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diff --git a/24677-h/24677-h.htm b/24677-h/24677-h.htm new file mode 100644 index 0000000..9927cbd --- /dev/null +++ b/24677-h/24677-h.htm @@ -0,0 +1,2198 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title>The Project Gutenberg eBook of Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst, by Ferruccio Busoni</title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + @page { margin-top: 0.5cm; + margin-bottom: 0.5cm; + margin-left: 1cm; + margin-right: 1cm; + } + + ins { text-decoration: none; border-bottom: 1px dashed #039; } + + @media print { + ins { text-decoration: none; border: none; } + + #tnote, pre { display: none; } + + .music { width: 12cm; height: 4.56cm; } + } + + @media screen, handheld { + body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } + } + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + text-indent: 1.5em; + } + + h1 { text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; + } + + hr { background-color: black; border: none; height: 1px; } + hr.tb { padding-top: 2em; visibility: hidden; } + + cite { font-style: normal; } + + em.gesperrt, em.antiqua { font-weight: normal; } + .gesperrt { letter-spacing: 0.15em; font-style: normal; } + .antiqua { font-style: italic; } + + .note { font-family: Courier, "Courier New", Monospace; } + + .center { text-align: center; } + .right { text-align: right; } + + .figcenter { margin: auto; text-align: center; } + + .pagenum { position: absolute; + left: 88%; + font-size: small; + text-align: right; + color: #808080; + } + @media print { + .pagenum { display: none; } + } + + .nowrap { white-space: nowrap; } + + .footnotes { margin-top: 6em; margin-bottom: 120px; padding: 20px; page-break-before: always; } + .footnote .label, + .fnanchor { vertical-align: super; text-decoration: none; font-size: x-small; font-weight: normal; } + @media print { + .footnote .label, .fnanchor { color: black; } + .footnote .label { vertical-align: text-top; font-size: medium; } + } + @media screen, handheld { + .footnotes { border: 1px dashed #808080; } + .footnote { margin-left: 5%; margin-right: 5%; } + } + + .dropcap, .noindent, .footnote p { text-indent: 0; } + .dropcap:first-letter { font-size: 250%; float: left; margin: -0.1em 0.1em 0 0; } + + #tnote { width: 30em; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #f6f6f6; + text-align: justify; + padding: 0.5em; + margin: 80px auto 80px auto; + page-break-after: always; + } +// --> +/* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst, by +Ferruccio Busoni + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst + +Author: Ferruccio Busoni + +Release Date: February 23, 2008 [EBook #24677] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENTWURF EINER NEUEN ÄSTHETIK *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div id="tnote"><p class="center noindent" style="font-weight: bold;">Anmerkungen zur Transkription:</p> +<p class="noindent">Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.</p> +<p class="noindent">Änderungen sind im Text mit einer strichlierten blauen Linie gekennzeichnet, der +<ins title="so wie hier">Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p></div> + +<p class="center noindent" style="padding-top: 4em;"><big style="font-size: 150%; letter-spacing: 0.15em;">Ferruccio Busoni</big></p> + +<h1 style="letter-spacing: 0.1em; margin-bottom: 6em;">Entwurf<br/> +einer neuen Ästhetik<br/> +der Tonkunst</h1> + +<div class="figcenter" style="width: 90px;"> +<img src="images/emblem.png" width="90" height="88" alt="" title="" /> +</div> + +<p class="center noindent" style="letter-spacing: 0.1em;">Zweite, erweiterte Ausgabe</p> + +<hr style="width: 18em;"/> + +<p class="center noindent"><big style="font-size: 120%; letter-spacing: 0.1em;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</big></p> + + +<p class="center noindent" style="padding-top: 8em; line-height: 1.5em; page-break-before: always; page-break-after: always;">Dem Musiker in Worten<br/> +<big style="font-size: 120%; letter-spacing: 0.15em;">Rainer Maria Rilke</big><br/> +verehrungsvoll und freundschaftlich<br/> +dargeboten</p> + + +<div style="width: 22em; margin: auto; padding-left: 10em; padding-top: 8em; page-break-after: always;"> +<p class="noindent">„Was sucht Ihr? Sagt! Und was erwartet Ihr?“<br/> +„Ich weiß es nicht; ich will das Unbekannte!<br/> +Was mir bekannt, ist unbegrenzt. Ich will<br/> +darüber noch. Mir fehlt das letzte Wort.“</p> + +<p class="right noindent">„<cite>Der mächtige Zauberer</cite>“.</p> +</div> + +<blockquote style="width: 70%; padding-left: 20%; padding-bottom: 3em; padding-top: 8em;"> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5">[5]</a></span> +„Ich fühlte … daß ich kein englisches und kein lateinisches +Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund … +nämlich weil die Sprache, in welcher nicht nur zu schreiben, +sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder +die lateinische, noch die englische, noch die italienische und +spanische ist, sondern eine Sprache, von deren Worten mir +auch nicht eines bekannt ist, eine Sprache, in welcher die +stummen Dinge zu mir sprechen und in welcher ich vielleicht +einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten +werde.“</p> + +<p class="right"><cite>Hugo von Hofmannsthal, „Ein Brief“</cite>.</p> +</blockquote> + +<p class="dropcap">Der literarischen Gestaltung nach recht locker aneinander +gefügt, sind diese Aufzeichnungen in Wahrheit das Ergebnis +von lange und langsam gereiften Überzeugungen.</p> + +<p>In ihnen wird ein größtes Problem mit scheinbarer Unbefangenheit +aufgestellt, ohne daß der Schlüssel zu seiner +letzten Lösung gegeben werde, weil das Problem auf Menschenalter +hinaus nicht – wenn überhaupt – lösbar ist.</p> + +<p>Aber es begreift in sich eine unaufgezählte Reihe minderer +Probleme, auf die ich das Nachdenken derjenigen +lenke, die es betrifft. Denn recht lange schon hatte man in +der Musik ernstlichem Suchen nicht sich hingegeben.</p> + +<p>Wohl entsteht zu jeder Zeit Geniales und Bewunderungswertes, +und ich stellte mich stets in die erste Reihe, die vorüberziehenden +Fahnenträger freudig zu begrüßen; aber mir +will es scheinen, daß die mannigfachen Wege, die beschritten +werden, zwar in schöne Weiten führen, aber nicht – nach +oben.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Der Geist eines Kunstwerkes, das Maß der Empfindung, +das Menschliche, das in ihm ist – sie bleiben durch wechselnde +Zeiten unverändert an Wert; die Form, die diese drei aufnahm, +die Mittel, die sie ausdrückten, und der Geschmack, +<span class="pagenum"><a name="Page_6">[6]</a></span> +den die Epoche ihres Entstehens über sie ausgoß, sie sind +vergänglich und rasch alternd.</p> + +<p>Geist und Empfindung bewahren ihre Art, so im Kunstwerk +wie im Menschen; technische Errungenschaften, bereitwilligst +erkannt und bewundert, werden überholt, oder der +Geschmack wendet sich von ihnen gesättigt <span class="nowrap">ab. –</span></p> + +<p>Die vergänglichen Eigenschaften machen das „Moderne“ +eines Werkes aus; die unveränderlichen bewahren es +davor, „altmodisch“ zu werden. Im „Modernen“ wie im +„Alten“ gibt es Gutes und Schlechtes, Echtes und Unechtes. +Absolut Modernes existiert nicht – nur früher oder später +Entstandenes; länger blühend oder schneller welkend. Immer +gab es Modernes, und immer <span class="nowrap">Altes. –</span></p> + +<p>Die Kunstformen sind um so dauernder, je näher sie sich +an das Wesen der einzelnen Kunstgattung halten, je reiner +sie sich in ihren natürlichen Mitteln und Zielen bewahren.</p> + +<p>Die Plastik verzichtet auf den Ausdruck der menschlichen +Pupille und auf die Farben; die Malerei degradiert, wenn +sie die darstellende Fläche verläßt und sich zur Theaterdekoration +oder zum Panoramabild <span class="nowrap">kompliziert; –</span></p> + +<p>die Architektur hat ihre Grundform, die von unten nach +oben zu schreiten muß, durch statische Notwendigkeit vorgeschrieben; +Fenster und Dach geben notgedrungen die mittlere +und abschließende Ausgestaltung; diese Bedingungen +sind an ihr bleibend und <span class="nowrap">unverletzbar; –</span></p> + +<p>die Dichtung gebietet über den abstrakten Gedanken, den +sie in Worte kleidet; sie reicht an die weitesten Grenzen und +hat die größere Unabhängigkeit voraus:</p> + +<blockquote><p class="noindent">aber alle Künste, Mittel und Formen erzielen beständig +das eine, nämlich die Abbildung der Natur und die +Wiedergabe der menschlichen Empfindungen.</p></blockquote> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_7">[7]</a></span> +Architektur, Plastik, Dichtung und Malerei sind alte und +reife Künste; ihre Begriffe sind gefestigt und ihre Ziele sicher +geworden; sie haben durch Jahrtausende den Weg gefunden +und beschreiben, wie ein Planet, regelmäßig ihren Kreis.<a name="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p> + +<p>Ihnen gegenüber ist die Tonkunst das Kind, das zwar +gehen gelernt hat, aber noch geführt werden muß. Es ist +eine jungfräuliche Kunst, die noch nichts erlebt und gelitten +hat.</p> + +<p>Sie ist sich selbst noch nicht bewußt dessen, was sie kleidet, +der Vorzüge, die sie besitzt, und der Fähigkeiten, die in ihr +schlummern: wiederum ist sie ein Wunderkind, das schon viel +Schönes geben kann, schon viele erfreuen konnte und dessen +Gaben allgemein für völlig ausgereift gehalten werden.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Die Musik als Kunst, die sogenannte abendländische +Musik, ist kaum vierhundert Jahre alt, sie lebt im Zustande +der Entwicklung; vielleicht im allerersten Stadium einer +noch unabsehbaren Entwicklung, und wir sprechen von Klassikern +und geheiligten Traditionen!<a name="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> Spricht doch bereits +ein Cherubini, in seinem Lehrbuch des Kontrapunktes, von +„den Alten“.</p> + +<p>Wir haben Regeln formuliert, Prinzipien aufgestellt, Gesetze +vorgeschrieben <span class="nowrap">– – –</span> wir wenden die Gesetze der +Erwachsenen auf ein Kind an, das die Verantwortung noch +nicht kennt!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_8">[8]</a></span> +So jung es ist, dieses Kind, eine strahlende Eigenschaft +ist an ihm schon erkennbar, die es vor allen seinen älteren +Gefährten auszeichnet. Und diese wundersame Eigenschaft +wollen die Gesetzgeber nicht sehen, weil ihre Gesetze sonst +über den Haufen geworfen würden. Das Kind – es schwebt! +Es berührt nicht die Erde mit seinen Füßen. Es ist nicht +der Schwere unterworfen. Es ist fast unkörperlich. Seine +Materie ist durchsichtig. Es ist tönende Luft. Es ist fast die +Natur selbst. Es ist frei.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Freiheit ist aber etwas, das die Menschen nie völlig begriffen +noch gänzlich empfunden haben. Sie können sie nicht +erkennen noch anerkennen.</p> + +<p>Sie verleugnen die Bestimmung dieses Kindes und fesseln +es. Das schwebende Wesen muß geziemend gehen, muß, +wie jeder andere, den Regeln des Anstandes sich fügen; +kaum, daß es hüpfen darf – indessen es seine Lust wäre, +der Linie des Regenbogens zu folgen und mit den Wolken +Sonnenstrahlen zu brechen.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre +Bestimmung. Sie wird der vollständigste aller Naturwiderscheine +werden durch die Ungebundenheit ihrer Unmaterialität. +Selbst das dichterische Wort steht ihr an Unkörperlichkeit +nach; sie kann sich zusammenballen und kann +auseinanderfließen, die regloseste Ruhe und das lebhafteste +Stürmen sein; sie hat die höchsten Höhen, die Menschen +wahrnehmbar sind – welche andere Kunst hat das? –, und +ihre Empfindung trifft die menschliche Brust mit jener Intensität, +die vom „Begriffe“ unabhängig ist.</p> + +<p>Sie gibt ein Temperament wieder, ohne es zu beschreiben, +<span class="pagenum"><a name="Page_9">[9]</a></span> +mit der Beweglichkeit der Seele, mit der Lebendigkeit +der aufeinanderfolgenden Momente; dort, wo der Maler +oder der Bildhauer nur eine Seite oder einen Augenblick, +eine „Situation“ darstellen kann und der Dichter ein Temperament +und dessen Regungen mühsam durch angereihte +Worte mitteilt.</p> + +<p>Darum sind Darstellung und Beschreibung nicht das +Wesen der Tonkunst; somit sprechen wir die Ablehnung der +Programmusik aus und gelangen zu der Frage nach den +Zielen der Tonkunst.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Absolute Musik! Was die Gesetzgeber darunter meinen, +ist vielleicht das Entfernteste vom Absoluten in der Musik. +„Absolute Musik“ ist ein Formenspiel ohne dichterisches Programm, +wobei die Form die wichtigste Rolle abgibt. Aber +gerade die Form steht der absoluten Musik entgegengesetzt, +die doch den göttlichen Vorzug erhielt zu schweben und von +den Bedingungen der Materie frei zu sein. Auf dem Bilde +endet die Darstellung eines Sonnenunterganges mit dem +Rahmen; die unbegrenzte Naturerscheinung erhält eine viereckige +Abgrenzung; die einmal gewählte Zeichnung der +Wolke steht für immer unveränderlich da. Die Musik kann +sich erhellen, sich verdunkeln, sich verschieben und endlich verhauchen +wie die Himmelserscheinung selbst, und der Instinkt +bestimmt den schaffenden Musiker, diejenigen Töne zu verwenden, +die in dem Innern des Menschen auf dieselbe +Taste drücken und denselben Widerhall erwecken, wie die +Vorgänge in der Natur.</p> + +<p>Absolute Musik ist dagegen etwas ganz Nüchternes, welches +an geordnet aufgestellte Notenpulte erinnert, an Verhältnis +von Tonika und Dominante, an Durchführungen und Kodas.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_10">[10]</a></span> +Da höre ich den zweiten Geiger, wie er sich eine Quart +tiefer abmüht, den gewandteren ersten nachzuahmen, höre +einen unnötigen Kampf auskämpfen, um dahin zu gelangen, +wo man schon am Anfang stand. Diese Musik sollte vielmehr +die architektonische heißen, oder die symmetrische, oder +die eingeteilte, und sie stammt daher, daß einzelne Tondichter +ihren Geist und ihre Empfindung in eine solche Form +gossen, weil es ihnen oder der Zeit am nächsten lag. Die +Gesetzgeber haben Geist, Empfindung, die Individualität +jener Tonsetzer und ihre Zeit mit der symmetrischen Musik +identifiziert und schließlich – da sie weder den Geist, noch +die Empfindung, noch die Zeit wiedergebären konnten – die +Form als Symbol behalten und sie zum Schild, zur Glaubenslehre +erhoben. Die Tondichter suchten und fanden diese Form +als das geeignetste Mittel, ihre Gedanken mitzuteilen; sie +entschwebten – und die Gesetzgeber entdecken und verwahren +Euphorions auf der Erde zurückgebliebene Gewänder:</p> + +<div style="width: 19em; margin: auto;"> +„Noch immer glücklich aufgefunden!<br /> +Die Flamme freilich ist verschwunden,<br /> +Doch ist mir um die Welt nicht leid.<br /> +Hier bleibt genug, Poeten einzuweihen,<br /> +Zu stiften Gold- und Handwerksneid;<br /> +Und kann ich die Talente nicht verleihen,<br /> +Verborg ich wenigstens das Kleid.“</div> + +<p>Ists nicht eigentümlich, daß man vom Komponisten in +allem Originalität fordert und daß man sie ihm in der +Form verbietet? Was Wunder, daß man ihn – wenn er +wirklich originell wird – der Formlosigkeit anklagt. Mozart! +den Sucher und den Finder, den großen Menschen +mit dem kindlichen Herzen, ihn staunen wir an, an ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_11">[11]</a></span> +hängen wir; nicht aber an seiner Tonika und Dominante, +seinen Durchführungen und Kodas.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Solche Befreiungslust erfüllte einen Beethoven, den +romantischen Revolutionsmenschen, daß er einen kleinen +Schritt in der Zurückführung der Musik zu ihrer höheren +Natur aufstieg; einen kleinen Schritt in der großen Aufgabe, +einen großen Schritt in seinem eigenen Weg. Die +ganz absolute Musik hat er nicht erreicht, aber in einzelnen +Augenblicken geahnt, wie in der Introduktion zur Fuge der +Hammerklavier-Sonate. Überhaupt kamen die Tondichter +in den vorbereitenden und vermittelnden Sätzen (Vorspielen +und Übergängen) der wahren Natur der Musik am nächsten, +wo sie glaubten, die symmetrischen Verhältnisse außer acht +lassen zu dürfen und selbst unbewußt frei aufzuatmen schienen. +Selbst einen so viel kleineren Schumann ergreift an solchen +Stellen etwas von dem Unbegrenzten dieser Pan-Kunst +– man denke an die Überleitung zum letzten Satze der D-Moll-Sinfonie +–, und Gleiches kann man von Brahms +und der Introduktion zum Finale seiner ersten Sinfonie behaupten.</p> + +<p>Aber sobald sie die Schwelle des Hauptsatzes beschreiten, +wird ihre Haltung steif und konventionell wie die eines +Mannes, der in ein Amtszimmer tritt.</p> + +<p>Neben Beethoven ist Bach der „Ur-Musik“ am verwandtesten. +Seine Orgelfantasien (und nicht die Fugen) +haben unzweifelhaft einen starken Zug von Landschaftlichem +(dem Architektonisch Entgegenstehenden), von Eingebungen, +die man „Mensch und Natur“ überschreiben möchte<a name="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>; bei +<span class="pagenum"><a name="Page_12">[12]</a></span> +ihm gestaltet es sich am unbefangensten, weil er noch über +seine Vorgänger hinwegschritt – (wenn er sie auch bewunderte +und sogar benutzte) – und weil ihm die noch junge +Errungenschaft der temperierten Stimmung vorläufig unendlich +neue Möglichkeiten erstehen ließ.</p> + +<p>Darum sind Bach und Beethoven<a name="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> als ein Anfang +aufzufassen und nicht als unzuübertreffende Abgeschlossenheiten. +Unübertrefflich werden wahrscheinlich ihr Geist und +ihre Empfindung bleiben; und das bestätigt wiederum das +zu Beginn dieser Zeilen Gesagte. Nämlich, daß die Empfindung +und der Geist durch den Wechsel der Zeiten an Wert +nichts einbüßen, und daß derjenige, der ihre höchsten Höhen +ersteigt, jederzeit über die Menge ragen wird.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Was noch überstiegen werden soll, ist ihre Ausdrucksform +und ihre Freiheit. Wagner, ein germanischer Riese, +der im Orchesterklang den irdischen Horizont streifte, der die +Ausdrucksform zwar steigerte, aber in ein System brachte +(Musikdrama, Deklamation, Leitmotiv), ist durch die selbstgeschaffenen +Grenzen nicht weiter steigerungsfähig. Seine +Kategorie beginnt und endet mit ihm selbst; vorerst weil er +sie zur höchsten Vollendung, zu einer Abrundung brachte; +sodann, weil die selbstgestellte Aufgabe derart war, daß +sie von einem Menschen allein bewältigt werden konnte. +<span class="pagenum"><a name="Page_13">[13]</a></span> +„Er gibt uns zugleich mit dem Problem auch die Lösung“, +wie ich einmal von Mozart sagte. Die Wege, die uns Beethoven +eröffnet, können nur von Generationen zurückgelegt +werden. Sie mögen – wie alles im Weltsystem – nur +einen Kreis bilden; dieser ist aber von solchen Dimensionen, +daß der Teil, den wir von ihm sehen, uns als gerade Linie +erscheint. Wagners Kreis überblicken wir vollständig. – +Ein Kreis im großen Kreise.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Der Name Wagner führt zur Programmusik zurück. +Sie ist als ein Gegensatz zu der sogenannten „absoluten“ +Musik aufgestellt worden, und die Begriffe haben sich so verhärtet, +daß selbst die Verständigen sich an den einen oder +an den anderen Glauben halten, ohne eine dritte, außer und +über den beiden liegende Möglichkeit anzunehmen. In +Wirklichkeit ist die Programmusik ebenso einseitig und +begrenzt wie das als absolute Musik verkündete, von Hanslick +verherrlichte Klang-Tapetenmuster. Anstatt architektonischer +und symmetrischer Formeln, anstatt der Tonika- und +Dominantverhältnisse hat sie das bindende dichterische, zuweilen +gar philosophische Programm als wie eine Schiene +sich angeschnürt.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Jedes Motiv – so will es mir scheinen – enthält wie +ein Samen seinen Trieb in sich. Verschiedene Pflanzensamen +treiben verschiedene Pflanzenarten, an Form, Blättern, +Blüten, Früchten, Wuchs und Farben voneinander +abweichend.<a name="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_14">[14]</a></span> +Selbst eine und dieselbe Pflanzengattung wächst an Ausdehnung, +Gestalt und Kraft, in jedem Exemplar selbständig +geartet. So liegt in jedem Motiv schon seine vollgereifte +Form vorbestimmt; jedes einzelne muß sich anders entfalten, +doch jedes folgt darin der Notwendigkeit der ewigen Harmonie. +Diese Form bleibt unzerstörbar, doch niemals sich +gleich.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Das Klangmotiv des programmusikalischen Werkes +birgt die nämlichen Bedingungen in sich; es muß aber – +schon bei seiner nächsten Entwicklungsphase – sich nicht +nach dem eigenen Gesetz, sondern nach dem des „Programmes“ +formen, vielmehr „krümmen“. Dergestalt, gleich in +der ersten Bildung aus dem naturgesetzlichen Wege gebracht, +gelangt es schließlich zu einem ganz unerwarteten +Gipfel, wohin nicht seine Organisation, sondern das Programm, +die Handlung, die philosophische Idee vorsätzlich es +geführt.</p> + +<p>Fürwahr, eine begrenzte, primitive Kunst! Gewiß gibt +es nicht mißzudeutende, tonmalende Ausdrücke – (sie haben +die Veranlassung zu dem ganzen Prinzip gegeben) –, aber +es sind wenige und kleine Mittel, die einen ganz geringen +Teil der Tonkunst ausmachen. Das wahrnehmbarste von +ihnen, die Erniedrigung des Klanges zu Schall, bei Nachahmung +von Naturgeräuschen: das Rollen des Donners, +das Rauschen der Bäume und die Tierlaute; und +schon weniger wahrnehmbar, symbolisch, die dem Gesichtssinn +entnommenen Nachbildungen, wie Blitzesleuchten, +Sprungbewegungen, Vogelflug; nur durch Übertragung +des reflektierenden Gehirns verständlich: das Trompetensignal +als kriegerisches Symbol, die Schalmei als ländliches +<span class="pagenum"><a name="Page_15">[15]</a></span> +Schild, der Marschrhythmus in der Bedeutung des Schreitens, +der Choral als Träger der religiösen Empfindung. +Zählen wir noch das Nationalcharakteristische – Nationalinstrumente, +Nationalweisen – zum vorigen, so haben +wir die Rüstkammer der Programmusik erschöpfend besichtigt. +Bewegung und Ruhe, Moll und Dur, Hoch und +Tief<a name="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> in ihrer herkömmlichen Bedeutung ergänzen das +Inventar. Das sind gut verwendbare Nebenhilfsmittel in +einem großen Rahmen, aber allein genommen ebensowenig +Musik, als Wachsfiguren Monumente zu nennen sind.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Und was kann schließlich die Darstellung eines kleinen +Vorganges auf Erden, der Bericht über einen ärgerlichen +Nachbar – gleichviel ob in der angrenzenden Stube oder +im angrenzenden Weltteile – mit jener Musik, die durch +das Weltall zieht, gemeinsam haben?</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Wohl ist es der Musik gegeben, die menschlichen Gemütszustände +schwingen zu lassen: Angst (Leporello), Beklemmung, +Erstarkung, Ermattung (Beethovens letzte Quartette), Entschluß +(Wotan), Zögern, Niedergeschlagenheit, Ermunterung, +Härte, Weichheit, Aufregung, Beruhigung, das Überraschende, +das Erwartungsvolle, und mehr; ebenso den inneren +Widerklang äußerer Ereignisse, der in jenen Gemütsstimmungen +enthalten ist. Nicht aber den Beweggrund jener +Seelenregungen selbst: nicht die Freude über eine beseitigte +Gefahr, nicht die Gefahr oder die Art der Gefahr, welche +die Angst hervorruft; wohl einen Leidenschaftszustand, aber +wiederum nicht die psychische Gattung dieser Leidenschaft, +<span class="pagenum"><a name="Page_16">[16]</a></span> +ob Neid oder Eifersucht; ebenso vergeblich ist es, moralische +Eigenschaften, Eitelkeit, Klugheit, in Töne umzusetzen oder +gar abstrakte Begriffe, wie Wahrheit und Gerechtigkeit, +durch sie aussprechen zu wollen. Könnte man denken, wie +ein armer, doch zufriedener Mensch in Musik wiederzugeben +wäre? Die Zufriedenheit, der seelische Teil, kann zu Musik +werden; wo bleibt aber die Armut, das ethische Problem, +das hier wichtig war: zwar arm, jedoch zufrieden. Das +kommt daher, daß „arm“ eine Form irdischer und gesellschaftlicher +Zustände ist, die in der ewigen Harmonie nicht zu +finden ist. Musik ist aber ein Teil des schwingenden Weltalls.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Der größte Teil neuerer Theatermusik leidet an dem +Fehler, daß sie die Vorgänge, die sich auf der Bühne abspielen, +wiederholen will, anstatt ihrer eigentlichen Aufgabe +nachzugehen, den Seelenzustand der handelnden Personen +während jener Vorgänge zu tragen. Wenn die Bühne die +Illusion eines Gewitters vortäuscht, so ist dieses Ereignis +durch das Auge erschöpfend wahrgenommen. Fast alle +Komponisten bemühen sich jedoch, das Gewitter in Tönen +zu beschreiben, welches nicht nur eine unnötige <ins title="nud">und</ins> schwächere +Wiederholung, sondern zugleich eine Versäumnis ihrer Aufgabe +ist. Die Person auf der Bühne wird entweder von +dem Gewitter seelisch beeinflußt, oder ihr Gemüt verweilt infolge +von Gedanken, die es stärker in Anspruch nehmen, unbeirrt. +Das Gewitter ist sichtbar und hörbar ohne Hilfe der +Musik; was aber in der Seele des Menschen währenddessen +vorgeht, das Unsichtbare und Unhörbare, das soll die Musik +verständlich machen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_17">[17]</a></span> +Wiederum gibt es „sichtbare“ Seelenzustände auf der +Bühne, um die sich die Musik nicht zu kümmern braucht. +Nehmen wir die theatralische Situation<a name="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>, daß eine lustige +nächtliche Gesellschaft sich singend entfernt und dem Auge +entschwindet, indessen im Vordergrund ein schweigsamer, erbitterter +Zweikampf ausgefochten wird. Hier wird die Musik +die dem Auge nicht mehr erreichbare lustige Gesellschaft +durch den fortzusetzenden Gesang gegenwärtig halten müssen: +was die beiden vorderen treiben und dabei empfinden, ist +ohne jede weitere Erläuterung erkennbar, und die Musik +darf, dramatisch gesprochen, nicht sich daran beteiligen, das +tragische Schweigen nicht brechen.</p> + +<p>Für bedingt gerechtfertigt halte ich den Modus der alten +Oper, welche die durch eine dramatisch-bewegte Szene gewonnene +Stimmung in einem geschlossenen Stücke zusammenfaßte +und ausklingen ließ (Arie). – Wort und Gesten +vermittelten den dramatischen Gang der Handlung, von der +Musik mehr oder weniger dürftig rezitativisch gefolgt; an +dem Ruhepunkt angelangt, nahm die Musik den Hauptsitz +wieder ein. Das ist weniger äußerlich, als man es jetzt +glauben machen will. Wieder war es aber die versteifte +Form der „Arie“ selbst, die zu der Unwahrheit des Ausdrucks +und zum Verfall führte.</p> + +<p>Immer wird das gesungene Wort auf der Bühne eine +Konvention bleiben und ein Hindernis für alle wahrhaftige +Wirkung: aus diesem Konflikt mit Anstand hervorzugehen, +wird eine Handlung, in welcher die Personen singend agieren, +von Anfang an auf das Unglaubhafte, Unwahre, Unwahrscheinliche +gestellt sein müssen, auf daß eine Unmöglichkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_18">[18]</a></span> +die andere stütze und so beide möglich und annehmbar +werden.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Schon deshalb, und weil er von vornherein dieses wichtigste +Prinzip ignoriert, sehe ich den sogenannten italienischen Verismus +für die musikalische Bühne als unhaltbar an.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Bei der Frage über die Zukunft der Oper ist es nötig, +über diese andere Klarheit zu gewinnen: „An welchen Momenten +ist die Musik auf der Bühne unerläßlich?“ Die +präzise Antwort gibt diese Auskunft: „Bei Tänzen, bei +Märschen, bei Liedern und – beim Eintreten des Übernatürlichen +in die Handlung.“</p> + +<p>Es ergibt sich demnach eine kommende Möglichkeit in der +Idee des übernatürlichen Stoffes. Und noch eine: in der +des absoluten „Spieles“, des unterhaltenden Verkleidungstreibens, +der Bühne als offenkundige und angesagte Verstellung, +in der Idee des Scherzes und der Unwirklichkeit +als Gegensätze zum Ernste und zur Wahrhaftigkeit des Lebens. +Dann ist es am rechten Platze, daß die Personen singend +ihre Liebe beteuern und ihren Haß ausladen, und daß sie +melodisch im Duell fallen, daß sie bei pathetischen Explosionen +auf hohen Tönen Fermaten aushalten; es ist dann am +rechten Platze, daß sie sich absichtlich anders gebärden als +im Leben, anstatt daß sie (wie in unseren Theatern und in +der Oper zumal) unabsichtlich alles verkehrt machen.</p> + +<p>Es sollte die Oper des Übernatürlichen oder des Unnatürlichen, +als der allein ihr natürlich zufallenden Region der +Erscheinungen und der Empfindungen, sich bemächtigen und +dergestalt eine Scheinwelt schaffen, die das Leben entweder +in einen Zauberspiegel oder einen Lachspiegel reflektiert; die +<span class="pagenum"><a name="Page_19">[19]</a></span> +bewußt das geben will, was in dem wirklichen Leben nicht +zu finden ist. Der Zauberspiegel für die ernste Oper, der +Lachspiegel für die heitere. Und lasset Tanz und Maskenspiel +und Spuk mit eingeflochten sein, auf daß der Zuschauer +der anmutigen Lüge auf jedem Schritt gewahr bleibe und +nicht sich ihr hingebe wie einem Erlebnis.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>So wie der Künstler, wo er rühren soll, nicht selber gerührt +werden darf – soll er nicht die Herrschaft über seine Mittel +im gegebenen Augenblicke einbüßen –, so darf auch der +Zuschauer, will er die theatralische Wirkung kosten, diese +niemals für Wirklichkeit ansehen, soll nicht der künstlerische +Genuß zur menschlichen Teilnahme herabsinken. Der Darsteller +„spiele“ – er erlebe nicht. Der Zuschauer bleibe ungläubig +und dadurch ungehindert im geistigen Empfangen +und Feinschmecken.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Auf solche Voraussetzungen gestützt, ließe sich eine Zukunft +für die Oper sehr wohl erwarten. Aber das erste und stärkste +Hindernis, fürchte ich, wird uns das Publikum selbst +bereiten.</p> + +<p>Es ist, wie mich dünkt, angesichts des Theaters durchaus +kriminell veranlagt, und man kann vermuten, daß die meisten +von der Bühne ein starkes menschliches Erlebnis wohl deshalb +fordern, weil ein solches ihren Durchschnittsexistenzen +fehlt; und wohl auch deswegen, weil ihnen der Mut zu +solchen Konflikten abgeht, nach welchen ihre Sehnsucht verlangt. +Und die Bühne spendet ihnen diese Konflikte, ohne +die begleitenden Gefahren und die schlimmen Folgen, unkompromittierend, +und vor allem: unanstrengend. Denn +das weiß das Publikum nicht und mag es nicht wissen, daß, +<span class="pagenum"><a name="Page_20">[20]</a></span> +um ein Kunstwerk zu empfangen, die halbe Arbeit an demselben +vom Empfänger selbst verrichtet werden muß.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Der Vortrag in der Musik stammt aus jenen freien +Höhen, aus welchen die Tonkunst selbst herabstieg. Wo ihr +droht, irdisch zu werden, hat er sie zu heben und ihr zu ihrem +ursprünglichen „schwebenden“ Zustand zu verhelfen.</p> + +<p>Die Notation, die Aufschreibung, von Musikstücken ist +zuerst ein ingeniöser Behelf, eine Improvisation festzuhalten, +um sie wiedererstehen zu lassen. Jene verhält sich aber zu +dieser wie das Porträt zum lebendigen Modell. Der Vortragende +hat die Starrheit der Zeichen wieder aufzulösen +und in Bewegung zu <span class="nowrap">bringen. –</span></p> + +<p>Die Gesetzgeber aber verlangen, daß der Vortragende +die Starrheit der Zeichen wiedergebe, und erachten die Wiedergabe +für um so vollkommener, je mehr sie sich an die Zeichen +hält.</p> + +<p>Was der Tonsetzer notgedrungen von seiner Inspiration +durch die Zeichen einbüßt<a name="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, das soll der Vortragende durch +seine eigene wiederherstellen.</p> + +<p>Den Gesetzgebern sind die Zeichen selbst das Wichtigste, +sie werden es ihnen mehr und mehr; die neue Tonkunst +wird aus den alten Zeichen abgeleitet, – sie bedeuten nun +die Tonkunst selbst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_21">[21]</a></span> +Läge es nun in der Macht der Gesetzgeber, so müßte ein +und dasselbe Tonstück stets in ein und demselben Zeitmaß +erklingen, sooft, von wem und unter welchen Bedingungen +es auch gespielt würde.</p> + +<p>Es <em class="gesperrt">ist</em> aber nicht möglich, die schwebende expansive Natur +<span class="pagenum"><a name="Page_22">[22]</a></span> +des göttlichen Kindes widersetzt sich; sie fordert das Gegenteil. +Jeder Tag beginnt anders als der vorige und doch +immer mit einer Morgenröte. – Große Künstler spielen +ihre eigenen Werke immer wieder verschieden, gestalten sie +im Augenblicke um, beschleunigen und halten zurück – wie +sie es nicht in Zeichen umsetzen konnten – und immer nach +den gegebenen Verhältnissen jener „ewigen Harmonie“.</p> + +<p>Da wird der Gesetzgeber unwillig und verweist den +Schöpfer auf dessen eigene Zeichen. So, wie es heute steht, +behält der Gesetzgeber recht.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>„Notation“ („Skription“) bringt mich auf Transkription: +gegenwärtig ein recht mißverstandener, fast schimpflicher +Begriff. Die häufige Opposition, die ich mit „Transkriptionen“ +erregte, und die Opposition, die oft unvernünftige +Kritik in mir hervorrief, veranlaßten mich zum Versuch, +über diesen Punkt Klarheit zu gewinnen. Was ich endgültig +darüber denke, ist: Jede Notation ist schon Transkription +eines abstrakten Einfalls. Mit dem Augenblick, da die Feder +sich seiner bemächtigt, verliert der Gedanke seine Originalgestalt. +Die Absicht, den Einfall aufzuschreiben, bedingt +schon die Wahl von Taktart und Tonart. Form- und Klangmittel, +für welche der Komponist sich entscheiden muß, bestimmen +mehr und mehr den Weg und die Grenzen.</p> + +<p>Es ist ähnlich wie mit dem Menschen. Nackt und mit +noch unbestimmbaren Neigungen geboren, entschließt er sich +oder wird er in einem gegebenen Augenblick zum Entschluß +getrieben, eine Laufbahn zu wählen. Mag auch vom Einfall +oder vom Menschen manches Originale, das unverwüstlich +ist, weiterbestehen: sie sind doch von dem Augenblick +<span class="pagenum"><a name="Page_23">[23]</a></span> +des Entschlusses an zum Typus einer Klasse herabgedrückt. +Der Einfall wird zu einer Sonate oder einem +Konzert, der Mensch zum Soldaten oder Priester. Das ist +ein Arrangement des Originals. Von dieser ersten zu einer +zweiten Transkription ist der Schritt verhältnismäßig kurz +und unwichtig. Doch wird im allgemeinen nur von der +zweiten Aufhebens gemacht. Dabei übersieht man, daß +eine Transkription die Originalfassung nicht zerstört, also +ein Verlust dieser durch jene nicht <span class="nowrap">entsteht. –</span></p> + +<p>Auch der Vortrag eines Werkes ist eine Transkription, +und auch dieser kann – er mag noch so frei sich gebärden – +niemals das Original aus der Welt schaffen.</p> + +<p><span class="nowrap">– Denn</span> das musikalische Kunstwerk steht, vor seinem +Ertönen und nachdem es vorübergeklungen, ganz und unversehrt +da. Es ist zugleich in und außer der Zeit, und +sein Wesen ist es, das uns eine greifbare Vorstellung des +sonst ungreifbaren Begriffes von der Idealität der Zeit +geben kann.</p> + +<p>Im übrigen muten die meisten Klavierkompositionen +Beethovens wie Transkriptionen vom Orchester an, die +meisten Schumannschen Orchesterwerke wie Übertragungen +vom Klavier – und sinds in gewisser Weise auch.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Merkwürdigerweise steht bei den „Buchstabentreuen“ +die Variationenform in großem Ansehen. Das ist seltsam, +weil die Variationenform – wenn sie über ein fremdes +Thema aufgebaut ist – eine ganze Reihe von Bearbeitungen +gibt, und zwar um so respektloser, je geistreicherer Art sie +sind.</p> + +<p>So gilt die Bearbeitung nicht, weil sie an dem Original +<span class="pagenum"><a name="Page_24">[24]</a></span> +ändert; und es gilt die Veränderung, obwohl sie das Original +bearbeitet.<a name="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p> + +<hr class="tb"/> + +<p>„Musikalisch“ ist ein Begriff, der den Deutschen angehört, +und die Anwendung des Wortes selbst findet sich in +dieser Sinnübertragung in keiner anderen Sprache. Es +ist ein Begriff, der den Deutschen angehört und nicht der +allgemeinen Kultur, und seine Bezeichnung ist falsch und +unübersetzbar. „Musikalisch“ ist von Musik hergeleitet, wie +„poetisch“ von Poesie und „physikalisch“ von Physik. Wenn +<span class="pagenum"><a name="Page_25">[25]</a></span> +ich sage: Schubert war einer der musikalischsten Menschen, +so ist das dasselbe, als ob ich sagte: Helmholtz war einer +der physikalischsten. Musikalisch ist: was in Rhythmen und +Intervallen tönt. Ein Schrank kann „musikalisch“ sein, +wenn er ein „Spielwerk“ enthält.<a name="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> Im vergleichenden +Sinne kann „musikalisch“ allenfalls noch wohllautend bedeuten.</p> + +<p>„Meine Verse sind zu musikalisch, als daß sie noch in +Musik gesetzt werden könnten,“ sagte mir einmal ein bekannter +Dichter.</p> + +<div style="width: 18em; margin: auto;"> +»<span lang="en" xml:lang="en" class="antiqua">Spirits moving musically<br /> +To a lutes well-tuned law</span>«<br /> +(„Geister schwebten musikalisch<br /> +zu der Laute wohlgestimmtem Satz“) +</div> + +<p class="noindent">schreibt <cite>E. A. Poe</cite>; endlich spricht man ganz richtig von +einem „musikalischen Lachen“, weil es wie Musik klingt.</p> + +<p>In der angewandten und fast ausschließlich gebrauchten +deutschen Bedeutung ist ein musikalischer Mensch ein solcher, +der dadurch Sinn für Musik bekundet, daß er das Technische +dieser Kunst wohl unterscheidet und empfindet. Unter +Technischem verstehe ich hier wieder den Rhythmus, die +Harmonie, die Intonation, die Stimmführung und die +Thematik. Je mehr Feinheiten er darin zu hören oder +wiederzugeben versteht, für um so musikalischer wird er gehalten.</p> + +<p>Bei dem großen Gewicht, das man auf diese Bestandteile +<span class="pagenum"><a name="Page_26">[26]</a></span> +der Tonkunst legt, ist selbstverständlich das „Musikalische“ +von höchster Bedeutung geworden. – Demnach müßte +ein Künstler, der technisch vollkommen spielt, für den meist +musikalischen Spieler gelten; weil man aber mit „Technik“ +nur die mechanische Beherrschung des Instrumentes meint, +so hat man „technisch“ und „musikalisch“ zu Gegensätzen gemacht.</p> + +<p>Man ist so weit gegangen, ein Musikstück selbst als „musikalisch“ +zu bezeichnen<a name="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, oder gar von einem großen Komponisten +wie Berlioz zu behaupten, er wäre es nicht in genügendem +Maße. „Unmusikalisch“ ist der stärkste Tadel; +er kennzeichnet den damit Betroffenen und macht ihn zum +Geächteten.</p> + +<p>In einem Lande wie Italien, wo der Sinn für musikalische +Freuden allgemein ist, wird diese Unterscheidung überflüssig, +und das Wort dafür ist in der Sprache nicht vorhanden. +In Frankreich, wo die Empfindung für Musik +nicht im Volke lebt, gibt es Musiker und Nichtmusiker. Von +den übrigen einige »<span lang="fr" xml:lang="fr" class="antiqua">aiment beaucoup la musique</span>«, oder +»<span lang="fr" xml:lang="fr" class="antiqua">ils ne l'aiment pas</span>«. Nur in Deutschland macht man eine +Ehrensache daraus, „musikalisch“ zu sein, das heißt, nicht +nur Liebe zur Musik zu empfinden, sondern hauptsächlich sie +in ihren technischen Ausdrucksmitteln zu verstehen und deren +Gesetze einzuhalten.</p> + +<p>Tausend Hände halten das schwebende Kind und bewachen +wohlmeinend seine Schritte, daß es nicht auffliege +und so vor einem ernstlichen Fall bewahrt bleibe. Aber es +<span class="pagenum"><a name="Page_27">[27]</a></span> +ist noch so jung und ist ewig; die Zeit seiner Freiheit wird +kommen. Wenn es aufhören wird, „musikalisch“ zu sein.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Gefühl ist eine moralische Ehrensache – wie die Ehrlichkeit +es ist –, eine Eigenschaft, die niemand sich absprechen +läßt – die im Leben gilt wie in der Kunst. Aber wenn im +Leben Gefühllosigkeit zugunsten einer brillanteren Charaktereigenschaft +– wie beispielsweise Tapferkeit, Unbestechlichkeit +– noch verziehen wird, in der Kunst ist sie als +oberste moralische Qualität gestellt.</p> + +<p>Gefühl (in der Tonkunst) fordert aber zwei Gefährten: +Geschmack und Stil. Nun trifft man im Leben ebenso selten +auf Geschmack wie auf tiefes und wahres Gefühl, und was +den Stil anbelangt, so ist er künstlerisches Gebiet. Was +übrigbleibt, ist eine Vorstellung von Gefühl, das mit Rührseligkeit +und Geschwollenheit bezeichnet werden muß. Und +vor allem verlangt man seine deutliche Sichtbarkeit! Es +muß unterstrichen werden, auf daß jeder merke, sehe und +höre. Es wird vor den Augen des Publikums in starker +Vergrößerung auf die Leinwand projektiert, so daß es aufdringlich +und verschwommen vor den Augen tanzt; es wird +ausgeschrien, daß es denen, die der Kunst fernstehen, in +die Ohren dringe; übergoldet, auf daß es den Unbemittelten +Staunen entreiße.</p> + +<p>Denn auch im Leben übt man mehr die Äußerungen des +Gefühls, in Mienen und Worten; seltener und echter ist +jenes Gefühl, welches handelt, ohne zu reden, und am wertvollsten +ein Gefühl, das sich verbirgt.</p> + +<p>Unter Gefühl versteht man gemeinhin: Zartheit, Schmerzlichkeit +und Überschwenglichkeit des Ausdrucks.</p> + +<p>Was schließt nicht noch alles in sich die Wunderblume +<span class="pagenum"><a name="Page_28">[28]</a></span> +der Empfindung! Zurückhaltung und Schonung, Aufopferung, +Stärke, Tätigkeit, Geduld, Großmut, Freudigkeit +und jene allwaltende Intelligenz, von welcher das Gefühl +recht eigentlich stammt.</p> + +<p>Nicht anders in der Kunst, die das Leben widerspiegelt, +noch ausgesprochener in der Musik, welche die Empfindungen +des Lebens wiederholt: wozu jedoch – wie ich betonte – +der Geschmack hinzutreten muß und der Stil; der Stil, +der Kunst vom Leben unterscheidet.</p> + +<p>Worum der Laie, der mediokere Künstler sich mühen, ist +nur das Gefühl im kleinen, im Detail, auf kurze Strecken.</p> + +<p>Gefühl im großen verwechseln Laie, Halbkünstler, Publikum +(und leider auch die Kritik!) mit Mangel an Empfindung, +weil sie alle nicht vermögen, größere Strecken als +Teile eines noch größeren Ganzen zu hören. Also ist Gefühl +auch Ökonomie.</p> + +<p>Demnach unterscheide ich: Gefühl als Geschmack – als +Stil – als Ökonomie. Jedes ein Ganzes und jedes ein +Drittel des Ganzen. In ihnen und über ihnen waltet eine +subjektive Dreieinigkeit: das Temperament, die Intelligenz +und der Instinkt des Gleichgewichtes.</p> + +<p>Diese sechs führen einen Reigen von so subtiler Anordnung +der Paarung und der Verschlingung, des Tragens +und des Getragenwerdens, des Vortretens und Niederbückens, +des Bewegens und des Stillstehens, wie kein kunstvollerer +erdenkbar ist.</p> + +<p>Ist der Akkord der beiden Dreiklänge rein gestimmt, dann +darf, soll zum Gefühl sich gesellen die Phantasie: Auf jene +sechs gestützt, wird sie nicht ausarten, und aus dem Vereine +aller Elemente ersteht die Persönlichkeit. Diese empfängt +wie eine Linse die Lichteindrücke, wirft sie auf ihre Weise +<span class="pagenum"><a name="Page_29">[29]</a></span> +als Negativ zurück, und dem Hörer erscheint das richtige +Bild.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Insoweit der Geschmack an dem Gefühle teilhat, ändert +dieses – wie alles – mit den Zeiten seine Ausdrucksformen. +Das heißt: eine oder die andere Seite des Gefühls wird +zu der einen oder der anderen Zeit bevorzugt, einseitig gepflegt, +besonders herausgekehrt.</p> + +<p>So war mit und nach Wagner eine schwelgerische Sinnlichkeit +an die Reihe gekommen: die Form der „Steigerung“ +im Affekt haben die Komponisten noch heute nicht überwunden. +Jedem ruhigen Beginnen folgte ein rasches Aufwärtstreiben. +Der darin unersättliche, aber nicht unerschöpfliche +Wagner verfiel notgedrungen auf den Ausweg, nach +einem erreichten Höhepunkte wieder leise anzusetzen, um +sofort von neuem anzuwachsen.</p> + +<p>Die neueren Franzosen zeigen eine Umkehr: ihr Gefühl +ist eine reflexive Keuschheit, vielleicht mehr noch eine zurückgehaltene +Sinnlichkeit: den bergigen aufsteigenden Pfaden +Wagners sind monotone Ebenen von dämmernder Gleichmäßigkeit +gefolgt.</p> + +<p>So bildet sich im Gefühl der „Stil“, wenn der Geschmack +es leitet.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Die „Apostel der Neunten Symphonie“ ersannen in der +Musik den Begriff der Tiefe. Er steht noch in vollem Werte, +zumal im germanischen Land. – Es gibt eine Tiefe des +Gefühls und eine Tiefe des Gedankens: – die letztere ist +literarisch und kann keine Anwendung auf Klänge haben.</p> + +<p>Die Tiefe des Gefühls ist hingegen seelisch und der Natur +der Musik durchaus zugehörig.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_30">[30]</a></span> +Die Apostel der Neunten Symphonie haben von der +Tiefe in der Musik eine besondere und nicht ganz festumrissene +Schätzung.</p> + +<p>Die Tiefe wird zur Breite, und man trachtet, sie durch +Schwere zu erreichen: sie zeigt sich sodann – durch Gedankenassoziation +– in der Bevorzugung der „tiefen“ Register +und (wie ich beobachten konnte) auch in einem Hineindeuten +eines zweiten, verborgenen Sinnes, meist eines literarischen.</p> + +<p>Wenn auch nicht die einzigen Merkmale, so sind doch diese +die bedeutsameren.</p> + +<p>Unter Tiefe des Gefühls dürfte jedoch jeder Freund der +Philosophie das Erschöpfende im Gefühle betrachten: das +volle Aufgehen in einer Stimmung.</p> + +<p>Wer mitten in einer echten, großen karnevalischen Situation +griesgrämig oder auch nur indifferent herumschleicht, +wer nicht von der gewaltigen Selbstsatire des Masken- +und Fratzentums, der Macht der Unbändigkeit über die Gesetze, +dem freigelassenen Rachegefühl des Witzes mitgerissen +und mitergriffen wird, der zeigt sich unfähig, sein Gefühl +in die Tiefe zu senken.</p> + +<p>Hier bestätigt es sich wieder, daß die Tiefe des Gefühls +in dem vollständigen Erfassen einer jeden – selbst der +leichtfertigsten – Stimmung ihre Wurzeln hat, – im +Wiedergeben ihre Blüten treibt: wohingegen die gangbare +Vorstellung vom tiefen Gefühle nur eine Seite +des Gefühls im Menschen herausgreift und diese spezialisiert.</p> + +<p>In dem sogenannten „Champagnerlied“ aus <span lang="it" xml:lang="it">Don Giovanni</span> +liegt mehr „Tiefe“ als in manchem Trauermarsche +oder Notturno: Tiefe des Gefühls äußert sich auch darin, +<span class="pagenum"><a name="Page_31">[31]</a></span> +daß man es nicht an Nebensächlichem und Unbedeutendem +vergeude.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Der Schaffende sollte kein überliefertes Gesetz auf Treu +und Glauben hinnehmen und sein eigenes Schaffen jenem +gegenüber von vornherein als Ausnahme betrachten. Er +müßte für seinen eigenen Fall ein entsprechendes eigenes +Gesetz suchen, formen und es nach der ersten vollkommenen +Anwendung wieder zerstören, um nicht selbst bei einem nächsten +Werke in Wiederholungen zu verfallen.</p> + +<p>Die Aufgabe des Schaffenden besteht darin, Gesetze aufzustellen, +und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegebenen Gesetzen +folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein.<a name="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a></p> + +<p>Die Schaffenskraft ist um so erkennbarer, je unabhängiger +sie von Überlieferungen sich zu machen vermag. Aber die +Absichtlichkeit im Umgehen der Gesetze kann nicht Schaffenskraft +vortäuschen, noch weniger erzeugen.</p> + +<p>Der echte Schaffende erstrebt im Grunde nur die Vollendung. +Und indem er diese mit seiner Individualität in +Einklang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Routine wird sehr geschätzt und oft verlangt; im Musik-„amte“ +wird sie beansprucht. Daß Routine in der Musik +überhaupt existieren und daß sie überdies zu einer vom Musiker +geforderten Bedingung gemacht werden kann, beweist +aber wiederum die engen Grenzen unserer Tonkunst. Routine +bedeutet: Erlangung und Anwendung weniger Erfahrungen +und Kunstgriffe auf alle vorkommenden Fälle. +<span class="pagenum"><a name="Page_32">[32]</a></span> +Demnach muß es eine erstaunliche Anzahl verwandter Fälle +geben. Nun erträume ich mir gern eine Art Kunstausübung, +bei welcher jeder Fall ein neuer, eine Ausnahme +wäre! Wie stünde das Heer der Praktiker hilf- und tatenlos +davor: es müßte schließlich den Rückzug antreten und +verschwinden. Die Routine wandelt den Tempel der Kunst +um in eine Fabrik. Sie zerstört das Schaffen. Denn +Schaffen heißt: aus Nichts erzeugen. Die Routine aber +gedeiht im Nachbilden. Sie ist die „Poesie, die sich kommandieren +läßt“. Weil sie der Allgemeinheit entspricht, herrscht +sie. Im Theater, im Orchester, im Virtuosen, im Unterricht. +Man möchte rufen: meidet die Routine, beginnt jedesmal, +als ob ihr nie begonnen hättet, wisset nichts, sondern denkt +und fühlet!</p> + +<p>Denn seht, die Millionen Weisen, die einst ertönen werden, +sie sind seit Anfang vorhanden, bereit, schweben im Äther +und mit ihnen andere Millionen, die niemals gehört werden. +Ihr braucht nur zu greifen, und ihr haltet eine Blüte, einen +Hauch des Meeresatems, einen Sonnenstrahl in der Hand; +meidet die Routine, denn sie greift nur nach dem, das eure +Stube erfüllt, und immer wieder nach dem nämlichen: so +bequem werdet ihr, daß ihr euch kaum mehr vom Lehnstuhl +erhebt und nur mehr nach dem Allernächsten greift. +Und Millionen Weisen sind seit Anfang vorhanden und +warten darauf, sich zu offenbaren!</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>„Das ist mein Unglück, daß ich keine Routine habe,“ +schreibt einmal Wagner an Liszt, als es mit der Komposition +des „Tristan“ nicht vorwärts wollte.</p> + +<p>Damit täuschte sich Wagner und maskierte sich vor anderen. +Er hatte zuviel Routine, und seine Kompositionsmaschinerie +<span class="pagenum"><a name="Page_33">[33]</a></span> +blieb stecken, sobald der Knoten in ihr entstand, +der nur mit Inspiration zu lösen war. Zwar löste Wagner +ihn schließlich, wenn es ihm gelang, die Routine beiseite zu +lassen; hätte er aber wirklich keine besessen, so hätte er es +ohne Bitterkeit behauptet.</p> + +<p>Immerhin drückt sich in dem Wagnerschen Briefsatz die +richtige künstlerische Verachtung für die Routine aus, insofern +als er diese ihn niedrig dünkende Eigenschaft sich +selbst abspricht und vorbeugt, daß andere sie ihm zuerkennen. +Er lobt sich selbst damit und gebärdet sich ironisch-verzweifelt. +Er ist tatsächlich unglücklich, daß die Komposition stockt, +tröstet sich aber reichlich mit dem Bewußtsein, daß sein Genie +über der billigen Handhabung der Routine steht; zugleich +kehrt er den Bescheidenen hervor, indem er schmerzlich eingesteht, +eine allgemein geschätzte und dem Handwerk zugehörige +Könnerschaft nicht sich angeeignet zu haben.</p> + +<p>Der Satz ist ein Meisterstück der instinktiven Schlauheit +des Erhaltungstriebes – beweist uns aber (und das ist +unser Ziel) die Geringheit der Routine im Schaffen.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>So eng geworden ist unser Tonkreis, so stereotyp seine +Ausdrucksform, daß es zurzeit nicht ein bekanntes Motiv +gibt, auf das nicht ein anderes bekanntes Motiv paßte, so +daß es zu gleicher Zeit mit dem ersten gespielt werden könnte. +Um nicht mich hier in Spielereien zu verlieren<a name="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a>, enthalte +ich mich jedes Beispiels.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_34">[34]</a></span> +Plötzlich, eines Tages, schien es mir klar geworden: daß +die Entfaltung der Tonkunst an unseren Musikinstrumenten +scheitert. Die Entfaltung des Komponisten an dem Studium +der Partituren. Wenn „Schaffen“, wie ich es definierte, +ein „Formen aus dem Nichts“ bedeuten soll (und es +kann nichts anderes bedeuten); – wenn Musik – (dieses +habe ich ebenfalls ausgesprochen) – zur „Originalität“, +nämlich zu ihrem eigenen reinen Wesen zurückstreben soll +(ein „Zurück“, das das eigentliche „Vorwärts“ sein muß); +– wenn sie Konventionen und Formeln wie ein verbrauchtes +Gewand ablegen und in schöner Nacktheit prangen soll; +– diesem Drange stehen die musikalischen Werkzeuge zunächst +im Wege. Die Instrumente sind an ihren Umfang, +ihre Klangart und ihre Ausführungsmöglichkeiten festgekettet, +und ihre hundert Ketten müssen den Schaffenwollenden +mitfesseln.</p> + +<p>Vergeblich wird jeder freie Flugversuch des Komponisten +sein; in den allerneuesten Partituren und noch in solchen +der nächsten Zukunft werden wir immer wieder auf die Eigentümlichkeiten +der Klarinetten, Posaunen und Geigen stoßen, +die eben nicht anders sich gebärden können, als es in ihrer +Beschränkung liegt<a name="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>; dazu gesellt sich die Manieriertheit +der Instrumentalisten in der Behandlung ihres Instrumentes; +der vibrierende Überschwang des Violoncells, der +<span class="pagenum"><a name="Page_35">[35]</a></span> +zögernde Ansatz des Hornes, die befangene Kurzatmigkeit +der Oboe, die prahlhafte Geläufigkeit der Klarinette; derart, +daß in einem neuen und selbständigeren Werke notgedrungen +immer wieder dasselbe Klangbild sich zusammenformt +und daß der unabhängigste Komponist in all dieses +Unabänderliche hinein- und hinabgezogen wird.</p> + +<p>Vielleicht, daß noch nicht alle Möglichkeiten innerhalb +dieser Grenzen ausgebeutet wurden – die polyphone Harmonik +dürfte noch manches Klangphänomen erzeugen +können –, aber die Erschöpftheit wartet sicher am Ende einer +Bahn, deren längste Strecke bereits zurückgelegt ist. Wohin +wenden wir dann unseren Blick, nach welcher Richtung +führt der nächste Schritt?</p> + +<p>Ich meine, zum abstrakten Klange, zur hindernislosen +Technik, zur tonlichen Unabgegrenztheit. Dahin müssen alle +Bemühungen zielen, daß ein neuer Anfang jungfräulich +erstehe.</p> + +<p>Der zum Schaffen Geborene wird zuerst die negative, +die verantwortlich-große Aufgabe haben, von allem Gelernten, +Gehörten und Scheinbar-Musikalischen sich zu befreien; +um, nach der vollendeten Räumung, eine inbrünstig-aszetische +Gesammeltheit in sich zu beschwören, die ihn befähigt, +den inneren Klang zu erlauschen und zur weiteren Stufe +zu gelangen, diesen auch den Menschen mitzuteilen. Diesen +Giotto eines musikalischen Rinascimento wird die Weihe +der legendarischen Persönlichkeit krönen. Der ersten Offenbarung +wird sodann eine Epoche religiöser Musikgeschäftigkeit +folgen, daran kein Zunftwesen ein Teil haben kann, insofern +als die Berufenen und Eingeweihten unverkennbar, +und nur diese die Vollbringenden sein werden. An diesem +Zeitpunkt leuchtet die vollste Blüte, vielleicht die erste in +<span class="pagenum"><a name="Page_36">[36]</a></span> +der Musikgeschichte der Menschheit. Ich sehe auch, wie die +Dekadenz beginnt und die reinen Begriffe sich verwirren +und wie der Orden entweiht <span class="nowrap">wird …</span></p> + +<p>Es ist das Schicksal der Späteren, und wir – heute – +sind ihnen ähnlich, wie die Kindheit dem Greisenalter.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Was in unserer heutigen Tonkunst ihrem Urwesen am +nächsten rückt, sind die Pause und die Fermate. Große +Vortragskünstler, Improvisatoren, wissen auch dieses Ausdruckswerkzeug +im höheren und ausgiebigeren Maße zu +verwerten. Die spannende Stille zwischen zwei Sätzen, +in dieser Umgebung selbst Musik, läßt weiter ahnen, als der +bestimmtere, aber deshalb weniger dehnbare Laut vermag.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>„Zeichen“ sind es auch, und nichts anderes, was wir heute +unser „Tonsystem“ nennen. Ein ingeniöser Behelf, etwas +von jener ewigen Harmonie festzuhalten; eine kümmerliche +Taschenausgabe jenes enzyklopädischen Werkes; künstliches +Licht anstatt Sonne. – Habt ihr bemerkt, wie die Menschen +über die glänzende Beleuchtung eines Saales den Mund +aufsperren? Sie tun es niemals über den millionenmal +stärkeren <span class="nowrap">Mittagssonnenschein. –</span></p> + +<p>Und auch hier sind die Zeichen bedeutsamer geworden +als das, was sie bedeuten sollen und nur andeuten können.</p> + +<p>Wie wichtig ist doch die „Terz“, die „Quinte“ und die +„Oktave“. Wie streng unterscheiden wir „Konsonanzen“ +und „Dissonanzen“ – da, wo es überhaupt Dissonanzen +nicht geben kann!</p> + +<p>Wir haben die Oktave in zwölf gleich voneinander entfernte +Stufen abgeteilt, weil wir uns irgendwie behelfen +mußten, und haben unsere Instrumente so eingerichtet, daß +<span class="pagenum"><a name="Page_37">[37]</a></span> +wir niemals darüber oder darunter oder dazwischen gelangen +können. Namentlich die Tasteninstrumente haben unser +Ohr gründlich eingeschult, so daß wir nicht mehr fähig sind, +anderes zu hören – als nur im Sinne der Unreinheit. +Und die Natur schuf eine unendliche Abstufung – unendlich! +wer weiß es heute noch?<a name="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a></p> + +<p>Und innerhalb dieser zwölfteiligen Oktave haben wir noch +eine Folge bestimmter Abstände abgesteckt, sieben an der +Zahl, und darauf unsere ganze Tonkunst gestellt. Was sagte +ich, eine Folge? Zwei solche Folgen, die Dur- und Moll-Skala. +Wenn wir dieselbe Folge von Abständen von einer +anderen der zwölf Zwischenstufen aus ansetzen, so gibt es eine +neue Tonart, und sogar eine fremde! Was für ein gewaltsam +beschränktes System diese erste Verworrenheit ergab<a name="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>, +steht in den Gesetzbüchern zu lesen: wir wollen es +nicht hier wiederholen.</p> + +<p>Wir lehren vierundzwanzig Tonarten, zwölfmal die beiden +Siebenfolgen, aber wir verfügen in der Tat nur über zwei: +<span class="pagenum"><a name="Page_38">[38]</a></span> +die Dur-Tonart und die Moll-Tonart. Die anderen sind +nur Transpositionen. Man will durch die einzelnen Transpositionen +einen verschiedenen Charakter entstehen hören: +aber das ist Täuschung. In England, wo die hohe +Stimmung herrscht, werden die bekanntesten Werke um +einen halben Ton höher gespielt, als sie notiert sind, ohne daß +ihre Wirkung verändert wird. Sänger transponieren zu +ihrer Bequemlichkeit ihre Arie und lassen, was dieser vorausgeht +und folgt, untransponiert spielen.</p> + +<p>Liederkomponisten geben ihre eigenen Werke nicht selten +in drei verschiedenen Höhen der Notation heraus; die Stücke +bleiben in allen drei Ausgaben vollkommen die nämlichen.</p> + +<p>Wenn ein bekanntes Gesicht aus dem Fenster sieht, so +gilt es gleich, ob es vom ersten oder vom dritten Stockwerk +herabschaut.</p> + +<p>Könnte man eine Gegend, soweit das Auge reicht, um +mehrere hundert Meter erhöhen oder vertiefen, das landschaftliche +Bild würde dadurch nichts verlieren noch gewinnen.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Auf die beiden Siebenfolgen, die Dur-Tonart und die +Moll-Tonart, hat man die ganze Tonkunst gestellt – eine +Einschränkung fordert die andere.</p> + +<p>Man hat jeder der beiden einen bestimmten Charakter +zugesprochen, man hat gelernt und gelehrt, sie als Gegensätze +zu hören, und allmählich haben sie die Bedeutung von +Symbolen erreicht – Dur und Moll – <em lang="it" xml:lang="it" class="antiqua">Maggiore e Minore</em> +– Befriedigung und Unbefriedigung – Freude und Trauer +– Licht und Schatten. Die harmonischen Symbole haben +den Ausdruck der Musik, von Bach bis Wagner und weiter +<span class="pagenum"><a name="Page_39">[39]</a></span> +noch bis heute und übermorgen, abgezäunt.<a name="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> Moll wird +in derselben Absicht gebraucht und übt dieselbe Wirkung auf +uns aus, heute wie vor zweihundert Jahren. Einen Trauermarsch +kann man heute nicht mehr „komponieren“, denn er +ist ein für allemal schon vorhanden. Selbst der <ins title="ungebildetetste">ungebildetste</ins> +Laie weiß, was ihn erwartet, sobald ein Trauermarsch +– irgendwelcher! – ertönen soll. Selbst der Laie fühlt +den Unterschied zwischen einer Dur- und Moll-Sinfonie +voraus.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Seltsam, daß man Dur und Moll als Gegensätze empfindet. +Tragen sie doch beide dasselbe Gesicht; jeweilig +heiterer und ernster; und ein kleiner Pinselstrich genügt, eines +in das andere zu kehren. Der Übergang vom einen zum +zweiten ist unmerklich und mühelos – geschieht er oft und +rasch, so beginnen die beiden unerkenntlich ineinander zu +flimmern. – Erkennen wir aber, daß Dur und Moll ein +doppeldeutiges Ganzes und daß die „vierundzwanzig Tonarten“ +nur eine elfmalige Transposition jener ersten zwei +sind, so gelangen wir ungezwungen zum Bewußtsein der +Einheit unseres Tonartensystems. Die Begriffe von verwandt +und fremd fallen ab – und damit die ganze verwickelte +Theorie von Graden und Verhältnissen. Wir +haben eine einzige Tonart. Aber sie ist sehr dürftiger Art.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>„Einheit der Tonart.“</p> + +<p><span class="nowrap">– „Sie</span> meinen wohl ‚Tonart‘ und ‚Tonarten‘ sind der +Sonnenstrahl und seine Zerlegung in Farben?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_40">[40]</a></span> +Nein, nicht das kann ich meinen. Denn unser ganzes +Ton-, Tonart- und Tonartensystem ist in seiner Gesamtheit +selbst nur der Teil eines Bruchteils eines zerlegten +Strahls jener Sonne „Musik“ am Himmel der „ewigen +Harmonie“.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>So sehr die Anhänglichkeit an Gewohntes und Trägheit +in des Menschen Weise und Wesen liegen – so sehr sind +Energie und Opposition gegen Bestehendes die Eigenschaften +alles Lebendigen. Die Natur hat ihre Kniffe und überführt +die Menschen, die gegen Fortschritt und Änderungen widerspenstigen +Menschen; die Natur schreitet beständig fort und +ändert unablässig, aber in so gleichmäßiger und unwahrnehmbarer +Bewegung, daß die Menschen nur Stillstand +sehen. Erst der weitere Rückblick zeigt ihnen das Überraschende, +daß sie die Getäuschten waren.</p> + +<p>Deshalb erregt der „Reformator“ Ärgernis bei den +Menschen aller Zeiten, weil seine Änderungen zu unvermittelt +und vor allem, weil sie wahrnehmbar sind. Der Reformator +ist – im Vergleich zur Natur – undiplomatisch, und es ist +ganz folgerichtig, daß seine Änderungen erst dann Gültigkeit +erlangen, wenn die Zeit den eigenmächtig vollführten +Sprung wieder auf ihre feine unmerkliche Weise eingeholt +hat. Doch gibt es Fälle, wo der Reformator mit der Zeit +gleichen Schritt ging, indessen die übrigen zurückblieben. +Und da muß man sie zwingen und dazu peitschen, den Sprung +über die versäumte Strecke zu springen. Ich glaube, daß die +Dur- und Moll-Tonart und ihr Transpositionsverhältnis, +daß das „Zwölfhalbtonsystem“ einen solchen Fall von Zurückgebliebenheit +darstellen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_41">[41]</a></span> +Daß schon einige empfunden haben, wie die Intervalle +der Siebenfolge noch anders geordnet (graduiert) werden +können, ist in vereinzelten Momenten bereits bei Liszt und +in der heutigen musikalischen Vorwärtsbewegung ausgesprochener +zur Erscheinung gekommen. Der Drang und +die Sehnsucht und der begabte Instinkt sprechen daraus. +Doch scheints mir nicht, daß eine bewußte und geordnete Vorstellung +dieser erhöhten Ausdrucksmittel sich geformt habe.</p> + +<p>Ich habe den Versuch gemacht, alle Möglichkeiten der +Abstufung der Siebenfolge zu gewinnen, und es gelang mir, +durch Erniedrigung und Erhöhung der Intervalle 113 verschiedene +Skalen festzustellen. Diese 113 Skalen (innerhalb +der Oktave <span class="note">C</span>–<span class="note">C</span>) begreifen den größten Teil der +bekannten „24 Tonarten“, außerdem aber eine Reihe neuer +Tonarten von eigenartigem Charakter. Damit ist aber der +Schatz nicht erschöpft, denn die „Transposition“ jeder einzelnen +dieser 113 steht uns ebenfalls noch offen und überdies +die Vermischung zweier (und weshalb nicht mehrerer?) +solcher Tonarten in Harmonie und Melodie.</p> + +<p>Die Skala <span class="note">c des es fes ges as b c</span> klingt schon bedeutend +anders als die <span class="note">des</span>-Moll-Tonleiter, wenn man <span class="note">c</span> als ihren +Grundton annimmt. Legt man ihr noch den gewöhnlichen +<span class="note">C</span>-Dur-Dreiklang als Harmonie unter, so ergibt sich eine +neue harmonische Empfindung. Man höre aber dieselbe Tonleiter +abwechselnd, vom <span class="note">A</span>-Moll-, <span class="note">Es</span>-Dur- und <span class="note">C</span>-Dur-Dreiklang +gestützt, und man wird sich der angenehmsten Überraschung +über den fremdartigen Wohllaut nicht erwehren +können.</p> + +<p>Wohin aber würde ein Gesetzgeber die Tonfolgen <span class="note">c des +es fes g a h c | c des es f ges a h c | c d es fes ges +a h c | c des e f ges a b c |</span> oder gar: <span class="note">c d es fes g </span> +<span class="pagenum"><a name="Page_42">[42]</a></span> +<span class="note">ais h c | c d es fes gis a h c | c des es fis gis a b c</span> +einreihen mögen?</p> + +<p>Welche Reichtümer sich damit für den melodischen und +harmonischen Ausdruck dem Ohr öffnen, ist nicht sogleich +zu übersehen; eine Menge neuer Möglichkeiten ist aber +zweifellos anzunehmen und auf den ersten Blick erkennbar.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Mit dieser Darstellung dürfte die Einheit aller Tonarten +endgültig ausgesprochen und begründet sein. Kaleidoskopisches +Durcheinanderschütteln von zwölf Halbtönen in der +Dreispiegelkammer des Geschmacks, der Empfindung und +der Intention: das Wesen der heutigen Harmonie.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Der heutigen Harmonie und nicht mehr auf lange: +denn alles verkündet eine Umwälzung und einen nächsten +Schritt zu jener „ewigen“. Vergegenwärtigen wir uns noch +einmal, daß in ihr die Abstufung der Oktave unendlich ist, +und trachten wir, der Unendlichkeit um ein weniges uns +zu nähern. Der Drittelton pocht schon seit einiger Zeit an +die Pforte, und wir überhören noch immer seine Meldung. +Wer, wie ich es getan, damit, wenn auch bescheiden, experimentierte +und – sei es mit der Kehle oder auf einer +Geige – zwischen einem Ganzton zwei gleichmäßig abstehende +Zwischentöne einschaltete, das Ohr und das Treffen übte, +der wird zur Einsicht gelangt sein, daß Dritteltöne vollkommen +selbständige Intervalle von ausgeprägtem Charakter +sind, mit verstimmten Halbtönen nicht zu verwechseln. +Es ist eine verfeinerte Chromatik, die uns vorläufig auf +der ganztönigen Skala zu basieren scheint. Führten wir +dieselbe unvermittelt ein, so verleugneten wir die Halbtöne, +verlören die „kleine Terz“ und die „reine Quinte“, und dieser +<span class="pagenum"><a name="Page_43">[43]</a></span> +Verlust würde stärker empfunden als der relative Gewinn +eines „Achtzehndritteltonsystems“.</p> + +<p>Es ist aber kein Grund ersichtlich, seinetwegen mit den +Halbtönen aufzuräumen. Behalten wir zu jedem Ganzton +einen Halbton, so erhalten wir eine zweite Reihe von Ganztönen, +die um einen halben Ton höher steht als die erste. +Teilen wir diese zweite Reihe von Ganztönen in Drittelteile +ein, dann ergibt sich zu jedem Drittelton der unteren +Reihe ein entsprechender Halbton in der oberen.</p> + +<p>Somit ist eigentlich ein Sechsteltonsystem entstanden, und +daß auch Sechsteltöne einstmals reden werden, darauf können +wir vertrauen. Das Tonsystem, das ich eben entwerfe, soll +aber vorerst das Gehör mit Dritteltönen füllen, ohne auf +die Halbtöne zu verzichten.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em;"> +<img class="music" src="images/music.png" width="600" height="228" alt="" title="" /> +</div> + +<p>Um es zusammenzufassen: Wir stellen entweder zwei +Reihen Dritteltöne, voneinander um einen halben Ton entfernt, +auf; oder: dreimal die übliche Zwölfhalbtonreihe im +Abstande von je einem Drittelton.</p> + +<p>Nennen wir, um sie irgendwie zu unterscheiden, den ersten +Ton <span class="note">C</span> und die beiden nächsten Dritteltöne <span class="note">Cis</span> und <span class="note">Des</span>; +den ersten Halbton (klein-)<span class="note">c</span> und seine folgenden Dritteile +<span class="pagenum"><a name="Page_44">[44]</a></span> +<span class="note">cis</span> und <span class="note">des</span>; – die vorhergehende Tabelle erklärt alles +Fehlende.</p> + +<p>Die Frage der Notation halte ich für nebensächlich. Wichtig +und drohend ist dagegen die Frage, wie und worauf diese +Töne zu erzeugen sind. Es trifft sich glücklich, daß ich während +der Arbeit an diesem Aufsatz eine direkte und authentische +Nachricht aus Amerika erhalte, welche die Frage in einfacher +Weise löst. Es ist die Mitteilung von Dr. Thaddeus Cahills +Erfindung.<a name="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> Dieser Mann hat einen umfangreichen Apparat +konstruiert, welcher es ermöglicht, einen elektrischen Strom +<span class="pagenum"><a name="Page_45">[45]</a></span> +in eine genau berechnete, unalterable Anzahl Schwingungen +zu verwandeln. Da die Tonhöhe von der Zahl der Schwingungen +abhängt und der Apparat auf jede gewünschte Zahl +zu „stellen“ ist, so ist durch diesen die unendliche Abstufung +der Oktave einfach das Werk eines Hebels, der mit dem +Zeiger eines Quadranten korrespondiert.</p> + +<p>Nur ein gewissenhaftes und langes Experimentieren, eine +fortgesetzte Erziehung des Ohres, werden dieses ungewohnte +Material einer heranwachsenden Generation und der Kunst +gefügig machen.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>Welch schöne Hoffnungen und traumhafte Vorstellungen +erwachen für sie! Wer hat nicht schon im Traume +<span class="pagenum"><a name="Page_46">[46]</a></span> +„geschwebt“? Und fest geglaubt, daß er den Traum erlebe? – +Nehmen wir es uns doch vor, die Musik ihrem Urwesen +zurückzuführen; befreien wir sie von architektonischen, akustischen +und ästhetischen Dogmen; lassen wir sie reine Erfindung +und Empfindung sein, in Harmonien, in Formen +und Klangfarben (denn Erfindung und Empfindung sind +nicht allein ein Vorrecht der Melodie); lassen wir sie der +Linie des Regenbogens folgen und mit den Wolken um die +Wette Sonnenstrahlen brechen; sie sei nichts anderes als +die Natur in der menschlichen Seele abgespiegelt und von +ihr wieder zurückgestrahlt; ist sie doch tönende Luft und über +die Luft hinausreichend; im Menschen selbst ebenso universell +und vollständig wie im Weltenraum; denn sie kann +sich zusammenballen und auseinanderfließen, ohne an +Intensität nachzulassen.</p> + +<hr class="tb"/> + +<p>In seinem Buche „<cite>Jenseits von Gut und Böse</cite>“ sagt +Nietzsche:</p> + +<blockquote> +<p>„Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht +für geboten. Gesetzt, daß man den Süden liebt, wie ich +ihn liebe, als eine große Schule der Genesung, im Geistigsten +und Sinnlichsten, als eine unbändige Sonnenfülle +und Sonnenverklärung, welche sich über ein selbstherrliches, +an sich glaubendes Dasein breitet: nun, ein solcher wird sich +etwas vor der deutschen Musik in acht nehmen lernen, weil +sie, indem sie seinen Geschmack zurückverdirbt, ihm die Gesundheit +mit zurückverdirbt.</p> + +<p>Ein solcher Südländer, nicht der Abkunft, sondern dem +Glauben nach, muß, falls er von der Zukunft der Musik +träumt, auch von einer Erlösung der Musik vom Norden +träumen und das Vorspiel einer tieferen, mächtigeren, vielleicht +<span class="pagenum"><a name="Page_47">[47]</a></span> +böseren und geheimnisvolleren Musik in seinen Ohren +haben, einer überdeutschen Musik, welche vor dem Anblick +des blauen, wollüstigen Meeres und der mittelländischen +Himmelshelle nicht verklingt, vergilbt, verblaßt, wie es alle +deutsche Musik tut, einer übereuropäischen Musik, die noch +vor den braunen Sonnenuntergängen der Wüste recht behält, +deren Seele mit der Palme verwandt ist und unter +großen, schönen, einsamen Raubtieren heimisch zu sein und +zu schweifen <span class="nowrap">versteht. – –</span></p> + +<p>Ich könnte mir eine Musik denken, deren seltenster Zauber +darin bestände, daß sie von Gut und Böse<a name="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> nichts mehr +wüßte, nur daß vielleicht irgendein Schifferheimweh, irgendwelche +goldne Schatten und zärtliche Schwächen hier und +da über sie hinwegliefen: eine Kunst, welche von großer Ferne +her die Farben einer untergehenden, fast unverständlich +gewordenen moralischen Welt zu sich flüchten sähe, und die +gastfreundlich und tief genug zum Empfang solcher späten +Flüchtlinge <span class="nowrap">wäre …“</span></p> +</blockquote> + +<p>Und Tolstoi läßt einen landschaftlichen Eindruck zu Musikempfindung +werden, wenn er in „<cite>Luzern</cite>“ schreibt:</p> + +<blockquote> +<p>„Weder auf dem See, noch an den Bergen, noch am +Himmel eine einzige gerade Linie, eine einzige ungemischte +Farbe, ein einziger Ruhepunkt – überall Bewegung, Unregelmäßigkeit, +Willkür, Mannigfaltigkeit, unaufhörliches +Ineinanderfließen von Schatten und Linien, und in allem +die Ruhe, Weichheit, Harmonie und Notwendigkeit des +Schönen.“</p> +</blockquote> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_48">[48]</a></span> +Wird diese Musik jemals erreicht?</p> + +<blockquote> +<p>„Nicht alle erreichen das Nirwana; aber jener, der von +Anfang an begabt, alles kennenlernt, was man kennen +soll, alles durchlebt, was man durchleben soll, verläßt, was +man verlassen soll, entwickelt, was man entwickeln soll, +verwirklicht, was man verwirklichen soll, der gelangt zum +Nirwana.“<a name="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> (<cite>Kern, „Geschichte des Buddhismus in +Indien“</cite>).</p> +</blockquote> + +<p>Ist Nirwana das Reich „Jenseits von Gut und Böse“, +so ist hier ein Weg dahin gewiesen. Bis an die Pforte. +Bis an das Gitter, das Menschen und Ewigkeit trennt – +oder das sich auftut, das zeitlich Gewesene einzulassen. Jenseits +der Pforte ertönt Musik. Keine Tonkunst.<a name="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> – +Vielleicht, daß wir erst selbst die Erde verlassen müssen, um +sie zu vernehmen. Doch nur dem Wanderer, der der irdischen +Fesseln unterwegs sich zu entkleiden gewußt, öffnet sich +das <span class="nowrap">Gitter. –</span></p> + +<p class="center" style="padding-top: 6em;"><small style="font-size: 0.9em;">Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei in Altenburg.</small></p> + +<div class="footnotes"> +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Dessenungeachtet können und werden an ihnen Geschmack und +Eigenart sich immer wieder verjüngen und erneuern.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> „Tradition“ +ist die nach dem Leben abgenommene Gipsmaske, die – durch den +Lauf vieler Jahre und die Hände ungezählter Handwerker gegangen – +schließlich ihre Ähnlichkeit mit dem Original nur mehr erraten läßt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Seine Passions-Rezitative haben das „Menschlich-Redende“, <em class="gesperrt">nicht</em> +„Richtig-Deklamierte“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Als die charakteristischen Merkmale von Beethovens Persönlichkeit +möchte ich nennen: den dichterischen Schwung, die starke menschliche Empfindung +(aus welcher seine revolutionäre Gesinnung entspringt) und +eine Vorverkündung des modernen Nervosismus. Diese Merkmale sind +gewiß jenen eines „Klassikers“ entgegengesetzt. Zudem ist Beethoven +kein „Meister“ im Sinne Mozarts oder des späteren Wagner, eben +weil seine Kunst die Andeutung einer größeren, noch nicht vollkommen +gewordenen, ist. (Man vergleiche den nächstfolgenden Absatz.)</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> <span lang="fr" xml:lang="fr" class="antiqua"><span class="nowrap">»– – – Beethoven,</span> dont les esquisses thématiques ou élémentaires +sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes <ins title="trouves">trouvés</ins>, semble par cela +même en avoir établi tout le <span class="nowrap">développement –«</span></span></p> +<p class="right">Vincent d'Indy in „<cite>César Franck</cite>“.</p> +</div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Vergleiche später die Sätze über die „Tiefe“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Aus Offenbachs »<cite lang="fr" xml:lang="fr" class="antiqua">Les contes <ins title="d' Hoffmann">d'Hoffmann</ins></cite>«.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> Wie sehr die Notation den Stil in der Musik beeinflußt, die Phantasie +fesselt, wie aus ihr die „Form“ sich bildete und aus der Form +der „Konventionalismus“ des Ausdrucks entstand, das zeigt sich recht +eindringlich, das rächt sich in tragischer Weise an E. T. A. Hoffmann, +der mir hier als ein typisches Beispiel einfällt.</p> + +<p>Dieses merkwürdigen Mannes Gehirnvorstellungen, die sich in das +Traumhafte verloren und im Transzendentalen schwelgten, wie seine +Schriften in oft unnachahmlicher Weise dartun, hätten – so würde +man folgern – in der an sich traumhaften und transzendentalen Kunst +der Töne erst recht die geeignete Sprache und Wirkung finden müssen. +Die Schleier der Mystik, das innere Klingen der Natur, die Schauer +des Übernatürlichen, die dämmerigen Unbestimmtheiten der schlafwachenden +Bilder – alles, was er mit dem präzisen Wort schon so +eindrucksvoll schilderte, das hätte er – man sollte denken – durch die +Musik erst völlig lebendig erstehen lassen. Man vergleiche dagegen +Hoffmanns bestes musikalisches Werk mit der schwächsten seiner literarischen +Produktionen, und man wird mit Trauer wahrnehmen, wie ein übernommenes +System von Taktarten, Perioden und Tonarten – zu dem +noch der landläufige Opernstil der Zeit das Seinige tut – aus dem +Dichter einen Philister machen konnte. – Wie aber ein anderes Ideal +der Musik ihm vorschwebte, entnehmen wir aus vielen und oft ausgezeichneten +Bemerkungen des Schriftstellers selbst. Von ihnen schließt +die folgende der Denkungsart dieses Büchleins am engsten sich an:</p> +<blockquote> +<p>„Nun! immer weiter fort und fort treibt der waltende Weltgeist; nie +kehren die verschwundenen Gestalten, so wie sie sich in der Lust des Lebens +bewegten, wieder: aber ewig, unvergänglich ist das Wahrhaftige, und +eine wunderbare Geistergemeinschaft schmiegt ihr geheimnisvolles Band +um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Noch leben geistig die +alten hohen Meister; nicht verklungen sind ihre Gesänge: nur nicht +vernommen wurden sie im brausenden, tosenden Geräusch des ausgelassenen +wilden Treibens, das über uns einbrach. Mag die Zeit der +Erfüllung unseres Hoffens nicht mehr fern sein, mag ein frommes Leben +in Friede und Freudigkeit beginnen und die Musik frei und kräftig ihre +Seraphschwingen regen, um aufs neue den Flug zu dem Jenseits zu +beginnen, das ihre Heimat ist und von welchem Trost und Heil in die +unruhvolle Brust des Menschen hinabstrahlt.“</p> +<p class="right">(<cite>E. T. A. Hoffmann, „Die Serapionsbrüder“.</cite>)</p> +</blockquote> +</div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Eine Einleitung des Verfassers zu einem Berliner Konzerte vom +November 1910 enthielt u. a. die folgenden Sätze: „Um das Wesen +der ‚Bearbeitung‘ mit einem entscheidenden Schlage in der Schätzung +des Lesers zu künstlerischer Würde zu erhöhen, bedarf es nur der +Nennung Johann Sebastian Bachs. Er war einer der fruchtbarsten +Bearbeiter eigener und fremder Stücke, namentlich als Organist. Von +ihm lernte ich die Wahrheit erkennen, daß eine gute, große, eine universelle +Musik dieselbe Musik bleibt, durch welche Mittel sie auch ertönen +mag. Aber auch die andere Wahrheit: daß verschiedene Mittel eine +verschiedene – ihnen eigene – Sprache haben, in der sie den nämlichen +Gehalt in immer neuer Deutung verkünden.“ – „Es kann der Mensch +nicht schaffen, nur verarbeiten, was er auf seiner Erde vorfindet.“ Man +bedenke überdies, daß jede Vorstellung einer Oper auf dem Theater, +durch Absicht teils und teils durch die Zufälle, die so zahlreiche mitwirkende +Elemente hineintragen, zu einer Bearbeitung wird und werden +muß. Noch nie erlebte ich von der Bühne aus einen Mozartschen „<cite lang="it" xml:lang="it">Don +Giovanni</cite>“, der dem anderen geglichen hätte. Der Regisseur scheint hier +– wie auch bei der „<cite>Zauberflöte</cite>“ – seinen Ehrgeiz darin zu finden, +die Szenen (und innerhalb der Szenen die Vorgänge) immer wieder +zu variieren und umzustellen. Auch hörte ich (leider) niemals, daß die +Kritik gegen die Übersetzung des Don Giovanni ins Deutsche sich +gewehrt hätte; wenngleich eine Übersetzung überhaupt (bei diesem +Meisterwerk des Zusammengusses von Text und Musik nun besonders) +als eine der bedenklichsten Bearbeitungen sich herausstellt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Die einzige Art Menschen, die man musikalisch nennen sollte, wären +die Sänger, weil sie selbst erklingen können. In derselben Weise könnte +ein Clown, der durch einen Trick Töne von sich gibt, sobald man ihn +berührt, ein nachgemachter musikalischer Mensch heißen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> „Diese Kompositionen sind aber so musikalisch“, sagte mir einmal +ein Geiger von einem vierhändigen Werkchen, das ich zu unbedeutend +fand.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Der einem nachgeht, überholt ihn nicht, soll Michelangelo gesagt +haben. Und über die nützliche Anwendung der „Kopien“ äußert +sich noch viel drastischer ein italienischer Spruch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> Eine solche Spielerei unternahm ich einmal mit einem Freunde, um +scherzeshalber festzustellen, wie viele von den verbreiteten Musikstücken +nach dem Schema des zweiten Themas im Adagio der Neunten Symphonie +gebildet waren. In wenigen Augenblicken hatten wir an fünfzehn +Analogien der verschiedensten Gattung beisammen, darunter welche +niederster Kunst. Und Beethoven selbst. Ist das Thema des Finale der +„fünften“ ein anderes als jenes, womit die „zweite“ ihr Allegro ansagt? +Und als das Hauptmotiv des dritten Klavierkonzerts, diesmal in Moll?</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> Und das ist das Siegreiche in Beethoven, daß er von allen „modernen“ +Tondichtern am wenigsten den Forderungen der Instrumente +nachgab. Hingegen ist es nicht zu leugnen, daß Wagner einen „Posaunensatz“ +geprägt hat, der – seit ihm – in den Partituren ständige +Wohnung nahm.</p></div> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> +„Die gleichschwebende zwölfstufige Temperatur, welche bereits seit +ca. 1500 theoretisch erörtert, aber erst kurz vor 1700 prinzipiell aufgestellt +wurde (durch Andreas Werkmeister), teilt die Oktave in zwölf +gleiche Teile (Halbtöne, daher „Zwölfhalbtonsystem“) und gewinnt damit +Mittelwerte, welche kein Intervall wirklich rein, aber alle leidlich +brauchbar intonieren.“</p> + +<p class="right">(<cite>Riemann, Musiklexikon.</cite>)</p> + +<p>So haben wir durch Andreas Werkmeister, diesem Werkmeister in +der Kunst, das „Zwölfhalbtonsystem“ mit lauter unreinen, aber leidlich +brauchbaren Intervallen gewonnen. Was ist aber rein und was unrein? +Unser Ohr hört ein verstimmtes Klavier, bei welchem vielleicht +„reine und brauchbare“ Intervalle entstanden sind, als unrein an. +Das diplomatische Zwölfersystem ist ein notgedrungener Behelf, und +doch wachen wir über die Wahrung seiner Unvollkommenheiten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> Man nennt es „Harmonielehre“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> So schrieb ich 1906. Die seither verflossenen zehn Jahre haben unser +Ohr ein klein wenig erziehen geholfen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> <cite lang="en" xml:lang="en" class="antiqua">»New Music for an old World. Dr. Thaddeus Cahills Dynamophone, +an extraordinary electrical Invention for producing scientifically +perfect music by Ray Stannard Baker«. Mc. Clure's Magazine, +July 1906. Vol. XXVII, <span class="nowrap">No. 3. –</span></cite> +</p><p> +Über diesen transzendentalen Tonerzeuger berichtet Mr. Baker des +weiteren: … Die Wahrnehmung der Unvollkommenheit der Tongebung +bei allen Instrumenten führte Dr. Cahill zum Nachdenken. +Material, Indisposition, Temperatur, klimatische Zustände beeinträchtigen +die Zuverlässigkeit eines jeden. Der Klavierspieler verliert die +Macht über den absterbenden Klang der Saite von dem Augenblick an, +wo die Taste angeschlagen wurde. Auf der Orgel kann die Empfindung +an der festgehaltenen Note nichts ändern. Dr. Cahill ersann die Idee +eines Instruments, welches dem Spieler die absolute Kontrolle über +jeden zu erzeugenden Ton und über dessen Ausdruck gewährte. Er +nahm sich die Theorien Helmholtz' zum Vorbild, die ihn lehrten, daß +die Verhältnisse der Zahl und der Stärke der Obertöne zum Grundton +den Ausschlag für den Klangcharakter der verschiedenen Instrumente +geben. Demnach konstruierte er zu dem Apparat, welcher den Grundton +schwingen läßt, eine Anzahl supplementärer Apparate, von welchen +jeder einen der Obertöne erzeugt, und konnte solche in beliebiger Anordnung +und Stärke dem Grundton zuhäufen. So ist jeder Klang einer +mannigfaltigsten Charakterisierung fähig, sein Ausdruck auf das empfindlichste +dynamisch zu regeln, die Stärke vom fast unhörbaren Pianissimo +bis zur unerträglichen Lautmacht zu produzieren. Und weil das +Instrument von einer Klaviatur aus gehandhabt wird, bleibt ihm die +Fähigkeit bewahrt, der Eigenart eines Künstlers zu folgen. +</p><p> +Eine Reihe solcher Klaviaturen von mehreren Spielern gespielt, kann +zu einem Orchester zusammengestellt werden. +</p><p> +Der Bau des Instrumentes ist außerordentlich umfangreich und kostspielig, +und sein praktischer Wert müßte mit Recht angezweifelt werden. +Zum Vermittler der Schwingungen zwischen dem elektrischen Strom +und der Luft wählte der Erfinder das Telephon-Diaphragma. Durch +diesen glücklichen Einfall ist es möglich geworden, von einer Zentralstelle +aus nach allen den mit Drähten verbundenen Plätzen, selbst auf große +Entfernungen hin, die Klänge des Apparates zu versenden; und gelungene +Experimente haben erwiesen, daß auf diesem Wege weder von +den Feinheiten noch von der Macht der Töne etwas eingebüßt wird. +Der in Verbindung stehende Raum wird zauberhaft mit Klang erfüllt, +einem wissenschaftlich vollkommenen, niemals versagenden Klang, +unsichtbar, mühelos und unermüdlich. Dem Bericht, dem ich diese Nachrichten +entnehme, sind authentische Photographien des Apparates beigegeben, +welche jeden Zweifel über die Wirklichkeit dieser allerdings +fast unglaublichen Schöpfung beseitigen. Der Apparat sieht aus wie +ein Maschinenraum.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> Hier macht sich Nietzsche eines Widerspruchs schuldig; träumt er +vorher von einer vielleicht „böseren“ Musik, so denkt er sich jetzt eine +Musik, die „von Gut und Böse nichts mehr wüßte“; – doch war mir +bei der Anführung um den letzteren Sinn zu tun.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Wie auf Verabredung schreibt mir dieser Tage (1906) Mr. Vincent +d'Indy: »<span lang="fr" xml:lang="fr" class="antiqua"><span class="nowrap">.… laissant</span> de côté les contingences et les petitesses de +la vie pour regarder constamment vers un idéal, qu'on ne pourra jamais +atteindre, mais dont il est permis de se rapprocher.</span>«</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Ich +glaube gelesen zu haben, daß Liszt seine Dante-Symphonie auf die +beiden Sätze »<cite lang="it" xml:lang="it" class="antiqua">Inferno</cite>« und »<cite lang="it" xml:lang="it" class="antiqua">Purgatorio</cite>« beschränkte, „weil unsere +Tonsprache für die Seligkeiten des Paradieses nicht ausreichte.“</p></div> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Entwurf einer neuen Ästhetik der +Tonkunst, by Ferruccio Busoni + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ENTWURF EINER NEUEN ÄSTHETIK *** + +***** This file should be named 24677-h.htm or 24677-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/6/7/24677/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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