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Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum, by Sigmund Freud</title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + h1, h2, h3 { text-align: center; + clear: both; + } + h1 { margin-top: 80px; font-weight: normal; } + h2 { margin-bottom: 1.5em; line-height: 1.7em; } + h2 .number { font-weight: normal; } + + .new-h2 { margin-top: 6em; } + + cite { font-style: normal; } + + ins { text-decoration: none; border-bottom: 1px dashed #039; } + + span.greek { border-bottom: 1px dashed #999; } + + ol, ul { margin: 0; padding: 0; list-style-position: inside; } + ol li, ul li { margin: 0; padding: 0; } + ol li p, ul li p { margin-top: 0; } + ol.lower-alpha { list-style-type: lower-alpha; } + ol.upper-roman { list-style-type: upper-roman; } + ol.lower-greek { list-style-type: lower-greek; } + ul.none { list-style-type: none; } + + .center { text-align: center; } + + .nowrap { white-space: nowrap; } + + .gesperrt { font-style: normal; letter-spacing: 0.2em; } + + .pagenum { position: absolute; + left: 88%; + font-size: small; + text-align: right; + color: #808080; + } + + .footnotes { border: 1px dashed #808080; margin-top: 6em; margin-bottom: 80px; padding: 20px; } + .footnote { margin-left: 5%; margin-right: 5%; } + .footnote .label, + .fnanchor { vertical-align: super; text-decoration: none; font-size: x-small; font-weight: normal; } + + #tnote { width: 30em; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #f6f6f6; + text-align: justify; + padding: 0.5em; + margin: 80px auto 80px auto; + } +// --> +/* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Zur Psychopathologie des Alltagslebens, by Sigmund Freud + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Zur Psychopathologie des Alltagslebens + Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum + +Author: Sigmund Freud + +Release Date: January 26, 2008 [EBook #24429] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR PSYCHOPATHOLOGIE *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + + +<div id="tnote"><p class="center" style="font-weight: bold;">Anmerkungen zur Transkription:</p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.</p> +<p>Änderungen sind im Text mit einer strichlierten blauen Linie gekennzeichnet, der +<ins title="so wie hier">Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p></div> + +<div style="width: 80%; margin: auto;"> +<h1><small>Zur</small><br/><br/> + +Psychopathologie des Alltagslebens<br/><br/> + +<small>(Über Vergessen, Versprechen,<br/> +Vergreifen, Aberglaube und Irrtum)</small></h1> + +<hr style="background-color: black; height: 1px; width: 6em; border: none; margin: 2em auto 2em auto;"/> + +<p class="center">Von</p> + +<p class="center">Prof. Dr. Sigm. Freud</p> + +<p class="center">in Wien</p> + +<blockquote style="text-align: right; margin: 3em 0 3em 0; font-size: 0.9em;"><p style="text-align: right;">Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,<br/> +Dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll.</p> + +<p style="text-align: right; margin-right: 1.5em;"><cite>Faust, II. T., V. Akt.</cite></p></blockquote> + +<div style="margin: 0 auto 2em auto; width: 67px;"> +<img src="images/emblem.png" width="67" height="90" alt="" title=""/> +</div> + +<p class="center"><b>BERLIN 1904</b></p> + +<p class="center">VERLAG VON S. KARGER</p> + +<p class="center"><small>KARLSTRASSE 15</small></p> + +<p class="center" style="margin: 4em auto 0 auto; line-height: 1.5em; font-size: 0.95em; width: 30em; padding: 1em; border-top: 1px solid black; border-bottom: 1px solid black;">DURCHGESEHENER ABDRUCK AUS DER <cite>MONATSSCHRIFT FÜR<br/> +PSYCHIATRIE UND NEUROLOGIE BD. X.</cite></p> + +<p class="center" style="font-size: 0.95em; margin-top: 2em;">ALLE RECHTE VORBEHALTEN.</p> + +<p class="center" style="font-size: 0.8em; margin-top: 6em;">Druck von <span class="gesperrt">H. Klöppel</span>, Quedlinburg.</p> +</div> + + + +<div class="new-h2"><span class='pagenum'><a name="Page_3">[3]</a></span></div> +<h2><a name="Abschnitt_I"></a><span class="number">I.</span><br/> + +Vergessen von Eigennamen.</h2> + + +<p>Im Jahrgange 1898 der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie +habe ich unter dem Titel <cite>»Zum psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit«</cite> +einen kleinen Aufsatz veröffentlicht, dessen Inhalt ich hier +wiederholen und zum Ausgang für weitere Erörterungen nehmen werde. +Ich habe dort den häufigen Fall des zeitweiligen Vergessens von Eigennamen +an einem prägnanten Beispiel aus meiner Selbstbeobachtung der +psychologischen Analyse unterzogen und bin zum Ergebnis gelangt, +dass dieser gewöhnliche und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall +von Versagen einer psychischen Funktion – des Erinnerns – +eine Aufklärung zulässt, welche weit über die gebräuchliche Verwertung +des Phänomens hinausführt.</p> + +<p>Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem man +die Erklärung forderte, wie es zugehe, dass einem so oft ein Name +nicht einfällt, den man doch zu kennen glaubt, sich begnügen, zu antworten, +dass Eigennamen dem Vergessen leichter unterliegen als andersartiger +Gedächtnisinhalt. Er würde die plausibeln Gründe für solche +Bevorzugung der Eigennamen anführen, eine anderweitige Bedingtheit +des Vorganges aber nicht vermuten.</p> + +<p>Für mich wurde zum Anlass einer eingehenderen Beschäftigung +mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beobachtung +gewisser Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen Fällen, aber in einzelnen +deutlich genug erkennen lassen. In solchen Fällen wird nämlich +nicht nur <em class="gesperrt">vergessen</em>, sondern auch <em class="gesperrt">falsch erinnert</em>. Dem sich um +den entfallenen Namen Bemühenden kommen andere – <em class="gesperrt">Ersatznamen</em> +– zum Bewusstsein, die zwar sofort als unrichtig erkannt werden, sich +aber doch mit grosser Zähigkeit immer wieder aufdrängen. Der Vorgang, +der zur Reproduktion des gesuchten Namens führen soll, hat sich +gleichsam <em class="gesperrt">verschoben</em> und so zu einem unrichtigen Ersatz geführt. +Meine Voraussetzung ist nun, dass diese Verschiebung nicht psychischer +Willkür überlassen ist, sondern gesetzmässige und berechenbare Bahnen +einhält. Mit anderen Worten, ich vermute, dass der oder die Ersatznamen +<span class='pagenum'><a name="Page_4">[4]</a></span> +in einem aufspürbaren Zusammenhang mit dem gesuchten +Namen stehen, und hoffe, wenn es mir gelingt, diesen Zusammenhang +nachzuweisen, dann auch Licht über den Hergang des Namenvergessens +zu verbreiten.</p> + +<p>In dem 1898 von mir zur Analyse gewählten Beispiele war es +der Name des Meisters, welcher im Dom von <em class="gesperrt">Orvieto</em> die grossartigen +Fresken von den »letzten Dingen« geschaffen, den zu erinnern +ich mich vergebens bemühte. Anstatt des gesuchten Namens – +<em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> – drängten sich mir zwei andere Namen von Malern auf +– <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Botticelli</em> und <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Boltraffio</em>, die mein Urteil sofort und entschieden +als unrichtig abwies. Als mir der richtige Name von fremder Seite +mitgeteilt wurde, erkannte ich ihn sogleich und ohne Schwanken. Die +Untersuchung, durch welche Einflüsse und auf welchen Assoziationswegen +sich die Reproduktion in solcher Weise – von <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> +auf <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Botticelli</em> und <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Boltraffio</em> – verschoben hatte, führte zu folgenden +Ergebnissen:</p> + +<ol class="lower-alpha"> +<li><p>Der Grund für das Entfallen des Namens <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> ist +weder in einer Besonderheit dieses Namens selbst noch in einem psychologischen +Charakter des Zusammenhanges zu suchen, in welchen derselbe +eingefügt war. Der vergessene Name war mir ebenso vertraut +wie der eine der Ersatznamen – Botticelli – und ungleich vertrauter +als der andere der Ersatznamen – Boltraffio –, von dessen Träger +ich kaum etwas anderes anzugeben wüsste als seine Zugehörigkeit zur +mailändischen Schule. Der Zusammenhang aber, in dem sich das +Namenvergessen ereignete, erscheint mir harmlos und führt zu keiner +weiteren Aufklärung: Ich machte mit einem Fremden eine Wagenfahrt +von Ragusa in Dalmatien nach einer Station der Herzegowina; +wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und ich fragte meinen +Reisegefährten, ob er schon in Orvieto gewesen und dort die berühmten +Fresken des *** besichtigt habe.</p></li> + +<li><p>Das Namenvergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an das +in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema erinnere, und +gibt sich als eine <em class="gesperrt">Störung des neu auftauchenden Themas +durch das vorhergehende</em> zu erkennen. Kurz, ehe ich an meinen +Reisegefährten die Frage stellte, ob er schon in Orvieto gewesen, hatten +wir uns über die Sitten der in <em class="gesperrt">Bosnien</em> und in der <em class="gesperrt">Herzegowina</em> +lebenden Türken unterhalten. Ich hatte erzählt, was ich von einem +unter diesen Leuten praktizierenden Kollegen gehört hatte, dass sie +sich voll Vertrauen in den Arzt und voll Ergebung in das Schicksal +zu zeigen pflegen. Wenn man ihnen ankündigen muss, dass es für +<span class='pagenum'><a name="Page_5">[5]</a></span> +den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie: »<em class="gesperrt">Herr</em>, was ist da +zu sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wäre, hättest du ihn gerettet.« +– Erst in diesen Sätzen finden sich die Worte und Namen: <em class="gesperrt">Bosnien</em>, +<em class="gesperrt">Herzegowina</em>, <em class="gesperrt">Herr</em> vor, welche sich in eine Assoziationsreihe +zwischen <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> und <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Botticelli</em> – <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Boltraffio</em> einschalten +lassen.</p></li> + +<li><p>Ich nehme an, dass der Gedankenreihe von den Sitten der +Türken in Bosnien etc. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken zu +stören, darum zukam, weil ich ihr meine Aufmerksamkeit entzogen +hatte, ehe sie noch zu Ende gebracht war. Ich erinnere nämlich, dass +ich eine zweite Anekdote erzählen wollte, die nahe bei der ersten in +meinem Gedächtnis ruhte. Diese Türken schätzen den Sexualgenuss +über alles und verfallen bei sexuellen Störungen in eine Verzweiflung, +welche seltsam gegen ihre Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer +der Patienten meines Kollegen hatte ihm einmal gesagt: »Du weisst +ja, <em class="gesperrt">Herr</em>, wenn das nicht mehr geht, dann hat das Leben keinen +Wert.« Ich unterdrückte die Mitteilung dieses charakteristischen Zuges, +weil ich das heikle Thema nicht im Gespräch mit einem Fremden berühren +wollte. Ich tat aber noch mehr; ich lenkte meine Aufmerksamkeit +auch von der Fortsetzung der Gedanken ab, die sich bei mir +an das Thema »Tod und Sexualität« hätten knüpfen können. Ich +stand damals unter der Nachwirkung einer Nachricht, die ich wenige +Wochen vorher während eines kurzen Aufenthaltes in <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Trafoi</em> erhalten +hatte. Ein Patient, mit dem ich mir viele Mühe gegeben, hatte wegen +einer unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben ein Ende gemacht. +Ich weiss bestimmt, dass mir auf jener Reise in die Herzegowina dieses +traurige Ereignis und alles, was damit zusammenhängt, nicht zur bewussten +Erinnerung kam. Aber die Übereinstimmung <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Trafoi</em> – <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Boltraffio</em> +nötigt mich anzunehmen, dass damals diese Reminiszenz trotz +der absichtlichen Ablenkung meiner Aufmerksamkeit in mir zur Wirksamkeit +gebracht worden ist.</p></li> + +<li><p>Ich kann das Vergessen des Namens <span lang="it" xml:lang="it">Signorelli</span> nicht mehr +als ein zufälliges Ereignis auffassen. Ich muss den Einfluss eines +<em class="gesperrt">Motivs</em> bei diesem Vorgang anerkennen. Es waren Motive, die mich +veranlassten, mich in der Mitteilung meiner Gedanken (über die Sitten +der Bosnier etc.) zu unterbrechen, und die mich ferner beeinflussten, +die daran sich knüpfenden Gedanken, die bis zur Nachricht in <span lang="it" xml:lang="it">Trafoi</span> +geführt hätten, in mir vom Bewusstwerden auszuschliessen. Ich <em class="gesperrt">wollte</em> +also etwas vergessen, ich hatte <em class="gesperrt">etwas verdrängt</em>. Ich wollte allerdings +etwas anderes vergessen als den Namen des Meisters von Orvieto; +<span class='pagenum'><a name="Page_6">[6]</a></span> +aber dieses andere brachte es zustande, sich mit diesem Namen in +assoziative Verbindung zu setzen, so dass mein Willensakt das Ziel +verfehlte, und ich <em class="gesperrt">das eine wider Willen</em> vergass, während ich <em class="gesperrt">das +andere mit Absicht</em> vergessen wollte. Die Abneigung, zu erinnern, +richtete sich gegen den einen Inhalt; die Unfähigkeit, zu erinnern, trat +an einem anderen hervor. Es wäre offenbar ein einfacherer Fall, wenn +Abneigung und Unfähigkeit, zu erinnern, denselben Inhalt beträfen. – +Die Ersatznamen erscheinen mir auch nicht mehr so völlig unberechtigt +wie vor der Aufklärung; sie mahnen mich (nach Art eines Kompromisses) +eben so sehr an das, was ich vergessen, wie an das, was ich +erinnern wollte, und zeigen mir, dass meine Absicht, etwas zu vergessen, +weder ganz gelungen noch ganz missglückt ist.</p></li> + +<li><p>Sehr auffällig ist die Art der Verknüpfung, die sich zwischen +dem gesuchten Namen und dem verdrängten Thema (von Tod und +Sexualität etc., in dem die Namen Bosnien, Herzegowina, Trafoi vorkommen) +hergestellt hat. Das hier eingeschaltete, aus der Abhandlung +des Jahres 1898 wiederholte Schema sucht diese Verknüpfung anschaulich +darzustellen.</p> + +<div style="width: 600px; margin: 2em auto 2em auto;"> +<img src="images/illustration.png" width="600" height="334" alt="" title=""/> +</div> + +<p>Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt worden. +Das eine Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unverändert wiedergekehrt +(<em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">elli</em>), das andere hat durch die Übersetzung <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signor</em> – <em class="gesperrt">Herr</em> +mehrfache und verschiedenartige Beziehungen zu den im verdrängten +Thema enthaltenen Namen gewonnen, ist aber dadurch für die Reproduktion +verloren gegangen. Sein Ersatz hat so stattgefunden, als +ob eine Verschiebung längs der Namenverbindung <span class="nowrap">»<em class="gesperrt">Her</em>zegowina</span> und +<span class="nowrap"><em class="gesperrt">Bo</em>snien«</span> vorgenommen worden wäre, ohne Rücksicht auf den Sinn +<span class='pagenum'><a name="Page_7">[7]</a></span> +und auf die akustische Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen +sind also bei diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wie die Schriftbilder +eines Satzes, der in ein Bilderrätsel (Rebus) umgewandelt werden +soll. Von dem ganzen Hergang, der anstatt des Namens Signorelli +auf solchen Wegen die Ersatznamen geschaffen hat, ist dem Bewusstsein +keine Kunde gegeben worden. Eine Beziehung zwischen dem +Thema, in dem der Name Signorelli vorkam, und dem zeitlich ihm +vorangehenden verdrängten Thema, welche über diese Wiederkehr +gleicher Silben (oder vielmehr Buchstabenfolgen) hinausginge, scheint +<em class="gesperrt">zunächst</em> nicht auffindbar zu sein.</p></li> +</ol> + +<p>Es ist vielleicht nicht überflüssig, zu bemerken, dass die von den +Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion und des +Vergessens, die in gewissen Relationen und Dispositionen gesucht +werden, durch die vorstehende Aufklärung einen Widerspruch nicht +erfahren. Wir haben nur für gewisse Fälle zu all den längst anerkannten +Momenten, die das Vergessen eines Namens bewirken +können, noch ein <em class="gesperrt">Motiv</em> hinzugefügt und überdies den Mechanismus +des Fehlerinnerns klar gelegt. Jene Dispositionen sind auch für +unseren Fall unentbehrlich, um die Möglichkeit zu schaffen, dass das +verdrängte Element sich assoziativ des gesuchten Namens bemächtige +und es mit sich in die Verdrängung nehme. Bei einem anderen +Namen mit günstigeren Reproduktionsbedingungen wäre dies vielleicht +nicht geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, dass ein unterdrücktes +Element allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur Geltung zu +bringen, diesen Erfolg aber nur dort erreicht, wo ihm geeignete Bedingungen +entgegenkommen. Andere Male gelingt die Unterdrückung +ohne Funktionsstörung, oder, wie wir mit Recht sagen können, ohne +<em class="gesperrt">Symptome</em>.</p> + +<p>Die Zusammenfassung der Bedingungen für das Vergessen eines +Namens mit Fehlerinnern ergibt also: 1. eine gewisse Disposition zum +Vergessen desselben, 2. einen kurz vorher abgelaufenen Unterdrückungsvorgang, +3. die Möglichkeit, eine <em class="gesperrt">äusserliche</em> Assoziation zwischen +dem betreffenden Namen und dem vorher unterdrückten Element herzustellen. +Letztere Bedingung wird man wahrscheinlich nicht sehr +hoch veranschlagen müssen, da bei den geringen Ansprüchen an die +Assoziation eine solche in den allermeisten Fällen durchzusetzen sein +dürfte. Eine andere und tiefer reichende Frage ist es, ob eine solche +äusserliche Assoziation wirklich die genügende Bedingung dafür sein +kann, dass das verdrängte Element die Reproduktion des gesuchten +Namens störe, ob nicht doch notwendig ein intimerer Zusammenhang +<span class='pagenum'><a name="Page_8">[8]</a></span> +der beiden Themata erforderlich wird. Bei oberflächlicher Betrachtung +würde man letztere Forderung abweisen wollen und das zeitliche Aneinanderstossen +bei völlig disparatem Inhalt für genügend halten. Bei +eingehender Untersuchung findet man aber immer häufiger, dass die +beiden durch eine äusserliche Assoziation verknüpften Elemente (das +verdrängte und das neue) ausserdem einen inhaltlichen Zusammenhang +besitzen, und auch in dem Beispiel <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> lässt sich ein solcher +erweisen.</p> + +<p>Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels +<em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir diesen +Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vorkommnis erklären +müssen. Ich muss nun behaupten, dass das Namenvergessen mit Fehlerinnern +ungemein häufig so zugeht, wie wir es im Falle: <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> +aufgelöst haben. Fast allemal, da ich dies Phänomen bei mir selbst +beobachten konnte, war ich auch imstande, es mir in der vorerwähnten +Weise als durch Verdrängung motiviert zu erklären. Ich muss auch +noch einen anderen Gesichtspunkt zugunsten der typischen Natur +unserer Analyse geltend machen. Ich glaube, dass man nicht berechtigt +ist, die Fälle von Namenvergessen mit Fehlerinnern prinzipiell +von solchen zu trennen, in denen sich unrichtige Ersatznamen nicht +eingestellt haben. Diese Ersatznamen kommen in einer Anzahl von +Fällen spontan; in anderen Fällen, wo sie nicht spontan aufgetaucht +sind, kann man sie durch Anstrengung der Aufmerksamkeit zum Auftauchen +zwingen, und sie zeigen dann die nämlichen Beziehungen zum +verdrängten Element und zum gesuchten Namen, wie wenn sie spontan gekommen +wären. Für das Bewusstwerden der Ersatznamen scheinen zwei +Momente massgebend zu sein, erstens die Bemühung der Aufmerksamkeit, +zweitens eine innere Bedingung, die am psychischen Material haftet. Ich +könnte letztere in der grösseren oder geringeren Leichtigkeit suchen, mit +welcher sich die benötigte äusserliche Assoziation zwischen den beiden +Elementen herstellt. Ein guter Teil der Fälle von Namenvergessen +<em class="gesperrt">ohne</em> Fehlerinnern schliesst sich so den Fällen mit Ersatznamenbildung +an, für welche der Mechanismus des Beispieles: <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> gilt. Ich +werde mich aber gewiss nicht der Behauptung erkühnen, dass alle +Fälle von Namenvergessen in die nämliche Gruppe einzureihen seien. +Es gibt ohne Zweifel Fälle von Namenvergessen, die weit einfacher +zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl vorsichtig genug dargestellt +haben, wenn wir aussprechen: <em class="gesperrt">Neben dem einfachen Vergessen +von Eigennamen kommt auch ein Vergessen vor, welches +durch Verdrängung motiviert ist</em>.</p> + + + +<div class="new-h2"><span class='pagenum'><a name="Page_9">[9]</a></span></div> +<h2><a name="Abschnitt_II"></a><span class="number">II.</span><br/> + +Vergessen von fremdsprachigen Worten.</h2> + + +<p>Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint +innerhalb der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen geschützt<a name="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>. +Anders steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer fremden Sprache. +Die Disposition zum Vergessen derselben ist für alle Redeteile vorhanden, +und ein erster Grad von Funktionsstörung zeigt sich in der +Ungleichmässigkeit unserer Verfügung über den fremden Sprachschatz, +<span class='pagenum'><a name="Page_10">[10]</a></span> +je nach unserem Allgemeinbefinden und dem Grade unserer Ermüdung. +Dieses Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach demselben +Mechanismus vor sich, den uns das Beispiel: <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> enthüllt hat. +Ich werde zum Beweise hierfür eine einzige, aber durch wertvolle +Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den Fall des +Vergessens eines nicht substantivischen Wortes aus einem lateinischen +Zitat betrifft. Man gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und anschaulich +vorzutragen.</p> + +<p>Im letzten Sommer erneuerte ich – wiederum auf der Ferienreise +– die Bekanntschaft eines jungen Mannes von akademischer +Bildung, der, wie ich bald merkte, mit einigen meiner psychologischen +Publikationen vertraut war. Wir waren im Gespräch – ich weiss +nicht mehr wie – auf die soziale Lage des Volksstammes gekommen, +dem wir beide angehören, und er, der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern +darüber, dass seine Generation, wie er sich äusserte, zur Verkümmerung +bestimmt sei, ihre Talente nicht entwickeln und ihre Bedürfnisse +nicht befriedigen könne. Er schloss seine leidenschaftlich +bewegte Rede mit dem bekannten <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Vergil</em>schen</span> Vers, in dem die +unglückliche <em class="gesperrt">Dido</em> ihre Rache an <em class="gesperrt">Äneas</em> der Nachwelt überträgt: +Exoriare …., vielmehr er wollte so schliessen, denn er brachte +das Zitat nicht zustande und suchte eine offenkundige Lücke der Erinnerung +durch Umstellung von Worten zu verdecken: <span lang="la" xml:lang="la">Exoriar(e) ex +nostris ossibus ultor!</span> Endlich sagte er geärgert: „Bitte machen Sie +nicht ein so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Verlegenheit +weiden würden, und helfen Sie mir lieber. An dem Vers fehlt +etwas. Wie heisst er eigentlich vollständig?“</p> + +<p>Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet:</p> + +<blockquote lang="la" xml:lang="la"><p>Exoriar(e) <em class="gesperrt">aliquis</em> nostris ex ossibus ultor!</p></blockquote> + +<p>„Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. Übrigens von Ihnen +hört man ja, dass man nichts ohne Grund vergisst. Ich wäre doch +zu neugierig, zu erfahren, wie ich zum Vergessen dieses unbestimmten +Pronomen <span lang="la" xml:lang="la">aliquis</span> komme.“</p> + +<p>Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich einen +Beitrag zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: Das können +wir gleich haben. Ich muss Sie nur bitten, mir <em class="gesperrt">aufrichtig</em> und +<em class="gesperrt">kritiklos</em> alles mitzuteilen, was Ihnen einfällt, wenn Sie ohne bestimmte +Absicht Ihre Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort +richten<a name="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_11">[11]</a></span>„Gut, also da komme ich auf den lächerlichen Einfall, mir das +Wort in folgender Art zu zerteilen: <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">a</em> und <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">liquis</em>.“</p> + +<p>Was soll das? – „Weiss ich nicht.“ – Was fällt Ihnen weiter +dazu ein? – „Das setzt sich so fort: <em class="gesperrt">Reliquien</em> – <em class="gesperrt">Liquidation</em> – +<em class="gesperrt">Flüssigkeit</em> – <em class="gesperrt">Fluid</em>. Wissen Sie jetzt schon etwas?“</p> + +<p>Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort.</p> + +<p>„Ich denke,“ fuhr er höhnisch lachend fort, „an <em class="gesperrt">Simon</em> von +<em class="gesperrt">Trient</em>, dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche in +Trient gesehen habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, die gerade +jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird, und an die Schrift von +<em class="gesperrt">Kleinpaul</em>, der in all diesen angeblichen Opfern Inkarnationen, sozusagen +Neuauflagen des Heilands sieht.“</p> + +<p>Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Thema, +über das <ins title="wir">wir uns</ins> unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.</p> + +<p>„Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem +italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er war +überschrieben: Was der h. Augustinus über die Frauen sagt. Was +machen Sie damit?“</p> + +<p>Ich warte.</p> + +<p>„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusammenhang +mit unserem Thema steht.“</p> + +<p>Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und –</p> + +<p>„Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten Herrn, +den ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein wahres <em class="gesperrt">Original</em>. +Er sieht aus wie ein grosser Raubvogel. Er heisst, wenn Sie es wissen +wollen, <em class="gesperrt">Benedikt</em>.“</p> + +<p>Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und Kirchenvätern: +Der heilige <em class="gesperrt">Simon</em>, <em class="gesperrt">St. Augustinus</em>, <em class="gesperrt">St. Benediktus</em>. +Ein Kirchenvater hiess, glaube ich, <em class="gesperrt">Origines</em>. Drei dieser Namen +sind übrigens auch Vornamen, wie <em class="gesperrt">Paul</em> im Namen <em class="gesperrt">Kleinpaul</em>.</p> + +<p>„Jetzt fällt mir der heilige <em class="gesperrt">Januarius</em> ein und sein Blutwunder – +ich finde, das geht mechanisch so weiter.“</p> + +<p>Lassen Sie das; der heilige <em class="gesperrt">Januarius</em> und der heilige <em class="gesperrt">Augustinus</em> +haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen Sie mich nicht +an das Blutwunder erinnern?</p> + +<p>„Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel wird +in einer Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt, welches +durch ein Wunder an einem bestimmten Festtage wieder <em class="gesperrt">flüssig</em> +wird. Das Volk hält viel auf dieses Wunder und wird sehr aufgeregt, +wenn es sich verzögert, wie es einmal zur Zeit einer französischen +<span class='pagenum'><a name="Page_12">[12]</a></span> +Okkupation geschah. Da nahm der kommandierende General – +oder irre ich mich? war es Garibaldi? – den geistlichen Herrn bei +Seite und bedeutete ihm mit einer sehr verständlichen Geberde auf +die draussen aufgestellten Soldaten, er <em class="gesperrt">hoffe</em>, das Wunder werde sich +sehr bald vollziehen. Und es vollzog sich <span class="nowrap">wirklich …“</span></p> + +<p>Nun und weiter? Warum stocken Sie?</p> + +<p>„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen … das ist aber zu +intim für die Mitteilung .. Ich sehe übrigens keinen Zusammenhang +und keine Nötigung, es zu erzählen.“</p> + +<p>Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie ja +nicht zwingen, zu erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann verlangen +Sie aber auch nicht von mir zu wissen, auf welchem Wege Sie jenes +Wort <span lang="la" xml:lang="la">„aliquis“</span> vergessen haben.</p> + +<p>„Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine Dame +gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns +beiden recht unangenehm wäre.“</p> + +<p>Dass ihr die Periode ausgeblieben ist?</p> + +<p>„Wie können Sie das erraten?“</p> + +<p>Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf +vorbereitet. Denken Sie an die <em class="gesperrt">Kalenderheiligen</em>, <em class="gesperrt">an das +Flüssigwerden des Blutes zu einem bestimmten Tage</em>, <em class="gesperrt">den +Aufruhr, wenn das Ereignis nicht eintritt</em>, <em class="gesperrt">die deutliche +Drohung, dass das Wunder vor sich gehen muss, sonst</em> .. +Sie haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer prächtigen +Anspielung auf die Periode der Frau verarbeitet.</p> + +<p>„Ohne dass ich es gewusst hätte. Und Sie meinen wirklich, +wegen dieser ängstlichen Erwartung hätte ich das Wörtchen »<em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">aliquis</em>« +nicht reproduzieren können?“</p> + +<p>Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre +Zerlegung in <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">a–liquis</em> und an die Assoziationen: <ins title="Reliquien"><em class="gesperrt">Reliquien</em>,</ins> +<em class="gesperrt">Liquidation</em>, <em class="gesperrt">Flüssigkeit</em>. Soll ich noch den als <em class="gesperrt">Kind hingeopferten</em> +heiligen Simon, auf den Sie von den Reliquien her kamen, +in den Zusammenhang einflechten?</p> + +<p>„Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese Gedanken, +wenn ich sie wirklich gehabt habe, nicht für Ernst. Ich will Ihnen +dafür gestehen, dass die Dame eine Italienerin ist, in deren Gesellschaft +ich auch Neapel besucht habe. Kann das aber nicht alles Zufall +sein?“</p> + +<p>Ich muss es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich +alle diese Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls aufklären +<span class='pagenum'><a name="Page_13">[13]</a></span> +können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den Sie analysieren +wollen, wird Sie auf ebenso merkwürdige „Zufälle“ führen.</p> + +<p>Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren Überlassung +ich meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, zu schätzen. +Erstens, weil mir in diesem Falle gestattet war, aus einer Quelle zu +schöpfen, die mir sonst versagt ist. Ich bin zumeist genötigt, die Beispiele +von psychischer Funktionsstörung im täglichen Leben, die ich +hier zusammenstelle, meiner Selbstbeobachtung zu entnehmen. Das +weit reichere Material, das mir meine neurotischen Patienten liefern, +suche ich zu vermeiden, weil ich den Einwand fürchten muss, die +betreffenden Phänomene seien eben Erfolge und Äusserungen der +Neurose. Es hat also besonderen Wert für meine Zwecke, wenn +sich eine nervengesunde fremde Person zum Objekt einer solchen +Untersuchung erbietet. In anderer Hinsicht wird mir diese Analyse +bedeutungsvoll, indem sie einen Fall von Wortvergessen <em class="gesperrt">ohne</em> Ersatzerinnern +beleuchtet und meinen vorhin aufgestellten Satz bestätigt, +dass das Auftauchen oder Ausbleiben von unrichtigen Ersatzerinnerungen +eine wesentliche Unterscheidung nicht begründen kann.<a name="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_14">[14]</a></span> +Der Hauptwert des Beispieles: <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">aliquis</em> ist aber in einem +anderen seiner Unterschiede von dem Falle: <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> gelegen. +Im letzteren Beispiel wird die Reproduktion des Namens gestört durch +die Nachwirkung eines Gedankenganges, der kurz vorher begonnen +und abgebrochen wurde, dessen Inhalt aber in keinem deutlichen Zusammenhang +mit dem neuen Thema stand, in dem der Name Signorelli +enthalten war. Zwischen dem verdrängten und dem Thema des vergessenen +Namens bestand bloss die Beziehung der zeitlichen Kontiguität; +dieselbe reichte hin, damit sich die beiden durch eine äusserliche +Assoziation in Verbindung setzen konnten.<a name="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Im Beispiele: <span lang="la" xml:lang="la">aliquis</span> +hingegen ist von einem solchen unabhängigen verdrängten Thema, +welches unmittelbar vorher das bewusste Denken beschäftigt hätte und +nun als Störung nachklänge, nichts zu merken. Die Störung der Reproduktion +erfolgt hier aus dem Inneren des angeschlagenen Themas +heraus, indem sich unbewusst ein Widerspruch gegen die im Zitat +dargestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang in +folgender Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, dass die gegenwärtige +Generation seines Volkes in ihren Rechten verkürzt wird; eine +neue Generation, weissagt er wie Dido, wird die Rache an den Bedrängern +übernehmen. Er hat also den Wunsch nach Nachkommenschaft +ausgesprochen. In diesem Momente fährt ihm ein widersprechender +Gedanke dazwischen. »Wünschest du dir Nachkommenschaft +wirklich so lebhaft? Das ist nicht wahr. In welche Verlegenheit +kämest du, wenn du jetzt die Nachricht erhieltest, dass du von der +einen Seite, die du kennst, Nachkommen zu erwarten hast? Nein, +keine Nachkommenschaft, – wiewohl wir sie für die Rache brauchen.« +Dieser Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem er genau wie +im Beispiel Signorelli eine äusserliche Assoziation zwischen einem seiner +Vorstellungselemente und einem Elemente des beanstandeten Wunsches +herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst gewaltsame Weise durch +einen gekünstelt erscheinenden Assoziationsumweg. Eine zweite wesentliche +<span class='pagenum'><a name="Page_15">[15]</a></span> +Übereinstimmung mit dem Beispiel Signorelli ergibt sich daraus, +dass der Widerspruch aus verdrängten Quellen stammt und von Gedanken +ausgeht, welche eine Abwendung der Aufmerksamkeit hervorrufen +würden. – Soviel über die Verschiedenheit und über die innere +Verwandtschaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens. Wir +haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die +Störung eines Gedankens durch einen aus dem Verdrängten kommenden +inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, der uns als +der leichter verständliche erscheint, im Laufe dieser Erörterungen noch +wiederholt begegnen.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<h2><span class="number">III.</span><br/> + +Über die Deckerinnerungen.</h2> + + +<p>In einer zweiten Abhandlung (1899 in der <cite>Monatsschrift für +Psychiatrie und Neurologie</cite> veröffentlicht) habe ich die tendenziöse +Natur unseres Erinnerns an unvermuteter Stelle nachweisen können. +Ich bin von der auffälligen Tatsache ausgegangen, dass die frühesten +Kindheitserinnerungen einer Person häufig bewahrt zu haben scheinen, +was gleichgiltig und nebensächlich ist, während von wichtigen, eindrucksvollen +und affektreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig, gewiss nicht +allgemein!) sich im Gedächtnis des Erwachsenen keine Spur vorfindet. +Da es bekannt ist, dass das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen +Eindrücken eine Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, +dass diese Auswahl im Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor +sich geht, als zur Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende Untersuchung +weist aber nach, dass diese Annahme überflüssig ist. Die indifferenten +Kindheitserinnerungen verdanken ihre Existenz einem Verschiebungsvorgang; +sie sind der Ersatz in der Reproduktion für andere +wirklich bedeutsame Eindrücke, deren Erinnerung sich durch psychische +Analyse aus ihnen entwickeln lässt, deren direkte Reproduktion aber +durch einen Widerstand gehindert ist. Da sie ihre Erhaltung nicht +dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen Beziehung ihres Inhaltes +zu einem anderen, verdrängten, verdanken, haben sie auf den Namen +»Deckerinnerungen«, mit welchem ich sie ausgezeichnet habe, begründeten +Anspruch.</p> + +<p>Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen der +Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatze nur gestreift, +keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten Beispiel +<span class='pagenum'><a name="Page_16">[16]</a></span> +habe ich eine Besonderheit der <em class="gesperrt">zeitlichen</em> Relation zwischen der +Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten Inhalt besonders hervorgehoben. +Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte dort nämlich einem +der ersten Kinderjahre an, während die durch sie im Gedächtnis vertretenen +Gedankenerlebnisse, die fast unbewusst geblieben waren, in +späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese Art der Verschiebung +eine <em class="gesperrt">rückgreifende</em> oder <em class="gesperrt">rückläufige</em>. Vielleicht noch +häufiger begegnet man dem entgegengesetzten Verhältnis, dass ein indifferenter +Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung im +Gedächtnis festsetzt, der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit +einem früheren Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Reproduktion +sich Widerstände erheben. Dies wären <em class="gesperrt">vorgreifende</em> oder <em class="gesperrt">vorgeschobene</em> +Deckerinnerungen. Das Wesentliche, was das Gedächtnis +bekümmert, liegt hier der Zeit nach <em class="gesperrt">hinter</em> der Deckerinnerung. +Endlich wird der dritte noch mögliche Fall nicht vermisst, dass die +Deckerinnerung nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch +Kontiguität in der Zeit mit dem von ihr gedeckten Eindruck verknüpft +ist, also die <em class="gesperrt">gleichzeitige</em> oder <em class="gesperrt">anstossende</em> Deckerinnerung.</p> + +<p>Ein wie grosser Teil unseres Gedächtnisschatzes in die Kategorie +der Deckerinnerungen gehört, und welche Rolle bei verschiedenen neurotischen +Denkvorgängen diesen zufällt, das sind Probleme, in deren +Würdigung ich weder dort eingegangen bin, noch hier eintreten werde. +Es kommt mir nur darauf an, die Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen +von Eigennamen mit Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen +hervorzuheben.</p> + +<p>Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden +Phänomene weit auffälliger als ihre etwaigen Analogien. Dort handelt +es sich um Eigennamen, hier um <ins title="komplete">komplette</ins> Eindrücke, um entweder +in der Realität oder in Gedanken Erlebtes; dort um ein manifestes +Versagen der Erinnerungsfunktion, hier um eine Erinnerungsleistung, +die uns befremdend erscheint; dort um eine momentane Störung – +denn der eben vergessene Name kann vorher hundert Male richtig reproduziert +worden sein und es von morgen an wieder werden –, hier +um dauernden Besitz ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen +scheinen uns durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten +zu können. Das Rätsel scheint in diesen beiden Fällen ganz +anders orientiert zu sein. Dort ist es das Vergessen, hier das Merken, +was unsere wissenschaftliche Neugierde rege macht. Nach einiger Vertiefung +merkt man, dass trotz der Verschiedenheit im psychischen +Material und in der Zeitdauer der beiden Phänomene die Übereinstimmungen +<span class='pagenum'><a name="Page_17">[17]</a></span> +weit überwiegen. Es handelt sich hier wie dort um das +Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom Gedächtnis reproduziert, +was korrekterweise reproduziert werden sollte, sondern etwas +anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt nicht die +Gedächtnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der Fall der Deckerinnerungsbildung +beruht auf dem Vergessen von anderen wesentlichen +Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Empfindung +Kunde von der Einmengung einer Störung, nur jedesmal in +anderer Form. Beim Namenvergessen <em class="gesperrt">wissen</em> wir, dass die Ersatznamen +<em class="gesperrt">falsch</em> sind; bei den Deckerinnerungen <em class="gesperrt">verwundern</em> wir uns, +dass wir sie überhaupt besitzen. Wenn dann die psychologische +Analyse nachweist, dass die Ersatzbildung in beiden Fällen auf die +nämliche Weise durch Verschiebung längs einer oberflächlichen Assoziation +zustande gekommen ist, so tragen gerade die Verschiedenheiten +im Material, in der Zeitdauer und in der Zentrierung der beiden +Phänomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, dass wir etwas +Wichtiges und Allgemeingiltiges aufgefunden haben. Dieses Allgemeine +würde lauten, dass das Versagen und Irregehen der reproduzierenden +Funktion weit häufiger, als wir vermuten, auf die Einmengung eines +parteiischen Faktors, einer <em class="gesperrt">Tendenz</em> hinweist, welche die eine Erinnerung +begünstigt, während sie einer anderen entgegenzuarbeiten +bemüht ist.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<h2><span class="number">IV.</span><br/> + +Das Versprechen.</h2> + + +<p>Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Muttersprache +gegen das Vergessen geschützt erscheint, so unterliegt dessen +Anwendung um so häufiger einer anderen Störung, die als »Versprechen« +bekannt ist. Das beim normalen Menschen beobachtete Versprechen +macht den Eindruck der Vorstufe für die unter pathologischen Bedingungen +auftretenden sogen. »Paraphasien«.</p> + +<p>Ich befinde mich hier in der ausnahmsweisen Lage, eine Vorarbeit +würdigen zu können. Im Jahre 1895 haben <cite class="gesperrt">Meringer</cite> und +<cite class="gesperrt">C. Mayer</cite> eine Studie über <cite>»Versprechen und Verlesen«</cite> publiziert, an +deren Gesichtspunkte die meinigen nicht heranreichen. Der eine der +Autoren, der im Texte das Wort führt, ist nämlich Sprachforscher und +ist von linguistischen Interessen zur Untersuchung veranlasst worden, +den Regeln nachzugehen, nach denen man sich verspricht. Er hoffte +<span class='pagenum'><a name="Page_18">[18]</a></span> +aus diesen Regeln auf das Vorhandensein »eines gewissen geistigen +Mechanismus« schliessen zu können, »in welchem die Laute eines +Wortes, eines Satzes, und auch die Worte untereinander in ganz eigentümlicher +Weise verbunden und verknüpft sind« (<cite>p. 10</cite>).</p> + +<p>Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele des +»Versprechens« zunächst nach rein deskriptiven Gesichtspunkten als +<em class="gesperrt">Vertauschungen</em> (z. B. die Milo von Venus anstatt Venus von Milo). +<em class="gesperrt">Vorklänge</em> oder <em class="gesperrt">Antizipationen</em> (z. B. es war mir auf der +Schwest… auf der Brust so schwer), <em class="gesperrt">Nachklänge</em>, <em class="gesperrt">Postpositionen</em> +(z. B. „Ich fordere Sie <em class="gesperrt">auf</em>, <em class="gesperrt">auf</em> das Wohl unseres Chefs <span class="nowrap"><em class="gesperrt">auf</em>zustossen“</span> +für anzustossen), <em class="gesperrt">Kontaminationen</em> (z. B. „Er setzt sich auf den +Hinterkopf“ aus: „Er setzt sich einen Kopf auf“ und: „Er stellt sich +auf die Hinterbeine“), <em class="gesperrt">Substitutionen</em> (z. B. „Ich gebe die Präparate +in den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen <ins title="Hauptkatogorien">Hauptkategorien</ins> noch +einige minder wichtige (oder für <ins title="unserere">unsere</ins> Zwecke minder bedeutsame) +hinzugefügt werden. Es macht bei dieser Gruppierung keinen Unterschied, +ob die Umstellung, Entstellung, Verschmelzung etc. einzelne +Laute des Wortes, Silben oder ganze Worte des intendierten Satzes +betrifft.</p> + +<p>Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt +<cite class="gesperrt">Meringer</cite> eine verschiedene psychische Wertigkeit der Sprachlaute +auf. Wenn wir den ersten Laut eines Wortes, das erste Wort eines +Satzes innervieren, wendet sich bereits der Erregungsvorgang den +späteren Lauten, den folgenden Worten zu, und soweit diese Innervationen +mit einander gleichzeitig sind, können sie einander abändernd +beeinflussen. Die Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt +vor oder hallt nach und stört so den minderwertigen Innervationsvorgang. +Es handelt sich nun darum, zu bestimmen, welche die höchstwertigen +Laute eines Wortes sind. <cite class="gesperrt">Meringer</cite> meint: „Wenn man +wissen will, welchem Laute eines Wortes die höchste Intensität zukommt, +so beobachte man sich beim Suchen nach einem vergessenen +Wort, z. B. einem Namen. Was zuerst wieder ins Bewusstsein kommt, +hatte jedenfalls die grösste Intensität vor dem Vergessen (<cite>p. 160</cite>). Die +hochwertigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe und der +Wortanlaut und der oder die betonten Vokale“ (<cite>p. 162</cite>).</p> + +<p>Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. Ob +der Anlaut des Namens zu den höchstwertigen Elementen des Wortes +gehöre oder nicht, es ist gewiss nicht richtig, dass er im Falle des +Wortvergessens zuerst wieder ins Bewusstsein tritt; die obige Regel +ist also unbrauchbar. Wenn man sich bei der Suche nach einem vergessenen +<span class='pagenum'><a name="Page_19">[19]</a></span> +Namen beobachtet, so wird man verhältnismässig häufig die +Überzeugung äussern müssen, er fange mit einem bestimmten Buchstaben +an. Diese Überzeugung erweist sich nun ebenso oft als unbegründet +wie als begründet. Ja, ich möchte behaupten, man proklamiert +in der Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in unserem +Beispiel: <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> ist bei dem Ersatznamen der Anlaut und sind +die wesentlichen Silben verloren gegangen; gerade das minderwertige +Silbenpaar <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">elli</em> ist im Ersatznamen <span class="nowrap" lang="it" xml:lang="it">Botti<em class="gesperrt">celli</em></span> dem Bewusstsein +wiedergekehrt.</p> + +<p>Wenn man der Vermutung Raum gibt, dass ein ähnlicher +Mechanismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene auch an den +Erscheinungen des Versprechens Anteil haben könne, so wird man zu +einer tiefer begründeten Beurteilung der Fälle von Versprechen geführt. +Die Störung in der Rede, welche sich als Versprechen kundgibt, kann +erstens verursacht sein durch den Einfluss eines anderen Bestandteils +derselben Rede, also durch das Vorklingen oder Nachhallen, oder durch +eine zweite Fassung innerhalb des Satzes oder des Zusammenhanges, +den auszusprechen man intendiert – hierher gehören alle oben +<cite class="gesperrt">Meringer</cite> und <cite class="gesperrt">Mayer</cite> entlehnten Beispiele –; zweitens aber könnte +die Störung analog dem Vorgang im Falle: <em class="gesperrt" lang="it" xml:lang="it">Signorelli</em> zustande +kommen durch Einflüsse <em class="gesperrt">ausserhalb</em> dieses Wortes, Satzes oder +Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen man nicht +intendiert, und von deren Erregung man erst durch eben die Störung +Kenntnis erhält. In der Gleichzeitigkeit der Erregung läge das +Gemeinsame, in der Stellung innerhalb oder ausserhalb desselben Satzes +oder Zusammenhanges das Unterscheidende für die beiden Entstehungsarten +des Versprechens. Der Unterschied erscheint zunächst nicht so +gross, als er für gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des +Versprechens in Betracht kommt. Es ist aber klar, dass man nur im +ersteren Falle Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens +Schlüsse auf einen Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte +zur gegenseitigen Beeinflussung ihrer Artikulation mit einander +verknüpft, also Schlüsse, wie sie der Sprachforscher aus dem +Studium des Versprechens zu gewinnen hoffte. Im Falle der Störung +durch Einflüsse ausserhalb des nämlichen Satzes oder Redezusammenhanges +würde es sich vor allem darum handeln, die störenden Elemente +kennen zu lernen, und dann entstände die Frage, ob auch der Mechanismus +dieser Störung die zu vermutenden Gesetze der Sprachbildung +verraten kann.</p> + +<p>Man darf nicht behaupten, dass <cite class="gesperrt">Meringer</cite> und <cite class="gesperrt">Mayer</cite> die +<span class='pagenum'><a name="Page_20">[20]</a></span> +Möglichkeit der Sprechstörung durch »kompliziertere psychische Einflüsse«, +durch Elemente ausserhalb desselben Wortes, Satzes oder derselben +Redefolge übersehen haben. Sie mussten ja bemerken, dass +die Theorie der psychischen Ungleichwertigkeit der Laute strenge +genommen nur für die Aufklärung der Lautstörungen, sowie der Vor- +und Nachklänge ausreicht. Wo sich die Wortstörungen nicht auf +Lautstörungen reduzieren lassen, z. B. bei den Substitutionen und +Kontaminationen von Worten, haben auch sie unbedenklich die Ursache +des Versprechens <em class="gesperrt">ausserhalb</em> des intendierten Zusammenhanges +gesucht und diesen Sachverhalt durch schöne Beispiele erwiesen. Ich +zitiere folgende Stellen:</p> + +<p>(<cite>p. 62.</cite>) »Ru. erzählt von Vorgängen, die er in seinem <em class="gesperrt">Innern</em> +für »Schweinereien« erklärt. Er sucht aber nach einer milden Form +und beginnt: »Dann aber sind Tatsachen zum <em class="gesperrt">Vorschwein</em> gekommen <span class="nowrap">…«</span> +<em class="gesperrt">Mayer</em> und ich waren anwesend und Ru. bestätigte, +dass er »Schweinereien« gedacht hatte. Dass sich dieses gedachte +Wort bei »Vorschein« verriet und plötzlich wirksam wurde, findet in +der Ähnlichkeit der Wörter seine genügende Erklärung.« –</p> + +<p>(<cite>p. 73.</cite>) »Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den Kontaminationen +und in wahrscheinlich viel höherem Grade die »schwebenden« +oder »vagierenden« Sprachbilder eine grosse Rolle. Sie sind, wenn +auch unter der Schwelle des Bewusstseins, so doch noch in wirksamer +Nähe, können leicht durch eine Ähnlichkeit des zu sprechenden Komplexes +herangezogen werden und führen dann eine Entgleisung herbei +oder kreuzen den Zug der Wörter. Die »schwebenden« oder »vagierenden« +Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die Nachzügler von kürzlich +abgelaufenen Sprachprozessen (Nachklänge).«</p> + +<p>(<cite>p. 97.</cite>) »Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich, +wenn ein anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewusstseinsschwelle +liegt, <em class="gesperrt">ohne dass es gesprochen zu werden bestimmt wäre</em>. Das +ist der Fall bei den Substitutionen. – So hoffe ich, dass man beim +Nachprüfen meine Regeln wird bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, +<em class="gesperrt">dass man</em> (wenn ein anderer spricht) <em class="gesperrt">sich Klarheit darüber +verschafft, an was Alles der Sprecher gedacht hat</em>.<a name="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> Hier +ein lehrreicher Fall. Klassendirektor Li. sagte in unserer Gesellschaft: +»Die Frau würde mir Furcht ein<b>l</b>agen.« Ich wurde stutzig, denn das +<b>l</b> schien mir unerklärlich. Ich erlaubte mir, den Sprecher auf seinen +Fehler »ein<b>l</b>agen« für »ein<b>j</b>agen« aufmerksam zu machen, worauf er +<span class='pagenum'><a name="Page_21">[21]</a></span> +sofort antwortete: »<b>J</b>a, das kommt daher, weil ich dachte: ich wäre +nicht in der <span class="nowrap"><b>L</b>age u. s. f.<ins title="«">««</ins></span></p> + +<p>„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem kranken Pferde +gehe. Er antwortet: „Ja, das <em class="gesperrt">draut</em> .. dauert vielleicht noch einen +<ins title="Monat. „Das">Monat.“ Das</ins> „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn das +r von dauert konnte unmöglich so gewirkt haben. Ich machte also +R. v. S. aufmerksam, worauf er erklärte, er habe gedacht, „das ist eine +<em class="gesperrt">traurige</em> Geschichte.“ Der Sprecher hatte also zwei Antworten im +Sinne und diese vermengten sich.“</p> + +<p>Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf die +„vagierenden“ Sprachbilder, die unter der Schwelle des Bewusstseins +stehen und nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind, und die Forderung, +sich zu erkundigen, an was der Sprecher alles gedacht habe, +an die Verhältnisse bei unseren „Analysen“ herankommen. Auch wir +suchen unbewusstes Material, und zwar auf dem nämlichen Wege, nur +dass wir von den Einfällen des Befragten bis zur Auffindung des +störenden Elementes einen längeren Weg durch eine komplexe Assoziationsreihe +zurückzulegen haben.</p> + +<p>Ich verweile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, für +das die Beispiele <cite class="gesperrt">Meringers</cite> Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht +des Autors selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines Wortes im intendierten +Satz mit einem anderen nicht intendierten, welche dem letzteren +gestattet, sich durch die Verursachung einer Entstellung, Mischbildung, +Kompromissbildung (Kontamination) im Bewusstsein zur Geltung +zu bringen.</p> + +<blockquote> +<p><em class="gesperrt">lagen</em>, <em class="gesperrt">dauert</em>, <em class="gesperrt">Vorschein</em>.<br /> +<em class="gesperrt">jagen</em>, <em class="gesperrt">traurig</em>, <em class="gesperrt">…schwein</em>.</p> +</blockquote> + +<p>Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung“<a name="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> dargetan, +welchen Anteil die <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Verdichtungs</em>arbeit</span> an der Entstehung +des sog. manifesten Trauminhaltes aus den latenten Traumgedanken +hat. Irgend eine Ähnlichkeit der Dinge oder der Wortvorstellungen +zwischen zwei Elementen des unbewussten Materials wird da zum Anlass +genommen, um ein Drittes, eine Misch- oder Kompromissvorstellung +zu schaffen, welche im Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt, +und die infolge dieses Ursprungs so häufig mit widersprechenden Einzelbestimmungen +ausgestattet ist. Die Bildung von Substitutionen und +Kontaminationen beim Versprechen ist somit ein Beginn jener Verdichtungsarbeit, +die wir in eifrigster Tätigkeit am Aufbau des Traumes +beteiligt finden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_22">[22]</a></span> +In einem kleinen für weitere Kreise bestimmten Aufsatz (<cite>Neue +freie Presse vom 23. Aug. 1900: „Wie man sich versprechen kann“</cite>) +hat <cite class="gesperrt">Meringer</cite> eine besondere praktische Bedeutung für gewisse Fälle +von Wortvertauschungen in Anspruch genommen, für solche nämlich, +in denen man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. +<ins title="»">„</ins>Man erinnert sich wohl noch der Art, wie vor einiger Zeit der Präsident +des österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung <em class="gesperrt">eröffnete</em>: <ins title="„">»</ins>Hohes +Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel Herren +und erkläre somit die Sitzung für <ins title="»geschlossen"><em class="gesperrt">geschlossen</em></ins>!« Die allgemeine Heiterkeit +machte ihn erst aufmerksam, und er verbesserte den Fehler. Im +vorliegenden Falle wird die Erklärung wohl diese sein, dass der Präsident +sich <em class="gesperrt">wünschte</em>, er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von +der wenig Gutes zu erwarten stand, zu schliessen, aber – eine häufige +Erscheinung – der Nebengedanke setzte sich wenigstens teilweise durch, +und das Resultat war »geschlossen« für »eröffnet«, also das Gegenteil +dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber vielfältige Beobachtung +hat mich belehrt, dass man gegensätzliche Worte überhaupt sehr häufig +mit einander vertauscht; sie sind eben schon in unserem Sprachbewusstsein +assoziiert, liegen hart nebeneinander und werden leicht +irrtümlich aufgerufen.“</p> + +<p>Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so +leicht, wie hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu machen, +dass das Versprechen in Folge eines Widerspruchs geschieht, der sich +im Innern des Redners gegen den geäusserten Satz erhebt. Wir haben +den analogen Mechanismus in der Analyse des Beispiels: <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">aliquis</em> gefunden; +dort äusserte sich der innere Widerspruch im Vergessen eines +Wortes anstatt seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen +aber zur Ausgleichung des Unterschiedes bemerken, dass das Wörtchen +<span lang="la" xml:lang="la">aliquis</span> eines ähnlichen Gegensatzes, wie ihn »schliessen« zu »eröffnen« +ergibt, eigentlich nicht fähig ist, und das »eröffnen« als gebräuchlicher +Bestandteil des Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann.</p> + +<p>Zeigen uns die letzten Beispiele von <cite class="gesperrt">Meringer</cite> und <cite class="gesperrt">Mayer</cite>, +dass die Sprechstörung ebensowohl durch den Einfluss vor- und nachklingender +Laute und Worte desselben Satzes <ins title="enstehen">entstehen</ins> kann, die zum +Ausgesprochenwerden bestimmt sind, wie durch die Einwirkung von +Worten ausserhalb des intendierten Satzes, <em class="gesperrt">deren Erregung sich +sonst nicht verraten hätte</em>, so werden wir zunächst erfahren wollen, +ob man die beiden Klassen von Versprechen scharf sondern, und wie +man ein Beispiel der einen von einem Fall der anderen Klasse unterscheiden +kann. An dieser Stelle der Erörterung muss man aber der +<span class='pagenum'><a name="Page_23">[23]</a></span> +Äusserungen <cite class="gesperrt">Wundts</cite> gedenken, der in seiner eben erscheinenden +umfassenden Bearbeitung der Entwicklungsgesetze der Sprache (<cite>Völkerpsychologie, +I. Band, I. Teil p. 371 u. ff., 1900</cite>) auch die Erscheinungen +des Versprechens behandelt. Was bei diesen Erscheinungen und +anderen, ihnen verwandten, niemals fehlt, das sind nach <cite class="gesperrt">Wundt</cite> gewisse +psychische Einflüsse. „Dahin gehört zunächst als positive Bedingung der +ungehemmte Fluss der von den gesprochenen Lauten angeregten <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Laut</em>-</span> +und <em class="gesperrt">Wortassoziationen</em>. Ihm tritt der Wegfall oder der Nachlass der +diesen Lauf hemmenden Wirkungen des Willens und der auch hier als +Willensfunktion sich betätigenden Aufmerksamkeit als negatives Moment +zur Seite. Ob jenes Spiel der Assoziation darin sich äussert, das ein +kommender Laut antizipiert oder die vorausgegangenen reproduziert, +oder ein gewohnheitsmässig eingeübter zwischen andere eingeschaltet +wird, oder endlich darin, dass ganz andere Worte, die mit den gesprochenen +Lauten in assoziativer Beziehung stehen, auf diese herüberwirken +– alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der Richtung und +allenfalls in dem Spielraum der stattfindenden Assoziationen, nicht in +der allgemeinen Natur derselben. Auch kann es in manchen Fällen +zweifelhaft sein, welcher Form man eine bestimmte Störung zuzurechnen, +oder ob man sie nicht mit grösserem Rechte <em class="gesperrt">nach dem Prinzip der +Komplikation der Ursachen</em><a name="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> auf ein Zusammentreffen mehrerer +Motive zurückzuführen habe.“ (<cite>p. 380 und 381.</cite>)</p> + +<p>Ich halte diese Bemerkungen <cite class="gesperrt">Wundts</cite> für vollberechtigt und +sehr instruktiv. Vielleicht könnte man mit grösserer Entschiedenheit +als <cite class="gesperrt">Wundt</cite> betonen, dass das positiv begünstigende Moment der +Sprechfehler – der ungehemmte Fluss der Assoziationen – und das +negative – der Nachlass der hemmenden Aufmerksamkeit – regelmässig +miteinander zur Wirkung gelangen, so dass beide Momente nur +zu verschiedenen Bestimmungen des nämlichen Vorganges werden. Mit +dem Nachlass der hemmenden Aufmerksamkeit tritt eben der ungehemmte +Fluss der Assoziationen in Tätigkeit; noch unzweifelhafter +ausgedrückt: <em class="gesperrt">durch</em> diesen Nachlass.</p> + +<p>Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, +finde ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und allein +auf das, was <cite class="gesperrt">Wundt</cite> »Kontaktwirkung der Laute« nennt, zurückführen +müsste. Fast regelmässig entdecke ich überdies einen störenden Einfluss +von etwas <em class="gesperrt">ausserhalb</em> der intendierten Rede, und das Störende +ist entweder ein einzelner, unbewusst gebliebener Gedanke, der sich +<span class='pagenum'><a name="Page_24">[24]</a></span> +durch das Versprechen kundgibt und oft erst durch eingehende Analyse +zum Bewusstsein gefördert werden kann, oder es ist ein allgemeineres +psychisches Motiv, welches sich gegen die ganze Rede richtet.</p> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Beispiel: Ich will gegen meine Tochter, die beim Einbeissen +in einen Apfel ein garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren:</p> + +<blockquote><p> +Der Affe gar possierlich ist,<br /> +Zumal wenn er vom Apfel frisst. +</p></blockquote> + +<p>Ich beginne aber: Der <em class="gesperrt">Apfe…</em> Dies scheint eine Kontamination +von »<em class="gesperrt">Affe</em>« und »<em class="gesperrt">Apfel</em>« (Kompromissbildung) oder kann auch als +Antizipation des vorbereiteten »Apfel« aufgefasst werden. Der genauere +Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat schon einmal begonnen +und mich das erstemal dabei nicht versprochen. Ich versprach mich +erst bei der Wiederholung, die sich als notwendig ergab, weil die Angesprochene, +von anderer Seite mit Beschlag belegt, nicht zuhörte. +Diese Wiederholung, die mit ihr verbundene Ungeduld, des Satzes +ledig zu werden, muss ich in die Motivierung des Sprechfehlers, der +sich als eine Verdichtungsleistung darstellt, mit einrechnen.</p></li> + +<li><p>Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Schre</em>singer</span> … +Die Frau heisst <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Schle</em>singer</span>. Dieser Sprechfehler hängt wohl mit +einer Tendenz zur Erleichterung der Artikulation zusammen, denn das +l ist nach wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich muss aber hinzufügen, +dass sich dieses Versprechen bei meiner Tochter ereignete, +nachdem ich ihr wenige Minuten zuvor »Apfe« anstatt »Affe« vorgesagt +hatte. Nun ist das Versprechen in hohem Grade ansteckend, +ähnlich wie das Namenvergessen, bei dem <cite class="gesperrt">Meringer</cite> und <cite class="gesperrt">Mayer</cite> +diese Eigentümlichkeit bemerkt haben. Einen Grund für diese +psychische Kontagiosität weiss ich nicht anzugeben.</p></li> + +<li><p>„Ich klappe zusammen wie ein <em class="gesperrt">Tassenmescher</em> – <em class="gesperrt">Taschenmesser</em>“, +sagt eine Patientin zu Beginn der Stunde, die Laute vertauschend, +wobei ihr wieder die Artikulationsschwierigkeit („Wiener +Weiber Wäscherinnen waschen weisse Wäsche – <em class="gesperrt">Fischflosse</em>“ und +ähnliche Prüfworte) zur Entschuldigung dienen kann. Auf den Sprechfehler +aufmerksam gemacht, erwidert sie prompt: „Ja, das ist nur, +weil Sie heute »Ernscht« gesagt haben.“ Ich hatte sie wirklich mit +der Rede empfangen: „Heute wird es also Ernst“ (weil es die letzte +Stunde vor dem Urlaub werden sollte) und hatte das »Ernst« scherzhaft +zu »Ernscht« verbreitert. Im Laufe der Stunde verspricht sie +sich immer wieder von neuem, und ich merke endlich, dass sie mich +<span class='pagenum'><a name="Page_25">[25]</a></span> +nicht bloss imitiert, sondern dass sie einen besonderen Grund hat, im +Unbewussten bei dem Worte Ernst als Namen zu verweilen.<a name="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p></li> + +<li><p>„Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die <em class="gesperrt">Ase natmen</em> +– Nase atmen“ passiert derselben Patientin ein anderes Mal. +Sie weiss sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. „Ich steige +jeden Tag in der <em class="gesperrt">Hasenauergasse</em> in die Tramway, und heute früh +ist mir während des Wartens auf den Wagen eingefallen, wenn ich +eine Französin wäre, würde ich <em class="gesperrt">Asenauer</em> aussprechen, denn die +Franzosen lassen das H im Anlaut immer weg.“ Sie bringt dann +eine Reihe von Reminiszenzen an Franzosen, die sie kennen gelernt +hat, und langt nach weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, +dass sie als 14jähriges Mädchen in dem kleinen Stück „Kurmärker +und Picarde“ die Picarde gespielt und damals gebrochen Deutsch gesprochen +hat. Die Zufälligkeit, dass in ihrem Logierhaus ein Gast +aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinnerungen +wachgerufen. Die Lautvertauschung ist also Folge der Störung durch +einen unbewussten Gedanken aus einem ganz fremden Zusammenhang.</p></li> + +<li><p>Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer +anderen Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst verschollenen +Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen wird. +An welche Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand des Anderen +gegriffen hat, will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen. Sie macht unmittelbar +darauf einen Besuch bei einer Freundin und unterhält sich +mit ihr über Sommerwohnungen. Gefragt, wo denn ihr Häuschen +in M. gelegen sei, antwortet sie: an der <em class="gesperrt">Berglende</em> anstatt <em class="gesperrt">Berglehne</em>.</p></li> + +<li><p>Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde frage, +wie es ihrem Onkel geht, antwortet: „Ich weiss nicht, ich sehe ihn +jetzt nur <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">in flagranti</em>“. Am nächsten Tage beginnt sie: „Ich habe +mich recht geschämt, Ihnen eine so dumme Antwort gegeben zu +haben. Sie müssen mich natürlich für eine ganz ungebildete Person +halten, die beständig Fremdwörter verwechselt. Ich wollte sagen: <em class="gesperrt" lang="fr" xml:lang="fr">en +passant</em>.“ Wir wussten damals noch nicht, woher sie die unrichtig +angewendeten Fremdworte genommen hatte. In derselben Sitzung +<span class='pagenum'><a name="Page_26">[26]</a></span> +aber brachte sie als Fortsetzung des vortägigen Themas eine Reminiszenz, +in welcher das Ertapptwerden <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">in flagranti</em> die Hauptrolle +spielte. Der Sprechfehler am Tage vorher hatte also die damals noch +nicht bewusst gewordene Erinnerung antizipiert.</p></li> + +<li><p>Gegen eine Andere muss ich an einer gewissen Stelle der +Analyse die Vermutung aussprechen, dass sie sich zu der Zeit, von +welcher wir eben handeln, ihrer Familie geschämt und ihrem Vater +einen uns noch unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie erinnert sich +nicht daran, erklärt es übrigens für unwahrscheinlich. Sie setzt aber +das Gespräch mit Bemerkungen über ihre Familie fort: „Man muss +ihnen das eine lassen: Es sind doch besondere Menschen, sie haben +alle <em class="gesperrt">Geiz</em> – ich wollte sagen <em class="gesperrt">Geist</em>.“ Das war denn auch wirklich +der Vorwurf, den sie aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Dass +sich in dem Versprechen gerade jene Idee durchdrängt, die man +zurückhalten will, ist ein häufiges Vorkommnis (Vgl. den Fall von +<cite class="gesperrt">Meringer</cite>: zum Vorschwein gekommen). Der Unterschied liegt nur darin, +dass die Person bei <cite class="gesperrt">Meringer</cite> etwas zurückhalten will, was ihr bewusst ist, +während meine Patientin das Zurückgehaltene nicht weiss, oder wie man +auch sagen kann, nicht weiss, dass sie etwas und was sie zurückhält.</p></li> + +<li><p>„Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu +Kaufmann in der Mathäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort auch +empfehlen“, sagt mir eine Dame. Ich wiederhole: „Also bei <em class="gesperrt">Mathäus</em> +…. bei <em class="gesperrt">Kaufmann</em> will ich sagen.“ Es sieht aus wie Folge von +Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an Stelle des anderen wiederhole. +Die Rede der Dame hat mich auch wirklich zerstreut gemacht, +denn sie hat meine Aufmerksamkeit auf anderes gelenkt, was mir weit +wichtiger ist als Teppiche. In der Mathäusgasse steht nämlich das +Haus, in dem meine Frau als Braut gewohnt hatte. Der Eingang +des Hauses war in einer anderen Gasse, und nun merke ich, dass +ich deren Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem Umweg +bewusst machen muss. Der Name Mathäus, bei dem ich verweile, ist +mir also ein Ersatzname für den vergessenen Namen der Strasse. Er +eignet sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn Mathäus ist +ausschliesslich ein Personenname, was Kaufmann nicht ist, und die +vergessene Strasse heisst auch nach einem Personennamen: Radetzky.</p></li> + +<li><p>Folgenden Fall könnte ich ebenso gut bei den später zu +besprechenden »Irrtümern« unterbringen, führe ihn aber hier an, weil +die Lautbeziehungen, auf Grund deren die Wortersetzung erfolgt, ganz +besonders deutlich sind. Eine Patientin erzählt mir ihren Traum: Ein +Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangenbiss zu töten. Es +<span class='pagenum'><a name="Page_27">[27]</a></span> +führt den Entschluss aus. Sie sieht zu, wie es sich in Krämpfen +windet usw. Sie soll nun die Tagesanknüpfung für diesen Traum +finden. Sie erinnert sofort, dass sie gestern abends eine populäre Vorlesung +über erste Hilfe bei Schlangenbissen mit angehört. Wenn ein +Erwachsener und ein Kind gleichzeitig gebissen worden sind, so soll +man zuerst die Wunde des Kindes behandeln. Sie erinnert auch, +welche Vorschriften für die Behandlung der Vortragende gegeben hat. +Es käme sehr viel darauf an, hat er auch geäussert, von welcher Art +man gebissen worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage: Hat er +denn nicht gesagt, dass wir nur sehr wenig giftige Arten in unserer +Gegend haben, und welche die gefürchteten sind? „Ja, er hat die +<span class="nowrap"><em class="gesperrt">Klapper</em>schlange</span> hervorgehoben“. Mein Lachen macht sie dann aufmerksam, +dass sie etwas Unrichtiges gesagt hat. Sie korrigiert jetzt +aber nicht etwa den Namen, sondern sie nimmt ihre Aussage zurück. +„Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor; er hat von der Viper gesprochen. +Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?“ Ich vermutete, durch +die Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem Traum verborgen +hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiss kann kaum etwas +anderes sein als eine Anspielung auf die schöne <b>Kl</b>eo<b>p</b>at<b>r</b>a. Die weitgehende +Lautähnlichkeit der beiden Worte, die Übereinstimmung in +den Buchstaben <b>Kl..p..r</b> in der nämlichen Reihenfolge und in +dem betonten <b>a</b> sind nicht zu verkennen. Die gute Beziehung +zwischen den Namen <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Klapper</em>schlange</span> und <em class="gesperrt">Kleopatra</em> erzeugt bei +ihr eine momentane Einschränkung des Urteils, derzufolge sie an der +Behauptung, der Vortragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung +von Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoss nimmt. +Sie weiss sonst so gut wie ich, dass diese Schlange nicht zur Fauna +unserer Heimat gehört. Wir wollen es ihr nicht verübeln, dass sie an +die Versetzung der Klapperschlange nach Egypten ebensowenig Bedenken +knüpfte, denn wir sind gewöhnt, alles Aussereuropäische, +Exotische zusammenzuwerfen, und ich selbst musste mich einen Moment +besinnen, ehe ich die Behauptung aufstellte, dass die Klapperschlange +nur der neuen Welt angehört.</p></li></ol> + +<p>Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der Analyse. +Die Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der Nähe ihrer +Wohnung aufgestellte <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Antonius</em>gruppe</span> von <em class="gesperrt">Strasser</em> besichtigt. Dies +war also der zweite Traumanlass (der erste der Vortrag über Schlangenbisse). +In der Fortsetzung ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren +Armen, zu welcher Szene ihr das Gretchen einfällt. Weitere Einfälle +bringen Reminiszenzen an »<em class="gesperrt">Arria</em> und <em class="gesperrt">Messalina</em>«. Das Auftauchen +<span class='pagenum'><a name="Page_28">[28]</a></span> +so vieler Namen von Theaterstücken in den Traumgedanken lässt bereits +vermuten, dass bei der Träumerin in früheren Jahren eine geheim +gehaltene Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin bestand. +Der Anfang des Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben +durch einen Schlangenbiss zu enden“, bedeutet wirklich nichts anderes +als: Sie hat sich als Kind vorgenommen, einst eine berühmte Schauspielerin +zu werden. Von dem Namen <em class="gesperrt">Messalina</em> zweigt endlich +der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen Inhalt dieses Traumes +führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in ihr die Besorgnis +erweckt, dass ihr einziger Bruder eine nicht standesgemässe Ehe mit +einer Nicht-<em class="gesperrt">Arierin</em>, eine <em class="gesperrt" lang="fr" xml:lang="fr">Mésalliance</em> eingehen könnte.</p> + +<p>Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur +Auflösung und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist sehr +häufig die Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vorgebrachten Reden +und Einfällen des Patienten einen Gedankeninhalt aufzuspüren, der +zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber doch nicht umhin kann, sich +in mannigfaltigster Weise unabsichtlich zu verraten. Dabei leistet oft +das Versprechen die wertvollsten Dienste, wie ich an den überzeugendsten +und andererseits sonderbarsten Beispielen dartun könnte. Die +Patienten sprechen z. B. von ihrer Tante und nennen sie konsequent, +ohne das Versprechen zu merken, »meine Mutter«, oder bezeichnen +ihren Mann als ihren »Bruder«. Sie machen mich auf diese Weise +aufmerksam, dass sie diese Personen miteinander »identifiziert«, in eine +Reihe gebracht haben, welche für ihr Gefühlsleben die Wiederkehr +desselben Typus bedeutet. Andere Male reicht eine ungewöhnlich +klingende Wortfügung, eine gezwungen erscheinende Ausdrucksweise +hin, um den Anteil eines verdrängten Gedankens an der anders +motivierten Rede des Patienten aufzudecken.</p> + +<p>In groben wie in solchen feineren Redestörungen, die sich eben +noch dem »Versprechen« subsumieren lassen, finde ich also nicht den +Einfluss von Kontaktwirkungen der Laute, sondern den von Gedanken +ausserhalb der Redeintention massgebend für die Entstehung des Versprechens +und hinreichend zur Aufhellung des zustande gekommenen +Sprechfehlers. Die Gesetze, nach denen die Laute verändernd auf +einander einwirken, möchte ich nicht anzweifeln; sie scheinen mir aber +nicht wirksam genug, um für sich allein die korrekte Ausführung der +Rede zu stören. In den Fällen, die ich genauer studiert und durchschaut +habe, stellen sie bloss den vorgebildeten Mechanismus dar, +dessen sich ein ferner gelegenes psychisches Motiv bequemerweise bedient, +ohne sich aber an den Machtbereich dieser Beziehungen zu +<span class='pagenum'><a name="Page_29">[29]</a></span> +binden. In einer grossen Reihe von Substitutionen wird beim Versprechen +von solchen Lautgesetzen völlig abgesehen. Ich befinde mich +hierbei in voller Übereinstimmung mit <cite class="gesperrt">Wundt</cite>, der gleichfalls die Bedingungen +des Versprechens als zusammengesetzte und weit über die +Kontaktwirkungen der Laute hinausgehende vermutet.</p> + +<p>Wenn ich diese »entfernteren psychischen Einflüsse« nach <cite class="gesperrt">Wundts</cite> +Ausdruck für gesichert halte, so weiss ich andererseits von keiner Abhaltung, +um auch zuzugeben, dass bei beschleunigter Rede und einigermassen +abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedingungen fürs Versprechen +sich leicht auf das von <cite class="gesperrt">Meringer</cite> und <cite class="gesperrt">Mayer</cite> bestimmte Mass einschränken +können. Bei einem Teil der von diesen Autoren gesammelten +Beispiele ist wohl eine kompliziertere Auflösung wahrscheinlicher. +Ich greife etwa den vorhin angeführten Fall heraus:</p> + +<blockquote><p> +Es war mir auf der <em class="gesperrt">Schwest…</em><br /> +<span style="margin-left: 8.25em;"><em class="gesperrt">Brust</em> so <em class="gesperrt">schwer</em>.</span></p> +</blockquote> + +<p>Geht es hier wohl so einfach zu, dass das <em class="gesperrt">schwe</em> das gleichwertige +<em class="gesperrt">Bru</em> als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen, dass +die Laute <em class="gesperrt">schwe</em> ausserdem durch eine besondere Relation zu dieser +Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann keine andere +sein als die Assoziation: <em class="gesperrt">Schwester</em> – <em class="gesperrt">Bruder</em>, etwa noch: +<em class="gesperrt">Brust</em> der <em class="gesperrt">Schwester</em>, die zu anderen Gedankenkreisen hinüberleitet. +Dieser hinter der Szene unsichtbare Helfer verleiht dem sonst +harmlosen <em class="gesperrt">schwe</em> die Macht, deren Erfolg sich als Sprechfehler äussert.</p> + +<p>Für anderes Versprechen lässt sich annehmen, dass der Anklang +an obszöne Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. Die +absichtliche Entstellung und Verzerrung der Worte und Redensarten, +die bei unartigen Menschen so beliebt ist, bezweckt nichts anderes, als +beim harmlosen Anlass an das Verpönte zu mahnen, und diese Spielerei +ist so häufig, dass es nicht wunderbar wäre, wenn sie sich auch unabsichtlich +und wider Willen durchsetzen sollte. Beispiele wie: +<em class="gesperrt">Eischeissweibchen</em> für <em class="gesperrt">Eiweissscheibchen</em>, <em class="gesperrt">Apopos</em> Fritz für +<em class="gesperrt">Apropos</em>, <em class="gesperrt">Lo<b>k</b>uskapitäl</em> für <em class="gesperrt">Lotuskapitäl</em> etc. vielleicht noch die +Alab<b>ü</b>sterb<b>a</b>chse (Alabasterbüchse) der hl. Magdalena gehören wohl in +diese Kategorie.<a name="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> – „Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres +Chefs <span class="nowrap"><em class="gesperrt">auf</em>zustossen“,</span> ist kaum etwas anderes als eine unbeabsichtigte +Parodie als Nachklang einer beabsichtigten. Wenn ich der Chef +wäre, zu dessen Feierlichkeit der Festredner diesen Lapsus beigetragen +<span class='pagenum'><a name="Page_30">[30]</a></span> +hätte, würde ich wohl daran denken, wie klug die Römer gehandelt haben, +als sie den Soldaten des triumphierenden Imperators gestatteten, den +inneren Einspruch gegen den Gefeierten in Spottliedern laut zu äussern. +– <cite class="gesperrt">Meringer</cite> erzählt von sich selbst, dass er zu einer Person, die +als die älteste der Gesellschaft mit dem vertraulichen Ehrennamen +»Senexl« oder »altes Senexl« angesprochen wurde, einmal gesagt habe: +„Prost Senex altesl!“ Er erschrak selbst über diesen Fehler (<cite>p. 50</cite>). +Wir können uns vielleicht seinen Affekt deuten, wenn wir daran +mahnen, wie nahe »Altesl« an den Schimpf »alter Esel« kommt. +Auf die Verletzung der Ehrfurcht vor dem Alter (d. i., auf die Kindheit +reduziert, vor dem Vater) sind grosse innere Strafen gesetzt.</p> + +<p>Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deutungen, +die sich durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, die ich selbst +gesammelt und durch Analysen erläutert habe, nicht vernachlässigen. +Wenn ich aber im stillen immer noch an der Erwartung festhalte, +auch die scheinbar einfachen Fälle von Versprechen würden sich auf +Störung durch eine halb unterdrückte Idee <em class="gesperrt">ausserhalb</em> des intendierten +Zusammenhanges zurückführen lassen, so verlockt mich dazu eine sehr +beachtenswerte Bemerkung von <cite class="gesperrt">Meringer</cite>. Dieser Autor sagt, es ist +merkwürdig, dass niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr +gescheute und ehrliche Menschen, welche beleidigt sind, wenn man +ihnen sagt, sie hätten sich versprochen. Ich getraue mich nicht, diese +Behauptung so allgemein zu nehmen, wie sie durch das »niemand« +von <cite class="gesperrt">Meringer</cite> hingestellt wird. Die Spur Affekt aber, die am Nachweis +des Versprechens hängt und offenbar von der Natur des Schämens +ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist gleichzusetzen dem Ärger, wenn wir +einen vergessenen Namen nicht erinnern, und der Verwunderung über +die Haltbarkeit einer scheinbar belanglosen Erinnerung, und weist allemale +auf die Beteiligung eines Motivs am Zustandekommen der +Störung hin.</p> + +<p>Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähung, wenn +es absichtlich geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von Fällen, +wo es als unabsichtliches Versprechen auftritt, dieselbe Bedeutung +haben. Jene Person, die nach <cite class="gesperrt">Mayers</cite> Bericht einmal »<em class="gesperrt">Freuder</em>« +sagte anstatt <em class="gesperrt">Freud</em>, weil sie kurz darauf den Namen »<em class="gesperrt">Breuer</em>« vorbrachte +(<cite>p. 38</cite>), ein andermal von einer <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Freuer-Breud</em>schen</span> Methode +(<cite>p. 28</cite>) sprach, war wohl ein Fachgenosse und von dieser Methode +nicht sonderlich entzückt. Einen gewiss nicht anders aufzuklärenden Fall +von Namensentstellung werde ich weiter unten beim Verschreiben mitteilen. +In diesen Fällen mengt sich als störendes Moment eine Kritik +<span class='pagenum'><a name="Page_31">[31]</a></span> +ein, welche bei Seite gelassen werden soll, weil sie gerade in dem +Zeitpunkte der Intention des Redners nicht entspricht. In anderen +und weit bedeutsameren Fällen ist es Selbstkritik, innerer Widerspruch +gegen die eigene Äusserung, was zum Versprechen, ja zum Ersatz des +Intendierten durch seinen Gegensatz nötigt. Man merkt dann mit +Erstaunen, wie der Wortlaut einer Beteuerung die Absicht derselben +aufhebt, und wie der Sprechfehler die innere Unaufrichtigkeit blossgelegt +hat.<a name="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> Das Versprechen wird hier zu einem mimischen Ausdrucksmittel.</p> + +<p>Man gelangt von hier aus zu jenen Redestörungen, die nicht +mehr als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das einzelne +Wort, sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede beeinträchtigen, +wie z. B. das Stammeln und Stottern der Verlegenheit. Aber +hier wie dort ist es der innere Konflikt, der uns durch die Störung +der Rede verraten wird. Ich glaube wirklich nicht, dass jemand sich +versprechen würde in der Audienz bei Seiner Majestät, in einer ernstgemeinten +Liebeswerbung, in einer Verteidigungsrede um Ehre und +Namen vor den Geschworenen, kurz in all den Fällen, in denen <em class="gesperrt">man +ganz dabei ist</em>, wie wir so bezeichnend sagen. Selbst bis in die +Schätzung des Stils, den ein Autor schreibt, dürfen wir und sind wir +gewöhnt, das Erklärungsprinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung +des einzelnen Sprechfehlers nicht entbehren können. Eine klare und +unzweideutige Schreibweise belehrt uns, dass der Autor hier mit sich +einig ist, und wo wir gezwungenen und gewundenen Ausdruck finden, +der, wie so richtig gesagt wird, nach mehr als einem Scheine schielt, +da können wir den Anteil eines nicht genugsam erledigten, komplizierenden +Gedankens erkennen, oder die erstickte Stimme der Selbstkritik +des Autors heraushören.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<h2><span class="number">V.</span><br/> + +Verlesen und Verschreiben.</h2> + + +<p>Dass für die Fehler im Lesen und Schreiben die nämlichen +Gesichtspunkte und Bemerkungen Geltung haben, wie für die Sprechfehler, +ist bei der inneren Verwandtschaft dieser Funktionen nicht zu +verwundern. Ich werde mich hier darauf beschränken, einige sorgfältig +<span class='pagenum'><a name="Page_32">[32]</a></span> +analysierte Beispiele mitzuteilen, und keinen Versuch unternehmen, das +Ganze der Erscheinungen zu umfassen.</p> + + +<h3>A. Verlesen.</h3> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Ich durchblättere im Caféhaus eine Nummer der »Leipziger +Illustrierten«, die ich schräg vor mir halte, und lese als Unterschrift +eines sich über eine Seite erstreckenden Bildes: Eine Hochzeitsfeier +<em class="gesperrt">in der Odyssee</em>. Aufmerksam geworden und verwundert rücke ich +mir das Blatt zurecht und korrigiere jetzt: Eine Hochzeitsfeier <em class="gesperrt">an +der Ostsee</em>. Wie komme ich zu diesem unsinnigen Lesefehler? +Meine Gedanken lenken sich sofort auf ein Buch von <cite class="gesperrt">Ruths</cite> <cite>»Experimentaluntersuchungen +über Musikphantome etc.«</cite>, das mich in der +letzten Zeit viel beschäftigt hat, weil es nahe an die von mir behandelten +psychologischen Probleme streift. Der Autor verspricht für nächste +Zeit ein Werk, welches <cite>»Analyse und Grundgesetze der Traumphänomene«</cite> +heissen wird. Kein Wunder, dass ich, der ich eben eine <cite>»Traumdeutung«</cite> +veröffentlicht habe, mit grösster Spannung diesem Buch entgegensehe. +In der Schrift <cite class="gesperrt">Ruths</cite> über Musikphantome fand ich vorne im +Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des ausführlichen induktiven Nachweises, +dass die althellenischen Mythen und Sagen ihre Hauptwurzeln +in Schlummer- und Musikphantomen, in Traumphänomenen und auch +in Delirien haben. Ich schlug damals sofort im Texte nach, um +herauszufinden, ob er auch um die Zurückführung der Szene, wie +<em class="gesperrt">Odysseus</em> vor <em class="gesperrt">Nausikaa</em> erscheint, auf den gemeinen Nacktheitstraum +wisse. Mich hatte ein Freund auf die schöne Stelle in <cite class="gesperrt">G. Kellers</cite> +<cite>»Grünem Heinrich«</cite> aufmerksam gemacht, welche diese Episode der +Odyssee als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat +irrenden Schiffers aufklärt, und ich hatte die Beziehung zum Exhibitionstraum +der Nacktheit hinzugefügt (<cite>p. 170</cite>). Bei <cite class="gesperrt">Ruths</cite> entdeckte +ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle offenbar Prioritätsgedanken.</p></li> + +<li><p>Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: +„<em class="gesperrt">Im Fass</em> durch Europa, anstatt: <em class="gesperrt">zu Fuss</em>?“ Diese Auflösung bereitete +mir lange Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfälle deuteten +allerdings: Es müsse das Fass des Diogenes gemeint sein, und in einer +Kunstgeschichte hatte ich unlängst etwas über die Kunst zur Zeit +Alexanders gelesen. Es lag dann nahe, an die bekannte Rede +Alexanders zu denken: Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich +Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von einem gewissen <em class="gesperrt">Hermann +Zeitung</em> vor, der in eine Kiste verpackt sich auf Reisen begeben +<span class='pagenum'><a name="Page_33">[33]</a></span> +hatte. Aber weiter wollte sich der Zusammenhang nicht herstellen, +und es gelang mir nicht, die Seite in der Kunstgeschichte +wieder aufzuschlagen, auf welcher mir jene Bemerkung ins Auge gefallen +war. Erst Monate später fiel mir das bei Seite geworfene +Rätsel plötzlich wieder ein, und diesmal zugleich mit seiner Lösung. +Ich erinnerte mich an die Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was +für sonderbare Arten der <em class="gesperrt">Beförderung</em> die Leute jetzt wählten, um +nach Paris zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie +ich glaube, scherzhaft mitgeteilt worden, dass irgend ein Herr die Absicht +habe, sich von einem anderen Herrn in einem <em class="gesperrt">Fass</em> nach Paris +rollen zu lassen. Natürlich hätten diese Leute kein anderes Motiv, als +durch solche Torheiten Aufsehen zu machen. <em class="gesperrt">Hermann Zeitung</em> +war in der Tat der Name desjenigen Mannes, der für solche aussergewöhnliche +Beförderungen das erste Beispiel gegeben hatte. Dann +fiel mir ein, dass ich einmal einen Patienten behandelt, dessen krankhafte +Angst vor der Zeitung sich als Reaktion gegen den krankhaften +<em class="gesperrt">Ehrgeiz</em> auflöste, sich gedruckt und als berühmt in der Zeitung erwähnt +zu sehen. Der mazedonische Alexander war gewiss einer der +ehrgeizigsten Männer, die je gelebt. Er klagte ja, dass er keinen +Homer finden werde, der seine Taten besinge. Aber wie konnte ich nur +<em class="gesperrt">nicht daran denken</em>, dass ein anderer <em class="gesperrt">Alexander</em> mir näher stehe, +dass Alexander der Name meines jüngeren Bruders ist! Ich fand +nun sofort den anstössigen und der Verdrängung bedürftigen Gedanken +in betreff dieses Alexanders und die aktuelle Veranlassung für ihn. +Mein Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die Tarife und <em class="gesperrt">Transporte</em> +angehen, und sollte zu einer <ins title="gewisssen">gewissen</ins> Zeit für seine Lehrtätigkeit +an einer kommerziellen Hochschule den Titel Professor erhalten. +Für die gleiche <em class="gesperrt">Beförderung</em> bin ich an der Universität +seit mehreren Jahren vorgeschlagen, ohne sie erreicht zu haben. Unsere +Mutter äusserte damals ihr Befremden darüber, dass ihr kleiner +Sohn eher Professor werden sollte als ihr grosser. So stand es zur +Zeit, als ich die Lösung für jenen Leseirrtum nicht finden konnte. +Dann erhoben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine +Chancen, Professor zu werden, fielen noch unter die meinigen. Da +aber wurde mir plötzlich der Sinn jenes Verlesens offenbar; es war, als +hätte die Minderung in den Chancen des Bruders ein Hindernis beseitigt. +Ich hatte mich so benommen, als läse ich die Ernennung des +Bruders in der Zeitung, und sagte mir dabei: Merkwürdig, dass man +wegen solcher Dummheiten (wie er sie als Beruf betreibt) in der +Zeitung stehen (d. h. zum Professor ernannt werden) kann! Die Stelle +<span class='pagenum'><a name="Page_34">[34]</a></span> +über die hellenistische Kunst im Zeitalter Alexanders schlug ich dann +ohne Mühe auf und überzeugte mich zu meinem Erstaunen, dass ich +während des vorherigen Suchens wiederholt auf derselben Seite gelesen +und jedesmal wie unter der Herrschaft einer negativen Halluzination +den betreffenden Satz übergangen hatte. Dieser enthielt übrigens gar +nichts, was mir Aufklärung brachte, was des Vergessens wert gewesen +wäre. Ich meine, das Symptom des Nichtauffindens im Buche ist nur +zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich sollte die Fortsetzung +der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner Nachforschung ein +Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend einer Idee über den +mazedonischen Alexander, und sollte so vom gleichnamigen Bruder +sicherer abgelenkt werden. Dies gelang auch vollkommen; ich richtete +alle meine Bemühungen darauf, die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte +wieder aufzufinden.</p> + +<p>Der Doppelsinn des Wortes »<em class="gesperrt">Beförderung</em>« ist in diesem +Falle die Assoziationsbrücke zwischen den zwei Gedankenkreisen, dem +unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem +interessanteren, aber anstössigen, der sich hier als Störung des zu +Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus diesem Beispiel, dass +es nicht immer leicht wird, Vorkommnisse wie diesen Lesefehler aufzuklären. +Gelegentlich ist man auch genötigt, die Lösung des Rätsels +auf eine günstigere Zeit zu verschieben. Je schwieriger sich aber die +Lösungsarbeit erweist, desto sicherer darf man erwarten, dass der endlich +aufgedeckte störende Gedanke von unserem bewussten Denken als +fremdartig und gegensätzlich beurteilt werden wird.</p></li> + +<li><p>Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens, der +mir eine erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch sofort meine +Frau an und fordere sie zur Teilnahme daran auf, dass <em class="gesperrt">die</em> arme +Wilhelm M. so schwer erkrankt und von den Ärzten aufgegeben ist. +An den Worten, in welche ich mein Bedauern kleide, muss aber etwas +falsch geklungen haben, denn meine Frau wird misstrauisch, verlangt +den Brief zu sehen und äussert als ihre Überzeugung, so könne es +nicht darin stehen, denn niemand nenne eine Frau nach dem Namen +des Mannes, und überdies sei der Korrespondentin der Vorname der +Frau sehr wohl bekannt. Ich verteidige meine Behauptung hartnäckig +und verweise auf die so gebräuchlichen Visitkarten, auf denen eine +Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes bezeichnet. Ich muss +endlich den Brief zur Hand nehmen, und wir lesen darin tatsächlich +»der arme W. M.«, ja sogar, was ich ganz übersehen hatte: »der +arme <em class="gesperrt">Dr.</em> W. M.«. Mein Versehen bedeutete also einen, sozusagen +<span class='pagenum'><a name="Page_35">[35]</a></span> +krampfhaften, Versuch, die traurige Neuigkeit von dem Manne auf die +Frau zu überwälzen. Der zwischen Artikel, Beiwort und Name eingeschobene +Titel passte schlecht zu der Forderung, es müsste die Frau +gemeint sein. Darum wurde er auch beim Lesen beseitigt. Das +Motiv dieser Verfälschung war aber nicht, dass mir die Frau weniger +sympathisch wäre als der Mann, sondern das Schicksal des armen +Mannes hatte meine Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende +Person rege gemacht, welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingungen +mit diesem Falle gemeinsam hatte.</p></li></ol> + + +<h3>B. Verschreiben.</h3> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeichnungen +meist von geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner Überraschung +mitten unter den richtigen Daten des Monats September eingeschlossen +das verschriebene Datum »Donnerstag den 20. Okt.«. Es +ist nicht schwierig, diese Antizipation aufzuklären, und zwar als Ausdruck +eines Wunsches. Ich bin wenige Tage vorher frisch von der +Ferienreise zurückgekehrt und fühle mich bereit für ausgiebige ärztliche +Beschäftigung, aber die Anzahl der Patienten ist noch gering. Bei +meiner Ankunft fand ich einen Brief von einer Kranken vor, die sich +für den 20. <em class="gesperrt">Oktober</em> ankündigte. Als ich die gleiche Tageszahl im +September niederschrieb, kann ich wohl gedacht haben: Die X. sollte +doch schon da sein; wie schade um den vollen Monat! und in diesem +Gedanken rückte ich das Datum vor. Der störende Gedanke ist in +diesem Falle kaum ein anstössiger zu nennen; dafür weiss ich auch +sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem ich ihn erst bemerkt +habe.</p></li> + +<li><p>Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum Jahresbericht +für Neurologie und Psychiatrie und muss natürlich mit besonderer +Sorgfalt die Autornamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen +angehörig, dem Setzer die grössten Schwierigkeiten zu bereiten pflegen. +Manchen fremd klingenden Namen finde ich wirklich noch zu korrigieren, +aber einen einzigen Namen hat merkwürdiger Weise der Setzer <em class="gesperrt">gegen</em> +mein Manuskript verbessert und zwar mit vollem Rechte. Ich hatte +nämlich <em class="gesperrt">Buckrhard</em> geschrieben, woraus der Setzer <em class="gesperrt">Burckhard</em> +erriet. Ich hatte die Abhandlung eines Geburtshelfers über den Einfluss +der Geburt auf die Entstehung der Kinderlähmungen selbst als +verdienstlich gelobt, wüsste auch nichts gegen deren Autor zu sagen, +aber den gleichen Namen wie er trägt auch ein Schriftsteller in Wien, +der mich durch eine unverständige Kritik über meine <cite>»Traumdeutung« +</cite><span class='pagenum'><a name="Page_36">[36]</a></span> +geärgert hat. Es ist gerade so, als hätte ich mir bei der Niederschrift +des Namen <em class="gesperrt">Burckhard</em>, der den Geburtshelfer bezeichnete, etwas +Arges über den anderen B., den Schriftsteller, gedacht, denn Namenverdrehen +bedeutet häufig genug, wie ich schon beim Versprechen erwähnt +habe, Schmähung.<a name="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></p></li> + +<li><p>Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich vielleicht +mit ebensoviel Recht dem »Vergreifen« einordnen könnte: Ich +habe die Absicht, mir aus der Postsparkassa die Summe von 300 +Kronen kommen zu lassen, die ich einem zum Kurgebrauch abwesenden +Verwandten schicken will. Ich bemerke dabei, dass mein Konto auf +4380 Kr. lautet und nehme mir vor, es jetzt auf die runde Summe +von 4000 Kr. herunterzusetzen, die in der nächsten Zeit nicht angegriffen +werden soll. Nachdem ich den Check ordnungsmässig ausgeschrieben +und die der Zahl entsprechenden Ziffern ausgeschnitten +habe, merke ich plötzlich, dass ich nicht <b>380</b> Kr., wie ich wollte, sondern +gerade <b>438</b> bestellt habe, und erschrecke über die Unzuverlässigkeit +meines Tuns. Den Schreck erkenne ich bald als unberechtigt; ich bin +ja jetzt nicht ärmer worden, als ich vorher war. Aber ich muss eine +ganze Weile darüber nachsinnen, welcher Einfluss hier meine erste Intention +gestört hat, ohne sich meinem Bewusstsein anzukündigen. Ich +gerate zuerst auf falsche Wege, will die beiden Zahlen, 380 und 438, +von einander abziehen, weiss aber dann nicht, was ich mit der Differenz +anfangen soll. Endlich zeigt mir ein plötzlicher Einfall den wahren +Zusammenhang. 438 entspricht ja <em class="gesperrt">zehn Prozent</em> des ganzen Konto +von 4380 Kr.! 10 pCt. Rabatt hat man aber beim <em class="gesperrt">Buchhändler</em>! +Ich besinne mich, dass ich vor wenigen Tagen eine Anzahl medizinischer +Werke, die ihr Interesse für mich verloren haben, ausgesucht, um sie +dem Buchhändler gerade für 300 Kronen anzubieten. Er fand die +Forderung zu hoch und versprach, in den nächsten Tagen endgiltige +Antwort zu sagen. Wenn er mein Angebot annimmt, so hat er mir +gerade die Summe ersetzt, welche ich für den Kranken verausgaben +soll. Es ist nicht zu verkennen, dass es mir um diese Ausgabe leid tut. +Der Affekt bei der Wahrnehmung meines Irrtums lässt sich besser +verstehen als Furcht, durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber +<span class='pagenum'><a name="Page_37">[37]</a></span> +beides, das Bedauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte +Verarmungsangst, sind meinem Bewusstsein völlig fremd; ich habe das +Bedauern nicht verspürt, als ich jene Summe zusagte, und fände die +Motivierung desselben lächerlich. Ich würde mir eine solche Regung +wahrscheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich nicht durch die Übung in +Psychoanalysen bei Patienten mit dem Verdrängten im Seelenleben +ziemlich vertraut wäre, und wenn ich nicht vor einigen Tagen einen +Traum gehabt hätte, welcher die nämliche Lösung erforderte.<a name="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a></p></li></ol> + +<p><cite class="gesperrt">Wundt</cite> gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht zu +bestätigende Tatsache, dass wir uns leichter verschreiben als versprechen +(<cite>l. c. p. 374</cite>). „Im Verlaufe der normalen Rede ist fortwährend die +Hemmungsfunktion des Willens dahin gerichtet, Vorstellungsverlauf +und Artikulationsbewegung mit einander in Einklang zu bringen. Wird +die den Vorstellungen folgende Ausdrucksbewegung durch mechanische +Ursachen verlangsamt wie beim <span class="nowrap">Schreiben ….,</span> so treten daher solche +Antizipationen besonders leicht ein.“</p> + +<p>Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen +auftritt, giebt Anlass zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt lassen +möchte, weil er nach meiner Schätzung der Ausgangspunkt einer +fruchtbaren Untersuchung werden kann. Es ist jedermann bekannt, +wie häufig beim <em class="gesperrt">Vorlesen</em> die Aufmerksamkeit des Lesenden den +Text verlässt und sich eigenen Gedanken zuwendet. Die Folge dieses +Abschweifens der Aufmerksamkeit ist nicht selten, dass er überhaupt +nicht anzugeben weiss, was er gelesen hat, wenn man ihn im Vorlesen +unterbricht und befragt. Er hat dann wie automatisch gelesen, aber +er hat fast immer richtig vorgelesen. Ich glaube nicht, dass die +Lesefehler sich unter solchen Bedingungen merklich vermehren. Von +einer ganzen Reihe von Funktionen sind wir auch gewöhnt, anzunehmen, +dass sie automatisch, also von kaum bewusster Aufmerksamkeit begleitet, +am exaktesten vollzogen werden. Daraus scheint zu folgen, +dass die Aufmerksamkeitsbedingung der Sprech-, Lese- und Schreibfehler +anders zu bestimmen ist, als sie bei <cite class="gesperrt">Wundt</cite> lautet (Wegfall +oder Nachlass der Aufmerksamkeit). Die Beispiele, die wir der Analyse +unterzogen haben, gaben uns eigentlich nicht das Recht, eine quantitative +Verminderung der Aufmerksamkeit anzunehmen; wir fanden, was vielleicht +nicht ganz dasselbe ist, eine <em class="gesperrt">Störung</em> der Aufmerksamkeit durch +einen fremden, Anspruch erhebenden Gedanken.</p> + + + +<div class="new-h2"><span class='pagenum'><a name="Page_38">[38]</a></span></div> +<h2><span class="number">VI.</span><br/> + +Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.</h2> + + +<p>Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegenwärtigen +Kenntnis vom Seelenleben zu überschätzen, so brauchte man ihn nur an +die Gedächtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur Bescheidenheit zu +zwingen. Keine psychologische Theorie hat es noch vermocht, von +dem fundamentalen Phänomen des Erinnerns und Vergessens im Zusammenhange +Rechenschaft zu geben; ja, die vollständige Zergliederung +dessen, was man als tatsächlich beobachten kann, ist noch kaum in +Angriff genommen. Vielleicht ist uns heute das Vergessen rätselhafter +geworden als das Erinnern, seitdem uns das Studium des Traumes +und pathologischer Ereignisse gelehrt hat, dass auch das plötzlich +wieder im Bewusstsein auftauchen kann, was wir für längst vergessen +geschätzt haben.</p> + +<p>Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, +für welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen an, +dass das Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man einen gewissen +zeitlichen Ablauf zuschreiben kann. Wir heben hervor, dass +beim Vergessen eine gewisse Auswahl unter den dargebotenen Eindrücken +stattfindet und ebenso unter den Einzelheiten eines jeden +Eindrucks oder Erlebnisses. Wir kennen einige der Bedingungen für +die Haltbarkeit im Gedächtnis und für die Erweckbarkeit dessen, was +sonst vergessen würde. Bei unzähligen Anlässen im täglichen Leben +können wir aber bemerken, wie unvollständig und unbefriedigend unsere +Erkenntnis ist. Man höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam +äussere Eindrücke empfangen, z. B. eine Reise mit einander gemacht +haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen austauschen. Was dem +<ins title="einem">einen</ins> fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der andere oft vergessen, +als ob es nicht geschehen wäre, und zwar ohne dass man ein +Recht zur Behauptung hätte, der Eindruck sei für den einen psychisch +bedeutsamer gewesen als für den anderen. Eine ganze Anzahl der +die Auswahl fürs Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich +offenbar noch unserer Kenntnis.</p> + +<p>In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens +einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen mir +das Vergessen selbst widerfährt, einer psychologischen Analyse zu +unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel nur mit einer gewissen +Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in denen das Vergessen mich +in Erstaunen setzt, weil ich nach meiner Erwartung das Betreffende +<span class='pagenum'><a name="Page_39">[39]</a></span> +wissen sollte. Ich will noch bemerken, dass ich zur Vergesslichkeit +im allgemeinen (für Erlebtes, nicht für Gelerntes!) nicht neige, und +dass ich durch eine kurze Periode meiner Jugend auch aussergewöhnlicher +Gedächtnisleistungen nicht unfähig war. In meiner Schulknabenzeit +war es mir selbstverständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen +hatte, auswendig hersagen zu können, und kurz vor der Universität +war ich imstande, populäre Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar +nachher fast wortgetreu niederzuschreiben. In der Spannung +vor dem letzten medizinischen Rigorosum muss ich noch Gebrauch +von dem Rest dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich gab in einigen +Gegenständen den Prüfern wie automatisch Antworten, die sich +getreu mit dem Text des Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur +einmal in der grössten Hast durchflogen hatte.</p> + +<p>Die Verfügung über den Gedächnisschatz ist seither bei mir immer +schlechter geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit hinein +überzeugt, dass ich mit Hilfe eines Kunstgriffes weit mehr erinnern +kann, als ich mir sonst zutraue. Wenn z. B. ein Patient in +der Sprechstunde sich darauf beruft, dass ich ihn schon einmal gesehen +habe, und ich mich weder an die Tatsache noch an den Zeitpunkt erinnern +kann, so helfe ich mir, indem ich rate, d. h. mir rasch eine Zahl von +Jahren, von der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen +oder die sichere Angabe des Patienten eine Kontrolle +meines Einfalles ermöglichen, da zeigt es sich, dass ich selten um +mehr als ein Halbjahr bei über 10 Jahren geirrt habe.<a name="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Ähnlich, +wenn ich einen entfernteren Bekannten treffe, den ich aus Höflichkeit +nach seinen kleinen Kindern frage. Erzählt er von den Fortschritten +derselben, so suche ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt +ist, kontrolliere durch die Auskunft des Vaters und gehe höchstens um +einen Monat, bei älteren Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ich +nicht angeben kann, welche Anhaltspunkte ich für diese Schätzung +hatte. Ich bin zuletzt so kühn geworden, dass ich meine Schätzung +immer spontan vorbringe, und laufe dabei nicht Gefahr, den Vater +durch die Blossstellung meiner Unwissenheit über seinen Sprössling zu +kränken. Ich erweitere so mein bewusstes Erinnern durch Anrufen +meines jedenfalls weit reichhaltigeren unbewussten Gedächtnisses.</p> + +<p>Ich werde also über <em class="gesperrt">auffällige</em> Beispiele von Vergessen, die ich +an mir selbst beobachtet, berichten. Ich unterscheide Vergessen von +Eindrücken und Erlebnissen, also von Wissen, und Vergessen von +<span class='pagenum'><a name="Page_40">[40]</a></span> +Vorsätzen, also Unterlassungen. Das einförmige Ergebnis der ganzen +Reihe von Beobachtungen kann ich voranstellen: <em class="gesperrt">In allen Fällen +erwies sich das Vergessen als begründet durch ein Unlustmotiv</em>.</p> + + +<h3>A. Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen.</h3> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Im Sommer gab mir meine Frau einen an sich harmlosen +Anlass zu heftigem Ärger. Wir sassen an der <span lang="fr" xml:lang="fr">Table d'hôte</span> einem +Herrn aus Wien gegenüber, den ich kannte, und der sich wohl auch +an mich zu erinnern wusste. Ich hatte aber meine Gründe, die Bekanntschaft +nicht zu erneuern. Meine Frau, die nur den ansehnlichen +Namen ihres Gegenüber gehört hatte, verriet zu sehr, dass sie seinem +Gespräch mit den Nachbarn zuhörte, denn sie wandte sich von Zeit +zu Zeit an mich mit Fragen, die den dort gesponnenen Faden aufnahmen. +Ich wurde ungeduldig und endlich gereizt. Wenige Wochen +später führte ich bei einer Verwandten Klage über dieses Verhalten +meiner Frau. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein Wort der +Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher nachtragend +bin und keine Einzelheit eines Vorfalls, der mich geärgert hat, vergessen +kann, ist meine Amnesie in diesem Falle wohl durch Rücksichten +auf die Person der Ehefrau motiviert. Ähnlich erging es mir +erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich gegen einen intim Bekannten +über eine Äusserung meiner Frau lustig machen, die erst vor wenigen +Stunden gefallen war, fand mich aber in diesem Vorsatz durch den bemerkenswerten +Umstand gehindert, dass ich die betreffende Äusserung +spurlos vergessen hatte. Ich musste erst meine Frau bitten, mich an +dieselbe zu erinnern. Es ist leicht zu verstehen, dass dies mein Vergessen +analog zu fassen ist der typischen Urteilsstörung, welcher wir +unterliegen, wenn es sich um unsere nächsten Angehörigen handelt.</p></li> + +<li><p>Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien angekommenen +Dame eine kleine eiserne Handkassette zur Aufbewahrung ihrer Dokumente +und Gelder zu besorgen. Als ich mich dazu erbot, schwebte +mir mit ungewöhnlicher visueller Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage +in der Inneren Stadt vor, in welcher ich solche Kassen gesehen haben +musste. Ich konnte mich zwar an den Namen der Strasse nicht +erinnern, fühlte mich aber sicher, dass ich den Laden auf einem Spaziergang +durch die Stadt auffinden werde, denn meine Erinnerung sagte +mir, dass ich unzählige Male an ihm vorübergegangen sei. Zu meinem +Ärger gelang es mir aber nicht, diese Auslage mit den Kassetten aufzufinden, +obwohl ich die Innere Stadt nach allen Richtungen durchstreifte. +<span class='pagenum'><a name="Page_41">[41]</a></span> +Es blieb mir nichts anderes übrig, meinte ich, als mir aus +einem Adressenkalender die Kassenfabrikanten herauszusuchen, um +dann auf einem zweiten Rundgang die gesuchte Auslage zu identifizieren. +Es bedurfte aber nicht soviel; unter den im Kalender angezeigten +Adressen befand sich eine, die sich mir sofort als die vergessene enthüllte. +Es war richtig, dass ich ungezählte Male an dem Auslagefenster +vorübergegangen war; jedesmal nämlich, wenn ich die Familie +M. besucht hatte, die seit langen Jahren in dem nämlichen Hause +wohnt. Seitdem dieser intime Verkehr einer völligen Entfremdung +gewichen war, pflegte ich, ohne mir von den Gründen Rechenschaft +zu geben, auch die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem +Spaziergang durch die Stadt hatte ich, als ich die Kassetten in der +Auslage suchte, jede Strasse in der Umgebung begangen, dieser einen +aber war ich, als ob ein Verbot darauf läge, ausgewichen. Das Unlustmotiv, +welches in diesem Fall meine Unorientiertheit verschuldete, +ist greifbar. Der Mechanismus des Vergessens ist aber nicht mehr so +einfach wie im vorigen Beispiel. Meine Abneigung gilt natürlich nicht +dem Kassenfabrikanten, sondern einem anderen, von dem ich nichts +wissen will, und überträgt sich von diesem anderen auf die Gelegenheit, +wo sie das Vergessen zustande bringt. Ganz ähnlich hatte im Falle +<em class="gesperrt">Burckhard</em> der Groll gegen den einen den Schreibfehler im Namen +hervorgebracht, wo es sich um den anderen handelte. Was hier die +Namensgleichheit leistete, die Verknüpfung zwischen zwei im Wesen +verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das konnte im Beispiel +von dem Auslagefenster die Kontiguität im Raum, die untrennbare +Nachbarschaft ersetzen. Übrigens war dieser letzte Fall fester gefügt; +es fand sich noch eine zweite inhaltliche Verknüpfung vor, denn unter +den Gründen der Entfremdung mit der im Hause wohnenden Familie +hatte das Geld eine grosse Rolle gespielt.</p></li> + +<li><p>Ich werde von dem Bureau B. & R. bestellt, einen ihrer +Beamten ärztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Wohnung +beschäftigt mich die Idee, ich müsste schon wiederholt in dem Hause +gewesen sein, in welchem sich die Firma befindet. Es ist mir, als ob +mir die Tafel derselben in einem niedrigen Stockwerk aufgefallen wäre, +während ich in einem höheren einen ärztlichen Besuch zu machen +hatte. Ich kann mich aber weder daran erinnern, welches dieses Haus +ist, noch wen ich dort besucht habe. Obwohl die ganze Angelegenheit +gleichgiltig und bedeutungslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr +und erfahre endlich auf dem gewöhnlichen Umwege, indem ich meine +Einfälle dazu sammle, dass sich einen Stock über den Lokalitäten der +Firma B. & R. die Pension <em class="gesperrt">Fischer</em> befindet, in welcher ich häufig +<span class='pagenum'><a name="Page_42">[42]</a></span> +Patienten besucht habe. Ich kenne jetzt auch das Haus, welches die +Bureaux und die Pension beherbergt. Rätselhaft ist mir noch, welches +Motiv bei diesem Vergessen im Spiele war. Ich finde nichts für die +Erinnerung Anstössiges an der Firma selbst oder an Pension Fischer +oder an den Patienten, die dort wohnten. Ich vermute auch, dass es +sich um nicht sehr Peinliches handeln kann; sonst wäre es mir kaum +gelungen, mich des Vergessenen auf einem Umwege wieder zu bemächtigen, +ohne äussere Hilfsmittel wie im vorigen Beispiel heranzuziehen. +Es fällt mir endlich ein, dass mich eben vorhin, als ich den +Weg zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Strasse gegrüsst +hat, den ich Mühe hatte zu erkennen. Ich hatte diesen Mann +vor Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen und die +Diagnose der progressiven Paralyse über ihn verhängt, dann aber gehört, +dass er hergestellt sei, so dass mein Urteil unrichtig gewesen +wäre. Wenn nicht etwa hier eine der Remissionen vorliegt, die sich +auch bei Dementia paralytica finden, so dass meine Diagnose doch +noch gerechtfertigt wäre! Von dieser Begegnung ging der Einfluss +aus, der mich an die Nachbarschaft der Bureaux von B. & R. vergessen +liess, und mein Interesse, die Lösung des Vergessenen zu +finden, war von diesem Fall strittiger Diagnostik her übertragen. Die +assoziative Verknüpfung aber wurde bei geringem inneren Zusammenhang +– der wider Erwarten Genesene war auch Beamter eines grossen +Bureaus, welches mir Kranke zuzuweisen pflegte – durch eine Namensgleichheit +besorgt. Der Arzt, mit welchem gemeinsam ich den fraglichen +Paralytiker gesehen hatte, hiess auch <em class="gesperrt">Fischer</em>, wie die in dem +Haus befindliche, vom Vergessen betroffene Pension.</p></li> + +<li><p>Ein Ding <em class="gesperrt">verlegen</em> heisst ja nichts anderes als vergessen, +wohin man es gelegt hat, und wie die meisten mit Schriften und +Büchern hantierenden Personen bin ich auf meinem Schreibtisch wohl +orientiert und weiss das Gesuchte mit einem Griff hervorzuholen. Was +anderen als Unordnung erscheint, ist für mich historisch gewordene +Ordnung. Warum habe ich aber unlängst einen Bücherkatalog, der +mir zugeschickt wurde, so verlegt, dass er unauffindbar geblieben ist? +Ich hatte doch die Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, +<cite>»Über die Sprache«</cite>, zu bestellen, weil es von einem Autor herrührt, +dessen geistreich belebten Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psychologie +und dessen Kenntnisse in der Kulturhistorie ich zu schätzen +weiss. Ich meine, gerade darum habe ich den Katalog verlegt. Ich +pflege nämlich Bücher dieses Autors zur Aufklärung unter meinen +Bekannten zu verleihen, und vor wenigen Tagen hat mir jemand bei +<span class='pagenum'><a name="Page_43">[43]</a></span> +der Rückstellung gesagt: „Der Stil erinnert mich ganz an den +Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe.“ Der Redner wusste +nicht, an was er mit dieser Bemerkung rührte. Vor Jahren, als ich +noch jünger und anschlussbedürftiger war, hat mir ungefähr das Nämliche +ein älterer Kollege gesagt, dem ich die Schriften eines bekannten +medizinischen Autors angepriesen hatte. „Ganz Ihr Stil und Ihre +Art.“ So beeinflusst hatte ich diesem Autor einen um näheren Verkehr +werbenden Brief geschrieben, wurde aber durch eine kühle Antwort +in meine Schranken zurückgewiesen. Vielleicht verbergen sich ausserdem +noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten, denn +ich habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und bin durch +dieses Vorzeichen wirklich abgehalten worden, das angezeigte Buch zu +bestellen, obwohl ein wirkliches Hindernis durch das Verschwinden des +Kataloges nicht geschaffen worden ist. Ich habe ja die Namen des +Buches und des Autors im Gedächtnis behalten.<a name="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a></p></li> + +<li><p>Im Sommer dieses Jahres erklärte ich einmal meinem +Freunde Fl., mit dem ich in regem Gedankenaustausch über wissenschaftliche +Fragen stehe: Diese neurotischen Probleme sind nur dann +zu lösen, wenn wir uns ganz und voll auf den Boden der Annahme +einer ursprünglichen Bisexualität des Individuums stellen. Ich erhielt +zur Antwort: „Das habe ich Dir schon vor 2½ Jahren in Br. gesagt, +als wir jenen Abendspaziergang machten. Du wolltest damals nichts +davon hören.“ Es ist nun schmerzlich, so zum Aufgeben seiner +Originalität aufgefordert zu werden. Ich konnte mich an ein solches +Gespräch und an diese Eröffnung meines Freundes nicht erinnern. +Einer von uns beiden musste sich da täuschen; nach dem Prinzip der +Frage <span lang="la" xml:lang="la"><em class="gesperrt">cui</em> prodest</span>? musste ich das sein. Ich habe im Laufe der +nächsten Wochen in der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es +in mir erwecken wollte; ich weiss selbst, was ich damals zur Antwort +gab: Dabei halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht einlassen. +Aber ich bin seither um ein Stück toleranter geworden, wenn ich +irgendwo in der medizinischen Literatur auf eine der wenigen Ideen +stosse, mit denen man meinen Namen verknüpfen kann, und wenn ich +dabei die Erwähnung meines Namens vermisse.</p></li></ol> + +<p>Ausstellungen an seiner Ehefrau – Freundschaft, die ins Gegenteil +umgeschlagen hat – Irrtum in ärztlicher Diagnostik – Zurückweisung +durch Gleichstrebende – Entlehnung von Ideen; es ist wohl +<span class='pagenum'><a name="Page_44">[44]</a></span> +kaum zufällig, dass eine Anzahl von Beispielen des Vergessens, die +ohne Absicht gesammelt worden sind, zu ihrer Auflösung des Eingehens +auf so peinliche Themata bedürfen. Ich vermute vielmehr, +dass jeder Andere, der sein eigenes Vergessen einer Prüfung nach den +Motiven unterziehen will, eine ähnliche Musterkarte von Widerwärtigkeiten +aufzeichnen können wird. Die Neigung zum Vergessen des Unangenehmen +scheint mir ganz allgemein zu sein; die Fähigkeit dazu ist +wohl bei verschiedenen Personen verschieden gut ausgebildet. Manches +<em class="gesperrt">Ableugnen</em>, das uns in der ärztlichen Tätigkeit begegnet, ist wahrscheinlich +auf <em class="gesperrt">Vergessen</em> zurückzuführen. Unsere Auffassung eines +solchen Vergessens beschränkt den Unterschied zwischen dem und +jenem Benehmen allerdings auf rein psychologische Verhältnisse und +gestattet uns, in beiden Reaktionsweisen den Ausdruck desselben +Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen Beispielen der Verleugnung +unangenehmer Erinnerungen, die ich bei Angehörigen von Kranken +gesehen habe, ist mir eines als besonders seltsam im Gedächtnis geblieben. +Eine Mutter informierte mich über die Kinderjahre ihres +nervenkranken, in der Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei, +dass er wie seine Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen gelitten +habe, was ja für eine neurotische Krankengeschichte nicht bedeutungslos +ist. Einige Wochen später, als sie sich Auskunft über den +Stand der Behandlung holen wollte, hatte ich Anlass, sie auf die +Zeichen konstitutioneller Krankheitsveranlagung bei dem jungen Mann +aufmerksam zu machen, und berief mich hierbei auf das anamnestisch +erhobene Bettnässen. Zu meinem Erstaunen bestritt sie die Tatsache +sowohl für dies als auch für die anderen Kinder, fragte mich, woher +ich das wissen könne, und hörte endlich von mir, dass sie selbst es +mir vor kurzer Zeit erzählt habe, was also von ihr vergessen worden war.<a name="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_45">[45]</a></span> +Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen Menschen +reichlich Anzeichen dafür, dass sich der Erinnerung an peinliche Eindrücke, +der Vorstellung peinlicher Gedanken, ein Widerstand entgegensetzt. +Die volle Bedeutung dieser Tatsache lässt sich aber erst +ermessen, wenn man in die Psychologie neurotischer Personen eingeht. +Man ist genötigt, ein solches <em class="gesperrt">elementares Abwehrbestreben</em> gegen +Vorstellungen, welche Unlustempfindungen erwecken können, ein Bestreben, +das sich nur dem Fluchtreflex bei Schmerzreizen an die Seite +stellen lässt, zu einem der Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen, +welcher die hysterischen Symptome trägt. Man möge gegen die Annahme +einer solchen Abwehrtendenz nicht einwenden, dass wir es im +Gegenteil häufig genug unmöglich finden, peinliche Erinnerungen, die +uns verfolgen, los zu werden und peinliche Affektregungen wie Reue, Gewissensvorwürfe +zu verscheuchen. Es wird ja nicht behauptet, dass diese +Abwehrtendenz sich überall durchzusetzen vermag, dass sie nicht im +Spiel der psychischen Kräfte auf Faktoren stossen kann, welche zu +anderen Zwecken das Entgegengesetzte anstreben und ihr zum Trotz +zustande bringen. <em class="gesperrt">Als das architektonische Prinzip des +seelischen Apparates lässt sich die Schichtung, der Aufbau +aus einander überlagernden Instanzen erraten</em>, und es ist sehr +wohl möglich, dass dies Abwehrbestreben einer niedrigeren psychischen +Instanz angehört, von höheren Instanzen aber gehemmt wird. Es +spricht jedenfalls für die Existenz und Mächtigkeit dieser Tendenz zur +Abwehr, wenn wir Vorgänge wie die in unseren Beispielen von Vergessen +auf sie zurückführen können. Wir sehen, dass manches um +seiner selbst willen vergessen wird; wo dies nicht möglich ist, verschiebt +die Abwehrtendenz ihr Ziel und bringt wenigstens etwas anderes, minder +Bedeutsames, zum Vergessen, welches in assoziative Verknüpfung mit +dem eigentlich Anstössigen geraten ist.</p> + +<p>Der hier entwickelte Gesichtspunkt, dass peinliche Erinnerungen +mit besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfallen, verdiente +<span class='pagenum'><a name="Page_46">[46]</a></span> +auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen er heute noch +keine oder eine zu geringe Beachtung gefunden hat. So erscheint er +mir noch immer nicht genügend scharf betont bei der Würdigung von +Zeugenaussagen vor Gericht,<a name="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> wobei man offenbar der unter Eidstellung +des Zeugen einen allzu grossen purifizierenden Einfluss auf +dessen psychisches Kräftespiel zutraut. Dass man bei der Entstehung +der Traditionen und der Sagengeschichte eines Volkes einem solchen +Motiv, das dem Nationalgefühl Peinliche aus der Erinnerung auszumerzen, +Rechnung tragen muss, wird allgemein zugestanden. Vielleicht +würde sich bei genauerer Verfolgung eine vollständige Analogie herausstellen +zwischen der Art, wie Völkertraditionen und wie die Kindheitserinnerungen +des einzelnen Individuums gebildet werden.</p> + +<p>Ganz ähnlich wie beim Namenvergessen kann auch beim Vergessen +von Eindrücken Fehlerinnern eintreten, das dort, wo es Glauben +findet, als Erinnerungstäuschung bezeichnet wird. Die Erinnerungstäuschung +in pathologischen Fällen – in der Paranoia spielt sie +geradezu die Rolle eines konstituierenden Momentes bei der Wahnbildung +– hat eine ausgedehnte Literatur wachgerufen, in welcher ich +durchgängig den Hinweis auf eine Motivierung derselben vermisse. Da +auch dieses Thema der Neurosenpsychologie angehört, entzieht es sich +in unserm Zusammenhange der Behandlung. Ich werde dafür ein +sonderbares Beispiel einer eigenen Erinnerungstäuschung mitteilen, bei +dem die Motivierung durch unbewusstes verdrängtes Material und die +Art und Weise der Verknüpfung mit demselben deutlich genug +kenntlich werden.</p> + +<p>Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traumdeutung +schrieb, befand ich mich in einer Sommerfrische ohne Zugang +zu Bibliotheken und Nachschlagebüchern und war genötigt, mit Vorbehalt +späterer Korrektur, allerlei Beziehungen und Zitate aus dem +Gedächtnis in das Manuskript einzutragen. Beim Abschnitt über das +Tagträumen fiel mir die ausgezeichnete Figur des armen Buchhalters +im <cite class="gesperrt">»Nabab«</cite> von <cite class="gesperrt">Alph. Daudet</cite> ein, mit welcher der Dichter wahrscheinlich +seine eigene Träumerei geschildert. Ich glaubte mich an +eine der Phantasien, die dieser Mann – Mr. Jocelyn nannte ich ihn +– auf seinen Spaziergängen durch die Strassen von Paris ausbrütet, +deutlich zu erinnern und begann sie aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. +Wie also Herr Jocelyn auf der Strasse sich kühn einem +durchgehenden Pferd entgegenwirft, es zum Stehen bringt, der Wagenschlag +<span class='pagenum'><a name="Page_47">[47]</a></span> +sich öffnet, eine hohe Persönlichkeit dem Coupé entsteigt, Herrn +Jocelyn die Hand drückt und ihm sagt: „Sie sind mein Retter, Ihnen +verdanke ich mein Leben. Was kann ich für Sie tun?“</p> + +<p>Etwaige Ungenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie, +tröstete ich mich, würden sich leicht zuhause verbessern lassen, wenn +ich das Buch zur Hand nähme. Als ich dann aber den <cite class="gesperrt">»Nabab«</cite> +durchblätterte, um die druckbereite Stelle meines Manuskriptes zu vergleichen, +fand ich zu meiner grössten Beschämung und Bestürzung +nichts von einer solchen Träumerei des Herrn Jocelyn darin, ja der +arme Buchhalter trug gar nicht diesen Namen, sondern hiess +<em class="gesperrt">Mr. Joyeuse</em>. Dieser zweite Irrtum gab dann bald den Schlüssel zur +Klärung des ersten, der Erinnerungstäuschung. <em class="gesperrt">Joyeux</em> (wovon der +Name die feminine Form darstellt): so und nicht anders müsste ich ja +meinen eigenen Namen: <em class="gesperrt">Freud</em> ins Französische übersetzen. Woher +konnte also die fälschlich erinnerte Phantasie sein, die ich <cite class="gesperrt">Daudet</cite> +zugeschrieben hatte? Sie konnte nur ein eigenes Produkt sein, ein +Tagtraum, den ich selbst gemacht, und der mir nicht bewusst geworden, +oder der mir einst bewusst gewesen und den ich seither gründlich vergessen. +Vielleicht dass ich ihn selbst in Paris gemacht, wo ich oft +genug einsam und voll Sehnsucht durch die Strassen spaziert bin, eines +Helfers und Protektors sehr bedürftig, bis Meister <em class="gesperrt">Charcot</em> mich dann +in seinen Verkehr zog. Den Dichter des <cite class="gesperrt">»Nabab«</cite> habe ich dann +wiederholt im Hause <em class="gesperrt">Charcots</em> gesehen. Das Ärgerliche an der +Sache ist nur, dass ich kaum irgend einem anderen Vorstellungskreis +so feindselig gegenüberstehe, wie dem des Protegiertwerdens. Was man +in unserem Vaterlande davon sieht, verdirbt einem alle Lust daran, +und meinem Charakter sagt die Situation des Protektionskindes überhaupt +wenig zu. Ich habe immer ungewöhnlich viel Neigung dazu +verspürt, »selbst der brave Mann zu sein«. Und gerade ich musste +dann an solche, übrigens nie erfüllte, Tagträume gemahnt werden! +Ausserdem ist der Vorfall auch ein gutes Beispiel dafür, wie die +zurückgehaltene – in der Paranoia siegreich hervorbrechende – Beziehung +zum eigenen Ich uns in der objektiven Erfassung der Dinge +stört und verwirrt.</p> + + +<h3>B. Das Vergessen von Vorsätzen.</h3> + +<p>Keine andere Gruppe von Phänomenen eignet sich besser zum +Beweis der These, dass die Geringfügigkeit der Aufmerksamkeit für +sich allein nicht hinreiche, die Fehlleistung zu erklären, als die des +Vergessens von Vorsätzen. Ein Vorsatz ist ein Impuls zur Handlung, +<span class='pagenum'><a name="Page_48">[48]</a></span> +der bereits Billigung gefunden hat, dessen Ausführung aber auf einen +geeigneten Zeitpunkt verschoben wurde. Nun kann in dem so geschaffenen +Intervall allerdings eine derartige Veränderung in den Motiven +eintreten, dass der Vorsatz nicht zur Ausführung gelangt, aber +dann wird er nicht vergessen, sondern revidiert und aufgehoben. Das +Vergessen von Vorsätzen, dem wir alltäglich und in allen möglichen +Situationen unterliegen, pflegen wir uns nicht durch eine Neuerung in +der Motivengleichung zu erklären, sondern lassen es gemeinhin unerklärt, +oder wir suchen eine psychologische Erklärung in der Annahme, gegen +die Zeit der Ausführung hin habe sich die erforderliche Aufmerksamkeit +für die Handlung nicht mehr bereit gefunden, die doch für das Zustandekommen +des Vorsatzes unerlässliche Bedingung war, damals also +für die nämliche Handlung zur Verfügung stand. Die Beobachtung +unseres normalen Verhaltens gegen Vorsätze lässt uns diesen Erklärungsversuch +als willkürlich abweisen. Wenn ich des Morgens einen Vorsatz +fasse, der abends ausgeführt werden soll, so kann ich im Laufe +des Tages einigemal an ihn gemahnt werden. Er braucht aber tagsüber +überhaupt nicht mehr bewusst zu werden. Wenn sich die Zeit +der Ausführung nähert, fällt er mir plötzlich ein und veranlasst mich, +die zur vorgesetzten Handlung nötigen Vorbereitungen zu treffen. +Wenn ich auf einen Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher noch +befördert werden soll, so brauche ich ihn als normales und nicht +nervöses Individuum keineswegs die ganze Strecke über in der Hand +zu tragen und unterdessen nach einem Briefkasten auszuspähen, in den +ich ihn werfe, sondern ich pflege ihn in die Tasche zu stecken, meiner +Wege zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu lassen, und ich +rechne darauf, dass einer der nächsten Briefkästen meine Aufmerksamkeit +erregen und mich veranlassen wird, in die Tasche zu greifen und den +Brief hervorzuziehen. Das normale Verhalten bei gefasstem Vorsatz +deckt sich vollkommen mit dem experimentell zu erzeugenden Benehmen +von Personen, denen man eine sog. »posthypnotische Suggestion auf +lange Sicht« in der Hypnose eingegeben hat.<a name="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> Man ist gewöhnt, das +Phänomen in folgender Art zu beschreiben: Der suggerierte Vorsatz +schlummert in den betreffenden Personen, bis die Zeit seiner Ausführung +herannaht. Dann wacht er auf und treibt zur Handlung.</p> + +<p>In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft +davon, dass das Vergessen in bezug auf Vorsätze keineswegs den Anspruch +<span class='pagenum'><a name="Page_49">[49]</a></span> +erheben darf, als ein nicht weiter zurückführbares Elementarphänomen +zu gelten, sondern zum Schluss auf uneingestandene Motive +berechtigt. Ich meine: im Liebesverhältnis und in der Militärabhängigkeit. +Ein Liebhaber, der das Rendezvous versäumt hat, wird sich vergeblich +bei seiner Dame entschuldigen, er habe leider ganz daran vergessen. +Sie wird nicht versäumen, ihm zu antworten: „Vor einem Jahr hättest +Du es nicht vergessen. Es liegt Dir eben nichts mehr an mir.“ Selbst +wenn er nach der oben erwähnten psychologischen Erklärung griffe +und sein Vergessen durch gehäufte Geschäfte entschuldigen wollte, +würde er nur erreichen, dass die Dame – so scharfsichtig geworden +wie der Arzt in der Psychoanalyse – zur Antwort gäbe: „Wie merkwürdig, +dass sich solche geschäftlichen Störungen früher nicht ereignet +haben.“ Gewiss will auch die Dame die Möglichkeit des Vergessens +nicht in Abrede stellen; sie meint nur, und nicht mit Unrecht, aus dem +unabsichtlichen Vergessen sei ungefähr der nämliche Schluss auf ein +gewisses Nichtwollen zu ziehen wie aus der bewussten Ausflucht.</p> + +<p>Ähnlich wird im militärischen Dienstverhältnis der Unterschied +zwischen der Unterlassung durch Vergessen und der in Folge von Absicht +prinzipiell, und zwar mit Recht, vernachlässigt. Der Soldat <em class="gesperrt">darf</em> +an nichts vergessen, was der militärische Dienst von ihm fordert. +Wenn er doch daran vergisst, obwohl ihm die Forderung bekannt ist, +so geht dies so zu, dass sich den Motiven, die auf Erfüllung der militärischen +Forderung dringen, andere Gegenmotive entgegenstellen. Der +Einjährige etwa, der sich beim Rapport entschuldigen wollte, er habe +<em class="gesperrt">vergessen</em>, seine Knöpfe blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber +diese Strafe ist geringfügig zu nennen im Vergleich zu jener, der er +sich aussetzte, wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinem +Vorgesetzten eingestehen würde: „Der elende Gamaschendienst ist mir +ganz zuwider.“ Wegen dieser Strafersparnis, aus ökonomischen Gründen +gleichsam, bedient er sich des Vergessens als Ausrede, oder kommt es +als Kompromiss zustande.</p> + +<p>Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, dass alles +zu ihnen Gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, und erwecken +so die Meinung, Vergessen sei zulässig bei unwichtigen Dingen, während +es bei wichtigen Dingen ein Anzeichen davon sei, dass man sie wie +unwichtige behandeln wolle, ihnen also die Wichtigkeit abspreche. +Der Gesichtspunkt der psychischen Wertschätzung ist hier in der Tat +nicht abzuweisen. Kein Mensch vergisst Handlungen auszuführen, die +ihm selbst wichtig erscheinen, ohne sich dem Verdachte geistiger +Störung auszusetzen. Unsere Untersuchung kann sich also nur auf +<span class='pagenum'><a name="Page_50">[50]</a></span> +das Vergessen von mehr oder minder nebensächlichen Vorsätzen erstrecken; +für ganz und gar gleichgültig werden wir keinen Vorsatz +erachten; denn in diesem Falle wäre er wohl gewiss nicht gefasst +worden.</p> + +<p>Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die bei +mir selbst beobachteten Fälle von Unterlassung durch Vergessen gesammelt +und aufzuklären gesucht und hierbei ganz allgemein gefunden, +dass sie auf Einmengung unbekannter und uneingestandener Motive – +oder, wie man sagen kann, auf einen <em class="gesperrt">Gegenwillen</em> – zurückzuführen +waren. In einer Reihe dieser Fälle befand ich mich in einer dem +Dienstverhältnisse ähnlichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen +ich es nicht ganz aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so dass ich durch Vergessen +gegen ihn demonstrierte. Dazu gehört, dass ich besonders leicht vergesse, +zu Geburtstagen, Jubiläen, Hochzeitsfeiern und Standeserhöhungen +zu gratulieren. Ich nehme es mir immer wieder vor und überzeuge +mich immer mehr, dass es mir nicht gelingen will. Ich bin jetzt im +Begriffe, darauf zu verzichten, und den Motiven, die sich sträuben, mit +Bewusstsein Recht zu geben. In einem Übergangsstadium habe ich +einem Freund, der mich bat, auch für ihn ein Glückwunschtelegramm +zum bestimmten Termin zu besorgen, vorher gesagt, ich würde an +beide vergessen, und es war nicht zu verwundern, dass die Prophezeiung +wahr wurde. Es hängt nämlich mit schmerzlichen Lebenserfahrungen +zusammen, dass ich nicht imstande bin, Anteilnahme zu +äussern, wo diese Äusserung notwendigerweise übertrieben ausfallen +muss, da für den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der entsprechende +Ausdruck nicht zulässig ist. Seitdem ich erkannt, dass ich oft vorgebliche +Sympathie bei anderen für echte genommen habe, befinde ich mich +in einer Auflehnung gegen diese Konventionen der Mitgefühlsbezeugung, +deren soziale Nützlichkeit ich andererseits einsehe. Kondolenzen bei Todesfällen +sind von dieser zwiespältigen Behandlung ausgenommen; wenn ich +mich zu ihnen entschlossen habe, versäume ich sie auch nicht. Wo meine +Gefühlsbetätigung mit gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu tun hat, +da findet sie ihren Ausdruck auch niemals durch Vergessen gehemmt.</p> + +<p>Ähnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konventionellen +Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schätzung die Fälle, +in denen man Handlungen auszuführen vergisst, die man einem anderen +zu seinen Gunsten auszuführen versprochen hat. Hier trifft es dann +regelmässig zu, dass nur der Versprecher an die entschuldigende Kraft +des Vergessens glaubt, während der Bittsteller sich ohne Zweifel die +richtige Antwort gibt: Er hat kein Interesse daran, sonst hätte er +<span class='pagenum'><a name="Page_51">[51]</a></span> +es nicht vergessen. Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich +bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt +gelten lässt wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht +grüsst.<a name="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> Diese Personen vergessen alle kleinen Versprechungen, die +sie gegeben, lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, +erweisen sich also in kleinen Dingen als unverlässlich und erheben +dabei die Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht +übel nehmen, d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf +organische Eigentümlichkeit zurückführen solle. Ich gehöre selbst nicht +zu diesen Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die Handlungen +einer solchen Person zu analysieren, um durch die Auswahl des Vergessens +die Motivierung desselben aufzudecken. Ich kann mich aber +der Vermutung <span lang="la" xml:lang="la">per analogiam</span> nicht erwehren, dass hier ein ungewöhnlich +grosses Mass von nicht eingestandener Geringschätzung des anderen +das Motiv ist, welches das konstitutionelle Moment für seine Zwecke +ausbeutet.</p> + +<p>Bei anderen Fällen sind die Motive des Vergessens weniger leicht +aufzufinden und erregen, wenn gefunden, ein grösseres Befremden. So +merkte ich in früheren Jahren, dass ich bei einer grösseren Anzahl von +Krankenbesuchen nie an einen anderen Besuch vergesse als bei einem +Gratispatienten oder bei einem Kollegen. Aus Beschämung hierüber +habe ich mir angewöhnt, die Besuche des Tages schon am Morgen +als Vorsatz zu notieren. Ich weiss nicht, ob andere Ärzte auf dem +nämlichen Wege zu der gleichen Übung gekommen sind. Aber man +gewinnt so eine Ahnung davon, was den sog. Neurastheniker veranlasst, +die Mitteilungen, die er dem Arzt machen will, auf dem berüchtigten +»Zettel« zu notieren. Angeblich fehlt es ihm an Zutrauen zur Reproduktionsleistung +seines Gedächtnisses. Das ist gewiss richtig, aber +die Szene geht zumeist so vor sich: Der Kranke hat seine verschiedenen +Beschwerden und Anfragen höchst langatmig vorgebracht. Nachdem +er fertig geworden ist, macht er einen Moment Pause, darauf zieht +er den Zettel hervor und sagt entschuldigend: Ich habe mir etwas +aufgeschrieben, weil ich mir so gar nichts merke. In der Regel findet +er auf dem Zettel nichts Neues. Er wiederholt jeden Punkt und beantwortet +<span class='pagenum'><a name="Page_52">[52]</a></span> +ihn selbst: Ja, darnach habe ich schon gefragt. Er demonstriert +mit dem Zettel, wahrscheinlich nur eines seiner Symptome, +die Häufigkeit, mit der seine Vorsätze durch Einmengung dunkler +Motive gestört werden.</p> + +<p>Ich rühre ferner an Leiden, an welchen auch der grössere Teil +der mir bekannten Gesunden krankt, wenn ich zugestehe, dass ich besonders +in früheren Jahren sehr leicht und für lange Zeit vergessen +habe, entlehnte Bücher zurückzugeben, oder dass es mir besonders leicht +begegnet, Zahlungen durch Vergessen aufzuschieben. Unlängst verliess +ich eines Morgens die Tabaktrafik, in welcher ich meinen täglichen +Zigarreneinkauf gemacht hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine +höchst harmlose Unterlassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher +erwarten, am nächsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber +die kleine Versäumnis, der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiss +nicht ausser Zusammenhang mit den Budgeterwägungen, die mich den +Vortag über beschäftigt hatten. In bezug auf das Thema von Geld +und Besitz lassen sich die Spuren eines zwiespältigen Verhaltens auch +bei den meisten sog. anständigen Menschen leicht nachweisen. Die +primitive Gier des Säuglings, der sich aller Objekte zu bemächtigen +sucht (um sie zum Munde zu führen), zeigt sich vielleicht allgemein +als nur unvollständig durch Kultur und Erziehung überwunden<a name="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_53">[53]</a></span> +Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach <em class="gesperrt">banal</em> +geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn ich auf Dinge +stosse, die jedermann bekannt sind, und die jeder in der nämlichen +Weise versteht, da ich bloss vorhabe, das Alltägliche zu sammeln und +wissenschaftlich zu verwerten. Ich sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, +die Niederschlag der gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme +unter die Erwerbungen der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die +Verschiedenheit der Objekte, sondern die strengere Methode bei der +Feststellung und das Streben nach weitreichendem Zusammenhang +machen den wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus.</p> + +<p>Für die Vorsätze von einigem Belang haben wir allgemein gefunden, +dass sie dann vergessen werden, wenn sich dunkle Motive +gegen sie erheben. Bei noch weniger wichtigen Vorsätzen erkennt +man als zweiten Mechanismus des Vergessens, dass ein Gegenwille sich +von wo anders her auf den Vorsatz überträgt, nachdem zwischen jenem +andern und dem Inhalt des Vorsatzes eine <em class="gesperrt">äusserliche</em> Assoziation +hergestellt worden ist. Hierzu gehört folgendes Beispiel: Ich lege +Wert auf schönes Löschpapier und nehme mir vor, auf meinem heutigen +Nachmittagsweg in die Stadt neues einzukaufen. Aber an vier aufeinanderfolgenden +Tagen vergesse ich daran, bis ich mich befrage, welchen +Grund diese Unterlassung hat. Ich finde ihn dann leicht, nachdem +ich mich besonnen habe, dass ich zwar »Löschpapier« zu schreiben, +aber »Fliesspapier« zu sagen <ins title="gewöhnt gewöhnt">gewöhnt</ins> bin. »<em class="gesperrt">Fliess</em>« ist der +Name meines Freundes in Berlin, der mir in den nämlichen Tagen +Anlass zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben hat. Diesen +Gedanken kann ich nicht los werden, aber die Abwehrneigung (vgl. +<a href="#Page_39">Seite 39</a>) äussert sich, indem sie sich mittelst der Wortgleichheit auf +den indifferenten und darum wenig resistenten Vorsatz überträgt.</p> + +<p>Direkter Gegenwille und entferntere Motivierung treffen in folgendem +Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung <cite>»Grenzfragen des +Nerven- und Seelenlebens«</cite> hatte ich eine kurze Abhandlung über den +Traum geschrieben, welche den Inhalt meiner <cite>»Traumdeutung«</cite> resümiert. +<em class="gesperrt">Bergmann</em> in Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende +Erledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben +will. Ich mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie auf +meinen Schreibtisch, um sie am nächsten Morgen mitzunehmen. Am +Morgen vergesse ich daran, erinnere mich erst nachmittags beim Anblick +des Kreuzbandes auf meinem Schreibtisch. Ebenso vergesse ich +die Korrektur am Nachmittag, am Abend und am nächsten Morgen, +bis ich mich aufraffe und am Nachmittag des zweiten Tages die +<span class='pagenum'><a name="Page_54">[54]</a></span> +Korrektur zu einem Briefkasten trage, verwundert, was der Grund +dieser Verzögerung sein mag. Ich will sie offenbar nicht absenden, +aber ich finde nicht, warum. Auf demselben Spaziergang trete ich aber +bei meinem Wiener Verleger, der auch das Traumbuch publiziert hat, +ein, mache eine Bestellung und sage dann, wie von einem plötzlichen +Einfall getrieben: „Sie wissen doch, dass ich den <cite>»Traum«</cite> ein zweites +Mal geschrieben habe?“ – „Ah, da würde ich doch bitten.“ – „Beruhigen +Sie sich, nur ein kurzer Aufsatz für die <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Löwenfeld-Kurella</em>sche</span> +Sammlung.“ Es war ihm aber doch nicht recht; er besorgte, +der Vortrag würde dem Absatz des Buches schaden. Ich +widersprach und fragte endlich: „Wenn ich mich früher an Sie gewendet +hätte, würden Sie mir die Publikation untersagt haben?“ – +„Nein, das keineswegs.“ Ich glaube selbst, dass ich in meinem vollen +Recht gehandelt und nichts Anderes getan habe, als was allgemein üblich +ist; doch scheint es mir gewiss, dass ein ähnliches Bedenken, wie +es der Verleger äusserte, das Motiv meiner Zögerung war, die Korrektur +abzusenden. Dies Bedenken geht auf eine frühere Gelegenheit zurück, +bei welcher ein anderer Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie +unvermeidlich, einige Blätter Text aus einer früheren, in anderem Verlag +erschienenen Arbeit über zerebrale Kinderlähmung unverändert in +die Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von <cite class="gesperrt">Nothnagel</cite> +hinübernahm. Dort findet aber der Vorwurf abermals keine Anerkennung; +ich hatte auch damals meinen ersten Verleger (identisch mit +dem der <cite>»Traumdeutung«</cite>) loyal von meiner Absicht verständigt. Wenn +aber diese Erinnerungsreihe noch weiter zurückgeht, so rückt sie mir +einen noch früheren Anlass vor, den einer Übersetzung aus dem +Französischen, bei welchem ich wirklich die bei einer Publikation in +Betracht kommenden Eigentumsrechte verletzt habe. Ich hatte dem +übersetzten Text Anmerkungen beigefügt, ohne für diese Anmerkungen +die Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haben, und habe einige Jahre +später Grund zur Annahme bekommen, dass der Autor mit dieser +Eigenmächtigkeit unzufrieden war.</p> + +<p>Es gibt ein Sprichwort, welches die populäre Kenntnis verrät, +dass das Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. »Was man +einmal zu tun vergessen hat, das vergisst man dann noch öfter.«</p> + + + +<div class="new-h2"><span class='pagenum'><a name="Page_55">[55]</a></span></div> +<h2><span class="number">VII.</span><br/> + +Das Vergreifen.</h2> + + +<p>Der dankenswerten Arbeit von <cite class="gesperrt">Meringer</cite> und <cite class="gesperrt">Mayer</cite> entnehme +ich noch die Stelle (<cite>p. 98</cite>):</p> + +<p>»Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen +den Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten des Menschen sich oft einstellen +und ziemlich töricht »Vergesslichkeiten« genannt werden.«</p> + +<p>Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht hinter +den kleinen Funktionsstörungen des täglichen Lebens Gesunder +vermutet.</p> + +<p>Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische Leistung +ist, eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es nahe, auf die +Fehler unserer sonstigen motorischen Verrichtungen die nämliche Erwartung +zu übertragen. Ich habe hier zwei Gruppen von Fällen gebildet; +alle die Fälle, in denen der Fehleffekt das Wesentliche scheint, +also die Abirrung von der Intention, bezeichne ich als »<em class="gesperrt">Vergreifen</em>«, +die anderen, in denen eher die ganze Handlung unzweckmässig erscheint, +benenne ich »<em class="gesperrt">Symptom- und Zufallshandlungen</em>«. Die +Scheidung ist aber wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen +ja wohl zur Einsicht, dass alle in dieser Abhandlung gebrauchten Einteilungen +nur deskriptiv bedeutsame sind und der inneren Einheit des +Erscheinungsgebietes widersprechen.</p> + +<p>Das psychologische Verständnis des »Vergreifens« erfährt offenbar +keine besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie und speziell der +»kortikalen Ataxie« subsumieren. Versuchen wir lieber, die einzelnen +Beispiele auf ihre jeweiligen Bedingungen zurückzuführen. Ich werde +wiederum Selbstbeobachtungen hierzu verwenden, zu denen sich die +Anlässe bei mir nicht besonders häufig finden.</p> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch +häufiger machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, dass ich, vor der +Türe, an die ich klopfen oder läuten sollte, angekommen, die Schlüssel +meiner eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um – sie dann fast +beschämt wieder einzustecken. Wenn ich mir zusammenstelle, bei +welchen Patienten dies der Fall war, so muss ich annehmen, die Fehlhandlung +– Schlüssel herausziehen anstatt zu läuten – bedeutete eine +Huldigung für das Haus, wo ich in diesen Missgriff verfiel. Sie war +äquivalent dem Gedanken: »Hier bin ich wie zu Hause«, denn sie trug +sich nur zu, wo ich den Kranken lieb gewonnen hatte. (An meiner +<span class='pagenum'><a name="Page_56">[56]</a></span> +eigenen Wohnungstür läute ich natürlich niemals.) Die Fehlhandlung +war also eine symbolische Darstellung eines doch eigentlich nicht für ernsthafte, +bewusste Annahme bestimmten Gedankens, denn in der Realität +weiss der Nervenarzt genau, dass der Kranke ihm nur so lange anhänglich +bleibt, als er noch Vorteil von ihm erwartet, und dass er +selbst nur zum Zweck der psychischen Hilfeleistung ein übermässig +warmes Interesse für seine Patienten bei sich gewähren lässt.</p></li> + +<li><p>In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren zweimal +täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Türe im zweiten Stock +auf Einlass warte, ist es mir während dieses langen Zeitraums zweimal +(mit einem kurzen Intervall) geschehen, dass ich um einen Stock höher +gegangen bin, also mich »<em class="gesperrt">verstiegen</em>« habe. Das eine mal befand +ich mich in einem ehrgeizigen Tagtraum, der mich »höher und immer +höher steigen« liess. Ich überhörte damals sogar, dass sich die fragliche +Tür geöffnet hatte, als ich den Fuss auf die ersten Stufen des +dritten Stockwerks setzte. Das anderemal ging ich wiederum »in +Gedanken versunken« zu weit; als ich es bemerkte, umkehrte und die +mich beherrschende Phantasie zu erhaschen suchte, fand ich, dass ich +mich über eine (phantasierte) Kritik meiner Schriften ärgerte, in welcher +mir der Vorwurf gemacht wurde, dass ich immer »zu weit ginge«, und +in die ich nun den wenig respektvollen Ausdruck »<em class="gesperrt">verstiegen</em>« einzusetzen +hatte.</p></li> + +<li><p>Auf meinem Schreibtische liegen seit vielen Jahren neben +einander ein Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages eile +ich nach Schluss der Sprechstunde fort, weil ich einen bestimmten +Stadtbahnzug erreichen will, stecke bei vollem Tageslicht anstatt des +Hammers die Stimmgabel in die Rocktasche und werde durch die +Schwere des die Tasche herabziehenden Gegenstandes auf meinen Missgriff +aufmerksam gemacht. Wer sich über so kleine Vorkommnisse +Gedanken zu machen nicht gewöhnt ist, wird ohne Zweifel den Fehlgriff +durch die Eile des Momentes erklären und entschuldigen. Ich +habe es trotzdem vorgezogen, mir die Frage zu stellen, warum ich +eigentlich die Stimmgabel anstatt des Hammers genommen. Die Eilfertigkeit +hätte ebensowohl ein Motiv sein können, den Griff richtig +auszuführen, um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen.</p> + +<p>Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die Frage, +die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen ein <em class="gesperrt">idiotisches</em> +Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf Sinneseindrücke prüfte, und +das durch die Stimmgabel so gefesselt wurde, dass ich sie ihm nur +schwer entreissen konnte. Soll das also heissen, ich sei ein Idiot? +<span class='pagenum'><a name="Page_57">[57]</a></span> +Allerdings scheint es so, denn der nächste Einfall, der sich an Hammer +assoziiert, lautet »<em class="gesperrt">Chamer</em>« (hebräisch: Esel).</p> + +<p>Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muss hier die Situation +befragen. Ich eile zu einer Konsultation in einem Ort an der Westbahnstrecke, +zu einer Kranken, die nach der brieflich mitgeteilten +Anamnese vor Monaten vom Balkon herabgestürzt ist und seither nicht +gehen kann. Der Arzt, der mich einlädt, schreibt, er wisse trotzdem +nicht, ob es sich um Rückenmarksverletzung oder um traumatische +Neurose – Hysterie – handle. Das soll ich nun entscheiden. Da +wäre also eine Mahnung am Platze, in der heiklen Differentialdiagnose +besonders vorsichtig zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man +diagnostiziere viel zu leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere +Dinge handle. Aber die Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! +Ja, es kommt hinzu, dass die kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, +an dem ich vor Jahren einen jungen Mann gesehen, der seit einer +Gemütsbewegung nicht ordentlich gehen konnte. Ich diagnostizierte +damals Hysterie und nahm den Kranken später in psychische Behandlung, +und dann stellte es sich heraus, dass ich freilich nicht unrichtig +diagnostiziert hatte, aber auch nicht richtig. Eine ganze Anzahl der +Symptome des Kranken war hysterisch gewesen, und diese schwanden +auch prompt im Laufe der Behandlung. Aber hinter diesen wurde +nun ein für die Therapie unantastbarer Rest sichtbar, der sich nur +auf eine multiple Sklerose beziehen liess. Die den Kranken nach mir +sahen, hatten es leicht, die organische Affektion zu erkennen; ich hätte +kaum anders vorgehen und anders urteilen können, aber der Eindruck +war doch der eines schweren Irrtums; das Versprechen der Heilung, +das ich ihm gegeben hatte, war natürlich nicht zu halten. Der Missgriff +nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer liess sich also +so in Worte übersetzen: Du Trottel, Du Esel, nimm Dich diesmal zusammen, +dass du nicht wieder eine Hysterie diagnostizierst, wo eine unheilbare +Krankheit vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort +vor Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch +zum Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit schwerer +spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen Tag nach dem +idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen.</p> + +<p>Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die sich +durch das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Verwendung als +Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders geeignet. Der Missgriff +hier will den Missgriff, den man anderswo begangen hat, darstellen.</p></li> + +<li><p><ins title="c) Selbstverständlich">Selbstverständlich</ins> kann das Fehlgreifen auch einer ganzen +<span class='pagenum'><a name="Page_58">[58]</a></span> +Reihe anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: Es +kommt sehr selten vor, dass ich etwas zerschlage. Ich bin nicht besonders +geschickt, aber infolge der anatomischen Integrität meiner +Nervmuskelapparate sind Gründe für so ungeschickte Bewegungen mit +unerwünschtem Erfolg bei mir offenbar nicht gegeben. Ich weiss also +kein Objekt in meinem Hause zu erinnern, dessengleichen ich je +zerschlagen hätte. Ich bin durch die Enge in meinem Studierzimmer +oft genötigt, in den unbequemsten Stellungen mit einer Anzahl von +antiken Ton- und Steinsachen, von denen ich eine kleine Sammlung +habe, zu hantieren, so dass Zuschauer die Besorgnis ausdrücken, ich +würde etwas herunterschleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals +geschehen. Warum habe ich also unlängst den marmornen Deckel +meines einfachen Tintengefässes zu Boden geworfen, so dass er zerbrach?</p> + +<p>Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger +Marmor, die für die Aufnahme des gläsernen Tintenfässchens ausgehöhlt +ist; das Tintenfass trägt einen Deckel mit Knopf aus demselben Stein. +Ein Kranz von Bronzestatuetten und Terrakotta-Figürchen ist hinter +diesem Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich an den Tisch, um zu +schreiben, mache mit der Hand, welche den Federstiel hält, eine merkwürdig +ungeschickte, ausfahrende Bewegung und werfe so den Deckel +des Tintenfasses, der bereits auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung +ist nicht schwer zu finden. Einige Stunden vorher war meine +Schwester im Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen. +Sie fand sie sehr schön und äusserte dann: „Jetzt sieht Dein +Schreibtisch wirklich hübsch aus, nur das Tintenzeug passt nicht dazu. +Du musst ein schöneres haben.“ Ich begleitete die Schwester hinaus +und kam erst nach Stunden zurück. Dann aber habe ich, wie es +scheint, an dem verurteilten Tintenzeug die Exekution vollzogen. Schloss +ich etwa aus den Worten der Schwester, dass sie sich vorgenommen +habe, mich zur nächsten festlichen Gelegenheit mit einem schöneren +Tintenzeug zu beschenken, und zerschlug das unschöne alte, um sie +zur Verwirklichung ihrer angedeuteten Absicht zu nötigen? Wenn dem +so ist, so war meine schleudernde Bewegung nur scheinbar ungeschickt; +in Wirklichkeit war sie höchst geschickt und zielbewusst und verstand +es, allen wertvolleren in der Nähe befindlichen Objekten schonend auszuweichen.</p> + +<p>Ich glaube wirklich, dass man diese Beurteilung für eine ganze +Reihe von anscheinend zufällig ungeschickten Bewegungen annehmen +muss. Es ist richtig, dass diese etwas Gewaltsames, Schleuderndes, +wie Spastisch-ataktisches zur Schau tragen, aber sie erweisen sich als +<span class='pagenum'><a name="Page_59">[59]</a></span> +von einer Intention beherrscht und treffen ihr Ziel mit einer Sicherheit, +die man den bewusst willkürlichen Bewegungen nicht allgemein +nachrühmen kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die +Treffsicherheit, haben sie übrigens mit den motorischen Äusserungen +der hysterischen Neurose und zum Teil auch mit den motorischen +Leistungen des Somnambulismus gemeinsam, was wohl hier wie dort +auf die nämliche unbekannte Modifikation des Innervationsvorganges +hinweist.</p> + +<p>Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen derselben +scheint sehr häufig zum Ausdruck unbewusster Gedankengänge verwendet +zu werden, wie man gelegentlich durch Analyse beweisen kann, +häufiger aber aus den abergläubisch oder scherzhaft daran geknüpften +Deutungen im Volksmunde erraten möchte. Es ist bekannt, welche +Deutungen sich an das Ausschütten von Salz, Umwerfen eines Weinglases, +Steckenbleiben eines zu Boden gefallenen Messers u. dgl. knüpfen. +Welches Anrecht auf Beachtung solche abergläubische Deutungen haben, +werde ich erst an späterer Stelle erörtern; hierher gehört nur die Bemerkung, +dass die einzelne ungeschickte Verrichtung keineswegs einen +konstanten Sinn hat, sondern je nach Umständen sich dieser oder +jener Absicht als Darstellungsmittel bietet.</p> + +<p>Wenn dienende Personen gebrechliche Gegenstände durch Fallenlassen +vernichten, so wird man an eine psychologische Erklärung hiefür +gewiss nicht in erster Linie denken, doch ist auch dabei ein Beitrag +dunkler Motive nicht unwahrscheinlich. Nichts liegt dem Ungebildeten +ferner als die Schätzung der Kunst und der Kunstwerke. +Eine dumpfe Feindseligkeit gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser +dienendes Volk, zumal wenn die Gegenstände, deren Wert sie nicht +einsehen, eine Quelle von Arbeitsanforderung für sie werden. Leute +von derselben Bildungsstufe und Herkunft zeichnen sich dagegen in +wissenschaftlichen Instituten oft durch grosse Geschicklichkeit und Verlässlichkeit +in der Handhabung heikler Objekte aus, wenn sie erst begonnen +haben, sich mit ihrem Herrn zu identifizieren und sich zum +wesentlichen Personal des Instituts zu rechnen.</p> + +<p>Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, +braucht gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen motorischer +Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppelsinn dieser +Ausdrücke weist bereits auf die Art von verhaltenen Phantasien hin, +die sich durch solches Aufgeben des Körpergleichgewichts darstellen +können. Ich erinnere mich an eine Anzahl von leichteren nervösen +Erkrankungen bei Frauen und Mädchen, die nach einem Fall ohne +<span class='pagenum'><a name="Page_60">[60]</a></span> +Verletzung aufgetreten waren und als traumatische Hysterie zufolge +des Schrecks beim Falle aufgefasst wurden. Ich bekam schon damals +den Eindruck, als ob die Dinge anders zusammenhingen, als wäre das +Fallen bereits eine Veranstaltung der Neurose und ein Ausdruck derselben +unbewussten Phantasien sexuellen Inhalts gewesen, die man als +die bewegenden Kräfte hinter den Symptomen vermuten darf. Sollte +dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen, welches lautet: „Wenn +eine Jungfrau fällt, fällt sie auf den Rücken“?</p></li> + +<li><p>Dass zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf +keinem anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen +Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu +verwischen scheint. Dass eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst +raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenutzt werden kann, davon habe +ich vor einigen Jahren an mir selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich +traf in einem befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges +Mädchen, welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei +mir erregte und mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend +stimmte. Ich habe damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen +dies zuging; ein Jahr vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl gelassen. +Als nun der Onkel des Mädchens, ein sehr alter Herr, ins Zimmer +trat, sprangen wir beide auf, um ihm einen in der Ecke stehenden +Stuhl zu bringen. Sie war behender als ich, wohl auch dem Objekt +näher; so hatte sie sich zuerst des Sessels bemächtigt und trug ihn +mit der Lehne nach rückwärts, beide Hände auf die Sesselränder gelegt, +vor sich hin. Indem ich später hinzutrat und den Anspruch, +den Sessel zu tragen, doch nicht aufgab, stand ich plötzlich dicht hinter +ihr, hatte beide Arme von rückwärts um sie geschlungen, und die +Hände trafen sich einen Moment lang vor ihrem Schoss. Ich löste +natürlich die Situation ebenso rasch, als sie entstanden war. Es schien +auch keinem aufzufallen, wie geschickt ich diese ungeschickte Bewegung +ausgebeutet hatte.</p> + +<p>Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, dass das ärgerliche, +ungeschickte Ausweichen auf der Strasse, wobei man durch einige Sekunden +hin und her, aber doch stets nach der nämlichen Seite wie +der oder die Andere, Schritte macht, bis endlich beide vor einander +stehen bleiben, dass auch dieses »den Weg Vertreten« ein unartig +provozierendes Benehmen früherer Jahre wiederholt und sexuelle Absichten +unter der Maske der Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen +Psychoanalysen Neurotischer weiss ich, dass die sogenannte Naivität +junger Leute und Kinder häufig nur solch eine Maske ist, um das +<span class='pagenum'><a name="Page_61">[61]</a></span> +Unanständige unbeirrt durch Genieren aussprechen oder tun zu +können.</p></li> + +<li><p>Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen zustande +kommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade darum +wird sich ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen, ob Fehlgriffe +von erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen Folgen begleitet sein +können, wie z. B. die des Arztes oder Apothekers, nach irgend einer +Richtung unter unsere Gesichtspunkte fallen.</p> + +<p><a name="alte-dame"></a>Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliche Eingriffe vorzunehmen, +habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem Vergreifen +aus eigener Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr alten Dame, die +ich seit Jahren zweimal täglich besuche, beschränkt sich meine ärztliche +Tätigkeit beim Morgenbesuch auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar +Tropfen Augenwasser ins Auge und gebe ihr eine Morphiuminjektion. +Zwei Fläschchen, ein blaues für das Kollyrium und ein weisses mit +der Morphinlösung, sind regelmässig vorbereitet. Während der beiden +Verrichtungen beschäftigen sich meine Gedanken wohl meist mit etwas +anderem; das hat sich eben schon so oft wiederholt, dass die Aufmerksamkeit +sich wie frei benimmt. Eines Morgens bemerkte ich, dass +der Automat falsch gearbeitet hatte, das Tropfröhrchen hatte ins weisse +anstatt ins blaue Fläschchen eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern +Morphin ins Auge geträufelt. Ich erschrak heftig und beruhigte mich +dann durch die Überlegung, dass einige Tropfen einer zweiprozentigen +Morphinlösung auch im Bindehautsack kein Unheil anzurichten vermögen. +Die Schreckempfindung war offenbar anderswoher abzuleiten.</p> + +<p>Bei dem Versuch, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel mir +zunächst die Phrase ein: „sich an der Alten vergreifen“, die den kurzen +Weg zur Lösung weisen konnte. Ich stand unter dem Eindrucke eines +Traumes, den mir am Abend vorher ein junger Mann erzählt hatte, +dessen Inhalt sich nur auf sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter +deuten liess.<a name="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> Die Sonderbarkeit, dass die Sage keinen Anstoss an +dem Alter der Königin Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis +zu stimmen, dass es sich bei der Verliebtheit in die eigene +Mutter niemals um deren gegenwärtige Person handelt, sondern um +ihr jugendliches Erinnerungsbild aus den Kinderjahren. Solche Inkongruenzen +stellen sich immer heraus, wo eine zwischen zwei Zeiten +<span class='pagenum'><a name="Page_62">[62]</a></span> +schwankende Phantasie bewusst gemacht und dadurch an eine bestimmte +Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art versunken kam ich +zu meiner über neunzigjährigen Patientin, und ich muss wohl auf dem +Wege gewesen sein, den allgemein menschlichen Charakter der Oedipusfabel +als das Korrelat des Verhängnisses, das sich in den Orakeln +äussert, zu erfassen, denn ich vergriff mich dann „bei oder an der +Alten“. Indes dies Vergreifen war wiederum harmlos; ich hatte von +den beiden möglichen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu +verwenden, oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei +weitem harmloseren gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob +man bei Fehlgriffen, die schweren Schaden stiften können, in ähnlicher +Weise wie bei den hier behandelten eine unbewusste Absicht in Erwägung +ziehen darf.</p> + +<p>Hier lässt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im +Stiche, und ich bleibe auf Vermutungen und Annäherungen angewiesen. +Es ist bekannt, dass bei den schwereren Fällen von Psychoneurose +Selbstbeschädigungen gelegentlich als Krankheitssymptome auftreten, +und dass der Ausgang des psychischen Konfliktes in Selbstmord bei +ihnen niemals auszuschliessen ist. Ich habe nun erfahren, und werde +es eines Tages durch gut aufgeklärte Beispiele belegen, dass viele +scheinbar zufällige Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich +Selbstbeschädigungen sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur +Selbstbestrafung, die sich sonst als Selbstvorwurf äussert, oder ihren +Beitrag zur Symptombildung stellt, eine zufällig gebotene äussere +Situation geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung +des gewünschten schädigenden Effektes nachhilft. Solche Vorkommnisse +sind auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie verraten +den Anteil der unbewussten Absicht durch eine Reihe von besonderen +Zügen, z. B. durch die auffällige Fassung, welche die Kranken bei +dem angeblichen Unglücksfalle bewahren.<a name="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p> + +<p>Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung +– wenn der ungeschickte Ausdruck gestattet ist – glaubt, der wird +dadurch vorbereitet anzunehmen, dass es ausser dem bewusst absichtlichen +Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung – mit unbewusster +<span class='pagenum'><a name="Page_63">[63]</a></span> +Absicht – gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt auszunützen +und sie als zufällige Verunglückung zu maskieren weiss. +Eine solche braucht keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz +zur Selbstvernichtung ist bei sehr viel mehr Menschen in einer gewissen +Stärke vorhanden, als bei denen sie sich durchsetzt; die Selbstbeschädigungen +sind in der Regel ein Kompromiss zwischen diesem +Trieb und den ihm noch entgegenwirkenden Kräften, und auch wo es +wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die Neigung dazu eine lange +Zeit vorher in geringerer Stärke oder als unbewusste und unterdrückte +Tendenz vorhanden gewesen.</p> + +<p>Auch die bewusste Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel +und Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, <ins title="we nndie">wenn die</ins> unbewusste +einen Anlass abwartet, der einen Teil der Verursachung auf sich +nehmen und sie durch Inanspruchnahme der Abwehrkräfte des Individuums +von ihrer Bedrückung frei machen kann.<a name="FNanchor_22_22" href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> Es sind keineswegs +müssige Erwägungen, die ich da vorbringe; mir ist mehr als ein +Fall von anscheinend zufälligem Verunglücken (zu Pferde oder aus +dem Wagen) bekannt geworden, dessen nähere Umstände den Verdacht +auf unbewusst zugelassenen Selbstmord rechtfertigen. Da stürzt z. B. +während eines Offizierswettrennens ein Offizier vom Pferde und verletzt +sich so schwer, dass er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, +nachdem er zu sich gekommen, ist in manchen Stücken auffällig. +Noch bemerkenswerter ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief +verstimmt durch den Tod seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen +in der Gesellschaft seiner Kameraden befallen, er äussert +Lebensüberdruss gegen seine vertrauten Freunde, will den Dienst +<span class='pagenum'><a name="Page_64">[64]</a></span> +quittieren, um an einem Kriege in Afrika Anteil zu nehmen, der ihn +sonst nicht berührt<a name="FNanchor_23_23" href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>; früher ein schneidiger Reiter, weicht er jetzt dem +Reiten aus, wo es nur möglich ist. Vor dem Wettrennen endlich, +dem er sich nicht entziehen kann, äussert er eine trübe Ahnung; wir +werden uns bei unserer Auffassung nicht mehr verwundern, dass diese +Ahnung Recht behielt. Man wird mir entgegenhalten, es sei ja ohne +weiteres verständlich, dass ein Mensch in solcher nervöser Depression +das Tier nicht zu meistern versteht wie in gesunden Tagen. Ich bin +ganz einverstanden; nur möchte ich den Mechanismus dieser motorischen +Hemmung durch die Nervosität in der hier betonten Selbstvernichtungsabsicht +suchen.</p> + +<p>Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das eigene +Leben hinter anscheinend zufälliger Ungeschicklichkeit und motorischer +Unzulänglichkeit verborgen sein kann, so braucht man keinen grossen +Schritt mehr zu tun, um die Übertragung der nämlichen Auffassung +auf Fehlgriffe möglich zu finden, welche Leben und Gesundheit anderer +ernstlich in Gefahr bringen. Was ich an Belegen für die Triftigkeit +dieser Auffassung vorbringen kann, ist der Erfahrung an Neurotikern +entnommen, deckt sich also nicht völlig mit dem Erfordernis. +Ich werde über einen Fall berichten, in dem mich nicht eigentlich +ein Fehlgriff, sondern, was man eher eine Symptom- oder Zufallshandlung +nennen kann, auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des +Konflikts bei dem Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, +die Ehe eines sehr intelligenten Mannes zu bessern, dessen Misshelligkeiten +mit seiner ihn zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiss auf +reale Begründungen berufen konnten, aber wie er selbst zugab, durch +diese nicht voll erklärt wurden. Er beschäftigte sich unablässig mit +dem Gedanken der Scheidung, den er dann wieder verwarf, weil er +seine beiden kleinen Kinder zärtlich liebte. Trotzdem kam er immer +wieder auf den Vorsatz zurück und versuchte dabei kein Mittel, um +sich die Situation erträglich zu gestalten. Solches Nichtfertigwerden +mit einem Konflikt gilt mir als Beweis dafür, dass sich unbewusste +und verdrängte Motive zur Verstärkung der mit einander streitenden +bewussten bereit gefunden haben, und ich unternehme es in solchen +Fällen, den Konflikt durch psychische Analyse zu beenden. Der Mann +erzählte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs +<span class='pagenum'><a name="Page_65">[65]</a></span> +äusserste erschreckt hatte. Er »hetzte« mit seinem älteren Kind, dem +weitaus geliebteren, hob es hoch und liess es nieder und einmal an +solcher Stelle und so hoch, dass das Kind mit dem Scheitel fast an +den schwer herabhängenden Gasluster angestossen hätte. <em class="gesperrt">Fast</em>, aber +doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! Dem Kind war nichts +geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig. Der Vater blieb +entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die Mutter bekam einen +hysterischen Anfall. Die besondere Geschicklichkeit dieser unvorsichtigen +Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion bei den Eltern legten es +mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine Symptomhandlung zu suchen, +welche eine böse Absicht gegen das geliebte Kind zum Ausdruck bringen +sollte. Den Widerspruch gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses Vaters +zu seinem Kinde konnte ich mildern, wenn ich den Impuls zur Schädigung +in die Zeit zurückverlegte, da dieses Kind das einzige und so +klein gewesen war, dass sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe +zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht, anzunehmen, dass +der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den Gedanken +gehabt oder den Vorsatz gefasst: Wenn dieses kleine Wesen, an dem +mir gar nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei und kann mich von der +Frau scheiden lassen. Ein Wunsch nach dem Tode dieses jetzt so +geliebten Wesens musste also unbewusst weiterbestehen. Von hier ab +war der Weg zur unbewussten Fixierung dieses Wunsches leicht zu +finden. Eine mächtige Determinierung ergab sich wirklich aus der +Kindheitserinnerung des Patienten, dass der Tod eines kleinen Bruders, +den die Mutter der Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen +Auseinandersetzungen zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung +geführt hatte. Der weitere Verlauf der Ehe meines Patienten bestätigte +meine Kombination auch durch den therapeutischen Erfolg.</p></li></ol> + + + +<div class="new-h2"></div> +<h2><span class="number">VIII.</span><br/> + +Symptom- und Zufallshandlungen.</h2> + + +<p>Die bisher beschriebenen Handlungen, in denen wir die Ausführung +einer unbewussten Absicht erkannten, traten als Störungen +anderer beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem Vorwand +der Ungeschicklichkeit. Die Zufallshandlungen, von denen jetzt +die Rede sein soll, unterscheiden sich von denen des Vergreifens nur +dadurch, dass sie die Anlehnung an eine bewusste Intention verschmähen +<span class='pagenum'><a name="Page_66">[66]</a></span> +und also des Vorwandes nicht bedürfen. Sie treten für sich auf und +werden zugelassen, weil man Zweck und Absicht bei ihnen nicht vermutet. +Man führt sie aus, „ohne sich etwas bei ihnen zu denken“, +nur „rein zufällig“, „wie um die Hände zu beschäftigen“, und man +rechnet darauf, dass solche Auskunft der Nachforschung nach der Bedeutung +der Handlung ein Ende bereiten wird. Um sich dieser Ausnahmsstellung +erfreuen zu können, müssen diese Handlungen, die nicht +mehr die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in Anspruch nehmen, +bestimmte Bedingungen erfüllen; sie müssen <em class="gesperrt">unauffällig</em> und ihre +Effekte müssen geringfügig sein.</p> + +<p>Ich habe eine grosse Anzahl solcher Zufallshandlungen bei mir +und anderen gesammelt, und meine nach gründlicher Untersuchung +der einzelnen Beispiele, dass sie eher den Namen von <em class="gesperrt">Symptomhandlungen</em> +verdienen. Sie bringen etwas zum Ausdruck, was der +Täter selbst nicht in ihnen vermutet, und was er in der Regel nicht +mitzuteilen, sondern für sich zu behalten beabsichtigt. Sie spielen also +ganz so wie alle anderen bisher betrachteten Phänomene die Rolle von +Symptomen.</p> + +<p>Die reichste Ausbeute an solchen Zufalls- oder Symptomhandlungen +erhält man allerdings bei der psychoanalytischen Behandlung +der Neurotiker. Ich kann es mir nicht versagen, an zwei Beispielen +dieser Herkunft zu zeigen, wie weit und wie fein die Determinierung +dieser unscheinbaren Vorkommnisse durch unbewusste Gedanken getrieben +ist. Die Grenze der Symptomhandlungen gegen das Vergreifen +ist so wenig scharf, dass ich diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt +hätte unterbringen können.</p> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Eine junge Frau erzählte als Einfall während der Sitzung, +dass sie sich gestern beim Nägelschneiden „ins Fleisch geschnitten, +während sie das feine Häutchen im Nagelbett abzutragen bemüht war“. +Das ist so wenig interessant, dass man sich verwundert fragt, wozu es +überhaupt erinnert und erwähnt wird, und auf die Vermutung gerät, +man habe es mit einer Symptomhandlung zu tun. Es war auch wirklich +der Ringfinger, an dem das kleine Ungeschick vorfiel, der Finger, +an dem man den Ehering trägt. Es war überdies ihr Hochzeitstag, +was der Verletzung des feinen Häutchens einen ganz bestimmten, leicht +zu erratenden Sinn verleiht. Sie erzählt auch gleichzeitig einen Traum, +der auf die Ungeschicklichkeit ihres Mannes und auf ihre Anästhesie +als Frau anspielt. Warum war es aber der Ringfinger der linken +Hand, an dem sie sich verletzte, da man doch den Ehering an der +rechten Hand trägt? Ihr Mann ist Jurist, »Doktor der Rechte«, und +<span class='pagenum'><a name="Page_67">[67]</a></span> +ihre geheime Neigung hatte als Mädchen einem Arzt (scherzhaft: +»Doktor der Linke«) gehört. Eine Ehe zur linken Hand hat auch +ihre bestimmte Bedeutung.</p></li> + +<li><p>Eine unverheiratete junge Dame erzählt: „Ich habe gestern +ganz unabsichtlich eine 100 Guldennote in zwei Stücke gerissen und +die Hälfte davon einer mich besuchenden Dame gegeben. Soll das +auch eine Symptomhandlung sein?“ Die genauere Erforschung deckt +folgende Einzelheiten auf: Die Hundertguldennote: Sie widmet einen +Teil ihrer Zeit und ihres Vermögens wohltätigen Werken. Gemeinsam +mit einer anderen Dame sorgt sie für die Erziehung eines verwaisten +Kindes. Die 100 Gulden sind der ihr zugeschickte Beitrag jener +Dame, den sie in ein Couvert einschloss und vorläufig auf ihren +Schreibtisch niederlegte.</p> + +<p>Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer +anderen Wohltätigkeitsaktion beisteht. Diese Dame wollte eine Reihe +von Namen von Personen notieren, an die man sich um Unterstützung +wenden könnte. Es fehlte an Papier, da griff meine Patientin nach +dem Couvert auf ihrem Schreibtisch und riss es, ohne sich an seinen +Inhalt zu besinnen, in zwei Stücke, von denen sie eines selbst behielt, +um ein Duplikat der Namensliste zu haben, das andere ihrer Besucherin +übergab. Man bemerke die Harmlosigkeit dieses unzweckmässigen +Vorgehens. Eine Hundertguldennote erleidet bekanntlich keine Einbusse +an ihrem Werte, wenn sie zerrissen wird, falls sie sich aus den Rissstücken +vollständig zusammensetzen lässt. Dass die Dame das Stück +Papier nicht wegwerfen würde, war durch die Wichtigkeit der darauf +stehenden Namen verbürgt, und ebensowenig litt es einen Zweifel, dass +sie den wertvollen Inhalt zurückstellen würde, sobald sie ihn bemerkt.</p> + +<p>Welchem unbewussten Gedanken sollte aber diese Zufallshandlung, +die sich durch ein Vergessen ermöglichte, Ausdruck geben? Die besuchende +Dame hatte eine ganz bestimmte Beziehung zu unserer Kur. +Es war dieselbe, die mich seinerzeit dem leidenden Mädchen als Arzt +empfohlen, und wenn ich nicht irre, hält sich meine Patientin zum +Dank für diesen Rat verpflichtet. Soll die halbierte Hundertguldennote +etwa ein Honorar für diese Vermittlung darstellen? Das bliebe noch +recht befremdlich.</p> + +<p>Es kommt aber anderes Material hinzu. Einige Tage vorher +hatte eine Vermittlerin ganz anderer Art bei einer Verwandten angefragt, +ob das gnädige Fräulein wohl die Bekanntschaft eines gewissen +Herrn machen wolle, und am Morgen, einige Stunden vor dem Besuche +der Dame, war der Werbebrief des Freiers eingetroffen, der viel Anlass +<span class='pagenum'><a name="Page_68">[68]</a></span> +zur Heiterkeit gegeben hatte. Als nun die Dame das Gespräch +mit einer Erkundigung nach dem Befinden meiner Patientin eröffnete, +konnte sie wohl gedacht haben: „Den richtigen Arzt hast Du mir zwar +empfohlen, wenn Du mir aber zum richtigen Mann (und dahinter: zu +einem Kind) verhelfen könntest, wäre ich Dir doch dankbarer.“ Von +diesem verdrängt gehaltenen Gedanken aus flossen ihr die beiden Vermittlerinnen +in eins zusammen, und sie überreichte der Besucherin das +Honorar, das ihre Phantasie der anderen zu geben bereit war. Völlig +verbindlich wird diese Lösung, wenn ich hinzufüge, dass ich ihr erst +am Abend vorher von solchen Zufalls- oder Symptomhandlungen erzählt +hatte. Sie bediente sich dann der nächsten Gelegenheit, um +etwas Analoges zu produzieren.</p></li></ol> + +<p>Eine Gruppierung der so überaus häufigen Zufalls- und Symptomhandlungen +könnte man vornehmen, je nachdem sie gewohnheitsmässig, +regelmässig unter gewissen Umständen, oder vereinzelt erfolgen. Die +ersteren (wie das Spielen mit der Uhrkette, das Zwirbeln am Bart etc.), +die fast zur Charakteristik der betreffenden Personen dienen können, +streifen an die mannigfaltigen Tikbewegungen und verdienen wohl im +Zusammenhange mit letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten +Gruppe rechne ich das Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, +wenn man einen Bleistift in der Hand hält, das Klimpern mit Münzen +in der Tasche, das Kneten von Teig und anderen plastischen Stoffen, +allerlei Hantierungen an seiner Gewandung u. dgl. mehr. Unter diesen +spielenden Beschäftigungen verbergen sich während der psychischen Behandlung +regelmässig Sinn und Bedeutung, denen ein anderer Ausdruck +versagt ist. Gewöhnlich weiss die betreffende Person nichts davon, +dass sie dergleichen tut, oder dass sie gewisse Modifikationen an ihrem +gewöhnlichen Tändeln vorgenommen hat, und sie übersieht und überhört +auch die Effekte dieser Handlungen. Sie hört z. B. das Geräusch +nicht, das sie beim Klimpern mit Geldstücken hervorbringt, und benimmt +sich wie erstaunt und ungläubig, wenn man sie darauf aufmerksam +macht. Ebenso ist alles, was man, oft ohne es zu merken, +mit seinen Kleidern vornimmt, bedeutungsvoll und der Beachtung des +Arztes wert. Jede Veränderung des gewohnten Aufzuges, jede kleine +Nachlässigkeit, wie etwa ein nicht schliessender Knopf, jede Spur von +Entblössung will etwas besagen, was der Eigentümer der Kleidung +nicht direkt sagen will, meist gar nicht zu sagen weiss. Die Deutungen +dieser kleinen Zufallshandlungen, sowie die Beweise für diese Deutungen +ergeben sich jedesmal mit zureichender Sicherheit aus den Begleitumständen +während der Sitzung, aus dem eben behandelten Thema +<span class='pagenum'><a name="Page_69">[69]</a></span> +und aus den Einfällen, die sich einstellen, wenn man die Aufmerksamkeit +auf die anscheinende Zufälligkeit lenkt. Wegen dieses Zusammenhanges +unterlasse ich es, meine Behauptungen durch Mitteilung von +Beispielen mit Analyse zu unterstützen; ich erwähne diese Dinge aber, +weil ich glaube, dass sie bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung +haben wie bei meinen Patienten.</p> + +<p>Ich kann etwa aus meiner psychotherapeutischen Erfahrung einen +Fall erzählen, in dem die mit einem Klumpen Brotkrume spielende Hand eine +beredte Aussage ablegte. Mein Patient war ein noch nicht 13j., seit fast +zwei Jahren schwer hysterischer Knabe, den ich endlich in psychoanalytische +Behandlung nahm, nachdem ein längerer Aufenthalt in einer +Wasserheilanstalt sich erfolglos erwiesen hatte. Er musste nach meiner +Voraussetzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben und seiner Altersstufe +entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich hütete mich aber, ihm +mit Aufklärungen zur Hilfe zu kommen, weil ich wieder einmal eine Probe +auf meine Voraussetzungen anstellen wollte. Ich durfte also neugierig +sein, auf welchem Wege sich das Gesuchte bei ihm andeuten würde. +Da fiel es mir auf, dass er eines Tages irgend etwas zwischen den +Fingern der rechten Hand rollte, damit in die Tasche fuhr, dort weiter +spielte, es wieder hervorzog etc. Ich fragte nicht, was er in der Hand +habe; er zeigte es mir aber, indem er plötzlich die Hand öffnete. Es +war Brotkrume, die zu einem Klumpen zusammengeknetet war. In +der nächsten Sitzung brachte er wieder einen solchen Klumpen mit, +formte aber aus ihm, während wir das Gespräch führten, mit unglaublicher +Raschheit und bei geschlossenen Augen Figuren, die mein Interesse +erregten. Es waren unzweifelhaft Männchen mit Kopf, zwei Armen, zwei +Beinen, wie die rohesten prähistorischen Idole, und einem Fortsatz zwischen +beiden Beinen, den er in eine lange Spitze auszog. Kaum dass dieser +gefertigt war, knetete er das Männchen wieder zusammen; später liess +er es bestehen, zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rückenfläche +und an anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu +verhüllen. Ich wollte ihm zeigen, dass ich ihn verstanden habe, ihm +aber dabei die Ausflucht benehmen, dass er sich bei dieser Menschen +formenden Tätigkeit nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte ich +ihn plötzlich, ob er sich an die Geschichte jenes römischen Königs erinnere, +der dem Abgesandten seines Sohnes eine pantomimische Antwort +im Garten gegeben. Der Knabe wollte sich nicht an das erinnern, +was er doch vor so viel kürzerer Zeit als ich gelernt haben musste. +Er fragte, ob das die Geschichte von dem Sklaven sei, auf dessen glattrasierten +Schädel man die Antwort geschrieben habe. Nein, das gehört +<span class='pagenum'><a name="Page_70">[70]</a></span> +in die griechische Geschichte, sagte ich und erzählte: Der König +Tarquinius Priscus hatte seinen Sohn Sextus veranlasst, sich in eine +feindliche latinische Stadt einzuschleichen. Der Sohn, der sich unterdes +Anhang in dieser Stadt verschafft hatte, schickte einen Boten an +den König mit der Frage, was nun weiter geschehen solle. Der +König gab keine Antwort, sondern ging in seinen Garten, liess sich +dort die Frage wiederholen und schlug schweigend die grössten und +schönsten Mohnköpfe ab. Dem Boten blieb nichts übrig als dieses +dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand und es sich angelegen +sein liess, die angesehensten Bürger der Stadt durch Mord zu beseitigen.</p> + +<p>Während ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten inne, +und als ich mich anschickte zu erzählen, was der König in seinem +Garten tat, schon bei den Worten »schlug schweigend«, hatte er mit +einer blitzschnellen Bewegung seinem Männchen den Kopf abgerissen. +Er hatte mich also verstanden und gemerkt, dass er von mir verstanden +worden war. Ich konnte ihn nun direkt befragen, gab +ihm die Auskünfte, um die es ihm zu tun war, und wir hatten binnen +kurzem der Neurose ein Ende gemacht.</p> + +<p>Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel mitteilen, +welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuliess, das +die Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche Symptome vollkommen +unauffällig produziert werden können, und an das sich eine +praktisch bedeutsame Bemerkung anknüpfen lässt. Auf einer Sommerreise +traf es sich, dass ich einige Tage an einem gewissen Orte auf +die Ankunft meines Reisegefährten zu warten hatte. Ich machte unterdes +die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der sich gleichfalls einsam +zu fühlen schien und sich bereitwillig mir anschloss. Da wir in demselben +Hôtel wohnten, fügte es sich leicht, dass wir alle Mahlzeiten +gemeinsam einnahmen und Spaziergänge miteinander machten. Am +Nachmittag des dritten Tages teilte er mir plötzlich mit, dass er heute +abends seine mit dem Eilzuge anlangende Frau erwarte. Mein psychologisches +Interesse wurde nun rege, denn es war mir an meinem +Gesellschafter bereits am Vormittag aufgefallen, dass er meinen Vorschlag +zu einer grösseren Partie zurückgewiesen und auf unserem kleinen +Spaziergang einen gewissen Weg als zu steil und gefährlich nicht hatte +begehen wollen. Auf dem Nachmittagsspaziergang behauptete er plötzlich, +ich müsste doch hungrig sein, ich sollte doch ja nicht seinetwegen +die Abendmahlzeit aufschieben, er werde erst nach der Ankunft seiner +Frau mit ihr zu Abend essen. Ich verstand den Wink und setzte +mich an den Tisch, während er auf den Bahnhof ging. Am nächsten +<span class='pagenum'><a name="Page_71">[71]</a></span> +Morgen trafen wir uns in der Vorhalle des Hôtels. Er stellte mir +seine Frau vor und fügte hinzu: Sie werden doch mit uns das Frühstück +nehmen? Ich hatte noch eine kleine Besorgung in der nächsten +Strasse vor und versicherte, ich würde bald nachkommen. Als ich +dann in den Frühstückssaal trat, sah ich, dass das Paar an einem +kleinen Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie +beide sassen. Auf der Gegenseite befand sich nur ein Sessel, aber +über dessen Lehne hing der grosse und schwere Lodenmantel des +Mannes herab, den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den +Sinn dieser gewiss nicht absichtlichen, aber darum um so ausdrucksvolleren +Lagerung. Es hiess: für Dich ist hier kein Platz, Du bist +jetzt überflüssig. Der Mann bemerkte es nicht, dass ich vor dem Tische +stehen blieb, ohne mich zu setzen, wohl aber die Dame, die ihren +Mann sofort anstiess und ihm zuflüsterte: Du hast ja dem Herrn den +Platz verlegt.</p> + +<p>Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Erlebnissen habe ich mir +gesagt, dass die unabsichtlich ausgeführten Handlungen unvermeidlich +zur Quelle von Missverständnissen im menschlichen Verkehr werden +müssen. Der Täter, der von einer mit ihnen verknüpften Absicht +nichts weiss, rechnet sich dieselben nicht an und hält sich nicht verantwortlich +für sie. Der andere hingegen erkennt, indem er regelmässig +auch solche Handlungen seines Partners zu Schlüssen über +dessen Absichten und Gesinnungen verwertet, mehr von den psychischen +Vorgängen des Fremden, als dieser selbst zuzugeben bereit ist und +mitgeteilt zu haben glaubt. Letzterer aber entrüstet sich, wenn ihm +diese aus seinen Symptomhandlungen gezogenen Schlüsse vorgehalten +werden, erklärt sie für grundlos, da ihm das Bewusstsein für die Absicht +bei der Ausführung fehlt, und klagt über Missverständnis von +Seiten des anderen. Genau besehen beruht ein solches Missverständnis +auf einem Zufein- und Zuvielverstehen. Je »nervöser« zwei Menschen +sind, desto eher werden sie einander Anlass zu Entzweiungen bieten, +deren Begründung jeder für seine eigene Person ebenso bestimmt leugnet, +wie er sie für die Person des anderen als gesichert annimmt. Und dies +ist wohl die Strafe für die innere Unaufrichtigkeit, dass die Menschen +unter den Vorwänden des Vergessens, Vergreifens und der Unabsichtlichkeit +Regungen den Ausdruck gestatten, die sie besser sich und +anderen eingestehen würden, wenn sie sie schon nicht beherrschen +können. Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, dass jedermann +fortwährend psychische Analyse an seinen Nebenmenschen betreibt +und diese infolgedessen besser kennen lernt als jeder einzelne +<span class='pagenum'><a name="Page_72">[72]</a></span> +sich selbst. Der Weg zur Befolgung der Mahnung <span lang="el" xml:lang="el" class="greek" title="gnôthi seauton">γνῶθι σεαυτὸν</span> +führt durch das Studium seiner eigenen scheinbar zufälligen Handlungen +und Unterlassungen.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<h2><span class="number">IX.</span><br/> + +Irrtümer.</h2> + + +<p>Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehlerinnern +nur durch den einen Zug unterschieden, dass der Irrtum +(das Fehlerinnern) nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben +findet. Der Gebrauch des Ausdruckes »Irrtum« scheint aber noch an +einer anderen Bedingung zu hängen. Wir sprechen von »Irren« anstatt +von »falsch Erinnern«, wo in dem zu reproduzierenden psychischen +Material der Charakter der objektiven Realität hervorgehoben werden +soll, wo also etwas anderes erinnert werden soll als eine Tatsache +meines eigenen psychischen Lebens, vielmehr etwas, was der Bestätigung +oder Widerlegung durch die Erinnerung anderer zugänglich ist. Den +Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in diesem Sinn bildet die Unwissenheit.</p> + +<p>In meinem Buche <cite>»Die Traumdeutung (1900)«</cite> habe ich mich +einer Reihe von Verfälschungen an geschichtlichem und überhaupt +tatsächlichem Material schuldig gemacht, auf die ich nach dem Erscheinen +des Buches mit Verwunderung aufmerksam geworden bin. +Ich habe bei näherer Prüfung derselben gefunden, dass sie nicht meiner +Unwissenheit entsprungen sind, sondern sich auf Irrtümer des Gedächtnisses +zurückleiten, welche sich durch Analyse aufklären lassen.</p> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Auf <cite>p. 266</cite> bezeichne ich als den Geburtsort <em class="gesperrt">Schillers</em> die +Stadt <em class="gesperrt">Marburg</em>, deren Name in der Steiermark wiederkehrt. Der +Irrtum findet sich in der Analyse eines Traumes während einer Nachtreise, +aus dem ich durch den vom Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen +<em class="gesperrt">Marburg</em> geweckt wurde. Im Trauminhalt wird nach einem +Buch von <cite class="gesperrt">Schiller</cite> gefragt. Nun ist <cite class="gesperrt">Schiller</cite> nicht in der Universitätsstadt +<em class="gesperrt">Marburg</em>, sondern in dem schwäbischen <em class="gesperrt">Marbach</em> geboren. +Ich behaupte auch, dass ich dies immer gewusst habe.</p></li> + +<li><p>Auf <cite>p. 135</cite> wird <em class="gesperrt">Hannibals</em> Vater <em class="gesperrt">Hasdrubal</em> genannt. +Dieser Irrtum war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der Auffassung +solcher Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte der +<em class="gesperrt">Barkiden</em> dürften wenige der Leser des Buches besser Bescheid wissen +<span class='pagenum'><a name="Page_73">[73]</a></span> +als der Verfasser, der diesen Fehler niederschrieb und ihn bei drei +Korrekturen übersah. Der Vater <em class="gesperrt">Hannibals</em> hiess <em class="gesperrt">Hamilkar Barkas</em>, +<em class="gesperrt">Hasdrubal</em> war der Name von <em class="gesperrt">Hannibals</em> Bruder, übrigens +auch der seines Schwagers und Vorgängers im Kommando.</p></li> + +<li><p>Auf <cite>p. 177</cite> und <cite>p. 370</cite> behaupte ich, dass <em class="gesperrt">Zeus</em> seinen Vater +Kronos entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen Greuel habe ich +aber irrtümlich um eine Generation vorgeschoben; die griechische Mythologie +lässt ihn von <em class="gesperrt">Kronos</em> an seinem Vater <em class="gesperrt">Uranos</em> verüben.</p></li></ol> + +<p>Wie ist es nun zu erklären, dass mein Gedächtnis in diesen Punkten +Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich Leser des Buches +überzeugen können, das entlegenste und ungebräuchlichste Material +zur Verfügung stellte? Und ferner, dass ich bei drei sorgfältig durchgeführten +Korrekturen wie mit Blindheit geschlagen an diesen Irrtümern +vorbeiging?</p> + +<p>Man hat von <cite class="gesperrt">Lichtenberg</cite> gesagt, wo er einen Witz gemacht +habe, dort liege ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die +hier angeführten Stellen meines Buches behaupten: wo ein Irrtum vorliegt, +da steckt eine Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: eine Unaufrichtigkeit, +eine Entstellung, die <ins title="schliessslich">schliesslich</ins> auf Verdrängtem fusst. +Ich bin bei der Analyse der dort mitgeteilten Träume durch die blosse +Natur der Themata, auf welche sich die Traumgedanken beziehen, genötigt +gewesen, einerseits die Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung +abzubrechen, andererseits einer indiskreten Einzelheit durch eine leise +Entstellung die Schärfe zu benehmen. Ich konnte nicht anders und +hatte auch keine andere Wahl, wenn ich überhaupt Beispiele und Belege +vorbringen wollte; meine Zwangslage leitete sich mit Notwendigkeit +aus der Eigenschaft der Träume ab, Verdrängtem, d. h. Bewusstseinsunfähigem, +Ausdruck zu geben. Es dürfte trotzdem genug übrig +geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoss genommen haben. +Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch bekannten +fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos durchführen lassen. +Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals wider meinen Willen +den Zugang in das von mir Aufgenommene erkämpft und ist darin +als von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein gekommen. In allen +drei hervorgehobenen Beispielen liegt übrigens das nämliche Thema zu +Grunde; die Irrtümer sind Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die +sich mit meinem verstorbenen Vater beschäftigen.</p> + +<ul class="none"><li><p>ad. a) Wer den auf <cite>p. 266</cite> analysierten Traum durchliest, wird +teils unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten können, dass +ich bei Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik am +<span class='pagenum'><a name="Page_74">[74]</a></span> +Vater enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses Zuges von Gedanken +und Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche Geschichte, in +welcher Bücher eine Rolle spielen und ein Geschäftsfreund des Vaters, +der den Namen <em class="gesperrt">Marburg</em> führt, denselben Namen, durch dessen Anruf +in der gleichnamigen Südbahnstation ich aus dem Schlaf geweckt +wurde. Diesen Herrn <em class="gesperrt">Marburg</em> wollte ich bei der Analyse mir und +den Lesern unterschlagen; er rächte sich dadurch, dass er sich dort +einmengte, wo er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes +<em class="gesperrt">Schillers</em> aus <em class="gesperrt">Marbach</em> in <em class="gesperrt">Marburg</em> veränderte.</p></li> + +<li><p>ad. b) Der Irrtum <em class="gesperrt">Hasdrubal</em> anstatt <em class="gesperrt">Hamilkar</em>, der Name +des Bruders an Stelle des Namens des Vaters, ereignet sich gerade in +einem Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien meiner Gymnasiastenjahre +und von meiner Unzufriedenheit mit dem Benehmen des +Vaters gegen die »Feinde unseres Volkes« handelt. Ich hätte fortsetzen +und erzählen können, wie mein Verhältnis zum Vater durch +einen Besuch in England verändert wurde, der mich die Bekanntschaft +meines dort lebenden Halbbruders aus früherer Ehe des Vaters machen +liess. Mein Bruder hat einen ältesten Sohn, der mir gleichalterig ist; +die Phantasien, wie anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn +des Vaters, sondern des Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden +also kein Hindernis an den Altersrelationen. Diese unterdrückten +Phantasien fälschten nun an der Stelle, wo ich in der Analyse abbrach, +den Text meines Buches, indem sie mich nötigten, den Namen des +Bruders für den des Vaters zu setzen.</p></li> + +<li><p>ad. c) Dem Einfluss der Erinnerung an diesen selben Bruder +schreibe ich es zu, dass ich die mythologischen Greuel der griechischen +Götterwelt um eine Generation vorgeschoben habe. Von den Mahnungen +des Bruders ist mir lange Zeit eine im Gedächtnis geblieben: „Vergiss +nicht, in Bezug auf Lebensführung, eines“, hatte er mir gesagt, „dass +Du nicht der zweiten, sondern eigentlich der dritten Generation vom +Vater aus angehörst.“ Unser Vater hatte sich in späteren Jahren +wieder verheiratet und war um so vieles älter als seine Kinder zweiter +Ehe. Ich begehe den besprochenen Irrtum im Buche gerade, wo ich +von der Pietät zwischen Eltern und Kindern handle.</p></li></ul> + +<p>Es ist auch einige Male vorgekommen, dass Freunde und Patienten, +deren Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traumanalysen +anspielte, mich aufmerksam machten, die Umstände der gemeinsam +erlebten Begebenheit seien von mir ungenau erzählt worden. +Das wären nun wiederum historische Irrtümer. Ich habe die einzelnen +Fälle nach der Richtigstellung nachgeprüft und mich gleichfalls überzeugt, +<span class='pagenum'><a name="Page_75">[75]</a></span> +dass meine Erinnerung des Sachlichen nur dort ungetreu war, +wo ich in der Analyse etwas mit Absicht entstellt oder verhehlt hatte. +Auch hier wieder <em class="gesperrt">ein unbemerkter Irrtum als Ersatz für eine +absichtliche Verschweigung oder Verdrängung</em>.</p> + +<p>Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben +sich scharf andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. So +war es z. B. Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in die <em class="gesperrt">Wachau</em> +den Aufenthalt des Revolutionärs <em class="gesperrt">Fischhof</em> berührt zu haben glaubte. +Die beiden Orte haben nur den Namen gemein; das <em class="gesperrt">Emmersdorf</em> +<em class="gesperrt">Fischhofs</em> liegt in Kärnthen. Ich wusste es aber nicht anders.</p> + +<p>Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern, +für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders +bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht +Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der +ungleich wichtigeren <em class="gesperrt">Urteilsirrtümer</em> der Menschen im Leben und +in der Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten +Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen +äusseren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die +es sonst beim Durchgang durch die psychische Individualität des +Wahrnehmenden erfährt.</p> + + + +<div class="new-h2"></div> +<h2><span class="number">X.</span><br/> + +Determinismus. – Zufalls- und Aberglauben. +– Gesichtspunkte.</h2> + + +<p>Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen +kann man folgende Einsicht hinstellen: <em class="gesperrt">Gewisse Unzulänglichkeiten +unserer psychischen Leistungen</em> – deren gemeinsamer +Charakter sogleich näher bestimmt werden soll – <em class="gesperrt">und gewisse absichtslos +erscheinende Verrichtungen erweisen sich, +wenn man das Verfahren der psychoanalytischen Untersuchung +auf sie anwendet, als wohlmotiviert und durch +dem Bewusstsein unbekannte Motive determiniert</em>.</p> + +<p>Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht +zu werden, muss eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen +genügen:</p> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Sie darf nicht über ein gewisses Mass hinausgehen, welches +von unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck »innerhalb +der Breite des Normalen« bezeichnet wird.</p></li> + +<li><p><span class='pagenum'><a name="Page_76">[76]</a></span>Sie muss den Charakter der momentanen und zeitweiligen +Störung an sich tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher +korrekter ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter +auszuführen. Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden, müssen +wir die Richtigkeit der Korrektur und die Unrichtigkeit unseres eigenen +psychischen Vorganges sofort erkennen.</p></li> + +<li><p>Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen +wir von einer Motivierung derselben nichts in uns verspüren, sondern +müssen versucht sein, sie durch »Unaufmerksamkeit« zu erklären oder +als »Zufälligkeit« hinzustellen.</p> + +<p>Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen +und die Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprechen, Verlesen, +Verschreiben, Vergreifen und die sog. Zufallshandlungen. Die gleiche +Zusammensetzung mit der Vorsilbe <em class="gesperrt">ver</em> deutet für die meisten dieser +Phänomene die innere Gleichartigkeit sprachlich an. An die Aufklärung +dieser so bestimmten psychischen Vorgänge knüpft aber eine +Reihe von Bemerkungen an, die zum Teil ein weitergehendes Interesse +erwecken dürfen.</p> + +<ol class="upper-roman"><li><p>Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als unaufklärbar +durch Zielvorstellungen preisgeben, verkennen wir den Umfang +der Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht hier und +noch auf anderen Gebieten weiter, als wir es vermuten. Ich habe im +Jahre 1900 in einem Aufsatz des Literarhistorikers <cite class="gesperrt">R. M. Meyer</cite> in +der <cite>»Zeit«</cite> ausgeführt und an Beispielen erläutert gefunden, dass es +unmöglich ist, absichtlich und willkürlich einen Unsinn zu komponieren. +Seit längerer Zeit weiss ich, dass man es nicht zustande bringt, sich +eine Zahl nach freiem Belieben einfallen zu lassen, ebensowenig wie +etwa einen Namen. Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, +etwa mehrstellige, wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene +Zahl, so erweist sich deren strenge Determinierung, die man wirklich +nicht für möglich gehalten hätte. Ich will nun zunächst ein Beispiel +eines willkürlich gewählten Vornamens kurz erörtern und dann ein +analoges Beispiel einer »gedankenlos hingeworfenen« Zahl ausführlicher +analysieren.</p> + +<ol class="lower-greek"><li><p>Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen +für die Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen ich +ihr in der Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr gross; gewiss +schliessen sich einige Namen von vorne herein aus, in erster Linie der +echte Name, sodann die Namen meiner eigenen Familienangehörigen, +an denen ich Anstoss nehmen würde, etwa noch andere Frauennamen +<span class='pagenum'><a name="Page_77">[77]</a></span> +von besonders seltsamem Klang; im übrigen aber brauchte ich um +einen solchen Namen nicht verlegen zu sein. Man sollte erwarten und +ich erwarte selbst, dass sich mir eine ganze Schar weiblicher Namen +zur Verfügung stellen wird. Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, +kein zweiter neben ihm, der Name <em class="gesperrt">Dora</em>. Ich frage nach seiner +Determinierung. Wer heisst denn nur sonst Dora? Ungläubig möchte +ich den nächsten Einfall zurückweisen, der lautet, dass das Kindermädchen +meiner Schwester so heisst. Aber ich besitze soviel Selbstzucht +oder Übung im Analysieren, dass ich den Einfall festhalte und +weiterspinne. Da fällt mir auch sofort eine kleine Begebenheit des +vorigen Abends ein, welche die gesuchte Determinierung bringt. Ich +sah auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen Brief +liegen mit der Aufschrift: „An Fräulein Rosa W.“ Erstaunt fragte +ich, wer so heisst, und wurde belehrt, dass die vermeintliche Dora +eigentlich Rosa heisst, und diesen ihren Namen beim Eintritt ins Haus +ablegen musste, weil meine Schwester den Ruf »Rosa« auch auf ihre +eigene Person beziehen kann. Ich sage bedauernd: Die armen Leute, +nicht einmal ihren Namen können sie beibehalten! Wie ich mich jetzt +besinne, wurde ich dann für einen Moment still und begann an allerlei +ernsthafte Dinge zu denken, die ins Unklare verliefen, die ich mir jetzt +aber leicht bewusst machen könnte. Als ich dann am nächsten Tag +nach einem Namen für eine Person suchte, <em class="gesperrt">die ihren eigenen nicht +beibehalten durfte</em>, fiel mir kein anderer als »Dora« ein. Die Ausschliesslichkeit +beruht hier auf fester inhaltlicher Verknüpfung, denn +in der Geschichte meiner Patientin rührte ein auch für den Verlauf +der Kur entscheidender Einfluss von der im fremden Haus dienenden +Person, von einer Gouvernante, her.</p></li> + +<li><p>In einem Briefe an meinen Freund in B. kündige ich ihm +an, dass ich jetzt die Korrekturen der <cite>Traumdeutung</cite> abgeschlossen +habe und nichts mehr an dem Werk ändern will, »möge es auch <b>2467</b> +Fehler enthalten«. Ich versuche sofort, mir diese Zahl aufzuklären +und füge die kleine Analyse noch als Nachschrift dem Briefe an. Am +besten zitiere ich jetzt, wie ich damals geschrieben, als ich mich auf +frischer Tat ertappte:</p></li></ol> + +<p>„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. +Du findest im Brief die Zahl 2467 als übermütige Willkürschätzung +der Fehler, die sich im Traumbuch finden werden. Es soll heissen: +irgend eine grosse Zahl, und da stellt sich diese ein. Nun gibt es +aber nichts Willkürliches, Undeterminiertes im Psychischen. Du wirst +also auch mit Recht erwarten, dass das Unbewusste sich beeilt hat, +<span class='pagenum'><a name="Page_78">[78]</a></span> +die Zahl zu determinieren, die von dem Bewussten freigelassen wurde. +Nun hatte ich gerade vorher in der Zeitung gelesen, dass ein General +E. M. als Feldzeugmeister in den Ruhestand getreten. Du musst +wissen, der Mann interessiert mich. Während ich als militärärztlicher +Eleve diente, kam er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und +sagte zum Arzt: „Sie müssen mich aber in 8 Tagen gesund machen, +denn ich habe etwas zu arbeiten, worauf der Kaiser wartet.“ Damals +nahm ich mir vor, die Laufbahn des Mannes zu verfolgen, und siehe +da, heute (1899) ist er am Ende derselben, Feldzeugmeister und schon +im Ruhestande. Ich wollte ausrechnen, in welcher Zeit er diesen +Weg zurückgelegt, und nahm an, dass ich ihn 1882 im Spital gesehen. +Das wären also 17 Jahre. Ich erzähle meiner Frau davon +und sie bemerkt: „Da müsstest Du also auch schon im Ruhestande +sein?“ Und ich protestiere: Davor bewahre mich Gott. Nach diesem +Gespräch setze ich mich an den Tisch, um Dir zu schreiben. Der +frühere Gedankengang setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es +war falsch gerechnet; ich habe einen festen Punkt dafür in meiner +Erinnerung. Meine Grossjährigkeit, meinen <b>24.</b> Geburtstag also, habe +ich im Militärarrest gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert +hatte). Das war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun +die Zahl <b>24</b> in 2467! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 24 +Jahre hinzu, so bekommst Du die <b>67</b>! D. h. auf die Frage, ob ich +auch in den Ruhestand treten will, habe ich mir im Wunsch noch 24 +Jahre Arbeit zugelegt. Offenbar bin ich gekränkt darüber, dass ich +es in dem Intervall, durch das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht +weit gebracht habe, und doch wie in einer Art von Triumph darüber, +dass er jetzt schon fertig ist, während ich noch Alles vor mir habe. +Da darf man doch mit Recht sagen, dass nicht einmal die absichtslos +hingeworfene Zahl 2467 ihrer Determinierung aus dem Unbewussten +entbehrt.“</p> + +<p>Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar willkürlich +gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch vielmals mit +dem nämlichen Erfolg wiederholt; aber die meisten Fälle sind so sehr +intimen Inhalts, dass sie sich der Mitteilung entziehen. Gerade an +diesen Analysen ist mir zweierlei besonders auffällig: Erstens die +geradezu somnambule Sicherheit, mit der ich auf das mir unbekannte +Ziel losgehe, mich in einen rechnenden Gedankengang versenke, der +dann plötzlich bei der gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, +mit der sich die ganze Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, +dass die Zahlen meinem unbewussten Denken so bereitwillig +<span class='pagenum'><a name="Page_79">[79]</a></span> +zur Verfügung stehen, während ich ein schlechter Rechner bin und +die grössten Schwierigkeiten habe, mir Jahreszahlen, Hausnummern +und dergleichen bewusst zu merken. Ich finde übrigens in diesen unbewussten +Gedankenoperationen mit Zahlen eine Neigung zum Aberglauben, +deren Herkunft mir selbst noch fremd ist. Meist stosse ich +auf Spekulationen über die Lebensdauer meiner selbst und der mir +teuren Personen, und bestimmend auf die unbewussten Spielereien +muss eingewirkt haben, dass mein Freund in B. die Lebenszeiten der +Menschen zum Gegenstand seiner auf biologische Einheiten gegründeten +Rechnungen genommen hat. Ich bin nun mit einer der Voraussetzungen, +von denen er hierbei ausgeht, nicht einverstanden, möchte aus höchst +egoistischen Motiven gerne gegen ihn Recht behalten und scheine nun +diese Rechnungen auf meine Art nachzuahmen.</p></li> + +<li><p>Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich +gewählter Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines anderen +Problems beitragen. Gegen die Annahme eines durchgehenden psychischen +Determinismus berufen sich bekanntlich viele Personen auf +ein besonderes Überzeugungsgefühl für die Existenz eines freien Willens. +Dieses Überzeugungsgefühl besteht und weicht auch dem Glauben an +den Determinismus nicht. Es muss wie alle normalen Gefühle durch +irgend etwas berechtigt sein. Es äussert sich aber, soviel ich beobachten +kann, nicht bei den grossen und wichtigen Willensentscheidungen; bei +diesen Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen +Zwanges und beruft sich auf sie („Hier stehe ich, ich kann nicht +anders“). Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen, indifferenten +Entschliessungen versichern, dass man ebensowohl anders hätte handeln +können, dass man aus freiem, nicht motiviertem Willen gehandelt hat. +Nach unseren Analysen braucht man nun das Recht des Überzeugungsgefühles +vom freien Willen nicht zu bestreiten. Führt man die Unterscheidung +der Motivierung aus dem Bewussten von der Motivierung +aus dem Unbewussten ein, so berichtet uns das Überzeugungsgefühl, dass +die bewusste Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen +erstreckt. <span lang="la" xml:lang="la">Minima non curat praetor.</span> Was aber so von +der einen Seite frei gelassen wird, das empfängt seine Motivierung von +anderer Seite, aus dem Unbewussten, und so ist die Determinierung +im Psychischen doch lückenlos durchgeführt.</p></li> + +<li><p>Wenngleich dem bewussten Denken die Kenntnis von der +Motivierung der besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen Sachlage +abgehen muss, so wäre es doch erwünscht, einen psychologischen Beweis +für deren Existenz aufzufinden; ja es ist aus Gründen, die sich +<span class='pagenum'><a name="Page_80">[80]</a></span> +bei näherer Kenntnis des Unbewussten ergeben, wahrscheinlich, dass +solche Beweise irgendwo auffindbar sind. Es lassen sich wirklich auf +zwei Gebieten Phänomene nachweisen, welche einer unbewussten und +darum verschobenen Kenntnis von dieser Motivierung zu entsprechen +scheinen.</p> + +<ol class="lower-alpha"><li><p>Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im Verhalten +der Paranoiker, dass sie den kleinen, sonst von uns vernachlässigten +Details im Benehmen der anderen die grösste Bedeutung +beilegen, dieselben ausdeuten und zur Grundlage weitgehender Schlüsse +machen. Der letzte Paranoiker z. B., den ich gesehen habe, schloss +auf ein allgemeines Einverständnis in seiner Umgebung, weil die Leute +bei seiner Abreise auf dem Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der +einen Hand gemacht hatten. Ein anderer hat die Art notiert, wie +die Leute auf der Strasse gehen, mit den Spazierstöcken fuchteln u. dgl.<a name="FNanchor_24_24" href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a></p> + +<p>Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, +welche der Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen Leistungen +und Fehlleistungen gelten lässt, verwirft der Paranoiker also in der Anwendung +auf die psychischen Äusserungen der anderen. Alles, was er +an den anderen bemerkt, ist bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie +kommt er nur dazu? Er projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben +der anderen, was im eigenen unbewusst vorhanden ist, hier wie in so +vielen ähnlichen Fällen. In der Paranoia drängt sich eben so vielerlei +zum Bewusstsein durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst +durch die Psychoanalyse als im Unbewussten vorhanden nachweisen.<a name="FNanchor_25_25" href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> +Der Paranoiker hat also hierin in gewissem Sinne Recht, er erkennt +etwas, was dem Normalen entgeht, er sieht schärfer als das normale +Denkvermögen, aber die Verschiebung des so erkannten Sachverhaltes +auf andere macht seine Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der +einzelnen paranoischen Deutungen wird man dann hoffentlich von mir +nicht erwarten. Das Stück Berechtigung aber, welches wir der Paranoia +bei dieser Auffassung der Zufallshandlungen zugestehen, wird uns +das psychologische Verständnis der Überzeugung erleichtern, welche +<span class='pagenum'><a name="Page_81">[81]</a></span> +sich beim Paranoiker an alle diese Deutungen geknüpft hat. <em class="gesperrt">Es +ist eben etwas Wahres daran</em>; auch unsere nicht als krankhaft +zu bezeichnenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen zugehörige +Überzeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies <em class="gesperrt">Gefühl</em> ist für ein +gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die Quelle, +aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns auf den übrigen +Zusammenhang ausgedehnt.</p></li> + +<li><p>Ein anderer Hinweis auf die unbewusste und verschobene +Kenntnis der Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet +sich in den Phänomenen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung +durch die Diskussion des kleinen Erlebnisses klar legen, welches +für mich der Ausgangspunkt dieser Überlegungen war.</p> + +<p>Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken +alsbald auf die Kranken, die mich in dem neu beginnenden Arbeitsjahr +beschäftigen sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr alten +Dame, bei der ich (siehe <a href="#alte-dame">oben</a>) seit Jahren die nämlichen ärztlichen +Manipulationen zweimal täglich vornehme. Wegen dieser +Gleichförmigkeit haben sich unbewusste Gedanken sehr häufig auf +dem Wege zu der Kranken und während der Beschäftigung mit +ihr Ausdruck verschafft. Sie ist über 90 Jahre alt; es liegt also +nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres zu fragen, wie lange sie +wohl noch zu leben hat. An dem Tage, von dem ich erzähle, habe +ich Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor ihr Haus führen +soll. Jeder der Kutscher auf dem Wagenstandplatz vor meinem Hause +kennt die Adresse der alten Frau, denn jeder hat mich schon oftmals +dahin geführt. Heute ereignet es sich nun, dass der Kutscher +nicht vor ihrem Hause, sondern vor dem gleichbezifferten in einer +nahegelegenen und wirklich ähnlich aussehenden Parallelstrasse Halt +macht. Ich merke den Irrtum und werfe ihn dem Kutscher vor, +der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu bedeuten, dass ich +vor ein Haus geführt werde, in dem ich die alte Dame nicht vorfinde? +Für mich gewiss nicht, aber wenn ich <em class="gesperrt">abergläubisch</em> wäre, +würde ich in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen +Fingerzeig des Schicksals, dass dies Jahr das letzte für die alte +Frau sein wird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte +aufbewahrt hat, sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. +<em class="gesperrt">Ich</em> erkläre allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne +weiteren Sinn.</p> + +<p>Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuss gemacht +und dann in »Gedanken«, in der »Zerstreutheit« vor das +<span class='pagenum'><a name="Page_82">[82]</a></span> +Haus der Parallelstrasse anstatt vors richtige gekommen <ins title="wäre">wäre.</ins> Das +würde ich für keinen Zufall erklären, sondern für eine der Deutung +bedürftige Handlung mit unbewusster Absicht. Diesem »<em class="gesperrt">Vergehen</em>« +müsste ich wahrscheinlich die Deutung geben, dass ich die alte +Dame bald nicht mehr anzutreffen erwarte.</p> + +<p>Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in +folgendem:</p> + +<p>Ich glaube nicht, dass ein Ereignis, an dessen Zustandekommen +mein Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes +über die zukünftige Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube +aber, dass eine unbeabsichtigte Äusserung meiner eigenen Seelentätigkeit +mir allerdings etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum +nur meinem Seelenleben angehört; ich glaube zwar an äusseren +(realen) Zufall, aber nicht an innere (psychische) Zufälligkeit. Der +Abergläubische umgekehrt: er weiss nichts von der Motivierung +seiner zufälligen Handlungen und Fehlleistungen, er glaubt, dass es +psychische Zufälligkeiten gibt; dafür ist er geneigt, dem äusseren +Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich im realen Geschehen +äussern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für etwas draussen ihm +Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir und dem +Abergläubischen sind zwei: erstens projiziert er eine Motivierung +nach aussen, die ich innen suche; zweitens deutet er den Zufall +durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurückführe. +Aber das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewussten bei mir, +und der Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern +ihn zu deuten, ist uns beiden gemeinsam.</p> + +<p>Ich nehme nun an, dass diese bewusste Unkenntnis und unbewusste +Kenntnis von der Motivierung der psychischen Zufälligkeiten +eine der psychischen Wurzeln des Aberglaubens ist. <em class="gesperrt">Weil</em> +der Abergläubische von der Motivierung der eigenen zufälligen +Handlungen nichts weiss, und weil die Tatsache dieser Motivierung +nach einem Platz in seiner Anerkennung drängt, ist er genötigt, +sie durch Verschiebung in der Aussenwelt unterzubringen. Besteht +ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf diesen einzelnen +Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, dass ein grosses +Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die +modernsten Religionen hinein reicht, <em class="gesperrt">nichts anderes ist als in +die Aussenwelt projizierte Psychologie</em>. Die dunkle Erkenntnis +psychischer Faktoren und Verhältnisse<a name="FNanchor_26_26" href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> des Unbewussten spiegelt +<span class='pagenum'><a name="Page_83">[83]</a></span> +sich – es ist schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia +muss hier zur Hilfe genommen werden – in der Konstruktion +einer <em class="gesperrt">übersinnlichen Realität</em>, welche von der Wissenschaft in +<em class="gesperrt">Psychologie des Unbewussten</em> zurückverwandelt werden soll. +Man könnte sich getrauen, die Mythen vom Paradies und Sündenfall, +von Gott, vom Guten und Bösen, von der Unsterblichkeit und +dgl. in solcher Weise aufzulösen, die <em class="gesperrt">Metaphysik</em> in <em class="gesperrt">Metapsychologie</em> +umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des Paranoikers +und der des Abergläubischen ist minder gross, als sie auf +den ersten Blick erscheint. Als die Menschen zu denken begannen, +waren sie bekanntlich genötigt, die Aussenwelt anthropomorphisch +in eine Vielheit von Persönlichkeiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; +die Zufälligkeiten, die sie abergläubisch deuteten, waren +also Handlungen, Äusserungen von Personen, und sie haben sich demnach +genau so benommen wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren +Anzeichen, die ihnen die Anderen geben, Schlüsse ziehen, +und wie die Gesunden alle, welche mit Recht die zufälligen und +unbeabsichtigten Handlungen ihrer Nebenmenschen zur Grundlage +der Schätzung ihres Charakters machen. Der Aberglaube erscheint +nur so sehr deplaziert in unserer modernen, naturwissenschaftlichen, +aber noch keineswegs abgerundeten Weltanschauung; in der Weltanschauung +vorwissenschaftlicher Zeiten und Völker war er berechtigt +und konsequent.</p> + +<p>Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn +ihm ein widriger Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; +er handelte konsequent nach seinen Voraussetzungen. Wenn er +aber von der Unternehmung abstand, weil er an der Schwelle seiner +Tür gestolpert war (<span lang="fr" xml:lang="fr">»Un Romain retournerait«</span>), so war er uns Ungläubigen +auch absolut überlegen, ein besserer Seelenkundiger, als +wir uns zu sein bemühen. Denn dies Stolpern konnte ihm die Existenz +eines Zweifels, einer Gegenströmung in seinem Innern beweisen, +deren Kraft sich im Momente der Ausführung von der Kraft seiner +Intention abziehen konnte. Des vollen Erfolges ist man nämlich nur +dann sicher, wenn alle Seelenkräfte einig dem gewünschten Ziel +entgegenstreben. Wie antwortet <cite class="gesperrt">Schillers Tell</cite>, der so lange gezaudert, +den Apfel vom Haupt seines Knaben zu schiessen, auf die +Frage des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt?</p> + +<blockquote><p> +„Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt' ich – Euch,<br /> +Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,<br /> +Und <em class="gesperrt">Euer</em> – wahrlich – hätt' ich <em class="gesperrt">nicht</em> gefehlt.“</p> +</blockquote></li></ol></li> + +<li><p><span class='pagenum'><a name="Page_84">[84]</a></span>Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch gebildeten +Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit Analyse +vorzutragen, beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr schön, aber +bei mir geht das Namenvergessen anders zu. So leicht darf man +es sich offenbar nicht machen; ich glaube nicht, dass mein Kollege +je vorher an eine Analyse bei Namenvergessen gedacht hatte; er konnte +auch nicht sagen, wie es bei ihm anders zugehe. Aber seine Bemerkung +trifft doch ein Problem, welches viele in den Vordergrund +zu stellen geneigt sein werden. Trifft die hier gegebene Auflösung +der Fehl- und Zufallshandlungen allgemein zu oder nur vereinzelt, +und wenn letzteres, welches sind die Bedingungen, unter denen sie zur +Erklärung der auch anderswie ermöglichten Phänomene herangezogen +werden darf? Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich +meine Erfahrungen im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, +den aufgezeigten Zusammenhang für selten zu halten, denn so oft +ich bei mir selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, +hat er sich wie in den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen +lassen oder haben sich wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, +ergeben. Es ist nicht zu verwundern, wenn es nicht alle Male gelingt, +den verborgenen Sinn der Symptomhandlung zu finden, da +die Grösse der inneren Widerstände, die sich der Lösung widersetzen, +als entscheidender Faktor in Betracht kommt. Man ist auch +nicht imstande, bei sich selbst oder bei den Patienten jeden einzelnen +Traum zu deuten; es genügt, um die Allgemeingiltigkeit der Theorie +zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in den verdeckten +Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, der sich beim +Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär zeigt, lässt sich +oft eine Woche oder einen Monat später sein Geheimnis entreissen, +wenn eine unterdes erfolgte reale Veränderung die mit einander +streitenden psychischen Wertigkeiten herabgesetzt hat. Das nämliche +gilt für die Lösung der Fehl- und Symptomhandlungen; das Beispiel +von Verlesen „Im Fass durch Europa“ auf <a href="#Page_32">Seite 32</a> hat mir +die Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie ein anfänglich unlösbares +Symptom der Analyse zugänglich wird, wenn das <em class="gesperrt">reale Interesse</em> +an den verdrängten Gedanken nachgelassen hat. So lange die +Möglichkeit bestand, dass mein Bruder den beneideten Titel vor +mir erhielte, widerstand das genannte Verlesen allen wiederholten +Bemühungen der Analyse; nachdem es sich herausgestellt hatte, +dass diese Bevorzugung unwahrscheinlich sei, klärte sich mir plötzlich +der Weg, der zur Auflösung desselben führte. Es wäre also +<span class='pagenum'><a name="Page_85">[85]</a></span> +unrichtig, von all den Fällen, welche der Analyse widerstehen, zu +behaupten, sie seien durch einen anderen als den hier aufgedeckten +psychischen Mechanismus entstanden; es brauchte für diese Annahme +noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden +wahrscheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere +Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist jeder +Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äusserung derselben +seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt haben, und +die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, gegen dessen +Aufhellung aber sträuben.</p> + +<p>Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, dass die +verdrängten Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in Symptom- +und Fehlhandlungen ja nicht selbständig schaffen. Die technische +Möglichkeit für solches Ausgleiten der Innervationen muss unabhängig +von ihnen gegeben sein; diese wird dann von der Absicht +des Verdrängten, zur bewussten Geltung zu kommen, gerne ausgenützt. +Welche Struktur- und Funktionsrelationen es sind, die sich +solcher Absicht zur Verfügung stellen, das haben für den Fall der +sprachlichen Fehlleistung (vgl. <a href="#Page_17">Seite 17</a>) eingehende Untersuchungen +der Philosophen und Philologen festzustellen sich bemüht. Unterscheiden +wir so an den Bedingungen der Fehl- und Symptomhandlung +das unbewusste Motiv von den ihm entgegenkommenden +physiologischen und psychophysischen Relationen, so bleibt die Frage +offen, ob es innerhalb der Breite der Gesundheit noch andere +Momente gibt, welche, wie das unbewusste Motiv und an Stelle +desselben, auf dem Wege dieser Relationen die Fehl- und Symptomhandlungen +zu erzeugen vermögen. Es liegt nicht auf meinem +Wege, diese Frage zu beantworten.</p></li> + +<li><p>Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir +uns begnügt, zu beweisen, dass die Fehlleistungen eine verborgene +Motivierung haben, und uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse +den Weg zur Kenntnis dieser Motivierung gebahnt. Die allgemeine +Natur und die Besonderheiten der in den Fehlleistungen zum Ausdruck +gebrachten psychischen Faktoren haben wir bisher fast ohne Berücksichtigung +gelassen, jedenfalls noch nicht versucht, dieselben +näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmässigkeit zu prüfen. Wir +werden auch jetzt keine gründliche Erledigung des Gegenstandes +versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald belehrt haben, +dass man in dies Gebiet besser von anderer Seite einzudringen +<span class='pagenum'><a name="Page_86">[86]</a></span> +vermag. Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, die ich +wenigstens anführen und in ihrem Umfang umschreiben will. +1. Welches Inhalts und welcher Herkunft sind die Gedanken +und Regungen, die sich durch die Fehl- und Zufallshandlungen andeuten? +2. Welches sind die Bedingungen dafür, dass ein Gedanke +oder eine Regung genötigt und in den Stand gesetzt werde, +sich dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 3. Lassen +sich konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der +Fehlhandlung und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck Gebrachten +nachweisen?</p> + +<p>Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der +letzten Frage zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele +von Versprechen haben wir es für nötig gefunden, über den Inhalt +der intendierten Rede hinauszugehen, und haben die Ursache der +Redestörung ausserhalb der Intention suchen müssen. Dieselbe lag +dann in einer Reihe von Fällen nahe und war dem Bewusstsein +des Sprechenden bekannt. In den scheinbar einfachsten und durchsichtigsten +Beispielen war es eine gleichberechtigt klingende andere +Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck störte, ohne +dass man hätte angeben können, warum die eine unterlegen, +die andere durchgedrungen war (Kontaminationen von <cite class="gesperrt">Meringer</cite> +und <cite class="gesperrt">Mayer</cite>). In einer zweiten Gruppe von Fällen +war das Unterliegen der einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht, +die sich aber nicht stark genug zur völligen Zurückhaltung +erwies (»zum Vorschwein gekommen«). Auch die zurückgehaltene +Fassung war klar bewusst. Von der dritten Gruppe erst kann man +ohne Einschränkung behaupten, dass hier der störende Gedanke +von dem intendierten verschieden war, und kann hier eine, wie es +scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der störende Gedanke +ist entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziation +verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm +wesensfremd, und durch eine befremdende <em class="gesperrt">äusserliche</em> Assoziation +ist gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der oft +unbewusst ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus meinen +Psychoanalysen bei Patienten gebracht habe, steht die ganze Rede +unter dem Einfluss gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewusster +Gedanken, die sich entweder durch die Störung selbst verraten +(<span class="nowrap"><em class="gesperrt">Klapper</em>schlange</span> – <em class="gesperrt">Kleopatra</em>) oder einen indirekten +Einfluss äussern, indem sie ermöglichen, dass die einzelnen Teile der +bewusst intendierten Rede einander stören (<em class="gesperrt">Ase natmen</em>: wo +<span class='pagenum'><a name="Page_87">[87]</a></span> +<span class="nowrap"><em class="gesperrt">Hasenauer</em>strasse,</span> Reminiszenzen an eine Französin dahinter stehen). +Die zurückgehaltenen oder unbewussten Gedanken, von denen die +Sprechstörung ausgeht, sind von der mannigfaltigsten Herkunft. +Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese Überschau also nach keiner +Richtung.</p> + +<p>Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Verlesen und +Verschreiben führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle +scheinen wie beim Versprechen einer weiter nicht motivierten Verdichtungsarbeit +ihr Entstehen zu danken (z. B.: der <em class="gesperrt">Apfe</em>). Man +möchte aber gern erfahren, ob nicht doch besondere Bedingungen +erfüllt sein müssen, damit eine solche Verdichtung, die in der +Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen Denken fehlerhaft ist, +Platz greife, und bekommt hierüber aus den Beispielen selbst keinen +Aufschluss. Ich würde es aber ablehnen, hieraus den Schluss zu +ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen als etwa den Nachlass +der bewussten Aufmerksamkeit, da ich von anderswoher weiss, dass +sich gerade automatische Verrichtungen durch Korrektheit und Verlässlichkeit +auszeichnen. Ich möchte eher betonen, dass hier, wie +so häufig in der Biologie, die normalen oder dem Normalen angenäherten +Verhältnisse ungünstigere Objekte der Forschung sind als die +pathologischen. Was bei der Erklärung dieser leichtesten Störungen +dunkel bleibt, wird nach meiner Erwartung durch die Aufklärung +schwererer Störungen Licht empfangen.</p> + +<p>Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, +welche eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen +lassen. »Im Fass durch Europa« ist eine Lesestörung, die +sich durch den Einfluss eines entlegenen, wesensfremden Gedankens +aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von Eifersucht und +Ehrgeiz entspringt, und den »Wechsel<ins title="»">«</ins> des Wortes »<em class="gesperrt">Beförderung</em>« +zur Verknüpfung mit dem gleichgiltigen und harmlosen Thema, das +gelesen wurde, benützt. Im Falle <em class="gesperrt">Burckhard</em> ist der Name selbst +ein solcher »Wechsel«.</p> + +<p>Es ist unverkennbar, dass die Störungen der Sprechfunktionen +leichter zustande kommen und weniger Anforderungen an die störenden +Kräfte stellen als die anderer psychischer Leistungen.</p> + +<p>Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens +im eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen Erlebnissen +(das Vergessen von Eigennamen und Fremdworten, wie +in den Abschnitten <a href="#Abschnitt_I">I</a> und <a href="#Abschnitt_II">II</a> könnte man als »Entfallen«, das von +<span class='pagenum'><a name="Page_88">[88]</a></span> +Vorsätzen als »Unterlassen« von diesem Vergessen <span lang="la" xml:lang="la">sensu strictiori</span> +absondern). Die Grundbedingungen des normalen Vorgangs beim +Vergessen sind unbekannt. Man wird auch daran gemahnt, dass +nicht alles vergessen ist, was man dafür hält. Unsere Erklärung +hat es hier nur mit jenen Fällen zu tun, in denen das Vergessen +bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt, +dass Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt +wird. Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach +einer besonderen Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als Motiv +des Vergessens jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche +Empfindungen erwecken kann. Wir gelangen zur Vermutung, dass +dieses Motiv im psychischen Leben sich ganz allgemein zu äussern +strebt, aber durch andere gegenwirkende Kräfte verhindert wird, +sich irgendwie regelmässig durchzusetzen. Umfang und Bedeutung +dieser Erinnerungsunlust gegen peinliche Eindrücke scheinen der +sorgfältigsten psychologischen Prüfung wert zu sein; auch die Frage, +welche besonderen Bedingungen das allgemein angestrebte Vergessen +in einzelnen Fällen ermöglichen, ist aus diesem weiteren Zusammenhange +nicht zu lösen.</p> + +<p>Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in +den Vordergrund; der beim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden +nur vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei +der Analyse der Beispiele regelmässig einen Gegenwillen, der sich +dem Vorsatze widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher besprochenen +Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen des +psychischen Vorgangs; der Gegenwille kehrt sich entweder direkt +gegen den Vorsatz (bei Absichten von einigem Belang), oder er ist +dem Vorsatz selbst wesensfremd und stellt seine Verbindung mit +ihm durch eine <em class="gesperrt">äusserliche</em> Assoziation her (bei fast indifferenten +Vorsätzen).</p> + +<p>Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. +Der Impuls, der sich in der Störung der Handlung äussert, ist +häufig ein Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, +der nur die Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der +Handlung durch eine Störung derselben zum Ausdruck zu bringen. +Die Fälle, in denen die Störung durch einen inneren Widerspruch +erfolgt, sind die bedeutsameren und betreffen auch die wichtigeren +Verrichtungen.</p> + +<p>Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptomhandlungen +immer mehr zurück. Diese vom Bewusstsein gering +<span class='pagenum'><a name="Page_89">[89]</a></span> +geschätzten oder ganz übersehenen motorischen Aeusserungen dienen +so mannigfachen unbewussten oder zurückgehaltenen Regungen +zum Ausdruck; sie stellen meist Phantasien oder Wünsche symbolisch +dar. –</p> + +<p>Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen +seien, die sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck +bringen, lässt sich sagen, dass in einer Reihe von Fällen die +Herkunft der störenden Gedanken von unterdrückten Regungen +des Seelenlebens leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifersüchtige, +feindselige Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen +Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden nicht selten des +Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene, aber von +höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie zu +äussern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen +entspricht zum guten Teil einer bequemen Duldung des Unmoralischen. +Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die mannigfachen sexuellen +Strömungen keine geringfügige Rolle. Es ist ein Zufall des +Materials, wenn gerade sie so selten unter den durch die Analyse +aufgedeckten Gedanken in meinen Beispielen erscheinen. Da ich +vorwiegend Beispiele aus meinem eigenen Seelenleben der Analyse +unterzogen habe, so war die Auswahl von vornherein parteiisch und +auf den Ausschluss des Sexuellen gerichtet. Andere Male scheinen es +höchst harmlose Einwendungen und Rücksichten zu sein, aus denen +die störenden Gedanken entspringen.</p> + +<p>Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, +welche psychologischen Bedingungen dafür gelten, dass ein Gedanke +seinen Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam parasitärer +als Modifikation und Störung eines anderen suchen müsse. +Es liegt nach den auffälligsten Beispielen von Fehlhandlung nahe, +diese Bedingung in einer Beziehung zur Bewusstseinsfähigkeit zu +suchen, in dem mehr oder minder entschieden ausgeprägten Charakter +des »Verdrängten«. Aber die Verfolgung durch die Reihe +der Beispiele löst diesen Charakter in immer mehr verschwommene +Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas als zeitraubend hinwegzukommen, +– die Erwägung, dass der betreffende Gedanke +nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört, – scheinen als +Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens, der dann auf +den Ausdruck durch Störung eines anderen angewiesen ist, dieselbe +Rolle zu spielen wie die moralische Verurteilung einer unbotmässigen +Gefühlsregung oder die Abkunft von völlig unbewussten Gedankenzügen. +<span class='pagenum'><a name="Page_90">[90]</a></span> +Eine Einsicht in die allgemeine Natur der Bedingtheit +von Fehl- und Zufallsleistungen lässt sich auf diese Weise +nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache wird man +bei diesen Untersuchungen habhaft; je harmloser die Motivierung +der Fehlleistung ist, je weniger anstössig und darum weniger bewusstseinsunfähig +der Gedanke ist, der sich in ihr zum Ausdruck +bringt, desto leichter wird auch die Auflösung des Phänomens, wenn +man ihm seine Aufmerksamkeit zugewendet hat; die leichtesten +Fälle des Versprechens werden sofort bemerkt und spontan korrigiert. +Wo es sich um Motivierung durch wirklich verdrängte Regungen +handelt, da bedarf es zur Lösung einer sorgfältigen Analyse, +die selbst zeitweise auf Schwierigkeiten stossen oder misslingen +kann.</p> + +<p>Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Untersuchung +als einen Hinweis darauf zu nehmen, dass die befriedigende +Aufklärung für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und +Zufallshandlungen auf einem anderen Wege und von anderer Seite +her zu gewinnen ist. Der nachsichtige Leser möge daher in diesen +Auseinandersetzungen den Nachweis der Bruchflächen sehen, an +denen dieses Thema ziemlich künstlich aus einem grösseren Zusammenhange +herausgelöst wurde.</p></li> + +<li><p>Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach +diesem weiteren Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus der +Fehl- und Zufallshandlungen, wie wir ihn durch die Anwendung +der Analyse kennen gelernt haben, zeigt in den wesentlichsten +Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus der Traumbildung, +den ich in dem Abschnitt <cite>»Traumarbeit«</cite> meines Buches +über die <cite>Traumdeutung</cite> auseinandergesetzt habe. Die Verdichtungen +und Kompromissbildungen (Kontaminationen) findet man hier wie +dort; die Situation ist die nämliche, dass unbewusste Gedanken sich +auf ungewöhnlichen Wegen, über äusserliche Assoziationen, als Modifikation +von anderen Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Ungereimtheiten, +Absurditäten und Irrtümer des Trauminhaltes, denen +zufolge der Traum kaum als Produkt psychischer Leistung anerkannt +wird, entstehen auf dieselbe Weise, freilich mit freierer Benützung +der vorhandenen Mittel, wie die gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; +<em class="gesperrt">hier wie dort löst sich der Anschein inkorrekter +Funktion durch die eigentümliche Interferenz zweier oder +mehrerer korrekter Leistungen</em>. Aus diesem Zusammentreffen +<span class='pagenum'><a name="Page_91">[91]</a></span> +ist ein wichtiger Schluss zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise, +deren auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf nicht +auf den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, wenn +wir in den Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für ihre Wirksamkeit +während des wachen Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang +verbietet uns auch, tiefgreifenden Zerfall der Seelentätigkeit, krankhafte +Zustände der Funktion als die Bedingung dieser uns abnorm +und fremdartig erscheinenden psychischen Vorgänge anzusehen<a name="FNanchor_27_27" href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>.</p> + +<p>Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, +welche die Fehlhandlungen wie die Traumbilder entstehen lässt, +wird uns erst ermöglicht, wenn wir erfahren haben, dass die psychoneurotischen +Symptome, speziell die psychischen Bildungen der +Hysterie und der Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus alle wesentlichen +Züge dieser Arbeitsweise wiederholen. An dieser Stelle schlösse +sich also die Fortsetzung unserer Untersuchungen an. Für uns hat +es aber noch ein besonderes Interesse, die Fehl-, Zufalls- und +Symptomhandlungen in dem Lichte dieser letzten Analogie zu betrachten. +Wenn wir sie den Leistungen der Psychoneurosen, den +neurotischen Symptomen, gleichstellen, gewinnen zwei oft wiederkehrende +Behauptungen, dass die Grenze zwischen nervöser Norm +und Abnormität eine fliessende, und dass wir alle ein wenig nervös +seien, Sinn und Unterlage. Man kann sich vor aller ärztlicher Erfahrung +verschiedene Typen von solcher bloss angedeuteten Nervosität +– von <span lang="fr" xml:lang="fr">formes frustes</span> der Neurosen – konstruieren: Fälle, in denen +nur wenige Symptome, oder diese selten oder nicht heftig auftreten, +die Abschwächung also in die Zahl, in die Intensität, in die zeitliche +Ausbreitung der krankhaften Erscheinungen verlegen; vielleicht +würde man aber gerade den Typus nicht erraten, welcher als der +häufigste den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit zu vermitteln +scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen Krankheitsäusserungen +die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet sich +nämlich dadurch aus, dass die Symptome in die mindest wichtigen +psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren +psychischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich +geht. Die gegenteilige Unterbringung der Symptome, ihr Hervortreten +an den wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, so dass +sie Nahrungsaufnahme und Sexualverkehr, Berufsarbeit und Geselligkeit +<span class='pagenum'><a name="Page_92">[92]</a></span> +zu stören vermögen, kommt den schweren Fällen von Neurose +zu und charakterisiert diese besser als etwa die Mannigfaltigkeit +oder die Lebhaftigkeit der Krankheitsäusserungen.</p> + +<p>Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwersten +Fälle, an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil haben, +liegt in der <em class="gesperrt">Rückführbarkeit der Phänomene auf unvollkommen +unterdrücktes psychisches Material, das vom Bewusstsein +abgedrängt, doch nicht jeder Fähigkeit, sich zu +äussern, beraubt worden ist</em>.</p></li></ol></li></ol> + +<div class="footnotes"><h2 style="margin: 0;">Fußnoten</h2> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Ob die Häufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklären kann, +ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass Vornamen, die doch +nicht die beschränkte Zugehörigkeit der Eigennamen teilen, dem Vergessen +ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines Tages kam ein junger Mann in +meine Ordination, jüngerer Bruder einer Patientin, den ich ungezählte Male gesehen +hatte, und dessen Person ich mit dem Vornamen zu bezeichnen gewohnt +war. Als ich dann von seinem Besuch erzählen wollte, hatte ich seinen, wie +ich wusste, keineswegs ungewöhnlichen Vornamen vergessen und konnte ihn +durch keine Hilfe zurückrufen. Ich ging dann auf die Strasse, um Firmenschilder +zu lesen, und erkannte den Namen, sowie er mir das erste Mal entgegentrat. +Die Analyse belehrte mich darüber, dass ich zwischen dem Besucher +und meinem eigenen Bruder eine Parallele gezogen hatte, die in der verdrängten +Frage gipfeln wollte: Hätte sich mein Bruder im gleichen Falle ähnlich gegen +eine kranke Schwester benommen? Die äusserliche Verbindung zwischen den +Gedanken über die fremde und über die eigene Familie war durch den Zufall +ermöglicht worden, dass die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen: +Amalia tragen. Ich verstand dann auch nachträglich die Ersatznamen: Daniel +und Franz, die sich mir aufgedrängt hatten, ohne mich aufzuklären. Es sind +dies, wie auch Amalia, Namen aus den <cite>Räubern</cite> von <cite class="gesperrt">Schiller</cite>, an welche sich +ein Scherz des Wiener Spaziergängers <em class="gesperrt">Daniel Spitzer</em> knüpft. – Ein unterdrückter +Gedanke über die eigene Person oder die eigene Familie wird häufig +zum Motiv des Namenvergessens, als ob man beständig Vergleiche zwischen +sich selbst und den Fremden anstellte. Das seltsamste Beispiel dieser Art hat +mir als eigenes Erlebnis ein Herr <em class="gesperrt">Lederer</em> berichtet. Er traf auf seiner +Hochzeitsreise in Venedig mit einem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, +den er seiner jungen Frau vorstellen musste. Da er aber den Namen des +Fremden vergessen hatte, half er sich das erste Mal mit einem unverständlichen +Gemurmel. Als er dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweites +Mal begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch aus der Verlegenheit +zu helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider vergessen habe. Die Antwort +des Fremden zeugte von überlegener Menschenkenntnis: Ich glaube es gerne, +dass Sie sich meinen Namen nicht gemerkt haben. Ich heisse wie Sie: <em class="gesperrt">Lederer</em>! +– Man kann sich einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn +man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie +unlängst recht deutlich, als sich mir in der ärztlichen Sprechstunde ein Herr +<em class="gesperrt">S. Freud</em> vorstellte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Dies ist der allgemeine Weg, um Vorstellungselemente, die sich verbergen, +dem Bewusstsein zuzuführen. Vgl. meine <cite>„Traumdeutung“, p. 69</cite>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Feinere Beobachtung schränkt den Gegensatz zwischen der Analyse: +<em class="gesperrt">Signorelli</em> und der: <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">aliquis</em> betreffs der Ersatzerinnerungen um Einiges ein. +Auch hier scheint nämlich das Vergessen von einer Ersatzbildung begleitet zu +sein. Als ich an meinen Partner nachträglich die Frage stellte, ob ihm bei +seinen Bemühungen, das fehlende Wort zu erinnern, nicht irgend etwas zum +Ersatz eingefallen sei, berichtete er, dass er zunächst die Versuchung verspürt +habe, ein <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">ab</em> in den Vers zu bringen: <span lang="la" xml:lang="la">nostris ab ossibus</span> (vielleicht das unverknüpfte +Stück von <span lang="la" xml:lang="la">a-liquis</span>) und dann, dass sich ihm das <em class="gesperrt" lang="la" xml:lang="la">Exoriare</em> besonders +deutlich und hartnäckig aufgedrängt habe. Als Skeptiker setzte er hinzu, offenbar +weil es das erste Wort des Verses war. Als ich ihn bat, doch auf die +Assoziationen von Exoriare aus zu achten, gab er mir Exorzismus an. Ich +kann mir also sehr wohl denken, dass die Verstärkung von Exoriare in der +Reproduktion eigentlich den Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Dieselbe +wäre über die Assoziation: <em class="gesperrt">Exorzismus</em> von den Namen der <em class="gesperrt">Heiligen</em> her +erfolgt. Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht. – +Es erscheint nun aber wohl möglich, dass das Auftreten irgend einer Art von +Ersatzerinnerung ein konstantes, vielleicht auch nur ein charakteristisches und +verräterisches Zeichen des tendenziösen, durch Verdrängung motivierten Vergessens +ist. Diese Ersatzbildung bestände auch dort, wo das Auftauchen unrichtiger +Ersatzbildungen ausbleibt, in der Verstärkung eines Elementes, welches +dem vergessenen benachbart ist. Im Beispiele: Signorelli war z. B., solange +mir der Name des Malers unzugänglich blieb, die visuelle Erinnerung an den +Zyklus von Fresken und an sein in der Ecke eines Bildes angebrachtes Selbstportrait +<em class="gesperrt">überdeutlich</em>, jedenfalls weit intensiver als visuelle Erinnerungsspuren +sonst bei mir auftreten. In einem anderen Falle, der gleichfalls in der Abhandlung +von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich von der Adresse eines mir unbequemen +Besuches in einer fremden Stadt den Strassennamen hoffnungslos vergessen, +die Hausnummer aber wie zum Spott – überdeutlich gemerkt, während +sonst das Erinnern von Zahlen mir die grösste Schwierigkeit bereitet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwischen +den beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller Überzeugung +einstehen. Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten Gedanken über das +Thema von Tod und Sexualleben stösst man doch auf eine Idee, die sich mit +dem Thema des Cyclus von Orvieto nahe berührt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Von <em class="gesperrt">mir</em> hervorgehoben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> <cite>Die Traumdeutung. Leipzig und Wien, 1900.</cite></p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Von <em class="gesperrt">mir</em> hervorgehoben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> Sie stand nämlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluss von unbewussten +Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhütung. Mit den Worten: „zusammengeklappt +wie ein Taschenmesser“, welche sie bewusst als Klage vorbrachte, +wollte sie die Haltung des Kindes im Mutterleibe beschreiben. Das +Wort „Ernst“ in meiner Anrede hatte sie an den Namen (S. Ernst) der bekannten +Wiener Firma in der <ins title="Kärthnerstrasse">Kärnthnerstrasse</ins> gemahnt, welche sich als Verkaufsstätte +von Schutzmitteln gegen die Konzeption zu annoncieren pflegt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Bei einer meiner Patientinnen setzte sich das Versprechen als Symptom +so lange fort, bis es auf den Kinderstreich, das Wort <em class="gesperrt">ruinieren</em> durch +<em class="gesperrt">urinieren</em> zu ersetzen, zurückgeführt war.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Durch solches Versprechen brandmarkt z. B. <cite class="gesperrt">Anzengruber</cite> im +<cite>„G'wissenswurm“</cite> den heuchlerischen Erbschleicher.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> Vgl. etwa die Stelle im <cite><span class="gesperrt">Julius Caesar</span> III. 3</cite>: +</p> +<blockquote><p><span class="gesperrt">Cinna.</span> Ehrlich, mein Name ist Cinna. +</p><p> +<span class="gesperrt">Bürger.</span> Reisst ihn in Stücke! er ist ein Verschworener. +</p><p> +<span class="gesperrt">Cinna.</span> Ich bin Cinna der Poet! Ich bin nicht Cinna der Verschworene. +</p><p> +<span class="gesperrt">Bürger.</span> Es tut nichts; sein Name ist Cinna, reisst ihm den Namen aus +dem Herzen und lasst ihn laufen.</p></blockquote> +</div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung, <cite>„Über +den Traum“</cite>, No. VIII der <cite>„Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens“</cite>, herausgegeben +von <cite class="gesperrt">Löwenfeld</cite> und <cite class="gesperrt">Kurella</cite> 1901, zum Paradigma genommen habe.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> Gewöhnlich pflegen dann im Laufe der Besprechung die Einzelheiten +des damaligen ersten Besuches bewusst aufzutauchen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> Für vielerlei Zufälligkeiten, die man seit <cite class="gesperrt">Th. Vischer</cite> der „Tücke des +Objekts“ zuschreibt, möchte ich ähnliche Erklärungen vorschlagen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> In den Tagen, während ich mit der Niederschrift dieser Seiten beschäftigt +war, ist mir folgender, fast unglaublicher Fall von Vergessen widerfahren. +Ich revidiere am 1. Januar mein ärztliches Buch, um meine Honorarrechnungen +aussenden zu können, stosse dabei im Juni auf den Namen M….l +und kann mich an eine zu ihm gehörige Person nicht erinnern. Mein Befremden +wächst, indem ich beim Weiterblättern bemerke, dass ich den Fall in einem +Sanatorium behandelt, und dass ich ihn durch Wochen täglich besucht habe. +Einen Kranken, mit dem man sich unter solchen Bedingungen beschäftigt, vergisst +man als Arzt nicht nach kaum sechs Monaten. Sollte es ein Mann, ein +Paralytiker, ein Fall ohne Interesse gewesen sein, frage ich mich? Endlich bei +dem Vermerk über das empfangene Honorar kommt mir all die Kenntnis wieder, +die sich der Erinnerung entziehen wollte. M….l war ein 14jähriges Mädchen +gewesen, der merkwürdigste Fall meiner letzten Jahre, welcher mir eine Lehre +hinterlassen, an die ich kaum je vergessen werde, und dessen Ausgang mir die +peinlichsten Stunden bereitet hat. Das Kind erkrankte an unzweideutiger +Hysterie, die sich auch unter meinen Händen rasch und gründlich besserte. +Nach dieser Besserung wurde mir das Kind von den Eltern entzogen; es klagte +noch über abdominale Schmerzen, denen die Hauptrolle im Symptombild der +Hysterie zugefallen war. Zwei Monate später war es an Sarkom der Unterleibsdrüsen +gestorben. Die Hysterie, zu der das Kind nebstbei prädisponiert war, +hatte die Tumorbildung zur provozierenden Ursache genommen, und ich hatte, +von den lärmenden aber harmlosen Erscheinungen der Hysterie gefesselt, vielleicht +die ersten Anzeichen der schleichenden unheilvollen Erkrankung übersehen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> Vgl. <cite><span class="gesperrt">Hans Gross</span>, Kriminalpsychologie 1898</cite>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> Vgl. <cite><span class="gesperrt">Bernheim</span>, Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und +Psychotherapie, 1892</cite>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> Frauen sind mit ihrem feinen Verständnis für unbewusste seelische +Vorgänge in der Regel eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn man +sie auf der Strasse nicht erkennt, also nicht grüsst, als an die nächstliegenden Erklärungen +zu denken, dass der Säumige kurzsichtig sei oder in Gedanken versunken +sie nicht bemerkt habe. Sie schliessen, man hätte sie schon bemerkt, wenn +man sich „etwas aus ihnen machen würde“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> Der Einheit des Themas zuliebe darf ich hier die gewählte Einteilung +durchbrechen und dem oben Gesagten anschliessen, dass in bezug auf Geldsachen +das Gedächtnis der Menschen eine besondere Parteilichkeit zeigt. Erinnerungstäuschungen, +etwas bereits bezahlt zu haben, sind, wie ich von mir selbst weiss, +oft sehr hartnäckig. Wo der gewinnsüchtigen Absicht abseits von den grossen +Interessen der Lebensführung, und daher eigentlich zum Scherz, freier Lauf gelassen +wird wie beim Kartenspiel, neigen die ehrlichsten Männer zu Irrtümern, +Erinnerungs- und Rechenfehlern und finden sich selbst, ohne recht zu wissen wie, +in kleine Betrügereien verwickelt. Auf solchen Freiheiten beruht nicht zum +mindesten der psychisch erfrischende Charakter des Spiels. Das Sprichwort, +dass man beim Spiel den Charakter des Menschen erkennt, ist zuzugeben, wenn +man hinzufügen will: den unterdrückten Charakter. – Wenn es unabsichtliche +Rechenfehler bei Zahlkellnern noch gibt, so unterliegen sie offenbar derselben +Beurteilung. – Im Kaufmannsstande kann man häufig eine gewisse Zögerung in +der Verausgabung von Geldsummen, bei der Bezahlung von Rechnungen und dgl. +beobachten, die dem Eigner keinen Gewinn bringt, sondern nur psychologisch zu +verstehen ist als eine Äusserung des Gegenwillens, Geld von sich zu <ins title="tun">tun.</ins> – +Mit den intimsten und am wenigsten klar gewordenen Regungen hängt es zusammen, +wenn gerade Frauen eine besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. +Sie haben gewöhnlich ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordination +nicht zahlen, vergessen dann regelmässig, das Honorar vom Hause aus zu schicken, +und setzen es so durch, dass man sie umsonst – „um ihrer schönen Augen +willen“ – behandelt hat. Sie zahlen gleichsam mit ihrem Anblick.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Des <em class="gesperrt">Oedipus-Traumes</em>, wie ich ihn zu nennen pflege, weil er den +Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Oedipus enthält. Im Text des +Sophokles ist die Beziehung auf einen solchen Traum der Jokaste in den Mund +gelegt. (Vgl. <cite>„Traumdeutung“, p. 182</cite>.)</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Die Selbstbeschädigung, die nicht voll auf Selbstvernichtung hinzielt, +hat in unserem gegenwärtigen Kulturzustand überhaupt keine andere Wahl, als +sich hinter der Zufälligkeit zu verbergen, oder sich durch Simulation einer +spontanen Erkrankung durchzusetzen. Früher einmal war sie ein gebräuchliches +Zeichen der Trauer; zu anderen Zeiten konnte sie Ideen der Frömmigkeit und +Weltentsagung Ausdruck geben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" href="#FNanchor_22_22" class="label">[22]</a> Der Fall ist dann schliesslich kein anderer als der des sexuellen Attentats +auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch die volle Muskelkraft +des Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein Teil der unbewussten +Regungen der Angegriffenen fördernd <ins title="entgegend">entgegen</ins> kommt. Man sagt ja wohl, +eine solche Situation <em class="gesperrt">lähme</em> die Kräfte der Frau; man braucht dann nur noch +die Gründe für diese Schwächung hinzufügen. Insofern ist der geistreiche +Richterspruch des <em class="gesperrt">Sancho Pansa</em>, den er als Gouverneur auf seiner Insel +fällt, psychologisch ungerecht. (<cite>Don Quijote II. T. Kap. XLV.</cite>) Eine Frau +zerrt einen Mann vor den Richter, der sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre beraubt +hat. <em class="gesperrt">Sancho</em> entschädigt sie durch die volle Geldbörse, die er dem Angeklagten +abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange der Frau die Erlaubnis, +ihr nachzueilen und ihr die Börse wieder zu entreissen. Sie kommen beide +ringend wieder, und die Frau berühmt sich, dass der Bösewicht nicht imstande +gewesen sei, sich der Börse zu bemächtigen. Darauf <em class="gesperrt">Sancho</em>: Hättest Du +Deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt wie diese Börse, so hätte sie Dir der +Mann nicht rauben können.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23_23" href="#FNanchor_23_23" class="label">[23]</a> Dass die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie der bewussten +Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten Weg scheut, +ist einleuchtend. Vgl. im <cite class="gesperrt">„Wallenstein“</cite> die Worte des schwedischen Hauptmanns +über den Tod des Max Piccolomini: „Man sagt, er wollte sterben“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24_24" href="#FNanchor_24_24" class="label">[24]</a> Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beurteilung +unwesentlicher und zufälliger Äusserungen bei anderen zum „Beziehungswahn“ +gerechnet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25_25" href="#FNanchor_25_25" class="label">[25]</a> Die durch Analyse bewusst zu machenden Phantasieen der Hysteriker +von sexuellen und grausamen Misshandlungen decken sich z. B. gelegentlich bis +ins Einzelne mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es ist bemerkenswert, aber +nicht unverständlich, wenn der identische Inhalt uns auch als Realität in den +Veranstaltungen Perverser zur Befriedigung ihrer Gelüste entgegentritt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26_26" href="#FNanchor_26_26" class="label">[26]</a> Die natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27_27" href="#FNanchor_27_27" class="label">[27]</a> Vgl. hierzu <cite>„Traumdeutung“ p. 362</cite>.</p></div> + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Zur Psychopathologie des Alltagslebens, by +Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR PSYCHOPATHOLOGIE *** + +***** This file should be named 24429-h.htm or 24429-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/4/2/24429/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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