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+Project Gutenberg's Zur Psychopathologie des Alltagslebens, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Zur Psychopathologie des Alltagslebens
+ Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: January 26, 2008 [EBook #24429]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR PSYCHOPATHOLOGIE ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der
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+ ]
+
+
+
+
+ Zur
+
+ Psychopathologie des Alltagslebens
+
+ (Über Vergessen, Versprechen,
+ Vergreifen, Aberglaube und Irrtum)
+
+
+ Von
+
+ Prof. Dr. Sigm. Freud
+
+ in Wien
+
+
+ Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
+ Dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll.
+
+ Faust, II. T., V. Akt.
+
+
+
+
+ BERLIN 1904
+
+ VERLAG VON S. KARGER
+
+ KARLSTRASSE 15
+
+
+
+
+ DURCHGESEHENER ABDRUCK AUS DER MONATSSCHRIFT FÜR
+ PSYCHIATRIE UND NEUROLOGIE BD. X.
+
+ ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
+
+
+ Druck von _H. Klöppel_, Quedlinburg.
+
+
+
+
+I.
+
+Vergessen von Eigennamen.
+
+
+Im Jahrgange 1898 der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie habe
+ich unter dem Titel »Zum psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit«
+einen kleinen Aufsatz veröffentlicht, dessen Inhalt ich hier wiederholen
+und zum Ausgang für weitere Erörterungen nehmen werde. Ich habe dort den
+häufigen Fall des zeitweiligen Vergessens von Eigennamen an einem
+prägnanten Beispiel aus meiner Selbstbeobachtung der psychologischen
+Analyse unterzogen und bin zum Ergebnis gelangt, dass dieser gewöhnliche
+und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall von Versagen einer
+psychischen Funktion -- des Erinnerns -- eine Aufklärung zulässt, welche
+weit über die gebräuchliche Verwertung des Phänomens hinausführt.
+
+Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem man die Erklärung
+forderte, wie es zugehe, dass einem so oft ein Name nicht einfällt, den
+man doch zu kennen glaubt, sich begnügen, zu antworten, dass Eigennamen
+dem Vergessen leichter unterliegen als andersartiger Gedächtnisinhalt.
+Er würde die plausibeln Gründe für solche Bevorzugung der Eigennamen
+anführen, eine anderweitige Bedingtheit des Vorganges aber nicht
+vermuten.
+
+Für mich wurde zum Anlass einer eingehenderen Beschäftigung mit dem
+Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beobachtung gewisser
+Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen Fällen, aber in einzelnen
+deutlich genug erkennen lassen. In solchen Fällen wird nämlich nicht nur
+_vergessen_, sondern auch _falsch erinnert_. Dem sich um den entfallenen
+Namen Bemühenden kommen andere -- _Ersatznamen_ -- zum Bewusstsein, die
+zwar sofort als unrichtig erkannt werden, sich aber doch mit grosser
+Zähigkeit immer wieder aufdrängen. Der Vorgang, der zur Reproduktion des
+gesuchten Namens führen soll, hat sich gleichsam _verschoben_ und so zu
+einem unrichtigen Ersatz geführt. Meine Voraussetzung ist nun, dass
+diese Verschiebung nicht psychischer Willkür überlassen ist, sondern
+gesetzmässige und berechenbare Bahnen einhält. Mit anderen Worten, ich
+vermute, dass der oder die Ersatznamen in einem aufspürbaren
+Zusammenhang mit dem gesuchten Namen stehen, und hoffe, wenn es mir
+gelingt, diesen Zusammenhang nachzuweisen, dann auch Licht über den
+Hergang des Namenvergessens zu verbreiten.
+
+In dem 1898 von mir zur Analyse gewählten Beispiele war es der Name des
+Meisters, welcher im Dom von _Orvieto_ die grossartigen Fresken von den
+»letzten Dingen« geschaffen, den zu erinnern ich mich vergebens bemühte.
+Anstatt des gesuchten Namens -- _Signorelli_ -- drängten sich mir zwei
+andere Namen von Malern auf -- _Botticelli_ und _Boltraffio_, die mein
+Urteil sofort und entschieden als unrichtig abwies. Als mir der richtige
+Name von fremder Seite mitgeteilt wurde, erkannte ich ihn sogleich und
+ohne Schwanken. Die Untersuchung, durch welche Einflüsse und auf welchen
+Assoziationswegen sich die Reproduktion in solcher Weise -- von
+_Signorelli_ auf _Botticelli_ und _Boltraffio_ -- verschoben hatte,
+führte zu folgenden Ergebnissen:
+
+a) Der Grund für das Entfallen des Namens _Signorelli_ ist weder in
+einer Besonderheit dieses Namens selbst noch in einem psychologischen
+Charakter des Zusammenhanges zu suchen, in welchen derselbe eingefügt
+war. Der vergessene Name war mir ebenso vertraut wie der eine der
+Ersatznamen -- Botticelli -- und ungleich vertrauter als der andere der
+Ersatznamen -- Boltraffio --, von dessen Träger ich kaum etwas anderes
+anzugeben wüsste als seine Zugehörigkeit zur mailändischen Schule. Der
+Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen ereignete, erscheint
+mir harmlos und führt zu keiner weiteren Aufklärung: Ich machte mit
+einem Fremden eine Wagenfahrt von Ragusa in Dalmatien nach einer Station
+der Herzegowina; wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und
+ich fragte meinen Reisegefährten, ob er schon in Orvieto gewesen und
+dort die berühmten Fresken des *** besichtigt habe.
+
+b) Das Namenvergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an das in jener
+Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema erinnere, und gibt sich als
+eine _Störung des neu auftauchenden Themas durch das vorhergehende_ zu
+erkennen. Kurz, ehe ich an meinen Reisegefährten die Frage stellte, ob
+er schon in Orvieto gewesen, hatten wir uns über die Sitten der in
+_Bosnien_ und in der _Herzegowina_ lebenden Türken unterhalten. Ich
+hatte erzählt, was ich von einem unter diesen Leuten praktizierenden
+Kollegen gehört hatte, dass sie sich voll Vertrauen in den Arzt und voll
+Ergebung in das Schicksal zu zeigen pflegen. Wenn man ihnen ankündigen
+muss, dass es für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie:
+»_Herr_, was ist da zu sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wäre, hättest
+du ihn gerettet.« -- Erst in diesen Sätzen finden sich die Worte und
+Namen: _Bosnien_, _Herzegowina_, _Herr_ vor, welche sich in eine
+Assoziationsreihe zwischen _Signorelli_ und _Botticelli_ -- _Boltraffio_
+einschalten lassen.
+
+c) Ich nehme an, dass der Gedankenreihe von den Sitten der Türken in
+Bosnien etc. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken zu stören, darum
+zukam, weil ich ihr meine Aufmerksamkeit entzogen hatte, ehe sie noch zu
+Ende gebracht war. Ich erinnere nämlich, dass ich eine zweite Anekdote
+erzählen wollte, die nahe bei der ersten in meinem Gedächtnis ruhte.
+Diese Türken schätzen den Sexualgenuss über alles und verfallen bei
+sexuellen Störungen in eine Verzweiflung, welche seltsam gegen ihre
+Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer der Patienten meines
+Kollegen hatte ihm einmal gesagt: »Du weisst ja, _Herr_, wenn das nicht
+mehr geht, dann hat das Leben keinen Wert.« Ich unterdrückte die
+Mitteilung dieses charakteristischen Zuges, weil ich das heikle Thema
+nicht im Gespräch mit einem Fremden berühren wollte. Ich tat aber noch
+mehr; ich lenkte meine Aufmerksamkeit auch von der Fortsetzung der
+Gedanken ab, die sich bei mir an das Thema »Tod und Sexualität« hätten
+knüpfen können. Ich stand damals unter der Nachwirkung einer Nachricht,
+die ich wenige Wochen vorher während eines kurzen Aufenthaltes in
+_Trafoi_ erhalten hatte. Ein Patient, mit dem ich mir viele Mühe
+gegeben, hatte wegen einer unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben
+ein Ende gemacht. Ich weiss bestimmt, dass mir auf jener Reise in die
+Herzegowina dieses traurige Ereignis und alles, was damit zusammenhängt,
+nicht zur bewussten Erinnerung kam. Aber die Übereinstimmung _Trafoi_ --
+_Boltraffio_ nötigt mich anzunehmen, dass damals diese Reminiszenz trotz
+der absichtlichen Ablenkung meiner Aufmerksamkeit in mir zur Wirksamkeit
+gebracht worden ist.
+
+d) Ich kann das Vergessen des Namens Signorelli nicht mehr als ein
+zufälliges Ereignis auffassen. Ich muss den Einfluss eines _Motivs_ bei
+diesem Vorgang anerkennen. Es waren Motive, die mich veranlassten, mich
+in der Mitteilung meiner Gedanken (über die Sitten der Bosnier etc.) zu
+unterbrechen, und die mich ferner beeinflussten, die daran sich
+knüpfenden Gedanken, die bis zur Nachricht in Trafoi geführt hätten, in
+mir vom Bewusstwerden auszuschliessen. Ich _wollte_ also etwas
+vergessen, ich hatte _etwas verdrängt_. Ich wollte allerdings etwas
+anderes vergessen als den Namen des Meisters von Orvieto; aber dieses
+andere brachte es zustande, sich mit diesem Namen in assoziative
+Verbindung zu setzen, so dass mein Willensakt das Ziel verfehlte, und
+ich _das eine wider Willen_ vergass, während ich _das andere mit
+Absicht_ vergessen wollte. Die Abneigung, zu erinnern, richtete sich
+gegen den einen Inhalt; die Unfähigkeit, zu erinnern, trat an einem
+anderen hervor. Es wäre offenbar ein einfacherer Fall, wenn Abneigung
+und Unfähigkeit, zu erinnern, denselben Inhalt beträfen. -- Die
+Ersatznamen erscheinen mir auch nicht mehr so völlig unberechtigt wie
+vor der Aufklärung; sie mahnen mich (nach Art eines Kompromisses) eben
+so sehr an das, was ich vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte,
+und zeigen mir, dass meine Absicht, etwas zu vergessen, weder ganz
+gelungen noch ganz missglückt ist.
+
+e) Sehr auffällig ist die Art der Verknüpfung, die sich zwischen dem
+gesuchten Namen und dem verdrängten Thema (von Tod und Sexualität etc.,
+in dem die Namen Bosnien, Herzegowina, Trafoi vorkommen) hergestellt
+hat. Das hier eingeschaltete, aus der Abhandlung des Jahres 1898
+wiederholte Schema sucht diese Verknüpfung anschaulich darzustellen.
+
+[Illustration]
+
+Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt worden. Das eine
+Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unverändert wiedergekehrt
+(_elli_), das andere hat durch die Übersetzung _Signor_ -- _Herr_
+mehrfache und verschiedenartige Beziehungen zu den im verdrängten Thema
+enthaltenen Namen gewonnen, ist aber dadurch für die Reproduktion
+verloren gegangen. Sein Ersatz hat so stattgefunden, als ob eine
+Verschiebung längs der Namenverbindung »_Her_zegowina und _Bo_snien«
+vorgenommen worden wäre, ohne Rücksicht auf den Sinn und auf die
+akustische Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen sind also bei
+diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wie die Schriftbilder eines
+Satzes, der in ein Bilderrätsel (Rebus) umgewandelt werden soll. Von dem
+ganzen Hergang, der anstatt des Namens Signorelli auf solchen Wegen die
+Ersatznamen geschaffen hat, ist dem Bewusstsein keine Kunde gegeben
+worden. Eine Beziehung zwischen dem Thema, in dem der Name Signorelli
+vorkam, und dem zeitlich ihm vorangehenden verdrängten Thema, welche
+über diese Wiederkehr gleicher Silben (oder vielmehr Buchstabenfolgen)
+hinausginge, scheint _zunächst_ nicht auffindbar zu sein.
+
+Es ist vielleicht nicht überflüssig, zu bemerken, dass die von den
+Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion und des
+Vergessens, die in gewissen Relationen und Dispositionen gesucht werden,
+durch die vorstehende Aufklärung einen Widerspruch nicht erfahren. Wir
+haben nur für gewisse Fälle zu all den längst anerkannten Momenten, die
+das Vergessen eines Namens bewirken können, noch ein _Motiv_ hinzugefügt
+und überdies den Mechanismus des Fehlerinnerns klar gelegt. Jene
+Dispositionen sind auch für unseren Fall unentbehrlich, um die
+Möglichkeit zu schaffen, dass das verdrängte Element sich assoziativ des
+gesuchten Namens bemächtige und es mit sich in die Verdrängung nehme.
+Bei einem anderen Namen mit günstigeren Reproduktionsbedingungen wäre
+dies vielleicht nicht geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, dass ein
+unterdrücktes Element allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur
+Geltung zu bringen, diesen Erfolg aber nur dort erreicht, wo ihm
+geeignete Bedingungen entgegenkommen. Andere Male gelingt die
+Unterdrückung ohne Funktionsstörung, oder, wie wir mit Recht sagen
+können, ohne _Symptome_.
+
+Die Zusammenfassung der Bedingungen für das Vergessen eines Namens mit
+Fehlerinnern ergibt also: 1. eine gewisse Disposition zum Vergessen
+desselben, 2. einen kurz vorher abgelaufenen Unterdrückungsvorgang, 3.
+die Möglichkeit, eine _äusserliche_ Assoziation zwischen dem
+betreffenden Namen und dem vorher unterdrückten Element herzustellen.
+Letztere Bedingung wird man wahrscheinlich nicht sehr hoch veranschlagen
+müssen, da bei den geringen Ansprüchen an die Assoziation eine solche in
+den allermeisten Fällen durchzusetzen sein dürfte. Eine andere und
+tiefer reichende Frage ist es, ob eine solche äusserliche Assoziation
+wirklich die genügende Bedingung dafür sein kann, dass das verdrängte
+Element die Reproduktion des gesuchten Namens störe, ob nicht doch
+notwendig ein intimerer Zusammenhang der beiden Themata erforderlich
+wird. Bei oberflächlicher Betrachtung würde man letztere Forderung
+abweisen wollen und das zeitliche Aneinanderstossen bei völlig
+disparatem Inhalt für genügend halten. Bei eingehender Untersuchung
+findet man aber immer häufiger, dass die beiden durch eine äusserliche
+Assoziation verknüpften Elemente (das verdrängte und das neue) ausserdem
+einen inhaltlichen Zusammenhang besitzen, und auch in dem Beispiel
+_Signorelli_ lässt sich ein solcher erweisen.
+
+Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels
+_Signorelli_ gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir diesen
+Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vorkommnis erklären
+müssen. Ich muss nun behaupten, dass das Namenvergessen mit Fehlerinnern
+ungemein häufig so zugeht, wie wir es im Falle: _Signorelli_ aufgelöst
+haben. Fast allemal, da ich dies Phänomen bei mir selbst beobachten
+konnte, war ich auch imstande, es mir in der vorerwähnten Weise als
+durch Verdrängung motiviert zu erklären. Ich muss auch noch einen
+anderen Gesichtspunkt zugunsten der typischen Natur unserer Analyse
+geltend machen. Ich glaube, dass man nicht berechtigt ist, die Fälle von
+Namenvergessen mit Fehlerinnern prinzipiell von solchen zu trennen, in
+denen sich unrichtige Ersatznamen nicht eingestellt haben. Diese
+Ersatznamen kommen in einer Anzahl von Fällen spontan; in anderen
+Fällen, wo sie nicht spontan aufgetaucht sind, kann man sie durch
+Anstrengung der Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen
+dann die nämlichen Beziehungen zum verdrängten Element und zum gesuchten
+Namen, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für das Bewusstwerden der
+Ersatznamen scheinen zwei Momente massgebend zu sein, erstens die
+Bemühung der Aufmerksamkeit, zweitens eine innere Bedingung, die am
+psychischen Material haftet. Ich könnte letztere in der grösseren oder
+geringeren Leichtigkeit suchen, mit welcher sich die benötigte
+äusserliche Assoziation zwischen den beiden Elementen herstellt. Ein
+guter Teil der Fälle von Namenvergessen _ohne_ Fehlerinnern schliesst
+sich so den Fällen mit Ersatznamenbildung an, für welche der Mechanismus
+des Beispieles: _Signorelli_ gilt. Ich werde mich aber gewiss nicht der
+Behauptung erkühnen, dass alle Fälle von Namenvergessen in die nämliche
+Gruppe einzureihen seien. Es gibt ohne Zweifel Fälle von Namenvergessen,
+die weit einfacher zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl vorsichtig
+genug dargestellt haben, wenn wir aussprechen: _Neben dem einfachen
+Vergessen von Eigennamen kommt auch ein Vergessen vor, welches durch
+Verdrängung motiviert ist_.
+
+
+
+
+II.
+
+Vergessen von fremdsprachigen Worten.
+
+
+Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint innerhalb
+der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen geschützt[1]. Anders
+steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer fremden Sprache. Die
+Disposition zum Vergessen derselben ist für alle Redeteile vorhanden,
+und ein erster Grad von Funktionsstörung zeigt sich in der
+Ungleichmässigkeit unserer Verfügung über den fremden Sprachschatz, je
+nach unserem Allgemeinbefinden und dem Grade unserer Ermüdung. Dieses
+Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mechanismus vor
+sich, den uns das Beispiel: _Signorelli_ enthüllt hat. Ich werde zum
+Beweise hierfür eine einzige, aber durch wertvolle Eigentümlichkeiten
+ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den Fall des Vergessens eines
+nicht substantivischen Wortes aus einem lateinischen Zitat betrifft. Man
+gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und anschaulich vorzutragen.
+
+Im letzten Sommer erneuerte ich -- wiederum auf der Ferienreise -- die
+Bekanntschaft eines jungen Mannes von akademischer Bildung, der, wie ich
+bald merkte, mit einigen meiner psychologischen Publikationen vertraut
+war. Wir waren im Gespräch -- ich weiss nicht mehr wie -- auf die
+soziale Lage des Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er,
+der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darüber, dass seine Generation,
+wie er sich äusserte, zur Verkümmerung bestimmt sei, ihre Talente nicht
+entwickeln und ihre Bedürfnisse nicht befriedigen könne. Er schloss
+seine leidenschaftlich bewegte Rede mit dem bekannten _Vergil_schen
+Vers, in dem die unglückliche _Dido_ ihre Rache an _Äneas_ der Nachwelt
+überträgt: Exoriare ...., vielmehr er wollte so schliessen, denn er
+brachte das Zitat nicht zustande und suchte eine offenkundige Lücke der
+Erinnerung durch Umstellung von Worten zu verdecken: Exoriar(e) ex
+nostris ossibus ultor! Endlich sagte er geärgert: „Bitte machen Sie
+nicht ein so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Verlegenheit
+weiden würden, und helfen Sie mir lieber. An dem Vers fehlt etwas. Wie
+heisst er eigentlich vollständig?“
+
+Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet:
+
+ Exoriar(e) _aliquis_ nostris ex ossibus ultor!
+
+„Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. Übrigens von Ihnen hört man ja,
+dass man nichts ohne Grund vergisst. Ich wäre doch zu neugierig, zu
+erfahren, wie ich zum Vergessen dieses unbestimmten Pronomen aliquis
+komme.“
+
+Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich einen Beitrag
+zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: Das können wir gleich
+haben. Ich muss Sie nur bitten, mir _aufrichtig_ und _kritiklos_ alles
+mitzuteilen, was Ihnen einfällt, wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre
+Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort richten[2].
+
+„Gut, also da komme ich auf den lächerlichen Einfall, mir das Wort in
+folgender Art zu zerteilen: _a_ und _liquis_.“
+
+Was soll das? -- „Weiss ich nicht.“ -- Was fällt Ihnen weiter dazu ein?
+-- „Das setzt sich so fort: _Reliquien_ -- _Liquidation_ --
+_Flüssigkeit_ -- _Fluid_. Wissen Sie jetzt schon etwas?“
+
+Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort.
+
+„Ich denke,“ fuhr er höhnisch lachend fort, „an _Simon_ von _Trient_,
+dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche in Trient gesehen
+habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, die gerade jetzt wieder gegen
+die Juden erhoben wird, und an die Schrift von _Kleinpaul_, der in all
+diesen angeblichen Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des
+Heilands sieht.“
+
+Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Thema, über das
+wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.
+
+„Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem
+italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er war
+überschrieben: Was der h. Augustinus über die Frauen sagt. Was machen
+Sie damit?“
+
+Ich warte.
+
+„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusammenhang mit unserem
+Thema steht.“
+
+Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und --
+
+„Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten Herrn, den
+ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein wahres _Original_. Er
+sieht aus wie ein grosser Raubvogel. Er heisst, wenn Sie es wissen
+wollen, _Benedikt_.“
+
+Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und Kirchenvätern:
+Der heilige _Simon_, _St. Augustinus_, _St. Benediktus_. Ein
+Kirchenvater hiess, glaube ich, _Origines_. Drei dieser Namen sind
+übrigens auch Vornamen, wie _Paul_ im Namen _Kleinpaul_.
+
+„Jetzt fällt mir der heilige _Januarius_ ein und sein Blutwunder -- ich
+finde, das geht mechanisch so weiter.“
+
+Lassen Sie das; der heilige _Januarius_ und der heilige _Augustinus_
+haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen Sie mich nicht an das
+Blutwunder erinnern?
+
+„Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel wird in einer
+Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt, welches durch ein
+Wunder an einem bestimmten Festtage wieder _flüssig_ wird. Das Volk hält
+viel auf dieses Wunder und wird sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert,
+wie es einmal zur Zeit einer französischen Okkupation geschah. Da nahm
+der kommandierende General -- oder irre ich mich? war es Garibaldi? --
+den geistlichen Herrn bei Seite und bedeutete ihm mit einer sehr
+verständlichen Geberde auf die draussen aufgestellten Soldaten, er
+_hoffe_, das Wunder werde sich sehr bald vollziehen. Und es vollzog sich
+wirklich ...“
+
+Nun und weiter? Warum stocken Sie?
+
+„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen ... das ist aber zu intim
+für die Mitteilung .. Ich sehe übrigens keinen Zusammenhang und keine
+Nötigung, es zu erzählen.“
+
+Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie ja nicht zwingen, zu
+erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann verlangen Sie aber auch nicht
+von mir zu wissen, auf welchem Wege Sie jenes Wort „aliquis“ vergessen
+haben.
+
+„Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine Dame gedacht,
+von der ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns beiden recht
+unangenehm wäre.“
+
+Dass ihr die Periode ausgeblieben ist?
+
+„Wie können Sie das erraten?“
+
+Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf
+vorbereitet. Denken Sie an die _Kalenderheiligen_, _an das Flüssigwerden
+des Blutes zu einem bestimmten Tage_, _den Aufruhr, wenn das Ereignis
+nicht eintritt_, _die deutliche Drohung, dass das Wunder vor sich gehen
+muss, sonst_ .. Sie haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer
+prächtigen Anspielung auf die Periode der Frau verarbeitet.
+
+„Ohne dass ich es gewusst hätte. Und Sie meinen wirklich, wegen dieser
+ängstlichen Erwartung hätte ich das Wörtchen »_aliquis_« nicht
+reproduzieren können?“
+
+Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre Zerlegung
+in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_,
+_Flüssigkeit_. Soll ich noch den als _Kind hingeopferten_ heiligen
+Simon, auf den Sie von den Reliquien her kamen, in den Zusammenhang
+einflechten?
+
+„Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese Gedanken, wenn
+ich sie wirklich gehabt habe, nicht für Ernst. Ich will Ihnen dafür
+gestehen, dass die Dame eine Italienerin ist, in deren Gesellschaft ich
+auch Neapel besucht habe. Kann das aber nicht alles Zufall sein?“
+
+Ich muss es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich alle diese
+Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls aufklären können. Ich
+sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den Sie analysieren wollen, wird
+Sie auf ebenso merkwürdige „Zufälle“ führen.
+
+Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren Überlassung ich
+meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, zu schätzen. Erstens, weil
+mir in diesem Falle gestattet war, aus einer Quelle zu schöpfen, die mir
+sonst versagt ist. Ich bin zumeist genötigt, die Beispiele von
+psychischer Funktionsstörung im täglichen Leben, die ich hier
+zusammenstelle, meiner Selbstbeobachtung zu entnehmen. Das weit reichere
+Material, das mir meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu
+vermeiden, weil ich den Einwand fürchten muss, die betreffenden
+Phänomene seien eben Erfolge und Äusserungen der Neurose. Es hat also
+besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sich eine nervengesunde fremde
+Person zum Objekt einer solchen Untersuchung erbietet. In anderer
+Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungsvoll, indem sie einen Fall von
+Wortvergessen _ohne_ Ersatzerinnern beleuchtet und meinen vorhin
+aufgestellten Satz bestätigt, dass das Auftauchen oder Ausbleiben von
+unrichtigen Ersatzerinnerungen eine wesentliche Unterscheidung nicht
+begründen kann.[3]
+
+Der Hauptwert des Beispieles: _aliquis_ ist aber in einem anderen seiner
+Unterschiede von dem Falle: _Signorelli_ gelegen. Im letzteren Beispiel
+wird die Reproduktion des Namens gestört durch die Nachwirkung eines
+Gedankenganges, der kurz vorher begonnen und abgebrochen wurde, dessen
+Inhalt aber in keinem deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand,
+in dem der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten und
+dem Thema des vergessenen Namens bestand bloss die Beziehung der
+zeitlichen Kontiguität; dieselbe reichte hin, damit sich die beiden
+durch eine äusserliche Assoziation in Verbindung setzen konnten.[4] Im
+Beispiele: aliquis hingegen ist von einem solchen unabhängigen
+verdrängten Thema, welches unmittelbar vorher das bewusste Denken
+beschäftigt hätte und nun als Störung nachklänge, nichts zu merken. Die
+Störung der Reproduktion erfolgt hier aus dem Inneren des angeschlagenen
+Themas heraus, indem sich unbewusst ein Widerspruch gegen die im Zitat
+dargestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang in folgender
+Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, dass die gegenwärtige
+Generation seines Volkes in ihren Rechten verkürzt wird; eine neue
+Generation, weissagt er wie Dido, wird die Rache an den Bedrängern
+übernehmen. Er hat also den Wunsch nach Nachkommenschaft ausgesprochen.
+In diesem Momente fährt ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen.
+»Wünschest du dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht
+wahr. In welche Verlegenheit kämest du, wenn du jetzt die Nachricht
+erhieltest, dass du von der einen Seite, die du kennst, Nachkommen zu
+erwarten hast? Nein, keine Nachkommenschaft, -- wiewohl wir sie für die
+Rache brauchen.« Dieser Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem
+er genau wie im Beispiel Signorelli eine äusserliche Assoziation
+zwischen einem seiner Vorstellungselemente und einem Elemente des
+beanstandeten Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst
+gewaltsame Weise durch einen gekünstelt erscheinenden Assoziationsumweg.
+Eine zweite wesentliche Übereinstimmung mit dem Beispiel Signorelli
+ergibt sich daraus, dass der Widerspruch aus verdrängten Quellen stammt
+und von Gedanken ausgeht, welche eine Abwendung der Aufmerksamkeit
+hervorrufen würden. -- Soviel über die Verschiedenheit und über die
+innere Verwandtschaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens. Wir
+haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die
+Störung eines Gedankens durch einen aus dem Verdrängten kommenden
+inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, der uns als der leichter
+verständliche erscheint, im Laufe dieser Erörterungen noch wiederholt
+begegnen.
+
+ [1] Ob die Häufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklären
+ kann, ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass
+ Vornamen, die doch nicht die beschränkte Zugehörigkeit der Eigennamen
+ teilen, dem Vergessen ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines
+ Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer Bruder einer
+ Patientin, den ich ungezählte Male gesehen hatte, und dessen Person
+ ich mit dem Vornamen zu bezeichnen gewohnt war. Als ich dann von
+ seinem Besuch erzählen wollte, hatte ich seinen, wie ich wusste,
+ keineswegs ungewöhnlichen Vornamen vergessen und konnte ihn durch
+ keine Hilfe zurückrufen. Ich ging dann auf die Strasse, um
+ Firmenschilder zu lesen, und erkannte den Namen, sowie er mir das
+ erste Mal entgegentrat. Die Analyse belehrte mich darüber, dass ich
+ zwischen dem Besucher und meinem eigenen Bruder eine Parallele gezogen
+ hatte, die in der verdrängten Frage gipfeln wollte: Hätte sich mein
+ Bruder im gleichen Falle ähnlich gegen eine kranke Schwester benommen?
+ Die äusserliche Verbindung zwischen den Gedanken über die fremde und
+ über die eigene Familie war durch den Zufall ermöglicht worden, dass
+ die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen: Amalia tragen. Ich
+ verstand dann auch nachträglich die Ersatznamen: Daniel und Franz, die
+ sich mir aufgedrängt hatten, ohne mich aufzuklären. Es sind dies, wie
+ auch Amalia, Namen aus den Räubern von _Schiller_, an welche sich ein
+ Scherz des Wiener Spaziergängers _Daniel Spitzer_ knüpft. -- Ein
+ unterdrückter Gedanke über die eigene Person oder die eigene Familie
+ wird häufig zum Motiv des Namenvergessens, als ob man beständig
+ Vergleiche zwischen sich selbst und den Fremden anstellte. Das
+ seltsamste Beispiel dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr
+ _Lederer_ berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig mit
+ einem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, den er seiner jungen
+ Frau vorstellen musste. Da er aber den Namen des Fremden vergessen
+ hatte, half er sich das erste Mal mit einem unverständlichen Gemurmel.
+ Als er dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweites Mal
+ begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch aus der
+ Verlegenheit zu helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider
+ vergessen habe. Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener
+ Menschenkenntnis: Ich glaube es gerne, dass Sie sich meinen Namen
+ nicht gemerkt haben. Ich heisse wie Sie: _Lederer_! -- Man kann sich
+ einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn man seinen
+ eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie
+ unlängst recht deutlich, als sich mir in der ärztlichen Sprechstunde
+ ein Herr _S. Freud_ vorstellte.
+
+ [2] Dies ist der allgemeine Weg, um Vorstellungselemente, die sich
+ verbergen, dem Bewusstsein zuzuführen. Vgl. meine „Traumdeutung“,
+ p. 69.
+
+ [3] Feinere Beobachtung schränkt den Gegensatz zwischen der Analyse:
+ _Signorelli_ und der: _aliquis_ betreffs der Ersatzerinnerungen um
+ Einiges ein. Auch hier scheint nämlich das Vergessen von einer
+ Ersatzbildung begleitet zu sein. Als ich an meinen Partner
+ nachträglich die Frage stellte, ob ihm bei seinen Bemühungen, das
+ fehlende Wort zu erinnern, nicht irgend etwas zum Ersatz eingefallen
+ sei, berichtete er, dass er zunächst die Versuchung verspürt habe, ein
+ _ab_ in den Vers zu bringen: nostris ab ossibus (vielleicht das
+ unverknüpfte Stück von a-liquis) und dann, dass sich ihm das
+ _Exoriare_ besonders deutlich und hartnäckig aufgedrängt habe. Als
+ Skeptiker setzte er hinzu, offenbar weil es das erste Wort des Verses
+ war. Als ich ihn bat, doch auf die Assoziationen von Exoriare aus zu
+ achten, gab er mir Exorzismus an. Ich kann mir also sehr wohl denken,
+ dass die Verstärkung von Exoriare in der Reproduktion eigentlich den
+ Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Dieselbe wäre über die
+ Assoziation: _Exorzismus_ von den Namen der _Heiligen_ her erfolgt.
+ Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht.
+ -- Es erscheint nun aber wohl möglich, dass das Auftreten irgend einer
+ Art von Ersatzerinnerung ein konstantes, vielleicht auch nur ein
+ charakteristisches und verräterisches Zeichen des tendenziösen, durch
+ Verdrängung motivierten Vergessens ist. Diese Ersatzbildung bestände
+ auch dort, wo das Auftauchen unrichtiger Ersatzbildungen ausbleibt, in
+ der Verstärkung eines Elementes, welches dem vergessenen benachbart
+ ist. Im Beispiele: Signorelli war z. B., solange mir der Name des
+ Malers unzugänglich blieb, die visuelle Erinnerung an den Zyklus von
+ Fresken und an sein in der Ecke eines Bildes angebrachtes
+ Selbstportrait _überdeutlich_, jedenfalls weit intensiver als visuelle
+ Erinnerungsspuren sonst bei mir auftreten. In einem anderen Falle, der
+ gleichfalls in der Abhandlung von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich von
+ der Adresse eines mir unbequemen Besuches in einer fremden Stadt den
+ Strassennamen hoffnungslos vergessen, die Hausnummer aber wie zum
+ Spott -- überdeutlich gemerkt, während sonst das Erinnern von Zahlen
+ mir die grösste Schwierigkeit bereitet.
+
+ [4] Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwischen
+ den beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller
+ Überzeugung einstehen. Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten
+ Gedanken über das Thema von Tod und Sexualleben stösst man doch auf
+ eine Idee, die sich mit dem Thema des Cyclus von Orvieto nahe berührt.
+
+
+
+
+III.
+
+Über die Deckerinnerungen.
+
+
+In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift für Psychiatrie
+und Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse Natur unseres
+Erinnerns an unvermuteter Stelle nachweisen können. Ich bin von der
+auffälligen Tatsache ausgegangen, dass die frühesten Kindheitserinnerungen
+einer Person häufig bewahrt zu haben scheinen, was gleichgiltig und
+nebensächlich ist, während von wichtigen, eindrucksvollen und
+affektreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig, gewiss nicht allgemein!)
+sich im Gedächtnis des Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es bekannt
+ist, dass das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen Eindrücken eine
+Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, dass diese Auswahl im
+Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich geht, als zur Zeit der
+intellektuellen Reife. Eingehende Untersuchung weist aber nach, dass
+diese Annahme überflüssig ist. Die indifferenten Kindheitserinnerungen
+verdanken ihre Existenz einem Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz
+in der Reproduktion für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren
+Erinnerung sich durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln lässt,
+deren direkte Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da
+sie ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen
+Beziehung ihres Inhaltes zu einem anderen, verdrängten, verdanken, haben
+sie auf den Namen »Deckerinnerungen«, mit welchem ich sie ausgezeichnet
+habe, begründeten Anspruch.
+
+Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen der
+Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatze nur gestreift,
+keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten Beispiel
+habe ich eine Besonderheit der _zeitlichen_ Relation zwischen der
+Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten Inhalt besonders
+hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte dort nämlich einem
+der ersten Kinderjahre an, während die durch sie im Gedächtnis
+vertretenen Gedankenerlebnisse, die fast unbewusst geblieben waren, in
+späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese Art der
+Verschiebung eine _rückgreifende_ oder _rückläufige_. Vielleicht noch
+häufiger begegnet man dem entgegengesetzten Verhältnis, dass ein
+indifferenter Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung im
+Gedächtnis festsetzt, der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit
+einem früheren Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Reproduktion sich
+Widerstände erheben. Dies wären _vorgreifende_ oder _vorgeschobene_
+Deckerinnerungen. Das Wesentliche, was das Gedächtnis bekümmert, liegt
+hier der Zeit nach _hinter_ der Deckerinnerung. Endlich wird der dritte
+noch mögliche Fall nicht vermisst, dass die Deckerinnerung nicht nur
+durch ihren Inhalt, sondern auch durch Kontiguität in der Zeit mit dem
+von ihr gedeckten Eindruck verknüpft ist, also die _gleichzeitige_ oder
+_anstossende_ Deckerinnerung.
+
+Ein wie grosser Teil unseres Gedächtnisschatzes in die Kategorie der
+Deckerinnerungen gehört, und welche Rolle bei verschiedenen neurotischen
+Denkvorgängen diesen zufällt, das sind Probleme, in deren Würdigung ich
+weder dort eingegangen bin, noch hier eintreten werde. Es kommt mir nur
+darauf an, die Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigennamen mit
+Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen hervorzuheben.
+
+Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden Phänomene
+weit auffälliger als ihre etwaigen Analogien. Dort handelt es sich um
+Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, um entweder in der Realität
+oder in Gedanken Erlebtes; dort um ein manifestes Versagen der
+Erinnerungsfunktion, hier um eine Erinnerungsleistung, die uns
+befremdend erscheint; dort um eine momentane Störung -- denn der eben
+vergessene Name kann vorher hundert Male richtig reproduziert worden
+sein und es von morgen an wieder werden --, hier um dauernden Besitz
+ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scheinen uns
+durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten zu können. Das Rätsel
+scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert zu sein. Dort ist
+es das Vergessen, hier das Merken, was unsere wissenschaftliche
+Neugierde rege macht. Nach einiger Vertiefung merkt man, dass trotz der
+Verschiedenheit im psychischen Material und in der Zeitdauer der beiden
+Phänomene die Übereinstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier
+wie dort um das Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom
+Gedächtnis reproduziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte,
+sondern etwas anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt
+nicht die Gedächtnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der Fall der
+Deckerinnerungsbildung beruht auf dem Vergessen von anderen wesentlichen
+Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Empfindung
+Kunde von der Einmengung einer Störung, nur jedesmal in anderer Form.
+Beim Namenvergessen _wissen_ wir, dass die Ersatznamen _falsch_ sind;
+bei den Deckerinnerungen _verwundern_ wir uns, dass wir sie überhaupt
+besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse nachweist, dass die
+Ersatzbildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch Verschiebung
+längs einer oberflächlichen Assoziation zustande gekommen ist, so tragen
+gerade die Verschiedenheiten im Material, in der Zeitdauer und in der
+Zentrierung der beiden Phänomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern,
+dass wir etwas Wichtiges und Allgemeingiltiges aufgefunden haben. Dieses
+Allgemeine würde lauten, dass das Versagen und Irregehen der
+reproduzierenden Funktion weit häufiger, als wir vermuten, auf die
+Einmengung eines parteiischen Faktors, einer _Tendenz_ hinweist, welche
+die eine Erinnerung begünstigt, während sie einer anderen
+entgegenzuarbeiten bemüht ist.
+
+
+
+
+IV.
+
+Das Versprechen.
+
+
+Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Muttersprache gegen
+das Vergessen geschützt erscheint, so unterliegt dessen Anwendung um so
+häufiger einer anderen Störung, die als »Versprechen« bekannt ist. Das
+beim normalen Menschen beobachtete Versprechen macht den Eindruck der
+Vorstufe für die unter pathologischen Bedingungen auftretenden sogen.
+»Paraphasien«.
+
+Ich befinde mich hier in der ausnahmsweisen Lage, eine Vorarbeit
+würdigen zu können. Im Jahre 1895 haben _Meringer_ und _C. Mayer_ eine
+Studie über »Versprechen und Verlesen« publiziert, an deren
+Gesichtspunkte die meinigen nicht heranreichen. Der eine der Autoren,
+der im Texte das Wort führt, ist nämlich Sprachforscher und ist von
+linguistischen Interessen zur Untersuchung veranlasst worden, den Regeln
+nachzugehen, nach denen man sich verspricht. Er hoffte aus diesen
+Regeln auf das Vorhandensein »eines gewissen geistigen Mechanismus«
+schliessen zu können, »in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes,
+und auch die Worte untereinander in ganz eigentümlicher Weise verbunden
+und verknüpft sind« (p. 10).
+
+Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele des
+»Versprechens« zunächst nach rein deskriptiven Gesichtspunkten als
+_Vertauschungen_ (z. B. die Milo von Venus anstatt Venus von Milo).
+_Vorklänge_ oder _Antizipationen_ (z. B. es war mir auf der Schwest...
+auf der Brust so schwer), _Nachklänge_, _Postpositionen_ (z. B. „Ich
+fordere Sie _auf_, _auf_ das Wohl unseres Chefs _auf_zustossen“ für
+anzustossen), _Kontaminationen_ (z. B. „Er setzt sich auf den
+Hinterkopf“ aus: „Er setzt sich einen Kopf auf“ und: „Er stellt sich auf
+die Hinterbeine“), _Substitutionen_ (z. B. „Ich gebe die Präparate in
+den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen Hauptkategorien noch
+einige minder wichtige (oder für unsere Zwecke minder bedeutsame)
+hinzugefügt werden. Es macht bei dieser Gruppierung keinen Unterschied,
+ob die Umstellung, Entstellung, Verschmelzung etc. einzelne Laute des
+Wortes, Silben oder ganze Worte des intendierten Satzes betrifft.
+
+Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt _Meringer_
+eine verschiedene psychische Wertigkeit der Sprachlaute auf. Wenn wir
+den ersten Laut eines Wortes, das erste Wort eines Satzes innervieren,
+wendet sich bereits der Erregungsvorgang den späteren Lauten, den
+folgenden Worten zu, und soweit diese Innervationen mit einander
+gleichzeitig sind, können sie einander abändernd beeinflussen. Die
+Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt vor oder hallt nach
+und stört so den minderwertigen Innervationsvorgang. Es handelt sich nun
+darum, zu bestimmen, welche die höchstwertigen Laute eines Wortes sind.
+_Meringer_ meint: „Wenn man wissen will, welchem Laute eines Wortes die
+höchste Intensität zukommt, so beobachte man sich beim Suchen nach einem
+vergessenen Wort, z. B. einem Namen. Was zuerst wieder ins Bewusstsein
+kommt, hatte jedenfalls die grösste Intensität vor dem Vergessen
+(p. 160). Die hochwertigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe
+und der Wortanlaut und der oder die betonten Vokale“ (p. 162).
+
+Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. Ob der Anlaut
+des Namens zu den höchstwertigen Elementen des Wortes gehöre oder nicht,
+es ist gewiss nicht richtig, dass er im Falle des Wortvergessens zuerst
+wieder ins Bewusstsein tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn
+man sich bei der Suche nach einem vergessenen Namen beobachtet, so wird
+man verhältnismässig häufig die Überzeugung äussern müssen, er fange mit
+einem bestimmten Buchstaben an. Diese Überzeugung erweist sich nun
+ebenso oft als unbegründet wie als begründet. Ja, ich möchte behaupten,
+man proklamiert in der Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in
+unserem Beispiel: _Signorelli_ ist bei dem Ersatznamen der Anlaut und
+sind die wesentlichen Silben verloren gegangen; gerade das minderwertige
+Silbenpaar _elli_ ist im Ersatznamen Botti_celli_ dem Bewusstsein
+wiedergekehrt.
+
+Wenn man der Vermutung Raum gibt, dass ein ähnlicher Mechanismus wie der
+fürs Namenvergessen nachgewiesene auch an den Erscheinungen des
+Versprechens Anteil haben könne, so wird man zu einer tiefer begründeten
+Beurteilung der Fälle von Versprechen geführt. Die Störung in der Rede,
+welche sich als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch
+den Einfluss eines anderen Bestandteils derselben Rede, also durch das
+Vorklingen oder Nachhallen, oder durch eine zweite Fassung innerhalb des
+Satzes oder des Zusammenhanges, den auszusprechen man intendiert --
+hierher gehören alle oben _Meringer_ und _Mayer_ entlehnten Beispiele
+--; zweitens aber könnte die Störung analog dem Vorgang im Falle:
+_Signorelli_ zustande kommen durch Einflüsse _ausserhalb_ dieses Wortes,
+Satzes oder Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen man
+nicht intendiert, und von deren Erregung man erst durch eben die Störung
+Kenntnis erhält. In der Gleichzeitigkeit der Erregung läge das
+Gemeinsame, in der Stellung innerhalb oder ausserhalb desselben Satzes
+oder Zusammenhanges das Unterscheidende für die beiden Entstehungsarten
+des Versprechens. Der Unterschied erscheint zunächst nicht so gross, als
+er für gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des Versprechens in
+Betracht kommt. Es ist aber klar, dass man nur im ersteren Falle
+Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens Schlüsse auf einen
+Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte zur gegenseitigen
+Beeinflussung ihrer Artikulation mit einander verknüpft, also Schlüsse,
+wie sie der Sprachforscher aus dem Studium des Versprechens zu gewinnen
+hoffte. Im Falle der Störung durch Einflüsse ausserhalb des nämlichen
+Satzes oder Redezusammenhanges würde es sich vor allem darum handeln,
+die störenden Elemente kennen zu lernen, und dann entstände die Frage,
+ob auch der Mechanismus dieser Störung die zu vermutenden Gesetze der
+Sprachbildung verraten kann.
+
+Man darf nicht behaupten, dass _Meringer_ und _Mayer_ die Möglichkeit
+der Sprechstörung durch »kompliziertere psychische Einflüsse«, durch
+Elemente ausserhalb desselben Wortes, Satzes oder derselben Redefolge
+übersehen haben. Sie mussten ja bemerken, dass die Theorie der
+psychischen Ungleichwertigkeit der Laute strenge genommen nur für die
+Aufklärung der Lautstörungen, sowie der Vor- und Nachklänge ausreicht.
+Wo sich die Wortstörungen nicht auf Lautstörungen reduzieren lassen,
+z. B. bei den Substitutionen und Kontaminationen von Worten, haben auch
+sie unbedenklich die Ursache des Versprechens _ausserhalb_ des
+intendierten Zusammenhanges gesucht und diesen Sachverhalt durch schöne
+Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende Stellen:
+
+(p. 62.) »Ru. erzählt von Vorgängen, die er in seinem _Innern_ für
+»Schweinereien« erklärt. Er sucht aber nach einer milden Form und
+beginnt: »Dann aber sind Tatsachen zum _Vorschwein_ gekommen ...«
+_Mayer_ und ich waren anwesend und Ru. bestätigte, dass er
+»Schweinereien« gedacht hatte. Dass sich dieses gedachte Wort bei
+»Vorschein« verriet und plötzlich wirksam wurde, findet in der
+Ähnlichkeit der Wörter seine genügende Erklärung.« --
+
+(p. 73.) »Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den
+Kontaminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade die
+»schwebenden« oder »vagierenden« Sprachbilder eine grosse Rolle. Sie
+sind, wenn auch unter der Schwelle des Bewusstseins, so doch noch in
+wirksamer Nähe, können leicht durch eine Ähnlichkeit des zu sprechenden
+Komplexes herangezogen werden und führen dann eine Entgleisung herbei
+oder kreuzen den Zug der Wörter. Die »schwebenden« oder »vagierenden«
+Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die Nachzügler von kürzlich
+abgelaufenen Sprachprozessen (Nachklänge).«
+
+(p. 97.) »Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich, wenn ein
+anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewusstseinsschwelle liegt, _ohne
+dass es gesprochen zu werden bestimmt wäre_. Das ist der Fall bei den
+Substitutionen. -- So hoffe ich, dass man beim Nachprüfen meine Regeln
+wird bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, _dass man_ (wenn ein
+anderer spricht) _sich Klarheit darüber verschafft, an was Alles der
+Sprecher gedacht hat_.[5] Hier ein lehrreicher Fall. Klassendirektor Li.
+sagte in unserer Gesellschaft: »Die Frau würde mir Furcht ein=l=agen.«
+Ich wurde stutzig, denn das =l= schien mir unerklärlich. Ich erlaubte
+mir, den Sprecher auf seinen Fehler »ein=l=agen« für »ein=j=agen«
+aufmerksam zu machen, worauf er sofort antwortete: »=J=a, das kommt
+daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.««
+
+„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem kranken Pferde
+gehe. Er antwortet: „Ja, das _draut_ .. dauert vielleicht noch einen
+Monat.“ Das „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von
+dauert konnte unmöglich so gewirkt haben. Ich machte also R. v. S.
+aufmerksam, worauf er erklärte, er habe gedacht, „das ist eine
+_traurige_ Geschichte.“ Der Sprecher hatte also zwei Antworten im Sinne
+und diese vermengten sich.“
+
+Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf die
+„vagierenden“ Sprachbilder, die unter der Schwelle des Bewusstseins
+stehen und nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind, und die Forderung,
+sich zu erkundigen, an was der Sprecher alles gedacht habe, an die
+Verhältnisse bei unseren „Analysen“ herankommen. Auch wir suchen
+unbewusstes Material, und zwar auf dem nämlichen Wege, nur dass wir von
+den Einfällen des Befragten bis zur Auffindung des störenden Elementes
+einen längeren Weg durch eine komplexe Assoziationsreihe zurückzulegen
+haben.
+
+Ich verweile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, für das die
+Beispiele _Meringers_ Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht des Autors
+selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines Wortes im intendierten Satz
+mit einem anderen nicht intendierten, welche dem letzteren gestattet,
+sich durch die Verursachung einer Entstellung, Mischbildung,
+Kompromissbildung (Kontamination) im Bewusstsein zur Geltung zu bringen.
+
+ _lagen_, _dauert_, _Vorschein_.
+ _jagen_, _traurig_, _...schwein_.
+
+Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung“[6] dargetan,
+welchen Anteil die _Verdichtungs_arbeit an der Entstehung des sog.
+manifesten Trauminhaltes aus den latenten Traumgedanken hat. Irgend eine
+Ähnlichkeit der Dinge oder der Wortvorstellungen zwischen zwei Elementen
+des unbewussten Materials wird da zum Anlass genommen, um ein Drittes,
+eine Misch- oder Kompromissvorstellung zu schaffen, welche im
+Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt, und die infolge dieses
+Ursprungs so häufig mit widersprechenden Einzelbestimmungen ausgestattet
+ist. Die Bildung von Substitutionen und Kontaminationen beim Versprechen
+ist somit ein Beginn jener Verdichtungsarbeit, die wir in eifrigster
+Tätigkeit am Aufbau des Traumes beteiligt finden.
+
+In einem kleinen für weitere Kreise bestimmten Aufsatz (Neue freie
+Presse vom 23. Aug. 1900: „Wie man sich versprechen kann“) hat
+_Meringer_ eine besondere praktische Bedeutung für gewisse Fälle von
+Wortvertauschungen in Anspruch genommen, für solche nämlich, in denen
+man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert
+sich wohl noch der Art, wie vor einiger Zeit der Präsident des
+österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: »Hohes
+Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel Herren und
+erkläre somit die Sitzung für _geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit
+machte ihn erst aufmerksam, und er verbesserte den Fehler. Im
+vorliegenden Falle wird die Erklärung wohl diese sein, dass der
+Präsident sich _wünschte_, er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von
+der wenig Gutes zu erwarten stand, zu schliessen, aber -- eine häufige
+Erscheinung -- der Nebengedanke setzte sich wenigstens teilweise durch,
+und das Resultat war »geschlossen« für »eröffnet«, also das Gegenteil
+dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber vielfältige Beobachtung
+hat mich belehrt, dass man gegensätzliche Worte überhaupt sehr häufig
+mit einander vertauscht; sie sind eben schon in unserem
+Sprachbewusstsein assoziiert, liegen hart nebeneinander und werden
+leicht irrtümlich aufgerufen.“
+
+Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so leicht, wie
+hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu machen, dass das
+Versprechen in Folge eines Widerspruchs geschieht, der sich im Innern
+des Redners gegen den geäusserten Satz erhebt. Wir haben den analogen
+Mechanismus in der Analyse des Beispiels: _aliquis_ gefunden; dort
+äusserte sich der innere Widerspruch im Vergessen eines Wortes anstatt
+seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen aber zur Ausgleichung
+des Unterschiedes bemerken, dass das Wörtchen aliquis eines ähnlichen
+Gegensatzes, wie ihn »schliessen« zu »eröffnen« ergibt, eigentlich nicht
+fähig ist, und das »eröffnen« als gebräuchlicher Bestandteil des
+Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann.
+
+Zeigen uns die letzten Beispiele von _Meringer_ und _Mayer_, dass die
+Sprechstörung ebensowohl durch den Einfluss vor- und nachklingender
+Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum
+Ausgesprochenwerden bestimmt sind, wie durch die Einwirkung von Worten
+ausserhalb des intendierten Satzes, _deren Erregung sich sonst nicht
+verraten hätte_, so werden wir zunächst erfahren wollen, ob man die
+beiden Klassen von Versprechen scharf sondern, und wie man ein Beispiel
+der einen von einem Fall der anderen Klasse unterscheiden kann. An
+dieser Stelle der Erörterung muss man aber der Äusserungen _Wundts_
+gedenken, der in seiner eben erscheinenden umfassenden Bearbeitung der
+Entwicklungsgesetze der Sprache (Völkerpsychologie, I. Band, I. Teil
+p. 371 u. ff., 1900) auch die Erscheinungen des Versprechens behandelt.
+Was bei diesen Erscheinungen und anderen, ihnen verwandten, niemals
+fehlt, das sind nach _Wundt_ gewisse psychische Einflüsse. „Dahin gehört
+zunächst als positive Bedingung der ungehemmte Fluss der von den
+gesprochenen Lauten angeregten _Laut_- und _Wortassoziationen_. Ihm
+tritt der Wegfall oder der Nachlass der diesen Lauf hemmenden Wirkungen
+des Willens und der auch hier als Willensfunktion sich betätigenden
+Aufmerksamkeit als negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der
+Assoziation darin sich äussert, das ein kommender Laut antizipiert oder
+die vorausgegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmässig eingeübter
+zwischen andere eingeschaltet wird, oder endlich darin, dass ganz andere
+Worte, die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer Beziehung stehen,
+auf diese herüberwirken -- alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der
+Richtung und allenfalls in dem Spielraum der stattfindenden
+Assoziationen, nicht in der allgemeinen Natur derselben. Auch kann es in
+manchen Fällen zweifelhaft sein, welcher Form man eine bestimmte Störung
+zuzurechnen, oder ob man sie nicht mit grösserem Rechte _nach dem
+Prinzip der Komplikation der Ursachen_[7] auf ein Zusammentreffen
+mehrerer Motive zurückzuführen habe.“ (p. 380 und 381.)
+
+Ich halte diese Bemerkungen _Wundts_ für vollberechtigt und sehr
+instruktiv. Vielleicht könnte man mit grösserer Entschiedenheit als
+_Wundt_ betonen, dass das positiv begünstigende Moment der Sprechfehler
+-- der ungehemmte Fluss der Assoziationen -- und das negative -- der
+Nachlass der hemmenden Aufmerksamkeit -- regelmässig miteinander zur
+Wirkung gelangen, so dass beide Momente nur zu verschiedenen
+Bestimmungen des nämlichen Vorganges werden. Mit dem Nachlass der
+hemmenden Aufmerksamkeit tritt eben der ungehemmte Fluss der
+Assoziationen in Tätigkeit; noch unzweifelhafter ausgedrückt: _durch_
+diesen Nachlass.
+
+Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, finde
+ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und allein auf das,
+was _Wundt_ »Kontaktwirkung der Laute« nennt, zurückführen müsste. Fast
+regelmässig entdecke ich überdies einen störenden Einfluss von etwas
+_ausserhalb_ der intendierten Rede, und das Störende ist entweder ein
+einzelner, unbewusst gebliebener Gedanke, der sich durch das
+Versprechen kundgibt und oft erst durch eingehende Analyse zum
+Bewusstsein gefördert werden kann, oder es ist ein allgemeineres
+psychisches Motiv, welches sich gegen die ganze Rede richtet.
+
+Beispiel a): Ich will gegen meine Tochter, die beim Einbeissen in einen
+Apfel ein garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren:
+
+ Der Affe gar possierlich ist,
+ Zumal wenn er vom Apfel frisst.
+
+Ich beginne aber: Der _Apfe..._ Dies scheint eine Kontamination von
+»_Affe_« und »_Apfel_« (Kompromissbildung) oder kann auch als
+Antizipation des vorbereiteten »Apfel« aufgefasst werden. Der genauere
+Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat schon einmal begonnen und
+mich das erstemal dabei nicht versprochen. Ich versprach mich erst bei
+der Wiederholung, die sich als notwendig ergab, weil die Angesprochene,
+von anderer Seite mit Beschlag belegt, nicht zuhörte. Diese
+Wiederholung, die mit ihr verbundene Ungeduld, des Satzes ledig zu
+werden, muss ich in die Motivierung des Sprechfehlers, der sich als eine
+Verdichtungsleistung darstellt, mit einrechnen.
+
+b) Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau _Schre_singer ... Die Frau
+heisst _Schle_singer. Dieser Sprechfehler hängt wohl mit einer Tendenz
+zur Erleichterung der Artikulation zusammen, denn das l ist nach
+wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich muss aber hinzufügen, dass sich
+dieses Versprechen bei meiner Tochter ereignete, nachdem ich ihr wenige
+Minuten zuvor »Apfe« anstatt »Affe« vorgesagt hatte. Nun ist das
+Versprechen in hohem Grade ansteckend, ähnlich wie das Namenvergessen,
+bei dem _Meringer_ und _Mayer_ diese Eigentümlichkeit bemerkt haben.
+Einen Grund für diese psychische Kontagiosität weiss ich nicht
+anzugeben.
+
+c) „Ich klappe zusammen wie ein _Tassenmescher_ -- _Taschenmesser_“,
+sagt eine Patientin zu Beginn der Stunde, die Laute vertauschend, wobei
+ihr wieder die Artikulationsschwierigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen
+waschen weisse Wäsche -- _Fischflosse_“ und ähnliche Prüfworte) zur
+Entschuldigung dienen kann. Auf den Sprechfehler aufmerksam gemacht,
+erwidert sie prompt: „Ja, das ist nur, weil Sie heute »Ernscht« gesagt
+haben.“ Ich hatte sie wirklich mit der Rede empfangen: „Heute wird es
+also Ernst“ (weil es die letzte Stunde vor dem Urlaub werden sollte) und
+hatte das »Ernst« scherzhaft zu »Ernscht« verbreitert. Im Laufe der
+Stunde verspricht sie sich immer wieder von neuem, und ich merke
+endlich, dass sie mich nicht bloss imitiert, sondern dass sie einen
+besonderen Grund hat, im Unbewussten bei dem Worte Ernst als Namen zu
+verweilen.[8]
+
+d) „Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die _Ase natmen_ --
+Nase atmen“ passiert derselben Patientin ein anderes Mal. Sie weiss
+sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. „Ich steige jeden Tag in
+der _Hasenauergasse_ in die Tramway, und heute früh ist mir während des
+Wartens auf den Wagen eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, würde
+ich _Asenauer_ aussprechen, denn die Franzosen lassen das H im Anlaut
+immer weg.“ Sie bringt dann eine Reihe von Reminiszenzen an Franzosen,
+die sie kennen gelernt hat, und langt nach weitläufigen Umwegen bei der
+Erinnerung an, dass sie als 14jähriges Mädchen in dem kleinen Stück
+„Kurmärker und Picarde“ die Picarde gespielt und damals gebrochen
+Deutsch gesprochen hat. Die Zufälligkeit, dass in ihrem Logierhaus ein
+Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinnerungen
+wachgerufen. Die Lautvertauschung ist also Folge der Störung durch einen
+unbewussten Gedanken aus einem ganz fremden Zusammenhang.
+
+e) Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer anderen
+Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst verschollenen
+Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen wird. An welche
+Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand des Anderen gegriffen hat,
+will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen. Sie macht unmittelbar darauf
+einen Besuch bei einer Freundin und unterhält sich mit ihr über
+Sommerwohnungen. Gefragt, wo denn ihr Häuschen in M. gelegen sei,
+antwortet sie: an der _Berglende_ anstatt _Berglehne_.
+
+f) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde frage, wie es
+ihrem Onkel geht, antwortet: „Ich weiss nicht, ich sehe ihn jetzt nur
+_in flagranti_“. Am nächsten Tage beginnt sie: „Ich habe mich recht
+geschämt, Ihnen eine so dumme Antwort gegeben zu haben. Sie müssen mich
+natürlich für eine ganz ungebildete Person halten, die beständig
+Fremdwörter verwechselt. Ich wollte sagen: _en passant_.“ Wir wussten
+damals noch nicht, woher sie die unrichtig angewendeten Fremdworte
+genommen hatte. In derselben Sitzung aber brachte sie als Fortsetzung
+des vortägigen Themas eine Reminiszenz, in welcher das Ertapptwerden _in
+flagranti_ die Hauptrolle spielte. Der Sprechfehler am Tage vorher hatte
+also die damals noch nicht bewusst gewordene Erinnerung antizipiert.
+
+g) Gegen eine Andere muss ich an einer gewissen Stelle der Analyse die
+Vermutung aussprechen, dass sie sich zu der Zeit, von welcher wir eben
+handeln, ihrer Familie geschämt und ihrem Vater einen uns noch
+unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie erinnert sich nicht daran, erklärt
+es übrigens für unwahrscheinlich. Sie setzt aber das Gespräch mit
+Bemerkungen über ihre Familie fort: „Man muss ihnen das eine lassen: Es
+sind doch besondere Menschen, sie haben alle _Geiz_ -- ich wollte sagen
+_Geist_.“ Das war denn auch wirklich der Vorwurf, den sie aus ihrem
+Gedächtnis verdrängt hatte. Dass sich in dem Versprechen gerade jene
+Idee durchdrängt, die man zurückhalten will, ist ein häufiges Vorkommnis
+(Vgl. den Fall von _Meringer_: zum Vorschwein gekommen). Der Unterschied
+liegt nur darin, dass die Person bei _Meringer_ etwas zurückhalten will,
+was ihr bewusst ist, während meine Patientin das Zurückgehaltene nicht
+weiss, oder wie man auch sagen kann, nicht weiss, dass sie etwas und was
+sie zurückhält.
+
+h) „Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu Kaufmann in der
+Mathäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort auch empfehlen“, sagt mir
+eine Dame. Ich wiederhole: „Also bei _Mathäus_ .... bei _Kaufmann_ will
+ich sagen.“ Es sieht aus wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen
+Namen an Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hat mich auch
+wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerksamkeit auf
+anderes gelenkt, was mir weit wichtiger ist als Teppiche. In der
+Mathäusgasse steht nämlich das Haus, in dem meine Frau als Braut gewohnt
+hatte. Der Eingang des Hauses war in einer anderen Gasse, und nun merke
+ich, dass ich deren Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem
+Umweg bewusst machen muss. Der Name Mathäus, bei dem ich verweile, ist
+mir also ein Ersatzname für den vergessenen Namen der Strasse. Er eignet
+sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn Mathäus ist ausschliesslich
+ein Personenname, was Kaufmann nicht ist, und die vergessene Strasse
+heisst auch nach einem Personennamen: Radetzky.
+
+i) Folgenden Fall könnte ich ebenso gut bei den später zu besprechenden
+»Irrtümern« unterbringen, führe ihn aber hier an, weil die
+Lautbeziehungen, auf Grund deren die Wortersetzung erfolgt, ganz
+besonders deutlich sind. Eine Patientin erzählt mir ihren Traum: Ein
+Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangenbiss zu töten. Es führt
+den Entschluss aus. Sie sieht zu, wie es sich in Krämpfen windet usw.
+Sie soll nun die Tagesanknüpfung für diesen Traum finden. Sie erinnert
+sofort, dass sie gestern abends eine populäre Vorlesung über erste Hilfe
+bei Schlangenbissen mit angehört. Wenn ein Erwachsener und ein Kind
+gleichzeitig gebissen worden sind, so soll man zuerst die Wunde des
+Kindes behandeln. Sie erinnert auch, welche Vorschriften für die
+Behandlung der Vortragende gegeben hat. Es käme sehr viel darauf an, hat
+er auch geäussert, von welcher Art man gebissen worden ist. Hier
+unterbreche ich sie und frage: Hat er denn nicht gesagt, dass wir nur
+sehr wenig giftige Arten in unserer Gegend haben, und welche die
+gefürchteten sind? „Ja, er hat die _Klapper_schlange hervorgehoben“.
+Mein Lachen macht sie dann aufmerksam, dass sie etwas Unrichtiges gesagt
+hat. Sie korrigiert jetzt aber nicht etwa den Namen, sondern sie nimmt
+ihre Aussage zurück. „Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor; er hat von
+der Viper gesprochen. Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?“ Ich
+vermutete, durch die Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem
+Traum verborgen hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiss kann kaum
+etwas anderes sein als eine Anspielung auf die schöne =Kl=eo=p=at=r=a.
+Die weitgehende Lautähnlichkeit der beiden Worte, die Übereinstimmung in
+den Buchstaben =Kl..p..r= in der nämlichen Reihenfolge und in dem
+betonten =a= sind nicht zu verkennen. Die gute Beziehung zwischen den
+Namen _Klapper_schlange und _Kleopatra_ erzeugt bei ihr eine momentane
+Einschränkung des Urteils, derzufolge sie an der Behauptung, der
+Vortragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung von
+Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoss nimmt. Sie weiss
+sonst so gut wie ich, dass diese Schlange nicht zur Fauna unserer Heimat
+gehört. Wir wollen es ihr nicht verübeln, dass sie an die Versetzung der
+Klapperschlange nach Egypten ebensowenig Bedenken knüpfte, denn wir sind
+gewöhnt, alles Aussereuropäische, Exotische zusammenzuwerfen, und ich
+selbst musste mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behauptung
+aufstellte, dass die Klapperschlange nur der neuen Welt angehört.
+
+Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der Analyse. Die
+Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der Nähe ihrer Wohnung
+aufgestellte _Antonius_gruppe von _Strasser_ besichtigt. Dies war also
+der zweite Traumanlass (der erste der Vortrag über Schlangenbisse). In
+der Fortsetzung ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu
+welcher Szene ihr das Gretchen einfällt. Weitere Einfälle bringen
+Reminiszenzen an »_Arria_ und _Messalina_«. Das Auftauchen so vieler
+Namen von Theaterstücken in den Traumgedanken lässt bereits vermuten,
+dass bei der Träumerin in früheren Jahren eine geheim gehaltene
+Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin bestand. Der Anfang des
+Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen Schlangenbiss
+zu enden“, bedeutet wirklich nichts anderes als: Sie hat sich als Kind
+vorgenommen, einst eine berühmte Schauspielerin zu werden. Von dem Namen
+_Messalina_ zweigt endlich der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen
+Inhalt dieses Traumes führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in
+ihr die Besorgnis erweckt, dass ihr einziger Bruder eine nicht
+standesgemässe Ehe mit einer Nicht-_Arierin_, eine _Mésalliance_
+eingehen könnte.
+
+Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur Auflösung
+und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist sehr häufig die
+Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vorgebrachten Reden und Einfällen
+des Patienten einen Gedankeninhalt aufzuspüren, der zwar sich zu
+verbergen bemüht ist, aber doch nicht umhin kann, sich in
+mannigfaltigster Weise unabsichtlich zu verraten. Dabei leistet oft das
+Versprechen die wertvollsten Dienste, wie ich an den überzeugendsten und
+andererseits sonderbarsten Beispielen dartun könnte. Die Patienten
+sprechen z. B. von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das
+Versprechen zu merken, »meine Mutter«, oder bezeichnen ihren Mann als
+ihren »Bruder«. Sie machen mich auf diese Weise aufmerksam, dass sie
+diese Personen miteinander »identifiziert«, in eine Reihe gebracht
+haben, welche für ihr Gefühlsleben die Wiederkehr desselben Typus
+bedeutet. Andere Male reicht eine ungewöhnlich klingende Wortfügung,
+eine gezwungen erscheinende Ausdrucksweise hin, um den Anteil eines
+verdrängten Gedankens an der anders motivierten Rede des Patienten
+aufzudecken.
+
+In groben wie in solchen feineren Redestörungen, die sich eben noch dem
+»Versprechen« subsumieren lassen, finde ich also nicht den Einfluss von
+Kontaktwirkungen der Laute, sondern den von Gedanken ausserhalb der
+Redeintention massgebend für die Entstehung des Versprechens und
+hinreichend zur Aufhellung des zustande gekommenen Sprechfehlers. Die
+Gesetze, nach denen die Laute verändernd auf einander einwirken, möchte
+ich nicht anzweifeln; sie scheinen mir aber nicht wirksam genug, um für
+sich allein die korrekte Ausführung der Rede zu stören. In den Fällen,
+die ich genauer studiert und durchschaut habe, stellen sie bloss den
+vorgebildeten Mechanismus dar, dessen sich ein ferner gelegenes
+psychisches Motiv bequemerweise bedient, ohne sich aber an den
+Machtbereich dieser Beziehungen zu binden. In einer grossen Reihe von
+Substitutionen wird beim Versprechen von solchen Lautgesetzen völlig
+abgesehen. Ich befinde mich hierbei in voller Übereinstimmung mit
+_Wundt_, der gleichfalls die Bedingungen des Versprechens als
+zusammengesetzte und weit über die Kontaktwirkungen der Laute
+hinausgehende vermutet.
+
+Wenn ich diese »entfernteren psychischen Einflüsse« nach _Wundts_
+Ausdruck für gesichert halte, so weiss ich andererseits von keiner
+Abhaltung, um auch zuzugeben, dass bei beschleunigter Rede und
+einigermassen abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedingungen fürs
+Versprechen sich leicht auf das von _Meringer_ und _Mayer_ bestimmte
+Mass einschränken können. Bei einem Teil der von diesen Autoren
+gesammelten Beispiele ist wohl eine kompliziertere Auflösung
+wahrscheinlicher. Ich greife etwa den vorhin angeführten Fall heraus:
+
+ Es war mir auf der _Schwest..._
+ _Brust_ so _schwer_.
+
+Geht es hier wohl so einfach zu, dass das _schwe_ das gleichwertige
+_Bru_ als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen, dass die Laute
+_schwe_ ausserdem durch eine besondere Relation zu dieser
+Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann keine andere sein
+als die Assoziation: _Schwester_ -- _Bruder_, etwa noch: _Brust_ der
+_Schwester_, die zu anderen Gedankenkreisen hinüberleitet. Dieser hinter
+der Szene unsichtbare Helfer verleiht dem sonst harmlosen _schwe_ die
+Macht, deren Erfolg sich als Sprechfehler äussert.
+
+Für anderes Versprechen lässt sich annehmen, dass der Anklang an obszöne
+Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. Die absichtliche
+Entstellung und Verzerrung der Worte und Redensarten, die bei unartigen
+Menschen so beliebt ist, bezweckt nichts anderes, als beim harmlosen
+Anlass an das Verpönte zu mahnen, und diese Spielerei ist so häufig,
+dass es nicht wunderbar wäre, wenn sie sich auch unabsichtlich und wider
+Willen durchsetzen sollte. Beispiele wie: _Eischeissweibchen_ für
+_Eiweissscheibchen_, _Apopos_ Fritz für _Apropos_, _Lo=k=uskapitäl_ für
+_Lotuskapitäl_ etc. vielleicht noch die Alab=ü=sterb=a=chse
+(Alabasterbüchse) der hl. Magdalena gehören wohl in diese Kategorie.[9]
+-- „Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs _auf_zustossen“, ist
+kaum etwas anderes als eine unbeabsichtigte Parodie als Nachklang einer
+beabsichtigten. Wenn ich der Chef wäre, zu dessen Feierlichkeit der
+Festredner diesen Lapsus beigetragen hätte, würde ich wohl daran
+denken, wie klug die Römer gehandelt haben, als sie den Soldaten des
+triumphierenden Imperators gestatteten, den inneren Einspruch gegen den
+Gefeierten in Spottliedern laut zu äussern. -- _Meringer_ erzählt von
+sich selbst, dass er zu einer Person, die als die älteste der
+Gesellschaft mit dem vertraulichen Ehrennamen »Senexl« oder »altes
+Senexl« angesprochen wurde, einmal gesagt habe: „Prost Senex altesl!“ Er
+erschrak selbst über diesen Fehler (p. 50). Wir können uns vielleicht
+seinen Affekt deuten, wenn wir daran mahnen, wie nahe »Altesl« an den
+Schimpf »alter Esel« kommt. Auf die Verletzung der Ehrfurcht vor dem
+Alter (d. i., auf die Kindheit reduziert, vor dem Vater) sind grosse
+innere Strafen gesetzt.
+
+Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deutungen, die
+sich durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, die ich selbst
+gesammelt und durch Analysen erläutert habe, nicht vernachlässigen. Wenn
+ich aber im stillen immer noch an der Erwartung festhalte, auch die
+scheinbar einfachen Fälle von Versprechen würden sich auf Störung durch
+eine halb unterdrückte Idee _ausserhalb_ des intendierten Zusammenhanges
+zurückführen lassen, so verlockt mich dazu eine sehr beachtenswerte
+Bemerkung von _Meringer_. Dieser Autor sagt, es ist merkwürdig, dass
+niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr gescheute und ehrliche
+Menschen, welche beleidigt sind, wenn man ihnen sagt, sie hätten sich
+versprochen. Ich getraue mich nicht, diese Behauptung so allgemein zu
+nehmen, wie sie durch das »niemand« von _Meringer_ hingestellt wird. Die
+Spur Affekt aber, die am Nachweis des Versprechens hängt und offenbar
+von der Natur des Schämens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist
+gleichzusetzen dem Ärger, wenn wir einen vergessenen Namen nicht
+erinnern, und der Verwunderung über die Haltbarkeit einer scheinbar
+belanglosen Erinnerung, und weist allemale auf die Beteiligung eines
+Motivs am Zustandekommen der Störung hin.
+
+Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähung, wenn es absichtlich
+geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von Fällen, wo es als
+unabsichtliches Versprechen auftritt, dieselbe Bedeutung haben. Jene
+Person, die nach _Mayers_ Bericht einmal »_Freuder_« sagte anstatt
+_Freud_, weil sie kurz darauf den Namen »_Breuer_« vorbrachte (p. 38),
+ein andermal von einer _Freuer-Breud_schen Methode (p. 28) sprach, war
+wohl ein Fachgenosse und von dieser Methode nicht sonderlich entzückt.
+Einen gewiss nicht anders aufzuklärenden Fall von Namensentstellung
+werde ich weiter unten beim Verschreiben mitteilen. In diesen Fällen
+mengt sich als störendes Moment eine Kritik ein, welche bei Seite
+gelassen werden soll, weil sie gerade in dem Zeitpunkte der Intention
+des Redners nicht entspricht. In anderen und weit bedeutsameren Fällen
+ist es Selbstkritik, innerer Widerspruch gegen die eigene Äusserung, was
+zum Versprechen, ja zum Ersatz des Intendierten durch seinen Gegensatz
+nötigt. Man merkt dann mit Erstaunen, wie der Wortlaut einer Beteuerung
+die Absicht derselben aufhebt, und wie der Sprechfehler die innere
+Unaufrichtigkeit blossgelegt hat.[10] Das Versprechen wird hier zu einem
+mimischen Ausdrucksmittel.
+
+Man gelangt von hier aus zu jenen Redestörungen, die nicht mehr als
+Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das einzelne Wort,
+sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede beeinträchtigen, wie
+z. B. das Stammeln und Stottern der Verlegenheit. Aber hier wie dort ist
+es der innere Konflikt, der uns durch die Störung der Rede verraten
+wird. Ich glaube wirklich nicht, dass jemand sich versprechen würde in
+der Audienz bei Seiner Majestät, in einer ernstgemeinten Liebeswerbung,
+in einer Verteidigungsrede um Ehre und Namen vor den Geschworenen, kurz
+in all den Fällen, in denen _man ganz dabei ist_, wie wir so bezeichnend
+sagen. Selbst bis in die Schätzung des Stils, den ein Autor schreibt,
+dürfen wir und sind wir gewöhnt, das Erklärungsprinzip zu tragen,
+welches wir bei der Ableitung des einzelnen Sprechfehlers nicht
+entbehren können. Eine klare und unzweideutige Schreibweise belehrt uns,
+dass der Autor hier mit sich einig ist, und wo wir gezwungenen und
+gewundenen Ausdruck finden, der, wie so richtig gesagt wird, nach mehr
+als einem Scheine schielt, da können wir den Anteil eines nicht genugsam
+erledigten, komplizierenden Gedankens erkennen, oder die erstickte
+Stimme der Selbstkritik des Autors heraushören.
+
+ [5] Von _mir_ hervorgehoben.
+
+ [6] Die Traumdeutung. Leipzig und Wien, 1900.
+
+ [7] Von _mir_ hervorgehoben.
+
+ [8] Sie stand nämlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluss von
+ unbewussten Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhütung. Mit den
+ Worten: „zusammengeklappt wie ein Taschenmesser“, welche sie bewusst
+ als Klage vorbrachte, wollte sie die Haltung des Kindes im Mutterleibe
+ beschreiben. Das Wort „Ernst“ in meiner Anrede hatte sie an den Namen
+ (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärnthnerstrasse gemahnt,
+ welche sich als Verkaufsstätte von Schutzmitteln gegen die Konzeption
+ zu annoncieren pflegt.
+
+ [9] Bei einer meiner Patientinnen setzte sich das Versprechen als
+ Symptom so lange fort, bis es auf den Kinderstreich, das Wort
+ _ruinieren_ durch _urinieren_ zu ersetzen, zurückgeführt war.
+
+ [10] Durch solches Versprechen brandmarkt z. B. _Anzengruber_ im
+ „G'wissenswurm“ den heuchlerischen Erbschleicher.
+
+
+
+
+V.
+
+Verlesen und Verschreiben.
+
+
+Dass für die Fehler im Lesen und Schreiben die nämlichen Gesichtspunkte
+und Bemerkungen Geltung haben, wie für die Sprechfehler, ist bei der
+inneren Verwandtschaft dieser Funktionen nicht zu verwundern. Ich werde
+mich hier darauf beschränken, einige sorgfältig analysierte Beispiele
+mitzuteilen, und keinen Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen
+zu umfassen.
+
+
+A. Verlesen.
+
+a) Ich durchblättere im Caféhaus eine Nummer der »Leipziger
+Illustrierten«, die ich schräg vor mir halte, und lese als Unterschrift
+eines sich über eine Seite erstreckenden Bildes: Eine Hochzeitsfeier _in
+der Odyssee_. Aufmerksam geworden und verwundert rücke ich mir das Blatt
+zurecht und korrigiere jetzt: Eine Hochzeitsfeier _an der Ostsee_. Wie
+komme ich zu diesem unsinnigen Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich
+sofort auf ein Buch von _Ruths_ »Experimentaluntersuchungen über
+Musikphantome etc.«, das mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat,
+weil es nahe an die von mir behandelten psychologischen Probleme
+streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ein Werk, welches
+»Analyse und Grundgesetze der Traumphänomene« heissen wird. Kein Wunder,
+dass ich, der ich eben eine »Traumdeutung« veröffentlicht habe, mit
+grösster Spannung diesem Buch entgegensehe. In der Schrift _Ruths_ über
+Musikphantome fand ich vorne im Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des
+ausführlichen induktiven Nachweises, dass die althellenischen Mythen und
+Sagen ihre Hauptwurzeln in Schlummer- und Musikphantomen, in
+Traumphänomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals sofort im
+Texte nach, um herauszufinden, ob er auch um die Zurückführung der
+Szene, wie _Odysseus_ vor _Nausikaa_ erscheint, auf den gemeinen
+Nacktheitstraum wisse. Mich hatte ein Freund auf die schöne Stelle in
+_G. Kellers_ »Grünem Heinrich« aufmerksam gemacht, welche diese Episode
+der Odyssee als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat
+irrenden Schiffers aufklärt, und ich hatte die Beziehung zum
+Exhibitionstraum der Nacktheit hinzugefügt (p. 170). Bei _Ruths_
+entdeckte ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle offenbar
+Prioritätsgedanken.
+
+b) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: „_Im Fass_
+durch Europa, anstatt: _zu Fuss_?“ Diese Auflösung bereitete mir lange
+Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfälle deuteten allerdings: Es
+müsse das Fass des Diogenes gemeint sein, und in einer Kunstgeschichte
+hatte ich unlängst etwas über die Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. Es
+lag dann nahe, an die bekannte Rede Alexanders zu denken: Wenn ich nicht
+Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von
+einem gewissen _Hermann Zeitung_ vor, der in eine Kiste verpackt sich
+auf Reisen begeben hatte. Aber weiter wollte sich der Zusammenhang
+nicht herstellen, und es gelang mir nicht, die Seite in der
+Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen, auf welcher mir jene Bemerkung ins
+Auge gefallen war. Erst Monate später fiel mir das bei Seite geworfene
+Rätsel plötzlich wieder ein, und diesmal zugleich mit seiner Lösung. Ich
+erinnerte mich an die Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was für
+sonderbare Arten der _Beförderung_ die Leute jetzt wählten, um nach
+Paris zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie ich glaube,
+scherzhaft mitgeteilt worden, dass irgend ein Herr die Absicht habe,
+sich von einem anderen Herrn in einem _Fass_ nach Paris rollen zu
+lassen. Natürlich hätten diese Leute kein anderes Motiv, als durch
+solche Torheiten Aufsehen zu machen. _Hermann Zeitung_ war in der Tat
+der Name desjenigen Mannes, der für solche aussergewöhnliche
+Beförderungen das erste Beispiel gegeben hatte. Dann fiel mir ein, dass
+ich einmal einen Patienten behandelt, dessen krankhafte Angst vor der
+Zeitung sich als Reaktion gegen den krankhaften _Ehrgeiz_ auflöste, sich
+gedruckt und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu sehen. Der
+mazedonische Alexander war gewiss einer der ehrgeizigsten Männer, die je
+gelebt. Er klagte ja, dass er keinen Homer finden werde, der seine Taten
+besinge. Aber wie konnte ich nur _nicht daran denken_, dass ein anderer
+_Alexander_ mir näher stehe, dass Alexander der Name meines jüngeren
+Bruders ist! Ich fand nun sofort den anstössigen und der Verdrängung
+bedürftigen Gedanken in betreff dieses Alexanders und die aktuelle
+Veranlassung für ihn. Mein Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die
+Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für
+seine Lehrtätigkeit an einer kommerziellen Hochschule den Titel
+Professor erhalten. Für die gleiche _Beförderung_ bin ich an der
+Universität seit mehreren Jahren vorgeschlagen, ohne sie erreicht zu
+haben. Unsere Mutter äusserte damals ihr Befremden darüber, dass ihr
+kleiner Sohn eher Professor werden sollte als ihr grosser. So stand es
+zur Zeit, als ich die Lösung für jenen Leseirrtum nicht finden konnte.
+Dann erhoben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine Chancen,
+Professor zu werden, fielen noch unter die meinigen. Da aber wurde mir
+plötzlich der Sinn jenes Verlesens offenbar; es war, als hätte die
+Minderung in den Chancen des Bruders ein Hindernis beseitigt. Ich hatte
+mich so benommen, als läse ich die Ernennung des Bruders in der Zeitung,
+und sagte mir dabei: Merkwürdig, dass man wegen solcher Dummheiten (wie
+er sie als Beruf betreibt) in der Zeitung stehen (d. h. zum Professor
+ernannt werden) kann! Die Stelle über die hellenistische Kunst im
+Zeitalter Alexanders schlug ich dann ohne Mühe auf und überzeugte mich
+zu meinem Erstaunen, dass ich während des vorherigen Suchens wiederholt
+auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie unter der Herrschaft einer
+negativen Halluzination den betreffenden Satz übergangen hatte. Dieser
+enthielt übrigens gar nichts, was mir Aufklärung brachte, was des
+Vergessens wert gewesen wäre. Ich meine, das Symptom des Nichtauffindens
+im Buche ist nur zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich sollte die
+Fortsetzung der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner Nachforschung
+ein Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend einer Idee über den
+mazedonischen Alexander, und sollte so vom gleichnamigen Bruder sicherer
+abgelenkt werden. Dies gelang auch vollkommen; ich richtete alle meine
+Bemühungen darauf, die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder
+aufzufinden.
+
+Der Doppelsinn des Wortes »_Beförderung_« ist in diesem Falle die
+Assoziationsbrücke zwischen den zwei Gedankenkreisen, dem unwichtigen,
+der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem interessanteren, aber
+anstössigen, der sich hier als Störung des zu Lesenden geltend machen
+darf. Man ersieht aus diesem Beispiel, dass es nicht immer leicht wird,
+Vorkommnisse wie diesen Lesefehler aufzuklären. Gelegentlich ist man
+auch genötigt, die Lösung des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu
+verschieben. Je schwieriger sich aber die Lösungsarbeit erweist, desto
+sicherer darf man erwarten, dass der endlich aufgedeckte störende
+Gedanke von unserem bewussten Denken als fremdartig und gegensätzlich
+beurteilt werden wird.
+
+c) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens, der mir eine
+erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch sofort meine Frau an und
+fordere sie zur Teilnahme daran auf, dass _die_ arme Wilhelm M. so
+schwer erkrankt und von den Ärzten aufgegeben ist. An den Worten, in
+welche ich mein Bedauern kleide, muss aber etwas falsch geklungen haben,
+denn meine Frau wird misstrauisch, verlangt den Brief zu sehen und
+äussert als ihre Überzeugung, so könne es nicht darin stehen, denn
+niemand nenne eine Frau nach dem Namen des Mannes, und überdies sei der
+Korrespondentin der Vorname der Frau sehr wohl bekannt. Ich verteidige
+meine Behauptung hartnäckig und verweise auf die so gebräuchlichen
+Visitkarten, auf denen eine Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes
+bezeichnet. Ich muss endlich den Brief zur Hand nehmen, und wir lesen
+darin tatsächlich »der arme W. M.«, ja sogar, was ich ganz übersehen
+hatte: »der arme _Dr._ W. M.«. Mein Versehen bedeutete also einen,
+sozusagen krampfhaften, Versuch, die traurige Neuigkeit von dem Manne
+auf die Frau zu überwälzen. Der zwischen Artikel, Beiwort und Name
+eingeschobene Titel passte schlecht zu der Forderung, es müsste die Frau
+gemeint sein. Darum wurde er auch beim Lesen beseitigt. Das Motiv dieser
+Verfälschung war aber nicht, dass mir die Frau weniger sympathisch wäre
+als der Mann, sondern das Schicksal des armen Mannes hatte meine
+Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende Person rege gemacht,
+welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingungen mit diesem Falle
+gemeinsam hatte.
+
+
+B. Verschreiben.
+
+a) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeichnungen meist von
+geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner Überraschung
+mitten unter den richtigen Daten des Monats September eingeschlossen das
+verschriebene Datum »Donnerstag den 20. Okt.«. Es ist nicht schwierig,
+diese Antizipation aufzuklären, und zwar als Ausdruck eines Wunsches.
+Ich bin wenige Tage vorher frisch von der Ferienreise zurückgekehrt und
+fühle mich bereit für ausgiebige ärztliche Beschäftigung, aber die
+Anzahl der Patienten ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen
+Brief von einer Kranken vor, die sich für den 20. _Oktober_ ankündigte.
+Als ich die gleiche Tageszahl im September niederschrieb, kann ich wohl
+gedacht haben: Die X. sollte doch schon da sein; wie schade um den
+vollen Monat! und in diesem Gedanken rückte ich das Datum vor. Der
+störende Gedanke ist in diesem Falle kaum ein anstössiger zu nennen;
+dafür weiss ich auch sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem
+ich ihn erst bemerkt habe.
+
+b) Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum Jahresbericht für
+Neurologie und Psychiatrie und muss natürlich mit besonderer Sorgfalt
+die Autornamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen angehörig,
+dem Setzer die grössten Schwierigkeiten zu bereiten pflegen. Manchen
+fremd klingenden Namen finde ich wirklich noch zu korrigieren, aber
+einen einzigen Namen hat merkwürdiger Weise der Setzer _gegen_ mein
+Manuskript verbessert und zwar mit vollem Rechte. Ich hatte nämlich
+_Buckrhard_ geschrieben, woraus der Setzer _Burckhard_ erriet. Ich hatte
+die Abhandlung eines Geburtshelfers über den Einfluss der Geburt auf die
+Entstehung der Kinderlähmungen selbst als verdienstlich gelobt, wüsste
+auch nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen wie er
+trägt auch ein Schriftsteller in Wien, der mich durch eine unverständige
+Kritik über meine »Traumdeutung« geärgert hat. Es ist gerade so, als
+hätte ich mir bei der Niederschrift des Namen _Burckhard_, der den
+Geburtshelfer bezeichnete, etwas Arges über den anderen B., den
+Schriftsteller, gedacht, denn Namenverdrehen bedeutet häufig genug, wie
+ich schon beim Versprechen erwähnt habe, Schmähung.[11]
+
+c) Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich vielleicht
+mit ebensoviel Recht dem »Vergreifen« einordnen könnte: Ich habe die
+Absicht, mir aus der Postsparkassa die Summe von 300 Kronen kommen zu
+lassen, die ich einem zum Kurgebrauch abwesenden Verwandten schicken
+will. Ich bemerke dabei, dass mein Konto auf 4380 Kr. lautet und nehme
+mir vor, es jetzt auf die runde Summe von 4000 Kr. herunterzusetzen, die
+in der nächsten Zeit nicht angegriffen werden soll. Nachdem ich den
+Check ordnungsmässig ausgeschrieben und die der Zahl entsprechenden
+Ziffern ausgeschnitten habe, merke ich plötzlich, dass ich nicht =380=
+Kr., wie ich wollte, sondern gerade =438= bestellt habe, und erschrecke
+über die Unzuverlässigkeit meines Tuns. Den Schreck erkenne ich bald als
+unberechtigt; ich bin ja jetzt nicht ärmer worden, als ich vorher war.
+Aber ich muss eine ganze Weile darüber nachsinnen, welcher Einfluss hier
+meine erste Intention gestört hat, ohne sich meinem Bewusstsein
+anzukündigen. Ich gerate zuerst auf falsche Wege, will die beiden
+Zahlen, 380 und 438, von einander abziehen, weiss aber dann nicht, was
+ich mit der Differenz anfangen soll. Endlich zeigt mir ein plötzlicher
+Einfall den wahren Zusammenhang. 438 entspricht ja _zehn Prozent_ des
+ganzen Konto von 4380 Kr.! 10 pCt. Rabatt hat man aber beim
+_Buchhändler_! Ich besinne mich, dass ich vor wenigen Tagen eine Anzahl
+medizinischer Werke, die ihr Interesse für mich verloren haben,
+ausgesucht, um sie dem Buchhändler gerade für 300 Kronen anzubieten. Er
+fand die Forderung zu hoch und versprach, in den nächsten Tagen
+endgiltige Antwort zu sagen. Wenn er mein Angebot annimmt, so hat er mir
+gerade die Summe ersetzt, welche ich für den Kranken verausgaben soll.
+Es ist nicht zu verkennen, dass es mir um diese Ausgabe leid tut. Der
+Affekt bei der Wahrnehmung meines Irrtums lässt sich besser verstehen
+als Furcht, durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber beides, das
+Bedauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte Verarmungsangst,
+sind meinem Bewusstsein völlig fremd; ich habe das Bedauern nicht
+verspürt, als ich jene Summe zusagte, und fände die Motivierung
+desselben lächerlich. Ich würde mir eine solche Regung wahrscheinlich
+gar nicht zutrauen, wenn ich nicht durch die Übung in Psychoanalysen bei
+Patienten mit dem Verdrängten im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, und
+wenn ich nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt hätte, welcher die
+nämliche Lösung erforderte.[12]
+
+_Wundt_ gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht zu
+bestätigende Tatsache, dass wir uns leichter verschreiben als
+versprechen (l. c. p. 374). „Im Verlaufe der normalen Rede ist
+fortwährend die Hemmungsfunktion des Willens dahin gerichtet,
+Vorstellungsverlauf und Artikulationsbewegung mit einander in Einklang
+zu bringen. Wird die den Vorstellungen folgende Ausdrucksbewegung durch
+mechanische Ursachen verlangsamt wie beim Schreiben ...., so treten
+daher solche Antizipationen besonders leicht ein.“
+
+Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen auftritt,
+giebt Anlass zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt lassen möchte,
+weil er nach meiner Schätzung der Ausgangspunkt einer fruchtbaren
+Untersuchung werden kann. Es ist jedermann bekannt, wie häufig beim
+_Vorlesen_ die Aufmerksamkeit des Lesenden den Text verlässt und sich
+eigenen Gedanken zuwendet. Die Folge dieses Abschweifens der
+Aufmerksamkeit ist nicht selten, dass er überhaupt nicht anzugeben
+weiss, was er gelesen hat, wenn man ihn im Vorlesen unterbricht und
+befragt. Er hat dann wie automatisch gelesen, aber er hat fast immer
+richtig vorgelesen. Ich glaube nicht, dass die Lesefehler sich unter
+solchen Bedingungen merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von
+Funktionen sind wir auch gewöhnt, anzunehmen, dass sie automatisch, also
+von kaum bewusster Aufmerksamkeit begleitet, am exaktesten vollzogen
+werden. Daraus scheint zu folgen, dass die Aufmerksamkeitsbedingung der
+Sprech-, Lese- und Schreibfehler anders zu bestimmen ist, als sie bei
+_Wundt_ lautet (Wegfall oder Nachlass der Aufmerksamkeit). Die
+Beispiele, die wir der Analyse unterzogen haben, gaben uns eigentlich
+nicht das Recht, eine quantitative Verminderung der Aufmerksamkeit
+anzunehmen; wir fanden, was vielleicht nicht ganz dasselbe ist, eine
+_Störung_ der Aufmerksamkeit durch einen fremden, Anspruch erhebenden
+Gedanken.
+
+ [11] Vgl. etwa die Stelle im _Julius Caesar_ III. 3:
+
+ _Cinna._ Ehrlich, mein Name ist Cinna.
+
+ _Bürger._ Reisst ihn in Stücke! er ist ein Verschworener.
+
+ _Cinna._ Ich bin Cinna der Poet! Ich bin nicht Cinna der
+ Verschworene.
+
+ _Bürger._ Es tut nichts; sein Name ist Cinna, reisst ihm den
+ Namen aus dem Herzen und lasst ihn laufen.
+
+ [12] Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung,
+ „Über den Traum“, No. VIII der „Grenzfragen des Nerven- und
+ Seelenlebens“, herausgegeben von _Löwenfeld_ und _Kurella_ 1901, zum
+ Paradigma genommen habe.
+
+
+
+
+VI.
+
+Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.
+
+
+Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegenwärtigen
+Kenntnis vom Seelenleben zu überschätzen, so brauchte man ihn nur an die
+Gedächtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur Bescheidenheit zu zwingen.
+Keine psychologische Theorie hat es noch vermocht, von dem fundamentalen
+Phänomen des Erinnerns und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu
+geben; ja, die vollständige Zergliederung dessen, was man als
+tatsächlich beobachten kann, ist noch kaum in Angriff genommen.
+Vielleicht ist uns heute das Vergessen rätselhafter geworden als das
+Erinnern, seitdem uns das Studium des Traumes und pathologischer
+Ereignisse gelehrt hat, dass auch das plötzlich wieder im Bewusstsein
+auftauchen kann, was wir für längst vergessen geschätzt haben.
+
+Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, für
+welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen an, dass das
+Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man einen gewissen zeitlichen
+Ablauf zuschreiben kann. Wir heben hervor, dass beim Vergessen eine
+gewisse Auswahl unter den dargebotenen Eindrücken stattfindet und ebenso
+unter den Einzelheiten eines jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir
+kennen einige der Bedingungen für die Haltbarkeit im Gedächtnis und für
+die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen würde. Bei unzähligen
+Anlässen im täglichen Leben können wir aber bemerken, wie unvollständig
+und unbefriedigend unsere Erkenntnis ist. Man höre zu, wie zwei
+Personen, die gemeinsam äussere Eindrücke empfangen, z. B. eine Reise
+mit einander gemacht haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen
+austauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der
+andere oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre, und zwar ohne dass
+man ein Recht zur Behauptung hätte, der Eindruck sei für den einen
+psychisch bedeutsamer gewesen als für den anderen. Eine ganze Anzahl der
+die Auswahl fürs Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar
+noch unserer Kenntnis.
+
+In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens einen
+kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen mir das
+Vergessen selbst widerfährt, einer psychologischen Analyse zu
+unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel nur mit einer gewissen
+Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in denen das Vergessen mich in
+Erstaunen setzt, weil ich nach meiner Erwartung das Betreffende wissen
+sollte. Ich will noch bemerken, dass ich zur Vergesslichkeit im
+allgemeinen (für Erlebtes, nicht für Gelerntes!) nicht neige, und dass
+ich durch eine kurze Periode meiner Jugend auch aussergewöhnlicher
+Gedächtnisleistungen nicht unfähig war. In meiner Schulknabenzeit war es
+mir selbstverständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte,
+auswendig hersagen zu können, und kurz vor der Universität war ich
+imstande, populäre Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar
+nachher fast wortgetreu niederzuschreiben. In der Spannung vor dem
+letzten medizinischen Rigorosum muss ich noch Gebrauch von dem Rest
+dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich gab in einigen Gegenständen den
+Prüfern wie automatisch Antworten, die sich getreu mit dem Text des
+Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur einmal in der grössten Hast
+durchflogen hatte.
+
+Die Verfügung über den Gedächnisschatz ist seither bei mir immer
+schlechter geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit hinein
+überzeugt, dass ich mit Hilfe eines Kunstgriffes weit mehr erinnern
+kann, als ich mir sonst zutraue. Wenn z. B. ein Patient in der
+Sprechstunde sich darauf beruft, dass ich ihn schon einmal gesehen habe,
+und ich mich weder an die Tatsache noch an den Zeitpunkt erinnern kann,
+so helfe ich mir, indem ich rate, d. h. mir rasch eine Zahl von Jahren,
+von der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen oder
+die sichere Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalles
+ermöglichen, da zeigt es sich, dass ich selten um mehr als ein Halbjahr
+bei über 10 Jahren geirrt habe.[13] Ähnlich, wenn ich einen entfernteren
+Bekannten treffe, den ich aus Höflichkeit nach seinen kleinen Kindern
+frage. Erzählt er von den Fortschritten derselben, so suche ich mir
+einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt ist, kontrolliere durch die
+Auskunft des Vaters und gehe höchstens um einen Monat, bei älteren
+Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ich nicht angeben kann, welche
+Anhaltspunkte ich für diese Schätzung hatte. Ich bin zuletzt so kühn
+geworden, dass ich meine Schätzung immer spontan vorbringe, und laufe
+dabei nicht Gefahr, den Vater durch die Blossstellung meiner
+Unwissenheit über seinen Sprössling zu kränken. Ich erweitere so mein
+bewusstes Erinnern durch Anrufen meines jedenfalls weit reichhaltigeren
+unbewussten Gedächtnisses.
+
+Ich werde also über _auffällige_ Beispiele von Vergessen, die ich an mir
+selbst beobachtet, berichten. Ich unterscheide Vergessen von Eindrücken
+und Erlebnissen, also von Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also
+Unterlassungen. Das einförmige Ergebnis der ganzen Reihe von
+Beobachtungen kann ich voranstellen: _In allen Fällen erwies sich das
+Vergessen als begründet durch ein Unlustmotiv_.
+
+
+A. Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen.
+
+a) Im Sommer gab mir meine Frau einen an sich harmlosen Anlass zu
+heftigem Ärger. Wir sassen an der Table d'hôte einem Herrn aus Wien
+gegenüber, den ich kannte, und der sich wohl auch an mich zu erinnern
+wusste. Ich hatte aber meine Gründe, die Bekanntschaft nicht zu
+erneuern. Meine Frau, die nur den ansehnlichen Namen ihres Gegenüber
+gehört hatte, verriet zu sehr, dass sie seinem Gespräch mit den Nachbarn
+zuhörte, denn sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit Fragen, die
+den dort gesponnenen Faden aufnahmen. Ich wurde ungeduldig und endlich
+gereizt. Wenige Wochen später führte ich bei einer Verwandten Klage über
+dieses Verhalten meiner Frau. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein
+Wort der Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher
+nachtragend bin und keine Einzelheit eines Vorfalls, der mich geärgert
+hat, vergessen kann, ist meine Amnesie in diesem Falle wohl durch
+Rücksichten auf die Person der Ehefrau motiviert. Ähnlich erging es mir
+erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich gegen einen intim Bekannten über
+eine Äusserung meiner Frau lustig machen, die erst vor wenigen Stunden
+gefallen war, fand mich aber in diesem Vorsatz durch den bemerkenswerten
+Umstand gehindert, dass ich die betreffende Äusserung spurlos vergessen
+hatte. Ich musste erst meine Frau bitten, mich an dieselbe zu erinnern.
+Es ist leicht zu verstehen, dass dies mein Vergessen analog zu fassen
+ist der typischen Urteilsstörung, welcher wir unterliegen, wenn es sich
+um unsere nächsten Angehörigen handelt.
+
+b) Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien angekommenen Dame eine
+kleine eiserne Handkassette zur Aufbewahrung ihrer Dokumente und Gelder
+zu besorgen. Als ich mich dazu erbot, schwebte mir mit ungewöhnlicher
+visueller Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage in der Inneren Stadt vor,
+in welcher ich solche Kassen gesehen haben musste. Ich konnte mich zwar
+an den Namen der Strasse nicht erinnern, fühlte mich aber sicher, dass
+ich den Laden auf einem Spaziergang durch die Stadt auffinden werde,
+denn meine Erinnerung sagte mir, dass ich unzählige Male an ihm
+vorübergegangen sei. Zu meinem Ärger gelang es mir aber nicht, diese
+Auslage mit den Kassetten aufzufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach
+allen Richtungen durchstreifte. Es blieb mir nichts anderes übrig,
+meinte ich, als mir aus einem Adressenkalender die Kassenfabrikanten
+herauszusuchen, um dann auf einem zweiten Rundgang die gesuchte Auslage
+zu identifizieren. Es bedurfte aber nicht soviel; unter den im Kalender
+angezeigten Adressen befand sich eine, die sich mir sofort als die
+vergessene enthüllte. Es war richtig, dass ich ungezählte Male an dem
+Auslagefenster vorübergegangen war; jedesmal nämlich, wenn ich die
+Familie M. besucht hatte, die seit langen Jahren in dem nämlichen Hause
+wohnt. Seitdem dieser intime Verkehr einer völligen Entfremdung gewichen
+war, pflegte ich, ohne mir von den Gründen Rechenschaft zu geben, auch
+die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem Spaziergang durch die Stadt
+hatte ich, als ich die Kassetten in der Auslage suchte, jede Strasse in
+der Umgebung begangen, dieser einen aber war ich, als ob ein Verbot
+darauf läge, ausgewichen. Das Unlustmotiv, welches in diesem Fall meine
+Unorientiertheit verschuldete, ist greifbar. Der Mechanismus des
+Vergessens ist aber nicht mehr so einfach wie im vorigen Beispiel. Meine
+Abneigung gilt natürlich nicht dem Kassenfabrikanten, sondern einem
+anderen, von dem ich nichts wissen will, und überträgt sich von diesem
+anderen auf die Gelegenheit, wo sie das Vergessen zustande bringt. Ganz
+ähnlich hatte im Falle _Burckhard_ der Groll gegen den einen den
+Schreibfehler im Namen hervorgebracht, wo es sich um den anderen
+handelte. Was hier die Namensgleichheit leistete, die Verknüpfung
+zwischen zwei im Wesen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das
+konnte im Beispiel von dem Auslagefenster die Kontiguität im Raum, die
+untrennbare Nachbarschaft ersetzen. Übrigens war dieser letzte Fall
+fester gefügt; es fand sich noch eine zweite inhaltliche Verknüpfung
+vor, denn unter den Gründen der Entfremdung mit der im Hause wohnenden
+Familie hatte das Geld eine grosse Rolle gespielt.
+
+c) Ich werde von dem Bureau B. & R. bestellt, einen ihrer Beamten
+ärztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Wohnung beschäftigt mich
+die Idee, ich müsste schon wiederholt in dem Hause gewesen sein, in
+welchem sich die Firma befindet. Es ist mir, als ob mir die Tafel
+derselben in einem niedrigen Stockwerk aufgefallen wäre, während ich in
+einem höheren einen ärztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich
+aber weder daran erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich dort
+besucht habe. Obwohl die ganze Angelegenheit gleichgiltig und
+bedeutungslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr und erfahre endlich
+auf dem gewöhnlichen Umwege, indem ich meine Einfälle dazu sammle, dass
+sich einen Stock über den Lokalitäten der Firma B. & R. die Pension
+_Fischer_ befindet, in welcher ich häufig Patienten besucht habe. Ich
+kenne jetzt auch das Haus, welches die Bureaux und die Pension
+beherbergt. Rätselhaft ist mir noch, welches Motiv bei diesem Vergessen
+im Spiele war. Ich finde nichts für die Erinnerung Anstössiges an der
+Firma selbst oder an Pension Fischer oder an den Patienten, die dort
+wohnten. Ich vermute auch, dass es sich um nicht sehr Peinliches handeln
+kann; sonst wäre es mir kaum gelungen, mich des Vergessenen auf einem
+Umwege wieder zu bemächtigen, ohne äussere Hilfsmittel wie im vorigen
+Beispiel heranzuziehen. Es fällt mir endlich ein, dass mich eben vorhin,
+als ich den Weg zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Strasse
+gegrüsst hat, den ich Mühe hatte zu erkennen. Ich hatte diesen Mann vor
+Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen und die Diagnose
+der progressiven Paralyse über ihn verhängt, dann aber gehört, dass er
+hergestellt sei, so dass mein Urteil unrichtig gewesen wäre. Wenn nicht
+etwa hier eine der Remissionen vorliegt, die sich auch bei Dementia
+paralytica finden, so dass meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wäre!
+Von dieser Begegnung ging der Einfluss aus, der mich an die
+Nachbarschaft der Bureaux von B. & R. vergessen liess, und mein
+Interesse, die Lösung des Vergessenen zu finden, war von diesem Fall
+strittiger Diagnostik her übertragen. Die assoziative Verknüpfung aber
+wurde bei geringem inneren Zusammenhang -- der wider Erwarten Genesene
+war auch Beamter eines grossen Bureaus, welches mir Kranke zuzuweisen
+pflegte -- durch eine Namensgleichheit besorgt. Der Arzt, mit welchem
+gemeinsam ich den fraglichen Paralytiker gesehen hatte, hiess auch
+_Fischer_, wie die in dem Haus befindliche, vom Vergessen betroffene
+Pension.
+
+d) Ein Ding _verlegen_ heisst ja nichts anderes als vergessen, wohin man
+es gelegt hat, und wie die meisten mit Schriften und Büchern
+hantierenden Personen bin ich auf meinem Schreibtisch wohl orientiert
+und weiss das Gesuchte mit einem Griff hervorzuholen. Was anderen als
+Unordnung erscheint, ist für mich historisch gewordene Ordnung. Warum
+habe ich aber unlängst einen Bücherkatalog, der mir zugeschickt wurde,
+so verlegt, dass er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte doch die
+Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, »Über die Sprache«, zu
+bestellen, weil es von einem Autor herrührt, dessen geistreich belebten
+Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psychologie und dessen Kenntnisse
+in der Kulturhistorie ich zu schätzen weiss. Ich meine, gerade darum
+habe ich den Katalog verlegt. Ich pflege nämlich Bücher dieses Autors
+zur Aufklärung unter meinen Bekannten zu verleihen, und vor wenigen
+Tagen hat mir jemand bei der Rückstellung gesagt: „Der Stil erinnert
+mich ganz an den Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe.“ Der
+Redner wusste nicht, an was er mit dieser Bemerkung rührte. Vor Jahren,
+als ich noch jünger und anschlussbedürftiger war, hat mir ungefähr das
+Nämliche ein älterer Kollege gesagt, dem ich die Schriften eines
+bekannten medizinischen Autors angepriesen hatte. „Ganz Ihr Stil und
+Ihre Art.“ So beeinflusst hatte ich diesem Autor einen um näheren
+Verkehr werbenden Brief geschrieben, wurde aber durch eine kühle Antwort
+in meine Schranken zurückgewiesen. Vielleicht verbergen sich ausserdem
+noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten, denn ich
+habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und bin durch dieses
+Vorzeichen wirklich abgehalten worden, das angezeigte Buch zu bestellen,
+obwohl ein wirkliches Hindernis durch das Verschwinden des Kataloges
+nicht geschaffen worden ist. Ich habe ja die Namen des Buches und des
+Autors im Gedächtnis behalten.[14]
+
+e) Im Sommer dieses Jahres erklärte ich einmal meinem Freunde Fl., mit
+dem ich in regem Gedankenaustausch über wissenschaftliche Fragen stehe:
+Diese neurotischen Probleme sind nur dann zu lösen, wenn wir uns ganz
+und voll auf den Boden der Annahme einer ursprünglichen Bisexualität des
+Individuums stellen. Ich erhielt zur Antwort: „Das habe ich Dir schon
+vor 2½ Jahren in Br. gesagt, als wir jenen Abendspaziergang machten.
+Du wolltest damals nichts davon hören.“ Es ist nun schmerzlich, so zum
+Aufgeben seiner Originalität aufgefordert zu werden. Ich konnte mich an
+ein solches Gespräch und an diese Eröffnung meines Freundes nicht
+erinnern. Einer von uns beiden musste sich da täuschen; nach dem Prinzip
+der Frage _cui_ prodest? musste ich das sein. Ich habe im Laufe der
+nächsten Wochen in der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es in mir
+erwecken wollte; ich weiss selbst, was ich damals zur Antwort gab: Dabei
+halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht einlassen. Aber ich bin
+seither um ein Stück toleranter geworden, wenn ich irgendwo in der
+medizinischen Literatur auf eine der wenigen Ideen stosse, mit denen man
+meinen Namen verknüpfen kann, und wenn ich dabei die Erwähnung meines
+Namens vermisse.
+
+Ausstellungen an seiner Ehefrau -- Freundschaft, die ins Gegenteil
+umgeschlagen hat -- Irrtum in ärztlicher Diagnostik -- Zurückweisung
+durch Gleichstrebende -- Entlehnung von Ideen; es ist wohl kaum
+zufällig, dass eine Anzahl von Beispielen des Vergessens, die ohne
+Absicht gesammelt worden sind, zu ihrer Auflösung des Eingehens auf so
+peinliche Themata bedürfen. Ich vermute vielmehr, dass jeder Andere, der
+sein eigenes Vergessen einer Prüfung nach den Motiven unterziehen will,
+eine ähnliche Musterkarte von Widerwärtigkeiten aufzeichnen können wird.
+Die Neigung zum Vergessen des Unangenehmen scheint mir ganz allgemein zu
+sein; die Fähigkeit dazu ist wohl bei verschiedenen Personen verschieden
+gut ausgebildet. Manches _Ableugnen_, das uns in der ärztlichen
+Tätigkeit begegnet, ist wahrscheinlich auf _Vergessen_ zurückzuführen.
+Unsere Auffassung eines solchen Vergessens beschränkt den Unterschied
+zwischen dem und jenem Benehmen allerdings auf rein psychologische
+Verhältnisse und gestattet uns, in beiden Reaktionsweisen den Ausdruck
+desselben Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen Beispielen der
+Verleugnung unangenehmer Erinnerungen, die ich bei Angehörigen von
+Kranken gesehen habe, ist mir eines als besonders seltsam im Gedächtnis
+geblieben. Eine Mutter informierte mich über die Kinderjahre ihres
+nervenkranken, in der Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei,
+dass er wie seine Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen gelitten
+habe, was ja für eine neurotische Krankengeschichte nicht bedeutungslos
+ist. Einige Wochen später, als sie sich Auskunft über den Stand der
+Behandlung holen wollte, hatte ich Anlass, sie auf die Zeichen
+konstitutioneller Krankheitsveranlagung bei dem jungen Mann aufmerksam
+zu machen, und berief mich hierbei auf das anamnestisch erhobene
+Bettnässen. Zu meinem Erstaunen bestritt sie die Tatsache sowohl für
+dies als auch für die anderen Kinder, fragte mich, woher ich das wissen
+könne, und hörte endlich von mir, dass sie selbst es mir vor kurzer Zeit
+erzählt habe, was also von ihr vergessen worden war.[15]
+
+Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen Menschen reichlich
+Anzeichen dafür, dass sich der Erinnerung an peinliche Eindrücke, der
+Vorstellung peinlicher Gedanken, ein Widerstand entgegensetzt. Die volle
+Bedeutung dieser Tatsache lässt sich aber erst ermessen, wenn man in die
+Psychologie neurotischer Personen eingeht. Man ist genötigt, ein solches
+_elementares Abwehrbestreben_ gegen Vorstellungen, welche
+Unlustempfindungen erwecken können, ein Bestreben, das sich nur dem
+Fluchtreflex bei Schmerzreizen an die Seite stellen lässt, zu einem der
+Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen, welcher die hysterischen
+Symptome trägt. Man möge gegen die Annahme einer solchen Abwehrtendenz
+nicht einwenden, dass wir es im Gegenteil häufig genug unmöglich finden,
+peinliche Erinnerungen, die uns verfolgen, los zu werden und peinliche
+Affektregungen wie Reue, Gewissensvorwürfe zu verscheuchen. Es wird ja
+nicht behauptet, dass diese Abwehrtendenz sich überall durchzusetzen
+vermag, dass sie nicht im Spiel der psychischen Kräfte auf Faktoren
+stossen kann, welche zu anderen Zwecken das Entgegengesetzte anstreben
+und ihr zum Trotz zustande bringen. _Als das architektonische Prinzip
+des seelischen Apparates lässt sich die Schichtung, der Aufbau aus
+einander überlagernden Instanzen erraten_, und es ist sehr wohl möglich,
+dass dies Abwehrbestreben einer niedrigeren psychischen Instanz
+angehört, von höheren Instanzen aber gehemmt wird. Es spricht jedenfalls
+für die Existenz und Mächtigkeit dieser Tendenz zur Abwehr, wenn wir
+Vorgänge wie die in unseren Beispielen von Vergessen auf sie
+zurückführen können. Wir sehen, dass manches um seiner selbst willen
+vergessen wird; wo dies nicht möglich ist, verschiebt die Abwehrtendenz
+ihr Ziel und bringt wenigstens etwas anderes, minder Bedeutsames, zum
+Vergessen, welches in assoziative Verknüpfung mit dem eigentlich
+Anstössigen geraten ist.
+
+Der hier entwickelte Gesichtspunkt, dass peinliche Erinnerungen mit
+besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfallen, verdiente
+auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen er heute noch keine oder
+eine zu geringe Beachtung gefunden hat. So erscheint er mir noch immer
+nicht genügend scharf betont bei der Würdigung von Zeugenaussagen vor
+Gericht,[16] wobei man offenbar der unter Eidstellung des Zeugen einen
+allzu grossen purifizierenden Einfluss auf dessen psychisches
+Kräftespiel zutraut. Dass man bei der Entstehung der Traditionen und der
+Sagengeschichte eines Volkes einem solchen Motiv, das dem Nationalgefühl
+Peinliche aus der Erinnerung auszumerzen, Rechnung tragen muss, wird
+allgemein zugestanden. Vielleicht würde sich bei genauerer Verfolgung
+eine vollständige Analogie herausstellen zwischen der Art, wie
+Völkertraditionen und wie die Kindheitserinnerungen des einzelnen
+Individuums gebildet werden.
+
+Ganz ähnlich wie beim Namenvergessen kann auch beim Vergessen von
+Eindrücken Fehlerinnern eintreten, das dort, wo es Glauben findet, als
+Erinnerungstäuschung bezeichnet wird. Die Erinnerungstäuschung in
+pathologischen Fällen -- in der Paranoia spielt sie geradezu die Rolle
+eines konstituierenden Momentes bei der Wahnbildung -- hat eine
+ausgedehnte Literatur wachgerufen, in welcher ich durchgängig den
+Hinweis auf eine Motivierung derselben vermisse. Da auch dieses Thema
+der Neurosenpsychologie angehört, entzieht es sich in unserm
+Zusammenhange der Behandlung. Ich werde dafür ein sonderbares Beispiel
+einer eigenen Erinnerungstäuschung mitteilen, bei dem die Motivierung
+durch unbewusstes verdrängtes Material und die Art und Weise der
+Verknüpfung mit demselben deutlich genug kenntlich werden.
+
+Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traumdeutung schrieb,
+befand ich mich in einer Sommerfrische ohne Zugang zu Bibliotheken und
+Nachschlagebüchern und war genötigt, mit Vorbehalt späterer Korrektur,
+allerlei Beziehungen und Zitate aus dem Gedächtnis in das Manuskript
+einzutragen. Beim Abschnitt über das Tagträumen fiel mir die
+ausgezeichnete Figur des armen Buchhalters im »_Nabab_« von _Alph.
+Daudet_ ein, mit welcher der Dichter wahrscheinlich seine eigene
+Träumerei geschildert. Ich glaubte mich an eine der Phantasien, die
+dieser Mann -- Mr. Jocelyn nannte ich ihn -- auf seinen Spaziergängen
+durch die Strassen von Paris ausbrütet, deutlich zu erinnern und begann
+sie aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Wie also Herr Jocelyn auf der
+Strasse sich kühn einem durchgehenden Pferd entgegenwirft, es zum Stehen
+bringt, der Wagenschlag sich öffnet, eine hohe Persönlichkeit dem Coupé
+entsteigt, Herrn Jocelyn die Hand drückt und ihm sagt: „Sie sind mein
+Retter, Ihnen verdanke ich mein Leben. Was kann ich für Sie tun?“
+
+Etwaige Ungenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie, tröstete ich
+mich, würden sich leicht zuhause verbessern lassen, wenn ich das Buch
+zur Hand nähme. Als ich dann aber den »_Nabab_« durchblätterte, um die
+druckbereite Stelle meines Manuskriptes zu vergleichen, fand ich zu
+meiner grössten Beschämung und Bestürzung nichts von einer solchen
+Träumerei des Herrn Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug gar nicht
+diesen Namen, sondern hiess _Mr. Joyeuse_. Dieser zweite Irrtum gab dann
+bald den Schlüssel zur Klärung des ersten, der Erinnerungstäuschung.
+_Joyeux_ (wovon der Name die feminine Form darstellt): so und nicht
+anders müsste ich ja meinen eigenen Namen: _Freud_ ins Französische
+übersetzen. Woher konnte also die fälschlich erinnerte Phantasie sein,
+die ich _Daudet_ zugeschrieben hatte? Sie konnte nur ein eigenes Produkt
+sein, ein Tagtraum, den ich selbst gemacht, und der mir nicht bewusst
+geworden, oder der mir einst bewusst gewesen und den ich seither
+gründlich vergessen. Vielleicht dass ich ihn selbst in Paris gemacht, wo
+ich oft genug einsam und voll Sehnsucht durch die Strassen spaziert bin,
+eines Helfers und Protektors sehr bedürftig, bis Meister _Charcot_ mich
+dann in seinen Verkehr zog. Den Dichter des »_Nabab_« habe ich dann
+wiederholt im Hause _Charcots_ gesehen. Das Ärgerliche an der Sache ist
+nur, dass ich kaum irgend einem anderen Vorstellungskreis so feindselig
+gegenüberstehe, wie dem des Protegiertwerdens. Was man in unserem
+Vaterlande davon sieht, verdirbt einem alle Lust daran, und meinem
+Charakter sagt die Situation des Protektionskindes überhaupt wenig zu.
+Ich habe immer ungewöhnlich viel Neigung dazu verspürt, »selbst der
+brave Mann zu sein«. Und gerade ich musste dann an solche, übrigens nie
+erfüllte, Tagträume gemahnt werden! Ausserdem ist der Vorfall auch ein
+gutes Beispiel dafür, wie die zurückgehaltene -- in der Paranoia
+siegreich hervorbrechende -- Beziehung zum eigenen Ich uns in der
+objektiven Erfassung der Dinge stört und verwirrt.
+
+
+B. Das Vergessen von Vorsätzen.
+
+Keine andere Gruppe von Phänomenen eignet sich besser zum Beweis der
+These, dass die Geringfügigkeit der Aufmerksamkeit für sich allein nicht
+hinreiche, die Fehlleistung zu erklären, als die des Vergessens von
+Vorsätzen. Ein Vorsatz ist ein Impuls zur Handlung, der bereits
+Billigung gefunden hat, dessen Ausführung aber auf einen geeigneten
+Zeitpunkt verschoben wurde. Nun kann in dem so geschaffenen Intervall
+allerdings eine derartige Veränderung in den Motiven eintreten, dass der
+Vorsatz nicht zur Ausführung gelangt, aber dann wird er nicht vergessen,
+sondern revidiert und aufgehoben. Das Vergessen von Vorsätzen, dem wir
+alltäglich und in allen möglichen Situationen unterliegen, pflegen wir
+uns nicht durch eine Neuerung in der Motivengleichung zu erklären,
+sondern lassen es gemeinhin unerklärt, oder wir suchen eine
+psychologische Erklärung in der Annahme, gegen die Zeit der Ausführung
+hin habe sich die erforderliche Aufmerksamkeit für die Handlung nicht
+mehr bereit gefunden, die doch für das Zustandekommen des Vorsatzes
+unerlässliche Bedingung war, damals also für die nämliche Handlung zur
+Verfügung stand. Die Beobachtung unseres normalen Verhaltens gegen
+Vorsätze lässt uns diesen Erklärungsversuch als willkürlich abweisen.
+Wenn ich des Morgens einen Vorsatz fasse, der abends ausgeführt werden
+soll, so kann ich im Laufe des Tages einigemal an ihn gemahnt werden. Er
+braucht aber tagsüber überhaupt nicht mehr bewusst zu werden. Wenn sich
+die Zeit der Ausführung nähert, fällt er mir plötzlich ein und
+veranlasst mich, die zur vorgesetzten Handlung nötigen Vorbereitungen zu
+treffen. Wenn ich auf einen Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher
+noch befördert werden soll, so brauche ich ihn als normales und nicht
+nervöses Individuum keineswegs die ganze Strecke über in der Hand zu
+tragen und unterdessen nach einem Briefkasten auszuspähen, in den ich
+ihn werfe, sondern ich pflege ihn in die Tasche zu stecken, meiner Wege
+zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu lassen, und ich rechne
+darauf, dass einer der nächsten Briefkästen meine Aufmerksamkeit erregen
+und mich veranlassen wird, in die Tasche zu greifen und den Brief
+hervorzuziehen. Das normale Verhalten bei gefasstem Vorsatz deckt sich
+vollkommen mit dem experimentell zu erzeugenden Benehmen von Personen,
+denen man eine sog. »posthypnotische Suggestion auf lange Sicht« in der
+Hypnose eingegeben hat.[17] Man ist gewöhnt, das Phänomen in folgender
+Art zu beschreiben: Der suggerierte Vorsatz schlummert in den
+betreffenden Personen, bis die Zeit seiner Ausführung herannaht. Dann
+wacht er auf und treibt zur Handlung.
+
+In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft davon,
+dass das Vergessen in bezug auf Vorsätze keineswegs den Anspruch
+erheben darf, als ein nicht weiter zurückführbares Elementarphänomen zu
+gelten, sondern zum Schluss auf uneingestandene Motive berechtigt. Ich
+meine: im Liebesverhältnis und in der Militärabhängigkeit. Ein
+Liebhaber, der das Rendezvous versäumt hat, wird sich vergeblich bei
+seiner Dame entschuldigen, er habe leider ganz daran vergessen. Sie wird
+nicht versäumen, ihm zu antworten: „Vor einem Jahr hättest Du es nicht
+vergessen. Es liegt Dir eben nichts mehr an mir.“ Selbst wenn er nach
+der oben erwähnten psychologischen Erklärung griffe und sein Vergessen
+durch gehäufte Geschäfte entschuldigen wollte, würde er nur erreichen,
+dass die Dame -- so scharfsichtig geworden wie der Arzt in der
+Psychoanalyse -- zur Antwort gäbe: „Wie merkwürdig, dass sich solche
+geschäftlichen Störungen früher nicht ereignet haben.“ Gewiss will auch
+die Dame die Möglichkeit des Vergessens nicht in Abrede stellen; sie
+meint nur, und nicht mit Unrecht, aus dem unabsichtlichen Vergessen sei
+ungefähr der nämliche Schluss auf ein gewisses Nichtwollen zu ziehen wie
+aus der bewussten Ausflucht.
+
+Ähnlich wird im militärischen Dienstverhältnis der Unterschied zwischen
+der Unterlassung durch Vergessen und der in Folge von Absicht
+prinzipiell, und zwar mit Recht, vernachlässigt. Der Soldat _darf_ an
+nichts vergessen, was der militärische Dienst von ihm fordert. Wenn er
+doch daran vergisst, obwohl ihm die Forderung bekannt ist, so geht dies
+so zu, dass sich den Motiven, die auf Erfüllung der militärischen
+Forderung dringen, andere Gegenmotive entgegenstellen. Der Einjährige
+etwa, der sich beim Rapport entschuldigen wollte, er habe _vergessen_,
+seine Knöpfe blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber diese Strafe
+ist geringfügig zu nennen im Vergleich zu jener, der er sich aussetzte,
+wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinem Vorgesetzten
+eingestehen würde: „Der elende Gamaschendienst ist mir ganz zuwider.“
+Wegen dieser Strafersparnis, aus ökonomischen Gründen gleichsam, bedient
+er sich des Vergessens als Ausrede, oder kommt es als Kompromiss
+zustande.
+
+Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, dass alles zu ihnen
+Gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, und erwecken so die Meinung,
+Vergessen sei zulässig bei unwichtigen Dingen, während es bei wichtigen
+Dingen ein Anzeichen davon sei, dass man sie wie unwichtige behandeln
+wolle, ihnen also die Wichtigkeit abspreche. Der Gesichtspunkt der
+psychischen Wertschätzung ist hier in der Tat nicht abzuweisen. Kein
+Mensch vergisst Handlungen auszuführen, die ihm selbst wichtig
+erscheinen, ohne sich dem Verdachte geistiger Störung auszusetzen.
+Unsere Untersuchung kann sich also nur auf das Vergessen von mehr oder
+minder nebensächlichen Vorsätzen erstrecken; für ganz und gar
+gleichgültig werden wir keinen Vorsatz erachten; denn in diesem Falle
+wäre er wohl gewiss nicht gefasst worden.
+
+Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die bei mir selbst
+beobachteten Fälle von Unterlassung durch Vergessen gesammelt und
+aufzuklären gesucht und hierbei ganz allgemein gefunden, dass sie auf
+Einmengung unbekannter und uneingestandener Motive -- oder, wie man
+sagen kann, auf einen _Gegenwillen_ -- zurückzuführen waren. In einer
+Reihe dieser Fälle befand ich mich in einer dem Dienstverhältnisse
+ähnlichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es nicht ganz
+aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so dass ich durch Vergessen gegen
+ihn demonstrierte. Dazu gehört, dass ich besonders leicht vergesse, zu
+Geburtstagen, Jubiläen, Hochzeitsfeiern und Standeserhöhungen zu
+gratulieren. Ich nehme es mir immer wieder vor und überzeuge mich immer
+mehr, dass es mir nicht gelingen will. Ich bin jetzt im Begriffe, darauf
+zu verzichten, und den Motiven, die sich sträuben, mit Bewusstsein Recht
+zu geben. In einem Übergangsstadium habe ich einem Freund, der mich bat,
+auch für ihn ein Glückwunschtelegramm zum bestimmten Termin zu besorgen,
+vorher gesagt, ich würde an beide vergessen, und es war nicht zu
+verwundern, dass die Prophezeiung wahr wurde. Es hängt nämlich mit
+schmerzlichen Lebenserfahrungen zusammen, dass ich nicht imstande bin,
+Anteilnahme zu äussern, wo diese Äusserung notwendigerweise übertrieben
+ausfallen muss, da für den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der
+entsprechende Ausdruck nicht zulässig ist. Seitdem ich erkannt, dass ich
+oft vorgebliche Sympathie bei anderen für echte genommen habe, befinde
+ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventionen der
+Mitgefühlsbezeugung, deren soziale Nützlichkeit ich andererseits
+einsehe. Kondolenzen bei Todesfällen sind von dieser zwiespältigen
+Behandlung ausgenommen; wenn ich mich zu ihnen entschlossen habe,
+versäume ich sie auch nicht. Wo meine Gefühlsbetätigung mit
+gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu tun hat, da findet sie ihren
+Ausdruck auch niemals durch Vergessen gehemmt.
+
+Ähnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konventionellen
+Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schätzung die Fälle, in
+denen man Handlungen auszuführen vergisst, die man einem anderen zu
+seinen Gunsten auszuführen versprochen hat. Hier trifft es dann
+regelmässig zu, dass nur der Versprecher an die entschuldigende Kraft
+des Vergessens glaubt, während der Bittsteller sich ohne Zweifel die
+richtige Antwort gibt: Er hat kein Interesse daran, sonst hätte er es
+nicht vergessen. Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich
+bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten lässt
+wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grüsst.[18]
+Diese Personen vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie gegeben,
+lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen
+sich also in kleinen Dingen als unverlässlich und erheben dabei die
+Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht übel nehmen,
+d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf organische
+Eigentümlichkeit zurückführen solle. Ich gehöre selbst nicht zu diesen
+Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die Handlungen einer solchen
+Person zu analysieren, um durch die Auswahl des Vergessens die
+Motivierung desselben aufzudecken. Ich kann mich aber der Vermutung per
+analogiam nicht erwehren, dass hier ein ungewöhnlich grosses Mass von
+nicht eingestandener Geringschätzung des anderen das Motiv ist, welches
+das konstitutionelle Moment für seine Zwecke ausbeutet.
+
+Bei anderen Fällen sind die Motive des Vergessens weniger leicht
+aufzufinden und erregen, wenn gefunden, ein grösseres Befremden. So
+merkte ich in früheren Jahren, dass ich bei einer grösseren Anzahl von
+Krankenbesuchen nie an einen anderen Besuch vergesse als bei einem
+Gratispatienten oder bei einem Kollegen. Aus Beschämung hierüber habe
+ich mir angewöhnt, die Besuche des Tages schon am Morgen als Vorsatz zu
+notieren. Ich weiss nicht, ob andere Ärzte auf dem nämlichen Wege zu der
+gleichen Übung gekommen sind. Aber man gewinnt so eine Ahnung davon, was
+den sog. Neurastheniker veranlasst, die Mitteilungen, die er dem Arzt
+machen will, auf dem berüchtigten »Zettel« zu notieren. Angeblich fehlt
+es ihm an Zutrauen zur Reproduktionsleistung seines Gedächtnisses. Das
+ist gewiss richtig, aber die Szene geht zumeist so vor sich: Der Kranke
+hat seine verschiedenen Beschwerden und Anfragen höchst langatmig
+vorgebracht. Nachdem er fertig geworden ist, macht er einen Moment
+Pause, darauf zieht er den Zettel hervor und sagt entschuldigend: Ich
+habe mir etwas aufgeschrieben, weil ich mir so gar nichts merke. In der
+Regel findet er auf dem Zettel nichts Neues. Er wiederholt jeden Punkt
+und beantwortet ihn selbst: Ja, darnach habe ich schon gefragt. Er
+demonstriert mit dem Zettel, wahrscheinlich nur eines seiner Symptome,
+die Häufigkeit, mit der seine Vorsätze durch Einmengung dunkler Motive
+gestört werden.
+
+Ich rühre ferner an Leiden, an welchen auch der grössere Teil der mir
+bekannten Gesunden krankt, wenn ich zugestehe, dass ich besonders in
+früheren Jahren sehr leicht und für lange Zeit vergessen habe, entlehnte
+Bücher zurückzugeben, oder dass es mir besonders leicht begegnet,
+Zahlungen durch Vergessen aufzuschieben. Unlängst verliess ich eines
+Morgens die Tabaktrafik, in welcher ich meinen täglichen Zigarreneinkauf
+gemacht hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine höchst harmlose
+Unterlassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher erwarten, am
+nächsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber die kleine
+Versäumnis, der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiss nicht ausser
+Zusammenhang mit den Budgeterwägungen, die mich den Vortag über
+beschäftigt hatten. In bezug auf das Thema von Geld und Besitz lassen
+sich die Spuren eines zwiespältigen Verhaltens auch bei den meisten sog.
+anständigen Menschen leicht nachweisen. Die primitive Gier des
+Säuglings, der sich aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie zum Munde
+zu führen), zeigt sich vielleicht allgemein als nur unvollständig durch
+Kultur und Erziehung überwunden[19].
+
+Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach _banal_
+geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn ich auf Dinge
+stosse, die jedermann bekannt sind, und die jeder in der nämlichen Weise
+versteht, da ich bloss vorhabe, das Alltägliche zu sammeln und
+wissenschaftlich zu verwerten. Ich sehe nicht ein, weshalb der Weisheit,
+die Niederschlag der gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter
+die Erwerbungen der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die
+Verschiedenheit der Objekte, sondern die strengere Methode bei der
+Feststellung und das Streben nach weitreichendem Zusammenhang machen den
+wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus.
+
+Für die Vorsätze von einigem Belang haben wir allgemein gefunden, dass
+sie dann vergessen werden, wenn sich dunkle Motive gegen sie erheben.
+Bei noch weniger wichtigen Vorsätzen erkennt man als zweiten Mechanismus
+des Vergessens, dass ein Gegenwille sich von wo anders her auf den
+Vorsatz überträgt, nachdem zwischen jenem andern und dem Inhalt des
+Vorsatzes eine _äusserliche_ Assoziation hergestellt worden ist. Hierzu
+gehört folgendes Beispiel: Ich lege Wert auf schönes Löschpapier und
+nehme mir vor, auf meinem heutigen Nachmittagsweg in die Stadt neues
+einzukaufen. Aber an vier aufeinanderfolgenden Tagen vergesse ich daran,
+bis ich mich befrage, welchen Grund diese Unterlassung hat. Ich finde
+ihn dann leicht, nachdem ich mich besonnen habe, dass ich zwar
+»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt bin.
+»_Fliess_« ist der Name meines Freundes in Berlin, der mir in den
+nämlichen Tagen Anlass zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben
+hat. Diesen Gedanken kann ich nicht los werden, aber die Abwehrneigung
+(vgl. Seite 39) äussert sich, indem sie sich mittelst der Wortgleichheit
+auf den indifferenten und darum wenig resistenten Vorsatz überträgt.
+
+Direkter Gegenwille und entferntere Motivierung treffen in folgendem
+Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung »Grenzfragen des Nerven-
+und Seelenlebens« hatte ich eine kurze Abhandlung über den Traum
+geschrieben, welche den Inhalt meiner »Traumdeutung« resümiert.
+_Bergmann_ in Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende
+Erledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben will. Ich
+mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie auf meinen
+Schreibtisch, um sie am nächsten Morgen mitzunehmen. Am Morgen vergesse
+ich daran, erinnere mich erst nachmittags beim Anblick des Kreuzbandes
+auf meinem Schreibtisch. Ebenso vergesse ich die Korrektur am
+Nachmittag, am Abend und am nächsten Morgen, bis ich mich aufraffe und
+am Nachmittag des zweiten Tages die Korrektur zu einem Briefkasten
+trage, verwundert, was der Grund dieser Verzögerung sein mag. Ich will
+sie offenbar nicht absenden, aber ich finde nicht, warum. Auf demselben
+Spaziergang trete ich aber bei meinem Wiener Verleger, der auch das
+Traumbuch publiziert hat, ein, mache eine Bestellung und sage dann, wie
+von einem plötzlichen Einfall getrieben: „Sie wissen doch, dass ich den
+»Traum« ein zweites Mal geschrieben habe?“ -- „Ah, da würde ich doch
+bitten.“ -- „Beruhigen Sie sich, nur ein kurzer Aufsatz für die
+_Löwenfeld-Kurella_sche Sammlung.“ Es war ihm aber doch nicht recht; er
+besorgte, der Vortrag würde dem Absatz des Buches schaden. Ich
+widersprach und fragte endlich: „Wenn ich mich früher an Sie gewendet
+hätte, würden Sie mir die Publikation untersagt haben?“ -- „Nein, das
+keineswegs.“ Ich glaube selbst, dass ich in meinem vollen Recht
+gehandelt und nichts Anderes getan habe, als was allgemein üblich ist;
+doch scheint es mir gewiss, dass ein ähnliches Bedenken, wie es der
+Verleger äusserte, das Motiv meiner Zögerung war, die Korrektur
+abzusenden. Dies Bedenken geht auf eine frühere Gelegenheit zurück, bei
+welcher ein anderer Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie
+unvermeidlich, einige Blätter Text aus einer früheren, in anderem Verlag
+erschienenen Arbeit über zerebrale Kinderlähmung unverändert in die
+Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von _Nothnagel_ hinübernahm.
+Dort findet aber der Vorwurf abermals keine Anerkennung; ich hatte auch
+damals meinen ersten Verleger (identisch mit dem der »Traumdeutung«)
+loyal von meiner Absicht verständigt. Wenn aber diese Erinnerungsreihe
+noch weiter zurückgeht, so rückt sie mir einen noch früheren Anlass vor,
+den einer Übersetzung aus dem Französischen, bei welchem ich wirklich
+die bei einer Publikation in Betracht kommenden Eigentumsrechte verletzt
+habe. Ich hatte dem übersetzten Text Anmerkungen beigefügt, ohne für
+diese Anmerkungen die Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haben, und
+habe einige Jahre später Grund zur Annahme bekommen, dass der Autor mit
+dieser Eigenmächtigkeit unzufrieden war.
+
+Es gibt ein Sprichwort, welches die populäre Kenntnis verrät, dass das
+Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. »Was man einmal zu tun
+vergessen hat, das vergisst man dann noch öfter.«
+
+ [13] Gewöhnlich pflegen dann im Laufe der Besprechung die Einzelheiten
+ des damaligen ersten Besuches bewusst aufzutauchen.
+
+ [14] Für vielerlei Zufälligkeiten, die man seit _Th. Vischer_ der
+ „Tücke des Objekts“ zuschreibt, möchte ich ähnliche Erklärungen
+ vorschlagen.
+
+ [15] In den Tagen, während ich mit der Niederschrift dieser Seiten
+ beschäftigt war, ist mir folgender, fast unglaublicher Fall von
+ Vergessen widerfahren. Ich revidiere am 1. Januar mein ärztliches
+ Buch, um meine Honorarrechnungen aussenden zu können, stosse dabei im
+ Juni auf den Namen M....l und kann mich an eine zu ihm gehörige Person
+ nicht erinnern. Mein Befremden wächst, indem ich beim Weiterblättern
+ bemerke, dass ich den Fall in einem Sanatorium behandelt, und dass ich
+ ihn durch Wochen täglich besucht habe. Einen Kranken, mit dem man sich
+ unter solchen Bedingungen beschäftigt, vergisst man als Arzt nicht
+ nach kaum sechs Monaten. Sollte es ein Mann, ein Paralytiker, ein Fall
+ ohne Interesse gewesen sein, frage ich mich? Endlich bei dem Vermerk
+ über das empfangene Honorar kommt mir all die Kenntnis wieder, die
+ sich der Erinnerung entziehen wollte. M....l war ein 14jähriges
+ Mädchen gewesen, der merkwürdigste Fall meiner letzten Jahre, welcher
+ mir eine Lehre hinterlassen, an die ich kaum je vergessen werde, und
+ dessen Ausgang mir die peinlichsten Stunden bereitet hat. Das Kind
+ erkrankte an unzweideutiger Hysterie, die sich auch unter meinen
+ Händen rasch und gründlich besserte. Nach dieser Besserung wurde mir
+ das Kind von den Eltern entzogen; es klagte noch über abdominale
+ Schmerzen, denen die Hauptrolle im Symptombild der Hysterie zugefallen
+ war. Zwei Monate später war es an Sarkom der Unterleibsdrüsen
+ gestorben. Die Hysterie, zu der das Kind nebstbei prädisponiert war,
+ hatte die Tumorbildung zur provozierenden Ursache genommen, und ich
+ hatte, von den lärmenden aber harmlosen Erscheinungen der Hysterie
+ gefesselt, vielleicht die ersten Anzeichen der schleichenden
+ unheilvollen Erkrankung übersehen.
+
+ [16] Vgl. _Hans Gross_, Kriminalpsychologie 1898.
+
+ [17] Vgl. _Bernheim_, Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und
+ Psychotherapie, 1892.
+
+ [18] Frauen sind mit ihrem feinen Verständnis für unbewusste seelische
+ Vorgänge in der Regel eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn
+ man sie auf der Strasse nicht erkennt, also nicht grüsst, als an die
+ nächstliegenden Erklärungen zu denken, dass der Säumige kurzsichtig
+ sei oder in Gedanken versunken sie nicht bemerkt habe. Sie schliessen,
+ man hätte sie schon bemerkt, wenn man sich „etwas aus ihnen machen
+ würde“.
+
+ [19] Der Einheit des Themas zuliebe darf ich hier die gewählte
+ Einteilung durchbrechen und dem oben Gesagten anschliessen, dass in
+ bezug auf Geldsachen das Gedächtnis der Menschen eine besondere
+ Parteilichkeit zeigt. Erinnerungstäuschungen, etwas bereits bezahlt zu
+ haben, sind, wie ich von mir selbst weiss, oft sehr hartnäckig. Wo der
+ gewinnsüchtigen Absicht abseits von den grossen Interessen der
+ Lebensführung, und daher eigentlich zum Scherz, freier Lauf gelassen
+ wird wie beim Kartenspiel, neigen die ehrlichsten Männer zu Irrtümern,
+ Erinnerungs- und Rechenfehlern und finden sich selbst, ohne recht zu
+ wissen wie, in kleine Betrügereien verwickelt. Auf solchen Freiheiten
+ beruht nicht zum mindesten der psychisch erfrischende Charakter des
+ Spiels. Das Sprichwort, dass man beim Spiel den Charakter des Menschen
+ erkennt, ist zuzugeben, wenn man hinzufügen will: den unterdrückten
+ Charakter. -- Wenn es unabsichtliche Rechenfehler bei Zahlkellnern
+ noch gibt, so unterliegen sie offenbar derselben Beurteilung. -- Im
+ Kaufmannsstande kann man häufig eine gewisse Zögerung in der
+ Verausgabung von Geldsummen, bei der Bezahlung von Rechnungen und dgl.
+ beobachten, die dem Eigner keinen Gewinn bringt, sondern nur
+ psychologisch zu verstehen ist als eine Äusserung des Gegenwillens,
+ Geld von sich zu tun. -- Mit den intimsten und am wenigsten klar
+ gewordenen Regungen hängt es zusammen, wenn gerade Frauen eine
+ besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben gewöhnlich
+ ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordination nicht
+ zahlen, vergessen dann regelmässig, das Honorar vom Hause aus zu
+ schicken, und setzen es so durch, dass man sie umsonst -- „um ihrer
+ schönen Augen willen“ -- behandelt hat. Sie zahlen gleichsam mit ihrem
+ Anblick.
+
+
+
+
+VII.
+
+Das Vergreifen.
+
+
+Der dankenswerten Arbeit von _Meringer_ und _Mayer_ entnehme ich noch
+die Stelle (p. 98):
+
+»Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen den
+Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten des Menschen sich oft einstellen
+und ziemlich töricht »Vergesslichkeiten« genannt werden.«
+
+Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht hinter den
+kleinen Funktionsstörungen des täglichen Lebens Gesunder vermutet.
+
+Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische Leistung ist, eine
+solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es nahe, auf die Fehler
+unserer sonstigen motorischen Verrichtungen die nämliche Erwartung zu
+übertragen. Ich habe hier zwei Gruppen von Fällen gebildet; alle die
+Fälle, in denen der Fehleffekt das Wesentliche scheint, also die
+Abirrung von der Intention, bezeichne ich als »_Vergreifen_«, die
+anderen, in denen eher die ganze Handlung unzweckmässig erscheint,
+benenne ich »_Symptom- und Zufallshandlungen_«. Die Scheidung ist aber
+wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen ja wohl zur Einsicht,
+dass alle in dieser Abhandlung gebrauchten Einteilungen nur deskriptiv
+bedeutsame sind und der inneren Einheit des Erscheinungsgebietes
+widersprechen.
+
+Das psychologische Verständnis des »Vergreifens« erfährt offenbar keine
+besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie und speziell der »kortikalen
+Ataxie« subsumieren. Versuchen wir lieber, die einzelnen Beispiele auf
+ihre jeweiligen Bedingungen zurückzuführen. Ich werde wiederum
+Selbstbeobachtungen hierzu verwenden, zu denen sich die Anlässe bei mir
+nicht besonders häufig finden.
+
+a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch häufiger
+machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, dass ich, vor der Türe, an
+die ich klopfen oder läuten sollte, angekommen, die Schlüssel meiner
+eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um -- sie dann fast beschämt wieder
+einzustecken. Wenn ich mir zusammenstelle, bei welchen Patienten dies
+der Fall war, so muss ich annehmen, die Fehlhandlung -- Schlüssel
+herausziehen anstatt zu läuten -- bedeutete eine Huldigung für das Haus,
+wo ich in diesen Missgriff verfiel. Sie war äquivalent dem Gedanken:
+»Hier bin ich wie zu Hause«, denn sie trug sich nur zu, wo ich den
+Kranken lieb gewonnen hatte. (An meiner eigenen Wohnungstür läute ich
+natürlich niemals.) Die Fehlhandlung war also eine symbolische
+Darstellung eines doch eigentlich nicht für ernsthafte, bewusste Annahme
+bestimmten Gedankens, denn in der Realität weiss der Nervenarzt genau,
+dass der Kranke ihm nur so lange anhänglich bleibt, als er noch Vorteil
+von ihm erwartet, und dass er selbst nur zum Zweck der psychischen
+Hilfeleistung ein übermässig warmes Interesse für seine Patienten bei
+sich gewähren lässt.
+
+b) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren zweimal täglich
+zu festgesetzten Zeiten vor einer Türe im zweiten Stock auf Einlass
+warte, ist es mir während dieses langen Zeitraums zweimal (mit einem
+kurzen Intervall) geschehen, dass ich um einen Stock höher gegangen bin,
+also mich »_verstiegen_« habe. Das eine mal befand ich mich in einem
+ehrgeizigen Tagtraum, der mich »höher und immer höher steigen« liess.
+Ich überhörte damals sogar, dass sich die fragliche Tür geöffnet hatte,
+als ich den Fuss auf die ersten Stufen des dritten Stockwerks setzte.
+Das anderemal ging ich wiederum »in Gedanken versunken« zu weit; als ich
+es bemerkte, umkehrte und die mich beherrschende Phantasie zu erhaschen
+suchte, fand ich, dass ich mich über eine (phantasierte) Kritik meiner
+Schriften ärgerte, in welcher mir der Vorwurf gemacht wurde, dass ich
+immer »zu weit ginge«, und in die ich nun den wenig respektvollen
+Ausdruck »_verstiegen_« einzusetzen hatte.
+
+c) Auf meinem Schreibtische liegen seit vielen Jahren neben einander ein
+Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages eile ich nach Schluss der
+Sprechstunde fort, weil ich einen bestimmten Stadtbahnzug erreichen
+will, stecke bei vollem Tageslicht anstatt des Hammers die Stimmgabel in
+die Rocktasche und werde durch die Schwere des die Tasche herabziehenden
+Gegenstandes auf meinen Missgriff aufmerksam gemacht. Wer sich über so
+kleine Vorkommnisse Gedanken zu machen nicht gewöhnt ist, wird ohne
+Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Momentes erklären und
+entschuldigen. Ich habe es trotzdem vorgezogen, mir die Frage zu
+stellen, warum ich eigentlich die Stimmgabel anstatt des Hammers
+genommen. Die Eilfertigkeit hätte ebensowohl ein Motiv sein können, den
+Griff richtig auszuführen, um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen.
+
+Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die Frage, die
+sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen ein _idiotisches_ Kind,
+bei dem ich die Aufmerksamkeit auf Sinneseindrücke prüfte, und das durch
+die Stimmgabel so gefesselt wurde, dass ich sie ihm nur schwer
+entreissen konnte. Soll das also heissen, ich sei ein Idiot? Allerdings
+scheint es so, denn der nächste Einfall, der sich an Hammer assoziiert,
+lautet »_Chamer_« (hebräisch: Esel).
+
+Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muss hier die Situation befragen.
+Ich eile zu einer Konsultation in einem Ort an der Westbahnstrecke, zu
+einer Kranken, die nach der brieflich mitgeteilten Anamnese vor Monaten
+vom Balkon herabgestürzt ist und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der
+mich einlädt, schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um
+Rückenmarksverletzung oder um traumatische Neurose -- Hysterie --
+handle. Das soll ich nun entscheiden. Da wäre also eine Mahnung am
+Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besonders vorsichtig zu
+sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel zu
+leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere Dinge handle. Aber die
+Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es kommt hinzu, dass die
+kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, an dem ich vor Jahren einen
+jungen Mann gesehen, der seit einer Gemütsbewegung nicht ordentlich
+gehen konnte. Ich diagnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken
+später in psychische Behandlung, und dann stellte es sich heraus, dass
+ich freilich nicht unrichtig diagnostiziert hatte, aber auch nicht
+richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war hysterisch
+gewesen, und diese schwanden auch prompt im Laufe der Behandlung. Aber
+hinter diesen wurde nun ein für die Therapie unantastbarer Rest
+sichtbar, der sich nur auf eine multiple Sklerose beziehen liess. Die
+den Kranken nach mir sahen, hatten es leicht, die organische Affektion
+zu erkennen; ich hätte kaum anders vorgehen und anders urteilen können,
+aber der Eindruck war doch der eines schweren Irrtums; das Versprechen
+der Heilung, das ich ihm gegeben hatte, war natürlich nicht zu halten.
+Der Missgriff nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer liess sich
+also so in Worte übersetzen: Du Trottel, Du Esel, nimm Dich diesmal
+zusammen, dass du nicht wieder eine Hysterie diagnostizierst, wo eine
+unheilbare Krankheit vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort
+vor Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch zum
+Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit schwerer
+spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen Tag nach dem
+idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen.
+
+Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die sich durch
+das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Verwendung als
+Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders geeignet. Der Missgriff
+hier will den Missgriff, den man anderswo begangen hat, darstellen.
+
+d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe
+anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: Es kommt
+sehr selten vor, dass ich etwas zerschlage. Ich bin nicht besonders
+geschickt, aber infolge der anatomischen Integrität meiner
+Nervmuskelapparate sind Gründe für so ungeschickte Bewegungen mit
+unerwünschtem Erfolg bei mir offenbar nicht gegeben. Ich weiss also kein
+Objekt in meinem Hause zu erinnern, dessengleichen ich je zerschlagen
+hätte. Ich bin durch die Enge in meinem Studierzimmer oft genötigt, in
+den unbequemsten Stellungen mit einer Anzahl von antiken Ton- und
+Steinsachen, von denen ich eine kleine Sammlung habe, zu hantieren, so
+dass Zuschauer die Besorgnis ausdrücken, ich würde etwas
+herunterschleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals geschehen. Warum
+habe ich also unlängst den marmornen Deckel meines einfachen
+Tintengefässes zu Boden geworfen, so dass er zerbrach?
+
+Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger Marmor, die
+für die Aufnahme des gläsernen Tintenfässchens ausgehöhlt ist; das
+Tintenfass trägt einen Deckel mit Knopf aus demselben Stein. Ein Kranz
+von Bronzestatuetten und Terrakotta-Figürchen ist hinter diesem
+Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich an den Tisch, um zu schreiben,
+mache mit der Hand, welche den Federstiel hält, eine merkwürdig
+ungeschickte, ausfahrende Bewegung und werfe so den Deckel des
+Tintenfasses, der bereits auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung
+ist nicht schwer zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im
+Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen. Sie fand sie
+sehr schön und äusserte dann: „Jetzt sieht Dein Schreibtisch wirklich
+hübsch aus, nur das Tintenzeug passt nicht dazu. Du musst ein schöneres
+haben.“ Ich begleitete die Schwester hinaus und kam erst nach Stunden
+zurück. Dann aber habe ich, wie es scheint, an dem verurteilten
+Tintenzeug die Exekution vollzogen. Schloss ich etwa aus den Worten der
+Schwester, dass sie sich vorgenommen habe, mich zur nächsten festlichen
+Gelegenheit mit einem schöneren Tintenzeug zu beschenken, und zerschlug
+das unschöne alte, um sie zur Verwirklichung ihrer angedeuteten Absicht
+zu nötigen? Wenn dem so ist, so war meine schleudernde Bewegung nur
+scheinbar ungeschickt; in Wirklichkeit war sie höchst geschickt und
+zielbewusst und verstand es, allen wertvolleren in der Nähe befindlichen
+Objekten schonend auszuweichen.
+
+Ich glaube wirklich, dass man diese Beurteilung für eine ganze Reihe von
+anscheinend zufällig ungeschickten Bewegungen annehmen muss. Es ist
+richtig, dass diese etwas Gewaltsames, Schleuderndes, wie
+Spastisch-ataktisches zur Schau tragen, aber sie erweisen sich als von
+einer Intention beherrscht und treffen ihr Ziel mit einer Sicherheit,
+die man den bewusst willkürlichen Bewegungen nicht allgemein nachrühmen
+kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben
+sie übrigens mit den motorischen Äusserungen der hysterischen Neurose
+und zum Teil auch mit den motorischen Leistungen des Somnambulismus
+gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die nämliche unbekannte
+Modifikation des Innervationsvorganges hinweist.
+
+Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen derselben scheint
+sehr häufig zum Ausdruck unbewusster Gedankengänge verwendet zu werden,
+wie man gelegentlich durch Analyse beweisen kann, häufiger aber aus den
+abergläubisch oder scherzhaft daran geknüpften Deutungen im Volksmunde
+erraten möchte. Es ist bekannt, welche Deutungen sich an das Ausschütten
+von Salz, Umwerfen eines Weinglases, Steckenbleiben eines zu Boden
+gefallenen Messers u. dgl. knüpfen. Welches Anrecht auf Beachtung solche
+abergläubische Deutungen haben, werde ich erst an späterer Stelle
+erörtern; hierher gehört nur die Bemerkung, dass die einzelne
+ungeschickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat, sondern
+je nach Umständen sich dieser oder jener Absicht als Darstellungsmittel
+bietet.
+
+Wenn dienende Personen gebrechliche Gegenstände durch Fallenlassen
+vernichten, so wird man an eine psychologische Erklärung hiefür gewiss
+nicht in erster Linie denken, doch ist auch dabei ein Beitrag dunkler
+Motive nicht unwahrscheinlich. Nichts liegt dem Ungebildeten ferner als
+die Schätzung der Kunst und der Kunstwerke. Eine dumpfe Feindseligkeit
+gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn die
+Gegenstände, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle von
+Arbeitsanforderung für sie werden. Leute von derselben Bildungsstufe und
+Herkunft zeichnen sich dagegen in wissenschaftlichen Instituten oft
+durch grosse Geschicklichkeit und Verlässlichkeit in der Handhabung
+heikler Objekte aus, wenn sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn
+zu identifizieren und sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu
+rechnen.
+
+Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, braucht
+gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen motorischer
+Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppelsinn dieser Ausdrücke
+weist bereits auf die Art von verhaltenen Phantasien hin, die sich durch
+solches Aufgeben des Körpergleichgewichts darstellen können. Ich
+erinnere mich an eine Anzahl von leichteren nervösen Erkrankungen bei
+Frauen und Mädchen, die nach einem Fall ohne Verletzung aufgetreten
+waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim Falle
+aufgefasst wurden. Ich bekam schon damals den Eindruck, als ob die Dinge
+anders zusammenhingen, als wäre das Fallen bereits eine Veranstaltung
+der Neurose und ein Ausdruck derselben unbewussten Phantasien sexuellen
+Inhalts gewesen, die man als die bewegenden Kräfte hinter den Symptomen
+vermuten darf. Sollte dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen,
+welches lautet: „Wenn eine Jungfrau fällt, fällt sie auf den Rücken“?
+
+e) Dass zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf keinem
+anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen
+Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu
+verwischen scheint. Dass eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst
+raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenutzt werden kann, davon habe ich
+vor einigen Jahren an mir selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich traf
+in einem befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges Mädchen,
+welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei mir erregte
+und mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend stimmte. Ich habe
+damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen dies zuging; ein Jahr
+vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl gelassen. Als nun der Onkel des
+Mädchens, ein sehr alter Herr, ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf,
+um ihm einen in der Ecke stehenden Stuhl zu bringen. Sie war behender
+als ich, wohl auch dem Objekt näher; so hatte sie sich zuerst des
+Sessels bemächtigt und trug ihn mit der Lehne nach rückwärts, beide
+Hände auf die Sesselränder gelegt, vor sich hin. Indem ich später
+hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht aufgab,
+stand ich plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme von rückwärts um
+sie geschlungen, und die Hände trafen sich einen Moment lang vor ihrem
+Schoss. Ich löste natürlich die Situation ebenso rasch, als sie
+entstanden war. Es schien auch keinem aufzufallen, wie geschickt ich
+diese ungeschickte Bewegung ausgebeutet hatte.
+
+Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, dass das ärgerliche,
+ungeschickte Ausweichen auf der Strasse, wobei man durch einige Sekunden
+hin und her, aber doch stets nach der nämlichen Seite wie der oder die
+Andere, Schritte macht, bis endlich beide vor einander stehen bleiben,
+dass auch dieses »den Weg Vertreten« ein unartig provozierendes Benehmen
+früherer Jahre wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der
+Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalysen Neurotischer
+weiss ich, dass die sogenannte Naivität junger Leute und Kinder häufig
+nur solch eine Maske ist, um das Unanständige unbeirrt durch Genieren
+aussprechen oder tun zu können.
+
+f) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen zustande
+kommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade darum wird sich
+ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen, ob Fehlgriffe von
+erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen Folgen begleitet sein können,
+wie z. B. die des Arztes oder Apothekers, nach irgend einer Richtung
+unter unsere Gesichtspunkte fallen.
+
+Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliche Eingriffe vorzunehmen,
+habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem Vergreifen aus eigener
+Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr alten Dame, die ich seit Jahren
+zweimal täglich besuche, beschränkt sich meine ärztliche Tätigkeit beim
+Morgenbesuch auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar Tropfen Augenwasser
+ins Auge und gebe ihr eine Morphiuminjektion. Zwei Fläschchen, ein
+blaues für das Kollyrium und ein weisses mit der Morphinlösung, sind
+regelmässig vorbereitet. Während der beiden Verrichtungen beschäftigen
+sich meine Gedanken wohl meist mit etwas anderem; das hat sich eben
+schon so oft wiederholt, dass die Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt.
+Eines Morgens bemerkte ich, dass der Automat falsch gearbeitet hatte,
+das Tropfröhrchen hatte ins weisse anstatt ins blaue Fläschchen
+eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern Morphin ins Auge geträufelt.
+Ich erschrak heftig und beruhigte mich dann durch die Überlegung, dass
+einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphinlösung auch im Bindehautsack
+kein Unheil anzurichten vermögen. Die Schreckempfindung war offenbar
+anderswoher abzuleiten.
+
+Bei dem Versuch, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel mir zunächst
+die Phrase ein: „sich an der Alten vergreifen“, die den kurzen Weg zur
+Lösung weisen konnte. Ich stand unter dem Eindrucke eines Traumes, den
+mir am Abend vorher ein junger Mann erzählt hatte, dessen Inhalt sich
+nur auf sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten liess.[20] Die
+Sonderbarkeit, dass die Sage keinen Anstoss an dem Alter der Königin
+Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu stimmen, dass es sich
+bei der Verliebtheit in die eigene Mutter niemals um deren gegenwärtige
+Person handelt, sondern um ihr jugendliches Erinnerungsbild aus den
+Kinderjahren. Solche Inkongruenzen stellen sich immer heraus, wo eine
+zwischen zwei Zeiten schwankende Phantasie bewusst gemacht und dadurch
+an eine bestimmte Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art versunken
+kam ich zu meiner über neunzigjährigen Patientin, und ich muss wohl auf
+dem Wege gewesen sein, den allgemein menschlichen Charakter der
+Oedipusfabel als das Korrelat des Verhängnisses, das sich in den Orakeln
+äussert, zu erfassen, denn ich vergriff mich dann „bei oder an der
+Alten“. Indes dies Vergreifen war wiederum harmlos; ich hatte von den
+beiden möglichen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwenden,
+oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem harmloseren
+gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man bei Fehlgriffen, die
+schweren Schaden stiften können, in ähnlicher Weise wie bei den hier
+behandelten eine unbewusste Absicht in Erwägung ziehen darf.
+
+Hier lässt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im Stiche, und
+ich bleibe auf Vermutungen und Annäherungen angewiesen. Es ist bekannt,
+dass bei den schwereren Fällen von Psychoneurose Selbstbeschädigungen
+gelegentlich als Krankheitssymptome auftreten, und dass der Ausgang des
+psychischen Konfliktes in Selbstmord bei ihnen niemals auszuschliessen
+ist. Ich habe nun erfahren, und werde es eines Tages durch gut
+aufgeklärte Beispiele belegen, dass viele scheinbar zufällige
+Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich Selbstbeschädigungen
+sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur Selbstbestrafung, die
+sich sonst als Selbstvorwurf äussert, oder ihren Beitrag zur
+Symptombildung stellt, eine zufällig gebotene äussere Situation
+geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung des
+gewünschten schädigenden Effektes nachhilft. Solche Vorkommnisse sind
+auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie verraten den
+Anteil der unbewussten Absicht durch eine Reihe von besonderen Zügen,
+z. B. durch die auffällige Fassung, welche die Kranken bei dem
+angeblichen Unglücksfalle bewahren.[21]
+
+Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung -- wenn
+der ungeschickte Ausdruck gestattet ist -- glaubt, der wird dadurch
+vorbereitet anzunehmen, dass es ausser dem bewusst absichtlichen
+Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung -- mit unbewusster
+Absicht -- gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt auszunützen und sie
+als zufällige Verunglückung zu maskieren weiss. Eine solche braucht
+keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz zur Selbstvernichtung ist
+bei sehr viel mehr Menschen in einer gewissen Stärke vorhanden, als bei
+denen sie sich durchsetzt; die Selbstbeschädigungen sind in der Regel
+ein Kompromiss zwischen diesem Trieb und den ihm noch entgegenwirkenden
+Kräften, und auch wo es wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die
+Neigung dazu eine lange Zeit vorher in geringerer Stärke oder als
+unbewusste und unterdrückte Tendenz vorhanden gewesen.
+
+Auch die bewusste Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel und
+Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen
+Anlass abwartet, der einen Teil der Verursachung auf sich nehmen und sie
+durch Inanspruchnahme der Abwehrkräfte des Individuums von ihrer
+Bedrückung frei machen kann.[22] Es sind keineswegs müssige Erwägungen,
+die ich da vorbringe; mir ist mehr als ein Fall von anscheinend
+zufälligem Verunglücken (zu Pferde oder aus dem Wagen) bekannt geworden,
+dessen nähere Umstände den Verdacht auf unbewusst zugelassenen
+Selbstmord rechtfertigen. Da stürzt z. B. während eines
+Offizierswettrennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so
+schwer, dass er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er
+zu sich gekommen, ist in manchen Stücken auffällig. Noch bemerkenswerter
+ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt durch den Tod
+seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen in der Gesellschaft
+seiner Kameraden befallen, er äussert Lebensüberdruss gegen seine
+vertrauten Freunde, will den Dienst quittieren, um an einem Kriege in
+Afrika Anteil zu nehmen, der ihn sonst nicht berührt[23]; früher ein
+schneidiger Reiter, weicht er jetzt dem Reiten aus, wo es nur möglich
+ist. Vor dem Wettrennen endlich, dem er sich nicht entziehen kann,
+äussert er eine trübe Ahnung; wir werden uns bei unserer Auffassung
+nicht mehr verwundern, dass diese Ahnung Recht behielt. Man wird mir
+entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres verständlich, dass ein Mensch in
+solcher nervöser Depression das Tier nicht zu meistern versteht wie in
+gesunden Tagen. Ich bin ganz einverstanden; nur möchte ich den
+Mechanismus dieser motorischen Hemmung durch die Nervosität in der hier
+betonten Selbstvernichtungsabsicht suchen.
+
+Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das eigene Leben
+hinter anscheinend zufälliger Ungeschicklichkeit und motorischer
+Unzulänglichkeit verborgen sein kann, so braucht man keinen grossen
+Schritt mehr zu tun, um die Übertragung der nämlichen Auffassung auf
+Fehlgriffe möglich zu finden, welche Leben und Gesundheit anderer
+ernstlich in Gefahr bringen. Was ich an Belegen für die Triftigkeit
+dieser Auffassung vorbringen kann, ist der Erfahrung an Neurotikern
+entnommen, deckt sich also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich werde
+über einen Fall berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehlgriff,
+sondern, was man eher eine Symptom- oder Zufallshandlung nennen kann,
+auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des Konflikts bei dem
+Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, die Ehe eines sehr
+intelligenten Mannes zu bessern, dessen Misshelligkeiten mit seiner ihn
+zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiss auf reale Begründungen
+berufen konnten, aber wie er selbst zugab, durch diese nicht voll
+erklärt wurden. Er beschäftigte sich unablässig mit dem Gedanken der
+Scheidung, den er dann wieder verwarf, weil er seine beiden kleinen
+Kinder zärtlich liebte. Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz
+zurück und versuchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich
+zu gestalten. Solches Nichtfertigwerden mit einem Konflikt gilt mir als
+Beweis dafür, dass sich unbewusste und verdrängte Motive zur Verstärkung
+der mit einander streitenden bewussten bereit gefunden haben, und ich
+unternehme es in solchen Fällen, den Konflikt durch psychische Analyse
+zu beenden. Der Mann erzählte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall,
+der ihn aufs äusserste erschreckt hatte. Er »hetzte« mit seinem älteren
+Kind, dem weitaus geliebteren, hob es hoch und liess es nieder und
+einmal an solcher Stelle und so hoch, dass das Kind mit dem Scheitel
+fast an den schwer herabhängenden Gasluster angestossen hätte. _Fast_,
+aber doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! Dem Kind war nichts
+geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig. Der Vater blieb
+entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die Mutter bekam einen
+hysterischen Anfall. Die besondere Geschicklichkeit dieser
+unvorsichtigen Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion bei den Eltern
+legten es mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine Symptomhandlung zu
+suchen, welche eine böse Absicht gegen das geliebte Kind zum Ausdruck
+bringen sollte. Den Widerspruch gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses
+Vaters zu seinem Kinde konnte ich mildern, wenn ich den Impuls zur
+Schädigung in die Zeit zurückverlegte, da dieses Kind das einzige und so
+klein gewesen war, dass sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe
+zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht, anzunehmen, dass
+der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den Gedanken gehabt
+oder den Vorsatz gefasst: Wenn dieses kleine Wesen, an dem mir gar
+nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei und kann mich von der Frau
+scheiden lassen. Ein Wunsch nach dem Tode dieses jetzt so geliebten
+Wesens musste also unbewusst weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur
+unbewussten Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mächtige
+Determinierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des
+Patienten, dass der Tod eines kleinen Bruders, den die Mutter der
+Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Auseinandersetzungen
+zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung geführt hatte. Der weitere
+Verlauf der Ehe meines Patienten bestätigte meine Kombination auch durch
+den therapeutischen Erfolg.
+
+ [20] Des _Oedipus-Traumes_, wie ich ihn zu nennen pflege, weil er den
+ Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Oedipus enthält. Im Text
+ des Sophokles ist die Beziehung auf einen solchen Traum der Jokaste in
+ den Mund gelegt. (Vgl. „Traumdeutung“, p. 182.)
+
+ [21] Die Selbstbeschädigung, die nicht voll auf Selbstvernichtung
+ hinzielt, hat in unserem gegenwärtigen Kulturzustand überhaupt keine
+ andere Wahl, als sich hinter der Zufälligkeit zu verbergen, oder sich
+ durch Simulation einer spontanen Erkrankung durchzusetzen. Früher
+ einmal war sie ein gebräuchliches Zeichen der Trauer; zu anderen
+ Zeiten konnte sie Ideen der Frömmigkeit und Weltentsagung Ausdruck
+ geben.
+
+ [22] Der Fall ist dann schliesslich kein anderer als der des sexuellen
+ Attentats auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch
+ die volle Muskelkraft des Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein
+ Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegen
+ kommt. Man sagt ja wohl, eine solche Situation _lähme_ die Kräfte der
+ Frau; man braucht dann nur noch die Gründe für diese Schwächung
+ hinzufügen. Insofern ist der geistreiche Richterspruch des _Sancho
+ Pansa_, den er als Gouverneur auf seiner Insel fällt, psychologisch
+ ungerecht. (Don Quijote II. T. Kap. XLV.) Eine Frau zerrt einen Mann
+ vor den Richter, der sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre beraubt hat.
+ _Sancho_ entschädigt sie durch die volle Geldbörse, die er dem
+ Angeklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange der Frau die
+ Erlaubnis, ihr nachzueilen und ihr die Börse wieder zu entreissen. Sie
+ kommen beide ringend wieder, und die Frau berühmt sich, dass der
+ Bösewicht nicht imstande gewesen sei, sich der Börse zu bemächtigen.
+ Darauf _Sancho_: Hättest Du Deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt
+ wie diese Börse, so hätte sie Dir der Mann nicht rauben können.
+
+ [23] Dass die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie
+ der bewussten Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten
+ Weg scheut, ist einleuchtend. Vgl. im „_Wallenstein_“ die Worte des
+ schwedischen Hauptmanns über den Tod des Max Piccolomini: „Man sagt,
+ er wollte sterben“.
+
+
+
+
+VIII.
+
+Symptom- und Zufallshandlungen.
+
+
+Die bisher beschriebenen Handlungen, in denen wir die Ausführung einer
+unbewussten Absicht erkannten, traten als Störungen anderer
+beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem Vorwand der
+Ungeschicklichkeit. Die Zufallshandlungen, von denen jetzt die Rede sein
+soll, unterscheiden sich von denen des Vergreifens nur dadurch, dass sie
+die Anlehnung an eine bewusste Intention verschmähen und also des
+Vorwandes nicht bedürfen. Sie treten für sich auf und werden zugelassen,
+weil man Zweck und Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man führt sie aus,
+„ohne sich etwas bei ihnen zu denken“, nur „rein zufällig“, „wie um die
+Hände zu beschäftigen“, und man rechnet darauf, dass solche Auskunft der
+Nachforschung nach der Bedeutung der Handlung ein Ende bereiten wird. Um
+sich dieser Ausnahmsstellung erfreuen zu können, müssen diese
+Handlungen, die nicht mehr die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in
+Anspruch nehmen, bestimmte Bedingungen erfüllen; sie müssen
+_unauffällig_ und ihre Effekte müssen geringfügig sein.
+
+Ich habe eine grosse Anzahl solcher Zufallshandlungen bei mir und
+anderen gesammelt, und meine nach gründlicher Untersuchung der einzelnen
+Beispiele, dass sie eher den Namen von _Symptomhandlungen_ verdienen.
+Sie bringen etwas zum Ausdruck, was der Täter selbst nicht in ihnen
+vermutet, und was er in der Regel nicht mitzuteilen, sondern für sich zu
+behalten beabsichtigt. Sie spielen also ganz so wie alle anderen bisher
+betrachteten Phänomene die Rolle von Symptomen.
+
+Die reichste Ausbeute an solchen Zufalls- oder Symptomhandlungen erhält
+man allerdings bei der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker. Ich
+kann es mir nicht versagen, an zwei Beispielen dieser Herkunft zu
+zeigen, wie weit und wie fein die Determinierung dieser unscheinbaren
+Vorkommnisse durch unbewusste Gedanken getrieben ist. Die Grenze der
+Symptomhandlungen gegen das Vergreifen ist so wenig scharf, dass ich
+diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt hätte unterbringen können.
+
+a) Eine junge Frau erzählte als Einfall während der Sitzung, dass sie
+sich gestern beim Nägelschneiden „ins Fleisch geschnitten, während sie
+das feine Häutchen im Nagelbett abzutragen bemüht war“. Das ist so wenig
+interessant, dass man sich verwundert fragt, wozu es überhaupt erinnert
+und erwähnt wird, und auf die Vermutung gerät, man habe es mit einer
+Symptomhandlung zu tun. Es war auch wirklich der Ringfinger, an dem das
+kleine Ungeschick vorfiel, der Finger, an dem man den Ehering trägt. Es
+war überdies ihr Hochzeitstag, was der Verletzung des feinen Häutchens
+einen ganz bestimmten, leicht zu erratenden Sinn verleiht. Sie erzählt
+auch gleichzeitig einen Traum, der auf die Ungeschicklichkeit ihres
+Mannes und auf ihre Anästhesie als Frau anspielt. Warum war es aber der
+Ringfinger der linken Hand, an dem sie sich verletzte, da man doch den
+Ehering an der rechten Hand trägt? Ihr Mann ist Jurist, »Doktor der
+Rechte«, und ihre geheime Neigung hatte als Mädchen einem Arzt
+(scherzhaft: »Doktor der Linke«) gehört. Eine Ehe zur linken Hand hat
+auch ihre bestimmte Bedeutung.
+
+b) Eine unverheiratete junge Dame erzählt: „Ich habe gestern ganz
+unabsichtlich eine 100 Guldennote in zwei Stücke gerissen und die Hälfte
+davon einer mich besuchenden Dame gegeben. Soll das auch eine
+Symptomhandlung sein?“ Die genauere Erforschung deckt folgende
+Einzelheiten auf: Die Hundertguldennote: Sie widmet einen Teil ihrer
+Zeit und ihres Vermögens wohltätigen Werken. Gemeinsam mit einer anderen
+Dame sorgt sie für die Erziehung eines verwaisten Kindes. Die 100 Gulden
+sind der ihr zugeschickte Beitrag jener Dame, den sie in ein Couvert
+einschloss und vorläufig auf ihren Schreibtisch niederlegte.
+
+Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer anderen
+Wohltätigkeitsaktion beisteht. Diese Dame wollte eine Reihe von Namen
+von Personen notieren, an die man sich um Unterstützung wenden könnte.
+Es fehlte an Papier, da griff meine Patientin nach dem Couvert auf ihrem
+Schreibtisch und riss es, ohne sich an seinen Inhalt zu besinnen, in
+zwei Stücke, von denen sie eines selbst behielt, um ein Duplikat der
+Namensliste zu haben, das andere ihrer Besucherin übergab. Man bemerke
+die Harmlosigkeit dieses unzweckmässigen Vorgehens. Eine
+Hundertguldennote erleidet bekanntlich keine Einbusse an ihrem Werte,
+wenn sie zerrissen wird, falls sie sich aus den Rissstücken vollständig
+zusammensetzen lässt. Dass die Dame das Stück Papier nicht wegwerfen
+würde, war durch die Wichtigkeit der darauf stehenden Namen verbürgt,
+und ebensowenig litt es einen Zweifel, dass sie den wertvollen Inhalt
+zurückstellen würde, sobald sie ihn bemerkt.
+
+Welchem unbewussten Gedanken sollte aber diese Zufallshandlung, die sich
+durch ein Vergessen ermöglichte, Ausdruck geben? Die besuchende Dame
+hatte eine ganz bestimmte Beziehung zu unserer Kur. Es war dieselbe, die
+mich seinerzeit dem leidenden Mädchen als Arzt empfohlen, und wenn ich
+nicht irre, hält sich meine Patientin zum Dank für diesen Rat
+verpflichtet. Soll die halbierte Hundertguldennote etwa ein Honorar für
+diese Vermittlung darstellen? Das bliebe noch recht befremdlich.
+
+Es kommt aber anderes Material hinzu. Einige Tage vorher hatte eine
+Vermittlerin ganz anderer Art bei einer Verwandten angefragt, ob das
+gnädige Fräulein wohl die Bekanntschaft eines gewissen Herrn machen
+wolle, und am Morgen, einige Stunden vor dem Besuche der Dame, war der
+Werbebrief des Freiers eingetroffen, der viel Anlass zur Heiterkeit
+gegeben hatte. Als nun die Dame das Gespräch mit einer Erkundigung nach
+dem Befinden meiner Patientin eröffnete, konnte sie wohl gedacht haben:
+„Den richtigen Arzt hast Du mir zwar empfohlen, wenn Du mir aber zum
+richtigen Mann (und dahinter: zu einem Kind) verhelfen könntest, wäre
+ich Dir doch dankbarer.“ Von diesem verdrängt gehaltenen Gedanken aus
+flossen ihr die beiden Vermittlerinnen in eins zusammen, und sie
+überreichte der Besucherin das Honorar, das ihre Phantasie der anderen
+zu geben bereit war. Völlig verbindlich wird diese Lösung, wenn ich
+hinzufüge, dass ich ihr erst am Abend vorher von solchen Zufalls- oder
+Symptomhandlungen erzählt hatte. Sie bediente sich dann der nächsten
+Gelegenheit, um etwas Analoges zu produzieren.
+
+Eine Gruppierung der so überaus häufigen Zufalls- und Symptomhandlungen
+könnte man vornehmen, je nachdem sie gewohnheitsmässig, regelmässig
+unter gewissen Umständen, oder vereinzelt erfolgen. Die ersteren (wie
+das Spielen mit der Uhrkette, das Zwirbeln am Bart etc.), die fast zur
+Charakteristik der betreffenden Personen dienen können, streifen an die
+mannigfaltigen Tikbewegungen und verdienen wohl im Zusammenhange mit
+letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten Gruppe rechne ich das
+Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, wenn man einen Bleistift in
+der Hand hält, das Klimpern mit Münzen in der Tasche, das Kneten von
+Teig und anderen plastischen Stoffen, allerlei Hantierungen an seiner
+Gewandung u. dgl. mehr. Unter diesen spielenden Beschäftigungen
+verbergen sich während der psychischen Behandlung regelmässig Sinn und
+Bedeutung, denen ein anderer Ausdruck versagt ist. Gewöhnlich weiss die
+betreffende Person nichts davon, dass sie dergleichen tut, oder dass sie
+gewisse Modifikationen an ihrem gewöhnlichen Tändeln vorgenommen hat,
+und sie übersieht und überhört auch die Effekte dieser Handlungen. Sie
+hört z. B. das Geräusch nicht, das sie beim Klimpern mit Geldstücken
+hervorbringt, und benimmt sich wie erstaunt und ungläubig, wenn man sie
+darauf aufmerksam macht. Ebenso ist alles, was man, oft ohne es zu
+merken, mit seinen Kleidern vornimmt, bedeutungsvoll und der Beachtung
+des Arztes wert. Jede Veränderung des gewohnten Aufzuges, jede kleine
+Nachlässigkeit, wie etwa ein nicht schliessender Knopf, jede Spur von
+Entblössung will etwas besagen, was der Eigentümer der Kleidung nicht
+direkt sagen will, meist gar nicht zu sagen weiss. Die Deutungen dieser
+kleinen Zufallshandlungen, sowie die Beweise für diese Deutungen ergeben
+sich jedesmal mit zureichender Sicherheit aus den Begleitumständen
+während der Sitzung, aus dem eben behandelten Thema und aus den
+Einfällen, die sich einstellen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die
+anscheinende Zufälligkeit lenkt. Wegen dieses Zusammenhanges unterlasse
+ich es, meine Behauptungen durch Mitteilung von Beispielen mit Analyse
+zu unterstützen; ich erwähne diese Dinge aber, weil ich glaube, dass sie
+bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung haben wie bei meinen Patienten.
+
+Ich kann etwa aus meiner psychotherapeutischen Erfahrung einen Fall
+erzählen, in dem die mit einem Klumpen Brotkrume spielende Hand eine
+beredte Aussage ablegte. Mein Patient war ein noch nicht 13j., seit fast
+zwei Jahren schwer hysterischer Knabe, den ich endlich in
+psychoanalytische Behandlung nahm, nachdem ein längerer Aufenthalt in
+einer Wasserheilanstalt sich erfolglos erwiesen hatte. Er musste nach
+meiner Voraussetzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben und seiner
+Altersstufe entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich hütete
+mich aber, ihm mit Aufklärungen zur Hilfe zu kommen, weil ich wieder
+einmal eine Probe auf meine Voraussetzungen anstellen wollte. Ich durfte
+also neugierig sein, auf welchem Wege sich das Gesuchte bei ihm andeuten
+würde. Da fiel es mir auf, dass er eines Tages irgend etwas zwischen den
+Fingern der rechten Hand rollte, damit in die Tasche fuhr, dort weiter
+spielte, es wieder hervorzog etc. Ich fragte nicht, was er in der Hand
+habe; er zeigte es mir aber, indem er plötzlich die Hand öffnete. Es war
+Brotkrume, die zu einem Klumpen zusammengeknetet war. In der nächsten
+Sitzung brachte er wieder einen solchen Klumpen mit, formte aber aus
+ihm, während wir das Gespräch führten, mit unglaublicher Raschheit und
+bei geschlossenen Augen Figuren, die mein Interesse erregten. Es waren
+unzweifelhaft Männchen mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie die
+rohesten prähistorischen Idole, und einem Fortsatz zwischen beiden
+Beinen, den er in eine lange Spitze auszog. Kaum dass dieser gefertigt
+war, knetete er das Männchen wieder zusammen; später liess er es
+bestehen, zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rückenfläche und an
+anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu verhüllen. Ich
+wollte ihm zeigen, dass ich ihn verstanden habe, ihm aber dabei die
+Ausflucht benehmen, dass er sich bei dieser Menschen formenden Tätigkeit
+nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte ich ihn plötzlich, ob er
+sich an die Geschichte jenes römischen Königs erinnere, der dem
+Abgesandten seines Sohnes eine pantomimische Antwort im Garten gegeben.
+Der Knabe wollte sich nicht an das erinnern, was er doch vor so viel
+kürzerer Zeit als ich gelernt haben musste. Er fragte, ob das die
+Geschichte von dem Sklaven sei, auf dessen glattrasierten Schädel man
+die Antwort geschrieben habe. Nein, das gehört in die griechische
+Geschichte, sagte ich und erzählte: Der König Tarquinius Priscus hatte
+seinen Sohn Sextus veranlasst, sich in eine feindliche latinische Stadt
+einzuschleichen. Der Sohn, der sich unterdes Anhang in dieser Stadt
+verschafft hatte, schickte einen Boten an den König mit der Frage, was
+nun weiter geschehen solle. Der König gab keine Antwort, sondern ging in
+seinen Garten, liess sich dort die Frage wiederholen und schlug
+schweigend die grössten und schönsten Mohnköpfe ab. Dem Boten blieb
+nichts übrig als dieses dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand
+und es sich angelegen sein liess, die angesehensten Bürger der Stadt
+durch Mord zu beseitigen.
+
+Während ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten inne, und als ich
+mich anschickte zu erzählen, was der König in seinem Garten tat, schon
+bei den Worten »schlug schweigend«, hatte er mit einer blitzschnellen
+Bewegung seinem Männchen den Kopf abgerissen. Er hatte mich also
+verstanden und gemerkt, dass er von mir verstanden worden war. Ich
+konnte ihn nun direkt befragen, gab ihm die Auskünfte, um die es ihm zu
+tun war, und wir hatten binnen kurzem der Neurose ein Ende gemacht.
+
+Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel mitteilen,
+welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuliess, das die
+Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche Symptome vollkommen
+unauffällig produziert werden können, und an das sich eine praktisch
+bedeutsame Bemerkung anknüpfen lässt. Auf einer Sommerreise traf es
+sich, dass ich einige Tage an einem gewissen Orte auf die Ankunft meines
+Reisegefährten zu warten hatte. Ich machte unterdes die Bekanntschaft
+eines jungen Mannes, der sich gleichfalls einsam zu fühlen schien und
+sich bereitwillig mir anschloss. Da wir in demselben Hôtel wohnten,
+fügte es sich leicht, dass wir alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen und
+Spaziergänge miteinander machten. Am Nachmittag des dritten Tages teilte
+er mir plötzlich mit, dass er heute abends seine mit dem Eilzuge
+anlangende Frau erwarte. Mein psychologisches Interesse wurde nun rege,
+denn es war mir an meinem Gesellschafter bereits am Vormittag
+aufgefallen, dass er meinen Vorschlag zu einer grösseren Partie
+zurückgewiesen und auf unserem kleinen Spaziergang einen gewissen Weg
+als zu steil und gefährlich nicht hatte begehen wollen. Auf dem
+Nachmittagsspaziergang behauptete er plötzlich, ich müsste doch hungrig
+sein, ich sollte doch ja nicht seinetwegen die Abendmahlzeit
+aufschieben, er werde erst nach der Ankunft seiner Frau mit ihr zu Abend
+essen. Ich verstand den Wink und setzte mich an den Tisch, während er
+auf den Bahnhof ging. Am nächsten Morgen trafen wir uns in der Vorhalle
+des Hôtels. Er stellte mir seine Frau vor und fügte hinzu: Sie werden
+doch mit uns das Frühstück nehmen? Ich hatte noch eine kleine Besorgung
+in der nächsten Strasse vor und versicherte, ich würde bald nachkommen.
+Als ich dann in den Frühstückssaal trat, sah ich, dass das Paar an einem
+kleinen Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie
+beide sassen. Auf der Gegenseite befand sich nur ein Sessel, aber über
+dessen Lehne hing der grosse und schwere Lodenmantel des Mannes herab,
+den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den Sinn dieser gewiss
+nicht absichtlichen, aber darum um so ausdrucksvolleren Lagerung. Es
+hiess: für Dich ist hier kein Platz, Du bist jetzt überflüssig. Der Mann
+bemerkte es nicht, dass ich vor dem Tische stehen blieb, ohne mich zu
+setzen, wohl aber die Dame, die ihren Mann sofort anstiess und ihm
+zuflüsterte: Du hast ja dem Herrn den Platz verlegt.
+
+Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Erlebnissen habe ich mir gesagt,
+dass die unabsichtlich ausgeführten Handlungen unvermeidlich zur Quelle
+von Missverständnissen im menschlichen Verkehr werden müssen. Der Täter,
+der von einer mit ihnen verknüpften Absicht nichts weiss, rechnet sich
+dieselben nicht an und hält sich nicht verantwortlich für sie. Der
+andere hingegen erkennt, indem er regelmässig auch solche Handlungen
+seines Partners zu Schlüssen über dessen Absichten und Gesinnungen
+verwertet, mehr von den psychischen Vorgängen des Fremden, als dieser
+selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben glaubt. Letzterer
+aber entrüstet sich, wenn ihm diese aus seinen Symptomhandlungen
+gezogenen Schlüsse vorgehalten werden, erklärt sie für grundlos, da ihm
+das Bewusstsein für die Absicht bei der Ausführung fehlt, und klagt über
+Missverständnis von Seiten des anderen. Genau besehen beruht ein solches
+Missverständnis auf einem Zufein- und Zuvielverstehen. Je »nervöser« zwei
+Menschen sind, desto eher werden sie einander Anlass zu Entzweiungen
+bieten, deren Begründung jeder für seine eigene Person ebenso bestimmt
+leugnet, wie er sie für die Person des anderen als gesichert annimmt.
+Und dies ist wohl die Strafe für die innere Unaufrichtigkeit, dass die
+Menschen unter den Vorwänden des Vergessens, Vergreifens und der
+Unabsichtlichkeit Regungen den Ausdruck gestatten, die sie besser sich
+und anderen eingestehen würden, wenn sie sie schon nicht beherrschen
+können. Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, dass jedermann
+fortwährend psychische Analyse an seinen Nebenmenschen betreibt und
+diese infolgedessen besser kennen lernt als jeder einzelne sich selbst.
+Der Weg zur Befolgung der Mahnung γνῶθι σεαυτὸν führt durch das Studium
+seiner eigenen scheinbar zufälligen Handlungen und Unterlassungen.
+
+
+
+
+IX.
+
+Irrtümer.
+
+
+Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehlerinnern nur
+durch den einen Zug unterschieden, dass der Irrtum (das Fehlerinnern)
+nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben findet. Der Gebrauch des
+Ausdruckes »Irrtum« scheint aber noch an einer anderen Bedingung zu
+hängen. Wir sprechen von »Irren« anstatt von »falsch Erinnern«, wo in
+dem zu reproduzierenden psychischen Material der Charakter der
+objektiven Realität hervorgehoben werden soll, wo also etwas anderes
+erinnert werden soll als eine Tatsache meines eigenen psychischen
+Lebens, vielmehr etwas, was der Bestätigung oder Widerlegung durch die
+Erinnerung anderer zugänglich ist. Den Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in
+diesem Sinn bildet die Unwissenheit.
+
+In meinem Buche »Die Traumdeutung (1900)« habe ich mich einer Reihe von
+Verfälschungen an geschichtlichem und überhaupt tatsächlichem Material
+schuldig gemacht, auf die ich nach dem Erscheinen des Buches mit
+Verwunderung aufmerksam geworden bin. Ich habe bei näherer Prüfung
+derselben gefunden, dass sie nicht meiner Unwissenheit entsprungen sind,
+sondern sich auf Irrtümer des Gedächtnisses zurückleiten, welche sich
+durch Analyse aufklären lassen.
+
+a) Auf p. 266 bezeichne ich als den Geburtsort _Schillers_ die Stadt
+_Marburg_, deren Name in der Steiermark wiederkehrt. Der Irrtum findet
+sich in der Analyse eines Traumes während einer Nachtreise, aus dem ich
+durch den vom Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen _Marburg_ geweckt
+wurde. Im Trauminhalt wird nach einem Buch von _Schiller_ gefragt. Nun
+ist _Schiller_ nicht in der Universitätsstadt _Marburg_, sondern in dem
+schwäbischen _Marbach_ geboren. Ich behaupte auch, dass ich dies immer
+gewusst habe.
+
+b) Auf p. 135 wird _Hannibals_ Vater _Hasdrubal_ genannt. Dieser Irrtum
+war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der Auffassung solcher
+Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte der _Barkiden_ dürften
+wenige der Leser des Buches besser Bescheid wissen als der Verfasser,
+der diesen Fehler niederschrieb und ihn bei drei Korrekturen übersah.
+Der Vater _Hannibals_ hiess _Hamilkar Barkas_, _Hasdrubal_ war der Name
+von _Hannibals_ Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und
+Vorgängers im Kommando.
+
+c) Auf p. 177 und p. 370 behaupte ich, dass _Zeus_ seinen Vater Kronos
+entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen Greuel habe ich aber
+irrtümlich um eine Generation vorgeschoben; die griechische Mythologie
+lässt ihn von _Kronos_ an seinem Vater _Uranos_ verüben.
+
+Wie ist es nun zu erklären, dass mein Gedächtnis in diesen Punkten
+Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich Leser des Buches
+überzeugen können, das entlegenste und ungebräuchlichste Material zur
+Verfügung stellte? Und ferner, dass ich bei drei sorgfältig
+durchgeführten Korrekturen wie mit Blindheit geschlagen an diesen
+Irrtümern vorbeiging?
+
+Man hat von _Lichtenberg_ gesagt, wo er einen Witz gemacht habe, dort
+liege ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die hier angeführten
+Stellen meines Buches behaupten: wo ein Irrtum vorliegt, da steckt eine
+Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: eine Unaufrichtigkeit, eine
+Entstellung, die schliesslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der
+Analyse der dort mitgeteilten Träume durch die blosse Natur der Themata,
+auf welche sich die Traumgedanken beziehen, genötigt gewesen, einerseits
+die Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung abzubrechen, andererseits einer
+indiskreten Einzelheit durch eine leise Entstellung die Schärfe zu
+benehmen. Ich konnte nicht anders und hatte auch keine andere Wahl, wenn
+ich überhaupt Beispiele und Belege vorbringen wollte; meine Zwangslage
+leitete sich mit Notwendigkeit aus der Eigenschaft der Träume ab,
+Verdrängtem, d. h. Bewusstseinsunfähigem, Ausdruck zu geben. Es dürfte
+trotzdem genug übrig geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoss
+genommen haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch
+bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos durchführen
+lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals wider meinen
+Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene erkämpft und ist darin als
+von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein gekommen. In allen drei
+hervorgehobenen Beispielen liegt übrigens das nämliche Thema zu Grunde;
+die Irrtümer sind Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die sich mit meinem
+verstorbenen Vater beschäftigen.
+
+ad. a) Wer den auf p. 266 analysierten Traum durchliest, wird teils
+unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten können, dass ich bei
+Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik am Vater
+enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses Zuges von Gedanken und
+Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche Geschichte, in welcher Bücher
+eine Rolle spielen und ein Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen
+_Marburg_ führt, denselben Namen, durch dessen Anruf in der
+gleichnamigen Südbahnstation ich aus dem Schlaf geweckt wurde. Diesen
+Herrn _Marburg_ wollte ich bei der Analyse mir und den Lesern
+unterschlagen; er rächte sich dadurch, dass er sich dort einmengte, wo
+er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes _Schillers_ aus
+_Marbach_ in _Marburg_ veränderte.
+
+ad. b) Der Irrtum _Hasdrubal_ anstatt _Hamilkar_, der Name des Bruders
+an Stelle des Namens des Vaters, ereignet sich gerade in einem
+Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien meiner Gymnasiastenjahre
+und von meiner Unzufriedenheit mit dem Benehmen des Vaters gegen die
+»Feinde unseres Volkes« handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen
+können, wie mein Verhältnis zum Vater durch einen Besuch in England
+verändert wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden
+Halbbruders aus früherer Ehe des Vaters machen liess. Mein Bruder hat
+einen ältesten Sohn, der mir gleichalterig ist; die Phantasien, wie
+anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn des Vaters, sondern des
+Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden also kein Hindernis an den
+Altersrelationen. Diese unterdrückten Phantasien fälschten nun an der
+Stelle, wo ich in der Analyse abbrach, den Text meines Buches, indem sie
+mich nötigten, den Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen.
+
+ad. c) Dem Einfluss der Erinnerung an diesen selben Bruder schreibe ich
+es zu, dass ich die mythologischen Greuel der griechischen Götterwelt um
+eine Generation vorgeschoben habe. Von den Mahnungen des Bruders ist mir
+lange Zeit eine im Gedächtnis geblieben: „Vergiss nicht, in Bezug auf
+Lebensführung, eines“, hatte er mir gesagt, „dass Du nicht der zweiten,
+sondern eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehörst.“
+Unser Vater hatte sich in späteren Jahren wieder verheiratet und war um
+so vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich begehe den
+besprochenen Irrtum im Buche gerade, wo ich von der Pietät zwischen
+Eltern und Kindern handle.
+
+Es ist auch einige Male vorgekommen, dass Freunde und Patienten, deren
+Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traumanalysen anspielte,
+mich aufmerksam machten, die Umstände der gemeinsam erlebten Begebenheit
+seien von mir ungenau erzählt worden. Das wären nun wiederum historische
+Irrtümer. Ich habe die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung
+nachgeprüft und mich gleichfalls überzeugt, dass meine Erinnerung des
+Sachlichen nur dort ungetreu war, wo ich in der Analyse etwas mit
+Absicht entstellt oder verhehlt hatte. Auch hier wieder _ein unbemerkter
+Irrtum als Ersatz für eine absichtliche Verschweigung oder Verdrängung_.
+
+Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben sich scharf
+andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. So war es z. B.
+Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in die _Wachau_ den Aufenthalt
+des Revolutionärs _Fischhof_ berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte
+haben nur den Namen gemein; das _Emmersdorf_ _Fischhofs_ liegt in
+Kärnthen. Ich wusste es aber nicht anders.
+
+Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern, für
+die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders
+bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund
+hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich
+wichtigeren _Urteilsirrtümer_ der Menschen im Leben und in der
+Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten
+Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen
+äusseren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim
+Durchgang durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erfährt.
+
+
+
+
+X.
+
+Determinismus. -- Zufalls- und Aberglauben. -- Gesichtspunkte.
+
+
+Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen kann man
+folgende Einsicht hinstellen: _Gewisse Unzulänglichkeiten unserer
+psychischen Leistungen_ -- deren gemeinsamer Charakter sogleich näher
+bestimmt werden soll -- _und gewisse absichtslos erscheinende
+Verrichtungen erweisen sich, wenn man das Verfahren der
+psychoanalytischen Untersuchung auf sie anwendet, als wohlmotiviert und
+durch dem Bewusstsein unbekannte Motive determiniert_.
+
+Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht zu werden,
+muss eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen genügen:
+
+a) Sie darf nicht über ein gewisses Mass hinausgehen, welches von
+unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck »innerhalb der
+Breite des Normalen« bezeichnet wird.
+
+b) Sie muss den Charakter der momentanen und zeitweiligen Störung an
+sich tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher korrekter
+ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter auszuführen.
+Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden, müssen wir die Richtigkeit
+der Korrektur und die Unrichtigkeit unseres eigenen psychischen
+Vorganges sofort erkennen.
+
+c) Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen wir von einer
+Motivierung derselben nichts in uns verspüren, sondern müssen versucht
+sein, sie durch »Unaufmerksamkeit« zu erklären oder als »Zufälligkeit«
+hinzustellen.
+
+Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen und die
+Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprechen, Verlesen, Verschreiben,
+Vergreifen und die sog. Zufallshandlungen. Die gleiche Zusammensetzung
+mit der Vorsilbe _ver_ deutet für die meisten dieser Phänomene die
+innere Gleichartigkeit sprachlich an. An die Aufklärung dieser so
+bestimmten psychischen Vorgänge knüpft aber eine Reihe von Bemerkungen
+an, die zum Teil ein weitergehendes Interesse erwecken dürfen.
+
+I. Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als unaufklärbar
+durch Zielvorstellungen preisgeben, verkennen wir den Umfang der
+Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht hier und noch auf anderen
+Gebieten weiter, als wir es vermuten. Ich habe im Jahre 1900 in einem
+Aufsatz des Literarhistorikers _R. M. Meyer_ in der »Zeit« ausgeführt
+und an Beispielen erläutert gefunden, dass es unmöglich ist, absichtlich
+und willkürlich einen Unsinn zu komponieren. Seit längerer Zeit weiss
+ich, dass man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl nach freiem
+Belieben einfallen zu lassen, ebensowenig wie etwa einen Namen.
+Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehrstellige,
+wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so erweist sich deren
+strenge Determinierung, die man wirklich nicht für möglich gehalten
+hätte. Ich will nun zunächst ein Beispiel eines willkürlich gewählten
+Vornamens kurz erörtern und dann ein analoges Beispiel einer
+»gedankenlos hingeworfenen« Zahl ausführlicher analysieren.
+
+α) Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen für die
+Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen ich ihr in der
+Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr gross; gewiss schliessen
+sich einige Namen von vorne herein aus, in erster Linie der echte Name,
+sodann die Namen meiner eigenen Familienangehörigen, an denen ich
+Anstoss nehmen würde, etwa noch andere Frauennamen von besonders
+seltsamem Klang; im übrigen aber brauchte ich um einen solchen Namen
+nicht verlegen zu sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, dass
+sich mir eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung stellen wird.
+Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm, der
+Name _Dora_. Ich frage nach seiner Determinierung. Wer heisst denn nur
+sonst Dora? Ungläubig möchte ich den nächsten Einfall zurückweisen, der
+lautet, dass das Kindermädchen meiner Schwester so heisst. Aber ich
+besitze soviel Selbstzucht oder Übung im Analysieren, dass ich den
+Einfall festhalte und weiterspinne. Da fällt mir auch sofort eine kleine
+Begebenheit des vorigen Abends ein, welche die gesuchte Determinierung
+bringt. Ich sah auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen
+Brief liegen mit der Aufschrift: „An Fräulein Rosa W.“ Erstaunt fragte
+ich, wer so heisst, und wurde belehrt, dass die vermeintliche Dora
+eigentlich Rosa heisst, und diesen ihren Namen beim Eintritt ins Haus
+ablegen musste, weil meine Schwester den Ruf »Rosa« auch auf ihre eigene
+Person beziehen kann. Ich sage bedauernd: Die armen Leute, nicht einmal
+ihren Namen können sie beibehalten! Wie ich mich jetzt besinne, wurde
+ich dann für einen Moment still und begann an allerlei ernsthafte Dinge
+zu denken, die ins Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht
+bewusst machen könnte. Als ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für
+eine Person suchte, _die ihren eigenen nicht beibehalten durfte_, fiel
+mir kein anderer als »Dora« ein. Die Ausschliesslichkeit beruht hier auf
+fester inhaltlicher Verknüpfung, denn in der Geschichte meiner Patientin
+rührte ein auch für den Verlauf der Kur entscheidender Einfluss von der
+im fremden Haus dienenden Person, von einer Gouvernante, her.
+
+β) In einem Briefe an meinen Freund in B. kündige ich ihm an, dass ich
+jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe und nichts
+mehr an dem Werk ändern will, »möge es auch =2467= Fehler enthalten«.
+Ich versuche sofort, mir diese Zahl aufzuklären und füge die kleine
+Analyse noch als Nachschrift dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt,
+wie ich damals geschrieben, als ich mich auf frischer Tat ertappte:
+
+„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. Du
+findest im Brief die Zahl 2467 als übermütige Willkürschätzung der
+Fehler, die sich im Traumbuch finden werden. Es soll heissen: irgend
+eine grosse Zahl, und da stellt sich diese ein. Nun gibt es aber nichts
+Willkürliches, Undeterminiertes im Psychischen. Du wirst also auch mit
+Recht erwarten, dass das Unbewusste sich beeilt hat, die Zahl zu
+determinieren, die von dem Bewussten freigelassen wurde. Nun hatte ich
+gerade vorher in der Zeitung gelesen, dass ein General E. M. als
+Feldzeugmeister in den Ruhestand getreten. Du musst wissen, der Mann
+interessiert mich. Während ich als militärärztlicher Eleve diente, kam
+er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und sagte zum Arzt: „Sie
+müssen mich aber in 8 Tagen gesund machen, denn ich habe etwas zu
+arbeiten, worauf der Kaiser wartet.“ Damals nahm ich mir vor, die
+Laufbahn des Mannes zu verfolgen, und siehe da, heute (1899) ist er am
+Ende derselben, Feldzeugmeister und schon im Ruhestande. Ich wollte
+ausrechnen, in welcher Zeit er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an,
+dass ich ihn 1882 im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre. Ich
+erzähle meiner Frau davon und sie bemerkt: „Da müsstest Du also auch
+schon im Ruhestande sein?“ Und ich protestiere: Davor bewahre mich Gott.
+Nach diesem Gespräch setze ich mich an den Tisch, um Dir zu schreiben.
+Der frühere Gedankengang setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es
+war falsch gerechnet; ich habe einen festen Punkt dafür in meiner
+Erinnerung. Meine Grossjährigkeit, meinen =24.= Geburtstag also, habe
+ich im Militärarrest gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert
+hatte). Das war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl
+=24= in 2467! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 24 Jahre hinzu, so
+bekommst Du die =67=! D. h. auf die Frage, ob ich auch in den Ruhestand
+treten will, habe ich mir im Wunsch noch 24 Jahre Arbeit zugelegt.
+Offenbar bin ich gekränkt darüber, dass ich es in dem Intervall, durch
+das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht weit gebracht habe, und
+doch wie in einer Art von Triumph darüber, dass er jetzt schon fertig
+ist, während ich noch Alles vor mir habe. Da darf man doch mit Recht
+sagen, dass nicht einmal die absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer
+Determinierung aus dem Unbewussten entbehrt.“
+
+Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar willkürlich
+gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch vielmals mit dem nämlichen
+Erfolg wiederholt; aber die meisten Fälle sind so sehr intimen Inhalts,
+dass sie sich der Mitteilung entziehen. Gerade an diesen Analysen ist
+mir zweierlei besonders auffällig: Erstens die geradezu somnambule
+Sicherheit, mit der ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in
+einen rechnenden Gedankengang versenke, der dann plötzlich bei der
+gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, mit der sich die ganze
+Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, dass die Zahlen meinem
+unbewussten Denken so bereitwillig zur Verfügung stehen, während ich
+ein schlechter Rechner bin und die grössten Schwierigkeiten habe, mir
+Jahreszahlen, Hausnummern und dergleichen bewusst zu merken. Ich finde
+übrigens in diesen unbewussten Gedankenoperationen mit Zahlen eine
+Neigung zum Aberglauben, deren Herkunft mir selbst noch fremd ist. Meist
+stosse ich auf Spekulationen über die Lebensdauer meiner selbst und der
+mir teuren Personen, und bestimmend auf die unbewussten Spielereien muss
+eingewirkt haben, dass mein Freund in B. die Lebenszeiten der Menschen
+zum Gegenstand seiner auf biologische Einheiten gegründeten Rechnungen
+genommen hat. Ich bin nun mit einer der Voraussetzungen, von denen er
+hierbei ausgeht, nicht einverstanden, möchte aus höchst egoistischen
+Motiven gerne gegen ihn Recht behalten und scheine nun diese Rechnungen
+auf meine Art nachzuahmen.
+
+II. Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich gewählter
+Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines anderen Problems
+beitragen. Gegen die Annahme eines durchgehenden psychischen
+Determinismus berufen sich bekanntlich viele Personen auf ein besonderes
+Überzeugungsgefühl für die Existenz eines freien Willens. Dieses
+Überzeugungsgefühl besteht und weicht auch dem Glauben an den
+Determinismus nicht. Es muss wie alle normalen Gefühle durch irgend
+etwas berechtigt sein. Es äussert sich aber, soviel ich beobachten kann,
+nicht bei den grossen und wichtigen Willensentscheidungen; bei diesen
+Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen Zwanges
+und beruft sich auf sie („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“).
+Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen, indifferenten
+Entschliessungen versichern, dass man ebensowohl anders hätte handeln
+können, dass man aus freiem, nicht motiviertem Willen gehandelt hat.
+Nach unseren Analysen braucht man nun das Recht des Überzeugungsgefühles
+vom freien Willen nicht zu bestreiten. Führt man die Unterscheidung der
+Motivierung aus dem Bewussten von der Motivierung aus dem Unbewussten
+ein, so berichtet uns das Überzeugungsgefühl, dass die bewusste
+Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen
+erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so von der einen Seite
+frei gelassen wird, das empfängt seine Motivierung von anderer Seite,
+aus dem Unbewussten, und so ist die Determinierung im Psychischen doch
+lückenlos durchgeführt.
+
+III. Wenngleich dem bewussten Denken die Kenntnis von der Motivierung
+der besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen Sachlage abgehen muss,
+so wäre es doch erwünscht, einen psychologischen Beweis für deren
+Existenz aufzufinden; ja es ist aus Gründen, die sich bei näherer
+Kenntnis des Unbewussten ergeben, wahrscheinlich, dass solche Beweise
+irgendwo auffindbar sind. Es lassen sich wirklich auf zwei Gebieten
+Phänomene nachweisen, welche einer unbewussten und darum verschobenen
+Kenntnis von dieser Motivierung zu entsprechen scheinen.
+
+a) Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im Verhalten der
+Paranoiker, dass sie den kleinen, sonst von uns vernachlässigten Details
+im Benehmen der anderen die grösste Bedeutung beilegen, dieselben
+ausdeuten und zur Grundlage weitgehender Schlüsse machen. Der letzte
+Paranoiker z. B., den ich gesehen habe, schloss auf ein allgemeines
+Einverständnis in seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf
+dem Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht hatten. Ein
+anderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der Strasse gehen, mit
+den Spazierstöcken fuchteln u. dgl.[24]
+
+Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, welche
+der Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen Leistungen und
+Fehlleistungen gelten lässt, verwirft der Paranoiker also in der
+Anwendung auf die psychischen Äusserungen der anderen. Alles, was er an
+den anderen bemerkt, ist bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie kommt er
+nur dazu? Er projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen,
+was im eigenen unbewusst vorhanden ist, hier wie in so vielen ähnlichen
+Fällen. In der Paranoia drängt sich eben so vielerlei zum Bewusstsein
+durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst durch die Psychoanalyse
+als im Unbewussten vorhanden nachweisen.[25] Der Paranoiker hat also
+hierin in gewissem Sinne Recht, er erkennt etwas, was dem Normalen
+entgeht, er sieht schärfer als das normale Denkvermögen, aber die
+Verschiebung des so erkannten Sachverhaltes auf andere macht seine
+Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der einzelnen paranoischen
+Deutungen wird man dann hoffentlich von mir nicht erwarten. Das Stück
+Berechtigung aber, welches wir der Paranoia bei dieser Auffassung der
+Zufallshandlungen zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis
+der Überzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker an alle diese
+Deutungen geknüpft hat. _Es ist eben etwas Wahres daran_; auch unsere
+nicht als krankhaft zu bezeichnenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen
+zugehörige Überzeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies _Gefühl_ ist
+für ein gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die
+Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns auf den
+übrigen Zusammenhang ausgedehnt.
+
+b) Ein anderer Hinweis auf die unbewusste und verschobene Kenntnis der
+Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet sich in den
+Phänomenen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung durch die Diskussion
+des kleinen Erlebnisses klar legen, welches für mich der Ausgangspunkt
+dieser Überlegungen war.
+
+Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken alsbald auf
+die Kranken, die mich in dem neu beginnenden Arbeitsjahr beschäftigen
+sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr alten Dame, bei der ich (siehe
+oben) seit Jahren die nämlichen ärztlichen Manipulationen zweimal
+täglich vornehme. Wegen dieser Gleichförmigkeit haben sich unbewusste
+Gedanken sehr häufig auf dem Wege zu der Kranken und während der
+Beschäftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist über 90 Jahre alt; es
+liegt also nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres zu fragen, wie lange
+sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage, von dem ich erzähle, habe ich
+Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor ihr Haus führen soll. Jeder
+der Kutscher auf dem Wagenstandplatz vor meinem Hause kennt die Adresse
+der alten Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin geführt. Heute
+ereignet es sich nun, dass der Kutscher nicht vor ihrem Hause, sondern
+vor dem gleichbezifferten in einer nahegelegenen und wirklich ähnlich
+aussehenden Parallelstrasse Halt macht. Ich merke den Irrtum und werfe
+ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu
+bedeuten, dass ich vor ein Haus geführt werde, in dem ich die alte Dame
+nicht vorfinde? Für mich gewiss nicht, aber wenn ich _abergläubisch_
+wäre, würde ich in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen
+Fingerzeig des Schicksals, dass dies Jahr das letzte für die alte Frau
+sein wird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt hat,
+sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. _Ich_ erkläre
+allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren Sinn.
+
+Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuss gemacht und dann in
+»Gedanken«, in der »Zerstreutheit« vor das Haus der Parallelstrasse
+anstatt vors richtige gekommen wäre. Das würde ich für keinen Zufall
+erklären, sondern für eine der Deutung bedürftige Handlung mit
+unbewusster Absicht. Diesem »_Vergehen_« müsste ich wahrscheinlich die
+Deutung geben, dass ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen
+erwarte.
+
+Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in folgendem:
+
+Ich glaube nicht, dass ein Ereignis, an dessen Zustandekommen mein
+Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes über die zukünftige
+Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube aber, dass eine
+unbeabsichtigte Äusserung meiner eigenen Seelentätigkeit mir allerdings
+etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum nur meinem Seelenleben
+angehört; ich glaube zwar an äusseren (realen) Zufall, aber nicht an
+innere (psychische) Zufälligkeit. Der Abergläubische umgekehrt: er weiss
+nichts von der Motivierung seiner zufälligen Handlungen und
+Fehlleistungen, er glaubt, dass es psychische Zufälligkeiten gibt; dafür
+ist er geneigt, dem äusseren Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die
+sich im realen Geschehen äussern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für
+etwas draussen ihm Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir
+und dem Abergläubischen sind zwei: erstens projiziert er eine
+Motivierung nach aussen, die ich innen suche; zweitens deutet er den
+Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurückführe. Aber
+das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewussten bei mir, und der
+Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern ihn zu
+deuten, ist uns beiden gemeinsam.
+
+Ich nehme nun an, dass diese bewusste Unkenntnis und unbewusste Kenntnis
+von der Motivierung der psychischen Zufälligkeiten eine der psychischen
+Wurzeln des Aberglaubens ist. _Weil_ der Abergläubische von der
+Motivierung der eigenen zufälligen Handlungen nichts weiss, und weil die
+Tatsache dieser Motivierung nach einem Platz in seiner Anerkennung
+drängt, ist er genötigt, sie durch Verschiebung in der Aussenwelt
+unterzubringen. Besteht ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf
+diesen einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, dass ein
+grosses Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die
+modernsten Religionen hinein reicht, _nichts anderes ist als in die
+Aussenwelt projizierte Psychologie_. Die dunkle Erkenntnis psychischer
+Faktoren und Verhältnisse[26] des Unbewussten spiegelt sich -- es ist
+schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia muss hier zur
+Hilfe genommen werden -- in der Konstruktion einer _übersinnlichen
+Realität_, welche von der Wissenschaft in _Psychologie des Unbewussten_
+zurückverwandelt werden soll. Man könnte sich getrauen, die Mythen vom
+Paradies und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der
+Unsterblichkeit und dgl. in solcher Weise aufzulösen, die _Metaphysik_
+in _Metapsychologie_ umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des
+Paranoikers und der des Abergläubischen ist minder gross, als sie auf
+den ersten Blick erscheint. Als die Menschen zu denken begannen, waren
+sie bekanntlich genötigt, die Aussenwelt anthropomorphisch in eine
+Vielheit von Persönlichkeiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; die
+Zufälligkeiten, die sie abergläubisch deuteten, waren also Handlungen,
+Äusserungen von Personen, und sie haben sich demnach genau so benommen
+wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren Anzeichen, die ihnen
+die Anderen geben, Schlüsse ziehen, und wie die Gesunden alle, welche
+mit Recht die zufälligen und unbeabsichtigten Handlungen ihrer
+Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres Charakters machen. Der
+Aberglaube erscheint nur so sehr deplaziert in unserer modernen,
+naturwissenschaftlichen, aber noch keineswegs abgerundeten
+Weltanschauung; in der Weltanschauung vorwissenschaftlicher Zeiten und
+Völker war er berechtigt und konsequent.
+
+Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn ihm ein widriger
+Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; er handelte konsequent
+nach seinen Voraussetzungen. Wenn er aber von der Unternehmung abstand,
+weil er an der Schwelle seiner Tür gestolpert war (»Un Romain
+retournerait«), so war er uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein
+besserer Seelenkundiger, als wir uns zu sein bemühen. Denn dies Stolpern
+konnte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegenströmung in seinem
+Innern beweisen, deren Kraft sich im Momente der Ausführung von der
+Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des vollen Erfolges ist man
+nämlich nur dann sicher, wenn alle Seelenkräfte einig dem gewünschten
+Ziel entgegenstreben. Wie antwortet _Schillers_ _Tell_, der so lange
+gezaudert, den Apfel vom Haupt seines Knaben zu schiessen, auf die Frage
+des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt?
+
+ „Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt' ich -- Euch,
+ Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,
+ Und _Euer_ -- wahrlich -- hätt' ich _nicht_ gefehlt.“
+
+IV. Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch gebildeten
+Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit Analyse vorzutragen,
+beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr schön, aber bei mir geht das
+Namenvergessen anders zu. So leicht darf man es sich offenbar nicht
+machen; ich glaube nicht, dass mein Kollege je vorher an eine Analyse
+bei Namenvergessen gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie es bei
+ihm anders zugehe. Aber seine Bemerkung trifft doch ein Problem, welches
+viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft die hier
+gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen allgemein zu oder nur
+vereinzelt, und wenn letzteres, welches sind die Bedingungen, unter
+denen sie zur Erklärung der auch anderswie ermöglichten Phänomene
+herangezogen werden darf? Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich
+meine Erfahrungen im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den
+aufgezeigten Zusammenhang für selten zu halten, denn so oft ich bei mir
+selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich wie in
+den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen lassen oder haben sich
+wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, ergeben. Es ist nicht zu
+verwundern, wenn es nicht alle Male gelingt, den verborgenen Sinn der
+Symptomhandlung zu finden, da die Grösse der inneren Widerstände, die
+sich der Lösung widersetzen, als entscheidender Faktor in Betracht
+kommt. Man ist auch nicht imstande, bei sich selbst oder bei den
+Patienten jeden einzelnen Traum zu deuten; es genügt, um die
+Allgemeingiltigkeit der Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück
+weit in den verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, der
+sich beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär zeigt, lässt
+sich oft eine Woche oder einen Monat später sein Geheimnis entreissen,
+wenn eine unterdes erfolgte reale Veränderung die mit einander
+streitenden psychischen Wertigkeiten herabgesetzt hat. Das nämliche gilt
+für die Lösung der Fehl- und Symptomhandlungen; das Beispiel von
+Verlesen „Im Fass durch Europa“ auf Seite 32 hat mir die Gelegenheit
+gegeben zu zeigen, wie ein anfänglich unlösbares Symptom der Analyse
+zugänglich wird, wenn das _reale Interesse_ an den verdrängten Gedanken
+nachgelassen hat. So lange die Möglichkeit bestand, dass mein Bruder den
+beneideten Titel vor mir erhielte, widerstand das genannte Verlesen
+allen wiederholten Bemühungen der Analyse; nachdem es sich
+herausgestellt hatte, dass diese Bevorzugung unwahrscheinlich sei,
+klärte sich mir plötzlich der Weg, der zur Auflösung desselben führte.
+Es wäre also unrichtig, von all den Fällen, welche der Analyse
+widerstehen, zu behaupten, sie seien durch einen anderen als den hier
+aufgedeckten psychischen Mechanismus entstanden; es brauchte für diese
+Annahme noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden
+wahrscheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere
+Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist jeder
+Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äusserung
+derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt haben, und
+die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, gegen dessen
+Aufhellung aber sträuben.
+
+Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, dass die verdrängten
+Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in Symptom- und Fehlhandlungen
+ja nicht selbständig schaffen. Die technische Möglichkeit für solches
+Ausgleiten der Innervationen muss unabhängig von ihnen gegeben sein;
+diese wird dann von der Absicht des Verdrängten, zur bewussten Geltung
+zu kommen, gerne ausgenützt. Welche Struktur- und Funktionsrelationen es
+sind, die sich solcher Absicht zur Verfügung stellen, das haben für den
+Fall der sprachlichen Fehlleistung (vgl. Seite 17) eingehende
+Untersuchungen der Philosophen und Philologen festzustellen sich bemüht.
+Unterscheiden wir so an den Bedingungen der Fehl- und Symptomhandlung
+das unbewusste Motiv von den ihm entgegenkommenden physiologischen und
+psychophysischen Relationen, so bleibt die Frage offen, ob es innerhalb
+der Breite der Gesundheit noch andere Momente gibt, welche, wie das
+unbewusste Motiv und an Stelle desselben, auf dem Wege dieser Relationen
+die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen vermögen. Es liegt nicht auf
+meinem Wege, diese Frage zu beantworten.
+
+V. Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir uns begnügt, zu
+beweisen, dass die Fehlleistungen eine verborgene Motivierung haben, und
+uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse den Weg zur Kenntnis dieser
+Motivierung gebahnt. Die allgemeine Natur und die Besonderheiten der in
+den Fehlleistungen zum Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben
+wir bisher fast ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht
+versucht, dieselben näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmässigkeit zu
+prüfen. Wir werden auch jetzt keine gründliche Erledigung des
+Gegenstandes versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald belehrt
+haben, dass man in dies Gebiet besser von anderer Seite einzudringen
+vermag. Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, die ich wenigstens
+anführen und in ihrem Umfang umschreiben will. 1. Welches Inhalts und
+welcher Herkunft sind die Gedanken und Regungen, die sich durch die
+Fehl- und Zufallshandlungen andeuten? 2. Welches sind die Bedingungen
+dafür, dass ein Gedanke oder eine Regung genötigt und in den Stand
+gesetzt werde, sich dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 3.
+Lassen sich konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der
+Fehlhandlung und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck Gebrachten
+nachweisen?
+
+Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten Frage
+zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele von Versprechen haben
+wir es für nötig gefunden, über den Inhalt der intendierten Rede
+hinauszugehen, und haben die Ursache der Redestörung ausserhalb der
+Intention suchen müssen. Dieselbe lag dann in einer Reihe von Fällen
+nahe und war dem Bewusstsein des Sprechenden bekannt. In den scheinbar
+einfachsten und durchsichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt
+klingende andere Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck
+störte, ohne dass man hätte angeben können, warum die eine unterlegen,
+die andere durchgedrungen war (Kontaminationen von _Meringer_ und
+_Mayer_). In einer zweiten Gruppe von Fällen war das Unterliegen der
+einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht, die sich aber nicht stark
+genug zur völligen Zurückhaltung erwies (»zum Vorschwein gekommen«).
+Auch die zurückgehaltene Fassung war klar bewusst. Von der dritten
+Gruppe erst kann man ohne Einschränkung behaupten, dass hier der
+störende Gedanke von dem intendierten verschieden war, und kann hier
+eine, wie es scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der
+störende Gedanke ist entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziation
+verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm
+wesensfremd, und durch eine befremdende _äusserliche_ Assoziation ist
+gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der oft unbewusst
+ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus meinen Psychoanalysen bei
+Patienten gebracht habe, steht die ganze Rede unter dem Einfluss
+gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewusster Gedanken, die
+sich entweder durch die Störung selbst verraten (_Klapper_schlange --
+_Kleopatra_) oder einen indirekten Einfluss äussern, indem sie
+ermöglichen, dass die einzelnen Teile der bewusst intendierten Rede
+einander stören (_Ase natmen_: wo _Hasenauer_strasse, Reminiszenzen an
+eine Französin dahinter stehen). Die zurückgehaltenen oder unbewussten
+Gedanken, von denen die Sprechstörung ausgeht, sind von der
+mannigfaltigsten Herkunft. Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese
+Überschau also nach keiner Richtung.
+
+Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Verlesen und Verschreiben
+führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle scheinen wie beim
+Versprechen einer weiter nicht motivierten Verdichtungsarbeit ihr
+Entstehen zu danken (z. B.: der _Apfe_). Man möchte aber gern erfahren,
+ob nicht doch besondere Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine
+solche Verdichtung, die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen
+Denken fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt hierüber aus den
+Beispielen selbst keinen Aufschluss. Ich würde es aber ablehnen, hieraus
+den Schluss zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen als etwa den
+Nachlass der bewussten Aufmerksamkeit, da ich von anderswoher weiss,
+dass sich gerade automatische Verrichtungen durch Korrektheit und
+Verlässlichkeit auszeichnen. Ich möchte eher betonen, dass hier, wie so
+häufig in der Biologie, die normalen oder dem Normalen angenäherten
+Verhältnisse ungünstigere Objekte der Forschung sind als die
+pathologischen. Was bei der Erklärung dieser leichtesten Störungen
+dunkel bleibt, wird nach meiner Erwartung durch die Aufklärung
+schwererer Störungen Licht empfangen.
+
+Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, welche
+eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen lassen. »Im
+Fass durch Europa« ist eine Lesestörung, die sich durch den Einfluss
+eines entlegenen, wesensfremden Gedankens aufklärt, welcher einer
+verdrängten Regung von Eifersucht und Ehrgeiz entspringt, und den
+»Wechsel« des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem
+gleichgiltigen und harmlosen Thema, das gelesen wurde, benützt. Im Falle
+_Burckhard_ ist der Name selbst ein solcher »Wechsel«.
+
+Es ist unverkennbar, dass die Störungen der Sprechfunktionen leichter
+zustande kommen und weniger Anforderungen an die störenden Kräfte
+stellen als die anderer psychischer Leistungen.
+
+Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens im
+eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen Erlebnissen
+(das Vergessen von Eigennamen und Fremdworten, wie in den Abschnitten I
+und II könnte man als »Entfallen«, das von Vorsätzen als »Unterlassen«
+von diesem Vergessen sensu strictiori absondern). Die Grundbedingungen
+des normalen Vorgangs beim Vergessen sind unbekannt. Man wird auch daran
+gemahnt, dass nicht alles vergessen ist, was man dafür hält. Unsere
+Erklärung hat es hier nur mit jenen Fällen zu tun, in denen das
+Vergessen bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt,
+dass Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt wird.
+Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach einer besonderen
+Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als Motiv des Vergessens
+jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche Empfindungen
+erwecken kann. Wir gelangen zur Vermutung, dass dieses Motiv im
+psychischen Leben sich ganz allgemein zu äussern strebt, aber durch
+andere gegenwirkende Kräfte verhindert wird, sich irgendwie regelmässig
+durchzusetzen. Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen
+peinliche Eindrücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung
+wert zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das
+allgemein angestrebte Vergessen in einzelnen Fällen ermöglichen, ist aus
+diesem weiteren Zusammenhange nicht zu lösen.
+
+Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in den
+Vordergrund; der beim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden nur
+vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei der Analyse
+der Beispiele regelmässig einen Gegenwillen, der sich dem Vorsatze
+widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher besprochenen
+Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen des psychischen
+Vorgangs; der Gegenwille kehrt sich entweder direkt gegen den Vorsatz
+(bei Absichten von einigem Belang), oder er ist dem Vorsatz selbst
+wesensfremd und stellt seine Verbindung mit ihm durch eine _äusserliche_
+Assoziation her (bei fast indifferenten Vorsätzen).
+
+Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. Der Impuls,
+der sich in der Störung der Handlung äussert, ist häufig ein
+Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, der nur die
+Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der Handlung durch eine
+Störung derselben zum Ausdruck zu bringen. Die Fälle, in denen die
+Störung durch einen inneren Widerspruch erfolgt, sind die bedeutsameren
+und betreffen auch die wichtigeren Verrichtungen.
+
+Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptomhandlungen
+immer mehr zurück. Diese vom Bewusstsein gering geschätzten oder ganz
+übersehenen motorischen Aeusserungen dienen so mannigfachen unbewussten
+oder zurückgehaltenen Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist
+Phantasien oder Wünsche symbolisch dar. --
+
+Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen seien, die
+sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, lässt sich sagen, dass
+in einer Reihe von Fällen die Herkunft der störenden Gedanken von
+unterdrückten Regungen des Seelenlebens leicht nachzuweisen ist.
+Egoistische, eifersüchtige, feindselige Gefühle und Impulse, auf denen
+der Druck der moralischen Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden
+nicht selten des Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene,
+aber von höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie
+zu äussern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen
+entspricht zum guten Teil einer bequemen Duldung des Unmoralischen.
+Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die mannigfachen sexuellen
+Strömungen keine geringfügige Rolle. Es ist ein Zufall des Materials,
+wenn gerade sie so selten unter den durch die Analyse aufgedeckten
+Gedanken in meinen Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend Beispiele
+aus meinem eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die
+Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluss des Sexuellen
+gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose Einwendungen und
+Rücksichten zu sein, aus denen die störenden Gedanken entspringen.
+
+Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, welche
+psychologischen Bedingungen dafür gelten, dass ein Gedanke seinen
+Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam parasitärer als
+Modifikation und Störung eines anderen suchen müsse. Es liegt nach den
+auffälligsten Beispielen von Fehlhandlung nahe, diese Bedingung in einer
+Beziehung zur Bewusstseinsfähigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder
+entschieden ausgeprägten Charakter des »Verdrängten«. Aber die
+Verfolgung durch die Reihe der Beispiele löst diesen Charakter in immer
+mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas als
+zeitraubend hinwegzukommen, -- die Erwägung, dass der betreffende
+Gedanke nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört, -- scheinen als
+Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens, der dann auf den Ausdruck
+durch Störung eines anderen angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen
+wie die moralische Verurteilung einer unbotmässigen Gefühlsregung oder
+die Abkunft von völlig unbewussten Gedankenzügen. Eine Einsicht in die
+allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen lässt
+sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache
+wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je harmloser die Motivierung
+der Fehlleistung ist, je weniger anstössig und darum weniger
+bewusstseinsunfähig der Gedanke ist, der sich in ihr zum Ausdruck
+bringt, desto leichter wird auch die Auflösung des Phänomens, wenn man
+ihm seine Aufmerksamkeit zugewendet hat; die leichtesten Fälle des
+Versprechens werden sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um
+Motivierung durch wirklich verdrängte Regungen handelt, da bedarf es zur
+Lösung einer sorgfältigen Analyse, die selbst zeitweise auf
+Schwierigkeiten stossen oder misslingen kann.
+
+Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Untersuchung
+als einen Hinweis darauf zu nehmen, dass die befriedigende Aufklärung
+für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und Zufallshandlungen auf
+einem anderen Wege und von anderer Seite her zu gewinnen ist. Der
+nachsichtige Leser möge daher in diesen Auseinandersetzungen den
+Nachweis der Bruchflächen sehen, an denen dieses Thema ziemlich
+künstlich aus einem grösseren Zusammenhange herausgelöst wurde.
+
+VI. Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach diesem weiteren
+Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus der Fehl- und Zufallshandlungen,
+wie wir ihn durch die Anwendung der Analyse kennen gelernt haben, zeigt
+in den wesentlichsten Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus
+der Traumbildung, den ich in dem Abschnitt »Traumarbeit« meines Buches
+über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die Verdichtungen und
+Kompromissbildungen (Kontaminationen) findet man hier wie dort; die
+Situation ist die nämliche, dass unbewusste Gedanken sich auf
+ungewöhnlichen Wegen, über äusserliche Assoziationen, als Modifikation
+von anderen Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Ungereimtheiten,
+Absurditäten und Irrtümer des Trauminhaltes, denen zufolge der Traum
+kaum als Produkt psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf
+dieselbe Weise, freilich mit freierer Benützung der vorhandenen Mittel,
+wie die gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; _hier wie dort löst sich
+der Anschein inkorrekter Funktion durch die eigentümliche Interferenz
+zweier oder mehrerer korrekter Leistungen_. Aus diesem Zusammentreffen
+ist ein wichtiger Schluss zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise,
+deren auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf nicht auf
+den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, wenn wir in den
+Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für ihre Wirksamkeit während des
+wachen Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang verbietet uns auch,
+tiefgreifenden Zerfall der Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der
+Funktion als die Bedingung dieser uns abnorm und fremdartig
+erscheinenden psychischen Vorgänge anzusehen[27].
+
+Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, welche die
+Fehlhandlungen wie die Traumbilder entstehen lässt, wird uns erst
+ermöglicht, wenn wir erfahren haben, dass die psychoneurotischen
+Symptome, speziell die psychischen Bildungen der Hysterie und der
+Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus alle wesentlichen Züge dieser
+Arbeitsweise wiederholen. An dieser Stelle schlösse sich also die
+Fortsetzung unserer Untersuchungen an. Für uns hat es aber noch ein
+besonderes Interesse, die Fehl-, Zufalls- und Symptomhandlungen in dem
+Lichte dieser letzten Analogie zu betrachten. Wenn wir sie den
+Leistungen der Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen,
+gleichstellen, gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, dass die
+Grenze zwischen nervöser Norm und Abnormität eine fliessende, und dass
+wir alle ein wenig nervös seien, Sinn und Unterlage. Man kann sich vor
+aller ärztlicher Erfahrung verschiedene Typen von solcher bloss
+angedeuteten Nervosität -- von formes frustes der Neurosen --
+konstruieren: Fälle, in denen nur wenige Symptome, oder diese selten
+oder nicht heftig auftreten, die Abschwächung also in die Zahl, in die
+Intensität, in die zeitliche Ausbreitung der krankhaften Erscheinungen
+verlegen; vielleicht würde man aber gerade den Typus nicht erraten,
+welcher als der häufigste den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit
+zu vermitteln scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen
+Krankheitsäusserungen die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet
+sich nämlich dadurch aus, dass die Symptome in die mindest wichtigen
+psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren
+psychischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich geht. Die
+gegenteilige Unterbringung der Symptome, ihr Hervortreten an den
+wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, so dass sie
+Nahrungsaufnahme und Sexualverkehr, Berufsarbeit und Geselligkeit zu
+stören vermögen, kommt den schweren Fällen von Neurose zu und
+charakterisiert diese besser als etwa die Mannigfaltigkeit oder die
+Lebhaftigkeit der Krankheitsäusserungen.
+
+Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwersten Fälle,
+an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil haben, liegt in der
+_Rückführbarkeit der Phänomene auf unvollkommen unterdrücktes
+psychisches Material, das vom Bewusstsein abgedrängt, doch nicht jeder
+Fähigkeit, sich zu äussern, beraubt worden ist_.
+
+ [24] Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beurteilung
+ unwesentlicher und zufälliger Äusserungen bei anderen zum
+ „Beziehungswahn“ gerechnet.
+
+ [25] Die durch Analyse bewusst zu machenden Phantasieen der Hysteriker
+ von sexuellen und grausamen Misshandlungen decken sich z. B.
+ gelegentlich bis ins Einzelne mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es
+ ist bemerkenswert, aber nicht unverständlich, wenn der identische
+ Inhalt uns auch als Realität in den Veranstaltungen Perverser zur
+ Befriedigung ihrer Gelüste entgegentritt.
+
+ [26] Die natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat.
+
+ [27] Vgl. hierzu „Traumdeutung“ p. 362.
+
+
+
+
+[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+steht.
+
+wir unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.
+wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.
+
+in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_ _Liquidation_,
+in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_,
+
+Eigennamen, hier um komplete Eindrücke, um entweder in der Realität
+Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, um entweder in der Realität
+
+den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen Hauptkatogorien noch
+den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen Hauptkategorien noch
+
+einige minder wichtige (oder für unserere Zwecke minder bedeutsame)
+einige minder wichtige (oder für unsere Zwecke minder bedeutsame)
+
+daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.«
+daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.««
+
+Monat. „Das „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von
+Monat.“ Das „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von
+
+man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. »Man erinnert
+man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert
+
+österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: „Hohes
+österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: »Hohes
+
+erkläre somit die Sitzung für »_geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit
+erkläre somit die Sitzung für _geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit
+
+Laute und Worte desselben Satzes enstehen kann, die zum
+Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum
+
+ (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärthnerstrasse gemahnt,
+ (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärnthnerstrasse gemahnt,
+
+Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewisssen Zeit für
+Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für
+
+austauschen. Was dem einem fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der
+austauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der
+
+»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt gewöhnt
+bin.
+»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt bin.
+
+ Geld von sich zu tun -- Mit den intimsten und am wenigsten klar
+ Geld von sich zu tun. -- Mit den intimsten und am wenigsten klar
+
+c) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe
+d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe
+
+Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, we nndie unbewusste einen
+Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen
+
+ Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegend
+ Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegen
+
+Entstellung, die schliessslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der
+Entstellung, die schliesslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der
+
+anstatt vors richtige gekommen wäre Das würde ich für keinen Zufall
+anstatt vors richtige gekommen wäre. Das würde ich für keinen Zufall
+
+»Wechsel» des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem
+»Wechsel« des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem
+]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Zur Psychopathologie des Alltagslebens, by
+Sigmund Freud
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR PSYCHOPATHOLOGIE ***
+
+***** This file should be named 24429-0.txt or 24429-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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