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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Inselbauern + oder Die Leute auf Hemsoe + +Author: August Strindberg + +Translator: Emil Schering + +Release Date: January 20, 2008 [EBook #24371] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN *** + + + + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + + + August Strindberg + + + + Die Inselbauern + + oder + + Die Leute auf Hemsö + + + + Aus dem Schwedischen übertragen von + + Emil Schering + + + + Volksausgabe + + + [Verlags-Logo] + + + + + München und Leipzig bei Georg Müller + + + + Deutsche Originalausgabe + gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe + unter Mitwirkung von Emil Schering als Übersetzer + vom Dichter selbst veranstaltet + Geschützt durch die Gesetze und Verträge + Alle Rechte vorbehalten + Copyright by Georg Müller, München 1918 + + + + + Gebunden in Rennersches Buntpapier + + + + +Die erste vollständige Ausgabe + +Als Strindberg 1887 das Manuskript dieses Romans dem stockholmer +Verleger übersandte, strich dieser vor dem Druck nicht weniger als 22 +Stellen, die ihm für schwedische Magen zu kräftig erschienen, trotzdem +der Dichter gegen diese Vergewaltigung protestierte. Erst nach dem +Tode Strindbergs sind diese 22 Stellen aus dem Nachlasse ans Licht +gekommen, aber auch jetzt noch nicht dem Romane eingefügt worden. +Diese deutsche Übersetzung ist also die erste vollständige Ausgabe des +Werkes. + + 1917 + + _Emil Schering_ + + + + + Übersicht + Seite + _Einleitung_ + + Das Inselmeer 1 + + _Erstes Kapitel_ + + Carlsson geht in Dienst + und wird für einen Schwätzer gehalten 11 + + _Zweites Kapitel_ + + Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft; + der gute Hirte und die bösen Schafe; + die Schnepfen, die ihr Teil bekamen, + und der Knecht, der die Kammer bekam 27 + + _Drittes Kapitel_ + + Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, + wird Herr auf dem Hofe, + duckt die jungen Hähne + und tritt seine Hühner selbst 47 + + _Viertes Kapitel_ + + Es poltert zur Hochzeit; + die Alte wird ums Geld genommen 81 + + _Fünftes Kapitel_ + + Man schlägt sich beim dritten Aufgebot, + geht zum Abendmahl + und hält Hochzeit, + kommt aber doch nicht ins Brautbett 113 + + _Sechstes Kapitel_ + + Veränderte Verhältnisse + und veränderte Ansichten; + die Landwirtschaft geht zurück + und der Grubenbau blüht 155 + + _Siebentes Kapitel_ + + Carlsson wahrträumt; + der Sekretär wird bewacht, + aber der Tod kommt + und macht einen Strich durch alles 177 + + + + + + +Einleitung + +Das Inselmeer von Stockholm, die »Schären«, aus welcher Gegend ich +Scenerien und Motive für dieses Buch geholt habe, hat immer eine +besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht weil meine +engere Heimat, Stockholm und Umgebung, selbst einen Teil dieser +Schären bildet. Der Mälar war ja ursprünglich ein Meeresarm, der durch +die Wasserläufe bei Södra Telje und Stocksund bei Stockholm in +Verbindung mit dem Meere stand; die Kettenschäre, der jetzige +Ritterholm, erinnerte ja durch ihren Namen an ihre älteste Natur, die +einer Schäre; wie man noch bei einer Fahrt durch den Mälar mit seinen +Tausenden von Inseln und Holmen an die Landschaft erinnert wird, die, +eine Mischung von Land und Wasser, östlich von der schwedischen +Hauptstadt sich etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt. + +Dieser ganze zerrissene Küstenstrich ruht zum allergrößten Teil auf +der Urformation: Gneis, Granit und Eisenerzen; von den letzten hat man +nur die von Utö reich genug gefunden, um sie zu bearbeiten. Die +Granitvarietät Pegmatit tritt zuweilen in so großen Mengen aus, daß +sie des Feldspats wegen gewonnen wird, den die Porzellanfabriken +benutzen. + +Die Abwesenheit der jüngeren Formationen, mit ihren horizontalen +Lagerungen in hellen, leichten Farbentönen, verleiht der +Schärenlandschaft diesen Zug von Wildheit und Düsterkeit, der die +Urformation begleitet. Die Landschaftskontur wird durch die +losgerissenen, rohen, unregelmäßigen Blöcke kamm- und wogenförmig auf +den Höhen; flach, höckerig, holperig, wo das Meer seine Schleifarbeit +ausgeführt hat. Die partielle Schieferhaltigkeit des Gneises setzt +auch die Strandklippen so der Sprengarbeit des Eises aus, daß Grotten, +Höhlungen und tiefe Spalten das Wilde des Landschaftscharakters +steigern; der wird dadurch niemals einförmig wie die Kalk- oder +Sandsteinfalaises der französischen Nordküste. + +Diese Wildheit wird jedoch jäh unterbrochen durch die reiche Erde von +der Quartärperiode mit Moränenschutt und Glaciallehm, Schneckensand, +Mooshumus und Tangverwandlungen; deren Fruchtbarkeit wird oft durch +Abfall von den Großfischzügen der Jahrtausende, die reichen Schlamm +auf den Versandungen bilden, und draußen auf den Kobben durch den +Guano der Seevögel vermehrt. Auf dieser Erdschicht wachsen Kiefer und +Fichte, obwohl die Gotik der Fichte der Natur den inneren Schären +ihren mehr hervortretenden Charakter verleiht, während die Kiefer +abgehärteter ist und ganz weit hinaus bis an den Meeresrand geht, sich +auf den letzten Klippen nach dem am meisten herrschenden Wind drehend. + +In den Niederungen wird der Wiesenboden besonders prachtvoll durch +Anschlämmungen und Salzwasser, und die natürliche Wiese bietet eine +reiche Blumenflora mit allen wilden Prachtpflanzen des mittleren +Schwedens, von denen vielleicht die Orchideen und die Mehlprimel die +vornehmsten sind. An den Ufern leuchten Lythrum und Lysimachia, in den +Wäldern wächst die Blaubeere, auf den offenen Felsenplatten die +Preiselbeere, und in den Mooren ist die Multbeere nicht selten. +Tiefliegende Inseln mit besserem Boden nehmen durch den Reichtum an +Laubbäumen und Büschen einen besonders lächelnden Charakter an. Die +Eiche belebt hier mit ihren weichen Linien und ihrem sehr hellen Laub +die Nadelholzlandschaft. Und der Hag, diese Eigentümlichkeit des +Nordens, eine Kreuzung von Wald, Unterholz und Wiese, ist vielleicht +das Lieblichste, das man sehen kann, wenn unter einer Mischung von +Birke und Nadelbaum die Haselbüsche eine Laube über dem Fahrweg +bilden; er trägt hier den Namen »Drog«. Es sind Stücke eines +englischen Parks, durch die man spaziert, bis man auf die Strandklippe +mit ihren Fichten und Kiefern stößt, auf Torfmoos und die +Sandniederlage der Meeresbucht mit ihrem Tanggürtel. Schiebt sich eine +Bucht weiter ins Land hinein, ist sie immer von Erlen und reichen +Schilfbänken schön eingefaßt. + +Diese Abwechslung von Düsterm und Lächelndem, von Ärmlichem und +Reichem, von Lieblichem und Wildem, vom Binnenland und Meeresküste +macht Schwedens östliches Inselmeer so fesselnd. Dazu kommt, daß die +meist steinigen Ufer das Wasser rein und durchsichtig halten; auch wo +der Sand ins Meer hinausgeht, ist er so schwer und so rein, daß ein +Badender sich nicht zu ekeln braucht, wie an der französischen +Nordküste, wo ein Meerbad ein Schlammbad ist. Man entgeht hier den +meisten Nachteilen des offenen Meeres und genießt die meisten Vorteile +des Binnenlandes; ein Vorzug, den das östliche Inselmeer vor der +zerklüfteten öden Westküste hat. + +Die wilde Tierwelt weist keine Raubtiere beunruhigender Natur auf. +Fuchs, Luchs, Hermelin sind die grimmigsten. Glänzende Jagdgelegenheiten +bietet der Elch, der hierher geflüchtet ist und in den Sümpfen und +Wäldern der größern Inseln sein Standquartier aufgeschlagen hat. Dachs, +Hase, Otter, Seehund lassen auch ihr Fell, und die Hasenjagd auf der +Bischofsinsel ist berühmt. + +Von den Vögeln des Waldes sind Birkhuhn und Auerhuhn sehr zahlreich, +können aber von den Eingeborenen nicht gejagt werden; die haben keine +Hunde der rechten Art und widmen sich ausschließlich dem Schießen von +Seevögeln, am liebsten mit dem Balban; dabei wird die streichende +Eider nicht geschont, die brütende dagegen sorgsam gepflegt, wenn auch +das eine oder das andere Ei bei einer längeren Jagdtour Proviant +liefern muß. Aus dem Holk nimmt man meist der Sägegans Eier fort, die +sich geduldig als Leghenne benutzen läßt. + +Das Fleisch der Eider wird gut, wenn man die fette Haut abzieht und +den Vogel eine Nacht in Milch legt. Es schmeckt dann wie +Renntierbraten und hat allen Trangeschmack verloren. Ebenso werden +auch Sägegans, Kolbentaucher und Samtente behandelt, die recht +schmackhaft sind, besonders wenn sie gleich der Ente mit Petersilie +gespickt werden. + +Der schlimmste Raubvogel ist der Fischadler, der unter den Hechten in +dem seichten Wasser der Schilfbucht Verheerungen anrichtet. Der +Seeadler ist seltener zu sehen und jagt am liebsten am offenen Meere. + +Unangenehm und zuweilen gefährlich ist die häufig vorkommende +Kreuzotter, die man sowohl im Blaubeerbusch wie am Strand trifft, +beinahe überall, kann man sagen; und ihre Kühnheit draußen auf den +äußeren Schären ist so groß, daß sie sich auf dem Schwanz erhebt und +durch Hiebe Fischer hindern will, aus dem Boot zu steigen. Das Volk +schont sie nicht, obgleich es glaubt, sie sauge Gift aus der Erde, und +eine Ehrfurcht vor der anderswo angebeteten Natter zeigt der +Schärenmann nicht. + + * * * * * + +In dieser Provinz von umflossenen Inseln lebt nun eine Bevölkerung, +die man nach den Vermögensverhältnissen in drei Klassen einteilen +könnte: die Landwirtschaft treiben, meist auf den großen Inseln +wohnend; die den Boden bebauen und fischen, oder die Mittelklasse; und +schließlich die eigentlichen Schärenmänner, die meist vom Fischen und +Jagen leben, daneben aber eine Kuh, ein Schaf, einige Hühner füttern. + +Die Landwirtschaft ist dort, wo sie betrieben werden kann, durchaus +nicht schlecht. Prächtiger Lehmboden gibt einen guten Weizen, und auch +der kleine Bauer hat doch immer etwas Spelt zum Hausbedarf übrig. Die +Salzseeweide ist berühmt, und die Butter wird ausgezeichnet von den +kali- und natronhaltigen Strandgewächsen, außer denen die Kühe ja +immer die grenzenlose Salzlake zur Verfügung haben. Das Fleisch des +Hammels wird von dem kurzen Gras der hohen Weideufer fest und lecker, +wie das französische +pré-salé+ auf ähnlichem Boden. + +Dazu kommt ein verhältnismäßig mildes Klima, das bedeutend von dem des +Binnenlandes auf gleichem Breitengrad abweicht. Der Frühling kommt +später, oft vierzehn Tage später als in Stockholm, so daß der +Sommergast im selben Jahre zwei Male das Ausschlagen der Bäume erleben +kann; und der Herbst tritt später ein, weil das Meer dann erwärmt ist +und als Heizapparat dient. Einen Nachteil beim Klima der Schären hat +man bemerkt; das ist der trockene Vorsommer und der regnerische +Nachsommer; dadurch leidet die Säe- und Wachszeit unter Trockenheit, +die Mäh- und Erntezeit unter Regen. Besonders mildes Klima hat die +Gegend von Nynäs, wo der Efeu wild überwintert und der Wein oft am +Spalier reift. + +Für den Fischer oder den eigentlichen Schärenmann sind natürlich die +Früchte des Meeres von größerer Bedeutung, und den Großfischfang +bildet der Strömling, der Hering der Ostsee; in ungeheuern Netzen wird +er gefangen, die auf tiefliegendem Grund im Frühling und Herbst +verankert werden. Sonst wird Hecht und Barsch im Schleppgarn gefangen, +der Hecht auch mit Legangel und der Barsch im Netz. Die Flundern, die +von geringerm Wert sind, werden im Netz gefangen, der Aal wird +gestochen oder in die Reuse gelockt. Die Quappe wird mit einer Keule +geschlagen bei durchsichtigem Eis, durch das man das schleimige +häßliche Ding bemerken kann, wie es auf dem Boden liegt. + +Gegenstand eines ganz besonderen Sports, der Badfischen heißt, ist der +Kühling. Wenn das Wasser im Nachsommer in den Buchten erwärmt ist, +kommt nämlich der Kühling in die Höhe, um zu baden, wie man es nennt. +Zu dieser Zeit wird auf den Landzungen von Baumwipfeln Ausguck +gehalten; wenn der Beobachter merkt, daß das Wasser sich belebt, gibt +er den Kameraden ein Zeichen; die kommen nun mit ihren flachen Kähnen +von beiden Landzungen, die Ruderschäfte mit wollenen Strümpfen gut +umwunden, damit der Fisch nicht verscheucht wird; dann spannt man das +Netz über die Mündung der Bucht, mit der Wirkung, die es haben kann. + + * * * * * + +Die Bevölkerung dieser isolierten, gut versteckten kleinen Welt, die +keine regelmäßigen Verkehrsverbindungen hat, scheint in mehr als einer +Hinsicht sehr gemischt zu sein. Eine beständige Auslese hat sich nämlich +immer von selbst vollzogen, dergestalt, daß der intelligenteste Teil der +Jugend zur Flotte, zum Lotsenamt, zum Zoll gegangen ist. Die +zurückbleibenden, seßhafteren, ruhigeren Geister haben das Gewerbe der +Väter fortgesetzt oder sind nach Stockholm gegangen oder haben im Innern +des Landes einen Dienst gesucht; die Schären sind kein sicherer Ort +gewesen, wo man Familien und Grundbesitz begründen konnte, da das Land +dem Feinde offen liegt und Besitzrecht wie Leben nicht gerade den Schutz +des entfernt wohnenden Rechtspflegers genießen. Es fehlt darum jede Spur +von Lokalpatriotismus, wenn auch der Einwanderer die gewöhnlichen +Schwierigkeiten zu bekämpfen hat. + +Nach Ortsnamen, Typen, Gewohnheiten zu urteilen, scheint dieses +Inselmeer eine Art Zufluchtsort für allerlei Leute aus dem Innern des +Landes gewesen zu sein, die aus der einen oder der andern Ursache die +Einsamkeit aufsuchten. Eine eigentliche Mundart ist nicht zu spüren, +aber eine Mischung von vielen, und viele einfache Sitten und +Rechtsbegriffe aus dem Naturstadium deuten darauf, daß sich hier +draußen, weit entfernt von der Gesellschaft, ungesellige, für +geordnetes Zusammenleben schwer zugängliche Freiluftliebhaber oder +ganz einfach praktische Gegner des geordneten Kriegsdienstes und +Zollwesens zusammengefunden haben. Die Geschichten, wie gewisse Inseln +erworben wurden, scheinen sich auch um Kapern, merkwürdige Seetaten, +auch Privatdienste für königliche Personen zu drehen; und die +Grundbücher sollen an gewissen Stellen nicht recht sicher sein, ob der +Boden der Krone gehört oder zinspflichtig ist. + +Andere Zeichen finden sich auch, die auf Einwanderungen oder +vielleicht nur Landungen von Finnen, Esthen, Russen und dergleichen +Morgenländer deuten. Besonders hegt man noch heute einen entschiedenen +Widerwillen gegen die Esthen, diese Schattenfiguren, die, an sich +grau, in grauen Fahrzeugen, die wie aus alten zerfallenen Planken +zusammengeschlagen sind und ein Takelwerk aus geflickten Kohlensäcken +haben, ausgespukt kommen. Wenn ein solcher fliegender Holländer aus +einer Kobbe an Land geht, rudert der Fischer gern hinaus und sieht +nach, ob das Feuer auch gut gelöscht ist; und er appelliert lieber an +die Branntweinflasche als an die Flinte solchen Vagabunden des Meeres +gegenüber, von denen man, mit oder ohne Grund, annimmt, daß sie Salz +nach Rußland schmuggeln. + +Vermögende Schärenleute gibt es, aber viele sind der Armut nahe, und +einige äußerst arm, des Winters von Salzlake, Heringsköpfen und +Kartoffeln lebend. Das Gewerbe des Fischers, das dem des Spielers +gleicht, erzieht nicht zur Sparsamkeit. Ein Fang macht ihn heute +vermögend, und der Glaube ans Glück entsteht sofort mit seinen +gefährlichen Folgen. + +Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der Schärenmann in +der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und aus wirtschaftlichen Gründen +spricht er lieber frei, als daß er verurteilt; auch in der Hoffnung, +selbst freigesprochen zu werden, wenn sein Unglück kommt. Diese +Nachsicht mit den Verbrechen anderer habe ich nie schöner ausdrücken +hören als damals, wie die Nachbarn erzählten, ein Mörder habe einst, +als er seine Frau ertränkte, einen »Fehltritt« begangen. + +Der Schärenmann ist ein Einsiedler; hat weit zum Gericht, weit zur +Kirche, weit zur Schule; weit zu den Nachbarn und weit zur Stadt. Der +Badeort ist sein nächster Kulturmittelpunkt; dort aber lernt er nur den +Luxus kennen und beneidet Menschen, die er drei Monate Feste feiern +sieht; denn die arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er +nicht. In der Einsamkeit würde er Denker werden, wenn er Anleitung +hätte; statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt er in seinem +Gewerbe sein kann, wie klarsehend im Alltagsleben, wird er leicht ein +Raub subjektiver Wahrnehmungen, wird »fernsichtig«, ein Sonderling, wie +der Küster auf Ronö; macht fehlerhafte Schlußfolgerungen, sehr oft +Ursache und Wirkung verwechselnd; z. B. wenn es sich gut fischt, nachdem +das Geldstück unter den Stein gelegt worden, ist das Geldstück die +mächtige Ursache. Er ist abergläubisch, und das Heidentum sitzt so tief +in ihm, daß die Symbole der christlichen Kirche für ihn noch +gleichbedeutend mit Beschwörungen, Besprechungen, Zauberei sind. + +Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen +Forderungen der Natur auf, wo nicht wirtschaftliche Berechnung als +Faktor mitspricht. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist +ungezwungen; die Ehe wird gewöhnlich mit dem Kind geschlossen, wenn +das Mädchen Wort hält und zur Gründung einer Familie geneigt ist. Ist +das aber nicht der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die +mit dem vollständigen Verschwinden des Kindes und andern Geschichten +enden können; die kommen der ganzen Welt zu Ohren, nur nicht dem +Amtmann, der übrigens nichts machen kann, da er keine Zeugen findet. + +Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familienbande zu zerreißen +und werden starke Leidenschaften lange unterdrückt, erfolgen zuweilen +unheimliche Ausbrüche der Naturkräfte; da nimmt es der an Tod und +Verderben gewöhnte Schärenmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann +werden dort draußen stille Trauerspiele aufgeführt, von denen man nur +Andeutungen zu hören bekommt; in einigen meiner Erzählungen habe ich +davon gemunkelt. Da reißen Blutsbande entzwei, verbotene Schranken +werden übersprungen; die Natur ergreift mit harter Hand, was sie +kriegen kann; und für Hunger und Liebe existieren nicht mehr Rücksicht +noch Gesetze. + +Das Lichte, Lächelnde im Leben der Schärenleute, _wenn_ es sich licht +gestaltet, habe ich in diesem Roman »Die Inselbauern« geschildert; in +den Novellen »Das Inselmeer« habe ich die Halbschatten gegeben; +vielleicht kann ich später, wenn die Verhältnisse für die Literatur +günstiger werden, auch die Schlagschatten geben (»Am offenen Meere«), +die nicht fehlen dürfen, soll das Bild vollständig sein. + + + + + Erstes Kapitel + + Carlsson geht in Dienst + und wird für einen Schwätzer gehalten + + +Er kam wie ein Schneegestöber eines Aprilabends und hatte eine Kruke +aus schwedischem Ton an einem Hungerriemen um den Hals. Clara und +Lotte waren mit dem Netzboot nach dem Badeort Dalarö gefahren, um ihn +zu holen; aber es dauerte Ewigkeiten, bis sie ins Boot kamen. Sie +mußten zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur +»Aptheke«, um graue Salbe fürs Ferkel zu kaufen; und dann mußten sie +auf die Post, um eine Freimarke zu holen; und dann mußten sie zu Fia +Lövström, um den Hahn zu borgen, gegen ein Halbpfund dünnes Garn zum +Netzbau. Und zuletzt waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson +die Mädchen zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte. + +Endlich kamen sie doch ins Boot. + +Carlsson wollte steuern, aber das konnte er nicht; er hatte noch nie +einen Rahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten die Fock hissen, +die gar nicht vorhanden war. + +Auf der Zollbrücke standen Lotsen und Zöllner, die über das Manöver +grinsten, als das Boot über Stag ging und abgetrieben wurde. + +– Hör mal, du hast ein Loch im Boot! schrie ein junger Lotse durch den +Wind. Stopf zu! Stopf zu! + +Während Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Clara ihn fortgestoßen +und das Steuerruder genommen; und mit den Riemen gelang es Lotte, das +Boot wieder in den Wind zu bringen; mit gutem Gang segelte es dem +Sunde zu. + +Carlsson war ein kleiner viereckiger Wärmländer mit blauen Augen und +einer Nase, die so krumm war wie ein Doppelhaken. Lebhaft, +spielerisch, neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nichts. +Er war auch nach der Insel Hemsö gerufen worden, um für Feld und Vieh +zu sorgen; damit wollte sich nämlich niemand mehr befassen, seit der +alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein auf dem +Hofe saß. + +Als Carlsson die Mädchen mit Fragen nach den Verhältnissen auf dem +Hofe anzapfte, bekam er Antworten, wie sie die Bewohner des Inselmeers +zu geben pflegen. + +– Ja, das _weiß_ ich nicht! Ja, das kann ich _nicht_ sagen! Ja, das weiß +ich _wirklich_ nicht! + +Daraus wurde er nicht klug! + +Der Kahn plätscherte zwischen Holmen und Schären dahin, während die +Eisente zwischen den Kobben schnatterte und im Fichtenwald der +Birkhahn balzte. Über freie Wasserflächen, die »Fjärde«, und über +Strömungen fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne +aufleuchteten. + +Da gings auf das große Wasser hinaus, wo der Leuchtturm der +»Hauptschäre« blinkte. Bald kam man an einem Stangenzeichen mit Besen +vorbei, bald an einer weißen Bake, die wie ein Gespenst aussah; bald +leuchteten zurückgebliebene Schneewehen wie Leinen auf der Bleiche; +bald tauchten aus dem schwarzen Wasser »Netzwächter« auf, die am Kiel +schrapten, wenn man darüber fuhr. Eine schlaftrunkene Mantelmöwe ward +von ihrem Riff aufgescheucht und brachte Leben in Seeschwalben und +Möwen; ein höllischer Lärm brach los. + +Weit draußen, wo die Sterne ins Meer tauchten, leuchteten das rote und +das grüne Auge eines großen Dampfers; der schleppte eine lange Reihe +runder Lichter, die durch die Ventile der Kajüten schimmerten. + +Alles war Carlsson neu, und er fragte nach allem; und jetzt erhielt er +Antwort, und zwar so viele, daß er einsah, er war auf fremden Boden +gekommen. »Er war eine Landratte«, das heißt ungefähr dasselbe, was +für den Städter »Einer vom Lande« ist. + +Jetzt segelte der Kahn in einen Sund und kam in Lee; man mußte das +Segel reffen und rudern. + +Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie ein Licht von +einer Hütte leuchten, die zwischen Erlen und Kiefern lag. + +– Jetzt sind wir zu Hause, sagte Clara. + +Das Boot schoß in eine schmale Bucht; eine Rinne war durchs Schilf +gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte; dieses Rascheln weckte +einen Laichhecht, der sich in den Anblick einer Angelrute vertieft +hatte. + +Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der Hütte in Bewegung. + +Der Kahn wurde an der Landungsbrücke festgemacht, und die Ausladung +begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt, der Mast herausgenommen, +und die Stage mit den Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans +Land, und Kübel, Kannen, Körbe, Bündel lagen bald auf der +Landungsbrücke. + +Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte lauter neue und +ungewöhnliche Dinge. Vor der Landungsbrücke lag der Fischkasten mit +seinem Hebespiel; an der langen Seite der Brücke lief ein Geländer, +das mit Netzbojen, Fangleinen, Dregghaken, Senkern, Schnüren, +Grundleinen, Angelhaken behängt war; auf den Brückenplanken standen +Strömlingstrommeln, Tröge, Wannen, Bottiche, Näpfe, Grundleinenkasten; +am Brückenkopf lag ein Seeschuppen, der mit Lockvögeln behängt war: +ausgestopfte Eidergänse, Sägetaucher, Langschnäbel, Trauerenten, +Quakenten; unter der Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten, +Riemen und Bootshaken, Schöpfkellen, Eispickel, Quappenkeulen. Und am +Lande standen Pfähle, an denen Strömlingsnetze trockneten, so groß wie +die größten Kirchenfenster; Flundernetze mit Maschen, durch die man +den Arm stecken konnte; Barschgarn, neu geknüpft und weiß wie die +feinsten Schlittennetze; doch von der Brücke geradeaus zogen sich zwei +Reihen Gabelstangen wie eine Gutsallee, und an denen hingen die großen +Zugnetze. + +Vom höchsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und warf ihren +Schein auf den Sandweg, auf dem Muschelschalen und getrocknete +Fischkiemen glitzerten, während in den Zugnetzen zurückgebliebene +Strömlingsschuppen wie Reif an Spinngewebe blinkten. Aber die Laterne +beleuchtete auch das Gesicht einer älteren Frau, das vom Wind gedörrt +zu sein schien, und ein Paar kleiner freundlicher Augen, die beim +Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Vor der Alten her sprang der +Hund, ein zottiger Köter, der ebenso gut auf See wie auf Land zu Hause +sein mochte. + +– Nun, seid ihr da, Mädchen, grüßte die Alte, und habt ihr den +Burschen bei euch? + +– Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, wie Ihr seht, Tante! +antwortete Clara. + +Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Schürze ab und reichte sie +dem Knecht. + +– Willkommen, Carlsson; mögt Ihr Euch bei uns heimisch fühlen! + +Und zu den Mädchen: + +– Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Mädchen? Sind die Segel im +Schuppen? Dann kommt hinauf, ich werde euch etwas zu essen geben. + +Alle vier gingen die Höhe hinauf; Carlsson still, neugierig, voller +Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung gestalten würde. + + * * * * * + +Drinnen in der Stube brannte Feuer im Ofen; auf dem weißen Klapptisch +lag eine reine Decke; auf der Decke stand eine Flasche Branntwein, in +der Mitte wie ein Stundenglas zusammengeschnürt; rings herum Tassen +aus schwedischem Porzellan, auf denen Rosen und Vergißmeinnicht +abgebildet waren; ein frischgebackenes Brot, gedörrter Zwieback, ein +Teller mit Butter, Zuckerdose und Sahnenkanne vervollständigten den +Tisch. Carlsson fand ihn reicher, als er von dieser gottverlassenen +Gegend erwartet hatte. + +Aber auch die Stube selbst sah nicht übel aus, als er sie im +flammenden Schein des Herdfeuers musterte; das kreuzte sich mit dem +Talglicht des Messingleuchters, schien in der etwas unreinen Politur +des Mahagonisekretärs wider, spiegelte sich in dem lackierten Gehäuse +und dem Messingpendel der Wanduhr, funkelte auf den Silbereinlagen der +damascierten Läufe der Vogelflinten, hob die vergoldeten Buchstaben +auf den Rücken der Postillen, Gesangbücher, Kalender, Bauernregeln +hervor. + +– Tretet näher, Carlsson, lud ihn die Alte ein. + +Carlsson war ein Kind der neuen Zeit und lief wirklich nicht in die +Scheune hinaus, sondern trat sofort näher und setzte sich auf ein +Banksofa, während die Mädchen seinen Kasten in die Küche schafften, +die auf der andern Seite des Flurs lag. + +Die Alte hakte den Kaffeekessel ab und legte die Klärhaut hinein; +hakte ihn wieder an und ließ ihn noch etwas kochen. Dann erneuerte sie +die Einladung, dieses Mal mit dem Zusatz, Carlsson möge sich an den +Tisch setzen. + +Der Knecht setzte sich und drehte die Mütze zwischen den Fingern. Er +paßte auf, wie der Wind wehte, um seine Segel danach zu richten. Er +hatte offenbar die feste Absicht, sich mit den Maßgebenden gut zu +stellen; da er aber noch nicht wußte, ob die Alte mit sich reden ließ, +wagte er es nicht, seinem Mundwerk freien Lauf zu lassen, ehe er nicht +wußte, wo das Land lag. + +– Das ist aber ein feiner Sekretär, begann er und befühlte die +Messingrosetten. + +– Hm! sagte die Alte, es ist aber nicht viel darin. + +– Oho, das weiß ich wohl, schmeichelte Carlsson und bohrte den kleinen +Finger in das Schlüsselloch der Klappe; darin ist genug! + +– Ja, einst war wohl ein Stück Geld darin, als wir ihn von der Auktion +nach Hause brachten; dann aber mußte der Flod in die Erde, und Gustav +mußte Soldat spielen, und seitdem ist keine rechte Ordnung auf dem Hof +gewesen. Und dann wurde das neue Haus gebaut, das keinen Nutzen +bringt. So kam eins zum andern. Aber nehmt Zucker, Carlsson, und +trinkt eine Tasse Kaffee. + +– Soll ich damit anfangen? sperrte sich der Knecht. + +– Ja, da noch niemand zu Hause ist, antwortete die Alte. Der +verwünschte Junge ist auf der See, mit der Flinte; und den Norman +nimmt er immer mit; so wird keine ordentliche Arbeit geleistet. Wenn +sie nur fort kommen und einen Vogel jagen können, lassen sie Viehzucht +und Fischerei zu Grunde gehen. Das ist die Ursache, weshalb ich Euch +herkommen ließ, Carlsson, damit Ihr nach dem Rechten schaut. Darum +sollt Ihr Euch gewissermaßen für etwas mehr halten und ein Auge auf +die Burschen haben. Wollt Ihr nicht einen Zwieback nehmen, Carlsson? + +– Ja, Tante, soll ich gewissermaßen etwas mehr sein, damit die Andern +auf mich hören, dann muß auch eine bestimmte Ordnung gelten. Dann muß +ich an Tante einen Rückhalt haben, denn ich weiß, wie es geht, wenn +man sich mit den Burschen duzt und gemein macht. + +So gewann Carlsson das Land, als er wußte, wo es lag. + +– Was das Seegeschäft anlangt, fuhr er fort, da mische ich mich nicht +hinein; das kenne ich nicht, aber auf dem Lande, da weiß ich Bescheid, +und da will ich Herr sein. + +– Ja, das werden wir morgen regeln; dann haben wir Sonntag und können +bei Tageslicht alles besprechen. Nun noch eine halbe, Carlsson, dann +könnt Ihr Euch schlafen legen. + +Die Alte goß zum zweiten Male Kaffee ein, und Carlsson nahm das +Stundenglas, um die Tasse mehr als dreiviertel zu füllen. Nachdem er +die Mischung hinuntergeschlürft hatte, fühlte er große Lust, das +fallen gelassene Gespräch, das ihn äußerst angenehm berührt hatte, +wieder aufzunehmen. Aber die Alte war aufgestanden, um sich am Herd zu +schaffen zu machen; die Mädchen liefen aus und ein; der Köter gab Laut +auf dem Hofe und lenkte die Aufmerksamkeit ab. + +– Da haben wir die Burschen, sagte die Alte. + +Draußen erklangen Stimmen, Absatzeisen klirrten auf den Steinen, und +durch die Balsaminen im Fenster sah Carlsson draußen im Mondschein die +Gestalten zweier Männer, die eine Flinte auf der Schulter und eine +Tracht auf dem Rücken hatten. + +Der Köter bellte im Flur, und gleich darauf ward die Tür geöffnet. +Herein trat der Sohn in Wasserstiefeln und Jagdjoppe. Mit dem sichern +Stolz des glücklichen Jägers schleuderte er Jagdtasche und ein Bündel +Eider auf den Tisch an der Tür. + +– Guten Abend, Mutter, da hast du Fleisch! grüßte er, ohne den +Kömmling zu bemerken. + +– Guten Abend, Gustav! Ihr seid lange fort gewesen, grüßte die Mutter +zurück, während sie unwillkürlich einen zufriedenen Blick auf die +prachtvollen Eider warf; mit dem kohlschwarzen und kreideweißen +Gefieder, der rosenroten Brust und dem seegrünen Nacken. Ihr habt gute +Beute gemacht, sehe ich. Hier haben wir Carlsson, den wir erwarteten! + +Der Sohn warf einen forschenden Blick aus seinen kleinen, scharfen +Augen, die von hellroten Wimpern halb verborgen waren, und änderte +sofort sein Gesicht: offen war es gewesen, und schüchtern wurde es. + +– Guten Abend, Carlsson, sagte er kurz und scheu. + +– Guten Abend, antwortete der Knecht, indem er einen unbefangenen Ton +anschlug, bereit, den Überlegenen zu spielen, sobald er über den +jungen Mann im Klaren war. + +Gustav nahm den Platz auf dem Hochsitz ein, stützte sich mit dem +Ellbogen aufs Fensterbrett und ließ sich von der Mutter eine Tasse +Kaffee einschenken, in die er sofort Branntwein goß. Während er trank, +betrachtete er Carlsson heimlich. + +Der hatte die Vögel genommen und untersuchte sie. + +– Das sind prächtige Tiere, sagte er und kniff sie in die Brust, um zu +fühlen, ob sie fett seien. Er ist ein guter Schütze, sehe ich, der +Schuß sitzt an der rechten Stelle. + +Gustav antwortete mit einem listigen Grinsen; er hörte sofort, daß +der Knecht nichts vom Weidwerk verstand, da er Schüsse lobte, die in +den Brustfedern saßen und die Eider zu Lockvögeln untauglich machten. + +Carlsson aber schwatzte unverzagt weiter, lobte die Taschen aus +Seehundsfell, pries die Flinte, machte sich so klein wie möglich; +stellte sich in Seesachen noch unwissender, als er wirklich war. + +– Wo hast du Norman gelassen? fragte die Alte, die schläfrig wurde. + +– Er bringt nur die Sachen in den Schuppen, antwortete Gustav; er +kommt gleich. + +– Rundqvist hat sich schon niedergelegt. Es ist auch Zeit, und Ihr +müßt müde sein, Carlsson, da Ihr lange unterwegs gewesen seid. Ich +will Euch zeigen, wo Ihr liegen sollt, wenn Ihr mitkommt. + +Carlsson wäre gern geblieben, um das Stundenglas auslaufen zu sehen; +aber der Wink war so deutlich, daß er die Geduld der Wirtin nicht +länger auf die Probe zu stellen wagte. + +Die Alte ging mit ihm in die Küche hinaus. + +Gleich kam sie aber zum Sohn zurück, der sofort seinen freimütigen +Ausdruck wieder annahm. + +– Nun, wie findest du ihn? fragte die Alte; er sieht ordentlich und +willig aus. + +– Nein, nein! antwortete Gustav gedehnt. Trau ihm nicht, Mutter; er +schwatzt nur Unsinn! + +– Was du sagst! Er kann doch wohl ordentlich sein, wenn er auch ein +Mundwerk hat. + +– Glaub mir, Mutter, das ist ein Schwätzer; mit dem werden wir uns zu +schleppen haben, bis wir ihn wieder los werden. Aber das macht nichts; +er soll schon arbeiten fürs Essen, und mir soll er nicht zu nahe +kommen. Du glaubst allerdings nie, was ich sage, aber du wirst schon +sehen! Wirst schon sehen. Nachher reut es dich, wenn’s zu spät ist! +Wie wars mit dem alten Rundqvist? Der hatte auch ein tüchtiges +Mundwerk, aber sein Rücken war schwach; wir haben uns mit ihm +schleppen müssen, und jetzt werden wir ihn füttern, bis er stirbt. +Solche Schwätzer sind nur bei der Schüssel groß, das kannst du mir +glauben! + +– Du bist wie dein Vater, Gustav; traust den Leuten nichts Gutes zu +und verlangst dann unvernünftig viel! Der Rundqvist ist kein Seemann, +sondern auch vom Lande; aber er kann vieles, was andere nicht können. +Und Seeleute kriegen wir nicht mehr; die gehen zur Flotte, zum Zoll +oder werden Lotsen. Nur Leute vom Lande kriegt man. Siehst du, man +nimmt, was man bekommt. + +– Das weiß ich wohl, daß keiner mehr Knecht sein will! Alle suchen +Staatsdienst, und hier draußen auf den Inseln sammelt sich aller +Abfall vom Festland. Ordentliches Volk kommt nicht in die Schären +hinaus; es muß denn besondere Ursachen haben. Darum sage ich noch ein +Mal: Halt die Augen offen! + +– Du, Gustav, solltest die Augen offen halten, gab die Alte zurück, um +dein Hab und Gut in Ordnung zu bringen. Einst wird es ja deins! Du +solltest zu Hause bleiben und nicht immer auf der See herumliegen; zum +mindesten die Leute nicht von der Arbeit abhalten. + +Gustav rupfte eine Eider und antwortete: + +– Ei, Mutter, du liebst es doch auch, wenn Braten auf den Tisch +kommt, nachdem es den ganzen Winter über eingesalzenes Schweinefleisch +und gedörrten Fisch gegeben hat; du mußt also nicht so sprechen. +Übrigens gehe ich nicht in den Krug, und etwas muß der Mensch doch zu +seinem Vergnügen haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld auf +der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht; will er brennen, so +mag er; er ist ja versichert. + +– Verfaulen wird der Hof nicht, das weiß ich wohl, aber alles Andere +geht entzwei. Die Feldzäune müssen ausgebessert werden, die Gräben +gereinigt werden. Das Stalldach ist so morsch, daß es aufs Vieh +regnet. Nicht eine Brücke ist heil, die Boote sind zerbrechlich wie +Zunder, die Netze müssen geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und +so weiter. Da ist so vieles, das gemacht werden müßte, aber nie +gemacht wird. Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch +gemacht werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens dafür angenommen +haben. Es wird sich ja herausstellen, ob Carlsson nicht der rechte +Mann dafür ist. + +– Dann laß ihn nur machen! schnauzte Gustav, indem er mit der Hand +durch das kurzgeschorene Haar fuhr, daß es wie Stacheln in die Höhe +stand. Da ist Norman! Komm und trink eine Halbe, Norman! + +Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurrbart und blauen +Augen, trat in die Stube und ließ sich bei seinem Jagdgenossen nieder, +nachdem er die Alte gegrüßt. + +Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westentaschen und +stopften sie mit »Schwarzem Anker«. Dann gingen sie nach Jägerart, bei +einer Halben Kaffee mit Branntwein, alle ihre Heldentaten draußen am +offenen Meere durch; Schuß für Schuß. Die Vögel wurden untersucht, die +Finger in die Schußwunde gebohrt, die Hagelkörner gezählt, +unentschiedene Treffer erörtert. Schließlich entwarfen sie Pläne zu +neuen Ausflügen. + + * * * * * + +Inzwischen war Carlsson in die Küche hinausgekommen, um sein +Nachtlager aufzusuchen. + +Die Küche war eine Firststube und sah wie eine mit dem Kiel nach oben +gekehrte Schute aus, die auf der Ladung schwamm. Die Ladung bestand aus +allen möglichen Gütern. Hoch oben unter dem berußten Dachfirst hingen +Garn und Fischgeräte an den Balken; darunter waren Bretter und +Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfsträhne, Dregganker, +Schmiedeeisen, Zwiebelbündel, Talglichter, Mundvorratskasten; aus einem +Querbalken lag eine lange Reihe frisch ausgestopfter Lockvögel; über +einen andern waren Schaffelle geworfen; von einem dritten baumelten +Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Strümpfe; und zwischen den Balken +liefen Spieße mit Lochbroten, Stöcke mit Aalhäuten, Stangen mit +Grundschnüren und Angelhaken. + +Am Giebelfenster stand der Eßtisch aus rohem Holz; an den Wänden +standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber groben Laken gebettet +waren. + +In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz angewiesen. Als sie +sich mit dem Licht entfernte, ließ sie den Kömmling im Halbdunkel, das +nur schwach von der Herdglut und einem kurzen Mondstreifen erleuchtet +wurde. Der Mond zeichnete Pfosten und Sprossen des Fensters auf den +Boden. Aus Gründen der Schamhaftigkeit wurde beim Schlafengehen kein +Licht angesteckt; denn die Mädchen hatten auch ihre Schlafplätze in +der Küche. + +So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock und Stiefel +ab; dann holte er die Uhr aus der Westentasche, um sie beim Schein des +Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte den Schlüssel ins Loch gesteckt und +begann ihn mit etwas ungewohnter Hand zu drehen; die Uhr ging nämlich +nur an Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang aus den +Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme: + +– Nein, hat er auch eine Uhr! + +Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glutschein einen +zottigen Kopf mit einem Paar blinzender Augen, der sich auf zwei Arme +stützte. + +– Gehts dich was an? erwiderte er, um die Antwort nicht schuldig zu +bleiben. + +– Gehts an, dann läutet man in der Kirche, obgleich ich nie +hineinkomme! antwortete der Kopf. + +– Obgleich? O gleich gieße ich dir einen Eimer Wasser über den Kopf, +gab Carlsson zurück. + +– Das ist nicht so dumm geantwortet, stammelte der Andere. Das ist +jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian an den Stiefelschäften. + +– Das will ich meinen; und Galoschen hat er auch, wenn’s darauf +ankommt! + +– Nein, hat er auch Galoschen; dann kann er sicher auch einen Schluck +spendieren! + +– Ja, das kann er auch, wenn’s sein muß, antwortete Carlsson bestimmt +und holte seine Tonkruke. Bitte! + +Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reichte die Kruke +hinüber. + +– Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Branntwein. Dann: +Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich du zu dir, Carlsson, und du +nennst mich den närrischen Rundqvist, denn so heiße ich meistens. + +Und dann kroch er wieder unter die Decke. + +Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem er seine Uhr am +Salzfaß aufgehängt und die Stiefel mitten ins Zimmer gestellt hatte, +damit die roten Saffianzwickel recht zu sehen waren. + +Es war still in der Küche und nur Rundqvist hörte man schnarchen am +Herd. + +Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein Nagel saß ihm +das Wort der Alten im Kopfe, daß er etwas mehr als die Andern sein +solle, um die Wirtschaft in die Höhe zu bringen. Um den Nagel +schmerzte und schwärte es; es war, als habe er ein Gewächs im Kopf. Er +dachte an den Mahagonisekretär, an die roten Haare und mißtrauischen +Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem großen Schlüsselbund +herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte; da kommt einer +und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell, schüttelt das rechte Bein, +steckt die Hand in die Tasche und fühlt die Schlüssel gegen den +Schenkel; dann zupft er am Bund, wie man Werg auszieht, und als er den +kleinsten Schlüssel, der in die Klappe paßt, gefunden hat, steckt er +den ins Schlüsselloch, ganz wie er’s heute Abend mit dem kleinen +Finger getan hatte; aber das Schlüsselloch, das wie ein Auge mit einem +Augapfel ausgesehen, wird rund, groß und schwarz wie eine +Flintenmündung, und über dem andern Ende des Laufes sieht er das rote +Fischauge des Sohnes scharf und tückisch zielen, als wolle der sein +Geld verteidigen. + +Die Küchentür ging, und Carlsson wurde aus seinem Halbschlummer +gerissen. Mitten im Zimmer, wohin die Mondscheiben gerückt waren, +standen zwei weißgekleidete Gestalten, um gleich darauf in ein Bett +unterzutauchen; das gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine +schwankende Landungsbrücke stößt. Dann ward es in den Laken lebendig +und kicherte, bis es still wurde. + +– Gute Nacht, Mädchen, erklang Rundqvists erlöschende Stimme. Träumt +von mir! + +– Daran ist uns allerdings sehr gelegen, antwortete Lotte. + +– Still, antworte dem Scheusal nicht, warnte Clara. + +– Ihr seid ... so ... nett! Wenn ich nur auch so ... nett ... sein +könnte wie ihr! seufzte Rundqvist. Ja, Herr Gott, man wird alt; dann +kann man seinen Willen nicht mehr kriegen, und dann ist das Leben +nichts mehr wert. Gute Nacht, Kinder, und hütet euch vor Carlsson: der +hat Uhr und Saffianstiefel! ... Ja, Carlsson, der ist glücklich! Das +Glück das kommt, das Glück das fliegt, o glücklich, wer das Mädchen +kriegt! ... Was habt ihr dort in euerm Bett zu kichern, Mädchen! ... +Hör mal, Carlsson, kann ich nicht noch einen Schluck haben? Es ist so +furchtbar kalt hier hinten; es zieht vom Herd her. + +– Nein, jetzt kriegst du nichts mehr, denn nun will ich schlafen, +schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftsträumen, in denen weder Wein +noch Mädchen vorkamen, gestört und bereits mit seiner Stellung als +Großknecht vertraut. + +Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Geschichten der Jäger +drangen durch die beiden Türen; und der Nachtwind rüttelte an der +Ofenklappe. + +Carlsson schloß wieder die Augen. Im Schlummer hörte er Lottes +halblaute Stimme etwas auswendig hersagen, das er zuerst nicht +verstehen konnte, sondern wie ein einziger langer Salm klang; +schließlich unterschied er: + +– Undführeunsnicht – inversuchung, sondernerlöseunsvondemübel, +denndeinistdasreich, unddiemachtunddieherrlichkeit inewigkeitamen. +Gute Nacht, Clara! Schlaf gut! + +Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der Mädchen. Rundqvist +aber sägte, daß die Fenster zitterten, ob nun aus Scherz oder Ernst. +Aber Carlsson lag halbwach und wußte selbst nicht, ob er wachte oder +schlief. + +Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schweißiger Körper kroch +an seine Seite. + +– Es ist nur Norman! hörte er eine schöntuende Stimme neben sich. Da +wußte er, es war der Knecht, der sein Bettgenosse sein sollte. + +– Aha, der Schütze ist heimgekehrt, knarrte Rundqvists rostiger Baß. +Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonnabend draußen geschossen. + +– Du kannst ja gar nicht schießen, Rundqvist; du hast ja keine Flinte, +schnauzte Norman. + +– Kann ich nicht? gab der Alte zurück, um das letzte Wort zu haben. +Ich kann Schwarzstare mit der Büchse schießen, und zwar zwischen den +Laken ... + +– Habt ihr das Feuer gelöscht? unterbrach ihn die freundliche Stimme +der Alten, die aus dem Flur zur Tür hereinguckte. + +– Jawohl, antwortete man im Chor. + +– Dann gute Nacht! + +– Gute Nacht, Tante! + +Einige lange Seufzer wurden ausgestoßen, dann wurde gepustet, +geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang war. + +Aber Carlsson lag noch eine Weile halb wach und zählte die +Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben. + + + + + Zweites Kapitel + + Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft; der gute Hirte + und die bösen Schafe; die Schnepfen, die ihr Teil bekamen + und der Knecht, der die Kammer bekam + + +Als Carlsson am Sonntagsmorgen beim Hahnenschrei erwachte, waren alle +Betten leer, und die Mädchen standen im Unterrock am Herde, während +die Sonne voll und blendend in die Küche schien. + +Carlsson fuhr schnell in die Hosen und ging hinaus, um sich zu +waschen. Da saß bereits der junge Norman auf einem Strömlingsfaß und +ließ sich von dem allkundigen Rundqvist die Haare schneiden. Rundqvist +hatte ein reines Vorhemd angezogen, das so groß wie eine Tageszeitung +war, und seine besten Stiefel hatte er auch an. + +Bei einem eisernen Kochtopf, der seine Füße verloren hatte und deshalb +Waschschüssel geworden war, mußte Carlsson mit einem Häuflein grüner +Seife seine Sonntagswaschung vornehmen. + +Im Stubenfenster zeigte sich Gustavs sommersprossiges Gesicht +eingeseift; vor einem Stück Spiegel, das unter dem Namen +»Sonntagsgucker« bekannt war, fuhr er mit dem im Sonnenschein +blitzenden Rasiermesser unter furchtbaren Grimassen hin und her. + +– Geht ihr heute in die Kirche? fragte Carlsson zum Morgengruß. + +– Nein, wir kommen nicht so oft ins Gotteshaus, antwortete Rundqvist. +Wir haben zwei Rudermeilen hin und ebensoviele zurück, und man muß den +Ruhetag nicht mit unnützer Arbeit entheiligen. + +Lotte kam heraus, um Kartoffel zu waschen, während Clara nach dem +Vorratsschuppen ging, um aus dem Winterfaß gesalzene Fische zu holen. +In diesem sogenannten »Familiengrabe« waren alle kleinen Fische, die +im Netz oder Fischkasten getötet waren und nicht aufbewahrt werden +konnten, eingesalzen, durcheinander, ohne Ansehen der Person, um für +den täglichen Bedarf des Hauses zu dienen. Da lagen blasse Plötze +Seite an Seite neben roten Rotaugen; Blicken, Kaulbarsche, Seehasen, +Barsche, kleine Brathechte, Schollen, Schleie, Quappen, Maränen. Alle +hatten einen Schaden: eine zerfetzte Kieme, ein ausgehacktes Auge; +einen Hieb im Rücken, der von einer Fischgabel herrührte; andere +hatten einen Fußtritt auf den Bauch erhalten; und so weiter. + +Clara nahm einige Hände voll, wusch das meiste Salz aus und tat die +Gesellschaft in den Kochtopf. + +Während das Frühstück auf dem Feuer stand, hatte Carlsson sich +angekleidet und machte nun einen Rundgang, um sich den Hof anzusehen. + +Das Haus, das eigentlich aus zweien zusammengebaut war, lag auf einer +Anhöhe am südlichen und innern Ende der langen, ziemlich seichten +Bucht einer freien Meeresfläche. Diese Bucht schnitt so tief ins Land, +daß man das große Meer nicht sah, sondern glauben konnte, man sei an +einem kleinen Binnensee im Innern des Landes. Die Hänge der Höhe +senkten sich zu einem Tal nieder mit Weidegründen, Wiesen, Hagen, die +mit Laubwald, Birke, Eiche, Erle, eingefaßt waren. Die nördliche Seite +der Bucht war durch eine mit Fichtenwald bewachsene Höhe gegen die +kalten Winde geschützt, und die südlichen Teile der Insel bestanden +aus Kiefergehölzen, Birkenhagen, Mooren, Sümpfen; zwischen denen war +ein Stück Acker hier und dort angelegt. + +Auf der Höhe stand neben dem Wohnungshaus der Vorratsschuppen; ein +Stück davon lag das neue Haus, die »Großstuga«, ein rotes ziemlich +großes Blockhaus mit Ziegeldach. Der alte Flod hatte es sich fürs +Altenteil errichtet; jetzt stand es unbewohnt, weil die Alte allein +dort nicht hausen wollte; auch unnötig viele Feuerstätten dem Walde zu +sehr zugesetzt hätten. + +Weiterhin, dem Hage zu, lagen Viehstall und Scheune; in einem Gehölz +stattlicher Eichen hatten Darrstube und Keller ihre schattigen Plätze; +und ganz hinten an der südlichen Wiese war das Dach einer verfallenen +Schmiede zu sehen. + +Unten, am innern Ende der Bucht, standen die Seeschuppen bis an die +Landungsbrücke; dort war auch der Hafen für die Boote. + +Ohne die Schönheiten der Landschaft zu bewundern, war Carlsson doch +von dem Ganzen angenehm überrascht. Die fischreiche Bucht, die ebenen +Wiesen, die vor Winden geschützten und gerade richtig abfallenden +Felder, der dichte Hochwald, die schönen Nutzhölzer in den Hagen: +alles versprach guten Ertrag, wenn nur eine starke Hand die Kräfte in +Bewegung setzte und die vergrabenen Schätze ans Tageslicht brachte. + +Nachdem er hierhin und dorthin geschlendert, wurde er in seinen +Betrachtungen durch ein schallendes »Halloh« unterbrochen, das vom +Vorbau ausging, von Buchten und Feldern widerhallte und gleich darauf +von Scheune, Hag und Schmiede im selben Tone beantwortet wurde. + +Es war Clara, die zum Frühstück rief. + +Bald saßen die vier Männer um den Küchentisch, auf dem frischgekochte +Kartoffeln, gesalzener Fisch, Butter, Roggenbrot und, da es Sonntag +war, Branntwein stand. Die Alte ging umher und forderte die Männer +auf, zuzulangen; auch warf sie dann und wann ein Auge auf den Herd, wo +jetzt für Hühner und Ferkel gekocht wurde. + +Carlsson hatte an der oberen Schmalseite des Tisches Platz genommen, +Gustav die eine, Rundqvist die andere Breitseite, Norman die untere +Schmalseite gewählt; man wußte eigentlich nicht, wer den Ehrenplatz +hatte, sondern glaubte die vier Sprecher eines Ausschusses vor sich zu +haben. Doch führte Carlsson das Wort, und seine Aussprüche betonte er, +indem er mit der Gabel auf den Tisch stieß. Er sprach von +Landwirtschaft und Viehzucht; aber Gustav antwortete entweder +überhaupt nicht oder mit Fischfang und Jagd. Norman unterstützte ihn +dabei, und Rundqvist spielte den unparteiischen Sonderer; warf dann +und wann einen Scheit ins Feuer, damit kein Friede aufkam; blies die +Flamme an, wenn sie erlöschen wollte; stichelte nach rechts und +stichelte nach links; bewies der Gesellschaft, daß sie alle gleich +dumm und unwissend seien, daß er allein den Verstand gepachtet habe. + +Gustav antwortete Carlsson niemals direkt, sondern wandte sich immer +an einen Nachbar; Carlsson sah ein, daß er von ihm keine Freundschaft +zu erwarten habe. + +Norman, der Jüngste, vergewisserte sich erst immer, daß er am +Hausherrn einen Rückhalt hatte; nach dem sich zu richten, war immer +das Sicherste. + +– Ferkel aufziehen, wenn man keine Milch hat, das lohnt nicht, lehrte +Carlsson; und Milch kann man nicht bekommen, ohne daß man Klee in die +Herbstsaat säet. In der Landwirtschaft muß Kreislauf sein; eines muß +auf das Andere folgen. + +– Das ist ganz wie beim Fischen, nicht wahr, Norman, wandte sich +Gustav an seinen Nachbar. Man kann nicht die Strömlingsnetze setzen, +ehe nicht die Schollen aufgehört haben; und man kriegt keine Schollen, +ehe der Hecht nicht gelaicht hat. Das eine folgt aufs andere, und wenn +man das Eine fahren läßt, fängt das Andere an. Ist es vielleicht nicht +so, Norman? + +Norman stimmte ohne Widerstreben bei und wiederholte zur Sicherheit +den Endreim, als er merkte, daß Carlsson zurückschlagen wollte: + +– Ja, so ist es: das Eine fängt an, wenn man das Andere fahren läßt. + +– Wer läßt einen fahren? rief Rundqvist dazwischen, der die gute +Gelegenheit nicht vorbeigehen ließ. + +Carlsson, der den Schwanz eines Rotauges zwischen den Zähnen hatte, +machte heftige Gebärden mit den Armen, um das Gespräch wieder nach +seiner Seite zu wenden. Ins Grinsen der Andern aber mußte er +einstimmen, obwohl sie mehr aus Schadenfreude grinsten, daß die +Landwirtschaft beiseite geschoben wurde, als über den billigen Witz. + +Von seinem Erfolg ermuntert, machte Rundqvist Variationen über das +glücklich gefundene Thema; ein ernstes Wort fand keinen Zuhörer mehr. + + * * * * * + +Als das Frühstück zu Ende war, kam die Alte und bat Carlsson und +Gustav, mit ihr nach dem Viehstall und auf die Felder zu gehen, um +über die Verteilung der Arbeit zu sprechen und zu beraten, was zu tun +sei, um den Hof in bessern Stand zu bringen. Danach würden sich alle +in der Stube versammeln, um die Predigt zu lesen. + +Rundqvist legte sich beim Herd aufs Holzsofa und steckte sich eine +Pfeife an. Norman nahm seine Handharmonika und setzte sich in den +Vorbau, während die andern nach dem Viehstall gingen. + +Carlsson fand mit einer gewissen Befriedigung seine schlimmsten +Befürchtungen übertroffen. Zwölf Kühe lagen auf den Knien und fraßen +Moos und Stroh, da das Futter zu Ende war. Jeder Versuch, sie +aufzurichten, war unmöglich; nachdem Carlsson und Gustav sie auf die +Beine zu bringen versucht, indem sie ihnen eine Bohle unter den Bauch +schoben, überließ man sie vorläufig ihrem Schicksal. + +Carlsson schüttelte bedenklich den Kopf, wie ein Arzt, der ein +Sterbebett verläßt; sparte aber seine guten Ratschläge und +Verbesserungsvorschläge für später auf. + +Mit dem Ochsenpaar stand es noch schlimmer, da es eben mit dem Pflügen +fertig geworden war. + +Die Schafe hatten nur Rinde zu knuppern von den längst abgefressenen +Laubbüscheln. + +Die Schweine waren mager wie Jagdhunde. Die Hühner liefen im Viehhof +umher, auf dem Misthaufen zerstreut waren, von denen das Wasser in +Bächlein abfloß. + +Nachdem man sich alles angesehen und den Verfall erkannt hatte, +erklärte Carlsson, hier sei nur noch mit dem Messer etwas zu machen. + +– Sechs Kühe, die Milch geben, sind besser als zwölf, die hungern! + +Er untersuchte Spiegel und Euter und bezeichnete mit großer Sicherheit +die sechs, die man auffüttern und dann zum Schlächter bringen solle. + +Gustav machte Einwendungen. + +Carlsson aber versicherte und beteuerte, sie müßten geschlachtet +werden! Sie müßten sterben, so wahr er lebe! Dann könnte man eine +andere Ordnung einführen. Zuerst aber müsse vor allem trockenes, gutes +Heu gekauft werden, ehe man das Vieh in den Wald lassen könne. + +Als Gustav von Heukaufen sprechen hörte, machte er die lebhaftesten +Vorstellungen, doch nicht sein Geld für etwas auszugeben, das man +selber habe. Aber die Alte brachte ihn mit der Erklärung zum +Schweigen, davon verstehe er nichts. + +Nachdem man noch einige weniger wichtige Anordnungen getroffen, +verließ man den Viehhof und wanderte auf die Felder hinaus. + +Hier lagen ganze Strecken brach. + +– Ach, ach! sagte Carlsson mitleidig, als er den guten Boden auf so +veraltete Art bewirtschaftet sah. Ach! wie kindisch! Kein Mensch hat +mehr Brache, sondern Kleeweide! Wenn man jedes Jahr ernten kann, warum +soll man es nur jedes zweite Jahr tun? + +Gustav meinte, jährliche Ernten saugten den Boden aus; der müsse auch +ruhen wie der Mensch. + +Aber Carlsson gab eine ganz richtige, wenn auch etwas dunkle Erklärung +ab, Kleesaat dünge den Boden, statt ihn auszusaugen; auch halte sie +ihn von Unkraut frei. + +– Davon habe ich noch nie gehört, meinte Gustav. Saaten, die düngen! + +Er konnte Carlssons gelehrte Auseinandersetzung, daß Grasgewächse ihre +meiste Nahrung »aus der Luft« holen, nicht verstehen. + +Darauf untersuchte man die Abzugsgräben; die standen voll Grundwasser, +waren zugewachsen, konnten nicht ablaufen. + +Das Korn stand stellenweise, als habe man Hände voll ausgesäet, und +das Unkraut wucherte zwischen den Schollen. + +Die Wiesen waren nicht geharkt; das Laub des Vorjahres bedeckte und +erstickte das Gras, das zu einem einzigen Kuchen zusammengeklebt war. + +Die Feldzäune waren im Begriff umzufallen; Brücken +fehlten; alles war so baufällig, wie die Alte es in dem Gespräch am +Abend dargestellt hatte. + +Gustav aber wollte nichts von Carlssons tiefdringenden Untersuchungen +wissen; er lehnte sie ab als etwas Unangenehmes, das man aus der +Vergangenheit ausgrub. Er fürchtete die viele Arbeit, die winkte, und +noch mehr, daß seine Mutter Geld herausrücken müsse. + +Als sie dann nach der Kälberweide gingen, blieb Gustav zurück; als sie +in den Wald kamen, war er verschwunden. Die Alte rief nach ihm, +erhielt aber keine Antwort. + +– Mag er gehen, meinte die Alte. So ist Gustav! Er ist immer etwas +dumpf und träge; nur dann nicht, wenn er mit der Flinte auf die See +hinaus kann. Aber daran müßt Ihr Euch nicht kehren, Carlsson, denn +etwas Böses ist nicht in ihm. Sein Vater wollte etwas Besseres aus ihm +machen; er sollte nicht als Knecht gehen, sondern konnte tun, was er +wollte. Als er zwölf Jahre alt war, kriegte er sein eigenes Boot, +natürlich auch eine Flinte. Seitdem war nichts mehr mit ihm zu wollen. +Jetzt geht’s mit dem Fischen zurück; darum habe ich an den Acker +denken müssen, der schließlich doch noch sicherer ist als die See. Es +wäre auch gegangen, wenn Gustav nur verstanden hätte, die Leute +anzuhalten; aber er muß sich immer so gemein mit den Burschen machen, +und dann geht’s mit der Arbeit nicht vorwärts. + +– Das taugt allerdings nicht, die Leute zu verwöhnen, hakte Carlsson +ein; und das muß ich Euch gleich sagen, Tante, hier unter vier Augen: +soll ich so etwas wie Kustos sein, so muß ich in der Stube essen und +allein in der Kammer schlafen; sonst haben die Leute keinen Respekt, +und ich komme nicht vom Fleck. + +– In der Stube essen, Carlsson, versetzte besorgt die Alte, während +sie über den Zauntritt stieg, wird wohl kaum gehen. Die Leute lassen +sich’s nicht mehr gefallen, daß man anderswo ißt als mit ihnen in der +Küche. Der alte Flod hat’s nicht einmal gewagt, und Gustav hat sich’s +nie getraut. Und tut man’s, machen sie sofort Spektakel über das +Essen; stellen sich auf die Hinterbeine. Nein, daraus kann nichts +werden. Daß Ihr aber auf der Kammer schlaft, ist etwas anderes; das +wollen wir mal sehen. Die Leute finden ja schon, es seien ihrer zu +viel in der Küche; und Norman, denke ich, schläft lieber allein in +seinem Bett als mit einem Andern zusammen. + +Carlsson hielt es für das Beste, sich mit halbgewonnenem Spiel zu +begnügen, und steckte die andere Pfeife vorläufig in den Sack. + +Sie kamen jetzt in den Fichtenwald, wo zwischen einigen +Geschiebeblöcken noch eine Schneewehe lag, die von Staub und +herabgefallenen Nadeln beschmutzt war. Die Fichten schwitzten in der +brennenden Aprilsonne schon Harz aus; zu ihren Füßen blühten weiße +Osterblumen, und unter den Haselbüschen guckten Leberblümchen durch +das durchbrochene Nervennetz des modernden Laubes. Aus dem Haarmoos +stieg eine warme Feuchtigkeit; zwischen den Baumstämmen sah man das +Flimmern über dem Wiesenzaun zittern; weiter fort blaute die von einer +leichten Brise bewegte Meeresfläche; das Eichhörnchen kicherte oben im +Gezweig und der Grünspecht hämmerte und schrie. + +Die Alte trippelte auf dem kahlen Fußpfad über Nadeln und Wurzeln. +Carlsson, der hinter ihr ging, sah, wie sich ihre Schuhsohlen unter +geschmeidigen Schritten bogen und unter dem Saum des Kleides +verschwanden. Da erinnerte er sich daran, daß sie ihm gestern älter +vorgekommen war. + +– Ihr seid aber flink auf den Beinen, Tante, fand sich Carlsson +veranlaßt, seinen Frühlingsgefühlen Luft zu machen. + +– Ach, wie Ihr sprecht! Man könnte glauben, Ihr wollt mit einer alten +Frau Euern Spaß treiben. + +– Nein, ich meine immer, was ich sage, versicherte Carlsson glaubhaft. +Um mit Tante Schritt zu halten, gerate ich in Schweiß. + +– Wir wollen jedenfalls nicht weiter gehen, antwortete die Alte und +blieb stehen, um zu verschnaufen. Hier könnt Ihr Euch den Wald +ansehen, Carlsson; hierher bringen wir das Vieh im Sommer, wenn es +nicht draußen auf den Werdern ist. + +Carlsson warf einen sachverständigen Blick auf den Wald; er fand, daß +da viele Klafter Brennholz standen und gutes Balkenholz sich auf der +Wurzel erhob. + +– Aber wie schlecht gepflegt! Da liegen noch Wipfel und Reisig in +einem solchen Gerümpel zusammen, daß kein Mensch durchkommen kann! + +– Da seht Ihr selbst, Carlsson, wie es steht. Nun mögt Ihr walten und +schalten, wie Ihr wollt! Ihr werdet schon Ordnung schaffen, dessen bin +ich sicher! Nicht wahr, Carlsson? + +– Meine Arbeit werde ich schon leisten, wenn die andern nur ihre tun! +Und dazu müßt Ihr mir helfen, Tante, knetete Carlsson seinen Teig. Er +fühlte, es werde nicht so leicht sein, sich eine Stellung als Korporal +zu schaffen, da die Gemeinen länger am Platze waren. + +Unter unausgesetztem Gespräch über die Art und Weise, wie Carlsson +seine Oberhoheit einnehmen und bewahren könne, gingen sie zurück. +Diese seine Oberhoheit sei die Hauptbedingung für das Aufblühen des +Hofes, suchte Carlsson der Bäuerin einzureden. + +Jetzt sollte die Predigt gelesen werden, aber von den Männern ließ +sich keiner sehen. Die beiden Schützen waren mit den Flinten in den +Wald gegangen; Rundqvist verbarg sich wohl wie gewöhnlich auf einer +sonnigen Höhe. So war es immer, wenn sie Gottes Wort hören sollten. + +Carlsson versicherte, man könne sich ohne Zuhörer behelfen; und wenn +die Mädchen die Tür zur Küche öffneten, könnten sie auch ein Wort +vernehmen, während die Töpfe kochten. + +Als die Alte ihre Unruhe äußerte, sie werde nicht lesen können, war +Carlsson sofort bereit, die Sache zu übernehmen. + +– Ach! Ich habe in meiner früheren Stellung so manche Predigt gelesen; +daran soll es nicht fehlen. + +Die Alte nahm den Kalender und schlug den Text des Tages auf, der +heute, am zweiten Sonntag nach Ostern, vom guten Hirten handelte. + +Carlsson nahm Luthers Postille vom Brett und setzte sich auf einen +Stuhl mitten ins Zimmer; da konnte er sich einbilden, von der Gemeinde +gut gesehen zu werden. Darauf schlug er das Gesangbuch auf und begann +mit hoher Stimme, über die Tonskala laufend, wie ers von den +Reisepredigern gehört und selbst getan hatte, den Text vorzupredigen. + +– »Zu dieser Zeit sagte Jesus zu den Juden: Ich bin der gute Hirte: +der _gute_ Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Ein Mietling aber, der +_nicht_ Hirte ist, dem die Schafe _nicht_ gehören, sieht den Wolf kommen, +verläßt die Schafe und flieht.« + +Ein seltsames Gefühl persönlicher Verantwortung bemächtigte sich des +Vorlesers, als er die Worte »_Ich_ bin der gute Hirte« aussprach; er sah +bedeutungsvoll zum Fenster hinaus, als suche er die beiden flüchtigen +Mietlinge Rundqvist und Norman. + +Die Alte nickte traurig und nahm die Katze auf die Knie, als öffne sie +dem verlorenen Schaf ihre Arme. + +Carlsson aber las mit vor Rührung zitternder Stimme, als habe er es +selbst geschrieben, weiter. + +– »Aber der Mietling flieht – ja er flieht, schmückte er aus – denn +er ist _Mietling_ (schrie er) und achtet der Schafe nicht.« + +– »_Ich_ bin der gute Hirte, und kenne meine Schafe, und meine Schafe +kennen mich,« fuhr er aus dem Gedächtnis fort, da das ein Spruch aus +dem Katechismus war. + +Darauf senkte er die Stimme, schlug die Augen nieder, als trauere er +tief über die Bosheit der Menschen, und seufzte hervor, mit starker +Betonung und Seitenblicken, nicht ohne verschmitzt verstehen zu geben, +daß er mit Schmerz unbekannte Schelme angebe, ohne sie gerade +anzuklagen: + +– »Ich habe auch _andere_ Schafe, die nicht aus _diesem_ Schafstall +sind; die muß ich heranziehen; und sie _sollen_ meine Stimme hören!« + +Und mit einem verklärten Lächeln, prophetisch, hoffnungsvoll, +zuversichtlich, flüsterte er: + +– »Und es soll _eine_ Herde und _ein_ Hirte sein.« + +– Und _ein_ Hirte! echote die Alte, die ihre Gedanken ganz wo anders +hatte als Carlsson. + +Darauf griff er die Postille an; machte zuerst ein saures Gesicht, +als er die Anzahl der Seiten überschlug und sah, daß es ein »langes +Ding« war; faßte dann aber Mut und begann. Die Behandlung des Stoffes +paßte nicht ganz zu seinen Absichten, sondern hielt sich mehr an die +christlich symbolische Seite; darum war sein Interesse nicht so +lebhaft wie beim Text. In rasendem Laufe eilte er durch die Spalten +und steigerte die Geschwindigkeit, wenn er zum Umblättern kam, so, daß +er mit dem angefeuchteten Daumen zwei Blätter auf ein Mal umschlug, +ohne daß die Alte etwas merkte. + +Als er aber sah, das Ende war nahe, fürchtete er, gegen das Amen zu +prallen; deshalb verlangsamte er die Schnelligkeit. Aber es war zu +spät: beim letzten Umblättern hatte er zu dick auf den Daumen gespuckt +und drei Blätter auf ein Mal genommen; nun traf er aufs Amen ganz oben +auf der nächsten Seite, als stieße er mit dem Kopf gegen eine Wand. + +Die Alte wachte von dem Stoß auf und guckte schlaftrunken nach der +Uhr. + +Carlsson wiederholte daher das Amen noch ein Mal, indem er es etwas +ausschmückte: + +– »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und um +unseres Erlösers willen.« + +Um den Schluß abzurunden und zu sühnen, was er verbrochen, betete er +ein Vaterunser, so langsam und ergreifend, daß die Alte, die mitten in +die Sonne gekommen war, noch ein Mal einnickte. + +Sie hatte Zeit sich zu ermuntern, während Carlsson, um alle +unangenehmen Erklärungen abzuschneiden, den Kopf in der linken Hand +verbarg, um ein leises Gebet zu sprechen, das nicht unterbrochen +werden durfte. + +Die Alte fühlte sich auch schuldig und wollte nun ihre Aufmerksamkeit +dadurch beweisen, daß sie in selbstgewählten Worten zeigte, was sie +eingeheimst. Carlsson schnitt ihr aber das Wort ab, indem er bestimmt +erklärte, nach dem Grundtext und den eigenen Worten des Erlösers +handle es sich um nichts Geringeres: _eine_ Herde und _ein_ Hirte! +_Einer_ ausschließlich, einer für alle, _einer_, _einer_, _einer_! + +In diesem Augenblick rief Clara laut zum Mittagessen. Aus der Tiefe +des Waldes antworteten zwei fröhliche Hallohs, denen Flintenknalle +folgten; und aus dem Schornstein der Schmiede stieg wie aus einem +hungrigen Magen Rundqvists originelleres Puh!, das niemand verkennen +konnte. + +Und bald sah man die verirrten Schafe mit leichten Schritten zum +Kochtopf eilen. Die Alte empfing sie, indem sie ihnen ihr Ausbleiben +vorwarf. Die Antwort aber blieb keines der Unschuldigen ihr schuldig; +sie beteuerten, sie hätten niemand rufen hören, sonst wären sie +_sofort_ gekommen. + +Carlsson verhielt sich würdig, wie es sich beim Mittagstisch am +Sonntag ziemte. Rundqvist aber sprach in dunklen Worten von den höchst +»merkwürdigen« Fortschritten der Landwirtschaft. Carlsson ersah +daraus, daß er von der Opposition bereits eingeweiht und gewonnen war. + +Nach dem Essen, das aus einem in Milch mit Pfeffer gekochten Eiderpaar +bestand, zogen sich alle Mannsleute zurück, um zu schlafen; Carlsson +aber nahm sein Gesangbuch aus dem Kasten und setzte sich draußen auf +die Höhe, wo er einen trockenen Stein fand. Den Fenstern der Hütte +drehte er den Rücken, um etwas einnicken zu können. + +Die Alte fand das vielversprechend, da der Sonntagnachmittag sonst +gewöhnlich verloren ging. + +Als Carlsson glaubte, es sei genug Zeit verflossen, um die Andacht +wahrscheinlich zu machen, stand er auf, ging, ohne anzuklopfen, in die +Stube und rückte mit dem Wunsch heraus, die Kammer zu sehen. + +Die Alte wollte die Sache verschieben und schützte Reinmachen vor; +Carlsson aber bestand darauf. So wurde er denn auf den Boden geführt. + +Da war wirklich unter dem Dachstuhl ein viereckiger Kasten eingebaut; +auf dem Giebel öffnete er sich mit einem Fenster, das jetzt von einer +blaugestreiften Rollgardine verhängt war. Die Kammer enthielt ein Bett +und einen kleinen Tisch, der vorm Fenster stand und eine Wasserkaraffe +trug. An den Wänden hing etwas, das durch die weißen, verhüllenden +Laken wie Kleider aussah und sich, wenn man näher ging, auch als +Kleider erwies: hier guckte ein Rockkragen mit seinem Anhänger hervor, +dort schlenkerte ein Hosenbein heraus. Darunter stand ein ganzes Heer +von Schuhen, Männer- und Frauenstiefeln durch einander. Hinter der Tür +befand sich ein gewaltiger mit Eisen beschlagener Kasten, der ein +Schlüsselschild aus getriebenem Kupfer trug. + +Carlsson zog die Rollgardine auf und öffnete das Fenster, um die mit +Feuchtigkeit, Kampfer, Pfeffer, Wermut vermengte Luft herauszulassen. +Dann legte er die Mütze auf den Tisch und erklärte, hier werde er gut +schlafen. Als die Alte ihre Befürchtungen aussprach, die Kälte werde +ihm unangenehm sein, bekannte er, er sei es gewohnt, kalt zu liegen; +das sei ein Vorteil, den er in der warmen Küche unmöglich haben könne. + +Der Alten ging es etwas zu schnell; sie wollte erst die Kleider +fortnehmen, damit sie nicht im Tabaksrauch hingen. Carlsson versprach +sofort, er werde nicht rauchen; bat und beschwor sie, die Kleider +hängen zu lassen. Er wolle sie nicht einmal ansehen; Tante solle sich +nicht die Mühe machen, seinetwegen umzukramen. Er werde abends ins +Bett kriechen und morgens selbst sein Waschwasser ausgießen und sein +Bett machen. Niemand brauche hineinzugucken. Er verstehe wohl, Tante +sei um ihre Habseligkeiten besorgt, und hier gebe es ja mehr als genug +davon. + +Als er die Alte mit seinem Mundwerk herumgekriegt hatte, ging +Carlsson hinunter, holte Kasten und Branntweinkrug herauf, hing seine +Jacke an einen Nagel am Fenster, stellte seine Wasserstiefel neben die +anderen Schuhe. + +Darauf bat er um eine Unterredung, bei der Gustav zugegen sein müsse, +denn jetzt solle die Arbeit verteilt werden, damit morgen jeder auf +seinem Posten sei. + +Nach vieler Mühe wurde Gustav gefunden und veranlaßt, eine Weile in +die Stube zu kommen; an den Verhandlungen aber nahm er nicht teil, auf +Fragen antwortete er nur mit Einwendungen, warf Schwierigkeiten auf; +kurz, stellte sich auf die Hinterbeine. + +Carlsson versuchte ihn durch Schmeichelei zu gewinnen, ihn durch +Sachkenntnis zu erdrücken, ihm Achtung vor der Überlegenheit des +Älteren beizubringen; das war aber nur Wasser aufs Feuer. + +Schließlich wurden alle Teile müde und Gustav war verschwunden, ehe +man sich’s versah. + + * * * * * + +Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne versank in Nebel, die +bald stiegen und den Himmel mit kleinen Federwolken bedeckten; die +Luft aber blieb warm. + +Carlsson spazierte aufs Ungefähr die Wiese hinunter und kam in den +Ochsenhag; wanderte weiter unter den blühenden, noch halb +durchsichtigen Haselbüschen, die gewissermaßen einen Tunnel über den +»Drog« bildeten; dieser »Drog« führte zum Seeufer hinunter, wo das +Brennholz von der Jacht des Aufkäufers geholt zu werden pflegte. + +Plötzlich blieb er stehen: durch die Wachholdersträucher bekam er +Gustav und Norman zu Gesicht; sie waren auf dem Felsenhügel einer +Lichtung aufgestellt, die sich hier öffnete; hatten die Flinten +angelegt, die Hähne gespannt und guckten sich nach allen Seiten um. + +– Still, jetzt kommt er! flüsterte Gustav, doch so laut, daß es +Carlsson hörte. + +Im Glauben, er sei gemeint, verbarg sich Carlsson in den Büschen. + +Aber über die jungen Fichten kam ein Vogel geflogen, langsam und träg +wie eine Eule, mit schlaffen Flügeln, und gleich darauf kam noch +einer. + +– Quarr-Quarr-Murr-Murr-Pfip! klang es in der Luft, und dann paff! +paff! aus beiden Flinten, aus denen Hagel und Rauch wie ein Besen +herausfuhren. + +Es knisterte in den Zweigen einer Birke, und eine Schnepfe fiel einen +Steinwurf von Carlsson nieder. + +Die Schützen liefen hin und holten die Beute; die veranlaßte sie zu +einem kleinen Meinungsaustausch. + +– Der hat seinen Teil, sagte Norman und kräuselte die Brustfedern des +noch warmen Vogels. + +– Ich weiß noch einen, der seinen Teil haben müßte! meinte Gustav, der +trotz dem Jagdfieber noch von Nebengedanken geritten wurde. So ein +Kerl, will jetzt auch auf der Kammer liegen! + +– Nein, wirklich? witterte Norman. + +– Ja, und dann will er Ordnung in den Hof bringen! Als wüßten wir +nicht besser als er, was Ordnung ist. Aber so ist’s: neue Besen kehren +gut, so lange sie neu sind; doch laßt mir nur Zeit, ich werde es ihm +schon zeigen! + +– Und dann, sagte er nicht, die Kleesaat hole ihre Nahrung aus der +Luft, was? + +– Ja, aus der Luft; aus meinem Dreck holt sie die Nahrung! + +Und die beiden Sachverständigen lachten, während Carlsson hinter dem +Busche mit den Zähnen knirschte. + +– Ja, er soll mir nur kommen, beteuerte Gustav, so einem Freischärler +weiche ich nicht! Er soll mir nur kommen, hart wird er liegen! – +Still, da streicht die andere zurück. + +Die Schützen hatten neu geladen und liefen wieder auf ihren Anstand. +Carlsson aber schlich sich behutsam nach Hause, entschlossen, zum +Angriff überzugehen, sobald er genügend gerüstet war. + +Als er am Abend auf die Kammer kam, die Rollgardine herabließ und das +Licht ansteckte, fühlte er sich zuerst etwas beklommen, weil er allein +war. Eine gewisse Furcht vor denen, von welchen er sich abgesondert +hatte, überfiel ihn. Bisher war er immer gewohnt gewesen, sich zu +allen Tageszeiten in Gesellschaft zu fühlen; immer bereit, +angesprochen zu werden; nie um einen Zuhörer verlegen, wenn er +plaudern wollte. Jetzt war es still um ihn, so still, daß er aus +Gewohnheit erwartete, angesprochen zu werden; Stimmen zu hören +glaubte, wo keine waren. Und sein Kopf, der sich bisher aller Gedanken +im gesprochenen Wort entledigte, füllte sich mit einem Überschuß von +unverbrauchtem Gedankensamen, der keimte und sprengte, um in irgend +einer Form herauszukommen; der solche Unlust im Körper verursachte, +daß die Ruhe des Schlafes sich nicht einfinden konnte. + +Er wanderte also auf bloßen Strümpfen auf und ab, in der engen Kammer +zwischen Fenster und Tür; richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die +bevorstehende Arbeit des morgenden Tages. Er ordnete die +Beschäftigungen im Kopf und verteilte sie; begegnete im voraus +Einwendungen, überwand Hindernisse. + +Nachdem er eine Stunde so gearbeitet, hatte er Ruhe im Kopf; der war +jetzt geordnet und liniiert wie ein Kontobuch; alle Posten waren an +ihrer Stelle eingetragen und zusammengezählt: in einem Augenblick +konnte man die Stellung übersehen. + +Darauf ging er zu Bett. Als er sich allein zwischen den reinen, +frischen Laken befand, ohne fürchten zu müssen, daß jemand ihn im +Laufe der Nacht stören werde, fühlte er sich erst Herr seiner eigenen +Person; einem Ableger gleich, der nun eigene Wurzeln angesetzt und vom +Mutterstrauch abgeschnitten werden konnte, um sein Leben für sich zu +leben, in eigenem Kampf, mit größerer Arbeit, aber auch mit größerer +Lust. + +So schlief er ein, um dem Montagsmorgen und der Arbeitswoche des +Lebens zu begegnen. + + + + + Drittes Kapitel + + Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, wird + Herr auf dem Hof, duckt die jungen Hähne und tritt + seine Hühner selbst + + +Der Blei laichte, der Wachholder knospete, der Faulbeerbaum blühte und +Carlsson säete Frühlingssaat in die erfrorene Herbstsaat, schlachtete +sechs Kühe, kaufte trockenes Stallheu für die andern, damit die wieder +auf die Beine kommen und in den Wald gelassen werden konnten. Er +rüstete und er ordnete, er arbeitete selbst für zwei: er hatte eine +Fähigkeit, die Leute in Bewegung zu setzen, die allem Widerstand +trotzte. + +Auf einer Fabrik in Wärmland geboren, von ziemlich unbestimmten Eltern +stammend, zeigte er schon früh eine entschiedene Unlust zu +körperlicher Arbeit, entwickelte dagegen ein unglaubliches +Erfindungsvermögen, sich dieser unangenehmen Folge des »Sündenfalls« +zu entziehen. Darin hatte er ja Recht, zumal die Gedankenarbeit sowohl +nützlicher, ehrenvoller, bequemer ist, wie sich mehr lohnt. + +Zugleich von einem Verlangen getrieben, alle Seiten menschlicher +Tätigkeit kennen zu lernen, blieb er nicht unnötig lange auf einer +Stelle sitzen. Sobald er gelernt, was er wollte, suchte er einen neuen +Wirkungskreis. Auf diese Weise war er vom Schmiedehandwerk zur +Landwirtschaft übergegangen, hatte sich im Stalldienst versucht, beim +Kaufmann gehandelt, war Gärtnerbursche, Bahnarbeiter, Ziegelstreicher +und schließlich Reiseprediger gewesen! + +Durch diese Wandlungen war sein Wesen geschmeidig geworden, hatte er +die Fähigkeit erworben, sich in alle Verhältnisse und alle möglichen +Menschen zu schicken; ihre Absichten zu verstehen, ihre Gedanken zu +lesen, ihre geheimen Wünsche zu erraten. Er war mit einem Wort eine +Kraft, die ihre Umgebung überragte. Seine mannigfachen Kenntnisse +machten ihn fähiger, ein Ganzes zu leiten und zu ordnen; er wollte +sich nicht als ein Rad dem Wagen einfügen, sondern sich von dem Wagen +tragen lassen. + +Durch einen Zufall in seine neue Stellung geworfen, sah er sofort ein: +hier konnte er von Nutzen sein, hier vermochte er mit seinen +Fähigkeiten das jetzt Wertlose zum Ertrag zu bringen, hier werde er +deshalb bald geschätzt werden und schließlich unentbehrlich sein. Er +hatte jetzt ein festes Ziel für sein Streben vor sich; und daß die +Belohnung in einer verbesserten Lebensstellung auf ihn warte, hatte er +hinter sich als sichere Hoffnung und treibende Kraft. Er arbeitete für +die Anderen, sichtlich und unleugbar; aber zugleich schmiedete er sein +eigenes Glück. Und wußte er’s so anzustellen, daß es aussah, als +widmete er Zeit und Kraft fremdem Vorteil, so zeigte er damit, daß er +klüger als mancher war, der es gern ebenso gemacht hätte, es aber +nicht konnte. + +Das größte Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, war der Sohn. +Bei dem bestimmten Geschmack des Fischers und Jägers für das +Ungewisse, für Überraschungen, hatte der einen entschiedenen +Widerwillen für alles Geordnete, alles Sichere. Ackert man, meinte +der, so kriegt man allerhöchstens so viel, wie man berechnet hat; +niemals mehr, oft aber viel weniger. Setzt man dagegen Netze, so +kriegt man das eine Mal nichts, aber das nächste Mal das Siebenfache +von dem, was man erwartet. Fuhr man aus, um Aale zu fangen, geschah es +zuweilen, daß man einen Seehund schoß; lag man einen halben Tag in den +Schären, um auf Jägergänse zu lauern, konnte es vorkommen, daß einem +Eider vor den Flintenlauf kamen. Immer war es etwas, und oft etwas +anderes, als man erwartet hatte. + +Übrigens galt die Jagd noch, nachdem sie als Vorrecht von den oberen +Klassen zu den unteren gekommen war, für vornehmer und protziger, als +hinter Pflug oder Dungwagen herzugehen. Das war den Leuten so in +Fleisch und Blut übergegangen, daß man keinen Knecht dazu bringen +konnte, mit einem Paar Ochsen zu fahren; wohl auch weil der Ochse +beschnitten, »verändert«, war; vor allem aber, weil das Pferd von +Alters her in abergläubischem Ansehen stand. + +Ein zweiter Stein auf dem Wege war Rundqvist. Eigentlich war es ein +alter Schelm, der auf seine Art das irdische Paradies wieder zu +gewinnen suchte, ein Paradies ohne schwere Arbeit und mit langen +Mittagsschläfchen und vielen Schnäpsen, indem er Kenntnis von +verborgenen Dingen vorspiegelte; indem er allen Ernst, besonders die +grobe Arbeit, fortscherzte; indem er, im Notfall, durch Vortäuschung +geistiger Schwäche und körperlicher Übel Mitleid zu erwecken wußte, +besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kaffee mit Branntwein oder +einem halben Pfund Schnupftabak äußerte. Er verstand Schafe und Ferkel +zu verschneiden; glaubte mit der Wünschelrute Quellen zu finden; +behauptete, den Barsch ins Netz locken zu können; heilte allerlei +leichte Übel bei Andern, behielt aber seine eigenen; sagte bei Neumond +schönes Wetter voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte; +opferte fremdes Geld unter einem großen Stein am Strande, wenn der +Strömling kommen sollte. + +Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er behauptete: +Täschelkraut aufs Feld des Nachbars bringen, die Kühe gelt machen, +Hexenschüsse austeilen und dergleichen. All das umgab seine Person mit +einer gewissen Furcht, so daß man ihn gern zum Freund haben wollte. + +Seine Verdienste, denn die besaß er auch und ihretwegen war er +unentbehrlich, bestanden darin, daß er schmieden und tischlern konnte. +Aber seine unglaubliche Fähigkeit, alles zu machen, was auffiel, erhob +ihn zu einem gefährlichen Nebenbuhler; denn was Carlsson unter dem +Stalldach oder draußen auf dem Felde tat, fiel nicht so sehr auf. + +Blieb Norman, ein tüchtiger Arbeiter; der mußte Gustavs mächtigem +Einfluß entrissen und der regelmäßigen Feldarbeit wieder gewonnen +werden. + +Carlsson hatte also ein gehöriges Stück Arbeit zu leisten und außerdem +nicht geringe diplomatische Schlauheit zu entwickeln, um +durchzudringen; da er aber der klügste war, siegte er. + +Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf; den ließ er laufen, +nachdem er dessen Bundesgenossen Norman durch allerlei Vorteile von +ihm fortgelockt hatte. Das war nicht so schwer, denn Gustav war, offen +gesagt, etwas geizig und behandelte Norman auf den Jagden meist als +Ruderer, der nie den ersten Schuß tun durfte; kriegte er wirklich +einen Schnaps, nahm Gustav heimlich deren drei. So brachten die +Vorteile, die Carlsson dem Norman auswirkte, höherer Lohn, neue +Strümpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen bald zum Abfall; +zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach als Gustavs sinkende. + +Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des Sohnes herabgesetzt, +denn allein umher zu fahren, war kein Vergnügen. Infolge dieses +Mangels an Gesellschaft schloß sich Gustav den Andern bei der Arbeit +an. + +Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer; dieser Fisch war sowohl +häßlich wie alt; aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den +Fischkasten. + +Statt Geldstücke zu opfern, ließ Carlsson die Netze ausbessern und +neue Leinen in alle Schleppzüge ziehen; und siehe da, der Strömling +blieb besser hängen als früher. Statt mit der auf einem andern Baum +gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, ließ Carlsson den +alten Brunnen füttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte +einen Pumpenstock hinein; damit war die Mistel auf den Kehrichthaufen +geworfen. Statt die Kühe zu besprechen und Feuer über sie zu schlagen, +ließ er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist +Hufnägel schmieden, zog Carlsson Haken; konnte Rundqvist einen Rechen +schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze. + +Als Rundqvist sich aus allen seinen Maulwurfslöchern verjagt sah, +griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums +Haus aufzuräumen; schaffte weg, was man den Winter über aus +Nachlässigkeit oder infolge der Dunkelheit auf den Hof hatte »fallen« +lassen; machte Hühnern und Katze den Hof; setzte eine neue Klinke an +die Tür. + +– Nein, wie nett Rundqvist geworden ist! Hat uns eine neue Klinke an +die alte Tür gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will. + +So hörte Carlsson die Mägde in der Küche sprechen. + +Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der +Herd weiß gestrichen; eines andern Morgens waren die Wassereimer grün +angemalt, mit schwarzen Rändern und weißen Herzen; wieder eines andern +Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer +aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feinde gelernt, die Großmacht der +Küche zu gewinnen; mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich +geworden. + +Rundqvist war jedoch zäh und hinterlistig; in einer Sonnabendnacht +strich er den Abtritt grell rot. + +Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel +Branntwein, und in der Dreifaltigkeitsnacht hörte die Alte, wie es um +die Wände des Hauses tuschelte und raschelte; da sie aber zu +verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, daß die ganze +»Stuga« rot gestrichen war und weiße Fensterpfosten und weiße +Dachrinnen hatte! + +Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen für sein Alter gar zu +anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt über +seinen köstlichen Geschmack, die Verschönerungen mit dem Abtritt zu +beginnen. Norman, als echter Abtrünniger, machte einen Witz über ihn, +der lange im Schwange blieb: + +– Man muß am rechten Ende anfangen, sagte Rundqvist und strich zuerst +den Abtritt an. + +Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal +neue Schliche zu versuchen oder einen vorteilhaften Frieden zu +schließen. + +Gustav ließ sie gewähren; er sah zu und fand gut, was geschah. + +– Pflügt ihr nur, dachte er; ich werde schon kommen und einheimsen. + + * * * * * + +Bisher hatte Carlssons Tätigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es +zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das für den Verkauf +der Kühe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretär +gelegen, nachdem es bei der Aufzählung einen ausgezeichneten Eindruck +gemacht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere +des Vermissens zurückgelassen. + +Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu bestellen gehabt und +wenig Zeit zu Spaziergängen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging +er aber die Höhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die große +Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verödet +dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tür offen. Er +trat in den Flur und entdeckte eine Küche; ging weiter und kam in ein +großes Zimmer, das wirklich herrenmäßig aussah: weiße Gardinen, +Himmelbett mit Messingbeschlägen, ein Spiegel mit geschnitztem und +vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas – das war fein, das wußte +er! – Sofa, Sekretär, Kachelofen; alles genau wie auf einem Herrenhof. +Auf der andern Seite des Flurs war ein ebenso großes Zimmer mit Kamin, +Eßtisch, Sofas, Wanduhr ... + +Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber begann er die Besitzer, +die so wenig Unternehmungsgeist besaßen, zu bemitleiden und zu +verachten; besonders als er sah, daß das Haus noch zwei Kammern mit +mehreren gemachten Betten hatte. + +– Oh, oh, oh, dachte er laut; so viel Betten und keine Badegäste. + +Von dem Gedanken an die künftige Einnahme berauscht, ging er sofort +zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga +nicht an Sommergäste zu vermieten. + +– Ach was, wir finden niemand, der hier wohnen will! wehrte sich die +Alte. + +– Wie wißt Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der +Zeitung angezeigt? + +– Das heißt nur Geld in die See werfen! meinte Frau Flod. + +– Man wirft auch Netze in die See, antwortete Carlsson. Und das muß +man tun, wenn man was erhalten will. + +– Versuchen kann man’s ja; aber Badegäste kriegen wir nicht, schloß +die Alte, die nicht mehr an die Erfüllung von Wünschen glaubte. + +Acht Tage später kam ein feiner Herr über die Wiese und sah sich um. +Er kam näher. Als er auf den Hof trat, wurde er allein von dem Hunde +empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus +Schüchternheit oder Feingefühl, in Küche und Stube verborgen hielten, +nachdem sie vorher in einem Knäuel draußen gestanden und nach dem +Besuch gegafft hatten. Erst als der Herr in die Tür trat, kam Carlsson +als der Mutigste ihm entgegen. + +Der Kömmling hatte eine Anzeige gelesen. + +– Jaja, das ist hier! + +Carlsson führte ihn nach der Großstuga hinauf. + +Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle +Verbesserungen, wenn der Herr sich sofort entscheide; denn der +Bewerber seien viele und die Jahreszeit sei vorgeschritten. + +Der Fremde schien von der schönen Lage des Hauses gefesselt zu werden +und beeilte sich, abzuschließen. + +Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Verhältnissen, +wirtschaftlichen sowohl wie familiären, erkundigt hatten, entfernte +der Fremde sich wieder. + +Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtür. Dann stürzte er in die Hütte +zurück und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn +Kronen und einen zu fünf auf den Tisch. + +– Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzunehmen, murrte +die Alte. + +Gustav aber war zufrieden; zum ersten Male sprach er Carlsson seine +Anerkennung aus, als dieser erzählte, wie er durch den Hinweis auf +viele Bewerber den Herrn gedrängt habe. + +Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf für Carlsson. Nach diesem +Stückchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Geschäftssachen zu gute +gekommen war, sprach er in einem höheren Tone. + +Es sei nicht nur das bare Geld für die Miete, das ihnen in den Schoß +gefallen; es werde auch indirekte Einkünfte regnen. + +Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zuhörern in raschen +Zügen aus. + +Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung brauche man +nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechen von den Fahrten nach dem +Badeort Dalarö, für die man jedes Mal eine Krone nehmen könne. Und +dann könnte man ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gemüse +absetzen. Oh, da sei etwas zu machen! Und es sei ein feiner Mann! + +Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische an. Es waren Mann +und Frau, eine Tochter von sechzehn und ein Sohn von sechs Jahren, +dazu zwei Dienstmädchen. + +Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verhältnissen, war +ein Mann des Friedens, stand am Eingang der Vierziger. Er war von +deutscher Geburt und konnte die Inselbauern nicht gut verstehen; darum +beschränkte er sich darauf, zu allem, was sie sagten, beifällig zu +nicken und »schön« zu sagen; so kam er rasch in den Ruf, ein sehr +netter Herr zu sein. + +Die Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus und ihre Kinder +pflegte und sich durch ihr würdiges Benehmen bei den Mägden in Respekt +zu setzen wußte, ohne zu wettern oder zu bestechen. + +Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Schüchterne und am +meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu hatte er ja auch ein +Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besaß niemand von den andern +weder die unternehmende Lust noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz +streitig zu machen. + + * * * * * + +Die Ankunft der Städter unterließ nicht, ihren Einfluß auf Sinne und +Sitten der Inselbauern auszuüben. Täglich Menschen vor sich zu sehen, +die festtäglich gekleidet waren, jeden Tag zum Sonntag machten, ohne +Ziel spazieren gingen und ruderten, badeten und musizierten; sich die +Zeit vertrieben, als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt – +das erregte anfangs keinen Neid sondern nur Erstaunen; Erstaunen +darüber, daß das Leben sich so gestalten könne; Erstaunen über +Menschen, die ihr Dasein so angenehm und ruhig, so rein und fein vor +allem einzurichten vermochten, ohne daß man sagen konnte, sie hätten +Andern Unrecht getan oder Arme geplündert. + +Ohne sich dessen bewußt zu werden, fingen die Inselbauern an, sich +stillen Träumen hinzugeben; verstohlene Blicke nach der Großstuga zu +werfen. Sahen sie ein helles Sommerkleid auf der Wiese aufleuchten, +blieben sie stehen und weideten sich an dem Anblick wie an etwas sehr +Schönem. Gewahrten sie einen weißen Schleier um einen italienischen +Strohhut, ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem Boot +auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden sie still und +andächtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, das sie nicht zu +hoffen wagten, zu dem sie sich aber hingezogen fühlten. + +Gespräch und Lärm unten in der Küche und der alten Stuga nahmen eine +stillere Art an. Carlsson erschien beständig in reinem, weißem Hemd, +hatte auch wochentags eine blaue Tuchmütze auf und nahm allmählich das +Aussehen eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche +oder hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre. + +Gustav zog sich dagegen zurück, hielt sich so abseits wie möglich, um +nicht zu Vergleichen Anlaß zu geben; sprach bitter von Städtern im +allgemeinen; mußte sich und andere öfters als früher an das Geld auf +der Bank erinnern; machte weite Bogen, um an der Großstuga +vorbeizukommen und den hellen Kleidern auszuweichen. + +Rundqvist ging mit finsterm Gesicht umher, hielt sich meist in der +Schmiede auf und erklärte, er frage den Teufel nach der ganzen Welt, +und sei es die Königinwitwe selber. + +Norman dagegen holte seine Soldatenmütze hervor, schnallte den +Hungerriemen über das Wams und schlug Haken um den Brunnen, wohin die +Mägde der Herrschaft morgens und abends zu kommen pflegten. + +Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen bald alle +Mannsleute feige abfallen, um zu den Mägden der Herrschaft +überzugehen, die sich auf Briefen Fräulein nennen ließen und im Hut +nach Dalarö, dem Badeort, fuhren. Clara und Lotte mußten barfuß gehen; +im Viehstall war es so schmutzig, daß sie ihre Stiefel bald verdorben +hätten; und in der Küche war es zu heiß, um beschuht zu sein. Sie +trugen dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine weiße Passe +erlauben, infolge von Schweiß, Ruß, Spreu. Clara machte einen Versuch +mit Manschetten, kam aber übel an; sie wurde sofort entlarvt, und man +lachte lange über sie, daß sie sich in Wettstreit eingelassen. Doch am +Sonntag hielten Clara und Lotte sich schadlos; da legten sie einen +Eifer für den Kirchgang an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht +gesehen; nur um ihre besten Kleider anziehen zu können. + +Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu schaffen; blieb +stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort saß; fragte nach dem +Befinden; sagte schönes Wetter voraus; schlug Ausflüge vor; gab +Ratschläge über die Seefischerei. Dann und wann bekam er ein Glas Bier +oder einen Kognak. Die Anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er +schmarotze. + +Am Sonnabend, wenn die Köchin der Herrschaft nach dem Badeort Dalarö +fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch, wer sie rudern +solle. Carlsson entschied die Sache ganz einfach zu seinen Gunsten, +denn das kleine, schwarze, weißhäutige Mädchen hatte es ihm angetan. +Als die Alte ihm Vorstellungen machte, der erste und wichtigste Mann +auf dem Hofe dürfe sich nicht mit solchen kleinen Dingen befassen, +antwortete Carlsson, der Professor habe ihn eigens gebeten, weil +wichtige Briefe zur Post müßten. Gustav verriet wider Willen, daß auch +ihm daran gelegen sei, den Boten zu machen, indem er vorschlug, die +Briefe sollten ihm anvertraut werden. + +Carlsson aber erklärte bestimmt, er könne unmöglich zugeben, daß der +Hausherr Knechtesdienste verrichte; das gebe den Leuten nur Stoff zum +Klatschen. Und dabei blieb es. + +Den Dalaröboten zu machen, hatte seine Vorteile, die der findige +Knecht im voraus aufgespürt. Zuerst war man allein mit einem Mädchen +auf See und konnte ungestört mit ihr schwatzen und schäkern. Dann +folgten Bewirtung und Trinkgelder. Und im Badeorte konnte er sich alle +Kaufleute verpflichten, indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das +brachte immer einen Händedruck ein, einen Schnaps hier, eine Zigarre +dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen auf den, der Aufträge +vom Professor zu besorgen hatte, am Wochentag fein gekleidet war und +sich in Gesellschaft eines Fräuleins aus Stockholm befand. + +Die Fahrten nach Dalarö fanden jedoch nur ein Mal in der Woche statt +und hatten keinen störenden Einfluß auf den regelmäßigen Gang der +Arbeit. Carlsson war nämlich so pfiffig, die Tage, an denen er fort +war, den Burschen die Arbeit in Akkord zu geben: sie mußten so und so +viele Klafter entwässern, so und so viele Äcker pflügen, so und so +viele Bäume fällen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit +Vergnügen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon zur +Vesperzeit fertig sein. + +Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen und die +geleistete geprüft werden mußte, kam der Bleistift und das jetzt +eingeführte Notizbuch zu Ehren. Carlsson gewöhnte sich daran, als +Verwalter aufzutreten und allmählich die Arbeit auf andere Schultern +gleiten zu lassen. + +Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem eigenen +Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war längst eingeführt; auf den +Tisch am Fenster hatte er ein grünes Taschentintenfaß, Federhalter, +Bleifeder, einige Bogen Postpapier aufgetischt und mit Leuchter und +Streichholzgestell geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das +Fenster ging nach der Großstuga; daran saß er in seinen +Erholungsstunden und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch +konnte er hier zeigen, daß er zu schreiben verstand. + +Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs Fensterbrett +und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel, den er aus der +Westentasche hervorsuchte. Oder er las ein Wochenblatt. Von unten sah +das so aus, als sei er der Hausherr selbst. + +Wenn es aber dämmerig wurde und er Licht ansteckte, legte er sich +aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Träume, Pläne vielmehr; die +bauten sich auf Umstände auf, die zwar noch nicht eingetreten waren, +aber durch eine kleine Änderung sich vielleicht einstellen konnten. + +Als er eines Abends so auf dem Rücken lag und »Schwarzen Anker« +qualmte, um die Mücken zu betäuben, während seine Augen sich auf das +weiße Laken hefteten, das die Kleider bedeckte, ließ dieses plötzlich +los und fiel zu Boden. Wie den Schatten einer Reihe Soldaten sah er +die ganze Garderobe des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen; +gegen das Fenster und zurück zur Tür, je nachdem das Licht im Zuge +flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all den Gestalten zu sehen, +welche die Kleider auf die karrierte Tapete zeichneten. Da kam er in +Joppe aus blauer Boi und in grauen Tuchhosen, in denen Knie waren, da +er mit denen im Trebel am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach +der Stadt segelte, um dann in der »Messingstange« mit dem Fischkäufer +Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Gehrock und langen, +flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn Beichte war; so war er +auf Hochzeit, Begräbnis, Kindstaufe gekleidet. Dort hing die schwarze +Jacke aus Schaffell; die hatte er an, wenn er im Herbst und Frühling +am Strande stand und Zugnetze zog. Dort brüstete sich der große +Seehundpelz, der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der +Reisegurt, mit grünem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte sich +wie die große Seeschlange bis auf den Boden und steckte den Kopf in +einen Stiefelschaft. + +Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in den schönen, +seidenweichen Pelz hineindachte; sich vorstellte, wie er auf einem +Schlitten übers Eis schoß, eine Kappe aus Seehundsfell auf dem Kopf; +wie die Nachbarn den Weihnachtsgast am Strande mit Feuern und +Büchsenschüssen empfingen; wie er in der warmen Stube den Pelz auszog, +um dann im schwarzen Tuchrock dazustehen; wie der Pastor ihn mit du +begrüßte und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches sitzen +durfte, während die Knechte an der Tür standen oder sich aufs +Fensterbrett geschwungen hatten. + +Die Vorstellungen von den erwünschten Seligkeiten wurden so lebhaft, +daß sie Carlsson auf die Beine brachten; ehe er sich dessen bewußt +wurde, war er in den Pelz geschlüpft und strich mit der Hand über die +Pulswärmer; als kose er die Brüste eines Weibes, so weich und fein war +das Fell; und es schauerte ihn, als der Kragen seine Backe kitzelte. + +Dann zog er den schwarzen Gehrock an und knöpfte ihn zu; stellte +seinen Rasierspiegel auf den Stuhl und sah nach, wie der Rock im +Rücken saß; steckte die Hand unter den Aufschlag und ging im Zimmer +auf und ab. Ein Gefühl von Reichtum verbreitete sich von dem +seidenweichen Tuch; etwas Geräumiges, etwas Rundliches, als er zur +Probe den Schoß spaltete und sich auf den Bettrand setzte; so tuend, +als sei er auf Besuch. + +Während er so ganz in berauschenden Träumen versunken war, hörte er +von draußen Stimmen, die plauderten; als er aufhorchte, merkte er, wie +sich Idas (das war die hübsche Köchin) und Normans Stimmen +verflochten, zusammenfielen, Seite an Seite gingen, sich gleichsam +schnäbelten. Das gab ihm einen Stich; mit einem Griff hatte er Gehrock +und Pelz unter die Kleider hinter das Laken gehängt; bewaffnete sich +mit einer neuen Zigarre und ging die Treppe hinunter. + + * * * * * + +Mit ernsten Zukunftsplänen beschäftigt, hatte Carlsson bisher alle +Händel mit Mädchen vermieden. Erstens wußte er, wieviel Zeit dabei +verloren geht; dann fühlte er, im selben Augenblick, in dem er das +Feuer nach dieser Seite eröffnete, gab es keine Sicherheit mehr; er +konnte sich eine Blöße geben, die schwer zu verteidigen war; und war +er einmal auf diesem Felde geschlagen, war es aus mit Respekt und +Ansehen. + +Als sich jetzt aber die anerkannte Schönheit dem Wettstreit aussetzte, +und der Sieger zu viel zu gewinnen hatte, fühlte er sich veranlaßt, +die Sporen zu benutzen und den Kamm zu erheben; mit dem festen +Entschluß, der Hahn zu werden, ging er auf den Holzplatz hinunter, wo +das Spiel schon in vollem Gange war. Es ärgerte ihn nur, daß er sich +mit Norman messen mußte; wäre es wenigstens Gustav gewesen! Aber +dieser Tropf Norman! Nun, der sollte mal sehen! + +– Guten Abend, Ida! begann er, ohne von dem Nebenbuhler Notiz zu +nehmen, der unwillkürlich seinen Platz am Zaun verließ. + +Carlsson nahm diesen Platz sofort ein und begann das Spiel. Während +Ida Holz und Späne in die Holztrage las, machte er von seiner +überlegenen Beredsamkeit einen solchen Gebrauch, daß Norman kein +Wörtchen anbringen konnte. + +Ida aber war launenhaft wie beim Mondwechsel; sie warf Norman +Seitenworte zu, die Carlsson jedoch im Fluge aufgriff und +zurücksandte, hübsch verziert und schön ausgemalt. + +Aber die Schöne fand Gefallen an dem Kampf und bat Norman, ihr etwas +Kienholz zu spleißen. Ehe der Glückliche bis zur Tür kam, war Carlsson +schon über den spitzen Zaun gestiegen, hatte sein Klappmesser gezogen +und begann einen trockenen Fichtenklotz zu spleißen. In wenigen +Minuten legte er die Späne in die Holztrage, faßte alles mit dem +kleinen Finger zusammen und trug es direkt in die Küche, in die ihm +Ida folgte. Dort blieb er am Türpfosten stehen, indem er sich so breit +machte, daß niemand weder hinaus noch herein konnte. + +Norman, dem es nicht gelang, irgend ein Anliegen zu erfinden, +umkreiste zuerst einige Male den Holzplatz, um milzkrank darüber +nachzusinnen, wie leicht der Unverschämte im Leben vorwärts kommt; bis +er schließlich für gut fand, abzuziehen. Er setzte sich auf den +Brunnenrand und stöhnte seine Klage in einem Schottischen aus, den er +aus der Handharmonika holte. + +Die weichen Töne der Blechzungen drangen doch durch die dicke +Abendluft, am Türpfosten vorbei, und erreichten den Thron der +Barmherzigkeit am Küchenherd: Ida erinnerte sich jetzt, sie müsse zum +Brunnen gehen, um für den Professor Trinkwasser zu holen. + +Carlsson folgte ihr; dieses Mal aber fühlte er sich doch etwas +unsicher in dem Kampf auf einem Felde, das ihm ganz fremd war. Um die +Wirkung des zauberischen Lockrufs aufzuheben, nahm er Idas +Kupferflasche und flüsterte zärtliche Worte; in einem so schmachtenden +und wohlklingenden Tone, wie er nur irgend vermochte; als wolle er der +verführerischen Musik Worte unterlegen und das Solo zu einer +untergeordneten Begleitung herabsetzen. + +Aber gerade als sie zum Brunnen kamen, rief die Hausmutter oben aus +der Hütte. Sie rief Carlsson, und in ihrem Ton war zu hören, daß es +sich um etwas Wichtiges handelte. + +Zuerst wurde Carlsson böse und wollte nicht antworten; da aber fuhr +der Teufel in Norman: mit schallender Stimme rief der: + +– Hier, Tante! Er kommt sofort! + +Indem er den falschen Spielmann zur Hölle wünschte, riß sich der +Sieger aus den Armen der Liebe und ließ die halb errungene Beute dem +Schwächern, der sein Liebesglück nur einem Schicksal zu verdanken +hatte. + +Die Alte rief noch ein Mal; mit zorniger Stimme antwortete Carlsson, +er komme so schnell, wie er nur könne. + +– Wollt Ihr näher treten, Carlsson, und eine Halbe trinken, empfing +die Alte ihn im Vorbau, mit der Hand die Augen beschattend, um die +leichte Sommerdämmerung zu durchdringen und zu sehen, ob er allein +komme. + +Carlsson hätte sonst gern eine Halbe getrunken, aber in diesem +Augenblick wünschte er allen Kaffee und Branntwein zur Hölle; doch +konnte er nicht nein sagen; während Normans norrköpinger +Scharfschützenmarsch siegesstolz und hohnvoll von der Quellwiese +heraufklang, mußte er in die Stuga hinein. + +Die Alte war milder als gewöhnlich; Carlsson aber fand sie älter und +häßlicher als gewöhnlich. Je freundlicher sie sich zeigte, desto +mürrischer wurde er; das machte die Alte schließlich beinahe zärtlich. + +– Die Sache ist die, Carlsson, sagte sie schließlich, während sie ihm +Kaffee eingoß: wir müssen für nächste Woche zur Mahd aufbieten. Darum +möchte ich natürlich erst mit Euch sprechen. + +Die Harmonika verstummte mitten in den schmelzenden Akkorden des +Trios; Carlsson erstarrte und wurde unaufmerksam, um schließlich +einige Worte ohne Klang und ohne richtigen Zusammenhang +hervorzubringen: + +– Jaja, also die Mahd in nächster Woche! + +– Und da möchte ich, fuhr die Alte fort, daß Ihr am Sonnabend mit +Clara hinfahrt und aufbietet; dann kommt Ihr auch etwas unter die +Leute und könnt Euch zeigen, denn das ist immer gut. + +– Aber am Sonnabend kann ich nicht, antwortete Carlsson mürrisch; da +muß ich für Professors nach Dalarö. + +– Einmal könnte wohl Norman die Fahrt machen, wendete die Alte ein +und drehte dem Knecht den Rücken, um seine Miene nicht sehen zu +müssen. + +In diesem Augenblick brachte die Harmonika einige weiche, von Pausen +unterbrochene Sätze hervor, die sich zu entfernen schienen, um draußen +in der Sommernacht, wo die Nachtschwalbe schon an ihrem surrenden +Rocken spann, zu verhallen. + +Carlsson schwitzte Todesschweiß, goß den Kaffeebranntwein hinunter, +fühlte Steine auf der Brust, Nebel um den Kopf, eine allgemeine +Schwäche in den Nerven. + +– Das kann Norman nicht, stieß er hervor; Norman kann die Geschäfte +des Professors nicht besorgen – und – er wird auch nicht damit +betraut. + +– Aber ich habe den Professor gefragt, schnitt die Alte den Faden ab; +und er sagte, er habe für diesen Sonnabend nichts. + +Es war wie verhext für Carlsson; die Alte hatte ihn wie eine Maus +gepackt; es war kein Loch mehr vorhanden, in das er schlüpfen konnte. + +Und seine Gedanken gingen nach so verschiedenen Richtungen, daß er sie +kaum zu einer Gegenwehr sammeln konnte. Das sah die Alte auch, und sie +wollte darum kneten, solange der Teig gärte. + +– Hört mal, Carlsson, sagte sie; Ihr müßt es Euch nicht zu Herzen +nehmen, wenn ich Euch was sage; denn ich meine es gut mit Euch. + +– Ihr mögt meinetwegen sagen, was zum Teufel Ihr wollt: denn jetzt ist +es mir doch ganz einerlei, brach Carlsson los, der die zärtlichen Töne +der Harmonika im Hag verklingen hörte. + +– Ich wollte nur sagen, Ihr müßt Euch für zu gut halten, um mit den +Mädchen zu spielen; das nimmt nur ein schlimmes Ende. Ja, ich weiß; +ich kenne das; und es ist gut gemeint von mir, Carlsson. Solche +Stadtmädchen müssen immer einen Troß Männer hinter sich haben, damit +es nach was aussieht; und dann wird hier scherwenzelt und dort +gehänselt; und gehen sie in den Wald mit Einem, laufen sie in den Hag +mit dem Andern. Und wenn es schief geht, so nehmen sie den, ders am +besten tragen kann. So ist’s bestellt! + +– Was kümmert’s mich, wer die Burschen bürstet; meiner sollen sie +nicht habhaft werden. Übrigens ist ein Unterschied zwischen Mädchen +und Mädchen; alle sind nicht Dirnen, die verkommen, erleichterte +Carlsson sein volles Herz. + +– Nicht übel aufnehmen, tröstete die Alte. Aber ein Mann wie Ihr, +Carlsson, sollte ans Heiraten denken, nicht solchen Mädchen +nachlaufen. Hier in den Schären gibt es viele reiche Mädchen, kann ich +Euch sagen; und seid Ihr klug und macht Ihr Eure Sache gut, so könnt +Ihr früher als Ihr glaubt Euer eigener Herr werden. Darum müßt Ihr +nicht eigensinnig sein, Carlsson, sondern auf das hören, was ich Euch +sage, wenn ich Euch bitte, zu den Nachbarn zu fahren und sie zur Mahd +zu laden. Bedenket doch, nicht Jeden hätte ich aufgefordert, im Namen +des Hofes zu fahren; und der Junge wird wohl auch über mich herfallen. +Aber daran kehre ich mich nicht: halte ich mich an einen, so stütze +ich ihn auch; darauf könnt Ihr Euch verlassen. + +Es begann in Carlssons Innern ruhig zu werden; es leuchtete ihm ein, +daß es seine Vorteile haben müsse, den Hof zu vertreten; aber er war +noch zu sehr gereizt, um seine Flamme gegen etwas Ungewisses zu +vertauschen; er hatte ein Bedürfnis, zuerst etwas Handgeld zu +erhalten, ehe er sich auf das Geschäft einließ. + +– So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere Kleider habe +ich nicht, warf er seine Schnur aus. + +– So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht, meinte die Alte; +wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon Rat schaffen. + +Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen; dafür wollte er +lieber das angedeutete Versprechen gegen ein anderes, bestimmtes, +auswechseln. Nach verschiedenen Einwendungen der Alten gelang es ihm +auch, zu erreichen, daß Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der +Sensen und Ausbessern des Heuwagens, zu Hause bleiben sollte, während +Lotte Ida nach Dalarö fuhr. + + * * * * * + +Es war drei Uhr morgens an einem Julitage im Anfang des Monats. Es +raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffeekessel ist aufgesetzt; das +ganze Haus ist wach und in Bewegung; draußen auf dem Hof ist ein +langer Kaffeetisch gedeckt. + +Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben auf Heuboden und +Scheune geschlafen. Zwölf stattliche Männer aus den Schären, in weißen +Hemdärmeln und Strohhüten, stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen +und Wetzsteinen bewaffnet. + +Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Svinnockar, deren Rücken +vom Rudern rund geworden sind; da ist der von Aspö mit seinem langen +Heldenbart, einen Kopf höher als die Andern, mit tiefen, traurigen +Blicken von der Einsamkeit draußen am offenen Meere, von Kummer ohne +Namen und ohne Klage; das ist der Fjällonger, eckig und halb gedreht, +wie eine Meerkiefer draußen auf der letzten Schäre; der von +Fiversätra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie eine Kaffeehaut; +die Quarnöer, Bootbauer von Ruf; die von Longskär, die ersten +Seehundschützen; der Bauer von Arnö mit seinen Jungen. + +Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die Mädchen, in +Hemdärmeln, mit Brusttüchern über den Busen, in hellen Kleidern aus +Baumwolle, mit Tüchern auf dem Kopf. Die Harken, die in allen Farben +des Regenbogens frisch bemalt waren, hatten sie selbst mitgebracht. +Sie sahen aus, als gingen sie zu einem Fest, nicht zu einer Arbeit. +Die Alten klopften sie mit den Fingerknöcheln auf die Taille und +sagten ihnen vertrauliche Worte. Die Burschen aber verhielten sich so +früh am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit Dämmerung, Tanz +und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen. + +Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber noch nicht so +weit über die Wipfel der Kiefernhöhe gekommen, um den Tau aus dem Gras +zu lecken. Die Bucht lag spiegelblank da, von dem jetzt blaßgrünen +Schilf eingefaßt; das Piepen der eben ausgebrüteten jungen Enten war +zwischen dem Schnattern der alten zu hören; die Möwen fischten dort +unten Ukeleis, segelnd, groß, flügelbreit, schneeweiß wie die +Gipsengel der Kirche; in der Kellereiche waren die Elstern erwacht und +schwatzten und kicherten von den vielen Hemdärmeln, die sie unten auf +dem Haushügel gesehen; der Kuckuck rief im Hag, brünstig, rasend, als +sei die Zeit des Begehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober +erblickte; die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfelde; +aber auf dem Hügel sprang der Hund und begrüßte alte Bekannte. + +Hemdärmel und Leinenpassen glänzten im Sonnenschein, streckten sich +über den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Schüsseln, Gläser und Kannen +klirrten: die Bewirtung hatte begonnen. + +Gustav, sonst schüchtern, machte den Wirt; sich unter den alten +Freunden seines Vaters sicher fühlend, setzte er Carlsson in Schatten +und handhabte selber die Branntweinflasche. + +Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekanntschaften +geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie ein älterer +Angehöriger oder Gast, und ließ sich den Hof machen. Da er vor Gustav +zehn Jahre voraus hatte und ein männlicheres Aussehen besaß, stach er +diesen aus; zumal Gustav für die Männer, die sich mit seinem Vater +geduzt, kaum etwas anderes als »der Junge« werden konnte. + +Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen setzten sich +in Bewegung, um nach der großen Wiese hinunter zu ziehen, die Sensen +auf den Schultern; die Jungen und die Mädchen folgten. + +Das Gras reichte den Männern bis an die Schenkel und stand dicht wie +ein Fell. Carlsson mußte über die neue Bewirtschaftung der Wiese +Bescheid geben; wie er Laub und Gras vom vorigen Jahr abräumte, die +Maulwurfshaufen ebnete, in die Frostflecken säete, mit Jauche begoß. + +Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab den Alten und +Vermögenden Ehrenplätze und ging selbst an letzter Stelle; verlor sich +also nicht im Haufen. + +Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend weiße Hemdärmel in einem +Keil, ziehenden Schwänen gleich, die Sensen Ferse an Ferse; und +hinterdrein, in zerstreuter Ordnung, wie ein Volk Fischschwalben, +launenhaft hin und her springend, aber doch zusammen haltend, die +Mädchen mit ihren Harken; jede ihrem Mäher folgend. + +Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in Büscheln. Seite +an Seite lagen alle Blumen des Sommers, die sich aus Wald und Hag +heraus gewagt: Gänseblume und Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut, +Kälberkropf, Heidenelke, Erve, Wachtelweizen, Steinsame, Pestwurz, +Kleeblatt; und alle Gräser und Halbgräser der Wiesen. Es duftete nach +Honig und Gewürzen; Bienen und Hummeln flohen in Schwärmen vor der +mörderischen Schar. Die Maulwürfe verkrochen sich in die Eingeweide +der Erde, als sie es in ihrem gebrechlichen Dach krachen hörten. Die +Ringelnatter schlüpfte erschrocken in den Graben und verschwand in ein +Loch, das nicht größer als ein Tauende war. Aber über das Schlachtfeld +in die Höhe schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest ein Absatzeisen +zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die Stare, um allerhand +Getier, das in den brennenden Sonnenschein geraten war, aufzulesen und +aufzupicken. + +Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgemäht. Die Kämpfer hielten inne +und betrachteten, auf ihre Sensenschäfte gestützt, das Werk der +Zerstörung, das sie hinter sich gelassen. Sie wischten sich den +Schweiß aus dem Mützenstreifen und nahmen eine neue Prise Schnupftabak +aus den Messingdosen. Inzwischen hatten sich die Mädchen beeilt in die +Frontlinie zu kommen. + +Dann geht es wieder auf das grüne Blumenmeer los, das unter der +wachsenden Morgenbrise wogt; bald bunte leuchtende Farben zeigt, wenn +die steiferen Stengel und Köpfe der Blumen sich in den Wellen des +weichen Honiggrases behaupten; bald sich in einem einzigen Grün wie +ein See in Windstille ausbreitet. + +Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit; man würde lieber +am Sonnenstich niederstürzen, als die Sense fortstellen. + +Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der Letzte in der Reihe ist, +kann er, ohne die Waden zu gefährden, sich prahlerisch umdrehen, um +ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber Norman hat er unter strenger Bewachung +schräg vor sich; sobald dieser einen verliebten Blick nach Südosten +tun will, hat er Carlssons Sense an den Hacken und hört einen eher +unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf: + +– Die Füße in Acht nehmen! + +Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter +Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen Schwaden. Jetzt +wird das Werk beschaut und die Schläge geprüft. Über Rundqvist sitzt +man zu Gericht; man kann sehen, wo er gegangen ist; es sieht aus, als +hätten Elfen dort getanzt. Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe +nach dem Mädchen sehen müssen, das man ihm gegeben; denn es sei nicht +gestern gewesen, daß ein Mädchen ihm nachgelaufen. + +Jetzt halloht Clara oben von der Höhe zum Frühstück; die +Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker Dünnbier ist +angestochen; der Kartoffeltopf raucht auf der Felsplatte, der +Strömling dampft in den Schüsseln, die Butter ist aufgelegt, das Brot +ist geschnitten; die Schnäpse werden eingegossen, und das Frühstück +ist im Gang. + +Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken; Ida ist ihm auch +gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerksamkeit auf, die auffällt; +aber sie ist auch die Schönste des Tages. + +Die Alte, die mit Schüsseln und Tellern aus und ein läuft, streicht +oft an den beiden vorbei; zu oft, um nicht von Ida bemerkt zu werden; +doch nicht eher von Carlsson, als bis sie ihm mit dem Ellbogen sanft +in den Rücken stößt und flüstert: + +– Ihr müßt Wirt sein, Carlsson, und Gustav helfen; Ihr müßt tun, als +seiet Ihr hier zu Hause! + +Carlsson hat nur Augen und Ohren für Ida und antwortet der Alten mit +einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das Kindermädchen des Professors, +und erinnert Ida daran, daß sie nach Haus muß, um aufzuräumen. + +Aufregung und Trauer bricht unter den Männern aus, aber die Mädchen +sind nicht sehr betrübt. + +– Wer soll denn für mich aufnehmen, wenn ich kein Mädchen mehr habe? +ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung aus, die den wirklichen +Verdruß verbergen soll. + +– Dann muß es Tante wohl tun? antwortet Rundqvist, der Augen im Rücken +haben soll. + +– Tante muß harken! rufen die Männer im Chor. Tante muß kommen und +harken. + +Die Alte schlägt abwehrend mit der Schürze: + +– Was soll ich alte Frau unter den Mädchen? Nein, niemals, niemals! +Ihr seid wohl närrisch! + +Aber der Widerstand reizt. + +– Nimm die Alte, flüstert Rundqvist, während Norman sich aufheitert +und Gustav finster wie die Nacht wird. + +Es blieb keine Wahl; unter Lärm und Lachen eilt Carlsson ins Haus, um +die Harke der Alten zu holen, die irgendwo oben auf dem Boden liegen +muß. Hinter ihm drein läuft die Alte, die schreit: + +– Nein, um Gottes willen, Ihr dürft nicht in meinen Sachen kramen. + +So verschwinden die Beiden, während die Zurückbleibenden laute und +beißende Bemerkungen machen. + +– Ich finde, unterbricht Rundqvist schließlich das Schweigen, das +entstanden ist, sie bleiben etwas lange aus! Geh, Norman, und sieh +nach, was geschehen ist! + +Stürmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fortzufahren. + +– Was mögen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg! Ich werde +wirklich unruhig, wißt ihr. + +Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sich zu einem Lachen, +um sich nicht von den Andern abzusondern. + +– Gott verzeihe mir meine Sünden, fuhr Rundqvist im selben Tone fort; +jetzt aber halte ichs nicht länger aus; ich muß nachsehen, was die +Beiden vorhaben. + +In diesem Augenblick kommt Carlsson mit der Alten aus dem Vorbau und +bringt die gesuchte Harke. Die ist fein, mit zwei Herzen bemalt, »Anno +1852« gezeichnet; es war einst die Brautharke der Alten, die Flod +selbst angefertigt. Sie hatte Erbsen im Schaftknauf, die klapperten, +wenn man die Harke rührte. + +Die Erinnerung an vergangene Freuden scheint den frischen Sinn der +Alten in eine muntere Stimmung zu versetzen; ohne eine Spur von +krankhafter Empfindsamkeit zeigt sie auf die Jahreszahl und sagt: + +– Das war nicht gestern, als der Flod mir die Harke machte ... + +– Und du ins Brautbett stiegst, Tante, fiel der von Svinnockar ein. + +– Kannst es wohl noch ein Mal, meinte der aus Owassa. + +– Sechs Wochen alten Ferkeln und zwei Jahre alten Witwen kann man +nicht trauen, neckte der Fjällonger. + +– Je trockener der Zunder, desto schneller fängt er Feuer, brannte der +von Fiversätra los. + +Und jeder warf seinen Scheit aufs Feuer. Die Alte aber schmunzelte und +wehrte sie ab, machte gute Miene zum bösen Spiel und scherzte mit; +böse zu werden, hatte keinen Zweck. + +Dann gings auf die Bruchwiese hinunter. Da standen Segge und +Schachtelhalm so hoch wie ein Kiefernwald und das Wasser ging den +Männern bis an die Stiefelschäfte. Die Mädchen zogen Strümpfe und +Schuhe aus und hingen sie auf den Feldzaun. + +Die Alte harkte hinter Carlsson so fleißig, daß sie es den Andern +zuvortat. Manches Scherzwort über das junge Paar, wie sie genannt +wurden, fiel. Diesen Ausdruck benutzten sie als Feigenblatt, um +darunter zu verbergen, was im Geheimen zu wachsen begann. + +So ward es Mittag und so ward es Abend. + +Der Spielmann war mit seiner Geige gekommen; die Tenne war geräumt +und gekehrt, die schlimmsten Astlöcher mit Pech verkittet worden. Als +die Sonne unterging, begann der Tanz. + +Carlsson eröffnete ihn mit Ida; deren schwarzes Kleid war viereckig +ausgeschnitten, hatte eine weiße Krause und einen Maria-Stuart-Kragen; +wie eine beneidete Dame stand Ida unter den Bauernmädchen da; die +Alten betrachteten sie mit Furcht und Kälte, die Jungen mit Verlangen. + +Carlsson konnte allein den neuen Walzer; darum nahm Ida ihn gern, ein +Mal nach dem andern, nachdem ein Versuch mit Norman mißlungen war. Als +der so aus dem Felde geschlagen wurde, verfiel er auf den +unglücklichen Gedanken, zu seiner Handharmonika zu greifen; um sein +gequältes Herz auszuschütten und vielleicht mit einer letzten Leimrute +den feinen und unbeständigen Vogel zu fangen; vor einigen Wochen +glaubte er ihn in der Hand zu haben, bald aber saß er wieder auf dem +Dach und schnäbelte mit einem andern. + +Carlsson fand indessen die Begleitung überflüssig, da er eigens einen +wirklichen Spielmann gedungen; und die engbrüstige Harmonika hielt mit +der leichtfüßigen Geige nicht Schritt, sondern störte den Takt und +brachte Unordnung in den Tanz. Die gute Gelegenheit, den Nebenbuhler +abzutun, lockte Carlsson, zumal die Meinung, die Harmonika störe nur, +allgemein zu sein schien. Er nahm also den Mund etwas voll und schrie +dem unglücklichen Liebhaber, der sich in einer Ecke verkrochen hatte, +über die Tenne hinüber zu: + +– Halloh, schnür den Lederbeutel, du! Mach, daß du hinauskommst, und +laß die Luft aus, wenn du aufgeblasen bist. + +Die allgemeine Meinung verurteilte den Sünder mit einem zustimmenden +Lachen. Norman aber waren einige Schnäpse zu Kopf gestiegen, und Idas +Krause hatte ungeahnte Kräfte hervorgezaubert. + +– Halloh! ahmte er Carlsson nach, der unversehens in seine Mundart +verfallen war, die auf Hochschweden lächerlich wirkte. Komm nur hinaus +auf den Hof, dann werde ich dir schon die Flöhe aus dem Schweinepelz +lausen! + +Carlsson fand seine Stellung noch nicht so bedroht, um zu den Fäusten +übergehen zu müssen, sondern hielt sich auf dem unschuldigeren Gebiet +des Zungenkampfes. + +– Was ist das für ein merkwürdiges Schwein, das Flöhe im Pelz hat? + +– Das stammt wohl aus Wärmland, glaube ich, antwortete Norman. + +Das verletzte die Nationalehre; noch im letzten Augenblick nach einem +vernichtenden Wort suchend, das sich aber nicht einstellte, ging +Carlsson auf den Feind los, packte ihn bei der Weste und riß ihn auf +den Hof hinaus. + +Die Mädchen stellten sich in die Türöffnung, um dem Zusammenstoß +zuzusehen; niemandem fiel es ein, dazwischen zu treten. + +Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war gröber gebaut und +höher gewachsen. Im Nu warf er den Rock ab, um den er bange war, und +die Kämpfer rannten zusammen. Norman mit dem Kopf voran, wie ers von +den Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte +einen häßlichen Fußtritt nach dem Unterleib, und wie ein +zusammengerollter Igel fiel Norman auf den Dunghaufen. + +– Rallbuse! schrie er, außer stande, sich weiter mit den Fäusten zu +verteidigen. + +Carlsson schäumte; vergebens nach Schimpfwörtern suchend, setzte er +Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte den Geschlagenen. Der +spuckte und biß um sich, bekam aber schließlich eine Handvoll Streu in +den Mund. + +– Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen! schrie Carlsson +und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch, den er aus dem +Dunghaufen gerissen, so, daß die Nase blutete. + +Aber das öffnete dem wutschnaubenden Norman den Mund: seinen ganzen +Vorrat von Schimpfworten schleuderte er dem Sieger ins Gesicht, der +die Zunge des Besiegten doch nicht binden konnte. + +Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgehört. Die Zuschauer +hatten ihre Bemerkungen über die Wendungen des Wortstreites und +Faustkampfes gemacht und mit demselben gleichmütigen Interesse +zugehört und zugesehen, wie sie einem Schlachten oder einem Tanz +zusahen. Doch fanden die Alten, Carlssons Angriff sei nicht ganz +regelrecht, nicht nach alter Sitte gewesen. Plötzlich aber war ein +Schrei zu hören, der den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung +riß: + +– Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden, +wer. + +– Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine Messer! Fort mit den +Messern! + +Und die Kämpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen war, sein +Klappmesser zu öffnen, wurde entwaffnet und auf die Füße gestellt, +nachdem man Carlsson von ihm losgerissen. + +– Raufen könnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern, schloß der Alte +von Svinnockar die Schlägerei. + +Carlsson zog seinen Rock an und knöpfte ihn über seine zerrissene +Weste; aber Norman hing der eine Hemdärmel wie ein Fetzen aufs Bein +herab. Im Gesicht übel zugerichtet, schmutzig, blutig, hielt ers fürs +Beste, sich um die Ecke zu entfernen, um seine Niederlage nicht den +Mädchen zu zeigen. + +Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des Stärkern trat Carlsson +wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem tüchtigen Schluck, das Spiel +mit Ida von neuem zu beginnen, die ihn mit Wärme, ja beinahe +Bewunderung empfing. + +Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die Dämmerung war +hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde, und man widmete dem +Tun und Lassen des Nächsten geringere Aufmerksamkeit. Darum konnte +Carlsson mit Ida aus der Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen, +ohne daß jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das Mädchen +über den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben auf dem Zaune +stand, hörte er durchs Halbdunkel die Stimme der Alten, ohne jemand +sehen zu können. + +– Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine Runde mit Eurer +Harkerin. + +Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und schlüpfte +in den Hag, leise wie ein Fuchs. + +Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas weißes +Taschentuch, das diese um den Leib geknüpft, um ihr Kleid vor den +schweißigen Händen zu schützen. Als sie noch ein Mal gerufen, ohne +Antwort zu erhalten, ging sie nach, über den Zauntritt, in den Hag. + +Der Weg unter den Haselbüschen lag vollständig im Dunkel; sie sah nur +etwas Weißes, das in dem Schwarzen ertrank und schließlich auf den +Boden des langen Tunnels sank. Sie wollte nachlaufen; da aber waren +neue Stimmen am Zauntritt zu hören, eine gröbere und eine klingendere; +aber beide gedämpft und, als sie näher kamen, flüsternd. Gustav und +Clara stiegen über den Zaun, der unter den etwas unsichern Schritten +des Burschen knackte; und von zwei starken Armen gehoben, sprang Clara +hinunter. + +Die Alte versteckte sich in den Büschen, während das Paar Arm in Arm +vorbeizog; halbsingend, küssend dahintanzte, wie sie selbst einst +getanzt, gesungen und geküßt hatte. + +Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der +quarnöer Bursche mit dem fjällonger Mädchen angesprungen. Als sie hoch +oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gerötet und mit +ausgelassenem Lachen die weißen Zähne zeigend, legte sie die erhobenen +Arme über Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen; +und mit schnaubendem Lachen und aufgeblähten Nasenflügeln warf sie +sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit einem langen Kuß +und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo sie verschwanden wie unter +einer Decke. + +Die Alte stand hinter den Haselbüschen und sah Paar nach Paar kommen, +gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glühte +wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen; und +sie fühlte die »Plage« noch im Fleische wüten, stechend wie Verlangen +ohne Hoffnung, wie Vermissen des für immer Verlorenen. + +Währenddessen war die Geige allmählich verstummt. Es war über +Mitternacht, und die Morgenröte stand im Norden bereits schwach über +dem Walde. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne +Hurrahrufe von der Wiese gaben an, daß sich die Tanzgesellschaft +zerstreut hatte und die Heimfahrt für die Mäher bevorstand. + +Die Alte mußte zurück, um beim Abschied zugegen zu sein. + +Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten +anfing, daß man das grüne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson +und Ida ganz hinten auf der Höhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie +einen neuen Tanz beginnen, blaß wie Leinen, mit großen dunkeln +Löchern, wo die Augen, die sie nicht sah, sitzen mußten. Fürchtend, +hier im »grünen Gange« getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte +über den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die Gäste gingen. + +Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist und schlug +die Hände zusammen, als er die Alte erblickte, die ihr Gesicht in der +Schürze barg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schämte. + +– Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier gesucht? Ich +sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verlaß als auf ... + +Sie hörte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga +zu. + +Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit +Hurrahrufen, Händeschütteln und Dankesworten für gute Bewirtung, um +sich dann zu verabschieden. + +Als alles wieder still geworden und die Flüchtlinge aus Hag und +Wiese herbeigerufen waren, ohne daß sich alle einstellten, ging die +Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht +Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen hörte. + + + + + Viertes Kapitel + + Es poltert zur Hochzeit; + die Alte wird ums Geld genommen + + +Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu +Ende und er war gut gewesen. + +– Er hat Glück, der Kerl! sagte Gustav über Carlsson, dem man nicht +ohne Grund die Erhöhung des Wohlstandes zuschrieb. + +Der Strömling war gekommen, und alle Männer außer Carlsson waren +draußen in den äußersten Schären, als die Familie des Professors zur +Eröffnung der Oper nach Haus mußte. + +Carlsson hatte auch das Packen übernommen und lief den ganzen Tag mit +der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Küchentisch, im +Eßzimmer, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort +ein Paar ausgetretene Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren +nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und +Liebigbüchsen, Korke, Bindfaden, Nägel – alles, was man nicht +mitnehmen konnte oder für unnötig hielt. + +Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und man hatte +allgemein das Gefühl, man werde die Abreisenden vermissen; von +Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hühnern und +Ferkeln, die nicht länger Sonntagsessen aus der herrschaftlichen Küche +bekamen. Am wenigsten bitter war der Kummer für die verlassenen Mägde +Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen +hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fühlten sie doch, ihr Frühling +werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mitbewerberinnen auf dem +Liebesmarkte entfernte. + +Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie +abzuholen, war große Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort +ein Dampfer angelegt. + +Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und führte das große Wort, +während der Dampfer an die Brücke heranzukommen suchte. Da aber hatte +er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das +Seewesen war ihm fremd; und gerade in dem stolzen Augenblick, als die +Leine geworfen wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart, +seine Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von +oben auf den Kopf, daß ihm die Mütze heruntergeschlagen wurde und in +die See fiel. In einem und demselben Augenblick wollte er die Trosse +anziehen und nach der Mütze greifen; aber der Fuß blieb in einer Fuge +hängen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, während der +Kapitän ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich +fort, böse über das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe hätte +sie geweint, so schämte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen +Lebewohl ließ sie ihn schließlich am Landungssteg zurück; und als er +ihre Hand behalten und vom nächsten Sommer, von Briefwechsel und +Adresse plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Füßen +fortgerissen; er kippte nach vorn über, und die nasse Mütze rutschte +ihm in den Nacken; gleichzeitig brüllte der Steuermann ihm von der +Kommandobrücke aus zu: + +– Wirst du endlich das Tau losmachen! + +Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglücklichen Liebhaber +nieder, ehe er die Trosse losbekam. + +Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr +fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine, +strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er +seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß +abzugeben. Aber er mußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett +gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die +hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die +Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am +Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und +schnaubte. + +Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht +ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden! + +Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins +Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb +durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich, +gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er +auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser, +schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stieß ein letztes +verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die +Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied +winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe +Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal +zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden, +nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die +Luft dunkel. + +Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner +Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine +andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte +ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab. + +Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Auftritt +noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brückenplanken +umher tanzte; hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas +verlegene Blicke und kalten Handschlag; spürte noch den Dunst von +Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchenherd +und von der Ölfarbe der Schiffsbekleidung. + +Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich gekommen und hatte +Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem +Augenblick von seiner Leiter herabstürzten, auf deren Sprossen er +schon ein gutes Stück hinauf geklettert war; die ihm – er schluckte in +der Halsgrube – sein Sommerglück und seine Sommerfreude entführten. + +Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer +einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Oberfläche Ruß in Flocken +und Öl in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie +eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in +der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser +verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel, +abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten. +Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und +habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen. + +Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte: +wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die +Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den +feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause, +Manschetten und Knöpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er +haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart +ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten +konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen +vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt, +einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht +werden! + +Konnte er nicht? + +Der Sund kräuselte sich, und ein kühler Wind, der immer stärker wurde, +rührte das Wasser auf; das schlug gegen die Brückenpfähle, fegte den +Ruß fort und klärte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der +Erlen, das Plätschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus +seinen Gedanken. Er warf die Flinte über die Schulter und wanderte +heimwärts. + +Der Weg ging unter den Haselbüschen über einen Hügel; auf dem stand +noch eine höhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war; die +hatte er noch nie besucht. + +Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und +Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen, +auf dem ein Seezeichen errichtet war. + +Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet; mit einem +einzigen Rundblick konnte er ihre Wälder und Äcker, Wiesen und Häuser +übersehen; und dahinter Holme, Kobben, Schären, bis aufs offene Meer +hinaus. Es war ein großes Stück der schönen Erde, und Wasser, Bäume, +Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte, +die eine nur, und die andere zurückzog, die nach Eitelkeit, Bettlust +und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu +betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen +Strahlen einer sinkenden Sonne rosig färbten; auf dem blaues Wasser, +grüne Wälder, gelbe Äcker, rote Hütten sich zu einem Regenbogen +mischten, der auch einen schärferen Verstand betört hätte, als ein +Bauernknecht ihn hat. + +Von der absichtlichen Vernachlässigung der Treulosen gereizt, die in +fünf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm zum Abschied zu +winken, vergessen; von den Schimpfworten der übermütigen Stadtflegel +so verletzt, als habe er den Stock gekostet; vom Anblick der fetten +Erde, der fischreichen Gewässer, der warmen Hütten entzückt, faßte er +seinen Entschluß: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das +falsche Herz zu prüfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte; dann +aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte, ohne daß man stahl. + + * * * * * + +Als er nach Haus zurückkehrte und die Großstuga leer stehen, die +Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten draußen herumliegen +sah, würgte es ihn im Halse, als habe er Apfelstücke quer geschluckt. + +Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommergäste in einen Sack +gesammelt, schlich er so lautlos wie möglich auf seine Kammer hinauf. +Dort verbarg er seine Schätze unter dem Bett, setzte sich an den +Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit, +einen Brief zu schreiben. + +Die erste Seite ergoß sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus +seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der »Sagengeschichte« und den +»Schwedischen Volksliedern« von Afzelius; die hatten einen starken +Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wärmland +gelesen. + +– Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich hier auf +meinem Kämmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als sei +es gestern gewesen, weiß ich noch, wie Du hierher kamst: wir säeten +Frühlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es +Herbst, und die Burschen sind draußen auf der Schäre, um Strömling zu +fangen. Ich würde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist +wärst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu grüßen, wie es der +Professor so freundlich vom Achterdeck getan, als der Dampfer an der +Landzunge vorbei fuhr. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute Abend, +und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet. +Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du +Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als hätte ich’s aufgeschrieben; +aber ich bin auch im Stande, zu _halten_, was ich verspreche. Dazu sind +aber nicht _alle_ im Stande; doch das ist einerlei, und ich frage nicht +so genau danach, wie die Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal +liebe, die vergesse ich nicht; das möchte ich gesagt haben. + +Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit +kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den +Versuchungen der Stadt mit ihren Vergnügungen; und im Bewußtsein, daß +er außer Stande sei, den befürchteten Sündenfall zu verhüten, schlug +er die edlern Gefühle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die +Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng, +sittlich; ein strafender Rächer, durch dessen Mund ein ANDERER sprach: + +– Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der großen Stadt +umhergehst, ohne daß ein Arm Dich stützt, der Gefahr und Versuchung +von Dir abwenden kann; wenn ich an alle die sündhaften Gelegenheiten +denke, die den Weg breit und den Fuß leicht machen, fühle ich einen +Stich in meinem Herzen; ist mir’s, als habe ich vor Gott und Menschen +unrecht getan, daß ich Dich ins Garn der Sünde ließ; wie ein Vater +hätte ich Dir sein sollen, Ida; und Du hättest dem alten Carlsson wie +einem rechten Vater vertraut ... + +Bei den Worten »Vater« und »alter Carlsson« wurde er weich und +erinnerte sich an das letzte Begräbnis, das er mitgemacht hatte. + +– Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf +den Lippen hat. Wer weiß, wie lange der alte Carlsson (er liebte das +Wort bereits!) hier noch wandelt; wer weiß, ob nicht die Zahl seiner +Tage gezählt ist, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in +der Luft; vielleicht, ehe man sich’s versieht, liegt er da wie +trockenes Heu ... Dann wird vielleicht _jemand_ ihn ausgraben wollen, +der’s jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten, daß er +noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die +Turteltaube sich in unserem Lande hören läßt. Dann ist eine liebliche +Zeit für _manchen_, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten +singen möchte ... + +Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mußte das Testament aus +seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl +zwischen hundert Psalmen, und Clara rief schon zum Abendbrot; er mußte +also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm: + +– Die Weiden in der Wüste sind auch fett, daß sie triefen; und die +Hügel umher sind lustig; die Anger sind voll Schafe, und die Auen +stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet. + +Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glückliche Anspielung +auf die Vorzüge, die das Landleben vorm Stadtleben hat; und da das +gerade der wunde Punkt war, beschloß er, ihn nicht mehr zu berühren, +sondern die Anspielung für sich sprechen zu lassen. + +Dann überlegte er, was er noch schreiben solle; fühlte sich hungrig +und müde; konnte sich nicht verhehlen, daß es schließlich einerlei +sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der +Frühling wiederkam. + +Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken gequält, daß ein Anderer +sie besitzen könne, und mit kaltem Blute beschloß er, im Voraus die +Kanonen der unbekannten Feinde zu vernageln. Darum fügte er eine +Nachschrift an, nachdem er mit »Getreu und ergeben« unterzeichnet +hatte. + +N. S. Du mußt Dich vor Berns Salon und Blanks Café hüten, Ida, denn +der Professor sagte, alle jungen Leute in Stockholm seien angesteckt +und ... (Am besten, man haut ihn gleich nieder, dachte er, da er doch +in einigen Tagen mit den Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman +ist auch angesteckt worden. (Um aber, falls es nötig sein sollte, eine +rückwirkende abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:) als +er im vorigen Jahre Soldat war. + D. O. + + * * * * * + +Darauf ging er in die Küche hinunter, um zu Abend zu essen. + +Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht. Unruhig kam +die Alte und setzte sich an den Tisch, an dem sich Carlsson +niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mädchen +gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her. + +– Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein haben, sagte die +Alte. Ich sehe, Ihr habt es nötig. + +– Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen, +antwortete Carlsson. + +– Darum müßt Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte und ging nach +dem Stundenglas. Was das für ein Wind heute Abend ist, und von Osten +kommt er auch; die Burschen werden es heute Nacht schwer haben mit den +Netzen. + +Da kann ich ihnen nicht helfen; übers Wetter vermag ich nichts, biß +Carlsson den Faden ab. Aber nächste Woche muß es schön werden; da +denke ich mit dem Trebel nach der Stadt zu fahren, um selbst mit dem +Fischhändler zu sprechen. + +– Soso, das wollt Ihr, Carlsson? + +– Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis für +die Fische; und das muß doch wohl an irgend etwas liegen; wer nun die +Schuld haben mag. + +Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschäft als der +Fischhandel führe ihn nach der Stadt. + +– Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht beim Professor +vor? + +– Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat nämlich einen +Flaschenkorb hier vergessen ... + +– Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt Ihr nicht noch +eine Halbe nehmen, Carlsson? + +– Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie +kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hörte. + +Mit großem Vergnügen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze +Überlegenheit hinein. Die Alte fühlte auch, wie sehr sie ihm +unterlegen war; eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die +Augen. + +– Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, flüsterte die Alte. + +– Nein behüte, weit davon, antwortete Carlsson, der sehr wohl fühlte, +wie er seine Schnur einholen mußte und daß etwas am Haken saß. + +– Wollt ihr euch denn heiraten? + +– Gewiß, wenn die Zeit kommt; aber ich muß mich erst nach einer neuen +Stellung umhören. + +Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand +zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken am Laken zupft. + +– Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder, +vertrockneter Stimme zu sagen. + +– Ein Mal muß es doch sein, antwortete Carlsson; früher oder später +will man sein eigener Herr werden; und sich für andere abarbeiten, tut +man auch nicht gern um nichts. + +Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde plötzlich von +einer Lust erfaßt, mit ihr zu schäkern. + +– Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht allein schlafen +zu müssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht wollt ihr, daß ich +hinunterkomme und euch Gesellschaft leiste? + +– Oh, das ist durchaus nicht nötig! antwortete Clara. + +Carlsson faßte sie beim schwellenden Oberarm und spielte den Bösen: + +– Was ist nicht nötig? Was weißt du, Clara, davon, was ich nötig habe? + +– Ist denn Ida Euch nicht genug gewesen? Ich hörte einen Vogel singen, +daß Ihr Euch Hilfe habt nehmen müssen! + +Carlsson wurde rot bis in die Kopfhaut, über das Gesicht der Alten +aber huschte Hoffnung, Neugier und Überraschung. + +Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Küche, während Carlsson +nachdachte, welche Antwort am vorteilhaftesten sei. Man hörte, wie +draußen der Sturm durch den Wald sauste, das Laub von den Birken riß, +an den Feldzäunen rüttelte, an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste. +Zuweilen fuhr ein Windstoß in den Schornstein hinein und blies Feuer +und Rauch aus vom Herdmantel, daß Lotte sich die Hand vor Augen und +Mund halten mußte. + +Als der Wind einen Augenblick ausblieb, hörte man das offene Meer +gegen die östliche Landspitze schlagen. Plötzlich gab der Hund draußen +auf dem Hofe Hals, und das Gebell entfernte sich, als sei der Hund +jemandem entgegen gesprungen, um ihn zu begrüßen oder zu bedrohen. + +– Seht bitte nach, wer das sein kann, sagte die Alte zu Carlsson. + +Der stand sofort auf, froh, auf Claras heikle Frage nicht antworten zu +müssen, und ging zur Tür hinaus. Er sah nur ein Dunkel, das so dick +war, daß man es mit Messern schneiden konnte; und der Wind empfing ihn +mit einem Stoß, daß ihm das Haar wie Erbsensträucher um den Kopf +stand. Er lockte den Hund, aber das Gebell war bereits unten auf der +Quellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen +Menschen. + +– Es kommt so spät noch Besuch, sagte Carlsson zur Alten, die sich in +die Tür stellte. Wer kann das sein? Ich muß wohl gehen und nachsehen. +Clara, steck die Laterne an und gib mir meine Mütze! + +Er bekam die Laterne und arbeitete sich gegen den Wind auf die Wiese +hinaus, folgte dem Gebell und gelangte in das Kieferngehölz, das die +Wiese vom Strande trennte. Das Gebell war verstummt, aber zwischen den +rauschenden und knackenden Föhren hallten Schritte von eisernen Haken +gegen den Bergfelsen; krachten Zweige, die jemand brach, der seinen +Weg suchte; spritzten Wasserlachen auf; antworteten Flüche auf das +Winseln des Hundes. + +– Wer da? rief Carlsson. + +– Der Pastor! antwortete eine rostige Stimme. + +Carlsson sah Funken sprühen, die ein eiserner Haken an einem +Granitfindling schlug, und aus einem Dickicht stürzte ein kleiner, +breitschultriger Mann den Hügel hinab. Das grobe, wetterharte Gesicht +wurde von wildem, grauem Backenbart eingerahmt und von kleinen +scharfen Augen belebt, deren Brauen Astmoos glichen. + +– Höllische Wege habt ihr hier auf der Insel! zankte er zum Gruß. + +– Herr Jesus, sind Sie’s, Herr Pastor? In diesem Hundewetter +unterwegs? beantwortete Carlsson achtungsvoll die Willkommsflüche +seines Seelsorgers. Aber wo ist denn das Boot? + +– Es ist das Fischerboot, und das hat Robert in den Hafen gebracht. +Laß uns nur unter Dach kommen, denn heute Abend weht der Wind einem +durch den Leib. Vorwärts marsch! + +Carlsson ging mit der Laterne voran und der Pastor folgte, während der +Hund in den Büschen herumschnüffelte, nach einem Birkhuhn, das sich +eben erhoben und in den Bruch gerettet hatte. + +Die Alte war dem Laternenschein auf den Hof hinaus entgegen gegangen; +als sie den Pastor erkannte, freute sie sich und hieß ihn willkommen. + +Der Pastor hatte Fische nach der Stadt bringen wollen und war +unterwegs vom Sturm überrascht worden, der ihn zum landen zwang. Er +fluchte und schalt, weil er nicht zur Zeit nach der Stadt kommen +konnte, um seine Fische los zu werden. + +– Jetzt sind ja alle Teufel draußen und kratzen nach jedem einzigen +Fisch, der im Wasser lebt. + +Die Alte wollte ihn in die Stube führen, er aber ging geradeswegs in +die Küche hinein, denn er zog das Herdfeuer vor: dort konnte er +trocken werden. + +Wärme und Licht schienen indessen dem Pastor nicht gut zu bekommen; +er zwinkerte mit den Augen, als wolle er sich ermuntern, während er +die nassen Schmierstiefel auszog. Carlsson half ihm unterdessen aus +einer graugrünen Joppe, die mit Schaffell gefüttert war. Bald saß der +Pastor in wollenem Wams und bloßen Strümpfen an der Ecke des Tisches, +den die Alte abgeräumt und mit Kaffeegeschirr gedeckt hatte. + +Wer Pastor Nordström nicht kannte, hätte nicht vermutet, daß dieser +Fischer ein geistliches Amt bekleidete; so sehr hatten dreißig Jahre +Seelsorge draußen in den Schären den Mann verwandelt, der einst recht +fein gewesen war, als er von der Universität Uppsala kam. Ein äußerst +knappes Gehalt hatte ihn genötigt, sein Auskommen aus See und Acker zu +ergänzen; und da es auch dann noch nicht reichte, mußte er sich an den +guten Willen seiner Gemeinde wenden, den er durch geselliges Wesen, +sich seiner Umgebung anpassend, lebendig erhielt. + +Doch zeigte sich der gute Wille meist in Kaffeehalben und +Bewirtungen, die an Ort und Stelle verzehrt werden mußten, also den +Wohlstand des Pfarrhauses nicht erhöhen konnten; eher unvorteilhaft +auf den physischen und moralischen Zustand des Empfängers wirkten. +Außerdem wußten die Schärenleute aus teuern Erfahrungen, wie in Seenot +Gott nur dem half, der sich selber half; auch waren sie unfähig, einen +starken östlichen Wind mit dem augsburgischen Bekenntnis in +Zusammenhang zu bringen. Sie machten sich deshalb wenig aus der +kleinen hölzernen Kapelle, die sie hatten bauen lassen. Der Kirchgang, +der durch lange Ruderfahrten erschwert oder von ungünstigen Winden +unmöglich gemacht wurde, war mehr eine Art Volksmarkt, auf dem man +Bekannte traf, Geschäfte machte, Ankündigungen hörte. Und der Pastor +war die einzige Behörde, mit der man in Berührung kam; der Amtmann, +der die Polizeigewalt ausübte, wohnte weit entfernt und wurde bei +Rechtssachen nie bemüht; die machte man vielmehr unter einander ab, +mit einigen dänischen Küssen oder einem Schoppen Branntwein. + +Nicht eine Spur von Latein und Griechisch konnte man in dieser vom +Herdfeuer und zwei Talglichtern beleuchteten Gestalt sehen, einer +Kreuzung von Bauer und Seemann. Die einstmals weiße Hand, die in ihrer +ganzen Jugend in Büchern geblättert hatte, war braun und borkig, hatte +gelbe Leberflecke von Salzwasser und Sonnenbrand, war hart und +schwielig von Rudern, Segeln, Steuern; die Nägel waren halb abgenagt +und trugen von der Berührung mit Erde und Geräten schwarze Ränder. Die +Ohrmuscheln waren mit Haar zugewachsen und gegen Katarrh und Fluß von +Bleiringen durchbohrt. Aus der auf das wollene Wams aufgenähten +Ledertasche hing eine Haarschnur, die einen Uhrschlüssel aus einem +gelben Metall mit einem Karneol trug. In die feuchten wollenen +Strümpfe hatte die große Zehe Löcher gerissen, welche die +schlingernden Bewegungen der Füße unter dem Tisch unablässig verbergen +wollten. Das Wams war unter den Armen von Schweiß gelbbraun geworden, +und der Hosenschlitz stand halb offen, weil Knöpfe fehlten. + +Er holte eine kurze Pfeife aus der Hosentasche, klopfte sie, während +allgemeines achtungsvolles Schweigen herrschte, gegen die Tischkante +aus, daß sich ein kleiner Maulwurfshaufen von Asche und sauerm Tabak +auf den Boden legte. Aber die Hand war unsicher und das Stopfen ging +unregelmäßig vor sich; war zu umständlich, um nicht Unruhe zu erregen. + +– Wie steht es heute Abend mit Ihnen, Herr Pastor? Ich glaube, Sie +sind nicht ganz wohl, fuhr die Alte dazwischen. + +Der Pastor hob das auf die Brust gesunkene Haupt, sah sich nach den +Balken der Decke um, als suche er nach der Sprechenden. + +– Ich? sagte er und stopfte eine Prise Tabak am Pfeifenkopf vorbei. +Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er in Frieden gelassen werden, +und versank in schwermütige Gedanken ohne bestimmte Form. + +Carlsson sah, wie es stand, und flüsterte der Alten zu: + +– Er ist nicht nüchtern! + +Und im Glauben, einschreiten zu müssen, nahm er die Kaffeekanne und +goß die Tasse des Pastors voll, stellte die Branntweinflasche daneben +und bat ihn mit einer Verbeugung, fürlieb zu nehmen. + +Mit einem vernichtenden Blick hob der Alte seinen grauen Kopf, als +wolle er, daß der Schlag Carlsson rühre; mit Ekel die Tasse von sich +schiebend, spuckte er aus: + +– Bist du hier zu Hause, Knecht? + +Dann wendete er sich zur Alten: + +– Gebt mir eine Tasse Kaffee, Frau Flod! + +Und dann versank er für eine Weile in tiefes Schweigen, sich +vielleicht an die Größe früherer Tage erinnernd und erwägend, wie die +Unverschämtheit beim Volk überhand nahm. + +– Verfluchter Knecht! schnaubte er noch ein Mal. Mach, daß du +hinauskommst, und hilf Robert beim Boot! + +Carlsson versuchte es mit Schmeichelei, wurde aber sofort +unterbrochen: + +– Weißt du nicht, wer du bist? + +Carlsson verschwand durch die Tür. + +Nachdem sich der Pastor mit einem Schluck aus der Tasse erfrischt +hatte, fuhr er die Alte an, die eine Entschuldigung für den Knecht zu +drechseln suchte: + +– Habt ihr die Zugnetze draußen? + +– Ja, lieber Herr Pastor, öffnete die Alte die Schleusen, und alle +Schleppnetze auch. Um sechs herum konnte noch niemand wissen, daß für +die Nacht Sturm kommen werde; und ich kenne Gustav. Er würde eher zu +Grunde gehen, als daß er das Garn heute Nacht liegen ließe. + +– Ach was, der weiß sich schon zu helfen! tröstete der Pastor. + +– Sagen Sie das nicht, Herr Pastor! Mag das Garn meinetwegen +draufgehen, es steckt zwar ein gut Stück Geld darin, wenn nur der +Junge heil aus der Sache herauskommt ... + +– Er wird doch nicht so dumm sein, die Netze in diesem Wetter +aufzunehmen? Die ganze See liegt ja darauf! + +– Das gerade kann man von ihm erwarten! Wie der Vater hat er immer +etwas Besonderes vorstellen wollen, und er wäre im Stande, sein Leben +daran zu setzen, um die Zugnetze nicht verloren gehen zu lassen. + +– Ist es so mit ihm bestellt, Frau, dann kann ihm selbst der Teufel +nicht helfen! Übrigens es fischt sich gut! Wir waren vergangene Woche +mit sechs Schleppnetzen draußen bei den Erlenkobben, und wir haben +achtzehn mal achtzig gefangen. + +– War der Strömling denn auch fett? + +– Das will ich meinen, fett wie Butter. Aber sagt mal, Frau Flod, was +ist das für ein Geschwätz, das von Euch umläuft: Ihr sollt daran +denken, Euch wieder zu verheiraten? Ist das wahr? + +– Ei potztausend, brach die Alte los, sagt man das? Das ist doch toll, +was die Leute schwatzen können. + +– Mir geht es ja nicht zu nahe, erwiderte der Pastor; verhält es sich +aber so, wie man sagt, daß es sich um den Knecht handelt, so wäre es +um den Jungen schade. + +– Oh, für den Jungen ist keine Gefahr, und einen schlechtern +Stiefvater hat mancher gekriegt. + +– Es ist also wahr, höre ich. Brennt es noch so heftig in dem alten +Körper, daß Ihr’s nicht mehr aushalten könnt? Das Fleisch will das +Seine haben, und der Pfahl sitzt da, hahaha! + +Hier warf der Pastor einen prüfenden Blick auf Clara und Lotte, um zu +sehen, wie sie aussahen, wenn sie verlegen wurden; sie sahen wirklich +recht schelmisch aus, wie sie vergebens das Lachen zu verbeißen +suchten, denn der Pastor fühlte sich veranlaßt, den Scherz noch weiter +zu spinnen. + +– Ihr grinst, Mädchen? Als ob ihr das nicht kenntet! + +– Wollen Sie nicht noch eine Halbe trinken, Herr Pastor? unterbrach +ihn die Alte, die ängstlich wurde über die Wendung, die das Gespräch +ins Liebesgebiet nahm. + +– Bitte, Frau; seid so freundlich! Danke! Aber ich muß auch ins Bett, +und Ihr habt wohl noch nicht für mich aufgebettet. + +Lotte wurde auf die Kammer geschickt, um das Bett zu machen, nachdem +man beschlossen, daß Carlsson und Robert in der Küche schlafen +sollten. + +Der Pastor gähnte und rieb den einen Fuß gegen den andern, fuhr mit +der Hand über die Stirn bis zur nackten Glatze hinauf, als wolle er +namenlosen Kummer fortstreichen; dabei sank der Kopf in kurzen Rucken +gegen die Tischplatte, wo schließlich das Kinn seine Stütze fand. + +Die Alte, die sah, wie es stand, trat näher und legte ihm die Hand +behutsam auf die Schulter, klopfte sacht und bat mit rührender Stimme: + +– Lieber Herr Pastor! Können wir nicht ein gutes Wort heute Abend +hören, ehe wir zu Bett gehen? Denken Sie an die Alte und ihren Jungen, +der auf See ist. + +– Ein gutes Wort? Ja! Gebt mir das Buch; Ihr wißt ja, wo es steckt. + +Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein schwarzes Buch +mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reisekästchen, aus dem alten Frauen +und Kranken stärkende Tropfen geboten werden, pflegte man dieses Buch +vorzunehmen. Andächtig, als habe sie ein Stück von der Kirche in ihre +niedrige Hütte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam +wie ein warmes Brot, auf ihren beiden Händen; schob vorsichtig die +Tasse des Pastors bei Seite, wischte den Tisch mit ihrer Schürze ab +und legte das heilige Buch vor den schweren Kopf. + +– Lieber Pastor, flüsterte die Alte, während der Wind im Schornstein +lärmte, da ist das Buch. + +– Gut, gut, antwortete der Pastor wie im Schlaf; streckte den Arm aus, +ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffeetasse und fuhr mit dem +Finger so gegen den Henkel, daß er die Tasse umstieß; in zwei Bächen +floß der Branntwein über den fettigen Tisch. + +– Oh oh, klagte die Alte und rettete das Buch; das geht nicht! Sie +sind schläfrig, Herr Pastor, und müssen sich niederlegen. + +Aber der Pastor schnarchte schon; er ruhte mit dem Arm auf der +Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer albernen Gebärde +ausgestreckt, als zeige er nach einem unsichtbaren Ziel, das +augenblicklich unerreichbar war. + +– Wie sollen wir’s nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen? klagte die +Alte den Mädchen. + +Sie wußte, in welch furchtbare Laune er geraten konnte, wenn er aus +dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der Küche zu lassen, ging nicht der +Mädchen wegen; auch in die Stube durfte er nicht; dann hätte man +darüber geklatscht. + +Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie Ratten die Katze +umkreisen, um ihr Schellen anzuhängen, ohne es jedoch zu wagen. + +Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen und der Wind drang durch +Fenster und undichte Wände. Der Alte, der ja in bloßen Strümpfen +dasaß, mußte kalt geworden sein, denn eins, zwei, drei erhob sich der +Kopf, der Mund öffnete sich gähnend, und drei Aufschreie, die klangen, +wie wenn der Fuchs seinen Geist aufgibt, ließen die Frauen +zusammenfahren. + +– Ich glaube, ich habe geniest, sagte der Pastor, erhob sich und ging +mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa; dort sank er nieder, +streckte sich auf den Rücken aus, faltete die Hände über der Brust und +schlummerte mit einem langen Seufzer ein. + +Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken. + +Auch Carlsson und Robert, die jetzt zurückkamen, wagten nicht, ihn +anzurühren. + +– Er schläft! Nehmt euch in Acht, sagte Robert. Gebt ihm nur ein +Kissen unter den Kopf und werft eine Decke über ihn, dann schläft er +bis zum Morgen. + +Die Alte nahm die Mädchen mit in die Stube. Robert mußte auf dem +Heuboden über dem Vorratsschuppen schlafen. Carlsson ging auf seine +Kammer. Die Lichter wurden gelöscht und es ward still in der Küche. + +Da aber erinnerte sich die Alte, daß der Pastor kein Trinkwasser habe, +und Clara wurde mit der Kupferflasche zu ihm hineingeschickt. Sie ging +auf Zehen, so leise sie konnte, ohne mit der Tür zu knarren, kam aber +schnell wieder heraus: + +– Oh, das ist ja ein Ferkel! + +– Was, was? fragte die Alte eifrig, im Glauben, dem Pastor sei etwas +zugestoßen. + +– Oh, könnt Ihr glauben, Tante, er wollte, ich solle mich zu ihm legen ... +Das ist ja schrecklich! + +– Das kann ich nicht glauben, meinte die Alte, welche die Ehre, den +Pastor als Gast unter ihrem Dache zu haben, sich nicht schmälern +lassen wollte. Das kann ich nicht glauben. + +– Ja, aber er hat mich um den Leib gefaßt und wollte mich ... + +– Ach, Geschwätz, schnauzte die Alte, schloß die Tür und löschte das +Licht. Gute Nacht! + +Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger ruhig war. + + * * * * * + +Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte und Frau Flod aufstand, um +ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert fort. Der Sturm +hatte sich etwas gelegt, kalte weiße Herbstwolken zogen von Osten ins +Land hinein und der Himmel war wieder blau. + +Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der östlichen +Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein Boot auf dem Meere +zeige. Draußen in der Rinne zwischen den Kobben tauchte das eine und +das andere gereffte Rahsegel auf, verschwand und kam wieder zum +Vorschein. Die See lag blau da wie Stahl, und die äußersten Schären +dämmerten, hingen wie an luftfarbigen Tüchern, als seien sie aus dem +Wasser in die Höhe geflossen und im Begriff, sich wie Nachtnebel zu +erheben. Die jungen Sägegänse lagen auf Buchten und Landspitzen und +liefen auf den Seen; tauchten, wenn sie den Meeradler auf seinem +schweren Flug über sich sahen, und kamen wieder in die Höhe; liefen +von neuem, daß das Wasser sprühte. + +Sah Frau Flod draußen auf einer Schäre die Möwen fliegen und hörte +sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein Segel; und es kamen auch +Segel, aber alle zogen an der Insel vorbei, entweder nach Norden oder +nach Süden. + +Der kalte Wind und die weißen Wolken peinigten die Augen der Alten; +sie ging in den Wald zurück, des Wartens müde. Sie fing an +Preiselbeeren in die Schürze zu pflücken, denn sie konnte nicht ohne +Beschäftigung sein, sondern mußte etwas haben, mit dem sie sich die +Unruhe vertrieb. Der Sohn war ihr doch das Liebste; und sie war nicht +halb so bekümmert gewesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand +und eine andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah. +Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte ein +Gefühl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors gestern +Abend über das Geschwätz hatte den Pulverfaden angesteckt; bald würde +es puff! machen. Wem dann die Augenbrauen versengt würden, war nicht +zu bestimmen; daß aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen. + +Schließlich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf die +Eichenhöhe kam, hörte sie Stimmen unten von der Landungsbrücke. Durch +das Eichenlaub sah sie, wie Menschen sich um den Seeschuppen bewegten, +mit einander sprachen, verhandelten, stritten. Es hatte sich, während +sie fort war, etwas zugetragen! Aber was? + +Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anhöhe hinunter, +um zu erfahren, was geschehen war. + +Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterstück des Netzbootes. +Sie waren also um die Insel herum gerudert! + +Normans Stimme war deutlich zu hören, wie er den Verlauf schilderte: + +– Er ging auf den Grund wie ein Stein; dann kam er wieder in die Höhe; +da aber kriegte er den Tod mitten durchs linke Auge; es war genau so, +als lösche man ein Licht aus. + +– Herr Jesus, ist er tot? schrie die Alte und stürzte über den Zaun. + +Aber niemand hörte sie, denn Rundqvist setzte die Leichenrede im Boot +fort. + +– Und dann warfen wir die Dregg und als der Ankerflügel ihn im Rücken +packte, da ... + +Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die Netze +trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie durch einen +Schleier vor einem Spiegel, hinter den aufgehängten Netzen, wie alle +Leute des Hofes um einen grauen Körper, der im Boot verstaut war, +lagen, knieten, krochen. Sie schrie auf und wollte unter den Netzen +durch, aber die Schwimmer blieben in ihren Haarflechten hängen und die +Senker schlugen wie eine Geisel. + +– Was haben wir denn da in den Flundernetzen gefangen? schrie +Rundqvist, der sah, daß das Garn lebendig wurde. Nein, ich glaube, das +ist Tante! + +– Ist’s aus mit ihm? schrie Frau Flod so laut sie konnte. Ist’s aus +mit ihm? + +– Aus wie mit einem toten Hund! + +Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungsbrücke. Da lag +Gustav mit bloßem Kopfe im Boot auf dem Bauch, aber er bewegte sich, +und unter ihm war ein großer haariger Körper zu sehen. + +Bist du’s, Mama? grüßte Gustav, ohne sich umzudrehen. Sieh, was wir +gefangen haben! + +Die Alte machte große Augen, als sie einen fetten Seehund erblickte, +dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gab’s allerdings nicht alle +Tage; das Fleisch konnte man essen, wie es jetzt war; der Tran reichte +zu manchem Paar Stiefel; das Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert. +Aber nötiger war doch der Winterströmling, und sie sah nicht eine +Flosse im Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, vergaß sowohl den +wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten Seehund und brach in +Vorwürfe aus: + +– Und der Strömling? + +– Dem war nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber den kann man ja +schließlich kaufen, während man Seehunde nicht alle Tage kriegt. + +– Ja, so sprichst du immer, Gustav! Aber es ist wirklich eine Schande, +drei Tage auszubleiben und nicht einen einzigen Fisch heimzubringen. +Was sollen wir denn diesen Winter essen? + +Sie fand aber keine Zustimmung; vom Strömling hatte man genug +bekommen, und Fleisch war Fleisch; außerdem hatten die Jäger durch +ihre Erzählung des merkwürdigen Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf +sich gelenkt. + +– Ja, benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich ein Stück vom +Aas abhieb, hätten wir jetzt nicht den Ackerbau, so kriegten wir +nichts zu essen! + +An diesem Tage fischte man nicht mehr; der große Waschkessel wurde +aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen; in der Küche wurde +gebraten und geschmort; dazwischen trank man Kaffeehalbe. Auf der +südlichen Wand der Scheune wurde das Fell wie ein Siegeszeichen +ausgespannt; Leichenreden wurden dabei gehalten, und alle kommenden +und gehenden Kleingläubigen mußten ihre Finger in die Schußlöcher +stecken und anhören: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund auf +den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten Augenblick, als der +Schuß losgehen sollte, zu Norman sagte; wie sich der sterbende Seehund +im letzten Augenblick benahm, als ihm das »Leben wie ein Faden +abgeschnitten wurde«. + +Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete heimlich +sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte er sich mit Norman +und Lotte ins Boot, um nach der Stadt zu fahren. + + * * * * * + +Als Frau Flod an die Landungsbrücke hinunter kam, um die aus der Stadt +Heimkehrenden zu empfangen, war Carlsson so freundlich und bescheiden, +daß die Alte sofort merkte, es war etwas dazwischen gekommen. + +Nach dem Abendbrot ließ sie ihn in die Stube eintreten, damit er das +Geld aufzähle. Er mußte sich setzen und berichten. Aber das ging +träge; der Knecht schien keine Lust zu haben, etwas mitzuteilen; doch +die Alte ließ nicht locker, bis er mit einem Reisebericht +herausrückte. + +– Nun, Carlsson, melkte sie, Ihr seid doch auch bei Professors +gewesen, nicht wahr? + +– Ja, natürlich war ich dort, antwortete Carlsson, der augenscheinlich +von der Erinnerung unangenehm berührt wurde. + +– Nun, wie geht’s ihnen denn? + +– Sie lassen alle auf dem Hof grüßen; sie waren so freundlich, mich +zum Frühstück einzuladen. Es war sehr fein in der Wohnung, und wir +haben auch etwas Gutes gekriegt. + +– Was habt Ihr denn Gutes gekriegt? + +– Oh, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen und dazu Porter +getrunken. + +– Da habt Ihr wohl auch die Mädchen gesehen, Carlsson? + +– Ja gewiß, antwortete Carlsson freimütig. + +– Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr? + +Das waren sie nun allerdings nicht; das würde aber die Alte zu sehr +gefreut haben; darum antwortete Carlsson nicht darauf. + +– Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon gewesen, um +uns die Musik anzuhören; da habe ich sie mit Sherry und belegten +Brötchen traktiert. Es war, wie gesagt, sehr nett. + +In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen; die Sache war +nämlich ganz anders verlaufen. + +Carlsson war in der Küche von Lina empfangen worden, denn Ida war +ausgegangen; an der Ecke des Küchentisches hatte er dann eine halbe +Flasche Bier getrunken. Dabei war die Frau des Professors in die Küche +gekommen und hatte zu Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da +abends Besuch komme; dann war sie wieder gegangen. + +Als Carlsson mit Lina wieder allein war, wurde die etwas verlegen; +schließlich kriegte Carlsson aus ihr heraus, daß Ida seinen Brief +empfangen und ihn eines Abends, als ihr Bräutigam dagewesen, laut +vorgelesen habe; das war in der Kammer geschehen, wo der Bräutigam +Porter trank und Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb +tot gelacht. Zwei Male habe der Bräutigam den Brief gelesen, laut wie +ein Pastor. Am meisten hatten sie sich über den »alten Carlsson« und +seine »letzten Stunden« amüsiert. Als sie an die Stelle von +»Versuchungen und Irrwegen« kamen, hatte der Bräutigam – er war +Bierfahrer – vorgeschlagen, nach Berns Salon in die Versuchung zu +gehen. Und sie waren dorthin gegangen und wurden von dem Bräutigam mit +Sherry und belegten Brötchen traktiert. + +Ob nun Linas Erzählung Carlssons Sinn erregt und sein Gedächtnis +erschüttert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die Kleider des +Bierfahrers gewünscht, daß er sich in dessen angenehme Lage als Wirt +versetzt, sich mit dem Hummer essenden Gast verwechselt, den Porter +des Bräutigams getrunken und Linas Champignons gegessen hatte – genug, +er stellte die Sache der Alten so dar, daß er die Wirkung erzielte, +die er beabsichtigte; und das war die Hauptsache. + +Nachdem er so weit gekommen war, fühlte er sich ruhig genug, um zum +Angriff überzugehen. Die Burschen waren auf See, Rundqvist hatte sich +niedergelegt, und die Mädchen waren für diesen Tag fertig geworden. + +– Was ist das für ein Geschwätz, das hier im Kirchspiel umläuft; das +ich überall hören muß? begann er. + +– Was schwatzt man jetzt wieder? fragte Frau Flod. + +– Ach, es ist das alte Geschwätz: wir dächten daran, uns zu heiraten. + +– Ja, das ist nichts Neues; das haben wir so oft gehört. + +– Aber es ist doch ganz unglaublich, daß die Leute behaupten, was +nicht wahr ist! Das ist mir ganz unbegreiflich, sagte der listige +Carlsson. + +– Ja, was solltet Ihr, der junge, flinke Kerl, auch mit einem alten +Weibe, wie ich bin, anfangen? + +– Oh, was das Alter betrifft, damit hat’s keine Gefahr. Darf ich für +mein Teil sprechen: sollte ich einmal daran _denken_, mich zu +verheiraten, so wäre es nicht mit einer Dirne, die nichts kann und +nichts weiß; denn seht Ihr, Tante, die Lust ist eine Sache und sich +verheiraten eine andere! Denn die Lust, die weltliche Lust vergeht wie +ein Rauch, und die Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der +Zigarren spendiert. Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich +verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer gewesen, +und wer etwas anderes sagt, der lügt. + +Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung. + +– Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und Euch? untersuchte sie. + +– Ida, ja, die ist ja an und für sich ganz gut; ich brauchte nur den +Finger nach ihr auszustrecken, dann hätte ich sie! Aber, Tante, sie +hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist weltlich und eitel, und ich +glaube, sie wandelt sogar auf unrechten Wegen. Übrigens muß ich sagen, +ich fange an alt zu werden und habe keine Lust zum Schäkern mehr. Ja, +gerade heraus gesagt: _sollte_ ich ans Heiraten denken, so würde ich +eine ältere, verständige Person nehmen, eine, welche die rechte +Gesinnung hat. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll, +aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt ja die rechte +Gesinnung; ja, die habt Ihr. + +Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons Winkelzüge +besser verstehen zu können, damit sie nicht die Gelegenheit versäume, +ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem Ja herausrückte. + +– Aber sagt mal, Carlsson, begann sie ein neues Garnende, habt Ihr +denn nicht an die Witwe von Owassa gedacht, die allein steht und +nichts Besseres verlangt, als wieder zu heiraten? + +– Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die _rechte +Gesinnung_: wer mich haben will, der muß die rechte Gesinnung haben! +Geld und äußeres Getue und feine Kleider, das macht auf mich keinen +Eindruck, denn so bin ich nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann +nichts anderes sagen. + +Der Stoff schien nun von allen Seiten benagt zu sein; einer mußte das +letzte Wort sagen, solange es noch möglich war. + +– Nun, an wen habt Ihr denn gedacht, Carlsson? wagte sich die Frau +einen kühnen Schritt vor. + +– Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe überhaupt noch +nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche; ich schweige! Man soll +nachher nicht sagen können, ich habe jemanden verlockt: von der +Gesinnung bin ich nicht. + +Die Alte wußte jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war; und sie mußte +sich noch ein Mal vortasten. + +– Ja, aber, lieber Carlsson, wenn Ihr Ida in Gedanken habt, dann könnt +Ihr doch nicht in vollem Ernst an eine andere denken. + +– Ida, nein, die Füchsin will ich nicht geschenkt haben! Nein, etwas +Besseres muß es sein; Kleider am Körper muß sie wenigstens besitzen; +und hat sie noch etwas mehr, so schadet es auch nichts; doch sehe ich +nicht darauf, denn so bin ich, das ist meine Gesinnung. + +Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, daß man in die +Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich nicht noch einen +Ruck gab. + +– Nun, Carlsson, was würdet Ihr sagen, wenn wir beide uns zusammen +täten? + +Carlsson wehrte mit beiden Händen ab, als wolle er sofort vom ersten +Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit verjagen. + +– Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen! beteuerte er. Daran +wollen wir nicht einmal denken, geschweige denn davon sprechen. Was +würden die Leute schwatzen: ich hätte Euch fürs Geld genommen. Aber so +bin ich nicht, und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, über die Sache +wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das, Tante, und +gebt mir die Hand darauf (er streckte seine Hand aus), daß wir nie +wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand darauf! + +Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben, sondern sie +wollte gerade die Sache gründlich besprechen. + +– Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch zutragen +könnte? Ich bin alt, das wißt Ihr, Carlsson, und Gustav ist nicht der +Mann dazu, den Hof zu übernehmen. Ich brauche jemanden, der mir zur +Seite steht und hilft; aber ich verstehe wohl, daß Ihr Euch nicht für +andere verbrauchen und Euch nicht für nichts abrackern wollt: darum +weiß ich mir keinen andern Rat, als daß wir uns verheiraten. Die Leute +laßt nur schwatzen; sie klatschen doch so wie so! Habt Ihr nichts +Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich nichts, was uns hindern +sollte. Was habt Ihr gegen mich? + +– Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts; aber dieses +dumme Geschwätz; und übrigens Gustav wird uns das nie vergessen. + +– Ach was, seid Ihr nicht Manns genug, den Jungen im Zaun zu halten, +so werde ich’s schon besorgen. In die Jahre bin ich ja gekommen, aber +so alt bin ich denn doch noch nicht, und ich muß ihm unter vier Augen +sagen, Carlsson ... wenn es darauf ankommt, bin ich noch ebenso gut +wie ein Mädchen. Ja, das ist keine Prahlerei, aber ich glaube, der +Flod hat sich nicht zu beklagen gehabt; und wenn einer Anregung +gebraucht hat, ich war es nicht. + +Das war eine dunkle Rede, aber genug für den, der sie verstand. + +– Oh, darüber habe ich mich nicht abfällig geäußert, antwortete +Carlsson, und ich bin auch noch nicht so uralt, aber keiner von uns +ist so erpicht aufs Tanzen, daß _das_ eine Gefahr sein sollte. Tanzen +ist eine Sache, und Gesinnung eine andere, und wer die _rechte_ +Gesinnung hat, mit der kann man ins Brautbett gehen, ohne die Decke zu +hoch heben zu müssen. Übrigens muß ich Euch sagen, Tante, ich bin +nicht sehr fleischlich, und Ihr habt wohl auch genug gehabt, nach dem +was ich über Flod gehört habe. + +Das Gespräch hatte einen solchen Reiz erhalten, daß man nicht +aufhören konnte, zumal die Erinnerung an entschwundene Freuden der +Einen neue Hoffnungen einflößte, während der Andere neugierig wurde +auf das, was ihn erwartete. + +– Ja, den Flod wollen wir nun ruhen lassen, da er tot ist; aber seid +Ihr bange, Carlsson, so könnt Ihr ja die Probe machen, ehe Ihr Euch +entscheidet. + +– Oh, das ist durchaus nicht nötig, widersprach Carlsson. Aber ist das +hier am Orte Sitte mit den Mädchen, Herr Gott, so will ich alten +Brauch nicht brechen; man muß die Sitte nehmen, wie man sie findet ... + +Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Plänen und Beratungen, +wie man sich Gustav gegenüber verhalten und wie man es mit der +Hochzeit machen solle. + +Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, daß die Alte den +Kaffeekessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen mußte. +Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen, bis Carlsson +in die rechte Gesinnung kam, um zu zeigen, daß er alten Brauch nicht +brechen wolle. Damit war der Bund besiegelt, wenn auch noch nicht +geweiht. + + + + + Fünftes Kapitel + + Man schlägt sich beim dritten Aufgebot, geht zum + Abendmahl und hält Hochzeit, kommt aber doch nicht + ins Brautbett + + +Daß niemand besser ist, als wenn er stirbt, und keiner schlechter, als +wenn er heiratet, mußte Carlsson bald erfahren. Gustav hatte gebrüllt +wie ein hungriger Seehund, hatte drei Tage lang getobt, während +Carlsson eine kleine Reise unter irgend einem Vorwande unternahm. + +Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach allen Seiten +gewendet, um für den besten Menschen erklärt zu werden, der bisher +geschaffen worden. Dagegen kehrte man Carlsson um wie alte Kleider, um +ihn auf der innern Seite voller Flecken zu finden. Man entdeckte, daß +er Bahnarbeiter und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fortgejagt +worden, ein Mal ganz sicher geflüchtet, ein Mal, nach nicht verbürgter +Angabe, wegen Schlägerei bestraft worden sei. + +Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die Flamme brannte +nun einmal, und mit der Aussicht, daß der Witwenstand zu Ende sei, +schien die Alte wieder aufzuleben und sich ein dickes Fell anzulegen, +mit dem sie alles vertragen konnte. + +Die Feindseligkeit gegen Carlsson hatte ihre Wurzel darin, daß er, +der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz dieses Stück Landes +kommen sollte, das die Eingeborenen gewissermaßen als ihr Eigentum +betrachtet hatten. + +Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben würde, verringerten +sich des Sohnes Aussichten, einst sein eigener Herr zu werden; und +seine Stellung auf dem Hofe würde künftighin wohl die eines Knechtes +sein, und zwar unter der Vormundschaft und dem guten Willen des +frühern Knechtes. Es war also ganz natürlich, daß der Abgesetzte +raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte zur Polizei zu gehen, +Anzeige zu machen und den künftigen Stiefvater fortjagen zu lassen. + +Noch böser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise im +schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsmütze des seligen Flod +zurückkam, die er bei der ersten zärtlichen Gelegenheit als Morgengabe +erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundqvist, Carlsson +einen Schabernack zu spielen. + +Eines Morgens, als man sich an den Frühstückstisch setzte, lag auf +Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge unsichtbarer Dinge +verbarg. Carlsson, der nichts Böses ahnte, hob das Handtuch auf und +sah sein Tischende mit all dem Plunder gedeckt, den er in seinen Sack +gesammelt und unter dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da +standen leere Hummerbüchsen, Sardinendosen, Champignonkrüge, eine +Porterflasche, unendlich viel Körke, ein gesprungener Blumentopf und +anderes mehr. + +Ihm wurde grün vor den Augen; er wußte aber nicht, gegen wen er +losbrechen sollte. + +Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er erklärte, das sei +ein üblicher »Spaß« in der Gegend, wenn sich jemand verheirate. + +Unglücklicher Weise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen +auszusprechen, daß der Lumpensammler so früh im Herbst gekommen, +während er sonst sich nicht vor Neujahr zu zeigen pflege. Gleichzeitig +griff Norman ein, um zu erklären, es sei kein Lumpensammler da +gewesen, das seien Carlssons Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist +dem Carlsson einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den +beiden aus sei. + +Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, daß Gustav zur Pfarre segelte. +Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf sechs Monate zu +verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung waren. + +Das war für Carlsson ein Strich durch die Rechnung. Doch er suchte +den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, indem er sich Ersatz +verschaffte. + +Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich aufgefaßt; als das +aber übel ablief, beschloß er, sie wenigstens den Leuten auf dem Hof +gegenüber scherzhaft zu nehmen. Das gelang ihm auch, nur mit Gustav +nicht; der unterhielt beständig einen unterseeischen Kampf, ohne +irgend ein Zeichen zur Versöhnung blicken zu lassen. + +So verging der Winter, langsam und still. Man haute Holz, flickte +Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte man Karten und trank +Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten durch einen Schmaus. Lag der +Eisvogeljagd ob. + + * * * * * + +Es wurde wieder Frühling. Der Eiderstrich lockte aufs Meer hinaus; +aber Carlsson setzte alle Kräfte an die Bestellung, um auf eine gute +Ernte rechnen zu können. Die war nötig, um den Ausfall zu ersetzen, +den die Hochzeit bringen würde; besonders da man die Absicht hatte, +eine große Hochzeit zu halten, an die man noch Jahre lang denken +sollte. + +Mit den Zugvögeln kamen auch die Sommergäste. Der Professor nickte +freundlich wie im vorigen Jahre und fand, es sei alles »schön« wie +früher, besonders daß man Hochzeit halte. Glücklicher Weise war Ida +nicht dabei. Sie hatte im April den Dienst verlassen und sollte sich +bald verheiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend; +auch hatte Carlsson zu viel Eisen im Feuer, um sich mit ihr +einzulassen; zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt +war, es zu verlieren. + +Am Mittsommertag wurden die Verlobten aufgeboten, und die Hochzeit +sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden; dann war immer eine +kleine Ruhepause in der Arbeit, sowohl zu Lande wie zu Wasser. + +Nach dem Aufgebot machte sich eine Änderung in Carlssons Wesen +bemerkbar, die nicht gerade angenehm war; Frau Flod war die erste, die +sie zu empfinden hatte. Nach der Sitte des Landes hatten sie seit der +Verlobung wie verheiratete Leute gelebt; und der Bräutigam, den der +Aufschub bedrohte, wußte sein Benehmen immer nach den zwingenden +Umständen einzurichten. Als die Gefahr aber vorüber war, trug er den +Kopf hoch und zeigte die Klauen. + +Das machte jedoch auf Frau Flod, die sich ebenfalls sicher fühlte, +keinen andern Eindruck, als daß sie die Zähne zeigte, so viel sie noch +hatte. So gerieten sie am Tage des dritten Aufgebots an einander. + +Die ganze Bevölkerung der Insel außer Lotte war nach der Kirche +gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gewöhnlich hatte man das +kleinste Boot genommen, um, falls man rudern mußte, so wenig Mühe wie +möglich damit zu haben. Es war also eng im Boot, zumal man Proviant, +Fische für den Pastor und Lichter für den Küster mitführte; außerdem +hatte man alle möglichen Kleidungsstücke zum Wechseln mitgenommen; +ganz abgesehen von Segel und Rudern, Schöpfgefäßen und Eimern, +Schemeln und Tritten. + +Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Frühstück gegessen; hatte +einander aus Krügen und Flaschen zugetrunken. Heiß war es auch auf +See, und niemand wollte rudern; ein kleiner Streit brach unter den +Männern aus, von denen keiner Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu +kommen. Die Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht +kam und die Glocken hörte, die man seit Jahr und Tag nicht vernommen, +wurde der Zwist beigelegt. + +Es läutete erst zum ersten Male; man hatte also noch viel Zeit. Frau +Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre hinauf. + +Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune. + +– Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hemsöer kommen, grüßte +er und prüfte das Messer am Zeigefinger. Kommen die Leute mit Fischen, +als hätte man die See nicht vor der Tür, schnauzte er. + +Carlsson, der die Fische trug, konnte in die Küche gehen, um sich +einen Schnaps geben zu lassen. + +Dann ging man mit den Lichtern zum Küster; und dort gab es auch einen +Schnaps. + +Schließlich trafen sich alle vor der Kirche, sahen sich die Pferde der +Großbauern an, lasen die Grabsteine und begrüßten Bekannte. Frau Flod +machte dem Grabe Flods einen kurzen Besuch, während Carlsson bei Seite +ging. + +Als es zum letzten Male geläutet hatte, trat die Gemeinde in die +Kirche ein. + +Da die Hemsöer, nachdem die alte Kirche verbrannt war, keinen eigenen +Kirchenstuhl hatten, mußten sie auf dem Gange stehen. Heiß war es, und +fremd fühlten sie sich in dem großen Raume; aus reiner Verlegenheit +schwitzten sie; sie sahen aus wie eine Bande aus der Besserungsanstalt, +die am Pranger stand. + +Die Uhr wurde elf, ehe man zum Kanzellied kam; die Hemsöer hatten +einige zwanzig Male die Beine umgestellt und die Füße gewechselt. Die +Sonne schien so heiß in die Kirche, daß der Schweiß ihnen von den +Stirnen perlte; aber sie standen wie in einer Zange und konnten sich +nicht nach einem schattigen Fleck retten. + +Da kommt der Kirchendiener und setzt Nummer 158 des Gesangbuches an. +Die Orgel spielt ein Vorspiel und der Küster beginnt mit der ersten +Strophe. Die wird mit Lust und Liebe gesungen, da man unmittelbar nach +ihr die Predigt erwartete. Aber siehe, es kommt Strophe zwei und drei. + +– Es kann doch nicht sein Ernst sein, alle achtzehn durchzunehmen? +flüsterte Rundqvist Norman zu. + +Aber es war Ernst! In der Tür zur Sakristei war Pastor Nordströms +zorniges Gesicht zu sehen, das die Gemeinde trotzig und herausfordernd +anblickte; er hatte beschlossen, ihr eine gehörige Lehre zu geben, da +er sie ein Mal unter den Händen hatte. + +Und alle achtzehn Strophen wurden gesungen; die Uhr war halb zwölf, +als der Pastor endlich auf die Kanzel kam. Da aber waren sie weich, so +weich, daß sie auf ihr Angesicht niederfielen und einschliefen. + +Lange dauerte jedoch der Schlaf nicht, denn eins, zwei, drei schrie +der Pastor sie an, daß die Schlummernden auffuhren, die Köpfe in die +Höhe warfen und den Nachbar dumm anstarrten, als fragten sie, ob Feuer +ausgebrochen sei. + +Carlsson und die Alte hatten sich so weit vorgedrängt, daß ein +Rückzug nach der Tür unmöglich war, ohne Aufsehen zu erregen. Die Alte +weinte aus Müdigkeit und infolge ihrer engen Stiefel, die um so ärger +drückten, je höher die Wärme stieg. Zuweilen warf sie ihrem Bräutigam +einen bittenden Blick zu, als flehe sie ihn an, sie an die See +hinunter zu tragen; der aber war so in den Gottesdienst vertieft, wie +er da in Flods weiten roßledernen Stiefeln stand, daß er die +Ungeduldige nur mit bösen Blicken strafte. + +Die andern dagegen waren achteraus gesackt und unter die Orgelempore +gekommen; dort war es kühl und man hatte etwas Schatten. Dort +entdeckte Gustav auch die Feuerspritze, ließ sich darauf nieder und +nahm Clara auf den Schoß. + +Rundqvist lehnte sich an einen Pfeiler und Norman stand neben ihm, als +die Predigt begann. + +Es waren »Worte und keine Lieder«, scharfe Worte, und sie dauerten +sechs Viertelstunden. Der Text handelte von den klugen und törichten +Jungfrauen; da keiner von den Mannsleuten den auf sich bezog, schlief +die ganze Gesellschaft; schlief sitzend, hängend, stehend. + +Als eine halbe Stunde vergangen war, stieß Norman Rundqvist, der sich +die Stirn mit der Hand hielt, als sei ihm nicht wohl, in die Rippen +und zeigte mit dem Daumen nach Clara und Gustav auf der Feuerspritze. +Rundqvist drehte sich behutsam zur Seite, sperrte die Augen auf, als +sehe er den Bösen selber; schüttelte den Kopf und lächelte, als habe +er verstanden. Clara hatte nämlich die Augen geschlossen und ließ die +Zunge hängen, als schliefe sie in schmerzlichen Träumen; Gustav aber +starrte unverwandt Pastor Nordström an, als wolle er jedes Wort +aufessen und strenge sich an, das Stundenglas rinnen zu hören. + +– Aber die sind ja toll, flüsterte Rundqvist, ging langsam und +vorsichtig rückwärts, behutsam mit den Fersen tappend, um nicht heftig +gegen die Ziegelsteine zu stoßen. + +Norman aber hatte Rundqvists Gedanken schon gelesen: schnell wie ein +Aal war er zum Kirchhof hinaus geschlüpft. Dorthin folgte Rundqvist +ihm bald. Beide eilten dann zusammen nach dem Boot hinunter. + +Draußen wehte ein kühler Seewind, und die hastig eingenommenen +Erfrischungen setzten ihre Kräfte bald wieder in Stand. Leise, wie sie +gekommen, kehrten sie wieder in die Kirche zurück. + +Dort war Clara in des schlafenden Gustavs Armen entschlummert; die +umfaßten sie aber so hoch oben, daß Rundqvist sie etwas +hinunterschieben zu müssen glaubte. Dabei erwachte Gustav jedoch und +umfaßte seinen Raub von neuem, als habe jemand ihm das Mädchen nehmen +wollen. + +Eine halbe Stunde dauerte noch die Predigt; und dann ging noch eine +halbe darauf mit dem Kirchenliede, ehe das Abendmahl begann. + +Unter starker Erregung wurden die Gnadenmittel genommen. Rundqvist +weinte. + +Als die feierliche Handlung zu Ende war, wollte sich Frau Flod in +einen Kirchenstuhl drängen. Dabei wäre es beinahe zu einem Streit +gekommen, und sie wurde aus dem Stuhl wieder hinausgewiesen. So +brachte sie die letzte halbe Stunde hinter dem Stuhl des +Kirchenvorstehers zu, auf den Hacken stehend, als verbrennten die +Ziegelsteine ihr die Sohlen. Wie der Pastor das Aufgebot vorlas, wurde +sie ganz wild, weil die Leute sie ansahen. + +Endlich war alles aus, und man stürzte nach dem Boot hinunter. Frau +Flod konnte nicht mehr warten, sondern zog, sobald sie die +Glückwünsche vor der Kirche empfangen, ihre Schuhe aus und trug sie +hinunter zum Boot. Dort steckte sie die Füße ins Wasser und schalt +Carlsson aus. + +Dann machte man sich über den Mundvorrat her. Als man entdeckte, daß +die Pfannkuchen fehlten, wurde Lärm geschlagen. Rundqvist hielt es für +wahrscheinlich, daß sie vergessen waren; Norman meinte, jemand habe +sie auf dem Hinweg aufgezehrt; dabei warf er einen argwöhnischen Blick +auf Carlsson. + +Schließlich stieg man ins Boot. Da aber erinnerte sich Carlsson, daß +er ein Faß Teer aus dem Kirchenschuppen abzuholen habe. Das gab einen +Sturm. Die Frauen schrien, sie wollten keinen Teer im Boot haben; um +keinen Preis, da sie neue Kleider anhätten. Doch Carlsson holte die +Teertonne und verstaute sie. + +Da entstand wieder ein Leben über die Frage, wer neben dem +gefährlichen Gefäß sitzen sollte. + +– Worauf soll man denn sitzen? jammerte Frau Flod. + +– Nimm die Röcke hoch und setz dich auf den Hintern, antwortete +Carlsson, der sich jetzt, nachdem er aufgeboten war, sehr viel mehr zu +Hause fühlte. + +– Was sagst du? zischte die Alte. + +– Ja, das sage ich: setz dich ins Boot, damit wir fortkommen! + +– Wer hat den Befehl auf See, möchte ich wissen? fiel Gustav ein, der +fand, daß man seiner Ehre zu nahe trat. + +Und Gustav setzte sich ans Steuer, ließ aufhissen und nahm die Schot +in die Hand. + +Das Boot war tief beladen, der Wind war äußerst schwach, die Sonne +brannte heiß und die Köpfe befanden sich in Gärung. Das Boot kroch +dahin »wie eine Laus auf geteerter Birkenrinde«, und es half nicht, +daß die Mannsleute einen Segelschnaps nahmen. + +Die Geduld verging ihnen bald und das Schweigen, das eine Weile +geherrscht hatte, wurde von Carlsson unterbrochen, der die Segel +reffen und rudern wollte. Das wollte Gustav aber nicht: + +– Wartet nur! Sobald man aus den Kobben heraus ist, kann man schon +segeln, meinte er. + +Und man wartete. Schon war draußen im Gatt zwischen den Inseln ein +dunkelblauer Streifen zu sehen, und man hörte die See gegen die +äußeren Schären branden. Ein starker östlicher Wind war im Anzuge, und +Leben kam in die Segel. Gerade als man um eine Landzunge bog, kam +solcher Wind, daß sich das Boot legte, wieder hoch hob und dahin +schoß, daß es hinter ihm gurgelte. + +Jetzt mußte die ganze Gesellschaft einen Schnaps nehmen. Alle lebten +auf, als das Boot guten Gang machte. + +Dann aber frischte der Wind auf; das Boot lag leewärts unter Wasser, +wurde aber vom Wind durchgedrückt. + +Carlsson ward bange, hielt sich an den Tauen fest und bat, man solle +reffen und zu den Riemen greifen. + +Gustav antwortete nicht, sondern holte die Schot an, daß Wasser ins +Boot kam. + +Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder auslegen. Aber +die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn nieder. + +– Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie. + +Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war weiß. Aber er saß +nicht lange, als er auffuhr und, ganz außer sich, den Rockschoß +aufhob. + +– Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit dem +Rockschoß. + +– Was leckt? fragten alle auf einmal. + +– Das Teerfaß! + +– Herr Jesus! riefen alle und rückten von dem Teerfluß fort, der allen +Bewegungen des Bootes folgte. + +– Sitzt still im Boot, brüllte Gustav; sonst segle ich euch um! + +Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise kam. +Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz und gab ihm +eine Maulschelle, daß er niederstürzte. + +Eine Schlägerei stand bevor. Frau Flod geriet außer sich und schritt +ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und schüttelte ihn. + +– Was ist das für ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat? Weißt du +nicht, daß man im Boot still sitzen muß? + +Carlsson wurde böse, riß sich los, verlor aber ein Stück vom +Rockkragen. + +– Reißt du meine Kleider kaputt, Weibstück! schrie er und +setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu schützen. + +– Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider? Von wem hast du +denn den Rock? Weibstück für solch einen Laichhering, der nichts hat ... + +– Schweig, brüllte Carlsson, in seinem empfindlichsten Punkt +getroffen; sonst antworte ich! + +– Antworte nur; ich werde schon zurückgeben, meinte Frau Flod. + +– Ja, ich könnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem Brett, +der gut ist auf frischem. + +Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen Schottischen an; +in den fielen Norman und Rundqvist ein. Das giftige Gespräch flaute +ab, um auf den gemeinsamen Feind überzugehen, den Pastor Nordström, +der sie fünf Stunden hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen +lassen. + +Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichmäßiger, die +Gemüter beruhigten sich. Die beste Stimmung herrschte, als das Boot in +die Bucht einfuhr und an der Brücke anlegte. + + * * * * * + +Die Vorbereitungen für die Hochzeit, die drei Tage dauern sollte, +nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und eine Kuh; kaufte +hundert Kannen Branntwein; legte den Strömling in Salz und +Lorbeerblätter; scheuerte, backte, braute, kochte, briet, mahlte +Kaffee. + +Gustav ging während all dieser Zurüstungen mit einem geheimnisvollen +Gesicht umher; ließ die Andern gewähren und äußerte keinerlei Ansicht. + +Carlsson dagegen saß meist vor der Klappe des Sekretärs und rechnete; +fuhr nach dem Badeorte Dalarö; ordnete alles, wie er es haben wollte. + +Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen packte Gustav seine +Tasche, nahm die Flinte und ging. Die Mutter erwachte und fragte, +wohin er wolle. Gustav antwortete, er wolle hinausfahren, um +nachzusehen, ob der Badefisch schon gekommen. Damit drückte er sich. + +Sein Boot hatte er mit Mundvorrat für mehrere Tage versehen; auch nahm +er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und andere Sachen mit, die für +einen Aufenthalt auf den Schären nötig waren. + +Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die Buchten +einzubiegen, um nachzusehen, ob der Kühlung auf die warmen sandigen +seichten Ufer zum »baden« hinauf gezogen sei, hielt er geradewegs +zwischen die Kobben hindurch. + +Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel blauweiß wie +abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Schären, Kobben, Riffe lagen so weich +und schmelzend im Wasser, daß man nicht sagen konnte, ob sie der Erde +oder dem Himmel angehörten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen, +und auf den Landzungen lagen Sägergänse, Trauerenten, Taucher, Möwen. +Nach dem offenen Meer zu waren nur Meerkiefern zu sehen, und Teiste, +Alke, schwarze, papageiähnliche, schwärmten frech um das Boot, um den +Jäger von den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten. + +Schließlich wurden die Schären niedriger, nackter; und hier draußen +war nur eine vereinzelte Kiefer übrig gelassen, um den Nistkasten zu +tragen, in dem man Eider und Sägergänse ihre Eier legen ließ; oder +eine Eberesche, über deren Krone eine Wolke von Mücken sich im Winde +schaukelte. Dahinter lag das offene Meer. Dort hielt die Raubmöwe ihre +Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, Möwen und Blaumänteln. Dorthin lenkte +der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht eine liegende +Eiderente zu packen. + +Dorthin, nach der letzten Schäre, steuerte jetzt Gustav, an der +Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer lauen südlichen +Brise ließ er sich schleppen; gegen neun ging er auf der Schäre +Norsten an Land. + +Es war eine felsige Insel, einige Morgen groß, mit einer Talmulde in +der Mitte. Einige kahlköpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen; +auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in +den Klüften; und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus +Heidekraut, Krähenbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten +angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbüsche lagen wie +platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Nägeln +festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden. + +Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wußte, welchen +Wachholderbusch er heben mußte, um die brütende Eider zu finden, die +sich den Rücken streicheln ließ und ihn ins Hosenbein biß. Er steckte +seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen +den Hals umzudrehen, da er sie zum Frühstück haben wollte. + +Hier draußen fischten die Hemsöer ihre Strömlinge. Hier hatten sie +zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen Schuppen gebaut, +in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch +Gustav seine Schritte, nahm den Schlüssel von seinem gewöhnlichen Ort +unterm Dachbart und trug seine Gerätschaften hinein. Der Schuppen +bestand nur aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die +fachförmig übereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch, +einen Dreifuß zum Sitzen. + +Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach +hinauf, um die Schornsteinluke zu öffnen. Als er wieder herunter kam, +holte er die Streichhölzchen von ihrem Platze unter einem Balken und +machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem +Brauch, einen Arm voll Brennholz für seinen Nachfolger zurecht gelegt. +Dann setzte er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene +Fische über die Kartoffeln. Während er wartete, rauchte er eine +Pfeife. + +Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum +Boot hinunter, wo er die Lockvögel hatte. Ruderte die hinaus und +verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schießkoje, die +aus Steinen und Reisig gebaut war. + +Die Lockvögel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen, +aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er +ermüdete. Trieb sich auf den Sandsteinen umher, um eine Otter +aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester +zwischen glänzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer. + +Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu bekommen; er +trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben; um nicht daheim sein zu +müssen; es machte ihm Vergnügen, sich hier draußen herumzutreiben, wo +niemand ihn sah, niemand ihn hörte. + +Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief. + +Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glück +auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill, und er sah, +wie sich das Land gleich dünnem Rauch in der goldenen Straße der +sinkenden Sonne streckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen +Nacht, und er hörte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die +Seehunde badeten in gehöriger Entfernung, steckten ihre Schwachköpfe +aus dem Wasser, blökten, pusteten und tauchten wieder unter. + +Der Dorsch biß wirklich; es gelang Gustav einige Weißbäuche +heraufzuholen, die mit ihrem großen aber ungefährlichen Schlund nach +Wasser schnappten und mit ihren Augen in die Sonne blinzelten, als sie +aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt wurden und über die Reling ins +Boot sprangen. + +Gustav hatte auf der nördlichen Seite der Schäre gehalten; als es aber +schnell Abend wurde und er wendete, um zurückzufahren, merkte er erst, +daß der Schornstein des Schuppens rauchte. Sich fragend, wer das sein +könne, machte er, daß er so schnell wie möglich hin kam. + +– Bist du’s? hörte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors. + +– Nein, Sie sind’s, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt, als er den +Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten sah. Sind Sie +allein draußen? + +– Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der +Südseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen. Aber warum +bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rüsten? + +– Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav. + +– Ach Geschwätz, warum solltest du sie nicht mitmachen? + +Gustav erklärte, so gut er konnte, seine Gründe; aus denen ging +hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das ihn anwiderte; +zweitens wollte er den brandmarken, der sein Gegner war. + +– Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht schade um +sie, so bloßgestellt zu werden? + +– Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist eher schade um +mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht +erben, solange er darauf sitzt. + +– Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ändern; vielleicht aber +kann man später ein Mal etwas dabei machen. Jetzt mußt du morgen ganz +früh dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mußt du jedenfalls +mitmachen! + +– Daraus wird nichts, da ich’s mir einmal in den Kopf gesetzt habe, +versicherte Gustav. + +Der Pastor ließ den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seinen +Hering zu essen. + +– Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von neuem. Siehst du, +meine Alte schließt alles Starke ein, und ich kriege so früh nichts. + +Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehörigen Schluck. +Darauf wurde er gesprächig und schwatzte alles mögliche über die +Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die äußeren wie die innern. + +Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen +und die Dämmerung sich wie ein melonenfarbiger Nebel über Kobben und +Wasser legen. Die Möwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die +Krähen zogen nach den innern Schären, um in den Wäldern Nachtquartier +zu suchen. + +Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mußten die Mücken aus dem +Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tür geschlossen und +der Raum mit »Schwarzem Anker« vollgeraucht; darauf wurde die Tür +wieder geöffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen. + +Die beiden Fischer warfen die Röcke ab und kletterten in ihre Kojen. + +– Jetzt mußt du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte der Pastor, +der schon sein gehöriges Teil erhalten hatte. + +Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte Ölung. Dann wollte man +schlafen. + +Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen +Tageslicht brach durch die undichten Wände. Doch in der schlechten +Beleuchtung fanden einzelne Mücken ihren Weg zu den Schläfrigen, die +sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Quälgeistern zu +entgehen. + +– Nein, das ist doch toll! stöhnte schließlich der Pastor. Schläfst +du, Gustav? + +– Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber +womit soll man sich die Zeit vertreiben? + +– Wir müssen wohl aufstehen und wieder Feuer anzünden; einen andern +Rat weiß ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten hätten, könnten wir +eine Mariage machen. Du hast wohl keins? + +– Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarnöer ihres +haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die +letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas +abgegriffen war. + +Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig auf den Herd +und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte den Kaffeekessel auf +und zog eine Strömlingstrommel herbei; die wurde zwischen die Knie +gestellt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an. +Bald tanzten die Karten. + +Die Stunden vergingen. + +– Drei frische, passe, Trumpf, war zu hören; dazwischen ein Fluch, +wenn eine Mücke unversehens ihren Schröpfkopf auf Nacken und Knöchel +der Spieler ansetzte. + +– Hör mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken anderswo +als bei Karten und Mücken gehabt zu haben schien, schließlich das +Spiel, könntest du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der +Hochzeit fern zu bleiben? Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten +aus dem Weg gehst! Willst du ihn ärgern, so weiß ich bessern Rat. + +– Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es allerdings leid +tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem väterlichen +Erbe genommen wurde. + +– Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung, heim; sag, du +seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann +nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn +betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt; auch sorgen wir dafür, +daß die Burschen ihren Spaß mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht +genug? + +Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein +auf der Schäre zu hausen, um nachts von den Mücken aufgefressen zu +werden, machte ihn weich; zumal er sich wirklich danach sehnte, all +die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken +zu lassen. + +Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszuführen sei, +und Gustav erklärte sich bereit, bei der Ausführung mitzuwirken. + +Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schließlich in +ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die Türspalten drang und +die Mücken ihres nächtlichen Tanzes müde geworden waren. + + * * * * * + +Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern +gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten +habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine +Teufelei im Werke. Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll, +erstens, weil der die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte; +zweitens, weil der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung +zeigte. Carlsson hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn +geschmiert, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm +der Pastor immer seinen breiten Rücken zu; hörte nie auf das, was er +sagte; erzählte immer Geschichten, die sich sehr wohl auf den +vorliegenden Fall anwenden ließen. + +Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren Anschlag gegen +ihn ausführen würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen +begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf +Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö +angestellt; dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und +dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig +gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem +Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hieß der Bootsmann, war +nämlich vom Pastor nicht konfirmiert worden, weil er Mädchen +nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres hatte ihm +Schwierigkeiten bei der Marine gemacht. + +Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben ihren +Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts +Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen; was dann weiter zu tun +war, würden die Umstände schon ergeben. + +Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte +entscheiden, welche die wirksamere war. + +Der Hochzeitstag brach an. + +Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen +Vorbereitungen. + +Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Wasserverbindungen +niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand; verdutzt strichen +die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen. + +Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln +umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die +Leuchter zu stecken. + +Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen +und hinter einer Ecke aufgestellt worden, daß es aussah, als sei +Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte +man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher +geliehen. Über der Haustür hingen Kranz und Krone aus Preißelbeerreis +und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche. + +In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den +stärksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen: Carlsson +liebte starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen +durch das seifengrüne Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie +Kohlenfeuer; die silberähnlichen Zinnkapseln, welche die Korke +bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke. + +Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften, +als ständen sie vor einem Ladenfenster; sie fühlten den Vorgeschmack +eines angenehmen Kratzens im Schlunde. + +Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen; wie grobe +Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt Branntwein, das +andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen, Kugelpyramiden gleich, +zweihundert Bierflaschen. + +Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann Rapp ging +umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher am Bauchriemen, das +Kriegsgerät ordnend, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die +Fässer mit Fichtenreisern verziert, sie angestochen und mit +Metallhähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen +Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu +lassen, daß sich etwas in ihnen befand. + +In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen +Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit halber ohne +Seitengewehr, flößte er den Bauernburschen großen Respekt ein. Außer +seiner Befassung als Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu +halten, Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägereien +einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie +ihn; das war aber nur Neid; sie hätten so gern die Uniform angezogen +und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tauende und die launischen +Kanoniere gefürchtet hätten. + +In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herde, und +zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden +mit dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern +aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und +Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit +Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war. + +Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den +Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Clara. + +Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den +Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten +sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern strichen in Scharen um +den Hof. + +Ein glücklicher Zufall hatte es gefügt, daß des Professors Frau und +Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage hatten reisen müssen, und nur +der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung +angenommen, gab auch seinen großen Saal für die feierliche Handlung +her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und +Abendschmaus. Da waren lange Bretter auf Böcke und Fässer gelegt, um +Tische und Bänke zu bilden; die Tische waren bereits mit Decken +versehen und mit Kaffeetassen gedeckt. + +Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen. +Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke, +hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spöttische +Anmerkungen zu erheitern. + +Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu +donnern, hauptsächlich mit Dynamitpatronen; er hielt sich hinter der +Hausecke und übte sich in kleinerem Maßstabe mit einem Terzerol. Dafür +hatte er aber seine Harmonika hergeben müssen; die war heute in Acht +und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, den +Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr war sehr +empfindlich, wenn man in seine Kunst griff. + +Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune, bereit, +mit dem Brautpaar zu spaßen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von +Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen. + +– Nun, müssen wir auch gleich taufen? grüßte Pastor Nordström. + +– Nein, potztausend, so eilig ist’s denn doch nicht! antwortete der +Bräutigam, ohne verlegen zu werden. + +– Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor, während die +Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf einer Hochzeit getraut und +getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sich es leisten +konnten. Im Ernst, wie steht’s mit der Braut? + +– Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wann es +los geht, antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz +anwies, zwischen der Mutter des Kirchenvorstehers und der Witwe von +Owassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt. + +Der Professor kam, in Frack und weißer Binde, mit schwarzem hohen Hut. +Der Pastor nahm ihn sofort als ebenbürtige Standesperson in Anspruch +und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und +Ohren belauschten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor +sei ein grundgelehrter Mann. + +Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit; man suche nur +Gustav noch, um anfangen zu können. + +– Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte es bis zur +Scheune. + +Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen. + +– Oh, ich weiß es wohl, wo er ist, erklärte Carlsson. + +– Wo kann er denn sein? höhnte Pastor Nordström so, daß Carlsson es +merkte. + +– Man hat ihn draußen auf Norsten gesehen, hat ein Vogel gezwitschert; +und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum trinken verführte! + +– Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck, +auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist jedenfalls unrecht von +ihm, sich nicht zu Hause zu halten, wo er so gute Vorbilder und so +treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder +sollen wir warten? + +Die Braut ward gehört. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie +doch, daß man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde. + +So begann man aufzubrechen, während hinten auf den Bergfelsen der +Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog +den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor führte die +Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weißen Schleier +mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnürt; was verborgen werden +sollte, wurde um so sichtbarer. + +So zog man in den Saal des Professors hinauf, während die Geige +knirschte und die Schüsse knallten. + +Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um +nach dem verlorenen Sohn zu spähen; als sie zur Tür hinein sollte, +mußte der Pastor sie schleppen, während sie die Augen hinten hatte. + +Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gäste rings an den +Wänden auf, als bildeten sie die Wache für eine Hinrichtung. Das +Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Stühlen Platz, die mit einem +brüsseler Teppich bedeckt waren. + +Der Pastor hatte das Buch genommen, befühlte seinen Kragen und wollte +sich gerade räuspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte. + +– Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl! + +Es wurde fast ganz still im Zimmer; man hörte nur das Knarren von +Stiefeln und das Knittern gestärkter Hemden; nach einigen Augenblicken +hörte das auf, man sah einander an, wurde verlegen, hustete; dann ward +es wieder still. Schließlich sagte der Pastor, an dem aller Blicke +hingen: + +– Jetzt beginnen wir; länger können wir nicht warten! Ist er noch +nicht gekommen, so kommt er auch nicht. + +Dann begann er: + +– Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet ... + +Eine gute Weile war vergangen, die älteren Frauen rochen an ihrem +Lavendel und weinten, als plötzlich ein Knall vom Hofe zu hören war +und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf, +ließ sich aber nicht weiter stören; nur Carlsson rührte sich etwas +unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff! +puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an +der Tür standen, fingen an zu kichern. + +Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Bräutigam: + +– Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich +dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau +haben und sie in Lust und Leid lieben willst? + +An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkörke, +Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz toll zu bellen. + +– Wer zieht denn da draußen Flaschen auf und stört den heiligen Akt? +brüllte Pastor Nordström wütend. + +– Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson heraus, der seine +Neugier und Unruhe nicht länger zurückhalten konnte. Macht Rapp diesen +Spektakel? + +– Was soll ich machen, rief Rapp, der in der Tür stand und sich von +der Zumutung verletzt fühlte. + +Puff! puff! puff! knallte es unaufhörlich. + +– Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach, was los ist, damit +nicht noch ein Unglück geschieht, schrie der Pastor; nachher fahren +wir fort. + +Einige Hochzeitsgäste stürzten hinaus, andere drängten sich an die +Fenster. + +– Das ist das Bier! schrie jemand. + +– Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor. + +– Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen! + +Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen und knallten +und brausten, daß der Schaum auf die Erde rann. + +Die Braut war über die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung +erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der Bräutigam wurde gescholten, +weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte; beinahe wäre er in +eine Schlägerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld +schieben wollte. Der Pastor war zornig, daß die heilige Handlung von +den Flaschen gestört worden. Draußen aber standen die Jungen und +tranken die Reste aus den Flaschenböden; während ihrer Rettungsarbeit +bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke +heraus gesprungen waren. + +Als sich schließlich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von +neuem im Saal, allerdings nicht mehr so andächtig wie vorher. Nachdem +der Pastor die Frage an den Bräutigam wiederholt hatte, wurde die +heilige Handlung zu Ende geführt, ohne daß sie von etwas Anderm +unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu +unterdrücken vermochten. + +Die Glückwünsche regneten auf die Neuvermählten nieder; und so schnell +man konnte, verließ man den Saal, der nach Schweiß, Tränen, feuchten +Strümpfen, Lavendel und welken Blumensträußen roch. + +Eilig ging’s an den Kaffeetisch. + +Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber die Braut +hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mußte hierhin und dorthin +eilen, um nach den Zurüstungen zu sehen. + +Die Sonne schien glänzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen +plauderte und lachte man. Der Branntwein floß in die Kaffeetöpfe, als +die zweite Tasse kam, in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch +oben am Kopfende beim Bräutigam wurde Punsch geboten; weder Bauern +noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getränk, das man sich +nicht alle Tage leistete, und der Pastor ließ sich’s aus seinem +Kaffeetopf wohl bekommen. + +Heute war er ungewöhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm +unaufhörlich zu, rühmte ihn und zeigte ihm die größte Aufmerksamkeit. +Doch vergaß er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr +Vergnügen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber +es war nicht leicht, ihn im Gespräch zu finden, da Musik nicht die +starke Seite des Pastors war und der Professor aus Höflichkeit das +Gespräch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem dieser +gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer verstand, konnte +der eine dem andern auch nicht näher kommen. Überhaupt sprach der +Professor, der gewohnt war, seinen Gefühlen in Musik Luft zu machen, +nicht viel. + +– Sind viel Leute in der Kirche? fragte er. + +– Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl ist. Werden +wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor? fragte der Pastor. + +– Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht. + +– Können nicht! Warum nicht? + +– Ich muß den Ablaß ausspeien! antwortete der Professor und machte ein +saures Gesicht. + +Pastor Nordström, der nicht verwöhnt war, fand, das war roh gesagt von +einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm ab und fuhr fort, dem +Bräutigam zuzusetzen. + +– Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem hin. Was hast +du denn gepredigt? + +– Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson. + +– Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr gehört, Burschen – +damit wandte er sich an die Männer – habt ihr von jenem Reiseprediger +sprechen hören, der jetzt umherläuft und den Bauern zeigen will, wie +man Kinder macht! + +– Hahaha! lachten Männer und Burschen, während die Frauen sich +abwandten und grinsten. + +– Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen! + +– Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist mit einer +schurkisch unschuldigen Miene. Als wüßte man nicht, wie man auf der +Tenne drischt, während man den Roggen draußen läßt. + +Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt +dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe in seinem Mut +gestärkt, wollte er mit dem Professor über Musik sprechen. + +– Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, grüßte er und knipste an +seiner Geige; wir haben ja gewissermaßen etwas gemeinsam, denn ich +spiele auch, wenn auch nur auf meine Art. + +– Geh zur Hölle, Schneider! Sei nicht unverschämt! wies ihn Carlsson +ab. + +– Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht’s nichts an, Carlsson! +Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus, und sagen Sie mir, +ob die nicht gut ist; sie hat zehn Reichstaler gekostet. + +Der Professor knippste die Quinte, lächelt und sagte freundlich: + +– Recht gut! + +– Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort +hören! Aber über Kunst sprechen mit diesen – er wollte flüstern, aber +die Stimmittel weigerten sich, zu nuancieren, und er schrie – +Bauernlümmeln ... + +– Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie man im Chor. + +– Hör mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken: dann können wir +nicht tanzen! + +– Rapp, du mußt auf den Spielmann achten, daß er nicht mehr trinkt! + +– Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht geizig, du +Preller? + +– Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor, sonst +kriegst du Schläge. + +Aber der Spielmann wollte unbedingt über seine Kunst schwatzen; um +seine Behauptung, daß die Geige vortrefflich sei, zu bekräftigen, fing +er an zu quinkelieren. + +– Hören Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bässe; die klingen ganz wie +eine kleine Orgel ... + +– Der Schneider soll das Maul halten! ... + +Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu. + +Da schrie jemand: + +– Gustav ist da! + +– Wo? Wo? + +Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen. + +– Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor; aber nicht +früher, als bis er drinnen ist, hörst du! + +Die Groggläser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die Kognakflaschen +auf. + +– Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend. + +Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll. + +Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzustoßen. Bald hatte +der seinen ersten Grog geleert und mußte den zweiten bereiten. + +Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er betrachtet so +genau, wie er kann, Carlssons Züge und sucht zu ergründen, ob der +seine volle Ladung erhalten. Das Sehen aber fällt ihm schwer, darum +beschränkt er sich darauf, mit ihm anzustoßen. + +Da kommt Clara und ruft: + +– Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen! + +– Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen! + +Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte. + +– Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor. + +– Gustav natürlich! + +Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und holte Gustav. +Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor ließ ihn mit einer Tasse +Punsch und Hurrahrufen begrüßen. + +Dann stieß Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes: + +– Glück auf! + +Carlsson wurde gefühlvoll und trank bis auf den Grund aus; erklärte, +es sei ihm ein großes Vergnügen, ihn zu sehen, wenn er auch spät +komme; und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu +sehen, wenn er auch spät komme. + +– Und glaube mir, schloß er, wer den alten Carlsson richtig zu nehmen +versteht, der weiß auch, wo er ihn hat. + +Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson auf, ein Glas +mit ihm zu trinken. + +Die Dämmerung kam, die Mücken tanzten, die Leute schwatzten, Gläser +klangen, Lachen schallten. Hier und dort in den Büschen waren bereits +kleine Notschreie zu hören, unterbrochen von Kichern und Hurrahen, +Hallohen und Schüssen, während der Himmel des lauen Sommerabends +erblaßte. Draußen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte die +Wiesenknarre. + +Die Tische wurden abgeräumt; es sollte zum Abendbrot gedeckt werden. +Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor geliehen, in die Äste +der Eiche. Norman trug Haufen von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien +und zapfte Dünnbier und Branntwein. Die Mädchen trugen Butter in +Schobern herbei, Strömlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln, +Fleischklöße in Hocken. + +Als alles fertig war, klatschte der Bräutigam in die Hände: + +– Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein. + +– Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen. + +Ohne den Pastor wollte niemand anfangen. + +– Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht wirklich nicht, +daß man ohne sie anfängt! + +Man rief und suchte, aber keine Antwort. + +In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde mit funkelnden +Augen, bereit, sich auf das Essen zu stürzen; aber keine Hand rührte +sich und das Schweigen wurde bedrückend. + +– Vielleicht sitzt der Pastor im Häuschen! ertönte Rundqvists +unschuldige Stimme. + +Ohne weiteren Aufschluß abzuwarten, ging Carlsson hinunter, um den +geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener Tür saßen da +Pastor und Professor, jeder seine Zeitung in der Hand, und waren in +lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden +und warf ein Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson +aus Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer natürlichen +Ausübung einer zwingenden Pflicht stören wollte. + +– Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst du, mein +Bruder – er glaubte, sie hätten Brüderschaft getrunken – _ein_ Mal in +der Woche, das ist mein Regime. Nicht mehr, und nicht weniger. + +– Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich ... + +– _Ein Mal in der Woche_, sage ich, und nie mehr als einen Ritt! sagt +Hufeland, und das ist mein Regime, siehst du, mein Bruder. + +Das Gespräch drohte langwierig zu werden, und Carlsson mußte +einschreiten. + +– Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbröte werden kalt! + +– Bist du’s, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen sofort! + +– Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die Herren könnten +sich wohl etwas beeilen! + +– Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur! + +Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt, daß der Pastor +»gerührt« war; er entfernte sich und beeilte sich, die Gesellschaft +mit der Erklärung zu beruhigen, der Pastor mache sich bereit und werde +gleich kommen. + +Einen Augenblick später irrte eine Laterne über den Hof und näherte +sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende Schatten folgten. + +Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen Ende des Tisches +sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb auf ihn zu, um dem +peinlichen Warten ein Ende zu machen. Carlsson aber hatte etwas +anderes im Sinn; indem er mit einem Messer an die Schüssel mit den +Fleischklößen klopfte, schrie er mit lauter Stimme: + +– Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte sagen! + +Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen, wo er +zu Hause war; sah, daß er einen glänzenden Gegenstand in der Hand +hatte; erinnerte sich, daß er bei seiner letzten Weihnachtsrede eine +silberne Kanne in der Hand gehabt; hob die Laterne wie einen Pokal in +die Höhe und sprach: + +– Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu feiern. + +Er starrte Carlsson an, um etwas über Charakter und Zweck des Festes +zu erfahren, denn er war bereits so vollständig abwesend, daß sich +Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht verflüchtigt hatten. Aber Carlssons +grinsendes Gesicht löste ihm das Rätsel nicht. Er starrte in die Luft, +um irgend einen leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen +Laternen in der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von +einem riesengroßen Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden. + +– Dieses frohe Fest des Lichtes, stieß er hervor, wenn die Sonne der +Kälte weicht, und der Schnee – er sah das weiße Tischtuch sich wie ein +großes Schneefeld unendlich weit ausbreiten – meine Freunde, wenn der +erste Schnee sich wie eine Decke über den Schmutz des Herbstes legt +... nein, ich glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir ... + +Er wandte sich fort und machte einen krummen Rücken. + +– Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er will sich +niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften! + +Man ließ sich das nicht zwei Male sagen, sondern stürzte auf die +Schüsseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal überließ. + +Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum Nachtquartier +angewiesen worden; um zu zeigen, daß er nüchtern war, lehnte er alle +Angebote von Hilfe ab, indem er mit Schlägen drohte. Die Laterne an +den Knien, zusammengefallen, als suche er Nadeln in dem tauigen Grase, +steuerte er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der +Gartentür strauchelte er und stieß so heftig gegen den Türpfosten, daß +die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schloß sich die +Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder; aber das Fenster +mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer. Beim Weitergehen +verspürte er das unangenehme Gefühl, daß die Knie seiner schwarzen +Hosen bei jedem Schritt feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben +schmerzten, als schlügen sie gegen Steine. + +Schließlich kriegt er etwas sehr Großes, Rundes und Feuchtes zu +fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief Stecknadeln oder +dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle oder ähnliches; da +hört er das Brausen von Wasser und fühlt, daß er naß wird. Von der +Furcht, in die See gegangen zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am +Mast und findet in einem lichten Augenblick, daß er an einem +Türpfosten steht; kommt mit einer Krängung in einen Flur; fühlt eine +Treppenstufe an den Knien; hört eine Magd schreien: »Herr Jesus, das +Dünnbier!« + +Von einem dunkeln bösen Gewissen getrieben, kriecht er die Treppe +hinauf, stößt sich die Fingerknöchel an einem Schlüssel, kriegt eine +Tür auf, die nach innen nachgibt; stürzt in eine Kammer hinein und +sieht ein großes gemachtes Bett für zwei; hat soviel Kraft, die Decke +aufzuschlagen; kriecht mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu +verstecken, da man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben +oder zu erlöschen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen +nach Dünnbier! + +Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angezündet, aus +der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch; saß Lende an +Lende neben dem Professor und disputierte über Hufelands Kunst, +hundert Jahre zu leben; und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein +Licht, erlosch, starb, sank und wurde naß. + +Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt und mit +Bier und Branntwein so stark befeuchtet, daß keiner an den Pastor +dachte. + +Als man das Essen soweit verschlungen hatte, daß der Boden in Tellern +und Schüsseln zu sehen war, ging man in die Stuga hinunter, um zu +tanzen. + +Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer schicken; aber +Carlsson überzeugte sie davon, daß der Pastor am liebsten Ruhe haben +wolle; es sei nicht richtig, ihn zu stören. Und dabei blieb es. + +Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt, als er merkte, +daß der überlistet war; er gab sich seinen Vergnügungen hin und vergaß +allen Groll im Rausch. + +Der Tanz ging wie eine Mühle. Der Spielmann saß auf dem Herd und +fiedelte. In den offnen Fenstern kühlten sich schwitzende Rücken an +der Frische der Nacht. Draußen auf der Höhe saßen die Alten, rauchten, +tranken und scherzten im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der +durch die Scheiben der Küche fiel, und bei den Lichtern in der +Tanzstube. + +Draußen aber auf Wiesen und Höhen wanderte Paar um Paar in dem tauigen +Grase unter dem schwachen Schimmer des Sternenhimmels, um bei Heuduft +und Heimchengezirp das Feuer zu löschen, das die Wärme des Hauses, der +starke Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in ihnen +entzündet hatten. + +Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im Osten zu +lichten; die Sterne zogen sich zurück, und der große Wagen streckte +die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten umgekippt. Die Enten +schnatterten im Schilf. Die blanke Bucht spiegelte bereits die +Zitronenfarben der Morgenröte wieder, zwischen den Schatten der +dunkeln Erlen, die im Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis +auf den Seegrund reichten. + +Das währte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken von der Küste +auf und es wurde wieder Nacht. + +Da ertönte ein Geschrei in der Küche. + +– Der Glühwein! Der Glühwein! + +In Zugordnung kamen die Männer mit einer Kasserolle, die von +brennendem Branntwein flammte und einen blauen Schein um sich warf, +während der Spielmann einen Marsch spielte. + +– Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson, in der +Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu können. + +Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der Zug setzte sich +nach der Stuga des Professors in Bewegung. Mit mehr oder weniger +sichern Schritten enterte man die Treppe. + +Der Schlüssel saß in der Kammertür und man stampfte hinein, nicht ohne +eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben empfangen zu werden. +Drinnen war es still, und bei dem blauen zitternden Scheine der +Kasserolle sah man, daß das Bett unberührt und leer war. + +Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren Rückschlag erfaßte +Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und machte der Ungewißheit +und den Vermutungen mit der improvisierten Erklärung ein Ende: er +erinnere sich jetzt, daß der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den +Heuboden legen, um den Mücken zu entgehen. + +Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu nähern durfte, gab man die +Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, um den Rückweg +anzutreten, hinunter nach dem Hof, wo das Trankopfer dargebracht +wurde. + +Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt. Dann nahm +er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen Ahnungen mit. + +Ohne daß die Andern es merkten, schlichen die beiden Verschworenen die +Treppe zur Brautkammer hinauf; einen Lichtstummel und Streichhölzchen +hatten sie mitgenommen. + +Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen, daß sie +beinahe auf den Rücken gefallen wären, wie sie später erzählten. + +Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine schlimmsten +Erwartungen übertroffen. + +Auf dem weißen mit Hohlsaum genähten Kopfkissen lag ein zottiger Kopf, +ähnlich dem eines nassen Hundes, dessen Mund weit offen stand. + +– Potztausend, knirschte Carlsson, das hätte ich doch nicht gedacht, +daß der Halunke sich wie ein Schwein betragen würde. Gott erbarme +sich! + +Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu! + +– Oh Jesus, nein! Pfui, pfui! + +Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im Zimmer! + +– So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und auch die Stiefel hat +er an, der Stänker! + +Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken fortschaffen, +ohne daß die Leute etwas erfuhren, vor allem, ohne daß die Braut etwas +merkte? + +– Wir müssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erklärte Rapp. + +– Nicht einmal mit einer Zange möchte ich ihn anfassen! versicherte +Carlsson. + +– Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in die See! Lösch +nur das Licht, und dann nach der Scheune hinauf und die Geräte geholt! + +Die Tür wurde von draußen verschlossen und der Schlüssel +herausgezogen. Dann schlichen die beiden Rächer auf einem Umwege nach +der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und schwor: + +– Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir ihn schon +kriegen! + +Zufällig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten her da. +Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block und Seil gefunden +hatten, schleppten sie die Geräte auf Umwegen hinter die Stuga, bis an +den Giebel unter das Fenster des Pastors. + +Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie mit einer +Latte am First fest. Darauf splißte er einen Stropp, befestigte den +Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch er in die Kammer, während +Carlsson unten mit einem Bootshaken stand, um abzustoßen. + +Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet hatte, pustend und +schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf herausstecken und hörte ihn +leise den Befehl geben: + +– Holen! + +Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer Körper draußen auf dem +Fensterbrett. + +– Hol steif! befahl Rapp. + +Carlsson holte an. Draußen auf dem Hebezeug baumelte jetzt der +schlaffe Körper des Pastors, der sich unglaublich verlängerte, wie der +eines Gehängten. + +– Fieren! befahl Rapp wieder. + +Aber im selben Augenblick war ein Laut zu hören wie aus einem +angestochenen Dünnbieranker, und als es klack! sagte, strömte es +nieder über Carlssons Kopf und Schultern. + +– Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Bräutigam, der fühlte, +wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas Klebriges sich in +die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der kleinen Kneifzange +gekräuselt hatte. + +– Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an! + +Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag der Pastor +in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben. + +Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert, und eilte die +Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun nach der Waschbrücke. + +Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los: + +– Jetzt sollst du baden, du Halunke! + +Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil man Jahre lang das +Eingeweide der Fische dorthin geworfen hatte. Rapp packte den Stropp, +den er um den Leib des Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See. + +Da erwachte der Pastor und stieß einen Schrei aus, wie ein Ferkel beim +Schlachten. + +– Holen! befahl Rapp, der merkte, daß die Leute oben aufhorchten und +schon herbeieilten. + +Carlsson aber legte sich auf die Knie und wälzte den Pastor im +Schlamm; dann rieb er mit den Händen dessen schwarzen Anzug so ein, +daß jede Spur von dem Unglück, das im Brautbett geschehen, vertilgt +war. + +– Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die herbeieilten. + +– Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp und holte den +schreienden Geistlichen. + +Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte den edelmütigen +Retter und machte den mitleidigen Samariter, indem er frömmelte und +wehklagte. + +– Könnt ihr euch denken: ich komme ganz zufällig hierher, da höre ich +etwas plätschern und quellen, daß ich glaube, es sei ein Seehund. Als +ich näher kam, sehe ich, es ist unser lieber Herr Pastor. Herr Jesus, +sage ich zum Bootsmann, ich glaube, das ist Pastor Nordström selbst, +der dort liegt und mit den Flügeln schlägt. Und dann sagte ich zu +Rapp: Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer +Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen, fing er +an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden. Und wie er aussieht! + +Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die Männer betrachteten +ihren Hirten mit Verdruß, aber auch mit unausrodbarer Ehrerbietung; +sie wollten ihn so schnell wie möglich fortschaffen. + +Aus zwei Paar Rudern wurde eine Bahre gemacht, auf die man den Pastor +legte. Acht starke Schultern trugen ihn nach der Tenne hinauf, wo man +ihn umkleiden wollte. + +Der Spielmann, der ganz betrunken war, glaubte, es handle sich um +irgendeine Posse; er stieß zu ihnen und zog mit, während er Bellmans +Trinklied »Macht Platz da, macht Platz da der Bahr des alten +Schmidt!« fiedelte. + +Burschen kamen aus den Büschen hervor und gesellten sich dazu. Der +Professor glaubte seine verlorene Jugend wiedergefunden zu haben, +setzte sich an die Spitze und sang. Norman hatte seine Harmonika +vorgeholt, da er seine musikalische Suada nicht unterdrücken konnte. + +– Es stinkt arg! bemerkte der Professor, welcher der Dachtraufe von +der Bahre zu nahe gekommen war, und die Männer hielten sich die Nase +zu. Da rührte es sich oben, und über ihre Köpfe ergoß es sich von der +Höhe. + +– Er speit, er speit! schrie der Professor. + +– Nehmt euch in Acht, er kotzt, er kotzt, warnte Carlsson, aber zu +spät. + +Als sie aber auf den Hof kamen, stürzten die Frauen herbei; sobald die +den Pastor in seiner traurigen Verfassung sahen, wurden sie von +Mitleid ergriffen und erbarmten sich über den Bewußtlosen. Frau Flod +holte eine Bettdecke, die sie, trotz Carlssons Warnungen, über den +Jammer warf. Dann setzte man warmes Wasser auf und borgte vom +Professor Wäsche und Anzug. + +Als man zur Tenne hinauf kam, wurde der Kranke, wie man ihn nannte – +niemand hätte zugegeben, daß der Pastor betrunken sei – auf trockenes +Stroh gelegt. + +Rundqvist kam mit dem Schnäpper, um den Pastor zur Ader zu lassen, +wurde aber fortgejagt. Da bat er, den Kranken wenigstens besprechen zu +dürfen, denn er könne wassersüchtige Schafe besprechen. Er durfte sich +aber durchaus nicht mit dem Geistlichen befassen, und auch kein +anderer von den Mannsleuten. + +Carlsson aber schlich sich wieder in die Brautkammer hinauf, dieses +Mal allein, um die Spuren seiner Demütigung zu verwischen. Als er die +Verwüstung in dem beschmutzten Brautbett sah, überfiel ihn einen +Augenblick Schwäche, ermüdet, wie er von den Arbeiten der letzten Tage +und den Anstrengungen dieser Nacht war. Er dachte daran, wie anders es +mit Ida gewesen wäre, wenn ihr Verhältnis zu Stande gekommen. Er trat +ans Fenster und blickte lange und schwermütig über die Bucht. + +Die Wolken hatten sich zerstreut und die Nebel sammelten sich in +weißem Flor über dem Wasser; die Sonne ging auf und strahlte in die +Brautkammer hinein, beschien das bleiche Gesicht und die +ausgewässerten Augen, die sich zusammen kniffen, als kämpften sie +gegen hervorbrechende Tränen. Das Haar lag in feuchten Zotten auf der +Stirn, das weiße Halstuch war befleckt, der Rock hing schlaff herunter +und war bekotzt. Die Sonnenwärme ließ ihn erschauern; mit der Hand +über die Stirn fahrend, wandte er sich ins Zimmer hinein, noch ein Mal +das beschmutzte Bett betrachtend. + +– Aber das ist doch ganz furchtbar! sagte er zu sich selbst, riß sich +aus seiner Schlaffheit und fing an, die Bezüge von den Betten zu +ziehen. + + + + + Sechstes Kapitel + + Veränderte Verhältnisse und veränderte Ansichten; + die Landwirtschaft geht zurück und der Grubenbau blüht + + +Carlsson war nicht der Mann, unangenehme Empfindungen länger, als er +wollte, auf sich einwirken zu lassen; sein Körper nahm die Schauer +hin, schüttelte sich und ließ sie ablaufen. Seine Stellung als +Hofbesitzer hatte er sich durch seine Tüchtigkeit und sein Wissen +errungen; und daß Frau Flod ihn zum Manne nahm, war ebenso viel Gewinn +für sie als für ihn, meinte er. + +Als aber der Hochzeitsrausch verflogen war, begann Carlsson weniger +eifrig zu werden; er war ja nun sicher, sowohl durch die Heirat wie +durch den Erben; denn in wenigen Monaten war das Kind zu erwarten. Den +Gedanken, sich zu einem Herrn zu machen, hatte er aufgegeben; statt +dessen rüstete er sich, Großbauer zu werden. Zog ein prächtiges +wollenes Wams an, tat ein festes Schurzfell um, trug Wasserstiefel; +brachte viel Zeit vor seinem Sekretär zu; das war sein Lieblingsplatz +geworden. Las die Zeitung, schrieb und rechnete weniger als früher; +überwachte die Arbeit mit der Pfeife im Munde und zeigte weniger +Interesse für die Landwirtschaft. + +– Die Landwirtschaft geht zurück, sagte er. Das habe ich in der +Zeitung gelesen; es ist billiger, sein Korn zu kaufen! + +– Früher hat er anders gesprochen, meinte Gustav, der auf alles +achtgab, was Carlsson sagte und tat, sich aber auf eine stumpfe +Unterwerfung beschränkte, ohne jedoch den neuen Herrn anzuerkennen. + +– Die Zeiten verändern sich und wir uns mit ihnen! Ich danke Gott für +jeden Tag, an dem ich klüger werde! antwortete Carlsson. + +Er besuchte Sonntags die Kirche; nahm an allgemeinen Fragen teil und +wurde in den Gemeinderat gewählt. Dadurch kam er in nähere Berührung +mit dem Pastor und erlebte den großen Tag, an dem er ihn duzen konnte. +Das war einer der größten Träume seines Ehrgeizes; ein ganzes Jahr +lang ward er nicht müde, zu erzählen, was er gesagt und was Pastor +Nordström geantwortet hatte. + +– Hör mal, lieber Nordström, sagte ich, dieses Mal läßt du mich aber +gewähren! Und da sagte Nordström: Carlsson, du mußt nicht halsstarrig +sein, wenn du auch ein kluger Kerl und ein verständiger Mann bist ... + +Die Folge war, daß Carlsson eine Menge Gemeindeangelegenheiten +übernahm, unter denen die Feuerschau die beliebteste war. Da reiste +man auf Kosten des Kirchspiels umher und trank Kaffeehalbe bei +Bekannten. + +Auch die Wahl zum Reichstage, die allerdings im Innern des Landes +stattfand, hatte ihre Verführungen und ihre kleinen Nachwehen, die bis +in die Schären zu spüren waren. + +Zur Wahlzeit und auch sonst wohl einige Male im Jahr kam der Baron mit +seinen Jagdherren auf einem Dampfer heraus; dann wurden fünfzig Kronen +für das Recht, einige Tage jagen zu können, bezahlt. Punsch und Kognak +flossen Tag und Nacht, und man schied von den Jägern mit der festen +Überzeugung: das sind feine Leute. + +Carlsson kam also in die Höhe und wurde ein Licht auf dem Hofe: eine +Autorität, die über Dinge Bescheid wußte, welche die Andern nicht +begriffen. Ein schwacher Punkt aber blieb, und er spürte ihn zuweilen: +er war vom Lande, war kein Seemann. + +Um diesen letzten Rangunterschied auszugleichen, fing er an, sich mehr +für die Seegeschäfte zu interessieren, legte eine große Neigung fürs +Meer an den Tag. Putzte sich eine Flinte und fuhr auf die Jagd hinaus; +nahm am Fischen teil und wagte sich auf längere Segelfahrten. + +– Mit der Landwirtschaft gehts abwärts, und wir müssen uns auf’s +Fischen legen, antwortete er seiner Frau, die mit Unruhe Vieh und Feld +verkommen sah. + +– Vor allem das Fischen! Das Fischen für den Fischer und das Land für +den Landwirt! verkündigte er jetzt auf eine Art, die keinen +Widerspruch duldete, nachdem er vom Schullehrer im Kirchenrat gelernt +hatte, seine Worte »pallementarisch« zu setzen. + +Zeigte sich ein Mangel im Ertrag, so mußte man Holz hauen. + +– Der Wald muß gelichtet werden, wenn er reif werden soll! So spricht +wenigstens der rationelle Landwirt; ich selber weiß es _nicht_. + +Und wenn Carlsson es nicht wußte, wie sollten dann die Andern es +wissen! + +Rundqvist wurde die Landwirtschaft überlassen, Clara das Vieh. + +Rundqvist ließ Gras auf dem Acker wachsen, schlief vom Frühstück bis +zum Mittag auf dem Rain, schlief vom Mittag bis zum Abendbrot in den +Büschen; warf Stahl über die Kühe, wenn sie keine Milch gaben. + +Gustav hauste noch mehr auf der See als früher und knüpfte den alten +Jägerbund mit Norman wieder an. + +Das Interesse, das einen Augenblick alle Arme in Bewegung gesetzt +hatte, war fortgefallen; für einen Fremden arbeiten, war nicht sehr +ermunternd. Darum ging das Ganze nachlässig aber ruhig seinen +gewohnten Gang. + +Im Herbst aber, einige Monate nach der Hochzeit, trat ein Ereignis +ein, das wie ein Stoßwind auf Carlssons eben mit vollen Segeln +ausgelaufenes Fahrzeug wirkte. Seine Frau kam vor der Zeit nieder und +gebar ein totes Kind. Die Umstände waren außerdem so beunruhigend, daß +der Arzt bestimmt erklärte, jetzt sei es Schluß: + +– Keine Kinder mehr! + +Das war verhängnisvoll für Carlsson; denn nun hatte er für die Zukunft +keine andere Aussicht, als einst aufs Altenteil zu kommen. Da die Alte +obendrein noch kränklich nach der Entbindung war, drohte diese +Veränderung in seiner Stellung früher einzutreten, als er geträumt +hatte. Es kam also darauf an, die Zeit gut auszunutzen, in die +Scheunen zu sammeln, an den morgenden Tag zu denken. + +Neues Leben kam in Carlsson. Die Landwirtschaft mußte schleunigst +gehoben werden; warum, das ging niemanden etwas an. Bauholz wurde +gefällt; denn jetzt sollte eine neue Stuga gebaut werden; warum, das +brauchte er niemandem auf die Nase zu binden. Die Jagdlust mußte bei +Norman schleunigst gedämpft werden, und noch ein Mal wurde Norman +seinem Freunde abspenstig gemacht. Rundqvist wurde wieder eingefangen +und mit neuen Vorteilen aufgemuntert. Es ward gepflügt, gesäet, +gefischt, gezimmert; die Gemeindesachen blieben liegen. + +Gleichzeitig führte Carlsson ein häusliches Leben; saß bei seiner +Alten; las ihr zuweilen vor, aus der Heiligen Schrift oder aus dem +Gesangbuch; sprach zu ihrem Herzen und wandte sich an ihre edleren +Gefühle, ohne recht erklären zu können, wo er hinaus wolle. + +Die Alte liebte Gesellschaft und hörte gern Geplauder; sie legte also +Wert auf diese kleinen Aufmerksamkeiten, ohne weiter darüber +nachzudenken, was diese Vorbereitungen auf den Tod bezwecken könnten. + + * * * * * + +Eines Winterabends, als die Bucht unterm Eise lag, die offnen +Meeresflächen aber nicht mehr fahrbar waren, man schon vierzehn Tage +eingeschlossen war, ohne einen Nachbar begrüßen zu können, ohne einen +Brief oder eine Zeitung zu erhalten; als die Einsamkeit und der Schnee +das Gemüt bedrückte und der kurze Tag nur wenig Arbeit erlaubte, +hatten sich die Leute in der Küche versammelt; auch Gustav war dabei. +Das Feuer brannte im Herd und die Burschen saßen und flickten Netze. +Die Mädchen spannen und Rundqvist schnitzte an einem Spatenschaft. Der +Schnee war den ganzen Tag gefallen und stieg schon über die +Fensterscheiben. Wie ein Totenzimmer sah die Küche aus, da die Fenster +mit Laken aus Schnee verhängt waren. Jede Viertelstunde mußte ein Mann +hinaus und die Tür frei schaufeln, damit man nicht eingeschneit wurde, +sondern zum Melken und Futtern nach dem Stall gelangen konnte. + +Jetzt war die Reihe an Gustav; Ölrock und Südwester über Wams und +Ottermütze, so ging er hinaus; stemmte die Tür auf, gegen die sich der +Schnee gelegt hatte, und stand draußen im Schneetreiben. Die Luft war +schwarz, die Schneeflocken waren grau wie Motten, groß wie +Hühnerfedern; schwebten unaufhörlich, unaufhörlich nieder, legten sich +leise auf einander, erst leicht, dann schwerer; packten sich zusammen +und wuchsen an. Schon ein gut Stück ging der Schnee die Wand des +Hauses hinauf und nur durch die obere Ecke der Fenster schimmerten die +Lichter von innen. + +Eine Neugier, die ihn schnell überkam, veranlaßte Gustav, den oberen +Schnee herunter zu stochern, damit er ein Guckloch erhielt; als er +dann auf den Schneehaufen stieg, konnte er ins Zimmer sehen. + +Carlsson saß wie gewöhnlich vor dem Sekretär; er hatte ein großes +Papier vor sich liegen; das war oben mit einem großen blauen Stempel +bedruckt, der wie die Zeichnung auf den Scheinen der Reichsbank +aussah. Die Feder hoch erhoben, sprach er auf die Alte, die neben ihm +stand, ein; er schien ihr die Feder geben zu wollen, damit sie etwas +schreibe. + +Gustav legte das Ohr an die Scheibe; da es aber Doppelfenster waren, +hörte er nur ein Gemurmel. Außerordentlich gern hätte er jedoch +gewußt, was da vor ging, denn er ahnte, daß es ihn sehr nahe berühre; +auch hatte er gelernt, daß es sich um wichtige Angelegenheiten +handelt, wenn man gestempeltes Papier benutzt. + +Leise öffnete er die Tür, schob die Strohschuhe ab und kroch die +Treppe hinauf, bis er auf den oberen Flur kam. Dort legte er sich auf +den Bauch; und nun konnte er hören, was in der Stube bei der Mutter +gesprochen wurde. + +– Anna Eva, verkündete Carlsson mit einem Ton, der zwischen +Reiseprediger und Gemeinderat lag; das Leben ist kurz, und der Tod +_kann_ über uns kommen, ehe wir es wissen. Wir _müssen_ also darauf gefaßt +sein, von hinnen zu gehen, ob es nun heute geschieht oder morgen; das +ist _ganz_ einerlei! Unterschreib also, je eher desto besser! + +Die Alte liebte es nicht, so viel von Tod zu hören; aber Carlsson +hatte nun Monate lang so oft davon gesprochen, daß sie gegen diese +Rede nur noch schwach Widerstand zu leisten vermochte. + +– Aber, Carlsson, ganz einerlei ist es mir nicht, ob ich heute sterbe +oder in zehn Jahren; ich kann noch lange leben. + +– Ich habe ja nicht gesagt, daß du sterben _wirst_; ich habe nur gesagt, +daß wir sterben _können_; und ob das heute oder morgen, oder in zehn +Jahren geschieht, das ist ganz einerlei; ein Mal muß es geschehen! +Also schreib nur! + +– Das verstehe ich nicht, widerstrebte die Alte, als wolle der Tod +kommen und sie holen; es kann doch wohl nicht ... + +– Doch, es ist ganz einerlei, wann es geschieht! Ist es vielleicht +nicht so? Ich weiß es nicht! Jedenfalls schreib! + +Ihr war, als lege er ihr einen Strick um den Hals, wenn Carlsson mit +seinem »Ich weiß nicht« kam; die Alte wußte sich nicht mehr zu helfen +und gab nach. + +– Nun, wo hinaus willst du? fragte sie ihn, von dem langen +Hinundherreden ermüdet und erschöpft. + +– Anna Eva, du mußt an deine Nachkommen denken; denn das ist die erste +Pflicht des Menschen; darum mußt du schreiben. + +In diesem Augenblick öffnete Clara die Küchentür und fragte, wo Gustav +bleibe; der aber wollte sich nicht verraten und verhielt sich still; +konnte aber nicht mehr hören, was weiter in der Stube geschah. + +Clara ging zurück und Gustav kletterte hinab; blieb vor der Stubentür +stehen, um die letzten Worte von Carlsson zu hören; die ließen ihn +vermuten, daß die Alte unterschrieben habe und das Testament +aufgesetzt sei. + +Als Gustav wieder in die Küche kam, sahen die Leute, daß ihm etwas +geschehen war. Er sprach in versteckten Worten, er werde einen Fuchs +fangen, den er schreien gehört; es sei besser, auf See zu gehen, als +sich zu Hause von den Läusen fressen zu lassen; ein weißes Pulver +unterm Futter könne Gäulen Mut machen; aber auch den Tod geben, wenn +es zu viel sei. + +Carlsson dagegen war beim Abendbrot äußerst menschenfreundlich; +erkundigte sich nach Gustavs Arbeitsplänen und Jagdabsichten; holte +das Stundenglas und ließ den weißen Sand rinnen; dann sagte er: + +– Die Minuten sind kostbar; essen wir und trinken wir, denn morgen +müssen wir sterben! + +Gustav lag in dieser Nacht lange wach; viele finstere Gedanken und +schwarze Pläne kreuzten sich in seinem Kopfe. Aber er war keine starke +Seele, welche die Verhältnisse nach ihrem Sinn ändern, Gedanken in +Handlung umsetzen konnte; wenn er eine Sache durchdacht hatte, ließ er +sie fallen, als sei sie vollendet. + +Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern Dingen geträumt +hatte, war er wieder ebenso fröhlich und ließ fünf gerade sein, indem +er darauf traute: Kommt Zeit, kommt Rat; die Gerechtigkeit wird schon +ihren Gang gehen; und dergleichen mehr. + + * * * * * + +Der Frühling kam wieder, die Schwalben besserten ihre Nester aus und +der Professor kehrte zurück. + +Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten +angelegt; Flieder, Obstbäume, Beerenbüsche gepflanzt; für die er +Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre geholt; Wege besandet und +Lauben errichtet. Es begann herrschaftlich auf dem Hofe auszusehen. + +Niemand konnte leugnen, daß der Fremdling Wohlstand und Gemütlichkeit +geschaffen, daß er Feld und Vieh in die Höhe gebracht, Haus und Hof in +Stand gesetzt; sogar den Preis für die Fische hatte er in der Stadt in +die Höhe getrieben und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen, damit +man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der Stadt sparen +konnte. + +Jetzt, als er nachließ, müde war, sich mit dem Bau seiner eigenen +Stuga beschäftigte, klagte man. + +– Macht es doch selber, antwortete Carlsson, dann werdet ihr mal +sehen, wie gut es tut. Jeder für sich und Gott für uns alle! + +Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann einen Garten +anzulegen, Büsche zu pflanzen, Wege zu machen. Er hatte seine Stuga +mit solchem Geschmack gebaut, daß sie die anderen in Schatten stellte. +Sie besaß zwar nur zwei Zimmer und Küche, sah aber doch stattlicher +aus als die alten Häuser; woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob +daran, daß er den Dachstuhl hoch geführt und die Dachtraufe weit über +die Wand hatte vorspringen lassen; oder ob es die »Krucifixe« waren, +die er in die Deckbretter gesägt hatte; oder die Veranda, die er mit +einigen Treppenstufen vor die Tür gesetzt. Es waren keine +Kostbarkeiten, aber es sah doch etwas villenartig aus. Rot war die +Stuga wie eine Kuh, aber die Ecken waren schwarz und getäfelt; die +Fensterbretter waren weiß gestrichen und die Veranda, ein leichtes +Dach auf vier Pfosten, war blau gemalt. + +Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu wählen; +unmittelbar unter dem Fuß des Berges, und zwar so, daß zwei alte +Eichen mitten davor zu stehen kamen, ungefähr wie der Anfang einer +geplanten Allee oder eines Parks. Wenn man auf der Veranda saß, hatte +man die schönste Aussicht: die Bucht mit den Schilfbänken, die lange +grüne Quellwiese; durch eine Mulde im Kälberhag konnte man die Boote +hinten im Sunde sehen. + +Gustav sah alles scheel an, wünschte die Stuga fort, hielt Carlsson +für eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl baute; die hätte er +gern verscheucht, ehe sie Eier legen und sich vielleicht mit ihrer +Brut festsetzen konnte. Er hatte aber nicht die Kraft, sie +fortzubringen; darum blieb sie sitzen. + +Die Alte war kränklich und ließ alles gehen, wie es ging. Im Vorgefühl +des Wirrsals, das entstehen würde, wenn sie aus dem Leben schied, sah +sie es nicht ungern, daß ihr Mann, denn das war er jedenfalls, ein +Dach über dem Kopf hatte und nicht als armer Teufel herumlief. Sie +verstand sich nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon, +daß es bei Vermögensaufnahme, Erbteilung, Testament nicht mit rechten +Dingen zugegangen; doch das war die Sache der Andern, wenn sie nur +damit nichts zu tun hatte. Ein Mal mußte es aber losbrechen, wenn +nicht früher, dann an dem Tage, an dem Gustav heiratete; und solche +Gedanken mußte ihm jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich +nicht mehr gleich, sondern ging nachdenklich umher. + + * * * * * + +Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner neuen Küche und +mauerte am Herd, als Clara kam und ihn rief: + +– Carlsson, Carlsson, der Professor ist mit einem deutschen Herrn +gekommen, der Carlsson sprechen will! + +Carlsson nahm das Schurzfell ab, trocknete sich die Hände und machte +sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungewöhnliche Besuch zu +bedeuten habe. + +Als er auf die Veranda kam, stieß er auf den Professor, in dessen +Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzem Bart befand, der sehr +energisch aussah. + +– Direktor Diethoff möchte Sie sprechen, Carlsson, sagte der +Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete. + +Carlsson bürstete einen Sitzplatz auf der Bank der Veranda ab und lud +zum sitzen ein. + +Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte stehend, +ob der Roggenholm zu verkaufen sei. + +Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war vielleicht nur +drei Morgen groß, war hügelig, trug etwas Fichtenwald und bot nur +unbedeutende Schafweide. + +– Zu industriellem Zweck, antwortete der Direktor und fragte, was er +koste. + +Carlsson war unschlüssig und bat um Bedenkzeit, bis er erfahren, was +dem Holm seinen unerwarteten Wert gab. + +Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das sofort wissen zu +lassen, sondern er wiederholte noch ein Mal seine Frage, was der Holm +koste. Dabei faßte er in die Brusttasche, deren starke Anschwellung +deutlich durchs Tuch zu sehen war und verriet, daß darin etwas +steckte. + +– So teuer kann der wohl nicht sein, meinte Carlsson; aber ich muß +erst mit der Alten und dem Sohne sprechen. + +Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute Weile fort und +kam dann zurück. Jetzt aber sah er verlegen aus, und es schien ihm +schwer zu fallen, mit seiner Forderung herauszurücken. + +– Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor, brachte er +schließlich hervor. + +Nein, das wollte der Direktor nicht. + +– Nun, wenn ich dann fünf sage, so werden Sie es nicht zu teuer +finden, preßte Carlsson hervor, dem der Atem im Hals stecken blieb und +der Schweiß auf die Stirne trat. + +Direktor Diethoff öffnete den Rock, zog die Banknotentasche heraus +und zählte zehn Scheine zu je einhundert Kronen auf. – Hier ist +vorläufig Handgeld; die vier andern kommen im Herbst? Einverstanden? + +Carlsson war im Begriff eine Dummheit zu machen; es gelang ihm aber +gerade noch, seine überschwellenden Gefühle zurückzudrängen und +ziemlich ruhig zu antworten, er sei einverstanden, während er nur +fünfhundert Kronen statt fünftausend gemeint hatte. + +Darauf ging man zum Sohne und zur Alten hinunter, um den Kaufvertrag +zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren. + +Carlsson blinzelte und grinste den Beiden zu, sie sollten ihm +beistehen; die aber verstanden nichts. + +Schließlich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nachdem sie +unterschrieben hatte. + +– Fünftausend! schrie sie. Was lese ich? Du sagtest doch hundert, +Carlsson? + +– Nein, da mußt du dich verhört haben, Anna Eva. Habe ich vielleicht +nicht tausend gesagt, Gustav? + +Dabei blinzelte er so sehr, daß der Direktor es sah. + +– Ja, ich _glaube_ wohl, er hat tausend gesagt! stand ihm Gustav bei, so +gut er konnte. + +Als der Vertrag unterschrieben war, erklärte der Direktor, er +beabsichtige für Rechnung seiner Gesellschaft auf dem Roggenholm eine +Feldspatgrube anzulegen. + +Niemand wußte, was Feldspat ist, und niemand hatte an diesen Schatz +gedacht; außer Carlsson; der schwindelte jetzt, er habe längst daran +gedacht, nur kein Kapital gehabt. + +Der Direktor erzählte, Feldspat sei eine rote Steinart, die von +Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen werde das Haus des +Verwalters, das schon bei der Tischlerei bestellt sei, aufgestellt +sein; in vierzehn Tagen werde die hölzerne Arbeiterkaserne auf ihrem +Platz stehen; mit dreißig Mann werde man dann die Arbeit anfangen. + +Damit reiste er. + +Dieser Goldregen war so schnell über die Inselbauern gekommen, daß sie +keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu berechnen. Tausend Kronen auf +dem Tisch, viertausend im Herbst, für eine wertlose Insel: das war zu +viel auf ein Mal. Darum saßen sie den ganzen Abend einträchtig bei +einander und rechneten aus, was ihnen außerdem noch zufallen könnte. +Natürlich konnte man Fische und andere Produkte an die vielen Arbeiter +und an den Verwalter verkaufen; Holz auch; das war nicht zweifelhaft. +Dann kam der Direktor heraus, vielleicht mit Familie, und wollte auf +Sommerfrische wohnen. Dann konnte man natürlich dem Professor die +Miete steigern; und Carlsson konnte vielleicht seine Stuga auch +vermieten. Alles werde schön und gut werden. + +Carlsson legte selbst das Geld in den Sekretär und saß die halbe Nacht +vor der Klappe, um zu rechnen. + + * * * * * + +Während der nächsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male nach dem Badeort +Dalarö und kam mit Tischlern und Malern zurück. Auf seiner Veranda +hielt er kleine Empfänge ab; er hatte einen Tisch dahin gestellt; an +den setzte er sich, trank Kognak, rauchte die Pfeife und überwachte +die Arbeit, die jetzt große Fortschritte machte. + +Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der Küche; und dort +wurde auch ein ordentlicher Herd eingemauert. Die Fenster wurden mit +grünen Läden versehen, die weithin leuchteten; die Veranda wurde noch +ein Mal gestrichen, und zwar weiß und rosenrot; auch erhielt sie auf +der Sonnenseite eine blau- und weißgestreifte Zwillichgardine. Um Hof +und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau gestrichen war und +weiße Köpfe hatte. + +Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit an; Gustav +aber stand am liebsten in gehöriger Entfernung hinter einer Ecke oder +einem dichten Busch; eine Einladung, auf die Veranda zu kommen, nahm +er selten oder niemals an. + +Es war einer von Carlssons Träumen, die er in recht klaren Nächten +träumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich +zurückgelehnt, aus einem Fußglas Kognak nippend, sich die Aussicht +anzusehen und eine Pfeife zu rauchen – noch lieber eine Zigarre; aber +die war ihm noch zu stark. + +Als er acht Tage später eines Morgens in aller Frühe dort saß, hörte +er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen. + +– Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte er fein sein +und sie empfangen. + +Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach Rundqvist +und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die +fremden Herren zu empfangen. + +In einer halben Stunde stieß das Boot ab, und Carlsson setzte sich ans +Steuer. Dann und wann ermahnte er die Knechte, in Takt zu rudern, +damit man als ordentliche Leute ankomme. + +Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der Sund sich +öffnete, auf der einen Seite von der großen Insel und auf der andern +Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten sie einen prachtvollen Anblick +vor sich. Ein Dampfer, der mit Flaggen und Signalen geschmückt war, +lag im Sund verankert; und zwischen Schiff und Land fuhren kleine +Jollen mit Matrosen in blauweißen Jacken. Oben auf der Strandklippe, +die von dem bloßgelegten Feldspat rosenrot leuchtete, stand eine +Gruppe Herren und ein Stück davon ein Musikchor, dessen +Messinginstrumente sich prächtig von den schwarzen Fichten abhoben. + +Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und ruderten an +die Klippe heran, um so nahe wie möglich zu kommen und zu sehen und zu +hören. Eins, zwei, drei, gerade als sie unter dem Sammelplatz lagen, +war ein Sausen in der Luft zu hören, als seien zwölfhundert Eider +aufgeflogen; dann ein Dröhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen +schien; schließlich ein Krachen, als sei der ganze Holm gesprungen. + +– Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen konnte, denn im +nächsten Augenblicke regnete es Steine ums Boot; ein Schauer von Kies +folgte und schließlich ein Hagel kleiner Steine. + +Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von Handwerk und +Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch etwas Ausländisches kam +vor, das die Inselbauern nicht verstanden. + +Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die Mütze in die +Hand; Carlsson aber verstand, daß es die Direktion war, die sprach. + +– Ja, meine Herren, schloß der Direktor, wir haben hier viel Steine +vor uns, und ich schließe meine Rede mit dem Wunsch, sie mögen alle zu +Brot werden! + +– Bravo! + +Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen an den Strand +hinab, alle kleine Steinstücke in der Hand tragend, die sie unter +Lachen und Lärm befingerten. + +– Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in Marineuniform die +Inselbauern an, die auf ihren Rudern ausruhten. + +Sie wußten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber nicht +gedacht, daß es gefährlich sein könne, sich den Staat anzusehen. + +– Das ist ja Carlsson selbst, erklärte Direktor Diethoff, der hinzu +gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort, stellte er vor. Kommen +Sie und frühstücken Sie mit uns! + +Carlsson traute seinen Ohren nicht, überzeugte sich aber bald, daß die +Einladung ernst gemeint sei. + +Bald saß Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an einem gedeckten +Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen. Er hatte sich zuerst +geziert, aber die Herren waren ganz ungewöhnlich leutselig und +erlaubten nicht ein Mal, daß er das Schurzfell abnahm. + +Rundqvist aber und Norman aßen auf dem Vorderdeck mit der Mannschaft. + +Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht. Speisen, +deren Namen er nicht wußte und die wie Honig im Mund schmolzen; +Speisen, die den Hals einrieben ganz wie ein Schnaps; Speisen in allen +Farben. Und sechs Gläser standen vor seinem Platze wie vor den Plätzen +der andern Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche +man an einer Blume oder küsse ein Mädchen; Weine, die einem in die +Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten, die einem zum Lachen +verlockten. Dazu blies die Musik so lieblich, daß es an der +Nasenwurzel kribbelte, als wolle man weinen; bald fror man an den +Schläfen, bald tat es einem so wohl im ganzen Körper, daß man hätte +sterben mögen. + +Als alles zu Ende war, sprach der Direktor für den Wirt; lobte ihn, +daß er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb verlasse, um einem +unsichern Gewinn auf andern Gebieten nachzujagen, wo die Not Arm in +Arm mit dem Luxus gehe. + +Und dann stieß man mit Carlsson an. Der wußte nicht, ob er lachen oder +ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren lachen, als etwas recht +Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde; also lachte er mit. + +Nach dem Frühstück wurden Kaffee und Zigarren geboten, und man stand +vom Tische auf. + +Carlsson, edelmütig wie ein Glücklicher, wollte nach vorn gehen, um +nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas bekommen hatten. Da aber +rief ihn der Direktor an und bat ihn, einen Augenblick in die Kajüte +zu kommen. + +In der Kajüte machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er möge, um +seine Stellung zu befestigen und, wenn es nötig sei, als Autorität +unter den Arbeitern auftreten zu können, einige Aktien zeichnen. + +– Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson, der so viel +von diesen Geschäften wußte, daß man nichts abschloß, wenn man +getrunken hatte. + +Aber der Direktor ließ ihn nicht los, und nach einer halben Stunde +hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft Eagle zu +je hundert Kronen; ferner das ausdrückliche Versprechen, +stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates zu werden. Von der +Einzahlung sagte man nur, sie sollten »+pö a pö+« geschehen und +à conto+. + +Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und Biliner Wasser. +Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot kam. + +Bei der Ausbootung ließ man das Reep fallen; das verstand Carlsson +aber nicht, sondern drückte allen Matrosen, die an der Treppe standen, +die Hand und bat sie zu grüßen, wenn sie an Land kämen. + +Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons ließ er sich nach Hause +rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im Munde und einen Korb Punsch +zwischen den Knien. + +Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit, lud alle, auch +die Mägde aus der Küche, zu Punsch ein, zeigte die Aktienbriefe, die +wie riesengroße Scheine der Reichsbank aussahen; wollte den Professor +einladen und begegnete die Einwendungen der Anderen damit: er sei +stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein +deutscher Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein +richtiger Professor. + +Pläne, so groß wie ein Holzstoß, hatte Carlsson; er wollte eine +einzige große Strömling-Salzerei-Aktiengesellschaft für das ganze +stockholmer Inselmeer gründen, Faßbinder von England ins Land rufen, +Fahrzeuge direkt von Spanien mit Salz kommen lassen! + +Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der Landwirtschaft, +deren Vertretern und deren Zukunft, gab seinen Hoffnungen und +Befürchtungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch und hüllte sich in +Tabakswolken und frohe Aussichten ein. + + * * * * * + +Carlsson war so hoch gestiegen, daß er einen Schwindelanfall bekam. +Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt und die Besuche auf dem +Roggenholm folgten sich Tag aus Tag ein. Er machte die Bekanntschaft +des Verwalters, saß auf dessen Veranda, trank Kognak und Biliner +Wasser, während er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die +Quarzadern herauszubrechen; wären die nicht gewesen, hätte man den +ganzen Berg auf ein Mal verschiffen können. + +Der Verwalter war früher Vorarbeiter in einem Bergwerk gewesen; hatte +Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer und stellvertretenden +Mitglied des Aufsichtsrates gut zu stellen; besaß genügende Einsicht, +um abschätzen zu können, wie lange das Geschäft gehen würde. + +Aber der neue Grubenbetrieb übte auch seinen Einfluß auf das leibliche +und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern; und die Anwesenheit von +dreißig unverheirateten Arbeitern begann ihre Wirkungen zu zeigen. + +Die Ruhe war gestört. Den ganzen Tag über donnerten Schüsse aus dem +Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten kamen und spieen Seeleute ans +Land. Abends erschienen die Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten +Brunnen und Stall; stellten den Mädchen nach; veranstalteten Tänze; +tranken und schlugen sich mit den Knechten. + +Die Leute feierten die Nächte durch, und am Tage war nichts mit ihnen +anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen, nickten am Herd ein. + +Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mußte man den Kaffeekessel +aufsetzen, und da man dem Herrn nicht Branntwein anbieten konnte, +mußte man sich Kognak halten. + +Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld strömte ein; man lebte +flott, und Fleisch kam öfters auf den Tisch als früher. + +Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag über in einem leichten +Rausch umher, ohne sich jedoch zu überladen. Wie ein einziges langes +Fest verging der Sommer für ihn, da er seine Zeit zwischen +Gemeindesachen, Grubenbau und Naturverschönerungen teilte. + +Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen. Als er +eines frühen Morgens nach Hause kam, wurde er von der Alten mit der +beunruhigenden Mitteilung empfangen, es müsse etwas draußen auf dem +Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nämlich vier Tage lang still +gewesen; nicht ein Schuß sei gelöst worden und keine Dampferpfeife +habe man gehört. Die Leute seien mit Dreschen beschäftigt gewesen; +deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter +habe sich auch nicht sehen lassen; und die Arbeiter hätten aufgehört, +abends den Hof zu umkreisen. Es müsse also etwas geschehen sein. + +Um sich Bescheid zu holen, ließ Carlsson anspannen; so nannte er es, +wenn er sich nach der Grube rudern ließ. Das Boot hatte er weiß +streichen und mit einem blauen Rande versehen lassen; und damit es +mehr herrenmäßig aussah, wenn er am Steuerruder saß, hatte er sich aus +einer alten Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim +Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman in +marinemäßigem Rudern üben müssen, damit es stattlich aussah, wenn er +angefahren kam. + +Die Fahrt legten sie rasch zurück, da Neugier und Angst sie spornten. +Als sie auf die Höhe des Roggenholms kamen, erstaunten sie über die +Öde, die dort herrschte. + +Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen +ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des +Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Geräte verschwunden; nur die +Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber +ausgeräumt und geplündert; alles, was nicht niet- und nagelfest war, +hatte man mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Betten. + +– Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist. + +– Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und ließ wieder anspannen; aber +dieses Mal ging’s nach dem Badeort Dalarö; dort mußte ein Brief für +ihn auf der Post liegen. + +Ganz richtig, dort lag ein großer Brief vom Direktor, der verkündete, +die Gesellschaft habe ihre Tätigkeit eingestellt, weil sich das +Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von +viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die +er bisher noch nicht eingezahlt, so seien alle Geschäfte zwischen der +Gesellschaft und Carlsson erledigt. + +– Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun, man muß sich +zufrieden geben. + +Er besaß die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er +schüttelte sich und war ebenso trocken wie vorher. Noch trockener +fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las, alles, was man +zurückgelassen, falle den Inselbauern zu, wenn sie Lust hätten, es +fortzuschaffen. + +Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer Menge Geldes +und eines ehrenvollen Titels beraubt. + +Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit +einer Gebärde einen großen Strich durch alles. + +– Ach, das ist nicht der Rede wert! Darüber braucht man kein Wort zu +verlieren. + +Aber am nächsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Tätigkeit, +um mit der großen Fähre Bretter und Ziegel vom Roggenholm zu holen. + +Ehe man sich’s versah, hatte er sich ein Sommerhäuschen von einem +Zimmer nebst Küche errichtet; und zwar unten am Sunde, an einer +Stelle, an die niemand gedacht, von der man aber eine Aussicht sowohl +aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte. + +Der Sommer mit seinen luftigen Träumen war vorbei. Der Winter nahte; +die Luft wurde schwerer, die Träume düsterer, und die Wirklichkeit +nahm ein neues Aussehen an, heller für die einen, drohender für die +andern. + + + + + Siebentes Kapitel + + Carlsson wahrträumt; der Sekretär wird bewacht, + aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles + + +Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen, +was man glücklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht +steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefährliches Alter +einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er +sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwärts zu kommen; +und das Mädchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen. +Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das +Fleisch an zu pochen, vielleicht stärker als sonst, weil er im letzten +Jahre nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das +Fleisch stärker gefüttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken +begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Küche saß, und seine +Augen gewöhnten sich daran, dem jungen Körper Claras zu folgen, wie +sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmählich haften, ließen +sich nieder und ruhten, machten kleine Ausflüge hierhin und dorthin, +flogen fort, kamen wieder. Schließlich saß das Mädchen ihm im Auge: +wohin er auch ging, immer sah er sie. + +Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern die Augen, +die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen; +wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und +tränte. + +Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der +Mond war aufgegangen und schien klar über schneebedeckte Fichten, auf +die blanke Bucht und den weißen Boden. Ein karger Nordwind trieb +trockenen Schnee vor sich her. + +In der Küche stand Clara und fegte den Backofen, während Lotte am +Backtrog arbeitete. Carlsson saß in der Schrankecke, rauchte seine +Pfeife und spann wie eine Katze in der Wärme. Seine Augen waren +draußen auf Spiel und sie erwärmten sich und ergötzten sich, als sie +auf Claras weißen Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten. + +– Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte. + +– Ja, das muß ich, antwortete Clara und zog eine Jacke aus Schafpelz +an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt hatte. + +Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus. + +Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach. + +Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson. + +– Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete Lotte. + +Ohne auf nähern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und +ging auch hinaus. + +Draußen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um +sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf weit zu gehen hatte. +Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie +Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging +sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um +zu lauschen, und hörte, daß in der Schafhürde jemand flüsterte. In dem +schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und Heuhalme der +Scheibe fiel, sah sie, wie die Kühe ihre Köpfe nach hinten drehten und +sie mit großen, im Dunkel grün leuchtenden Augen anguckten. Der +Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen; +etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht hätte sehen +mögen; etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das +Leben aus ihr scheuchte. + +Über die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den +Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war +gelöscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen auf und +raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht +sehen. + +Sie ging weiter und kam zu den Hühnern; die waren auf ihre Pflöcke +geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden. + +Die Tür stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein hinaus. Zwei +Paar Schuhe, ein kleineres und ein größeres, hatten Spuren im Schnee +hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie führten +nach der Hagtür, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von +jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an +dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren +Stelle im Hag gezogen. + +Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben +Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbüsche, wo sie ein anderes Mal, +ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich +nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbüsche nackt und trugen +nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen +raschelte das braune harte Laub im Winde, aber so dünn war das Laub, +daß man die Sterne und den grünschwarzen Himmel sehen konnte. + +Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlängelte sich durch +die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dünnes Haar warfen, wenn +sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Rücken stäubte der Schnee, fiel +über ihre gestreifte Bluse, kühlte und feuchtete. + +Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog +von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; über Moore gings, deren +Schollen schwankten; über Feldzäune, die krachten, wenn sie darüber +setzte. + +Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere groß, Seite an +Seite, bald in einander tretend, bald um einander, als ob sie getanzt +hätten; über Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; über +Steinhaufen und Gräben, über Buschzäune und Windbruch. + +Sie wußte nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre +Hände waren klamm; sie steckte die magern, roten Hände bald unter den +Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spät; +auch war der Rückweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus +ging. Also vorwärts durch ein Espenwäldchen, dessen letztes Laub +zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind. + +Dann kam sie zu einem Zauntritt. + +Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort +hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der +Jacke mit der Schafpelzverbrämung. + +Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror, +als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Blut in +den Adern. Erschöpft, setzte sich auf den Zauntritt nieder, weinte, +schrie; plötzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinüber. + +Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und gerade +gegenüber sah sie die Lichter in der Stuga und ein Licht oben im +Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr durch den Rücken, zauste an +den Haaren und vereiste die Nasenflügel. Halb laufend kam sie aufs Eis +hinunter, hinauf auf die schwankende Fläche, hörte das trockene Schilf +um ihre Ohren sausen, unter ihren Füßen knacken. Über eine +eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief weiter, +als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere Ufer erreichte, +fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge des sinkenden +Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den Schlammboden gelegt hatte +und unter ihrer Last klingend und krachend zerbrach. Sie fühlte, wie +die Kälte die Beine hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien, +damit niemand komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre +Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die Höhe +hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar aufs Bett zu, legte +sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd zu machen und Fliedertee +aufzusetzen. + +Sie ließ sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle über sich +werfen; ließ den Ofen mit Knüppelholz heizen, fror aber doch +unaufhörlich. + +Schließlich ließ sie Gustav rufen, der in der Küche saß. + +– Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe. + +– Jetzt bin ich’s, antwortete die Alte pustend, und ich komme nie +wieder auf. Schließ die Tür und geh an den Sekretär. Der Schlüssel +liegt hinter dem Pulverhorn auf dem Fach; du weißt doch! + +Gustav gehorchte niedergeschlagen. + +– Öffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker Hand und nimm den +großen Brief ... Ja, den ... Wirf ihn ins Feuer. + +– Schließ die Tür, mein Junge, und mach den Sekretär zu! Steck den +Schlüssel zu dir! Setz dich hierher und hör mich an; denn morgen kann +ich nicht mehr sprechen. + +Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt hörte er, daß es +ernst war. + +– Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft deines Vaters, du +hast es selbst, und versiegele alle Schlüssellöcher, bis die +Gerichtsherren kommen. + +– Und Carlsson? fragte der Sohn zögernd. + +– Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand nehmen! Aber +nicht mehr; und kannst du’s auslösen, so tu es! Gott sei mit dir, +Gustav! Du hättest wohl auf meine Hochzeit kommen können; aber du hast +wohl deine Gründe gehabt. Und jetzt, wenn ich reise, mußt du +verständig sein. Kein Sarg mit silbernem Schild; du nimmst solch einen +gelben, gebeizten; und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich +haben. Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst ihm +dafür Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben und seiner Frau ein +halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau, daß du dich bald verheiratest. +Nimm ein Mädchen, das du liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine +aus deinem Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm +keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie Läuse; und +gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas +vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann. + +Die Tür öffnete sich, und Carlsson schlüpfte herein, weich, aber +zuversichtlich. + +– Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen wir nach dem +Doktor schicken. + +– Das ist nicht nötig, antwortete die Alte und drehte sich nach der +Wand. + +Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut Freund werden. + +– Bist du böse auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird doch nicht um +nichts und wieder nichts böse werden! Soll ich dir aus dem Buche +vorlesen? + +– Ist nicht nötig! war alles, was die Alte antwortete. + +Carlsson merkte, daß hier nichts mehr zu machen war; da er unnütze +Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie sie war, und setzte sich +auf das Holzsofa, um zu warten. Da die geschäftliche Lage klar war und +die Alte nicht Lust oder nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war +nichts mehr hinzuzufügen; und was Gustav und ihn betraf, das würden +sie später schon mit einander abmachen. + +Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die Leute waren es +gewohnt, allein zu sterben; auch war jede Verbindung mit dem Festland +unterbrochen. + + * * * * * + +Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer und einander. +Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem Sofa einschlummerte, machte +auch der Andere mit einem Auge ein Schläfchen. Sobald sich aber jemand +rührte, fuhr der Andere wieder in die Höhe. + +Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot. + +Gustav hatte ein Gefühl, als sei die Nabelschnur jetzt erst +durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und ein +selbständiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter die Augen +zugedrückt und ihr das Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte, damit +der Mund nicht klaffe, steckte er in Carlssons Gegenwart ein Licht an, +holte Petschaft und Lack und versiegelte den Sekretär. + +Die unterdrückten Leidenschaften erwachten; Carlsson trat vor und +stellte sich mit dem Rücken gegen den Sekretär. + +– Hollah, was machst du da, Junge? fragte er. + +– Ich bin jetzt kein Junge mehr, antwortete Gustav; ich bin jetzt Herr +auf Hemsö, und du bist Altsitzer. + +– Dazu gehören wohl zwei! meinte Carlsson. + +Gustav nahm die Flinte von der Wand, zog den Hahn auf, daß das +Zündhütchen zu sehen war; trommelte auf den Kolben und brüllte zum +ersten Male in seinem Leben: + +– Hinaus! Sonst drücke ich los! + +– Drohst du? + +– Ja, da keine Zeugen da sind! antwortete Gustav, der in letzter Zeit +mit Leuten vom Gericht gesprochen zu haben schien. + +Das war Bescheid und den verstand Carlsson. + +– Warte du nur, bis die Teilung stattfindet, sagte er und ging in die +Küche hinaus. + +Der Weihnachtsabend war in diesem Jahre düster. Eine Leiche im Hause +und keine Möglichkeit, nach Sarg und Leichenkleid zu schicken; denn +der Schnee fiel unaufhörlich, daß Strömungen und Meeresflächen weder +trugen noch brachen. Ein Boot in die See zu bringen, war unmöglich, +denn das Wasser war ein einziger Eisschlamm, der weder rudern noch +fahren noch gehen erlaubte. + +Carlsson und Flod, wie Gustav sich jetzt nennen ließ, gingen um +einander herum; aßen zusammen zu Tisch, ohne ein Wort mit einander zu +wechseln. Das Haus war in Unordnung; niemand setzte die Arbeit in +Gang; jeder verließ sich auf den Andern; so blieb die meiste Arbeit +ungetan. + +Der Weihnachtstag begann, grau, neblig; wieder schneite es. Nach der +Kirche zu kommen, war ebenso unmöglich, wie irgend wohin zu kommen; +darum las Carlsson die Predigt in der Küche. Man wußte, daß man eine +Leiche im Hause hatte, und keine Weihnachtsfreude kam auf. Das Essen +war nachlässig zubereitet; nichts zur rechten Zeit fertig, und alle +waren mißvergnügt. Es lag etwas Dumpfes in der Luft, sowohl draußen +wie drinnen; und da die Leiche der Alten in der Stube stand, weilten +alle in der Küche. Es war wie eine Einquartierung. Wenn man nicht aß +oder trank, schlief man, einer auf dem Sofa, einer auf dem Bett; zum +Kartenspiel zu greifen oder die Handharmonika vorzunehmen, fiel +niemandem ein. + +Der zweite Weihnachtstag kam und verging, ebenso schwer, ebenso +langweilig. Jetzt aber verlor Flod die Geduld. Einsehend, daß eine +Zögerung schlimme Folgen haben könne, da die Leiche sich zu verwandeln +begann, nahm er Rundqvist mit in den Arbeitsschuppen. Dort tischlerten +die beiden einen Sarg, der dann gelb gestrichen wurde. Was man im +Hause auftreiben konnte, in das wurde die Tote gehüllt. + +So war der fünfte Tag gekommen. + +Da das Wetter keine Zeichen gab, daß es sich bessern werde, und man +die Aussicht hatte, vierzehn Tage warten zu müssen, mußte man um jeden +Preis versuchen, die Leiche nach der Kirche zu schaffen, um sie in die +Erde zu bringen. Man schob also das große Netzboot in die See, und +alle Mannsleute rüsteten sich zu einer Eisbootsfahrt mit +Schlittenkufen, Eispickeln, Beilen und Stricken. + +Früh am sechsten Tage begaben sie sich auf die lebensgefährliche +Fahrt. + +Bald war eine Strömung offen; dann ruderte man. Dann kam man an eine +Fläche, die unterm Eise lag; da mußte man das Boot auf die +Schlittenkufen schieben; wenn das gelungen war, mußte man sich +vorspannen und ziehen. Am schlimmsten war es im Eisschlamm; da +patschten die Ruder nur auf und nieder, ohne daß das Boot mehr als +einige Zoll weiter kam. Oft mußte man vorausgehen und eine Rinne mit +Eispickeln und Beilen hauen; aber wehe dem, der sich verhieb und aus +der Rinne herauskam, wo eine Strömung die dünne Kruste zerfressen +hatte. + +Es war Nachmittag geworden, und noch hatten sie sich nicht die Zeit +zum Essen und Trinken genommen; noch war die letzte freie Meeresfläche +zurückzulegen. So weit sie sehen konnten, öffnete sich ein einziges +großes Schneefeld, hier und dort mit kleinen runden Erhöhungen; das +waren eingeschneite Kobben. Der Himmel war blauschwarz im Osten und +verkündete Schnee. Die Krähen kamen von draußen angeflattert und zogen +ins Land hinein, um ihren Nachtzweig zu suchen. Zuweilen dröhnte das +Eis, als sei Tauwetter im Anzuge, und draußen auf dem offnen Meere +brüllten die Seehunde. Die Eisfläche lag östlich nach dem Meere zu +offen, aber es war keine Meerwake zu sehen. Verdächtig war aber, daß +sie die Eisente »alla« rufen zu hören glaubten. Da sie vierzehn Tage +lang keine Zeitung bekommen hatten, wußten sie nicht, ob die +Leuchttürme brannten; aber zwischen Weihnachten und Neujahr brannten +sie sicher nicht. + +– So geht’s nicht weiter! äußerte Carlsson, der bisher still gewesen +war. + +– Es muß gehen, sagte Flod und stemmte die Schulter gegen den +Schlitten; aber wir müssen auf der Möwenklippe landen, um etwas Essen +zu uns zu nehmen. + +Und damit steuerte man auf die Klippe zu, die mitten in der freien +Meeresfläche lag. + +Sie war indessen entfernter, als man geglaubt hatte; und sie änderte +ihr Aussehen, je näher man kam; schließlich aber hatte man sie auf +Kabellänge vor sich. + +– Wuhne voraus! schrie Norman, der Ausguck hatte; nach links halten! + +Die Schlittenkufen machten eine Schwenkung nach links. Immer weiter +nach links; schließlich hatte man die Klippe umgangen. Infolge der +letzten Sonnenwärme oder der warmen Grundströmung hatte die Klippe +sich selber abgeschnitten und schien von keiner Seite zu erreichen zu +sein, wenigstens nicht auf Schlittenkufen. + +Die Dämmerung fiel, guter Rat war teuer; Flod, der den Befehl hatte, +entwarf sofort einen Angriffsplan: das Boot sollte in die Wuhne +geschoben werden, und im selben Augenblick sollten sich alle Mann +hineinwerfen und an die Ruder setzen. + +Gesagt, getan. + +– Eins, zwei, drei! befahl Flod. + +Das Boot schoß vor, ließ die Schlittenkufen zurück, kippte – und der +Sarg rutschte in die See. + +Aus Schreck vergaßen Flod und Carlsson, die hinten waren, ins Boot zu +springen und blieben auf dem Rand des Eises stehen, während Rundqvist +und Norman sich retteten. + +Der Sarg war schlecht gefügt, füllte sich mit Wasser und sank, ehe +jemand soweit zur Besinnung kam, um an etwas Anderes als sich selbst +zu denken. + +– Jetzt gehen wir sogleich nach der Pfarre! befahl Flod, der heute +mehr handelte als überlegte. + +Carlsson machte Einwendungen; aber auf Gustavs Frage, ob er lieber die +ganze Nacht hier stehen wolle, konnte er nichts erwidern, zumal er +sah, daß keine Aussicht war, die Kobbe zu erreichen. + +Rundqvist und Norman arbeiteten sich inzwischen ans Land und schrien +den Kameraden zu, nachzukommen. Flod aber antwortete nur, indem er mit +der Hand Abschied winkte und nach Süden zeigte, wo die Pfarre lag. + +Eine lange Weile wanderten Carlsson und Flod still dahin; Gustav +voran mit dem Eispickel, um zu prüfen, ob das Eis hielt; Carlsson +hinterdrein, den Rockkragen in die Höhe geschlagen. Ihm war +schauerlich zu Mut, da seine Frau ein so schnelles und klägliches Ende +gefunden; die Schuld dafür würde man sicher auf ihn schieben. + +Als sie eine halbe Stunde gegangen waren, blieb Gustav stehen, um zu +verschnaufen. Dann blickte er nach Riffen und Ufern, um zu sehen, wo +er sich befand. + +– Zum Teufel, wir sind verkehrt gegangen! brummte er; das war ja gar +nicht die Möwenklippe; die liegt ja dort! Und er zeigte nach Osten. +Und dort haben wir die Kiefer von Gillöga. + +Auf einer langgestreckten Insel nach der Landseite zu stand eine +einsame Kiefer, die von einer abgeholzten Waldhöhe übrig geblieben war +und mit ihren beiden einzigen Ästen einem optischen Telegraphen glich; +sie war als Seezeichen oder Landmarke bekannt. + +– Und dort haben wir die Trälschäre. + +Er sprach zu sich selbst und schüttelte den Kopf. + +Carlsson wurde bange, denn er war in diesem Inselmeer nicht zu Hause +und hatte zu Gustavs Wissen unbegrenztes Vertrauen gehabt. + +Flod hatte inzwischen Besteck genommen, änderte den Kurs und setzte +sich mehr nach Süden in Bewegung. + +Die Dämmerung war gekommen, aber der Schnee leuchtete etwas, daß sie +Landmarke halten konnten. Sie sprachen kein Wort, aber Carlsson hielt +sich dicht hinter seinem Führer. + +Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte. Carlssons ungewohntes Ohr +hörte nichts, aber Gustav vernahm ein schwaches Rauschen von der +Ostseite, wo eine Wolkenwand, dichter und schwärzer als der +Nebelschleier, der den Gesichtskreis verhüllte, aufgestiegen war. + +Sie standen eine Weile still, bis Carlsson ein schwaches Brausen und +Rauschen hören konnte, das sich näherte. + +– Was ist das? fragte er und trat dichter an Gustav heran. + +– Das ist die See! antwortete der. In einer halben Stunde ist der +Ostwind hier mit einem Schneesturm, und wenns schlimm kommt, bricht +das Eis auf. Dann weiß der Teufel, was aus uns wird. Nur schleunigst +weiter! + +Er fing an zu laufen; Carlsson hinter ihm drein; der Schnee wirbelte +ihnen um die Füße und das Brausen schien ihnen zu folgen. + +– Jetzt ist es aus mit uns! schrie Gustav und blieb stehen, auf ein +Licht zeigend, das in Südost hinter einer Kobbe blitzte. Der +Leuchtturm brennt! Die See geht offen! + +Carlsson verstand die Gefahr nicht, aber er sah ein, daß es schlimm +stand, wenn Gustav zitterte. + +Jetzt hatte der Ostwind sie gefaßt; aus der Entfernung eines +Steinwurfs konnten sie die Schneewand kommen sehen, wie einen dunkeln +Schirm; und gleich darauf waren sie von Schnee umgeben, der dicht, +dicht fiel, und schwarz wie Ruß war. Es wurde ganz dunkel um sie und +das Licht des Leuchtturms, das noch einen Augenblick bleich und +undeutlich wie eine Nebelsonne ihnen den Weg gezeigt hatte, erlosch +schließlich. + +Gustav lief in starkem Trab weiter. Carlsson folgte, so gut er konnte; +aber er war ziemlich fett und konnte nicht gleichen Schritt halten, +kam außer Atem; bat Gustav, langsamer zu laufen: der aber hatte keine +Lust, sich zu opfern, sondern lief, lief ums Leben. Carlsson packte +ihn am Rockschoß, bettelte und flehte, er möge ihm nicht fortlaufen; +versprach Gold und grüne Wälder, beschwor ihn bei seiner Seligkeit und +Pein, aber nichts half. + +– Jeder für sich und Gott für uns alle! antwortete Gustav und bat +Carlsson, sich einige Schritte von ihm entfernt zu halten, sonst könne +das Eis brechen. + +Das schien es auch zu tun, denn hinter ihnen krachte es immer mehr und +mehr. Was schlimmer war, das Brausen näherte sich jetzt so deutlich, +daß man hörte, wie die Wellen gegen Riffe und Eisrand schlugen; auch +waren die Möwen erwacht und schrien nach unerwarteter Beute. + +Carlsson keuchte und schnaubte; der Abstand zwischen ihm und Gustav +vergrößerte sich; schließlich befand er sich allein in der Finsternis. +Da blieb er stehen, suchte nach den Spuren, fand keine; rief, aber +bekam keine Antwort. Das war die Einsamkeit, die Finsternis, die +Kälte, das Wasser, das den Tod brachte. + +Von Furcht aufgejagt, setzte er sich noch ein Mal in Bewegung; lief +so, daß die Schneeflocken zurückblieben, obwohl sie dieselbe Richtung +wie er hatten; dann rief er wieder. + +– Dem Wind folgen, dann kommt Ihr westlich ans Land! hörte er eine +fliehende Stimme aus der Finsternis; dann ward es wieder still. + +Bald aber hatte Carlsson keine Kräfte mehr, um laufen zu können. +Mutlos verlangsamte er seinen Lauf, ging Schritt vor Schritt, ohne +Widerstand leisten zu können, während er die See hinter sich kommen +hörte, brausend, prustend, ächzend, als sei sie eigens auf nächtlichen +Raub ausgezogen. + + * * * * * + +Pastor Nordström hatte sich um acht Uhr ins Bett gelegt, um seine +Zeitung zu lesen; dann war er in einen schweren Schlaf gesunken. Aber +gegen elf Uhr fühlte er den Ellbogen seiner Alten in der Seite und +hörte sie rufen. + +– Erich! Erich! hörte er im Schlaf. + +– Was ist denn? Kannst du nicht ruhig sein! knurrte er halbwach. + +– Ruhig? Bin ich etwa nicht ruhig! + +Langatmige Erklärungen fürchtend, beeilte sich der Pastor zu beteuern, +er sei von ihrer Ruhe überzeugt, machte mit einem Streichhölzchen +Feuer und fragte, was los sei. + +– Es ruft jemand im Garten! Hörst du nicht? + +Der Pastor lauschte und setzte die Brille auf, um besser hören zu +können. + +– Ja, wahrhaftig! Wer ... kann das sein? + +– Geh doch und sieh nach! antwortete seine Frau und gab dem Alten +einen neuen Stoß. + +Der Pastor zog Unterhosen und Pelz an, schob die Füße in seine +Überschuhe, nahm die Flinte von der Wand und setzte ein Zündhütchen +darauf, schüttelte das Zündpulver hinein und ging hinaus. + +– Wer da? rief er. + +– Flod! antwortete eine dumpfe Stimme hinter der Fliederhecke. + +– Was ist denn los, daß du so spät kommst? Liegt die Alte in den +letzten Zügen? + +– Noch schlimmer! klang Gustavs mitgenommene Stimme. Wir haben sie +verloren. + +– Verloren? + +– Ja, auf der See haben wir sie verloren. + +– Aber komm doch in aller Welt herein und steh nicht da in der Kälte! + +Gustav sah beim Lichtschein wie ein ausgeblasenes Ei aus, da er den +ganzen Tag weder gegessen noch getrunken und außerdem wie ein Hund mit +dem Ostwind hatte um die Wette laufen müssen. + +Nachdem er dem Pastor in einem Atem den ganzen Verlauf erzählt hatte, +ging dieser zu seiner Alten hinein; nach einem kleinen Sturm, der +einige Minuten dauerte, erhielt er den Schlüssel zu einem gewissen +Schrank in der Küche, in die er den Schiffbrüchigen führte. + +Bald saß Gustav an dem großen Küchentisch, während der Pastor +Branntwein, Schmalz, Preßsülze, Brot hervorholte und dem +Ausgehungerten vorsetzte. + +Darauf beriet man, was man für die Gestrandeten tun könne. Jetzt in +der Nacht Leute aufzubieten und hinauf zu fahren, war verlorene Mühe; +Feuer am Strande anzuzünden, war gefährlich, weil das Fahrzeuge +irreführen konnte, wenn der Schein überhaupt durch den Schneesturm +drang. + +Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefährlich, +aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nämlich zu +wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren. + +– Es sieht gerade so aus, als müsse er für seine Taten büßen, meinte +er. + +– Hör mal, Gustav, wandte Pastor Nordström ein, ich finde, du bist +ungerecht gegen Carlsson; und ich weiß nicht, was du mit bösen Taten +meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn dir nicht in die +Höhe gebracht? Hat er dir nicht Sommergäste verschafft und dir eine +neue Stuga gebaut? Und daß er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie +wollte ihn ja haben. Daß er sie bat, das Testament zu machen, war noch +kein Unrecht von ihm; daß sie es aber tat, war von ihr nicht wohl +überlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was du +tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst du vielleicht nicht, +daß ich für dich um die Witwe von Owassa mit ihren achttausend +Reichstalern freien soll? Nein, hör mal, Gustav, du mußt nicht so +streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Gesichtspunkten +betrachten! + +– Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und +das vergesse ich ihm nie. + +– Ach was, das hast du vergessen, wenn du zu deiner Frau ins Bett +kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr +wirklich das Leben genommen hat. Hätte die Alte sich zum Beispiel +etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so hätte sie sich +nicht erkältet. Daß er, der junge Kerl, mit dem Mädchen schäkerte, +wäre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wären wir jetzt +im Reinen; nun wollen wir morgen früh sehen, was zu machen ist. Wir +haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir +sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denke daran: des +einen Tod ist des andern Brot. + + * * * * * + +Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche erschienen, kam +Pastor Nordström in Begleitung Flods. Statt in die Kirche zu gehen, +blieb er in der Menge stehen, die bereits zu wissen schien, was +geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, daß der Gottesdienst +ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf, sich mit ihren Booten, so +schnell sie könnten, an der Pfarrbrücke zu versammeln, um die +Schiffbrüchigen zu bergen. + +In der Menge mußte der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge +von Gemeindesachen, denn im Hintergrunde murrte man und behauptete, +das Gotteswort nicht entbehren zu können. + +– Ach was, wandte der Pastor ein; so viel liegt euch nicht daran, +meine Schelte anzuhören, wenn ich euch recht kenne. Was? Was sagst du, +Owassaer, du bist ja solch ein Schriftgelehrter, daß du gleich hörst, +wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange. + +Ein leises Lächeln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur +Hälfte gehoben. + +– Wir haben übrigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und +bringt eure Weiber mit; ich verspreche, euch dann die Köpfe zu +waschen, daß es für ein Vierteljahr vorhält. Seid ihr nun +einverstanden, daß wir den Esel aus dem Brunnen ziehen? + +– Ja, murmelte die Menge, als habe sie Absolution für Entweihung des +Sabbaths erhalten. + +Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen. + +Das Schneegestöber hatte aufgehört, der Wind war nach Norden herum +gegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen, +wallte blauschwarz um die blendendweißen Kobben. + +Zehn Netzboote stießen von der Pfarrbrücke ab. Die Männer hatten +Pelzröcke an und Seehundsmützen auf, brachten Beile und Dregganker +mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Ruder bemannt. Der +Pastor saß mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle +gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und +vordersten Ruderer mitgenommen. + +Man war ernst gestimmt, aber nicht übermäßig traurig; ein +Menschenleben mehr oder weniger zählt auf See nicht. + +Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror +sofort, mußte aufgehauen und hinaus geworfen werden. Zuweilen kam eine +Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter +und kam wieder in die Höhe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz, +das von den Ufern losgerissen war. + +Der Pastor spähte mit seinem Fernglas nach der Trälschäre, auf der +Rundqvist und Norman gefangen saßen. Bald warf er einen hoffnungslosen +Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war; +bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach +einem Fuß, einem Kleidungsstück oder der Leiche selbst. Aber +vergebens. + +Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, näherte man sich der +Schäre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte +entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezündet. Als die Boote anlegten, +zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher +Lebensgefahr waren sie nicht gewesen. + +– Nicht, solange man Land unter sich hat! meinte Rundqvist. + +Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem +Sarg zu dreggen. + +Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er +hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne +etwas anderes in die Höhe zu bringen als lange Tangranken mit Muscheln +und anderm Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg. + +Die Leute fingen an, müde und verdrießlich zu werden. Einige waren an +Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen, +Kaffee zu kochen. + +Schließlich erklärte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu +machen, da die Strömung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen +habe. + +Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache, +streng genommen, keinen persönlich anging, empfand man eine gewisse +Erleichterung, daß man sich nicht gefühllos gegen fremden Kummer zu +zeigen brauchte. + +Um indessen dieses klägliche Ende einigermaßen abzurunden, trat Pastor +Nordström an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht für die Alte +halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied könnten die +Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und +teilte ihn den Andern mit. + +Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen +in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strande +versammelten, um der den Umständen angepaßten Beerdigung beizuwohnen. +Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den +Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die +Finger der linken Hand und entblößte seinen Kopf, während alle Männer +am Strande die Mützen abnahmen. + +– Wollen wir »Ich bin ein Gast auf Erden« nehmen? Könnt ihr das +auswendig? fragte der Pastor. + +– Ja! wurde vom Strande geantwortet. + +Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Kälte zitternd, dann vor +Bewegung über das Ungewöhnliche in der Feier und über die ergreifenden +Töne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte. + +Die letzten Worte waren verklungen und hallten wider über das Wasser, +gegen die Schären, durch die klare Luft. Eine Pause entstand, während +der man nur hörte, wie der Wind in den Nadeln der Meerkiefern +rauschte, wie die Wogen an den Steinen plätscherten, die Möwen +schrien, die Boote gegen den Boden stießen. Der Pastor wandte sein +greises, gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus; die Sonne +beleuchtete seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarsträhnen vom Winde +wie die Hängeflechten einer alten Fichte gezaust wurden. + +– Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden! Jesus +Christus unser Erlöser wird dich auferwecken am jüngsten Tage! Laßt +uns beten! begann er mit seiner tiefen Stimme, die gegen Wind und +Welle kämpfte, um gehört zu werden. + +In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem Segen streckte +der Pastor die Hand über das Wasser zu einem letzten Lebewohl. + +Man setzte die Mützen wieder auf. Gustav drückte dem Pastor die Hand +und dankte ihm, schien aber noch etwas auf dem Herzen zu haben. + +– Herr Pastor, ich finde doch ... Carlsson müßte auch einige Worte +haben! + +– Es war für beide, mein Junge! Es ist jedenfalls schön von dir, an +ihn zu denken, antwortete der Alte, der gerührter zu sein schien, als +er wahr haben wollte. + +Die Sonne ging unter; man mußte sich trennen, um nach Hause zu fahren, +so schnell man konnte. + +Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksamkeit erweisen; +nachdem man Abschied genommen hatte und alle in ihren Booten waren, +folgte man ihm ein Stück Weges, formierte dann die Boote in einer +Linie, wie beim Netzlegen, grüßte mit den Rudern und rief: + +– Lebwohl! + +Es war eine Huldigung für die Trauer, aber auch für den jungen Mann, +der jetzt in die Reihe der reifen Männer aufgenommen war. + +Und sein eigenes Boot steuernd, ließ sich der neue Herr des Hofes von +seinen Knechten nach Hause rudern, um von nun an sein eignes Fahrzeug +über die windigen Flächen und grünen Sunde des launenhaften Lebens zu +lenken. + + + + * * * * * + + + Anmerkungen zur Transkription: + + Auflistung aller gegenüber dem + Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + S. 16: teilweise unleserliches Wort: Kl rhaut –> Klärhaut + S. 28: Klara –> Clara (einheitliche Schreibweise im Text) + S. 49: Quellen finden –> Quellen zu finden + S. 72: Männner –> Männer + S. 94: knapper Gehalt –> knappes Gehalt + S. 100: schlägt –> schläft + S. 123: kaput –> kaputt + S. 145: Schläge –> Schlägen + S. 152: des alten Schmidt«! –> des alten Schmidt!« + S. 161: Gaulen –> Gäulen + S. 162: denn, –> dann + S. 187: vergassen –> vergaßen + + Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch Ä, Ö und Ü ersetzt. + + Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der + Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + + Formatierung: + + Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich _ markiert: _Text_ Text + in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit Pluszeichen + gekennzeichnet: + +Text+ + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN *** + +***** This file should be named 24371-0.txt or 24371-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/3/7/24371/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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