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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:13:43 -0700
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+Project Gutenberg's Der rote Kampfflieger, by Manfred von Richthofen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der rote Kampfflieger
+
+Author: Manfred von Richthofen
+
+Release Date: February 11, 2008 [EBook #24572]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
+
+ Der rote
+ Kampfflieger
+
+ von
+
+ Rittmeister
+ Manfred Freiherrn von Richthofen
+
+ 151.–200. Tausend
+
+
+ 1917
+
+ Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Einiges von meiner Familie 9
+
+Meine Kadettenzeit 12
+
+Eintritt in die Armee 14
+
+Erste Offizierszeit 16
+
+Kriegsausbruch 19
+
+Überschreiten der Grenze 21
+
+Nach Frankreich 25
+
+Wie ich auf Patrouille zum erstenmal die Kugeln
+ pfeifen hörte 31
+
+Patrouillenritt mit Loen 37
+
+Langeweile vor Verdun 41
+
+Das erstemal in der Luft! 45
+
+Beobachtungsflieger bei Mackensen 48
+
+Mit Holck in Rußland 49
+
+Rußland–Ostende 55
+
+Ein Tropfen Blut fürs Vaterland 59
+
+Mein erster Luftkampf 61
+
+In der Champagne-Schlacht 63
+
+Wie ich Boelcke kennenlernte 65
+
+Der erste Alleinflug 67
+
+Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit 69
+
+Erste Zeit als Pilot 72
+
+Holck † 74
+
+Ein Gewitterflug 76
+
+Das erstemal auf einem Fokker 79
+
+Bombenflüge in Rußland 81
+
+Endlich! 88
+
+Mein erster Engländer 90
+
+Somme-Schlacht 94
+
+Boelcke † 96
+
+Der Achte 99
+
+Major Hawker 103
+
+#Pour le mérite# 106
+
+#Le petit rouge# 108
+
+Englische und französische Fliegerei 110
+
+Selbst abgeschossen 112
+
+Ein Fliegerstückchen 120
+
+Erste Dublette 122
+
+Mein bisher erfolgreichster Tag 127
+
+»Moritz« 130
+
+Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen 133
+
+Schäfers Notlandung zwischen den Linien 139
+
+Das Anti-Richthofen-Geschwader 144
+
+Der »alte Herr« kommt uns besuchen 147
+
+Flug in die Heimat 154
+
+Mein Bruder 163
+
+Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann 174
+
+Der Auerochs 176
+
+Infanterie-, Artillerie- und Aufklärungsflieger 180
+
+Unsere Flugzeuge 183
+
+
+[Illustration: Rittmeister Manfred Freiherr v. Richthofen]
+
+
+
+
+Einiges von meiner Familie
+
+
+Die Familie Richthofen hat sich in den bisherigen Kriegen an führender
+Stelle eigentlich verhältnismäßig wenig betätigt, da die Richthofens
+immer auf ihren Schollen gesessen haben. Einen Richthofen, der nicht
+angesessen war, gab es kaum. War er’s nicht, so war er meistenteils in
+Staatsdiensten. Mein Großvater, und von da ab alle meine Vorväter, saßen
+in der Gegend von Breslau und Striegau auf ihren Gütern. Erst in der
+Generation meines Großvaters wurde ein Vetter meines Großvaters als
+erster Richthofen General.
+
+In der Familie meiner Mutter, einer geborenen von Schickfuß und Neudorf,
+ist es ähnlich wie bei den Richthofens: wenig Soldaten, nur Agrarier.
+Der Bruder meines Urgroßvaters Schickfuß fiel 1806. In der Revolution
+1848 wurde einem Schickfuß eines seiner schönsten Schlösser abgebrannt.
+Im übrigen haben sie’s alle bloß bis zum Rittmeister der Reserve
+gebracht.
+
+Auch in der Familie Schickfuß sowohl wie Falckenhausen – meine
+Großmutter ist eine Falckenhausen – kann man nur zwei Hauptinteressen
+verfolgen. Das ist Reiten, siehe Falckenhausen, und Jagen, siehe den
+Bruder meiner Mutter, Onkel Alexander Schickfuß, der sehr viel in
+Afrika, Ceylon, Norwegen und Ungarn gejagt hat.
+
+Mein alter Herr ist eigentlich der erste in unserem Zweig, der auf den
+Gedanken kam, aktiver Offizier zu werden. Er kam früh ins Kadettenkorps
+und trat später von dort bei den 12. Ulanen ein. Er ist der
+pflichttreueste Soldat, den man sich denken kann. Er wurde schwerhörig
+und mußte den Abschied nehmen. Seine Schwerhörigkeit holte er sich, wie
+er einen seiner Leute bei der Pferdeschwemme aus dem Wasser rettete und
+nachher seinen Dienst beendete, ohne die Kälte und Nässe zu
+berücksichtigen.
+
+Unter der heutigen Generation sind natürlich sehr viel mehr Soldaten. Im
+Kriege ist jeder waffenfähige Richthofen bei der Fahne. So verlor ich
+gleich zu Anfang des Bewegungskrieges sechs Vettern verschiedenen
+Grades. Alle waren Kavalleristen.
+
+Genannt bin ich nach einem großen Onkel Manfred, in Friedenszeiten
+Flügeladjutant Seiner Majestät und Kommandeur der Gardedukorps, im
+Kriege Führer eines Kavalleriekorps.
+
+Nun noch von meiner Jugend. Der alte Herr stand in Breslau bei den
+Leibkürassieren 1, als ich am 2. Mai 1892 geboren wurde. Wir wohnten in
+Kleinburg. Ich hatte Privatunterricht bis zu meinem neunten Lebensjahre,
+dann ein Jahr Schule in Schweidnitz, später wurde ich Kadett in
+Wahlstatt. Die Schweidnitzer betrachteten mich aber durchaus als ein
+Schweidnitzer Kind. Im Kadettenkorps für meinen jetzigen Beruf
+vorbereitet, kam ich dann zum 1. Ulanenregiment.
+
+Was ich selbst erlebte, steht in diesem Buch.
+
+Mein Bruder Lothar ist der andere Flieger Richthofen. Ihn schmückt der
+#Pour le mérite#. Mein jüngster Bruder ist noch im Kadettenkorps und
+wartet sehnsüchtig darauf, sich gleichfalls zu betätigen. Meine
+Schwester ist, wie alle Damen unseres Familienkreises, in der Pflege der
+Verwundeten tätig.
+
+
+
+
+Meine Kadettenzeit
+
+(1903–1909 Wahlstatt, 1909–1911 Lichterfelde)
+
+
+Als kleiner Sextaner kam ich in das Kadettenkorps. Ich war nicht
+übermäßig gerne Kadett, aber es war der Wunsch meines Vaters, und so
+wurde ich wenig gefragt.
+
+Die strenge Zucht und Ordnung fiel einem so jungen Dachs besonders
+schwer. Für den Unterricht hatte ich nicht sonderlich viel übrig. War
+nie ein großes Lumen. Habe immer so viel geleistet, wie nötig war, um
+versetzt zu werden. Es war meiner Auffassung nach nicht mehr zu leisten,
+und ich hätte es für Streberei angesehen, wenn ich eine bessere
+Klassenarbeit geliefert hätte als »genügend«. Die natürliche Folge davon
+war, daß mich meine Pauker nicht übermäßig schätzten. Dagegen gefiel mir
+das Sportliche: Turnen, Fußballspielen usw., ganz ungeheuer. Es gab,
+glaube ich, keine Welle, die ich am Turnreck nicht machen konnte. So
+bekam ich bald einige Preise von meinem Kommandeur verliehen.
+
+Alle halsbrecherischen Stücke imponierten mir mächtig. So kroch ich
+z. B. eines schönen Tages mit meinem Freunde Frankenberg auf den
+bekannten Kirchturm von Wahlstatt am Blitzableiter herauf und band oben
+ein Taschentuch an. Genau weiß ich noch, wie schwierig es war, an den
+Dachrinnen vorbeizukommen. Mein Taschentuch habe ich, wie ich meinen
+kleinen Bruder einmal besuchte, etwa zehn Jahre später, noch immer oben
+hängen sehen.
+
+Mein Freund Frankenberg war das erste Opfer des Krieges, das ich zu
+Gesicht bekam.
+
+In Lichterfelde gefiel es mir schon bedeutend besser. Man war nicht mehr
+so abgeschnitten von der Welt und fing auch schon an, etwas mehr als
+Mensch zu leben.
+
+Meine schönsten Erinnerungen aus Lichterfelde sind die großen
+Korsowettspiele, bei denen ich sehr viel mit und gegen den Prinzen
+Friedrich Karl gefochten habe. Der Prinz erwarb sich damals so manchen
+ersten Preis. So im Wettlauf, Fußballspiel usw. gegen mich, der ich
+meinen Körper doch nicht so in der Vollendung trainiert hatte wie er.
+
+
+
+
+Eintritt in die Armee
+
+(Ostern 1911)
+
+
+Natürlich konnte ich es kaum erwarten, in die Armee eingestellt zu
+werden. Ich ging deshalb bereits nach meinem Fähnrichexamen in die Front
+und kam zum Ulanenregiment Nr. 1 »Kaiser Alexander III.«. Ich hatte mir
+dieses Regiment ausgesucht; es lag in meinem lieben Schlesien, auch
+hatte ich da einige Bekannte und Verwandte, die mir sehr dazu rieten.
+
+Der Dienst bei meinem Regiment gefiel mir ganz kolossal. Es ist eben
+doch das schönste für einen jungen Soldaten, »Kavallerist« zu sein.
+
+Über meine Kriegsschulzeit kann ich eigentlich wenig sagen. Sie
+erinnerte mich zu sehr an das Kadettenkorps und ist mir infolgedessen in
+nicht allzu angenehmer Erinnerung.
+
+Eine spaßige Sache erlebte ich. Einer meiner Kriegsschullehrer kaufte
+sich eine ganz nette dicke Stute. Der einzige Fehler war, sie war schon
+etwas alt. Er kaufte sie für fünfzehn Jahre. Sie hatte etwas dicke
+Beine. Sonst aber sprang sie ganz vortrefflich. Ich habe sie oft
+geritten. Sie ging unter dem Namen »Biffy«.
+
+Etwa ein Jahr später beim Regiment erzählte mir mein Rittmeister v. Tr.,
+der sehr sportliebend war, er habe sich ein ganz klobiges Springpferd
+gekauft. Wir waren alle sehr gespannt auf den »klobigen Springer«, der
+den seltenen Namen »Biffy« trug. Ich dachte nicht mehr an die alte Stute
+meines Kriegsschullehrers. Eines schönen Tages kommt das Wundertier an,
+und nun soll man sich das Erstaunen vorstellen, daß die gute alte
+»Biffy« als achtjährig in dem Stall v. Tr.s sich wieder einfand. Sie
+hatte inzwischen einige Male den Besitzer gewechselt und war im Preise
+sehr gestiegen. Mein Kriegsschullehrer hatte sie für fünfzehnhundert
+Mark gekauft, und v. Tr. hatte sie nach einem Jahre als achtjährig für
+dreitausendfünfhundert Mark erworben. Gewonnen hat sie keine
+Springkonkurrenz mehr, aber sie hat wieder einen Abnehmer gefunden – –
+und ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen.
+
+
+
+
+Erste Offizierszeit
+
+(Herbst 1912)
+
+
+Endlich bekam ich die Epaulettes. So ungefähr das stolzeste Gefühl, was
+ich je gehabt habe, mit einem Male »Herr Leutnant« angeredet zu werden.
+
+Mein Vater kaufte mir eine sehr schöne Stute, »Santuzza« genannt. Sie
+war das reinste Wundertier und unverwüstlich. Ging vor dem Zuge wie ein
+Lamm. Allmählich entdeckte ich in ihr ein großes Springvermögen. Sofort
+war ich dazu entschlossen, aus der guten braven Stute ein Springpferd zu
+machen. Sie sprang ganz fabelhaft. Ein Koppelrick von einem Meter
+sechzig Zentimeter habe ich mit ihr selbst gesprungen.
+
+Ich fand große Unterstützung und viel Verständnis bei meinem Kameraden
+von Wedel, der mit seinem Chargenpferd »Fandango« so manchen schönen
+Preis davongetragen hatte.
+
+So trainierten wir beide für eine Springkonkurrenz und einen Geländeritt
+in Breslau. »Fandango« machte sich glänzend, »Santuzza« gab sich große
+Mühe und leistete auch Gutes. Ich hatte Aussichten, etwas mit ihr zu
+schaffen. Am Tage, bevor sie verladen wurde, konnte ich es mir nicht
+verkneifen, nochmals alle Hindernisse in unserem Springgarten mit ihr zu
+nehmen. Dabei schlitterten wir hin. »Santuzza« quetschte sich etwas
+ihre Schulter, und ich knaxte mir mein Schlüsselbein an.
+
+Von meiner guten dicken Stute »Santuzza« verlangte ich im Training auch
+Leistungen auf Geschwindigkeit und war sehr erstaunt, als von Wedels
+Vollblüter sie schlug.
+
+Ein andermal hatte ich das Glück, bei der Olympiade in Breslau einen
+sehr schönen Fuchs zu reiten. Der Geländeritt fing an, und mein Wallach
+war im zweiten Drittel noch ganz und munter, so daß ich Aussichten auf
+Erfolg hatte. Da kommt das letzte Hindernis. Ich sah schon von weitem,
+daß dies etwas ganz Besonderes sein mußte, da sich eine Unmenge Volks
+dort angesammelt hatte. Ich dachte mir: »Nur Mut, die Sache wird schon
+schief gehen!« und kam in windender Fahrt den Damm heraufgesaust, auf
+dem ein Koppelrick stand. Das Publikum winkte mir immer zu, ich sollte
+nicht so schnell reiten, aber ich sah und hörte nichts mehr. Mein Fuchs
+nimmt das Koppelrick oben auf dem Damm, und zu meinem größten Erstaunen
+geht’s auf der anderen Seite in die Weistritz. Ehe ich mich versah,
+springt das Tier in einem Riesensatz den Abhang herunter, und Roß und
+Reiter verschwinden in den Fluten. Natürlich gingen wir »über Kopf«.
+»Felix« kam auf dieser Seite raus und Manfred auf der anderen. Beim
+Zurückwiegen nach Schluß des Geländerittes stellte man mit großem
+Erstaunen fest, daß ich nicht die üblichen zwei Pfund abgenommen hatte,
+sondern zehn Pfund schwerer geworden war. Daß ich glitschenaß war, sah
+man mir Gott sei Dank nicht an.
+
+Ich besaß auch einen sehr guten Charger, und dieses Unglückstier mußte
+alles machen. Rennen laufen, Geländeritte, Springkonkurrenzen, vor dem
+Zuge gehen, kurz und gut, es gab keine Übung, in der das gute Tier nicht
+ausgebildet war. Das war meine brave »Blume«. Auf ihr hatte ich sehr
+nette Erfolge. Mein letzter ist der im Kaiserpreis-Ritt 1913. Ich war
+der einzige, der die Geländestrecke ohne Fehler überwunden hatte. Mir
+passierte dabei eine Sache, die nicht so leicht nachgemacht werden wird.
+Ich galoppierte über eine Heide und stand plötzlich Kopf. Das Pferd war
+in ein Karnickelloch getreten, und ich hatte mir beim Sturz das
+Schlüsselbein gebrochen. Damit war ich noch siebzig Kilometer geritten,
+hatte dabei keinen Fehler gemacht und die Zeit innegehalten.
+
+
+
+
+Kriegsausbruch
+
+
+In allen Zeitungen stand weiter nichts als dicke Romane über den Krieg.
+Aber seit einigen Monaten war man ja schon an das Kriegsgeheul gewöhnt.
+Wir hatten schon so oft unseren Dienstkoffer gepackt, daß man es schon
+langweilig fand und nicht mehr an einen Krieg glaubte. Am wenigsten aber
+glaubten wir an einen Krieg, die wir die ersten an der Grenze waren, das
+»Auge der Armee«, wie seinerzeit mein Kommandierender uns
+Kavalleriepatrouillen bezeichnet hatte.
+
+Am Vorabend der erhöhten Kriegsbereitschaft saßen wir bei der
+detachierten Schwadron, zehn Kilometer von der Grenze entfernt, in
+unserem Kasino, aßen Austern, tranken Sekt und spielten ein wenig. Wir
+waren sehr vergnügt. Wie gesagt, an einen Krieg dachte keiner.
+
+Wedels Mutter hatte uns zwar schon einige Tage zuvor etwas stutzig
+gemacht; sie war nämlich aus Pommern erschienen, um ihren Sohn vor dem
+Kriege noch einmal zu sehen. Da sie uns in angenehmster Stimmung fand
+und feststellen mußte, daß wir nicht an Krieg dachten, konnte sie nicht
+umhin, uns zu einem anständigen Frühstück einzuladen.
+
+Wir waren gerade sehr ausgelassen, als sich plötzlich die Tür öffnete
+und Graf Kospoth, der Landrat von Öls, auf der Schwelle stand. Der Graf
+machte ein entgeistertes Gesicht.
+
+Wir begrüßten den alten Bekannten mit einem Hallo! Er erklärte uns den
+Zweck seiner Reise, nämlich, daß er sich an der Grenze persönlich
+überzeugen wolle, was von den Gerüchten von dem nahen Weltkrieg stimme.
+Er nahm ganz richtig an, die an der Grenze müßten es eigentlich am
+ehesten wissen. Nun war er ob des Friedensbildes nicht wenig erstaunt.
+Durch ihn erfuhren wir, daß sämtliche Brücken Schlesiens bewacht wurden
+und man bereits an die Befestigung von einzelnen Plätzen dachte.
+
+Schnell überzeugten wir ihn, daß ein Krieg ausgeschlossen sei, und
+feierten weiter.
+
+Am nächsten Tage rückten wir ins Feld.
+
+
+
+
+Überschreiten der Grenze
+
+
+Das Wort »Krieg« war uns Grenzkavalleristen zwar geläufig. Jeder wußte
+haarklein, was er zu tun und zu lassen hatte. Keiner hatte aber so eine
+rechte Vorstellung, was sich nun zunächst abspielen würde. Jeder aktive
+Soldat war selig, nun endlich seine Persönlichkeit und sein Können
+zeigen zu dürfen.
+
+Uns jungen Kavallerieleutnants war wohl die interessanteste Tätigkeit
+zugedacht: aufklären, in den Rücken des Feindes gelangen, wichtige
+Anlagen zerstören; alles Aufgaben, die einen ganzen Kerl verlangen.
+
+Meinen Auftrag in der Tasche, von dessen Wichtigkeit ich mich durch
+langes Studium schon seit einem Jahre überzeugt hatte, ritt ich nachts
+um zwölf Uhr an der Spitze meiner Patrouille zum erstenmal gegen den
+Feind.
+
+Die Grenze bildete ein Fluß, und ich konnte erwarten, daß ich dort zum
+erstenmal Feuer bekommen würde. Ich war ganz erstaunt, wie ich ohne
+Zwischenfall die Brücke passieren konnte. Ohne weitere Ereignisse
+erreichten wir den mir von Grenzritten her wohlbekannten Kirchturm des
+Dorfes Kielcze am nächsten Morgen.
+
+Ohne von einem Gegner etwas gemerkt zu haben oder vielmehr besser ohne
+selbst bemerkt worden zu sein, war alles verlaufen. Wie sollte ich es
+anstellen, daß mich die Dorfbewohner nicht bemerkten? Mein erster
+Gedanke war, den Popen hinter Schloß und Riegel zu setzen. So holten wir
+den vollkommen überraschten und höchst verdutzten Mann aus seinem Hause.
+Ich sperrte ihn zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus ein, nahm
+die Leiter weg und ließ ihn oben sitzen. Ich versicherte ihm, daß, wenn
+auch nur das geringste feindselige Verhalten der Bevölkerung sich
+bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des Todes sein würde. Ein
+Posten hielt Ausschau vom Turm und beobachtete die Gegend.
+
+Ich hatte täglich durch Patrouillenreiter Meldungen zu schicken. So
+löste sich bald mein kleines Häuflein an Meldereitern auf, so daß ich
+schließlich den letzten Melderitt als Überbringer selbst übernehmen
+mußte.
+
+Bis zur fünften Nacht war alles ruhig geblieben. In dieser kam plötzlich
+der Posten zu mir zum Kirchturm gelaufen – denn in dessen Nähe hatte ich
+meine Pferde hingestellt – und rief mir zu: »Kosaken sind da!« Es war
+pechfinster, etwas Regen, keine Sterne. Man sah die Hand nicht vor den
+Augen.
+
+Wir führten die Pferde durch eine schon vorher vorsichtshalber durch die
+Kirchhofsmauer geschlagene Bresche auf das freie Feld. Dort war man
+infolge der Dunkelheit nach fünfzig Metern in vollständiger Sicherheit.
+Ich selbst ging mit dem Posten, den Karabiner in der Hand, nach der
+bezeichneten Stelle, wo die Kosaken sein sollten.
+
+Ich schlich an der Kirchhofsmauer entlang und kam an die Straße. Da
+wurde mir doch etwas anders zumute, denn der ganze Dorfausgang wimmelte
+von Kosaken. Ich guckte über die Mauer, hinter der die Kerle ihre Pferde
+stehen hatten. Die meisten hatten Blendlaternen und benahmen sich sehr
+unvorsichtig und laut. Ich schätzte sie auf etwa zwanzig bis dreißig.
+Einer war abgesessen und zum Popen gegangen, den ich am Tage vorher aus
+der Haft entlassen hatte.
+
+Natürlich Verrat! zuckte es mir durchs Gehirn. Also doppelt aufpassen.
+Auf einen Kampf konnte ich es nicht mehr ankommen lassen, denn mehr als
+zwei Karabiner hatte ich nicht zur Verfügung. Also spielte ich »Räuber
+und Gendarm«.
+
+Nach einigen Stunden Rast ritten die Besucher wieder von dannen.
+
+Am nächsten Morgen zog ich es vor, jetzt aber doch einen kleinen
+Quartierwechsel vorzunehmen. Am siebenten Tage war ich wieder in meiner
+Garnison und wurde von jedem Menschen angestarrt, als sei ich ein
+Gespenst. Das kam nicht etwa wegen meines unrasierten Gesichts, sondern
+vielmehr weil sich Gerüchte verbreitet hatten, Wedel und ich seien bei
+Kalisch gefallen. Man wußte Ort, Zeit und nähere Umstände so haargenau
+zu erzählen, daß sich das Gerücht schon in ganz Schlesien verbreitet
+hatte. Selbst meiner Mutter hatte man bereits Kondolenzbesuche gemacht.
+
+Es fehlte nur noch, daß eine Todesanzeige in der Zeitung stand.
+
+ * * * * *
+
+Eine komische Geschichte ereignete sich zur selben Zeit. Ein
+Pferdedoktor bekam den Auftrag, mit zehn Ulanen Pferde aus einem Gehöft
+zu requirieren. Es lag etwas abseits, etwa drei Kilometer. Ganz erregt
+kam er von seinem Auftrag zurück und berichtete selber folgendes:
+
+»Ich reite über ein Stoppelfeld, auf dem die Puppen stehen, worauf ich
+plötzlich in einiger Entfernung feindliche Infanterie erkenne. Kurz
+entschlossen ziehe ich den Säbel, rufe meinen Ulanen zu: ›Lanze gefällt,
+zur Attacke, marsch, marsch, hurra!‹ Den Leuten macht es Spaß, es
+beginnt ein wildes Hetzen über die Stoppeln. Die feindliche Infanterie
+entpuppt sich aber als ein Rudel Rehe, die ich in meiner Kurzsichtigkeit
+verkannt habe.«
+
+Noch lange hatte der tüchtige Herr unter seiner Attacke zu leiden.
+
+[Illustration: Abgeschossen und an der Starkstromleitung verbrannt. Am
+Kanal zwischen Brebières und Vitry]
+
+[Illustration: Abgeschossener Vikkers-Zweisitzer bei Noyelle-Godault]
+
+
+
+
+Nach Frankreich
+
+
+In meinem Garnisonort wurden wir nun verladen. Wohin? – Keine Ahnung, ob
+West, Ost, Süd, Nord.
+
+Gemunkelt wurde viel, meistens aber vorbei. Aber in diesem Fall hatten
+wir wohl den richtigen Riecher: Westen.
+
+Uns stand zu viert ein Abteil zweiter Klasse zur Verfügung. Man mußte
+sich auf eine lange Bahnfahrt verproviantieren. Getränke fehlten
+natürlich nicht. Aber schon am ersten Tage merkten wir, daß so ein
+Abteil zweiter Klasse doch verflucht eng ist für vier kriegsstarke
+Jünglinge, und so zogen wir denn vor, uns etwas mehr zu verteilen. Ich
+richtete mir die eine Hälfte eines Packwagens zur Wohn- und Schlafstätte
+ein und hatte damit ganz entschieden etwas Gutes getan. Ich hatte Luft,
+Licht usw. Stroh hatte ich mir in einer Station verschafft, die Zeltbahn
+wurde darauf gedeckt. Ich schlief in meinem Schlafwagen so fest, als
+läge ich in Ostrowo in meinem Familienbett. Die Fahrt ging Tag und
+Nacht, erst durch ganz Schlesien, Sachsen, immer mehr gen Westen. Wir
+hatten scheinbar Richtung Metz; selbst der Transportführer wußte nicht,
+wo es hinging. Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, stand
+ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra und Blumen überschütteten.
+Eine wilde Kriegsbegeisterung lag im deutschen Volk; das merkte man. Die
+Ulanen wurden besonders angestaunt. Der Zug, der vorher durch die
+Station geeilt war, mochte wohl verbreitet haben, daß wir bereits am
+Feinde gewesen waren – und wir hatten erst acht Tage Krieg. Auch hatte
+im ersten Heeresbericht bereits mein Regiment Erwähnung gefunden.
+Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 eroberten Kalisch. Wir
+waren also die gefeierten Helden und kamen uns auch ganz als solche vor.
+Wedel hatte ein Kosakenschwert gefunden und zeigte dies den erstaunten
+Mädchen. Das machte großen Eindruck. Wir behaupteten natürlich, es
+klebte Blut daran, und dichteten dem friedlichen Schwert eines
+Gendarmeriehäuptlings ein ganz ungeheures Märchen an. Man war doch
+schrecklich ausgelassen. Bis wir schließlich in Busendorf bei
+Diedenhofen ausgeladen wurden.
+
+Kurz bevor der Zug ankam, hielten wir in einem langen Tunnel. Ich muß
+sagen, es ist schon ungemütlich, in einem Tunnel in Friedenszeiten
+plötzlich zu halten, besonders aber im Kriege. Nun erlaubte sich ein
+Übermütiger einen Scherz und gab einen Schuß ab. Es dauerte nicht lange,
+so fing in diesem Tunnel ein wüstes Geschieße an. Daß keiner verletzt
+wurde, ist ein Wunder. Was die Ursache dazu war, ist nie herausgekommen.
+
+In Busendorf wurde ausgeladen. Es war eine derartige Hitze, daß uns die
+Pferde umzufallen drohten. Die nächsten Tage marschierten wir immer nach
+Norden, Richtung Luxemburg. Mittlerweile hatte ich herausgekriegt, daß
+mein Bruder vor etwa acht Tagen dieselbe Strecke mit einer
+Kavalleriedivision geritten war. Ich konnte ihn sogar noch einmal
+fährten, gesehen habe ich ihn erst ein Jahr später.
+
+In Luxemburg wußte kein Mensch, wie sich dieses Ländchen gegen uns
+verhielt. Ich weiß noch wie heute, wie ich einen Luxemburger Gendarm von
+weitem sah, ihn mit meiner Patrouille umzingelte und gefangennehmen
+wollte. Er versicherte mir, daß, wenn ich ihn nicht umgehend losließe,
+er sich beim Deutschen Kaiser beschweren würde. Das sah ich denn auch
+ein und ließ den Helden wieder laufen. So kamen wir durch die Stadt
+Luxemburg und Esch durch, und man näherte sich jetzt bedenklich den
+ersten befestigten Städten Belgiens.
+
+Auf dem Hinmarsch machte unsere Infanterie, wie überhaupt unsere ganze
+Division, die reinen Friedensmanöver. Man war schrecklich aufgeregt.
+Aber so ein Manöver-Vorpostenbild war einem ab und zu ganz bekömmlich.
+Sonst hätte man ganz bestimmt über die Stränge geschlagen. Rechts und
+links, auf jeder Straße, vor und hinter uns marschierten Truppen von
+verschiedenen Armeekorps. Man hatte das Gefühl eines wüsten
+Durcheinanders. Plötzlich wurde aus dem Kuddelmuddel ein großartig
+funktionierender Aufmarsch.
+
+Was unsere Flieger damals leisteten, ahnte ich nicht. Mich versetzte
+jedenfalls jeder Flieger in einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein
+deutscher war oder ein feindlicher, konnte ich nicht sagen. Ich hatte ja
+nicht einmal eine Ahnung, daß die deutschen Apparate Kreuze trugen und
+die feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger unter Feuer
+genommen. Die alten Piloten erzählen heute noch immer, wie peinlich es
+ihnen gewesen sei, von Freund und Feind gleichmäßig beschossen zu
+werden.
+
+Wir marschierten und marschierten, die Patrouillen weit voraus, bis wir
+eines schönen Tages bei Arlon waren. Es überlief mich ganz spaßig den
+Buckel ’runter, wie ich zum zweitenmal die Grenze überschritt. Dunkle
+Gerüchte von Franktireurs und dergleichen waren mir bereits zu Ohren
+gekommen.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte einmal den Auftrag, die Verbindung mit meiner
+Kavalleriedivision aufzunehmen. Ich habe an diesem Tage nicht weniger
+als hundertundzehn Kilometer mit meiner gesamten Patrouille geritten.
+Nicht ein Pferd war kaputt, eine glänzende Leistung meiner Tiere. In
+Arlon bestieg ich nach den Grundsätzen der Taktik des Friedens den
+Kirchturm, sah natürlich nichts, denn der böse Feind war noch weitab.
+
+Man war damals noch ziemlich harmlos. So hatte ich z. B. meine
+Patrouille vor der Stadt stehenlassen und war ganz allein mit einem Rad
+mitten durch die Stadt zum Kirchturm gefahren. Wie ich wieder
+’runterkam, stand ich inmitten einer murrenden und murmelnden Menge
+feindselig blickender Jünglinge. Mein Rad war natürlich geklaut, und ich
+konnte nun eine halbe Stunde lang zu Fuß laufen. Aber das machte mir
+Spaß. Ich hätte so eine kleine Rauferei ganz gern gemocht. Ich fühlte
+mich mit meiner Pistole in der Hand ganz kolossal sicher.
+
+Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren habe, sowohl einige
+Tage vorher gegen unsere Kavallerie als auch später gegen unsere
+Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man hatte eine ganze Menge
+dieser Herren an die Wand stellen müssen.
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag erreichte ich mein Ziel und erfuhr dort, daß drei Tage
+vorher, ganz in der Gegend von Arlon, mein einziger Vetter Richthofen
+gefallen war. Ich blieb den Rest des Tages bei der Kavalleriedivision,
+machte dort noch einen blinden Alarm mit und kam nachts spät bei meinem
+Regiment an.
+
+Man erlebte und sah eben mehr als die anderen, man war eben doch schon
+mal am Feind gewesen, hatte mit dem Feinde zu tun gehabt, hatte die
+Spuren des Krieges gesehen und wurde von jedem einer anderen Waffe
+beneidet. Es war doch zu schön, wohl doch meine schönste Zeit im ganzen
+Kriege. Den Kriegsanfang möchte ich wieder mal mitmachen.
+
+
+
+
+Wie ich auf Patrouille zum erstenmal die Kugeln pfeifen hörte
+
+(21./22. August 1914)
+
+
+Ich hatte den Auftrag, festzustellen, wie stark die Besetzung eines
+großen Waldes bei Virton wohl sein mochte. Ich ritt mit fünfzehn Ulanen
+los und war mir klar: Heute gibt es den ersten Zusammenstoß mit dem
+Feinde. Mein Auftrag war nicht leicht, denn in so einem Walde kann
+furchtbar viel stecken, ohne daß man es sieht.
+
+Ich kam über eine Höhe. Wenige hundert Schritte vor mir lag ein riesiger
+Waldkomplex von vielen tausend Morgen. Es war ein schöner Augustmorgen.
+Der Wald lag so friedlich und ruhig, daß man eigentlich gar keine
+kriegerischen Gedanken mehr spürte.
+
+Jetzt näherte sich die Spitze dem Eingang des Waldes. Durch das Glas
+konnte man nichts Verdächtiges feststellen, man mußte also heranreiten
+und abwarten, ob man Feuer bekäme. Die Spitze verschwand im Waldweg. Ich
+war der nächste, neben mir ritt einer meiner tüchtigsten Ulanen. Am
+Eingang des Waldes war ein einsames Waldwärterhäuschen. Wir ritten daran
+vorbei. Mit einemmal fiel ein Schuß aus einem Fenster des Hauses. Gleich
+darauf noch einer. Am Knall erkannte ich sofort, daß es kein
+Büchsenschuß war, sondern daß er von einer Flinte herrührte. Zur
+gleichen Zeit sah ich auch Unordnung in meiner Patrouille und vermutete
+gleich einen Überfall durch Franktireurs. Von den Pferden ’runter und
+das Haus umstellen war eins. In einem etwas dunkeln Raum erkannte ich
+vier bis fünf Burschen mit feindseligen Augen. Eine Flinte war natürlich
+nicht zu sehen. Meine Wut war groß in diesem Augenblick; aber ich hatte
+noch nie in meinem Leben einen Menschen getötet, und so muß ich sagen,
+war mir der Moment äußerst unbehaglich. Eigentlich hätte ich den
+Franktireur wie ein Stück Vieh ’runterknallen müssen. Er hatte mit dem
+Schuß eine Ladung Schrot in den Bauch eines meiner Pferde gejagt und
+einen meiner Ulanen an der Hand verletzt.
+
+Mit meinem kümmerlichen Französisch schrie ich die Bande an und drohte,
+wenn sich der Schuldige nicht umgehend melden würde, sie allesamt über
+den Haufen zu schießen. Sie merkten, daß es mir Ernst war, und daß ich
+nicht zaudern würde, meinen Worten die Tat folgen zu lassen. Wie es nun
+eigentlich kam, weiß ich heute selbst nicht mehr. Jedenfalls waren die
+Freischützen mit einemmal aus der Hintertür heraus und vom Erdboden
+verschwunden. Ich schoß noch hinterher, ohne zu treffen. Zum Glück hatte
+ich das Haus umstellt, so daß sie mir eigentlich nicht entrutschen
+konnten. Sofort ließ ich das Haus nach ihnen durchstöbern, fand aber
+keinen mehr. Mochten nun die Posten hinter dem Haus nicht ordentlich
+aufgepaßt haben, jedenfalls war die ganze Bude leer. Wir fanden noch die
+Schrotspritze am Fenster stehend und mußten uns auf andere Weise rächen.
+In fünf Minuten stand das ganze Haus in Flammen.
+
+Nach diesem Intermezzo ging es weiter.
+
+An frischen Pferdespuren erkannte ich, daß unmittelbar vor uns starke
+feindliche Kavallerie marschiert sein mußte. Ich hielt mit meiner
+Patrouille, feuerte sie durch ein paar Worte an und hatte das Gefühl,
+daß ich mich auf jeden meiner Kerls unbedingt verlassen konnte. Jeder,
+so wußte ich, würde seinen Mann in den nächsten Minuten stehen.
+Natürlich dachte keiner an etwas anderes als an eine Attacke. Es liegt
+wohl im Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn auch trifft, über
+den Haufen zu rennen, besonders natürlich feindliche Kavallerie. Schon
+sah ich mich an der Spitze meines Häufleins eine feindliche Schwadron
+zusammenhauen und war ganz trunken vor freudiger Erwartung. Meinen
+Ulanen blitzten die Augen. So ging es dann in flottem Trab auf der
+frischen Spur weiter. Nach einstündigem scharfem Ritt durch die schönste
+Bergschlucht wurde der Wald etwas lichter, und wir näherten uns dem
+Ausgang. Daß ich damit auf den Feind stoßen würde, war mir klar. Also
+Vorsicht! bei allem Attackenmut, der mich beseelte. Rechts von dem
+schmalen Pfad war eine viele Meter hohe, steile Felsenwand. Zu meiner
+Linken war ein schmaler Gebirgsbach, dann eine Wiese von fünfzig Metern
+Breite, eingefaßt von Stacheldrähten. Mit einem Male hörte die
+Pferdespur auf und verschwand über eine Brücke in den Büschen. Meine
+Spitze hielt, denn vor uns war der Waldausgang durch eine Barrikade
+versperrt.
+
+Sofort war es mir klar, daß ich in einen Hinterhalt geraten war. Ich
+erkannte plötzlich Bewegung im Buschwerk hinter der Wiese zu meiner
+Linken und konnte abgesessene feindliche Kavallerie erkennen. Ich
+schätzte sie auf eine Stärke von hundert Gewehren. Hier war nichts zu
+wollen. Geradeaus war der Weg durch die Barrikade versperrt, rechts
+waren die Felswände, links hinderte mich die mit Draht eingefaßte Wiese
+an meinem Vorhaben, der Attacke. Zum Absitzen, um den Gegner mit
+Karabinern anzugreifen, war keine Zeit mehr. Also blieb nichts anderes
+übrig, als zurück. Alles hätte ich meinen guten Ulanen zutrauen können,
+bloß kein Ausreißen vor dem Feinde. – Das sollte so manchem den Spaß
+verderben, denn eine Sekunde später knallte der erste Schuß, dem ein
+rasendes Schnellfeuer aus dem Walde drüben folgte. Die Entfernung betrug
+etwa fünfzig bis hundert Meter. Die Leute waren instruiert, daß sie, im
+Falle ich die Hand hob, schnell zu mir stoßen sollten. Nun wußte ich,
+wir mußten zurück, hob den Arm und winkte meinen Leuten zu. Das mögen
+sie wohl falsch verstanden haben. Meine Patrouille, die ich
+zurückgelassen hatte, glaubte mich in Gefahr und kam in wildem Caracho
+herangebraust, um mich herauszuhauen. Alles das spielte sich auf einem
+schmalen Waldweg ab, so daß man sich wohl die Schweinerei vorstellen
+kann, die sich nun ereignete. Meinen beiden Spitzenreitern gingen die
+Pferde infolge des rasenden Feuers in der engen Schlucht, wo der Laut
+jedes Schusses sich verzehnfachte, durch, und ich sah sie bloß die
+Barrikade mit einem Sprung nehmen. Von ihnen habe ich nie wieder etwas
+gehört. Gewiß sind sie in Gefangenschaft. Ich selbst machte kehrt und
+gab meinem guten »Antithesis«, wohl zum erstenmal in seinem Leben, die
+Sporen. Meinen Ulanen, die mir entgegengebraust kamen, konnte ich nur
+mit Mühe und Not zu erkennen geben, nicht weiter vorzukommen. Kehrt und
+davon! Neben mir ritt mein Bursche. Plötzlich stürzte sein Pferd
+getroffen, ich sprang darüber hinweg, um mich herum wälzten sich andere
+Pferde. Kurz und gut, es war ein wüstes Durcheinander. Von meinem
+Burschen sah ich nur noch, wie er unter dem Pferd lag, scheinbar nicht
+verwundet, aber durch das auf ihm liegende Pferd gefesselt. Der Gegner
+hatte uns glänzend überrumpelt. Er hatte uns wohl von Anfang an
+beobachtet und, wie es den Franzosen nun mal liegt, aus dem Hinterhalt
+seinen Feind zu überfallen, so hatte er es auch in diesem Fall wieder
+versucht.
+
+Freude machte es mir, als nach zwei Tagen mit einemmal mein Bursche vor
+mir stand; allerdings zur Hälfte barfüßig, denn den einen Stiefel hatte
+er unter seinem Pferd gelassen. Er erzählte mir nun, wie er entkommen
+war: Mindestens zwei Schwadronen französischer Kürassiere waren später
+aus dem Walde gekommen, um die vielen gefallenen Pferde und tapferen
+Ulanen zu plündern. Er war gleich aufgesprungen, unverwundet die
+Felsenwand hinaufgeklettert und in fünfzig Metern Höhe vollständig
+erschöpft in einem Gebüsch zusammengebrochen. Nach etwa zwei Stunden,
+nachdem der Feind sich wieder in seinen Hinterhalt begeben hatte, hatte
+er seine Flucht fortsetzen können. Nach einigen Tagen gelangte er so
+wieder zu mir. Von dem Verbleib der anderen Kameraden konnte er wenig
+aussagen.
+
+
+
+
+Patrouillenritt mit Loen
+
+
+Die Schlacht von Virton war im Gange. Mein Kamerad Loen und ich hatten
+wieder einmal durch eine Patrouille festzustellen, wo der Feind
+geblieben war. Den ganzen Tag ritten wir hinter dem Feinde her,
+erreichten ihn schließlich und konnten eine ganz ordentliche Meldung
+verfassen. Abends war nun die große Frage: Wollen wir die Nacht
+durchreiten, um zu unserer Truppe zurückzukommen, oder unsere Kräfte
+schonen und uns für den nächsten Tag ausruhen? Das ist ja gerade das
+Schöne, daß der Kavalleriepatrouille vollständig freies Handeln
+überlassen sein muß.
+
+So entschlossen wir uns, die Nacht am Feinde zu bleiben und am nächsten
+Morgen weiterzureiten. Unseren strategischen Blicken nach war der Gegner
+auf Rückmarsch, und wir drängten ihm nach. Folglich konnten wir die
+Nacht mit ziemlicher Ruhe verbringen.
+
+Gar nicht weit vom Gegner lag ein wunderbares Kloster mit großen
+Ställen, so daß wir sowohl Loen als auch meine Patrouille einquartieren
+konnten. Allerdings saß der Gegner gegen Abend, wie wir dort unterzogen,
+noch so nahe dran, daß er uns mit Gewehrkugeln die Fensterscheiben hätte
+einschießen können.
+
+Die Mönche waren überaus liebenswürdig. Sie gaben uns zu essen und zu
+trinken, so viel wir haben wollten, und wir ließen es uns gut schmecken.
+Die Pferde wurden abgesattelt und waren auch ganz froh, wie sie nach
+drei Tagen und drei Nächten zum erstenmal ihre achtzig Kilo totes
+Gewicht von ihren Rücken loswurden. Mit anderen Worten, wir richteten
+uns so ein, als ob wir im Manöver bei einem lieben Gastfreund zu Abend
+wären. Nebenbei bemerkt, hingen drei Tage darauf mehrere von den
+Gastgebern an dem Laternenpfahl, da sie es sich nicht hatten verkneifen
+können, sich an dem Krieg zu beteiligen. Aber an dem Abend waren sie
+wirklich überaus liebenswürdig. Wir krochen in Nachthemden in unsere
+Betten, stellten einen Posten auf und ließen den lieben Herrgott einen
+guten Mann sein.
+
+Nachts reißt plötzlich jemand die Tür auf, und die Stimme des Postens
+ertönt: »Herr Leutnant, die Franzosen sind da.« Ich war zu verschlafen,
+um überhaupt Antwort geben zu können. Loen ging es so ähnlich, und er
+stellte nur die geistreiche Frage: »Wieviel sind es denn?« Die Antwort
+des Postens, sehr aufgeregt: »Zwei haben wir schon totgeschossen;
+wieviel es sind, können wir nicht sagen, denn es ist stockfinster.« Ich
+höre Loen noch ganz verschlafen antworten: »Wenn also mehr kommen, dann
+weckst du mich.« Eine halbe Minute später schnarchten wir weiter.
+
+Am nächsten Morgen stand die Sonne schon recht hoch, als wir von
+unserem gesunden Schlaf erwachten. Nach einem reichlichen Frühstück ging
+die Reise wieder los.
+
+Tatsächlich waren nachts an unserem Schloß die Franzosen
+vorbeimarschiert, und unsere Posten hatten während dieser Zeit einen
+Feuerüberfall auf sie gemacht. Da es aber stockfinster war, hatte sich
+keine größere Schlacht daraus entspinnen können.
+
+Bald ging’s in einem munteren Tal weiter. Wir ritten über das alte
+Schlachtfeld unserer Division und stellten mit Erstaunen fest, daß statt
+unserer Leute nur französische Sanitäter zu sehen waren. Französische
+Soldaten sah man auch noch ab und zu. Sie machten aber ebenso dumme
+Gesichter wie wir. An Schießen hatte keiner gedacht. Wir machten uns
+dann möglichst rasch dünne; denn wir kamen so sachte dahinter, daß wir,
+statt vorwärts zu gehen, uns etwas rückwärts konzentriert hatten. Zum
+Glück war der Gegner nach der anderen Seite ausgerissen, sonst säße ich
+jetzt irgendwo in Gefangenschaft.
+
+Wir kamen durch das Dorf Robelmont, wo wir am Tage zuvor unsere
+Infanterie zum letztenmal in Stellung gesehen hatten. Dort trafen wir
+einen Einwohner und fragten ihn nach dem Verbleib unserer Soldaten. Er
+war sehr glücklich und versicherte mir, die Deutschen wären #»partis«#.
+
+Wir kamen um eine Ecke und waren Zeugen von folgendem komischem Bilde.
+Vor uns wimmelte es von roten Hosen – ich schätzte etwa fünfzig bis
+hundert –, die eifrigst bemüht waren, an einem Eckstein ihre Gewehre zu
+zerschlagen. Daneben stehen sechs Grenadiere, die, wie es sich
+herausstellte, die Brüder gefangengenommen hatten. Wir halfen ihnen
+noch, die Franzosen abzutransportieren, und erfuhren durch die sechs
+Grenadiere, daß wir nachts eine rückwärtige Bewegung angetreten hatten.
+
+Am späten Nachmittag erreichte ich mein Regiment und war ganz zufrieden
+mit dem Verlauf der letzten vierundzwanzig Stunden.
+
+
+
+
+Langeweile vor Verdun
+
+
+Für einen so unruhigen Geist, wie ich einer bin, war meine Tätigkeit vor
+Verdun durchaus mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs lag ich selbst
+im Schützengraben an einer Stelle, wo nichts los war; dann wurde ich
+Ordonnanzoffizier und glaubte, nun mehr zu erleben. Da hatte ich mich
+aber arg in die Finger geschnitten. Ich wurde vom Kämpfenden zum
+besseren Etappenschwein degradiert. So ganz Etappe war es noch nicht,
+aber das Weiteste, was ich mich vorwagen durfte, war fünfzehnhundert
+Meter hinter die vordere Linie. Dort saß ich wochenlang unter der Erde
+in einem bombensicheren, geheizten Unterstand. Ab und zu wurde ich mit
+nach vorn genommen. Das war eine große körperliche Anstrengung. Denn man
+ging bergauf, bergab, die Kreuz und die Quer’, durch unendlich viele
+Annäherungsgräben und Schlammlöcher hindurch, bis man dann endlich vorn
+dort angekommen war, wo es knallte. Bei einem so kurzen Besuch bei den
+Kämpfenden kam ich mir immer sehr dumm vor mit meinen gesunden Knochen.
+
+Man fing damals an, unter der Erde zu arbeiten. Wir waren uns noch gar
+nicht klar darüber, was es eigentlich heißt, einen Stollen bauen oder
+eine Sappe vorschieben. Man kannte die Namen zwar aus der
+Befestigungslehre von der Kriegsschule her, aber das war nun mal
+Pionierarbeit, mit der sich ein anderer Sterblicher nicht gern
+beschäftigt hätte. Aber dort vorn an der Combres-Höhe buddelte alles
+emsig. Jeder hatte ein Grabscheit und eine Hacke und gab sich unendliche
+Mühe, möglichst tief in die Erde hineinzukommen. Es war ganz spaßig, die
+Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf Schritt vor sich zu haben. Man
+hörte den Kerl sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab und zu warf
+er ein Stück Papier herüber. Man unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem
+suchte man sich auf alle möglichen Arten anzuärgern (Handgranaten).
+
+Fünfhundert Meter vor und fünfhundert Meter hinter den Gräben war der
+dichte Wald der Côte Lorraine abgemäht durch die unendlich vielen
+Gewehrkugeln und Granaten, die dort ständig durch die Luft sausten. Man
+würde nicht glauben, daß dort vorn überhaupt noch ein Mensch leben
+könnte. Die Truppe vorne empfand es gar nicht mal so schlimm wie die
+Etappenleute.
+
+Nach so einem Spaziergang, der meistenteils in den allerzeitigsten
+Morgenstunden stattfand, fing für mich wieder der langweiligere Teil des
+Tages an, nämlich Telephonordonnanz zu spielen.
+
+ * * * * *
+
+An meinen freien Tagen beschäftigte ich mich mit meinem
+Lieblingshandwerk, dem Jagen. Der Wald von La Chaussée bot mir dazu
+reichlich Gelegenheit. Ich hatte bei meinen Spazierritten Sauen gespürt
+und war nun damit beschäftigt, diese ausfindig zu machen und mich nachts
+anzusetzen. Schöne Vollmondnächte mit Schnee kamen mir zu Hilfe. Ich
+baute mir mit Hilfe meines Burschen Hochsitze an ganz bestimmten
+Wechseln und bestieg diese nachts. Da habe ich so manche Nacht auf
+Bäumen zugebracht und wurde morgens als Eiszapfen wieder vorgefunden.
+Aber es hatte sich gelohnt. Besonders eine Sau war interessant, sie kam
+jede Nacht durch den See geschwommen, brach an einer bestimmten Stelle
+in einen Kartoffelacker und schwamm dann wieder zurück. Es reizte mich
+natürlich besonders, dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte ich
+mich denn an dem Ufer dieses Sees an. Wie verabredet, erschien die alte
+Tante um Mitternacht, um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, während
+sie noch im See schwamm, traf, und das Tier wäre mir beinahe versoffen,
+wenn ich nicht noch im letzten Moment hätte zugreifen können, um sie an
+einem Lauf festzuhalten.
+
+Ein andermal ritt ich mit meinem Burschen in einer ganz schmalen
+Schneise, da wechseln vor mir mehrere Stück Schwarzwild über sie. Ich
+schnell ’runter, den Karabiner meines Burschen ergriffen und einige
+hundert Schritt vorgelaufen. Tatsächlich, da kam noch ein Kerl, und zwar
+ein mächtiger Keiler. Ich hatte noch nie einen Keiler gesehen und war
+nun sehr erstaunt, wie riesenhaft dieser Kerl aussah. Jetzt hängt er als
+Trophäe hier in meinem Zimmer; er ist eine schöne Erinnerung.
+
+ * * * * *
+
+So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, da kam eines schönen
+Tages etwas Bewegung in unseren Laden. Wir beabsichtigten eine kleine
+Offensive an unserer Front. Ich freute mich mächtig, denn nun mußte ja
+doch eigentlich der Ordonnanzoffizier zu seinem Ordonnanzieren kommen!
+Aber Kuchen! Es wurde mir etwas ganz anderes zugedacht, und dieses
+schlug dem Faß den Boden aus. Nun schrieb ich ein Gesuch an meinen
+Kommandierenden General, und böse Zungen behaupten, ich hätte gesagt:
+»Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier
+zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck.« Man hat anfangs eigentlich
+auf mich einschnappen wollen, aber schließlich hat man mir meine Bitte
+gewährt, und so trat ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe. So war mir
+mein größter Wunsch erfüllt.
+
+
+
+
+Das erstemal in der Luft!
+
+
+Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen! Ich war
+in einer etwas begreiflichen Aufregung, konnte mir so gar nichts
+darunter vorstellen. Jeder, den ich fragte, schnurrte mir etwas anderes
+vor. Abends ging ich zeitiger schlafen als sonst, um am nächsten Morgen
+für den großen Moment frisch zu sein. Wir fuhren ’rüber auf den
+Flugplatz, ich setzte mich zum erstenmal in ein Flugzeug. Der
+Propellerwind störte mich ganz ungeheuer. Eine Verständigung mit dem
+Führer war mir nicht möglich. Alles flog mir weg. Nahm ich ein Stück
+Papier heraus, verschwand es. Mein Sturzhelm verrutschte sich, der Schal
+löste sich, die Jacke war nicht fest genug zugeknöpft, kurz und gut, es
+war kläglich. Ich war noch gar nicht darauf gefaßt, schon loszusausen,
+da gab bereits der Pilot Vollgas, und die Maschine fing an zu rollen.
+Immer schneller, immer schneller. Ich hielt mich krampfhaft fest. Mit
+einem Male hörte die Erschütterung auf, und die Maschine war in der
+Luft. Der Erdboden sauste unter mir weg.
+
+Man hatte mir gesagt, wo ich hinfliegen sollte, d. h. also, wo ich
+meinen Führer hinzudirigieren hatte. Wir flogen erst ein Stück
+geradeaus, dann machte mein Führer kehrt, nochmal kehrt, rechtsum, mal
+linksum, und ich hatte über meinem eigenen Flughafen die Orientierung
+verloren. Keine Ahnung mehr, wo ich mich befand! Ich fing so sachte an,
+mir mal die Gegend unter mir anzusehen. Die Menschen winzig klein, die
+Häuser wie aus einem Kinderbaukasten, alles so niedlich und zierlich. Im
+Hintergrund lag Köln. Der Kölner Dom ein Spielzeug. Es war doch ein
+erhabenes Gefühl, über allem zu schweben. Wer konnte mir jetzt was
+anhaben? Keiner! Daß ich nicht mehr wußte, wo ich war, war mir ganz
+Wurscht, und ich war ganz traurig, als mein Pilot meinte, jetzt müßten
+wir landen.
+
+Am liebsten wäre ich gleich wieder geflogen. Daß ich irgend welche
+Beschwerden, wie etwa bei einer Luftschaukel, gehabt hätte, daran ist
+nicht zu denken. Die berühmten Amerikanischen Schaukeln sind mir,
+nebenbei gesagt, widerlich. Man fühlt sich unsicher darin, aber im
+Flugzeug hat man das unbedingte Gefühl der Sicherheit. Man sitzt ganz
+ruhig auf seinem Sessel. Daß einem schwindlig wird, ist ganz
+ausgeschlossen. Es gibt keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig
+geworden wäre. Aber es ist ein verdammter Nervenkitzel, so durch die
+Luft zu sausen, besonders nachher, als es wieder ’runterging, das
+Flugzeug nach vorn kippte, der Motor aufhörte zu laufen und mit einemmal
+eine ungeheure Ruhe eintrat. Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und
+dachte natürlich: »Jetzt stürzt du.« Aber es ging alles so
+selbstverständlich und natürlich vor sich, auch das Landen, wie man
+wieder die Erde berührte, und alles war so einfach, daß einem das Gefühl
+der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert und hätte den ganzen Tag im
+Flugzeug sitzen können. Ich zählte die Stunden bis zum nächsten Start.
+
+
+
+
+Beobachtungsflieger bei Mackensen
+
+
+Am 10. Juni 1915 kam ich nach Großenhain, um von dort aus an die Front
+abgeschickt zu werden. Natürlich wollte ich recht schnell ’raus, denn
+ich hatte Angst, ich könnte zu dem Weltkrieg zu spät kommen.
+Flugzeugführer-Werden hätte drei Monate in Anspruch genommen. Bis dahin
+konnten wir schon längst Frieden haben; also kam es nicht in Frage. Als
+Beobachter mochte ich mich vielleicht in meiner Eigenschaft als
+Kavallerist ganz gut eignen; denn nach vierzehn Tagen schickte man mich
+bereits ’raus, zu meiner größten Freude an die einzige Stelle, wo wir
+noch Bewegungskrieg hatten, nämlich nach Rußland.
+
+Mackensen ging gerade seinen Siegeszug. Er war bei Gorlice
+durchgebrochen, und ich kam dazu, wie wir Rawa Ruska nahmen. Ein Tag im
+Armee-Flugpark, dann kam ich zu der famosen Abt. 69, wo ich mir als
+Anfänger kolossal dämlich vorkam. Mein Führer war eine »Kanone« –
+Oberleutnant Zeumer –, jetzt auch schon krumm und lahm. Von den übrigen
+bin ich heute der einzige, der noch lebt.
+
+Jetzt kommt eigentlich meine schönste Zeit. Sie hatte mit dem
+Kavalleristischen recht große Ähnlichkeit. Jeden Tag, vor- und
+nachmittags, konnte ich meine Aufklärung fliegen. Ich habe manche schöne
+Meldung nach Hause gebracht.
+
+
+
+
+Mit Holck in Rußland
+
+(Sommer 1915)
+
+
+Juni, Juli, August 1915 blieb ich bei der Fliegerabteilung, die den
+ganzen Vormarsch Mackensens von Gorlice nach Brest-Litowsk mitmachte.
+Ich war als ganz junger Beobachter dort hingekommen und hatte von Tuten
+und Blasen keine Ahnung.
+
+Als Kavallerist war ja meine Beschäftigung Aufklären, so schlug der
+jetzige Dienst in mein Fach, und ich hatte großen Spaß an den riesigen
+Aufklärungsflügen, die wir fast täglich unternahmen.
+
+Für den Beobachter ist es wichtig, einen gesinnungstüchtigen Führer zu
+finden. Da hieß es eines schönen Tages: »Graf Holck ist auf dem Anmarsch
+zu uns.« Sofort kam mir der Gedanke: »Das ist der Mann, den du
+brauchst.«
+
+Holck erschien nicht, wie man wohl glauben könnte, im 60-P.S.-Mercedes
+oder im Schlafwagen erster Klasse, sondern zu Fuß. Er war nach
+tagelanger Bahnfahrt endlich in die Gegend von Jaroslau gekommen. Dort
+stieg er aus, denn es war wieder mal ein unendlicher Aufenthalt. Seinem
+Burschen sagte er, er möchte mit dem Gepäck nachreisen, er würde
+vorausgehen. Er zieht los, und nach einer Stunde Fußmarsch guckt er
+sich um, aber kein Zug folgt ihm. So lief und lief er, ohne von seinem
+Zuge überholt zu werden, bis er schließlich nach fünfzig Kilometern in
+Rawa Ruska, seinem Ziel, ankam und vierundzwanzig Stunden später der
+Bursche mit dem Gepäck erschien. Das war dem Sportsmann aber weiter
+keine ungewohnte Arbeit. Sein Körper war derart trainiert, daß ihm
+fünfzig Kilometer Fußmarsch nichts weiter ausmachten.
+
+Graf Holck war nicht bloß ein Sportsmann auf dem grünen Rasen, der
+Flugsport machte ihm allem Anschein nach nicht weniger Vergnügen. Er war
+ein Führer von seltener Befähigung, und besonders eben, was ja noch eine
+große Hauptsache ist, er war grob Klasse über dem Feind.
+
+Manch schönen Aufklärungsflug flogen wir, wer weiß wie weit, Richtung
+Rußland. Nie hatte ich bei dem noch so jungen Piloten das Gefühl der
+Unsicherheit, vielmehr gab er mir im kritischen Moment einen Halt. Wenn
+ich mich umsah und in sein entschlossenes Gesicht blickte, hatte ich
+wieder nochmal so viel Mut wie vorher.
+
+ * * * * *
+
+Mein letzter Flug mit ihm zusammen sollte beinahe schief gehen. Wir
+hatten eigentlich gar keinen bestimmten Auftrag zu fliegen. Das ist ja
+aber gerade das Schöne, daß man sich vollständig als freier Mensch fühlt
+und vollkommen sein eigener Herr ist, wenn man mal in der Luft ist.
+
+Wir hatten einen Flughafenwechsel vorwärts und wußten nicht genau,
+welche Wiese nun eigentlich die richtige sei. Um unsere Kiste bei der
+Landung nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, flogen wir Richtung
+Brest-Litowsk. Die Russen waren in vollem Rückmarsch, alles brannte – –
+ein grausig-schönes Bild. Wir wollten feindliche Kolonnen feststellen
+und kamen dabei über die brennende Stadt Wiczniace. Eine riesige
+Rauchwolke, die vielleicht bis auf zweitausend Meter hinaufreichte,
+hinderte uns am Weiterfliegen, da wir selbst, um besser zu sehen, nur in
+fünfzehnhundert Metern Höhe flogen. Einen Augenblick überlegte Holck.
+Ich fragte ihn, was er machen wollte, und riet ihm, drumherum zu
+fliegen, was vielleicht ein Umweg von fünf Minuten gewesen wäre. Aber
+daran dachte Holck gar nicht. Im Gegenteil: je mehr sich die Gefahr
+erhöhte, um so reizvoller war es ihm. Also mitten durch! Mir machte es
+auch Spaß, mit einem so schneidigen Kerl zusammen zu sein. Doch sollte
+uns unsere Unvorsichtigkeit bald teuer zu stehen kommen, denn kaum war
+der Schwanz des Apparates in der Wolke verschwunden, schon merkte ich
+ein Schwanken im Flugzeug. Ich konnte nichts mehr sehen, der Rauch biß
+mir in die Augen, die Luft war bedeutend wärmer, und ich sah unter mir
+bloß noch ein riesiges Feuermeer. Plötzlich verlor das Flugzeug das
+Gleichgewicht und stürzte, sich überschlagend, in die Tiefe. Ich konnte
+noch schnell eine Strebe erfassen, um mich festzuhalten, sonst wäre ich
+’rausgeschleudert worden. Das erste, was ich tat, war ein Blick in
+Holcks Gesicht. Schon hatte ich wieder Mut gefaßt, denn seine Mienen
+waren eisern zuversichtlich. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war
+der: es ist doch dumm, auf so unnötige Weise den Heldentod zu sterben.
+
+Später fragte ich Holck, was er sich eigentlich in dem Augenblick
+gedacht hätte. Da meinte er, daß ihm doch noch nie so eklig zumute
+gewesen sei.
+
+Wir stürzten herunter bis auf fünfhundert Meter über die brennende
+Stadt. War es die Geschicklichkeit meines Führers oder höhere Fügung,
+vielleicht auch beides, jedenfalls waren wir plötzlich aus der
+Rauchwolke herausgefallen, der gute Albatros fing sich wieder und flog
+erneut geradeaus, als sei nichts vorgefallen.
+
+Wir hatten nun doch die Nase voll von unserem Flughafenwechsel und
+wollten schleunigst zu unseren Linien zurückkehren. Wir waren nämlich
+noch immer weit drüben bei den Russen und zudem nur noch in fünfhundert
+Metern Höhe. Nach etwa fünf Minuten ertönte hinter mir die Stimme
+Holcks: »Der Motor läßt nach.«
+
+Ich muß hinzufügen, daß Holck von einem Motor nicht ganz dieselbe Ahnung
+hatte wie von einem »Hafervergaser«, und ich selbst war vollständig
+schimmerlos. Nur eines wußte ich, daß, wenn der Motor nicht mehr
+mitmachte, wir bei den Russen landen mußten. Also kamen wir aus der
+einen Gefahr in die andere.
+
+Ich überzeugte mich, daß die Russen unter uns noch flott marschierten,
+was ich aus fünfhundert Metern Höhe genau sehen konnte. Im übrigen
+brauchte ich gar nichts zu sehen, denn der Rußki schoß mit
+Maschinengewehren wie verfault. Es hörte sich an, als wenn Kastanien im
+Feuer liegen.
+
+Der Motor hörte bald ganz auf zu laufen, er hatte einen Treffer. So
+kamen wir immer tiefer, bis wir gerade noch über einem Wald ausschwebten
+und schließlich in einer verlassenen Artilleriestellung landeten, die
+ich noch am Abend vorher als besetzte russische Artilleriestellung
+gemeldet hatte.
+
+Ich teilte Holck meine Vermutungen mit. Wir sprangen ’raus aus der Kiste
+und versuchten, das nahe Waldstückchen zu erreichen, um uns dort zur
+Wehr zu setzen. Ich verfügte über eine Pistole und sechs Patronen, Holck
+hatte nichts.
+
+Am Waldrande angekommen, machten wir halt, und ich konnte mit meinem
+Glase erkennen, wie ein Soldat auf unser Flugzeug zulief. Zu meinem
+Schreck stellte ich fest, daß er eine Mütze trug und nicht eine
+Pickelhaube. Das hielt ich für ein sicheres Zeichen, daß es ein Russe
+sei. Als der Mann näher kam, stieß Holck einen Freudenschrei aus, denn
+es war ein preußischer Gardegrenadier.
+
+Unsere Elitetruppe hatte wieder einmal die Stellung beim Morgengrauen
+gestürmt und war bis zu den feindlichen Batteriestellungen
+durchgebrochen.
+
+ * * * * *
+
+Ich erinnere mich, daß Holck bei dieser Gelegenheit seinen kleinen
+Liebling, ein Hündchen, verlor. Er nahm das Tierchen bei jedem Aufstieg
+mit, es lag ganz ruhig in seinem Pelz unten in der Karosserie. Im Walde
+hatten wir es noch mit. Kurz darauf, als wir mit dem Gardegrenadier
+gesprochen hatten, kamen Truppen vorbeigezogen. Dann kamen Stäbe von der
+Garde und Prinz Eitel Friedrich mit seinen Adjutanten und
+Ordonnanzoffizieren. Der Prinz ließ uns Pferde geben, so daß wir beiden
+Kavallerieflieger mal wieder auf richtigen »Hafermotoren« saßen. Leider
+ging uns beim Weiterreiten das Hündchen verloren. Es muß wohl mit
+anderen Truppen mitgelaufen sein.
+
+Spätabends kamen wir schließlich mit einem Panjewagen in unseren
+Flughafen zurück. Die Maschine war futsch.
+
+
+
+
+Rußland–Ostende
+
+(Vom Zweisitzer zum Großkampfflugzeug)
+
+
+Nachdem in Rußland unsere Unternehmungen so sachte zum Stehen kamen,
+wurde ich plötzlich zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. O. nach
+Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf da einen alten Bekannten,
+Zeumer, und außerdem verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«.
+
+August 1915 traf ich in Ostende ein. Auf dem Bahnhof in Brüssel hatte
+mich mein guter Freund Zeumer abgeholt. Nun verlebte ich eigentlich eine
+sehr nette Zeit, die aber wenig Kriegerisches an sich hatte, aber sie
+war als Lehrzeit zum Kampfflieger unentbehrlich. Wir flogen viel, hatten
+selten Luftkämpfe und nie Erfolge. Dafür aber war das sonstige Leben
+reizvoll. Am Strand von Ostende hatten wir ein Hotel beschlagnahmt.
+Jeden Nachmittag badeten wir. Leider waren als Kurgäste nur Soldaten zu
+sehen. Auf den Terrassen von Ostende saßen wir, in unsere bunten
+Bademäntel gehüllt, und tranken nachmittags unseren Kaffee.
+
+ * * * * *
+
+Wir saßen wieder mal, wie üblich, am Strande bei unserem Kaffee.
+Plötzlich ein Tuten, das hieß: ein englisches Seegeschwader ist
+gemeldet. Natürlich ließen wir uns durch derartige Alarmnachrichten in
+unserer Gemütlichkeit nicht stören und tranken weiter. Da ruft einer:
+»Da sind sie!« und tatsächlich konnten wir am Horizont, wenn auch nicht
+sehr deutlich, einige qualmende Schornsteine und später auch Schiffe
+erkennen. Schnell wurden die Ferngläser geholt und beobachtet. Wir sahen
+eine ganz stattliche Zahl von Schiffen. Was sie eigentlich machen
+wollten, war uns unklar, aber bald sollten wir eines Besseren belehrt
+werden. Wir stiegen auf das Dach, um von dort oben mehr zu sehen. Mit
+einem Male pfeift’s, gleich darauf ein Riesenknall, und eine Granate
+schlägt am Strande ein, wo wir eben noch im Wasser waren. So schnell bin
+ich noch nie in den Heldenkeller gestürzt wie in diesem Moment. Das
+englische Geschwader schoß noch vielleicht drei-, viermal auf uns und
+richtete sich dann in der Hauptsache gegen den Ostender Hafen und
+Bahnhof. Getroffen haben sie natürlich nichts. Aber sie haben die braven
+Belgier in mächtige Aufregung versetzt. Eine Granate sauste mitten in
+das schöne Palasthotel am Strande von Ostende. Dies war der einzige
+Schaden. Zum Glück ist es englisches Kapital, das sie selbst vernichtet
+haben.
+
+ * * * * *
+
+Abends wurde dann wieder feste geflogen. Bei einem unserer Flüge waren
+wir mit unserem Großkampfflugzeug sehr weit hinaus auf See gekommen.
+Das Ding hatte zwei Motoren, und wir probierten hauptsächlich ein neues
+Steuer aus, das uns ermöglichen sollte, auch mit einem Motor weiter
+geradeaus zu fliegen. Wie wir ziemlich weit draußen sind, sehe ich unter
+uns, nicht auf dem Wasser, sondern – wie es mir schien – unter dem
+Wasser, ein Schiff schwimmen. Es ist ganz eigentümlich: Man kann von
+oben aus bei etwas ruhigem Seegang bis auf den Meeresgrund
+hinuntersehen. Natürlich nicht vierzig Kilometer tief, aber so einige
+hundert Meter Wasser kann man glatt durchschauen. Ich hatte mich auch
+nicht getäuscht, daß das Schiff nicht über Wasser, sondern unter Wasser
+schwamm, und trotzdem sah ich es so, als sei es oben. Ich machte Zeumer
+darauf aufmerksam, und wir gingen etwas tiefer hinunter, um Näheres zu
+erkennen. Ich bin zu wenig Marinemann, um gleich sagen zu können, was es
+gewesen ist; aber so sachte kapierte ich denn doch, daß es ein U-Boot
+war. Aber welcher Nationalität? Das ist nun wieder eine zweite
+schwierige Frage, die meiner Ansicht nach nur ein Marinemann lösen kann
+– und der auch nicht immer. Farbe ist so gut wie gar nicht zu erkennen.
+Die Flagge schon erst recht nicht. Außerdem hat ja wohl so ein U-Boot
+gar nichts dergleichen. Wir hatten zwei Bomben mit, und ich war mir sehr
+im Zweifel: sollte ich werfen, oder sollte ich nicht werfen? Das U-Boot
+hatte uns nicht gesehen, denn es war halb unter Wasser. Wir konnten aber
+über dem Ding ganz ruhig herfliegen und hätten den Moment abpassen
+können, wo es auftauchte, um Luft zu schnappen, um unsere Eier zu legen.
+Das ist ganz bestimmt ein sehr kritischer Punkt für unsere
+Schwesterwaffe. Wie wir noch eine ganze Weile mit den Kerlen da unten
+’rumgekindscht hatten, merkte ich plötzlich, wie aus dem einen unserer
+Kühler sich so sachte das Wasser empfahl. Dieses schien mir als »Franz«
+nicht ganz geheuer, und ich machte meinen »Emil« darauf aufmerksam. Der
+zog sein Gesicht in die Länge und machte nun, daß er nach Hause kam.
+Aber wir waren schätzungsweise zwanzig Kilometer von der Küste entfernt,
+und die wollen erst zurückgeflogen sein. Der Motor ließ so sachte nach,
+und ich machte mich schon im stillen auf ein kaltes und feuchtes Bad
+gefaßt. Aber siehe da, es ging! Der Riesenäppelkahn ließ sich mit einem
+Motor und dem neuen Steuer großartig deichseln, und wir erreichten noch
+glatt die Küste und konnten dort sehr schön auf unserem nahen Hafen
+landen.
+
+Glück muß der Mensch haben. Hätten wir nicht das neue Steuer an diesem
+Tage ausprobiert, wir wären rettungslos versoffen.
+
+
+
+
+Ein Tropfen Blut fürs Vaterland
+
+(Ostende)
+
+
+Verwundet bin ich eigentlich nie worden. Ich habe wohl immer im
+entscheidenden Moment den Kopf weggenommen und den Bauch eingezogen. Oft
+habe ich mich gewundert, daß sie mich nicht gehascht haben. Einmal ging
+mir ein Schuß durch beide Pelzstiefel durch, ein andermal durch meinen
+Schal, wieder einmal an meinem Arm durch den Pelz und die Lederjacke
+durch, aber nie hat es mich berührt.
+
+Da flogen wir eines schönen Tages mit unserem Großkampfflugzeug los, um
+die Engländer etwas mit Bomben zu erfreuen, erreichten das Ziel, die
+erste Bombe fällt. Es ist natürlich sehr interessant festzustellen, wie
+der Erfolg dieser Bombe ist. Wenigstens den Einschlag möchte man immer
+gerne sehen. Mein Großkampfflugzeug, das sich für das Bombenschleppen
+ganz gut eignete, hatte aber die dumme Eigenschaft, daß man von der
+abgeworfenen Bombe den Einschlag schlecht sehen konnte, denn das
+Flugzeug schob sich nach dem Abwurf über das Ziel weg und verdeckte es
+mit seinen Flächen vollkommen. Dieses ärgerte mich immer, denn man hatte
+so wenig Spaß davon. Wenn’s unten knallt und man die lieblich grau-weiße
+Wolke der Explosion sieht und sie auch in der Nähe des Zieles liegt,
+macht einem viel Freude. So winkte ich meinen guten Zeumer ein und
+wollte eigentlich, daß er so etwas mit dem Tragdeck beiseite ging. Dabei
+vergaß ich, daß das infame Ding, mein Äppelkahn, zwei Propeller hatte,
+die sich rechts und links neben meinem Beobachtersitz drehten. Ich
+zeigte ihm ungefähr den Einschlag der Bombe – und patsch! habe ich eins
+auf die Finger. Etwas verdutzt anfangs, stellte ich dann fest, daß mein
+kleiner Finger zu Schaden gekommen war. Zeumer hatte nichts gemerkt.
+
+Das Bombenwerfen war mir verleidet, schnell wurde ich meine letzten
+Dinger los, und wir machten, daß wir nach Hause kamen.
+
+Meine Liebe zum Großkampfflugzeug, die sowieso etwas schwach war, hatte
+durch diesen Bombenwurf schwer gelitten. Ich mußte nun acht Tage lang
+hocken und durfte nicht mitfliegen. Jetzt ist es nur noch ein
+Schönheitsfehler, aber ich kann doch wenigstens mit Stolz sagen: »Ich
+habe auch eine Kriegsverwundung.«
+
+
+
+
+Mein erster Luftkampf
+
+(1. September 1915)
+
+
+Zeumer und ich hätten zu gerne mal einen Luftkampf gehabt. Wir flogen
+natürlich unser Großkampfflugzeug. Schon allein der Name des Kahnes gab
+uns einen solchen Mut, daß wir es für ausgeschlossen hielten, ein Gegner
+könnte uns entgehen.
+
+Wir flogen am Tage fünf bis sechs Stunden, ohne je einen Engländer
+gesehen zu haben. Schon ganz entmutigt begaben wir uns eines Morgens
+wieder auf Jagd. Mit einemmal entdeckte ich einen Farman, der ungeniert
+seine Aufklärung fliegen wollte. Mir pochte das Herz, wie Zeumer auf ihn
+zuflog. Ich war gespannt, was sich nun eigentlich abspielen würde. Ich
+hatte nie einen Luftkampf gesehen und machte mir nur ganz dunkle
+Vorstellungen, so etwa wie du, mein lieber Leser.
+
+Ehe ich mich versah, waren wir beide, der Engländer und ich, aneinander
+vorbeigesaust. Ich hatte höchstens vier Schuß abgegeben, während der
+Engländer plötzlich hinter uns saß und uns den ganzen Laden voll schoß.
+Ich muß sagen, ich hatte nicht das Gefühl der Gefahr, weil ich mir auch
+gar nicht vorstellen konnte, wie nun eigentlich das Endresultat so eines
+Kampfes aussehen würde. Wir drehten uns noch einige Male umeinander, bis
+schließlich der Engländer zu unserem größten Erstaunen ganz vergnügt
+kehrtmachte und weiterflog. Ich war stark enttäuscht, mein Führer auch.
+
+Zu Hause angekommen, waren wir beide sehr schlechter Laune. Er machte
+mir Vorwürfe, ich hätte schlecht geschossen, ich machte ihm Vorwürfe, er
+hätte mich nicht recht zum Schuß gebracht – kurz und gut, unsere
+Flugzeugehe, die sonst so tadellos war, hatte mit einemmal einen Knacks.
+
+Wir beschauten uns unsere Kiste und stellten fest, daß wir eigentlich
+eine ganz anständige Zahl von Treffern drinnen hatten.
+
+Noch am selben Tage unternahmen wir einen zweiten Jagdflug, der aber
+ebenso ergebnislos blieb. Ich war sehr traurig, denn ich hatte es mir
+bei einem Kampfgeschwader ganz anders vorgestellt. Ich glaubte immer,
+wenn ich mal zum Schuß käme, dann müßte der Bruder auch fallen. Bald
+mußte ich mich aber davon überzeugen, daß so ein Flugzeug ungeheuer viel
+verträgt. Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, ich könne noch so
+viel schießen und würde doch nie einen ’runterbekommen.
+
+An Mut hatten wir es nicht fehlen lassen. Zeumer konnte fliegen wie
+selten einer, und ich war ein ganz leidlicher Kugelschütze. Wir standen
+also vor einem Rätsel. Es ging nicht bloß mir alleine so, sondern es
+geht noch heute vielen anderen ebenso. Die Geschichte will eben wirklich
+verstanden sein.
+
+
+
+
+In der Champagne-Schlacht
+
+
+Die schöne Zeit in Ostende war nur sehr kurz, denn bald entbrannte die
+Schlacht in der Champagne, und wir flogen nach dieser Front, um uns dort
+weiter mit dem Großkampfflugzeug zu betätigen. Wir bemerkten bald, daß
+die Klamotte zwar ein großes Flugzeug war, aber niemals ein
+Kampfflugzeug abgab.
+
+Einmal flog ich mit Osteroth, der ein etwas kleineres Flugzeug hatte als
+der Äppelkahn (das Großkampfflugzeug). Etwa fünf Kilometer hinter der
+Front trafen wir mit einem Farman-Zweisitzer zusammen. Er ließ uns ruhig
+’rankommen, und ich sah zum ersten Male einen Gegner so ganz aus
+nächster Nähe in der Luft. Osteroth flog sehr geschickt so neben ihm
+her, daß ich ihn gut unter Feuer nehmen konnte. Der Gegner hatte uns
+wohl gar nicht bemerkt, denn ich hatte bereits meine erste Ladehemmung,
+wie er anfing, wiederzuschießen. Nachdem ich meinen Patronenkasten von
+hundert Schuß verschossen hatte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen
+zu können, wie mit einem Male der Gegner in ganz seltsamen Spiralen
+niederging. Ich verfolgte ihn mit den Augen und klopfte Osteroth auf den
+Kopf. Er fällt, er fällt, und tatsächlich fiel er in einen großen
+Sprengtrichter; man sah ihn darin auf dem Kopf stehen, Schwanz nach
+oben. Auf der Karte stellte ich fest: fünf Kilometer hinter der jetzigen
+Front lag er. Wir hatten ihn also jenseits abgeschossen. In damaliger
+Zeit wurden aber Abschüsse jenseits der Front nicht bewertet, sonst
+hätte ich heute einen mehr auf meiner Liste. Ich war aber sehr stolz auf
+meinen Erfolg, und im übrigen ist es ja die Hauptsache, wenn der Kerl
+unten liegt, also nicht, daß er einem als Abschuß angerechnet wird.
+
+[Illustration: Der Entente-Brunnen auf einem Flugplatz im Westen]
+
+[Illustration: Das erste Dutzend der von Richthofen abgeschossenen
+Apparate wird zum Abtransport in die Heimat verladen]
+
+
+
+
+Wie ich Boelcke kennenlernte
+
+
+Zeumer verpaßte sich in dieser Zeit einen Fokker-Eindecker, und ich
+konnte zusehen, wie er allein durch die Welt segelte. Die
+Champagne-Schlacht tobte. Die französischen Flieger machten sich
+bemerkbar. Wir sollten zu einem Kampfgeschwader zusammengestellt werden
+und fuhren am 1. Oktober 1915 nach. Im Speisewagen saß am Nebentisch ein
+junger unscheinbarer Leutnant. Es lag auch kein Grund für ihn vor,
+besonders aufzufallen, nur eine Tatsache stand fest: er war von uns
+allen der einzige, der bereits mal einen feindlichen Flieger
+abgeschossen hatte, und zwar nicht nur einen, sondern schon vier. Er war
+sogar mit Namen im Heeresbericht genannt. Er imponierte mir auf Grund
+seiner Erfahrungen ganz rasend. Ich konnte mir noch so große Mühe geben,
+ich hatte bis dahin noch immer keinen zur Strecke, jedenfalls war mir
+noch keiner anerkannt worden. Zu gerne hätte ich erfahren, wie dieser
+Leutnant Boelcke das nun eigentlich machte. So stellte ich an ihn die
+Frage: »Sagen Sie mal bloß, wie machen Sie’s denn eigentlich?« Er lachte
+sehr belustigt, dabei hatte ich aber wirklich ernst gefragt. Dann
+antwortete er mir: »Ja, Herrgott, ganz einfach. Ich fliege eben ran und
+ziele gut, dann fällt er halt herunter.« Ich schüttelte bloß den Kopf
+und meinte, das täte ich doch auch, bloß daß er eben bei mir nicht
+’runterfiele. Der Unterschied war allerdings der, er flog Fokker und ich
+mein Großkampfflugzeug.
+
+Ich gab mir Mühe, diesen netten bescheidenen Menschen, der mir
+wahnsinnig imponierte, näher kennenzulernen. Wir spielten oft Karten
+zusammen, gingen spazieren, und ich fragte ihn aus. So reifte in mir der
+Entschluß: »Du mußt selber einen Fokker fliegen lernen, dann wird es
+vielleicht besser gehen.«
+
+Mein Sinnen und Trachten ging nun dahin, zu lernen, selbst »den Knüppel
+zu führen«. Denn ich war bisher immer nur Beobachter gewesen. Es bot
+sich bald Gelegenheit, auf einer alten Klamotte in der Champagne zu
+schulen. Ich betrieb das mit großem Eifer und war nach fünfundzwanzig
+Schulflügen vor dem Alleinflug.
+
+
+
+
+Der erste Alleinflug
+
+(10. Oktober 1915)
+
+
+Es gibt so einige Augenblicke im Leben, die einen besonderen
+Nervenkitzel verursachen, so z. B. der erste Alleinflug.
+
+Zeumer, mein Lehrer, erklärte mir eines Abends: »So, nun flieg’ mal
+alleine los.« Ich muß sagen, daß ich ihm am liebsten geantwortet hätte:
+»Ich habe zu große Angst.« Aber dies Wort soll ja der Vaterlandsverteidiger
+niemals in den Mund nehmen. Also mußte ich wohl oder übel meinen
+Schweinehund ’runterschlucken und mich in die Maschine setzen.
+
+Er erklärte mir noch einmal jeden Griff theoretisch; ich hörte nur noch
+mit halbem Ohre zu, denn ich war der festen Überzeugung: Du vergißt doch
+die Hälfte.
+
+Ich rollte zum Start, gab Gas, die Maschine bekam ihre bestimmte
+Geschwindigkeit, und mit einem Male konnte ich nicht umhin,
+festzustellen, daß ich tatsächlich flog. Es war schließlich kein
+ängstliches, sondern ein verwegenes Gefühl. Mir war jetzt alles Wurscht.
+Mochte passieren, was da wollte, ich wäre über nichts mehr erschrocken
+gewesen. Mit Todesverachtung machte ich eine Riesenlinkskurve, stellte
+an dem genau bezeichneten Baum das Gas ab und wartete der Dinge, die
+sich nun ereignen würden. Nun kam das Schwierigste, die Landung. Mir
+waren die notwendigen Handgriffe genau in Erinnerung. Ich machte sie
+mechanisch nach, jedoch reagierte die Maschine ganz anders als sonst, wo
+Zeumer drin saß. Ich war aus dem Gleichgewicht gebracht, machte einige
+falsche Bewegungen, stand auf dem Kopf, und schon gab es wieder mal eine
+»Schulmaschine«. Sehr traurig beguckte ich mir den Schaden, der sich zum
+Glück bald beheben ließ, und hatte im übrigen noch den Spott auf meiner
+Seite.
+
+Zwei Tage später ging ich mit rasender Passion wieder an mein Flugzeug,
+und siehe da, es ging wunderbar.
+
+Nach vierzehn Tagen konnte ich die erste Prüfung machen. Ein Herr v. T.
+war Richter. Ich flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir
+befohlenen Landungen, worauf ich sehr stolz ausstieg und nun zu meinem
+größten Erstaunen hörte, daß ich durchgefallen sei. Mir blieb nichts
+anderes übrig, als später meine erste Prüfung noch einmal zu machen.
+
+
+
+
+Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit
+
+
+Um meine Examina bestehen zu können, mußte ich aber nach Berlin. Ich
+benutzte die Gelegenheit, um als Beobachter ein Riesenflugzeug in Berlin
+auf den Schwung zu bringen, und ließ mich dazu nach Döberitz
+kommandieren (15. November 1915). Für das Riesenflugzeug hatte ich
+anfangs großes Interesse. Aber es ist komisch, gerade durch das
+Riesending wurde mir klar, daß nur das kleinste Flugzeug für meine
+Zwecke als Kampfflieger etwas taugen kann. So ein großer Äppelkahn ist
+zum Kämpfen zu unbeweglich, und das ist ja eben die Hauptsache für mein
+Geschäft.
+
+Der Unterschied zwischen einem Großkampfflugzeug und einem
+Riesenflugzeug ist der, daß das Riesenflugzeug noch erheblich größer ist
+und mehr dem Zwecke für Bomben dient und weniger zum Kampfe.
+
+Meine Prüfungen machte ich nun in Döberitz, zusammen mit einem lieben
+Menschen, Oberleutnant v. Lyncker. Wir beide vertrugen uns gut und
+hatten dieselben Passionen, auch dieselbe Auffassung über unsere spätere
+Tätigkeit. Unser Ziel war Fokkerfliegen, um zusammen zu einer
+Jagdstaffel nach dem Westen zu kommen. Ein Jahr später haben wir es
+erreicht, zusammenwirken zu können, wenn auch nur für kurze Zeit, denn
+meinen guten Freund ereilte bei seinem dritten Abschuß die tödliche
+Kugel.
+
+Oft haben wir in Döberitz lustige Stunden verlebt. So war z. B. eine
+Bedingung: »Außenlandungen.«
+
+Ich verband bei dieser Gelegenheit das Notwendige mit dem Angenehmen. Zu
+meinem Außenlandeplatz suchte ich mir ein mir bekanntes Gut Buchow aus.
+Dort war ich auf Saujagd eingeladen, bloß vertrug sich die Sache
+schlecht mit meinem Dienst, denn an schönen Abenden wollte ich fliegen
+und trotzdem meiner Jagdpassion nachgehen. So legte ich mir meinen
+Außenlandeplatz so, daß ich von dort aus bequem meine Jagdgründe
+erreichen konnte.
+
+Ich nahm mir einen zweiten Piloten als Beobachter mit und schickte
+diesen abends zurück. Nachts setzte ich mich auf Sauen an und wurde am
+nächsten Morgen von diesem Piloten wieder abgeholt.
+
+Wenn ich nicht hätte abgeholt werden können, so wäre ich ziemlich auf
+dem Trockenen gewesen, da mir ein Fußmarsch von etwa zehn Kilometern
+geblüht hätte. So brauchte ich einen Mann, der mich bei jedem Wetter von
+meinem Hochsitz abholte. Es ist aber nicht jedermanns Sache, auf Wetter
+gar keine Rücksicht zu nehmen, doch es gelang mir, einen
+Gesinnungstüchtigen zu finden.
+
+Eines Morgens, nachdem ich die Nacht wieder draußen zugebracht hatte,
+begann ein ungeheures Schneegestöber. Man konnte nicht fünfzig Meter
+weit sehen. Acht Uhr war es gerade, die angegebene Zeit, zu der mich der
+Pilot abholen sollte. Im stillen hoffte ich, er würde es diesmal sein
+lassen. Aber mit einem Male hörte ich ein Summen – sehen konnte ich
+nichts – fünf Minuten später lag mein schöner Vogel etwas verbogen vor
+mir.
+
+
+
+
+Erste Zeit als Pilot
+
+
+Am Weihnachtstage 1915 machte ich mein drittes Examen. Ich verband damit
+einen Flug nach Schwerin und sah mir dort die Fokker-Werke an. Als
+Beobachter nahm ich mir meinen Monteur mit und flog dann später mit ihm
+von Berlin nach Breslau, von Breslau nach Schweidnitz, von Schweidnitz
+nach Lüben, von Lüben nach Berlin, überall zwischenlandend, Bekannte und
+Verwandte aufsuchend. Das Orientieren im Flugzeug fiel mir als altem
+Beobachter nicht schwer.
+
+März war ich beim Kampfgeschwader 2 vor Verdun und lernte nun den
+Luftkampf als Flugzeugführer, d. h. ich lernte, das Flugzeug im Kampfe
+zu beherrschen. Ich flog dazu einen Zweisitzer.
+
+ * * * * *
+
+Im Heeresbericht vom 26. April 1916 bin ich zum ersten Male, wenn auch
+nicht persönlich genannt, so doch durch eine meiner Taten erwähnt. Ich
+hatte mir auf meine Maschine ein Gewehr oben zwischen die Tragdecks im
+Geschmack, wie es der Nieuport hat, aufgebaut und war auf diese
+Konstruktion allein schon sehr stolz. Man lachte wohl etwas darüber,
+denn sie sah sehr primitiv aus. Ich schwor natürlich darauf und hatte
+bald Gelegenheit, sie praktisch zu verwerten.
+
+Ich begegnete einem Nieuport, der scheinbar auch Anfänger war, denn er
+benahm sich furchtbar töricht. Ich flog auf ihn zu, worauf er ausriß.
+Offenbar hatte er eine Ladehemmung. Ich hatte nicht das Gefühl, als ob
+ich kämpfen würde, vielmehr: »Was wird jetzt erfolgen, wenn du auf ihn
+schießt?« Ich fliege ’ran, zum erstenmal auf eine ganz, ganz nahe
+Entfernung, drücke auf den Knopf des Maschinengewehrs, eine kurze Serie
+wohlgezielter Schüsse, mein Nieuport bäumt sich auf und überschlägt
+sich. Anfangs glaubten wir, mein Beobachter und ich, es sei eins der
+vielen Kunststücke, die einem die Franzosen vorzumachen pflegen. Dieses
+Kunststück wollte aber nicht aufhören, es ging immer tiefer, immer
+tiefer; da klopft mir mein »Franz« auf den Kopf und ruft mir zu: »Ich
+gratuliere, der fällt!« Tatsächlich fiel er in einen Wald hinter dem
+Fort Douaumont und verschwand zwischen den Bäumen. »Den hast du
+abgeschossen,« das war mir klar. Aber – jenseits! Ich flog nach Hause,
+meldete weiter nichts als: »Ein Luftkampf, ein Nieuport abgeschossen.«
+Einen Tag darauf las ich diese meine Heldentat im Heeresbericht. Ich war
+nicht schlecht stolz darauf, aber zu meinen zweiundfünfzig zählt dieser
+Nieuport nicht.
+
+ * * * * *
+
+_Heeresbericht vom 26. April 1916_
+
+Zwei feindliche Flugzeuge sind über Fleury, südlich von Douaumont und
+westlich davon, im Luftkampf abgeschossen.
+
+
+
+
+Holck †
+
+(30. April 1916)
+
+
+Als junger Flugzeugführer flog ich mal bei einem Jagdfluge über das Fort
+Douaumont hinweg, auf dem gerade heftiges Trommelfeuer lag. Da sah ich,
+wie ein deutscher Fokker drei Caudrons angriff. Zu seinem Pech war aber
+sehr starker Westwind. Also ungünstiger Wind. Er wurde im Laufe des
+Kampfes über die Stadt Verdun hinausgetrieben. Ich machte meinen
+Beobachter darauf aufmerksam, der auch meinte, das muß ein ganz
+schneidiger Kerl sein. Wir überlegten, ob es Boelcke sein könnte, und
+wollten uns nachher danach erkundigen. Da sah ich aber zu meinem
+Schrecken, wie aus dem Angreifer ein Verteidiger wurde. Der Deutsche
+wurde von den Franzosen, die sich mittlerweile auf mindestens zehn
+Flugzeuge verstärkt hatten, immer mehr heruntergedrückt. Ihm zu Hilfe
+kommen, konnte ich nicht. Ich war zu weit ab von den Kämpfenden und kam
+zudem in meiner schweren Maschine nicht gegen den Wind an. Der Fokker
+wehrte sich verzweifelt. Jetzt hatten ihn die Feinde schon mindestens
+auf sechshundert Meter heruntergedrückt. Da wurde er plötzlich von einem
+seiner Verfolger erneut angegriffen. Er verschwand in einem Sturzflug in
+einer Kumuluswolke. Ich atmete auf, denn das war meiner Ansicht nach
+seine Rettung.
+
+Zu Hause angekommen, erzählte ich, was ich gesehen hatte, und erfuhr,
+daß es Holck, mein alter Kampfgenosse aus dem Osten, war, der vor kurzem
+vor Verdun Jagdflieger geworden war.
+
+Mit Kopfschuß war Graf Holck senkrecht abgestürzt. Es ging mir sehr
+nahe, denn er war nicht bloß ein Vorbild an Schneid, er war eben auch
+als Mensch eine Persönlichkeit, wie es nur wenige gibt.
+
+
+
+
+Ein Gewitterflug
+
+
+Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige
+Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger,
+als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht
+zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren
+Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in
+Gefangenschaft.
+
+Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter
+hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal
+auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige
+Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz
+hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei
+meinem Nachhauseflug folgendes:
+
+Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen
+zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die
+ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind
+kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran.
+Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte
+aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen,
+wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben wäre. Also, Gas
+gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing’s an zu regnen. Die
+Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble
+war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der
+Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,«
+und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde
+herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und
+Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich
+schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück
+Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer.
+Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten
+werden.
+
+Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm.
+Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein
+guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur
+noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden.
+Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders
+Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch
+fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas
+zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht,
+daß der Blitz nicht in das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den
+sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der
+nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der
+Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen.
+
+Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort
+hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet.
+Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch
+haben kann, steuerte ich darauf zu.
+
+Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog
+zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen.
+
+Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo
+schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht
+eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin,
+verschwunden.
+
+Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert,
+durch einen Gewittersturm hindurchfliegen.
+
+In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente,
+die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte.
+
+
+
+
+Das erstemal auf einem Fokker
+
+
+Von Anfang meiner Pilotenlaufbahn an hatte ich nur ein Streben, und das
+war, in einem einsitzigen Kampfflugzeug fliegen zu dürfen. Nach langem
+Quälen bei meinem Kommandeur hatte ich die Erlaubnis ’rausgeschunden,
+einen Fokker zu schaukeln. Der Motor, der sich um sich selbst drehte,
+war mir etwas ganz Neues. Auch so allein in einem kleinen Flugzeug zu
+sitzen, war mir fremd.
+
+Ich besaß mit einem Freund, der jetzt schon lange tot ist, zusammen
+diesen einen Fokker. Vormittags flog ich ihn, nachmittags er. Jeder
+hatte Angst, der andere könne die Kiste eher zerschmeißen. Am zweiten
+Tage flogen wir gegen den Feind. Mir war vormittags kein Franzose
+begegnet, nachmittags kam der andere an die Reihe. Er kam nicht wieder,
+keine Nachricht, nichts. Spätabends meldete die Infanterie einen
+Luftkampf zwischen einem Nieuport und einem deutschen Fokker, nach
+dessen Verlauf der Deutsche scheinbar jenseits auf dem Toten Mann
+gelandet wäre. Es konnte nur Reimann sein, denn alle anderen waren
+zurückgekommen. Wir bedauerten unseren kühnen Kameraden, da plötzlich
+kam nachts die telephonische Nachricht, ein deutscher Fliegeroffizier
+sei mit einem Male im vordersten Sappenkopf der Infanteriestellung auf
+dem Toten Mann erschienen. Er entpuppte sich als Reimann. Ihm war der
+Motor zerschossen worden, so daß er zur Notlandung gezwungen war. Er
+hatte dabei unsere Linien nicht mehr erreichen können und war zwischen
+dem Feind und uns gelandet. Schnell hatte er noch seine Maschine in
+Brand gesteckt und sich dann einige hundert Meter davon in einem
+Sprengtrichter verborgen gehalten. In der Nacht war er dann als
+Schleichpatrouille in unseren Gräben erschienen. So endete zum ersten
+Male unser Aktienunternehmen: »Der Fokker«.
+
+ * * * * *
+
+Nach einigen Wochen bekamen wir einen zweiten. Diesmal fühlte ich mich
+verpflichtet, das gute Ding ins Jenseits zu befördern. Es war vielleicht
+mein dritter Flug auf der kleinen, schnellen Maschine. Beim Start setzte
+der Motor aus. Ich mußte hinunter, gerade in ein Haferfeld hinein, und
+im Umsehen war aus dem stolzen, schönen Apparat bloß noch eine
+unkenntliche Masse geworden. Wie durch ein Wunder war mir nichts
+passiert.
+
+
+
+
+Bombenflüge in Rußland
+
+
+Juni hieß es plötzlich verladen. Wir wußten nicht, wo es hinging, aber
+den richtigen Tip hatten wir und waren deshalb nicht übermäßig erstaunt,
+wie uns unser Kommandeur mit der Neuigkeit überraschte, daß wir nach
+Rußland gingen. Wir fuhren durch ganz Deutschland mit unserem Wohnzug,
+aus Speise- und Schlafwagen bestehend, und kamen schließlich nach Kowel.
+Dort blieben wir in unseren Eisenbahnwagen wohnen. Dieses Wohnen in
+Zügen hat ja nun natürlich sehr viel Vorteile. Man ist stets fertig, um
+weiterzureisen, und man hat immer dasselbe Quartier.
+
+Aber in der russischen Sommerhitze ist so ein Schlafwagen das
+Fürchterlichste, was es geben kann. Deshalb zog ich es vor, mit zwei
+guten Freunden, Gerstenberg und Scheele, in den nahen Wald zu ziehen, wo
+wir uns ein Zelt aufbauten und wie Zigeuner lebten. Das waren schöne
+Zeiten.
+
+ * * * * *
+
+In Rußland warf unser Kampfgeschwader viel Bomben. Wir beschäftigten uns
+damit, die Russen zu ärgern, und legten auf ihre schönsten Bahnanlagen
+unsere Eier. An einem dieser Tage zog unser ganzes Geschwader los, um
+eine sehr wichtige Bahnhofsanlage zu bewerfen. Das Nest hieß Manjewicze
+und lag etwa dreißig Kilometer hinter der Front, also nicht so
+übertrieben weit. Die Russen hatten einen Angriff geplant, und zu diesem
+Zweck war der Bahnhof ganz ungeheuerlich mit Zügen angefüllt. Ein Zug
+stand neben dem anderen, eine ganze Strecke war mit fahrenden Zügen
+belegt. Man konnte das von oben sehr schön sehen; an jeder
+Ausweichstelle stand ein Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel
+für einen Bombenflug.
+
+Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile
+für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir einen unheimlichen
+Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. Oft zog ich an einem Tage
+zweimal los. An diesem Tage hatten wir uns also Manjewicze zum Ziele
+gesteckt. Jede Staffel für sich zog geschlossen gen Rußland. Die
+Maschinen standen am Start, jeder Flugzeugführer versuchte noch einmal
+seinen Motor, denn es ist eine peinliche Sache, auf der falschen Partei
+notzulanden und besonders in Rußland. Der Russe ist auf Flieger wie
+wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn ganz bestimmt tot. Das
+ist auch die einzige Gefahr in Rußland, denn feindliche Flieger gibt es
+da nicht, oder so gut wie gar nicht. Kommt mal einer vor, so hat er
+sicherlich Pech und wird abgeschossen. Die Ballonabwehrgeschütze in
+Rußland sind manchmal ganz gut, aber ihre Zahl nicht ausreichend. Gegen
+den Westen jedenfalls ist das Fliegen im Osten eine Erholung.
+
+ * * * * *
+
+Die Maschinen rollen schwer bis an den Startplatz. Sie sind bis auf ihr
+letztes Ladegewicht mit Bomben angefüllt. Ich schleppte manchmal
+einhundertfünfzig Kilogramm Bomben mit einem ganz normalen C-Flugzeug.
+Außerdem hatte ich noch einen schweren Beobachter mit, dem man die
+Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den Fall, daß« noch zwei
+Maschinengewehre. Ich habe sie nie in Rußland ausprobieren können. Es
+ist sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe vorhanden ist. An der
+Wand würde sich seine Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein Flug
+mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, besonders in der russischen
+Mittagsglut, ist nicht von Pappe. Die Kähne schaukeln sehr unangenehm.
+Runterfallen tun sie natürlich nicht, dafür sorgen die einhundertfünfzig
+»Pferde«, aber es ist doch kein angenehmes Gefühl, so viel Sprengladung
+und Benzin bei sich zu haben. Endlich ist man in einer ruhigeren
+Luftschicht und kommt allmählich zu dem Genuß des Bombenfluges. Es ist
+schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes Ziel zu haben und einen
+festen Auftrag. Man hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du hast etwas
+geleistet, während man manchmal bei einem Jagdflug, wo man keinen
+abgeschossen hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen können.
+Ich habe sehr gern Bomben geworfen. Mein Beobachter hatte es sachte sehr
+ordentlich wegbekommen, das Ziel genau senkrecht zu überfliegen und mit
+Hilfe eines Zielfernrohres den guten Augenblick abzupassen, um sein Ei
+zu legen. Es ist ein schöner Flug nach Manjewicze. Ich habe ihn öfters
+hinter mir.
+
+Wir kamen über riesige Waldkomplexe, in denen gewiß die Elche und Luchse
+herumturnen. Die Dörfer sahen allerdings auch so aus, als ob sich die
+Füchse darin Gute Nacht sagen könnten. Das einzige größere Dorf in der
+ganzen Gegend war Manjewicze. Um das Dorf herum waren zahllose Zelte
+aufgeschlagen und am Bahnhof selbst unzählige Baracken. Rote Kreuze
+konnten wir nicht erkennen. Vor uns war eine Staffel dagewesen. Dieses
+konnte man an einzelnen rauchenden Häusern und Baracken noch
+feststellen. Sie hatte nicht schlecht geworfen. Der eine Ausgang des
+Bahnhofs war durch einen Treffer offenbar versperrt. Die Lokomotive
+dampfte noch. Gewiß waren die Herren Zugführer irgendwo in einem
+Unterstand oder so was Ähnlichem. Auf der anderen Seite fuhr gerade eine
+Lokomotive mit großer Fahrt heraus. Natürlich reizte einen das, das Ding
+zu treffen. Wir fliegen das Ding an und setzen einige hundert Meter
+davor eine Bombe. Der gewünschte Erfolg war da, die Lokomotive blieb
+stehen. Wir machen kehrt und werfen noch sauber Bombe für Bombe, fein
+gezielt durch das Zielfernrohr, auf den Bahnhof. Wir haben ja Zeit, es
+stört uns niemand. Ein feindlicher Flughafen ist zwar ganz in der Nähe,
+aber seine Piloten sind nicht zu sehen. Abwehrgeschütze knallen nur ganz
+vereinzelt und in einer ganz anderen Richtung als wir fliegen. Wir heben
+uns noch eine Bombe auf, um sie besonders nutzbringend beim
+Nachhauseflug anzuwenden. Da sehen wir, wie ein feindlicher Flieger auf
+seinem Hafen startet. Ob er sich wohl mit dem Gedanken trägt, uns
+anzugreifen? Ich glaube es nicht. Viel eher sucht er Sicherheit in der
+Luft, denn das ist bei Bombenflügen auf Flughäfen ganz gewiß das
+bequemste, sich der persönlichen Lebensgefahr zu entziehen.
+
+Wir machen noch einige Umwege und suchen Truppenlager, denn das macht
+besonderen Spaß, die Herren da unten mit Maschinengewehren zu
+beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme wie die Asiaten haben noch
+viel mehr Angst als die gebildeten Engländer. Besonders interessant ist
+es, auf feindliche Kavallerie zu schießen. Es bringt ungeheure Unruhe
+unter die Leute. Man sieht sie mit einem Male nach allen
+Himmelsrichtungen davonsausen. Ich möchte nicht Schwadronschef von so
+einer Kosakeneskadron sein, die von Fliegern mit Maschinengewehren
+beschossen wird. Allmählich konnten wir wieder unsere Linien sehen. Nun
+wurde es Zeit, daß wir unsere letzte Bombe loswurden. Wir beschlossen,
+einen Fesselballon, »_den_« Fesselballon der Russen, mit einer Bombe zu
+bedenken. Wir konnten ganz gemütlich auf wenige hundert Meter
+heruntergehen und den Fesselballon bewerfen. Anfangs wurde er mit großer
+Hast eingezogen, wie aber die Bombe gefallen war, hörte das Einziehen
+auf. Ich erklärte es mir dadurch, nicht etwa, daß ich getroffen hatte,
+sondern eher, daß die Russen ihren Hetman da oben in dem Korb im Stich
+ließen und weggelaufen waren. Wir erreichten schließlich unsere Front,
+unsere Gräben und waren, als wir zu Hause ankamen, doch etwas erstaunt,
+wie wir feststellten, daß man uns von unten doch beschossen hatte,
+wenigstens zeigte dies ein Treffer in der Tragfläche.
+
+ * * * * *
+
+Ein andermal waren wir gleichfalls etwa in derselben Gegend auf einen
+Angriff der Russen angesetzt, die den Stochod zu überschreiten
+beabsichtigten. Wir kamen an die gefährdete Stelle, mit Bomben beladen
+und sehr viel Patronen fürs Maschinengewehr, und da sahen wir zu unserer
+großen Überraschung, wie bereits der Stochod von feindlicher Kavallerie
+überschritten wird. Eine einzige Brücke diente zum Nachschub. Also war
+es klar: Trifft man diese, so kann man dem Feind ungeheuer schaden.
+Außerdem wälzten sich über den schmalen Steg dicke Truppenmassen. Wir
+gingen auf möglichst niedrige Höhe hinunter und konnten nun genau
+erkennen, daß die feindliche Kavallerie in großer Geschwindigkeit über
+den Übergang marschierte. Die erste Bombe krachte nicht weit von ihr,
+die zweite, dritte folgte unmittelbar darauf. Unten entsteht eine wüste
+Unordnung. Die Brücke ist zwar nicht getroffen, aber nichtsdestotrotz
+hat der Verkehr vollständig aufgehört, und alles, was Beine hat, ist
+nach allen Himmelsrichtungen davon. Der Erfolg war gut, denn das waren
+nur drei Bomben; es kam ja noch das ganze Geschwader hinterher. Und so
+konnten wir noch manches erreichen. Mein Beobachter schoß feste mit dem
+Maschinengewehr unter die Brüder, und wir hatten einen wilden Spaß
+daran. Was unser positiver Erfolg war, kann ich natürlich nicht sagen.
+Die Russen haben es mir auch nicht erzählt. Aber eingebildet habe ich
+mir, daß ich den russischen Angriff allein abgeschlagen habe. Ob es
+stimmt, wird die Kriegschronik der Russen nach dem Kriege mir wohl
+mitteilen.
+
+
+
+
+Endlich!
+
+
+Die Augustsonne war fast unerträglich auf dem sandigen Flugplatz in
+Kowel. Wir unterhielten uns mit den Kameraden, da erzählte einer: »Heute
+kommt der große Boelcke und will uns, oder vielmehr seinen Bruder, in
+Kowel besuchen.« Abends erschien der berühmte Mann, von uns sehr
+angestaunt, und erzählte vieles Interessante von seiner Reise nach der
+Türkei, von der er gerade auf dem Rückwege war, um sich im Großen
+Hauptquartier zu melden. Er sprach davon, daß er an die Somme ginge, um
+dort seine Arbeit fortzusetzen, auch sollte er eine ganze Jagdstaffel
+aufstellen. Zu diesem Zwecke konnte er sich aus der Fliegertruppe ihm
+geeignet erscheinende Leute aussuchen. Ich wagte nicht, ihn zu bitten,
+daß er mich mitnähme. Nicht aus dem Grunde heraus, daß es mir bei
+unserem Geschwader zu langweilig gewesen wäre – im Gegenteil, wir
+machten große und interessante Flüge, haben den Rußkis mit unseren
+Bomben so manchen Bahnhof eingetöppert – aber der Gedanke, wieder an der
+Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für
+einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen.
+
+Am nächsten Morgen sollte Boelcke wieder wegfahren. Frühmorgens klopfte
+es plötzlich an meiner Tür, und vor mir stand der große Mann mit dem
+#Pour le mérite#. Ich wußte nicht recht, was er von mir wollte. Ich
+kannte ihn zwar, wie bereits erwähnt, aber auf den Gedanken kam ich
+nicht, daß er mich dazu aufgesucht hatte, um mich aufzufordern, sein
+Schüler zu werden. Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen, wie er mich
+fragte, ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte.
+
+Drei Tage später saß ich auf der Eisenbahn und fuhr quer durch
+Deutschland direkt nach dem Feld meiner neuen Tätigkeit. Endlich war
+mein sehnlichster Wunsch erfüllt, und nun begann für mich die schönste
+Zeit meines Lebens.
+
+Daß sie sich so erfolgreich gestalten würde, wagte ich damals nicht zu
+hoffen. Beim Abschied rief mir ein guter Freund noch nach: »Komm’ bloß
+nicht ohne den #Pour le mérite# zurück!«
+
+
+
+
+Mein erster Engländer
+
+(17. September 1916)
+
+
+Wir standen alle auf dem Schießplatz, und einer nach dem anderen schoß
+sein Maschinengewehr ein, so, wie es ihm am günstigsten erschien. Am
+Tage vorher hatten wir unsere neuen Apparate bekommen, und am nächsten
+Morgen wollte Boelcke mit uns fliegen. Wir waren alle Anfänger, keiner
+von uns hatte bisher einen Erfolg zu verzeichnen. Was Boelcke uns sagte,
+war uns daher ein Evangelium. In den letzten Tagen hatte er, wie er sich
+ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, manchmal auch zwei
+Engländer abgeschossen.
+
+Der nächste Morgen, der 17. September, war ein wunderbarer Tag. Man
+konnte mit regem Flugbetrieb der Engländer rechnen. Bevor wir
+aufstiegen, erteilte Boelcke uns noch einige genaue Instruktionen, und
+zum ersten Male flogen wir im Geschwader unter Führung des berühmten
+Mannes, dem wir uns blindlings anvertrauten.
+
+Wir waren gerade an die Front gekommen, als wir bereits über unseren
+Linien an den Sprengpunkten unserer Ballon-Abwehrkanonen ein feindliches
+Geschwader erkannten, das in Richtung Cambrai flog. Boelcke war
+natürlich der erste, der es sah, denn er sah eben mehr als andere
+Menschen. Bald hatten wir auch die Lage erfaßt, und jeder strebte,
+dicht hinter Boelcke zu bleiben. Wir waren uns alle klar, daß wir unsere
+erste Prüfung unter den Augen unseres verehrten Führers zu bestehen
+hatten. Wir näherten uns dem Geschwader langsam, aber es konnte uns
+nicht mehr entgehen. Wir waren zwischen der Front und dem Gegner. Wollte
+er zurück, so mußte er an uns vorbei. Wir zählten schon die feindlichen
+Flugzeuge und stellten fest, daß es sieben waren. Wir dagegen nur fünf.
+Alle Engländer flogen große, zweisitzige Bomben-Flugzeuge. Nur noch
+Sekunden, dann mußte es losgehen. Boelcke war dem ersten schon verflucht
+nahe auf die Pelle gerückt, aber noch schoß er nicht. Ich war der
+zweite, dicht neben mir meine Kameraden. Der mir am nächsten fliegende
+Engländer war ein großer, dunkel angestrichener Kahn. Ich überlegte
+nicht lange und nahm ihn mir aufs Korn. Er schoß, ich schoß, und ich
+schoß vorbei, er auch. Es begann ein Kampf, in dem es für mich
+jedenfalls darauf ankam, hinter den Burschen zu kommen, da ich ja nur in
+meiner Flugrichtung schießen konnte. Er hatte es nicht nötig, denn sein
+bewegliches Maschinengewehr reichte nach allen Seiten. Er schien aber
+kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, daß in dem Moment sein
+letztes Stündlein geschlagen hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu
+gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung, »der muß fallen«,
+wie ich sie jetzt voll habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er
+wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Liegt mal
+der erste oder gar der zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht
+auf: »So mußt du’s machen.«
+
+Also mein Engländer wandte, drehte sich, oft meine Garbe kreuzend. Daran
+dachte ich nicht, daß es auch noch andere Engländer in dem Geschwader
+gab, die ihrem bedrängten Kameraden zu Hilfe kommen konnten. Nur immer
+der eine Gedanke: »Der muß fallen, mag kommen, was da will!« Da, endlich
+ein günstiger Augenblick. Der Gegner hat mich scheinbar verloren und
+fliegt geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich ihm mit meiner
+guten Maschine im Nacken. Eine kurze Serie aus meinem Maschinengewehr.
+Ich war so nahe dran, daß ich Angst hatte, ihn zu rammen. Da plötzlich,
+fast hätte ich einen Freudenjauchzer ausgestoßen, denn der Propeller des
+Gegners drehte sich nicht mehr. Hurra! Getroffen! Der Motor war
+zerschossen, und der Feind mußte bei uns landen, da ein Erreichen seiner
+Linien ausgeschlossen war. Auch merkte ich an den schwankenden
+Bewegungen des Apparates, daß irgend was mit dem Führer nicht mehr ganz
+in Ordnung war. Auch der Beobachter war nicht mehr zu sehen, sein
+Maschinengewehr ragte ohne Bedienung in die Luft. Ich hatte ihn also
+getroffen, und er mußte am Boden seiner Karosserie liegen.
+
+Der Engländer landete irgendwo unmittelbar neben dem Flughafen eines
+mir bekannten Geschwaders. Ich war so aufgeregt, daß ich mir das Landen
+nicht verkneifen konnte, und landete in dem mir fremden Flughafen, wo
+ich fast im Eifer meine Maschine noch auf den Kopf stellte. Die beiden
+Flugzeuge, der Engländer und meines, waren nicht sehr weit voneinander
+entfernt. Ich lief gleich hin und sah bereits eine Menge Soldaten nach
+dem Gegner hinströmen. Dort angekommen, fand ich, daß meine Annahme
+stimmte. Der Motor war zerschossen und beide Insassen schwer verletzt.
+Der Beobachter starb gleich, der Führer auf dem Transport zum nahen
+Lazarett. Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken
+einen Stein auf sein schönes Grab.
+
+Als ich nach Hause kam, saß Boelcke mit den anderen Kameraden bereits
+beim Frühstück und wunderte sich sehr, wo ich so lange geblieben war.
+Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer abgeschossen.«
+Sofort jubelte alles, denn ich war nicht der einzige; außer Boelcke,
+der, wie üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von uns
+Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf geblieben.
+
+Ich möchte bemerken, daß seitdem kein englisches Geschwader sich mehr
+bis Cambrai getraute, solange es dort eine Jagdstaffel Boelcke gab.
+
+
+
+
+Somme-Schlacht
+
+
+Ich habe in meinem ganzen Leben kein schöneres Jagdgefilde kennengelernt
+als in den Tagen der Somme-Schlacht. Morgens, wenn man aufgestanden,
+kamen schon die ersten Engländer, und die letzten verschwanden, nachdem
+schon lange die Sonne untergegangen war. »Ein Dorado für die
+Jagdflieger«, hat Boelcke einmal gesagt. Es ist damals die Zeit gewesen,
+wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig
+gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals noch nicht die Erfahrung wie
+unser Meister und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst Senge
+bezogen. Aber schön war es! Kein Start ohne Luftkampf. Oft große
+Luftschlachten von vierzig bis sechzig Engländern gegen leider nicht
+immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die Quantität und bei uns
+die Qualität.
+
+Aber der Engländer ist ein schneidiger Bursche, das muß man ihm lassen.
+Er kam ab und zu in ganz niedriger Höhe und besuchte Boelcke auf seinem
+Platz mit Bomben. Er forderte zum Kampf förmlich heraus und nahm ihn
+auch stets an. Ich habe kaum einen Engländer getroffen, der den Kampf
+verweigert hätte, während der Franzose es vorzieht, jede Berührung mit
+dem Gegner in der Luft peinlichst zu vermeiden.
+
+Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. Der Geist des Führers
+übertrug sich auf seine Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner
+Führung anvertrauen. Die Möglichkeit, daß einer im Stich gelassen wurde,
+gab es nicht. Der Gedanke kam einem überhaupt nicht. Und so räumten wir
+flott und munter unter unseren Feinden auf.
+
+An dem Tage, an dem Boelcke fiel, hatte die Staffel schon vierzig. Jetzt
+hat sie weit über hundert. Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen
+tüchtigen Nachfolgern.
+
+
+
+
+Boelcke †
+
+(28. Oktober 1916)
+
+
+Eines Tages flogen wir wieder einmal unter der Führung des großen Mannes
+gegen den Feind. Man hatte stets ein so sicheres Gefühl, wenn er dabei
+war. Es gab eben nur einen Boelcke. Ein sehr stürmisches Wetter. Viel
+Wolken. Andere Flieger flogen an dem Tage überhaupt nicht, nur der
+Jagdflieger.
+
+Schon von weitem sahen wir an der Front zwei freche Engländer, denen
+scheinbar das schlechte Wetter auch mal Spaß machte. Wir waren sechs,
+drüben waren zwei. Wären es zwanzig gewesen, uns hätte das Zeichen von
+Boelcke zum Angriff auch nicht weiter in Erstaunen gesetzt.
+
+Es beginnt der übliche Kampf. Boelcke hatte den einen vor und ich den
+anderen. Ich muß ablassen, weil ich von einem eigenen gestört werde. Ich
+sehe mich um und beobachte, wie etwa zweihundert Meter neben mir Boelcke
+sein Opfer gerade verarbeitet.
+
+[Illustration: Der Dreißigste!]
+
+[Illustration: Der Vierzigste!]
+
+Es war wieder das übliche Bild. Boelcke schießt einen ab, und ich kann
+zusehen. Dicht neben Boelcke fliegt ein guter Freund von ihm. Es war ein
+interessanter Kampf. Beide schossen, jeden Augenblick mußte der
+Engländer stürzen. Plötzlich ist eine unnatürliche Bewegung in den
+beiden deutschen Flugzeugen zu beobachten. Es zuckt mir durchs Hirn:
+Zusammenstoß. Ich habe sonst nie einen Zusammenstoß in der Luft gesehen
+und hatte mir so etwas viel anders vorgestellt. Es war auch kein
+Zusammenstoß, sondern mehr ein Berühren. Aber in der großen
+Geschwindigkeit, die so ein Flugzeug hat, ist jede leise Berührung ein
+heftiger Aufprall.
+
+Boelcke läßt sofort von seinem Opfer ab und geht in großem
+Kurvengleitflug zur Erde hinunter. Noch immer hatte ich nicht das Gefühl
+eines Absturzes, aber wie er unter mir durchgleitet, erkenne ich, daß
+ein Teil seiner Tragflächen abgebrochen ist. Was nun folgte, konnte ich
+nicht beobachten, aber in den Wolken verlor er eine Tragfläche ganz. Da
+war das Flugzeug steuerlos, und er stürzte ab, immer begleitet von
+seinem treuen Freund. Als wir zu Haus ankamen, war bereits die Meldung
+da: »Unser Boelcke tot!« Man konnte es nicht fassen.
+
+Am schmerzlichsten empfand es natürlich derjenige, dem das Unglück
+zustoßen mußte.
+
+Es ist eigentümlich, daß jeder Mensch, der Boelcke kennenlernte, sich
+einbildete, er sei der einzig wahre Freund von ihm. Ich habe von diesen
+einzig wahren Freunden Boelckes etwa vierzig kennengelernt, und jeder
+bildete sich ein, er sei der einzige. Menschen, deren Name Boelcke nie
+gewußt hat, glaubten, sie stünden ihm besonders nahe. Es ist eine
+eigentümliche Erscheinung, die ich nur bei ihm beobachtet habe. Einen
+persönlichen Feind hat er nie gehabt. Er war gegen jedermann gleichmäßig
+liebenswürdig, zu keinem mehr, zu keinem weniger.
+
+Der einzige, der ihm vielleicht etwas näher stand, hatte das eben
+beschriebene Unglück mit ihm.
+
+Nichts geschieht ohne Gottes Fügung. Das ist ein Trost, den man sich in
+diesem Kriege so oft sagen muß.
+
+
+
+
+Der Achte
+
+
+Acht war zu Boelckes Zeiten eine ganz anständige Zahl. Jeder, der
+heutzutage von den kolossalen Zahlen der Abschüsse hört, muß zu der
+Überzeugung kommen, daß das Abschießen leichter geworden ist. Ich kann
+ihm nur eins versichern, daß dieses von Monat zu Monat, ja, von Woche zu
+Woche schwieriger wird. Natürlich bietet sich die Gelegenheit jetzt
+öfters, abzuschießen; aber leider wird die Möglichkeit, selbst
+abgeschossen zu werden, ebenfalls größer. Die Bewaffnung des Gegners
+wird immer besser, seine Zahl immer größer. Als Immelmann seinen ersten
+abschoß, hatte er sogar das Glück, einen Gegner zu finden, der gar kein
+Maschinengewehr bei sich hatte. Solche Häschen findet man jetzt
+höchstens noch über Johannisthal. Am 9. November 1916 flog ich mit
+meinem kleinen Kampfgenossen, dem achtzehnjährigen Imelmann, gegen den
+Feind. Wir waren zusammen bei der Jagdstaffel Boelcke, kannten uns schon
+vorher und hatten uns immer sehr gut vertragen. Kameradschaft ist die
+Hauptsache. Wir zogen los. Ich hatte schon sieben, Imelmann fünf. Für
+damalige Zeiten eine ganze Menge.
+
+Wir sind ganz kurze Zeit an der Front, da sehen wir ein
+Bombengeschwader. Es kommt sehr frech geflogen. In ungeheurer Zahl
+kommen sie natürlich wieder an, wie überhaupt immer während der
+Somme-Schlacht. Ich glaube, in dem Geschwader waren etwa vierzig bis
+fünfzig, genau kann ich die Zahl nicht angeben. Sie hatten sich gar
+nicht weit weg von unserem Flughafen ein Ziel für ihre Bomben
+ausgesucht. Kurz vor dem Ziel erreichte ich den letzten der Gegner. Wohl
+gleich meine ersten Schüsse machten den Maschinengewehrschützen im
+feindlichen Flugzeug kampfunfähig, mochten wohl auch den Piloten etwas
+gekitzelt haben, jedenfalls entschloß er sich zur Landung mitsamt seinen
+Bomben. Ich brannte ihm noch einige auf den Bast, dadurch wurde das
+Tempo, in dem er die Erde zu erreichen suchte, etwas größer, er stürzte
+nämlich ab und fiel ganz in die Nähe unseres Flughafens Lagnicourt.
+
+Imelmann war zur selben Zeit gleichfalls in einen Kampf mit einem
+Engländer verwickelt und hatte auch einen Gegner zur Strecke gebracht,
+gleichfalls in derselben Gegend. Schnell flogen wir nach Hause, um uns
+unsere abgeschossenen Maschinen ansehen zu können. Wir fahren im Auto
+bis in die Nähe meines Gegners und müssen dann sehr lange durch tiefen
+Acker laufen. Es war sehr heiß, deshalb knöpfte ich mir alles auf, sogar
+das Hemd und den Kragen. Die Jacke zog ich aus, die Mütze ließ ich im
+Auto, dafür nahm ich einen großen Knotenstock mit, die Stiefel waren
+bis an die Knie voll Schmutz. Ich sah also wüst aus. So komme ich in die
+Nähe meines Opfers. Natürlich hat sich schon eine Unmenge Menschen
+drumrum angesammelt.
+
+Eine Gruppe von Offizieren steht etwas abseits. Ich gehe auf sie zu,
+begrüße sie und frage den ersten besten, ob er mir nicht erzählen
+könnte, wie der Luftkampf ausgesehen habe, denn es interessiert
+hinterher immer sehr, von den anderen, die von unten zugesehen haben, zu
+erfahren, wie der Luftkampf ausgesehen hat. Da erfahre ich, daß die
+Engländer Bomben geworfen haben und dieses Flugzeug noch seine Bomben
+bei sich hatte. Der betreffende Herr nimmt mich am Arm, geht auf die
+Gruppe der anderen Offiziere zu, fragt noch schnell nach meinem Namen
+und stellt mich den Herren vor. Es war mir nicht angenehm, denn ich
+hatte, wie gesagt, meine Toilette etwas derangiert. Und die Herren, mit
+denen ich jetzt zu tun hatte, sahen alle totschick angezogen aus. Ich
+wurde einer Persönlichkeit vorgestellt, die mir nicht so ganz geheuer
+erschien. Generalshosen, einen Orden zum Hals heraus, dafür aber ein
+verhältnismäßig jugendliches Gesicht, undefinierbare Achselstücke – kurz
+und gut, ich wittere etwas Außerordentliches, knöpfe mir im Laufe der
+Unterhaltung Hose und Kragen zu und nehme eine etwas militärischere Form
+an. Wer es war, wußte ich nicht. Ich verabschiede mich wieder, fahre
+nach Hause. Abends klingelt das Telephon, und ich erfahre nun, daß dies
+Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Koburg-Gotha war. Ich
+werde zu ihm befohlen. Es war bekannt, daß die Engländer die Absicht
+hatten, auf seinen Stab Bomben zu werfen. So hätte ich dazu beigetragen,
+ihm die Attentäter vom Leibe zu halten. Dafür bekam ich die
+Sachsen-Koburg-Gothaische Tapferkeitsmedaille.
+
+Sie macht mir jedesmal Spaß, wenn ich sie sehe.
+
+
+
+
+Major Hawker
+
+
+Am stolzesten war ich, als ich eines schönen Tages hörte, daß der von
+mir am 23. November 1916 abgeschossene Engländer der englische Immelmann
+war.
+
+Dem Luftkampf nach hätte ich mir’s schon denken können, daß es ein
+Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte.
+
+Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und
+beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten
+als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich
+gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war
+tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf
+mich ’runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt
+und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte
+der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen
+Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während
+ich versuchte, hinter den Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide
+wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem Motor in
+dreitausendfünfhundert Metern Höhe. Erst zwanzigmal linksrum, dann
+dreißigmal rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und hinter den anderen
+zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun
+hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er
+hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und
+so gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen.
+
+Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen waren, ohne ein
+Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß nun
+die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich
+günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellen zu, bis ich
+schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer
+Front, angekommen war. Der freche Kerl besaß nun noch die
+Unverschämtheit und winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe
+waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: #»Well, well, how do you
+do?«#
+
+Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht
+weiter als achtzig bis hundert Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir
+meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und
+konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe
+aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt.
+
+Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt,
+und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte
+oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres,
+nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert
+hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen
+ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen. In
+hundert Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während deren
+sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der
+Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte
+ihm in fünfzig bis dreißig Metern Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der
+Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen
+Erfolg gebracht.
+
+Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa fünfzig Meter hinter unserer
+Linie. Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den
+Eingang über meiner Haustür.
+
+
+
+
+#Pour le mérite#
+
+
+Der Sechzehnte ist gefallen. Ich stand somit an der Spitze sämtlicher
+Jagdflieger. Dieses war das Ziel, das ich erreichen wollte. Das hatte
+ich scherzeshalber mal vor einem Jahr zu meinem Freund Lynker gesagt,
+als wir zusammen schulten und er mich fragte: »Was ist denn Ihr Ziel –
+was wollen Sie erreichen als Flieger?« Da meinte ich so scherzhaft:
+»Nun, so an der Spitze der Jagdflieger zu fliegen, muß doch ganz schön
+sein!« Daß dies mal Tatsache würde, habe weder ich mir zugetraut noch
+andere Menschen mir. Bloß Boelcke soll einmal gesagt haben – natürlich
+nicht mir direkt persönlich, aber man hat es mir nachher erzählt – wie
+er gefragt wurde: »Wer hat denn Aussicht, mal ein guter Jagdflieger zu
+werden?« da soll er mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt haben:
+»Das ist der Mann!«
+
+Boelcke und Immelmann hatten mit dem Achten den #Pour le mérite#
+bekommen. Ich hatte das Doppelte. Was wird sich nun ereignen? Ich war
+sehr gespannt. Man munkelte, ich würde eine Jagdstaffel bekommen. Da
+kommt eines Tages das Telegramm: »Leutnant v. R. zum Führer der
+Jagdstaffel 11 ernannt.« Ich muß sagen, ich habe mich geärgert. Man
+hatte sich so schön mit den Kameraden der Jagdstaffel Boelcke
+eingearbeitet. Nun wieder ganz von neuem anzufangen, das Einleben usw.
+war langweilig. Außerdem wäre mir der #Pour le mérite# lieber gewesen.
+
+Nach zwei Tagen – wir sitzen gemütlich bei der Jagdstaffel Boelcke und
+feiern meinen Abschied –, da kommt das Telegramm aus dem Hauptquartier,
+daß Majestät die Gnade hatte, mir den #Pour le mérite# zu verleihen. Da
+war die Freude natürlich groß. Es war ein Pflaster auf das
+Vorangegangene.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte es mir nicht so nett vorgestellt, selbst eine Jagdstaffel zu
+führen, wie es nachher in Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie
+träumen lassen, daß es mal eine Jagdstaffel Richthofen geben würde.
+
+
+
+
+#»Le petit rouge«#
+
+
+Aus irgend welchen Gründen kam ich eines schönen Tages auf den Gedanken,
+mir meine Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, daß sich mein
+roter Vogel jedem Menschen unbedingt aufdrängte. Auch meinen Gegnern
+schien dies tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein.
+
+Gelegentlich eines Kampfes, der sich sogar an einer anderen Frontstelle
+abspielte wie die übrigen, glückte es mir, einen zweisitzigen Vickers,
+der ganz friedlich unsere Artilleriestellung photographierte,
+anzuschießen. Der Gegner kam gar nicht dazu, sich zu wehren, und mußte
+sich beeilen, auf die Erde zu kommen, denn er fing schon an, verdächtige
+Zeichen des Brennens von sich zu geben. Wir nennen das: »er stinkt.« Wie
+sich herausstellte, war es auch tatsächlich Zeit, denn der Apparat fing
+kurz über der Erde an, in hellen Flammen zu brennen.
+
+Ich fühlte ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich
+entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur
+Landung zu zwingen, zumal ich das Gefühl hatte, daß der Gegner schon
+verwundet war, denn er brachte keinen Schuß ’raus.
+
+In etwa fünfhundert Metern Höhe zwang mich ein Defekt an meiner
+Maschine, im normalen Gleitflug, ohne eine Kurve machen zu können,
+gleichfalls zu landen. Nun ereignete sich etwas ganz Komisches. Mein
+Feind landete mit seiner brennenden Maschine glatt, während ich als
+Sieger unmittelbar daneben in den Drahthindernissen der Schützengräben
+einer unserer Reservestellungen mich überschlug.
+
+Es folgte eine sportliche Begrüßung der beiden #Englishmen# mit mir, die
+wegen meines Bruches nicht wenig erstaunt waren, da sie, wie bereits
+erwähnt, keinen Schuß auf mich abgegeben hatten und sich den Grund
+meiner Notlandung gar nicht vorstellen konnten. Es waren dies die ersten
+Engländer, die ich lebendig heruntergebracht habe. Deshalb machte es mir
+besonders Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich fragte sie unter
+anderem, ob sie meine Maschine schon einmal in der Luft gesehen hätten.
+#»Oh yes,«# sagte der eine, »die kenne ich ganz genau. Wir nennen sie
+#›le petit rouge‹#.«
+
+Nun kommt eine echt englische – in meinen Augen – Gemeinheit. Er fragte
+mich, weshalb ich mich vor der Landung so unvorsichtig benommen hätte.
+Der Grund lag darin, daß ich nicht anders konnte. Da sagte der Schurke,
+er hätte versucht, in den letzten dreihundert Metern auf mich zu
+schießen, habe aber Ladehemmung gehabt. Ich gebe ihm Pardon – er nimmt
+es an und vergilt es mir nachher mit einem hinterlistigen Überfall.
+
+Seitdem habe ich noch keinen meiner Gegner wieder sprechen können, aus
+einem naheliegenden Grund.
+
+
+
+
+Englische und französische Fliegerei
+
+(Februar 1917)
+
+
+Zurzeit bin ich bemüht, der Jagdstaffel Boelcke Konkurrenz zu machen.
+Abends legen wir uns gegenseitig die Strecke vor. Aber es sind
+verteufelte Kerls da drüben. Zu schlagen sind sie nie. Höchstens, daß
+man der Staffel gleichkommt. Hundert haben sie ja schon Vorsprung.
+Diesen Vorsprung muß ich ihnen lassen. Es hängt ja viel davon ab,
+welchem Gegner man gegenüber liegt, ob man die laurigen Franzosen oder
+die schneidigen Kerls, die Engländer, gegenüber hat. Mir ist der
+Engländer lieber. Der Franzose kneift, der Engländer selten. Oft kann
+man sogar hier von Dummheit sprechen; sie bezeichnen dies dann wohl als
+Draufgängertum.
+
+Es ist das Schöne beim Jagdflieger, daß es auf keinerlei Kunststücke bei
+ihm ankommt, sondern lediglich persönlicher Schneid das Ausschlaggebende
+bleibt. Es kann einer ein ganz herrlicher Sturz- und Loopingflieger
+sein. Er braucht deshalb noch lange keinen abzuschießen. Meiner Ansicht
+nach macht das Draufgehen alles, und das liegt uns Deutschen ja. Deshalb
+werden wir stets die Oberherrschaft in der Luft behalten.
+
+Dem Franzosen liegt es, aus dem Hinterhalt zu überfallen und einem
+anderen aufzulauern. Das läßt sich in der Luft schlecht machen.
+Überrumpeln läßt sich nur ein Anfänger. Auflauern geht nicht, da man
+sich ja nicht verstecken kann, auch ist das unsichtbare Flugzeug noch
+nicht erfunden. Ab und zu braust wohl mal das gallische Blut in ihm auf.
+Dann setzt er zum Angriff an; aber es ist wohl mit einer Brauselimonade
+zu vergleichen. Für einen Augenblick furchtbar viel Mut, der ebenso
+schnell vollständig schwindet. Das zähe Durchhalten fehlt ihm.
+
+Dem Engländer dagegen merkt man eben doch ab und zu noch etwas von
+seinem Germanenblut an. Auch liegt dem Sportsmann das Fliegen sehr, aber
+sie verlieren sich zu sehr in dem Sportlichen. Sie haben genug Vergnügen
+daran, Loopings, Sturzflüge, Auf-dem-Rücken-fliegen und ähnliche Scherze
+unseren Leuten im Schützengraben vorzumachen. Dies macht wohl bei der
+Johannisthaler Sportswoche Eindruck, aber der Schützengraben ist nicht
+so dankbar wie dieses Publikum.
+
+Er verlangt mehr. Es soll immer englisches Pilotenblut regnen.
+
+
+
+
+Selbst abgeschossen
+
+(Mitte März 1917)
+
+
+Abgeschossen ist eigentlich ein falscher Ausdruck für das, was mir heute
+passiert ist. Ich nenne abgeschossen im allgemeinen nur den, der
+’runterplumpst, aber heute habe ich mich wieder gefangen und kam noch
+ganz heil ’runter.
+
+Ich bin im Geschwader und sehe einen Gegner, der gleichfalls im
+Geschwader fliegt. Etwa über unserer Artilleriestellung in der Gegend
+von Lens. Ich habe noch ein ganzes Stückchen zu fliegen, bis ich die
+Gegend erreiche. Es ist das der nervenkitzelndste Augenblick, das
+Anfliegen an den Gegner, wenn man den Feind schon sieht und noch einige
+Minuten Zeit hat, bis man zum Kampf kommt. Ich glaube, ich werde dann
+immer etwas bleich im Gesicht, aber ich habe leider noch nie einen
+Spiegel mitgehabt. Ich finde diesen Augenblick schön, denn er ist
+überaus nervenkitzelnd, und all so etwas liebe ich. Man beobachtet den
+Gegner schon von weitem, hat das Geschwader als feindlich erkannt, zählt
+die feindlichen Apparate, wägt die ungünstigen und günstigen Momente ab.
+So zum Beispiel spielt es eine ungeheure Rolle, ob der Wind mich im
+Kampfe von meiner Front abdrängt oder auf meine Front zudrückt. So habe
+ich mal einen Engländer abgeschossen, dem ich den Todesschuß jenseits
+der feindlichen Linien gegeben habe, und ’runtergeplumpst ist er bei
+unseren Fesselballons, so weit hat ihn der Sturm noch ’rübergetrieben.
+
+Wir waren fünf, der Gegner war dreimal so stark. Wie ein großer
+Mückenschwarm flogen die Engländer durcheinander. So einen Schwarm, der
+so gut zusammenfliegt, zum Zersprengen zu bringen, ist nicht leicht, für
+den einzelnen ausgeschlossen, für mehrere äußerst schwierig, besonders,
+wenn die Zahlenunterschiede so ungünstig sind wie in unserem Falle. Aber
+man fühlt sich dem Gegner derartig überlegen, daß man keinen Augenblick
+an dem sicheren Erfolg zweifelt. Der Angriffsgeist, also die Offensive,
+ist die Hauptsache, wie überall, so auch in der Luft. Aber der Gegner
+dachte ebenso. Das sollte ich gleich merken. Kaum sah er uns, so machte
+er umgehend kehrt und griff uns an. Da hieß es für uns fünf Männeken:
+Aufgepaßt! Hängt einer ab, so kann es ihm dreckig gehen. Wir schlossen
+uns ebenfalls zusammen und ließen die Herren etwas nähertreten. Ich
+paßte auf, ob nicht einer von den Brüdern sich etwas von den anderen
+absentierte. Da – einer ist so dumm. Ich kann ihn erreichen. »Du bist
+ein verlorenes Kind.« Auf ihn mit Gebrüll. Jetzt hab’ ich ihn erreicht
+oder muß ihn gleich erreichen. Er fängt bereits an zu schießen, ist also
+etwas nervös. Ich dachte mir: »Schieß’ du nur, du triffst ja doch
+nicht!« Er schoß mit einer Leuchtspurmunition, die an mir sichtbar
+vorbeiflog. Ich kam mir vor wie in dem Spritzenkegel einer Gießkanne.
+Nicht angenehm, aber die Engländer schießen fast durchweg mit diesem
+gemeinen Zeug, also muß man sich daran gewöhnen. Der Mensch ist ein
+Gewohnheitstier, denn in diesem Augenblick, glaube ich, habe ich
+gelacht. Bald sollte ich aber eines Besseren belehrt werden.
+
+Jetzt bin ich beinahe ganz heran, etwa hundert Meter, das Gewehr ist
+entsichert, ich ziele noch einmal Probe, gebe einige Probeschüsse, die
+Gewehre sind in Ordnung. Nicht mehr lange kann es dauern. Im Geiste sah
+ich den Gegner schon plumpsen. Die Aufregung von vorhin ist vorüber. Man
+denkt ganz ruhig und sachlich, wägt die Treffwahrscheinlichkeiten von
+ihm und von mir ab. Überhaupt ist der Kampf selbst am wenigsten
+aufregend in den meisten Fällen, und wer sich dabei aufregt, macht einen
+Fehler. Er wird nie einen abschießen. Auch ist es wohl Gewohnheitssache.
+Jedenfalls habe ich in diesem Falle keinen Fehler gemacht. Nun bin ich
+auf fünfzig Meter ’ran, jetzt einige gute Schüsse, dann kann der Erfolg
+nicht ausbleiben. So dachte ich mir. Aber mit einem Male gibt es einen
+großen Knall, ich habe kaum zehn Schuß heraus, gleich darauf klatscht es
+wieder in meiner Maschine. Es ist mir klar, ich bin getroffen.
+Wenigstens meine Maschine, ich für meine Person nicht. Im selben
+Augenblick stinkt es ganz ungeheuerlich nach Benzin, auch läßt der Motor
+nach. Der Engländer merkt es, denn er schießt nun um so mehr. Ich muß
+sofort ablassen.
+
+Senkrecht geht es ’runter. Unwillkürlich habe ich den Motor abgestellt.
+Es war auch höchste Zeit. Wenn der Benzintank durchlöchert ist und das
+Zeug einem so um die Beine spritzt, ist die Gefahr des Brennens doch
+groß. Vor sich hat man einen über einhundertundfünfzig »Pferde« starken
+Explosionsmotor, also glühend heiß. Ein Tropfen Benzin, und die ganze
+Maschine brennt. Ich hinterlasse in der Luft einen weißen Streifen. Ich
+kenne ihn beim Gegner genau. Es sind dies die Vorzeichen der Explosion.
+Noch bin ich dreitausend Meter hoch, habe also noch ein ganzes Ende bis
+auf die Erde. Gott sei Dank hört der Motor auf zu laufen. Die
+Geschwindigkeit, die das Flugzeug erreicht, kann ich nicht berechnen.
+Sie ist jedenfalls so groß, daß ich nicht den Kopf herausstecken kann,
+ohne durch den Windzug hintenüber gedrückt zu werden.
+
+Bald bin ich den Gegner los und habe nun noch Zeit, bis ich auf die Erde
+komme, zu sehen, was denn meine vier anderen Herren machen. Sie sind
+noch im Kampf. Man hört das Maschinengewehrfeuer des Gegners und das der
+eignen. Plötzlich eine Rakete. Ist es das Leuchtsignal eines Gegners?
+Aber nein. Dafür ist es zu groß. Es wird immer größer. Es brennt einer.
+Aber was für einer? Die Maschine sieht genau so aus wie unsere. Gott sei
+Dank, es ist ein Gegner. Wer mag ihn abgeschossen haben? Gleich darauf
+fällt aus dem Geschwader ein zweites Flugzeug heraus, ähnlich wie ich,
+senkrecht nach unten, überschlägt sich sogar, überschlägt sich immer
+noch – da – jetzt hat es sich gefangen. Fliegt geradeaus genau auf mich
+zu. Auch ein Albatros. Gewiß ist es ihm so gegangen wie mir.
+
+Ich bin wohl noch einige hundert Meter hoch und muß mich so sachte
+umgucken, wo ich denn landen will. Denn so eine Landung ist meistenteils
+mit Bruch verbunden. Und so ein Bruch läuft nicht immer günstig ab, also
+– aufpassen. Ich finde eine Wiese, nicht sehr groß, aber sie genügt
+gerade, wenn man etwas vorsichtig zu Werke geht. Außerdem liegt sie mir
+günstig, direkt an der Chaussee bei Hénin-Liétard. Dort will ich auch
+landen. Es geht alles glatt. Mein erster Gedanke ist: Wo bleibt der
+andere? Er landet einige Kilometer von mir entfernt.
+
+Ich habe nun Zeit, mir den Schaden zu beschauen. Einige Treffer sind
+darin, aber der Treffer, der mich veranlaßt hat, den Kampf abzubrechen,
+ist einer durch beide Benzintanks. Ich habe keinen Tropfen Benzin mehr
+drin, der Motor ist gleichfalls angeschossen. Schade um ihn, er lief
+noch so gut.
+
+Die Beine lasse ich herausbaumeln aus der Maschine und mag wohl ein
+ziemlich törichtes Gesicht gemacht haben. Sofort hat sich eine große
+Menge Soldaten um mich versammelt. Da kommt ein Offizier. Er ist ganz
+außer Atem. Sehr aufgeregt! Gewiß ist ihm was Schreckliches passiert. Er
+stürzt auf mich zu, schnappt nach Luft und fragt: »Hoffentlich ist Ihnen
+nichts passiert? Ich habe die ganze Sache beobachtet und bin ja so
+aufgeregt! Herrgott, das sah schrecklich aus!« Ich versicherte ihm, daß
+mir gar nichts fehlte, sprang herunter, stellte mich vor.
+Selbstverständlich verstand er keinen Ton von meinem Namen. Aber er
+forderte mich auf, mit seinem Automobil in das nahe Hénin-Liétard
+hineinzufahren, wo sein Quartier war. Es war ein Pionieroffizier.
+
+Wir sitzen bereits in dem Wagen und fahren gerade an. Mein Gastgeber hat
+sich noch immer nicht beruhigt. Plötzlich erschrickt er und fragt:
+»Herrgott, wo ist denn Ihr Kraftfahrer?« Zuerst wußte ich nicht recht,
+was er meinte, guckte ihn wohl etwas verwirrt an. Dann wurde mir klar,
+daß er mich für den Beobachter eines zweisitzigen Flugzeuges hielt und
+nach meinem Flugzeugführer fragte. Schnell faßte ich mich und sagte ganz
+trocken: »Ich fahre allein.« Das Wort »fahren« ist in der Fliegertruppe
+verpönt. Man fährt nicht, man »fliegt«. In den Augen des braven Herrn
+war ich ganz entschieden durch die Tatsache, daß ich allein »fahre«,
+sichtbar gesunken. Die Unterhaltung wurde etwas spröder.
+
+Da kommen wir in seinem Quartier an. Ich habe noch immer meine
+schmutzige Öllederjacke an, einen dicken Schal um. Unterwegs hat er mich
+natürlich mit unendlich vielen Fragen bestürmt. Überhaupt war der ganze
+Herr bedeutend mehr aufgeregt als ich. Da zwang er mich, auf einem Sofa
+mich hinzulegen, oder wollte dies tun mit der Begründung, daß ich doch
+von meinem Kampf noch ganz echauffiert sein müßte. Ich versicherte ihm,
+daß ich schon manchmal luftgekämpft hätte, was ihm aber gar nicht in den
+Kopf kommen wollte. Ich sah gewiß nicht sehr kriegerisch aus.
+
+Nach einiger Unterhaltung kommt er natürlich mit der berühmten Frage:
+»Haben Sie schon einmal einen abgeschossen?« Meinen Namen hatte er, wie
+gesagt, nicht gehört. »Ach ja,« sagte ich, »ab und zu.« »So – so haben
+Sie etwa schon zwei abgeschossen?« »Nein, aber vierundzwanzig.« Er
+lächelt, wiederholt seine Frage und meint, unter »abgeschossen« verstehe
+er einen, der ’runtergefallen sei und unten liegenbliebe. Ich
+versicherte ihm, das wäre auch meine Auffassung davon. Jetzt war ich
+ganz unten durch, denn jetzt hielt er mich für einen mächtigen
+Aufschneider. Er ließ mich sitzen und sagte mir, daß in einer Stunde
+gegessen würde, und wenn es mir recht sei, könne ich ja mitessen. Nun
+machte ich doch von seinem Anerbieten Gebrauch und schlief eine Stunde
+fest. Dann gingen wir ’rüber ins Kasino. Hier pellte ich mich aus und
+hatte zum Glück meinen #Pour le mérite# um. Leider aber keine
+Uniformjacke darunter, sondern nur eine Weste. Ich bitte um
+Entschuldigung, daß ich nicht besser angezogen bin, und mit einem Male
+entdeckt mein guter Häuptling an mir den #Pour le mérite#. Er wird
+sprachlos vor Erstaunen und versichert mir, daß er nicht wüßte, wie ich
+heiße. Ich sagte ihm nochmals meinen Namen. Jetzt schien ihm etwas zu
+dämmern, daß er wohl schon mal von mir gehört hatte. Ich bekam nun
+Austern und Schampus zu trinken und lebte eigentlich recht gut, bis
+schließlich Schäfer kam und mich mit meinem Wagen abholte. Von ihm
+erfuhr ich, daß Lübbert wieder mal seinem Spitznamen Ehre gemacht hatte.
+Er hieß nämlich unter uns »Kugelfang«, denn in jedem Luftkampf wurde
+seine Maschine arg mitgenommen. Einmal wies sie vierundsechzig Treffer
+auf, ohne daß er selbst verwundet war. Diesmal hatte er einen
+Streifschuß an der Brust bekommen und lag bereits im Lazarett. Seine
+Maschine flog ich gleich nach dem Hafen. Leider ist dieser hervorragende
+Offizier, der das Zeug dazu hatte, einmal ein Boelcke zu werden, einige
+Wochen später den Heldentod fürs Vaterland gestorben.
+
+Am Abend kann ich meinem Gastgeber aus Hénin-Liétard noch Bescheid
+sagen, daß ich heute ein Viertelhundert voll gemacht habe.
+
+
+
+
+Ein Fliegerstückchen
+
+(Ende März 1917)
+
+
+Der Name Siegfried-Stellung ist wohl jedem Jüngling im Deutschen Reiche
+bekannt. In den Tagen, in denen wir uns gegen diese Stellungen
+zurückzogen, gab es natürlich in der Luft auch eine rege Tätigkeit. Der
+Gegner hatte zwar unser verlassenes Gebiet auf der Erde bereits besetzt,
+die Luft dagegen überließen wir den Engländern nicht so bald, dafür
+sorgte Jagdstaffel Boelcke. Nur ganz vorsichtig wagten sich die
+Engländer aus ihrem bisherigen Stellungskrieg in der Luft hervor.
+
+Es ist das die Zeit, wo unser lieber Prinz Friedrich Karl sein Leben dem
+Vaterland opferte.
+
+Bei einem Jagdflug der Jagdstaffel Boelcke hatte Leutnant Voß einen
+Engländer im Luftkampf besiegt. Er wurde von seinem Bezwinger auf die
+Erde gedrückt und landete in dem Gebiet, das man wohl als neutrales
+Gebiet bezeichnen kann. Wir hatten es zwar schon verlassen, der Gegner
+aber noch nicht besetzt. Nur Patrouillen, sowohl englische wie deutsche,
+hielten sich in dieser unbesetzten Zone auf. Das englische Flugzeug
+stand zwischen den Linien. Der brave #Englishman# hatte wohl geglaubt,
+daß dieses Gebiet bereits von den Seinen besetzt wäre, zu welcher
+Annahme er auch berechtigt war. Voß war aber anderer Meinung. Kurz
+entschlossen landete er neben seinem Opfer. Mit großer Geschwindigkeit
+montierte er die feindlichen Maschinengewehre und sonst noch brauchbare
+Teile aus der Maschine ab und verfrachtete sie in der seinen, griff zum
+Streichholz, und in wenigen Augenblicken stand die Maschine in hellen
+Flammen. Eine Minute später winkte er den von allen Seiten
+herbeiströmenden Engländern aus seinem sieggewohnten Luftroß freundlich
+zu.
+
+
+
+
+Erste Dublette
+
+
+Der 2. April 1917 war wieder einmal ein heißer Tag für meine Staffel.
+Von meinem Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer hören, und
+gerade heute war es mal wieder sehr heftig.
+
+Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche zu mir hereingestürzt mit
+dem Ausruf: »Herr Leutnant, die Engländer sind schon da!« Noch etwas
+verschlafen gucke ich zum Fenster ’raus, und tatsächlich, da kreisen
+über dem Platz bereits meine lieben Freunde. Ich ’raus aus meinem Bett,
+die Sachen angezogen, war eins. Mein roter Vogel stand zur Morgenarbeit
+am Start. Meine Monteure wußten, daß ich diesen günstigen Augenblick
+wohl nicht ungenützt vorübergehen lassen würde. Alles war fertig.
+Schnell noch die Warmpelze, dann geht’s los.
+
+Ich war als letzter gestartet. Meine anderen Kameraden waren dem Feind
+viel näher. Ich fürchtete schon, daß mir mein Braten entgehen würde, so
+daß ich von weitem zusehen müßte, wie vor meinen Augen sich einige
+Luftkämpfe abspielen. Da plötzlich fällt einem der frechen Kunden ein,
+auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn ruhig herankommen, und nun
+beginnt ein lustiger Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, bald
+macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges Jagdflugzeug. Ich war
+ihm über, und so erkannte ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht
+mehr entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte ich mich, daß
+wir uns alleine gegenüberstanden. Also, wer besser schießt, wer die
+größere Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick der Gefahr hat,
+der gewinnt.
+
+Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn ’runtergedrückt, ohne ihn
+wirklich ernstlich angeschossen zu haben, mindestens zwei Kilometer von
+der Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber da habe ich mich in
+meinem Gegner verrechnet. Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige
+Meter über dem Erdboden, plötzlich wieder geradeaus fliegt und mir zu
+entkommen sucht. Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals an und
+zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, die Häuser eines unter mir
+liegenden Dorfes zu berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum letzten
+Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich einen Treffer in meiner
+Maschine. Nun ließ ich aber nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er
+rannte mit voller Fahrt in einen Häuserblock hinein.
+
+Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein Fall glänzenden Schneids.
+Er verteidigte sich bis zum Letzten. Aber meiner Ansicht nach war es zum
+Schluß doch mehr Dummheit von ihm. Es war eben mal wieder der Punkt, wo
+ich eine Grenze zwischen Schneid und Dummheit ziehe. Runter mußte er
+doch. So hatte er seine Dummheit mit dem Leben bezahlen müssen.
+
+ * * * * *
+
+Sehr vergnügt über die Leistungen meines roten Stahlrosses bei der
+Morgenarbeit kehrte ich zurück. Meine Kameraden waren noch in der Luft
+und waren sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen
+von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte.
+
+Ein ganz junger Leutnant hatte seinen Ersten abgeschossen, wir waren
+sehr vergnügt und bereiteten uns für neue Kämpfe vor.
+
+Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach. Da kommt ein guter Freund
+– Leutnant Voß von der Jagdstaffel Boelcke – zu mir, um mich zu
+besuchen. Wir unterhalten uns. Voß hatte am Tage vorher seinen
+Dreiundzwanzigsten erledigt. Er stand also mir am nächsten und ist wohl
+zurzeit mein heftigster Konkurrent.
+
+Wie er nach Hause fliegt, wollte ich ihn noch ein Stückchen begleiten.
+Wir machen einen Umweg über die Front. Das Wetter ist eigentlich sehr
+schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen konnten, noch Weidmannsheil
+zu haben.
+
+Unter uns geschlossene Wolken. Voß, dem die Gegend unbekannt war, fing
+es schon an, ungemütlich zu werden. Über Arras traf ich meinen Bruder,
+der gleichfalls bei meiner Staffel ist und sein Geschwader verloren
+hatte. Er schließt sich uns auch an. Er wußte ja, daß ich es bin (roter
+Vogel).
+
+Da sehen wir von drüben ein Geschwader ankommen. Sofort zuckt es mir
+durch den Kopf: »Nummer Dreiunddreißig!« Trotzdem es neun Engländer
+waren und auf ihrem Gebiet, zogen sie es doch vor, den Kampf zu meiden.
+(Ich werde nächstens doch mal die Farbe wechseln müssen.) Aber wir
+holten sie doch ein. Schnelle Maschine ist eben die Hauptsache.
+
+Ich bin dem Feind am nächsten und greife den hintersten an. Zu meinem
+größten Entzücken merke ich, daß er sich gleich in den Kampf mit mir
+einläßt, und mit noch viel größerem Vergnügen, daß ihn seine Kameraden
+im Stich lassen. Ich habe ihn also bald allein vor. Es ist wiederum
+derselbe Typ, mit dem ich es vormittags zu tun hatte. Er machte es mir
+nicht leicht. Er weiß, worauf es ankommt, und besonders aber: der Kerl
+schoß gut. Das konnte ich zu meinem Leidwesen nachher noch ziemlich
+genau feststellen. Der günstige Wind kommt mir zu Hilfe und treibt uns
+beide Kämpfenden über unsere Linien. Der Gegner merkt, daß die Sache
+doch nicht so einfach ist, wie er sich wohl gedacht hat, und
+verschwindet in einem Sturzflug in einer Wolke. Beinahe war es seine
+Rettung. Ich stoße hinter ihm her, komme unten heraus und – Anlauf muß
+eben der Mensch haben – ich sitze wie durch ein Wunder genau hinter
+ihm. Ich schieße, er schießt, aber kein greifbares Resultat. Da –
+endlich habe ich ihn getroffen. Ich merke es an dem weißen Benzindunst,
+der hinter seinem Apparat zurückbleibt. Er muß also landen, denn sein
+Motor bleibt stehen.
+
+Er war aber doch ein hartnäckiger Bursche. Er mußte erkennen, daß er
+ausgespielt hatte. Schoß er nun noch weiter, so konnte ich ihn sofort
+totschießen, denn wir waren mittlerweile nur noch dreihundert Meter
+hoch. Aber der Kerl verteidigte sich genau wie der von heute morgen, bis
+er unten gelandet war. Nach seiner Landung flog ich nochmals über ihn
+hinweg in zehn Metern Höhe, um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen
+hatte oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und
+zerschießt mir die ganze Maschine.
+
+Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn
+nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es
+auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben. Er war
+übrigens einer von den wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind.
+
+Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte meinen Dreiunddreißigsten
+feiern.
+
+
+
+
+Mein bisher erfolgreichster Tag
+
+
+Wunderbares Wetter. Wir stehen auf dem Platz. Ich habe Besuch von einem
+Herrn, der noch nie einen Luftkampf oder so etwas Ähnliches gesehen hat
+und mir gerade versichert, daß es ihn ungeheuer interessieren würde,
+einen solchen Luftkampf zu sehen.
+
+Wir steigen in unsere Kisten und lachen sehr über ihn, und Schäfer
+meint: »Den Spaß können wir ihm machen!« Wir stellen ihn an ein
+Scherenfernrohr und fliegen los.
+
+Der Tag fing gut an. Wir waren kaum zweitausend Meter hoch, da kamen uns
+schon die ersten Engländer in einem Geschwader von fünf entgegen. Ein
+Angriff, der mit einer Attacke zu vergleichen war – und das feindliche
+Geschwader lag vernichtet am Boden. Von uns war nicht ein einziger auch
+nur verwundet. Die Gegner waren – zwei brennend und drei so – auf
+unserer Seite abgestürzt.
+
+Der gute Freund unten auf der Erde hatte nicht wenig gestaunt. Er hatte
+sich die Sache ganz anders vorgestellt; viel dramatischer. Er meinte,
+die Sache hätte so harmlos ausgesehen, bis plötzlich einige Flugzeuge,
+einer Rakete gleich, brennend abstürzten. Ich habe mich an den Anblick
+so allmählich gewöhnt, aber ich muß sagen, mir hat es auch einen
+Mordseindruck gemacht, und ich habe noch lange davon geträumt, wie ich
+den ersten Engländer habe in die Tiefe sausen sehen.
+
+Ich glaube, wenn es mir noch einmal passieren würde, es wäre mir nicht
+mehr so schrecklich wie damals.
+
+Nachdem dieser Tag so gut angefangen hatte, setzten wir uns erst mal zu
+einem ordentlichen Frühstück hin, da wir alle einen Mordshunger hatten.
+In der Zwischenzeit wurden unsere Maschinen wieder in Schuß gebracht,
+neue Patronen geladen, und dann ging’s weiter.
+
+Am Abend konnten wir die stolze Meldung machen: Dreizehn feindliche
+Flugzeuge durch sechs deutsche Apparate vernichtet.
+
+Eine ähnliche Meldung hatte nur einmal die Jagdstaffel Boelcke machen
+können. Acht Flugzeuge waren es, die wir damals abschossen, heute hatte
+einer sogar vier Gegner zum Absturz gebracht. Es ist ein Leutnant Wolff,
+ein zartes, schlankes Kerlchen, in dem niemals einer einen solchen
+Massensieger erblicken würde. Mein Bruder hatte zwei, Schäfer zwei,
+Festner zwei, ich drei.
+
+Abends legten wir uns kolossal stolz, andererseits aber auch recht müde
+in unsere Klappen.
+
+Am Tage darauf lasen wir unter großem Hallo im Heeresbericht von den
+Taten des Tages vorher. Im übrigen schossen wir am Tage darauf acht ab.
+
+ * * * * *
+
+[Illustration: Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien]
+
+[Illustration: Weihnachten 1916
+Der »alte Herr« (X) bei der Jagdstaffel Boelcke]
+
+Eine sehr niedliche Geschichte ereignete sich noch:
+
+Einer von unseren abgeschossenen Engländern war gefangen und kommt ins
+Gespräch mit uns. Natürlich erkundigte er sich auch nach der roten
+Maschine. Selbst bei der Truppe unten im Schützengraben ist sie nicht
+unbekannt und geht unter dem Namen #»le diable rouge«#. Bei seiner
+Squadron hat sich das Gerücht verbreitet, daß in der roten Maschine ein
+Mädchen säße, so etwas Ähnliches wie Jeanne d’Arc. Er war sehr erstaunt,
+wie ich ihm versicherte, daß das vermutete Mädchen zurzeit vor ihm
+stünde. Er hatte damit keinen Witz machen wollen, sondern war selbst
+überzeugt, daß tatsächlich in der pervers angestrichenen Kiste nur eine
+Jungfrau sitzen konnte.
+
+
+
+
+»Moritz«
+
+
+Das schönste Wesen, das je die Welt geschaffen hat, ist die echte Ulmer
+Dogge, mein »kleines Schoßhündchen«, der »Moritz«. Ich habe ihn in
+Ostende von einem braven Belgier für fünf Mark gekauft. Die Mutter war
+ein schönes Tier, einer seiner Väter auch, also ganz »rasserein«. Davon
+bin ich überzeugt. Ich hatte die Auswahl und suchte mir den niedlichsten
+heraus. Zeumer nahm sich einen zweiten und nannte ihn »Max«. Max fand
+ein jähes Ende unter einem Auto, Moritz aber gedieh vortrefflich. Er
+schlief mit mir im Bett und wurde vorzüglich erzogen. Er hat mich von
+Ostende ab auf Schritt und Tritt begleitet und ist mir sehr ans Herz
+gewachsen. Von Monat zu Monat wurde Moritz groß und größer, und es
+entwickelte sich so allmählich aus dem zarten Schoßhündchen ein ganz
+ungeheuer großes Tier.
+
+Ich habe ihn sogar einmal mitgenommen. Er ist mein erster »Franz«
+gewesen. Er benahm sich dabei sehr vernünftig, und sehr interessiert
+beäugte er sich die Welt von oben. Nur meine Monteure schimpften
+nachher, daß sie das Flugzeug von einigen unangenehmen Dingen reinigen
+mußten. Moritz war aber nachher wieder sehr vergnügt.
+
+Er ist nun schon über ein Jahr alt und immer noch das kindische Tier
+von einigen Monaten. Er spielt sehr gut Billard. Leider geht dabei so
+manche Kugel, besonders aber so manches Billardtuch flöten. Er hat auch
+eine Riesen-Jagdpassion. Meine Monteure sind darüber sehr glücklich,
+denn er fängt ihnen so manchen schönen Hasenbraten. Von mir kriegt er
+immer dafür etwas Senge, denn ich bin weniger erbaut von dieser Passion.
+
+Er hatte eine dumme Eigenschaft. Er liebte es, die Flugzeuge bei jedem
+Start zu begleiten. Der normale Tod eines Fliegerhundes ist bei dieser
+Gelegenheit der Tod durch den Propeller. Wieder einmal jagte er vor
+einem startenden Flugzeug einher, wird natürlich eingeholt und – ein
+sehr schöner Propeller war hin. Moritz heulte schrecklich, und eine von
+mir versäumte Maßnahme wurde auf diese Weise nachgeholt. Ich habe mich
+immer gesträubt, ihn koupieren zu lassen, d. h. im besonderen ihm die
+Ohren beschneiden zu lassen. Auf der einen Seite hat es nun der
+Propeller nachgeholt. Die Schönheit hat ihn nie gedrückt, aber das eine
+Klappohr und das andere halbkoupierte stehen ihm recht gut. Überhaupt,
+wenn der Ringelschwanz nicht wäre, wäre es eine richtige, echte Ulmer
+Dogge.
+
+Moritz hat den Weltkrieg und unsere Feinde richtig erfaßt. Wie er zum
+erstenmal im Sommer 1916 russische Eingeborene sah – der Zug hielt, und
+Moritz wurde etwas spazieren geführt –, verjagte er die hinzugelaufene
+russische Jugend mit ungeheurem Gekläff. Auch Franzosen schätzt er
+nicht, trotzdem er ja eigentlich selbst ein Belgier ist. Ich gab mal in
+einem neuen Quartier Einwohnern den Auftrag, das Haus zu säubern. Wie
+ich abends wiederkam, war nichts gemacht. Verärgert lasse ich mir einen
+Franzosen kommen. Kaum macht er die Tür auf, begrüßt ihn Moritz etwas
+unliebenswürdig. Nun konnte ich mir erklären, weshalb die Herren mein
+Château gemieden hatten.
+
+
+
+
+Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen
+
+
+Die Vollmondnächte sind für den Nachtflieger am geeignetsten.
+
+In den Vollmondnächten des Monats April betätigten sich unsere lieben
+Engländer besonders emsig. Natürlich war es mit der Arras-Schlacht in
+Verbindung zu bringen. Sie mochten wohl herausbekommen haben, daß wir in
+Douai auf einem sehr, sehr schönen, großen Flugplatz uns häuslich
+eingerichtet hatten. Eines Nachts, wir sitzen im Kasino, klingelt das
+Telephon, und es wird mitgeteilt: »Die Engländer kommen.« Natürlich
+großes Hallo. Unterstände hatten wir ja; dafür hatte der tüchtige Simon
+gesorgt. Simon ist unser Bausachverwalter. Also alles stürzt in die
+Unterstände, und man hört tatsächlich – zuerst noch ganz leise, aber
+ganz sicher das Geräusch eines Flugmotors. Die Flaks und Scheinwerfer
+scheinen auch eben die Mitteilung bekommen zu haben, denn man merkt, wie
+sie sachte lebendig werden. Der erste Feind war aber noch viel zu weit,
+um angegriffen zu werden. Uns machte es einen Heidenspaß. Wir
+befürchteten nur immer, die Engländer würden unseren Platz nicht finden,
+denn das ist nachts gar nicht so einfach, besonders, da wir nicht an
+einer großen Chaussee lagen oder an einem Wasser oder an einer
+Eisenbahn, die des Nachts die besten Anhaltspunkte bilden.
+
+Der Engländer flog scheinbar sehr hoch. Erst einmal um den ganzen Platz
+herum. Wir glaubten schon, er hätte sich ein anderes Ziel gesucht. Mit
+einem Male aber stellt er den Motor ab und kommt herunter. »Nun wird’s
+Ernst,« meinte Wolff. Wir hatten uns zwei Karabiner geholt und fingen
+an, auf den Engländer zu schießen. Sehen konnten wir ihn ja noch nicht.
+Aber allein der Knall beruhigte schon unsere Nerven. Jetzt kommt er in
+den Scheinwerfer herein. Auf dem ganzen Flugplatz überall ein großes
+Hallo. Es ist eine ganz alte Kiste. Wir können den Typ genau erkennen.
+Er ist höchstens noch einen Kilometer von uns entfernt. Er fliegt genau
+auf unseren Platz zu. Er kommt immer niedriger. Jetzt kann er höchstens
+noch hundert Meter hoch sein. Da stellt er wieder den Motor an und kommt
+genau auf uns zugeflogen. Wolff meint noch: »Gott sei Dank, er hat sich
+die andere Seite des Flugplatzes ausgesucht.« Aber es dauerte nicht
+lange, da kommt die erste, und dann regnet es einige Bömbchen. Es war
+ein wunderbares Feuerwerk, das uns der Bruder vormachte. Einem
+Angsthasen konnte er auch Eindruck machen. Ich finde überhaupt,
+Bombenwerfen in der Nacht ist nur moralisch von Bedeutung. Hat einer
+die Hosen voll, so ist es für _ihn_ sehr peinlich, für die anderen aber
+nicht.
+
+Wir empfanden einen großen Spaß und meinten, die Engländer könnten doch
+recht oft kommen. Also, mein guter Gitterschwanz warf seine Bomben ab,
+und zwar aus fünfzig Metern Höhe. Das ist eine ziemliche Frechheit, denn
+auf fünfzig Meter mute ich mir zu, auch des Nachts bei Vollmond einem
+Keiler einen ganz anständigen Blattschuß zu verpassen. Warum sollte ich
+nicht auch einen Engländer treffen? Es wäre doch mal etwas anderes
+gewesen, so einen Bruder von unten abzuschießen.
+
+Von oben hatten wir schon mehreren die Ehre gegeben, aber von unten
+hatte ich es nicht probiert. Wie der Engländer weg war, gingen wir
+wieder ins Kasino und besprachen uns, wie wir den Brüdern in der
+nächsten Nacht einen Empfang bereiten wollten. Tags darauf sah man die
+Burschen usw. sehr emsig arbeiten. Sie beschäftigten sich damit, Pfähle
+in der Nähe des Kasinos und der Offizier-Wohnbaracken einzurammen, die
+in der kommenden Nacht als Maschinengewehrstände benutzt werden sollten.
+Wir schossen uns mit erbeuteten englischen Flugzeug-Maschinengewehren
+ein, machten uns ein Nachtkorn drauf und waren sehr gespannt, was nun
+werden würde. Die Zahl der Maschinengewehre will ich nicht verraten,
+aber es sollte genügen. Jeder von meinen Herren war mit so einem Ding
+bewaffnet.
+
+Wir sitzen wieder im Kasino. Gesprächstoff sind natürlich die
+Nachtflieger. Da kommt ein Bursche hereingestürzt und schreit nur: »Sie
+kommen, sie kommen!« und verschwindet, etwas spärlich bekleidet, im
+nächsten Unterstand. Jeder von uns stürzt an die Maschinengewehre.
+Einige tüchtige Mannschaften, die gute Schützen sind, sind auch damit
+bewaffnet. Alle übrigen haben Karabiner. Die Jagdstaffel ist jedenfalls
+bis an die Zähne bewaffnet und bereit, die Herren zu empfangen.
+
+Der erste kam, genau wie am Abend vorher, in größerer Höhe, geht dann
+auf fünfzig Meter herunter, und zu unserer größten Freude hat er es
+diesmal gleich auf unsere Barackenseite abgesehen. Er ist im
+Scheinwerfer. Jetzt ist er höchstens noch dreihundert Meter von uns
+entfernt. Der erste fängt an zu schießen, und zur selben Zeit setzen
+alle übrigen ein. Ein Sturmangriff könnte nicht besser abgewehrt werden
+als dieser Angriff des einzelnen frechen Kunden in fünfzig Metern Höhe.
+Ein rasendes Feuer empfängt ihn. Hören konnte er das Maschinengewehrfeuer
+ja nicht, daran verhinderte ihn sein Motor, aber das Mündungsfeuer eines
+jeden sah er, und deshalb finde ich es auch diesmal sehr schneidig von
+dem Bruder, daß er nicht abbog, sondern starr seinen Auftrag
+durchführte. Er flog genau über uns weg. In dem Augenblick, wie er über
+uns weg war, springen wir natürlich schnell in den Unterstand, denn
+durch so ’ne dämliche Bombe erschlagen zu werden, wäre für einen
+Jagdflieger ein selten dämlicher Heldentod. Kaum ist er über uns weg,
+wieder ’ran an die Gewehre und feste hinter ihm hergefeuert. Schäfer
+behauptete natürlich: »Ich habe ihn getroffen.« Der Kerl schießt ganz
+gut. Aber in diesem Fall glaubte ich ihm denn doch nicht, und außerdem
+hatte jeder andere ebenso gute Chancen.
+
+Wir hatten wenigstens das erreicht, daß der Gegner seine Bomben ziemlich
+planlos in die Gegend warf. Eine allerdings platzte ein paar Meter neben
+dem #»petit rouge«,# tat ihm aber nicht weh. Dieser Spaß wiederholte
+sich in der Nacht noch mehrere Male. Ich lag bereits im Bett und schlief
+fest, da hörte ich im Traum Ballonabwehrfeuer, wachte davon auf und
+konnte nur feststellen, daß der Traum Wahrheit war. Ein Kunde flog so
+niedrig über meine Bude weg, daß ich mir vor lauter Angst die Bettdecke
+über den Kopf zog. Im nächsten Augenblick ein wahnsinniger Knall, ganz
+in der Nähe meines Fensters, und meine Scheiben waren ein Opfer der
+Bombe. Schnell im Hemd ’rausgestürzt und noch einige Schuß hinter ihm
+her. Draußen wurde er schon kräftig beschossen. Ich hatte aber diesen
+Herrn leider verschlafen.
+
+Am nächsten Morgen waren wir sehr erstaunt und hocherfreut, als wir
+feststellten, daß wir nicht weniger wie drei Engländer von der Erde aus
+abgeschossen hatten. Sie waren nicht weit von unserem Flughafen gelandet
+und gefangengenommen worden. Wir hatten meist die Motoren getroffen und
+sie dadurch gezwungen, auf unserer Seite ’runterzugehen. Also hatte sich
+vielleicht Schäfer doch nicht geirrt. Wir waren jedenfalls sehr
+zufrieden mit unserem Erfolg. Die Engländer dafür etwas weniger, denn
+sie zogen es vor, nicht mehr unseren Platz zu attackieren. Eigentlich
+schade, denn sie haben uns viel Spaß damit gemacht. Vielleicht kommen
+sie nächsten Monat wieder.
+
+
+
+
+Schäfers Notlandung zwischen den Linien
+
+
+Am Abend des 20. April machen wir einen Jagdflug, kommen sehr spät nach
+Hause und haben Schäfer unterwegs verloren. Natürlich hofft jeder, daß
+er vor Dunkelheit noch den Platz erreicht. Es wird Neun, es wird Zehn,
+Schäfer kommt nicht. Benzin kann er nicht mehr haben, folglich ist er
+irgendwo notgelandet. Daß einer abgeschossen ist, will man sich nie
+zugeben. Keiner wagt es in den Mund zu nehmen, aber jeder fürchtet es im
+stillen. Das Telephonnetz wird in Bewegung gesetzt, um zu ermitteln, wo
+ein Flieger gelandet ist. Kein Mensch kann uns Auskunft geben. Keine
+Division, keine Brigade will ihn gesehen haben. Ein ungemütlicher
+Zustand. Schließlich gehen wir schlafen. Wir waren alle fest überzeugt,
+er würde sich noch einfinden. Nachts um Zwei werde ich plötzlich
+geweckt. Die Telephonordonnanz teilt mir strahlend mit: »Schäfer
+befindet sich im Dorf #Y# und bittet um Abholung.«
+
+Am nächsten Morgen zum Frühstück öffnet sich die Tür, und mein braver
+Pilot steht in so verdrecktem Anzug vor mir, wie ihn der Infanterist
+nach vierzehn Tagen Arras-Schlacht am Leibe hat. Großes Hallo! Schäfer
+ist quietschvergnügt und muß seine Erlebnisse zum besten geben. Er hat
+einen Bärenhunger. Nachdem er gefrühstückt hat, erzählt er uns
+folgendes:
+
+»Ich fliege nach Hause an der Front entlang und sehe in ganz niedriger
+Höhe drüben scheinbar einen Infanterieflieger. Ich greife ihn an,
+schieße ihn ab und will wieder zurückfliegen, da nehmen mich die
+Engländer unten aus den Schützengräben mächtig vor und beknallen mich
+ganz unheimlich. Meine Rettung war natürlich die Geschwindigkeit des
+Flugzeugs, denn daß sie beim Schießen vorhalten müssen, daran denken die
+Kerle natürlich nicht. Ich war vielleicht noch zweihundert Meter hoch,
+aber ich muß doch versichern, daß ich gewisse Körperteile mächtig
+angespannt habe, aus erklärlichen Gründen. Mit einem Male gibt es einen
+Schlag, und mein Motor bleibt stehen. Also landen. Komme ich noch über
+die feindlichen Linien, oder komme ich nicht? Das war sehr die Frage.
+Die Engländer haben es bemerkt und fangen wie wahnsinnig an zu schießen.
+Jetzt höre ich jeden einzelnen Schuß, denn mein Motor läuft nicht mehr,
+der Propeller steht still. Eine peinliche Situation. Ich komme herunter,
+lande, meine Maschine steht noch nicht, da werde ich aus einer Hecke des
+Dorfes Monchy bei Arras ganz kolossal mit Maschinengewehrfeuer
+beschossen. Die Kugeln klatschen nur so in meine Maschine herein. Ich
+’raus aus der Kiste und in das nächste Granatloch ’rein, war eins. Dort
+besann ich mich mal erst, wo ich mich befinde. So allmählich wird mir
+klar, daß ich über die Linien ’rüber bin, aber noch verdammt nahe bei
+ihnen. Gott sei Dank ist es etwas spät abends. Das ist meine Rettung.
+
+Es dauert nicht lange, da kommen die ersten Granaten an. Natürlich sind
+es Gasgranaten, und eine Maske hatte ich selbstverständlich nicht mit.
+Also mir fingen die Augen ganz erbärmlich an zu tränen. Die Engländer
+schossen sich vor Dunkelheit auch noch mit Maschinengewehren auf meine
+Landungsstelle ein, ein Maschinengewehr offenbar auf mein Flugzeug, das
+andere auf meinen Granattrichter. Die Kugeln klatschten oben immer
+dagegen. Ich steckte mir daraufhin, um meine Nerven zu beruhigen, erst
+mal eine Zigarette an, ziehe mir meinen dicken Pelz aus und mache mich
+zum Sprung auf! Marsch, marsch! bereit. Jede Minute erscheint eine
+Stunde.
+
+Allmählich wurde es dunkel, aber nur ganz allmählich. Um mich herum
+locken die Rebhühner. Als Jäger erkannte ich, daß die Hühner ganz
+friedlich und vertraut waren, also war keine Gefahr, daß ich in meinem
+Versteck überrascht wurde. Schließlich wurde es immer finsterer. Auf
+einmal geht ganz in meiner Nähe ein Pärchen Rebhühner hoch, gleich
+darauf ein zweites, und ich erkannte daraus, daß Gefahr im Anzuge war.
+Offenbar war es eine Patrouille, die mir Guten Abend sagen wollte. Nun
+wird’s die höchste Zeit, daß ich mich aus dem Staube mache. Erst ganz
+vorsichtig auf dem Bauche kriechend, von Granatloch zu Granatloch. Ich
+komme nach etwa anderthalb Stunden eifrigen Kriechens an die ersten
+Menschen. Sind es Engländer, oder sind es Deutsche? Sie kommen heran,
+und beinahe wäre ich den Musketieren um den Hals gesprungen, als ich sie
+erkannte. Es war eine Schleichpatrouille, die sich im neutralen
+Zwischengelände herumtreibt. Einer der Leute führte mich zu seinem
+Kompagnieführer, und hier erfuhr ich denn, daß ich am Abend zuvor etwa
+fünfzig Schritte vor der feindlichen Linie gelandet sei und unsere
+Infanterie mich bereits aufgegeben hatte. Ich nahm mal erst ein
+ordentliches Abendbrot zu mir und trete dann den Rückmarsch an.
+
+Hinten wurde viel mehr geschossen als vorn. Jeder Weg, jeder
+Annäherungsgraben, jedes Gebüsch, jeder Hohlweg, alles lag unter
+feindlichem Feuer. Am nächsten Morgen griffen die Engländer an, sie
+mußten also heute abend ihre Artillerievorbereitung beginnen. Ich hatte
+mir also einen ungünstigen Tag für mein Unternehmen ausgesucht. Erst
+gegen zwei Uhr morgens erreichte ich das erste Telephon und konnte mich
+mit meiner Staffel in Verbindung setzen.«
+
+Wir waren alle glücklich, unseren Schäfer wieder zu haben. Er legte
+sich ins Bett. Jeder andere hätte mal für die nächsten vierundzwanzig
+Stunden auf den Genuß des Jagdfliegens verzichtet. Mein Schäfer
+attackierte aber bereits am Nachmittag desselben Tages wiederum über
+Monchy einen ganz tieffliegenden B. E.
+
+
+
+
+Das Anti-Richthofen-Geschwader
+
+(25. April 1917)
+
+
+Die Engländer hatten sich einen famosen Witz ausgedacht, nämlich mich zu
+fangen oder abzuschießen. Zu diesem Zwecke hatten sie tatsächlich ein
+besonderes Geschwader aufgestellt, das in dem Raum flog, in dem wir uns
+meistens ’rumtrieben. Wir erkannten es daran, daß es hauptsächlich gegen
+unsere roten Flugzeuge offensiv wurde.
+
+Ich muß bemerken, daß wir unsere _ganze_ Jagdstaffel rot angemalt
+hatten, da den Brüdern doch allmählich klar geworden war, daß ich in
+dieser knallroten Kiste säße. So waren wir jetzt alle rot, und die
+Engländer machten recht große Augen, wie sie statt der einen ein ganzes
+Dutzend solcher Kisten sahen. Das hielt sie aber nicht ab, den Versuch
+zu machen, uns zu attackieren. Es ist mir ja viel lieber, die Kundschaft
+kommt zu mir, als daß ich zu ihr hingehen muß.
+
+Wir flogen an die Front, in der Hoffnung, unsere Gegner zu finden. Nach
+etwa zwanzig Minuten kamen die ersten an und attackierten uns
+tatsächlich. Das war uns schon seit langer Zeit nicht mehr passiert. Die
+Engländer hatten ihren berühmten Offensivgeist doch etwas eingeschränkt,
+da er ihnen wohl etwas zu teuer zu stehen gekommen war. Es waren drei
+Spad-Einsitzer, die sich infolge ihrer guten Maschinen uns sehr
+überlegen glaubten. Es flogen zusammen: Wolff, mein Bruder und ich. Drei
+gegen drei, das paßte also ganz genau. Gleich zu Anfang wurde aus dem
+Angriff eine Verteidigung. Schon hatten wir überhand. Ich kriegte meinen
+Gegner vor und konnte noch schnell sehen, wie mein Bruder und Wolff sich
+jeder einen dieser Burschen vorbanden. Es begann der übliche Tanz, man
+kreist umeinander. Der gute Wind kam uns zu Hilfe. Er trieb uns
+Kämpfende von der Front weg, Richtung Deutschland.
+
+Meiner war der erste, der stürzte. Ich hatte ihm wohl den Motor
+zerschossen. Jedenfalls entschloß er sich, bei uns zu landen. Pardon
+kenne ich nicht mehr, deshalb attackierte ich ihn noch ein zweites Mal,
+worauf das Flugzeug in meiner Geschoßgarbe auseinanderklappte. Die
+Flächen fielen wie ein Blatt Papier, jede einzeln, und der Rumpf sauste
+wie ein Stein brennend in die Tiefe. Er fiel in einen Sumpf. Man konnte
+ihn nicht mehr ausgraben. Ich habe nie erfahren, wer es war, mit dem ich
+gekämpft habe. Er war verschwunden. Bloß noch die letzten Reste des
+Schwanzes verbrannten und zeigten die Stätte, wo er sich selbst sein
+Grab gegraben hatte.
+
+Gleichzeitig mit mir hatten Wolff und mein Bruder ihre Gegner
+angegriffen und nicht weit von dem meinigen zur Landung gezwungen.
+
+Wir flogen sehr vergnügt nach Hause und meinten: »Hoffentlich kommt
+recht oft das Anti-Richthofen-Geschwader.«
+
+
+
+
+Der »alte Herr« kommt uns besuchen
+
+
+Für den 29. April hatte sich der »alte Herr« angesagt, der seine beiden
+Söhne besuchen wollte. Mein Vater ist Ortskommandant eines Städtchens in
+der Nähe von Lille, also nicht sehr weit weg von uns. Von oben kann ich
+ihn öfters sehen. Er wollte mit dem Zuge um neun Uhr kommen. Um halb
+Zehn ist er auf unserem Platz. Wir kommen gerade von einem Jagdflug nach
+Hause, und mein Bruder steigt zuerst aus seiner Kiste, begrüßt den alten
+Herrn: »Guten Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.«
+Darauf steige ich aus meiner Maschine: »Guten Tag, Papa, ich habe eben
+einen Engländer abgeschossen.« Der alte Herr war glücklich, es machte
+ihm viel Spaß, das sah man ihm an. Er ist nicht einer von den Vätern,
+die sich um ihre Söhne bangen, sondern am liebsten möchte er selbst sich
+in eine Maschine setzen und auch abschießen – glaube ich wenigstens. Wir
+frühstückten erst mit ihm, dann flogen wir wieder.
+
+In der Zwischenzeit spielte sich ein Luftkampf über unserem eigenen
+Flughafen ab, den mein Vater sehr interessiert beobachtete. Wir waren
+aber nicht beteiligt, denn wir standen unten und sahen selbst zu. Es war
+ein englisches Geschwader, das durchgebrochen war und über unserem
+Flughafen von einigen unserer Aufklärungsflieger angegriffen wurde.
+Plötzlich überschlägt sich das eine Flugzeug, fängt sich wieder und
+kommt herunter im normalen Gleitflug, und wir erkennen mit Bedauern, daß
+es diesmal ein Deutscher ist. Die Engländer fliegen weiter. Das deutsche
+Flugzeug ist scheinbar angeschossen, kommt aber ganz richtig gesteuert
+herunter und versucht, auf unserem Flugplatz zu landen. Der Platz ist
+etwas klein für das große Ding. Auch war es dem Piloten unbekanntes
+Gelände. So war die Landung nicht ganz glatt. Wir stürzen hin und müssen
+mit Bedauern feststellen, daß der eine der Insassen, der
+Maschinengewehrschütze, gefallen ist. Dieser Anblick war meinem Vater
+etwas Neues und stimmte ihn offenbar sehr ernst.
+
+Der Tag versprach noch gut zu werden für uns. Wunderbar klares Wetter.
+Dauernd hörte man die Abwehrgeschütze; also unentwegter Flugbetrieb.
+Gegen Mittag flogen wir wieder. Diesmal hatte ich wieder Glück und hatte
+meinen zweiten Engländer an dem Tage abgeschossen. Die Stimmung des
+alten Herrn war wieder da. Nach Tisch ein kurzes Schläfchen und man war
+wieder ganz auf der Höhe. Wolff war mit seiner Gruppe während der Zeit
+am Feinde gewesen und hatte selbst einen erledigt. Auch Schäfer hatte
+sich einen zu Gemüte geführt. Nachmittags starteten mein Bruder und ich
+mit Schäfer, Festner und Allmenröder noch zweimal. Der erste Flug war
+verunglückt, der zweite Flug um so besser. Wir waren nicht lange an der
+Front, da kam uns ein feindliches Geschwader entgegen. Leider sind sie
+höher als wir. Also können wir nichts machen. Wir versuchen, ihre Höhe
+zu erreichen: es glückt uns nicht. Wir müssen sie auslassen, fliegen an
+der Front entlang, mein Bruder dicht neben mir, den anderen voraus. Da
+sehe ich zwei feindliche Artillerieflieger in ganz unverschämt frecher
+Weise nahe an unsere Front herankommen. Ein kurzer Wink meines Bruders,
+und wir hatten uns verständigt. Wir fliegen nebeneinander her, unsere
+Geschwindigkeit vergrößernd. Jeder fühlt sich so sicher, einmal sich
+selbst dem Feinde überlegen. Besonders aber konnte man sich aufeinander
+verlassen. Denn das ist eben die Hauptsache. Man muß wissen, mit wem man
+fliegt. Also mein Bruder war zuerst an die Gegner heran, greift sich den
+ersten, der ihm am nächsten fliegt, heraus, ich mir den zweiten.
+
+Nun gucke ich mich noch schnell um, daß nicht noch ein dritter in der
+Nähe ist; aber wir sind allein. Aug’ in Auge. Ich habe meinem Gegner
+bald die günstigste Seite abgerungen, ein kurzes Reihenfeuer, und das
+feindliche Flugzeug platzt auseinander. So schnell war mir ein Kampf
+noch nie vorgekommen.
+
+Während ich noch beobachte, wo die Trümmer meines Gegners
+herunterstürzen, gucke ich mich nach meinem Bruder um. Er war kaum
+fünfhundert Meter von mir entfernt, noch im Kampf mit seinem Gegner.
+
+Ich hatte Zeit, mir dieses Bild genau anzusehen, und muß sagen, daß ich
+selbst es nicht hätte besser machen können. Auch er hatte bereits den
+Gegner überrumpelt, und beide drehten sich umeinander. Da plötzlich
+bäumt sich das feindliche Flugzeug auf – ein sicheres Zeichen des
+Getroffenseins, gewiß hatte der Führer Kopfschuß oder so etwas – das
+Flugzeug stürzt, und die Flächen des feindlichen Apparates klappen
+auseinander. Die Trümmer fallen ganz in die Nähe meines Opfers. Ich
+fliege an meinen Bruder heran und gratuliere ihm, d. h. wir winkten uns
+gegenseitig zu. Wir waren befriedigt und flogen weiter. Es ist schön,
+wenn man mit seinem Bruder so zusammen fliegen kann.
+
+Die anderen waren in der Zwischenzeit auch herangekommen und hatten sich
+das Schauspiel, das ihnen die beiden Brüder boten, angeguckt, denn
+helfen kann man ja nicht, einer kann nur abschießen, und ist einer mit
+dem Gegner beschäftigt, so können die anderen nur zusehen, ihm den
+Rücken decken, damit er nicht von hinten von einem Dritten belapst wird.
+
+Wir fliegen weiter, gehen auf größere Höhe, denn oben haben sich einige
+aus dem Klub der Anti-Richthofen zusammengefunden. Wir waren mal wieder
+gut zu erkennen, die Sonne vom Westen her beleuchtete die Apparate und
+ließ sie in ihrer schönen roten Farbe weithin schillern. Wir schlossen
+uns eng zusammen, denn jeder wußte, daß man es mit Brüdern zu tun hat,
+die dasselbe Metier verfolgen wie wir selbst. Leider sind sie wieder
+höher, so daß wir auf ihren Angriff warten müssen. Die berühmten
+Dreidecker und Spads, ganz neue Maschinen, aber es kommt eben nicht auf
+die Kiste an, sondern auf den, der drinnen sitzt; die Brüder waren
+laurig und hatten keinen Mumm. Wir boten ihnen den Kampf an, sowohl bei
+uns wie auch drüben. Aber sie wollten ihn nicht annehmen. Wozu prahlen
+sie erst mit ihrem Geschwader, das angesetzt ist, um mich abzuschießen,
+wenn ihnen nachher doch das Herz in die Hosen fällt?
+
+Endlich hat einer Mut gefaßt und stößt auf unseren letzten herunter.
+Natürlich wird der Kampf angenommen, obwohl es ja für uns ungünstig ist,
+denn der, der drüber ist, ist im Vorteil. Aber wenn einem die Kundschaft
+nicht mehr gibt, muß man sie halt nehmen, wie sie kommt. Also macht
+alles kehrt. Der Engländer merkt es und läßt sofort ab. Nun ist aber der
+Anfang gemacht. Ein anderer Engländer versucht das gleiche. Er hat sich
+mich als Gegner ausgesucht, und ich begrüße ihn gleich mit einer Salve
+aus beiden Maschinengewehren. Dies schien er nicht zu schätzen. Er
+versuchte, sich durch einen Sturzflug mir zu entziehen. Das war sein
+Verderben. Denn dadurch kam er unter mich. Nun blieb ich über ihm. Was
+unter mir ist, womöglich noch allein und auf unserem Gebiet, kann wohl
+als verloren gelten, besonders, wenn es ein Einsitzer ist, also ein
+Jagdflieger, der nicht nach hinten ’rausschießen kann. Der Gegner hatte
+eine sehr gute Maschine und war sehr schnell. Aber es sollte ihm nicht
+glücken, seine Linien zu erreichen. Über Lens fing ich an, auf ihn zu
+schießen. Ich war noch viel zu weit. Es war aber ein Trick von mir, ich
+beunruhigte ihn dadurch. Er kroch auf den Leim und machte Kurven. Dies
+nützte ich aus und kam etwas näher heran. Schnell versuchte ich dasselbe
+Manöver nochmals und zum drittenmal. Jedesmal fiel mein Freund darauf
+’rein. So hatte ich mich sachte an ihn herangeschossen. Nun bin ich ganz
+nahebei. Jetzt wird sauber gezielt, noch einen Augenblick gewartet,
+höchstens noch fünfzig Meter von ihm entfernt, drücke ich auf beide
+Maschinengewehrknöpfe. Erst ein leises Rauschen, das sichere Zeichen des
+getroffenen Benzintanks, dann eine helle Flamme, und mein Lord
+verschwindet in der Tiefe.
+
+Dieser war der Vierte an diesem Tage. Mein Bruder hatte zwei. Dazu
+hatten wir den alten Herrn scheinbar eingeladen. Die Freude war ganz
+ungeheuer.
+
+Abends hatte ich mir noch einige Herren eingeladen, unter anderen meinen
+guten Wedel, der zufällig auch in der Gegend war. Das Ganze war eine
+geglückte, verabredete Sache. Sechs Engländer hatten die beiden Brüder
+also an einem Tage abgeschossen. Das ist zusammen eine ganze
+Fliegerabteilung. Ich glaube, wir waren den Engländern unsympathisch.
+
+
+
+
+Flug in die Heimat
+
+
+Fünfzig sind abgeschossen. Zweiundfünfzig fand ich besser. Deshalb schoß
+ich gleich am selben Tage zwei mehr ab. Es ging eigentlich gegen die
+Verabredung.
+
+Eigentlich hatte man mir bloß einundvierzig zugebilligt; weshalb die
+Zahl einundvierzig herauskam, kann sich wohl jeder denken, aber gerade
+deshalb wollte ich es durchaus vermeiden. Ich bin kein Rekordarbeiter,
+überhaupt liegen uns in der Fliegertruppe alle Rekorde fern. Man erfüllt
+nur seine Pflicht. Boelcke hätte hundert abgeschossen, wäre ihm nicht
+das Unglück passiert. Und manch anderer der guten gefallenen Kameraden
+hätte eine ganz andere Zahl erreichen können, wenn ihn nicht sein
+plötzlicher Tod daran verhindert hätte. Aber so ein halbes Hundert macht
+einem eben doch auch Spaß. Nun hatte ich es schließlich auch erreicht,
+daß man mir fünfzig zubilligte, bevor ich meinen Urlaub antrat.
+
+Hoffentlich kann ich noch das zweite Fünfzig feiern.
+
+Am Abend desselben Tages klingelte es, und nichts Geringeres als das
+»Große Hauptquartier« wünschte mich zu sprechen. Ich kam mir ganz spaßig
+vor, so mit der »Großen Bude« verbunden zu sein. Ich erhielt unter
+anderem die erfreuliche Nachricht, daß Seine Majestät den Wunsch
+geäußert hätte, mich persönlich zu sprechen, und zwar war gleich der Tag
+angesagt: am 2. Mai. Dies ereignete sich aber schon am 30. April abends
+neun Uhr. Mit dem Zuge wäre es nicht mehr möglich gewesen, dem Wunsch
+des Allerhöchsten Kriegsherrn nachzukommen. So zog ich es vor, was ja
+auch viel schöner ist, die Reise auf dem Luftwege zu erledigen. Am
+nächsten Morgen wurde gestartet, und zwar nicht in meinem Einsitzer #»Le
+petit rouge«#, sondern in einem dicken, großen Zweisitzer.
+
+Ich setzte mich hinten ’rein, d. h. also nicht an den »Knüppel«.
+Arbeiten mußte in diesem Falle der Leutnant Krefft, auch einer der
+Herren meiner Jagdstaffel. Er wollte gerade auf Erholungsurlaub, es
+paßte also ausgezeichnet. So kam er auch schneller in die Heimat. Es war
+ihm nicht unsympathisch.
+
+Meine Abreise ging etwas Hals über Kopf. Ich konnte in dem Flugzeug
+nichts weiter mitnehmen als die Zahnbürste, mußte mich also gleich so
+anziehen, wie ich mich im Großen Hauptquartier vorzustellen hatte. Und
+so im Felde hat eben der Militärsoldat nicht viel mit von schönen
+Kleidungsstücken, jedenfalls nicht so ein armes Frontschwein wie ich.
+
+Die Führung der Staffel übernahm mein Bruder. Ich verabschiedete mich
+kurz, denn ich hoffte, bald im Kreise dieser lieben Menschen meine
+Tätigkeit wieder aufnehmen zu können.
+
+Der Flug ging nun über Lüttich, Namur auf Aachen und Köln. Es war doch
+schön, so mal ohne kriegerische Gedanken durch das Luftmeer zu segeln.
+Herrliches Wetter, wie wir es schon seit langem nicht gehabt hatten.
+Gewiß gab es am heutigen Tage mächtig viel zu tun an der Front. Bald
+sind die eigenen Fesselballons nicht mehr zu sehen. Immer weiter weg von
+dem Donner der Schlachten von Arras. Unter uns Bilder des Friedens.
+Fahrende Dampfer. Dort saust ein #D#-Zug durchs Gelände, wir überholen
+ihn spielend. Der Wind ist uns günstig. Die Erde scheint uns wie eine
+Tenne so platt. Die schönen Maasberge sind nicht zu erkennen als Berge.
+Man erkennt sie nicht einmal am Schatten, denn die Sonne steht fast
+senkrecht. Man weiß nur, daß sie vorhanden sind, und mit etwas Phantasie
+kann man sich sogar in ihre kühlen Schluchten verkriechen.
+
+Es war doch etwas spät geworden, und so kamen wir in die Mittagsstunde.
+Eine Wolkenschicht zieht sich unter uns zusammen und verdeckt die Erde
+völlig. Nach Sonne und Kompaß orientierend fliegen wir weiter. Die Nähe
+von Holland ist uns allmählich aber doch unsympathisch, und so ziehen
+wir es vor, wieder mit dem Erdboden Fühlung zu nehmen. Wir gehen unter
+die Wolke und befinden uns gerade über Namur. Nun geht es weiter nach
+Aachen. Aachen lassen wir links liegen und erreichen zur Mittagszeit
+Köln. Die Stimmung in unserem Flugzeug war gehoben. Vor uns ein längerer
+Urlaub, außerdem das schöne Wetter, die gelungene Sache, wenigstens Köln
+erreicht zu haben, und die Gewißheit, daß, wenn einem auch jetzt etwas
+passiert, man doch noch das Große Hauptquartier erreichen konnte.
+
+Man hatte uns in Köln telegraphisch angesagt, so wurden wir dort
+erwartet. Am Tage vorher hatte mein zweiundfünfzigster Luftsieg in der
+Zeitung gestanden. So war der Empfang auch danach.
+
+Durch den dreistündigen Flug hatte ich doch etwas Schädelbrummen, und so
+zog ich es vor, erst einen kleinen Mittagsschlummer einzulegen, bevor
+ich im Großen Hauptquartier eintraf. Wir flogen nun von Köln ein ganzes
+Stückchen den Rhein entlang. Ich kannte die Strecke. Ich bin sie oft
+gefahren, auf dem Dampfer, mit dem Auto und der Eisenbahn, und nun im
+Flugzeug. Was war das Schönste? Es ist schwer zu sagen. Gewisse
+Einzelheiten sieht man ja natürlich vom Dampfer aus besser. Aber der
+Gesamtblick aus dem Flugzeug ist auch nicht zu verachten. Der Rhein hat
+eben einen besonderen Reiz, so auch von oben. Wir flogen nicht zu hoch,
+um nicht das Gefühl der Berge völlig zu verlieren, denn das ist doch
+wohl das Schönste am Rhein, die riesigen, bewaldeten Höhen, die Burgen
+usw. Die einzelnen Häuser konnten wir natürlich nicht sehen. Schade, daß
+man nicht langsam und schnell fliegen kann. Ich hätte gewiß den
+langsamsten Gang eingestellt.
+
+Nur zu schnell verschwand ein schönes Bild nach dem anderen. Man hat,
+wenn man höher fliegt, ja nicht das Gefühl, daß es sehr schnell vorwärts
+geht. In einem Auto oder einem #D#-Zug zum Beispiel kommt einem die
+Geschwindigkeit ganz ungeheuer vor, dagegen im Flugzeug eigentlich immer
+langsam, wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat. Man merkt es
+eigentlich erst daran, wenn man mal fünf Minuten nicht ’rausgeguckt hat
+und dann mit einem Male wieder die Orientierung aufnimmt. Da ist das
+Bild, das man noch kurz vorher im Kopfe hatte, mit einem Male völlig
+verändert. Was man unter sich sah, sieht man auf einmal in einem Winkel,
+gar nicht zum Wiedererkennen. Deshalb kann man sich so schnell
+verorientieren, wenn man mal für einen Augenblick nicht aufpaßt. So
+kamen wir am Nachmittag im Großen Hauptquartier an, herzlich empfangen
+von einigen mir bekannten Kameraden, die dort in der »Großen Bude« zu
+arbeiten haben. Sie tun mir ordentlich leid, die Tintenspione. Sie haben
+ja nur den halben Spaß vom Kriege. Zunächst meldete ich mich bei dem
+Kommandierenden General der Luftstreitkräfte. Am nächsten Vormittag
+ereignete sich nun der große Moment, wo ich Hindenburg und Ludendorff
+vorgestellt werden sollte. Ich mußte eine ganze Weile warten. Wie die
+Begrüßung im einzelnen war, kann ich eigentlich schlecht schreiben. Erst
+meldete ich mich bei Hindenburg, dann bei Ludendorff.
+
+Es ist ein unheimliches Gefühl in dem Raum, wo das Geschick der Erde
+entschieden wird. So war ich ganz froh, wie ich die »Große Bude« wieder
+hinter mir hatte und mittags bei Seiner Majestät zum Frühstück befohlen
+war. Es war ja heute mein Geburtstag, und irgendeiner hatte es wohl
+Seiner Majestät verraten, und so gratulierte er mir. Einmal zu meinem
+Erfolg, dann zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Auch ein kleines
+Geburtstagsgeschenk überraschte mich.
+
+Früher hätte ich es mir wohl nie träumen lassen, daß ich am
+fünfundzwanzigsten Geburtstag rechts von Hindenburg sitzen und in einer
+Rede vom Generalfeldmarschall erwähnt werden würde.
+
+ * * * * *
+
+Tags darauf war ich zu Mittag bei Ihrer Majestät eingeladen und fuhr zu
+diesem Zweck nach Homburg. Dort war ich zum Frühstück bei Ihrer
+Majestät, wurde gleichfalls mit einem Geburtstagsgeschenk bedacht, und
+ich hatte noch die große Freude, Ihrer Majestät einen Start
+vorzuführen. Abends war ich nochmals bei dem Generalfeldmarschall
+v. Hindenburg eingeladen.
+
+Den Tag darauf flog ich nach Freiburg, um dort einen Auerhahn zu
+schießen. Von Freiburg aus benutzte ich ein Flugzeug, das nach Berlin
+flog. In Nürnberg wurde Benzin aufgefüllt. Da zog ein Gewitter auf. Ich
+hatte es aber dringend eilig, in Berlin anzukommen. Allerhand mehr oder
+weniger interessante Dinge warteten dort meiner. So flog ich trotz des
+Gewitters weiter. Mir machten die Wolken und das Schweinewetter Spaß. Es
+goß mit Kannen. Ab und zu etwas Hagel. Der Propeller sah nachher ganz
+toll aus, durch die Hagelkörner zerschlagen, wie eine Säge. Leider
+machte mir das Wetter so viel Spaß, daß ich darüber gänzlich vergaß
+aufzupassen, wo ich mich befand. Wie ich wieder die Orientierung
+aufnehmen will, habe ich keinen Dunst mehr, wo ich bin. Eine schöne
+Bescherung! In der Heimat »verfranzt«! Das mußte natürlich gerade mir
+passieren. Wie würden die zu Hause sich amüsieren, wenn sie das wüßten!
+Aber es war an der Tatsache nichts zu ändern. Ich wußte nicht mehr, wo
+ich war. Ich war durch den starken Wind und das niedrige Fliegen sehr
+abgetrieben worden und von meiner Karte heruntergekommen und mußte nun
+nach Sonne und Kompaß notdürftig die Richtung nach Berlin einhalten.
+Städte, Dörfer, Flüsse, Wälder jagen unter mir dahin. Ich erkenne
+nichts wieder. Ich vergleiche die Natur mit meiner Karte, aber
+vergeblich. Es ist alles anders. Ich bin eben tatsächlich nicht mehr im
+Bilde. Es ist mir nicht möglich, die Gegend wiederzuerkennen. Wie sich
+später herausstellte, war es allerdings auch ausgeschlossen, denn ich
+flog etwa hundert Kilometer neben meinem Kartenrand.
+
+[Illustration: Der kommandierende General der Luftstreitkräfte,
+Exzellenz v. Hoeppner (1), und der Chef des Stabes der Luftstreitkräfte,
+Oberstleutnant Thomson (2), mit Rittmeister Manfred Freih. v. Richthofen
+(3)]
+
+[Illustration: Ein Glückwunsch des Kaisers
+
+aufgenommen am 30. IV. 1917. 4 Uhr 20 Min. vorm.
+
+aus dem Gr. H. Qu.
+
+An Krg. schl homb. 27. 29. IV. 8^h nachm.
+
+Rittm. Freih. von Richthofen
+ Jagdstaffel Richthofen.
+ durch A.O.K.G.
+
+Es wird mir soeben gemeldet, daß Sie heute zum 50. Male als Sieger aus
+dem Luftkampf hervorgingen. Ich spreche Ihnen zu diesem glänzenden
+Erfolg Meinen herzlichen Glückwunsch und Meine vollste Anerkennung aus.
+Mit Bewunderung und Dankbarkeit blickt das Vaterland auf seinen tapferen
+Flieger. Gott sei ferner mit Ihnen.
+
+ Wilhelm I. R.]
+
+Nach etwa zweistündigem Fluge entschlossen sich mein Führer und ich zu
+einer Notlandung. Dies ist immer was Unangenehmes, so ohne Flughafen.
+Man weiß nicht, wie die Erdoberfläche ist. Kommt ein Rad in ein Loch,
+ist die Kiste futsch. Erst versuchten wir noch, auf einem Bahnhof die
+Aufschrift der Station zu erkennen, aber Kuchen, natürlich war sie so
+klein aufgepinselt, daß man auch nicht einen Buchstaben erkennen konnte.
+Also müssen wir landen. Nur schweren Herzens, aber es bleibt uns nichts
+anderes übrig. Wir suchen uns eine Wiese, die von oben ganz schön
+aussieht, und versuchen unser Heil. Leider sah die Wiese bei näherer
+Betrachtung nicht so schön aus. Dies konnte ich auch an einem etwas
+verbogenen Fahrgestell feststellen. So hatten wir uns denn völlig mit
+Ruhm bekleckert. Erst »verfranzt« und dann die Kiste zerschmissen! Wir
+mußten nun also mit einem ganz ordinären Fortbewegungsmittel, dem
+#D#-Zug, unsere weitere Reise nach der Heimat antreten. Langsam, aber
+sicher erreichten wir Berlin. Wir waren in der Nähe von Leipzig
+notgelandet. Hätten wir nicht die Dummheit gemacht, so wären wir gewiß
+noch nach Berlin gekommen, aber wie man’s macht, macht man’s falsch.
+
+Einige Tage später traf ich in meiner Heimatstadt Schweidnitz ein.
+Obwohl es sieben Uhr morgens war, hatte sich doch eine ganze Menge
+Menschen auf dem Bahnhof angefunden. Die Begrüßung war herzlich. Am
+Nachmittag wurden mir verschiedene Ehrungen zuteil, darunter auch durch
+Jugendwehr.
+
+Im großen und ganzen wurde mir klar, daß die Heimat sich für ihre
+Kämpfer im Felde doch lebhaft interessiert.
+
+
+
+
+Mein Bruder
+
+
+Ich war noch nicht acht Tage auf Urlaub, da kriegte ich die
+telegraphische Nachricht: »Lothar verwundet, nicht lebensgefährlich.«
+Mehr nicht. Nähere Erkundigungen ergaben, daß er wieder mal recht
+leichtsinnig gewesen war. Er flog mit Allmenröder zusammen gegen den
+Feind. Da sah er tief unten, ziemlich weit drüben, einen allein
+herumkrebsenden #Englishman#. Das sind so die feindlichen
+Infanterieflieger, die unseren Truppen besonders lästig fallen.
+Jedenfalls beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen mit
+ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr die Frage. Mein Bruder war etwa
+zweitausend Meter hoch, der Engländer tausend. Er pürscht sich ’ran,
+setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen Sekunden bei ihm. Der
+Engländer zog es vor, den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls
+im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, nicht faul, hinterher. Ganz
+schnuppe, ob es drüben oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er muß
+’runter. Das ist ja auch natürlich das richtige. Ab und zu mache ich’s
+auch. Aber wenn es mein Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal
+gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen keinen Spaß. Erst ganz kurz
+über dem Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann ihm den Laden
+vollschießen. Der Engländer stürzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt
+nicht mehr übrig.
+
+Nach so einem Kampfe, besonders in geringer Höhe, in dem man sich so oft
+gedreht und gewendet hat, mal rechtsrum und mal linksrum geflogen ist,
+hat der normale Sterbliche keine Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun
+war es an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders ungünstiges
+Wetter. Schnell hatte er sich orientiert und merkt erst jetzt, daß er
+doch wohl ein ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter der
+Vimy-Höhe. Die Vimy-Höhen sind etwa hundert Meter höher als die andere
+Gegend. Mein Bruder war hinter diesen Vimy-Höhen verschwunden –
+behaupten jedenfalls die Beobachter von der Erde aus.
+
+Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene Stellung erreicht hat,
+gehört nicht zu den angenehmsten Gefühlen, die man sich denken kann. Man
+kann nichts dagegen tun, daß einen der Gegner beschießt. Nur selten
+treffen sie. Mein Bruder näherte sich der Linie. In so geringer Höhe
+kann man jeden Schuß hören, es hört sich an, wie wenn Kastanien im Feuer
+platzen, wenn der einzelne Infanterist schießt. Da – mit einem Male
+fühlte er einen Schlag, getroffen. Das war ihm klar. Er zählt zu den
+Menschen, die nicht ihr eignes Blut sehen können. Bei einem anderen
+macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. Aber sein eigenes
+Blut stört ihn. Er fühlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterläuft,
+zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in der Hüfte. Unten wird noch immer
+geknallt. Also ist er noch drüben. Da endlich hört es so sachte auf, und
+er ist über unsere Front hinüber. Nun muß er sich aber beeilen, denn
+seine Kräfte lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, daneben eine
+Wiese. Also auf die Wiese zu. Die Zündung schnell herausgenommen, der
+Motor bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es alle mit seinen
+Kräften, die Besinnung hat ihn verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in
+seinem Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. Wie er auf
+die Erde hinuntergekommen ist, ist eigentlich ein Wunder. Denn von
+allein startet und landet kein Flugzeug. Man behauptet dies nur von
+einer alten Taube in Köln, die von einem Monteur zum Start
+zurechtgemacht ist und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich
+hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine Kurve macht und
+nach fünf Minuten wieder landet. Das wollen viele Männer gesehen haben.
+Ich habe es nicht gesehen – aber ich bin doch fest davon überzeugt, daß
+es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls hatte nicht so eine Taube, die von
+allein landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Berühren mit dem
+Erdboden nichts getan. Erst im Lazarett fand er die Besinnung wieder.
+Er wurde nach Douai transportiert.
+
+Es ist für einen Bruder ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn man den
+anderen in einen Kampf mit einem Engländer verwickelt sieht. So sah ich
+zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader etwas herhängt und
+von einem Engländer attackiert wird. Es wäre für ihn ein leichtes
+gewesen, den Kampf zu verweigern. Er braucht bloß in der Tiefe zu
+verschwinden. Aber nein, das tut er nicht! Der Gedanke kommt ihm
+scheinbar gar nicht. Ausreißen kennt er nicht. Zum Glück hatte ich dies
+beobachtet und paßte auf. Da sah ich, wie der Engländer, der über ihm
+war, immer auf ihn ’runterstößt und schießt. Mein Bruder versucht, seine
+Höhe zu erreichen, unbekümmert, ob er beschossen wird oder nicht. Da –
+mit einem Male überschlägt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene
+Maschine stürzt senkrecht, sich um sich selbst drehend, herunter. Keine
+gewollte Bewegung, sondern ein regelrechter Absturz. Dieses ist für den
+zusehenden Bruder nicht das schönste aller Gefühle. Aber ich habe mich
+so sachte daran gewöhnen müssen, denn mein Bruder benutzte es als Trick.
+Wie er erkannt hatte, daß der Engländer ihm über war, markierte er ein
+Angeschossensein. Der Engländer hinterher, mein Bruder fängt sich und
+hat ihn im Umsehen überstiegen. Das feindliche Flugzeug konnte sich
+nicht so schnell wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, da saß ihm
+mein Bruder im Nacken, und einige Augenblicke später schlugen die
+Flammen heraus. Dann ist nichts mehr zu retten, dann stürzt das Flugzeug
+brennend ab.
+
+Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank gestanden, wo hundert
+Liter auf einmal explodierten und verbrannten. Ich konnte nicht zehn
+Schritt daneben stehen, so heiß wurde mir. Und nun muß man sich
+vorstellen, daß auf wenige Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen
+fünfzig Litern explodiert und der Propellerwind die ganze Glut einem ins
+Gesicht treibt. Ich glaube, man ist im ersten Moment schon
+besinnungslos, und es geht jedenfalls am schnellsten.
+
+Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und Wunder. So sah ich z. B.
+einmal ein englisches Flugzeug brennend abstürzen. Die Flammen schlugen
+erst in fünfhundert Metern Höhe heraus. Die Maschine stand in hellen
+Flammen. Wie wir nach Hause fliegen, erfahren wir, daß der eine der
+Insassen aus fünfzig Metern Höhe herausgesprungen ist. Es war der
+Beobachter. Fünfzig Meter Höhe! Man muß sich mal die Höhe überlegen. Der
+höchste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht gerade heran. Man springe
+mal von der Spitze dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten ankommen
+mag! Die meisten brächen sich’s Genick, wenn sie aus dem Hochparterre
+herausspringen würden. Jedenfalls, dieser brave »Franz« sprang aus
+seinem brennenden Flugzeug aus fünfzig Meter Höhe heraus, das bereits
+mindestens eine Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter nichts als
+einen glatten Unterschenkelbruch. Er hat sogar, gleich nachdem ihm all
+dies passiert ist, noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand
+hatte nicht einmal gelitten.
+
+Ein andermal schoß ich einen Engländer ab. Der Flugzeugführer hatte
+einen tödlichen Kopfschuß, das Flugzeug stürzte steuerlos, senkrecht,
+ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern Höhe in die Erde. Eine ganze
+Weile später erst kam ich im Gleitflug hinterher und sah unten weiter
+nichts als einen wüsten Haufen. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, der
+Beobachter habe nur einen Schädelbruch, und sein Zustand sei nicht
+lebensgefährlich. Glück muß eben der Mensch haben.
+
+Wieder einmal schoß Boelcke einen Nieuport ab. Ich sah es selbst. Das
+Flugzeug stürzte wie ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug
+bis zur Hälfte im Lehm vergraben. Der Insasse, ein Jagdflieger, war
+durch einen Bauchschuß besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen nur
+einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht gestorben.
+
+Andererseits habe ich es wieder erlebt, daß ein guter Freund von mir bei
+einer Landung mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die Maschine
+hatte überhaupt keine Geschwindigkeit mehr und stellte sich ganz langsam
+auf den Kopf, überlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen sollte,
+fiel auf den Rücken – und der arme Kerl hatte das Genick gebrochen.
+
+ * * * * *
+
+Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten Dragonern, war vor dem
+Kriege auf Kriegsschule, wurde gleich zu Anfang Offizier und hat,
+gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. Was er da alles an
+Heldentaten begangen hat, ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst
+spricht. Man hat mir nur folgende Geschichte erzählt: Es war im Winter
+1914, sein Regiment lag an der Warthe, die Russen auf der anderen Seite.
+Kein Mensch wußte, rücken sie oder bleiben sie. Die Ufer waren zum Teil
+gefroren, so daß man schlecht durchreiten konnte. Brücken gab’s
+natürlich nicht, die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm mein
+Bruder durch, stellte fest, wo die Russen waren, und kam
+zurückgeschwommen. Dieses alles im strengen russischen Winter bei
+soundso viel Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten
+festgefroren, und darunter, behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So
+ritt er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er
+sich nicht erkältet.
+
+Im Winter 1915 ging er auf mein Drängen hin zur Fliegerei, wurde,
+gleichwie ich, Beobachter. Erst ein Jahr später Flugzeugführer. Die
+Schule als Beobachter ist gewiß nicht schlecht, gerade für einen
+Jagdflieger. März 1917 machte er sein drittes Examen und kam sofort zu
+meiner Jagdstaffel.
+
+Er war also noch ein ganz, ganz junger und ahnungsloser Flugzeugführer,
+der noch an kein Looping und ähnliche Scherze dachte, sondern zufrieden
+war, wenn er ordentlich landen und starten konnte. Nach vierzehn Tagen
+nahm ich ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und bat ihn, dicht
+hinter mir zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. Nach dem
+dritten Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir
+trennt und sich gleichfalls auf einen Engländer stürzt und ihn erlegt.
+Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir wieder mal ein
+Beweis, wie wenig das Abschießen eine Kunst ist. Es ist nur die
+Persönlichkeit oder, anders ausgedrückt, der Schneid des Betreffenden,
+der die Sache macht. Ich bin also kein Pégoud, will es auch nicht sein,
+sondern nur Soldat, und tue meine Pflicht.
+
+Vier Wochen später hatte mein Bruder bereits zwanzig Engländer
+abgeschossen. Dies dürfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei,
+daß ein Flugzeugführer vierzehn Tage nach seinem dritten Examen den
+ersten und vier Wochen nach dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat.
+
+Sein zweiundzwanzigster Gegner war der berühmte Captain Ball, weitaus
+der beste englische Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major
+Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits zur Brust genommen. Es
+machte mir besonders Freude, daß es nun mein Bruder war, der den zweiten
+Champion Englands erledigte. Captain Ball flog einen Dreidecker und
+begegnete meinem Bruder einzeln an der Front. Jeder versuchte den
+anderen zu fassen. Keiner gab sich eine Blöße. Es blieb bei einem kurzen
+Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. Nie glückte es dem einen, sich
+hinter den anderen zu setzen. Da entschlossen sich plötzlich beide in
+dem kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, einige wohlgezielte
+Schüsse abzugeben. Beide fliegen aufeinander zu. Beide schießen. Jeder
+hat vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten sind sehr
+gering, die Geschwindigkeit doppelt so groß wie normal. Eigentlich
+unwahrscheinlich, daß einer von beiden trifft. Mein Bruder, der etwas
+tiefer war, hatte dabei seine Maschine stark überzogen und überschlug
+sich, verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine wurde für einige
+Momente steuerlos. Bald hatte er sie wieder gefangen, mußte aber
+feststellen, daß ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen hatte.
+Also landen! Schnell die Zündung ’raus, sonst brennt die Kiste. Der
+nächste Gedanke aber war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des
+Überschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner gleichfalls
+aufbäumte und überschlagen hatte. Er konnte also nicht allzu weit von
+ihm entfernt sein. Der Gedanke herrscht: Ist er über mir oder unter mir?
+Drüber war er nicht mehr, dafür aber sah er unter sich den Dreidecker
+sich dauernd überschlagen und noch immer tiefer stürzen. Er stürzte und
+stürzte, ohne sich zu fangen, bis auf den Boden. Dort zerschellte er. Es
+war auf unserem Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem kurzen
+Augenblick des Begegnens mit ihren starren Maschinengewehren getroffen.
+Meinem Bruder waren die beiden Benzintanks zerschossen, und im selben
+Augenblick hatte der Captain Ball einen Kopfschuß bekommen. Er trug bei
+sich einige Photographien und Zeitungsausschnitte seiner
+Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. Er schien kurze Zeit
+zuvor noch auf Urlaub gewesen zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain
+Ball sechsunddreißig deutsche Apparate vernichtet. Auch er hat einen
+Meister gefunden. Oder war es Zufall, daß eine Größe wie er gleichfalls
+den normalen Heldentod sterben mußte?
+
+Captain Ball war ganz gewiß der Führer des Anti-Richthofen-Geschwaders,
+und ich glaube, der #Englishman# wird es nun lieber aufstecken, mich zu
+fangen. Das täte uns leid, denn dadurch würde uns manche schöne
+Gelegenheit genommen, bei der wir die Engländer gut belapsen könnten.
+
+Wäre mein Bruder nicht am 5. Mai verwundet worden, ich glaube, er wäre
+nach meiner Rückkehr vom Urlaub gleichfalls mit Zweiundfünfzig auf
+Urlaub geschickt worden.
+
+
+
+
+Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann
+
+
+Mein Vater macht einen Unterschied zwischen einem Jäger (Weidmann) und
+einem Schießer, dem es nur Spaß macht, zu schießen. Wenn ich einen
+Engländer abgeschossen habe, so ist meine Jagdpassion für die nächste
+Viertelstunde beruhigt. Ich bringe es also nicht fertig, zwei Engländer
+unmittelbar hintereinander abzuschießen. Fällt der eine herunter, so
+habe ich das unbedingte Gefühl der Befriedigung. Erst sehr, sehr viel
+später habe ich mich dazu überwunden und mich zum Schießer ausgebildet.
+
+Bei meinem Bruder war es anders. Wie er seinen vierten und fünften
+Gegner abschoß, hatte ich Gelegenheit, ihn zu beobachten. Wir griffen
+ein Geschwader an. Ich war der erste. Mein Gegner war bald erledigt. Ich
+gucke mich um und sehe, wie mein Bruder hinter einem Engländer sitzt,
+aus dem gerade die Flamme herausschlägt und dessen Maschine explodiert.
+Neben diesem Engländer fliegt ein zweiter. Er machte weiter nichts, als
+daß er von dem ersten, der noch gar nicht mal ’runtergefallen war und
+sich noch in der Luft befand, sein Maschinengewehr auf den nächsten
+richtete und sofort weiterschoß, kaum daß er absetzte. Auch dieser fiel
+nach kürzerem Kampf.
+
+Zu Hause fragte er mich stolz: »Wieviel hast du abgeschossen?« Ich
+sagte ganz bescheiden: »Einen.« Er dreht mir den Rücken und sagt: »Ich
+habe zwei,« worauf ich ihn zur Nachsuche nach vorn schickte. Er mußte
+feststellen, wie seine Kerle hießen usw. Am späten Nachmittag kommt er
+zurück und hat nur einen gefunden.
+
+Die Nachsuche war also schlecht, wie überhaupt bei solchen Schießern.
+Erst am Tage darauf meldete die Truppe, wo der andere lag. Daß er
+’runtergefallen war, hatten wir ja alle gesehen.
+
+
+
+
+Der Auerochs
+
+
+Der Fürst Pleß hatte mir gelegentlich eines Besuches im Hauptquartier
+erlaubt, bei ihm auf seiner Jagd ein Wisent abzuschießen. Der Wisent ist
+das, was im Volksmund mit Auerochse bezeichnet wird. Auerochsen sind
+ausgestorben. Der Wisent ist auf dem besten Wege, das gleiche zu tun.
+Auf der ganzen Erde gibt es nur noch zwei Stellen, und das ist in Pleß
+und beim Revier des ehemaligen Zaren im Bialowiczer Forst. Der
+Bialowiczer Forst hat natürlich durch den Krieg kolossal gelitten. So
+manchen braven Wisent, den sonst nur hohe Fürstlichkeiten und der Zar
+abgeschossen hätten, hat sich ein Musketier zu Gemüte geführt.
+
+Mir war also durch die Güte Seiner Durchlaucht der Abschuß eines so
+seltenen Tieres erlaubt worden. In etwa einem Menschenalter gibt es
+diese Tiere nicht mehr, da sind sie ausgerottet.
+
+Ich kam am Nachmittag des 26. Mai in Pleß an und mußte gleich vom
+Bahnhof losfahren, um den Stier noch am selben Abend zu erlegen. Wir
+fuhren die berühmte Straße durch den Riesenwildpark des Fürsten entlang,
+auf der wohl manche gekrönte Häupter vor mir entlang gefahren sind. Nach
+etwa einer Stunde stiegen wir aus und hatten nun noch eine halbe Stunde
+zu laufen, um auf meinen Stand zu kommen, während die Treiber bereits
+aufgestellt waren, um auf das gegebene Zeichen mit dem Drücken zu
+beginnen. Ich stand auf der Kanzel, auf der, wie mir der Oberwildmeister
+berichtete, bereits mehrmals Majestät gestanden hat, um so manchen
+Wisent von da aus zur Strecke zu bringen. Wir warten eine ganze Zeit. Da
+plötzlich sah ich im hohen Stangenholz ein riesiges schwarzes Ungetüm
+sich heranwälzen, genau auf mich zu. Ich sah es noch eher als der
+Förster, machte mich schußfertig und muß sagen, daß ich doch etwas
+Jagdfieber kriegte. Es war ein mächtiger Stier. Auf zweihundertfünfzig
+Schritt verhoffte er noch einen Augenblick. Es war mir zu weit, um zu
+schießen. Getroffen hätte man ja vielleicht das Ungetüm, weil man eben
+an so einem Riesending überhaupt nicht vorbeischießen kann. Aber die
+Nachsuche wäre doch eine unangenehme Sache gewesen. Außerdem die
+Blamage, vorbeizuschießen. Also warte ich lieber, daß er mir näher
+kommt. Er mochte wohl wieder die Treiber gespürt haben, denn mit einem
+Male machte er eine ganz kurze Wendung und kam in windender Fahrt, die
+man so einem Tiere nie zugetraut hätte, heran, genau spitz auf mich zu.
+Schlecht zum Schießen. Da verschwand er hinter einer Gruppe von dichten
+Fichten. Ich hörte ihn noch schnaufen und stampfen. Sehen konnte ich ihn
+nicht mehr. Ob er Wind von mir bekommen hatte oder nicht, weiß ich
+nicht. Jedenfalls war er weg. Noch einmal sah ich ihn auf eine große
+Entfernung, dann war er verschwunden.
+
+War es der ungewohnte Anblick eines solchen Tieres oder wer weiß was –
+jedenfalls hatte ich in dem Augenblick, wo der Stier herankam, dasselbe
+Gefühl, dasselbe Jagdfieber, das mich ergreift, wenn ich im Flugzeug
+sitze, einen Engländer sehe und ihn noch etwa fünf Minuten lang
+anfliegen muß, um an ihn heranzukommen. Nur mit dem einen Unterschied,
+daß sich der Engländer wehrt. Hätte ich nicht auf einer so hohen Kanzel
+gestanden, wer weiß, ob da nicht noch andere moralische Gefühle
+mitgespielt hätten?
+
+Es dauerte nicht lange, da kommt der zweite. Auch ein mächtiger Kerl. Er
+macht es mir sehr viel leichter. Auf etwa hundert Schritt verhofft er
+und zeigt mir sein ganzes Blatt. Der erste Schuß traf, er zeichnet. Ich
+hatte ihm einen guten Blattschuß verpaßt. Hindenburg hatte mir einen
+Monat vorher gesagt: »Nehmen Sie sich recht viel Patronen mit. Ich habe
+auf meinen ein halbes Dutzend verbraucht, denn so ein Kerl stirbt ja
+nicht. Das Herz sitzt ihm so tief, daß man meistenteils vorbeischießt.«
+Und es stimmte. Das Herz, trotzdem ich ja genau wußte, wo es saß, hatte
+ich nicht getroffen. Ich repetierte. Der zweite Schuß, der dritte, da
+bleibt er stehen, schwerkrank. Vielleicht auf fünfzig Schritt vor mir.
+
+Fünf Minuten später war das Ungetüm verendet. Die Jagd wurde
+abgebrochen und »Hirsch tot« geblasen. Alle drei Kugeln saßen ihm dicht
+überm Herzen, sehr gut Blatt.
+
+Wir fuhren nun an dem schönen Jagdhaus des Fürsten vorbei und noch eine
+Weile durch den Wildpark, in dem alljährlich zu der Brunstzeit die Gäste
+des Fürsten ihren Rothirsch usw. erlegen. Wir hielten noch und sahen uns
+das Innere des Hauses im Promnitz an. Auf einer Halbinsel gelegen, mit
+wunderschönem Blick, auf fünf Kilometer Entfernung kein menschliches
+Wesen. Man hat nicht mehr das Gefühl, in einem Wildpark zu sein, wie man
+sich wohl im allgemeinen vorstellt, wenn man von der Fürstlich Pleßschen
+Jagd spricht. Vierhunderttausend Morgen Gatter sind eben kein Wildpark
+mehr. Da gibt es kapitale Hirsche, die nie ein Mensch gesehen hat, die
+kein Förster kennt, und die gelegentlich in der Brunstzeit erlegt
+werden. Man kann wochenlang laufen, um ein Wisenttier zu Gesicht zu
+bekommen. In manchen Jahreszeiten ist es ausgeschlossen, sie überhaupt
+zu sehen. Dann sind sie so heimlich, daß sie sich in den Riesenwäldern
+und unendlichen Dickichten vollständig verkriechen. Wir sahen noch
+manchen Hirsch im Bast und manchen guten Bock.
+
+Nach etwa zwei Stunden kamen wir kurz vor Dunkelheit wieder in Pleß an.
+
+
+
+
+Infanterie-, Artillerie- und Aufklärungsflieger
+
+
+Wäre ich nicht Jagdflieger geworden, ich glaube, ich hätte mir das
+Infanteriefliegen ausgesucht. Es ist einem doch eine große Befriedigung,
+wenn man unserer am schwersten kämpfenden Truppe direkte Hilfe leisten
+kann. Der Infanterieflieger ist in der Lage, dies zu tun. Er hat damit
+eine dankbare Aufgabe. Ich habe in der Arras-Schlacht so manchen dieser
+tüchtigen Leute beobachten können, wie sie bei jedem Wetter und zu jeder
+Tageszeit in niedriger Höhe über den Feind flogen und die Verbindung mit
+unserer schwer kämpfenden Truppe suchten. Ich verstehe es, wie man sich
+dafür begeistern kann, ich glaube, so manch einer hat Hurra gebrüllt,
+wenn er die feindlichen Massen hat nach einem Angriff zurückfluten sehen
+und unsere schneidige Infanterie aus den Gräben hervorkam und den
+zurückflutenden Gegner Auge in Auge bekämpfte. So manches Mal habe ich
+den Rest meiner Patronen nach einem Jagdflug auf die feindlichen
+Schützengräben verschossen. Wenn es auch wenig hilft, so macht es doch
+moralischen Eindruck.
+
+Artillerieflieger bin ich auch selbst gewesen. Es war zu meiner Zeit
+etwas Neues, mit Funkentelegraphie das Schießen der eigenen Artillerie
+zu leiten. Aber dazu gehört eine ganz besondere Begabung. Ich konnte
+mich auf die Dauer nicht dazu eignen. Der Kampf ist mir lieber. Zum
+Artilleriefliegen muß man wohl selbst zur Waffe gehören, um das nötige
+Verständnis mitzubringen.
+
+Aufklärungsfliegen habe ich auch getrieben, und zwar in Rußland im
+Bewegungskriege. Da war ich noch einmal Kavallerist, d. h. ich kam mir
+so vor, wenn ich mit meinem stählernen Pegasus loszog. Jene Tage mit
+Holck über den Russen sind mit meine schönste Erinnerung. Aber das Bild
+der Bewegung kommt scheinbar nicht wieder.
+
+Im Westen sieht der Aufklärungsflieger ganz etwas anderes, als das Auge
+des Kavalleristen gewohnt ist. Die Dörfer und Städte, die Eisenbahnen
+und Straßen sehen so tot und still aus, und trotzdem ist auf ihnen ein
+ungeheurer Verkehr, der aber dem Flieger mit großer Geschicklichkeit
+verborgen wird. Nur ein ganz, ganz geübtes Auge vermag aus den rasenden
+Höhen etwas Bestimmtes zu beobachten. Ich habe gute Augen, aber es
+erscheint mir zweifelhaft, ob es überhaupt einen gibt, der etwas Genaues
+aus fünftausend Metern Höhe auf einer Chaussee erkennen kann. Man ist
+also auf etwas anderes angewiesen, was das Auge ersetzt, das ist der
+photographische Apparat. Man photographiert also all das, was man für
+wichtig hält, und was man photographieren soll. Kommt man nach Hause
+und die Platten sind verunglückt, so ist der ganze Flug umsonst gewesen.
+
+Dem Aufklärungsflieger begegnet es oft, daß er in einen Kampf verwickelt
+wird, aber er hat Wichtigeres zu tun, als sich mit dem Kampf zu
+beschäftigen. Oft ist eine Platte wichtiger als das Abschießen eines
+ganzen Apparates, deshalb ist er in den meisten Fällen gar nicht dazu
+berufen, luftzukämpfen.
+
+Es ist eine schwere Aufgabe heutzutage, im Westen eine gute Aufklärung
+durchzuführen.
+
+
+
+
+Unsere Flugzeuge
+
+
+Wie wohl jedem klar ist, haben sich im Laufe des Krieges unsere
+Flugzeuge etwas verändert. Der größte Unterschied ist zwischen einem
+Riesenflugzeug und einem Jagdflugzeug.
+
+Das Jagdflugzeug ist klein, schnell, wendig, trägt aber nichts. Nur die
+Patronen und die Maschinengewehre.
+
+Das Riesenflugzeug – man muß sich bloß das erbeutete englische
+Riesenflugzeug ansehen, das auf unserer Seite glatt gelandet ist, ist
+ein Koloß, nur dazu bestimmt, durch große Flächen möglichst viel zu
+tragen. Es schleppt unheimlich viel; dreitausend bis fünftausend
+Kilogramm sind gar nichts dafür. Die Benzintanks sind die reinen
+Eisenbahntankwagen. Man hat nicht mehr das Gefühl des Fliegens in so
+einem großen Ding, sondern man »fährt«. Das Fliegen wird nicht mehr
+durch das Gefühl, sondern durch technische Instrumente gemacht.
+
+So ein Riesenflugzeug hat unheimlich viel Pferdekräfte. Die Zahl weiß
+ich nicht genau, aber es sind viele tausend. Je mehr, je besser. Es ist
+nicht ausgeschlossen, daß wir noch mal ganze Divisionen in so einem Ding
+transportieren können. In ihrem Rumpf kann man spazierengehen. In der
+einen Ecke ist ein unbeschreibliches Etwas, da haben die Gelehrten
+einen Funkentelegraphen hineingebaut, mit dem man sich im Fluge mit der
+Erde völlig verständigen kann. In der anderen Ecke hängen die schönsten
+Zervelatwürste, die berühmten Fliegerbomben, vor denen die unten solche
+Angst haben. Aus jeder Ecke starrt der Lauf eines Gewehrs. Eine
+fliegende Festung ist es. Die Tragflächen mit ihren Streben kommen einem
+vor wie Säulenhallen. Ich kann mich für diese Riesenkähne nicht
+begeistern. Ich finde sie gräßlich, unsportlich, langweilig,
+unbeweglich. Mir gefällt mehr ein Flugzeug wie #»le petit rouge«#. Mit
+dem Ding ist es ganz egal, ob man auf dem Rücken fliegt, es senkrecht
+auf den Kopf stellt oder sonst welche Zicken macht, man fliegt eben wie
+ein Vogel, und doch ist es kein »Schwingenfliegen« wie der Vogel
+Albatros, sondern das ganze Ding ist eben ein »fliegender Motor«. Ich
+glaube, wir werden noch so weit kommen, daß wir uns Fliegeranzüge für
+zwei Mark fünfzig Pfennig kaufen können, in die man einfach
+’reinkriecht. An einem Ende ist ein Motörchen und ein Propellerchen, die
+Arme steckt man in die Tragflächen und die Beine in den Schwanz, dann
+hopst man etwas, das ist der Start, und dann geht es gleich einem Vogel
+durch die Lüfte.
+
+Du lachst gewiß, lieber Leser, ich auch, aber ob unsere Kinder lachen
+werden, ist noch nicht heraus. Man hätte auch gelacht, wenn einer vor
+fünfzig Jahren erzählt hätte, er würde über Berlin hinwegfliegen. Ich
+sehe noch Zeppelin, wie er im Jahre 1910 zum ersten Male nach Berlin
+kam, und jetzt guckt die Berliner Range kaum noch nach oben, wenn so ein
+Ding durch die Luft braust.
+
+Außer diesen Riesenflugzeugen und dem Ding für Jagdflieger gibt es nun
+noch eine unzählige Menge von anderen in jeder Größe. Man ist noch lange
+nicht am Ende der Erfindungen. Wer weiß, was wir in einem Jahr verwenden
+werden, um uns in den blauen Äther zu bohren!
+
+
+
+_Verlag Ullstein & Co, Berlin_
+
+
+Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau
+
+Meine Erlebnisse in drei Erdteilen von Kapitänleutnant Gunther Plüschow
+
+_550.–600. Tausend_
+
+Aus dem Inhalt:
+
+Der letzte Tag von Tsingtau / Beim Mandarin von Hai-Dschou / Als
+Millionär nach Amerika – als Schlossergeselle nach Europa / In Gibraltar
+gefangen / In England hinter Mauern und Stacheldraht / Die Flucht aus
+dem Gefangenenlager / Als Vagabund in London / Schwarze Nächte an der
+Themse / Als blinder Passagier nach Holland / Wieder im Vaterland
+
+
+Die Abenteuer des Ostseefliegers
+
+von Leutnant zur See Erich Killinger
+
+_301.–350. Tausend_
+
+Aus dem Inhalt:
+
+Abgeschossen / Fünf Stunden im Eiswasser / In der Peter-Pauls-Festung /
+Sibirien! / Der Sprung aus dem Schnellzug / Sechs Wochen in der
+mandschurischen Wüste / Als »Monsieur du Fais« in Japan / Erster Klasse
+nach Amerika / Als Vollmatrose nach Norwegen
+
+
+Zeppeline über England
+
+von ***
+
+_140.–170. Tausend_
+
+Eine lebensvolle und von der ersten bis zur letzten Zeile aufs höchste
+spannende Schilderung der Taten unserer Luftflotte. Wir sehen die
+rastlose harte Arbeit auf der Werft und begleiten eines der neuen
+Riesenfahrzeuge auf einer Abnahmefahrt. Donnernd und brausend stimmen
+dann die Motoren ihr Lied an zur großen Fahrt in Feindesland, übers
+Meer, nach London.
+
+
+300 000 Tonnen versenkt!
+
+Meine #U#-Boots-Fahrten
+
+von Kapitänleutnant Max Valentiner
+
+_1.–100. Tausend_
+
+Aus dem Inhalt:
+
+Im Kampf mit #U#-Boots-Fallen / Im Schwarzen Meer / Was wir vor einem
+Damenbad erlebten / Unser gefährlichstes Abenteuer / Jagd auf hoher See
+/ Im Schlepp nach Madeira / Ein Sonntagmorgen in Funchal / Mann über
+Bord / Im Netz
+
+
+Die Fahrt der Deutschland
+
+von Kapitän Paul König
+
+_501.–550. Tausend_
+
+In einer Sprache, in der noch die ganze Unmittelbarkeit des Erlebnisses
+nachklingt, gibt Kapitän Paul König die Geschichte seiner für alle
+Zeiten denkwürdigen Fahrten. Vom Bau der »Deutschland« erzählt er, von
+der Ausreise, vom Kampf mit den Elementen, von der Verfolgung durch die
+Feinde, von der Ankunft in Baltimore, von der glücklichen Heimkehr.
+
+
+Als #U#-Boots-Kommandant gegen England
+
+von Kapitänleutnant Freiherrn v. Forstner
+
+_86.–95. Tausend_
+
+Zum erstenmal berichtet hier ein deutscher Unterseeboots-Kommandant von
+dem, was unserem schlimmsten Feind Angst und Schrecken einjagt, von den
+Erfolgen im Handelskrieg gegen England. Im Nordatlantik, im Kanal, in
+der Irischen See hat Kapitänleutnant von Forstner mit seiner Mannschaft
+kühne Beutezüge unternommen.
+
+
+Die Fahrten der »Goeben« im Mittelmeer
+
+von Leutnant zur See Kraus
+
+Ein Offizier der »Goeben« erzählt die Taten seines Schiffes, den großen
+Durchbruch bei Messina, die wilde Jagd durch das Ionische Meer, das
+Entrinnen. Voll atemloser Spannung ist die Darstellung des Leutnants
+Kraus und sieghaft heiter auch in den drohendsten Momenten dieser Fahrt,
+die mit dem Aufsteigen des Roten Halbmonds an der Gaffel der »Goeben«
+abschließt.
+
+
+Die Fahrten der »Breslau« im Schwarzen Meer
+
+von Oberleutnant zur See Dönitz
+
+Ein Offizier der »Breslau«–»Midilli« hat dieses Werk verfaßt, das ihre
+abenteuerlichen Kriegsfahrten durch das Schwarze Meer wiedergibt, nicht
+als Darstellung eines Unbeteiligten, sondern als packendes Erlebnis. In
+dichtester Folge drängen sich die Kriegsepisoden. Und auch der Ruhezeit
+am Goldenen Horn, des farbenbunten Orientlebens gedenkt dieses
+fröhliche, temperamentvolle Buch von der »Breslau«.
+
+
+Kreuzerfahrten und #U#-Bootstaten
+
+von Otto von Gottberg
+
+Mit Unterstützung der Flottenleitung hat Otto von Gottberg die packenden
+Berichte niedergeschrieben, die hier in einem Ehrenbuch der deutschen
+Kriegsmarine vereinigt sind. Er schildert die kühnen Fahrten unserer
+Kreuzer und #U#-Boote, die durch rollende Fluten dem Feinde
+entgegenziehen.
+
+
+_Jeder Band 1 Mark_
+
+[Illustration: Ullstein & Co Berlin SW 68]
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine
+Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 070: [Punkt ergänzt] einen Gesinnungstüchtigen zu finden.
+S. 074: As junger Flugzeugführer -> Als
+S. 081: daß wir nach Rußlang gingen -> Rußland
+S. 092: [Zeichensetzung vereinheitlicht] mußt du’s machen«. -> machen.«
+S. 097: [vereinheitlicht] etwa vierzig kennen gelernt -> kennengelernt
+S. 152: [Punkt ergänzt] mein Lord verschwindet in der Tiefe.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Notes: The table below lists all corrections applied to
+the original text.
+
+p. 070: [added period] einen Gesinnungstüchtigen zu finden.
+p. 074: As junger Flugzeugführer -> Als
+p. 081: daß wir nach Rußlang gingen -> Rußland
+p. 092: [normalized punktuation] mußt du’s machen«. -> machen.«
+p. 097: [normalized] etwa vierzig kennen gelernt -> kennengelernt
+p. 152: [added period] mein Lord verschwindet in der Tiefe.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der rote Kampfflieger, by Manfred von Richthofen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KAMPFFLIEGER ***
+
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+
+Produced by Markus Brenner, Irma Spehar and the Online
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+electronic works
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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