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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:14:13 -0700 |
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Band 2. + + +by Alexander von Humboldt + + + + +Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008) + + + + + + In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. + + Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. + + Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. + + ------------------ + + 1859 + + ------------------ + + Zweiter Band + + + + + +INHALT + + +Neuntes Kapitel. +Zehntes Kapitel. +Elftes Kapitel. +Zwoelftes Kapitel. +Dreizehntes Kapitel. +Vierzehntes Kapitel. +Fuenfzehntes Kapitel. +Sechzehntes Kapitel. +Siebzehntes Kapitel. +Liste explizit genannter Werke +Anmerkungen des Korrekturlesers + + + + + + +NEUNTES KAPITEL. + + + Koerperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen. + + +Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich +keine allgemeinen Betrachtungen ueber die Staemme der Eingeborenen, welche +Neu-Andalusien bewohnen, ueber ihre Sitten, ihre Sprache und ihren +gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von +dem wir ausgegangen, moechte ich alles diess, das fuer die Geschichte des +Menschengeschlechts von so grosser Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt +zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen, +desto mehr wird uns das Interesse fuer diese Gegenstaende, den Erscheinungen +der physischen Natur gegenueber, in Anspruch nehmen. Der nordoestliche Theil +des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen +hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Voelkerschaften, die sie bewohnen, +den Thaelern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem noerdlichen Ende +Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Muendung des Lena +hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht, +ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck urspruenglicher voelliger +Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten +der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Voelkern, die +einst auf bedeutend hoeherer Culturstufe standen, und wie soll man ein +Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches ueberhaupt +vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem +Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein +grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was +sich auf die urspruenglichen Zustaende des Menschen und auf die aelteste +Bevoelkerung eines Festlandes bezieht, an und fuer sich der Geschichte +angehoerte, so wuerden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die +Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen +wird, nach der die Wilden aus der buergerlichen Gesellschaft ausgestossene, +in die Waelder getriebene Staemme sind. Das Wort _'Barbar'_, das wir von +Griechen und Roemern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen +versunkenen Horde. + +Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden grosse gesellschaftliche Vereine +unter den Eingeborenen nur auf dem Ruecken der Cordilleren und auf den +Asien gegenueber liegenden Kuesten. Auf den mit Wald bedeckten, von Fluessen +durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwaerts +ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende +Voelkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten, +zerstreut gleich den Truemmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob +uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen +und die Beobachtung der Koerperbildung dazu dienen koennen, die +verschiedenen Staemme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu +verfolgen und ein paar jener Familienzuege aufzufinden, durch die sich die +urspruengliche Einheit unseres Geschlechtes verraeth. + +Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Laendern, deren Gebirge wir +vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva +Barcelona, beinahe noch die Haelfte der schwachen Bevoelkerung. Ihre +Kopfzahl laesst sich auf 60,000 schaetzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien +kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenueber der Staerke der Jaegervoelker in +Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien +dagegen haelt, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht, +z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten +mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner +als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zaehlt aber ueber +400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in +Cumana leben nicht alle in den Missionsdoerfern; man findet sie zerstreut +in der Umgegend der Staedte, auf den Kuesten, wohin sie des Fischfangs wegen +ziehen, selbst auf den kleinen Hoefen in den Llanos oder Savanen. In den +Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein +15,000 Indianer, die fast saemmtlich dem Chaymasstamm angehoeren. Indessen +sind die Doerfer dort nicht so stark bevoelkert, wie in der Provinz +Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fuenf- bis sechshundert, waehrend +man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu +indianische Doerfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich +die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000 +schaetzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die +Guaiqueries auf der Insel Margarita und die grosse Masse der Guaraunos, die +auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhaengigkeit behauptet haben. +Diese schaetzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; diess scheint mir aber zu +viel. Ausser den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den +sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Cano +Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken +lassen, gibt es seit dreissig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden +Indianer mehr. + +Ungern brauche ich das Wort _'wild'_, weil es zwischen dem +*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder +unabhaengigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die +Erfahrung haeufig widerspricht. In den Waeldern Suedamerikas gibt es Staemme +Eingeborener, die unter Haeuptlingen friedlich in Doerfern leben, auf +ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus +letzterer ihre Haengematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die +nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren. +Die irrige Meinung, als waeren saemmtliche nicht unterworfene Eingeborene +umherziehende Jaegervoelker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra +Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europaeer; er besteht noch +jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der +Waelder, wohin nie ein Missionaer den Fuss gesetzt hat. Das verdankt man +allerdings dem Regiment der Missionen, dass der Eingeborene Anhaenglichkeit +an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewoehnt und ein +ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in +dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer voellig +von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche +Vorstellungen vom gegenwaertigen Zustand der Voelker in Suedamerika, wenn man +einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits +*heidnisch*, *wild* und *unabhaengig* fuer gleichbedeutend haelt. Der +unterworfene Indianer ist haeufig so wenig ein Christ als der unabhaengige +Goetzendiener; beide sind voellig vom augenblicklichen Beduerfnis in Anspruch +genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Masse vollkommene +Gleichgueltigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die +Natur und ihre Kraefte goettlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst +gehoert dem Kindesalter der Voelker an; er kennt noch keine Goetzen und keine +heiligen Orte ausser Hoehlen, Schluchten und Forsten. + +Wenn die unabhaengigen Indianer noerdlich vom Orinoco und Apure, d. h. von +den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem +Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht +schliessen, dass es jetzt in diesen Laendern weniger Eingeborene gibt, als +zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomaeus Las Casas. In meinem Werke +ueber Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung +der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen +Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race +ist auf beiden Festlaendern Amerikas noch ueber sechs Millionen stark, und +obgleich unzaehlige Staemme und Sprachen ausgestorben sind oder sich +verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass zwischen den +Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit +Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend +zugenommen hat. Zwei caraibische Doerfer in den Missionen von Piritu oder +am Carony zaehlen mehr Familien als vier oder fuenf Voelkerschaften am +Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustaende der unabhaengig gebliebenen +Caraiben an den Quellen des Esquibo und suedlich von den Bergen von +Pacaraimo thun zur Genuege dar, wie sehr auch bei diesem schoenen +Menschenschlag die Bevoelkerung der Missionen die Masse der unabhaengigen +und verbuendeten Caraiben uebersteigt. Uebrigens verhaelt es sich mit den +Wilden im heissen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese +beduerfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die +Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein +kleines Stueck Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die +Beruehrung mit den Weissen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die, +nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi +zurueckgedraengt, sich den Lebensunterhalt in dem Maasse abgeschnitten sehen, +in dem man ihr Gebiet beschraenkt. In der gemaessigten Zone, in den +_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Beruehrung +mit den europaeischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden, +weil die Beruehrung dort eine unmittelbare ist. + +Im groessten Theil von Suedamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den +Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weissen +breiten sich langsam aus. Die Moenchsorden haben ihre Niederlassungen +zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer +gegruendet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben +allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschraenkt, aber fast aller Orten +ist durch sie eine Zunahme der Bevoelkerung herbeigefuehrt worden, wie sie +beim Nomadenleben der unabhaengigen Indianer nicht moeglich ist. Im Maass als +die Ordensgeistlichen gegen die Waelder vorruecken und den Eingeborenen Land +abgewinnen, suchen ihrerseits die weissen Ansiedler von der andern Seite +her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der +weltliche Arm fortwaehrend die unterworfenen Indianer dem Moenchsregiment zu +entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmaehlich Pfarrer an die +Stelle der Missionaere. Weisse und Mischlinge lassen sich, beguenstigt von +den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu +spanischen Doerfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, dass +sie eine Volkssprache gehabt haben. So rueckt die Cultur von der Kueste ins +Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten, +aber sichern, gleichmaessigen Schrittes. + +Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen +_Govierno de Cumana_ begreift, zaehlen in ihrer gegenwaertigen Bevoelkerung +mehr als vierzehn Voelkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas, +Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der +Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas, +Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn +Voelkerschaften glauben selbst, dass sie ganz verschiedener Abstammung sind. +Man weiss nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Huetten an der +Muendung des Orinoco auf Baeumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von +Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Koepfe. Unter den uebrigen +Voelkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf +den suedlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den +Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf +dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht +unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und +Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, dass sie demselben +Sprachstamm anzugehoeren scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe +verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung +herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit. + +Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben, +Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Voelker zu betrachten. +Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich +nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, dass ihre +Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind +Kuestenvoelker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Staemme betrifft, +die gegenwaertig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben, +so laesst sich ueber ihre urspruengliche Abstammung und ihr Verhaeltniss zu +andern, ehemals maechtigeren Voelkern schwer etwas aussagen. Die +Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die +Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise +der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen +von Indianern von Cumana und von der Kueste von Paria, als ob die +Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie +sogar die Staemme nach ihren Haeuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die +sie bewohnen. Dadurch haeuft sich die Zahl der Voelkerschaften ins +Unendliche und werden alle Angaben der Missionaere ueber die ungleichartigen +Elemente in der Bevoelkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie +will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener +Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil +des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben +und der Chaymas im suedlichen und oestlichen? Durch die grosse +Uebereinstimmung in der Koerperbildung werden Untersuchungen der Art sehr +schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung voellig +verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit +von Sprachen bei Voelkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer +Koerperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen +sprechen koerperlich ungemein verschiedene Voelker, Lappen, Finnen und +Esthen, die germanischen Voelker und die Hindus, die Perser und die Kurden +Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die groesste Aehnlichkeit mit +einander haben. + +Die Indianer in den Missionen treiben saemmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme +derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewaechse; +ihre Huetten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung +ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhaeltniss zu den +Missionaeren und den aus ihrer Mitte gewaehlten Beamten, Alles ist nach +Vorschriften geordnet, die ueberall gelten. Und dennoch -- und diess ist +eine hoechst merkwuerdige Beobachtung in der Geschichte der Voelker -- war +diese grosse Gleichfoermigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die +individuellen Zuege, die Schattirungen, durch welche sich die +amerikanischen Voelkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit +kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zaehes Festhalten an +den bei jedem Stamm wieder anders gefaerbten Sitten und Gebraeuchen, das der +ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrueckt. Diesen Charakterzuegen +begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai +und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische +Organisation der Eingeborenen, aber die moenchische Zucht leistet ihnen +wesentlich Vorschub. + +Es gibt in den Missionen nur wenige Doerfer, wo die Familien verschiedenen +Voelkerschaften angehoeren und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so +verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu +regieren. Meist haben die Moenche ganze Nationen, oder doch bedeutende +Stuecke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Doerfern +untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes; +denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der +Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben, +Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthuemlichkeiten um so mehr, da +sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualitaet des +Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf +Gedanken und Empfindung zurueck. Durch diesen innigen Verband zwischen +Sprache, Volkscharakter und Koerperbildung erhalten sich die Voelker +einander gegenueber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthuemlichkeit, und +diess ist eine unerschoepfliche Quelle von Bewegung und Leben in der +geistigen Welt. + +Die Missionaere konnten den Indianern gewisse alte Gebraeuche bei der Geburt +eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten; +sie konnten es dahin bringen, dass sie sich nicht mehr die Haut bemalten +oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim grossen +Haufen die aberglaeubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen +Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebraeuche abzustellen +und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu +ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt +gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in bestaendigem Kampfe mit +feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und fuehrt so dem wilden, +unabhaengigen Indianer gegenueber ein einfoermigeres, unthaetigeres, der +Entwicklung der Geistes- und Gemuethskraft weniger guenstiges Leben. Wenn er +gutmuethig ist, so kommt diess nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil +er gefuehlvoll ist und gemuethlich. Wo er ausser Verkehr mit den Weissen auch +all den Gegenstaenden ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt +zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle +seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Beduerfniss bestimmt +zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist +ernst, geheimnissvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an +das Aussehen der Eingeborenen nicht gewoehnt ist, haelt ihre Traegheit und +geistige Starrheit leicht fuer den Ausdruck der Schwermuth und des +Tiefsinns. + +Ich habe die Charakterzuege des Indianers und die Veraenderungen, die sein +Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um +den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden +sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas, +deren ueber 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht +sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte +des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die +Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Sued die Caraiben zu Nachbarn. +Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern +des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Cano de Caripe. Nach +der genauen statistischen Aufnahme des Paters Praefekten zaehlte man im.Jahr +1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn +*Missions*doerfer; das aelteste ist von 1728, und sie zaehlten 6433 Einwohner +in 1465 Haushaltungen; sechzehn Doerfer _de doctrina_; das aelteste ist von +1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien. + +Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden; +die damals noch unabhaengigen Caraiben machten Einfaelle und brannten ganze +Doerfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevoelkerung +zurueck in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der +kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weissen. Viele +Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Suempfe. +Vierzehn alte Missionen blieben wueste liegen oder wurden nicht wieder +aufgebaut. + +Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; diess faellt namentlich auf, wenn +man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und +Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen, +sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die +Mittelgroesse eines Chaymas betraegt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuss 10 +Zoll. Ihr Koerper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit, +die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die +der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und +Neugrenadas bis herab zu den heissen Tieflaendern am Amazonenstrom. Die +climatischen Unterschiede aeussern keinen Einfluss mehr auf dieselbe; sie ist +durch organische Verhaeltnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten +unabaenderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird +die gleichfoermige Hautfarbe roether, dem Kupfer aehnlicher; bei den Chaymas +dagegen ist sie dunkelbraun und naehert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck +"kupferfarbige Menschen" zur Bezeichnung der Eingeborenen waere im +tropischen Amerika niemals aufgekommen. + +Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber +doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewoelbt; daher +heisst es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schoenen +Weibe, "sie sey fett und habe eine schmale Stirne." Die Augen der Chaymas +sind schwarz, tiefliegend und stark in die Laenge gezogen; sie sind weder +so schief gestellt noch so klein wie bei den Voelkern mongolischer Race, +von denen Jornandes sagt, sie haben "vielmehr Punkte als Augen," _magis +puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schlaefen zu dennoch +merklich in die Hoehe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder +dunkelbraun, duenn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange +Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schlaefrig niederzuschlagen, gibt dem +Blick der Weiber etwas Sanftes und laesst das verschleierte Auge kleiner +erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie ueberhaupt alle +Eingeborenen Suedamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die +vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gaenzlich +mangelnden Bart sich der mongolischen Race naehern, so unterscheiden sie +sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang +ist, der ganzen Laenge nach vorspringt und bei den Nasloechern dicker wird, +welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Voelkern caucasischer +Race. Der grosse Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat haeufig +einen gutmuethigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden +Geschlechtern zwei Furchen von den Nasloechern gegen die Mundwinkel. Das +Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und +breit. + +Die Zaehne sind bei den Chaymas schoen und weiss, wie bei allen Menschen von +einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den +ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensaeften +und Aetzkalk die Zaehne schwarz zu faerben; gegenwaertig weiss man nichts mehr +davon. Die Voelkerstaemme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den +Einfaellen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her +geschoben worden, dass die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und +Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas. +Ich bezweifle sehr, dass der Brauch des Schwaerzens der Zaehne, wie Gomara +behauptet, mit seltsamen Schoenheitsbegriffen zusammenhaengt(1), oder dass es +ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die +Indianer so gut wie nichts; auch die Weissen in den spanischen Colonien, +wenigstens in den heissen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichfoermig +ist, leiden selten daran. Auf dem Ruecken der Cordilleren, in Santa-Fe und +Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt. + +Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Voelker, die ich gesehen, +kleine, schmale Haende. Ihre Fuesse aber sind gross und die Zehen bleiben +beweglicher als gewoehnlich. Alle Chaymas sehen einander aehnlich wie nahe +Verwandte, und diese gleichfoermige Bildung, die von den Reisenden so oft +hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen +zwischen dem zwanzigsten und fuenfzigsten Jahr das Alter nicht durch +Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfaelligkeit des Koerpers verraeth. +Tritt man in eine Huette, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den +Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach +meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen +Momenten, auf den oertlichen Verhaeltnissen der indianischen Voelkerschaften +und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Voelker +zerfallen in eine Unzahl von Staemmen, die sich toedtlich hassen und niemals +Ehen unter einander schliessen, selbst wenn ihre Mundarten demselben +Sprachstamme angehoeren und nur ein kleiner Flussarm oder eine Huegelkette +ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Staemme sind, desto mehr +muss sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander +verbinden, eine gewisse gleichfoermige Bildung, ein organischer, recht +eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhaelt sich unter +der Zucht der Missionen, die nur Eine Voelkerschaft unter der Obhut haben. +Die Vereinzelung ist so stark wie frueher; Ehen werden nur unter +Angehoerigen derselben Dorfschaft geschlossen. Fuer diese +Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Voelkerschaft ein +Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren +sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Waeldern spanisch gelernt haben, +einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme +gehoeren, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten. + +Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren +Einfluss sich ja auch bei den europaeischen Juden, bei den indischen Kasten +und allen Gebirgsvoelkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher +weniger beachtete. Ich habe schon frueher bemerkt, dass es vorzueglich die +Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht. +Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie +als eine, die diesem oder jenem Individuum zukaeme. Der wilde Mensch +verhaelt sich hierin dem gebildeten gegenueber wie die Thiere einer und +derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, waehrend die andern in +der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der +Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Koerperbau und Farbe kommen nur bei +den Hausthieren haeufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Zuege +und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den +Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in +einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim +Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den +Zuegen ab, und die Zuege werden desto beweglicher, je haeufiger, +mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in +den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen +Beduerfniss bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast muehelos +befriedigt, fuehrt er ein traeges, einfoermiges Leben. Unter den +Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese +Einfoermigkeit, diese Starrheit der Verhaeltnisse drueckt sich auch in den +Gesichtszuegen der Indianer aus. + +Unter der Zucht der Moenche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und +Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Waeldern +lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemuethsbewegungen +ueberlaesst, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal +krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorueber, je +staerker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am +Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen, +aber er haelt laenger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher +Entwicklung nicht die Staerke oder die augenblickliche Entfesselung der +Leidenschaften, was den Zuegen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern +vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in bestaendiger Beruehrung mit +der Aussenwelt erhaelt, Zahl und Maass unserer Schmerzen und unserer Freuden +steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurueckwirkt. +Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Zuege das belebte Naturreich +verschoenern, so ist auch nicht zu laeugnen, dass beide zwar nicht allein +Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der grossen +Voelkerfamilie kommen diese Vorzuege keiner Race in hoeherem Maasse zu als der +caucasischen oder europaeischen. Nur beim weissen Menschen tritt das Blut +ploetzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der +Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemuethsbewegungen so bedeutend +verstaerkt. "Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden koennen?" +sagt der Europaeer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den +Indianer. Man muss uebrigens zugeben, dass diese Starrheit der Zuege nicht +allen Racen mit sehr dunkel gefaerbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner +lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern. + +Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine +Bemerkungen ueber ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die +Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen, +waehrend meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren +Charakter durchgaengig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den +Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionaeren +erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten. + +Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Voelker in sehr heissen Laendern, eine +entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen +Schriftstellern hoeren wir, dass im noerdlichen Europa die Hemden und +Beinkleider, welche die Missionaere austheilten, nicht wenig zur Bekehrung +der Heiden beigetragen haben. In der heissen Zone dagegen schaemen sich die +Eingeborenen, wie sie sagen, dass sie Kleider tragen sollen, und sie laufen +in die Waelder, wenn man sie zu fruehe noethigt, ihr Nacktgehen aufzugeben. +Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Moenche, Maenner und Weiber +im Innern der Haeuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine +Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Maennern +hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten, +zwoelften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei. +Das Hemd ist so geschnitten, dass Vorderstueck und Rueckenstueck durch zwei +schmale Baender auf der Schulter zusammenhaengen. Es kam vor, dass wir +Eingeborenen ausserhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei +Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm +trugen. Sie wollten sich lieber auf den blossen Leib regnen, als ihre +Kleider nass werden lassen. Die aeltesten Weiber versteckten sich dabei +hinter die Baeume und schlugen ein lautes Gelaechter auf, wenn wir an ihnen +vorueber kamen. Die Missionaere klagen meist, dass Schaam und Gefuehl fuer das +Anstaendige bei den jungen Maedchen nicht viel entwickelter seyen als bei +den Maennern. Schon Ferdinand Columbus erzaehlt, sein Vater habe im Jahr +1498 auf der Insel Trinidad voellig nackte Weiber angetroffen, waehrend die +Maenner den _'Guayuco'_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als +eine Schuerze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Kueste von Paria +die Maedchen von den verheiratheten Weibern dadurch, dass sie, wie Cardinal +Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, dass sie +einen anders gefaerbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den +Chaymas und allen nackten Voelkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur +zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur +befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Maedchen heirathen +haeufig mit zwoelf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionaere, +nackt, das heisst ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht +daran zu erinnern, dass bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen +und indianischen Doerfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut +Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener, +der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den +ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land +gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem +Kopf ackern sah, und er glaubte "in einem armseligen Lande zu seyn, wo +sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen." + +Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schoenheitsbegriffen nicht huebsch; +indessen haben die jungen Maedchen etwas Sanftes und Wehmuethiges im Blick, +das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm +absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zoepfe geflochten. Die Haut +bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck +als Hals- und Armbaender aus Muscheln, Voegelknochen und Fruchtkernen. +Maenner und Weiber sind sehr musculoes, aber der Koerper ist fleischigt mit +runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, dass mir nie ein Individuum mit +einer natuerlichen Missbildung aufgestossen ist; dasselbe gilt von den vielen +tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fuenf +Jahren gesehen. Dergleichen Missbildungen sind bei gewissen Racen ungemein +selten, besonders aber bei Voelkern, deren Hautgewebe stark gefaerbt ist. +Ich kann nicht glauben, dass sie allein Folgen hoeherer Cultur, einer +weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniss sind. In Europa +heirathet ein buckligtes oder sehr haessliches Maedchen, wenn sie Vermoegen +hat, und die Kinder erben haeufig die Missbildung der Mutter. Im wilden +Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts +einen Mann vermoegen, eine Missbildete oder sehr Kraenkliche zum Weibe zu +nehmen. Hat eine solche das seltene Glueck, dass sie das Alter der Reife +erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man moechte glauben, die Wilden +seyen alle so wohlgebildet und so kraeftig, weil die schwaechlichen Kinder +aus Verwahrlosung fruehe wegsterben und nur die kraeftigen am Leben bleiben; +aber diess kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die +Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und +Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren +Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen +dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfaehigkeit, vom urspruenglichen Typus +abzuweichen, so muessen wir darin doch wohl grossentheils angeborene Anlage +erblicken, das, worin eben der eigenthuemliche Racencharakter besteht. Ich +sage absichtlich: grossentheils, weil ich den Einfluss der Cultur nicht ganz +ausschliessen moechte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weissen, wird +der Koerper durch Luxus und Weichlichkeit geschwaecht, und aus diesem Grunde +waren frueher Missbildungen in Couzco und Tenochtitlan haeufiger; aber unter +den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der groessten +Sitteneinfalt leben, haette Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten +aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah. + +Die Sitte des fruehzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen +bezeugen, der Zunahme der Bevoelkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese +fruehe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heissen +Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestkueste von Amerika, bei den +Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriaeken, wo haeufig +zehnjaehrige Maedchen Muetter sind. Man kann sich nur wundern, dass die +Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei +keiner Race und in keinem Klima veraendert. + +Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere +Voelker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reissen sie aus; +aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur +desshalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch +waeren die Indianer groesstentheils ziemlich bartlos. Ich sage groesstentheils, +denn es gibt Voelkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben +den andern stehen und desshalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher +gehoeren in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die +Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in +Suedamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne +sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den duennen +Kinnbart auszuraufen, sich haeufig rasiren, so waechst der Bart staerker. +Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Messdiener lebhaft +wuenschten den Vaeter Kapuzinern, ihren Missionaeren und Meistern zu +gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Masse +verhasst, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille +fliesst aus derselben Quelle wie die Vorliebe fuer abgeflachte Stirnen, die +an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise +zu Tage kommt. Den Voelkern gilt immer fuer schoen, was ihre eigene +Koerperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da +ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine +rothbraune Haut gegeben hat, so haelt sich jeder fuer desto schoener, je +weniger sein Koerper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut +mit _'Roucou'_, _'Chica'_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist. + +Die Lebensweise der Chaymas ist hoechst einfoermig. Sie legen sich +regelmaessig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb +fuenf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Haengematte. +Die Weiber sind so frostig, dass ich sie in der Kirche vor Kaelte zittern +sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im +Innern sind die Huetten der Indianer aeusserst sauber. Ihr Bettzeug, ihre +Schilfmatten, ihre Toepfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und +Pfeile, Alles befindet sich in der schoensten Ordnung. Maenner und Weiber +baden taeglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die +Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Laendern +vorzugsweise von den Kleidern herruehrt. Ausser dem Haus im Dorfe haben sie +meist auf ihren _'Conucos'_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht +einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblaettern gedeckte Huette von +geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten +sie sich doch dort auf, so oft sie nur koennen. Schon oben gedachten wir +ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben +in der Wildniss zurueckzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten +ihren Eltern und ziehen vier, fuenf Tage in den Waeldern herum, von +Fruechten, von Palmkohl und Wurzeln sich naehrend. Wenn man in den Missionen +reist, sieht man haeufig die Doerfer fast ganz leer stehen, weil die +Einwohner in ihren Gaerten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den +civilisirten Voelkern fliesst wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben +moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen +Unabhaengigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur ueberall auf den +Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenueber sieht. + +Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen +halbbarbarischen Voelkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit faellt +ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen, +trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen +Weg durch das Gestraeuch bahnt. Das Weib ging gebueckt unter einer +gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere +sassen nicht selten oben auf dem Buendel. Trotz dieser gesellschaftlichen +Unterordnung schienen mir die Weiber der suedamerikanischen Indianer +gluecklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem +Mississippi werden ueberall, wo die Eingeborenen nicht groesstentheils von +der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kuerbisse nur von den Weibern gebaut; der +Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heissen Zone gibt es +nur sehr wenige Jaegervoelker, und in den Missionen arbeiten die Maenner im +Felde so gut wie die Weiber. + +Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch +lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weissen nicht +in Beruehrung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte +Indianer zu heissen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrueckt, +_'latinisirte'_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein +bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich +spaeter besucht, am meisten auffiel, das ist, dass es den Indianern so +ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf +spanisch auszudruecken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den +Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie fuer noch einfaeltiger halten als +Kinder, wenn ein Weisser sie ueber Gegenstaende befragt, mit denen sie von +Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionaere versichern, dieses Stocken +sey nicht Folge der Schuechternheit; bei den Indianern, die taeglich ins +Haus des Missionaers kommen und bei der oeffentlichen Arbeit die Aussicht +fuehren, sey es keineswegs natuerliche Beschraenktheit, sondern nur +Unvermoegen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden +Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr +moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu +verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt, +Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen, +Mulatten und Weissen in der Naehe der Staedte in Pfarrdoerfern wohnen. Ich war +oft erstaunt, mit welcher Gelaeufigkeit in Caripe der _'Alcalde'_, der +_'Governador'_, der _'Sargento mayor'_ stundenlang zu den vor der Kirche +versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten fuer die +Woche, schalten die Traegen, drohten den Unanstelligen. Diese Haeuptlinge, +die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionaers der Gemeinde zur +Kenntniss bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit +starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Zuege bleiben dabei +unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch. + +Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und +ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr +zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausfluegen in der Naehe des +Klosters begleiteten und wir durch die Moenche Fragen an sie richten +liessen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage +stellte; und ihre Traegheit und nebenbei auch jene schlaue Hoeflichkeit, die +auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, liess sie nicht selten +ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten +schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen +wollen, koennen sie vor diesem gefaelligen Jasagen sich nicht genug in Acht +nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe +stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der +Hoehle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus +und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu +besinnen und sagte dann zur Unterstuetzung meiner Annahme: "Freilich, wie +waere auch sonst vorne in der Hoehle immer Wasser im Bett?" + +Alle Zahlenverhaeltnisse fassen die Chaymas ausserordentlich schwer. Ich +habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey +achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an +den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fuenfhundert Jahren +civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich grosse Zahlen +ausdruecken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im +Verkehr mit den Missionaeren dazu genoethigt sind, so zaehlen die faehigsten +spanisch, aber so, dass man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf +30 oder 50. In der Chaymassprache zaehlen dieselben Menschen nicht ueber 5 +oder 6. Es ist natuerlich, dass sie sich vorzugsweise der Worte einer +Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen +gelernt haben. Seit die europaeischen Gelehrten es der Muehe werth halten, +den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der +semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt, +schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus +Rechnung der Rohheit der Voelker kommt. Man erkennt an, dass fast ueberall +die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als +man nach der Culturlosigkeit der Voelker, die sie sprechen, vermuthen +sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schoensten +Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen +hat ein klareres, regelmaessigeres und einfacheres Zahlsystem als das +Oquichua und das Aztekische, die in den grossen Reichen Couzco und Anahuac +gesprochen wurden. Duerfte man nun sagen, in diesen Sprachen zaehle man +nicht ueber vier, weil es in den Doerfern, wo sich dieselben unter den armen +Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen +gibt, die nicht weiter zaehlen koennen? Die seltsame Ansicht, nach der so +viele Voelker Amerikas nur bis zu fuenf, zehn oder zwanzig sollen zaehlen +koennen, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wussten, dass die +Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen +Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heisst nach den Fingern +Einer Hand, beider Haende, der Haende und Fuesse zusammen) einen Abschnitt +machen, und dass 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fuenf eins, zehn +drei und "Fuss zehn" ausgedrueckt werden. Kann man sagen, die Zahlen der +Europaeer gehen nicht ueber zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe +von zehn Einheiten beisammen ist? + +Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die +Toechtersprachen des Lateinischen, dass die Jesuiten, welche Alles, was ihre +Anstalten foerdern konnte, aufs Sorgfaeltigste in Betracht zogen, bei den +Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr +regelmaessige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das +Guarani, einfuehrten. Sie suchten durch diese Sprachen die aermeren, +plumperen, im Satzbau nicht so regelmaessigen Mundarten zu verdraengen. Und +der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener +Staemme liessen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese +verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel +zwischen den Missionaeren und den Neubekehrten. Mit Unrecht wuerde man +glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen +gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluss zweier +auf einander eifersuechtiger Gewalten, der Bischoefe und der Statthalter, zu +entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere +Gruende, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese +Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden +zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch +die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Laendern +bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form +oder doch das Aussehen von Ursprachen. + +Wenn es heisst, ein Daene lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter +Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man +zunaechst, diess ruehre daher, dass alle germanischen Sprachen oder alle +Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein +haben; man vergisst, dass es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere +gibt, die Voelker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die +Sprache ist keineswegs ein Ergebniss willkuehrlicher Uebereinkunft; der +Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Moeglichkeit der +Inversionen, Alles ist ein Ausfluss unseres Innern, unserer eigenthuemlichen +Organisation. Im Menschen lebt ein unbewusst thaetiges und ordnendes +Princip, das bei Voelkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt +ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder +am Meeresufer, die ganze Lebensweise moegen die Laute umwandeln, die +Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber +alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen +unberuehrt. Die Einfluesse des Klimas und aller aeussern Verhaeltnisse sind ein +verschwindendes Moment dem gegenueber, was der Racencharakter wirkt, die +Gesammtheit der dem Menschen eigenthuemlichen, sich vererbenden Anlagen. + +In Amerika nun -- und dieses Ergebniss der neuesten Forschungen ist fuer die +Geschichte unserer Gattung von der hoechsten Bedeutung -- in Amerika haben +vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heissen Ufern dieses +Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz +verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein +ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und +das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem +grammatischen Bau die ueberraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren +Wurzeln einander um nichts aehnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen +und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit, +Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast +ueberall in der neuen Welt, dass die Zeitwoerter eine ganze Menge Formen und +Tempora haben, ein kuenstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder +durch Flexion der persoenlichen Fuerwoerter, welche die Wortendungen bilden, +oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhaeltnisse +des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder +leblos, maennlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher +Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil +amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben +(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung +uebereinkommen und von den Toechtersprachen des Lateinischen durchaus +abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine +amerikanische Sprache als die des europaeischen Mutterlandes. In den +Waeldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen +sprechen hoeren. Haeufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem +andern als ihrem eigenen Idiom mit einander. + +Haette man das System der Jesuiten befolgt, so waeren bereits weit +verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am +Orinoco spraeche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Sueden und +Suedwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionaere +koennten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen +hoechst regelmaessig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit, +und wuerden so den Eingeborenen, ueber die sie herrschen, weit naeher kommen. +Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus +einem Dutzend Voelkerschaften bestehen, verschwaenden mit der +Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten wuerden todte Sprachen; +aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine +Individualitaet und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf +friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus +in die neue Welt eingefuehrt, mit Waffengewalt durchzufuehren begonnen. + +Wie mag man sich auch wundern, dass die Chaymas, die Caraiben, die Saliven +oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man +bedenkt, dass fuenf-, sechshundert Indianern Ein Weisser, Ein Missionaer +gegenuebersteht, und dass dieser alle Muehe hat, einen Governador, Alcalden +oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Koennte man statt der Zucht der +Missionaere die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre +Sitten saenftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten, +ohne desshalb gebildeter zu seyn), koennte man die Weissen, statt sie ferne +zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben +lassen, so waeren die amerikanischen Sprachen bald von den europaeischen +verdraengt, und die Eingeborenen ueberkaemen mit den letzteren die gewaltige +Masse neuer Vorstellungen, welche die Fruechte der Cultur sind. Dann +brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder +das Guarany, einzufuehren. Aber nachdem ich mich in den Missionen des +suedlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzuege und die +Missbraeuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die +Ansicht aussprechen, dass dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn +wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern laesst und das als +Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von buergerlicher +Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Roemer +haben in Gallien, in Baetica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft +schnell auch ihre Sprache eingefuehrt; aber die eingeborenen Voelker dieser +Laender waren keine Wilde. Sie wohnten in Staedten, sie kannten den Gebrauch +des Geldes, sie hatten buergerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe +Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und +den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in +unmittelbare Beruehrung gekommen. Dagegen sehen wir der Einfuehrung der +Sprachen der Mutterlaender ueberall fast unueberwindliche Hindernisse +entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder roemische Colonien +auf wirklich barbarischen Kuesten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und +unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem +civilisirten Menschen gegenueber. + +Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das +Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie +weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_, +_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, dass +diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber +Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten +selbst einverleibt sind. Mit Unrecht wuerde man diese Rauheit des +Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind +urspruenglich diesem gemaessigten Klima fremd. Sie sind erst durch die +Missionaere dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie +allen Bewohnern heisser Landstriche, die Kaelte in Caripe, wie sie es +nennen, Anfangs sehr zuwider. Waehrend unseres Aufenthalts im +Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniss von +Chaymasworten angelegt. Ich weiss wohl, dass der Bau und die grammatischen +Formen fuer die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute +und der Wurzeln, und dass diese Analogie der Laute nicht selten in +verschiedenen Dialekten derselben Sprache voellig unkenntlich wird; denn +die Staemme, in welche eine Nation zerfaellt, haben haeufig fuer dieselben +Gegenstaende voellig verschiedene Benennungen. So kommt es, dass man sehr +leicht irre geht, wenn man, die Flexionen ausser Augen lassend, nur nach +den Wurzeln, z. B. nach den Worten fuer Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei +Idiome allein wegen der Unaehnlichkeit der Laute fuer voellig verschieden +erklaert. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden +gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugaenglich ist. +Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane +des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben fuer sich +kennen. Die Woerterverzeichnisse sind nicht zu vernachlaessigen; sie geben +sogar ueber den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluss, +wenn der Reisende Saetze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort +flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender +Weise geschieht, die persoenlichen und possessiven Fuerwoerter bezeichnet +werden. + +Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona +sind gegenwaertig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische. +Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat +ihr Woerterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfasst von den Patres Tauste, +Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios +Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im +siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die +Missionen gekommen und in den Waeldern zu Grunde gegangen. Wegen der grossen +Feuchtigkeit und der Gefraessigkeit der Insekten lassen sich in diesen +heissen Laendern Buecher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller +Vorsichtsmassregeln sind sie in kurzer Zeit gaenzlich verdorben. Nur mit +grosser Muehe konnte ich in den Missionen und Kloestern die Grammatiken +amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner +Rueckkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu +Koenigsberg uebermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem +schoenen grossen Werk ueber die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals +versaeumt meine Notizen ueber die Chaymassprache aus meinem Tagebuch +abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch +der Abt Hervas dieser Sprache erwaehnen, gebe ich hier kurz das Ergebniss +meiner Untersuchungen. + +Auf dem rechten Ufer des Orinoco, suedoestlich von der Mission Encaramada, +ueber hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in +mehrere Dialekte zerfaellt. Diese einst sehr maechtige Nation ist auf wenige +Koepfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den +Orinoco, durch die grossen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine +noch schwerer zu uebersteigende Schranke, durch Voelker von caraibischem +Staemme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen oertlichen +Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der +Tamanacusprache. Die aeltesten Missionare in Caripe wissen nichts von +dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast +nie an das suedliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der +Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache +dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rueckkehr +nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer +Grammatik verglich, die ein alter Missionaer am Orinoco in Italien drucken +lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili +vermuthet, dass die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu +verwandt seyn muesse. + +Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die +Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die +Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die +persoenlichen Fuerwoerter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_, +ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder +_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person +ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu. + ++---------------------+-----------------+ +| Chaymas | Tamanacu | ++---------------------+-----------------+ +|_Ure_, ich. | _ure._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Tuna_, Wasser. | _Tuna._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Conopo_, Regen. | _Canepo._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Poturu_, Wissen. | _Puturo._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Apoto_, Feuer. | _U-apto._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Je_, Baum. | _Jeje._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Ata_, Haus. | _Aute._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Euya_, dir. | _Auya._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Toya_, ihm. | _Iteuya._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Guane_, Honig. | _Uane._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Nacaramayre_, er | _Nacaramai._ | +|hat's gesagt. | | ++---------------------+-----------------+ +|_Piache_, Zauberer, | _Psiache._ | +|Arzt. | | ++---------------------+-----------------+ +|_Tibin_, eins. | _Obin._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Aco_, zwei. | _Oco._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Oroa_, drei. | _Orua._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Pun_, Fleisch. | _Punu._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Pra_, nicht. | _Pra._ | ++---------------------+-----------------+ + +*Seyn* heisst im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persoenliche +Fuerwort *ich* (_u_ von _u-re_), so laesst man des Wohlklangs wegen vor dem +_u_ ein _g_ hoeren, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die +erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte +durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; "_muerepuec araquapemaz,_", " +warum bist du traurig?" woertlich: "das fuer traurig du seyn?" "_punpuec +topuchemaz,_" "du bist fett von Koerper;" woertlich: "Fleisch (_pun_) fuer +(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_)." Die zueignenden Fuerwoerter +kommen vor das Hauptwort zu stehen: "_upatay,_" "in meinem Hause;" +woertlich: "ich Haus in." Alle Praepositionen wie die Negation _pra_ werden +nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: "_ipuec,_ mit ihm," +woertlich "er mit;" "_euya,_ zu dir, oder dir zu;" "_epuec charpe guaz_" +"ich bin lustig mit dir;" woertlich: "du mit lustig ich seyn;" "_ucarepra,_ +nicht wie ich;" woertlich: "ich wie nicht;" "_quenpotupra quoguaz_ ich +kenne ihn nicht;" woertlich: "ihn kennend nicht ich bin;" "_quenepra +quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen," woertlich: "ihn sehend nicht ich +bin." Im Tamanacu sagt man: "_acurivane,_ schoen," und "_acurivanepra,_ +haesslich, nicht schoen;" "_uotopra,_ es gibt keinen Fisch," woertlich: "Fisch +nicht;" "_uteripipra,_ ich will nicht gehen;" woertlich: "ich gehen wollen +nicht;" und diess ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen, +und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit +dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die +Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrueckt: "_amoyenlenganti,_ +es ist sehr kalt;" "_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt." In +aehnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht +angehaengt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B. +_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen. + +Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmaessig ist, +lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den +Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloss zur Bildung des +Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen +Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwoerter angehaengt. Diese +Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Huelfszeitwoerter _as_ und +_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan, +ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die +einander unaehnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der +geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau +der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten, +offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen. + +Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des +Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses +bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_ +bezeichnet: "_teure,_ er selbst," "_teurecon,_ sie selbst;" "_taronocon,_ +die hier;" "_montaonocon,_ die dort," wenn der Sprechende einen Ort meint, +an dem er sich selbst befand; "_miyonocon,_ die dort," wenn er von einem +Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen +Adverbe _aqui_ und _ala (alla),_ deren Sinn sich in den Sprachen von +germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung +wiedergeben laesst. + +Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute +nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Diess schien mir um so +auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Voelkern besondere +Worte fuer Gott und fuer Sonne findet. Der Caraibe wirft "_tamoussicabo,_ +den Alten des Himmels," und "_veyou,_ die Sonne," nicht zusammen. Sogar +der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines +Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heisst die +Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) waehrend Gott _Vinay Huayna_, der +ewig Junge, genannt wird. + +Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente, +die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor +das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persoenliche Fuerwort. Der +Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck faellt, geht Allem voran, was sonst +ausgesagt wird. Der Amerikaner wuerde sagen: "Freiheit voellige lieben wir," +statt: wir lieben voellige Freiheit; "dir nicht gluecklich bin ich," statt: +mit dir bin ich gluecklich. Diese Saetze haben eine gewisse Unmittelbarkeit, +Bestimmtheit, Buendigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel +fehlt. Ob wohl diese Voelker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst +ueberlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen waeren? Man +koennte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Roemer in +ihren bestimmten, klaren, aber etwas schuechternen Toechtersprachen +umgewandelt worden ist. + +Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen, +fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein +Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache, +in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in +den Worten so haeufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_ +weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen +vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im +franzoesischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_ +erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu +_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen +Mundarten fehlen, so kommt diess vom innigen Verwandtschaftsverhaeltniss +zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher +Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden +verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_, +_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Buerde, +_pous_, Fuss. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und +aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani, +aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Buechse). + +Trotz der erwaehnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, dass das Chaymas als +ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano, +Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und +die beiden Sprachen scheinen mir hoechstens in dem Grade verwandt, wie das +Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehoeren derselben Unterabtheilung +der grossen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen +Sprachen an. Da es fuer die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maass gibt, +so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten +Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie +Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch +und Sanskrit. + +Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, dass alle +Sprachen in zwei grosse Classen zerfallen, indem die einen, mit +vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere +Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, waehrend die andern, plumperen, +weniger bildungsfaehigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln +roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie fuer sich braucht, ihre +eigenthuemliche Physiognomie beibehalten. Diese hoechst geistreiche +Auffassung waere unrichtia, wenn man annaehme, es gebe vielsylbige Sprachen +ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus +organisch entwickeln, kennen gar keinen aeusserlichen Zuwachs durch +*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon oefters als Agglutination +oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt fuer +Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht urspruenglich Affixe, von +denen nur ein oder zwei Consonanten uebrig geblieben sind. Es ist mit den +Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz fuer +sich, nichts ist dem Andern voellig unaehnlich. Je weiter man in ihren +innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden +Eigenthuemlichkeiten. "Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem +scharf umrissen scheinen." [Wilhelm v. Humboldt] + +Lassen wir aber auch fuer die Sprachen keinen durchgreifenden +Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, dass im +gegenwaertigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern +zur aeusserlichen Aggregation. Zu den ersteren gehoeren bekanntlich die +Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu +den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder +Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das +Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben +mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation +oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber +ein ziemlich entwickeltes Gefuehl fuer Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft +oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die +mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhaeltnisse bezeichnet. + +Betrachtet man den eigenthuemlichen Bau der amerikanischen Sprachen naeher, +so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete +Ansicht ruehrt, dass die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem +Hebraeischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am +Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hoerte ich diesen Gedanken aeussern, +besonders Geistliche, die vom Hebraeischen und Baskischen einige +oberflaechliche Kenntniss hatten. Liegen etwa religioese Ruecksichten einer so +seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas, +haben etwas leichtglaeubige Reisende das Hallelujah der Hebraeer singen +hoeren, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen +Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertoenen. Ich will +nicht glauben, dass die Voelker des lateinischen Europa Alles hebraeisch oder +baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles, +was nicht im griechischen oder roemischen Styl gehalten war, egyptische +Denkmaeler nannte. Ich glaube vielmehr, dass das grammatische System der +amerikanischen Sprachen die Missionaere des sechzehnten Jahrhunderts in +ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Voelker der neuen Welt +bestaerkt hat. Einen Beweis hiefuer liefert die langweilige Compilation des +Paters GARCIA: "_Tratad del origen de los indios._" Dass die possessiven +und persoenlichen Fuerwoerter hinter Substantiven und Zeitwoertern stehen, und +dass letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthuemlichkeiten des +Hebraeischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden +es nun sehr merkwuerdig, dass die amerikanischen Sprachen dieselben Formen +aufzuweisen haben. Sie wussten nicht, dass die Uebereinstimmung in +verschiedenen einzelnen Zuegen fuer die gemeinsame Abstammung der Sprachen +nichts beweist. + +Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr +verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine +Familienaehnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die +Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente +auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen +Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles +diess konnte die Taeuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen +es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch +keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser +physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und +dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgaengig von einander abweichen. +*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, woertlich: wissend nicht +ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna +aichi_, er wird nicht tragen, woertlich: tragend nicht wird seyn; +_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu; +_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier; +_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen; +_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich +kehre zurueck; _Maypur butke_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutke_, +ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein boeser Maypure-Indianer; _aicataje_ +ein boeses Weib. + +*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, woertlich: ich liebend ihn bin; +_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den +Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen; +_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges +kindisches Benehmen.(8) + +Diesen Beispielen moegen einige beschreibende Composita folgen, die an die +Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen +wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetaet des Ausdrucks ueberraschen. +*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, woertlich: Vater (_im-de_) des Honigs +(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, woertlich: die Soehne des Fusses; die +Finger, _amgna-mucuru_, die Soehne der Hand; die Schwaemme, _jeje-panari_, +woertlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_, +woertlich: veraestete Wurzeln; die Blaetter, _prutpe-jareri_, woertlich: die +Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, woertlich: gerade oder senkrechte +Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, woertlich: das Feuer des Donners oder des +Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, woertlich: was zum Auge gehoert; +_odotsa_, Getoese der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, woertlich: +der lebendige Stein. + +Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwoerter eine Unzahl Tempora, ein +doppeltes Praesens, vier Praeterita, drei Futura. Diese Haeufung ist selbst +den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des +Baskischen zaehlt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des +Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion +haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch blosse +Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren +sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist +aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Fuer sich geben +diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen. +Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten +Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Raederwerk. Man erkennt die +Kuenstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es +ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man koennte sie fuer +sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedaechte, dass der menschliche +Geist unverrueckt einem einmal erhaltenen Anstoss folgt, dass die Voelker nach +einem urspruenglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen +erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und dass es Laender gibt, wo +Sprache, Verfassung, Sitten und Kuenste seit vielen Jahrhunderten wie +festgebannt sind. + +Die hoechste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Voelkern +stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehoeren. Die +hauptsaechlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein +natuerliches Hinderniss der Culturentwicklung; es geht ihnen grossentheils +die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln +mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz +geben. Wir duerfen indessen nicht vergessen, dass ein schon im hohen +Alterthum hochberuehmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer +Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau +unwillkuerlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein- +oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder +Hauptwort angehaengt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen, +haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen fuer Groesse, Neid, Leichtsinn, +_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit, +_metrepherpeton_, aus fuenf leicht zu unterscheidenden Elementen +zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes +(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) boese (_on_). Und +dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die +chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an +einander gerueckt sind und sich gar nicht unmittelbar beruehren. So viel ist +gewiss, sind einmal die Voelker aus ihrem Schlummer aufgeruettelt und auf die +Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das +Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudruecken und Seelenregungen zu +schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von +Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen +Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich uebertragen, und +man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und +philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere +Literaturprodukt ins Peruanische uebersetzen. + +Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der +Eroberung hat zur natuerlichen Folge gehabt, dass nicht wenige amerikanische +Worte in die spanische Sprache uebergegangen sind. Manche dieser Worte +bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt +waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung +(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehoeren der Sprache der grossen +Antillen au, die frueher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hiess. +Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco +u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu +besuchen, hatten sie bereits Worte fuer die nutzbarsten Gewaechse, die auf +den Antillen, wie auf den Kuesten von Cumana und Paria vorkommen. Sie +behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei, +durch sie wurden dieselben ueber ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo +die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Voelkern, die +von der Existenz der Antillen gar nichts wussten. Manchen Worten, die in +den spanischen Colonien in taeglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen +mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache, +_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schuerze, +_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist +tamanakisch, _Chinchorro_ (Haengematte) und _Tutuma_ (die Frucht der +_Crescentia Cujete_, oder ein Gefaess fuer Fluessigkeiten) sind Chaymaswoerter. + +Ich habe lange bei Betrachtungen ueber die amerikanischen Sprachen +verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke +bespraeche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der +Art sind. Es verhaelt sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmaelern +halb barbarischer Voelker zukommt. Man beschaeftigt sich mit ihnen nicht, +weil sie fuer sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen koennen, +sondern weil die Untersuchung fuer die Geschichte unseres Geschlechts und +den Entwicklungsgang unserer Geisteskraefte nicht ohne Belang ist. + +Ehe Cortes nach der Landung an der Kueste von Mexico seine Schiffe +verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war +Europa auf die Laender, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit +der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man +die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Diess faellt +alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest, +namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe +Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen +Bemerkungen ueber Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle +Begeisterung fuer die grossen Entdeckungen eines an ausserordentlichen +Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine naehere Beschreibung der +Sitten der Voelker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier +(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen +scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklaeren, den ich im spanischen +Amerika haeufig habe besprechen hoeren. + +Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die +Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, dass +die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten +Besucher haben am Vorgebirge Paria weisse Menschen mit blonden Haaren +gesehen? Waren diess Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und +ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer +hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Staemme mit dunklerer +Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man frueher auf der Landenge von +Panama gefunden? Aber Faelle dieser Missbildung sind bei der kupferfarbigen +Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den +Einwohnern von Paria ueberhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9) +beschreiben sie wie Voelker germanischen Stammes: sie seyen weiss mit +blonden Haaren. Ferner sollen sie aehnlich wie Tuerken gekleidet gewesen +seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach muendlichen Berichten, die sie +gesammelt. + +Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand +Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, naeher ansehen. Da heisst es +bloss, "der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria +und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena +conversacion_) und weisser gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin +gesehen." Damit ist doch wohl nicht gesagt, dass die Pariagotos weiss +gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kuehlen +Morgen sah der grosse Mann eine Bestaetigung seiner seltsamen Hypothese von +der unregelmaessigen Kruemmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in +diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in +der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine +angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten +anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit +den *tartarischen* Voelkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des +breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben. + +Gab es aber zu Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts auf den Kuesten von Cumana +so wenig als jetzt Menschen mit weisslichter Haut, so darf man daraus +desshalb nicht schliessen, dass bei den Eingeborenen der neuen Welt das +Hautsystem durchgaengig gleichfoermig organisirt sey. Wenn man sagt, sie +seyen alle kupferfarbig, so ist diess so unrichtig, als wenn man behauptet, +sie waeren nicht so dunkel gefaerbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth +aussetzten oder nicht von der Luft gebraeunt wuerden. Man kann die +Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur +einen gehoeren die Eskimos in Groenland, in Labrador und auf der Nordkueste +der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstrasse, der Halbinsel Alaska und +des Prinz-Williams-Sunds. Der oestliche und der westliche Zweig dieser +Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern +Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe +Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich +sogar, wie in neuerer Zeit ausser Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter, +zu den Bewohnern des nordoestlichen Asiens; denn die Mundart der +Tschuktschen an der Muendung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die +Sprache der Eskimos auf der Europa gegenueberliegenden Kueste von Amerika. +Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt +diese hyperboraeische Race nur am Meeresufer. Sie naehren sich von Fischen, +sind fast durchgaengig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind +lebhaft, beweglich, geschwaetzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und +schwarz; aber (und diess zeichnet die Race, die ich die +Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist +urspruenglich weisslicht. Es ist gewiss, dass die Kinder der Groenlaender weiss +zur Welt kommen; bei manchen erhaelt sich diese Farbe, und auch bei den +dunkelsten (den von der Luft am meisten gebraeunten) sieht man nicht selten +das Blut auf den Wangen roth durchschimmern. + +Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfasst alle Voeller ausser den +Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluss bis zur Magellanschen Meerenge, von den +Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und +Tehuelhets in der suedlichen Halbkugel. Die Voelker dieses zweiten Zweiges +sind groesser, staerker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen +hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru, +in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms, +im ganzen Strich von Suedamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den +sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei, +drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Dass die Eingeborenen +nur von Luft und Sonne gebraeunte Weisse seyn moechten, ist einem Spanier in +Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im +nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Staemme, bei denen die Kinder weiss +sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die +Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Haeuptling der Miamis +Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten +Koerpertheile fast weiss. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und +nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico +niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich +fast bestaendig in ihren Haeusern aufhalten. Westwaerts von den Miamis, auf +der gegenueberliegenden asiatischen Kueste, bei den Koluschen und +Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Maedchen, wenn +sie angehalten werden sich zu waschen, so weiss wie Europaeer. Diese weisse +Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvoelkern in +Chili zukommen.(11) + +Diess sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr +verbreiteten Ansicht von der ausserordentlichen Gleichfoermigkeit der +Koerperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir +dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu, +dass die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in +der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren +sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstaemme zu gruppiren, +so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschliessend zu Werke geht. Wir +wollten hier darthun, dass, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet, +mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Staemme vorkommen, bei denen die +Kinder weiss zur Welt kommen, ohne dass sich, bis zur Zeit der Eroberung +zurueck, darthun liesse, dass sie sich mit Europaeern vermischt haetten. Dieser +Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei +physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der +Mexicaner und die weissen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu +beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heissesten Erdstrich ihr +Leben lang und bei voller Kraft die weisslichte Hautfarbe der Mestizen +behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den +spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen +unmoeglich gemacht. + +Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus +mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Koerperbau, als die Farbe. Bei +den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe +haeufiger als solche nach dem Koerperbau. Das Haar der Saeugethiere, die +Federn der Voegel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je +nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach +den Hitze- und Kaeltegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im +Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen +guten Beobachtungen geht hervor, dass sich die Hautfarbe wohl beim +Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen +Race aendert. Die Eskimos in Groenland und die Lappen sind gebraeunt durch +den Einfluss der Luft, aber ihre Kinder kommen weiss zur Welt. Ob und welche +Veraenderungen die Natur in Zeitraeumen hervorbringen mag, gegen welche alle +geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darueber haben wir nichts zu +sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt, +sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Fuehrern hat. + +Die Voelker mit weisser Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weissen Menschen; +nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Voelker durch die +uebermaessige Sonnengluth geschwaerzt oder gebraeunt worden. Diese Ansicht, die +schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch, +hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was +Theodectes zweitausend Jahre frueher poetisch ausgesprochen: "die Nationen +tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen." Waere die Geschichte +von schwarzen Voelkern geschrieben worden, sie haetten behauptet, was +neuerdings sogar von Europaeern angenommen worden ist, der Mensch sey +urspruenglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der +Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen +gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle +Faerbung in eine hellere uebergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind +Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, bestaendig +geworden und haben sich unveraendert fortgepflanzt; aber nichts weist +darauf hin, dass, unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen der menschlichen +Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe, +kupferfarbige und weisse, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den +Einfluss des Klimas, der Nahrung und anderer aeusserer Umstaende vom +urspruenglichen Typus bedeutend abweichen. + +Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen +zurueckzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen, +die vier- und fuenfmal hoeher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe +mich hier vorlaeufig nur auf das Zeugniss ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah +die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heissen Kuesten von +Panama, und wiederum in Louisiana, im noerdlichen gemaessigten Erdstrich. Er +hatte den Vortheil, dass er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch +nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, dass der +Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so +broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in +der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den +heissen Ufern des Orinoco Indianern mit weisslichter Haut begegnen: _est +durans originis vis._ + + ------------------ + + + + + + 1 Die Voelker, welche die Spanier auf der Kueste von Paria antrafen, + hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit + Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablaetter oder + Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Kueste, + nur weiter ostwaerts, bei den Guajiros an der Muendung des Rio la + Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, fuehren das Pulver + von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als + Kapsel dient, am Guertel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein + Handelsartikel, wie frueher, nach Gomara, das der Indianer in Paria. + In Europa werden die Zaehne vom uebermaessigen Tabakrauchen gleichfalls + gelb und schwarz. Waere der Schluss richtig, man rauche bei uns, weil + man gelbe Zaehne schoener finde als weisse? + + 2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4. + + 3 So uebertrieben die Griechen bei ihren schoensten Statuen die + Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu gross annahmen. + + 4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._ + +_ 5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heisst ein + Spanier, woertlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier + oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen + Gegenstaenden zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum, + _jejecne_ Baeume. + + 6 In der Sprache der Incas heisst Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ gross + _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, gross _vipulo_. + Es sind diess die einzigen Faelle von Lautaehnlichkeit, die man bis + jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen + voellig verschieden. + + 7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch + gebildet, dass man _butke_ das Ende des Wortes _cujuputke_, klein, + beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_. + + 8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine + schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit. + +_ 9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis + oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi + veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara + sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Muendung des Flusses + Cumana gesehen: "_Las donzellas eran amorosas, desnudas y + __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan + negros del sol._" + + 10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem + Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz fuer einen + Turban angesehen? Dass ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf + bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit + merkwuerdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die + Kueste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d'Anghiera + beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: "_Incolas + omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis + vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum, + insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._" Was soll man + aus diesen Voelkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel + getragen, wie man auf dem Ruecken der Anden traegt, und auf einer + Kueste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen + gesehen? + + 11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas + am Uruguay glauben, die wie Voelker vom Stamme Odins geschildert + werden? (Azzara, _Reise._) + + 12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Zuege Alexanders scheinen viel + dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die grosse Frage nach dem + Einfluss des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden + vernommen, dass in Hindostan die Voelker im Sueden dunkelfarbiger + seyen, als im Norden in der Naehe der Gebirge, und sie setzten + voraus, dass beide derselben Race angehoeren. + + 13 "Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den + Einfluss von Sonne und Luft dunkler. Ich muss darauf aufmerksam + machen, dass weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar + veraendern, so dass man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und + die auf den heissesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen, + die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten noerdlichen und + suedlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann." _Noticias + americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden + Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwaertig von der + Verschiedenheit benachbarter Voelker nach Farbe und Gesichtszuegen + Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des + _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem + Einfluss des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der + gewiss weiss, dass wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts + wissen."Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante + originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli + corporibus habitum dedit." _Agricola._ cap. 11 + + + + + +ZEHNTES KAPITEL. + + + Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewoehnliche + Meteore. + + +Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem +Orinoco und Rio Negro erforderte Zuruestungen aller Art. Wir mussten die +Instrumente auswaehlen, die sich auf engen Canoes am leichtesten +fortbringen liessen; wir mussten uns fuer eine zehnmonatliche Reise im +Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Kuesten steht, mit Geldmitteln +versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war, +so war es mir von grossem Belang, dass mir die Beobachtung einer +Sonnenfinsterniss nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich +blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schoen und heiter +ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von +Caracas war fuer meinen Zweck minder guenstig wegen der Duenste, welche die +nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Laenge von Cumana genau bestimmte, so +hatte ich einen Ausgangspunkt fuer die chronometrischen Bestimmungen, auf +die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt, +um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten. + +Fast haette ein Unfall mich genoethigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben +oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der +Sonnenfinsterniss, gingen wir, wie gewoehnlich, am Ufer des Meerbusens, um +der Kuehle zu geniessen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an +diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll betraegt. Es war acht Uhr +Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war +bedeckt und bei der Windstille war es unertraeglich heiss. Wir gingen ueber +den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries. +Ich hoerte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen +hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Guertel. Er +hielt fast ueber meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten +keulenfoermig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage +aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging, +war nicht so gluecklich; er hatte den Zambo spaeter bemerkt als ich, und +erhielt ueber der Schlaefe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir +waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer +weiten Ebene an der See. Der Zambo kuemmerte sich nicht mehr um mich, +sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des +Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeusserste +erschrocken, da ich meinen Reisegefaehrten zu Boden stuerzen und eine Weile +bewusstlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der +Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stuerzten auf den Zambo +zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist, +oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und +dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und +baumartigen Avicennien. Zufaellig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunaechst +an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der aeussersten Gefahr aus. +Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen +Kampfe waeren wir sicher verwundet worden, waeren nicht biscayische +Handelsleute, die auf dem Strande Kuehlung suchten, uns zu Huelfe gekommen. +Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang +wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus +nachgelaufen, schluepfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig +herausholen und ins Gefaengniss fuehren liess. + +Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kraeftiger Mann, voll der +Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem +Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner +Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut +gequetscht und er spuerte die Nachwehen mehrere Monate waehrend unseres +Aufenthaltes in Caracas. Beim Buecken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er +mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befuerchten liess, dass im +Schaedel etwas ausgetreten seyn moechte. Zum Glueck war diese Besorgniss +ungegruendet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden +nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die ruehrendste +Theilnahme. Wir hoerten, der Zambo sey aus einem der indianischen Doerfer +gebuertig, die um den grossen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem +Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem +Capitaen, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Kueste +zurueckgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen +lassen, um die Hoehe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns +auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, dass er, nachdem er einen von +uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnuegen schien? Im +Verhoer waren seine Antworten so verworren und albern, dass wir nicht klug +aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht +gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung ueber die schlechte +Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns +eines zu versetzen, nicht widerstehen koennen, sobald er uns habe +franzoesisch sprechen hoeren. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam +ist, dass die Verhafteten, von denen die Gefaengnisse wimmeln, sieben, acht +Jahre auf ihr Urtheil warten muessen, so hoerten wir wenige Tage nach +unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem +Schlosse San Antonio entsprungen. + +Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am +28. October um fuenf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur +Beobachtung der Sonnenfinsterniss zu ruesten. Der Himmel war klar und rein. +Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine +gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden +in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schoenen +Tag um so mehr Glueck zu wuenschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der +Gewitter, die regelmaessig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne +durch den Meridian in Sued und Suedost aufzogen, die Uhren nicht nach +correspondirenden Hoehen hatte richten koennen. Ein roethlichter Dunst, der +in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt, +verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr +ungewoehnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine +Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der +Sonnenfinsterniss vollstaendig beobachten. Das Ende der Finsterniss war um +2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniss +meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna +und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im +neunten Jahrgang) veroeffentlicht. Dieses Ergebniss wich um nicht weniger +als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Laenge ab, die der Chronometer mir +ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von +Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt +stimmten Sonnenfinsterniss und Chronometer bis auf 10 Secunden ueberein. Ich +fuehre diesen merkwuerdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln +auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen, +wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstaende bei ihren +einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die +vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den +Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle ueberzeugt, +hatten mir grosses Zutrauen zu Louis Berthoud's Uhr gegeben, so oft sie +nicht auf den Maulthieren starken Stoessen ausgesetzt war. + +Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniss boten sehr auffallende +atmosphaerische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter, +das heisst in der Jahreszeit des bewoelkten Himmels und der kurzen +Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der +Nacht ein roethlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten +einen mehr oder minder dichten Schleier ueber das blaue Himmelsgewoelbe. Der +Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs groessere Feuchtigkeit an, sondern +ging vielmehr oft von 90 deg. auf 83 deg. zurueck. Die Hitze bei Tag war 28--32 deg., +also fuer diesen Strich der heissen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der +Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die +Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weisse Wolken im Zenith und +dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so +auffallend durchsichtig, dass man noch Sterne der vierten Groesse dadurch +sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, dass es war, als stuende +die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten +Streifen, die, wie durch elektrische Abstossung, in gleichen Abstaenden +fortliefen. Es sind diess dieselben kleinen weissen Dunstmassen, die ich auf +den Gipfeln der hoechsten Anden ueber mir gesehen, und die in mehreren +Sprachen *Schaefchen*, _moutons_ heissen. Wenn der roethliche Nebel den +Himmel leicht ueberzog, so behielten die Sterne der ersten Groessen, die in +Cumana ueber 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr +ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Hoehen, wie nach +einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den +Hygrometer an der Erdoberflaeche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich +blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen grossen +Theil des Horizonts uebersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel +Anziehendes fuer mich, bei heiterem Himmel ein grosses Sternbild ins Auge zu +fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstblaeschen sich bilden, wie um +einen Kern anschiessen, verschwinden und sich von neuem bilden. + +Zwischen dem 28. October und 3. November war der roethlichte Nebel dicker +als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der +Thermometer nur auf 26 deg. stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun +Uhr Abends die Luft abkuehlt, liess sich gar nicht spueren. Die Luft war wie +in Gluth; der staubigte, ausgedoerrte Boden bekam ueberall Risse. Am +4. November gegen zwei Uhr Nachmittags huellten dicke, sehr schwarze Wolken +die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rueckten allmaehlich bis +ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an ueber uns zu donnern, aber ungemein +hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schlaege. Im Moment, wo +die staerkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten, +erfolgten zwei Erdstoesse, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut +auf der Strasse. Bonpland, der ueber einen Tisch gebeugt Pflanzen +untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spuerte den Stoss +sehr stark, obgleich ich in einer Haengematte lag. Die Richtung des Stosses +war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Sued. Sklaven, +die aus einem 18--20 Fuss tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schoepften, +hoerten ein Getoese wie einen starken Kanonenschuss. Das Getoese schien aus +dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die uebrigens +in allen Laendern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, haeufig +vorkommt. + +Einige Minuten vor dem ersten Stoss trat ein heftiger Sturm ein, dem ein +elektrischer Regen mit grossen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die +Elektricitaet der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kuegelchen +wichen vier Linien auseinander; die Elektricitaet wechselte oft zwischen +positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im noerdlichen Europa +zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm +folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der +Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke +Wolkenschleier zerriss dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne +erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein +stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die +Wolken waren vergoldet und Strahlenbuendel in den schoensten +Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem +grossen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das +Erdbeben, der Donnerschlag waehrend desselben, der rothe Nebel seit so +vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniss zugeschrieben. + +Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoss, weit schwaecher als die +ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen +Geraeusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewoehnlich, aber +der Gang der stuendlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphaerischen H +Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im +Moment, wo der Erdstoss eintrat, eben auf dem Minimum der Hoehe; es stieg +wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr +Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen +Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der roethlichte Nebel +so dick, dass ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schoenen Hof von +12 Grad Durchmesser erkennen konnte. + +Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana +durch ein Erdbeben fast gaenzlich zerstoert worden. Das Volk sieht die +Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei +Nacht fuer sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die +sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stoesse fuer den andern Tag +anzeigten. Besonders gross und allgemein wurde die Unruhe, als am +5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat, +dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es liess sich +kein Stoss spueren. Sturm und Gewitter kamen fuenf oder sechs Tage zur selben +Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die +Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung +gemacht, dass scheinbar ganz zufaellige atmosphaerische Veraenderungen +wochenlang mit erstaunlicher Regelmaessigkeit nach einem gewissen Typus +eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemaessigten Erdstrich +vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Haeufig sieht +man naemlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an +derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung +fortziehen und sich in derselben Hoehe wieder aufloesen, bald vor, bald nach +dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten +zur selben *wahren Zeit*. + +Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um +so staerkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufaellig, von so +auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine +wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenfoermiger Stoss. Ich haette +damals nicht geglaubt, dass ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen +von Quito und an den Kuesten von Peru mich selbst an ziemlich starke +Bewegungen des Bodens so sehr gewoehnen wuerde, wie wir in Europa an das +Donnern gewoehnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran, +bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebruelle (_bramidos_) das +immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen +7--8 Minuten vorher) einen Stoss ankuendigte, dessen Staerke nur selten mit +dem Grad des Getoeses im Verhaeltniss steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner, +die wissen, dass in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstoert worden +ist, theilt sich bald selbst dem aengstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist +es nicht so sehr die Besorgniss vor Gefahr, als die eigenthuemliche +Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur +einen ganz leichten Erdstoss empfindet. + +Von Kindheit auf praegen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein; +das Wasser gilt uns fuer ein bewegliches Element, die Erde fuer eine +unbewegliche, traege Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der taeglichen +Erfahrung und haengen mit allen unsern Sinneseindruecken zusammen. Laesst sich +ein Erdstoss spueren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir fuer +unerschuetterlich gehalten, so ist eine langjaehrige Taeuschung in einen +Augenblick zerstoert. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes +Erwachen; man fuehlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine +scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geraeusch, man misstraut +zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuss +gesetzt. Wiederholen sich die Stoesse, treten sie mehrere Tage hinter +einander haeufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784 +waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewoehnt, unter ihren Fuessen +donnern zuhoeren, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch fasst sehr +schnell wieder Zutrauen, und an den Kuesten von Peru gewoehnt man sich am +Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stoesse, die +das Fahrzeug von den Wellen erhaelt. + +Der roethlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog, +hatte seit dem 7. November aufgehoert. Die Luft war wieder so rein wie +sonst und das Himmelsgewoelbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den +Klimaten eigen ist, wo die Waerme, das Licht und grosse Gleichfoermigkeit der +elektrischen Spannung mit einander die vollstaendigste Aufloesung des +Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum +achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die +Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen. + +Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstaerke der schoenen +Sterne am suedlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See +sorgfaeltige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie spaeter bei +meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphaeren +fort. Es war ueber ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den +Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die +Sterne nahe am Suedpol werden meist so oberflaechlich und so wenig anhaltend +beobachtet, dass in ihrer Lichtstaerke und in ihrer eigenen Bewegung die +groessten Veraenderungen eintreten koennen, ohne dass die Astronomen das +Geringste davon erfahren. Ich glaube Veraenderungen der Art in den +Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach +einem Mittel aus sehr vielen Schaetzungen habe ich die relative Lichtstaerke +der grossen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius, +Canopus, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Centauren, Achernar, {~GREEK SMALL LETTER BETA~} des Centauren, Fomalhaut, Rigel, +Procyon, Beteigeuze, {~GREEK SMALL LETTER EPSILON~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER DELTA~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des +Kranichs, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich +anderswo veroeffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je +50--60 Jahren Reisende die Lichtstaerke der Sterne von Neuem beobachten und +darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgaengen an der Oberflaeche der +Himmelskoerper oder von ihrem veraenderten Abstand von unserem +Planetensystem herruehren. + +Hat man in unsern noerdlichen Himmelsstrichen und in der heissen Zone lange +mit denselben Fernroehren beobachtet, so ist man ueberrascht, wie deutlich +in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren +Schwaechung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und +gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man +bessere Instrumente unter den Haenden zu haben, so viel deutlicher, so viel +schaerfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstaende unter den Tropen. So viel +ist sicher, wird einst Suedamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten +Cultur, so muss die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen, +sobald man einmal anfaengt im trockenen, heissen Klima von Cumana, Coro und +der Insel Margarita den Himmel mit vorzueglichen Werkzeugen zu beobachten. +Des Rueckens der Cordilleren erwaehne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich +duerre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus, +auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der +Meeresflaeche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veraenderlich ist. +Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit +fast bestaendig vorkommt, bietet vollen Ersatz fuer die hohe Lage und die +verduennte Luft auf den Plateaus. + +Die Nacht vom 11. zum 12. November war kuehl und ausnehmend schoen. Gegen +Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost hoechst merkwuerdige +Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kuehle +zu geniessen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und +Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung +war sehr regelmaessig von Nord nach Sued; sie fuellten ein Stueck des Himmels, +das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Sued reichte. Auf einer +Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost ueber den +Horizont aufsteigen, groessere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem +sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Sued niederfallen. +Manche stiegen 40 Grad hoch, alle hoeher als 25--30 Grad. Der Wind war in +der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war +keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der +Erscheinung kein Stueck am Himmel so gross als drei Monddurchmesser, das +nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt haette. +Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Groessen +sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmoeglich +eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore liessen 8--10 Grad lange Lichtstreifen +hinter sich zurueck, was zwischen den Wendekreisen haeufig vorkommt. Die +Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche +Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Groesse der +Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die +Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die groessten, von +1--1 deg. 13{~PRIME~} Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und liessen +leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_'trabes'_) hinter sich. Das +Licht der Meteore war weiss, nicht roethlicht, wahrscheinlich weil die Luft +ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter +den Tropen die Sterne erster Groesse beim Aufgehen ein auffallend weisseres +Licht als in Europa. + +Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor +vier Uhr aus den Haeusern gehen, um die Fruehmesse zu hoeren. Der Anblick der +Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgueltig; die aeltesten erinnerten +sich, dass dem grossen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz aehnliches Phaenomen +vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf +den Beinen; sie behaupteten, "das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts +begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurueckgekommen, haben sie +schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen." Sie +versicherten zugleich, auf dieser Kueste seyen nach zwei Uhr Morgens +Feuermeteore sehr selten. + +Von vier Uhr an hoerte die Erscheinung allmaehlich auf; Feuerkugeln und +Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine +Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weissen Licht und dem +raschen Hinfahren erkennen. Diess erscheint nicht so auffallend, wenn ich +daran erinnere, dass im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das +Innere der Haeuser durch einen ungeheuer grossen Meteorstein stark +erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein +ueber die Stadt weg. Am 26. September 1800, waehrend unseres zweiten +Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die +Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich +die Sonnenscheibe ueber den Horizont erhoben, den Planeten mit blossem Auge +deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewoelk, aber Jupiter stand +auf blauem Grunde. Diese Faelle beweisen, wie rein und durchsichtig die +Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist +desto kleiner, je vollstaendiger der Wasserdunst aufgeloest ist. Dieselbe +Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert +auch die Schwaechung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom +Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht. + +Der 12. November war wieder ein sehr heisser Tag und der Hygrometer zeigte +eine fuer dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der +roethlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch +herauf. Es war das letztemal, dass man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke +hier, dass derselbe unter dem schoenen Himmel von Cumana im Allgemeinen so +selten ist, als er in Acapulco auf der Westkueste von Mexico haeufig +vorkommt. + +Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen +auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so +versaeumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns +ueberall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden +seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner groesstentheils im Freien +schlafen, konnte eine so ausserordentliche Erscheinung nur da unbemerkt +bleiben, wo sie sich durch bewoelkten Himmel der Beobachtung entzog. Der +Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen +der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Faellen des Orinoco und +in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das +Himmelsgewoelbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen suedwestlich von +Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phaenomen mit einem schoenen +Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewaehrt. Einige Geistliche +hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben +nach den naechsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der +Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Hoehe. Nach der Lage der Berge +und dichten Waelder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das +kleine Dorf Maroa liegen, moegen die Feuerkugeln noch 20 Grad ueber dem +Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Suedende von spanisch Guyana, im kleinen +Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos +Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in +diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel +das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14) + +Ich wunderte mich sehr ueber die ungeheure Hoehe, in der die Feuerkugeln +gestanden haben mussten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze +von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie +staunte ich aber, als ich bei meiner Rueckkehr nach Europa erfuhr, die +selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Laengegrade grossen Stueck +des Erdballs, unter dem Aequator, in Suedamerika, in Labrador und in +Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach +Bordeaux fand ich zufaellig in den Verhandlungen der pennsylvanischen +Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten +Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder +nach Berlin ging, auf der Goettinger Bibliothek den Bericht der maehrischen +Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die +Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana, +die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben +Gegenstand betreffen. + +Ich gebe im Folgenden eine gedraengte Zusammenstellung der Beobachtungen: +1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad ueber +dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10 deg. 27{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~}, +Laenge 66 deg. 30{~PRIME~}), in Porto-Cabello (Breite 10 deg. 6{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~}, Laenge 67 deg. 5{~PRIME~}) und an +der Grenze von Brasilien in der Naehe des Aequators unter 70 deg. der Laenge vom +Pariser Meridian. 2) In franzoesisch Guyana (Breite 40 deg. 56{~PRIME~}, Laenge 54 deg. 35{~PRIME~}) +"sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden +lang schossen unzaehlige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten +ein so starkes Licht, dass man die Meteore mit den spruehenden Funkengarben +bei einem Feuerwerk vergleichen konnte." Fuer diese Thatsache liegt ein +hoechst achtungswerthes Zeugniss vor, das des Grafen Marbois, der damals als +ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhaenglichkeit an +verfassungsmaessige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der +Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er +trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet +hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und +81 deg. 50{~PRIME~} der Laenge. Er sah am ganzen Himmel "so viel Meteore als Sterne; +sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht +niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff +herabkommen." Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30 deg. 43{~PRIME~} +der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56 deg. 55{~PRIME~}) und +Hoffenthal (Breite 58 deg.,4{~PRIME~}), in Groenland zu Lichtenau (Breite 61 deg. 5{~PRIME~}) und +Neu-Herrnhut (Breite 64 deg. 14{~PRIME~}, Laenge 52 deg. 20{~PRIME~}) erschraken die Eskimos ueber +die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Daemmerung nach allen +Himmelsgegenden niederfielen, "und von denen manche einen Schuh breit +waren." 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstaedt bei Weimar, +Zeising (Breite 50 deg. 59{~PRIME~}, oestliche Laenge 9 deg. 1{~PRIME~}), am 12. November zwischen 6 +und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige +Sternschnuppen mit sehr weissem Licht. "Kurz darauf erschienen gegen Sued +und Suedwest 4--6 Fuss lange, roethliche Lichtstreifen, aehnlich denen einer +Rakete. In der Morgendaemmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu +Zeit den Himmel durch weisslichte, in Schlangenlinien am Horizont +hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kaelter geworden +und der Barometer war gestiegen." Sehr wahrscheinlich haette das Meteor +noch weiter ostwaerts in Polen und Russland gesehen werden koennen. Ohne die +umstaendliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstaedt +entnommen, haetten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen ausserhalb der +Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden. + +Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach +Herrnhut in Groenland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen +Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt diess fuer dieselben eine +Hoehe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen +gegen Sued und Suedwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man koennte +desshalb glauben, zahllose Aerolithen muessten zwischen Afrika und Suedamerika +westwaerts von den Inseln des gruenen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn. +Wie kommt es aber, dass die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana +verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen +wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer +Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten +angestellten Beobachtungen fehlt. Ich moechte fast glauben, dass die Chaymas +in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen +in Brasilien und die Missionaere in Labrador; immer aber bleibt es +unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir hoechst merkwuerdig), dass in +der neuen Welt zwischen 46 deg. und 82 deg. der Laenge, vom Aequator bis zu 64 deg. der +Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und +Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flaechenraum von 921,000 +Quadratmeilen erschienen die Meteore ueberall gleich glaenzend. + +Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit ueber die +Sternschnuppen und ihre Parallaxen so muehsame Untersuchungen angestellt +haben, betrachten sie als Meteore, die der aeussersten Grenze unseres +Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der +leichtesten Wolken(15) angehoeren. Es sind welche beobachtet worden, die +nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die hoechsten scheinen +nicht ueber 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben haeufig ueber 100 Fuss +Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, dass sie in wenigen +Secunden zwei Meilen zuruecklegen. Man hat welche gemessen, die fast +senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen. +Aus diesem sehr merkwuerdigen Umstand hat man geschlossen, dass die +Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich +Himmelskoerpern durch den Raum gezogen, sich entzuenden, wenn sie zufaellig +in unsere Atmosphaere gerathen, und zur Erde fallen. + +Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben moegen, so haelt es +schwer, sich in einer Region, wo die Luft verduennter ist als im luftleeren +Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Hoehe) das Quecksilber im +Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stuende, sich eine ploetzliche Entzuendung +zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichfoermige Gemisch +der atmosphaerischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Hoehe, folglich nicht ueber +die hoechste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man koennte annehmen, +bei den fruehesten Umwaelzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt +ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die +Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen +von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, dass eine oberste, von +den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die +gasfoermigen Koerper mischen sich und durchdringen einander bei der +geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte haette sich ein +gleichfoermiges Gemisch herstellen muessen, wenn man nicht eine abstossende +Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Koerper +etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugaenglichen Regionen +der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts +eigenthuemliche luftfoermige Fluessigkeiten an, wie will man es erklaeren, dass +sich nicht die ganze Schicht dieser Fluessigkeiten zumal entzuendet, dass +vielmehr Gasausstroemungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen? +Wie soll man sich ohne die Bildung von Duensten, die einer ungleichen +Ladung faehig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer +Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250 deg. unter Null betraegt, und +die so verduennt ist, dass die Compression durch den elektrischen Schlag so +gut wie keine Waerme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten wuerden +grossentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in +der sie sich bewegen, als Koerper mit festem Kern, als *kosmische* (dem +Himmelsraum ausserhalb unseres Luftkreises angehoerige), nicht als +*tellurische* (nur unserem Planeten angehoerige) Erscheinungen betrachten +koennte. + +Hatten die Meteore in Cumana nur die Hoehe, in der sich die Sternschnuppen +gewoehnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310 +Meilen aus einander liegen, ueber dem Horizont gesehen werden. Wie +ausserordentlich muss nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen +die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden +lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am +Aequator, in Groenland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht +die scharfsinnige Bemerkung, dass dieselbe Ursache, aus der das Phaenomen +haeufiger eintritt, auch auf die Groesse der Meteore und ihre Lichtstaerke +Einfluss aeussert. In Europa sieht man in den Naechten, in denen am meisten +Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz +kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch +interessanter. In manchen Monaten zaehlte Brandes in unserem gemaessigten +Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die +Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter, +so kann man sicher darauf rechnen, dass hinter diesem glaenzenden Meteor +viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so +ist es hoechst wahrscheinlich, dass diess mehrere Wochen anhaelt. In den hohen +Luftregionen, an der aeussersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere +sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur +Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten. +Haengt die Periodicitaet dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der +Atmosphaere ab, oder von etwas, das der Atmosphaere von auswaerts zukommt, +waehrend die Erde in der Ekliptik fortrueckt? Von alle dem wissen wir gerade +so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras. + +Was die Sternschnuppen fuer sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner +eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen haeufiger zu seyn als in +gemaessigten Landstrichen, ueber den Festlaendern und an gewissen Kuesten +haeufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberflaeche des +Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der +Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich +aendert, ihre Einfluesse noch in Hoehen aeussern, wo ewiger Winter herrscht? +Dass in gewissen Jahreszeiten und ueber manchen duerren, pflanzenlosen Ebenen +der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf +hinzudeuten, dass dieser Einfluss sich wenigstens bis zur Hoehe von 5--600 +Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der +Hochebene der Anden ist vor dreissig Jahren eine aehnliche Erscheinung wie +die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an +Einem Stueck des Himmels, ueber dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in +solcher Menge aufsteigen, dass man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer. +Dieses ausserordentliche Schauspiel dauerte ueber eine Stunde; das Volk lief +auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die +hoechsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe +vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, dass das +Feuer am Horizont von Feuermeteoren herruehrte, die bis zur Hoehe von 12 bis +15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schossen. + + ------------------ + + + + + + 14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der suedlichen Halbkugel in + Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen + haette. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphaere, der in diesen + westlichen Laendern sehr veraenderlich ist, daran Schuld. + + 15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Ruecken der Anden in mehr als 2700 + Toisen Meereshoehe ueber die *Schaefchen* oder kleinen weissen, + gekraeuselten Wolken schaetzte ich die Hoehe derselben zuweilen auf + mehr als [] Toisen ueber der Kueste. + + + + + +ELFTES KAPITEL. + + + Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das + Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas. + + +Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um laengs der +Kueste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die +Einwohner von Venezuela den groessten Theil ihrer Produkte ausfuehren. Es +sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt waehrt meist nur 36--40 Stunden. Den +kleinen Kuestenfahrzeugen kommen Wind und Stroemungen zumal zu gut; letztere +streichen mehr oder minder stark von Ost nach West laengs den Kuesten von +Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa. +Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so +ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit +allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsbloecke und +einer wuchernden Vegetation zu kaempfen; man muss unter freiem Himmel +schlafen, die Thaeler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und ueber Stroeme +setzen, die wegen der Naehe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen +Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende laeuft, weil das Land sehr +ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Kuestenkette und dem +Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die +von einem ungeheuren Gehoelz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus +umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem duerren Boden +und dem Mangel an Regen. + +Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas +nach Cumana zurueckgeht und nicht gerne gegen die Stroemung faehrt. Der +Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen haeufig Leute, die +sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen +Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel +gegen diese Fieber ist, waechst in denselben Thaelern, am Saume derselben +Waelder, deren Ausduenstungen so gefaehrlich sind. Der kranke Reisende macht +Halt in einer Huette, deren Bewohner nichts davon wissen, dass die Baeume, +welche die Thalgruende umher beschatten, das Fieber vertreiben. + +Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir +wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort ueber die +grossen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen +ungeheuren Strom suedlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur +Grenze von Brasilien hinauffahren und ueber die Hauptstadt des spanischen +Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpass geheissen, +nach Cumana zurueckkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen, +wovon wir ueber zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen wuerden, +liess sich unmoeglich bestimmen. Auf den Kuesten kennt man nur das Stueck des +Orinoco nahe an seiner Muendung; mit den Missionen besteht lediglich kein +Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist fuer die Einwohner von +Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen +bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Sued +fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in +Verbindung; andere halten wegen der grossen Sterblichkeit unter den Truppen +Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land suedlich von +den Katarakten von Amtes fuer aeusserst ungesund. In einem Lande, wo man so +wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenueber die +Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu +uebertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten +mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht +gewoehnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefassten Entschlusse fest. Wir +konnten auf die Theilnahme und Unterstuetzung des Statthalters der Provinz, +Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der +Franziscanermoenche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen +Herren sind. + +Zum Glueck fuer uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in +Cumana. Dieser junge Moench war nur ein Laienbruder, aber sehr verstaendig, +gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Kueste +hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen +von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer grosse Aufregung +herrscht, das Missfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei uebte +eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen +konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern +Orinoco, beruechtigt durch die Unzahl boesartiger Insekten, welche Jahr aus +Jahr ein die Luft erfuellen. Fray Juan Gonzales war mit den Waeldern +zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt. +Eine andere Umwaelzung im republikanischen Regiment der Moenche hatte ihn +seit einigen Jahren wieder an die Kueste gebracht und er stand bei seinen +Obern in verdienter Achtung. Er bestaerkte uns in unserem Verlangen, die +vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns +guten Rath fuer die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er +selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnuegen auf +der Rueckreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder +anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte, +uebernahm er es gefaellig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und +unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen +gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der +uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines +Ordens grosse Dienste haette leisten koennen, kam im Jahr 1801 in einem Sturm +an der afrikanischen Kueste ums Leben. + +Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von +denen, die zum Handel an den Kuesten und mit den Antillen gebraucht werden. +Sie sind dreissig Fuss lang und haben nicht mehr als drei Fuss Bord ueber +Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewoehnlich 200 bis 250 Centner. +Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie +ein ungeheures dreieckiges Segel fuehren, was bei den Windstoessen, die aus +den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit +dreissig Jahren kein Beispiel, dass eines dieser Fahrzeuge auf der +Ueberfahrt von Cumana an die Kueste von Caracas gesunken waere. Die +indianischen Schiffer sind so gewandt, dass selbst bei ihren haeufigen +Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den daenischen Inseln, die mit +Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehoert. Diese +120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Kueste mehr +sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne +Beobachtung der Sonnenhoehe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compass +unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem +Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er +voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom +Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen +und des grossen Baeren zu finden wussten, und es kam mir vor, als steuerten +sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man +wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel +Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der +Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so gluecklich. Wenn sich +die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande naehern, kommen sie gegen Ost gegen +Wind und Stroemung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die +Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des +Octanten schwer zu buessen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen, +welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen, +in Sicht bekommen muessen, um ihres Weges gewiss zu seyn. + +Wir fuhren rasch den kleinen Fluss Manzanares hinab, dessen Kruemmungen +Cocosbaeume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf +dem anstossenden duerren Strande schimmerten auf den Dornbueschen, die bei +Tag nur staubigte Blaetter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend +Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man +wird unter den Tropen des Schauspiels nicht muede, wenn diese hin und her +zuckenden roethlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre +Bilder und die der Sterne am Himmelsgewoelbe unter einander wimmeln. + +Wir schieden vom Kuestenlande von Cumana, als haetten wir lange da gelebt. +Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach +dem ich mich seit meiner fruehesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der +Natur im indischen Klima ist so maechtig und grossartig, dass man schon nach +wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In +Europa hat der Nordlaender und der Bewohner der Niederung selbst nach +kurzem Besuch eine aehnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von +der koestlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von +der wilden, grossartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenaeen scheidet. +Ueberall in der gemaessigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt +nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens +haben Familienaehnlichkeit mit denen, die unter dem schoenen Himmel +Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den +Tieflaendern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur. +Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa +mahnt; denn von der Vegetation haengt der Charakter einer Landschaft ab; +sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast +zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und maechtiger +die Eindruecke sind, desto mehr loeschen sie fruehere Eindruecke aus, und +durch die Staerke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich +auf alle, die mit mehr Sinn fuer die Schoenheiten der Natur als fuer die +Reize des geselligen Lebens lange in der heissen Zone gelebt haben. Das +erste Land, das ihr Fuss betreten, wie theuer und denkwuerdig bleibt es +ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins hoechste Alter, regt sich in ihnen +ein dunkles Sehnsuchtsgefuehl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein +staubigter Boden stehen noch jetzt weit oefter vor meinem inneren Auge als +alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schoenen suedlichen Himmel wird +selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die +Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht +allein, sie faerbt die Gegenstaende, sie umgibt sie mit einem leichten Duft, +der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben +harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und ueber die Natur eine Ruhe +ausgiesst, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen +Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kaerglich bewaldeter +Kuestenstriche zu begreifen, bedenke man nur, dass von Neapel dem Aequator +zu der Himmel in dem Verhaeltniss immer schoener wird, wie von der Provence +nach Unteritalien. + +Wir liefen waehrend der Fluth ueber die Barre, welche der kleine Manzanares +an seiner Muendung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die +Gewaesser des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen, +aber der Theil der Milchstrasse zwischen den Fuessen des Centauren und dem +Sternbild des Schuetzen schien einen Silberschimmer auf die Meeresflaeche zu +werfen. Der weisse Fels, auf dem das Schloss San Antonio steht, tauchte +zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht +lange, so erkannten wir die Kueste nur noch an den zerstreuten Lichtern +fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und +das schmerzliche Gefuehl, scheiden zu muessen. Vor fuenf Monaten hatten wir +dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der +ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit +Zagen den Fuss setzend. Jetzt, da diese Kueste unsern Blicken entschwand, +lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt duenkten. Boden, +Gebirgsart, Gewaechse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden. + +Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel +Araya zuhielten; dann fuhren wir dreissig Meilen nach West und +West-Sued-West. In der Naehe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und +bis zu den Bergoelquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein +belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in +diesem Klima so haeufig bietet. Schwaerme von Tummlern zogen unserem +Fahrzeug nach. Ihrer fuenfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand +von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf +die Wasserflaeche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war, +als braeche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm liess beim +Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurueck. Diess fiel +uns um so mehr auf, da ausserdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag +eines Ruders und der Stoss des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken +gaben, so muss man wohl annehmen, dass der starke Lichtschein, der von den +Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herruehrte, sondern +auch von der gallertartigen Materie, die ihren Koerper ueberzieht und vom +Stoss der Wellen abgerieben wird. + +Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie +Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und +Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerkluefteten, +kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera +bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land. +Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Truemmer der +alten Kueste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West +lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die +sicher eines Tages stark besuchte Haefen werden. Das zerrissene Land, die +zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine grosse +Umwaelzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge +gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom +Gneiss des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht +man in Cumana von den flachen Daechern, und dort zeigen sich an ihnen in +Folge der verschiedenen Temperatur der ueber einander gelagerten +Luftschichten die sonderbarsten Verrueckungen und Luftspiegelungen. Diese +Felsen sind schwerlich ueber 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht +scheinen sie von sehr bedeutender Hoehe. + +Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heissen, so weit von der Stadt +dieses Namens, der Kueste der Cumanagotos gegenueber zu finden; aber Caracas +bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen +Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe +hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale +Wasserfaeden in der Stroemung auf Boracha zu, das groesste der Eilande. Da die +Felsen fast senkrecht aufsteigen, so faellt der Meeresgrund steil ab und +auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, dass +sie beinahe ans Land stiessen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen, +seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein +erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Waerme durch +Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne ueber den Horizont stieg, +desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die +Meeresflaeche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur +in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese +Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde, +braune, sehr grosse, schnellfuessige Ziegen mit -- wie unser Steuermann +versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreissig Jahren hatte +sich eine weisse Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc +gebaut. Der Vater ueberlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein +Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und diess ward +sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen +verwilderten, nicht so die Kulturgewaechse. Der Mais in Amerika, wie der +Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu +erhalten, an den sie seit seinen fruehesten Wanderungen gekettet sind. Wohl +wachsen diese naehrenden Graeser hin und wieder aus verstreuten Samen auf; +wenn sie sich aber selbst ueberlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die +Voegel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas +entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; fuer ein an so einsamem Ort +begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser +Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen +angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach +dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, dass er alle +Verhafteten aufknuepfte, gegen die laengst das Todesurtheil gefaellt war. Man +sollte kaum glauben, dass es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr +Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Haenden diejenigen +abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben. + +Wir verliessen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knuepfen, und +ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Muendung +des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen +Inipiricuar lautet. Der Fluss wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis +auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehoeren zu +der Art, die im Orinoco so haeufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so +sehr gleicht, dass man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht +ein, dass ein Thier, dessen Koerper in einer Art Panzer steckt, fuer die +Schaerfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta +sah, wie er in seinem kuerzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzaehlt, +auf der Kueste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am +Lande leben. Diese Beobachtungen werden fuer die Geologie von Bedeutung, +seit man in dieser Wissenschaft die Suesswasserbildungen naeher ins Auge +fasst, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See- +und Suesswasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen. + +Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt +seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden +groesstentheils die Produkte der weiten Steppen ausgefuehrt, die sich vom +Suedabhang der Kuestenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind +an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die +Handelsindustrie dieser Laender gruendet sich auf den Bedarf der grossen und +kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden. +Da die Kuesten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von +15--18 Tagereisen gegenueber liegen, so beziehen die Handelsleute in der +Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona, +als dass sie das Wagniss einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur +Muendung des Rio de la Plata uebernaehmen. Von der schwarzen Bevoelkerung von +1,300,000 Koepfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zaehlt, kommen +auf Cuba allein ueber 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemuessen, +gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das +gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma fuehrt, ladet 20 bis +30,000 Arobas, deren Handelswerth ueber 45,000 Piaster betraegt. Barcelona +ist besonders fuer den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei +Tagen aus den Llanos in den Hafen, waehrend sie wegen der Gebirgskette des +Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den +Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und +1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere +nach den spanischen, englischen und franzoesischen Inseln eingeschifft. Wie +viele aus Burburata, Coro und aus den Muendungen des Guarapiche und Orinoco +ausgefuehrt werden, weiss ich nicht genau; aber trotz der Einfluesse, durch +welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas +herabgebracht worden ist, muessen, nach meiner Schaetzung, diese +unermesslichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jaehrlich in +den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster +(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen +3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De +Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt +kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da +er als Agent der franzoesischen Regierung sich fortwaehrend in der Stadt +Caracas aufhalten musste, so moegen die Besitzer der *Hatos* bei den +Schaetzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben. + +Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines +Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen ueber dem Meere liegt. Es +ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Sued von einem +weit hoeheren Berge beherrscht, und Sachverstaendige behaupten, es koennte +dem Feind, nachdem er zwischen der Muendung des Flusses und dem Morro +gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden +Hoehen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht ueber +die englischen Kreuzer, die laengs der Kuesten stationirt waren. Zwei +unserer Reisegefaehrten, Brueder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus +Spanien, wo sie in der koeniglichen Garde gedient hatten. Es waren sehr +gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem +Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurueck. +Ihnen musste noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica +gefuehrt zu werden. Ich hatte keine Paesse von der Admiralitaet; aber im +Vertrauen auf den Schutz, den die grossbritannische Regierung Reisenden +gewaehrt, die bloss wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich +nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad +geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Laendern suchte. Die +Antwort, die mir ueber den Meerbusen von Paria zukam, war sehr +befriedigend. + +Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich +Mondshoehen auf, um die Laenge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von +Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr +viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden +aus einander. Ich habe mich ueber diese Entfernung, ueber die damals viele +Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der +Magnetnadel fand ich gleich 42 deg.,20; 224 Schwingungen gaben die Intensitaet +der magnetischen Kraft an. + +Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und +zieht sich gegen Sueden zurueck; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei +Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser +25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberflaeche war 25 deg.,9, +als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu +mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24 deg.,5. Der +Unterschied zeigte sich bestaendig; er waere vielleicht bedeutender, wenn +die Stroemung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbraechte, +und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhoehung der +Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Baenken, die bei +der Ebbe ueber Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll ueber den +mittleren Wasserstand. Ihre Oberflaeche ist voellig eben und mit Gras +bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben. +Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball ueber der +Grasflur zu haengen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen +beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte. +Wenn aber auch in der heissen Zone an tiefen, feuchten Orten Graeser und +Riedgraeser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem +Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen, +die nur eben ueber die Graeser emporragen und sich vom ebenen gruenen Grunde +abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den +Tropen ein solcher Trieb in den Gewaechsen, dass die kleinsten +dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Straeuchern werden. Man koennte sagen, +die Liliengewaechse, die unter den Graesern wachsen, vertreten unsere +Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie +nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut +aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhaeltniss +nicht aufkommen, das zwischen den Gewaechsen besteht, die bei uns den Rasen +und die Wiese bilden. Die guetige Natur verleiht unter allen Zonen der +Landschaft einen ihr eigenthuemlichen Reiz des Schoenen. + +Man darf sich nicht wundern, dass fruchtbare Inseln so nahe der Kueste +gegenwaertig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die +Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Kuesten waren, +gruendeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald +die Eingeborenen unterworfen oder suedwaerts den Savanen zu gedraengt waren, +liess man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter +Laendereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Laegen +die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel +der Antillen, so waeren sie nicht unangebaut geblieben. + +Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der +suedlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre +Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren, +sehr gefuerchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der +Muendung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still +gewesen, immer unruhiger, je naeher wir Cap Codera kamen. Der Einfluss +dieses grossen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen +weithin fuehlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra haengt +davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt. +Jenseits dieses Caps ist die See bestaendig so unruhig, dass man nicht mehr +an der Kueste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum +Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stuermen weiss. Der Stoss der Wellen +wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefaehrten litten +sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glueck, +nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht ueber. Bei Sonnenaufgang am +20. November waren wir so weit, dass wir hoffen konnten das Cap in wenigen +Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra +zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort +vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im +kleinen Hafen Higuerote, ueber den wir schon hinaus waren, vor Anker zu +gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man +Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiss man zum voraus, +wofuer sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man musste nachgeben, +und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in +der Bucht von Higuerote, westwaerts von der Muendung des Rio Capaya. + +Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen +Fischern, Mestizen, bewohnte Huetten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die +auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, dass diese Gegend eine der +ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Kueste +ist. Die See ist hier so seicht, dass man in der kleinsten Barke nicht +landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Waelder ziehen sich bis +zum Strande herunter, und diesen ueberzieht ein dichtes Buschwerk von +sogenannten Wurzeltraegern, Avicennien, Manschenillbaeumen und der neuen Art +der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _'Romero de la mar'_ heisst. +Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausduenstungen der Wurzeltraeger oder +Manglebaeume, schreibt man es hier, wie ueberall in beiden Indien, zu, dass +die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein +fader, suesslicher Geruch entgegen, aehnlich dem, den in verlassenen +Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verloeschen anfangen, das mit Schimmel +ueberzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in +Folge der Reverberation des weissen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk +und den hochgipfligten Waldbaeumen hinzog. Da der Boden einen ganz +unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier +sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebaeume bald +unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse +Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten +Blaetter und die im angeschwemmten Seetang haengenden Weichthiere gleichsam +in Gaehrung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schaedlichen Gase, +die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Kueste zeigt +das Seewasser da, wo es mit den Manglebaeumen in Beruehrung kommt, eine +braungelbe Faerbung. + +Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein +ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in +Caracas mit dem Aufguss des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der +Aufguss mit heissem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden +Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die +Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den +natuerlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben +Eigenschaften. Der Aufguss des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwoelf +Tage lang mit atmosphaerischer Luft in Beruehrung gebracht; die Reinheit +derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein +kleiner flockigter, schwaerzlichter Bodensatz, aber eine merkbare +Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des +Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei +nachahmen, was in der Natur auf der Kueste bei steigender Fluth taeglich +vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen +ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff +und Kohlensaeure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an. +Endlich liess ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stoepsel eine bestimmte +Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphaerische Luft einwirken. +Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch +kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur +0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem +absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch fluechtigen +Untersuchung war ich der Ansicht, dass die Luft in den Manglegebueschen +durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark +gelb gefaerbte Schichte Seewasser, die laengs der Kueste einen deutlichen +Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie, +auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche +Reisende den eigenthuemlichen Geruch unter den Manglebaeumen zuschreiben. +Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren +Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen +Strand- und Seegewaechsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff +entbunden; ich glaube aber vielmehr, dass Rhizophora, Avicennia und +Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den +sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Straeucher gehoeren zu den drei +natuerlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die +reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, dass +dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nussbaeume mit +Gallerte verbunden ist. + +Uebrigens wuerde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schaedliche +Ausduenstungen Verbreiten, wenn es auch aus Baeumen bestaende, die an sich +keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo +Manglebaeume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und +Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und +im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter ueber dem Wasser +steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften +sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Staemme, der +Tang, den Wind und Fluth an die Kuesten treiben, bleibt an den sich zum +Boden niederneigenden Zweigen haengen. Auf diese Weise, indem sich der +Schlamm zwischen den Wurzeln anhaeuft, wird durch die Kuestenwaelder das +feste Land allgemach vergroessert; aber waehrend sie so der See Boden +abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maass, als sie +vorruecken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebaeume und die andern +Gewaechse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden +trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit +Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Staemme bezeichnen nach +Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die +Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen. + +Die Bucht von Higuerote ist sehr guenstig gelegen, um das Vorgebirge +Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem +daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch +seine Hoehe, die mir nach Hoehenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht +ueber 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West faellt es steil +ab, und man meint an diesen grossen Profilen die fallenden Schichten zu +unterscheiden. Die Schichten zunaechst bei der Bucht strichen Nord 60 deg. West +und fielen unter 80 deg. nach Nordwest. Am grossen Berge Silla und oestlich von +Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben, +und daraus scheint hervorzugehen, dass die Urgebirgskette dieser Landenge, +die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez +und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera +wieder auftritt und gegen West als Kuestenkette fortstreicht. + +Meinen Reisegefaehrten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern +unseres kleinen Schiffes so bange, dass sie beschlossen, den Landweg von +Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe fuehrt durch ein wildes, +feuchtes Land, durch die Montana de Capaja noerdlich von Caucagua, durch +das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, dass auch +Bonpland diesen Weg waehlte, auf dem er trotz des bestaendigen Regens und +der ausgetretenen Fluesse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst +ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir +zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus +den Augen zu lassen. + +Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr +guenstig und wir hatten viele Muehe, um Cap Codera herum zu kommen; die +Wellen waren kurz und brachen sich haeufig in einander; es gehoerte die +Erschoepfung durch einen furchtbar heissen Tag dazu, um in einem kleinen, +dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu koennen. Die See ging um so +hoeher, als der Wind bis nach Mitternacht der Stroemung entgegen blies. Der +zwischen den Wendekreisen ueberall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen +ist an diesen Kuesten nur waehrend zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu +spueren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor, +dass die Stroemung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon +oefter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die +Stroemung, die von West nach Ost ging, nicht bewaeltigen, obgleich sie den +Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmaessigkeiten ist bis +jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stuermen aus Nordwest im +Golf von Mexico zu, aber diese Stuerme sind im Fruehjahr weit staerker als im +Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, dass die Stroemung nach Osten geht, +bevor der Seewind sich aendert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach +einigen Tagen geht auch der Wind der Stroemung nach und blaest bestaendig aus +West. Waehrend dieser Vorgaenge bleiben die kleinen Schwankungen des +Barometers auf und ab in ihrer Regelmaessigleit durchaus ungestoert. + +Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwaerts vom Cap +Codera dem Curuao gegenueber. Der indianische Steuermann erschrack nicht +wenig, als sich nordwaerts in der Entfernung einer Seemeile eine englische +Fregatte blicken liess. Sie hielt uns wahrscheinlich fuer eines der +Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles +organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete +Lizenzscheine fuehrten. Sie liess uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen +schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Kueste felsigt und +sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und +malerisch. Wir waren so nahe am Land, dass wir die zerstreuten von +Cocospalmen umgebenen Huetten unterschieden und die Massen von Gruen sich +vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge +drei, viertausend Fuss hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite +Schlagschatten ueber das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und +geschmueckt mit frischem Gruen daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen +grossentheils die tropischen Fruechte, die man auf den Maerkten von Caracas +in so grosser Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich +mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thaeler hinauf, die +Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne +fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und +Schatten. + +Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die hoechsten Gipfel dieser +Kuestenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenaeen; es +ist als stiegen die Pyrenaeen oder die Alpen, von ihrem Schnee entbloest, +gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die +Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei +Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Huegel mit sanftem Abhang +erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel +Zuckerrohr und die barmherzigen Brueder haben daselbst eine Pflanzung und +200 Sklaven. Die Gegend war frueher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man +behauptet, die Luft sey gesuender geworden, seit man um einen Teich, dessen +Ausduenstungen man besonders fuerchtete, Baeume gepflanzt hat, so dass das +Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda +laeuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von +geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das huebsch +gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra +mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken ueber einander und in duftiger +Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelfoermigen, blendend weissen +Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnussbaeume saeumen das Ufer und geben ihm +unter dem gluehenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit. + +Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um +meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich +empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe +Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehoert hatte, sondern ueber dem Dorfe +Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhoehe, das dem kuehlen Luftzug +mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier +Tage frueher als meine Reisegefaehrten, die auf dem Landweg zwischen Capaya +und Curiepe durch die starken Regenguesse und die ausgetretenen Bergwasser +viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht oefters auf dieselben Gegenstaende +zurueckzukommen, schliesse ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des +merkwuerdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas fuehrt, alle +Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco +zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat, +sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich +mich auf eine naehere Beschreibung der Gegenstaende, die er ausfuehrlich +behandelt hat, nicht ein. + +Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig +und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbaenken, vom schlechten +Ankergrund und den Bohrwuermern(18) zumal gefaehrdet. Das Laden ist mit +grossen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann +man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere +einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der +Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie +waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwuerdig ist, +sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so haeufig sind, nichts +zu fuerchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie +die Beobachtung, die ich unter den Tropen haeufig an Thieren aus andern +Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe. +In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die +Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, dass die von gewissen Inseln leicht zu +zaehmen sind, waehrend Affen derselben Art, die auf dem benachbarten +Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie +sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache +in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, waehrend +die aus einer andern Lache aeusserst unerschrocken angreifen. Aus den aeussern +Verhaeltnissen der Oertlichkeiten waere diese Verschiedenheit in Gemuethsart +und Sitten nicht leicht zu erklaeren. Mit den Haifischen im Hafen von +Guayra scheint es sich aehnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenueber der +Kueste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefaehrlich +und blutgierig, waehrend sie Badende in den Haefen von Guayra und Santa +Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklaerung der +Naturerscheinungen zu vereinfachen, ueberall zum Wunderbaren, und so glaubt +es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen +ertheilt. + +Guayra ist ganz eigenthuemlich gelegen; es laesst sich nur mit Santa Cruz auf +Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem +hochgelegenen Thal von Caracas stuerzt fast unmittelbar in die See ab und +die Haeuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen +dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener +Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Strassen, +die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf +dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt +und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes, +Truebseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Waeldern bedeckten +Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und +Pflanzenwuchs. Ausser Cabo Blanco und den Cocosnussbaeumen von Maiquetia, +besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen +Himmelsgewoelbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei +Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht fuer heisser als das von Cumana, +Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwaecher ist und durch die +Waerme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt, +die Luft erhitzt wird. Man machte sich uebrigens von der Luftbeschassenheit +dieses Ortes und des ganzen benachbarten Kuestenlandes eine unrichtige +Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie +angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht +eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Beruehrung stehende Luft wirkt +auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener +Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds +nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muss aber +doch bemerken, dass ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg +von den Haeusern und ueber 300 Toisen von den Gneissfelsen, mehrere Tage lang +kaum schwache Spuren von positiver Elektricitaet bemerken konnte, waehrend +in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem +Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkuegelchen 1--2 +Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten ueber +die regelmaessigen taeglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der +Luft unter den Tropen, ein Verhaeltniss, das mit den Schwankungen in der +Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht. + +Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten +thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich +in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz +zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der +Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese +Laender besuchen, ein unerschoepflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in +diesem Falle das Zeugniss der Sinne ungemein leicht taeuscht, so laesst sich +ueber die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhaeltnissen +urtheilen. + +Die vier eben genannten Orte gelten fuer die heissesten auf dem Kuestenstrich +der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon oefters von +uns gemachte Bemerkung zu bestaetigen, dass im Allgemeinen nur das lange +Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die uebermaessige Hitze oder die +absolute Waermemenge den Bewohnern der heissen Zone laestig wird. + +Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November +war in Guayra 31 deg.,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29 deg.,3, in +Vera Cruz 28 deg.,7, in der Havana 29 deg.,5. Die taeglichen Abweichungen betrugen +zur selben Stunde nicht leicht ueber 0 deg.,8--1 deg.,4. Waehrend dieser ganzen Zeit +regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Diess ist der Zeitpunkt, +wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der +Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhoert, sobald die Tagestemperatur auf +24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heissesten Monats war in +Guayra etwa 29 deg.,3, in Cumana 29 deg.,1, in Vera Cruz 27 deg.,7, in Cairo, nach +Rouet, 29 deg.,9, in Rom 25 deg.,0. Vom 16. November bis 19. December war die +mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24 deg.,3, bei Nacht 21 deg.,6. Um +diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube +uebrigens, dass man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21 deg. +fallen sieht; in Cumana faellt er zuweilen auf 21 deg.,2, in Vera Cruz auf 16 deg., +in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8 deg. und selbst darunter. Die +mittlere Temperatur des kaeltesten Monats ist an diesen vier Orten: 23 deg.,2, +26 deg.,8, 21 deg., 21 deg.,0; in Cairo 13 deg.,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur +ist, nach guten, sorgfaeltig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefaehr +28 deg.,1, in Cumana 27 deg.,7, in Vera Cruz 25 deg.,4, in der Havana 25 deg.,6, in Rio +Janeiro 23 deg.,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28 deg. 28{~PRIME~} der Breite, aber +wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21 deg.,9, in Cairo 22 deg.,4, in +Rom 15 deg.,8.(19) + +Aus diesen Beobachtungen geht hervor, dass Guayra einer der heissesten Orte +der Erde ist, dass die Summe der Waerme, welche derselbe im Laufe eines +Jahres erhaelt, etwas groesser ist als in Cumana, dass sich aber in den +Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei +Durchgaengen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra +staerker abkuehlt. Sollte diese Abkuehlung, die weit unbedeutender ist, als +die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht +von der westlicheren Lage von Guayra herruehren? Das Luftmeer, das fuer den +oberflaechlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Stroemungen bewegt, +deren Grenzen durch unabaenderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur +desselben aendert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Laender +und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken +abtheilen, die sich in einander ergiessen, und wovon die unruhigsten (wie +das ueber dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem +Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluss auf Erkaeltung und Bewegung der +benachbarten Luftsaeulen aeussern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im +suedwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und +Gegenstroemungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma +hin herabdruecken. + +Waehrend meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geissel des gelben +Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die +Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Kueste von Caracas weit +weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte +hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, ploetzlich an gewissen +unregelmaessig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte +Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome +einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren +meist Menschen, die das anstrengende Geschaeft des Holzfaellens trieben, zum +Beispiel in den Waeldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am +Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte haeufig in +Staedten, die fuer sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europaeer in +Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen +worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Kuesten von Terra Firma war der +eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen) +und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu +betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa +Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und +beschrieben hat. Die kuerzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des +Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man +beklagte sich nur ueber die drueckende Hitze, die einen grossen Theil des +Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man +hoechstens die Haut- und Augenentzuendungen zu befuerchten, die fast ueberall +in der heissen Zone vorkommen und die haeufig von Fieberbewegungen und +Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kuehlen, aber +aeusserst veraenderlichen Klima von Caracas das heisse, aber bestaendige von +Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die +Rede. + +Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern +Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geoeffnet. Matrosen aus +kaelteren Laendern als Spanien, und daher empfindlicher fuer die klimatischen +Einfluesse der heissen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das +gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den +spanischen Spitaelern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der +Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer +aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf +die Rhede gekommen. Der Capitaen der Brigantine stellte solches in Abrede +und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs +eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgaengen in Cadix +im Jahr 1800 weiss man, wie schwer es ist, ueber Faelle ins Reine zu kommen, +die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu +sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren +ueber das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so +gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen +sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, dass der +Typhus von aussen gekommen, die andern, dass er im Lande selbst entstanden. +Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, dass das Austreten des Rio de +la Guayra eine Veraenderung der Luftbeschaffenheit herbeigefuehrt habe. +Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach +sechzigstuendigem Regen im Gebirge so furchtbar an, dass es Baumstaemme und +ansehnliche Felsbloecke mit sich fortriss. Das Wasser wurde 30--40 Fuss breit +und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken +ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu +urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Haeuser wurden von der Fluth +weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr +Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfliessen +konnte, sich zufaellig geschlossen hatte. Man musste in die Mauer der See zu +ein Loch schiessen; mehr als dreissig Menschen kamen ums Leben und der +Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende +Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewoelben des Gefaengnisses +mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als praedisponirende +Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben koennen; +indessen glaube ich, dass das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die +erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir, +des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren +Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigefuehrt haben. Ich habe das +Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als duerren +Boden und Bloecke von Glimmerschiefer und Gneiss mit eingesprengtem +Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts, +was die Luft haette verunreinigen koennen. + +Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa +Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein gross war) hat das +gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wuethete nicht +allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch +unter denen, die fern von der Kueste in den Llanos zwischen Calabozo und +Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiss als +Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand wuerde uns noch mehr auffallen, +wenn wir nicht wuessten, dass sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause +den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in +den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen +am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro +(in 476 Toisen Meereshoehe), wo mit den Eichen ein kuehles, koestliches Klima +beginnt, eine unuebersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber +nicht leicht ueber den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas +hinueber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man +darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den +Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine +treffliche Schutzwehr fuer die Stadt Caracas, die etwas hoeher liegt als der +Encaro, die aber eine hoehere mittlere Temperatur hat als Xalapa. + +Bonplands und meine Beobachtungen ueber die physischen Verhaeltnisse der +Staedte, welche periodisch von der Geissel des gelben Fiebers heimgesucht +werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue +Vermuthungen ueber die Veraenderungen in der pathogonischen Constitution +mancher Staedte zu aeussern. Je mehr ich ueber diesen Gegenstand nachdenke, +desto raethselhafter erscheint mir alles, was auf die gasfoermigen Effluvien +Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _'Keime der Ansteckung'_ +nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kaelte +zerstoert werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Waenden der +Haeuser haften sollen. Wie will man erklaeren, dass in den achtzehn Jahren +vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von "Vomito" vorkam, +obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europaeern und Mexicanern +aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen +ueberliessen, ueber die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich +war, als sie seit dem Jahr 1800 ist? + +Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck +gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heissen Erdstrichs, der bis +jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele +in kaelterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der +amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt +vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist +hier eine Veraenderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich +in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform +entwickelt? + +Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in +suedlicheren Laendern geborenen Europaeern. Theilt er sich durch Ansteckung +mit, so ist es zu verwundern, dass er in den Staedten des tropischen +Festlandes keineswegs sich an gewisse Strassen haelt, und dass die +unmittelbare Beruehrung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als +Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein, +namentlich an kuehlere, hoehere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa, +stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit +an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die praedisponirenden Ursachen, +die sich an der Kueste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur +bedeutend ab, so hoert die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewoehnlich +auf. Mit Eintritt der heissen Jahreszeit, zuweilen weit frueher, faengt sie +wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen +und kein Schiff eingelaufen ist. + +Der amerikanische Typhus scheint auf den Kuestenstrich beschraenkt, sey es +nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier +die Waaren aufgehaeuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen +haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthuemliche gasfoermige Effluvien +bilden. Das aeussere Ansehen der Orte, wo der Typhus wuethet, scheint oft die +Annahme eines oertlichen oder endemischen Ursprungs voellig auszuschliessen. +Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen +Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Laendern, deren Klima +frueher fuer sehr gesund galt. Die Faelle von Verschleppung des gelben +Fiebers ins Binnenland sind in der heissen Zone sehr zweideutig; die +Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt +worden seyn. In der gemaessigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus +entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit +vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden +ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach +Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche +nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der praedisponirenden +Ursachen, nach der laengeren oder kuerzeren Dauer, nach den Graden der +Boesartigkeit muss uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt, +den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein +einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre +1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit +auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat, +ist mit mir der Ansicht, dass der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber +nicht immer. + +Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet, +hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu +uebertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von +Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt, +fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar +Tropfen Regen fallen, koennen der Ursachen der sogenannten schaedlichen +Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Strassen von Guayra schienen mir im +Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die +Schlachtbaenke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich +zersetzte Tange und Weichthiere anhaeufen, aber die benachbarte Kueste nach +Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist aeusserst +ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und +Caravalleda haeufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind +Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge +oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine +mit faulen Duensten geschwaengerte Luft auf die Kueste von Guayra. + +Da die Reizbarkeit der Organe bei den noerdlichen Voelkern so viel staerker +ist als bei den suedlichen, so ist nicht zu bezweifeln, dass bei groesserer +Handelsfreiheit und staerkerem und innigerem Verkehr zwischen Laendern mit +verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich ueber die neue Welt verbreiten +wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen +von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, koennen +moeglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der +Lebenskraefte sich ausbilden. Es ist diess eines der nothwendigen Uebel im +Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wuenscht darum +keineswegs die Barbarei zurueck; ebensowenig theilt er die Ansicht der +Leute, die dem Verkehr unter den Voelkern gerne ein Ende machten, nicht um +die Haefen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem +Eindringen der Aufklaerung zu wehren und die Geistesentwicklung +aufzuhalten. + +Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen +Meerbusen fuehren, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen +Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der grossen +Bestaendigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva +Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befuerchten, der Typhus moechte dort +einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs +sehr boesartig aufgetreten ist. Gluecklicherweise hat sich die Sterblichkeit +vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der +Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen +Stadien der Krankheit, die Periode der entzuendlichen Erscheinungen, und +die der Ataxie oder Schwaeche, besser kennt und auseinander haelt. Es waere +sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, dass die neuere Medicin gegen dieses +schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese +Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hoert +ziemlich allgemein die Aeusserung, "die Aerzte wissen jetzt den Hergang der +Krankheit befriedigender zu erklaeren als frueher, sie heilen sie aber +keineswegs besser; frueher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei, +ausser einem Tamarindenaufguss; gegenwaertig fuehre ein eingreifenderes +Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode." + +Wer so spricht, weiss nicht ganz, wie man frueher auf den Antillen zu Werke +ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, dass zu Anfang des +achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so +ruhig sterben liessen, als man meint. Man toedtete damals nicht durch +uebertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und +Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlaesse und uebermaessiges Purgiren. Die +Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, dass +sie, sehr treuherzig, "gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar +am Krankenbett erschienen." Gegenwaertig bringt man es in reinlichen, gut +gehaltenen Spitaelern dahin, dass von 100 Kranken nur 15--20 und selbst +etwas weniger sterben; aber ueberall, wo die Kranken zu sehr auf einander +gehaeust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Haelfte, wohl gar (wie im +Jahr 1802 bei der franzoesischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile +der Kranken. + +Ich fand die Breite von Guayra 10 deg. 36{~PRIME~} 19{~DOUBLE PRIME~}, die Laenge 69 deg. 26{~PRIME~} 13{~DOUBLE PRIME~}. Die +Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42 deg. 20, die Declination +nach Nordost 4 deg. 30{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}; die Intensitaet der magnetischen Kraft += 237 Schwingungen. + +Geht man an der aus Granit gebauten Kueste von Guayra gegen West, so kommt +man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschuetzte Rhede ist, und +dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die +Schiffe vortrefflich ankern koennen. Es sind die kleinen Buchten Catia, los +Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata +und Patanebo. Alle diese Haefen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem +man Maulthiere nach Jamaica ausfuehrt, werden gegenwaertig nur von kleinen +Kuestenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten +Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter +Blickenden, legen einen grossen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich +von Cabo Blanco. Diesen Kuestenpunkt untersuchten Bonpland und ich waehrend +unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen +Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich +von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Laengst geht man mit +dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte +Strasse von Guayra, die beinahe dem Uebergang ueber den St. Gotthard +gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan koennte der Hafen von Catia, der so +geraeumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist +dieser ganze Kuestenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbaeumen +bewachsen und hoechst ungesund. + +Fast nirgends auf der Kueste ist es so heiss als in der Naehe von Cabo +Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des +duerren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die uebermaessige Einwirkung +des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen fuer uns. In +Guayra fuerchtet man die Insolation und ihren Einfluss auf die +Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber +sich zu zeigen anfaengt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres +Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem +Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter +mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdraengen, den er fertig +in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit +einer halben Stunde in blossem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er +versicherte mich, da ich ein hoher Nordlaender sey, muesse ich nach der +Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen +Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Praeservativ nehme. Diese +Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da +ich mich laengst fuer acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine +Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich +verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben +haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet. + +Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen +wir die Kueste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rueckkehr von +den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem +Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000 +Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Paessen in den Alpen, dem +Weg ueber den St. Gotthard oder den grossen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft +in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte +nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von +Caracas liegen moege. Man hatte laengst bemerkt, dass es von der Cumbre und +las Vueltas, dem hoechsten Punkt der Strasse, nach Pastora am Eingang des +Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da +aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu +vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von +Caracas kann man sich von der Hoehe desselben unmoeglich einen richtigen +Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftstroeme +abgekuehlt, sowie einen grossen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel, +welche den hohen Gipfel der Silla einhuellen. Ich habe den Weg von Guayra +nach Caracas mehrere male zu Fuss gemacht und nach zwoelf Punkten, deren +Hoehe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich +haette gerne gesehen, dass meine Vermessung durch einen unterrichteten +Reisenden, der nach mir dieses malerische und fuer den Naturforscher so +interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden waere; mein +Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfuellung gegangen. + +Wenn man zur Zeit der staerksten Hitze die gluehende Luft Guayras athmet und +den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, dass +in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine +Bevoelkerung von 40,000 Seelen einer Fruehlingskuehle geniessen soll, einer +Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Dass auf diese Weise +verschiedene Klimate einander nahe gerueckt sind, kommt in den ganzen +Cordilleren der Anden haeufig vor; aber ueberall, in Mexico, in Quito, in +Peru, in Neu-Grenada muss man weit ins Binnenland reisen, entweder ueber die +Ebenen oder auf Stroemen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die +grossen Staedte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als +Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstaedten des +spanischen Amerika, die mitten in der heissen Zone ein koestlich kuehles +Klima haben, liegt Caracas am naechsten an der Kueste. Nur drei Meilen in +einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo +der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind +bedeutende Vortheile. + +Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schoener als der von +Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser +unterhalten als die alte Strasse, die aus dem Hafen von Vera Cruz am +Suedabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote fuehrt. Man braucht mit +guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas +und zum Rueckweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fuss Vier bis fuenf +Stunden. Man kommt zuerst ueber einen sehr steilen Felsabhang und ueber die +Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem grossen +Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen ueber dem Meere liegt. Der Name +"verbrannter Thurm" bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhaelt, +wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswaende und +vollends die duerre Ebene zu den Fuessen ausstrahlen, ist drueckend zum +Ersticken. Auf diesem Wege und ueberall, wo man auf starken Abhaengen in ein +anderes Klima gelangt, schien mir das Gefuehl von gesteigerter Muskelkraft +und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in kuehlere Luftschichten ueber einen +kommt, nicht so stark als umgekehrt die laestige Mattigkeit und +Erschlaffung, die einen befaellt, wenn man in die heissen Kuestenebenen +hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, dass der Genuss, wenn uns +irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines +neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso. + +Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die +Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten +Strasse ueber den Mont Cenis. Der Salto, "der Sprung," ist eine Spalte, ueber +die eine Zugbruecke fuehrt. Auf der Hoehe des Bergs sind foermliche Werke +angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19 deg.,3, in +Guayra zur selben Zeit auf 26 deg.,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit +in den spanischen Haefen zugelassen wurden, Fremde haeufiger nach Caracas +gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den +Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schoenen Lage beruehmt. Und +allerdings hat man hier bei unbewoelktem Himmel eine prachtvolle Aussicht +ueber die See und die nahen Kuesten. Man hat einen Horizont von mehr als +zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der +Masse Licht, die der weisse, duerre Strand zurueckwirft; zu den Fuessen liegen +Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die +Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit +ueberraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen, +die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der +unermesslichen Meeresflaeche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Hoehen +bilden Mittelgruende zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen, +und durch eine leicht erklaerliche Taeuschung wird dadurch die Scenerie +grossartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom +Winde gejagten und sich ballenden Wolken Baeume und Wohnungen zum +Vorschein, und die Gegenstaende scheinen dann ungleich tiefer unten zu +liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man +sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa) +in derselben Hoehe befindet, ist man noch zwoelf Meilen von der See +entfernt; man sieht die Kueste nur undeutlich, waehrend man auf dem Wege von +Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem +Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf +einen machen muss, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum +erstenmal das Meer und Schiffe sieht. + +Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt, +um die Entfernung derselben von der Kueste genauer angeben zu koennen. Die +Breite ist 10 deg. 33{~PRIME~} 9{~DOUBLE PRIME~}; die Laenge des Orts schien mir nach dem Chronometer +etwa 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~} im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser +Hoehe die Inclination der Magnetnadel 41 deg.,75, die Intensitaet der +magnetischen Kraft = 234 Schwingungen. + +Von der Venta, auch _'Venta grande'_ genannt zum Unterschied von drei oder +vier andern kleinen Wirthshaeusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle +zerstoert.], geht es noch ueber 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Diess ist +beinahe der hoechste Punkt der Strasse, ich ging aber mit dem Barometer noch +weiter, etwas ueber die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla. +Da ich keinen Pass hatte (in fuenf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der +Landung), so waere ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden. +Um die alten Soldaten zu besaenftigen, uebersetzte ich ihnen in spanische +Vares, wie viel Toisen der Posten ueber dem Meere liegt. Daran schien ihnen +sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen liessen, so verdanke ich es +einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge +seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel hoeher als +alle Berge in der Provinz Caracas. + +Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa +150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt +Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei +einander liegen, haetten Bonpland und ich gerne ein paar Tage +hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in +einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der +Meereskueste beobachtet; aber die Luft war waehrend unseres Aufenthaltes an +diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besass ich auch nicht den +dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung +erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen, +empfehlen moechte. + +Als ich zum erstenmal ueber diese Hochebene nach der Hauptstadt von +Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele +Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen liessen. Es waren Einwohner von +Caracas; sie stritten ueber den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz +zuvor stattgefunden. Joseph Espana hatte auf dem Schaffot geendet; sein +Weib schmachtete im Gefaengniss, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich +aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der +Gemuether, die Bitterkeit, mit der man ueber Fragen stritt, ueber die +Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein +auf. Waehrend man ein Langes und Breites ueber den Hass der Mulatten gegen +die freien Neger und die Weissen, ueber den Reichthum der Moenche und die +Muehe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte, +huellte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen +schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein +Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein +bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern +darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo ueberall +Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, ueber politische +Gegenstaende zu verhandeln. Diese in der Bergeinoede gesprochenen Worte +machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf +unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten. +In Europa, wo die Voelker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten, +steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der +neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwoelftausend Fuss Meereshoehe +bewohnt. Die Menschen tragen ihre buergerlichen Zwiste, wie ihre +kleinlichen, gehaessigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Ruecken der +Anden, wo die Entdeckung von Erzgaengen zur Gruendung von Staedten gefuehrt +hat, stehen Spielhaeuser, und in diesen weiten Einoeden, fast ueber der +Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste hoeheren Schwung +geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, dass der Hof ein Ordenszeichen +oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glueck der Familien gestoert. + +Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Suedost, nach +dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet, +waehrend die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, ueberall bewundert +man den grossartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine +halbe Stunde ueber ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses +Stueck des Wegs heisst der vielen Kruemmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter +oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa, +waehrend der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr +ausschliessliches Monopol war, an einem sehr kuehlen Ort hatte errichten +lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt +dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebaeumen und europaeischen +Obstbaeumen ueppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewoehnlich +Halt bei einer schoenen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf +fallenden Gneissschichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die +Temperatur derselben 16 deg.,4, was fuer eine Hoehe von 726 Toisen bedeutend +kuehl ist. Dieses klare Wasser muesste denen, die davon trinken, noch kaelter +vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemaessigten +Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entspraenge. Ich habe +aber die Bemerkung gemacht, dass an diesem, dem Nordabhang des Bergs die +Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest, +sondern nach Suedost fallen, was Schuld daran seyn mag, dass die +unterirdischen Gewaesser dort keine Quellen bilden koennen. Von der kleinen +Schlucht Sanchorquiz an geht es bestaendig abwaerts bis zum Kreuz von +Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen ueber dem Meere steht, und +von da an, bei den Zollhaeusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in +die Stadt Caracas. + + ------------------ + + + + + + 16 Die _'cortex Angosturae'_ unserer Pharmacopoeen, die Rinde der + _Bonplandia trifolia_ + + 17 Man bezahlt 120 Piaster fuer die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot + zur Verfuegung hat. + +_ 18 La broma; teredo navalis_, Linne + + 19 In Paris ist das Mittel des heissesten Monats 19--20 deg., demnach um + 3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kaeltesten + Monats in Guayra. + + + + + +ZWOeLFTES KAPITEL. + + + Allgemeine Bemerkungen ueber die Provinzen von Venezuela. -- Ihre + verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima. + + +Die Wichtigkeit einer Hauptstadt haengt nicht allein von ihrer Volkszahl, +von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermassen richtig zu +beurtheilen, muss man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist, +die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die +Verhaeltnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einfluss unterworfenen +Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstaende +modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen +den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so gross +und die Handelsinteressen sind so zaeh, dass sich voraussagen laesst, der +Einfluss der Hauptstaedte auf das Land umher, auf die unter den Namen +_'Reinos'_, _'Capitanias generales'_, _'Presidencias'_, _'Goviernos'_ +verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der +Trennung der Provinzen vom Mutterland ueberdauern. Man wird nur da Stuecke +losreissen und anders verbinden, wo man, mit Missachtung natuerlicher +Grenzen, willkuerlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander +verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem +gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru), +verbreitete sie sich von den Kuesten ins Binnenland, bald einem grossen +Flussthal, bald einer Gebirgskette mit gemaessigtem Klima nach. Sie setzte +sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie +sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder +Koenigreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen, +geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar beruehrten. Wuest +liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die +von der europaeischen Cultur eroberten Laender. Sie trennen diese +Eroberungen von einander, wie schwer zu uebersetzende Meeresarme, und meist +haengen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen. +Die Umrisse der Seekuesten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf +dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation, +undurchdringliche Waelder und bebautes Land an einander stossen und einander +begrenzen. Weil sie die Zustaende der erst in der Bildung begriffenen +Staaten der neuen Welt ausser Acht lassen, liefern so viele Geographen so +sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der +spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern +durchaus zusammenhingen. Die Localkenntniss, die ich mir aus eigener +Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang +der grossen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die +wuesten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr +oder minder bedeutenden politischen Einfluss, den sie als Regierungs- und +Handelsmittelpunkte aeussern, zu schaetzen. + +*Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so gross ist +als das heutige Peru und an Flaechengehalt dem Koenigreich Neu-Grenada wenig +nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania +general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heisst, hat gegen +eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfasst laengs den +Kuesten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita), +Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die +Provinzen Barinas und Guyana, erstere laengs den Fluessen St. Domingo und +Apure, letztere laengs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro. +Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht +man, dass sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen. + +Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der +Kuestengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des +Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Stroeme, die +hindurch laufen, zugaenglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Waeldern +ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, koennte man sagen, die +drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen +ein Bild der drei Zustaende und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in +den Waeldern am Orinoco das rohe Jaegerleben, auf den Savanen oder Llanos +das Hirtenleben, in den hohen Thaelern und am Fuss der Kuestengebirge das +Leben des Landbauers. Die Missionaere und eine Handvoll Soldaten besetzen +hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen +Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Staerkeren und der +Missbrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die +Eingeborenen liegen in bestaendigem blutigem Krieg mit einander und fressen +nicht selten einander auf. Die Moenche suchen sich die Zwistigkeiten unter +den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdoerfer zu +vergroessern. Das Militaer, das zum Schutz der Moenche daliegt, lebt im Zank +mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald +Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Staedter als Naturzustand +preisen, naeher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und +Weiden, ist die Nahrung einfoermig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind +schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander +liegenden Staedten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit +Haeuten und Leder gedeckten Haeuser, so meint man, sie haben sich auf den +ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs +niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die +Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und +Mensch enger knuepft, herrscht in der dritten Zone, im Kuestenstrich, +besonders in den warmen und gemaessigten Thaelern der Gebirge am Meer. + +Man koennte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und +portugiesischen Amerika, ueberall, wo man die allmaehlige Entwicklung der +Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen +Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und diess ist fuer +alle, welche die politischen Zustaende der verschiedenen Colonien genau +kennen lernen wollen, von grossem Belang, dass die drei Zonen, die Waelder, +die Savanen und das bebaute Land, nicht ueberall im selben Verhaeltniss zu +einander stehen, dass sie aber nirgends so regelmaessig vertheilt sind wie im +Koenigreich Venezuela. Bevoelkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen +keineswegs ueberall von der Kueste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und +Quito findet man die staerkste ackerbauende Bevoelkerung, die meisten +Staedte, die aeltesten buergerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in +den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Koenigreich Buenos Ayres liegt die +Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen +von Buenos Ayres und der grossen Masse ackerbauender Indianer, welche in +den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand +macht, dass sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner +des Binnenlandes und der Kuesten sehr verschiedenartig gestalten. + +Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen +erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhaengige Staaten von +Vicekoenigen oder Generalcapitaenen regiert wurden, so muss man mehrere +Punkte zumal ins Auge fassen. Man muss die Theile des spanischen Amerika, +die Asien gegenueber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean +bespuelt; man muss, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse +der Bevoelkerung befindet, ob in der Naehe der Kuesten, oder concentrirt im +Innern auf kalten und gemaessigten Hochebenen der Cordilleren; man muss die +numerischen Verhaeltnisse zwischen den Eingeborenen und den andern +Menschenstaemmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europaeischen +Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weissen +in jedem Theil der Provinzen angehoert. Die andalusischen Canarier in +Venezuela, die _'Montanneses'_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier +in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum +Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen +Beschaeftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Staemme haben in +der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten +zukommt, die rauhe oder sanfte Gemuethsart, die Maessigkeit oder die +ungezuegelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum +einsamen Leben. In Laendern, deren Bevoelkerung grossen Theils aus Indianern +von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europaeern +und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie +einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die +heisse Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das +Mutterland fast entfremdet, mussten sich ganz anders umwandeln, als die +Griechen, welche sich auf den Kuesten von Kleinasien oder Italien +niederliessen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder +Corinth. Dass der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische +Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstaedte auf den +Hochebenen oder in der Naehe der Kuesten, durch die Beschaeftigung mit dem +Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewoehnung an das Speculiren im +Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich veraendert hat, ist unleugbar; +aber ueberall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht +sich dennoch etwas geltend, was auf die urspruengliche Stammeseigenheit +zurueckweist. + +Betrachtet man die Zustaende der Capitanerie von Caracas nach den oben +angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, dass der Ackerbau, die +Hauptmasse der Bevoelkerung, die zahlreichen Staedte, kurz alles, was durch +hoehere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Naehe der Kueste findet. +Der Kuestenstrich ist ueber 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der +Antillen bespuelt, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle +europaeischen Nationen Niederlassungen gegruendet haben, das an zahlreichen +Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der +Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im oestlichen Theil des +tropischen Amerika sehr bedeutenden Einfluss geaeussert hat. Die Koenigreiche +Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst +dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Haefen von +Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Laender +kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Kuesten und der Zusammendraengung +der Bevoelkerung auf dem Ruecken der Cordilleren, mit Fremden wenig in +Beruehrung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen +der gefaehrlichen Nordstuerme wenig besucht. Die Kuesten von Venezuela +dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine +Menge Haefen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land +kommen, und so koennen sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der +Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den grossen +Inseln und selbst mit denen unter dem Wind staerker seyn als durch die +Haefen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo, +nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu +halten. Ist es da zu verwundern, dass bei diesem leichten Handelsverkehr +mit den freien Amerikanern und mit den Voelkern des politisch aufgeregten +Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten +Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach +Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen +Einrichtungen zur Aeusserung kommt, gleichmaessig zugenommen haben? + +Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr +ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevoelkerung, wo die Spanier bei der +Eroberung ordentliche Regierungen, eine buergerliche Gesellschaft, alte, +meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien +suedlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der +Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevoelkerung des bebauten +Landstrichs, wenigstens ausserhalb der Missionen, unbetraechtlich. Zur Zeit +grosser politischer Zerwuerfnisse floessen die Indianer den Weissen und +Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die +Gesammtbevoelkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen +schaetzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, waehrend sie in +Mexico fast die Haelfte ausmachen. + +Unter den Racen, aus denen die Bevoelkerung von Venezuela besteht, ist die +schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Ungluecks und mit +Furcht wegen einer moeglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der +Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendraengung auf einen kleinen +Flaechenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, dass in der ganzen +Capitanerie die Sklaven nur ein Fuenfzehntheil der ganzen Bevoelkerung +ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weissen +gegenueber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhaeltniss wie +1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000 +Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das +Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehoert, als ein +Binnenmeer mit mehreren Ausgaengen, so ist es wichtig, die politischen +Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung +des neuen Continents zwischen Laendern entstehen, die um dasselbe Becken +gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterlaender ihre Colonien +abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die +Elemente der Zerwuerfnisse sind ueberall die gleichen, und wie instinktmaessig +bildet sich ein Einverstaendniss zwischen Menschen derselben Farbe, auch +wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Kuesten +wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Kuesten von +Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die +Antillen gebildet wird, zaehlt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen +Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, dass es im +Sueden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in grossen Massen finden sie +sich nur auf den Nord- und Ostkuesten. Es ist diess gleichsam das +afrikanische Stueck dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an +auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgemaess auf die Kuesten von +Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestoerten Besitz dieser +schoenen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstaende leicht +unterdrueckt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der fuer die +Unabhaengigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende +Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenueberstehenden +Parteien furchtbar, und in verschiedenen Laendern des spanischen Amerika +wurde die allmaehlige oder ploetzliche Aufhebung der Sklaverei verkuendigt, +nicht sowohl aus Gefuehlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil +man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewoehnten +und fuer sein eigenes Wohl kaempfenden Menschenschlags versichern wollte. +Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwuerdige +Stelle gestossen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind, +welche die Zunahme der schwarzen Bevoelkerung einfloesst. Diese Besorgnisse +werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern, +welche durch mildere Sitten, durch die oeffentliche Meinung und durch +religioese Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht, +ihrerseits durch die Gesetzgebung unterstuetzen. "Die Neger," sagt Benzoni, +"haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, dass ich im Jahr 1545, als +ich auf Terra Firma (an der Kueste von Caracas) war, viele Spanier gesehen +habe, die gar nicht zweifelten, dass jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der +Schwarzen seyn werde." Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in +Erfuellung gehen und eine europaeische Colonie in Amerika sich in einen +afrikanischen Staat verwandeln sehen. + +Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so +ungleich vertheilt, dass auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen, +worunter ein Fuenftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und +Barcelona kaum 6000. Um den Einfluss zu wuerdigen, den die Neger und die +Farbigen auf die oeffentliche Ruhe im Allgemeinen aeussern, ist es nicht +genug, dass man ihre Kopfzahl kennt, man muss auch ihre Zusammendraengung an +gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in +Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf +einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Kueste +und einer Linie, die (12 Meilen von der Kueste) ueber Panaquire, Yare, +Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua laeuft. Auf den Llanos, den +weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zaehlt +man nur 4--5000, die auf den Hoefen zerstreut und mit der Hut des Viehs +beschaeftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr betraechtlich, denn +die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung +Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet, +die Freiheit nicht versagen, haette der Sklave auch wegen des besondern +Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Faelle, +dass jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit +schenkt, sind in der Provinz Venezuela haeufiger als irgendwo. Kurz bevor +wir die fruchtbaren Thaeler von Aragua und den See von Valencia besuchten, +hatte eine Dame im grossen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern +aufgegeben, ihre Sklaven, dreissig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergnuegen +spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland +und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schoenem Lichte +zeigen. + +Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der +weissen Creolen, die ich _'Hispano-Amerikaner'_(22) nenne, und der in +Europa gebuertigen Weissen zu kennen. Es haelt schwer, sich ueber einen so +kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist +auch in der neuen die Zaehlung dem Volk ein Graeuel, weil es meint, es sey +dabei auf Erhoehung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die +Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt, +statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Ruecksichten +einer argwoehnischen Staatsklugheit. Diese muehsam herzustellenden Ausnahmen +sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die +Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten +und von Zeit zu Zeit genaue Berichte ueber den zunehmenden Wohlstand der +Colonien verlangten, die Lokalbehoerden haben diese guten Absichten in den +seltensten Faellen unterstuetzt. Nur auf den ausdruecklichen Befehl des +spanischen Hofes wurden den Herausgebern des "_peruanischen Merkurs_" die +vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen ueberlassen, die dieses Blatt +mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Vicekoenig Grafen +Nevillagigedo tadeln hoeren, weil er ganz Neuspanien kundgethan, dass die +Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700 +nur 2300 Europaeer, dagegen ueber 50,000 Hispano-Amerikaner zaehlte. Die +Leute, die sich darueber beklagten, betrachteten auch die schoene +Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien +befoerdert, als eine der gefaehrlichsten Neuerungen des Grafen Florida +Blanca; sie riethen (gluecklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem +Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureissen. +Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszaehlungen wecke man in den +Colonisten das Bewusstseyn ihrer Staerke! Nur in Zeiten des Unfriedens und +des Buergerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative +Staerke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben +sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schaetzte. + +Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem +Koenigreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annaehernd die Zahl der +weissen Creolen, selbst die der Europaeer. Erstere, die Hispano-Amerikaner, +sind in Mexico ein Fuenftheil, auf Cuba, nach der genauen Zaehlung von 1811, +ein Drittheil der Gesammtbevoelkerung. Bedenkt man, dass in Mexico +drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den +Zustand der Kuesten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weisse im +Verhaeltniss zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca +wohnen, so laesst sich nicht zweifeln, dass, wenn nicht in der _Capitania +general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhaeltniss staerker ist als +1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weissen sogar zahlreicher sind als in +Chili, gibt uns fuer die _Capitania general_ von Caracas eine "Grenzzahl", +das heisst das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000 +Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevoelkerung von 900,000 Seelen +anzunehmen. Innerhalb der weissen Race scheint die Zahl der Europaeer (die +Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht ueber 12,000--15,000 zu +betragen. In Mexico sind ihrer gewiss nicht ueber 60,000, und nach mehreren +Zusammenstellungen finde ich, dass, saemmtliche spanische Colonien zu 14--15 +Millionen Einwohnern angenommen, hoechstens 3 Millionen Creolen und 200,000 +Europaeer darunter sind. + +Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmaessigen Erben des Reiches +der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen +mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befuerchtungen aller +Weissen auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fuehlten so gut wie die +in Europa geborenen Spanier, dass der Kampf ein Racenkampf zwischen dem +rothen und weissen Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der +selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der +europaeischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines +Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er aenderte sein Verfahren. +Aus einem Aufstand fuer die Unabhaengigkeit wurde ein grausamer Krieg +zwischen den Racen; die Weissen blieben Sieger, es kam ihnen zum +Bewusstseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an fassten sie +das Zahlenverhaeltniss zwischen der weissen und der indianischen Bevoelkerung +in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit +kam es nun dahin, dass die Weissen diese Aufmerksamkeit auf sich selbst +richteten und sich misstrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste +umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhaengigkeit und Freiheit +trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland +Heruebergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere +eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von Espana angezettelten +Aufstand fuer sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto +schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden +Missvergnuegens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch +strenge Massregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer +des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert +Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander +gegenueber. + +Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem +Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so +starken Widerstand leisten konnten, und man vergisst, dass in allen Colonien +die europaeische Partei nothwendig durch eine grosse Menge Einheimischer +verstaerkt wird. Familienruecksichten, die Liebe zur ungestoerten Ruhe, die +Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann, +halten diese ab, sich der Sache der Unabhaengigkeit anzuschliessen, oder fuer +die Einfuehrung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhaengigen +Repraesentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen +Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment +allgemach weniger drueckend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend +mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der +Einfuehrung einer religioesen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der +herrschende Cultus sich unmoeglich in seiner Reinheit erhalten koenne. +Andere gehoeren den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch +ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine +wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar +nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft waere +ihnen lieber, als eine Regierung in den Haenden von Amerikanern, die im +Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte +gegruendete Verfassung; vor Allem fuerchten sie den Verlust der +Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Muehe erworben, und +die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres haeuslichen +Gluecks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem +Lande vom Ertrag ihrer Grundstuecke und geniessen der Freiheit, deren sich +ein duenn bevoelkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu +erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprueche auf Amt und Wuerden, und so +fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum +dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin waere +ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das +alte Colonialwesen, aber diese Wuensche sind gegenueber der Liebe zur Ruhe +und der Gewoehnung an ein traeges Leben keineswegs so lebhaft, dass sie sich +desshalb zu schweren, langwierigen Opfern entschliessen sollten. + +Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Staenden entworfenen Skizze +der verschiedenen Faerbung der politischen Ansichten in den Colonien habe +ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes +ueber Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war diess die +Folge der Gewohnheit, des grossen Einflusses einer gewissen Zahl maechtiger +Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen +Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegruendete Sicherheit muss +erschuettert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privathass +eine Weile ruhen laesst und im Gefuehl eines gemeinsamen Interesses sich +verbuendet, sobald dieses Gefuehl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt +und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten +der Einfluss der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert. + +Wir haben oben gesehen, dass die indianische Bevoelkerung in den vereinigten +Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind +alle Staedte derselben von den spanischen Eroberern gegruendet. Diese +konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fussstapfen der alten +Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist +nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstaedten des tropischen +Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemaessigten Klimas geniessen +[Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten +gelegene. Da die Hauptmasse der Bevoelkerung von Venezuela den Kuesten nahe +gerueckt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben +parallel laeuft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico, +Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_ +vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte +abfliessen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder +starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den grossen Antillen, +die Richtung der Gebirge und den Lauf der grossen Fluesse betrachten, um +einzusehen, dass Caracas auf die Laender, deren Hauptstadt es ist, niemals +einen bedeutenden politischen Einfluss haben kann. Der Apure, der Meta, der +Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewaesser aus den Llanos +oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana muss nothwendig +einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl +aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea +eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man +dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten +vorzieht. Es ist ein grosser Vorzug der Provinzen von Venezuela, dass nicht +ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfliesst, wie der von +Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern dass sie eine +Menge ziemlich gleich bevoelkerter Staedte haben, die eben so viele +Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden. + +Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der +acht Erzbisthuemer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die +Bevoelkerung war, nach meinen Erkundigungen ueber die Zahl der Geburten, im +Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu +45,000 an, worunter 12,000 Weisse und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778 +hatte man bereits 30--32,000 geschaetzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen +blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766 +hatte die Bevoelkerung von Caracas und des schoenen Thals, in dem es liegt, +durch eine boesartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt +starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwuerdigen Zeitpunkt ist die +Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen +sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu +meiner Zeit seit fuenfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, waehrend man +in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit bestaendig bange hatte, weil +sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage +sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphaerischen +Zustaende und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende +Periodicitaet gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen +weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einfuehrung der +segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit +meiner Rueckkehr nach Europa hat die Bevoelkerung von Caracas bestaendig +zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das grosse Erdbeben am 26. Maerz +1812 gegen 12,000 Menschen unter den Truemmern ihrer Haeuser begrub. Durch +die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die +Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden +bald wieder eingebracht seyn, wenn das aeusserst fruchtbare und +handelsthaetige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre +Ruhe geniesst und verstaendig regiert wird. + +Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach +Ost gegen Caurimare und Cuesta d'Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe +Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fliesst. Sie liegt 414 +Toisen ueber dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und +faellt stark von Nord-Nord-West nach Sued-Sued-Ost ab. Um eine richtige +Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, muss man die Richtung der +Kuestengebirge und der grossen Laengenthaeler zwischen denselben ins Auge +fassen. Der Guayrefluss entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen +dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhaelt bei las Ayuntas +nach der Vereinigung der Fluesschen San Pedro und Macarao seinen Namen und +laeuft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d'Auyamas und dann nach Sued, um sich +oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige +Fluss von Bedeutung im noerdlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er laeuft +30 Meilen lang, von denen ueber drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus +von West nach Ost. Auf diesem Stromstueck betraegt nach meinen +barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis +zur Muendung 295 Toisen. Dieser Fluss bildet in der Kuestenkette eine Art +Laengenthal, waehrend die Gewaesser der Llanos, das heisst von fuenf +Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Sueden nach, +sich in den Orinoco ergiessen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklaert +sich die natuerliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte +auf verschiedenen Wegen auszufuehren. + +Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch +laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen +Bergzug getrennt, ueber den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen +Savanen von Ocumare ueber le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen +liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer +liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Sued fast bestaendig +bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen +Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den noerdlichsten und hoechsten +Zug der Kuestenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa +und Villa de Cura den suedlichsten Zug. Wir haben schon oefter bemerkt, dass +die Schichten dieses gewaltigen Kuestengebirges fast durchgaengig von Suedost +nach Suedwest streichen und gewoehnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich +daraus, dass die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der +ganzen Kette unabhaengig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt +man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der +Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann +Gneiss, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und +Conglomerate mit Seemuscheln. + +Es ist zu bedauern, dass Caracas nicht weiter ostwaerts liegt, unterhalb der +Einmuendung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal +breit, und wie durch stehendes Gewaesser geebnet, ausdehnt. Als Diego de +Losada die Stadt gruendete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren +der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los +Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch +nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Kueste. +Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals +zwischen zwei schoenen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich haette +anbauen koennen, wenn man die alten indianischen Bauten haette wollen liegen +lassen. + +Vom Zollhaus la Pastora ueber den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach +Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwaerts. Nach meinen +barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen ueber dem Platze +Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe, +letzterer 8 Toisen ueber dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem grossen +Platz, und dieser 32 Toisen ueber dem Guayrefluss bei la Noria. Trotz des +abschuessigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber +selten. Drei Baeche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und +Caraguata, laufen von Nord nach Sued durch die Stadt; sie haben sehr hohe +Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin +auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die +beruehmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio +Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine +Meile weit suedwaerts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus +dem Gamboa gelten fuer sehr gesund, weil sie ueber Sassaparillwurzeln(25) +laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden +koennen; das Wasser von Valle enthaelt keinen Kalk, aber etwas mehr +Kohlensaeure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Bruecke ueber den +letzteren Fluss ist schoen gebaut und belebt von den Spaziergaengern, welche +gegen Candelaria zu die Strasse von Chacao und Petara aufsuchen. Man zaehlt +in Caracas acht Kirchen, fuenf Kloester und ein Theater, das 15 bis 1800 +Zuschauer fasst. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Maenner und Frauen +gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler +und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele +Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus +bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Strassen von +Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten +Winkeln, wie in allen Staedten, welche die Spanier in Amerika gegruendet. +Die Haeuser sind geraeumig und hoeher, als sie in einem Lande, das Erdbeben +ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Plaetze Alta +Gracia und San Francisco sehr huebsch: ich sage im Jahr 1800, denn die +furchtbaren Erderschuetterungen am 26. Maerz 1812 haben fast die ganze Stadt +zerstoert. Sie ersteht langsam aus ihren Truemmern; der Stadttheil la +Trinidad, in dem ich wohnte, ward ueber den Haufen geworfen, als ob eine +Mine darunter gesprungen waere. + +Durch das enge Thal und die Naehe der hohen Berge Avila und Silla erhaelt +die Gegend von Caracas einen ernsten, duestern Anstrich, besonders in der +kuehlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind +dann ausnehmend schoen; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome +oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de +Avila vor sich. Aber gegen Abend truebt sich die Luft; die Berge umziehen +sich, Wolkenstreifen haengen an ihren immergruenen Seiten und theilen sie +gleichsam in uebereinanderliegende Zonen. Allmaehlich verschmelzen diese +Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen +Thal und verdichtet die leichten Duenste zu grossen flockigten Wolken. Diese +Wolken senken sich oft bis ueber das Kreuz von Guayra herab und man sieht +sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad +fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem +gemaessigten Thale der heissen Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den +mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn. + +Aber dieser duestere, schwermuethige Charakter der Landschaft, dieser +Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist +mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Naechte hell und +ausnehmend schoen; die Luft behaelt fast bestaendig die den Hochebenen und +hochgelegenen Thaelern eigenthuemliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so +lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener +Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die +Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schoener Beleuchtung +gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla +erscheinen in Caracas fast unter demselben Hoehenwinkel(26) wie der Pic von +Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Haelfte des Bergs ist mit kurzem +Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergruenen Straeucher, die zur +Bluethezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth +schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform +empor. Sie sind voellig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im +gemaessigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, hoeher, als er wirklich +ist. Mit diesem grossartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im +Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene +von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast. + +Man hoert das Klima von Caracas oft einen ewigen Fruehling nennen, und +dasselbe findet sich ueberall im tropischen Amerika auf der halben Hoehe der +Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen ueber dem Meer, wenn nicht sehr +breite Thaeler und Hochebenen und duerrer Boden die Intensitaet der +strahlenden Waerme uebermaessig steigern. Was laesst sich auch Koestlicheres +denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht +zwischen 16 und 18 Grad haelt, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum, +der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben +einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch +Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Baechen +die vier Fluesse desselben. + +Leider ist in diesem so gemaessigten Klima die Witterung sehr unbestaendig. +Die Einwohner von Caracas klagen darueber, dass sie an Einem Tage +verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergaenge von einer Jahreszeit +zur andern sehr schroff sind. Haeufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht +mit einer mittleren Temperatur von 16 deg. ein Tag, an dem der Thermometer im +Schatten acht Stunden lang ueber 22 deg. steht. Am selben Tage kommen aber +Waermegrade von 24 und von 18 deg. vor. Dergleichen Schwankungen sind in den +gemaessigten Landstrichen Europas ganz gewoehnlich, in der heissen Zone aber +sind selbst die Europaeer so sehr an die Gleichfoermigkeit der aeusseren Reize +gewoehnt, dass ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In +Cumana und ueberall in der Niederung aendert sich die Temperatur von 11 Uhr +Morgens bis 11 Uhr Abends gewoehnlich nur um 2--3 Grad. Zudem aeussern diese +atmosphaerischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus +staerkeren Einfluss, als man nach dem blossen Thermometerstande glauben +sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten +von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, waehrend der +andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heisst der "Wind von +Catia," weil er von Catia, westwaerts von Cabo Blanco, durch die Schlucht +Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen +Strasse und eines neuen Hafens, statt der Strasse und des Hafens von Guayra, +erwaehnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind, +meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark blaest, +sich in der Quebrada de Tipe faengt. Von den hohen Bergen Aguas Negras +zurueckgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des +Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser +schlaegt sich auf ihm nieder, im Maasse als er sich abkuehlt; der Gipfel der +Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal +dringt. Die Einwohner von Caracas fuerchten sich sehr vor ihm; Personen mit +reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche +gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause +gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte waehrend +meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, dass der Wind von Catia +reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich +meinte auch, seine reizende Wirkung moechte eben von dieser Reinheit +herruehren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverlaessig. +Der Wind von Petare kommt von Ost und Suedost, vom oestlichen Ende des +Guayrethals herein und fuehrt die trockenere Luft des Gebirgs und des +Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und laesst den Gipfel der Silla +in seiner ganzen Pracht hervortreten. + +Bekanntlich sind die Veraenderungen, welche die Mischung der Luft an einem +gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu +ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die +Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu +unterscheiden, von denen die eine waehrend des Sirocco oder des Catia mit +Luft gefuellt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist +mir jetzt wahrscheinlich, dass der auffallende Effekt des Catia und aller +Luftstroemungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem +Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen +Mischungsveraenderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von +der ungesunden Seekueste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr +begreiflich, dass Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewoehnt sind, +es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die +Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas +heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die +Beruehrung mit kaelteren Schichten sich abkuehlt und einen bedeutenden Theil +ihres Wassers niederschlaegt. Diese Unbestaendigkeit der Witterung, diese +etwas schroffen Uebergaenge von trockener, heller zu feuchter, nebligter +Luft, sind Uebelstaende, die Caracas mit der ganzen gemaessigten Region unter +den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshoehe von 4--800 +Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren +liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Bestaendig +heiterer Himmel einen grossen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den +Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Hoehen, auf +den weiten Hochebenen, wo die gleichfoermige Strahlung des Bodens die +Aufloesung der Dunstblaeschen zu befoerdern scheint. Die dazwischen liegende +Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich ueber der +Erdoberflaeche lagern. Unbestaendigkeit und viele Nebel bei sehr milder +Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region. + +Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewoehnlich weniger blau als +in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgeloest, und wie +in unserem Klima wird durch die staerkere Zerstreuung des Lichts die Farbe +der Luft geschwaecht, indem sich Weiss dem Blau beimischt. Die Intensitaet +des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis +Januar im Durchschnitt 18, nie ueber 20 Grad, an den Kuesten dagegen 22--25 +Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, dass der Wind von +Petare das Himmelsgewoelbe zuweilen auffallend blass faerbt. Am 23. Januar +war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der +heissen Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war +dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald +der starke Wind von Petare nachliess, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad. +Zur See habe ich haeufig, wenn auch in geringerem Grade, einen aehnlichen +Einfluss des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel +beobachtet. + +Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so +genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen +darthun zu koennen, dass sie nicht viel ueber oder unter 21--22 deg. betraegt. +Nach eigenen Beobachtungen fand ich fuer die drei sehr kuehlen Monate +November, December und Januar als Durchschnitt des taeglichen Maximum und +Minimum der Temperatur 20 deg.,2, 20 deg.,1, 20 deg.,2. Nach dem aber, was wir jetzt +ueber die Vertheilung der Waerme in den verschiedenen Jahreszeiten und in +verschiedenen Meereshoehen wissen, laesst sich annaehernd aus der mittleren +Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres +berechnen, ungefaehr wie man auf die Hoehe eines Gestirns im Meridian aus +Hoehen, die ausserhalb des Meridians gemessen werden, einen Schluss zieht. +Das Ergebniss, das ich fuer richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege +gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von +der mittleren Jahrestemperatur nur um 0 deg.,2 ab; in Mexico, also der +gemaessigten Zone schon sehr nahe, betraegt der Unterschied im Maximum 3 deg.. In +Guayra bei Caracas weicht der kaelteste Monat vom jaehrlichen Mittel um 4 deg.,9 +ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia) +durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so +erhaelt dasselbe dagegen einen groesseren Theil des Jahrs hindurch die Ost- +und Suedostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach +unmittelbaren Beobachtungen, dass in Guayra und Caracas die Temperatur der +kaeltesten Monate 23 deg.,2 und 20 deg.,1 betraegt. Diese Unterschiede sind der +Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von +der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome) +und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigefuehrt wird. + +Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils +in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Naehe der Hauptstadt, +angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten +Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22 deg., bei Nacht zwischen 16 +und 17 deg..(27) In der heissen Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei +Tag auf 25--26 deg., bei Nacht auf 22--23 deg..(28) Diess ist der gewoehnliche +Zustand der Atmosphaere, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir +berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere +Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21 deg.,5. Eine solche kommt aber +im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem +36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl ueberfluessig zu bemerken, dass dieser +Vergleich sich nur auf die Summe von Waerme bezieht, die sich an jedem +Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf's *Klima*, das +heisst auf die Vertheilung der Waerme unter die verschiedenen Jahreszeiten. + +Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden +lang auf 29 deg. [23, deg.2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach +Sonnenaufgang schon auf 11 deg. [8 deg.,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in +Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25 deg. und 12 deg.,5. Die +Kaelte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter +ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhoehen messen. Der +Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur voelligen Dunkelheit erfolgt +so rasch, dass nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt +eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine +naechste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der +gemaessigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichfoermiger als +in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied +zwischen den mittleren Temperaturen der waermsten und der kaeltesten Monate +17 deg.,3, waehrend derselbe unter der naemlichen Breite beinahe am +Meeresspiegel 20--21 deg. betraegt. Die Kaelte nimmt auf unsern Bergen nicht so +rasch zu, wie die Waerme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren naeher kommen, +werden wir sehen, dass in der heissen Zone das Klima in den Niederungen +gleichfoermiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man +darf keine Orte anfuehren, wo die Nordwinde einige Monate lang das +Gleichgewicht der Atmosphaere stoeren) steht der Thermometer das ganze Jahr +zwischen 21 und 35 deg.; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3 +und 22 deg. vor, wenn man, nicht die kaeltesten und heissesten Tage, sondern +Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der +Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4 deg.; in Quito fand ich +diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus +4--5 Beobachtungen) gleich 7 deg.. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch +und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und +December noch um 5--5 deg.,5 waermer als die Naechte. Diese Erscheinungen von +naechtlicher Abkuehlung moegen auf den ersten Anblick ueberraschen; sie +modificiren sich durch die Erwaermung der Hochebenen und Gebirge den Tag +ueber, durch das Spiel der niedergehenden Luftstroeme, besonders aber durch +die naechtliche Waermestrahlung in der reinen, trockenen Luft der +Cordilleren. + +In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel. +Die Gewitter kommen immer aus Ost und Suedost, von Petare und Valle her. In +den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in +Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat +sogar in noch tieferen Thaelern hageln sehen, und diese Erscheinung macht +dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei +uns nicht so selten als im heissen Erdstrich, trotz der haeufigen Gewitter, +Hagel unter 300 Toisen Meereshoehe. + +Im kuehlen, koestlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die +tropischen Gewaechse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch hoeheren +Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der +trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht +viele, aber ausgezeichnet gute Fruechte gibt. In der Bluethezeit des +Strauchs gewaehrt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der +Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der grosse _Platano +harton_ sondern die Varietaeten Camburi und Dominico,(29) die weniger Waerme +noethig haben. Die grossen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den +Haciendas von Turiamo an der Kueste zwischen Burburata und Porto-Cabello. +Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den +Hoehen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum +erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm ueberrascht, +neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Kuechenkraeuter, Erdbeeren, +Weinreben und fast alle Obstbaeume der gemaessigten Zone zu finden. Die +gesuchtesten Pfirsiche und Aepfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang +des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fuenf Fuss hoch wird, +ist dort so gemein, dass er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln +und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint, +ehe man Wasser trinkt, muesse man durch Suessigkeiten den Durst reizen. Je +staerker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den +Pflanzungen, die nicht aelter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger +stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemuesebau die zerstreuten Apfel- und +Quittenbaeume aus den Savanen verdraengt. Der Reisfelder, die man bewaessert, +waren frueher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser +Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Laendern der heissen Zone, +die Bemerkung gemacht, dass da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der +Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die +ausgezeichnet guten Aepfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei +Caracas auf ungeimpften Staemmen. Kirschbaeume gibt es nicht; die +Olivenbaeume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind +gross und schoen; aber eben wegen des ueppigen Wachsthums tragen sie keine +Fruechte. + +Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen +Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein guenstig ist, so +laesst sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von +Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das aeusserst unbestaendige +Wetter und die haeufige Unterdrueckung der Hautausduenstung erzeugen +catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten. +Hat sich der Europaeer einmal an die starke Hitze gewoehnt, so bleibt er in +Cumana, in den Thaelern von Aragua, ueberall, wo die Niederung unter den +Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den +Gebirgslaendern, wo der gepriesene bestaendige Fruehling herrschen soll. + +Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein +verbreiteten Meinung, dass diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig +von der Kueste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Kueste +von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung stuetzt sich auf die Erfahrung der +letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra +herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun, +wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus +ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht ueberzeugt, dass +der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf +der Kueste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische +Verhaeltnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten koennte. Denn +die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, dass der +Thermometer sich in den heissesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad +[17--20 deg. R] haelt. Wenn sich nicht wohl bezweifeln laesst, dass dieser Typhus +in der gemaessigten Zone durch Beruehrung ansteckend ist, wie sollte man da +sicher seyn, dass er bei grosser Boesartigkeit nicht auch in der heissen Zone +in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Kueste die +Sommertemperatur die Disposition des Koerpers noch steigert? Die Lage von +Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr +Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fuenfmal weiter von der See +entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen hoeher liegt und ihre +mittlere Temperatur 3 Grad weniger betraegt. Im Jahre 1696 weihte ein +Bischof von Venezuela, Diego de Banos, eine Kirche (_ermita_) der heiligen +Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen, +_vomito negro_, erloest, nachdem es sechzehn Monate gewuethet. Ein Hochamt, +das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist +zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen +Colonien auch die Tage, an denen grosse Erdbeben stattgefunden, durch +Prozessionen im Gedaechtniss erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich +durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen +herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich +festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie +des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und +also die sehr kuehle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13 +Grade faellt, ueberdauert haette? Sollte der Typhus im hohen Thale von +Caracas aelter seyn als in den besuchteren Haefen von Terra Firma? In diesen +war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich, +dass die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der aechte amerikanische +Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern +haeufig vor und sind an und fuer sich so wenig als das Blutspeien fuer die +schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwaertig in der Havana +und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue +Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, dass der amerikanische Typhus in +Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist +es leider nur zu gewiss, dass diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr +1802 eine Menge junger europaeischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke +ist beunruhigend, dass mitten in der heissen Zone ein 450 Toisen hoch, aber +sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer +Seuche schuetzt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Kueste zu +Hause ist. + + ------------------ + + + + + + 20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf + den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist diess das + Ergebniss von Oltmanns Berechnung, wobei die Veraenderungen zu Grunde + gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine + astronomischen Bestimmungen erlitten haben. + + 21 So heissen in Spanien die Bewohner der Gebirge von Santander. + + 22 Nach dem Vorgang von *Anglo-Amerikaner*, welcher Ausdruck in alle + europaeischen Sprachen uebergegangen ist. In den spanischen Colonien + heissen die in Amerika geborenen Weissen *Spanier*, die wirklichen + Spanier aus dem Mutterland *Europaeer*, *Gachupins* oder *Chapetons* + + 23 1567, spaeter als Cumana, Coro, Nueva Barcelona und Caravalleda. + + 24 S. Bd. I. Seite 238. + + 25 In ganz Amerika glaubt man, das Wasser nehme die Eigenschaften der + Gewaechse an, in deren Schatten es fliesst. So ruehmt man an der + Magellanscheu Meerenge das Wasser, das mit den Wurzeln der + _Winterana Canella_ in Beruehrung kommt. + + 26 Ich fand auf dem Platze Trinidad die scheinbare Hoehe der Silla + 11 deg. 12{~PRIME~} 49{~DOUBLE PRIME~}. Ihr Abstand betraegt etwa 4500 Toisen. + + 27 Nach Reaumur bei Tag 16 deg.,8--18 deg., bei Nacht 12 deg.,8-13 deg.,6. + + 28 Nach Reaumur bei Tag 20 deg.--20 deg.,8, bei Nacht 17 deg.,6--18 deg.,4. + + 29 S. Bd. I, S. 80 + + + + + +DREIZEHNTES KAPITEL. + + + Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des + Gipfels der Silla. + + +Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem +grossen, fast ganz frei stehenden Hause im hoechsten Theil der Stadt. Auf +einer Galerie uebersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den +gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen ueppiger +Anbau von den finstern Bergwaenden umher absticht. Es war in der trockenen +Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zuendet man die Savanen und den +Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese grossen Braende bringen, +von weitem gesehen, die ueberraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo +die Savanen laengs der aus- und einspringenden Felsgehaenge die von den +Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfuellen, nehmen sich die brennenden +Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavastroeme aus, die ueber dem Thale +haengen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht faerbt sich roethlich, wenn der +Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzuege ins Thal niedertreibt. +Andere male, und dann ist der Anblick am grossartigsten, sind die +Lichtstreifen in dickes Gewoelk gehuellt und kommen nur da und dort durch +Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre +Raender glaenzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie +unter den Tropen haeufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form +der Berge, durch die Stellung der Abhaenge und die Hoehe der mit +Alpenkraeutern bewachsenen Savanen. Den Tag ueber jagt der Wind von Petare +von Osten her den Rauch ueber die Stadt und macht die Luft weniger +durchsichtig. + +Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so +waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern +aller Staende zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen +Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitaen der +Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward +mir das Glueck zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter +einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu +besuchen, und in diesen sechs Hauptstaedten des spanischen Amerika brachten +mich meine Verhaeltnisse mit Leuten aller Staende in Verbindung; dennoch +erlaube ich mir nicht, mich ueber die verschiedenen Stufen der Cultur +auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen. +Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise +Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu +classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen laesst. In +Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten +wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr +Sinn fuer schoene Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige +Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas groessere Bildung +hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhaeltnisse, umfassendere +Ansichten ueber die Zustaende der Colonien und der Mutterlaender. Der starke +Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein +Mittelmeer mit mehreren Ausgaengen beschrieben, haben auf die +gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schoenen Provinzen von +Venezuela gewaltigen Einfluss geaeussert. Nirgends sonst im spanischen +Amerika hat die Civilisation eine so europaeische Faerbung angenommen. Die +Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada +gibt diesen grossen Laendern einen eigenthuemlichen, man koennte sagen +exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevoelkerung glaubt +man sich in der Havana und in Caracas naeher bei Cadix und den Vereinigten +Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt. + +Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevoelkerung nicht so beweglich +ist als auf den Inseln, haben sich die volksthuemlichen Gebraeuche mehr +erhalten als in der Havana. Sehr geraeuschvolle und sehr mannigfaltige +Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien +empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein +mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie ueberall, wo eine +grosse Umwaelzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man +koennte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr +sehr zahlreiche, haelt fest an den alten Braeuchen und hat die alte +Sitteneinfalt und Maessigung in Wuenschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur +in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer +Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklaerung +des Jahrhunderts und hegt sorgfaeltig, wie einen Theil ihres Erbguts, die +ueberlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in +der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe fuer neue +Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich gruendlich zu +bilden, wird sie von einem kraeftigen, hellblickenden Geiste gezuegelt und +gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft erspriesslich. Ich +habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten +und grossartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Maenner kennen gelernt, die +dieser zweiten Generation angehoerten; aber auch andere, die auf alles +Schoene und Achtungswuerdige im spanischen Charakter, in der Literatur und +Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalitaet +einbuessten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe ueber die +wahren Grundlagen des oeffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen +Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der +Corporationsgeist und der Municipalhass aus dem Mutterland in die Colonien +uebergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstaedten von +Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprueche der vornehmsten Familien in +Caracas, der sogenannten _'Mantuanos'_, mit Uebertreibung zu schildern. +Wie sich diese Ansprueche frueher geaeussert, weiss ich nicht; es schien mir +aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich +vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgaengig den +gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weissen alles Verletzende +benommen haetten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine +besteht aus Creolen, deren Vorfahren in juengster Zeit bedeutende Aemter in +Amerika bekleidet haben; er gruendet seine Vorrechte zum Theil auf das +Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch ueber dem Meere +festhalten zu koennen, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien +niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine +Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heisst der Spanier, die +bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der +Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehoerten den vornehmsten +Familien der pyrenaeischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen +haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender +Zug des fruehen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe +oben daran erinnert,(30) dass in der Geschichte dieser Zeit der religioesen +und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der grossen Anfuehrer mehrere +redliche, schlichte, grossmuethige Maenner auftraten. Sie eiferten wider die +Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie +verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht +entgehen. Der Name "Conquistadores" ist desto verhasster geblieben, als die +wenigsten, nachdem sie. friedliche Voelker misshandelt und im Schoosse des +Ueberflusses geschwelgt, dafuer am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren +Umschlag des Gluecks gebuesst haben, der den Hass der Menschen saenftigt und +nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert. + +Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen +zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung noethigt die privilegirten +Staende ihre Ansprueche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu +lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein +anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter +den Weissen hat sich das Gefuehl der Gleichheit aller Gemuether bemaechtigt. +Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene +angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewusstseyn, dass man +nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die +Hautfarbe das wahre aeussere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in +Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfuss geht, +sagen hoeren: "Will der reiche weisse Mann weisser seyn als ich?" Da Europa +so grosse Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, dass +der Satz: jeder Weisse ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den +altadeligen europaeischen Familien mit ihren Anspruechen sehr unbequem ist. +Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner +Biederkeit, seines Fleisses und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten +Volksstamm laengst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es +in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der +Halbinsel, so haben die Weissen von diesem Volksstamm nicht wenig dazu +beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut +nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu +bringen. + +Zudem sind die Laender, wo man, auch ohne Repraesentativregierung und ohne +Pairschaft, auf Stammbaeume und Geburtsvorzuege so sehr viel haelt, +keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten +auftritt. Vergebens sucht man bei den Voelkern spanischen Ursprungs das +kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung +im uebrigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien +wie im Mutterlande knuepfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und grosse +Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Staenden. Ja, man +kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich +mit einer gewissen Offenheit und Naivitaet aussprechen. + +Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn fuer Bildung; man kennt die +Hauptwerke der franzoesischen und italienischen Literatur, man liebt die +Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknuepft, wie die Pflege aller +schoenen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Fuer +Naturwissenschaften und zeichnende Kuenste bestehen hier keine grossen +Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und +dem patriotischen Eifer der spanischen Bevoelkerung verdanken. In einer so +wundervollen, ueberschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser +Kueste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster +fand ich einen ehrwuerdigen Alten, der fuer alle Provinzen von Venezuela den +Kalender berechnete und vom gegenwaertigen Stand der Astronomie einige +richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm hoechst merkwuerdig, +und eines Morgens kamen uns saemmtliche Franciscaner ins Haus und +verlangten zu unserer grossen Ueberraschung einen Inclinationscompass zu +sehen. In Laendern, die vom vulkanischen Feuer unterhoehlt sind, und in +einem Himmelsstrich, wo die Natur so grossartig und dabei so geheimnissvoll +unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische +Erscheinungen, und damit die Neubegier. + +Wenn man daran denkt, dass in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in +kleinen Staedten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man +sich, wenn man hoert, dass Caracas mit einer Bevoelkerung von 40--50,000 +Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch +nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von +ein paar Seiten oder ein bischoefliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der +Personen, denen Lesen ein Beduerfniss ist, sind nicht sehr viele, selbst in +denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten +ist; es waere aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk +einer argwoehnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch +Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehoert, hat sich +durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient +gemacht. Es ist in unserer Zeit gewiss eine auffallende Erscheinung, dass +das kraeftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen +Umwaelzung eingefuehrt wird, sondern erst nachher. + +In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der +Aufstandsversuche die grosse Mehrzahl der Einwohner nur an materielle +Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Duerre, an +den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele +Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt +waeren; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben, +der je auf dem Gipfel der Silla gewesen waere. Die Jaeger kommen in den +Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Laendern geht kein Mensch +hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und +ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einfoermiges Leben +zwischen seinen vier Waenden gewoehnt, man scheut die Anstrengung und die +raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens +zu geniessen, sondern eben nur, um fortzuleben. + +Wir kamen auf unsern Spaziergaengen haeufig auf zwei Kaffeepflanzungen, +deren Eigenthuemer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen +der Silla von Caracas gegenueber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die +schroffen Abhaenge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum +voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kaempfen haben wuerden, +um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Hoehenwinkeln, die ich auf unserem +Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch ueber +dem Meere zu liegen, als der grosse Platz in der Stadt Quito. Diese +Schaetzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des +Thals. Die Berge, welche ueber grossen Staedten liegen, erhalten eben dadurch +in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau +gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Hoehe zu, die man +nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu +verstossen. + +Der Generalcapitaen Guevara verschaffte uns Fuehrer durch den *Teniente* von +Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der ueber den Bergkamm an der +westlichen Spitze der Silla vorbei zur Kueste fuehrt, etwas bekannt war. +Dieser Weg wird von den Schleichhaendlern begangen; aber weder unsere +Fuehrer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die +Schleichhaendler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der oestlichen +Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Waehrend des ganzen +Decembers war der Berg, dessen Hoehenwinkel mich das Spiel der irdischen +Refraction beobachten liessen, nur fuenfmal unumwoelkt gewesen. Da in dieser +Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns +gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo +die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, ueber der ersten +gleichfoermig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu +gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de +Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht +der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schoene Faelle bildet. Die +Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines +beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen haetten, harrten wir, +Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der +Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus +bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de +temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein boeser Stern waltete ueber +den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen fuer December und Januar: man +hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt. + +Dieses Missgeschick machte mir grossen Verdruss, und nachdem ich vor +Sonnenaufgang die Intensitaet der magnetischen Kraft am Fusse des Berges +beobachtet, brachen wir um fuenf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere +Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf +schmalem Fusspfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad laeuft ueber +einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel +eines Huegels zu erreichen, der gegen Suedwest hin eine Art Vorgebirge der +Silla bildet. Derselbe haengt mit der Masse des Berges selbst durch einen +schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend "die Pforte", +_Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der +Morgen war schoen und kuehl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben +zu beguenstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14 deg. (11 deg.,2 R.). Nach +dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen ueber dem Meer, das heisst gegen +80 Toisen hoeher als die Venta, wo man die praechtige Aussicht auf die Kueste +hat. Unsere Fuehrer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs +Stunden brauchen. + +Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser +fuehrte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des grossen Berges. Man +blickt zu beiden Seiten in zwei Thaeler nieder, die vielmehr dicht +bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen +beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herablaeuft; links hat man unter sich +die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewaesser am Hofe Gallego +vorbeifliessen. Man hoert die Wasserfaelle rauschen, ohne den Bach zu sehen, +der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen +Feigenbaeume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fliesst. Nichts +malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewaechse grosse, glaenzende, +lederartige Blaetter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast +senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen. + +Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man musste sich stark +vorueber beugen, um vorwaerts zu kommen. Der Winkel betraegt haeufig 30--32 +Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr +glatt geworden. Gerne haetten wir Fusseisen oder mit Eisen beschlagene +Stoecke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneissfelsen und man kann sich +weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden. +Dieses mehr muehsame als gefaehrliche Ansteigen wurde den Leuten aus der +Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewoehnt waren, +bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir +entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den +Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing +an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der ueber +uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in duennen, +geraden Streifen auf. Es war, als waere an mehreren Punkten des Waldes +zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese +Dunststreifen zusammen, loesten sich vom Boden ab und streiften, vom +Morgenwind gejagt, als leichtes Gewoelk um den runden Gipfel des Gebirgs. + +Diess war fuer Bonpland und mich ein untruegliches Zeichen, dass wir bald in +dichten Nebel gehuellt seyn wuerden. Da wir besorgten, unsere Fuehrer moechten +sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, liessen +wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns +hergehen. Fortwaehrend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu, +aufwaerts. Das vertrauliche Geschwaetz der schwarzen Creolen stach +merkwuerdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen +von Charipe unsere bestaendigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich +ueber die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange +geruestet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger +Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam, +dass die europaeischen Spanier aller Staende an Koerperkraft und Muth den +Hispano-Amerikanern denn doch weit ueberlegen sehen. Er hatte sich mit +weissen Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und +ausgeworfen werden sollten, um den Nachzueglern die einzuschlagende +Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbruedern +versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um +ganz Caracas zu verkuenden, dass ein Unternehmen gluecklich zu Ende gefuehrt +worden, das ihm, und ich muss sagen, nur ihm, vom hoechsten Belang schien. +Er hatte nicht bedacht, dass seine lange, schwere Kleidung ihm beim +Bergsteigen hinderlich werden muesse. Er hatte lange vor den Creolen den +Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung +und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg +hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an +physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den +wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer +Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorraethe uebernommen. Die +Sklaven, die zu uns stossen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten, +dass sie erst sehr spaet anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod +zubrachten. + +Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist +die oestliche die hoechste, und auf diese sollten wir mit unsern +Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat +der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht, +deren wir bereits erwaehnt, laeuft von dieser Einsenkung ins Thal von +Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende naehert sie sich der +westlichen Spitze. Man kann dem oestlichen Gipfel nur so beikommen, dass man +zuerst westlich von der Schlucht ueber das Vorgebirge der Puerta gerade auf +den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den +Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat. +Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst +gegebenen, denn die Felsen oestlich von der Schlucht sind so steil, dass es +schwer halten duerfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt +ueber die Puerta gerade auf den oestlichen Gipfel zuginge. + +Vom Fusse des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Hoehe fanden wir nur +Savanen. Nur zwei kleine Liliengewaechse mit gelben Bluethen erheben sich +ueber den Graesern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da +erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europaeischen +Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie +spaeter auf dem Ruecken der Anden, neben den Himbeerbueschen nach einem +Rosenstrauche um. In ganz Suedamerika haben wir keine einheimische Rosenart +gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heissen Zone +und das unseres gemaessigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch +scheint der ganzen suedlichen Halbkugel diesseits und jenseits des +Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so +gluecklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch +zu entdecken. + +Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehuellt und fanden uns dann ueber die +Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Hoehe besteht +kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Haenden nach, wenn einen auf +dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fuss +maechtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese +schneeweisse Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich uebergab dem +Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es +nicht an Brennmaterial fehlt, laesst sich durch Beimischung feuerbestaendiger +Erden das Toepfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die +Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12 deg. (9 deg.,6 R.), bei hellem +Himmel stieg er auf 21 deg.. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht; +aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten +Abhaengen faellt es schwer, den Einfluss der strahlenden Waerme +auszuschliessen. Wir waren in 940 Toisen Hoehe und dennoch sahen wir in +gleicher Hoehe ostwaerts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen, +sondern ein ganzes Palmenwaeldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur +Gattung _Oreodoxa_ gehoerig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Hoehe +war eine seltsame Erscheinung gegenueber den Weiden [Wildenows _Salix +Humboldtiana_], die im gemaessigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder +wachsen; so sieht man hier Gewaechse mit europaeischem Typus tiefer als +solche der heissen Zone vorkommen. + +Nach vierstuendigem Marsch ueber die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus +Straeuchern und niedrigen Baeumen, _'el Pejual'_ genannt, wahrscheinlich +wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewaechses mit +wohlriechenden Blaettern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde +sanfter und mit unsaeglicher Lust untersuchten wir die Gewaechse dieser +Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschraenktem Raum so schoene +und fuer die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend +Toisen Meereshoehe stossen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von +Straeuchern, die durch den Habitus, die gekruemmten Aeste, die harten +Blaetter, die grossen schoenen Purpurbluethen an die Vegetation der *Paramos* +oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt. +Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden, +die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blaettern, +die wir schon oefters mit dem Rhododendrum der europaeischen Alpen +verglichen haben. + +Wenn auch die Natur in aehnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus +isothermen Parallelen (von gleicher Waerme), sey es auf Hochebenen, deren +Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Laender +uebereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch +die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die +auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwuerdigsten +in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte, +denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen ueber +den Ursprung der Dinge sind, das unloesbare Problem, wie sich die +Organismen ueber die Erde verbreitet, laesst uns dennoch keine Ruhe. Eine +schweizerische Grasart(32) waechst auf den Granitfelsen der Magellanschen +Meerenge. Neuholland hat ueber vierzig europaeische phanerogame +Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewaechse, die den gemaessigten +Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gaenzlich in dem dazwischen +liegenden Landstrich, das heisst in der aequinoctialen Zone, sowohl auf den +Ebenen als auf dem Ruecken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten +Blaettern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa +gleichsam abschliesst, und von der man lange glaubte, sie gehoere der Insel +eigenthuemlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwaerts am +beschneiten Gipfel der Pyrenaeen vor. Graeser und Riedgraeser, die in +Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen +gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an +den heissen Ufern des Orinoco und in der suedlichen Halbkugel auf dem Ruecken +der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, dass +Gewaechse ueber Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwaertig +vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, dass die +Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau +gleichen, sich in ungleichen Abstaenden von den Polen und von der +Meeresflaeche ueberall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der +Temperatur einigermassen ueberein kommen? Trotz des Einflusses des +Luftdrucks und der staerkeren oder geringeren Schwaechung des Lichts auf die +Lebensthaetigkeit der Gewaechse ist doch die ungleiche Vertheilung der Waerme +unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der +Vegetation anzusehen. + +Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln +gleichmaessig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben +der aeltesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des +tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkraeuter, +Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer +Physiognomie mit den europaeischen verwechseln koennte; sie sind aber alle +specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht +dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe +verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in +den Niederungen des gemaessigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen +unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas +bietet ein auffallendes Beispiel hiefuer) sind nicht Arten europaeischer +Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heissen Zone heruebergekommen, es +treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem +Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten +einander ersetzen. + +Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben, +bis zu den Bergen von Caracas sind es ueber zweihundert Meilen, und doch +zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen +Bergkette, dieselbe merkwuerdige Zusammenstellung von Befarien mit +purpurrothen Bluethen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas +camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blaettern, wie sie fuer die +Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe +charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am +Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die +Kuestenkette von Caracas haengt unzweifelhaft (ueber den Torito, die +Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den +hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der +Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so +niedrig, dass fuer die oben erwaehnten Straeucher aus der Familie der +Ericineen das Klima nicht kuehl genug ist. Und wenn auch, wie +wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die +Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten +Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein +Felskamm, der hoch genug waere, dass diese Gewaechse auf ihm nach der Silla +von Caracas haetten wandern koennen. + +Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der +Erdoberflaeche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht +diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen +ausreichenden Erklaerungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden +theilt der Laenge nach ganz Suedamerika in zwei ungleiche Stuecke. Am Fusse +dieser Kette, ostwaerts und westwaerts, fanden wir in grosser Anzahl +dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergaenge der Cordilleren +sind aber der Art, dass nirgends Gewaechse der heissen Zone von den Kuesten +der Suedsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn koennen. Wenn, sey +es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines +Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein +Berggipfel zu einer grossen Hoehe ansteigt, so ist sein Gipfel mit +Alpenkraeutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf +andern Bergen mit aehnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise +zeigen sich im Allgemeinen die Gewaechse vertheilt und man kann den +Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhaeltnisse nicht dringend genug +empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich +es keineswegs ueber mich, befriedigendere dafuer aufzustellen. Ich halte +vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, fuer unloesbar, und +nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie +die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt +hat. + +Man sagt, ein Berg sey so hoch, dass er die Grenze des Rhododendrum und der +Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze +des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus, +dass unter dem Einflusse gewisser Waermegrade sich nothwendig gewisse +vegetabilische Formen entwickeln muessen. Streng genommen ist nun diese +Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico's fehlen auf +den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die +Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Hoehe findet. Die +Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in +analogen Klimaten koennen die Arten bedeutend von einander abweichen. + +Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis +beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem +4--7. Grad noerdlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der +Silla so wenig bekannt, dass sie sich fast in keinem Herbarium in Europa +fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von +einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der +Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch +verschieden. In der Naehe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden +die Berge bis in die hoechsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen +Meereshoehe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie +weit tiefer, in etwas ueber 1000 Toisen Hoehe; die kuerzlich in Florida unter +dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria waechst sogar auf niedrigen +Huegeln. So ruecken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese +Straeucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator +sie vorkommen. Ebenso waechst die lapplaendische Alpenrose 8--900 Toisen +tiefer als die der Alpen oder Pyrenaeen. Wir wunderten uns, dass wir in den +Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas +einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden. + +Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei +bis vier Fuss hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele +zerbrechliche, fast quirlfoermig gestellte Aeste. Die Blaetter sind +eifoermig, zugespitzt, an der Unterflaeche graugruen und an den Raendern +aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und +hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schoenen, +purpurrothen Bluethen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich +und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind. + +Das Rhododendrum der Schweiz waechst, in 800--1100 Toisen Meereshoehe, in +einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2 deg. und -1 deg., also aehnlich +dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kaeltesten Monate ++4 deg. und -10 deg., die waermsten Monate +12 deg. und 7 deg.. Nach thermometrischen +Beobachtungen in denselben Hoehen und unter denselben Parallelen betraegt im +Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich +noch 17--18 deg. und steht der Thermometer in der kuehlsten Jahreszeit bei Tag +zwischen 15 und 20 deg., bei Nacht zwischen 10 und 12 deg.. Beim +St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist +die groesste Waerme im August um Mittag (im Schatten) gewoehnlich 12--13 deg.; +Nachts kuehlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der +Waermestrahlung des Bodens auf +1 oder -1 deg.,5 ab. Unter demselben +barometrischen Druck, also in derselben Meereshoehe, aber um dreissig +Breitegrade naeher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag +haeufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht faellt +dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die +Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehoerende +Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshoehe +wachsen; das Ergebniss waere ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen +haetten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie +liegen. + +Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Bluethen eine +_Hedyotis_ mit Heidekrautblaettern, die acht Fuss hoch wird, die _Caparosa_ +ein grosses baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem +virginischen identisch scheint, endlich Baerlappenpflanzen und Moose, +welche Felsen und Baumwurzeln ueberziehen. Am beruehmtesten ist aber dieses +Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fuss hohen Strauches aus der Familie +der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*. +Seine lederartigen, gekerbten Blaetter und die Spitzen der Zweige sind mit +einer weissen Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart; +die Bluethen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis +therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas +gegenueberliegen. Man mengt zuweilen den "Weihrauch" von der Silla mit den +Bluethen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter +Bluethe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops aehnelt. Die +_Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf, +sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen +ein sehr angenehmes Riechwasser daraus. + +Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schoenen harzigten und +wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der +Thermometer sank unter 11 deg.. Es ist diess eine Temperatur, bei der man in +diesem Himmelsstrich zu frieren anfaengt. Tritt man aus dem Gebuesch von +Alpstraeuchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stueck am +westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal +zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des +ueppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht +leicht darauf, dass das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von +einem Gewaechs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder +Bananengewaechse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder +_Heliconia_; die Blaetter sind breit, glaenzend; sie wird 14--15 Fuss hoch +und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf +feuchten Gruenden im oestlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen +mussten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder +Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die +baumartigen Graeser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder +Bluethe noch Frucht des Gewaechses. Man ist ueberrascht, in 1100 Toisen Hoehe, +weit ueber den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren, +einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehoere +ausschliesslich den heissen Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso +hohen und noch noerdlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf +Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch +vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten. + +Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen +Kraeutern immer dem oestlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von +Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenriss zu sehen; auf einmal aber waren +wir in dicken Nebel gehuellt und wir konnten uns nur nach dem Compass +richten; gingen wir aber weiter nordwaerts, so liefen wir bei jedem Schritt +Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast +senkrecht 6000 Fuss hoch zum Meer abfaellt. Wir mussten Halt machen; und wie +so die Wolken um uns her ueber den Boden wegzogen, fingen wir an zu +zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die oestliche Spitze gelangen +koennten. Gluecklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und +den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu +nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, dass der Pater +Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder dass die Sklaven +sich ueber den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und +fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war +nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein +stillsitzender, studirender Poet saettigen, fuer Bergsteiger waren sie eine +kaergliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und +waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu +haben. Unsere Fuehrer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus +umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Muehe zurueck. + +Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta'schen Elektrometer. +Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedraengten Heliconien stand, erhielt +ich deutliche Spuren von Luftelektricitaet. Sie wechselte oft zwischen +negativ und positiv und ihre Intensitaet war jeden Augenblick anders. Diese +Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftstroemungen, die den +Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir +untruegliche Zeichen, dass das Wetter sich aendern wollte. Es war erst zwei +Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die +oestliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden +Gipfeln herabkommen zu koennen. Hier wollten wir von den Negern aus den +breiten duennen Blaettern der Heliconia eine Huette bauen lassen, ein grosses +Feuer anzuenden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Haelfte unserer +Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven, +sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen. + +Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See +her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12 deg.,5. Es war ohne Zweifel ein +aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhoehte und damit die Duenste +aufloeste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden +Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir oeffneten den +Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer +kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man +sumpfigte Stellen in bedeutenden Hoehen, nicht weil das bewaldete Gebirge +die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkuehlung bei Nacht, in Folge +der Waermestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewaechse, der +Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien. +Wir gingen jetzt gerade auf den oestlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs +hielt uns nachgerade weniger auf; zwar musste man immer noch Heliconien +umhauen, aber diese baumartigen Kraeuter waren jetzt nicht mehr hoch und +standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon oefter +erwaehnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariastraeuchern bewachsen. Aber +nicht wegen ihrer Hoehe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser +Zone noch um 400 Toisen hoeher; denn nach andern Gebirgen zu schliessen, +befaende sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Hoehe. Grosse Baeume +scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur desshalb zu fehlen, weil +der Boden so duerr und der Seewind so heftig ist, und die Oberflaeche, wie +auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt. + +Um auf den hoechsten, oestlichen Gipfel zu kommen, muss man so nahe als +moeglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Kueste zu hingehen. +Der Gneiss hatte bisher sein blaetteriges Gefuege und seine urspruengliche +Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in +Granit ueber. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der +Pyramide. Dieses Stueck des Wegs ist keineswegs gefaehrlich, wenn man nur +prueft, ob die Felsstuecke, auf die man den Fuss setzt, fest liegen. Der dem +Gneiss aufgelagerte Granit ist nicht regelmaessig geschichtet, sondern durch +Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden. +Prismatische, einen Fuss breite, zwoelf Fuss lange Bloecke ragen schief aus +dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob +ungeheure Balken ueber dem Abgrund hingen. + +Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren +Himmel. Wir genossen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich +nach Norden ueber die See weg, nach Sueden in das fruchtbare Thal von +Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur +der Luft war 13 deg.,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshoehe. Man ueberblickt +eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in grosse +Tiefen schwindligt wird, muss mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch +seine Hoehe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100 +Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenaeen; aber er unterscheidet +sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen +die See zu. Die Kueste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von +der Spitze der Pyramide auf die Haeuser von Caravalleda hinab, so meint +man, in Folge einer oefter erwaehnten optischen Taeuschung, die Felswand sey +beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der +Neigungswinkel 53 deg.,28{~PRIME~}; am Pic von Teneriffa betraegt die Neigung im +Durchschnitt kaum 12 deg. 30{~PRIME~}. Ein 6--7000 Fuss hoher Absturz wie an der Silla +von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man +in den Bergen reist, ohne ihre Hoehen, ihre Massen und ihre Abhaenge zu +messen. Seit man sich in mehreren Laendern Europas von Neuem mit Versuchen +ueber den Fall der Koerper und ihre Abweichung gegen Suedost beschaeftigt, hat +man in den Schweizer Alpen sich ueberall vergeblich nach einer senkrechten, +250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc +gegen die _allee blanche_ betraegt keine 45 Grad, obgleich man in den +meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Sued senkrecht +ab. + +Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure noerdliche Abhang, trotz seiner +grossen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabuesche haengen +an der Felswand. Das kleine suedwaerts gelegene Thal zwischen den Gipfeln +zieht sich der Meereskueste zu fort; die Alppflanzen fuellen diese +Einsenkung aus, ragen ueber den Kamm des Berges empor und folgen den +Kruemmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten muesse +Wasser fliessen, und die Vertheilung der Gewaechse, die Gruppirung so vieler +unbeweglicher Gegenstaende bringt Leben und Bewegung in die Landschaft. + +Es war jetzt sieben Monate, dass wir auf dem Gipfel des Vulkans von +Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdflaeche ueberblickt, so gross als +ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort +sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den +Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt +und verschwamm nicht mit den anstossenden Luftschichten. Auf der Silla, die +um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den +naeher gerueckten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen. +Blickten wir ueber die Meeresflaeche weg, die einem Spiegel glich, so fiel +uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhaeltniss abnahm. Wo die +Gesichtslinie die aeusserste Grenze der Flaeche streift, verschwamm das +Wasser mit den darueber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas +sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen, +und statt dass man in dieser Hoehe eine scharfe Grenze zwischen den beiden +Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst +aufzuloesen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich, +nicht an einem einzigen Stueck des Horizonts, sondern auf einer Strecke von +mehr als 160 Grad, am Ufer der Suedsee, als ich zum erstenmal auf dem +spitzen Fels ueber dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der hoeher +ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder +nicht, das haengt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge, +welche der Theil des Oceans empfaengt, auf den die Gesichtslinie zulaeuft, +und von der Schwaechung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang +durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern +Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von +35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunaechst der +Oberflaeche koennen das Licht bedeutend schwaechen, indem sie die +durchgehenden Strahlen absorbiren. + +Selbst vorausgesetzt, die Refraktion aeussere gar keinen Einfluss, sollte man +auf dem Gipfel der Silla bei schoenem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila, +Roques und Aves sehen, von denen die naechsten 25 Meilen entfernt sind. Wir +sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil +die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln +zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg +mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die +Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12 deg. 1{~PRIME~} der Breite +gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10 deg. 31{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} der Breite.]. Wenn die +umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschraenkten, muesste man von der Silla +die Kueste ostwaerts bis zum Morro de Piritu, westwaerts bis zur Punta del +Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Suedwaerts, dem +innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von +Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in +der Richtung eines Parallelkreises hinlaeuft. Haette dieser Wall eine +Oeffnung, eine Luecke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger +Landes und der Schweiz haeufig vorkommen, so genoesse man hier des +merkwuerdigsten Schauspiels. Man saehe durch die Luecke die Llanos, die +weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Hoehe mit dem +Auge des Beobachters aufstiegen, so uebersaehe man vom selben Punkte zwei +gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont. + +Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die +Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunaechstliegenden Haeuser, +die Doerfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des +Guayre, einen silberglaenzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten +Landes stach angenehm ab vom duestern, wilden Aussehen der umliegenden +Gebirge. + +Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man +kaum, dass kein Bild vergangener Zeiten den Einoeden der neuen Welt hoeheren +Reiz gibt. Ueberall wo in der heissen Zone der von Gebirgen starrende, mit +dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein urspruengliches Gepraege behalten +hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schoepfung. Weit +entfernt, die Elemente zu baendigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer +Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberflaeche seit +Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts +gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen +Stroeme, die tobenden Stuerme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der +Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie +in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem +cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft +ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Waeldern der +Niederungen oder auf dem Ruecken der Cordilleren gelebt, hat man in Laendern +so gross wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Huetten stehen sehen; +so hat eine weite Einoede nichts Schreckendes mehr fuer die +Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der +nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei +oder die Klagelaute seines Schmerzes hoeren liess. + +Wir konnten die guenstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher ueberragt, +nicht lange fuer unsere Zwecke nuetzen. Waehrend wir mit dem Fernrohr den +Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von +Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des +Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den +Hoehen herauf. Zuerst fuellte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben +beleuchtete Wasserdunst war gleichfoermig milchweiss gefaerbt. Es sah aus, +als staende das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die +schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den +Sklaven, der den grossen Ramsdenschen Sextanten trug; ich musste den Zustand +des Himmels benutzen und entschloss mich, einige Sonnenhoehen mit einem +Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die +Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Laengenunterschied +zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem oestlichen Gipfel der +Silla scheint kaum groesser als 0 deg. 3{~PRIME~} 22{~DOUBLE PRIME~}. + +Waehrend ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel +beobachtete, sah ich, dass sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner +als die Honigbiene des noerdlichen Europa, auf meine Haende gesetzt hatten. +Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren +traegen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor +Kaelte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur +sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht +wahr, dass diese dem neuen Continent eigenthuemlichen Bienen gar keine +Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwaecher und sie brauchen +denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos +nicht vollkommen ueberzeugt ist, kann man sich einiger Besorgniss nicht +erwehren. Ich gestehe, dass ich oft waehrend astronomischer Beobachtungen +beinahe die Instrumente haette fallengelassen, wenn ich spuerte, dass mir +Gesicht und Haende voll dieser haarigten Bienen sassen. Unsere Fuehrer +versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen +der Fuesse reize. Ich fuehlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst +zu machen. + +Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je +nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr +schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die +Barometerhoehe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und diess scheint zu +beweisen, dass der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit ueber +1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht, +dass auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der noerdlichen Grenze der +Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshoehe, meist ein Gegenwind (_vent de +remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften +hatte die Physiker, welche den ungluecklichen La Peyrouse begleiteten, +aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu +beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen +sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberflaeche bleibt. Die +kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte +Gewoelk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Hoehe zeigt, wie z. B. die +sogenannten *Schaefchen*, stehen still oder ruecken so langsam fort, dass +sich ihre Richtung nicht bestimmen laesst. + +Waehrend der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das +Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Kueste. Es war gleich +26 deg.,5 des Saussure'schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe +Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich +ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung +zwischen der Kueste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was +aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf +dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten ueberraschte, war die +anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch +zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc'schen) Fischbeinhygrometer aus dem +Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87 deg. nach +Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen +zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc'sche +Hygrometer ging auf 49 Grad (85 deg. nach Saussure) zurueck. Eine halbe Stunde +spaeter huellte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die naechsten +Gegenstaende nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, dass das +Instrument fortwaehrend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84 deg. +Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13 deg.. Obgleich beim +Fischbeinhygrometer der Saettigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad +ist, sondern bei 84 deg.,5 (99 deg. S.), so schien mir doch dieser Einfluss einer +Wolke auf den Gang des Instrumentes im hoechsten Grade auffallend. Der +Nebel dauerte lang genug, dass der Fischbeinstreifen durch Anziehung der +Wassertheilchen sich haette verlaengern koennen. Unsere Kleider wurden nicht +feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen geuebter Reisender versicherte +mich kuerzlich, er habe auf der _Montagne pelee_ auf Martinique eine Wolke +aehnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die +Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet, +zumal wenn er nichts versaeumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu +vermeiden. Saussure sah waehrend eines heftigen Regengusses, wobei sein +Hygrometer nicht nass wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der +Wolke) auf 84 deg.,7 (48 deg.,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter, +dass die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollstaendig gesaettigt wird, +als dass der Wasserdunst, der den hygroscopischen Koerper unmittelbar +beruehrt, denselben nicht dem Saettigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand +befindet sich Wasserdunst, der nicht nass macht und doch sichtbar ist? Man +muss, glaube ich, annehmen, dass sich eine trockenere Luft mit der, in der +sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und dass die Dunstblaeschen, die ein +weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die +glatte Flaeche des Fischbeinstreisens nicht nass gemacht haben. Die +durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der +Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt. + +Es waere unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines +7--8000 Fuss hohen Abhangs laenger zu verweilen. Wir gingen wieder vom +Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht +nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu +unserer grossen Ueberraschung, spaeter auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha +in der suedlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden +[_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im noerdlichen Europa +ueberall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria +odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gestraeuche nieder. Waehrend ich die +Moose untersuchte, welche den Gneiss im Grunde zwischen beiden Gipfeln +ueberziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung aechte Geschiebe, gerollte +Quarzstuecke. Man sieht leicht ein, dass das Thal von Caracas einmal ein +Landsee seyn kann, ehe der Guayrefluss gegen Ost bei Caurimare, am Fuss des +Huegels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen +Catia und Cabo Blanco zu geoeffnet hatte; aber wie koennte das Wasser je bis +zum Fuss des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenueber +liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, dass das Wasser ueber sie in +die Llanos haette abfliessen muessen? Die Geschiebe koennen nicht von hoeheren +Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Hoehe ringsum die Silla ueberragt. +Soll man annehmen, dass sie mit der ganzen Bergkette. laengs des Meeresufers +emporgehoben worden sind? + +Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig +waren. In der Freude ueber den gluecklichen Erfolg unserer Reise dachten wir +nicht daran, dass der Weg abwaerts im Finstern ueber steile, mit kurzem +glattem Rasen bedeckte Abhaenge gefaehrlich seyn koennte. Wegen des Nebels +konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den +Doppelhuegel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstaende, +die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerueckt. Wir +gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu +uebernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im +Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den +Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Straeucher. Die +herrlichen Befarien, ihre mit grossen Purpurbluethen bedeckten Zweige nahmen +uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen fuer +Herbarien sammelt, ist man um so waehlerischer, je ueppiger die Vegetation +ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie +einem nicht so schoen vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte. +Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Ruecken, so will +es einen fast reuen, dass man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns +so lange im Pejual auf, dass die Nacht uns ueberraschte, als wir in 900 +Toisen Hoehe die Savane betraten. + +Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Daemmerung gibt, sieht man sich +auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterniss versetzt. Der Mond +stand ueber dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken +bedeckt, die ein heftiger kalter Wind ueber den Himmel jagte. Die steilen, +mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhaenge lagen bald im Schatten, bald +wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgruende, +in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander; +man suchte sich mit den Haenden zu halten, um nicht zu fallen und den Berg +hinab zu rollen. Von den Fuehrern, welche unsere Instrumente trugen, fiel +einer um den andern ab, um auf dem Berg zu uebernachten. Unter denen, die +bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er +trug einen grossen Inclinationscompass auf dem Kopf und hielt die Last trotz +der ungemeinen Steilheit des Abhangs bestaendig im Gleichgewicht. Der Nebel +im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir +tief unter uns sahen, taeuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien +der Abhang noch gefaehrlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in +den sechs Stunden, in denen wir bestaendig abwaerts gingen, den Hoefen am +Fusse der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hoerten ganz deutlich +Menschenstimmen und die schrillen Toene der Guitarren. Der Schall pflanzt +sich von unten nach oben meist so gut fort, dass man in einem Luftballon +bisweilen in 3000 Toisen Hoehe die Hunde bellen hoert.(38) Erst um zehn Uhr +Abends kamen wir aeusserst ermuedet und durstig im Thale an. Wir waren +fuenfzehn Stunden lang fast bestaendig auf den Beinen gewesen; der rauhe +Felsboden und die duerren harten Grasstoppeln hatten uns die Fusssohlen +zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen muessen, weil die Sohlen +zu glatt geworden waren. An Abhaengen, wo weder Straeucher, noch holzige +Kraeuter wachsen, an denen man sich mit den Haenden halten kann, kommt man +barfuss sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, fuehrte man uns von der Puerta +zum Hofe Gallegos ueber einen Fusspfad, der zu einem Wasserstueck, el Tanque +genannt, fuehrt. Man verfehlte den Fusspfad, und auf diesem letzten +Wegstueck, wo es am allersteilsten abwaerts ging, kamen wir in die Naehe der +Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserfaelle erhielt das naechtliche +Bild einen wilden, grossartigen Charakter. + +Wir uebernachteten am Fusse der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns +durch Fernroehren auf dem oestlichen Berggipfel sehen koennen. Mit Theilnahme +hoerte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer +Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der +hoechste Pyrenaeengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer moechte +sich ueber eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo +von Denkmaelern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale haengt? Kann man +sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit +Jahrhunderten die Hoehe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen +wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der +Cordilleren ueberragt? + + ------------------ + + + + + + 30 S. Bd. 1. Seite 283. + + 31 Diese Worte sind oben Bd. I. Seite 255 erklaert. + +_ 32 Phleum alpinum_ von Brown untersucht. Nach den Beobachtungen dieses + grossen Botanikers unterliegt es keinem Zweifel, dass mehrere Pflanzen + beiden Continenten und den gemaessigten Zonen beider Halbkugeln + zugleich angehoeren. _Potentilla anserina_, _Prunella vulgaris_, + _Scirpus mucronatus_, und _Panicum Crus Galli_ wachsen in + Deutschland, in Neuholland und in Pennsylvanien. + +_ 33 Viola chiranthifolia_ die Bonpland und ich beschrieben haben + (s. Bd. I. Seite 123), ist von Kunth und Leopold von Buch unter den + Alpenpflanzen gefunden worden, die Joseph de Jussieu aus den + Pyrenaeen mitgebracht hat. + +_ 34 Rhododendrum laponicum_, _R. caucasicum_, _R. ferrugineum_, _R. + hirsutum_ + +_ 35 Befaria glauca_, _B. ledifolia_ + +_ 36 Befaria aestuans_, _B. resinosa_ + +_ 37 Oden_, Buch I, 31 + + 38 So Gay-Lussac bei seiner Luftfahrt am 16. September 1803. + + 39 Man glaubte frueher, die Silla von Caracas sey so ziemlich so hoch + als der Pic von Teneriffa. + + + + + +VIERZEHNTES KAPITEL. + + + Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung + und den vulkanischen Ausbruechen auf den Antillen. + + +Wir verliessen Caracas am 7. Februar in der Abendkuehle, um unsere Reise an +den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute +schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen +Buergerkriegen, die jenen fernen Laendern die Freiheit jetzt brachten, jetzt +wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist +nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenflaeche +umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An +derselben Stelle, auf diesem zerkluefteten Boden, erhebt sich allmaehlich +eine neue Stadt. Die Truemmerhaufen, die Graeber einer zahlreichen +Bevoelkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung. + +Die grossen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die +allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rueckkehr +nach Europa. Ueber die politischen Stuerme, ueber die Veraenderungen, welche +in den gesellschaftlichen Zustaenden eingetreten, gehe ich hier weg. Die +neueren Voelker sind bedacht fuer ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen +sorgfaeltig die Geschichte der menschlichen Umwaelzungen, und damit die +Geschichte ungezuegelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den +Umwaelzungen in der aeussern Natur ist es anders; man kuemmert sich wenig +darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten +buergerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrueche +wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig +ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem +Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei grossen allgemeinen Unfaellen, wie +beim Unglueck des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die +wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstaende +erkennen liesse. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich +an zuverlaessiger Kunde ueber die Erdstoesse zusammengebracht, die am 26. Merz +1812 die Stadt Cararas zerstoert und in der Provinz Venezuela fast in Einem +Augenblick ueber zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die +Verbindungen, die ich fortwaehrend mit Leuten aller Staende unterhalten, +setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen +und Fragen ueber Punkte an sie zu richten, an deren Aufklaerung der +Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur +hat der Reisende die Zeit des Eintritts grosser Catastrophen festzustellen, +ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhaeltnisse zu untersuchen, und +im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich draengender +Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere +Catastrophen verglichen werden moegen. In der unermesslichen Zeit, welche +die Geschichte der Natur umfasst, ruecken alle Zeitpunkte des Geschehenen +nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn +die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und +ueberhaupt von keinem grossen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den +Vortheil, dass sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA +CONDAMINE bewogen, die denkwuerdigen Ausbrueche des Vulkans Cotopaxi [Am 30. +November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von +Quito stattgefunden, in seiner "_Reise zum Aequator_" zu beschreiben. + +Ich glaube dem Beispiel des grossen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend +welchem Vorwurf folgen zu duerfen, da die Ereignisse, die ich zu +beschreiben gedenke, fuer die Theorie von den *vulkanischen Reactionen* +sprechen, das heisst fuer den Einfluss, den ein *System von Vulkanen* auf +einen weiten Landstrich umher ausuebt. + +Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und +Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, dass die am +weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Kuesten den verheerenden +Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von +Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, veraenderlichen +Klimas, wegen des umzogenen, truebseligen Himmels. Die Bewohner dieses +kuehlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr +aus Jahr ein eine erstickend heisse Luft athme und wo der Boden periodisch +von heftigen Erdstoessen erschuettert werde. Selbst Gebildete dachten nicht +an die Verwuestung von Riobamba und andern hochgelegenen Staedten; sie +wussten nicht, dass die Erschuetterung des Kalksteins an der Kueste von Cumana +sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt, +und so waren sie der Meinung, dass Caracas sowohl wegen des Baus seines +Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe. +Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei +naechtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, dass +von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden +war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im +Jahr 1811 sollte eine graessliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und +den Volksglauben ueber den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei +Grade westlich von Cumana, fuenf Grade westlich vom Meridian der +vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Stoesse, als man je auf +den Kuesten von Paria und Neu-Andalusien gespuert. + +Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang +zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstoerung von Cumana am +14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen, +aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch +bei der Verwuestung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der +Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Kueste von Cumana reagirt zu haben; +fuenfzehn Jahre spaeter wirkte, wie es scheint, ein dem Festland naeher +liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas +und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs +in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberflaeche, bis zu +welchen die Bewegung sich fortpflanzte. + +Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein betraechtliches Stueck der +Erdflaeche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von +Neu-Grenada, den Kuesten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen +Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Stoesse erschuettert, die man +einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zaehle hier die +Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, dass auf ungeheure +Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der +Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An +einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels ueber den +Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu +seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie diess auch bei den +Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni +bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs +nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstaegiger Ausbruch, +durch den die Klippe immer groesser und nach und nach 50 Toisen ueber dem +Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitaen Tillard alsbald im +Namen der grossbritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte, +hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder +verschlungen zu haben. Es ist diess das dritte mal, dass bei der Insel +St. Michael unterseeische Vulkane so ausserordentliche Erscheinungen +hervorbringen, und als waeren die Ausbrueche dieser Vulkane an eine gewisse +Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Fluessigkeiten bis zu +einem bestimmten Grade angehaeuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91 +oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, dass trotz der +Naehe keine europaeische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und +Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung naeher +untersuchen zu lassen, durch welche fuer die Geschichte der Vulkane und des +Erdballs ueberhaupt so viel gewonnen werden konnte. + +Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen +Antillen, 800 Meilen suedwestwaerts von den Azoren gelegen, haeufig von +Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 spuerte man auf der Insel +St. Vincent, einer der drei Antillen mit thaetigen Vulkanen, ueber +zweihundert Erdstoesse. Die Bewegungen beschraenkten sich aber nicht auf das +Inselgebiet von Suedamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den +Thaelern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhoerlich. Im Osten +der Alleghanys waren die Schwingungen schwaecher als im Westen, in Tennesee +und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getoese begleitet, +das von Suedwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little +Prairie, wie beim Salzwerk noerdlich von Cincinnati unter dem 34 deg. 45{~PRIME~} der +Breite, spuerte man mehrere Monate lang taeglich, ja fast stuendlich +Erdstoesse. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813. +Die Stoesse waren Anfangs auf den Sueden, auf das untere Mississippithal +beschraenkt, schienen sich aber allmaehlich gegen Norden fortzupflanzen. + +Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese +lange Reihe von Erderschuetterungen anhob, im December 1811 spuerte man in +der Stadt Caracas den ersten Erdstoss bei stiller, heiterer Luft. Dieses +Zusammentreffen war schwerlich ein zufaelliges, denn man muss bedenken, dass, +so weit auch die betreffenden Laender auseinander liegen, die Niederungen +von Louisiana und die Kuesten von Venezuela und Cumana demselben Becken, +dem Meere der Antillen angehoeren. Dieses *Mittelmeer mit mehreren +Ausgaengen* ist von Suedost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich +frueher ueber die weiten, allmaehlich 30, 50 und 80 Toisen ueber das Meer +ansteigenden, aus secundaeren Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri, +Arcansas und Mississippi durchstroemten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus +geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des +Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Suedens die +Kuestenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und +Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen +die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden +Hoehenzuege zwischen den canadischen Seen und den Nebenfluessen des +Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt. +Zwei Reihen thaetiger Vulkane fassen es ein: ostwaerts auf den kleinen +Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwaerts in den +Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und +20. Grad. Bedenkt man, dass das grosse Erdbeben von Lissabon am 1. November +1755 fast im selben Augenblick an der Kueste von Schweden, am Ontariosee +und auf Martinique gespuert wurde, so kann die Annahme nicht zu keck +erscheinen, dass das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis +zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Stoesse erschuettert +werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen. + +Auf den Kuesten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben +werden haeufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in +der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas +die Beobachtung gemacht haben, dass seit dem Jahr 1792 die Regenguesse nicht +so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war +schnell bei der Hand, sowohl die gaenzliche Zerstoerung von Cumana im Jahr +1799 als die Erdstoesse, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto +Cabello und Caracas gespuert, "einer Anhaeufung der Elektricitaet im Innern +der Erde" zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den +Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, dass +zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten +von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit +der Erdoberflaeche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die +Vorgaenge in grossen Tiefen Einfluss zu aeussern, und wenn man einen +Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Haeufigkeit der +Erdbeben bemerkt haben will, so gruendet sich diess, meiner Meinung nach, +keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der +Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen koennen zufaellig +zusammentreffen. Den auffallend starken Stoessen, die man am Mississippi und +Ohio zwei Jahre lang fast bestaendig spuerte, und die im Jahr 1812 mit denen +im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast +gewitterloses Jahr voran, und diess fiel wieder allgemein auf. Es kann +nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklaerung von +Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricitaet herbeizieht. + +Der Stoss, den man im December 1811 in Caracas spuerte, war der einzige, der +der schrecklichen Katastrophe vom 26. Maerz 1812 voranging. Man wusste in +Terra Firma nichts davon, dass einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich +ruehrte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des +Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in +der Provinz Venezuela grosse Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in +die Runde war in den fuenf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein +Tropfen Regen gefallen. Der 26. Maerz war ein sehr heisser Tag; die Luft war +still, der Himmel unbewoelkt. Es war Gruendonnerstag, und ein grosser Theil +der Bevoelkerung in den Kirchen. Nichts verkuendete die Schrecken dieses +Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends spuerte man den ersten Erdstoss. "Er war so +stark, dass die Kirchenglocken anschlugen, und waehrte 5--6 Sekunden. +Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, waehrend +dessen der Boden in bestaendiger Wellenbewegung war, wie eine kochende +Fluessigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorueber, als sich unter dem +Boden ein furchtbares Getoese hoeren liess. Es glich dem Rollen des Donners; +es war aber staerker und dauerte laenger als der Donner in der Gewitterzeit +unter den Tropen. Diesem Getoese folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden +anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas laengere wellenfoermige +Bewegung. Die Stoesse erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach +Sued, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen +sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas +wurde voellig ueber den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen +9 und 10,000) wurden unter den Truemmern der Kirchen und Haeuser begraben. +Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen +war so gross, dass drei bis viertausend Menschen von den einstuerzenden +Gewoelben erschlagen wurden. Die Explosion war am staerksten auf der +Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am naechsten +liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die ueber 150 Fuss hoch +waren und deren Schiff von 10--12 Fuss dicken Pfeilern getragen wurden, +lagen als kaum 5--6 Fuss hohe Truemmerhaufen da. Der Schutt hat sich so +stark gesetzt, dass man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Saeulen +findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die noerdlich von der +Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag, +verschwand fast voellig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen, +um sich der Procession anzuschliessen; es wurde, wenige Mann ausgenommen, +unter den Truemmern des grossen Gebaeudes begraben. Neun Zehntheile der +schoenen Stadt Caracas wurden voellig verwuestet. Die Haeuser, die nicht +zusammenstuerzten, wie in der Strasse San Juan beim Kapuzinerkloster, +erhielten so starke Risse, dass man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im +suedlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem grossen Platz und +der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas +geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern +stehen."(41) + +Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Ungluecklichen +nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an +Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum +Charfreitag bot ein Bild unsaeglichen Jammers und Elends. Die dicke +Staubwolke, welche ueber den Truemmern schwebte und wie ein Nebel die Luft +verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdstoss war mehr zu +spueren: es war die schoenste, stillste Nacht. Der fast volle Mond +beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz +anders aus als auf der mit Truemmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah +Muetter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben +zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten +einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wusste und +die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man draengte sich durch +die Strassen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren. + +Alle Schrecken der grossen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und +Riobamba wiederholten sich am Unglueckstage des 26. Maerz 1812. "Die unter +den Truemmern begrabenen Verwundeten riefen die Voruebergehenden laut um +Huelfe an, und es wurden auch ueber zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich +das Mitleid ruehrender, man kann sagen sinnreicher bethaetigt, als hier, wo +es galt, zu den Ungluecklichen zu dringen, die man jammern hoerte. Es fehlte +voellig an Werkzeugen zum Graben und Wegraeumen des Schuttes; man musste die +noch Lebenden mit den Haenden ausgraben. Man brachte die Verwundeten und +die Kranken, die sich aus den Spitaelern gerettet, am Ufer des Guayre +unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Baeume. Betten, +Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles +Unentbehrliche lag unter den Truemmern begraben. Es fehlte an Allem, in den +ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends +das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsroehren der Brunnen +zertruemmert und Erdstuerze hatten die Quellen verschuettet. Um Wasser zu +bekommen, musste man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war, +und es fehlte an Gefaessen." + +"Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Pietaet, +als bei der Besorgniss vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu +unmoeglich war, so viele tausend halb unter den Truemmern steckende Leichen +zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man +errichtete zwischen den Truemmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier +dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer fluechtete das Volk zur Andacht +und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen +hoffte. Die einen traten zu Bittgaengen zusammen und sangen Trauerchoere; +andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Strasse. Da geschah auch +hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom +4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren +nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche fuer ihre Verbindung zu +suchen, schlossen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen +sie bis jetzt verlaeugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs +beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in +Feindschaft gelebt, versoehnten sich im Gefuehl des gemeinsamen Ungluecks." +Wenn dieses Gefuehl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz fuer +das Mitleid ausschloss, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur +noch hartherziger und unmenschlicher. In grossen Unfaellen geht in gemeinen +Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im +Unglueck wie bei der wissenschaftlichen Beschaeftigung mit der Natur: nur +auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefuehl mehr Waerme, den +Gedanken hoeheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde. + +"So heftige Stoesse, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas ueber den +Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes +beschraenken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich ueber die +Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Kueste entlang, besonders +aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la +Vega, San Felipe und Merida wurden fast gaenzlich zerstoert. In Guayra und +in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier +bis fuenftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und +Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Sued-West den hohen Gebirgen von +Niquitao und Merida zulaeuft, scheint das Erdbeben am staerksten gewesen zu +seyn. Man spuerte es im Koenigreich Neu-Grenada von den Auslaeufern der hohen +Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom, +180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gneiss und +Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fuss staerker als in der Ebene. +Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und +Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und +nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklaert sich +dieser Unterschied leicht.) In den Thaelern von Araguas zwischen Caracas +und der Stadt San Felipe waren die Stoesse ganz schwach. Victoria, Maracay, +Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In +Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche +Wassermassen aus, dass sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich +bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro +fuehlte man keine Erschuetterung, und doch liegt die Stadt an der Kueste, +zwischen Staedten, die gelitten haben." Fischer, die den 26. Maerz auf der +Insel Orchila, 30 Meilen nordoestlich von Guayra, zugebracht hatten, +spuerten keine Stoesse. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung +des Stosses ruehren wahrscheinlich von der eigenthuemlichen Lagerung der +Gesteinsschichten her. + +Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas +bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa +Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwaerts von +der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die +Erschuetterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera; +es ist aber hoechst merkwuerdig, dass sie an den Kuesten von Nueva Barcelona, +Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Kuesten eine +Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafuer bekannt +sind, dass sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Liesse +sich annehmen, die gaenzliche Zerstoerung der vier Staedte Caracas, Guayra, +San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel +St. Vincent oder in der Naehe ausgegangen, so wuerde begreiflich, wie die +Bewegung sich von Nordost nach Suedwest auf einer Linie, die ueber die +Eilande los Hermanos bei Blanquilla laeuft, fortpflanzen konnte, ohne die +Kuesten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu beruehren. Ja der Stoss +konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne dass die dazwischen +liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschuetterung +empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico haeufig bei Erdbeben +vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die +Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck fuer einen Landstrich, der +an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, "er mache eine +Bruecke" (_que hace puente_), wie um anzudeuten, dass die Schwingungen sich +in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen. + +Fuenfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der grossen Katastrophe blieb der +Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schoen und still, und +erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Stoesse wieder an, und zwar +begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen +Getoese (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der +Umgegend; da aber Doerfer und Hoefe so stark gelitten hatten wie die Stadt, +fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thaelern von Aragua +und in den Llanos Obdach. Man spuerte oft fuenfzehn Schwingungen an Einem +Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die +Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang +wellenfoermig auf und ab. In den Gebirgen gab es grosse Erdfaelle; ungeheure +Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese +Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der +Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung +stuetzt sich auf keine Messung. Wie ich gehoert, bildet man sich auch in der +Provinz Quito nach allen grossen Erschuetterungen ein, der Vulkan Tunguragua +sey niedriger geworden. + +In mehreren aus Anlass der Zerstoerung von Caracas veroeffentlichten +Nachrichten wird behauptet, "die Silla sey ein erloschener Vulkan, man +finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das +Gestein sey dort nirgends regelmaessig geschichtet und zeige ueberall Spuren +des unterirdischen Feuers." Ja es heisst weiter, "zwoelf Jahre vor der +grossen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und +physikalischen Untersuchungen erklaert, die Silla sey ein sehr gefaehrlicher +Nachbar fuer die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Stoesse +von Nordost her kommen muessten." Es kommt selten vor, dass Physiker sich +wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte +es aber fuer Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der +Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten. + +Ueberall wo der Boden Monate lang fortwaehrend erschuettert worden, wie auf +Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808, +ist man darauf gefasst, einen Vulkan sich oeffnen zu sehen. Man vergisst, dass +man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberflaeche +zu suchen hat; dass, nach zuverlaessigen Aussagen, die Schwingungen sich +fast im selben Moment tausend Meilen weit ueber die tiefsten Meere weg +fortpflanzen; dass die groessten Zerstoerungen nicht am Fuss thaetiger Vulkane, +sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten +vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der +Umgegend von Caracas sind keineswegs staerker zerbrochen oder +unregelmaessiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und ueberall, wo +Urgebirge rasch zu bedeutender Hoehe ansteigen; ich habe daselbst weder +Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden, +kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu +aeussern, die Silla und der Cerro de Avila seyen fuer die Hauptstadt +gefaehrliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von +Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, waehrend +meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem grossen Erdbeben in +Quito scheine am oestlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu +seyn, dass man besorgen muesse, mit der Zeit duerfte die Provinz Venezuela +starke Erderschuetterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land +lange von Erdstoessen heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe +neue Verbindungen mit benachbarten Laendern herzustellen, und die in der +Richtung der Silla nordoestlich von der Stadt gelegenen Vulkane der +Antillen seyen vielleicht Luftloecher, durch welche bei einem Ausbruch die +elastischen Fluessigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Kuesten +des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf +die Kenntniss der Oertlichkeiten und auf blosse Analogien gruenden, und einer +durch den Lauf der Naturereignisse bestaetigten Vorhersagung ist ein grosser +Unterschied. + +Waehrend man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der +Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdstoesse spuerte, wurde man am +30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den +Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch +ein unterirdisches Getoese erschreckt, das wiederholten Salven aus +Geschuetzen vom groessten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es +war von keinen Stoessen begleitet, und, was sehr merkwuerdig ist, es war auf +der Kueste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es +komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen +unterirdischen Donner zu denken, dass man in Caracas wie in Calabozo +militaerische Massregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu +setzen, da der Feind mit seinem groben Geschuetz anzuruecken schien. Beim +Uebergang ueber den Apure unterhalb Orivante, beim Einfluss des Rio Rula, +hoerte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die "Kanonenschuesse" +eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra +noerdlich von der Kuestenkette gehoert. + +Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches +Getoese erschreckt wurden, erfolgte ein grosser Ausbruch des Vulkans auf der +Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem +Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im +Mai 1811 haeufige Erdstoesse verkuendeten, dass sich das vulkanische Feuer +entweder von Neuem entzuendet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen +habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der +Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am +30. floss die Lava ueber den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die +See. Das Getoese beim Ausbruch glich "abwechselnd Salven aus dem schwersten +Geschuetz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe +schien weit staerker auf offener See, weit weg von der Insel, als im +Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans." + +Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einfluss des Rula sind es +in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden +demnach in einer Entfernung gehoert gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses +Phaenomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden +anschliessen, beweist, wie viel groesser die unterirdische Wirkungssphaere +eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Veraenderungen, die er an +der Erdoberflaeche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der +neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hoert, +gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu +uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte +selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrueche des Vulkans von +St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie +eine ungeheuer grosse Kanone, so muesste der Schall im umgekehrten Verhaeltniss +der Entfernung staerker werden; aber die Beobachtung zeigt, dass diess nicht +der Fall ist. Noch mehr: in der Suedsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die +Kueste von Mexico, fuhren Bonpland und ich ueber Striche, wo alle Matrosen +an Bord ueber ein dumpfes Geraeusch erschracken, das aus der Tiefe des +Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand +wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem +Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi +zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger +als 145 Meilen, und doch hoerte man waehrend der grossen Ausbrueche jenes +Vulkans in Honda ein unterirdisches Getoese, das man fuer Geschuetzsalven +hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Geruecht, Carthagena werde von den +Englaendern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der +Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr ueber dem Becken +von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500 +Toisen mehr Meereshoehe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die +colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan, +zahllose Thaeler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umstaenden +laesst sich nicht annehmen, dass der Ton durch die Luft oder durch die +obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und dass er von da ausgegangen +sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man muss es +wahrscheinlich finden, dass der hochgelegene Theil des Koenigreichs Quito +und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane +sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von +Sued nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm ueber 600 +Quadratmeilen Oberflaeche hat. Auf diesem Gewoelbe, auf diesem +aufgetriebenen Erdstueck stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der +Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es +im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens +sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser +Gipfel aus. Die ausgefuellten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane; +wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein- +oder zweimal auswerfen, so laesst sich doch annehmen, dass das unterirdische +Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in bestaendiger +Thaetigkeit ist. + +Nordwaerts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei +andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von +Popayan. Dass diese Systeme unter sich zusammenhaengen, geht unzweifelhaft +aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von +der gaenzlichen Zerstoerung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November +1796 an stiess der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses +Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsaeule aus. Die +Muendungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem +westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsaeule drei Monate lang so hoch +ueber den Gebirgskamm empor, dass die Einwohner der Stadt Pasto sie +fortwaehrend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer grossen Ueberraschung +sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne dass man +einen Erdstoss spuerte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter +gegen Sued zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar +(Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstoert, furchtbarer +als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser +Ereignisse laesst wohl keinen Zweifel darueber, dass die Daempfe, welche der +Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Muendungen oder _'ventanillas'_ +ausstiess, am Druck elastischer Fluessigkeiten theilnahmen, welche den Boden +des Koenigreichs Peru erschuetterten und in wenigen Augenblicken dreissig bis +vierzigtausend Menschen das Leben kosteten. + +Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklaeren, +um darzuthun, dass die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der +Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschuettern kann, musste ich mich auf +die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit +vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schluesse bauen, +und wo auf dem Erdball faende man grossartigere und mannigfaltigere +vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen +Bergkette, in dem Lande, wo die Natur ueber jeden Berggipfel und jedes Thal +die Fuelle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden +Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die +Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschaetzen, so stellt sich die +vulkanische Wirksamkeit an der gegenwaertigen Erdoberflaeche weder als sehr +gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit +erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je frueher wir den +Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und +dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die +der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in +Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir +sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als +die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermoege ihres Zusammenhangs +in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschuettern. Das Studium der +Vulkane zerfaellt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein +mineralogische, beschaeftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das +unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der +Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und +Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so +zugaengliche und auch mehr vernachlaessigte Theil hat es mit den +gegenseitigen physikalischen Verhaeltnissen der Vulkane zu thun, mit dem +Einfluss, den die Systeme auf einander ausueben, mit dem Zusammenhang +zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Stoessen, welche den +Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung +erschuettern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die +verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thaetigkeit genau verzeichnet, +ferner die Richtung, Ausdehnung und Staerke der Erschuetterungen, ihr +allmaeliges Vorruecken in Landstrichen, die sie frueher nicht erreicht +hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem +unterirdischen Getoese, das so stark ist, dass die Bewohner der Anden es +ausdrucksvoll *unterirdisches Gebruelle* und *unterirdischen Donner* +(_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehoeren dem +Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal +ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt, +die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Grossartigkeit +und Gewaltsamkeit weit ueber das Mass unserer Vorstellungen hinausgeht. + +Man hat sich lange darauf beschraenkt, die Geschichte der Natur nach den +alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmaelern zu studiren; aber +wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen +Umwaelzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben +und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der +jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschraenktem Raum, +stuermische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefasst, ueber +die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten koennen. Im Innern +des Erdballs hausen die geheimnissvollen Kraefte, deren Wirkungen an der +Oberflaeche zu Tage kommen, als Ausbrueche von Daempfen, gluehenden Schlacken, +neuen vulkanischen Gesteinen und heissen Quellen, als Auftreibungen zu +Inseln und Bergen, als Erschuetterungen, die sich so schnell wie der +elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den +man Monate lang, und ohne Erschuetterung des Bodens, in grossen Entfernungen +von thaetigen Vulkanen hoert. + +Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevoelkerung zunehmen werden, je +fleissiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf +den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird, +desto mehr muss der Zusammenhang zwischen Ausbruechen und Erdbeben, welche +den Ausbruechen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung +werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die +ungeheure Hoehe von 2500 Toisen und darueber erreichen, bieten dem +Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrueche sind +merkwuerdig scharf bezeichnet. Dreissig, vierzig Jahre lang werfen sie keine +Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode +habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des +Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke +entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen +dieses kleinen Vulkans gewoehnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter +einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die +Schlackenauswuerfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdstoss verspuert, +staerker gewesen sind. Auf dem Ruecken der Cordilleren hat Alles einen +bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft +zehnjaehrige Ruhe. Unter diesen Umstaenden wird es leicht, Epochen zu +verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit +zusammenfallen. + +Die Zerstoerung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen +darauf hin, dass die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den +Erschuetterungen, welche die Kuesten von Terra Firma erleiden, im +Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es haeufig vor, dass die Stoesse, welche +man im vulkanischen Archipel spuert, sich weder nach der Insel Trinidad, +noch nach den Kuesten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese +Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen +Antillen selbst beschraenken sich die Erschuetterungen oft auf eine einzige +Insel. Der grosse Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte +in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hoerte, wie in +Venezuela, starke Schlaege, aber der Boden blieb ruhig. + +Diese Donnerschlaege, die nicht mit dem rollenden Geraeusch zu verwechseln +sind, das ueberall auch ganz schwachen Erdstoessen vorausgeht, hoert man an +den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und +Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater +Morello erzaehlt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getoese +zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinboellern (_pedreros_) dass es +gewesen sey, als wuerde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October +1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien +verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in +Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des +Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschuetterungen in einer ganz +granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie +von heftigen Donnerschlaegen begleitet waren. Am Paurari erfolgten grosse +Bergstuerze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco. +Die wellenfoermigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war +gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschuetterungen, welche die +Kuesten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man +sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Waeldern leben und kein anderes +Obdach haben als Huetten aus Rohr und Palmblaettern, fuerchten sich nicht vor +den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber +darueber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die +Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem +Wasser ans Ufer. Naeher bei der See, wo die Erdstoesse sehr haeufig sind, +fuerchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern +als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres. + +Alles weist darauf hin, dass im Innern des Erdballs nie schlummernde Kraefte +walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich +gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des +Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer +Fluessigkeiten fuer uns in Dunkel gehuellt sind, desto groessere Aufforderung +hat der Physiker, den Zusammenhang naeher zu beobachten, der zwischen +diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in +sehr gleichfoermiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen +Beziehungen und Verhaeltnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt +betrachtet, wenn man sie ueber ein grosses Stueck der Erdoberflaeche durch die +verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken +aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine +lokale Ursachen haben koennten, wie Schichten von Schwefelkiesen und +brennende Steinkohlenfloeze. + +Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschuetterungen +beschaeftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit +erleidet, und die unermesslichen Jammer ueber ein Land bringen, das die +Natur mit ihren koestlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe +herrscht in der obern Atmosphaere, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu +brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen +Atmosphaere*, in diesem Gemisch elastischer Fluessigkeiten, deren gewaltsame +Bewegungen wir an der Erdoberflaeche empfinden, rollt haeufig der Donner. +Wir haben von der Zerstoerung so vieler volkreichen Staedte erzaehlt und +damit das hoechste Mass menschlichen Elends geschildert. Ein fuer seine +Unabhaengigkeit kaempfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung +und allen Lebensbeduerfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut +es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Truemmern ihrer +Haeuser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefuehl des +Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Buergern zu befestigen, +untergraebt es vollends; die aeussern Uebel steigern noch die Zwietracht, und +der Anblick eines mit Thraenen und Blut getraenkten Bodens beschwichtigt +nicht den Grimm der siegreichen Partei. + +Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, laesst man die +Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als +in den Vereinigten Staaten das grosse Unglueck von Caracas bekannt wurde, +beschloss der zu Washington versammelte Congress einstimmig, fuenf Schiffe +mit Mehl zur Vertheilung unter die Duerftigsten an die Kueste von Venezuela +zu senden. Diese grossmuethige Unterstuetzung ward mit dem lebhaftesten Danke +aufgenommen, und dieser feierliche Beschluss eines freien Volks, dieser +Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur +des alten Europa in juengster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat, +erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das +auf immer die Voelker des gedoppelten Amerikas verknuepfen soll. + + ------------------ + + + + + + 40 Z. B. die naechtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das + grosse Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr + 1778. Andere sehr starke Erdstoesse kamen vor in den Jahren 1641, 1703 + und 1802. + + 41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_. + (Manuscript) + + 42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenfoermigen und stossenden + Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare + Katastrophe vom 26. Maerz 1812 herbeifuehrten, wurde von den einen auf + 50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschaetzt. + + + + + +FUeNFZEHNTES KAPITEL. + + + Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. -- + Victoria. -- Thaeler von Aragua. + + +Der kuerzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco haette uns ueber die +suedliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von +Ocumare, und ueber die Steppen oder Llanos von Orituco gefuehrt, worauf wir +uns bei Cabruta, an der Einmuendung des Rio Guarico, haetten einschiffen +muessen; aber auf diesem geraden Wege haetten wir unsere Absicht nicht +erreicht, die dahin ging, den schoensten und kultivirtesten Theil der +Provinz, die Thaeler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich +der Kueste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem +Einfluss in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der +Gestaltung und den natuerlichen Schaetzen des Bodens bekannt machen will, +richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das +die zu bereisenden Laender bieten. Diese entscheidende Ruecksicht fuehrte uns +in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die +fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und ueber die ungeheuren Steppen von +Calabozo nach San Fernando am Apure im oestlichen Theil der Provinz +Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Sued und am +Ende Ost-Sued-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7 deg. 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} in +den Orinoco zu gelangen. + +Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Laengen durch +Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, musste +nothwendig die Lage beider Staedte genau und durch absolute Beobachtungen +ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in +Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der +noerdliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10 deg. 30{~PRIME~} 50{~DOUBLE PRIME~} der Breite und +69 deg. 25{~PRIME~} 0{~DOUBLE PRIME~} der Laenge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar +1800 ausserhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4 deg. 38{~PRIME~} 45{~DOUBLE PRIME~} gegen +Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universitaet +4 deg. 39{~PRIME~} 15{~DOUBLE PRIME~}, also um 26{~PRIME~} staerker als in Cumana. Die Inclination der Nadel +war 42 deg. 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensitaet der +magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in +Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden: +sie sind das Ergebniss dreimonatlicher Arbeit. + +Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verliessen, die seitdem durch +ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, uebernachteten wir am Fusse +der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Suedwest schliessen. Wir zogen am +rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schoenen, zum +Theil in den Fels gehauenen Strasse. Man kommt durch la Vega und Carapa. +Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht +bewachsenen Huegelzug ab. Zerstreute Haeuser, von Dattelbaeumen umgeben, +deuten auf guenstige Verhaeltnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe +Bergkette trennt den kleinen Guayrefluss vom Thale *de la Pascua*,(43) das +in der Geschichte des Landes eine grosse Rolle spielt, und von den alten +Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwaerts nach Carapa +hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine +gewaltige, gegen das Meer jaeh abstuerzende Kuppel darstellt. Dieser runde +Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die +einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gneiss und Glimmerschiefer, die +der Landschaft Charakter geben; die uebrigen Hoehen sind sehr einfoermig und +langweilig. + +Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgaerten voll bluehender Pfirsichbaeume. +Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge +Pfirsiche, Quitten und anderes europaeisches Obst auf den Markt in Caracas. +Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal ueber den Guayre. Der +Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Strasse zu bauen, thaete man +vielleicht besser, dem Fluss ein anderes Bett anzuweisen, der durch +Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Kruemmung +bildet eine groessere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht +gleichgueltig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme +des Strichs zwischen der See und der Kuestenbergkette von Mariara und +Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im +Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche. +Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber +die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80 deg. geneigt +und fallen meist nach Nordwest, so dass die Wasser entweder im Gebirg +versinken oder nicht suedlich, sondern noerdlich an den Kuestengebirgen von +Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus, +dass die Gneiss- und Glimmerschieferschichten gegen Sued ausgerichtet sind, +scheint sich mir groesstentheils die grosse Duerre des Kuestenstrichs zu +erklaeren. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei +Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der +Kaffeebaum koennen nur da gedeihen, wo Wasser fliesst, mit dem man waehrend +der grossen Duerre kuenstlich bewaessern kann. Die ersten Ansiedler haben +unvorsichtigerweise die Waelder niedergeschlagen. Auf einem steinigten +Boden, wo Felsen ringsum Waerme strahlen, ist die Verdunstung ungemein +stark. Die Berge an der Kueste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West +vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die +feuchte Kuestenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See +aufliegen und am meisten Wasser ausgeloest haben, nicht ins innere Land +kommen. Es gibt wenige Luecken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von +Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Laengenthaeler +hinauffuehren. Da ist kein grosses Flussbett, kein Meerbusen, durch die der +Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung +Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die +Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Baeume im Januar und Februar die +Blaetter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig +wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit +entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich naehert. Nur die +Gewaechse mit glaenzenden, stark lederartigen Blaettern halten die Duerre aus. +Unter dem schoenen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast +winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Gruen erscheint +wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein +anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die grossen Waelder im +Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schuetzen ihn vor der +verzehrenden Sonnengluth. + +Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das +Flussufer ist mit *Lata* bewachsen, der schoenen Grasart mit zweizeiligen +Blaettern, die gegen dreissig Fuss hoch wird und die wir unter dem Namen +Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Huette stehen +ungeheure Staemme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien, +Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die +benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales +von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las +Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten +Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhaeuten am Bodens. In jedem Gemach +waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof +brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die +laermende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen +des bewoelkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond +kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war truebselig +einfoermig, alle Huegel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem +kleinen Kanal, der ueber 70 Fuss hoch das Wasser des Rio San Pedro in den +Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden +der Hacienda nur 50 Toisen ueber dem Bett des Guayre bei Noria in der Naehe +von Caracas. + +Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht +sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen +geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit +dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im +Allgemeinen einen Begriff zu machen, genuegt die Angabe, dass die ganze +Provinz Caracas zur Zeit ihrer hoechsten Bluethe vor den Revolutionskriegen +bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten +von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, muss desto +bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Buerger, Don +Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Kueste +von Terra Firma gemacht hatte. Die schoensten Kaffeepflanzungen sind jetzt +in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten +Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von +den drei letztgenannten, ostwaerts von Caracas gelegenen Orten ist von +vorzueglicher Guete; aber die Straeucher tragen dort weniger, was man der +hohen Lage und dem kuehlen Klima zuschreibt. Die grossen Pflanzungen in der +Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in +guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die +Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804 +10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die +Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana +sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener fuer die Colonisten so +unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch ueber zwei +Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in +den englischen Magazinen. + +Die grosse Vorliebe, die man in dieser Provinz fuer den Kaffeebau hat, ruehrt +zum Theil daher, dass die Bohne sich viele Jahre haelt, waehrend der Cacao, +trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen +verdirbt. Waehrend der langen Kriege zwischen den europaeischen Maechten, wo +das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schuetzen, +musste sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht +schnell abgesetzt werden muss und bei dem man alle politischen und +Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas +nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen +Pflanzen, die zufaellig unter den tragenden Baeumen aufwachsen; man laesst +vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem +Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblaettern fuenf Tage +lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen +Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der +Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande +gewoehnlich 5300 Baeume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen. +Ein solches Grundstueck kostet, wenn es sich bewaessern laesst, im noerdlichen +Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blueht erst im zweiten Jahr +und die Bluethe waehrt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine +Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr +ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejaeteten und bewaesserten +Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Baeume, +die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur +1--11/2 Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist +schon groesser als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Bluethezeit +faellt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewaechs, +eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten grossen +Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000 +Staemmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse +organischen Stoffs, und man muss sich wundern, dass man nie versucht hat +Alkohol daraus zu gewinnen. + +Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der +Colonialwaaren und die Auswanderung der franzoesischen Pflanzer den ersten +Anlass zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und +Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs bloss +das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, dass die franzoesischen +Antillen nichts mehr ausfuehrten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die +Bevoelkerung und bei veraenderter Lebensweise der Luxus bei den europaeischen +Voelkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 fuehrte St. Domingo gegen 76 +Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war +die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist +nicht so muehsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter +dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich +ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba, +Surinam, Demerary, Barbice, Curacao, Venezuela und der Insel Java weit +mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen. + +Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa uebersteigt jetzt 106 +Millionen Pfund franzoesischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5 +Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus +Arabien und Java, so ergibt sich, dass der Gesammtverbrauch von Europa im +Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen +Untersuchungen ueber die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine +geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der +Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus +China in den letzten fuenfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil staerker +geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana koennte Thee +so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in +Stockwerken ueber einander, und dieser neue Culturzweig wuerde eben so gut +gedeihen, wie in der suedlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer +Regierung, die grosssinnig die Industrie und die religioese Duldung in ihren +Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo's Glaubenssaetze zumal +eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam +und auf den Antillen die ersten Kaffeebaeume gepflanzt wurden, und bereits +hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen +Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet. + +Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um ueber den Higuerote zu +gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Laengenthaelern von +Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Fluesse San +Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, ueber das Wasser gegangen +waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo +ein paar einzelne Haeuser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur +Stadt Caracas, gegen Sued bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und +waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach +ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshoehe, also fast so hoch +als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich hoeher als 17--18 deg. +[13 deg.,6--14 deg.,4 Reaumur]. Die Strasse ueber diese Berge ist sehr belebt; jeden +Augenblick begegnet man langen Zuegen von Maulthieren und Ochsen; es ist +die grosse Strasse von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thaeler von +Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gneiss gehauen. Ein mit +Glimmerblaettern gemengter Thon bedeckt drei Fuss hoch das Gestein. Im +Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein +Morast. Abwaerts von der Ebene von Buonavista, etwa fuenfzig Toisen gegen +Suedost, kommt man an eine starke Quelle im Gneiss, die mehrere Faelle +bildet, welche die ueppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle +hinunter ist so steil, dass man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fuss +hoch wird, mit der Hand beruehren kann. Die Felsen ringsum sind mit +Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schiesst +im Schatten von Heliconien hin und entbloesst die Wurzeln der Plumeria, des +Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen +heimgesuchte Ort gewaehrt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea, +von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, traegt +oft vier bis fuenfhundert purpurrothe Bluethen in einem einzigen Strausse. +Jede Bluethe hat fast immer 11 Staubfaeden, und das prachtvolle Gewaechs, +dessen Stamm 50--60 Fuss hoch waechst, wird selten, weil sein Holz eine sehr +gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und +Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden +zwischen Baeumen, deren Hierseyn bekundet, wie kuehl das Klima in diesen +Bergen ist. Dahin gehoeren die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die +_Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schoenen Region der Baumfarn +(_region de los helechos_) eigenthuemlichen Gewaechsen erheben sich in den +Lichtungen hie und da Palmbaeume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia +mit silberfarbigen Blaettern, deren duenner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie +verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, dass ein so schoener +Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn +Kronblaetter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das +Zellgewebe im Innern zerstoeren, scheinen das Wachsthum des Baums zu +hemmen. Wir hatten in diesen kuehlen Bergen von Higuerote schon einmal +botanisirt, im December, als wir den Generalcapitaen Guevara auf dem +Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles +de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar +Staemme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schoenen Farbe beruehmtes Holz +einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von +Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_. + +Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Suedwest zum kleinen Dorfe +San Pedro herunter (Hoehe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo +mehrere kleine Thaeler zusammenstossen, und fast 300 Toisen tiefer als die +Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln +und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut. +Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht +angestellte Hispano-Europaeer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr +verschieden. Vom Marsche ermuedet, brachen sie in Klagen und Verwuenschungen +aus ueber das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben +muessten. Wir dagegen konnten die wilde Schoenheit der Gegend, die +Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug ruehmen. + +Das Thal von San Pedro mit dem Fluesschen dieses Namens trennt zwei grosse +Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen +West wieder aufwaerts ueber die kleinen Hoefe las Lagunetas und Garavatos. Es +sind diess nur einzelne Haeuser, die als Herbergen dienen; die +Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetraenk, *Guarapo*, gegohrenen +Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Strasse hin und her +ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar +gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der +oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas oeffneten wir +den Barometer und fanden, dass wir hier in derselben Hoehe waren wie auf +Buonaviste, kaum 10 Toisen hoeher. + +Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einfoermig. +Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und +des Tuy ist ueber 25 Quadratmeilen gross. Es gibt darin sein einziges +elendes Dorf, los Teques, suedoestlich von San Pedro. Der Boden ist wie +durchfurcht von unzaehligen kleinen Thaelern, und die kleinsten, neben +einander herlaufenden muenden unter rechtem Winkel in die groesseren aus. Die +Berggipfel sind eben so einfoermig wie die Thalschluchten; nirgends eine +pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang. +Nach meiner Ansicht ruehrt das fast durchgaengig flache, wellenfoermige +Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der +Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneisses, als vielmehr davon, +dass das Wasser lange darueber gestanden und die Stroemungen ihre Wirkungen +geaeussert haben. Die Kalkberge von Cumana, noerdlich vom Turimiquiri, zeigen +dieselbe Bildung. + +Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche +Abhang der Berggruppe los Teques heisst las Cocuyzas; er ist mit zwei +Pflanzen mit Agaveblaettern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de +Cocuy* bewachsen. Letzterer gehoert zur Gattung Yucca (unsere _Yucca +acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein +gebrannt, auch habe ich die jungen Blaetter essen sehen. Aus den Fasern der +ausgewachsenen Blaetter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat +man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein +reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Doerfern, unter denen welche +sind, die in Europa Staedte hiessen. Von Ost nach West, auf einer Strecke +von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay, +die zusammen ueber 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der +oestliche Auslaeufer der Thaeler von Aragua zu betrachten, die sich von +Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fuss der Berge las +Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim +Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen ueber dem +Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, laeuft Anfangs +gegen West, wendet sich dann nach Sued und Ost laengs der hohen Savanen von +Ocumare, nimmt die Gewaesser des Thals von Caracas auf und faellt unter dem +Winde des Cap Codera ins Meer. + +Wir waren schon lange an eine maessige Temperatur gewoehnt, und so kamen uns +die Ebenen am Tuy sehr heiss vor, und doch stand der Thermometer bei Tag +zwischen elf Uhr Morgens und fuenf Uhr Abends nur auf 23--24 deg.. Die Naechte +waren koestlich kuehl, da die Lufttemperatur bis auf 17 deg.,5{~PRIME~} [14 deg. Reaumur] +sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto staerker schienen die Wohlgerueche der +Blumen die Luft zu erfuellen. Aus allen heraus erkannten wir den koestlichen +Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Bluethe +8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy waechst. Wir verlebten zwei +hoechst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der +Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Russland gewesen war. Als +Zoegling und Guenstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten +von Caracas, wollte er sich, als der beruehmte Staatsmann ins Ministerium +getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz +fuerchtete Manterolas Einfluss und liess ihn im Hafen verhaften, und als der +Befehl von Hof anlangte, der die eigenmaechtige Verhaftung aufhob, war der +Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es haelt schwer, auf 1500 Meilen, von +der suedamerikanischen Kueste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht +eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen. + +Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine huebsche Zuckerplantage. Der Boden +ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlaengelt sich +durch Gruende, die mit Bananen und einem kleinen Gehoelz von _Hura +crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbaeumen mit +Nymphaeenblaettern bewachsen sind. Das Flussbett besteht aus Quarzgeschieben, +und ich wuesste nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das +crystallhelle Wasser behaelt selbst bei Tag die Temperatur von 18 deg.,6. Das +ist sehr kuehl fuer dieses Klima und fuer eine Meereshoehe von 300 Toisen, +aber der Fluss entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des +Eigenthuemers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Huegel und ringsum stehen +die Huetten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst fuer ihren +Unterhalt. Wie ueberall in den Thaelern von Aragua weist man ihnen ein +kleines Grundstueck an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen +freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Huehner, +zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr ruehmt, wie gut sie es haben, wie im +noerdlichen Europa die gnaedigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern +ruehmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger +einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich fuerchtete Zeuge einer der +Pruegelscenen sein zu muessen, die einem ueberall, wo die Sklaverei herrscht, +das Landleben verbittern; gluecklicherweise wurden die Schwarzen menschlich +behandelt. + +Auf dieser Pflanzung, wie ueberall in der Provinz Venezuela, unterscheidet +man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das +creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat +ein dunkleres Blatt, einen duenneren Stengel und die Knoten stehen naeher +bei einander; es ist diess das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf +Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingefuehrt wurde. Die +zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Gruen aus; der Stengel ist +hoeher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verraeth ueppigeres Wachsthum. +Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville +brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an +auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der +Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die +Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden +Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein +Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel +und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres +ist fuer die Antillen von grossem Werth, da die Pflanzer dort wegen der +Ausrodung der Waelder schon lange die Kessel mit ausgepresstem Rohr heizen +muessen. Ohne dieses neue Gewaechs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf +dem Festland des spanischen Amerika und die Einfuehrung des indischen und +Javazuckers, haetten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstoerung +der dortigen grossen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen +Einfluss auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geaeussert. Nach Caracas +kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta +und San Gil im Koenigreich Neu-Grenada. Gegenwaertig, nach +fuenfundzwanzigjaehrigem Anbau, ist die Besorgniss verschwunden, die man +Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr moechte allmaehlig +ausarten und so duenn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist, +so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr, +_Cana de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu +Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut. +Es hat purpurfarbige, sehr breite Blaetter; in der Provinz Caracas +verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder +mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstuecken laufen Hecken aus einer gewaltig +grossen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blaettern. +Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Waesserungskanal +gespeist werden sollte. Der Eigenthuemer hatte fuer das Unternehmen 7000 +Piaster an Baukosten und 4000 fuer die Processe mit seinen Nachbarn +ausgegeben. Waehrend die Sachwalter sich ueber einen Kanal stritten, der +erst zur Haelfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache +ueberhaupt ausfuehrbar seh. Ich vermass das Terrain mittelst eines +Probirglases auf einem kuenstlichen Horizont und fand, dass das Wehr acht +Fuss zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen +Colonien fuer Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen +angelegt waren! + +Das Tuythal hat sein "Goldbergwerk", wie fast jeder von Europaeern +bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr +1780 habe man hier fremde Goldwaescher Goldkoerner sammeln sehen, und die +Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Waescherei angelegt. Der +Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und +siehe, man fand in seinem Nachlass ein Wamms mit goldenen Knoepfen, und nach +der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die +Schuerfung durch einen Erdfall verschuettet worden war. So bestimmt ich auch +erklaerte, nach dem blossen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen +in der Richtung des Ganges, koenne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut +worden sey -- es half nichts, ich musste den Bitten meiner Wirthe +nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen +Bezirk tagtaeglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schoosse der +Erde graebt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das +Gold, das der Fleiss des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden +Klima gesegneten Boden erntet. + +Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im noerdlichen Zuge der +Kuestengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_ +genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den +Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses +ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie ueberall, wo die Hoehen in die +Wolkenregion reichen und die Wasserduenste auf ihrem Zug von der See her +freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Gruen, das uns in +den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den +Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Baeume im Winter ihre +Blaetter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, faellt +einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so +trocken, dass der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40 deg. steht. +Weit ab vom Fluss sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges +Pfeffergewaechs das entblaetterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung +ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum +erreicht; sie ruehrt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, dass "die +Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heissen Erdstrich herueber +wirken." Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewaechse +bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Blaetter- und +Bluethenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten +sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen +Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen +Baeume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu +treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in +der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmaehlich feuchter, wenn +sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blaesser und hoch oben in +der Luft sammeln sich leichte, gleichfoermig verbreitete Duenste. In diese +Jahreszeit faellt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein +Fruehling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48) +Winters Anfang verkuendigt und auf die Sommerhitze folgt. + +In der _Quebrada Seca_ wurde frueher Indigo gebaut; da aber der +dichtbewachsene Boden nicht so viel Waerme abgeben kann, als die +Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung +wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter +man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am +noerdlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der ueber die +fallenden Gneissschichten niederstuerzt; man arbeitete hier an einer +Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene fuehren sollte; ohne Bewaesserung +ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft moeglich. +Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, ueber dem Hause +des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, haette +umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertruemmern muessen, so +hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefaellt, dass er zwischen +ungeheure Feigenbaeume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter +rollen konnte. Wir massen den gefuellten Baum: der Wipfel war abgebrannt, +und doch mass der Stamm noch 154 Fuss; er hatte an der Wurzel 8 Fuss +Durchmesser und am obern Ende 4 Fuss 2 Zoll. + +Unsern Fuehrern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Baeume +sind, und sie trieben uns vorwaerts, dem "Goldbergwerk" zu. Wir wandten uns +nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am +Abhang eines Huegels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den +Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz +veraendert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits +wuchsen grosse Baeume auf dem Fleck, wo die Goldwaescher vor zwanzig Jahren +gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass sich hier im +Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen, +goldhaltige Gaenge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagerstaette +bauwuerdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto +seltener, je reicher es ist? Um uns fuer unsere Anstrengung zu +entschaedigen, botanisirten wir lange im dichten Wald ueber dem Hato, wo +Cedrela, Brownea und Feigenbaeume mit Nymphaeenblaettern in Menge wachsen. +Die Staemme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen +bedeckt, die meist erst im April bluehen. Auch hier fielen uns wieder die +Holzauswuechse auf, die in der Gestalt von Graeten oder Rippen den Stamm der +amerikanischen Feigenbaeume bis zwanzig Fuss ueber dem Boden so ungemein dick +machen. Ich habe Baeume gesehen, die ueber der Wurzel 221/2 Fuss Durchmesser +hatten. Diese Holzgraeten trennen sich zuweilen acht Schuh ueber dem Boden +vom Stamm und verwandeln sich in walzenfoermige, zwei Schuh dicke Wurzeln, +und da sieht es aus, als wuerde der Baum von Strebepfeilern gestuetzt. +Dieses Geruestwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die +Seitenwurzeln schlaengeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fuss vom +Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums +hervorquellen und sofort, da er der Lebensthaetigkeit der Organe entzogen +ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von +Zellen und Gefaessen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen +Riesenbaeumen der heissen Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem +fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fuss hoch aufsteigt und wieder +zum Boden rueckfliesst, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter +dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens +bergen! + +Ich benuetzte die hellen Naechte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte +des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei +Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39{~PRIME~} 14{~DOUBLE PRIME~} Laenge; nach +dem Chronometer fand ich 4h 39{~PRIME~} 10{~DOUBLE PRIME~}. Diess waren die letzten Bedeckungen, +die ich bis zu meiner Rueckkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben +wurde das oestliche Ende der Thaeler von Aragua und der Fuss der Berge las +Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhoehen von Canopus fand ich +die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}, am +10. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 34{~DOUBLE PRIME~}. Trotz der grossen Trockenheit der Luft flimmerten +die Sterne bis zu 80 Grad Hoehe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt +und jetzt vielleicht das Ende der schoenen Jahreszeit verkuendete. Die +Inclination der Magnetnadel war 41 deg. 60{~PRIME~}, und 228 Schwingungen in 10 +Minuten Zeit gaben die Intensitaet der magnetischen Kraft an. Die +Abweichung der Nadel war 4 deg. 30{~PRIME~} gegen Nordost. + +Waehrend meines Aufenthalts in den Thaelern des Tuy und von Aragua zeigte +sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es +unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends +gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand +fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten +nach Sonnenuntergang, ohne dass der klare Himmel sich getruebt haette. Schon +La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen, +wie schoen sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl +weil es weniger geneigt ist, als wegen der grossen Reinheit der Luft. Man +muesste es auch auffallend finden, dass nicht lange vor Childrey und Dominic +Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die +gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und +Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wuesste, wie wenig sie bis +zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kuemmerten, was nicht +unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte. + +So glaenzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es +doch noch weit schoener auf dem Ruecken der Cordilleren von Mexico, am Ufer +des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshoehe. Auf dieser Hochebene geht +der Delucsche Hygrometer auf 150 zurueck, und bei einem Luftdruck von 21 +Zoll 8 Linien ist die Schwaechung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf +den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60 +Grad ueber den Horizont herauf. Die Milchstrasse erschien blass neben dem +Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Woelkchen gegen +West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen. + +Ich muss hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in +meinem an Ort und Stelle gefuehrten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet. +Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach +je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwaecher, jetzt wieder staerker. Bald +war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstrasse im +Schuetzen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im +Innern, weit von den Raendern. Waehrend dieser Schwankungen des +Zodiacallichts zeigte der Hygrometer grosse Trockenheit an. Die Sterne +vierter und fuenfter Groesse erschienen dem blossen Auge fortwaehrend in +derselben Lichtstaerke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen, +und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeintraechtigen. In +andern Jahren, in der suedlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe +Stunde, ehe es verschwand, staerker werden. Nach Dominic Cassini sollte +"das Zodiacallicht in manchen Jahren schwaecher und dann wieder so stark +werden wie Anfangs." Er glaubte, dieser allmaehliche Lichtwechsel "haenge +mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe +periodisch Flecken und Fackeln erscheinen;" aber der ausgezeichnete +Beobachter erwaehnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger +Minuten erfolgenden Wechsel in der Staerke des Zodiacallichtes, wie ich +denselben unter den Tropen oefters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich +sehe man in den Monaten Februar und Maerz ziemlich oft mit dem +Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte* +nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont +verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, dass in den von mir +beobachteten Faellen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der +Wechsel in der Lichtstaerke erfolgte in bedeutenden Hoehen, das Licht war +weiss, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter +den Tropen so selten sichtbar, dass ich in fuenf Jahren, so oft ich auch im +Freien lag und das Himmelsgewoelbe anhaltend und sehr aufmerksam +betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte. + +Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des +Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so moechte ich glauben, +dass diese Veraenderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen +Vorgaengen in der Atmosphaere abhaengen. Zuweilen, in ganz heitern Naechten, +suchte ich das Zodiacallicht vergebens, waehrend es Tags zuvor sich im +groessten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, dass Emanationen, die +das weisse Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen +Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwaecher sind? Die +Untersuchungen ueber den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit +die Mathematiker uns bewiesen haben, dass uns die wahre Ursache der +Erscheinung unbekannt ist. Der beruehmte Verfasser der _mecanique celeste_ +hat dargethan, dass die Sonnenatmosphaere nicht einmal bis zur Merkursbahn +reichen kann, und dass sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen +koennte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben muss. Es lassen +sich zudem ueber das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie +ueber das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es +direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter +die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen +wichtigen Punkt zu erledigen. + +Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola +auf. Der Weg fuehrt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war kuehl +und feucht, und die Luft durchwuerzt vom koestlichen Geruch des _Pancratium +undulatum_ und anderer grosser Liliengewaechse. Man kommt durch das huebsche +Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthaetigen +Muttergottesbildes beruehmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe +der Familie Monteras Halt. Eine ueber hundert Jahre alte Negerin sass vor +einer kleinen Huette aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine +Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. "Ich +halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_)", sagte ihr Enkel; "die Waerme +erhaelt sie am Leben." Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die +Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Voelker mit dunkler Haut, +die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heissen +Zone ein hohes, glueckliches Alter. Ich habe anderswo von einem +eingeborenen Peruaner erzaehlt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90 +Jahre verheirathet gewesen war. + +Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter +Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen. +Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die +Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schoenen Thaelern +von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besassen, und sie +wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Waelder +am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe +Cultur Schoenes und Gutes bietet. + +Der Weg von Mamon nach Victoria laeuft nach Sued und Suedwest. Den Tuy, der +am Fuss der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren +wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu +seyn. Die Kalktuffhuegel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber +senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse +deuten das alte Seegestade an. Das oestliche Ende des Thals ist duerr und +nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten +Gebirge nicht benuetzt, aber in der Naehe der Stadt betritt man ein gut +bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur fuer +ein Dorf (_pueblo_) galt. + +Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schoenen Gebaeuden, einer Kirche mit +dorischen Saeulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich +nicht leicht als Dorf denken. Laengst hatten die Einwohner von Victoria den +spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen +Cabildo, einen Gemeinderath, waehlen zu duerfen. Das spanische Ministerium +willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition +Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der +Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Huetten den vornehmen Titel +_Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen +nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Buerger seyn; +aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie +ausgeartet. Die Leute, welche die unumschraenkte Gewalt in Haenden haben, +koennten so leicht den Einfluss von ein paar maechtigen Familien ihren +Zwecken dienstbar machen; statt dessen fuerchten sie den sogenannten +Unabhaengigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskoerper +gelaehmt und kraftlos bleiben, als dass sie Mittelpunkte der Regsamkeit +aufkommen liessen, die sich ihrem Einfluss entziehen, als dass sie der +lokalen Lebensthaetigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub +leisteten, nur weil diese Thaetigkeit vielmehr vom Volk als von der +obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die +Municipalverfassung vom Hose klugerweise beguenstigt. Maechtige Maenner, die +bei der Eroberung eine Rolle gespielt, gruendeten Staedte und bildeten die +ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehoerigen +des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals +Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht +so argwoehnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland +wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer +Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der +Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen +des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich, +misstrauisch, ausschliessend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem +Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weissen eine +Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung fuer Indien nichts gewusst +hatte. Allmaehlich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einfluss +der Gemeinden herabgedrueckt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und +17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das +Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof fuer gefaehrliche +Hemmnisse der koeniglichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Doerfer +trotz der Zunahme ihrer Bevoelkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das +Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, dass die neueren +Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch +sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_ +die Artikel von den Verhaeltnissen der nach Amerika uebersiedelten Spanier, +von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderaethe +nachliest. + +Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein +ganz eigenthuemlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen +Meereshoehe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee- +und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast +nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europaeischen +Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico +wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Hoehe der Weizenbau stark +betrieben, und nur selten geht er ueber 400 Toisen herab. Wir werden bald +sehen, dass, wenn man Lagen von verschiedener Hoehe mit einander vergleicht, +der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der +mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide +bauen kann, haengt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der +Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit +faellt, ob der Wind fortwaehrend aus Ost blaest oder von Norden her kalte +Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang +Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend oertlichen +Verhaeltnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs +als die Vertheilung derselben Waermemenge auf verschiedene Jahreszeiten +bedingen. Es ist eine merkwuerdige Erscheinung, dass das europaeische +Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Laendern +mit einer mittleren Waerme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo +die Sommertemperatur ueber 9--10 Grad betraegt. Man kennt das *Minimum* von +Waerme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; ueber das *Maximum*, +das diese sonst so zaehen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen. +Wir wissen nicht einmal, welche Verhaeltnisse zusammenwirken, um unter den +Tropen den Getreidebau in sehr geringen Hoehen moeglich zu machen. Victoria +und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man saeet +ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fuenfundsiebzigsten Tag. +Das Korn ist gross, weiss und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist duenner, +nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen. +Bei Victoria ertraegt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen, +also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den noerdlichen +Laendern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, waehrend der Boden von +Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fuenfte +bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen traegt. Trotz dieser +Fruchtbarkeit des Bodens und des guenstigen Klimas ist der Zuckerbau in den +Thaelern von Aragua eintraeglicher als der Getreidebau. + +Durch Victoria laeuft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy, +sondern in den Rio Aragua ergiesst, woraus hervorgeht, dass dieses schoene +Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken +des Sees von Valencia gehoert, zu einem System von Binnenfluessen, die mit +der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio +Calanchas heisst _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht +man Waaren ausgestellt, und die Strassen bestehen aus Budenreihen, Zwei +Handelsstrassen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello +und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_ +genannt. Es sind im Verhaeltniss mehr Weisse hier als in Caracas. Wir +besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr +schoene Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thaeler von Aragua, +ein weites, mit Gaerten, Bauland, Stuecken Wald, Hoefen und Weilern bedecktes +Gelaende. Gegen Sued und Suedost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die +hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen +die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere +Bergkette streicht nach West laengs des Sees von Valencia fort bis Villa de +Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist +steil und fortwaehrend in den leichten Dunst gehuellt, der in heissen Laendern +ferne Gegenstaende stark blau faerbt und die Umrisse keineswegs verwischt, +sondern sie nur staerker hervortreten laesst. In dieser innern Kette sollen +die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des +11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10 deg. 13{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}, die Inclination +der Magnetnadel 40 deg.,80, die Intensitaet der magnetischen Kraft gleich 236 +Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4 deg.,40 nach +Nordost. + +Wir zogen langsam weiter ueber die Doerfer San Matheo, Turmero und Maracay +auf die Hacienda de Cura, eine schoene Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir +erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmaehlig weiter; zu +beiden Seiten desselben stehen Huegel von Kalktuff, den man hier zu Lande +_tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche +gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit +Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir +verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswuerdigen und gebildeten +Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen +Buechersammlung steht auf einer Anhoehe und ist mit Kaffe- und +Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebuesch von Balsambaeumen +(_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Kuehlung und Schatten. Mit reger +Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Haeuser, die von +Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten beguenstigen in +den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den +uebrigen europaeischen Nationen. + +San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Doerfer, wo Alles den groessten +Wohlstand verraeth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von +Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und +die letzten Muehlen mit wagerechten Wasserraedern. Man rechnete bei der +bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als waere diess noch +ein maessiger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preussen und Polen mehr +ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide +arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher. +Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die +Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, weiss man, +dass nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt +als auf den Nordkuesten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada, +Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen +Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche +der "Vegetationscyclus" des Getreides faellt, so findet(50) man fuer drei +Sommermonate im noerdlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in +Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Hoehe, +14--25 Grad. + +Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thaelern von Aragua +und im Innern von Cuba beweisen zur Genuege, dass Zunahme der Waerme die +Ernte des Weizens und der andern naehrenden Graeser nicht beeintraechtigt, +wenn nicht mit der hohen Temperatur uebermaessige Trockenheit oder +Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die +scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an +der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, dass +ostwaerts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_, +diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, waehrend westlich von +der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen +Hoehe, die Vegetation noch so ueppig ist, dass der Weizen keine Aehren +ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europaeische +Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt fuer zu heiss +oder zu feucht dafuer haelt. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier +waren noch nicht so an den Mais gewoehnt, man hielt noch fester an den +europaeischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen +werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Saemereien aller +Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach +falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die +Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte +Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang +im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die +Kuestenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der +Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend +der Stadt Tocuyo werden jaehrlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls +ausgefuehrt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas +mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, dass +dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine grosse Bedeutung erlangen +wird. Die gemaessigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine +eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshoehe ist nicht so +bedeutend, dass die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter faenden, +Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwaertig bezieht Caracas sein Mehl +entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der +Herstellung der oeffentlichen Ruhe auch fuer den Gewerbfleiss bessere Zeiten +kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro +eine Strasse gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl +aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen. + +Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwaehrend +durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der +regelmaessigen Bauart der Doerfer erkennt man, dass alle den Moenchen und den +Missionen den Ursprung verdanken. Die Strassen sind gerade, unter einander +parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem grossen +viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero +ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen ueberladenes +Gebaeude. Seit die Missionaere den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weissen +Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden +nach und nach als besondere Race, das heisst sie werden in der Gesammtmasse +der Bevoelkerung durch die Mestizen und die Zambos repraesentirt, deren +Anzahl fortwaehrend zunimmt. Indessen habe ich in den Thaelern von Aragua +noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind +sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die +Chaymas; ihr Auge verraeth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge +der Stammverschiedenheit als der hoeheren Civilisation ist. Sie arbeiten, +wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie +arbeiten, ruehrig und fleissig; was sie aber in zwei Monaten verdient, +verschwenden sie in einer Woche fuer geistige Getraenke in den Schenken, +deren leider von Tag zu Tag mehr werden. + +In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es +den Leuten an, dass diese Thaeler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen +Friedens genossen hatten. Der Generalcapitaen wollte das Militaerwesen +wieder in Schwung bringen und hatte grosse Uebungen angeordnet. Da hatte in +einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer +gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht muede, uns zu +schildern, wie gefaehrlich ein solches Manoever sey. "Rings um ihn seyen +Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier +Stunden in der Sonne stehen muessen, und seine Sklaven haben ihm nicht +einmal einen Sonnenschirm ueber den Kopf halten duerfen." Wie rasch doch die +scheinbar friedfertigsten Voelker sich an den Krieg gewoehnen! Ich laechelte +damals ueber eine Hasenfuessigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit +kundgab, und zwoelf Jahre darauf wurden diese selben Thaeler von Aragua, die +friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defile von Cabrera und +die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten, +hartnaeckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des +Mutterlandes. + +Suedlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und +trennt zwei schoene Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere +gehoert der Familie des Grafen Tovar, der ueberall in der Provinz +Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt. +Noerdlich von Turmero, in der Kuestencordillere, erhebt sich ein +Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von +Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach +West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den +reichen Cacaopflanzungen auf dem Kuestenstrich bei Choroni, Turiamo und +Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen +ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im +Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Haefen an der +Kueste fuehrt. + +Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am +Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Huegel, wie ein gruen +bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Huegel, noch ein +Klumpen dicht beisammen stehender Baeume, sondern ein einziger Baum, der +beruehmte _'Zamang de Guayre'_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren +Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fuss im +Umfang bilden. Der Zamang ist eine schoene Mimosenart, deren gewundene +Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm +vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen +Gewoelbe. Der Stamm ist nur sechzig Fuss hoch und hat neun Fuss Durchmesser, +seine Schoenheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste +breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich ueberall +dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fuss abstehen. Der Umriss der Krone +ist so regelmaessig, dass ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und +186 Fuss lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit +ganz entblaettert; an einer andern Stelle standen noch Blaetter und Bluethen +neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere +Schmarotzergewaechse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde +derselben. Die Bewohner dieser Thaeler, besonders die Indianer, halten den +Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden +haben moegen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet, +ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst veraendert. +Dieser Zamang muss zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei +Orotava. Der Anblick alter Baeume hat etwas Grossartiges, Imponirendes; die +Beschaedigung dieser Naturdenkmaeler wird daher auch in Laendern, denen es an +Kunstdenkmaelern fehlt, streng bestraft. Wir hoerten mit Vergnuegen, der +gegenwaertige Eigenthuemer des Zamang habe einen Paechter, der es gewagt, +einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur +Verhandlung und der Paechter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei +Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren +Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so +gross. + +Je naeher man gegen Cura und Guacara am noerdlichen Ufer des Sees kommt, +desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zaehlt in den +Thaelern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten +Landstrich ueber 52,000 Einwohner. Diess gibt auf die Quadratmeile 2000 +Seelen, also beinahe so viel wie in den bevoelkertsten Theilen Frankreichs. +Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war frueher, als der Indigobau +in hoechster Bluethe stand, der Hauptort fuer diesen Zweig der +Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zaehlte man daselbst bei einer Bevoelkerung +von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Haeuser sind alle +von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbaeume, deren Krone ueber die Gebaeude +emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch +bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im +Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar hoeher geschaetzt. +Seit 1772 schloss sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist +wieder aelter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich +auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe, +aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit +Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige +Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in +Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr +als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der +ausserordentlichen Ertragsfaehigkeit des Bodens in den spanischen Colonien, +wenn man einem sagt, dass der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen +Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fuenf +Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jaehrlich vier bis +fuenftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und +der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn. + +Der Anil erschoepft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander +baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt +der Boden fuer ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwaehrend +abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch +die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die +ostindische Compagnie verkauft jetzt in London ueber 5,500,000 Pfund +Indigo, waehrend sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000 +Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathaelern abnahm, einen +desto groesseren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den +heissen Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberuehrte Boden am Rio Tachira +ein aeusserst farbreiches Produkt in Menge liefert. + +Wir kamen sehr spaet nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen +hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere +Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere +Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon +tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fuehlt immer wieder das +Beduerfniss es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land +der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbfleiss und Handel +Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben. +Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswuerdigsten Herzlichkeit +auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfaeltig alles, +was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro +Gonzales, war in Handelsgeschaeften auf der Reise, und seine junge Frau +genoss seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war ausser sich vor Vergnuegen, als +sie hoerte, dass wir auf dem Rueckweg vom Rio Negro an den Orinoco nach +Angostura kommen wuerden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er +erfahren, dass ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Laendern gelten, +wie bei den Alten, wandernde Gaeste fuer die sichersten Boten. Es gibt +Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, dass Privatleute durch sie +selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir +aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf +gesehen, am Morgen mussten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem +Vater Zug fuer Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Buecher und +Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, "auf einer langen +Reise und bei so vielen anderweitigen Geschaeften koennten wir leicht +vergessen, was fuer Augen ihr Kind habe." Wie liebenswuerdig ist solche +Gastfreundschaft! wie koestlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja +auch ein Charakterzug frueherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung +ist! + +Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen +Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Kueste +laeuft ein Ast suedwaerts in die Ebene hinaus; es ist diess das Vorgebirge +*Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen wuerde, wenn +nicht ein schmaler Pass zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera +hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine +traurige Beruehmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um +diesen Pass, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchfuehrt. +Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren +war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwaehrend sinkt. +Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage aeusserst angenehm zu, und +zwar in einem kleinen Hause in einem Gebuesch, weil im Hause auf der +schoenen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den +Sklaven in diesen Thaelern haeufig vorkommende Hautkrankheit. + +Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal, +schliefen dreimal und assen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser +des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes, +sehr kuehles, koestliches Bad im Schatten von Ceibabaeumen und grossen +Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon +del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor +Insektenstichen zu fuerchten, wohl aber vor den kleinen roethlichen Haaren +an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem +vom Winde zugefuehrt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend +_picapica_ nennt, sich an den Koerper haengen, so verursachen sie ein sehr +heftiges Jucken: man kuehlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie ruehren. + +Bei Cura sahen wir die saemmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen, +Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um +mehr Areal fuer den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die +Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, dass die +Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild waechst. Wir fanden +8--10 Fuss hohe Straeucher, mit Bignonien und andern holzigten +Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus +Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jaehrlich +kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Haefen der _Capitania general_ stieg +sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf +mehr als 22,000 Centner. Es ist diess fast die Haelfte dessen, was der ganze +Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thaelern von Aragua +ist von guter Qualitaet; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt +fuer besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen. +Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen +Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die +grossen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jaehrlich. Bedenkt man, dass in +den Vereinigten Staaten, also ausserhalb der Tropen, in einem +unbestaendigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima, +die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815) +von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht +leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Massstab dieser +Handelszweig sich entwickeln muss, wenn einmal in den vereinigten Provinzen +von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der +Gewerbfleiss nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwaertigen +Verhaeltnissen erzeugen nach Brasilien die Kuesten von hollaendisch Guyana, +der Meerbusen von Cariaco, die Thaeler von Aragua und die Provinzen +Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Suedamerika. + +Waehrend unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausfluege auf die +Felseninseln im See von Valencia, zu den heissen Quellen von Mariara und +auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefaehrlicher +Pfad fuehrt an den Hafen Turiamo und zu den beruehmten Cacaopflanzungen an +der Kueste. Auf allen diesen Ausfluegen sahen wir uns angenehm ueberrascht +nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das +Wachsthum einer freien Bevoelkerung, die fleissig, an Arbeit gewoehnt und zu +arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu koennen. Ueberall hatten +kleine Landbauer, Weisse und Mulatten, zerstreute Hoefe angelegt. Unser +Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einkuenfte hat, besass mehr Land, als er +urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thaelern von Aragua unter arme +Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, dass sich um +seine grossen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen +bald fuer sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der +Ernte ihm als Tageloehner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle +Ziel, die Negersklaverei im Lande allmaehlig auszurotten, und er hegte die +doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger noethig zu +machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Paechter zu werden. +Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Laendereien bei +Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstuecke +zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika +kam, fand er daselbst schoene Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30 +bis 40 Haeusern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben. +Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie +Neger. Mehrere grosse Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem +Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling betraegt zehn Piaster auf die +Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Paechter +sind oft in Bedraengniss und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise +ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschuesse reicher +Nachbarn geraeth der Schuldner in eine Abhaengigkeit, in Folge deren er +seine Dienste als Tagloehner oefter anbieten muss. Der Taglohn ist nicht so +hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thaelern von Aragua und in den +Llanos einem freien Tageloehner vier bis fuenf Piaster monatlich, neben der +Kost, die beim Ueberfluss an Fleisch und Gemuese sehr wenig ausmacht. Gerne +verbreite ich mich hier ueber den Landbau in den Colonien, weil solche +Angaben den Europaeern darthun, was aufgeklaerten Colonisten laengst nicht +mehr zweifelhaft ist, dass das Festland des spanischen Amerika durch freie +Haende Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und dass die +ungluecklichen Sklaven Bauern, Paechter und Grundbesitzer werden koennen. + + ------------------ + + + + + + 43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada, + nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den + Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst + zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt + Caracas gruendete. + + 44 S. Bd. II, Seite 150. + + 45 S. Humboldt, _Essay politique sur le Mexique._ T. II, pag. 435. + + 46 S. Bd. I, Seite 294. + + 47 An der Uhr in der Hauptkirche von Caracas trug ein 5 Linien dicker + Maqueystrick seit 15 Jahren ein Gewicht von 350 Pfund. + +* 48 Winter* heisst die Zeit im Jahr, wo es am meisten regnet, daher in + Terra Firma die mit der Winter-Tag-und Nachtgleiche beginnende + Jahreszeit Sommer genannt wird und man alle Tage sagen hoert, im + Gebirge sey es Winter, wahrend es in den benachbarten Niederungen + Sommer ist. + + 49 Mairan ist dieselbe Erscheinung in Europa aufgefallen. + + 50 Die mittlere Sommertemperatur ist in Schottland (bei Edinburgh unter + dem 56. Grad der Breite) dieselbe wie auf den Hochebenen von + Neu-Grenada, wo in 1400 Toisen Meereshoehe und unter dem vierten Grad + der Breite so viel Getreide gebaut wird. Auf der andern Seite + entspricht die mittlere Temperatur der Thaeler von Aragua (10 deg. 15{~PRIME~} + der Breite) und aller nicht sehr hoch gelegenen Ebenen in der heissen + Zone der *Sommertemperatur* von Neapel und Sicilien (39 deg. 40{~PRIME~} der + Breite). Die obigen Zahlen bezeichnen die Lage der *isotheren* (der + Linien der gleichen Sommerwaerme), nicht der *isothermen* Linien (der + Linien der gleichen Jahreswaerme). Hinsichtlich der Waermemenge, + welche ein Punkt der Erdoberflaeche im Lauf eines ganzen Jahres + empfaengt, entsprechen die mittleren Temperaturen der Thaeler von + Aragua und der Hochebenen von Neu-Grenada in 300--1400 Toifen + Meereshoehe den mittleren Temperaturen der Kuesten unter dem + 23--45. Grad der Breite. + + + + + +SECHZEHNTES KAPITEL. + + + Der See von Valencia. -- Die beissen Quellen von Mariara. -- Die + Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Kueste von Porto Cabello + hinab. + + +Die Thaeler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit +wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen +Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Hoehe in der Mitte liegt. Nordwaerts +trennt die Sierra Mariara sie von der Meereskueste, gegen Sueden dient ihnen +die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die gluehende Luft +der Steppen. Huegelzuege, hoch genug, um den Lauf der Gewaesser zu bestimmen, +schliessen das Becken gegen Ost und West wie Querdaemme. Diese Huegel liegen +zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua +und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthuemlichen Gestaltung +des Bodens bilden die Gewaesser der Thaeler von Aragua ein System fuer sich +und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergiessen +sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee, +unterliegen hier dem maechtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich +gleichsam in der Luft. Durch diese Fluesse und Seen wird die Fruchtbarkeit +des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thaelern bedingt. Schon +der Augenschein und eine halbhundertjaehrige Erfahrung zeigen, dass der +Wasserstand sich nicht gleich bleibt, dass das Gleichgewicht zwischen der +Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestoert ist. Da der See 1000 +Fuss ueber den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fuss ueber dem Meere +liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abfluss oder +versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel +fortwaehrend sinkt, so meinte man, der See koennte voellig eintrocknen. Das +Zusammentreffen so auffallender Naturverhaeltnisse musste mich auf diese +Thaeler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der +liebliche Eindruck fleissigen Anbaus und der Kuenste einer erwachenden +Cultur sich vereinigen. + +Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist groesser als +der Neuenburger See in der Schweiz; im Umriss aber hat er Aehnlichkeit mit +dem Genfer See, der auch fast gleich hoch ueber dem Meere liegt. Da in den +Thaelern von Aragua der Boden nach Sued und West faellt, so liegt der Theil +des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunaechst der suedlichen +Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von +Ocumare zustreicht. Die einander gegenueberliegenden Ufer des Sees stechen +auffallend von einander ab. Das suedliche ist wueste, kahl, fast gar nicht +bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einfoermiges +Ansehen; das noerdliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen +Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und +andern immer bluehenden Straeuchern eingefasste Wege laufen ueber die Ebene +und verbinden die zerstreuten Hoefe. Jedes Haus ist von Baeumen umgeben. Der +Ceiba mit grossen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Bluethen, +deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthuemlichen +Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben +sticht wirkungsvoll vom eintoenigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der +trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst ueber dem gluehenden Boden +schwebt, wird das Gruen und die Fruchtbarkeit durch kuenstliche Bewaesserung +unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage; +ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren +nackten, zerkluefteten Waenden wachsen einige Saftpflanzen und bilden +Dammerde fuer kommende Jahrhunderte. Haeufig ist oben auf diesen einzeln +stehenden Huegeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blaettern +aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren +duerren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer +steilen Kueste. An der Gestaltung dieser Hoehen erraeth man, was sie frueher +waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fuss +der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und +die Kuestenbergkette bespuelten, waren diese Felshuegel Untiefen oder +Eilande. + +Diese Zuege eines reichen Gemaeldes, dieser Contrast zwischen den beiden +Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des +Waadtlands, wo der ueberall angebaute, ueberall fruchtbare Boden dem +Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Muehen sicher lohnt, waehrend das +savoyische Ufer gegenueber ein gebirgigtes, halb wuestes Land ist. In jenen +fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen +Natur, gedachte ich mit Lust der hinreissenden Beschreibungen, zu denen der +Genfer See und die Felsen von Meillerie einen grossen Schriftsteller +begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur +in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung +unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr +Schaerfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft +genug sagen: unter jedem Himmelsstriche traegt die Natur, sey sie wild oder +vom Menschen gezaehmt, lieblich oder grossartig, ihren eigenen Stempel. Die +Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig, +gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie +hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz +zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Groesse und aeussere +Formverhaeltnisse koennen eigentlich verglichen werden; man kann den +riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserfaelle der +Pyrenaeen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche +vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich foerderlich seyn +moegen, erfaehrt man wenig vom Naturcharakter des gemaessigten und des heissen +Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem grossen Walde, am Fuss mit +ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Groesse, was uns +mit dem heimlichen Gefuehle der Bewunderung erfuellt. Was zu unserem Gemuethe +spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft, +entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschoenheiten +recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem +Charakter gar nicht vergleichen; man wuerde fuerchten sich selbst im Genuss +zu stoeren. + +Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer +malerischen Reize im Lande beruehmt; das Becken bietet verschiedene +Erscheinungen, deren Aufklaerung fuer die Naturforschung und fuer den +Wohlstand der Bevoelkerung von gleich grossem Interesse ist. Aus welchen +Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwaertig rascher als vor +Jahrhunderten? Laesst sich annehmen, dass das Gleichgewicht zwischen dem +Zufluss und dem Abgang sich ueber kurz oder lang wieder herstellt, oder ist +zu besorgen, dass der See ganz eingeht? + +Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva +Valencia und Guigue ist der See gegenwaertig von Cagua bis Guayos 10 Meilen +oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten +an der Einmuendung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, betraegt +sie nirgends ueber 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die +Maasse, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als +die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man koennte meinen, um das +Verhaeltniss der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die +gegenwaertige Groesse des Sees mit der zu vergleichen, welche alte +Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 veroeffentlichten +"_Geschichte der Provinz Venezuela_," angeben. Dieser Geschichtschreiber +laesst in seinem hochtrabenden Styl "dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso +cuerpo de la laguna de Valencia_", 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er +berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund +mehr, und grosse schwimmende Inseln bedecken die Seeflaeche, die fortwaehrend +von den Winden aufgeruehrt werde. Unmoeglich laesst sich auf Schaetzungen +Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_ +ausgedrueckt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550 +Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch +die Thaeler von Aragua gekommen seyn muss, Beachtung, dass er behauptet, die +Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See +erbaut worden, und dass sich bei ihm die Laenge des Sees zur Breite verhaelt +wie 7 zu 3. Gegenwaertig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener +Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb +Meilen angeschlagen haette, und die Laenge des Seebeckens verhaelt sich zur +Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens +zwischen Valencia und Guigue, die Huegel, die auf der Ebene oestlich vom +Cano de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla +de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heissen, beweisen +zur Genuege, dass seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurueckgewichen ist. +Was die Veraenderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir +nicht sehr wahrscheinlich, dass er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur +Haelfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von +Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Sued rascher +steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermassen gegen diese Annahme. + +Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewaesser zur +Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in +welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden. + +Wenn man die Flussthaeler und die Seebecken genau betrachtet, findet man +ueberall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand laeugnet wohl +jetzt mehr, dass unsere Fluesse und Seen in sehr bedeutendem Maasse +abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch +darauf hin, dass dieser grosse Wechsel in der Vertheilung der Gewaesser vor +aller Geschichte eingetreten ist, und dass sich seit mehreren Jahrtausenden +bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der +Zufluesse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits +hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestoert ist, thut man gut, +sich umzusehen, ob solches nicht von rein oertlichen Verhaeltnissen und aus +juengster Zeit herruehrt, ehe man eine bestaendige Abnahme des Wassers +annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren +der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische +Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugniss einiger beredten +Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, haette man in der +Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis fuer den +Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand. +Um darzuthun, dass Amerika spaeter als Asien und Europa aus dem Wasser +emporgestiegen, haette man wohl auch den See von Tacarigua angefuehrt, als +eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch +unausgesetzte allmaelige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, dass +in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fuss des Gebirges Cocuysa bis zum +Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der +Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand. +Ueberall laesst die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte +Ufer eines Alpsees, aehnlich den Steiermaerker und Tyroler Seen, erkennen. +Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch +sind, kommen in 3 bis 4 Fuss dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero +und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings, +dass das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafuer vor, dass +es seit jener weit entlegenen Zeit fortwaehrend abgenommen habe. Die Thaeler +von Aragua gehoeren zu den Strichen von Venezuela, die am fruehesten +bevoelkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte +Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen, +die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevoelkerung die +weisse noch weit ueberwog und das Seeufer schwaecher bewohnt war, eben nicht +bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreissig +Jahren faellt es Jedermann in die Augen, dass dieses grosse Wasserbecken von +selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die frueher unter Wasser +standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und +Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Huette baut, sieht man +das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim +Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen +anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden +bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und +die Cabrera suedoestlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in +Gestalt zerstreuter Huegel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt, +liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die +merkwuerdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem +Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des +Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir +besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem +Gestraeuch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen ueber dem jetzigen +Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier +abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten +Spuren vom allmaeligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung +wird von der Bevoelkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen +drei neue Inseln oestlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie +die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los +nuevos Penones_ oder _las Aparecidas_ heissen, bilden eine Art Untiefen mit +voellig ebener Oberflaeche- Sie waren im Jahr 1800 bereits ueber einen Fuss +hoeher als der mittlere Wasserstand. + +Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia, +gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems +von Fluessen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die +meisten dieser Gewaesser koennen nur Baeche heissen; es sind ihrer zwoelf bis +vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet, +und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug, +durch den eben so viel abfliesse, als die Baeche hereinbringen. Die einen +lassen diesen Abzug mit Hoehlen, die in grosser Tiefe liegen sollen, in +Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fliesse durch einen +schiefen Canal in das Meer. Dergleichen kuehne Hypothesen ueber den +Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die +Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen +ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen +nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der +neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hoert man von unterirdischen +Schluenden und Canaelen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen ueber +und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut +man auch weiss, dass Fluessigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung +stehen, sich in dasselbe Niveau setzen. + +Einerseits die Verringerung der Masse der Zufluesse, die seit einem halben +Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Waelder, der Urbarmachung der Ebenen +und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des +Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die +Abnahme des Sees von Valencia zur Genuege erklaeren. Ich theile nicht die +Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Laender besucht hat,(53) der +zufolge man "zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik" einen +unterirdischen Abfluss soll annehmen muessen. Faellt man die Baeume, welche +Gipfel und Abhaenge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden +Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und +Wassermangel. Die Baeume sind vermoege des Wesens ihrer Ausduenstung und der +Strahlung ihrer Blaetter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwaehrend mit +einer kuehlen, dunstigen Lufthuelle umgeben; sie aeussern wesentlichen Einfluss +auf die Fuelle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat, +die in der Luft verbreiteten Wasserduenste anziehen, sondern weil sie den +Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schuetzen und damit +die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstoert man die Waelder, wie +die europaeischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast +thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flussbetten +liegen einen Theil des Jahres ueber trocken, und werden zu reissenden +Stroemen, so oft im Gebirge starker Regen faellt. Da mit dem Holzwuchs auch +Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im +Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmaelige Sickerung +die Baeche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken +Regenniederschlaege die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort +und verursacht ploetzliches Austreten der Gewaesser, welche nun die Felder +verwuesten. Daraus geht hervor, dass das Verheeren der Waelder, der Mangel an +fortwaehrend fliessenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind, +die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Laender in entgegengesetzten +Hemisphaeren, die Lombardei am Fusse der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen +dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende +Beweise fuer die Richtigkeit dieses Satzes. + +Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die +Thaeler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Grosse Baeume aus der Familie +der Mimosen, Ceiba- und Feigenbaeume beschatteten die Ufer des Sees und +verbreiteten Kuehlung. Die damals nur sehr duenn bevoelkerte Ebene war voll +Strauchwerk, bedeckt mit umgestuerzten Baumstaemmen und +Schmarotzergewaechsen, mit dichtem Rasenfilz ueberzogen, und gab somit die +strahlende Waerme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben +desshalb gegen die Sonnengluth nicht geschuetzte Boden. Mit der Ausrodung +der Baeume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus +nahmen die Quellen und alle natuerlichen Zufluesse des Sees von Jahr zu Jahr +ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure +Wassermassen durch die Verdunstung in der heissen Zone aufgesogen werden, +und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist, +wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftstroemungen +auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir +haben schon oben erwaehnt, dass die Waerme, welche das ganze Jahr in Cura, +Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der staerksten +Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur +der Luft in den Thaelern von Aragua ist ungefaehr 25 deg.,5 [20 deg.,4 Reaumur]; die +hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir fuer den Monat Februar im +Durchschnitt aus Tag und Nacht 71 deg.,4 am Haarhygrometer. Da die Worte: +grosse Trockenheit oder grosse Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben, +und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken +nennt, in Europa fuer feucht gaelte, so kann man ueber diese klimatischen +Verhaeltnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone +vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht +regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr +viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der +Luft gleich 86 deg., entsprechend der mittleren Temperatur von 27 deg.,7. Rechnet +man die Regenmonate ein, das heisst schaetzt man den Unterschied zwischen +der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs, +wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so +ergibt sich fuer die Thaeler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von +hoechstens 74 deg., bei einer Temperatur von 25 deg.,5. In dieser warmen und doch +gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge +verdunsteten Wassers. Nach der Dalton'schen Theorie berechnet sich die +Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwaehnten Umstaenden in einer +Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in +vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemaessigten Zone, z. B. fuer Paris, +die mittlere Temperatur zu 10 deg.,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82 deg. an, +so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und +eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses +unzuverlaessigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer +Beobachtung halten, so bedenke man, dass in Paris und Montmorency von +Sedileau und Cotte die jaehrliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1 +Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im suedlichen Frankreich haben +zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, dass der Canal von +Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, ueber Abzug des Betrags der +Versickerung, jaehrlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen +Suempfen hat de Prony ungefaehr das gleiche Ergebniss erhalten. Aus allen +diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer +mittleren Temperatur von 10 deg.,5 und 16 deg. ergibt sich eine mittlere +Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heissen Zone, z. B. auf den +Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal +staerker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit staerker mit +Feuchtigkeit geschwaengert ist als in den Thaelern von Aragua, sah ich oft +in zwoelf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter +Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber +das eben Angefuehrte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein gross die Masse +des Wasserdunstes seyn muss, der aus dem See von Valencia und auf dem +Gebiet aufsteigt, dessen Gewaesser sich in den See ergiessen. Ich werde +Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurueckzukommen: in einem +Werke, das die grossen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen +zur Anschauung bringt, muss auch der Versuch gemacht werden, das Problem +von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdaempfe +unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshoehen zu loesen. + +Das Maass der Verdunstung haengt von einer Menge oertlicher Verhaeltnisse ab: +von der staerkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der +Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der +Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Grossen aber wird die Verdunstung +nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung +der in der Luft enthaltenen Daempfe, durch den Widerstand, den die Luft, je +nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der +Verbreitung der Daempfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem +gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der +Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesaettigten Zustand +aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthaelt. Es +folgt daraus, dass (wie schon d'Aubuisson bemerkt, der meine +hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heissen +Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur +glauben sollte, weil in den heissen Himmelsstrichen die Luft gewoehnlich +sehr feucht ist. + +Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thaelern von Aragua kommen die +Fluesschen, die sich in den See von Valencia ergiessen, in den sechs Monaten +nach December als Zufluesse nicht mehr in Betracht. Im untern Stueck ihres +Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer +sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewaessern. Noch mehr: ein +ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fuss +des _la Galera_ genannten Huegelzugs entspringt, ergoss sich frueher in den +See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de +Cambury aufgenommen. Der Fluss lief damals von Sued nach Nord. Zu Ende des +siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf +den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Gelaendes ein neues Bett zu +graben. Er leitete den Fluss ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewaesserung +seines Grundstuecks und liess ihn dann gegen Sued, dem Abhang der Llanos +nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Sued nimmt der +Rio Pao drei andere Baeche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua, +und ergiesst sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine +nicht uninteressante Erscheinung, dass in Folge der eigenthuemlichen +Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Suedwest der Rio Pao +sich vom kleinen *inneren Flusssystem*, dem er urspruenglich angehoerte, +trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit +dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand +geschah, thut die Natur haeufig selbst entweder durch allmaehliche +Anschwemmung oder durch die Zerruettung des Bodens in Folge starker +Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Fluesse im +Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen +laufen, sich einen Weg zur Meereskueste bahnen. So viel ist wenigstens +sicher, dass es auf beiden Continenten innere Flusssysteme gibt, die man als +*noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur +bei Hochgewaesser oder bestaendig durch Gabelung unter sich zusammenhaengen. + +Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, dass, wenn in +der Regenzeit der _Cano grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von +Guigue ueberschwemmt, das Wasser dieses Cano und das des Sees von Valencia +in den Rio Pao selbst zuruecklaufen, so dass dieses Fluesschen, statt dem See +Wasser zuzufuehren, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas +Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen +den grossen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete +Bergkette angeben. Bei Hochgewaesser stehen die Fluesse, die den Seen, und +die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man +faehrt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie +auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Faelle scheinen mir von +Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen. + +Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so +wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten +konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll faellt, ein grosser, mit +fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken +gelegt. Im Maasse, als der See sich zurueckzieht, rueckt der Landbau gegen +das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, fuer die +Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten +zehn Jahren, in denen ganz Amerika an grosser Trockenheit litt, +ungewoehnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthuemern im Land, statt +die jeweiligen Kruemmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst +Granitsaeulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren +Wasserstand beobachten koennte. Der Marques del Toro will die Sache +ausfuehren und auf Gneissgrund, der im See haeufig vorkommt, auf dem schoenen +Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen. + +Unmoeglich laesst sich im voraus bestimmen, in welchem Maasse dieses +Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht +zwischen dem Zufluss einerseits und der Verdunstung und Einsickerung +andererseits voellig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See +werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegruendet. Wenn in Folge +starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklaerten Ursachen zehn nasse +Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit +Wald bedeckten, wenn grosse Baeume das Seeufer und die Thaeler beschatteten, +so wuerde im Gegentheil das Wasser steigen und den schoenen Pflanzungen, die +gegenwaertig das Seebecken saeumen, gefaehrlich werden. + +Waehrend in den Thaelern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See +moechte ganz eingehen, die andern, er moechte wieder zum verlassenen Gestade +heraufkommen, hoert man in Caracas alles Ernstes die Frage eroertern, ob man +nicht, um mehr Boden fuer den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal +dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht +zu laeugnen, dass solches moeglich waere, namentlich wenn man Canaele unter dem +Boden, Stollen anlegte. Dem allmaehligen Ruecktritt des Wassers verdankt das +herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa +Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und +Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick +bezweifeln, dass nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die +ungeheure Dunstmasse, welche Tag fuer Tag von der Wasserflaeche in die Luft +aufsteigt, waeren die Thaeler von Aragua so trocken und duerr, wie die Berge +umher. + +Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie +man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Diess ist das +Ergebniss der sorgfaeltigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei. +Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so dass, obgleich +sie in hohen Thaelern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des +Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, dass der Boden des Sees von +Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat. +Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der +Landspitze Cana Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenueber; im +Ganzen aber ist der suedliche Theil des Sees tiefer als der noerdliche. Es +ist nicht zu vergessen, dass jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der +suedliche Theil des Beckens aber doch am naechsten bei einer steil +abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, dass auch das Meer bei +einer hohen, senkrechten Felskueste meist am tiefsten ist. + +Die Temperatur des Sees an der Wasserflaeche war waehrend meines Aufenthalts +in den Thaelern von Aragua im Februar bestaendig 23 deg.--23 deg.,7, also etwas +geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der +Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Waerme entzieht, oder weil die +Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer grossen Wassermasse +nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Baeche aufnimmt, die aus +kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern +konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40 +Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit +dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der +Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor, +dass zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshoehe von 190--274 +Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150 +Fuss Tiefe bestaendig eine Temperatur von 4 deg.,3 bis 6 deg. zeigen; aber diese +Versuche sind noch niemals auf Seen in der heissen Zone wiederholt worden. +In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer maechtig. Im +Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberflaeche, dass die +Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fuss Tiefe um einen Grad abnahm, also +achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der +Luft. In der gemaessigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt +und weit drunter sinkt, muss der Boden eines Sees, waere er auch nicht von +Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen +enthalten, die im Winter an der Oberflaeche das Maximum ihrer Dichtigkeit +(zwischen 3 deg.,4 und 4 deg.,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken +sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0 deg.,5 sinken aber keineswegs +unter die Schicht mit 4 deg. Temperatur, sondern finden das hydrostatische +Gleichgewicht nur ueber derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn +sich ihre Temperatur durch die Beruehrung mit weniger kalten Schichten um +3--4 Grad erhoeht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben +Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so faende man in sehr +tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhaengen, +*welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren +Temperatur dem Maximum der Erkaltung ueber dem Frierpunkt, der jaehrlich die +umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich kaeme. Nach +dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, dass auf den Ebenen der +heissen Zone und in nicht hochgelegenen Thaelern, deren mittlere Waerme 25 deg.,5 +bis 27 deg. betraegt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22 deg. Temperatur +haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden +Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7 deg., das also um 12--13 deg. kaelter ist +als das Minimum der Luftwaerme ueber dem Meer, so ist diese Erscheinung, +nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafuer, dass eine Meeresstroemung in +der Tiefe die Gewaesser von den Polen zum Aequator fuehrt. Wir lassen hier +das schwierige Problem uneroertert, wie unter den Tropen und in der +gemaessigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen, +diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekuehlten Wasserschichten auf die +Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie +diese Schichten, deren urspruengliche Temperatur unter den Tropen 27 deg., am +Genfer See 10 deg. betraegt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden +der Seen und des tropischen Oceans zurueckwirken? Diese Fragen sind von der +hoechsten Wichtigkeit sowohl fuer die Lebensprocesse der Thiere, die +gewoehnlich auf dem Boden des suessen und des Salzwassers leben, als fuer die +Theorie von der Vertheilung der Waerme in Laendern, die von grossen, tiefen +Meeren umgeben sind. + +Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische +Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der +Landschaft erhoehen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den +Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fuenfzehn Inseln, die in drei Gruppen +zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserduenste, die +aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die groesste, 2000 Toisen lange, der +Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten. +Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See +duenkt ihnen unermesslich gross, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas +Fische. Eine Rohrhuette, ein paar Haengematten aus Baumwolle, die nebenan +waechst, ein grosser Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht +des Tutuma zum Wasserschoepfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte +Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr huebsche Tochter. Unser +Fuehrer erzaehlte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwoehnisch +gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden waere. Tags +zuvor waren Jaeger auf der Insel gewesen; die Nacht ueberraschte sie und sie +wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo +zurueckfahren. Darueber entstand grosse Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang +die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen +Boden nicht weit von der Huette steht. Er selbst legte sich unter den Baum +und liess die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jaeger abgezogen +waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch +argwoehnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge. + +Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit +weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der +Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Baechen in den +See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll +lang, 31/2 Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina +des Gronovius. Sie hat grosse, silberglaenzende, gruen geraenderte Schuppen; +sie ist sehr gefraessig und laesst andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer +versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft +nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie +habhaft werden, um es naeher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fuss +lang und gilt fuer unschaedlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt +kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht +man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage +liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die +eigentlichen Monitors gehoeren nur der alten Welt an), noch Sebas +*Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt. +Reisende moegen nach uns darueber entscheiden, ich bemerke nur noch, als +ziemlich auffallend, dass es im See von Valencia und im ganzen kleinen +Flussgebiet desselben keine grossen Kaimans gibt, waehrend dieses gefaehrliche +Thier wenige Meilen davon in den Gewaessern, die in den Apure und Orinoco, +oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer +laufen, sehr haeufig ist. + +Die Insel Chamberg ist durch ihre Hoehe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fuss +hoher Gneissfels mit zwei sattelfoermig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des +Felsen ist kahl: kaum dass ein paar Clusiastaemme mit grossen weissen Bluethen +darauf wachsen, aber die Aussicht ueber den See und die ueppigen Fluren der +anstossenden Thaeler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende +von Wasservoegeln, Reiher, Flamingos und Wildenten ueber den See ziehen, um +auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsguertel am Horizont in +Feuer steht. Wie schon erwaehnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein +frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den +Gipfeln der Bergkette waechst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die +oefters ueber tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie +wenn Lavastroeme aus dem Bergkamm quoellen; Wenn man so an einem herrlichen +tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Kuehle geniesst, +betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das +Bild der rothen Feuer rings am Horizont. + +Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen, +kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst +nirgends gefunden. Hieher gehoeren die See-Melonenbaeume (_Papaya de la +laguna_) und die Liebesaepfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem +_Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr +schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, ueberall in +den Thaelern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel +Cura und auf Cabo Blanco sehr haeufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim +gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Haelfte +kleiner und voellig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll +im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die +leeren Zwischenraeume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die +Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein suess; ich weiss nicht, ob es +eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat. + +Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn +bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist. +Das von Gebueschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen +Liliengewaechsen geschmueckte Gestade erinnert durch den Typus der +Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europaeischen Seen. Man findet +hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fuss hohe Teichkolben, die +man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Suempfe kaum unterscheiden +kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewaechsen +der neuen Welt eigenthuemliche Arten. Wie viele Pflanzen von der +Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind +frueher wegen der grossen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit +Gewaechsen der noerdlichen gemaessigten Zone zusammengeworfen worden! + +Die Bewohner der Thaeler von Aragua fragen haeufig, warum das suedliche Ufer +des Sees, besonders aber der suedwestliche Strich desselben gegen las +Aguacates, im Ganzen staerker bewachsen ist und ein frischeres Gruen hat als +das noerdliche. Im Februar sahen wir viele entblaetterte Baeume bei der +Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, waehrend suedoestlich von Valencia +Alles bereits darauf deutete, dass die Regenzeit bevorstand. Nach meiner +Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Sueden +abweicht, die Huegel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze +ausgebrannt, waehrend dem suedlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch +die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugefuehrt wird, +die sich ueber dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem suedlichen +Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schoensten Tabaksfelder in der ganzen +Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera +fundacion_. Nach dem drueckenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der +Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der +Provinz Caracas nur in den Thaelern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa) +und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag belaeuft sich auf +5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, dass sie gegen +230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas +koennte vermoege ihrer Groesse und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie +Cuba, saemmtliche europaeischen Maerkte, versorgen; aber unter den +gegenwaertigen Verhaeltnissen erhaelt sie im Gegentheil durch den +Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und +Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem +Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den +Fortschritt des Landbaus laehmt, den natuerlichen Reichthum des Landes +schmaelert und sich vergeblich abmueht, Laender abzusperren, durch welche +dieselben Fluesse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich +verwischen. + +Unter den Zufluessen des Sees von Valencia entspringen einige aus heissen +Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen +kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Kuestencordillere zu Tag, +bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordoestlich von der +Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia +nach Porto Cabello. Nur die heissen Wasser von Mariara und las Trincheras +konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen. +Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge +von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters, +das aus senkrecht abfallenden Felswaenden besteht, ueber denen sich +Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters +fuehrt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den +beiden Fluegeln derselben heisst der oestliche *el Chaparro*, der westliche +*las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie +bestehen aus einem sehr grobkoernigen, fast porphyrartigen Granit, in dem +die gelblich-weissen Feldspathkrystalle ueber anderthalb Zoll lang sind; der +Glimmer ist ziemlich selten darin und von schoenem Silberglanz. Nichts +malerischer und grossartiger als der Anblick dieses halb gruengewachsenens +Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem +Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch +senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als +staenden Basaltsaeulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit stuerzt eine +bedeutende Wassermasse ueber diese steilen Abhaenge herunter. Die Berge, die +sich oestlich an die Teufelsmauer anschliessen, sind lange nicht so hoch und +bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gneiss und granithaltigem +Glimmerschiefer. + +In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordoestlich von +Mariara, liegt die Schlucht der heissen Wasser, _Quebrada de aguas +calientes_. Sie streicht nach Nord 75 deg. West und enthaelt mehrere kleine +Tuempel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhaengen, nur 8 Zoll, +die drei untern 2--3 Fuss Durchmesser haben; ihre Tiefe betraegt zwischen 3 +und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist +56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind +heisser als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhoehe nicht mehr +als 7--8 Zoll betraegt. Die heissen Wasser laufen zu einem kleinen Bache +zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreissig Fuss weiter unten nur 48 deg. +Temperatur zeigt. Waehrend der groessten Trockenheit (in dieser Zeit +besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heissen Wassers nur ein +Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend +groesser. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Waerme nimmt ab, denn +die Temperatur der heissen Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab +zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in +geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern laesst sich +nur ganz nahe bei den Quellen spueren. Nur in einem der Tuempel, in dem mit +56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in +ziemlich regelmaessigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, dass die +Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und dass +man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umruehren +des Bodens mit einem Stock nicht merklich veraendern kann. Diese Stellen +entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Loechern oder Spalten im Gneiss; +auch sieht man, wenn ueber einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich +auch ueber den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas +anzuzuenden, weder die kleinen Mengen in den an der Flaeche des heissen +Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche ueber +den Quellen gesammelt, wobei mir uebel wurde, nicht sowohl vom Geruch des +Gases als von der uebermaessigen Hitze in der Schlucht. Ist das +Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensaeure oder mit atmosphaerischer +Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so haeufig es auch bei +heissen Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barege). Das in der Roehre eines +Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschuettelt +worden. Auf den kleinen Tuempeln schwimmt ein feines Schwefelhaeutchen, das +sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff +der Luft niederschlaegt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit +Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man +das Wasser von Mariara in einem offenen Gefaess erkalten laesst, ohne Zweifel +weil die Quantitaet des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht +erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Aufloesung von salpetersaurem +Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es +je einige Salze enthaelt, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure +Bittererde, so koennen sie nur in sehr geringer Quantitaet darin seyn. Da +wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so fuellten wir nur zwei +Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch +des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), ueber Porto Cabello und Havana, an +Furcroy und Vauquelin nach Paris. Dass Wasser, die unmittelbar aus dem +Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwuerdigsten +Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das +Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen +oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Ruehrt es von +Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her, +die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthaelt? + +In der Schlucht der heissen Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern +mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine +haeutige, die Luftblasen enthaelt, und eine mit parallelen Fasern +[_Conferva_?]. Erstere hat grosse Aehnlichkeit mit der _Ulva +labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europaeischen warmen Quellen +vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_] +Buesche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des +Bodens noch weit hoeher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe +der Gewaechse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man +findet Froesche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind +und den Tod gefunden haben. + +Suedlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt, +kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger +Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser laeuft, liegt +sechs Toisen hoeher als die eben beschriebenen Trichter. Der Thermometer +stieg in der Spalte nur auf 42 deg.. Das Wasser sammelt sich in einem mit +grossen Baeumen umgebenen, fast kreisrunden, 15 bis 18 Fuss weiten und 3 Fuss +tiefen Becken. In dieses Bad werfen sich die ungluecklichen Sklaven, wenn +sie gegen Sonnenuntergang, mit Staub bedeckt, ihr Tagewerk auf den +benachbarten Indigo- und Zuckerfeldern vollbracht haben. Obgleich das +Wasser des *Bano* gewoehnlich 10--14 Grad waermer ist als die Luft, nennen +es die Schwarzen doch erfrischend, weil in der heissen Zone Alles so heisst, +was die Kraefte herstellt, die Nervenaufregung beschwichtigt oder ueberhaupt +ein Gefuehl von Wohlbehagen gibt. Wir selbst erprobten die heilsame Wirkung +dieses Bades. Wir liessen unsere Haengematten an die Baeume, die das +Wasserbecken beschatten, binden und verweilten einen ganzen Tag an diesem +herrlichen Platz, wo es sehr viele Pflanzen gibt. In der Naehe des Bano de +Mariara fanden wir den *Volador* oder Gyrocarpus. Die Fluegelfruechte dieses +grossen Baumes fliegen wie Federbaelle, wenn sie sich vom Fruchtstiele +trennen. Wenn wir die Aeste des Volador schuettelten, wimmelte es in der +Luft von diesen Fruechten und ihr gleichzeitiges Niederfallen gewaehrte den +merkwuerdigsten Anblick. Die zwei haeutigen gestreiften Fluegel sind so +gebogen, dass die Luft beim Niederfallen unter einem Winkel von 45 Grad +gegen sie drueckt. Gluecklicherweise waren die Fruechte, die wir auflasen, +reif. Wir schickten welche nach Europa und sie keimten in den Gaerten zu +Berlin, Paris und Malmaison. Die vielen Voladorpflanzen, die man jetzt in +den Gewaechshaeusern sieht, kommen alle von dem einzigen Baum der Art, der +bei Mariara steht. Die geographische Vertheilung der verschiedenen Arten +von Gyrocarpus, den Brown zu den Laurineen rechnet, ist eine sehr +auffallende. Jacquin sah eine Art bei Carthagena das Indias; eine andere +Art, die auf den Bergen an der Kueste von Coromandel waechst, hat Roxburgh +beschrieben; eine dritte und vierte kommen in der suedlichen Halbkugel auf +den Kuesten von Neuholland vor. + +Waehrend wir nach dem Bade uns, nach Landessitte, halb in ein Tuch +gewickelt, von der Sonne trocknen liessen, trat ein kleiner Mulatte zu uns. +Nachdem er uns freundlich gegruesst, hielt er uns eine lange Rede ueber die +Kraft der Wasser von Mariara, ueber die vielen Kranken, die sie seit +einigen Jahren besuchten, ueber die guenstige Lage der Quellen zwischen zwei +Staedten, Valencia und Caracas, wo das Sittenverderbniss mit jedem Tage +aerger werde. Er zeigte uns sein Haus, eine kleine offene Huette aus +Palmblaettern, in einer Einzaeunung, ganz nahe bei, an einem Bach, der in +das Bad laeuft. Er versicherte uns, wir finden daselbst alle moeglichen +Bequemlichkeiten, Naegel, unsere Haengematten zu befestigen, Ochsenhaeute, um +auf Rohrbaenken zu schlafen, irdene mit immer frischem Wasser, und was uns +nach dem Bad am besten bekommen werde, *Iguanas*, grosse Eidechsen, deren +Fleisch fuer eine erfrischende Speise gilt. Wir ersahen aus diesem Vortrag, +dass der arme Mann uns fuer Kranke hielt, die sich an der Quelle einrichten +wollten. Er nannte sich "Wasserinspektor und *Pulpero*(57) des Platzes." +Auch hatte seine Zuvorkommenheit gegen uns ein Ende, als er erfuhr, dass +wir bloss aus Neugierde da waren, oder, wie man in den Colonien, dem wahren +Schlaraffenlande, sagt, "_para ver, no mas_" (um zu sehen, weiter nichts). + +Man gebraucht das Wasser von Mariara mit Erfolg gegen rheumatische +Geschwuelste, alte Geschwuere und gegen die schreckliche Hautkrankheit, +Bubas genannt, die nicht immer syphilitischen Ursprungs ist. Da die +Quellen nur sehr wenig Schwefelwasserstoff enthalten, muss man da baden, wo +sie zu Tage kommen. Weiterhin ueberrieselt man mit dem Wasser die +Indigofelder. Der reiche Besitzer von Mariara, Don Domingo Tovar, ging +damit um, ein Badehaus zu bauen und eine Anstalt einzurichten, wo +Wohlhabende etwas mehr fanden als Eidechsenfleisch zum Essen und Haeute auf +Baenken zum Ruhen. + +Am 21. Februar Abends brachen wir von der schoenen Hacienda de Cura nach +Guacara und Nueva Valencia auf. Wegen der schrecklichen Hitze bei Tage +reisten wir lieber bei Nacht. Wir kamen durch den Weiler Punta Zamuro am +Fuss der hohen Berge las Viruelas. Am Wege stehen grosse Zamangs oder +Mimosen, deren Stamm 60 Fuss hoch wird. Die fast wagerechten Aeste +derselben stossen auf mehr als 150 Fuss Entfernung zusammen. Nirgends habe +ich ein schoeneres, dichteres Laubdach gesehen. Die Nacht war dunkel; die +Teufelsmauer und ihre gezackten Felsen tauchten zuweilen in der Ferne auf, +beleuchtet vom Schein der brennenden Savanen oder in roethliche Rauchwolken +gehuellt. Wo das Gebuesch am dichtesten war, scheuten unsere Pferde ob dem +Geschrei eines Thiers, das hinter uns her zu kommen schien. Es war ein +grosser Tiger, der sich seit drei Jahren in diesen Bergen umtrieb und den +Nachstellungen der kuehnsten Jaeger entgangen war. Er schleppte Pferde und +Maulthiere sogar aus Einzaeunungen fort; da es ihm aber nicht an Nahrung +fehlte, hatte er noch nie Menschen angefallen. Der Neger, der uns fuehrte, +erhob ein wildes Geschrei, um den Tiger zu verscheuchen, was natuerlich +nicht gelang. Der Jaguar streicht, wie der europaeische Wolf, den Reisenden +nach, auch wenn er sie nicht anfallen will; der Wolf thut diess auf freiem +Feld, auf offenen Landstrecken, der Jaguar schleicht am Wege hin und zeigt +sich nur von Zeit zu Zeit im Gebuesch. + +Den dreiundzwanzigsten brachten wir im Hause des Marques del Toro im Dorfe +Guacara, einer sehr starken indianischen Gemeinde, zu. Die Eingeborenen, +deren Corregidor, Don Pedro Penalver, ein sehr gebildeter Mann war, sind +ziemlich wohlhabend. Sie hatten eben bei der Audiencia einen Process +gewonnen, der ihnen die Laendereien wieder zusprach, welche die Weissen +ihnen streitig gemacht. Eine Allee von Carolinenbaeumen fuehrt von Guacara +nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dieses prachtvolle Gewaechs, das +eine der vornehmsten Zierden der Gewaechshaeuser in Schoenbrunn ist.(58) +Mocundo ist eine reiche Zuckerpflanzung der Familie Toto. Man findet hier +sogar, was in diesem Lande so selten ist, "den Luxus des Ackerbaus," einen +Garten, kuenstliche Gehoelze und am Wasser auf einem Gneissfels ein Lusthaus +mit einem *Mirador* oder Belvedere. Man hat da eine herrliche Aussicht auf +das westliche Stueck des Sees, auf die Gebirge ringsum und auf einen +Palmenwald zwischen Guacara und Nueva Valencia. Die Zuckerfelder mit dem +lichten Gruen des jungen Rohrs erscheinen wie ein weiter Wiesgrund. Alles +traegt den Stempel des Ueberflusses, aber die das Land bauen, muessen ihre +Freiheit daran setzen. In Mocundo baut man mit 230 Negern 77 Tablones oder +*Stuecke* Zuckerrohr, deren jedes 10,000 Quadrat-Varas(59) misst und +jaehrlich einen Reinertrag von 200--240 Piastern gibt. Man setzt die +Stecklinge des creolischen und des otaheitischen Zuckerrohrs im April, bei +ersterem je 4, bei letzterem 5 Schuh von einander. Das Rohr braucht 14 +Monate zur Reife. Es blueht im Oktober, wenn der Setzling kraeftig ist, man +kappt aber die Spitze, ehe die Rispe sich entwickelt. Bei allen +Monocotyledonen (beim Maguey, der in Mexico wegen des *Pulque* gebaut +wird, bei der Weinpalme und dem Zuckerrohr) erhalten die Saefte durch die +Bluethe eine andere Mischung. Die Zuckerfabrikation ist in Terra Firma sehr +mangelhaft, weil man nur fuer den Verbrauch im Lande fabricirt und man fuer +den Absatz im Grossen sich lieber an den sogenannten *Papelon* als an +raffinirten und Rohzucker haelt. Dieser Papelon ist ein unreiner, +braungelber Zucker in ganz kleinen Hueten. Er ist mit Melasse und +schleimigten Stoffen verunreinigt. Der aermste Mann isst Papelon, wie man in +Europa Kaese isst; man haelt ihn allgemein fuer nahrhaft. Mit Wasser gegohren +gibt er den *Guarapo*, das Lieblingsgetraenk des Volks. Zum Auslaugen des +Rohrsafts bedient man sich, statt des Kalks, des unterkohlensauren Kalis. +Man nimmt dazu vorzugsweise die Asche des *Bucare*, der _Erythrina +corallodendron_. + +Das Zuckerrohr ist sehr spaet, wahrscheinlich erst zu Ende des sechzehnten +Jahrhunderts, von den Antillen in die Thaeler von Aragua gekommen. Man +kannte es seit den aeltesten Zeiten in Indien, in China und auf allen +Inseln des stillen Meeres; in Chorasan und in Persien wurde es schon im +fuenften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Gewinnung festen Zuckers +gebaut. Die Araber brachten das Rohr, das fuer die Bewohner heisser und +gemaessigter Laender von so grossem Werthe ist, an die Kuesten des Mittelmeers. +Im Jahr 1306 wurde es auf Sicilien noch nicht gebaut, aber auf Cypern, +Rhodus und in Morea war es bereits verbreitet; hundert Jahre darauf war es +ein werthvoller Besitz Calabriens, Siciliens und der spanischen Kuesten. +Von Sicilien verpflanzte der Infant Henriquez das Zuckerrohr nach Madera, +von Madera kam es auf die Canarien, wo es ganz unbekannt war; denn die +_Ferulae_ von denen Juba spricht (_quae expressae liquorem fundunt potui +jucundum_) sind Euphorbien, _Tabayba dulce_, und kein Zuckerrohr, wie man +neuerdings behauptet hat. Nicht lange, so waren zehn Zuckermuehlen +(_ingenios de azucar_ auf der grossen Canaria, auf Palma und auf Teneriffa +zwischen Adexe, Icod und Garachico. Man brauchte Neger zum Bau, und ihre +Nachkommen leben noch in den Hoehlen von Tiraxana auf der grossen Canaria. +Seit das Zuckerrohr auf die Antillen verpflanzt worden ist, und seit die +neue Welt den glueckseligen Inseln den Mais geschenkt, hat der Anbau dieser +Grasart auf Teneriffa und der grossen Canaria den Zuckerbau verdraengt. +Jetzt wird dieser nur noch auf Palma bei Argual und Taxacorte getrieben +und liefert kaum 1000 Centner Zucker im Jahr. Das canarische Rohr, das +Aiguilon nach St. Domingo brachte, wurde dort seit 1517 oder den sechs, +sieben folgenden Jahren unter der Herrschaft der Hieronymiter-Moenche +gebaut. Von Anfang an wurden Neger dazu verwendet, und schon 1519 stellte +man, gerade wie heutzutage, der Regierung vor, "die Antillen waeren +verloren und muessten wueste liegen bleiben, wenn man nicht alle Jahre +Sklaven von der Kueste von Guinea herueberbraechte." + +Seit einigen Jahren haben sich der Anbau und die Fabrikation des Zuckers +in Terra Firma bedeutend verbessert, und da auf Jamaica das Raffiniren +gesetzlich verboten ist, so glaubt man auf die Aussicht von raffinirtem +Zucker in die englischen Colonien auf dem Wege des Schleichhandels rechnen +zu koennen. Aber der Verbrauch in den Provinzen von Venezuela an Papelon +und an Rohzucker zu Chocolate und Zuckerbaeckerei (_dulces_) ist so gross, +dass die Ausfuhr bis jetzt gar nicht in Betracht kam. Die schoensten +Zuckerpflanzungen sind in den Thaelern von Aragua und des Tuy, bei Pao de +Zarete, zwischen Victoria und San Sebastiano, bei Guatire, Guarenas und +Caurimare. Wie das Zuckerrohr zuerst von den Canarien in die neue Welt +kam, so stehen noch jetzt meist Canarier oder *Islengos* den grossen +Pflanzungen vor und geben beim Anbau und beim Raffiniren die Anleitung. +Dieser innige Verkehr mit den canarischen Inseln und ihren Bewohnern hat +auch zur Einfuehrung der Kameele in die Provinzen von Venezuela Anlass +gegeben. Der Marques del Toro liess ihrer drei von Lancerota kommen. Die +Transportkosten waren sehr bedeutend, weil die Thiere auf den Kauffahrern +sehr viel Raum einnehmen und sie sehr viel suesses Wasser beduerfen, da die +lange Ueberfahrt sie stark angreift. Ein Kameel, fuer das man nur dreissig +Piaster bezahlt, hatte nach der Ankunft auf der Kueste von Caracas acht- +bis neunhundert Piaster gekostet. Wir sahen diese Thiere in Mocundo; von +vieren waren schon drei in Amerika geworfen. Zwei waren vom Biss des Coral, +einer giftigen Schlange, die am See sehr haeufig ist, zu Grunde gegangen. +Man braucht bis jetzt diese Kameele nur, um das Zuckerrohr in die Muehlen +zu schaffen. Die maennlichen Thiere, die staerker sind als die weiblichen, +tragen 40--50 Arrobas. Ein reicher Gutsbesitzer in der Provinz-Barinas +wollte, aufgemuntert durch den Vorgang des Marques del Toro, 15,000 +Piaster aufwenden und auf einmal 14 bis 15 Kameele von den canarischen +Inseln kommen lassen. Solche Unternehmungen sind um so lobenswerther, da +man diese Lastthiere zum Waarentransport durch die gluehend heissen Ebenen +am Casanare, Apure und bei Calabozo benuetzen will, die in der trockenen +Jahreszeit den afrikanischen Wuesten gleichen. Ich habe anderwaerts +bemerkt,(60) wie sehr zu wuenschen waere, dass die Eroberer schon zu Anfang +des sechzehnten Jahrhunderts, wie Rindvieh, Pferde und Maulthiere, so auch +Kameele nach Amerika verpflanzt haetten. Ueberall wo in unbewohnten Laendern +sehr grosse Strecken zurueckzulegen sind, wo sich keine Kanaele anlegen +lassen, weil sie zu viele Schleussen erforderten (wie auf der Landenge von +Panama, auf der Hochebene von Mexico, in den Wuesten zwischen dem +Koenigreich Quito und Peru, und zwischen Peru und Chili), waeren Kameele fuer +den Handelsverkehr im Innern von der hoechsten Bedeutung. Man muss sich um +so mehr wundern, dass die Regierung nicht gleich nach der Eroberung die +Einfuehrung des Thiers aufgemuntert hat, da noch lange nach der +Unterwerfung von Grenada das Kameel, das Lieblingsthier der Mauren, im +suedlichen Spanien sehr haeufig war. Ein Biscayer, Juan de Reinaga, hatte +auf seine Kosten einige Kameele nach Peru gebracht. Pater Acosta sah sie +gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts am Fusse der Anden; da sie aber +schlecht gepflegt wurden, pflanzten sie sich spaerlich fort und starben +bald aus. In diesen Zeiten der Unterdrueckung und des Elends, die man als +die Zeiten des spanischen Ruhmes schildert, vermietheten die Encomenderos +den Reisenden Indianer wie Lastthiere. Man trieb sie zu Hunderten +zusammen, um Waaren ueber die Cordilleren zu schleppen, oder um die Heere +auf ihren Eroberungs- und Raubzuegen zu begleiten. Die Eingeborenen +unterzogen sich diesem Dienst um so geduldiger, da sie, beim fast voelligen +Mangel an Hausthieren, schon seit langer Zeit von ihren eigenen +Haeuptlingen, wenn auch nicht so unmenschlich, dazu angehalten worden +waren. Die von Juan de Reinaga versuchte Einfuehrung der Kameele brachte +die Encomenderos, die nicht gesetzlich, aber faktisch die Grundherrn der +indianischen Doerfer waren, gewaltig in Aufruhr. Es ist nicht zu +verwundern, dass der Hof den Beschwerden dieser Herrn Gehoer gab; aber durch +diese Maassregel ging Amerika eines Mittels verlustig, das mehr als irgend +etwas den Verkehr im Innern und den Waarenaustausch erleichtern konnte. +Jetzt, da seit Carls III. Regierung die Indianer unter einem milderen +Regimente stehen, und alle Zweige des einheimischen Gewerbfleisses sich +freier entwickeln koennen, sollte die Einfuehrung der Kameele im Grossen, und +von der Regierung selbst versucht werden. Wuerden einige hundert dieser +nuetzlichen Thiere auf dem ungeheuren Areal von Amerika in heissen, +trockenen Gegenden angesiedelt, so wuerde sich der guenstige Einfluss auf den +allgemeinen Wohlstand schon in wenigen Jahren merkbar machen. Provinzen, +die durch Steppen getrennt sind, waeren von Stunde an einander naeher +gerueckt; manche Waaren aus dem Innern wuerden an den Kuesten wohlfeiler, und +durch die Vermehrung der Kameele, zumal der *Hedjines*, der *Schiffe der +Wueste*, kaeme ein ganz anderes Leben in den Gewerbfleiss und den Handel der +neuen Welt. + +Am zweiundzwanzigsten Abends brachen wir von Mocundo auf und gingenueber +los Guayos nach Nueva Valencia. Man kommt durch einen kleinen Palmenwald, +dessen Baeume nach dem Habitus und der Bildung der faecherfoermigen Blaetter +dem _Chamaerops humilis_ an der Kueste der Berberei gleichen. Der Stamm +wird indessen 24, zuweilen sogar 30 Fuss hoch. Es ist wahrscheinlich eine +neue Art der Gattung _Corypha_; die Palme heisst im Lande _Palma de +Sombrero_ weil man aus den Blattstielen Huete, aehnlich unsern Strohhueten +flicht. Das Palmengehoelz, wo die duerren Blaetter beim geringsten Luftzug +rasseln, die auf der Ebene weidenden Kameele, das Wallen der Duenste auf +einem vom Sonnenstrahl gluehenden Boden, geben der Landschaft ein +afrikanisches Gepraege. Je naeher man an der Stadt und ueber das westliche +Ende des Sees hinaus kommt, desto duerrer wird der Boden. Es ist ein ganz +ebener, vom Wasser verlassener Thonboden. Die benachbarten Huegel, _Morros +de Valencia_ genannt, bestehen aus weissem Tuff, einer ganz neuen Bildung, +die unmittelbar auf dem Gneiss aufliegt. Sie kommt bei Victoria und an +verschiedenen andern Punkten laengs der Kuestengebirgskette wieder zum +Vorschein. Die weisse Farbe dieses Tuffs, von dem die Sonnenstrahlen +abprallen, traegt viel zur drueckenden Hitze bei, die hier herrscht. Alles +ist wuest und oede, kaum sieht man an den Ufern des Rio de Valencia hie und +da einen Cacaostamm; sonst ist die Ebene kahl, pflanzenlos. Diese +anscheinende Unfruchtbarkeit schreibt man hier, wie ueberall in den Thaelern +von Aragua, dem Indigobau zu, der den Boden staerker erschoepft (_cansa_) +als irgend ein Gewaechs. Es ware interessant, sich nach den wahren +physischen Ursachen dieser Erscheinung umzusehen, ueber die man, wie ja +auch ueber die Wirkung der Brache und der Wechselwirthschaft, noch lange +nicht im Reinen ist. Ich beschraenke mich auf die allgemeine Bemerkung, dass +man unter den Tropen desto haeufiger ueber die zunehmende Unfruchtbarkeit +des Baulandes klagen hoert, je naeher man sich der Zeit der ersten +Urbarmachung befindet. In einem Erdstrich, wo fast kein Gras waechst, wo +jedes Gewaechs einen holzigten Stengel hat und gleich zum Busch aufschiesst, +ist der unangebrochene Boden fortwaehrend von hohen Baeumen oder von +Buschwerk beschattet. Unter diesen dichten Schatten erhaelt er sich ueberall +frisch und feucht. So ueppig der Pflanzenwuchs unter den Tropen erscheint, +so ist doch die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln auf einem nicht +angebauten Boden geringer, waehrend auf dem mit Indigo, Zuckerrohr oder +Manioc angepflanzten Lande die Gewaechse weit dichter bei einander stehen. +Die Baeume und Gebuesche mit ihrer Fuelle von Zweigen und Laub ziehen, ihre +Nahrung zum grossen Theil aus der umgebenden Luft, und die Fruchtbarkeit +des jungfraeulichen Bodens nimmt zu durch die Zersetzung des +vegetabilischen Stoffs, der sich fortwaehrend auf demselben aufhaeuft. Ganz +anders bei den mit Indigo oder andern krautartigen Gewaechsen bepflanzten +Feldern. Die Sonnenstrahlen fallen frei auf den Boden und zerstoeren durch +die rasche Verbrennung der Kohlenwasserstoff- und anderer oxydirbaren +Verbindungen die Keime der Fruchtbarkeit. Diese Wirkungen fallen den +Colonisten desto mehr auf, da sie in einem noch nicht lange bewohnten +Lande die Fruchtbarkeit eines seit Jahrtausenden unberuehrten Bodens mit +dem Ertrag der bebauten Felder vergleichen koennen. In Bezug auf den Ertrag +des Ackerbaus sind gegenwaertig die spanischen Colonien auf dem Festland +und die grossen Inseln Portorico und Cuba gegen die kleinen Antillen +bedeutend im Vortheil; Erstere haben vermoege ihrer Groesse, der +mannigfaltigen Bodenbildung und der verhaeltnissmaessig geringen Bevoelkerung +noch ganz den Typus eines unberuehrten Bodens, waehrend man auf Barbados, +Tabago, Santa Lucia, auf den Jungfraueninseln und im franzoesischen Antheil +von St. Domingo nachgerade spuert, dass lange fortgesetzter Anbau den Boden +erschoepft. Wenn man in den Thaelern von Aragua die Indigofelder, statt sie +aufzugeben und brach liegen zu lassen, nicht mit Getreide, sondern mit +andern naehrenden und Futterkraeutern anpflanzte, wenn man dazu vorzugsweise +Gewaechse aus verschiedenen Familien naehme, und solche, die mit breiten +Blaettern den Boden beschatten, so wuerden allmaelig die Felder verbessert +und ihnen ihre fruehere Fruchtbarkeit zum Theil wieder gegeben werden. + +Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen ansehnlichen Flaechenraum ein; aber +die Bevoelkerung ist kaum sechs- bis siebentausend Seelen stark. Die +Strassen sind sehr breit, der Markt (_plaza mayor_) ist uebermaessig gross, und +da die Haeuser sehr niedrig sind, ist das Missverhaeltniss zwischen der +Bevoelkerung und der Ausdehnung der Stadt noch auffallender als in Caracas. +Viele Weisse von europaeischer Abstammung, besonders die aermsten, ziehen aus +ihren Haeusern und leben den groessten Theil des Jahrs auf ihren kleinen +Indigo- oder Baumwollenpflanzungen. Dort wagen sie es mit eigenen Haenden +zu arbeiten, waehrend ihnen diess, nach dem im Lande herrschenden +eingewurzelten Vorurtheil, in der Stadt zur Schande gereichte. Der +Gewerbfleiss faengt im allgemeinen an sich zu regen, und der Baumwollenbau +hat bedeutend zugenommen, seit dem Handel von Porto Cabello neue +Freiheiten ertheilt worden sind und dieser Hafen als Haupthafen, als +_puerto mayor_ den unmittelbar aus dem Mutterlande kommenden Schiffen +offen steht. + +Nueva Valencia wurde im Jahr 1555 unter Villacindas Statthalterschaft von +Alonzo Diaz Moreno gegruendet, und ist also zwoelf Jahre aelter als Caracas. +Wir haben schon frueher bemerkt, dass in Venezuela die spanische Bevoelkerung +von West nach Ost vorgerueckt ist. Valencia war anfangs nur eine zu +Burburata gehoerige Gemeinde, aber letztere Stadt ist jetzt nur noch ein +Platz, wo Maulthiere eingeschifft werden. Man bedauert, und vielleicht mit +Recht, dass Valencia nicht die Hauptstadt des Landes geworden ist. Ihre +Lage auf einer Ebene, am Ufer eines Sees wuerde an die von Mexico erinnern. +Wenn man bedenkt, wie bequem man durch die Thaeler von Aragua in die Llanos +und an die Nebenfluesse des Orinoco gelangt, wenn man sich ueberzeugt, dass +sich durch den Rio Pao und die Portugueza eine Schifffahrtverbindung im +innern Lande bis zur Muendung des Orinoco, zum Cassiquiare und dem +Amazonenstrom herstellen liesse, so sieht man ein, dass die Hauptstadt der +ausgedehnten Provinzen von Venezuela in der Naehe des praechtigen Hafens von +Porto Cabello, unter einem reinen, heitern Himmel besser laege, als bei der +schlecht geschuetzten Rhede von Guayra, in einem gemaessigten, aber das ganze +Jahr nebligten Thale. So nahe beim Koenigreich Neu-Grenada, mitten inne +zwischen den getreidereichen Gebieten von Victoria und Barquesimeto, haette +die Stadt Valencia gedeihen muessen; sie konnte aber nicht gegen Caracas +aufkommen, das ihr zwei Jahrhunderte lang einen bedeutenden Theil der +Einwohner entzogen hat. Die Mantuanosfamilien lebten lieber in der +Hauptstadt als in einer Provinzialstadt. + +Wer nicht weiss, von welcher Unmasse von Ameisen alle Laender in der heissen +Zone heimgesucht sind, macht sich keinen Begriff von den Zerstoerungen +dieser Insekten und von den Bodensenkungen, die von ihnen herruehren. Sie +sind im Boden, auf dem Valencia steht, in so ungeheurer Menge, dass die +Gaenge, die sie graben, unterirdischen Kanaelen gleichen, in der Regenzeit +sich mit Wasser fuellen und den Gebaeuden sehr gefaehrlich werden. Man hat +hier nicht zu den sonderbaren Mitteln gegriffen, die man zu Anfang des +sechzehnten Jahrhunderts auf St. Domingo anwendete, als Ameisenschwaerme +die schoenen Ebenen von la Vega und die reichen Besitzungen des Ordens des +h. Franciscus verheerten. Nachdem die Moenche vergebens die Ameisenlarven +verbrannt und es mit Raeucherungen versucht hatten, gaben sie den Leuten +den Rath, einen Heiligen herauszuloosen, der als _Abagado contra los +Hormigas_ dienen sollte. Die Ehre ward dem heiligen Saturnin zu Theil, und +als man das erstemal das Fest des Heiligen beging, verschwanden die +Ameisen. Seit den Zeiten der Eroberung hat der Unglauben gewaltige +Fortschritte gemacht, und nur auf dem Ruecken der Cordilleren fand ich eine +kleine Capelle, in der, der Inschrift zufolge, fuer die Vernichtung der +*Termiten* gebetet werden sollte. + +Valencia hat einige geschichtliche Erinnerungen aufzuweisen, sie sind +aber, wie Alles, was die Colonien betrifft, nicht sehr alt und beziehen +sich entweder auf buergerliche Zwiste oder auf blutige Gefechte mit den +Wilden. Lopez de Aguirre, dessen Frevelthaten und Abenteuer eine der +dramatischsten Episoden in der Geschichte der Eroberung bilden, zog im +Jahr 1561 aus Peru ueber den Amazonenstrom auf die Insel Margarita und von +dort ueber den Hafen von Burburata in die Thaler von Aragua. Als er in +Valencia eingezogen, die stolz den Namen einer *koeniglichen Stadt*, _Villa +de el Rey_, fuehrt, verkuendigte er die Unabhaengigkeit des Landes und die +Absetzung Philipps II. Die Einwohner fluechteten sich auf die Inseln im See +und nahmen zu groesserer Sicherheit alle Boote am Ufer mit. In Folge dieser +Kriegslist konnte Aguirre seine Grausamkeiten nur an seinen eigenen Leuten +verueben. In Valencia schrieb er den beruechtigten Brief an den Koenig von +Spanien, der ein entsetzlich wahres Bild von den Sitten des Kriegsvolks im +sechzehnten Jahrhundert gibt. Der Tyrann (so heisst Aguirre beim Volk noch +jetzt) prahlt unter einander mit seinen Schandthaten und mit seiner +Froemmigkeit; er ertheilt dem Koenige Rathschlaege hinsichtlich der Regierung +der Colonien und der Einrichtung der Missionen. Mitten unter wilden +Indianern, auf der Fahrt auf einem grossen Suesswassermeer, wie er den +Amazonenstrom nennt, "fuehlt er grosse Besorgniss ob der Ketzereien Martin +Luthers und der wachsenden Macht der Abtruennigen in Europa." Lopez de +Aguirre wurde, nachdem die Seinigen von ihm abgefallen, in Barquesimeto +erschlagen. Als es mit ihm zu Ende ging, stiess er seiner einzigen Tochter +den Dolch in die Brust, "um ihr die Schande zu ersparen, bei den Spaniern +die Tochter eines Verraethers zu heissen." "Die Seele des Tyrannen" -- so +glauben die Eingeborenen -- geht in den Savanen um in Gestalt einer +Flamme, die entweicht, wenn ein Mensch auf sie zugeht. + +Das zweite geschichtliche Ereigniss, das sich an Valencia knuepft, ist der +Einfall der Caraiben vom Orinoco her in den Jahren 1578 und 1580. Diese +Horde von Menschenfressern zog am Guarico herauf und ueber die Llanos +herueber. Sie wurde vom tapfern Garci-Gonzalez, einem der Capitaene, deren +Namen noch jetzt in diesen Provinzen in hohen Ehren steht, gluecklich +zurueckgeschlagen. Mit Befriedigung denkt man daran, dass die Nachkommen +derselben Caraiben jetzt als friedliche Ackerbauer in den Missionen leben, +und dass kein wilder Volksstamm in Guyana es mehr wagt, ueber die Ebenen +zwischen der Waldregion und dem angebauten Lande herueberzukommen. + +Die Kuestencordillere ist von mehreren Schluchten durchschnitten, die +durchgaengig von Suedost nach Nordwest streichen. Diess wiederholt sich von +der Quebrada de Tocume zwischen Petarez und Caracas bis Porto Cabello. Es +ist als waere aller Orten der Stoss von Suedost gekommen, und die Erscheinung +ist um so auffallender, da die Gneiss- und Glimmerschieferschichten in der +Kuestencordillere meist von Suedwest nach Nordost streichen. Die meisten +dieser Schluchten schneiden in den Suedabhang der Berge ein, gehen aber +nicht ganz durch; nur im Meridian von Nueva Valencia befindet sich eine +Oeffnung (_Abra_), durch die man zur Kueste hinunter gelangt und durch die +jeden Abend ein sehr erfrischender Seewind in die Thaeler von Aragua +heraufkommt. Der Wind stellt sich regelmaessig zwei bis drei Stunden nach +Sonnenuntergang ein. + +Durch diese *Abra*, ueber den Hof Barbula und durch einen oestlichen Zweig +der Schlucht baut man eine neue Strasse von Valencia nach Porto Cabello. +Sie wird so kurz, dass man nur vier Stunden in den Hafen braucht und man in +Einem Tage vom Hafen in die Thaeler von Aragua und wieder zurueck kann. Um +diesen Weg kennen zu lernen, gingen wir am sechs und zwanzigsten Februar +Abends nach dem Hofe Barbula, in Gesellschaft der Eigenthuemer, der +liebenswuerdigen Familie Arambary. + +Am sieben und zwanzigsten Morgens besuchten wir die heissen Quellen bei der +Trinchera, drei Meilen von Valencia. Die Schlucht ist sehr breit und es +geht vom Ufer des Sees bis zur Kueste fast bestaendig abwaerts. Trinchera +heisst der Ort nach den kleinen Erdwerken, welche franzoesische Flibustiers +angelegt, als sie im Jahre 1677 die Stadt Valencia pluenderten. Die heissen +Quellen, und diess ist geologisch nicht uninteressant, entspringen nicht +suedlich von den Bergen, wie die von Mariara, Onoto und am Brigantin; sie +kommen vielmehr in der Bergkette selbst, fast am Nordabhang, zu Tag. Sie +sind weit staerker als alle, die wir bisher gesehen, und bilden einen Bach, +der in der trockensten Jahreszeit zwei Fuss tief und achtzehn breit ist. +Die Temperatur des Wassers war, sehr genau gemessen, 90 deg.,3. Nach den +Quellen von Urijino in Japan, die reines Wasser seyn und eine Temperatur +von 100 deg. haben sollen, scheint das Wasser von la Trinchera de Porto +Cabello das heisseste, das man ueberhaupt kennt. Wir fruehstueckten bei der +Quelle. Eier waren im heissen Wasser in weniger als vier Minuten gar. Das +stark schwefelwasserstoffhaltige Wasser entspringt auf dem Gipfel eines +Huegels, der sich 150 Fuss ueber die Sohle der Schlucht erhebt und von +Sued-Sued-Ost nach Nord-Nord-West streicht. Das Gestein, aus dem die Quelle +kommt, ist ein aechter grobkoerniger Granit, aehnlich dem der Teufelsmauer in +den Bergen von Mariara. Ueberall wo das Wasser an der Luft verdunstet, +bildet es Niederschlaege und Incrustationen von kohlensaurem Kalk. Es geht +vielleicht durch Schichten von Urkalk, der im Glimmerschiefer und Gneiss an +der Kueste von Caracas so haeufig vorkommt. Die Ueppigkeit der Vegetation um +das Becken ueberraschte uns. Mimosen mit zartem, gefiedertem Laub, Clusien +und Feigenbaeume haben ihre Wurzeln in den Boden eines Wasserstuecks +getrieben, dessen Temperatur 85 deg. betrug. Ihre Aeste stehen nur zwei, drei +Zoll ueber dem Wasserspiegel. Obgleich das Laub der Mimosen bestaendig vom +heissen Wasserdampf befeuchtet wird, ist es doch sehr schoen gruen. Ein Arum +mit holzigtem Stengel und pfeilfoermigen Blaettern wuchs sogar mitten in +einer Lache von 70 deg. Temperatur. Dieselben Pflanzenarten kommen anderswo in +diesem Gebirge an Baechen vor, in denen der Thermometer nicht auf 18 deg. +steigt. Noch mehr, vierzig Fuss von der Stelle, wo die 90 deg. heissen Quellen +entspringen, finden sich auch ganz kalte. Beide Gewaesser laufen eine +Strecke weit neben einander fort, und die Eingebornen zeigten uns, wie man +sich, wenn man zwischen beiden Baechen ein Loch in den Boden graebt, ein Bad +von beliebiger Temperatur verschaffen kann. Es ist auffallend, wie in den +heissesten und in den kaeltesten Erdstrichen der gemeine Mann gleich sehr +die Waerme liebt. Bei der Einfuehrung des Christenthums in Island wollte +sich das Volk nur in den warmen Quellen am Hella taufen lassen, und in der +heissen Zone, im Tiefland und auf den Cordilleren, laufen die Eingeborenen +von allen Seiten den warmen Quellen zu. Die Kranken, die nach Trinchera +kommen, um Dampfbaeder zu brauchen, errichten ueber der Quelle eine Art +Gitterwerk aus Baumzweigen und ganz duennem Rohr. Sie legen sich nackt auf +dieses Gitter, das, wie mir schien, nichts weniger als fest und nicht ohne +Gefahr zu besteigen ist. Der _Rio de aguas calientes_ laeuft nach Nordost +und wird in der Nahe der Kueste zu einem ziemlich ansehnlichen Fluss, in dem +grosse Krokodile leben, und der durch sein Austreten den Uferstrich +ungesund machen hilft. + +Wir gingen immer rechts am warmen Wasser nach Porto Cabello hinunter. Der +Weg ist ungemein malerisch. Das Wasser stuerzt ueber die Felsbaenke nieder, +und es ist als haette man die Fuelle der Neuss vom Gotthard herab vor sich; +aber welch ein Contrast, was die Kraft und Ueppigkeit des Pflanzenwuchses +betrifft! Zwischen bluehenden Gestraeuchen, aus Bignonien und Melastomen +erheben sich majestaetisch die weissen Staemme der Cecropia. Sie gehen erst +aus, wenn man nur noch in 100 Toisen Meereshoehe ist. Bis hieher reicht +auch eine kleine stachligte Palme, deren zarte, gefiederte Blaetter an den +Raendern wie gekraeuselt erscheinen. Sie ist in diesem Gebirge sehr haeufig; +da wir aber weder Bluethe noch Frucht gesehen haben, wissen wir nicht, ob +es die *Piritupalme* der Caraiben oder Jacquins _Cocos aculeata_ ist. + +Je naeher wir der Kueste kamen, desto drueckender wurde die Hitze. Ein +roethlicher Dunst umzog den Horizont; die Sonne war am Untergehen, aber der +Seewind wehte noch nicht. Wir ruhten in den einzeln stehenden Hoefen aus, +die unter dem Namen *Cambury* und *Haus des Canariers* (_Casa del +Islengo_) bekannt sind. Der _Rio de aguas calientes_, an dem wir hinzogen, +wurde immer tiefer. Am Ufer lag ein todtes Krokodil; es war ueber neun Fuss +lang. Wir haetten gerne seine Zaehne und seine Mundhoehle untersucht; aber es +lag schon mehrere Wochen in der Sonne und stank so furchtbar, dass wir +dieses Vorhaben aufgeben und wieder zu Pferde steigen mussten. Ist man im +Niveau des Meeres angelangt, so wendet sich der Weg ostwaerts und laeuft +ueber einen duerren anderthalb Meilen breiten Strand, aehnlich dem bei +Cumana. Man sieht hin und wieder eine Fackeldistel, ein Sesuvium, ein paar +Staemme _Coccoloba uvifera_ und laengs der Kueste wachsen Avicennien und +Wurzeltraeger. Wir wateten durch den Guayguazo und den Rio Estevan, die, da +sie sehr oft austreten, grosse Lachen stehenden Wassers bilden. Auf dieser +weiten Ebene erheben sich wie Klippen kleine Felsen aus Maeandriten, +Madreporiten und andern Corallen. Man koennte in denselben einen Beweis +sehen, dass sich die See noch nicht sehr lange von hier zurueckgezogen; aber +diese Massen von Polypengehaeusen sind nur Bruchstuecke, in eine Breccie mit +kalkigtem Bindemittel eingebacken. Ich sage in eine Breecie, denn man darf +die weissen frischen Coralliten dieser sehr jungen Formation an der Kueste +nicht mit den Coralliten verwechseln, die im Uebergangsgebirge, in der +Grauwacke und im schwarzen Kalkstein eingeschlossen vorkommen. Wir +wunderten uns nicht wenig, dass wir an diesem voellig unbewohnten Ort einen +starken, in voller Bluethe stehenden Stamm der _Parkinsonia aculeata_ +antrafen. Nach unsern botanischen Werken gehoert der Baum der neuen Welt +an; aber in fuenf Jahren haben wir ihn nur zweimal wild gesehen, hier auf +der Ebene am Rio Guayguaza und in den Llanos von Cumana, dreissig Meilen +von der Kueste, bei Villa del Pao; Letzterer Ort konnte noch dazu leicht +ein alter *Conuco* oder eingehegtes Baufeld seyn. Sonst ueberall auf dem +Festland von Amerika sahen wir die Parkinsonia, wie die Plumeria, nur in +den Gaerten der Indianer. + +Ich kam zu rechter Zeit nach Porto Cabello, um einige Hoehen des Canopus +nahe am Meridian aufnehmen zu koennen; aber diese Beobachtungen, wie die am +acht und zwanzigsten Februar aufgenommenen correspondirenden Sonnenhoehen, +sind nicht sehr zuverlaessig. Ich bemerkte zu spaet, dass sich das +Diopterlineal eines Troughtonschen Sextanten ein wenig verschoben hatte. +Es war ein Dosensextant von zwei Zoll Halbmesser, dessen Gebrauch uebrigens +den Reisenden sehr zu empfehlen ist. Ich brauchte denselben sonst meist +nur zu geodaetischen Ausnahmen im Canoe auf Fluessen. In Porto Cabello wie +in Guayra streitet man darueber, ob der Hafen ostwaerts oder westwaerts von +der Stadt liegt, mit der derselbe den staerksten Verkehr hat. Die Einwohner +glauben, Porto Cabello liege Nord-Nord-West von Nueva Valencia. Aus meinen +Beobachtungen ergibt sich allerdings fuer jenen Ort eine Laenge von 3--4 +Minuten im Bogen weiter nach West. Nach Fidalgo laege er ostwaerts. + +Wir wurden im Hause eines franzoesischen Arztes, Juliac, der sich in +Montpellier tuechtig gebildet hatte, mit groesster Zuvorkommenheit +aufgenommen. In seinem kleinen Hause befanden sich Sammlungen mancherlei +Art, die aber alle den Reisenden interessiren konnten: +schoenwissenschaftliche und naturgeschichtliche Buecher, meteorologische +Notizen, Baelge von Jaguars und grossen Wasserschlangen, lebendige Thiere, +Affen, Guertelthiere, Voegel. Unser Hausherr war Oberwundarzt am koeniglichen +Hospital in Porto Cabello, und im Lande wegen seiner tiefeingehenden +Beobachtungen ueber das gelbe Fieber Vortheilhaft bekannt. Er hatte in +sieben Jahren 600--800 von dieser schrecklichen Krankheit Befallene in das +Spital aufnehmen sehen; er war Zeuge der Verheerungen, welche die Seuche +im Jahr 1793 auf der Flotte des Admirals Ariztizabal angerichtet. Die +Flotte verlor fast ein Dritttheil ihrer Bemannung, weil die Matrosen fast +saemmtlich nicht acclimatisirte Europaeer waren und frei mit dem Lande +verkehrten. Juliac hatte frueher, wie in Terra Firma und auf den Inseln +gebraeuchlich ist, die Kranken mit Blutlassen, gelinde abfuehrenden Mitteln +und saeuerlichen Getraenken behandelt. Bei diesem Verfahren denkt man nicht +daran die Kraefte durch Reizmittel zu heben; man will beruhigen und +steigert nur die Schwaeche und Entkraeftung. In den Spitaelern, wo die +Kranken dicht beisammen lagen, starben damals von den weissen Creolen 33 +Procent, von den frisch angekommenen Europaeern 63 Procent. Seit man das +alte herabstimmende Verfahren aufgegeben hatte und Reizmittel anwendete, +Opium, Benzoe, weingeistige Getraenke, hatte die Sterblichkeit bedeutend +abgenommen. Man glaubte, sie betrage nunmehr nur 20 Procent bei Europaeern +und 10 bei Creolen, selbst dann, wenn sich schwarzes Erbrechen und +Blutungen aus der Nase, den Ohren und dem Zahnfleisch einstellen und so +die Krankheit in hohem Grade boesartig erscheint. Ich berichte genau, was +mir damals als allgemeines Ergebniss der Beobachtungen mitgetheilt wurde; +man darf aber, denke ich, bei solchen Zahlenzusammenstellungen nicht +vergessen, dass, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung, die Epidemien +mehrerer auf einander folgenden Jahre von einander abweichen, und dass man +bei der Wahl zwischen staerkenden und herabstimmenden Mitteln (wenn je ein +absoluter Unterschied zwischen beiden besteht) die verschiedenen Stadien +der Krankheit zu unterscheiden hat. + +Die Hitze ist in Porto Cabello nicht so stark als in Guayra. Der Seewind +ist staerker, haeufiger, regelmaessiger; auch lehnen sich die Haeuser nicht an +Felsen, die bei Tag die Sonnenstrahlen absorbiren und bei Nacht die Waerme +wieder von sich geben. Die Luft kann zwischen der Kueste und den Bergen von +Ilaria freier circuliren. Der Grund der Ungesundheit der Luft ist im +Strande zu suchen, der sich westwaerts, so weit das Auge reicht, gegen die +_Punta de Tucacos_ beim schoenen Hafen von Chichiribiche fortzieht. Dort +befinden sich die Salzwerke und dort herrschen bei Eintritt der Regenzeit +die dreitaegigen Wechselfieber, die leicht in atactische Fieber uebergehen. +Man hat die interessante Bemerkung gemacht, dass die Mestizen, die in den +Salzwerken arbeiten, dunkelfarbiger sind und eine gelbere Haut bekommen, +wenn sie mehrere Jahre hinter einander an diesen Fiebern gelitten haben, +welche die *Kuestenkrankheit* heissen. Die Bewohner dieses Strandes, arme +Fischer, behaupten, nicht daher, dass das Seewasser das Land ueberschwemme +und wieder abfliesse, sey der mit Wurzeltraegern bewachsene Boden so +ungesund, das Verderbniss der Luft ruehre vielmehr vom suessen Wasser her, von +den Ueberschwemmungen des Rio Guayguaza und des Rio Estevan, die in den +Monaten October und November so ploetzlich und so stark austreten. Die Ufer +des Rio Estevan sind bewohnbarer geworden, seit man daselbst kleine Mais- +und Pisangpflanzungen angelegt und durch Erhoehung und Befestigung des +Bodens dem Fluss ein engeres Bett angewiesen hat. Man geht damit um, dem +Estevan eine andere Muendung zu graben und dadurch die Umgegend von Porto +Cabello gesuender zu machen. Ein Kanal soll das Wasser an den Kuestenstrich +leiten, der der Insel Guayguaza gegenueberliegt. + +Die Salzwerke von Porto Cabello gleichen so ziemlich denen auf der +Halbinsel Araya bei Cumana. Indessen ist die Erde, die man auslaugt, indem +man das Regenwasser in kleinen Becken sammelt, nicht so salzhaltig. Man +fragt hier wie in Cumana, ob der Boden mit Salztheilchen geschwaengert sey, +weil er seit Jahrhunderten zeitweise unter Meerwasser gestanden, das an +der Sonne verdunstet, oder ob das Salz im Boden enthalten sey wie in einem +sehr armen Steinsalzwerk. Ich hatte nicht Zeit, den Strand hier so genau +zu untersuchen wie die Halbinsel Araya; laeuft uebrigens der Streit nicht +auf die hoechst einfache Frage hinaus, ob das Salz von neuen oder aber von +uralten Ueberschwemmungen herruehrt? Da die Arbeit in den Salzwerken von +Porto Cabello sehr ungesund ist, geben sich nur die aermsten Leute dazu +her. Sie bringen das Salz an Ort und Stelle in kleine Magazine und +verkaufen es dann in den Niederlagen in der Stadt. + +Waehrend unseres Aufenthaltes in Porto Cabello lief die Stroemung an der +Kueste, die sonst gewoehnlich nach West geht, von West nach Ost. Diese +*Stroemung nach oben* (_corriente por arriba_), von der bereits die Rede +war, kommt zwei bis drei Monate im Jahr, vom September bis November, +haeufig vor. Man glaubt, sie trete ein, wenn zwischen Jamaica und dem Cap +San Antonio auf Cuba Nord-Westwinde geweht haben. + +Die militaerische Vertheidigung der Kuesten von Terra Firma stuetzt sich auf +sechs Punkte, das Schloss San Antonio bei Cumana, den Morro bei Nueva +Barcelona, die Werke (mit 134 Geschuetzen) bei Guayra, Porto Cabello, das +Fort San Carlos an der Ausmuendung des Sees Maracaybo, und Carthagena. Nach +Carthagena ist Porto Cabello der wichtigste feste Platz; die Stadt ist +ganz neu und der Hafen einer der schoensten in beiden Welten. Die Lage ist +so guenstig, dass die Kunst fast nichts hinzuzuthun hatte. Eine Erdzunge +laeuft Anfangs gegen Nord und dann nach West. Die westliche Spitze +derselben liegt einer Reihe von Inseln gegenueber, die durch Bruecken +verbunden und so nahe bei einander sind, dass man sie fuer eine zweite +Landzunge halten kann. Diese Inseln bestehen saemmtlich aus Kalkbreccien +von sehr neuer Bildung, aehnlich der an der Kueste von Cumana und am Schloss +Araya. Es ist ein Conglomerat von Madreporen und andern +Corallenbruchstuecken, die durch ein kalkigtes Bindemittel und Sandkoerner +verkittet sind. Wir hatten dasselbe Conglomerat bereits am Rio Guayguaza +gesehen. In Folge der eigenthuemlichen Bildung des Landes stellt sich der +Hafen als ein Becken oder als eine innere Lagune dar, an deren suedlichem +Ende eine Menge mit Manglebaeumen bewachsener Eilande liegen. Dass der +Hafeneingang gegen West liegt, traegt viel zur Ruhe des Wassers bei. Es +kann nur Ein Fahrzeug auf einmal einlaufen, aber die groessten Linienschiffe +koennen dicht am Lande ankern, um Wasser einzunehmen. Die einzige Gefahr +beim Einlaufen bieten die Riffe bei Punta Brava, denen gegenueber eine +Batterie von acht Geschuetzen steht. Gegen West und Suedwest erblickt man +das Fort, ein regelmaessiges Fuenfeck mit fuenf Bastionen, die Batterie beim +Riff und die Werke um die alte Stadt, welche auf einer Insel liegt, die +ein verschobenes Viereck bildet. Ueber eine Bruecke und das befestigte Thor +der Estacada gelangt man aus der alten Stadt in die neue, welche bereits +groesser ist als jene, aber dennoch nur als Vorstadt gilt. Zu hinterst laeuft +das Hafenbecken oder die Lagune um diese Vorstadt herum gegen Suedwest, und +hier ist der Boden sumpfigt, voll stehenden, stinkenden Wassers. Die Stadt +hat gegenwaertig gegen 9000 Einwohner. Sie verdankt ihre Entstehung dem +Schleichhandel, der sich hier einnistete, weil die im Jahr 1549 gegruendete +Stadt Burburata in der Naehe lag. Erst unter dem Regiment der Biscayer und +der Compagnie von Guipuzcoa wurde Porto Cabello, das bis dahin ein Weiler +gewesen, eine wohlbefestigte Stadt. Von Guayra, das nicht sowohl ein Hafen +als eine schlechte offene Rhede ist, bringt man die Schiffe nach Porto +Cabello, um sie ausbessern und kalfatern zu lassen. + +Der Hafen wird vorzugsweise durch die tief gelegenen Batterien auf der +Landzunge Punta Brava und auf dem Riff vertheidigt, und diese Wahrheit +wurde verkannt, als man auf den Bergen, welche die Vorstadt gegen Sued +beherrschen, mit grossen Kosten ein neues Fort, den Mirador (Belvedere) de +Solano baute. Dieses Werk, eine Viertelstunde vom Hafen, liegt 400--500 +Fuss ueber dem Meer. Die Baukosten betrugen jaehrlich und viele Jahre lang +20--30,000 Piaster. Der Generalcapitaen von Caracas, Guevara Vasconzelos, +war mit den besten spanischen Ingenieurs der Ansicht, der Mirador, auf dem +zu meiner Zeit erst sechzehn Geschuetze standen, sey fuer die Vertheidigung +des Platzes nur von geringer Bedeutung, und liess den Bau einstellen. Eine +lange Erfahrung hat bewiesen, dass sehr hoch gelegene Batterien, wenn auch +sehr schwere Stuecke darin stehen, die Rhede lange nicht so wirksam +bestreichen, als tief am Strand oder auf Daemmen halb im Wasser liegende +Batterien mit Geschuetzen von geringerem Kaliber. Wir fanden den Platz +Porto Cabello in einem keineswegs befriedigenden Vertheidigungszustand. +Die Werke am Hafen und der Stadtwall mit etwa sechzig Geschuetzen erfordern +eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann, und es waren nicht 600 da. Es war +auch eine koenigliche Fregatte, die an der Einfahrt des Hafens vor Anker +lag, bei Nacht von den Kanonierschaluppen eines englischen Kriegsschiffe +angegriffen und weggenommen worden. Die Blokade beguenstigte vielmehr den +Schleichhandel, als dass sie ihn hinderte, und man sah deutlich, dass in +Porto Cabello die Bevoelkerung in der Zunahme, der Gewerbfleiss im +Aufschwung begriffen waren. Am staerksten ist der gesetzwidrige Verkehr mit +den Inseln Curacao und Jamaica. Man fuehrt ueber 10,000 Maulthiere jaehrlich +aus. Es ist nicht uninteressant, die Thiere einschiffen zu sehen. Man +wirft sie mit der Schlinge nieder und zieht sie an Bord mittelst einer +Vorrichtung gleich einem Krahn. Aus dem Schiffe stehen sie in zwei Reihen +und koennen sich beim Schlingern und Stampfen kaum auf den Beinen halten. +Um sie zu schrecken und fuegsamer zu machen, wird fast fortwaehrend Tag und +Nacht die Trommel geruehrt. Man kann sich denken, wie sanft ein Passagier +ruht, der den Muth hat, sich auf einer solchen mit Maulthieren beladenen +Goelette nach Jamaica einzuschiffen. + +Wir verliessen Porto Cabello am ersten Merz mit Sonnenaufgang. Mit +Verwunderung sahen wir die Masse von Kaehnen, welche Fruechte zu Markt +brachten. Es mahnte mich an einen schoenen Morgen in Venedig. Vom Meere aus +gesehen, liegt die Stadt im Ganzen freundlich und angenehm da. Dicht +bewachsene Berge, ueber denen Gipfel aufsteigen, die man nach ihren +Umrissen der Trappformation zuschreiben koennte, bilden den Hintergrund der +Landschaft. In der Naehe der Kueste ist alles nackt, weiss, stark beleuchtet, +die Bergwand dagegen mit dicht belaubten Baeumen bedeckt, die ihre +gewaltigen Schatten ueber braunes steinigtes Erdreich werfen. Vor der Stadt +besahen wir die eben fertig gewordene Wasserleitung. Sie ist 5000 Varas +lang und fuehrt in einer Rinne das Wasser des Rio Estevan in die Stadt. +Dieses Werk hat 30,000 Piaster gekostet, das Wasser springt aber auch in +allen Strassen. + +Wir gingen von Porto Cabello in die Thaeler von Aragua zurueck und hielten +wieder auf der Pflanzung Barbula an, ueber welche die neue Strasse nach +Valencia gefuehrt wird. Wir hatten schon seit mehreren Wochen von einem +Baume sprechen hoeren, dessen Saft eine naehrende Milch ist. Man nennt ihn +den *Kuhbaum* und man versicherte uns, die Neger auf dem Hofe trinken viel +von dieser vegetabilischen Milch und halten sie fuer ein gesundes +Nahrungsmittel. Da alle milchigten Pflanzensaefte scharf, bitter und mehr +oder weniger giftig sind, so schien uns diese Behauptung sehr sonderbar; +aber die Erfahrung lehrte uns waehrend unseres Aufenthalts in Barbula, dass, +was man uns von den Eigenschaften des _Palo de __ Vaca_ erzaehlt hatte, +nicht uebertrieben war. Der schoene Baum hat den Habitus des _Chrysophyllum +cainito_ oder Sternapfelbaums; die laenglichten, zugespitzten, +lederartigen, abwechselnden Blaetter haben unten vorspringende, parallele +Seitenrippen und werden zehn Zoll lang. Die Bluethe bekamen wir nicht zu +sehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthaelt eine, bisweilen zwei +Nuesse. Macht man Einschnitte in den Stamm des Kuhbaums, so fliesst sehr +reichlich eine klebrigte, ziemlich dicke Milch aus, die durchaus nichts +Scharfes hat und sehr angenehm wie Balsam riecht. Man reichte uns welche +in den Fruechten des Tutumo oder Flaschenbaums. Wir tranken Abends vor +Schlafengehen und frueh Morgens viel davon, ohne irgend eine nachtheilige +Wirkung. Nur die Klebrigkeit macht diese Milch etwas unangenehm. Die Neger +und die Freien, die auf den Pflanzungen arbeiten, tunken sie mit Mais- und +Maniocbrod, *Arepa* und *Cassave*, aus. Der Verwalter des Hofs versicherte +uns, die Neger legen in der Zeit, wo der Palo de Vaca ihnen am meisten +Milch gibt, sichtbar zu. Bei freiem Zutritt der Luft zieht der Saft an der +Oberflaeche, vielleicht durch Absorption des Sauerstoffs der Luft, Haeute +einer stark animalisirten, gelblichen, faserigen, dem Kaesestoff aehnlichen +Substanz. Nimmt man diese Haeute von der uebrigen waesserigen Fluessigkeit ab, +so zeigen sie sich elastisch wie Cautschuc, in der Folge aber faulen sie +unter denselben Erscheinungen wie die Gallerte. Das Volk nennt den +Klumpen, der sich an der Luft absetzt, *Kaese*; der Klumpen wird nach fuenf, +sechs Tagen sauer, wie ich an den kleinen Stuecken bemerkte, die ich nach +Nueva Valencia mitgebracht. In einer verschlossenen Flasche setzte sich in +der Milch etwas Gerinsel zu Boden, und sie wurde keineswegs uebelriechend, +sondern behielt ihren Balsamgeruch. Mit kaltem Wasser vermischt gerann der +frische Saft nur sehr wenig, aber die klebrigten Haeute setzten sich ab, +sobald ich denselben mit Salpetersaeure in Beruehrung brachte. Wir schickten +Fourcroys in Paris zwei Flaschen dieser Milch. In der einen war sie im +natuerlichen Zustand, in der andern mit einer gewissen Menge kohlensauren +Natrons versetzt. Der franzoesische Consul auf der Insel St. Thomas +uebernahm die Befoerderung. + +Dieser merkwuerdige Baum scheint der Kuestencordillere, besonders von +Barbula bis zum See Maracaybo, eigenthuemlich. Beim Dorf San Mateo und nach +Bredemayer, dessen Reisen die schoenen Gewaechshaeuser von Schoenbrunn und +Wien so sehr bereichert haben, im Thal von Caucagua, drei Meilen von +Caracas, stehen auch einige Staemme. Dieser Naturforscher fand, wie wir, +die vegetabilische Milch des _Palo de Vaca_ angenehm von Geschmack und von +aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, der den +naehrenden Saft gibt, *Milchbaum, *_Arbol del leche_. Sie wollen an der +Dicke und Farbe des Laubs die Baeume erkennen, die am meisten Saft geben, +wie der Hirte nach aeussern Merkmalen eine gute Milchkuh herausfindet. Kein +Botaniker kannte bis jetzt dieses Gewaechs, dessen Fructificationsorgane +man sich leicht wird verschaffen koennen. Nach Kunth scheint der Baum zu +der Familie der Sapoteen zu gehoeren. Erst lange nach meiner Rueckkehr nach +Europa fand ich in des Hollaenders Laet Beschreibung von Westindien eine +Stelle, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. "In der Provinz +Cumana," sagt Laet, gibt es Baeume, deren Saft geronnener Milch gleicht und +ein *gesundes Nahrungsmittel* abgibt." + +Ich gestehe, von den vielen merkwuerdigen Erscheinungen, die mir im Verlauf +meiner Reise zu Gesicht gekommen, haben wenige auf meine Einbildungskraft +einen staerkeren Eindruck gemacht als der Anblick des Kuhbaums. Alles was +sich auf die Milch oder auf die Getreidearten bezieht, hat ein Interesse +fuer uns, das sich nicht auf die physikalische Kenntniss der Gegenstaende +beschraenkt, sondern einem andern Kreise von Vorstellungen und Empfindungen +angehoert. Wir vermoegen uns kaum vorzustellen, wie das Menschengeschlecht +bestehen koennte ohne mehligte Stoffe, ohne den naehrenden Saft in der +Mutterbrust, der auf den langen Schwaechezustand des Kindes berechnet ist. +Das Staerkmehl des Getreides, das bei so vielen alten und neueren Voelkern +ein Gegenstand religioeser Verehrung ist, kommt in den Samen und den +Wurzeln der Gewaechse vor; die naehrende Milch dagegen erscheint uns als ein +ausschliessliches Produkt der thierischen Organisation. Diesen Eindruck +erhalten wir von Kindheit auf, und daher denn auch das Erstaunen, womit +wir den eben beschriebenen Baum betrachten. Was uns hier so gewaltig +ergreift, sind nicht prachtvolle Waelderschatten, majestaetisch +dahinziehende Stroeme, von ewigem Eis starrende Gebirge: ein paar Tropfen +Pflanzensaft fuehren uns die ganze Macht und Fuelle der Natur vor das innere +Auge. An der kahlen Felswand waechst ein Baum mit trockenen, lederartigen +Blaettern; seine dicken holzigten Wurzeln dringen kaum in das Gestein. +Mehrere Monate im Jahr netzt kein Regen sein Laub; die Zweige scheinen +vertrocknet, abgestorben; bohrt man aber den Stamm an, so fliesst eine +suesse, nahrhafte Milch heraus. Bei Sonnenaufgang stroemt die vegetabilische +Quelle am reichlichsten; dann kommen von allen Seiten die Schwarzen und +die Eingeborenen mit grossen Naepfen herbei und fangen die Milch auf, die +sofort an der Oberflaeche gelb und dick wird. Die einen trinken die Naepfe +unter dem Baum selbst aus, andere bringen sie ihren Kindern. Es ist, als +saehe man einen Hirten, der die Milch seiner Heerde unter die Seinigen +vertheilt. + +Ich habe den Eindruck geschildert, den der Kuhbaum auf die +Einbildungskraft des Reisenden macht, wenn er ihn zum erstenmale sieht. +Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt, dass die physischen Eigenschaften +der thierischen und der vegetabilischen Stoffe im engsten Zusammenhang +stehen; aber sie benimmt dem Gegenstand, der uns in Erstaunen setzte, den +Anstrich des Wunderbaren, sie entkleidet ihn wohl auch zum Theil seines +Reizes. Nichts steht fuer sich allein da; chemische Grundstoffe, die, wie +man glaubte, nur den Thieren zukommen, finden sich in den Gewaechsen +gleichfalls. Ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur. + +Lange bevor die Chemie im Bluethenstaub, im Eiweiss der Blaetter und im +weisslichen Anflug unserer Pflaumen und Trauben kleine Wachstheilchen +entdeckte, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindiu Kerzen aus der +dicken Wachsschicht, welche den Stamm einer Palme ueberzieht [_Ceroxylon +andicola_]. Vor wenigen Jahren wurde in Europa das _Caseum_, der +Grundstoff des Kaeses, in der Mandelmilch entdeckt; aber seit Jahrhunderten +gilt in den Gebirgen an der Kueste von Venezuela die Milch eines Baumes und +der Kaese, der sich in dieser vegetabilischen Milch absondert, fuer ein +gesundes Nahrungsmittel. Woher ruehrt dieser seltsame Gang in der +Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie konnte das Volk in der einen Halbkugel +auf etwas kommen, was in der andern dem Scharfblick der Scheidekuenstler, +die doch gewoehnt sind die Natur zu befragen und sie auf ihrem +geheimnissvollen Gang zu belauschen, so lange entgangen ist? Daher, dass +einige wenige Elemente und verschiedenartig zusammengesetzte Grundstoffe +in mehreren Pflanzenfamilien vorkommen; daher, dass die Gattungen und Arten +dieser natuerlichen Familien nicht ueber die tropischen und die kalten und +gemaessigten Himmelsstriche gleich vertheilt sind; daher, dass Voelker, die +fast ganz von Pflanzenstoffen leben, vom Beduerfniss getrieben, mehligte +naehrende Stoffe ueberall finden, wo sie nur die Natur im Pflanzensaft, in +Rinden, Wurzeln oder Fruechten niedergelegt hat. Das Staerkmehl, das sich am +reinsten in den Getreidekoernern findet, ist in den Wurzeln der Arumarten, +der _Tacca pinnatifida_ und der _Jatropha Manihot_ mit einem scharfen, +zuweilen selbst giftigen Saft verbunden. Der amerikanische Wilde, wie der +auf den Inseln der Suedsee, hat das Satzmehl durch Auspressen und Trennen +vom Safte *aussuessen* gelernt. In der Pflanzenmilch und den milchigten +Emulsionen sind aeusserst nahrhafte Stoffe, Eiweiss, Kaesestoff und Zucker mit +Cautschuc und aetzenden schaedlichen Materien, wie Morphium und Blausaeure, +verbunden. Dergleichen Mischungen sind nicht nur nach den Familien, +sondern sogar bei den Arten derselben Gattung verschieden. Bald ist es das +Morphium oder der narkotische Grundstoff, was der Pflanzenmilch ihre +vorwiegende Eigenschaft gibt, wie bei manchen Mohnarten, bald das +Cautschuc, wie bei der _Hevea_ und _Castilloa_ bald Eiweiss und Kaesestoff, +wie beim Melonenbaum und Kuhbaum. + +Die milchigten Gewaechse gehoeren vorzugsweise den drei Familien der +Euphorbien, der Urticeen und der Apocyneen an, und da ein Blick auf die +Vertheilung der Pflanzenbildungen ueber den Erdball zeigt, dass diese drei +Familien(61) in den Niederungen der Tropenlaender durch die zahlreichsten +Arten vertreten sind, so muessen wir daraus schliessen, dass eine sehr hohe +Temperatur zur Bildung von Cautschuc, Eiweiss und Kaesestoff beitraegt. Der +Saft des Palo de Vaca ist ohne Zweifel das auffallendste Beispiel, dass +nicht immer ein scharfer, schaedlicher Stoff mit dem Eiweiss, dem Kaesestoff +und dem Cautschuc verbunden ist; indessen kannte man in den Gattungen +Euphorbia und Asclepias, die sonst durch ihre aetzenden Eigenschaften +bekannt sind, Arten, die einen milden, unschaedlichen Saft haben. Hieher +gehoert der _Tubayba dulce_ der canarischen Inseln, von dem schon oben die +Rede war [_Euphorbia balsamifera_], und _Asclepias lactifera_ auf Ceylan. +Wie Burman erzaehlt, bedient man sich dort, in Ermanglung der Kuhmilch, der +Milch der so letztgenannten Pflanze und kocht mit den Blaettern derselben +die Speisen, die man sonst mit thierischer Milch zubereitet. Es ist zu +erwarten, dass ein Reisender, dem die gruendlichsten Kenntnisse in der +Chemie zu Gebot stehen, John Davy, bei seinem Aufenthalt auf Ceylan diesen +Punkt ins Reine bringen wird; denn, wie Decandolle richtig bemerkt, es +waere moeglich, dass die Eingeborenen nur den Saft der jungen Pflanze +benuetzten, so lange der scharfe Stoff noch nicht entwickelt ist. Wirklich +werden in manchen Laendern die jungen Sprossen der Apocyneen gegessen. + +Ich habe mit dieser Zusammenstellung den Versuch gemacht, die Milchsaefte +der Gewaechse und der milchigten Emulsionen, welche die Fruechte der +Mandelarten und der Palmen geben, unter einen allgemeineren Gesichtspunkt +zu bringen. Es moege mir gestattet seyn, diesen Betrachtungen die +Ergebnisse einiger Versuche anzureihen, die ich waehrend meines Aufenthalts +in den Thaelern von Aragua mit dem Safte der _Carica Papaya_ angestellt, +obgleich es mir fast ganz an Reagentien fehlte. Derselbe Saft ist seitdem +von Vauquelin untersucht worden. Der beruehmte Chemiker hat darin richtig +das Eiweiss und den kaeseartigen Stoff erkannt; er vergleicht den Milchsaft +mit reinem stark animalisirten Stoff, mit dem thierischen Blut; es stand +ihm aber nur gegohrener Saft und ein uebelriechendes Gerinsel zu Gebot, das +sich auf der Ueberfahrt von Isle de France nach Havre gebildet hatte. Er +spricht den Wunsch aus, ein Reisender moechte den Saft des Melonenbaums +frisch, wie er aus dem Stengel oder der Frucht fliesst, untersuchen koennen. + +Je juenger die Frucht des Melonenbaums ist, desto mehr Milch gibt sie; man +findet sie bereits im kaum befruchteten Keim. Je reifer die Frucht wird, +desto mehr nimmt die Milch ab und desto waesseriger wird sie; man findet +dann weniger vom thierischen Stoff darin, der durch Saeuren und durch +Absorption des Sauerstoffs der Luft gerinnt. Da die ganze Frucht +klebrig(62) ist, so koennte man annehmen, je mehr sie wachse, desto mehr +lagere sich der gerinnbare Stoff in den Organen ab und bilde zum Theil das +Mark oder die fleischigte Substanz. Troepfelt man mit vier Theilen Wasser +verduennte Salpetersaeure in die ausgepresste Milch einer ganz jungen Frucht, +so zeigt sich eine hoechst merkwuerdige Erscheinung. In der Mitte eines +jeden Tropfens bildet sich ein gallertartiges, grau gestreiftes Haeutchen. +Diese Streifen sind nichts anderes als der Stoff, der waesseriger geworden, +weil die Saeure ihm den Eiweissstoff entzogen hat. Zu gleicher Zeit werden +die Haeutchen in der Mitte undurchsichtig und eigelb. Sie vergroessern sich, +indem divergirende Fasern sich zu verlaengern scheinen. Die Fluessigkeit +sieht Anfangs aus wie ein Achat mit milchigten Wolken, und man meint +organische Haeute unter seinen Augen sich bilden zu sehen. Wenn sich das +Gerinsel ueber die ganze Masse verbreitet, verschwinden die gelben Flecke +wieder. Ruehrt man sie um, so wird sie kruemelich, wie weicher Kaese. Die +gelbe Farbe erscheint wieder, wenn man ein paar Tropfen Salpetersaeure +zusetzt. Die Saeure wirkt hier wie die Beruehrung des Sauerstoffs der Luft +bei 27--35 Grad; denn das weisse Gerinsel wird in ein paar Minuten gelb, +wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelb in +Braun ueber, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff frei wird im Verhaeltniss, +als der Wasserstoff, an den er gebunden war, verbrennt. Das durch die +Saeure gebildete Gerinsel wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den +ich gleichfalls bemerkte, als ich Muskelfleisch und Pilze (Morcheln) mit +Salpetersaeure behandelte. Nach Hatchetts schoenen Versuchen kann man +annehmen, dass das Eiweiss zum Theil in Gallerte uebergeht. Wirft man das +frisch bereitete Gerinsel vom Melonenbaum in Wasser, so wird es weich, +loest sich theilweise auf und faerbt das Wasser gelblich. Alsbald schlaegt +sich eine zitternde Gallerte, aehnlich dem Staerkmehl, daraus nieder. Diess +ist besonders auffallend, wenn das Wasser, das man dazu nimmt, auf 40--60 deg. +erwaermt ist. Je mehr man Wasser zugiesst, desto fester wird die Gallerte. +Sie bleibt lange weiss und wird nur gelb, wenn man etwas Salpetersaeure +darauf troepfelt. Nach dem Vorgang FOURCROYs und VAUQUELINs bei ihren +Versuchen mit dem Saft der Hevea, setzte ich der Milch des Melonenbaums +eine Aufloesung von kohlensaurem Natron bei. Es bildet sich kein Klumpen, +auch wenn man reines Wasser dem Gemisch von Milch und alkalischer +Aufloesung zugiesst. Die Haeute kommen erst zum Vorschein, wenn man durch +Zusatz einer Saeure das Alkali neutralisirt und die Saeure im Ueberschuss +ist. Ebenso sah ich das durch Salpetersaeure, Citronensaft oder heisses +Wasser gebildete Gerinsel verschwinden, wenn ich eine Loesung von +kohlensaurem Natron zugoss. Der Saft wird wieder milchigt und fluessig, wie +er urspruenglich war. Dieser Versuch gelingt aber nur mit frisch gebildetem +Gerinsel. + +Vergleicht man die Milchsaefte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der +Hevea, so zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den Saeften, +die viel Kaesestoff enthalten, und denen, in welchen das Cautschuc +vorherrscht. Alles weisse, frisch bereitete Cautschuc, sowie die +wasserdichten Maentel, die man im spanischen Amerika fabricirt und die aus +einer Schicht des Milchsafts der Hevea zwischen zwei Leinwandstuecken +bestehen, haben einen thierischen, ekligen Geruch, der darauf hinzuweisen +scheint, dass das Cautschuc beim Gerinnen den Kaesestoff an sich reisst, der +vielleicht nur ein modificirter Eiweissstoff ist. + +Die Frucht des Brodfruchtbaums ist so wenig Brod, als die Bananen vor +ihrer Reise oder die staerkemehlreichen Wurzelknollen der _Dioscorea_, des +_Convolvulus Batatas_ und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums dagegen +enthaelt den Kaesestoff gerade wie die Milch der Saeugethiere. Aus +allgemeinem Gesichtspunkte koennen wir mit Gay-Lussac das Cautschuc als den +oeligten Theil, als die Butter der vegetabilischen Milch betrachten. Die +beiden Grundstoffe Eiweiss und Fett sind in den Organen der verschiedenen +Thierarten und in den Pflanzen mit Milchsaft in verschiedenen +Verhaeltnissen enthalten. Bei letzteren sind sie meist mit andern, beim +Genuss schaedlichen Stoffen verbunden, die sich aber vielleicht auf +chemischem Wege trennen liessen. Eine Pflanzenmilch wird nahrhaft, wenn +keine scharfen, narkotischen Stoffe mehr darin sind und statt des +Cautschucs der Kaesestoff darin ueberwiegt. + +Ist der Palo de Vaca fuer uns ein Bild der unermesslichen Segensfuelle der +Natur im heissen Erdstrich, so mahnt er uns auch an die zahlreichen +Quellen, aus denen unter diesem herrlichen Himmel die traege Sorglosigkeit +des Menschen fliesst. Mungo Park hat uns mit dem *Butterbaum* in Bambarra +bekannt gemacht, der, wie Decandolle vermuthet, zu der Familie der +Sapoteen gehoert, wie unser Kuhbaum. Die Bananenbaeume, die Sagobaeume, die +Mauritien am Orinoco sind *Brodbaeume* so gut wie die Rima der Suedsee. Die +Fruechte der Crescentia und Lecythis dienen zu Gefaessen; die Blumenscheiden +mancher Palmen und Baumrinden geben Kopfbedeckungen und Kleider ohne Nath. +Die Knoten oder vielmehr die innern Faecher im Stamm der Bambus geben +Leitern und erleichtern auf tausenderlei Art den Bau einer Huette, die +Herstellung von Stuehlen, Bettstellen und anderem Geraethe, das die +werthvolle Habe des Wilden bildet. Bei einer ueppigen Vegetation mit so +unendlich mannigfaltigen Produkten bedarf es dringender Beweggruende, soll +der Mensch sich der Arbeit ergeben, sich aus seinem Halbschlummer +aufruetteln, seine Geistesfaehigkeiten entwickeln. + +In Barbula baut man Cacao und Baumwolle. Wir fanden daselbst, eine +Seltenheit in diesem Lande, zwei grosse Maschinen mit Cylindern zum Trennen +der Baumwolle von den Samen; die eine wird von einem Wasserrad, die andere +durch einen Goepel und durch Maulthiere getrieben. Der Verwalter des Hofes, +der dieselben gebaut, war aus Merida. Er kannte den Weg von Nueva Valencia +ueber Guanare und Misagual nach Barinas, und von dort durch die Schlucht +Callejones zum Paramo der Mucuchies und den mit ewigem Schnee bedeckten +Gebirgen von Merida. Seine Angaben, wie viel Zeit wir von Valencia ueber +Barinas in die Sierra Nevada, und von da ueber den Hafen von Torunos und +den Rio Santo Domingo nach San Fernando am Apure brauchen wuerden, wurden +uns vom groessten Nutzen. Man hat in Europa keinen Begriff davon, wie schwer +es haelt, genaue Erkundigung in einem Lande einzuziehen, wo der Verkehr so +gering ist, und man die Entfernungen gerne zu gering angibt oder +uebertreibt, je nachdem man den Reisenden aufmuntern oder von seinem +Vorhaben abbringen moechte. Bei der Abreise von Caracas hatte ich dem +Intendanten der Provinz Gelder uebergeben; die mir von den koeniglichen +Schatzbeamten in Barinas ausbezahlt werden sollten. Ich hatte beschlossen, +das westliche Ende der Cordilleren von Neu-Grenada, wo sie in die Paramos +von Timotes und Niquitao auslaufen, zu besuchen. Ich hoerte nun in Barbula, +bei diesem Abstecher wuerden wir fuenf und dreissig Tage spaeter an den +Orinoco gelangen. Diese Verzoegerung erschien uns um so bedeutender, da man +vermuthete, die Regenzeit werde frueher als gewoehnlich eintreten. Wir +durften hoffen, in der Folge sehr viele mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge +in Quito, Peru und Mexico besuchen zu koennen, und es schien mir desto +gerathener, den Ausflug in die Gebirge von Merida aufzugeben, da wir +besorgen mussten, dabei unsern eigentlichen Reisezweck zu verfehlen, der +darin bestand, den Punkt, wo sich der Orinoco mit dem Rio Negro und dem +Amazonenstrom verbindet, durch astronomische Beobachtungen festzustellen. +Wir gingen daher von Barbula nach Guacara zurueck, um uns von der +achtungswuerdigen Familie des Marques del Toro zu verabschieden und noch +drei Tage am Ufer des Sees zu verweilen. + +Es war Fastnacht und der Jubel allgemein. Die Lustbarkeiten, _de carnes +tollendas_ genannt, arteten zuweilen ein wenig ins Rohe aus. Die einen +fuehren einen mit Wasser beladenen Esel herum, und wo ein Fenster offen +ist, begiessen sie das Zimmer mit einer Spritze; andere haben Dueten voll +Haare der Picapica oder _Dolichos pruriens_ in der Hand und blasen das +Haar, das auf der Haut ein heftiges Jucken verursacht, den Voruebergehenden +ins Gesicht. + +Von Guacara gingen wir nach Nueva Valencia zurueck. Wir trafen da einige +franzoesische Ausgewanderte, die einzigen, die wir in fuenf Jahren in den +spanischen Colonien gesehen. Trotz der Blutsverwandtschaft zwischen den +koeniglichen Familien von Frankreich und Spanien durften sich nicht einmal +die franzoesischen Priester in diesen Theil der neuen Welt fluechten, wo der +Mensch so leicht Unterhalt und Obdach findet. Jenseits des Oceans boten +allein die Vereinigten Staaten dem Unglueck eine Zufluchtsstaette. Eine +Regierung, die stark, weil frei, und vertrauensvoll, weil gerecht ist, +brauchte sich nicht zu scheuen die Verbannten aufzunehmen. + +Wir haben frueher versucht ueber den Zustand des Indigo-, des Baumwollen- +und Zuckerbaus in der Provinz Caracas einige bestimmte Angaben zu machen. +Ehe wir die Thaeler von Aragua und die benachbarten Kuesten verlassen, haben +wir uns nur noch mit den Cacaopflanzungen zu beschaeftigen, die von jeher +fuer die Hauptquelle des Wohlstandes dieser Gegenden galten. Die Provinz +Caracas (nicht die _Capitania general_, also mit Ausschluss der Pflanzungen +in Cumana, in der Provinz Barcelona, in Maracaybo, in Barinas und im +spanischen Guyana) erzeugte am Schluss des achtzehnten Jahrhunderts +jaehrlich 150,000 Fanegas, von denen 30,000 in der Provinz und 100,000 in +Spanien verzehrt wurden. Nimmt man die Fanega, nach dem Marktpreis zu +Cadix, nur zu 25 Piastern an, so betraegt der Gesammtwerth der Cacaoausfuhr +aus den sechs Haefen der _Capitania general_ von Caracas 4,800,000 Piaster. + +Der Cacaobaum waechst gegenwaertig in den Waeldern von Terra Firma noerdlich +vom Orinoco nirgends wild; erst jenseits der Faelle von Atures und Maypures +trafen wir ihn nach und nach an. Besonders haeufig waechst er an den Ufern +des Ventuari und am obern Orinoco zwischen dem Padamo und dem Gehette. Dass +der Cacaobaum in Suedamerika nordwaerts vom sechsten Breitegrad so selten +wild vorkommt, ist fuer die Pflanzengeographie sehr interessant und war +bisher wenig bekannt. Die Erscheinung ist um so auffallender, da man nach +dem jaehrlichen Ertrag der Ernten auf den Cacaopflanzungen in Cumana, Nueva +Barcelona, Venezuela, Barinas und Maracaybo ueber 16 Millionen Baeume in +vollem Ertrag rechnet. Der wilde Cacaobaum hat sehr viele Aeste und sein +Laub ist dicht und dunkel. Er traegt eine sehr kleine Frucht, aehnlich der +Spielart, welche die alten Mexicaner *Tlalcacahuatl* nannten. In die +Conucos der Indianer am Cassiquiare und Rio Negro versetzt, behaelt der +wilde Baum mehrere Generationen die Kraft des vegetativen Lebens, die ihn +vom vierten Jahr an tragbar macht, waehrend in der Provinz Caracas die +Ernten erst mit dem sechsten, siebenten oder achten Jahr beginnen. Sie +treten im Binnenlande spaeter ein als an den Kuesten: und im Thal von Guapo. +Wir fanden am Orinoco keinen Volksstamm, der aus der Bohne des Cacaobaums +ein Getraenk bereitete. Die Wilden saugen das Mark der Huelse aus und werfen +die Samen weg, daher man dieselben oft in Menge auf ihren Lagerplaetzen +findet. Wenn auch an der Kueste der *Chorote*, ein ganz schwacher +Cacaoaufguss, fuer ein uraltes Getraenke gilt, so gibt es doch keinen +geschichtlichen Beweis dafuer, dass die Eingeborenen von Venezuela vor der +Ankunft der Spanier den Chocolat oder irgend eine Zubereitung des Cacao +gekannt haben. Wahrscheinlicher scheint mir, dass man in Caracas den +Cacaobaum nach dem Vorbild von Mexico und Guatimala angebaut hat, und dass +die in Terra Firma angesiedelten Spanier die Behandlung des Baums, der +jung im Schatten der Erythrina und des Bananenbaums aufwaechst, die +Bereitung der *Chocolate*-tafeln und den Gebrauch des Getraenks dieses +Namens durch den Verkehr mit Mexico, Guatimala und Nicaragua gelernt +haben, drei Laender, deren Einwohner von toltekischem und aztekischem +Stamme sind. + +Bis zum sechzehnten Jahrhundert weichen die Reisenden in ihren Urtheilen +ueber den Chocolat sehr von einander ab. BENZONI sagt in seiner derben +Sprache, es sey ein Getraenk vielmehr "da porci, che da huomini." Der +Jesuit ACOSTA versichert, die Spanier in Amerika lieben den Chocolat mit +naerrischer Leidenschaft, man muesse aber an "das schwarze Gebraeue" gewoehnt +seyn, wenn einem nicht schon beim Anblick des Schaums, der wie die Hefe +ueber einer gaehrenden Fluessigkeit stehe, uebel werden solle. Er bemerkt +weiter: "Der Cacao ist ein Aberglauben der Mexicaner, wie der Coca ein +Aberglauben der Peruaner." Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung der +Frau von SEVIGNE hinsichtlich des Gebrauchs des Kaffees. HERNAN CORTEZ und +sein Page, der _gentilhombre del gran Conquistador_, dessen +Denkwuerdigkeiten RAMUSIO bekannt gemacht hat, ruehmen dagegen den Chocolat +nicht nur als ein angenehmes Getraenk, selbst wenn er kalt bereitet +wird,(63) sondern besonders als nahrhaft. "Wer eine Tasse davon getrunken +hat," sagt der Page des Hernan Cortez, "kann ohne weitere Nahrung eine +ganze Tagereise machen, besonders in sehr heissen Laendern; denn der +Chocolat ist seinem Wesen nach *kalt* und *erfrischend*." Letztere +Behauptung moechten wir nicht unterschreiben; wir werden aber bei unserer +Fahrt auf dem Orinoco und bei unsern Reisen hoch an den Cordilleren hinauf +bald Gelegenheit finden, die vortrefflichen Eigenschaften des Chocolats zu +ruehmen. Er ist gleich leicht mit sich zu fuehren und als Nahrungsmittel zu +verwenden und enthaelt in kleinem Raum viel naehrenden und reizenden Stoff. +Man sagt mit Recht, in Afrika helfen Reis, Gummi und Sheabutter dem +Menschen durch die Wuesten. In der neuen Welt haben Chocolat und Maismehl +ihm die Hochebenen der Anden und ungeheure unbewohnte Waelder zugaenglich +gemacht. + +Die Cacaoernte ist ungemein veraenderlich. Der Baum treibt mit solcher +Kraft, dass sogar aus den holzigten Wurzeln, wo die Erde sie nicht bedeckt, +Bluethen spriessen. Er leidet von den Nordostwinden, wenn sie auch die +Temperatur nur um wenige Grade herabdruecken. Auch die Regen, welche nach +der Regenzeit in den Wintermonaten vom December bis Maerz unregelmaessig +eintreten, schaden dem Cacaobaum bedeutend. Es kommt nicht selten vor, dass +der Eigenthuemer einer Pflanzung von 50,000 Staemmen in einer Stunde fuer +vier bis fuenftausend Piaster Cacao einbuesst. Grosse Feuchtigkeit ist dem +Baum nur foerderlich, wenn sie allmaehlig zunimmt und lange ohne +Unterbrechung anhaelt. Wenn in der trockenen Jahreszeit die Blaetter und die +unreife Frucht in einen starken Regenguss kommen, so loest sich die Frucht +vom Stiel. Die Gefaesse, welche das Wasser einsaugen, scheinen durch +Ueberschwellung zu bersten. Ist nun die Cacaoernte aeusserst unsicher, weil +der Baum gegen schlimme Witterung so empfindlich ist und so viele Wuermer, +Insekten, Voegel, Saeugethiere [Papageien, Affen, Agoutis, Eichhoerner, +Hirsche.] die Schote fressen, hat dieser Culturzweig den Nachtheil, dass +dabei der neue Pflanzer der Fruechte seiner Arbeit erst nach acht bis zehn +Jahren geniesst und dass das Produkt schwer aufzubewahren ist, so ist +dagegen nicht zu uebersehen, dass die Cacaopflanzungen weniger Sklaven +erfordern als die meisten andern Culturen. Dieser Umstand ist von grosser +Bedeutung in einem Zeitpunkt, wo saemmtliche Voelker Europas den +grossherzigen Entschluss gefasst haben, dem Negerhandel ein Ende zu machen. +Ein Sklave versieht tausend Staemme, die im jaehrlichen Durchschnitt 12 +Fanegas Cacao tragen koennen. Auf Cuba gibt allerdings eine *grosse* +Zuckerpflanzung mit 300 Schwarzen im Jahr durchschnittlich 40,000 Arrobas +Zucker, welche, die Kiste(64) zu 40 Piastern, 100,000 Piaster werth sind, +und in den Provinzen von Venezuela producirt man fuer 100,000 Piaster oder +4000 Fanegas Cacao, die Fanega zu 25 Piastern, auch nur mit 300--350 +Sklaven. Die 200,000 Kisten Zucker mit 3,200,000 Arrobas, welche Cuba von +1812--1814 jaehrlich ausgefuehrt hat, haben einen Werth von 8 Millionen +Piastern und koennten mit 24,000 Sklaven hergestellt werden, *wenn die +Insel lauter grosse Pflanzungen haette*; aber dieser Annahme widerspricht +der Zustand der Colonie und die Natur der Dinge. Die Insel Cuba verwendete +im Jahr 1811 nur zur Feldarbeit 143,000 Sklaven, waehrend die _Capitania +general_ von Caracas, die jaehrlich 200,000 Fanegas Cacao oder fuer 5 +Millionen Piaster producirt, wenn auch nicht ausfuehrt, in Stadt und Land +nicht mehr als 60,000 Sklaven hat. Es braucht kaum bemerkt zu werden, dass +diese Verhaeltnisse sich mit den Zucker- und Cacaopreisen aendern. + +Die schoensten Cacaopflanzungen in der Provinz Caracas sind an der Kueste +zwischen Caravalleda und der Muendung des Rio Tocuyo, in den Thaelern von +Caucagua, Capaya, Curiepe und Guapo; ferner in den Thaelern von Cupira, +zwischen Cap Codera und Cap Unare, bei Aroa, Barquesimeto, Guigue und +Uritucu. Der Cacao, der an den Ufern des Urituru am Rande der Llanos, im +Gerichtsbezirk San Sebastiano de los Reyos waechst, gilt fuer den besten; +dann kommen die von Guigue, Caucagua, Capaya und Cupira. Auf dem +Handelsplatz Cadix hat der Cacao von Caracas den ersten Rang gleich nach +dem von Socomusco. Er steht meist um 30--40 Procent hoeher im Preis als der +Cacao von Guayaquil. + +Erst seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts munterten die Hollaender, +im ruhigen Besitz der Insel Curacao, durch den Schleichhandel den Landbau +an den benachbarten Kuesten auf, und erst seitdem wurde der Cacao fuer die +Provinz Caracas ein Ausfuhrartikel. Was in dieser Gegend vorging, ehe im +Jahr 1728 die Gesellschaft der Biscayer aus Guipuzcoa sich daselbst +niederliess, wissen wir nicht. Wir besitzen lediglich keine genauen +statistischen Angaben und wissen nur, dass zu Anfang des achtzehnten +Jahrhunderts aus Caracas kaum 30,000 Fanegas jaehrlich ausgefuehrt wurden. +Im Jahr 1797 war die Ausfuhr, nach den Zollregistern von Guayra, den +Schleichhandel nicht gerechnet, 70,832 Fanegas. Wegen des Schmuggels nach +Trinidad und den andern Antillen darf man kecklich ein Viertheil oder +Fuenftheil weiter rechnen. Ich glaube annehmen zu koennen, dass von +1800--1806, also im letzten Zeitpunkt, wo in den spanischen Colonien noch +innere Ruhe herrschte, der jaehrliche Ertrag der Cacaopflanzungen in der +ganzen _Capitania general_ von Caracas sich wenigstens auf 193,000 Fanegas +belief. + +Die Ernten, deren jaehrlich zwei stattfinden, im Juni und im December, +fallen sehr verschieden aus, doch nicht in dem Maasse wie die Oliven- und +Weinernten in Europa. Von jenen 193,000 Fanegas fliessen 145,000 theils +ueber die Haefen der Halbinsel, theils durch den Schleichhandel nach Europa +ab. Ich glaube beweisen zu koennen (und diese Schaetzungen beruhen auf +zahlreichen einzelnen Angaben), dass Europa beim gegenwaertigen Stande +seiner Civilisation verzehrt: + ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| 23 Mill. Pfd. | Cacao zu 120 Fr. den Ctr. | 27,600,000 | Frs. | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| 32 Mill. Pfd. | Thee zu 4 Fr. das Pfund | 128,000,000 | " | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +|140 Mill. Pfd. | Kaffee zu 114 Fr. den Ctr. | 159,600,000 | " | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +|450 Mill. Pfd. | Zucker zu 54 Fr. den Ctr. | 243,000,000 | " | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| | | ------------ | | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| | | 558,200,000 | Frs. | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ + +Von diesen vier Erzeugnissen, die seit zwei bis drei Jahrhunderten die +vornehmsten Artikel im Handel und der Produktion der Colonien geworden +sind, gehoert der erste ausschliesslich Amerika, der zweite ausschliesslich +Asien an. Ich sage ausschliesslich, denn die Cacaoausfuhr der Philippinen +ist bis jetzt so unbedeutend, wie die Versuche, die man in Brasilien, auf +Trinidad und Jamaica mit dem Theebau gemacht hat. Die vereinigten +Provinzen von Caracas liefern zwei Drittheile des Cacaos, der im +westlichen und suedlichen Europa verzehrt wird. Diess ist um so +bemerkenswerther, als es der gemeinen Annahme widerspricht; aber die +Cacaosorten von Caracas, Maracaybo und Cumana sind nicht alle von +derselben Qualitaet. Der Graf CASA-VALENCIA schaetzt den Verbrauch Spaniens +nur auf 6--7 Millionen Pfund, der ABBE HERVAS auf 9 Millionen. Wer lange +in Spanien, Italien und Frankreich gelebt hat, muss die Bemerkung gemacht +haben, dass nur im ersteren Lande Chocolat auch von den untersten +Volksklassen stark getrunken wird, und wird es schwerlich glaublich +finden, dass Spanien nur ein Drittheil des in Europa eingefuehrten Cacao +verzehren soll. + +Die letzten Kriege haben fuer den Cacaohandel in Caracas weit +verderblichere Folgen gehabt als in Guayaquil. Wegen des Preisaufschlags +ist in Europa weniger Cacao von der theuersten Sorte verzehrt worden. +Frueher machte man in Spanien die gewoehnliche Chocolate aus einem Viertheil +Cacao von Caracas und drei Viertheilen Cacao von Guayaquil; jetzt nahm man +letzteren allein. Dabei ist zu bemerken, dass viel geringer Cacao, wie der +vom Maranon, vom Rio Negro, von Honduras und von der Insel Santa Lucia, im +Handel Cacao von Guayaquil heisst. Aus letzterem Hafen werden nicht ueber +60,000 Fanegas ausgefuehrt, zwei Drittheile weniger als aus den Haefen der +_Capitania general_ von Caracas. + +Wenn auch die Cacaopflanzungen in den Provinzen Cumana, Barcelona und +Maracaybo sich in dem Maasse vermehrt haben, in dem sie in der Provinz +Caracas eingegangen sind, so glaubt man doch, dass dieser alte Culturzweig +im Ganzen allmaehlig abnimmt. In vielen Gegenden verdraengen der Kaffeebaum +und die Baumwollenstaude den Cacaobaum, der fuer die Ungeduld des +Landbauers viel zu spaet traegt. Man behauptet auch, die neuen Pflanzungen +geben weniger Ertrag als die alten. Die Baeume werden nicht mehr so kraeftig +und tragen spaeter und nicht so reichlich Fruechte. Auch soll der Boden +erschoepft seyn; aber nach unserer Ansicht ist vielmehr durch die +Entwicklung des Landbaus und das Urbarmachen des Landes die +Luftbeschaffenheit eine andere geworden. Ueber einem unberuehrten, mit Wald +bewachsenen Boden schwaengert sich die Luft mit Feuchtigkeit und den +Gasgemengen, die den Pflanzenwuchs befoerdern und sich bei der Zersetzung +organischer Stoffe bilden. Ist ein Land lange Zeit angebaut gewesen, so +wird das Verhaeltniss zwischen Sauerstoff und Stickstoff durchaus keins +anderes; die Grundbestandtheile der Luft bleiben dieselben; aber jene +binaeren und tertiaeren Verbindungen von Kohlenstoff, Stickstoff und +Wasserstoff, die sich aus einem unberuehrten Boden entwickeln und fuer eine +Hauptquelle der Fruchtbarkeit gelten, sind ihr nicht mehr beigemischt. Die +reinere, weniger mit Miasmen und fremdartigen Effluvien beladene Luft wird +zugleich trockener und die Spannung des Wasserdampfs nimmt merkbar ab. Auf +laengst urbar gemachtem und somit zum Cacaobau wenig geeignetem Boden, +z. B. auf den Antillen, ist die Frucht beinahe so klein wie beim wilden +Cacaobaum. An den Ufern des obern Orinoco, wenn man ueber die Llanos +hinueber ist, betritt man, wie schon bemerkt, die wahre Heimath des +Cacaobaums, und hier findet man dichte Waelder, wo auf unberuehrtem Boden, +in bestaendig feuchter Luft die Staemme mit dem vierten Jahr reiche Ernten +geben. Auf nicht erschoepftem Boden ist die Frucht durch die Cultur ueberall +groesser und weniger bitter geworden, sie reift aber auch spaeter. + +Sieht man nun den Ertrag an Cacao in Terra Firma allmaehlig abnehmen, so +fragt man sich, ob in Spanien, in Italien und im uebrigen Europa auch der +Verbrauch im selben Verhaeltniss abnehmen, oder ob nicht vielmehr in Folge +des Eingehens der Cacaopflanzungen die Preise so hoch steigen werden, dass +der Landbauer zu neuen Anstrengungen aufgemuntert wird? Letzteres ist die +herrschende Ansicht bei allen, die in Caracas die Abnahme eines so alten +und so eintraeglichen Handelszweiges bedauern. Wenn einmal die Cultur +weiter gegen die feuchten Waelder im Binnenlande vorrueckt, an die Ufer des +Orinoco und des Amazonenstromes, oder in die Thaeler am Ostabhang der +Anden, so finden die neuen Ansiedler einen Boden und eine Luft, wie sie +beide dem Cacaobau angemessen sind. + +Bekanntlich scheuen die Spanier im Allgemeinen den Zusatz von Vanille zum +Cacao, weil dieselbe die Nerven reize. Daher wird auch die Frucht dieser +schoenen Orchisart in der Provinz Caracas fast gar nicht beachtet. Man +koennte sie auf der feuchten, fieberreichen Kueste zwischen Porto Cabello +und Ocumare in Menge sammeln, besonders aber in Turiamo, wo die Fruechte +des _Epidendrum Vanilla_ elf bis zwoelf Zoll lang werden. Die Englaender und +Angloamerikaner suchen haeufig im Hafen von Guayra Vanille zu kaufen, und +die Handelsleute koennen sie nur mit Muehe in kleinen Quantitaeten +auftreiben. In den Thaelern, die sich von der Kuestenbergkette zum Meer der +Antillen herabziehen, in der Provinz Truxillo, wie in den Missionen in +Guyana bei den Faellen des Orinoco koennte man sehr viel Vanille sammeln, +und der Ertrag waere noch reichlicher, wenn man, wie die Mexicaner thun, +die Pflanze von Zeit zu Zeit von den Lianen saeuberte, die sie umschlingen +und ersticken. + +Bei der Schilderung des gegenwaertigen Zustandes der Cacaopflanzungen in +den Provinzen von Venezuela, bei den Bemerkungen ueber den Zusammenhang +zwischen dem Ertrag der Pflanzungen und der Feuchtigkeit und Gesundheit +der Luft, haben wir der warmen, fruchtbaren Thaeler der Kuestencordillere +erwaehnt. In seiner westlichen Erstreckung, dem See Maracaybo zu, zeigt +dieser Landstrich eine sehr interessante mannigfaltige Terrainbildung. Ich +stelle am Ende dieses Kapitels zusammen, was ich ueber die Beschaffenheit +des Bodens und den Metallreichthum in den Bezirken Aroas, Barquesimeto und +Carora habe in Erfahrung bringen koennen. + +Von der Sierra Nevada von Merida und den *Paramos* von Niquitao, Bocono +und las Rosas an,(65) wo der kostbare Chinabaum waechst, senkt sich die +oestliche Cordillere von Neu-Grenada so rasch, dass sie zwischen dem 9. und +10. Breitegrad nur noch eine Kette kleiner Berge bildet, an die sich im +Nordost der Altar und der Torito anschliessen und die die Nebenfluesse des +Rio Apure und des Orinoco von den zahlreichen Gewaessern scheiden, die +entweder in das Meer der Antillen oder in den See Maracaybo fallen. Auf +dieser Wasserscheide stehen die Staedte Nirgua, San Felipe el Fuerte, +Barquesimeto und Tocuyo. In den drei ersteren ist es sehr heiss, in Tocuyo +dagegen bedeutend kuehl, und man hoert mit Ueberraschung, dass unter einem so +herrlichen Himmel die Menschen grosse Neigung zum Selbstmord haben. Gegen +Sueden erhebt sich der Boden, denn Truxillo, der See Urao, aus dem man +kohlensaures Natron gewinnt, und la Grita, ostwaerts von der Cordillere, +liegen schon in 400--500 Toisen Hoehe. + +Beobachtet man, in welchem constanten Verhaeltnisse die Urgebirgsschichten +der Kuestencordillere fallen, so sieht man sich auf eine der Ursachen +hingewiesen, welche den Landstrich zwischen der Cordillere und dem Meer so +ungemein feucht machen. Die Schichten fallen meist nach Nordwest, so dass +die Gewaesser nach dieser Richtung ueber die Gesteinsbaenke laufen und, wie +schon oben bemerkt, die Menge Baeche und Fluesse bilden, deren +Ueberschwemmungen vom Cap Codera bis zum See Maracaybo das Land so +ungesund machen. + +Neben den Gewaessern, die in der Richtung nach Nordost an die Kueste von +Porto Cabello und zur Punta de Hicacos herabkommen, sind die bedeutendsten +der Tocuyo, der Aroa und der Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche die Luft +verpesten, waren die Thaeler des Aroa und des Yaracuy vielleicht staerker +bevoelkert als die Thaeler von Aragua. Durch die schiffbaren Fluesse hatten +jene sogar den Vortheil, dass sie ihre eigenen Zucker- und Cacaoernten, wie +die Produkte der benachbarten Bezirke, den Weizen von Quibor, das Vieh von +Monai und das Kupfer von Aroa, leichter ausfuehren koennten. Die Gruben, wo +man dieses Kupfer gewinnt, liegen in einem Seitenthal, das in das Aroathal +muendet und nicht so heiss und ungesund ist als die Thalschluchten naher am +Meer. In diesen letzteren haben die Indianer Goldwaeschereien, und im +Gebirge kommen dort reiche Kupfererze vor, die man noch nicht auszubeuten +versucht hat. Die alten, laengst in Abgang gekommenen Gruben von Aroa +wurden auf den Betrieb Don Antonios Henriquez, den wir in San Fernando am +Apure trafen, wieder aufgenommen. Nach den Notizen, die er mir gegeben, +scheint die Lagerstaette des Erzes eine Art Stockwerk zu seyn, das aus +mehreren kleinen Gaengen besteht, die sich nach allen Richtungen kreuzen. +Das Stockwerk ist stellenweise zwei bis drei Toisen dick. Der Gruben sind +drei, und in allen wird von Sklaven gearbeitet. Die groesste, die Biscayna, +hat nur dreissig Bergleute, und die Gesammtzahl der mit der Foerderung und +dem Schmelzen des Erzes beschaeftigten Sklaven betraegt nur 60--70. Da der +Schacht nur dreissig Toisen tief ist, so koennen, der Wasser wegen, die +reichsten Strecken des Stockwerks, die darunter liegen, nicht abgebaut +werden. Man hat bis jetzt nicht daran gedacht, Schoepfraeder aufzustellen. +Die Gesammtausbeute an gediegenem Kupfer betraegt jaehrlich 1200--1500 +Centner. Das Kupfer, in Cadix als Caracaskupfer bekannt, ist ausgezeichnet +gut; man zieht es sogar dem schwedischen und dem Kupfer von Coquimbo in +Chili vor. Das Kupfer von Aroa wird zum Theil an Ort und Stelle zum +Glockenguss verwendet. In neuester Zeit ist zwischen Aroa und Nirgua bei +Guanita im Berge San Pablo einiges Silbererz entdeckt worden. Goldkoerner +kommen ueberall im Gebirgslande zwischen dem Rio Yaracuy, der Stadt San +Felipe, Nirgua und Barquesimeto vor, besonders aber im Flusse Santa Cruz, +in dem die indianischen Goldwaescher zuweilen Geschiebe von vier bis fuenf +Piastern Werth finden. Kommen im anstehenden Glimmerschiefer- und +Gneissgestein wirkliche Gaenge vor, oder ist das Gold auch hier, wie im +Granit von Guadarama in Spanien und im Fichtelgebirg in Franken, durch die +ganze Gebirgsart zerstreut? Das durchsickernde Wasser mag die zerstreuten +Goldblaettchen zusammenschwemmen, und in diesem Fall waeren alle +Bergbauversuche fruchtlos. In der _Savana de la Miel_ bei der Stadt +Barquesimeto hat man im schwarzen, glaenzenden, dem Bergpech (_Ampelite_) +aehnlichen Schiefer einen Schacht niedergetrieben. Die Mineralien, die man +daraus zu Tage gefoerdert, und die man mir nach Caracas geschickt, waren +Quarz, *nicht goldhaltige* Schwefelkiese und in Nadeln mit Seidenglanz +crystallisirtes kohlensaures Blei. + +In der ersten Zeit nach der Eroberung begann man trotz der Einfaelle des +kriegerischen Stammes der Giraharas die Gruben von Nirgua und Buria +auszubeuten. Im selben Bezirk veranlasste im Jahr 1553 die Menge der +Negersklaven einen Vorfall, der, so wenig er an sich zu bedeuten hatte, +dadurch interessant wird, dass er mit den Ereignissen, die sich unter +unsern Augen auf St. Domingo begeben haben, Aehnlichkeit hat. Ein +Negersklave stiftete unter den Grubenarbeitern von San Felipe de Buria +einen Aufstand an, zog sich in die Waelder und gruendete mit zweihundert +Genossen einen Flecken, in dem er zum Koenig ausgerufen wurde. Miguel, der +neue Koenig, liebte Prunk und Feierlichkeit; sein Weib *Guiomar* liess er +Koenigin nennen; er ernannte, wie OVIEDO erzaehlt, Minister, Staatsraethe, +Beamte der _Casa real_, sogar einen schwarzen Bischof. Nicht lange, so war +er keck genug, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Barquesimeto +anzugreifen; er wurde aber von Diego de Losada zurueckgeschlagen und kam im +Handgemenge um. Diesem afrikanischen Koenigreich folgte in Nirgua ein +Freistaat der *Zambos*, das heisst der Abkoemmlinge von Negern und +Indianern. Der ganze Gemeinderath, der *Cabildo*, besteht aus Farbigen, +die der KOeNIG VON SPANIEN als seine "lieben und getreuen Unterthanen, die +Zambos von Nirgua," anredete. Nur wenige weisse Familien moegen in einem +Lande leben, wo ein mit ihren Anspruechen so wenig vertraegliches Regiment +herrscht, und die kleine Stadt heisst spottweise _la republica de Zambos y +Mulatos_. Es ist eben so unklug, die Regierung einer einzelnen Kaste zu +ueberlassen, als sie ihrer natuerlichen Rechte zu berauben und ihr dadurch +eine Einzelnstellung zu geben. + +Wenn in den wegen ihres vortrefflichen Bauholzes beruehmten Thaelern des +Aroa, Yaracuy und Tocuyo der ueppige Pflanzenwuchs und die grosse +Feuchtigkeit der Luft so viele Fieber erzeugen, so verhaelt es sich mit den +Savanen oder Llanos von Monai und Caroro ganz anders. Diese Llanos sind +durch das Gebirgsland von Tocuyo und Nirgua von den grossen *Ebenen an der +Portugueza und bei Calabozo* getrennt. Duerre Savanen, auf denen Miasmen +herrschen, sind eine sehr auffallende Erscheinung. Sumpfboden kommt +daselbst keiner vor, wohl aber mehrere Erscheinungen, die auf die +Entbindung von Wasserstoffgas hindeuten.(66) Wenn man Reisende, welche mit +den brennbaren Schwaden unbekannt sind, in die Hoehle _del Serrito de +Monai_ fuehrt, so erschreckt man sie durch Anzuenden des Gasgemenges, das +sich im obern Theil der Hoehle fortwaehrend ansammelt. Soll man annehmen, +dass die ungesunde Luft hier dieselbe Quelle hat, wie auf der Ebene +zwischen Tivoli und Rom, Entwicklung von Schwefelwasserstoff?(67) +Vielleicht aeussert auch das Gebirgsland neben den Llanos von Monai einen +unguenstigen Einfluss auf die anstossenden Ebenen. Suedostwinde moegen die +faulen Effluvien herfuehren, die sich aus der Schlucht Villegas und Sienega +de Cabra zwischen Carora und Carache entwickeln. Ich stelle absichtlich +Alles zusammen, was auf die Ungesundheit der Luft Bezug haben mag; denn +auf einem so dunkeln Gebiete kann man nur durch Vergleichung zahlreicher +Beobachtungen hoffen das wahre Sachverhaeltniss zu ermitteln. + +Die duerren und doch so fieberreichen Savanen zwischen Barquesimeto und dem +oestlichen Ufer des Sees Maracaybo sind zum Theil mit Fackeldisteln +bewachsen; aber die gute Bergcochenille, die unter dem unbestimmten Namen +_Grana de Carora_ bekannt ist, kommt aus einem gemaessigteren Landstrich +zwischen Carora und Truxillo, besonders aber aus dem Thal des Rio Mucuju, +oestlich von Merida. Die Einwohner geben sich mit diesem im Handel so stark +gesuchten Produkt gar nicht ab. + + ------------------ + + + + + +_ 51 Carnes tollendas;_ _Bombax hibiscifolius_ + + 52 Da einigermassen richtige Begriffe ueber die astronomische Lage und + die Entfernungen der Orte in den spanischen Colonien zuerst und + lange Zeit allein durch Seeleute sich verbreiteten, so wurde in + Mexico und in Suedamerika urspruenglich die _legua nautica_ von 6650 + Varas oder 2854 Toisen (20 Meilen auf den Grad) eingefuehrt; aber + diese "Seemeile" wurde allmaelig um die Haelfte oder um ein Drittheil + verkuerzt, weil man in den Hochgebirgen, wie auf den duerren, heissen + Ebenen sehr langsam reist. Das Volk rechnet unmittelbar nur nach der + Zeit und schliesst aus der Zeit, nach willkuerlichen Voraussetzungen, + auf die Laenge der zurueckgelegten Strecke. + + 53 DEPONS, in seiner "_Reise nach Terra Firma_": "Bei der unbedeutenden + Oberflaeche des Sees (er misst uebrigens 106,500,000 Quadrattoisen) + laesst sich unmoeglich annehmen, dass die Verdunstung allein, so stark + sie auch unter den Tropen seyn mag, so viel Wasser wegschaffen kann, + als die Fluesse hereinbringen." In der Folge scheint aber der + Verfasser selbst wieder "diese geheime Ursache, die Hypothese von + einem Abzugsloch" aufzugeben. + + 54 KARL RITTER, _Erdkunde_ Bd. I. + + 55 S. Bd. I. Seite 316. + + 56 Auf dem alten Continent kommen in Portugal und am Cantal in den + Pyrenaeen eben so reine Wasser aus dem Granit. Die Pisciarelli des + Agnanosees in Italien sind 93 deg. heiss. Sind etwa diese reinen Wasser + verdichtete Daempfe? + + 57 Eigenthuemer einer _Pulperia_ einer kleinen Bude, in der man Esswaaren + und Getraenke feil hat. + + 58 Saemmtliche _Carolinea princeps_ in Schoenbrunn stammen aus Samen, die + Bose und Bredemeyer von Einem ungeheuer dicken Baum bei Chacao, + oestlich von Caracas, genommen. + + 59 Ein Tablon, gleich 1849 Quadrat-Toisen, entspricht etwa 1-1/5 + Morgen. + +_ 60 Essai politique sur la nouvelle Espagne_ T. I. p. 23, T. II. p. + 689. + + 61 Nach diesen drei grossen Familien kommen die _Papaveraceae_, + _Chicoraceae_, _Lobeliaceae_, _Campanulaceae_, _Sapoteae_ und + _Cucurbitaceae_. Die Blausaeure ist der Gruppe der _Rosaceae + amygdalaceae_ eigenthuemlich. Bei den Monocotyledonen kommt kein + Milchsaft vor, aber die Fruchthuelle der Palmen, die so suesse und + angenehme Emulsionen gibt, enthaelt ohne Zweifel Kaesestoff. Was ist + die Milch der Pilze? + + 62 Diese Klebrigkeit bemerkt man auch an der frischen Milch des + Kuhbaums. Sie ruehrt ohne Zweifel daher, dass das Cautschuc sich noch + nicht abgesetzt hat und Eine Masse mit dem Eiweiss und dem Kaesestoff + bildet, wie in der thierischen Milch die Butter und der Kaesestoff. + Der Saft eines Gewaechses aus der Familie der Euphorbien, des _Sapium + aucuparia_ der auch Cautschuc enthaelt, ist so klebrig, dass man + Papagaien damit faengt. + + 63 Der Pater GILI hat aus zwei Stellen bei TORQUEMADA (_Monarquia + Indiana_) buendig dargethan, dass die Mexicaner den Aufguss *kalt* + machten, und dass erst die Spanier den Brauch einfuehrten, die + Cacaomasse im Wasser zu sieden. + + 64 Eine Kiste (_caxa_) wiegt 151/2--16 Arrobas, die Arroba zu 23 + spanischen Pfunden. + + 65 Wir wissen aus dem Munde vieler reisenden Moenche, dass der kleine + *Paramo de las Rosas*, der in mehr als 1600 Toisen Meereshoehe zu + liegen scheint, mit Rosmarin und rothen und weissen europaeischen + Rosen, die hier verwildert sind, bewachsen ist. Man pflueckt die + Rosen, um bei Kirchenfesten die Altaere in den benachbarten Doerfern + damit zu schmuecken. Durch welchen Zufall ist unsere + hundertblaetterige Rose hier verwildert, da wir sie doch in den Anden + von Quito und Peru nirgends angetroffen haben? Ist es auch wirklich + unsere Gartenrose? (S. Bd. II. Seite 174). + + 66 Was ist die unter dem Namen _Farol_ (Laterne) _de Maracaybo_ + bekannte Lichterscheinung, die man jede Nacht auf der See wie im + innern Lande sieht, z. B. in Merida, wo PALACIOS dieselbe zwei Jahre + lang beobachtet hat? Der Umstand, dass man das Licht ueber 40 Meilen + weit sieht, hat zu der Vermuthung gefuehrt, es koennte daher ruehren, + dass in einer Bergschlucht sich jeden Tag ein Gewitter entlade. Man + soll auch donnern hoeren, wenn man dem *Farol* nahe kommt. Andere + sprechen in unbestimmtem Ausdruck von einem Luftvulkan; aus + asphalthaltigem Erdreich, aehnlich dem bei Mena, sollen brennbare + Duenste aufsteigen und daher bestaendig sichtbar seyn. Der Ort, wo + sich die Erscheinung zeigt, ist ein unbewohntes Gebirgsland am Rio + Catatumbo, nicht weit von seiner Vereinigung mit dem Rio Sulia. Der + Farol liegt fast ganz im Meridian der Einfahrt (_boca_) in den See + von Maracaybo, so dass die Steuerleute sich nach ihm richten, wie + nach einem Leuchtfeuer. + + 67 DON CARLOS DE POZO fand in diesem Bezirk, _Quebrada de Moroturo_ + eine Schichte schwarzer Thonerde, welche stark abfaerbt, stark nach + Schwefel riecht und sich von selbst entzuendet, wenn man sie, leicht + befeuchtet, lange den Strahlen der tropischen Sonne aussetzt; diese + schlammigte Materie verpufft sehr heftig. + + + + + +SIEBZEHNTES KAPITEL. + + + Gebirge zwischen den Thaelern von Aragua und den Llanos von + Caracas. -- Villa de Cura. -- Parapara. -- Llanos oder Steppen. -- + Calabozo. + + +Die Bergkette, welche den See von Tacarigua oder Valencia im Sueden +begrenzt, bildet gleichsam das noerdliche Ufer des grossen Beckens der +Llanos oder Savanen von Caracas. Aus den Thaelern von Aragua kommt man in +die Savanen ueber die Berge von Guigue und Tucutunemo. Aus einer +bevoelkerten, durch Anbau geschmueckten Landschaft gelangt man in eine weite +Einoede. An Felsen und schattige Thaeler gewoehnt, sieht der Reisende mit +Befremden diese baumlosen Savanen vor sich, diese unermesslichen Ebenen, +die gegen den Horizont aufzusteigen scheinen. + +Ehe ich die Llanos oder die Region der Weiden schildere, beschreibe ich +kuerzlich unsern Weg von Nueva Valencia durch Villa de Cura und San Juan +zum kleinen, am Eingang der Steppen gelegenen Dorfe Ortiz. Am 6. Maerz, vor +Sonnenaufgang, verliessen wir die Thaeler von Aragua. Wir zogen durch eine +gut angebaute Ebene, laengs dem suedwestlichen Gestade des Sees von +Valencia, ueber einen Boden, von dem sich die Gewaesser des Sees +zurueckgezogen. Die Fruchtbarkeit des mit Calebassen, Wassermelonen und +Bananen bedeckten Landes setzte uns in Erstaunen. Den Aufgang der Sonne +verkuendete der ferne Laerm der Bruellaffen. Vor einer Baumgruppe, mitten in +der Ebene zwischen den ehemaligen Eilanden Don Pedro und Negra, gewahrten +wir zahlreiche Banden der schon oben beschriebenen _Simia ursina_ +(_Araguate_), die wie in Procession aeusserst langsam von Baum zu Baum +zogen. Hinter einem maennlichen Thier kamen viele weibliche, deren mehrere +ihre Jungen auf den Schultern trugen. Die Bruellaffen, welche in +verschiedenen Strichen Amerikas in grossen Gesellschaften leben, sind +vielfach beschrieben. In der Lebensweise kommen sie alle ueberein, es sind +aber nicht ueberall dieselben Arten. Wahrhaft erstaunlich ist die +Einfoermigkeit in den Bewegungen dieser Affen. So oft die Zweige +benachbarter Baeume nicht zusammenreichen, haengt sich das Maennchen an der +Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theil seines +Schwanzes auf, laesst den Koerper frei schweben und schwingt denselben hin +und her, bis es den naechsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht sofort +an derselben Stelle dieselbe Bewegung. ULLOA und viele gut unterrichtete +Reisende behaupten, die Marimondas [_Simia Belzebuth_], Araguaten und +andere Affen mit Wickelschwaenzen bilden eine Art Kette, wenn sie von einem +Flussufer zum andern gelangen wollen; ich brauche kaum zu bemerken, dass +eine solche Behauptung sehr weit geht. Wir haben in fuenf Jahren +Gelegenheit gehabt, Tausende dieser Thiere zu beobachten, und eben desshalb +glaubten wir nicht an Geschichten, die vielleicht nur von Europaeern +erfunden sind, wenn auch die Indianer in den Missionen sie nachsagen, als +ob es Ueberlieferungen ihrer Vaeter waeren. Auch der roheste Mensch findet +einen Genuss darin, durch Berichte von den Wundern seines Landes den +Fremden in Erstaunen zu setzen. Er will selbst gesehen haben, was nach +seiner Vorstellung Andere gesehen haben koennten. Jeder Wilde ist ein +Jaeger, und die Geschichten der Jaeger werden desto phantastischer, je hoeher +die Thiere, von deren Listen sie zu erzaehlen wissen, in geistiger +Beziehung wirklich stehen. Diess ist die Quelle der Maehrchen, welche in +beiden Hemisphaeren vom Fuchs und vom Affen, vom Raben und vom Condor der +Anden im Schwange gehen. + +Die Araguaten sollen, wenn sie von indianischen Jaegern verfolgt werden, +zuweilen ihre Jungen im Stiche lassen, um sich auf der Flucht zu +erleichtern. Man will gesehen haben, wie Affenmuetter das Junge von der +Schulter rissen und es vom Baum warfen. Ich glaube aber, man hat hier eine +rein zufaellige Bewegung fuer eine absichtliche genommen. Die Indianer sehen +gewisse Affengeschlechter mit Abneigung oder mit Vorliebe an; den +Viuditas, den Titis, ueberhaupt allen kleinen Sagoins sind sie gewogen, +waehrend die Araguaten wegen ihres truebseligen Aeussern und ihres +einfoermigen Gebruells gehasst und dazu verleumdet werden. Wenn ich darueber +nachdachte, durch welche Ursachen die Fortpflanzung des Schalls durch die +Luft zur Nachtzeit befoerdert werden mag, schien es mir nicht unwichtig, +genau zu bestimmen, in welchem Abstand. namentlich bei nasser, stuermischer +Witterung, das Geheul eines Trupps Araguaten zu vernehmen ist. Ich glaube +gefunden zu haben, dass man es noch in 800 Toisen Entfernung hoert. Die +Affen mit ihren vier Haenden koennen keine Streifzuege in die Llanos machen, +und mitten auf den weiten, mit Gras bewachsenen Ebenen unterscheidet man +leicht eine vereinzelte Baumgruppe, die von Bruellaffen bewohnt ist und von +welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder +sich davon entfernt, so misst man das Maximum des Abstandes, in dem das +Geheul noch vernehmbar ist. Diese Abstaende schienen mir einigemale bei +Nacht um ein Drittheil groesser, namentlich bei bedecktem Himmel und sehr +warmem, feuchtem Wetter. + +Die Indianer versichern, wenn die Araguaten den Wald mit ihrem Geheul +erfuellen, so haben sie immer einen Vorsaenger. Die Bemerkung ist nicht +unrichtig. Man hoert meistens, lange fort, eine einzelne staerkere Stimme, +worauf eine andere von verschiedenem Tonfall sie abloest. Denselben +Nachahmungstrieb bemerken wir zuweilen auch bei uns bei den Froeschen, und +fast bei allen Thieren, die in Gesellschaft leben und sich hoeren lassen. +Noch mehr, die Missionaere versichern, wenn bei den Araguaten ein Weibchen +im Begriffe sey zu werfen, so unterbreche der Chor sein Geheul, bis das +Junge zur Welt gekommen sey. Ob etwas Wahres hieran ist, habe ich nicht +selbst ausmachen koennen, ganz grundlos scheint es aber allerdings nicht zu +seyn. Ich habe beobachtet, dass das Geheul einige Minuten aufhoert, so oft +ein ungewoehnlicher Vorfall, zum Beispiel das Aechzen eines verwundeten +Araguate, die Aufmerksamkeit des Trupps in Anspruch nimmt. Unsere Fuehrer +versicherten uns allen Ernstes, ein bewaehrtes Heilmittel gegen kurzen +Athem sey, aus der knoechernen Trommel am Zungenbein des Araguate zu +trinken. "Da dieses Thier eine so ausserordentlich starke Stimme hat, so +muss dem Wasser, das man in seinen Kehlkopf giesst, nothwendig die Kraft +zukommen, Krankheiten der Lungen zu heilen." Diess ist Volksphysik, die +nicht selten an die der Alten erinnert. + +Wir uebernachteten im Dorfe Guigue, dessen Breite ich durch Beobachtungen +des Canopus gleich 10 deg. 4{~PRIME~} 11{~DOUBLE PRIME~} fand. Dieses Dorf auf trefflich angebautem +Boden liegt nur tausend Toisen vom See Tacarigua. Wir wohnten bei einem +alten Sergeanten, aus Murcia gebuertig, einem hoechst originellen Mann. Um +uns zu beweisen, dass er bei den Jesuiten erzogen worden, sagte er uns die +Geschichte von der Erschaffung der Welt lateinisch her. Er kannte die +Namen August, Tiber, und Diocletian. Bei der angenehmen Nachtkuehle in +einem Bananengehege beschaeftigte er sich lebhaft mit Allem, was am Hof der +roemischen Kaiser vorgefallen war. Er bat uns dringend um Mittel gegen die +Gicht, die ihn grausam plagte. "Ich weiss wohl," sagte er, "dass ein *Zambo* +aus Valencia, ein gewaltiger "Curioso," mich heilen kann; aber der Zambo +macht auf eine Behandlung Anspruch, die einem Menschen von seiner Farbe +nicht gebuehrt, und so bleibe ich lieber, wie ich bin." + +Von Guigue an fuehrt der Weg aufwaerts zur Bergkette, welche im Sueden des +Sees gegen Guacimo und la Palma hinstreicht. Von einem Plateau herab, das +320 Toisen hoch liegt, sahen wir zum letztenmale die Thaeler von Aragua. +Der Gneiss kam zu Tage; er zeigte dieselbe Streichung der Schichten, +denselben Fall nach Nordwest. Quarzadern im Gneiss sind goldhaltig; eine +benachbarte Schlucht heisst daher Quebrada del Oro. Seltsamerweise begegnet +man auf jedem Schritt dem vornehmen Namen "Goldschlucht" in einem Lande, +wo ein einziges Kupferbergwerk im Betrieb ist. Wir legten fuenf Meilen bis +zum Dorfe Maria Magdalena zurueck, und weitere zwei zur Villa de Cura. Es +war Sonntag. Im Dorfe Maria Magdalena waren die Einwohner vor der Kirche +versammelt. Man wollte unsere Maulthiertreiber zwingen anzuhalten und die +Messe zu hoeren. Wir ergaben uns darein; aber nach langem Wortwechsel +setzten die Maulthiertreiber ihren Weg fort. Ich bemerke hier, dass diess +das einzigemal war, wo wir einen Streit solcher Art bekamen. Man macht +sich in Europa ganz falsche Begriffe von der Unduldsamkeit und selbst vom +Glaubenseifer der spanischen Colonisten. + +San Luis de Cura, oder, wie es gemeiniglich heisst, Villa de Cura liegt in +einem sehr duerren Thale, das von Nordwest nach Suedost streicht und nach +meinen barometrischen Beobachtungen eine Meereshoehe von 266 Toisen hat. +Ausser einigen Fruchtbaeumen hat das Land fast gar keinen Pflanzenwuchs. Das +Plateau ist desto duerrer, da mehrere Gewaesser -- ein ziemlich seltener +Fall im Urgebirge -- sich auf Spalten im Boden verlieren. Der Rio de las +Minas, nordwaerts von Villa de Cura, verschwindet im Gestein, kommt wieder +zu Tage und wird noch einmal unterirdisch, ohne den See von Valencia zu +erreichen, auf den er zulaeuft. Cura gleicht vielmehr einem Dorfe als einer +Stadt. Die Bevoelkerung betraegt nicht mehr als 4000 Seelen, aber wir fanden +daselbst mehrere Leute von bedeutender geistiger Bildung. Wir wohnten bei +einer Familie, welche nach der Revolution von Caracas i. J. 1797 von der +Regierung verfolgt worden war. Einer der Soehne war nach langer +Gefangenschaft nach der Havana gebracht worden, wo er in einem festen +Schlosse sass. Wie freute sich die Mutter, als sie hoerte, dass wir auf dem +Rueckweg vom Orinoco nach der Havana kommen wuerden! Sie uebergab mir fuenf +Piaster, "all ihr Erspartes." Gern haette ich sie ihr zurueckgegeben, aber +wie haette ich mich nicht scheuen sollen, ihr Zartgefuehl zu verletzen, +einer Mutter wehe zu thun, die in den Entbehrungen, die sie sich +auferlegt, sich gluecklich fuehlt! Die ganze Gesellschaft der Stadt fand +sich Abends zusammen, um in einem Guckkasten die Ansichten der grossen +europaeischen Staedte zu bewundern. Wir bekamen die Tuilerien zu sehen und +das Standbild des grossen Kurfuersten in Berlin. Es ist ein eigenes Gefuehl, +seine Vaterstadt, zweitausend Meilen von ihr entfernt, in einem Guckkasten +zu erblicken. + +Ein Apotheker, der durch den unseligen Hang zu bergmaennischen +Unternehmungen heruntergekommen war, begleitete uns zum Serro de Chacao, +der an goldhaltigen Kiesen sehr reich ist. Der Weg laeuft immer am +suedlichen Abhang der Kuestencordillere hinab, in welcher die Ebenen von +Aragua ein Laengenthal bilden. Die Nacht des 11. brachten wir zum Theil im +Dorfe San Juan zu, bekannt wegen seiner warmen Quellen und der sonderbaren +Gestalt zweier benachbarten Berge, der sogenannten *Morros de San Juan*. +Diese Kuppen bilden steile Gipfel, die sich auf einer Felsmauer von sehr +breiter Basis erheben. Die Mauer faellt steil ab und gleicht der +*Teufelsmauer*, die um einen Strich des Harzgebirges herlaeuft. Diese +Kuppen sieht man sehr weit in den Llanos, sie machen starken Eindruck auf +die Einbildungskraft der Bewohner der Ebenen, die an gar keine Unebenheit +des Bodens gewoehnt sind, und so kommt es, dass ihre Hoehe im Lande gewaltig +ueberschaetzt wird. Sie sollten, wie man uns gesagt, mitten in den Steppen +liegen, waehrend sie sich am noerdlichen Saume derselben befinden, weit +jenseits einer Huegelkette, die la Galera heisst. Nach Winkeln, die im +Abstand von zwei Seemeilen genommen worden, erheben sich die Kuppen nicht +mehr als 156 Toisen ueber dem Dorf San Juan und 350 ueber dem Meer. Die +warmen Quellen entspringen am Fuss der Kuppen, die aus Uebergangskalkstein +bestehen; sie sind mit Schwefelwasserstoff geschwaengert, wie die Wasser +von Mariara, und bilden einen kleinen Teich oder eine Lagune, in der ich +den Thermometer nur auf 31 deg.,3 steigen sah. + +In der Nacht vom 9. zum 10. Maerz fand ich durch sehr befriedigende +Sternbeobachtungen die Breite von Villa de Cura 10 deg., 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~}. Die +spanischen Officiere, welche im Jahr 1755 bei der Grenzexpedition mit +astronomischen Instrumenten an den Orinoco gekommen sind, koennen zu Cura +nicht beobachtet haben, denn die Karte von CAULIN und die von CRUZ +OLMEDILLA setzen diese Stadt einen Viertelsgrad zu weit suedwaerts. + +Villa de Cura ist im Lande beruehmt wegen eines wunderthaetigen +Marienbildes, das Nuestra Sennora de los Valencianos genannt wird. Dieses +Bild, das um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von einem Indianer in +einer Schlucht gefunden wurde, gab Anlass zu einem Rechtshandel zwischen +den Staedten Cura und San Sebastiano de los Reyes. Die Geistlichen der +letzteren Stadt behaupteten, die h. Jungfrau sey zuerst in ihrem Sprengel +erschienen. Der Bischof von Caracas, dem langen aergerlichen Streite ein +Ende zu machen, liess das Bild in das bischoefliche Archiv schaffen und +behielt es daselbst dreissig Jahre unter Siegel: es wurde den Einwohnern +von Cura erst i. J. 1802 zurueckgegeben. DEPONS gibt umstaendliche Nachricht +von diesem seltsamen Handel. + +Nachdem wir im kleinen Fluss St. Juan aus einem Bette von basaltischem +Gruenstein, in frischem, klarem Wasser gebadet, setzten wir um zwei Uhr in +der Nacht unsern Weg ueber Ortiz und Parapara nach *Mesa de Paja* fort. Die +Llanos waren damals durch Raubgesindel unsicher, wesshalb sich mehrere +Reisende an uns anschlossen, so dass wir eine Art Caravane bildeten. Sechs +bis sieben Stunden lang ging es fortwaehrend abwaerts; wir kamen am Cerro de +Flores vorbei, wo die Strasse zum grossen Dorfe San Jose de Tisnao abgeht. +An den Hoefen Luque und Juncalito vorueber gelangt man in die Gruende, die +wegen des schlechten Wegs und der blauen Farbe der Schiefer Malpasso und +Piedras Azules heissen. Wir standen hier auf dem alten Gestade des grossen +Beckens der Steppen, auf einem geologisch interessanten Boden. + +Der suedliche Abhang der Kuestencordillere ist ziemlich steil, da die +Steppen nach meinen barometrischen Messungen tausend Fuss tiefer liegen als +der Boden des Beckens von Aragua. Vom weiten Plateau von Villa de Cura +kamen wir herab an das Ufer des Rio Tucutunemo, der sich ins +Serpentingestein ein von Ost nach West streichendes Laengenthal gegraben +hat, ungefaehr im Niveau von la Victoria. Von da fuehrte uns ein Querthal +ueber die Doerfer Parapara und Ortiz in die Llanos. Dieses Thal streicht im +Ganzen von Nord nach Sued und verengt sich an mehreren Stellen. Becken mit +voellig wagrechtem Boden stehen durch schmale, abschuessige Schluchten mit +einander in Verbindung. Es waren diess einst ohne Zweifel kleine Seen, und +durch Aufstauung der Gewaesser oder durch eine noch gewaltsamere +Katastrophe sind die Daemme zwischen den Wasserbecken durchbrochen worden. +Diese Erscheinung kommt gleichzeitig in beiden Continenten vor, ueberall wo +Laengenthaeler Paesse ueber die Anden, die Alpen, die Pyrenaeen bilden.(68) +Wahrscheinlich ruehrt die ruinenhafte Gestalt der Kappen von San Juan und +San Sebastiano von den gewaltigen Schwemmungen her, die beim Ausbruch der +Gewaesser gegen die Llanos erfolgten. + +Bei der *Mesa de Paja*, unter dem 9. Grad der Breite, betraten wir das +Becken der Llanos. Die Sonne stand beinahe im Zenith; der Boden zeigte +ueberall, wo er von Vegetation entbloest war, eine Temperatur von 48--50 deg.. +In der Hoehe, in der wir uns auf unsern Maulthieren befanden, war kein +Lufthauch zu spueren; aber in dieser scheinbaren Ruhe erhoben sich +fortwaehrend kleine Staubwirbel in Folge der Luftstroemungen, die dicht am +Boden durch die Temperaturunterschiede zwischen dem nackten Sand und den +mit Gras bewachsenen Flecken hervorgebracht werden. Diese "Sandwinde" +steigern die erstickende Hitze der Luft. Jedes Quarzkorn, weil es waermer +ist als die umgebende Luft, strahlt ringsum Waerme aus, und es haelt schwer +die Lufttemperatur zu beobachten, ohne dass Sandtheilchen gegen die Kugel +des Thermometers getrieben werden. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel +anzusteigen, und die weite unermessliche Einoede stellte sich unsern Blicken +als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar. Da die Dunstmassen in +der Luft ungleich vertheilt waren, und die Temperaturabnahme in den +uebereinandergelagerten Luftschichtens keine gleichfoermige ist, so zeigte +sich der Horizont in gewissen Richtungen hell und scharf begrenzt, in +andern wellenfoermig auf- und abgebogen und wie gestreift. Erde und Himmel +schmolzen dort in einander. Durch den trockenen Nebel und die +Dunstschichten gewahrte man in der Ferne Staemme von Palmbaeumen. Ihrer +gruenenden Wipfel beraubt, erschienen diese Staemme wie Schiffsmasten, die +am Horizont auftauchen. + +Der einfoermige Anblick dieser Steppen hat etwas Grossartiges, aber auch +etwas Trauriges und Niederschlagendes. Es ist als ob die ganze Natur +erstarrt waere; kaum dass hin und wieder der Schatten einer kleinen Wolke, +die durchs Zenith eilend die nahende Regenzeit verkuendet, auf die Savane +faellt. Der erste Anblick der Llanos ueberrascht vielleicht nicht weniger +als der der Andeskette. Alle Gebirgslaender, welches auch die absolute Hoehe +ihrer hoechsten Gipfel seyn mag, haben eine gemeinsame Physiognomie; aber +nur schwer gewoehnt man sich an den Anblick der Llanos von Venezuela und +Casanare, der Pampas von Buenos Ayres und Chaco, die bestaendig, zwanzig, +dreissig Tagereisen lang, ein Bild der Meeresflaeche bieten. Ich kannte die +Ebenen oder Llanos der spanischen Mancha und die Heiden (_ericeta_), die +sich von den Grenzen Juetlands durch Lueneburg und Westphalen bis nach +Belgien hinein erstrecken. Letztere sind wahre Steppen, von denen der +Mensch seit Jahrhunderten nur kleine Strecken kulturfaehig zu machen im +Stande war; aber die Ebenen im Westen und Norden von Europa geben nur ein +schwaches Bild von den unermesslichen Llanos in Suedamerika. Im Suedosten +unseres Continents, in Ungarn zwischen der Donau und der Theiss, in Russland +zwischen dem Dnieper, dem Don und der Wolga treten die ausgedehnten +Weidelaender auf, die durch langen Aufenthalt der Wasser geebnet scheinen +und ringsum den Horizont begrenzen. Wo ich die ungarischen Ebenen bereist +habe, an den Grenzen Deutschlands zwischen Pressburg und Oedenburg, +beschaeftigen sie die Einbildungskraft des Reisenden durch das fortwaehrende +Spiel der Luftspiegelung; aber ihre weiteste Erstreckung ist ostwaerts +zwischen Czegled, Debreczin und Tittel. Es ist ein gruenes Meer mit zwei +Ausgaengen, dem einen bei Gran und Weitzen, dem andern zwischen Belgrad und +Widdin. + +Man glaubte die verschiedenen Welttheile zu charakterisiren, indem man +sagte, Europa habe *Heiden*, Asien *Steppen*, Afrika *Wuesten*, Amerika +*Savanen*; aber man stellt damit Gegensaetze auf, die weder in der Natur +der Sachen, noch im Geiste der Sprachen gegruendet sind. Die asiatischen +Steppen sind keineswegs ueberall mit Salzpflanzen bedeckt; in den Savanen +von Venezuela kommen neben den Graesern kleine krautartige Mimosen, +Schotengewaechse und andere Dicotyledonen vor. Die Ebenen der Songarei, die +zwischen Don und Wolga, die ungarischen *Puszten* sind wahre Savanen, +Weidelaender mit reichem Graswuchs, waehrend auf den Savanen ost- und +westwaerts von den Rocky-Mountains und von Neu-Mexico Chenopodien mit einem +Gehalt von kohlensaurem und salzsauren Natrum vorkommen. Asien hat aechte +pflanzenlose Wuesten, in Arabien, in der Gobi, in Persien. Seit man die +Wuesten im Innern Afrika's, was man so lange unter dem allgemeinen Namen +Sahara begriffen, naeher kennen gelernt hat, weiss man, dass es im Osten +dieses Continents, wie in Arabien, Savanen und Weidelaender gibt, die von +nackten, duerren Landstrichen umgeben sind. Letztere, mit losem Gestein +bedeckte, ganz pflanzenlose Wuesten, fehlen nun aber der neuen Welt fast +ganz. Ich habe dergleichen nur im niedern Strich von Peru, zwischen +Amotape und Coquimbo, am Gestade der Suedsee gesehen. Die Spanier nennen +sie nicht Llanos, sondern _desiertos_ von Sechura und Atacamez. Diese +Einoede ist nicht breit, aber 440 Meilen lang. Die Gebirgsart kommt ueberall +durch den Flugsand zu Tag. Es faellt niemals ein Tropfen Regen, und wie in +der Sahara noerdlich von Tombuctu sindet sich in der peruanischen Wueste bei +Huaura eine reiche Steinsalzgrube. Ueberall sonst in der neuen Welt gibt +es oede, weil unbewohnte Flaechen, aber keine eigentlichen Wuesten. + +Dieselben Erscheinungen wiederholen sich in den entlegensten Landstrichen, +und statt diese weiten baumlosen Ebenen nach den Pflanzen zu +unterscheiden, die auf ihnen vorkommen, unterscheidet man wohl am +einfachsten zwischen *Wuesten* und *Steppen* oder *Savanen*, zwischen +nackten Landstrichen ohne Spur von Pflanzenwuchs und Landstrichen, die mit +Graesern oder kleinen Gewaechsen aus der Classe der Dicotyledonen bedeckt +sind. In manchen Werken heissen die amerikanischen Savanen, namentlich die +der gemaessigten Zone, *Wiesen* (Prairien); aber diese Bezeichnung passt, wie +mir duenkt, schlecht auf Weiden, die oft sehr duerr, wenn auch mit 4 bis 5 +Fuss hohen Kraeutern bedeckt sind. Die amerikanischen Llanos oder Pampas +sind wahre *Steppen*. Sie sind in der Regenzeit schoen begruent, aber in der +trockensten Jahreszeit bekommen sie das Ansehen von Wuesten. Das Kraut +zerfaellt zu Staub, der Boden berstet, das Krokodil und die grossen +Schlangen liegen begraben im ausgedoerrten Schlamm, bis die ersten +Regenguesse im Fruehjahr sie aus der langen Erstarrung wecken. Diese +Erscheinungen kommen auf duerren Landstrichen von 50--60 Quadratmeilen +ueberall vor, wo keine Gewaesser durch die Savane stroemen; denn am Ufer der +Baeche und der kleinen Stuecke stehenden Wassers stoesst der Reisende von Zeit +zu Zeit selbst in der duerrsten Jahreszeit auf Gebuesche der Mauritia, einer +Palmenart, deren faecherfoermige Blaetter bestaendig glaenzend gruen sind. + +Die asiatischen Steppen liegen alle ausserhalb der Wendekreise und bilden +sehr hohe Plateaus. Auch Amerika hat auf dem Ruecken der Gebirge von +Mexico, Peru und Quito Savanen von bedeutender Ausdehnung, aber seine +ausgedehntesten Steppen, die Llanos von Cumana, Caracas und Meta, erheben +sich nur sehr wenig ueber dem Meeresspiegel und fallen alle in die +Aequinoctialzone. Diese Umstaende ertheilen ihnen einen eigenthuemlichen +Charakter. Die Seen ohne Abfluss, die kleinen Flusssysteme, die sich im Sand +verlieren oder durch die Gebirgsart durchseigen, wie sie den Steppen im +oestlichen Asien und den persischen Wuesten eigen sind, kommen hier nicht +vor. Die amerikanischen Llanos fallen gegen Ost und Sued und ihre +stroemenden Gewaesser laufen in den Orinoco. + +Nach dem Lauf dieser Fluesse hatte ich frueher geglaubt, dass die Ebenen +Plateaus bilden muessten, die mindestens 100 bis 150 Toisen ueber dem Meer +gelegen waeren. Ich dachte mir, auch die Wuesten im inneren Afrika muessten +betraechtlich hoch liegen und stufenweise von den Kuesten bis ins Innere des +grossen Continents ueber einander aufsteigen. Bis jetzt ist noch kein +Barometer in die Sahara gekommen. Was aber die amerikanischen Llanos +betrifft, so zeigen die Barometerhoehen, die ich zu Calabozo, zu Villa del +Pao und an der Muendung des Meta beobachtet, dass sie nicht mehr als 40 bis +50 Toisen ueber dem Meeresspiegel liegen. Die Fluesse haben einen sehr +schwachen, oft kaum merklichen Fall. So kommt es, dass beim geringsten +Wind, und wenn der Orinoco anschwillt, die Fluesse, die in ihn fallen, +rueckwaerts gedraengt werden. Im Rio Arauca bemerkt man haeufig diese Stroemung +*nach oben*. Die Indianer glauben einen ganzen Tag lang abwaerts zu +schiffen, waehrend sie von der Muendung gegen die Quellen fahren. Zwischen +den abwaertsstroemenden und den aufwaertsstroemenden Gewaessern bleibt eine +bedeutende Wassermasse still stehen, in der sich durch +Gleichgewichtsstoerung Wirbel bilden, die den Fahrzeugen gefaehrlich werden. + +Der eigenthuemlichste Zug der Savanen oder Steppen Suedamerikas ist die +voellige Abwesenheit aller Erhoehungen, die vollkommen wagerechte Lage des +ganzen Bodens. Die spanischen Eroberer, die zuerst von Coro her an die +Ufer des Apure vordrangen, haben sie daher auch weder Wuesten, noch +Savanen, noch Prairien genannt, sondern Ebenen, _los Llanos_. Auf dreissig +Quadratmeilen zeigt der Boden oft keine fusshohe Unebenheit. Diese +Aehnlichkeit mit der Meeresflaeche draengt sich der Einbildungskraft +besonders da auf, wo die Ebenen gar keine Palmen tragen, und wo man von +den Bergen an der Kueste und vom Orinoco so weit weg ist, dass man dieselben +nicht sieht, wie in der Mesa de Pavones. Dort koennte man sich versucht +fuehlen, mit einem Reflexionsinstrument Sonnenhoehen aufzunehmen, wenn nicht +der *Land-Horizont*, in Folge des wechselnden Spiels der Refractionen, +bestaendig in Nebel gehuellt waere. Diese Ebenheit des Bodens ist noch +vollstaendiger unter dem Meridian von Calabozo als gegen Ost zwischen Cari, +Villa del Pao und Nueva Barcelona; aber sie herrscht ohne Unterbrechung +von den Muendungen des Orinoco bis zur Villa de Araure und Ospinos, auf +einem *Parallel* von 180 Meilen, und von San Carlos bis zu den Savanen am +Caqueta aus, einem *Meridian* von 200 Meilen. Sie vor Allem ist +charakteristisch fuer den neuen Continent, so wie fuer die asiatischen +Steppen zwischen dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtisch und dem +Obi. Dagegen zeigen die Wuesten im inneren Afrika, in Arabien, Syrien und +Persien, die Cobi und die Casna viele Bodenunebenheiten, Huegelreihen, +wasserlose Schluchten und festes Gestein, das aus dem Sand hervorragt. + +Trotz der scheinbaren Gleichfoermigkeit ihrer Flaeche finden sich indessen +in den Llanos zweierlei Unebenheiten, die dem aufmerksamen Beobachter +nicht entgehen. Die erste Art nennt man _bancos_; es sind wahre Baenke, +Untiefen im Steppenbecken, zerbrochene Schichten von festem Sandstein oder +Kalkstein, die 4 bis 5 Fuss hoeher liegen als die uebrige Ebene. Diese Baenke +sind zuweilen drei bis vier Meilen lang; sie sind vollkommen eben und +wagerecht und man bemerkt ihr Vorhandenseyn ueberhaupt nur dann, wenn man +ihre Raender vor sich hat. Die zweite Unebenheit laesst sich nur durch +geodaetische oder barometrische Messungen oder am Lauf der Fluesse erkennen; +sie heisst Mesa. Es sind diess kleine Plateaus, oder vielmehr convexe +Erhoehungen, die unmerklich zu einigen Toisen Hoehe ansteigen. Dergleichen +sind ostwaerts in der Provinz Cumana, im Norden von Villa de la Merced und +Candelaria, die *Mesas Amana, Guanipa und Jonoro*, die von Suedwest nach +Nordost streichen und trotz ihrer unbedeutenden Hoehe die Wasser zwischen +dem Orinoco und der Nordkueste von Terra firma scheiden. Nur die sanfte +Woelbung der Savane bildet die Wasserscheide; hier sind die _divortia +aquarum_,(69) wie in Polen, wo fern von den Karpathen die Wasserscheide +zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere in der Ebene selbst liegt. +Die Geographen setzen da, wo eine Wasserscheide ist, immer Bergzuege +voraus, und so sieht man denn auch auf den Karten dergleichen um die +Quellen des Rio Neveri, des Unare, des Guarapiche und des Pao +eingezeichnet. Diess erinnert an die mongolischen Priester, die nach einem +alten aberglaeubischen Brauch an allen Stellen, wo die Wasser nach +entgegengesetzten Seiten fliessen, *Obos* oder kleine Steinhaufen +errichten. + +Das ewige Einerlei der Llanos, die grosse Seltenheit von bewohnten Plaetzen, +die Beschwerden der Reise unter einem gluehenden Himmel und bei +stauberfuellter Luft, die Aussicht auf den Horizont, der bestaendig vor +einem zurueckzuweichen scheint, die vereinzelten Palmstaemme, deren einer +aussieht wie der andere, und die man gar nicht erreichen zu koennen meint, +weil man sie mit andern Staemmen verwechselt, die nach einander am +Gesichtskreis auftauchen -- all diess zusammen macht, dass einem die Steppen +noch weit groesser vorkommen, als sie wirklich sind. Die Pflanzer am +Suedabhang des Kuestengebirges sehen die Steppen grenzenlos, gleich einem +gruenen Ocean gegen Sued sich ausdehnen. Sie wissen, dass man vom Delta des +Orinoco bis in die Provinz Barinas und von dort ueber die Fluesse Meta, +Guaviare und Caguan, Anfangs von Ost nach West, sodann von Nordost nach +Nordwest, 380 Meilen weit in den Steppen fortziehen kann, bis ueber den +Aequator hinaus an den Fuss der Anden von Pasto. Sie kennen nach den +Berichten der Reisenden die Pampas von Buenos Ayres, die gleichfalls mit +feinem Gras bewachsene, baumlose Llanos sind und von verwilderten Rindern +und Pferden wimmeln. Sie sind, nach Anleitung unserer meisten Karten von +Amerika, der Meinung, der Continent habe nur Eine Bergkette, die der +Anden, die von Sued nach Nord laeuft, und nach einem unbestimmten +systematischen Begriff lassen sie alle Ebenen vom Orinoco und vom Apure an +bis zum Rio de la Plata und der Magellan'schen Meerenge untereinander +zusammenhaengen. + +Ich entwerfe im Folgenden ein moeglichst klares und gedraengtes Bild vom +allgemeinen Bau eines Festlandes, dessen Endpunkte, unter so verschiedenen +Klimaten sie auch liegen, in mehreren Zuegen mit einander uebereinkommen. Um +den Umriss und die Grenzen der Ebenen richtig aufzufassen, muss man die +Bergketten kennen, welche den Uferrand derselben bilden. Von der +Kuestencordillere, deren hoechster Gipfel die Silla bei Caracas ist, und die +durch den Paramo de las Rosas mit dem Nevado von Merida und den Anden von +Neu-Grenada zusammenhaengt, haben wir bereits gesprochen. Eine zweite +Bergkette, oder vielmehr ein minder hoher, aber weit breiterer Bergstock +laeuft zwischen dem 3. und 7. Parallelkreise von den Muendungen des Guaviare +und Meta zu den Quellen des Orinoco, Marony und Esquibo, gegen das +hollaendische und franzoesische Guyana zu. Ich nenne diese Kette die +*Cordillere der Parime* oder der grossen Faelle des Orinoco; man kann sie +250 Meilen weit verfolgen, es ist aber nicht sowohl eine Kette, als ein +Haufen granitischer Berge, zwischen denen kleine Ebenen liegen und die +nicht ueberall Reihen bilden. Der Bergstock der Parime verschmaelert sich +bedeutend zwischen den Quellen des Orinoco und den Bergen von Demerary zu +den Sierras von Quimiropaca und Pacaraimo, welche die Wasserscheide bilden +zwischen dem Carony und dem Rio Parime oder Rio de Aguas blancas. Diess ist +der Schauplatz der Unternehmungen, um den Dorado aufzusuchen und die grosse +Stadt Manoa, das Tombuctu der neuen Welt. Die Cordillere der Parime haengt +mit den Anden von Neu-Grenada nicht zusammen; sie sind durch einen 80 +Meilen breiten Zwischenraum getrennt. Daechte man sich, dieselbe sey hier +durch eine grosse Erdumwaelzung zerstoert worden, was uebrigens gar nicht +wahrscheinlich ist, so muesste man annehmen, sie sey einst von den Anden +zwischen Santa Fe de Bogota und Pamplona abgegangen. Diese Bemerkung mag +dazu dienen, die geographische Lage dieser Cordillere, die bis jetzt sehr +wenig bekannt geworden, dem Leser besser einzupraegen. -- Eine dritte +Bergkette verbindet unter dem 16. und 18. Grad suedl. Breite (ueber Santa +Cruz de la Sierra, die Serranias von Aguapehy und die vielberufenen Campos +dos Parecis) die peruanischen Anden mit den Gebirgen Brasiliens. Diess ist +die *Cordillere von Chiquitos*, die in der Capitania von Minas Geraes +breiter wird und die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom und dem La +Plata bildet, nicht nur im innern Lande, im Meridian von Villa Boa, +sondern bis wenige Meilen von der Kueste, zwischen Rio Janeiro und Bahia. + +Diese drei Querketten oder vielmehr diese drei *Bergstoecke*, welche +innerhalb der Grenzen der heissen Zone von West nach Ost streichen, sind +durch voellig ebene Landstriche getrennt, *die Ebenen von Caracas* oder am +untern Orinoco, *die Ebenen des Amazonenstroms* und des Rio Negro, *die +Ebenen von Buenos Ayres* oder des La Plata. Ich brauche nicht den Ausdruck +*Thaeler*, weil der untere Orinoco und der Amazonenstrom keineswegs in +einem Thale fliessen, sondern nur in einer weiten Ebene eine kleine Rinne +bilden. Die beiden Becken an den beiden Enden Suedamerikas sind Savanen +oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze +Jahr die tropischen Regen fallen, ist fast durchgaengig ein ungeheurer +Wald, in dem es keinen andern Pfad gibt als die Fluesse. Wegen des +kraeftigen Pflanzenwuchses, der den Boden ueberzieht, faellt hier die +Ebenheit desselben weniger auf, und nur die Becken von Caracas und La +Plata nennt man *Ebenen*. In der Sprache der Colonisten heissen die drei +eben beschriebenen Becken: die *Llanos* von Barinas und Caracas, die +*Bosques* oder *Selvas* (Waelder) des Amazonenstromes, und die *Pampas* von +Buenos Ayres. Der Wald bedeckt nicht nur groesstentheils die *Ebenen des +Amazonenstroms* von der Cordillere von Chiquitos bis zu der der Parime, er +ueberzieht auch diese beiden Bergketten, welche selten die Hoehe der +Pyrenaeen erreichen. Desshalb sind die weiten Ebenen des Amazonenstromes, +des Madeira und Rio Negro nicht so scharf begrenzt wie die *Llanos* von +Caracas und die *Pampas* von Buenos Ayres. Da die *Waldregion* Ebenen und +Gebirge zugleich begreift, so erstreckt sie sich vom 18 deg. suedlicher bis zum +7 und 8 deg. noerdlicher Breite, und umfasst gegen 120,000 Quadratmeilen. Dieser +Wald des suedlichen Amerika, denn im Grunde ist es nur Einer, ist sechsmal +groesser als Frankreich; die Europaeer kennen ihn nur an den Ufern einiger +Fluesse, die ihn durchstroemen, und er hat Lichtungen, deren Umfang mit dem +des Forstes im Verhaeltniss steht. Wir werden bald an sumpfigen Savanen +zwischen dem obern Orinoco, dem Conorichite und Cassiquiare, unter dem 3. +und 4. Grad der Breite, vorueberkommen. Unter demselben Parallelkreise +liegen andere Lichtungen oder _Savanas limpias_(70) zwischen den Quellen +des Mao und des Rio de Aguas blancas, suedlich von der Sierra Pacaraima. +Diese letzteren Savanen sind von Caraiben und nomadischen Macusis bewohnt; +sie ziehen sich bis nahe an die Grenzen des hollaendischen und +franzoesischen Guyana fort. + +Wir haben die geologischen Verhaeltnisse von Suedamerika geschildert; heben +wir jetzt die Hauptzuege heraus. Den Westkuesten entlang laeuft eine +ungeheure Gebirgsmauer, reich an edlen Metallen ueberall, wo das +vulkanische Feuer sich nicht durch den ewigen Schnee Bahn gebrochen: diess +ist die *Cordillere der Anden*. Gipfel von Trappporphyr steigen hier zu +mehr als 3300 Toisen Hoehe auf, und die mittlere Hoehe der Kette betraegt +1850 Toisen. Sie streicht in der Richtung eines Meridians fort und schickt +in jeder Halbkugel, unter dem 10. Grad noerdlicher und unter dem 16. und +18. Grad suedlicher Breite einen Seitenzweig ab. Der erstere dieser Zweige, +die Kuestencordillere von Caracas, ist minder breit und bildet eine +eigentliche Kette. Der zweite, die Cordillere von Chiquitos und an den +Quellen des Guapore, ist sehr reich an Gold und breitet sich ostwaerts, in +Brasilien, zu weiten Plateaus mit gemaessigtem Klima aus. Zwischen diesen +beiden, mit den Anden zusammenhaengenden Querketten liegt vom 3. zum 7. +Grad noerdlicher Breite eine abgesonderte Gruppe granitischer Berge, die +gleichfalls parallel mit dem Aequator, jedoch nicht ueber den 71. Grad der +Laenge fortstreicht, dort gegen Westen rasch abbricht und mit den Anden von +Neu-Grenada nicht zusammenhaengt. Diese drei Querketten haben keine +thaetigen Vulkane; wir wissen aber nicht, ob auch die suedlichste, gleich +den beiden andern, keinen Trachyt oder Trappporphyr hat. Keiner ihrer +Gipfel erreicht die Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Hoehe der +Cordillere der Parime und der Kuestencordillere von Caracas betraegt nicht +ganz 600 Toisen, wobei uebrigens manche Gipfel sich doch 1400 Toisen ueber +das Meer erheben. Zwischen den drei Querketten liegen Ebenen, die +saemmtlich gegen West geschlossen, gegen Ost und Suedost offen sind. Bedenkt +man ihre so unbedeutende Hoehe ueber dem Meer, so fuehlt man sich versucht, +sie als *Golfe* zu betrachten, die in der Richtung des Rotationsstroms +fortstreichen. Wenn in Folge einer ungewoehnlichen Anziehung die Gewaesser +des atlantischen Meers an der Muendung des Orinoco um fuenfzig Toisen, an +der Muendung des Amazonenstroms um zweihundert Toisen stiegen, so wuerde die +Fluth mehr als die Haelfte von Suedamerika bedecken. Der Ostabhang oder der +Fuss der Anden, der jetzt sechshundert Meilen von den Kuesten Brasiliens +abliegt, waere ein von der See bespueltes Ufer. Diese Betrachtung gruendet +sich auf eine barometrische Messung in der Provinz Jaen de Bracamoros, wo +der Amazonenstrom aus den Cordilleren herauskommt. Ich habe gefunden, dass +dort der ungeheure Strom bei mittlerem Wasserstand nur 194 Toisen ueber dem +gegenwaertigen Spiegel des atlantischen Meeres liegt. Und diese in der +Mitte gelegenen waldbedeckten Ebenen liegen noch fuenfmal hoeher als die +grasbewachsenen Pampas von Buenos Ayres und die Llanos von Caracas und am +Meta. + +Diese Llanos, welche das Becken des untern Orinoco bilden und die wir +zweimal im selben Jahr, in den Monaten Maerz und Juli, durchzogen haben, +haengen zusammen mit dem Becken des Amazonenstroms und des Rio Negro, das +einerseits durch die Cordillere von Chiquitos, andererseits durch die +Gebirge der Parime begrenzt ist. Dieser Zusammenhang vermittelt sich durch +die Luecke zwischen den letzteren und den Anden von Neu-Grenada. Der Boden +in seinem Anblick erinnert hier, nur dass der Maassstab ein weit groesserer +ist, an die lombardischen Ebenen, die sich auch nur 50 bis 60 Toisen ueber +das Meer erheben und einmal von der Brenta nach Turin von Ost nach West, +dann von Turin nach Coni von Nord nach Sued streichen. Wenn andere +geologische Thatsachen uns berechtigten, die drei grossen Ebenen am untern +Orinoco, am Amazonenstrom und am Rio de la Plata als alte Seebecken zu +betrachten, so liessen sich die Ebenen am Rio Vichada und am Meta als ein +Kanal ansehen, durch den die Wasser des oberen Sees, des auf den Ebenen +des Amazonenstroms, in das tiefere Becken, in die Llanos von Caracas, +durchgebrochen waeren und dabei die Cordillere der Parime von der der Anden +getrennt haetten. Dieser Kanal ist eine Art Land-Meerenge (_detroit +terrestre_). Der durchaus ebene Boden zwischen dem Guaviare, dem Meta und +Apure zeigt keine Spur von gewaltsamem Einbruch der Gewaesser; aber am Rand +der Cordillere der Parime, zwischen dem 4. und 7. Grad der Breite, hat +sich der Orinoco, der von seiner Quelle bis zur Einmuendung des Guaviare +westwaerts fliesst, auf seinem Lauf von Sued nach Nord durch das Gestein +einen Weg gebrochen. Alle grossen Katarakte liegen, wie wir bald sehen +werden, auf dieser Strecke. Aber mit der Einmuendung des Apure, dort, wo im +so niedrig gelegenen Lande der Abhang gegen Nord mit dem Gegenhang nach +Suedost zusammentrifft, das heisst mit der Boeschung der Ebenen, die +unmerklich gegen die Gebirge von Caracas *ansteigen*, macht der Fluss +wieder eine Biegung und stroemt sofort ostwaerts. Ich glaubte den Leser +schon hier auf diese sonderbaren Windungen des Orinoco aufmerksam machen +zu muessen, weil er mit seinem Lauf, als zwei Becken zumal angehoerend, +selbst auf den mangelhaftesten Karten gewissermassen die Richtung des +Theils der Ebenen bezeichnet, der zwischen die Anden von Neu-Grenada und +den westlichen Saum der Gebirge der Parime eingeschoben ist. + +Die Llanos oder Steppen am untern Orinoco und am Meta fuehren, gleich den +afrikanischen Wuesten, in ihren verschiedenen Strichen verschiedene Namen. +Von den Boccas del Dragon an folgen von Ost nach West auf einander: die +Llanos von Cumana, von Barcelona und von Caracas oder Venezuela. Wo die +Steppen vom 8. Breitegrad an, zwischen dem 70. und 73. Grad der Laenge, +sich nach Sued und Sued-Sued-West wenden, kommen von Nord nach Sued die Llanos +von Barinas, Casanare, Meta, Guaviare, Caguan und Caqueta. In den Ebenen +von Barinas kommen einige nicht sehr bedeutende Denkmaeler vor, die auf ein +nicht mehr vorhandenes Volk deuten. Man findet zwischen Mijagual und dem +Cano de la Hacha wahre Grabhuegel, dort zu Lande _Serillos de los Indios_ +genannt. Es sind kegelfoermige Erhoehungen, aus Erde von Menschenhand +aufgefuehrt, und sie bergen ohne Zweifel menschliche Gebeine, wie die +Grabhuegel in den asiatischen Steppen. Ferner beim Hato de la Calzada, +zwischen Barinas und Caragua, sieht man eine huebsche Strasse, fuenf Meilen +lang, vor der Eroberung, in sehr alter Zeit von den Eingeborenen angelegt. +Es ist ein Erddamm, fuenfzehn Fuss hoch, der ueber eine haeufig ueberschwemmte +Ebene fuehrt. Hatten sich etwa civilisirtere Voelker von den Gebirgen von +Truxillo und Merida ueber die Ebenen am Rio Apure verbreitet? Die heutigen +Indianer zwischen diesem Fluss und dem Meta sind viel zu versunken, um an +die Errichtung von Kunststrassen oder Grabhuegeln zu denken. + +Ich habe den Flaechenraum dieser Llanos von der Caqueta bis zum Apure und +vom Apure zum Delta des Orinoco auf 17,000 Quadratmeilen (20 auf den Grad) +berechnet. Der von Nord nach Sued sich erstreckende Theil ist beinahe +doppelt so gross als der von Ost nach West zwischen dem untern Orinoco und +der Kuestencordillere von Caracas streichende. Die *Pampas* nord- und +nordwestwaerts von Buenos Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, Jujuy +und Tucuman, sind ungefaehr eben so gross als die Llanos; aber die Pampas +setzen sich noch 18 Grad weiter nach Sueden fort, und sie erstrecken sich +ueber einen so weiten Landstrich, dass am einen Saume Palmen wachsen, +waehrend der andere, eben so niedrig gelegene und ebene, mit ewigem Eis +bedeckt ist. + +Die amerikanischen Llanos sind da, wo sie parallel mit dem Aequator +streichen, viermal schmaeler als die grosse afrikanische Wueste. Dieser +Umstand ist von grosser Bedeutung in einem Landstrich, wo die Richtung der +Winde bestaendig von Ost nach West geht. Je weiter Ebenen in dieser +Richtung sich erstrecken, desto heisser ist ihr Klima. Das grosse +afrikanische Sandmeer haengt ueber Yemen mit Gedrosia und Beludschistan bis +ans rechte Ufer des Indus zusammen; und in Folge der Winde, die ueber die +ostwaerts gelegenen Wuesten weggegangen sind, ist das Becken des rothen +Meers, in der Mitte von Ebenen, welche auf allen Punkten Waerme strahlen, +eine der heissesten Gegenden des Erdballs. Der unglueckliche Capitaen Tuckey +berichtet, dass der hunderttheilige Thermometer sich dort fast immer bei +Nacht auf 34 deg., bei Tag auf 40 bis 44 deg. haelt. Wie wir bald sehen werden, +haben wir selbst im westlichsten Theil der Steppen von Caracas die +Temperatur der Luft, im Schatten und vom Boden entfernt, selten ueber 37 deg. +gefunden. + +An diese physikalischen Betrachtungen ueber die Steppen der neuen Welt +knuepfen sich andere, hoehere, solche, die sich auf die Geschichte unserer +Gattung beziehen. Das grosse afrikanische Sandmeer, die wasserlosen Wuesten +sind nur von Caravanen besucht, die bis zu 50 Tagen brauchen, sie zu +durchziehen. Die Sahara trennt die Voelker von Negerbildung von den Staemmen +der Araber und Berbern und ist nur in den Oasen bewohnt. Weiden hat sie +nur im oestlichen Striche, wo als Wirkung der Passatwinde die Sandschicht +weniger dick ist, so dass die Quellen zu Tage brechen koennen. Die Steppen +Amerikas sind nicht so breit, nicht so gluehend heiss, sie werden von +herrlichen Stroemen befruchtet und sind so dem Verkehr der Voelker weit +weniger hinderlich. Die *Llanos* trennen die Kuestencordillere von Caracas +und die Anden von Neu-Grenada von der Waldregion, von jener Hylaea(71) des +Orinoco, die schon bei der Entdeckung Amerikas von Voelkern bewohnt war, +welche auf einer weit tieferen Stufe der Cultur standen, als die Bewohner +der Kuesten und vor allen des Gebirgslands der Cordilleren. Indessen waren +die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Cultur, als sie +gegenwaertig fuer die in den Waeldern lebenden Horden eine Schutzmauer der +Freiheit sind. Sie haben die Voelker am untern Orinoco nicht abgehalten, +die kleinen Fluesse hinaufzufahren und nach Nord und West Einfaelle ins Land +zu machen. Haette es die mannigfaltige Verbreitung der Thiergeschlechter +ueber die Erde mit sich gebracht, dass das Hirtenleben in der neuen Welt +bestehen konnte; haetten vor der Ankunft der Spanier auf den Llanos und +Pampas so zahlreiche Heerden von Rindern und Pferden geweidet wie jetzt, +so waere Columbus das Menschengeschlecht hier in ganz anderer Verfassung +entgegengetreten. Hirten-Voelker, die von Milch und Kaese leben, wahre +Nomaden haetten diese weiten, mit einander zusammenhaengenden Ebenen +durchzogen. In der trockenen Jahreszeit und selbst zur Zeit der +Ueberschwemmungen haetten sie den Besitz der Weiden einander streitig +gemacht, sie haetten einander unterjocht, und vereint durch das gemeinsame +Band der Sitten, der Sprache und der Gottesverehrung, sich zu der Stufe +von Halbcultur erhoben, die uns bei den Voelkern mongolischen und +tartarischen Stammes ueberraschend entgegentritt. Dann haette Amerika, +gleich dem mittleren Asien, seine Eroberer gehabt, welche aus den Ebenen +zum Plateau der Cordilleren hinauf stiegen, dem umherschweifenden Leben +entsagten, die cultivirten Voelker von Peru und Neu-Grenada unterjochten, +den Thron der Incas und des Zaque(72) umstuerzten und an die Stelle des +Despotismus, wie er aus der Theokratie fliesst, den Despotismus setzten, +wie ihn das patriarchalische Regiment der Hirtenvoelker mit sich bringt. +Die Menschheit der neuen Welt hat diese grossen moralischen und politischen +Wechsel nicht durchgemacht, und zwar weil die Steppen, obgleich +fruchtbarer als die asiatischen, ohne Heerden waren, weil keines der +Thiere, die reichliche Milch geben, den Ebenen Suedamerikas eigenthuemlich +ist, und weil in der Entwicklung amerikanischer Cultur das Mittelglied +zwischen Jaegervoelkern und ackerbauenden Voelkern fehlte. + +Die hier mitgetheilten allgemeinen Bemerkungen ueber die Ebenen des neuen +Continents und ihre Eigenthuemlichkeiten gegenueber den Wuesten Afrikas und +den fruchtbaren Steppen Asiens schienen mir geeignet, den Bericht einer +Reise durch so einfoermige Landstriche anziehender zu machen. Jetzt aber +mag mich der Leser auf unserem Wege von den vulkanischen Bergen von +Parapara und dem noerdlichen Saum der Llanos zu den Ufern des Apure in der +Provinz Barinas begleiten. + +Nachdem wir zwei Naechte zu Pferde gewesen und vergeblich unter Gebuesch von +Murichipalmen Schutz gegen die Sonnengluth gesucht hatten, kamen wir vor +Nacht zum kleinen Hofe "_el Cayman_" auch la Guadalupe genannt. Es ist +diess ein _Hato de ganado_, das heisst ein einsames Haus in der Steppe, +umher ein paar kleine mit Rohr und Haeuten bedeckte Huetten. Das Vieh, +Rinder, Pferde, Maulthiere, ist nicht eingepfercht; es laeuft frei auf +einem Flaechenraum von mehreren Quadratmeilen. Nirgends ist eine Umzaeunung. +Maenner, bis zum Guertel nackt und mit einer Lanze bewaffnet, streifen zu +Pferd ueber die Savanen, um die Heerden im Auge zu behalten, +zurueckzutreiben, was sich zu weit von den Weiden des Hofes verlaeuft, mit +dem gluehenden Eisen zu zeichnen, was noch nicht den Stempel des +Eigenthuemers traegt. Diese Farbigen, _Peones llaneros_ genannt, sind zum +Theil Freie oder Freigelassene, zum Theil Sklaven. Nirgends ist der Mensch +so anhaltend dem sengenden Strahl der tropischen Sonne ausgesetzt. Sie +naehren sich von luftduerrem, schwach gesalzenem Fleisch; selbst ihre Pferde +fressen es zuweilen. Sie sind bestaendig im Sattel und meinen nicht den +unbedeutendsten Gang zu Fuss machen zu koennen. Wir trafen im Hof einen +alten Negersklaven, der in der Abwesenheit des Herrn das Regiment fuehrte. +Heerden von mehreren tausend Kuehen sollten in der Steppe weiden; trotzdem +baten wir vergeblich um einen Topf Milch. Man reichte uns in +Tutumofruechten gelbes, schlammigtes, stinkendes Wasser: es war aus einem +Sumpf in der Naehe geschoepft. Die Bewohner der Llanos sind so traeg, dass sie +gar keine Brunnen graben, obgleich man wohl weiss, dass sich fast +allenthalben in zehn Fuss Tiefe gute Quellen in einer Schicht von +Conglomerat oder rothem Sandstein finden. Nachdem man die eine Haelfte des +Jahres durch die Ueberschwemmungen gelitten, erwaegt man in der andern +geduldig den peinlichsten Wassermangel. Der alte Neger rieth uns, das +Gefaess mit einem Stueck Leinwand zu bedecken und so gleichsam durch ein +Filtrum zu trinken, damit uns der ueble Geruch nicht belaestigte und wir vom +feinen, gelblichten Thon, der im Wasser suspendirt ist, nicht so viel zu +verschlucken haetten. Wir ahnten nicht, dass wir von nun an Monate lang auf +dieses Huelfsmittel angewiesen seyn wuerden. Auch das Wasser des Orinoco hat +sehr viele erdigte Bestandtheile; es ist sogar stinkend, wo in +Flussschlingen todte Krokodile auf den Sandbaenken liegen oder halb im +Schlamm stecken. + +Kaum war abgepackt und unsere Instrumente aufgestellt, so liess man unsere +Maulthiere laufen und, wie es dort heisst, "Wasser in der Savane suchen." +Rings um den Hof sind kleine Teiche; die Thiere finden sie, geleitet von +ihrem Instinkt, von den Mauritia-Gebueschen, die hie und da zu sehen sind, +und von der feuchten Kuehlung, die ihnen in einer Atmosphaere, die uns ganz +still und regungslos erscheint, von kleinen Luftstroemen zugefuehrt wird. +Sind die Wasserlachen zu weit entfernt und die Knechte im Hof zu faul, um +die Thiere zu diesen natuerlichen Traenken zu fuehren, so sperrt man sie +fuenf, sechs Stunden lang in einen recht heissen Stall, bevor man sie laufen +laesst. Der heftige Durst steigert dann ihren Scharfsinn, indem er gleichsam +ihre Sinne und ihren Instinkt schaerft. So wie man den Stall oeffnet, sieht +man Pferde und Maulthiere, die letzteren besonders, vor deren Spuerkraft +die Intelligenz der Pferde zurueckstehen muss, in die Savane hinausjagen. +Den Schwanz hoch gehoben, den Kopf zurueckgeworfen, laufen sie gegen den +Wind und halten zuweilen an, wie um den Raum auszukundschaften; sie +richten sich dabei weniger nach den Eindruecken des Gesichts als nach denen +des Geruchs, und endlich verkuendet anhaltendes Wiehern, dass sich in der +Richtung ihres Laufs Wasser findet. In den Llanos geborene Pferde, die +sich lange in umherschweifenden Rudeln frei getummelt haben, sind in allen +diesen Bewegungen rascher und kommen dabei leichter zum Ziele als solche, +die von der Kueste herkommen und von zahmen Pferden abstammen. Bei den +meisten Thieren, wie beim Menschen, vermindert sich die Schaerfe der Sinne +durch lange Unterwuerfigkeit und durch die Gewoehnungen, wie feste Wohnsitze +und die Fortschritte der Cultur sie mit sich bringen. + +Wir gingen unsern Maulthieren nach, um zu einer der Lachen zu gelangen, +aus denen man das truebe Wasser schoepft, das unsern Durst so uebel geloescht +hatte. Wir waren mit Staub bedeckt, verbrannt vom Sandwind, der die Haut +noch mehr angreift als die Sonnenstrahlen. Wir sehnten uns nach einem Bad, +fanden aber nur ein grosses Stueck stehenden Wassers, mit Palmen umgeben. +Das Wasser war trueb, aber zu unserer grossen Verwunderung etwas kuehler als +die Luft. Auf unserer langen Reise gewoehnt, zu baden, so oft sich +Gelegenheit dazu bot, oft mehrmals des Tages, besannen wir uns nicht lange +und sprangen in den Teich. Kaum war das behagliche Gefuehl der Kuehlung ueber +uns gekommen, als ein Geraeusch am entgegengesetzten Ufer uns schnell +wieder aus dem Wasser trieb. Es war ein Krokodil, das sich in den Schlamm +grub. Es waere unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit an diesem sumpfigten Ort +zu verweilen. + +Wir waren nur eine Viertelmeile vom Hof entfernt, wir gingen aber ueber +eine Stunde und kamen nicht hin. Wir wurden zu spaet gewahr, dass wir eine +falsche Richtung eingeschlagen. Wir hatten bei Anbruch der Nacht, noch ehe +die Sterne sichtbar wurden, den Hof verlassen und waren auf Gerathewohl in +der Ebene fortgegangen. Wir hatten, wie immer, einen Compass bei uns; auch +konnten wir uns nach der Stellung des Canopus und des suedlichen Kreuzes +leicht orientiren; aber all diess half uns zu nichts, weil wir nicht gewiss +wussten, ob wir vom Hof weg nach Ost oder nach Sued gegangen waren. Wir +wollten an unsern Badeplatz zurueck und gingen wieder drei Viertelstunden, +ohne den Teich zu finden. Oft meinten wir Feuer am Horizont zu sehen; es +waren aufgehende Sterne, deren Bild durch die Duenste vergroessert wurde. +Nachdem wir lange in der Savane umhergeirrt, beschlossen wir, unter einem +Palmbaume, an einem recht trockenen, mit kurzem Gras bewachsenen Ort uns +niederzusetzen; denn frisch angekommene Europaeer fuerchten sich immer mehr +vor den Wasserschlangen als vor den Jaguars. Wir durften nicht hoffen, dass +unsere Fuehrer, deren traege Gleichgueltigkeit uns wohl bekannt war, uns in +der Savane suchen wuerden, bevor sie ihre Lebensmittel zubereitet und +abgespeist haetten. Je bedenklicher unsere Lage war, desto freudiger +ueberraschte uns ferner Hufschlag, der auf uns zukam. Es war ein mit einer +Lanze bewaffneter Indianer, der vom "_Rodeo_" zurueckkam, das heisst von der +Streife, durch die man das Vieh auf einen bestimmten Raum zusammentreibt. +Beim Anblick zweier Weissen, die verirrt seyn wollten, dachte er zuerst an +irgend eine boese List von unserer Seite, und es kostete uns Muehe, ihm +Vertrauen einzufloessen. Endlich liess er sich willig finden, uns zum Hof zu +fuehren, ritt aber dabei in seinem kurzen Trott weiter. Unsere Fuehrer +versicherten, "sie haetten bereits angefangen besorgt um uns zu werden," +und diese Besorgnis; zu rechtfertigen, zaehlten sie eine Menge Leute her, +die, in den Llanos verirrt, im Zustand voelliger Erschoepfung gefunden +worden. Die Gefahr kann begreiflich nur dann sehr gross seyn, wenn man weit +von jedem Wohnplatz abkommt, oder wenn man, wie es in den letzten Jahren +vorgekommen ist, von Raeubern gepluendert und an Leib und Haenden an einen +Palmstamm gebunden wird. + +Um von der Hitze am Tage weniger zu leiden, brachen wir schon um 2 Uhr in +der Nacht auf und hofften vor Mittag *Calabozo* zu erreichen, eine kleine +Stadt mit lebhaftem Handel, die mitten in den Llanos liegt. Das Bild der +Landschaft ist immer dasselbe. Der Mond schien nicht, aber die grossen +Haufen von Nebelsternen, die den suedlichen Himmel schmuecken, beleuchteten +im Niedergang einen Theil des Land-Horizonts. Das erhabene Schauspiel des +Sternengewoelbes in seiner ganzen unermesslichen Ausdehnung, der frische +Luftzug, der bei Nacht ueber die Ebene streicht, das Wogen des Grases, +ueberall wo es eine gewisse Hoehe erreicht -- Alles erinnerte uns an die +hohe See. Vollends stark wurde die Taeuschung (man kann es nicht oft genug +sagen), als die Sonnenscheibe am Horizont erschien, ihr Bild durch die +Strahlenbrechung sich verdoppelte, ihre Abplattung nach kurzer Frist +verschwand, und sie nun rasch gerade zum Zenith aufstieg. + +Sonnenaufgang ist auch in den Ebenen der kuehlste Zeitpunkt am Tage; aber +dieser Temperaturwechsel macht keinen bedeutenden Eindruck auf die Organe. +Wir sahen den Thermometer meist nicht unter 27 deg.,5 [22 deg. Reaumur] fallen, +waehrend bei Acapulco in Mexico auf gleichfalls sehr tiefem Boden die +Temperatur um Mittag oft 32 deg., bei Sonnenaufgang 17--18 deg. betraegt. In den +Llanos absorbirt die ebene, bei Tag niemals beschattete Flaeche so viel +Waerme, dass Erde und Luft, trotz der naechtlichen Strahlung gegen einen +wolkenlosen Himmel, von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang sich nicht +merkbar abkuehlen koennen. In Calabozo war im Maerz die Temperatur bei Tag +31--32 deg.,5, bei Nacht 28--29 deg.. Die mittlere Temperatur dieses Monats, der +nicht der heisseste im Jahr ist, mag etwa 30 deg.,6 seyn, eine ungeheure Hitze +fuer ein Land unter den Tropen, wo Tage und Naechte fast immer gleich lang +sind. In Cairo ist die mittlere Temperatur des heissesten Monats nur 29 deg.,9, +in Madras 31 deg.,8, und zu Abushaer im persischen Meerbusen, von wo Reihen von +Beobachtungen vorliegen, 34 deg.; aber die mittleren Temperaturen des ganzen +Jahres sind in Madras und Abushaer niedriger als in Calabozo. Obgleich ein +Theil der Llanos, gleich den fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen +Fluessen durchstroemt wird, und ganz duerre Striche von Land umgeben sind, +das in der Regenzeit unter Wasser steht, so ist die Luft dennoch im +Allgemeinen aeusserst trocken. Delucs Hygrometer zeigte bei Tag 34 deg., bei +Nacht 36 deg.. + +Wie die Sonne zum Zenith aufstieg und die Erde und die ueber einander +gelagerten Luftschichten verschiedene Temperaturen annahmen, zeigte sich +das Phaenomen der *Luftspiegelung* mit seinen mannichfaltigen Abaenderungen. +Es ist diess in allen Zonen eine ganz gewoehnliche Erscheinung, und ich +erwaehne hier derselben nur, weil wir Halt machten, um die Breite des +Luftraumes zwischen dem Horizont und dem aufgezogenen Bilde mit einiger +Genauigkeit zu messen. Das Bild war immer hinaufgezogen, *aber nicht +verkehrt*. Die kleinen, ueber die Bodenflaeche wegstreichenden Luftstroeme +hatten eine so veraenderliche Temperatur, dass in einer Heerde wilder Ochsen +manche mit den Beinen in der Luft zu schweben schienen, waehrend andere auf +dem Boden standen. Der Luftstrich war, je nach der Entfernung des Thiers, +3--4 Minuten breit. Wo Gebuesche der Mauritiapalme in langen Streifen +hinliefen, schwebten die Enden dieser gruenen Streifen in der Luft, wie die +Vorgebirge, die zu Cumana lange Gegenstand meiner Beobachtungen +gewesen.(73) Ein unterrichteter Mann versicherte uns, er habe zwischen +Calabozo und Urituru das verkehrte Bild eines Thieres gesehen, ohne +direktes Bild. Niebuhr hat in Arabien etwas Aehnliches beobachtet. Oefters +meinten wir am Horizont Grabhuegel und Thuerme zu erblicken, die von Zeit zu +Zeit verschwanden, ohne dass wir die wahre Gestalt der Gegenstaende +auszumitteln vermochten. Es waren wohl Erdhaufen, kleine Erhoehungen, +jenseits des gewoehnlichen Gesichtskreises gelegen. Ich spreche nicht von +den pflanzenlosen Flaechen, die sich als weite Seen mit wogender Oberflaeche +darstellten. Wegen dieser Erscheinung, die am fruehesten beobachtet worden +ist, heisst die Luftspiegelung im Sanscrit ausdrucksvoll die *Sehnsucht +(der Durst) der Antilope*. Die haeufigen Anspielungen der indischen, +persischen und arabischen Dichter auf diese magischen Wirkungen der +irdischen Strahlenbrechung sprechen uns ungemein an. Die Griechen und +Roemer waren fast gar nicht bekannt damit. Stolz begnuegt mit dem Reichthum +ihres Bodens und der Milde ihres Klimas hatten sie wenig Sinn fuer eine +solche Poesie der Wueste. Die Geburtsstaette derselben ist Asien; den +Dichtern des Orients wurde sie durch die natuerliche Beschaffenheit ihrer +Laender an die Hand gegeben; der Anblick der weiten Einoeden, die sich +gleich Meeresarmen und Buchten zwischen Laender eindraengen, welche die +Natur mit ueberschwenglicher Fruchtbarkeit geschmueckt, wurde fuer sie zu +einer Quelle der Begeisterung. + +Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das Vieh, das sich bei Nacht +laengs der Teiche oder unter Murichi- und Rhopalabueschen gelagert hatte, +sammelte sich zu Heerden, und die Einoede bevoelkerte sich mit Pferden, +Maulthieren und Rindern, die hier nicht gerade als wilde, wohl aber als +freie Thiere leben, ohne festen Wohnplatz, der Pflege und des Schutzes des +Menschen leicht entbehrend. In diesen heissen Landstrichen sind die Stiere, +obgleich von spanischer Race wie die auf den kalten Plateaus von Quito, +von sanfterem Temperament. Der Reisende laeuft nie Gefahr, angefallen und +verfolgt zu werden, was uns bei unsern Wanderungen auf dem Ruecken der +Cordilleren oft begegnet ist. Dort ist das Klima rauh, zu heftigen Stuermen +geneigt, die Landschaft hat einen wilderen Charakter und das Futter ist +nicht so reichlich. In der Naehe von Calabozo sahen wir Heerden von Rehen +friedlich unter Pferden und Rindern weiden. Sie heissen *Matacani*; ihr +Fleisch ist sehr gut. Sie sind etwas groesser als unsere Rehe und gleichen +Damhirschen mit sehr glattem, fahlbraunem, weiss getupftem Fell. Ihre +Geweihe schienen mir einfache Spiesse. Sie waren fast gar nicht scheu, und +in Rudeln von 30--40 Stueck bemerkten wir mehrere ganz weisse. Diese +Spielart kommt bei den grossen Hirschen in den kalten Landstrichen der +Anden haeufig vor; in diesen tiefen, heissen Ebenen mussten wir sie +auffallend finden. Ich habe seitdem gehoert, dass selbst beim Jaguar in den +heissen Landstrichen von Paraguay zuweilen *Albinos* vorkommen, mit so +gleichfoermig weissem Fell, dass man die Flecken oder Ringe nur im Reflex der +Sonne bemerkt. Die Matacanis oder kleinen Damhirsche sind so haeufig in den +Llanos, dass ihre Haeute einen Handelsartikel abgeben koennten. Ein gewandter +Jaeger koennte ueber zwanzig im Tage schiessen. Aber die Einwohner sind so +traege, dass man sich oft gar nicht die Muehe nimmt, dem Thier die Haut +abzuziehen. Ebenso ist es mit der Jagd auf den Jaguar oder grossem +amerikanischen Tiger. Ein Jaguarfell, fuer das man in den Steppen von +Barinas nur einen Piaster bezahlt, kostet in Cadix vier bis fuenf Piaster. + +Die Steppen, die wir durchzogen, sind hauptsaechlich mit Graesern bewachsen, +mit Killingia, Cenchrus, Paspalum. Diese Graeser waren in dieser Jahreszeit +bei Calabozo und St. Geronimo del Pirital kaum 9 bis 10 Zoll hoch. An den +Fluessen Apure und Portuguesa wachsen sie bis 4 Fuss hoch, so dass der Jaguar +sich darin verstecken und die Pferde und Maulthiere in der Ebene +ueberfallen kann. Unter die Graeser mischen sich einige Dicotyledonen, wie +Turnera, Malvenarten, und was sehr auffallend ist, kleine Mimosen mit +reizbaren Blaettern, von den Spaniern _Dormideras_ genannt. Derselbe +Rinderstamm, der in Spanien mit Klee und Esper gemaestet wird, findet hier +ein treffliches Futter an den krautartigen Sensitiven. Die Weiden, wo +diese Sensitiven besonders haeufig vorkommen, werden theurer als andere +verkauft. Im Osten, in den Llanos von Cari und Barcelona, sieht man Cypura +und Craniolaria mit der schoenen weissen, 6--8 Zoll langen Bluethe sich +einzeln ueber die Graeser erheben. Am fettesten sind die Weiden nicht nur an +den Fluessen, welche haeufig austreten, sondern ueberall, wo die Palmen +dichter stehen. Ganz baumlose Flecke sind die unfruchtbarsten, und es waere +wohl vergebliche Muehe, sie anbauen zu wollen. Dieser Unterschied kann +nicht daher ruehren, dass die Palmen Schatten geben und den Boden von der +Sonne weniger ausdoerren lassen. In den Waeldern am Orinoco habe ich +allerdings Baeume aus dieser Familie mit dicht belaubten Kronen gesehen; +aber am Palmbaum der Llanos, der Palmade de Cobija [Dachpalme, _Corypha +tectorum_], ist der Schatten eben nicht sehr zu ruehmen. Diese Palme hat +sehr kleine, gefaltete, handfoermige Blaetter, gleich denen des Chamaerops, +und die untern sind immer vertrocknet. Es befremdete uns, dass fast alle +diese Coryphastaemme gleich gross waren, 20 bis 24 Fuss hoch, bei 8 bis 10 +Zoll Durchmesser unten am Stamm. Nur wenige Palmenarten bringt die Natur +in so ungeheuren Mengen hervor. Unter Tausenden mit olivenfoermigen +Fruechten beladenen Staemmen fanden wir etwa ein Hundert ohne Fruechte. +Sollten unter den Staemmen mit hermaphroditischer Bluethe einige mit +einhaeusigen Bluethen vorkommen? Die Llaneros, die Bewohner der Ebenen, +schreiben allen diesen Baeumen von unbedeutender Hoehe ein Alter von +mehreren Jahrhunderten zu. Ihr Wachsthum ist fast unmerklich, nach +zwanzig, dreissig Jahren faellt es kaum auf. Die Palma de Cobija liefert +uebrigens ein treffliches Bauholz. Es ist so hart, dass man nur mit Muehe +einen Nagel einschlaegt. Die faecherfoermig gefalteten Blaetter dienen zum +Decken der zerstreuten Huetten in den Llanos, und diese Daecher halten ueber +20 Jahre aus. Man befestigt die Blaetter dadurch, dass man die Enden der +Blattstiele umbiegt, nachdem man dieselben zwischen zwei Steinen +geschlagen, damit sie sich biegen, ohne zu brechen. + +Ausser den einzelnen Staemmen dieser Palme findet man hie und da in der +Steppe Gruppen von Palmen, wahre Gebuesche (_Palmares_), wo sich zur +Corypha ein Baum aus der Familie der Proteaceen gesellt, den die +Eingebornen _Chaparro_ nennen, eine neue Art _Rhopala_ mit harten, +rasselnden Blaettern. Die kleineren Rhopalagebuesche heissen _Chaparrales_ +und man kann sich leicht denken, dass in einer weiten Ebene, wo nur zwei +oder drei Baumarten wachsen, der Chaparro, der Schatten gibt, fuer ein sehr +werthvolles Gewaechs gilt. Der Corypha ist in den Llanos von Caracas von +der Mesa de Paja bis an den Guayaval verbreitet; weiter nach Nord und +Nordwest, am Guanare und San Carlos, tritt eine andere Art derselben +Gattung mit gleichfalls handfoermigen, aber groesseren Blaettern an seine +Stelle. Sie heisst _Palma real de los Llanos_. Suedlich vom Guayaval +herrschen andere Palmen, namentlich der *Piritu* mit gefiederten Blaettern +und der *Murichi* (Moriche), den Pater GUMILLA als _arbol de la vida_ so +hoch preist. Es ist diess der Sagobaum Amerikas; er liefert "victum et +amictum"(74) Mehl, Wein, Faden zum Verfertigen der Haengematten, Koerbe, +Netze und Kleider. Seine tannenzapfenfoermigen, mit Schuppen bedeckten +Fruechte gleichen ganz denen des _Calamus Rotang_; sie schmecken etwas wie +Apfel; reif sind sie innen gelb, aussen roth. Die Bruellaffen sind sehr +luestern darnach, und die Voelkerschaft der Guaranos, deren Existenz fast +ganz an die Murichipalme geknuepft ist, bereitet daraus ein gegohrenes, +saeuerliches, sehr erfrischendes Getraenk. Diese Palme mit grossen, +glaenzenden, faecherfoermig gefalteten Blaettern bleibt auch in der duerrsten +Jahreszeit lebhaft gruen. Schon ihr Anblick gibt das Gefuehl angenehmer +Kuehlung, und die mit ihren schuppigen Fruechten behangene Murichipalme +bildet einen auffallenden Contrast mit der truebseligen Palma de Cobija, +deren Laub immer grau und mit Staub bedeckt ist. Die Llaneros glauben, +ersterer Baum ziehe die Feuchtigkeit der Luft an sich, und desshalb finde +man in einer gewissen Tiefe immer Wasser um seinen Stamm, wenn man den +Boden ausgraebt. Man verwechselt hier Wirkung und Ursache. Der Murichi +waechst vorzugsweise an feuchten Stellen, und richtiger sagte man, das +Wasser ziehe den Baum an. Es ist eine aehnliche Schlussfolge, wenn die +Eingeborenen am Orinoco behaupten, die grossen Schlangen helfen einen +Landstrich feucht erhalten. Ein alter Indianer in Javita sagte uns mit +grosser Wichtigkeit: "Vergeblich sucht man Wasserschlangen, wo es keine +Suempfe gibt; denn es sammelt sich kein Wasser, wenn man die Schlangen, die +es anziehen, unvorsichtigerweise umbringt." + +Auf dem Wege ueber die Mesa bei Calabozo litten wir sehr von der Hitze. Die +Temperatur der Luft stieg merkbar, so oft der Wind zu wehen anfing. Die +Luft war voll Staub, und waehrend der Windstoesse stieg der Thermometer auf +40 bis 41 deg.. Wir kamen nur langsam vorwaerts, denn es waere gefaehrlich +gewesen, die Maulthiere, die unsere Instrumente trugen, dahinten zu +lassen. Unsere Fuehrer gaben uns den Rath, Rhopalablaetter in unsere Huete zu +stecken, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Haare und Scheitel zu +mildern. Wir fuehlten uns durch dieses Mittel erleichtert, und wir fanden +es besonders dann ausgezeichnet, wenn man Blaetter von Pothos oder einer +andern Arumart haben kann. + +Bei der Wanderung durch diese gluehenden Ebenen draengt sich einem von +selbst die Frage auf, ob sie von jeher in diesem Zustand dagelegen, oder +ob sie durch eine Naturumwaelzung ihres Pflanzenwuchses beraubt worden? Die +gegenwaertige Humusschicht ist allerdings sehr duenn. Die Eingeborenen sind +der Meinung, die _Palmares_ und _Chaparrales_ (die kleinen Gebuesche von +Palmen und Rhopala) seyen vor der Ankunft der Spanier haeufiger und groesser +gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit verwilderten Hausthieren +bevoelkert sind, zuendet man haeufig die Savane an, um die Weide zu +verbessern. Mit den Graesern werden dabei zufaellig auch die zerstreuten +Baumgruppen zerstoert. Die Ebenen waren ohne Zweifel im fuenfzehnten +Jahrhundert nicht so kahl wie gegenwaertig; indessen schon die ersten +Eroberer, die von Coro herkamen, beschreiben sie als Savanen, in denen man +nichts sieht als Himmel und Rasen, im Allgemeinen baumlos und beschwerlich +zu durchziehen, wegen der Waermestrahlung des Bodens. Warum erstreckt sich +der maechtige Wald am Orinoco nicht weiter nordwaerts auf dem linken Ufer +des Flusses? Warum ueberzieht er nicht den weiten Landstrich bis zur +Kuestencordillere, da dieser doch von zahlreichen Gewaessern befruchtet +wird? Diese Frage haengt genau zusammen mit der ganzen Geschichte unseres +Planeten. Ueberlaesst man sich geologischen Traeumen, denkt man sich, die +amerikanischen Steppen und die Wueste Sahara seyen durch einen Einbruch des +Meeres ihres ganzen Pflanzenwuchses beraubt worden, oder aber, sie seyen +urspruenglich der Boden von Binnenseen gewesen, so leuchtet ein, dass sogar +in Jahrtausenden Baeume und Gebuesche vom Saume der Waelder, vom Uferrand der +kahlen oder mit Rasen bedeckten Ebenen nicht bis zur Mitte derselben +vordringen und einen so ungeheuern Landstrich mit ihrem Schattendach +ueberwoelben konnten. Der Ursprung kahler, von Waeldern umschlossener Savanen +ist noch schwerer zu erklaeren, als die Thatsache, dass Waelder und Savanen, +gerade wie Festlaender und Meere, in ihren alten Grenzen verharren. + +In *Calabozo* wurden wir im Hause des Verwalters der _Real Hacienda_, Don +Miguel Cousin, aufs gastfreundlichste aufgenommen. Die Stadt, zwischen den +Fluessen Guarico und Uritucu gelegen, hatte damals nur 5000 Einwohner, aber +ihr Wohlstand war sichtbar im Steigen. Der Reichthum der meisten Einwohner +besteht in Heerden, die von Paechtern besorgt werden, von sogenannten +_Hateros_, von _Hato_, was im Spanischen ein Haus oder einen Hof im +Weideland bedeutet. Die ueber die Llanos zerstreute Bevoelkerung draengt sich +an gewissen Punkten, namentlich in der Naehe der Staedte enger zusammen, und +so hat Calabozo in seiner Umgebung bereits fuenf Doerfer oder Missionen. Man +berechnet das Vieh, das auf den Weiden in der Naehe der Stadt laeuft, auf +98,000 Stuecke. Die Heerden auf den Llanos von Caracas, Barcelona, Cumana +und des spanischen Guyana sind sehr schwer genau zu schaetzen. DEPONS, der +sich laenger als ich in Caracas aufgehalten hat, und dessen statistische +Angaben im Ganzen genau sind, rechnet auf den weiten Ebenen von den +Muendungen des Orinoco bis zum See Maracaybo 1,200,000 Rinder, 180,000 +Pferde und 90,000 Maulthiere. Den Ertrag der Heerden schaetzt er auf 5 +Millionen Franken, wobei neben der Ausfuhr auch der Werth der im Lande +consumirten Haeute in Anschlag gebracht ist. In den Pampas von Buenos Ayres +sollen 12 Millionen Rinder und 3 Millionen Pferde laufen, ungerechnet das +Vieh, das fuer herrenlos gilt. + +Ich lasse mich nicht auf solche allgemeine Schaetzungen ein, die der Natur +der Sache nach sehr unzuverlaessig sind; ich bemerke nur, dass die Besitzer +der grossen Hatos in den Llanos von Caracas selbst gar nicht wissen, wie +viel Stuecke Vieh sie besitzen. Sie wissen nur, wie viele junge Thiere +jaehrlich mit dem Buchstaben oder der Figur, wodurch die Heerden sich +unterscheiden, gezeichnet werden. Die reichsten Viehbesitzer zeichnen +gegen 14,000 Stuecke im Jahr und verkaufen 5 bis 6000. Nach den officiellen +Angaben belief sich die Ausfuhr an Haeuten aus der ganzen _Capitania +general_ jaehrlich nur nach den Antillen auf 174,000 Rindshaeute und 11,500 +Ziegenhaeute. Bedenkt man nun, dass diese Angaben sich nur auf die +Zollregister gruenden, in denen vom Schleichhandel mit Haeuten keine Rede +ist, so moechte man glauben, dass das Hornvieh auf den Llanos vom Carony und +dem Guarapiche bis zum See Maracaybo zu 1,200,000 Stueck viel zu niedrig +angeschlagen ist. Der einzige Hafen von Guayra hat nach den Zollregistern +von 1789--1792 jaehrlich 70--80,000 Haeute ausgefuehrt, wovon kaum ein +Fuenftheil nach Spanien. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts belief sich +nach Don FELIX D'AZZARA die Ausfuhr von Buenos Ayres auf 800,000 Haeute. +Man zieht in der Halbinsel die Haeute von Caracas denen von Buenos Ayres +vor, weil letztere in Folge des weiteren Transports beim Gerben 12 Procent +Abgang haben. Der suedliche Strich der Savanen, gemeiniglich _Llanos de +arriba_ genannt, ist ausnehmend reich an Maulthieren und Rindvieh; da aber +die Weiden dort im Ganzen minder gut sind, muss man die Thiere auf andere +Ebenen treiben, um sie vor dem Verkauf fett zu machen. Die Llanos von +Monai und alle _Llanos de abaxo_ haben weniger Heerden, aber die Weiden +sind dort so fett, dass sie vortreffliches Fleisch fuer den Bedarf der Kueste +liefern. Die Maulthiere, die erst im fuenften Jahre zum Dienste taugen, und +dann _Mulas de saca_ heissen, werden schon an Ort und Stelle fuer 14--18 +Piaster verkauft. Im Ausfuhrhafen gelten sie 25 Piaster, und auf den +Antillen steigt ihr Preis oft auf 60--80 Piaster. Die Pferde der Llanos +stammen von der schoenen spanischen Race und sind nicht gross. Sie sind +meist einfarbig, dunkelbraun, wie die meisten wilden Thiere. Bald dem +Wassermangel, bald Ueberschwemmungen, dem Stich der Insekten, dem Biss +grosser Fledermaeuse ausgesetzt, fuehren sie ein geplagtes, ruheloses Leben. +Wenn sie einige Monate unter menschlicher Pflege gewesen sind, entwickeln +sich ihre guten Eigenschaften und kommen zu Tag. Ein wildes Pferd gilt in +den Pampas von Buenos Ayres 1/2--1 Piaster, in den Llanos von Caracas 2--3 +Piaster; aber der Preis des Pferdes steigt, sobald es gezaehmt und zum +Ackerbau tuechtig ist. Schafe gibt es keine; Schafheerden haben wir nur auf +dem Plateau der Provinz Quito gesehen. + +Die Rindvieh-Hatos haben in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt durch +Banden von Landstreichern, die durch die Steppen streifen und das Vieh +toedten, nur um die Haut zu verkaufen. Diese Raeuberei hat um sich +gegriffen, seit der Handel mit dem untern Orinoco bluehender geworden ist. +Ein halbes Jahrhundert lang waren die Ufer dieses grossen Stromes von der +Einmuendung des Apure bis Angostura nur den Missionaeren bekannt. Vieh wurde +nur aus den Haefen der Nordkueste, aus Cumana, Barcelona, Burburata und +Porto Cabello ausgefuehrt. In neuester Zeit ist diese Abhaengigkeit von der +Kueste weit geringer geworden. Der suedliche Strich der Ebenen ist in +starken Verkehr mit dem untern Orinoco getreten, und dieser Handel ist +desto lebhafter, da sich die Verbote dabei leicht umgehen lassen. + +Die groessten Heerden in den Llanos besitzen die Hatos Merecure, La Cruz, +Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische Vieh ist von Coro und Tocuyo +in die Ebenen gekommen. Die Geschichte bewahrt den Namen des Colonisten, +der zuerst den gluecklichen Gedanken hatte, diese Grasfluren zu bevoelkern, +auf denen damals nur Damhirsche und eine grosse Aguti-Art, _Cavia Capybara_ +im Lande *Chiguire* genannt, weideten. Christoval Rodriguez schickte ums +Jahr 1548 das erste Hornvieh in die Llanos. Er wohnte in der Stadt Tocuyo +und hatte lange in Neu-Grenada gelebt. + +Wenn man von der "unzaehlbaren Menge" von Hornvieh, Pferden und Maulthieren +auf den amerikanischen Ebenen sprechen hoert, so vergisst man gewoehnlich, +dass es im civilisirten Europa bei ackerbauenden Voelkern auf viel kleinerer +Bodenflaeche gleich ungeheure Mengen gibt. Frankreich hat nach PEUCHET 6 +Millionen Stueck Hornvieh, wovon 3,500,000 Ochsen zum Ackerbau verwendet +werden. In der oesterreichischen Monarchie schaetzt Lichtenstern 13,400,000 +Ochsen, Kuehe und Kaelber. Paris allein verzehrt jaehrlich 155,000 Stueck +Rindvieh; nach Deutschland werden alle Jahre aus Ungarn 150,000 Ochsen +eingefuehrt. Die Hausthiere in nicht starken Heerden gelten bei +ackerbauenden Voelkern als ein untergeordneter Gegenstand des +Nationalreichthums. Sie wirken auch weit weniger auf die Einbildungskraft +als die umherschweifenden Rudel von Rindern und Pferden, die einzige +Bevoelkerung der unangebauten Steppen der neuen Welt. Cultur und +buergerliche Ordnung wirken in gleichem Maasse auf die Vermehrung der +menschlichen Bevoelkerung und auf die Vervielfaeltigung der dem Menschen +nuetzlichen Thiere. + +Wir fanden in Calabozo, mitten in den Llanos, eine Elektrisirmaschine mit +grossen Scheiben, Elektrophoren, Batterien, Elektrometern, kurz einen +Apparat, fast so vollstaendig, als unsere Physiker in Europa sie besitzen. +Und all diess war nicht in den Vereinigten Staaten gekauft, es war das Werk +eines Mannes, der nie ein Instrument gesehen, der Niemanden zu Rathe +ziehen konnte, der die elektrischen Erscheinungen nur aus der Schrift des +SIGAUD DE LA FOND und aus FRANKLINs Denkwuerdigkeiten kannte. Carlos del +Pozo -- so heisst der achtungswuerdige, sinnreiche Mann -- hatte zuerst aus +grossen Glasgefaessen, an denen er die Haelse abschnitt, Cylindermaschinen +gebaut. Erst seit einigen Jahren hatte er sich aus Philadelphia zwei +Glasplatten verschafft, um eine Scheibenmaschine bauen und somit +bedeutendere elektrische Wirkungen hervorbringen zu koennen. Man kann sich +vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten Pozo zu kaempfen hatte, seit die +ersten Schriften ueber Elektricitaet ihm in die Haende gefallen waren, und er +den kuehnen Entschluss fasste, Alles, was er in den Buechern beschrieben fand, +mit Kopf und Hand nachzumachen und herzustellen. Bisher hatte er sich bei +seinen Experimenten nur am Erstaunen und der Bewunderung von ganz rohen +Menschen ergoetzt, die nie ueber die Wueste der Llanos hinausgekommen waren. +Unser Aufenthalt in Calabozo verschaffte ihm einen ganz neuen Genuss. Er +musste natuerlich Werth auf das Urtheil zweier Reisenden legen, die seine +Apparate mit den europaeischen vergleichen konnten. Ich hatte verschiedene +Elektrometer bei mir, mit Stroh, mit Korkkuegelchen, mit Goldplaettchen, +auch eine kleine Leidner Flasche, die nach der Methode von INGENHOUSS +durch Reibung geladen wurde und mir zu physiologischen Versuchen diente. +Pozo war ausser sich vor Freude, als er zum erstenmal Instrumente sah, die +er nicht selbst verfertigt, und die den seinigen nachgemacht schienen. Wir +zeigten ihm auch die Wirkungen des Contakts heterogener Metalle auf die +Nerven des Frosches. Die Namen Galvani und Volta waren in diesen weiten +Einoeden noch nicht gehoert worden. + +Was nach den elektrischen Apparaten von der gewandten Hand eines +sinnreichen Einwohners der Llanos uns in Calabozo am meisten beschaeftigte, +das waren die Zitteraale, die lebendige elektrische Apparate sind. Mit der +Begeisterung, die zum Forschen treibt, aber der richtigen Auffassung des +Erforschten hinderlich wird, hatte ich mich seit Jahren taeglich mit den +Erscheinungen der galvanischen Elektricitaet beschaeftigt; ich hatte, indem +ich Metallscheiben aufeinander legte und Stuecke Muskelfleisch oder andere +feuchte Substanzen dazwischen brachte, mir unbewusst, aechte *Saeulen* +aufgebaut, und so war es natuerlich, dass ich mich seit unserer Ankunft in +Cumana eifrig nach elektrischen Aalen umsah. Man hatte uns mehrmals welche +versprochen, wir hatten uns aber immer getaeuscht gesehen. Je weiter von +der Kueste weg, desto werthloser wird das Geld, und wie soll man ueber das +unerschuetterliche Phlegma des Volkes Herr werden, wo der Stachel der +Gewinnsucht fehlt? + +Die Spanier begreifen unter dem Namen _tembladores_ (Zitterer) alle +elektrischen Fische. Es gibt welche im antillischen Meer an den Kuesten von +Cumana. Die Guayqueries, die gewandtesten und fleissigsten Fischer in jener +Gegend, brachten uns einen Fisch, der, wie sie sagten, ihnen die Haende +starr machte. Dieser Fisch geht im kleinen Flusse Manzanares aufwaerts. Es +war eine neue Art _Raja_ mit kaum sichtbaren Seitenflecken, dem +Zitterrochen Galvanis ziemlich aehnlich. Die Zitterrochen haben ein +elektrisches Organ, das wegen der Durchsichtigkeit der Haut schon aussen +sichtbar ist, und bilden eine eigene Gattung oder doch eine Untergattung +der eigentlichen Rochen. Der cumanische Zitterrochen war sehr munter, +seine Muskelbewegungen sehr kraeftig, dennoch waren die elektrischen +Schlaege, die wir von ihm erhielten, aeusserst schwach. Sie wurden staerker, +wenn wir das Thier mittelst der Beruehrung von Zink und Gold galvanisirten. +Andere Tembladores, aechte Gymnoten oder Zitteraale, kommen im Rio +Colorado, im Guarapiche und verschiedenen kleinen Baechen in den Missionen +der Chaymas-Indianer vor. Auch in den grossen amerikanischen Fluessen, im +Orinoco, im Amazonenstrom, im Meta sind sie haeufig, aber wegen der starken +Stroemung und des tiefen Wassers schwer zu fangen. Die Indianer fuehlen weit +haeufiger ihre elektrischen Schlaege beim Schwimmen, und Baden im Fluss, als +dass sie dieselben zu sehen bekommen. In den Llanos, besonders in der Naehe +von Calabozo, zwischen den Hoefen Morichal und den Missionen _de arriba_ +und _de abaxo_ sind die Gymnoten in den Stuecken stehenden Wassers und in +den Zufluessen des Orinoco (im Rio Guarico, in den Canos Rastro, Berito und +Paloma) sehr haeufig. Wir wollten zuerst in unserem Hause zu Calabozo +unsere Versuche anstellen; aber die Furcht vor den Schlaegen des Gymnotus +ist im Volk so uebertrieben, dass wir in den ersten drei Tagen keinen +bekommen konnten, obgleich sie sehr leicht zu fangen sind und wir den +Indianern zwei Piaster fuer jeden recht grossen und starken Fisch +versprochen hatten. Diese Scheu der Indianer ist um so sonderbarer, als +sie von einem nach ihrer Behauptung ganz zuverlaessigen Mittel gar keinen +Gebrauch machen. Sie versichern die Weissen, so oft man sie ueber die +Schlaege der Tembladores befragt, man koenne sie ungestraft beruehren, wenn +man dabei Tabak kaue. Dieses Maehrchen vom Einfluss des Tabaks auf die +thierische Elektricitaet ist auf dem Continent von Suedamerika so weit +verbreitet, als unter den Matrosen der Glaube, dass Knoblauch und Unschlitt +auf die Magnetnadel wirken. + +Des langen Wartens muede, und nachdem ein lebender, aber sehr erschoepfter +Gymnotus, den wir bekommen, uns sehr zweifelhafte Resultate geliefert, +gingen wir nach dem Cano de Bera, um unsere Versuche im Freien, +unmittelbar am Wasser anzustellen. Wir brachen am 19. Maerz in der Fruehe +nach dem kleinen Dorf Rastro _de abaxo_ auf, und von dort fuehrten uns +Indianer zu einem Bach, der in der duerren Jahreszeit ein schlammigtes +Wasserbecken bildet, um das schoene Baeume stehen, Clusia, Amyris, Mimosen +mit wohlriechenden Bluethen. Mit Netzen sind die Gymnoten sehr schwer zu +fangen, weil der ausnehmend bewegliche Fisch sich gleich den Schlangen in +den Schlamm eingraebt. Die Wurzeln der _Piscidia Erythrina_ der _Jacquinia +armillaris_ und einiger Arten von _Phyllanthus_ haben die Eigenschaft, dass +sie, in einen Teich geworfen, die Thiere darin berauschen oder betaeuben: +dieses Mittel, den sogenannten *Barbasco*, wollten wir nicht anwenden, da +die Gymnoten dadurch geschwaecht worden waeren. Da sagten die Indianer, sie +wollen *mit Pferden fischen*, _embarbascar con cavallos_ [Woertlich: mit +Pferden die Fische einschlaefern oder betaeuben]. Wir hatten keinen Begriff +von einer so seltsamen Fischerei; aber nicht lange, so kamen unsere Fuehrer +aus der Savane zurueck, wo sie ungezaehmte Pferde und Maulthiere +zusammengetrieben. Sie brachten ihrer etwa dreissig und jagten sie ins +Wasser. + +Der ungewohnte Laerm vom Stampfen der Rosse treibt die Fische aus dem +Schlamm hervor und reizt sie zum Angriff. Die schwaerzlicht und gelb +gefaerbten, grossen Wasserschlangen gleichenden Aale schwimmen auf der +Wasserflaeche hin und draengen sich unter den Bauch der Pferde und +Maulthiere. Der Kampf zwischen so ganz verschieden organisirten Thieren +gibt das malerischste Bild. Die Indianer mit Harpunen und langen, duennen +Rohrstaeben stellen sich in dichter Reihe um den Teich; einige besteigen +die Baeume, deren Zweige sich wagerecht ueber die Wasserflaeche breiten. +Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchen sie die +Pferde zurueck, wenn sie sich aufs Ufer fluechten wollen. Die Aale, betaeubt +vom Laerm, vertheidigen sich durch wiederholte Schlaege ihrer elektrischen +Batterien. Lange scheint es, als solle ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere +Pferde erliegen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten +Organe allerwaerts getroffen werden; betaeubt von den starken, +unaufhoerlichen Schlaegen, sinken sie unter. Andere, schnaubend, mit +gestraeubter Maehne, wilde Angst im starren Auge, raffen sich wieder auf und +suchen dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen; sie werden von den +Indiern ins Wasser zurueckgetrieben. Einige aber entgehen der regen +Wachsamkeit der Fischer; sie gewinnen das Ufer, straucheln aber bei jedem +Schritt und werfen sich in den Sand, zum Tod erschoepft, mit von den +elektrischen Schlaegen der Gymnoten erstarrten Gliedern. + +Ehe fuenf Minuten vergingen, waren zwei Pferde ertrunken; Der fuenf Fuss +lange Aal draengt sich dem Pferd an den Bauch und gibt ihm nach der ganzen +Laenge seines elektrischen Organs einen Schlag; das Herz, die Eingeweide +und der _plexus coeliacus_ der Abdominalnerven werden dadurch zumal +betroffen. Derselbe Fisch wirkt so begreiflicherweise weit staerker auf ein +Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit einer Extremitaet +beruehrt. Die Pferde werden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur +betaeubt; sie ertrinken, weil sie sich nicht aufraffen koennen, so lange der +Kampf zwischen den andern Pferden und den Gymnoten fortdauert. + +Wir meinten nicht anders, als alle Thiere, die man zu dieser Fischerei +gebraucht, muessten nach einander zu Grunde gehen. Aber allmaehlich nimmt die +Hitze des ungleichen Kampfes ab und die erschoepften Gymnoten zerstreuen +sich. Sie beduerfen jetzt langer Ruhe(75) und reichlicher Nahrung, um den +erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Maulthiere +und Pferde verriethen weniger Angst, ihre Maehne straeubte sich nicht mehr, +ihr Auge blickte ruhiger. Die Gymnoten kamen scheu ans Ufer des Teichs +geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken +befestigten Harpunen. Wenn die Stricke recht trocken sind, so fuehlen die +Indianer beim Herausziehen des Fisches an die Luft keine Schlaege. In +wenigen Minuten hatten wir fuenf grosse Aale, die meisten nur leicht +verletzt. Auf dieselbe Weise wurden Abends noch andere gefangen. + +Die Gewaesser, in denen sich die Zitteraale gewoehnlich aufhalten, haben +eine Temperatur von 26--27 deg.. Ihre elektrische Kraft soll in kaelterem +Wasser abnehmen, und es ist, wie bereits ein beruehmter Physiker bemerkt +hat, ueberhaupt merkwuerdig, dass die Thiere mit elektrischen Organen, deren +Wirkungen dem Menschen fuehlbar werden, nicht in der Luft leben, sondern in +einer die Elektricitaet leitenden Fluessigkeit. Der Gymnotus ist der groesste +elektrische Fisch; ich habe welche gemessen, die fuenf Fuss und fuenf Fuss +drei Zoll lang waren; die Indianer wollten noch groessere gesehen haben. Ein +drei Fuss zehn Zoll langer Fisch wog zehn Pfund. Der Querdurchmesser des +Koerpers (die kahnfoermig verlaengerte Afterflosse abgerechnet) betrug drei +Zoll fuenf Linien. Die Gymnoten aus dem Cerro de Vera sind huebsch +olivengruen. Der Untertheil des Kopfes ist roethlich gelb. Zwei Reihen +kleiner gelber Flecken laufen symmetrisch ueber den Ruecken vom Kopf bis zum +Schwanzende. Jeder Fleck umschliesst einen Ausfuehrungskanal; die Haut des +Thieres ist auch bestaendig mit einem Schleim bedeckt, der, wie Volta +gezeigt hat, die Elektricitaet 20--30mal besser leitet als reines Wasser. +Es ist ueberhaupt merkwuerdig, dass keiner der elektrischen Fische, die bis +jetzt in verschiedenen Welttheilen entdeckt worden, mit Schuppen bedeckt +ist. + +Den ersten Schlaegen eines sehr grossen, stark gereizten Gymnotus wuerde man +sich nicht ohne Gefahr aussetzen. Bekommt man zufaellig einen Schlag, bevor +der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung erschoepft ist, so sind +Schmerz und Betaeubung so heftig, dass man sich von der Art der Empfindung +gar keine Rechenschaft geben kann. Ich erinnere mich nicht, je durch die +Entladung einer grossen Leidner Flasche eine so furchtbare Erschuetterung +erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Fuesse auf +einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich +empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen +Gelenken. Will man den ziemlich auffallenden Unterschied zwischen der +Wirkung der Volta'schen Saeule und der elektrischen Fische genau +beobachten, so muss man diese beruehren, wenn sie sehr erschoepft sind. Die +Zitterrochen und die Zitteraale verursachen dann ein Sehnenhuepfen vom +Glied an, das die elektrischen Organe beruehrt, bis zum Ellbogen. Man +glaubt bei jedem Schlag innerlich eine Schwingung zu empfinden, die zwei, +drei Secunden anhaelt und der eine schmerzhafte Betaeubung folgt. In der +ausdrucksvollen Sprache der Tamanacos heisst daher der Temblador *Arimna*, +das heisst, "der die Bewegung raubt." + +Die Empfindung bei schwachen Schlaegen des Gymnotus schien mir grosse +Aehnlichkeit zu haben mit dem schmerzlichen Zucken, das ich fuehlte, wenn +auf den wunden Stellen, die ich auf meinem Ruecken durch spanische Fliegen +hervorgebracht, zwei heterogene Metalle sich beruehrten.(76) Dieser +Unterschied zwischen der Empfindung, welche der Schlag des elektrischen +Fisches, und der, welche eine Saeule oder schwach geladene Leidner Flasche +hervorbringt, ist allen Beobachtern aufgefallen; derselbe widerspricht +indessen keineswegs der Annahme, dass die Elektricitaet und die galvanische +Wirkung der Fische dem Wesen nach eins sind. Die Elektricitaet kann +beidemal dieselbe seyn, sie mag sich aber verschieden aeussern in Folge des +Baus der elektrischen Organe, der Intensitaet des elektrischen Fluidums, +der Schnelligkeit des Stroms oder einer eigenthuemlichen Wirkungsweise. In +hollaendisch Guyana, zum Beispiel zu Demerary, galten frueher die Zitteraale +als ein Heilmittel gegen Laehmungen. Zur Zeit, wo die europaeischen Aerzte +von der Anwendung der Elektricitaet Grosses erwarteten, gab ein Wundarzt in +Essequibo, Namens VAN DER LOTT, in Holland eine Abhandlung ueber die +Heilkraefte des Zitteraals heraus. Solche "elektrische Curen" kommen bei +den Wilden Amerika's wie bei den Griechen vor. SCRIBONIUS LARGUS, GALENUS +und DIOSCORIDES berichten uns, dass der Zitterrochen Kopfweh, Migraene und +Gicht heile. In den spanischen Colonien, die ich durchreist, habe ich von +dieser Heilmethode nichts gehoert; aber soviel ist gewiss, dass Bonpland und +ich, nachdem wir vier Stunden lang an Gymnoten experimentirt, bis zum +andern Tag Muskelschwaeche, Schmerz in den Gelenken, allgemeine Uebligkeit +empfanden, eine Folge der heftigen Reizung des Nervensystems. + +Waehrend die Gymnoten fuer die europaeischen Naturforscher Gegenstaende der +Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den +Eingebornen gefuerchtet und gehasst. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings +nicht uebel, aber der Koerper besteht zum groessten Theil aus dem elektrischen +Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man +sondert es daher auch sorgfaeltig vom Uebrigen ab. Zudem schreibt man es +vorzueglich den Gymnoten zu, dass die Fische in den Suempfen und Teichen der +Llanos so selten sind. Sie toedten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und +die Indianer erzaehlten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge +Krokodile und Zitteraale zugleich fange, so sey an letzteren nie eine +Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen, Krokodile laehmen, bevor diese +ihnen etwas anhaben koennen. Alle Bewohner des Wassers fliehen die +Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkroeten und Froesche suchen +Suempfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu musste man einer +Strasse eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Fluss +so vermehrt hatten, dass sie alle Jahre eine Menge Maulthiere, die belastet +durch den Fluss wateten, umbrachten. + +Am 24. Maerz verliessen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem +Aufenthalt und unsern Versuchen ueber einen so wichtigen physiologischen +Gegenstand. Ich hatte ueberdiess gute Sternbeobachtungen machen koennen und +zu meiner Ueberraschung gefunden, dass die Angaben der Karten auch hier um +einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte Niemand an +diesem Ort beobachtet, und wie denn die Geographen gewoehnlich die +Distanzen von der Kueste dem Binnenlande zu zu gross annehmen, so hatten sie +auch hier alle Punkte zu weit nach Sueden gerueckt. + +Auf dem Wege durch den suedlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden +staubiger, pflanzenloser, durch die lange Duerre zerrissener. Die Palmen +verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu +Sonnenuntergang auf 34--35 deg.. Je ruhiger die Luft in 8--10 Fuss Hoehe schien, +desto dichter wurden wir von den Staubwirbeln eingehuellt, welche von den +kleinen, am Boden, hinstreichenden Luftstroemungen erzeugt werden. Gegen 4 +Uhr Abends fanden wir in der Savane ein junges indianisches Maedchen. Sie +lag auf dem Ruecken, war ganz nackt und schien nicht ueber 12--13 Jahre alt. +Sie war von Ermuedung und Durst erschoepft, Augen, Nase, Mund voll Staub, +der Athem roechelnd; sie konnte uns keine Antwort geben. Neben ihr lag ein +umgeworfener Krug, halb voll Sand. Zum Glueck hatten wir ein Maulthier bei +uns, das Wasser trug. Wir brachten das Maedchen zu sich, indem wir ihr das +Gesicht wuschen und ihr einige Tropfen Wein aufdrangen. Sie war Anfangs +erschrocken ueber die vielen Leute um sie her, aber sie beruhigte sich nach +und nach und sprach mit unsern Fuehrern. Sie meinte, dem Stand der Sonne +nach muesse sie mehrere Stunden betaeubt dagelegen haben. Sie war nicht dazu +zu bringen, eines unserer Lastthiere zu besteigen. Sie wollte nicht nach +Uritucu zurueck; sie hatte in einem Hofe in der Naehe gedient und war von +ihrer Herrschaft verstossen worden, weil sie in Folge einer langen +Krankheit nicht mehr soviel leisten konnte als zuvor. Unsere Drohungen und +Bitten fruchteten nichts; fuer Leiden unempfindlich, wie ihre ganze Race, +in die Gegenwart versunken ohne Bangen vor kuenftiger Gefahr, beharrte sie +auf ihrem Entschluss, in eine der indianischen Missionen um die Stadt +Calabozo her zu gehen. Wir schuetteten den Sand aus ihrem Krug und fuellten +ihn mit Wasser. Noch ehe wir wieder zu Pferd waren, setzte sie ihren Weg +in der Steppe fort. Bald entzog sie eine Staubwolke unsern Blicken. + +In der Nacht durchwateten wir den Rio Uritucu, in dem zahlreiche, +auffallend wilde Krokodile hausen. Man warnte uns, unsere Hunde nicht am +Fluss saufen zu lassen, weil es gar nicht selten vorkomme, dass die +Krokodile im Uritucu aus dem Wasser gehen und die Hunde aufs Ufer +verfolgen. Solche Keckheit faellt desto mehr auf, da sechs Meilen von da, +im Rio Tisnao, die Krokodile ziemlich schuechtern und unschaedlich sind. Die +Sitten der Thiere einer und derselben Art zeigen Abweichungen nach +oertlichen Einfluessen, die sehr schwer aufzuklaeren sind. Man zeigte uns +eine Huette oder vielmehr eine Art Schuppen, wo unser Wirth in Calabozo, +Don Miguel Cousin, einen hoechst merkwuerdigen Auftritt erlebt hatte. Er +schlief mit einem Freunde auf einer mit Leder ueberzogenen Bank, da wird er +frueh Morgens durch heftige Stoesse und einen furchtbaren Laerm aufgeschreckt. +Erdschollen werden in die Huette geschleudert. Nicht lange, so kommt ein +junges 2--3 Fuss langes Krokodil unter der Schlafstaette hervor, faehrt auf +einen Hund los, der auf der Thuerschwelle lag, verfehlt ihn im ungestuemen +Lauf, eilt dem Ufer zu und entkommt in den Fluss. Man untersuchte den Boden +unter der Barbacoa oder Lagerstaette, und da war denn der Hergang des +seltsamen Abenteuers bald klar. Man fand die Erde weit hinab aufgewuehlt; +es war vertrockneter Schlamm, in dem das Krokodil im *Sommerschlaf* +gelegen hatte, in welchen Zustand manche Individuen dieser Thierart +waehrend der duerren Jahreszeit in den Llanos verfallen. Der Laerm von +Menschen und Pferden, vielleicht auch der Geruch des Hundes hatten es +aufgeweckt. Die Huette lag an einem Teich und stand einen Theil des Jahres +unter Wasser; so war das Krokodil ohne Zweifel, als die Savane +ueberschwemmt wurde, durch dasselbe Loch hineingekommen, durch das es Don +Miguel herauskommen sah. Haeufig finden die Indianer ungeheure Boa's, von +ihnen Uji oder Wasserschlangen genannt, im selben Zustand der Erstarrung. +Man muss sie, sagt man, reizen oder mit Wasser begiessen, um sie zu +erwecken. Man toedtet die Boa's und haengt sie in einen Bach, um durch die +Faeulniss die sehnigten Theile der Rueckenmuskeln zu gewinnen, aus denen man +in Calabozo vortreffliche Guitarrensaiten macht, die weit besser sind als +die aus den Daermen der Bruellaffen. + +Wir sehen somit, dass in den Llanos Trockenheit und Hitze auf Thiere und +Gewaechse gleich dem Frost wirken. Ausserhalb der Tropen werfen die Baeume in +sehr trockener Luft ihre Blaetter ab. Die Reptilien, besonders Krokodile +und Boa's, verlassen vermoege ihres traegen Naturels die Lachen, wo sie beim +Austreten der Fluesse Wasser gefunden haben, nicht leicht wieder. Je mehr +nun diese Wasserstuecke eintrocknen, desto tiefer graben sich die Thiere in +den Schlamm ein, der Feuchtigkeit nach, die bei ihnen Haut und Decken +schmiegsam erhaelt. In diesem Zustand der Ruhe kommt die Erstarrung ueber +sie; sie werden wohl dabei von der aeussern Luft nicht ganz abgesperrt, und +so gering auch der Zutritt derselben seyn mag, er reicht hin, den +Athmungsprozess bei einer Eidechse zu unterhalten, die ausnehmend grosse +Lungensaecke hat, die keine Muskelbewegungen vornimmt und bei der fast alle +Lebensverrichtungen stocken. Die Temperatur des vertrockneten, dem +Sonnenstrahl ausgesetzten Schlammes betraegt im Mittel wahrscheinlich mehr +als 40 deg.. Als es im noerdlichen Egypten, wo im kuehlsten Monat die Temperatur +nicht unter 13 deg.,4 sinkt, noch Krokodile gab, wurden diese haeufig von der +Kaelte betaeubt. Sie waren einem *Winterschlaf* unterworfen, gleich unsern +Froeschen, Salamandern, Uferschwalben und Murmelthieren. Wenn die +Erstarrung im Winter bei Thieren mit warmem Blut, wie bei solchen mit +kaltem vorkommt, so kann man sich eben nicht wundern, dass in beiden +Klassen auch Faelle von *Sommerschlaf* vorkommen. Gleich den Krokodilen in +Suedamerika liegen die Tenrecs oder Igel auf Madagascar mitten in der +heissen Zone drei Monate des Jahres in Erstarrung. + +Am 25. Maerz kamen wir ueber den ebensten Strich der Steppen von Caracas, +die *Mesa de Pavones*. Die Corypha- und Murichepalme fehlen hier ganz. +Soweit das Auge reicht, gewahrt man keinen Gegenstand, der auch nur +fuenfzehn Zoll hoch waere. Die Luft war rein und der Himmel tief blau, aber +den Horizont saeumte ein blasser, gelblicher Schein, der ohne Zweifel von +der Menge des in der Luft schwebenden Sandes herruehrte. Wir trafen grosse +Heerden, und bei ihnen Schaaren schwarzer Voegel mit olivenfarbigem Glanz +von der Gattung _Crotophoga_ die dem Vieh nachgehen. Wir sahen sie haeufig +den Kuehen auf dem Ruecken sitzen und Bremsen und andere Insekten suchen. +Gleich mehreren Voegeln dieser Einoede scheuen sie so wenig vor dem +Menschen, dass Kinder sie oft mit der Hand fangen. In den Thaelern von +Aragua, wo sie sehr haeufig sind, setzten sie sich am hellen Tag auf unsere +Haengematten, waehrend wir darin lagen. + +Zwischen Calabozo, Uritucu und der Mesa de Pavones kann man ueberall, wo +der Boden von Menschenhand wenige Fuss tief ausgegraben ist, die +geologischen Verhaeltnisse der Llanos beobachten. Ein rother Sandstein(77) +(altes Conglomerat) streicht ueber mehrere tausend Quadratmeilen weg. Wir +fanden ihn spaeter wieder in den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am +oestlichen Saum der Provinz Jaen de Bracamoros. Diese ungeheure Verbreitung +des rothen Sandsteins auf den tiefgelegenen Landstrichen ostwaerts von den +Anden ist eine der auffallendsten geologischen Erscheinungen, die ich +unter den Tropen beobachtet. + +Nachdem wir in den oeden Savanen der Mesa de Pavones lange ohne die Spur +eines Pfades umhergeirrt, sahen wir zu unserer freudigen Ueberraschung +einen einsamen Hof vor uns, den _Hato de alta Gracia_ der von Gaerten und +kleinen Teichen mit klarem Wasser umgeben ist. Hecken von *Azedarac* +liefen um Gruppen von *Icaquesbaeumen*, die voll Fruechten hingen. Eine +Strecke weiter uebernachteten wir beim kleinen Dorfe San Geronymo del +Guayaval, das Missionaere vom Kapuzinerorden gegruendet haben. Es liegt am +Ufer des Rio Guarico, der in den Apure faellt. Ich besuchte den +Geistlichen, der in der Kirche wohnen musste, weil noch kein Priesterhaus +gebaut war. Der junge Mann nahm uns aufs zuvorkommendste auf und gab uns +ueber Alles die verlangte Auskunft. Sein Dorf, oder, um den officiellen +Ausdruck der Moenche zu gebrauchen, seine *Mission*, war nicht leicht zu +regieren. Der Stifter, der keinen Anstand genommen, auf seine Rechnung +eine *Pulperia* zu errichten, das heisst sogar in der Kirche Bananen und +Guarapo zu verkaufen, war auch bei Aufnahme der Colonisten nicht ekel +gewesen. Viele Landstreicher aus den Llanos hatten sich in Guayaval +niedergelassen, weil die Einwohner einer Mission dem weltlichen Arm +entrueckt sind. Hier wie in Neu-Holland kann man erst in der zweiten oder +dritten Generation auf gute Colonisten rechnen. + +Wir setzten ueber den Rio Guarico und uebernachteten in den Savanen suedlich +vom Guayaval. Ungeheure Fledermaeuse, wahrscheinlich von der Sippe der +Phyllostomen, flatterten, wie gewoehnlich, einen guten Theil der Nacht ueber +unsern Haengematten. Man meint jeden Augenblick, sie wollen sich einem ins +Gesicht einkrallen. Am fruehen Morgen setzten wir unsern Weg ueber tiefe, +haeufig unter Wasser stehende Landstriche fort. In der Regenzeit kann man +zwischen dem Guarico und dem Apure im Kahn fahren, wie auf einem See. Es +begleitete uns ein Mann, der alle Hoefe (Hatos) in den Llanos besucht +hatte, um Pferde zu kaufen. Er hatte fuer tausend Pferde 2200 Piaster +gegeben.(78) Man bezahlt natuerlich desto weniger, je bedeutender der Kauf +ist. Am 27. Maerz langten wir in der Villa de San Fernando, dem Hauptort +der Missionen der Kapuziner in der Provinz Barinas, an. Damit waren wir am +Ziel unserer Reise ueber die Ebenen, denn die drei Monate April, Mai und +Juni brachten wir auf den Stroemen zu. + + ------------------ + + + + + + 68 Ich erinnere die Reisenden an den Weg vom Ursernthal zum + Gotthardshospiz und von da nach Airolo. + + 69 LIVIUS, _L. 38_, c. 75 + + 70 Offene baumlose Savanen, _limpias de arboles_ + + 71 Y{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}. HERODOT, _Melpomene_. + + 72 Der Zaque war das weltliche Oberhaupt von Cundinamarca. Er theilte + die oberste Gewalt mit dem Hohenpriester (Lama) von Iraca. + + 73 Band I, Seite 216 + + 74 PLINIUS, _L. XII_, c. VII. + + 75 Die Indianer versichern, wenn man Pferde zwei Tage hinter einander + in einer Lache laufen lasse, in der es sehr viele Gymnoten gibt, + gehe am zweiten Tag kein Pferd mehr zu Grunde. + + 76 HUMBOLDTs _Versuche ueber die gereizte Muskelfaser_. Vol. 1. p. + 323--329. + + 77 Rothes Todtliegendes, oder aeltester Floetzsandstein der Freiberger + Schule. + + 78 In den Llanos von Calabozo und am Guayaval kostet ein junger Stier + von zwei bis drei Jahren einen Piaster. Ist er verschnitten (in sehr + heissen Laendern eine ziemlich gefaehrliche Operation), so ist er 5 bis + 6 Piaster werth. Eine an der Sonne getrocknete Ochsenhaut gilt 21/2 + Silberrealen (1 Peso = 8 Realen); ein Huhn 2 Realen; ein Schaf, in + Barquesimeto und Truxillo, denn ostwaerts von diesen Staedten gibt es + keine, 3 Realen. Da diese Preise sich nothwendig veraendern werden, + je mehr die Bevoelkerung in den spanischen Colonien zunimmt, so + schien es mir nicht unwichtig, hier Angaben niederzulegen, die + kuenftig bei nationaloekonomischen Untersuchungen als Anhaltspunkte + dienen koennen. + + + + + + +LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE + + +Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt. + +BARROW, SIR JOHN. _A Voyage to Cochinchina in the Years 1792 and 1793._ +(1806) +DELPECHE. _Sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812._ +GARCIA, GREGORIO. _Origen de los indios del nuevo mundo._ (1607) +HERODOT. _Melpomene._ +HORAZ. _Oden._ +HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essay politique sur le Mexique._ +HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essai politique sur le royaume de la nouvelle +Espagne._ +HUMBOLDT, ALEXANDER. _Versuche ueber die gereizte Muskel- und Nervenfaser : +nebst Vermuthungen ueber den chemischen Process des Lebens in der Thier- +und Pflanzenwelt._ (1797) +LA CONDAMINE, CHARLES MARIE DE. _Journal du voyage fait par ordre du Roi, +a l'Equateur servant d'introduction historique a la Mesure des trois +premiers degres du Meridien._ (1751) +LIVIUS. _L. 38._ +OVIEDO Y BANOS, JOSE DE. _Historia de la conquista y poblacion de la +Provincia de Venezuela._ _Geschichte der Provinz Venezuela._ (1723) +PLINIUS. _L. XII._ +DE PONS, FRANCOIS RAYMOND JOSEPH. _Reise in den oestlichen Theil von +Terrafirma in Sued-Amerika : unternommen in den Jahren 1801, 1802, 1803 +und 1804 / von Depons. Aus d. Franz. uebers. von Chr. Weyland._ (1808) +RITTER, KARL. _Erdkunde._ Bd. I. +TACITUS. _Agricola._ +TACITUS. _Germania._ +TORQUEMADA, JUAN DE. _Monarchia Indiana. Los veintiun libros rituales i +monarchia indiana con el origen y guerras de los Indios Occidentales, de +sus poblaciones, descubrimientos, conquista, conversion y otras cosas +maravillosas de la misma tierra._ (1615) +ULLOA, ANTONIO DE. _ Noticias americanas: entretenimientos +fisico-historicos sobre la America Meridional, y la Septentrional +oriental: comparacion general de los territorios, climas y producciones en +las tres especies vegetal, animal y mineral; con una relacion particular +de los Indios de aquellos paises, sus costumbres y usos, de las +petrificaciones de cuerpos marinos, y de las antigueedades. Con un discurso +sobre el idioma, y conjeturas sobre el modo con que pasaron los primeros +pobladores._ (1792) + + + + + +ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS + + +Vom Korrekturleser wurden mehrere Aenderungen am Originaltext vorgenommen. +Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes +aendern, wurden im Text belassen. + +Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden +geaenderten Fassung. + + + +Ausdrucks ueberraschen. Tumanacu: Wespe, uane-imu, woertlich: Vater +Ausdrucks ueberraschen. Tamanacu: Wespe, uane-imu, woertlich: Vater + +stieg wieder bis eilf Uhr Abends +stieg wieder bis elf Uhr Abends + +des Centauren, Achernar, ss des Centauren, Fomahault +des Centauren, Achernar, ss des Centauren, Fomalhaut + +darnach, und die Voelkerschaft der Guaraons, deren Existenz +darnach, und die Voelkerschaft der Guaranos, deren Existenz + +Governador, Alcaden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! +Governador, Alcalden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! + +Sterculia und Coccololoba excoriata bewachsenen Boden +Sterculia und Coccoloba excoriata bewachsenen Boden + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.*** + + + + +CREDITS + + +2008 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + R. Stephan + + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 24746.txt or 24746.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/7/4/24746/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + +Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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