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+The Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inselbauern
+ oder Die Leute auf Hemsoe
+
+Author: August Strindberg
+
+Translator: Emil Schering
+
+Release Date: January 20, 2008 [EBook #24371]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
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+ August Strindberg
+
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+
+ Die Inselbauern
+
+ oder
+
+ Die Leute auf Hemsö
+
+
+
+ Aus dem Schwedischen übertragen von
+
+ Emil Schering
+
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+ Volksausgabe
+
+
+ [Verlags-Logo]
+
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+ München und Leipzig bei Georg Müller
+
+
+
+ Deutsche Originalausgabe
+ gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe
+ unter Mitwirkung von Emil Schering als Übersetzer
+ vom Dichter selbst veranstaltet
+ Geschützt durch die Gesetze und Verträge
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright by Georg Müller, München 1918
+
+
+
+
+ Gebunden in Rennersches Buntpapier
+
+
+
+
+Die erste vollständige Ausgabe
+
+Als Strindberg 1887 das Manuskript dieses Romans dem stockholmer
+Verleger übersandte, strich dieser vor dem Druck nicht weniger als 22
+Stellen, die ihm für schwedische Magen zu kräftig erschienen, trotzdem
+der Dichter gegen diese Vergewaltigung protestierte. Erst nach dem
+Tode Strindbergs sind diese 22 Stellen aus dem Nachlasse ans Licht
+gekommen, aber auch jetzt noch nicht dem Romane eingefügt worden.
+Diese deutsche Übersetzung ist also die erste vollständige Ausgabe des
+Werkes.
+
+ 1917
+
+ _Emil Schering_
+
+
+
+
+ Übersicht
+ Seite
+ _Einleitung_
+
+ Das Inselmeer 1
+
+ _Erstes Kapitel_
+
+ Carlsson geht in Dienst
+ und wird für einen Schwätzer gehalten 11
+
+ _Zweites Kapitel_
+
+ Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft;
+ der gute Hirte und die bösen Schafe;
+ die Schnepfen, die ihr Teil bekamen,
+ und der Knecht, der die Kammer bekam 27
+
+ _Drittes Kapitel_
+
+ Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch,
+ wird Herr auf dem Hofe,
+ duckt die jungen Hähne
+ und tritt seine Hühner selbst 47
+
+ _Viertes Kapitel_
+
+ Es poltert zur Hochzeit;
+ die Alte wird ums Geld genommen 81
+
+ _Fünftes Kapitel_
+
+ Man schlägt sich beim dritten Aufgebot,
+ geht zum Abendmahl
+ und hält Hochzeit,
+ kommt aber doch nicht ins Brautbett 113
+
+ _Sechstes Kapitel_
+
+ Veränderte Verhältnisse
+ und veränderte Ansichten;
+ die Landwirtschaft geht zurück
+ und der Grubenbau blüht 155
+
+ _Siebentes Kapitel_
+
+ Carlsson wahrträumt;
+ der Sekretär wird bewacht,
+ aber der Tod kommt
+ und macht einen Strich durch alles 177
+
+
+
+
+
+
+Einleitung
+
+Das Inselmeer von Stockholm, die »Schären«, aus welcher Gegend ich
+Scenerien und Motive für dieses Buch geholt habe, hat immer eine
+besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht weil meine
+engere Heimat, Stockholm und Umgebung, selbst einen Teil dieser
+Schären bildet. Der Mälar war ja ursprünglich ein Meeresarm, der durch
+die Wasserläufe bei Södra Telje und Stocksund bei Stockholm in
+Verbindung mit dem Meere stand; die Kettenschäre, der jetzige
+Ritterholm, erinnerte ja durch ihren Namen an ihre älteste Natur, die
+einer Schäre; wie man noch bei einer Fahrt durch den Mälar mit seinen
+Tausenden von Inseln und Holmen an die Landschaft erinnert wird, die,
+eine Mischung von Land und Wasser, östlich von der schwedischen
+Hauptstadt sich etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt.
+
+Dieser ganze zerrissene Küstenstrich ruht zum allergrößten Teil auf
+der Urformation: Gneis, Granit und Eisenerzen; von den letzten hat man
+nur die von Utö reich genug gefunden, um sie zu bearbeiten. Die
+Granitvarietät Pegmatit tritt zuweilen in so großen Mengen aus, daß
+sie des Feldspats wegen gewonnen wird, den die Porzellanfabriken
+benutzen.
+
+Die Abwesenheit der jüngeren Formationen, mit ihren horizontalen
+Lagerungen in hellen, leichten Farbentönen, verleiht der
+Schärenlandschaft diesen Zug von Wildheit und Düsterkeit, der die
+Urformation begleitet. Die Landschaftskontur wird durch die
+losgerissenen, rohen, unregelmäßigen Blöcke kamm- und wogenförmig auf
+den Höhen; flach, höckerig, holperig, wo das Meer seine Schleifarbeit
+ausgeführt hat. Die partielle Schieferhaltigkeit des Gneises setzt
+auch die Strandklippen so der Sprengarbeit des Eises aus, daß Grotten,
+Höhlungen und tiefe Spalten das Wilde des Landschaftscharakters
+steigern; der wird dadurch niemals einförmig wie die Kalk- oder
+Sandsteinfalaises der französischen Nordküste.
+
+Diese Wildheit wird jedoch jäh unterbrochen durch die reiche Erde von
+der Quartärperiode mit Moränenschutt und Glaciallehm, Schneckensand,
+Mooshumus und Tangverwandlungen; deren Fruchtbarkeit wird oft durch
+Abfall von den Großfischzügen der Jahrtausende, die reichen Schlamm
+auf den Versandungen bilden, und draußen auf den Kobben durch den
+Guano der Seevögel vermehrt. Auf dieser Erdschicht wachsen Kiefer und
+Fichte, obwohl die Gotik der Fichte der Natur den inneren Schären
+ihren mehr hervortretenden Charakter verleiht, während die Kiefer
+abgehärteter ist und ganz weit hinaus bis an den Meeresrand geht, sich
+auf den letzten Klippen nach dem am meisten herrschenden Wind drehend.
+
+In den Niederungen wird der Wiesenboden besonders prachtvoll durch
+Anschlämmungen und Salzwasser, und die natürliche Wiese bietet eine
+reiche Blumenflora mit allen wilden Prachtpflanzen des mittleren
+Schwedens, von denen vielleicht die Orchideen und die Mehlprimel die
+vornehmsten sind. An den Ufern leuchten Lythrum und Lysimachia, in den
+Wäldern wächst die Blaubeere, auf den offenen Felsenplatten die
+Preiselbeere, und in den Mooren ist die Multbeere nicht selten.
+Tiefliegende Inseln mit besserem Boden nehmen durch den Reichtum an
+Laubbäumen und Büschen einen besonders lächelnden Charakter an. Die
+Eiche belebt hier mit ihren weichen Linien und ihrem sehr hellen Laub
+die Nadelholzlandschaft. Und der Hag, diese Eigentümlichkeit des
+Nordens, eine Kreuzung von Wald, Unterholz und Wiese, ist vielleicht
+das Lieblichste, das man sehen kann, wenn unter einer Mischung von
+Birke und Nadelbaum die Haselbüsche eine Laube über dem Fahrweg
+bilden; er trägt hier den Namen »Drog«. Es sind Stücke eines
+englischen Parks, durch die man spaziert, bis man auf die Strandklippe
+mit ihren Fichten und Kiefern stößt, auf Torfmoos und die
+Sandniederlage der Meeresbucht mit ihrem Tanggürtel. Schiebt sich eine
+Bucht weiter ins Land hinein, ist sie immer von Erlen und reichen
+Schilfbänken schön eingefaßt.
+
+Diese Abwechslung von Düsterm und Lächelndem, von Ärmlichem und
+Reichem, von Lieblichem und Wildem, vom Binnenland und Meeresküste
+macht Schwedens östliches Inselmeer so fesselnd. Dazu kommt, daß die
+meist steinigen Ufer das Wasser rein und durchsichtig halten; auch wo
+der Sand ins Meer hinausgeht, ist er so schwer und so rein, daß ein
+Badender sich nicht zu ekeln braucht, wie an der französischen
+Nordküste, wo ein Meerbad ein Schlammbad ist. Man entgeht hier den
+meisten Nachteilen des offenen Meeres und genießt die meisten Vorteile
+des Binnenlandes; ein Vorzug, den das östliche Inselmeer vor der
+zerklüfteten öden Westküste hat.
+
+Die wilde Tierwelt weist keine Raubtiere beunruhigender Natur auf.
+Fuchs, Luchs, Hermelin sind die grimmigsten. Glänzende Jagdgelegenheiten
+bietet der Elch, der hierher geflüchtet ist und in den Sümpfen und
+Wäldern der größern Inseln sein Standquartier aufgeschlagen hat. Dachs,
+Hase, Otter, Seehund lassen auch ihr Fell, und die Hasenjagd auf der
+Bischofsinsel ist berühmt.
+
+Von den Vögeln des Waldes sind Birkhuhn und Auerhuhn sehr zahlreich,
+können aber von den Eingeborenen nicht gejagt werden; die haben keine
+Hunde der rechten Art und widmen sich ausschließlich dem Schießen von
+Seevögeln, am liebsten mit dem Balban; dabei wird die streichende
+Eider nicht geschont, die brütende dagegen sorgsam gepflegt, wenn auch
+das eine oder das andere Ei bei einer längeren Jagdtour Proviant
+liefern muß. Aus dem Holk nimmt man meist der Sägegans Eier fort, die
+sich geduldig als Leghenne benutzen läßt.
+
+Das Fleisch der Eider wird gut, wenn man die fette Haut abzieht und
+den Vogel eine Nacht in Milch legt. Es schmeckt dann wie
+Renntierbraten und hat allen Trangeschmack verloren. Ebenso werden
+auch Sägegans, Kolbentaucher und Samtente behandelt, die recht
+schmackhaft sind, besonders wenn sie gleich der Ente mit Petersilie
+gespickt werden.
+
+Der schlimmste Raubvogel ist der Fischadler, der unter den Hechten in
+dem seichten Wasser der Schilfbucht Verheerungen anrichtet. Der
+Seeadler ist seltener zu sehen und jagt am liebsten am offenen Meere.
+
+Unangenehm und zuweilen gefährlich ist die häufig vorkommende
+Kreuzotter, die man sowohl im Blaubeerbusch wie am Strand trifft,
+beinahe überall, kann man sagen; und ihre Kühnheit draußen auf den
+äußeren Schären ist so groß, daß sie sich auf dem Schwanz erhebt und
+durch Hiebe Fischer hindern will, aus dem Boot zu steigen. Das Volk
+schont sie nicht, obgleich es glaubt, sie sauge Gift aus der Erde, und
+eine Ehrfurcht vor der anderswo angebeteten Natter zeigt der
+Schärenmann nicht.
+
+ * * * * *
+
+In dieser Provinz von umflossenen Inseln lebt nun eine Bevölkerung,
+die man nach den Vermögensverhältnissen in drei Klassen einteilen
+könnte: die Landwirtschaft treiben, meist auf den großen Inseln
+wohnend; die den Boden bebauen und fischen, oder die Mittelklasse; und
+schließlich die eigentlichen Schärenmänner, die meist vom Fischen und
+Jagen leben, daneben aber eine Kuh, ein Schaf, einige Hühner füttern.
+
+Die Landwirtschaft ist dort, wo sie betrieben werden kann, durchaus
+nicht schlecht. Prächtiger Lehmboden gibt einen guten Weizen, und auch
+der kleine Bauer hat doch immer etwas Spelt zum Hausbedarf übrig. Die
+Salzseeweide ist berühmt, und die Butter wird ausgezeichnet von den
+kali- und natronhaltigen Strandgewächsen, außer denen die Kühe ja
+immer die grenzenlose Salzlake zur Verfügung haben. Das Fleisch des
+Hammels wird von dem kurzen Gras der hohen Weideufer fest und lecker,
+wie das französische +pré-salé+ auf ähnlichem Boden.
+
+Dazu kommt ein verhältnismäßig mildes Klima, das bedeutend von dem des
+Binnenlandes auf gleichem Breitengrad abweicht. Der Frühling kommt
+später, oft vierzehn Tage später als in Stockholm, so daß der
+Sommergast im selben Jahre zwei Male das Ausschlagen der Bäume erleben
+kann; und der Herbst tritt später ein, weil das Meer dann erwärmt ist
+und als Heizapparat dient. Einen Nachteil beim Klima der Schären hat
+man bemerkt; das ist der trockene Vorsommer und der regnerische
+Nachsommer; dadurch leidet die Säe- und Wachszeit unter Trockenheit,
+die Mäh- und Erntezeit unter Regen. Besonders mildes Klima hat die
+Gegend von Nynäs, wo der Efeu wild überwintert und der Wein oft am
+Spalier reift.
+
+Für den Fischer oder den eigentlichen Schärenmann sind natürlich die
+Früchte des Meeres von größerer Bedeutung, und den Großfischfang
+bildet der Strömling, der Hering der Ostsee; in ungeheuern Netzen wird
+er gefangen, die auf tiefliegendem Grund im Frühling und Herbst
+verankert werden. Sonst wird Hecht und Barsch im Schleppgarn gefangen,
+der Hecht auch mit Legangel und der Barsch im Netz. Die Flundern, die
+von geringerm Wert sind, werden im Netz gefangen, der Aal wird
+gestochen oder in die Reuse gelockt. Die Quappe wird mit einer Keule
+geschlagen bei durchsichtigem Eis, durch das man das schleimige
+häßliche Ding bemerken kann, wie es auf dem Boden liegt.
+
+Gegenstand eines ganz besonderen Sports, der Badfischen heißt, ist der
+Kühling. Wenn das Wasser im Nachsommer in den Buchten erwärmt ist,
+kommt nämlich der Kühling in die Höhe, um zu baden, wie man es nennt.
+Zu dieser Zeit wird auf den Landzungen von Baumwipfeln Ausguck
+gehalten; wenn der Beobachter merkt, daß das Wasser sich belebt, gibt
+er den Kameraden ein Zeichen; die kommen nun mit ihren flachen Kähnen
+von beiden Landzungen, die Ruderschäfte mit wollenen Strümpfen gut
+umwunden, damit der Fisch nicht verscheucht wird; dann spannt man das
+Netz über die Mündung der Bucht, mit der Wirkung, die es haben kann.
+
+ * * * * *
+
+Die Bevölkerung dieser isolierten, gut versteckten kleinen Welt, die
+keine regelmäßigen Verkehrsverbindungen hat, scheint in mehr als einer
+Hinsicht sehr gemischt zu sein. Eine beständige Auslese hat sich nämlich
+immer von selbst vollzogen, dergestalt, daß der intelligenteste Teil der
+Jugend zur Flotte, zum Lotsenamt, zum Zoll gegangen ist. Die
+zurückbleibenden, seßhafteren, ruhigeren Geister haben das Gewerbe der
+Väter fortgesetzt oder sind nach Stockholm gegangen oder haben im Innern
+des Landes einen Dienst gesucht; die Schären sind kein sicherer Ort
+gewesen, wo man Familien und Grundbesitz begründen konnte, da das Land
+dem Feinde offen liegt und Besitzrecht wie Leben nicht gerade den Schutz
+des entfernt wohnenden Rechtspflegers genießen. Es fehlt darum jede Spur
+von Lokalpatriotismus, wenn auch der Einwanderer die gewöhnlichen
+Schwierigkeiten zu bekämpfen hat.
+
+Nach Ortsnamen, Typen, Gewohnheiten zu urteilen, scheint dieses
+Inselmeer eine Art Zufluchtsort für allerlei Leute aus dem Innern des
+Landes gewesen zu sein, die aus der einen oder der andern Ursache die
+Einsamkeit aufsuchten. Eine eigentliche Mundart ist nicht zu spüren,
+aber eine Mischung von vielen, und viele einfache Sitten und
+Rechtsbegriffe aus dem Naturstadium deuten darauf, daß sich hier
+draußen, weit entfernt von der Gesellschaft, ungesellige, für
+geordnetes Zusammenleben schwer zugängliche Freiluftliebhaber oder
+ganz einfach praktische Gegner des geordneten Kriegsdienstes und
+Zollwesens zusammengefunden haben. Die Geschichten, wie gewisse Inseln
+erworben wurden, scheinen sich auch um Kapern, merkwürdige Seetaten,
+auch Privatdienste für königliche Personen zu drehen; und die
+Grundbücher sollen an gewissen Stellen nicht recht sicher sein, ob der
+Boden der Krone gehört oder zinspflichtig ist.
+
+Andere Zeichen finden sich auch, die auf Einwanderungen oder
+vielleicht nur Landungen von Finnen, Esthen, Russen und dergleichen
+Morgenländer deuten. Besonders hegt man noch heute einen entschiedenen
+Widerwillen gegen die Esthen, diese Schattenfiguren, die, an sich
+grau, in grauen Fahrzeugen, die wie aus alten zerfallenen Planken
+zusammengeschlagen sind und ein Takelwerk aus geflickten Kohlensäcken
+haben, ausgespukt kommen. Wenn ein solcher fliegender Holländer aus
+einer Kobbe an Land geht, rudert der Fischer gern hinaus und sieht
+nach, ob das Feuer auch gut gelöscht ist; und er appelliert lieber an
+die Branntweinflasche als an die Flinte solchen Vagabunden des Meeres
+gegenüber, von denen man, mit oder ohne Grund, annimmt, daß sie Salz
+nach Rußland schmuggeln.
+
+Vermögende Schärenleute gibt es, aber viele sind der Armut nahe, und
+einige äußerst arm, des Winters von Salzlake, Heringsköpfen und
+Kartoffeln lebend. Das Gewerbe des Fischers, das dem des Spielers
+gleicht, erzieht nicht zur Sparsamkeit. Ein Fang macht ihn heute
+vermögend, und der Glaube ans Glück entsteht sofort mit seinen
+gefährlichen Folgen.
+
+Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der Schärenmann in
+der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und aus wirtschaftlichen Gründen
+spricht er lieber frei, als daß er verurteilt; auch in der Hoffnung,
+selbst freigesprochen zu werden, wenn sein Unglück kommt. Diese
+Nachsicht mit den Verbrechen anderer habe ich nie schöner ausdrücken
+hören als damals, wie die Nachbarn erzählten, ein Mörder habe einst,
+als er seine Frau ertränkte, einen »Fehltritt« begangen.
+
+Der Schärenmann ist ein Einsiedler; hat weit zum Gericht, weit zur
+Kirche, weit zur Schule; weit zu den Nachbarn und weit zur Stadt. Der
+Badeort ist sein nächster Kulturmittelpunkt; dort aber lernt er nur den
+Luxus kennen und beneidet Menschen, die er drei Monate Feste feiern
+sieht; denn die arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er
+nicht. In der Einsamkeit würde er Denker werden, wenn er Anleitung
+hätte; statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt er in seinem
+Gewerbe sein kann, wie klarsehend im Alltagsleben, wird er leicht ein
+Raub subjektiver Wahrnehmungen, wird »fernsichtig«, ein Sonderling, wie
+der Küster auf Ronö; macht fehlerhafte Schlußfolgerungen, sehr oft
+Ursache und Wirkung verwechselnd; z. B. wenn es sich gut fischt, nachdem
+das Geldstück unter den Stein gelegt worden, ist das Geldstück die
+mächtige Ursache. Er ist abergläubisch, und das Heidentum sitzt so tief
+in ihm, daß die Symbole der christlichen Kirche für ihn noch
+gleichbedeutend mit Beschwörungen, Besprechungen, Zauberei sind.
+
+Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen
+Forderungen der Natur auf, wo nicht wirtschaftliche Berechnung als
+Faktor mitspricht. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist
+ungezwungen; die Ehe wird gewöhnlich mit dem Kind geschlossen, wenn
+das Mädchen Wort hält und zur Gründung einer Familie geneigt ist. Ist
+das aber nicht der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die
+mit dem vollständigen Verschwinden des Kindes und andern Geschichten
+enden können; die kommen der ganzen Welt zu Ohren, nur nicht dem
+Amtmann, der übrigens nichts machen kann, da er keine Zeugen findet.
+
+Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familienbande zu zerreißen
+und werden starke Leidenschaften lange unterdrückt, erfolgen zuweilen
+unheimliche Ausbrüche der Naturkräfte; da nimmt es der an Tod und
+Verderben gewöhnte Schärenmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann
+werden dort draußen stille Trauerspiele aufgeführt, von denen man nur
+Andeutungen zu hören bekommt; in einigen meiner Erzählungen habe ich
+davon gemunkelt. Da reißen Blutsbande entzwei, verbotene Schranken
+werden übersprungen; die Natur ergreift mit harter Hand, was sie
+kriegen kann; und für Hunger und Liebe existieren nicht mehr Rücksicht
+noch Gesetze.
+
+Das Lichte, Lächelnde im Leben der Schärenleute, _wenn_ es sich licht
+gestaltet, habe ich in diesem Roman »Die Inselbauern« geschildert; in
+den Novellen »Das Inselmeer« habe ich die Halbschatten gegeben;
+vielleicht kann ich später, wenn die Verhältnisse für die Literatur
+günstiger werden, auch die Schlagschatten geben (»Am offenen Meere«),
+die nicht fehlen dürfen, soll das Bild vollständig sein.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Carlsson geht in Dienst
+ und wird für einen Schwätzer gehalten
+
+
+Er kam wie ein Schneegestöber eines Aprilabends und hatte eine Kruke
+aus schwedischem Ton an einem Hungerriemen um den Hals. Clara und
+Lotte waren mit dem Netzboot nach dem Badeort Dalarö gefahren, um ihn
+zu holen; aber es dauerte Ewigkeiten, bis sie ins Boot kamen. Sie
+mußten zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur
+»Aptheke«, um graue Salbe fürs Ferkel zu kaufen; und dann mußten sie
+auf die Post, um eine Freimarke zu holen; und dann mußten sie zu Fia
+Lövström, um den Hahn zu borgen, gegen ein Halbpfund dünnes Garn zum
+Netzbau. Und zuletzt waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson
+die Mädchen zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte.
+
+Endlich kamen sie doch ins Boot.
+
+Carlsson wollte steuern, aber das konnte er nicht; er hatte noch nie
+einen Rahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten die Fock hissen,
+die gar nicht vorhanden war.
+
+Auf der Zollbrücke standen Lotsen und Zöllner, die über das Manöver
+grinsten, als das Boot über Stag ging und abgetrieben wurde.
+
+– Hör mal, du hast ein Loch im Boot! schrie ein junger Lotse durch den
+Wind. Stopf zu! Stopf zu!
+
+Während Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Clara ihn fortgestoßen
+und das Steuerruder genommen; und mit den Riemen gelang es Lotte, das
+Boot wieder in den Wind zu bringen; mit gutem Gang segelte es dem
+Sunde zu.
+
+Carlsson war ein kleiner viereckiger Wärmländer mit blauen Augen und
+einer Nase, die so krumm war wie ein Doppelhaken. Lebhaft,
+spielerisch, neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nichts.
+Er war auch nach der Insel Hemsö gerufen worden, um für Feld und Vieh
+zu sorgen; damit wollte sich nämlich niemand mehr befassen, seit der
+alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein auf dem
+Hofe saß.
+
+Als Carlsson die Mädchen mit Fragen nach den Verhältnissen auf dem
+Hofe anzapfte, bekam er Antworten, wie sie die Bewohner des Inselmeers
+zu geben pflegen.
+
+– Ja, das _weiß_ ich nicht! Ja, das kann ich _nicht_ sagen! Ja, das weiß
+ich _wirklich_ nicht!
+
+Daraus wurde er nicht klug!
+
+Der Kahn plätscherte zwischen Holmen und Schären dahin, während die
+Eisente zwischen den Kobben schnatterte und im Fichtenwald der
+Birkhahn balzte. Über freie Wasserflächen, die »Fjärde«, und über
+Strömungen fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne
+aufleuchteten.
+
+Da gings auf das große Wasser hinaus, wo der Leuchtturm der
+»Hauptschäre« blinkte. Bald kam man an einem Stangenzeichen mit Besen
+vorbei, bald an einer weißen Bake, die wie ein Gespenst aussah; bald
+leuchteten zurückgebliebene Schneewehen wie Leinen auf der Bleiche;
+bald tauchten aus dem schwarzen Wasser »Netzwächter« auf, die am Kiel
+schrapten, wenn man darüber fuhr. Eine schlaftrunkene Mantelmöwe ward
+von ihrem Riff aufgescheucht und brachte Leben in Seeschwalben und
+Möwen; ein höllischer Lärm brach los.
+
+Weit draußen, wo die Sterne ins Meer tauchten, leuchteten das rote und
+das grüne Auge eines großen Dampfers; der schleppte eine lange Reihe
+runder Lichter, die durch die Ventile der Kajüten schimmerten.
+
+Alles war Carlsson neu, und er fragte nach allem; und jetzt erhielt er
+Antwort, und zwar so viele, daß er einsah, er war auf fremden Boden
+gekommen. »Er war eine Landratte«, das heißt ungefähr dasselbe, was
+für den Städter »Einer vom Lande« ist.
+
+Jetzt segelte der Kahn in einen Sund und kam in Lee; man mußte das
+Segel reffen und rudern.
+
+Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie ein Licht von
+einer Hütte leuchten, die zwischen Erlen und Kiefern lag.
+
+– Jetzt sind wir zu Hause, sagte Clara.
+
+Das Boot schoß in eine schmale Bucht; eine Rinne war durchs Schilf
+gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte; dieses Rascheln weckte
+einen Laichhecht, der sich in den Anblick einer Angelrute vertieft
+hatte.
+
+Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der Hütte in Bewegung.
+
+Der Kahn wurde an der Landungsbrücke festgemacht, und die Ausladung
+begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt, der Mast herausgenommen,
+und die Stage mit den Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans
+Land, und Kübel, Kannen, Körbe, Bündel lagen bald auf der
+Landungsbrücke.
+
+Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte lauter neue und
+ungewöhnliche Dinge. Vor der Landungsbrücke lag der Fischkasten mit
+seinem Hebespiel; an der langen Seite der Brücke lief ein Geländer,
+das mit Netzbojen, Fangleinen, Dregghaken, Senkern, Schnüren,
+Grundleinen, Angelhaken behängt war; auf den Brückenplanken standen
+Strömlingstrommeln, Tröge, Wannen, Bottiche, Näpfe, Grundleinenkasten;
+am Brückenkopf lag ein Seeschuppen, der mit Lockvögeln behängt war:
+ausgestopfte Eidergänse, Sägetaucher, Langschnäbel, Trauerenten,
+Quakenten; unter der Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten,
+Riemen und Bootshaken, Schöpfkellen, Eispickel, Quappenkeulen. Und am
+Lande standen Pfähle, an denen Strömlingsnetze trockneten, so groß wie
+die größten Kirchenfenster; Flundernetze mit Maschen, durch die man
+den Arm stecken konnte; Barschgarn, neu geknüpft und weiß wie die
+feinsten Schlittennetze; doch von der Brücke geradeaus zogen sich zwei
+Reihen Gabelstangen wie eine Gutsallee, und an denen hingen die großen
+Zugnetze.
+
+Vom höchsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und warf ihren
+Schein auf den Sandweg, auf dem Muschelschalen und getrocknete
+Fischkiemen glitzerten, während in den Zugnetzen zurückgebliebene
+Strömlingsschuppen wie Reif an Spinngewebe blinkten. Aber die Laterne
+beleuchtete auch das Gesicht einer älteren Frau, das vom Wind gedörrt
+zu sein schien, und ein Paar kleiner freundlicher Augen, die beim
+Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Vor der Alten her sprang der
+Hund, ein zottiger Köter, der ebenso gut auf See wie auf Land zu Hause
+sein mochte.
+
+– Nun, seid ihr da, Mädchen, grüßte die Alte, und habt ihr den
+Burschen bei euch?
+
+– Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, wie Ihr seht, Tante!
+antwortete Clara.
+
+Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Schürze ab und reichte sie
+dem Knecht.
+
+– Willkommen, Carlsson; mögt Ihr Euch bei uns heimisch fühlen!
+
+Und zu den Mädchen:
+
+– Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Mädchen? Sind die Segel im
+Schuppen? Dann kommt hinauf, ich werde euch etwas zu essen geben.
+
+Alle vier gingen die Höhe hinauf; Carlsson still, neugierig, voller
+Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung gestalten würde.
+
+ * * * * *
+
+Drinnen in der Stube brannte Feuer im Ofen; auf dem weißen Klapptisch
+lag eine reine Decke; auf der Decke stand eine Flasche Branntwein, in
+der Mitte wie ein Stundenglas zusammengeschnürt; rings herum Tassen
+aus schwedischem Porzellan, auf denen Rosen und Vergißmeinnicht
+abgebildet waren; ein frischgebackenes Brot, gedörrter Zwieback, ein
+Teller mit Butter, Zuckerdose und Sahnenkanne vervollständigten den
+Tisch. Carlsson fand ihn reicher, als er von dieser gottverlassenen
+Gegend erwartet hatte.
+
+Aber auch die Stube selbst sah nicht übel aus, als er sie im
+flammenden Schein des Herdfeuers musterte; das kreuzte sich mit dem
+Talglicht des Messingleuchters, schien in der etwas unreinen Politur
+des Mahagonisekretärs wider, spiegelte sich in dem lackierten Gehäuse
+und dem Messingpendel der Wanduhr, funkelte auf den Silbereinlagen der
+damascierten Läufe der Vogelflinten, hob die vergoldeten Buchstaben
+auf den Rücken der Postillen, Gesangbücher, Kalender, Bauernregeln
+hervor.
+
+– Tretet näher, Carlsson, lud ihn die Alte ein.
+
+Carlsson war ein Kind der neuen Zeit und lief wirklich nicht in die
+Scheune hinaus, sondern trat sofort näher und setzte sich auf ein
+Banksofa, während die Mädchen seinen Kasten in die Küche schafften,
+die auf der andern Seite des Flurs lag.
+
+Die Alte hakte den Kaffeekessel ab und legte die Klärhaut hinein;
+hakte ihn wieder an und ließ ihn noch etwas kochen. Dann erneuerte sie
+die Einladung, dieses Mal mit dem Zusatz, Carlsson möge sich an den
+Tisch setzen.
+
+Der Knecht setzte sich und drehte die Mütze zwischen den Fingern. Er
+paßte auf, wie der Wind wehte, um seine Segel danach zu richten. Er
+hatte offenbar die feste Absicht, sich mit den Maßgebenden gut zu
+stellen; da er aber noch nicht wußte, ob die Alte mit sich reden ließ,
+wagte er es nicht, seinem Mundwerk freien Lauf zu lassen, ehe er nicht
+wußte, wo das Land lag.
+
+– Das ist aber ein feiner Sekretär, begann er und befühlte die
+Messingrosetten.
+
+– Hm! sagte die Alte, es ist aber nicht viel darin.
+
+– Oho, das weiß ich wohl, schmeichelte Carlsson und bohrte den kleinen
+Finger in das Schlüsselloch der Klappe; darin ist genug!
+
+– Ja, einst war wohl ein Stück Geld darin, als wir ihn von der Auktion
+nach Hause brachten; dann aber mußte der Flod in die Erde, und Gustav
+mußte Soldat spielen, und seitdem ist keine rechte Ordnung auf dem Hof
+gewesen. Und dann wurde das neue Haus gebaut, das keinen Nutzen
+bringt. So kam eins zum andern. Aber nehmt Zucker, Carlsson, und
+trinkt eine Tasse Kaffee.
+
+– Soll ich damit anfangen? sperrte sich der Knecht.
+
+– Ja, da noch niemand zu Hause ist, antwortete die Alte. Der
+verwünschte Junge ist auf der See, mit der Flinte; und den Norman
+nimmt er immer mit; so wird keine ordentliche Arbeit geleistet. Wenn
+sie nur fort kommen und einen Vogel jagen können, lassen sie Viehzucht
+und Fischerei zu Grunde gehen. Das ist die Ursache, weshalb ich Euch
+herkommen ließ, Carlsson, damit Ihr nach dem Rechten schaut. Darum
+sollt Ihr Euch gewissermaßen für etwas mehr halten und ein Auge auf
+die Burschen haben. Wollt Ihr nicht einen Zwieback nehmen, Carlsson?
+
+– Ja, Tante, soll ich gewissermaßen etwas mehr sein, damit die Andern
+auf mich hören, dann muß auch eine bestimmte Ordnung gelten. Dann muß
+ich an Tante einen Rückhalt haben, denn ich weiß, wie es geht, wenn
+man sich mit den Burschen duzt und gemein macht.
+
+So gewann Carlsson das Land, als er wußte, wo es lag.
+
+– Was das Seegeschäft anlangt, fuhr er fort, da mische ich mich nicht
+hinein; das kenne ich nicht, aber auf dem Lande, da weiß ich Bescheid,
+und da will ich Herr sein.
+
+– Ja, das werden wir morgen regeln; dann haben wir Sonntag und können
+bei Tageslicht alles besprechen. Nun noch eine halbe, Carlsson, dann
+könnt Ihr Euch schlafen legen.
+
+Die Alte goß zum zweiten Male Kaffee ein, und Carlsson nahm das
+Stundenglas, um die Tasse mehr als dreiviertel zu füllen. Nachdem er
+die Mischung hinuntergeschlürft hatte, fühlte er große Lust, das
+fallen gelassene Gespräch, das ihn äußerst angenehm berührt hatte,
+wieder aufzunehmen. Aber die Alte war aufgestanden, um sich am Herd zu
+schaffen zu machen; die Mädchen liefen aus und ein; der Köter gab Laut
+auf dem Hofe und lenkte die Aufmerksamkeit ab.
+
+– Da haben wir die Burschen, sagte die Alte.
+
+Draußen erklangen Stimmen, Absatzeisen klirrten auf den Steinen, und
+durch die Balsaminen im Fenster sah Carlsson draußen im Mondschein die
+Gestalten zweier Männer, die eine Flinte auf der Schulter und eine
+Tracht auf dem Rücken hatten.
+
+Der Köter bellte im Flur, und gleich darauf ward die Tür geöffnet.
+Herein trat der Sohn in Wasserstiefeln und Jagdjoppe. Mit dem sichern
+Stolz des glücklichen Jägers schleuderte er Jagdtasche und ein Bündel
+Eider auf den Tisch an der Tür.
+
+– Guten Abend, Mutter, da hast du Fleisch! grüßte er, ohne den
+Kömmling zu bemerken.
+
+– Guten Abend, Gustav! Ihr seid lange fort gewesen, grüßte die Mutter
+zurück, während sie unwillkürlich einen zufriedenen Blick auf die
+prachtvollen Eider warf; mit dem kohlschwarzen und kreideweißen
+Gefieder, der rosenroten Brust und dem seegrünen Nacken. Ihr habt gute
+Beute gemacht, sehe ich. Hier haben wir Carlsson, den wir erwarteten!
+
+Der Sohn warf einen forschenden Blick aus seinen kleinen, scharfen
+Augen, die von hellroten Wimpern halb verborgen waren, und änderte
+sofort sein Gesicht: offen war es gewesen, und schüchtern wurde es.
+
+– Guten Abend, Carlsson, sagte er kurz und scheu.
+
+– Guten Abend, antwortete der Knecht, indem er einen unbefangenen Ton
+anschlug, bereit, den Überlegenen zu spielen, sobald er über den
+jungen Mann im Klaren war.
+
+Gustav nahm den Platz auf dem Hochsitz ein, stützte sich mit dem
+Ellbogen aufs Fensterbrett und ließ sich von der Mutter eine Tasse
+Kaffee einschenken, in die er sofort Branntwein goß. Während er trank,
+betrachtete er Carlsson heimlich.
+
+Der hatte die Vögel genommen und untersuchte sie.
+
+– Das sind prächtige Tiere, sagte er und kniff sie in die Brust, um zu
+fühlen, ob sie fett seien. Er ist ein guter Schütze, sehe ich, der
+Schuß sitzt an der rechten Stelle.
+
+Gustav antwortete mit einem listigen Grinsen; er hörte sofort, daß
+der Knecht nichts vom Weidwerk verstand, da er Schüsse lobte, die in
+den Brustfedern saßen und die Eider zu Lockvögeln untauglich machten.
+
+Carlsson aber schwatzte unverzagt weiter, lobte die Taschen aus
+Seehundsfell, pries die Flinte, machte sich so klein wie möglich;
+stellte sich in Seesachen noch unwissender, als er wirklich war.
+
+– Wo hast du Norman gelassen? fragte die Alte, die schläfrig wurde.
+
+– Er bringt nur die Sachen in den Schuppen, antwortete Gustav; er
+kommt gleich.
+
+– Rundqvist hat sich schon niedergelegt. Es ist auch Zeit, und Ihr
+müßt müde sein, Carlsson, da Ihr lange unterwegs gewesen seid. Ich
+will Euch zeigen, wo Ihr liegen sollt, wenn Ihr mitkommt.
+
+Carlsson wäre gern geblieben, um das Stundenglas auslaufen zu sehen;
+aber der Wink war so deutlich, daß er die Geduld der Wirtin nicht
+länger auf die Probe zu stellen wagte.
+
+Die Alte ging mit ihm in die Küche hinaus.
+
+Gleich kam sie aber zum Sohn zurück, der sofort seinen freimütigen
+Ausdruck wieder annahm.
+
+– Nun, wie findest du ihn? fragte die Alte; er sieht ordentlich und
+willig aus.
+
+– Nein, nein! antwortete Gustav gedehnt. Trau ihm nicht, Mutter; er
+schwatzt nur Unsinn!
+
+– Was du sagst! Er kann doch wohl ordentlich sein, wenn er auch ein
+Mundwerk hat.
+
+– Glaub mir, Mutter, das ist ein Schwätzer; mit dem werden wir uns zu
+schleppen haben, bis wir ihn wieder los werden. Aber das macht nichts;
+er soll schon arbeiten fürs Essen, und mir soll er nicht zu nahe
+kommen. Du glaubst allerdings nie, was ich sage, aber du wirst schon
+sehen! Wirst schon sehen. Nachher reut es dich, wenn’s zu spät ist!
+Wie wars mit dem alten Rundqvist? Der hatte auch ein tüchtiges
+Mundwerk, aber sein Rücken war schwach; wir haben uns mit ihm
+schleppen müssen, und jetzt werden wir ihn füttern, bis er stirbt.
+Solche Schwätzer sind nur bei der Schüssel groß, das kannst du mir
+glauben!
+
+– Du bist wie dein Vater, Gustav; traust den Leuten nichts Gutes zu
+und verlangst dann unvernünftig viel! Der Rundqvist ist kein Seemann,
+sondern auch vom Lande; aber er kann vieles, was andere nicht können.
+Und Seeleute kriegen wir nicht mehr; die gehen zur Flotte, zum Zoll
+oder werden Lotsen. Nur Leute vom Lande kriegt man. Siehst du, man
+nimmt, was man bekommt.
+
+– Das weiß ich wohl, daß keiner mehr Knecht sein will! Alle suchen
+Staatsdienst, und hier draußen auf den Inseln sammelt sich aller
+Abfall vom Festland. Ordentliches Volk kommt nicht in die Schären
+hinaus; es muß denn besondere Ursachen haben. Darum sage ich noch ein
+Mal: Halt die Augen offen!
+
+– Du, Gustav, solltest die Augen offen halten, gab die Alte zurück, um
+dein Hab und Gut in Ordnung zu bringen. Einst wird es ja deins! Du
+solltest zu Hause bleiben und nicht immer auf der See herumliegen; zum
+mindesten die Leute nicht von der Arbeit abhalten.
+
+Gustav rupfte eine Eider und antwortete:
+
+– Ei, Mutter, du liebst es doch auch, wenn Braten auf den Tisch
+kommt, nachdem es den ganzen Winter über eingesalzenes Schweinefleisch
+und gedörrten Fisch gegeben hat; du mußt also nicht so sprechen.
+Übrigens gehe ich nicht in den Krug, und etwas muß der Mensch doch zu
+seinem Vergnügen haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld auf
+der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht; will er brennen, so
+mag er; er ist ja versichert.
+
+– Verfaulen wird der Hof nicht, das weiß ich wohl, aber alles Andere
+geht entzwei. Die Feldzäune müssen ausgebessert werden, die Gräben
+gereinigt werden. Das Stalldach ist so morsch, daß es aufs Vieh
+regnet. Nicht eine Brücke ist heil, die Boote sind zerbrechlich wie
+Zunder, die Netze müssen geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und
+so weiter. Da ist so vieles, das gemacht werden müßte, aber nie
+gemacht wird. Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch
+gemacht werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens dafür angenommen
+haben. Es wird sich ja herausstellen, ob Carlsson nicht der rechte
+Mann dafür ist.
+
+– Dann laß ihn nur machen! schnauzte Gustav, indem er mit der Hand
+durch das kurzgeschorene Haar fuhr, daß es wie Stacheln in die Höhe
+stand. Da ist Norman! Komm und trink eine Halbe, Norman!
+
+Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurrbart und blauen
+Augen, trat in die Stube und ließ sich bei seinem Jagdgenossen nieder,
+nachdem er die Alte gegrüßt.
+
+Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westentaschen und
+stopften sie mit »Schwarzem Anker«. Dann gingen sie nach Jägerart, bei
+einer Halben Kaffee mit Branntwein, alle ihre Heldentaten draußen am
+offenen Meere durch; Schuß für Schuß. Die Vögel wurden untersucht, die
+Finger in die Schußwunde gebohrt, die Hagelkörner gezählt,
+unentschiedene Treffer erörtert. Schließlich entwarfen sie Pläne zu
+neuen Ausflügen.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen war Carlsson in die Küche hinausgekommen, um sein
+Nachtlager aufzusuchen.
+
+Die Küche war eine Firststube und sah wie eine mit dem Kiel nach oben
+gekehrte Schute aus, die auf der Ladung schwamm. Die Ladung bestand aus
+allen möglichen Gütern. Hoch oben unter dem berußten Dachfirst hingen
+Garn und Fischgeräte an den Balken; darunter waren Bretter und
+Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfsträhne, Dregganker,
+Schmiedeeisen, Zwiebelbündel, Talglichter, Mundvorratskasten; aus einem
+Querbalken lag eine lange Reihe frisch ausgestopfter Lockvögel; über
+einen andern waren Schaffelle geworfen; von einem dritten baumelten
+Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Strümpfe; und zwischen den Balken
+liefen Spieße mit Lochbroten, Stöcke mit Aalhäuten, Stangen mit
+Grundschnüren und Angelhaken.
+
+Am Giebelfenster stand der Eßtisch aus rohem Holz; an den Wänden
+standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber groben Laken gebettet
+waren.
+
+In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz angewiesen. Als sie
+sich mit dem Licht entfernte, ließ sie den Kömmling im Halbdunkel, das
+nur schwach von der Herdglut und einem kurzen Mondstreifen erleuchtet
+wurde. Der Mond zeichnete Pfosten und Sprossen des Fensters auf den
+Boden. Aus Gründen der Schamhaftigkeit wurde beim Schlafengehen kein
+Licht angesteckt; denn die Mädchen hatten auch ihre Schlafplätze in
+der Küche.
+
+So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock und Stiefel
+ab; dann holte er die Uhr aus der Westentasche, um sie beim Schein des
+Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte den Schlüssel ins Loch gesteckt und
+begann ihn mit etwas ungewohnter Hand zu drehen; die Uhr ging nämlich
+nur an Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang aus den
+Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme:
+
+– Nein, hat er auch eine Uhr!
+
+Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glutschein einen
+zottigen Kopf mit einem Paar blinzender Augen, der sich auf zwei Arme
+stützte.
+
+– Gehts dich was an? erwiderte er, um die Antwort nicht schuldig zu
+bleiben.
+
+– Gehts an, dann läutet man in der Kirche, obgleich ich nie
+hineinkomme! antwortete der Kopf.
+
+– Obgleich? O gleich gieße ich dir einen Eimer Wasser über den Kopf,
+gab Carlsson zurück.
+
+– Das ist nicht so dumm geantwortet, stammelte der Andere. Das ist
+jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian an den Stiefelschäften.
+
+– Das will ich meinen; und Galoschen hat er auch, wenn’s darauf
+ankommt!
+
+– Nein, hat er auch Galoschen; dann kann er sicher auch einen Schluck
+spendieren!
+
+– Ja, das kann er auch, wenn’s sein muß, antwortete Carlsson bestimmt
+und holte seine Tonkruke. Bitte!
+
+Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reichte die Kruke
+hinüber.
+
+– Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Branntwein. Dann:
+Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich du zu dir, Carlsson, und du
+nennst mich den närrischen Rundqvist, denn so heiße ich meistens.
+
+Und dann kroch er wieder unter die Decke.
+
+Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem er seine Uhr am
+Salzfaß aufgehängt und die Stiefel mitten ins Zimmer gestellt hatte,
+damit die roten Saffianzwickel recht zu sehen waren.
+
+Es war still in der Küche und nur Rundqvist hörte man schnarchen am
+Herd.
+
+Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein Nagel saß ihm
+das Wort der Alten im Kopfe, daß er etwas mehr als die Andern sein
+solle, um die Wirtschaft in die Höhe zu bringen. Um den Nagel
+schmerzte und schwärte es; es war, als habe er ein Gewächs im Kopf. Er
+dachte an den Mahagonisekretär, an die roten Haare und mißtrauischen
+Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem großen Schlüsselbund
+herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte; da kommt einer
+und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell, schüttelt das rechte Bein,
+steckt die Hand in die Tasche und fühlt die Schlüssel gegen den
+Schenkel; dann zupft er am Bund, wie man Werg auszieht, und als er den
+kleinsten Schlüssel, der in die Klappe paßt, gefunden hat, steckt er
+den ins Schlüsselloch, ganz wie er’s heute Abend mit dem kleinen
+Finger getan hatte; aber das Schlüsselloch, das wie ein Auge mit einem
+Augapfel ausgesehen, wird rund, groß und schwarz wie eine
+Flintenmündung, und über dem andern Ende des Laufes sieht er das rote
+Fischauge des Sohnes scharf und tückisch zielen, als wolle der sein
+Geld verteidigen.
+
+Die Küchentür ging, und Carlsson wurde aus seinem Halbschlummer
+gerissen. Mitten im Zimmer, wohin die Mondscheiben gerückt waren,
+standen zwei weißgekleidete Gestalten, um gleich darauf in ein Bett
+unterzutauchen; das gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine
+schwankende Landungsbrücke stößt. Dann ward es in den Laken lebendig
+und kicherte, bis es still wurde.
+
+– Gute Nacht, Mädchen, erklang Rundqvists erlöschende Stimme. Träumt
+von mir!
+
+– Daran ist uns allerdings sehr gelegen, antwortete Lotte.
+
+– Still, antworte dem Scheusal nicht, warnte Clara.
+
+– Ihr seid ... so ... nett! Wenn ich nur auch so ... nett ... sein
+könnte wie ihr! seufzte Rundqvist. Ja, Herr Gott, man wird alt; dann
+kann man seinen Willen nicht mehr kriegen, und dann ist das Leben
+nichts mehr wert. Gute Nacht, Kinder, und hütet euch vor Carlsson: der
+hat Uhr und Saffianstiefel! ... Ja, Carlsson, der ist glücklich! Das
+Glück das kommt, das Glück das fliegt, o glücklich, wer das Mädchen
+kriegt! ... Was habt ihr dort in euerm Bett zu kichern, Mädchen! ...
+Hör mal, Carlsson, kann ich nicht noch einen Schluck haben? Es ist so
+furchtbar kalt hier hinten; es zieht vom Herd her.
+
+– Nein, jetzt kriegst du nichts mehr, denn nun will ich schlafen,
+schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftsträumen, in denen weder Wein
+noch Mädchen vorkamen, gestört und bereits mit seiner Stellung als
+Großknecht vertraut.
+
+Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Geschichten der Jäger
+drangen durch die beiden Türen; und der Nachtwind rüttelte an der
+Ofenklappe.
+
+Carlsson schloß wieder die Augen. Im Schlummer hörte er Lottes
+halblaute Stimme etwas auswendig hersagen, das er zuerst nicht
+verstehen konnte, sondern wie ein einziger langer Salm klang;
+schließlich unterschied er:
+
+– Undführeunsnicht – inversuchung, sondernerlöseunsvondemübel,
+denndeinistdasreich, unddiemachtunddieherrlichkeit inewigkeitamen.
+Gute Nacht, Clara! Schlaf gut!
+
+Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der Mädchen. Rundqvist
+aber sägte, daß die Fenster zitterten, ob nun aus Scherz oder Ernst.
+Aber Carlsson lag halbwach und wußte selbst nicht, ob er wachte oder
+schlief.
+
+Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schweißiger Körper kroch
+an seine Seite.
+
+– Es ist nur Norman! hörte er eine schöntuende Stimme neben sich. Da
+wußte er, es war der Knecht, der sein Bettgenosse sein sollte.
+
+– Aha, der Schütze ist heimgekehrt, knarrte Rundqvists rostiger Baß.
+Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonnabend draußen geschossen.
+
+– Du kannst ja gar nicht schießen, Rundqvist; du hast ja keine Flinte,
+schnauzte Norman.
+
+– Kann ich nicht? gab der Alte zurück, um das letzte Wort zu haben.
+Ich kann Schwarzstare mit der Büchse schießen, und zwar zwischen den
+Laken ...
+
+– Habt ihr das Feuer gelöscht? unterbrach ihn die freundliche Stimme
+der Alten, die aus dem Flur zur Tür hereinguckte.
+
+– Jawohl, antwortete man im Chor.
+
+– Dann gute Nacht!
+
+– Gute Nacht, Tante!
+
+Einige lange Seufzer wurden ausgestoßen, dann wurde gepustet,
+geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang war.
+
+Aber Carlsson lag noch eine Weile halb wach und zählte die
+Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft; der gute Hirte
+ und die bösen Schafe; die Schnepfen, die ihr Teil bekamen
+ und der Knecht, der die Kammer bekam
+
+
+Als Carlsson am Sonntagsmorgen beim Hahnenschrei erwachte, waren alle
+Betten leer, und die Mädchen standen im Unterrock am Herde, während
+die Sonne voll und blendend in die Küche schien.
+
+Carlsson fuhr schnell in die Hosen und ging hinaus, um sich zu
+waschen. Da saß bereits der junge Norman auf einem Strömlingsfaß und
+ließ sich von dem allkundigen Rundqvist die Haare schneiden. Rundqvist
+hatte ein reines Vorhemd angezogen, das so groß wie eine Tageszeitung
+war, und seine besten Stiefel hatte er auch an.
+
+Bei einem eisernen Kochtopf, der seine Füße verloren hatte und deshalb
+Waschschüssel geworden war, mußte Carlsson mit einem Häuflein grüner
+Seife seine Sonntagswaschung vornehmen.
+
+Im Stubenfenster zeigte sich Gustavs sommersprossiges Gesicht
+eingeseift; vor einem Stück Spiegel, das unter dem Namen
+»Sonntagsgucker« bekannt war, fuhr er mit dem im Sonnenschein
+blitzenden Rasiermesser unter furchtbaren Grimassen hin und her.
+
+– Geht ihr heute in die Kirche? fragte Carlsson zum Morgengruß.
+
+– Nein, wir kommen nicht so oft ins Gotteshaus, antwortete Rundqvist.
+Wir haben zwei Rudermeilen hin und ebensoviele zurück, und man muß den
+Ruhetag nicht mit unnützer Arbeit entheiligen.
+
+Lotte kam heraus, um Kartoffel zu waschen, während Clara nach dem
+Vorratsschuppen ging, um aus dem Winterfaß gesalzene Fische zu holen.
+In diesem sogenannten »Familiengrabe« waren alle kleinen Fische, die
+im Netz oder Fischkasten getötet waren und nicht aufbewahrt werden
+konnten, eingesalzen, durcheinander, ohne Ansehen der Person, um für
+den täglichen Bedarf des Hauses zu dienen. Da lagen blasse Plötze
+Seite an Seite neben roten Rotaugen; Blicken, Kaulbarsche, Seehasen,
+Barsche, kleine Brathechte, Schollen, Schleie, Quappen, Maränen. Alle
+hatten einen Schaden: eine zerfetzte Kieme, ein ausgehacktes Auge;
+einen Hieb im Rücken, der von einer Fischgabel herrührte; andere
+hatten einen Fußtritt auf den Bauch erhalten; und so weiter.
+
+Clara nahm einige Hände voll, wusch das meiste Salz aus und tat die
+Gesellschaft in den Kochtopf.
+
+Während das Frühstück auf dem Feuer stand, hatte Carlsson sich
+angekleidet und machte nun einen Rundgang, um sich den Hof anzusehen.
+
+Das Haus, das eigentlich aus zweien zusammengebaut war, lag auf einer
+Anhöhe am südlichen und innern Ende der langen, ziemlich seichten
+Bucht einer freien Meeresfläche. Diese Bucht schnitt so tief ins Land,
+daß man das große Meer nicht sah, sondern glauben konnte, man sei an
+einem kleinen Binnensee im Innern des Landes. Die Hänge der Höhe
+senkten sich zu einem Tal nieder mit Weidegründen, Wiesen, Hagen, die
+mit Laubwald, Birke, Eiche, Erle, eingefaßt waren. Die nördliche Seite
+der Bucht war durch eine mit Fichtenwald bewachsene Höhe gegen die
+kalten Winde geschützt, und die südlichen Teile der Insel bestanden
+aus Kiefergehölzen, Birkenhagen, Mooren, Sümpfen; zwischen denen war
+ein Stück Acker hier und dort angelegt.
+
+Auf der Höhe stand neben dem Wohnungshaus der Vorratsschuppen; ein
+Stück davon lag das neue Haus, die »Großstuga«, ein rotes ziemlich
+großes Blockhaus mit Ziegeldach. Der alte Flod hatte es sich fürs
+Altenteil errichtet; jetzt stand es unbewohnt, weil die Alte allein
+dort nicht hausen wollte; auch unnötig viele Feuerstätten dem Walde zu
+sehr zugesetzt hätten.
+
+Weiterhin, dem Hage zu, lagen Viehstall und Scheune; in einem Gehölz
+stattlicher Eichen hatten Darrstube und Keller ihre schattigen Plätze;
+und ganz hinten an der südlichen Wiese war das Dach einer verfallenen
+Schmiede zu sehen.
+
+Unten, am innern Ende der Bucht, standen die Seeschuppen bis an die
+Landungsbrücke; dort war auch der Hafen für die Boote.
+
+Ohne die Schönheiten der Landschaft zu bewundern, war Carlsson doch
+von dem Ganzen angenehm überrascht. Die fischreiche Bucht, die ebenen
+Wiesen, die vor Winden geschützten und gerade richtig abfallenden
+Felder, der dichte Hochwald, die schönen Nutzhölzer in den Hagen:
+alles versprach guten Ertrag, wenn nur eine starke Hand die Kräfte in
+Bewegung setzte und die vergrabenen Schätze ans Tageslicht brachte.
+
+Nachdem er hierhin und dorthin geschlendert, wurde er in seinen
+Betrachtungen durch ein schallendes »Halloh« unterbrochen, das vom
+Vorbau ausging, von Buchten und Feldern widerhallte und gleich darauf
+von Scheune, Hag und Schmiede im selben Tone beantwortet wurde.
+
+Es war Clara, die zum Frühstück rief.
+
+Bald saßen die vier Männer um den Küchentisch, auf dem frischgekochte
+Kartoffeln, gesalzener Fisch, Butter, Roggenbrot und, da es Sonntag
+war, Branntwein stand. Die Alte ging umher und forderte die Männer
+auf, zuzulangen; auch warf sie dann und wann ein Auge auf den Herd, wo
+jetzt für Hühner und Ferkel gekocht wurde.
+
+Carlsson hatte an der oberen Schmalseite des Tisches Platz genommen,
+Gustav die eine, Rundqvist die andere Breitseite, Norman die untere
+Schmalseite gewählt; man wußte eigentlich nicht, wer den Ehrenplatz
+hatte, sondern glaubte die vier Sprecher eines Ausschusses vor sich zu
+haben. Doch führte Carlsson das Wort, und seine Aussprüche betonte er,
+indem er mit der Gabel auf den Tisch stieß. Er sprach von
+Landwirtschaft und Viehzucht; aber Gustav antwortete entweder
+überhaupt nicht oder mit Fischfang und Jagd. Norman unterstützte ihn
+dabei, und Rundqvist spielte den unparteiischen Sonderer; warf dann
+und wann einen Scheit ins Feuer, damit kein Friede aufkam; blies die
+Flamme an, wenn sie erlöschen wollte; stichelte nach rechts und
+stichelte nach links; bewies der Gesellschaft, daß sie alle gleich
+dumm und unwissend seien, daß er allein den Verstand gepachtet habe.
+
+Gustav antwortete Carlsson niemals direkt, sondern wandte sich immer
+an einen Nachbar; Carlsson sah ein, daß er von ihm keine Freundschaft
+zu erwarten habe.
+
+Norman, der Jüngste, vergewisserte sich erst immer, daß er am
+Hausherrn einen Rückhalt hatte; nach dem sich zu richten, war immer
+das Sicherste.
+
+– Ferkel aufziehen, wenn man keine Milch hat, das lohnt nicht, lehrte
+Carlsson; und Milch kann man nicht bekommen, ohne daß man Klee in die
+Herbstsaat säet. In der Landwirtschaft muß Kreislauf sein; eines muß
+auf das Andere folgen.
+
+– Das ist ganz wie beim Fischen, nicht wahr, Norman, wandte sich
+Gustav an seinen Nachbar. Man kann nicht die Strömlingsnetze setzen,
+ehe nicht die Schollen aufgehört haben; und man kriegt keine Schollen,
+ehe der Hecht nicht gelaicht hat. Das eine folgt aufs andere, und wenn
+man das Eine fahren läßt, fängt das Andere an. Ist es vielleicht nicht
+so, Norman?
+
+Norman stimmte ohne Widerstreben bei und wiederholte zur Sicherheit
+den Endreim, als er merkte, daß Carlsson zurückschlagen wollte:
+
+– Ja, so ist es: das Eine fängt an, wenn man das Andere fahren läßt.
+
+– Wer läßt einen fahren? rief Rundqvist dazwischen, der die gute
+Gelegenheit nicht vorbeigehen ließ.
+
+Carlsson, der den Schwanz eines Rotauges zwischen den Zähnen hatte,
+machte heftige Gebärden mit den Armen, um das Gespräch wieder nach
+seiner Seite zu wenden. Ins Grinsen der Andern aber mußte er
+einstimmen, obwohl sie mehr aus Schadenfreude grinsten, daß die
+Landwirtschaft beiseite geschoben wurde, als über den billigen Witz.
+
+Von seinem Erfolg ermuntert, machte Rundqvist Variationen über das
+glücklich gefundene Thema; ein ernstes Wort fand keinen Zuhörer mehr.
+
+ * * * * *
+
+Als das Frühstück zu Ende war, kam die Alte und bat Carlsson und
+Gustav, mit ihr nach dem Viehstall und auf die Felder zu gehen, um
+über die Verteilung der Arbeit zu sprechen und zu beraten, was zu tun
+sei, um den Hof in bessern Stand zu bringen. Danach würden sich alle
+in der Stube versammeln, um die Predigt zu lesen.
+
+Rundqvist legte sich beim Herd aufs Holzsofa und steckte sich eine
+Pfeife an. Norman nahm seine Handharmonika und setzte sich in den
+Vorbau, während die andern nach dem Viehstall gingen.
+
+Carlsson fand mit einer gewissen Befriedigung seine schlimmsten
+Befürchtungen übertroffen. Zwölf Kühe lagen auf den Knien und fraßen
+Moos und Stroh, da das Futter zu Ende war. Jeder Versuch, sie
+aufzurichten, war unmöglich; nachdem Carlsson und Gustav sie auf die
+Beine zu bringen versucht, indem sie ihnen eine Bohle unter den Bauch
+schoben, überließ man sie vorläufig ihrem Schicksal.
+
+Carlsson schüttelte bedenklich den Kopf, wie ein Arzt, der ein
+Sterbebett verläßt; sparte aber seine guten Ratschläge und
+Verbesserungsvorschläge für später auf.
+
+Mit dem Ochsenpaar stand es noch schlimmer, da es eben mit dem Pflügen
+fertig geworden war.
+
+Die Schafe hatten nur Rinde zu knuppern von den längst abgefressenen
+Laubbüscheln.
+
+Die Schweine waren mager wie Jagdhunde. Die Hühner liefen im Viehhof
+umher, auf dem Misthaufen zerstreut waren, von denen das Wasser in
+Bächlein abfloß.
+
+Nachdem man sich alles angesehen und den Verfall erkannt hatte,
+erklärte Carlsson, hier sei nur noch mit dem Messer etwas zu machen.
+
+– Sechs Kühe, die Milch geben, sind besser als zwölf, die hungern!
+
+Er untersuchte Spiegel und Euter und bezeichnete mit großer Sicherheit
+die sechs, die man auffüttern und dann zum Schlächter bringen solle.
+
+Gustav machte Einwendungen.
+
+Carlsson aber versicherte und beteuerte, sie müßten geschlachtet
+werden! Sie müßten sterben, so wahr er lebe! Dann könnte man eine
+andere Ordnung einführen. Zuerst aber müsse vor allem trockenes, gutes
+Heu gekauft werden, ehe man das Vieh in den Wald lassen könne.
+
+Als Gustav von Heukaufen sprechen hörte, machte er die lebhaftesten
+Vorstellungen, doch nicht sein Geld für etwas auszugeben, das man
+selber habe. Aber die Alte brachte ihn mit der Erklärung zum
+Schweigen, davon verstehe er nichts.
+
+Nachdem man noch einige weniger wichtige Anordnungen getroffen,
+verließ man den Viehhof und wanderte auf die Felder hinaus.
+
+Hier lagen ganze Strecken brach.
+
+– Ach, ach! sagte Carlsson mitleidig, als er den guten Boden auf so
+veraltete Art bewirtschaftet sah. Ach! wie kindisch! Kein Mensch hat
+mehr Brache, sondern Kleeweide! Wenn man jedes Jahr ernten kann, warum
+soll man es nur jedes zweite Jahr tun?
+
+Gustav meinte, jährliche Ernten saugten den Boden aus; der müsse auch
+ruhen wie der Mensch.
+
+Aber Carlsson gab eine ganz richtige, wenn auch etwas dunkle Erklärung
+ab, Kleesaat dünge den Boden, statt ihn auszusaugen; auch halte sie
+ihn von Unkraut frei.
+
+– Davon habe ich noch nie gehört, meinte Gustav. Saaten, die düngen!
+
+Er konnte Carlssons gelehrte Auseinandersetzung, daß Grasgewächse ihre
+meiste Nahrung »aus der Luft« holen, nicht verstehen.
+
+Darauf untersuchte man die Abzugsgräben; die standen voll Grundwasser,
+waren zugewachsen, konnten nicht ablaufen.
+
+Das Korn stand stellenweise, als habe man Hände voll ausgesäet, und
+das Unkraut wucherte zwischen den Schollen.
+
+Die Wiesen waren nicht geharkt; das Laub des Vorjahres bedeckte und
+erstickte das Gras, das zu einem einzigen Kuchen zusammengeklebt war.
+
+Die Feldzäune waren im Begriff umzufallen; Brücken
+fehlten; alles war so baufällig, wie die Alte es in dem Gespräch am
+Abend dargestellt hatte.
+
+Gustav aber wollte nichts von Carlssons tiefdringenden Untersuchungen
+wissen; er lehnte sie ab als etwas Unangenehmes, das man aus der
+Vergangenheit ausgrub. Er fürchtete die viele Arbeit, die winkte, und
+noch mehr, daß seine Mutter Geld herausrücken müsse.
+
+Als sie dann nach der Kälberweide gingen, blieb Gustav zurück; als sie
+in den Wald kamen, war er verschwunden. Die Alte rief nach ihm,
+erhielt aber keine Antwort.
+
+– Mag er gehen, meinte die Alte. So ist Gustav! Er ist immer etwas
+dumpf und träge; nur dann nicht, wenn er mit der Flinte auf die See
+hinaus kann. Aber daran müßt Ihr Euch nicht kehren, Carlsson, denn
+etwas Böses ist nicht in ihm. Sein Vater wollte etwas Besseres aus ihm
+machen; er sollte nicht als Knecht gehen, sondern konnte tun, was er
+wollte. Als er zwölf Jahre alt war, kriegte er sein eigenes Boot,
+natürlich auch eine Flinte. Seitdem war nichts mehr mit ihm zu wollen.
+Jetzt geht’s mit dem Fischen zurück; darum habe ich an den Acker
+denken müssen, der schließlich doch noch sicherer ist als die See. Es
+wäre auch gegangen, wenn Gustav nur verstanden hätte, die Leute
+anzuhalten; aber er muß sich immer so gemein mit den Burschen machen,
+und dann geht’s mit der Arbeit nicht vorwärts.
+
+– Das taugt allerdings nicht, die Leute zu verwöhnen, hakte Carlsson
+ein; und das muß ich Euch gleich sagen, Tante, hier unter vier Augen:
+soll ich so etwas wie Kustos sein, so muß ich in der Stube essen und
+allein in der Kammer schlafen; sonst haben die Leute keinen Respekt,
+und ich komme nicht vom Fleck.
+
+– In der Stube essen, Carlsson, versetzte besorgt die Alte, während
+sie über den Zauntritt stieg, wird wohl kaum gehen. Die Leute lassen
+sich’s nicht mehr gefallen, daß man anderswo ißt als mit ihnen in der
+Küche. Der alte Flod hat’s nicht einmal gewagt, und Gustav hat sich’s
+nie getraut. Und tut man’s, machen sie sofort Spektakel über das
+Essen; stellen sich auf die Hinterbeine. Nein, daraus kann nichts
+werden. Daß Ihr aber auf der Kammer schlaft, ist etwas anderes; das
+wollen wir mal sehen. Die Leute finden ja schon, es seien ihrer zu
+viel in der Küche; und Norman, denke ich, schläft lieber allein in
+seinem Bett als mit einem Andern zusammen.
+
+Carlsson hielt es für das Beste, sich mit halbgewonnenem Spiel zu
+begnügen, und steckte die andere Pfeife vorläufig in den Sack.
+
+Sie kamen jetzt in den Fichtenwald, wo zwischen einigen
+Geschiebeblöcken noch eine Schneewehe lag, die von Staub und
+herabgefallenen Nadeln beschmutzt war. Die Fichten schwitzten in der
+brennenden Aprilsonne schon Harz aus; zu ihren Füßen blühten weiße
+Osterblumen, und unter den Haselbüschen guckten Leberblümchen durch
+das durchbrochene Nervennetz des modernden Laubes. Aus dem Haarmoos
+stieg eine warme Feuchtigkeit; zwischen den Baumstämmen sah man das
+Flimmern über dem Wiesenzaun zittern; weiter fort blaute die von einer
+leichten Brise bewegte Meeresfläche; das Eichhörnchen kicherte oben im
+Gezweig und der Grünspecht hämmerte und schrie.
+
+Die Alte trippelte auf dem kahlen Fußpfad über Nadeln und Wurzeln.
+Carlsson, der hinter ihr ging, sah, wie sich ihre Schuhsohlen unter
+geschmeidigen Schritten bogen und unter dem Saum des Kleides
+verschwanden. Da erinnerte er sich daran, daß sie ihm gestern älter
+vorgekommen war.
+
+– Ihr seid aber flink auf den Beinen, Tante, fand sich Carlsson
+veranlaßt, seinen Frühlingsgefühlen Luft zu machen.
+
+– Ach, wie Ihr sprecht! Man könnte glauben, Ihr wollt mit einer alten
+Frau Euern Spaß treiben.
+
+– Nein, ich meine immer, was ich sage, versicherte Carlsson glaubhaft.
+Um mit Tante Schritt zu halten, gerate ich in Schweiß.
+
+– Wir wollen jedenfalls nicht weiter gehen, antwortete die Alte und
+blieb stehen, um zu verschnaufen. Hier könnt Ihr Euch den Wald
+ansehen, Carlsson; hierher bringen wir das Vieh im Sommer, wenn es
+nicht draußen auf den Werdern ist.
+
+Carlsson warf einen sachverständigen Blick auf den Wald; er fand, daß
+da viele Klafter Brennholz standen und gutes Balkenholz sich auf der
+Wurzel erhob.
+
+– Aber wie schlecht gepflegt! Da liegen noch Wipfel und Reisig in
+einem solchen Gerümpel zusammen, daß kein Mensch durchkommen kann!
+
+– Da seht Ihr selbst, Carlsson, wie es steht. Nun mögt Ihr walten und
+schalten, wie Ihr wollt! Ihr werdet schon Ordnung schaffen, dessen bin
+ich sicher! Nicht wahr, Carlsson?
+
+– Meine Arbeit werde ich schon leisten, wenn die andern nur ihre tun!
+Und dazu müßt Ihr mir helfen, Tante, knetete Carlsson seinen Teig. Er
+fühlte, es werde nicht so leicht sein, sich eine Stellung als Korporal
+zu schaffen, da die Gemeinen länger am Platze waren.
+
+Unter unausgesetztem Gespräch über die Art und Weise, wie Carlsson
+seine Oberhoheit einnehmen und bewahren könne, gingen sie zurück.
+Diese seine Oberhoheit sei die Hauptbedingung für das Aufblühen des
+Hofes, suchte Carlsson der Bäuerin einzureden.
+
+Jetzt sollte die Predigt gelesen werden, aber von den Männern ließ
+sich keiner sehen. Die beiden Schützen waren mit den Flinten in den
+Wald gegangen; Rundqvist verbarg sich wohl wie gewöhnlich auf einer
+sonnigen Höhe. So war es immer, wenn sie Gottes Wort hören sollten.
+
+Carlsson versicherte, man könne sich ohne Zuhörer behelfen; und wenn
+die Mädchen die Tür zur Küche öffneten, könnten sie auch ein Wort
+vernehmen, während die Töpfe kochten.
+
+Als die Alte ihre Unruhe äußerte, sie werde nicht lesen können, war
+Carlsson sofort bereit, die Sache zu übernehmen.
+
+– Ach! Ich habe in meiner früheren Stellung so manche Predigt gelesen;
+daran soll es nicht fehlen.
+
+Die Alte nahm den Kalender und schlug den Text des Tages auf, der
+heute, am zweiten Sonntag nach Ostern, vom guten Hirten handelte.
+
+Carlsson nahm Luthers Postille vom Brett und setzte sich auf einen
+Stuhl mitten ins Zimmer; da konnte er sich einbilden, von der Gemeinde
+gut gesehen zu werden. Darauf schlug er das Gesangbuch auf und begann
+mit hoher Stimme, über die Tonskala laufend, wie ers von den
+Reisepredigern gehört und selbst getan hatte, den Text vorzupredigen.
+
+– »Zu dieser Zeit sagte Jesus zu den Juden: Ich bin der gute Hirte:
+der _gute_ Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Ein Mietling aber, der
+_nicht_ Hirte ist, dem die Schafe _nicht_ gehören, sieht den Wolf kommen,
+verläßt die Schafe und flieht.«
+
+Ein seltsames Gefühl persönlicher Verantwortung bemächtigte sich des
+Vorlesers, als er die Worte »_Ich_ bin der gute Hirte« aussprach; er sah
+bedeutungsvoll zum Fenster hinaus, als suche er die beiden flüchtigen
+Mietlinge Rundqvist und Norman.
+
+Die Alte nickte traurig und nahm die Katze auf die Knie, als öffne sie
+dem verlorenen Schaf ihre Arme.
+
+Carlsson aber las mit vor Rührung zitternder Stimme, als habe er es
+selbst geschrieben, weiter.
+
+– »Aber der Mietling flieht – ja er flieht, schmückte er aus – denn
+er ist _Mietling_ (schrie er) und achtet der Schafe nicht.«
+
+– »_Ich_ bin der gute Hirte, und kenne meine Schafe, und meine Schafe
+kennen mich,« fuhr er aus dem Gedächtnis fort, da das ein Spruch aus
+dem Katechismus war.
+
+Darauf senkte er die Stimme, schlug die Augen nieder, als trauere er
+tief über die Bosheit der Menschen, und seufzte hervor, mit starker
+Betonung und Seitenblicken, nicht ohne verschmitzt verstehen zu geben,
+daß er mit Schmerz unbekannte Schelme angebe, ohne sie gerade
+anzuklagen:
+
+– »Ich habe auch _andere_ Schafe, die nicht aus _diesem_ Schafstall
+sind; die muß ich heranziehen; und sie _sollen_ meine Stimme hören!«
+
+Und mit einem verklärten Lächeln, prophetisch, hoffnungsvoll,
+zuversichtlich, flüsterte er:
+
+– »Und es soll _eine_ Herde und _ein_ Hirte sein.«
+
+– Und _ein_ Hirte! echote die Alte, die ihre Gedanken ganz wo anders
+hatte als Carlsson.
+
+Darauf griff er die Postille an; machte zuerst ein saures Gesicht,
+als er die Anzahl der Seiten überschlug und sah, daß es ein »langes
+Ding« war; faßte dann aber Mut und begann. Die Behandlung des Stoffes
+paßte nicht ganz zu seinen Absichten, sondern hielt sich mehr an die
+christlich symbolische Seite; darum war sein Interesse nicht so
+lebhaft wie beim Text. In rasendem Laufe eilte er durch die Spalten
+und steigerte die Geschwindigkeit, wenn er zum Umblättern kam, so, daß
+er mit dem angefeuchteten Daumen zwei Blätter auf ein Mal umschlug,
+ohne daß die Alte etwas merkte.
+
+Als er aber sah, das Ende war nahe, fürchtete er, gegen das Amen zu
+prallen; deshalb verlangsamte er die Schnelligkeit. Aber es war zu
+spät: beim letzten Umblättern hatte er zu dick auf den Daumen gespuckt
+und drei Blätter auf ein Mal genommen; nun traf er aufs Amen ganz oben
+auf der nächsten Seite, als stieße er mit dem Kopf gegen eine Wand.
+
+Die Alte wachte von dem Stoß auf und guckte schlaftrunken nach der
+Uhr.
+
+Carlsson wiederholte daher das Amen noch ein Mal, indem er es etwas
+ausschmückte:
+
+– »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und um
+unseres Erlösers willen.«
+
+Um den Schluß abzurunden und zu sühnen, was er verbrochen, betete er
+ein Vaterunser, so langsam und ergreifend, daß die Alte, die mitten in
+die Sonne gekommen war, noch ein Mal einnickte.
+
+Sie hatte Zeit sich zu ermuntern, während Carlsson, um alle
+unangenehmen Erklärungen abzuschneiden, den Kopf in der linken Hand
+verbarg, um ein leises Gebet zu sprechen, das nicht unterbrochen
+werden durfte.
+
+Die Alte fühlte sich auch schuldig und wollte nun ihre Aufmerksamkeit
+dadurch beweisen, daß sie in selbstgewählten Worten zeigte, was sie
+eingeheimst. Carlsson schnitt ihr aber das Wort ab, indem er bestimmt
+erklärte, nach dem Grundtext und den eigenen Worten des Erlösers
+handle es sich um nichts Geringeres: _eine_ Herde und _ein_ Hirte!
+_Einer_ ausschließlich, einer für alle, _einer_, _einer_, _einer_!
+
+In diesem Augenblick rief Clara laut zum Mittagessen. Aus der Tiefe
+des Waldes antworteten zwei fröhliche Hallohs, denen Flintenknalle
+folgten; und aus dem Schornstein der Schmiede stieg wie aus einem
+hungrigen Magen Rundqvists originelleres Puh!, das niemand verkennen
+konnte.
+
+Und bald sah man die verirrten Schafe mit leichten Schritten zum
+Kochtopf eilen. Die Alte empfing sie, indem sie ihnen ihr Ausbleiben
+vorwarf. Die Antwort aber blieb keines der Unschuldigen ihr schuldig;
+sie beteuerten, sie hätten niemand rufen hören, sonst wären sie
+_sofort_ gekommen.
+
+Carlsson verhielt sich würdig, wie es sich beim Mittagstisch am
+Sonntag ziemte. Rundqvist aber sprach in dunklen Worten von den höchst
+»merkwürdigen« Fortschritten der Landwirtschaft. Carlsson ersah
+daraus, daß er von der Opposition bereits eingeweiht und gewonnen war.
+
+Nach dem Essen, das aus einem in Milch mit Pfeffer gekochten Eiderpaar
+bestand, zogen sich alle Mannsleute zurück, um zu schlafen; Carlsson
+aber nahm sein Gesangbuch aus dem Kasten und setzte sich draußen auf
+die Höhe, wo er einen trockenen Stein fand. Den Fenstern der Hütte
+drehte er den Rücken, um etwas einnicken zu können.
+
+Die Alte fand das vielversprechend, da der Sonntagnachmittag sonst
+gewöhnlich verloren ging.
+
+Als Carlsson glaubte, es sei genug Zeit verflossen, um die Andacht
+wahrscheinlich zu machen, stand er auf, ging, ohne anzuklopfen, in die
+Stube und rückte mit dem Wunsch heraus, die Kammer zu sehen.
+
+Die Alte wollte die Sache verschieben und schützte Reinmachen vor;
+Carlsson aber bestand darauf. So wurde er denn auf den Boden geführt.
+
+Da war wirklich unter dem Dachstuhl ein viereckiger Kasten eingebaut;
+auf dem Giebel öffnete er sich mit einem Fenster, das jetzt von einer
+blaugestreiften Rollgardine verhängt war. Die Kammer enthielt ein Bett
+und einen kleinen Tisch, der vorm Fenster stand und eine Wasserkaraffe
+trug. An den Wänden hing etwas, das durch die weißen, verhüllenden
+Laken wie Kleider aussah und sich, wenn man näher ging, auch als
+Kleider erwies: hier guckte ein Rockkragen mit seinem Anhänger hervor,
+dort schlenkerte ein Hosenbein heraus. Darunter stand ein ganzes Heer
+von Schuhen, Männer- und Frauenstiefeln durch einander. Hinter der Tür
+befand sich ein gewaltiger mit Eisen beschlagener Kasten, der ein
+Schlüsselschild aus getriebenem Kupfer trug.
+
+Carlsson zog die Rollgardine auf und öffnete das Fenster, um die mit
+Feuchtigkeit, Kampfer, Pfeffer, Wermut vermengte Luft herauszulassen.
+Dann legte er die Mütze auf den Tisch und erklärte, hier werde er gut
+schlafen. Als die Alte ihre Befürchtungen aussprach, die Kälte werde
+ihm unangenehm sein, bekannte er, er sei es gewohnt, kalt zu liegen;
+das sei ein Vorteil, den er in der warmen Küche unmöglich haben könne.
+
+Der Alten ging es etwas zu schnell; sie wollte erst die Kleider
+fortnehmen, damit sie nicht im Tabaksrauch hingen. Carlsson versprach
+sofort, er werde nicht rauchen; bat und beschwor sie, die Kleider
+hängen zu lassen. Er wolle sie nicht einmal ansehen; Tante solle sich
+nicht die Mühe machen, seinetwegen umzukramen. Er werde abends ins
+Bett kriechen und morgens selbst sein Waschwasser ausgießen und sein
+Bett machen. Niemand brauche hineinzugucken. Er verstehe wohl, Tante
+sei um ihre Habseligkeiten besorgt, und hier gebe es ja mehr als genug
+davon.
+
+Als er die Alte mit seinem Mundwerk herumgekriegt hatte, ging
+Carlsson hinunter, holte Kasten und Branntweinkrug herauf, hing seine
+Jacke an einen Nagel am Fenster, stellte seine Wasserstiefel neben die
+anderen Schuhe.
+
+Darauf bat er um eine Unterredung, bei der Gustav zugegen sein müsse,
+denn jetzt solle die Arbeit verteilt werden, damit morgen jeder auf
+seinem Posten sei.
+
+Nach vieler Mühe wurde Gustav gefunden und veranlaßt, eine Weile in
+die Stube zu kommen; an den Verhandlungen aber nahm er nicht teil, auf
+Fragen antwortete er nur mit Einwendungen, warf Schwierigkeiten auf;
+kurz, stellte sich auf die Hinterbeine.
+
+Carlsson versuchte ihn durch Schmeichelei zu gewinnen, ihn durch
+Sachkenntnis zu erdrücken, ihm Achtung vor der Überlegenheit des
+Älteren beizubringen; das war aber nur Wasser aufs Feuer.
+
+Schließlich wurden alle Teile müde und Gustav war verschwunden, ehe
+man sich’s versah.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne versank in Nebel, die
+bald stiegen und den Himmel mit kleinen Federwolken bedeckten; die
+Luft aber blieb warm.
+
+Carlsson spazierte aufs Ungefähr die Wiese hinunter und kam in den
+Ochsenhag; wanderte weiter unter den blühenden, noch halb
+durchsichtigen Haselbüschen, die gewissermaßen einen Tunnel über den
+»Drog« bildeten; dieser »Drog« führte zum Seeufer hinunter, wo das
+Brennholz von der Jacht des Aufkäufers geholt zu werden pflegte.
+
+Plötzlich blieb er stehen: durch die Wachholdersträucher bekam er
+Gustav und Norman zu Gesicht; sie waren auf dem Felsenhügel einer
+Lichtung aufgestellt, die sich hier öffnete; hatten die Flinten
+angelegt, die Hähne gespannt und guckten sich nach allen Seiten um.
+
+– Still, jetzt kommt er! flüsterte Gustav, doch so laut, daß es
+Carlsson hörte.
+
+Im Glauben, er sei gemeint, verbarg sich Carlsson in den Büschen.
+
+Aber über die jungen Fichten kam ein Vogel geflogen, langsam und träg
+wie eine Eule, mit schlaffen Flügeln, und gleich darauf kam noch
+einer.
+
+– Quarr-Quarr-Murr-Murr-Pfip! klang es in der Luft, und dann paff!
+paff! aus beiden Flinten, aus denen Hagel und Rauch wie ein Besen
+herausfuhren.
+
+Es knisterte in den Zweigen einer Birke, und eine Schnepfe fiel einen
+Steinwurf von Carlsson nieder.
+
+Die Schützen liefen hin und holten die Beute; die veranlaßte sie zu
+einem kleinen Meinungsaustausch.
+
+– Der hat seinen Teil, sagte Norman und kräuselte die Brustfedern des
+noch warmen Vogels.
+
+– Ich weiß noch einen, der seinen Teil haben müßte! meinte Gustav, der
+trotz dem Jagdfieber noch von Nebengedanken geritten wurde. So ein
+Kerl, will jetzt auch auf der Kammer liegen!
+
+– Nein, wirklich? witterte Norman.
+
+– Ja, und dann will er Ordnung in den Hof bringen! Als wüßten wir
+nicht besser als er, was Ordnung ist. Aber so ist’s: neue Besen kehren
+gut, so lange sie neu sind; doch laßt mir nur Zeit, ich werde es ihm
+schon zeigen!
+
+– Und dann, sagte er nicht, die Kleesaat hole ihre Nahrung aus der
+Luft, was?
+
+– Ja, aus der Luft; aus meinem Dreck holt sie die Nahrung!
+
+Und die beiden Sachverständigen lachten, während Carlsson hinter dem
+Busche mit den Zähnen knirschte.
+
+– Ja, er soll mir nur kommen, beteuerte Gustav, so einem Freischärler
+weiche ich nicht! Er soll mir nur kommen, hart wird er liegen! –
+Still, da streicht die andere zurück.
+
+Die Schützen hatten neu geladen und liefen wieder auf ihren Anstand.
+Carlsson aber schlich sich behutsam nach Hause, entschlossen, zum
+Angriff überzugehen, sobald er genügend gerüstet war.
+
+Als er am Abend auf die Kammer kam, die Rollgardine herabließ und das
+Licht ansteckte, fühlte er sich zuerst etwas beklommen, weil er allein
+war. Eine gewisse Furcht vor denen, von welchen er sich abgesondert
+hatte, überfiel ihn. Bisher war er immer gewohnt gewesen, sich zu
+allen Tageszeiten in Gesellschaft zu fühlen; immer bereit,
+angesprochen zu werden; nie um einen Zuhörer verlegen, wenn er
+plaudern wollte. Jetzt war es still um ihn, so still, daß er aus
+Gewohnheit erwartete, angesprochen zu werden; Stimmen zu hören
+glaubte, wo keine waren. Und sein Kopf, der sich bisher aller Gedanken
+im gesprochenen Wort entledigte, füllte sich mit einem Überschuß von
+unverbrauchtem Gedankensamen, der keimte und sprengte, um in irgend
+einer Form herauszukommen; der solche Unlust im Körper verursachte,
+daß die Ruhe des Schlafes sich nicht einfinden konnte.
+
+Er wanderte also auf bloßen Strümpfen auf und ab, in der engen Kammer
+zwischen Fenster und Tür; richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die
+bevorstehende Arbeit des morgenden Tages. Er ordnete die
+Beschäftigungen im Kopf und verteilte sie; begegnete im voraus
+Einwendungen, überwand Hindernisse.
+
+Nachdem er eine Stunde so gearbeitet, hatte er Ruhe im Kopf; der war
+jetzt geordnet und liniiert wie ein Kontobuch; alle Posten waren an
+ihrer Stelle eingetragen und zusammengezählt: in einem Augenblick
+konnte man die Stellung übersehen.
+
+Darauf ging er zu Bett. Als er sich allein zwischen den reinen,
+frischen Laken befand, ohne fürchten zu müssen, daß jemand ihn im
+Laufe der Nacht stören werde, fühlte er sich erst Herr seiner eigenen
+Person; einem Ableger gleich, der nun eigene Wurzeln angesetzt und vom
+Mutterstrauch abgeschnitten werden konnte, um sein Leben für sich zu
+leben, in eigenem Kampf, mit größerer Arbeit, aber auch mit größerer
+Lust.
+
+So schlief er ein, um dem Montagsmorgen und der Arbeitswoche des
+Lebens zu begegnen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, wird
+ Herr auf dem Hof, duckt die jungen Hähne und tritt
+ seine Hühner selbst
+
+
+Der Blei laichte, der Wachholder knospete, der Faulbeerbaum blühte und
+Carlsson säete Frühlingssaat in die erfrorene Herbstsaat, schlachtete
+sechs Kühe, kaufte trockenes Stallheu für die andern, damit die wieder
+auf die Beine kommen und in den Wald gelassen werden konnten. Er
+rüstete und er ordnete, er arbeitete selbst für zwei: er hatte eine
+Fähigkeit, die Leute in Bewegung zu setzen, die allem Widerstand
+trotzte.
+
+Auf einer Fabrik in Wärmland geboren, von ziemlich unbestimmten Eltern
+stammend, zeigte er schon früh eine entschiedene Unlust zu
+körperlicher Arbeit, entwickelte dagegen ein unglaubliches
+Erfindungsvermögen, sich dieser unangenehmen Folge des »Sündenfalls«
+zu entziehen. Darin hatte er ja Recht, zumal die Gedankenarbeit sowohl
+nützlicher, ehrenvoller, bequemer ist, wie sich mehr lohnt.
+
+Zugleich von einem Verlangen getrieben, alle Seiten menschlicher
+Tätigkeit kennen zu lernen, blieb er nicht unnötig lange auf einer
+Stelle sitzen. Sobald er gelernt, was er wollte, suchte er einen neuen
+Wirkungskreis. Auf diese Weise war er vom Schmiedehandwerk zur
+Landwirtschaft übergegangen, hatte sich im Stalldienst versucht, beim
+Kaufmann gehandelt, war Gärtnerbursche, Bahnarbeiter, Ziegelstreicher
+und schließlich Reiseprediger gewesen!
+
+Durch diese Wandlungen war sein Wesen geschmeidig geworden, hatte er
+die Fähigkeit erworben, sich in alle Verhältnisse und alle möglichen
+Menschen zu schicken; ihre Absichten zu verstehen, ihre Gedanken zu
+lesen, ihre geheimen Wünsche zu erraten. Er war mit einem Wort eine
+Kraft, die ihre Umgebung überragte. Seine mannigfachen Kenntnisse
+machten ihn fähiger, ein Ganzes zu leiten und zu ordnen; er wollte
+sich nicht als ein Rad dem Wagen einfügen, sondern sich von dem Wagen
+tragen lassen.
+
+Durch einen Zufall in seine neue Stellung geworfen, sah er sofort ein:
+hier konnte er von Nutzen sein, hier vermochte er mit seinen
+Fähigkeiten das jetzt Wertlose zum Ertrag zu bringen, hier werde er
+deshalb bald geschätzt werden und schließlich unentbehrlich sein. Er
+hatte jetzt ein festes Ziel für sein Streben vor sich; und daß die
+Belohnung in einer verbesserten Lebensstellung auf ihn warte, hatte er
+hinter sich als sichere Hoffnung und treibende Kraft. Er arbeitete für
+die Anderen, sichtlich und unleugbar; aber zugleich schmiedete er sein
+eigenes Glück. Und wußte er’s so anzustellen, daß es aussah, als
+widmete er Zeit und Kraft fremdem Vorteil, so zeigte er damit, daß er
+klüger als mancher war, der es gern ebenso gemacht hätte, es aber
+nicht konnte.
+
+Das größte Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, war der Sohn.
+Bei dem bestimmten Geschmack des Fischers und Jägers für das
+Ungewisse, für Überraschungen, hatte der einen entschiedenen
+Widerwillen für alles Geordnete, alles Sichere. Ackert man, meinte
+der, so kriegt man allerhöchstens so viel, wie man berechnet hat;
+niemals mehr, oft aber viel weniger. Setzt man dagegen Netze, so
+kriegt man das eine Mal nichts, aber das nächste Mal das Siebenfache
+von dem, was man erwartet. Fuhr man aus, um Aale zu fangen, geschah es
+zuweilen, daß man einen Seehund schoß; lag man einen halben Tag in den
+Schären, um auf Jägergänse zu lauern, konnte es vorkommen, daß einem
+Eider vor den Flintenlauf kamen. Immer war es etwas, und oft etwas
+anderes, als man erwartet hatte.
+
+Übrigens galt die Jagd noch, nachdem sie als Vorrecht von den oberen
+Klassen zu den unteren gekommen war, für vornehmer und protziger, als
+hinter Pflug oder Dungwagen herzugehen. Das war den Leuten so in
+Fleisch und Blut übergegangen, daß man keinen Knecht dazu bringen
+konnte, mit einem Paar Ochsen zu fahren; wohl auch weil der Ochse
+beschnitten, »verändert«, war; vor allem aber, weil das Pferd von
+Alters her in abergläubischem Ansehen stand.
+
+Ein zweiter Stein auf dem Wege war Rundqvist. Eigentlich war es ein
+alter Schelm, der auf seine Art das irdische Paradies wieder zu
+gewinnen suchte, ein Paradies ohne schwere Arbeit und mit langen
+Mittagsschläfchen und vielen Schnäpsen, indem er Kenntnis von
+verborgenen Dingen vorspiegelte; indem er allen Ernst, besonders die
+grobe Arbeit, fortscherzte; indem er, im Notfall, durch Vortäuschung
+geistiger Schwäche und körperlicher Übel Mitleid zu erwecken wußte,
+besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kaffee mit Branntwein oder
+einem halben Pfund Schnupftabak äußerte. Er verstand Schafe und Ferkel
+zu verschneiden; glaubte mit der Wünschelrute Quellen zu finden;
+behauptete, den Barsch ins Netz locken zu können; heilte allerlei
+leichte Übel bei Andern, behielt aber seine eigenen; sagte bei Neumond
+schönes Wetter voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte;
+opferte fremdes Geld unter einem großen Stein am Strande, wenn der
+Strömling kommen sollte.
+
+Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er behauptete:
+Täschelkraut aufs Feld des Nachbars bringen, die Kühe gelt machen,
+Hexenschüsse austeilen und dergleichen. All das umgab seine Person mit
+einer gewissen Furcht, so daß man ihn gern zum Freund haben wollte.
+
+Seine Verdienste, denn die besaß er auch und ihretwegen war er
+unentbehrlich, bestanden darin, daß er schmieden und tischlern konnte.
+Aber seine unglaubliche Fähigkeit, alles zu machen, was auffiel, erhob
+ihn zu einem gefährlichen Nebenbuhler; denn was Carlsson unter dem
+Stalldach oder draußen auf dem Felde tat, fiel nicht so sehr auf.
+
+Blieb Norman, ein tüchtiger Arbeiter; der mußte Gustavs mächtigem
+Einfluß entrissen und der regelmäßigen Feldarbeit wieder gewonnen
+werden.
+
+Carlsson hatte also ein gehöriges Stück Arbeit zu leisten und außerdem
+nicht geringe diplomatische Schlauheit zu entwickeln, um
+durchzudringen; da er aber der klügste war, siegte er.
+
+Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf; den ließ er laufen,
+nachdem er dessen Bundesgenossen Norman durch allerlei Vorteile von
+ihm fortgelockt hatte. Das war nicht so schwer, denn Gustav war, offen
+gesagt, etwas geizig und behandelte Norman auf den Jagden meist als
+Ruderer, der nie den ersten Schuß tun durfte; kriegte er wirklich
+einen Schnaps, nahm Gustav heimlich deren drei. So brachten die
+Vorteile, die Carlsson dem Norman auswirkte, höherer Lohn, neue
+Strümpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen bald zum Abfall;
+zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach als Gustavs sinkende.
+
+Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des Sohnes herabgesetzt,
+denn allein umher zu fahren, war kein Vergnügen. Infolge dieses
+Mangels an Gesellschaft schloß sich Gustav den Andern bei der Arbeit
+an.
+
+Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer; dieser Fisch war sowohl
+häßlich wie alt; aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den
+Fischkasten.
+
+Statt Geldstücke zu opfern, ließ Carlsson die Netze ausbessern und
+neue Leinen in alle Schleppzüge ziehen; und siehe da, der Strömling
+blieb besser hängen als früher. Statt mit der auf einem andern Baum
+gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, ließ Carlsson den
+alten Brunnen füttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte
+einen Pumpenstock hinein; damit war die Mistel auf den Kehrichthaufen
+geworfen. Statt die Kühe zu besprechen und Feuer über sie zu schlagen,
+ließ er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist
+Hufnägel schmieden, zog Carlsson Haken; konnte Rundqvist einen Rechen
+schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze.
+
+Als Rundqvist sich aus allen seinen Maulwurfslöchern verjagt sah,
+griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums
+Haus aufzuräumen; schaffte weg, was man den Winter über aus
+Nachlässigkeit oder infolge der Dunkelheit auf den Hof hatte »fallen«
+lassen; machte Hühnern und Katze den Hof; setzte eine neue Klinke an
+die Tür.
+
+– Nein, wie nett Rundqvist geworden ist! Hat uns eine neue Klinke an
+die alte Tür gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will.
+
+So hörte Carlsson die Mägde in der Küche sprechen.
+
+Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der
+Herd weiß gestrichen; eines andern Morgens waren die Wassereimer grün
+angemalt, mit schwarzen Rändern und weißen Herzen; wieder eines andern
+Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer
+aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feinde gelernt, die Großmacht der
+Küche zu gewinnen; mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich
+geworden.
+
+Rundqvist war jedoch zäh und hinterlistig; in einer Sonnabendnacht
+strich er den Abtritt grell rot.
+
+Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel
+Branntwein, und in der Dreifaltigkeitsnacht hörte die Alte, wie es um
+die Wände des Hauses tuschelte und raschelte; da sie aber zu
+verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, daß die ganze
+»Stuga« rot gestrichen war und weiße Fensterpfosten und weiße
+Dachrinnen hatte!
+
+Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen für sein Alter gar zu
+anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt über
+seinen köstlichen Geschmack, die Verschönerungen mit dem Abtritt zu
+beginnen. Norman, als echter Abtrünniger, machte einen Witz über ihn,
+der lange im Schwange blieb:
+
+– Man muß am rechten Ende anfangen, sagte Rundqvist und strich zuerst
+den Abtritt an.
+
+Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal
+neue Schliche zu versuchen oder einen vorteilhaften Frieden zu
+schließen.
+
+Gustav ließ sie gewähren; er sah zu und fand gut, was geschah.
+
+– Pflügt ihr nur, dachte er; ich werde schon kommen und einheimsen.
+
+ * * * * *
+
+Bisher hatte Carlssons Tätigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es
+zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das für den Verkauf
+der Kühe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretär
+gelegen, nachdem es bei der Aufzählung einen ausgezeichneten Eindruck
+gemacht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere
+des Vermissens zurückgelassen.
+
+Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu bestellen gehabt und
+wenig Zeit zu Spaziergängen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging
+er aber die Höhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die große
+Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verödet
+dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tür offen. Er
+trat in den Flur und entdeckte eine Küche; ging weiter und kam in ein
+großes Zimmer, das wirklich herrenmäßig aussah: weiße Gardinen,
+Himmelbett mit Messingbeschlägen, ein Spiegel mit geschnitztem und
+vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas – das war fein, das wußte
+er! – Sofa, Sekretär, Kachelofen; alles genau wie auf einem Herrenhof.
+Auf der andern Seite des Flurs war ein ebenso großes Zimmer mit Kamin,
+Eßtisch, Sofas, Wanduhr ...
+
+Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber begann er die Besitzer,
+die so wenig Unternehmungsgeist besaßen, zu bemitleiden und zu
+verachten; besonders als er sah, daß das Haus noch zwei Kammern mit
+mehreren gemachten Betten hatte.
+
+– Oh, oh, oh, dachte er laut; so viel Betten und keine Badegäste.
+
+Von dem Gedanken an die künftige Einnahme berauscht, ging er sofort
+zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga
+nicht an Sommergäste zu vermieten.
+
+– Ach was, wir finden niemand, der hier wohnen will! wehrte sich die
+Alte.
+
+– Wie wißt Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der
+Zeitung angezeigt?
+
+– Das heißt nur Geld in die See werfen! meinte Frau Flod.
+
+– Man wirft auch Netze in die See, antwortete Carlsson. Und das muß
+man tun, wenn man was erhalten will.
+
+– Versuchen kann man’s ja; aber Badegäste kriegen wir nicht, schloß
+die Alte, die nicht mehr an die Erfüllung von Wünschen glaubte.
+
+Acht Tage später kam ein feiner Herr über die Wiese und sah sich um.
+Er kam näher. Als er auf den Hof trat, wurde er allein von dem Hunde
+empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus
+Schüchternheit oder Feingefühl, in Küche und Stube verborgen hielten,
+nachdem sie vorher in einem Knäuel draußen gestanden und nach dem
+Besuch gegafft hatten. Erst als der Herr in die Tür trat, kam Carlsson
+als der Mutigste ihm entgegen.
+
+Der Kömmling hatte eine Anzeige gelesen.
+
+– Jaja, das ist hier!
+
+Carlsson führte ihn nach der Großstuga hinauf.
+
+Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle
+Verbesserungen, wenn der Herr sich sofort entscheide; denn der
+Bewerber seien viele und die Jahreszeit sei vorgeschritten.
+
+Der Fremde schien von der schönen Lage des Hauses gefesselt zu werden
+und beeilte sich, abzuschließen.
+
+Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Verhältnissen,
+wirtschaftlichen sowohl wie familiären, erkundigt hatten, entfernte
+der Fremde sich wieder.
+
+Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtür. Dann stürzte er in die Hütte
+zurück und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn
+Kronen und einen zu fünf auf den Tisch.
+
+– Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzunehmen, murrte
+die Alte.
+
+Gustav aber war zufrieden; zum ersten Male sprach er Carlsson seine
+Anerkennung aus, als dieser erzählte, wie er durch den Hinweis auf
+viele Bewerber den Herrn gedrängt habe.
+
+Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf für Carlsson. Nach diesem
+Stückchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Geschäftssachen zu gute
+gekommen war, sprach er in einem höheren Tone.
+
+Es sei nicht nur das bare Geld für die Miete, das ihnen in den Schoß
+gefallen; es werde auch indirekte Einkünfte regnen.
+
+Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zuhörern in raschen
+Zügen aus.
+
+Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung brauche man
+nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechen von den Fahrten nach dem
+Badeort Dalarö, für die man jedes Mal eine Krone nehmen könne. Und
+dann könnte man ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gemüse
+absetzen. Oh, da sei etwas zu machen! Und es sei ein feiner Mann!
+
+Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische an. Es waren Mann
+und Frau, eine Tochter von sechzehn und ein Sohn von sechs Jahren,
+dazu zwei Dienstmädchen.
+
+Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verhältnissen, war
+ein Mann des Friedens, stand am Eingang der Vierziger. Er war von
+deutscher Geburt und konnte die Inselbauern nicht gut verstehen; darum
+beschränkte er sich darauf, zu allem, was sie sagten, beifällig zu
+nicken und »schön« zu sagen; so kam er rasch in den Ruf, ein sehr
+netter Herr zu sein.
+
+Die Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus und ihre Kinder
+pflegte und sich durch ihr würdiges Benehmen bei den Mägden in Respekt
+zu setzen wußte, ohne zu wettern oder zu bestechen.
+
+Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Schüchterne und am
+meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu hatte er ja auch ein
+Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besaß niemand von den andern
+weder die unternehmende Lust noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz
+streitig zu machen.
+
+ * * * * *
+
+Die Ankunft der Städter unterließ nicht, ihren Einfluß auf Sinne und
+Sitten der Inselbauern auszuüben. Täglich Menschen vor sich zu sehen,
+die festtäglich gekleidet waren, jeden Tag zum Sonntag machten, ohne
+Ziel spazieren gingen und ruderten, badeten und musizierten; sich die
+Zeit vertrieben, als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt –
+das erregte anfangs keinen Neid sondern nur Erstaunen; Erstaunen
+darüber, daß das Leben sich so gestalten könne; Erstaunen über
+Menschen, die ihr Dasein so angenehm und ruhig, so rein und fein vor
+allem einzurichten vermochten, ohne daß man sagen konnte, sie hätten
+Andern Unrecht getan oder Arme geplündert.
+
+Ohne sich dessen bewußt zu werden, fingen die Inselbauern an, sich
+stillen Träumen hinzugeben; verstohlene Blicke nach der Großstuga zu
+werfen. Sahen sie ein helles Sommerkleid auf der Wiese aufleuchten,
+blieben sie stehen und weideten sich an dem Anblick wie an etwas sehr
+Schönem. Gewahrten sie einen weißen Schleier um einen italienischen
+Strohhut, ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem Boot
+auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden sie still und
+andächtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, das sie nicht zu
+hoffen wagten, zu dem sie sich aber hingezogen fühlten.
+
+Gespräch und Lärm unten in der Küche und der alten Stuga nahmen eine
+stillere Art an. Carlsson erschien beständig in reinem, weißem Hemd,
+hatte auch wochentags eine blaue Tuchmütze auf und nahm allmählich das
+Aussehen eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche
+oder hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre.
+
+Gustav zog sich dagegen zurück, hielt sich so abseits wie möglich, um
+nicht zu Vergleichen Anlaß zu geben; sprach bitter von Städtern im
+allgemeinen; mußte sich und andere öfters als früher an das Geld auf
+der Bank erinnern; machte weite Bogen, um an der Großstuga
+vorbeizukommen und den hellen Kleidern auszuweichen.
+
+Rundqvist ging mit finsterm Gesicht umher, hielt sich meist in der
+Schmiede auf und erklärte, er frage den Teufel nach der ganzen Welt,
+und sei es die Königinwitwe selber.
+
+Norman dagegen holte seine Soldatenmütze hervor, schnallte den
+Hungerriemen über das Wams und schlug Haken um den Brunnen, wohin die
+Mägde der Herrschaft morgens und abends zu kommen pflegten.
+
+Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen bald alle
+Mannsleute feige abfallen, um zu den Mägden der Herrschaft
+überzugehen, die sich auf Briefen Fräulein nennen ließen und im Hut
+nach Dalarö, dem Badeort, fuhren. Clara und Lotte mußten barfuß gehen;
+im Viehstall war es so schmutzig, daß sie ihre Stiefel bald verdorben
+hätten; und in der Küche war es zu heiß, um beschuht zu sein. Sie
+trugen dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine weiße Passe
+erlauben, infolge von Schweiß, Ruß, Spreu. Clara machte einen Versuch
+mit Manschetten, kam aber übel an; sie wurde sofort entlarvt, und man
+lachte lange über sie, daß sie sich in Wettstreit eingelassen. Doch am
+Sonntag hielten Clara und Lotte sich schadlos; da legten sie einen
+Eifer für den Kirchgang an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht
+gesehen; nur um ihre besten Kleider anziehen zu können.
+
+Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu schaffen; blieb
+stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort saß; fragte nach dem
+Befinden; sagte schönes Wetter voraus; schlug Ausflüge vor; gab
+Ratschläge über die Seefischerei. Dann und wann bekam er ein Glas Bier
+oder einen Kognak. Die Anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er
+schmarotze.
+
+Am Sonnabend, wenn die Köchin der Herrschaft nach dem Badeort Dalarö
+fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch, wer sie rudern
+solle. Carlsson entschied die Sache ganz einfach zu seinen Gunsten,
+denn das kleine, schwarze, weißhäutige Mädchen hatte es ihm angetan.
+Als die Alte ihm Vorstellungen machte, der erste und wichtigste Mann
+auf dem Hofe dürfe sich nicht mit solchen kleinen Dingen befassen,
+antwortete Carlsson, der Professor habe ihn eigens gebeten, weil
+wichtige Briefe zur Post müßten. Gustav verriet wider Willen, daß auch
+ihm daran gelegen sei, den Boten zu machen, indem er vorschlug, die
+Briefe sollten ihm anvertraut werden.
+
+Carlsson aber erklärte bestimmt, er könne unmöglich zugeben, daß der
+Hausherr Knechtesdienste verrichte; das gebe den Leuten nur Stoff zum
+Klatschen. Und dabei blieb es.
+
+Den Dalaröboten zu machen, hatte seine Vorteile, die der findige
+Knecht im voraus aufgespürt. Zuerst war man allein mit einem Mädchen
+auf See und konnte ungestört mit ihr schwatzen und schäkern. Dann
+folgten Bewirtung und Trinkgelder. Und im Badeorte konnte er sich alle
+Kaufleute verpflichten, indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das
+brachte immer einen Händedruck ein, einen Schnaps hier, eine Zigarre
+dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen auf den, der Aufträge
+vom Professor zu besorgen hatte, am Wochentag fein gekleidet war und
+sich in Gesellschaft eines Fräuleins aus Stockholm befand.
+
+Die Fahrten nach Dalarö fanden jedoch nur ein Mal in der Woche statt
+und hatten keinen störenden Einfluß auf den regelmäßigen Gang der
+Arbeit. Carlsson war nämlich so pfiffig, die Tage, an denen er fort
+war, den Burschen die Arbeit in Akkord zu geben: sie mußten so und so
+viele Klafter entwässern, so und so viele Äcker pflügen, so und so
+viele Bäume fällen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit
+Vergnügen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon zur
+Vesperzeit fertig sein.
+
+Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen und die
+geleistete geprüft werden mußte, kam der Bleistift und das jetzt
+eingeführte Notizbuch zu Ehren. Carlsson gewöhnte sich daran, als
+Verwalter aufzutreten und allmählich die Arbeit auf andere Schultern
+gleiten zu lassen.
+
+Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem eigenen
+Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war längst eingeführt; auf den
+Tisch am Fenster hatte er ein grünes Taschentintenfaß, Federhalter,
+Bleifeder, einige Bogen Postpapier aufgetischt und mit Leuchter und
+Streichholzgestell geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das
+Fenster ging nach der Großstuga; daran saß er in seinen
+Erholungsstunden und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch
+konnte er hier zeigen, daß er zu schreiben verstand.
+
+Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs Fensterbrett
+und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel, den er aus der
+Westentasche hervorsuchte. Oder er las ein Wochenblatt. Von unten sah
+das so aus, als sei er der Hausherr selbst.
+
+Wenn es aber dämmerig wurde und er Licht ansteckte, legte er sich
+aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Träume, Pläne vielmehr; die
+bauten sich auf Umstände auf, die zwar noch nicht eingetreten waren,
+aber durch eine kleine Änderung sich vielleicht einstellen konnten.
+
+Als er eines Abends so auf dem Rücken lag und »Schwarzen Anker«
+qualmte, um die Mücken zu betäuben, während seine Augen sich auf das
+weiße Laken hefteten, das die Kleider bedeckte, ließ dieses plötzlich
+los und fiel zu Boden. Wie den Schatten einer Reihe Soldaten sah er
+die ganze Garderobe des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen;
+gegen das Fenster und zurück zur Tür, je nachdem das Licht im Zuge
+flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all den Gestalten zu sehen,
+welche die Kleider auf die karrierte Tapete zeichneten. Da kam er in
+Joppe aus blauer Boi und in grauen Tuchhosen, in denen Knie waren, da
+er mit denen im Trebel am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach
+der Stadt segelte, um dann in der »Messingstange« mit dem Fischkäufer
+Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Gehrock und langen,
+flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn Beichte war; so war er
+auf Hochzeit, Begräbnis, Kindstaufe gekleidet. Dort hing die schwarze
+Jacke aus Schaffell; die hatte er an, wenn er im Herbst und Frühling
+am Strande stand und Zugnetze zog. Dort brüstete sich der große
+Seehundpelz, der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der
+Reisegurt, mit grünem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte sich
+wie die große Seeschlange bis auf den Boden und steckte den Kopf in
+einen Stiefelschaft.
+
+Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in den schönen,
+seidenweichen Pelz hineindachte; sich vorstellte, wie er auf einem
+Schlitten übers Eis schoß, eine Kappe aus Seehundsfell auf dem Kopf;
+wie die Nachbarn den Weihnachtsgast am Strande mit Feuern und
+Büchsenschüssen empfingen; wie er in der warmen Stube den Pelz auszog,
+um dann im schwarzen Tuchrock dazustehen; wie der Pastor ihn mit du
+begrüßte und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches sitzen
+durfte, während die Knechte an der Tür standen oder sich aufs
+Fensterbrett geschwungen hatten.
+
+Die Vorstellungen von den erwünschten Seligkeiten wurden so lebhaft,
+daß sie Carlsson auf die Beine brachten; ehe er sich dessen bewußt
+wurde, war er in den Pelz geschlüpft und strich mit der Hand über die
+Pulswärmer; als kose er die Brüste eines Weibes, so weich und fein war
+das Fell; und es schauerte ihn, als der Kragen seine Backe kitzelte.
+
+Dann zog er den schwarzen Gehrock an und knöpfte ihn zu; stellte
+seinen Rasierspiegel auf den Stuhl und sah nach, wie der Rock im
+Rücken saß; steckte die Hand unter den Aufschlag und ging im Zimmer
+auf und ab. Ein Gefühl von Reichtum verbreitete sich von dem
+seidenweichen Tuch; etwas Geräumiges, etwas Rundliches, als er zur
+Probe den Schoß spaltete und sich auf den Bettrand setzte; so tuend,
+als sei er auf Besuch.
+
+Während er so ganz in berauschenden Träumen versunken war, hörte er
+von draußen Stimmen, die plauderten; als er aufhorchte, merkte er, wie
+sich Idas (das war die hübsche Köchin) und Normans Stimmen
+verflochten, zusammenfielen, Seite an Seite gingen, sich gleichsam
+schnäbelten. Das gab ihm einen Stich; mit einem Griff hatte er Gehrock
+und Pelz unter die Kleider hinter das Laken gehängt; bewaffnete sich
+mit einer neuen Zigarre und ging die Treppe hinunter.
+
+ * * * * *
+
+Mit ernsten Zukunftsplänen beschäftigt, hatte Carlsson bisher alle
+Händel mit Mädchen vermieden. Erstens wußte er, wieviel Zeit dabei
+verloren geht; dann fühlte er, im selben Augenblick, in dem er das
+Feuer nach dieser Seite eröffnete, gab es keine Sicherheit mehr; er
+konnte sich eine Blöße geben, die schwer zu verteidigen war; und war
+er einmal auf diesem Felde geschlagen, war es aus mit Respekt und
+Ansehen.
+
+Als sich jetzt aber die anerkannte Schönheit dem Wettstreit aussetzte,
+und der Sieger zu viel zu gewinnen hatte, fühlte er sich veranlaßt,
+die Sporen zu benutzen und den Kamm zu erheben; mit dem festen
+Entschluß, der Hahn zu werden, ging er auf den Holzplatz hinunter, wo
+das Spiel schon in vollem Gange war. Es ärgerte ihn nur, daß er sich
+mit Norman messen mußte; wäre es wenigstens Gustav gewesen! Aber
+dieser Tropf Norman! Nun, der sollte mal sehen!
+
+– Guten Abend, Ida! begann er, ohne von dem Nebenbuhler Notiz zu
+nehmen, der unwillkürlich seinen Platz am Zaun verließ.
+
+Carlsson nahm diesen Platz sofort ein und begann das Spiel. Während
+Ida Holz und Späne in die Holztrage las, machte er von seiner
+überlegenen Beredsamkeit einen solchen Gebrauch, daß Norman kein
+Wörtchen anbringen konnte.
+
+Ida aber war launenhaft wie beim Mondwechsel; sie warf Norman
+Seitenworte zu, die Carlsson jedoch im Fluge aufgriff und
+zurücksandte, hübsch verziert und schön ausgemalt.
+
+Aber die Schöne fand Gefallen an dem Kampf und bat Norman, ihr etwas
+Kienholz zu spleißen. Ehe der Glückliche bis zur Tür kam, war Carlsson
+schon über den spitzen Zaun gestiegen, hatte sein Klappmesser gezogen
+und begann einen trockenen Fichtenklotz zu spleißen. In wenigen
+Minuten legte er die Späne in die Holztrage, faßte alles mit dem
+kleinen Finger zusammen und trug es direkt in die Küche, in die ihm
+Ida folgte. Dort blieb er am Türpfosten stehen, indem er sich so breit
+machte, daß niemand weder hinaus noch herein konnte.
+
+Norman, dem es nicht gelang, irgend ein Anliegen zu erfinden,
+umkreiste zuerst einige Male den Holzplatz, um milzkrank darüber
+nachzusinnen, wie leicht der Unverschämte im Leben vorwärts kommt; bis
+er schließlich für gut fand, abzuziehen. Er setzte sich auf den
+Brunnenrand und stöhnte seine Klage in einem Schottischen aus, den er
+aus der Handharmonika holte.
+
+Die weichen Töne der Blechzungen drangen doch durch die dicke
+Abendluft, am Türpfosten vorbei, und erreichten den Thron der
+Barmherzigkeit am Küchenherd: Ida erinnerte sich jetzt, sie müsse zum
+Brunnen gehen, um für den Professor Trinkwasser zu holen.
+
+Carlsson folgte ihr; dieses Mal aber fühlte er sich doch etwas
+unsicher in dem Kampf auf einem Felde, das ihm ganz fremd war. Um die
+Wirkung des zauberischen Lockrufs aufzuheben, nahm er Idas
+Kupferflasche und flüsterte zärtliche Worte; in einem so schmachtenden
+und wohlklingenden Tone, wie er nur irgend vermochte; als wolle er der
+verführerischen Musik Worte unterlegen und das Solo zu einer
+untergeordneten Begleitung herabsetzen.
+
+Aber gerade als sie zum Brunnen kamen, rief die Hausmutter oben aus
+der Hütte. Sie rief Carlsson, und in ihrem Ton war zu hören, daß es
+sich um etwas Wichtiges handelte.
+
+Zuerst wurde Carlsson böse und wollte nicht antworten; da aber fuhr
+der Teufel in Norman: mit schallender Stimme rief der:
+
+– Hier, Tante! Er kommt sofort!
+
+Indem er den falschen Spielmann zur Hölle wünschte, riß sich der
+Sieger aus den Armen der Liebe und ließ die halb errungene Beute dem
+Schwächern, der sein Liebesglück nur einem Schicksal zu verdanken
+hatte.
+
+Die Alte rief noch ein Mal; mit zorniger Stimme antwortete Carlsson,
+er komme so schnell, wie er nur könne.
+
+– Wollt Ihr näher treten, Carlsson, und eine Halbe trinken, empfing
+die Alte ihn im Vorbau, mit der Hand die Augen beschattend, um die
+leichte Sommerdämmerung zu durchdringen und zu sehen, ob er allein
+komme.
+
+Carlsson hätte sonst gern eine Halbe getrunken, aber in diesem
+Augenblick wünschte er allen Kaffee und Branntwein zur Hölle; doch
+konnte er nicht nein sagen; während Normans norrköpinger
+Scharfschützenmarsch siegesstolz und hohnvoll von der Quellwiese
+heraufklang, mußte er in die Stuga hinein.
+
+Die Alte war milder als gewöhnlich; Carlsson aber fand sie älter und
+häßlicher als gewöhnlich. Je freundlicher sie sich zeigte, desto
+mürrischer wurde er; das machte die Alte schließlich beinahe zärtlich.
+
+– Die Sache ist die, Carlsson, sagte sie schließlich, während sie ihm
+Kaffee eingoß: wir müssen für nächste Woche zur Mahd aufbieten. Darum
+möchte ich natürlich erst mit Euch sprechen.
+
+Die Harmonika verstummte mitten in den schmelzenden Akkorden des
+Trios; Carlsson erstarrte und wurde unaufmerksam, um schließlich
+einige Worte ohne Klang und ohne richtigen Zusammenhang
+hervorzubringen:
+
+– Jaja, also die Mahd in nächster Woche!
+
+– Und da möchte ich, fuhr die Alte fort, daß Ihr am Sonnabend mit
+Clara hinfahrt und aufbietet; dann kommt Ihr auch etwas unter die
+Leute und könnt Euch zeigen, denn das ist immer gut.
+
+– Aber am Sonnabend kann ich nicht, antwortete Carlsson mürrisch; da
+muß ich für Professors nach Dalarö.
+
+– Einmal könnte wohl Norman die Fahrt machen, wendete die Alte ein
+und drehte dem Knecht den Rücken, um seine Miene nicht sehen zu
+müssen.
+
+In diesem Augenblick brachte die Harmonika einige weiche, von Pausen
+unterbrochene Sätze hervor, die sich zu entfernen schienen, um draußen
+in der Sommernacht, wo die Nachtschwalbe schon an ihrem surrenden
+Rocken spann, zu verhallen.
+
+Carlsson schwitzte Todesschweiß, goß den Kaffeebranntwein hinunter,
+fühlte Steine auf der Brust, Nebel um den Kopf, eine allgemeine
+Schwäche in den Nerven.
+
+– Das kann Norman nicht, stieß er hervor; Norman kann die Geschäfte
+des Professors nicht besorgen – und – er wird auch nicht damit
+betraut.
+
+– Aber ich habe den Professor gefragt, schnitt die Alte den Faden ab;
+und er sagte, er habe für diesen Sonnabend nichts.
+
+Es war wie verhext für Carlsson; die Alte hatte ihn wie eine Maus
+gepackt; es war kein Loch mehr vorhanden, in das er schlüpfen konnte.
+
+Und seine Gedanken gingen nach so verschiedenen Richtungen, daß er sie
+kaum zu einer Gegenwehr sammeln konnte. Das sah die Alte auch, und sie
+wollte darum kneten, solange der Teig gärte.
+
+– Hört mal, Carlsson, sagte sie; Ihr müßt es Euch nicht zu Herzen
+nehmen, wenn ich Euch was sage; denn ich meine es gut mit Euch.
+
+– Ihr mögt meinetwegen sagen, was zum Teufel Ihr wollt: denn jetzt ist
+es mir doch ganz einerlei, brach Carlsson los, der die zärtlichen Töne
+der Harmonika im Hag verklingen hörte.
+
+– Ich wollte nur sagen, Ihr müßt Euch für zu gut halten, um mit den
+Mädchen zu spielen; das nimmt nur ein schlimmes Ende. Ja, ich weiß;
+ich kenne das; und es ist gut gemeint von mir, Carlsson. Solche
+Stadtmädchen müssen immer einen Troß Männer hinter sich haben, damit
+es nach was aussieht; und dann wird hier scherwenzelt und dort
+gehänselt; und gehen sie in den Wald mit Einem, laufen sie in den Hag
+mit dem Andern. Und wenn es schief geht, so nehmen sie den, ders am
+besten tragen kann. So ist’s bestellt!
+
+– Was kümmert’s mich, wer die Burschen bürstet; meiner sollen sie
+nicht habhaft werden. Übrigens ist ein Unterschied zwischen Mädchen
+und Mädchen; alle sind nicht Dirnen, die verkommen, erleichterte
+Carlsson sein volles Herz.
+
+– Nicht übel aufnehmen, tröstete die Alte. Aber ein Mann wie Ihr,
+Carlsson, sollte ans Heiraten denken, nicht solchen Mädchen
+nachlaufen. Hier in den Schären gibt es viele reiche Mädchen, kann ich
+Euch sagen; und seid Ihr klug und macht Ihr Eure Sache gut, so könnt
+Ihr früher als Ihr glaubt Euer eigener Herr werden. Darum müßt Ihr
+nicht eigensinnig sein, Carlsson, sondern auf das hören, was ich Euch
+sage, wenn ich Euch bitte, zu den Nachbarn zu fahren und sie zur Mahd
+zu laden. Bedenket doch, nicht Jeden hätte ich aufgefordert, im Namen
+des Hofes zu fahren; und der Junge wird wohl auch über mich herfallen.
+Aber daran kehre ich mich nicht: halte ich mich an einen, so stütze
+ich ihn auch; darauf könnt Ihr Euch verlassen.
+
+Es begann in Carlssons Innern ruhig zu werden; es leuchtete ihm ein,
+daß es seine Vorteile haben müsse, den Hof zu vertreten; aber er war
+noch zu sehr gereizt, um seine Flamme gegen etwas Ungewisses zu
+vertauschen; er hatte ein Bedürfnis, zuerst etwas Handgeld zu
+erhalten, ehe er sich auf das Geschäft einließ.
+
+– So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere Kleider habe
+ich nicht, warf er seine Schnur aus.
+
+– So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht, meinte die Alte;
+wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon Rat schaffen.
+
+Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen; dafür wollte er
+lieber das angedeutete Versprechen gegen ein anderes, bestimmtes,
+auswechseln. Nach verschiedenen Einwendungen der Alten gelang es ihm
+auch, zu erreichen, daß Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der
+Sensen und Ausbessern des Heuwagens, zu Hause bleiben sollte, während
+Lotte Ida nach Dalarö fuhr.
+
+ * * * * *
+
+Es war drei Uhr morgens an einem Julitage im Anfang des Monats. Es
+raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffeekessel ist aufgesetzt; das
+ganze Haus ist wach und in Bewegung; draußen auf dem Hof ist ein
+langer Kaffeetisch gedeckt.
+
+Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben auf Heuboden und
+Scheune geschlafen. Zwölf stattliche Männer aus den Schären, in weißen
+Hemdärmeln und Strohhüten, stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen
+und Wetzsteinen bewaffnet.
+
+Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Svinnockar, deren Rücken
+vom Rudern rund geworden sind; da ist der von Aspö mit seinem langen
+Heldenbart, einen Kopf höher als die Andern, mit tiefen, traurigen
+Blicken von der Einsamkeit draußen am offenen Meere, von Kummer ohne
+Namen und ohne Klage; das ist der Fjällonger, eckig und halb gedreht,
+wie eine Meerkiefer draußen auf der letzten Schäre; der von
+Fiversätra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie eine Kaffeehaut;
+die Quarnöer, Bootbauer von Ruf; die von Longskär, die ersten
+Seehundschützen; der Bauer von Arnö mit seinen Jungen.
+
+Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die Mädchen, in
+Hemdärmeln, mit Brusttüchern über den Busen, in hellen Kleidern aus
+Baumwolle, mit Tüchern auf dem Kopf. Die Harken, die in allen Farben
+des Regenbogens frisch bemalt waren, hatten sie selbst mitgebracht.
+Sie sahen aus, als gingen sie zu einem Fest, nicht zu einer Arbeit.
+Die Alten klopften sie mit den Fingerknöcheln auf die Taille und
+sagten ihnen vertrauliche Worte. Die Burschen aber verhielten sich so
+früh am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit Dämmerung, Tanz
+und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen.
+
+Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber noch nicht so
+weit über die Wipfel der Kiefernhöhe gekommen, um den Tau aus dem Gras
+zu lecken. Die Bucht lag spiegelblank da, von dem jetzt blaßgrünen
+Schilf eingefaßt; das Piepen der eben ausgebrüteten jungen Enten war
+zwischen dem Schnattern der alten zu hören; die Möwen fischten dort
+unten Ukeleis, segelnd, groß, flügelbreit, schneeweiß wie die
+Gipsengel der Kirche; in der Kellereiche waren die Elstern erwacht und
+schwatzten und kicherten von den vielen Hemdärmeln, die sie unten auf
+dem Haushügel gesehen; der Kuckuck rief im Hag, brünstig, rasend, als
+sei die Zeit des Begehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober
+erblickte; die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfelde;
+aber auf dem Hügel sprang der Hund und begrüßte alte Bekannte.
+
+Hemdärmel und Leinenpassen glänzten im Sonnenschein, streckten sich
+über den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Schüsseln, Gläser und Kannen
+klirrten: die Bewirtung hatte begonnen.
+
+Gustav, sonst schüchtern, machte den Wirt; sich unter den alten
+Freunden seines Vaters sicher fühlend, setzte er Carlsson in Schatten
+und handhabte selber die Branntweinflasche.
+
+Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekanntschaften
+geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie ein älterer
+Angehöriger oder Gast, und ließ sich den Hof machen. Da er vor Gustav
+zehn Jahre voraus hatte und ein männlicheres Aussehen besaß, stach er
+diesen aus; zumal Gustav für die Männer, die sich mit seinem Vater
+geduzt, kaum etwas anderes als »der Junge« werden konnte.
+
+Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen setzten sich
+in Bewegung, um nach der großen Wiese hinunter zu ziehen, die Sensen
+auf den Schultern; die Jungen und die Mädchen folgten.
+
+Das Gras reichte den Männern bis an die Schenkel und stand dicht wie
+ein Fell. Carlsson mußte über die neue Bewirtschaftung der Wiese
+Bescheid geben; wie er Laub und Gras vom vorigen Jahr abräumte, die
+Maulwurfshaufen ebnete, in die Frostflecken säete, mit Jauche begoß.
+
+Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab den Alten und
+Vermögenden Ehrenplätze und ging selbst an letzter Stelle; verlor sich
+also nicht im Haufen.
+
+Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend weiße Hemdärmel in einem
+Keil, ziehenden Schwänen gleich, die Sensen Ferse an Ferse; und
+hinterdrein, in zerstreuter Ordnung, wie ein Volk Fischschwalben,
+launenhaft hin und her springend, aber doch zusammen haltend, die
+Mädchen mit ihren Harken; jede ihrem Mäher folgend.
+
+Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in Büscheln. Seite
+an Seite lagen alle Blumen des Sommers, die sich aus Wald und Hag
+heraus gewagt: Gänseblume und Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut,
+Kälberkropf, Heidenelke, Erve, Wachtelweizen, Steinsame, Pestwurz,
+Kleeblatt; und alle Gräser und Halbgräser der Wiesen. Es duftete nach
+Honig und Gewürzen; Bienen und Hummeln flohen in Schwärmen vor der
+mörderischen Schar. Die Maulwürfe verkrochen sich in die Eingeweide
+der Erde, als sie es in ihrem gebrechlichen Dach krachen hörten. Die
+Ringelnatter schlüpfte erschrocken in den Graben und verschwand in ein
+Loch, das nicht größer als ein Tauende war. Aber über das Schlachtfeld
+in die Höhe schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest ein Absatzeisen
+zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die Stare, um allerhand
+Getier, das in den brennenden Sonnenschein geraten war, aufzulesen und
+aufzupicken.
+
+Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgemäht. Die Kämpfer hielten inne
+und betrachteten, auf ihre Sensenschäfte gestützt, das Werk der
+Zerstörung, das sie hinter sich gelassen. Sie wischten sich den
+Schweiß aus dem Mützenstreifen und nahmen eine neue Prise Schnupftabak
+aus den Messingdosen. Inzwischen hatten sich die Mädchen beeilt in die
+Frontlinie zu kommen.
+
+Dann geht es wieder auf das grüne Blumenmeer los, das unter der
+wachsenden Morgenbrise wogt; bald bunte leuchtende Farben zeigt, wenn
+die steiferen Stengel und Köpfe der Blumen sich in den Wellen des
+weichen Honiggrases behaupten; bald sich in einem einzigen Grün wie
+ein See in Windstille ausbreitet.
+
+Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit; man würde lieber
+am Sonnenstich niederstürzen, als die Sense fortstellen.
+
+Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der Letzte in der Reihe ist,
+kann er, ohne die Waden zu gefährden, sich prahlerisch umdrehen, um
+ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber Norman hat er unter strenger Bewachung
+schräg vor sich; sobald dieser einen verliebten Blick nach Südosten
+tun will, hat er Carlssons Sense an den Hacken und hört einen eher
+unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf:
+
+– Die Füße in Acht nehmen!
+
+Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter
+Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen Schwaden. Jetzt
+wird das Werk beschaut und die Schläge geprüft. Über Rundqvist sitzt
+man zu Gericht; man kann sehen, wo er gegangen ist; es sieht aus, als
+hätten Elfen dort getanzt. Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe
+nach dem Mädchen sehen müssen, das man ihm gegeben; denn es sei nicht
+gestern gewesen, daß ein Mädchen ihm nachgelaufen.
+
+Jetzt halloht Clara oben von der Höhe zum Frühstück; die
+Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker Dünnbier ist
+angestochen; der Kartoffeltopf raucht auf der Felsplatte, der
+Strömling dampft in den Schüsseln, die Butter ist aufgelegt, das Brot
+ist geschnitten; die Schnäpse werden eingegossen, und das Frühstück
+ist im Gang.
+
+Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken; Ida ist ihm auch
+gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerksamkeit auf, die auffällt;
+aber sie ist auch die Schönste des Tages.
+
+Die Alte, die mit Schüsseln und Tellern aus und ein läuft, streicht
+oft an den beiden vorbei; zu oft, um nicht von Ida bemerkt zu werden;
+doch nicht eher von Carlsson, als bis sie ihm mit dem Ellbogen sanft
+in den Rücken stößt und flüstert:
+
+– Ihr müßt Wirt sein, Carlsson, und Gustav helfen; Ihr müßt tun, als
+seiet Ihr hier zu Hause!
+
+Carlsson hat nur Augen und Ohren für Ida und antwortet der Alten mit
+einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das Kindermädchen des Professors,
+und erinnert Ida daran, daß sie nach Haus muß, um aufzuräumen.
+
+Aufregung und Trauer bricht unter den Männern aus, aber die Mädchen
+sind nicht sehr betrübt.
+
+– Wer soll denn für mich aufnehmen, wenn ich kein Mädchen mehr habe?
+ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung aus, die den wirklichen
+Verdruß verbergen soll.
+
+– Dann muß es Tante wohl tun? antwortet Rundqvist, der Augen im Rücken
+haben soll.
+
+– Tante muß harken! rufen die Männer im Chor. Tante muß kommen und
+harken.
+
+Die Alte schlägt abwehrend mit der Schürze:
+
+– Was soll ich alte Frau unter den Mädchen? Nein, niemals, niemals!
+Ihr seid wohl närrisch!
+
+Aber der Widerstand reizt.
+
+– Nimm die Alte, flüstert Rundqvist, während Norman sich aufheitert
+und Gustav finster wie die Nacht wird.
+
+Es blieb keine Wahl; unter Lärm und Lachen eilt Carlsson ins Haus, um
+die Harke der Alten zu holen, die irgendwo oben auf dem Boden liegen
+muß. Hinter ihm drein läuft die Alte, die schreit:
+
+– Nein, um Gottes willen, Ihr dürft nicht in meinen Sachen kramen.
+
+So verschwinden die Beiden, während die Zurückbleibenden laute und
+beißende Bemerkungen machen.
+
+– Ich finde, unterbricht Rundqvist schließlich das Schweigen, das
+entstanden ist, sie bleiben etwas lange aus! Geh, Norman, und sieh
+nach, was geschehen ist!
+
+Stürmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fortzufahren.
+
+– Was mögen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg! Ich werde
+wirklich unruhig, wißt ihr.
+
+Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sich zu einem Lachen,
+um sich nicht von den Andern abzusondern.
+
+– Gott verzeihe mir meine Sünden, fuhr Rundqvist im selben Tone fort;
+jetzt aber halte ichs nicht länger aus; ich muß nachsehen, was die
+Beiden vorhaben.
+
+In diesem Augenblick kommt Carlsson mit der Alten aus dem Vorbau und
+bringt die gesuchte Harke. Die ist fein, mit zwei Herzen bemalt, »Anno
+1852« gezeichnet; es war einst die Brautharke der Alten, die Flod
+selbst angefertigt. Sie hatte Erbsen im Schaftknauf, die klapperten,
+wenn man die Harke rührte.
+
+Die Erinnerung an vergangene Freuden scheint den frischen Sinn der
+Alten in eine muntere Stimmung zu versetzen; ohne eine Spur von
+krankhafter Empfindsamkeit zeigt sie auf die Jahreszahl und sagt:
+
+– Das war nicht gestern, als der Flod mir die Harke machte ...
+
+– Und du ins Brautbett stiegst, Tante, fiel der von Svinnockar ein.
+
+– Kannst es wohl noch ein Mal, meinte der aus Owassa.
+
+– Sechs Wochen alten Ferkeln und zwei Jahre alten Witwen kann man
+nicht trauen, neckte der Fjällonger.
+
+– Je trockener der Zunder, desto schneller fängt er Feuer, brannte der
+von Fiversätra los.
+
+Und jeder warf seinen Scheit aufs Feuer. Die Alte aber schmunzelte und
+wehrte sie ab, machte gute Miene zum bösen Spiel und scherzte mit;
+böse zu werden, hatte keinen Zweck.
+
+Dann gings auf die Bruchwiese hinunter. Da standen Segge und
+Schachtelhalm so hoch wie ein Kiefernwald und das Wasser ging den
+Männern bis an die Stiefelschäfte. Die Mädchen zogen Strümpfe und
+Schuhe aus und hingen sie auf den Feldzaun.
+
+Die Alte harkte hinter Carlsson so fleißig, daß sie es den Andern
+zuvortat. Manches Scherzwort über das junge Paar, wie sie genannt
+wurden, fiel. Diesen Ausdruck benutzten sie als Feigenblatt, um
+darunter zu verbergen, was im Geheimen zu wachsen begann.
+
+So ward es Mittag und so ward es Abend.
+
+Der Spielmann war mit seiner Geige gekommen; die Tenne war geräumt
+und gekehrt, die schlimmsten Astlöcher mit Pech verkittet worden. Als
+die Sonne unterging, begann der Tanz.
+
+Carlsson eröffnete ihn mit Ida; deren schwarzes Kleid war viereckig
+ausgeschnitten, hatte eine weiße Krause und einen Maria-Stuart-Kragen;
+wie eine beneidete Dame stand Ida unter den Bauernmädchen da; die
+Alten betrachteten sie mit Furcht und Kälte, die Jungen mit Verlangen.
+
+Carlsson konnte allein den neuen Walzer; darum nahm Ida ihn gern, ein
+Mal nach dem andern, nachdem ein Versuch mit Norman mißlungen war. Als
+der so aus dem Felde geschlagen wurde, verfiel er auf den
+unglücklichen Gedanken, zu seiner Handharmonika zu greifen; um sein
+gequältes Herz auszuschütten und vielleicht mit einer letzten Leimrute
+den feinen und unbeständigen Vogel zu fangen; vor einigen Wochen
+glaubte er ihn in der Hand zu haben, bald aber saß er wieder auf dem
+Dach und schnäbelte mit einem andern.
+
+Carlsson fand indessen die Begleitung überflüssig, da er eigens einen
+wirklichen Spielmann gedungen; und die engbrüstige Harmonika hielt mit
+der leichtfüßigen Geige nicht Schritt, sondern störte den Takt und
+brachte Unordnung in den Tanz. Die gute Gelegenheit, den Nebenbuhler
+abzutun, lockte Carlsson, zumal die Meinung, die Harmonika störe nur,
+allgemein zu sein schien. Er nahm also den Mund etwas voll und schrie
+dem unglücklichen Liebhaber, der sich in einer Ecke verkrochen hatte,
+über die Tenne hinüber zu:
+
+– Halloh, schnür den Lederbeutel, du! Mach, daß du hinauskommst, und
+laß die Luft aus, wenn du aufgeblasen bist.
+
+Die allgemeine Meinung verurteilte den Sünder mit einem zustimmenden
+Lachen. Norman aber waren einige Schnäpse zu Kopf gestiegen, und Idas
+Krause hatte ungeahnte Kräfte hervorgezaubert.
+
+– Halloh! ahmte er Carlsson nach, der unversehens in seine Mundart
+verfallen war, die auf Hochschweden lächerlich wirkte. Komm nur hinaus
+auf den Hof, dann werde ich dir schon die Flöhe aus dem Schweinepelz
+lausen!
+
+Carlsson fand seine Stellung noch nicht so bedroht, um zu den Fäusten
+übergehen zu müssen, sondern hielt sich auf dem unschuldigeren Gebiet
+des Zungenkampfes.
+
+– Was ist das für ein merkwürdiges Schwein, das Flöhe im Pelz hat?
+
+– Das stammt wohl aus Wärmland, glaube ich, antwortete Norman.
+
+Das verletzte die Nationalehre; noch im letzten Augenblick nach einem
+vernichtenden Wort suchend, das sich aber nicht einstellte, ging
+Carlsson auf den Feind los, packte ihn bei der Weste und riß ihn auf
+den Hof hinaus.
+
+Die Mädchen stellten sich in die Türöffnung, um dem Zusammenstoß
+zuzusehen; niemandem fiel es ein, dazwischen zu treten.
+
+Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war gröber gebaut und
+höher gewachsen. Im Nu warf er den Rock ab, um den er bange war, und
+die Kämpfer rannten zusammen. Norman mit dem Kopf voran, wie ers von
+den Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte
+einen häßlichen Fußtritt nach dem Unterleib, und wie ein
+zusammengerollter Igel fiel Norman auf den Dunghaufen.
+
+– Rallbuse! schrie er, außer stande, sich weiter mit den Fäusten zu
+verteidigen.
+
+Carlsson schäumte; vergebens nach Schimpfwörtern suchend, setzte er
+Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte den Geschlagenen. Der
+spuckte und biß um sich, bekam aber schließlich eine Handvoll Streu in
+den Mund.
+
+– Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen! schrie Carlsson
+und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch, den er aus dem
+Dunghaufen gerissen, so, daß die Nase blutete.
+
+Aber das öffnete dem wutschnaubenden Norman den Mund: seinen ganzen
+Vorrat von Schimpfworten schleuderte er dem Sieger ins Gesicht, der
+die Zunge des Besiegten doch nicht binden konnte.
+
+Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgehört. Die Zuschauer
+hatten ihre Bemerkungen über die Wendungen des Wortstreites und
+Faustkampfes gemacht und mit demselben gleichmütigen Interesse
+zugehört und zugesehen, wie sie einem Schlachten oder einem Tanz
+zusahen. Doch fanden die Alten, Carlssons Angriff sei nicht ganz
+regelrecht, nicht nach alter Sitte gewesen. Plötzlich aber war ein
+Schrei zu hören, der den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung
+riß:
+
+– Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden,
+wer.
+
+– Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine Messer! Fort mit den
+Messern!
+
+Und die Kämpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen war, sein
+Klappmesser zu öffnen, wurde entwaffnet und auf die Füße gestellt,
+nachdem man Carlsson von ihm losgerissen.
+
+– Raufen könnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern, schloß der Alte
+von Svinnockar die Schlägerei.
+
+Carlsson zog seinen Rock an und knöpfte ihn über seine zerrissene
+Weste; aber Norman hing der eine Hemdärmel wie ein Fetzen aufs Bein
+herab. Im Gesicht übel zugerichtet, schmutzig, blutig, hielt ers fürs
+Beste, sich um die Ecke zu entfernen, um seine Niederlage nicht den
+Mädchen zu zeigen.
+
+Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des Stärkern trat Carlsson
+wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem tüchtigen Schluck, das Spiel
+mit Ida von neuem zu beginnen, die ihn mit Wärme, ja beinahe
+Bewunderung empfing.
+
+Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die Dämmerung war
+hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde, und man widmete dem
+Tun und Lassen des Nächsten geringere Aufmerksamkeit. Darum konnte
+Carlsson mit Ida aus der Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen,
+ohne daß jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das Mädchen
+über den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben auf dem Zaune
+stand, hörte er durchs Halbdunkel die Stimme der Alten, ohne jemand
+sehen zu können.
+
+– Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine Runde mit Eurer
+Harkerin.
+
+Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und schlüpfte
+in den Hag, leise wie ein Fuchs.
+
+Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas weißes
+Taschentuch, das diese um den Leib geknüpft, um ihr Kleid vor den
+schweißigen Händen zu schützen. Als sie noch ein Mal gerufen, ohne
+Antwort zu erhalten, ging sie nach, über den Zauntritt, in den Hag.
+
+Der Weg unter den Haselbüschen lag vollständig im Dunkel; sie sah nur
+etwas Weißes, das in dem Schwarzen ertrank und schließlich auf den
+Boden des langen Tunnels sank. Sie wollte nachlaufen; da aber waren
+neue Stimmen am Zauntritt zu hören, eine gröbere und eine klingendere;
+aber beide gedämpft und, als sie näher kamen, flüsternd. Gustav und
+Clara stiegen über den Zaun, der unter den etwas unsichern Schritten
+des Burschen knackte; und von zwei starken Armen gehoben, sprang Clara
+hinunter.
+
+Die Alte versteckte sich in den Büschen, während das Paar Arm in Arm
+vorbeizog; halbsingend, küssend dahintanzte, wie sie selbst einst
+getanzt, gesungen und geküßt hatte.
+
+Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der
+quarnöer Bursche mit dem fjällonger Mädchen angesprungen. Als sie hoch
+oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gerötet und mit
+ausgelassenem Lachen die weißen Zähne zeigend, legte sie die erhobenen
+Arme über Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen;
+und mit schnaubendem Lachen und aufgeblähten Nasenflügeln warf sie
+sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit einem langen Kuß
+und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo sie verschwanden wie unter
+einer Decke.
+
+Die Alte stand hinter den Haselbüschen und sah Paar nach Paar kommen,
+gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glühte
+wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen; und
+sie fühlte die »Plage« noch im Fleische wüten, stechend wie Verlangen
+ohne Hoffnung, wie Vermissen des für immer Verlorenen.
+
+Währenddessen war die Geige allmählich verstummt. Es war über
+Mitternacht, und die Morgenröte stand im Norden bereits schwach über
+dem Walde. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne
+Hurrahrufe von der Wiese gaben an, daß sich die Tanzgesellschaft
+zerstreut hatte und die Heimfahrt für die Mäher bevorstand.
+
+Die Alte mußte zurück, um beim Abschied zugegen zu sein.
+
+Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten
+anfing, daß man das grüne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson
+und Ida ganz hinten auf der Höhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie
+einen neuen Tanz beginnen, blaß wie Leinen, mit großen dunkeln
+Löchern, wo die Augen, die sie nicht sah, sitzen mußten. Fürchtend,
+hier im »grünen Gange« getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte
+über den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die Gäste gingen.
+
+Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist und schlug
+die Hände zusammen, als er die Alte erblickte, die ihr Gesicht in der
+Schürze barg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schämte.
+
+– Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier gesucht? Ich
+sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verlaß als auf ...
+
+Sie hörte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga
+zu.
+
+Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit
+Hurrahrufen, Händeschütteln und Dankesworten für gute Bewirtung, um
+sich dann zu verabschieden.
+
+Als alles wieder still geworden und die Flüchtlinge aus Hag und
+Wiese herbeigerufen waren, ohne daß sich alle einstellten, ging die
+Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht
+Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen hörte.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+ Es poltert zur Hochzeit;
+ die Alte wird ums Geld genommen
+
+
+Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu
+Ende und er war gut gewesen.
+
+– Er hat Glück, der Kerl! sagte Gustav über Carlsson, dem man nicht
+ohne Grund die Erhöhung des Wohlstandes zuschrieb.
+
+Der Strömling war gekommen, und alle Männer außer Carlsson waren
+draußen in den äußersten Schären, als die Familie des Professors zur
+Eröffnung der Oper nach Haus mußte.
+
+Carlsson hatte auch das Packen übernommen und lief den ganzen Tag mit
+der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Küchentisch, im
+Eßzimmer, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort
+ein Paar ausgetretene Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren
+nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und
+Liebigbüchsen, Korke, Bindfaden, Nägel – alles, was man nicht
+mitnehmen konnte oder für unnötig hielt.
+
+Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und man hatte
+allgemein das Gefühl, man werde die Abreisenden vermissen; von
+Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hühnern und
+Ferkeln, die nicht länger Sonntagsessen aus der herrschaftlichen Küche
+bekamen. Am wenigsten bitter war der Kummer für die verlassenen Mägde
+Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen
+hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fühlten sie doch, ihr Frühling
+werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mitbewerberinnen auf dem
+Liebesmarkte entfernte.
+
+Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie
+abzuholen, war große Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort
+ein Dampfer angelegt.
+
+Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und führte das große Wort,
+während der Dampfer an die Brücke heranzukommen suchte. Da aber hatte
+er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das
+Seewesen war ihm fremd; und gerade in dem stolzen Augenblick, als die
+Leine geworfen wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart,
+seine Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von
+oben auf den Kopf, daß ihm die Mütze heruntergeschlagen wurde und in
+die See fiel. In einem und demselben Augenblick wollte er die Trosse
+anziehen und nach der Mütze greifen; aber der Fuß blieb in einer Fuge
+hängen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, während der
+Kapitän ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich
+fort, böse über das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe hätte
+sie geweint, so schämte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen
+Lebewohl ließ sie ihn schließlich am Landungssteg zurück; und als er
+ihre Hand behalten und vom nächsten Sommer, von Briefwechsel und
+Adresse plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Füßen
+fortgerissen; er kippte nach vorn über, und die nasse Mütze rutschte
+ihm in den Nacken; gleichzeitig brüllte der Steuermann ihm von der
+Kommandobrücke aus zu:
+
+– Wirst du endlich das Tau losmachen!
+
+Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglücklichen Liebhaber
+nieder, ehe er die Trosse losbekam.
+
+Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr
+fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine,
+strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er
+seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß
+abzugeben. Aber er mußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett
+gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die
+hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die
+Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am
+Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und
+schnaubte.
+
+Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht
+ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!
+
+Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins
+Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb
+durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich,
+gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er
+auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser,
+schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stieß ein letztes
+verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die
+Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied
+winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe
+Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal
+zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden,
+nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die
+Luft dunkel.
+
+Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner
+Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine
+andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte
+ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab.
+
+Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Auftritt
+noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brückenplanken
+umher tanzte; hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas
+verlegene Blicke und kalten Handschlag; spürte noch den Dunst von
+Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchenherd
+und von der Ölfarbe der Schiffsbekleidung.
+
+Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich gekommen und hatte
+Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem
+Augenblick von seiner Leiter herabstürzten, auf deren Sprossen er
+schon ein gutes Stück hinauf geklettert war; die ihm – er schluckte in
+der Halsgrube – sein Sommerglück und seine Sommerfreude entführten.
+
+Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer
+einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Oberfläche Ruß in Flocken
+und Öl in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie
+eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in
+der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser
+verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel,
+abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten.
+Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und
+habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen.
+
+Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte:
+wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die
+Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den
+feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause,
+Manschetten und Knöpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er
+haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart
+ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten
+konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen
+vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt,
+einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht
+werden!
+
+Konnte er nicht?
+
+Der Sund kräuselte sich, und ein kühler Wind, der immer stärker wurde,
+rührte das Wasser auf; das schlug gegen die Brückenpfähle, fegte den
+Ruß fort und klärte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der
+Erlen, das Plätschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus
+seinen Gedanken. Er warf die Flinte über die Schulter und wanderte
+heimwärts.
+
+Der Weg ging unter den Haselbüschen über einen Hügel; auf dem stand
+noch eine höhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war; die
+hatte er noch nie besucht.
+
+Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und
+Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen,
+auf dem ein Seezeichen errichtet war.
+
+Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet; mit einem
+einzigen Rundblick konnte er ihre Wälder und Äcker, Wiesen und Häuser
+übersehen; und dahinter Holme, Kobben, Schären, bis aufs offene Meer
+hinaus. Es war ein großes Stück der schönen Erde, und Wasser, Bäume,
+Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte,
+die eine nur, und die andere zurückzog, die nach Eitelkeit, Bettlust
+und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu
+betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen
+Strahlen einer sinkenden Sonne rosig färbten; auf dem blaues Wasser,
+grüne Wälder, gelbe Äcker, rote Hütten sich zu einem Regenbogen
+mischten, der auch einen schärferen Verstand betört hätte, als ein
+Bauernknecht ihn hat.
+
+Von der absichtlichen Vernachlässigung der Treulosen gereizt, die in
+fünf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm zum Abschied zu
+winken, vergessen; von den Schimpfworten der übermütigen Stadtflegel
+so verletzt, als habe er den Stock gekostet; vom Anblick der fetten
+Erde, der fischreichen Gewässer, der warmen Hütten entzückt, faßte er
+seinen Entschluß: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das
+falsche Herz zu prüfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte; dann
+aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte, ohne daß man stahl.
+
+ * * * * *
+
+Als er nach Haus zurückkehrte und die Großstuga leer stehen, die
+Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten draußen herumliegen
+sah, würgte es ihn im Halse, als habe er Apfelstücke quer geschluckt.
+
+Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommergäste in einen Sack
+gesammelt, schlich er so lautlos wie möglich auf seine Kammer hinauf.
+Dort verbarg er seine Schätze unter dem Bett, setzte sich an den
+Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit,
+einen Brief zu schreiben.
+
+Die erste Seite ergoß sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus
+seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der »Sagengeschichte« und den
+»Schwedischen Volksliedern« von Afzelius; die hatten einen starken
+Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wärmland
+gelesen.
+
+– Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich hier auf
+meinem Kämmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als sei
+es gestern gewesen, weiß ich noch, wie Du hierher kamst: wir säeten
+Frühlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es
+Herbst, und die Burschen sind draußen auf der Schäre, um Strömling zu
+fangen. Ich würde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist
+wärst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu grüßen, wie es der
+Professor so freundlich vom Achterdeck getan, als der Dampfer an der
+Landzunge vorbei fuhr. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute Abend,
+und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet.
+Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du
+Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als hätte ich’s aufgeschrieben;
+aber ich bin auch im Stande, zu _halten_, was ich verspreche. Dazu sind
+aber nicht _alle_ im Stande; doch das ist einerlei, und ich frage nicht
+so genau danach, wie die Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal
+liebe, die vergesse ich nicht; das möchte ich gesagt haben.
+
+Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit
+kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den
+Versuchungen der Stadt mit ihren Vergnügungen; und im Bewußtsein, daß
+er außer Stande sei, den befürchteten Sündenfall zu verhüten, schlug
+er die edlern Gefühle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die
+Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng,
+sittlich; ein strafender Rächer, durch dessen Mund ein ANDERER sprach:
+
+– Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der großen Stadt
+umhergehst, ohne daß ein Arm Dich stützt, der Gefahr und Versuchung
+von Dir abwenden kann; wenn ich an alle die sündhaften Gelegenheiten
+denke, die den Weg breit und den Fuß leicht machen, fühle ich einen
+Stich in meinem Herzen; ist mir’s, als habe ich vor Gott und Menschen
+unrecht getan, daß ich Dich ins Garn der Sünde ließ; wie ein Vater
+hätte ich Dir sein sollen, Ida; und Du hättest dem alten Carlsson wie
+einem rechten Vater vertraut ...
+
+Bei den Worten »Vater« und »alter Carlsson« wurde er weich und
+erinnerte sich an das letzte Begräbnis, das er mitgemacht hatte.
+
+– Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf
+den Lippen hat. Wer weiß, wie lange der alte Carlsson (er liebte das
+Wort bereits!) hier noch wandelt; wer weiß, ob nicht die Zahl seiner
+Tage gezählt ist, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in
+der Luft; vielleicht, ehe man sich’s versieht, liegt er da wie
+trockenes Heu ... Dann wird vielleicht _jemand_ ihn ausgraben wollen,
+der’s jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten, daß er
+noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die
+Turteltaube sich in unserem Lande hören läßt. Dann ist eine liebliche
+Zeit für _manchen_, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten
+singen möchte ...
+
+Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mußte das Testament aus
+seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl
+zwischen hundert Psalmen, und Clara rief schon zum Abendbrot; er mußte
+also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm:
+
+– Die Weiden in der Wüste sind auch fett, daß sie triefen; und die
+Hügel umher sind lustig; die Anger sind voll Schafe, und die Auen
+stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet.
+
+Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glückliche Anspielung
+auf die Vorzüge, die das Landleben vorm Stadtleben hat; und da das
+gerade der wunde Punkt war, beschloß er, ihn nicht mehr zu berühren,
+sondern die Anspielung für sich sprechen zu lassen.
+
+Dann überlegte er, was er noch schreiben solle; fühlte sich hungrig
+und müde; konnte sich nicht verhehlen, daß es schließlich einerlei
+sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der
+Frühling wiederkam.
+
+Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken gequält, daß ein Anderer
+sie besitzen könne, und mit kaltem Blute beschloß er, im Voraus die
+Kanonen der unbekannten Feinde zu vernageln. Darum fügte er eine
+Nachschrift an, nachdem er mit »Getreu und ergeben« unterzeichnet
+hatte.
+
+N. S. Du mußt Dich vor Berns Salon und Blanks Café hüten, Ida, denn
+der Professor sagte, alle jungen Leute in Stockholm seien angesteckt
+und ... (Am besten, man haut ihn gleich nieder, dachte er, da er doch
+in einigen Tagen mit den Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman
+ist auch angesteckt worden. (Um aber, falls es nötig sein sollte, eine
+rückwirkende abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:) als
+er im vorigen Jahre Soldat war.
+ D. O.
+
+ * * * * *
+
+Darauf ging er in die Küche hinunter, um zu Abend zu essen.
+
+Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht. Unruhig kam
+die Alte und setzte sich an den Tisch, an dem sich Carlsson
+niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mädchen
+gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her.
+
+– Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein haben, sagte die
+Alte. Ich sehe, Ihr habt es nötig.
+
+– Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen,
+antwortete Carlsson.
+
+– Darum müßt Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte und ging nach
+dem Stundenglas. Was das für ein Wind heute Abend ist, und von Osten
+kommt er auch; die Burschen werden es heute Nacht schwer haben mit den
+Netzen.
+
+Da kann ich ihnen nicht helfen; übers Wetter vermag ich nichts, biß
+Carlsson den Faden ab. Aber nächste Woche muß es schön werden; da
+denke ich mit dem Trebel nach der Stadt zu fahren, um selbst mit dem
+Fischhändler zu sprechen.
+
+– Soso, das wollt Ihr, Carlsson?
+
+– Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis für
+die Fische; und das muß doch wohl an irgend etwas liegen; wer nun die
+Schuld haben mag.
+
+Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschäft als der
+Fischhandel führe ihn nach der Stadt.
+
+– Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht beim Professor
+vor?
+
+– Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat nämlich einen
+Flaschenkorb hier vergessen ...
+
+– Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt Ihr nicht noch
+eine Halbe nehmen, Carlsson?
+
+– Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie
+kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hörte.
+
+Mit großem Vergnügen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze
+Überlegenheit hinein. Die Alte fühlte auch, wie sehr sie ihm
+unterlegen war; eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die
+Augen.
+
+– Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, flüsterte die Alte.
+
+– Nein behüte, weit davon, antwortete Carlsson, der sehr wohl fühlte,
+wie er seine Schnur einholen mußte und daß etwas am Haken saß.
+
+– Wollt ihr euch denn heiraten?
+
+– Gewiß, wenn die Zeit kommt; aber ich muß mich erst nach einer neuen
+Stellung umhören.
+
+Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand
+zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken am Laken zupft.
+
+– Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder,
+vertrockneter Stimme zu sagen.
+
+– Ein Mal muß es doch sein, antwortete Carlsson; früher oder später
+will man sein eigener Herr werden; und sich für andere abarbeiten, tut
+man auch nicht gern um nichts.
+
+Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde plötzlich von
+einer Lust erfaßt, mit ihr zu schäkern.
+
+– Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht allein schlafen
+zu müssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht wollt ihr, daß ich
+hinunterkomme und euch Gesellschaft leiste?
+
+– Oh, das ist durchaus nicht nötig! antwortete Clara.
+
+Carlsson faßte sie beim schwellenden Oberarm und spielte den Bösen:
+
+– Was ist nicht nötig? Was weißt du, Clara, davon, was ich nötig habe?
+
+– Ist denn Ida Euch nicht genug gewesen? Ich hörte einen Vogel singen,
+daß Ihr Euch Hilfe habt nehmen müssen!
+
+Carlsson wurde rot bis in die Kopfhaut, über das Gesicht der Alten
+aber huschte Hoffnung, Neugier und Überraschung.
+
+Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Küche, während Carlsson
+nachdachte, welche Antwort am vorteilhaftesten sei. Man hörte, wie
+draußen der Sturm durch den Wald sauste, das Laub von den Birken riß,
+an den Feldzäunen rüttelte, an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste.
+Zuweilen fuhr ein Windstoß in den Schornstein hinein und blies Feuer
+und Rauch aus vom Herdmantel, daß Lotte sich die Hand vor Augen und
+Mund halten mußte.
+
+Als der Wind einen Augenblick ausblieb, hörte man das offene Meer
+gegen die östliche Landspitze schlagen. Plötzlich gab der Hund draußen
+auf dem Hofe Hals, und das Gebell entfernte sich, als sei der Hund
+jemandem entgegen gesprungen, um ihn zu begrüßen oder zu bedrohen.
+
+– Seht bitte nach, wer das sein kann, sagte die Alte zu Carlsson.
+
+Der stand sofort auf, froh, auf Claras heikle Frage nicht antworten zu
+müssen, und ging zur Tür hinaus. Er sah nur ein Dunkel, das so dick
+war, daß man es mit Messern schneiden konnte; und der Wind empfing ihn
+mit einem Stoß, daß ihm das Haar wie Erbsensträucher um den Kopf
+stand. Er lockte den Hund, aber das Gebell war bereits unten auf der
+Quellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen
+Menschen.
+
+– Es kommt so spät noch Besuch, sagte Carlsson zur Alten, die sich in
+die Tür stellte. Wer kann das sein? Ich muß wohl gehen und nachsehen.
+Clara, steck die Laterne an und gib mir meine Mütze!
+
+Er bekam die Laterne und arbeitete sich gegen den Wind auf die Wiese
+hinaus, folgte dem Gebell und gelangte in das Kieferngehölz, das die
+Wiese vom Strande trennte. Das Gebell war verstummt, aber zwischen den
+rauschenden und knackenden Föhren hallten Schritte von eisernen Haken
+gegen den Bergfelsen; krachten Zweige, die jemand brach, der seinen
+Weg suchte; spritzten Wasserlachen auf; antworteten Flüche auf das
+Winseln des Hundes.
+
+– Wer da? rief Carlsson.
+
+– Der Pastor! antwortete eine rostige Stimme.
+
+Carlsson sah Funken sprühen, die ein eiserner Haken an einem
+Granitfindling schlug, und aus einem Dickicht stürzte ein kleiner,
+breitschultriger Mann den Hügel hinab. Das grobe, wetterharte Gesicht
+wurde von wildem, grauem Backenbart eingerahmt und von kleinen
+scharfen Augen belebt, deren Brauen Astmoos glichen.
+
+– Höllische Wege habt ihr hier auf der Insel! zankte er zum Gruß.
+
+– Herr Jesus, sind Sie’s, Herr Pastor? In diesem Hundewetter
+unterwegs? beantwortete Carlsson achtungsvoll die Willkommsflüche
+seines Seelsorgers. Aber wo ist denn das Boot?
+
+– Es ist das Fischerboot, und das hat Robert in den Hafen gebracht.
+Laß uns nur unter Dach kommen, denn heute Abend weht der Wind einem
+durch den Leib. Vorwärts marsch!
+
+Carlsson ging mit der Laterne voran und der Pastor folgte, während der
+Hund in den Büschen herumschnüffelte, nach einem Birkhuhn, das sich
+eben erhoben und in den Bruch gerettet hatte.
+
+Die Alte war dem Laternenschein auf den Hof hinaus entgegen gegangen;
+als sie den Pastor erkannte, freute sie sich und hieß ihn willkommen.
+
+Der Pastor hatte Fische nach der Stadt bringen wollen und war
+unterwegs vom Sturm überrascht worden, der ihn zum landen zwang. Er
+fluchte und schalt, weil er nicht zur Zeit nach der Stadt kommen
+konnte, um seine Fische los zu werden.
+
+– Jetzt sind ja alle Teufel draußen und kratzen nach jedem einzigen
+Fisch, der im Wasser lebt.
+
+Die Alte wollte ihn in die Stube führen, er aber ging geradeswegs in
+die Küche hinein, denn er zog das Herdfeuer vor: dort konnte er
+trocken werden.
+
+Wärme und Licht schienen indessen dem Pastor nicht gut zu bekommen;
+er zwinkerte mit den Augen, als wolle er sich ermuntern, während er
+die nassen Schmierstiefel auszog. Carlsson half ihm unterdessen aus
+einer graugrünen Joppe, die mit Schaffell gefüttert war. Bald saß der
+Pastor in wollenem Wams und bloßen Strümpfen an der Ecke des Tisches,
+den die Alte abgeräumt und mit Kaffeegeschirr gedeckt hatte.
+
+Wer Pastor Nordström nicht kannte, hätte nicht vermutet, daß dieser
+Fischer ein geistliches Amt bekleidete; so sehr hatten dreißig Jahre
+Seelsorge draußen in den Schären den Mann verwandelt, der einst recht
+fein gewesen war, als er von der Universität Uppsala kam. Ein äußerst
+knappes Gehalt hatte ihn genötigt, sein Auskommen aus See und Acker zu
+ergänzen; und da es auch dann noch nicht reichte, mußte er sich an den
+guten Willen seiner Gemeinde wenden, den er durch geselliges Wesen,
+sich seiner Umgebung anpassend, lebendig erhielt.
+
+Doch zeigte sich der gute Wille meist in Kaffeehalben und
+Bewirtungen, die an Ort und Stelle verzehrt werden mußten, also den
+Wohlstand des Pfarrhauses nicht erhöhen konnten; eher unvorteilhaft
+auf den physischen und moralischen Zustand des Empfängers wirkten.
+Außerdem wußten die Schärenleute aus teuern Erfahrungen, wie in Seenot
+Gott nur dem half, der sich selber half; auch waren sie unfähig, einen
+starken östlichen Wind mit dem augsburgischen Bekenntnis in
+Zusammenhang zu bringen. Sie machten sich deshalb wenig aus der
+kleinen hölzernen Kapelle, die sie hatten bauen lassen. Der Kirchgang,
+der durch lange Ruderfahrten erschwert oder von ungünstigen Winden
+unmöglich gemacht wurde, war mehr eine Art Volksmarkt, auf dem man
+Bekannte traf, Geschäfte machte, Ankündigungen hörte. Und der Pastor
+war die einzige Behörde, mit der man in Berührung kam; der Amtmann,
+der die Polizeigewalt ausübte, wohnte weit entfernt und wurde bei
+Rechtssachen nie bemüht; die machte man vielmehr unter einander ab,
+mit einigen dänischen Küssen oder einem Schoppen Branntwein.
+
+Nicht eine Spur von Latein und Griechisch konnte man in dieser vom
+Herdfeuer und zwei Talglichtern beleuchteten Gestalt sehen, einer
+Kreuzung von Bauer und Seemann. Die einstmals weiße Hand, die in ihrer
+ganzen Jugend in Büchern geblättert hatte, war braun und borkig, hatte
+gelbe Leberflecke von Salzwasser und Sonnenbrand, war hart und
+schwielig von Rudern, Segeln, Steuern; die Nägel waren halb abgenagt
+und trugen von der Berührung mit Erde und Geräten schwarze Ränder. Die
+Ohrmuscheln waren mit Haar zugewachsen und gegen Katarrh und Fluß von
+Bleiringen durchbohrt. Aus der auf das wollene Wams aufgenähten
+Ledertasche hing eine Haarschnur, die einen Uhrschlüssel aus einem
+gelben Metall mit einem Karneol trug. In die feuchten wollenen
+Strümpfe hatte die große Zehe Löcher gerissen, welche die
+schlingernden Bewegungen der Füße unter dem Tisch unablässig verbergen
+wollten. Das Wams war unter den Armen von Schweiß gelbbraun geworden,
+und der Hosenschlitz stand halb offen, weil Knöpfe fehlten.
+
+Er holte eine kurze Pfeife aus der Hosentasche, klopfte sie, während
+allgemeines achtungsvolles Schweigen herrschte, gegen die Tischkante
+aus, daß sich ein kleiner Maulwurfshaufen von Asche und sauerm Tabak
+auf den Boden legte. Aber die Hand war unsicher und das Stopfen ging
+unregelmäßig vor sich; war zu umständlich, um nicht Unruhe zu erregen.
+
+– Wie steht es heute Abend mit Ihnen, Herr Pastor? Ich glaube, Sie
+sind nicht ganz wohl, fuhr die Alte dazwischen.
+
+Der Pastor hob das auf die Brust gesunkene Haupt, sah sich nach den
+Balken der Decke um, als suche er nach der Sprechenden.
+
+– Ich? sagte er und stopfte eine Prise Tabak am Pfeifenkopf vorbei.
+Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er in Frieden gelassen werden,
+und versank in schwermütige Gedanken ohne bestimmte Form.
+
+Carlsson sah, wie es stand, und flüsterte der Alten zu:
+
+– Er ist nicht nüchtern!
+
+Und im Glauben, einschreiten zu müssen, nahm er die Kaffeekanne und
+goß die Tasse des Pastors voll, stellte die Branntweinflasche daneben
+und bat ihn mit einer Verbeugung, fürlieb zu nehmen.
+
+Mit einem vernichtenden Blick hob der Alte seinen grauen Kopf, als
+wolle er, daß der Schlag Carlsson rühre; mit Ekel die Tasse von sich
+schiebend, spuckte er aus:
+
+– Bist du hier zu Hause, Knecht?
+
+Dann wendete er sich zur Alten:
+
+– Gebt mir eine Tasse Kaffee, Frau Flod!
+
+Und dann versank er für eine Weile in tiefes Schweigen, sich
+vielleicht an die Größe früherer Tage erinnernd und erwägend, wie die
+Unverschämtheit beim Volk überhand nahm.
+
+– Verfluchter Knecht! schnaubte er noch ein Mal. Mach, daß du
+hinauskommst, und hilf Robert beim Boot!
+
+Carlsson versuchte es mit Schmeichelei, wurde aber sofort
+unterbrochen:
+
+– Weißt du nicht, wer du bist?
+
+Carlsson verschwand durch die Tür.
+
+Nachdem sich der Pastor mit einem Schluck aus der Tasse erfrischt
+hatte, fuhr er die Alte an, die eine Entschuldigung für den Knecht zu
+drechseln suchte:
+
+– Habt ihr die Zugnetze draußen?
+
+– Ja, lieber Herr Pastor, öffnete die Alte die Schleusen, und alle
+Schleppnetze auch. Um sechs herum konnte noch niemand wissen, daß für
+die Nacht Sturm kommen werde; und ich kenne Gustav. Er würde eher zu
+Grunde gehen, als daß er das Garn heute Nacht liegen ließe.
+
+– Ach was, der weiß sich schon zu helfen! tröstete der Pastor.
+
+– Sagen Sie das nicht, Herr Pastor! Mag das Garn meinetwegen
+draufgehen, es steckt zwar ein gut Stück Geld darin, wenn nur der
+Junge heil aus der Sache herauskommt ...
+
+– Er wird doch nicht so dumm sein, die Netze in diesem Wetter
+aufzunehmen? Die ganze See liegt ja darauf!
+
+– Das gerade kann man von ihm erwarten! Wie der Vater hat er immer
+etwas Besonderes vorstellen wollen, und er wäre im Stande, sein Leben
+daran zu setzen, um die Zugnetze nicht verloren gehen zu lassen.
+
+– Ist es so mit ihm bestellt, Frau, dann kann ihm selbst der Teufel
+nicht helfen! Übrigens es fischt sich gut! Wir waren vergangene Woche
+mit sechs Schleppnetzen draußen bei den Erlenkobben, und wir haben
+achtzehn mal achtzig gefangen.
+
+– War der Strömling denn auch fett?
+
+– Das will ich meinen, fett wie Butter. Aber sagt mal, Frau Flod, was
+ist das für ein Geschwätz, das von Euch umläuft: Ihr sollt daran
+denken, Euch wieder zu verheiraten? Ist das wahr?
+
+– Ei potztausend, brach die Alte los, sagt man das? Das ist doch toll,
+was die Leute schwatzen können.
+
+– Mir geht es ja nicht zu nahe, erwiderte der Pastor; verhält es sich
+aber so, wie man sagt, daß es sich um den Knecht handelt, so wäre es
+um den Jungen schade.
+
+– Oh, für den Jungen ist keine Gefahr, und einen schlechtern
+Stiefvater hat mancher gekriegt.
+
+– Es ist also wahr, höre ich. Brennt es noch so heftig in dem alten
+Körper, daß Ihr’s nicht mehr aushalten könnt? Das Fleisch will das
+Seine haben, und der Pfahl sitzt da, hahaha!
+
+Hier warf der Pastor einen prüfenden Blick auf Clara und Lotte, um zu
+sehen, wie sie aussahen, wenn sie verlegen wurden; sie sahen wirklich
+recht schelmisch aus, wie sie vergebens das Lachen zu verbeißen
+suchten, denn der Pastor fühlte sich veranlaßt, den Scherz noch weiter
+zu spinnen.
+
+– Ihr grinst, Mädchen? Als ob ihr das nicht kenntet!
+
+– Wollen Sie nicht noch eine Halbe trinken, Herr Pastor? unterbrach
+ihn die Alte, die ängstlich wurde über die Wendung, die das Gespräch
+ins Liebesgebiet nahm.
+
+– Bitte, Frau; seid so freundlich! Danke! Aber ich muß auch ins Bett,
+und Ihr habt wohl noch nicht für mich aufgebettet.
+
+Lotte wurde auf die Kammer geschickt, um das Bett zu machen, nachdem
+man beschlossen, daß Carlsson und Robert in der Küche schlafen
+sollten.
+
+Der Pastor gähnte und rieb den einen Fuß gegen den andern, fuhr mit
+der Hand über die Stirn bis zur nackten Glatze hinauf, als wolle er
+namenlosen Kummer fortstreichen; dabei sank der Kopf in kurzen Rucken
+gegen die Tischplatte, wo schließlich das Kinn seine Stütze fand.
+
+Die Alte, die sah, wie es stand, trat näher und legte ihm die Hand
+behutsam auf die Schulter, klopfte sacht und bat mit rührender Stimme:
+
+– Lieber Herr Pastor! Können wir nicht ein gutes Wort heute Abend
+hören, ehe wir zu Bett gehen? Denken Sie an die Alte und ihren Jungen,
+der auf See ist.
+
+– Ein gutes Wort? Ja! Gebt mir das Buch; Ihr wißt ja, wo es steckt.
+
+Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein schwarzes Buch
+mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reisekästchen, aus dem alten Frauen
+und Kranken stärkende Tropfen geboten werden, pflegte man dieses Buch
+vorzunehmen. Andächtig, als habe sie ein Stück von der Kirche in ihre
+niedrige Hütte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam
+wie ein warmes Brot, auf ihren beiden Händen; schob vorsichtig die
+Tasse des Pastors bei Seite, wischte den Tisch mit ihrer Schürze ab
+und legte das heilige Buch vor den schweren Kopf.
+
+– Lieber Pastor, flüsterte die Alte, während der Wind im Schornstein
+lärmte, da ist das Buch.
+
+– Gut, gut, antwortete der Pastor wie im Schlaf; streckte den Arm aus,
+ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffeetasse und fuhr mit dem
+Finger so gegen den Henkel, daß er die Tasse umstieß; in zwei Bächen
+floß der Branntwein über den fettigen Tisch.
+
+– Oh oh, klagte die Alte und rettete das Buch; das geht nicht! Sie
+sind schläfrig, Herr Pastor, und müssen sich niederlegen.
+
+Aber der Pastor schnarchte schon; er ruhte mit dem Arm auf der
+Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer albernen Gebärde
+ausgestreckt, als zeige er nach einem unsichtbaren Ziel, das
+augenblicklich unerreichbar war.
+
+– Wie sollen wir’s nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen? klagte die
+Alte den Mädchen.
+
+Sie wußte, in welch furchtbare Laune er geraten konnte, wenn er aus
+dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der Küche zu lassen, ging nicht der
+Mädchen wegen; auch in die Stube durfte er nicht; dann hätte man
+darüber geklatscht.
+
+Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie Ratten die Katze
+umkreisen, um ihr Schellen anzuhängen, ohne es jedoch zu wagen.
+
+Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen und der Wind drang durch
+Fenster und undichte Wände. Der Alte, der ja in bloßen Strümpfen
+dasaß, mußte kalt geworden sein, denn eins, zwei, drei erhob sich der
+Kopf, der Mund öffnete sich gähnend, und drei Aufschreie, die klangen,
+wie wenn der Fuchs seinen Geist aufgibt, ließen die Frauen
+zusammenfahren.
+
+– Ich glaube, ich habe geniest, sagte der Pastor, erhob sich und ging
+mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa; dort sank er nieder,
+streckte sich auf den Rücken aus, faltete die Hände über der Brust und
+schlummerte mit einem langen Seufzer ein.
+
+Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken.
+
+Auch Carlsson und Robert, die jetzt zurückkamen, wagten nicht, ihn
+anzurühren.
+
+– Er schläft! Nehmt euch in Acht, sagte Robert. Gebt ihm nur ein
+Kissen unter den Kopf und werft eine Decke über ihn, dann schläft er
+bis zum Morgen.
+
+Die Alte nahm die Mädchen mit in die Stube. Robert mußte auf dem
+Heuboden über dem Vorratsschuppen schlafen. Carlsson ging auf seine
+Kammer. Die Lichter wurden gelöscht und es ward still in der Küche.
+
+Da aber erinnerte sich die Alte, daß der Pastor kein Trinkwasser habe,
+und Clara wurde mit der Kupferflasche zu ihm hineingeschickt. Sie ging
+auf Zehen, so leise sie konnte, ohne mit der Tür zu knarren, kam aber
+schnell wieder heraus:
+
+– Oh, das ist ja ein Ferkel!
+
+– Was, was? fragte die Alte eifrig, im Glauben, dem Pastor sei etwas
+zugestoßen.
+
+– Oh, könnt Ihr glauben, Tante, er wollte, ich solle mich zu ihm legen ...
+Das ist ja schrecklich!
+
+– Das kann ich nicht glauben, meinte die Alte, welche die Ehre, den
+Pastor als Gast unter ihrem Dache zu haben, sich nicht schmälern
+lassen wollte. Das kann ich nicht glauben.
+
+– Ja, aber er hat mich um den Leib gefaßt und wollte mich ...
+
+– Ach, Geschwätz, schnauzte die Alte, schloß die Tür und löschte das
+Licht. Gute Nacht!
+
+Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger ruhig war.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte und Frau Flod aufstand, um
+ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert fort. Der Sturm
+hatte sich etwas gelegt, kalte weiße Herbstwolken zogen von Osten ins
+Land hinein und der Himmel war wieder blau.
+
+Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der östlichen
+Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein Boot auf dem Meere
+zeige. Draußen in der Rinne zwischen den Kobben tauchte das eine und
+das andere gereffte Rahsegel auf, verschwand und kam wieder zum
+Vorschein. Die See lag blau da wie Stahl, und die äußersten Schären
+dämmerten, hingen wie an luftfarbigen Tüchern, als seien sie aus dem
+Wasser in die Höhe geflossen und im Begriff, sich wie Nachtnebel zu
+erheben. Die jungen Sägegänse lagen auf Buchten und Landspitzen und
+liefen auf den Seen; tauchten, wenn sie den Meeradler auf seinem
+schweren Flug über sich sahen, und kamen wieder in die Höhe; liefen
+von neuem, daß das Wasser sprühte.
+
+Sah Frau Flod draußen auf einer Schäre die Möwen fliegen und hörte
+sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein Segel; und es kamen auch
+Segel, aber alle zogen an der Insel vorbei, entweder nach Norden oder
+nach Süden.
+
+Der kalte Wind und die weißen Wolken peinigten die Augen der Alten;
+sie ging in den Wald zurück, des Wartens müde. Sie fing an
+Preiselbeeren in die Schürze zu pflücken, denn sie konnte nicht ohne
+Beschäftigung sein, sondern mußte etwas haben, mit dem sie sich die
+Unruhe vertrieb. Der Sohn war ihr doch das Liebste; und sie war nicht
+halb so bekümmert gewesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand
+und eine andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah.
+Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte ein
+Gefühl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors gestern
+Abend über das Geschwätz hatte den Pulverfaden angesteckt; bald würde
+es puff! machen. Wem dann die Augenbrauen versengt würden, war nicht
+zu bestimmen; daß aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen.
+
+Schließlich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf die
+Eichenhöhe kam, hörte sie Stimmen unten von der Landungsbrücke. Durch
+das Eichenlaub sah sie, wie Menschen sich um den Seeschuppen bewegten,
+mit einander sprachen, verhandelten, stritten. Es hatte sich, während
+sie fort war, etwas zugetragen! Aber was?
+
+Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anhöhe hinunter,
+um zu erfahren, was geschehen war.
+
+Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterstück des Netzbootes.
+Sie waren also um die Insel herum gerudert!
+
+Normans Stimme war deutlich zu hören, wie er den Verlauf schilderte:
+
+– Er ging auf den Grund wie ein Stein; dann kam er wieder in die Höhe;
+da aber kriegte er den Tod mitten durchs linke Auge; es war genau so,
+als lösche man ein Licht aus.
+
+– Herr Jesus, ist er tot? schrie die Alte und stürzte über den Zaun.
+
+Aber niemand hörte sie, denn Rundqvist setzte die Leichenrede im Boot
+fort.
+
+– Und dann warfen wir die Dregg und als der Ankerflügel ihn im Rücken
+packte, da ...
+
+Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die Netze
+trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie durch einen
+Schleier vor einem Spiegel, hinter den aufgehängten Netzen, wie alle
+Leute des Hofes um einen grauen Körper, der im Boot verstaut war,
+lagen, knieten, krochen. Sie schrie auf und wollte unter den Netzen
+durch, aber die Schwimmer blieben in ihren Haarflechten hängen und die
+Senker schlugen wie eine Geisel.
+
+– Was haben wir denn da in den Flundernetzen gefangen? schrie
+Rundqvist, der sah, daß das Garn lebendig wurde. Nein, ich glaube, das
+ist Tante!
+
+– Ist’s aus mit ihm? schrie Frau Flod so laut sie konnte. Ist’s aus
+mit ihm?
+
+– Aus wie mit einem toten Hund!
+
+Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungsbrücke. Da lag
+Gustav mit bloßem Kopfe im Boot auf dem Bauch, aber er bewegte sich,
+und unter ihm war ein großer haariger Körper zu sehen.
+
+Bist du’s, Mama? grüßte Gustav, ohne sich umzudrehen. Sieh, was wir
+gefangen haben!
+
+Die Alte machte große Augen, als sie einen fetten Seehund erblickte,
+dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gab’s allerdings nicht alle
+Tage; das Fleisch konnte man essen, wie es jetzt war; der Tran reichte
+zu manchem Paar Stiefel; das Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert.
+Aber nötiger war doch der Winterströmling, und sie sah nicht eine
+Flosse im Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, vergaß sowohl den
+wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten Seehund und brach in
+Vorwürfe aus:
+
+– Und der Strömling?
+
+– Dem war nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber den kann man ja
+schließlich kaufen, während man Seehunde nicht alle Tage kriegt.
+
+– Ja, so sprichst du immer, Gustav! Aber es ist wirklich eine Schande,
+drei Tage auszubleiben und nicht einen einzigen Fisch heimzubringen.
+Was sollen wir denn diesen Winter essen?
+
+Sie fand aber keine Zustimmung; vom Strömling hatte man genug
+bekommen, und Fleisch war Fleisch; außerdem hatten die Jäger durch
+ihre Erzählung des merkwürdigen Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf
+sich gelenkt.
+
+– Ja, benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich ein Stück vom
+Aas abhieb, hätten wir jetzt nicht den Ackerbau, so kriegten wir
+nichts zu essen!
+
+An diesem Tage fischte man nicht mehr; der große Waschkessel wurde
+aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen; in der Küche wurde
+gebraten und geschmort; dazwischen trank man Kaffeehalbe. Auf der
+südlichen Wand der Scheune wurde das Fell wie ein Siegeszeichen
+ausgespannt; Leichenreden wurden dabei gehalten, und alle kommenden
+und gehenden Kleingläubigen mußten ihre Finger in die Schußlöcher
+stecken und anhören: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund auf
+den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten Augenblick, als der
+Schuß losgehen sollte, zu Norman sagte; wie sich der sterbende Seehund
+im letzten Augenblick benahm, als ihm das »Leben wie ein Faden
+abgeschnitten wurde«.
+
+Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete heimlich
+sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte er sich mit Norman
+und Lotte ins Boot, um nach der Stadt zu fahren.
+
+ * * * * *
+
+Als Frau Flod an die Landungsbrücke hinunter kam, um die aus der Stadt
+Heimkehrenden zu empfangen, war Carlsson so freundlich und bescheiden,
+daß die Alte sofort merkte, es war etwas dazwischen gekommen.
+
+Nach dem Abendbrot ließ sie ihn in die Stube eintreten, damit er das
+Geld aufzähle. Er mußte sich setzen und berichten. Aber das ging
+träge; der Knecht schien keine Lust zu haben, etwas mitzuteilen; doch
+die Alte ließ nicht locker, bis er mit einem Reisebericht
+herausrückte.
+
+– Nun, Carlsson, melkte sie, Ihr seid doch auch bei Professors
+gewesen, nicht wahr?
+
+– Ja, natürlich war ich dort, antwortete Carlsson, der augenscheinlich
+von der Erinnerung unangenehm berührt wurde.
+
+– Nun, wie geht’s ihnen denn?
+
+– Sie lassen alle auf dem Hof grüßen; sie waren so freundlich, mich
+zum Frühstück einzuladen. Es war sehr fein in der Wohnung, und wir
+haben auch etwas Gutes gekriegt.
+
+– Was habt Ihr denn Gutes gekriegt?
+
+– Oh, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen und dazu Porter
+getrunken.
+
+– Da habt Ihr wohl auch die Mädchen gesehen, Carlsson?
+
+– Ja gewiß, antwortete Carlsson freimütig.
+
+– Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr?
+
+Das waren sie nun allerdings nicht; das würde aber die Alte zu sehr
+gefreut haben; darum antwortete Carlsson nicht darauf.
+
+– Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon gewesen, um
+uns die Musik anzuhören; da habe ich sie mit Sherry und belegten
+Brötchen traktiert. Es war, wie gesagt, sehr nett.
+
+In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen; die Sache war
+nämlich ganz anders verlaufen.
+
+Carlsson war in der Küche von Lina empfangen worden, denn Ida war
+ausgegangen; an der Ecke des Küchentisches hatte er dann eine halbe
+Flasche Bier getrunken. Dabei war die Frau des Professors in die Küche
+gekommen und hatte zu Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da
+abends Besuch komme; dann war sie wieder gegangen.
+
+Als Carlsson mit Lina wieder allein war, wurde die etwas verlegen;
+schließlich kriegte Carlsson aus ihr heraus, daß Ida seinen Brief
+empfangen und ihn eines Abends, als ihr Bräutigam dagewesen, laut
+vorgelesen habe; das war in der Kammer geschehen, wo der Bräutigam
+Porter trank und Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb
+tot gelacht. Zwei Male habe der Bräutigam den Brief gelesen, laut wie
+ein Pastor. Am meisten hatten sie sich über den »alten Carlsson« und
+seine »letzten Stunden« amüsiert. Als sie an die Stelle von
+»Versuchungen und Irrwegen« kamen, hatte der Bräutigam – er war
+Bierfahrer – vorgeschlagen, nach Berns Salon in die Versuchung zu
+gehen. Und sie waren dorthin gegangen und wurden von dem Bräutigam mit
+Sherry und belegten Brötchen traktiert.
+
+Ob nun Linas Erzählung Carlssons Sinn erregt und sein Gedächtnis
+erschüttert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die Kleider des
+Bierfahrers gewünscht, daß er sich in dessen angenehme Lage als Wirt
+versetzt, sich mit dem Hummer essenden Gast verwechselt, den Porter
+des Bräutigams getrunken und Linas Champignons gegessen hatte – genug,
+er stellte die Sache der Alten so dar, daß er die Wirkung erzielte,
+die er beabsichtigte; und das war die Hauptsache.
+
+Nachdem er so weit gekommen war, fühlte er sich ruhig genug, um zum
+Angriff überzugehen. Die Burschen waren auf See, Rundqvist hatte sich
+niedergelegt, und die Mädchen waren für diesen Tag fertig geworden.
+
+– Was ist das für ein Geschwätz, das hier im Kirchspiel umläuft; das
+ich überall hören muß? begann er.
+
+– Was schwatzt man jetzt wieder? fragte Frau Flod.
+
+– Ach, es ist das alte Geschwätz: wir dächten daran, uns zu heiraten.
+
+– Ja, das ist nichts Neues; das haben wir so oft gehört.
+
+– Aber es ist doch ganz unglaublich, daß die Leute behaupten, was
+nicht wahr ist! Das ist mir ganz unbegreiflich, sagte der listige
+Carlsson.
+
+– Ja, was solltet Ihr, der junge, flinke Kerl, auch mit einem alten
+Weibe, wie ich bin, anfangen?
+
+– Oh, was das Alter betrifft, damit hat’s keine Gefahr. Darf ich für
+mein Teil sprechen: sollte ich einmal daran _denken_, mich zu
+verheiraten, so wäre es nicht mit einer Dirne, die nichts kann und
+nichts weiß; denn seht Ihr, Tante, die Lust ist eine Sache und sich
+verheiraten eine andere! Denn die Lust, die weltliche Lust vergeht wie
+ein Rauch, und die Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der
+Zigarren spendiert. Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich
+verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer gewesen,
+und wer etwas anderes sagt, der lügt.
+
+Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung.
+
+– Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und Euch? untersuchte sie.
+
+– Ida, ja, die ist ja an und für sich ganz gut; ich brauchte nur den
+Finger nach ihr auszustrecken, dann hätte ich sie! Aber, Tante, sie
+hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist weltlich und eitel, und ich
+glaube, sie wandelt sogar auf unrechten Wegen. Übrigens muß ich sagen,
+ich fange an alt zu werden und habe keine Lust zum Schäkern mehr. Ja,
+gerade heraus gesagt: _sollte_ ich ans Heiraten denken, so würde ich
+eine ältere, verständige Person nehmen, eine, welche die rechte
+Gesinnung hat. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll,
+aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt ja die rechte
+Gesinnung; ja, die habt Ihr.
+
+Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons Winkelzüge
+besser verstehen zu können, damit sie nicht die Gelegenheit versäume,
+ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem Ja herausrückte.
+
+– Aber sagt mal, Carlsson, begann sie ein neues Garnende, habt Ihr
+denn nicht an die Witwe von Owassa gedacht, die allein steht und
+nichts Besseres verlangt, als wieder zu heiraten?
+
+– Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die _rechte
+Gesinnung_: wer mich haben will, der muß die rechte Gesinnung haben!
+Geld und äußeres Getue und feine Kleider, das macht auf mich keinen
+Eindruck, denn so bin ich nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann
+nichts anderes sagen.
+
+Der Stoff schien nun von allen Seiten benagt zu sein; einer mußte das
+letzte Wort sagen, solange es noch möglich war.
+
+– Nun, an wen habt Ihr denn gedacht, Carlsson? wagte sich die Frau
+einen kühnen Schritt vor.
+
+– Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe überhaupt noch
+nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche; ich schweige! Man soll
+nachher nicht sagen können, ich habe jemanden verlockt: von der
+Gesinnung bin ich nicht.
+
+Die Alte wußte jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war; und sie mußte
+sich noch ein Mal vortasten.
+
+– Ja, aber, lieber Carlsson, wenn Ihr Ida in Gedanken habt, dann könnt
+Ihr doch nicht in vollem Ernst an eine andere denken.
+
+– Ida, nein, die Füchsin will ich nicht geschenkt haben! Nein, etwas
+Besseres muß es sein; Kleider am Körper muß sie wenigstens besitzen;
+und hat sie noch etwas mehr, so schadet es auch nichts; doch sehe ich
+nicht darauf, denn so bin ich, das ist meine Gesinnung.
+
+Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, daß man in die
+Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich nicht noch einen
+Ruck gab.
+
+– Nun, Carlsson, was würdet Ihr sagen, wenn wir beide uns zusammen
+täten?
+
+Carlsson wehrte mit beiden Händen ab, als wolle er sofort vom ersten
+Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit verjagen.
+
+– Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen! beteuerte er. Daran
+wollen wir nicht einmal denken, geschweige denn davon sprechen. Was
+würden die Leute schwatzen: ich hätte Euch fürs Geld genommen. Aber so
+bin ich nicht, und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, über die Sache
+wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das, Tante, und
+gebt mir die Hand darauf (er streckte seine Hand aus), daß wir nie
+wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand darauf!
+
+Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben, sondern sie
+wollte gerade die Sache gründlich besprechen.
+
+– Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch zutragen
+könnte? Ich bin alt, das wißt Ihr, Carlsson, und Gustav ist nicht der
+Mann dazu, den Hof zu übernehmen. Ich brauche jemanden, der mir zur
+Seite steht und hilft; aber ich verstehe wohl, daß Ihr Euch nicht für
+andere verbrauchen und Euch nicht für nichts abrackern wollt: darum
+weiß ich mir keinen andern Rat, als daß wir uns verheiraten. Die Leute
+laßt nur schwatzen; sie klatschen doch so wie so! Habt Ihr nichts
+Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich nichts, was uns hindern
+sollte. Was habt Ihr gegen mich?
+
+– Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts; aber dieses
+dumme Geschwätz; und übrigens Gustav wird uns das nie vergessen.
+
+– Ach was, seid Ihr nicht Manns genug, den Jungen im Zaun zu halten,
+so werde ich’s schon besorgen. In die Jahre bin ich ja gekommen, aber
+so alt bin ich denn doch noch nicht, und ich muß ihm unter vier Augen
+sagen, Carlsson ... wenn es darauf ankommt, bin ich noch ebenso gut
+wie ein Mädchen. Ja, das ist keine Prahlerei, aber ich glaube, der
+Flod hat sich nicht zu beklagen gehabt; und wenn einer Anregung
+gebraucht hat, ich war es nicht.
+
+Das war eine dunkle Rede, aber genug für den, der sie verstand.
+
+– Oh, darüber habe ich mich nicht abfällig geäußert, antwortete
+Carlsson, und ich bin auch noch nicht so uralt, aber keiner von uns
+ist so erpicht aufs Tanzen, daß _das_ eine Gefahr sein sollte. Tanzen
+ist eine Sache, und Gesinnung eine andere, und wer die _rechte_
+Gesinnung hat, mit der kann man ins Brautbett gehen, ohne die Decke zu
+hoch heben zu müssen. Übrigens muß ich Euch sagen, Tante, ich bin
+nicht sehr fleischlich, und Ihr habt wohl auch genug gehabt, nach dem
+was ich über Flod gehört habe.
+
+Das Gespräch hatte einen solchen Reiz erhalten, daß man nicht
+aufhören konnte, zumal die Erinnerung an entschwundene Freuden der
+Einen neue Hoffnungen einflößte, während der Andere neugierig wurde
+auf das, was ihn erwartete.
+
+– Ja, den Flod wollen wir nun ruhen lassen, da er tot ist; aber seid
+Ihr bange, Carlsson, so könnt Ihr ja die Probe machen, ehe Ihr Euch
+entscheidet.
+
+– Oh, das ist durchaus nicht nötig, widersprach Carlsson. Aber ist das
+hier am Orte Sitte mit den Mädchen, Herr Gott, so will ich alten
+Brauch nicht brechen; man muß die Sitte nehmen, wie man sie findet ...
+
+Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Plänen und Beratungen,
+wie man sich Gustav gegenüber verhalten und wie man es mit der
+Hochzeit machen solle.
+
+Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, daß die Alte den
+Kaffeekessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen mußte.
+Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen, bis Carlsson
+in die rechte Gesinnung kam, um zu zeigen, daß er alten Brauch nicht
+brechen wolle. Damit war der Bund besiegelt, wenn auch noch nicht
+geweiht.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+ Man schlägt sich beim dritten Aufgebot, geht zum
+ Abendmahl und hält Hochzeit, kommt aber doch nicht
+ ins Brautbett
+
+
+Daß niemand besser ist, als wenn er stirbt, und keiner schlechter, als
+wenn er heiratet, mußte Carlsson bald erfahren. Gustav hatte gebrüllt
+wie ein hungriger Seehund, hatte drei Tage lang getobt, während
+Carlsson eine kleine Reise unter irgend einem Vorwande unternahm.
+
+Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach allen Seiten
+gewendet, um für den besten Menschen erklärt zu werden, der bisher
+geschaffen worden. Dagegen kehrte man Carlsson um wie alte Kleider, um
+ihn auf der innern Seite voller Flecken zu finden. Man entdeckte, daß
+er Bahnarbeiter und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fortgejagt
+worden, ein Mal ganz sicher geflüchtet, ein Mal, nach nicht verbürgter
+Angabe, wegen Schlägerei bestraft worden sei.
+
+Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die Flamme brannte
+nun einmal, und mit der Aussicht, daß der Witwenstand zu Ende sei,
+schien die Alte wieder aufzuleben und sich ein dickes Fell anzulegen,
+mit dem sie alles vertragen konnte.
+
+Die Feindseligkeit gegen Carlsson hatte ihre Wurzel darin, daß er,
+der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz dieses Stück Landes
+kommen sollte, das die Eingeborenen gewissermaßen als ihr Eigentum
+betrachtet hatten.
+
+Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben würde, verringerten
+sich des Sohnes Aussichten, einst sein eigener Herr zu werden; und
+seine Stellung auf dem Hofe würde künftighin wohl die eines Knechtes
+sein, und zwar unter der Vormundschaft und dem guten Willen des
+frühern Knechtes. Es war also ganz natürlich, daß der Abgesetzte
+raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte zur Polizei zu gehen,
+Anzeige zu machen und den künftigen Stiefvater fortjagen zu lassen.
+
+Noch böser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise im
+schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsmütze des seligen Flod
+zurückkam, die er bei der ersten zärtlichen Gelegenheit als Morgengabe
+erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundqvist, Carlsson
+einen Schabernack zu spielen.
+
+Eines Morgens, als man sich an den Frühstückstisch setzte, lag auf
+Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge unsichtbarer Dinge
+verbarg. Carlsson, der nichts Böses ahnte, hob das Handtuch auf und
+sah sein Tischende mit all dem Plunder gedeckt, den er in seinen Sack
+gesammelt und unter dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da
+standen leere Hummerbüchsen, Sardinendosen, Champignonkrüge, eine
+Porterflasche, unendlich viel Körke, ein gesprungener Blumentopf und
+anderes mehr.
+
+Ihm wurde grün vor den Augen; er wußte aber nicht, gegen wen er
+losbrechen sollte.
+
+Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er erklärte, das sei
+ein üblicher »Spaß« in der Gegend, wenn sich jemand verheirate.
+
+Unglücklicher Weise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen
+auszusprechen, daß der Lumpensammler so früh im Herbst gekommen,
+während er sonst sich nicht vor Neujahr zu zeigen pflege. Gleichzeitig
+griff Norman ein, um zu erklären, es sei kein Lumpensammler da
+gewesen, das seien Carlssons Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist
+dem Carlsson einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den
+beiden aus sei.
+
+Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, daß Gustav zur Pfarre segelte.
+Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf sechs Monate zu
+verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung waren.
+
+Das war für Carlsson ein Strich durch die Rechnung. Doch er suchte
+den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, indem er sich Ersatz
+verschaffte.
+
+Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich aufgefaßt; als das
+aber übel ablief, beschloß er, sie wenigstens den Leuten auf dem Hof
+gegenüber scherzhaft zu nehmen. Das gelang ihm auch, nur mit Gustav
+nicht; der unterhielt beständig einen unterseeischen Kampf, ohne
+irgend ein Zeichen zur Versöhnung blicken zu lassen.
+
+So verging der Winter, langsam und still. Man haute Holz, flickte
+Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte man Karten und trank
+Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten durch einen Schmaus. Lag der
+Eisvogeljagd ob.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde wieder Frühling. Der Eiderstrich lockte aufs Meer hinaus;
+aber Carlsson setzte alle Kräfte an die Bestellung, um auf eine gute
+Ernte rechnen zu können. Die war nötig, um den Ausfall zu ersetzen,
+den die Hochzeit bringen würde; besonders da man die Absicht hatte,
+eine große Hochzeit zu halten, an die man noch Jahre lang denken
+sollte.
+
+Mit den Zugvögeln kamen auch die Sommergäste. Der Professor nickte
+freundlich wie im vorigen Jahre und fand, es sei alles »schön« wie
+früher, besonders daß man Hochzeit halte. Glücklicher Weise war Ida
+nicht dabei. Sie hatte im April den Dienst verlassen und sollte sich
+bald verheiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend;
+auch hatte Carlsson zu viel Eisen im Feuer, um sich mit ihr
+einzulassen; zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt
+war, es zu verlieren.
+
+Am Mittsommertag wurden die Verlobten aufgeboten, und die Hochzeit
+sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden; dann war immer eine
+kleine Ruhepause in der Arbeit, sowohl zu Lande wie zu Wasser.
+
+Nach dem Aufgebot machte sich eine Änderung in Carlssons Wesen
+bemerkbar, die nicht gerade angenehm war; Frau Flod war die erste, die
+sie zu empfinden hatte. Nach der Sitte des Landes hatten sie seit der
+Verlobung wie verheiratete Leute gelebt; und der Bräutigam, den der
+Aufschub bedrohte, wußte sein Benehmen immer nach den zwingenden
+Umständen einzurichten. Als die Gefahr aber vorüber war, trug er den
+Kopf hoch und zeigte die Klauen.
+
+Das machte jedoch auf Frau Flod, die sich ebenfalls sicher fühlte,
+keinen andern Eindruck, als daß sie die Zähne zeigte, so viel sie noch
+hatte. So gerieten sie am Tage des dritten Aufgebots an einander.
+
+Die ganze Bevölkerung der Insel außer Lotte war nach der Kirche
+gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gewöhnlich hatte man das
+kleinste Boot genommen, um, falls man rudern mußte, so wenig Mühe wie
+möglich damit zu haben. Es war also eng im Boot, zumal man Proviant,
+Fische für den Pastor und Lichter für den Küster mitführte; außerdem
+hatte man alle möglichen Kleidungsstücke zum Wechseln mitgenommen;
+ganz abgesehen von Segel und Rudern, Schöpfgefäßen und Eimern,
+Schemeln und Tritten.
+
+Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Frühstück gegessen; hatte
+einander aus Krügen und Flaschen zugetrunken. Heiß war es auch auf
+See, und niemand wollte rudern; ein kleiner Streit brach unter den
+Männern aus, von denen keiner Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu
+kommen. Die Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht
+kam und die Glocken hörte, die man seit Jahr und Tag nicht vernommen,
+wurde der Zwist beigelegt.
+
+Es läutete erst zum ersten Male; man hatte also noch viel Zeit. Frau
+Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre hinauf.
+
+Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune.
+
+– Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hemsöer kommen, grüßte
+er und prüfte das Messer am Zeigefinger. Kommen die Leute mit Fischen,
+als hätte man die See nicht vor der Tür, schnauzte er.
+
+Carlsson, der die Fische trug, konnte in die Küche gehen, um sich
+einen Schnaps geben zu lassen.
+
+Dann ging man mit den Lichtern zum Küster; und dort gab es auch einen
+Schnaps.
+
+Schließlich trafen sich alle vor der Kirche, sahen sich die Pferde der
+Großbauern an, lasen die Grabsteine und begrüßten Bekannte. Frau Flod
+machte dem Grabe Flods einen kurzen Besuch, während Carlsson bei Seite
+ging.
+
+Als es zum letzten Male geläutet hatte, trat die Gemeinde in die
+Kirche ein.
+
+Da die Hemsöer, nachdem die alte Kirche verbrannt war, keinen eigenen
+Kirchenstuhl hatten, mußten sie auf dem Gange stehen. Heiß war es, und
+fremd fühlten sie sich in dem großen Raume; aus reiner Verlegenheit
+schwitzten sie; sie sahen aus wie eine Bande aus der Besserungsanstalt,
+die am Pranger stand.
+
+Die Uhr wurde elf, ehe man zum Kanzellied kam; die Hemsöer hatten
+einige zwanzig Male die Beine umgestellt und die Füße gewechselt. Die
+Sonne schien so heiß in die Kirche, daß der Schweiß ihnen von den
+Stirnen perlte; aber sie standen wie in einer Zange und konnten sich
+nicht nach einem schattigen Fleck retten.
+
+Da kommt der Kirchendiener und setzt Nummer 158 des Gesangbuches an.
+Die Orgel spielt ein Vorspiel und der Küster beginnt mit der ersten
+Strophe. Die wird mit Lust und Liebe gesungen, da man unmittelbar nach
+ihr die Predigt erwartete. Aber siehe, es kommt Strophe zwei und drei.
+
+– Es kann doch nicht sein Ernst sein, alle achtzehn durchzunehmen?
+flüsterte Rundqvist Norman zu.
+
+Aber es war Ernst! In der Tür zur Sakristei war Pastor Nordströms
+zorniges Gesicht zu sehen, das die Gemeinde trotzig und herausfordernd
+anblickte; er hatte beschlossen, ihr eine gehörige Lehre zu geben, da
+er sie ein Mal unter den Händen hatte.
+
+Und alle achtzehn Strophen wurden gesungen; die Uhr war halb zwölf,
+als der Pastor endlich auf die Kanzel kam. Da aber waren sie weich, so
+weich, daß sie auf ihr Angesicht niederfielen und einschliefen.
+
+Lange dauerte jedoch der Schlaf nicht, denn eins, zwei, drei schrie
+der Pastor sie an, daß die Schlummernden auffuhren, die Köpfe in die
+Höhe warfen und den Nachbar dumm anstarrten, als fragten sie, ob Feuer
+ausgebrochen sei.
+
+Carlsson und die Alte hatten sich so weit vorgedrängt, daß ein
+Rückzug nach der Tür unmöglich war, ohne Aufsehen zu erregen. Die Alte
+weinte aus Müdigkeit und infolge ihrer engen Stiefel, die um so ärger
+drückten, je höher die Wärme stieg. Zuweilen warf sie ihrem Bräutigam
+einen bittenden Blick zu, als flehe sie ihn an, sie an die See
+hinunter zu tragen; der aber war so in den Gottesdienst vertieft, wie
+er da in Flods weiten roßledernen Stiefeln stand, daß er die
+Ungeduldige nur mit bösen Blicken strafte.
+
+Die andern dagegen waren achteraus gesackt und unter die Orgelempore
+gekommen; dort war es kühl und man hatte etwas Schatten. Dort
+entdeckte Gustav auch die Feuerspritze, ließ sich darauf nieder und
+nahm Clara auf den Schoß.
+
+Rundqvist lehnte sich an einen Pfeiler und Norman stand neben ihm, als
+die Predigt begann.
+
+Es waren »Worte und keine Lieder«, scharfe Worte, und sie dauerten
+sechs Viertelstunden. Der Text handelte von den klugen und törichten
+Jungfrauen; da keiner von den Mannsleuten den auf sich bezog, schlief
+die ganze Gesellschaft; schlief sitzend, hängend, stehend.
+
+Als eine halbe Stunde vergangen war, stieß Norman Rundqvist, der sich
+die Stirn mit der Hand hielt, als sei ihm nicht wohl, in die Rippen
+und zeigte mit dem Daumen nach Clara und Gustav auf der Feuerspritze.
+Rundqvist drehte sich behutsam zur Seite, sperrte die Augen auf, als
+sehe er den Bösen selber; schüttelte den Kopf und lächelte, als habe
+er verstanden. Clara hatte nämlich die Augen geschlossen und ließ die
+Zunge hängen, als schliefe sie in schmerzlichen Träumen; Gustav aber
+starrte unverwandt Pastor Nordström an, als wolle er jedes Wort
+aufessen und strenge sich an, das Stundenglas rinnen zu hören.
+
+– Aber die sind ja toll, flüsterte Rundqvist, ging langsam und
+vorsichtig rückwärts, behutsam mit den Fersen tappend, um nicht heftig
+gegen die Ziegelsteine zu stoßen.
+
+Norman aber hatte Rundqvists Gedanken schon gelesen: schnell wie ein
+Aal war er zum Kirchhof hinaus geschlüpft. Dorthin folgte Rundqvist
+ihm bald. Beide eilten dann zusammen nach dem Boot hinunter.
+
+Draußen wehte ein kühler Seewind, und die hastig eingenommenen
+Erfrischungen setzten ihre Kräfte bald wieder in Stand. Leise, wie sie
+gekommen, kehrten sie wieder in die Kirche zurück.
+
+Dort war Clara in des schlafenden Gustavs Armen entschlummert; die
+umfaßten sie aber so hoch oben, daß Rundqvist sie etwas
+hinunterschieben zu müssen glaubte. Dabei erwachte Gustav jedoch und
+umfaßte seinen Raub von neuem, als habe jemand ihm das Mädchen nehmen
+wollen.
+
+Eine halbe Stunde dauerte noch die Predigt; und dann ging noch eine
+halbe darauf mit dem Kirchenliede, ehe das Abendmahl begann.
+
+Unter starker Erregung wurden die Gnadenmittel genommen. Rundqvist
+weinte.
+
+Als die feierliche Handlung zu Ende war, wollte sich Frau Flod in
+einen Kirchenstuhl drängen. Dabei wäre es beinahe zu einem Streit
+gekommen, und sie wurde aus dem Stuhl wieder hinausgewiesen. So
+brachte sie die letzte halbe Stunde hinter dem Stuhl des
+Kirchenvorstehers zu, auf den Hacken stehend, als verbrennten die
+Ziegelsteine ihr die Sohlen. Wie der Pastor das Aufgebot vorlas, wurde
+sie ganz wild, weil die Leute sie ansahen.
+
+Endlich war alles aus, und man stürzte nach dem Boot hinunter. Frau
+Flod konnte nicht mehr warten, sondern zog, sobald sie die
+Glückwünsche vor der Kirche empfangen, ihre Schuhe aus und trug sie
+hinunter zum Boot. Dort steckte sie die Füße ins Wasser und schalt
+Carlsson aus.
+
+Dann machte man sich über den Mundvorrat her. Als man entdeckte, daß
+die Pfannkuchen fehlten, wurde Lärm geschlagen. Rundqvist hielt es für
+wahrscheinlich, daß sie vergessen waren; Norman meinte, jemand habe
+sie auf dem Hinweg aufgezehrt; dabei warf er einen argwöhnischen Blick
+auf Carlsson.
+
+Schließlich stieg man ins Boot. Da aber erinnerte sich Carlsson, daß
+er ein Faß Teer aus dem Kirchenschuppen abzuholen habe. Das gab einen
+Sturm. Die Frauen schrien, sie wollten keinen Teer im Boot haben; um
+keinen Preis, da sie neue Kleider anhätten. Doch Carlsson holte die
+Teertonne und verstaute sie.
+
+Da entstand wieder ein Leben über die Frage, wer neben dem
+gefährlichen Gefäß sitzen sollte.
+
+– Worauf soll man denn sitzen? jammerte Frau Flod.
+
+– Nimm die Röcke hoch und setz dich auf den Hintern, antwortete
+Carlsson, der sich jetzt, nachdem er aufgeboten war, sehr viel mehr zu
+Hause fühlte.
+
+– Was sagst du? zischte die Alte.
+
+– Ja, das sage ich: setz dich ins Boot, damit wir fortkommen!
+
+– Wer hat den Befehl auf See, möchte ich wissen? fiel Gustav ein, der
+fand, daß man seiner Ehre zu nahe trat.
+
+Und Gustav setzte sich ans Steuer, ließ aufhissen und nahm die Schot
+in die Hand.
+
+Das Boot war tief beladen, der Wind war äußerst schwach, die Sonne
+brannte heiß und die Köpfe befanden sich in Gärung. Das Boot kroch
+dahin »wie eine Laus auf geteerter Birkenrinde«, und es half nicht,
+daß die Mannsleute einen Segelschnaps nahmen.
+
+Die Geduld verging ihnen bald und das Schweigen, das eine Weile
+geherrscht hatte, wurde von Carlsson unterbrochen, der die Segel
+reffen und rudern wollte. Das wollte Gustav aber nicht:
+
+– Wartet nur! Sobald man aus den Kobben heraus ist, kann man schon
+segeln, meinte er.
+
+Und man wartete. Schon war draußen im Gatt zwischen den Inseln ein
+dunkelblauer Streifen zu sehen, und man hörte die See gegen die
+äußeren Schären branden. Ein starker östlicher Wind war im Anzuge, und
+Leben kam in die Segel. Gerade als man um eine Landzunge bog, kam
+solcher Wind, daß sich das Boot legte, wieder hoch hob und dahin
+schoß, daß es hinter ihm gurgelte.
+
+Jetzt mußte die ganze Gesellschaft einen Schnaps nehmen. Alle lebten
+auf, als das Boot guten Gang machte.
+
+Dann aber frischte der Wind auf; das Boot lag leewärts unter Wasser,
+wurde aber vom Wind durchgedrückt.
+
+Carlsson ward bange, hielt sich an den Tauen fest und bat, man solle
+reffen und zu den Riemen greifen.
+
+Gustav antwortete nicht, sondern holte die Schot an, daß Wasser ins
+Boot kam.
+
+Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder auslegen. Aber
+die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn nieder.
+
+– Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie.
+
+Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war weiß. Aber er saß
+nicht lange, als er auffuhr und, ganz außer sich, den Rockschoß
+aufhob.
+
+– Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit dem
+Rockschoß.
+
+– Was leckt? fragten alle auf einmal.
+
+– Das Teerfaß!
+
+– Herr Jesus! riefen alle und rückten von dem Teerfluß fort, der allen
+Bewegungen des Bootes folgte.
+
+– Sitzt still im Boot, brüllte Gustav; sonst segle ich euch um!
+
+Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise kam.
+Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz und gab ihm
+eine Maulschelle, daß er niederstürzte.
+
+Eine Schlägerei stand bevor. Frau Flod geriet außer sich und schritt
+ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und schüttelte ihn.
+
+– Was ist das für ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat? Weißt du
+nicht, daß man im Boot still sitzen muß?
+
+Carlsson wurde böse, riß sich los, verlor aber ein Stück vom
+Rockkragen.
+
+– Reißt du meine Kleider kaputt, Weibstück! schrie er und
+setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu schützen.
+
+– Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider? Von wem hast du
+denn den Rock? Weibstück für solch einen Laichhering, der nichts hat ...
+
+– Schweig, brüllte Carlsson, in seinem empfindlichsten Punkt
+getroffen; sonst antworte ich!
+
+– Antworte nur; ich werde schon zurückgeben, meinte Frau Flod.
+
+– Ja, ich könnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem Brett,
+der gut ist auf frischem.
+
+Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen Schottischen an;
+in den fielen Norman und Rundqvist ein. Das giftige Gespräch flaute
+ab, um auf den gemeinsamen Feind überzugehen, den Pastor Nordström,
+der sie fünf Stunden hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen
+lassen.
+
+Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichmäßiger, die
+Gemüter beruhigten sich. Die beste Stimmung herrschte, als das Boot in
+die Bucht einfuhr und an der Brücke anlegte.
+
+ * * * * *
+
+Die Vorbereitungen für die Hochzeit, die drei Tage dauern sollte,
+nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und eine Kuh; kaufte
+hundert Kannen Branntwein; legte den Strömling in Salz und
+Lorbeerblätter; scheuerte, backte, braute, kochte, briet, mahlte
+Kaffee.
+
+Gustav ging während all dieser Zurüstungen mit einem geheimnisvollen
+Gesicht umher; ließ die Andern gewähren und äußerte keinerlei Ansicht.
+
+Carlsson dagegen saß meist vor der Klappe des Sekretärs und rechnete;
+fuhr nach dem Badeorte Dalarö; ordnete alles, wie er es haben wollte.
+
+Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen packte Gustav seine
+Tasche, nahm die Flinte und ging. Die Mutter erwachte und fragte,
+wohin er wolle. Gustav antwortete, er wolle hinausfahren, um
+nachzusehen, ob der Badefisch schon gekommen. Damit drückte er sich.
+
+Sein Boot hatte er mit Mundvorrat für mehrere Tage versehen; auch nahm
+er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und andere Sachen mit, die für
+einen Aufenthalt auf den Schären nötig waren.
+
+Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die Buchten
+einzubiegen, um nachzusehen, ob der Kühlung auf die warmen sandigen
+seichten Ufer zum »baden« hinauf gezogen sei, hielt er geradewegs
+zwischen die Kobben hindurch.
+
+Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel blauweiß wie
+abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Schären, Kobben, Riffe lagen so weich
+und schmelzend im Wasser, daß man nicht sagen konnte, ob sie der Erde
+oder dem Himmel angehörten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen,
+und auf den Landzungen lagen Sägergänse, Trauerenten, Taucher, Möwen.
+Nach dem offenen Meer zu waren nur Meerkiefern zu sehen, und Teiste,
+Alke, schwarze, papageiähnliche, schwärmten frech um das Boot, um den
+Jäger von den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten.
+
+Schließlich wurden die Schären niedriger, nackter; und hier draußen
+war nur eine vereinzelte Kiefer übrig gelassen, um den Nistkasten zu
+tragen, in dem man Eider und Sägergänse ihre Eier legen ließ; oder
+eine Eberesche, über deren Krone eine Wolke von Mücken sich im Winde
+schaukelte. Dahinter lag das offene Meer. Dort hielt die Raubmöwe ihre
+Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, Möwen und Blaumänteln. Dorthin lenkte
+der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht eine liegende
+Eiderente zu packen.
+
+Dorthin, nach der letzten Schäre, steuerte jetzt Gustav, an der
+Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer lauen südlichen
+Brise ließ er sich schleppen; gegen neun ging er auf der Schäre
+Norsten an Land.
+
+Es war eine felsige Insel, einige Morgen groß, mit einer Talmulde in
+der Mitte. Einige kahlköpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen;
+auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in
+den Klüften; und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus
+Heidekraut, Krähenbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten
+angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbüsche lagen wie
+platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Nägeln
+festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden.
+
+Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wußte, welchen
+Wachholderbusch er heben mußte, um die brütende Eider zu finden, die
+sich den Rücken streicheln ließ und ihn ins Hosenbein biß. Er steckte
+seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen
+den Hals umzudrehen, da er sie zum Frühstück haben wollte.
+
+Hier draußen fischten die Hemsöer ihre Strömlinge. Hier hatten sie
+zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen Schuppen gebaut,
+in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch
+Gustav seine Schritte, nahm den Schlüssel von seinem gewöhnlichen Ort
+unterm Dachbart und trug seine Gerätschaften hinein. Der Schuppen
+bestand nur aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die
+fachförmig übereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch,
+einen Dreifuß zum Sitzen.
+
+Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach
+hinauf, um die Schornsteinluke zu öffnen. Als er wieder herunter kam,
+holte er die Streichhölzchen von ihrem Platze unter einem Balken und
+machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem
+Brauch, einen Arm voll Brennholz für seinen Nachfolger zurecht gelegt.
+Dann setzte er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene
+Fische über die Kartoffeln. Während er wartete, rauchte er eine
+Pfeife.
+
+Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum
+Boot hinunter, wo er die Lockvögel hatte. Ruderte die hinaus und
+verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schießkoje, die
+aus Steinen und Reisig gebaut war.
+
+Die Lockvögel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen,
+aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er
+ermüdete. Trieb sich auf den Sandsteinen umher, um eine Otter
+aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester
+zwischen glänzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer.
+
+Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu bekommen; er
+trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben; um nicht daheim sein zu
+müssen; es machte ihm Vergnügen, sich hier draußen herumzutreiben, wo
+niemand ihn sah, niemand ihn hörte.
+
+Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief.
+
+Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glück
+auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill, und er sah,
+wie sich das Land gleich dünnem Rauch in der goldenen Straße der
+sinkenden Sonne streckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen
+Nacht, und er hörte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die
+Seehunde badeten in gehöriger Entfernung, steckten ihre Schwachköpfe
+aus dem Wasser, blökten, pusteten und tauchten wieder unter.
+
+Der Dorsch biß wirklich; es gelang Gustav einige Weißbäuche
+heraufzuholen, die mit ihrem großen aber ungefährlichen Schlund nach
+Wasser schnappten und mit ihren Augen in die Sonne blinzelten, als sie
+aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt wurden und über die Reling ins
+Boot sprangen.
+
+Gustav hatte auf der nördlichen Seite der Schäre gehalten; als es aber
+schnell Abend wurde und er wendete, um zurückzufahren, merkte er erst,
+daß der Schornstein des Schuppens rauchte. Sich fragend, wer das sein
+könne, machte er, daß er so schnell wie möglich hin kam.
+
+– Bist du’s? hörte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors.
+
+– Nein, Sie sind’s, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt, als er den
+Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten sah. Sind Sie
+allein draußen?
+
+– Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der
+Südseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen. Aber warum
+bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rüsten?
+
+– Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav.
+
+– Ach Geschwätz, warum solltest du sie nicht mitmachen?
+
+Gustav erklärte, so gut er konnte, seine Gründe; aus denen ging
+hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das ihn anwiderte;
+zweitens wollte er den brandmarken, der sein Gegner war.
+
+– Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht schade um
+sie, so bloßgestellt zu werden?
+
+– Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist eher schade um
+mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht
+erben, solange er darauf sitzt.
+
+– Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ändern; vielleicht aber
+kann man später ein Mal etwas dabei machen. Jetzt mußt du morgen ganz
+früh dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mußt du jedenfalls
+mitmachen!
+
+– Daraus wird nichts, da ich’s mir einmal in den Kopf gesetzt habe,
+versicherte Gustav.
+
+Der Pastor ließ den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seinen
+Hering zu essen.
+
+– Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von neuem. Siehst du,
+meine Alte schließt alles Starke ein, und ich kriege so früh nichts.
+
+Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehörigen Schluck.
+Darauf wurde er gesprächig und schwatzte alles mögliche über die
+Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die äußeren wie die innern.
+
+Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen
+und die Dämmerung sich wie ein melonenfarbiger Nebel über Kobben und
+Wasser legen. Die Möwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die
+Krähen zogen nach den innern Schären, um in den Wäldern Nachtquartier
+zu suchen.
+
+Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mußten die Mücken aus dem
+Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tür geschlossen und
+der Raum mit »Schwarzem Anker« vollgeraucht; darauf wurde die Tür
+wieder geöffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen.
+
+Die beiden Fischer warfen die Röcke ab und kletterten in ihre Kojen.
+
+– Jetzt mußt du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte der Pastor,
+der schon sein gehöriges Teil erhalten hatte.
+
+Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte Ölung. Dann wollte man
+schlafen.
+
+Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen
+Tageslicht brach durch die undichten Wände. Doch in der schlechten
+Beleuchtung fanden einzelne Mücken ihren Weg zu den Schläfrigen, die
+sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Quälgeistern zu
+entgehen.
+
+– Nein, das ist doch toll! stöhnte schließlich der Pastor. Schläfst
+du, Gustav?
+
+– Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber
+womit soll man sich die Zeit vertreiben?
+
+– Wir müssen wohl aufstehen und wieder Feuer anzünden; einen andern
+Rat weiß ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten hätten, könnten wir
+eine Mariage machen. Du hast wohl keins?
+
+– Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarnöer ihres
+haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die
+letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas
+abgegriffen war.
+
+Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig auf den Herd
+und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte den Kaffeekessel auf
+und zog eine Strömlingstrommel herbei; die wurde zwischen die Knie
+gestellt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an.
+Bald tanzten die Karten.
+
+Die Stunden vergingen.
+
+– Drei frische, passe, Trumpf, war zu hören; dazwischen ein Fluch,
+wenn eine Mücke unversehens ihren Schröpfkopf auf Nacken und Knöchel
+der Spieler ansetzte.
+
+– Hör mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken anderswo
+als bei Karten und Mücken gehabt zu haben schien, schließlich das
+Spiel, könntest du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der
+Hochzeit fern zu bleiben? Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten
+aus dem Weg gehst! Willst du ihn ärgern, so weiß ich bessern Rat.
+
+– Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es allerdings leid
+tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem väterlichen
+Erbe genommen wurde.
+
+– Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung, heim; sag, du
+seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann
+nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn
+betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt; auch sorgen wir dafür,
+daß die Burschen ihren Spaß mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht
+genug?
+
+Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein
+auf der Schäre zu hausen, um nachts von den Mücken aufgefressen zu
+werden, machte ihn weich; zumal er sich wirklich danach sehnte, all
+die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken
+zu lassen.
+
+Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszuführen sei,
+und Gustav erklärte sich bereit, bei der Ausführung mitzuwirken.
+
+Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schließlich in
+ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die Türspalten drang und
+die Mücken ihres nächtlichen Tanzes müde geworden waren.
+
+ * * * * *
+
+Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern
+gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten
+habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine
+Teufelei im Werke. Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll,
+erstens, weil der die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte;
+zweitens, weil der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung
+zeigte. Carlsson hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn
+geschmiert, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm
+der Pastor immer seinen breiten Rücken zu; hörte nie auf das, was er
+sagte; erzählte immer Geschichten, die sich sehr wohl auf den
+vorliegenden Fall anwenden ließen.
+
+Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren Anschlag gegen
+ihn ausführen würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen
+begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf
+Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö
+angestellt; dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und
+dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig
+gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem
+Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hieß der Bootsmann, war
+nämlich vom Pastor nicht konfirmiert worden, weil er Mädchen
+nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres hatte ihm
+Schwierigkeiten bei der Marine gemacht.
+
+Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben ihren
+Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts
+Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen; was dann weiter zu tun
+war, würden die Umstände schon ergeben.
+
+Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte
+entscheiden, welche die wirksamere war.
+
+Der Hochzeitstag brach an.
+
+Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen
+Vorbereitungen.
+
+Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Wasserverbindungen
+niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand; verdutzt strichen
+die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.
+
+Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln
+umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die
+Leuchter zu stecken.
+
+Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen
+und hinter einer Ecke aufgestellt worden, daß es aussah, als sei
+Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte
+man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher
+geliehen. Über der Haustür hingen Kranz und Krone aus Preißelbeerreis
+und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche.
+
+In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den
+stärksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen: Carlsson
+liebte starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen
+durch das seifengrüne Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie
+Kohlenfeuer; die silberähnlichen Zinnkapseln, welche die Korke
+bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke.
+
+Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften,
+als ständen sie vor einem Ladenfenster; sie fühlten den Vorgeschmack
+eines angenehmen Kratzens im Schlunde.
+
+Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen; wie grobe
+Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt Branntwein, das
+andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen, Kugelpyramiden gleich,
+zweihundert Bierflaschen.
+
+Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann Rapp ging
+umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher am Bauchriemen, das
+Kriegsgerät ordnend, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die
+Fässer mit Fichtenreisern verziert, sie angestochen und mit
+Metallhähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen
+Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu
+lassen, daß sich etwas in ihnen befand.
+
+In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen
+Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit halber ohne
+Seitengewehr, flößte er den Bauernburschen großen Respekt ein. Außer
+seiner Befassung als Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu
+halten, Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägereien
+einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie
+ihn; das war aber nur Neid; sie hätten so gern die Uniform angezogen
+und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tauende und die launischen
+Kanoniere gefürchtet hätten.
+
+In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herde, und
+zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden
+mit dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern
+aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und
+Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit
+Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war.
+
+Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den
+Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Clara.
+
+Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den
+Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten
+sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern strichen in Scharen um
+den Hof.
+
+Ein glücklicher Zufall hatte es gefügt, daß des Professors Frau und
+Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage hatten reisen müssen, und nur
+der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung
+angenommen, gab auch seinen großen Saal für die feierliche Handlung
+her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und
+Abendschmaus. Da waren lange Bretter auf Böcke und Fässer gelegt, um
+Tische und Bänke zu bilden; die Tische waren bereits mit Decken
+versehen und mit Kaffeetassen gedeckt.
+
+Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen.
+Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke,
+hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spöttische
+Anmerkungen zu erheitern.
+
+Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu
+donnern, hauptsächlich mit Dynamitpatronen; er hielt sich hinter der
+Hausecke und übte sich in kleinerem Maßstabe mit einem Terzerol. Dafür
+hatte er aber seine Harmonika hergeben müssen; die war heute in Acht
+und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, den
+Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr war sehr
+empfindlich, wenn man in seine Kunst griff.
+
+Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune, bereit,
+mit dem Brautpaar zu spaßen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von
+Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen.
+
+– Nun, müssen wir auch gleich taufen? grüßte Pastor Nordström.
+
+– Nein, potztausend, so eilig ist’s denn doch nicht! antwortete der
+Bräutigam, ohne verlegen zu werden.
+
+– Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor, während die
+Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf einer Hochzeit getraut und
+getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sich es leisten
+konnten. Im Ernst, wie steht’s mit der Braut?
+
+– Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wann es
+los geht, antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz
+anwies, zwischen der Mutter des Kirchenvorstehers und der Witwe von
+Owassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt.
+
+Der Professor kam, in Frack und weißer Binde, mit schwarzem hohen Hut.
+Der Pastor nahm ihn sofort als ebenbürtige Standesperson in Anspruch
+und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und
+Ohren belauschten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor
+sei ein grundgelehrter Mann.
+
+Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit; man suche nur
+Gustav noch, um anfangen zu können.
+
+– Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte es bis zur
+Scheune.
+
+Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen.
+
+– Oh, ich weiß es wohl, wo er ist, erklärte Carlsson.
+
+– Wo kann er denn sein? höhnte Pastor Nordström so, daß Carlsson es
+merkte.
+
+– Man hat ihn draußen auf Norsten gesehen, hat ein Vogel gezwitschert;
+und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum trinken verführte!
+
+– Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck,
+auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist jedenfalls unrecht von
+ihm, sich nicht zu Hause zu halten, wo er so gute Vorbilder und so
+treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder
+sollen wir warten?
+
+Die Braut ward gehört. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie
+doch, daß man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde.
+
+So begann man aufzubrechen, während hinten auf den Bergfelsen der
+Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog
+den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor führte die
+Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weißen Schleier
+mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnürt; was verborgen werden
+sollte, wurde um so sichtbarer.
+
+So zog man in den Saal des Professors hinauf, während die Geige
+knirschte und die Schüsse knallten.
+
+Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um
+nach dem verlorenen Sohn zu spähen; als sie zur Tür hinein sollte,
+mußte der Pastor sie schleppen, während sie die Augen hinten hatte.
+
+Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gäste rings an den
+Wänden auf, als bildeten sie die Wache für eine Hinrichtung. Das
+Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Stühlen Platz, die mit einem
+brüsseler Teppich bedeckt waren.
+
+Der Pastor hatte das Buch genommen, befühlte seinen Kragen und wollte
+sich gerade räuspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte.
+
+– Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl!
+
+Es wurde fast ganz still im Zimmer; man hörte nur das Knarren von
+Stiefeln und das Knittern gestärkter Hemden; nach einigen Augenblicken
+hörte das auf, man sah einander an, wurde verlegen, hustete; dann ward
+es wieder still. Schließlich sagte der Pastor, an dem aller Blicke
+hingen:
+
+– Jetzt beginnen wir; länger können wir nicht warten! Ist er noch
+nicht gekommen, so kommt er auch nicht.
+
+Dann begann er:
+
+– Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet ...
+
+Eine gute Weile war vergangen, die älteren Frauen rochen an ihrem
+Lavendel und weinten, als plötzlich ein Knall vom Hofe zu hören war
+und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf,
+ließ sich aber nicht weiter stören; nur Carlsson rührte sich etwas
+unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff!
+puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an
+der Tür standen, fingen an zu kichern.
+
+Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Bräutigam:
+
+– Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich
+dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau
+haben und sie in Lust und Leid lieben willst?
+
+An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkörke,
+Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz toll zu bellen.
+
+– Wer zieht denn da draußen Flaschen auf und stört den heiligen Akt?
+brüllte Pastor Nordström wütend.
+
+– Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson heraus, der seine
+Neugier und Unruhe nicht länger zurückhalten konnte. Macht Rapp diesen
+Spektakel?
+
+– Was soll ich machen, rief Rapp, der in der Tür stand und sich von
+der Zumutung verletzt fühlte.
+
+Puff! puff! puff! knallte es unaufhörlich.
+
+– Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach, was los ist, damit
+nicht noch ein Unglück geschieht, schrie der Pastor; nachher fahren
+wir fort.
+
+Einige Hochzeitsgäste stürzten hinaus, andere drängten sich an die
+Fenster.
+
+– Das ist das Bier! schrie jemand.
+
+– Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor.
+
+– Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen!
+
+Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen und knallten
+und brausten, daß der Schaum auf die Erde rann.
+
+Die Braut war über die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung
+erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der Bräutigam wurde gescholten,
+weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte; beinahe wäre er in
+eine Schlägerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld
+schieben wollte. Der Pastor war zornig, daß die heilige Handlung von
+den Flaschen gestört worden. Draußen aber standen die Jungen und
+tranken die Reste aus den Flaschenböden; während ihrer Rettungsarbeit
+bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke
+heraus gesprungen waren.
+
+Als sich schließlich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von
+neuem im Saal, allerdings nicht mehr so andächtig wie vorher. Nachdem
+der Pastor die Frage an den Bräutigam wiederholt hatte, wurde die
+heilige Handlung zu Ende geführt, ohne daß sie von etwas Anderm
+unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu
+unterdrücken vermochten.
+
+Die Glückwünsche regneten auf die Neuvermählten nieder; und so schnell
+man konnte, verließ man den Saal, der nach Schweiß, Tränen, feuchten
+Strümpfen, Lavendel und welken Blumensträußen roch.
+
+Eilig ging’s an den Kaffeetisch.
+
+Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber die Braut
+hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mußte hierhin und dorthin
+eilen, um nach den Zurüstungen zu sehen.
+
+Die Sonne schien glänzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen
+plauderte und lachte man. Der Branntwein floß in die Kaffeetöpfe, als
+die zweite Tasse kam, in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch
+oben am Kopfende beim Bräutigam wurde Punsch geboten; weder Bauern
+noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getränk, das man sich
+nicht alle Tage leistete, und der Pastor ließ sich’s aus seinem
+Kaffeetopf wohl bekommen.
+
+Heute war er ungewöhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm
+unaufhörlich zu, rühmte ihn und zeigte ihm die größte Aufmerksamkeit.
+Doch vergaß er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr
+Vergnügen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber
+es war nicht leicht, ihn im Gespräch zu finden, da Musik nicht die
+starke Seite des Pastors war und der Professor aus Höflichkeit das
+Gespräch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem dieser
+gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer verstand, konnte
+der eine dem andern auch nicht näher kommen. Überhaupt sprach der
+Professor, der gewohnt war, seinen Gefühlen in Musik Luft zu machen,
+nicht viel.
+
+– Sind viel Leute in der Kirche? fragte er.
+
+– Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl ist. Werden
+wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor? fragte der Pastor.
+
+– Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht.
+
+– Können nicht! Warum nicht?
+
+– Ich muß den Ablaß ausspeien! antwortete der Professor und machte ein
+saures Gesicht.
+
+Pastor Nordström, der nicht verwöhnt war, fand, das war roh gesagt von
+einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm ab und fuhr fort, dem
+Bräutigam zuzusetzen.
+
+– Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem hin. Was hast
+du denn gepredigt?
+
+– Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson.
+
+– Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr gehört, Burschen –
+damit wandte er sich an die Männer – habt ihr von jenem Reiseprediger
+sprechen hören, der jetzt umherläuft und den Bauern zeigen will, wie
+man Kinder macht!
+
+– Hahaha! lachten Männer und Burschen, während die Frauen sich
+abwandten und grinsten.
+
+– Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen!
+
+– Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist mit einer
+schurkisch unschuldigen Miene. Als wüßte man nicht, wie man auf der
+Tenne drischt, während man den Roggen draußen läßt.
+
+Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt
+dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe in seinem Mut
+gestärkt, wollte er mit dem Professor über Musik sprechen.
+
+– Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, grüßte er und knipste an
+seiner Geige; wir haben ja gewissermaßen etwas gemeinsam, denn ich
+spiele auch, wenn auch nur auf meine Art.
+
+– Geh zur Hölle, Schneider! Sei nicht unverschämt! wies ihn Carlsson
+ab.
+
+– Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht’s nichts an, Carlsson!
+Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus, und sagen Sie mir,
+ob die nicht gut ist; sie hat zehn Reichstaler gekostet.
+
+Der Professor knippste die Quinte, lächelt und sagte freundlich:
+
+– Recht gut!
+
+– Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort
+hören! Aber über Kunst sprechen mit diesen – er wollte flüstern, aber
+die Stimmittel weigerten sich, zu nuancieren, und er schrie –
+Bauernlümmeln ...
+
+– Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie man im Chor.
+
+– Hör mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken: dann können wir
+nicht tanzen!
+
+– Rapp, du mußt auf den Spielmann achten, daß er nicht mehr trinkt!
+
+– Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht geizig, du
+Preller?
+
+– Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor, sonst
+kriegst du Schläge.
+
+Aber der Spielmann wollte unbedingt über seine Kunst schwatzen; um
+seine Behauptung, daß die Geige vortrefflich sei, zu bekräftigen, fing
+er an zu quinkelieren.
+
+– Hören Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bässe; die klingen ganz wie
+eine kleine Orgel ...
+
+– Der Schneider soll das Maul halten! ...
+
+Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu.
+
+Da schrie jemand:
+
+– Gustav ist da!
+
+– Wo? Wo?
+
+Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen.
+
+– Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor; aber nicht
+früher, als bis er drinnen ist, hörst du!
+
+Die Groggläser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die Kognakflaschen
+auf.
+
+– Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend.
+
+Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll.
+
+Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzustoßen. Bald hatte
+der seinen ersten Grog geleert und mußte den zweiten bereiten.
+
+Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er betrachtet so
+genau, wie er kann, Carlssons Züge und sucht zu ergründen, ob der
+seine volle Ladung erhalten. Das Sehen aber fällt ihm schwer, darum
+beschränkt er sich darauf, mit ihm anzustoßen.
+
+Da kommt Clara und ruft:
+
+– Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!
+
+– Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen!
+
+Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte.
+
+– Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor.
+
+– Gustav natürlich!
+
+Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und holte Gustav.
+Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor ließ ihn mit einer Tasse
+Punsch und Hurrahrufen begrüßen.
+
+Dann stieß Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes:
+
+– Glück auf!
+
+Carlsson wurde gefühlvoll und trank bis auf den Grund aus; erklärte,
+es sei ihm ein großes Vergnügen, ihn zu sehen, wenn er auch spät
+komme; und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu
+sehen, wenn er auch spät komme.
+
+– Und glaube mir, schloß er, wer den alten Carlsson richtig zu nehmen
+versteht, der weiß auch, wo er ihn hat.
+
+Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson auf, ein Glas
+mit ihm zu trinken.
+
+Die Dämmerung kam, die Mücken tanzten, die Leute schwatzten, Gläser
+klangen, Lachen schallten. Hier und dort in den Büschen waren bereits
+kleine Notschreie zu hören, unterbrochen von Kichern und Hurrahen,
+Hallohen und Schüssen, während der Himmel des lauen Sommerabends
+erblaßte. Draußen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte die
+Wiesenknarre.
+
+Die Tische wurden abgeräumt; es sollte zum Abendbrot gedeckt werden.
+Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor geliehen, in die Äste
+der Eiche. Norman trug Haufen von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien
+und zapfte Dünnbier und Branntwein. Die Mädchen trugen Butter in
+Schobern herbei, Strömlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln,
+Fleischklöße in Hocken.
+
+Als alles fertig war, klatschte der Bräutigam in die Hände:
+
+– Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein.
+
+– Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen.
+
+Ohne den Pastor wollte niemand anfangen.
+
+– Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht wirklich nicht,
+daß man ohne sie anfängt!
+
+Man rief und suchte, aber keine Antwort.
+
+In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde mit funkelnden
+Augen, bereit, sich auf das Essen zu stürzen; aber keine Hand rührte
+sich und das Schweigen wurde bedrückend.
+
+– Vielleicht sitzt der Pastor im Häuschen! ertönte Rundqvists
+unschuldige Stimme.
+
+Ohne weiteren Aufschluß abzuwarten, ging Carlsson hinunter, um den
+geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener Tür saßen da
+Pastor und Professor, jeder seine Zeitung in der Hand, und waren in
+lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden
+und warf ein Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson
+aus Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer natürlichen
+Ausübung einer zwingenden Pflicht stören wollte.
+
+– Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst du, mein
+Bruder – er glaubte, sie hätten Brüderschaft getrunken – _ein_ Mal in
+der Woche, das ist mein Regime. Nicht mehr, und nicht weniger.
+
+– Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich ...
+
+– _Ein Mal in der Woche_, sage ich, und nie mehr als einen Ritt! sagt
+Hufeland, und das ist mein Regime, siehst du, mein Bruder.
+
+Das Gespräch drohte langwierig zu werden, und Carlsson mußte
+einschreiten.
+
+– Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbröte werden kalt!
+
+– Bist du’s, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen sofort!
+
+– Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die Herren könnten
+sich wohl etwas beeilen!
+
+– Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur!
+
+Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt, daß der Pastor
+»gerührt« war; er entfernte sich und beeilte sich, die Gesellschaft
+mit der Erklärung zu beruhigen, der Pastor mache sich bereit und werde
+gleich kommen.
+
+Einen Augenblick später irrte eine Laterne über den Hof und näherte
+sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende Schatten folgten.
+
+Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen Ende des Tisches
+sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb auf ihn zu, um dem
+peinlichen Warten ein Ende zu machen. Carlsson aber hatte etwas
+anderes im Sinn; indem er mit einem Messer an die Schüssel mit den
+Fleischklößen klopfte, schrie er mit lauter Stimme:
+
+– Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte sagen!
+
+Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen, wo er
+zu Hause war; sah, daß er einen glänzenden Gegenstand in der Hand
+hatte; erinnerte sich, daß er bei seiner letzten Weihnachtsrede eine
+silberne Kanne in der Hand gehabt; hob die Laterne wie einen Pokal in
+die Höhe und sprach:
+
+– Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu feiern.
+
+Er starrte Carlsson an, um etwas über Charakter und Zweck des Festes
+zu erfahren, denn er war bereits so vollständig abwesend, daß sich
+Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht verflüchtigt hatten. Aber Carlssons
+grinsendes Gesicht löste ihm das Rätsel nicht. Er starrte in die Luft,
+um irgend einen leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen
+Laternen in der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von
+einem riesengroßen Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden.
+
+– Dieses frohe Fest des Lichtes, stieß er hervor, wenn die Sonne der
+Kälte weicht, und der Schnee – er sah das weiße Tischtuch sich wie ein
+großes Schneefeld unendlich weit ausbreiten – meine Freunde, wenn der
+erste Schnee sich wie eine Decke über den Schmutz des Herbstes legt
+... nein, ich glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir ...
+
+Er wandte sich fort und machte einen krummen Rücken.
+
+– Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er will sich
+niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften!
+
+Man ließ sich das nicht zwei Male sagen, sondern stürzte auf die
+Schüsseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal überließ.
+
+Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum Nachtquartier
+angewiesen worden; um zu zeigen, daß er nüchtern war, lehnte er alle
+Angebote von Hilfe ab, indem er mit Schlägen drohte. Die Laterne an
+den Knien, zusammengefallen, als suche er Nadeln in dem tauigen Grase,
+steuerte er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der
+Gartentür strauchelte er und stieß so heftig gegen den Türpfosten, daß
+die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schloß sich die
+Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder; aber das Fenster
+mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer. Beim Weitergehen
+verspürte er das unangenehme Gefühl, daß die Knie seiner schwarzen
+Hosen bei jedem Schritt feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben
+schmerzten, als schlügen sie gegen Steine.
+
+Schließlich kriegt er etwas sehr Großes, Rundes und Feuchtes zu
+fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief Stecknadeln oder
+dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle oder ähnliches; da
+hört er das Brausen von Wasser und fühlt, daß er naß wird. Von der
+Furcht, in die See gegangen zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am
+Mast und findet in einem lichten Augenblick, daß er an einem
+Türpfosten steht; kommt mit einer Krängung in einen Flur; fühlt eine
+Treppenstufe an den Knien; hört eine Magd schreien: »Herr Jesus, das
+Dünnbier!«
+
+Von einem dunkeln bösen Gewissen getrieben, kriecht er die Treppe
+hinauf, stößt sich die Fingerknöchel an einem Schlüssel, kriegt eine
+Tür auf, die nach innen nachgibt; stürzt in eine Kammer hinein und
+sieht ein großes gemachtes Bett für zwei; hat soviel Kraft, die Decke
+aufzuschlagen; kriecht mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu
+verstecken, da man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben
+oder zu erlöschen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen
+nach Dünnbier!
+
+Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angezündet, aus
+der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch; saß Lende an
+Lende neben dem Professor und disputierte über Hufelands Kunst,
+hundert Jahre zu leben; und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein
+Licht, erlosch, starb, sank und wurde naß.
+
+Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt und mit
+Bier und Branntwein so stark befeuchtet, daß keiner an den Pastor
+dachte.
+
+Als man das Essen soweit verschlungen hatte, daß der Boden in Tellern
+und Schüsseln zu sehen war, ging man in die Stuga hinunter, um zu
+tanzen.
+
+Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer schicken; aber
+Carlsson überzeugte sie davon, daß der Pastor am liebsten Ruhe haben
+wolle; es sei nicht richtig, ihn zu stören. Und dabei blieb es.
+
+Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt, als er merkte,
+daß der überlistet war; er gab sich seinen Vergnügungen hin und vergaß
+allen Groll im Rausch.
+
+Der Tanz ging wie eine Mühle. Der Spielmann saß auf dem Herd und
+fiedelte. In den offnen Fenstern kühlten sich schwitzende Rücken an
+der Frische der Nacht. Draußen auf der Höhe saßen die Alten, rauchten,
+tranken und scherzten im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der
+durch die Scheiben der Küche fiel, und bei den Lichtern in der
+Tanzstube.
+
+Draußen aber auf Wiesen und Höhen wanderte Paar um Paar in dem tauigen
+Grase unter dem schwachen Schimmer des Sternenhimmels, um bei Heuduft
+und Heimchengezirp das Feuer zu löschen, das die Wärme des Hauses, der
+starke Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in ihnen
+entzündet hatten.
+
+Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im Osten zu
+lichten; die Sterne zogen sich zurück, und der große Wagen streckte
+die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten umgekippt. Die Enten
+schnatterten im Schilf. Die blanke Bucht spiegelte bereits die
+Zitronenfarben der Morgenröte wieder, zwischen den Schatten der
+dunkeln Erlen, die im Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis
+auf den Seegrund reichten.
+
+Das währte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken von der Küste
+auf und es wurde wieder Nacht.
+
+Da ertönte ein Geschrei in der Küche.
+
+– Der Glühwein! Der Glühwein!
+
+In Zugordnung kamen die Männer mit einer Kasserolle, die von
+brennendem Branntwein flammte und einen blauen Schein um sich warf,
+während der Spielmann einen Marsch spielte.
+
+– Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson, in der
+Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu können.
+
+Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der Zug setzte sich
+nach der Stuga des Professors in Bewegung. Mit mehr oder weniger
+sichern Schritten enterte man die Treppe.
+
+Der Schlüssel saß in der Kammertür und man stampfte hinein, nicht ohne
+eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben empfangen zu werden.
+Drinnen war es still, und bei dem blauen zitternden Scheine der
+Kasserolle sah man, daß das Bett unberührt und leer war.
+
+Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren Rückschlag erfaßte
+Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und machte der Ungewißheit
+und den Vermutungen mit der improvisierten Erklärung ein Ende: er
+erinnere sich jetzt, daß der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den
+Heuboden legen, um den Mücken zu entgehen.
+
+Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu nähern durfte, gab man die
+Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, um den Rückweg
+anzutreten, hinunter nach dem Hof, wo das Trankopfer dargebracht
+wurde.
+
+Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt. Dann nahm
+er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen Ahnungen mit.
+
+Ohne daß die Andern es merkten, schlichen die beiden Verschworenen die
+Treppe zur Brautkammer hinauf; einen Lichtstummel und Streichhölzchen
+hatten sie mitgenommen.
+
+Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen, daß sie
+beinahe auf den Rücken gefallen wären, wie sie später erzählten.
+
+Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine schlimmsten
+Erwartungen übertroffen.
+
+Auf dem weißen mit Hohlsaum genähten Kopfkissen lag ein zottiger Kopf,
+ähnlich dem eines nassen Hundes, dessen Mund weit offen stand.
+
+– Potztausend, knirschte Carlsson, das hätte ich doch nicht gedacht,
+daß der Halunke sich wie ein Schwein betragen würde. Gott erbarme
+sich!
+
+Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu!
+
+– Oh Jesus, nein! Pfui, pfui!
+
+Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im Zimmer!
+
+– So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und auch die Stiefel hat
+er an, der Stänker!
+
+Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken fortschaffen,
+ohne daß die Leute etwas erfuhren, vor allem, ohne daß die Braut etwas
+merkte?
+
+– Wir müssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erklärte Rapp.
+
+– Nicht einmal mit einer Zange möchte ich ihn anfassen! versicherte
+Carlsson.
+
+– Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in die See! Lösch
+nur das Licht, und dann nach der Scheune hinauf und die Geräte geholt!
+
+Die Tür wurde von draußen verschlossen und der Schlüssel
+herausgezogen. Dann schlichen die beiden Rächer auf einem Umwege nach
+der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und schwor:
+
+– Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir ihn schon
+kriegen!
+
+Zufällig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten her da.
+Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block und Seil gefunden
+hatten, schleppten sie die Geräte auf Umwegen hinter die Stuga, bis an
+den Giebel unter das Fenster des Pastors.
+
+Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie mit einer
+Latte am First fest. Darauf splißte er einen Stropp, befestigte den
+Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch er in die Kammer, während
+Carlsson unten mit einem Bootshaken stand, um abzustoßen.
+
+Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet hatte, pustend und
+schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf herausstecken und hörte ihn
+leise den Befehl geben:
+
+– Holen!
+
+Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer Körper draußen auf dem
+Fensterbrett.
+
+– Hol steif! befahl Rapp.
+
+Carlsson holte an. Draußen auf dem Hebezeug baumelte jetzt der
+schlaffe Körper des Pastors, der sich unglaublich verlängerte, wie der
+eines Gehängten.
+
+– Fieren! befahl Rapp wieder.
+
+Aber im selben Augenblick war ein Laut zu hören wie aus einem
+angestochenen Dünnbieranker, und als es klack! sagte, strömte es
+nieder über Carlssons Kopf und Schultern.
+
+– Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Bräutigam, der fühlte,
+wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas Klebriges sich in
+die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der kleinen Kneifzange
+gekräuselt hatte.
+
+– Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an!
+
+Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag der Pastor
+in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben.
+
+Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert, und eilte die
+Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun nach der Waschbrücke.
+
+Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los:
+
+– Jetzt sollst du baden, du Halunke!
+
+Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil man Jahre lang das
+Eingeweide der Fische dorthin geworfen hatte. Rapp packte den Stropp,
+den er um den Leib des Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See.
+
+Da erwachte der Pastor und stieß einen Schrei aus, wie ein Ferkel beim
+Schlachten.
+
+– Holen! befahl Rapp, der merkte, daß die Leute oben aufhorchten und
+schon herbeieilten.
+
+Carlsson aber legte sich auf die Knie und wälzte den Pastor im
+Schlamm; dann rieb er mit den Händen dessen schwarzen Anzug so ein,
+daß jede Spur von dem Unglück, das im Brautbett geschehen, vertilgt
+war.
+
+– Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die herbeieilten.
+
+– Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp und holte den
+schreienden Geistlichen.
+
+Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte den edelmütigen
+Retter und machte den mitleidigen Samariter, indem er frömmelte und
+wehklagte.
+
+– Könnt ihr euch denken: ich komme ganz zufällig hierher, da höre ich
+etwas plätschern und quellen, daß ich glaube, es sei ein Seehund. Als
+ich näher kam, sehe ich, es ist unser lieber Herr Pastor. Herr Jesus,
+sage ich zum Bootsmann, ich glaube, das ist Pastor Nordström selbst,
+der dort liegt und mit den Flügeln schlägt. Und dann sagte ich zu
+Rapp: Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer
+Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen, fing er
+an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden. Und wie er aussieht!
+
+Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die Männer betrachteten
+ihren Hirten mit Verdruß, aber auch mit unausrodbarer Ehrerbietung;
+sie wollten ihn so schnell wie möglich fortschaffen.
+
+Aus zwei Paar Rudern wurde eine Bahre gemacht, auf die man den Pastor
+legte. Acht starke Schultern trugen ihn nach der Tenne hinauf, wo man
+ihn umkleiden wollte.
+
+Der Spielmann, der ganz betrunken war, glaubte, es handle sich um
+irgendeine Posse; er stieß zu ihnen und zog mit, während er Bellmans
+Trinklied »Macht Platz da, macht Platz da der Bahr des alten
+Schmidt!« fiedelte.
+
+Burschen kamen aus den Büschen hervor und gesellten sich dazu. Der
+Professor glaubte seine verlorene Jugend wiedergefunden zu haben,
+setzte sich an die Spitze und sang. Norman hatte seine Harmonika
+vorgeholt, da er seine musikalische Suada nicht unterdrücken konnte.
+
+– Es stinkt arg! bemerkte der Professor, welcher der Dachtraufe von
+der Bahre zu nahe gekommen war, und die Männer hielten sich die Nase
+zu. Da rührte es sich oben, und über ihre Köpfe ergoß es sich von der
+Höhe.
+
+– Er speit, er speit! schrie der Professor.
+
+– Nehmt euch in Acht, er kotzt, er kotzt, warnte Carlsson, aber zu
+spät.
+
+Als sie aber auf den Hof kamen, stürzten die Frauen herbei; sobald die
+den Pastor in seiner traurigen Verfassung sahen, wurden sie von
+Mitleid ergriffen und erbarmten sich über den Bewußtlosen. Frau Flod
+holte eine Bettdecke, die sie, trotz Carlssons Warnungen, über den
+Jammer warf. Dann setzte man warmes Wasser auf und borgte vom
+Professor Wäsche und Anzug.
+
+Als man zur Tenne hinauf kam, wurde der Kranke, wie man ihn nannte –
+niemand hätte zugegeben, daß der Pastor betrunken sei – auf trockenes
+Stroh gelegt.
+
+Rundqvist kam mit dem Schnäpper, um den Pastor zur Ader zu lassen,
+wurde aber fortgejagt. Da bat er, den Kranken wenigstens besprechen zu
+dürfen, denn er könne wassersüchtige Schafe besprechen. Er durfte sich
+aber durchaus nicht mit dem Geistlichen befassen, und auch kein
+anderer von den Mannsleuten.
+
+Carlsson aber schlich sich wieder in die Brautkammer hinauf, dieses
+Mal allein, um die Spuren seiner Demütigung zu verwischen. Als er die
+Verwüstung in dem beschmutzten Brautbett sah, überfiel ihn einen
+Augenblick Schwäche, ermüdet, wie er von den Arbeiten der letzten Tage
+und den Anstrengungen dieser Nacht war. Er dachte daran, wie anders es
+mit Ida gewesen wäre, wenn ihr Verhältnis zu Stande gekommen. Er trat
+ans Fenster und blickte lange und schwermütig über die Bucht.
+
+Die Wolken hatten sich zerstreut und die Nebel sammelten sich in
+weißem Flor über dem Wasser; die Sonne ging auf und strahlte in die
+Brautkammer hinein, beschien das bleiche Gesicht und die
+ausgewässerten Augen, die sich zusammen kniffen, als kämpften sie
+gegen hervorbrechende Tränen. Das Haar lag in feuchten Zotten auf der
+Stirn, das weiße Halstuch war befleckt, der Rock hing schlaff herunter
+und war bekotzt. Die Sonnenwärme ließ ihn erschauern; mit der Hand
+über die Stirn fahrend, wandte er sich ins Zimmer hinein, noch ein Mal
+das beschmutzte Bett betrachtend.
+
+– Aber das ist doch ganz furchtbar! sagte er zu sich selbst, riß sich
+aus seiner Schlaffheit und fing an, die Bezüge von den Betten zu
+ziehen.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+ Veränderte Verhältnisse und veränderte Ansichten;
+ die Landwirtschaft geht zurück und der Grubenbau blüht
+
+
+Carlsson war nicht der Mann, unangenehme Empfindungen länger, als er
+wollte, auf sich einwirken zu lassen; sein Körper nahm die Schauer
+hin, schüttelte sich und ließ sie ablaufen. Seine Stellung als
+Hofbesitzer hatte er sich durch seine Tüchtigkeit und sein Wissen
+errungen; und daß Frau Flod ihn zum Manne nahm, war ebenso viel Gewinn
+für sie als für ihn, meinte er.
+
+Als aber der Hochzeitsrausch verflogen war, begann Carlsson weniger
+eifrig zu werden; er war ja nun sicher, sowohl durch die Heirat wie
+durch den Erben; denn in wenigen Monaten war das Kind zu erwarten. Den
+Gedanken, sich zu einem Herrn zu machen, hatte er aufgegeben; statt
+dessen rüstete er sich, Großbauer zu werden. Zog ein prächtiges
+wollenes Wams an, tat ein festes Schurzfell um, trug Wasserstiefel;
+brachte viel Zeit vor seinem Sekretär zu; das war sein Lieblingsplatz
+geworden. Las die Zeitung, schrieb und rechnete weniger als früher;
+überwachte die Arbeit mit der Pfeife im Munde und zeigte weniger
+Interesse für die Landwirtschaft.
+
+– Die Landwirtschaft geht zurück, sagte er. Das habe ich in der
+Zeitung gelesen; es ist billiger, sein Korn zu kaufen!
+
+– Früher hat er anders gesprochen, meinte Gustav, der auf alles
+achtgab, was Carlsson sagte und tat, sich aber auf eine stumpfe
+Unterwerfung beschränkte, ohne jedoch den neuen Herrn anzuerkennen.
+
+– Die Zeiten verändern sich und wir uns mit ihnen! Ich danke Gott für
+jeden Tag, an dem ich klüger werde! antwortete Carlsson.
+
+Er besuchte Sonntags die Kirche; nahm an allgemeinen Fragen teil und
+wurde in den Gemeinderat gewählt. Dadurch kam er in nähere Berührung
+mit dem Pastor und erlebte den großen Tag, an dem er ihn duzen konnte.
+Das war einer der größten Träume seines Ehrgeizes; ein ganzes Jahr
+lang ward er nicht müde, zu erzählen, was er gesagt und was Pastor
+Nordström geantwortet hatte.
+
+– Hör mal, lieber Nordström, sagte ich, dieses Mal läßt du mich aber
+gewähren! Und da sagte Nordström: Carlsson, du mußt nicht halsstarrig
+sein, wenn du auch ein kluger Kerl und ein verständiger Mann bist ...
+
+Die Folge war, daß Carlsson eine Menge Gemeindeangelegenheiten
+übernahm, unter denen die Feuerschau die beliebteste war. Da reiste
+man auf Kosten des Kirchspiels umher und trank Kaffeehalbe bei
+Bekannten.
+
+Auch die Wahl zum Reichstage, die allerdings im Innern des Landes
+stattfand, hatte ihre Verführungen und ihre kleinen Nachwehen, die bis
+in die Schären zu spüren waren.
+
+Zur Wahlzeit und auch sonst wohl einige Male im Jahr kam der Baron mit
+seinen Jagdherren auf einem Dampfer heraus; dann wurden fünfzig Kronen
+für das Recht, einige Tage jagen zu können, bezahlt. Punsch und Kognak
+flossen Tag und Nacht, und man schied von den Jägern mit der festen
+Überzeugung: das sind feine Leute.
+
+Carlsson kam also in die Höhe und wurde ein Licht auf dem Hofe: eine
+Autorität, die über Dinge Bescheid wußte, welche die Andern nicht
+begriffen. Ein schwacher Punkt aber blieb, und er spürte ihn zuweilen:
+er war vom Lande, war kein Seemann.
+
+Um diesen letzten Rangunterschied auszugleichen, fing er an, sich mehr
+für die Seegeschäfte zu interessieren, legte eine große Neigung fürs
+Meer an den Tag. Putzte sich eine Flinte und fuhr auf die Jagd hinaus;
+nahm am Fischen teil und wagte sich auf längere Segelfahrten.
+
+– Mit der Landwirtschaft gehts abwärts, und wir müssen uns auf’s
+Fischen legen, antwortete er seiner Frau, die mit Unruhe Vieh und Feld
+verkommen sah.
+
+– Vor allem das Fischen! Das Fischen für den Fischer und das Land für
+den Landwirt! verkündigte er jetzt auf eine Art, die keinen
+Widerspruch duldete, nachdem er vom Schullehrer im Kirchenrat gelernt
+hatte, seine Worte »pallementarisch« zu setzen.
+
+Zeigte sich ein Mangel im Ertrag, so mußte man Holz hauen.
+
+– Der Wald muß gelichtet werden, wenn er reif werden soll! So spricht
+wenigstens der rationelle Landwirt; ich selber weiß es _nicht_.
+
+Und wenn Carlsson es nicht wußte, wie sollten dann die Andern es
+wissen!
+
+Rundqvist wurde die Landwirtschaft überlassen, Clara das Vieh.
+
+Rundqvist ließ Gras auf dem Acker wachsen, schlief vom Frühstück bis
+zum Mittag auf dem Rain, schlief vom Mittag bis zum Abendbrot in den
+Büschen; warf Stahl über die Kühe, wenn sie keine Milch gaben.
+
+Gustav hauste noch mehr auf der See als früher und knüpfte den alten
+Jägerbund mit Norman wieder an.
+
+Das Interesse, das einen Augenblick alle Arme in Bewegung gesetzt
+hatte, war fortgefallen; für einen Fremden arbeiten, war nicht sehr
+ermunternd. Darum ging das Ganze nachlässig aber ruhig seinen
+gewohnten Gang.
+
+Im Herbst aber, einige Monate nach der Hochzeit, trat ein Ereignis
+ein, das wie ein Stoßwind auf Carlssons eben mit vollen Segeln
+ausgelaufenes Fahrzeug wirkte. Seine Frau kam vor der Zeit nieder und
+gebar ein totes Kind. Die Umstände waren außerdem so beunruhigend, daß
+der Arzt bestimmt erklärte, jetzt sei es Schluß:
+
+– Keine Kinder mehr!
+
+Das war verhängnisvoll für Carlsson; denn nun hatte er für die Zukunft
+keine andere Aussicht, als einst aufs Altenteil zu kommen. Da die Alte
+obendrein noch kränklich nach der Entbindung war, drohte diese
+Veränderung in seiner Stellung früher einzutreten, als er geträumt
+hatte. Es kam also darauf an, die Zeit gut auszunutzen, in die
+Scheunen zu sammeln, an den morgenden Tag zu denken.
+
+Neues Leben kam in Carlsson. Die Landwirtschaft mußte schleunigst
+gehoben werden; warum, das ging niemanden etwas an. Bauholz wurde
+gefällt; denn jetzt sollte eine neue Stuga gebaut werden; warum, das
+brauchte er niemandem auf die Nase zu binden. Die Jagdlust mußte bei
+Norman schleunigst gedämpft werden, und noch ein Mal wurde Norman
+seinem Freunde abspenstig gemacht. Rundqvist wurde wieder eingefangen
+und mit neuen Vorteilen aufgemuntert. Es ward gepflügt, gesäet,
+gefischt, gezimmert; die Gemeindesachen blieben liegen.
+
+Gleichzeitig führte Carlsson ein häusliches Leben; saß bei seiner
+Alten; las ihr zuweilen vor, aus der Heiligen Schrift oder aus dem
+Gesangbuch; sprach zu ihrem Herzen und wandte sich an ihre edleren
+Gefühle, ohne recht erklären zu können, wo er hinaus wolle.
+
+Die Alte liebte Gesellschaft und hörte gern Geplauder; sie legte also
+Wert auf diese kleinen Aufmerksamkeiten, ohne weiter darüber
+nachzudenken, was diese Vorbereitungen auf den Tod bezwecken könnten.
+
+ * * * * *
+
+Eines Winterabends, als die Bucht unterm Eise lag, die offnen
+Meeresflächen aber nicht mehr fahrbar waren, man schon vierzehn Tage
+eingeschlossen war, ohne einen Nachbar begrüßen zu können, ohne einen
+Brief oder eine Zeitung zu erhalten; als die Einsamkeit und der Schnee
+das Gemüt bedrückte und der kurze Tag nur wenig Arbeit erlaubte,
+hatten sich die Leute in der Küche versammelt; auch Gustav war dabei.
+Das Feuer brannte im Herd und die Burschen saßen und flickten Netze.
+Die Mädchen spannen und Rundqvist schnitzte an einem Spatenschaft. Der
+Schnee war den ganzen Tag gefallen und stieg schon über die
+Fensterscheiben. Wie ein Totenzimmer sah die Küche aus, da die Fenster
+mit Laken aus Schnee verhängt waren. Jede Viertelstunde mußte ein Mann
+hinaus und die Tür frei schaufeln, damit man nicht eingeschneit wurde,
+sondern zum Melken und Futtern nach dem Stall gelangen konnte.
+
+Jetzt war die Reihe an Gustav; Ölrock und Südwester über Wams und
+Ottermütze, so ging er hinaus; stemmte die Tür auf, gegen die sich der
+Schnee gelegt hatte, und stand draußen im Schneetreiben. Die Luft war
+schwarz, die Schneeflocken waren grau wie Motten, groß wie
+Hühnerfedern; schwebten unaufhörlich, unaufhörlich nieder, legten sich
+leise auf einander, erst leicht, dann schwerer; packten sich zusammen
+und wuchsen an. Schon ein gut Stück ging der Schnee die Wand des
+Hauses hinauf und nur durch die obere Ecke der Fenster schimmerten die
+Lichter von innen.
+
+Eine Neugier, die ihn schnell überkam, veranlaßte Gustav, den oberen
+Schnee herunter zu stochern, damit er ein Guckloch erhielt; als er
+dann auf den Schneehaufen stieg, konnte er ins Zimmer sehen.
+
+Carlsson saß wie gewöhnlich vor dem Sekretär; er hatte ein großes
+Papier vor sich liegen; das war oben mit einem großen blauen Stempel
+bedruckt, der wie die Zeichnung auf den Scheinen der Reichsbank
+aussah. Die Feder hoch erhoben, sprach er auf die Alte, die neben ihm
+stand, ein; er schien ihr die Feder geben zu wollen, damit sie etwas
+schreibe.
+
+Gustav legte das Ohr an die Scheibe; da es aber Doppelfenster waren,
+hörte er nur ein Gemurmel. Außerordentlich gern hätte er jedoch
+gewußt, was da vor ging, denn er ahnte, daß es ihn sehr nahe berühre;
+auch hatte er gelernt, daß es sich um wichtige Angelegenheiten
+handelt, wenn man gestempeltes Papier benutzt.
+
+Leise öffnete er die Tür, schob die Strohschuhe ab und kroch die
+Treppe hinauf, bis er auf den oberen Flur kam. Dort legte er sich auf
+den Bauch; und nun konnte er hören, was in der Stube bei der Mutter
+gesprochen wurde.
+
+– Anna Eva, verkündete Carlsson mit einem Ton, der zwischen
+Reiseprediger und Gemeinderat lag; das Leben ist kurz, und der Tod
+_kann_ über uns kommen, ehe wir es wissen. Wir _müssen_ also darauf gefaßt
+sein, von hinnen zu gehen, ob es nun heute geschieht oder morgen; das
+ist _ganz_ einerlei! Unterschreib also, je eher desto besser!
+
+Die Alte liebte es nicht, so viel von Tod zu hören; aber Carlsson
+hatte nun Monate lang so oft davon gesprochen, daß sie gegen diese
+Rede nur noch schwach Widerstand zu leisten vermochte.
+
+– Aber, Carlsson, ganz einerlei ist es mir nicht, ob ich heute sterbe
+oder in zehn Jahren; ich kann noch lange leben.
+
+– Ich habe ja nicht gesagt, daß du sterben _wirst_; ich habe nur gesagt,
+daß wir sterben _können_; und ob das heute oder morgen, oder in zehn
+Jahren geschieht, das ist ganz einerlei; ein Mal muß es geschehen!
+Also schreib nur!
+
+– Das verstehe ich nicht, widerstrebte die Alte, als wolle der Tod
+kommen und sie holen; es kann doch wohl nicht ...
+
+– Doch, es ist ganz einerlei, wann es geschieht! Ist es vielleicht
+nicht so? Ich weiß es nicht! Jedenfalls schreib!
+
+Ihr war, als lege er ihr einen Strick um den Hals, wenn Carlsson mit
+seinem »Ich weiß nicht« kam; die Alte wußte sich nicht mehr zu helfen
+und gab nach.
+
+– Nun, wo hinaus willst du? fragte sie ihn, von dem langen
+Hinundherreden ermüdet und erschöpft.
+
+– Anna Eva, du mußt an deine Nachkommen denken; denn das ist die erste
+Pflicht des Menschen; darum mußt du schreiben.
+
+In diesem Augenblick öffnete Clara die Küchentür und fragte, wo Gustav
+bleibe; der aber wollte sich nicht verraten und verhielt sich still;
+konnte aber nicht mehr hören, was weiter in der Stube geschah.
+
+Clara ging zurück und Gustav kletterte hinab; blieb vor der Stubentür
+stehen, um die letzten Worte von Carlsson zu hören; die ließen ihn
+vermuten, daß die Alte unterschrieben habe und das Testament
+aufgesetzt sei.
+
+Als Gustav wieder in die Küche kam, sahen die Leute, daß ihm etwas
+geschehen war. Er sprach in versteckten Worten, er werde einen Fuchs
+fangen, den er schreien gehört; es sei besser, auf See zu gehen, als
+sich zu Hause von den Läusen fressen zu lassen; ein weißes Pulver
+unterm Futter könne Gäulen Mut machen; aber auch den Tod geben, wenn
+es zu viel sei.
+
+Carlsson dagegen war beim Abendbrot äußerst menschenfreundlich;
+erkundigte sich nach Gustavs Arbeitsplänen und Jagdabsichten; holte
+das Stundenglas und ließ den weißen Sand rinnen; dann sagte er:
+
+– Die Minuten sind kostbar; essen wir und trinken wir, denn morgen
+müssen wir sterben!
+
+Gustav lag in dieser Nacht lange wach; viele finstere Gedanken und
+schwarze Pläne kreuzten sich in seinem Kopfe. Aber er war keine starke
+Seele, welche die Verhältnisse nach ihrem Sinn ändern, Gedanken in
+Handlung umsetzen konnte; wenn er eine Sache durchdacht hatte, ließ er
+sie fallen, als sei sie vollendet.
+
+Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern Dingen geträumt
+hatte, war er wieder ebenso fröhlich und ließ fünf gerade sein, indem
+er darauf traute: Kommt Zeit, kommt Rat; die Gerechtigkeit wird schon
+ihren Gang gehen; und dergleichen mehr.
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling kam wieder, die Schwalben besserten ihre Nester aus und
+der Professor kehrte zurück.
+
+Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten
+angelegt; Flieder, Obstbäume, Beerenbüsche gepflanzt; für die er
+Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre geholt; Wege besandet und
+Lauben errichtet. Es begann herrschaftlich auf dem Hofe auszusehen.
+
+Niemand konnte leugnen, daß der Fremdling Wohlstand und Gemütlichkeit
+geschaffen, daß er Feld und Vieh in die Höhe gebracht, Haus und Hof in
+Stand gesetzt; sogar den Preis für die Fische hatte er in der Stadt in
+die Höhe getrieben und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen, damit
+man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der Stadt sparen
+konnte.
+
+Jetzt, als er nachließ, müde war, sich mit dem Bau seiner eigenen
+Stuga beschäftigte, klagte man.
+
+– Macht es doch selber, antwortete Carlsson, dann werdet ihr mal
+sehen, wie gut es tut. Jeder für sich und Gott für uns alle!
+
+Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann einen Garten
+anzulegen, Büsche zu pflanzen, Wege zu machen. Er hatte seine Stuga
+mit solchem Geschmack gebaut, daß sie die anderen in Schatten stellte.
+Sie besaß zwar nur zwei Zimmer und Küche, sah aber doch stattlicher
+aus als die alten Häuser; woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob
+daran, daß er den Dachstuhl hoch geführt und die Dachtraufe weit über
+die Wand hatte vorspringen lassen; oder ob es die »Krucifixe« waren,
+die er in die Deckbretter gesägt hatte; oder die Veranda, die er mit
+einigen Treppenstufen vor die Tür gesetzt. Es waren keine
+Kostbarkeiten, aber es sah doch etwas villenartig aus. Rot war die
+Stuga wie eine Kuh, aber die Ecken waren schwarz und getäfelt; die
+Fensterbretter waren weiß gestrichen und die Veranda, ein leichtes
+Dach auf vier Pfosten, war blau gemalt.
+
+Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu wählen;
+unmittelbar unter dem Fuß des Berges, und zwar so, daß zwei alte
+Eichen mitten davor zu stehen kamen, ungefähr wie der Anfang einer
+geplanten Allee oder eines Parks. Wenn man auf der Veranda saß, hatte
+man die schönste Aussicht: die Bucht mit den Schilfbänken, die lange
+grüne Quellwiese; durch eine Mulde im Kälberhag konnte man die Boote
+hinten im Sunde sehen.
+
+Gustav sah alles scheel an, wünschte die Stuga fort, hielt Carlsson
+für eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl baute; die hätte er
+gern verscheucht, ehe sie Eier legen und sich vielleicht mit ihrer
+Brut festsetzen konnte. Er hatte aber nicht die Kraft, sie
+fortzubringen; darum blieb sie sitzen.
+
+Die Alte war kränklich und ließ alles gehen, wie es ging. Im Vorgefühl
+des Wirrsals, das entstehen würde, wenn sie aus dem Leben schied, sah
+sie es nicht ungern, daß ihr Mann, denn das war er jedenfalls, ein
+Dach über dem Kopf hatte und nicht als armer Teufel herumlief. Sie
+verstand sich nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon,
+daß es bei Vermögensaufnahme, Erbteilung, Testament nicht mit rechten
+Dingen zugegangen; doch das war die Sache der Andern, wenn sie nur
+damit nichts zu tun hatte. Ein Mal mußte es aber losbrechen, wenn
+nicht früher, dann an dem Tage, an dem Gustav heiratete; und solche
+Gedanken mußte ihm jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich
+nicht mehr gleich, sondern ging nachdenklich umher.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner neuen Küche und
+mauerte am Herd, als Clara kam und ihn rief:
+
+– Carlsson, Carlsson, der Professor ist mit einem deutschen Herrn
+gekommen, der Carlsson sprechen will!
+
+Carlsson nahm das Schurzfell ab, trocknete sich die Hände und machte
+sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungewöhnliche Besuch zu
+bedeuten habe.
+
+Als er auf die Veranda kam, stieß er auf den Professor, in dessen
+Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzem Bart befand, der sehr
+energisch aussah.
+
+– Direktor Diethoff möchte Sie sprechen, Carlsson, sagte der
+Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete.
+
+Carlsson bürstete einen Sitzplatz auf der Bank der Veranda ab und lud
+zum sitzen ein.
+
+Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte stehend,
+ob der Roggenholm zu verkaufen sei.
+
+Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war vielleicht nur
+drei Morgen groß, war hügelig, trug etwas Fichtenwald und bot nur
+unbedeutende Schafweide.
+
+– Zu industriellem Zweck, antwortete der Direktor und fragte, was er
+koste.
+
+Carlsson war unschlüssig und bat um Bedenkzeit, bis er erfahren, was
+dem Holm seinen unerwarteten Wert gab.
+
+Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das sofort wissen zu
+lassen, sondern er wiederholte noch ein Mal seine Frage, was der Holm
+koste. Dabei faßte er in die Brusttasche, deren starke Anschwellung
+deutlich durchs Tuch zu sehen war und verriet, daß darin etwas
+steckte.
+
+– So teuer kann der wohl nicht sein, meinte Carlsson; aber ich muß
+erst mit der Alten und dem Sohne sprechen.
+
+Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute Weile fort und
+kam dann zurück. Jetzt aber sah er verlegen aus, und es schien ihm
+schwer zu fallen, mit seiner Forderung herauszurücken.
+
+– Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor, brachte er
+schließlich hervor.
+
+Nein, das wollte der Direktor nicht.
+
+– Nun, wenn ich dann fünf sage, so werden Sie es nicht zu teuer
+finden, preßte Carlsson hervor, dem der Atem im Hals stecken blieb und
+der Schweiß auf die Stirne trat.
+
+Direktor Diethoff öffnete den Rock, zog die Banknotentasche heraus
+und zählte zehn Scheine zu je einhundert Kronen auf. – Hier ist
+vorläufig Handgeld; die vier andern kommen im Herbst? Einverstanden?
+
+Carlsson war im Begriff eine Dummheit zu machen; es gelang ihm aber
+gerade noch, seine überschwellenden Gefühle zurückzudrängen und
+ziemlich ruhig zu antworten, er sei einverstanden, während er nur
+fünfhundert Kronen statt fünftausend gemeint hatte.
+
+Darauf ging man zum Sohne und zur Alten hinunter, um den Kaufvertrag
+zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren.
+
+Carlsson blinzelte und grinste den Beiden zu, sie sollten ihm
+beistehen; die aber verstanden nichts.
+
+Schließlich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nachdem sie
+unterschrieben hatte.
+
+– Fünftausend! schrie sie. Was lese ich? Du sagtest doch hundert,
+Carlsson?
+
+– Nein, da mußt du dich verhört haben, Anna Eva. Habe ich vielleicht
+nicht tausend gesagt, Gustav?
+
+Dabei blinzelte er so sehr, daß der Direktor es sah.
+
+– Ja, ich _glaube_ wohl, er hat tausend gesagt! stand ihm Gustav bei, so
+gut er konnte.
+
+Als der Vertrag unterschrieben war, erklärte der Direktor, er
+beabsichtige für Rechnung seiner Gesellschaft auf dem Roggenholm eine
+Feldspatgrube anzulegen.
+
+Niemand wußte, was Feldspat ist, und niemand hatte an diesen Schatz
+gedacht; außer Carlsson; der schwindelte jetzt, er habe längst daran
+gedacht, nur kein Kapital gehabt.
+
+Der Direktor erzählte, Feldspat sei eine rote Steinart, die von
+Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen werde das Haus des
+Verwalters, das schon bei der Tischlerei bestellt sei, aufgestellt
+sein; in vierzehn Tagen werde die hölzerne Arbeiterkaserne auf ihrem
+Platz stehen; mit dreißig Mann werde man dann die Arbeit anfangen.
+
+Damit reiste er.
+
+Dieser Goldregen war so schnell über die Inselbauern gekommen, daß sie
+keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu berechnen. Tausend Kronen auf
+dem Tisch, viertausend im Herbst, für eine wertlose Insel: das war zu
+viel auf ein Mal. Darum saßen sie den ganzen Abend einträchtig bei
+einander und rechneten aus, was ihnen außerdem noch zufallen könnte.
+Natürlich konnte man Fische und andere Produkte an die vielen Arbeiter
+und an den Verwalter verkaufen; Holz auch; das war nicht zweifelhaft.
+Dann kam der Direktor heraus, vielleicht mit Familie, und wollte auf
+Sommerfrische wohnen. Dann konnte man natürlich dem Professor die
+Miete steigern; und Carlsson konnte vielleicht seine Stuga auch
+vermieten. Alles werde schön und gut werden.
+
+Carlsson legte selbst das Geld in den Sekretär und saß die halbe Nacht
+vor der Klappe, um zu rechnen.
+
+ * * * * *
+
+Während der nächsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male nach dem Badeort
+Dalarö und kam mit Tischlern und Malern zurück. Auf seiner Veranda
+hielt er kleine Empfänge ab; er hatte einen Tisch dahin gestellt; an
+den setzte er sich, trank Kognak, rauchte die Pfeife und überwachte
+die Arbeit, die jetzt große Fortschritte machte.
+
+Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der Küche; und dort
+wurde auch ein ordentlicher Herd eingemauert. Die Fenster wurden mit
+grünen Läden versehen, die weithin leuchteten; die Veranda wurde noch
+ein Mal gestrichen, und zwar weiß und rosenrot; auch erhielt sie auf
+der Sonnenseite eine blau- und weißgestreifte Zwillichgardine. Um Hof
+und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau gestrichen war und
+weiße Köpfe hatte.
+
+Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit an; Gustav
+aber stand am liebsten in gehöriger Entfernung hinter einer Ecke oder
+einem dichten Busch; eine Einladung, auf die Veranda zu kommen, nahm
+er selten oder niemals an.
+
+Es war einer von Carlssons Träumen, die er in recht klaren Nächten
+träumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich
+zurückgelehnt, aus einem Fußglas Kognak nippend, sich die Aussicht
+anzusehen und eine Pfeife zu rauchen – noch lieber eine Zigarre; aber
+die war ihm noch zu stark.
+
+Als er acht Tage später eines Morgens in aller Frühe dort saß, hörte
+er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen.
+
+– Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte er fein sein
+und sie empfangen.
+
+Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach Rundqvist
+und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die
+fremden Herren zu empfangen.
+
+In einer halben Stunde stieß das Boot ab, und Carlsson setzte sich ans
+Steuer. Dann und wann ermahnte er die Knechte, in Takt zu rudern,
+damit man als ordentliche Leute ankomme.
+
+Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der Sund sich
+öffnete, auf der einen Seite von der großen Insel und auf der andern
+Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten sie einen prachtvollen Anblick
+vor sich. Ein Dampfer, der mit Flaggen und Signalen geschmückt war,
+lag im Sund verankert; und zwischen Schiff und Land fuhren kleine
+Jollen mit Matrosen in blauweißen Jacken. Oben auf der Strandklippe,
+die von dem bloßgelegten Feldspat rosenrot leuchtete, stand eine
+Gruppe Herren und ein Stück davon ein Musikchor, dessen
+Messinginstrumente sich prächtig von den schwarzen Fichten abhoben.
+
+Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und ruderten an
+die Klippe heran, um so nahe wie möglich zu kommen und zu sehen und zu
+hören. Eins, zwei, drei, gerade als sie unter dem Sammelplatz lagen,
+war ein Sausen in der Luft zu hören, als seien zwölfhundert Eider
+aufgeflogen; dann ein Dröhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen
+schien; schließlich ein Krachen, als sei der ganze Holm gesprungen.
+
+– Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen konnte, denn im
+nächsten Augenblicke regnete es Steine ums Boot; ein Schauer von Kies
+folgte und schließlich ein Hagel kleiner Steine.
+
+Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von Handwerk und
+Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch etwas Ausländisches kam
+vor, das die Inselbauern nicht verstanden.
+
+Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die Mütze in die
+Hand; Carlsson aber verstand, daß es die Direktion war, die sprach.
+
+– Ja, meine Herren, schloß der Direktor, wir haben hier viel Steine
+vor uns, und ich schließe meine Rede mit dem Wunsch, sie mögen alle zu
+Brot werden!
+
+– Bravo!
+
+Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen an den Strand
+hinab, alle kleine Steinstücke in der Hand tragend, die sie unter
+Lachen und Lärm befingerten.
+
+– Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in Marineuniform die
+Inselbauern an, die auf ihren Rudern ausruhten.
+
+Sie wußten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber nicht
+gedacht, daß es gefährlich sein könne, sich den Staat anzusehen.
+
+– Das ist ja Carlsson selbst, erklärte Direktor Diethoff, der hinzu
+gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort, stellte er vor. Kommen
+Sie und frühstücken Sie mit uns!
+
+Carlsson traute seinen Ohren nicht, überzeugte sich aber bald, daß die
+Einladung ernst gemeint sei.
+
+Bald saß Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an einem gedeckten
+Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen. Er hatte sich zuerst
+geziert, aber die Herren waren ganz ungewöhnlich leutselig und
+erlaubten nicht ein Mal, daß er das Schurzfell abnahm.
+
+Rundqvist aber und Norman aßen auf dem Vorderdeck mit der Mannschaft.
+
+Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht. Speisen,
+deren Namen er nicht wußte und die wie Honig im Mund schmolzen;
+Speisen, die den Hals einrieben ganz wie ein Schnaps; Speisen in allen
+Farben. Und sechs Gläser standen vor seinem Platze wie vor den Plätzen
+der andern Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche
+man an einer Blume oder küsse ein Mädchen; Weine, die einem in die
+Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten, die einem zum Lachen
+verlockten. Dazu blies die Musik so lieblich, daß es an der
+Nasenwurzel kribbelte, als wolle man weinen; bald fror man an den
+Schläfen, bald tat es einem so wohl im ganzen Körper, daß man hätte
+sterben mögen.
+
+Als alles zu Ende war, sprach der Direktor für den Wirt; lobte ihn,
+daß er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb verlasse, um einem
+unsichern Gewinn auf andern Gebieten nachzujagen, wo die Not Arm in
+Arm mit dem Luxus gehe.
+
+Und dann stieß man mit Carlsson an. Der wußte nicht, ob er lachen oder
+ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren lachen, als etwas recht
+Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde; also lachte er mit.
+
+Nach dem Frühstück wurden Kaffee und Zigarren geboten, und man stand
+vom Tische auf.
+
+Carlsson, edelmütig wie ein Glücklicher, wollte nach vorn gehen, um
+nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas bekommen hatten. Da aber
+rief ihn der Direktor an und bat ihn, einen Augenblick in die Kajüte
+zu kommen.
+
+In der Kajüte machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er möge, um
+seine Stellung zu befestigen und, wenn es nötig sei, als Autorität
+unter den Arbeitern auftreten zu können, einige Aktien zeichnen.
+
+– Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson, der so viel
+von diesen Geschäften wußte, daß man nichts abschloß, wenn man
+getrunken hatte.
+
+Aber der Direktor ließ ihn nicht los, und nach einer halben Stunde
+hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft Eagle zu
+je hundert Kronen; ferner das ausdrückliche Versprechen,
+stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates zu werden. Von der
+Einzahlung sagte man nur, sie sollten »+pö a pö+« geschehen und +à conto+.
+
+Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und Biliner Wasser.
+Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot kam.
+
+Bei der Ausbootung ließ man das Reep fallen; das verstand Carlsson
+aber nicht, sondern drückte allen Matrosen, die an der Treppe standen,
+die Hand und bat sie zu grüßen, wenn sie an Land kämen.
+
+Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons ließ er sich nach Hause
+rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im Munde und einen Korb Punsch
+zwischen den Knien.
+
+Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit, lud alle, auch
+die Mägde aus der Küche, zu Punsch ein, zeigte die Aktienbriefe, die
+wie riesengroße Scheine der Reichsbank aussahen; wollte den Professor
+einladen und begegnete die Einwendungen der Anderen damit: er sei
+stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein
+deutscher Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein
+richtiger Professor.
+
+Pläne, so groß wie ein Holzstoß, hatte Carlsson; er wollte eine
+einzige große Strömling-Salzerei-Aktiengesellschaft für das ganze
+stockholmer Inselmeer gründen, Faßbinder von England ins Land rufen,
+Fahrzeuge direkt von Spanien mit Salz kommen lassen!
+
+Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der Landwirtschaft,
+deren Vertretern und deren Zukunft, gab seinen Hoffnungen und
+Befürchtungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch und hüllte sich in
+Tabakswolken und frohe Aussichten ein.
+
+ * * * * *
+
+Carlsson war so hoch gestiegen, daß er einen Schwindelanfall bekam.
+Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt und die Besuche auf dem
+Roggenholm folgten sich Tag aus Tag ein. Er machte die Bekanntschaft
+des Verwalters, saß auf dessen Veranda, trank Kognak und Biliner
+Wasser, während er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die
+Quarzadern herauszubrechen; wären die nicht gewesen, hätte man den
+ganzen Berg auf ein Mal verschiffen können.
+
+Der Verwalter war früher Vorarbeiter in einem Bergwerk gewesen; hatte
+Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer und stellvertretenden
+Mitglied des Aufsichtsrates gut zu stellen; besaß genügende Einsicht,
+um abschätzen zu können, wie lange das Geschäft gehen würde.
+
+Aber der neue Grubenbetrieb übte auch seinen Einfluß auf das leibliche
+und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern; und die Anwesenheit von
+dreißig unverheirateten Arbeitern begann ihre Wirkungen zu zeigen.
+
+Die Ruhe war gestört. Den ganzen Tag über donnerten Schüsse aus dem
+Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten kamen und spieen Seeleute ans
+Land. Abends erschienen die Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten
+Brunnen und Stall; stellten den Mädchen nach; veranstalteten Tänze;
+tranken und schlugen sich mit den Knechten.
+
+Die Leute feierten die Nächte durch, und am Tage war nichts mit ihnen
+anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen, nickten am Herd ein.
+
+Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mußte man den Kaffeekessel
+aufsetzen, und da man dem Herrn nicht Branntwein anbieten konnte,
+mußte man sich Kognak halten.
+
+Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld strömte ein; man lebte
+flott, und Fleisch kam öfters auf den Tisch als früher.
+
+Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag über in einem leichten
+Rausch umher, ohne sich jedoch zu überladen. Wie ein einziges langes
+Fest verging der Sommer für ihn, da er seine Zeit zwischen
+Gemeindesachen, Grubenbau und Naturverschönerungen teilte.
+
+Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen. Als er
+eines frühen Morgens nach Hause kam, wurde er von der Alten mit der
+beunruhigenden Mitteilung empfangen, es müsse etwas draußen auf dem
+Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nämlich vier Tage lang still
+gewesen; nicht ein Schuß sei gelöst worden und keine Dampferpfeife
+habe man gehört. Die Leute seien mit Dreschen beschäftigt gewesen;
+deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter
+habe sich auch nicht sehen lassen; und die Arbeiter hätten aufgehört,
+abends den Hof zu umkreisen. Es müsse also etwas geschehen sein.
+
+Um sich Bescheid zu holen, ließ Carlsson anspannen; so nannte er es,
+wenn er sich nach der Grube rudern ließ. Das Boot hatte er weiß
+streichen und mit einem blauen Rande versehen lassen; und damit es
+mehr herrenmäßig aussah, wenn er am Steuerruder saß, hatte er sich aus
+einer alten Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim
+Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman in
+marinemäßigem Rudern üben müssen, damit es stattlich aussah, wenn er
+angefahren kam.
+
+Die Fahrt legten sie rasch zurück, da Neugier und Angst sie spornten.
+Als sie auf die Höhe des Roggenholms kamen, erstaunten sie über die
+Öde, die dort herrschte.
+
+Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen
+ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des
+Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Geräte verschwunden; nur die
+Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber
+ausgeräumt und geplündert; alles, was nicht niet- und nagelfest war,
+hatte man mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Betten.
+
+– Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist.
+
+– Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und ließ wieder anspannen; aber
+dieses Mal ging’s nach dem Badeort Dalarö; dort mußte ein Brief für
+ihn auf der Post liegen.
+
+Ganz richtig, dort lag ein großer Brief vom Direktor, der verkündete,
+die Gesellschaft habe ihre Tätigkeit eingestellt, weil sich das
+Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von
+viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die
+er bisher noch nicht eingezahlt, so seien alle Geschäfte zwischen der
+Gesellschaft und Carlsson erledigt.
+
+– Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun, man muß sich
+zufrieden geben.
+
+Er besaß die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er
+schüttelte sich und war ebenso trocken wie vorher. Noch trockener
+fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las, alles, was man
+zurückgelassen, falle den Inselbauern zu, wenn sie Lust hätten, es
+fortzuschaffen.
+
+Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer Menge Geldes
+und eines ehrenvollen Titels beraubt.
+
+Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit
+einer Gebärde einen großen Strich durch alles.
+
+– Ach, das ist nicht der Rede wert! Darüber braucht man kein Wort zu
+verlieren.
+
+Aber am nächsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Tätigkeit,
+um mit der großen Fähre Bretter und Ziegel vom Roggenholm zu holen.
+
+Ehe man sich’s versah, hatte er sich ein Sommerhäuschen von einem
+Zimmer nebst Küche errichtet; und zwar unten am Sunde, an einer
+Stelle, an die niemand gedacht, von der man aber eine Aussicht sowohl
+aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte.
+
+Der Sommer mit seinen luftigen Träumen war vorbei. Der Winter nahte;
+die Luft wurde schwerer, die Träume düsterer, und die Wirklichkeit
+nahm ein neues Aussehen an, heller für die einen, drohender für die
+andern.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+ Carlsson wahrträumt; der Sekretär wird bewacht,
+ aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles
+
+
+Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen,
+was man glücklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht
+steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefährliches Alter
+einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er
+sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwärts zu kommen;
+und das Mädchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen.
+Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das
+Fleisch an zu pochen, vielleicht stärker als sonst, weil er im letzten
+Jahre nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das
+Fleisch stärker gefüttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken
+begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Küche saß, und seine
+Augen gewöhnten sich daran, dem jungen Körper Claras zu folgen, wie
+sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmählich haften, ließen
+sich nieder und ruhten, machten kleine Ausflüge hierhin und dorthin,
+flogen fort, kamen wieder. Schließlich saß das Mädchen ihm im Auge:
+wohin er auch ging, immer sah er sie.
+
+Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern die Augen,
+die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen;
+wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und
+tränte.
+
+Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der
+Mond war aufgegangen und schien klar über schneebedeckte Fichten, auf
+die blanke Bucht und den weißen Boden. Ein karger Nordwind trieb
+trockenen Schnee vor sich her.
+
+In der Küche stand Clara und fegte den Backofen, während Lotte am
+Backtrog arbeitete. Carlsson saß in der Schrankecke, rauchte seine
+Pfeife und spann wie eine Katze in der Wärme. Seine Augen waren
+draußen auf Spiel und sie erwärmten sich und ergötzten sich, als sie
+auf Claras weißen Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten.
+
+– Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte.
+
+– Ja, das muß ich, antwortete Clara und zog eine Jacke aus Schafpelz
+an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt hatte.
+
+Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus.
+
+Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach.
+
+Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson.
+
+– Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete Lotte.
+
+Ohne auf nähern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und
+ging auch hinaus.
+
+Draußen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um
+sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf weit zu gehen hatte.
+Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie
+Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging
+sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um
+zu lauschen, und hörte, daß in der Schafhürde jemand flüsterte. In dem
+schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und Heuhalme der
+Scheibe fiel, sah sie, wie die Kühe ihre Köpfe nach hinten drehten und
+sie mit großen, im Dunkel grün leuchtenden Augen anguckten. Der
+Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen;
+etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht hätte sehen
+mögen; etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das
+Leben aus ihr scheuchte.
+
+Über die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den
+Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war
+gelöscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen auf und
+raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht
+sehen.
+
+Sie ging weiter und kam zu den Hühnern; die waren auf ihre Pflöcke
+geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden.
+
+Die Tür stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein hinaus. Zwei
+Paar Schuhe, ein kleineres und ein größeres, hatten Spuren im Schnee
+hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie führten
+nach der Hagtür, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von
+jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an
+dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren
+Stelle im Hag gezogen.
+
+Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben
+Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbüsche, wo sie ein anderes Mal,
+ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich
+nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbüsche nackt und trugen
+nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen
+raschelte das braune harte Laub im Winde, aber so dünn war das Laub,
+daß man die Sterne und den grünschwarzen Himmel sehen konnte.
+
+Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlängelte sich durch
+die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dünnes Haar warfen, wenn
+sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Rücken stäubte der Schnee, fiel
+über ihre gestreifte Bluse, kühlte und feuchtete.
+
+Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog
+von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; über Moore gings, deren
+Schollen schwankten; über Feldzäune, die krachten, wenn sie darüber
+setzte.
+
+Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere groß, Seite an
+Seite, bald in einander tretend, bald um einander, als ob sie getanzt
+hätten; über Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; über
+Steinhaufen und Gräben, über Buschzäune und Windbruch.
+
+Sie wußte nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre
+Hände waren klamm; sie steckte die magern, roten Hände bald unter den
+Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spät;
+auch war der Rückweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus
+ging. Also vorwärts durch ein Espenwäldchen, dessen letztes Laub
+zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind.
+
+Dann kam sie zu einem Zauntritt.
+
+Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort
+hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der
+Jacke mit der Schafpelzverbrämung.
+
+Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror,
+als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Blut in
+den Adern. Erschöpft, setzte sich auf den Zauntritt nieder, weinte,
+schrie; plötzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinüber.
+
+Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und gerade
+gegenüber sah sie die Lichter in der Stuga und ein Licht oben im
+Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr durch den Rücken, zauste an
+den Haaren und vereiste die Nasenflügel. Halb laufend kam sie aufs Eis
+hinunter, hinauf auf die schwankende Fläche, hörte das trockene Schilf
+um ihre Ohren sausen, unter ihren Füßen knacken. Über eine
+eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief weiter,
+als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere Ufer erreichte,
+fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge des sinkenden
+Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den Schlammboden gelegt hatte
+und unter ihrer Last klingend und krachend zerbrach. Sie fühlte, wie
+die Kälte die Beine hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien,
+damit niemand komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre
+Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die Höhe
+hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar aufs Bett zu, legte
+sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd zu machen und Fliedertee
+aufzusetzen.
+
+Sie ließ sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle über sich
+werfen; ließ den Ofen mit Knüppelholz heizen, fror aber doch
+unaufhörlich.
+
+Schließlich ließ sie Gustav rufen, der in der Küche saß.
+
+– Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.
+
+– Jetzt bin ich’s, antwortete die Alte pustend, und ich komme nie
+wieder auf. Schließ die Tür und geh an den Sekretär. Der Schlüssel
+liegt hinter dem Pulverhorn auf dem Fach; du weißt doch!
+
+Gustav gehorchte niedergeschlagen.
+
+– Öffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker Hand und nimm den
+großen Brief ... Ja, den ... Wirf ihn ins Feuer.
+
+– Schließ die Tür, mein Junge, und mach den Sekretär zu! Steck den
+Schlüssel zu dir! Setz dich hierher und hör mich an; denn morgen kann
+ich nicht mehr sprechen.
+
+Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt hörte er, daß es
+ernst war.
+
+– Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft deines Vaters, du
+hast es selbst, und versiegele alle Schlüssellöcher, bis die
+Gerichtsherren kommen.
+
+– Und Carlsson? fragte der Sohn zögernd.
+
+– Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand nehmen! Aber
+nicht mehr; und kannst du’s auslösen, so tu es! Gott sei mit dir,
+Gustav! Du hättest wohl auf meine Hochzeit kommen können; aber du hast
+wohl deine Gründe gehabt. Und jetzt, wenn ich reise, mußt du
+verständig sein. Kein Sarg mit silbernem Schild; du nimmst solch einen
+gelben, gebeizten; und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich
+haben. Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst ihm
+dafür Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben und seiner Frau ein
+halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau, daß du dich bald verheiratest.
+Nimm ein Mädchen, das du liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine
+aus deinem Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm
+keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie Läuse; und
+gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas
+vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann.
+
+Die Tür öffnete sich, und Carlsson schlüpfte herein, weich, aber
+zuversichtlich.
+
+– Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen wir nach dem
+Doktor schicken.
+
+– Das ist nicht nötig, antwortete die Alte und drehte sich nach der
+Wand.
+
+Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut Freund werden.
+
+– Bist du böse auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird doch nicht um
+nichts und wieder nichts böse werden! Soll ich dir aus dem Buche
+vorlesen?
+
+– Ist nicht nötig! war alles, was die Alte antwortete.
+
+Carlsson merkte, daß hier nichts mehr zu machen war; da er unnütze
+Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie sie war, und setzte sich
+auf das Holzsofa, um zu warten. Da die geschäftliche Lage klar war und
+die Alte nicht Lust oder nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war
+nichts mehr hinzuzufügen; und was Gustav und ihn betraf, das würden
+sie später schon mit einander abmachen.
+
+Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die Leute waren es
+gewohnt, allein zu sterben; auch war jede Verbindung mit dem Festland
+unterbrochen.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer und einander.
+Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem Sofa einschlummerte, machte
+auch der Andere mit einem Auge ein Schläfchen. Sobald sich aber jemand
+rührte, fuhr der Andere wieder in die Höhe.
+
+Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot.
+
+Gustav hatte ein Gefühl, als sei die Nabelschnur jetzt erst
+durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und ein
+selbständiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter die Augen
+zugedrückt und ihr das Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte, damit
+der Mund nicht klaffe, steckte er in Carlssons Gegenwart ein Licht an,
+holte Petschaft und Lack und versiegelte den Sekretär.
+
+Die unterdrückten Leidenschaften erwachten; Carlsson trat vor und
+stellte sich mit dem Rücken gegen den Sekretär.
+
+– Hollah, was machst du da, Junge? fragte er.
+
+– Ich bin jetzt kein Junge mehr, antwortete Gustav; ich bin jetzt Herr
+auf Hemsö, und du bist Altsitzer.
+
+– Dazu gehören wohl zwei! meinte Carlsson.
+
+Gustav nahm die Flinte von der Wand, zog den Hahn auf, daß das
+Zündhütchen zu sehen war; trommelte auf den Kolben und brüllte zum
+ersten Male in seinem Leben:
+
+– Hinaus! Sonst drücke ich los!
+
+– Drohst du?
+
+– Ja, da keine Zeugen da sind! antwortete Gustav, der in letzter Zeit
+mit Leuten vom Gericht gesprochen zu haben schien.
+
+Das war Bescheid und den verstand Carlsson.
+
+– Warte du nur, bis die Teilung stattfindet, sagte er und ging in die
+Küche hinaus.
+
+Der Weihnachtsabend war in diesem Jahre düster. Eine Leiche im Hause
+und keine Möglichkeit, nach Sarg und Leichenkleid zu schicken; denn
+der Schnee fiel unaufhörlich, daß Strömungen und Meeresflächen weder
+trugen noch brachen. Ein Boot in die See zu bringen, war unmöglich,
+denn das Wasser war ein einziger Eisschlamm, der weder rudern noch
+fahren noch gehen erlaubte.
+
+Carlsson und Flod, wie Gustav sich jetzt nennen ließ, gingen um
+einander herum; aßen zusammen zu Tisch, ohne ein Wort mit einander zu
+wechseln. Das Haus war in Unordnung; niemand setzte die Arbeit in
+Gang; jeder verließ sich auf den Andern; so blieb die meiste Arbeit
+ungetan.
+
+Der Weihnachtstag begann, grau, neblig; wieder schneite es. Nach der
+Kirche zu kommen, war ebenso unmöglich, wie irgend wohin zu kommen;
+darum las Carlsson die Predigt in der Küche. Man wußte, daß man eine
+Leiche im Hause hatte, und keine Weihnachtsfreude kam auf. Das Essen
+war nachlässig zubereitet; nichts zur rechten Zeit fertig, und alle
+waren mißvergnügt. Es lag etwas Dumpfes in der Luft, sowohl draußen
+wie drinnen; und da die Leiche der Alten in der Stube stand, weilten
+alle in der Küche. Es war wie eine Einquartierung. Wenn man nicht aß
+oder trank, schlief man, einer auf dem Sofa, einer auf dem Bett; zum
+Kartenspiel zu greifen oder die Handharmonika vorzunehmen, fiel
+niemandem ein.
+
+Der zweite Weihnachtstag kam und verging, ebenso schwer, ebenso
+langweilig. Jetzt aber verlor Flod die Geduld. Einsehend, daß eine
+Zögerung schlimme Folgen haben könne, da die Leiche sich zu verwandeln
+begann, nahm er Rundqvist mit in den Arbeitsschuppen. Dort tischlerten
+die beiden einen Sarg, der dann gelb gestrichen wurde. Was man im
+Hause auftreiben konnte, in das wurde die Tote gehüllt.
+
+So war der fünfte Tag gekommen.
+
+Da das Wetter keine Zeichen gab, daß es sich bessern werde, und man
+die Aussicht hatte, vierzehn Tage warten zu müssen, mußte man um jeden
+Preis versuchen, die Leiche nach der Kirche zu schaffen, um sie in die
+Erde zu bringen. Man schob also das große Netzboot in die See, und
+alle Mannsleute rüsteten sich zu einer Eisbootsfahrt mit
+Schlittenkufen, Eispickeln, Beilen und Stricken.
+
+Früh am sechsten Tage begaben sie sich auf die lebensgefährliche
+Fahrt.
+
+Bald war eine Strömung offen; dann ruderte man. Dann kam man an eine
+Fläche, die unterm Eise lag; da mußte man das Boot auf die
+Schlittenkufen schieben; wenn das gelungen war, mußte man sich
+vorspannen und ziehen. Am schlimmsten war es im Eisschlamm; da
+patschten die Ruder nur auf und nieder, ohne daß das Boot mehr als
+einige Zoll weiter kam. Oft mußte man vorausgehen und eine Rinne mit
+Eispickeln und Beilen hauen; aber wehe dem, der sich verhieb und aus
+der Rinne herauskam, wo eine Strömung die dünne Kruste zerfressen
+hatte.
+
+Es war Nachmittag geworden, und noch hatten sie sich nicht die Zeit
+zum Essen und Trinken genommen; noch war die letzte freie Meeresfläche
+zurückzulegen. So weit sie sehen konnten, öffnete sich ein einziges
+großes Schneefeld, hier und dort mit kleinen runden Erhöhungen; das
+waren eingeschneite Kobben. Der Himmel war blauschwarz im Osten und
+verkündete Schnee. Die Krähen kamen von draußen angeflattert und zogen
+ins Land hinein, um ihren Nachtzweig zu suchen. Zuweilen dröhnte das
+Eis, als sei Tauwetter im Anzuge, und draußen auf dem offnen Meere
+brüllten die Seehunde. Die Eisfläche lag östlich nach dem Meere zu
+offen, aber es war keine Meerwake zu sehen. Verdächtig war aber, daß
+sie die Eisente »alla« rufen zu hören glaubten. Da sie vierzehn Tage
+lang keine Zeitung bekommen hatten, wußten sie nicht, ob die
+Leuchttürme brannten; aber zwischen Weihnachten und Neujahr brannten
+sie sicher nicht.
+
+– So geht’s nicht weiter! äußerte Carlsson, der bisher still gewesen
+war.
+
+– Es muß gehen, sagte Flod und stemmte die Schulter gegen den
+Schlitten; aber wir müssen auf der Möwenklippe landen, um etwas Essen
+zu uns zu nehmen.
+
+Und damit steuerte man auf die Klippe zu, die mitten in der freien
+Meeresfläche lag.
+
+Sie war indessen entfernter, als man geglaubt hatte; und sie änderte
+ihr Aussehen, je näher man kam; schließlich aber hatte man sie auf
+Kabellänge vor sich.
+
+– Wuhne voraus! schrie Norman, der Ausguck hatte; nach links halten!
+
+Die Schlittenkufen machten eine Schwenkung nach links. Immer weiter
+nach links; schließlich hatte man die Klippe umgangen. Infolge der
+letzten Sonnenwärme oder der warmen Grundströmung hatte die Klippe
+sich selber abgeschnitten und schien von keiner Seite zu erreichen zu
+sein, wenigstens nicht auf Schlittenkufen.
+
+Die Dämmerung fiel, guter Rat war teuer; Flod, der den Befehl hatte,
+entwarf sofort einen Angriffsplan: das Boot sollte in die Wuhne
+geschoben werden, und im selben Augenblick sollten sich alle Mann
+hineinwerfen und an die Ruder setzen.
+
+Gesagt, getan.
+
+– Eins, zwei, drei! befahl Flod.
+
+Das Boot schoß vor, ließ die Schlittenkufen zurück, kippte – und der
+Sarg rutschte in die See.
+
+Aus Schreck vergaßen Flod und Carlsson, die hinten waren, ins Boot zu
+springen und blieben auf dem Rand des Eises stehen, während Rundqvist
+und Norman sich retteten.
+
+Der Sarg war schlecht gefügt, füllte sich mit Wasser und sank, ehe
+jemand soweit zur Besinnung kam, um an etwas Anderes als sich selbst
+zu denken.
+
+– Jetzt gehen wir sogleich nach der Pfarre! befahl Flod, der heute
+mehr handelte als überlegte.
+
+Carlsson machte Einwendungen; aber auf Gustavs Frage, ob er lieber die
+ganze Nacht hier stehen wolle, konnte er nichts erwidern, zumal er
+sah, daß keine Aussicht war, die Kobbe zu erreichen.
+
+Rundqvist und Norman arbeiteten sich inzwischen ans Land und schrien
+den Kameraden zu, nachzukommen. Flod aber antwortete nur, indem er mit
+der Hand Abschied winkte und nach Süden zeigte, wo die Pfarre lag.
+
+Eine lange Weile wanderten Carlsson und Flod still dahin; Gustav
+voran mit dem Eispickel, um zu prüfen, ob das Eis hielt; Carlsson
+hinterdrein, den Rockkragen in die Höhe geschlagen. Ihm war
+schauerlich zu Mut, da seine Frau ein so schnelles und klägliches Ende
+gefunden; die Schuld dafür würde man sicher auf ihn schieben.
+
+Als sie eine halbe Stunde gegangen waren, blieb Gustav stehen, um zu
+verschnaufen. Dann blickte er nach Riffen und Ufern, um zu sehen, wo
+er sich befand.
+
+– Zum Teufel, wir sind verkehrt gegangen! brummte er; das war ja gar
+nicht die Möwenklippe; die liegt ja dort! Und er zeigte nach Osten.
+Und dort haben wir die Kiefer von Gillöga.
+
+Auf einer langgestreckten Insel nach der Landseite zu stand eine
+einsame Kiefer, die von einer abgeholzten Waldhöhe übrig geblieben war
+und mit ihren beiden einzigen Ästen einem optischen Telegraphen glich;
+sie war als Seezeichen oder Landmarke bekannt.
+
+– Und dort haben wir die Trälschäre.
+
+Er sprach zu sich selbst und schüttelte den Kopf.
+
+Carlsson wurde bange, denn er war in diesem Inselmeer nicht zu Hause
+und hatte zu Gustavs Wissen unbegrenztes Vertrauen gehabt.
+
+Flod hatte inzwischen Besteck genommen, änderte den Kurs und setzte
+sich mehr nach Süden in Bewegung.
+
+Die Dämmerung war gekommen, aber der Schnee leuchtete etwas, daß sie
+Landmarke halten konnten. Sie sprachen kein Wort, aber Carlsson hielt
+sich dicht hinter seinem Führer.
+
+Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte. Carlssons ungewohntes Ohr
+hörte nichts, aber Gustav vernahm ein schwaches Rauschen von der
+Ostseite, wo eine Wolkenwand, dichter und schwärzer als der
+Nebelschleier, der den Gesichtskreis verhüllte, aufgestiegen war.
+
+Sie standen eine Weile still, bis Carlsson ein schwaches Brausen und
+Rauschen hören konnte, das sich näherte.
+
+– Was ist das? fragte er und trat dichter an Gustav heran.
+
+– Das ist die See! antwortete der. In einer halben Stunde ist der
+Ostwind hier mit einem Schneesturm, und wenns schlimm kommt, bricht
+das Eis auf. Dann weiß der Teufel, was aus uns wird. Nur schleunigst
+weiter!
+
+Er fing an zu laufen; Carlsson hinter ihm drein; der Schnee wirbelte
+ihnen um die Füße und das Brausen schien ihnen zu folgen.
+
+– Jetzt ist es aus mit uns! schrie Gustav und blieb stehen, auf ein
+Licht zeigend, das in Südost hinter einer Kobbe blitzte. Der
+Leuchtturm brennt! Die See geht offen!
+
+Carlsson verstand die Gefahr nicht, aber er sah ein, daß es schlimm
+stand, wenn Gustav zitterte.
+
+Jetzt hatte der Ostwind sie gefaßt; aus der Entfernung eines
+Steinwurfs konnten sie die Schneewand kommen sehen, wie einen dunkeln
+Schirm; und gleich darauf waren sie von Schnee umgeben, der dicht,
+dicht fiel, und schwarz wie Ruß war. Es wurde ganz dunkel um sie und
+das Licht des Leuchtturms, das noch einen Augenblick bleich und
+undeutlich wie eine Nebelsonne ihnen den Weg gezeigt hatte, erlosch
+schließlich.
+
+Gustav lief in starkem Trab weiter. Carlsson folgte, so gut er konnte;
+aber er war ziemlich fett und konnte nicht gleichen Schritt halten,
+kam außer Atem; bat Gustav, langsamer zu laufen: der aber hatte keine
+Lust, sich zu opfern, sondern lief, lief ums Leben. Carlsson packte
+ihn am Rockschoß, bettelte und flehte, er möge ihm nicht fortlaufen;
+versprach Gold und grüne Wälder, beschwor ihn bei seiner Seligkeit und
+Pein, aber nichts half.
+
+– Jeder für sich und Gott für uns alle! antwortete Gustav und bat
+Carlsson, sich einige Schritte von ihm entfernt zu halten, sonst könne
+das Eis brechen.
+
+Das schien es auch zu tun, denn hinter ihnen krachte es immer mehr und
+mehr. Was schlimmer war, das Brausen näherte sich jetzt so deutlich,
+daß man hörte, wie die Wellen gegen Riffe und Eisrand schlugen; auch
+waren die Möwen erwacht und schrien nach unerwarteter Beute.
+
+Carlsson keuchte und schnaubte; der Abstand zwischen ihm und Gustav
+vergrößerte sich; schließlich befand er sich allein in der Finsternis.
+Da blieb er stehen, suchte nach den Spuren, fand keine; rief, aber
+bekam keine Antwort. Das war die Einsamkeit, die Finsternis, die
+Kälte, das Wasser, das den Tod brachte.
+
+Von Furcht aufgejagt, setzte er sich noch ein Mal in Bewegung; lief
+so, daß die Schneeflocken zurückblieben, obwohl sie dieselbe Richtung
+wie er hatten; dann rief er wieder.
+
+– Dem Wind folgen, dann kommt Ihr westlich ans Land! hörte er eine
+fliehende Stimme aus der Finsternis; dann ward es wieder still.
+
+Bald aber hatte Carlsson keine Kräfte mehr, um laufen zu können.
+Mutlos verlangsamte er seinen Lauf, ging Schritt vor Schritt, ohne
+Widerstand leisten zu können, während er die See hinter sich kommen
+hörte, brausend, prustend, ächzend, als sei sie eigens auf nächtlichen
+Raub ausgezogen.
+
+ * * * * *
+
+Pastor Nordström hatte sich um acht Uhr ins Bett gelegt, um seine
+Zeitung zu lesen; dann war er in einen schweren Schlaf gesunken. Aber
+gegen elf Uhr fühlte er den Ellbogen seiner Alten in der Seite und
+hörte sie rufen.
+
+– Erich! Erich! hörte er im Schlaf.
+
+– Was ist denn? Kannst du nicht ruhig sein! knurrte er halbwach.
+
+– Ruhig? Bin ich etwa nicht ruhig!
+
+Langatmige Erklärungen fürchtend, beeilte sich der Pastor zu beteuern,
+er sei von ihrer Ruhe überzeugt, machte mit einem Streichhölzchen
+Feuer und fragte, was los sei.
+
+– Es ruft jemand im Garten! Hörst du nicht?
+
+Der Pastor lauschte und setzte die Brille auf, um besser hören zu
+können.
+
+– Ja, wahrhaftig! Wer ... kann das sein?
+
+– Geh doch und sieh nach! antwortete seine Frau und gab dem Alten
+einen neuen Stoß.
+
+Der Pastor zog Unterhosen und Pelz an, schob die Füße in seine
+Überschuhe, nahm die Flinte von der Wand und setzte ein Zündhütchen
+darauf, schüttelte das Zündpulver hinein und ging hinaus.
+
+– Wer da? rief er.
+
+– Flod! antwortete eine dumpfe Stimme hinter der Fliederhecke.
+
+– Was ist denn los, daß du so spät kommst? Liegt die Alte in den
+letzten Zügen?
+
+– Noch schlimmer! klang Gustavs mitgenommene Stimme. Wir haben sie
+verloren.
+
+– Verloren?
+
+– Ja, auf der See haben wir sie verloren.
+
+– Aber komm doch in aller Welt herein und steh nicht da in der Kälte!
+
+Gustav sah beim Lichtschein wie ein ausgeblasenes Ei aus, da er den
+ganzen Tag weder gegessen noch getrunken und außerdem wie ein Hund mit
+dem Ostwind hatte um die Wette laufen müssen.
+
+Nachdem er dem Pastor in einem Atem den ganzen Verlauf erzählt hatte,
+ging dieser zu seiner Alten hinein; nach einem kleinen Sturm, der
+einige Minuten dauerte, erhielt er den Schlüssel zu einem gewissen
+Schrank in der Küche, in die er den Schiffbrüchigen führte.
+
+Bald saß Gustav an dem großen Küchentisch, während der Pastor
+Branntwein, Schmalz, Preßsülze, Brot hervorholte und dem
+Ausgehungerten vorsetzte.
+
+Darauf beriet man, was man für die Gestrandeten tun könne. Jetzt in
+der Nacht Leute aufzubieten und hinauf zu fahren, war verlorene Mühe;
+Feuer am Strande anzuzünden, war gefährlich, weil das Fahrzeuge
+irreführen konnte, wenn der Schein überhaupt durch den Schneesturm
+drang.
+
+Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefährlich,
+aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nämlich zu
+wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren.
+
+– Es sieht gerade so aus, als müsse er für seine Taten büßen, meinte
+er.
+
+– Hör mal, Gustav, wandte Pastor Nordström ein, ich finde, du bist
+ungerecht gegen Carlsson; und ich weiß nicht, was du mit bösen Taten
+meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn dir nicht in die
+Höhe gebracht? Hat er dir nicht Sommergäste verschafft und dir eine
+neue Stuga gebaut? Und daß er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie
+wollte ihn ja haben. Daß er sie bat, das Testament zu machen, war noch
+kein Unrecht von ihm; daß sie es aber tat, war von ihr nicht wohl
+überlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was du
+tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst du vielleicht nicht,
+daß ich für dich um die Witwe von Owassa mit ihren achttausend
+Reichstalern freien soll? Nein, hör mal, Gustav, du mußt nicht so
+streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten!
+
+– Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und
+das vergesse ich ihm nie.
+
+– Ach was, das hast du vergessen, wenn du zu deiner Frau ins Bett
+kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr
+wirklich das Leben genommen hat. Hätte die Alte sich zum Beispiel
+etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so hätte sie sich
+nicht erkältet. Daß er, der junge Kerl, mit dem Mädchen schäkerte,
+wäre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wären wir jetzt
+im Reinen; nun wollen wir morgen früh sehen, was zu machen ist. Wir
+haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir
+sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denke daran: des
+einen Tod ist des andern Brot.
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche erschienen, kam
+Pastor Nordström in Begleitung Flods. Statt in die Kirche zu gehen,
+blieb er in der Menge stehen, die bereits zu wissen schien, was
+geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, daß der Gottesdienst
+ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf, sich mit ihren Booten, so
+schnell sie könnten, an der Pfarrbrücke zu versammeln, um die
+Schiffbrüchigen zu bergen.
+
+In der Menge mußte der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge
+von Gemeindesachen, denn im Hintergrunde murrte man und behauptete,
+das Gotteswort nicht entbehren zu können.
+
+– Ach was, wandte der Pastor ein; so viel liegt euch nicht daran,
+meine Schelte anzuhören, wenn ich euch recht kenne. Was? Was sagst du,
+Owassaer, du bist ja solch ein Schriftgelehrter, daß du gleich hörst,
+wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange.
+
+Ein leises Lächeln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur
+Hälfte gehoben.
+
+– Wir haben übrigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und
+bringt eure Weiber mit; ich verspreche, euch dann die Köpfe zu
+waschen, daß es für ein Vierteljahr vorhält. Seid ihr nun
+einverstanden, daß wir den Esel aus dem Brunnen ziehen?
+
+– Ja, murmelte die Menge, als habe sie Absolution für Entweihung des
+Sabbaths erhalten.
+
+Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen.
+
+Das Schneegestöber hatte aufgehört, der Wind war nach Norden herum
+gegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen,
+wallte blauschwarz um die blendendweißen Kobben.
+
+Zehn Netzboote stießen von der Pfarrbrücke ab. Die Männer hatten
+Pelzröcke an und Seehundsmützen auf, brachten Beile und Dregganker
+mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Ruder bemannt. Der
+Pastor saß mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle
+gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und
+vordersten Ruderer mitgenommen.
+
+Man war ernst gestimmt, aber nicht übermäßig traurig; ein
+Menschenleben mehr oder weniger zählt auf See nicht.
+
+Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror
+sofort, mußte aufgehauen und hinaus geworfen werden. Zuweilen kam eine
+Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter
+und kam wieder in die Höhe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz,
+das von den Ufern losgerissen war.
+
+Der Pastor spähte mit seinem Fernglas nach der Trälschäre, auf der
+Rundqvist und Norman gefangen saßen. Bald warf er einen hoffnungslosen
+Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war;
+bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach
+einem Fuß, einem Kleidungsstück oder der Leiche selbst. Aber
+vergebens.
+
+Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, näherte man sich der
+Schäre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte
+entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezündet. Als die Boote anlegten,
+zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher
+Lebensgefahr waren sie nicht gewesen.
+
+– Nicht, solange man Land unter sich hat! meinte Rundqvist.
+
+Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem
+Sarg zu dreggen.
+
+Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er
+hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne
+etwas anderes in die Höhe zu bringen als lange Tangranken mit Muscheln
+und anderm Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg.
+
+Die Leute fingen an, müde und verdrießlich zu werden. Einige waren an
+Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen,
+Kaffee zu kochen.
+
+Schließlich erklärte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu
+machen, da die Strömung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen
+habe.
+
+Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache,
+streng genommen, keinen persönlich anging, empfand man eine gewisse
+Erleichterung, daß man sich nicht gefühllos gegen fremden Kummer zu
+zeigen brauchte.
+
+Um indessen dieses klägliche Ende einigermaßen abzurunden, trat Pastor
+Nordström an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht für die Alte
+halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied könnten die
+Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und
+teilte ihn den Andern mit.
+
+Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen
+in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strande
+versammelten, um der den Umständen angepaßten Beerdigung beizuwohnen.
+Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den
+Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die
+Finger der linken Hand und entblößte seinen Kopf, während alle Männer
+am Strande die Mützen abnahmen.
+
+– Wollen wir »Ich bin ein Gast auf Erden« nehmen? Könnt ihr das
+auswendig? fragte der Pastor.
+
+– Ja! wurde vom Strande geantwortet.
+
+Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Kälte zitternd, dann vor
+Bewegung über das Ungewöhnliche in der Feier und über die ergreifenden
+Töne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte.
+
+Die letzten Worte waren verklungen und hallten wider über das Wasser,
+gegen die Schären, durch die klare Luft. Eine Pause entstand, während
+der man nur hörte, wie der Wind in den Nadeln der Meerkiefern
+rauschte, wie die Wogen an den Steinen plätscherten, die Möwen
+schrien, die Boote gegen den Boden stießen. Der Pastor wandte sein
+greises, gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus; die Sonne
+beleuchtete seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarsträhnen vom Winde
+wie die Hängeflechten einer alten Fichte gezaust wurden.
+
+– Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden! Jesus
+Christus unser Erlöser wird dich auferwecken am jüngsten Tage! Laßt
+uns beten! begann er mit seiner tiefen Stimme, die gegen Wind und
+Welle kämpfte, um gehört zu werden.
+
+In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem Segen streckte
+der Pastor die Hand über das Wasser zu einem letzten Lebewohl.
+
+Man setzte die Mützen wieder auf. Gustav drückte dem Pastor die Hand
+und dankte ihm, schien aber noch etwas auf dem Herzen zu haben.
+
+– Herr Pastor, ich finde doch ... Carlsson müßte auch einige Worte
+haben!
+
+– Es war für beide, mein Junge! Es ist jedenfalls schön von dir, an
+ihn zu denken, antwortete der Alte, der gerührter zu sein schien, als
+er wahr haben wollte.
+
+Die Sonne ging unter; man mußte sich trennen, um nach Hause zu fahren,
+so schnell man konnte.
+
+Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksamkeit erweisen;
+nachdem man Abschied genommen hatte und alle in ihren Booten waren,
+folgte man ihm ein Stück Weges, formierte dann die Boote in einer
+Linie, wie beim Netzlegen, grüßte mit den Rudern und rief:
+
+– Lebwohl!
+
+Es war eine Huldigung für die Trauer, aber auch für den jungen Mann,
+der jetzt in die Reihe der reifen Männer aufgenommen war.
+
+Und sein eigenes Boot steuernd, ließ sich der neue Herr des Hofes von
+seinen Knechten nach Hause rudern, um von nun an sein eignes Fahrzeug
+über die windigen Flächen und grünen Sunde des launenhaften Lebens zu
+lenken.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Auflistung aller gegenüber dem
+ Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 16: teilweise unleserliches Wort: Kl rhaut –> Klärhaut
+ S. 28: Klara –> Clara (einheitliche Schreibweise im Text)
+ S. 49: Quellen finden –> Quellen zu finden
+ S. 72: Männner –> Männer
+ S. 94: knapper Gehalt –> knappes Gehalt
+ S. 100: schlägt –> schläft
+ S. 123: kaput –> kaputt
+ S. 145: Schläge –> Schlägen
+ S. 152: des alten Schmidt«! –> des alten Schmidt!«
+ S. 161: Gaulen –> Gäulen
+ S. 162: denn, –> dann
+ S. 187: vergassen –> vergaßen
+
+ Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch Ä, Ö und Ü ersetzt.
+
+ Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
+ Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+ Formatierung:
+
+ Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich _ markiert: _Text_ Text
+ in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit Pluszeichen + gekennzeichnet:
+ +Text+
+
+
+
+
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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