Griechen bei ihren schoensten Statuen die
+ Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu gross annahmen.
+
+ 4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._
+
+_ 5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heisst ein
+ Spanier, woertlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier
+ oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen
+ Gegenstaenden zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum,
+ _jejecne_ Baeume.
+
+ 6 In der Sprache der Incas heisst Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ gross
+ _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, gross _vipulo_.
+ Es sind diess die einzigen Faelle von Lautaehnlichkeit, die man bis
+ jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen
+ voellig verschieden.
+
+ 7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch
+ gebildet, dass man _butke_ das Ende des Wortes _cujuputke_, klein,
+ beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_.
+
+ 8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine
+ schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit.
+
+_ 9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis
+ oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi
+ veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara
+ sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Muendung des Flusses
+ Cumana gesehen: "_Las donzellas eran amorosas, desnudas y
+ __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan
+ negros del sol._"
+
+ 10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem
+ Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz fuer einen
+ Turban angesehen? Dass ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf
+ bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit
+ merkwuerdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die
+ Kueste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d'Anghiera
+ beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: "_Incolas
+ omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis
+ vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum,
+ insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._" Was soll man
+ aus diesen Voelkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel
+ getragen, wie man auf dem Ruecken der Anden traegt, und auf einer
+ Kueste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen
+ gesehen?
+
+ 11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas
+ am Uruguay glauben, die wie Voelker vom Stamme Odins geschildert
+ werden? (Azzara, _Reise._)
+
+ 12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Zuege Alexanders scheinen viel
+ dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die grosse Frage nach dem
+ Einfluss des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden
+ vernommen, dass in Hindostan die Voelker im Sueden dunkelfarbiger
+ seyen, als im Norden in der Naehe der Gebirge, und sie setzten
+ voraus, dass beide derselben Race angehoeren.
+
+ 13 "Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den
+ Einfluss von Sonne und Luft dunkler. Ich muss darauf aufmerksam
+ machen, dass weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar
+ veraendern, so dass man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und
+ die auf den heissesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen,
+ die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten noerdlichen und
+ suedlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann." _Noticias
+ americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden
+ Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwaertig von der
+ Verschiedenheit benachbarter Voelker nach Farbe und Gesichtszuegen
+ Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des
+ _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem
+ Einfluss des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der
+ gewiss weiss, dass wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts
+ wissen."Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante
+ originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli
+ corporibus habitum dedit." _Agricola._ cap. 11
+
+
+
+
+
+ZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewoehnliche
+ Meteore.
+
+
+Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem
+Orinoco und Rio Negro erforderte Zuruestungen aller Art. Wir mussten die
+Instrumente auswaehlen, die sich auf engen Canoes am leichtesten
+fortbringen liessen; wir mussten uns fuer eine zehnmonatliche Reise im
+Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Kuesten steht, mit Geldmitteln
+versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war,
+so war es mir von grossem Belang, dass mir die Beobachtung einer
+Sonnenfinsterniss nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich
+blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schoen und heiter
+ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von
+Caracas war fuer meinen Zweck minder guenstig wegen der Duenste, welche die
+nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Laenge von Cumana genau bestimmte, so
+hatte ich einen Ausgangspunkt fuer die chronometrischen Bestimmungen, auf
+die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt,
+um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten.
+
+Fast haette ein Unfall mich genoethigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben
+oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der
+Sonnenfinsterniss, gingen wir, wie gewoehnlich, am Ufer des Meerbusens, um
+der Kuehle zu geniessen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an
+diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll betraegt. Es war acht Uhr
+Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war
+bedeckt und bei der Windstille war es unertraeglich heiss. Wir gingen ueber
+den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries.
+Ich hoerte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen
+hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Guertel. Er
+hielt fast ueber meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten
+keulenfoermig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage
+aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging,
+war nicht so gluecklich; er hatte den Zambo spaeter bemerkt als ich, und
+erhielt ueber der Schlaefe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir
+waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer
+weiten Ebene an der See. Der Zambo kuemmerte sich nicht mehr um mich,
+sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des
+Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeusserste
+erschrocken, da ich meinen Reisegefaehrten zu Boden stuerzen und eine Weile
+bewusstlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der
+Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stuerzten auf den Zambo
+zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist,
+oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und
+dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und
+baumartigen Avicennien. Zufaellig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunaechst
+an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der aeussersten Gefahr aus.
+Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen
+Kampfe waeren wir sicher verwundet worden, waeren nicht biscayische
+Handelsleute, die auf dem Strande Kuehlung suchten, uns zu Huelfe gekommen.
+Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang
+wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus
+nachgelaufen, schluepfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig
+herausholen und ins Gefaengniss fuehren liess.
+
+Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kraeftiger Mann, voll der
+Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem
+Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner
+Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut
+gequetscht und er spuerte die Nachwehen mehrere Monate waehrend unseres
+Aufenthaltes in Caracas. Beim Buecken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er
+mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befuerchten liess, dass im
+Schaedel etwas ausgetreten seyn moechte. Zum Glueck war diese Besorgniss
+ungegruendet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden
+nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die ruehrendste
+Theilnahme. Wir hoerten, der Zambo sey aus einem der indianischen Doerfer
+gebuertig, die um den grossen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem
+Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem
+Capitaen, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Kueste
+zurueckgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen
+lassen, um die Hoehe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns
+auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, dass er, nachdem er einen von
+uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnuegen schien? Im
+Verhoer waren seine Antworten so verworren und albern, dass wir nicht klug
+aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht
+gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung ueber die schlechte
+Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns
+eines zu versetzen, nicht widerstehen koennen, sobald er uns habe
+franzoesisch sprechen hoeren. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam
+ist, dass die Verhafteten, von denen die Gefaengnisse wimmeln, sieben, acht
+Jahre auf ihr Urtheil warten muessen, so hoerten wir wenige Tage nach
+unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem
+Schlosse San Antonio entsprungen.
+
+Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am
+28. October um fuenf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur
+Beobachtung der Sonnenfinsterniss zu ruesten. Der Himmel war klar und rein.
+Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine
+gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden
+in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schoenen
+Tag um so mehr Glueck zu wuenschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der
+Gewitter, die regelmaessig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
+durch den Meridian in Sued und Suedost aufzogen, die Uhren nicht nach
+correspondirenden Hoehen hatte richten koennen. Ein roethlichter Dunst, der
+in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt,
+verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr
+ungewoehnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine
+Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der
+Sonnenfinsterniss vollstaendig beobachten. Das Ende der Finsterniss war um
+2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniss
+meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna
+und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im
+neunten Jahrgang) veroeffentlicht. Dieses Ergebniss wich um nicht weniger
+als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Laenge ab, die der Chronometer mir
+ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von
+Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt
+stimmten Sonnenfinsterniss und Chronometer bis auf 10 Secunden ueberein. Ich
+fuehre diesen merkwuerdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln
+auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen,
+wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstaende bei ihren
+einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die
+vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den
+Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle ueberzeugt,
+hatten mir grosses Zutrauen zu Louis Berthoud's Uhr gegeben, so oft sie
+nicht auf den Maulthieren starken Stoessen ausgesetzt war.
+
+Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniss boten sehr auffallende
+atmosphaerische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter,
+das heisst in der Jahreszeit des bewoelkten Himmels und der kurzen
+Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der
+Nacht ein roethlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten
+einen mehr oder minder dichten Schleier ueber das blaue Himmelsgewoelbe. Der
+Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs groessere Feuchtigkeit an, sondern
+ging vielmehr oft von 90 deg. auf 83 deg. zurueck. Die Hitze bei Tag war 28--32 deg.,
+also fuer diesen Strich der heissen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der
+Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die
+Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weisse Wolken im Zenith und
+dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so
+auffallend durchsichtig, dass man noch Sterne der vierten Groesse dadurch
+sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, dass es war, als stuende
+die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten
+Streifen, die, wie durch elektrische Abstossung, in gleichen Abstaenden
+fortliefen. Es sind diess dieselben kleinen weissen Dunstmassen, die ich auf
+den Gipfeln der hoechsten Anden ueber mir gesehen, und die in mehreren
+Sprachen *Schaefchen*, _moutons_ heissen. Wenn der roethliche Nebel den
+Himmel leicht ueberzog, so behielten die Sterne der ersten Groessen, die in
+Cumana ueber 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr
+ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Hoehen, wie nach
+einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den
+Hygrometer an der Erdoberflaeche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich
+blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen grossen
+Theil des Horizonts uebersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel
+Anziehendes fuer mich, bei heiterem Himmel ein grosses Sternbild ins Auge zu
+fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstblaeschen sich bilden, wie um
+einen Kern anschiessen, verschwinden und sich von neuem bilden.
+
+Zwischen dem 28. October und 3. November war der roethlichte Nebel dicker
+als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der
+Thermometer nur auf 26 deg. stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun
+Uhr Abends die Luft abkuehlt, liess sich gar nicht spueren. Die Luft war wie
+in Gluth; der staubigte, ausgedoerrte Boden bekam ueberall Risse. Am
+4. November gegen zwei Uhr Nachmittags huellten dicke, sehr schwarze Wolken
+die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rueckten allmaehlich bis
+ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an ueber uns zu donnern, aber ungemein
+hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schlaege. Im Moment, wo
+die staerkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten,
+erfolgten zwei Erdstoesse, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut
+auf der Strasse. Bonpland, der ueber einen Tisch gebeugt Pflanzen
+untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spuerte den Stoss
+sehr stark, obgleich ich in einer Haengematte lag. Die Richtung des Stosses
+war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Sued. Sklaven,
+die aus einem 18--20 Fuss tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schoepften,
+hoerten ein Getoese wie einen starken Kanonenschuss. Das Getoese schien aus
+dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die uebrigens
+in allen Laendern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, haeufig
+vorkommt.
+
+Einige Minuten vor dem ersten Stoss trat ein heftiger Sturm ein, dem ein
+elektrischer Regen mit grossen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die
+Elektricitaet der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kuegelchen
+wichen vier Linien auseinander; die Elektricitaet wechselte oft zwischen
+positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im noerdlichen Europa
+zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm
+folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der
+Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke
+Wolkenschleier zerriss dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne
+erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein
+stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die
+Wolken waren vergoldet und Strahlenbuendel in den schoensten
+Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem
+grossen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das
+Erdbeben, der Donnerschlag waehrend desselben, der rothe Nebel seit so
+vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniss zugeschrieben.
+
+Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoss, weit schwaecher als die
+ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen
+Geraeusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewoehnlich, aber
+der Gang der stuendlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphaerischen H
+Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im
+Moment, wo der Erdstoss eintrat, eben auf dem Minimum der Hoehe; es stieg
+wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr
+Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen
+Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der roethlichte Nebel
+so dick, dass ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schoenen Hof von
+12 Grad Durchmesser erkennen konnte.
+
+Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana
+durch ein Erdbeben fast gaenzlich zerstoert worden. Das Volk sieht die
+Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei
+Nacht fuer sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die
+sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stoesse fuer den andern Tag
+anzeigten. Besonders gross und allgemein wurde die Unruhe, als am
+5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat,
+dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es liess sich
+kein Stoss spueren. Sturm und Gewitter kamen fuenf oder sechs Tage zur selben
+Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die
+Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung
+gemacht, dass scheinbar ganz zufaellige atmosphaerische Veraenderungen
+wochenlang mit erstaunlicher Regelmaessigkeit nach einem gewissen Typus
+eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemaessigten Erdstrich
+vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Haeufig sieht
+man naemlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an
+derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung
+fortziehen und sich in derselben Hoehe wieder aufloesen, bald vor, bald nach
+dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten
+zur selben *wahren Zeit*.
+
+Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um
+so staerkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufaellig, von so
+auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine
+wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenfoermiger Stoss. Ich haette
+damals nicht geglaubt, dass ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen
+von Quito und an den Kuesten von Peru mich selbst an ziemlich starke
+Bewegungen des Bodens so sehr gewoehnen wuerde, wie wir in Europa an das
+Donnern gewoehnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran,
+bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebruelle (_bramidos_) das
+immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen
+7--8 Minuten vorher) einen Stoss ankuendigte, dessen Staerke nur selten mit
+dem Grad des Getoeses im Verhaeltniss steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner,
+die wissen, dass in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstoert worden
+ist, theilt sich bald selbst dem aengstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist
+es nicht so sehr die Besorgniss vor Gefahr, als die eigenthuemliche
+Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur
+einen ganz leichten Erdstoss empfindet.
+
+Von Kindheit auf praegen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein;
+das Wasser gilt uns fuer ein bewegliches Element, die Erde fuer eine
+unbewegliche, traege Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der taeglichen
+Erfahrung und haengen mit allen unsern Sinneseindruecken zusammen. Laesst sich
+ein Erdstoss spueren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir fuer
+unerschuetterlich gehalten, so ist eine langjaehrige Taeuschung in einen
+Augenblick zerstoert. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes
+Erwachen; man fuehlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine
+scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geraeusch, man misstraut
+zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuss
+gesetzt. Wiederholen sich die Stoesse, treten sie mehrere Tage hinter
+einander haeufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784
+waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewoehnt, unter ihren Fuessen
+donnern zuhoeren, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch fasst sehr
+schnell wieder Zutrauen, und an den Kuesten von Peru gewoehnt man sich am
+Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stoesse, die
+das Fahrzeug von den Wellen erhaelt.
+
+Der roethlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog,
+hatte seit dem 7. November aufgehoert. Die Luft war wieder so rein wie
+sonst und das Himmelsgewoelbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den
+Klimaten eigen ist, wo die Waerme, das Licht und grosse Gleichfoermigkeit der
+elektrischen Spannung mit einander die vollstaendigste Aufloesung des
+Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum
+achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die
+Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen.
+
+Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstaerke der schoenen
+Sterne am suedlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See
+sorgfaeltige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie spaeter bei
+meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphaeren
+fort. Es war ueber ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den
+Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die
+Sterne nahe am Suedpol werden meist so oberflaechlich und so wenig anhaltend
+beobachtet, dass in ihrer Lichtstaerke und in ihrer eigenen Bewegung die
+groessten Veraenderungen eintreten koennen, ohne dass die Astronomen das
+Geringste davon erfahren. Ich glaube Veraenderungen der Art in den
+Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach
+einem Mittel aus sehr vielen Schaetzungen habe ich die relative Lichtstaerke
+der grossen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius,
+Canopus, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Centauren, Achernar, {~GREEK SMALL LETTER BETA~} des Centauren, Fomalhaut, Rigel,
+Procyon, Beteigeuze, {~GREEK SMALL LETTER EPSILON~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER DELTA~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des
+Kranichs, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich
+anderswo veroeffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je
+50--60 Jahren Reisende die Lichtstaerke der Sterne von Neuem beobachten und
+darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgaengen an der Oberflaeche der
+Himmelskoerper oder von ihrem veraenderten Abstand von unserem
+Planetensystem herruehren.
+
+Hat man in unsern noerdlichen Himmelsstrichen und in der heissen Zone lange
+mit denselben Fernroehren beobachtet, so ist man ueberrascht, wie deutlich
+in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren
+Schwaechung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und
+gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man
+bessere Instrumente unter den Haenden zu haben, so viel deutlicher, so viel
+schaerfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstaende unter den Tropen. So viel
+ist sicher, wird einst Suedamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten
+Cultur, so muss die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen,
+sobald man einmal anfaengt im trockenen, heissen Klima von Cumana, Coro und
+der Insel Margarita den Himmel mit vorzueglichen Werkzeugen zu beobachten.
+Des Rueckens der Cordilleren erwaehne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich
+duerre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus,
+auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der
+Meeresflaeche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veraenderlich ist.
+Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit
+fast bestaendig vorkommt, bietet vollen Ersatz fuer die hohe Lage und die
+verduennte Luft auf den Plateaus.
+
+Die Nacht vom 11. zum 12. November war kuehl und ausnehmend schoen. Gegen
+Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost hoechst merkwuerdige
+Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kuehle
+zu geniessen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und
+Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung
+war sehr regelmaessig von Nord nach Sued; sie fuellten ein Stueck des Himmels,
+das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Sued reichte. Auf einer
+Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost ueber den
+Horizont aufsteigen, groessere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem
+sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Sued niederfallen.
+Manche stiegen 40 Grad hoch, alle hoeher als 25--30 Grad. Der Wind war in
+der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war
+keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der
+Erscheinung kein Stueck am Himmel so gross als drei Monddurchmesser, das
+nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt haette.
+Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Groessen
+sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmoeglich
+eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore liessen 8--10 Grad lange Lichtstreifen
+hinter sich zurueck, was zwischen den Wendekreisen haeufig vorkommt. Die
+Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche
+Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Groesse der
+Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die
+Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die groessten, von
+1--1 deg. 13{~PRIME~} Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und liessen
+leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_'trabes'_) hinter sich. Das
+Licht der Meteore war weiss, nicht roethlicht, wahrscheinlich weil die Luft
+ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter
+den Tropen die Sterne erster Groesse beim Aufgehen ein auffallend weisseres
+Licht als in Europa.
+
+Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor
+vier Uhr aus den Haeusern gehen, um die Fruehmesse zu hoeren. Der Anblick der
+Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgueltig; die aeltesten erinnerten
+sich, dass dem grossen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz aehnliches Phaenomen
+vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf
+den Beinen; sie behaupteten, "das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts
+begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurueckgekommen, haben sie
+schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen." Sie
+versicherten zugleich, auf dieser Kueste seyen nach zwei Uhr Morgens
+Feuermeteore sehr selten.
+
+Von vier Uhr an hoerte die Erscheinung allmaehlich auf; Feuerkugeln und
+Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine
+Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weissen Licht und dem
+raschen Hinfahren erkennen. Diess erscheint nicht so auffallend, wenn ich
+daran erinnere, dass im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das
+Innere der Haeuser durch einen ungeheuer grossen Meteorstein stark
+erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein
+ueber die Stadt weg. Am 26. September 1800, waehrend unseres zweiten
+Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die
+Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich
+die Sonnenscheibe ueber den Horizont erhoben, den Planeten mit blossem Auge
+deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewoelk, aber Jupiter stand
+auf blauem Grunde. Diese Faelle beweisen, wie rein und durchsichtig die
+Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist
+desto kleiner, je vollstaendiger der Wasserdunst aufgeloest ist. Dieselbe
+Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert
+auch die Schwaechung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom
+Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht.
+
+Der 12. November war wieder ein sehr heisser Tag und der Hygrometer zeigte
+eine fuer dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der
+roethlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch
+herauf. Es war das letztemal, dass man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke
+hier, dass derselbe unter dem schoenen Himmel von Cumana im Allgemeinen so
+selten ist, als er in Acapulco auf der Westkueste von Mexico haeufig
+vorkommt.
+
+Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen
+auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so
+versaeumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns
+ueberall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden
+seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner groesstentheils im Freien
+schlafen, konnte eine so ausserordentliche Erscheinung nur da unbemerkt
+bleiben, wo sie sich durch bewoelkten Himmel der Beobachtung entzog. Der
+Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen
+der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Faellen des Orinoco und
+in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das
+Himmelsgewoelbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen suedwestlich von
+Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phaenomen mit einem schoenen
+Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewaehrt. Einige Geistliche
+hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben
+nach den naechsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der
+Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Hoehe. Nach der Lage der Berge
+und dichten Waelder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das
+kleine Dorf Maroa liegen, moegen die Feuerkugeln noch 20 Grad ueber dem
+Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Suedende von spanisch Guyana, im kleinen
+Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos
+Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in
+diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel
+das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14)
+
+Ich wunderte mich sehr ueber die ungeheure Hoehe, in der die Feuerkugeln
+gestanden haben mussten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze
+von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie
+staunte ich aber, als ich bei meiner Rueckkehr nach Europa erfuhr, die
+selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Laengegrade grossen Stueck
+des Erdballs, unter dem Aequator, in Suedamerika, in Labrador und in
+Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach
+Bordeaux fand ich zufaellig in den Verhandlungen der pennsylvanischen
+Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten
+Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder
+nach Berlin ging, auf der Goettinger Bibliothek den Bericht der maehrischen
+Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die
+Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana,
+die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben
+Gegenstand betreffen.
+
+Ich gebe im Folgenden eine gedraengte Zusammenstellung der Beobachtungen:
+1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad ueber
+dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10 deg. 27{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~},
+Laenge 66 deg. 30{~PRIME~}), in Porto-Cabello (Breite 10 deg. 6{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~}, Laenge 67 deg. 5{~PRIME~}) und an
+der Grenze von Brasilien in der Naehe des Aequators unter 70 deg. der Laenge vom
+Pariser Meridian. 2) In franzoesisch Guyana (Breite 40 deg. 56{~PRIME~}, Laenge 54 deg. 35{~PRIME~})
+"sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden
+lang schossen unzaehlige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten
+ein so starkes Licht, dass man die Meteore mit den spruehenden Funkengarben
+bei einem Feuerwerk vergleichen konnte." Fuer diese Thatsache liegt ein
+hoechst achtungswerthes Zeugniss vor, das des Grafen Marbois, der damals als
+ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhaenglichkeit an
+verfassungsmaessige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der
+Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er
+trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet
+hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und
+81 deg. 50{~PRIME~} der Laenge. Er sah am ganzen Himmel "so viel Meteore als Sterne;
+sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht
+niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff
+herabkommen." Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30 deg. 43{~PRIME~}
+der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56 deg. 55{~PRIME~}) und
+Hoffenthal (Breite 58 deg.,4{~PRIME~}), in Groenland zu Lichtenau (Breite 61 deg. 5{~PRIME~}) und
+Neu-Herrnhut (Breite 64 deg. 14{~PRIME~}, Laenge 52 deg. 20{~PRIME~}) erschraken die Eskimos ueber
+die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Daemmerung nach allen
+Himmelsgegenden niederfielen, "und von denen manche einen Schuh breit
+waren." 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstaedt bei Weimar,
+Zeising (Breite 50 deg. 59{~PRIME~}, oestliche Laenge 9 deg. 1{~PRIME~}), am 12. November zwischen 6
+und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige
+Sternschnuppen mit sehr weissem Licht. "Kurz darauf erschienen gegen Sued
+und Suedwest 4--6 Fuss lange, roethliche Lichtstreifen, aehnlich denen einer
+Rakete. In der Morgendaemmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu
+Zeit den Himmel durch weisslichte, in Schlangenlinien am Horizont
+hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kaelter geworden
+und der Barometer war gestiegen." Sehr wahrscheinlich haette das Meteor
+noch weiter ostwaerts in Polen und Russland gesehen werden koennen. Ohne die
+umstaendliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstaedt
+entnommen, haetten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen ausserhalb der
+Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden.
+
+Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach
+Herrnhut in Groenland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen
+Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt diess fuer dieselben eine
+Hoehe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen
+gegen Sued und Suedwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man koennte
+desshalb glauben, zahllose Aerolithen muessten zwischen Afrika und Suedamerika
+westwaerts von den Inseln des gruenen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn.
+Wie kommt es aber, dass die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana
+verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen
+wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer
+Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten
+angestellten Beobachtungen fehlt. Ich moechte fast glauben, dass die Chaymas
+in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen
+in Brasilien und die Missionaere in Labrador; immer aber bleibt es
+unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir hoechst merkwuerdig), dass in
+der neuen Welt zwischen 46 deg. und 82 deg. der Laenge, vom Aequator bis zu 64 deg. der
+Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und
+Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flaechenraum von 921,000
+Quadratmeilen erschienen die Meteore ueberall gleich glaenzend.
+
+Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit ueber die
+Sternschnuppen und ihre Parallaxen so muehsame Untersuchungen angestellt
+haben, betrachten sie als Meteore, die der aeussersten Grenze unseres
+Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der
+leichtesten Wolken(15) angehoeren. Es sind welche beobachtet worden, die
+nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die hoechsten scheinen
+nicht ueber 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben haeufig ueber 100 Fuss
+Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, dass sie in wenigen
+Secunden zwei Meilen zuruecklegen. Man hat welche gemessen, die fast
+senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen.
+Aus diesem sehr merkwuerdigen Umstand hat man geschlossen, dass die
+Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich
+Himmelskoerpern durch den Raum gezogen, sich entzuenden, wenn sie zufaellig
+in unsere Atmosphaere gerathen, und zur Erde fallen.
+
+Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben moegen, so haelt es
+schwer, sich in einer Region, wo die Luft verduennter ist als im luftleeren
+Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Hoehe) das Quecksilber im
+Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stuende, sich eine ploetzliche Entzuendung
+zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichfoermige Gemisch
+der atmosphaerischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Hoehe, folglich nicht ueber
+die hoechste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man koennte annehmen,
+bei den fruehesten Umwaelzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt
+ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die
+Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen
+von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, dass eine oberste, von
+den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die
+gasfoermigen Koerper mischen sich und durchdringen einander bei der
+geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte haette sich ein
+gleichfoermiges Gemisch herstellen muessen, wenn man nicht eine abstossende
+Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Koerper
+etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugaenglichen Regionen
+der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts
+eigenthuemliche luftfoermige Fluessigkeiten an, wie will man es erklaeren, dass
+sich nicht die ganze Schicht dieser Fluessigkeiten zumal entzuendet, dass
+vielmehr Gasausstroemungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen?
+Wie soll man sich ohne die Bildung von Duensten, die einer ungleichen
+Ladung faehig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer
+Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250 deg. unter Null betraegt, und
+die so verduennt ist, dass die Compression durch den elektrischen Schlag so
+gut wie keine Waerme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten wuerden
+grossentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in
+der sie sich bewegen, als Koerper mit festem Kern, als *kosmische* (dem
+Himmelsraum ausserhalb unseres Luftkreises angehoerige), nicht als
+*tellurische* (nur unserem Planeten angehoerige) Erscheinungen betrachten
+koennte.
+
+Hatten die Meteore in Cumana nur die Hoehe, in der sich die Sternschnuppen
+gewoehnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310
+Meilen aus einander liegen, ueber dem Horizont gesehen werden. Wie
+ausserordentlich muss nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen
+die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden
+lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am
+Aequator, in Groenland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht
+die scharfsinnige Bemerkung, dass dieselbe Ursache, aus der das Phaenomen
+haeufiger eintritt, auch auf die Groesse der Meteore und ihre Lichtstaerke
+Einfluss aeussert. In Europa sieht man in den Naechten, in denen am meisten
+Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz
+kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch
+interessanter. In manchen Monaten zaehlte Brandes in unserem gemaessigten
+Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die
+Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter,
+so kann man sicher darauf rechnen, dass hinter diesem glaenzenden Meteor
+viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so
+ist es hoechst wahrscheinlich, dass diess mehrere Wochen anhaelt. In den hohen
+Luftregionen, an der aeussersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere
+sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur
+Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten.
+Haengt die Periodicitaet dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der
+Atmosphaere ab, oder von etwas, das der Atmosphaere von auswaerts zukommt,
+waehrend die Erde in der Ekliptik fortrueckt? Von alle dem wissen wir gerade
+so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras.
+
+Was die Sternschnuppen fuer sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner
+eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen haeufiger zu seyn als in
+gemaessigten Landstrichen, ueber den Festlaendern und an gewissen Kuesten
+haeufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberflaeche des
+Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der
+Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich
+aendert, ihre Einfluesse noch in Hoehen aeussern, wo ewiger Winter herrscht?
+Dass in gewissen Jahreszeiten und ueber manchen duerren, pflanzenlosen Ebenen
+der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf
+hinzudeuten, dass dieser Einfluss sich wenigstens bis zur Hoehe von 5--600
+Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der
+Hochebene der Anden ist vor dreissig Jahren eine aehnliche Erscheinung wie
+die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an
+Einem Stueck des Himmels, ueber dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in
+solcher Menge aufsteigen, dass man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer.
+Dieses ausserordentliche Schauspiel dauerte ueber eine Stunde; das Volk lief
+auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die
+hoechsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe
+vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, dass das
+Feuer am Horizont von Feuermeteoren herruehrte, die bis zur Hoehe von 12 bis
+15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schossen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der suedlichen Halbkugel in
+ Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen
+ haette. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphaere, der in diesen
+ westlichen Laendern sehr veraenderlich ist, daran Schuld.
+
+ 15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Ruecken der Anden in mehr als 2700
+ Toisen Meereshoehe ueber die *Schaefchen* oder kleinen weissen,
+ gekraeuselten Wolken schaetzte ich die Hoehe derselben zuweilen auf
+ mehr als [] Toisen ueber der Kueste.
+
+
+
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+ELFTES KAPITEL.
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+ Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das
+ Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas.
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+Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um laengs der
+Kueste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die
+Einwohner von Venezuela den groessten Theil ihrer Produkte ausfuehren. Es
+sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt waehrt meist nur 36--40 Stunden. Den
+kleinen Kuestenfahrzeugen kommen Wind und Stroemungen zumal zu gut; letztere
+streichen mehr oder minder stark von Ost nach West laengs den Kuesten von
+Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa.
+Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so
+ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit
+allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsbloecke und
+einer wuchernden Vegetation zu kaempfen; man muss unter freiem Himmel
+schlafen, die Thaeler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und ueber Stroeme
+setzen, die wegen der Naehe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen
+Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende laeuft, weil das Land sehr
+ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Kuestenkette und dem
+Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die
+von einem ungeheuren Gehoelz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus
+umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem duerren Boden
+und dem Mangel an Regen.
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+Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas
+nach Cumana zurueckgeht und nicht gerne gegen die Stroemung faehrt. Der
+Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen haeufig Leute, die
+sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen
+Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel
+gegen diese Fieber ist, waechst in denselben Thaelern, am Saume derselben
+Waelder, deren Ausduenstungen so gefaehrlich sind. Der kranke Reisende macht
+Halt in einer Huette, deren Bewohner nichts davon wissen, dass die Baeume,
+welche die Thalgruende umher beschatten, das Fieber vertreiben.
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+Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir
+wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort ueber die
+grossen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen
+ungeheuren Strom suedlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur
+Grenze von Brasilien hinauffahren und ueber die Hauptstadt des spanischen
+Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpass geheissen,
+nach Cumana zurueckkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen,
+wovon wir ueber zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen wuerden,
+liess sich unmoeglich bestimmen. Auf den Kuesten kennt man nur das Stueck des
+Orinoco nahe an seiner Muendung; mit den Missionen besteht lediglich kein
+Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist fuer die Einwohner von
+Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen
+bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Sued
+fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in
+Verbindung; andere halten wegen der grossen Sterblichkeit unter den Truppen
+Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land suedlich von
+den Katarakten von Amtes fuer aeusserst ungesund. In einem Lande, wo man so
+wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenueber die
+Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu
+uebertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten
+mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht
+gewoehnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefassten Entschlusse fest. Wir
+konnten auf die Theilnahme und Unterstuetzung des Statthalters der Provinz,
+Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der
+Franziscanermoenche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen
+Herren sind.
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+Zum Glueck fuer uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in
+Cumana. Dieser junge Moench war nur ein Laienbruder, aber sehr verstaendig,
+gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Kueste
+hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen
+von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer grosse Aufregung
+herrscht, das Missfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei uebte
+eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen
+konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern
+Orinoco, beruechtigt durch die Unzahl boesartiger Insekten, welche Jahr aus
+Jahr ein die Luft erfuellen. Fray Juan Gonzales war mit den Waeldern
+zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt.
+Eine andere Umwaelzung im republikanischen Regiment der Moenche hatte ihn
+seit einigen Jahren wieder an die Kueste gebracht und er stand bei seinen
+Obern in verdienter Achtung. Er bestaerkte uns in unserem Verlangen, die
+vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns
+guten Rath fuer die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er
+selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnuegen auf
+der Rueckreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder
+anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte,
+uebernahm er es gefaellig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und
+unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen
+gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der
+uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines
+Ordens grosse Dienste haette leisten koennen, kam im Jahr 1801 in einem Sturm
+an der afrikanischen Kueste ums Leben.
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+Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von
+denen, die zum Handel an den Kuesten und mit den Antillen gebraucht werden.
+Sie sind dreissig Fuss lang und haben nicht mehr als drei Fuss Bord ueber
+Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewoehnlich 200 bis 250 Centner.
+Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie
+ein ungeheures dreieckiges Segel fuehren, was bei den Windstoessen, die aus
+den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit
+dreissig Jahren kein Beispiel, dass eines dieser Fahrzeuge auf der
+Ueberfahrt von Cumana an die Kueste von Caracas gesunken waere. Die
+indianischen Schiffer sind so gewandt, dass selbst bei ihren haeufigen
+Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den daenischen Inseln, die mit
+Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehoert. Diese
+120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Kueste mehr
+sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne
+Beobachtung der Sonnenhoehe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compass
+unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem
+Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er
+voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom
+Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen
+und des grossen Baeren zu finden wussten, und es kam mir vor, als steuerten
+sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man
+wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel
+Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der
+Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so gluecklich. Wenn sich
+die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande naehern, kommen sie gegen Ost gegen
+Wind und Stroemung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die
+Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des
+Octanten schwer zu buessen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen,
+welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen,
+in Sicht bekommen muessen, um ihres Weges gewiss zu seyn.
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+Wir fuhren rasch den kleinen Fluss Manzanares hinab, dessen Kruemmungen
+Cocosbaeume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf
+dem anstossenden duerren Strande schimmerten auf den Dornbueschen, die bei
+Tag nur staubigte Blaetter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend
+Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man
+wird unter den Tropen des Schauspiels nicht muede, wenn diese hin und her
+zuckenden roethlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre
+Bilder und die der Sterne am Himmelsgewoelbe unter einander wimmeln.
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+Wir schieden vom Kuestenlande von Cumana, als haetten wir lange da gelebt.
+Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach
+dem ich mich seit meiner fruehesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der
+Natur im indischen Klima ist so maechtig und grossartig, dass man schon nach
+wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In
+Europa hat der Nordlaender und der Bewohner der Niederung selbst nach
+kurzem Besuch eine aehnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von
+der koestlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von
+der wilden, grossartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenaeen scheidet.
+Ueberall in der gemaessigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt
+nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens
+haben Familienaehnlichkeit mit denen, die unter dem schoenen Himmel
+Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den
+Tieflaendern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur.
+Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa
+mahnt; denn von der Vegetation haengt der Charakter einer Landschaft ab;
+sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast
+zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und maechtiger
+die Eindruecke sind, desto mehr loeschen sie fruehere Eindruecke aus, und
+durch die Staerke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich
+auf alle, die mit mehr Sinn fuer die Schoenheiten der Natur als fuer die
+Reize des geselligen Lebens lange in der heissen Zone gelebt haben. Das
+erste Land, das ihr Fuss betreten, wie theuer und denkwuerdig bleibt es
+ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins hoechste Alter, regt sich in ihnen
+ein dunkles Sehnsuchtsgefuehl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein
+staubigter Boden stehen noch jetzt weit oefter vor meinem inneren Auge als
+alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schoenen suedlichen Himmel wird
+selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die
+Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht
+allein, sie faerbt die Gegenstaende, sie umgibt sie mit einem leichten Duft,
+der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben
+harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und ueber die Natur eine Ruhe
+ausgiesst, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen
+Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kaerglich bewaldeter
+Kuestenstriche zu begreifen, bedenke man nur, dass von Neapel dem Aequator
+zu der Himmel in dem Verhaeltniss immer schoener wird, wie von der Provence
+nach Unteritalien.
+
+Wir liefen waehrend der Fluth ueber die Barre, welche der kleine Manzanares
+an seiner Muendung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die
+Gewaesser des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen,
+aber der Theil der Milchstrasse zwischen den Fuessen des Centauren und dem
+Sternbild des Schuetzen schien einen Silberschimmer auf die Meeresflaeche zu
+werfen. Der weisse Fels, auf dem das Schloss San Antonio steht, tauchte
+zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht
+lange, so erkannten wir die Kueste nur noch an den zerstreuten Lichtern
+fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und
+das schmerzliche Gefuehl, scheiden zu muessen. Vor fuenf Monaten hatten wir
+dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der
+ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit
+Zagen den Fuss setzend. Jetzt, da diese Kueste unsern Blicken entschwand,
+lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt duenkten. Boden,
+Gebirgsart, Gewaechse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden.
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+Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel
+Araya zuhielten; dann fuhren wir dreissig Meilen nach West und
+West-Sued-West. In der Naehe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und
+bis zu den Bergoelquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein
+belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in
+diesem Klima so haeufig bietet. Schwaerme von Tummlern zogen unserem
+Fahrzeug nach. Ihrer fuenfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand
+von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf
+die Wasserflaeche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war,
+als braeche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm liess beim
+Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurueck. Diess fiel
+uns um so mehr auf, da ausserdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag
+eines Ruders und der Stoss des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken
+gaben, so muss man wohl annehmen, dass der starke Lichtschein, der von den
+Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herruehrte, sondern
+auch von der gallertartigen Materie, die ihren Koerper ueberzieht und vom
+Stoss der Wellen abgerieben wird.
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+Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie
+Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und
+Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerkluefteten,
+kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera
+bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land.
+Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Truemmer der
+alten Kueste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West
+lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die
+sicher eines Tages stark besuchte Haefen werden. Das zerrissene Land, die
+zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine grosse
+Umwaelzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge
+gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom
+Gneiss des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht
+man in Cumana von den flachen Daechern, und dort zeigen sich an ihnen in
+Folge der verschiedenen Temperatur der ueber einander gelagerten
+Luftschichten die sonderbarsten Verrueckungen und Luftspiegelungen. Diese
+Felsen sind schwerlich ueber 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht
+scheinen sie von sehr bedeutender Hoehe.
+
+Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heissen, so weit von der Stadt
+dieses Namens, der Kueste der Cumanagotos gegenueber zu finden; aber Caracas
+bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen
+Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe
+hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale
+Wasserfaeden in der Stroemung auf Boracha zu, das groesste der Eilande. Da die
+Felsen fast senkrecht aufsteigen, so faellt der Meeresgrund steil ab und
+auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, dass
+sie beinahe ans Land stiessen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen,
+seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein
+erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Waerme durch
+Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne ueber den Horizont stieg,
+desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die
+Meeresflaeche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur
+in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese
+Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde,
+braune, sehr grosse, schnellfuessige Ziegen mit -- wie unser Steuermann
+versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreissig Jahren hatte
+sich eine weisse Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc
+gebaut. Der Vater ueberlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein
+Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und diess ward
+sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen
+verwilderten, nicht so die Kulturgewaechse. Der Mais in Amerika, wie der
+Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu
+erhalten, an den sie seit seinen fruehesten Wanderungen gekettet sind. Wohl
+wachsen diese naehrenden Graeser hin und wieder aus verstreuten Samen auf;
+wenn sie sich aber selbst ueberlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die
+Voegel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas
+entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; fuer ein an so einsamem Ort
+begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser
+Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen
+angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach
+dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, dass er alle
+Verhafteten aufknuepfte, gegen die laengst das Todesurtheil gefaellt war. Man
+sollte kaum glauben, dass es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr
+Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Haenden diejenigen
+abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben.
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+Wir verliessen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knuepfen, und
+ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Muendung
+des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen
+Inipiricuar lautet. Der Fluss wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis
+auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehoeren zu
+der Art, die im Orinoco so haeufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so
+sehr gleicht, dass man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht
+ein, dass ein Thier, dessen Koerper in einer Art Panzer steckt, fuer die
+Schaerfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta
+sah, wie er in seinem kuerzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzaehlt,
+auf der Kueste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am
+Lande leben. Diese Beobachtungen werden fuer die Geologie von Bedeutung,
+seit man in dieser Wissenschaft die Suesswasserbildungen naeher ins Auge
+fasst, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See-
+und Suesswasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen.
+
+Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt
+seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden
+groesstentheils die Produkte der weiten Steppen ausgefuehrt, die sich vom
+Suedabhang der Kuestenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind
+an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die
+Handelsindustrie dieser Laender gruendet sich auf den Bedarf der grossen und
+kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden.
+Da die Kuesten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von
+15--18 Tagereisen gegenueber liegen, so beziehen die Handelsleute in der
+Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona,
+als dass sie das Wagniss einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur
+Muendung des Rio de la Plata uebernaehmen. Von der schwarzen Bevoelkerung von
+1,300,000 Koepfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zaehlt, kommen
+auf Cuba allein ueber 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemuessen,
+gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das
+gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma fuehrt, ladet 20 bis
+30,000 Arobas, deren Handelswerth ueber 45,000 Piaster betraegt. Barcelona
+ist besonders fuer den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei
+Tagen aus den Llanos in den Hafen, waehrend sie wegen der Gebirgskette des
+Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den
+Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und
+1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere
+nach den spanischen, englischen und franzoesischen Inseln eingeschifft. Wie
+viele aus Burburata, Coro und aus den Muendungen des Guarapiche und Orinoco
+ausgefuehrt werden, weiss ich nicht genau; aber trotz der Einfluesse, durch
+welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas
+herabgebracht worden ist, muessen, nach meiner Schaetzung, diese
+unermesslichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jaehrlich in
+den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster
+(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen
+3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De
+Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt
+kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da
+er als Agent der franzoesischen Regierung sich fortwaehrend in der Stadt
+Caracas aufhalten musste, so moegen die Besitzer der *Hatos* bei den
+Schaetzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben.
+
+Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines
+Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen ueber dem Meere liegt. Es
+ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Sued von einem
+weit hoeheren Berge beherrscht, und Sachverstaendige behaupten, es koennte
+dem Feind, nachdem er zwischen der Muendung des Flusses und dem Morro
+gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden
+Hoehen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht ueber
+die englischen Kreuzer, die laengs der Kuesten stationirt waren. Zwei
+unserer Reisegefaehrten, Brueder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus
+Spanien, wo sie in der koeniglichen Garde gedient hatten. Es waren sehr
+gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem
+Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurueck.
+Ihnen musste noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica
+gefuehrt zu werden. Ich hatte keine Paesse von der Admiralitaet; aber im
+Vertrauen auf den Schutz, den die grossbritannische Regierung Reisenden
+gewaehrt, die bloss wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich
+nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad
+geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Laendern suchte. Die
+Antwort, die mir ueber den Meerbusen von Paria zukam, war sehr
+befriedigend.
+
+Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich
+Mondshoehen auf, um die Laenge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von
+Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr
+viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden
+aus einander. Ich habe mich ueber diese Entfernung, ueber die damals viele
+Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der
+Magnetnadel fand ich gleich 42 deg.,20; 224 Schwingungen gaben die Intensitaet
+der magnetischen Kraft an.
+
+Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und
+zieht sich gegen Sueden zurueck; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei
+Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser
+25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberflaeche war 25 deg.,9,
+als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu
+mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24 deg.,5. Der
+Unterschied zeigte sich bestaendig; er waere vielleicht bedeutender, wenn
+die Stroemung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbraechte,
+und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhoehung der
+Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Baenken, die bei
+der Ebbe ueber Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll ueber den
+mittleren Wasserstand. Ihre Oberflaeche ist voellig eben und mit Gras
+bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben.
+Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball ueber der
+Grasflur zu haengen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen
+beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte.
+Wenn aber auch in der heissen Zone an tiefen, feuchten Orten Graeser und
+Riedgraeser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem
+Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen,
+die nur eben ueber die Graeser emporragen und sich vom ebenen gruenen Grunde
+abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den
+Tropen ein solcher Trieb in den Gewaechsen, dass die kleinsten
+dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Straeuchern werden. Man koennte sagen,
+die Liliengewaechse, die unter den Graesern wachsen, vertreten unsere
+Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie
+nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut
+aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhaeltniss
+nicht aufkommen, das zwischen den Gewaechsen besteht, die bei uns den Rasen
+und die Wiese bilden. Die guetige Natur verleiht unter allen Zonen der
+Landschaft einen ihr eigenthuemlichen Reiz des Schoenen.
+
+Man darf sich nicht wundern, dass fruchtbare Inseln so nahe der Kueste
+gegenwaertig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die
+Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Kuesten waren,
+gruendeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald
+die Eingeborenen unterworfen oder suedwaerts den Savanen zu gedraengt waren,
+liess man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter
+Laendereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Laegen
+die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel
+der Antillen, so waeren sie nicht unangebaut geblieben.
+
+Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der
+suedlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre
+Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren,
+sehr gefuerchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der
+Muendung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still
+gewesen, immer unruhiger, je naeher wir Cap Codera kamen. Der Einfluss
+dieses grossen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen
+weithin fuehlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra haengt
+davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt.
+Jenseits dieses Caps ist die See bestaendig so unruhig, dass man nicht mehr
+an der Kueste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum
+Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stuermen weiss. Der Stoss der Wellen
+wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefaehrten litten
+sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glueck,
+nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht ueber. Bei Sonnenaufgang am
+20. November waren wir so weit, dass wir hoffen konnten das Cap in wenigen
+Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra
+zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort
+vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im
+kleinen Hafen Higuerote, ueber den wir schon hinaus waren, vor Anker zu
+gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man
+Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiss man zum voraus,
+wofuer sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man musste nachgeben,
+und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in
+der Bucht von Higuerote, westwaerts von der Muendung des Rio Capaya.
+
+Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen
+Fischern, Mestizen, bewohnte Huetten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die
+auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, dass diese Gegend eine der
+ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Kueste
+ist. Die See ist hier so seicht, dass man in der kleinsten Barke nicht
+landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Waelder ziehen sich bis
+zum Strande herunter, und diesen ueberzieht ein dichtes Buschwerk von
+sogenannten Wurzeltraegern, Avicennien, Manschenillbaeumen und der neuen Art
+der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _'Romero de la mar'_ heisst.
+Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausduenstungen der Wurzeltraeger oder
+Manglebaeume, schreibt man es hier, wie ueberall in beiden Indien, zu, dass
+die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein
+fader, suesslicher Geruch entgegen, aehnlich dem, den in verlassenen
+Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verloeschen anfangen, das mit Schimmel
+ueberzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in
+Folge der Reverberation des weissen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk
+und den hochgipfligten Waldbaeumen hinzog. Da der Boden einen ganz
+unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier
+sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebaeume bald
+unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse
+Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten
+Blaetter und die im angeschwemmten Seetang haengenden Weichthiere gleichsam
+in Gaehrung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schaedlichen Gase,
+die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Kueste zeigt
+das Seewasser da, wo es mit den Manglebaeumen in Beruehrung kommt, eine
+braungelbe Faerbung.
+
+Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein
+ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in
+Caracas mit dem Aufguss des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der
+Aufguss mit heissem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden
+Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die
+Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den
+natuerlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben
+Eigenschaften. Der Aufguss des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwoelf
+Tage lang mit atmosphaerischer Luft in Beruehrung gebracht; die Reinheit
+derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein
+kleiner flockigter, schwaerzlichter Bodensatz, aber eine merkbare
+Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des
+Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei
+nachahmen, was in der Natur auf der Kueste bei steigender Fluth taeglich
+vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen
+ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff
+und Kohlensaeure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an.
+Endlich liess ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stoepsel eine bestimmte
+Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphaerische Luft einwirken.
+Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch
+kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur
+0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem
+absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch fluechtigen
+Untersuchung war ich der Ansicht, dass die Luft in den Manglegebueschen
+durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark
+gelb gefaerbte Schichte Seewasser, die laengs der Kueste einen deutlichen
+Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie,
+auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche
+Reisende den eigenthuemlichen Geruch unter den Manglebaeumen zuschreiben.
+Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren
+Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen
+Strand- und Seegewaechsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff
+entbunden; ich glaube aber vielmehr, dass Rhizophora, Avicennia und
+Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den
+sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Straeucher gehoeren zu den drei
+natuerlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die
+reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, dass
+dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nussbaeume mit
+Gallerte verbunden ist.
+
+Uebrigens wuerde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schaedliche
+Ausduenstungen Verbreiten, wenn es auch aus Baeumen bestaende, die an sich
+keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo
+Manglebaeume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und
+Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und
+im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter ueber dem Wasser
+steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften
+sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Staemme, der
+Tang, den Wind und Fluth an die Kuesten treiben, bleibt an den sich zum
+Boden niederneigenden Zweigen haengen. Auf diese Weise, indem sich der
+Schlamm zwischen den Wurzeln anhaeuft, wird durch die Kuestenwaelder das
+feste Land allgemach vergroessert; aber waehrend sie so der See Boden
+abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maass, als sie
+vorruecken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebaeume und die andern
+Gewaechse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden
+trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit
+Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Staemme bezeichnen nach
+Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die
+Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen.
+
+Die Bucht von Higuerote ist sehr guenstig gelegen, um das Vorgebirge
+Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem
+daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch
+seine Hoehe, die mir nach Hoehenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht
+ueber 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West faellt es steil
+ab, und man meint an diesen grossen Profilen die fallenden Schichten zu
+unterscheiden. Die Schichten zunaechst bei der Bucht strichen Nord 60 deg. West
+und fielen unter 80 deg. nach Nordwest. Am grossen Berge Silla und oestlich von
+Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben,
+und daraus scheint hervorzugehen, dass die Urgebirgskette dieser Landenge,
+die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez
+und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera
+wieder auftritt und gegen West als Kuestenkette fortstreicht.
+
+Meinen Reisegefaehrten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern
+unseres kleinen Schiffes so bange, dass sie beschlossen, den Landweg von
+Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe fuehrt durch ein wildes,
+feuchtes Land, durch die Montana de Capaja noerdlich von Caucagua, durch
+das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, dass auch
+Bonpland diesen Weg waehlte, auf dem er trotz des bestaendigen Regens und
+der ausgetretenen Fluesse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst
+ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir
+zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus
+den Augen zu lassen.
+
+Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr
+guenstig und wir hatten viele Muehe, um Cap Codera herum zu kommen; die
+Wellen waren kurz und brachen sich haeufig in einander; es gehoerte die
+Erschoepfung durch einen furchtbar heissen Tag dazu, um in einem kleinen,
+dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu koennen. Die See ging um so
+hoeher, als der Wind bis nach Mitternacht der Stroemung entgegen blies. Der
+zwischen den Wendekreisen ueberall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen
+ist an diesen Kuesten nur waehrend zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu
+spueren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor,
+dass die Stroemung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon
+oefter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die
+Stroemung, die von West nach Ost ging, nicht bewaeltigen, obgleich sie den
+Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmaessigkeiten ist bis
+jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stuermen aus Nordwest im
+Golf von Mexico zu, aber diese Stuerme sind im Fruehjahr weit staerker als im
+Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, dass die Stroemung nach Osten geht,
+bevor der Seewind sich aendert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach
+einigen Tagen geht auch der Wind der Stroemung nach und blaest bestaendig aus
+West. Waehrend dieser Vorgaenge bleiben die kleinen Schwankungen des
+Barometers auf und ab in ihrer Regelmaessigleit durchaus ungestoert.
+
+Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwaerts vom Cap
+Codera dem Curuao gegenueber. Der indianische Steuermann erschrack nicht
+wenig, als sich nordwaerts in der Entfernung einer Seemeile eine englische
+Fregatte blicken liess. Sie hielt uns wahrscheinlich fuer eines der
+Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles
+organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete
+Lizenzscheine fuehrten. Sie liess uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen
+schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Kueste felsigt und
+sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und
+malerisch. Wir waren so nahe am Land, dass wir die zerstreuten von
+Cocospalmen umgebenen Huetten unterschieden und die Massen von Gruen sich
+vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge
+drei, viertausend Fuss hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite
+Schlagschatten ueber das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und
+geschmueckt mit frischem Gruen daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen
+grossentheils die tropischen Fruechte, die man auf den Maerkten von Caracas
+in so grosser Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich
+mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thaeler hinauf, die
+Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne
+fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und
+Schatten.
+
+Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die hoechsten Gipfel dieser
+Kuestenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenaeen; es
+ist als stiegen die Pyrenaeen oder die Alpen, von ihrem Schnee entbloest,
+gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die
+Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei
+Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Huegel mit sanftem Abhang
+erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel
+Zuckerrohr und die barmherzigen Brueder haben daselbst eine Pflanzung und
+200 Sklaven. Die Gegend war frueher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man
+behauptet, die Luft sey gesuender geworden, seit man um einen Teich, dessen
+Ausduenstungen man besonders fuerchtete, Baeume gepflanzt hat, so dass das
+Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda
+laeuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von
+geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das huebsch
+gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra
+mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken ueber einander und in duftiger
+Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelfoermigen, blendend weissen
+Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnussbaeume saeumen das Ufer und geben ihm
+unter dem gluehenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit.
+
+Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um
+meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich
+empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe
+Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehoert hatte, sondern ueber dem Dorfe
+Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhoehe, das dem kuehlen Luftzug
+mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier
+Tage frueher als meine Reisegefaehrten, die auf dem Landweg zwischen Capaya
+und Curiepe durch die starken Regenguesse und die ausgetretenen Bergwasser
+viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht oefters auf dieselben Gegenstaende
+zurueckzukommen, schliesse ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des
+merkwuerdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas fuehrt, alle
+Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco
+zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat,
+sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich
+mich auf eine naehere Beschreibung der Gegenstaende, die er ausfuehrlich
+behandelt hat, nicht ein.
+
+Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig
+und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbaenken, vom schlechten
+Ankergrund und den Bohrwuermern(18) zumal gefaehrdet. Das Laden ist mit
+grossen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann
+man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere
+einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der
+Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie
+waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwuerdig ist,
+sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so haeufig sind, nichts
+zu fuerchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie
+die Beobachtung, die ich unter den Tropen haeufig an Thieren aus andern
+Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe.
+In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die
+Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, dass die von gewissen Inseln leicht zu
+zaehmen sind, waehrend Affen derselben Art, die auf dem benachbarten
+Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie
+sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache
+in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, waehrend
+die aus einer andern Lache aeusserst unerschrocken angreifen. Aus den aeussern
+Verhaeltnissen der Oertlichkeiten waere diese Verschiedenheit in Gemuethsart
+und Sitten nicht leicht zu erklaeren. Mit den Haifischen im Hafen von
+Guayra scheint es sich aehnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenueber der
+Kueste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefaehrlich
+und blutgierig, waehrend sie Badende in den Haefen von Guayra und Santa
+Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklaerung der
+Naturerscheinungen zu vereinfachen, ueberall zum Wunderbaren, und so glaubt
+es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen
+ertheilt.
+
+Guayra ist ganz eigenthuemlich gelegen; es laesst sich nur mit Santa Cruz auf
+Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem
+hochgelegenen Thal von Caracas stuerzt fast unmittelbar in die See ab und
+die Haeuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen
+dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener
+Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Strassen,
+die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf
+dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt
+und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes,
+Truebseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Waeldern bedeckten
+Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und
+Pflanzenwuchs. Ausser Cabo Blanco und den Cocosnussbaeumen von Maiquetia,
+besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen
+Himmelsgewoelbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei
+Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht fuer heisser als das von Cumana,
+Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwaecher ist und durch die
+Waerme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt,
+die Luft erhitzt wird. Man machte sich uebrigens von der Luftbeschassenheit
+dieses Ortes und des ganzen benachbarten Kuestenlandes eine unrichtige
+Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie
+angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht
+eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Beruehrung stehende Luft wirkt
+auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener
+Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds
+nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muss aber
+doch bemerken, dass ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg
+von den Haeusern und ueber 300 Toisen von den Gneissfelsen, mehrere Tage lang
+kaum schwache Spuren von positiver Elektricitaet bemerken konnte, waehrend
+in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem
+Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkuegelchen 1--2
+Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten ueber
+die regelmaessigen taeglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der
+Luft unter den Tropen, ein Verhaeltniss, das mit den Schwankungen in der
+Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht.
+
+Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten
+thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich
+in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz
+zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der
+Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese
+Laender besuchen, ein unerschoepflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in
+diesem Falle das Zeugniss der Sinne ungemein leicht taeuscht, so laesst sich
+ueber die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhaeltnissen
+urtheilen.
+
+Die vier eben genannten Orte gelten fuer die heissesten auf dem Kuestenstrich
+der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon oefters von
+uns gemachte Bemerkung zu bestaetigen, dass im Allgemeinen nur das lange
+Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die uebermaessige Hitze oder die
+absolute Waermemenge den Bewohnern der heissen Zone laestig wird.
+
+Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November
+war in Guayra 31 deg.,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29 deg.,3, in
+Vera Cruz 28 deg.,7, in der Havana 29 deg.,5. Die taeglichen Abweichungen betrugen
+zur selben Stunde nicht leicht ueber 0 deg.,8--1 deg.,4. Waehrend dieser ganzen Zeit
+regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Diess ist der Zeitpunkt,
+wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der
+Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhoert, sobald die Tagestemperatur auf
+24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heissesten Monats war in
+Guayra etwa 29 deg.,3, in Cumana 29 deg.,1, in Vera Cruz 27 deg.,7, in Cairo, nach
+Rouet, 29 deg.,9, in Rom 25 deg.,0. Vom 16. November bis 19. December war die
+mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24 deg.,3, bei Nacht 21 deg.,6. Um
+diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube
+uebrigens, dass man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21 deg.
+fallen sieht; in Cumana faellt er zuweilen auf 21 deg.,2, in Vera Cruz auf 16 deg.,
+in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8 deg. und selbst darunter. Die
+mittlere Temperatur des kaeltesten Monats ist an diesen vier Orten: 23 deg.,2,
+26 deg.,8, 21 deg., 21 deg.,0; in Cairo 13 deg.,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur
+ist, nach guten, sorgfaeltig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefaehr
+28 deg.,1, in Cumana 27 deg.,7, in Vera Cruz 25 deg.,4, in der Havana 25 deg.,6, in Rio
+Janeiro 23 deg.,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28 deg. 28{~PRIME~} der Breite, aber
+wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21 deg.,9, in Cairo 22 deg.,4, in
+Rom 15 deg.,8.(19)
+
+Aus diesen Beobachtungen geht hervor, dass Guayra einer der heissesten Orte
+der Erde ist, dass die Summe der Waerme, welche derselbe im Laufe eines
+Jahres erhaelt, etwas groesser ist als in Cumana, dass sich aber in den
+Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei
+Durchgaengen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra
+staerker abkuehlt. Sollte diese Abkuehlung, die weit unbedeutender ist, als
+die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht
+von der westlicheren Lage von Guayra herruehren? Das Luftmeer, das fuer den
+oberflaechlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Stroemungen bewegt,
+deren Grenzen durch unabaenderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur
+desselben aendert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Laender
+und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken
+abtheilen, die sich in einander ergiessen, und wovon die unruhigsten (wie
+das ueber dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem
+Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluss auf Erkaeltung und Bewegung der
+benachbarten Luftsaeulen aeussern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im
+suedwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und
+Gegenstroemungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma
+hin herabdruecken.
+
+Waehrend meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geissel des gelben
+Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die
+Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Kueste von Caracas weit
+weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte
+hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, ploetzlich an gewissen
+unregelmaessig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte
+Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome
+einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren
+meist Menschen, die das anstrengende Geschaeft des Holzfaellens trieben, zum
+Beispiel in den Waeldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am
+Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte haeufig in
+Staedten, die fuer sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europaeer in
+Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen
+worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Kuesten von Terra Firma war der
+eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen)
+und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu
+betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa
+Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und
+beschrieben hat. Die kuerzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des
+Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man
+beklagte sich nur ueber die drueckende Hitze, die einen grossen Theil des
+Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man
+hoechstens die Haut- und Augenentzuendungen zu befuerchten, die fast ueberall
+in der heissen Zone vorkommen und die haeufig von Fieberbewegungen und
+Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kuehlen, aber
+aeusserst veraenderlichen Klima von Caracas das heisse, aber bestaendige von
+Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die
+Rede.
+
+Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern
+Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geoeffnet. Matrosen aus
+kaelteren Laendern als Spanien, und daher empfindlicher fuer die klimatischen
+Einfluesse der heissen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das
+gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den
+spanischen Spitaelern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der
+Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer
+aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf
+die Rhede gekommen. Der Capitaen der Brigantine stellte solches in Abrede
+und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs
+eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgaengen in Cadix
+im Jahr 1800 weiss man, wie schwer es ist, ueber Faelle ins Reine zu kommen,
+die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu
+sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren
+ueber das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so
+gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen
+sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, dass der
+Typhus von aussen gekommen, die andern, dass er im Lande selbst entstanden.
+Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, dass das Austreten des Rio de
+la Guayra eine Veraenderung der Luftbeschaffenheit herbeigefuehrt habe.
+Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach
+sechzigstuendigem Regen im Gebirge so furchtbar an, dass es Baumstaemme und
+ansehnliche Felsbloecke mit sich fortriss. Das Wasser wurde 30--40 Fuss breit
+und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken
+ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu
+urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Haeuser wurden von der Fluth
+weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr
+Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfliessen
+konnte, sich zufaellig geschlossen hatte. Man musste in die Mauer der See zu
+ein Loch schiessen; mehr als dreissig Menschen kamen ums Leben und der
+Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende
+Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewoelben des Gefaengnisses
+mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als praedisponirende
+Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben koennen;
+indessen glaube ich, dass das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die
+erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir,
+des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren
+Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigefuehrt haben. Ich habe das
+Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als duerren
+Boden und Bloecke von Glimmerschiefer und Gneiss mit eingesprengtem
+Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts,
+was die Luft haette verunreinigen koennen.
+
+Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa
+Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein gross war) hat das
+gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wuethete nicht
+allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch
+unter denen, die fern von der Kueste in den Llanos zwischen Calabozo und
+Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiss als
+Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand wuerde uns noch mehr auffallen,
+wenn wir nicht wuessten, dass sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause
+den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in
+den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen
+am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro
+(in 476 Toisen Meereshoehe), wo mit den Eichen ein kuehles, koestliches Klima
+beginnt, eine unuebersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber
+nicht leicht ueber den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas
+hinueber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man
+darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den
+Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine
+treffliche Schutzwehr fuer die Stadt Caracas, die etwas hoeher liegt als der
+Encaro, die aber eine hoehere mittlere Temperatur hat als Xalapa.
+
+Bonplands und meine Beobachtungen ueber die physischen Verhaeltnisse der
+Staedte, welche periodisch von der Geissel des gelben Fiebers heimgesucht
+werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue
+Vermuthungen ueber die Veraenderungen in der pathogonischen Constitution
+mancher Staedte zu aeussern. Je mehr ich ueber diesen Gegenstand nachdenke,
+desto raethselhafter erscheint mir alles, was auf die gasfoermigen Effluvien
+Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _'Keime der Ansteckung'_
+nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kaelte
+zerstoert werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Waenden der
+Haeuser haften sollen. Wie will man erklaeren, dass in den achtzehn Jahren
+vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von "Vomito" vorkam,
+obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europaeern und Mexicanern
+aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen
+ueberliessen, ueber die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich
+war, als sie seit dem Jahr 1800 ist?
+
+Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck
+gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heissen Erdstrichs, der bis
+jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele
+in kaelterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der
+amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt
+vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist
+hier eine Veraenderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich
+in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform
+entwickelt?
+
+Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in
+suedlicheren Laendern geborenen Europaeern. Theilt er sich durch Ansteckung
+mit, so ist es zu verwundern, dass er in den Staedten des tropischen
+Festlandes keineswegs sich an gewisse Strassen haelt, und dass die
+unmittelbare Beruehrung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als
+Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein,
+namentlich an kuehlere, hoehere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa,
+stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit
+an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die praedisponirenden Ursachen,
+die sich an der Kueste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur
+bedeutend ab, so hoert die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewoehnlich
+auf. Mit Eintritt der heissen Jahreszeit, zuweilen weit frueher, faengt sie
+wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen
+und kein Schiff eingelaufen ist.
+
+Der amerikanische Typhus scheint auf den Kuestenstrich beschraenkt, sey es
+nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier
+die Waaren aufgehaeuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen
+haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthuemliche gasfoermige Effluvien
+bilden. Das aeussere Ansehen der Orte, wo der Typhus wuethet, scheint oft die
+Annahme eines oertlichen oder endemischen Ursprungs voellig auszuschliessen.
+Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen
+Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Laendern, deren Klima
+frueher fuer sehr gesund galt. Die Faelle von Verschleppung des gelben
+Fiebers ins Binnenland sind in der heissen Zone sehr zweideutig; die
+Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt
+worden seyn. In der gemaessigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus
+entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit
+vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden
+ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach
+Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche
+nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der praedisponirenden
+Ursachen, nach der laengeren oder kuerzeren Dauer, nach den Graden der
+Boesartigkeit muss uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt,
+den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein
+einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre
+1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit
+auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat,
+ist mit mir der Ansicht, dass der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber
+nicht immer.
+
+Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet,
+hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu
+uebertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von
+Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt,
+fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar
+Tropfen Regen fallen, koennen der Ursachen der sogenannten schaedlichen
+Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Strassen von Guayra schienen mir im
+Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die
+Schlachtbaenke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich
+zersetzte Tange und Weichthiere anhaeufen, aber die benachbarte Kueste nach
+Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist aeusserst
+ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und
+Caravalleda haeufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind
+Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge
+oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine
+mit faulen Duensten geschwaengerte Luft auf die Kueste von Guayra.
+
+Da die Reizbarkeit der Organe bei den noerdlichen Voelkern so viel staerker
+ist als bei den suedlichen, so ist nicht zu bezweifeln, dass bei groesserer
+Handelsfreiheit und staerkerem und innigerem Verkehr zwischen Laendern mit
+verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich ueber die neue Welt verbreiten
+wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen
+von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, koennen
+moeglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der
+Lebenskraefte sich ausbilden. Es ist diess eines der nothwendigen Uebel im
+Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wuenscht darum
+keineswegs die Barbarei zurueck; ebensowenig theilt er die Ansicht der
+Leute, die dem Verkehr unter den Voelkern gerne ein Ende machten, nicht um
+die Haefen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem
+Eindringen der Aufklaerung zu wehren und die Geistesentwicklung
+aufzuhalten.
+
+Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen
+Meerbusen fuehren, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen
+Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der grossen
+Bestaendigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva
+Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befuerchten, der Typhus moechte dort
+einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs
+sehr boesartig aufgetreten ist. Gluecklicherweise hat sich die Sterblichkeit
+vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der
+Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen
+Stadien der Krankheit, die Periode der entzuendlichen Erscheinungen, und
+die der Ataxie oder Schwaeche, besser kennt und auseinander haelt. Es waere
+sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, dass die neuere Medicin gegen dieses
+schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese
+Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hoert
+ziemlich allgemein die Aeusserung, "die Aerzte wissen jetzt den Hergang der
+Krankheit befriedigender zu erklaeren als frueher, sie heilen sie aber
+keineswegs besser; frueher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei,
+ausser einem Tamarindenaufguss; gegenwaertig fuehre ein eingreifenderes
+Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode."
+
+Wer so spricht, weiss nicht ganz, wie man frueher auf den Antillen zu Werke
+ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, dass zu Anfang des
+achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so
+ruhig sterben liessen, als man meint. Man toedtete damals nicht durch
+uebertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und
+Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlaesse und uebermaessiges Purgiren. Die
+Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, dass
+sie, sehr treuherzig, "gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar
+am Krankenbett erschienen." Gegenwaertig bringt man es in reinlichen, gut
+gehaltenen Spitaelern dahin, dass von 100 Kranken nur 15--20 und selbst
+etwas weniger sterben; aber ueberall, wo die Kranken zu sehr auf einander
+gehaeust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Haelfte, wohl gar (wie im
+Jahr 1802 bei der franzoesischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile
+der Kranken.
+
+Ich fand die Breite von Guayra 10 deg. 36{~PRIME~} 19{~DOUBLE PRIME~}, die Laenge 69 deg. 26{~PRIME~} 13{~DOUBLE PRIME~}. Die
+Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42 deg. 20, die Declination
+nach Nordost 4 deg. 30{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}; die Intensitaet der magnetischen Kraft
+= 237 Schwingungen.
+
+Geht man an der aus Granit gebauten Kueste von Guayra gegen West, so kommt
+man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschuetzte Rhede ist, und
+dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die
+Schiffe vortrefflich ankern koennen. Es sind die kleinen Buchten Catia, los
+Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata
+und Patanebo. Alle diese Haefen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem
+man Maulthiere nach Jamaica ausfuehrt, werden gegenwaertig nur von kleinen
+Kuestenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten
+Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter
+Blickenden, legen einen grossen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich
+von Cabo Blanco. Diesen Kuestenpunkt untersuchten Bonpland und ich waehrend
+unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen
+Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich
+von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Laengst geht man mit
+dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte
+Strasse von Guayra, die beinahe dem Uebergang ueber den St. Gotthard
+gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan koennte der Hafen von Catia, der so
+geraeumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist
+dieser ganze Kuestenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbaeumen
+bewachsen und hoechst ungesund.
+
+Fast nirgends auf der Kueste ist es so heiss als in der Naehe von Cabo
+Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des
+duerren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die uebermaessige Einwirkung
+des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen fuer uns. In
+Guayra fuerchtet man die Insolation und ihren Einfluss auf die
+Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber
+sich zu zeigen anfaengt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres
+Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem
+Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter
+mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdraengen, den er fertig
+in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit
+einer halben Stunde in blossem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er
+versicherte mich, da ich ein hoher Nordlaender sey, muesse ich nach der
+Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen
+Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Praeservativ nehme. Diese
+Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da
+ich mich laengst fuer acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine
+Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich
+verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben
+haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet.
+
+Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen
+wir die Kueste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rueckkehr von
+den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem
+Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000
+Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Paessen in den Alpen, dem
+Weg ueber den St. Gotthard oder den grossen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft
+in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte
+nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von
+Caracas liegen moege. Man hatte laengst bemerkt, dass es von der Cumbre und
+las Vueltas, dem hoechsten Punkt der Strasse, nach Pastora am Eingang des
+Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da
+aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu
+vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von
+Caracas kann man sich von der Hoehe desselben unmoeglich einen richtigen
+Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftstroeme
+abgekuehlt, sowie einen grossen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel,
+welche den hohen Gipfel der Silla einhuellen. Ich habe den Weg von Guayra
+nach Caracas mehrere male zu Fuss gemacht und nach zwoelf Punkten, deren
+Hoehe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich
+haette gerne gesehen, dass meine Vermessung durch einen unterrichteten
+Reisenden, der nach mir dieses malerische und fuer den Naturforscher so
+interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden waere; mein
+Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfuellung gegangen.
+
+Wenn man zur Zeit der staerksten Hitze die gluehende Luft Guayras athmet und
+den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, dass
+in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine
+Bevoelkerung von 40,000 Seelen einer Fruehlingskuehle geniessen soll, einer
+Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Dass auf diese Weise
+verschiedene Klimate einander nahe gerueckt sind, kommt in den ganzen
+Cordilleren der Anden haeufig vor; aber ueberall, in Mexico, in Quito, in
+Peru, in Neu-Grenada muss man weit ins Binnenland reisen, entweder ueber die
+Ebenen oder auf Stroemen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die
+grossen Staedte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als
+Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstaedten des
+spanischen Amerika, die mitten in der heissen Zone ein koestlich kuehles
+Klima haben, liegt Caracas am naechsten an der Kueste. Nur drei Meilen in
+einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo
+der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind
+bedeutende Vortheile.
+
+Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schoener als der von
+Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser
+unterhalten als die alte Strasse, die aus dem Hafen von Vera Cruz am
+Suedabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote fuehrt. Man braucht mit
+guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas
+und zum Rueckweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fuss Vier bis fuenf
+Stunden. Man kommt zuerst ueber einen sehr steilen Felsabhang und ueber die
+Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem grossen
+Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen ueber dem Meere liegt. Der Name
+"verbrannter Thurm" bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhaelt,
+wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswaende und
+vollends die duerre Ebene zu den Fuessen ausstrahlen, ist drueckend zum
+Ersticken. Auf diesem Wege und ueberall, wo man auf starken Abhaengen in ein
+anderes Klima gelangt, schien mir das Gefuehl von gesteigerter Muskelkraft
+und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in kuehlere Luftschichten ueber einen
+kommt, nicht so stark als umgekehrt die laestige Mattigkeit und
+Erschlaffung, die einen befaellt, wenn man in die heissen Kuestenebenen
+hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, dass der Genuss, wenn uns
+irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines
+neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso.
+
+Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die
+Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten
+Strasse ueber den Mont Cenis. Der Salto, "der Sprung," ist eine Spalte, ueber
+die eine Zugbruecke fuehrt. Auf der Hoehe des Bergs sind foermliche Werke
+angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19 deg.,3, in
+Guayra zur selben Zeit auf 26 deg.,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit
+in den spanischen Haefen zugelassen wurden, Fremde haeufiger nach Caracas
+gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den
+Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schoenen Lage beruehmt. Und
+allerdings hat man hier bei unbewoelktem Himmel eine prachtvolle Aussicht
+ueber die See und die nahen Kuesten. Man hat einen Horizont von mehr als
+zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der
+Masse Licht, die der weisse, duerre Strand zurueckwirft; zu den Fuessen liegen
+Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die
+Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit
+ueberraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen,
+die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der
+unermesslichen Meeresflaeche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Hoehen
+bilden Mittelgruende zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen,
+und durch eine leicht erklaerliche Taeuschung wird dadurch die Scenerie
+grossartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom
+Winde gejagten und sich ballenden Wolken Baeume und Wohnungen zum
+Vorschein, und die Gegenstaende scheinen dann ungleich tiefer unten zu
+liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man
+sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa)
+in derselben Hoehe befindet, ist man noch zwoelf Meilen von der See
+entfernt; man sieht die Kueste nur undeutlich, waehrend man auf dem Wege von
+Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem
+Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf
+einen machen muss, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum
+erstenmal das Meer und Schiffe sieht.
+
+Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt,
+um die Entfernung derselben von der Kueste genauer angeben zu koennen. Die
+Breite ist 10 deg. 33{~PRIME~} 9{~DOUBLE PRIME~}; die Laenge des Orts schien mir nach dem Chronometer
+etwa 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~} im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser
+Hoehe die Inclination der Magnetnadel 41 deg.,75, die Intensitaet der
+magnetischen Kraft = 234 Schwingungen.
+
+Von der Venta, auch _'Venta grande'_ genannt zum Unterschied von drei oder
+vier andern kleinen Wirthshaeusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle
+zerstoert.], geht es noch ueber 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Diess ist
+beinahe der hoechste Punkt der Strasse, ich ging aber mit dem Barometer noch
+weiter, etwas ueber die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla.
+Da ich keinen Pass hatte (in fuenf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der
+Landung), so waere ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden.
+Um die alten Soldaten zu besaenftigen, uebersetzte ich ihnen in spanische
+Vares, wie viel Toisen der Posten ueber dem Meere liegt. Daran schien ihnen
+sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen liessen, so verdanke ich es
+einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge
+seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel hoeher als
+alle Berge in der Provinz Caracas.
+
+Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa
+150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt
+Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei
+einander liegen, haetten Bonpland und ich gerne ein paar Tage
+hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in
+einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der
+Meereskueste beobachtet; aber die Luft war waehrend unseres Aufenthaltes an
+diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besass ich auch nicht den
+dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung
+erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen,
+empfehlen moechte.
+
+Als ich zum erstenmal ueber diese Hochebene nach der Hauptstadt von
+Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele
+Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen liessen. Es waren Einwohner von
+Caracas; sie stritten ueber den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz
+zuvor stattgefunden. Joseph Espana hatte auf dem Schaffot geendet; sein
+Weib schmachtete im Gefaengniss, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich
+aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der
+Gemuether, die Bitterkeit, mit der man ueber Fragen stritt, ueber die
+Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein
+auf. Waehrend man ein Langes und Breites ueber den Hass der Mulatten gegen
+die freien Neger und die Weissen, ueber den Reichthum der Moenche und die
+Muehe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte,
+huellte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen
+schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein
+Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein
+bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern
+darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo ueberall
+Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, ueber politische
+Gegenstaende zu verhandeln. Diese in der Bergeinoede gesprochenen Worte
+machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf
+unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten.
+In Europa, wo die Voelker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten,
+steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der
+neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwoelftausend Fuss Meereshoehe
+bewohnt. Die Menschen tragen ihre buergerlichen Zwiste, wie ihre
+kleinlichen, gehaessigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Ruecken der
+Anden, wo die Entdeckung von Erzgaengen zur Gruendung von Staedten gefuehrt
+hat, stehen Spielhaeuser, und in diesen weiten Einoeden, fast ueber der
+Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste hoeheren Schwung
+geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, dass der Hof ein Ordenszeichen
+oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glueck der Familien gestoert.
+
+Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Suedost, nach
+dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet,
+waehrend die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, ueberall bewundert
+man den grossartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine
+halbe Stunde ueber ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses
+Stueck des Wegs heisst der vielen Kruemmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter
+oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa,
+waehrend der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr
+ausschliessliches Monopol war, an einem sehr kuehlen Ort hatte errichten
+lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt
+dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebaeumen und europaeischen
+Obstbaeumen ueppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewoehnlich
+Halt bei einer schoenen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf
+fallenden Gneissschichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die
+Temperatur derselben 16 deg.,4, was fuer eine Hoehe von 726 Toisen bedeutend
+kuehl ist. Dieses klare Wasser muesste denen, die davon trinken, noch kaelter
+vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemaessigten
+Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entspraenge. Ich habe
+aber die Bemerkung gemacht, dass an diesem, dem Nordabhang des Bergs die
+Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest,
+sondern nach Suedost fallen, was Schuld daran seyn mag, dass die
+unterirdischen Gewaesser dort keine Quellen bilden koennen. Von der kleinen
+Schlucht Sanchorquiz an geht es bestaendig abwaerts bis zum Kreuz von
+Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen ueber dem Meere steht, und
+von da an, bei den Zollhaeusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in
+die Stadt Caracas.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 16 Die _'cortex Angosturae'_ unserer Pharmacopoeen, die Rinde der
+ _Bonplandia trifolia_
+
+ 17 Man bezahlt 120 Piaster fuer die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot
+ zur Verfuegung hat.
+
+_ 18 La broma; teredo navalis_, Linne
+
+ 19 In Paris ist das Mittel des heissesten Monats 19--20 deg., demnach um
+ 3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kaeltesten
+ Monats in Guayra.
+
+
+
+
+
+ZWOeLFTES KAPITEL.
+
+
+ Allgemeine Bemerkungen ueber die Provinzen von Venezuela. -- Ihre
+ verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima.
+
+
+Die Wichtigkeit einer Hauptstadt haengt nicht allein von ihrer Volkszahl,
+von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermassen richtig zu
+beurtheilen, muss man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist,
+die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die
+Verhaeltnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einfluss unterworfenen
+Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstaende
+modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen
+den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so gross
+und die Handelsinteressen sind so zaeh, dass sich voraussagen laesst, der
+Einfluss der Hauptstaedte auf das Land umher, auf die unter den Namen
+_'Reinos'_, _'Capitanias generales'_, _'Presidencias'_, _'Goviernos'_
+verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der
+Trennung der Provinzen vom Mutterland ueberdauern. Man wird nur da Stuecke
+losreissen und anders verbinden, wo man, mit Missachtung natuerlicher
+Grenzen, willkuerlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander
+verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem
+gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru),
+verbreitete sie sich von den Kuesten ins Binnenland, bald einem grossen
+Flussthal, bald einer Gebirgskette mit gemaessigtem Klima nach. Sie setzte
+sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie
+sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder
+Koenigreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen,
+geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar beruehrten. Wuest
+liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die
+von der europaeischen Cultur eroberten Laender. Sie trennen diese
+Eroberungen von einander, wie schwer zu uebersetzende Meeresarme, und meist
+haengen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen.
+Die Umrisse der Seekuesten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf
+dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation,
+undurchdringliche Waelder und bebautes Land an einander stossen und einander
+begrenzen. Weil sie die Zustaende der erst in der Bildung begriffenen
+Staaten der neuen Welt ausser Acht lassen, liefern so viele Geographen so
+sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der
+spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern
+durchaus zusammenhingen. Die Localkenntniss, die ich mir aus eigener
+Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang
+der grossen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die
+wuesten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr
+oder minder bedeutenden politischen Einfluss, den sie als Regierungs- und
+Handelsmittelpunkte aeussern, zu schaetzen.
+
+*Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so gross ist
+als das heutige Peru und an Flaechengehalt dem Koenigreich Neu-Grenada wenig
+nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania
+general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heisst, hat gegen
+eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfasst laengs den
+Kuesten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita),
+Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die
+Provinzen Barinas und Guyana, erstere laengs den Fluessen St. Domingo und
+Apure, letztere laengs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro.
+Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht
+man, dass sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen.
+
+Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der
+Kuestengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des
+Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Stroeme, die
+hindurch laufen, zugaenglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Waeldern
+ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, koennte man sagen, die
+drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen
+ein Bild der drei Zustaende und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in
+den Waeldern am Orinoco das rohe Jaegerleben, auf den Savanen oder Llanos
+das Hirtenleben, in den hohen Thaelern und am Fuss der Kuestengebirge das
+Leben des Landbauers. Die Missionaere und eine Handvoll Soldaten besetzen
+hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen
+Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Staerkeren und der
+Missbrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die
+Eingeborenen liegen in bestaendigem blutigem Krieg mit einander und fressen
+nicht selten einander auf. Die Moenche suchen sich die Zwistigkeiten unter
+den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdoerfer zu
+vergroessern. Das Militaer, das zum Schutz der Moenche daliegt, lebt im Zank
+mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald
+Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Staedter als Naturzustand
+preisen, naeher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und
+Weiden, ist die Nahrung einfoermig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind
+schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander
+liegenden Staedten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit
+Haeuten und Leder gedeckten Haeuser, so meint man, sie haben sich auf den
+ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs
+niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die
+Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und
+Mensch enger knuepft, herrscht in der dritten Zone, im Kuestenstrich,
+besonders in den warmen und gemaessigten Thaelern der Gebirge am Meer.
+
+Man koennte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und
+portugiesischen Amerika, ueberall, wo man die allmaehlige Entwicklung der
+Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen
+Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und diess ist fuer
+alle, welche die politischen Zustaende der verschiedenen Colonien genau
+kennen lernen wollen, von grossem Belang, dass die drei Zonen, die Waelder,
+die Savanen und das bebaute Land, nicht ueberall im selben Verhaeltniss zu
+einander stehen, dass sie aber nirgends so regelmaessig vertheilt sind wie im
+Koenigreich Venezuela. Bevoelkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen
+keineswegs ueberall von der Kueste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und
+Quito findet man die staerkste ackerbauende Bevoelkerung, die meisten
+Staedte, die aeltesten buergerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in
+den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Koenigreich Buenos Ayres liegt die
+Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen
+von Buenos Ayres und der grossen Masse ackerbauender Indianer, welche in
+den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand
+macht, dass sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner
+des Binnenlandes und der Kuesten sehr verschiedenartig gestalten.
+
+Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen
+erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhaengige Staaten von
+Vicekoenigen oder Generalcapitaenen regiert wurden, so muss man mehrere
+Punkte zumal ins Auge fassen. Man muss die Theile des spanischen Amerika,
+die Asien gegenueber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean
+bespuelt; man muss, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse
+der Bevoelkerung befindet, ob in der Naehe der Kuesten, oder concentrirt im
+Innern auf kalten und gemaessigten Hochebenen der Cordilleren; man muss die
+numerischen Verhaeltnisse zwischen den Eingeborenen und den andern
+Menschenstaemmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europaeischen
+Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weissen
+in jedem Theil der Provinzen angehoert. Die andalusischen Canarier in
+Venezuela, die _'Montanneses'_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier
+in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum
+Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen
+Beschaeftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Staemme haben in
+der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten
+zukommt, die rauhe oder sanfte Gemuethsart, die Maessigkeit oder die
+ungezuegelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum
+einsamen Leben. In Laendern, deren Bevoelkerung grossen Theils aus Indianern
+von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europaeern
+und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie
+einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die
+heisse Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das
+Mutterland fast entfremdet, mussten sich ganz anders umwandeln, als die
+Griechen, welche sich auf den Kuesten von Kleinasien oder Italien
+niederliessen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder
+Corinth. Dass der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische
+Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstaedte auf den
+Hochebenen oder in der Naehe der Kuesten, durch die Beschaeftigung mit dem
+Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewoehnung an das Speculiren im
+Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich veraendert hat, ist unleugbar;
+aber ueberall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht
+sich dennoch etwas geltend, was auf die urspruengliche Stammeseigenheit
+zurueckweist.
+
+Betrachtet man die Zustaende der Capitanerie von Caracas nach den oben
+angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, dass der Ackerbau, die
+Hauptmasse der Bevoelkerung, die zahlreichen Staedte, kurz alles, was durch
+hoehere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Naehe der Kueste findet.
+Der Kuestenstrich ist ueber 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der
+Antillen bespuelt, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle
+europaeischen Nationen Niederlassungen gegruendet haben, das an zahlreichen
+Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der
+Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im oestlichen Theil des
+tropischen Amerika sehr bedeutenden Einfluss geaeussert hat. Die Koenigreiche
+Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst
+dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Haefen von
+Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Laender
+kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Kuesten und der Zusammendraengung
+der Bevoelkerung auf dem Ruecken der Cordilleren, mit Fremden wenig in
+Beruehrung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen
+der gefaehrlichen Nordstuerme wenig besucht. Die Kuesten von Venezuela
+dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine
+Menge Haefen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land
+kommen, und so koennen sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der
+Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den grossen
+Inseln und selbst mit denen unter dem Wind staerker seyn als durch die
+Haefen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo,
+nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu
+halten. Ist es da zu verwundern, dass bei diesem leichten Handelsverkehr
+mit den freien Amerikanern und mit den Voelkern des politisch aufgeregten
+Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten
+Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach
+Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen
+Einrichtungen zur Aeusserung kommt, gleichmaessig zugenommen haben?
+
+Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr
+ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevoelkerung, wo die Spanier bei der
+Eroberung ordentliche Regierungen, eine buergerliche Gesellschaft, alte,
+meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien
+suedlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der
+Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevoelkerung des bebauten
+Landstrichs, wenigstens ausserhalb der Missionen, unbetraechtlich. Zur Zeit
+grosser politischer Zerwuerfnisse floessen die Indianer den Weissen und
+Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die
+Gesammtbevoelkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen
+schaetzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, waehrend sie in
+Mexico fast die Haelfte ausmachen.
+
+Unter den Racen, aus denen die Bevoelkerung von Venezuela besteht, ist die
+schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Ungluecks und mit
+Furcht wegen einer moeglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der
+Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendraengung auf einen kleinen
+Flaechenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, dass in der ganzen
+Capitanerie die Sklaven nur ein Fuenfzehntheil der ganzen Bevoelkerung
+ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weissen
+gegenueber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhaeltniss wie
+1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000
+Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das
+Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehoert, als ein
+Binnenmeer mit mehreren Ausgaengen, so ist es wichtig, die politischen
+Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung
+des neuen Continents zwischen Laendern entstehen, die um dasselbe Becken
+gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterlaender ihre Colonien
+abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die
+Elemente der Zerwuerfnisse sind ueberall die gleichen, und wie instinktmaessig
+bildet sich ein Einverstaendniss zwischen Menschen derselben Farbe, auch
+wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Kuesten
+wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Kuesten von
+Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die
+Antillen gebildet wird, zaehlt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen
+Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, dass es im
+Sueden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in grossen Massen finden sie
+sich nur auf den Nord- und Ostkuesten. Es ist diess gleichsam das
+afrikanische Stueck dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an
+auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgemaess auf die Kuesten von
+Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestoerten Besitz dieser
+schoenen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstaende leicht
+unterdrueckt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der fuer die
+Unabhaengigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende
+Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenueberstehenden
+Parteien furchtbar, und in verschiedenen Laendern des spanischen Amerika
+wurde die allmaehlige oder ploetzliche Aufhebung der Sklaverei verkuendigt,
+nicht sowohl aus Gefuehlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil
+man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewoehnten
+und fuer sein eigenes Wohl kaempfenden Menschenschlags versichern wollte.
+Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwuerdige
+Stelle gestossen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind,
+welche die Zunahme der schwarzen Bevoelkerung einfloesst. Diese Besorgnisse
+werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern,
+welche durch mildere Sitten, durch die oeffentliche Meinung und durch
+religioese Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht,
+ihrerseits durch die Gesetzgebung unterstuetzen. "Die Neger," sagt Benzoni,
+"haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, dass ich im Jahr 1545, als
+ich auf Terra Firma (an der Kueste von Caracas) war, viele Spanier gesehen
+habe, die gar nicht zweifelten, dass jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der
+Schwarzen seyn werde." Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in
+Erfuellung gehen und eine europaeische Colonie in Amerika sich in einen
+afrikanischen Staat verwandeln sehen.
+
+Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so
+ungleich vertheilt, dass auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen,
+worunter ein Fuenftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und
+Barcelona kaum 6000. Um den Einfluss zu wuerdigen, den die Neger und die
+Farbigen auf die oeffentliche Ruhe im Allgemeinen aeussern, ist es nicht
+genug, dass man ihre Kopfzahl kennt, man muss auch ihre Zusammendraengung an
+gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in
+Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf
+einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Kueste
+und einer Linie, die (12 Meilen von der Kueste) ueber Panaquire, Yare,
+Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua laeuft. Auf den Llanos, den
+weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zaehlt
+man nur 4--5000, die auf den Hoefen zerstreut und mit der Hut des Viehs
+beschaeftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr betraechtlich, denn
+die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung
+Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet,
+die Freiheit nicht versagen, haette der Sklave auch wegen des besondern
+Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Faelle,
+dass jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit
+schenkt, sind in der Provinz Venezuela haeufiger als irgendwo. Kurz bevor
+wir die fruchtbaren Thaeler von Aragua und den See von Valencia besuchten,
+hatte eine Dame im grossen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern
+aufgegeben, ihre Sklaven, dreissig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergnuegen
+spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland
+und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schoenem Lichte
+zeigen.
+
+Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der
+weissen Creolen, die ich _'Hispano-Amerikaner'_(22) nenne, und der in
+Europa gebuertigen Weissen zu kennen. Es haelt schwer, sich ueber einen so
+kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist
+auch in der neuen die Zaehlung dem Volk ein Graeuel, weil es meint, es sey
+dabei auf Erhoehung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die
+Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt,
+statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Ruecksichten
+einer argwoehnischen Staatsklugheit. Diese muehsam herzustellenden Ausnahmen
+sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die
+Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten
+und von Zeit zu Zeit genaue Berichte ueber den zunehmenden Wohlstand der
+Colonien verlangten, die Lokalbehoerden haben diese guten Absichten in den
+seltensten Faellen unterstuetzt. Nur auf den ausdruecklichen Befehl des
+spanischen Hofes wurden den Herausgebern des "_peruanischen Merkurs_" die
+vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen ueberlassen, die dieses Blatt
+mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Vicekoenig Grafen
+Nevillagigedo tadeln hoeren, weil er ganz Neuspanien kundgethan, dass die
+Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700
+nur 2300 Europaeer, dagegen ueber 50,000 Hispano-Amerikaner zaehlte. Die
+Leute, die sich darueber beklagten, betrachteten auch die schoene
+Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien
+befoerdert, als eine der gefaehrlichsten Neuerungen des Grafen Florida
+Blanca; sie riethen (gluecklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem
+Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureissen.
+Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszaehlungen wecke man in den
+Colonisten das Bewusstseyn ihrer Staerke! Nur in Zeiten des Unfriedens und
+des Buergerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative
+Staerke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben
+sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schaetzte.
+
+Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem
+Koenigreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annaehernd die Zahl der
+weissen Creolen, selbst die der Europaeer. Erstere, die Hispano-Amerikaner,
+sind in Mexico ein Fuenftheil, auf Cuba, nach der genauen Zaehlung von 1811,
+ein Drittheil der Gesammtbevoelkerung. Bedenkt man, dass in Mexico
+drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den
+Zustand der Kuesten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weisse im
+Verhaeltniss zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca
+wohnen, so laesst sich nicht zweifeln, dass, wenn nicht in der _Capitania
+general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhaeltniss staerker ist als
+1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weissen sogar zahlreicher sind als in
+Chili, gibt uns fuer die _Capitania general_ von Caracas eine "Grenzzahl",
+das heisst das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000
+Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevoelkerung von 900,000 Seelen
+anzunehmen. Innerhalb der weissen Race scheint die Zahl der Europaeer (die
+Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht ueber 12,000--15,000 zu
+betragen. In Mexico sind ihrer gewiss nicht ueber 60,000, und nach mehreren
+Zusammenstellungen finde ich, dass, saemmtliche spanische Colonien zu 14--15
+Millionen Einwohnern angenommen, hoechstens 3 Millionen Creolen und 200,000
+Europaeer darunter sind.
+
+Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmaessigen Erben des Reiches
+der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen
+mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befuerchtungen aller
+Weissen auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fuehlten so gut wie die
+in Europa geborenen Spanier, dass der Kampf ein Racenkampf zwischen dem
+rothen und weissen Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der
+selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der
+europaeischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines
+Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er aenderte sein Verfahren.
+Aus einem Aufstand fuer die Unabhaengigkeit wurde ein grausamer Krieg
+zwischen den Racen; die Weissen blieben Sieger, es kam ihnen zum
+Bewusstseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an fassten sie
+das Zahlenverhaeltniss zwischen der weissen und der indianischen Bevoelkerung
+in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit
+kam es nun dahin, dass die Weissen diese Aufmerksamkeit auf sich selbst
+richteten und sich misstrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste
+umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhaengigkeit und Freiheit
+trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland
+Heruebergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere
+eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von Espana angezettelten
+Aufstand fuer sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto
+schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden
+Missvergnuegens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch
+strenge Massregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer
+des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert
+Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander
+gegenueber.
+
+Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem
+Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so
+starken Widerstand leisten konnten, und man vergisst, dass in allen Colonien
+die europaeische Partei nothwendig durch eine grosse Menge Einheimischer
+verstaerkt wird. Familienruecksichten, die Liebe zur ungestoerten Ruhe, die
+Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann,
+halten diese ab, sich der Sache der Unabhaengigkeit anzuschliessen, oder fuer
+die Einfuehrung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhaengigen
+Repraesentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen
+Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment
+allgemach weniger drueckend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend
+mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der
+Einfuehrung einer religioesen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der
+herrschende Cultus sich unmoeglich in seiner Reinheit erhalten koenne.
+Andere gehoeren den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch
+ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine
+wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar
+nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft waere
+ihnen lieber, als eine Regierung in den Haenden von Amerikanern, die im
+Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte
+gegruendete Verfassung; vor Allem fuerchten sie den Verlust der
+Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Muehe erworben, und
+die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres haeuslichen
+Gluecks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem
+Lande vom Ertrag ihrer Grundstuecke und geniessen der Freiheit, deren sich
+ein duenn bevoelkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu
+erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprueche auf Amt und Wuerden, und so
+fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum
+dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin waere
+ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das
+alte Colonialwesen, aber diese Wuensche sind gegenueber der Liebe zur Ruhe
+und der Gewoehnung an ein traeges Leben keineswegs so lebhaft, dass sie sich
+desshalb zu schweren, langwierigen Opfern entschliessen sollten.
+
+Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Staenden entworfenen Skizze
+der verschiedenen Faerbung der politischen Ansichten in den Colonien habe
+ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes
+ueber Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war diess die
+Folge der Gewohnheit, des grossen Einflusses einer gewissen Zahl maechtiger
+Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen
+Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegruendete Sicherheit muss
+erschuettert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privathass
+eine Weile ruhen laesst und im Gefuehl eines gemeinsamen Interesses sich
+verbuendet, sobald dieses Gefuehl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt
+und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten
+der Einfluss der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert.
+
+Wir haben oben gesehen, dass die indianische Bevoelkerung in den vereinigten
+Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind
+alle Staedte derselben von den spanischen Eroberern gegruendet. Diese
+konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fussstapfen der alten
+Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist
+nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstaedten des tropischen
+Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemaessigten Klimas geniessen
+[Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten
+gelegene. Da die Hauptmasse der Bevoelkerung von Venezuela den Kuesten nahe
+gerueckt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben
+parallel laeuft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico,
+Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_
+vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte
+abfliessen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder
+starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den grossen Antillen,
+die Richtung der Gebirge und den Lauf der grossen Fluesse betrachten, um
+einzusehen, dass Caracas auf die Laender, deren Hauptstadt es ist, niemals
+einen bedeutenden politischen Einfluss haben kann. Der Apure, der Meta, der
+Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewaesser aus den Llanos
+oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana muss nothwendig
+einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl
+aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea
+eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man
+dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten
+vorzieht. Es ist ein grosser Vorzug der Provinzen von Venezuela, dass nicht
+ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfliesst, wie der von
+Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern dass sie eine
+Menge ziemlich gleich bevoelkerter Staedte haben, die eben so viele
+Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden.
+
+Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der
+acht Erzbisthuemer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die
+Bevoelkerung war, nach meinen Erkundigungen ueber die Zahl der Geburten, im
+Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu
+45,000 an, worunter 12,000 Weisse und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778
+hatte man bereits 30--32,000 geschaetzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen
+blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766
+hatte die Bevoelkerung von Caracas und des schoenen Thals, in dem es liegt,
+durch eine boesartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt
+starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwuerdigen Zeitpunkt ist die
+Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen
+sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu
+meiner Zeit seit fuenfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, waehrend man
+in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit bestaendig bange hatte, weil
+sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage
+sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphaerischen
+Zustaende und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende
+Periodicitaet gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen
+weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einfuehrung der
+segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit
+meiner Rueckkehr nach Europa hat die Bevoelkerung von Caracas bestaendig
+zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das grosse Erdbeben am 26. Maerz
+1812 gegen 12,000 Menschen unter den Truemmern ihrer Haeuser begrub. Durch
+die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die
+Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden
+bald wieder eingebracht seyn, wenn das aeusserst fruchtbare und
+handelsthaetige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre
+Ruhe geniesst und verstaendig regiert wird.
+
+Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach
+Ost gegen Caurimare und Cuesta d'Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe
+Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fliesst. Sie liegt 414
+Toisen ueber dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und
+faellt stark von Nord-Nord-West nach Sued-Sued-Ost ab. Um eine richtige
+Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, muss man die Richtung der
+Kuestengebirge und der grossen Laengenthaeler zwischen denselben ins Auge
+fassen. Der Guayrefluss entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen
+dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhaelt bei las Ayuntas
+nach der Vereinigung der Fluesschen San Pedro und Macarao seinen Namen und
+laeuft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d'Auyamas und dann nach Sued, um sich
+oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige
+Fluss von Bedeutung im noerdlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er laeuft
+30 Meilen lang, von denen ueber drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus
+von West nach Ost. Auf diesem Stromstueck betraegt nach meinen
+barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis
+zur Muendung 295 Toisen. Dieser Fluss bildet in der Kuestenkette eine Art
+Laengenthal, waehrend die Gewaesser der Llanos, das heisst von fuenf
+Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Sueden nach,
+sich in den Orinoco ergiessen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklaert
+sich die natuerliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte
+auf verschiedenen Wegen auszufuehren.
+
+Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch
+laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen
+Bergzug getrennt, ueber den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen
+Savanen von Ocumare ueber le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen
+liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer
+liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Sued fast bestaendig
+bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen
+Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den noerdlichsten und hoechsten
+Zug der Kuestenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa
+und Villa de Cura den suedlichsten Zug. Wir haben schon oefter bemerkt, dass
+die Schichten dieses gewaltigen Kuestengebirges fast durchgaengig von Suedost
+nach Suedwest streichen und gewoehnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich
+daraus, dass die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der
+ganzen Kette unabhaengig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt
+man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der
+Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann
+Gneiss, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und
+Conglomerate mit Seemuscheln.
+
+Es ist zu bedauern, dass Caracas nicht weiter ostwaerts liegt, unterhalb der
+Einmuendung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal
+breit, und wie durch stehendes Gewaesser geebnet, ausdehnt. Als Diego de
+Losada die Stadt gruendete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren
+der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los
+Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch
+nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Kueste.
+Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals
+zwischen zwei schoenen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich haette
+anbauen koennen, wenn man die alten indianischen Bauten haette wollen liegen
+lassen.
+
+Vom Zollhaus la Pastora ueber den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach
+Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwaerts. Nach meinen
+barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen ueber dem Platze
+Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe,
+letzterer 8 Toisen ueber dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem grossen
+Platz, und dieser 32 Toisen ueber dem Guayrefluss bei la Noria. Trotz des
+abschuessigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber
+selten. Drei Baeche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und
+Caraguata, laufen von Nord nach Sued durch die Stadt; sie haben sehr hohe
+Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin
+auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die
+beruehmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio
+Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine
+Meile weit suedwaerts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus
+dem Gamboa gelten fuer sehr gesund, weil sie ueber Sassaparillwurzeln(25)
+laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden
+koennen; das Wasser von Valle enthaelt keinen Kalk, aber etwas mehr
+Kohlensaeure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Bruecke ueber den
+letzteren Fluss ist schoen gebaut und belebt von den Spaziergaengern, welche
+gegen Candelaria zu die Strasse von Chacao und Petara aufsuchen. Man zaehlt
+in Caracas acht Kirchen, fuenf Kloester und ein Theater, das 15 bis 1800
+Zuschauer fasst. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Maenner und Frauen
+gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler
+und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele
+Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus
+bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Strassen von
+Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten
+Winkeln, wie in allen Staedten, welche die Spanier in Amerika gegruendet.
+Die Haeuser sind geraeumig und hoeher, als sie in einem Lande, das Erdbeben
+ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Plaetze Alta
+Gracia und San Francisco sehr huebsch: ich sage im Jahr 1800, denn die
+furchtbaren Erderschuetterungen am 26. Maerz 1812 haben fast die ganze Stadt
+zerstoert. Sie ersteht langsam aus ihren Truemmern; der Stadttheil la
+Trinidad, in dem ich wohnte, ward ueber den Haufen geworfen, als ob eine
+Mine darunter gesprungen waere.
+
+Durch das enge Thal und die Naehe der hohen Berge Avila und Silla erhaelt
+die Gegend von Caracas einen ernsten, duestern Anstrich, besonders in der
+kuehlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind
+dann ausnehmend schoen; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome
+oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de
+Avila vor sich. Aber gegen Abend truebt sich die Luft; die Berge umziehen
+sich, Wolkenstreifen haengen an ihren immergruenen Seiten und theilen sie
+gleichsam in uebereinanderliegende Zonen. Allmaehlich verschmelzen diese
+Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen
+Thal und verdichtet die leichten Duenste zu grossen flockigten Wolken. Diese
+Wolken senken sich oft bis ueber das Kreuz von Guayra herab und man sieht
+sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad
+fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem
+gemaessigten Thale der heissen Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den
+mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn.
+
+Aber dieser duestere, schwermuethige Charakter der Landschaft, dieser
+Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist
+mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Naechte hell und
+ausnehmend schoen; die Luft behaelt fast bestaendig die den Hochebenen und
+hochgelegenen Thaelern eigenthuemliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so
+lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener
+Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die
+Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schoener Beleuchtung
+gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla
+erscheinen in Caracas fast unter demselben Hoehenwinkel(26) wie der Pic von
+Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Haelfte des Bergs ist mit kurzem
+Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergruenen Straeucher, die zur
+Bluethezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth
+schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform
+empor. Sie sind voellig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im
+gemaessigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, hoeher, als er wirklich
+ist. Mit diesem grossartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im
+Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene
+von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast.
+
+Man hoert das Klima von Caracas oft einen ewigen Fruehling nennen, und
+dasselbe findet sich ueberall im tropischen Amerika auf der halben Hoehe der
+Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen ueber dem Meer, wenn nicht sehr
+breite Thaeler und Hochebenen und duerrer Boden die Intensitaet der
+strahlenden Waerme uebermaessig steigern. Was laesst sich auch Koestlicheres
+denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht
+zwischen 16 und 18 Grad haelt, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum,
+der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben
+einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch
+Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Baechen
+die vier Fluesse desselben.
+
+Leider ist in diesem so gemaessigten Klima die Witterung sehr unbestaendig.
+Die Einwohner von Caracas klagen darueber, dass sie an Einem Tage
+verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergaenge von einer Jahreszeit
+zur andern sehr schroff sind. Haeufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht
+mit einer mittleren Temperatur von 16 deg. ein Tag, an dem der Thermometer im
+Schatten acht Stunden lang ueber 22 deg. steht. Am selben Tage kommen aber
+Waermegrade von 24 und von 18 deg. vor. Dergleichen Schwankungen sind in den
+gemaessigten Landstrichen Europas ganz gewoehnlich, in der heissen Zone aber
+sind selbst die Europaeer so sehr an die Gleichfoermigkeit der aeusseren Reize
+gewoehnt, dass ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In
+Cumana und ueberall in der Niederung aendert sich die Temperatur von 11 Uhr
+Morgens bis 11 Uhr Abends gewoehnlich nur um 2--3 Grad. Zudem aeussern diese
+atmosphaerischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus
+staerkeren Einfluss, als man nach dem blossen Thermometerstande glauben
+sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten
+von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, waehrend der
+andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heisst der "Wind von
+Catia," weil er von Catia, westwaerts von Cabo Blanco, durch die Schlucht
+Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen
+Strasse und eines neuen Hafens, statt der Strasse und des Hafens von Guayra,
+erwaehnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind,
+meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark blaest,
+sich in der Quebrada de Tipe faengt. Von den hohen Bergen Aguas Negras
+zurueckgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des
+Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser
+schlaegt sich auf ihm nieder, im Maasse als er sich abkuehlt; der Gipfel der
+Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal
+dringt. Die Einwohner von Caracas fuerchten sich sehr vor ihm; Personen mit
+reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche
+gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause
+gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte waehrend
+meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, dass der Wind von Catia
+reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich
+meinte auch, seine reizende Wirkung moechte eben von dieser Reinheit
+herruehren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverlaessig.
+Der Wind von Petare kommt von Ost und Suedost, vom oestlichen Ende des
+Guayrethals herein und fuehrt die trockenere Luft des Gebirgs und des
+Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und laesst den Gipfel der Silla
+in seiner ganzen Pracht hervortreten.
+
+Bekanntlich sind die Veraenderungen, welche die Mischung der Luft an einem
+gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu
+ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die
+Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu
+unterscheiden, von denen die eine waehrend des Sirocco oder des Catia mit
+Luft gefuellt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist
+mir jetzt wahrscheinlich, dass der auffallende Effekt des Catia und aller
+Luftstroemungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem
+Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen
+Mischungsveraenderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von
+der ungesunden Seekueste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr
+begreiflich, dass Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewoehnt sind,
+es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die
+Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas
+heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die
+Beruehrung mit kaelteren Schichten sich abkuehlt und einen bedeutenden Theil
+ihres Wassers niederschlaegt. Diese Unbestaendigkeit der Witterung, diese
+etwas schroffen Uebergaenge von trockener, heller zu feuchter, nebligter
+Luft, sind Uebelstaende, die Caracas mit der ganzen gemaessigten Region unter
+den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshoehe von 4--800
+Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren
+liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Bestaendig
+heiterer Himmel einen grossen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den
+Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Hoehen, auf
+den weiten Hochebenen, wo die gleichfoermige Strahlung des Bodens die
+Aufloesung der Dunstblaeschen zu befoerdern scheint. Die dazwischen liegende
+Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich ueber der
+Erdoberflaeche lagern. Unbestaendigkeit und viele Nebel bei sehr milder
+Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region.
+
+Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewoehnlich weniger blau als
+in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgeloest, und wie
+in unserem Klima wird durch die staerkere Zerstreuung des Lichts die Farbe
+der Luft geschwaecht, indem sich Weiss dem Blau beimischt. Die Intensitaet
+des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis
+Januar im Durchschnitt 18, nie ueber 20 Grad, an den Kuesten dagegen 22--25
+Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, dass der Wind von
+Petare das Himmelsgewoelbe zuweilen auffallend blass faerbt. Am 23. Januar
+war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der
+heissen Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war
+dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald
+der starke Wind von Petare nachliess, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad.
+Zur See habe ich haeufig, wenn auch in geringerem Grade, einen aehnlichen
+Einfluss des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel
+beobachtet.
+
+Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so
+genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen
+darthun zu koennen, dass sie nicht viel ueber oder unter 21--22 deg. betraegt.
+Nach eigenen Beobachtungen fand ich fuer die drei sehr kuehlen Monate
+November, December und Januar als Durchschnitt des taeglichen Maximum und
+Minimum der Temperatur 20 deg.,2, 20 deg.,1, 20 deg.,2. Nach dem aber, was wir jetzt
+ueber die Vertheilung der Waerme in den verschiedenen Jahreszeiten und in
+verschiedenen Meereshoehen wissen, laesst sich annaehernd aus der mittleren
+Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres
+berechnen, ungefaehr wie man auf die Hoehe eines Gestirns im Meridian aus
+Hoehen, die ausserhalb des Meridians gemessen werden, einen Schluss zieht.
+Das Ergebniss, das ich fuer richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege
+gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von
+der mittleren Jahrestemperatur nur um 0 deg.,2 ab; in Mexico, also der
+gemaessigten Zone schon sehr nahe, betraegt der Unterschied im Maximum 3 deg.. In
+Guayra bei Caracas weicht der kaelteste Monat vom jaehrlichen Mittel um 4 deg.,9
+ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia)
+durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so
+erhaelt dasselbe dagegen einen groesseren Theil des Jahrs hindurch die Ost-
+und Suedostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach
+unmittelbaren Beobachtungen, dass in Guayra und Caracas die Temperatur der
+kaeltesten Monate 23 deg.,2 und 20 deg.,1 betraegt. Diese Unterschiede sind der
+Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von
+der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome)
+und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigefuehrt wird.
+
+Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils
+in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Naehe der Hauptstadt,
+angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten
+Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22 deg., bei Nacht zwischen 16
+und 17 deg..(27) In der heissen Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei
+Tag auf 25--26 deg., bei Nacht auf 22--23 deg..(28) Diess ist der gewoehnliche
+Zustand der Atmosphaere, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir
+berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere
+Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21 deg.,5. Eine solche kommt aber
+im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem
+36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl ueberfluessig zu bemerken, dass dieser
+Vergleich sich nur auf die Summe von Waerme bezieht, die sich an jedem
+Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf's *Klima*, das
+heisst auf die Vertheilung der Waerme unter die verschiedenen Jahreszeiten.
+
+Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden
+lang auf 29 deg. [23, deg.2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach
+Sonnenaufgang schon auf 11 deg. [8 deg.,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in
+Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25 deg. und 12 deg.,5. Die
+Kaelte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter
+ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhoehen messen. Der
+Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur voelligen Dunkelheit erfolgt
+so rasch, dass nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt
+eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine
+naechste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der
+gemaessigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichfoermiger als
+in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied
+zwischen den mittleren Temperaturen der waermsten und der kaeltesten Monate
+17 deg.,3, waehrend derselbe unter der naemlichen Breite beinahe am
+Meeresspiegel 20--21 deg. betraegt. Die Kaelte nimmt auf unsern Bergen nicht so
+rasch zu, wie die Waerme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren naeher kommen,
+werden wir sehen, dass in der heissen Zone das Klima in den Niederungen
+gleichfoermiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man
+darf keine Orte anfuehren, wo die Nordwinde einige Monate lang das
+Gleichgewicht der Atmosphaere stoeren) steht der Thermometer das ganze Jahr
+zwischen 21 und 35 deg.; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3
+und 22 deg. vor, wenn man, nicht die kaeltesten und heissesten Tage, sondern
+Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der
+Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4 deg.; in Quito fand ich
+diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus
+4--5 Beobachtungen) gleich 7 deg.. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch
+und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und
+December noch um 5--5 deg.,5 waermer als die Naechte. Diese Erscheinungen von
+naechtlicher Abkuehlung moegen auf den ersten Anblick ueberraschen; sie
+modificiren sich durch die Erwaermung der Hochebenen und Gebirge den Tag
+ueber, durch das Spiel der niedergehenden Luftstroeme, besonders aber durch
+die naechtliche Waermestrahlung in der reinen, trockenen Luft der
+Cordilleren.
+
+In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel.
+Die Gewitter kommen immer aus Ost und Suedost, von Petare und Valle her. In
+den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in
+Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat
+sogar in noch tieferen Thaelern hageln sehen, und diese Erscheinung macht
+dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei
+uns nicht so selten als im heissen Erdstrich, trotz der haeufigen Gewitter,
+Hagel unter 300 Toisen Meereshoehe.
+
+Im kuehlen, koestlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die
+tropischen Gewaechse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch hoeheren
+Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der
+trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht
+viele, aber ausgezeichnet gute Fruechte gibt. In der Bluethezeit des
+Strauchs gewaehrt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der
+Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der grosse _Platano
+harton_ sondern die Varietaeten Camburi und Dominico,(29) die weniger Waerme
+noethig haben. Die grossen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den
+Haciendas von Turiamo an der Kueste zwischen Burburata und Porto-Cabello.
+Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den
+Hoehen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum
+erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm ueberrascht,
+neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Kuechenkraeuter, Erdbeeren,
+Weinreben und fast alle Obstbaeume der gemaessigten Zone zu finden. Die
+gesuchtesten Pfirsiche und Aepfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang
+des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fuenf Fuss hoch wird,
+ist dort so gemein, dass er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln
+und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint,
+ehe man Wasser trinkt, muesse man durch Suessigkeiten den Durst reizen. Je
+staerker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den
+Pflanzungen, die nicht aelter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger
+stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemuesebau die zerstreuten Apfel- und
+Quittenbaeume aus den Savanen verdraengt. Der Reisfelder, die man bewaessert,
+waren frueher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser
+Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Laendern der heissen Zone,
+die Bemerkung gemacht, dass da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der
+Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die
+ausgezeichnet guten Aepfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei
+Caracas auf ungeimpften Staemmen. Kirschbaeume gibt es nicht; die
+Olivenbaeume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind
+gross und schoen; aber eben wegen des ueppigen Wachsthums tragen sie keine
+Fruechte.
+
+Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen
+Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein guenstig ist, so
+laesst sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von
+Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das aeusserst unbestaendige
+Wetter und die haeufige Unterdrueckung der Hautausduenstung erzeugen
+catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten.
+Hat sich der Europaeer einmal an die starke Hitze gewoehnt, so bleibt er in
+Cumana, in den Thaelern von Aragua, ueberall, wo die Niederung unter den
+Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den
+Gebirgslaendern, wo der gepriesene bestaendige Fruehling herrschen soll.
+
+Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein
+verbreiteten Meinung, dass diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig
+von der Kueste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Kueste
+von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung stuetzt sich auf die Erfahrung der
+letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra
+herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun,
+wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus
+ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht ueberzeugt, dass
+der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf
+der Kueste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische
+Verhaeltnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten koennte. Denn
+die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, dass der
+Thermometer sich in den heissesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad
+[17--20 deg. R] haelt. Wenn sich nicht wohl bezweifeln laesst, dass dieser Typhus
+in der gemaessigten Zone durch Beruehrung ansteckend ist, wie sollte man da
+sicher seyn, dass er bei grosser Boesartigkeit nicht auch in der heissen Zone
+in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Kueste die
+Sommertemperatur die Disposition des Koerpers noch steigert? Die Lage von
+Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr
+Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fuenfmal weiter von der See
+entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen hoeher liegt und ihre
+mittlere Temperatur 3 Grad weniger betraegt. Im Jahre 1696 weihte ein
+Bischof von Venezuela, Diego de Banos, eine Kirche (_ermita_) der heiligen
+Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen,
+_vomito negro_, erloest, nachdem es sechzehn Monate gewuethet. Ein Hochamt,
+das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist
+zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen
+Colonien auch die Tage, an denen grosse Erdbeben stattgefunden, durch
+Prozessionen im Gedaechtniss erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich
+durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen
+herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich
+festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie
+des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und
+also die sehr kuehle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13
+Grade faellt, ueberdauert haette? Sollte der Typhus im hohen Thale von
+Caracas aelter seyn als in den besuchteren Haefen von Terra Firma? In diesen
+war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich,
+dass die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der aechte amerikanische
+Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern
+haeufig vor und sind an und fuer sich so wenig als das Blutspeien fuer die
+schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwaertig in der Havana
+und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue
+Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, dass der amerikanische Typhus in
+Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist
+es leider nur zu gewiss, dass diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr
+1802 eine Menge junger europaeischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke
+ist beunruhigend, dass mitten in der heissen Zone ein 450 Toisen hoch, aber
+sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer
+Seuche schuetzt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Kueste zu
+Hause ist.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf
+ den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist diess das
+ Ergebniss von Oltmanns Berechnung, wobei die Veraenderungen zu Grunde
+ gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine
+ astronomischen Bestimmungen erlitten haben.
+
+ 21 So heissen in Spanien die Bewohner der Gebirge von Santander.
+
+ 22 Nach dem Vorgang von *Anglo-Amerikaner*, welcher Ausdruck in alle
+ europaeischen Sprachen uebergegangen ist. In den spanischen Colonien
+ heissen die in Amerika geborenen Weissen *Spanier*, die wirklichen
+ Spanier aus dem Mutterland *Europaeer*, *Gachupins* oder *Chapetons*
+
+ 23 1567, spaeter als Cumana, Coro, Nueva Barcelona und Caravalleda.
+
+ 24 S. Bd. I. Seite 238.
+
+ 25 In ganz Amerika glaubt man, das Wasser nehme die Eigenschaften der
+ Gewaechse an, in deren Schatten es fliesst. So ruehmt man an der
+ Magellanscheu Meerenge das Wasser, das mit den Wurzeln der
+ _Winterana Canella_ in Beruehrung kommt.
+
+ 26 Ich fand auf dem Platze Trinidad die scheinbare Hoehe der Silla
+ 11 deg. 12{~PRIME~} 49{~DOUBLE PRIME~}. Ihr Abstand betraegt etwa 4500 Toisen.
+
+ 27 Nach Reaumur bei Tag 16 deg.,8--18 deg., bei Nacht 12 deg.,8-13 deg.,6.
+
+ 28 Nach Reaumur bei Tag 20 deg.--20 deg.,8, bei Nacht 17 deg.,6--18 deg.,4.
+
+ 29 S. Bd. I, S. 80
+
+
+
+
+
+DREIZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des
+ Gipfels der Silla.
+
+
+Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem
+grossen, fast ganz frei stehenden Hause im hoechsten Theil der Stadt. Auf
+einer Galerie uebersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den
+gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen ueppiger
+Anbau von den finstern Bergwaenden umher absticht. Es war in der trockenen
+Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zuendet man die Savanen und den
+Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese grossen Braende bringen,
+von weitem gesehen, die ueberraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo
+die Savanen laengs der aus- und einspringenden Felsgehaenge die von den
+Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfuellen, nehmen sich die brennenden
+Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavastroeme aus, die ueber dem Thale
+haengen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht faerbt sich roethlich, wenn der
+Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzuege ins Thal niedertreibt.
+Andere male, und dann ist der Anblick am grossartigsten, sind die
+Lichtstreifen in dickes Gewoelk gehuellt und kommen nur da und dort durch
+Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre
+Raender glaenzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie
+unter den Tropen haeufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form
+der Berge, durch die Stellung der Abhaenge und die Hoehe der mit
+Alpenkraeutern bewachsenen Savanen. Den Tag ueber jagt der Wind von Petare
+von Osten her den Rauch ueber die Stadt und macht die Luft weniger
+durchsichtig.
+
+Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so
+waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern
+aller Staende zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen
+Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitaen der
+Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward
+mir das Glueck zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter
+einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu
+besuchen, und in diesen sechs Hauptstaedten des spanischen Amerika brachten
+mich meine Verhaeltnisse mit Leuten aller Staende in Verbindung; dennoch
+erlaube ich mir nicht, mich ueber die verschiedenen Stufen der Cultur
+auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen.
+Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise
+Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu
+classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen laesst. In
+Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten
+wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr
+Sinn fuer schoene Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige
+Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas groessere Bildung
+hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhaeltnisse, umfassendere
+Ansichten ueber die Zustaende der Colonien und der Mutterlaender. Der starke
+Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein
+Mittelmeer mit mehreren Ausgaengen beschrieben, haben auf die
+gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schoenen Provinzen von
+Venezuela gewaltigen Einfluss geaeussert. Nirgends sonst im spanischen
+Amerika hat die Civilisation eine so europaeische Faerbung angenommen. Die
+Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada
+gibt diesen grossen Laendern einen eigenthuemlichen, man koennte sagen
+exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevoelkerung glaubt
+man sich in der Havana und in Caracas naeher bei Cadix und den Vereinigten
+Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt.
+
+Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevoelkerung nicht so beweglich
+ist als auf den Inseln, haben sich die volksthuemlichen Gebraeuche mehr
+erhalten als in der Havana. Sehr geraeuschvolle und sehr mannigfaltige
+Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien
+empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein
+mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie ueberall, wo eine
+grosse Umwaelzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man
+koennte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr
+sehr zahlreiche, haelt fest an den alten Braeuchen und hat die alte
+Sitteneinfalt und Maessigung in Wuenschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur
+in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer
+Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklaerung
+des Jahrhunderts und hegt sorgfaeltig, wie einen Theil ihres Erbguts, die
+ueberlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in
+der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe fuer neue
+Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich gruendlich zu
+bilden, wird sie von einem kraeftigen, hellblickenden Geiste gezuegelt und
+gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft erspriesslich. Ich
+habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten
+und grossartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Maenner kennen gelernt, die
+dieser zweiten Generation angehoerten; aber auch andere, die auf alles
+Schoene und Achtungswuerdige im spanischen Charakter, in der Literatur und
+Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalitaet
+einbuessten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe ueber die
+wahren Grundlagen des oeffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen
+Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der
+Corporationsgeist und der Municipalhass aus dem Mutterland in die Colonien
+uebergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstaedten von
+Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprueche der vornehmsten Familien in
+Caracas, der sogenannten _'Mantuanos'_, mit Uebertreibung zu schildern.
+Wie sich diese Ansprueche frueher geaeussert, weiss ich nicht; es schien mir
+aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich
+vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgaengig den
+gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weissen alles Verletzende
+benommen haetten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine
+besteht aus Creolen, deren Vorfahren in juengster Zeit bedeutende Aemter in
+Amerika bekleidet haben; er gruendet seine Vorrechte zum Theil auf das
+Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch ueber dem Meere
+festhalten zu koennen, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien
+niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine
+Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heisst der Spanier, die
+bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der
+Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehoerten den vornehmsten
+Familien der pyrenaeischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen
+haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender
+Zug des fruehen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe
+oben daran erinnert,(30) dass in der Geschichte dieser Zeit der religioesen
+und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der grossen Anfuehrer mehrere
+redliche, schlichte, grossmuethige Maenner auftraten. Sie eiferten wider die
+Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie
+verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht
+entgehen. Der Name "Conquistadores" ist desto verhasster geblieben, als die
+wenigsten, nachdem sie. friedliche Voelker misshandelt und im Schoosse des
+Ueberflusses geschwelgt, dafuer am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren
+Umschlag des Gluecks gebuesst haben, der den Hass der Menschen saenftigt und
+nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert.
+
+Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen
+zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung noethigt die privilegirten
+Staende ihre Ansprueche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu
+lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein
+anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter
+den Weissen hat sich das Gefuehl der Gleichheit aller Gemuether bemaechtigt.
+Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene
+angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewusstseyn, dass man
+nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die
+Hautfarbe das wahre aeussere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in
+Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfuss geht,
+sagen hoeren: "Will der reiche weisse Mann weisser seyn als ich?" Da Europa
+so grosse Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, dass
+der Satz: jeder Weisse ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den
+altadeligen europaeischen Familien mit ihren Anspruechen sehr unbequem ist.
+Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner
+Biederkeit, seines Fleisses und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten
+Volksstamm laengst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es
+in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der
+Halbinsel, so haben die Weissen von diesem Volksstamm nicht wenig dazu
+beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut
+nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu
+bringen.
+
+Zudem sind die Laender, wo man, auch ohne Repraesentativregierung und ohne
+Pairschaft, auf Stammbaeume und Geburtsvorzuege so sehr viel haelt,
+keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten
+auftritt. Vergebens sucht man bei den Voelkern spanischen Ursprungs das
+kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung
+im uebrigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien
+wie im Mutterlande knuepfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und grosse
+Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Staenden. Ja, man
+kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich
+mit einer gewissen Offenheit und Naivitaet aussprechen.
+
+Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn fuer Bildung; man kennt die
+Hauptwerke der franzoesischen und italienischen Literatur, man liebt die
+Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknuepft, wie die Pflege aller
+schoenen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Fuer
+Naturwissenschaften und zeichnende Kuenste bestehen hier keine grossen
+Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und
+dem patriotischen Eifer der spanischen Bevoelkerung verdanken. In einer so
+wundervollen, ueberschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser
+Kueste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster
+fand ich einen ehrwuerdigen Alten, der fuer alle Provinzen von Venezuela den
+Kalender berechnete und vom gegenwaertigen Stand der Astronomie einige
+richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm hoechst merkwuerdig,
+und eines Morgens kamen uns saemmtliche Franciscaner ins Haus und
+verlangten zu unserer grossen Ueberraschung einen Inclinationscompass zu
+sehen. In Laendern, die vom vulkanischen Feuer unterhoehlt sind, und in
+einem Himmelsstrich, wo die Natur so grossartig und dabei so geheimnissvoll
+unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische
+Erscheinungen, und damit die Neubegier.
+
+Wenn man daran denkt, dass in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in
+kleinen Staedten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man
+sich, wenn man hoert, dass Caracas mit einer Bevoelkerung von 40--50,000
+Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch
+nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von
+ein paar Seiten oder ein bischoefliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der
+Personen, denen Lesen ein Beduerfniss ist, sind nicht sehr viele, selbst in
+denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten
+ist; es waere aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk
+einer argwoehnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch
+Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehoert, hat sich
+durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient
+gemacht. Es ist in unserer Zeit gewiss eine auffallende Erscheinung, dass
+das kraeftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen
+Umwaelzung eingefuehrt wird, sondern erst nachher.
+
+In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der
+Aufstandsversuche die grosse Mehrzahl der Einwohner nur an materielle
+Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Duerre, an
+den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele
+Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt
+waeren; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben,
+der je auf dem Gipfel der Silla gewesen waere. Die Jaeger kommen in den
+Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Laendern geht kein Mensch
+hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und
+ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einfoermiges Leben
+zwischen seinen vier Waenden gewoehnt, man scheut die Anstrengung und die
+raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens
+zu geniessen, sondern eben nur, um fortzuleben.
+
+Wir kamen auf unsern Spaziergaengen haeufig auf zwei Kaffeepflanzungen,
+deren Eigenthuemer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen
+der Silla von Caracas gegenueber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die
+schroffen Abhaenge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum
+voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kaempfen haben wuerden,
+um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Hoehenwinkeln, die ich auf unserem
+Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch ueber
+dem Meere zu liegen, als der grosse Platz in der Stadt Quito. Diese
+Schaetzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des
+Thals. Die Berge, welche ueber grossen Staedten liegen, erhalten eben dadurch
+in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau
+gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Hoehe zu, die man
+nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu
+verstossen.
+
+Der Generalcapitaen Guevara verschaffte uns Fuehrer durch den *Teniente* von
+Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der ueber den Bergkamm an der
+westlichen Spitze der Silla vorbei zur Kueste fuehrt, etwas bekannt war.
+Dieser Weg wird von den Schleichhaendlern begangen; aber weder unsere
+Fuehrer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die
+Schleichhaendler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der oestlichen
+Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Waehrend des ganzen
+Decembers war der Berg, dessen Hoehenwinkel mich das Spiel der irdischen
+Refraction beobachten liessen, nur fuenfmal unumwoelkt gewesen. Da in dieser
+Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns
+gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo
+die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, ueber der ersten
+gleichfoermig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu
+gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de
+Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht
+der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schoene Faelle bildet. Die
+Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines
+beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen haetten, harrten wir,
+Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der
+Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus
+bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de
+temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein boeser Stern waltete ueber
+den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen fuer December und Januar: man
+hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt.
+
+Dieses Missgeschick machte mir grossen Verdruss, und nachdem ich vor
+Sonnenaufgang die Intensitaet der magnetischen Kraft am Fusse des Berges
+beobachtet, brachen wir um fuenf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere
+Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf
+schmalem Fusspfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad laeuft ueber
+einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel
+eines Huegels zu erreichen, der gegen Suedwest hin eine Art Vorgebirge der
+Silla bildet. Derselbe haengt mit der Masse des Berges selbst durch einen
+schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend "die Pforte",
+_Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der
+Morgen war schoen und kuehl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben
+zu beguenstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14 deg. (11 deg.,2 R.). Nach
+dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen ueber dem Meer, das heisst gegen
+80 Toisen hoeher als die Venta, wo man die praechtige Aussicht auf die Kueste
+hat. Unsere Fuehrer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs
+Stunden brauchen.
+
+Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser
+fuehrte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des grossen Berges. Man
+blickt zu beiden Seiten in zwei Thaeler nieder, die vielmehr dicht
+bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen
+beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herablaeuft; links hat man unter sich
+die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewaesser am Hofe Gallego
+vorbeifliessen. Man hoert die Wasserfaelle rauschen, ohne den Bach zu sehen,
+der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen
+Feigenbaeume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fliesst. Nichts
+malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewaechse grosse, glaenzende,
+lederartige Blaetter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast
+senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen.
+
+Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man musste sich stark
+vorueber beugen, um vorwaerts zu kommen. Der Winkel betraegt haeufig 30--32
+Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr
+glatt geworden. Gerne haetten wir Fusseisen oder mit Eisen beschlagene
+Stoecke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneissfelsen und man kann sich
+weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden.
+Dieses mehr muehsame als gefaehrliche Ansteigen wurde den Leuten aus der
+Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewoehnt waren,
+bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir
+entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den
+Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing
+an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der ueber
+uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in duennen,
+geraden Streifen auf. Es war, als waere an mehreren Punkten des Waldes
+zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese
+Dunststreifen zusammen, loesten sich vom Boden ab und streiften, vom
+Morgenwind gejagt, als leichtes Gewoelk um den runden Gipfel des Gebirgs.
+
+Diess war fuer Bonpland und mich ein untruegliches Zeichen, dass wir bald in
+dichten Nebel gehuellt seyn wuerden. Da wir besorgten, unsere Fuehrer moechten
+sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, liessen
+wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns
+hergehen. Fortwaehrend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu,
+aufwaerts. Das vertrauliche Geschwaetz der schwarzen Creolen stach
+merkwuerdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen
+von Charipe unsere bestaendigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich
+ueber die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange
+geruestet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger
+Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam,
+dass die europaeischen Spanier aller Staende an Koerperkraft und Muth den
+Hispano-Amerikanern denn doch weit ueberlegen sehen. Er hatte sich mit
+weissen Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und
+ausgeworfen werden sollten, um den Nachzueglern die einzuschlagende
+Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbruedern
+versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um
+ganz Caracas zu verkuenden, dass ein Unternehmen gluecklich zu Ende gefuehrt
+worden, das ihm, und ich muss sagen, nur ihm, vom hoechsten Belang schien.
+Er hatte nicht bedacht, dass seine lange, schwere Kleidung ihm beim
+Bergsteigen hinderlich werden muesse. Er hatte lange vor den Creolen den
+Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung
+und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg
+hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an
+physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den
+wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer
+Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorraethe uebernommen. Die
+Sklaven, die zu uns stossen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten,
+dass sie erst sehr spaet anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod
+zubrachten.
+
+Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist
+die oestliche die hoechste, und auf diese sollten wir mit unsern
+Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat
+der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht,
+deren wir bereits erwaehnt, laeuft von dieser Einsenkung ins Thal von
+Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende naehert sie sich der
+westlichen Spitze. Man kann dem oestlichen Gipfel nur so beikommen, dass man
+zuerst westlich von der Schlucht ueber das Vorgebirge der Puerta gerade auf
+den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den
+Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat.
+Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst
+gegebenen, denn die Felsen oestlich von der Schlucht sind so steil, dass es
+schwer halten duerfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt
+ueber die Puerta gerade auf den oestlichen Gipfel zuginge.
+
+Vom Fusse des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Hoehe fanden wir nur
+Savanen. Nur zwei kleine Liliengewaechse mit gelben Bluethen erheben sich
+ueber den Graesern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da
+erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europaeischen
+Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie
+spaeter auf dem Ruecken der Anden, neben den Himbeerbueschen nach einem
+Rosenstrauche um. In ganz Suedamerika haben wir keine einheimische Rosenart
+gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heissen Zone
+und das unseres gemaessigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch
+scheint der ganzen suedlichen Halbkugel diesseits und jenseits des
+Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so
+gluecklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch
+zu entdecken.
+
+Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehuellt und fanden uns dann ueber die
+Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Hoehe besteht
+kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Haenden nach, wenn einen auf
+dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fuss
+maechtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese
+schneeweisse Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich uebergab dem
+Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es
+nicht an Brennmaterial fehlt, laesst sich durch Beimischung feuerbestaendiger
+Erden das Toepfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die
+Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12 deg. (9 deg.,6 R.), bei hellem
+Himmel stieg er auf 21 deg.. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht;
+aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten
+Abhaengen faellt es schwer, den Einfluss der strahlenden Waerme
+auszuschliessen. Wir waren in 940 Toisen Hoehe und dennoch sahen wir in
+gleicher Hoehe ostwaerts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen,
+sondern ein ganzes Palmenwaeldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur
+Gattung _Oreodoxa_ gehoerig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Hoehe
+war eine seltsame Erscheinung gegenueber den Weiden [Wildenows _Salix
+Humboldtiana_], die im gemaessigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder
+wachsen; so sieht man hier Gewaechse mit europaeischem Typus tiefer als
+solche der heissen Zone vorkommen.
+
+Nach vierstuendigem Marsch ueber die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus
+Straeuchern und niedrigen Baeumen, _'el Pejual'_ genannt, wahrscheinlich
+wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewaechses mit
+wohlriechenden Blaettern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde
+sanfter und mit unsaeglicher Lust untersuchten wir die Gewaechse dieser
+Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschraenktem Raum so schoene
+und fuer die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend
+Toisen Meereshoehe stossen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von
+Straeuchern, die durch den Habitus, die gekruemmten Aeste, die harten
+Blaetter, die grossen schoenen Purpurbluethen an die Vegetation der *Paramos*
+oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt.
+Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden,
+die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blaettern,
+die wir schon oefters mit dem Rhododendrum der europaeischen Alpen
+verglichen haben.
+
+Wenn auch die Natur in aehnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus
+isothermen Parallelen (von gleicher Waerme), sey es auf Hochebenen, deren
+Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Laender
+uebereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch
+die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die
+auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwuerdigsten
+in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte,
+denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen ueber
+den Ursprung der Dinge sind, das unloesbare Problem, wie sich die
+Organismen ueber die Erde verbreitet, laesst uns dennoch keine Ruhe. Eine
+schweizerische Grasart(32) waechst auf den Granitfelsen der Magellanschen
+Meerenge. Neuholland hat ueber vierzig europaeische phanerogame
+Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewaechse, die den gemaessigten
+Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gaenzlich in dem dazwischen
+liegenden Landstrich, das heisst in der aequinoctialen Zone, sowohl auf den
+Ebenen als auf dem Ruecken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten
+Blaettern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa
+gleichsam abschliesst, und von der man lange glaubte, sie gehoere der Insel
+eigenthuemlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwaerts am
+beschneiten Gipfel der Pyrenaeen vor. Graeser und Riedgraeser, die in
+Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen
+gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an
+den heissen Ufern des Orinoco und in der suedlichen Halbkugel auf dem Ruecken
+der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, dass
+Gewaechse ueber Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwaertig
+vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, dass die
+Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau
+gleichen, sich in ungleichen Abstaenden von den Polen und von der
+Meeresflaeche ueberall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der
+Temperatur einigermassen ueberein kommen? Trotz des Einflusses des
+Luftdrucks und der staerkeren oder geringeren Schwaechung des Lichts auf die
+Lebensthaetigkeit der Gewaechse ist doch die ungleiche Vertheilung der Waerme
+unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der
+Vegetation anzusehen.
+
+Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln
+gleichmaessig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben
+der aeltesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des
+tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkraeuter,
+Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer
+Physiognomie mit den europaeischen verwechseln koennte; sie sind aber alle
+specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht
+dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe
+verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in
+den Niederungen des gemaessigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen
+unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas
+bietet ein auffallendes Beispiel hiefuer) sind nicht Arten europaeischer
+Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heissen Zone heruebergekommen, es
+treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem
+Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten
+einander ersetzen.
+
+Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben,
+bis zu den Bergen von Caracas sind es ueber zweihundert Meilen, und doch
+zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen
+Bergkette, dieselbe merkwuerdige Zusammenstellung von Befarien mit
+purpurrothen Bluethen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas
+camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blaettern, wie sie fuer die
+Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe
+charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am
+Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die
+Kuestenkette von Caracas haengt unzweifelhaft (ueber den Torito, die
+Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den
+hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der
+Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so
+niedrig, dass fuer die oben erwaehnten Straeucher aus der Familie der
+Ericineen das Klima nicht kuehl genug ist. Und wenn auch, wie
+wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die
+Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten
+Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein
+Felskamm, der hoch genug waere, dass diese Gewaechse auf ihm nach der Silla
+von Caracas haetten wandern koennen.
+
+Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der
+Erdoberflaeche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht
+diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen
+ausreichenden Erklaerungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden
+theilt der Laenge nach ganz Suedamerika in zwei ungleiche Stuecke. Am Fusse
+dieser Kette, ostwaerts und westwaerts, fanden wir in grosser Anzahl
+dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergaenge der Cordilleren
+sind aber der Art, dass nirgends Gewaechse der heissen Zone von den Kuesten
+der Suedsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn koennen. Wenn, sey
+es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines
+Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein
+Berggipfel zu einer grossen Hoehe ansteigt, so ist sein Gipfel mit
+Alpenkraeutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf
+andern Bergen mit aehnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise
+zeigen sich im Allgemeinen die Gewaechse vertheilt und man kann den
+Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhaeltnisse nicht dringend genug
+empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich
+es keineswegs ueber mich, befriedigendere dafuer aufzustellen. Ich halte
+vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, fuer unloesbar, und
+nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie
+die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt
+hat.
+
+Man sagt, ein Berg sey so hoch, dass er die Grenze des Rhododendrum und der
+Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze
+des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus,
+dass unter dem Einflusse gewisser Waermegrade sich nothwendig gewisse
+vegetabilische Formen entwickeln muessen. Streng genommen ist nun diese
+Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico's fehlen auf
+den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die
+Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Hoehe findet. Die
+Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in
+analogen Klimaten koennen die Arten bedeutend von einander abweichen.
+
+Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis
+beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem
+4--7. Grad noerdlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der
+Silla so wenig bekannt, dass sie sich fast in keinem Herbarium in Europa
+fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von
+einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der
+Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch
+verschieden. In der Naehe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden
+die Berge bis in die hoechsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen
+Meereshoehe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie
+weit tiefer, in etwas ueber 1000 Toisen Hoehe; die kuerzlich in Florida unter
+dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria waechst sogar auf niedrigen
+Huegeln. So ruecken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese
+Straeucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator
+sie vorkommen. Ebenso waechst die lapplaendische Alpenrose 8--900 Toisen
+tiefer als die der Alpen oder Pyrenaeen. Wir wunderten uns, dass wir in den
+Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas
+einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden.
+
+Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei
+bis vier Fuss hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele
+zerbrechliche, fast quirlfoermig gestellte Aeste. Die Blaetter sind
+eifoermig, zugespitzt, an der Unterflaeche graugruen und an den Raendern
+aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und
+hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schoenen,
+purpurrothen Bluethen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich
+und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind.
+
+Das Rhododendrum der Schweiz waechst, in 800--1100 Toisen Meereshoehe, in
+einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2 deg. und -1 deg., also aehnlich
+dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kaeltesten Monate
++4 deg. und -10 deg., die waermsten Monate +12 deg. und 7 deg.. Nach thermometrischen
+Beobachtungen in denselben Hoehen und unter denselben Parallelen betraegt im
+Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich
+noch 17--18 deg. und steht der Thermometer in der kuehlsten Jahreszeit bei Tag
+zwischen 15 und 20 deg., bei Nacht zwischen 10 und 12 deg.. Beim
+St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist
+die groesste Waerme im August um Mittag (im Schatten) gewoehnlich 12--13 deg.;
+Nachts kuehlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der
+Waermestrahlung des Bodens auf +1 oder -1 deg.,5 ab. Unter demselben
+barometrischen Druck, also in derselben Meereshoehe, aber um dreissig
+Breitegrade naeher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag
+haeufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht faellt
+dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die
+Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehoerende
+Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshoehe
+wachsen; das Ergebniss waere ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen
+haetten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie
+liegen.
+
+Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Bluethen eine
+_Hedyotis_ mit Heidekrautblaettern, die acht Fuss hoch wird, die _Caparosa_
+ein grosses baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem
+virginischen identisch scheint, endlich Baerlappenpflanzen und Moose,
+welche Felsen und Baumwurzeln ueberziehen. Am beruehmtesten ist aber dieses
+Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fuss hohen Strauches aus der Familie
+der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*.
+Seine lederartigen, gekerbten Blaetter und die Spitzen der Zweige sind mit
+einer weissen Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart;
+die Bluethen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis
+therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas
+gegenueberliegen. Man mengt zuweilen den "Weihrauch" von der Silla mit den
+Bluethen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter
+Bluethe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops aehnelt. Die
+_Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf,
+sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen
+ein sehr angenehmes Riechwasser daraus.
+
+Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schoenen harzigten und
+wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der
+Thermometer sank unter 11 deg.. Es ist diess eine Temperatur, bei der man in
+diesem Himmelsstrich zu frieren anfaengt. Tritt man aus dem Gebuesch von
+Alpstraeuchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stueck am
+westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal
+zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des
+ueppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht
+leicht darauf, dass das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von
+einem Gewaechs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder
+Bananengewaechse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder
+_Heliconia_; die Blaetter sind breit, glaenzend; sie wird 14--15 Fuss hoch
+und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf
+feuchten Gruenden im oestlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen
+mussten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder
+Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die
+baumartigen Graeser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder
+Bluethe noch Frucht des Gewaechses. Man ist ueberrascht, in 1100 Toisen Hoehe,
+weit ueber den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren,
+einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehoere
+ausschliesslich den heissen Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso
+hohen und noch noerdlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf
+Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch
+vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten.
+
+Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen
+Kraeutern immer dem oestlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von
+Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenriss zu sehen; auf einmal aber waren
+wir in dicken Nebel gehuellt und wir konnten uns nur nach dem Compass
+richten; gingen wir aber weiter nordwaerts, so liefen wir bei jedem Schritt
+Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast
+senkrecht 6000 Fuss hoch zum Meer abfaellt. Wir mussten Halt machen; und wie
+so die Wolken um uns her ueber den Boden wegzogen, fingen wir an zu
+zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die oestliche Spitze gelangen
+koennten. Gluecklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und
+den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu
+nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, dass der Pater
+Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder dass die Sklaven
+sich ueber den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und
+fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war
+nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein
+stillsitzender, studirender Poet saettigen, fuer Bergsteiger waren sie eine
+kaergliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und
+waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu
+haben. Unsere Fuehrer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus
+umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Muehe zurueck.
+
+Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta'schen Elektrometer.
+Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedraengten Heliconien stand, erhielt
+ich deutliche Spuren von Luftelektricitaet. Sie wechselte oft zwischen
+negativ und positiv und ihre Intensitaet war jeden Augenblick anders. Diese
+Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftstroemungen, die den
+Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir
+untruegliche Zeichen, dass das Wetter sich aendern wollte. Es war erst zwei
+Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die
+oestliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden
+Gipfeln herabkommen zu koennen. Hier wollten wir von den Negern aus den
+breiten duennen Blaettern der Heliconia eine Huette bauen lassen, ein grosses
+Feuer anzuenden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Haelfte unserer
+Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven,
+sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen.
+
+Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See
+her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12 deg.,5. Es war ohne Zweifel ein
+aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhoehte und damit die Duenste
+aufloeste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden
+Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir oeffneten den
+Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer
+kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man
+sumpfigte Stellen in bedeutenden Hoehen, nicht weil das bewaldete Gebirge
+die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkuehlung bei Nacht, in Folge
+der Waermestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewaechse, der
+Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien.
+Wir gingen jetzt gerade auf den oestlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs
+hielt uns nachgerade weniger auf; zwar musste man immer noch Heliconien
+umhauen, aber diese baumartigen Kraeuter waren jetzt nicht mehr hoch und
+standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon oefter
+erwaehnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariastraeuchern bewachsen. Aber
+nicht wegen ihrer Hoehe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser
+Zone noch um 400 Toisen hoeher; denn nach andern Gebirgen zu schliessen,
+befaende sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Hoehe. Grosse Baeume
+scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur desshalb zu fehlen, weil
+der Boden so duerr und der Seewind so heftig ist, und die Oberflaeche, wie
+auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt.
+
+Um auf den hoechsten, oestlichen Gipfel zu kommen, muss man so nahe als
+moeglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Kueste zu hingehen.
+Der Gneiss hatte bisher sein blaetteriges Gefuege und seine urspruengliche
+Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in
+Granit ueber. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der
+Pyramide. Dieses Stueck des Wegs ist keineswegs gefaehrlich, wenn man nur
+prueft, ob die Felsstuecke, auf die man den Fuss setzt, fest liegen. Der dem
+Gneiss aufgelagerte Granit ist nicht regelmaessig geschichtet, sondern durch
+Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden.
+Prismatische, einen Fuss breite, zwoelf Fuss lange Bloecke ragen schief aus
+dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob
+ungeheure Balken ueber dem Abgrund hingen.
+
+Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren
+Himmel. Wir genossen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich
+nach Norden ueber die See weg, nach Sueden in das fruchtbare Thal von
+Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur
+der Luft war 13 deg.,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshoehe. Man ueberblickt
+eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in grosse
+Tiefen schwindligt wird, muss mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch
+seine Hoehe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100
+Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenaeen; aber er unterscheidet
+sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen
+die See zu. Die Kueste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von
+der Spitze der Pyramide auf die Haeuser von Caravalleda hinab, so meint
+man, in Folge einer oefter erwaehnten optischen Taeuschung, die Felswand sey
+beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der
+Neigungswinkel 53 deg.,28{~PRIME~}; am Pic von Teneriffa betraegt die Neigung im
+Durchschnitt kaum 12 deg. 30{~PRIME~}. Ein 6--7000 Fuss hoher Absturz wie an der Silla
+von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man
+in den Bergen reist, ohne ihre Hoehen, ihre Massen und ihre Abhaenge zu
+messen. Seit man sich in mehreren Laendern Europas von Neuem mit Versuchen
+ueber den Fall der Koerper und ihre Abweichung gegen Suedost beschaeftigt, hat
+man in den Schweizer Alpen sich ueberall vergeblich nach einer senkrechten,
+250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc
+gegen die _allee blanche_ betraegt keine 45 Grad, obgleich man in den
+meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Sued senkrecht
+ab.
+
+Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure noerdliche Abhang, trotz seiner
+grossen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabuesche haengen
+an der Felswand. Das kleine suedwaerts gelegene Thal zwischen den Gipfeln
+zieht sich der Meereskueste zu fort; die Alppflanzen fuellen diese
+Einsenkung aus, ragen ueber den Kamm des Berges empor und folgen den
+Kruemmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten muesse
+Wasser fliessen, und die Vertheilung der Gewaechse, die Gruppirung so vieler
+unbeweglicher Gegenstaende bringt Leben und Bewegung in die Landschaft.
+
+Es war jetzt sieben Monate, dass wir auf dem Gipfel des Vulkans von
+Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdflaeche ueberblickt, so gross als
+ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort
+sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den
+Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt
+und verschwamm nicht mit den anstossenden Luftschichten. Auf der Silla, die
+um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den
+naeher gerueckten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen.
+Blickten wir ueber die Meeresflaeche weg, die einem Spiegel glich, so fiel
+uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhaeltniss abnahm. Wo die
+Gesichtslinie die aeusserste Grenze der Flaeche streift, verschwamm das
+Wasser mit den darueber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas
+sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen,
+und statt dass man in dieser Hoehe eine scharfe Grenze zwischen den beiden
+Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst
+aufzuloesen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich,
+nicht an einem einzigen Stueck des Horizonts, sondern auf einer Strecke von
+mehr als 160 Grad, am Ufer der Suedsee, als ich zum erstenmal auf dem
+spitzen Fels ueber dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der hoeher
+ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder
+nicht, das haengt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge,
+welche der Theil des Oceans empfaengt, auf den die Gesichtslinie zulaeuft,
+und von der Schwaechung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang
+durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern
+Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von
+35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunaechst der
+Oberflaeche koennen das Licht bedeutend schwaechen, indem sie die
+durchgehenden Strahlen absorbiren.
+
+Selbst vorausgesetzt, die Refraktion aeussere gar keinen Einfluss, sollte man
+auf dem Gipfel der Silla bei schoenem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila,
+Roques und Aves sehen, von denen die naechsten 25 Meilen entfernt sind. Wir
+sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil
+die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln
+zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg
+mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die
+Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12 deg. 1{~PRIME~} der Breite
+gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10 deg. 31{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} der Breite.]. Wenn die
+umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschraenkten, muesste man von der Silla
+die Kueste ostwaerts bis zum Morro de Piritu, westwaerts bis zur Punta del
+Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Suedwaerts, dem
+innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von
+Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in
+der Richtung eines Parallelkreises hinlaeuft. Haette dieser Wall eine
+Oeffnung, eine Luecke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger
+Landes und der Schweiz haeufig vorkommen, so genoesse man hier des
+merkwuerdigsten Schauspiels. Man saehe durch die Luecke die Llanos, die
+weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Hoehe mit dem
+Auge des Beobachters aufstiegen, so uebersaehe man vom selben Punkte zwei
+gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont.
+
+Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die
+Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunaechstliegenden Haeuser,
+die Doerfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des
+Guayre, einen silberglaenzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten
+Landes stach angenehm ab vom duestern, wilden Aussehen der umliegenden
+Gebirge.
+
+Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man
+kaum, dass kein Bild vergangener Zeiten den Einoeden der neuen Welt hoeheren
+Reiz gibt. Ueberall wo in der heissen Zone der von Gebirgen starrende, mit
+dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein urspruengliches Gepraege behalten
+hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schoepfung. Weit
+entfernt, die Elemente zu baendigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer
+Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberflaeche seit
+Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts
+gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen
+Stroeme, die tobenden Stuerme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der
+Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie
+in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem
+cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft
+ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Waeldern der
+Niederungen oder auf dem Ruecken der Cordilleren gelebt, hat man in Laendern
+so gross wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Huetten stehen sehen;
+so hat eine weite Einoede nichts Schreckendes mehr fuer die
+Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der
+nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei
+oder die Klagelaute seines Schmerzes hoeren liess.
+
+Wir konnten die guenstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher ueberragt,
+nicht lange fuer unsere Zwecke nuetzen. Waehrend wir mit dem Fernrohr den
+Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von
+Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des
+Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den
+Hoehen herauf. Zuerst fuellte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben
+beleuchtete Wasserdunst war gleichfoermig milchweiss gefaerbt. Es sah aus,
+als staende das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die
+schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den
+Sklaven, der den grossen Ramsdenschen Sextanten trug; ich musste den Zustand
+des Himmels benutzen und entschloss mich, einige Sonnenhoehen mit einem
+Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die
+Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Laengenunterschied
+zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem oestlichen Gipfel der
+Silla scheint kaum groesser als 0 deg. 3{~PRIME~} 22{~DOUBLE PRIME~}.
+
+Waehrend ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel
+beobachtete, sah ich, dass sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner
+als die Honigbiene des noerdlichen Europa, auf meine Haende gesetzt hatten.
+Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren
+traegen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor
+Kaelte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur
+sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht
+wahr, dass diese dem neuen Continent eigenthuemlichen Bienen gar keine
+Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwaecher und sie brauchen
+denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos
+nicht vollkommen ueberzeugt ist, kann man sich einiger Besorgniss nicht
+erwehren. Ich gestehe, dass ich oft waehrend astronomischer Beobachtungen
+beinahe die Instrumente haette fallengelassen, wenn ich spuerte, dass mir
+Gesicht und Haende voll dieser haarigten Bienen sassen. Unsere Fuehrer
+versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen
+der Fuesse reize. Ich fuehlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst
+zu machen.
+
+Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je
+nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr
+schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die
+Barometerhoehe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und diess scheint zu
+beweisen, dass der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit ueber
+1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht,
+dass auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der noerdlichen Grenze der
+Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshoehe, meist ein Gegenwind (_vent de
+remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften
+hatte die Physiker, welche den ungluecklichen La Peyrouse begleiteten,
+aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu
+beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen
+sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberflaeche bleibt. Die
+kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte
+Gewoelk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Hoehe zeigt, wie z. B. die
+sogenannten *Schaefchen*, stehen still oder ruecken so langsam fort, dass
+sich ihre Richtung nicht bestimmen laesst.
+
+Waehrend der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das
+Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Kueste. Es war gleich
+26 deg.,5 des Saussure'schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe
+Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich
+ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung
+zwischen der Kueste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was
+aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf
+dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten ueberraschte, war die
+anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch
+zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc'schen) Fischbeinhygrometer aus dem
+Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87 deg. nach
+Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen
+zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc'sche
+Hygrometer ging auf 49 Grad (85 deg. nach Saussure) zurueck. Eine halbe Stunde
+spaeter huellte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die naechsten
+Gegenstaende nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, dass das
+Instrument fortwaehrend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84 deg.
+Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13 deg.. Obgleich beim
+Fischbeinhygrometer der Saettigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad
+ist, sondern bei 84 deg.,5 (99 deg. S.), so schien mir doch dieser Einfluss einer
+Wolke auf den Gang des Instrumentes im hoechsten Grade auffallend. Der
+Nebel dauerte lang genug, dass der Fischbeinstreifen durch Anziehung der
+Wassertheilchen sich haette verlaengern koennen. Unsere Kleider wurden nicht
+feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen geuebter Reisender versicherte
+mich kuerzlich, er habe auf der _Montagne pelee_ auf Martinique eine Wolke
+aehnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die
+Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet,
+zumal wenn er nichts versaeumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu
+vermeiden. Saussure sah waehrend eines heftigen Regengusses, wobei sein
+Hygrometer nicht nass wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der
+Wolke) auf 84 deg.,7 (48 deg.,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter,
+dass die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollstaendig gesaettigt wird,
+als dass der Wasserdunst, der den hygroscopischen Koerper unmittelbar
+beruehrt, denselben nicht dem Saettigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand
+befindet sich Wasserdunst, der nicht nass macht und doch sichtbar ist? Man
+muss, glaube ich, annehmen, dass sich eine trockenere Luft mit der, in der
+sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und dass die Dunstblaeschen, die ein
+weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die
+glatte Flaeche des Fischbeinstreisens nicht nass gemacht haben. Die
+durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der
+Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt.
+
+Es waere unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines
+7--8000 Fuss hohen Abhangs laenger zu verweilen. Wir gingen wieder vom
+Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht
+nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu
+unserer grossen Ueberraschung, spaeter auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha
+in der suedlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden
+[_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im noerdlichen Europa
+ueberall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria
+odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gestraeuche nieder. Waehrend ich die
+Moose untersuchte, welche den Gneiss im Grunde zwischen beiden Gipfeln
+ueberziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung aechte Geschiebe, gerollte
+Quarzstuecke. Man sieht leicht ein, dass das Thal von Caracas einmal ein
+Landsee seyn kann, ehe der Guayrefluss gegen Ost bei Caurimare, am Fuss des
+Huegels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen
+Catia und Cabo Blanco zu geoeffnet hatte; aber wie koennte das Wasser je bis
+zum Fuss des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenueber
+liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, dass das Wasser ueber sie in
+die Llanos haette abfliessen muessen? Die Geschiebe koennen nicht von hoeheren
+Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Hoehe ringsum die Silla ueberragt.
+Soll man annehmen, dass sie mit der ganzen Bergkette. laengs des Meeresufers
+emporgehoben worden sind?
+
+Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig
+waren. In der Freude ueber den gluecklichen Erfolg unserer Reise dachten wir
+nicht daran, dass der Weg abwaerts im Finstern ueber steile, mit kurzem
+glattem Rasen bedeckte Abhaenge gefaehrlich seyn koennte. Wegen des Nebels
+konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den
+Doppelhuegel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstaende,
+die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerueckt. Wir
+gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu
+uebernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im
+Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den
+Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Straeucher. Die
+herrlichen Befarien, ihre mit grossen Purpurbluethen bedeckten Zweige nahmen
+uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen fuer
+Herbarien sammelt, ist man um so waehlerischer, je ueppiger die Vegetation
+ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie
+einem nicht so schoen vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte.
+Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Ruecken, so will
+es einen fast reuen, dass man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns
+so lange im Pejual auf, dass die Nacht uns ueberraschte, als wir in 900
+Toisen Hoehe die Savane betraten.
+
+Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Daemmerung gibt, sieht man sich
+auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterniss versetzt. Der Mond
+stand ueber dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken
+bedeckt, die ein heftiger kalter Wind ueber den Himmel jagte. Die steilen,
+mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhaenge lagen bald im Schatten, bald
+wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgruende,
+in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander;
+man suchte sich mit den Haenden zu halten, um nicht zu fallen und den Berg
+hinab zu rollen. Von den Fuehrern, welche unsere Instrumente trugen, fiel
+einer um den andern ab, um auf dem Berg zu uebernachten. Unter denen, die
+bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er
+trug einen grossen Inclinationscompass auf dem Kopf und hielt die Last trotz
+der ungemeinen Steilheit des Abhangs bestaendig im Gleichgewicht. Der Nebel
+im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir
+tief unter uns sahen, taeuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien
+der Abhang noch gefaehrlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in
+den sechs Stunden, in denen wir bestaendig abwaerts gingen, den Hoefen am
+Fusse der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hoerten ganz deutlich
+Menschenstimmen und die schrillen Toene der Guitarren. Der Schall pflanzt
+sich von unten nach oben meist so gut fort, dass man in einem Luftballon
+bisweilen in 3000 Toisen Hoehe die Hunde bellen hoert.(38) Erst um zehn Uhr
+Abends kamen wir aeusserst ermuedet und durstig im Thale an. Wir waren
+fuenfzehn Stunden lang fast bestaendig auf den Beinen gewesen; der rauhe
+Felsboden und die duerren harten Grasstoppeln hatten uns die Fusssohlen
+zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen muessen, weil die Sohlen
+zu glatt geworden waren. An Abhaengen, wo weder Straeucher, noch holzige
+Kraeuter wachsen, an denen man sich mit den Haenden halten kann, kommt man
+barfuss sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, fuehrte man uns von der Puerta
+zum Hofe Gallegos ueber einen Fusspfad, der zu einem Wasserstueck, el Tanque
+genannt, fuehrt. Man verfehlte den Fusspfad, und auf diesem letzten
+Wegstueck, wo es am allersteilsten abwaerts ging, kamen wir in die Naehe der
+Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserfaelle erhielt das naechtliche
+Bild einen wilden, grossartigen Charakter.
+
+Wir uebernachteten am Fusse der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns
+durch Fernroehren auf dem oestlichen Berggipfel sehen koennen. Mit Theilnahme
+hoerte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer
+Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der
+hoechste Pyrenaeengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer moechte
+sich ueber eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo
+von Denkmaelern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale haengt? Kann man
+sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit
+Jahrhunderten die Hoehe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen
+wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der
+Cordilleren ueberragt?
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 30 S. Bd. 1. Seite 283.
+
+ 31 Diese Worte sind oben Bd. I. Seite 255 erklaert.
+
+_ 32 Phleum alpinum_ von Brown untersucht. Nach den Beobachtungen dieses
+ grossen Botanikers unterliegt es keinem Zweifel, dass mehrere Pflanzen
+ beiden Continenten und den gemaessigten Zonen beider Halbkugeln
+ zugleich angehoeren. _Potentilla anserina_, _Prunella vulgaris_,
+ _Scirpus mucronatus_, und _Panicum Crus Galli_ wachsen in
+ Deutschland, in Neuholland und in Pennsylvanien.
+
+_ 33 Viola chiranthifolia_ die Bonpland und ich beschrieben haben
+ (s. Bd. I. Seite 123), ist von Kunth und Leopold von Buch unter den
+ Alpenpflanzen gefunden worden, die Joseph de Jussieu aus den
+ Pyrenaeen mitgebracht hat.
+
+_ 34 Rhododendrum laponicum_, _R. caucasicum_, _R. ferrugineum_, _R.
+ hirsutum_
+
+_ 35 Befaria glauca_, _B. ledifolia_
+
+_ 36 Befaria aestuans_, _B. resinosa_
+
+_ 37 Oden_, Buch I, 31
+
+ 38 So Gay-Lussac bei seiner Luftfahrt am 16. September 1803.
+
+ 39 Man glaubte frueher, die Silla von Caracas sey so ziemlich so hoch
+ als der Pic von Teneriffa.
+
+
+
+
+
+VIERZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung
+ und den vulkanischen Ausbruechen auf den Antillen.
+
+
+Wir verliessen Caracas am 7. Februar in der Abendkuehle, um unsere Reise an
+den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute
+schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen
+Buergerkriegen, die jenen fernen Laendern die Freiheit jetzt brachten, jetzt
+wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist
+nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenflaeche
+umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An
+derselben Stelle, auf diesem zerkluefteten Boden, erhebt sich allmaehlich
+eine neue Stadt. Die Truemmerhaufen, die Graeber einer zahlreichen
+Bevoelkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung.
+
+Die grossen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die
+allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rueckkehr
+nach Europa. Ueber die politischen Stuerme, ueber die Veraenderungen, welche
+in den gesellschaftlichen Zustaenden eingetreten, gehe ich hier weg. Die
+neueren Voelker sind bedacht fuer ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen
+sorgfaeltig die Geschichte der menschlichen Umwaelzungen, und damit die
+Geschichte ungezuegelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den
+Umwaelzungen in der aeussern Natur ist es anders; man kuemmert sich wenig
+darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten
+buergerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrueche
+wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig
+ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem
+Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei grossen allgemeinen Unfaellen, wie
+beim Unglueck des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die
+wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstaende
+erkennen liesse. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich
+an zuverlaessiger Kunde ueber die Erdstoesse zusammengebracht, die am 26. Merz
+1812 die Stadt Cararas zerstoert und in der Provinz Venezuela fast in Einem
+Augenblick ueber zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die
+Verbindungen, die ich fortwaehrend mit Leuten aller Staende unterhalten,
+setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen
+und Fragen ueber Punkte an sie zu richten, an deren Aufklaerung der
+Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur
+hat der Reisende die Zeit des Eintritts grosser Catastrophen festzustellen,
+ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhaeltnisse zu untersuchen, und
+im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich draengender
+Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere
+Catastrophen verglichen werden moegen. In der unermesslichen Zeit, welche
+die Geschichte der Natur umfasst, ruecken alle Zeitpunkte des Geschehenen
+nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn
+die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und
+ueberhaupt von keinem grossen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den
+Vortheil, dass sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA
+CONDAMINE bewogen, die denkwuerdigen Ausbrueche des Vulkans Cotopaxi [Am 30.
+November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von
+Quito stattgefunden, in seiner "_Reise zum Aequator_" zu beschreiben.
+
+Ich glaube dem Beispiel des grossen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend
+welchem Vorwurf folgen zu duerfen, da die Ereignisse, die ich zu
+beschreiben gedenke, fuer die Theorie von den *vulkanischen Reactionen*
+sprechen, das heisst fuer den Einfluss, den ein *System von Vulkanen* auf
+einen weiten Landstrich umher ausuebt.
+
+Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und
+Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, dass die am
+weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Kuesten den verheerenden
+Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von
+Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, veraenderlichen
+Klimas, wegen des umzogenen, truebseligen Himmels. Die Bewohner dieses
+kuehlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr
+aus Jahr ein eine erstickend heisse Luft athme und wo der Boden periodisch
+von heftigen Erdstoessen erschuettert werde. Selbst Gebildete dachten nicht
+an die Verwuestung von Riobamba und andern hochgelegenen Staedten; sie
+wussten nicht, dass die Erschuetterung des Kalksteins an der Kueste von Cumana
+sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt,
+und so waren sie der Meinung, dass Caracas sowohl wegen des Baus seines
+Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe.
+Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei
+naechtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, dass
+von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden
+war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im
+Jahr 1811 sollte eine graessliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und
+den Volksglauben ueber den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei
+Grade westlich von Cumana, fuenf Grade westlich vom Meridian der
+vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Stoesse, als man je auf
+den Kuesten von Paria und Neu-Andalusien gespuert.
+
+Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang
+zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstoerung von Cumana am
+14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen,
+aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch
+bei der Verwuestung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der
+Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Kueste von Cumana reagirt zu haben;
+fuenfzehn Jahre spaeter wirkte, wie es scheint, ein dem Festland naeher
+liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas
+und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs
+in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberflaeche, bis zu
+welchen die Bewegung sich fortpflanzte.
+
+Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein betraechtliches Stueck der
+Erdflaeche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von
+Neu-Grenada, den Kuesten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen
+Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Stoesse erschuettert, die man
+einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zaehle hier die
+Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, dass auf ungeheure
+Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der
+Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An
+einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels ueber den
+Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu
+seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie diess auch bei den
+Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni
+bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs
+nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstaegiger Ausbruch,
+durch den die Klippe immer groesser und nach und nach 50 Toisen ueber dem
+Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitaen Tillard alsbald im
+Namen der grossbritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte,
+hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder
+verschlungen zu haben. Es ist diess das dritte mal, dass bei der Insel
+St. Michael unterseeische Vulkane so ausserordentliche Erscheinungen
+hervorbringen, und als waeren die Ausbrueche dieser Vulkane an eine gewisse
+Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Fluessigkeiten bis zu
+einem bestimmten Grade angehaeuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91
+oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, dass trotz der
+Naehe keine europaeische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und
+Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung naeher
+untersuchen zu lassen, durch welche fuer die Geschichte der Vulkane und des
+Erdballs ueberhaupt so viel gewonnen werden konnte.
+
+Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen
+Antillen, 800 Meilen suedwestwaerts von den Azoren gelegen, haeufig von
+Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 spuerte man auf der Insel
+St. Vincent, einer der drei Antillen mit thaetigen Vulkanen, ueber
+zweihundert Erdstoesse. Die Bewegungen beschraenkten sich aber nicht auf das
+Inselgebiet von Suedamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den
+Thaelern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhoerlich. Im Osten
+der Alleghanys waren die Schwingungen schwaecher als im Westen, in Tennesee
+und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getoese begleitet,
+das von Suedwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little
+Prairie, wie beim Salzwerk noerdlich von Cincinnati unter dem 34 deg. 45{~PRIME~} der
+Breite, spuerte man mehrere Monate lang taeglich, ja fast stuendlich
+Erdstoesse. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813.
+Die Stoesse waren Anfangs auf den Sueden, auf das untere Mississippithal
+beschraenkt, schienen sich aber allmaehlich gegen Norden fortzupflanzen.
+
+Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese
+lange Reihe von Erderschuetterungen anhob, im December 1811 spuerte man in
+der Stadt Caracas den ersten Erdstoss bei stiller, heiterer Luft. Dieses
+Zusammentreffen war schwerlich ein zufaelliges, denn man muss bedenken, dass,
+so weit auch die betreffenden Laender auseinander liegen, die Niederungen
+von Louisiana und die Kuesten von Venezuela und Cumana demselben Becken,
+dem Meere der Antillen angehoeren. Dieses *Mittelmeer mit mehreren
+Ausgaengen* ist von Suedost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich
+frueher ueber die weiten, allmaehlich 30, 50 und 80 Toisen ueber das Meer
+ansteigenden, aus secundaeren Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri,
+Arcansas und Mississippi durchstroemten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus
+geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des
+Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Suedens die
+Kuestenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und
+Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen
+die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden
+Hoehenzuege zwischen den canadischen Seen und den Nebenfluessen des
+Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt.
+Zwei Reihen thaetiger Vulkane fassen es ein: ostwaerts auf den kleinen
+Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwaerts in den
+Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und
+20. Grad. Bedenkt man, dass das grosse Erdbeben von Lissabon am 1. November
+1755 fast im selben Augenblick an der Kueste von Schweden, am Ontariosee
+und auf Martinique gespuert wurde, so kann die Annahme nicht zu keck
+erscheinen, dass das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis
+zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Stoesse erschuettert
+werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen.
+
+Auf den Kuesten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben
+werden haeufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in
+der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas
+die Beobachtung gemacht haben, dass seit dem Jahr 1792 die Regenguesse nicht
+so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war
+schnell bei der Hand, sowohl die gaenzliche Zerstoerung von Cumana im Jahr
+1799 als die Erdstoesse, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto
+Cabello und Caracas gespuert, "einer Anhaeufung der Elektricitaet im Innern
+der Erde" zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den
+Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, dass
+zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten
+von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit
+der Erdoberflaeche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die
+Vorgaenge in grossen Tiefen Einfluss zu aeussern, und wenn man einen
+Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Haeufigkeit der
+Erdbeben bemerkt haben will, so gruendet sich diess, meiner Meinung nach,
+keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der
+Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen koennen zufaellig
+zusammentreffen. Den auffallend starken Stoessen, die man am Mississippi und
+Ohio zwei Jahre lang fast bestaendig spuerte, und die im Jahr 1812 mit denen
+im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast
+gewitterloses Jahr voran, und diess fiel wieder allgemein auf. Es kann
+nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklaerung von
+Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricitaet herbeizieht.
+
+Der Stoss, den man im December 1811 in Caracas spuerte, war der einzige, der
+der schrecklichen Katastrophe vom 26. Maerz 1812 voranging. Man wusste in
+Terra Firma nichts davon, dass einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich
+ruehrte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des
+Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in
+der Provinz Venezuela grosse Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in
+die Runde war in den fuenf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein
+Tropfen Regen gefallen. Der 26. Maerz war ein sehr heisser Tag; die Luft war
+still, der Himmel unbewoelkt. Es war Gruendonnerstag, und ein grosser Theil
+der Bevoelkerung in den Kirchen. Nichts verkuendete die Schrecken dieses
+Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends spuerte man den ersten Erdstoss. "Er war so
+stark, dass die Kirchenglocken anschlugen, und waehrte 5--6 Sekunden.
+Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, waehrend
+dessen der Boden in bestaendiger Wellenbewegung war, wie eine kochende
+Fluessigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorueber, als sich unter dem
+Boden ein furchtbares Getoese hoeren liess. Es glich dem Rollen des Donners;
+es war aber staerker und dauerte laenger als der Donner in der Gewitterzeit
+unter den Tropen. Diesem Getoese folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden
+anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas laengere wellenfoermige
+Bewegung. Die Stoesse erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach
+Sued, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen
+sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas
+wurde voellig ueber den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen
+9 und 10,000) wurden unter den Truemmern der Kirchen und Haeuser begraben.
+Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen
+war so gross, dass drei bis viertausend Menschen von den einstuerzenden
+Gewoelben erschlagen wurden. Die Explosion war am staerksten auf der
+Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am naechsten
+liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die ueber 150 Fuss hoch
+waren und deren Schiff von 10--12 Fuss dicken Pfeilern getragen wurden,
+lagen als kaum 5--6 Fuss hohe Truemmerhaufen da. Der Schutt hat sich so
+stark gesetzt, dass man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Saeulen
+findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die noerdlich von der
+Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag,
+verschwand fast voellig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen,
+um sich der Procession anzuschliessen; es wurde, wenige Mann ausgenommen,
+unter den Truemmern des grossen Gebaeudes begraben. Neun Zehntheile der
+schoenen Stadt Caracas wurden voellig verwuestet. Die Haeuser, die nicht
+zusammenstuerzten, wie in der Strasse San Juan beim Kapuzinerkloster,
+erhielten so starke Risse, dass man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im
+suedlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem grossen Platz und
+der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas
+geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern
+stehen."(41)
+
+Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Ungluecklichen
+nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an
+Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum
+Charfreitag bot ein Bild unsaeglichen Jammers und Elends. Die dicke
+Staubwolke, welche ueber den Truemmern schwebte und wie ein Nebel die Luft
+verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdstoss war mehr zu
+spueren: es war die schoenste, stillste Nacht. Der fast volle Mond
+beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz
+anders aus als auf der mit Truemmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah
+Muetter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben
+zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten
+einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wusste und
+die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man draengte sich durch
+die Strassen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren.
+
+Alle Schrecken der grossen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und
+Riobamba wiederholten sich am Unglueckstage des 26. Maerz 1812. "Die unter
+den Truemmern begrabenen Verwundeten riefen die Voruebergehenden laut um
+Huelfe an, und es wurden auch ueber zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich
+das Mitleid ruehrender, man kann sagen sinnreicher bethaetigt, als hier, wo
+es galt, zu den Ungluecklichen zu dringen, die man jammern hoerte. Es fehlte
+voellig an Werkzeugen zum Graben und Wegraeumen des Schuttes; man musste die
+noch Lebenden mit den Haenden ausgraben. Man brachte die Verwundeten und
+die Kranken, die sich aus den Spitaelern gerettet, am Ufer des Guayre
+unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Baeume. Betten,
+Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles
+Unentbehrliche lag unter den Truemmern begraben. Es fehlte an Allem, in den
+ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends
+das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsroehren der Brunnen
+zertruemmert und Erdstuerze hatten die Quellen verschuettet. Um Wasser zu
+bekommen, musste man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war,
+und es fehlte an Gefaessen."
+
+"Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Pietaet,
+als bei der Besorgniss vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu
+unmoeglich war, so viele tausend halb unter den Truemmern steckende Leichen
+zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man
+errichtete zwischen den Truemmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier
+dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer fluechtete das Volk zur Andacht
+und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen
+hoffte. Die einen traten zu Bittgaengen zusammen und sangen Trauerchoere;
+andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Strasse. Da geschah auch
+hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom
+4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren
+nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche fuer ihre Verbindung zu
+suchen, schlossen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen
+sie bis jetzt verlaeugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs
+beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in
+Feindschaft gelebt, versoehnten sich im Gefuehl des gemeinsamen Ungluecks."
+Wenn dieses Gefuehl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz fuer
+das Mitleid ausschloss, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur
+noch hartherziger und unmenschlicher. In grossen Unfaellen geht in gemeinen
+Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im
+Unglueck wie bei der wissenschaftlichen Beschaeftigung mit der Natur: nur
+auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefuehl mehr Waerme, den
+Gedanken hoeheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde.
+
+"So heftige Stoesse, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas ueber den
+Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes
+beschraenken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich ueber die
+Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Kueste entlang, besonders
+aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la
+Vega, San Felipe und Merida wurden fast gaenzlich zerstoert. In Guayra und
+in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier
+bis fuenftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und
+Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Sued-West den hohen Gebirgen von
+Niquitao und Merida zulaeuft, scheint das Erdbeben am staerksten gewesen zu
+seyn. Man spuerte es im Koenigreich Neu-Grenada von den Auslaeufern der hohen
+Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom,
+180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gneiss und
+Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fuss staerker als in der Ebene.
+Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und
+Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und
+nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklaert sich
+dieser Unterschied leicht.) In den Thaelern von Araguas zwischen Caracas
+und der Stadt San Felipe waren die Stoesse ganz schwach. Victoria, Maracay,
+Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In
+Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche
+Wassermassen aus, dass sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich
+bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro
+fuehlte man keine Erschuetterung, und doch liegt die Stadt an der Kueste,
+zwischen Staedten, die gelitten haben." Fischer, die den 26. Maerz auf der
+Insel Orchila, 30 Meilen nordoestlich von Guayra, zugebracht hatten,
+spuerten keine Stoesse. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung
+des Stosses ruehren wahrscheinlich von der eigenthuemlichen Lagerung der
+Gesteinsschichten her.
+
+Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas
+bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa
+Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwaerts von
+der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die
+Erschuetterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera;
+es ist aber hoechst merkwuerdig, dass sie an den Kuesten von Nueva Barcelona,
+Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Kuesten eine
+Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafuer bekannt
+sind, dass sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Liesse
+sich annehmen, die gaenzliche Zerstoerung der vier Staedte Caracas, Guayra,
+San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel
+St. Vincent oder in der Naehe ausgegangen, so wuerde begreiflich, wie die
+Bewegung sich von Nordost nach Suedwest auf einer Linie, die ueber die
+Eilande los Hermanos bei Blanquilla laeuft, fortpflanzen konnte, ohne die
+Kuesten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu beruehren. Ja der Stoss
+konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne dass die dazwischen
+liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschuetterung
+empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico haeufig bei Erdbeben
+vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die
+Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck fuer einen Landstrich, der
+an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, "er mache eine
+Bruecke" (_que hace puente_), wie um anzudeuten, dass die Schwingungen sich
+in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen.
+
+Fuenfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der grossen Katastrophe blieb der
+Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schoen und still, und
+erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Stoesse wieder an, und zwar
+begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen
+Getoese (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der
+Umgegend; da aber Doerfer und Hoefe so stark gelitten hatten wie die Stadt,
+fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thaelern von Aragua
+und in den Llanos Obdach. Man spuerte oft fuenfzehn Schwingungen an Einem
+Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die
+Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang
+wellenfoermig auf und ab. In den Gebirgen gab es grosse Erdfaelle; ungeheure
+Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese
+Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der
+Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung
+stuetzt sich auf keine Messung. Wie ich gehoert, bildet man sich auch in der
+Provinz Quito nach allen grossen Erschuetterungen ein, der Vulkan Tunguragua
+sey niedriger geworden.
+
+In mehreren aus Anlass der Zerstoerung von Caracas veroeffentlichten
+Nachrichten wird behauptet, "die Silla sey ein erloschener Vulkan, man
+finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das
+Gestein sey dort nirgends regelmaessig geschichtet und zeige ueberall Spuren
+des unterirdischen Feuers." Ja es heisst weiter, "zwoelf Jahre vor der
+grossen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und
+physikalischen Untersuchungen erklaert, die Silla sey ein sehr gefaehrlicher
+Nachbar fuer die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Stoesse
+von Nordost her kommen muessten." Es kommt selten vor, dass Physiker sich
+wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte
+es aber fuer Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der
+Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten.
+
+Ueberall wo der Boden Monate lang fortwaehrend erschuettert worden, wie auf
+Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808,
+ist man darauf gefasst, einen Vulkan sich oeffnen zu sehen. Man vergisst, dass
+man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberflaeche
+zu suchen hat; dass, nach zuverlaessigen Aussagen, die Schwingungen sich
+fast im selben Moment tausend Meilen weit ueber die tiefsten Meere weg
+fortpflanzen; dass die groessten Zerstoerungen nicht am Fuss thaetiger Vulkane,
+sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten
+vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der
+Umgegend von Caracas sind keineswegs staerker zerbrochen oder
+unregelmaessiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und ueberall, wo
+Urgebirge rasch zu bedeutender Hoehe ansteigen; ich habe daselbst weder
+Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden,
+kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu
+aeussern, die Silla und der Cerro de Avila seyen fuer die Hauptstadt
+gefaehrliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von
+Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, waehrend
+meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem grossen Erdbeben in
+Quito scheine am oestlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu
+seyn, dass man besorgen muesse, mit der Zeit duerfte die Provinz Venezuela
+starke Erderschuetterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land
+lange von Erdstoessen heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe
+neue Verbindungen mit benachbarten Laendern herzustellen, und die in der
+Richtung der Silla nordoestlich von der Stadt gelegenen Vulkane der
+Antillen seyen vielleicht Luftloecher, durch welche bei einem Ausbruch die
+elastischen Fluessigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Kuesten
+des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf
+die Kenntniss der Oertlichkeiten und auf blosse Analogien gruenden, und einer
+durch den Lauf der Naturereignisse bestaetigten Vorhersagung ist ein grosser
+Unterschied.
+
+Waehrend man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der
+Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdstoesse spuerte, wurde man am
+30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den
+Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch
+ein unterirdisches Getoese erschreckt, das wiederholten Salven aus
+Geschuetzen vom groessten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es
+war von keinen Stoessen begleitet, und, was sehr merkwuerdig ist, es war auf
+der Kueste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es
+komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen
+unterirdischen Donner zu denken, dass man in Caracas wie in Calabozo
+militaerische Massregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu
+setzen, da der Feind mit seinem groben Geschuetz anzuruecken schien. Beim
+Uebergang ueber den Apure unterhalb Orivante, beim Einfluss des Rio Rula,
+hoerte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die "Kanonenschuesse"
+eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra
+noerdlich von der Kuestenkette gehoert.
+
+Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches
+Getoese erschreckt wurden, erfolgte ein grosser Ausbruch des Vulkans auf der
+Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem
+Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im
+Mai 1811 haeufige Erdstoesse verkuendeten, dass sich das vulkanische Feuer
+entweder von Neuem entzuendet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen
+habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der
+Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am
+30. floss die Lava ueber den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die
+See. Das Getoese beim Ausbruch glich "abwechselnd Salven aus dem schwersten
+Geschuetz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe
+schien weit staerker auf offener See, weit weg von der Insel, als im
+Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans."
+
+Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einfluss des Rula sind es
+in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden
+demnach in einer Entfernung gehoert gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses
+Phaenomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden
+anschliessen, beweist, wie viel groesser die unterirdische Wirkungssphaere
+eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Veraenderungen, die er an
+der Erdoberflaeche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der
+neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hoert,
+gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu
+uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte
+selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrueche des Vulkans von
+St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie
+eine ungeheuer grosse Kanone, so muesste der Schall im umgekehrten Verhaeltniss
+der Entfernung staerker werden; aber die Beobachtung zeigt, dass diess nicht
+der Fall ist. Noch mehr: in der Suedsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die
+Kueste von Mexico, fuhren Bonpland und ich ueber Striche, wo alle Matrosen
+an Bord ueber ein dumpfes Geraeusch erschracken, das aus der Tiefe des
+Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand
+wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem
+Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi
+zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger
+als 145 Meilen, und doch hoerte man waehrend der grossen Ausbrueche jenes
+Vulkans in Honda ein unterirdisches Getoese, das man fuer Geschuetzsalven
+hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Geruecht, Carthagena werde von den
+Englaendern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der
+Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr ueber dem Becken
+von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500
+Toisen mehr Meereshoehe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die
+colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan,
+zahllose Thaeler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umstaenden
+laesst sich nicht annehmen, dass der Ton durch die Luft oder durch die
+obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und dass er von da ausgegangen
+sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man muss es
+wahrscheinlich finden, dass der hochgelegene Theil des Koenigreichs Quito
+und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane
+sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von
+Sued nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm ueber 600
+Quadratmeilen Oberflaeche hat. Auf diesem Gewoelbe, auf diesem
+aufgetriebenen Erdstueck stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der
+Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es
+im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens
+sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser
+Gipfel aus. Die ausgefuellten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane;
+wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein-
+oder zweimal auswerfen, so laesst sich doch annehmen, dass das unterirdische
+Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in bestaendiger
+Thaetigkeit ist.
+
+Nordwaerts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei
+andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von
+Popayan. Dass diese Systeme unter sich zusammenhaengen, geht unzweifelhaft
+aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von
+der gaenzlichen Zerstoerung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November
+1796 an stiess der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses
+Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsaeule aus. Die
+Muendungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem
+westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsaeule drei Monate lang so hoch
+ueber den Gebirgskamm empor, dass die Einwohner der Stadt Pasto sie
+fortwaehrend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer grossen Ueberraschung
+sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne dass man
+einen Erdstoss spuerte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter
+gegen Sued zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar
+(Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstoert, furchtbarer
+als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser
+Ereignisse laesst wohl keinen Zweifel darueber, dass die Daempfe, welche der
+Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Muendungen oder _'ventanillas'_
+ausstiess, am Druck elastischer Fluessigkeiten theilnahmen, welche den Boden
+des Koenigreichs Peru erschuetterten und in wenigen Augenblicken dreissig bis
+vierzigtausend Menschen das Leben kosteten.
+
+Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklaeren,
+um darzuthun, dass die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der
+Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschuettern kann, musste ich mich auf
+die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit
+vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schluesse bauen,
+und wo auf dem Erdball faende man grossartigere und mannigfaltigere
+vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen
+Bergkette, in dem Lande, wo die Natur ueber jeden Berggipfel und jedes Thal
+die Fuelle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden
+Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die
+Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschaetzen, so stellt sich die
+vulkanische Wirksamkeit an der gegenwaertigen Erdoberflaeche weder als sehr
+gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit
+erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je frueher wir den
+Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und
+dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die
+der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in
+Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir
+sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als
+die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermoege ihres Zusammenhangs
+in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschuettern. Das Studium der
+Vulkane zerfaellt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein
+mineralogische, beschaeftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das
+unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der
+Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und
+Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so
+zugaengliche und auch mehr vernachlaessigte Theil hat es mit den
+gegenseitigen physikalischen Verhaeltnissen der Vulkane zu thun, mit dem
+Einfluss, den die Systeme auf einander ausueben, mit dem Zusammenhang
+zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Stoessen, welche den
+Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung
+erschuettern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die
+verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thaetigkeit genau verzeichnet,
+ferner die Richtung, Ausdehnung und Staerke der Erschuetterungen, ihr
+allmaeliges Vorruecken in Landstrichen, die sie frueher nicht erreicht
+hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem
+unterirdischen Getoese, das so stark ist, dass die Bewohner der Anden es
+ausdrucksvoll *unterirdisches Gebruelle* und *unterirdischen Donner*
+(_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehoeren dem
+Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal
+ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt,
+die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Grossartigkeit
+und Gewaltsamkeit weit ueber das Mass unserer Vorstellungen hinausgeht.
+
+Man hat sich lange darauf beschraenkt, die Geschichte der Natur nach den
+alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmaelern zu studiren; aber
+wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen
+Umwaelzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben
+und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der
+jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschraenktem Raum,
+stuermische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefasst, ueber
+die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten koennen. Im Innern
+des Erdballs hausen die geheimnissvollen Kraefte, deren Wirkungen an der
+Oberflaeche zu Tage kommen, als Ausbrueche von Daempfen, gluehenden Schlacken,
+neuen vulkanischen Gesteinen und heissen Quellen, als Auftreibungen zu
+Inseln und Bergen, als Erschuetterungen, die sich so schnell wie der
+elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den
+man Monate lang, und ohne Erschuetterung des Bodens, in grossen Entfernungen
+von thaetigen Vulkanen hoert.
+
+Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevoelkerung zunehmen werden, je
+fleissiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf
+den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird,
+desto mehr muss der Zusammenhang zwischen Ausbruechen und Erdbeben, welche
+den Ausbruechen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung
+werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die
+ungeheure Hoehe von 2500 Toisen und darueber erreichen, bieten dem
+Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrueche sind
+merkwuerdig scharf bezeichnet. Dreissig, vierzig Jahre lang werfen sie keine
+Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode
+habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des
+Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke
+entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen
+dieses kleinen Vulkans gewoehnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter
+einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die
+Schlackenauswuerfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdstoss verspuert,
+staerker gewesen sind. Auf dem Ruecken der Cordilleren hat Alles einen
+bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft
+zehnjaehrige Ruhe. Unter diesen Umstaenden wird es leicht, Epochen zu
+verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit
+zusammenfallen.
+
+Die Zerstoerung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen
+darauf hin, dass die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den
+Erschuetterungen, welche die Kuesten von Terra Firma erleiden, im
+Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es haeufig vor, dass die Stoesse, welche
+man im vulkanischen Archipel spuert, sich weder nach der Insel Trinidad,
+noch nach den Kuesten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese
+Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen
+Antillen selbst beschraenken sich die Erschuetterungen oft auf eine einzige
+Insel. Der grosse Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte
+in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hoerte, wie in
+Venezuela, starke Schlaege, aber der Boden blieb ruhig.
+
+Diese Donnerschlaege, die nicht mit dem rollenden Geraeusch zu verwechseln
+sind, das ueberall auch ganz schwachen Erdstoessen vorausgeht, hoert man an
+den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und
+Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater
+Morello erzaehlt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getoese
+zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinboellern (_pedreros_) dass es
+gewesen sey, als wuerde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October
+1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien
+verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in
+Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des
+Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschuetterungen in einer ganz
+granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie
+von heftigen Donnerschlaegen begleitet waren. Am Paurari erfolgten grosse
+Bergstuerze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco.
+Die wellenfoermigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war
+gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschuetterungen, welche die
+Kuesten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man
+sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Waeldern leben und kein anderes
+Obdach haben als Huetten aus Rohr und Palmblaettern, fuerchten sich nicht vor
+den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber
+darueber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die
+Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem
+Wasser ans Ufer. Naeher bei der See, wo die Erdstoesse sehr haeufig sind,
+fuerchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern
+als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres.
+
+Alles weist darauf hin, dass im Innern des Erdballs nie schlummernde Kraefte
+walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich
+gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des
+Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer
+Fluessigkeiten fuer uns in Dunkel gehuellt sind, desto groessere Aufforderung
+hat der Physiker, den Zusammenhang naeher zu beobachten, der zwischen
+diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in
+sehr gleichfoermiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen
+Beziehungen und Verhaeltnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt
+betrachtet, wenn man sie ueber ein grosses Stueck der Erdoberflaeche durch die
+verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken
+aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine
+lokale Ursachen haben koennten, wie Schichten von Schwefelkiesen und
+brennende Steinkohlenfloeze.
+
+Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschuetterungen
+beschaeftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit
+erleidet, und die unermesslichen Jammer ueber ein Land bringen, das die
+Natur mit ihren koestlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe
+herrscht in der obern Atmosphaere, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu
+brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen
+Atmosphaere*, in diesem Gemisch elastischer Fluessigkeiten, deren gewaltsame
+Bewegungen wir an der Erdoberflaeche empfinden, rollt haeufig der Donner.
+Wir haben von der Zerstoerung so vieler volkreichen Staedte erzaehlt und
+damit das hoechste Mass menschlichen Elends geschildert. Ein fuer seine
+Unabhaengigkeit kaempfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung
+und allen Lebensbeduerfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut
+es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Truemmern ihrer
+Haeuser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefuehl des
+Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Buergern zu befestigen,
+untergraebt es vollends; die aeussern Uebel steigern noch die Zwietracht, und
+der Anblick eines mit Thraenen und Blut getraenkten Bodens beschwichtigt
+nicht den Grimm der siegreichen Partei.
+
+Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, laesst man die
+Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als
+in den Vereinigten Staaten das grosse Unglueck von Caracas bekannt wurde,
+beschloss der zu Washington versammelte Congress einstimmig, fuenf Schiffe
+mit Mehl zur Vertheilung unter die Duerftigsten an die Kueste von Venezuela
+zu senden. Diese grossmuethige Unterstuetzung ward mit dem lebhaftesten Danke
+aufgenommen, und dieser feierliche Beschluss eines freien Volks, dieser
+Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur
+des alten Europa in juengster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat,
+erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das
+auf immer die Voelker des gedoppelten Amerikas verknuepfen soll.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 40 Z. B. die naechtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das
+ grosse Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr
+ 1778. Andere sehr starke Erdstoesse kamen vor in den Jahren 1641, 1703
+ und 1802.
+
+ 41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_.
+ (Manuscript)
+
+ 42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenfoermigen und stossenden
+ Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare
+ Katastrophe vom 26. Maerz 1812 herbeifuehrten, wurde von den einen auf
+ 50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschaetzt.
+
+
+
+
+
+FUeNFZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. --
+ Victoria. -- Thaeler von Aragua.
+
+
+Der kuerzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco haette uns ueber die
+suedliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von
+Ocumare, und ueber die Steppen oder Llanos von Orituco gefuehrt, worauf wir
+uns bei Cabruta, an der Einmuendung des Rio Guarico, haetten einschiffen
+muessen; aber auf diesem geraden Wege haetten wir unsere Absicht nicht
+erreicht, die dahin ging, den schoensten und kultivirtesten Theil der
+Provinz, die Thaeler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich
+der Kueste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem
+Einfluss in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der
+Gestaltung und den natuerlichen Schaetzen des Bodens bekannt machen will,
+richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das
+die zu bereisenden Laender bieten. Diese entscheidende Ruecksicht fuehrte uns
+in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die
+fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und ueber die ungeheuren Steppen von
+Calabozo nach San Fernando am Apure im oestlichen Theil der Provinz
+Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Sued und am
+Ende Ost-Sued-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7 deg. 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} in
+den Orinoco zu gelangen.
+
+Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Laengen durch
+Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, musste
+nothwendig die Lage beider Staedte genau und durch absolute Beobachtungen
+ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in
+Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der
+noerdliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10 deg. 30{~PRIME~} 50{~DOUBLE PRIME~} der Breite und
+69 deg. 25{~PRIME~} 0{~DOUBLE PRIME~} der Laenge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar
+1800 ausserhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4 deg. 38{~PRIME~} 45{~DOUBLE PRIME~} gegen
+Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universitaet
+4 deg. 39{~PRIME~} 15{~DOUBLE PRIME~}, also um 26{~PRIME~} staerker als in Cumana. Die Inclination der Nadel
+war 42 deg. 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensitaet der
+magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in
+Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden:
+sie sind das Ergebniss dreimonatlicher Arbeit.
+
+Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verliessen, die seitdem durch
+ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, uebernachteten wir am Fusse
+der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Suedwest schliessen. Wir zogen am
+rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schoenen, zum
+Theil in den Fels gehauenen Strasse. Man kommt durch la Vega und Carapa.
+Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht
+bewachsenen Huegelzug ab. Zerstreute Haeuser, von Dattelbaeumen umgeben,
+deuten auf guenstige Verhaeltnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe
+Bergkette trennt den kleinen Guayrefluss vom Thale *de la Pascua*,(43) das
+in der Geschichte des Landes eine grosse Rolle spielt, und von den alten
+Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwaerts nach Carapa
+hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine
+gewaltige, gegen das Meer jaeh abstuerzende Kuppel darstellt. Dieser runde
+Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die
+einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gneiss und Glimmerschiefer, die
+der Landschaft Charakter geben; die uebrigen Hoehen sind sehr einfoermig und
+langweilig.
+
+Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgaerten voll bluehender Pfirsichbaeume.
+Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge
+Pfirsiche, Quitten und anderes europaeisches Obst auf den Markt in Caracas.
+Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal ueber den Guayre. Der
+Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Strasse zu bauen, thaete man
+vielleicht besser, dem Fluss ein anderes Bett anzuweisen, der durch
+Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Kruemmung
+bildet eine groessere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht
+gleichgueltig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme
+des Strichs zwischen der See und der Kuestenbergkette von Mariara und
+Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im
+Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche.
+Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber
+die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80 deg. geneigt
+und fallen meist nach Nordwest, so dass die Wasser entweder im Gebirg
+versinken oder nicht suedlich, sondern noerdlich an den Kuestengebirgen von
+Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus,
+dass die Gneiss- und Glimmerschieferschichten gegen Sued ausgerichtet sind,
+scheint sich mir groesstentheils die grosse Duerre des Kuestenstrichs zu
+erklaeren. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei
+Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der
+Kaffeebaum koennen nur da gedeihen, wo Wasser fliesst, mit dem man waehrend
+der grossen Duerre kuenstlich bewaessern kann. Die ersten Ansiedler haben
+unvorsichtigerweise die Waelder niedergeschlagen. Auf einem steinigten
+Boden, wo Felsen ringsum Waerme strahlen, ist die Verdunstung ungemein
+stark. Die Berge an der Kueste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West
+vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die
+feuchte Kuestenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See
+aufliegen und am meisten Wasser ausgeloest haben, nicht ins innere Land
+kommen. Es gibt wenige Luecken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von
+Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Laengenthaeler
+hinauffuehren. Da ist kein grosses Flussbett, kein Meerbusen, durch die der
+Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung
+Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die
+Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Baeume im Januar und Februar die
+Blaetter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig
+wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit
+entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich naehert. Nur die
+Gewaechse mit glaenzenden, stark lederartigen Blaettern halten die Duerre aus.
+Unter dem schoenen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast
+winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Gruen erscheint
+wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein
+anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die grossen Waelder im
+Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schuetzen ihn vor der
+verzehrenden Sonnengluth.
+
+Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das
+Flussufer ist mit *Lata* bewachsen, der schoenen Grasart mit zweizeiligen
+Blaettern, die gegen dreissig Fuss hoch wird und die wir unter dem Namen
+Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Huette stehen
+ungeheure Staemme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien,
+Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die
+benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales
+von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las
+Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten
+Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhaeuten am Bodens. In jedem Gemach
+waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof
+brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die
+laermende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen
+des bewoelkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond
+kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war truebselig
+einfoermig, alle Huegel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem
+kleinen Kanal, der ueber 70 Fuss hoch das Wasser des Rio San Pedro in den
+Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden
+der Hacienda nur 50 Toisen ueber dem Bett des Guayre bei Noria in der Naehe
+von Caracas.
+
+Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht
+sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen
+geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit
+dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im
+Allgemeinen einen Begriff zu machen, genuegt die Angabe, dass die ganze
+Provinz Caracas zur Zeit ihrer hoechsten Bluethe vor den Revolutionskriegen
+bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten
+von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, muss desto
+bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Buerger, Don
+Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Kueste
+von Terra Firma gemacht hatte. Die schoensten Kaffeepflanzungen sind jetzt
+in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten
+Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von
+den drei letztgenannten, ostwaerts von Caracas gelegenen Orten ist von
+vorzueglicher Guete; aber die Straeucher tragen dort weniger, was man der
+hohen Lage und dem kuehlen Klima zuschreibt. Die grossen Pflanzungen in der
+Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in
+guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die
+Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804
+10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die
+Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana
+sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener fuer die Colonisten so
+unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch ueber zwei
+Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in
+den englischen Magazinen.
+
+Die grosse Vorliebe, die man in dieser Provinz fuer den Kaffeebau hat, ruehrt
+zum Theil daher, dass die Bohne sich viele Jahre haelt, waehrend der Cacao,
+trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen
+verdirbt. Waehrend der langen Kriege zwischen den europaeischen Maechten, wo
+das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schuetzen,
+musste sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht
+schnell abgesetzt werden muss und bei dem man alle politischen und
+Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas
+nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen
+Pflanzen, die zufaellig unter den tragenden Baeumen aufwachsen; man laesst
+vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem
+Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblaettern fuenf Tage
+lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen
+Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der
+Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande
+gewoehnlich 5300 Baeume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen.
+Ein solches Grundstueck kostet, wenn es sich bewaessern laesst, im noerdlichen
+Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blueht erst im zweiten Jahr
+und die Bluethe waehrt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine
+Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr
+ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejaeteten und bewaesserten
+Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Baeume,
+die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur
+1--11/2 Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist
+schon groesser als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Bluethezeit
+faellt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewaechs,
+eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten grossen
+Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000
+Staemmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse
+organischen Stoffs, und man muss sich wundern, dass man nie versucht hat
+Alkohol daraus zu gewinnen.
+
+Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der
+Colonialwaaren und die Auswanderung der franzoesischen Pflanzer den ersten
+Anlass zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und
+Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs bloss
+das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, dass die franzoesischen
+Antillen nichts mehr ausfuehrten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die
+Bevoelkerung und bei veraenderter Lebensweise der Luxus bei den europaeischen
+Voelkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 fuehrte St. Domingo gegen 76
+Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war
+die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist
+nicht so muehsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter
+dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich
+ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba,
+Surinam, Demerary, Barbice, Curacao, Venezuela und der Insel Java weit
+mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen.
+
+Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa uebersteigt jetzt 106
+Millionen Pfund franzoesischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5
+Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus
+Arabien und Java, so ergibt sich, dass der Gesammtverbrauch von Europa im
+Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen
+Untersuchungen ueber die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine
+geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der
+Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus
+China in den letzten fuenfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil staerker
+geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana koennte Thee
+so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in
+Stockwerken ueber einander, und dieser neue Culturzweig wuerde eben so gut
+gedeihen, wie in der suedlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer
+Regierung, die grosssinnig die Industrie und die religioese Duldung in ihren
+Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo's Glaubenssaetze zumal
+eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam
+und auf den Antillen die ersten Kaffeebaeume gepflanzt wurden, und bereits
+hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen
+Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet.
+
+Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um ueber den Higuerote zu
+gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Laengenthaelern von
+Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Fluesse San
+Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, ueber das Wasser gegangen
+waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo
+ein paar einzelne Haeuser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur
+Stadt Caracas, gegen Sued bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und
+waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach
+ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshoehe, also fast so hoch
+als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich hoeher als 17--18 deg.
+[13 deg.,6--14 deg.,4 Reaumur]. Die Strasse ueber diese Berge ist sehr belebt; jeden
+Augenblick begegnet man langen Zuegen von Maulthieren und Ochsen; es ist
+die grosse Strasse von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thaeler von
+Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gneiss gehauen. Ein mit
+Glimmerblaettern gemengter Thon bedeckt drei Fuss hoch das Gestein. Im
+Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein
+Morast. Abwaerts von der Ebene von Buonavista, etwa fuenfzig Toisen gegen
+Suedost, kommt man an eine starke Quelle im Gneiss, die mehrere Faelle
+bildet, welche die ueppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle
+hinunter ist so steil, dass man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fuss
+hoch wird, mit der Hand beruehren kann. Die Felsen ringsum sind mit
+Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schiesst
+im Schatten von Heliconien hin und entbloesst die Wurzeln der Plumeria, des
+Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen
+heimgesuchte Ort gewaehrt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea,
+von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, traegt
+oft vier bis fuenfhundert purpurrothe Bluethen in einem einzigen Strausse.
+Jede Bluethe hat fast immer 11 Staubfaeden, und das prachtvolle Gewaechs,
+dessen Stamm 50--60 Fuss hoch waechst, wird selten, weil sein Holz eine sehr
+gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und
+Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden
+zwischen Baeumen, deren Hierseyn bekundet, wie kuehl das Klima in diesen
+Bergen ist. Dahin gehoeren die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die
+_Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schoenen Region der Baumfarn
+(_region de los helechos_) eigenthuemlichen Gewaechsen erheben sich in den
+Lichtungen hie und da Palmbaeume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia
+mit silberfarbigen Blaettern, deren duenner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie
+verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, dass ein so schoener
+Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn
+Kronblaetter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das
+Zellgewebe im Innern zerstoeren, scheinen das Wachsthum des Baums zu
+hemmen. Wir hatten in diesen kuehlen Bergen von Higuerote schon einmal
+botanisirt, im December, als wir den Generalcapitaen Guevara auf dem
+Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles
+de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar
+Staemme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schoenen Farbe beruehmtes Holz
+einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von
+Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_.
+
+Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Suedwest zum kleinen Dorfe
+San Pedro herunter (Hoehe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo
+mehrere kleine Thaeler zusammenstossen, und fast 300 Toisen tiefer als die
+Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln
+und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut.
+Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht
+angestellte Hispano-Europaeer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr
+verschieden. Vom Marsche ermuedet, brachen sie in Klagen und Verwuenschungen
+aus ueber das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben
+muessten. Wir dagegen konnten die wilde Schoenheit der Gegend, die
+Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug ruehmen.
+
+Das Thal von San Pedro mit dem Fluesschen dieses Namens trennt zwei grosse
+Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen
+West wieder aufwaerts ueber die kleinen Hoefe las Lagunetas und Garavatos. Es
+sind diess nur einzelne Haeuser, die als Herbergen dienen; die
+Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetraenk, *Guarapo*, gegohrenen
+Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Strasse hin und her
+ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar
+gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der
+oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas oeffneten wir
+den Barometer und fanden, dass wir hier in derselben Hoehe waren wie auf
+Buonaviste, kaum 10 Toisen hoeher.
+
+Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einfoermig.
+Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und
+des Tuy ist ueber 25 Quadratmeilen gross. Es gibt darin sein einziges
+elendes Dorf, los Teques, suedoestlich von San Pedro. Der Boden ist wie
+durchfurcht von unzaehligen kleinen Thaelern, und die kleinsten, neben
+einander herlaufenden muenden unter rechtem Winkel in die groesseren aus. Die
+Berggipfel sind eben so einfoermig wie die Thalschluchten; nirgends eine
+pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang.
+Nach meiner Ansicht ruehrt das fast durchgaengig flache, wellenfoermige
+Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der
+Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneisses, als vielmehr davon,
+dass das Wasser lange darueber gestanden und die Stroemungen ihre Wirkungen
+geaeussert haben. Die Kalkberge von Cumana, noerdlich vom Turimiquiri, zeigen
+dieselbe Bildung.
+
+Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche
+Abhang der Berggruppe los Teques heisst las Cocuyzas; er ist mit zwei
+Pflanzen mit Agaveblaettern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de
+Cocuy* bewachsen. Letzterer gehoert zur Gattung Yucca (unsere _Yucca
+acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein
+gebrannt, auch habe ich die jungen Blaetter essen sehen. Aus den Fasern der
+ausgewachsenen Blaetter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat
+man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein
+reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Doerfern, unter denen welche
+sind, die in Europa Staedte hiessen. Von Ost nach West, auf einer Strecke
+von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay,
+die zusammen ueber 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der
+oestliche Auslaeufer der Thaeler von Aragua zu betrachten, die sich von
+Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fuss der Berge las
+Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim
+Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen ueber dem
+Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, laeuft Anfangs
+gegen West, wendet sich dann nach Sued und Ost laengs der hohen Savanen von
+Ocumare, nimmt die Gewaesser des Thals von Caracas auf und faellt unter dem
+Winde des Cap Codera ins Meer.
+
+Wir waren schon lange an eine maessige Temperatur gewoehnt, und so kamen uns
+die Ebenen am Tuy sehr heiss vor, und doch stand der Thermometer bei Tag
+zwischen elf Uhr Morgens und fuenf Uhr Abends nur auf 23--24 deg.. Die Naechte
+waren koestlich kuehl, da die Lufttemperatur bis auf 17 deg.,5{~PRIME~} [14 deg. Reaumur]
+sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto staerker schienen die Wohlgerueche der
+Blumen die Luft zu erfuellen. Aus allen heraus erkannten wir den koestlichen
+Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Bluethe
+8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy waechst. Wir verlebten zwei
+hoechst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der
+Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Russland gewesen war. Als
+Zoegling und Guenstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten
+von Caracas, wollte er sich, als der beruehmte Staatsmann ins Ministerium
+getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz
+fuerchtete Manterolas Einfluss und liess ihn im Hafen verhaften, und als der
+Befehl von Hof anlangte, der die eigenmaechtige Verhaftung aufhob, war der
+Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es haelt schwer, auf 1500 Meilen, von
+der suedamerikanischen Kueste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht
+eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen.
+
+Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine huebsche Zuckerplantage. Der Boden
+ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlaengelt sich
+durch Gruende, die mit Bananen und einem kleinen Gehoelz von _Hura
+crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbaeumen mit
+Nymphaeenblaettern bewachsen sind. Das Flussbett besteht aus Quarzgeschieben,
+und ich wuesste nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das
+crystallhelle Wasser behaelt selbst bei Tag die Temperatur von 18 deg.,6. Das
+ist sehr kuehl fuer dieses Klima und fuer eine Meereshoehe von 300 Toisen,
+aber der Fluss entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des
+Eigenthuemers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Huegel und ringsum stehen
+die Huetten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst fuer ihren
+Unterhalt. Wie ueberall in den Thaelern von Aragua weist man ihnen ein
+kleines Grundstueck an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen
+freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Huehner,
+zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr ruehmt, wie gut sie es haben, wie im
+noerdlichen Europa die gnaedigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern
+ruehmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger
+einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich fuerchtete Zeuge einer der
+Pruegelscenen sein zu muessen, die einem ueberall, wo die Sklaverei herrscht,
+das Landleben verbittern; gluecklicherweise wurden die Schwarzen menschlich
+behandelt.
+
+Auf dieser Pflanzung, wie ueberall in der Provinz Venezuela, unterscheidet
+man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das
+creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat
+ein dunkleres Blatt, einen duenneren Stengel und die Knoten stehen naeher
+bei einander; es ist diess das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf
+Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingefuehrt wurde. Die
+zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Gruen aus; der Stengel ist
+hoeher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verraeth ueppigeres Wachsthum.
+Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville
+brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an
+auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der
+Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die
+Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden
+Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein
+Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel
+und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres
+ist fuer die Antillen von grossem Werth, da die Pflanzer dort wegen der
+Ausrodung der Waelder schon lange die Kessel mit ausgepresstem Rohr heizen
+muessen. Ohne dieses neue Gewaechs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf
+dem Festland des spanischen Amerika und die Einfuehrung des indischen und
+Javazuckers, haetten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstoerung
+der dortigen grossen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen
+Einfluss auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geaeussert. Nach Caracas
+kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta
+und San Gil im Koenigreich Neu-Grenada. Gegenwaertig, nach
+fuenfundzwanzigjaehrigem Anbau, ist die Besorgniss verschwunden, die man
+Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr moechte allmaehlig
+ausarten und so duenn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist,
+so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr,
+_Cana de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu
+Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut.
+Es hat purpurfarbige, sehr breite Blaetter; in der Provinz Caracas
+verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder
+mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstuecken laufen Hecken aus einer gewaltig
+grossen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blaettern.
+Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Waesserungskanal
+gespeist werden sollte. Der Eigenthuemer hatte fuer das Unternehmen 7000
+Piaster an Baukosten und 4000 fuer die Processe mit seinen Nachbarn
+ausgegeben. Waehrend die Sachwalter sich ueber einen Kanal stritten, der
+erst zur Haelfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache
+ueberhaupt ausfuehrbar seh. Ich vermass das Terrain mittelst eines
+Probirglases auf einem kuenstlichen Horizont und fand, dass das Wehr acht
+Fuss zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen
+Colonien fuer Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen
+angelegt waren!
+
+Das Tuythal hat sein "Goldbergwerk", wie fast jeder von Europaeern
+bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr
+1780 habe man hier fremde Goldwaescher Goldkoerner sammeln sehen, und die
+Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Waescherei angelegt. Der
+Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und
+siehe, man fand in seinem Nachlass ein Wamms mit goldenen Knoepfen, und nach
+der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die
+Schuerfung durch einen Erdfall verschuettet worden war. So bestimmt ich auch
+erklaerte, nach dem blossen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen
+in der Richtung des Ganges, koenne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut
+worden sey -- es half nichts, ich musste den Bitten meiner Wirthe
+nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen
+Bezirk tagtaeglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schoosse der
+Erde graebt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das
+Gold, das der Fleiss des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden
+Klima gesegneten Boden erntet.
+
+Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im noerdlichen Zuge der
+Kuestengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_
+genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den
+Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses
+ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie ueberall, wo die Hoehen in die
+Wolkenregion reichen und die Wasserduenste auf ihrem Zug von der See her
+freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Gruen, das uns in
+den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den
+Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Baeume im Winter ihre
+Blaetter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, faellt
+einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so
+trocken, dass der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40 deg. steht.
+Weit ab vom Fluss sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges
+Pfeffergewaechs das entblaetterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung
+ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum
+erreicht; sie ruehrt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, dass "die
+Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heissen Erdstrich herueber
+wirken." Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewaechse
+bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Blaetter- und
+Bluethenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten
+sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen
+Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen
+Baeume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu
+treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in
+der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmaehlich feuchter, wenn
+sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blaesser und hoch oben in
+der Luft sammeln sich leichte, gleichfoermig verbreitete Duenste. In diese
+Jahreszeit faellt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein
+Fruehling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48)
+Winters Anfang verkuendigt und auf die Sommerhitze folgt.
+
+In der _Quebrada Seca_ wurde frueher Indigo gebaut; da aber der
+dichtbewachsene Boden nicht so viel Waerme abgeben kann, als die
+Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung
+wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter
+man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am
+noerdlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der ueber die
+fallenden Gneissschichten niederstuerzt; man arbeitete hier an einer
+Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene fuehren sollte; ohne Bewaesserung
+ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft moeglich.
+Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, ueber dem Hause
+des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, haette
+umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertruemmern muessen, so
+hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefaellt, dass er zwischen
+ungeheure Feigenbaeume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter
+rollen konnte. Wir massen den gefuellten Baum: der Wipfel war abgebrannt,
+und doch mass der Stamm noch 154 Fuss; er hatte an der Wurzel 8 Fuss
+Durchmesser und am obern Ende 4 Fuss 2 Zoll.
+
+Unsern Fuehrern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Baeume
+sind, und sie trieben uns vorwaerts, dem "Goldbergwerk" zu. Wir wandten uns
+nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am
+Abhang eines Huegels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den
+Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz
+veraendert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits
+wuchsen grosse Baeume auf dem Fleck, wo die Goldwaescher vor zwanzig Jahren
+gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass sich hier im
+Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen,
+goldhaltige Gaenge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagerstaette
+bauwuerdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto
+seltener, je reicher es ist? Um uns fuer unsere Anstrengung zu
+entschaedigen, botanisirten wir lange im dichten Wald ueber dem Hato, wo
+Cedrela, Brownea und Feigenbaeume mit Nymphaeenblaettern in Menge wachsen.
+Die Staemme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen
+bedeckt, die meist erst im April bluehen. Auch hier fielen uns wieder die
+Holzauswuechse auf, die in der Gestalt von Graeten oder Rippen den Stamm der
+amerikanischen Feigenbaeume bis zwanzig Fuss ueber dem Boden so ungemein dick
+machen. Ich habe Baeume gesehen, die ueber der Wurzel 221/2 Fuss Durchmesser
+hatten. Diese Holzgraeten trennen sich zuweilen acht Schuh ueber dem Boden
+vom Stamm und verwandeln sich in walzenfoermige, zwei Schuh dicke Wurzeln,
+und da sieht es aus, als wuerde der Baum von Strebepfeilern gestuetzt.
+Dieses Geruestwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die
+Seitenwurzeln schlaengeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fuss vom
+Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums
+hervorquellen und sofort, da er der Lebensthaetigkeit der Organe entzogen
+ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von
+Zellen und Gefaessen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen
+Riesenbaeumen der heissen Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem
+fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fuss hoch aufsteigt und wieder
+zum Boden rueckfliesst, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter
+dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens
+bergen!
+
+Ich benuetzte die hellen Naechte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte
+des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei
+Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39{~PRIME~} 14{~DOUBLE PRIME~} Laenge; nach
+dem Chronometer fand ich 4h 39{~PRIME~} 10{~DOUBLE PRIME~}. Diess waren die letzten Bedeckungen,
+die ich bis zu meiner Rueckkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben
+wurde das oestliche Ende der Thaeler von Aragua und der Fuss der Berge las
+Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhoehen von Canopus fand ich
+die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}, am
+10. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 34{~DOUBLE PRIME~}. Trotz der grossen Trockenheit der Luft flimmerten
+die Sterne bis zu 80 Grad Hoehe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt
+und jetzt vielleicht das Ende der schoenen Jahreszeit verkuendete. Die
+Inclination der Magnetnadel war 41 deg. 60{~PRIME~}, und 228 Schwingungen in 10
+Minuten Zeit gaben die Intensitaet der magnetischen Kraft an. Die
+Abweichung der Nadel war 4 deg. 30{~PRIME~} gegen Nordost.
+
+Waehrend meines Aufenthalts in den Thaelern des Tuy und von Aragua zeigte
+sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es
+unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends
+gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand
+fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten
+nach Sonnenuntergang, ohne dass der klare Himmel sich getruebt haette. Schon
+La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen,
+wie schoen sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl
+weil es weniger geneigt ist, als wegen der grossen Reinheit der Luft. Man
+muesste es auch auffallend finden, dass nicht lange vor Childrey und Dominic
+Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die
+gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und
+Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wuesste, wie wenig sie bis
+zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kuemmerten, was nicht
+unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte.
+
+So glaenzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es
+doch noch weit schoener auf dem Ruecken der Cordilleren von Mexico, am Ufer
+des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshoehe. Auf dieser Hochebene geht
+der Delucsche Hygrometer auf 150 zurueck, und bei einem Luftdruck von 21
+Zoll 8 Linien ist die Schwaechung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf
+den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60
+Grad ueber den Horizont herauf. Die Milchstrasse erschien blass neben dem
+Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Woelkchen gegen
+West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen.
+
+Ich muss hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in
+meinem an Ort und Stelle gefuehrten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet.
+Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach
+je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwaecher, jetzt wieder staerker. Bald
+war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstrasse im
+Schuetzen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im
+Innern, weit von den Raendern. Waehrend dieser Schwankungen des
+Zodiacallichts zeigte der Hygrometer grosse Trockenheit an. Die Sterne
+vierter und fuenfter Groesse erschienen dem blossen Auge fortwaehrend in
+derselben Lichtstaerke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen,
+und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeintraechtigen. In
+andern Jahren, in der suedlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe
+Stunde, ehe es verschwand, staerker werden. Nach Dominic Cassini sollte
+"das Zodiacallicht in manchen Jahren schwaecher und dann wieder so stark
+werden wie Anfangs." Er glaubte, dieser allmaehliche Lichtwechsel "haenge
+mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe
+periodisch Flecken und Fackeln erscheinen;" aber der ausgezeichnete
+Beobachter erwaehnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger
+Minuten erfolgenden Wechsel in der Staerke des Zodiacallichtes, wie ich
+denselben unter den Tropen oefters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich
+sehe man in den Monaten Februar und Maerz ziemlich oft mit dem
+Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte*
+nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont
+verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, dass in den von mir
+beobachteten Faellen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der
+Wechsel in der Lichtstaerke erfolgte in bedeutenden Hoehen, das Licht war
+weiss, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter
+den Tropen so selten sichtbar, dass ich in fuenf Jahren, so oft ich auch im
+Freien lag und das Himmelsgewoelbe anhaltend und sehr aufmerksam
+betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte.
+
+Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des
+Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so moechte ich glauben,
+dass diese Veraenderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen
+Vorgaengen in der Atmosphaere abhaengen. Zuweilen, in ganz heitern Naechten,
+suchte ich das Zodiacallicht vergebens, waehrend es Tags zuvor sich im
+groessten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, dass Emanationen, die
+das weisse Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen
+Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwaecher sind? Die
+Untersuchungen ueber den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit
+die Mathematiker uns bewiesen haben, dass uns die wahre Ursache der
+Erscheinung unbekannt ist. Der beruehmte Verfasser der _mecanique celeste_
+hat dargethan, dass die Sonnenatmosphaere nicht einmal bis zur Merkursbahn
+reichen kann, und dass sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen
+koennte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben muss. Es lassen
+sich zudem ueber das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie
+ueber das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es
+direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter
+die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen
+wichtigen Punkt zu erledigen.
+
+Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola
+auf. Der Weg fuehrt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war kuehl
+und feucht, und die Luft durchwuerzt vom koestlichen Geruch des _Pancratium
+undulatum_ und anderer grosser Liliengewaechse. Man kommt durch das huebsche
+Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthaetigen
+Muttergottesbildes beruehmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe
+der Familie Monteras Halt. Eine ueber hundert Jahre alte Negerin sass vor
+einer kleinen Huette aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine
+Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. "Ich
+halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_)", sagte ihr Enkel; "die Waerme
+erhaelt sie am Leben." Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die
+Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Voelker mit dunkler Haut,
+die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heissen
+Zone ein hohes, glueckliches Alter. Ich habe anderswo von einem
+eingeborenen Peruaner erzaehlt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90
+Jahre verheirathet gewesen war.
+
+Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter
+Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen.
+Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die
+Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schoenen Thaelern
+von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besassen, und sie
+wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Waelder
+am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe
+Cultur Schoenes und Gutes bietet.
+
+Der Weg von Mamon nach Victoria laeuft nach Sued und Suedwest. Den Tuy, der
+am Fuss der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren
+wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu
+seyn. Die Kalktuffhuegel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber
+senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse
+deuten das alte Seegestade an. Das oestliche Ende des Thals ist duerr und
+nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten
+Gebirge nicht benuetzt, aber in der Naehe der Stadt betritt man ein gut
+bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur fuer
+ein Dorf (_pueblo_) galt.
+
+Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schoenen Gebaeuden, einer Kirche mit
+dorischen Saeulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich
+nicht leicht als Dorf denken. Laengst hatten die Einwohner von Victoria den
+spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen
+Cabildo, einen Gemeinderath, waehlen zu duerfen. Das spanische Ministerium
+willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition
+Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der
+Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Huetten den vornehmen Titel
+_Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen
+nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Buerger seyn;
+aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie
+ausgeartet. Die Leute, welche die unumschraenkte Gewalt in Haenden haben,
+koennten so leicht den Einfluss von ein paar maechtigen Familien ihren
+Zwecken dienstbar machen; statt dessen fuerchten sie den sogenannten
+Unabhaengigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskoerper
+gelaehmt und kraftlos bleiben, als dass sie Mittelpunkte der Regsamkeit
+aufkommen liessen, die sich ihrem Einfluss entziehen, als dass sie der
+lokalen Lebensthaetigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub
+leisteten, nur weil diese Thaetigkeit vielmehr vom Volk als von der
+obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die
+Municipalverfassung vom Hose klugerweise beguenstigt. Maechtige Maenner, die
+bei der Eroberung eine Rolle gespielt, gruendeten Staedte und bildeten die
+ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehoerigen
+des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals
+Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht
+so argwoehnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland
+wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer
+Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der
+Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen
+des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich,
+misstrauisch, ausschliessend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem
+Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weissen eine
+Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung fuer Indien nichts gewusst
+hatte. Allmaehlich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einfluss
+der Gemeinden herabgedrueckt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und
+17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das
+Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof fuer gefaehrliche
+Hemmnisse der koeniglichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Doerfer
+trotz der Zunahme ihrer Bevoelkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das
+Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, dass die neueren
+Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch
+sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_
+die Artikel von den Verhaeltnissen der nach Amerika uebersiedelten Spanier,
+von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderaethe
+nachliest.
+
+Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein
+ganz eigenthuemlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen
+Meereshoehe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee-
+und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast
+nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europaeischen
+Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico
+wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Hoehe der Weizenbau stark
+betrieben, und nur selten geht er ueber 400 Toisen herab. Wir werden bald
+sehen, dass, wenn man Lagen von verschiedener Hoehe mit einander vergleicht,
+der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der
+mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide
+bauen kann, haengt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der
+Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit
+faellt, ob der Wind fortwaehrend aus Ost blaest oder von Norden her kalte
+Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang
+Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend oertlichen
+Verhaeltnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs
+als die Vertheilung derselben Waermemenge auf verschiedene Jahreszeiten
+bedingen. Es ist eine merkwuerdige Erscheinung, dass das europaeische
+Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Laendern
+mit einer mittleren Waerme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo
+die Sommertemperatur ueber 9--10 Grad betraegt. Man kennt das *Minimum* von
+Waerme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; ueber das *Maximum*,
+das diese sonst so zaehen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen.
+Wir wissen nicht einmal, welche Verhaeltnisse zusammenwirken, um unter den
+Tropen den Getreidebau in sehr geringen Hoehen moeglich zu machen. Victoria
+und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man saeet
+ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fuenfundsiebzigsten Tag.
+Das Korn ist gross, weiss und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist duenner,
+nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen.
+Bei Victoria ertraegt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen,
+also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den noerdlichen
+Laendern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, waehrend der Boden von
+Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fuenfte
+bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen traegt. Trotz dieser
+Fruchtbarkeit des Bodens und des guenstigen Klimas ist der Zuckerbau in den
+Thaelern von Aragua eintraeglicher als der Getreidebau.
+
+Durch Victoria laeuft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy,
+sondern in den Rio Aragua ergiesst, woraus hervorgeht, dass dieses schoene
+Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken
+des Sees von Valencia gehoert, zu einem System von Binnenfluessen, die mit
+der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio
+Calanchas heisst _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht
+man Waaren ausgestellt, und die Strassen bestehen aus Budenreihen, Zwei
+Handelsstrassen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello
+und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_
+genannt. Es sind im Verhaeltniss mehr Weisse hier als in Caracas. Wir
+besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr
+schoene Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thaeler von Aragua,
+ein weites, mit Gaerten, Bauland, Stuecken Wald, Hoefen und Weilern bedecktes
+Gelaende. Gegen Sued und Suedost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die
+hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen
+die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere
+Bergkette streicht nach West laengs des Sees von Valencia fort bis Villa de
+Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist
+steil und fortwaehrend in den leichten Dunst gehuellt, der in heissen Laendern
+ferne Gegenstaende stark blau faerbt und die Umrisse keineswegs verwischt,
+sondern sie nur staerker hervortreten laesst. In dieser innern Kette sollen
+die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des
+11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10 deg. 13{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}, die Inclination
+der Magnetnadel 40 deg.,80, die Intensitaet der magnetischen Kraft gleich 236
+Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4 deg.,40 nach
+Nordost.
+
+Wir zogen langsam weiter ueber die Doerfer San Matheo, Turmero und Maracay
+auf die Hacienda de Cura, eine schoene Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir
+erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmaehlig weiter; zu
+beiden Seiten desselben stehen Huegel von Kalktuff, den man hier zu Lande
+_tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche
+gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit
+Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir
+verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswuerdigen und gebildeten
+Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen
+Buechersammlung steht auf einer Anhoehe und ist mit Kaffe- und
+Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebuesch von Balsambaeumen
+(_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Kuehlung und Schatten. Mit reger
+Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Haeuser, die von
+Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten beguenstigen in
+den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den
+uebrigen europaeischen Nationen.
+
+San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Doerfer, wo Alles den groessten
+Wohlstand verraeth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von
+Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und
+die letzten Muehlen mit wagerechten Wasserraedern. Man rechnete bei der
+bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als waere diess noch
+ein maessiger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preussen und Polen mehr
+ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide
+arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher.
+Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die
+Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, weiss man,
+dass nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt
+als auf den Nordkuesten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada,
+Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen
+Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche
+der "Vegetationscyclus" des Getreides faellt, so findet(50) man fuer drei
+Sommermonate im noerdlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in
+Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Hoehe,
+14--25 Grad.
+
+Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thaelern von Aragua
+und im Innern von Cuba beweisen zur Genuege, dass Zunahme der Waerme die
+Ernte des Weizens und der andern naehrenden Graeser nicht beeintraechtigt,
+wenn nicht mit der hohen Temperatur uebermaessige Trockenheit oder
+Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die
+scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an
+der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, dass
+ostwaerts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_,
+diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, waehrend westlich von
+der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen
+Hoehe, die Vegetation noch so ueppig ist, dass der Weizen keine Aehren
+ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europaeische
+Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt fuer zu heiss
+oder zu feucht dafuer haelt. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier
+waren noch nicht so an den Mais gewoehnt, man hielt noch fester an den
+europaeischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen
+werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Saemereien aller
+Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach
+falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die
+Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte
+Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang
+im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die
+Kuestenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der
+Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend
+der Stadt Tocuyo werden jaehrlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls
+ausgefuehrt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas
+mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, dass
+dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine grosse Bedeutung erlangen
+wird. Die gemaessigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine
+eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshoehe ist nicht so
+bedeutend, dass die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter faenden,
+Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwaertig bezieht Caracas sein Mehl
+entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der
+Herstellung der oeffentlichen Ruhe auch fuer den Gewerbfleiss bessere Zeiten
+kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro
+eine Strasse gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl
+aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen.
+
+Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwaehrend
+durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der
+regelmaessigen Bauart der Doerfer erkennt man, dass alle den Moenchen und den
+Missionen den Ursprung verdanken. Die Strassen sind gerade, unter einander
+parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem grossen
+viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero
+ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen ueberladenes
+Gebaeude. Seit die Missionaere den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weissen
+Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden
+nach und nach als besondere Race, das heisst sie werden in der Gesammtmasse
+der Bevoelkerung durch die Mestizen und die Zambos repraesentirt, deren
+Anzahl fortwaehrend zunimmt. Indessen habe ich in den Thaelern von Aragua
+noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind
+sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die
+Chaymas; ihr Auge verraeth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge
+der Stammverschiedenheit als der hoeheren Civilisation ist. Sie arbeiten,
+wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie
+arbeiten, ruehrig und fleissig; was sie aber in zwei Monaten verdient,
+verschwenden sie in einer Woche fuer geistige Getraenke in den Schenken,
+deren leider von Tag zu Tag mehr werden.
+
+In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es
+den Leuten an, dass diese Thaeler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen
+Friedens genossen hatten. Der Generalcapitaen wollte das Militaerwesen
+wieder in Schwung bringen und hatte grosse Uebungen angeordnet. Da hatte in
+einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer
+gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht muede, uns zu
+schildern, wie gefaehrlich ein solches Manoever sey. "Rings um ihn seyen
+Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier
+Stunden in der Sonne stehen muessen, und seine Sklaven haben ihm nicht
+einmal einen Sonnenschirm ueber den Kopf halten duerfen." Wie rasch doch die
+scheinbar friedfertigsten Voelker sich an den Krieg gewoehnen! Ich laechelte
+damals ueber eine Hasenfuessigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit
+kundgab, und zwoelf Jahre darauf wurden diese selben Thaeler von Aragua, die
+friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defile von Cabrera und
+die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten,
+hartnaeckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des
+Mutterlandes.
+
+Suedlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und
+trennt zwei schoene Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere
+gehoert der Familie des Grafen Tovar, der ueberall in der Provinz
+Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt.
+Noerdlich von Turmero, in der Kuestencordillere, erhebt sich ein
+Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von
+Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach
+West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den
+reichen Cacaopflanzungen auf dem Kuestenstrich bei Choroni, Turiamo und
+Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen
+ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im
+Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Haefen an der
+Kueste fuehrt.
+
+Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am
+Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Huegel, wie ein gruen
+bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Huegel, noch ein
+Klumpen dicht beisammen stehender Baeume, sondern ein einziger Baum, der
+beruehmte _'Zamang de Guayre'_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren
+Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fuss im
+Umfang bilden. Der Zamang ist eine schoene Mimosenart, deren gewundene
+Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm
+vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen
+Gewoelbe. Der Stamm ist nur sechzig Fuss hoch und hat neun Fuss Durchmesser,
+seine Schoenheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste
+breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich ueberall
+dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fuss abstehen. Der Umriss der Krone
+ist so regelmaessig, dass ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und
+186 Fuss lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit
+ganz entblaettert; an einer andern Stelle standen noch Blaetter und Bluethen
+neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere
+Schmarotzergewaechse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde
+derselben. Die Bewohner dieser Thaeler, besonders die Indianer, halten den
+Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden
+haben moegen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet,
+ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst veraendert.
+Dieser Zamang muss zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei
+Orotava. Der Anblick alter Baeume hat etwas Grossartiges, Imponirendes; die
+Beschaedigung dieser Naturdenkmaeler wird daher auch in Laendern, denen es an
+Kunstdenkmaelern fehlt, streng bestraft. Wir hoerten mit Vergnuegen, der
+gegenwaertige Eigenthuemer des Zamang habe einen Paechter, der es gewagt,
+einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur
+Verhandlung und der Paechter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei
+Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren
+Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so
+gross.
+
+Je naeher man gegen Cura und Guacara am noerdlichen Ufer des Sees kommt,
+desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zaehlt in den
+Thaelern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten
+Landstrich ueber 52,000 Einwohner. Diess gibt auf die Quadratmeile 2000
+Seelen, also beinahe so viel wie in den bevoelkertsten Theilen Frankreichs.
+Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war frueher, als der Indigobau
+in hoechster Bluethe stand, der Hauptort fuer diesen Zweig der
+Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zaehlte man daselbst bei einer Bevoelkerung
+von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Haeuser sind alle
+von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbaeume, deren Krone ueber die Gebaeude
+emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch
+bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im
+Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar hoeher geschaetzt.
+Seit 1772 schloss sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist
+wieder aelter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich
+auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe,
+aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit
+Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige
+Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in
+Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr
+als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der
+ausserordentlichen Ertragsfaehigkeit des Bodens in den spanischen Colonien,
+wenn man einem sagt, dass der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen
+Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fuenf
+Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jaehrlich vier bis
+fuenftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und
+der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn.
+
+Der Anil erschoepft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander
+baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt
+der Boden fuer ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwaehrend
+abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch
+die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die
+ostindische Compagnie verkauft jetzt in London ueber 5,500,000 Pfund
+Indigo, waehrend sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000
+Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathaelern abnahm, einen
+desto groesseren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den
+heissen Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberuehrte Boden am Rio Tachira
+ein aeusserst farbreiches Produkt in Menge liefert.
+
+Wir kamen sehr spaet nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen
+hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere
+Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere
+Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon
+tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fuehlt immer wieder das
+Beduerfniss es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land
+der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbfleiss und Handel
+Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben.
+Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswuerdigsten Herzlichkeit
+auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfaeltig alles,
+was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro
+Gonzales, war in Handelsgeschaeften auf der Reise, und seine junge Frau
+genoss seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war ausser sich vor Vergnuegen, als
+sie hoerte, dass wir auf dem Rueckweg vom Rio Negro an den Orinoco nach
+Angostura kommen wuerden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er
+erfahren, dass ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Laendern gelten,
+wie bei den Alten, wandernde Gaeste fuer die sichersten Boten. Es gibt
+Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, dass Privatleute durch sie
+selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir
+aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf
+gesehen, am Morgen mussten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem
+Vater Zug fuer Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Buecher und
+Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, "auf einer langen
+Reise und bei so vielen anderweitigen Geschaeften koennten wir leicht
+vergessen, was fuer Augen ihr Kind habe." Wie liebenswuerdig ist solche
+Gastfreundschaft! wie koestlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja
+auch ein Charakterzug frueherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung
+ist!
+
+Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen
+Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Kueste
+laeuft ein Ast suedwaerts in die Ebene hinaus; es ist diess das Vorgebirge
+*Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen wuerde, wenn
+nicht ein schmaler Pass zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera
+hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine
+traurige Beruehmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um
+diesen Pass, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchfuehrt.
+Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren
+war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwaehrend sinkt.
+Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage aeusserst angenehm zu, und
+zwar in einem kleinen Hause in einem Gebuesch, weil im Hause auf der
+schoenen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den
+Sklaven in diesen Thaelern haeufig vorkommende Hautkrankheit.
+
+Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal,
+schliefen dreimal und assen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser
+des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes,
+sehr kuehles, koestliches Bad im Schatten von Ceibabaeumen und grossen
+Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon
+del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor
+Insektenstichen zu fuerchten, wohl aber vor den kleinen roethlichen Haaren
+an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem
+vom Winde zugefuehrt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend
+_picapica_ nennt, sich an den Koerper haengen, so verursachen sie ein sehr
+heftiges Jucken: man kuehlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie ruehren.
+
+Bei Cura sahen wir die saemmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen,
+Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um
+mehr Areal fuer den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die
+Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, dass die
+Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild waechst. Wir fanden
+8--10 Fuss hohe Straeucher, mit Bignonien und andern holzigten
+Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus
+Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jaehrlich
+kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Haefen der _Capitania general_ stieg
+sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf
+mehr als 22,000 Centner. Es ist diess fast die Haelfte dessen, was der ganze
+Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thaelern von Aragua
+ist von guter Qualitaet; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt
+fuer besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen.
+Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen
+Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die
+grossen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jaehrlich. Bedenkt man, dass in
+den Vereinigten Staaten, also ausserhalb der Tropen, in einem
+unbestaendigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima,
+die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815)
+von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht
+leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Massstab dieser
+Handelszweig sich entwickeln muss, wenn einmal in den vereinigten Provinzen
+von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der
+Gewerbfleiss nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwaertigen
+Verhaeltnissen erzeugen nach Brasilien die Kuesten von hollaendisch Guyana,
+der Meerbusen von Cariaco, die Thaeler von Aragua und die Provinzen
+Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Suedamerika.
+
+Waehrend unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausfluege auf die
+Felseninseln im See von Valencia, zu den heissen Quellen von Mariara und
+auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefaehrlicher
+Pfad fuehrt an den Hafen Turiamo und zu den beruehmten Cacaopflanzungen an
+der Kueste. Auf allen diesen Ausfluegen sahen wir uns angenehm ueberrascht
+nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das
+Wachsthum einer freien Bevoelkerung, die fleissig, an Arbeit gewoehnt und zu
+arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu koennen. Ueberall hatten
+kleine Landbauer, Weisse und Mulatten, zerstreute Hoefe angelegt. Unser
+Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einkuenfte hat, besass mehr Land, als er
+urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thaelern von Aragua unter arme
+Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, dass sich um
+seine grossen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen
+bald fuer sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der
+Ernte ihm als Tageloehner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle
+Ziel, die Negersklaverei im Lande allmaehlig auszurotten, und er hegte die
+doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger noethig zu
+machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Paechter zu werden.
+Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Laendereien bei
+Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstuecke
+zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika
+kam, fand er daselbst schoene Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30
+bis 40 Haeusern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben.
+Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie
+Neger. Mehrere grosse Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem
+Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling betraegt zehn Piaster auf die
+Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Paechter
+sind oft in Bedraengniss und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise
+ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschuesse reicher
+Nachbarn geraeth der Schuldner in eine Abhaengigkeit, in Folge deren er
+seine Dienste als Tagloehner oefter anbieten muss. Der Taglohn ist nicht so
+hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thaelern von Aragua und in den
+Llanos einem freien Tageloehner vier bis fuenf Piaster monatlich, neben der
+Kost, die beim Ueberfluss an Fleisch und Gemuese sehr wenig ausmacht. Gerne
+verbreite ich mich hier ueber den Landbau in den Colonien, weil solche
+Angaben den Europaeern darthun, was aufgeklaerten Colonisten laengst nicht
+mehr zweifelhaft ist, dass das Festland des spanischen Amerika durch freie
+Haende Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und dass die
+ungluecklichen Sklaven Bauern, Paechter und Grundbesitzer werden koennen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada,
+ nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den
+ Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst
+ zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt
+ Caracas gruendete.
+
+ 44 S. Bd. II, Seite 150.
+
+ 45 S. Humboldt, _Essay politique sur le Mexique._ T. II, pag. 435.
+
+ 46 S. Bd. I, Seite 294.
+
+ 47 An der Uhr in der Hauptkirche von Caracas trug ein 5 Linien dicker
+ Maqueystrick seit 15 Jahren ein Gewicht von 350 Pfund.
+
+* 48 Winter* heisst die Zeit im Jahr, wo es am meisten regnet, daher in
+ Terra Firma die mit der Winter-Tag-und Nachtgleiche beginnende
+ Jahreszeit Sommer genannt wird und man alle Tage sagen hoert, im
+ Gebirge sey es Winter, wahrend es in den benachbarten Niederungen
+ Sommer ist.
+
+ 49 Mairan ist dieselbe Erscheinung in Europa aufgefallen.
+
+ 50 Die mittlere Sommertemperatur ist in Schottland (bei Edinburgh unter
+ dem 56. Grad der Breite) dieselbe wie auf den Hochebenen von
+ Neu-Grenada, wo in 1400 Toisen Meereshoehe und unter dem vierten Grad
+ der Breite so viel Getreide gebaut wird. Auf der andern Seite
+ entspricht die mittlere Temperatur der Thaeler von Aragua (10 deg. 15{~PRIME~}
+ der Breite) und aller nicht sehr hoch gelegenen Ebenen in der heissen
+ Zone der *Sommertemperatur* von Neapel und Sicilien (39 deg. 40{~PRIME~} der
+ Breite). Die obigen Zahlen bezeichnen die Lage der *isotheren* (der
+ Linien der gleichen Sommerwaerme), nicht der *isothermen* Linien (der
+ Linien der gleichen Jahreswaerme). Hinsichtlich der Waermemenge,
+ welche ein Punkt der Erdoberflaeche im Lauf eines ganzen Jahres
+ empfaengt, entsprechen die mittleren Temperaturen der Thaeler von
+ Aragua und der Hochebenen von Neu-Grenada in 300--1400 Toifen
+ Meereshoehe den mittleren Temperaturen der Kuesten unter dem
+ 23--45. Grad der Breite.
+
+
+
+
+
+SECHZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Der See von Valencia. -- Die beissen Quellen von Mariara. -- Die
+ Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Kueste von Porto Cabello
+ hinab.
+
+
+Die Thaeler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit
+wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen
+Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Hoehe in der Mitte liegt. Nordwaerts
+trennt die Sierra Mariara sie von der Meereskueste, gegen Sueden dient ihnen
+die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die gluehende Luft
+der Steppen. Huegelzuege, hoch genug, um den Lauf der Gewaesser zu bestimmen,
+schliessen das Becken gegen Ost und West wie Querdaemme. Diese Huegel liegen
+zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua
+und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthuemlichen Gestaltung
+des Bodens bilden die Gewaesser der Thaeler von Aragua ein System fuer sich
+und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergiessen
+sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee,
+unterliegen hier dem maechtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich
+gleichsam in der Luft. Durch diese Fluesse und Seen wird die Fruchtbarkeit
+des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thaelern bedingt. Schon
+der Augenschein und eine halbhundertjaehrige Erfahrung zeigen, dass der
+Wasserstand sich nicht gleich bleibt, dass das Gleichgewicht zwischen der
+Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestoert ist. Da der See 1000
+Fuss ueber den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fuss ueber dem Meere
+liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abfluss oder
+versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel
+fortwaehrend sinkt, so meinte man, der See koennte voellig eintrocknen. Das
+Zusammentreffen so auffallender Naturverhaeltnisse musste mich auf diese
+Thaeler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der
+liebliche Eindruck fleissigen Anbaus und der Kuenste einer erwachenden
+Cultur sich vereinigen.
+
+Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist groesser als
+der Neuenburger See in der Schweiz; im Umriss aber hat er Aehnlichkeit mit
+dem Genfer See, der auch fast gleich hoch ueber dem Meere liegt. Da in den
+Thaelern von Aragua der Boden nach Sued und West faellt, so liegt der Theil
+des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunaechst der suedlichen
+Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von
+Ocumare zustreicht. Die einander gegenueberliegenden Ufer des Sees stechen
+auffallend von einander ab. Das suedliche ist wueste, kahl, fast gar nicht
+bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einfoermiges
+Ansehen; das noerdliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen
+Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und
+andern immer bluehenden Straeuchern eingefasste Wege laufen ueber die Ebene
+und verbinden die zerstreuten Hoefe. Jedes Haus ist von Baeumen umgeben. Der
+Ceiba mit grossen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Bluethen,
+deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthuemlichen
+Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben
+sticht wirkungsvoll vom eintoenigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der
+trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst ueber dem gluehenden Boden
+schwebt, wird das Gruen und die Fruchtbarkeit durch kuenstliche Bewaesserung
+unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage;
+ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren
+nackten, zerkluefteten Waenden wachsen einige Saftpflanzen und bilden
+Dammerde fuer kommende Jahrhunderte. Haeufig ist oben auf diesen einzeln
+stehenden Huegeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blaettern
+aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren
+duerren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer
+steilen Kueste. An der Gestaltung dieser Hoehen erraeth man, was sie frueher
+waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fuss
+der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und
+die Kuestenbergkette bespuelten, waren diese Felshuegel Untiefen oder
+Eilande.
+
+Diese Zuege eines reichen Gemaeldes, dieser Contrast zwischen den beiden
+Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des
+Waadtlands, wo der ueberall angebaute, ueberall fruchtbare Boden dem
+Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Muehen sicher lohnt, waehrend das
+savoyische Ufer gegenueber ein gebirgigtes, halb wuestes Land ist. In jenen
+fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen
+Natur, gedachte ich mit Lust der hinreissenden Beschreibungen, zu denen der
+Genfer See und die Felsen von Meillerie einen grossen Schriftsteller
+begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur
+in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung
+unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr
+Schaerfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft
+genug sagen: unter jedem Himmelsstriche traegt die Natur, sey sie wild oder
+vom Menschen gezaehmt, lieblich oder grossartig, ihren eigenen Stempel. Die
+Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig,
+gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie
+hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz
+zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Groesse und aeussere
+Formverhaeltnisse koennen eigentlich verglichen werden; man kann den
+riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserfaelle der
+Pyrenaeen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche
+vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich foerderlich seyn
+moegen, erfaehrt man wenig vom Naturcharakter des gemaessigten und des heissen
+Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem grossen Walde, am Fuss mit
+ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Groesse, was uns
+mit dem heimlichen Gefuehle der Bewunderung erfuellt. Was zu unserem Gemuethe
+spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft,
+entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschoenheiten
+recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem
+Charakter gar nicht vergleichen; man wuerde fuerchten sich selbst im Genuss
+zu stoeren.
+
+Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer
+malerischen Reize im Lande beruehmt; das Becken bietet verschiedene
+Erscheinungen, deren Aufklaerung fuer die Naturforschung und fuer den
+Wohlstand der Bevoelkerung von gleich grossem Interesse ist. Aus welchen
+Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwaertig rascher als vor
+Jahrhunderten? Laesst sich annehmen, dass das Gleichgewicht zwischen dem
+Zufluss und dem Abgang sich ueber kurz oder lang wieder herstellt, oder ist
+zu besorgen, dass der See ganz eingeht?
+
+Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva
+Valencia und Guigue ist der See gegenwaertig von Cagua bis Guayos 10 Meilen
+oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten
+an der Einmuendung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, betraegt
+sie nirgends ueber 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die
+Maasse, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als
+die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man koennte meinen, um das
+Verhaeltniss der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die
+gegenwaertige Groesse des Sees mit der zu vergleichen, welche alte
+Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 veroeffentlichten
+"_Geschichte der Provinz Venezuela_," angeben. Dieser Geschichtschreiber
+laesst in seinem hochtrabenden Styl "dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso
+cuerpo de la laguna de Valencia_", 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er
+berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund
+mehr, und grosse schwimmende Inseln bedecken die Seeflaeche, die fortwaehrend
+von den Winden aufgeruehrt werde. Unmoeglich laesst sich auf Schaetzungen
+Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_
+ausgedrueckt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550
+Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch
+die Thaeler von Aragua gekommen seyn muss, Beachtung, dass er behauptet, die
+Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See
+erbaut worden, und dass sich bei ihm die Laenge des Sees zur Breite verhaelt
+wie 7 zu 3. Gegenwaertig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener
+Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb
+Meilen angeschlagen haette, und die Laenge des Seebeckens verhaelt sich zur
+Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens
+zwischen Valencia und Guigue, die Huegel, die auf der Ebene oestlich vom
+Cano de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla
+de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heissen, beweisen
+zur Genuege, dass seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurueckgewichen ist.
+Was die Veraenderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir
+nicht sehr wahrscheinlich, dass er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur
+Haelfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von
+Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Sued rascher
+steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermassen gegen diese Annahme.
+
+Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewaesser zur
+Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in
+welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden.
+
+Wenn man die Flussthaeler und die Seebecken genau betrachtet, findet man
+ueberall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand laeugnet wohl
+jetzt mehr, dass unsere Fluesse und Seen in sehr bedeutendem Maasse
+abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch
+darauf hin, dass dieser grosse Wechsel in der Vertheilung der Gewaesser vor
+aller Geschichte eingetreten ist, und dass sich seit mehreren Jahrtausenden
+bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der
+Zufluesse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits
+hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestoert ist, thut man gut,
+sich umzusehen, ob solches nicht von rein oertlichen Verhaeltnissen und aus
+juengster Zeit herruehrt, ehe man eine bestaendige Abnahme des Wassers
+annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren
+der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische
+Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugniss einiger beredten
+Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, haette man in der
+Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis fuer den
+Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand.
+Um darzuthun, dass Amerika spaeter als Asien und Europa aus dem Wasser
+emporgestiegen, haette man wohl auch den See von Tacarigua angefuehrt, als
+eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch
+unausgesetzte allmaelige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, dass
+in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fuss des Gebirges Cocuysa bis zum
+Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der
+Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand.
+Ueberall laesst die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte
+Ufer eines Alpsees, aehnlich den Steiermaerker und Tyroler Seen, erkennen.
+Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch
+sind, kommen in 3 bis 4 Fuss dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero
+und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings,
+dass das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafuer vor, dass
+es seit jener weit entlegenen Zeit fortwaehrend abgenommen habe. Die Thaeler
+von Aragua gehoeren zu den Strichen von Venezuela, die am fruehesten
+bevoelkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte
+Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen,
+die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevoelkerung die
+weisse noch weit ueberwog und das Seeufer schwaecher bewohnt war, eben nicht
+bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreissig
+Jahren faellt es Jedermann in die Augen, dass dieses grosse Wasserbecken von
+selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die frueher unter Wasser
+standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und
+Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Huette baut, sieht man
+das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim
+Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen
+anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden
+bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und
+die Cabrera suedoestlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in
+Gestalt zerstreuter Huegel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt,
+liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die
+merkwuerdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem
+Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des
+Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir
+besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem
+Gestraeuch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen ueber dem jetzigen
+Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier
+abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten
+Spuren vom allmaeligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung
+wird von der Bevoelkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen
+drei neue Inseln oestlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie
+die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los
+nuevos Penones_ oder _las Aparecidas_ heissen, bilden eine Art Untiefen mit
+voellig ebener Oberflaeche- Sie waren im Jahr 1800 bereits ueber einen Fuss
+hoeher als der mittlere Wasserstand.
+
+Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia,
+gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems
+von Fluessen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die
+meisten dieser Gewaesser koennen nur Baeche heissen; es sind ihrer zwoelf bis
+vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet,
+und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug,
+durch den eben so viel abfliesse, als die Baeche hereinbringen. Die einen
+lassen diesen Abzug mit Hoehlen, die in grosser Tiefe liegen sollen, in
+Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fliesse durch einen
+schiefen Canal in das Meer. Dergleichen kuehne Hypothesen ueber den
+Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die
+Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen
+ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen
+nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der
+neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hoert man von unterirdischen
+Schluenden und Canaelen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen ueber
+und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut
+man auch weiss, dass Fluessigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung
+stehen, sich in dasselbe Niveau setzen.
+
+Einerseits die Verringerung der Masse der Zufluesse, die seit einem halben
+Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Waelder, der Urbarmachung der Ebenen
+und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des
+Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die
+Abnahme des Sees von Valencia zur Genuege erklaeren. Ich theile nicht die
+Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Laender besucht hat,(53) der
+zufolge man "zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik" einen
+unterirdischen Abfluss soll annehmen muessen. Faellt man die Baeume, welche
+Gipfel und Abhaenge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden
+Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und
+Wassermangel. Die Baeume sind vermoege des Wesens ihrer Ausduenstung und der
+Strahlung ihrer Blaetter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwaehrend mit
+einer kuehlen, dunstigen Lufthuelle umgeben; sie aeussern wesentlichen Einfluss
+auf die Fuelle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat,
+die in der Luft verbreiteten Wasserduenste anziehen, sondern weil sie den
+Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schuetzen und damit
+die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstoert man die Waelder, wie
+die europaeischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast
+thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flussbetten
+liegen einen Theil des Jahres ueber trocken, und werden zu reissenden
+Stroemen, so oft im Gebirge starker Regen faellt. Da mit dem Holzwuchs auch
+Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im
+Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmaelige Sickerung
+die Baeche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken
+Regenniederschlaege die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort
+und verursacht ploetzliches Austreten der Gewaesser, welche nun die Felder
+verwuesten. Daraus geht hervor, dass das Verheeren der Waelder, der Mangel an
+fortwaehrend fliessenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind,
+die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Laender in entgegengesetzten
+Hemisphaeren, die Lombardei am Fusse der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen
+dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende
+Beweise fuer die Richtigkeit dieses Satzes.
+
+Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die
+Thaeler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Grosse Baeume aus der Familie
+der Mimosen, Ceiba- und Feigenbaeume beschatteten die Ufer des Sees und
+verbreiteten Kuehlung. Die damals nur sehr duenn bevoelkerte Ebene war voll
+Strauchwerk, bedeckt mit umgestuerzten Baumstaemmen und
+Schmarotzergewaechsen, mit dichtem Rasenfilz ueberzogen, und gab somit die
+strahlende Waerme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben
+desshalb gegen die Sonnengluth nicht geschuetzte Boden. Mit der Ausrodung
+der Baeume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus
+nahmen die Quellen und alle natuerlichen Zufluesse des Sees von Jahr zu Jahr
+ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure
+Wassermassen durch die Verdunstung in der heissen Zone aufgesogen werden,
+und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist,
+wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftstroemungen
+auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir
+haben schon oben erwaehnt, dass die Waerme, welche das ganze Jahr in Cura,
+Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der staerksten
+Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur
+der Luft in den Thaelern von Aragua ist ungefaehr 25 deg.,5 [20 deg.,4 Reaumur]; die
+hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir fuer den Monat Februar im
+Durchschnitt aus Tag und Nacht 71 deg.,4 am Haarhygrometer. Da die Worte:
+grosse Trockenheit oder grosse Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben,
+und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken
+nennt, in Europa fuer feucht gaelte, so kann man ueber diese klimatischen
+Verhaeltnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone
+vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht
+regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr
+viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der
+Luft gleich 86 deg., entsprechend der mittleren Temperatur von 27 deg.,7. Rechnet
+man die Regenmonate ein, das heisst schaetzt man den Unterschied zwischen
+der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs,
+wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so
+ergibt sich fuer die Thaeler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von
+hoechstens 74 deg., bei einer Temperatur von 25 deg.,5. In dieser warmen und doch
+gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge
+verdunsteten Wassers. Nach der Dalton'schen Theorie berechnet sich die
+Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwaehnten Umstaenden in einer
+Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in
+vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemaessigten Zone, z. B. fuer Paris,
+die mittlere Temperatur zu 10 deg.,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82 deg. an,
+so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und
+eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses
+unzuverlaessigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer
+Beobachtung halten, so bedenke man, dass in Paris und Montmorency von
+Sedileau und Cotte die jaehrliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1
+Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im suedlichen Frankreich haben
+zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, dass der Canal von
+Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, ueber Abzug des Betrags der
+Versickerung, jaehrlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen
+Suempfen hat de Prony ungefaehr das gleiche Ergebniss erhalten. Aus allen
+diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer
+mittleren Temperatur von 10 deg.,5 und 16 deg. ergibt sich eine mittlere
+Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heissen Zone, z. B. auf den
+Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal
+staerker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit staerker mit
+Feuchtigkeit geschwaengert ist als in den Thaelern von Aragua, sah ich oft
+in zwoelf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter
+Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber
+das eben Angefuehrte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein gross die Masse
+des Wasserdunstes seyn muss, der aus dem See von Valencia und auf dem
+Gebiet aufsteigt, dessen Gewaesser sich in den See ergiessen. Ich werde
+Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurueckzukommen: in einem
+Werke, das die grossen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen
+zur Anschauung bringt, muss auch der Versuch gemacht werden, das Problem
+von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdaempfe
+unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshoehen zu loesen.
+
+Das Maass der Verdunstung haengt von einer Menge oertlicher Verhaeltnisse ab:
+von der staerkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der
+Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der
+Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Grossen aber wird die Verdunstung
+nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung
+der in der Luft enthaltenen Daempfe, durch den Widerstand, den die Luft, je
+nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der
+Verbreitung der Daempfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem
+gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der
+Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesaettigten Zustand
+aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthaelt. Es
+folgt daraus, dass (wie schon d'Aubuisson bemerkt, der meine
+hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heissen
+Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur
+glauben sollte, weil in den heissen Himmelsstrichen die Luft gewoehnlich
+sehr feucht ist.
+
+Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thaelern von Aragua kommen die
+Fluesschen, die sich in den See von Valencia ergiessen, in den sechs Monaten
+nach December als Zufluesse nicht mehr in Betracht. Im untern Stueck ihres
+Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer
+sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewaessern. Noch mehr: ein
+ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fuss
+des _la Galera_ genannten Huegelzugs entspringt, ergoss sich frueher in den
+See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de
+Cambury aufgenommen. Der Fluss lief damals von Sued nach Nord. Zu Ende des
+siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf
+den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Gelaendes ein neues Bett zu
+graben. Er leitete den Fluss ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewaesserung
+seines Grundstuecks und liess ihn dann gegen Sued, dem Abhang der Llanos
+nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Sued nimmt der
+Rio Pao drei andere Baeche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua,
+und ergiesst sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine
+nicht uninteressante Erscheinung, dass in Folge der eigenthuemlichen
+Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Suedwest der Rio Pao
+sich vom kleinen *inneren Flusssystem*, dem er urspruenglich angehoerte,
+trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit
+dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand
+geschah, thut die Natur haeufig selbst entweder durch allmaehliche
+Anschwemmung oder durch die Zerruettung des Bodens in Folge starker
+Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Fluesse im
+Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen
+laufen, sich einen Weg zur Meereskueste bahnen. So viel ist wenigstens
+sicher, dass es auf beiden Continenten innere Flusssysteme gibt, die man als
+*noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur
+bei Hochgewaesser oder bestaendig durch Gabelung unter sich zusammenhaengen.
+
+Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, dass, wenn in
+der Regenzeit der _Cano grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von
+Guigue ueberschwemmt, das Wasser dieses Cano und das des Sees von Valencia
+in den Rio Pao selbst zuruecklaufen, so dass dieses Fluesschen, statt dem See
+Wasser zuzufuehren, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas
+Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen
+den grossen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete
+Bergkette angeben. Bei Hochgewaesser stehen die Fluesse, die den Seen, und
+die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man
+faehrt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie
+auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Faelle scheinen mir von
+Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen.
+
+Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so
+wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten
+konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll faellt, ein grosser, mit
+fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken
+gelegt. Im Maasse, als der See sich zurueckzieht, rueckt der Landbau gegen
+das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, fuer die
+Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten
+zehn Jahren, in denen ganz Amerika an grosser Trockenheit litt,
+ungewoehnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthuemern im Land, statt
+die jeweiligen Kruemmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst
+Granitsaeulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren
+Wasserstand beobachten koennte. Der Marques del Toro will die Sache
+ausfuehren und auf Gneissgrund, der im See haeufig vorkommt, auf dem schoenen
+Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen.
+
+Unmoeglich laesst sich im voraus bestimmen, in welchem Maasse dieses
+Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht
+zwischen dem Zufluss einerseits und der Verdunstung und Einsickerung
+andererseits voellig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See
+werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegruendet. Wenn in Folge
+starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklaerten Ursachen zehn nasse
+Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit
+Wald bedeckten, wenn grosse Baeume das Seeufer und die Thaeler beschatteten,
+so wuerde im Gegentheil das Wasser steigen und den schoenen Pflanzungen, die
+gegenwaertig das Seebecken saeumen, gefaehrlich werden.
+
+Waehrend in den Thaelern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See
+moechte ganz eingehen, die andern, er moechte wieder zum verlassenen Gestade
+heraufkommen, hoert man in Caracas alles Ernstes die Frage eroertern, ob man
+nicht, um mehr Boden fuer den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal
+dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht
+zu laeugnen, dass solches moeglich waere, namentlich wenn man Canaele unter dem
+Boden, Stollen anlegte. Dem allmaehligen Ruecktritt des Wassers verdankt das
+herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa
+Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und
+Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick
+bezweifeln, dass nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die
+ungeheure Dunstmasse, welche Tag fuer Tag von der Wasserflaeche in die Luft
+aufsteigt, waeren die Thaeler von Aragua so trocken und duerr, wie die Berge
+umher.
+
+Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie
+man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Diess ist das
+Ergebniss der sorgfaeltigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei.
+Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so dass, obgleich
+sie in hohen Thaelern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des
+Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, dass der Boden des Sees von
+Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat.
+Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der
+Landspitze Cana Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenueber; im
+Ganzen aber ist der suedliche Theil des Sees tiefer als der noerdliche. Es
+ist nicht zu vergessen, dass jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der
+suedliche Theil des Beckens aber doch am naechsten bei einer steil
+abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, dass auch das Meer bei
+einer hohen, senkrechten Felskueste meist am tiefsten ist.
+
+Die Temperatur des Sees an der Wasserflaeche war waehrend meines Aufenthalts
+in den Thaelern von Aragua im Februar bestaendig 23 deg.--23 deg.,7, also etwas
+geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der
+Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Waerme entzieht, oder weil die
+Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer grossen Wassermasse
+nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Baeche aufnimmt, die aus
+kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern
+konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40
+Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit
+dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der
+Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor,
+dass zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshoehe von 190--274
+Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150
+Fuss Tiefe bestaendig eine Temperatur von 4 deg.,3 bis 6 deg. zeigen; aber diese
+Versuche sind noch niemals auf Seen in der heissen Zone wiederholt worden.
+In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer maechtig. Im
+Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberflaeche, dass die
+Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fuss Tiefe um einen Grad abnahm, also
+achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der
+Luft. In der gemaessigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt
+und weit drunter sinkt, muss der Boden eines Sees, waere er auch nicht von
+Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen
+enthalten, die im Winter an der Oberflaeche das Maximum ihrer Dichtigkeit
+(zwischen 3 deg.,4 und 4 deg.,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken
+sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0 deg.,5 sinken aber keineswegs
+unter die Schicht mit 4 deg. Temperatur, sondern finden das hydrostatische
+Gleichgewicht nur ueber derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn
+sich ihre Temperatur durch die Beruehrung mit weniger kalten Schichten um
+3--4 Grad erhoeht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben
+Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so faende man in sehr
+tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhaengen,
+*welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren
+Temperatur dem Maximum der Erkaltung ueber dem Frierpunkt, der jaehrlich die
+umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich kaeme. Nach
+dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, dass auf den Ebenen der
+heissen Zone und in nicht hochgelegenen Thaelern, deren mittlere Waerme 25 deg.,5
+bis 27 deg. betraegt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22 deg. Temperatur
+haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden
+Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7 deg., das also um 12--13 deg. kaelter ist
+als das Minimum der Luftwaerme ueber dem Meer, so ist diese Erscheinung,
+nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafuer, dass eine Meeresstroemung in
+der Tiefe die Gewaesser von den Polen zum Aequator fuehrt. Wir lassen hier
+das schwierige Problem uneroertert, wie unter den Tropen und in der
+gemaessigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen,
+diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekuehlten Wasserschichten auf die
+Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie
+diese Schichten, deren urspruengliche Temperatur unter den Tropen 27 deg., am
+Genfer See 10 deg. betraegt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden
+der Seen und des tropischen Oceans zurueckwirken? Diese Fragen sind von der
+hoechsten Wichtigkeit sowohl fuer die Lebensprocesse der Thiere, die
+gewoehnlich auf dem Boden des suessen und des Salzwassers leben, als fuer die
+Theorie von der Vertheilung der Waerme in Laendern, die von grossen, tiefen
+Meeren umgeben sind.
+
+Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische
+Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der
+Landschaft erhoehen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den
+Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fuenfzehn Inseln, die in drei Gruppen
+zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserduenste, die
+aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die groesste, 2000 Toisen lange, der
+Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten.
+Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See
+duenkt ihnen unermesslich gross, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas
+Fische. Eine Rohrhuette, ein paar Haengematten aus Baumwolle, die nebenan
+waechst, ein grosser Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht
+des Tutuma zum Wasserschoepfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte
+Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr huebsche Tochter. Unser
+Fuehrer erzaehlte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwoehnisch
+gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden waere. Tags
+zuvor waren Jaeger auf der Insel gewesen; die Nacht ueberraschte sie und sie
+wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo
+zurueckfahren. Darueber entstand grosse Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang
+die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen
+Boden nicht weit von der Huette steht. Er selbst legte sich unter den Baum
+und liess die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jaeger abgezogen
+waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch
+argwoehnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge.
+
+Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit
+weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der
+Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Baechen in den
+See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll
+lang, 31/2 Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina
+des Gronovius. Sie hat grosse, silberglaenzende, gruen geraenderte Schuppen;
+sie ist sehr gefraessig und laesst andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer
+versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft
+nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie
+habhaft werden, um es naeher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fuss
+lang und gilt fuer unschaedlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt
+kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht
+man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage
+liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die
+eigentlichen Monitors gehoeren nur der alten Welt an), noch Sebas
+*Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt.
+Reisende moegen nach uns darueber entscheiden, ich bemerke nur noch, als
+ziemlich auffallend, dass es im See von Valencia und im ganzen kleinen
+Flussgebiet desselben keine grossen Kaimans gibt, waehrend dieses gefaehrliche
+Thier wenige Meilen davon in den Gewaessern, die in den Apure und Orinoco,
+oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer
+laufen, sehr haeufig ist.
+
+Die Insel Chamberg ist durch ihre Hoehe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fuss
+hoher Gneissfels mit zwei sattelfoermig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des
+Felsen ist kahl: kaum dass ein paar Clusiastaemme mit grossen weissen Bluethen
+darauf wachsen, aber die Aussicht ueber den See und die ueppigen Fluren der
+anstossenden Thaeler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende
+von Wasservoegeln, Reiher, Flamingos und Wildenten ueber den See ziehen, um
+auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsguertel am Horizont in
+Feuer steht. Wie schon erwaehnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein
+frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den
+Gipfeln der Bergkette waechst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die
+oefters ueber tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie
+wenn Lavastroeme aus dem Bergkamm quoellen; Wenn man so an einem herrlichen
+tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Kuehle geniesst,
+betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das
+Bild der rothen Feuer rings am Horizont.
+
+Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen,
+kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst
+nirgends gefunden. Hieher gehoeren die See-Melonenbaeume (_Papaya de la
+laguna_) und die Liebesaepfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem
+_Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr
+schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, ueberall in
+den Thaelern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel
+Cura und auf Cabo Blanco sehr haeufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim
+gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Haelfte
+kleiner und voellig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll
+im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die
+leeren Zwischenraeume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die
+Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein suess; ich weiss nicht, ob es
+eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat.
+
+Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn
+bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist.
+Das von Gebueschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen
+Liliengewaechsen geschmueckte Gestade erinnert durch den Typus der
+Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europaeischen Seen. Man findet
+hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fuss hohe Teichkolben, die
+man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Suempfe kaum unterscheiden
+kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewaechsen
+der neuen Welt eigenthuemliche Arten. Wie viele Pflanzen von der
+Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind
+frueher wegen der grossen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit
+Gewaechsen der noerdlichen gemaessigten Zone zusammengeworfen worden!
+
+Die Bewohner der Thaeler von Aragua fragen haeufig, warum das suedliche Ufer
+des Sees, besonders aber der suedwestliche Strich desselben gegen las
+Aguacates, im Ganzen staerker bewachsen ist und ein frischeres Gruen hat als
+das noerdliche. Im Februar sahen wir viele entblaetterte Baeume bei der
+Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, waehrend suedoestlich von Valencia
+Alles bereits darauf deutete, dass die Regenzeit bevorstand. Nach meiner
+Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Sueden
+abweicht, die Huegel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze
+ausgebrannt, waehrend dem suedlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch
+die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugefuehrt wird,
+die sich ueber dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem suedlichen
+Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schoensten Tabaksfelder in der ganzen
+Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera
+fundacion_. Nach dem drueckenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der
+Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der
+Provinz Caracas nur in den Thaelern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa)
+und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag belaeuft sich auf
+5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, dass sie gegen
+230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas
+koennte vermoege ihrer Groesse und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie
+Cuba, saemmtliche europaeischen Maerkte, versorgen; aber unter den
+gegenwaertigen Verhaeltnissen erhaelt sie im Gegentheil durch den
+Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und
+Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem
+Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den
+Fortschritt des Landbaus laehmt, den natuerlichen Reichthum des Landes
+schmaelert und sich vergeblich abmueht, Laender abzusperren, durch welche
+dieselben Fluesse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich
+verwischen.
+
+Unter den Zufluessen des Sees von Valencia entspringen einige aus heissen
+Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen
+kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Kuestencordillere zu Tag,
+bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordoestlich von der
+Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia
+nach Porto Cabello. Nur die heissen Wasser von Mariara und las Trincheras
+konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen.
+Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge
+von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters,
+das aus senkrecht abfallenden Felswaenden besteht, ueber denen sich
+Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters
+fuehrt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den
+beiden Fluegeln derselben heisst der oestliche *el Chaparro*, der westliche
+*las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie
+bestehen aus einem sehr grobkoernigen, fast porphyrartigen Granit, in dem
+die gelblich-weissen Feldspathkrystalle ueber anderthalb Zoll lang sind; der
+Glimmer ist ziemlich selten darin und von schoenem Silberglanz. Nichts
+malerischer und grossartiger als der Anblick dieses halb gruengewachsenens
+Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem
+Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch
+senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als
+staenden Basaltsaeulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit stuerzt eine
+bedeutende Wassermasse ueber diese steilen Abhaenge herunter. Die Berge, die
+sich oestlich an die Teufelsmauer anschliessen, sind lange nicht so hoch und
+bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gneiss und granithaltigem
+Glimmerschiefer.
+
+In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordoestlich von
+Mariara, liegt die Schlucht der heissen Wasser, _Quebrada de aguas
+calientes_. Sie streicht nach Nord 75 deg. West und enthaelt mehrere kleine
+Tuempel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhaengen, nur 8 Zoll,
+die drei untern 2--3 Fuss Durchmesser haben; ihre Tiefe betraegt zwischen 3
+und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist
+56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind
+heisser als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhoehe nicht mehr
+als 7--8 Zoll betraegt. Die heissen Wasser laufen zu einem kleinen Bache
+zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreissig Fuss weiter unten nur 48 deg.
+Temperatur zeigt. Waehrend der groessten Trockenheit (in dieser Zeit
+besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heissen Wassers nur ein
+Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend
+groesser. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Waerme nimmt ab, denn
+die Temperatur der heissen Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab
+zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in
+geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern laesst sich
+nur ganz nahe bei den Quellen spueren. Nur in einem der Tuempel, in dem mit
+56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in
+ziemlich regelmaessigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, dass die
+Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und dass
+man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umruehren
+des Bodens mit einem Stock nicht merklich veraendern kann. Diese Stellen
+entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Loechern oder Spalten im Gneiss;
+auch sieht man, wenn ueber einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich
+auch ueber den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas
+anzuzuenden, weder die kleinen Mengen in den an der Flaeche des heissen
+Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche ueber
+den Quellen gesammelt, wobei mir uebel wurde, nicht sowohl vom Geruch des
+Gases als von der uebermaessigen Hitze in der Schlucht. Ist das
+Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensaeure oder mit atmosphaerischer
+Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so haeufig es auch bei
+heissen Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barege). Das in der Roehre eines
+Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschuettelt
+worden. Auf den kleinen Tuempeln schwimmt ein feines Schwefelhaeutchen, das
+sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff
+der Luft niederschlaegt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit
+Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man
+das Wasser von Mariara in einem offenen Gefaess erkalten laesst, ohne Zweifel
+weil die Quantitaet des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht
+erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Aufloesung von salpetersaurem
+Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es
+je einige Salze enthaelt, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure
+Bittererde, so koennen sie nur in sehr geringer Quantitaet darin seyn. Da
+wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so fuellten wir nur zwei
+Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch
+des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), ueber Porto Cabello und Havana, an
+Furcroy und Vauquelin nach Paris. Dass Wasser, die unmittelbar aus dem
+Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwuerdigsten
+Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das
+Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen
+oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Ruehrt es von
+Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her,
+die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthaelt?
+
+In der Schlucht der heissen Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern
+mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine
+haeutige, die Luftblasen enthaelt, und eine mit parallelen Fasern
+[_Conferva_?]. Erstere hat grosse Aehnlichkeit mit der _Ulva
+labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europaeischen warmen Quellen
+vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_]
+Buesche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des
+Bodens noch weit hoeher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe
+der Gewaechse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man
+findet Froesche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind
+und den Tod gefunden haben.
+
+Suedlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt,
+kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger
+Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser laeuft, liegt
+sechs Toisen hoeher als die eben beschriebenen Trichter. Der Thermometer
+stieg in der Spalte nur auf 42 deg.. Das Wasser sammelt sich in einem mit
+grossen Baeumen umgebenen, fast kreisrunden, 15 bis 18 Fuss weiten und 3 Fuss
+tiefen Becken. In dieses Bad werfen sich die ungluecklichen Sklaven, wenn
+sie gegen Sonnenuntergang, mit Staub bedeckt, ihr Tagewerk auf den
+benachbarten Indigo- und Zuckerfeldern vollbracht haben. Obgleich das
+Wasser des *Bano* gewoehnlich 10--14 Grad waermer ist als die Luft, nennen
+es die Schwarzen doch erfrischend, weil in der heissen Zone Alles so heisst,
+was die Kraefte herstellt, die Nervenaufregung beschwichtigt oder ueberhaupt
+ein Gefuehl von Wohlbehagen gibt. Wir selbst erprobten die heilsame Wirkung
+dieses Bades. Wir liessen unsere Haengematten an die Baeume, die das
+Wasserbecken beschatten, binden und verweilten einen ganzen Tag an diesem
+herrlichen Platz, wo es sehr viele Pflanzen gibt. In der Naehe des Bano de
+Mariara fanden wir den *Volador* oder Gyrocarpus. Die Fluegelfruechte dieses
+grossen Baumes fliegen wie Federbaelle, wenn sie sich vom Fruchtstiele
+trennen. Wenn wir die Aeste des Volador schuettelten, wimmelte es in der
+Luft von diesen Fruechten und ihr gleichzeitiges Niederfallen gewaehrte den
+merkwuerdigsten Anblick. Die zwei haeutigen gestreiften Fluegel sind so
+gebogen, dass die Luft beim Niederfallen unter einem Winkel von 45 Grad
+gegen sie drueckt. Gluecklicherweise waren die Fruechte, die wir auflasen,
+reif. Wir schickten welche nach Europa und sie keimten in den Gaerten zu
+Berlin, Paris und Malmaison. Die vielen Voladorpflanzen, die man jetzt in
+den Gewaechshaeusern sieht, kommen alle von dem einzigen Baum der Art, der
+bei Mariara steht. Die geographische Vertheilung der verschiedenen Arten
+von Gyrocarpus, den Brown zu den Laurineen rechnet, ist eine sehr
+auffallende. Jacquin sah eine Art bei Carthagena das Indias; eine andere
+Art, die auf den Bergen an der Kueste von Coromandel waechst, hat Roxburgh
+beschrieben; eine dritte und vierte kommen in der suedlichen Halbkugel auf
+den Kuesten von Neuholland vor.
+
+Waehrend wir nach dem Bade uns, nach Landessitte, halb in ein Tuch
+gewickelt, von der Sonne trocknen liessen, trat ein kleiner Mulatte zu uns.
+Nachdem er uns freundlich gegruesst, hielt er uns eine lange Rede ueber die
+Kraft der Wasser von Mariara, ueber die vielen Kranken, die sie seit
+einigen Jahren besuchten, ueber die guenstige Lage der Quellen zwischen zwei
+Staedten, Valencia und Caracas, wo das Sittenverderbniss mit jedem Tage
+aerger werde. Er zeigte uns sein Haus, eine kleine offene Huette aus
+Palmblaettern, in einer Einzaeunung, ganz nahe bei, an einem Bach, der in
+das Bad laeuft. Er versicherte uns, wir finden daselbst alle moeglichen
+Bequemlichkeiten, Naegel, unsere Haengematten zu befestigen, Ochsenhaeute, um
+auf Rohrbaenken zu schlafen, irdene mit immer frischem Wasser, und was uns
+nach dem Bad am besten bekommen werde, *Iguanas*, grosse Eidechsen, deren
+Fleisch fuer eine erfrischende Speise gilt. Wir ersahen aus diesem Vortrag,
+dass der arme Mann uns fuer Kranke hielt, die sich an der Quelle einrichten
+wollten. Er nannte sich "Wasserinspektor und *Pulpero*(57) des Platzes."
+Auch hatte seine Zuvorkommenheit gegen uns ein Ende, als er erfuhr, dass
+wir bloss aus Neugierde da waren, oder, wie man in den Colonien, dem wahren
+Schlaraffenlande, sagt, "_para ver, no mas_" (um zu sehen, weiter nichts).
+
+Man gebraucht das Wasser von Mariara mit Erfolg gegen rheumatische
+Geschwuelste, alte Geschwuere und gegen die schreckliche Hautkrankheit,
+Bubas genannt, die nicht immer syphilitischen Ursprungs ist. Da die
+Quellen nur sehr wenig Schwefelwasserstoff enthalten, muss man da baden, wo
+sie zu Tage kommen. Weiterhin ueberrieselt man mit dem Wasser die
+Indigofelder. Der reiche Besitzer von Mariara, Don Domingo Tovar, ging
+damit um, ein Badehaus zu bauen und eine Anstalt einzurichten, wo
+Wohlhabende etwas mehr fanden als Eidechsenfleisch zum Essen und Haeute auf
+Baenken zum Ruhen.
+
+Am 21. Februar Abends brachen wir von der schoenen Hacienda de Cura nach
+Guacara und Nueva Valencia auf. Wegen der schrecklichen Hitze bei Tage
+reisten wir lieber bei Nacht. Wir kamen durch den Weiler Punta Zamuro am
+Fuss der hohen Berge las Viruelas. Am Wege stehen grosse Zamangs oder
+Mimosen, deren Stamm 60 Fuss hoch wird. Die fast wagerechten Aeste
+derselben stossen auf mehr als 150 Fuss Entfernung zusammen. Nirgends habe
+ich ein schoeneres, dichteres Laubdach gesehen. Die Nacht war dunkel; die
+Teufelsmauer und ihre gezackten Felsen tauchten zuweilen in der Ferne auf,
+beleuchtet vom Schein der brennenden Savanen oder in roethliche Rauchwolken
+gehuellt. Wo das Gebuesch am dichtesten war, scheuten unsere Pferde ob dem
+Geschrei eines Thiers, das hinter uns her zu kommen schien. Es war ein
+grosser Tiger, der sich seit drei Jahren in diesen Bergen umtrieb und den
+Nachstellungen der kuehnsten Jaeger entgangen war. Er schleppte Pferde und
+Maulthiere sogar aus Einzaeunungen fort; da es ihm aber nicht an Nahrung
+fehlte, hatte er noch nie Menschen angefallen. Der Neger, der uns fuehrte,
+erhob ein wildes Geschrei, um den Tiger zu verscheuchen, was natuerlich
+nicht gelang. Der Jaguar streicht, wie der europaeische Wolf, den Reisenden
+nach, auch wenn er sie nicht anfallen will; der Wolf thut diess auf freiem
+Feld, auf offenen Landstrecken, der Jaguar schleicht am Wege hin und zeigt
+sich nur von Zeit zu Zeit im Gebuesch.
+
+Den dreiundzwanzigsten brachten wir im Hause des Marques del Toro im Dorfe
+Guacara, einer sehr starken indianischen Gemeinde, zu. Die Eingeborenen,
+deren Corregidor, Don Pedro Penalver, ein sehr gebildeter Mann war, sind
+ziemlich wohlhabend. Sie hatten eben bei der Audiencia einen Process
+gewonnen, der ihnen die Laendereien wieder zusprach, welche die Weissen
+ihnen streitig gemacht. Eine Allee von Carolinenbaeumen fuehrt von Guacara
+nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dieses prachtvolle Gewaechs, das
+eine der vornehmsten Zierden der Gewaechshaeuser in Schoenbrunn ist.(58)
+Mocundo ist eine reiche Zuckerpflanzung der Familie Toto. Man findet hier
+sogar, was in diesem Lande so selten ist, "den Luxus des Ackerbaus," einen
+Garten, kuenstliche Gehoelze und am Wasser auf einem Gneissfels ein Lusthaus
+mit einem *Mirador* oder Belvedere. Man hat da eine herrliche Aussicht auf
+das westliche Stueck des Sees, auf die Gebirge ringsum und auf einen
+Palmenwald zwischen Guacara und Nueva Valencia. Die Zuckerfelder mit dem
+lichten Gruen des jungen Rohrs erscheinen wie ein weiter Wiesgrund. Alles
+traegt den Stempel des Ueberflusses, aber die das Land bauen, muessen ihre
+Freiheit daran setzen. In Mocundo baut man mit 230 Negern 77 Tablones oder
+*Stuecke* Zuckerrohr, deren jedes 10,000 Quadrat-Varas(59) misst und
+jaehrlich einen Reinertrag von 200--240 Piastern gibt. Man setzt die
+Stecklinge des creolischen und des otaheitischen Zuckerrohrs im April, bei
+ersterem je 4, bei letzterem 5 Schuh von einander. Das Rohr braucht 14
+Monate zur Reife. Es blueht im Oktober, wenn der Setzling kraeftig ist, man
+kappt aber die Spitze, ehe die Rispe sich entwickelt. Bei allen
+Monocotyledonen (beim Maguey, der in Mexico wegen des *Pulque* gebaut
+wird, bei der Weinpalme und dem Zuckerrohr) erhalten die Saefte durch die
+Bluethe eine andere Mischung. Die Zuckerfabrikation ist in Terra Firma sehr
+mangelhaft, weil man nur fuer den Verbrauch im Lande fabricirt und man fuer
+den Absatz im Grossen sich lieber an den sogenannten *Papelon* als an
+raffinirten und Rohzucker haelt. Dieser Papelon ist ein unreiner,
+braungelber Zucker in ganz kleinen Hueten. Er ist mit Melasse und
+schleimigten Stoffen verunreinigt. Der aermste Mann isst Papelon, wie man in
+Europa Kaese isst; man haelt ihn allgemein fuer nahrhaft. Mit Wasser gegohren
+gibt er den *Guarapo*, das Lieblingsgetraenk des Volks. Zum Auslaugen des
+Rohrsafts bedient man sich, statt des Kalks, des unterkohlensauren Kalis.
+Man nimmt dazu vorzugsweise die Asche des *Bucare*, der _Erythrina
+corallodendron_.
+
+Das Zuckerrohr ist sehr spaet, wahrscheinlich erst zu Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts, von den Antillen in die Thaeler von Aragua gekommen. Man
+kannte es seit den aeltesten Zeiten in Indien, in China und auf allen
+Inseln des stillen Meeres; in Chorasan und in Persien wurde es schon im
+fuenften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Gewinnung festen Zuckers
+gebaut. Die Araber brachten das Rohr, das fuer die Bewohner heisser und
+gemaessigter Laender von so grossem Werthe ist, an die Kuesten des Mittelmeers.
+Im Jahr 1306 wurde es auf Sicilien noch nicht gebaut, aber auf Cypern,
+Rhodus und in Morea war es bereits verbreitet; hundert Jahre darauf war es
+ein werthvoller Besitz Calabriens, Siciliens und der spanischen Kuesten.
+Von Sicilien verpflanzte der Infant Henriquez das Zuckerrohr nach Madera,
+von Madera kam es auf die Canarien, wo es ganz unbekannt war; denn die
+_Ferulae_ von denen Juba spricht (_quae expressae liquorem fundunt potui
+jucundum_) sind Euphorbien, _Tabayba dulce_, und kein Zuckerrohr, wie man
+neuerdings behauptet hat. Nicht lange, so waren zehn Zuckermuehlen
+(_ingenios de azucar_ auf der grossen Canaria, auf Palma und auf Teneriffa
+zwischen Adexe, Icod und Garachico. Man brauchte Neger zum Bau, und ihre
+Nachkommen leben noch in den Hoehlen von Tiraxana auf der grossen Canaria.
+Seit das Zuckerrohr auf die Antillen verpflanzt worden ist, und seit die
+neue Welt den glueckseligen Inseln den Mais geschenkt, hat der Anbau dieser
+Grasart auf Teneriffa und der grossen Canaria den Zuckerbau verdraengt.
+Jetzt wird dieser nur noch auf Palma bei Argual und Taxacorte getrieben
+und liefert kaum 1000 Centner Zucker im Jahr. Das canarische Rohr, das
+Aiguilon nach St. Domingo brachte, wurde dort seit 1517 oder den sechs,
+sieben folgenden Jahren unter der Herrschaft der Hieronymiter-Moenche
+gebaut. Von Anfang an wurden Neger dazu verwendet, und schon 1519 stellte
+man, gerade wie heutzutage, der Regierung vor, "die Antillen waeren
+verloren und muessten wueste liegen bleiben, wenn man nicht alle Jahre
+Sklaven von der Kueste von Guinea herueberbraechte."
+
+Seit einigen Jahren haben sich der Anbau und die Fabrikation des Zuckers
+in Terra Firma bedeutend verbessert, und da auf Jamaica das Raffiniren
+gesetzlich verboten ist, so glaubt man auf die Aussicht von raffinirtem
+Zucker in die englischen Colonien auf dem Wege des Schleichhandels rechnen
+zu koennen. Aber der Verbrauch in den Provinzen von Venezuela an Papelon
+und an Rohzucker zu Chocolate und Zuckerbaeckerei (_dulces_) ist so gross,
+dass die Ausfuhr bis jetzt gar nicht in Betracht kam. Die schoensten
+Zuckerpflanzungen sind in den Thaelern von Aragua und des Tuy, bei Pao de
+Zarete, zwischen Victoria und San Sebastiano, bei Guatire, Guarenas und
+Caurimare. Wie das Zuckerrohr zuerst von den Canarien in die neue Welt
+kam, so stehen noch jetzt meist Canarier oder *Islengos* den grossen
+Pflanzungen vor und geben beim Anbau und beim Raffiniren die Anleitung.
+Dieser innige Verkehr mit den canarischen Inseln und ihren Bewohnern hat
+auch zur Einfuehrung der Kameele in die Provinzen von Venezuela Anlass
+gegeben. Der Marques del Toro liess ihrer drei von Lancerota kommen. Die
+Transportkosten waren sehr bedeutend, weil die Thiere auf den Kauffahrern
+sehr viel Raum einnehmen und sie sehr viel suesses Wasser beduerfen, da die
+lange Ueberfahrt sie stark angreift. Ein Kameel, fuer das man nur dreissig
+Piaster bezahlt, hatte nach der Ankunft auf der Kueste von Caracas acht-
+bis neunhundert Piaster gekostet. Wir sahen diese Thiere in Mocundo; von
+vieren waren schon drei in Amerika geworfen. Zwei waren vom Biss des Coral,
+einer giftigen Schlange, die am See sehr haeufig ist, zu Grunde gegangen.
+Man braucht bis jetzt diese Kameele nur, um das Zuckerrohr in die Muehlen
+zu schaffen. Die maennlichen Thiere, die staerker sind als die weiblichen,
+tragen 40--50 Arrobas. Ein reicher Gutsbesitzer in der Provinz-Barinas
+wollte, aufgemuntert durch den Vorgang des Marques del Toro, 15,000
+Piaster aufwenden und auf einmal 14 bis 15 Kameele von den canarischen
+Inseln kommen lassen. Solche Unternehmungen sind um so lobenswerther, da
+man diese Lastthiere zum Waarentransport durch die gluehend heissen Ebenen
+am Casanare, Apure und bei Calabozo benuetzen will, die in der trockenen
+Jahreszeit den afrikanischen Wuesten gleichen. Ich habe anderwaerts
+bemerkt,(60) wie sehr zu wuenschen waere, dass die Eroberer schon zu Anfang
+des sechzehnten Jahrhunderts, wie Rindvieh, Pferde und Maulthiere, so auch
+Kameele nach Amerika verpflanzt haetten. Ueberall wo in unbewohnten Laendern
+sehr grosse Strecken zurueckzulegen sind, wo sich keine Kanaele anlegen
+lassen, weil sie zu viele Schleussen erforderten (wie auf der Landenge von
+Panama, auf der Hochebene von Mexico, in den Wuesten zwischen dem
+Koenigreich Quito und Peru, und zwischen Peru und Chili), waeren Kameele fuer
+den Handelsverkehr im Innern von der hoechsten Bedeutung. Man muss sich um
+so mehr wundern, dass die Regierung nicht gleich nach der Eroberung die
+Einfuehrung des Thiers aufgemuntert hat, da noch lange nach der
+Unterwerfung von Grenada das Kameel, das Lieblingsthier der Mauren, im
+suedlichen Spanien sehr haeufig war. Ein Biscayer, Juan de Reinaga, hatte
+auf seine Kosten einige Kameele nach Peru gebracht. Pater Acosta sah sie
+gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts am Fusse der Anden; da sie aber
+schlecht gepflegt wurden, pflanzten sie sich spaerlich fort und starben
+bald aus. In diesen Zeiten der Unterdrueckung und des Elends, die man als
+die Zeiten des spanischen Ruhmes schildert, vermietheten die Encomenderos
+den Reisenden Indianer wie Lastthiere. Man trieb sie zu Hunderten
+zusammen, um Waaren ueber die Cordilleren zu schleppen, oder um die Heere
+auf ihren Eroberungs- und Raubzuegen zu begleiten. Die Eingeborenen
+unterzogen sich diesem Dienst um so geduldiger, da sie, beim fast voelligen
+Mangel an Hausthieren, schon seit langer Zeit von ihren eigenen
+Haeuptlingen, wenn auch nicht so unmenschlich, dazu angehalten worden
+waren. Die von Juan de Reinaga versuchte Einfuehrung der Kameele brachte
+die Encomenderos, die nicht gesetzlich, aber faktisch die Grundherrn der
+indianischen Doerfer waren, gewaltig in Aufruhr. Es ist nicht zu
+verwundern, dass der Hof den Beschwerden dieser Herrn Gehoer gab; aber durch
+diese Maassregel ging Amerika eines Mittels verlustig, das mehr als irgend
+etwas den Verkehr im Innern und den Waarenaustausch erleichtern konnte.
+Jetzt, da seit Carls III. Regierung die Indianer unter einem milderen
+Regimente stehen, und alle Zweige des einheimischen Gewerbfleisses sich
+freier entwickeln koennen, sollte die Einfuehrung der Kameele im Grossen, und
+von der Regierung selbst versucht werden. Wuerden einige hundert dieser
+nuetzlichen Thiere auf dem ungeheuren Areal von Amerika in heissen,
+trockenen Gegenden angesiedelt, so wuerde sich der guenstige Einfluss auf den
+allgemeinen Wohlstand schon in wenigen Jahren merkbar machen. Provinzen,
+die durch Steppen getrennt sind, waeren von Stunde an einander naeher
+gerueckt; manche Waaren aus dem Innern wuerden an den Kuesten wohlfeiler, und
+durch die Vermehrung der Kameele, zumal der *Hedjines*, der *Schiffe der
+Wueste*, kaeme ein ganz anderes Leben in den Gewerbfleiss und den Handel der
+neuen Welt.
+
+Am zweiundzwanzigsten Abends brachen wir von Mocundo auf und gingenueber
+los Guayos nach Nueva Valencia. Man kommt durch einen kleinen Palmenwald,
+dessen Baeume nach dem Habitus und der Bildung der faecherfoermigen Blaetter
+dem _Chamaerops humilis_ an der Kueste der Berberei gleichen. Der Stamm
+wird indessen 24, zuweilen sogar 30 Fuss hoch. Es ist wahrscheinlich eine
+neue Art der Gattung _Corypha_; die Palme heisst im Lande _Palma de
+Sombrero_ weil man aus den Blattstielen Huete, aehnlich unsern Strohhueten
+flicht. Das Palmengehoelz, wo die duerren Blaetter beim geringsten Luftzug
+rasseln, die auf der Ebene weidenden Kameele, das Wallen der Duenste auf
+einem vom Sonnenstrahl gluehenden Boden, geben der Landschaft ein
+afrikanisches Gepraege. Je naeher man an der Stadt und ueber das westliche
+Ende des Sees hinaus kommt, desto duerrer wird der Boden. Es ist ein ganz
+ebener, vom Wasser verlassener Thonboden. Die benachbarten Huegel, _Morros
+de Valencia_ genannt, bestehen aus weissem Tuff, einer ganz neuen Bildung,
+die unmittelbar auf dem Gneiss aufliegt. Sie kommt bei Victoria und an
+verschiedenen andern Punkten laengs der Kuestengebirgskette wieder zum
+Vorschein. Die weisse Farbe dieses Tuffs, von dem die Sonnenstrahlen
+abprallen, traegt viel zur drueckenden Hitze bei, die hier herrscht. Alles
+ist wuest und oede, kaum sieht man an den Ufern des Rio de Valencia hie und
+da einen Cacaostamm; sonst ist die Ebene kahl, pflanzenlos. Diese
+anscheinende Unfruchtbarkeit schreibt man hier, wie ueberall in den Thaelern
+von Aragua, dem Indigobau zu, der den Boden staerker erschoepft (_cansa_)
+als irgend ein Gewaechs. Es ware interessant, sich nach den wahren
+physischen Ursachen dieser Erscheinung umzusehen, ueber die man, wie ja
+auch ueber die Wirkung der Brache und der Wechselwirthschaft, noch lange
+nicht im Reinen ist. Ich beschraenke mich auf die allgemeine Bemerkung, dass
+man unter den Tropen desto haeufiger ueber die zunehmende Unfruchtbarkeit
+des Baulandes klagen hoert, je naeher man sich der Zeit der ersten
+Urbarmachung befindet. In einem Erdstrich, wo fast kein Gras waechst, wo
+jedes Gewaechs einen holzigten Stengel hat und gleich zum Busch aufschiesst,
+ist der unangebrochene Boden fortwaehrend von hohen Baeumen oder von
+Buschwerk beschattet. Unter diesen dichten Schatten erhaelt er sich ueberall
+frisch und feucht. So ueppig der Pflanzenwuchs unter den Tropen erscheint,
+so ist doch die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln auf einem nicht
+angebauten Boden geringer, waehrend auf dem mit Indigo, Zuckerrohr oder
+Manioc angepflanzten Lande die Gewaechse weit dichter bei einander stehen.
+Die Baeume und Gebuesche mit ihrer Fuelle von Zweigen und Laub ziehen, ihre
+Nahrung zum grossen Theil aus der umgebenden Luft, und die Fruchtbarkeit
+des jungfraeulichen Bodens nimmt zu durch die Zersetzung des
+vegetabilischen Stoffs, der sich fortwaehrend auf demselben aufhaeuft. Ganz
+anders bei den mit Indigo oder andern krautartigen Gewaechsen bepflanzten
+Feldern. Die Sonnenstrahlen fallen frei auf den Boden und zerstoeren durch
+die rasche Verbrennung der Kohlenwasserstoff- und anderer oxydirbaren
+Verbindungen die Keime der Fruchtbarkeit. Diese Wirkungen fallen den
+Colonisten desto mehr auf, da sie in einem noch nicht lange bewohnten
+Lande die Fruchtbarkeit eines seit Jahrtausenden unberuehrten Bodens mit
+dem Ertrag der bebauten Felder vergleichen koennen. In Bezug auf den Ertrag
+des Ackerbaus sind gegenwaertig die spanischen Colonien auf dem Festland
+und die grossen Inseln Portorico und Cuba gegen die kleinen Antillen
+bedeutend im Vortheil; Erstere haben vermoege ihrer Groesse, der
+mannigfaltigen Bodenbildung und der verhaeltnissmaessig geringen Bevoelkerung
+noch ganz den Typus eines unberuehrten Bodens, waehrend man auf Barbados,
+Tabago, Santa Lucia, auf den Jungfraueninseln und im franzoesischen Antheil
+von St. Domingo nachgerade spuert, dass lange fortgesetzter Anbau den Boden
+erschoepft. Wenn man in den Thaelern von Aragua die Indigofelder, statt sie
+aufzugeben und brach liegen zu lassen, nicht mit Getreide, sondern mit
+andern naehrenden und Futterkraeutern anpflanzte, wenn man dazu vorzugsweise
+Gewaechse aus verschiedenen Familien naehme, und solche, die mit breiten
+Blaettern den Boden beschatten, so wuerden allmaelig die Felder verbessert
+und ihnen ihre fruehere Fruchtbarkeit zum Theil wieder gegeben werden.
+
+Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen ansehnlichen Flaechenraum ein; aber
+die Bevoelkerung ist kaum sechs- bis siebentausend Seelen stark. Die
+Strassen sind sehr breit, der Markt (_plaza mayor_) ist uebermaessig gross, und
+da die Haeuser sehr niedrig sind, ist das Missverhaeltniss zwischen der
+Bevoelkerung und der Ausdehnung der Stadt noch auffallender als in Caracas.
+Viele Weisse von europaeischer Abstammung, besonders die aermsten, ziehen aus
+ihren Haeusern und leben den groessten Theil des Jahrs auf ihren kleinen
+Indigo- oder Baumwollenpflanzungen. Dort wagen sie es mit eigenen Haenden
+zu arbeiten, waehrend ihnen diess, nach dem im Lande herrschenden
+eingewurzelten Vorurtheil, in der Stadt zur Schande gereichte. Der
+Gewerbfleiss faengt im allgemeinen an sich zu regen, und der Baumwollenbau
+hat bedeutend zugenommen, seit dem Handel von Porto Cabello neue
+Freiheiten ertheilt worden sind und dieser Hafen als Haupthafen, als
+_puerto mayor_ den unmittelbar aus dem Mutterlande kommenden Schiffen
+offen steht.
+
+Nueva Valencia wurde im Jahr 1555 unter Villacindas Statthalterschaft von
+Alonzo Diaz Moreno gegruendet, und ist also zwoelf Jahre aelter als Caracas.
+Wir haben schon frueher bemerkt, dass in Venezuela die spanische Bevoelkerung
+von West nach Ost vorgerueckt ist. Valencia war anfangs nur eine zu
+Burburata gehoerige Gemeinde, aber letztere Stadt ist jetzt nur noch ein
+Platz, wo Maulthiere eingeschifft werden. Man bedauert, und vielleicht mit
+Recht, dass Valencia nicht die Hauptstadt des Landes geworden ist. Ihre
+Lage auf einer Ebene, am Ufer eines Sees wuerde an die von Mexico erinnern.
+Wenn man bedenkt, wie bequem man durch die Thaeler von Aragua in die Llanos
+und an die Nebenfluesse des Orinoco gelangt, wenn man sich ueberzeugt, dass
+sich durch den Rio Pao und die Portugueza eine Schifffahrtverbindung im
+innern Lande bis zur Muendung des Orinoco, zum Cassiquiare und dem
+Amazonenstrom herstellen liesse, so sieht man ein, dass die Hauptstadt der
+ausgedehnten Provinzen von Venezuela in der Naehe des praechtigen Hafens von
+Porto Cabello, unter einem reinen, heitern Himmel besser laege, als bei der
+schlecht geschuetzten Rhede von Guayra, in einem gemaessigten, aber das ganze
+Jahr nebligten Thale. So nahe beim Koenigreich Neu-Grenada, mitten inne
+zwischen den getreidereichen Gebieten von Victoria und Barquesimeto, haette
+die Stadt Valencia gedeihen muessen; sie konnte aber nicht gegen Caracas
+aufkommen, das ihr zwei Jahrhunderte lang einen bedeutenden Theil der
+Einwohner entzogen hat. Die Mantuanosfamilien lebten lieber in der
+Hauptstadt als in einer Provinzialstadt.
+
+Wer nicht weiss, von welcher Unmasse von Ameisen alle Laender in der heissen
+Zone heimgesucht sind, macht sich keinen Begriff von den Zerstoerungen
+dieser Insekten und von den Bodensenkungen, die von ihnen herruehren. Sie
+sind im Boden, auf dem Valencia steht, in so ungeheurer Menge, dass die
+Gaenge, die sie graben, unterirdischen Kanaelen gleichen, in der Regenzeit
+sich mit Wasser fuellen und den Gebaeuden sehr gefaehrlich werden. Man hat
+hier nicht zu den sonderbaren Mitteln gegriffen, die man zu Anfang des
+sechzehnten Jahrhunderts auf St. Domingo anwendete, als Ameisenschwaerme
+die schoenen Ebenen von la Vega und die reichen Besitzungen des Ordens des
+h. Franciscus verheerten. Nachdem die Moenche vergebens die Ameisenlarven
+verbrannt und es mit Raeucherungen versucht hatten, gaben sie den Leuten
+den Rath, einen Heiligen herauszuloosen, der als _Abagado contra los
+Hormigas_ dienen sollte. Die Ehre ward dem heiligen Saturnin zu Theil, und
+als man das erstemal das Fest des Heiligen beging, verschwanden die
+Ameisen. Seit den Zeiten der Eroberung hat der Unglauben gewaltige
+Fortschritte gemacht, und nur auf dem Ruecken der Cordilleren fand ich eine
+kleine Capelle, in der, der Inschrift zufolge, fuer die Vernichtung der
+*Termiten* gebetet werden sollte.
+
+Valencia hat einige geschichtliche Erinnerungen aufzuweisen, sie sind
+aber, wie Alles, was die Colonien betrifft, nicht sehr alt und beziehen
+sich entweder auf buergerliche Zwiste oder auf blutige Gefechte mit den
+Wilden. Lopez de Aguirre, dessen Frevelthaten und Abenteuer eine der
+dramatischsten Episoden in der Geschichte der Eroberung bilden, zog im
+Jahr 1561 aus Peru ueber den Amazonenstrom auf die Insel Margarita und von
+dort ueber den Hafen von Burburata in die Thaler von Aragua. Als er in
+Valencia eingezogen, die stolz den Namen einer *koeniglichen Stadt*, _Villa
+de el Rey_, fuehrt, verkuendigte er die Unabhaengigkeit des Landes und die
+Absetzung Philipps II. Die Einwohner fluechteten sich auf die Inseln im See
+und nahmen zu groesserer Sicherheit alle Boote am Ufer mit. In Folge dieser
+Kriegslist konnte Aguirre seine Grausamkeiten nur an seinen eigenen Leuten
+verueben. In Valencia schrieb er den beruechtigten Brief an den Koenig von
+Spanien, der ein entsetzlich wahres Bild von den Sitten des Kriegsvolks im
+sechzehnten Jahrhundert gibt. Der Tyrann (so heisst Aguirre beim Volk noch
+jetzt) prahlt unter einander mit seinen Schandthaten und mit seiner
+Froemmigkeit; er ertheilt dem Koenige Rathschlaege hinsichtlich der Regierung
+der Colonien und der Einrichtung der Missionen. Mitten unter wilden
+Indianern, auf der Fahrt auf einem grossen Suesswassermeer, wie er den
+Amazonenstrom nennt, "fuehlt er grosse Besorgniss ob der Ketzereien Martin
+Luthers und der wachsenden Macht der Abtruennigen in Europa." Lopez de
+Aguirre wurde, nachdem die Seinigen von ihm abgefallen, in Barquesimeto
+erschlagen. Als es mit ihm zu Ende ging, stiess er seiner einzigen Tochter
+den Dolch in die Brust, "um ihr die Schande zu ersparen, bei den Spaniern
+die Tochter eines Verraethers zu heissen." "Die Seele des Tyrannen" -- so
+glauben die Eingeborenen -- geht in den Savanen um in Gestalt einer
+Flamme, die entweicht, wenn ein Mensch auf sie zugeht.
+
+Das zweite geschichtliche Ereigniss, das sich an Valencia knuepft, ist der
+Einfall der Caraiben vom Orinoco her in den Jahren 1578 und 1580. Diese
+Horde von Menschenfressern zog am Guarico herauf und ueber die Llanos
+herueber. Sie wurde vom tapfern Garci-Gonzalez, einem der Capitaene, deren
+Namen noch jetzt in diesen Provinzen in hohen Ehren steht, gluecklich
+zurueckgeschlagen. Mit Befriedigung denkt man daran, dass die Nachkommen
+derselben Caraiben jetzt als friedliche Ackerbauer in den Missionen leben,
+und dass kein wilder Volksstamm in Guyana es mehr wagt, ueber die Ebenen
+zwischen der Waldregion und dem angebauten Lande herueberzukommen.
+
+Die Kuestencordillere ist von mehreren Schluchten durchschnitten, die
+durchgaengig von Suedost nach Nordwest streichen. Diess wiederholt sich von
+der Quebrada de Tocume zwischen Petarez und Caracas bis Porto Cabello. Es
+ist als waere aller Orten der Stoss von Suedost gekommen, und die Erscheinung
+ist um so auffallender, da die Gneiss- und Glimmerschieferschichten in der
+Kuestencordillere meist von Suedwest nach Nordost streichen. Die meisten
+dieser Schluchten schneiden in den Suedabhang der Berge ein, gehen aber
+nicht ganz durch; nur im Meridian von Nueva Valencia befindet sich eine
+Oeffnung (_Abra_), durch die man zur Kueste hinunter gelangt und durch die
+jeden Abend ein sehr erfrischender Seewind in die Thaeler von Aragua
+heraufkommt. Der Wind stellt sich regelmaessig zwei bis drei Stunden nach
+Sonnenuntergang ein.
+
+Durch diese *Abra*, ueber den Hof Barbula und durch einen oestlichen Zweig
+der Schlucht baut man eine neue Strasse von Valencia nach Porto Cabello.
+Sie wird so kurz, dass man nur vier Stunden in den Hafen braucht und man in
+Einem Tage vom Hafen in die Thaeler von Aragua und wieder zurueck kann. Um
+diesen Weg kennen zu lernen, gingen wir am sechs und zwanzigsten Februar
+Abends nach dem Hofe Barbula, in Gesellschaft der Eigenthuemer, der
+liebenswuerdigen Familie Arambary.
+
+Am sieben und zwanzigsten Morgens besuchten wir die heissen Quellen bei der
+Trinchera, drei Meilen von Valencia. Die Schlucht ist sehr breit und es
+geht vom Ufer des Sees bis zur Kueste fast bestaendig abwaerts. Trinchera
+heisst der Ort nach den kleinen Erdwerken, welche franzoesische Flibustiers
+angelegt, als sie im Jahre 1677 die Stadt Valencia pluenderten. Die heissen
+Quellen, und diess ist geologisch nicht uninteressant, entspringen nicht
+suedlich von den Bergen, wie die von Mariara, Onoto und am Brigantin; sie
+kommen vielmehr in der Bergkette selbst, fast am Nordabhang, zu Tag. Sie
+sind weit staerker als alle, die wir bisher gesehen, und bilden einen Bach,
+der in der trockensten Jahreszeit zwei Fuss tief und achtzehn breit ist.
+Die Temperatur des Wassers war, sehr genau gemessen, 90 deg.,3. Nach den
+Quellen von Urijino in Japan, die reines Wasser seyn und eine Temperatur
+von 100 deg. haben sollen, scheint das Wasser von la Trinchera de Porto
+Cabello das heisseste, das man ueberhaupt kennt. Wir fruehstueckten bei der
+Quelle. Eier waren im heissen Wasser in weniger als vier Minuten gar. Das
+stark schwefelwasserstoffhaltige Wasser entspringt auf dem Gipfel eines
+Huegels, der sich 150 Fuss ueber die Sohle der Schlucht erhebt und von
+Sued-Sued-Ost nach Nord-Nord-West streicht. Das Gestein, aus dem die Quelle
+kommt, ist ein aechter grobkoerniger Granit, aehnlich dem der Teufelsmauer in
+den Bergen von Mariara. Ueberall wo das Wasser an der Luft verdunstet,
+bildet es Niederschlaege und Incrustationen von kohlensaurem Kalk. Es geht
+vielleicht durch Schichten von Urkalk, der im Glimmerschiefer und Gneiss an
+der Kueste von Caracas so haeufig vorkommt. Die Ueppigkeit der Vegetation um
+das Becken ueberraschte uns. Mimosen mit zartem, gefiedertem Laub, Clusien
+und Feigenbaeume haben ihre Wurzeln in den Boden eines Wasserstuecks
+getrieben, dessen Temperatur 85 deg. betrug. Ihre Aeste stehen nur zwei, drei
+Zoll ueber dem Wasserspiegel. Obgleich das Laub der Mimosen bestaendig vom
+heissen Wasserdampf befeuchtet wird, ist es doch sehr schoen gruen. Ein Arum
+mit holzigtem Stengel und pfeilfoermigen Blaettern wuchs sogar mitten in
+einer Lache von 70 deg. Temperatur. Dieselben Pflanzenarten kommen anderswo in
+diesem Gebirge an Baechen vor, in denen der Thermometer nicht auf 18 deg.
+steigt. Noch mehr, vierzig Fuss von der Stelle, wo die 90 deg. heissen Quellen
+entspringen, finden sich auch ganz kalte. Beide Gewaesser laufen eine
+Strecke weit neben einander fort, und die Eingebornen zeigten uns, wie man
+sich, wenn man zwischen beiden Baechen ein Loch in den Boden graebt, ein Bad
+von beliebiger Temperatur verschaffen kann. Es ist auffallend, wie in den
+heissesten und in den kaeltesten Erdstrichen der gemeine Mann gleich sehr
+die Waerme liebt. Bei der Einfuehrung des Christenthums in Island wollte
+sich das Volk nur in den warmen Quellen am Hella taufen lassen, und in der
+heissen Zone, im Tiefland und auf den Cordilleren, laufen die Eingeborenen
+von allen Seiten den warmen Quellen zu. Die Kranken, die nach Trinchera
+kommen, um Dampfbaeder zu brauchen, errichten ueber der Quelle eine Art
+Gitterwerk aus Baumzweigen und ganz duennem Rohr. Sie legen sich nackt auf
+dieses Gitter, das, wie mir schien, nichts weniger als fest und nicht ohne
+Gefahr zu besteigen ist. Der _Rio de aguas calientes_ laeuft nach Nordost
+und wird in der Nahe der Kueste zu einem ziemlich ansehnlichen Fluss, in dem
+grosse Krokodile leben, und der durch sein Austreten den Uferstrich
+ungesund machen hilft.
+
+Wir gingen immer rechts am warmen Wasser nach Porto Cabello hinunter. Der
+Weg ist ungemein malerisch. Das Wasser stuerzt ueber die Felsbaenke nieder,
+und es ist als haette man die Fuelle der Neuss vom Gotthard herab vor sich;
+aber welch ein Contrast, was die Kraft und Ueppigkeit des Pflanzenwuchses
+betrifft! Zwischen bluehenden Gestraeuchen, aus Bignonien und Melastomen
+erheben sich majestaetisch die weissen Staemme der Cecropia. Sie gehen erst
+aus, wenn man nur noch in 100 Toisen Meereshoehe ist. Bis hieher reicht
+auch eine kleine stachligte Palme, deren zarte, gefiederte Blaetter an den
+Raendern wie gekraeuselt erscheinen. Sie ist in diesem Gebirge sehr haeufig;
+da wir aber weder Bluethe noch Frucht gesehen haben, wissen wir nicht, ob
+es die *Piritupalme* der Caraiben oder Jacquins _Cocos aculeata_ ist.
+
+Je naeher wir der Kueste kamen, desto drueckender wurde die Hitze. Ein
+roethlicher Dunst umzog den Horizont; die Sonne war am Untergehen, aber der
+Seewind wehte noch nicht. Wir ruhten in den einzeln stehenden Hoefen aus,
+die unter dem Namen *Cambury* und *Haus des Canariers* (_Casa del
+Islengo_) bekannt sind. Der _Rio de aguas calientes_, an dem wir hinzogen,
+wurde immer tiefer. Am Ufer lag ein todtes Krokodil; es war ueber neun Fuss
+lang. Wir haetten gerne seine Zaehne und seine Mundhoehle untersucht; aber es
+lag schon mehrere Wochen in der Sonne und stank so furchtbar, dass wir
+dieses Vorhaben aufgeben und wieder zu Pferde steigen mussten. Ist man im
+Niveau des Meeres angelangt, so wendet sich der Weg ostwaerts und laeuft
+ueber einen duerren anderthalb Meilen breiten Strand, aehnlich dem bei
+Cumana. Man sieht hin und wieder eine Fackeldistel, ein Sesuvium, ein paar
+Staemme _Coccoloba uvifera_ und laengs der Kueste wachsen Avicennien und
+Wurzeltraeger. Wir wateten durch den Guayguazo und den Rio Estevan, die, da
+sie sehr oft austreten, grosse Lachen stehenden Wassers bilden. Auf dieser
+weiten Ebene erheben sich wie Klippen kleine Felsen aus Maeandriten,
+Madreporiten und andern Corallen. Man koennte in denselben einen Beweis
+sehen, dass sich die See noch nicht sehr lange von hier zurueckgezogen; aber
+diese Massen von Polypengehaeusen sind nur Bruchstuecke, in eine Breccie mit
+kalkigtem Bindemittel eingebacken. Ich sage in eine Breecie, denn man darf
+die weissen frischen Coralliten dieser sehr jungen Formation an der Kueste
+nicht mit den Coralliten verwechseln, die im Uebergangsgebirge, in der
+Grauwacke und im schwarzen Kalkstein eingeschlossen vorkommen. Wir
+wunderten uns nicht wenig, dass wir an diesem voellig unbewohnten Ort einen
+starken, in voller Bluethe stehenden Stamm der _Parkinsonia aculeata_
+antrafen. Nach unsern botanischen Werken gehoert der Baum der neuen Welt
+an; aber in fuenf Jahren haben wir ihn nur zweimal wild gesehen, hier auf
+der Ebene am Rio Guayguaza und in den Llanos von Cumana, dreissig Meilen
+von der Kueste, bei Villa del Pao; Letzterer Ort konnte noch dazu leicht
+ein alter *Conuco* oder eingehegtes Baufeld seyn. Sonst ueberall auf dem
+Festland von Amerika sahen wir die Parkinsonia, wie die Plumeria, nur in
+den Gaerten der Indianer.
+
+Ich kam zu rechter Zeit nach Porto Cabello, um einige Hoehen des Canopus
+nahe am Meridian aufnehmen zu koennen; aber diese Beobachtungen, wie die am
+acht und zwanzigsten Februar aufgenommenen correspondirenden Sonnenhoehen,
+sind nicht sehr zuverlaessig. Ich bemerkte zu spaet, dass sich das
+Diopterlineal eines Troughtonschen Sextanten ein wenig verschoben hatte.
+Es war ein Dosensextant von zwei Zoll Halbmesser, dessen Gebrauch uebrigens
+den Reisenden sehr zu empfehlen ist. Ich brauchte denselben sonst meist
+nur zu geodaetischen Ausnahmen im Canoe auf Fluessen. In Porto Cabello wie
+in Guayra streitet man darueber, ob der Hafen ostwaerts oder westwaerts von
+der Stadt liegt, mit der derselbe den staerksten Verkehr hat. Die Einwohner
+glauben, Porto Cabello liege Nord-Nord-West von Nueva Valencia. Aus meinen
+Beobachtungen ergibt sich allerdings fuer jenen Ort eine Laenge von 3--4
+Minuten im Bogen weiter nach West. Nach Fidalgo laege er ostwaerts.
+
+Wir wurden im Hause eines franzoesischen Arztes, Juliac, der sich in
+Montpellier tuechtig gebildet hatte, mit groesster Zuvorkommenheit
+aufgenommen. In seinem kleinen Hause befanden sich Sammlungen mancherlei
+Art, die aber alle den Reisenden interessiren konnten:
+schoenwissenschaftliche und naturgeschichtliche Buecher, meteorologische
+Notizen, Baelge von Jaguars und grossen Wasserschlangen, lebendige Thiere,
+Affen, Guertelthiere, Voegel. Unser Hausherr war Oberwundarzt am koeniglichen
+Hospital in Porto Cabello, und im Lande wegen seiner tiefeingehenden
+Beobachtungen ueber das gelbe Fieber Vortheilhaft bekannt. Er hatte in
+sieben Jahren 600--800 von dieser schrecklichen Krankheit Befallene in das
+Spital aufnehmen sehen; er war Zeuge der Verheerungen, welche die Seuche
+im Jahr 1793 auf der Flotte des Admirals Ariztizabal angerichtet. Die
+Flotte verlor fast ein Dritttheil ihrer Bemannung, weil die Matrosen fast
+saemmtlich nicht acclimatisirte Europaeer waren und frei mit dem Lande
+verkehrten. Juliac hatte frueher, wie in Terra Firma und auf den Inseln
+gebraeuchlich ist, die Kranken mit Blutlassen, gelinde abfuehrenden Mitteln
+und saeuerlichen Getraenken behandelt. Bei diesem Verfahren denkt man nicht
+daran die Kraefte durch Reizmittel zu heben; man will beruhigen und
+steigert nur die Schwaeche und Entkraeftung. In den Spitaelern, wo die
+Kranken dicht beisammen lagen, starben damals von den weissen Creolen 33
+Procent, von den frisch angekommenen Europaeern 63 Procent. Seit man das
+alte herabstimmende Verfahren aufgegeben hatte und Reizmittel anwendete,
+Opium, Benzoe, weingeistige Getraenke, hatte die Sterblichkeit bedeutend
+abgenommen. Man glaubte, sie betrage nunmehr nur 20 Procent bei Europaeern
+und 10 bei Creolen, selbst dann, wenn sich schwarzes Erbrechen und
+Blutungen aus der Nase, den Ohren und dem Zahnfleisch einstellen und so
+die Krankheit in hohem Grade boesartig erscheint. Ich berichte genau, was
+mir damals als allgemeines Ergebniss der Beobachtungen mitgetheilt wurde;
+man darf aber, denke ich, bei solchen Zahlenzusammenstellungen nicht
+vergessen, dass, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung, die Epidemien
+mehrerer auf einander folgenden Jahre von einander abweichen, und dass man
+bei der Wahl zwischen staerkenden und herabstimmenden Mitteln (wenn je ein
+absoluter Unterschied zwischen beiden besteht) die verschiedenen Stadien
+der Krankheit zu unterscheiden hat.
+
+Die Hitze ist in Porto Cabello nicht so stark als in Guayra. Der Seewind
+ist staerker, haeufiger, regelmaessiger; auch lehnen sich die Haeuser nicht an
+Felsen, die bei Tag die Sonnenstrahlen absorbiren und bei Nacht die Waerme
+wieder von sich geben. Die Luft kann zwischen der Kueste und den Bergen von
+Ilaria freier circuliren. Der Grund der Ungesundheit der Luft ist im
+Strande zu suchen, der sich westwaerts, so weit das Auge reicht, gegen die
+_Punta de Tucacos_ beim schoenen Hafen von Chichiribiche fortzieht. Dort
+befinden sich die Salzwerke und dort herrschen bei Eintritt der Regenzeit
+die dreitaegigen Wechselfieber, die leicht in atactische Fieber uebergehen.
+Man hat die interessante Bemerkung gemacht, dass die Mestizen, die in den
+Salzwerken arbeiten, dunkelfarbiger sind und eine gelbere Haut bekommen,
+wenn sie mehrere Jahre hinter einander an diesen Fiebern gelitten haben,
+welche die *Kuestenkrankheit* heissen. Die Bewohner dieses Strandes, arme
+Fischer, behaupten, nicht daher, dass das Seewasser das Land ueberschwemme
+und wieder abfliesse, sey der mit Wurzeltraegern bewachsene Boden so
+ungesund, das Verderbniss der Luft ruehre vielmehr vom suessen Wasser her, von
+den Ueberschwemmungen des Rio Guayguaza und des Rio Estevan, die in den
+Monaten October und November so ploetzlich und so stark austreten. Die Ufer
+des Rio Estevan sind bewohnbarer geworden, seit man daselbst kleine Mais-
+und Pisangpflanzungen angelegt und durch Erhoehung und Befestigung des
+Bodens dem Fluss ein engeres Bett angewiesen hat. Man geht damit um, dem
+Estevan eine andere Muendung zu graben und dadurch die Umgegend von Porto
+Cabello gesuender zu machen. Ein Kanal soll das Wasser an den Kuestenstrich
+leiten, der der Insel Guayguaza gegenueberliegt.
+
+Die Salzwerke von Porto Cabello gleichen so ziemlich denen auf der
+Halbinsel Araya bei Cumana. Indessen ist die Erde, die man auslaugt, indem
+man das Regenwasser in kleinen Becken sammelt, nicht so salzhaltig. Man
+fragt hier wie in Cumana, ob der Boden mit Salztheilchen geschwaengert sey,
+weil er seit Jahrhunderten zeitweise unter Meerwasser gestanden, das an
+der Sonne verdunstet, oder ob das Salz im Boden enthalten sey wie in einem
+sehr armen Steinsalzwerk. Ich hatte nicht Zeit, den Strand hier so genau
+zu untersuchen wie die Halbinsel Araya; laeuft uebrigens der Streit nicht
+auf die hoechst einfache Frage hinaus, ob das Salz von neuen oder aber von
+uralten Ueberschwemmungen herruehrt? Da die Arbeit in den Salzwerken von
+Porto Cabello sehr ungesund ist, geben sich nur die aermsten Leute dazu
+her. Sie bringen das Salz an Ort und Stelle in kleine Magazine und
+verkaufen es dann in den Niederlagen in der Stadt.
+
+Waehrend unseres Aufenthaltes in Porto Cabello lief die Stroemung an der
+Kueste, die sonst gewoehnlich nach West geht, von West nach Ost. Diese
+*Stroemung nach oben* (_corriente por arriba_), von der bereits die Rede
+war, kommt zwei bis drei Monate im Jahr, vom September bis November,
+haeufig vor. Man glaubt, sie trete ein, wenn zwischen Jamaica und dem Cap
+San Antonio auf Cuba Nord-Westwinde geweht haben.
+
+Die militaerische Vertheidigung der Kuesten von Terra Firma stuetzt sich auf
+sechs Punkte, das Schloss San Antonio bei Cumana, den Morro bei Nueva
+Barcelona, die Werke (mit 134 Geschuetzen) bei Guayra, Porto Cabello, das
+Fort San Carlos an der Ausmuendung des Sees Maracaybo, und Carthagena. Nach
+Carthagena ist Porto Cabello der wichtigste feste Platz; die Stadt ist
+ganz neu und der Hafen einer der schoensten in beiden Welten. Die Lage ist
+so guenstig, dass die Kunst fast nichts hinzuzuthun hatte. Eine Erdzunge
+laeuft Anfangs gegen Nord und dann nach West. Die westliche Spitze
+derselben liegt einer Reihe von Inseln gegenueber, die durch Bruecken
+verbunden und so nahe bei einander sind, dass man sie fuer eine zweite
+Landzunge halten kann. Diese Inseln bestehen saemmtlich aus Kalkbreccien
+von sehr neuer Bildung, aehnlich der an der Kueste von Cumana und am Schloss
+Araya. Es ist ein Conglomerat von Madreporen und andern
+Corallenbruchstuecken, die durch ein kalkigtes Bindemittel und Sandkoerner
+verkittet sind. Wir hatten dasselbe Conglomerat bereits am Rio Guayguaza
+gesehen. In Folge der eigenthuemlichen Bildung des Landes stellt sich der
+Hafen als ein Becken oder als eine innere Lagune dar, an deren suedlichem
+Ende eine Menge mit Manglebaeumen bewachsener Eilande liegen. Dass der
+Hafeneingang gegen West liegt, traegt viel zur Ruhe des Wassers bei. Es
+kann nur Ein Fahrzeug auf einmal einlaufen, aber die groessten Linienschiffe
+koennen dicht am Lande ankern, um Wasser einzunehmen. Die einzige Gefahr
+beim Einlaufen bieten die Riffe bei Punta Brava, denen gegenueber eine
+Batterie von acht Geschuetzen steht. Gegen West und Suedwest erblickt man
+das Fort, ein regelmaessiges Fuenfeck mit fuenf Bastionen, die Batterie beim
+Riff und die Werke um die alte Stadt, welche auf einer Insel liegt, die
+ein verschobenes Viereck bildet. Ueber eine Bruecke und das befestigte Thor
+der Estacada gelangt man aus der alten Stadt in die neue, welche bereits
+groesser ist als jene, aber dennoch nur als Vorstadt gilt. Zu hinterst laeuft
+das Hafenbecken oder die Lagune um diese Vorstadt herum gegen Suedwest, und
+hier ist der Boden sumpfigt, voll stehenden, stinkenden Wassers. Die Stadt
+hat gegenwaertig gegen 9000 Einwohner. Sie verdankt ihre Entstehung dem
+Schleichhandel, der sich hier einnistete, weil die im Jahr 1549 gegruendete
+Stadt Burburata in der Naehe lag. Erst unter dem Regiment der Biscayer und
+der Compagnie von Guipuzcoa wurde Porto Cabello, das bis dahin ein Weiler
+gewesen, eine wohlbefestigte Stadt. Von Guayra, das nicht sowohl ein Hafen
+als eine schlechte offene Rhede ist, bringt man die Schiffe nach Porto
+Cabello, um sie ausbessern und kalfatern zu lassen.
+
+Der Hafen wird vorzugsweise durch die tief gelegenen Batterien auf der
+Landzunge Punta Brava und auf dem Riff vertheidigt, und diese Wahrheit
+wurde verkannt, als man auf den Bergen, welche die Vorstadt gegen Sued
+beherrschen, mit grossen Kosten ein neues Fort, den Mirador (Belvedere) de
+Solano baute. Dieses Werk, eine Viertelstunde vom Hafen, liegt 400--500
+Fuss ueber dem Meer. Die Baukosten betrugen jaehrlich und viele Jahre lang
+20--30,000 Piaster. Der Generalcapitaen von Caracas, Guevara Vasconzelos,
+war mit den besten spanischen Ingenieurs der Ansicht, der Mirador, auf dem
+zu meiner Zeit erst sechzehn Geschuetze standen, sey fuer die Vertheidigung
+des Platzes nur von geringer Bedeutung, und liess den Bau einstellen. Eine
+lange Erfahrung hat bewiesen, dass sehr hoch gelegene Batterien, wenn auch
+sehr schwere Stuecke darin stehen, die Rhede lange nicht so wirksam
+bestreichen, als tief am Strand oder auf Daemmen halb im Wasser liegende
+Batterien mit Geschuetzen von geringerem Kaliber. Wir fanden den Platz
+Porto Cabello in einem keineswegs befriedigenden Vertheidigungszustand.
+Die Werke am Hafen und der Stadtwall mit etwa sechzig Geschuetzen erfordern
+eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann, und es waren nicht 600 da. Es war
+auch eine koenigliche Fregatte, die an der Einfahrt des Hafens vor Anker
+lag, bei Nacht von den Kanonierschaluppen eines englischen Kriegsschiffe
+angegriffen und weggenommen worden. Die Blokade beguenstigte vielmehr den
+Schleichhandel, als dass sie ihn hinderte, und man sah deutlich, dass in
+Porto Cabello die Bevoelkerung in der Zunahme, der Gewerbfleiss im
+Aufschwung begriffen waren. Am staerksten ist der gesetzwidrige Verkehr mit
+den Inseln Curacao und Jamaica. Man fuehrt ueber 10,000 Maulthiere jaehrlich
+aus. Es ist nicht uninteressant, die Thiere einschiffen zu sehen. Man
+wirft sie mit der Schlinge nieder und zieht sie an Bord mittelst einer
+Vorrichtung gleich einem Krahn. Aus dem Schiffe stehen sie in zwei Reihen
+und koennen sich beim Schlingern und Stampfen kaum auf den Beinen halten.
+Um sie zu schrecken und fuegsamer zu machen, wird fast fortwaehrend Tag und
+Nacht die Trommel geruehrt. Man kann sich denken, wie sanft ein Passagier
+ruht, der den Muth hat, sich auf einer solchen mit Maulthieren beladenen
+Goelette nach Jamaica einzuschiffen.
+
+Wir verliessen Porto Cabello am ersten Merz mit Sonnenaufgang. Mit
+Verwunderung sahen wir die Masse von Kaehnen, welche Fruechte zu Markt
+brachten. Es mahnte mich an einen schoenen Morgen in Venedig. Vom Meere aus
+gesehen, liegt die Stadt im Ganzen freundlich und angenehm da. Dicht
+bewachsene Berge, ueber denen Gipfel aufsteigen, die man nach ihren
+Umrissen der Trappformation zuschreiben koennte, bilden den Hintergrund der
+Landschaft. In der Naehe der Kueste ist alles nackt, weiss, stark beleuchtet,
+die Bergwand dagegen mit dicht belaubten Baeumen bedeckt, die ihre
+gewaltigen Schatten ueber braunes steinigtes Erdreich werfen. Vor der Stadt
+besahen wir die eben fertig gewordene Wasserleitung. Sie ist 5000 Varas
+lang und fuehrt in einer Rinne das Wasser des Rio Estevan in die Stadt.
+Dieses Werk hat 30,000 Piaster gekostet, das Wasser springt aber auch in
+allen Strassen.
+
+Wir gingen von Porto Cabello in die Thaeler von Aragua zurueck und hielten
+wieder auf der Pflanzung Barbula an, ueber welche die neue Strasse nach
+Valencia gefuehrt wird. Wir hatten schon seit mehreren Wochen von einem
+Baume sprechen hoeren, dessen Saft eine naehrende Milch ist. Man nennt ihn
+den *Kuhbaum* und man versicherte uns, die Neger auf dem Hofe trinken viel
+von dieser vegetabilischen Milch und halten sie fuer ein gesundes
+Nahrungsmittel. Da alle milchigten Pflanzensaefte scharf, bitter und mehr
+oder weniger giftig sind, so schien uns diese Behauptung sehr sonderbar;
+aber die Erfahrung lehrte uns waehrend unseres Aufenthalts in Barbula, dass,
+was man uns von den Eigenschaften des _Palo de __ Vaca_ erzaehlt hatte,
+nicht uebertrieben war. Der schoene Baum hat den Habitus des _Chrysophyllum
+cainito_ oder Sternapfelbaums; die laenglichten, zugespitzten,
+lederartigen, abwechselnden Blaetter haben unten vorspringende, parallele
+Seitenrippen und werden zehn Zoll lang. Die Bluethe bekamen wir nicht zu
+sehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthaelt eine, bisweilen zwei
+Nuesse. Macht man Einschnitte in den Stamm des Kuhbaums, so fliesst sehr
+reichlich eine klebrigte, ziemlich dicke Milch aus, die durchaus nichts
+Scharfes hat und sehr angenehm wie Balsam riecht. Man reichte uns welche
+in den Fruechten des Tutumo oder Flaschenbaums. Wir tranken Abends vor
+Schlafengehen und frueh Morgens viel davon, ohne irgend eine nachtheilige
+Wirkung. Nur die Klebrigkeit macht diese Milch etwas unangenehm. Die Neger
+und die Freien, die auf den Pflanzungen arbeiten, tunken sie mit Mais- und
+Maniocbrod, *Arepa* und *Cassave*, aus. Der Verwalter des Hofs versicherte
+uns, die Neger legen in der Zeit, wo der Palo de Vaca ihnen am meisten
+Milch gibt, sichtbar zu. Bei freiem Zutritt der Luft zieht der Saft an der
+Oberflaeche, vielleicht durch Absorption des Sauerstoffs der Luft, Haeute
+einer stark animalisirten, gelblichen, faserigen, dem Kaesestoff aehnlichen
+Substanz. Nimmt man diese Haeute von der uebrigen waesserigen Fluessigkeit ab,
+so zeigen sie sich elastisch wie Cautschuc, in der Folge aber faulen sie
+unter denselben Erscheinungen wie die Gallerte. Das Volk nennt den
+Klumpen, der sich an der Luft absetzt, *Kaese*; der Klumpen wird nach fuenf,
+sechs Tagen sauer, wie ich an den kleinen Stuecken bemerkte, die ich nach
+Nueva Valencia mitgebracht. In einer verschlossenen Flasche setzte sich in
+der Milch etwas Gerinsel zu Boden, und sie wurde keineswegs uebelriechend,
+sondern behielt ihren Balsamgeruch. Mit kaltem Wasser vermischt gerann der
+frische Saft nur sehr wenig, aber die klebrigten Haeute setzten sich ab,
+sobald ich denselben mit Salpetersaeure in Beruehrung brachte. Wir schickten
+Fourcroys in Paris zwei Flaschen dieser Milch. In der einen war sie im
+natuerlichen Zustand, in der andern mit einer gewissen Menge kohlensauren
+Natrons versetzt. Der franzoesische Consul auf der Insel St. Thomas
+uebernahm die Befoerderung.
+
+Dieser merkwuerdige Baum scheint der Kuestencordillere, besonders von
+Barbula bis zum See Maracaybo, eigenthuemlich. Beim Dorf San Mateo und nach
+Bredemayer, dessen Reisen die schoenen Gewaechshaeuser von Schoenbrunn und
+Wien so sehr bereichert haben, im Thal von Caucagua, drei Meilen von
+Caracas, stehen auch einige Staemme. Dieser Naturforscher fand, wie wir,
+die vegetabilische Milch des _Palo de Vaca_ angenehm von Geschmack und von
+aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, der den
+naehrenden Saft gibt, *Milchbaum, *_Arbol del leche_. Sie wollen an der
+Dicke und Farbe des Laubs die Baeume erkennen, die am meisten Saft geben,
+wie der Hirte nach aeussern Merkmalen eine gute Milchkuh herausfindet. Kein
+Botaniker kannte bis jetzt dieses Gewaechs, dessen Fructificationsorgane
+man sich leicht wird verschaffen koennen. Nach Kunth scheint der Baum zu
+der Familie der Sapoteen zu gehoeren. Erst lange nach meiner Rueckkehr nach
+Europa fand ich in des Hollaenders Laet Beschreibung von Westindien eine
+Stelle, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. "In der Provinz
+Cumana," sagt Laet, gibt es Baeume, deren Saft geronnener Milch gleicht und
+ein *gesundes Nahrungsmittel* abgibt."
+
+Ich gestehe, von den vielen merkwuerdigen Erscheinungen, die mir im Verlauf
+meiner Reise zu Gesicht gekommen, haben wenige auf meine Einbildungskraft
+einen staerkeren Eindruck gemacht als der Anblick des Kuhbaums. Alles was
+sich auf die Milch oder auf die Getreidearten bezieht, hat ein Interesse
+fuer uns, das sich nicht auf die physikalische Kenntniss der Gegenstaende
+beschraenkt, sondern einem andern Kreise von Vorstellungen und Empfindungen
+angehoert. Wir vermoegen uns kaum vorzustellen, wie das Menschengeschlecht
+bestehen koennte ohne mehligte Stoffe, ohne den naehrenden Saft in der
+Mutterbrust, der auf den langen Schwaechezustand des Kindes berechnet ist.
+Das Staerkmehl des Getreides, das bei so vielen alten und neueren Voelkern
+ein Gegenstand religioeser Verehrung ist, kommt in den Samen und den
+Wurzeln der Gewaechse vor; die naehrende Milch dagegen erscheint uns als ein
+ausschliessliches Produkt der thierischen Organisation. Diesen Eindruck
+erhalten wir von Kindheit auf, und daher denn auch das Erstaunen, womit
+wir den eben beschriebenen Baum betrachten. Was uns hier so gewaltig
+ergreift, sind nicht prachtvolle Waelderschatten, majestaetisch
+dahinziehende Stroeme, von ewigem Eis starrende Gebirge: ein paar Tropfen
+Pflanzensaft fuehren uns die ganze Macht und Fuelle der Natur vor das innere
+Auge. An der kahlen Felswand waechst ein Baum mit trockenen, lederartigen
+Blaettern; seine dicken holzigten Wurzeln dringen kaum in das Gestein.
+Mehrere Monate im Jahr netzt kein Regen sein Laub; die Zweige scheinen
+vertrocknet, abgestorben; bohrt man aber den Stamm an, so fliesst eine
+suesse, nahrhafte Milch heraus. Bei Sonnenaufgang stroemt die vegetabilische
+Quelle am reichlichsten; dann kommen von allen Seiten die Schwarzen und
+die Eingeborenen mit grossen Naepfen herbei und fangen die Milch auf, die
+sofort an der Oberflaeche gelb und dick wird. Die einen trinken die Naepfe
+unter dem Baum selbst aus, andere bringen sie ihren Kindern. Es ist, als
+saehe man einen Hirten, der die Milch seiner Heerde unter die Seinigen
+vertheilt.
+
+Ich habe den Eindruck geschildert, den der Kuhbaum auf die
+Einbildungskraft des Reisenden macht, wenn er ihn zum erstenmale sieht.
+Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt, dass die physischen Eigenschaften
+der thierischen und der vegetabilischen Stoffe im engsten Zusammenhang
+stehen; aber sie benimmt dem Gegenstand, der uns in Erstaunen setzte, den
+Anstrich des Wunderbaren, sie entkleidet ihn wohl auch zum Theil seines
+Reizes. Nichts steht fuer sich allein da; chemische Grundstoffe, die, wie
+man glaubte, nur den Thieren zukommen, finden sich in den Gewaechsen
+gleichfalls. Ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.
+
+Lange bevor die Chemie im Bluethenstaub, im Eiweiss der Blaetter und im
+weisslichen Anflug unserer Pflaumen und Trauben kleine Wachstheilchen
+entdeckte, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindiu Kerzen aus der
+dicken Wachsschicht, welche den Stamm einer Palme ueberzieht [_Ceroxylon
+andicola_]. Vor wenigen Jahren wurde in Europa das _Caseum_, der
+Grundstoff des Kaeses, in der Mandelmilch entdeckt; aber seit Jahrhunderten
+gilt in den Gebirgen an der Kueste von Venezuela die Milch eines Baumes und
+der Kaese, der sich in dieser vegetabilischen Milch absondert, fuer ein
+gesundes Nahrungsmittel. Woher ruehrt dieser seltsame Gang in der
+Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie konnte das Volk in der einen Halbkugel
+auf etwas kommen, was in der andern dem Scharfblick der Scheidekuenstler,
+die doch gewoehnt sind die Natur zu befragen und sie auf ihrem
+geheimnissvollen Gang zu belauschen, so lange entgangen ist? Daher, dass
+einige wenige Elemente und verschiedenartig zusammengesetzte Grundstoffe
+in mehreren Pflanzenfamilien vorkommen; daher, dass die Gattungen und Arten
+dieser natuerlichen Familien nicht ueber die tropischen und die kalten und
+gemaessigten Himmelsstriche gleich vertheilt sind; daher, dass Voelker, die
+fast ganz von Pflanzenstoffen leben, vom Beduerfniss getrieben, mehligte
+naehrende Stoffe ueberall finden, wo sie nur die Natur im Pflanzensaft, in
+Rinden, Wurzeln oder Fruechten niedergelegt hat. Das Staerkmehl, das sich am
+reinsten in den Getreidekoernern findet, ist in den Wurzeln der Arumarten,
+der _Tacca pinnatifida_ und der _Jatropha Manihot_ mit einem scharfen,
+zuweilen selbst giftigen Saft verbunden. Der amerikanische Wilde, wie der
+auf den Inseln der Suedsee, hat das Satzmehl durch Auspressen und Trennen
+vom Safte *aussuessen* gelernt. In der Pflanzenmilch und den milchigten
+Emulsionen sind aeusserst nahrhafte Stoffe, Eiweiss, Kaesestoff und Zucker mit
+Cautschuc und aetzenden schaedlichen Materien, wie Morphium und Blausaeure,
+verbunden. Dergleichen Mischungen sind nicht nur nach den Familien,
+sondern sogar bei den Arten derselben Gattung verschieden. Bald ist es das
+Morphium oder der narkotische Grundstoff, was der Pflanzenmilch ihre
+vorwiegende Eigenschaft gibt, wie bei manchen Mohnarten, bald das
+Cautschuc, wie bei der _Hevea_ und _Castilloa_ bald Eiweiss und Kaesestoff,
+wie beim Melonenbaum und Kuhbaum.
+
+Die milchigten Gewaechse gehoeren vorzugsweise den drei Familien der
+Euphorbien, der Urticeen und der Apocyneen an, und da ein Blick auf die
+Vertheilung der Pflanzenbildungen ueber den Erdball zeigt, dass diese drei
+Familien(61) in den Niederungen der Tropenlaender durch die zahlreichsten
+Arten vertreten sind, so muessen wir daraus schliessen, dass eine sehr hohe
+Temperatur zur Bildung von Cautschuc, Eiweiss und Kaesestoff beitraegt. Der
+Saft des Palo de Vaca ist ohne Zweifel das auffallendste Beispiel, dass
+nicht immer ein scharfer, schaedlicher Stoff mit dem Eiweiss, dem Kaesestoff
+und dem Cautschuc verbunden ist; indessen kannte man in den Gattungen
+Euphorbia und Asclepias, die sonst durch ihre aetzenden Eigenschaften
+bekannt sind, Arten, die einen milden, unschaedlichen Saft haben. Hieher
+gehoert der _Tubayba dulce_ der canarischen Inseln, von dem schon oben die
+Rede war [_Euphorbia balsamifera_], und _Asclepias lactifera_ auf Ceylan.
+Wie Burman erzaehlt, bedient man sich dort, in Ermanglung der Kuhmilch, der
+Milch der so letztgenannten Pflanze und kocht mit den Blaettern derselben
+die Speisen, die man sonst mit thierischer Milch zubereitet. Es ist zu
+erwarten, dass ein Reisender, dem die gruendlichsten Kenntnisse in der
+Chemie zu Gebot stehen, John Davy, bei seinem Aufenthalt auf Ceylan diesen
+Punkt ins Reine bringen wird; denn, wie Decandolle richtig bemerkt, es
+waere moeglich, dass die Eingeborenen nur den Saft der jungen Pflanze
+benuetzten, so lange der scharfe Stoff noch nicht entwickelt ist. Wirklich
+werden in manchen Laendern die jungen Sprossen der Apocyneen gegessen.
+
+Ich habe mit dieser Zusammenstellung den Versuch gemacht, die Milchsaefte
+der Gewaechse und der milchigten Emulsionen, welche die Fruechte der
+Mandelarten und der Palmen geben, unter einen allgemeineren Gesichtspunkt
+zu bringen. Es moege mir gestattet seyn, diesen Betrachtungen die
+Ergebnisse einiger Versuche anzureihen, die ich waehrend meines Aufenthalts
+in den Thaelern von Aragua mit dem Safte der _Carica Papaya_ angestellt,
+obgleich es mir fast ganz an Reagentien fehlte. Derselbe Saft ist seitdem
+von Vauquelin untersucht worden. Der beruehmte Chemiker hat darin richtig
+das Eiweiss und den kaeseartigen Stoff erkannt; er vergleicht den Milchsaft
+mit reinem stark animalisirten Stoff, mit dem thierischen Blut; es stand
+ihm aber nur gegohrener Saft und ein uebelriechendes Gerinsel zu Gebot, das
+sich auf der Ueberfahrt von Isle de France nach Havre gebildet hatte. Er
+spricht den Wunsch aus, ein Reisender moechte den Saft des Melonenbaums
+frisch, wie er aus dem Stengel oder der Frucht fliesst, untersuchen koennen.
+
+Je juenger die Frucht des Melonenbaums ist, desto mehr Milch gibt sie; man
+findet sie bereits im kaum befruchteten Keim. Je reifer die Frucht wird,
+desto mehr nimmt die Milch ab und desto waesseriger wird sie; man findet
+dann weniger vom thierischen Stoff darin, der durch Saeuren und durch
+Absorption des Sauerstoffs der Luft gerinnt. Da die ganze Frucht
+klebrig(62) ist, so koennte man annehmen, je mehr sie wachse, desto mehr
+lagere sich der gerinnbare Stoff in den Organen ab und bilde zum Theil das
+Mark oder die fleischigte Substanz. Troepfelt man mit vier Theilen Wasser
+verduennte Salpetersaeure in die ausgepresste Milch einer ganz jungen Frucht,
+so zeigt sich eine hoechst merkwuerdige Erscheinung. In der Mitte eines
+jeden Tropfens bildet sich ein gallertartiges, grau gestreiftes Haeutchen.
+Diese Streifen sind nichts anderes als der Stoff, der waesseriger geworden,
+weil die Saeure ihm den Eiweissstoff entzogen hat. Zu gleicher Zeit werden
+die Haeutchen in der Mitte undurchsichtig und eigelb. Sie vergroessern sich,
+indem divergirende Fasern sich zu verlaengern scheinen. Die Fluessigkeit
+sieht Anfangs aus wie ein Achat mit milchigten Wolken, und man meint
+organische Haeute unter seinen Augen sich bilden zu sehen. Wenn sich das
+Gerinsel ueber die ganze Masse verbreitet, verschwinden die gelben Flecke
+wieder. Ruehrt man sie um, so wird sie kruemelich, wie weicher Kaese. Die
+gelbe Farbe erscheint wieder, wenn man ein paar Tropfen Salpetersaeure
+zusetzt. Die Saeure wirkt hier wie die Beruehrung des Sauerstoffs der Luft
+bei 27--35 Grad; denn das weisse Gerinsel wird in ein paar Minuten gelb,
+wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelb in
+Braun ueber, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff frei wird im Verhaeltniss,
+als der Wasserstoff, an den er gebunden war, verbrennt. Das durch die
+Saeure gebildete Gerinsel wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den
+ich gleichfalls bemerkte, als ich Muskelfleisch und Pilze (Morcheln) mit
+Salpetersaeure behandelte. Nach Hatchetts schoenen Versuchen kann man
+annehmen, dass das Eiweiss zum Theil in Gallerte uebergeht. Wirft man das
+frisch bereitete Gerinsel vom Melonenbaum in Wasser, so wird es weich,
+loest sich theilweise auf und faerbt das Wasser gelblich. Alsbald schlaegt
+sich eine zitternde Gallerte, aehnlich dem Staerkmehl, daraus nieder. Diess
+ist besonders auffallend, wenn das Wasser, das man dazu nimmt, auf 40--60 deg.
+erwaermt ist. Je mehr man Wasser zugiesst, desto fester wird die Gallerte.
+Sie bleibt lange weiss und wird nur gelb, wenn man etwas Salpetersaeure
+darauf troepfelt. Nach dem Vorgang FOURCROYs und VAUQUELINs bei ihren
+Versuchen mit dem Saft der Hevea, setzte ich der Milch des Melonenbaums
+eine Aufloesung von kohlensaurem Natron bei. Es bildet sich kein Klumpen,
+auch wenn man reines Wasser dem Gemisch von Milch und alkalischer
+Aufloesung zugiesst. Die Haeute kommen erst zum Vorschein, wenn man durch
+Zusatz einer Saeure das Alkali neutralisirt und die Saeure im Ueberschuss
+ist. Ebenso sah ich das durch Salpetersaeure, Citronensaft oder heisses
+Wasser gebildete Gerinsel verschwinden, wenn ich eine Loesung von
+kohlensaurem Natron zugoss. Der Saft wird wieder milchigt und fluessig, wie
+er urspruenglich war. Dieser Versuch gelingt aber nur mit frisch gebildetem
+Gerinsel.
+
+Vergleicht man die Milchsaefte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der
+Hevea, so zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den Saeften,
+die viel Kaesestoff enthalten, und denen, in welchen das Cautschuc
+vorherrscht. Alles weisse, frisch bereitete Cautschuc, sowie die
+wasserdichten Maentel, die man im spanischen Amerika fabricirt und die aus
+einer Schicht des Milchsafts der Hevea zwischen zwei Leinwandstuecken
+bestehen, haben einen thierischen, ekligen Geruch, der darauf hinzuweisen
+scheint, dass das Cautschuc beim Gerinnen den Kaesestoff an sich reisst, der
+vielleicht nur ein modificirter Eiweissstoff ist.
+
+Die Frucht des Brodfruchtbaums ist so wenig Brod, als die Bananen vor
+ihrer Reise oder die staerkemehlreichen Wurzelknollen der _Dioscorea_, des
+_Convolvulus Batatas_ und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums dagegen
+enthaelt den Kaesestoff gerade wie die Milch der Saeugethiere. Aus
+allgemeinem Gesichtspunkte koennen wir mit Gay-Lussac das Cautschuc als den
+oeligten Theil, als die Butter der vegetabilischen Milch betrachten. Die
+beiden Grundstoffe Eiweiss und Fett sind in den Organen der verschiedenen
+Thierarten und in den Pflanzen mit Milchsaft in verschiedenen
+Verhaeltnissen enthalten. Bei letzteren sind sie meist mit andern, beim
+Genuss schaedlichen Stoffen verbunden, die sich aber vielleicht auf
+chemischem Wege trennen liessen. Eine Pflanzenmilch wird nahrhaft, wenn
+keine scharfen, narkotischen Stoffe mehr darin sind und statt des
+Cautschucs der Kaesestoff darin ueberwiegt.
+
+Ist der Palo de Vaca fuer uns ein Bild der unermesslichen Segensfuelle der
+Natur im heissen Erdstrich, so mahnt er uns auch an die zahlreichen
+Quellen, aus denen unter diesem herrlichen Himmel die traege Sorglosigkeit
+des Menschen fliesst. Mungo Park hat uns mit dem *Butterbaum* in Bambarra
+bekannt gemacht, der, wie Decandolle vermuthet, zu der Familie der
+Sapoteen gehoert, wie unser Kuhbaum. Die Bananenbaeume, die Sagobaeume, die
+Mauritien am Orinoco sind *Brodbaeume* so gut wie die Rima der Suedsee. Die
+Fruechte der Crescentia und Lecythis dienen zu Gefaessen; die Blumenscheiden
+mancher Palmen und Baumrinden geben Kopfbedeckungen und Kleider ohne Nath.
+Die Knoten oder vielmehr die innern Faecher im Stamm der Bambus geben
+Leitern und erleichtern auf tausenderlei Art den Bau einer Huette, die
+Herstellung von Stuehlen, Bettstellen und anderem Geraethe, das die
+werthvolle Habe des Wilden bildet. Bei einer ueppigen Vegetation mit so
+unendlich mannigfaltigen Produkten bedarf es dringender Beweggruende, soll
+der Mensch sich der Arbeit ergeben, sich aus seinem Halbschlummer
+aufruetteln, seine Geistesfaehigkeiten entwickeln.
+
+In Barbula baut man Cacao und Baumwolle. Wir fanden daselbst, eine
+Seltenheit in diesem Lande, zwei grosse Maschinen mit Cylindern zum Trennen
+der Baumwolle von den Samen; die eine wird von einem Wasserrad, die andere
+durch einen Goepel und durch Maulthiere getrieben. Der Verwalter des Hofes,
+der dieselben gebaut, war aus Merida. Er kannte den Weg von Nueva Valencia
+ueber Guanare und Misagual nach Barinas, und von dort durch die Schlucht
+Callejones zum Paramo der Mucuchies und den mit ewigem Schnee bedeckten
+Gebirgen von Merida. Seine Angaben, wie viel Zeit wir von Valencia ueber
+Barinas in die Sierra Nevada, und von da ueber den Hafen von Torunos und
+den Rio Santo Domingo nach San Fernando am Apure brauchen wuerden, wurden
+uns vom groessten Nutzen. Man hat in Europa keinen Begriff davon, wie schwer
+es haelt, genaue Erkundigung in einem Lande einzuziehen, wo der Verkehr so
+gering ist, und man die Entfernungen gerne zu gering angibt oder
+uebertreibt, je nachdem man den Reisenden aufmuntern oder von seinem
+Vorhaben abbringen moechte. Bei der Abreise von Caracas hatte ich dem
+Intendanten der Provinz Gelder uebergeben; die mir von den koeniglichen
+Schatzbeamten in Barinas ausbezahlt werden sollten. Ich hatte beschlossen,
+das westliche Ende der Cordilleren von Neu-Grenada, wo sie in die Paramos
+von Timotes und Niquitao auslaufen, zu besuchen. Ich hoerte nun in Barbula,
+bei diesem Abstecher wuerden wir fuenf und dreissig Tage spaeter an den
+Orinoco gelangen. Diese Verzoegerung erschien uns um so bedeutender, da man
+vermuthete, die Regenzeit werde frueher als gewoehnlich eintreten. Wir
+durften hoffen, in der Folge sehr viele mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge
+in Quito, Peru und Mexico besuchen zu koennen, und es schien mir desto
+gerathener, den Ausflug in die Gebirge von Merida aufzugeben, da wir
+besorgen mussten, dabei unsern eigentlichen Reisezweck zu verfehlen, der
+darin bestand, den Punkt, wo sich der Orinoco mit dem Rio Negro und dem
+Amazonenstrom verbindet, durch astronomische Beobachtungen festzustellen.
+Wir gingen daher von Barbula nach Guacara zurueck, um uns von der
+achtungswuerdigen Familie des Marques del Toro zu verabschieden und noch
+drei Tage am Ufer des Sees zu verweilen.
+
+Es war Fastnacht und der Jubel allgemein. Die Lustbarkeiten, _de carnes
+tollendas_ genannt, arteten zuweilen ein wenig ins Rohe aus. Die einen
+fuehren einen mit Wasser beladenen Esel herum, und wo ein Fenster offen
+ist, begiessen sie das Zimmer mit einer Spritze; andere haben Dueten voll
+Haare der Picapica oder _Dolichos pruriens_ in der Hand und blasen das
+Haar, das auf der Haut ein heftiges Jucken verursacht, den Voruebergehenden
+ins Gesicht.
+
+Von Guacara gingen wir nach Nueva Valencia zurueck. Wir trafen da einige
+franzoesische Ausgewanderte, die einzigen, die wir in fuenf Jahren in den
+spanischen Colonien gesehen. Trotz der Blutsverwandtschaft zwischen den
+koeniglichen Familien von Frankreich und Spanien durften sich nicht einmal
+die franzoesischen Priester in diesen Theil der neuen Welt fluechten, wo der
+Mensch so leicht Unterhalt und Obdach findet. Jenseits des Oceans boten
+allein die Vereinigten Staaten dem Unglueck eine Zufluchtsstaette. Eine
+Regierung, die stark, weil frei, und vertrauensvoll, weil gerecht ist,
+brauchte sich nicht zu scheuen die Verbannten aufzunehmen.
+
+Wir haben frueher versucht ueber den Zustand des Indigo-, des Baumwollen-
+und Zuckerbaus in der Provinz Caracas einige bestimmte Angaben zu machen.
+Ehe wir die Thaeler von Aragua und die benachbarten Kuesten verlassen, haben
+wir uns nur noch mit den Cacaopflanzungen zu beschaeftigen, die von jeher
+fuer die Hauptquelle des Wohlstandes dieser Gegenden galten. Die Provinz
+Caracas (nicht die _Capitania general_, also mit Ausschluss der Pflanzungen
+in Cumana, in der Provinz Barcelona, in Maracaybo, in Barinas und im
+spanischen Guyana) erzeugte am Schluss des achtzehnten Jahrhunderts
+jaehrlich 150,000 Fanegas, von denen 30,000 in der Provinz und 100,000 in
+Spanien verzehrt wurden. Nimmt man die Fanega, nach dem Marktpreis zu
+Cadix, nur zu 25 Piastern an, so betraegt der Gesammtwerth der Cacaoausfuhr
+aus den sechs Haefen der _Capitania general_ von Caracas 4,800,000 Piaster.
+
+Der Cacaobaum waechst gegenwaertig in den Waeldern von Terra Firma noerdlich
+vom Orinoco nirgends wild; erst jenseits der Faelle von Atures und Maypures
+trafen wir ihn nach und nach an. Besonders haeufig waechst er an den Ufern
+des Ventuari und am obern Orinoco zwischen dem Padamo und dem Gehette. Dass
+der Cacaobaum in Suedamerika nordwaerts vom sechsten Breitegrad so selten
+wild vorkommt, ist fuer die Pflanzengeographie sehr interessant und war
+bisher wenig bekannt. Die Erscheinung ist um so auffallender, da man nach
+dem jaehrlichen Ertrag der Ernten auf den Cacaopflanzungen in Cumana, Nueva
+Barcelona, Venezuela, Barinas und Maracaybo ueber 16 Millionen Baeume in
+vollem Ertrag rechnet. Der wilde Cacaobaum hat sehr viele Aeste und sein
+Laub ist dicht und dunkel. Er traegt eine sehr kleine Frucht, aehnlich der
+Spielart, welche die alten Mexicaner *Tlalcacahuatl* nannten. In die
+Conucos der Indianer am Cassiquiare und Rio Negro versetzt, behaelt der
+wilde Baum mehrere Generationen die Kraft des vegetativen Lebens, die ihn
+vom vierten Jahr an tragbar macht, waehrend in der Provinz Caracas die
+Ernten erst mit dem sechsten, siebenten oder achten Jahr beginnen. Sie
+treten im Binnenlande spaeter ein als an den Kuesten: und im Thal von Guapo.
+Wir fanden am Orinoco keinen Volksstamm, der aus der Bohne des Cacaobaums
+ein Getraenk bereitete. Die Wilden saugen das Mark der Huelse aus und werfen
+die Samen weg, daher man dieselben oft in Menge auf ihren Lagerplaetzen
+findet. Wenn auch an der Kueste der *Chorote*, ein ganz schwacher
+Cacaoaufguss, fuer ein uraltes Getraenke gilt, so gibt es doch keinen
+geschichtlichen Beweis dafuer, dass die Eingeborenen von Venezuela vor der
+Ankunft der Spanier den Chocolat oder irgend eine Zubereitung des Cacao
+gekannt haben. Wahrscheinlicher scheint mir, dass man in Caracas den
+Cacaobaum nach dem Vorbild von Mexico und Guatimala angebaut hat, und dass
+die in Terra Firma angesiedelten Spanier die Behandlung des Baums, der
+jung im Schatten der Erythrina und des Bananenbaums aufwaechst, die
+Bereitung der *Chocolate*-tafeln und den Gebrauch des Getraenks dieses
+Namens durch den Verkehr mit Mexico, Guatimala und Nicaragua gelernt
+haben, drei Laender, deren Einwohner von toltekischem und aztekischem
+Stamme sind.
+
+Bis zum sechzehnten Jahrhundert weichen die Reisenden in ihren Urtheilen
+ueber den Chocolat sehr von einander ab. BENZONI sagt in seiner derben
+Sprache, es sey ein Getraenk vielmehr "da porci, che da huomini." Der
+Jesuit ACOSTA versichert, die Spanier in Amerika lieben den Chocolat mit
+naerrischer Leidenschaft, man muesse aber an "das schwarze Gebraeue" gewoehnt
+seyn, wenn einem nicht schon beim Anblick des Schaums, der wie die Hefe
+ueber einer gaehrenden Fluessigkeit stehe, uebel werden solle. Er bemerkt
+weiter: "Der Cacao ist ein Aberglauben der Mexicaner, wie der Coca ein
+Aberglauben der Peruaner." Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung der
+Frau von SEVIGNE hinsichtlich des Gebrauchs des Kaffees. HERNAN CORTEZ und
+sein Page, der _gentilhombre del gran Conquistador_, dessen
+Denkwuerdigkeiten RAMUSIO bekannt gemacht hat, ruehmen dagegen den Chocolat
+nicht nur als ein angenehmes Getraenk, selbst wenn er kalt bereitet
+wird,(63) sondern besonders als nahrhaft. "Wer eine Tasse davon getrunken
+hat," sagt der Page des Hernan Cortez, "kann ohne weitere Nahrung eine
+ganze Tagereise machen, besonders in sehr heissen Laendern; denn der
+Chocolat ist seinem Wesen nach *kalt* und *erfrischend*." Letztere
+Behauptung moechten wir nicht unterschreiben; wir werden aber bei unserer
+Fahrt auf dem Orinoco und bei unsern Reisen hoch an den Cordilleren hinauf
+bald Gelegenheit finden, die vortrefflichen Eigenschaften des Chocolats zu
+ruehmen. Er ist gleich leicht mit sich zu fuehren und als Nahrungsmittel zu
+verwenden und enthaelt in kleinem Raum viel naehrenden und reizenden Stoff.
+Man sagt mit Recht, in Afrika helfen Reis, Gummi und Sheabutter dem
+Menschen durch die Wuesten. In der neuen Welt haben Chocolat und Maismehl
+ihm die Hochebenen der Anden und ungeheure unbewohnte Waelder zugaenglich
+gemacht.
+
+Die Cacaoernte ist ungemein veraenderlich. Der Baum treibt mit solcher
+Kraft, dass sogar aus den holzigten Wurzeln, wo die Erde sie nicht bedeckt,
+Bluethen spriessen. Er leidet von den Nordostwinden, wenn sie auch die
+Temperatur nur um wenige Grade herabdruecken. Auch die Regen, welche nach
+der Regenzeit in den Wintermonaten vom December bis Maerz unregelmaessig
+eintreten, schaden dem Cacaobaum bedeutend. Es kommt nicht selten vor, dass
+der Eigenthuemer einer Pflanzung von 50,000 Staemmen in einer Stunde fuer
+vier bis fuenftausend Piaster Cacao einbuesst. Grosse Feuchtigkeit ist dem
+Baum nur foerderlich, wenn sie allmaehlig zunimmt und lange ohne
+Unterbrechung anhaelt. Wenn in der trockenen Jahreszeit die Blaetter und die
+unreife Frucht in einen starken Regenguss kommen, so loest sich die Frucht
+vom Stiel. Die Gefaesse, welche das Wasser einsaugen, scheinen durch
+Ueberschwellung zu bersten. Ist nun die Cacaoernte aeusserst unsicher, weil
+der Baum gegen schlimme Witterung so empfindlich ist und so viele Wuermer,
+Insekten, Voegel, Saeugethiere [Papageien, Affen, Agoutis, Eichhoerner,
+Hirsche.] die Schote fressen, hat dieser Culturzweig den Nachtheil, dass
+dabei der neue Pflanzer der Fruechte seiner Arbeit erst nach acht bis zehn
+Jahren geniesst und dass das Produkt schwer aufzubewahren ist, so ist
+dagegen nicht zu uebersehen, dass die Cacaopflanzungen weniger Sklaven
+erfordern als die meisten andern Culturen. Dieser Umstand ist von grosser
+Bedeutung in einem Zeitpunkt, wo saemmtliche Voelker Europas den
+grossherzigen Entschluss gefasst haben, dem Negerhandel ein Ende zu machen.
+Ein Sklave versieht tausend Staemme, die im jaehrlichen Durchschnitt 12
+Fanegas Cacao tragen koennen. Auf Cuba gibt allerdings eine *grosse*
+Zuckerpflanzung mit 300 Schwarzen im Jahr durchschnittlich 40,000 Arrobas
+Zucker, welche, die Kiste(64) zu 40 Piastern, 100,000 Piaster werth sind,
+und in den Provinzen von Venezuela producirt man fuer 100,000 Piaster oder
+4000 Fanegas Cacao, die Fanega zu 25 Piastern, auch nur mit 300--350
+Sklaven. Die 200,000 Kisten Zucker mit 3,200,000 Arrobas, welche Cuba von
+1812--1814 jaehrlich ausgefuehrt hat, haben einen Werth von 8 Millionen
+Piastern und koennten mit 24,000 Sklaven hergestellt werden, *wenn die
+Insel lauter grosse Pflanzungen haette*; aber dieser Annahme widerspricht
+der Zustand der Colonie und die Natur der Dinge. Die Insel Cuba verwendete
+im Jahr 1811 nur zur Feldarbeit 143,000 Sklaven, waehrend die _Capitania
+general_ von Caracas, die jaehrlich 200,000 Fanegas Cacao oder fuer 5
+Millionen Piaster producirt, wenn auch nicht ausfuehrt, in Stadt und Land
+nicht mehr als 60,000 Sklaven hat. Es braucht kaum bemerkt zu werden, dass
+diese Verhaeltnisse sich mit den Zucker- und Cacaopreisen aendern.
+
+Die schoensten Cacaopflanzungen in der Provinz Caracas sind an der Kueste
+zwischen Caravalleda und der Muendung des Rio Tocuyo, in den Thaelern von
+Caucagua, Capaya, Curiepe und Guapo; ferner in den Thaelern von Cupira,
+zwischen Cap Codera und Cap Unare, bei Aroa, Barquesimeto, Guigue und
+Uritucu. Der Cacao, der an den Ufern des Urituru am Rande der Llanos, im
+Gerichtsbezirk San Sebastiano de los Reyos waechst, gilt fuer den besten;
+dann kommen die von Guigue, Caucagua, Capaya und Cupira. Auf dem
+Handelsplatz Cadix hat der Cacao von Caracas den ersten Rang gleich nach
+dem von Socomusco. Er steht meist um 30--40 Procent hoeher im Preis als der
+Cacao von Guayaquil.
+
+Erst seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts munterten die Hollaender,
+im ruhigen Besitz der Insel Curacao, durch den Schleichhandel den Landbau
+an den benachbarten Kuesten auf, und erst seitdem wurde der Cacao fuer die
+Provinz Caracas ein Ausfuhrartikel. Was in dieser Gegend vorging, ehe im
+Jahr 1728 die Gesellschaft der Biscayer aus Guipuzcoa sich daselbst
+niederliess, wissen wir nicht. Wir besitzen lediglich keine genauen
+statistischen Angaben und wissen nur, dass zu Anfang des achtzehnten
+Jahrhunderts aus Caracas kaum 30,000 Fanegas jaehrlich ausgefuehrt wurden.
+Im Jahr 1797 war die Ausfuhr, nach den Zollregistern von Guayra, den
+Schleichhandel nicht gerechnet, 70,832 Fanegas. Wegen des Schmuggels nach
+Trinidad und den andern Antillen darf man kecklich ein Viertheil oder
+Fuenftheil weiter rechnen. Ich glaube annehmen zu koennen, dass von
+1800--1806, also im letzten Zeitpunkt, wo in den spanischen Colonien noch
+innere Ruhe herrschte, der jaehrliche Ertrag der Cacaopflanzungen in der
+ganzen _Capitania general_ von Caracas sich wenigstens auf 193,000 Fanegas
+belief.
+
+Die Ernten, deren jaehrlich zwei stattfinden, im Juni und im December,
+fallen sehr verschieden aus, doch nicht in dem Maasse wie die Oliven- und
+Weinernten in Europa. Von jenen 193,000 Fanegas fliessen 145,000 theils
+ueber die Haefen der Halbinsel, theils durch den Schleichhandel nach Europa
+ab. Ich glaube beweisen zu koennen (und diese Schaetzungen beruhen auf
+zahlreichen einzelnen Angaben), dass Europa beim gegenwaertigen Stande
+seiner Civilisation verzehrt:
+
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| 23 Mill. Pfd. | Cacao zu 120 Fr. den Ctr. | 27,600,000 | Frs. |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| 32 Mill. Pfd. | Thee zu 4 Fr. das Pfund | 128,000,000 | " |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+|140 Mill. Pfd. | Kaffee zu 114 Fr. den Ctr. | 159,600,000 | " |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+|450 Mill. Pfd. | Zucker zu 54 Fr. den Ctr. | 243,000,000 | " |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| | | ------------ | |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| | | 558,200,000 | Frs. |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+
+Von diesen vier Erzeugnissen, die seit zwei bis drei Jahrhunderten die
+vornehmsten Artikel im Handel und der Produktion der Colonien geworden
+sind, gehoert der erste ausschliesslich Amerika, der zweite ausschliesslich
+Asien an. Ich sage ausschliesslich, denn die Cacaoausfuhr der Philippinen
+ist bis jetzt so unbedeutend, wie die Versuche, die man in Brasilien, auf
+Trinidad und Jamaica mit dem Theebau gemacht hat. Die vereinigten
+Provinzen von Caracas liefern zwei Drittheile des Cacaos, der im
+westlichen und suedlichen Europa verzehrt wird. Diess ist um so
+bemerkenswerther, als es der gemeinen Annahme widerspricht; aber die
+Cacaosorten von Caracas, Maracaybo und Cumana sind nicht alle von
+derselben Qualitaet. Der Graf CASA-VALENCIA schaetzt den Verbrauch Spaniens
+nur auf 6--7 Millionen Pfund, der ABBE HERVAS auf 9 Millionen. Wer lange
+in Spanien, Italien und Frankreich gelebt hat, muss die Bemerkung gemacht
+haben, dass nur im ersteren Lande Chocolat auch von den untersten
+Volksklassen stark getrunken wird, und wird es schwerlich glaublich
+finden, dass Spanien nur ein Drittheil des in Europa eingefuehrten Cacao
+verzehren soll.
+
+Die letzten Kriege haben fuer den Cacaohandel in Caracas weit
+verderblichere Folgen gehabt als in Guayaquil. Wegen des Preisaufschlags
+ist in Europa weniger Cacao von der theuersten Sorte verzehrt worden.
+Frueher machte man in Spanien die gewoehnliche Chocolate aus einem Viertheil
+Cacao von Caracas und drei Viertheilen Cacao von Guayaquil; jetzt nahm man
+letzteren allein. Dabei ist zu bemerken, dass viel geringer Cacao, wie der
+vom Maranon, vom Rio Negro, von Honduras und von der Insel Santa Lucia, im
+Handel Cacao von Guayaquil heisst. Aus letzterem Hafen werden nicht ueber
+60,000 Fanegas ausgefuehrt, zwei Drittheile weniger als aus den Haefen der
+_Capitania general_ von Caracas.
+
+Wenn auch die Cacaopflanzungen in den Provinzen Cumana, Barcelona und
+Maracaybo sich in dem Maasse vermehrt haben, in dem sie in der Provinz
+Caracas eingegangen sind, so glaubt man doch, dass dieser alte Culturzweig
+im Ganzen allmaehlig abnimmt. In vielen Gegenden verdraengen der Kaffeebaum
+und die Baumwollenstaude den Cacaobaum, der fuer die Ungeduld des
+Landbauers viel zu spaet traegt. Man behauptet auch, die neuen Pflanzungen
+geben weniger Ertrag als die alten. Die Baeume werden nicht mehr so kraeftig
+und tragen spaeter und nicht so reichlich Fruechte. Auch soll der Boden
+erschoepft seyn; aber nach unserer Ansicht ist vielmehr durch die
+Entwicklung des Landbaus und das Urbarmachen des Landes die
+Luftbeschaffenheit eine andere geworden. Ueber einem unberuehrten, mit Wald
+bewachsenen Boden schwaengert sich die Luft mit Feuchtigkeit und den
+Gasgemengen, die den Pflanzenwuchs befoerdern und sich bei der Zersetzung
+organischer Stoffe bilden. Ist ein Land lange Zeit angebaut gewesen, so
+wird das Verhaeltniss zwischen Sauerstoff und Stickstoff durchaus keins
+anderes; die Grundbestandtheile der Luft bleiben dieselben; aber jene
+binaeren und tertiaeren Verbindungen von Kohlenstoff, Stickstoff und
+Wasserstoff, die sich aus einem unberuehrten Boden entwickeln und fuer eine
+Hauptquelle der Fruchtbarkeit gelten, sind ihr nicht mehr beigemischt. Die
+reinere, weniger mit Miasmen und fremdartigen Effluvien beladene Luft wird
+zugleich trockener und die Spannung des Wasserdampfs nimmt merkbar ab. Auf
+laengst urbar gemachtem und somit zum Cacaobau wenig geeignetem Boden,
+z. B. auf den Antillen, ist die Frucht beinahe so klein wie beim wilden
+Cacaobaum. An den Ufern des obern Orinoco, wenn man ueber die Llanos
+hinueber ist, betritt man, wie schon bemerkt, die wahre Heimath des
+Cacaobaums, und hier findet man dichte Waelder, wo auf unberuehrtem Boden,
+in bestaendig feuchter Luft die Staemme mit dem vierten Jahr reiche Ernten
+geben. Auf nicht erschoepftem Boden ist die Frucht durch die Cultur ueberall
+groesser und weniger bitter geworden, sie reift aber auch spaeter.
+
+Sieht man nun den Ertrag an Cacao in Terra Firma allmaehlig abnehmen, so
+fragt man sich, ob in Spanien, in Italien und im uebrigen Europa auch der
+Verbrauch im selben Verhaeltniss abnehmen, oder ob nicht vielmehr in Folge
+des Eingehens der Cacaopflanzungen die Preise so hoch steigen werden, dass
+der Landbauer zu neuen Anstrengungen aufgemuntert wird? Letzteres ist die
+herrschende Ansicht bei allen, die in Caracas die Abnahme eines so alten
+und so eintraeglichen Handelszweiges bedauern. Wenn einmal die Cultur
+weiter gegen die feuchten Waelder im Binnenlande vorrueckt, an die Ufer des
+Orinoco und des Amazonenstromes, oder in die Thaeler am Ostabhang der
+Anden, so finden die neuen Ansiedler einen Boden und eine Luft, wie sie
+beide dem Cacaobau angemessen sind.
+
+Bekanntlich scheuen die Spanier im Allgemeinen den Zusatz von Vanille zum
+Cacao, weil dieselbe die Nerven reize. Daher wird auch die Frucht dieser
+schoenen Orchisart in der Provinz Caracas fast gar nicht beachtet. Man
+koennte sie auf der feuchten, fieberreichen Kueste zwischen Porto Cabello
+und Ocumare in Menge sammeln, besonders aber in Turiamo, wo die Fruechte
+des _Epidendrum Vanilla_ elf bis zwoelf Zoll lang werden. Die Englaender und
+Angloamerikaner suchen haeufig im Hafen von Guayra Vanille zu kaufen, und
+die Handelsleute koennen sie nur mit Muehe in kleinen Quantitaeten
+auftreiben. In den Thaelern, die sich von der Kuestenbergkette zum Meer der
+Antillen herabziehen, in der Provinz Truxillo, wie in den Missionen in
+Guyana bei den Faellen des Orinoco koennte man sehr viel Vanille sammeln,
+und der Ertrag waere noch reichlicher, wenn man, wie die Mexicaner thun,
+die Pflanze von Zeit zu Zeit von den Lianen saeuberte, die sie umschlingen
+und ersticken.
+
+Bei der Schilderung des gegenwaertigen Zustandes der Cacaopflanzungen in
+den Provinzen von Venezuela, bei den Bemerkungen ueber den Zusammenhang
+zwischen dem Ertrag der Pflanzungen und der Feuchtigkeit und Gesundheit
+der Luft, haben wir der warmen, fruchtbaren Thaeler der Kuestencordillere
+erwaehnt. In seiner westlichen Erstreckung, dem See Maracaybo zu, zeigt
+dieser Landstrich eine sehr interessante mannigfaltige Terrainbildung. Ich
+stelle am Ende dieses Kapitels zusammen, was ich ueber die Beschaffenheit
+des Bodens und den Metallreichthum in den Bezirken Aroas, Barquesimeto und
+Carora habe in Erfahrung bringen koennen.
+
+Von der Sierra Nevada von Merida und den *Paramos* von Niquitao, Bocono
+und las Rosas an,(65) wo der kostbare Chinabaum waechst, senkt sich die
+oestliche Cordillere von Neu-Grenada so rasch, dass sie zwischen dem 9. und
+10. Breitegrad nur noch eine Kette kleiner Berge bildet, an die sich im
+Nordost der Altar und der Torito anschliessen und die die Nebenfluesse des
+Rio Apure und des Orinoco von den zahlreichen Gewaessern scheiden, die
+entweder in das Meer der Antillen oder in den See Maracaybo fallen. Auf
+dieser Wasserscheide stehen die Staedte Nirgua, San Felipe el Fuerte,
+Barquesimeto und Tocuyo. In den drei ersteren ist es sehr heiss, in Tocuyo
+dagegen bedeutend kuehl, und man hoert mit Ueberraschung, dass unter einem so
+herrlichen Himmel die Menschen grosse Neigung zum Selbstmord haben. Gegen
+Sueden erhebt sich der Boden, denn Truxillo, der See Urao, aus dem man
+kohlensaures Natron gewinnt, und la Grita, ostwaerts von der Cordillere,
+liegen schon in 400--500 Toisen Hoehe.
+
+Beobachtet man, in welchem constanten Verhaeltnisse die Urgebirgsschichten
+der Kuestencordillere fallen, so sieht man sich auf eine der Ursachen
+hingewiesen, welche den Landstrich zwischen der Cordillere und dem Meer so
+ungemein feucht machen. Die Schichten fallen meist nach Nordwest, so dass
+die Gewaesser nach dieser Richtung ueber die Gesteinsbaenke laufen und, wie
+schon oben bemerkt, die Menge Baeche und Fluesse bilden, deren
+Ueberschwemmungen vom Cap Codera bis zum See Maracaybo das Land so
+ungesund machen.
+
+Neben den Gewaessern, die in der Richtung nach Nordost an die Kueste von
+Porto Cabello und zur Punta de Hicacos herabkommen, sind die bedeutendsten
+der Tocuyo, der Aroa und der Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche die Luft
+verpesten, waren die Thaeler des Aroa und des Yaracuy vielleicht staerker
+bevoelkert als die Thaeler von Aragua. Durch die schiffbaren Fluesse hatten
+jene sogar den Vortheil, dass sie ihre eigenen Zucker- und Cacaoernten, wie
+die Produkte der benachbarten Bezirke, den Weizen von Quibor, das Vieh von
+Monai und das Kupfer von Aroa, leichter ausfuehren koennten. Die Gruben, wo
+man dieses Kupfer gewinnt, liegen in einem Seitenthal, das in das Aroathal
+muendet und nicht so heiss und ungesund ist als die Thalschluchten naher am
+Meer. In diesen letzteren haben die Indianer Goldwaeschereien, und im
+Gebirge kommen dort reiche Kupfererze vor, die man noch nicht auszubeuten
+versucht hat. Die alten, laengst in Abgang gekommenen Gruben von Aroa
+wurden auf den Betrieb Don Antonios Henriquez, den wir in San Fernando am
+Apure trafen, wieder aufgenommen. Nach den Notizen, die er mir gegeben,
+scheint die Lagerstaette des Erzes eine Art Stockwerk zu seyn, das aus
+mehreren kleinen Gaengen besteht, die sich nach allen Richtungen kreuzen.
+Das Stockwerk ist stellenweise zwei bis drei Toisen dick. Der Gruben sind
+drei, und in allen wird von Sklaven gearbeitet. Die groesste, die Biscayna,
+hat nur dreissig Bergleute, und die Gesammtzahl der mit der Foerderung und
+dem Schmelzen des Erzes beschaeftigten Sklaven betraegt nur 60--70. Da der
+Schacht nur dreissig Toisen tief ist, so koennen, der Wasser wegen, die
+reichsten Strecken des Stockwerks, die darunter liegen, nicht abgebaut
+werden. Man hat bis jetzt nicht daran gedacht, Schoepfraeder aufzustellen.
+Die Gesammtausbeute an gediegenem Kupfer betraegt jaehrlich 1200--1500
+Centner. Das Kupfer, in Cadix als Caracaskupfer bekannt, ist ausgezeichnet
+gut; man zieht es sogar dem schwedischen und dem Kupfer von Coquimbo in
+Chili vor. Das Kupfer von Aroa wird zum Theil an Ort und Stelle zum
+Glockenguss verwendet. In neuester Zeit ist zwischen Aroa und Nirgua bei
+Guanita im Berge San Pablo einiges Silbererz entdeckt worden. Goldkoerner
+kommen ueberall im Gebirgslande zwischen dem Rio Yaracuy, der Stadt San
+Felipe, Nirgua und Barquesimeto vor, besonders aber im Flusse Santa Cruz,
+in dem die indianischen Goldwaescher zuweilen Geschiebe von vier bis fuenf
+Piastern Werth finden. Kommen im anstehenden Glimmerschiefer- und
+Gneissgestein wirkliche Gaenge vor, oder ist das Gold auch hier, wie im
+Granit von Guadarama in Spanien und im Fichtelgebirg in Franken, durch die
+ganze Gebirgsart zerstreut? Das durchsickernde Wasser mag die zerstreuten
+Goldblaettchen zusammenschwemmen, und in diesem Fall waeren alle
+Bergbauversuche fruchtlos. In der _Savana de la Miel_ bei der Stadt
+Barquesimeto hat man im schwarzen, glaenzenden, dem Bergpech (_Ampelite_)
+aehnlichen Schiefer einen Schacht niedergetrieben. Die Mineralien, die man
+daraus zu Tage gefoerdert, und die man mir nach Caracas geschickt, waren
+Quarz, *nicht goldhaltige* Schwefelkiese und in Nadeln mit Seidenglanz
+crystallisirtes kohlensaures Blei.
+
+In der ersten Zeit nach der Eroberung begann man trotz der Einfaelle des
+kriegerischen Stammes der Giraharas die Gruben von Nirgua und Buria
+auszubeuten. Im selben Bezirk veranlasste im Jahr 1553 die Menge der
+Negersklaven einen Vorfall, der, so wenig er an sich zu bedeuten hatte,
+dadurch interessant wird, dass er mit den Ereignissen, die sich unter
+unsern Augen auf St. Domingo begeben haben, Aehnlichkeit hat. Ein
+Negersklave stiftete unter den Grubenarbeitern von San Felipe de Buria
+einen Aufstand an, zog sich in die Waelder und gruendete mit zweihundert
+Genossen einen Flecken, in dem er zum Koenig ausgerufen wurde. Miguel, der
+neue Koenig, liebte Prunk und Feierlichkeit; sein Weib *Guiomar* liess er
+Koenigin nennen; er ernannte, wie OVIEDO erzaehlt, Minister, Staatsraethe,
+Beamte der _Casa real_, sogar einen schwarzen Bischof. Nicht lange, so war
+er keck genug, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Barquesimeto
+anzugreifen; er wurde aber von Diego de Losada zurueckgeschlagen und kam im
+Handgemenge um. Diesem afrikanischen Koenigreich folgte in Nirgua ein
+Freistaat der *Zambos*, das heisst der Abkoemmlinge von Negern und
+Indianern. Der ganze Gemeinderath, der *Cabildo*, besteht aus Farbigen,
+die der KOeNIG VON SPANIEN als seine "lieben und getreuen Unterthanen, die
+Zambos von Nirgua," anredete. Nur wenige weisse Familien moegen in einem
+Lande leben, wo ein mit ihren Anspruechen so wenig vertraegliches Regiment
+herrscht, und die kleine Stadt heisst spottweise _la republica de Zambos y
+Mulatos_. Es ist eben so unklug, die Regierung einer einzelnen Kaste zu
+ueberlassen, als sie ihrer natuerlichen Rechte zu berauben und ihr dadurch
+eine Einzelnstellung zu geben.
+
+Wenn in den wegen ihres vortrefflichen Bauholzes beruehmten Thaelern des
+Aroa, Yaracuy und Tocuyo der ueppige Pflanzenwuchs und die grosse
+Feuchtigkeit der Luft so viele Fieber erzeugen, so verhaelt es sich mit den
+Savanen oder Llanos von Monai und Caroro ganz anders. Diese Llanos sind
+durch das Gebirgsland von Tocuyo und Nirgua von den grossen *Ebenen an der
+Portugueza und bei Calabozo* getrennt. Duerre Savanen, auf denen Miasmen
+herrschen, sind eine sehr auffallende Erscheinung. Sumpfboden kommt
+daselbst keiner vor, wohl aber mehrere Erscheinungen, die auf die
+Entbindung von Wasserstoffgas hindeuten.(66) Wenn man Reisende, welche mit
+den brennbaren Schwaden unbekannt sind, in die Hoehle _del Serrito de
+Monai_ fuehrt, so erschreckt man sie durch Anzuenden des Gasgemenges, das
+sich im obern Theil der Hoehle fortwaehrend ansammelt. Soll man annehmen,
+dass die ungesunde Luft hier dieselbe Quelle hat, wie auf der Ebene
+zwischen Tivoli und Rom, Entwicklung von Schwefelwasserstoff?(67)
+Vielleicht aeussert auch das Gebirgsland neben den Llanos von Monai einen
+unguenstigen Einfluss auf die anstossenden Ebenen. Suedostwinde moegen die
+faulen Effluvien herfuehren, die sich aus der Schlucht Villegas und Sienega
+de Cabra zwischen Carora und Carache entwickeln. Ich stelle absichtlich
+Alles zusammen, was auf die Ungesundheit der Luft Bezug haben mag; denn
+auf einem so dunkeln Gebiete kann man nur durch Vergleichung zahlreicher
+Beobachtungen hoffen das wahre Sachverhaeltniss zu ermitteln.
+
+Die duerren und doch so fieberreichen Savanen zwischen Barquesimeto und dem
+oestlichen Ufer des Sees Maracaybo sind zum Theil mit Fackeldisteln
+bewachsen; aber die gute Bergcochenille, die unter dem unbestimmten Namen
+_Grana de Carora_ bekannt ist, kommt aus einem gemaessigteren Landstrich
+zwischen Carora und Truxillo, besonders aber aus dem Thal des Rio Mucuju,
+oestlich von Merida. Die Einwohner geben sich mit diesem im Handel so stark
+gesuchten Produkt gar nicht ab.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+_ 51 Carnes tollendas;_ _Bombax hibiscifolius_
+
+ 52 Da einigermassen richtige Begriffe ueber die astronomische Lage und
+ die Entfernungen der Orte in den spanischen Colonien zuerst und
+ lange Zeit allein durch Seeleute sich verbreiteten, so wurde in
+ Mexico und in Suedamerika urspruenglich die _legua nautica_ von 6650
+ Varas oder 2854 Toisen (20 Meilen auf den Grad) eingefuehrt; aber
+ diese "Seemeile" wurde allmaelig um die Haelfte oder um ein Drittheil
+ verkuerzt, weil man in den Hochgebirgen, wie auf den duerren, heissen
+ Ebenen sehr langsam reist. Das Volk rechnet unmittelbar nur nach der
+ Zeit und schliesst aus der Zeit, nach willkuerlichen Voraussetzungen,
+ auf die Laenge der zurueckgelegten Strecke.
+
+ 53 DEPONS, in seiner "_Reise nach Terra Firma_": "Bei der unbedeutenden
+ Oberflaeche des Sees (er misst uebrigens 106,500,000 Quadrattoisen)
+ laesst sich unmoeglich annehmen, dass die Verdunstung allein, so stark
+ sie auch unter den Tropen seyn mag, so viel Wasser wegschaffen kann,
+ als die Fluesse hereinbringen." In der Folge scheint aber der
+ Verfasser selbst wieder "diese geheime Ursache, die Hypothese von
+ einem Abzugsloch" aufzugeben.
+
+ 54 KARL RITTER, _Erdkunde_ Bd. I.
+
+ 55 S. Bd. I. Seite 316.
+
+ 56 Auf dem alten Continent kommen in Portugal und am Cantal in den
+ Pyrenaeen eben so reine Wasser aus dem Granit. Die Pisciarelli des
+ Agnanosees in Italien sind 93 deg. heiss. Sind etwa diese reinen Wasser
+ verdichtete Daempfe?
+
+ 57 Eigenthuemer einer _Pulperia_ einer kleinen Bude, in der man Esswaaren
+ und Getraenke feil hat.
+
+ 58 Saemmtliche _Carolinea princeps_ in Schoenbrunn stammen aus Samen, die
+ Bose und Bredemeyer von Einem ungeheuer dicken Baum bei Chacao,
+ oestlich von Caracas, genommen.
+
+ 59 Ein Tablon, gleich 1849 Quadrat-Toisen, entspricht etwa 1-1/5
+ Morgen.
+
+_ 60 Essai politique sur la nouvelle Espagne_ T. I. p. 23, T. II. p.
+ 689.
+
+ 61 Nach diesen drei grossen Familien kommen die _Papaveraceae_,
+ _Chicoraceae_, _Lobeliaceae_, _Campanulaceae_, _Sapoteae_ und
+ _Cucurbitaceae_. Die Blausaeure ist der Gruppe der _Rosaceae
+ amygdalaceae_ eigenthuemlich. Bei den Monocotyledonen kommt kein
+ Milchsaft vor, aber die Fruchthuelle der Palmen, die so suesse und
+ angenehme Emulsionen gibt, enthaelt ohne Zweifel Kaesestoff. Was ist
+ die Milch der Pilze?
+
+ 62 Diese Klebrigkeit bemerkt man auch an der frischen Milch des
+ Kuhbaums. Sie ruehrt ohne Zweifel daher, dass das Cautschuc sich noch
+ nicht abgesetzt hat und Eine Masse mit dem Eiweiss und dem Kaesestoff
+ bildet, wie in der thierischen Milch die Butter und der Kaesestoff.
+ Der Saft eines Gewaechses aus der Familie der Euphorbien, des _Sapium
+ aucuparia_ der auch Cautschuc enthaelt, ist so klebrig, dass man
+ Papagaien damit faengt.
+
+ 63 Der Pater GILI hat aus zwei Stellen bei TORQUEMADA (_Monarquia
+ Indiana_) buendig dargethan, dass die Mexicaner den Aufguss *kalt*
+ machten, und dass erst die Spanier den Brauch einfuehrten, die
+ Cacaomasse im Wasser zu sieden.
+
+ 64 Eine Kiste (_caxa_) wiegt 151/2--16 Arrobas, die Arroba zu 23
+ spanischen Pfunden.
+
+ 65 Wir wissen aus dem Munde vieler reisenden Moenche, dass der kleine
+ *Paramo de las Rosas*, der in mehr als 1600 Toisen Meereshoehe zu
+ liegen scheint, mit Rosmarin und rothen und weissen europaeischen
+ Rosen, die hier verwildert sind, bewachsen ist. Man pflueckt die
+ Rosen, um bei Kirchenfesten die Altaere in den benachbarten Doerfern
+ damit zu schmuecken. Durch welchen Zufall ist unsere
+ hundertblaetterige Rose hier verwildert, da wir sie doch in den Anden
+ von Quito und Peru nirgends angetroffen haben? Ist es auch wirklich
+ unsere Gartenrose? (S. Bd. II. Seite 174).
+
+ 66 Was ist die unter dem Namen _Farol_ (Laterne) _de Maracaybo_
+ bekannte Lichterscheinung, die man jede Nacht auf der See wie im
+ innern Lande sieht, z. B. in Merida, wo PALACIOS dieselbe zwei Jahre
+ lang beobachtet hat? Der Umstand, dass man das Licht ueber 40 Meilen
+ weit sieht, hat zu der Vermuthung gefuehrt, es koennte daher ruehren,
+ dass in einer Bergschlucht sich jeden Tag ein Gewitter entlade. Man
+ soll auch donnern hoeren, wenn man dem *Farol* nahe kommt. Andere
+ sprechen in unbestimmtem Ausdruck von einem Luftvulkan; aus
+ asphalthaltigem Erdreich, aehnlich dem bei Mena, sollen brennbare
+ Duenste aufsteigen und daher bestaendig sichtbar seyn. Der Ort, wo
+ sich die Erscheinung zeigt, ist ein unbewohntes Gebirgsland am Rio
+ Catatumbo, nicht weit von seiner Vereinigung mit dem Rio Sulia. Der
+ Farol liegt fast ganz im Meridian der Einfahrt (_boca_) in den See
+ von Maracaybo, so dass die Steuerleute sich nach ihm richten, wie
+ nach einem Leuchtfeuer.
+
+ 67 DON CARLOS DE POZO fand in diesem Bezirk, _Quebrada de Moroturo_
+ eine Schichte schwarzer Thonerde, welche stark abfaerbt, stark nach
+ Schwefel riecht und sich von selbst entzuendet, wenn man sie, leicht
+ befeuchtet, lange den Strahlen der tropischen Sonne aussetzt; diese
+ schlammigte Materie verpufft sehr heftig.
+
+
+
+
+
+SIEBZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Gebirge zwischen den Thaelern von Aragua und den Llanos von
+ Caracas. -- Villa de Cura. -- Parapara. -- Llanos oder Steppen. --
+ Calabozo.
+
+
+Die Bergkette, welche den See von Tacarigua oder Valencia im Sueden
+begrenzt, bildet gleichsam das noerdliche Ufer des grossen Beckens der
+Llanos oder Savanen von Caracas. Aus den Thaelern von Aragua kommt man in
+die Savanen ueber die Berge von Guigue und Tucutunemo. Aus einer
+bevoelkerten, durch Anbau geschmueckten Landschaft gelangt man in eine weite
+Einoede. An Felsen und schattige Thaeler gewoehnt, sieht der Reisende mit
+Befremden diese baumlosen Savanen vor sich, diese unermesslichen Ebenen,
+die gegen den Horizont aufzusteigen scheinen.
+
+Ehe ich die Llanos oder die Region der Weiden schildere, beschreibe ich
+kuerzlich unsern Weg von Nueva Valencia durch Villa de Cura und San Juan
+zum kleinen, am Eingang der Steppen gelegenen Dorfe Ortiz. Am 6. Maerz, vor
+Sonnenaufgang, verliessen wir die Thaeler von Aragua. Wir zogen durch eine
+gut angebaute Ebene, laengs dem suedwestlichen Gestade des Sees von
+Valencia, ueber einen Boden, von dem sich die Gewaesser des Sees
+zurueckgezogen. Die Fruchtbarkeit des mit Calebassen, Wassermelonen und
+Bananen bedeckten Landes setzte uns in Erstaunen. Den Aufgang der Sonne
+verkuendete der ferne Laerm der Bruellaffen. Vor einer Baumgruppe, mitten in
+der Ebene zwischen den ehemaligen Eilanden Don Pedro und Negra, gewahrten
+wir zahlreiche Banden der schon oben beschriebenen _Simia ursina_
+(_Araguate_), die wie in Procession aeusserst langsam von Baum zu Baum
+zogen. Hinter einem maennlichen Thier kamen viele weibliche, deren mehrere
+ihre Jungen auf den Schultern trugen. Die Bruellaffen, welche in
+verschiedenen Strichen Amerikas in grossen Gesellschaften leben, sind
+vielfach beschrieben. In der Lebensweise kommen sie alle ueberein, es sind
+aber nicht ueberall dieselben Arten. Wahrhaft erstaunlich ist die
+Einfoermigkeit in den Bewegungen dieser Affen. So oft die Zweige
+benachbarter Baeume nicht zusammenreichen, haengt sich das Maennchen an der
+Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theil seines
+Schwanzes auf, laesst den Koerper frei schweben und schwingt denselben hin
+und her, bis es den naechsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht sofort
+an derselben Stelle dieselbe Bewegung. ULLOA und viele gut unterrichtete
+Reisende behaupten, die Marimondas [_Simia Belzebuth_], Araguaten und
+andere Affen mit Wickelschwaenzen bilden eine Art Kette, wenn sie von einem
+Flussufer zum andern gelangen wollen; ich brauche kaum zu bemerken, dass
+eine solche Behauptung sehr weit geht. Wir haben in fuenf Jahren
+Gelegenheit gehabt, Tausende dieser Thiere zu beobachten, und eben desshalb
+glaubten wir nicht an Geschichten, die vielleicht nur von Europaeern
+erfunden sind, wenn auch die Indianer in den Missionen sie nachsagen, als
+ob es Ueberlieferungen ihrer Vaeter waeren. Auch der roheste Mensch findet
+einen Genuss darin, durch Berichte von den Wundern seines Landes den
+Fremden in Erstaunen zu setzen. Er will selbst gesehen haben, was nach
+seiner Vorstellung Andere gesehen haben koennten. Jeder Wilde ist ein
+Jaeger, und die Geschichten der Jaeger werden desto phantastischer, je hoeher
+die Thiere, von deren Listen sie zu erzaehlen wissen, in geistiger
+Beziehung wirklich stehen. Diess ist die Quelle der Maehrchen, welche in
+beiden Hemisphaeren vom Fuchs und vom Affen, vom Raben und vom Condor der
+Anden im Schwange gehen.
+
+Die Araguaten sollen, wenn sie von indianischen Jaegern verfolgt werden,
+zuweilen ihre Jungen im Stiche lassen, um sich auf der Flucht zu
+erleichtern. Man will gesehen haben, wie Affenmuetter das Junge von der
+Schulter rissen und es vom Baum warfen. Ich glaube aber, man hat hier eine
+rein zufaellige Bewegung fuer eine absichtliche genommen. Die Indianer sehen
+gewisse Affengeschlechter mit Abneigung oder mit Vorliebe an; den
+Viuditas, den Titis, ueberhaupt allen kleinen Sagoins sind sie gewogen,
+waehrend die Araguaten wegen ihres truebseligen Aeussern und ihres
+einfoermigen Gebruells gehasst und dazu verleumdet werden. Wenn ich darueber
+nachdachte, durch welche Ursachen die Fortpflanzung des Schalls durch die
+Luft zur Nachtzeit befoerdert werden mag, schien es mir nicht unwichtig,
+genau zu bestimmen, in welchem Abstand. namentlich bei nasser, stuermischer
+Witterung, das Geheul eines Trupps Araguaten zu vernehmen ist. Ich glaube
+gefunden zu haben, dass man es noch in 800 Toisen Entfernung hoert. Die
+Affen mit ihren vier Haenden koennen keine Streifzuege in die Llanos machen,
+und mitten auf den weiten, mit Gras bewachsenen Ebenen unterscheidet man
+leicht eine vereinzelte Baumgruppe, die von Bruellaffen bewohnt ist und von
+welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder
+sich davon entfernt, so misst man das Maximum des Abstandes, in dem das
+Geheul noch vernehmbar ist. Diese Abstaende schienen mir einigemale bei
+Nacht um ein Drittheil groesser, namentlich bei bedecktem Himmel und sehr
+warmem, feuchtem Wetter.
+
+Die Indianer versichern, wenn die Araguaten den Wald mit ihrem Geheul
+erfuellen, so haben sie immer einen Vorsaenger. Die Bemerkung ist nicht
+unrichtig. Man hoert meistens, lange fort, eine einzelne staerkere Stimme,
+worauf eine andere von verschiedenem Tonfall sie abloest. Denselben
+Nachahmungstrieb bemerken wir zuweilen auch bei uns bei den Froeschen, und
+fast bei allen Thieren, die in Gesellschaft leben und sich hoeren lassen.
+Noch mehr, die Missionaere versichern, wenn bei den Araguaten ein Weibchen
+im Begriffe sey zu werfen, so unterbreche der Chor sein Geheul, bis das
+Junge zur Welt gekommen sey. Ob etwas Wahres hieran ist, habe ich nicht
+selbst ausmachen koennen, ganz grundlos scheint es aber allerdings nicht zu
+seyn. Ich habe beobachtet, dass das Geheul einige Minuten aufhoert, so oft
+ein ungewoehnlicher Vorfall, zum Beispiel das Aechzen eines verwundeten
+Araguate, die Aufmerksamkeit des Trupps in Anspruch nimmt. Unsere Fuehrer
+versicherten uns allen Ernstes, ein bewaehrtes Heilmittel gegen kurzen
+Athem sey, aus der knoechernen Trommel am Zungenbein des Araguate zu
+trinken. "Da dieses Thier eine so ausserordentlich starke Stimme hat, so
+muss dem Wasser, das man in seinen Kehlkopf giesst, nothwendig die Kraft
+zukommen, Krankheiten der Lungen zu heilen." Diess ist Volksphysik, die
+nicht selten an die der Alten erinnert.
+
+Wir uebernachteten im Dorfe Guigue, dessen Breite ich durch Beobachtungen
+des Canopus gleich 10 deg. 4{~PRIME~} 11{~DOUBLE PRIME~} fand. Dieses Dorf auf trefflich angebautem
+Boden liegt nur tausend Toisen vom See Tacarigua. Wir wohnten bei einem
+alten Sergeanten, aus Murcia gebuertig, einem hoechst originellen Mann. Um
+uns zu beweisen, dass er bei den Jesuiten erzogen worden, sagte er uns die
+Geschichte von der Erschaffung der Welt lateinisch her. Er kannte die
+Namen August, Tiber, und Diocletian. Bei der angenehmen Nachtkuehle in
+einem Bananengehege beschaeftigte er sich lebhaft mit Allem, was am Hof der
+roemischen Kaiser vorgefallen war. Er bat uns dringend um Mittel gegen die
+Gicht, die ihn grausam plagte. "Ich weiss wohl," sagte er, "dass ein *Zambo*
+aus Valencia, ein gewaltiger "Curioso," mich heilen kann; aber der Zambo
+macht auf eine Behandlung Anspruch, die einem Menschen von seiner Farbe
+nicht gebuehrt, und so bleibe ich lieber, wie ich bin."
+
+Von Guigue an fuehrt der Weg aufwaerts zur Bergkette, welche im Sueden des
+Sees gegen Guacimo und la Palma hinstreicht. Von einem Plateau herab, das
+320 Toisen hoch liegt, sahen wir zum letztenmale die Thaeler von Aragua.
+Der Gneiss kam zu Tage; er zeigte dieselbe Streichung der Schichten,
+denselben Fall nach Nordwest. Quarzadern im Gneiss sind goldhaltig; eine
+benachbarte Schlucht heisst daher Quebrada del Oro. Seltsamerweise begegnet
+man auf jedem Schritt dem vornehmen Namen "Goldschlucht" in einem Lande,
+wo ein einziges Kupferbergwerk im Betrieb ist. Wir legten fuenf Meilen bis
+zum Dorfe Maria Magdalena zurueck, und weitere zwei zur Villa de Cura. Es
+war Sonntag. Im Dorfe Maria Magdalena waren die Einwohner vor der Kirche
+versammelt. Man wollte unsere Maulthiertreiber zwingen anzuhalten und die
+Messe zu hoeren. Wir ergaben uns darein; aber nach langem Wortwechsel
+setzten die Maulthiertreiber ihren Weg fort. Ich bemerke hier, dass diess
+das einzigemal war, wo wir einen Streit solcher Art bekamen. Man macht
+sich in Europa ganz falsche Begriffe von der Unduldsamkeit und selbst vom
+Glaubenseifer der spanischen Colonisten.
+
+San Luis de Cura, oder, wie es gemeiniglich heisst, Villa de Cura liegt in
+einem sehr duerren Thale, das von Nordwest nach Suedost streicht und nach
+meinen barometrischen Beobachtungen eine Meereshoehe von 266 Toisen hat.
+Ausser einigen Fruchtbaeumen hat das Land fast gar keinen Pflanzenwuchs. Das
+Plateau ist desto duerrer, da mehrere Gewaesser -- ein ziemlich seltener
+Fall im Urgebirge -- sich auf Spalten im Boden verlieren. Der Rio de las
+Minas, nordwaerts von Villa de Cura, verschwindet im Gestein, kommt wieder
+zu Tage und wird noch einmal unterirdisch, ohne den See von Valencia zu
+erreichen, auf den er zulaeuft. Cura gleicht vielmehr einem Dorfe als einer
+Stadt. Die Bevoelkerung betraegt nicht mehr als 4000 Seelen, aber wir fanden
+daselbst mehrere Leute von bedeutender geistiger Bildung. Wir wohnten bei
+einer Familie, welche nach der Revolution von Caracas i. J. 1797 von der
+Regierung verfolgt worden war. Einer der Soehne war nach langer
+Gefangenschaft nach der Havana gebracht worden, wo er in einem festen
+Schlosse sass. Wie freute sich die Mutter, als sie hoerte, dass wir auf dem
+Rueckweg vom Orinoco nach der Havana kommen wuerden! Sie uebergab mir fuenf
+Piaster, "all ihr Erspartes." Gern haette ich sie ihr zurueckgegeben, aber
+wie haette ich mich nicht scheuen sollen, ihr Zartgefuehl zu verletzen,
+einer Mutter wehe zu thun, die in den Entbehrungen, die sie sich
+auferlegt, sich gluecklich fuehlt! Die ganze Gesellschaft der Stadt fand
+sich Abends zusammen, um in einem Guckkasten die Ansichten der grossen
+europaeischen Staedte zu bewundern. Wir bekamen die Tuilerien zu sehen und
+das Standbild des grossen Kurfuersten in Berlin. Es ist ein eigenes Gefuehl,
+seine Vaterstadt, zweitausend Meilen von ihr entfernt, in einem Guckkasten
+zu erblicken.
+
+Ein Apotheker, der durch den unseligen Hang zu bergmaennischen
+Unternehmungen heruntergekommen war, begleitete uns zum Serro de Chacao,
+der an goldhaltigen Kiesen sehr reich ist. Der Weg laeuft immer am
+suedlichen Abhang der Kuestencordillere hinab, in welcher die Ebenen von
+Aragua ein Laengenthal bilden. Die Nacht des 11. brachten wir zum Theil im
+Dorfe San Juan zu, bekannt wegen seiner warmen Quellen und der sonderbaren
+Gestalt zweier benachbarten Berge, der sogenannten *Morros de San Juan*.
+Diese Kuppen bilden steile Gipfel, die sich auf einer Felsmauer von sehr
+breiter Basis erheben. Die Mauer faellt steil ab und gleicht der
+*Teufelsmauer*, die um einen Strich des Harzgebirges herlaeuft. Diese
+Kuppen sieht man sehr weit in den Llanos, sie machen starken Eindruck auf
+die Einbildungskraft der Bewohner der Ebenen, die an gar keine Unebenheit
+des Bodens gewoehnt sind, und so kommt es, dass ihre Hoehe im Lande gewaltig
+ueberschaetzt wird. Sie sollten, wie man uns gesagt, mitten in den Steppen
+liegen, waehrend sie sich am noerdlichen Saume derselben befinden, weit
+jenseits einer Huegelkette, die la Galera heisst. Nach Winkeln, die im
+Abstand von zwei Seemeilen genommen worden, erheben sich die Kuppen nicht
+mehr als 156 Toisen ueber dem Dorf San Juan und 350 ueber dem Meer. Die
+warmen Quellen entspringen am Fuss der Kuppen, die aus Uebergangskalkstein
+bestehen; sie sind mit Schwefelwasserstoff geschwaengert, wie die Wasser
+von Mariara, und bilden einen kleinen Teich oder eine Lagune, in der ich
+den Thermometer nur auf 31 deg.,3 steigen sah.
+
+In der Nacht vom 9. zum 10. Maerz fand ich durch sehr befriedigende
+Sternbeobachtungen die Breite von Villa de Cura 10 deg., 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~}. Die
+spanischen Officiere, welche im Jahr 1755 bei der Grenzexpedition mit
+astronomischen Instrumenten an den Orinoco gekommen sind, koennen zu Cura
+nicht beobachtet haben, denn die Karte von CAULIN und die von CRUZ
+OLMEDILLA setzen diese Stadt einen Viertelsgrad zu weit suedwaerts.
+
+Villa de Cura ist im Lande beruehmt wegen eines wunderthaetigen
+Marienbildes, das Nuestra Sennora de los Valencianos genannt wird. Dieses
+Bild, das um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von einem Indianer in
+einer Schlucht gefunden wurde, gab Anlass zu einem Rechtshandel zwischen
+den Staedten Cura und San Sebastiano de los Reyes. Die Geistlichen der
+letzteren Stadt behaupteten, die h. Jungfrau sey zuerst in ihrem Sprengel
+erschienen. Der Bischof von Caracas, dem langen aergerlichen Streite ein
+Ende zu machen, liess das Bild in das bischoefliche Archiv schaffen und
+behielt es daselbst dreissig Jahre unter Siegel: es wurde den Einwohnern
+von Cura erst i. J. 1802 zurueckgegeben. DEPONS gibt umstaendliche Nachricht
+von diesem seltsamen Handel.
+
+Nachdem wir im kleinen Fluss St. Juan aus einem Bette von basaltischem
+Gruenstein, in frischem, klarem Wasser gebadet, setzten wir um zwei Uhr in
+der Nacht unsern Weg ueber Ortiz und Parapara nach *Mesa de Paja* fort. Die
+Llanos waren damals durch Raubgesindel unsicher, wesshalb sich mehrere
+Reisende an uns anschlossen, so dass wir eine Art Caravane bildeten. Sechs
+bis sieben Stunden lang ging es fortwaehrend abwaerts; wir kamen am Cerro de
+Flores vorbei, wo die Strasse zum grossen Dorfe San Jose de Tisnao abgeht.
+An den Hoefen Luque und Juncalito vorueber gelangt man in die Gruende, die
+wegen des schlechten Wegs und der blauen Farbe der Schiefer Malpasso und
+Piedras Azules heissen. Wir standen hier auf dem alten Gestade des grossen
+Beckens der Steppen, auf einem geologisch interessanten Boden.
+
+Der suedliche Abhang der Kuestencordillere ist ziemlich steil, da die
+Steppen nach meinen barometrischen Messungen tausend Fuss tiefer liegen als
+der Boden des Beckens von Aragua. Vom weiten Plateau von Villa de Cura
+kamen wir herab an das Ufer des Rio Tucutunemo, der sich ins
+Serpentingestein ein von Ost nach West streichendes Laengenthal gegraben
+hat, ungefaehr im Niveau von la Victoria. Von da fuehrte uns ein Querthal
+ueber die Doerfer Parapara und Ortiz in die Llanos. Dieses Thal streicht im
+Ganzen von Nord nach Sued und verengt sich an mehreren Stellen. Becken mit
+voellig wagrechtem Boden stehen durch schmale, abschuessige Schluchten mit
+einander in Verbindung. Es waren diess einst ohne Zweifel kleine Seen, und
+durch Aufstauung der Gewaesser oder durch eine noch gewaltsamere
+Katastrophe sind die Daemme zwischen den Wasserbecken durchbrochen worden.
+Diese Erscheinung kommt gleichzeitig in beiden Continenten vor, ueberall wo
+Laengenthaeler Paesse ueber die Anden, die Alpen, die Pyrenaeen bilden.(68)
+Wahrscheinlich ruehrt die ruinenhafte Gestalt der Kappen von San Juan und
+San Sebastiano von den gewaltigen Schwemmungen her, die beim Ausbruch der
+Gewaesser gegen die Llanos erfolgten.
+
+Bei der *Mesa de Paja*, unter dem 9. Grad der Breite, betraten wir das
+Becken der Llanos. Die Sonne stand beinahe im Zenith; der Boden zeigte
+ueberall, wo er von Vegetation entbloest war, eine Temperatur von 48--50 deg..
+In der Hoehe, in der wir uns auf unsern Maulthieren befanden, war kein
+Lufthauch zu spueren; aber in dieser scheinbaren Ruhe erhoben sich
+fortwaehrend kleine Staubwirbel in Folge der Luftstroemungen, die dicht am
+Boden durch die Temperaturunterschiede zwischen dem nackten Sand und den
+mit Gras bewachsenen Flecken hervorgebracht werden. Diese "Sandwinde"
+steigern die erstickende Hitze der Luft. Jedes Quarzkorn, weil es waermer
+ist als die umgebende Luft, strahlt ringsum Waerme aus, und es haelt schwer
+die Lufttemperatur zu beobachten, ohne dass Sandtheilchen gegen die Kugel
+des Thermometers getrieben werden. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel
+anzusteigen, und die weite unermessliche Einoede stellte sich unsern Blicken
+als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar. Da die Dunstmassen in
+der Luft ungleich vertheilt waren, und die Temperaturabnahme in den
+uebereinandergelagerten Luftschichtens keine gleichfoermige ist, so zeigte
+sich der Horizont in gewissen Richtungen hell und scharf begrenzt, in
+andern wellenfoermig auf- und abgebogen und wie gestreift. Erde und Himmel
+schmolzen dort in einander. Durch den trockenen Nebel und die
+Dunstschichten gewahrte man in der Ferne Staemme von Palmbaeumen. Ihrer
+gruenenden Wipfel beraubt, erschienen diese Staemme wie Schiffsmasten, die
+am Horizont auftauchen.
+
+Der einfoermige Anblick dieser Steppen hat etwas Grossartiges, aber auch
+etwas Trauriges und Niederschlagendes. Es ist als ob die ganze Natur
+erstarrt waere; kaum dass hin und wieder der Schatten einer kleinen Wolke,
+die durchs Zenith eilend die nahende Regenzeit verkuendet, auf die Savane
+faellt. Der erste Anblick der Llanos ueberrascht vielleicht nicht weniger
+als der der Andeskette. Alle Gebirgslaender, welches auch die absolute Hoehe
+ihrer hoechsten Gipfel seyn mag, haben eine gemeinsame Physiognomie; aber
+nur schwer gewoehnt man sich an den Anblick der Llanos von Venezuela und
+Casanare, der Pampas von Buenos Ayres und Chaco, die bestaendig, zwanzig,
+dreissig Tagereisen lang, ein Bild der Meeresflaeche bieten. Ich kannte die
+Ebenen oder Llanos der spanischen Mancha und die Heiden (_ericeta_), die
+sich von den Grenzen Juetlands durch Lueneburg und Westphalen bis nach
+Belgien hinein erstrecken. Letztere sind wahre Steppen, von denen der
+Mensch seit Jahrhunderten nur kleine Strecken kulturfaehig zu machen im
+Stande war; aber die Ebenen im Westen und Norden von Europa geben nur ein
+schwaches Bild von den unermesslichen Llanos in Suedamerika. Im Suedosten
+unseres Continents, in Ungarn zwischen der Donau und der Theiss, in Russland
+zwischen dem Dnieper, dem Don und der Wolga treten die ausgedehnten
+Weidelaender auf, die durch langen Aufenthalt der Wasser geebnet scheinen
+und ringsum den Horizont begrenzen. Wo ich die ungarischen Ebenen bereist
+habe, an den Grenzen Deutschlands zwischen Pressburg und Oedenburg,
+beschaeftigen sie die Einbildungskraft des Reisenden durch das fortwaehrende
+Spiel der Luftspiegelung; aber ihre weiteste Erstreckung ist ostwaerts
+zwischen Czegled, Debreczin und Tittel. Es ist ein gruenes Meer mit zwei
+Ausgaengen, dem einen bei Gran und Weitzen, dem andern zwischen Belgrad und
+Widdin.
+
+Man glaubte die verschiedenen Welttheile zu charakterisiren, indem man
+sagte, Europa habe *Heiden*, Asien *Steppen*, Afrika *Wuesten*, Amerika
+*Savanen*; aber man stellt damit Gegensaetze auf, die weder in der Natur
+der Sachen, noch im Geiste der Sprachen gegruendet sind. Die asiatischen
+Steppen sind keineswegs ueberall mit Salzpflanzen bedeckt; in den Savanen
+von Venezuela kommen neben den Graesern kleine krautartige Mimosen,
+Schotengewaechse und andere Dicotyledonen vor. Die Ebenen der Songarei, die
+zwischen Don und Wolga, die ungarischen *Puszten* sind wahre Savanen,
+Weidelaender mit reichem Graswuchs, waehrend auf den Savanen ost- und
+westwaerts von den Rocky-Mountains und von Neu-Mexico Chenopodien mit einem
+Gehalt von kohlensaurem und salzsauren Natrum vorkommen. Asien hat aechte
+pflanzenlose Wuesten, in Arabien, in der Gobi, in Persien. Seit man die
+Wuesten im Innern Afrika's, was man so lange unter dem allgemeinen Namen
+Sahara begriffen, naeher kennen gelernt hat, weiss man, dass es im Osten
+dieses Continents, wie in Arabien, Savanen und Weidelaender gibt, die von
+nackten, duerren Landstrichen umgeben sind. Letztere, mit losem Gestein
+bedeckte, ganz pflanzenlose Wuesten, fehlen nun aber der neuen Welt fast
+ganz. Ich habe dergleichen nur im niedern Strich von Peru, zwischen
+Amotape und Coquimbo, am Gestade der Suedsee gesehen. Die Spanier nennen
+sie nicht Llanos, sondern _desiertos_ von Sechura und Atacamez. Diese
+Einoede ist nicht breit, aber 440 Meilen lang. Die Gebirgsart kommt ueberall
+durch den Flugsand zu Tag. Es faellt niemals ein Tropfen Regen, und wie in
+der Sahara noerdlich von Tombuctu sindet sich in der peruanischen Wueste bei
+Huaura eine reiche Steinsalzgrube. Ueberall sonst in der neuen Welt gibt
+es oede, weil unbewohnte Flaechen, aber keine eigentlichen Wuesten.
+
+Dieselben Erscheinungen wiederholen sich in den entlegensten Landstrichen,
+und statt diese weiten baumlosen Ebenen nach den Pflanzen zu
+unterscheiden, die auf ihnen vorkommen, unterscheidet man wohl am
+einfachsten zwischen *Wuesten* und *Steppen* oder *Savanen*, zwischen
+nackten Landstrichen ohne Spur von Pflanzenwuchs und Landstrichen, die mit
+Graesern oder kleinen Gewaechsen aus der Classe der Dicotyledonen bedeckt
+sind. In manchen Werken heissen die amerikanischen Savanen, namentlich die
+der gemaessigten Zone, *Wiesen* (Prairien); aber diese Bezeichnung passt, wie
+mir duenkt, schlecht auf Weiden, die oft sehr duerr, wenn auch mit 4 bis 5
+Fuss hohen Kraeutern bedeckt sind. Die amerikanischen Llanos oder Pampas
+sind wahre *Steppen*. Sie sind in der Regenzeit schoen begruent, aber in der
+trockensten Jahreszeit bekommen sie das Ansehen von Wuesten. Das Kraut
+zerfaellt zu Staub, der Boden berstet, das Krokodil und die grossen
+Schlangen liegen begraben im ausgedoerrten Schlamm, bis die ersten
+Regenguesse im Fruehjahr sie aus der langen Erstarrung wecken. Diese
+Erscheinungen kommen auf duerren Landstrichen von 50--60 Quadratmeilen
+ueberall vor, wo keine Gewaesser durch die Savane stroemen; denn am Ufer der
+Baeche und der kleinen Stuecke stehenden Wassers stoesst der Reisende von Zeit
+zu Zeit selbst in der duerrsten Jahreszeit auf Gebuesche der Mauritia, einer
+Palmenart, deren faecherfoermige Blaetter bestaendig glaenzend gruen sind.
+
+Die asiatischen Steppen liegen alle ausserhalb der Wendekreise und bilden
+sehr hohe Plateaus. Auch Amerika hat auf dem Ruecken der Gebirge von
+Mexico, Peru und Quito Savanen von bedeutender Ausdehnung, aber seine
+ausgedehntesten Steppen, die Llanos von Cumana, Caracas und Meta, erheben
+sich nur sehr wenig ueber dem Meeresspiegel und fallen alle in die
+Aequinoctialzone. Diese Umstaende ertheilen ihnen einen eigenthuemlichen
+Charakter. Die Seen ohne Abfluss, die kleinen Flusssysteme, die sich im Sand
+verlieren oder durch die Gebirgsart durchseigen, wie sie den Steppen im
+oestlichen Asien und den persischen Wuesten eigen sind, kommen hier nicht
+vor. Die amerikanischen Llanos fallen gegen Ost und Sued und ihre
+stroemenden Gewaesser laufen in den Orinoco.
+
+Nach dem Lauf dieser Fluesse hatte ich frueher geglaubt, dass die Ebenen
+Plateaus bilden muessten, die mindestens 100 bis 150 Toisen ueber dem Meer
+gelegen waeren. Ich dachte mir, auch die Wuesten im inneren Afrika muessten
+betraechtlich hoch liegen und stufenweise von den Kuesten bis ins Innere des
+grossen Continents ueber einander aufsteigen. Bis jetzt ist noch kein
+Barometer in die Sahara gekommen. Was aber die amerikanischen Llanos
+betrifft, so zeigen die Barometerhoehen, die ich zu Calabozo, zu Villa del
+Pao und an der Muendung des Meta beobachtet, dass sie nicht mehr als 40 bis
+50 Toisen ueber dem Meeresspiegel liegen. Die Fluesse haben einen sehr
+schwachen, oft kaum merklichen Fall. So kommt es, dass beim geringsten
+Wind, und wenn der Orinoco anschwillt, die Fluesse, die in ihn fallen,
+rueckwaerts gedraengt werden. Im Rio Arauca bemerkt man haeufig diese Stroemung
+*nach oben*. Die Indianer glauben einen ganzen Tag lang abwaerts zu
+schiffen, waehrend sie von der Muendung gegen die Quellen fahren. Zwischen
+den abwaertsstroemenden und den aufwaertsstroemenden Gewaessern bleibt eine
+bedeutende Wassermasse still stehen, in der sich durch
+Gleichgewichtsstoerung Wirbel bilden, die den Fahrzeugen gefaehrlich werden.
+
+Der eigenthuemlichste Zug der Savanen oder Steppen Suedamerikas ist die
+voellige Abwesenheit aller Erhoehungen, die vollkommen wagerechte Lage des
+ganzen Bodens. Die spanischen Eroberer, die zuerst von Coro her an die
+Ufer des Apure vordrangen, haben sie daher auch weder Wuesten, noch
+Savanen, noch Prairien genannt, sondern Ebenen, _los Llanos_. Auf dreissig
+Quadratmeilen zeigt der Boden oft keine fusshohe Unebenheit. Diese
+Aehnlichkeit mit der Meeresflaeche draengt sich der Einbildungskraft
+besonders da auf, wo die Ebenen gar keine Palmen tragen, und wo man von
+den Bergen an der Kueste und vom Orinoco so weit weg ist, dass man dieselben
+nicht sieht, wie in der Mesa de Pavones. Dort koennte man sich versucht
+fuehlen, mit einem Reflexionsinstrument Sonnenhoehen aufzunehmen, wenn nicht
+der *Land-Horizont*, in Folge des wechselnden Spiels der Refractionen,
+bestaendig in Nebel gehuellt waere. Diese Ebenheit des Bodens ist noch
+vollstaendiger unter dem Meridian von Calabozo als gegen Ost zwischen Cari,
+Villa del Pao und Nueva Barcelona; aber sie herrscht ohne Unterbrechung
+von den Muendungen des Orinoco bis zur Villa de Araure und Ospinos, auf
+einem *Parallel* von 180 Meilen, und von San Carlos bis zu den Savanen am
+Caqueta aus, einem *Meridian* von 200 Meilen. Sie vor Allem ist
+charakteristisch fuer den neuen Continent, so wie fuer die asiatischen
+Steppen zwischen dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtisch und dem
+Obi. Dagegen zeigen die Wuesten im inneren Afrika, in Arabien, Syrien und
+Persien, die Cobi und die Casna viele Bodenunebenheiten, Huegelreihen,
+wasserlose Schluchten und festes Gestein, das aus dem Sand hervorragt.
+
+Trotz der scheinbaren Gleichfoermigkeit ihrer Flaeche finden sich indessen
+in den Llanos zweierlei Unebenheiten, die dem aufmerksamen Beobachter
+nicht entgehen. Die erste Art nennt man _bancos_; es sind wahre Baenke,
+Untiefen im Steppenbecken, zerbrochene Schichten von festem Sandstein oder
+Kalkstein, die 4 bis 5 Fuss hoeher liegen als die uebrige Ebene. Diese Baenke
+sind zuweilen drei bis vier Meilen lang; sie sind vollkommen eben und
+wagerecht und man bemerkt ihr Vorhandenseyn ueberhaupt nur dann, wenn man
+ihre Raender vor sich hat. Die zweite Unebenheit laesst sich nur durch
+geodaetische oder barometrische Messungen oder am Lauf der Fluesse erkennen;
+sie heisst Mesa. Es sind diess kleine Plateaus, oder vielmehr convexe
+Erhoehungen, die unmerklich zu einigen Toisen Hoehe ansteigen. Dergleichen
+sind ostwaerts in der Provinz Cumana, im Norden von Villa de la Merced und
+Candelaria, die *Mesas Amana, Guanipa und Jonoro*, die von Suedwest nach
+Nordost streichen und trotz ihrer unbedeutenden Hoehe die Wasser zwischen
+dem Orinoco und der Nordkueste von Terra firma scheiden. Nur die sanfte
+Woelbung der Savane bildet die Wasserscheide; hier sind die _divortia
+aquarum_,(69) wie in Polen, wo fern von den Karpathen die Wasserscheide
+zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere in der Ebene selbst liegt.
+Die Geographen setzen da, wo eine Wasserscheide ist, immer Bergzuege
+voraus, und so sieht man denn auch auf den Karten dergleichen um die
+Quellen des Rio Neveri, des Unare, des Guarapiche und des Pao
+eingezeichnet. Diess erinnert an die mongolischen Priester, die nach einem
+alten aberglaeubischen Brauch an allen Stellen, wo die Wasser nach
+entgegengesetzten Seiten fliessen, *Obos* oder kleine Steinhaufen
+errichten.
+
+Das ewige Einerlei der Llanos, die grosse Seltenheit von bewohnten Plaetzen,
+die Beschwerden der Reise unter einem gluehenden Himmel und bei
+stauberfuellter Luft, die Aussicht auf den Horizont, der bestaendig vor
+einem zurueckzuweichen scheint, die vereinzelten Palmstaemme, deren einer
+aussieht wie der andere, und die man gar nicht erreichen zu koennen meint,
+weil man sie mit andern Staemmen verwechselt, die nach einander am
+Gesichtskreis auftauchen -- all diess zusammen macht, dass einem die Steppen
+noch weit groesser vorkommen, als sie wirklich sind. Die Pflanzer am
+Suedabhang des Kuestengebirges sehen die Steppen grenzenlos, gleich einem
+gruenen Ocean gegen Sued sich ausdehnen. Sie wissen, dass man vom Delta des
+Orinoco bis in die Provinz Barinas und von dort ueber die Fluesse Meta,
+Guaviare und Caguan, Anfangs von Ost nach West, sodann von Nordost nach
+Nordwest, 380 Meilen weit in den Steppen fortziehen kann, bis ueber den
+Aequator hinaus an den Fuss der Anden von Pasto. Sie kennen nach den
+Berichten der Reisenden die Pampas von Buenos Ayres, die gleichfalls mit
+feinem Gras bewachsene, baumlose Llanos sind und von verwilderten Rindern
+und Pferden wimmeln. Sie sind, nach Anleitung unserer meisten Karten von
+Amerika, der Meinung, der Continent habe nur Eine Bergkette, die der
+Anden, die von Sued nach Nord laeuft, und nach einem unbestimmten
+systematischen Begriff lassen sie alle Ebenen vom Orinoco und vom Apure an
+bis zum Rio de la Plata und der Magellan'schen Meerenge untereinander
+zusammenhaengen.
+
+Ich entwerfe im Folgenden ein moeglichst klares und gedraengtes Bild vom
+allgemeinen Bau eines Festlandes, dessen Endpunkte, unter so verschiedenen
+Klimaten sie auch liegen, in mehreren Zuegen mit einander uebereinkommen. Um
+den Umriss und die Grenzen der Ebenen richtig aufzufassen, muss man die
+Bergketten kennen, welche den Uferrand derselben bilden. Von der
+Kuestencordillere, deren hoechster Gipfel die Silla bei Caracas ist, und die
+durch den Paramo de las Rosas mit dem Nevado von Merida und den Anden von
+Neu-Grenada zusammenhaengt, haben wir bereits gesprochen. Eine zweite
+Bergkette, oder vielmehr ein minder hoher, aber weit breiterer Bergstock
+laeuft zwischen dem 3. und 7. Parallelkreise von den Muendungen des Guaviare
+und Meta zu den Quellen des Orinoco, Marony und Esquibo, gegen das
+hollaendische und franzoesische Guyana zu. Ich nenne diese Kette die
+*Cordillere der Parime* oder der grossen Faelle des Orinoco; man kann sie
+250 Meilen weit verfolgen, es ist aber nicht sowohl eine Kette, als ein
+Haufen granitischer Berge, zwischen denen kleine Ebenen liegen und die
+nicht ueberall Reihen bilden. Der Bergstock der Parime verschmaelert sich
+bedeutend zwischen den Quellen des Orinoco und den Bergen von Demerary zu
+den Sierras von Quimiropaca und Pacaraimo, welche die Wasserscheide bilden
+zwischen dem Carony und dem Rio Parime oder Rio de Aguas blancas. Diess ist
+der Schauplatz der Unternehmungen, um den Dorado aufzusuchen und die grosse
+Stadt Manoa, das Tombuctu der neuen Welt. Die Cordillere der Parime haengt
+mit den Anden von Neu-Grenada nicht zusammen; sie sind durch einen 80
+Meilen breiten Zwischenraum getrennt. Daechte man sich, dieselbe sey hier
+durch eine grosse Erdumwaelzung zerstoert worden, was uebrigens gar nicht
+wahrscheinlich ist, so muesste man annehmen, sie sey einst von den Anden
+zwischen Santa Fe de Bogota und Pamplona abgegangen. Diese Bemerkung mag
+dazu dienen, die geographische Lage dieser Cordillere, die bis jetzt sehr
+wenig bekannt geworden, dem Leser besser einzupraegen. -- Eine dritte
+Bergkette verbindet unter dem 16. und 18. Grad suedl. Breite (ueber Santa
+Cruz de la Sierra, die Serranias von Aguapehy und die vielberufenen Campos
+dos Parecis) die peruanischen Anden mit den Gebirgen Brasiliens. Diess ist
+die *Cordillere von Chiquitos*, die in der Capitania von Minas Geraes
+breiter wird und die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom und dem La
+Plata bildet, nicht nur im innern Lande, im Meridian von Villa Boa,
+sondern bis wenige Meilen von der Kueste, zwischen Rio Janeiro und Bahia.
+
+Diese drei Querketten oder vielmehr diese drei *Bergstoecke*, welche
+innerhalb der Grenzen der heissen Zone von West nach Ost streichen, sind
+durch voellig ebene Landstriche getrennt, *die Ebenen von Caracas* oder am
+untern Orinoco, *die Ebenen des Amazonenstroms* und des Rio Negro, *die
+Ebenen von Buenos Ayres* oder des La Plata. Ich brauche nicht den Ausdruck
+*Thaeler*, weil der untere Orinoco und der Amazonenstrom keineswegs in
+einem Thale fliessen, sondern nur in einer weiten Ebene eine kleine Rinne
+bilden. Die beiden Becken an den beiden Enden Suedamerikas sind Savanen
+oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze
+Jahr die tropischen Regen fallen, ist fast durchgaengig ein ungeheurer
+Wald, in dem es keinen andern Pfad gibt als die Fluesse. Wegen des
+kraeftigen Pflanzenwuchses, der den Boden ueberzieht, faellt hier die
+Ebenheit desselben weniger auf, und nur die Becken von Caracas und La
+Plata nennt man *Ebenen*. In der Sprache der Colonisten heissen die drei
+eben beschriebenen Becken: die *Llanos* von Barinas und Caracas, die
+*Bosques* oder *Selvas* (Waelder) des Amazonenstromes, und die *Pampas* von
+Buenos Ayres. Der Wald bedeckt nicht nur groesstentheils die *Ebenen des
+Amazonenstroms* von der Cordillere von Chiquitos bis zu der der Parime, er
+ueberzieht auch diese beiden Bergketten, welche selten die Hoehe der
+Pyrenaeen erreichen. Desshalb sind die weiten Ebenen des Amazonenstromes,
+des Madeira und Rio Negro nicht so scharf begrenzt wie die *Llanos* von
+Caracas und die *Pampas* von Buenos Ayres. Da die *Waldregion* Ebenen und
+Gebirge zugleich begreift, so erstreckt sie sich vom 18 deg. suedlicher bis zum
+7 und 8 deg. noerdlicher Breite, und umfasst gegen 120,000 Quadratmeilen. Dieser
+Wald des suedlichen Amerika, denn im Grunde ist es nur Einer, ist sechsmal
+groesser als Frankreich; die Europaeer kennen ihn nur an den Ufern einiger
+Fluesse, die ihn durchstroemen, und er hat Lichtungen, deren Umfang mit dem
+des Forstes im Verhaeltniss steht. Wir werden bald an sumpfigen Savanen
+zwischen dem obern Orinoco, dem Conorichite und Cassiquiare, unter dem 3.
+und 4. Grad der Breite, vorueberkommen. Unter demselben Parallelkreise
+liegen andere Lichtungen oder _Savanas limpias_(70) zwischen den Quellen
+des Mao und des Rio de Aguas blancas, suedlich von der Sierra Pacaraima.
+Diese letzteren Savanen sind von Caraiben und nomadischen Macusis bewohnt;
+sie ziehen sich bis nahe an die Grenzen des hollaendischen und
+franzoesischen Guyana fort.
+
+Wir haben die geologischen Verhaeltnisse von Suedamerika geschildert; heben
+wir jetzt die Hauptzuege heraus. Den Westkuesten entlang laeuft eine
+ungeheure Gebirgsmauer, reich an edlen Metallen ueberall, wo das
+vulkanische Feuer sich nicht durch den ewigen Schnee Bahn gebrochen: diess
+ist die *Cordillere der Anden*. Gipfel von Trappporphyr steigen hier zu
+mehr als 3300 Toisen Hoehe auf, und die mittlere Hoehe der Kette betraegt
+1850 Toisen. Sie streicht in der Richtung eines Meridians fort und schickt
+in jeder Halbkugel, unter dem 10. Grad noerdlicher und unter dem 16. und
+18. Grad suedlicher Breite einen Seitenzweig ab. Der erstere dieser Zweige,
+die Kuestencordillere von Caracas, ist minder breit und bildet eine
+eigentliche Kette. Der zweite, die Cordillere von Chiquitos und an den
+Quellen des Guapore, ist sehr reich an Gold und breitet sich ostwaerts, in
+Brasilien, zu weiten Plateaus mit gemaessigtem Klima aus. Zwischen diesen
+beiden, mit den Anden zusammenhaengenden Querketten liegt vom 3. zum 7.
+Grad noerdlicher Breite eine abgesonderte Gruppe granitischer Berge, die
+gleichfalls parallel mit dem Aequator, jedoch nicht ueber den 71. Grad der
+Laenge fortstreicht, dort gegen Westen rasch abbricht und mit den Anden von
+Neu-Grenada nicht zusammenhaengt. Diese drei Querketten haben keine
+thaetigen Vulkane; wir wissen aber nicht, ob auch die suedlichste, gleich
+den beiden andern, keinen Trachyt oder Trappporphyr hat. Keiner ihrer
+Gipfel erreicht die Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Hoehe der
+Cordillere der Parime und der Kuestencordillere von Caracas betraegt nicht
+ganz 600 Toisen, wobei uebrigens manche Gipfel sich doch 1400 Toisen ueber
+das Meer erheben. Zwischen den drei Querketten liegen Ebenen, die
+saemmtlich gegen West geschlossen, gegen Ost und Suedost offen sind. Bedenkt
+man ihre so unbedeutende Hoehe ueber dem Meer, so fuehlt man sich versucht,
+sie als *Golfe* zu betrachten, die in der Richtung des Rotationsstroms
+fortstreichen. Wenn in Folge einer ungewoehnlichen Anziehung die Gewaesser
+des atlantischen Meers an der Muendung des Orinoco um fuenfzig Toisen, an
+der Muendung des Amazonenstroms um zweihundert Toisen stiegen, so wuerde die
+Fluth mehr als die Haelfte von Suedamerika bedecken. Der Ostabhang oder der
+Fuss der Anden, der jetzt sechshundert Meilen von den Kuesten Brasiliens
+abliegt, waere ein von der See bespueltes Ufer. Diese Betrachtung gruendet
+sich auf eine barometrische Messung in der Provinz Jaen de Bracamoros, wo
+der Amazonenstrom aus den Cordilleren herauskommt. Ich habe gefunden, dass
+dort der ungeheure Strom bei mittlerem Wasserstand nur 194 Toisen ueber dem
+gegenwaertigen Spiegel des atlantischen Meeres liegt. Und diese in der
+Mitte gelegenen waldbedeckten Ebenen liegen noch fuenfmal hoeher als die
+grasbewachsenen Pampas von Buenos Ayres und die Llanos von Caracas und am
+Meta.
+
+Diese Llanos, welche das Becken des untern Orinoco bilden und die wir
+zweimal im selben Jahr, in den Monaten Maerz und Juli, durchzogen haben,
+haengen zusammen mit dem Becken des Amazonenstroms und des Rio Negro, das
+einerseits durch die Cordillere von Chiquitos, andererseits durch die
+Gebirge der Parime begrenzt ist. Dieser Zusammenhang vermittelt sich durch
+die Luecke zwischen den letzteren und den Anden von Neu-Grenada. Der Boden
+in seinem Anblick erinnert hier, nur dass der Maassstab ein weit groesserer
+ist, an die lombardischen Ebenen, die sich auch nur 50 bis 60 Toisen ueber
+das Meer erheben und einmal von der Brenta nach Turin von Ost nach West,
+dann von Turin nach Coni von Nord nach Sued streichen. Wenn andere
+geologische Thatsachen uns berechtigten, die drei grossen Ebenen am untern
+Orinoco, am Amazonenstrom und am Rio de la Plata als alte Seebecken zu
+betrachten, so liessen sich die Ebenen am Rio Vichada und am Meta als ein
+Kanal ansehen, durch den die Wasser des oberen Sees, des auf den Ebenen
+des Amazonenstroms, in das tiefere Becken, in die Llanos von Caracas,
+durchgebrochen waeren und dabei die Cordillere der Parime von der der Anden
+getrennt haetten. Dieser Kanal ist eine Art Land-Meerenge (_detroit
+terrestre_). Der durchaus ebene Boden zwischen dem Guaviare, dem Meta und
+Apure zeigt keine Spur von gewaltsamem Einbruch der Gewaesser; aber am Rand
+der Cordillere der Parime, zwischen dem 4. und 7. Grad der Breite, hat
+sich der Orinoco, der von seiner Quelle bis zur Einmuendung des Guaviare
+westwaerts fliesst, auf seinem Lauf von Sued nach Nord durch das Gestein
+einen Weg gebrochen. Alle grossen Katarakte liegen, wie wir bald sehen
+werden, auf dieser Strecke. Aber mit der Einmuendung des Apure, dort, wo im
+so niedrig gelegenen Lande der Abhang gegen Nord mit dem Gegenhang nach
+Suedost zusammentrifft, das heisst mit der Boeschung der Ebenen, die
+unmerklich gegen die Gebirge von Caracas *ansteigen*, macht der Fluss
+wieder eine Biegung und stroemt sofort ostwaerts. Ich glaubte den Leser
+schon hier auf diese sonderbaren Windungen des Orinoco aufmerksam machen
+zu muessen, weil er mit seinem Lauf, als zwei Becken zumal angehoerend,
+selbst auf den mangelhaftesten Karten gewissermassen die Richtung des
+Theils der Ebenen bezeichnet, der zwischen die Anden von Neu-Grenada und
+den westlichen Saum der Gebirge der Parime eingeschoben ist.
+
+Die Llanos oder Steppen am untern Orinoco und am Meta fuehren, gleich den
+afrikanischen Wuesten, in ihren verschiedenen Strichen verschiedene Namen.
+Von den Boccas del Dragon an folgen von Ost nach West auf einander: die
+Llanos von Cumana, von Barcelona und von Caracas oder Venezuela. Wo die
+Steppen vom 8. Breitegrad an, zwischen dem 70. und 73. Grad der Laenge,
+sich nach Sued und Sued-Sued-West wenden, kommen von Nord nach Sued die Llanos
+von Barinas, Casanare, Meta, Guaviare, Caguan und Caqueta. In den Ebenen
+von Barinas kommen einige nicht sehr bedeutende Denkmaeler vor, die auf ein
+nicht mehr vorhandenes Volk deuten. Man findet zwischen Mijagual und dem
+Cano de la Hacha wahre Grabhuegel, dort zu Lande _Serillos de los Indios_
+genannt. Es sind kegelfoermige Erhoehungen, aus Erde von Menschenhand
+aufgefuehrt, und sie bergen ohne Zweifel menschliche Gebeine, wie die
+Grabhuegel in den asiatischen Steppen. Ferner beim Hato de la Calzada,
+zwischen Barinas und Caragua, sieht man eine huebsche Strasse, fuenf Meilen
+lang, vor der Eroberung, in sehr alter Zeit von den Eingeborenen angelegt.
+Es ist ein Erddamm, fuenfzehn Fuss hoch, der ueber eine haeufig ueberschwemmte
+Ebene fuehrt. Hatten sich etwa civilisirtere Voelker von den Gebirgen von
+Truxillo und Merida ueber die Ebenen am Rio Apure verbreitet? Die heutigen
+Indianer zwischen diesem Fluss und dem Meta sind viel zu versunken, um an
+die Errichtung von Kunststrassen oder Grabhuegeln zu denken.
+
+Ich habe den Flaechenraum dieser Llanos von der Caqueta bis zum Apure und
+vom Apure zum Delta des Orinoco auf 17,000 Quadratmeilen (20 auf den Grad)
+berechnet. Der von Nord nach Sued sich erstreckende Theil ist beinahe
+doppelt so gross als der von Ost nach West zwischen dem untern Orinoco und
+der Kuestencordillere von Caracas streichende. Die *Pampas* nord- und
+nordwestwaerts von Buenos Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, Jujuy
+und Tucuman, sind ungefaehr eben so gross als die Llanos; aber die Pampas
+setzen sich noch 18 Grad weiter nach Sueden fort, und sie erstrecken sich
+ueber einen so weiten Landstrich, dass am einen Saume Palmen wachsen,
+waehrend der andere, eben so niedrig gelegene und ebene, mit ewigem Eis
+bedeckt ist.
+
+Die amerikanischen Llanos sind da, wo sie parallel mit dem Aequator
+streichen, viermal schmaeler als die grosse afrikanische Wueste. Dieser
+Umstand ist von grosser Bedeutung in einem Landstrich, wo die Richtung der
+Winde bestaendig von Ost nach West geht. Je weiter Ebenen in dieser
+Richtung sich erstrecken, desto heisser ist ihr Klima. Das grosse
+afrikanische Sandmeer haengt ueber Yemen mit Gedrosia und Beludschistan bis
+ans rechte Ufer des Indus zusammen; und in Folge der Winde, die ueber die
+ostwaerts gelegenen Wuesten weggegangen sind, ist das Becken des rothen
+Meers, in der Mitte von Ebenen, welche auf allen Punkten Waerme strahlen,
+eine der heissesten Gegenden des Erdballs. Der unglueckliche Capitaen Tuckey
+berichtet, dass der hunderttheilige Thermometer sich dort fast immer bei
+Nacht auf 34 deg., bei Tag auf 40 bis 44 deg. haelt. Wie wir bald sehen werden,
+haben wir selbst im westlichsten Theil der Steppen von Caracas die
+Temperatur der Luft, im Schatten und vom Boden entfernt, selten ueber 37 deg.
+gefunden.
+
+An diese physikalischen Betrachtungen ueber die Steppen der neuen Welt
+knuepfen sich andere, hoehere, solche, die sich auf die Geschichte unserer
+Gattung beziehen. Das grosse afrikanische Sandmeer, die wasserlosen Wuesten
+sind nur von Caravanen besucht, die bis zu 50 Tagen brauchen, sie zu
+durchziehen. Die Sahara trennt die Voelker von Negerbildung von den Staemmen
+der Araber und Berbern und ist nur in den Oasen bewohnt. Weiden hat sie
+nur im oestlichen Striche, wo als Wirkung der Passatwinde die Sandschicht
+weniger dick ist, so dass die Quellen zu Tage brechen koennen. Die Steppen
+Amerikas sind nicht so breit, nicht so gluehend heiss, sie werden von
+herrlichen Stroemen befruchtet und sind so dem Verkehr der Voelker weit
+weniger hinderlich. Die *Llanos* trennen die Kuestencordillere von Caracas
+und die Anden von Neu-Grenada von der Waldregion, von jener Hylaea(71) des
+Orinoco, die schon bei der Entdeckung Amerikas von Voelkern bewohnt war,
+welche auf einer weit tieferen Stufe der Cultur standen, als die Bewohner
+der Kuesten und vor allen des Gebirgslands der Cordilleren. Indessen waren
+die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Cultur, als sie
+gegenwaertig fuer die in den Waeldern lebenden Horden eine Schutzmauer der
+Freiheit sind. Sie haben die Voelker am untern Orinoco nicht abgehalten,
+die kleinen Fluesse hinaufzufahren und nach Nord und West Einfaelle ins Land
+zu machen. Haette es die mannigfaltige Verbreitung der Thiergeschlechter
+ueber die Erde mit sich gebracht, dass das Hirtenleben in der neuen Welt
+bestehen konnte; haetten vor der Ankunft der Spanier auf den Llanos und
+Pampas so zahlreiche Heerden von Rindern und Pferden geweidet wie jetzt,
+so waere Columbus das Menschengeschlecht hier in ganz anderer Verfassung
+entgegengetreten. Hirten-Voelker, die von Milch und Kaese leben, wahre
+Nomaden haetten diese weiten, mit einander zusammenhaengenden Ebenen
+durchzogen. In der trockenen Jahreszeit und selbst zur Zeit der
+Ueberschwemmungen haetten sie den Besitz der Weiden einander streitig
+gemacht, sie haetten einander unterjocht, und vereint durch das gemeinsame
+Band der Sitten, der Sprache und der Gottesverehrung, sich zu der Stufe
+von Halbcultur erhoben, die uns bei den Voelkern mongolischen und
+tartarischen Stammes ueberraschend entgegentritt. Dann haette Amerika,
+gleich dem mittleren Asien, seine Eroberer gehabt, welche aus den Ebenen
+zum Plateau der Cordilleren hinauf stiegen, dem umherschweifenden Leben
+entsagten, die cultivirten Voelker von Peru und Neu-Grenada unterjochten,
+den Thron der Incas und des Zaque(72) umstuerzten und an die Stelle des
+Despotismus, wie er aus der Theokratie fliesst, den Despotismus setzten,
+wie ihn das patriarchalische Regiment der Hirtenvoelker mit sich bringt.
+Die Menschheit der neuen Welt hat diese grossen moralischen und politischen
+Wechsel nicht durchgemacht, und zwar weil die Steppen, obgleich
+fruchtbarer als die asiatischen, ohne Heerden waren, weil keines der
+Thiere, die reichliche Milch geben, den Ebenen Suedamerikas eigenthuemlich
+ist, und weil in der Entwicklung amerikanischer Cultur das Mittelglied
+zwischen Jaegervoelkern und ackerbauenden Voelkern fehlte.
+
+Die hier mitgetheilten allgemeinen Bemerkungen ueber die Ebenen des neuen
+Continents und ihre Eigenthuemlichkeiten gegenueber den Wuesten Afrikas und
+den fruchtbaren Steppen Asiens schienen mir geeignet, den Bericht einer
+Reise durch so einfoermige Landstriche anziehender zu machen. Jetzt aber
+mag mich der Leser auf unserem Wege von den vulkanischen Bergen von
+Parapara und dem noerdlichen Saum der Llanos zu den Ufern des Apure in der
+Provinz Barinas begleiten.
+
+Nachdem wir zwei Naechte zu Pferde gewesen und vergeblich unter Gebuesch von
+Murichipalmen Schutz gegen die Sonnengluth gesucht hatten, kamen wir vor
+Nacht zum kleinen Hofe "_el Cayman_" auch la Guadalupe genannt. Es ist
+diess ein _Hato de ganado_, das heisst ein einsames Haus in der Steppe,
+umher ein paar kleine mit Rohr und Haeuten bedeckte Huetten. Das Vieh,
+Rinder, Pferde, Maulthiere, ist nicht eingepfercht; es laeuft frei auf
+einem Flaechenraum von mehreren Quadratmeilen. Nirgends ist eine Umzaeunung.
+Maenner, bis zum Guertel nackt und mit einer Lanze bewaffnet, streifen zu
+Pferd ueber die Savanen, um die Heerden im Auge zu behalten,
+zurueckzutreiben, was sich zu weit von den Weiden des Hofes verlaeuft, mit
+dem gluehenden Eisen zu zeichnen, was noch nicht den Stempel des
+Eigenthuemers traegt. Diese Farbigen, _Peones llaneros_ genannt, sind zum
+Theil Freie oder Freigelassene, zum Theil Sklaven. Nirgends ist der Mensch
+so anhaltend dem sengenden Strahl der tropischen Sonne ausgesetzt. Sie
+naehren sich von luftduerrem, schwach gesalzenem Fleisch; selbst ihre Pferde
+fressen es zuweilen. Sie sind bestaendig im Sattel und meinen nicht den
+unbedeutendsten Gang zu Fuss machen zu koennen. Wir trafen im Hof einen
+alten Negersklaven, der in der Abwesenheit des Herrn das Regiment fuehrte.
+Heerden von mehreren tausend Kuehen sollten in der Steppe weiden; trotzdem
+baten wir vergeblich um einen Topf Milch. Man reichte uns in
+Tutumofruechten gelbes, schlammigtes, stinkendes Wasser: es war aus einem
+Sumpf in der Naehe geschoepft. Die Bewohner der Llanos sind so traeg, dass sie
+gar keine Brunnen graben, obgleich man wohl weiss, dass sich fast
+allenthalben in zehn Fuss Tiefe gute Quellen in einer Schicht von
+Conglomerat oder rothem Sandstein finden. Nachdem man die eine Haelfte des
+Jahres durch die Ueberschwemmungen gelitten, erwaegt man in der andern
+geduldig den peinlichsten Wassermangel. Der alte Neger rieth uns, das
+Gefaess mit einem Stueck Leinwand zu bedecken und so gleichsam durch ein
+Filtrum zu trinken, damit uns der ueble Geruch nicht belaestigte und wir vom
+feinen, gelblichten Thon, der im Wasser suspendirt ist, nicht so viel zu
+verschlucken haetten. Wir ahnten nicht, dass wir von nun an Monate lang auf
+dieses Huelfsmittel angewiesen seyn wuerden. Auch das Wasser des Orinoco hat
+sehr viele erdigte Bestandtheile; es ist sogar stinkend, wo in
+Flussschlingen todte Krokodile auf den Sandbaenken liegen oder halb im
+Schlamm stecken.
+
+Kaum war abgepackt und unsere Instrumente aufgestellt, so liess man unsere
+Maulthiere laufen und, wie es dort heisst, "Wasser in der Savane suchen."
+Rings um den Hof sind kleine Teiche; die Thiere finden sie, geleitet von
+ihrem Instinkt, von den Mauritia-Gebueschen, die hie und da zu sehen sind,
+und von der feuchten Kuehlung, die ihnen in einer Atmosphaere, die uns ganz
+still und regungslos erscheint, von kleinen Luftstroemen zugefuehrt wird.
+Sind die Wasserlachen zu weit entfernt und die Knechte im Hof zu faul, um
+die Thiere zu diesen natuerlichen Traenken zu fuehren, so sperrt man sie
+fuenf, sechs Stunden lang in einen recht heissen Stall, bevor man sie laufen
+laesst. Der heftige Durst steigert dann ihren Scharfsinn, indem er gleichsam
+ihre Sinne und ihren Instinkt schaerft. So wie man den Stall oeffnet, sieht
+man Pferde und Maulthiere, die letzteren besonders, vor deren Spuerkraft
+die Intelligenz der Pferde zurueckstehen muss, in die Savane hinausjagen.
+Den Schwanz hoch gehoben, den Kopf zurueckgeworfen, laufen sie gegen den
+Wind und halten zuweilen an, wie um den Raum auszukundschaften; sie
+richten sich dabei weniger nach den Eindruecken des Gesichts als nach denen
+des Geruchs, und endlich verkuendet anhaltendes Wiehern, dass sich in der
+Richtung ihres Laufs Wasser findet. In den Llanos geborene Pferde, die
+sich lange in umherschweifenden Rudeln frei getummelt haben, sind in allen
+diesen Bewegungen rascher und kommen dabei leichter zum Ziele als solche,
+die von der Kueste herkommen und von zahmen Pferden abstammen. Bei den
+meisten Thieren, wie beim Menschen, vermindert sich die Schaerfe der Sinne
+durch lange Unterwuerfigkeit und durch die Gewoehnungen, wie feste Wohnsitze
+und die Fortschritte der Cultur sie mit sich bringen.
+
+Wir gingen unsern Maulthieren nach, um zu einer der Lachen zu gelangen,
+aus denen man das truebe Wasser schoepft, das unsern Durst so uebel geloescht
+hatte. Wir waren mit Staub bedeckt, verbrannt vom Sandwind, der die Haut
+noch mehr angreift als die Sonnenstrahlen. Wir sehnten uns nach einem Bad,
+fanden aber nur ein grosses Stueck stehenden Wassers, mit Palmen umgeben.
+Das Wasser war trueb, aber zu unserer grossen Verwunderung etwas kuehler als
+die Luft. Auf unserer langen Reise gewoehnt, zu baden, so oft sich
+Gelegenheit dazu bot, oft mehrmals des Tages, besannen wir uns nicht lange
+und sprangen in den Teich. Kaum war das behagliche Gefuehl der Kuehlung ueber
+uns gekommen, als ein Geraeusch am entgegengesetzten Ufer uns schnell
+wieder aus dem Wasser trieb. Es war ein Krokodil, das sich in den Schlamm
+grub. Es waere unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit an diesem sumpfigten Ort
+zu verweilen.
+
+Wir waren nur eine Viertelmeile vom Hof entfernt, wir gingen aber ueber
+eine Stunde und kamen nicht hin. Wir wurden zu spaet gewahr, dass wir eine
+falsche Richtung eingeschlagen. Wir hatten bei Anbruch der Nacht, noch ehe
+die Sterne sichtbar wurden, den Hof verlassen und waren auf Gerathewohl in
+der Ebene fortgegangen. Wir hatten, wie immer, einen Compass bei uns; auch
+konnten wir uns nach der Stellung des Canopus und des suedlichen Kreuzes
+leicht orientiren; aber all diess half uns zu nichts, weil wir nicht gewiss
+wussten, ob wir vom Hof weg nach Ost oder nach Sued gegangen waren. Wir
+wollten an unsern Badeplatz zurueck und gingen wieder drei Viertelstunden,
+ohne den Teich zu finden. Oft meinten wir Feuer am Horizont zu sehen; es
+waren aufgehende Sterne, deren Bild durch die Duenste vergroessert wurde.
+Nachdem wir lange in der Savane umhergeirrt, beschlossen wir, unter einem
+Palmbaume, an einem recht trockenen, mit kurzem Gras bewachsenen Ort uns
+niederzusetzen; denn frisch angekommene Europaeer fuerchten sich immer mehr
+vor den Wasserschlangen als vor den Jaguars. Wir durften nicht hoffen, dass
+unsere Fuehrer, deren traege Gleichgueltigkeit uns wohl bekannt war, uns in
+der Savane suchen wuerden, bevor sie ihre Lebensmittel zubereitet und
+abgespeist haetten. Je bedenklicher unsere Lage war, desto freudiger
+ueberraschte uns ferner Hufschlag, der auf uns zukam. Es war ein mit einer
+Lanze bewaffneter Indianer, der vom "_Rodeo_" zurueckkam, das heisst von der
+Streife, durch die man das Vieh auf einen bestimmten Raum zusammentreibt.
+Beim Anblick zweier Weissen, die verirrt seyn wollten, dachte er zuerst an
+irgend eine boese List von unserer Seite, und es kostete uns Muehe, ihm
+Vertrauen einzufloessen. Endlich liess er sich willig finden, uns zum Hof zu
+fuehren, ritt aber dabei in seinem kurzen Trott weiter. Unsere Fuehrer
+versicherten, "sie haetten bereits angefangen besorgt um uns zu werden,"
+und diese Besorgnis; zu rechtfertigen, zaehlten sie eine Menge Leute her,
+die, in den Llanos verirrt, im Zustand voelliger Erschoepfung gefunden
+worden. Die Gefahr kann begreiflich nur dann sehr gross seyn, wenn man weit
+von jedem Wohnplatz abkommt, oder wenn man, wie es in den letzten Jahren
+vorgekommen ist, von Raeubern gepluendert und an Leib und Haenden an einen
+Palmstamm gebunden wird.
+
+Um von der Hitze am Tage weniger zu leiden, brachen wir schon um 2 Uhr in
+der Nacht auf und hofften vor Mittag *Calabozo* zu erreichen, eine kleine
+Stadt mit lebhaftem Handel, die mitten in den Llanos liegt. Das Bild der
+Landschaft ist immer dasselbe. Der Mond schien nicht, aber die grossen
+Haufen von Nebelsternen, die den suedlichen Himmel schmuecken, beleuchteten
+im Niedergang einen Theil des Land-Horizonts. Das erhabene Schauspiel des
+Sternengewoelbes in seiner ganzen unermesslichen Ausdehnung, der frische
+Luftzug, der bei Nacht ueber die Ebene streicht, das Wogen des Grases,
+ueberall wo es eine gewisse Hoehe erreicht -- Alles erinnerte uns an die
+hohe See. Vollends stark wurde die Taeuschung (man kann es nicht oft genug
+sagen), als die Sonnenscheibe am Horizont erschien, ihr Bild durch die
+Strahlenbrechung sich verdoppelte, ihre Abplattung nach kurzer Frist
+verschwand, und sie nun rasch gerade zum Zenith aufstieg.
+
+Sonnenaufgang ist auch in den Ebenen der kuehlste Zeitpunkt am Tage; aber
+dieser Temperaturwechsel macht keinen bedeutenden Eindruck auf die Organe.
+Wir sahen den Thermometer meist nicht unter 27 deg.,5 [22 deg. Reaumur] fallen,
+waehrend bei Acapulco in Mexico auf gleichfalls sehr tiefem Boden die
+Temperatur um Mittag oft 32 deg., bei Sonnenaufgang 17--18 deg. betraegt. In den
+Llanos absorbirt die ebene, bei Tag niemals beschattete Flaeche so viel
+Waerme, dass Erde und Luft, trotz der naechtlichen Strahlung gegen einen
+wolkenlosen Himmel, von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang sich nicht
+merkbar abkuehlen koennen. In Calabozo war im Maerz die Temperatur bei Tag
+31--32 deg.,5, bei Nacht 28--29 deg.. Die mittlere Temperatur dieses Monats, der
+nicht der heisseste im Jahr ist, mag etwa 30 deg.,6 seyn, eine ungeheure Hitze
+fuer ein Land unter den Tropen, wo Tage und Naechte fast immer gleich lang
+sind. In Cairo ist die mittlere Temperatur des heissesten Monats nur 29 deg.,9,
+in Madras 31 deg.,8, und zu Abushaer im persischen Meerbusen, von wo Reihen von
+Beobachtungen vorliegen, 34 deg.; aber die mittleren Temperaturen des ganzen
+Jahres sind in Madras und Abushaer niedriger als in Calabozo. Obgleich ein
+Theil der Llanos, gleich den fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen
+Fluessen durchstroemt wird, und ganz duerre Striche von Land umgeben sind,
+das in der Regenzeit unter Wasser steht, so ist die Luft dennoch im
+Allgemeinen aeusserst trocken. Delucs Hygrometer zeigte bei Tag 34 deg., bei
+Nacht 36 deg..
+
+Wie die Sonne zum Zenith aufstieg und die Erde und die ueber einander
+gelagerten Luftschichten verschiedene Temperaturen annahmen, zeigte sich
+das Phaenomen der *Luftspiegelung* mit seinen mannichfaltigen Abaenderungen.
+Es ist diess in allen Zonen eine ganz gewoehnliche Erscheinung, und ich
+erwaehne hier derselben nur, weil wir Halt machten, um die Breite des
+Luftraumes zwischen dem Horizont und dem aufgezogenen Bilde mit einiger
+Genauigkeit zu messen. Das Bild war immer hinaufgezogen, *aber nicht
+verkehrt*. Die kleinen, ueber die Bodenflaeche wegstreichenden Luftstroeme
+hatten eine so veraenderliche Temperatur, dass in einer Heerde wilder Ochsen
+manche mit den Beinen in der Luft zu schweben schienen, waehrend andere auf
+dem Boden standen. Der Luftstrich war, je nach der Entfernung des Thiers,
+3--4 Minuten breit. Wo Gebuesche der Mauritiapalme in langen Streifen
+hinliefen, schwebten die Enden dieser gruenen Streifen in der Luft, wie die
+Vorgebirge, die zu Cumana lange Gegenstand meiner Beobachtungen
+gewesen.(73) Ein unterrichteter Mann versicherte uns, er habe zwischen
+Calabozo und Urituru das verkehrte Bild eines Thieres gesehen, ohne
+direktes Bild. Niebuhr hat in Arabien etwas Aehnliches beobachtet. Oefters
+meinten wir am Horizont Grabhuegel und Thuerme zu erblicken, die von Zeit zu
+Zeit verschwanden, ohne dass wir die wahre Gestalt der Gegenstaende
+auszumitteln vermochten. Es waren wohl Erdhaufen, kleine Erhoehungen,
+jenseits des gewoehnlichen Gesichtskreises gelegen. Ich spreche nicht von
+den pflanzenlosen Flaechen, die sich als weite Seen mit wogender Oberflaeche
+darstellten. Wegen dieser Erscheinung, die am fruehesten beobachtet worden
+ist, heisst die Luftspiegelung im Sanscrit ausdrucksvoll die *Sehnsucht
+(der Durst) der Antilope*. Die haeufigen Anspielungen der indischen,
+persischen und arabischen Dichter auf diese magischen Wirkungen der
+irdischen Strahlenbrechung sprechen uns ungemein an. Die Griechen und
+Roemer waren fast gar nicht bekannt damit. Stolz begnuegt mit dem Reichthum
+ihres Bodens und der Milde ihres Klimas hatten sie wenig Sinn fuer eine
+solche Poesie der Wueste. Die Geburtsstaette derselben ist Asien; den
+Dichtern des Orients wurde sie durch die natuerliche Beschaffenheit ihrer
+Laender an die Hand gegeben; der Anblick der weiten Einoeden, die sich
+gleich Meeresarmen und Buchten zwischen Laender eindraengen, welche die
+Natur mit ueberschwenglicher Fruchtbarkeit geschmueckt, wurde fuer sie zu
+einer Quelle der Begeisterung.
+
+Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das Vieh, das sich bei Nacht
+laengs der Teiche oder unter Murichi- und Rhopalabueschen gelagert hatte,
+sammelte sich zu Heerden, und die Einoede bevoelkerte sich mit Pferden,
+Maulthieren und Rindern, die hier nicht gerade als wilde, wohl aber als
+freie Thiere leben, ohne festen Wohnplatz, der Pflege und des Schutzes des
+Menschen leicht entbehrend. In diesen heissen Landstrichen sind die Stiere,
+obgleich von spanischer Race wie die auf den kalten Plateaus von Quito,
+von sanfterem Temperament. Der Reisende laeuft nie Gefahr, angefallen und
+verfolgt zu werden, was uns bei unsern Wanderungen auf dem Ruecken der
+Cordilleren oft begegnet ist. Dort ist das Klima rauh, zu heftigen Stuermen
+geneigt, die Landschaft hat einen wilderen Charakter und das Futter ist
+nicht so reichlich. In der Naehe von Calabozo sahen wir Heerden von Rehen
+friedlich unter Pferden und Rindern weiden. Sie heissen *Matacani*; ihr
+Fleisch ist sehr gut. Sie sind etwas groesser als unsere Rehe und gleichen
+Damhirschen mit sehr glattem, fahlbraunem, weiss getupftem Fell. Ihre
+Geweihe schienen mir einfache Spiesse. Sie waren fast gar nicht scheu, und
+in Rudeln von 30--40 Stueck bemerkten wir mehrere ganz weisse. Diese
+Spielart kommt bei den grossen Hirschen in den kalten Landstrichen der
+Anden haeufig vor; in diesen tiefen, heissen Ebenen mussten wir sie
+auffallend finden. Ich habe seitdem gehoert, dass selbst beim Jaguar in den
+heissen Landstrichen von Paraguay zuweilen *Albinos* vorkommen, mit so
+gleichfoermig weissem Fell, dass man die Flecken oder Ringe nur im Reflex der
+Sonne bemerkt. Die Matacanis oder kleinen Damhirsche sind so haeufig in den
+Llanos, dass ihre Haeute einen Handelsartikel abgeben koennten. Ein gewandter
+Jaeger koennte ueber zwanzig im Tage schiessen. Aber die Einwohner sind so
+traege, dass man sich oft gar nicht die Muehe nimmt, dem Thier die Haut
+abzuziehen. Ebenso ist es mit der Jagd auf den Jaguar oder grossem
+amerikanischen Tiger. Ein Jaguarfell, fuer das man in den Steppen von
+Barinas nur einen Piaster bezahlt, kostet in Cadix vier bis fuenf Piaster.
+
+Die Steppen, die wir durchzogen, sind hauptsaechlich mit Graesern bewachsen,
+mit Killingia, Cenchrus, Paspalum. Diese Graeser waren in dieser Jahreszeit
+bei Calabozo und St. Geronimo del Pirital kaum 9 bis 10 Zoll hoch. An den
+Fluessen Apure und Portuguesa wachsen sie bis 4 Fuss hoch, so dass der Jaguar
+sich darin verstecken und die Pferde und Maulthiere in der Ebene
+ueberfallen kann. Unter die Graeser mischen sich einige Dicotyledonen, wie
+Turnera, Malvenarten, und was sehr auffallend ist, kleine Mimosen mit
+reizbaren Blaettern, von den Spaniern _Dormideras_ genannt. Derselbe
+Rinderstamm, der in Spanien mit Klee und Esper gemaestet wird, findet hier
+ein treffliches Futter an den krautartigen Sensitiven. Die Weiden, wo
+diese Sensitiven besonders haeufig vorkommen, werden theurer als andere
+verkauft. Im Osten, in den Llanos von Cari und Barcelona, sieht man Cypura
+und Craniolaria mit der schoenen weissen, 6--8 Zoll langen Bluethe sich
+einzeln ueber die Graeser erheben. Am fettesten sind die Weiden nicht nur an
+den Fluessen, welche haeufig austreten, sondern ueberall, wo die Palmen
+dichter stehen. Ganz baumlose Flecke sind die unfruchtbarsten, und es waere
+wohl vergebliche Muehe, sie anbauen zu wollen. Dieser Unterschied kann
+nicht daher ruehren, dass die Palmen Schatten geben und den Boden von der
+Sonne weniger ausdoerren lassen. In den Waeldern am Orinoco habe ich
+allerdings Baeume aus dieser Familie mit dicht belaubten Kronen gesehen;
+aber am Palmbaum der Llanos, der Palmade de Cobija [Dachpalme, _Corypha
+tectorum_], ist der Schatten eben nicht sehr zu ruehmen. Diese Palme hat
+sehr kleine, gefaltete, handfoermige Blaetter, gleich denen des Chamaerops,
+und die untern sind immer vertrocknet. Es befremdete uns, dass fast alle
+diese Coryphastaemme gleich gross waren, 20 bis 24 Fuss hoch, bei 8 bis 10
+Zoll Durchmesser unten am Stamm. Nur wenige Palmenarten bringt die Natur
+in so ungeheuren Mengen hervor. Unter Tausenden mit olivenfoermigen
+Fruechten beladenen Staemmen fanden wir etwa ein Hundert ohne Fruechte.
+Sollten unter den Staemmen mit hermaphroditischer Bluethe einige mit
+einhaeusigen Bluethen vorkommen? Die Llaneros, die Bewohner der Ebenen,
+schreiben allen diesen Baeumen von unbedeutender Hoehe ein Alter von
+mehreren Jahrhunderten zu. Ihr Wachsthum ist fast unmerklich, nach
+zwanzig, dreissig Jahren faellt es kaum auf. Die Palma de Cobija liefert
+uebrigens ein treffliches Bauholz. Es ist so hart, dass man nur mit Muehe
+einen Nagel einschlaegt. Die faecherfoermig gefalteten Blaetter dienen zum
+Decken der zerstreuten Huetten in den Llanos, und diese Daecher halten ueber
+20 Jahre aus. Man befestigt die Blaetter dadurch, dass man die Enden der
+Blattstiele umbiegt, nachdem man dieselben zwischen zwei Steinen
+geschlagen, damit sie sich biegen, ohne zu brechen.
+
+Ausser den einzelnen Staemmen dieser Palme findet man hie und da in der
+Steppe Gruppen von Palmen, wahre Gebuesche (_Palmares_), wo sich zur
+Corypha ein Baum aus der Familie der Proteaceen gesellt, den die
+Eingebornen _Chaparro_ nennen, eine neue Art _Rhopala_ mit harten,
+rasselnden Blaettern. Die kleineren Rhopalagebuesche heissen _Chaparrales_
+und man kann sich leicht denken, dass in einer weiten Ebene, wo nur zwei
+oder drei Baumarten wachsen, der Chaparro, der Schatten gibt, fuer ein sehr
+werthvolles Gewaechs gilt. Der Corypha ist in den Llanos von Caracas von
+der Mesa de Paja bis an den Guayaval verbreitet; weiter nach Nord und
+Nordwest, am Guanare und San Carlos, tritt eine andere Art derselben
+Gattung mit gleichfalls handfoermigen, aber groesseren Blaettern an seine
+Stelle. Sie heisst _Palma real de los Llanos_. Suedlich vom Guayaval
+herrschen andere Palmen, namentlich der *Piritu* mit gefiederten Blaettern
+und der *Murichi* (Moriche), den Pater GUMILLA als _arbol de la vida_ so
+hoch preist. Es ist diess der Sagobaum Amerikas; er liefert "victum et
+amictum"(74) Mehl, Wein, Faden zum Verfertigen der Haengematten, Koerbe,
+Netze und Kleider. Seine tannenzapfenfoermigen, mit Schuppen bedeckten
+Fruechte gleichen ganz denen des _Calamus Rotang_; sie schmecken etwas wie
+Apfel; reif sind sie innen gelb, aussen roth. Die Bruellaffen sind sehr
+luestern darnach, und die Voelkerschaft der Guaranos, deren Existenz fast
+ganz an die Murichipalme geknuepft ist, bereitet daraus ein gegohrenes,
+saeuerliches, sehr erfrischendes Getraenk. Diese Palme mit grossen,
+glaenzenden, faecherfoermig gefalteten Blaettern bleibt auch in der duerrsten
+Jahreszeit lebhaft gruen. Schon ihr Anblick gibt das Gefuehl angenehmer
+Kuehlung, und die mit ihren schuppigen Fruechten behangene Murichipalme
+bildet einen auffallenden Contrast mit der truebseligen Palma de Cobija,
+deren Laub immer grau und mit Staub bedeckt ist. Die Llaneros glauben,
+ersterer Baum ziehe die Feuchtigkeit der Luft an sich, und desshalb finde
+man in einer gewissen Tiefe immer Wasser um seinen Stamm, wenn man den
+Boden ausgraebt. Man verwechselt hier Wirkung und Ursache. Der Murichi
+waechst vorzugsweise an feuchten Stellen, und richtiger sagte man, das
+Wasser ziehe den Baum an. Es ist eine aehnliche Schlussfolge, wenn die
+Eingeborenen am Orinoco behaupten, die grossen Schlangen helfen einen
+Landstrich feucht erhalten. Ein alter Indianer in Javita sagte uns mit
+grosser Wichtigkeit: "Vergeblich sucht man Wasserschlangen, wo es keine
+Suempfe gibt; denn es sammelt sich kein Wasser, wenn man die Schlangen, die
+es anziehen, unvorsichtigerweise umbringt."
+
+Auf dem Wege ueber die Mesa bei Calabozo litten wir sehr von der Hitze. Die
+Temperatur der Luft stieg merkbar, so oft der Wind zu wehen anfing. Die
+Luft war voll Staub, und waehrend der Windstoesse stieg der Thermometer auf
+40 bis 41 deg.. Wir kamen nur langsam vorwaerts, denn es waere gefaehrlich
+gewesen, die Maulthiere, die unsere Instrumente trugen, dahinten zu
+lassen. Unsere Fuehrer gaben uns den Rath, Rhopalablaetter in unsere Huete zu
+stecken, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Haare und Scheitel zu
+mildern. Wir fuehlten uns durch dieses Mittel erleichtert, und wir fanden
+es besonders dann ausgezeichnet, wenn man Blaetter von Pothos oder einer
+andern Arumart haben kann.
+
+Bei der Wanderung durch diese gluehenden Ebenen draengt sich einem von
+selbst die Frage auf, ob sie von jeher in diesem Zustand dagelegen, oder
+ob sie durch eine Naturumwaelzung ihres Pflanzenwuchses beraubt worden? Die
+gegenwaertige Humusschicht ist allerdings sehr duenn. Die Eingeborenen sind
+der Meinung, die _Palmares_ und _Chaparrales_ (die kleinen Gebuesche von
+Palmen und Rhopala) seyen vor der Ankunft der Spanier haeufiger und groesser
+gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit verwilderten Hausthieren
+bevoelkert sind, zuendet man haeufig die Savane an, um die Weide zu
+verbessern. Mit den Graesern werden dabei zufaellig auch die zerstreuten
+Baumgruppen zerstoert. Die Ebenen waren ohne Zweifel im fuenfzehnten
+Jahrhundert nicht so kahl wie gegenwaertig; indessen schon die ersten
+Eroberer, die von Coro herkamen, beschreiben sie als Savanen, in denen man
+nichts sieht als Himmel und Rasen, im Allgemeinen baumlos und beschwerlich
+zu durchziehen, wegen der Waermestrahlung des Bodens. Warum erstreckt sich
+der maechtige Wald am Orinoco nicht weiter nordwaerts auf dem linken Ufer
+des Flusses? Warum ueberzieht er nicht den weiten Landstrich bis zur
+Kuestencordillere, da dieser doch von zahlreichen Gewaessern befruchtet
+wird? Diese Frage haengt genau zusammen mit der ganzen Geschichte unseres
+Planeten. Ueberlaesst man sich geologischen Traeumen, denkt man sich, die
+amerikanischen Steppen und die Wueste Sahara seyen durch einen Einbruch des
+Meeres ihres ganzen Pflanzenwuchses beraubt worden, oder aber, sie seyen
+urspruenglich der Boden von Binnenseen gewesen, so leuchtet ein, dass sogar
+in Jahrtausenden Baeume und Gebuesche vom Saume der Waelder, vom Uferrand der
+kahlen oder mit Rasen bedeckten Ebenen nicht bis zur Mitte derselben
+vordringen und einen so ungeheuern Landstrich mit ihrem Schattendach
+ueberwoelben konnten. Der Ursprung kahler, von Waeldern umschlossener Savanen
+ist noch schwerer zu erklaeren, als die Thatsache, dass Waelder und Savanen,
+gerade wie Festlaender und Meere, in ihren alten Grenzen verharren.
+
+In *Calabozo* wurden wir im Hause des Verwalters der _Real Hacienda_, Don
+Miguel Cousin, aufs gastfreundlichste aufgenommen. Die Stadt, zwischen den
+Fluessen Guarico und Uritucu gelegen, hatte damals nur 5000 Einwohner, aber
+ihr Wohlstand war sichtbar im Steigen. Der Reichthum der meisten Einwohner
+besteht in Heerden, die von Paechtern besorgt werden, von sogenannten
+_Hateros_, von _Hato_, was im Spanischen ein Haus oder einen Hof im
+Weideland bedeutet. Die ueber die Llanos zerstreute Bevoelkerung draengt sich
+an gewissen Punkten, namentlich in der Naehe der Staedte enger zusammen, und
+so hat Calabozo in seiner Umgebung bereits fuenf Doerfer oder Missionen. Man
+berechnet das Vieh, das auf den Weiden in der Naehe der Stadt laeuft, auf
+98,000 Stuecke. Die Heerden auf den Llanos von Caracas, Barcelona, Cumana
+und des spanischen Guyana sind sehr schwer genau zu schaetzen. DEPONS, der
+sich laenger als ich in Caracas aufgehalten hat, und dessen statistische
+Angaben im Ganzen genau sind, rechnet auf den weiten Ebenen von den
+Muendungen des Orinoco bis zum See Maracaybo 1,200,000 Rinder, 180,000
+Pferde und 90,000 Maulthiere. Den Ertrag der Heerden schaetzt er auf 5
+Millionen Franken, wobei neben der Ausfuhr auch der Werth der im Lande
+consumirten Haeute in Anschlag gebracht ist. In den Pampas von Buenos Ayres
+sollen 12 Millionen Rinder und 3 Millionen Pferde laufen, ungerechnet das
+Vieh, das fuer herrenlos gilt.
+
+Ich lasse mich nicht auf solche allgemeine Schaetzungen ein, die der Natur
+der Sache nach sehr unzuverlaessig sind; ich bemerke nur, dass die Besitzer
+der grossen Hatos in den Llanos von Caracas selbst gar nicht wissen, wie
+viel Stuecke Vieh sie besitzen. Sie wissen nur, wie viele junge Thiere
+jaehrlich mit dem Buchstaben oder der Figur, wodurch die Heerden sich
+unterscheiden, gezeichnet werden. Die reichsten Viehbesitzer zeichnen
+gegen 14,000 Stuecke im Jahr und verkaufen 5 bis 6000. Nach den officiellen
+Angaben belief sich die Ausfuhr an Haeuten aus der ganzen _Capitania
+general_ jaehrlich nur nach den Antillen auf 174,000 Rindshaeute und 11,500
+Ziegenhaeute. Bedenkt man nun, dass diese Angaben sich nur auf die
+Zollregister gruenden, in denen vom Schleichhandel mit Haeuten keine Rede
+ist, so moechte man glauben, dass das Hornvieh auf den Llanos vom Carony und
+dem Guarapiche bis zum See Maracaybo zu 1,200,000 Stueck viel zu niedrig
+angeschlagen ist. Der einzige Hafen von Guayra hat nach den Zollregistern
+von 1789--1792 jaehrlich 70--80,000 Haeute ausgefuehrt, wovon kaum ein
+Fuenftheil nach Spanien. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts belief sich
+nach Don FELIX D'AZZARA die Ausfuhr von Buenos Ayres auf 800,000 Haeute.
+Man zieht in der Halbinsel die Haeute von Caracas denen von Buenos Ayres
+vor, weil letztere in Folge des weiteren Transports beim Gerben 12 Procent
+Abgang haben. Der suedliche Strich der Savanen, gemeiniglich _Llanos de
+arriba_ genannt, ist ausnehmend reich an Maulthieren und Rindvieh; da aber
+die Weiden dort im Ganzen minder gut sind, muss man die Thiere auf andere
+Ebenen treiben, um sie vor dem Verkauf fett zu machen. Die Llanos von
+Monai und alle _Llanos de abaxo_ haben weniger Heerden, aber die Weiden
+sind dort so fett, dass sie vortreffliches Fleisch fuer den Bedarf der Kueste
+liefern. Die Maulthiere, die erst im fuenften Jahre zum Dienste taugen, und
+dann _Mulas de saca_ heissen, werden schon an Ort und Stelle fuer 14--18
+Piaster verkauft. Im Ausfuhrhafen gelten sie 25 Piaster, und auf den
+Antillen steigt ihr Preis oft auf 60--80 Piaster. Die Pferde der Llanos
+stammen von der schoenen spanischen Race und sind nicht gross. Sie sind
+meist einfarbig, dunkelbraun, wie die meisten wilden Thiere. Bald dem
+Wassermangel, bald Ueberschwemmungen, dem Stich der Insekten, dem Biss
+grosser Fledermaeuse ausgesetzt, fuehren sie ein geplagtes, ruheloses Leben.
+Wenn sie einige Monate unter menschlicher Pflege gewesen sind, entwickeln
+sich ihre guten Eigenschaften und kommen zu Tag. Ein wildes Pferd gilt in
+den Pampas von Buenos Ayres 1/2--1 Piaster, in den Llanos von Caracas 2--3
+Piaster; aber der Preis des Pferdes steigt, sobald es gezaehmt und zum
+Ackerbau tuechtig ist. Schafe gibt es keine; Schafheerden haben wir nur auf
+dem Plateau der Provinz Quito gesehen.
+
+Die Rindvieh-Hatos haben in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt durch
+Banden von Landstreichern, die durch die Steppen streifen und das Vieh
+toedten, nur um die Haut zu verkaufen. Diese Raeuberei hat um sich
+gegriffen, seit der Handel mit dem untern Orinoco bluehender geworden ist.
+Ein halbes Jahrhundert lang waren die Ufer dieses grossen Stromes von der
+Einmuendung des Apure bis Angostura nur den Missionaeren bekannt. Vieh wurde
+nur aus den Haefen der Nordkueste, aus Cumana, Barcelona, Burburata und
+Porto Cabello ausgefuehrt. In neuester Zeit ist diese Abhaengigkeit von der
+Kueste weit geringer geworden. Der suedliche Strich der Ebenen ist in
+starken Verkehr mit dem untern Orinoco getreten, und dieser Handel ist
+desto lebhafter, da sich die Verbote dabei leicht umgehen lassen.
+
+Die groessten Heerden in den Llanos besitzen die Hatos Merecure, La Cruz,
+Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische Vieh ist von Coro und Tocuyo
+in die Ebenen gekommen. Die Geschichte bewahrt den Namen des Colonisten,
+der zuerst den gluecklichen Gedanken hatte, diese Grasfluren zu bevoelkern,
+auf denen damals nur Damhirsche und eine grosse Aguti-Art, _Cavia Capybara_
+im Lande *Chiguire* genannt, weideten. Christoval Rodriguez schickte ums
+Jahr 1548 das erste Hornvieh in die Llanos. Er wohnte in der Stadt Tocuyo
+und hatte lange in Neu-Grenada gelebt.
+
+Wenn man von der "unzaehlbaren Menge" von Hornvieh, Pferden und Maulthieren
+auf den amerikanischen Ebenen sprechen hoert, so vergisst man gewoehnlich,
+dass es im civilisirten Europa bei ackerbauenden Voelkern auf viel kleinerer
+Bodenflaeche gleich ungeheure Mengen gibt. Frankreich hat nach PEUCHET 6
+Millionen Stueck Hornvieh, wovon 3,500,000 Ochsen zum Ackerbau verwendet
+werden. In der oesterreichischen Monarchie schaetzt Lichtenstern 13,400,000
+Ochsen, Kuehe und Kaelber. Paris allein verzehrt jaehrlich 155,000 Stueck
+Rindvieh; nach Deutschland werden alle Jahre aus Ungarn 150,000 Ochsen
+eingefuehrt. Die Hausthiere in nicht starken Heerden gelten bei
+ackerbauenden Voelkern als ein untergeordneter Gegenstand des
+Nationalreichthums. Sie wirken auch weit weniger auf die Einbildungskraft
+als die umherschweifenden Rudel von Rindern und Pferden, die einzige
+Bevoelkerung der unangebauten Steppen der neuen Welt. Cultur und
+buergerliche Ordnung wirken in gleichem Maasse auf die Vermehrung der
+menschlichen Bevoelkerung und auf die Vervielfaeltigung der dem Menschen
+nuetzlichen Thiere.
+
+Wir fanden in Calabozo, mitten in den Llanos, eine Elektrisirmaschine mit
+grossen Scheiben, Elektrophoren, Batterien, Elektrometern, kurz einen
+Apparat, fast so vollstaendig, als unsere Physiker in Europa sie besitzen.
+Und all diess war nicht in den Vereinigten Staaten gekauft, es war das Werk
+eines Mannes, der nie ein Instrument gesehen, der Niemanden zu Rathe
+ziehen konnte, der die elektrischen Erscheinungen nur aus der Schrift des
+SIGAUD DE LA FOND und aus FRANKLINs Denkwuerdigkeiten kannte. Carlos del
+Pozo -- so heisst der achtungswuerdige, sinnreiche Mann -- hatte zuerst aus
+grossen Glasgefaessen, an denen er die Haelse abschnitt, Cylindermaschinen
+gebaut. Erst seit einigen Jahren hatte er sich aus Philadelphia zwei
+Glasplatten verschafft, um eine Scheibenmaschine bauen und somit
+bedeutendere elektrische Wirkungen hervorbringen zu koennen. Man kann sich
+vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten Pozo zu kaempfen hatte, seit die
+ersten Schriften ueber Elektricitaet ihm in die Haende gefallen waren, und er
+den kuehnen Entschluss fasste, Alles, was er in den Buechern beschrieben fand,
+mit Kopf und Hand nachzumachen und herzustellen. Bisher hatte er sich bei
+seinen Experimenten nur am Erstaunen und der Bewunderung von ganz rohen
+Menschen ergoetzt, die nie ueber die Wueste der Llanos hinausgekommen waren.
+Unser Aufenthalt in Calabozo verschaffte ihm einen ganz neuen Genuss. Er
+musste natuerlich Werth auf das Urtheil zweier Reisenden legen, die seine
+Apparate mit den europaeischen vergleichen konnten. Ich hatte verschiedene
+Elektrometer bei mir, mit Stroh, mit Korkkuegelchen, mit Goldplaettchen,
+auch eine kleine Leidner Flasche, die nach der Methode von INGENHOUSS
+durch Reibung geladen wurde und mir zu physiologischen Versuchen diente.
+Pozo war ausser sich vor Freude, als er zum erstenmal Instrumente sah, die
+er nicht selbst verfertigt, und die den seinigen nachgemacht schienen. Wir
+zeigten ihm auch die Wirkungen des Contakts heterogener Metalle auf die
+Nerven des Frosches. Die Namen Galvani und Volta waren in diesen weiten
+Einoeden noch nicht gehoert worden.
+
+Was nach den elektrischen Apparaten von der gewandten Hand eines
+sinnreichen Einwohners der Llanos uns in Calabozo am meisten beschaeftigte,
+das waren die Zitteraale, die lebendige elektrische Apparate sind. Mit der
+Begeisterung, die zum Forschen treibt, aber der richtigen Auffassung des
+Erforschten hinderlich wird, hatte ich mich seit Jahren taeglich mit den
+Erscheinungen der galvanischen Elektricitaet beschaeftigt; ich hatte, indem
+ich Metallscheiben aufeinander legte und Stuecke Muskelfleisch oder andere
+feuchte Substanzen dazwischen brachte, mir unbewusst, aechte *Saeulen*
+aufgebaut, und so war es natuerlich, dass ich mich seit unserer Ankunft in
+Cumana eifrig nach elektrischen Aalen umsah. Man hatte uns mehrmals welche
+versprochen, wir hatten uns aber immer getaeuscht gesehen. Je weiter von
+der Kueste weg, desto werthloser wird das Geld, und wie soll man ueber das
+unerschuetterliche Phlegma des Volkes Herr werden, wo der Stachel der
+Gewinnsucht fehlt?
+
+Die Spanier begreifen unter dem Namen _tembladores_ (Zitterer) alle
+elektrischen Fische. Es gibt welche im antillischen Meer an den Kuesten von
+Cumana. Die Guayqueries, die gewandtesten und fleissigsten Fischer in jener
+Gegend, brachten uns einen Fisch, der, wie sie sagten, ihnen die Haende
+starr machte. Dieser Fisch geht im kleinen Flusse Manzanares aufwaerts. Es
+war eine neue Art _Raja_ mit kaum sichtbaren Seitenflecken, dem
+Zitterrochen Galvanis ziemlich aehnlich. Die Zitterrochen haben ein
+elektrisches Organ, das wegen der Durchsichtigkeit der Haut schon aussen
+sichtbar ist, und bilden eine eigene Gattung oder doch eine Untergattung
+der eigentlichen Rochen. Der cumanische Zitterrochen war sehr munter,
+seine Muskelbewegungen sehr kraeftig, dennoch waren die elektrischen
+Schlaege, die wir von ihm erhielten, aeusserst schwach. Sie wurden staerker,
+wenn wir das Thier mittelst der Beruehrung von Zink und Gold galvanisirten.
+Andere Tembladores, aechte Gymnoten oder Zitteraale, kommen im Rio
+Colorado, im Guarapiche und verschiedenen kleinen Baechen in den Missionen
+der Chaymas-Indianer vor. Auch in den grossen amerikanischen Fluessen, im
+Orinoco, im Amazonenstrom, im Meta sind sie haeufig, aber wegen der starken
+Stroemung und des tiefen Wassers schwer zu fangen. Die Indianer fuehlen weit
+haeufiger ihre elektrischen Schlaege beim Schwimmen, und Baden im Fluss, als
+dass sie dieselben zu sehen bekommen. In den Llanos, besonders in der Naehe
+von Calabozo, zwischen den Hoefen Morichal und den Missionen _de arriba_
+und _de abaxo_ sind die Gymnoten in den Stuecken stehenden Wassers und in
+den Zufluessen des Orinoco (im Rio Guarico, in den Canos Rastro, Berito und
+Paloma) sehr haeufig. Wir wollten zuerst in unserem Hause zu Calabozo
+unsere Versuche anstellen; aber die Furcht vor den Schlaegen des Gymnotus
+ist im Volk so uebertrieben, dass wir in den ersten drei Tagen keinen
+bekommen konnten, obgleich sie sehr leicht zu fangen sind und wir den
+Indianern zwei Piaster fuer jeden recht grossen und starken Fisch
+versprochen hatten. Diese Scheu der Indianer ist um so sonderbarer, als
+sie von einem nach ihrer Behauptung ganz zuverlaessigen Mittel gar keinen
+Gebrauch machen. Sie versichern die Weissen, so oft man sie ueber die
+Schlaege der Tembladores befragt, man koenne sie ungestraft beruehren, wenn
+man dabei Tabak kaue. Dieses Maehrchen vom Einfluss des Tabaks auf die
+thierische Elektricitaet ist auf dem Continent von Suedamerika so weit
+verbreitet, als unter den Matrosen der Glaube, dass Knoblauch und Unschlitt
+auf die Magnetnadel wirken.
+
+Des langen Wartens muede, und nachdem ein lebender, aber sehr erschoepfter
+Gymnotus, den wir bekommen, uns sehr zweifelhafte Resultate geliefert,
+gingen wir nach dem Cano de Bera, um unsere Versuche im Freien,
+unmittelbar am Wasser anzustellen. Wir brachen am 19. Maerz in der Fruehe
+nach dem kleinen Dorf Rastro _de abaxo_ auf, und von dort fuehrten uns
+Indianer zu einem Bach, der in der duerren Jahreszeit ein schlammigtes
+Wasserbecken bildet, um das schoene Baeume stehen, Clusia, Amyris, Mimosen
+mit wohlriechenden Bluethen. Mit Netzen sind die Gymnoten sehr schwer zu
+fangen, weil der ausnehmend bewegliche Fisch sich gleich den Schlangen in
+den Schlamm eingraebt. Die Wurzeln der _Piscidia Erythrina_ der _Jacquinia
+armillaris_ und einiger Arten von _Phyllanthus_ haben die Eigenschaft, dass
+sie, in einen Teich geworfen, die Thiere darin berauschen oder betaeuben:
+dieses Mittel, den sogenannten *Barbasco*, wollten wir nicht anwenden, da
+die Gymnoten dadurch geschwaecht worden waeren. Da sagten die Indianer, sie
+wollen *mit Pferden fischen*, _embarbascar con cavallos_ [Woertlich: mit
+Pferden die Fische einschlaefern oder betaeuben]. Wir hatten keinen Begriff
+von einer so seltsamen Fischerei; aber nicht lange, so kamen unsere Fuehrer
+aus der Savane zurueck, wo sie ungezaehmte Pferde und Maulthiere
+zusammengetrieben. Sie brachten ihrer etwa dreissig und jagten sie ins
+Wasser.
+
+Der ungewohnte Laerm vom Stampfen der Rosse treibt die Fische aus dem
+Schlamm hervor und reizt sie zum Angriff. Die schwaerzlicht und gelb
+gefaerbten, grossen Wasserschlangen gleichenden Aale schwimmen auf der
+Wasserflaeche hin und draengen sich unter den Bauch der Pferde und
+Maulthiere. Der Kampf zwischen so ganz verschieden organisirten Thieren
+gibt das malerischste Bild. Die Indianer mit Harpunen und langen, duennen
+Rohrstaeben stellen sich in dichter Reihe um den Teich; einige besteigen
+die Baeume, deren Zweige sich wagerecht ueber die Wasserflaeche breiten.
+Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchen sie die
+Pferde zurueck, wenn sie sich aufs Ufer fluechten wollen. Die Aale, betaeubt
+vom Laerm, vertheidigen sich durch wiederholte Schlaege ihrer elektrischen
+Batterien. Lange scheint es, als solle ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere
+Pferde erliegen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten
+Organe allerwaerts getroffen werden; betaeubt von den starken,
+unaufhoerlichen Schlaegen, sinken sie unter. Andere, schnaubend, mit
+gestraeubter Maehne, wilde Angst im starren Auge, raffen sich wieder auf und
+suchen dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen; sie werden von den
+Indiern ins Wasser zurueckgetrieben. Einige aber entgehen der regen
+Wachsamkeit der Fischer; sie gewinnen das Ufer, straucheln aber bei jedem
+Schritt und werfen sich in den Sand, zum Tod erschoepft, mit von den
+elektrischen Schlaegen der Gymnoten erstarrten Gliedern.
+
+Ehe fuenf Minuten vergingen, waren zwei Pferde ertrunken; Der fuenf Fuss
+lange Aal draengt sich dem Pferd an den Bauch und gibt ihm nach der ganzen
+Laenge seines elektrischen Organs einen Schlag; das Herz, die Eingeweide
+und der _plexus coeliacus_ der Abdominalnerven werden dadurch zumal
+betroffen. Derselbe Fisch wirkt so begreiflicherweise weit staerker auf ein
+Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit einer Extremitaet
+beruehrt. Die Pferde werden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur
+betaeubt; sie ertrinken, weil sie sich nicht aufraffen koennen, so lange der
+Kampf zwischen den andern Pferden und den Gymnoten fortdauert.
+
+Wir meinten nicht anders, als alle Thiere, die man zu dieser Fischerei
+gebraucht, muessten nach einander zu Grunde gehen. Aber allmaehlich nimmt die
+Hitze des ungleichen Kampfes ab und die erschoepften Gymnoten zerstreuen
+sich. Sie beduerfen jetzt langer Ruhe(75) und reichlicher Nahrung, um den
+erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Maulthiere
+und Pferde verriethen weniger Angst, ihre Maehne straeubte sich nicht mehr,
+ihr Auge blickte ruhiger. Die Gymnoten kamen scheu ans Ufer des Teichs
+geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken
+befestigten Harpunen. Wenn die Stricke recht trocken sind, so fuehlen die
+Indianer beim Herausziehen des Fisches an die Luft keine Schlaege. In
+wenigen Minuten hatten wir fuenf grosse Aale, die meisten nur leicht
+verletzt. Auf dieselbe Weise wurden Abends noch andere gefangen.
+
+Die Gewaesser, in denen sich die Zitteraale gewoehnlich aufhalten, haben
+eine Temperatur von 26--27 deg.. Ihre elektrische Kraft soll in kaelterem
+Wasser abnehmen, und es ist, wie bereits ein beruehmter Physiker bemerkt
+hat, ueberhaupt merkwuerdig, dass die Thiere mit elektrischen Organen, deren
+Wirkungen dem Menschen fuehlbar werden, nicht in der Luft leben, sondern in
+einer die Elektricitaet leitenden Fluessigkeit. Der Gymnotus ist der groesste
+elektrische Fisch; ich habe welche gemessen, die fuenf Fuss und fuenf Fuss
+drei Zoll lang waren; die Indianer wollten noch groessere gesehen haben. Ein
+drei Fuss zehn Zoll langer Fisch wog zehn Pfund. Der Querdurchmesser des
+Koerpers (die kahnfoermig verlaengerte Afterflosse abgerechnet) betrug drei
+Zoll fuenf Linien. Die Gymnoten aus dem Cerro de Vera sind huebsch
+olivengruen. Der Untertheil des Kopfes ist roethlich gelb. Zwei Reihen
+kleiner gelber Flecken laufen symmetrisch ueber den Ruecken vom Kopf bis zum
+Schwanzende. Jeder Fleck umschliesst einen Ausfuehrungskanal; die Haut des
+Thieres ist auch bestaendig mit einem Schleim bedeckt, der, wie Volta
+gezeigt hat, die Elektricitaet 20--30mal besser leitet als reines Wasser.
+Es ist ueberhaupt merkwuerdig, dass keiner der elektrischen Fische, die bis
+jetzt in verschiedenen Welttheilen entdeckt worden, mit Schuppen bedeckt
+ist.
+
+Den ersten Schlaegen eines sehr grossen, stark gereizten Gymnotus wuerde man
+sich nicht ohne Gefahr aussetzen. Bekommt man zufaellig einen Schlag, bevor
+der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung erschoepft ist, so sind
+Schmerz und Betaeubung so heftig, dass man sich von der Art der Empfindung
+gar keine Rechenschaft geben kann. Ich erinnere mich nicht, je durch die
+Entladung einer grossen Leidner Flasche eine so furchtbare Erschuetterung
+erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Fuesse auf
+einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich
+empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen
+Gelenken. Will man den ziemlich auffallenden Unterschied zwischen der
+Wirkung der Volta'schen Saeule und der elektrischen Fische genau
+beobachten, so muss man diese beruehren, wenn sie sehr erschoepft sind. Die
+Zitterrochen und die Zitteraale verursachen dann ein Sehnenhuepfen vom
+Glied an, das die elektrischen Organe beruehrt, bis zum Ellbogen. Man
+glaubt bei jedem Schlag innerlich eine Schwingung zu empfinden, die zwei,
+drei Secunden anhaelt und der eine schmerzhafte Betaeubung folgt. In der
+ausdrucksvollen Sprache der Tamanacos heisst daher der Temblador *Arimna*,
+das heisst, "der die Bewegung raubt."
+
+Die Empfindung bei schwachen Schlaegen des Gymnotus schien mir grosse
+Aehnlichkeit zu haben mit dem schmerzlichen Zucken, das ich fuehlte, wenn
+auf den wunden Stellen, die ich auf meinem Ruecken durch spanische Fliegen
+hervorgebracht, zwei heterogene Metalle sich beruehrten.(76) Dieser
+Unterschied zwischen der Empfindung, welche der Schlag des elektrischen
+Fisches, und der, welche eine Saeule oder schwach geladene Leidner Flasche
+hervorbringt, ist allen Beobachtern aufgefallen; derselbe widerspricht
+indessen keineswegs der Annahme, dass die Elektricitaet und die galvanische
+Wirkung der Fische dem Wesen nach eins sind. Die Elektricitaet kann
+beidemal dieselbe seyn, sie mag sich aber verschieden aeussern in Folge des
+Baus der elektrischen Organe, der Intensitaet des elektrischen Fluidums,
+der Schnelligkeit des Stroms oder einer eigenthuemlichen Wirkungsweise. In
+hollaendisch Guyana, zum Beispiel zu Demerary, galten frueher die Zitteraale
+als ein Heilmittel gegen Laehmungen. Zur Zeit, wo die europaeischen Aerzte
+von der Anwendung der Elektricitaet Grosses erwarteten, gab ein Wundarzt in
+Essequibo, Namens VAN DER LOTT, in Holland eine Abhandlung ueber die
+Heilkraefte des Zitteraals heraus. Solche "elektrische Curen" kommen bei
+den Wilden Amerika's wie bei den Griechen vor. SCRIBONIUS LARGUS, GALENUS
+und DIOSCORIDES berichten uns, dass der Zitterrochen Kopfweh, Migraene und
+Gicht heile. In den spanischen Colonien, die ich durchreist, habe ich von
+dieser Heilmethode nichts gehoert; aber soviel ist gewiss, dass Bonpland und
+ich, nachdem wir vier Stunden lang an Gymnoten experimentirt, bis zum
+andern Tag Muskelschwaeche, Schmerz in den Gelenken, allgemeine Uebligkeit
+empfanden, eine Folge der heftigen Reizung des Nervensystems.
+
+Waehrend die Gymnoten fuer die europaeischen Naturforscher Gegenstaende der
+Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den
+Eingebornen gefuerchtet und gehasst. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings
+nicht uebel, aber der Koerper besteht zum groessten Theil aus dem elektrischen
+Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man
+sondert es daher auch sorgfaeltig vom Uebrigen ab. Zudem schreibt man es
+vorzueglich den Gymnoten zu, dass die Fische in den Suempfen und Teichen der
+Llanos so selten sind. Sie toedten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und
+die Indianer erzaehlten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge
+Krokodile und Zitteraale zugleich fange, so sey an letzteren nie eine
+Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen, Krokodile laehmen, bevor diese
+ihnen etwas anhaben koennen. Alle Bewohner des Wassers fliehen die
+Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkroeten und Froesche suchen
+Suempfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu musste man einer
+Strasse eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Fluss
+so vermehrt hatten, dass sie alle Jahre eine Menge Maulthiere, die belastet
+durch den Fluss wateten, umbrachten.
+
+Am 24. Maerz verliessen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem
+Aufenthalt und unsern Versuchen ueber einen so wichtigen physiologischen
+Gegenstand. Ich hatte ueberdiess gute Sternbeobachtungen machen koennen und
+zu meiner Ueberraschung gefunden, dass die Angaben der Karten auch hier um
+einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte Niemand an
+diesem Ort beobachtet, und wie denn die Geographen gewoehnlich die
+Distanzen von der Kueste dem Binnenlande zu zu gross annehmen, so hatten sie
+auch hier alle Punkte zu weit nach Sueden gerueckt.
+
+Auf dem Wege durch den suedlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden
+staubiger, pflanzenloser, durch die lange Duerre zerrissener. Die Palmen
+verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu
+Sonnenuntergang auf 34--35 deg.. Je ruhiger die Luft in 8--10 Fuss Hoehe schien,
+desto dichter wurden wir von den Staubwirbeln eingehuellt, welche von den
+kleinen, am Boden, hinstreichenden Luftstroemungen erzeugt werden. Gegen 4
+Uhr Abends fanden wir in der Savane ein junges indianisches Maedchen. Sie
+lag auf dem Ruecken, war ganz nackt und schien nicht ueber 12--13 Jahre alt.
+Sie war von Ermuedung und Durst erschoepft, Augen, Nase, Mund voll Staub,
+der Athem roechelnd; sie konnte uns keine Antwort geben. Neben ihr lag ein
+umgeworfener Krug, halb voll Sand. Zum Glueck hatten wir ein Maulthier bei
+uns, das Wasser trug. Wir brachten das Maedchen zu sich, indem wir ihr das
+Gesicht wuschen und ihr einige Tropfen Wein aufdrangen. Sie war Anfangs
+erschrocken ueber die vielen Leute um sie her, aber sie beruhigte sich nach
+und nach und sprach mit unsern Fuehrern. Sie meinte, dem Stand der Sonne
+nach muesse sie mehrere Stunden betaeubt dagelegen haben. Sie war nicht dazu
+zu bringen, eines unserer Lastthiere zu besteigen. Sie wollte nicht nach
+Uritucu zurueck; sie hatte in einem Hofe in der Naehe gedient und war von
+ihrer Herrschaft verstossen worden, weil sie in Folge einer langen
+Krankheit nicht mehr soviel leisten konnte als zuvor. Unsere Drohungen und
+Bitten fruchteten nichts; fuer Leiden unempfindlich, wie ihre ganze Race,
+in die Gegenwart versunken ohne Bangen vor kuenftiger Gefahr, beharrte sie
+auf ihrem Entschluss, in eine der indianischen Missionen um die Stadt
+Calabozo her zu gehen. Wir schuetteten den Sand aus ihrem Krug und fuellten
+ihn mit Wasser. Noch ehe wir wieder zu Pferd waren, setzte sie ihren Weg
+in der Steppe fort. Bald entzog sie eine Staubwolke unsern Blicken.
+
+In der Nacht durchwateten wir den Rio Uritucu, in dem zahlreiche,
+auffallend wilde Krokodile hausen. Man warnte uns, unsere Hunde nicht am
+Fluss saufen zu lassen, weil es gar nicht selten vorkomme, dass die
+Krokodile im Uritucu aus dem Wasser gehen und die Hunde aufs Ufer
+verfolgen. Solche Keckheit faellt desto mehr auf, da sechs Meilen von da,
+im Rio Tisnao, die Krokodile ziemlich schuechtern und unschaedlich sind. Die
+Sitten der Thiere einer und derselben Art zeigen Abweichungen nach
+oertlichen Einfluessen, die sehr schwer aufzuklaeren sind. Man zeigte uns
+eine Huette oder vielmehr eine Art Schuppen, wo unser Wirth in Calabozo,
+Don Miguel Cousin, einen hoechst merkwuerdigen Auftritt erlebt hatte. Er
+schlief mit einem Freunde auf einer mit Leder ueberzogenen Bank, da wird er
+frueh Morgens durch heftige Stoesse und einen furchtbaren Laerm aufgeschreckt.
+Erdschollen werden in die Huette geschleudert. Nicht lange, so kommt ein
+junges 2--3 Fuss langes Krokodil unter der Schlafstaette hervor, faehrt auf
+einen Hund los, der auf der Thuerschwelle lag, verfehlt ihn im ungestuemen
+Lauf, eilt dem Ufer zu und entkommt in den Fluss. Man untersuchte den Boden
+unter der Barbacoa oder Lagerstaette, und da war denn der Hergang des
+seltsamen Abenteuers bald klar. Man fand die Erde weit hinab aufgewuehlt;
+es war vertrockneter Schlamm, in dem das Krokodil im *Sommerschlaf*
+gelegen hatte, in welchen Zustand manche Individuen dieser Thierart
+waehrend der duerren Jahreszeit in den Llanos verfallen. Der Laerm von
+Menschen und Pferden, vielleicht auch der Geruch des Hundes hatten es
+aufgeweckt. Die Huette lag an einem Teich und stand einen Theil des Jahres
+unter Wasser; so war das Krokodil ohne Zweifel, als die Savane
+ueberschwemmt wurde, durch dasselbe Loch hineingekommen, durch das es Don
+Miguel herauskommen sah. Haeufig finden die Indianer ungeheure Boa's, von
+ihnen Uji oder Wasserschlangen genannt, im selben Zustand der Erstarrung.
+Man muss sie, sagt man, reizen oder mit Wasser begiessen, um sie zu
+erwecken. Man toedtet die Boa's und haengt sie in einen Bach, um durch die
+Faeulniss die sehnigten Theile der Rueckenmuskeln zu gewinnen, aus denen man
+in Calabozo vortreffliche Guitarrensaiten macht, die weit besser sind als
+die aus den Daermen der Bruellaffen.
+
+Wir sehen somit, dass in den Llanos Trockenheit und Hitze auf Thiere und
+Gewaechse gleich dem Frost wirken. Ausserhalb der Tropen werfen die Baeume in
+sehr trockener Luft ihre Blaetter ab. Die Reptilien, besonders Krokodile
+und Boa's, verlassen vermoege ihres traegen Naturels die Lachen, wo sie beim
+Austreten der Fluesse Wasser gefunden haben, nicht leicht wieder. Je mehr
+nun diese Wasserstuecke eintrocknen, desto tiefer graben sich die Thiere in
+den Schlamm ein, der Feuchtigkeit nach, die bei ihnen Haut und Decken
+schmiegsam erhaelt. In diesem Zustand der Ruhe kommt die Erstarrung ueber
+sie; sie werden wohl dabei von der aeussern Luft nicht ganz abgesperrt, und
+so gering auch der Zutritt derselben seyn mag, er reicht hin, den
+Athmungsprozess bei einer Eidechse zu unterhalten, die ausnehmend grosse
+Lungensaecke hat, die keine Muskelbewegungen vornimmt und bei der fast alle
+Lebensverrichtungen stocken. Die Temperatur des vertrockneten, dem
+Sonnenstrahl ausgesetzten Schlammes betraegt im Mittel wahrscheinlich mehr
+als 40 deg.. Als es im noerdlichen Egypten, wo im kuehlsten Monat die Temperatur
+nicht unter 13 deg.,4 sinkt, noch Krokodile gab, wurden diese haeufig von der
+Kaelte betaeubt. Sie waren einem *Winterschlaf* unterworfen, gleich unsern
+Froeschen, Salamandern, Uferschwalben und Murmelthieren. Wenn die
+Erstarrung im Winter bei Thieren mit warmem Blut, wie bei solchen mit
+kaltem vorkommt, so kann man sich eben nicht wundern, dass in beiden
+Klassen auch Faelle von *Sommerschlaf* vorkommen. Gleich den Krokodilen in
+Suedamerika liegen die Tenrecs oder Igel auf Madagascar mitten in der
+heissen Zone drei Monate des Jahres in Erstarrung.
+
+Am 25. Maerz kamen wir ueber den ebensten Strich der Steppen von Caracas,
+die *Mesa de Pavones*. Die Corypha- und Murichepalme fehlen hier ganz.
+Soweit das Auge reicht, gewahrt man keinen Gegenstand, der auch nur
+fuenfzehn Zoll hoch waere. Die Luft war rein und der Himmel tief blau, aber
+den Horizont saeumte ein blasser, gelblicher Schein, der ohne Zweifel von
+der Menge des in der Luft schwebenden Sandes herruehrte. Wir trafen grosse
+Heerden, und bei ihnen Schaaren schwarzer Voegel mit olivenfarbigem Glanz
+von der Gattung _Crotophoga_ die dem Vieh nachgehen. Wir sahen sie haeufig
+den Kuehen auf dem Ruecken sitzen und Bremsen und andere Insekten suchen.
+Gleich mehreren Voegeln dieser Einoede scheuen sie so wenig vor dem
+Menschen, dass Kinder sie oft mit der Hand fangen. In den Thaelern von
+Aragua, wo sie sehr haeufig sind, setzten sie sich am hellen Tag auf unsere
+Haengematten, waehrend wir darin lagen.
+
+Zwischen Calabozo, Uritucu und der Mesa de Pavones kann man ueberall, wo
+der Boden von Menschenhand wenige Fuss tief ausgegraben ist, die
+geologischen Verhaeltnisse der Llanos beobachten. Ein rother Sandstein(77)
+(altes Conglomerat) streicht ueber mehrere tausend Quadratmeilen weg. Wir
+fanden ihn spaeter wieder in den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am
+oestlichen Saum der Provinz Jaen de Bracamoros. Diese ungeheure Verbreitung
+des rothen Sandsteins auf den tiefgelegenen Landstrichen ostwaerts von den
+Anden ist eine der auffallendsten geologischen Erscheinungen, die ich
+unter den Tropen beobachtet.
+
+Nachdem wir in den oeden Savanen der Mesa de Pavones lange ohne die Spur
+eines Pfades umhergeirrt, sahen wir zu unserer freudigen Ueberraschung
+einen einsamen Hof vor uns, den _Hato de alta Gracia_ der von Gaerten und
+kleinen Teichen mit klarem Wasser umgeben ist. Hecken von *Azedarac*
+liefen um Gruppen von *Icaquesbaeumen*, die voll Fruechten hingen. Eine
+Strecke weiter uebernachteten wir beim kleinen Dorfe San Geronymo del
+Guayaval, das Missionaere vom Kapuzinerorden gegruendet haben. Es liegt am
+Ufer des Rio Guarico, der in den Apure faellt. Ich besuchte den
+Geistlichen, der in der Kirche wohnen musste, weil noch kein Priesterhaus
+gebaut war. Der junge Mann nahm uns aufs zuvorkommendste auf und gab uns
+ueber Alles die verlangte Auskunft. Sein Dorf, oder, um den officiellen
+Ausdruck der Moenche zu gebrauchen, seine *Mission*, war nicht leicht zu
+regieren. Der Stifter, der keinen Anstand genommen, auf seine Rechnung
+eine *Pulperia* zu errichten, das heisst sogar in der Kirche Bananen und
+Guarapo zu verkaufen, war auch bei Aufnahme der Colonisten nicht ekel
+gewesen. Viele Landstreicher aus den Llanos hatten sich in Guayaval
+niedergelassen, weil die Einwohner einer Mission dem weltlichen Arm
+entrueckt sind. Hier wie in Neu-Holland kann man erst in der zweiten oder
+dritten Generation auf gute Colonisten rechnen.
+
+Wir setzten ueber den Rio Guarico und uebernachteten in den Savanen suedlich
+vom Guayaval. Ungeheure Fledermaeuse, wahrscheinlich von der Sippe der
+Phyllostomen, flatterten, wie gewoehnlich, einen guten Theil der Nacht ueber
+unsern Haengematten. Man meint jeden Augenblick, sie wollen sich einem ins
+Gesicht einkrallen. Am fruehen Morgen setzten wir unsern Weg ueber tiefe,
+haeufig unter Wasser stehende Landstriche fort. In der Regenzeit kann man
+zwischen dem Guarico und dem Apure im Kahn fahren, wie auf einem See. Es
+begleitete uns ein Mann, der alle Hoefe (Hatos) in den Llanos besucht
+hatte, um Pferde zu kaufen. Er hatte fuer tausend Pferde 2200 Piaster
+gegeben.(78) Man bezahlt natuerlich desto weniger, je bedeutender der Kauf
+ist. Am 27. Maerz langten wir in der Villa de San Fernando, dem Hauptort
+der Missionen der Kapuziner in der Provinz Barinas, an. Damit waren wir am
+Ziel unserer Reise ueber die Ebenen, denn die drei Monate April, Mai und
+Juni brachten wir auf den Stroemen zu.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 68 Ich erinnere die Reisenden an den Weg vom Ursernthal zum
+ Gotthardshospiz und von da nach Airolo.
+
+ 69 LIVIUS, _L. 38_, c. 75
+
+ 70 Offene baumlose Savanen, _limpias de arboles_
+
+ 71 Y{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}. HERODOT, _Melpomene_.
+
+ 72 Der Zaque war das weltliche Oberhaupt von Cundinamarca. Er theilte
+ die oberste Gewalt mit dem Hohenpriester (Lama) von Iraca.
+
+ 73 Band I, Seite 216
+
+ 74 PLINIUS, _L. XII_, c. VII.
+
+ 75 Die Indianer versichern, wenn man Pferde zwei Tage hinter einander
+ in einer Lache laufen lasse, in der es sehr viele Gymnoten gibt,
+ gehe am zweiten Tag kein Pferd mehr zu Grunde.
+
+ 76 HUMBOLDTs _Versuche ueber die gereizte Muskelfaser_. Vol. 1. p.
+ 323--329.
+
+ 77 Rothes Todtliegendes, oder aeltester Floetzsandstein der Freiberger
+ Schule.
+
+ 78 In den Llanos von Calabozo und am Guayaval kostet ein junger Stier
+ von zwei bis drei Jahren einen Piaster. Ist er verschnitten (in sehr
+ heissen Laendern eine ziemlich gefaehrliche Operation), so ist er 5 bis
+ 6 Piaster werth. Eine an der Sonne getrocknete Ochsenhaut gilt 21/2
+ Silberrealen (1 Peso = 8 Realen); ein Huhn 2 Realen; ein Schaf, in
+ Barquesimeto und Truxillo, denn ostwaerts von diesen Staedten gibt es
+ keine, 3 Realen. Da diese Preise sich nothwendig veraendern werden,
+ je mehr die Bevoelkerung in den spanischen Colonien zunimmt, so
+ schien es mir nicht unwichtig, hier Angaben niederzulegen, die
+ kuenftig bei nationaloekonomischen Untersuchungen als Anhaltspunkte
+ dienen koennen.
+
+
+
+
+
+
+LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE
+
+
+Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.
+
+BARROW, SIR JOHN. _A Voyage to Cochinchina in the Years 1792 and 1793._
+(1806)
+DELPECHE. _Sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812._
+GARCIA, GREGORIO. _Origen de los indios del nuevo mundo._ (1607)
+HERODOT. _Melpomene._
+HORAZ. _Oden._
+HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essay politique sur le Mexique._
+HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essai politique sur le royaume de la nouvelle
+Espagne._
+HUMBOLDT, ALEXANDER. _Versuche ueber die gereizte Muskel- und Nervenfaser :
+nebst Vermuthungen ueber den chemischen Process des Lebens in der Thier-
+und Pflanzenwelt._ (1797)
+LA CONDAMINE, CHARLES MARIE DE. _Journal du voyage fait par ordre du Roi,
+a l'Equateur servant d'introduction historique a la Mesure des trois
+premiers degres du Meridien._ (1751)
+LIVIUS. _L. 38._
+OVIEDO Y BANOS, JOSE DE. _Historia de la conquista y poblacion de la
+Provincia de Venezuela._ _Geschichte der Provinz Venezuela._ (1723)
+PLINIUS. _L. XII._
+DE PONS, FRANCOIS RAYMOND JOSEPH. _Reise in den oestlichen Theil von
+Terrafirma in Sued-Amerika : unternommen in den Jahren 1801, 1802, 1803
+und 1804 / von Depons. Aus d. Franz. uebers. von Chr. Weyland._ (1808)
+RITTER, KARL. _Erdkunde._ Bd. I.
+TACITUS. _Agricola._
+TACITUS. _Germania._
+TORQUEMADA, JUAN DE. _Monarchia Indiana. Los veintiun libros rituales i
+monarchia indiana con el origen y guerras de los Indios Occidentales, de
+sus poblaciones, descubrimientos, conquista, conversion y otras cosas
+maravillosas de la misma tierra._ (1615)
+ULLOA, ANTONIO DE. _ Noticias americanas: entretenimientos
+fisico-historicos sobre la America Meridional, y la Septentrional
+oriental: comparacion general de los territorios, climas y producciones en
+las tres especies vegetal, animal y mineral; con una relacion particular
+de los Indios de aquellos paises, sus costumbres y usos, de las
+petrificaciones de cuerpos marinos, y de las antigueedades. Con un discurso
+sobre el idioma, y conjeturas sobre el modo con que pasaron los primeros
+pobladores._ (1792)
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS
+
+
+Vom Korrekturleser wurden mehrere Aenderungen am Originaltext vorgenommen.
+Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
+aendern, wurden im Text belassen.
+
+Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
+geaenderten Fassung.
+
+
+
+Ausdrucks ueberraschen. Tumanacu: Wespe, uane-imu, woertlich: Vater
+Ausdrucks ueberraschen. Tamanacu: Wespe, uane-imu, woertlich: Vater
+
+stieg wieder bis eilf Uhr Abends
+stieg wieder bis elf Uhr Abends
+
+des Centauren, Achernar, ss des Centauren, Fomahault
+des Centauren, Achernar, ss des Centauren, Fomalhaut
+
+darnach, und die Voelkerschaft der Guaraons, deren Existenz
+darnach, und die Voelkerschaft der Guaranos, deren Existenz
+
+Governador, Alcaden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!
+Governador, Alcalden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!
+
+Sterculia und Coccololoba excoriata bewachsenen Boden
+Sterculia und Coccoloba excoriata bewachsenen Boden
+
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+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***
+
+
+
+
+CREDITS
+
+
+2008
+
+ Project Gutenberg TEI edition 01
+ R. Stephan
+
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 24746.txt or 24746.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/7/4/24746/
+
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+
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+
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
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+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase Project Gutenberg),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+
+Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
+
+
+Project Gutenberg is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (the Foundation or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
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+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
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+1.D.
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+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
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+
+
+1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+Project Gutenberg appears, or with which the phrase Project Gutenberg is
+associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
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+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
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+
+1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase Project Gutenberg associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+1.E.5.
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+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
+1.E.6.
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+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
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+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+paragraph 1.E.1.
+
+
+1.E.7.
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+
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+1.E.8.
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+
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+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.
+
+ You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+1.F.
+
+
+1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain Defects, such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
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+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
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+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+1.F.4.
+
+
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+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
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+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+
+Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+
+Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
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+***FINIS***
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