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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Zur Psychopathologie des Alltagslebens + Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum + +Author: Sigmund Freud + +Release Date: January 26, 2008 [EBook #24429] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR PSYCHOPATHOLOGIE *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original fett gedruckter Text wurde mit = markiert. + + Schreibweise und Interpunktion wurden übernommen, lediglich + offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der + vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + ] + + + + + Zur + + Psychopathologie des Alltagslebens + + (Über Vergessen, Versprechen, + Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) + + + Von + + Prof. Dr. Sigm. Freud + + in Wien + + + Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, + Dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll. + + Faust, II. T., V. Akt. + + + + + BERLIN 1904 + + VERLAG VON S. KARGER + + KARLSTRASSE 15 + + + + + DURCHGESEHENER ABDRUCK AUS DER MONATSSCHRIFT FÜR + PSYCHIATRIE UND NEUROLOGIE BD. X. + + ALLE RECHTE VORBEHALTEN. + + + Druck von _H. Klöppel_, Quedlinburg. + + + + +I. + +Vergessen von Eigennamen. + + +Im Jahrgange 1898 der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie habe +ich unter dem Titel »Zum psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit« +einen kleinen Aufsatz veröffentlicht, dessen Inhalt ich hier wiederholen +und zum Ausgang für weitere Erörterungen nehmen werde. Ich habe dort den +häufigen Fall des zeitweiligen Vergessens von Eigennamen an einem +prägnanten Beispiel aus meiner Selbstbeobachtung der psychologischen +Analyse unterzogen und bin zum Ergebnis gelangt, dass dieser gewöhnliche +und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall von Versagen einer +psychischen Funktion -- des Erinnerns -- eine Aufklärung zulässt, welche +weit über die gebräuchliche Verwertung des Phänomens hinausführt. + +Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem man die Erklärung +forderte, wie es zugehe, dass einem so oft ein Name nicht einfällt, den +man doch zu kennen glaubt, sich begnügen, zu antworten, dass Eigennamen +dem Vergessen leichter unterliegen als andersartiger Gedächtnisinhalt. +Er würde die plausibeln Gründe für solche Bevorzugung der Eigennamen +anführen, eine anderweitige Bedingtheit des Vorganges aber nicht +vermuten. + +Für mich wurde zum Anlass einer eingehenderen Beschäftigung mit dem +Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beobachtung gewisser +Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen Fällen, aber in einzelnen +deutlich genug erkennen lassen. In solchen Fällen wird nämlich nicht nur +_vergessen_, sondern auch _falsch erinnert_. Dem sich um den entfallenen +Namen Bemühenden kommen andere -- _Ersatznamen_ -- zum Bewusstsein, die +zwar sofort als unrichtig erkannt werden, sich aber doch mit grosser +Zähigkeit immer wieder aufdrängen. Der Vorgang, der zur Reproduktion des +gesuchten Namens führen soll, hat sich gleichsam _verschoben_ und so zu +einem unrichtigen Ersatz geführt. Meine Voraussetzung ist nun, dass +diese Verschiebung nicht psychischer Willkür überlassen ist, sondern +gesetzmässige und berechenbare Bahnen einhält. Mit anderen Worten, ich +vermute, dass der oder die Ersatznamen in einem aufspürbaren +Zusammenhang mit dem gesuchten Namen stehen, und hoffe, wenn es mir +gelingt, diesen Zusammenhang nachzuweisen, dann auch Licht über den +Hergang des Namenvergessens zu verbreiten. + +In dem 1898 von mir zur Analyse gewählten Beispiele war es der Name des +Meisters, welcher im Dom von _Orvieto_ die grossartigen Fresken von den +»letzten Dingen« geschaffen, den zu erinnern ich mich vergebens bemühte. +Anstatt des gesuchten Namens -- _Signorelli_ -- drängten sich mir zwei +andere Namen von Malern auf -- _Botticelli_ und _Boltraffio_, die mein +Urteil sofort und entschieden als unrichtig abwies. Als mir der richtige +Name von fremder Seite mitgeteilt wurde, erkannte ich ihn sogleich und +ohne Schwanken. Die Untersuchung, durch welche Einflüsse und auf welchen +Assoziationswegen sich die Reproduktion in solcher Weise -- von +_Signorelli_ auf _Botticelli_ und _Boltraffio_ -- verschoben hatte, +führte zu folgenden Ergebnissen: + +a) Der Grund für das Entfallen des Namens _Signorelli_ ist weder in +einer Besonderheit dieses Namens selbst noch in einem psychologischen +Charakter des Zusammenhanges zu suchen, in welchen derselbe eingefügt +war. Der vergessene Name war mir ebenso vertraut wie der eine der +Ersatznamen -- Botticelli -- und ungleich vertrauter als der andere der +Ersatznamen -- Boltraffio --, von dessen Träger ich kaum etwas anderes +anzugeben wüsste als seine Zugehörigkeit zur mailändischen Schule. Der +Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen ereignete, erscheint +mir harmlos und führt zu keiner weiteren Aufklärung: Ich machte mit +einem Fremden eine Wagenfahrt von Ragusa in Dalmatien nach einer Station +der Herzegowina; wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und +ich fragte meinen Reisegefährten, ob er schon in Orvieto gewesen und +dort die berühmten Fresken des *** besichtigt habe. + +b) Das Namenvergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an das in jener +Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema erinnere, und gibt sich als +eine _Störung des neu auftauchenden Themas durch das vorhergehende_ zu +erkennen. Kurz, ehe ich an meinen Reisegefährten die Frage stellte, ob +er schon in Orvieto gewesen, hatten wir uns über die Sitten der in +_Bosnien_ und in der _Herzegowina_ lebenden Türken unterhalten. Ich +hatte erzählt, was ich von einem unter diesen Leuten praktizierenden +Kollegen gehört hatte, dass sie sich voll Vertrauen in den Arzt und voll +Ergebung in das Schicksal zu zeigen pflegen. Wenn man ihnen ankündigen +muss, dass es für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie: +»_Herr_, was ist da zu sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wäre, hättest +du ihn gerettet.« -- Erst in diesen Sätzen finden sich die Worte und +Namen: _Bosnien_, _Herzegowina_, _Herr_ vor, welche sich in eine +Assoziationsreihe zwischen _Signorelli_ und _Botticelli_ -- _Boltraffio_ +einschalten lassen. + +c) Ich nehme an, dass der Gedankenreihe von den Sitten der Türken in +Bosnien etc. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken zu stören, darum +zukam, weil ich ihr meine Aufmerksamkeit entzogen hatte, ehe sie noch zu +Ende gebracht war. Ich erinnere nämlich, dass ich eine zweite Anekdote +erzählen wollte, die nahe bei der ersten in meinem Gedächtnis ruhte. +Diese Türken schätzen den Sexualgenuss über alles und verfallen bei +sexuellen Störungen in eine Verzweiflung, welche seltsam gegen ihre +Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer der Patienten meines +Kollegen hatte ihm einmal gesagt: »Du weisst ja, _Herr_, wenn das nicht +mehr geht, dann hat das Leben keinen Wert.« Ich unterdrückte die +Mitteilung dieses charakteristischen Zuges, weil ich das heikle Thema +nicht im Gespräch mit einem Fremden berühren wollte. Ich tat aber noch +mehr; ich lenkte meine Aufmerksamkeit auch von der Fortsetzung der +Gedanken ab, die sich bei mir an das Thema »Tod und Sexualität« hätten +knüpfen können. Ich stand damals unter der Nachwirkung einer Nachricht, +die ich wenige Wochen vorher während eines kurzen Aufenthaltes in +_Trafoi_ erhalten hatte. Ein Patient, mit dem ich mir viele Mühe +gegeben, hatte wegen einer unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben +ein Ende gemacht. Ich weiss bestimmt, dass mir auf jener Reise in die +Herzegowina dieses traurige Ereignis und alles, was damit zusammenhängt, +nicht zur bewussten Erinnerung kam. Aber die Übereinstimmung _Trafoi_ -- +_Boltraffio_ nötigt mich anzunehmen, dass damals diese Reminiszenz trotz +der absichtlichen Ablenkung meiner Aufmerksamkeit in mir zur Wirksamkeit +gebracht worden ist. + +d) Ich kann das Vergessen des Namens Signorelli nicht mehr als ein +zufälliges Ereignis auffassen. Ich muss den Einfluss eines _Motivs_ bei +diesem Vorgang anerkennen. Es waren Motive, die mich veranlassten, mich +in der Mitteilung meiner Gedanken (über die Sitten der Bosnier etc.) zu +unterbrechen, und die mich ferner beeinflussten, die daran sich +knüpfenden Gedanken, die bis zur Nachricht in Trafoi geführt hätten, in +mir vom Bewusstwerden auszuschliessen. Ich _wollte_ also etwas +vergessen, ich hatte _etwas verdrängt_. Ich wollte allerdings etwas +anderes vergessen als den Namen des Meisters von Orvieto; aber dieses +andere brachte es zustande, sich mit diesem Namen in assoziative +Verbindung zu setzen, so dass mein Willensakt das Ziel verfehlte, und +ich _das eine wider Willen_ vergass, während ich _das andere mit +Absicht_ vergessen wollte. Die Abneigung, zu erinnern, richtete sich +gegen den einen Inhalt; die Unfähigkeit, zu erinnern, trat an einem +anderen hervor. Es wäre offenbar ein einfacherer Fall, wenn Abneigung +und Unfähigkeit, zu erinnern, denselben Inhalt beträfen. -- Die +Ersatznamen erscheinen mir auch nicht mehr so völlig unberechtigt wie +vor der Aufklärung; sie mahnen mich (nach Art eines Kompromisses) eben +so sehr an das, was ich vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte, +und zeigen mir, dass meine Absicht, etwas zu vergessen, weder ganz +gelungen noch ganz missglückt ist. + +e) Sehr auffällig ist die Art der Verknüpfung, die sich zwischen dem +gesuchten Namen und dem verdrängten Thema (von Tod und Sexualität etc., +in dem die Namen Bosnien, Herzegowina, Trafoi vorkommen) hergestellt +hat. Das hier eingeschaltete, aus der Abhandlung des Jahres 1898 +wiederholte Schema sucht diese Verknüpfung anschaulich darzustellen. + +[Illustration] + +Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt worden. Das eine +Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unverändert wiedergekehrt +(_elli_), das andere hat durch die Übersetzung _Signor_ -- _Herr_ +mehrfache und verschiedenartige Beziehungen zu den im verdrängten Thema +enthaltenen Namen gewonnen, ist aber dadurch für die Reproduktion +verloren gegangen. Sein Ersatz hat so stattgefunden, als ob eine +Verschiebung längs der Namenverbindung »_Her_zegowina und _Bo_snien« +vorgenommen worden wäre, ohne Rücksicht auf den Sinn und auf die +akustische Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen sind also bei +diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wie die Schriftbilder eines +Satzes, der in ein Bilderrätsel (Rebus) umgewandelt werden soll. Von dem +ganzen Hergang, der anstatt des Namens Signorelli auf solchen Wegen die +Ersatznamen geschaffen hat, ist dem Bewusstsein keine Kunde gegeben +worden. Eine Beziehung zwischen dem Thema, in dem der Name Signorelli +vorkam, und dem zeitlich ihm vorangehenden verdrängten Thema, welche +über diese Wiederkehr gleicher Silben (oder vielmehr Buchstabenfolgen) +hinausginge, scheint _zunächst_ nicht auffindbar zu sein. + +Es ist vielleicht nicht überflüssig, zu bemerken, dass die von den +Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion und des +Vergessens, die in gewissen Relationen und Dispositionen gesucht werden, +durch die vorstehende Aufklärung einen Widerspruch nicht erfahren. Wir +haben nur für gewisse Fälle zu all den längst anerkannten Momenten, die +das Vergessen eines Namens bewirken können, noch ein _Motiv_ hinzugefügt +und überdies den Mechanismus des Fehlerinnerns klar gelegt. Jene +Dispositionen sind auch für unseren Fall unentbehrlich, um die +Möglichkeit zu schaffen, dass das verdrängte Element sich assoziativ des +gesuchten Namens bemächtige und es mit sich in die Verdrängung nehme. +Bei einem anderen Namen mit günstigeren Reproduktionsbedingungen wäre +dies vielleicht nicht geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, dass ein +unterdrücktes Element allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur +Geltung zu bringen, diesen Erfolg aber nur dort erreicht, wo ihm +geeignete Bedingungen entgegenkommen. Andere Male gelingt die +Unterdrückung ohne Funktionsstörung, oder, wie wir mit Recht sagen +können, ohne _Symptome_. + +Die Zusammenfassung der Bedingungen für das Vergessen eines Namens mit +Fehlerinnern ergibt also: 1. eine gewisse Disposition zum Vergessen +desselben, 2. einen kurz vorher abgelaufenen Unterdrückungsvorgang, 3. +die Möglichkeit, eine _äusserliche_ Assoziation zwischen dem +betreffenden Namen und dem vorher unterdrückten Element herzustellen. +Letztere Bedingung wird man wahrscheinlich nicht sehr hoch veranschlagen +müssen, da bei den geringen Ansprüchen an die Assoziation eine solche in +den allermeisten Fällen durchzusetzen sein dürfte. Eine andere und +tiefer reichende Frage ist es, ob eine solche äusserliche Assoziation +wirklich die genügende Bedingung dafür sein kann, dass das verdrängte +Element die Reproduktion des gesuchten Namens störe, ob nicht doch +notwendig ein intimerer Zusammenhang der beiden Themata erforderlich +wird. Bei oberflächlicher Betrachtung würde man letztere Forderung +abweisen wollen und das zeitliche Aneinanderstossen bei völlig +disparatem Inhalt für genügend halten. Bei eingehender Untersuchung +findet man aber immer häufiger, dass die beiden durch eine äusserliche +Assoziation verknüpften Elemente (das verdrängte und das neue) ausserdem +einen inhaltlichen Zusammenhang besitzen, und auch in dem Beispiel +_Signorelli_ lässt sich ein solcher erweisen. + +Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels +_Signorelli_ gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir diesen +Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vorkommnis erklären +müssen. Ich muss nun behaupten, dass das Namenvergessen mit Fehlerinnern +ungemein häufig so zugeht, wie wir es im Falle: _Signorelli_ aufgelöst +haben. Fast allemal, da ich dies Phänomen bei mir selbst beobachten +konnte, war ich auch imstande, es mir in der vorerwähnten Weise als +durch Verdrängung motiviert zu erklären. Ich muss auch noch einen +anderen Gesichtspunkt zugunsten der typischen Natur unserer Analyse +geltend machen. Ich glaube, dass man nicht berechtigt ist, die Fälle von +Namenvergessen mit Fehlerinnern prinzipiell von solchen zu trennen, in +denen sich unrichtige Ersatznamen nicht eingestellt haben. Diese +Ersatznamen kommen in einer Anzahl von Fällen spontan; in anderen +Fällen, wo sie nicht spontan aufgetaucht sind, kann man sie durch +Anstrengung der Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen +dann die nämlichen Beziehungen zum verdrängten Element und zum gesuchten +Namen, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für das Bewusstwerden der +Ersatznamen scheinen zwei Momente massgebend zu sein, erstens die +Bemühung der Aufmerksamkeit, zweitens eine innere Bedingung, die am +psychischen Material haftet. Ich könnte letztere in der grösseren oder +geringeren Leichtigkeit suchen, mit welcher sich die benötigte +äusserliche Assoziation zwischen den beiden Elementen herstellt. Ein +guter Teil der Fälle von Namenvergessen _ohne_ Fehlerinnern schliesst +sich so den Fällen mit Ersatznamenbildung an, für welche der Mechanismus +des Beispieles: _Signorelli_ gilt. Ich werde mich aber gewiss nicht der +Behauptung erkühnen, dass alle Fälle von Namenvergessen in die nämliche +Gruppe einzureihen seien. Es gibt ohne Zweifel Fälle von Namenvergessen, +die weit einfacher zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl vorsichtig +genug dargestellt haben, wenn wir aussprechen: _Neben dem einfachen +Vergessen von Eigennamen kommt auch ein Vergessen vor, welches durch +Verdrängung motiviert ist_. + + + + +II. + +Vergessen von fremdsprachigen Worten. + + +Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint innerhalb +der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen geschützt[1]. Anders +steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer fremden Sprache. Die +Disposition zum Vergessen derselben ist für alle Redeteile vorhanden, +und ein erster Grad von Funktionsstörung zeigt sich in der +Ungleichmässigkeit unserer Verfügung über den fremden Sprachschatz, je +nach unserem Allgemeinbefinden und dem Grade unserer Ermüdung. Dieses +Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mechanismus vor +sich, den uns das Beispiel: _Signorelli_ enthüllt hat. Ich werde zum +Beweise hierfür eine einzige, aber durch wertvolle Eigentümlichkeiten +ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den Fall des Vergessens eines +nicht substantivischen Wortes aus einem lateinischen Zitat betrifft. Man +gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und anschaulich vorzutragen. + +Im letzten Sommer erneuerte ich -- wiederum auf der Ferienreise -- die +Bekanntschaft eines jungen Mannes von akademischer Bildung, der, wie ich +bald merkte, mit einigen meiner psychologischen Publikationen vertraut +war. Wir waren im Gespräch -- ich weiss nicht mehr wie -- auf die +soziale Lage des Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er, +der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darüber, dass seine Generation, +wie er sich äusserte, zur Verkümmerung bestimmt sei, ihre Talente nicht +entwickeln und ihre Bedürfnisse nicht befriedigen könne. Er schloss +seine leidenschaftlich bewegte Rede mit dem bekannten _Vergil_schen +Vers, in dem die unglückliche _Dido_ ihre Rache an _Äneas_ der Nachwelt +überträgt: Exoriare ...., vielmehr er wollte so schliessen, denn er +brachte das Zitat nicht zustande und suchte eine offenkundige Lücke der +Erinnerung durch Umstellung von Worten zu verdecken: Exoriar(e) ex +nostris ossibus ultor! Endlich sagte er geärgert: „Bitte machen Sie +nicht ein so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Verlegenheit +weiden würden, und helfen Sie mir lieber. An dem Vers fehlt etwas. Wie +heisst er eigentlich vollständig?“ + +Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet: + + Exoriar(e) _aliquis_ nostris ex ossibus ultor! + +„Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. Übrigens von Ihnen hört man ja, +dass man nichts ohne Grund vergisst. Ich wäre doch zu neugierig, zu +erfahren, wie ich zum Vergessen dieses unbestimmten Pronomen aliquis +komme.“ + +Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich einen Beitrag +zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: Das können wir gleich +haben. Ich muss Sie nur bitten, mir _aufrichtig_ und _kritiklos_ alles +mitzuteilen, was Ihnen einfällt, wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre +Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort richten[2]. + +„Gut, also da komme ich auf den lächerlichen Einfall, mir das Wort in +folgender Art zu zerteilen: _a_ und _liquis_.“ + +Was soll das? -- „Weiss ich nicht.“ -- Was fällt Ihnen weiter dazu ein? +-- „Das setzt sich so fort: _Reliquien_ -- _Liquidation_ -- +_Flüssigkeit_ -- _Fluid_. Wissen Sie jetzt schon etwas?“ + +Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort. + +„Ich denke,“ fuhr er höhnisch lachend fort, „an _Simon_ von _Trient_, +dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche in Trient gesehen +habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, die gerade jetzt wieder gegen +die Juden erhoben wird, und an die Schrift von _Kleinpaul_, der in all +diesen angeblichen Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des +Heilands sieht.“ + +Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Thema, über das +wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel. + +„Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem +italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er war +überschrieben: Was der h. Augustinus über die Frauen sagt. Was machen +Sie damit?“ + +Ich warte. + +„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusammenhang mit unserem +Thema steht.“ + +Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und -- + +„Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten Herrn, den +ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein wahres _Original_. Er +sieht aus wie ein grosser Raubvogel. Er heisst, wenn Sie es wissen +wollen, _Benedikt_.“ + +Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und Kirchenvätern: +Der heilige _Simon_, _St. Augustinus_, _St. Benediktus_. Ein +Kirchenvater hiess, glaube ich, _Origines_. Drei dieser Namen sind +übrigens auch Vornamen, wie _Paul_ im Namen _Kleinpaul_. + +„Jetzt fällt mir der heilige _Januarius_ ein und sein Blutwunder -- ich +finde, das geht mechanisch so weiter.“ + +Lassen Sie das; der heilige _Januarius_ und der heilige _Augustinus_ +haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen Sie mich nicht an das +Blutwunder erinnern? + +„Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel wird in einer +Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt, welches durch ein +Wunder an einem bestimmten Festtage wieder _flüssig_ wird. Das Volk hält +viel auf dieses Wunder und wird sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert, +wie es einmal zur Zeit einer französischen Okkupation geschah. Da nahm +der kommandierende General -- oder irre ich mich? war es Garibaldi? -- +den geistlichen Herrn bei Seite und bedeutete ihm mit einer sehr +verständlichen Geberde auf die draussen aufgestellten Soldaten, er +_hoffe_, das Wunder werde sich sehr bald vollziehen. Und es vollzog sich +wirklich ...“ + +Nun und weiter? Warum stocken Sie? + +„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen ... das ist aber zu intim +für die Mitteilung .. Ich sehe übrigens keinen Zusammenhang und keine +Nötigung, es zu erzählen.“ + +Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie ja nicht zwingen, zu +erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann verlangen Sie aber auch nicht +von mir zu wissen, auf welchem Wege Sie jenes Wort „aliquis“ vergessen +haben. + +„Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine Dame gedacht, +von der ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns beiden recht +unangenehm wäre.“ + +Dass ihr die Periode ausgeblieben ist? + +„Wie können Sie das erraten?“ + +Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf +vorbereitet. Denken Sie an die _Kalenderheiligen_, _an das Flüssigwerden +des Blutes zu einem bestimmten Tage_, _den Aufruhr, wenn das Ereignis +nicht eintritt_, _die deutliche Drohung, dass das Wunder vor sich gehen +muss, sonst_ .. Sie haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer +prächtigen Anspielung auf die Periode der Frau verarbeitet. + +„Ohne dass ich es gewusst hätte. Und Sie meinen wirklich, wegen dieser +ängstlichen Erwartung hätte ich das Wörtchen »_aliquis_« nicht +reproduzieren können?“ + +Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre Zerlegung +in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_, +_Flüssigkeit_. Soll ich noch den als _Kind hingeopferten_ heiligen +Simon, auf den Sie von den Reliquien her kamen, in den Zusammenhang +einflechten? + +„Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese Gedanken, wenn +ich sie wirklich gehabt habe, nicht für Ernst. Ich will Ihnen dafür +gestehen, dass die Dame eine Italienerin ist, in deren Gesellschaft ich +auch Neapel besucht habe. Kann das aber nicht alles Zufall sein?“ + +Ich muss es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich alle diese +Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls aufklären können. Ich +sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den Sie analysieren wollen, wird +Sie auf ebenso merkwürdige „Zufälle“ führen. + +Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren Überlassung ich +meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, zu schätzen. Erstens, weil +mir in diesem Falle gestattet war, aus einer Quelle zu schöpfen, die mir +sonst versagt ist. Ich bin zumeist genötigt, die Beispiele von +psychischer Funktionsstörung im täglichen Leben, die ich hier +zusammenstelle, meiner Selbstbeobachtung zu entnehmen. Das weit reichere +Material, das mir meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu +vermeiden, weil ich den Einwand fürchten muss, die betreffenden +Phänomene seien eben Erfolge und Äusserungen der Neurose. Es hat also +besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sich eine nervengesunde fremde +Person zum Objekt einer solchen Untersuchung erbietet. In anderer +Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungsvoll, indem sie einen Fall von +Wortvergessen _ohne_ Ersatzerinnern beleuchtet und meinen vorhin +aufgestellten Satz bestätigt, dass das Auftauchen oder Ausbleiben von +unrichtigen Ersatzerinnerungen eine wesentliche Unterscheidung nicht +begründen kann.[3] + +Der Hauptwert des Beispieles: _aliquis_ ist aber in einem anderen seiner +Unterschiede von dem Falle: _Signorelli_ gelegen. Im letzteren Beispiel +wird die Reproduktion des Namens gestört durch die Nachwirkung eines +Gedankenganges, der kurz vorher begonnen und abgebrochen wurde, dessen +Inhalt aber in keinem deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand, +in dem der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten und +dem Thema des vergessenen Namens bestand bloss die Beziehung der +zeitlichen Kontiguität; dieselbe reichte hin, damit sich die beiden +durch eine äusserliche Assoziation in Verbindung setzen konnten.[4] Im +Beispiele: aliquis hingegen ist von einem solchen unabhängigen +verdrängten Thema, welches unmittelbar vorher das bewusste Denken +beschäftigt hätte und nun als Störung nachklänge, nichts zu merken. Die +Störung der Reproduktion erfolgt hier aus dem Inneren des angeschlagenen +Themas heraus, indem sich unbewusst ein Widerspruch gegen die im Zitat +dargestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang in folgender +Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, dass die gegenwärtige +Generation seines Volkes in ihren Rechten verkürzt wird; eine neue +Generation, weissagt er wie Dido, wird die Rache an den Bedrängern +übernehmen. Er hat also den Wunsch nach Nachkommenschaft ausgesprochen. +In diesem Momente fährt ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen. +»Wünschest du dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht +wahr. In welche Verlegenheit kämest du, wenn du jetzt die Nachricht +erhieltest, dass du von der einen Seite, die du kennst, Nachkommen zu +erwarten hast? Nein, keine Nachkommenschaft, -- wiewohl wir sie für die +Rache brauchen.« Dieser Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem +er genau wie im Beispiel Signorelli eine äusserliche Assoziation +zwischen einem seiner Vorstellungselemente und einem Elemente des +beanstandeten Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst +gewaltsame Weise durch einen gekünstelt erscheinenden Assoziationsumweg. +Eine zweite wesentliche Übereinstimmung mit dem Beispiel Signorelli +ergibt sich daraus, dass der Widerspruch aus verdrängten Quellen stammt +und von Gedanken ausgeht, welche eine Abwendung der Aufmerksamkeit +hervorrufen würden. -- Soviel über die Verschiedenheit und über die +innere Verwandtschaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens. Wir +haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die +Störung eines Gedankens durch einen aus dem Verdrängten kommenden +inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, der uns als der leichter +verständliche erscheint, im Laufe dieser Erörterungen noch wiederholt +begegnen. + + [1] Ob die Häufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklären + kann, ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass + Vornamen, die doch nicht die beschränkte Zugehörigkeit der Eigennamen + teilen, dem Vergessen ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines + Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer Bruder einer + Patientin, den ich ungezählte Male gesehen hatte, und dessen Person + ich mit dem Vornamen zu bezeichnen gewohnt war. Als ich dann von + seinem Besuch erzählen wollte, hatte ich seinen, wie ich wusste, + keineswegs ungewöhnlichen Vornamen vergessen und konnte ihn durch + keine Hilfe zurückrufen. Ich ging dann auf die Strasse, um + Firmenschilder zu lesen, und erkannte den Namen, sowie er mir das + erste Mal entgegentrat. Die Analyse belehrte mich darüber, dass ich + zwischen dem Besucher und meinem eigenen Bruder eine Parallele gezogen + hatte, die in der verdrängten Frage gipfeln wollte: Hätte sich mein + Bruder im gleichen Falle ähnlich gegen eine kranke Schwester benommen? + Die äusserliche Verbindung zwischen den Gedanken über die fremde und + über die eigene Familie war durch den Zufall ermöglicht worden, dass + die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen: Amalia tragen. Ich + verstand dann auch nachträglich die Ersatznamen: Daniel und Franz, die + sich mir aufgedrängt hatten, ohne mich aufzuklären. Es sind dies, wie + auch Amalia, Namen aus den Räubern von _Schiller_, an welche sich ein + Scherz des Wiener Spaziergängers _Daniel Spitzer_ knüpft. -- Ein + unterdrückter Gedanke über die eigene Person oder die eigene Familie + wird häufig zum Motiv des Namenvergessens, als ob man beständig + Vergleiche zwischen sich selbst und den Fremden anstellte. Das + seltsamste Beispiel dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr + _Lederer_ berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig mit + einem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, den er seiner jungen + Frau vorstellen musste. Da er aber den Namen des Fremden vergessen + hatte, half er sich das erste Mal mit einem unverständlichen Gemurmel. + Als er dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweites Mal + begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch aus der + Verlegenheit zu helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider + vergessen habe. Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener + Menschenkenntnis: Ich glaube es gerne, dass Sie sich meinen Namen + nicht gemerkt haben. Ich heisse wie Sie: _Lederer_! -- Man kann sich + einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn man seinen + eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie + unlängst recht deutlich, als sich mir in der ärztlichen Sprechstunde + ein Herr _S. Freud_ vorstellte. + + [2] Dies ist der allgemeine Weg, um Vorstellungselemente, die sich + verbergen, dem Bewusstsein zuzuführen. Vgl. meine „Traumdeutung“, + p. 69. + + [3] Feinere Beobachtung schränkt den Gegensatz zwischen der Analyse: + _Signorelli_ und der: _aliquis_ betreffs der Ersatzerinnerungen um + Einiges ein. Auch hier scheint nämlich das Vergessen von einer + Ersatzbildung begleitet zu sein. Als ich an meinen Partner + nachträglich die Frage stellte, ob ihm bei seinen Bemühungen, das + fehlende Wort zu erinnern, nicht irgend etwas zum Ersatz eingefallen + sei, berichtete er, dass er zunächst die Versuchung verspürt habe, ein + _ab_ in den Vers zu bringen: nostris ab ossibus (vielleicht das + unverknüpfte Stück von a-liquis) und dann, dass sich ihm das + _Exoriare_ besonders deutlich und hartnäckig aufgedrängt habe. Als + Skeptiker setzte er hinzu, offenbar weil es das erste Wort des Verses + war. Als ich ihn bat, doch auf die Assoziationen von Exoriare aus zu + achten, gab er mir Exorzismus an. Ich kann mir also sehr wohl denken, + dass die Verstärkung von Exoriare in der Reproduktion eigentlich den + Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Dieselbe wäre über die + Assoziation: _Exorzismus_ von den Namen der _Heiligen_ her erfolgt. + Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht. + -- Es erscheint nun aber wohl möglich, dass das Auftreten irgend einer + Art von Ersatzerinnerung ein konstantes, vielleicht auch nur ein + charakteristisches und verräterisches Zeichen des tendenziösen, durch + Verdrängung motivierten Vergessens ist. Diese Ersatzbildung bestände + auch dort, wo das Auftauchen unrichtiger Ersatzbildungen ausbleibt, in + der Verstärkung eines Elementes, welches dem vergessenen benachbart + ist. Im Beispiele: Signorelli war z. B., solange mir der Name des + Malers unzugänglich blieb, die visuelle Erinnerung an den Zyklus von + Fresken und an sein in der Ecke eines Bildes angebrachtes + Selbstportrait _überdeutlich_, jedenfalls weit intensiver als visuelle + Erinnerungsspuren sonst bei mir auftreten. In einem anderen Falle, der + gleichfalls in der Abhandlung von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich von + der Adresse eines mir unbequemen Besuches in einer fremden Stadt den + Strassennamen hoffnungslos vergessen, die Hausnummer aber wie zum + Spott -- überdeutlich gemerkt, während sonst das Erinnern von Zahlen + mir die grösste Schwierigkeit bereitet. + + [4] Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwischen + den beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller + Überzeugung einstehen. Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten + Gedanken über das Thema von Tod und Sexualleben stösst man doch auf + eine Idee, die sich mit dem Thema des Cyclus von Orvieto nahe berührt. + + + + +III. + +Über die Deckerinnerungen. + + +In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift für Psychiatrie +und Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse Natur unseres +Erinnerns an unvermuteter Stelle nachweisen können. Ich bin von der +auffälligen Tatsache ausgegangen, dass die frühesten Kindheitserinnerungen +einer Person häufig bewahrt zu haben scheinen, was gleichgiltig und +nebensächlich ist, während von wichtigen, eindrucksvollen und +affektreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig, gewiss nicht allgemein!) +sich im Gedächtnis des Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es bekannt +ist, dass das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen Eindrücken eine +Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, dass diese Auswahl im +Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich geht, als zur Zeit der +intellektuellen Reife. Eingehende Untersuchung weist aber nach, dass +diese Annahme überflüssig ist. Die indifferenten Kindheitserinnerungen +verdanken ihre Existenz einem Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz +in der Reproduktion für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren +Erinnerung sich durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln lässt, +deren direkte Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da +sie ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen +Beziehung ihres Inhaltes zu einem anderen, verdrängten, verdanken, haben +sie auf den Namen »Deckerinnerungen«, mit welchem ich sie ausgezeichnet +habe, begründeten Anspruch. + +Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen der +Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatze nur gestreift, +keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten Beispiel +habe ich eine Besonderheit der _zeitlichen_ Relation zwischen der +Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten Inhalt besonders +hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte dort nämlich einem +der ersten Kinderjahre an, während die durch sie im Gedächtnis +vertretenen Gedankenerlebnisse, die fast unbewusst geblieben waren, in +späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese Art der +Verschiebung eine _rückgreifende_ oder _rückläufige_. Vielleicht noch +häufiger begegnet man dem entgegengesetzten Verhältnis, dass ein +indifferenter Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung im +Gedächtnis festsetzt, der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit +einem früheren Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Reproduktion sich +Widerstände erheben. Dies wären _vorgreifende_ oder _vorgeschobene_ +Deckerinnerungen. Das Wesentliche, was das Gedächtnis bekümmert, liegt +hier der Zeit nach _hinter_ der Deckerinnerung. Endlich wird der dritte +noch mögliche Fall nicht vermisst, dass die Deckerinnerung nicht nur +durch ihren Inhalt, sondern auch durch Kontiguität in der Zeit mit dem +von ihr gedeckten Eindruck verknüpft ist, also die _gleichzeitige_ oder +_anstossende_ Deckerinnerung. + +Ein wie grosser Teil unseres Gedächtnisschatzes in die Kategorie der +Deckerinnerungen gehört, und welche Rolle bei verschiedenen neurotischen +Denkvorgängen diesen zufällt, das sind Probleme, in deren Würdigung ich +weder dort eingegangen bin, noch hier eintreten werde. Es kommt mir nur +darauf an, die Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigennamen mit +Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen hervorzuheben. + +Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden Phänomene +weit auffälliger als ihre etwaigen Analogien. Dort handelt es sich um +Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, um entweder in der Realität +oder in Gedanken Erlebtes; dort um ein manifestes Versagen der +Erinnerungsfunktion, hier um eine Erinnerungsleistung, die uns +befremdend erscheint; dort um eine momentane Störung -- denn der eben +vergessene Name kann vorher hundert Male richtig reproduziert worden +sein und es von morgen an wieder werden --, hier um dauernden Besitz +ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scheinen uns +durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten zu können. Das Rätsel +scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert zu sein. Dort ist +es das Vergessen, hier das Merken, was unsere wissenschaftliche +Neugierde rege macht. Nach einiger Vertiefung merkt man, dass trotz der +Verschiedenheit im psychischen Material und in der Zeitdauer der beiden +Phänomene die Übereinstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier +wie dort um das Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom +Gedächtnis reproduziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte, +sondern etwas anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt +nicht die Gedächtnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der Fall der +Deckerinnerungsbildung beruht auf dem Vergessen von anderen wesentlichen +Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Empfindung +Kunde von der Einmengung einer Störung, nur jedesmal in anderer Form. +Beim Namenvergessen _wissen_ wir, dass die Ersatznamen _falsch_ sind; +bei den Deckerinnerungen _verwundern_ wir uns, dass wir sie überhaupt +besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse nachweist, dass die +Ersatzbildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch Verschiebung +längs einer oberflächlichen Assoziation zustande gekommen ist, so tragen +gerade die Verschiedenheiten im Material, in der Zeitdauer und in der +Zentrierung der beiden Phänomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, +dass wir etwas Wichtiges und Allgemeingiltiges aufgefunden haben. Dieses +Allgemeine würde lauten, dass das Versagen und Irregehen der +reproduzierenden Funktion weit häufiger, als wir vermuten, auf die +Einmengung eines parteiischen Faktors, einer _Tendenz_ hinweist, welche +die eine Erinnerung begünstigt, während sie einer anderen +entgegenzuarbeiten bemüht ist. + + + + +IV. + +Das Versprechen. + + +Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Muttersprache gegen +das Vergessen geschützt erscheint, so unterliegt dessen Anwendung um so +häufiger einer anderen Störung, die als »Versprechen« bekannt ist. Das +beim normalen Menschen beobachtete Versprechen macht den Eindruck der +Vorstufe für die unter pathologischen Bedingungen auftretenden sogen. +»Paraphasien«. + +Ich befinde mich hier in der ausnahmsweisen Lage, eine Vorarbeit +würdigen zu können. Im Jahre 1895 haben _Meringer_ und _C. Mayer_ eine +Studie über »Versprechen und Verlesen« publiziert, an deren +Gesichtspunkte die meinigen nicht heranreichen. Der eine der Autoren, +der im Texte das Wort führt, ist nämlich Sprachforscher und ist von +linguistischen Interessen zur Untersuchung veranlasst worden, den Regeln +nachzugehen, nach denen man sich verspricht. Er hoffte aus diesen +Regeln auf das Vorhandensein »eines gewissen geistigen Mechanismus« +schliessen zu können, »in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes, +und auch die Worte untereinander in ganz eigentümlicher Weise verbunden +und verknüpft sind« (p. 10). + +Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele des +»Versprechens« zunächst nach rein deskriptiven Gesichtspunkten als +_Vertauschungen_ (z. B. die Milo von Venus anstatt Venus von Milo). +_Vorklänge_ oder _Antizipationen_ (z. B. es war mir auf der Schwest... +auf der Brust so schwer), _Nachklänge_, _Postpositionen_ (z. B. „Ich +fordere Sie _auf_, _auf_ das Wohl unseres Chefs _auf_zustossen“ für +anzustossen), _Kontaminationen_ (z. B. „Er setzt sich auf den +Hinterkopf“ aus: „Er setzt sich einen Kopf auf“ und: „Er stellt sich auf +die Hinterbeine“), _Substitutionen_ (z. B. „Ich gebe die Präparate in +den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen Hauptkategorien noch +einige minder wichtige (oder für unsere Zwecke minder bedeutsame) +hinzugefügt werden. Es macht bei dieser Gruppierung keinen Unterschied, +ob die Umstellung, Entstellung, Verschmelzung etc. einzelne Laute des +Wortes, Silben oder ganze Worte des intendierten Satzes betrifft. + +Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt _Meringer_ +eine verschiedene psychische Wertigkeit der Sprachlaute auf. Wenn wir +den ersten Laut eines Wortes, das erste Wort eines Satzes innervieren, +wendet sich bereits der Erregungsvorgang den späteren Lauten, den +folgenden Worten zu, und soweit diese Innervationen mit einander +gleichzeitig sind, können sie einander abändernd beeinflussen. Die +Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt vor oder hallt nach +und stört so den minderwertigen Innervationsvorgang. Es handelt sich nun +darum, zu bestimmen, welche die höchstwertigen Laute eines Wortes sind. +_Meringer_ meint: „Wenn man wissen will, welchem Laute eines Wortes die +höchste Intensität zukommt, so beobachte man sich beim Suchen nach einem +vergessenen Wort, z. B. einem Namen. Was zuerst wieder ins Bewusstsein +kommt, hatte jedenfalls die grösste Intensität vor dem Vergessen +(p. 160). Die hochwertigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe +und der Wortanlaut und der oder die betonten Vokale“ (p. 162). + +Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. Ob der Anlaut +des Namens zu den höchstwertigen Elementen des Wortes gehöre oder nicht, +es ist gewiss nicht richtig, dass er im Falle des Wortvergessens zuerst +wieder ins Bewusstsein tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn +man sich bei der Suche nach einem vergessenen Namen beobachtet, so wird +man verhältnismässig häufig die Überzeugung äussern müssen, er fange mit +einem bestimmten Buchstaben an. Diese Überzeugung erweist sich nun +ebenso oft als unbegründet wie als begründet. Ja, ich möchte behaupten, +man proklamiert in der Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in +unserem Beispiel: _Signorelli_ ist bei dem Ersatznamen der Anlaut und +sind die wesentlichen Silben verloren gegangen; gerade das minderwertige +Silbenpaar _elli_ ist im Ersatznamen Botti_celli_ dem Bewusstsein +wiedergekehrt. + +Wenn man der Vermutung Raum gibt, dass ein ähnlicher Mechanismus wie der +fürs Namenvergessen nachgewiesene auch an den Erscheinungen des +Versprechens Anteil haben könne, so wird man zu einer tiefer begründeten +Beurteilung der Fälle von Versprechen geführt. Die Störung in der Rede, +welche sich als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch +den Einfluss eines anderen Bestandteils derselben Rede, also durch das +Vorklingen oder Nachhallen, oder durch eine zweite Fassung innerhalb des +Satzes oder des Zusammenhanges, den auszusprechen man intendiert -- +hierher gehören alle oben _Meringer_ und _Mayer_ entlehnten Beispiele +--; zweitens aber könnte die Störung analog dem Vorgang im Falle: +_Signorelli_ zustande kommen durch Einflüsse _ausserhalb_ dieses Wortes, +Satzes oder Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen man +nicht intendiert, und von deren Erregung man erst durch eben die Störung +Kenntnis erhält. In der Gleichzeitigkeit der Erregung läge das +Gemeinsame, in der Stellung innerhalb oder ausserhalb desselben Satzes +oder Zusammenhanges das Unterscheidende für die beiden Entstehungsarten +des Versprechens. Der Unterschied erscheint zunächst nicht so gross, als +er für gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des Versprechens in +Betracht kommt. Es ist aber klar, dass man nur im ersteren Falle +Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens Schlüsse auf einen +Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte zur gegenseitigen +Beeinflussung ihrer Artikulation mit einander verknüpft, also Schlüsse, +wie sie der Sprachforscher aus dem Studium des Versprechens zu gewinnen +hoffte. Im Falle der Störung durch Einflüsse ausserhalb des nämlichen +Satzes oder Redezusammenhanges würde es sich vor allem darum handeln, +die störenden Elemente kennen zu lernen, und dann entstände die Frage, +ob auch der Mechanismus dieser Störung die zu vermutenden Gesetze der +Sprachbildung verraten kann. + +Man darf nicht behaupten, dass _Meringer_ und _Mayer_ die Möglichkeit +der Sprechstörung durch »kompliziertere psychische Einflüsse«, durch +Elemente ausserhalb desselben Wortes, Satzes oder derselben Redefolge +übersehen haben. Sie mussten ja bemerken, dass die Theorie der +psychischen Ungleichwertigkeit der Laute strenge genommen nur für die +Aufklärung der Lautstörungen, sowie der Vor- und Nachklänge ausreicht. +Wo sich die Wortstörungen nicht auf Lautstörungen reduzieren lassen, +z. B. bei den Substitutionen und Kontaminationen von Worten, haben auch +sie unbedenklich die Ursache des Versprechens _ausserhalb_ des +intendierten Zusammenhanges gesucht und diesen Sachverhalt durch schöne +Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende Stellen: + +(p. 62.) »Ru. erzählt von Vorgängen, die er in seinem _Innern_ für +»Schweinereien« erklärt. Er sucht aber nach einer milden Form und +beginnt: »Dann aber sind Tatsachen zum _Vorschwein_ gekommen ...« +_Mayer_ und ich waren anwesend und Ru. bestätigte, dass er +»Schweinereien« gedacht hatte. Dass sich dieses gedachte Wort bei +»Vorschein« verriet und plötzlich wirksam wurde, findet in der +Ähnlichkeit der Wörter seine genügende Erklärung.« -- + +(p. 73.) »Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den +Kontaminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade die +»schwebenden« oder »vagierenden« Sprachbilder eine grosse Rolle. Sie +sind, wenn auch unter der Schwelle des Bewusstseins, so doch noch in +wirksamer Nähe, können leicht durch eine Ähnlichkeit des zu sprechenden +Komplexes herangezogen werden und führen dann eine Entgleisung herbei +oder kreuzen den Zug der Wörter. Die »schwebenden« oder »vagierenden« +Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die Nachzügler von kürzlich +abgelaufenen Sprachprozessen (Nachklänge).« + +(p. 97.) »Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich, wenn ein +anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewusstseinsschwelle liegt, _ohne +dass es gesprochen zu werden bestimmt wäre_. Das ist der Fall bei den +Substitutionen. -- So hoffe ich, dass man beim Nachprüfen meine Regeln +wird bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, _dass man_ (wenn ein +anderer spricht) _sich Klarheit darüber verschafft, an was Alles der +Sprecher gedacht hat_.[5] Hier ein lehrreicher Fall. Klassendirektor Li. +sagte in unserer Gesellschaft: »Die Frau würde mir Furcht ein=l=agen.« +Ich wurde stutzig, denn das =l= schien mir unerklärlich. Ich erlaubte +mir, den Sprecher auf seinen Fehler »ein=l=agen« für »ein=j=agen« +aufmerksam zu machen, worauf er sofort antwortete: »=J=a, das kommt +daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.«« + +„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem kranken Pferde +gehe. Er antwortet: „Ja, das _draut_ .. dauert vielleicht noch einen +Monat.“ Das „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von +dauert konnte unmöglich so gewirkt haben. Ich machte also R. v. S. +aufmerksam, worauf er erklärte, er habe gedacht, „das ist eine +_traurige_ Geschichte.“ Der Sprecher hatte also zwei Antworten im Sinne +und diese vermengten sich.“ + +Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf die +„vagierenden“ Sprachbilder, die unter der Schwelle des Bewusstseins +stehen und nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind, und die Forderung, +sich zu erkundigen, an was der Sprecher alles gedacht habe, an die +Verhältnisse bei unseren „Analysen“ herankommen. Auch wir suchen +unbewusstes Material, und zwar auf dem nämlichen Wege, nur dass wir von +den Einfällen des Befragten bis zur Auffindung des störenden Elementes +einen längeren Weg durch eine komplexe Assoziationsreihe zurückzulegen +haben. + +Ich verweile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, für das die +Beispiele _Meringers_ Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht des Autors +selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines Wortes im intendierten Satz +mit einem anderen nicht intendierten, welche dem letzteren gestattet, +sich durch die Verursachung einer Entstellung, Mischbildung, +Kompromissbildung (Kontamination) im Bewusstsein zur Geltung zu bringen. + + _lagen_, _dauert_, _Vorschein_. + _jagen_, _traurig_, _...schwein_. + +Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung“[6] dargetan, +welchen Anteil die _Verdichtungs_arbeit an der Entstehung des sog. +manifesten Trauminhaltes aus den latenten Traumgedanken hat. Irgend eine +Ähnlichkeit der Dinge oder der Wortvorstellungen zwischen zwei Elementen +des unbewussten Materials wird da zum Anlass genommen, um ein Drittes, +eine Misch- oder Kompromissvorstellung zu schaffen, welche im +Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt, und die infolge dieses +Ursprungs so häufig mit widersprechenden Einzelbestimmungen ausgestattet +ist. Die Bildung von Substitutionen und Kontaminationen beim Versprechen +ist somit ein Beginn jener Verdichtungsarbeit, die wir in eifrigster +Tätigkeit am Aufbau des Traumes beteiligt finden. + +In einem kleinen für weitere Kreise bestimmten Aufsatz (Neue freie +Presse vom 23. Aug. 1900: „Wie man sich versprechen kann“) hat +_Meringer_ eine besondere praktische Bedeutung für gewisse Fälle von +Wortvertauschungen in Anspruch genommen, für solche nämlich, in denen +man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert +sich wohl noch der Art, wie vor einiger Zeit der Präsident des +österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: »Hohes +Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel Herren und +erkläre somit die Sitzung für _geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit +machte ihn erst aufmerksam, und er verbesserte den Fehler. Im +vorliegenden Falle wird die Erklärung wohl diese sein, dass der +Präsident sich _wünschte_, er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von +der wenig Gutes zu erwarten stand, zu schliessen, aber -- eine häufige +Erscheinung -- der Nebengedanke setzte sich wenigstens teilweise durch, +und das Resultat war »geschlossen« für »eröffnet«, also das Gegenteil +dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber vielfältige Beobachtung +hat mich belehrt, dass man gegensätzliche Worte überhaupt sehr häufig +mit einander vertauscht; sie sind eben schon in unserem +Sprachbewusstsein assoziiert, liegen hart nebeneinander und werden +leicht irrtümlich aufgerufen.“ + +Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so leicht, wie +hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu machen, dass das +Versprechen in Folge eines Widerspruchs geschieht, der sich im Innern +des Redners gegen den geäusserten Satz erhebt. Wir haben den analogen +Mechanismus in der Analyse des Beispiels: _aliquis_ gefunden; dort +äusserte sich der innere Widerspruch im Vergessen eines Wortes anstatt +seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen aber zur Ausgleichung +des Unterschiedes bemerken, dass das Wörtchen aliquis eines ähnlichen +Gegensatzes, wie ihn »schliessen« zu »eröffnen« ergibt, eigentlich nicht +fähig ist, und das »eröffnen« als gebräuchlicher Bestandteil des +Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann. + +Zeigen uns die letzten Beispiele von _Meringer_ und _Mayer_, dass die +Sprechstörung ebensowohl durch den Einfluss vor- und nachklingender +Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum +Ausgesprochenwerden bestimmt sind, wie durch die Einwirkung von Worten +ausserhalb des intendierten Satzes, _deren Erregung sich sonst nicht +verraten hätte_, so werden wir zunächst erfahren wollen, ob man die +beiden Klassen von Versprechen scharf sondern, und wie man ein Beispiel +der einen von einem Fall der anderen Klasse unterscheiden kann. An +dieser Stelle der Erörterung muss man aber der Äusserungen _Wundts_ +gedenken, der in seiner eben erscheinenden umfassenden Bearbeitung der +Entwicklungsgesetze der Sprache (Völkerpsychologie, I. Band, I. Teil +p. 371 u. ff., 1900) auch die Erscheinungen des Versprechens behandelt. +Was bei diesen Erscheinungen und anderen, ihnen verwandten, niemals +fehlt, das sind nach _Wundt_ gewisse psychische Einflüsse. „Dahin gehört +zunächst als positive Bedingung der ungehemmte Fluss der von den +gesprochenen Lauten angeregten _Laut_- und _Wortassoziationen_. Ihm +tritt der Wegfall oder der Nachlass der diesen Lauf hemmenden Wirkungen +des Willens und der auch hier als Willensfunktion sich betätigenden +Aufmerksamkeit als negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der +Assoziation darin sich äussert, das ein kommender Laut antizipiert oder +die vorausgegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmässig eingeübter +zwischen andere eingeschaltet wird, oder endlich darin, dass ganz andere +Worte, die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer Beziehung stehen, +auf diese herüberwirken -- alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der +Richtung und allenfalls in dem Spielraum der stattfindenden +Assoziationen, nicht in der allgemeinen Natur derselben. Auch kann es in +manchen Fällen zweifelhaft sein, welcher Form man eine bestimmte Störung +zuzurechnen, oder ob man sie nicht mit grösserem Rechte _nach dem +Prinzip der Komplikation der Ursachen_[7] auf ein Zusammentreffen +mehrerer Motive zurückzuführen habe.“ (p. 380 und 381.) + +Ich halte diese Bemerkungen _Wundts_ für vollberechtigt und sehr +instruktiv. Vielleicht könnte man mit grösserer Entschiedenheit als +_Wundt_ betonen, dass das positiv begünstigende Moment der Sprechfehler +-- der ungehemmte Fluss der Assoziationen -- und das negative -- der +Nachlass der hemmenden Aufmerksamkeit -- regelmässig miteinander zur +Wirkung gelangen, so dass beide Momente nur zu verschiedenen +Bestimmungen des nämlichen Vorganges werden. Mit dem Nachlass der +hemmenden Aufmerksamkeit tritt eben der ungehemmte Fluss der +Assoziationen in Tätigkeit; noch unzweifelhafter ausgedrückt: _durch_ +diesen Nachlass. + +Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, finde +ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und allein auf das, +was _Wundt_ »Kontaktwirkung der Laute« nennt, zurückführen müsste. Fast +regelmässig entdecke ich überdies einen störenden Einfluss von etwas +_ausserhalb_ der intendierten Rede, und das Störende ist entweder ein +einzelner, unbewusst gebliebener Gedanke, der sich durch das +Versprechen kundgibt und oft erst durch eingehende Analyse zum +Bewusstsein gefördert werden kann, oder es ist ein allgemeineres +psychisches Motiv, welches sich gegen die ganze Rede richtet. + +Beispiel a): Ich will gegen meine Tochter, die beim Einbeissen in einen +Apfel ein garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren: + + Der Affe gar possierlich ist, + Zumal wenn er vom Apfel frisst. + +Ich beginne aber: Der _Apfe..._ Dies scheint eine Kontamination von +»_Affe_« und »_Apfel_« (Kompromissbildung) oder kann auch als +Antizipation des vorbereiteten »Apfel« aufgefasst werden. Der genauere +Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat schon einmal begonnen und +mich das erstemal dabei nicht versprochen. Ich versprach mich erst bei +der Wiederholung, die sich als notwendig ergab, weil die Angesprochene, +von anderer Seite mit Beschlag belegt, nicht zuhörte. Diese +Wiederholung, die mit ihr verbundene Ungeduld, des Satzes ledig zu +werden, muss ich in die Motivierung des Sprechfehlers, der sich als eine +Verdichtungsleistung darstellt, mit einrechnen. + +b) Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau _Schre_singer ... Die Frau +heisst _Schle_singer. Dieser Sprechfehler hängt wohl mit einer Tendenz +zur Erleichterung der Artikulation zusammen, denn das l ist nach +wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich muss aber hinzufügen, dass sich +dieses Versprechen bei meiner Tochter ereignete, nachdem ich ihr wenige +Minuten zuvor »Apfe« anstatt »Affe« vorgesagt hatte. Nun ist das +Versprechen in hohem Grade ansteckend, ähnlich wie das Namenvergessen, +bei dem _Meringer_ und _Mayer_ diese Eigentümlichkeit bemerkt haben. +Einen Grund für diese psychische Kontagiosität weiss ich nicht +anzugeben. + +c) „Ich klappe zusammen wie ein _Tassenmescher_ -- _Taschenmesser_“, +sagt eine Patientin zu Beginn der Stunde, die Laute vertauschend, wobei +ihr wieder die Artikulationsschwierigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen +waschen weisse Wäsche -- _Fischflosse_“ und ähnliche Prüfworte) zur +Entschuldigung dienen kann. Auf den Sprechfehler aufmerksam gemacht, +erwidert sie prompt: „Ja, das ist nur, weil Sie heute »Ernscht« gesagt +haben.“ Ich hatte sie wirklich mit der Rede empfangen: „Heute wird es +also Ernst“ (weil es die letzte Stunde vor dem Urlaub werden sollte) und +hatte das »Ernst« scherzhaft zu »Ernscht« verbreitert. Im Laufe der +Stunde verspricht sie sich immer wieder von neuem, und ich merke +endlich, dass sie mich nicht bloss imitiert, sondern dass sie einen +besonderen Grund hat, im Unbewussten bei dem Worte Ernst als Namen zu +verweilen.[8] + +d) „Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die _Ase natmen_ -- +Nase atmen“ passiert derselben Patientin ein anderes Mal. Sie weiss +sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. „Ich steige jeden Tag in +der _Hasenauergasse_ in die Tramway, und heute früh ist mir während des +Wartens auf den Wagen eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, würde +ich _Asenauer_ aussprechen, denn die Franzosen lassen das H im Anlaut +immer weg.“ Sie bringt dann eine Reihe von Reminiszenzen an Franzosen, +die sie kennen gelernt hat, und langt nach weitläufigen Umwegen bei der +Erinnerung an, dass sie als 14jähriges Mädchen in dem kleinen Stück +„Kurmärker und Picarde“ die Picarde gespielt und damals gebrochen +Deutsch gesprochen hat. Die Zufälligkeit, dass in ihrem Logierhaus ein +Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinnerungen +wachgerufen. Die Lautvertauschung ist also Folge der Störung durch einen +unbewussten Gedanken aus einem ganz fremden Zusammenhang. + +e) Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer anderen +Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst verschollenen +Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen wird. An welche +Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand des Anderen gegriffen hat, +will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen. Sie macht unmittelbar darauf +einen Besuch bei einer Freundin und unterhält sich mit ihr über +Sommerwohnungen. Gefragt, wo denn ihr Häuschen in M. gelegen sei, +antwortet sie: an der _Berglende_ anstatt _Berglehne_. + +f) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde frage, wie es +ihrem Onkel geht, antwortet: „Ich weiss nicht, ich sehe ihn jetzt nur +_in flagranti_“. Am nächsten Tage beginnt sie: „Ich habe mich recht +geschämt, Ihnen eine so dumme Antwort gegeben zu haben. Sie müssen mich +natürlich für eine ganz ungebildete Person halten, die beständig +Fremdwörter verwechselt. Ich wollte sagen: _en passant_.“ Wir wussten +damals noch nicht, woher sie die unrichtig angewendeten Fremdworte +genommen hatte. In derselben Sitzung aber brachte sie als Fortsetzung +des vortägigen Themas eine Reminiszenz, in welcher das Ertapptwerden _in +flagranti_ die Hauptrolle spielte. Der Sprechfehler am Tage vorher hatte +also die damals noch nicht bewusst gewordene Erinnerung antizipiert. + +g) Gegen eine Andere muss ich an einer gewissen Stelle der Analyse die +Vermutung aussprechen, dass sie sich zu der Zeit, von welcher wir eben +handeln, ihrer Familie geschämt und ihrem Vater einen uns noch +unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie erinnert sich nicht daran, erklärt +es übrigens für unwahrscheinlich. Sie setzt aber das Gespräch mit +Bemerkungen über ihre Familie fort: „Man muss ihnen das eine lassen: Es +sind doch besondere Menschen, sie haben alle _Geiz_ -- ich wollte sagen +_Geist_.“ Das war denn auch wirklich der Vorwurf, den sie aus ihrem +Gedächtnis verdrängt hatte. Dass sich in dem Versprechen gerade jene +Idee durchdrängt, die man zurückhalten will, ist ein häufiges Vorkommnis +(Vgl. den Fall von _Meringer_: zum Vorschwein gekommen). Der Unterschied +liegt nur darin, dass die Person bei _Meringer_ etwas zurückhalten will, +was ihr bewusst ist, während meine Patientin das Zurückgehaltene nicht +weiss, oder wie man auch sagen kann, nicht weiss, dass sie etwas und was +sie zurückhält. + +h) „Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu Kaufmann in der +Mathäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort auch empfehlen“, sagt mir +eine Dame. Ich wiederhole: „Also bei _Mathäus_ .... bei _Kaufmann_ will +ich sagen.“ Es sieht aus wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen +Namen an Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hat mich auch +wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerksamkeit auf +anderes gelenkt, was mir weit wichtiger ist als Teppiche. In der +Mathäusgasse steht nämlich das Haus, in dem meine Frau als Braut gewohnt +hatte. Der Eingang des Hauses war in einer anderen Gasse, und nun merke +ich, dass ich deren Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem +Umweg bewusst machen muss. Der Name Mathäus, bei dem ich verweile, ist +mir also ein Ersatzname für den vergessenen Namen der Strasse. Er eignet +sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn Mathäus ist ausschliesslich +ein Personenname, was Kaufmann nicht ist, und die vergessene Strasse +heisst auch nach einem Personennamen: Radetzky. + +i) Folgenden Fall könnte ich ebenso gut bei den später zu besprechenden +»Irrtümern« unterbringen, führe ihn aber hier an, weil die +Lautbeziehungen, auf Grund deren die Wortersetzung erfolgt, ganz +besonders deutlich sind. Eine Patientin erzählt mir ihren Traum: Ein +Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangenbiss zu töten. Es führt +den Entschluss aus. Sie sieht zu, wie es sich in Krämpfen windet usw. +Sie soll nun die Tagesanknüpfung für diesen Traum finden. Sie erinnert +sofort, dass sie gestern abends eine populäre Vorlesung über erste Hilfe +bei Schlangenbissen mit angehört. Wenn ein Erwachsener und ein Kind +gleichzeitig gebissen worden sind, so soll man zuerst die Wunde des +Kindes behandeln. Sie erinnert auch, welche Vorschriften für die +Behandlung der Vortragende gegeben hat. Es käme sehr viel darauf an, hat +er auch geäussert, von welcher Art man gebissen worden ist. Hier +unterbreche ich sie und frage: Hat er denn nicht gesagt, dass wir nur +sehr wenig giftige Arten in unserer Gegend haben, und welche die +gefürchteten sind? „Ja, er hat die _Klapper_schlange hervorgehoben“. +Mein Lachen macht sie dann aufmerksam, dass sie etwas Unrichtiges gesagt +hat. Sie korrigiert jetzt aber nicht etwa den Namen, sondern sie nimmt +ihre Aussage zurück. „Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor; er hat von +der Viper gesprochen. Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?“ Ich +vermutete, durch die Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem +Traum verborgen hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiss kann kaum +etwas anderes sein als eine Anspielung auf die schöne =Kl=eo=p=at=r=a. +Die weitgehende Lautähnlichkeit der beiden Worte, die Übereinstimmung in +den Buchstaben =Kl..p..r= in der nämlichen Reihenfolge und in dem +betonten =a= sind nicht zu verkennen. Die gute Beziehung zwischen den +Namen _Klapper_schlange und _Kleopatra_ erzeugt bei ihr eine momentane +Einschränkung des Urteils, derzufolge sie an der Behauptung, der +Vortragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung von +Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoss nimmt. Sie weiss +sonst so gut wie ich, dass diese Schlange nicht zur Fauna unserer Heimat +gehört. Wir wollen es ihr nicht verübeln, dass sie an die Versetzung der +Klapperschlange nach Egypten ebensowenig Bedenken knüpfte, denn wir sind +gewöhnt, alles Aussereuropäische, Exotische zusammenzuwerfen, und ich +selbst musste mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behauptung +aufstellte, dass die Klapperschlange nur der neuen Welt angehört. + +Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der Analyse. Die +Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der Nähe ihrer Wohnung +aufgestellte _Antonius_gruppe von _Strasser_ besichtigt. Dies war also +der zweite Traumanlass (der erste der Vortrag über Schlangenbisse). In +der Fortsetzung ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu +welcher Szene ihr das Gretchen einfällt. Weitere Einfälle bringen +Reminiszenzen an »_Arria_ und _Messalina_«. Das Auftauchen so vieler +Namen von Theaterstücken in den Traumgedanken lässt bereits vermuten, +dass bei der Träumerin in früheren Jahren eine geheim gehaltene +Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin bestand. Der Anfang des +Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen Schlangenbiss +zu enden“, bedeutet wirklich nichts anderes als: Sie hat sich als Kind +vorgenommen, einst eine berühmte Schauspielerin zu werden. Von dem Namen +_Messalina_ zweigt endlich der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen +Inhalt dieses Traumes führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in +ihr die Besorgnis erweckt, dass ihr einziger Bruder eine nicht +standesgemässe Ehe mit einer Nicht-_Arierin_, eine _Mésalliance_ +eingehen könnte. + +Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur Auflösung +und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist sehr häufig die +Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vorgebrachten Reden und Einfällen +des Patienten einen Gedankeninhalt aufzuspüren, der zwar sich zu +verbergen bemüht ist, aber doch nicht umhin kann, sich in +mannigfaltigster Weise unabsichtlich zu verraten. Dabei leistet oft das +Versprechen die wertvollsten Dienste, wie ich an den überzeugendsten und +andererseits sonderbarsten Beispielen dartun könnte. Die Patienten +sprechen z. B. von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das +Versprechen zu merken, »meine Mutter«, oder bezeichnen ihren Mann als +ihren »Bruder«. Sie machen mich auf diese Weise aufmerksam, dass sie +diese Personen miteinander »identifiziert«, in eine Reihe gebracht +haben, welche für ihr Gefühlsleben die Wiederkehr desselben Typus +bedeutet. Andere Male reicht eine ungewöhnlich klingende Wortfügung, +eine gezwungen erscheinende Ausdrucksweise hin, um den Anteil eines +verdrängten Gedankens an der anders motivierten Rede des Patienten +aufzudecken. + +In groben wie in solchen feineren Redestörungen, die sich eben noch dem +»Versprechen« subsumieren lassen, finde ich also nicht den Einfluss von +Kontaktwirkungen der Laute, sondern den von Gedanken ausserhalb der +Redeintention massgebend für die Entstehung des Versprechens und +hinreichend zur Aufhellung des zustande gekommenen Sprechfehlers. Die +Gesetze, nach denen die Laute verändernd auf einander einwirken, möchte +ich nicht anzweifeln; sie scheinen mir aber nicht wirksam genug, um für +sich allein die korrekte Ausführung der Rede zu stören. In den Fällen, +die ich genauer studiert und durchschaut habe, stellen sie bloss den +vorgebildeten Mechanismus dar, dessen sich ein ferner gelegenes +psychisches Motiv bequemerweise bedient, ohne sich aber an den +Machtbereich dieser Beziehungen zu binden. In einer grossen Reihe von +Substitutionen wird beim Versprechen von solchen Lautgesetzen völlig +abgesehen. Ich befinde mich hierbei in voller Übereinstimmung mit +_Wundt_, der gleichfalls die Bedingungen des Versprechens als +zusammengesetzte und weit über die Kontaktwirkungen der Laute +hinausgehende vermutet. + +Wenn ich diese »entfernteren psychischen Einflüsse« nach _Wundts_ +Ausdruck für gesichert halte, so weiss ich andererseits von keiner +Abhaltung, um auch zuzugeben, dass bei beschleunigter Rede und +einigermassen abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedingungen fürs +Versprechen sich leicht auf das von _Meringer_ und _Mayer_ bestimmte +Mass einschränken können. Bei einem Teil der von diesen Autoren +gesammelten Beispiele ist wohl eine kompliziertere Auflösung +wahrscheinlicher. Ich greife etwa den vorhin angeführten Fall heraus: + + Es war mir auf der _Schwest..._ + _Brust_ so _schwer_. + +Geht es hier wohl so einfach zu, dass das _schwe_ das gleichwertige +_Bru_ als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen, dass die Laute +_schwe_ ausserdem durch eine besondere Relation zu dieser +Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann keine andere sein +als die Assoziation: _Schwester_ -- _Bruder_, etwa noch: _Brust_ der +_Schwester_, die zu anderen Gedankenkreisen hinüberleitet. Dieser hinter +der Szene unsichtbare Helfer verleiht dem sonst harmlosen _schwe_ die +Macht, deren Erfolg sich als Sprechfehler äussert. + +Für anderes Versprechen lässt sich annehmen, dass der Anklang an obszöne +Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. Die absichtliche +Entstellung und Verzerrung der Worte und Redensarten, die bei unartigen +Menschen so beliebt ist, bezweckt nichts anderes, als beim harmlosen +Anlass an das Verpönte zu mahnen, und diese Spielerei ist so häufig, +dass es nicht wunderbar wäre, wenn sie sich auch unabsichtlich und wider +Willen durchsetzen sollte. Beispiele wie: _Eischeissweibchen_ für +_Eiweissscheibchen_, _Apopos_ Fritz für _Apropos_, _Lo=k=uskapitäl_ für +_Lotuskapitäl_ etc. vielleicht noch die Alab=ü=sterb=a=chse +(Alabasterbüchse) der hl. Magdalena gehören wohl in diese Kategorie.[9] +-- „Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs _auf_zustossen“, ist +kaum etwas anderes als eine unbeabsichtigte Parodie als Nachklang einer +beabsichtigten. Wenn ich der Chef wäre, zu dessen Feierlichkeit der +Festredner diesen Lapsus beigetragen hätte, würde ich wohl daran +denken, wie klug die Römer gehandelt haben, als sie den Soldaten des +triumphierenden Imperators gestatteten, den inneren Einspruch gegen den +Gefeierten in Spottliedern laut zu äussern. -- _Meringer_ erzählt von +sich selbst, dass er zu einer Person, die als die älteste der +Gesellschaft mit dem vertraulichen Ehrennamen »Senexl« oder »altes +Senexl« angesprochen wurde, einmal gesagt habe: „Prost Senex altesl!“ Er +erschrak selbst über diesen Fehler (p. 50). Wir können uns vielleicht +seinen Affekt deuten, wenn wir daran mahnen, wie nahe »Altesl« an den +Schimpf »alter Esel« kommt. Auf die Verletzung der Ehrfurcht vor dem +Alter (d. i., auf die Kindheit reduziert, vor dem Vater) sind grosse +innere Strafen gesetzt. + +Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deutungen, die +sich durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, die ich selbst +gesammelt und durch Analysen erläutert habe, nicht vernachlässigen. Wenn +ich aber im stillen immer noch an der Erwartung festhalte, auch die +scheinbar einfachen Fälle von Versprechen würden sich auf Störung durch +eine halb unterdrückte Idee _ausserhalb_ des intendierten Zusammenhanges +zurückführen lassen, so verlockt mich dazu eine sehr beachtenswerte +Bemerkung von _Meringer_. Dieser Autor sagt, es ist merkwürdig, dass +niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr gescheute und ehrliche +Menschen, welche beleidigt sind, wenn man ihnen sagt, sie hätten sich +versprochen. Ich getraue mich nicht, diese Behauptung so allgemein zu +nehmen, wie sie durch das »niemand« von _Meringer_ hingestellt wird. Die +Spur Affekt aber, die am Nachweis des Versprechens hängt und offenbar +von der Natur des Schämens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist +gleichzusetzen dem Ärger, wenn wir einen vergessenen Namen nicht +erinnern, und der Verwunderung über die Haltbarkeit einer scheinbar +belanglosen Erinnerung, und weist allemale auf die Beteiligung eines +Motivs am Zustandekommen der Störung hin. + +Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähung, wenn es absichtlich +geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von Fällen, wo es als +unabsichtliches Versprechen auftritt, dieselbe Bedeutung haben. Jene +Person, die nach _Mayers_ Bericht einmal »_Freuder_« sagte anstatt +_Freud_, weil sie kurz darauf den Namen »_Breuer_« vorbrachte (p. 38), +ein andermal von einer _Freuer-Breud_schen Methode (p. 28) sprach, war +wohl ein Fachgenosse und von dieser Methode nicht sonderlich entzückt. +Einen gewiss nicht anders aufzuklärenden Fall von Namensentstellung +werde ich weiter unten beim Verschreiben mitteilen. In diesen Fällen +mengt sich als störendes Moment eine Kritik ein, welche bei Seite +gelassen werden soll, weil sie gerade in dem Zeitpunkte der Intention +des Redners nicht entspricht. In anderen und weit bedeutsameren Fällen +ist es Selbstkritik, innerer Widerspruch gegen die eigene Äusserung, was +zum Versprechen, ja zum Ersatz des Intendierten durch seinen Gegensatz +nötigt. Man merkt dann mit Erstaunen, wie der Wortlaut einer Beteuerung +die Absicht derselben aufhebt, und wie der Sprechfehler die innere +Unaufrichtigkeit blossgelegt hat.[10] Das Versprechen wird hier zu einem +mimischen Ausdrucksmittel. + +Man gelangt von hier aus zu jenen Redestörungen, die nicht mehr als +Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das einzelne Wort, +sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede beeinträchtigen, wie +z. B. das Stammeln und Stottern der Verlegenheit. Aber hier wie dort ist +es der innere Konflikt, der uns durch die Störung der Rede verraten +wird. Ich glaube wirklich nicht, dass jemand sich versprechen würde in +der Audienz bei Seiner Majestät, in einer ernstgemeinten Liebeswerbung, +in einer Verteidigungsrede um Ehre und Namen vor den Geschworenen, kurz +in all den Fällen, in denen _man ganz dabei ist_, wie wir so bezeichnend +sagen. Selbst bis in die Schätzung des Stils, den ein Autor schreibt, +dürfen wir und sind wir gewöhnt, das Erklärungsprinzip zu tragen, +welches wir bei der Ableitung des einzelnen Sprechfehlers nicht +entbehren können. Eine klare und unzweideutige Schreibweise belehrt uns, +dass der Autor hier mit sich einig ist, und wo wir gezwungenen und +gewundenen Ausdruck finden, der, wie so richtig gesagt wird, nach mehr +als einem Scheine schielt, da können wir den Anteil eines nicht genugsam +erledigten, komplizierenden Gedankens erkennen, oder die erstickte +Stimme der Selbstkritik des Autors heraushören. + + [5] Von _mir_ hervorgehoben. + + [6] Die Traumdeutung. Leipzig und Wien, 1900. + + [7] Von _mir_ hervorgehoben. + + [8] Sie stand nämlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluss von + unbewussten Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhütung. Mit den + Worten: „zusammengeklappt wie ein Taschenmesser“, welche sie bewusst + als Klage vorbrachte, wollte sie die Haltung des Kindes im Mutterleibe + beschreiben. Das Wort „Ernst“ in meiner Anrede hatte sie an den Namen + (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärnthnerstrasse gemahnt, + welche sich als Verkaufsstätte von Schutzmitteln gegen die Konzeption + zu annoncieren pflegt. + + [9] Bei einer meiner Patientinnen setzte sich das Versprechen als + Symptom so lange fort, bis es auf den Kinderstreich, das Wort + _ruinieren_ durch _urinieren_ zu ersetzen, zurückgeführt war. + + [10] Durch solches Versprechen brandmarkt z. B. _Anzengruber_ im + „G'wissenswurm“ den heuchlerischen Erbschleicher. + + + + +V. + +Verlesen und Verschreiben. + + +Dass für die Fehler im Lesen und Schreiben die nämlichen Gesichtspunkte +und Bemerkungen Geltung haben, wie für die Sprechfehler, ist bei der +inneren Verwandtschaft dieser Funktionen nicht zu verwundern. Ich werde +mich hier darauf beschränken, einige sorgfältig analysierte Beispiele +mitzuteilen, und keinen Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen +zu umfassen. + + +A. Verlesen. + +a) Ich durchblättere im Caféhaus eine Nummer der »Leipziger +Illustrierten«, die ich schräg vor mir halte, und lese als Unterschrift +eines sich über eine Seite erstreckenden Bildes: Eine Hochzeitsfeier _in +der Odyssee_. Aufmerksam geworden und verwundert rücke ich mir das Blatt +zurecht und korrigiere jetzt: Eine Hochzeitsfeier _an der Ostsee_. Wie +komme ich zu diesem unsinnigen Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich +sofort auf ein Buch von _Ruths_ »Experimentaluntersuchungen über +Musikphantome etc.«, das mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat, +weil es nahe an die von mir behandelten psychologischen Probleme +streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ein Werk, welches +»Analyse und Grundgesetze der Traumphänomene« heissen wird. Kein Wunder, +dass ich, der ich eben eine »Traumdeutung« veröffentlicht habe, mit +grösster Spannung diesem Buch entgegensehe. In der Schrift _Ruths_ über +Musikphantome fand ich vorne im Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des +ausführlichen induktiven Nachweises, dass die althellenischen Mythen und +Sagen ihre Hauptwurzeln in Schlummer- und Musikphantomen, in +Traumphänomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals sofort im +Texte nach, um herauszufinden, ob er auch um die Zurückführung der +Szene, wie _Odysseus_ vor _Nausikaa_ erscheint, auf den gemeinen +Nacktheitstraum wisse. Mich hatte ein Freund auf die schöne Stelle in +_G. Kellers_ »Grünem Heinrich« aufmerksam gemacht, welche diese Episode +der Odyssee als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat +irrenden Schiffers aufklärt, und ich hatte die Beziehung zum +Exhibitionstraum der Nacktheit hinzugefügt (p. 170). Bei _Ruths_ +entdeckte ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle offenbar +Prioritätsgedanken. + +b) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: „_Im Fass_ +durch Europa, anstatt: _zu Fuss_?“ Diese Auflösung bereitete mir lange +Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfälle deuteten allerdings: Es +müsse das Fass des Diogenes gemeint sein, und in einer Kunstgeschichte +hatte ich unlängst etwas über die Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. Es +lag dann nahe, an die bekannte Rede Alexanders zu denken: Wenn ich nicht +Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von +einem gewissen _Hermann Zeitung_ vor, der in eine Kiste verpackt sich +auf Reisen begeben hatte. Aber weiter wollte sich der Zusammenhang +nicht herstellen, und es gelang mir nicht, die Seite in der +Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen, auf welcher mir jene Bemerkung ins +Auge gefallen war. Erst Monate später fiel mir das bei Seite geworfene +Rätsel plötzlich wieder ein, und diesmal zugleich mit seiner Lösung. Ich +erinnerte mich an die Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was für +sonderbare Arten der _Beförderung_ die Leute jetzt wählten, um nach +Paris zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie ich glaube, +scherzhaft mitgeteilt worden, dass irgend ein Herr die Absicht habe, +sich von einem anderen Herrn in einem _Fass_ nach Paris rollen zu +lassen. Natürlich hätten diese Leute kein anderes Motiv, als durch +solche Torheiten Aufsehen zu machen. _Hermann Zeitung_ war in der Tat +der Name desjenigen Mannes, der für solche aussergewöhnliche +Beförderungen das erste Beispiel gegeben hatte. Dann fiel mir ein, dass +ich einmal einen Patienten behandelt, dessen krankhafte Angst vor der +Zeitung sich als Reaktion gegen den krankhaften _Ehrgeiz_ auflöste, sich +gedruckt und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu sehen. Der +mazedonische Alexander war gewiss einer der ehrgeizigsten Männer, die je +gelebt. Er klagte ja, dass er keinen Homer finden werde, der seine Taten +besinge. Aber wie konnte ich nur _nicht daran denken_, dass ein anderer +_Alexander_ mir näher stehe, dass Alexander der Name meines jüngeren +Bruders ist! Ich fand nun sofort den anstössigen und der Verdrängung +bedürftigen Gedanken in betreff dieses Alexanders und die aktuelle +Veranlassung für ihn. Mein Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die +Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für +seine Lehrtätigkeit an einer kommerziellen Hochschule den Titel +Professor erhalten. Für die gleiche _Beförderung_ bin ich an der +Universität seit mehreren Jahren vorgeschlagen, ohne sie erreicht zu +haben. Unsere Mutter äusserte damals ihr Befremden darüber, dass ihr +kleiner Sohn eher Professor werden sollte als ihr grosser. So stand es +zur Zeit, als ich die Lösung für jenen Leseirrtum nicht finden konnte. +Dann erhoben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine Chancen, +Professor zu werden, fielen noch unter die meinigen. Da aber wurde mir +plötzlich der Sinn jenes Verlesens offenbar; es war, als hätte die +Minderung in den Chancen des Bruders ein Hindernis beseitigt. Ich hatte +mich so benommen, als läse ich die Ernennung des Bruders in der Zeitung, +und sagte mir dabei: Merkwürdig, dass man wegen solcher Dummheiten (wie +er sie als Beruf betreibt) in der Zeitung stehen (d. h. zum Professor +ernannt werden) kann! Die Stelle über die hellenistische Kunst im +Zeitalter Alexanders schlug ich dann ohne Mühe auf und überzeugte mich +zu meinem Erstaunen, dass ich während des vorherigen Suchens wiederholt +auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie unter der Herrschaft einer +negativen Halluzination den betreffenden Satz übergangen hatte. Dieser +enthielt übrigens gar nichts, was mir Aufklärung brachte, was des +Vergessens wert gewesen wäre. Ich meine, das Symptom des Nichtauffindens +im Buche ist nur zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich sollte die +Fortsetzung der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner Nachforschung +ein Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend einer Idee über den +mazedonischen Alexander, und sollte so vom gleichnamigen Bruder sicherer +abgelenkt werden. Dies gelang auch vollkommen; ich richtete alle meine +Bemühungen darauf, die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder +aufzufinden. + +Der Doppelsinn des Wortes »_Beförderung_« ist in diesem Falle die +Assoziationsbrücke zwischen den zwei Gedankenkreisen, dem unwichtigen, +der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem interessanteren, aber +anstössigen, der sich hier als Störung des zu Lesenden geltend machen +darf. Man ersieht aus diesem Beispiel, dass es nicht immer leicht wird, +Vorkommnisse wie diesen Lesefehler aufzuklären. Gelegentlich ist man +auch genötigt, die Lösung des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu +verschieben. Je schwieriger sich aber die Lösungsarbeit erweist, desto +sicherer darf man erwarten, dass der endlich aufgedeckte störende +Gedanke von unserem bewussten Denken als fremdartig und gegensätzlich +beurteilt werden wird. + +c) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens, der mir eine +erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch sofort meine Frau an und +fordere sie zur Teilnahme daran auf, dass _die_ arme Wilhelm M. so +schwer erkrankt und von den Ärzten aufgegeben ist. An den Worten, in +welche ich mein Bedauern kleide, muss aber etwas falsch geklungen haben, +denn meine Frau wird misstrauisch, verlangt den Brief zu sehen und +äussert als ihre Überzeugung, so könne es nicht darin stehen, denn +niemand nenne eine Frau nach dem Namen des Mannes, und überdies sei der +Korrespondentin der Vorname der Frau sehr wohl bekannt. Ich verteidige +meine Behauptung hartnäckig und verweise auf die so gebräuchlichen +Visitkarten, auf denen eine Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes +bezeichnet. Ich muss endlich den Brief zur Hand nehmen, und wir lesen +darin tatsächlich »der arme W. M.«, ja sogar, was ich ganz übersehen +hatte: »der arme _Dr._ W. M.«. Mein Versehen bedeutete also einen, +sozusagen krampfhaften, Versuch, die traurige Neuigkeit von dem Manne +auf die Frau zu überwälzen. Der zwischen Artikel, Beiwort und Name +eingeschobene Titel passte schlecht zu der Forderung, es müsste die Frau +gemeint sein. Darum wurde er auch beim Lesen beseitigt. Das Motiv dieser +Verfälschung war aber nicht, dass mir die Frau weniger sympathisch wäre +als der Mann, sondern das Schicksal des armen Mannes hatte meine +Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende Person rege gemacht, +welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingungen mit diesem Falle +gemeinsam hatte. + + +B. Verschreiben. + +a) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeichnungen meist von +geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner Überraschung +mitten unter den richtigen Daten des Monats September eingeschlossen das +verschriebene Datum »Donnerstag den 20. Okt.«. Es ist nicht schwierig, +diese Antizipation aufzuklären, und zwar als Ausdruck eines Wunsches. +Ich bin wenige Tage vorher frisch von der Ferienreise zurückgekehrt und +fühle mich bereit für ausgiebige ärztliche Beschäftigung, aber die +Anzahl der Patienten ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen +Brief von einer Kranken vor, die sich für den 20. _Oktober_ ankündigte. +Als ich die gleiche Tageszahl im September niederschrieb, kann ich wohl +gedacht haben: Die X. sollte doch schon da sein; wie schade um den +vollen Monat! und in diesem Gedanken rückte ich das Datum vor. Der +störende Gedanke ist in diesem Falle kaum ein anstössiger zu nennen; +dafür weiss ich auch sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem +ich ihn erst bemerkt habe. + +b) Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum Jahresbericht für +Neurologie und Psychiatrie und muss natürlich mit besonderer Sorgfalt +die Autornamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen angehörig, +dem Setzer die grössten Schwierigkeiten zu bereiten pflegen. Manchen +fremd klingenden Namen finde ich wirklich noch zu korrigieren, aber +einen einzigen Namen hat merkwürdiger Weise der Setzer _gegen_ mein +Manuskript verbessert und zwar mit vollem Rechte. Ich hatte nämlich +_Buckrhard_ geschrieben, woraus der Setzer _Burckhard_ erriet. Ich hatte +die Abhandlung eines Geburtshelfers über den Einfluss der Geburt auf die +Entstehung der Kinderlähmungen selbst als verdienstlich gelobt, wüsste +auch nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen wie er +trägt auch ein Schriftsteller in Wien, der mich durch eine unverständige +Kritik über meine »Traumdeutung« geärgert hat. Es ist gerade so, als +hätte ich mir bei der Niederschrift des Namen _Burckhard_, der den +Geburtshelfer bezeichnete, etwas Arges über den anderen B., den +Schriftsteller, gedacht, denn Namenverdrehen bedeutet häufig genug, wie +ich schon beim Versprechen erwähnt habe, Schmähung.[11] + +c) Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich vielleicht +mit ebensoviel Recht dem »Vergreifen« einordnen könnte: Ich habe die +Absicht, mir aus der Postsparkassa die Summe von 300 Kronen kommen zu +lassen, die ich einem zum Kurgebrauch abwesenden Verwandten schicken +will. Ich bemerke dabei, dass mein Konto auf 4380 Kr. lautet und nehme +mir vor, es jetzt auf die runde Summe von 4000 Kr. herunterzusetzen, die +in der nächsten Zeit nicht angegriffen werden soll. Nachdem ich den +Check ordnungsmässig ausgeschrieben und die der Zahl entsprechenden +Ziffern ausgeschnitten habe, merke ich plötzlich, dass ich nicht =380= +Kr., wie ich wollte, sondern gerade =438= bestellt habe, und erschrecke +über die Unzuverlässigkeit meines Tuns. Den Schreck erkenne ich bald als +unberechtigt; ich bin ja jetzt nicht ärmer worden, als ich vorher war. +Aber ich muss eine ganze Weile darüber nachsinnen, welcher Einfluss hier +meine erste Intention gestört hat, ohne sich meinem Bewusstsein +anzukündigen. Ich gerate zuerst auf falsche Wege, will die beiden +Zahlen, 380 und 438, von einander abziehen, weiss aber dann nicht, was +ich mit der Differenz anfangen soll. Endlich zeigt mir ein plötzlicher +Einfall den wahren Zusammenhang. 438 entspricht ja _zehn Prozent_ des +ganzen Konto von 4380 Kr.! 10 pCt. Rabatt hat man aber beim +_Buchhändler_! Ich besinne mich, dass ich vor wenigen Tagen eine Anzahl +medizinischer Werke, die ihr Interesse für mich verloren haben, +ausgesucht, um sie dem Buchhändler gerade für 300 Kronen anzubieten. Er +fand die Forderung zu hoch und versprach, in den nächsten Tagen +endgiltige Antwort zu sagen. Wenn er mein Angebot annimmt, so hat er mir +gerade die Summe ersetzt, welche ich für den Kranken verausgaben soll. +Es ist nicht zu verkennen, dass es mir um diese Ausgabe leid tut. Der +Affekt bei der Wahrnehmung meines Irrtums lässt sich besser verstehen +als Furcht, durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber beides, das +Bedauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte Verarmungsangst, +sind meinem Bewusstsein völlig fremd; ich habe das Bedauern nicht +verspürt, als ich jene Summe zusagte, und fände die Motivierung +desselben lächerlich. Ich würde mir eine solche Regung wahrscheinlich +gar nicht zutrauen, wenn ich nicht durch die Übung in Psychoanalysen bei +Patienten mit dem Verdrängten im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, und +wenn ich nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt hätte, welcher die +nämliche Lösung erforderte.[12] + +_Wundt_ gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht zu +bestätigende Tatsache, dass wir uns leichter verschreiben als +versprechen (l. c. p. 374). „Im Verlaufe der normalen Rede ist +fortwährend die Hemmungsfunktion des Willens dahin gerichtet, +Vorstellungsverlauf und Artikulationsbewegung mit einander in Einklang +zu bringen. Wird die den Vorstellungen folgende Ausdrucksbewegung durch +mechanische Ursachen verlangsamt wie beim Schreiben ...., so treten +daher solche Antizipationen besonders leicht ein.“ + +Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen auftritt, +giebt Anlass zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt lassen möchte, +weil er nach meiner Schätzung der Ausgangspunkt einer fruchtbaren +Untersuchung werden kann. Es ist jedermann bekannt, wie häufig beim +_Vorlesen_ die Aufmerksamkeit des Lesenden den Text verlässt und sich +eigenen Gedanken zuwendet. Die Folge dieses Abschweifens der +Aufmerksamkeit ist nicht selten, dass er überhaupt nicht anzugeben +weiss, was er gelesen hat, wenn man ihn im Vorlesen unterbricht und +befragt. Er hat dann wie automatisch gelesen, aber er hat fast immer +richtig vorgelesen. Ich glaube nicht, dass die Lesefehler sich unter +solchen Bedingungen merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von +Funktionen sind wir auch gewöhnt, anzunehmen, dass sie automatisch, also +von kaum bewusster Aufmerksamkeit begleitet, am exaktesten vollzogen +werden. Daraus scheint zu folgen, dass die Aufmerksamkeitsbedingung der +Sprech-, Lese- und Schreibfehler anders zu bestimmen ist, als sie bei +_Wundt_ lautet (Wegfall oder Nachlass der Aufmerksamkeit). Die +Beispiele, die wir der Analyse unterzogen haben, gaben uns eigentlich +nicht das Recht, eine quantitative Verminderung der Aufmerksamkeit +anzunehmen; wir fanden, was vielleicht nicht ganz dasselbe ist, eine +_Störung_ der Aufmerksamkeit durch einen fremden, Anspruch erhebenden +Gedanken. + + [11] Vgl. etwa die Stelle im _Julius Caesar_ III. 3: + + _Cinna._ Ehrlich, mein Name ist Cinna. + + _Bürger._ Reisst ihn in Stücke! er ist ein Verschworener. + + _Cinna._ Ich bin Cinna der Poet! Ich bin nicht Cinna der + Verschworene. + + _Bürger._ Es tut nichts; sein Name ist Cinna, reisst ihm den + Namen aus dem Herzen und lasst ihn laufen. + + [12] Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung, + „Über den Traum“, No. VIII der „Grenzfragen des Nerven- und + Seelenlebens“, herausgegeben von _Löwenfeld_ und _Kurella_ 1901, zum + Paradigma genommen habe. + + + + +VI. + +Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen. + + +Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegenwärtigen +Kenntnis vom Seelenleben zu überschätzen, so brauchte man ihn nur an die +Gedächtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur Bescheidenheit zu zwingen. +Keine psychologische Theorie hat es noch vermocht, von dem fundamentalen +Phänomen des Erinnerns und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu +geben; ja, die vollständige Zergliederung dessen, was man als +tatsächlich beobachten kann, ist noch kaum in Angriff genommen. +Vielleicht ist uns heute das Vergessen rätselhafter geworden als das +Erinnern, seitdem uns das Studium des Traumes und pathologischer +Ereignisse gelehrt hat, dass auch das plötzlich wieder im Bewusstsein +auftauchen kann, was wir für längst vergessen geschätzt haben. + +Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, für +welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen an, dass das +Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man einen gewissen zeitlichen +Ablauf zuschreiben kann. Wir heben hervor, dass beim Vergessen eine +gewisse Auswahl unter den dargebotenen Eindrücken stattfindet und ebenso +unter den Einzelheiten eines jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir +kennen einige der Bedingungen für die Haltbarkeit im Gedächtnis und für +die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen würde. Bei unzähligen +Anlässen im täglichen Leben können wir aber bemerken, wie unvollständig +und unbefriedigend unsere Erkenntnis ist. Man höre zu, wie zwei +Personen, die gemeinsam äussere Eindrücke empfangen, z. B. eine Reise +mit einander gemacht haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen +austauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der +andere oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre, und zwar ohne dass +man ein Recht zur Behauptung hätte, der Eindruck sei für den einen +psychisch bedeutsamer gewesen als für den anderen. Eine ganze Anzahl der +die Auswahl fürs Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar +noch unserer Kenntnis. + +In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens einen +kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen mir das +Vergessen selbst widerfährt, einer psychologischen Analyse zu +unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel nur mit einer gewissen +Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in denen das Vergessen mich in +Erstaunen setzt, weil ich nach meiner Erwartung das Betreffende wissen +sollte. Ich will noch bemerken, dass ich zur Vergesslichkeit im +allgemeinen (für Erlebtes, nicht für Gelerntes!) nicht neige, und dass +ich durch eine kurze Periode meiner Jugend auch aussergewöhnlicher +Gedächtnisleistungen nicht unfähig war. In meiner Schulknabenzeit war es +mir selbstverständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte, +auswendig hersagen zu können, und kurz vor der Universität war ich +imstande, populäre Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar +nachher fast wortgetreu niederzuschreiben. In der Spannung vor dem +letzten medizinischen Rigorosum muss ich noch Gebrauch von dem Rest +dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich gab in einigen Gegenständen den +Prüfern wie automatisch Antworten, die sich getreu mit dem Text des +Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur einmal in der grössten Hast +durchflogen hatte. + +Die Verfügung über den Gedächnisschatz ist seither bei mir immer +schlechter geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit hinein +überzeugt, dass ich mit Hilfe eines Kunstgriffes weit mehr erinnern +kann, als ich mir sonst zutraue. Wenn z. B. ein Patient in der +Sprechstunde sich darauf beruft, dass ich ihn schon einmal gesehen habe, +und ich mich weder an die Tatsache noch an den Zeitpunkt erinnern kann, +so helfe ich mir, indem ich rate, d. h. mir rasch eine Zahl von Jahren, +von der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen oder +die sichere Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalles +ermöglichen, da zeigt es sich, dass ich selten um mehr als ein Halbjahr +bei über 10 Jahren geirrt habe.[13] Ähnlich, wenn ich einen entfernteren +Bekannten treffe, den ich aus Höflichkeit nach seinen kleinen Kindern +frage. Erzählt er von den Fortschritten derselben, so suche ich mir +einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt ist, kontrolliere durch die +Auskunft des Vaters und gehe höchstens um einen Monat, bei älteren +Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ich nicht angeben kann, welche +Anhaltspunkte ich für diese Schätzung hatte. Ich bin zuletzt so kühn +geworden, dass ich meine Schätzung immer spontan vorbringe, und laufe +dabei nicht Gefahr, den Vater durch die Blossstellung meiner +Unwissenheit über seinen Sprössling zu kränken. Ich erweitere so mein +bewusstes Erinnern durch Anrufen meines jedenfalls weit reichhaltigeren +unbewussten Gedächtnisses. + +Ich werde also über _auffällige_ Beispiele von Vergessen, die ich an mir +selbst beobachtet, berichten. Ich unterscheide Vergessen von Eindrücken +und Erlebnissen, also von Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also +Unterlassungen. Das einförmige Ergebnis der ganzen Reihe von +Beobachtungen kann ich voranstellen: _In allen Fällen erwies sich das +Vergessen als begründet durch ein Unlustmotiv_. + + +A. Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen. + +a) Im Sommer gab mir meine Frau einen an sich harmlosen Anlass zu +heftigem Ärger. Wir sassen an der Table d'hôte einem Herrn aus Wien +gegenüber, den ich kannte, und der sich wohl auch an mich zu erinnern +wusste. Ich hatte aber meine Gründe, die Bekanntschaft nicht zu +erneuern. Meine Frau, die nur den ansehnlichen Namen ihres Gegenüber +gehört hatte, verriet zu sehr, dass sie seinem Gespräch mit den Nachbarn +zuhörte, denn sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit Fragen, die +den dort gesponnenen Faden aufnahmen. Ich wurde ungeduldig und endlich +gereizt. Wenige Wochen später führte ich bei einer Verwandten Klage über +dieses Verhalten meiner Frau. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein +Wort der Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher +nachtragend bin und keine Einzelheit eines Vorfalls, der mich geärgert +hat, vergessen kann, ist meine Amnesie in diesem Falle wohl durch +Rücksichten auf die Person der Ehefrau motiviert. Ähnlich erging es mir +erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich gegen einen intim Bekannten über +eine Äusserung meiner Frau lustig machen, die erst vor wenigen Stunden +gefallen war, fand mich aber in diesem Vorsatz durch den bemerkenswerten +Umstand gehindert, dass ich die betreffende Äusserung spurlos vergessen +hatte. Ich musste erst meine Frau bitten, mich an dieselbe zu erinnern. +Es ist leicht zu verstehen, dass dies mein Vergessen analog zu fassen +ist der typischen Urteilsstörung, welcher wir unterliegen, wenn es sich +um unsere nächsten Angehörigen handelt. + +b) Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien angekommenen Dame eine +kleine eiserne Handkassette zur Aufbewahrung ihrer Dokumente und Gelder +zu besorgen. Als ich mich dazu erbot, schwebte mir mit ungewöhnlicher +visueller Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage in der Inneren Stadt vor, +in welcher ich solche Kassen gesehen haben musste. Ich konnte mich zwar +an den Namen der Strasse nicht erinnern, fühlte mich aber sicher, dass +ich den Laden auf einem Spaziergang durch die Stadt auffinden werde, +denn meine Erinnerung sagte mir, dass ich unzählige Male an ihm +vorübergegangen sei. Zu meinem Ärger gelang es mir aber nicht, diese +Auslage mit den Kassetten aufzufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach +allen Richtungen durchstreifte. Es blieb mir nichts anderes übrig, +meinte ich, als mir aus einem Adressenkalender die Kassenfabrikanten +herauszusuchen, um dann auf einem zweiten Rundgang die gesuchte Auslage +zu identifizieren. Es bedurfte aber nicht soviel; unter den im Kalender +angezeigten Adressen befand sich eine, die sich mir sofort als die +vergessene enthüllte. Es war richtig, dass ich ungezählte Male an dem +Auslagefenster vorübergegangen war; jedesmal nämlich, wenn ich die +Familie M. besucht hatte, die seit langen Jahren in dem nämlichen Hause +wohnt. Seitdem dieser intime Verkehr einer völligen Entfremdung gewichen +war, pflegte ich, ohne mir von den Gründen Rechenschaft zu geben, auch +die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem Spaziergang durch die Stadt +hatte ich, als ich die Kassetten in der Auslage suchte, jede Strasse in +der Umgebung begangen, dieser einen aber war ich, als ob ein Verbot +darauf läge, ausgewichen. Das Unlustmotiv, welches in diesem Fall meine +Unorientiertheit verschuldete, ist greifbar. Der Mechanismus des +Vergessens ist aber nicht mehr so einfach wie im vorigen Beispiel. Meine +Abneigung gilt natürlich nicht dem Kassenfabrikanten, sondern einem +anderen, von dem ich nichts wissen will, und überträgt sich von diesem +anderen auf die Gelegenheit, wo sie das Vergessen zustande bringt. Ganz +ähnlich hatte im Falle _Burckhard_ der Groll gegen den einen den +Schreibfehler im Namen hervorgebracht, wo es sich um den anderen +handelte. Was hier die Namensgleichheit leistete, die Verknüpfung +zwischen zwei im Wesen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das +konnte im Beispiel von dem Auslagefenster die Kontiguität im Raum, die +untrennbare Nachbarschaft ersetzen. Übrigens war dieser letzte Fall +fester gefügt; es fand sich noch eine zweite inhaltliche Verknüpfung +vor, denn unter den Gründen der Entfremdung mit der im Hause wohnenden +Familie hatte das Geld eine grosse Rolle gespielt. + +c) Ich werde von dem Bureau B. & R. bestellt, einen ihrer Beamten +ärztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Wohnung beschäftigt mich +die Idee, ich müsste schon wiederholt in dem Hause gewesen sein, in +welchem sich die Firma befindet. Es ist mir, als ob mir die Tafel +derselben in einem niedrigen Stockwerk aufgefallen wäre, während ich in +einem höheren einen ärztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich +aber weder daran erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich dort +besucht habe. Obwohl die ganze Angelegenheit gleichgiltig und +bedeutungslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr und erfahre endlich +auf dem gewöhnlichen Umwege, indem ich meine Einfälle dazu sammle, dass +sich einen Stock über den Lokalitäten der Firma B. & R. die Pension +_Fischer_ befindet, in welcher ich häufig Patienten besucht habe. Ich +kenne jetzt auch das Haus, welches die Bureaux und die Pension +beherbergt. Rätselhaft ist mir noch, welches Motiv bei diesem Vergessen +im Spiele war. Ich finde nichts für die Erinnerung Anstössiges an der +Firma selbst oder an Pension Fischer oder an den Patienten, die dort +wohnten. Ich vermute auch, dass es sich um nicht sehr Peinliches handeln +kann; sonst wäre es mir kaum gelungen, mich des Vergessenen auf einem +Umwege wieder zu bemächtigen, ohne äussere Hilfsmittel wie im vorigen +Beispiel heranzuziehen. Es fällt mir endlich ein, dass mich eben vorhin, +als ich den Weg zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Strasse +gegrüsst hat, den ich Mühe hatte zu erkennen. Ich hatte diesen Mann vor +Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen und die Diagnose +der progressiven Paralyse über ihn verhängt, dann aber gehört, dass er +hergestellt sei, so dass mein Urteil unrichtig gewesen wäre. Wenn nicht +etwa hier eine der Remissionen vorliegt, die sich auch bei Dementia +paralytica finden, so dass meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wäre! +Von dieser Begegnung ging der Einfluss aus, der mich an die +Nachbarschaft der Bureaux von B. & R. vergessen liess, und mein +Interesse, die Lösung des Vergessenen zu finden, war von diesem Fall +strittiger Diagnostik her übertragen. Die assoziative Verknüpfung aber +wurde bei geringem inneren Zusammenhang -- der wider Erwarten Genesene +war auch Beamter eines grossen Bureaus, welches mir Kranke zuzuweisen +pflegte -- durch eine Namensgleichheit besorgt. Der Arzt, mit welchem +gemeinsam ich den fraglichen Paralytiker gesehen hatte, hiess auch +_Fischer_, wie die in dem Haus befindliche, vom Vergessen betroffene +Pension. + +d) Ein Ding _verlegen_ heisst ja nichts anderes als vergessen, wohin man +es gelegt hat, und wie die meisten mit Schriften und Büchern +hantierenden Personen bin ich auf meinem Schreibtisch wohl orientiert +und weiss das Gesuchte mit einem Griff hervorzuholen. Was anderen als +Unordnung erscheint, ist für mich historisch gewordene Ordnung. Warum +habe ich aber unlängst einen Bücherkatalog, der mir zugeschickt wurde, +so verlegt, dass er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte doch die +Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, »Über die Sprache«, zu +bestellen, weil es von einem Autor herrührt, dessen geistreich belebten +Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psychologie und dessen Kenntnisse +in der Kulturhistorie ich zu schätzen weiss. Ich meine, gerade darum +habe ich den Katalog verlegt. Ich pflege nämlich Bücher dieses Autors +zur Aufklärung unter meinen Bekannten zu verleihen, und vor wenigen +Tagen hat mir jemand bei der Rückstellung gesagt: „Der Stil erinnert +mich ganz an den Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe.“ Der +Redner wusste nicht, an was er mit dieser Bemerkung rührte. Vor Jahren, +als ich noch jünger und anschlussbedürftiger war, hat mir ungefähr das +Nämliche ein älterer Kollege gesagt, dem ich die Schriften eines +bekannten medizinischen Autors angepriesen hatte. „Ganz Ihr Stil und +Ihre Art.“ So beeinflusst hatte ich diesem Autor einen um näheren +Verkehr werbenden Brief geschrieben, wurde aber durch eine kühle Antwort +in meine Schranken zurückgewiesen. Vielleicht verbergen sich ausserdem +noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten, denn ich +habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und bin durch dieses +Vorzeichen wirklich abgehalten worden, das angezeigte Buch zu bestellen, +obwohl ein wirkliches Hindernis durch das Verschwinden des Kataloges +nicht geschaffen worden ist. Ich habe ja die Namen des Buches und des +Autors im Gedächtnis behalten.[14] + +e) Im Sommer dieses Jahres erklärte ich einmal meinem Freunde Fl., mit +dem ich in regem Gedankenaustausch über wissenschaftliche Fragen stehe: +Diese neurotischen Probleme sind nur dann zu lösen, wenn wir uns ganz +und voll auf den Boden der Annahme einer ursprünglichen Bisexualität des +Individuums stellen. Ich erhielt zur Antwort: „Das habe ich Dir schon +vor 2½ Jahren in Br. gesagt, als wir jenen Abendspaziergang machten. +Du wolltest damals nichts davon hören.“ Es ist nun schmerzlich, so zum +Aufgeben seiner Originalität aufgefordert zu werden. Ich konnte mich an +ein solches Gespräch und an diese Eröffnung meines Freundes nicht +erinnern. Einer von uns beiden musste sich da täuschen; nach dem Prinzip +der Frage _cui_ prodest? musste ich das sein. Ich habe im Laufe der +nächsten Wochen in der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es in mir +erwecken wollte; ich weiss selbst, was ich damals zur Antwort gab: Dabei +halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht einlassen. Aber ich bin +seither um ein Stück toleranter geworden, wenn ich irgendwo in der +medizinischen Literatur auf eine der wenigen Ideen stosse, mit denen man +meinen Namen verknüpfen kann, und wenn ich dabei die Erwähnung meines +Namens vermisse. + +Ausstellungen an seiner Ehefrau -- Freundschaft, die ins Gegenteil +umgeschlagen hat -- Irrtum in ärztlicher Diagnostik -- Zurückweisung +durch Gleichstrebende -- Entlehnung von Ideen; es ist wohl kaum +zufällig, dass eine Anzahl von Beispielen des Vergessens, die ohne +Absicht gesammelt worden sind, zu ihrer Auflösung des Eingehens auf so +peinliche Themata bedürfen. Ich vermute vielmehr, dass jeder Andere, der +sein eigenes Vergessen einer Prüfung nach den Motiven unterziehen will, +eine ähnliche Musterkarte von Widerwärtigkeiten aufzeichnen können wird. +Die Neigung zum Vergessen des Unangenehmen scheint mir ganz allgemein zu +sein; die Fähigkeit dazu ist wohl bei verschiedenen Personen verschieden +gut ausgebildet. Manches _Ableugnen_, das uns in der ärztlichen +Tätigkeit begegnet, ist wahrscheinlich auf _Vergessen_ zurückzuführen. +Unsere Auffassung eines solchen Vergessens beschränkt den Unterschied +zwischen dem und jenem Benehmen allerdings auf rein psychologische +Verhältnisse und gestattet uns, in beiden Reaktionsweisen den Ausdruck +desselben Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen Beispielen der +Verleugnung unangenehmer Erinnerungen, die ich bei Angehörigen von +Kranken gesehen habe, ist mir eines als besonders seltsam im Gedächtnis +geblieben. Eine Mutter informierte mich über die Kinderjahre ihres +nervenkranken, in der Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei, +dass er wie seine Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen gelitten +habe, was ja für eine neurotische Krankengeschichte nicht bedeutungslos +ist. Einige Wochen später, als sie sich Auskunft über den Stand der +Behandlung holen wollte, hatte ich Anlass, sie auf die Zeichen +konstitutioneller Krankheitsveranlagung bei dem jungen Mann aufmerksam +zu machen, und berief mich hierbei auf das anamnestisch erhobene +Bettnässen. Zu meinem Erstaunen bestritt sie die Tatsache sowohl für +dies als auch für die anderen Kinder, fragte mich, woher ich das wissen +könne, und hörte endlich von mir, dass sie selbst es mir vor kurzer Zeit +erzählt habe, was also von ihr vergessen worden war.[15] + +Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen Menschen reichlich +Anzeichen dafür, dass sich der Erinnerung an peinliche Eindrücke, der +Vorstellung peinlicher Gedanken, ein Widerstand entgegensetzt. Die volle +Bedeutung dieser Tatsache lässt sich aber erst ermessen, wenn man in die +Psychologie neurotischer Personen eingeht. Man ist genötigt, ein solches +_elementares Abwehrbestreben_ gegen Vorstellungen, welche +Unlustempfindungen erwecken können, ein Bestreben, das sich nur dem +Fluchtreflex bei Schmerzreizen an die Seite stellen lässt, zu einem der +Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen, welcher die hysterischen +Symptome trägt. Man möge gegen die Annahme einer solchen Abwehrtendenz +nicht einwenden, dass wir es im Gegenteil häufig genug unmöglich finden, +peinliche Erinnerungen, die uns verfolgen, los zu werden und peinliche +Affektregungen wie Reue, Gewissensvorwürfe zu verscheuchen. Es wird ja +nicht behauptet, dass diese Abwehrtendenz sich überall durchzusetzen +vermag, dass sie nicht im Spiel der psychischen Kräfte auf Faktoren +stossen kann, welche zu anderen Zwecken das Entgegengesetzte anstreben +und ihr zum Trotz zustande bringen. _Als das architektonische Prinzip +des seelischen Apparates lässt sich die Schichtung, der Aufbau aus +einander überlagernden Instanzen erraten_, und es ist sehr wohl möglich, +dass dies Abwehrbestreben einer niedrigeren psychischen Instanz +angehört, von höheren Instanzen aber gehemmt wird. Es spricht jedenfalls +für die Existenz und Mächtigkeit dieser Tendenz zur Abwehr, wenn wir +Vorgänge wie die in unseren Beispielen von Vergessen auf sie +zurückführen können. Wir sehen, dass manches um seiner selbst willen +vergessen wird; wo dies nicht möglich ist, verschiebt die Abwehrtendenz +ihr Ziel und bringt wenigstens etwas anderes, minder Bedeutsames, zum +Vergessen, welches in assoziative Verknüpfung mit dem eigentlich +Anstössigen geraten ist. + +Der hier entwickelte Gesichtspunkt, dass peinliche Erinnerungen mit +besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfallen, verdiente +auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen er heute noch keine oder +eine zu geringe Beachtung gefunden hat. So erscheint er mir noch immer +nicht genügend scharf betont bei der Würdigung von Zeugenaussagen vor +Gericht,[16] wobei man offenbar der unter Eidstellung des Zeugen einen +allzu grossen purifizierenden Einfluss auf dessen psychisches +Kräftespiel zutraut. Dass man bei der Entstehung der Traditionen und der +Sagengeschichte eines Volkes einem solchen Motiv, das dem Nationalgefühl +Peinliche aus der Erinnerung auszumerzen, Rechnung tragen muss, wird +allgemein zugestanden. Vielleicht würde sich bei genauerer Verfolgung +eine vollständige Analogie herausstellen zwischen der Art, wie +Völkertraditionen und wie die Kindheitserinnerungen des einzelnen +Individuums gebildet werden. + +Ganz ähnlich wie beim Namenvergessen kann auch beim Vergessen von +Eindrücken Fehlerinnern eintreten, das dort, wo es Glauben findet, als +Erinnerungstäuschung bezeichnet wird. Die Erinnerungstäuschung in +pathologischen Fällen -- in der Paranoia spielt sie geradezu die Rolle +eines konstituierenden Momentes bei der Wahnbildung -- hat eine +ausgedehnte Literatur wachgerufen, in welcher ich durchgängig den +Hinweis auf eine Motivierung derselben vermisse. Da auch dieses Thema +der Neurosenpsychologie angehört, entzieht es sich in unserm +Zusammenhange der Behandlung. Ich werde dafür ein sonderbares Beispiel +einer eigenen Erinnerungstäuschung mitteilen, bei dem die Motivierung +durch unbewusstes verdrängtes Material und die Art und Weise der +Verknüpfung mit demselben deutlich genug kenntlich werden. + +Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traumdeutung schrieb, +befand ich mich in einer Sommerfrische ohne Zugang zu Bibliotheken und +Nachschlagebüchern und war genötigt, mit Vorbehalt späterer Korrektur, +allerlei Beziehungen und Zitate aus dem Gedächtnis in das Manuskript +einzutragen. Beim Abschnitt über das Tagträumen fiel mir die +ausgezeichnete Figur des armen Buchhalters im »_Nabab_« von _Alph. +Daudet_ ein, mit welcher der Dichter wahrscheinlich seine eigene +Träumerei geschildert. Ich glaubte mich an eine der Phantasien, die +dieser Mann -- Mr. Jocelyn nannte ich ihn -- auf seinen Spaziergängen +durch die Strassen von Paris ausbrütet, deutlich zu erinnern und begann +sie aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Wie also Herr Jocelyn auf der +Strasse sich kühn einem durchgehenden Pferd entgegenwirft, es zum Stehen +bringt, der Wagenschlag sich öffnet, eine hohe Persönlichkeit dem Coupé +entsteigt, Herrn Jocelyn die Hand drückt und ihm sagt: „Sie sind mein +Retter, Ihnen verdanke ich mein Leben. Was kann ich für Sie tun?“ + +Etwaige Ungenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie, tröstete ich +mich, würden sich leicht zuhause verbessern lassen, wenn ich das Buch +zur Hand nähme. Als ich dann aber den »_Nabab_« durchblätterte, um die +druckbereite Stelle meines Manuskriptes zu vergleichen, fand ich zu +meiner grössten Beschämung und Bestürzung nichts von einer solchen +Träumerei des Herrn Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug gar nicht +diesen Namen, sondern hiess _Mr. Joyeuse_. Dieser zweite Irrtum gab dann +bald den Schlüssel zur Klärung des ersten, der Erinnerungstäuschung. +_Joyeux_ (wovon der Name die feminine Form darstellt): so und nicht +anders müsste ich ja meinen eigenen Namen: _Freud_ ins Französische +übersetzen. Woher konnte also die fälschlich erinnerte Phantasie sein, +die ich _Daudet_ zugeschrieben hatte? Sie konnte nur ein eigenes Produkt +sein, ein Tagtraum, den ich selbst gemacht, und der mir nicht bewusst +geworden, oder der mir einst bewusst gewesen und den ich seither +gründlich vergessen. Vielleicht dass ich ihn selbst in Paris gemacht, wo +ich oft genug einsam und voll Sehnsucht durch die Strassen spaziert bin, +eines Helfers und Protektors sehr bedürftig, bis Meister _Charcot_ mich +dann in seinen Verkehr zog. Den Dichter des »_Nabab_« habe ich dann +wiederholt im Hause _Charcots_ gesehen. Das Ärgerliche an der Sache ist +nur, dass ich kaum irgend einem anderen Vorstellungskreis so feindselig +gegenüberstehe, wie dem des Protegiertwerdens. Was man in unserem +Vaterlande davon sieht, verdirbt einem alle Lust daran, und meinem +Charakter sagt die Situation des Protektionskindes überhaupt wenig zu. +Ich habe immer ungewöhnlich viel Neigung dazu verspürt, »selbst der +brave Mann zu sein«. Und gerade ich musste dann an solche, übrigens nie +erfüllte, Tagträume gemahnt werden! Ausserdem ist der Vorfall auch ein +gutes Beispiel dafür, wie die zurückgehaltene -- in der Paranoia +siegreich hervorbrechende -- Beziehung zum eigenen Ich uns in der +objektiven Erfassung der Dinge stört und verwirrt. + + +B. Das Vergessen von Vorsätzen. + +Keine andere Gruppe von Phänomenen eignet sich besser zum Beweis der +These, dass die Geringfügigkeit der Aufmerksamkeit für sich allein nicht +hinreiche, die Fehlleistung zu erklären, als die des Vergessens von +Vorsätzen. Ein Vorsatz ist ein Impuls zur Handlung, der bereits +Billigung gefunden hat, dessen Ausführung aber auf einen geeigneten +Zeitpunkt verschoben wurde. Nun kann in dem so geschaffenen Intervall +allerdings eine derartige Veränderung in den Motiven eintreten, dass der +Vorsatz nicht zur Ausführung gelangt, aber dann wird er nicht vergessen, +sondern revidiert und aufgehoben. Das Vergessen von Vorsätzen, dem wir +alltäglich und in allen möglichen Situationen unterliegen, pflegen wir +uns nicht durch eine Neuerung in der Motivengleichung zu erklären, +sondern lassen es gemeinhin unerklärt, oder wir suchen eine +psychologische Erklärung in der Annahme, gegen die Zeit der Ausführung +hin habe sich die erforderliche Aufmerksamkeit für die Handlung nicht +mehr bereit gefunden, die doch für das Zustandekommen des Vorsatzes +unerlässliche Bedingung war, damals also für die nämliche Handlung zur +Verfügung stand. Die Beobachtung unseres normalen Verhaltens gegen +Vorsätze lässt uns diesen Erklärungsversuch als willkürlich abweisen. +Wenn ich des Morgens einen Vorsatz fasse, der abends ausgeführt werden +soll, so kann ich im Laufe des Tages einigemal an ihn gemahnt werden. Er +braucht aber tagsüber überhaupt nicht mehr bewusst zu werden. Wenn sich +die Zeit der Ausführung nähert, fällt er mir plötzlich ein und +veranlasst mich, die zur vorgesetzten Handlung nötigen Vorbereitungen zu +treffen. Wenn ich auf einen Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher +noch befördert werden soll, so brauche ich ihn als normales und nicht +nervöses Individuum keineswegs die ganze Strecke über in der Hand zu +tragen und unterdessen nach einem Briefkasten auszuspähen, in den ich +ihn werfe, sondern ich pflege ihn in die Tasche zu stecken, meiner Wege +zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu lassen, und ich rechne +darauf, dass einer der nächsten Briefkästen meine Aufmerksamkeit erregen +und mich veranlassen wird, in die Tasche zu greifen und den Brief +hervorzuziehen. Das normale Verhalten bei gefasstem Vorsatz deckt sich +vollkommen mit dem experimentell zu erzeugenden Benehmen von Personen, +denen man eine sog. »posthypnotische Suggestion auf lange Sicht« in der +Hypnose eingegeben hat.[17] Man ist gewöhnt, das Phänomen in folgender +Art zu beschreiben: Der suggerierte Vorsatz schlummert in den +betreffenden Personen, bis die Zeit seiner Ausführung herannaht. Dann +wacht er auf und treibt zur Handlung. + +In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft davon, +dass das Vergessen in bezug auf Vorsätze keineswegs den Anspruch +erheben darf, als ein nicht weiter zurückführbares Elementarphänomen zu +gelten, sondern zum Schluss auf uneingestandene Motive berechtigt. Ich +meine: im Liebesverhältnis und in der Militärabhängigkeit. Ein +Liebhaber, der das Rendezvous versäumt hat, wird sich vergeblich bei +seiner Dame entschuldigen, er habe leider ganz daran vergessen. Sie wird +nicht versäumen, ihm zu antworten: „Vor einem Jahr hättest Du es nicht +vergessen. Es liegt Dir eben nichts mehr an mir.“ Selbst wenn er nach +der oben erwähnten psychologischen Erklärung griffe und sein Vergessen +durch gehäufte Geschäfte entschuldigen wollte, würde er nur erreichen, +dass die Dame -- so scharfsichtig geworden wie der Arzt in der +Psychoanalyse -- zur Antwort gäbe: „Wie merkwürdig, dass sich solche +geschäftlichen Störungen früher nicht ereignet haben.“ Gewiss will auch +die Dame die Möglichkeit des Vergessens nicht in Abrede stellen; sie +meint nur, und nicht mit Unrecht, aus dem unabsichtlichen Vergessen sei +ungefähr der nämliche Schluss auf ein gewisses Nichtwollen zu ziehen wie +aus der bewussten Ausflucht. + +Ähnlich wird im militärischen Dienstverhältnis der Unterschied zwischen +der Unterlassung durch Vergessen und der in Folge von Absicht +prinzipiell, und zwar mit Recht, vernachlässigt. Der Soldat _darf_ an +nichts vergessen, was der militärische Dienst von ihm fordert. Wenn er +doch daran vergisst, obwohl ihm die Forderung bekannt ist, so geht dies +so zu, dass sich den Motiven, die auf Erfüllung der militärischen +Forderung dringen, andere Gegenmotive entgegenstellen. Der Einjährige +etwa, der sich beim Rapport entschuldigen wollte, er habe _vergessen_, +seine Knöpfe blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber diese Strafe +ist geringfügig zu nennen im Vergleich zu jener, der er sich aussetzte, +wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinem Vorgesetzten +eingestehen würde: „Der elende Gamaschendienst ist mir ganz zuwider.“ +Wegen dieser Strafersparnis, aus ökonomischen Gründen gleichsam, bedient +er sich des Vergessens als Ausrede, oder kommt es als Kompromiss +zustande. + +Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, dass alles zu ihnen +Gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, und erwecken so die Meinung, +Vergessen sei zulässig bei unwichtigen Dingen, während es bei wichtigen +Dingen ein Anzeichen davon sei, dass man sie wie unwichtige behandeln +wolle, ihnen also die Wichtigkeit abspreche. Der Gesichtspunkt der +psychischen Wertschätzung ist hier in der Tat nicht abzuweisen. Kein +Mensch vergisst Handlungen auszuführen, die ihm selbst wichtig +erscheinen, ohne sich dem Verdachte geistiger Störung auszusetzen. +Unsere Untersuchung kann sich also nur auf das Vergessen von mehr oder +minder nebensächlichen Vorsätzen erstrecken; für ganz und gar +gleichgültig werden wir keinen Vorsatz erachten; denn in diesem Falle +wäre er wohl gewiss nicht gefasst worden. + +Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die bei mir selbst +beobachteten Fälle von Unterlassung durch Vergessen gesammelt und +aufzuklären gesucht und hierbei ganz allgemein gefunden, dass sie auf +Einmengung unbekannter und uneingestandener Motive -- oder, wie man +sagen kann, auf einen _Gegenwillen_ -- zurückzuführen waren. In einer +Reihe dieser Fälle befand ich mich in einer dem Dienstverhältnisse +ähnlichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es nicht ganz +aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so dass ich durch Vergessen gegen +ihn demonstrierte. Dazu gehört, dass ich besonders leicht vergesse, zu +Geburtstagen, Jubiläen, Hochzeitsfeiern und Standeserhöhungen zu +gratulieren. Ich nehme es mir immer wieder vor und überzeuge mich immer +mehr, dass es mir nicht gelingen will. Ich bin jetzt im Begriffe, darauf +zu verzichten, und den Motiven, die sich sträuben, mit Bewusstsein Recht +zu geben. In einem Übergangsstadium habe ich einem Freund, der mich bat, +auch für ihn ein Glückwunschtelegramm zum bestimmten Termin zu besorgen, +vorher gesagt, ich würde an beide vergessen, und es war nicht zu +verwundern, dass die Prophezeiung wahr wurde. Es hängt nämlich mit +schmerzlichen Lebenserfahrungen zusammen, dass ich nicht imstande bin, +Anteilnahme zu äussern, wo diese Äusserung notwendigerweise übertrieben +ausfallen muss, da für den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der +entsprechende Ausdruck nicht zulässig ist. Seitdem ich erkannt, dass ich +oft vorgebliche Sympathie bei anderen für echte genommen habe, befinde +ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventionen der +Mitgefühlsbezeugung, deren soziale Nützlichkeit ich andererseits +einsehe. Kondolenzen bei Todesfällen sind von dieser zwiespältigen +Behandlung ausgenommen; wenn ich mich zu ihnen entschlossen habe, +versäume ich sie auch nicht. Wo meine Gefühlsbetätigung mit +gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu tun hat, da findet sie ihren +Ausdruck auch niemals durch Vergessen gehemmt. + +Ähnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konventionellen +Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schätzung die Fälle, in +denen man Handlungen auszuführen vergisst, die man einem anderen zu +seinen Gunsten auszuführen versprochen hat. Hier trifft es dann +regelmässig zu, dass nur der Versprecher an die entschuldigende Kraft +des Vergessens glaubt, während der Bittsteller sich ohne Zweifel die +richtige Antwort gibt: Er hat kein Interesse daran, sonst hätte er es +nicht vergessen. Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich +bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten lässt +wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grüsst.[18] +Diese Personen vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie gegeben, +lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen +sich also in kleinen Dingen als unverlässlich und erheben dabei die +Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht übel nehmen, +d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf organische +Eigentümlichkeit zurückführen solle. Ich gehöre selbst nicht zu diesen +Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die Handlungen einer solchen +Person zu analysieren, um durch die Auswahl des Vergessens die +Motivierung desselben aufzudecken. Ich kann mich aber der Vermutung per +analogiam nicht erwehren, dass hier ein ungewöhnlich grosses Mass von +nicht eingestandener Geringschätzung des anderen das Motiv ist, welches +das konstitutionelle Moment für seine Zwecke ausbeutet. + +Bei anderen Fällen sind die Motive des Vergessens weniger leicht +aufzufinden und erregen, wenn gefunden, ein grösseres Befremden. So +merkte ich in früheren Jahren, dass ich bei einer grösseren Anzahl von +Krankenbesuchen nie an einen anderen Besuch vergesse als bei einem +Gratispatienten oder bei einem Kollegen. Aus Beschämung hierüber habe +ich mir angewöhnt, die Besuche des Tages schon am Morgen als Vorsatz zu +notieren. Ich weiss nicht, ob andere Ärzte auf dem nämlichen Wege zu der +gleichen Übung gekommen sind. Aber man gewinnt so eine Ahnung davon, was +den sog. Neurastheniker veranlasst, die Mitteilungen, die er dem Arzt +machen will, auf dem berüchtigten »Zettel« zu notieren. Angeblich fehlt +es ihm an Zutrauen zur Reproduktionsleistung seines Gedächtnisses. Das +ist gewiss richtig, aber die Szene geht zumeist so vor sich: Der Kranke +hat seine verschiedenen Beschwerden und Anfragen höchst langatmig +vorgebracht. Nachdem er fertig geworden ist, macht er einen Moment +Pause, darauf zieht er den Zettel hervor und sagt entschuldigend: Ich +habe mir etwas aufgeschrieben, weil ich mir so gar nichts merke. In der +Regel findet er auf dem Zettel nichts Neues. Er wiederholt jeden Punkt +und beantwortet ihn selbst: Ja, darnach habe ich schon gefragt. Er +demonstriert mit dem Zettel, wahrscheinlich nur eines seiner Symptome, +die Häufigkeit, mit der seine Vorsätze durch Einmengung dunkler Motive +gestört werden. + +Ich rühre ferner an Leiden, an welchen auch der grössere Teil der mir +bekannten Gesunden krankt, wenn ich zugestehe, dass ich besonders in +früheren Jahren sehr leicht und für lange Zeit vergessen habe, entlehnte +Bücher zurückzugeben, oder dass es mir besonders leicht begegnet, +Zahlungen durch Vergessen aufzuschieben. Unlängst verliess ich eines +Morgens die Tabaktrafik, in welcher ich meinen täglichen Zigarreneinkauf +gemacht hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine höchst harmlose +Unterlassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher erwarten, am +nächsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber die kleine +Versäumnis, der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiss nicht ausser +Zusammenhang mit den Budgeterwägungen, die mich den Vortag über +beschäftigt hatten. In bezug auf das Thema von Geld und Besitz lassen +sich die Spuren eines zwiespältigen Verhaltens auch bei den meisten sog. +anständigen Menschen leicht nachweisen. Die primitive Gier des +Säuglings, der sich aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie zum Munde +zu führen), zeigt sich vielleicht allgemein als nur unvollständig durch +Kultur und Erziehung überwunden[19]. + +Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach _banal_ +geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn ich auf Dinge +stosse, die jedermann bekannt sind, und die jeder in der nämlichen Weise +versteht, da ich bloss vorhabe, das Alltägliche zu sammeln und +wissenschaftlich zu verwerten. Ich sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, +die Niederschlag der gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter +die Erwerbungen der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die +Verschiedenheit der Objekte, sondern die strengere Methode bei der +Feststellung und das Streben nach weitreichendem Zusammenhang machen den +wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus. + +Für die Vorsätze von einigem Belang haben wir allgemein gefunden, dass +sie dann vergessen werden, wenn sich dunkle Motive gegen sie erheben. +Bei noch weniger wichtigen Vorsätzen erkennt man als zweiten Mechanismus +des Vergessens, dass ein Gegenwille sich von wo anders her auf den +Vorsatz überträgt, nachdem zwischen jenem andern und dem Inhalt des +Vorsatzes eine _äusserliche_ Assoziation hergestellt worden ist. Hierzu +gehört folgendes Beispiel: Ich lege Wert auf schönes Löschpapier und +nehme mir vor, auf meinem heutigen Nachmittagsweg in die Stadt neues +einzukaufen. Aber an vier aufeinanderfolgenden Tagen vergesse ich daran, +bis ich mich befrage, welchen Grund diese Unterlassung hat. Ich finde +ihn dann leicht, nachdem ich mich besonnen habe, dass ich zwar +»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt bin. +»_Fliess_« ist der Name meines Freundes in Berlin, der mir in den +nämlichen Tagen Anlass zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben +hat. Diesen Gedanken kann ich nicht los werden, aber die Abwehrneigung +(vgl. Seite 39) äussert sich, indem sie sich mittelst der Wortgleichheit +auf den indifferenten und darum wenig resistenten Vorsatz überträgt. + +Direkter Gegenwille und entferntere Motivierung treffen in folgendem +Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung »Grenzfragen des Nerven- +und Seelenlebens« hatte ich eine kurze Abhandlung über den Traum +geschrieben, welche den Inhalt meiner »Traumdeutung« resümiert. +_Bergmann_ in Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende +Erledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben will. Ich +mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie auf meinen +Schreibtisch, um sie am nächsten Morgen mitzunehmen. Am Morgen vergesse +ich daran, erinnere mich erst nachmittags beim Anblick des Kreuzbandes +auf meinem Schreibtisch. Ebenso vergesse ich die Korrektur am +Nachmittag, am Abend und am nächsten Morgen, bis ich mich aufraffe und +am Nachmittag des zweiten Tages die Korrektur zu einem Briefkasten +trage, verwundert, was der Grund dieser Verzögerung sein mag. Ich will +sie offenbar nicht absenden, aber ich finde nicht, warum. Auf demselben +Spaziergang trete ich aber bei meinem Wiener Verleger, der auch das +Traumbuch publiziert hat, ein, mache eine Bestellung und sage dann, wie +von einem plötzlichen Einfall getrieben: „Sie wissen doch, dass ich den +»Traum« ein zweites Mal geschrieben habe?“ -- „Ah, da würde ich doch +bitten.“ -- „Beruhigen Sie sich, nur ein kurzer Aufsatz für die +_Löwenfeld-Kurella_sche Sammlung.“ Es war ihm aber doch nicht recht; er +besorgte, der Vortrag würde dem Absatz des Buches schaden. Ich +widersprach und fragte endlich: „Wenn ich mich früher an Sie gewendet +hätte, würden Sie mir die Publikation untersagt haben?“ -- „Nein, das +keineswegs.“ Ich glaube selbst, dass ich in meinem vollen Recht +gehandelt und nichts Anderes getan habe, als was allgemein üblich ist; +doch scheint es mir gewiss, dass ein ähnliches Bedenken, wie es der +Verleger äusserte, das Motiv meiner Zögerung war, die Korrektur +abzusenden. Dies Bedenken geht auf eine frühere Gelegenheit zurück, bei +welcher ein anderer Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie +unvermeidlich, einige Blätter Text aus einer früheren, in anderem Verlag +erschienenen Arbeit über zerebrale Kinderlähmung unverändert in die +Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von _Nothnagel_ hinübernahm. +Dort findet aber der Vorwurf abermals keine Anerkennung; ich hatte auch +damals meinen ersten Verleger (identisch mit dem der »Traumdeutung«) +loyal von meiner Absicht verständigt. Wenn aber diese Erinnerungsreihe +noch weiter zurückgeht, so rückt sie mir einen noch früheren Anlass vor, +den einer Übersetzung aus dem Französischen, bei welchem ich wirklich +die bei einer Publikation in Betracht kommenden Eigentumsrechte verletzt +habe. Ich hatte dem übersetzten Text Anmerkungen beigefügt, ohne für +diese Anmerkungen die Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haben, und +habe einige Jahre später Grund zur Annahme bekommen, dass der Autor mit +dieser Eigenmächtigkeit unzufrieden war. + +Es gibt ein Sprichwort, welches die populäre Kenntnis verrät, dass das +Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. »Was man einmal zu tun +vergessen hat, das vergisst man dann noch öfter.« + + [13] Gewöhnlich pflegen dann im Laufe der Besprechung die Einzelheiten + des damaligen ersten Besuches bewusst aufzutauchen. + + [14] Für vielerlei Zufälligkeiten, die man seit _Th. Vischer_ der + „Tücke des Objekts“ zuschreibt, möchte ich ähnliche Erklärungen + vorschlagen. + + [15] In den Tagen, während ich mit der Niederschrift dieser Seiten + beschäftigt war, ist mir folgender, fast unglaublicher Fall von + Vergessen widerfahren. Ich revidiere am 1. Januar mein ärztliches + Buch, um meine Honorarrechnungen aussenden zu können, stosse dabei im + Juni auf den Namen M....l und kann mich an eine zu ihm gehörige Person + nicht erinnern. Mein Befremden wächst, indem ich beim Weiterblättern + bemerke, dass ich den Fall in einem Sanatorium behandelt, und dass ich + ihn durch Wochen täglich besucht habe. Einen Kranken, mit dem man sich + unter solchen Bedingungen beschäftigt, vergisst man als Arzt nicht + nach kaum sechs Monaten. Sollte es ein Mann, ein Paralytiker, ein Fall + ohne Interesse gewesen sein, frage ich mich? Endlich bei dem Vermerk + über das empfangene Honorar kommt mir all die Kenntnis wieder, die + sich der Erinnerung entziehen wollte. M....l war ein 14jähriges + Mädchen gewesen, der merkwürdigste Fall meiner letzten Jahre, welcher + mir eine Lehre hinterlassen, an die ich kaum je vergessen werde, und + dessen Ausgang mir die peinlichsten Stunden bereitet hat. Das Kind + erkrankte an unzweideutiger Hysterie, die sich auch unter meinen + Händen rasch und gründlich besserte. Nach dieser Besserung wurde mir + das Kind von den Eltern entzogen; es klagte noch über abdominale + Schmerzen, denen die Hauptrolle im Symptombild der Hysterie zugefallen + war. Zwei Monate später war es an Sarkom der Unterleibsdrüsen + gestorben. Die Hysterie, zu der das Kind nebstbei prädisponiert war, + hatte die Tumorbildung zur provozierenden Ursache genommen, und ich + hatte, von den lärmenden aber harmlosen Erscheinungen der Hysterie + gefesselt, vielleicht die ersten Anzeichen der schleichenden + unheilvollen Erkrankung übersehen. + + [16] Vgl. _Hans Gross_, Kriminalpsychologie 1898. + + [17] Vgl. _Bernheim_, Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und + Psychotherapie, 1892. + + [18] Frauen sind mit ihrem feinen Verständnis für unbewusste seelische + Vorgänge in der Regel eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn + man sie auf der Strasse nicht erkennt, also nicht grüsst, als an die + nächstliegenden Erklärungen zu denken, dass der Säumige kurzsichtig + sei oder in Gedanken versunken sie nicht bemerkt habe. Sie schliessen, + man hätte sie schon bemerkt, wenn man sich „etwas aus ihnen machen + würde“. + + [19] Der Einheit des Themas zuliebe darf ich hier die gewählte + Einteilung durchbrechen und dem oben Gesagten anschliessen, dass in + bezug auf Geldsachen das Gedächtnis der Menschen eine besondere + Parteilichkeit zeigt. Erinnerungstäuschungen, etwas bereits bezahlt zu + haben, sind, wie ich von mir selbst weiss, oft sehr hartnäckig. Wo der + gewinnsüchtigen Absicht abseits von den grossen Interessen der + Lebensführung, und daher eigentlich zum Scherz, freier Lauf gelassen + wird wie beim Kartenspiel, neigen die ehrlichsten Männer zu Irrtümern, + Erinnerungs- und Rechenfehlern und finden sich selbst, ohne recht zu + wissen wie, in kleine Betrügereien verwickelt. Auf solchen Freiheiten + beruht nicht zum mindesten der psychisch erfrischende Charakter des + Spiels. Das Sprichwort, dass man beim Spiel den Charakter des Menschen + erkennt, ist zuzugeben, wenn man hinzufügen will: den unterdrückten + Charakter. -- Wenn es unabsichtliche Rechenfehler bei Zahlkellnern + noch gibt, so unterliegen sie offenbar derselben Beurteilung. -- Im + Kaufmannsstande kann man häufig eine gewisse Zögerung in der + Verausgabung von Geldsummen, bei der Bezahlung von Rechnungen und dgl. + beobachten, die dem Eigner keinen Gewinn bringt, sondern nur + psychologisch zu verstehen ist als eine Äusserung des Gegenwillens, + Geld von sich zu tun. -- Mit den intimsten und am wenigsten klar + gewordenen Regungen hängt es zusammen, wenn gerade Frauen eine + besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben gewöhnlich + ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordination nicht + zahlen, vergessen dann regelmässig, das Honorar vom Hause aus zu + schicken, und setzen es so durch, dass man sie umsonst -- „um ihrer + schönen Augen willen“ -- behandelt hat. Sie zahlen gleichsam mit ihrem + Anblick. + + + + +VII. + +Das Vergreifen. + + +Der dankenswerten Arbeit von _Meringer_ und _Mayer_ entnehme ich noch +die Stelle (p. 98): + +»Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen den +Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten des Menschen sich oft einstellen +und ziemlich töricht »Vergesslichkeiten« genannt werden.« + +Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht hinter den +kleinen Funktionsstörungen des täglichen Lebens Gesunder vermutet. + +Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische Leistung ist, eine +solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es nahe, auf die Fehler +unserer sonstigen motorischen Verrichtungen die nämliche Erwartung zu +übertragen. Ich habe hier zwei Gruppen von Fällen gebildet; alle die +Fälle, in denen der Fehleffekt das Wesentliche scheint, also die +Abirrung von der Intention, bezeichne ich als »_Vergreifen_«, die +anderen, in denen eher die ganze Handlung unzweckmässig erscheint, +benenne ich »_Symptom- und Zufallshandlungen_«. Die Scheidung ist aber +wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen ja wohl zur Einsicht, +dass alle in dieser Abhandlung gebrauchten Einteilungen nur deskriptiv +bedeutsame sind und der inneren Einheit des Erscheinungsgebietes +widersprechen. + +Das psychologische Verständnis des »Vergreifens« erfährt offenbar keine +besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie und speziell der »kortikalen +Ataxie« subsumieren. Versuchen wir lieber, die einzelnen Beispiele auf +ihre jeweiligen Bedingungen zurückzuführen. Ich werde wiederum +Selbstbeobachtungen hierzu verwenden, zu denen sich die Anlässe bei mir +nicht besonders häufig finden. + +a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch häufiger +machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, dass ich, vor der Türe, an +die ich klopfen oder läuten sollte, angekommen, die Schlüssel meiner +eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um -- sie dann fast beschämt wieder +einzustecken. Wenn ich mir zusammenstelle, bei welchen Patienten dies +der Fall war, so muss ich annehmen, die Fehlhandlung -- Schlüssel +herausziehen anstatt zu läuten -- bedeutete eine Huldigung für das Haus, +wo ich in diesen Missgriff verfiel. Sie war äquivalent dem Gedanken: +»Hier bin ich wie zu Hause«, denn sie trug sich nur zu, wo ich den +Kranken lieb gewonnen hatte. (An meiner eigenen Wohnungstür läute ich +natürlich niemals.) Die Fehlhandlung war also eine symbolische +Darstellung eines doch eigentlich nicht für ernsthafte, bewusste Annahme +bestimmten Gedankens, denn in der Realität weiss der Nervenarzt genau, +dass der Kranke ihm nur so lange anhänglich bleibt, als er noch Vorteil +von ihm erwartet, und dass er selbst nur zum Zweck der psychischen +Hilfeleistung ein übermässig warmes Interesse für seine Patienten bei +sich gewähren lässt. + +b) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren zweimal täglich +zu festgesetzten Zeiten vor einer Türe im zweiten Stock auf Einlass +warte, ist es mir während dieses langen Zeitraums zweimal (mit einem +kurzen Intervall) geschehen, dass ich um einen Stock höher gegangen bin, +also mich »_verstiegen_« habe. Das eine mal befand ich mich in einem +ehrgeizigen Tagtraum, der mich »höher und immer höher steigen« liess. +Ich überhörte damals sogar, dass sich die fragliche Tür geöffnet hatte, +als ich den Fuss auf die ersten Stufen des dritten Stockwerks setzte. +Das anderemal ging ich wiederum »in Gedanken versunken« zu weit; als ich +es bemerkte, umkehrte und die mich beherrschende Phantasie zu erhaschen +suchte, fand ich, dass ich mich über eine (phantasierte) Kritik meiner +Schriften ärgerte, in welcher mir der Vorwurf gemacht wurde, dass ich +immer »zu weit ginge«, und in die ich nun den wenig respektvollen +Ausdruck »_verstiegen_« einzusetzen hatte. + +c) Auf meinem Schreibtische liegen seit vielen Jahren neben einander ein +Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages eile ich nach Schluss der +Sprechstunde fort, weil ich einen bestimmten Stadtbahnzug erreichen +will, stecke bei vollem Tageslicht anstatt des Hammers die Stimmgabel in +die Rocktasche und werde durch die Schwere des die Tasche herabziehenden +Gegenstandes auf meinen Missgriff aufmerksam gemacht. Wer sich über so +kleine Vorkommnisse Gedanken zu machen nicht gewöhnt ist, wird ohne +Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Momentes erklären und +entschuldigen. Ich habe es trotzdem vorgezogen, mir die Frage zu +stellen, warum ich eigentlich die Stimmgabel anstatt des Hammers +genommen. Die Eilfertigkeit hätte ebensowohl ein Motiv sein können, den +Griff richtig auszuführen, um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen. + +Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die Frage, die +sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen ein _idiotisches_ Kind, +bei dem ich die Aufmerksamkeit auf Sinneseindrücke prüfte, und das durch +die Stimmgabel so gefesselt wurde, dass ich sie ihm nur schwer +entreissen konnte. Soll das also heissen, ich sei ein Idiot? Allerdings +scheint es so, denn der nächste Einfall, der sich an Hammer assoziiert, +lautet »_Chamer_« (hebräisch: Esel). + +Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muss hier die Situation befragen. +Ich eile zu einer Konsultation in einem Ort an der Westbahnstrecke, zu +einer Kranken, die nach der brieflich mitgeteilten Anamnese vor Monaten +vom Balkon herabgestürzt ist und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der +mich einlädt, schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um +Rückenmarksverletzung oder um traumatische Neurose -- Hysterie -- +handle. Das soll ich nun entscheiden. Da wäre also eine Mahnung am +Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besonders vorsichtig zu +sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel zu +leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere Dinge handle. Aber die +Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es kommt hinzu, dass die +kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, an dem ich vor Jahren einen +jungen Mann gesehen, der seit einer Gemütsbewegung nicht ordentlich +gehen konnte. Ich diagnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken +später in psychische Behandlung, und dann stellte es sich heraus, dass +ich freilich nicht unrichtig diagnostiziert hatte, aber auch nicht +richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war hysterisch +gewesen, und diese schwanden auch prompt im Laufe der Behandlung. Aber +hinter diesen wurde nun ein für die Therapie unantastbarer Rest +sichtbar, der sich nur auf eine multiple Sklerose beziehen liess. Die +den Kranken nach mir sahen, hatten es leicht, die organische Affektion +zu erkennen; ich hätte kaum anders vorgehen und anders urteilen können, +aber der Eindruck war doch der eines schweren Irrtums; das Versprechen +der Heilung, das ich ihm gegeben hatte, war natürlich nicht zu halten. +Der Missgriff nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer liess sich +also so in Worte übersetzen: Du Trottel, Du Esel, nimm Dich diesmal +zusammen, dass du nicht wieder eine Hysterie diagnostizierst, wo eine +unheilbare Krankheit vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort +vor Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch zum +Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit schwerer +spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen Tag nach dem +idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen. + +Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die sich durch +das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Verwendung als +Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders geeignet. Der Missgriff +hier will den Missgriff, den man anderswo begangen hat, darstellen. + +d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe +anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: Es kommt +sehr selten vor, dass ich etwas zerschlage. Ich bin nicht besonders +geschickt, aber infolge der anatomischen Integrität meiner +Nervmuskelapparate sind Gründe für so ungeschickte Bewegungen mit +unerwünschtem Erfolg bei mir offenbar nicht gegeben. Ich weiss also kein +Objekt in meinem Hause zu erinnern, dessengleichen ich je zerschlagen +hätte. Ich bin durch die Enge in meinem Studierzimmer oft genötigt, in +den unbequemsten Stellungen mit einer Anzahl von antiken Ton- und +Steinsachen, von denen ich eine kleine Sammlung habe, zu hantieren, so +dass Zuschauer die Besorgnis ausdrücken, ich würde etwas +herunterschleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals geschehen. Warum +habe ich also unlängst den marmornen Deckel meines einfachen +Tintengefässes zu Boden geworfen, so dass er zerbrach? + +Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger Marmor, die +für die Aufnahme des gläsernen Tintenfässchens ausgehöhlt ist; das +Tintenfass trägt einen Deckel mit Knopf aus demselben Stein. Ein Kranz +von Bronzestatuetten und Terrakotta-Figürchen ist hinter diesem +Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich an den Tisch, um zu schreiben, +mache mit der Hand, welche den Federstiel hält, eine merkwürdig +ungeschickte, ausfahrende Bewegung und werfe so den Deckel des +Tintenfasses, der bereits auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung +ist nicht schwer zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im +Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen. Sie fand sie +sehr schön und äusserte dann: „Jetzt sieht Dein Schreibtisch wirklich +hübsch aus, nur das Tintenzeug passt nicht dazu. Du musst ein schöneres +haben.“ Ich begleitete die Schwester hinaus und kam erst nach Stunden +zurück. Dann aber habe ich, wie es scheint, an dem verurteilten +Tintenzeug die Exekution vollzogen. Schloss ich etwa aus den Worten der +Schwester, dass sie sich vorgenommen habe, mich zur nächsten festlichen +Gelegenheit mit einem schöneren Tintenzeug zu beschenken, und zerschlug +das unschöne alte, um sie zur Verwirklichung ihrer angedeuteten Absicht +zu nötigen? Wenn dem so ist, so war meine schleudernde Bewegung nur +scheinbar ungeschickt; in Wirklichkeit war sie höchst geschickt und +zielbewusst und verstand es, allen wertvolleren in der Nähe befindlichen +Objekten schonend auszuweichen. + +Ich glaube wirklich, dass man diese Beurteilung für eine ganze Reihe von +anscheinend zufällig ungeschickten Bewegungen annehmen muss. Es ist +richtig, dass diese etwas Gewaltsames, Schleuderndes, wie +Spastisch-ataktisches zur Schau tragen, aber sie erweisen sich als von +einer Intention beherrscht und treffen ihr Ziel mit einer Sicherheit, +die man den bewusst willkürlichen Bewegungen nicht allgemein nachrühmen +kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben +sie übrigens mit den motorischen Äusserungen der hysterischen Neurose +und zum Teil auch mit den motorischen Leistungen des Somnambulismus +gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die nämliche unbekannte +Modifikation des Innervationsvorganges hinweist. + +Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen derselben scheint +sehr häufig zum Ausdruck unbewusster Gedankengänge verwendet zu werden, +wie man gelegentlich durch Analyse beweisen kann, häufiger aber aus den +abergläubisch oder scherzhaft daran geknüpften Deutungen im Volksmunde +erraten möchte. Es ist bekannt, welche Deutungen sich an das Ausschütten +von Salz, Umwerfen eines Weinglases, Steckenbleiben eines zu Boden +gefallenen Messers u. dgl. knüpfen. Welches Anrecht auf Beachtung solche +abergläubische Deutungen haben, werde ich erst an späterer Stelle +erörtern; hierher gehört nur die Bemerkung, dass die einzelne +ungeschickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat, sondern +je nach Umständen sich dieser oder jener Absicht als Darstellungsmittel +bietet. + +Wenn dienende Personen gebrechliche Gegenstände durch Fallenlassen +vernichten, so wird man an eine psychologische Erklärung hiefür gewiss +nicht in erster Linie denken, doch ist auch dabei ein Beitrag dunkler +Motive nicht unwahrscheinlich. Nichts liegt dem Ungebildeten ferner als +die Schätzung der Kunst und der Kunstwerke. Eine dumpfe Feindseligkeit +gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn die +Gegenstände, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle von +Arbeitsanforderung für sie werden. Leute von derselben Bildungsstufe und +Herkunft zeichnen sich dagegen in wissenschaftlichen Instituten oft +durch grosse Geschicklichkeit und Verlässlichkeit in der Handhabung +heikler Objekte aus, wenn sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn +zu identifizieren und sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu +rechnen. + +Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, braucht +gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen motorischer +Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppelsinn dieser Ausdrücke +weist bereits auf die Art von verhaltenen Phantasien hin, die sich durch +solches Aufgeben des Körpergleichgewichts darstellen können. Ich +erinnere mich an eine Anzahl von leichteren nervösen Erkrankungen bei +Frauen und Mädchen, die nach einem Fall ohne Verletzung aufgetreten +waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim Falle +aufgefasst wurden. Ich bekam schon damals den Eindruck, als ob die Dinge +anders zusammenhingen, als wäre das Fallen bereits eine Veranstaltung +der Neurose und ein Ausdruck derselben unbewussten Phantasien sexuellen +Inhalts gewesen, die man als die bewegenden Kräfte hinter den Symptomen +vermuten darf. Sollte dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen, +welches lautet: „Wenn eine Jungfrau fällt, fällt sie auf den Rücken“? + +e) Dass zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf keinem +anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen +Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu +verwischen scheint. Dass eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst +raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenutzt werden kann, davon habe ich +vor einigen Jahren an mir selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich traf +in einem befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges Mädchen, +welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei mir erregte +und mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend stimmte. Ich habe +damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen dies zuging; ein Jahr +vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl gelassen. Als nun der Onkel des +Mädchens, ein sehr alter Herr, ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf, +um ihm einen in der Ecke stehenden Stuhl zu bringen. Sie war behender +als ich, wohl auch dem Objekt näher; so hatte sie sich zuerst des +Sessels bemächtigt und trug ihn mit der Lehne nach rückwärts, beide +Hände auf die Sesselränder gelegt, vor sich hin. Indem ich später +hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht aufgab, +stand ich plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme von rückwärts um +sie geschlungen, und die Hände trafen sich einen Moment lang vor ihrem +Schoss. Ich löste natürlich die Situation ebenso rasch, als sie +entstanden war. Es schien auch keinem aufzufallen, wie geschickt ich +diese ungeschickte Bewegung ausgebeutet hatte. + +Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, dass das ärgerliche, +ungeschickte Ausweichen auf der Strasse, wobei man durch einige Sekunden +hin und her, aber doch stets nach der nämlichen Seite wie der oder die +Andere, Schritte macht, bis endlich beide vor einander stehen bleiben, +dass auch dieses »den Weg Vertreten« ein unartig provozierendes Benehmen +früherer Jahre wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der +Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalysen Neurotischer +weiss ich, dass die sogenannte Naivität junger Leute und Kinder häufig +nur solch eine Maske ist, um das Unanständige unbeirrt durch Genieren +aussprechen oder tun zu können. + +f) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen zustande +kommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade darum wird sich +ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen, ob Fehlgriffe von +erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen Folgen begleitet sein können, +wie z. B. die des Arztes oder Apothekers, nach irgend einer Richtung +unter unsere Gesichtspunkte fallen. + +Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliche Eingriffe vorzunehmen, +habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem Vergreifen aus eigener +Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr alten Dame, die ich seit Jahren +zweimal täglich besuche, beschränkt sich meine ärztliche Tätigkeit beim +Morgenbesuch auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar Tropfen Augenwasser +ins Auge und gebe ihr eine Morphiuminjektion. Zwei Fläschchen, ein +blaues für das Kollyrium und ein weisses mit der Morphinlösung, sind +regelmässig vorbereitet. Während der beiden Verrichtungen beschäftigen +sich meine Gedanken wohl meist mit etwas anderem; das hat sich eben +schon so oft wiederholt, dass die Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt. +Eines Morgens bemerkte ich, dass der Automat falsch gearbeitet hatte, +das Tropfröhrchen hatte ins weisse anstatt ins blaue Fläschchen +eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern Morphin ins Auge geträufelt. +Ich erschrak heftig und beruhigte mich dann durch die Überlegung, dass +einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphinlösung auch im Bindehautsack +kein Unheil anzurichten vermögen. Die Schreckempfindung war offenbar +anderswoher abzuleiten. + +Bei dem Versuch, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel mir zunächst +die Phrase ein: „sich an der Alten vergreifen“, die den kurzen Weg zur +Lösung weisen konnte. Ich stand unter dem Eindrucke eines Traumes, den +mir am Abend vorher ein junger Mann erzählt hatte, dessen Inhalt sich +nur auf sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten liess.[20] Die +Sonderbarkeit, dass die Sage keinen Anstoss an dem Alter der Königin +Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu stimmen, dass es sich +bei der Verliebtheit in die eigene Mutter niemals um deren gegenwärtige +Person handelt, sondern um ihr jugendliches Erinnerungsbild aus den +Kinderjahren. Solche Inkongruenzen stellen sich immer heraus, wo eine +zwischen zwei Zeiten schwankende Phantasie bewusst gemacht und dadurch +an eine bestimmte Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art versunken +kam ich zu meiner über neunzigjährigen Patientin, und ich muss wohl auf +dem Wege gewesen sein, den allgemein menschlichen Charakter der +Oedipusfabel als das Korrelat des Verhängnisses, das sich in den Orakeln +äussert, zu erfassen, denn ich vergriff mich dann „bei oder an der +Alten“. Indes dies Vergreifen war wiederum harmlos; ich hatte von den +beiden möglichen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwenden, +oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem harmloseren +gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man bei Fehlgriffen, die +schweren Schaden stiften können, in ähnlicher Weise wie bei den hier +behandelten eine unbewusste Absicht in Erwägung ziehen darf. + +Hier lässt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im Stiche, und +ich bleibe auf Vermutungen und Annäherungen angewiesen. Es ist bekannt, +dass bei den schwereren Fällen von Psychoneurose Selbstbeschädigungen +gelegentlich als Krankheitssymptome auftreten, und dass der Ausgang des +psychischen Konfliktes in Selbstmord bei ihnen niemals auszuschliessen +ist. Ich habe nun erfahren, und werde es eines Tages durch gut +aufgeklärte Beispiele belegen, dass viele scheinbar zufällige +Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich Selbstbeschädigungen +sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur Selbstbestrafung, die +sich sonst als Selbstvorwurf äussert, oder ihren Beitrag zur +Symptombildung stellt, eine zufällig gebotene äussere Situation +geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung des +gewünschten schädigenden Effektes nachhilft. Solche Vorkommnisse sind +auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie verraten den +Anteil der unbewussten Absicht durch eine Reihe von besonderen Zügen, +z. B. durch die auffällige Fassung, welche die Kranken bei dem +angeblichen Unglücksfalle bewahren.[21] + +Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung -- wenn +der ungeschickte Ausdruck gestattet ist -- glaubt, der wird dadurch +vorbereitet anzunehmen, dass es ausser dem bewusst absichtlichen +Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung -- mit unbewusster +Absicht -- gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt auszunützen und sie +als zufällige Verunglückung zu maskieren weiss. Eine solche braucht +keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz zur Selbstvernichtung ist +bei sehr viel mehr Menschen in einer gewissen Stärke vorhanden, als bei +denen sie sich durchsetzt; die Selbstbeschädigungen sind in der Regel +ein Kompromiss zwischen diesem Trieb und den ihm noch entgegenwirkenden +Kräften, und auch wo es wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die +Neigung dazu eine lange Zeit vorher in geringerer Stärke oder als +unbewusste und unterdrückte Tendenz vorhanden gewesen. + +Auch die bewusste Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel und +Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen +Anlass abwartet, der einen Teil der Verursachung auf sich nehmen und sie +durch Inanspruchnahme der Abwehrkräfte des Individuums von ihrer +Bedrückung frei machen kann.[22] Es sind keineswegs müssige Erwägungen, +die ich da vorbringe; mir ist mehr als ein Fall von anscheinend +zufälligem Verunglücken (zu Pferde oder aus dem Wagen) bekannt geworden, +dessen nähere Umstände den Verdacht auf unbewusst zugelassenen +Selbstmord rechtfertigen. Da stürzt z. B. während eines +Offizierswettrennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so +schwer, dass er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er +zu sich gekommen, ist in manchen Stücken auffällig. Noch bemerkenswerter +ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt durch den Tod +seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen in der Gesellschaft +seiner Kameraden befallen, er äussert Lebensüberdruss gegen seine +vertrauten Freunde, will den Dienst quittieren, um an einem Kriege in +Afrika Anteil zu nehmen, der ihn sonst nicht berührt[23]; früher ein +schneidiger Reiter, weicht er jetzt dem Reiten aus, wo es nur möglich +ist. Vor dem Wettrennen endlich, dem er sich nicht entziehen kann, +äussert er eine trübe Ahnung; wir werden uns bei unserer Auffassung +nicht mehr verwundern, dass diese Ahnung Recht behielt. Man wird mir +entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres verständlich, dass ein Mensch in +solcher nervöser Depression das Tier nicht zu meistern versteht wie in +gesunden Tagen. Ich bin ganz einverstanden; nur möchte ich den +Mechanismus dieser motorischen Hemmung durch die Nervosität in der hier +betonten Selbstvernichtungsabsicht suchen. + +Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das eigene Leben +hinter anscheinend zufälliger Ungeschicklichkeit und motorischer +Unzulänglichkeit verborgen sein kann, so braucht man keinen grossen +Schritt mehr zu tun, um die Übertragung der nämlichen Auffassung auf +Fehlgriffe möglich zu finden, welche Leben und Gesundheit anderer +ernstlich in Gefahr bringen. Was ich an Belegen für die Triftigkeit +dieser Auffassung vorbringen kann, ist der Erfahrung an Neurotikern +entnommen, deckt sich also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich werde +über einen Fall berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehlgriff, +sondern, was man eher eine Symptom- oder Zufallshandlung nennen kann, +auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des Konflikts bei dem +Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, die Ehe eines sehr +intelligenten Mannes zu bessern, dessen Misshelligkeiten mit seiner ihn +zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiss auf reale Begründungen +berufen konnten, aber wie er selbst zugab, durch diese nicht voll +erklärt wurden. Er beschäftigte sich unablässig mit dem Gedanken der +Scheidung, den er dann wieder verwarf, weil er seine beiden kleinen +Kinder zärtlich liebte. Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz +zurück und versuchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich +zu gestalten. Solches Nichtfertigwerden mit einem Konflikt gilt mir als +Beweis dafür, dass sich unbewusste und verdrängte Motive zur Verstärkung +der mit einander streitenden bewussten bereit gefunden haben, und ich +unternehme es in solchen Fällen, den Konflikt durch psychische Analyse +zu beenden. Der Mann erzählte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall, +der ihn aufs äusserste erschreckt hatte. Er »hetzte« mit seinem älteren +Kind, dem weitaus geliebteren, hob es hoch und liess es nieder und +einmal an solcher Stelle und so hoch, dass das Kind mit dem Scheitel +fast an den schwer herabhängenden Gasluster angestossen hätte. _Fast_, +aber doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! Dem Kind war nichts +geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig. Der Vater blieb +entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die Mutter bekam einen +hysterischen Anfall. Die besondere Geschicklichkeit dieser +unvorsichtigen Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion bei den Eltern +legten es mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine Symptomhandlung zu +suchen, welche eine böse Absicht gegen das geliebte Kind zum Ausdruck +bringen sollte. Den Widerspruch gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses +Vaters zu seinem Kinde konnte ich mildern, wenn ich den Impuls zur +Schädigung in die Zeit zurückverlegte, da dieses Kind das einzige und so +klein gewesen war, dass sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe +zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht, anzunehmen, dass +der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den Gedanken gehabt +oder den Vorsatz gefasst: Wenn dieses kleine Wesen, an dem mir gar +nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei und kann mich von der Frau +scheiden lassen. Ein Wunsch nach dem Tode dieses jetzt so geliebten +Wesens musste also unbewusst weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur +unbewussten Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mächtige +Determinierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des +Patienten, dass der Tod eines kleinen Bruders, den die Mutter der +Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Auseinandersetzungen +zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung geführt hatte. Der weitere +Verlauf der Ehe meines Patienten bestätigte meine Kombination auch durch +den therapeutischen Erfolg. + + [20] Des _Oedipus-Traumes_, wie ich ihn zu nennen pflege, weil er den + Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Oedipus enthält. Im Text + des Sophokles ist die Beziehung auf einen solchen Traum der Jokaste in + den Mund gelegt. (Vgl. „Traumdeutung“, p. 182.) + + [21] Die Selbstbeschädigung, die nicht voll auf Selbstvernichtung + hinzielt, hat in unserem gegenwärtigen Kulturzustand überhaupt keine + andere Wahl, als sich hinter der Zufälligkeit zu verbergen, oder sich + durch Simulation einer spontanen Erkrankung durchzusetzen. Früher + einmal war sie ein gebräuchliches Zeichen der Trauer; zu anderen + Zeiten konnte sie Ideen der Frömmigkeit und Weltentsagung Ausdruck + geben. + + [22] Der Fall ist dann schliesslich kein anderer als der des sexuellen + Attentats auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch + die volle Muskelkraft des Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein + Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegen + kommt. Man sagt ja wohl, eine solche Situation _lähme_ die Kräfte der + Frau; man braucht dann nur noch die Gründe für diese Schwächung + hinzufügen. Insofern ist der geistreiche Richterspruch des _Sancho + Pansa_, den er als Gouverneur auf seiner Insel fällt, psychologisch + ungerecht. (Don Quijote II. T. Kap. XLV.) Eine Frau zerrt einen Mann + vor den Richter, der sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre beraubt hat. + _Sancho_ entschädigt sie durch die volle Geldbörse, die er dem + Angeklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange der Frau die + Erlaubnis, ihr nachzueilen und ihr die Börse wieder zu entreissen. Sie + kommen beide ringend wieder, und die Frau berühmt sich, dass der + Bösewicht nicht imstande gewesen sei, sich der Börse zu bemächtigen. + Darauf _Sancho_: Hättest Du Deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt + wie diese Börse, so hätte sie Dir der Mann nicht rauben können. + + [23] Dass die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie + der bewussten Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten + Weg scheut, ist einleuchtend. Vgl. im „_Wallenstein_“ die Worte des + schwedischen Hauptmanns über den Tod des Max Piccolomini: „Man sagt, + er wollte sterben“. + + + + +VIII. + +Symptom- und Zufallshandlungen. + + +Die bisher beschriebenen Handlungen, in denen wir die Ausführung einer +unbewussten Absicht erkannten, traten als Störungen anderer +beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem Vorwand der +Ungeschicklichkeit. Die Zufallshandlungen, von denen jetzt die Rede sein +soll, unterscheiden sich von denen des Vergreifens nur dadurch, dass sie +die Anlehnung an eine bewusste Intention verschmähen und also des +Vorwandes nicht bedürfen. Sie treten für sich auf und werden zugelassen, +weil man Zweck und Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man führt sie aus, +„ohne sich etwas bei ihnen zu denken“, nur „rein zufällig“, „wie um die +Hände zu beschäftigen“, und man rechnet darauf, dass solche Auskunft der +Nachforschung nach der Bedeutung der Handlung ein Ende bereiten wird. Um +sich dieser Ausnahmsstellung erfreuen zu können, müssen diese +Handlungen, die nicht mehr die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in +Anspruch nehmen, bestimmte Bedingungen erfüllen; sie müssen +_unauffällig_ und ihre Effekte müssen geringfügig sein. + +Ich habe eine grosse Anzahl solcher Zufallshandlungen bei mir und +anderen gesammelt, und meine nach gründlicher Untersuchung der einzelnen +Beispiele, dass sie eher den Namen von _Symptomhandlungen_ verdienen. +Sie bringen etwas zum Ausdruck, was der Täter selbst nicht in ihnen +vermutet, und was er in der Regel nicht mitzuteilen, sondern für sich zu +behalten beabsichtigt. Sie spielen also ganz so wie alle anderen bisher +betrachteten Phänomene die Rolle von Symptomen. + +Die reichste Ausbeute an solchen Zufalls- oder Symptomhandlungen erhält +man allerdings bei der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker. Ich +kann es mir nicht versagen, an zwei Beispielen dieser Herkunft zu +zeigen, wie weit und wie fein die Determinierung dieser unscheinbaren +Vorkommnisse durch unbewusste Gedanken getrieben ist. Die Grenze der +Symptomhandlungen gegen das Vergreifen ist so wenig scharf, dass ich +diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt hätte unterbringen können. + +a) Eine junge Frau erzählte als Einfall während der Sitzung, dass sie +sich gestern beim Nägelschneiden „ins Fleisch geschnitten, während sie +das feine Häutchen im Nagelbett abzutragen bemüht war“. Das ist so wenig +interessant, dass man sich verwundert fragt, wozu es überhaupt erinnert +und erwähnt wird, und auf die Vermutung gerät, man habe es mit einer +Symptomhandlung zu tun. Es war auch wirklich der Ringfinger, an dem das +kleine Ungeschick vorfiel, der Finger, an dem man den Ehering trägt. Es +war überdies ihr Hochzeitstag, was der Verletzung des feinen Häutchens +einen ganz bestimmten, leicht zu erratenden Sinn verleiht. Sie erzählt +auch gleichzeitig einen Traum, der auf die Ungeschicklichkeit ihres +Mannes und auf ihre Anästhesie als Frau anspielt. Warum war es aber der +Ringfinger der linken Hand, an dem sie sich verletzte, da man doch den +Ehering an der rechten Hand trägt? Ihr Mann ist Jurist, »Doktor der +Rechte«, und ihre geheime Neigung hatte als Mädchen einem Arzt +(scherzhaft: »Doktor der Linke«) gehört. Eine Ehe zur linken Hand hat +auch ihre bestimmte Bedeutung. + +b) Eine unverheiratete junge Dame erzählt: „Ich habe gestern ganz +unabsichtlich eine 100 Guldennote in zwei Stücke gerissen und die Hälfte +davon einer mich besuchenden Dame gegeben. Soll das auch eine +Symptomhandlung sein?“ Die genauere Erforschung deckt folgende +Einzelheiten auf: Die Hundertguldennote: Sie widmet einen Teil ihrer +Zeit und ihres Vermögens wohltätigen Werken. Gemeinsam mit einer anderen +Dame sorgt sie für die Erziehung eines verwaisten Kindes. Die 100 Gulden +sind der ihr zugeschickte Beitrag jener Dame, den sie in ein Couvert +einschloss und vorläufig auf ihren Schreibtisch niederlegte. + +Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer anderen +Wohltätigkeitsaktion beisteht. Diese Dame wollte eine Reihe von Namen +von Personen notieren, an die man sich um Unterstützung wenden könnte. +Es fehlte an Papier, da griff meine Patientin nach dem Couvert auf ihrem +Schreibtisch und riss es, ohne sich an seinen Inhalt zu besinnen, in +zwei Stücke, von denen sie eines selbst behielt, um ein Duplikat der +Namensliste zu haben, das andere ihrer Besucherin übergab. Man bemerke +die Harmlosigkeit dieses unzweckmässigen Vorgehens. Eine +Hundertguldennote erleidet bekanntlich keine Einbusse an ihrem Werte, +wenn sie zerrissen wird, falls sie sich aus den Rissstücken vollständig +zusammensetzen lässt. Dass die Dame das Stück Papier nicht wegwerfen +würde, war durch die Wichtigkeit der darauf stehenden Namen verbürgt, +und ebensowenig litt es einen Zweifel, dass sie den wertvollen Inhalt +zurückstellen würde, sobald sie ihn bemerkt. + +Welchem unbewussten Gedanken sollte aber diese Zufallshandlung, die sich +durch ein Vergessen ermöglichte, Ausdruck geben? Die besuchende Dame +hatte eine ganz bestimmte Beziehung zu unserer Kur. Es war dieselbe, die +mich seinerzeit dem leidenden Mädchen als Arzt empfohlen, und wenn ich +nicht irre, hält sich meine Patientin zum Dank für diesen Rat +verpflichtet. Soll die halbierte Hundertguldennote etwa ein Honorar für +diese Vermittlung darstellen? Das bliebe noch recht befremdlich. + +Es kommt aber anderes Material hinzu. Einige Tage vorher hatte eine +Vermittlerin ganz anderer Art bei einer Verwandten angefragt, ob das +gnädige Fräulein wohl die Bekanntschaft eines gewissen Herrn machen +wolle, und am Morgen, einige Stunden vor dem Besuche der Dame, war der +Werbebrief des Freiers eingetroffen, der viel Anlass zur Heiterkeit +gegeben hatte. Als nun die Dame das Gespräch mit einer Erkundigung nach +dem Befinden meiner Patientin eröffnete, konnte sie wohl gedacht haben: +„Den richtigen Arzt hast Du mir zwar empfohlen, wenn Du mir aber zum +richtigen Mann (und dahinter: zu einem Kind) verhelfen könntest, wäre +ich Dir doch dankbarer.“ Von diesem verdrängt gehaltenen Gedanken aus +flossen ihr die beiden Vermittlerinnen in eins zusammen, und sie +überreichte der Besucherin das Honorar, das ihre Phantasie der anderen +zu geben bereit war. Völlig verbindlich wird diese Lösung, wenn ich +hinzufüge, dass ich ihr erst am Abend vorher von solchen Zufalls- oder +Symptomhandlungen erzählt hatte. Sie bediente sich dann der nächsten +Gelegenheit, um etwas Analoges zu produzieren. + +Eine Gruppierung der so überaus häufigen Zufalls- und Symptomhandlungen +könnte man vornehmen, je nachdem sie gewohnheitsmässig, regelmässig +unter gewissen Umständen, oder vereinzelt erfolgen. Die ersteren (wie +das Spielen mit der Uhrkette, das Zwirbeln am Bart etc.), die fast zur +Charakteristik der betreffenden Personen dienen können, streifen an die +mannigfaltigen Tikbewegungen und verdienen wohl im Zusammenhange mit +letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten Gruppe rechne ich das +Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, wenn man einen Bleistift in +der Hand hält, das Klimpern mit Münzen in der Tasche, das Kneten von +Teig und anderen plastischen Stoffen, allerlei Hantierungen an seiner +Gewandung u. dgl. mehr. Unter diesen spielenden Beschäftigungen +verbergen sich während der psychischen Behandlung regelmässig Sinn und +Bedeutung, denen ein anderer Ausdruck versagt ist. Gewöhnlich weiss die +betreffende Person nichts davon, dass sie dergleichen tut, oder dass sie +gewisse Modifikationen an ihrem gewöhnlichen Tändeln vorgenommen hat, +und sie übersieht und überhört auch die Effekte dieser Handlungen. Sie +hört z. B. das Geräusch nicht, das sie beim Klimpern mit Geldstücken +hervorbringt, und benimmt sich wie erstaunt und ungläubig, wenn man sie +darauf aufmerksam macht. Ebenso ist alles, was man, oft ohne es zu +merken, mit seinen Kleidern vornimmt, bedeutungsvoll und der Beachtung +des Arztes wert. Jede Veränderung des gewohnten Aufzuges, jede kleine +Nachlässigkeit, wie etwa ein nicht schliessender Knopf, jede Spur von +Entblössung will etwas besagen, was der Eigentümer der Kleidung nicht +direkt sagen will, meist gar nicht zu sagen weiss. Die Deutungen dieser +kleinen Zufallshandlungen, sowie die Beweise für diese Deutungen ergeben +sich jedesmal mit zureichender Sicherheit aus den Begleitumständen +während der Sitzung, aus dem eben behandelten Thema und aus den +Einfällen, die sich einstellen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die +anscheinende Zufälligkeit lenkt. Wegen dieses Zusammenhanges unterlasse +ich es, meine Behauptungen durch Mitteilung von Beispielen mit Analyse +zu unterstützen; ich erwähne diese Dinge aber, weil ich glaube, dass sie +bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung haben wie bei meinen Patienten. + +Ich kann etwa aus meiner psychotherapeutischen Erfahrung einen Fall +erzählen, in dem die mit einem Klumpen Brotkrume spielende Hand eine +beredte Aussage ablegte. Mein Patient war ein noch nicht 13j., seit fast +zwei Jahren schwer hysterischer Knabe, den ich endlich in +psychoanalytische Behandlung nahm, nachdem ein längerer Aufenthalt in +einer Wasserheilanstalt sich erfolglos erwiesen hatte. Er musste nach +meiner Voraussetzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben und seiner +Altersstufe entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich hütete +mich aber, ihm mit Aufklärungen zur Hilfe zu kommen, weil ich wieder +einmal eine Probe auf meine Voraussetzungen anstellen wollte. Ich durfte +also neugierig sein, auf welchem Wege sich das Gesuchte bei ihm andeuten +würde. Da fiel es mir auf, dass er eines Tages irgend etwas zwischen den +Fingern der rechten Hand rollte, damit in die Tasche fuhr, dort weiter +spielte, es wieder hervorzog etc. Ich fragte nicht, was er in der Hand +habe; er zeigte es mir aber, indem er plötzlich die Hand öffnete. Es war +Brotkrume, die zu einem Klumpen zusammengeknetet war. In der nächsten +Sitzung brachte er wieder einen solchen Klumpen mit, formte aber aus +ihm, während wir das Gespräch führten, mit unglaublicher Raschheit und +bei geschlossenen Augen Figuren, die mein Interesse erregten. Es waren +unzweifelhaft Männchen mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie die +rohesten prähistorischen Idole, und einem Fortsatz zwischen beiden +Beinen, den er in eine lange Spitze auszog. Kaum dass dieser gefertigt +war, knetete er das Männchen wieder zusammen; später liess er es +bestehen, zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rückenfläche und an +anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu verhüllen. Ich +wollte ihm zeigen, dass ich ihn verstanden habe, ihm aber dabei die +Ausflucht benehmen, dass er sich bei dieser Menschen formenden Tätigkeit +nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte ich ihn plötzlich, ob er +sich an die Geschichte jenes römischen Königs erinnere, der dem +Abgesandten seines Sohnes eine pantomimische Antwort im Garten gegeben. +Der Knabe wollte sich nicht an das erinnern, was er doch vor so viel +kürzerer Zeit als ich gelernt haben musste. Er fragte, ob das die +Geschichte von dem Sklaven sei, auf dessen glattrasierten Schädel man +die Antwort geschrieben habe. Nein, das gehört in die griechische +Geschichte, sagte ich und erzählte: Der König Tarquinius Priscus hatte +seinen Sohn Sextus veranlasst, sich in eine feindliche latinische Stadt +einzuschleichen. Der Sohn, der sich unterdes Anhang in dieser Stadt +verschafft hatte, schickte einen Boten an den König mit der Frage, was +nun weiter geschehen solle. Der König gab keine Antwort, sondern ging in +seinen Garten, liess sich dort die Frage wiederholen und schlug +schweigend die grössten und schönsten Mohnköpfe ab. Dem Boten blieb +nichts übrig als dieses dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand +und es sich angelegen sein liess, die angesehensten Bürger der Stadt +durch Mord zu beseitigen. + +Während ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten inne, und als ich +mich anschickte zu erzählen, was der König in seinem Garten tat, schon +bei den Worten »schlug schweigend«, hatte er mit einer blitzschnellen +Bewegung seinem Männchen den Kopf abgerissen. Er hatte mich also +verstanden und gemerkt, dass er von mir verstanden worden war. Ich +konnte ihn nun direkt befragen, gab ihm die Auskünfte, um die es ihm zu +tun war, und wir hatten binnen kurzem der Neurose ein Ende gemacht. + +Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel mitteilen, +welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuliess, das die +Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche Symptome vollkommen +unauffällig produziert werden können, und an das sich eine praktisch +bedeutsame Bemerkung anknüpfen lässt. Auf einer Sommerreise traf es +sich, dass ich einige Tage an einem gewissen Orte auf die Ankunft meines +Reisegefährten zu warten hatte. Ich machte unterdes die Bekanntschaft +eines jungen Mannes, der sich gleichfalls einsam zu fühlen schien und +sich bereitwillig mir anschloss. Da wir in demselben Hôtel wohnten, +fügte es sich leicht, dass wir alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen und +Spaziergänge miteinander machten. Am Nachmittag des dritten Tages teilte +er mir plötzlich mit, dass er heute abends seine mit dem Eilzuge +anlangende Frau erwarte. Mein psychologisches Interesse wurde nun rege, +denn es war mir an meinem Gesellschafter bereits am Vormittag +aufgefallen, dass er meinen Vorschlag zu einer grösseren Partie +zurückgewiesen und auf unserem kleinen Spaziergang einen gewissen Weg +als zu steil und gefährlich nicht hatte begehen wollen. Auf dem +Nachmittagsspaziergang behauptete er plötzlich, ich müsste doch hungrig +sein, ich sollte doch ja nicht seinetwegen die Abendmahlzeit +aufschieben, er werde erst nach der Ankunft seiner Frau mit ihr zu Abend +essen. Ich verstand den Wink und setzte mich an den Tisch, während er +auf den Bahnhof ging. Am nächsten Morgen trafen wir uns in der Vorhalle +des Hôtels. Er stellte mir seine Frau vor und fügte hinzu: Sie werden +doch mit uns das Frühstück nehmen? Ich hatte noch eine kleine Besorgung +in der nächsten Strasse vor und versicherte, ich würde bald nachkommen. +Als ich dann in den Frühstückssaal trat, sah ich, dass das Paar an einem +kleinen Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie +beide sassen. Auf der Gegenseite befand sich nur ein Sessel, aber über +dessen Lehne hing der grosse und schwere Lodenmantel des Mannes herab, +den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den Sinn dieser gewiss +nicht absichtlichen, aber darum um so ausdrucksvolleren Lagerung. Es +hiess: für Dich ist hier kein Platz, Du bist jetzt überflüssig. Der Mann +bemerkte es nicht, dass ich vor dem Tische stehen blieb, ohne mich zu +setzen, wohl aber die Dame, die ihren Mann sofort anstiess und ihm +zuflüsterte: Du hast ja dem Herrn den Platz verlegt. + +Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Erlebnissen habe ich mir gesagt, +dass die unabsichtlich ausgeführten Handlungen unvermeidlich zur Quelle +von Missverständnissen im menschlichen Verkehr werden müssen. Der Täter, +der von einer mit ihnen verknüpften Absicht nichts weiss, rechnet sich +dieselben nicht an und hält sich nicht verantwortlich für sie. Der +andere hingegen erkennt, indem er regelmässig auch solche Handlungen +seines Partners zu Schlüssen über dessen Absichten und Gesinnungen +verwertet, mehr von den psychischen Vorgängen des Fremden, als dieser +selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben glaubt. Letzterer +aber entrüstet sich, wenn ihm diese aus seinen Symptomhandlungen +gezogenen Schlüsse vorgehalten werden, erklärt sie für grundlos, da ihm +das Bewusstsein für die Absicht bei der Ausführung fehlt, und klagt über +Missverständnis von Seiten des anderen. Genau besehen beruht ein solches +Missverständnis auf einem Zufein- und Zuvielverstehen. Je »nervöser« zwei +Menschen sind, desto eher werden sie einander Anlass zu Entzweiungen +bieten, deren Begründung jeder für seine eigene Person ebenso bestimmt +leugnet, wie er sie für die Person des anderen als gesichert annimmt. +Und dies ist wohl die Strafe für die innere Unaufrichtigkeit, dass die +Menschen unter den Vorwänden des Vergessens, Vergreifens und der +Unabsichtlichkeit Regungen den Ausdruck gestatten, die sie besser sich +und anderen eingestehen würden, wenn sie sie schon nicht beherrschen +können. Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, dass jedermann +fortwährend psychische Analyse an seinen Nebenmenschen betreibt und +diese infolgedessen besser kennen lernt als jeder einzelne sich selbst. +Der Weg zur Befolgung der Mahnung γνῶθι σεαυτὸν führt durch das Studium +seiner eigenen scheinbar zufälligen Handlungen und Unterlassungen. + + + + +IX. + +Irrtümer. + + +Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehlerinnern nur +durch den einen Zug unterschieden, dass der Irrtum (das Fehlerinnern) +nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben findet. Der Gebrauch des +Ausdruckes »Irrtum« scheint aber noch an einer anderen Bedingung zu +hängen. Wir sprechen von »Irren« anstatt von »falsch Erinnern«, wo in +dem zu reproduzierenden psychischen Material der Charakter der +objektiven Realität hervorgehoben werden soll, wo also etwas anderes +erinnert werden soll als eine Tatsache meines eigenen psychischen +Lebens, vielmehr etwas, was der Bestätigung oder Widerlegung durch die +Erinnerung anderer zugänglich ist. Den Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in +diesem Sinn bildet die Unwissenheit. + +In meinem Buche »Die Traumdeutung (1900)« habe ich mich einer Reihe von +Verfälschungen an geschichtlichem und überhaupt tatsächlichem Material +schuldig gemacht, auf die ich nach dem Erscheinen des Buches mit +Verwunderung aufmerksam geworden bin. Ich habe bei näherer Prüfung +derselben gefunden, dass sie nicht meiner Unwissenheit entsprungen sind, +sondern sich auf Irrtümer des Gedächtnisses zurückleiten, welche sich +durch Analyse aufklären lassen. + +a) Auf p. 266 bezeichne ich als den Geburtsort _Schillers_ die Stadt +_Marburg_, deren Name in der Steiermark wiederkehrt. Der Irrtum findet +sich in der Analyse eines Traumes während einer Nachtreise, aus dem ich +durch den vom Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen _Marburg_ geweckt +wurde. Im Trauminhalt wird nach einem Buch von _Schiller_ gefragt. Nun +ist _Schiller_ nicht in der Universitätsstadt _Marburg_, sondern in dem +schwäbischen _Marbach_ geboren. Ich behaupte auch, dass ich dies immer +gewusst habe. + +b) Auf p. 135 wird _Hannibals_ Vater _Hasdrubal_ genannt. Dieser Irrtum +war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der Auffassung solcher +Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte der _Barkiden_ dürften +wenige der Leser des Buches besser Bescheid wissen als der Verfasser, +der diesen Fehler niederschrieb und ihn bei drei Korrekturen übersah. +Der Vater _Hannibals_ hiess _Hamilkar Barkas_, _Hasdrubal_ war der Name +von _Hannibals_ Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und +Vorgängers im Kommando. + +c) Auf p. 177 und p. 370 behaupte ich, dass _Zeus_ seinen Vater Kronos +entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen Greuel habe ich aber +irrtümlich um eine Generation vorgeschoben; die griechische Mythologie +lässt ihn von _Kronos_ an seinem Vater _Uranos_ verüben. + +Wie ist es nun zu erklären, dass mein Gedächtnis in diesen Punkten +Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich Leser des Buches +überzeugen können, das entlegenste und ungebräuchlichste Material zur +Verfügung stellte? Und ferner, dass ich bei drei sorgfältig +durchgeführten Korrekturen wie mit Blindheit geschlagen an diesen +Irrtümern vorbeiging? + +Man hat von _Lichtenberg_ gesagt, wo er einen Witz gemacht habe, dort +liege ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die hier angeführten +Stellen meines Buches behaupten: wo ein Irrtum vorliegt, da steckt eine +Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: eine Unaufrichtigkeit, eine +Entstellung, die schliesslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der +Analyse der dort mitgeteilten Träume durch die blosse Natur der Themata, +auf welche sich die Traumgedanken beziehen, genötigt gewesen, einerseits +die Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung abzubrechen, andererseits einer +indiskreten Einzelheit durch eine leise Entstellung die Schärfe zu +benehmen. Ich konnte nicht anders und hatte auch keine andere Wahl, wenn +ich überhaupt Beispiele und Belege vorbringen wollte; meine Zwangslage +leitete sich mit Notwendigkeit aus der Eigenschaft der Träume ab, +Verdrängtem, d. h. Bewusstseinsunfähigem, Ausdruck zu geben. Es dürfte +trotzdem genug übrig geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoss +genommen haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch +bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos durchführen +lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals wider meinen +Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene erkämpft und ist darin als +von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein gekommen. In allen drei +hervorgehobenen Beispielen liegt übrigens das nämliche Thema zu Grunde; +die Irrtümer sind Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die sich mit meinem +verstorbenen Vater beschäftigen. + +ad. a) Wer den auf p. 266 analysierten Traum durchliest, wird teils +unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten können, dass ich bei +Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik am Vater +enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses Zuges von Gedanken und +Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche Geschichte, in welcher Bücher +eine Rolle spielen und ein Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen +_Marburg_ führt, denselben Namen, durch dessen Anruf in der +gleichnamigen Südbahnstation ich aus dem Schlaf geweckt wurde. Diesen +Herrn _Marburg_ wollte ich bei der Analyse mir und den Lesern +unterschlagen; er rächte sich dadurch, dass er sich dort einmengte, wo +er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes _Schillers_ aus +_Marbach_ in _Marburg_ veränderte. + +ad. b) Der Irrtum _Hasdrubal_ anstatt _Hamilkar_, der Name des Bruders +an Stelle des Namens des Vaters, ereignet sich gerade in einem +Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien meiner Gymnasiastenjahre +und von meiner Unzufriedenheit mit dem Benehmen des Vaters gegen die +»Feinde unseres Volkes« handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen +können, wie mein Verhältnis zum Vater durch einen Besuch in England +verändert wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden +Halbbruders aus früherer Ehe des Vaters machen liess. Mein Bruder hat +einen ältesten Sohn, der mir gleichalterig ist; die Phantasien, wie +anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn des Vaters, sondern des +Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden also kein Hindernis an den +Altersrelationen. Diese unterdrückten Phantasien fälschten nun an der +Stelle, wo ich in der Analyse abbrach, den Text meines Buches, indem sie +mich nötigten, den Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen. + +ad. c) Dem Einfluss der Erinnerung an diesen selben Bruder schreibe ich +es zu, dass ich die mythologischen Greuel der griechischen Götterwelt um +eine Generation vorgeschoben habe. Von den Mahnungen des Bruders ist mir +lange Zeit eine im Gedächtnis geblieben: „Vergiss nicht, in Bezug auf +Lebensführung, eines“, hatte er mir gesagt, „dass Du nicht der zweiten, +sondern eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehörst.“ +Unser Vater hatte sich in späteren Jahren wieder verheiratet und war um +so vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich begehe den +besprochenen Irrtum im Buche gerade, wo ich von der Pietät zwischen +Eltern und Kindern handle. + +Es ist auch einige Male vorgekommen, dass Freunde und Patienten, deren +Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traumanalysen anspielte, +mich aufmerksam machten, die Umstände der gemeinsam erlebten Begebenheit +seien von mir ungenau erzählt worden. Das wären nun wiederum historische +Irrtümer. Ich habe die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung +nachgeprüft und mich gleichfalls überzeugt, dass meine Erinnerung des +Sachlichen nur dort ungetreu war, wo ich in der Analyse etwas mit +Absicht entstellt oder verhehlt hatte. Auch hier wieder _ein unbemerkter +Irrtum als Ersatz für eine absichtliche Verschweigung oder Verdrängung_. + +Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben sich scharf +andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. So war es z. B. +Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in die _Wachau_ den Aufenthalt +des Revolutionärs _Fischhof_ berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte +haben nur den Namen gemein; das _Emmersdorf_ _Fischhofs_ liegt in +Kärnthen. Ich wusste es aber nicht anders. + +Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern, für +die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders +bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund +hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich +wichtigeren _Urteilsirrtümer_ der Menschen im Leben und in der +Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten +Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen +äusseren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim +Durchgang durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erfährt. + + + + +X. + +Determinismus. -- Zufalls- und Aberglauben. -- Gesichtspunkte. + + +Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen kann man +folgende Einsicht hinstellen: _Gewisse Unzulänglichkeiten unserer +psychischen Leistungen_ -- deren gemeinsamer Charakter sogleich näher +bestimmt werden soll -- _und gewisse absichtslos erscheinende +Verrichtungen erweisen sich, wenn man das Verfahren der +psychoanalytischen Untersuchung auf sie anwendet, als wohlmotiviert und +durch dem Bewusstsein unbekannte Motive determiniert_. + +Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht zu werden, +muss eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen genügen: + +a) Sie darf nicht über ein gewisses Mass hinausgehen, welches von +unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck »innerhalb der +Breite des Normalen« bezeichnet wird. + +b) Sie muss den Charakter der momentanen und zeitweiligen Störung an +sich tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher korrekter +ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter auszuführen. +Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden, müssen wir die Richtigkeit +der Korrektur und die Unrichtigkeit unseres eigenen psychischen +Vorganges sofort erkennen. + +c) Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen wir von einer +Motivierung derselben nichts in uns verspüren, sondern müssen versucht +sein, sie durch »Unaufmerksamkeit« zu erklären oder als »Zufälligkeit« +hinzustellen. + +Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen und die +Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprechen, Verlesen, Verschreiben, +Vergreifen und die sog. Zufallshandlungen. Die gleiche Zusammensetzung +mit der Vorsilbe _ver_ deutet für die meisten dieser Phänomene die +innere Gleichartigkeit sprachlich an. An die Aufklärung dieser so +bestimmten psychischen Vorgänge knüpft aber eine Reihe von Bemerkungen +an, die zum Teil ein weitergehendes Interesse erwecken dürfen. + +I. Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als unaufklärbar +durch Zielvorstellungen preisgeben, verkennen wir den Umfang der +Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht hier und noch auf anderen +Gebieten weiter, als wir es vermuten. Ich habe im Jahre 1900 in einem +Aufsatz des Literarhistorikers _R. M. Meyer_ in der »Zeit« ausgeführt +und an Beispielen erläutert gefunden, dass es unmöglich ist, absichtlich +und willkürlich einen Unsinn zu komponieren. Seit längerer Zeit weiss +ich, dass man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl nach freiem +Belieben einfallen zu lassen, ebensowenig wie etwa einen Namen. +Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehrstellige, +wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so erweist sich deren +strenge Determinierung, die man wirklich nicht für möglich gehalten +hätte. Ich will nun zunächst ein Beispiel eines willkürlich gewählten +Vornamens kurz erörtern und dann ein analoges Beispiel einer +»gedankenlos hingeworfenen« Zahl ausführlicher analysieren. + +α) Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen für die +Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen ich ihr in der +Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr gross; gewiss schliessen +sich einige Namen von vorne herein aus, in erster Linie der echte Name, +sodann die Namen meiner eigenen Familienangehörigen, an denen ich +Anstoss nehmen würde, etwa noch andere Frauennamen von besonders +seltsamem Klang; im übrigen aber brauchte ich um einen solchen Namen +nicht verlegen zu sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, dass +sich mir eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung stellen wird. +Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm, der +Name _Dora_. Ich frage nach seiner Determinierung. Wer heisst denn nur +sonst Dora? Ungläubig möchte ich den nächsten Einfall zurückweisen, der +lautet, dass das Kindermädchen meiner Schwester so heisst. Aber ich +besitze soviel Selbstzucht oder Übung im Analysieren, dass ich den +Einfall festhalte und weiterspinne. Da fällt mir auch sofort eine kleine +Begebenheit des vorigen Abends ein, welche die gesuchte Determinierung +bringt. Ich sah auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen +Brief liegen mit der Aufschrift: „An Fräulein Rosa W.“ Erstaunt fragte +ich, wer so heisst, und wurde belehrt, dass die vermeintliche Dora +eigentlich Rosa heisst, und diesen ihren Namen beim Eintritt ins Haus +ablegen musste, weil meine Schwester den Ruf »Rosa« auch auf ihre eigene +Person beziehen kann. Ich sage bedauernd: Die armen Leute, nicht einmal +ihren Namen können sie beibehalten! Wie ich mich jetzt besinne, wurde +ich dann für einen Moment still und begann an allerlei ernsthafte Dinge +zu denken, die ins Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht +bewusst machen könnte. Als ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für +eine Person suchte, _die ihren eigenen nicht beibehalten durfte_, fiel +mir kein anderer als »Dora« ein. Die Ausschliesslichkeit beruht hier auf +fester inhaltlicher Verknüpfung, denn in der Geschichte meiner Patientin +rührte ein auch für den Verlauf der Kur entscheidender Einfluss von der +im fremden Haus dienenden Person, von einer Gouvernante, her. + +β) In einem Briefe an meinen Freund in B. kündige ich ihm an, dass ich +jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe und nichts +mehr an dem Werk ändern will, »möge es auch =2467= Fehler enthalten«. +Ich versuche sofort, mir diese Zahl aufzuklären und füge die kleine +Analyse noch als Nachschrift dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt, +wie ich damals geschrieben, als ich mich auf frischer Tat ertappte: + +„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. Du +findest im Brief die Zahl 2467 als übermütige Willkürschätzung der +Fehler, die sich im Traumbuch finden werden. Es soll heissen: irgend +eine grosse Zahl, und da stellt sich diese ein. Nun gibt es aber nichts +Willkürliches, Undeterminiertes im Psychischen. Du wirst also auch mit +Recht erwarten, dass das Unbewusste sich beeilt hat, die Zahl zu +determinieren, die von dem Bewussten freigelassen wurde. Nun hatte ich +gerade vorher in der Zeitung gelesen, dass ein General E. M. als +Feldzeugmeister in den Ruhestand getreten. Du musst wissen, der Mann +interessiert mich. Während ich als militärärztlicher Eleve diente, kam +er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und sagte zum Arzt: „Sie +müssen mich aber in 8 Tagen gesund machen, denn ich habe etwas zu +arbeiten, worauf der Kaiser wartet.“ Damals nahm ich mir vor, die +Laufbahn des Mannes zu verfolgen, und siehe da, heute (1899) ist er am +Ende derselben, Feldzeugmeister und schon im Ruhestande. Ich wollte +ausrechnen, in welcher Zeit er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an, +dass ich ihn 1882 im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre. Ich +erzähle meiner Frau davon und sie bemerkt: „Da müsstest Du also auch +schon im Ruhestande sein?“ Und ich protestiere: Davor bewahre mich Gott. +Nach diesem Gespräch setze ich mich an den Tisch, um Dir zu schreiben. +Der frühere Gedankengang setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es +war falsch gerechnet; ich habe einen festen Punkt dafür in meiner +Erinnerung. Meine Grossjährigkeit, meinen =24.= Geburtstag also, habe +ich im Militärarrest gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert +hatte). Das war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl +=24= in 2467! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 24 Jahre hinzu, so +bekommst Du die =67=! D. h. auf die Frage, ob ich auch in den Ruhestand +treten will, habe ich mir im Wunsch noch 24 Jahre Arbeit zugelegt. +Offenbar bin ich gekränkt darüber, dass ich es in dem Intervall, durch +das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht weit gebracht habe, und +doch wie in einer Art von Triumph darüber, dass er jetzt schon fertig +ist, während ich noch Alles vor mir habe. Da darf man doch mit Recht +sagen, dass nicht einmal die absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer +Determinierung aus dem Unbewussten entbehrt.“ + +Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar willkürlich +gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch vielmals mit dem nämlichen +Erfolg wiederholt; aber die meisten Fälle sind so sehr intimen Inhalts, +dass sie sich der Mitteilung entziehen. Gerade an diesen Analysen ist +mir zweierlei besonders auffällig: Erstens die geradezu somnambule +Sicherheit, mit der ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in +einen rechnenden Gedankengang versenke, der dann plötzlich bei der +gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, mit der sich die ganze +Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, dass die Zahlen meinem +unbewussten Denken so bereitwillig zur Verfügung stehen, während ich +ein schlechter Rechner bin und die grössten Schwierigkeiten habe, mir +Jahreszahlen, Hausnummern und dergleichen bewusst zu merken. Ich finde +übrigens in diesen unbewussten Gedankenoperationen mit Zahlen eine +Neigung zum Aberglauben, deren Herkunft mir selbst noch fremd ist. Meist +stosse ich auf Spekulationen über die Lebensdauer meiner selbst und der +mir teuren Personen, und bestimmend auf die unbewussten Spielereien muss +eingewirkt haben, dass mein Freund in B. die Lebenszeiten der Menschen +zum Gegenstand seiner auf biologische Einheiten gegründeten Rechnungen +genommen hat. Ich bin nun mit einer der Voraussetzungen, von denen er +hierbei ausgeht, nicht einverstanden, möchte aus höchst egoistischen +Motiven gerne gegen ihn Recht behalten und scheine nun diese Rechnungen +auf meine Art nachzuahmen. + +II. Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich gewählter +Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines anderen Problems +beitragen. Gegen die Annahme eines durchgehenden psychischen +Determinismus berufen sich bekanntlich viele Personen auf ein besonderes +Überzeugungsgefühl für die Existenz eines freien Willens. Dieses +Überzeugungsgefühl besteht und weicht auch dem Glauben an den +Determinismus nicht. Es muss wie alle normalen Gefühle durch irgend +etwas berechtigt sein. Es äussert sich aber, soviel ich beobachten kann, +nicht bei den grossen und wichtigen Willensentscheidungen; bei diesen +Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen Zwanges +und beruft sich auf sie („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“). +Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen, indifferenten +Entschliessungen versichern, dass man ebensowohl anders hätte handeln +können, dass man aus freiem, nicht motiviertem Willen gehandelt hat. +Nach unseren Analysen braucht man nun das Recht des Überzeugungsgefühles +vom freien Willen nicht zu bestreiten. Führt man die Unterscheidung der +Motivierung aus dem Bewussten von der Motivierung aus dem Unbewussten +ein, so berichtet uns das Überzeugungsgefühl, dass die bewusste +Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen +erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so von der einen Seite +frei gelassen wird, das empfängt seine Motivierung von anderer Seite, +aus dem Unbewussten, und so ist die Determinierung im Psychischen doch +lückenlos durchgeführt. + +III. Wenngleich dem bewussten Denken die Kenntnis von der Motivierung +der besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen Sachlage abgehen muss, +so wäre es doch erwünscht, einen psychologischen Beweis für deren +Existenz aufzufinden; ja es ist aus Gründen, die sich bei näherer +Kenntnis des Unbewussten ergeben, wahrscheinlich, dass solche Beweise +irgendwo auffindbar sind. Es lassen sich wirklich auf zwei Gebieten +Phänomene nachweisen, welche einer unbewussten und darum verschobenen +Kenntnis von dieser Motivierung zu entsprechen scheinen. + +a) Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im Verhalten der +Paranoiker, dass sie den kleinen, sonst von uns vernachlässigten Details +im Benehmen der anderen die grösste Bedeutung beilegen, dieselben +ausdeuten und zur Grundlage weitgehender Schlüsse machen. Der letzte +Paranoiker z. B., den ich gesehen habe, schloss auf ein allgemeines +Einverständnis in seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf +dem Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht hatten. Ein +anderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der Strasse gehen, mit +den Spazierstöcken fuchteln u. dgl.[24] + +Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, welche +der Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen Leistungen und +Fehlleistungen gelten lässt, verwirft der Paranoiker also in der +Anwendung auf die psychischen Äusserungen der anderen. Alles, was er an +den anderen bemerkt, ist bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie kommt er +nur dazu? Er projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen, +was im eigenen unbewusst vorhanden ist, hier wie in so vielen ähnlichen +Fällen. In der Paranoia drängt sich eben so vielerlei zum Bewusstsein +durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst durch die Psychoanalyse +als im Unbewussten vorhanden nachweisen.[25] Der Paranoiker hat also +hierin in gewissem Sinne Recht, er erkennt etwas, was dem Normalen +entgeht, er sieht schärfer als das normale Denkvermögen, aber die +Verschiebung des so erkannten Sachverhaltes auf andere macht seine +Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der einzelnen paranoischen +Deutungen wird man dann hoffentlich von mir nicht erwarten. Das Stück +Berechtigung aber, welches wir der Paranoia bei dieser Auffassung der +Zufallshandlungen zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis +der Überzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker an alle diese +Deutungen geknüpft hat. _Es ist eben etwas Wahres daran_; auch unsere +nicht als krankhaft zu bezeichnenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen +zugehörige Überzeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies _Gefühl_ ist +für ein gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die +Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns auf den +übrigen Zusammenhang ausgedehnt. + +b) Ein anderer Hinweis auf die unbewusste und verschobene Kenntnis der +Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet sich in den +Phänomenen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung durch die Diskussion +des kleinen Erlebnisses klar legen, welches für mich der Ausgangspunkt +dieser Überlegungen war. + +Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken alsbald auf +die Kranken, die mich in dem neu beginnenden Arbeitsjahr beschäftigen +sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr alten Dame, bei der ich (siehe +oben) seit Jahren die nämlichen ärztlichen Manipulationen zweimal +täglich vornehme. Wegen dieser Gleichförmigkeit haben sich unbewusste +Gedanken sehr häufig auf dem Wege zu der Kranken und während der +Beschäftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist über 90 Jahre alt; es +liegt also nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres zu fragen, wie lange +sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage, von dem ich erzähle, habe ich +Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor ihr Haus führen soll. Jeder +der Kutscher auf dem Wagenstandplatz vor meinem Hause kennt die Adresse +der alten Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin geführt. Heute +ereignet es sich nun, dass der Kutscher nicht vor ihrem Hause, sondern +vor dem gleichbezifferten in einer nahegelegenen und wirklich ähnlich +aussehenden Parallelstrasse Halt macht. Ich merke den Irrtum und werfe +ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu +bedeuten, dass ich vor ein Haus geführt werde, in dem ich die alte Dame +nicht vorfinde? Für mich gewiss nicht, aber wenn ich _abergläubisch_ +wäre, würde ich in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen +Fingerzeig des Schicksals, dass dies Jahr das letzte für die alte Frau +sein wird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt hat, +sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. _Ich_ erkläre +allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren Sinn. + +Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuss gemacht und dann in +»Gedanken«, in der »Zerstreutheit« vor das Haus der Parallelstrasse +anstatt vors richtige gekommen wäre. Das würde ich für keinen Zufall +erklären, sondern für eine der Deutung bedürftige Handlung mit +unbewusster Absicht. Diesem »_Vergehen_« müsste ich wahrscheinlich die +Deutung geben, dass ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen +erwarte. + +Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in folgendem: + +Ich glaube nicht, dass ein Ereignis, an dessen Zustandekommen mein +Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes über die zukünftige +Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube aber, dass eine +unbeabsichtigte Äusserung meiner eigenen Seelentätigkeit mir allerdings +etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum nur meinem Seelenleben +angehört; ich glaube zwar an äusseren (realen) Zufall, aber nicht an +innere (psychische) Zufälligkeit. Der Abergläubische umgekehrt: er weiss +nichts von der Motivierung seiner zufälligen Handlungen und +Fehlleistungen, er glaubt, dass es psychische Zufälligkeiten gibt; dafür +ist er geneigt, dem äusseren Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die +sich im realen Geschehen äussern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für +etwas draussen ihm Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir +und dem Abergläubischen sind zwei: erstens projiziert er eine +Motivierung nach aussen, die ich innen suche; zweitens deutet er den +Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurückführe. Aber +das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewussten bei mir, und der +Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern ihn zu +deuten, ist uns beiden gemeinsam. + +Ich nehme nun an, dass diese bewusste Unkenntnis und unbewusste Kenntnis +von der Motivierung der psychischen Zufälligkeiten eine der psychischen +Wurzeln des Aberglaubens ist. _Weil_ der Abergläubische von der +Motivierung der eigenen zufälligen Handlungen nichts weiss, und weil die +Tatsache dieser Motivierung nach einem Platz in seiner Anerkennung +drängt, ist er genötigt, sie durch Verschiebung in der Aussenwelt +unterzubringen. Besteht ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf +diesen einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, dass ein +grosses Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die +modernsten Religionen hinein reicht, _nichts anderes ist als in die +Aussenwelt projizierte Psychologie_. Die dunkle Erkenntnis psychischer +Faktoren und Verhältnisse[26] des Unbewussten spiegelt sich -- es ist +schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia muss hier zur +Hilfe genommen werden -- in der Konstruktion einer _übersinnlichen +Realität_, welche von der Wissenschaft in _Psychologie des Unbewussten_ +zurückverwandelt werden soll. Man könnte sich getrauen, die Mythen vom +Paradies und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der +Unsterblichkeit und dgl. in solcher Weise aufzulösen, die _Metaphysik_ +in _Metapsychologie_ umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des +Paranoikers und der des Abergläubischen ist minder gross, als sie auf +den ersten Blick erscheint. Als die Menschen zu denken begannen, waren +sie bekanntlich genötigt, die Aussenwelt anthropomorphisch in eine +Vielheit von Persönlichkeiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; die +Zufälligkeiten, die sie abergläubisch deuteten, waren also Handlungen, +Äusserungen von Personen, und sie haben sich demnach genau so benommen +wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren Anzeichen, die ihnen +die Anderen geben, Schlüsse ziehen, und wie die Gesunden alle, welche +mit Recht die zufälligen und unbeabsichtigten Handlungen ihrer +Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres Charakters machen. Der +Aberglaube erscheint nur so sehr deplaziert in unserer modernen, +naturwissenschaftlichen, aber noch keineswegs abgerundeten +Weltanschauung; in der Weltanschauung vorwissenschaftlicher Zeiten und +Völker war er berechtigt und konsequent. + +Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn ihm ein widriger +Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; er handelte konsequent +nach seinen Voraussetzungen. Wenn er aber von der Unternehmung abstand, +weil er an der Schwelle seiner Tür gestolpert war (»Un Romain +retournerait«), so war er uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein +besserer Seelenkundiger, als wir uns zu sein bemühen. Denn dies Stolpern +konnte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegenströmung in seinem +Innern beweisen, deren Kraft sich im Momente der Ausführung von der +Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des vollen Erfolges ist man +nämlich nur dann sicher, wenn alle Seelenkräfte einig dem gewünschten +Ziel entgegenstreben. Wie antwortet _Schillers_ _Tell_, der so lange +gezaudert, den Apfel vom Haupt seines Knaben zu schiessen, auf die Frage +des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt? + + „Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt' ich -- Euch, + Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, + Und _Euer_ -- wahrlich -- hätt' ich _nicht_ gefehlt.“ + +IV. Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch gebildeten +Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit Analyse vorzutragen, +beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr schön, aber bei mir geht das +Namenvergessen anders zu. So leicht darf man es sich offenbar nicht +machen; ich glaube nicht, dass mein Kollege je vorher an eine Analyse +bei Namenvergessen gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie es bei +ihm anders zugehe. Aber seine Bemerkung trifft doch ein Problem, welches +viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft die hier +gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen allgemein zu oder nur +vereinzelt, und wenn letzteres, welches sind die Bedingungen, unter +denen sie zur Erklärung der auch anderswie ermöglichten Phänomene +herangezogen werden darf? Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich +meine Erfahrungen im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den +aufgezeigten Zusammenhang für selten zu halten, denn so oft ich bei mir +selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich wie in +den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen lassen oder haben sich +wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, ergeben. Es ist nicht zu +verwundern, wenn es nicht alle Male gelingt, den verborgenen Sinn der +Symptomhandlung zu finden, da die Grösse der inneren Widerstände, die +sich der Lösung widersetzen, als entscheidender Faktor in Betracht +kommt. Man ist auch nicht imstande, bei sich selbst oder bei den +Patienten jeden einzelnen Traum zu deuten; es genügt, um die +Allgemeingiltigkeit der Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück +weit in den verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, der +sich beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär zeigt, lässt +sich oft eine Woche oder einen Monat später sein Geheimnis entreissen, +wenn eine unterdes erfolgte reale Veränderung die mit einander +streitenden psychischen Wertigkeiten herabgesetzt hat. Das nämliche gilt +für die Lösung der Fehl- und Symptomhandlungen; das Beispiel von +Verlesen „Im Fass durch Europa“ auf Seite 32 hat mir die Gelegenheit +gegeben zu zeigen, wie ein anfänglich unlösbares Symptom der Analyse +zugänglich wird, wenn das _reale Interesse_ an den verdrängten Gedanken +nachgelassen hat. So lange die Möglichkeit bestand, dass mein Bruder den +beneideten Titel vor mir erhielte, widerstand das genannte Verlesen +allen wiederholten Bemühungen der Analyse; nachdem es sich +herausgestellt hatte, dass diese Bevorzugung unwahrscheinlich sei, +klärte sich mir plötzlich der Weg, der zur Auflösung desselben führte. +Es wäre also unrichtig, von all den Fällen, welche der Analyse +widerstehen, zu behaupten, sie seien durch einen anderen als den hier +aufgedeckten psychischen Mechanismus entstanden; es brauchte für diese +Annahme noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden +wahrscheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere +Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist jeder +Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äusserung +derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt haben, und +die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, gegen dessen +Aufhellung aber sträuben. + +Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, dass die verdrängten +Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in Symptom- und Fehlhandlungen +ja nicht selbständig schaffen. Die technische Möglichkeit für solches +Ausgleiten der Innervationen muss unabhängig von ihnen gegeben sein; +diese wird dann von der Absicht des Verdrängten, zur bewussten Geltung +zu kommen, gerne ausgenützt. Welche Struktur- und Funktionsrelationen es +sind, die sich solcher Absicht zur Verfügung stellen, das haben für den +Fall der sprachlichen Fehlleistung (vgl. Seite 17) eingehende +Untersuchungen der Philosophen und Philologen festzustellen sich bemüht. +Unterscheiden wir so an den Bedingungen der Fehl- und Symptomhandlung +das unbewusste Motiv von den ihm entgegenkommenden physiologischen und +psychophysischen Relationen, so bleibt die Frage offen, ob es innerhalb +der Breite der Gesundheit noch andere Momente gibt, welche, wie das +unbewusste Motiv und an Stelle desselben, auf dem Wege dieser Relationen +die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen vermögen. Es liegt nicht auf +meinem Wege, diese Frage zu beantworten. + +V. Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir uns begnügt, zu +beweisen, dass die Fehlleistungen eine verborgene Motivierung haben, und +uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse den Weg zur Kenntnis dieser +Motivierung gebahnt. Die allgemeine Natur und die Besonderheiten der in +den Fehlleistungen zum Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben +wir bisher fast ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht +versucht, dieselben näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmässigkeit zu +prüfen. Wir werden auch jetzt keine gründliche Erledigung des +Gegenstandes versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald belehrt +haben, dass man in dies Gebiet besser von anderer Seite einzudringen +vermag. Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, die ich wenigstens +anführen und in ihrem Umfang umschreiben will. 1. Welches Inhalts und +welcher Herkunft sind die Gedanken und Regungen, die sich durch die +Fehl- und Zufallshandlungen andeuten? 2. Welches sind die Bedingungen +dafür, dass ein Gedanke oder eine Regung genötigt und in den Stand +gesetzt werde, sich dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 3. +Lassen sich konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der +Fehlhandlung und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck Gebrachten +nachweisen? + +Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten Frage +zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele von Versprechen haben +wir es für nötig gefunden, über den Inhalt der intendierten Rede +hinauszugehen, und haben die Ursache der Redestörung ausserhalb der +Intention suchen müssen. Dieselbe lag dann in einer Reihe von Fällen +nahe und war dem Bewusstsein des Sprechenden bekannt. In den scheinbar +einfachsten und durchsichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt +klingende andere Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck +störte, ohne dass man hätte angeben können, warum die eine unterlegen, +die andere durchgedrungen war (Kontaminationen von _Meringer_ und +_Mayer_). In einer zweiten Gruppe von Fällen war das Unterliegen der +einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht, die sich aber nicht stark +genug zur völligen Zurückhaltung erwies (»zum Vorschwein gekommen«). +Auch die zurückgehaltene Fassung war klar bewusst. Von der dritten +Gruppe erst kann man ohne Einschränkung behaupten, dass hier der +störende Gedanke von dem intendierten verschieden war, und kann hier +eine, wie es scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der +störende Gedanke ist entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziation +verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm +wesensfremd, und durch eine befremdende _äusserliche_ Assoziation ist +gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der oft unbewusst +ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus meinen Psychoanalysen bei +Patienten gebracht habe, steht die ganze Rede unter dem Einfluss +gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewusster Gedanken, die +sich entweder durch die Störung selbst verraten (_Klapper_schlange -- +_Kleopatra_) oder einen indirekten Einfluss äussern, indem sie +ermöglichen, dass die einzelnen Teile der bewusst intendierten Rede +einander stören (_Ase natmen_: wo _Hasenauer_strasse, Reminiszenzen an +eine Französin dahinter stehen). Die zurückgehaltenen oder unbewussten +Gedanken, von denen die Sprechstörung ausgeht, sind von der +mannigfaltigsten Herkunft. Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese +Überschau also nach keiner Richtung. + +Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Verlesen und Verschreiben +führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle scheinen wie beim +Versprechen einer weiter nicht motivierten Verdichtungsarbeit ihr +Entstehen zu danken (z. B.: der _Apfe_). Man möchte aber gern erfahren, +ob nicht doch besondere Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine +solche Verdichtung, die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen +Denken fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt hierüber aus den +Beispielen selbst keinen Aufschluss. Ich würde es aber ablehnen, hieraus +den Schluss zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen als etwa den +Nachlass der bewussten Aufmerksamkeit, da ich von anderswoher weiss, +dass sich gerade automatische Verrichtungen durch Korrektheit und +Verlässlichkeit auszeichnen. Ich möchte eher betonen, dass hier, wie so +häufig in der Biologie, die normalen oder dem Normalen angenäherten +Verhältnisse ungünstigere Objekte der Forschung sind als die +pathologischen. Was bei der Erklärung dieser leichtesten Störungen +dunkel bleibt, wird nach meiner Erwartung durch die Aufklärung +schwererer Störungen Licht empfangen. + +Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, welche +eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen lassen. »Im +Fass durch Europa« ist eine Lesestörung, die sich durch den Einfluss +eines entlegenen, wesensfremden Gedankens aufklärt, welcher einer +verdrängten Regung von Eifersucht und Ehrgeiz entspringt, und den +»Wechsel« des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem +gleichgiltigen und harmlosen Thema, das gelesen wurde, benützt. Im Falle +_Burckhard_ ist der Name selbst ein solcher »Wechsel«. + +Es ist unverkennbar, dass die Störungen der Sprechfunktionen leichter +zustande kommen und weniger Anforderungen an die störenden Kräfte +stellen als die anderer psychischer Leistungen. + +Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens im +eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen Erlebnissen +(das Vergessen von Eigennamen und Fremdworten, wie in den Abschnitten I +und II könnte man als »Entfallen«, das von Vorsätzen als »Unterlassen« +von diesem Vergessen sensu strictiori absondern). Die Grundbedingungen +des normalen Vorgangs beim Vergessen sind unbekannt. Man wird auch daran +gemahnt, dass nicht alles vergessen ist, was man dafür hält. Unsere +Erklärung hat es hier nur mit jenen Fällen zu tun, in denen das +Vergessen bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt, +dass Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt wird. +Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach einer besonderen +Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als Motiv des Vergessens +jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche Empfindungen +erwecken kann. Wir gelangen zur Vermutung, dass dieses Motiv im +psychischen Leben sich ganz allgemein zu äussern strebt, aber durch +andere gegenwirkende Kräfte verhindert wird, sich irgendwie regelmässig +durchzusetzen. Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen +peinliche Eindrücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung +wert zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das +allgemein angestrebte Vergessen in einzelnen Fällen ermöglichen, ist aus +diesem weiteren Zusammenhange nicht zu lösen. + +Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in den +Vordergrund; der beim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden nur +vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei der Analyse +der Beispiele regelmässig einen Gegenwillen, der sich dem Vorsatze +widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher besprochenen +Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen des psychischen +Vorgangs; der Gegenwille kehrt sich entweder direkt gegen den Vorsatz +(bei Absichten von einigem Belang), oder er ist dem Vorsatz selbst +wesensfremd und stellt seine Verbindung mit ihm durch eine _äusserliche_ +Assoziation her (bei fast indifferenten Vorsätzen). + +Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. Der Impuls, +der sich in der Störung der Handlung äussert, ist häufig ein +Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, der nur die +Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der Handlung durch eine +Störung derselben zum Ausdruck zu bringen. Die Fälle, in denen die +Störung durch einen inneren Widerspruch erfolgt, sind die bedeutsameren +und betreffen auch die wichtigeren Verrichtungen. + +Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptomhandlungen +immer mehr zurück. Diese vom Bewusstsein gering geschätzten oder ganz +übersehenen motorischen Aeusserungen dienen so mannigfachen unbewussten +oder zurückgehaltenen Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist +Phantasien oder Wünsche symbolisch dar. -- + +Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen seien, die +sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, lässt sich sagen, dass +in einer Reihe von Fällen die Herkunft der störenden Gedanken von +unterdrückten Regungen des Seelenlebens leicht nachzuweisen ist. +Egoistische, eifersüchtige, feindselige Gefühle und Impulse, auf denen +der Druck der moralischen Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden +nicht selten des Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene, +aber von höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie +zu äussern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen +entspricht zum guten Teil einer bequemen Duldung des Unmoralischen. +Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die mannigfachen sexuellen +Strömungen keine geringfügige Rolle. Es ist ein Zufall des Materials, +wenn gerade sie so selten unter den durch die Analyse aufgedeckten +Gedanken in meinen Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend Beispiele +aus meinem eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die +Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluss des Sexuellen +gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose Einwendungen und +Rücksichten zu sein, aus denen die störenden Gedanken entspringen. + +Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, welche +psychologischen Bedingungen dafür gelten, dass ein Gedanke seinen +Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam parasitärer als +Modifikation und Störung eines anderen suchen müsse. Es liegt nach den +auffälligsten Beispielen von Fehlhandlung nahe, diese Bedingung in einer +Beziehung zur Bewusstseinsfähigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder +entschieden ausgeprägten Charakter des »Verdrängten«. Aber die +Verfolgung durch die Reihe der Beispiele löst diesen Charakter in immer +mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas als +zeitraubend hinwegzukommen, -- die Erwägung, dass der betreffende +Gedanke nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört, -- scheinen als +Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens, der dann auf den Ausdruck +durch Störung eines anderen angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen +wie die moralische Verurteilung einer unbotmässigen Gefühlsregung oder +die Abkunft von völlig unbewussten Gedankenzügen. Eine Einsicht in die +allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen lässt +sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache +wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je harmloser die Motivierung +der Fehlleistung ist, je weniger anstössig und darum weniger +bewusstseinsunfähig der Gedanke ist, der sich in ihr zum Ausdruck +bringt, desto leichter wird auch die Auflösung des Phänomens, wenn man +ihm seine Aufmerksamkeit zugewendet hat; die leichtesten Fälle des +Versprechens werden sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um +Motivierung durch wirklich verdrängte Regungen handelt, da bedarf es zur +Lösung einer sorgfältigen Analyse, die selbst zeitweise auf +Schwierigkeiten stossen oder misslingen kann. + +Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Untersuchung +als einen Hinweis darauf zu nehmen, dass die befriedigende Aufklärung +für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und Zufallshandlungen auf +einem anderen Wege und von anderer Seite her zu gewinnen ist. Der +nachsichtige Leser möge daher in diesen Auseinandersetzungen den +Nachweis der Bruchflächen sehen, an denen dieses Thema ziemlich +künstlich aus einem grösseren Zusammenhange herausgelöst wurde. + +VI. Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach diesem weiteren +Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus der Fehl- und Zufallshandlungen, +wie wir ihn durch die Anwendung der Analyse kennen gelernt haben, zeigt +in den wesentlichsten Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus +der Traumbildung, den ich in dem Abschnitt »Traumarbeit« meines Buches +über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die Verdichtungen und +Kompromissbildungen (Kontaminationen) findet man hier wie dort; die +Situation ist die nämliche, dass unbewusste Gedanken sich auf +ungewöhnlichen Wegen, über äusserliche Assoziationen, als Modifikation +von anderen Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Ungereimtheiten, +Absurditäten und Irrtümer des Trauminhaltes, denen zufolge der Traum +kaum als Produkt psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf +dieselbe Weise, freilich mit freierer Benützung der vorhandenen Mittel, +wie die gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; _hier wie dort löst sich +der Anschein inkorrekter Funktion durch die eigentümliche Interferenz +zweier oder mehrerer korrekter Leistungen_. Aus diesem Zusammentreffen +ist ein wichtiger Schluss zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise, +deren auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf nicht auf +den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, wenn wir in den +Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für ihre Wirksamkeit während des +wachen Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang verbietet uns auch, +tiefgreifenden Zerfall der Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der +Funktion als die Bedingung dieser uns abnorm und fremdartig +erscheinenden psychischen Vorgänge anzusehen[27]. + +Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, welche die +Fehlhandlungen wie die Traumbilder entstehen lässt, wird uns erst +ermöglicht, wenn wir erfahren haben, dass die psychoneurotischen +Symptome, speziell die psychischen Bildungen der Hysterie und der +Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus alle wesentlichen Züge dieser +Arbeitsweise wiederholen. An dieser Stelle schlösse sich also die +Fortsetzung unserer Untersuchungen an. Für uns hat es aber noch ein +besonderes Interesse, die Fehl-, Zufalls- und Symptomhandlungen in dem +Lichte dieser letzten Analogie zu betrachten. Wenn wir sie den +Leistungen der Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen, +gleichstellen, gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, dass die +Grenze zwischen nervöser Norm und Abnormität eine fliessende, und dass +wir alle ein wenig nervös seien, Sinn und Unterlage. Man kann sich vor +aller ärztlicher Erfahrung verschiedene Typen von solcher bloss +angedeuteten Nervosität -- von formes frustes der Neurosen -- +konstruieren: Fälle, in denen nur wenige Symptome, oder diese selten +oder nicht heftig auftreten, die Abschwächung also in die Zahl, in die +Intensität, in die zeitliche Ausbreitung der krankhaften Erscheinungen +verlegen; vielleicht würde man aber gerade den Typus nicht erraten, +welcher als der häufigste den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit +zu vermitteln scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen +Krankheitsäusserungen die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet +sich nämlich dadurch aus, dass die Symptome in die mindest wichtigen +psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren +psychischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich geht. Die +gegenteilige Unterbringung der Symptome, ihr Hervortreten an den +wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, so dass sie +Nahrungsaufnahme und Sexualverkehr, Berufsarbeit und Geselligkeit zu +stören vermögen, kommt den schweren Fällen von Neurose zu und +charakterisiert diese besser als etwa die Mannigfaltigkeit oder die +Lebhaftigkeit der Krankheitsäusserungen. + +Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwersten Fälle, +an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil haben, liegt in der +_Rückführbarkeit der Phänomene auf unvollkommen unterdrücktes +psychisches Material, das vom Bewusstsein abgedrängt, doch nicht jeder +Fähigkeit, sich zu äussern, beraubt worden ist_. + + [24] Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beurteilung + unwesentlicher und zufälliger Äusserungen bei anderen zum + „Beziehungswahn“ gerechnet. + + [25] Die durch Analyse bewusst zu machenden Phantasieen der Hysteriker + von sexuellen und grausamen Misshandlungen decken sich z. B. + gelegentlich bis ins Einzelne mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es + ist bemerkenswert, aber nicht unverständlich, wenn der identische + Inhalt uns auch als Realität in den Veranstaltungen Perverser zur + Befriedigung ihrer Gelüste entgegentritt. + + [26] Die natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat. + + [27] Vgl. hierzu „Traumdeutung“ p. 362. + + + + +[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei +jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile +steht. + +wir unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel. +wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel. + +in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_ _Liquidation_, +in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_, + +Eigennamen, hier um komplete Eindrücke, um entweder in der Realität +Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, um entweder in der Realität + +den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen Hauptkatogorien noch +den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen Hauptkategorien noch + +einige minder wichtige (oder für unserere Zwecke minder bedeutsame) +einige minder wichtige (oder für unsere Zwecke minder bedeutsame) + +daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.« +daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der =L=age u. s. f.«« + +Monat. „Das „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von +Monat.“ Das „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von + +man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. »Man erinnert +man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert + +österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: „Hohes +österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _eröffnete_: »Hohes + +erkläre somit die Sitzung für »_geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit +erkläre somit die Sitzung für _geschlossen_!« Die allgemeine Heiterkeit + +Laute und Worte desselben Satzes enstehen kann, die zum +Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum + + (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärthnerstrasse gemahnt, + (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Kärnthnerstrasse gemahnt, + +Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewisssen Zeit für +Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für + +austauschen. Was dem einem fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der +austauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der + +»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt gewöhnt +bin. +»Löschpapier« zu schreiben, aber »Fliesspapier« zu sagen gewöhnt bin. + + Geld von sich zu tun -- Mit den intimsten und am wenigsten klar + Geld von sich zu tun. -- Mit den intimsten und am wenigsten klar + +c) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe +d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe + +Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, we nndie unbewusste einen +Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen + + Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegend + Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen fördernd entgegen + +Entstellung, die schliessslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der +Entstellung, die schliesslich auf Verdrängtem fusst. Ich bin bei der + +anstatt vors richtige gekommen wäre Das würde ich für keinen Zufall +anstatt vors richtige gekommen wäre. Das würde ich für keinen Zufall + +»Wechsel» des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem +»Wechsel« des Wortes »_Beförderung_« zur Verknüpfung mit dem +] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Zur Psychopathologie des Alltagslebens, by +Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR PSYCHOPATHOLOGIE *** + +***** This file should be named 24429-0.txt or 24429-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/4/2/24429/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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