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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:13:10 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inselbauern
+ oder Die Leute auf Hemsoe
+
+Author: August Strindberg
+
+Translator: Emil Schering
+
+Release Date: January 20, 2008 [EBook #24371]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
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+
+ August Strindberg
+
+
+
+ Die Inselbauern
+
+ oder
+
+ Die Leute auf Hemsö
+
+
+
+ Aus dem Schwedischen übertragen von
+
+ Emil Schering
+
+
+
+ Volksausgabe
+
+
+ [Verlags-Logo]
+
+
+
+
+ München und Leipzig bei Georg Müller
+
+
+
+ Deutsche Originalausgabe
+ gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe
+ unter Mitwirkung von Emil Schering als Übersetzer
+ vom Dichter selbst veranstaltet
+ Geschützt durch die Gesetze und Verträge
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright by Georg Müller, München 1918
+
+
+
+
+ Gebunden in Rennersches Buntpapier
+
+
+
+
+Die erste vollständige Ausgabe
+
+Als Strindberg 1887 das Manuskript dieses Romans dem stockholmer
+Verleger übersandte, strich dieser vor dem Druck nicht weniger als 22
+Stellen, die ihm für schwedische Magen zu kräftig erschienen, trotzdem
+der Dichter gegen diese Vergewaltigung protestierte. Erst nach dem
+Tode Strindbergs sind diese 22 Stellen aus dem Nachlasse ans Licht
+gekommen, aber auch jetzt noch nicht dem Romane eingefügt worden.
+Diese deutsche Übersetzung ist also die erste vollständige Ausgabe des
+Werkes.
+
+ 1917
+
+ _Emil Schering_
+
+
+
+
+ Übersicht
+ Seite
+ _Einleitung_
+
+ Das Inselmeer 1
+
+ _Erstes Kapitel_
+
+ Carlsson geht in Dienst
+ und wird für einen Schwätzer gehalten 11
+
+ _Zweites Kapitel_
+
+ Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft;
+ der gute Hirte und die bösen Schafe;
+ die Schnepfen, die ihr Teil bekamen,
+ und der Knecht, der die Kammer bekam 27
+
+ _Drittes Kapitel_
+
+ Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch,
+ wird Herr auf dem Hofe,
+ duckt die jungen Hähne
+ und tritt seine Hühner selbst 47
+
+ _Viertes Kapitel_
+
+ Es poltert zur Hochzeit;
+ die Alte wird ums Geld genommen 81
+
+ _Fünftes Kapitel_
+
+ Man schlägt sich beim dritten Aufgebot,
+ geht zum Abendmahl
+ und hält Hochzeit,
+ kommt aber doch nicht ins Brautbett 113
+
+ _Sechstes Kapitel_
+
+ Veränderte Verhältnisse
+ und veränderte Ansichten;
+ die Landwirtschaft geht zurück
+ und der Grubenbau blüht 155
+
+ _Siebentes Kapitel_
+
+ Carlsson wahrträumt;
+ der Sekretär wird bewacht,
+ aber der Tod kommt
+ und macht einen Strich durch alles 177
+
+
+
+
+
+
+Einleitung
+
+Das Inselmeer von Stockholm, die »Schären«, aus welcher Gegend ich
+Scenerien und Motive für dieses Buch geholt habe, hat immer eine
+besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht weil meine
+engere Heimat, Stockholm und Umgebung, selbst einen Teil dieser
+Schären bildet. Der Mälar war ja ursprünglich ein Meeresarm, der durch
+die Wasserläufe bei Södra Telje und Stocksund bei Stockholm in
+Verbindung mit dem Meere stand; die Kettenschäre, der jetzige
+Ritterholm, erinnerte ja durch ihren Namen an ihre älteste Natur, die
+einer Schäre; wie man noch bei einer Fahrt durch den Mälar mit seinen
+Tausenden von Inseln und Holmen an die Landschaft erinnert wird, die,
+eine Mischung von Land und Wasser, östlich von der schwedischen
+Hauptstadt sich etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt.
+
+Dieser ganze zerrissene Küstenstrich ruht zum allergrößten Teil auf
+der Urformation: Gneis, Granit und Eisenerzen; von den letzten hat man
+nur die von Utö reich genug gefunden, um sie zu bearbeiten. Die
+Granitvarietät Pegmatit tritt zuweilen in so großen Mengen aus, daß
+sie des Feldspats wegen gewonnen wird, den die Porzellanfabriken
+benutzen.
+
+Die Abwesenheit der jüngeren Formationen, mit ihren horizontalen
+Lagerungen in hellen, leichten Farbentönen, verleiht der
+Schärenlandschaft diesen Zug von Wildheit und Düsterkeit, der die
+Urformation begleitet. Die Landschaftskontur wird durch die
+losgerissenen, rohen, unregelmäßigen Blöcke kamm- und wogenförmig auf
+den Höhen; flach, höckerig, holperig, wo das Meer seine Schleifarbeit
+ausgeführt hat. Die partielle Schieferhaltigkeit des Gneises setzt
+auch die Strandklippen so der Sprengarbeit des Eises aus, daß Grotten,
+Höhlungen und tiefe Spalten das Wilde des Landschaftscharakters
+steigern; der wird dadurch niemals einförmig wie die Kalk- oder
+Sandsteinfalaises der französischen Nordküste.
+
+Diese Wildheit wird jedoch jäh unterbrochen durch die reiche Erde von
+der Quartärperiode mit Moränenschutt und Glaciallehm, Schneckensand,
+Mooshumus und Tangverwandlungen; deren Fruchtbarkeit wird oft durch
+Abfall von den Großfischzügen der Jahrtausende, die reichen Schlamm
+auf den Versandungen bilden, und draußen auf den Kobben durch den
+Guano der Seevögel vermehrt. Auf dieser Erdschicht wachsen Kiefer und
+Fichte, obwohl die Gotik der Fichte der Natur den inneren Schären
+ihren mehr hervortretenden Charakter verleiht, während die Kiefer
+abgehärteter ist und ganz weit hinaus bis an den Meeresrand geht, sich
+auf den letzten Klippen nach dem am meisten herrschenden Wind drehend.
+
+In den Niederungen wird der Wiesenboden besonders prachtvoll durch
+Anschlämmungen und Salzwasser, und die natürliche Wiese bietet eine
+reiche Blumenflora mit allen wilden Prachtpflanzen des mittleren
+Schwedens, von denen vielleicht die Orchideen und die Mehlprimel die
+vornehmsten sind. An den Ufern leuchten Lythrum und Lysimachia, in den
+Wäldern wächst die Blaubeere, auf den offenen Felsenplatten die
+Preiselbeere, und in den Mooren ist die Multbeere nicht selten.
+Tiefliegende Inseln mit besserem Boden nehmen durch den Reichtum an
+Laubbäumen und Büschen einen besonders lächelnden Charakter an. Die
+Eiche belebt hier mit ihren weichen Linien und ihrem sehr hellen Laub
+die Nadelholzlandschaft. Und der Hag, diese Eigentümlichkeit des
+Nordens, eine Kreuzung von Wald, Unterholz und Wiese, ist vielleicht
+das Lieblichste, das man sehen kann, wenn unter einer Mischung von
+Birke und Nadelbaum die Haselbüsche eine Laube über dem Fahrweg
+bilden; er trägt hier den Namen »Drog«. Es sind Stücke eines
+englischen Parks, durch die man spaziert, bis man auf die Strandklippe
+mit ihren Fichten und Kiefern stößt, auf Torfmoos und die
+Sandniederlage der Meeresbucht mit ihrem Tanggürtel. Schiebt sich eine
+Bucht weiter ins Land hinein, ist sie immer von Erlen und reichen
+Schilfbänken schön eingefaßt.
+
+Diese Abwechslung von Düsterm und Lächelndem, von Ärmlichem und
+Reichem, von Lieblichem und Wildem, vom Binnenland und Meeresküste
+macht Schwedens östliches Inselmeer so fesselnd. Dazu kommt, daß die
+meist steinigen Ufer das Wasser rein und durchsichtig halten; auch wo
+der Sand ins Meer hinausgeht, ist er so schwer und so rein, daß ein
+Badender sich nicht zu ekeln braucht, wie an der französischen
+Nordküste, wo ein Meerbad ein Schlammbad ist. Man entgeht hier den
+meisten Nachteilen des offenen Meeres und genießt die meisten Vorteile
+des Binnenlandes; ein Vorzug, den das östliche Inselmeer vor der
+zerklüfteten öden Westküste hat.
+
+Die wilde Tierwelt weist keine Raubtiere beunruhigender Natur auf.
+Fuchs, Luchs, Hermelin sind die grimmigsten. Glänzende Jagdgelegenheiten
+bietet der Elch, der hierher geflüchtet ist und in den Sümpfen und
+Wäldern der größern Inseln sein Standquartier aufgeschlagen hat. Dachs,
+Hase, Otter, Seehund lassen auch ihr Fell, und die Hasenjagd auf der
+Bischofsinsel ist berühmt.
+
+Von den Vögeln des Waldes sind Birkhuhn und Auerhuhn sehr zahlreich,
+können aber von den Eingeborenen nicht gejagt werden; die haben keine
+Hunde der rechten Art und widmen sich ausschließlich dem Schießen von
+Seevögeln, am liebsten mit dem Balban; dabei wird die streichende
+Eider nicht geschont, die brütende dagegen sorgsam gepflegt, wenn auch
+das eine oder das andere Ei bei einer längeren Jagdtour Proviant
+liefern muß. Aus dem Holk nimmt man meist der Sägegans Eier fort, die
+sich geduldig als Leghenne benutzen läßt.
+
+Das Fleisch der Eider wird gut, wenn man die fette Haut abzieht und
+den Vogel eine Nacht in Milch legt. Es schmeckt dann wie
+Renntierbraten und hat allen Trangeschmack verloren. Ebenso werden
+auch Sägegans, Kolbentaucher und Samtente behandelt, die recht
+schmackhaft sind, besonders wenn sie gleich der Ente mit Petersilie
+gespickt werden.
+
+Der schlimmste Raubvogel ist der Fischadler, der unter den Hechten in
+dem seichten Wasser der Schilfbucht Verheerungen anrichtet. Der
+Seeadler ist seltener zu sehen und jagt am liebsten am offenen Meere.
+
+Unangenehm und zuweilen gefährlich ist die häufig vorkommende
+Kreuzotter, die man sowohl im Blaubeerbusch wie am Strand trifft,
+beinahe überall, kann man sagen; und ihre Kühnheit draußen auf den
+äußeren Schären ist so groß, daß sie sich auf dem Schwanz erhebt und
+durch Hiebe Fischer hindern will, aus dem Boot zu steigen. Das Volk
+schont sie nicht, obgleich es glaubt, sie sauge Gift aus der Erde, und
+eine Ehrfurcht vor der anderswo angebeteten Natter zeigt der
+Schärenmann nicht.
+
+ * * * * *
+
+In dieser Provinz von umflossenen Inseln lebt nun eine Bevölkerung,
+die man nach den Vermögensverhältnissen in drei Klassen einteilen
+könnte: die Landwirtschaft treiben, meist auf den großen Inseln
+wohnend; die den Boden bebauen und fischen, oder die Mittelklasse; und
+schließlich die eigentlichen Schärenmänner, die meist vom Fischen und
+Jagen leben, daneben aber eine Kuh, ein Schaf, einige Hühner füttern.
+
+Die Landwirtschaft ist dort, wo sie betrieben werden kann, durchaus
+nicht schlecht. Prächtiger Lehmboden gibt einen guten Weizen, und auch
+der kleine Bauer hat doch immer etwas Spelt zum Hausbedarf übrig. Die
+Salzseeweide ist berühmt, und die Butter wird ausgezeichnet von den
+kali- und natronhaltigen Strandgewächsen, außer denen die Kühe ja
+immer die grenzenlose Salzlake zur Verfügung haben. Das Fleisch des
+Hammels wird von dem kurzen Gras der hohen Weideufer fest und lecker,
+wie das französische +pré-salé+ auf ähnlichem Boden.
+
+Dazu kommt ein verhältnismäßig mildes Klima, das bedeutend von dem des
+Binnenlandes auf gleichem Breitengrad abweicht. Der Frühling kommt
+später, oft vierzehn Tage später als in Stockholm, so daß der
+Sommergast im selben Jahre zwei Male das Ausschlagen der Bäume erleben
+kann; und der Herbst tritt später ein, weil das Meer dann erwärmt ist
+und als Heizapparat dient. Einen Nachteil beim Klima der Schären hat
+man bemerkt; das ist der trockene Vorsommer und der regnerische
+Nachsommer; dadurch leidet die Säe- und Wachszeit unter Trockenheit,
+die Mäh- und Erntezeit unter Regen. Besonders mildes Klima hat die
+Gegend von Nynäs, wo der Efeu wild überwintert und der Wein oft am
+Spalier reift.
+
+Für den Fischer oder den eigentlichen Schärenmann sind natürlich die
+Früchte des Meeres von größerer Bedeutung, und den Großfischfang
+bildet der Strömling, der Hering der Ostsee; in ungeheuern Netzen wird
+er gefangen, die auf tiefliegendem Grund im Frühling und Herbst
+verankert werden. Sonst wird Hecht und Barsch im Schleppgarn gefangen,
+der Hecht auch mit Legangel und der Barsch im Netz. Die Flundern, die
+von geringerm Wert sind, werden im Netz gefangen, der Aal wird
+gestochen oder in die Reuse gelockt. Die Quappe wird mit einer Keule
+geschlagen bei durchsichtigem Eis, durch das man das schleimige
+häßliche Ding bemerken kann, wie es auf dem Boden liegt.
+
+Gegenstand eines ganz besonderen Sports, der Badfischen heißt, ist der
+Kühling. Wenn das Wasser im Nachsommer in den Buchten erwärmt ist,
+kommt nämlich der Kühling in die Höhe, um zu baden, wie man es nennt.
+Zu dieser Zeit wird auf den Landzungen von Baumwipfeln Ausguck
+gehalten; wenn der Beobachter merkt, daß das Wasser sich belebt, gibt
+er den Kameraden ein Zeichen; die kommen nun mit ihren flachen Kähnen
+von beiden Landzungen, die Ruderschäfte mit wollenen Strümpfen gut
+umwunden, damit der Fisch nicht verscheucht wird; dann spannt man das
+Netz über die Mündung der Bucht, mit der Wirkung, die es haben kann.
+
+ * * * * *
+
+Die Bevölkerung dieser isolierten, gut versteckten kleinen Welt, die
+keine regelmäßigen Verkehrsverbindungen hat, scheint in mehr als einer
+Hinsicht sehr gemischt zu sein. Eine beständige Auslese hat sich nämlich
+immer von selbst vollzogen, dergestalt, daß der intelligenteste Teil der
+Jugend zur Flotte, zum Lotsenamt, zum Zoll gegangen ist. Die
+zurückbleibenden, seßhafteren, ruhigeren Geister haben das Gewerbe der
+Väter fortgesetzt oder sind nach Stockholm gegangen oder haben im Innern
+des Landes einen Dienst gesucht; die Schären sind kein sicherer Ort
+gewesen, wo man Familien und Grundbesitz begründen konnte, da das Land
+dem Feinde offen liegt und Besitzrecht wie Leben nicht gerade den Schutz
+des entfernt wohnenden Rechtspflegers genießen. Es fehlt darum jede Spur
+von Lokalpatriotismus, wenn auch der Einwanderer die gewöhnlichen
+Schwierigkeiten zu bekämpfen hat.
+
+Nach Ortsnamen, Typen, Gewohnheiten zu urteilen, scheint dieses
+Inselmeer eine Art Zufluchtsort für allerlei Leute aus dem Innern des
+Landes gewesen zu sein, die aus der einen oder der andern Ursache die
+Einsamkeit aufsuchten. Eine eigentliche Mundart ist nicht zu spüren,
+aber eine Mischung von vielen, und viele einfache Sitten und
+Rechtsbegriffe aus dem Naturstadium deuten darauf, daß sich hier
+draußen, weit entfernt von der Gesellschaft, ungesellige, für
+geordnetes Zusammenleben schwer zugängliche Freiluftliebhaber oder
+ganz einfach praktische Gegner des geordneten Kriegsdienstes und
+Zollwesens zusammengefunden haben. Die Geschichten, wie gewisse Inseln
+erworben wurden, scheinen sich auch um Kapern, merkwürdige Seetaten,
+auch Privatdienste für königliche Personen zu drehen; und die
+Grundbücher sollen an gewissen Stellen nicht recht sicher sein, ob der
+Boden der Krone gehört oder zinspflichtig ist.
+
+Andere Zeichen finden sich auch, die auf Einwanderungen oder
+vielleicht nur Landungen von Finnen, Esthen, Russen und dergleichen
+Morgenländer deuten. Besonders hegt man noch heute einen entschiedenen
+Widerwillen gegen die Esthen, diese Schattenfiguren, die, an sich
+grau, in grauen Fahrzeugen, die wie aus alten zerfallenen Planken
+zusammengeschlagen sind und ein Takelwerk aus geflickten Kohlensäcken
+haben, ausgespukt kommen. Wenn ein solcher fliegender Holländer aus
+einer Kobbe an Land geht, rudert der Fischer gern hinaus und sieht
+nach, ob das Feuer auch gut gelöscht ist; und er appelliert lieber an
+die Branntweinflasche als an die Flinte solchen Vagabunden des Meeres
+gegenüber, von denen man, mit oder ohne Grund, annimmt, daß sie Salz
+nach Rußland schmuggeln.
+
+Vermögende Schärenleute gibt es, aber viele sind der Armut nahe, und
+einige äußerst arm, des Winters von Salzlake, Heringsköpfen und
+Kartoffeln lebend. Das Gewerbe des Fischers, das dem des Spielers
+gleicht, erzieht nicht zur Sparsamkeit. Ein Fang macht ihn heute
+vermögend, und der Glaube ans Glück entsteht sofort mit seinen
+gefährlichen Folgen.
+
+Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der Schärenmann in
+der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und aus wirtschaftlichen Gründen
+spricht er lieber frei, als daß er verurteilt; auch in der Hoffnung,
+selbst freigesprochen zu werden, wenn sein Unglück kommt. Diese
+Nachsicht mit den Verbrechen anderer habe ich nie schöner ausdrücken
+hören als damals, wie die Nachbarn erzählten, ein Mörder habe einst,
+als er seine Frau ertränkte, einen »Fehltritt« begangen.
+
+Der Schärenmann ist ein Einsiedler; hat weit zum Gericht, weit zur
+Kirche, weit zur Schule; weit zu den Nachbarn und weit zur Stadt. Der
+Badeort ist sein nächster Kulturmittelpunkt; dort aber lernt er nur den
+Luxus kennen und beneidet Menschen, die er drei Monate Feste feiern
+sieht; denn die arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er
+nicht. In der Einsamkeit würde er Denker werden, wenn er Anleitung
+hätte; statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt er in seinem
+Gewerbe sein kann, wie klarsehend im Alltagsleben, wird er leicht ein
+Raub subjektiver Wahrnehmungen, wird »fernsichtig«, ein Sonderling, wie
+der Küster auf Ronö; macht fehlerhafte Schlußfolgerungen, sehr oft
+Ursache und Wirkung verwechselnd; z. B. wenn es sich gut fischt, nachdem
+das Geldstück unter den Stein gelegt worden, ist das Geldstück die
+mächtige Ursache. Er ist abergläubisch, und das Heidentum sitzt so tief
+in ihm, daß die Symbole der christlichen Kirche für ihn noch
+gleichbedeutend mit Beschwörungen, Besprechungen, Zauberei sind.
+
+Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen
+Forderungen der Natur auf, wo nicht wirtschaftliche Berechnung als
+Faktor mitspricht. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist
+ungezwungen; die Ehe wird gewöhnlich mit dem Kind geschlossen, wenn
+das Mädchen Wort hält und zur Gründung einer Familie geneigt ist. Ist
+das aber nicht der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die
+mit dem vollständigen Verschwinden des Kindes und andern Geschichten
+enden können; die kommen der ganzen Welt zu Ohren, nur nicht dem
+Amtmann, der übrigens nichts machen kann, da er keine Zeugen findet.
+
+Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familienbande zu zerreißen
+und werden starke Leidenschaften lange unterdrückt, erfolgen zuweilen
+unheimliche Ausbrüche der Naturkräfte; da nimmt es der an Tod und
+Verderben gewöhnte Schärenmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann
+werden dort draußen stille Trauerspiele aufgeführt, von denen man nur
+Andeutungen zu hören bekommt; in einigen meiner Erzählungen habe ich
+davon gemunkelt. Da reißen Blutsbande entzwei, verbotene Schranken
+werden übersprungen; die Natur ergreift mit harter Hand, was sie
+kriegen kann; und für Hunger und Liebe existieren nicht mehr Rücksicht
+noch Gesetze.
+
+Das Lichte, Lächelnde im Leben der Schärenleute, _wenn_ es sich licht
+gestaltet, habe ich in diesem Roman »Die Inselbauern« geschildert; in
+den Novellen »Das Inselmeer« habe ich die Halbschatten gegeben;
+vielleicht kann ich später, wenn die Verhältnisse für die Literatur
+günstiger werden, auch die Schlagschatten geben (»Am offenen Meere«),
+die nicht fehlen dürfen, soll das Bild vollständig sein.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Carlsson geht in Dienst
+ und wird für einen Schwätzer gehalten
+
+
+Er kam wie ein Schneegestöber eines Aprilabends und hatte eine Kruke
+aus schwedischem Ton an einem Hungerriemen um den Hals. Clara und
+Lotte waren mit dem Netzboot nach dem Badeort Dalarö gefahren, um ihn
+zu holen; aber es dauerte Ewigkeiten, bis sie ins Boot kamen. Sie
+mußten zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur
+»Aptheke«, um graue Salbe fürs Ferkel zu kaufen; und dann mußten sie
+auf die Post, um eine Freimarke zu holen; und dann mußten sie zu Fia
+Lövström, um den Hahn zu borgen, gegen ein Halbpfund dünnes Garn zum
+Netzbau. Und zuletzt waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson
+die Mädchen zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte.
+
+Endlich kamen sie doch ins Boot.
+
+Carlsson wollte steuern, aber das konnte er nicht; er hatte noch nie
+einen Rahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten die Fock hissen,
+die gar nicht vorhanden war.
+
+Auf der Zollbrücke standen Lotsen und Zöllner, die über das Manöver
+grinsten, als das Boot über Stag ging und abgetrieben wurde.
+
+– Hör mal, du hast ein Loch im Boot! schrie ein junger Lotse durch den
+Wind. Stopf zu! Stopf zu!
+
+Während Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Clara ihn fortgestoßen
+und das Steuerruder genommen; und mit den Riemen gelang es Lotte, das
+Boot wieder in den Wind zu bringen; mit gutem Gang segelte es dem
+Sunde zu.
+
+Carlsson war ein kleiner viereckiger Wärmländer mit blauen Augen und
+einer Nase, die so krumm war wie ein Doppelhaken. Lebhaft,
+spielerisch, neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nichts.
+Er war auch nach der Insel Hemsö gerufen worden, um für Feld und Vieh
+zu sorgen; damit wollte sich nämlich niemand mehr befassen, seit der
+alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein auf dem
+Hofe saß.
+
+Als Carlsson die Mädchen mit Fragen nach den Verhältnissen auf dem
+Hofe anzapfte, bekam er Antworten, wie sie die Bewohner des Inselmeers
+zu geben pflegen.
+
+– Ja, das _weiß_ ich nicht! Ja, das kann ich _nicht_ sagen! Ja, das weiß
+ich _wirklich_ nicht!
+
+Daraus wurde er nicht klug!
+
+Der Kahn plätscherte zwischen Holmen und Schären dahin, während die
+Eisente zwischen den Kobben schnatterte und im Fichtenwald der
+Birkhahn balzte. Über freie Wasserflächen, die »Fjärde«, und über
+Strömungen fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne
+aufleuchteten.
+
+Da gings auf das große Wasser hinaus, wo der Leuchtturm der
+»Hauptschäre« blinkte. Bald kam man an einem Stangenzeichen mit Besen
+vorbei, bald an einer weißen Bake, die wie ein Gespenst aussah; bald
+leuchteten zurückgebliebene Schneewehen wie Leinen auf der Bleiche;
+bald tauchten aus dem schwarzen Wasser »Netzwächter« auf, die am Kiel
+schrapten, wenn man darüber fuhr. Eine schlaftrunkene Mantelmöwe ward
+von ihrem Riff aufgescheucht und brachte Leben in Seeschwalben und
+Möwen; ein höllischer Lärm brach los.
+
+Weit draußen, wo die Sterne ins Meer tauchten, leuchteten das rote und
+das grüne Auge eines großen Dampfers; der schleppte eine lange Reihe
+runder Lichter, die durch die Ventile der Kajüten schimmerten.
+
+Alles war Carlsson neu, und er fragte nach allem; und jetzt erhielt er
+Antwort, und zwar so viele, daß er einsah, er war auf fremden Boden
+gekommen. »Er war eine Landratte«, das heißt ungefähr dasselbe, was
+für den Städter »Einer vom Lande« ist.
+
+Jetzt segelte der Kahn in einen Sund und kam in Lee; man mußte das
+Segel reffen und rudern.
+
+Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie ein Licht von
+einer Hütte leuchten, die zwischen Erlen und Kiefern lag.
+
+– Jetzt sind wir zu Hause, sagte Clara.
+
+Das Boot schoß in eine schmale Bucht; eine Rinne war durchs Schilf
+gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte; dieses Rascheln weckte
+einen Laichhecht, der sich in den Anblick einer Angelrute vertieft
+hatte.
+
+Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der Hütte in Bewegung.
+
+Der Kahn wurde an der Landungsbrücke festgemacht, und die Ausladung
+begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt, der Mast herausgenommen,
+und die Stage mit den Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans
+Land, und Kübel, Kannen, Körbe, Bündel lagen bald auf der
+Landungsbrücke.
+
+Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte lauter neue und
+ungewöhnliche Dinge. Vor der Landungsbrücke lag der Fischkasten mit
+seinem Hebespiel; an der langen Seite der Brücke lief ein Geländer,
+das mit Netzbojen, Fangleinen, Dregghaken, Senkern, Schnüren,
+Grundleinen, Angelhaken behängt war; auf den Brückenplanken standen
+Strömlingstrommeln, Tröge, Wannen, Bottiche, Näpfe, Grundleinenkasten;
+am Brückenkopf lag ein Seeschuppen, der mit Lockvögeln behängt war:
+ausgestopfte Eidergänse, Sägetaucher, Langschnäbel, Trauerenten,
+Quakenten; unter der Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten,
+Riemen und Bootshaken, Schöpfkellen, Eispickel, Quappenkeulen. Und am
+Lande standen Pfähle, an denen Strömlingsnetze trockneten, so groß wie
+die größten Kirchenfenster; Flundernetze mit Maschen, durch die man
+den Arm stecken konnte; Barschgarn, neu geknüpft und weiß wie die
+feinsten Schlittennetze; doch von der Brücke geradeaus zogen sich zwei
+Reihen Gabelstangen wie eine Gutsallee, und an denen hingen die großen
+Zugnetze.
+
+Vom höchsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und warf ihren
+Schein auf den Sandweg, auf dem Muschelschalen und getrocknete
+Fischkiemen glitzerten, während in den Zugnetzen zurückgebliebene
+Strömlingsschuppen wie Reif an Spinngewebe blinkten. Aber die Laterne
+beleuchtete auch das Gesicht einer älteren Frau, das vom Wind gedörrt
+zu sein schien, und ein Paar kleiner freundlicher Augen, die beim
+Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Vor der Alten her sprang der
+Hund, ein zottiger Köter, der ebenso gut auf See wie auf Land zu Hause
+sein mochte.
+
+– Nun, seid ihr da, Mädchen, grüßte die Alte, und habt ihr den
+Burschen bei euch?
+
+– Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, wie Ihr seht, Tante!
+antwortete Clara.
+
+Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Schürze ab und reichte sie
+dem Knecht.
+
+– Willkommen, Carlsson; mögt Ihr Euch bei uns heimisch fühlen!
+
+Und zu den Mädchen:
+
+– Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Mädchen? Sind die Segel im
+Schuppen? Dann kommt hinauf, ich werde euch etwas zu essen geben.
+
+Alle vier gingen die Höhe hinauf; Carlsson still, neugierig, voller
+Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung gestalten würde.
+
+ * * * * *
+
+Drinnen in der Stube brannte Feuer im Ofen; auf dem weißen Klapptisch
+lag eine reine Decke; auf der Decke stand eine Flasche Branntwein, in
+der Mitte wie ein Stundenglas zusammengeschnürt; rings herum Tassen
+aus schwedischem Porzellan, auf denen Rosen und Vergißmeinnicht
+abgebildet waren; ein frischgebackenes Brot, gedörrter Zwieback, ein
+Teller mit Butter, Zuckerdose und Sahnenkanne vervollständigten den
+Tisch. Carlsson fand ihn reicher, als er von dieser gottverlassenen
+Gegend erwartet hatte.
+
+Aber auch die Stube selbst sah nicht übel aus, als er sie im
+flammenden Schein des Herdfeuers musterte; das kreuzte sich mit dem
+Talglicht des Messingleuchters, schien in der etwas unreinen Politur
+des Mahagonisekretärs wider, spiegelte sich in dem lackierten Gehäuse
+und dem Messingpendel der Wanduhr, funkelte auf den Silbereinlagen der
+damascierten Läufe der Vogelflinten, hob die vergoldeten Buchstaben
+auf den Rücken der Postillen, Gesangbücher, Kalender, Bauernregeln
+hervor.
+
+– Tretet näher, Carlsson, lud ihn die Alte ein.
+
+Carlsson war ein Kind der neuen Zeit und lief wirklich nicht in die
+Scheune hinaus, sondern trat sofort näher und setzte sich auf ein
+Banksofa, während die Mädchen seinen Kasten in die Küche schafften,
+die auf der andern Seite des Flurs lag.
+
+Die Alte hakte den Kaffeekessel ab und legte die Klärhaut hinein;
+hakte ihn wieder an und ließ ihn noch etwas kochen. Dann erneuerte sie
+die Einladung, dieses Mal mit dem Zusatz, Carlsson möge sich an den
+Tisch setzen.
+
+Der Knecht setzte sich und drehte die Mütze zwischen den Fingern. Er
+paßte auf, wie der Wind wehte, um seine Segel danach zu richten. Er
+hatte offenbar die feste Absicht, sich mit den Maßgebenden gut zu
+stellen; da er aber noch nicht wußte, ob die Alte mit sich reden ließ,
+wagte er es nicht, seinem Mundwerk freien Lauf zu lassen, ehe er nicht
+wußte, wo das Land lag.
+
+– Das ist aber ein feiner Sekretär, begann er und befühlte die
+Messingrosetten.
+
+– Hm! sagte die Alte, es ist aber nicht viel darin.
+
+– Oho, das weiß ich wohl, schmeichelte Carlsson und bohrte den kleinen
+Finger in das Schlüsselloch der Klappe; darin ist genug!
+
+– Ja, einst war wohl ein Stück Geld darin, als wir ihn von der Auktion
+nach Hause brachten; dann aber mußte der Flod in die Erde, und Gustav
+mußte Soldat spielen, und seitdem ist keine rechte Ordnung auf dem Hof
+gewesen. Und dann wurde das neue Haus gebaut, das keinen Nutzen
+bringt. So kam eins zum andern. Aber nehmt Zucker, Carlsson, und
+trinkt eine Tasse Kaffee.
+
+– Soll ich damit anfangen? sperrte sich der Knecht.
+
+– Ja, da noch niemand zu Hause ist, antwortete die Alte. Der
+verwünschte Junge ist auf der See, mit der Flinte; und den Norman
+nimmt er immer mit; so wird keine ordentliche Arbeit geleistet. Wenn
+sie nur fort kommen und einen Vogel jagen können, lassen sie Viehzucht
+und Fischerei zu Grunde gehen. Das ist die Ursache, weshalb ich Euch
+herkommen ließ, Carlsson, damit Ihr nach dem Rechten schaut. Darum
+sollt Ihr Euch gewissermaßen für etwas mehr halten und ein Auge auf
+die Burschen haben. Wollt Ihr nicht einen Zwieback nehmen, Carlsson?
+
+– Ja, Tante, soll ich gewissermaßen etwas mehr sein, damit die Andern
+auf mich hören, dann muß auch eine bestimmte Ordnung gelten. Dann muß
+ich an Tante einen Rückhalt haben, denn ich weiß, wie es geht, wenn
+man sich mit den Burschen duzt und gemein macht.
+
+So gewann Carlsson das Land, als er wußte, wo es lag.
+
+– Was das Seegeschäft anlangt, fuhr er fort, da mische ich mich nicht
+hinein; das kenne ich nicht, aber auf dem Lande, da weiß ich Bescheid,
+und da will ich Herr sein.
+
+– Ja, das werden wir morgen regeln; dann haben wir Sonntag und können
+bei Tageslicht alles besprechen. Nun noch eine halbe, Carlsson, dann
+könnt Ihr Euch schlafen legen.
+
+Die Alte goß zum zweiten Male Kaffee ein, und Carlsson nahm das
+Stundenglas, um die Tasse mehr als dreiviertel zu füllen. Nachdem er
+die Mischung hinuntergeschlürft hatte, fühlte er große Lust, das
+fallen gelassene Gespräch, das ihn äußerst angenehm berührt hatte,
+wieder aufzunehmen. Aber die Alte war aufgestanden, um sich am Herd zu
+schaffen zu machen; die Mädchen liefen aus und ein; der Köter gab Laut
+auf dem Hofe und lenkte die Aufmerksamkeit ab.
+
+– Da haben wir die Burschen, sagte die Alte.
+
+Draußen erklangen Stimmen, Absatzeisen klirrten auf den Steinen, und
+durch die Balsaminen im Fenster sah Carlsson draußen im Mondschein die
+Gestalten zweier Männer, die eine Flinte auf der Schulter und eine
+Tracht auf dem Rücken hatten.
+
+Der Köter bellte im Flur, und gleich darauf ward die Tür geöffnet.
+Herein trat der Sohn in Wasserstiefeln und Jagdjoppe. Mit dem sichern
+Stolz des glücklichen Jägers schleuderte er Jagdtasche und ein Bündel
+Eider auf den Tisch an der Tür.
+
+– Guten Abend, Mutter, da hast du Fleisch! grüßte er, ohne den
+Kömmling zu bemerken.
+
+– Guten Abend, Gustav! Ihr seid lange fort gewesen, grüßte die Mutter
+zurück, während sie unwillkürlich einen zufriedenen Blick auf die
+prachtvollen Eider warf; mit dem kohlschwarzen und kreideweißen
+Gefieder, der rosenroten Brust und dem seegrünen Nacken. Ihr habt gute
+Beute gemacht, sehe ich. Hier haben wir Carlsson, den wir erwarteten!
+
+Der Sohn warf einen forschenden Blick aus seinen kleinen, scharfen
+Augen, die von hellroten Wimpern halb verborgen waren, und änderte
+sofort sein Gesicht: offen war es gewesen, und schüchtern wurde es.
+
+– Guten Abend, Carlsson, sagte er kurz und scheu.
+
+– Guten Abend, antwortete der Knecht, indem er einen unbefangenen Ton
+anschlug, bereit, den Überlegenen zu spielen, sobald er über den
+jungen Mann im Klaren war.
+
+Gustav nahm den Platz auf dem Hochsitz ein, stützte sich mit dem
+Ellbogen aufs Fensterbrett und ließ sich von der Mutter eine Tasse
+Kaffee einschenken, in die er sofort Branntwein goß. Während er trank,
+betrachtete er Carlsson heimlich.
+
+Der hatte die Vögel genommen und untersuchte sie.
+
+– Das sind prächtige Tiere, sagte er und kniff sie in die Brust, um zu
+fühlen, ob sie fett seien. Er ist ein guter Schütze, sehe ich, der
+Schuß sitzt an der rechten Stelle.
+
+Gustav antwortete mit einem listigen Grinsen; er hörte sofort, daß
+der Knecht nichts vom Weidwerk verstand, da er Schüsse lobte, die in
+den Brustfedern saßen und die Eider zu Lockvögeln untauglich machten.
+
+Carlsson aber schwatzte unverzagt weiter, lobte die Taschen aus
+Seehundsfell, pries die Flinte, machte sich so klein wie möglich;
+stellte sich in Seesachen noch unwissender, als er wirklich war.
+
+– Wo hast du Norman gelassen? fragte die Alte, die schläfrig wurde.
+
+– Er bringt nur die Sachen in den Schuppen, antwortete Gustav; er
+kommt gleich.
+
+– Rundqvist hat sich schon niedergelegt. Es ist auch Zeit, und Ihr
+müßt müde sein, Carlsson, da Ihr lange unterwegs gewesen seid. Ich
+will Euch zeigen, wo Ihr liegen sollt, wenn Ihr mitkommt.
+
+Carlsson wäre gern geblieben, um das Stundenglas auslaufen zu sehen;
+aber der Wink war so deutlich, daß er die Geduld der Wirtin nicht
+länger auf die Probe zu stellen wagte.
+
+Die Alte ging mit ihm in die Küche hinaus.
+
+Gleich kam sie aber zum Sohn zurück, der sofort seinen freimütigen
+Ausdruck wieder annahm.
+
+– Nun, wie findest du ihn? fragte die Alte; er sieht ordentlich und
+willig aus.
+
+– Nein, nein! antwortete Gustav gedehnt. Trau ihm nicht, Mutter; er
+schwatzt nur Unsinn!
+
+– Was du sagst! Er kann doch wohl ordentlich sein, wenn er auch ein
+Mundwerk hat.
+
+– Glaub mir, Mutter, das ist ein Schwätzer; mit dem werden wir uns zu
+schleppen haben, bis wir ihn wieder los werden. Aber das macht nichts;
+er soll schon arbeiten fürs Essen, und mir soll er nicht zu nahe
+kommen. Du glaubst allerdings nie, was ich sage, aber du wirst schon
+sehen! Wirst schon sehen. Nachher reut es dich, wenn’s zu spät ist!
+Wie wars mit dem alten Rundqvist? Der hatte auch ein tüchtiges
+Mundwerk, aber sein Rücken war schwach; wir haben uns mit ihm
+schleppen müssen, und jetzt werden wir ihn füttern, bis er stirbt.
+Solche Schwätzer sind nur bei der Schüssel groß, das kannst du mir
+glauben!
+
+– Du bist wie dein Vater, Gustav; traust den Leuten nichts Gutes zu
+und verlangst dann unvernünftig viel! Der Rundqvist ist kein Seemann,
+sondern auch vom Lande; aber er kann vieles, was andere nicht können.
+Und Seeleute kriegen wir nicht mehr; die gehen zur Flotte, zum Zoll
+oder werden Lotsen. Nur Leute vom Lande kriegt man. Siehst du, man
+nimmt, was man bekommt.
+
+– Das weiß ich wohl, daß keiner mehr Knecht sein will! Alle suchen
+Staatsdienst, und hier draußen auf den Inseln sammelt sich aller
+Abfall vom Festland. Ordentliches Volk kommt nicht in die Schären
+hinaus; es muß denn besondere Ursachen haben. Darum sage ich noch ein
+Mal: Halt die Augen offen!
+
+– Du, Gustav, solltest die Augen offen halten, gab die Alte zurück, um
+dein Hab und Gut in Ordnung zu bringen. Einst wird es ja deins! Du
+solltest zu Hause bleiben und nicht immer auf der See herumliegen; zum
+mindesten die Leute nicht von der Arbeit abhalten.
+
+Gustav rupfte eine Eider und antwortete:
+
+– Ei, Mutter, du liebst es doch auch, wenn Braten auf den Tisch
+kommt, nachdem es den ganzen Winter über eingesalzenes Schweinefleisch
+und gedörrten Fisch gegeben hat; du mußt also nicht so sprechen.
+Übrigens gehe ich nicht in den Krug, und etwas muß der Mensch doch zu
+seinem Vergnügen haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld auf
+der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht; will er brennen, so
+mag er; er ist ja versichert.
+
+– Verfaulen wird der Hof nicht, das weiß ich wohl, aber alles Andere
+geht entzwei. Die Feldzäune müssen ausgebessert werden, die Gräben
+gereinigt werden. Das Stalldach ist so morsch, daß es aufs Vieh
+regnet. Nicht eine Brücke ist heil, die Boote sind zerbrechlich wie
+Zunder, die Netze müssen geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und
+so weiter. Da ist so vieles, das gemacht werden müßte, aber nie
+gemacht wird. Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch
+gemacht werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens dafür angenommen
+haben. Es wird sich ja herausstellen, ob Carlsson nicht der rechte
+Mann dafür ist.
+
+– Dann laß ihn nur machen! schnauzte Gustav, indem er mit der Hand
+durch das kurzgeschorene Haar fuhr, daß es wie Stacheln in die Höhe
+stand. Da ist Norman! Komm und trink eine Halbe, Norman!
+
+Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurrbart und blauen
+Augen, trat in die Stube und ließ sich bei seinem Jagdgenossen nieder,
+nachdem er die Alte gegrüßt.
+
+Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westentaschen und
+stopften sie mit »Schwarzem Anker«. Dann gingen sie nach Jägerart, bei
+einer Halben Kaffee mit Branntwein, alle ihre Heldentaten draußen am
+offenen Meere durch; Schuß für Schuß. Die Vögel wurden untersucht, die
+Finger in die Schußwunde gebohrt, die Hagelkörner gezählt,
+unentschiedene Treffer erörtert. Schließlich entwarfen sie Pläne zu
+neuen Ausflügen.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen war Carlsson in die Küche hinausgekommen, um sein
+Nachtlager aufzusuchen.
+
+Die Küche war eine Firststube und sah wie eine mit dem Kiel nach oben
+gekehrte Schute aus, die auf der Ladung schwamm. Die Ladung bestand aus
+allen möglichen Gütern. Hoch oben unter dem berußten Dachfirst hingen
+Garn und Fischgeräte an den Balken; darunter waren Bretter und
+Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfsträhne, Dregganker,
+Schmiedeeisen, Zwiebelbündel, Talglichter, Mundvorratskasten; aus einem
+Querbalken lag eine lange Reihe frisch ausgestopfter Lockvögel; über
+einen andern waren Schaffelle geworfen; von einem dritten baumelten
+Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Strümpfe; und zwischen den Balken
+liefen Spieße mit Lochbroten, Stöcke mit Aalhäuten, Stangen mit
+Grundschnüren und Angelhaken.
+
+Am Giebelfenster stand der Eßtisch aus rohem Holz; an den Wänden
+standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber groben Laken gebettet
+waren.
+
+In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz angewiesen. Als sie
+sich mit dem Licht entfernte, ließ sie den Kömmling im Halbdunkel, das
+nur schwach von der Herdglut und einem kurzen Mondstreifen erleuchtet
+wurde. Der Mond zeichnete Pfosten und Sprossen des Fensters auf den
+Boden. Aus Gründen der Schamhaftigkeit wurde beim Schlafengehen kein
+Licht angesteckt; denn die Mädchen hatten auch ihre Schlafplätze in
+der Küche.
+
+So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock und Stiefel
+ab; dann holte er die Uhr aus der Westentasche, um sie beim Schein des
+Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte den Schlüssel ins Loch gesteckt und
+begann ihn mit etwas ungewohnter Hand zu drehen; die Uhr ging nämlich
+nur an Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang aus den
+Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme:
+
+– Nein, hat er auch eine Uhr!
+
+Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glutschein einen
+zottigen Kopf mit einem Paar blinzender Augen, der sich auf zwei Arme
+stützte.
+
+– Gehts dich was an? erwiderte er, um die Antwort nicht schuldig zu
+bleiben.
+
+– Gehts an, dann läutet man in der Kirche, obgleich ich nie
+hineinkomme! antwortete der Kopf.
+
+– Obgleich? O gleich gieße ich dir einen Eimer Wasser über den Kopf,
+gab Carlsson zurück.
+
+– Das ist nicht so dumm geantwortet, stammelte der Andere. Das ist
+jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian an den Stiefelschäften.
+
+– Das will ich meinen; und Galoschen hat er auch, wenn’s darauf
+ankommt!
+
+– Nein, hat er auch Galoschen; dann kann er sicher auch einen Schluck
+spendieren!
+
+– Ja, das kann er auch, wenn’s sein muß, antwortete Carlsson bestimmt
+und holte seine Tonkruke. Bitte!
+
+Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reichte die Kruke
+hinüber.
+
+– Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Branntwein. Dann:
+Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich du zu dir, Carlsson, und du
+nennst mich den närrischen Rundqvist, denn so heiße ich meistens.
+
+Und dann kroch er wieder unter die Decke.
+
+Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem er seine Uhr am
+Salzfaß aufgehängt und die Stiefel mitten ins Zimmer gestellt hatte,
+damit die roten Saffianzwickel recht zu sehen waren.
+
+Es war still in der Küche und nur Rundqvist hörte man schnarchen am
+Herd.
+
+Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein Nagel saß ihm
+das Wort der Alten im Kopfe, daß er etwas mehr als die Andern sein
+solle, um die Wirtschaft in die Höhe zu bringen. Um den Nagel
+schmerzte und schwärte es; es war, als habe er ein Gewächs im Kopf. Er
+dachte an den Mahagonisekretär, an die roten Haare und mißtrauischen
+Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem großen Schlüsselbund
+herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte; da kommt einer
+und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell, schüttelt das rechte Bein,
+steckt die Hand in die Tasche und fühlt die Schlüssel gegen den
+Schenkel; dann zupft er am Bund, wie man Werg auszieht, und als er den
+kleinsten Schlüssel, der in die Klappe paßt, gefunden hat, steckt er
+den ins Schlüsselloch, ganz wie er’s heute Abend mit dem kleinen
+Finger getan hatte; aber das Schlüsselloch, das wie ein Auge mit einem
+Augapfel ausgesehen, wird rund, groß und schwarz wie eine
+Flintenmündung, und über dem andern Ende des Laufes sieht er das rote
+Fischauge des Sohnes scharf und tückisch zielen, als wolle der sein
+Geld verteidigen.
+
+Die Küchentür ging, und Carlsson wurde aus seinem Halbschlummer
+gerissen. Mitten im Zimmer, wohin die Mondscheiben gerückt waren,
+standen zwei weißgekleidete Gestalten, um gleich darauf in ein Bett
+unterzutauchen; das gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine
+schwankende Landungsbrücke stößt. Dann ward es in den Laken lebendig
+und kicherte, bis es still wurde.
+
+– Gute Nacht, Mädchen, erklang Rundqvists erlöschende Stimme. Träumt
+von mir!
+
+– Daran ist uns allerdings sehr gelegen, antwortete Lotte.
+
+– Still, antworte dem Scheusal nicht, warnte Clara.
+
+– Ihr seid ... so ... nett! Wenn ich nur auch so ... nett ... sein
+könnte wie ihr! seufzte Rundqvist. Ja, Herr Gott, man wird alt; dann
+kann man seinen Willen nicht mehr kriegen, und dann ist das Leben
+nichts mehr wert. Gute Nacht, Kinder, und hütet euch vor Carlsson: der
+hat Uhr und Saffianstiefel! ... Ja, Carlsson, der ist glücklich! Das
+Glück das kommt, das Glück das fliegt, o glücklich, wer das Mädchen
+kriegt! ... Was habt ihr dort in euerm Bett zu kichern, Mädchen! ...
+Hör mal, Carlsson, kann ich nicht noch einen Schluck haben? Es ist so
+furchtbar kalt hier hinten; es zieht vom Herd her.
+
+– Nein, jetzt kriegst du nichts mehr, denn nun will ich schlafen,
+schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftsträumen, in denen weder Wein
+noch Mädchen vorkamen, gestört und bereits mit seiner Stellung als
+Großknecht vertraut.
+
+Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Geschichten der Jäger
+drangen durch die beiden Türen; und der Nachtwind rüttelte an der
+Ofenklappe.
+
+Carlsson schloß wieder die Augen. Im Schlummer hörte er Lottes
+halblaute Stimme etwas auswendig hersagen, das er zuerst nicht
+verstehen konnte, sondern wie ein einziger langer Salm klang;
+schließlich unterschied er:
+
+– Undführeunsnicht – inversuchung, sondernerlöseunsvondemübel,
+denndeinistdasreich, unddiemachtunddieherrlichkeit inewigkeitamen.
+Gute Nacht, Clara! Schlaf gut!
+
+Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der Mädchen. Rundqvist
+aber sägte, daß die Fenster zitterten, ob nun aus Scherz oder Ernst.
+Aber Carlsson lag halbwach und wußte selbst nicht, ob er wachte oder
+schlief.
+
+Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schweißiger Körper kroch
+an seine Seite.
+
+– Es ist nur Norman! hörte er eine schöntuende Stimme neben sich. Da
+wußte er, es war der Knecht, der sein Bettgenosse sein sollte.
+
+– Aha, der Schütze ist heimgekehrt, knarrte Rundqvists rostiger Baß.
+Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonnabend draußen geschossen.
+
+– Du kannst ja gar nicht schießen, Rundqvist; du hast ja keine Flinte,
+schnauzte Norman.
+
+– Kann ich nicht? gab der Alte zurück, um das letzte Wort zu haben.
+Ich kann Schwarzstare mit der Büchse schießen, und zwar zwischen den
+Laken ...
+
+– Habt ihr das Feuer gelöscht? unterbrach ihn die freundliche Stimme
+der Alten, die aus dem Flur zur Tür hereinguckte.
+
+– Jawohl, antwortete man im Chor.
+
+– Dann gute Nacht!
+
+– Gute Nacht, Tante!
+
+Einige lange Seufzer wurden ausgestoßen, dann wurde gepustet,
+geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang war.
+
+Aber Carlsson lag noch eine Weile halb wach und zählte die
+Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft; der gute Hirte
+ und die bösen Schafe; die Schnepfen, die ihr Teil bekamen
+ und der Knecht, der die Kammer bekam
+
+
+Als Carlsson am Sonntagsmorgen beim Hahnenschrei erwachte, waren alle
+Betten leer, und die Mädchen standen im Unterrock am Herde, während
+die Sonne voll und blendend in die Küche schien.
+
+Carlsson fuhr schnell in die Hosen und ging hinaus, um sich zu
+waschen. Da saß bereits der junge Norman auf einem Strömlingsfaß und
+ließ sich von dem allkundigen Rundqvist die Haare schneiden. Rundqvist
+hatte ein reines Vorhemd angezogen, das so groß wie eine Tageszeitung
+war, und seine besten Stiefel hatte er auch an.
+
+Bei einem eisernen Kochtopf, der seine Füße verloren hatte und deshalb
+Waschschüssel geworden war, mußte Carlsson mit einem Häuflein grüner
+Seife seine Sonntagswaschung vornehmen.
+
+Im Stubenfenster zeigte sich Gustavs sommersprossiges Gesicht
+eingeseift; vor einem Stück Spiegel, das unter dem Namen
+»Sonntagsgucker« bekannt war, fuhr er mit dem im Sonnenschein
+blitzenden Rasiermesser unter furchtbaren Grimassen hin und her.
+
+– Geht ihr heute in die Kirche? fragte Carlsson zum Morgengruß.
+
+– Nein, wir kommen nicht so oft ins Gotteshaus, antwortete Rundqvist.
+Wir haben zwei Rudermeilen hin und ebensoviele zurück, und man muß den
+Ruhetag nicht mit unnützer Arbeit entheiligen.
+
+Lotte kam heraus, um Kartoffel zu waschen, während Clara nach dem
+Vorratsschuppen ging, um aus dem Winterfaß gesalzene Fische zu holen.
+In diesem sogenannten »Familiengrabe« waren alle kleinen Fische, die
+im Netz oder Fischkasten getötet waren und nicht aufbewahrt werden
+konnten, eingesalzen, durcheinander, ohne Ansehen der Person, um für
+den täglichen Bedarf des Hauses zu dienen. Da lagen blasse Plötze
+Seite an Seite neben roten Rotaugen; Blicken, Kaulbarsche, Seehasen,
+Barsche, kleine Brathechte, Schollen, Schleie, Quappen, Maränen. Alle
+hatten einen Schaden: eine zerfetzte Kieme, ein ausgehacktes Auge;
+einen Hieb im Rücken, der von einer Fischgabel herrührte; andere
+hatten einen Fußtritt auf den Bauch erhalten; und so weiter.
+
+Clara nahm einige Hände voll, wusch das meiste Salz aus und tat die
+Gesellschaft in den Kochtopf.
+
+Während das Frühstück auf dem Feuer stand, hatte Carlsson sich
+angekleidet und machte nun einen Rundgang, um sich den Hof anzusehen.
+
+Das Haus, das eigentlich aus zweien zusammengebaut war, lag auf einer
+Anhöhe am südlichen und innern Ende der langen, ziemlich seichten
+Bucht einer freien Meeresfläche. Diese Bucht schnitt so tief ins Land,
+daß man das große Meer nicht sah, sondern glauben konnte, man sei an
+einem kleinen Binnensee im Innern des Landes. Die Hänge der Höhe
+senkten sich zu einem Tal nieder mit Weidegründen, Wiesen, Hagen, die
+mit Laubwald, Birke, Eiche, Erle, eingefaßt waren. Die nördliche Seite
+der Bucht war durch eine mit Fichtenwald bewachsene Höhe gegen die
+kalten Winde geschützt, und die südlichen Teile der Insel bestanden
+aus Kiefergehölzen, Birkenhagen, Mooren, Sümpfen; zwischen denen war
+ein Stück Acker hier und dort angelegt.
+
+Auf der Höhe stand neben dem Wohnungshaus der Vorratsschuppen; ein
+Stück davon lag das neue Haus, die »Großstuga«, ein rotes ziemlich
+großes Blockhaus mit Ziegeldach. Der alte Flod hatte es sich fürs
+Altenteil errichtet; jetzt stand es unbewohnt, weil die Alte allein
+dort nicht hausen wollte; auch unnötig viele Feuerstätten dem Walde zu
+sehr zugesetzt hätten.
+
+Weiterhin, dem Hage zu, lagen Viehstall und Scheune; in einem Gehölz
+stattlicher Eichen hatten Darrstube und Keller ihre schattigen Plätze;
+und ganz hinten an der südlichen Wiese war das Dach einer verfallenen
+Schmiede zu sehen.
+
+Unten, am innern Ende der Bucht, standen die Seeschuppen bis an die
+Landungsbrücke; dort war auch der Hafen für die Boote.
+
+Ohne die Schönheiten der Landschaft zu bewundern, war Carlsson doch
+von dem Ganzen angenehm überrascht. Die fischreiche Bucht, die ebenen
+Wiesen, die vor Winden geschützten und gerade richtig abfallenden
+Felder, der dichte Hochwald, die schönen Nutzhölzer in den Hagen:
+alles versprach guten Ertrag, wenn nur eine starke Hand die Kräfte in
+Bewegung setzte und die vergrabenen Schätze ans Tageslicht brachte.
+
+Nachdem er hierhin und dorthin geschlendert, wurde er in seinen
+Betrachtungen durch ein schallendes »Halloh« unterbrochen, das vom
+Vorbau ausging, von Buchten und Feldern widerhallte und gleich darauf
+von Scheune, Hag und Schmiede im selben Tone beantwortet wurde.
+
+Es war Clara, die zum Frühstück rief.
+
+Bald saßen die vier Männer um den Küchentisch, auf dem frischgekochte
+Kartoffeln, gesalzener Fisch, Butter, Roggenbrot und, da es Sonntag
+war, Branntwein stand. Die Alte ging umher und forderte die Männer
+auf, zuzulangen; auch warf sie dann und wann ein Auge auf den Herd, wo
+jetzt für Hühner und Ferkel gekocht wurde.
+
+Carlsson hatte an der oberen Schmalseite des Tisches Platz genommen,
+Gustav die eine, Rundqvist die andere Breitseite, Norman die untere
+Schmalseite gewählt; man wußte eigentlich nicht, wer den Ehrenplatz
+hatte, sondern glaubte die vier Sprecher eines Ausschusses vor sich zu
+haben. Doch führte Carlsson das Wort, und seine Aussprüche betonte er,
+indem er mit der Gabel auf den Tisch stieß. Er sprach von
+Landwirtschaft und Viehzucht; aber Gustav antwortete entweder
+überhaupt nicht oder mit Fischfang und Jagd. Norman unterstützte ihn
+dabei, und Rundqvist spielte den unparteiischen Sonderer; warf dann
+und wann einen Scheit ins Feuer, damit kein Friede aufkam; blies die
+Flamme an, wenn sie erlöschen wollte; stichelte nach rechts und
+stichelte nach links; bewies der Gesellschaft, daß sie alle gleich
+dumm und unwissend seien, daß er allein den Verstand gepachtet habe.
+
+Gustav antwortete Carlsson niemals direkt, sondern wandte sich immer
+an einen Nachbar; Carlsson sah ein, daß er von ihm keine Freundschaft
+zu erwarten habe.
+
+Norman, der Jüngste, vergewisserte sich erst immer, daß er am
+Hausherrn einen Rückhalt hatte; nach dem sich zu richten, war immer
+das Sicherste.
+
+– Ferkel aufziehen, wenn man keine Milch hat, das lohnt nicht, lehrte
+Carlsson; und Milch kann man nicht bekommen, ohne daß man Klee in die
+Herbstsaat säet. In der Landwirtschaft muß Kreislauf sein; eines muß
+auf das Andere folgen.
+
+– Das ist ganz wie beim Fischen, nicht wahr, Norman, wandte sich
+Gustav an seinen Nachbar. Man kann nicht die Strömlingsnetze setzen,
+ehe nicht die Schollen aufgehört haben; und man kriegt keine Schollen,
+ehe der Hecht nicht gelaicht hat. Das eine folgt aufs andere, und wenn
+man das Eine fahren läßt, fängt das Andere an. Ist es vielleicht nicht
+so, Norman?
+
+Norman stimmte ohne Widerstreben bei und wiederholte zur Sicherheit
+den Endreim, als er merkte, daß Carlsson zurückschlagen wollte:
+
+– Ja, so ist es: das Eine fängt an, wenn man das Andere fahren läßt.
+
+– Wer läßt einen fahren? rief Rundqvist dazwischen, der die gute
+Gelegenheit nicht vorbeigehen ließ.
+
+Carlsson, der den Schwanz eines Rotauges zwischen den Zähnen hatte,
+machte heftige Gebärden mit den Armen, um das Gespräch wieder nach
+seiner Seite zu wenden. Ins Grinsen der Andern aber mußte er
+einstimmen, obwohl sie mehr aus Schadenfreude grinsten, daß die
+Landwirtschaft beiseite geschoben wurde, als über den billigen Witz.
+
+Von seinem Erfolg ermuntert, machte Rundqvist Variationen über das
+glücklich gefundene Thema; ein ernstes Wort fand keinen Zuhörer mehr.
+
+ * * * * *
+
+Als das Frühstück zu Ende war, kam die Alte und bat Carlsson und
+Gustav, mit ihr nach dem Viehstall und auf die Felder zu gehen, um
+über die Verteilung der Arbeit zu sprechen und zu beraten, was zu tun
+sei, um den Hof in bessern Stand zu bringen. Danach würden sich alle
+in der Stube versammeln, um die Predigt zu lesen.
+
+Rundqvist legte sich beim Herd aufs Holzsofa und steckte sich eine
+Pfeife an. Norman nahm seine Handharmonika und setzte sich in den
+Vorbau, während die andern nach dem Viehstall gingen.
+
+Carlsson fand mit einer gewissen Befriedigung seine schlimmsten
+Befürchtungen übertroffen. Zwölf Kühe lagen auf den Knien und fraßen
+Moos und Stroh, da das Futter zu Ende war. Jeder Versuch, sie
+aufzurichten, war unmöglich; nachdem Carlsson und Gustav sie auf die
+Beine zu bringen versucht, indem sie ihnen eine Bohle unter den Bauch
+schoben, überließ man sie vorläufig ihrem Schicksal.
+
+Carlsson schüttelte bedenklich den Kopf, wie ein Arzt, der ein
+Sterbebett verläßt; sparte aber seine guten Ratschläge und
+Verbesserungsvorschläge für später auf.
+
+Mit dem Ochsenpaar stand es noch schlimmer, da es eben mit dem Pflügen
+fertig geworden war.
+
+Die Schafe hatten nur Rinde zu knuppern von den längst abgefressenen
+Laubbüscheln.
+
+Die Schweine waren mager wie Jagdhunde. Die Hühner liefen im Viehhof
+umher, auf dem Misthaufen zerstreut waren, von denen das Wasser in
+Bächlein abfloß.
+
+Nachdem man sich alles angesehen und den Verfall erkannt hatte,
+erklärte Carlsson, hier sei nur noch mit dem Messer etwas zu machen.
+
+– Sechs Kühe, die Milch geben, sind besser als zwölf, die hungern!
+
+Er untersuchte Spiegel und Euter und bezeichnete mit großer Sicherheit
+die sechs, die man auffüttern und dann zum Schlächter bringen solle.
+
+Gustav machte Einwendungen.
+
+Carlsson aber versicherte und beteuerte, sie müßten geschlachtet
+werden! Sie müßten sterben, so wahr er lebe! Dann könnte man eine
+andere Ordnung einführen. Zuerst aber müsse vor allem trockenes, gutes
+Heu gekauft werden, ehe man das Vieh in den Wald lassen könne.
+
+Als Gustav von Heukaufen sprechen hörte, machte er die lebhaftesten
+Vorstellungen, doch nicht sein Geld für etwas auszugeben, das man
+selber habe. Aber die Alte brachte ihn mit der Erklärung zum
+Schweigen, davon verstehe er nichts.
+
+Nachdem man noch einige weniger wichtige Anordnungen getroffen,
+verließ man den Viehhof und wanderte auf die Felder hinaus.
+
+Hier lagen ganze Strecken brach.
+
+– Ach, ach! sagte Carlsson mitleidig, als er den guten Boden auf so
+veraltete Art bewirtschaftet sah. Ach! wie kindisch! Kein Mensch hat
+mehr Brache, sondern Kleeweide! Wenn man jedes Jahr ernten kann, warum
+soll man es nur jedes zweite Jahr tun?
+
+Gustav meinte, jährliche Ernten saugten den Boden aus; der müsse auch
+ruhen wie der Mensch.
+
+Aber Carlsson gab eine ganz richtige, wenn auch etwas dunkle Erklärung
+ab, Kleesaat dünge den Boden, statt ihn auszusaugen; auch halte sie
+ihn von Unkraut frei.
+
+– Davon habe ich noch nie gehört, meinte Gustav. Saaten, die düngen!
+
+Er konnte Carlssons gelehrte Auseinandersetzung, daß Grasgewächse ihre
+meiste Nahrung »aus der Luft« holen, nicht verstehen.
+
+Darauf untersuchte man die Abzugsgräben; die standen voll Grundwasser,
+waren zugewachsen, konnten nicht ablaufen.
+
+Das Korn stand stellenweise, als habe man Hände voll ausgesäet, und
+das Unkraut wucherte zwischen den Schollen.
+
+Die Wiesen waren nicht geharkt; das Laub des Vorjahres bedeckte und
+erstickte das Gras, das zu einem einzigen Kuchen zusammengeklebt war.
+
+Die Feldzäune waren im Begriff umzufallen; Brücken
+fehlten; alles war so baufällig, wie die Alte es in dem Gespräch am
+Abend dargestellt hatte.
+
+Gustav aber wollte nichts von Carlssons tiefdringenden Untersuchungen
+wissen; er lehnte sie ab als etwas Unangenehmes, das man aus der
+Vergangenheit ausgrub. Er fürchtete die viele Arbeit, die winkte, und
+noch mehr, daß seine Mutter Geld herausrücken müsse.
+
+Als sie dann nach der Kälberweide gingen, blieb Gustav zurück; als sie
+in den Wald kamen, war er verschwunden. Die Alte rief nach ihm,
+erhielt aber keine Antwort.
+
+– Mag er gehen, meinte die Alte. So ist Gustav! Er ist immer etwas
+dumpf und träge; nur dann nicht, wenn er mit der Flinte auf die See
+hinaus kann. Aber daran müßt Ihr Euch nicht kehren, Carlsson, denn
+etwas Böses ist nicht in ihm. Sein Vater wollte etwas Besseres aus ihm
+machen; er sollte nicht als Knecht gehen, sondern konnte tun, was er
+wollte. Als er zwölf Jahre alt war, kriegte er sein eigenes Boot,
+natürlich auch eine Flinte. Seitdem war nichts mehr mit ihm zu wollen.
+Jetzt geht’s mit dem Fischen zurück; darum habe ich an den Acker
+denken müssen, der schließlich doch noch sicherer ist als die See. Es
+wäre auch gegangen, wenn Gustav nur verstanden hätte, die Leute
+anzuhalten; aber er muß sich immer so gemein mit den Burschen machen,
+und dann geht’s mit der Arbeit nicht vorwärts.
+
+– Das taugt allerdings nicht, die Leute zu verwöhnen, hakte Carlsson
+ein; und das muß ich Euch gleich sagen, Tante, hier unter vier Augen:
+soll ich so etwas wie Kustos sein, so muß ich in der Stube essen und
+allein in der Kammer schlafen; sonst haben die Leute keinen Respekt,
+und ich komme nicht vom Fleck.
+
+– In der Stube essen, Carlsson, versetzte besorgt die Alte, während
+sie über den Zauntritt stieg, wird wohl kaum gehen. Die Leute lassen
+sich’s nicht mehr gefallen, daß man anderswo ißt als mit ihnen in der
+Küche. Der alte Flod hat’s nicht einmal gewagt, und Gustav hat sich’s
+nie getraut. Und tut man’s, machen sie sofort Spektakel über das
+Essen; stellen sich auf die Hinterbeine. Nein, daraus kann nichts
+werden. Daß Ihr aber auf der Kammer schlaft, ist etwas anderes; das
+wollen wir mal sehen. Die Leute finden ja schon, es seien ihrer zu
+viel in der Küche; und Norman, denke ich, schläft lieber allein in
+seinem Bett als mit einem Andern zusammen.
+
+Carlsson hielt es für das Beste, sich mit halbgewonnenem Spiel zu
+begnügen, und steckte die andere Pfeife vorläufig in den Sack.
+
+Sie kamen jetzt in den Fichtenwald, wo zwischen einigen
+Geschiebeblöcken noch eine Schneewehe lag, die von Staub und
+herabgefallenen Nadeln beschmutzt war. Die Fichten schwitzten in der
+brennenden Aprilsonne schon Harz aus; zu ihren Füßen blühten weiße
+Osterblumen, und unter den Haselbüschen guckten Leberblümchen durch
+das durchbrochene Nervennetz des modernden Laubes. Aus dem Haarmoos
+stieg eine warme Feuchtigkeit; zwischen den Baumstämmen sah man das
+Flimmern über dem Wiesenzaun zittern; weiter fort blaute die von einer
+leichten Brise bewegte Meeresfläche; das Eichhörnchen kicherte oben im
+Gezweig und der Grünspecht hämmerte und schrie.
+
+Die Alte trippelte auf dem kahlen Fußpfad über Nadeln und Wurzeln.
+Carlsson, der hinter ihr ging, sah, wie sich ihre Schuhsohlen unter
+geschmeidigen Schritten bogen und unter dem Saum des Kleides
+verschwanden. Da erinnerte er sich daran, daß sie ihm gestern älter
+vorgekommen war.
+
+– Ihr seid aber flink auf den Beinen, Tante, fand sich Carlsson
+veranlaßt, seinen Frühlingsgefühlen Luft zu machen.
+
+– Ach, wie Ihr sprecht! Man könnte glauben, Ihr wollt mit einer alten
+Frau Euern Spaß treiben.
+
+– Nein, ich meine immer, was ich sage, versicherte Carlsson glaubhaft.
+Um mit Tante Schritt zu halten, gerate ich in Schweiß.
+
+– Wir wollen jedenfalls nicht weiter gehen, antwortete die Alte und
+blieb stehen, um zu verschnaufen. Hier könnt Ihr Euch den Wald
+ansehen, Carlsson; hierher bringen wir das Vieh im Sommer, wenn es
+nicht draußen auf den Werdern ist.
+
+Carlsson warf einen sachverständigen Blick auf den Wald; er fand, daß
+da viele Klafter Brennholz standen und gutes Balkenholz sich auf der
+Wurzel erhob.
+
+– Aber wie schlecht gepflegt! Da liegen noch Wipfel und Reisig in
+einem solchen Gerümpel zusammen, daß kein Mensch durchkommen kann!
+
+– Da seht Ihr selbst, Carlsson, wie es steht. Nun mögt Ihr walten und
+schalten, wie Ihr wollt! Ihr werdet schon Ordnung schaffen, dessen bin
+ich sicher! Nicht wahr, Carlsson?
+
+– Meine Arbeit werde ich schon leisten, wenn die andern nur ihre tun!
+Und dazu müßt Ihr mir helfen, Tante, knetete Carlsson seinen Teig. Er
+fühlte, es werde nicht so leicht sein, sich eine Stellung als Korporal
+zu schaffen, da die Gemeinen länger am Platze waren.
+
+Unter unausgesetztem Gespräch über die Art und Weise, wie Carlsson
+seine Oberhoheit einnehmen und bewahren könne, gingen sie zurück.
+Diese seine Oberhoheit sei die Hauptbedingung für das Aufblühen des
+Hofes, suchte Carlsson der Bäuerin einzureden.
+
+Jetzt sollte die Predigt gelesen werden, aber von den Männern ließ
+sich keiner sehen. Die beiden Schützen waren mit den Flinten in den
+Wald gegangen; Rundqvist verbarg sich wohl wie gewöhnlich auf einer
+sonnigen Höhe. So war es immer, wenn sie Gottes Wort hören sollten.
+
+Carlsson versicherte, man könne sich ohne Zuhörer behelfen; und wenn
+die Mädchen die Tür zur Küche öffneten, könnten sie auch ein Wort
+vernehmen, während die Töpfe kochten.
+
+Als die Alte ihre Unruhe äußerte, sie werde nicht lesen können, war
+Carlsson sofort bereit, die Sache zu übernehmen.
+
+– Ach! Ich habe in meiner früheren Stellung so manche Predigt gelesen;
+daran soll es nicht fehlen.
+
+Die Alte nahm den Kalender und schlug den Text des Tages auf, der
+heute, am zweiten Sonntag nach Ostern, vom guten Hirten handelte.
+
+Carlsson nahm Luthers Postille vom Brett und setzte sich auf einen
+Stuhl mitten ins Zimmer; da konnte er sich einbilden, von der Gemeinde
+gut gesehen zu werden. Darauf schlug er das Gesangbuch auf und begann
+mit hoher Stimme, über die Tonskala laufend, wie ers von den
+Reisepredigern gehört und selbst getan hatte, den Text vorzupredigen.
+
+– »Zu dieser Zeit sagte Jesus zu den Juden: Ich bin der gute Hirte:
+der _gute_ Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Ein Mietling aber, der
+_nicht_ Hirte ist, dem die Schafe _nicht_ gehören, sieht den Wolf kommen,
+verläßt die Schafe und flieht.«
+
+Ein seltsames Gefühl persönlicher Verantwortung bemächtigte sich des
+Vorlesers, als er die Worte »_Ich_ bin der gute Hirte« aussprach; er sah
+bedeutungsvoll zum Fenster hinaus, als suche er die beiden flüchtigen
+Mietlinge Rundqvist und Norman.
+
+Die Alte nickte traurig und nahm die Katze auf die Knie, als öffne sie
+dem verlorenen Schaf ihre Arme.
+
+Carlsson aber las mit vor Rührung zitternder Stimme, als habe er es
+selbst geschrieben, weiter.
+
+– »Aber der Mietling flieht – ja er flieht, schmückte er aus – denn
+er ist _Mietling_ (schrie er) und achtet der Schafe nicht.«
+
+– »_Ich_ bin der gute Hirte, und kenne meine Schafe, und meine Schafe
+kennen mich,« fuhr er aus dem Gedächtnis fort, da das ein Spruch aus
+dem Katechismus war.
+
+Darauf senkte er die Stimme, schlug die Augen nieder, als trauere er
+tief über die Bosheit der Menschen, und seufzte hervor, mit starker
+Betonung und Seitenblicken, nicht ohne verschmitzt verstehen zu geben,
+daß er mit Schmerz unbekannte Schelme angebe, ohne sie gerade
+anzuklagen:
+
+– »Ich habe auch _andere_ Schafe, die nicht aus _diesem_ Schafstall
+sind; die muß ich heranziehen; und sie _sollen_ meine Stimme hören!«
+
+Und mit einem verklärten Lächeln, prophetisch, hoffnungsvoll,
+zuversichtlich, flüsterte er:
+
+– »Und es soll _eine_ Herde und _ein_ Hirte sein.«
+
+– Und _ein_ Hirte! echote die Alte, die ihre Gedanken ganz wo anders
+hatte als Carlsson.
+
+Darauf griff er die Postille an; machte zuerst ein saures Gesicht,
+als er die Anzahl der Seiten überschlug und sah, daß es ein »langes
+Ding« war; faßte dann aber Mut und begann. Die Behandlung des Stoffes
+paßte nicht ganz zu seinen Absichten, sondern hielt sich mehr an die
+christlich symbolische Seite; darum war sein Interesse nicht so
+lebhaft wie beim Text. In rasendem Laufe eilte er durch die Spalten
+und steigerte die Geschwindigkeit, wenn er zum Umblättern kam, so, daß
+er mit dem angefeuchteten Daumen zwei Blätter auf ein Mal umschlug,
+ohne daß die Alte etwas merkte.
+
+Als er aber sah, das Ende war nahe, fürchtete er, gegen das Amen zu
+prallen; deshalb verlangsamte er die Schnelligkeit. Aber es war zu
+spät: beim letzten Umblättern hatte er zu dick auf den Daumen gespuckt
+und drei Blätter auf ein Mal genommen; nun traf er aufs Amen ganz oben
+auf der nächsten Seite, als stieße er mit dem Kopf gegen eine Wand.
+
+Die Alte wachte von dem Stoß auf und guckte schlaftrunken nach der
+Uhr.
+
+Carlsson wiederholte daher das Amen noch ein Mal, indem er es etwas
+ausschmückte:
+
+– »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und um
+unseres Erlösers willen.«
+
+Um den Schluß abzurunden und zu sühnen, was er verbrochen, betete er
+ein Vaterunser, so langsam und ergreifend, daß die Alte, die mitten in
+die Sonne gekommen war, noch ein Mal einnickte.
+
+Sie hatte Zeit sich zu ermuntern, während Carlsson, um alle
+unangenehmen Erklärungen abzuschneiden, den Kopf in der linken Hand
+verbarg, um ein leises Gebet zu sprechen, das nicht unterbrochen
+werden durfte.
+
+Die Alte fühlte sich auch schuldig und wollte nun ihre Aufmerksamkeit
+dadurch beweisen, daß sie in selbstgewählten Worten zeigte, was sie
+eingeheimst. Carlsson schnitt ihr aber das Wort ab, indem er bestimmt
+erklärte, nach dem Grundtext und den eigenen Worten des Erlösers
+handle es sich um nichts Geringeres: _eine_ Herde und _ein_ Hirte!
+_Einer_ ausschließlich, einer für alle, _einer_, _einer_, _einer_!
+
+In diesem Augenblick rief Clara laut zum Mittagessen. Aus der Tiefe
+des Waldes antworteten zwei fröhliche Hallohs, denen Flintenknalle
+folgten; und aus dem Schornstein der Schmiede stieg wie aus einem
+hungrigen Magen Rundqvists originelleres Puh!, das niemand verkennen
+konnte.
+
+Und bald sah man die verirrten Schafe mit leichten Schritten zum
+Kochtopf eilen. Die Alte empfing sie, indem sie ihnen ihr Ausbleiben
+vorwarf. Die Antwort aber blieb keines der Unschuldigen ihr schuldig;
+sie beteuerten, sie hätten niemand rufen hören, sonst wären sie
+_sofort_ gekommen.
+
+Carlsson verhielt sich würdig, wie es sich beim Mittagstisch am
+Sonntag ziemte. Rundqvist aber sprach in dunklen Worten von den höchst
+»merkwürdigen« Fortschritten der Landwirtschaft. Carlsson ersah
+daraus, daß er von der Opposition bereits eingeweiht und gewonnen war.
+
+Nach dem Essen, das aus einem in Milch mit Pfeffer gekochten Eiderpaar
+bestand, zogen sich alle Mannsleute zurück, um zu schlafen; Carlsson
+aber nahm sein Gesangbuch aus dem Kasten und setzte sich draußen auf
+die Höhe, wo er einen trockenen Stein fand. Den Fenstern der Hütte
+drehte er den Rücken, um etwas einnicken zu können.
+
+Die Alte fand das vielversprechend, da der Sonntagnachmittag sonst
+gewöhnlich verloren ging.
+
+Als Carlsson glaubte, es sei genug Zeit verflossen, um die Andacht
+wahrscheinlich zu machen, stand er auf, ging, ohne anzuklopfen, in die
+Stube und rückte mit dem Wunsch heraus, die Kammer zu sehen.
+
+Die Alte wollte die Sache verschieben und schützte Reinmachen vor;
+Carlsson aber bestand darauf. So wurde er denn auf den Boden geführt.
+
+Da war wirklich unter dem Dachstuhl ein viereckiger Kasten eingebaut;
+auf dem Giebel öffnete er sich mit einem Fenster, das jetzt von einer
+blaugestreiften Rollgardine verhängt war. Die Kammer enthielt ein Bett
+und einen kleinen Tisch, der vorm Fenster stand und eine Wasserkaraffe
+trug. An den Wänden hing etwas, das durch die weißen, verhüllenden
+Laken wie Kleider aussah und sich, wenn man näher ging, auch als
+Kleider erwies: hier guckte ein Rockkragen mit seinem Anhänger hervor,
+dort schlenkerte ein Hosenbein heraus. Darunter stand ein ganzes Heer
+von Schuhen, Männer- und Frauenstiefeln durch einander. Hinter der Tür
+befand sich ein gewaltiger mit Eisen beschlagener Kasten, der ein
+Schlüsselschild aus getriebenem Kupfer trug.
+
+Carlsson zog die Rollgardine auf und öffnete das Fenster, um die mit
+Feuchtigkeit, Kampfer, Pfeffer, Wermut vermengte Luft herauszulassen.
+Dann legte er die Mütze auf den Tisch und erklärte, hier werde er gut
+schlafen. Als die Alte ihre Befürchtungen aussprach, die Kälte werde
+ihm unangenehm sein, bekannte er, er sei es gewohnt, kalt zu liegen;
+das sei ein Vorteil, den er in der warmen Küche unmöglich haben könne.
+
+Der Alten ging es etwas zu schnell; sie wollte erst die Kleider
+fortnehmen, damit sie nicht im Tabaksrauch hingen. Carlsson versprach
+sofort, er werde nicht rauchen; bat und beschwor sie, die Kleider
+hängen zu lassen. Er wolle sie nicht einmal ansehen; Tante solle sich
+nicht die Mühe machen, seinetwegen umzukramen. Er werde abends ins
+Bett kriechen und morgens selbst sein Waschwasser ausgießen und sein
+Bett machen. Niemand brauche hineinzugucken. Er verstehe wohl, Tante
+sei um ihre Habseligkeiten besorgt, und hier gebe es ja mehr als genug
+davon.
+
+Als er die Alte mit seinem Mundwerk herumgekriegt hatte, ging
+Carlsson hinunter, holte Kasten und Branntweinkrug herauf, hing seine
+Jacke an einen Nagel am Fenster, stellte seine Wasserstiefel neben die
+anderen Schuhe.
+
+Darauf bat er um eine Unterredung, bei der Gustav zugegen sein müsse,
+denn jetzt solle die Arbeit verteilt werden, damit morgen jeder auf
+seinem Posten sei.
+
+Nach vieler Mühe wurde Gustav gefunden und veranlaßt, eine Weile in
+die Stube zu kommen; an den Verhandlungen aber nahm er nicht teil, auf
+Fragen antwortete er nur mit Einwendungen, warf Schwierigkeiten auf;
+kurz, stellte sich auf die Hinterbeine.
+
+Carlsson versuchte ihn durch Schmeichelei zu gewinnen, ihn durch
+Sachkenntnis zu erdrücken, ihm Achtung vor der Überlegenheit des
+Älteren beizubringen; das war aber nur Wasser aufs Feuer.
+
+Schließlich wurden alle Teile müde und Gustav war verschwunden, ehe
+man sich’s versah.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne versank in Nebel, die
+bald stiegen und den Himmel mit kleinen Federwolken bedeckten; die
+Luft aber blieb warm.
+
+Carlsson spazierte aufs Ungefähr die Wiese hinunter und kam in den
+Ochsenhag; wanderte weiter unter den blühenden, noch halb
+durchsichtigen Haselbüschen, die gewissermaßen einen Tunnel über den
+»Drog« bildeten; dieser »Drog« führte zum Seeufer hinunter, wo das
+Brennholz von der Jacht des Aufkäufers geholt zu werden pflegte.
+
+Plötzlich blieb er stehen: durch die Wachholdersträucher bekam er
+Gustav und Norman zu Gesicht; sie waren auf dem Felsenhügel einer
+Lichtung aufgestellt, die sich hier öffnete; hatten die Flinten
+angelegt, die Hähne gespannt und guckten sich nach allen Seiten um.
+
+– Still, jetzt kommt er! flüsterte Gustav, doch so laut, daß es
+Carlsson hörte.
+
+Im Glauben, er sei gemeint, verbarg sich Carlsson in den Büschen.
+
+Aber über die jungen Fichten kam ein Vogel geflogen, langsam und träg
+wie eine Eule, mit schlaffen Flügeln, und gleich darauf kam noch
+einer.
+
+– Quarr-Quarr-Murr-Murr-Pfip! klang es in der Luft, und dann paff!
+paff! aus beiden Flinten, aus denen Hagel und Rauch wie ein Besen
+herausfuhren.
+
+Es knisterte in den Zweigen einer Birke, und eine Schnepfe fiel einen
+Steinwurf von Carlsson nieder.
+
+Die Schützen liefen hin und holten die Beute; die veranlaßte sie zu
+einem kleinen Meinungsaustausch.
+
+– Der hat seinen Teil, sagte Norman und kräuselte die Brustfedern des
+noch warmen Vogels.
+
+– Ich weiß noch einen, der seinen Teil haben müßte! meinte Gustav, der
+trotz dem Jagdfieber noch von Nebengedanken geritten wurde. So ein
+Kerl, will jetzt auch auf der Kammer liegen!
+
+– Nein, wirklich? witterte Norman.
+
+– Ja, und dann will er Ordnung in den Hof bringen! Als wüßten wir
+nicht besser als er, was Ordnung ist. Aber so ist’s: neue Besen kehren
+gut, so lange sie neu sind; doch laßt mir nur Zeit, ich werde es ihm
+schon zeigen!
+
+– Und dann, sagte er nicht, die Kleesaat hole ihre Nahrung aus der
+Luft, was?
+
+– Ja, aus der Luft; aus meinem Dreck holt sie die Nahrung!
+
+Und die beiden Sachverständigen lachten, während Carlsson hinter dem
+Busche mit den Zähnen knirschte.
+
+– Ja, er soll mir nur kommen, beteuerte Gustav, so einem Freischärler
+weiche ich nicht! Er soll mir nur kommen, hart wird er liegen! –
+Still, da streicht die andere zurück.
+
+Die Schützen hatten neu geladen und liefen wieder auf ihren Anstand.
+Carlsson aber schlich sich behutsam nach Hause, entschlossen, zum
+Angriff überzugehen, sobald er genügend gerüstet war.
+
+Als er am Abend auf die Kammer kam, die Rollgardine herabließ und das
+Licht ansteckte, fühlte er sich zuerst etwas beklommen, weil er allein
+war. Eine gewisse Furcht vor denen, von welchen er sich abgesondert
+hatte, überfiel ihn. Bisher war er immer gewohnt gewesen, sich zu
+allen Tageszeiten in Gesellschaft zu fühlen; immer bereit,
+angesprochen zu werden; nie um einen Zuhörer verlegen, wenn er
+plaudern wollte. Jetzt war es still um ihn, so still, daß er aus
+Gewohnheit erwartete, angesprochen zu werden; Stimmen zu hören
+glaubte, wo keine waren. Und sein Kopf, der sich bisher aller Gedanken
+im gesprochenen Wort entledigte, füllte sich mit einem Überschuß von
+unverbrauchtem Gedankensamen, der keimte und sprengte, um in irgend
+einer Form herauszukommen; der solche Unlust im Körper verursachte,
+daß die Ruhe des Schlafes sich nicht einfinden konnte.
+
+Er wanderte also auf bloßen Strümpfen auf und ab, in der engen Kammer
+zwischen Fenster und Tür; richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die
+bevorstehende Arbeit des morgenden Tages. Er ordnete die
+Beschäftigungen im Kopf und verteilte sie; begegnete im voraus
+Einwendungen, überwand Hindernisse.
+
+Nachdem er eine Stunde so gearbeitet, hatte er Ruhe im Kopf; der war
+jetzt geordnet und liniiert wie ein Kontobuch; alle Posten waren an
+ihrer Stelle eingetragen und zusammengezählt: in einem Augenblick
+konnte man die Stellung übersehen.
+
+Darauf ging er zu Bett. Als er sich allein zwischen den reinen,
+frischen Laken befand, ohne fürchten zu müssen, daß jemand ihn im
+Laufe der Nacht stören werde, fühlte er sich erst Herr seiner eigenen
+Person; einem Ableger gleich, der nun eigene Wurzeln angesetzt und vom
+Mutterstrauch abgeschnitten werden konnte, um sein Leben für sich zu
+leben, in eigenem Kampf, mit größerer Arbeit, aber auch mit größerer
+Lust.
+
+So schlief er ein, um dem Montagsmorgen und der Arbeitswoche des
+Lebens zu begegnen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, wird
+ Herr auf dem Hof, duckt die jungen Hähne und tritt
+ seine Hühner selbst
+
+
+Der Blei laichte, der Wachholder knospete, der Faulbeerbaum blühte und
+Carlsson säete Frühlingssaat in die erfrorene Herbstsaat, schlachtete
+sechs Kühe, kaufte trockenes Stallheu für die andern, damit die wieder
+auf die Beine kommen und in den Wald gelassen werden konnten. Er
+rüstete und er ordnete, er arbeitete selbst für zwei: er hatte eine
+Fähigkeit, die Leute in Bewegung zu setzen, die allem Widerstand
+trotzte.
+
+Auf einer Fabrik in Wärmland geboren, von ziemlich unbestimmten Eltern
+stammend, zeigte er schon früh eine entschiedene Unlust zu
+körperlicher Arbeit, entwickelte dagegen ein unglaubliches
+Erfindungsvermögen, sich dieser unangenehmen Folge des »Sündenfalls«
+zu entziehen. Darin hatte er ja Recht, zumal die Gedankenarbeit sowohl
+nützlicher, ehrenvoller, bequemer ist, wie sich mehr lohnt.
+
+Zugleich von einem Verlangen getrieben, alle Seiten menschlicher
+Tätigkeit kennen zu lernen, blieb er nicht unnötig lange auf einer
+Stelle sitzen. Sobald er gelernt, was er wollte, suchte er einen neuen
+Wirkungskreis. Auf diese Weise war er vom Schmiedehandwerk zur
+Landwirtschaft übergegangen, hatte sich im Stalldienst versucht, beim
+Kaufmann gehandelt, war Gärtnerbursche, Bahnarbeiter, Ziegelstreicher
+und schließlich Reiseprediger gewesen!
+
+Durch diese Wandlungen war sein Wesen geschmeidig geworden, hatte er
+die Fähigkeit erworben, sich in alle Verhältnisse und alle möglichen
+Menschen zu schicken; ihre Absichten zu verstehen, ihre Gedanken zu
+lesen, ihre geheimen Wünsche zu erraten. Er war mit einem Wort eine
+Kraft, die ihre Umgebung überragte. Seine mannigfachen Kenntnisse
+machten ihn fähiger, ein Ganzes zu leiten und zu ordnen; er wollte
+sich nicht als ein Rad dem Wagen einfügen, sondern sich von dem Wagen
+tragen lassen.
+
+Durch einen Zufall in seine neue Stellung geworfen, sah er sofort ein:
+hier konnte er von Nutzen sein, hier vermochte er mit seinen
+Fähigkeiten das jetzt Wertlose zum Ertrag zu bringen, hier werde er
+deshalb bald geschätzt werden und schließlich unentbehrlich sein. Er
+hatte jetzt ein festes Ziel für sein Streben vor sich; und daß die
+Belohnung in einer verbesserten Lebensstellung auf ihn warte, hatte er
+hinter sich als sichere Hoffnung und treibende Kraft. Er arbeitete für
+die Anderen, sichtlich und unleugbar; aber zugleich schmiedete er sein
+eigenes Glück. Und wußte er’s so anzustellen, daß es aussah, als
+widmete er Zeit und Kraft fremdem Vorteil, so zeigte er damit, daß er
+klüger als mancher war, der es gern ebenso gemacht hätte, es aber
+nicht konnte.
+
+Das größte Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, war der Sohn.
+Bei dem bestimmten Geschmack des Fischers und Jägers für das
+Ungewisse, für Überraschungen, hatte der einen entschiedenen
+Widerwillen für alles Geordnete, alles Sichere. Ackert man, meinte
+der, so kriegt man allerhöchstens so viel, wie man berechnet hat;
+niemals mehr, oft aber viel weniger. Setzt man dagegen Netze, so
+kriegt man das eine Mal nichts, aber das nächste Mal das Siebenfache
+von dem, was man erwartet. Fuhr man aus, um Aale zu fangen, geschah es
+zuweilen, daß man einen Seehund schoß; lag man einen halben Tag in den
+Schären, um auf Jägergänse zu lauern, konnte es vorkommen, daß einem
+Eider vor den Flintenlauf kamen. Immer war es etwas, und oft etwas
+anderes, als man erwartet hatte.
+
+Übrigens galt die Jagd noch, nachdem sie als Vorrecht von den oberen
+Klassen zu den unteren gekommen war, für vornehmer und protziger, als
+hinter Pflug oder Dungwagen herzugehen. Das war den Leuten so in
+Fleisch und Blut übergegangen, daß man keinen Knecht dazu bringen
+konnte, mit einem Paar Ochsen zu fahren; wohl auch weil der Ochse
+beschnitten, »verändert«, war; vor allem aber, weil das Pferd von
+Alters her in abergläubischem Ansehen stand.
+
+Ein zweiter Stein auf dem Wege war Rundqvist. Eigentlich war es ein
+alter Schelm, der auf seine Art das irdische Paradies wieder zu
+gewinnen suchte, ein Paradies ohne schwere Arbeit und mit langen
+Mittagsschläfchen und vielen Schnäpsen, indem er Kenntnis von
+verborgenen Dingen vorspiegelte; indem er allen Ernst, besonders die
+grobe Arbeit, fortscherzte; indem er, im Notfall, durch Vortäuschung
+geistiger Schwäche und körperlicher Übel Mitleid zu erwecken wußte,
+besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kaffee mit Branntwein oder
+einem halben Pfund Schnupftabak äußerte. Er verstand Schafe und Ferkel
+zu verschneiden; glaubte mit der Wünschelrute Quellen zu finden;
+behauptete, den Barsch ins Netz locken zu können; heilte allerlei
+leichte Übel bei Andern, behielt aber seine eigenen; sagte bei Neumond
+schönes Wetter voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte;
+opferte fremdes Geld unter einem großen Stein am Strande, wenn der
+Strömling kommen sollte.
+
+Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er behauptete:
+Täschelkraut aufs Feld des Nachbars bringen, die Kühe gelt machen,
+Hexenschüsse austeilen und dergleichen. All das umgab seine Person mit
+einer gewissen Furcht, so daß man ihn gern zum Freund haben wollte.
+
+Seine Verdienste, denn die besaß er auch und ihretwegen war er
+unentbehrlich, bestanden darin, daß er schmieden und tischlern konnte.
+Aber seine unglaubliche Fähigkeit, alles zu machen, was auffiel, erhob
+ihn zu einem gefährlichen Nebenbuhler; denn was Carlsson unter dem
+Stalldach oder draußen auf dem Felde tat, fiel nicht so sehr auf.
+
+Blieb Norman, ein tüchtiger Arbeiter; der mußte Gustavs mächtigem
+Einfluß entrissen und der regelmäßigen Feldarbeit wieder gewonnen
+werden.
+
+Carlsson hatte also ein gehöriges Stück Arbeit zu leisten und außerdem
+nicht geringe diplomatische Schlauheit zu entwickeln, um
+durchzudringen; da er aber der klügste war, siegte er.
+
+Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf; den ließ er laufen,
+nachdem er dessen Bundesgenossen Norman durch allerlei Vorteile von
+ihm fortgelockt hatte. Das war nicht so schwer, denn Gustav war, offen
+gesagt, etwas geizig und behandelte Norman auf den Jagden meist als
+Ruderer, der nie den ersten Schuß tun durfte; kriegte er wirklich
+einen Schnaps, nahm Gustav heimlich deren drei. So brachten die
+Vorteile, die Carlsson dem Norman auswirkte, höherer Lohn, neue
+Strümpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen bald zum Abfall;
+zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach als Gustavs sinkende.
+
+Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des Sohnes herabgesetzt,
+denn allein umher zu fahren, war kein Vergnügen. Infolge dieses
+Mangels an Gesellschaft schloß sich Gustav den Andern bei der Arbeit
+an.
+
+Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer; dieser Fisch war sowohl
+häßlich wie alt; aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den
+Fischkasten.
+
+Statt Geldstücke zu opfern, ließ Carlsson die Netze ausbessern und
+neue Leinen in alle Schleppzüge ziehen; und siehe da, der Strömling
+blieb besser hängen als früher. Statt mit der auf einem andern Baum
+gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, ließ Carlsson den
+alten Brunnen füttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte
+einen Pumpenstock hinein; damit war die Mistel auf den Kehrichthaufen
+geworfen. Statt die Kühe zu besprechen und Feuer über sie zu schlagen,
+ließ er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist
+Hufnägel schmieden, zog Carlsson Haken; konnte Rundqvist einen Rechen
+schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze.
+
+Als Rundqvist sich aus allen seinen Maulwurfslöchern verjagt sah,
+griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums
+Haus aufzuräumen; schaffte weg, was man den Winter über aus
+Nachlässigkeit oder infolge der Dunkelheit auf den Hof hatte »fallen«
+lassen; machte Hühnern und Katze den Hof; setzte eine neue Klinke an
+die Tür.
+
+– Nein, wie nett Rundqvist geworden ist! Hat uns eine neue Klinke an
+die alte Tür gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will.
+
+So hörte Carlsson die Mägde in der Küche sprechen.
+
+Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der
+Herd weiß gestrichen; eines andern Morgens waren die Wassereimer grün
+angemalt, mit schwarzen Rändern und weißen Herzen; wieder eines andern
+Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer
+aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feinde gelernt, die Großmacht der
+Küche zu gewinnen; mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich
+geworden.
+
+Rundqvist war jedoch zäh und hinterlistig; in einer Sonnabendnacht
+strich er den Abtritt grell rot.
+
+Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel
+Branntwein, und in der Dreifaltigkeitsnacht hörte die Alte, wie es um
+die Wände des Hauses tuschelte und raschelte; da sie aber zu
+verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, daß die ganze
+»Stuga« rot gestrichen war und weiße Fensterpfosten und weiße
+Dachrinnen hatte!
+
+Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen für sein Alter gar zu
+anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt über
+seinen köstlichen Geschmack, die Verschönerungen mit dem Abtritt zu
+beginnen. Norman, als echter Abtrünniger, machte einen Witz über ihn,
+der lange im Schwange blieb:
+
+– Man muß am rechten Ende anfangen, sagte Rundqvist und strich zuerst
+den Abtritt an.
+
+Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal
+neue Schliche zu versuchen oder einen vorteilhaften Frieden zu
+schließen.
+
+Gustav ließ sie gewähren; er sah zu und fand gut, was geschah.
+
+– Pflügt ihr nur, dachte er; ich werde schon kommen und einheimsen.
+
+ * * * * *
+
+Bisher hatte Carlssons Tätigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es
+zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das für den Verkauf
+der Kühe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretär
+gelegen, nachdem es bei der Aufzählung einen ausgezeichneten Eindruck
+gemacht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere
+des Vermissens zurückgelassen.
+
+Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu bestellen gehabt und
+wenig Zeit zu Spaziergängen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging
+er aber die Höhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die große
+Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verödet
+dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tür offen. Er
+trat in den Flur und entdeckte eine Küche; ging weiter und kam in ein
+großes Zimmer, das wirklich herrenmäßig aussah: weiße Gardinen,
+Himmelbett mit Messingbeschlägen, ein Spiegel mit geschnitztem und
+vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas – das war fein, das wußte
+er! – Sofa, Sekretär, Kachelofen; alles genau wie auf einem Herrenhof.
+Auf der andern Seite des Flurs war ein ebenso großes Zimmer mit Kamin,
+Eßtisch, Sofas, Wanduhr ...
+
+Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber begann er die Besitzer,
+die so wenig Unternehmungsgeist besaßen, zu bemitleiden und zu
+verachten; besonders als er sah, daß das Haus noch zwei Kammern mit
+mehreren gemachten Betten hatte.
+
+– Oh, oh, oh, dachte er laut; so viel Betten und keine Badegäste.
+
+Von dem Gedanken an die künftige Einnahme berauscht, ging er sofort
+zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga
+nicht an Sommergäste zu vermieten.
+
+– Ach was, wir finden niemand, der hier wohnen will! wehrte sich die
+Alte.
+
+– Wie wißt Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der
+Zeitung angezeigt?
+
+– Das heißt nur Geld in die See werfen! meinte Frau Flod.
+
+– Man wirft auch Netze in die See, antwortete Carlsson. Und das muß
+man tun, wenn man was erhalten will.
+
+– Versuchen kann man’s ja; aber Badegäste kriegen wir nicht, schloß
+die Alte, die nicht mehr an die Erfüllung von Wünschen glaubte.
+
+Acht Tage später kam ein feiner Herr über die Wiese und sah sich um.
+Er kam näher. Als er auf den Hof trat, wurde er allein von dem Hunde
+empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus
+Schüchternheit oder Feingefühl, in Küche und Stube verborgen hielten,
+nachdem sie vorher in einem Knäuel draußen gestanden und nach dem
+Besuch gegafft hatten. Erst als der Herr in die Tür trat, kam Carlsson
+als der Mutigste ihm entgegen.
+
+Der Kömmling hatte eine Anzeige gelesen.
+
+– Jaja, das ist hier!
+
+Carlsson führte ihn nach der Großstuga hinauf.
+
+Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle
+Verbesserungen, wenn der Herr sich sofort entscheide; denn der
+Bewerber seien viele und die Jahreszeit sei vorgeschritten.
+
+Der Fremde schien von der schönen Lage des Hauses gefesselt zu werden
+und beeilte sich, abzuschließen.
+
+Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Verhältnissen,
+wirtschaftlichen sowohl wie familiären, erkundigt hatten, entfernte
+der Fremde sich wieder.
+
+Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtür. Dann stürzte er in die Hütte
+zurück und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn
+Kronen und einen zu fünf auf den Tisch.
+
+– Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzunehmen, murrte
+die Alte.
+
+Gustav aber war zufrieden; zum ersten Male sprach er Carlsson seine
+Anerkennung aus, als dieser erzählte, wie er durch den Hinweis auf
+viele Bewerber den Herrn gedrängt habe.
+
+Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf für Carlsson. Nach diesem
+Stückchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Geschäftssachen zu gute
+gekommen war, sprach er in einem höheren Tone.
+
+Es sei nicht nur das bare Geld für die Miete, das ihnen in den Schoß
+gefallen; es werde auch indirekte Einkünfte regnen.
+
+Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zuhörern in raschen
+Zügen aus.
+
+Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung brauche man
+nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechen von den Fahrten nach dem
+Badeort Dalarö, für die man jedes Mal eine Krone nehmen könne. Und
+dann könnte man ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gemüse
+absetzen. Oh, da sei etwas zu machen! Und es sei ein feiner Mann!
+
+Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische an. Es waren Mann
+und Frau, eine Tochter von sechzehn und ein Sohn von sechs Jahren,
+dazu zwei Dienstmädchen.
+
+Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verhältnissen, war
+ein Mann des Friedens, stand am Eingang der Vierziger. Er war von
+deutscher Geburt und konnte die Inselbauern nicht gut verstehen; darum
+beschränkte er sich darauf, zu allem, was sie sagten, beifällig zu
+nicken und »schön« zu sagen; so kam er rasch in den Ruf, ein sehr
+netter Herr zu sein.
+
+Die Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus und ihre Kinder
+pflegte und sich durch ihr würdiges Benehmen bei den Mägden in Respekt
+zu setzen wußte, ohne zu wettern oder zu bestechen.
+
+Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Schüchterne und am
+meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu hatte er ja auch ein
+Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besaß niemand von den andern
+weder die unternehmende Lust noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz
+streitig zu machen.
+
+ * * * * *
+
+Die Ankunft der Städter unterließ nicht, ihren Einfluß auf Sinne und
+Sitten der Inselbauern auszuüben. Täglich Menschen vor sich zu sehen,
+die festtäglich gekleidet waren, jeden Tag zum Sonntag machten, ohne
+Ziel spazieren gingen und ruderten, badeten und musizierten; sich die
+Zeit vertrieben, als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt –
+das erregte anfangs keinen Neid sondern nur Erstaunen; Erstaunen
+darüber, daß das Leben sich so gestalten könne; Erstaunen über
+Menschen, die ihr Dasein so angenehm und ruhig, so rein und fein vor
+allem einzurichten vermochten, ohne daß man sagen konnte, sie hätten
+Andern Unrecht getan oder Arme geplündert.
+
+Ohne sich dessen bewußt zu werden, fingen die Inselbauern an, sich
+stillen Träumen hinzugeben; verstohlene Blicke nach der Großstuga zu
+werfen. Sahen sie ein helles Sommerkleid auf der Wiese aufleuchten,
+blieben sie stehen und weideten sich an dem Anblick wie an etwas sehr
+Schönem. Gewahrten sie einen weißen Schleier um einen italienischen
+Strohhut, ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem Boot
+auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden sie still und
+andächtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, das sie nicht zu
+hoffen wagten, zu dem sie sich aber hingezogen fühlten.
+
+Gespräch und Lärm unten in der Küche und der alten Stuga nahmen eine
+stillere Art an. Carlsson erschien beständig in reinem, weißem Hemd,
+hatte auch wochentags eine blaue Tuchmütze auf und nahm allmählich das
+Aussehen eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche
+oder hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre.
+
+Gustav zog sich dagegen zurück, hielt sich so abseits wie möglich, um
+nicht zu Vergleichen Anlaß zu geben; sprach bitter von Städtern im
+allgemeinen; mußte sich und andere öfters als früher an das Geld auf
+der Bank erinnern; machte weite Bogen, um an der Großstuga
+vorbeizukommen und den hellen Kleidern auszuweichen.
+
+Rundqvist ging mit finsterm Gesicht umher, hielt sich meist in der
+Schmiede auf und erklärte, er frage den Teufel nach der ganzen Welt,
+und sei es die Königinwitwe selber.
+
+Norman dagegen holte seine Soldatenmütze hervor, schnallte den
+Hungerriemen über das Wams und schlug Haken um den Brunnen, wohin die
+Mägde der Herrschaft morgens und abends zu kommen pflegten.
+
+Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen bald alle
+Mannsleute feige abfallen, um zu den Mägden der Herrschaft
+überzugehen, die sich auf Briefen Fräulein nennen ließen und im Hut
+nach Dalarö, dem Badeort, fuhren. Clara und Lotte mußten barfuß gehen;
+im Viehstall war es so schmutzig, daß sie ihre Stiefel bald verdorben
+hätten; und in der Küche war es zu heiß, um beschuht zu sein. Sie
+trugen dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine weiße Passe
+erlauben, infolge von Schweiß, Ruß, Spreu. Clara machte einen Versuch
+mit Manschetten, kam aber übel an; sie wurde sofort entlarvt, und man
+lachte lange über sie, daß sie sich in Wettstreit eingelassen. Doch am
+Sonntag hielten Clara und Lotte sich schadlos; da legten sie einen
+Eifer für den Kirchgang an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht
+gesehen; nur um ihre besten Kleider anziehen zu können.
+
+Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu schaffen; blieb
+stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort saß; fragte nach dem
+Befinden; sagte schönes Wetter voraus; schlug Ausflüge vor; gab
+Ratschläge über die Seefischerei. Dann und wann bekam er ein Glas Bier
+oder einen Kognak. Die Anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er
+schmarotze.
+
+Am Sonnabend, wenn die Köchin der Herrschaft nach dem Badeort Dalarö
+fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch, wer sie rudern
+solle. Carlsson entschied die Sache ganz einfach zu seinen Gunsten,
+denn das kleine, schwarze, weißhäutige Mädchen hatte es ihm angetan.
+Als die Alte ihm Vorstellungen machte, der erste und wichtigste Mann
+auf dem Hofe dürfe sich nicht mit solchen kleinen Dingen befassen,
+antwortete Carlsson, der Professor habe ihn eigens gebeten, weil
+wichtige Briefe zur Post müßten. Gustav verriet wider Willen, daß auch
+ihm daran gelegen sei, den Boten zu machen, indem er vorschlug, die
+Briefe sollten ihm anvertraut werden.
+
+Carlsson aber erklärte bestimmt, er könne unmöglich zugeben, daß der
+Hausherr Knechtesdienste verrichte; das gebe den Leuten nur Stoff zum
+Klatschen. Und dabei blieb es.
+
+Den Dalaröboten zu machen, hatte seine Vorteile, die der findige
+Knecht im voraus aufgespürt. Zuerst war man allein mit einem Mädchen
+auf See und konnte ungestört mit ihr schwatzen und schäkern. Dann
+folgten Bewirtung und Trinkgelder. Und im Badeorte konnte er sich alle
+Kaufleute verpflichten, indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das
+brachte immer einen Händedruck ein, einen Schnaps hier, eine Zigarre
+dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen auf den, der Aufträge
+vom Professor zu besorgen hatte, am Wochentag fein gekleidet war und
+sich in Gesellschaft eines Fräuleins aus Stockholm befand.
+
+Die Fahrten nach Dalarö fanden jedoch nur ein Mal in der Woche statt
+und hatten keinen störenden Einfluß auf den regelmäßigen Gang der
+Arbeit. Carlsson war nämlich so pfiffig, die Tage, an denen er fort
+war, den Burschen die Arbeit in Akkord zu geben: sie mußten so und so
+viele Klafter entwässern, so und so viele Äcker pflügen, so und so
+viele Bäume fällen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit
+Vergnügen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon zur
+Vesperzeit fertig sein.
+
+Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen und die
+geleistete geprüft werden mußte, kam der Bleistift und das jetzt
+eingeführte Notizbuch zu Ehren. Carlsson gewöhnte sich daran, als
+Verwalter aufzutreten und allmählich die Arbeit auf andere Schultern
+gleiten zu lassen.
+
+Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem eigenen
+Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war längst eingeführt; auf den
+Tisch am Fenster hatte er ein grünes Taschentintenfaß, Federhalter,
+Bleifeder, einige Bogen Postpapier aufgetischt und mit Leuchter und
+Streichholzgestell geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das
+Fenster ging nach der Großstuga; daran saß er in seinen
+Erholungsstunden und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch
+konnte er hier zeigen, daß er zu schreiben verstand.
+
+Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs Fensterbrett
+und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel, den er aus der
+Westentasche hervorsuchte. Oder er las ein Wochenblatt. Von unten sah
+das so aus, als sei er der Hausherr selbst.
+
+Wenn es aber dämmerig wurde und er Licht ansteckte, legte er sich
+aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Träume, Pläne vielmehr; die
+bauten sich auf Umstände auf, die zwar noch nicht eingetreten waren,
+aber durch eine kleine Änderung sich vielleicht einstellen konnten.
+
+Als er eines Abends so auf dem Rücken lag und »Schwarzen Anker«
+qualmte, um die Mücken zu betäuben, während seine Augen sich auf das
+weiße Laken hefteten, das die Kleider bedeckte, ließ dieses plötzlich
+los und fiel zu Boden. Wie den Schatten einer Reihe Soldaten sah er
+die ganze Garderobe des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen;
+gegen das Fenster und zurück zur Tür, je nachdem das Licht im Zuge
+flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all den Gestalten zu sehen,
+welche die Kleider auf die karrierte Tapete zeichneten. Da kam er in
+Joppe aus blauer Boi und in grauen Tuchhosen, in denen Knie waren, da
+er mit denen im Trebel am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach
+der Stadt segelte, um dann in der »Messingstange« mit dem Fischkäufer
+Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Gehrock und langen,
+flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn Beichte war; so war er
+auf Hochzeit, Begräbnis, Kindstaufe gekleidet. Dort hing die schwarze
+Jacke aus Schaffell; die hatte er an, wenn er im Herbst und Frühling
+am Strande stand und Zugnetze zog. Dort brüstete sich der große
+Seehundpelz, der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der
+Reisegurt, mit grünem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte sich
+wie die große Seeschlange bis auf den Boden und steckte den Kopf in
+einen Stiefelschaft.
+
+Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in den schönen,
+seidenweichen Pelz hineindachte; sich vorstellte, wie er auf einem
+Schlitten übers Eis schoß, eine Kappe aus Seehundsfell auf dem Kopf;
+wie die Nachbarn den Weihnachtsgast am Strande mit Feuern und
+Büchsenschüssen empfingen; wie er in der warmen Stube den Pelz auszog,
+um dann im schwarzen Tuchrock dazustehen; wie der Pastor ihn mit du
+begrüßte und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches sitzen
+durfte, während die Knechte an der Tür standen oder sich aufs
+Fensterbrett geschwungen hatten.
+
+Die Vorstellungen von den erwünschten Seligkeiten wurden so lebhaft,
+daß sie Carlsson auf die Beine brachten; ehe er sich dessen bewußt
+wurde, war er in den Pelz geschlüpft und strich mit der Hand über die
+Pulswärmer; als kose er die Brüste eines Weibes, so weich und fein war
+das Fell; und es schauerte ihn, als der Kragen seine Backe kitzelte.
+
+Dann zog er den schwarzen Gehrock an und knöpfte ihn zu; stellte
+seinen Rasierspiegel auf den Stuhl und sah nach, wie der Rock im
+Rücken saß; steckte die Hand unter den Aufschlag und ging im Zimmer
+auf und ab. Ein Gefühl von Reichtum verbreitete sich von dem
+seidenweichen Tuch; etwas Geräumiges, etwas Rundliches, als er zur
+Probe den Schoß spaltete und sich auf den Bettrand setzte; so tuend,
+als sei er auf Besuch.
+
+Während er so ganz in berauschenden Träumen versunken war, hörte er
+von draußen Stimmen, die plauderten; als er aufhorchte, merkte er, wie
+sich Idas (das war die hübsche Köchin) und Normans Stimmen
+verflochten, zusammenfielen, Seite an Seite gingen, sich gleichsam
+schnäbelten. Das gab ihm einen Stich; mit einem Griff hatte er Gehrock
+und Pelz unter die Kleider hinter das Laken gehängt; bewaffnete sich
+mit einer neuen Zigarre und ging die Treppe hinunter.
+
+ * * * * *
+
+Mit ernsten Zukunftsplänen beschäftigt, hatte Carlsson bisher alle
+Händel mit Mädchen vermieden. Erstens wußte er, wieviel Zeit dabei
+verloren geht; dann fühlte er, im selben Augenblick, in dem er das
+Feuer nach dieser Seite eröffnete, gab es keine Sicherheit mehr; er
+konnte sich eine Blöße geben, die schwer zu verteidigen war; und war
+er einmal auf diesem Felde geschlagen, war es aus mit Respekt und
+Ansehen.
+
+Als sich jetzt aber die anerkannte Schönheit dem Wettstreit aussetzte,
+und der Sieger zu viel zu gewinnen hatte, fühlte er sich veranlaßt,
+die Sporen zu benutzen und den Kamm zu erheben; mit dem festen
+Entschluß, der Hahn zu werden, ging er auf den Holzplatz hinunter, wo
+das Spiel schon in vollem Gange war. Es ärgerte ihn nur, daß er sich
+mit Norman messen mußte; wäre es wenigstens Gustav gewesen! Aber
+dieser Tropf Norman! Nun, der sollte mal sehen!
+
+– Guten Abend, Ida! begann er, ohne von dem Nebenbuhler Notiz zu
+nehmen, der unwillkürlich seinen Platz am Zaun verließ.
+
+Carlsson nahm diesen Platz sofort ein und begann das Spiel. Während
+Ida Holz und Späne in die Holztrage las, machte er von seiner
+überlegenen Beredsamkeit einen solchen Gebrauch, daß Norman kein
+Wörtchen anbringen konnte.
+
+Ida aber war launenhaft wie beim Mondwechsel; sie warf Norman
+Seitenworte zu, die Carlsson jedoch im Fluge aufgriff und
+zurücksandte, hübsch verziert und schön ausgemalt.
+
+Aber die Schöne fand Gefallen an dem Kampf und bat Norman, ihr etwas
+Kienholz zu spleißen. Ehe der Glückliche bis zur Tür kam, war Carlsson
+schon über den spitzen Zaun gestiegen, hatte sein Klappmesser gezogen
+und begann einen trockenen Fichtenklotz zu spleißen. In wenigen
+Minuten legte er die Späne in die Holztrage, faßte alles mit dem
+kleinen Finger zusammen und trug es direkt in die Küche, in die ihm
+Ida folgte. Dort blieb er am Türpfosten stehen, indem er sich so breit
+machte, daß niemand weder hinaus noch herein konnte.
+
+Norman, dem es nicht gelang, irgend ein Anliegen zu erfinden,
+umkreiste zuerst einige Male den Holzplatz, um milzkrank darüber
+nachzusinnen, wie leicht der Unverschämte im Leben vorwärts kommt; bis
+er schließlich für gut fand, abzuziehen. Er setzte sich auf den
+Brunnenrand und stöhnte seine Klage in einem Schottischen aus, den er
+aus der Handharmonika holte.
+
+Die weichen Töne der Blechzungen drangen doch durch die dicke
+Abendluft, am Türpfosten vorbei, und erreichten den Thron der
+Barmherzigkeit am Küchenherd: Ida erinnerte sich jetzt, sie müsse zum
+Brunnen gehen, um für den Professor Trinkwasser zu holen.
+
+Carlsson folgte ihr; dieses Mal aber fühlte er sich doch etwas
+unsicher in dem Kampf auf einem Felde, das ihm ganz fremd war. Um die
+Wirkung des zauberischen Lockrufs aufzuheben, nahm er Idas
+Kupferflasche und flüsterte zärtliche Worte; in einem so schmachtenden
+und wohlklingenden Tone, wie er nur irgend vermochte; als wolle er der
+verführerischen Musik Worte unterlegen und das Solo zu einer
+untergeordneten Begleitung herabsetzen.
+
+Aber gerade als sie zum Brunnen kamen, rief die Hausmutter oben aus
+der Hütte. Sie rief Carlsson, und in ihrem Ton war zu hören, daß es
+sich um etwas Wichtiges handelte.
+
+Zuerst wurde Carlsson böse und wollte nicht antworten; da aber fuhr
+der Teufel in Norman: mit schallender Stimme rief der:
+
+– Hier, Tante! Er kommt sofort!
+
+Indem er den falschen Spielmann zur Hölle wünschte, riß sich der
+Sieger aus den Armen der Liebe und ließ die halb errungene Beute dem
+Schwächern, der sein Liebesglück nur einem Schicksal zu verdanken
+hatte.
+
+Die Alte rief noch ein Mal; mit zorniger Stimme antwortete Carlsson,
+er komme so schnell, wie er nur könne.
+
+– Wollt Ihr näher treten, Carlsson, und eine Halbe trinken, empfing
+die Alte ihn im Vorbau, mit der Hand die Augen beschattend, um die
+leichte Sommerdämmerung zu durchdringen und zu sehen, ob er allein
+komme.
+
+Carlsson hätte sonst gern eine Halbe getrunken, aber in diesem
+Augenblick wünschte er allen Kaffee und Branntwein zur Hölle; doch
+konnte er nicht nein sagen; während Normans norrköpinger
+Scharfschützenmarsch siegesstolz und hohnvoll von der Quellwiese
+heraufklang, mußte er in die Stuga hinein.
+
+Die Alte war milder als gewöhnlich; Carlsson aber fand sie älter und
+häßlicher als gewöhnlich. Je freundlicher sie sich zeigte, desto
+mürrischer wurde er; das machte die Alte schließlich beinahe zärtlich.
+
+– Die Sache ist die, Carlsson, sagte sie schließlich, während sie ihm
+Kaffee eingoß: wir müssen für nächste Woche zur Mahd aufbieten. Darum
+möchte ich natürlich erst mit Euch sprechen.
+
+Die Harmonika verstummte mitten in den schmelzenden Akkorden des
+Trios; Carlsson erstarrte und wurde unaufmerksam, um schließlich
+einige Worte ohne Klang und ohne richtigen Zusammenhang
+hervorzubringen:
+
+– Jaja, also die Mahd in nächster Woche!
+
+– Und da möchte ich, fuhr die Alte fort, daß Ihr am Sonnabend mit
+Clara hinfahrt und aufbietet; dann kommt Ihr auch etwas unter die
+Leute und könnt Euch zeigen, denn das ist immer gut.
+
+– Aber am Sonnabend kann ich nicht, antwortete Carlsson mürrisch; da
+muß ich für Professors nach Dalarö.
+
+– Einmal könnte wohl Norman die Fahrt machen, wendete die Alte ein
+und drehte dem Knecht den Rücken, um seine Miene nicht sehen zu
+müssen.
+
+In diesem Augenblick brachte die Harmonika einige weiche, von Pausen
+unterbrochene Sätze hervor, die sich zu entfernen schienen, um draußen
+in der Sommernacht, wo die Nachtschwalbe schon an ihrem surrenden
+Rocken spann, zu verhallen.
+
+Carlsson schwitzte Todesschweiß, goß den Kaffeebranntwein hinunter,
+fühlte Steine auf der Brust, Nebel um den Kopf, eine allgemeine
+Schwäche in den Nerven.
+
+– Das kann Norman nicht, stieß er hervor; Norman kann die Geschäfte
+des Professors nicht besorgen – und – er wird auch nicht damit
+betraut.
+
+– Aber ich habe den Professor gefragt, schnitt die Alte den Faden ab;
+und er sagte, er habe für diesen Sonnabend nichts.
+
+Es war wie verhext für Carlsson; die Alte hatte ihn wie eine Maus
+gepackt; es war kein Loch mehr vorhanden, in das er schlüpfen konnte.
+
+Und seine Gedanken gingen nach so verschiedenen Richtungen, daß er sie
+kaum zu einer Gegenwehr sammeln konnte. Das sah die Alte auch, und sie
+wollte darum kneten, solange der Teig gärte.
+
+– Hört mal, Carlsson, sagte sie; Ihr müßt es Euch nicht zu Herzen
+nehmen, wenn ich Euch was sage; denn ich meine es gut mit Euch.
+
+– Ihr mögt meinetwegen sagen, was zum Teufel Ihr wollt: denn jetzt ist
+es mir doch ganz einerlei, brach Carlsson los, der die zärtlichen Töne
+der Harmonika im Hag verklingen hörte.
+
+– Ich wollte nur sagen, Ihr müßt Euch für zu gut halten, um mit den
+Mädchen zu spielen; das nimmt nur ein schlimmes Ende. Ja, ich weiß;
+ich kenne das; und es ist gut gemeint von mir, Carlsson. Solche
+Stadtmädchen müssen immer einen Troß Männer hinter sich haben, damit
+es nach was aussieht; und dann wird hier scherwenzelt und dort
+gehänselt; und gehen sie in den Wald mit Einem, laufen sie in den Hag
+mit dem Andern. Und wenn es schief geht, so nehmen sie den, ders am
+besten tragen kann. So ist’s bestellt!
+
+– Was kümmert’s mich, wer die Burschen bürstet; meiner sollen sie
+nicht habhaft werden. Übrigens ist ein Unterschied zwischen Mädchen
+und Mädchen; alle sind nicht Dirnen, die verkommen, erleichterte
+Carlsson sein volles Herz.
+
+– Nicht übel aufnehmen, tröstete die Alte. Aber ein Mann wie Ihr,
+Carlsson, sollte ans Heiraten denken, nicht solchen Mädchen
+nachlaufen. Hier in den Schären gibt es viele reiche Mädchen, kann ich
+Euch sagen; und seid Ihr klug und macht Ihr Eure Sache gut, so könnt
+Ihr früher als Ihr glaubt Euer eigener Herr werden. Darum müßt Ihr
+nicht eigensinnig sein, Carlsson, sondern auf das hören, was ich Euch
+sage, wenn ich Euch bitte, zu den Nachbarn zu fahren und sie zur Mahd
+zu laden. Bedenket doch, nicht Jeden hätte ich aufgefordert, im Namen
+des Hofes zu fahren; und der Junge wird wohl auch über mich herfallen.
+Aber daran kehre ich mich nicht: halte ich mich an einen, so stütze
+ich ihn auch; darauf könnt Ihr Euch verlassen.
+
+Es begann in Carlssons Innern ruhig zu werden; es leuchtete ihm ein,
+daß es seine Vorteile haben müsse, den Hof zu vertreten; aber er war
+noch zu sehr gereizt, um seine Flamme gegen etwas Ungewisses zu
+vertauschen; er hatte ein Bedürfnis, zuerst etwas Handgeld zu
+erhalten, ehe er sich auf das Geschäft einließ.
+
+– So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere Kleider habe
+ich nicht, warf er seine Schnur aus.
+
+– So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht, meinte die Alte;
+wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon Rat schaffen.
+
+Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen; dafür wollte er
+lieber das angedeutete Versprechen gegen ein anderes, bestimmtes,
+auswechseln. Nach verschiedenen Einwendungen der Alten gelang es ihm
+auch, zu erreichen, daß Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der
+Sensen und Ausbessern des Heuwagens, zu Hause bleiben sollte, während
+Lotte Ida nach Dalarö fuhr.
+
+ * * * * *
+
+Es war drei Uhr morgens an einem Julitage im Anfang des Monats. Es
+raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffeekessel ist aufgesetzt; das
+ganze Haus ist wach und in Bewegung; draußen auf dem Hof ist ein
+langer Kaffeetisch gedeckt.
+
+Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben auf Heuboden und
+Scheune geschlafen. Zwölf stattliche Männer aus den Schären, in weißen
+Hemdärmeln und Strohhüten, stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen
+und Wetzsteinen bewaffnet.
+
+Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Svinnockar, deren Rücken
+vom Rudern rund geworden sind; da ist der von Aspö mit seinem langen
+Heldenbart, einen Kopf höher als die Andern, mit tiefen, traurigen
+Blicken von der Einsamkeit draußen am offenen Meere, von Kummer ohne
+Namen und ohne Klage; das ist der Fjällonger, eckig und halb gedreht,
+wie eine Meerkiefer draußen auf der letzten Schäre; der von
+Fiversätra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie eine Kaffeehaut;
+die Quarnöer, Bootbauer von Ruf; die von Longskär, die ersten
+Seehundschützen; der Bauer von Arnö mit seinen Jungen.
+
+Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die Mädchen, in
+Hemdärmeln, mit Brusttüchern über den Busen, in hellen Kleidern aus
+Baumwolle, mit Tüchern auf dem Kopf. Die Harken, die in allen Farben
+des Regenbogens frisch bemalt waren, hatten sie selbst mitgebracht.
+Sie sahen aus, als gingen sie zu einem Fest, nicht zu einer Arbeit.
+Die Alten klopften sie mit den Fingerknöcheln auf die Taille und
+sagten ihnen vertrauliche Worte. Die Burschen aber verhielten sich so
+früh am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit Dämmerung, Tanz
+und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen.
+
+Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber noch nicht so
+weit über die Wipfel der Kiefernhöhe gekommen, um den Tau aus dem Gras
+zu lecken. Die Bucht lag spiegelblank da, von dem jetzt blaßgrünen
+Schilf eingefaßt; das Piepen der eben ausgebrüteten jungen Enten war
+zwischen dem Schnattern der alten zu hören; die Möwen fischten dort
+unten Ukeleis, segelnd, groß, flügelbreit, schneeweiß wie die
+Gipsengel der Kirche; in der Kellereiche waren die Elstern erwacht und
+schwatzten und kicherten von den vielen Hemdärmeln, die sie unten auf
+dem Haushügel gesehen; der Kuckuck rief im Hag, brünstig, rasend, als
+sei die Zeit des Begehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober
+erblickte; die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfelde;
+aber auf dem Hügel sprang der Hund und begrüßte alte Bekannte.
+
+Hemdärmel und Leinenpassen glänzten im Sonnenschein, streckten sich
+über den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Schüsseln, Gläser und Kannen
+klirrten: die Bewirtung hatte begonnen.
+
+Gustav, sonst schüchtern, machte den Wirt; sich unter den alten
+Freunden seines Vaters sicher fühlend, setzte er Carlsson in Schatten
+und handhabte selber die Branntweinflasche.
+
+Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekanntschaften
+geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie ein älterer
+Angehöriger oder Gast, und ließ sich den Hof machen. Da er vor Gustav
+zehn Jahre voraus hatte und ein männlicheres Aussehen besaß, stach er
+diesen aus; zumal Gustav für die Männer, die sich mit seinem Vater
+geduzt, kaum etwas anderes als »der Junge« werden konnte.
+
+Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen setzten sich
+in Bewegung, um nach der großen Wiese hinunter zu ziehen, die Sensen
+auf den Schultern; die Jungen und die Mädchen folgten.
+
+Das Gras reichte den Männern bis an die Schenkel und stand dicht wie
+ein Fell. Carlsson mußte über die neue Bewirtschaftung der Wiese
+Bescheid geben; wie er Laub und Gras vom vorigen Jahr abräumte, die
+Maulwurfshaufen ebnete, in die Frostflecken säete, mit Jauche begoß.
+
+Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab den Alten und
+Vermögenden Ehrenplätze und ging selbst an letzter Stelle; verlor sich
+also nicht im Haufen.
+
+Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend weiße Hemdärmel in einem
+Keil, ziehenden Schwänen gleich, die Sensen Ferse an Ferse; und
+hinterdrein, in zerstreuter Ordnung, wie ein Volk Fischschwalben,
+launenhaft hin und her springend, aber doch zusammen haltend, die
+Mädchen mit ihren Harken; jede ihrem Mäher folgend.
+
+Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in Büscheln. Seite
+an Seite lagen alle Blumen des Sommers, die sich aus Wald und Hag
+heraus gewagt: Gänseblume und Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut,
+Kälberkropf, Heidenelke, Erve, Wachtelweizen, Steinsame, Pestwurz,
+Kleeblatt; und alle Gräser und Halbgräser der Wiesen. Es duftete nach
+Honig und Gewürzen; Bienen und Hummeln flohen in Schwärmen vor der
+mörderischen Schar. Die Maulwürfe verkrochen sich in die Eingeweide
+der Erde, als sie es in ihrem gebrechlichen Dach krachen hörten. Die
+Ringelnatter schlüpfte erschrocken in den Graben und verschwand in ein
+Loch, das nicht größer als ein Tauende war. Aber über das Schlachtfeld
+in die Höhe schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest ein Absatzeisen
+zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die Stare, um allerhand
+Getier, das in den brennenden Sonnenschein geraten war, aufzulesen und
+aufzupicken.
+
+Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgemäht. Die Kämpfer hielten inne
+und betrachteten, auf ihre Sensenschäfte gestützt, das Werk der
+Zerstörung, das sie hinter sich gelassen. Sie wischten sich den
+Schweiß aus dem Mützenstreifen und nahmen eine neue Prise Schnupftabak
+aus den Messingdosen. Inzwischen hatten sich die Mädchen beeilt in die
+Frontlinie zu kommen.
+
+Dann geht es wieder auf das grüne Blumenmeer los, das unter der
+wachsenden Morgenbrise wogt; bald bunte leuchtende Farben zeigt, wenn
+die steiferen Stengel und Köpfe der Blumen sich in den Wellen des
+weichen Honiggrases behaupten; bald sich in einem einzigen Grün wie
+ein See in Windstille ausbreitet.
+
+Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit; man würde lieber
+am Sonnenstich niederstürzen, als die Sense fortstellen.
+
+Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der Letzte in der Reihe ist,
+kann er, ohne die Waden zu gefährden, sich prahlerisch umdrehen, um
+ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber Norman hat er unter strenger Bewachung
+schräg vor sich; sobald dieser einen verliebten Blick nach Südosten
+tun will, hat er Carlssons Sense an den Hacken und hört einen eher
+unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf:
+
+– Die Füße in Acht nehmen!
+
+Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter
+Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen Schwaden. Jetzt
+wird das Werk beschaut und die Schläge geprüft. Über Rundqvist sitzt
+man zu Gericht; man kann sehen, wo er gegangen ist; es sieht aus, als
+hätten Elfen dort getanzt. Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe
+nach dem Mädchen sehen müssen, das man ihm gegeben; denn es sei nicht
+gestern gewesen, daß ein Mädchen ihm nachgelaufen.
+
+Jetzt halloht Clara oben von der Höhe zum Frühstück; die
+Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker Dünnbier ist
+angestochen; der Kartoffeltopf raucht auf der Felsplatte, der
+Strömling dampft in den Schüsseln, die Butter ist aufgelegt, das Brot
+ist geschnitten; die Schnäpse werden eingegossen, und das Frühstück
+ist im Gang.
+
+Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken; Ida ist ihm auch
+gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerksamkeit auf, die auffällt;
+aber sie ist auch die Schönste des Tages.
+
+Die Alte, die mit Schüsseln und Tellern aus und ein läuft, streicht
+oft an den beiden vorbei; zu oft, um nicht von Ida bemerkt zu werden;
+doch nicht eher von Carlsson, als bis sie ihm mit dem Ellbogen sanft
+in den Rücken stößt und flüstert:
+
+– Ihr müßt Wirt sein, Carlsson, und Gustav helfen; Ihr müßt tun, als
+seiet Ihr hier zu Hause!
+
+Carlsson hat nur Augen und Ohren für Ida und antwortet der Alten mit
+einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das Kindermädchen des Professors,
+und erinnert Ida daran, daß sie nach Haus muß, um aufzuräumen.
+
+Aufregung und Trauer bricht unter den Männern aus, aber die Mädchen
+sind nicht sehr betrübt.
+
+– Wer soll denn für mich aufnehmen, wenn ich kein Mädchen mehr habe?
+ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung aus, die den wirklichen
+Verdruß verbergen soll.
+
+– Dann muß es Tante wohl tun? antwortet Rundqvist, der Augen im Rücken
+haben soll.
+
+– Tante muß harken! rufen die Männer im Chor. Tante muß kommen und
+harken.
+
+Die Alte schlägt abwehrend mit der Schürze:
+
+– Was soll ich alte Frau unter den Mädchen? Nein, niemals, niemals!
+Ihr seid wohl närrisch!
+
+Aber der Widerstand reizt.
+
+– Nimm die Alte, flüstert Rundqvist, während Norman sich aufheitert
+und Gustav finster wie die Nacht wird.
+
+Es blieb keine Wahl; unter Lärm und Lachen eilt Carlsson ins Haus, um
+die Harke der Alten zu holen, die irgendwo oben auf dem Boden liegen
+muß. Hinter ihm drein läuft die Alte, die schreit:
+
+– Nein, um Gottes willen, Ihr dürft nicht in meinen Sachen kramen.
+
+So verschwinden die Beiden, während die Zurückbleibenden laute und
+beißende Bemerkungen machen.
+
+– Ich finde, unterbricht Rundqvist schließlich das Schweigen, das
+entstanden ist, sie bleiben etwas lange aus! Geh, Norman, und sieh
+nach, was geschehen ist!
+
+Stürmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fortzufahren.
+
+– Was mögen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg! Ich werde
+wirklich unruhig, wißt ihr.
+
+Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sich zu einem Lachen,
+um sich nicht von den Andern abzusondern.
+
+– Gott verzeihe mir meine Sünden, fuhr Rundqvist im selben Tone fort;
+jetzt aber halte ichs nicht länger aus; ich muß nachsehen, was die
+Beiden vorhaben.
+
+In diesem Augenblick kommt Carlsson mit der Alten aus dem Vorbau und
+bringt die gesuchte Harke. Die ist fein, mit zwei Herzen bemalt, »Anno
+1852« gezeichnet; es war einst die Brautharke der Alten, die Flod
+selbst angefertigt. Sie hatte Erbsen im Schaftknauf, die klapperten,
+wenn man die Harke rührte.
+
+Die Erinnerung an vergangene Freuden scheint den frischen Sinn der
+Alten in eine muntere Stimmung zu versetzen; ohne eine Spur von
+krankhafter Empfindsamkeit zeigt sie auf die Jahreszahl und sagt:
+
+– Das war nicht gestern, als der Flod mir die Harke machte ...
+
+– Und du ins Brautbett stiegst, Tante, fiel der von Svinnockar ein.
+
+– Kannst es wohl noch ein Mal, meinte der aus Owassa.
+
+– Sechs Wochen alten Ferkeln und zwei Jahre alten Witwen kann man
+nicht trauen, neckte der Fjällonger.
+
+– Je trockener der Zunder, desto schneller fängt er Feuer, brannte der
+von Fiversätra los.
+
+Und jeder warf seinen Scheit aufs Feuer. Die Alte aber schmunzelte und
+wehrte sie ab, machte gute Miene zum bösen Spiel und scherzte mit;
+böse zu werden, hatte keinen Zweck.
+
+Dann gings auf die Bruchwiese hinunter. Da standen Segge und
+Schachtelhalm so hoch wie ein Kiefernwald und das Wasser ging den
+Männern bis an die Stiefelschäfte. Die Mädchen zogen Strümpfe und
+Schuhe aus und hingen sie auf den Feldzaun.
+
+Die Alte harkte hinter Carlsson so fleißig, daß sie es den Andern
+zuvortat. Manches Scherzwort über das junge Paar, wie sie genannt
+wurden, fiel. Diesen Ausdruck benutzten sie als Feigenblatt, um
+darunter zu verbergen, was im Geheimen zu wachsen begann.
+
+So ward es Mittag und so ward es Abend.
+
+Der Spielmann war mit seiner Geige gekommen; die Tenne war geräumt
+und gekehrt, die schlimmsten Astlöcher mit Pech verkittet worden. Als
+die Sonne unterging, begann der Tanz.
+
+Carlsson eröffnete ihn mit Ida; deren schwarzes Kleid war viereckig
+ausgeschnitten, hatte eine weiße Krause und einen Maria-Stuart-Kragen;
+wie eine beneidete Dame stand Ida unter den Bauernmädchen da; die
+Alten betrachteten sie mit Furcht und Kälte, die Jungen mit Verlangen.
+
+Carlsson konnte allein den neuen Walzer; darum nahm Ida ihn gern, ein
+Mal nach dem andern, nachdem ein Versuch mit Norman mißlungen war. Als
+der so aus dem Felde geschlagen wurde, verfiel er auf den
+unglücklichen Gedanken, zu seiner Handharmonika zu greifen; um sein
+gequältes Herz auszuschütten und vielleicht mit einer letzten Leimrute
+den feinen und unbeständigen Vogel zu fangen; vor einigen Wochen
+glaubte er ihn in der Hand zu haben, bald aber saß er wieder auf dem
+Dach und schnäbelte mit einem andern.
+
+Carlsson fand indessen die Begleitung überflüssig, da er eigens einen
+wirklichen Spielmann gedungen; und die engbrüstige Harmonika hielt mit
+der leichtfüßigen Geige nicht Schritt, sondern störte den Takt und
+brachte Unordnung in den Tanz. Die gute Gelegenheit, den Nebenbuhler
+abzutun, lockte Carlsson, zumal die Meinung, die Harmonika störe nur,
+allgemein zu sein schien. Er nahm also den Mund etwas voll und schrie
+dem unglücklichen Liebhaber, der sich in einer Ecke verkrochen hatte,
+über die Tenne hinüber zu:
+
+– Halloh, schnür den Lederbeutel, du! Mach, daß du hinauskommst, und
+laß die Luft aus, wenn du aufgeblasen bist.
+
+Die allgemeine Meinung verurteilte den Sünder mit einem zustimmenden
+Lachen. Norman aber waren einige Schnäpse zu Kopf gestiegen, und Idas
+Krause hatte ungeahnte Kräfte hervorgezaubert.
+
+– Halloh! ahmte er Carlsson nach, der unversehens in seine Mundart
+verfallen war, die auf Hochschweden lächerlich wirkte. Komm nur hinaus
+auf den Hof, dann werde ich dir schon die Flöhe aus dem Schweinepelz
+lausen!
+
+Carlsson fand seine Stellung noch nicht so bedroht, um zu den Fäusten
+übergehen zu müssen, sondern hielt sich auf dem unschuldigeren Gebiet
+des Zungenkampfes.
+
+– Was ist das für ein merkwürdiges Schwein, das Flöhe im Pelz hat?
+
+– Das stammt wohl aus Wärmland, glaube ich, antwortete Norman.
+
+Das verletzte die Nationalehre; noch im letzten Augenblick nach einem
+vernichtenden Wort suchend, das sich aber nicht einstellte, ging
+Carlsson auf den Feind los, packte ihn bei der Weste und riß ihn auf
+den Hof hinaus.
+
+Die Mädchen stellten sich in die Türöffnung, um dem Zusammenstoß
+zuzusehen; niemandem fiel es ein, dazwischen zu treten.
+
+Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war gröber gebaut und
+höher gewachsen. Im Nu warf er den Rock ab, um den er bange war, und
+die Kämpfer rannten zusammen. Norman mit dem Kopf voran, wie ers von
+den Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte
+einen häßlichen Fußtritt nach dem Unterleib, und wie ein
+zusammengerollter Igel fiel Norman auf den Dunghaufen.
+
+– Rallbuse! schrie er, außer stande, sich weiter mit den Fäusten zu
+verteidigen.
+
+Carlsson schäumte; vergebens nach Schimpfwörtern suchend, setzte er
+Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte den Geschlagenen. Der
+spuckte und biß um sich, bekam aber schließlich eine Handvoll Streu in
+den Mund.
+
+– Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen! schrie Carlsson
+und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch, den er aus dem
+Dunghaufen gerissen, so, daß die Nase blutete.
+
+Aber das öffnete dem wutschnaubenden Norman den Mund: seinen ganzen
+Vorrat von Schimpfworten schleuderte er dem Sieger ins Gesicht, der
+die Zunge des Besiegten doch nicht binden konnte.
+
+Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgehört. Die Zuschauer
+hatten ihre Bemerkungen über die Wendungen des Wortstreites und
+Faustkampfes gemacht und mit demselben gleichmütigen Interesse
+zugehört und zugesehen, wie sie einem Schlachten oder einem Tanz
+zusahen. Doch fanden die Alten, Carlssons Angriff sei nicht ganz
+regelrecht, nicht nach alter Sitte gewesen. Plötzlich aber war ein
+Schrei zu hören, der den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung
+riß:
+
+– Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden,
+wer.
+
+– Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine Messer! Fort mit den
+Messern!
+
+Und die Kämpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen war, sein
+Klappmesser zu öffnen, wurde entwaffnet und auf die Füße gestellt,
+nachdem man Carlsson von ihm losgerissen.
+
+– Raufen könnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern, schloß der Alte
+von Svinnockar die Schlägerei.
+
+Carlsson zog seinen Rock an und knöpfte ihn über seine zerrissene
+Weste; aber Norman hing der eine Hemdärmel wie ein Fetzen aufs Bein
+herab. Im Gesicht übel zugerichtet, schmutzig, blutig, hielt ers fürs
+Beste, sich um die Ecke zu entfernen, um seine Niederlage nicht den
+Mädchen zu zeigen.
+
+Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des Stärkern trat Carlsson
+wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem tüchtigen Schluck, das Spiel
+mit Ida von neuem zu beginnen, die ihn mit Wärme, ja beinahe
+Bewunderung empfing.
+
+Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die Dämmerung war
+hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde, und man widmete dem
+Tun und Lassen des Nächsten geringere Aufmerksamkeit. Darum konnte
+Carlsson mit Ida aus der Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen,
+ohne daß jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das Mädchen
+über den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben auf dem Zaune
+stand, hörte er durchs Halbdunkel die Stimme der Alten, ohne jemand
+sehen zu können.
+
+– Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine Runde mit Eurer
+Harkerin.
+
+Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und schlüpfte
+in den Hag, leise wie ein Fuchs.
+
+Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas weißes
+Taschentuch, das diese um den Leib geknüpft, um ihr Kleid vor den
+schweißigen Händen zu schützen. Als sie noch ein Mal gerufen, ohne
+Antwort zu erhalten, ging sie nach, über den Zauntritt, in den Hag.
+
+Der Weg unter den Haselbüschen lag vollständig im Dunkel; sie sah nur
+etwas Weißes, das in dem Schwarzen ertrank und schließlich auf den
+Boden des langen Tunnels sank. Sie wollte nachlaufen; da aber waren
+neue Stimmen am Zauntritt zu hören, eine gröbere und eine klingendere;
+aber beide gedämpft und, als sie näher kamen, flüsternd. Gustav und
+Clara stiegen über den Zaun, der unter den etwas unsichern Schritten
+des Burschen knackte; und von zwei starken Armen gehoben, sprang Clara
+hinunter.
+
+Die Alte versteckte sich in den Büschen, während das Paar Arm in Arm
+vorbeizog; halbsingend, küssend dahintanzte, wie sie selbst einst
+getanzt, gesungen und geküßt hatte.
+
+Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der
+quarnöer Bursche mit dem fjällonger Mädchen angesprungen. Als sie hoch
+oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gerötet und mit
+ausgelassenem Lachen die weißen Zähne zeigend, legte sie die erhobenen
+Arme über Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen;
+und mit schnaubendem Lachen und aufgeblähten Nasenflügeln warf sie
+sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit einem langen Kuß
+und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo sie verschwanden wie unter
+einer Decke.
+
+Die Alte stand hinter den Haselbüschen und sah Paar nach Paar kommen,
+gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glühte
+wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen; und
+sie fühlte die »Plage« noch im Fleische wüten, stechend wie Verlangen
+ohne Hoffnung, wie Vermissen des für immer Verlorenen.
+
+Währenddessen war die Geige allmählich verstummt. Es war über
+Mitternacht, und die Morgenröte stand im Norden bereits schwach über
+dem Walde. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne
+Hurrahrufe von der Wiese gaben an, daß sich die Tanzgesellschaft
+zerstreut hatte und die Heimfahrt für die Mäher bevorstand.
+
+Die Alte mußte zurück, um beim Abschied zugegen zu sein.
+
+Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten
+anfing, daß man das grüne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson
+und Ida ganz hinten auf der Höhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie
+einen neuen Tanz beginnen, blaß wie Leinen, mit großen dunkeln
+Löchern, wo die Augen, die sie nicht sah, sitzen mußten. Fürchtend,
+hier im »grünen Gange« getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte
+über den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die Gäste gingen.
+
+Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist und schlug
+die Hände zusammen, als er die Alte erblickte, die ihr Gesicht in der
+Schürze barg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schämte.
+
+– Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier gesucht? Ich
+sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verlaß als auf ...
+
+Sie hörte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga
+zu.
+
+Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit
+Hurrahrufen, Händeschütteln und Dankesworten für gute Bewirtung, um
+sich dann zu verabschieden.
+
+Als alles wieder still geworden und die Flüchtlinge aus Hag und
+Wiese herbeigerufen waren, ohne daß sich alle einstellten, ging die
+Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht
+Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen hörte.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+ Es poltert zur Hochzeit;
+ die Alte wird ums Geld genommen
+
+
+Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu
+Ende und er war gut gewesen.
+
+– Er hat Glück, der Kerl! sagte Gustav über Carlsson, dem man nicht
+ohne Grund die Erhöhung des Wohlstandes zuschrieb.
+
+Der Strömling war gekommen, und alle Männer außer Carlsson waren
+draußen in den äußersten Schären, als die Familie des Professors zur
+Eröffnung der Oper nach Haus mußte.
+
+Carlsson hatte auch das Packen übernommen und lief den ganzen Tag mit
+der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Küchentisch, im
+Eßzimmer, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort
+ein Paar ausgetretene Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren
+nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und
+Liebigbüchsen, Korke, Bindfaden, Nägel – alles, was man nicht
+mitnehmen konnte oder für unnötig hielt.
+
+Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und man hatte
+allgemein das Gefühl, man werde die Abreisenden vermissen; von
+Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hühnern und
+Ferkeln, die nicht länger Sonntagsessen aus der herrschaftlichen Küche
+bekamen. Am wenigsten bitter war der Kummer für die verlassenen Mägde
+Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen
+hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fühlten sie doch, ihr Frühling
+werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mitbewerberinnen auf dem
+Liebesmarkte entfernte.
+
+Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie
+abzuholen, war große Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort
+ein Dampfer angelegt.
+
+Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und führte das große Wort,
+während der Dampfer an die Brücke heranzukommen suchte. Da aber hatte
+er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das
+Seewesen war ihm fremd; und gerade in dem stolzen Augenblick, als die
+Leine geworfen wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart,
+seine Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von
+oben auf den Kopf, daß ihm die Mütze heruntergeschlagen wurde und in
+die See fiel. In einem und demselben Augenblick wollte er die Trosse
+anziehen und nach der Mütze greifen; aber der Fuß blieb in einer Fuge
+hängen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, während der
+Kapitän ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich
+fort, böse über das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe hätte
+sie geweint, so schämte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen
+Lebewohl ließ sie ihn schließlich am Landungssteg zurück; und als er
+ihre Hand behalten und vom nächsten Sommer, von Briefwechsel und
+Adresse plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Füßen
+fortgerissen; er kippte nach vorn über, und die nasse Mütze rutschte
+ihm in den Nacken; gleichzeitig brüllte der Steuermann ihm von der
+Kommandobrücke aus zu:
+
+– Wirst du endlich das Tau losmachen!
+
+Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglücklichen Liebhaber
+nieder, ehe er die Trosse losbekam.
+
+Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr
+fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine,
+strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er
+seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß
+abzugeben. Aber er mußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett
+gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die
+hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die
+Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am
+Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und
+schnaubte.
+
+Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht
+ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!
+
+Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins
+Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb
+durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich,
+gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er
+auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser,
+schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stieß ein letztes
+verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die
+Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied
+winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe
+Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal
+zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden,
+nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die
+Luft dunkel.
+
+Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner
+Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine
+andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte
+ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab.
+
+Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Auftritt
+noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brückenplanken
+umher tanzte; hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas
+verlegene Blicke und kalten Handschlag; spürte noch den Dunst von
+Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchenherd
+und von der Ölfarbe der Schiffsbekleidung.
+
+Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich gekommen und hatte
+Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem
+Augenblick von seiner Leiter herabstürzten, auf deren Sprossen er
+schon ein gutes Stück hinauf geklettert war; die ihm – er schluckte in
+der Halsgrube – sein Sommerglück und seine Sommerfreude entführten.
+
+Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer
+einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Oberfläche Ruß in Flocken
+und Öl in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie
+eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in
+der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser
+verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel,
+abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten.
+Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und
+habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen.
+
+Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte:
+wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die
+Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den
+feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause,
+Manschetten und Knöpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er
+haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart
+ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten
+konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen
+vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt,
+einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht
+werden!
+
+Konnte er nicht?
+
+Der Sund kräuselte sich, und ein kühler Wind, der immer stärker wurde,
+rührte das Wasser auf; das schlug gegen die Brückenpfähle, fegte den
+Ruß fort und klärte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der
+Erlen, das Plätschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus
+seinen Gedanken. Er warf die Flinte über die Schulter und wanderte
+heimwärts.
+
+Der Weg ging unter den Haselbüschen über einen Hügel; auf dem stand
+noch eine höhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war; die
+hatte er noch nie besucht.
+
+Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und
+Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen,
+auf dem ein Seezeichen errichtet war.
+
+Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet; mit einem
+einzigen Rundblick konnte er ihre Wälder und Äcker, Wiesen und Häuser
+übersehen; und dahinter Holme, Kobben, Schären, bis aufs offene Meer
+hinaus. Es war ein großes Stück der schönen Erde, und Wasser, Bäume,
+Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte,
+die eine nur, und die andere zurückzog, die nach Eitelkeit, Bettlust
+und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu
+betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen
+Strahlen einer sinkenden Sonne rosig färbten; auf dem blaues Wasser,
+grüne Wälder, gelbe Äcker, rote Hütten sich zu einem Regenbogen
+mischten, der auch einen schärferen Verstand betört hätte, als ein
+Bauernknecht ihn hat.
+
+Von der absichtlichen Vernachlässigung der Treulosen gereizt, die in
+fünf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm zum Abschied zu
+winken, vergessen; von den Schimpfworten der übermütigen Stadtflegel
+so verletzt, als habe er den Stock gekostet; vom Anblick der fetten
+Erde, der fischreichen Gewässer, der warmen Hütten entzückt, faßte er
+seinen Entschluß: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das
+falsche Herz zu prüfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte; dann
+aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte, ohne daß man stahl.
+
+ * * * * *
+
+Als er nach Haus zurückkehrte und die Großstuga leer stehen, die
+Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten draußen herumliegen
+sah, würgte es ihn im Halse, als habe er Apfelstücke quer geschluckt.
+
+Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommergäste in einen Sack
+gesammelt, schlich er so lautlos wie möglich auf seine Kammer hinauf.
+Dort verbarg er seine Schätze unter dem Bett, setzte sich an den
+Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit,
+einen Brief zu schreiben.
+
+Die erste Seite ergoß sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus
+seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der »Sagengeschichte« und den
+»Schwedischen Volksliedern« von Afzelius; die hatten einen starken
+Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wärmland
+gelesen.
+
+– Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich hier auf
+meinem Kämmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als sei
+es gestern gewesen, weiß ich noch, wie Du hierher kamst: wir säeten
+Frühlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es
+Herbst, und die Burschen sind draußen auf der Schäre, um Strömling zu
+fangen. Ich würde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist
+wärst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu grüßen, wie es der
+Professor so freundlich vom Achterdeck getan, als der Dampfer an der
+Landzunge vorbei fuhr. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute Abend,
+und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet.
+Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du
+Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als hätte ich’s aufgeschrieben;
+aber ich bin auch im Stande, zu _halten_, was ich verspreche. Dazu sind
+aber nicht _alle_ im Stande; doch das ist einerlei, und ich frage nicht
+so genau danach, wie die Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal
+liebe, die vergesse ich nicht; das möchte ich gesagt haben.
+
+Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit
+kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den
+Versuchungen der Stadt mit ihren Vergnügungen; und im Bewußtsein, daß
+er außer Stande sei, den befürchteten Sündenfall zu verhüten, schlug
+er die edlern Gefühle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die
+Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng,
+sittlich; ein strafender Rächer, durch dessen Mund ein ANDERER sprach:
+
+– Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der großen Stadt
+umhergehst, ohne daß ein Arm Dich stützt, der Gefahr und Versuchung
+von Dir abwenden kann; wenn ich an alle die sündhaften Gelegenheiten
+denke, die den Weg breit und den Fuß leicht machen, fühle ich einen
+Stich in meinem Herzen; ist mir’s, als habe ich vor Gott und Menschen
+unrecht getan, daß ich Dich ins Garn der Sünde ließ; wie ein Vater
+hätte ich Dir sein sollen, Ida; und Du hättest dem alten Carlsson wie
+einem rechten Vater vertraut ...
+
+Bei den Worten »Vater« und »alter Carlsson« wurde er weich und
+erinnerte sich an das letzte Begräbnis, das er mitgemacht hatte.
+
+– Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf
+den Lippen hat. Wer weiß, wie lange der alte Carlsson (er liebte das
+Wort bereits!) hier noch wandelt; wer weiß, ob nicht die Zahl seiner
+Tage gezählt ist, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in
+der Luft; vielleicht, ehe man sich’s versieht, liegt er da wie
+trockenes Heu ... Dann wird vielleicht _jemand_ ihn ausgraben wollen,
+der’s jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten, daß er
+noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die
+Turteltaube sich in unserem Lande hören läßt. Dann ist eine liebliche
+Zeit für _manchen_, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten
+singen möchte ...
+
+Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mußte das Testament aus
+seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl
+zwischen hundert Psalmen, und Clara rief schon zum Abendbrot; er mußte
+also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm:
+
+– Die Weiden in der Wüste sind auch fett, daß sie triefen; und die
+Hügel umher sind lustig; die Anger sind voll Schafe, und die Auen
+stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet.
+
+Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glückliche Anspielung
+auf die Vorzüge, die das Landleben vorm Stadtleben hat; und da das
+gerade der wunde Punkt war, beschloß er, ihn nicht mehr zu berühren,
+sondern die Anspielung für sich sprechen zu lassen.
+
+Dann überlegte er, was er noch schreiben solle; fühlte sich hungrig
+und müde; konnte sich nicht verhehlen, daß es schließlich einerlei
+sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der
+Frühling wiederkam.
+
+Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken gequält, daß ein Anderer
+sie besitzen könne, und mit kaltem Blute beschloß er, im Voraus die
+Kanonen der unbekannten Feinde zu vernageln. Darum fügte er eine
+Nachschrift an, nachdem er mit »Getreu und ergeben« unterzeichnet
+hatte.
+
+N. S. Du mußt Dich vor Berns Salon und Blanks Café hüten, Ida, denn
+der Professor sagte, alle jungen Leute in Stockholm seien angesteckt
+und ... (Am besten, man haut ihn gleich nieder, dachte er, da er doch
+in einigen Tagen mit den Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman
+ist auch angesteckt worden. (Um aber, falls es nötig sein sollte, eine
+rückwirkende abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:) als
+er im vorigen Jahre Soldat war.
+ D. O.
+
+ * * * * *
+
+Darauf ging er in die Küche hinunter, um zu Abend zu essen.
+
+Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht. Unruhig kam
+die Alte und setzte sich an den Tisch, an dem sich Carlsson
+niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mädchen
+gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her.
+
+– Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein haben, sagte die
+Alte. Ich sehe, Ihr habt es nötig.
+
+– Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen,
+antwortete Carlsson.
+
+– Darum müßt Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte und ging nach
+dem Stundenglas. Was das für ein Wind heute Abend ist, und von Osten
+kommt er auch; die Burschen werden es heute Nacht schwer haben mit den
+Netzen.
+
+Da kann ich ihnen nicht helfen; übers Wetter vermag ich nichts, biß
+Carlsson den Faden ab. Aber nächste Woche muß es schön werden; da
+denke ich mit dem Trebel nach der Stadt zu fahren, um selbst mit dem
+Fischhändler zu sprechen.
+
+– Soso, das wollt Ihr, Carlsson?
+
+– Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis für
+die Fische; und das muß doch wohl an irgend etwas liegen; wer nun die
+Schuld haben mag.
+
+Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschäft als der
+Fischhandel führe ihn nach der Stadt.
+
+– Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht beim Professor
+vor?
+
+– Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat nämlich einen
+Flaschenkorb hier vergessen ...
+
+– Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt Ihr nicht noch
+eine Halbe nehmen, Carlsson?
+
+– Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie
+kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hörte.
+
+Mit großem Vergnügen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze
+Überlegenheit hinein. Die Alte fühlte auch, wie sehr sie ihm
+unterlegen war; eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die
+Augen.
+
+– Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, flüsterte die Alte.
+
+– Nein behüte, weit davon, antwortete Carlsson, der sehr wohl fühlte,
+wie er seine Schnur einholen mußte und daß etwas am Haken saß.
+
+– Wollt ihr euch denn heiraten?
+
+– Gewiß, wenn die Zeit kommt; aber ich muß mich erst nach einer neuen
+Stellung umhören.
+
+Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand
+zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken am Laken zupft.
+
+– Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder,
+vertrockneter Stimme zu sagen.
+
+– Ein Mal muß es doch sein, antwortete Carlsson; früher oder später
+will man sein eigener Herr werden; und sich für andere abarbeiten, tut
+man auch nicht gern um nichts.
+
+Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde plötzlich von
+einer Lust erfaßt, mit ihr zu schäkern.
+
+– Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht allein schlafen
+zu müssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht wollt ihr, daß ich
+hinunterkomme und euch Gesellschaft leiste?
+
+– Oh, das ist durchaus nicht nötig! antwortete Clara.
+
+Carlsson faßte sie beim schwellenden Oberarm und spielte den Bösen:
+
+– Was ist nicht nötig? Was weißt du, Clara, davon, was ich nötig habe?
+
+– Ist denn Ida Euch nicht genug gewesen? Ich hörte einen Vogel singen,
+daß Ihr Euch Hilfe habt nehmen müssen!
+
+Carlsson wurde rot bis in die Kopfhaut, über das Gesicht der Alten
+aber huschte Hoffnung, Neugier und Überraschung.
+
+Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Küche, während Carlsson
+nachdachte, welche Antwort am vorteilhaftesten sei. Man hörte, wie
+draußen der Sturm durch den Wald sauste, das Laub von den Birken riß,
+an den Feldzäunen rüttelte, an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste.
+Zuweilen fuhr ein Windstoß in den Schornstein hinein und blies Feuer
+und Rauch aus vom Herdmantel, daß Lotte sich die Hand vor Augen und
+Mund halten mußte.
+
+Als der Wind einen Augenblick ausblieb, hörte man das offene Meer
+gegen die östliche Landspitze schlagen. Plötzlich gab der Hund draußen
+auf dem Hofe Hals, und das Gebell entfernte sich, als sei der Hund
+jemandem entgegen gesprungen, um ihn zu begrüßen oder zu bedrohen.
+
+– Seht bitte nach, wer das sein kann, sagte die Alte zu Carlsson.
+
+Der stand sofort auf, froh, auf Claras heikle Frage nicht antworten zu
+müssen, und ging zur Tür hinaus. Er sah nur ein Dunkel, das so dick
+war, daß man es mit Messern schneiden konnte; und der Wind empfing ihn
+mit einem Stoß, daß ihm das Haar wie Erbsensträucher um den Kopf
+stand. Er lockte den Hund, aber das Gebell war bereits unten auf der
+Quellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen
+Menschen.
+
+– Es kommt so spät noch Besuch, sagte Carlsson zur Alten, die sich in
+die Tür stellte. Wer kann das sein? Ich muß wohl gehen und nachsehen.
+Clara, steck die Laterne an und gib mir meine Mütze!
+
+Er bekam die Laterne und arbeitete sich gegen den Wind auf die Wiese
+hinaus, folgte dem Gebell und gelangte in das Kieferngehölz, das die
+Wiese vom Strande trennte. Das Gebell war verstummt, aber zwischen den
+rauschenden und knackenden Föhren hallten Schritte von eisernen Haken
+gegen den Bergfelsen; krachten Zweige, die jemand brach, der seinen
+Weg suchte; spritzten Wasserlachen auf; antworteten Flüche auf das
+Winseln des Hundes.
+
+– Wer da? rief Carlsson.
+
+– Der Pastor! antwortete eine rostige Stimme.
+
+Carlsson sah Funken sprühen, die ein eiserner Haken an einem
+Granitfindling schlug, und aus einem Dickicht stürzte ein kleiner,
+breitschultriger Mann den Hügel hinab. Das grobe, wetterharte Gesicht
+wurde von wildem, grauem Backenbart eingerahmt und von kleinen
+scharfen Augen belebt, deren Brauen Astmoos glichen.
+
+– Höllische Wege habt ihr hier auf der Insel! zankte er zum Gruß.
+
+– Herr Jesus, sind Sie’s, Herr Pastor? In diesem Hundewetter
+unterwegs? beantwortete Carlsson achtungsvoll die Willkommsflüche
+seines Seelsorgers. Aber wo ist denn das Boot?
+
+– Es ist das Fischerboot, und das hat Robert in den Hafen gebracht.
+Laß uns nur unter Dach kommen, denn heute Abend weht der Wind einem
+durch den Leib. Vorwärts marsch!
+
+Carlsson ging mit der Laterne voran und der Pastor folgte, während der
+Hund in den Büschen herumschnüffelte, nach einem Birkhuhn, das sich
+eben erhoben und in den Bruch gerettet hatte.
+
+Die Alte war dem Laternenschein auf den Hof hinaus entgegen gegangen;
+als sie den Pastor erkannte, freute sie sich und hieß ihn willkommen.
+
+Der Pastor hatte Fische nach der Stadt bringen wollen und war
+unterwegs vom Sturm überrascht worden, der ihn zum landen zwang. Er
+fluchte und schalt, weil er nicht zur Zeit nach der Stadt kommen
+konnte, um seine Fische los zu werden.
+
+– Jetzt sind ja alle Teufel draußen und kratzen nach jedem einzigen
+Fisch, der im Wasser lebt.
+
+Die Alte wollte ihn in die Stube führen, er aber ging geradeswegs in
+die Küche hinein, denn er zog das Herdfeuer vor: dort konnte er
+trocken werden.
+
+Wärme und Licht schienen indessen dem Pastor nicht gut zu bekommen;
+er zwinkerte mit den Augen, als wolle er sich ermuntern, während er
+die nassen Schmierstiefel auszog. Carlsson half ihm unterdessen aus
+einer graugrünen Joppe, die mit Schaffell gefüttert war. Bald saß der
+Pastor in wollenem Wams und bloßen Strümpfen an der Ecke des Tisches,
+den die Alte abgeräumt und mit Kaffeegeschirr gedeckt hatte.
+
+Wer Pastor Nordström nicht kannte, hätte nicht vermutet, daß dieser
+Fischer ein geistliches Amt bekleidete; so sehr hatten dreißig Jahre
+Seelsorge draußen in den Schären den Mann verwandelt, der einst recht
+fein gewesen war, als er von der Universität Uppsala kam. Ein äußerst
+knappes Gehalt hatte ihn genötigt, sein Auskommen aus See und Acker zu
+ergänzen; und da es auch dann noch nicht reichte, mußte er sich an den
+guten Willen seiner Gemeinde wenden, den er durch geselliges Wesen,
+sich seiner Umgebung anpassend, lebendig erhielt.
+
+Doch zeigte sich der gute Wille meist in Kaffeehalben und
+Bewirtungen, die an Ort und Stelle verzehrt werden mußten, also den
+Wohlstand des Pfarrhauses nicht erhöhen konnten; eher unvorteilhaft
+auf den physischen und moralischen Zustand des Empfängers wirkten.
+Außerdem wußten die Schärenleute aus teuern Erfahrungen, wie in Seenot
+Gott nur dem half, der sich selber half; auch waren sie unfähig, einen
+starken östlichen Wind mit dem augsburgischen Bekenntnis in
+Zusammenhang zu bringen. Sie machten sich deshalb wenig aus der
+kleinen hölzernen Kapelle, die sie hatten bauen lassen. Der Kirchgang,
+der durch lange Ruderfahrten erschwert oder von ungünstigen Winden
+unmöglich gemacht wurde, war mehr eine Art Volksmarkt, auf dem man
+Bekannte traf, Geschäfte machte, Ankündigungen hörte. Und der Pastor
+war die einzige Behörde, mit der man in Berührung kam; der Amtmann,
+der die Polizeigewalt ausübte, wohnte weit entfernt und wurde bei
+Rechtssachen nie bemüht; die machte man vielmehr unter einander ab,
+mit einigen dänischen Küssen oder einem Schoppen Branntwein.
+
+Nicht eine Spur von Latein und Griechisch konnte man in dieser vom
+Herdfeuer und zwei Talglichtern beleuchteten Gestalt sehen, einer
+Kreuzung von Bauer und Seemann. Die einstmals weiße Hand, die in ihrer
+ganzen Jugend in Büchern geblättert hatte, war braun und borkig, hatte
+gelbe Leberflecke von Salzwasser und Sonnenbrand, war hart und
+schwielig von Rudern, Segeln, Steuern; die Nägel waren halb abgenagt
+und trugen von der Berührung mit Erde und Geräten schwarze Ränder. Die
+Ohrmuscheln waren mit Haar zugewachsen und gegen Katarrh und Fluß von
+Bleiringen durchbohrt. Aus der auf das wollene Wams aufgenähten
+Ledertasche hing eine Haarschnur, die einen Uhrschlüssel aus einem
+gelben Metall mit einem Karneol trug. In die feuchten wollenen
+Strümpfe hatte die große Zehe Löcher gerissen, welche die
+schlingernden Bewegungen der Füße unter dem Tisch unablässig verbergen
+wollten. Das Wams war unter den Armen von Schweiß gelbbraun geworden,
+und der Hosenschlitz stand halb offen, weil Knöpfe fehlten.
+
+Er holte eine kurze Pfeife aus der Hosentasche, klopfte sie, während
+allgemeines achtungsvolles Schweigen herrschte, gegen die Tischkante
+aus, daß sich ein kleiner Maulwurfshaufen von Asche und sauerm Tabak
+auf den Boden legte. Aber die Hand war unsicher und das Stopfen ging
+unregelmäßig vor sich; war zu umständlich, um nicht Unruhe zu erregen.
+
+– Wie steht es heute Abend mit Ihnen, Herr Pastor? Ich glaube, Sie
+sind nicht ganz wohl, fuhr die Alte dazwischen.
+
+Der Pastor hob das auf die Brust gesunkene Haupt, sah sich nach den
+Balken der Decke um, als suche er nach der Sprechenden.
+
+– Ich? sagte er und stopfte eine Prise Tabak am Pfeifenkopf vorbei.
+Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er in Frieden gelassen werden,
+und versank in schwermütige Gedanken ohne bestimmte Form.
+
+Carlsson sah, wie es stand, und flüsterte der Alten zu:
+
+– Er ist nicht nüchtern!
+
+Und im Glauben, einschreiten zu müssen, nahm er die Kaffeekanne und
+goß die Tasse des Pastors voll, stellte die Branntweinflasche daneben
+und bat ihn mit einer Verbeugung, fürlieb zu nehmen.
+
+Mit einem vernichtenden Blick hob der Alte seinen grauen Kopf, als
+wolle er, daß der Schlag Carlsson rühre; mit Ekel die Tasse von sich
+schiebend, spuckte er aus:
+
+– Bist du hier zu Hause, Knecht?
+
+Dann wendete er sich zur Alten:
+
+– Gebt mir eine Tasse Kaffee, Frau Flod!
+
+Und dann versank er für eine Weile in tiefes Schweigen, sich
+vielleicht an die Größe früherer Tage erinnernd und erwägend, wie die
+Unverschämtheit beim Volk überhand nahm.
+
+– Verfluchter Knecht! schnaubte er noch ein Mal. Mach, daß du
+hinauskommst, und hilf Robert beim Boot!
+
+Carlsson versuchte es mit Schmeichelei, wurde aber sofort
+unterbrochen:
+
+– Weißt du nicht, wer du bist?
+
+Carlsson verschwand durch die Tür.
+
+Nachdem sich der Pastor mit einem Schluck aus der Tasse erfrischt
+hatte, fuhr er die Alte an, die eine Entschuldigung für den Knecht zu
+drechseln suchte:
+
+– Habt ihr die Zugnetze draußen?
+
+– Ja, lieber Herr Pastor, öffnete die Alte die Schleusen, und alle
+Schleppnetze auch. Um sechs herum konnte noch niemand wissen, daß für
+die Nacht Sturm kommen werde; und ich kenne Gustav. Er würde eher zu
+Grunde gehen, als daß er das Garn heute Nacht liegen ließe.
+
+– Ach was, der weiß sich schon zu helfen! tröstete der Pastor.
+
+– Sagen Sie das nicht, Herr Pastor! Mag das Garn meinetwegen
+draufgehen, es steckt zwar ein gut Stück Geld darin, wenn nur der
+Junge heil aus der Sache herauskommt ...
+
+– Er wird doch nicht so dumm sein, die Netze in diesem Wetter
+aufzunehmen? Die ganze See liegt ja darauf!
+
+– Das gerade kann man von ihm erwarten! Wie der Vater hat er immer
+etwas Besonderes vorstellen wollen, und er wäre im Stande, sein Leben
+daran zu setzen, um die Zugnetze nicht verloren gehen zu lassen.
+
+– Ist es so mit ihm bestellt, Frau, dann kann ihm selbst der Teufel
+nicht helfen! Übrigens es fischt sich gut! Wir waren vergangene Woche
+mit sechs Schleppnetzen draußen bei den Erlenkobben, und wir haben
+achtzehn mal achtzig gefangen.
+
+– War der Strömling denn auch fett?
+
+– Das will ich meinen, fett wie Butter. Aber sagt mal, Frau Flod, was
+ist das für ein Geschwätz, das von Euch umläuft: Ihr sollt daran
+denken, Euch wieder zu verheiraten? Ist das wahr?
+
+– Ei potztausend, brach die Alte los, sagt man das? Das ist doch toll,
+was die Leute schwatzen können.
+
+– Mir geht es ja nicht zu nahe, erwiderte der Pastor; verhält es sich
+aber so, wie man sagt, daß es sich um den Knecht handelt, so wäre es
+um den Jungen schade.
+
+– Oh, für den Jungen ist keine Gefahr, und einen schlechtern
+Stiefvater hat mancher gekriegt.
+
+– Es ist also wahr, höre ich. Brennt es noch so heftig in dem alten
+Körper, daß Ihr’s nicht mehr aushalten könnt? Das Fleisch will das
+Seine haben, und der Pfahl sitzt da, hahaha!
+
+Hier warf der Pastor einen prüfenden Blick auf Clara und Lotte, um zu
+sehen, wie sie aussahen, wenn sie verlegen wurden; sie sahen wirklich
+recht schelmisch aus, wie sie vergebens das Lachen zu verbeißen
+suchten, denn der Pastor fühlte sich veranlaßt, den Scherz noch weiter
+zu spinnen.
+
+– Ihr grinst, Mädchen? Als ob ihr das nicht kenntet!
+
+– Wollen Sie nicht noch eine Halbe trinken, Herr Pastor? unterbrach
+ihn die Alte, die ängstlich wurde über die Wendung, die das Gespräch
+ins Liebesgebiet nahm.
+
+– Bitte, Frau; seid so freundlich! Danke! Aber ich muß auch ins Bett,
+und Ihr habt wohl noch nicht für mich aufgebettet.
+
+Lotte wurde auf die Kammer geschickt, um das Bett zu machen, nachdem
+man beschlossen, daß Carlsson und Robert in der Küche schlafen
+sollten.
+
+Der Pastor gähnte und rieb den einen Fuß gegen den andern, fuhr mit
+der Hand über die Stirn bis zur nackten Glatze hinauf, als wolle er
+namenlosen Kummer fortstreichen; dabei sank der Kopf in kurzen Rucken
+gegen die Tischplatte, wo schließlich das Kinn seine Stütze fand.
+
+Die Alte, die sah, wie es stand, trat näher und legte ihm die Hand
+behutsam auf die Schulter, klopfte sacht und bat mit rührender Stimme:
+
+– Lieber Herr Pastor! Können wir nicht ein gutes Wort heute Abend
+hören, ehe wir zu Bett gehen? Denken Sie an die Alte und ihren Jungen,
+der auf See ist.
+
+– Ein gutes Wort? Ja! Gebt mir das Buch; Ihr wißt ja, wo es steckt.
+
+Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein schwarzes Buch
+mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reisekästchen, aus dem alten Frauen
+und Kranken stärkende Tropfen geboten werden, pflegte man dieses Buch
+vorzunehmen. Andächtig, als habe sie ein Stück von der Kirche in ihre
+niedrige Hütte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam
+wie ein warmes Brot, auf ihren beiden Händen; schob vorsichtig die
+Tasse des Pastors bei Seite, wischte den Tisch mit ihrer Schürze ab
+und legte das heilige Buch vor den schweren Kopf.
+
+– Lieber Pastor, flüsterte die Alte, während der Wind im Schornstein
+lärmte, da ist das Buch.
+
+– Gut, gut, antwortete der Pastor wie im Schlaf; streckte den Arm aus,
+ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffeetasse und fuhr mit dem
+Finger so gegen den Henkel, daß er die Tasse umstieß; in zwei Bächen
+floß der Branntwein über den fettigen Tisch.
+
+– Oh oh, klagte die Alte und rettete das Buch; das geht nicht! Sie
+sind schläfrig, Herr Pastor, und müssen sich niederlegen.
+
+Aber der Pastor schnarchte schon; er ruhte mit dem Arm auf der
+Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer albernen Gebärde
+ausgestreckt, als zeige er nach einem unsichtbaren Ziel, das
+augenblicklich unerreichbar war.
+
+– Wie sollen wir’s nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen? klagte die
+Alte den Mädchen.
+
+Sie wußte, in welch furchtbare Laune er geraten konnte, wenn er aus
+dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der Küche zu lassen, ging nicht der
+Mädchen wegen; auch in die Stube durfte er nicht; dann hätte man
+darüber geklatscht.
+
+Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie Ratten die Katze
+umkreisen, um ihr Schellen anzuhängen, ohne es jedoch zu wagen.
+
+Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen und der Wind drang durch
+Fenster und undichte Wände. Der Alte, der ja in bloßen Strümpfen
+dasaß, mußte kalt geworden sein, denn eins, zwei, drei erhob sich der
+Kopf, der Mund öffnete sich gähnend, und drei Aufschreie, die klangen,
+wie wenn der Fuchs seinen Geist aufgibt, ließen die Frauen
+zusammenfahren.
+
+– Ich glaube, ich habe geniest, sagte der Pastor, erhob sich und ging
+mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa; dort sank er nieder,
+streckte sich auf den Rücken aus, faltete die Hände über der Brust und
+schlummerte mit einem langen Seufzer ein.
+
+Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken.
+
+Auch Carlsson und Robert, die jetzt zurückkamen, wagten nicht, ihn
+anzurühren.
+
+– Er schläft! Nehmt euch in Acht, sagte Robert. Gebt ihm nur ein
+Kissen unter den Kopf und werft eine Decke über ihn, dann schläft er
+bis zum Morgen.
+
+Die Alte nahm die Mädchen mit in die Stube. Robert mußte auf dem
+Heuboden über dem Vorratsschuppen schlafen. Carlsson ging auf seine
+Kammer. Die Lichter wurden gelöscht und es ward still in der Küche.
+
+Da aber erinnerte sich die Alte, daß der Pastor kein Trinkwasser habe,
+und Clara wurde mit der Kupferflasche zu ihm hineingeschickt. Sie ging
+auf Zehen, so leise sie konnte, ohne mit der Tür zu knarren, kam aber
+schnell wieder heraus:
+
+– Oh, das ist ja ein Ferkel!
+
+– Was, was? fragte die Alte eifrig, im Glauben, dem Pastor sei etwas
+zugestoßen.
+
+– Oh, könnt Ihr glauben, Tante, er wollte, ich solle mich zu ihm legen ...
+Das ist ja schrecklich!
+
+– Das kann ich nicht glauben, meinte die Alte, welche die Ehre, den
+Pastor als Gast unter ihrem Dache zu haben, sich nicht schmälern
+lassen wollte. Das kann ich nicht glauben.
+
+– Ja, aber er hat mich um den Leib gefaßt und wollte mich ...
+
+– Ach, Geschwätz, schnauzte die Alte, schloß die Tür und löschte das
+Licht. Gute Nacht!
+
+Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger ruhig war.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte und Frau Flod aufstand, um
+ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert fort. Der Sturm
+hatte sich etwas gelegt, kalte weiße Herbstwolken zogen von Osten ins
+Land hinein und der Himmel war wieder blau.
+
+Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der östlichen
+Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein Boot auf dem Meere
+zeige. Draußen in der Rinne zwischen den Kobben tauchte das eine und
+das andere gereffte Rahsegel auf, verschwand und kam wieder zum
+Vorschein. Die See lag blau da wie Stahl, und die äußersten Schären
+dämmerten, hingen wie an luftfarbigen Tüchern, als seien sie aus dem
+Wasser in die Höhe geflossen und im Begriff, sich wie Nachtnebel zu
+erheben. Die jungen Sägegänse lagen auf Buchten und Landspitzen und
+liefen auf den Seen; tauchten, wenn sie den Meeradler auf seinem
+schweren Flug über sich sahen, und kamen wieder in die Höhe; liefen
+von neuem, daß das Wasser sprühte.
+
+Sah Frau Flod draußen auf einer Schäre die Möwen fliegen und hörte
+sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein Segel; und es kamen auch
+Segel, aber alle zogen an der Insel vorbei, entweder nach Norden oder
+nach Süden.
+
+Der kalte Wind und die weißen Wolken peinigten die Augen der Alten;
+sie ging in den Wald zurück, des Wartens müde. Sie fing an
+Preiselbeeren in die Schürze zu pflücken, denn sie konnte nicht ohne
+Beschäftigung sein, sondern mußte etwas haben, mit dem sie sich die
+Unruhe vertrieb. Der Sohn war ihr doch das Liebste; und sie war nicht
+halb so bekümmert gewesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand
+und eine andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah.
+Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte ein
+Gefühl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors gestern
+Abend über das Geschwätz hatte den Pulverfaden angesteckt; bald würde
+es puff! machen. Wem dann die Augenbrauen versengt würden, war nicht
+zu bestimmen; daß aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen.
+
+Schließlich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf die
+Eichenhöhe kam, hörte sie Stimmen unten von der Landungsbrücke. Durch
+das Eichenlaub sah sie, wie Menschen sich um den Seeschuppen bewegten,
+mit einander sprachen, verhandelten, stritten. Es hatte sich, während
+sie fort war, etwas zugetragen! Aber was?
+
+Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anhöhe hinunter,
+um zu erfahren, was geschehen war.
+
+Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterstück des Netzbootes.
+Sie waren also um die Insel herum gerudert!
+
+Normans Stimme war deutlich zu hören, wie er den Verlauf schilderte:
+
+– Er ging auf den Grund wie ein Stein; dann kam er wieder in die Höhe;
+da aber kriegte er den Tod mitten durchs linke Auge; es war genau so,
+als lösche man ein Licht aus.
+
+– Herr Jesus, ist er tot? schrie die Alte und stürzte über den Zaun.
+
+Aber niemand hörte sie, denn Rundqvist setzte die Leichenrede im Boot
+fort.
+
+– Und dann warfen wir die Dregg und als der Ankerflügel ihn im Rücken
+packte, da ...
+
+Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die Netze
+trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie durch einen
+Schleier vor einem Spiegel, hinter den aufgehängten Netzen, wie alle
+Leute des Hofes um einen grauen Körper, der im Boot verstaut war,
+lagen, knieten, krochen. Sie schrie auf und wollte unter den Netzen
+durch, aber die Schwimmer blieben in ihren Haarflechten hängen und die
+Senker schlugen wie eine Geisel.
+
+– Was haben wir denn da in den Flundernetzen gefangen? schrie
+Rundqvist, der sah, daß das Garn lebendig wurde. Nein, ich glaube, das
+ist Tante!
+
+– Ist’s aus mit ihm? schrie Frau Flod so laut sie konnte. Ist’s aus
+mit ihm?
+
+– Aus wie mit einem toten Hund!
+
+Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungsbrücke. Da lag
+Gustav mit bloßem Kopfe im Boot auf dem Bauch, aber er bewegte sich,
+und unter ihm war ein großer haariger Körper zu sehen.
+
+Bist du’s, Mama? grüßte Gustav, ohne sich umzudrehen. Sieh, was wir
+gefangen haben!
+
+Die Alte machte große Augen, als sie einen fetten Seehund erblickte,
+dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gab’s allerdings nicht alle
+Tage; das Fleisch konnte man essen, wie es jetzt war; der Tran reichte
+zu manchem Paar Stiefel; das Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert.
+Aber nötiger war doch der Winterströmling, und sie sah nicht eine
+Flosse im Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, vergaß sowohl den
+wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten Seehund und brach in
+Vorwürfe aus:
+
+– Und der Strömling?
+
+– Dem war nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber den kann man ja
+schließlich kaufen, während man Seehunde nicht alle Tage kriegt.
+
+– Ja, so sprichst du immer, Gustav! Aber es ist wirklich eine Schande,
+drei Tage auszubleiben und nicht einen einzigen Fisch heimzubringen.
+Was sollen wir denn diesen Winter essen?
+
+Sie fand aber keine Zustimmung; vom Strömling hatte man genug
+bekommen, und Fleisch war Fleisch; außerdem hatten die Jäger durch
+ihre Erzählung des merkwürdigen Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf
+sich gelenkt.
+
+– Ja, benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich ein Stück vom
+Aas abhieb, hätten wir jetzt nicht den Ackerbau, so kriegten wir
+nichts zu essen!
+
+An diesem Tage fischte man nicht mehr; der große Waschkessel wurde
+aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen; in der Küche wurde
+gebraten und geschmort; dazwischen trank man Kaffeehalbe. Auf der
+südlichen Wand der Scheune wurde das Fell wie ein Siegeszeichen
+ausgespannt; Leichenreden wurden dabei gehalten, und alle kommenden
+und gehenden Kleingläubigen mußten ihre Finger in die Schußlöcher
+stecken und anhören: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund auf
+den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten Augenblick, als der
+Schuß losgehen sollte, zu Norman sagte; wie sich der sterbende Seehund
+im letzten Augenblick benahm, als ihm das »Leben wie ein Faden
+abgeschnitten wurde«.
+
+Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete heimlich
+sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte er sich mit Norman
+und Lotte ins Boot, um nach der Stadt zu fahren.
+
+ * * * * *
+
+Als Frau Flod an die Landungsbrücke hinunter kam, um die aus der Stadt
+Heimkehrenden zu empfangen, war Carlsson so freundlich und bescheiden,
+daß die Alte sofort merkte, es war etwas dazwischen gekommen.
+
+Nach dem Abendbrot ließ sie ihn in die Stube eintreten, damit er das
+Geld aufzähle. Er mußte sich setzen und berichten. Aber das ging
+träge; der Knecht schien keine Lust zu haben, etwas mitzuteilen; doch
+die Alte ließ nicht locker, bis er mit einem Reisebericht
+herausrückte.
+
+– Nun, Carlsson, melkte sie, Ihr seid doch auch bei Professors
+gewesen, nicht wahr?
+
+– Ja, natürlich war ich dort, antwortete Carlsson, der augenscheinlich
+von der Erinnerung unangenehm berührt wurde.
+
+– Nun, wie geht’s ihnen denn?
+
+– Sie lassen alle auf dem Hof grüßen; sie waren so freundlich, mich
+zum Frühstück einzuladen. Es war sehr fein in der Wohnung, und wir
+haben auch etwas Gutes gekriegt.
+
+– Was habt Ihr denn Gutes gekriegt?
+
+– Oh, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen und dazu Porter
+getrunken.
+
+– Da habt Ihr wohl auch die Mädchen gesehen, Carlsson?
+
+– Ja gewiß, antwortete Carlsson freimütig.
+
+– Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr?
+
+Das waren sie nun allerdings nicht; das würde aber die Alte zu sehr
+gefreut haben; darum antwortete Carlsson nicht darauf.
+
+– Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon gewesen, um
+uns die Musik anzuhören; da habe ich sie mit Sherry und belegten
+Brötchen traktiert. Es war, wie gesagt, sehr nett.
+
+In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen; die Sache war
+nämlich ganz anders verlaufen.
+
+Carlsson war in der Küche von Lina empfangen worden, denn Ida war
+ausgegangen; an der Ecke des Küchentisches hatte er dann eine halbe
+Flasche Bier getrunken. Dabei war die Frau des Professors in die Küche
+gekommen und hatte zu Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da
+abends Besuch komme; dann war sie wieder gegangen.
+
+Als Carlsson mit Lina wieder allein war, wurde die etwas verlegen;
+schließlich kriegte Carlsson aus ihr heraus, daß Ida seinen Brief
+empfangen und ihn eines Abends, als ihr Bräutigam dagewesen, laut
+vorgelesen habe; das war in der Kammer geschehen, wo der Bräutigam
+Porter trank und Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb
+tot gelacht. Zwei Male habe der Bräutigam den Brief gelesen, laut wie
+ein Pastor. Am meisten hatten sie sich über den »alten Carlsson« und
+seine »letzten Stunden« amüsiert. Als sie an die Stelle von
+»Versuchungen und Irrwegen« kamen, hatte der Bräutigam – er war
+Bierfahrer – vorgeschlagen, nach Berns Salon in die Versuchung zu
+gehen. Und sie waren dorthin gegangen und wurden von dem Bräutigam mit
+Sherry und belegten Brötchen traktiert.
+
+Ob nun Linas Erzählung Carlssons Sinn erregt und sein Gedächtnis
+erschüttert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die Kleider des
+Bierfahrers gewünscht, daß er sich in dessen angenehme Lage als Wirt
+versetzt, sich mit dem Hummer essenden Gast verwechselt, den Porter
+des Bräutigams getrunken und Linas Champignons gegessen hatte – genug,
+er stellte die Sache der Alten so dar, daß er die Wirkung erzielte,
+die er beabsichtigte; und das war die Hauptsache.
+
+Nachdem er so weit gekommen war, fühlte er sich ruhig genug, um zum
+Angriff überzugehen. Die Burschen waren auf See, Rundqvist hatte sich
+niedergelegt, und die Mädchen waren für diesen Tag fertig geworden.
+
+– Was ist das für ein Geschwätz, das hier im Kirchspiel umläuft; das
+ich überall hören muß? begann er.
+
+– Was schwatzt man jetzt wieder? fragte Frau Flod.
+
+– Ach, es ist das alte Geschwätz: wir dächten daran, uns zu heiraten.
+
+– Ja, das ist nichts Neues; das haben wir so oft gehört.
+
+– Aber es ist doch ganz unglaublich, daß die Leute behaupten, was
+nicht wahr ist! Das ist mir ganz unbegreiflich, sagte der listige
+Carlsson.
+
+– Ja, was solltet Ihr, der junge, flinke Kerl, auch mit einem alten
+Weibe, wie ich bin, anfangen?
+
+– Oh, was das Alter betrifft, damit hat’s keine Gefahr. Darf ich für
+mein Teil sprechen: sollte ich einmal daran _denken_, mich zu
+verheiraten, so wäre es nicht mit einer Dirne, die nichts kann und
+nichts weiß; denn seht Ihr, Tante, die Lust ist eine Sache und sich
+verheiraten eine andere! Denn die Lust, die weltliche Lust vergeht wie
+ein Rauch, und die Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der
+Zigarren spendiert. Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich
+verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer gewesen,
+und wer etwas anderes sagt, der lügt.
+
+Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung.
+
+– Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und Euch? untersuchte sie.
+
+– Ida, ja, die ist ja an und für sich ganz gut; ich brauchte nur den
+Finger nach ihr auszustrecken, dann hätte ich sie! Aber, Tante, sie
+hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist weltlich und eitel, und ich
+glaube, sie wandelt sogar auf unrechten Wegen. Übrigens muß ich sagen,
+ich fange an alt zu werden und habe keine Lust zum Schäkern mehr. Ja,
+gerade heraus gesagt: _sollte_ ich ans Heiraten denken, so würde ich
+eine ältere, verständige Person nehmen, eine, welche die rechte
+Gesinnung hat. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll,
+aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt ja die rechte
+Gesinnung; ja, die habt Ihr.
+
+Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons Winkelzüge
+besser verstehen zu können, damit sie nicht die Gelegenheit versäume,
+ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem Ja herausrückte.
+
+– Aber sagt mal, Carlsson, begann sie ein neues Garnende, habt Ihr
+denn nicht an die Witwe von Owassa gedacht, die allein steht und
+nichts Besseres verlangt, als wieder zu heiraten?
+
+– Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die _rechte
+Gesinnung_: wer mich haben will, der muß die rechte Gesinnung haben!
+Geld und äußeres Getue und feine Kleider, das macht auf mich keinen
+Eindruck, denn so bin ich nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann
+nichts anderes sagen.
+
+Der Stoff schien nun von allen Seiten benagt zu sein; einer mußte das
+letzte Wort sagen, solange es noch möglich war.
+
+– Nun, an wen habt Ihr denn gedacht, Carlsson? wagte sich die Frau
+einen kühnen Schritt vor.
+
+– Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe überhaupt noch
+nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche; ich schweige! Man soll
+nachher nicht sagen können, ich habe jemanden verlockt: von der
+Gesinnung bin ich nicht.
+
+Die Alte wußte jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war; und sie mußte
+sich noch ein Mal vortasten.
+
+– Ja, aber, lieber Carlsson, wenn Ihr Ida in Gedanken habt, dann könnt
+Ihr doch nicht in vollem Ernst an eine andere denken.
+
+– Ida, nein, die Füchsin will ich nicht geschenkt haben! Nein, etwas
+Besseres muß es sein; Kleider am Körper muß sie wenigstens besitzen;
+und hat sie noch etwas mehr, so schadet es auch nichts; doch sehe ich
+nicht darauf, denn so bin ich, das ist meine Gesinnung.
+
+Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, daß man in die
+Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich nicht noch einen
+Ruck gab.
+
+– Nun, Carlsson, was würdet Ihr sagen, wenn wir beide uns zusammen
+täten?
+
+Carlsson wehrte mit beiden Händen ab, als wolle er sofort vom ersten
+Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit verjagen.
+
+– Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen! beteuerte er. Daran
+wollen wir nicht einmal denken, geschweige denn davon sprechen. Was
+würden die Leute schwatzen: ich hätte Euch fürs Geld genommen. Aber so
+bin ich nicht, und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, über die Sache
+wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das, Tante, und
+gebt mir die Hand darauf (er streckte seine Hand aus), daß wir nie
+wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand darauf!
+
+Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben, sondern sie
+wollte gerade die Sache gründlich besprechen.
+
+– Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch zutragen
+könnte? Ich bin alt, das wißt Ihr, Carlsson, und Gustav ist nicht der
+Mann dazu, den Hof zu übernehmen. Ich brauche jemanden, der mir zur
+Seite steht und hilft; aber ich verstehe wohl, daß Ihr Euch nicht für
+andere verbrauchen und Euch nicht für nichts abrackern wollt: darum
+weiß ich mir keinen andern Rat, als daß wir uns verheiraten. Die Leute
+laßt nur schwatzen; sie klatschen doch so wie so! Habt Ihr nichts
+Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich nichts, was uns hindern
+sollte. Was habt Ihr gegen mich?
+
+– Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts; aber dieses
+dumme Geschwätz; und übrigens Gustav wird uns das nie vergessen.
+
+– Ach was, seid Ihr nicht Manns genug, den Jungen im Zaun zu halten,
+so werde ich’s schon besorgen. In die Jahre bin ich ja gekommen, aber
+so alt bin ich denn doch noch nicht, und ich muß ihm unter vier Augen
+sagen, Carlsson ... wenn es darauf ankommt, bin ich noch ebenso gut
+wie ein Mädchen. Ja, das ist keine Prahlerei, aber ich glaube, der
+Flod hat sich nicht zu beklagen gehabt; und wenn einer Anregung
+gebraucht hat, ich war es nicht.
+
+Das war eine dunkle Rede, aber genug für den, der sie verstand.
+
+– Oh, darüber habe ich mich nicht abfällig geäußert, antwortete
+Carlsson, und ich bin auch noch nicht so uralt, aber keiner von uns
+ist so erpicht aufs Tanzen, daß _das_ eine Gefahr sein sollte. Tanzen
+ist eine Sache, und Gesinnung eine andere, und wer die _rechte_
+Gesinnung hat, mit der kann man ins Brautbett gehen, ohne die Decke zu
+hoch heben zu müssen. Übrigens muß ich Euch sagen, Tante, ich bin
+nicht sehr fleischlich, und Ihr habt wohl auch genug gehabt, nach dem
+was ich über Flod gehört habe.
+
+Das Gespräch hatte einen solchen Reiz erhalten, daß man nicht
+aufhören konnte, zumal die Erinnerung an entschwundene Freuden der
+Einen neue Hoffnungen einflößte, während der Andere neugierig wurde
+auf das, was ihn erwartete.
+
+– Ja, den Flod wollen wir nun ruhen lassen, da er tot ist; aber seid
+Ihr bange, Carlsson, so könnt Ihr ja die Probe machen, ehe Ihr Euch
+entscheidet.
+
+– Oh, das ist durchaus nicht nötig, widersprach Carlsson. Aber ist das
+hier am Orte Sitte mit den Mädchen, Herr Gott, so will ich alten
+Brauch nicht brechen; man muß die Sitte nehmen, wie man sie findet ...
+
+Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Plänen und Beratungen,
+wie man sich Gustav gegenüber verhalten und wie man es mit der
+Hochzeit machen solle.
+
+Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, daß die Alte den
+Kaffeekessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen mußte.
+Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen, bis Carlsson
+in die rechte Gesinnung kam, um zu zeigen, daß er alten Brauch nicht
+brechen wolle. Damit war der Bund besiegelt, wenn auch noch nicht
+geweiht.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+ Man schlägt sich beim dritten Aufgebot, geht zum
+ Abendmahl und hält Hochzeit, kommt aber doch nicht
+ ins Brautbett
+
+
+Daß niemand besser ist, als wenn er stirbt, und keiner schlechter, als
+wenn er heiratet, mußte Carlsson bald erfahren. Gustav hatte gebrüllt
+wie ein hungriger Seehund, hatte drei Tage lang getobt, während
+Carlsson eine kleine Reise unter irgend einem Vorwande unternahm.
+
+Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach allen Seiten
+gewendet, um für den besten Menschen erklärt zu werden, der bisher
+geschaffen worden. Dagegen kehrte man Carlsson um wie alte Kleider, um
+ihn auf der innern Seite voller Flecken zu finden. Man entdeckte, daß
+er Bahnarbeiter und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fortgejagt
+worden, ein Mal ganz sicher geflüchtet, ein Mal, nach nicht verbürgter
+Angabe, wegen Schlägerei bestraft worden sei.
+
+Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die Flamme brannte
+nun einmal, und mit der Aussicht, daß der Witwenstand zu Ende sei,
+schien die Alte wieder aufzuleben und sich ein dickes Fell anzulegen,
+mit dem sie alles vertragen konnte.
+
+Die Feindseligkeit gegen Carlsson hatte ihre Wurzel darin, daß er,
+der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz dieses Stück Landes
+kommen sollte, das die Eingeborenen gewissermaßen als ihr Eigentum
+betrachtet hatten.
+
+Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben würde, verringerten
+sich des Sohnes Aussichten, einst sein eigener Herr zu werden; und
+seine Stellung auf dem Hofe würde künftighin wohl die eines Knechtes
+sein, und zwar unter der Vormundschaft und dem guten Willen des
+frühern Knechtes. Es war also ganz natürlich, daß der Abgesetzte
+raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte zur Polizei zu gehen,
+Anzeige zu machen und den künftigen Stiefvater fortjagen zu lassen.
+
+Noch böser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise im
+schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsmütze des seligen Flod
+zurückkam, die er bei der ersten zärtlichen Gelegenheit als Morgengabe
+erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundqvist, Carlsson
+einen Schabernack zu spielen.
+
+Eines Morgens, als man sich an den Frühstückstisch setzte, lag auf
+Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge unsichtbarer Dinge
+verbarg. Carlsson, der nichts Böses ahnte, hob das Handtuch auf und
+sah sein Tischende mit all dem Plunder gedeckt, den er in seinen Sack
+gesammelt und unter dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da
+standen leere Hummerbüchsen, Sardinendosen, Champignonkrüge, eine
+Porterflasche, unendlich viel Körke, ein gesprungener Blumentopf und
+anderes mehr.
+
+Ihm wurde grün vor den Augen; er wußte aber nicht, gegen wen er
+losbrechen sollte.
+
+Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er erklärte, das sei
+ein üblicher »Spaß« in der Gegend, wenn sich jemand verheirate.
+
+Unglücklicher Weise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen
+auszusprechen, daß der Lumpensammler so früh im Herbst gekommen,
+während er sonst sich nicht vor Neujahr zu zeigen pflege. Gleichzeitig
+griff Norman ein, um zu erklären, es sei kein Lumpensammler da
+gewesen, das seien Carlssons Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist
+dem Carlsson einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den
+beiden aus sei.
+
+Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, daß Gustav zur Pfarre segelte.
+Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf sechs Monate zu
+verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung waren.
+
+Das war für Carlsson ein Strich durch die Rechnung. Doch er suchte
+den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, indem er sich Ersatz
+verschaffte.
+
+Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich aufgefaßt; als das
+aber übel ablief, beschloß er, sie wenigstens den Leuten auf dem Hof
+gegenüber scherzhaft zu nehmen. Das gelang ihm auch, nur mit Gustav
+nicht; der unterhielt beständig einen unterseeischen Kampf, ohne
+irgend ein Zeichen zur Versöhnung blicken zu lassen.
+
+So verging der Winter, langsam und still. Man haute Holz, flickte
+Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte man Karten und trank
+Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten durch einen Schmaus. Lag der
+Eisvogeljagd ob.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde wieder Frühling. Der Eiderstrich lockte aufs Meer hinaus;
+aber Carlsson setzte alle Kräfte an die Bestellung, um auf eine gute
+Ernte rechnen zu können. Die war nötig, um den Ausfall zu ersetzen,
+den die Hochzeit bringen würde; besonders da man die Absicht hatte,
+eine große Hochzeit zu halten, an die man noch Jahre lang denken
+sollte.
+
+Mit den Zugvögeln kamen auch die Sommergäste. Der Professor nickte
+freundlich wie im vorigen Jahre und fand, es sei alles »schön« wie
+früher, besonders daß man Hochzeit halte. Glücklicher Weise war Ida
+nicht dabei. Sie hatte im April den Dienst verlassen und sollte sich
+bald verheiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend;
+auch hatte Carlsson zu viel Eisen im Feuer, um sich mit ihr
+einzulassen; zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt
+war, es zu verlieren.
+
+Am Mittsommertag wurden die Verlobten aufgeboten, und die Hochzeit
+sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden; dann war immer eine
+kleine Ruhepause in der Arbeit, sowohl zu Lande wie zu Wasser.
+
+Nach dem Aufgebot machte sich eine Änderung in Carlssons Wesen
+bemerkbar, die nicht gerade angenehm war; Frau Flod war die erste, die
+sie zu empfinden hatte. Nach der Sitte des Landes hatten sie seit der
+Verlobung wie verheiratete Leute gelebt; und der Bräutigam, den der
+Aufschub bedrohte, wußte sein Benehmen immer nach den zwingenden
+Umständen einzurichten. Als die Gefahr aber vorüber war, trug er den
+Kopf hoch und zeigte die Klauen.
+
+Das machte jedoch auf Frau Flod, die sich ebenfalls sicher fühlte,
+keinen andern Eindruck, als daß sie die Zähne zeigte, so viel sie noch
+hatte. So gerieten sie am Tage des dritten Aufgebots an einander.
+
+Die ganze Bevölkerung der Insel außer Lotte war nach der Kirche
+gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gewöhnlich hatte man das
+kleinste Boot genommen, um, falls man rudern mußte, so wenig Mühe wie
+möglich damit zu haben. Es war also eng im Boot, zumal man Proviant,
+Fische für den Pastor und Lichter für den Küster mitführte; außerdem
+hatte man alle möglichen Kleidungsstücke zum Wechseln mitgenommen;
+ganz abgesehen von Segel und Rudern, Schöpfgefäßen und Eimern,
+Schemeln und Tritten.
+
+Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Frühstück gegessen; hatte
+einander aus Krügen und Flaschen zugetrunken. Heiß war es auch auf
+See, und niemand wollte rudern; ein kleiner Streit brach unter den
+Männern aus, von denen keiner Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu
+kommen. Die Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht
+kam und die Glocken hörte, die man seit Jahr und Tag nicht vernommen,
+wurde der Zwist beigelegt.
+
+Es läutete erst zum ersten Male; man hatte also noch viel Zeit. Frau
+Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre hinauf.
+
+Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune.
+
+– Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hemsöer kommen, grüßte
+er und prüfte das Messer am Zeigefinger. Kommen die Leute mit Fischen,
+als hätte man die See nicht vor der Tür, schnauzte er.
+
+Carlsson, der die Fische trug, konnte in die Küche gehen, um sich
+einen Schnaps geben zu lassen.
+
+Dann ging man mit den Lichtern zum Küster; und dort gab es auch einen
+Schnaps.
+
+Schließlich trafen sich alle vor der Kirche, sahen sich die Pferde der
+Großbauern an, lasen die Grabsteine und begrüßten Bekannte. Frau Flod
+machte dem Grabe Flods einen kurzen Besuch, während Carlsson bei Seite
+ging.
+
+Als es zum letzten Male geläutet hatte, trat die Gemeinde in die
+Kirche ein.
+
+Da die Hemsöer, nachdem die alte Kirche verbrannt war, keinen eigenen
+Kirchenstuhl hatten, mußten sie auf dem Gange stehen. Heiß war es, und
+fremd fühlten sie sich in dem großen Raume; aus reiner Verlegenheit
+schwitzten sie; sie sahen aus wie eine Bande aus der Besserungsanstalt,
+die am Pranger stand.
+
+Die Uhr wurde elf, ehe man zum Kanzellied kam; die Hemsöer hatten
+einige zwanzig Male die Beine umgestellt und die Füße gewechselt. Die
+Sonne schien so heiß in die Kirche, daß der Schweiß ihnen von den
+Stirnen perlte; aber sie standen wie in einer Zange und konnten sich
+nicht nach einem schattigen Fleck retten.
+
+Da kommt der Kirchendiener und setzt Nummer 158 des Gesangbuches an.
+Die Orgel spielt ein Vorspiel und der Küster beginnt mit der ersten
+Strophe. Die wird mit Lust und Liebe gesungen, da man unmittelbar nach
+ihr die Predigt erwartete. Aber siehe, es kommt Strophe zwei und drei.
+
+– Es kann doch nicht sein Ernst sein, alle achtzehn durchzunehmen?
+flüsterte Rundqvist Norman zu.
+
+Aber es war Ernst! In der Tür zur Sakristei war Pastor Nordströms
+zorniges Gesicht zu sehen, das die Gemeinde trotzig und herausfordernd
+anblickte; er hatte beschlossen, ihr eine gehörige Lehre zu geben, da
+er sie ein Mal unter den Händen hatte.
+
+Und alle achtzehn Strophen wurden gesungen; die Uhr war halb zwölf,
+als der Pastor endlich auf die Kanzel kam. Da aber waren sie weich, so
+weich, daß sie auf ihr Angesicht niederfielen und einschliefen.
+
+Lange dauerte jedoch der Schlaf nicht, denn eins, zwei, drei schrie
+der Pastor sie an, daß die Schlummernden auffuhren, die Köpfe in die
+Höhe warfen und den Nachbar dumm anstarrten, als fragten sie, ob Feuer
+ausgebrochen sei.
+
+Carlsson und die Alte hatten sich so weit vorgedrängt, daß ein
+Rückzug nach der Tür unmöglich war, ohne Aufsehen zu erregen. Die Alte
+weinte aus Müdigkeit und infolge ihrer engen Stiefel, die um so ärger
+drückten, je höher die Wärme stieg. Zuweilen warf sie ihrem Bräutigam
+einen bittenden Blick zu, als flehe sie ihn an, sie an die See
+hinunter zu tragen; der aber war so in den Gottesdienst vertieft, wie
+er da in Flods weiten roßledernen Stiefeln stand, daß er die
+Ungeduldige nur mit bösen Blicken strafte.
+
+Die andern dagegen waren achteraus gesackt und unter die Orgelempore
+gekommen; dort war es kühl und man hatte etwas Schatten. Dort
+entdeckte Gustav auch die Feuerspritze, ließ sich darauf nieder und
+nahm Clara auf den Schoß.
+
+Rundqvist lehnte sich an einen Pfeiler und Norman stand neben ihm, als
+die Predigt begann.
+
+Es waren »Worte und keine Lieder«, scharfe Worte, und sie dauerten
+sechs Viertelstunden. Der Text handelte von den klugen und törichten
+Jungfrauen; da keiner von den Mannsleuten den auf sich bezog, schlief
+die ganze Gesellschaft; schlief sitzend, hängend, stehend.
+
+Als eine halbe Stunde vergangen war, stieß Norman Rundqvist, der sich
+die Stirn mit der Hand hielt, als sei ihm nicht wohl, in die Rippen
+und zeigte mit dem Daumen nach Clara und Gustav auf der Feuerspritze.
+Rundqvist drehte sich behutsam zur Seite, sperrte die Augen auf, als
+sehe er den Bösen selber; schüttelte den Kopf und lächelte, als habe
+er verstanden. Clara hatte nämlich die Augen geschlossen und ließ die
+Zunge hängen, als schliefe sie in schmerzlichen Träumen; Gustav aber
+starrte unverwandt Pastor Nordström an, als wolle er jedes Wort
+aufessen und strenge sich an, das Stundenglas rinnen zu hören.
+
+– Aber die sind ja toll, flüsterte Rundqvist, ging langsam und
+vorsichtig rückwärts, behutsam mit den Fersen tappend, um nicht heftig
+gegen die Ziegelsteine zu stoßen.
+
+Norman aber hatte Rundqvists Gedanken schon gelesen: schnell wie ein
+Aal war er zum Kirchhof hinaus geschlüpft. Dorthin folgte Rundqvist
+ihm bald. Beide eilten dann zusammen nach dem Boot hinunter.
+
+Draußen wehte ein kühler Seewind, und die hastig eingenommenen
+Erfrischungen setzten ihre Kräfte bald wieder in Stand. Leise, wie sie
+gekommen, kehrten sie wieder in die Kirche zurück.
+
+Dort war Clara in des schlafenden Gustavs Armen entschlummert; die
+umfaßten sie aber so hoch oben, daß Rundqvist sie etwas
+hinunterschieben zu müssen glaubte. Dabei erwachte Gustav jedoch und
+umfaßte seinen Raub von neuem, als habe jemand ihm das Mädchen nehmen
+wollen.
+
+Eine halbe Stunde dauerte noch die Predigt; und dann ging noch eine
+halbe darauf mit dem Kirchenliede, ehe das Abendmahl begann.
+
+Unter starker Erregung wurden die Gnadenmittel genommen. Rundqvist
+weinte.
+
+Als die feierliche Handlung zu Ende war, wollte sich Frau Flod in
+einen Kirchenstuhl drängen. Dabei wäre es beinahe zu einem Streit
+gekommen, und sie wurde aus dem Stuhl wieder hinausgewiesen. So
+brachte sie die letzte halbe Stunde hinter dem Stuhl des
+Kirchenvorstehers zu, auf den Hacken stehend, als verbrennten die
+Ziegelsteine ihr die Sohlen. Wie der Pastor das Aufgebot vorlas, wurde
+sie ganz wild, weil die Leute sie ansahen.
+
+Endlich war alles aus, und man stürzte nach dem Boot hinunter. Frau
+Flod konnte nicht mehr warten, sondern zog, sobald sie die
+Glückwünsche vor der Kirche empfangen, ihre Schuhe aus und trug sie
+hinunter zum Boot. Dort steckte sie die Füße ins Wasser und schalt
+Carlsson aus.
+
+Dann machte man sich über den Mundvorrat her. Als man entdeckte, daß
+die Pfannkuchen fehlten, wurde Lärm geschlagen. Rundqvist hielt es für
+wahrscheinlich, daß sie vergessen waren; Norman meinte, jemand habe
+sie auf dem Hinweg aufgezehrt; dabei warf er einen argwöhnischen Blick
+auf Carlsson.
+
+Schließlich stieg man ins Boot. Da aber erinnerte sich Carlsson, daß
+er ein Faß Teer aus dem Kirchenschuppen abzuholen habe. Das gab einen
+Sturm. Die Frauen schrien, sie wollten keinen Teer im Boot haben; um
+keinen Preis, da sie neue Kleider anhätten. Doch Carlsson holte die
+Teertonne und verstaute sie.
+
+Da entstand wieder ein Leben über die Frage, wer neben dem
+gefährlichen Gefäß sitzen sollte.
+
+– Worauf soll man denn sitzen? jammerte Frau Flod.
+
+– Nimm die Röcke hoch und setz dich auf den Hintern, antwortete
+Carlsson, der sich jetzt, nachdem er aufgeboten war, sehr viel mehr zu
+Hause fühlte.
+
+– Was sagst du? zischte die Alte.
+
+– Ja, das sage ich: setz dich ins Boot, damit wir fortkommen!
+
+– Wer hat den Befehl auf See, möchte ich wissen? fiel Gustav ein, der
+fand, daß man seiner Ehre zu nahe trat.
+
+Und Gustav setzte sich ans Steuer, ließ aufhissen und nahm die Schot
+in die Hand.
+
+Das Boot war tief beladen, der Wind war äußerst schwach, die Sonne
+brannte heiß und die Köpfe befanden sich in Gärung. Das Boot kroch
+dahin »wie eine Laus auf geteerter Birkenrinde«, und es half nicht,
+daß die Mannsleute einen Segelschnaps nahmen.
+
+Die Geduld verging ihnen bald und das Schweigen, das eine Weile
+geherrscht hatte, wurde von Carlsson unterbrochen, der die Segel
+reffen und rudern wollte. Das wollte Gustav aber nicht:
+
+– Wartet nur! Sobald man aus den Kobben heraus ist, kann man schon
+segeln, meinte er.
+
+Und man wartete. Schon war draußen im Gatt zwischen den Inseln ein
+dunkelblauer Streifen zu sehen, und man hörte die See gegen die
+äußeren Schären branden. Ein starker östlicher Wind war im Anzuge, und
+Leben kam in die Segel. Gerade als man um eine Landzunge bog, kam
+solcher Wind, daß sich das Boot legte, wieder hoch hob und dahin
+schoß, daß es hinter ihm gurgelte.
+
+Jetzt mußte die ganze Gesellschaft einen Schnaps nehmen. Alle lebten
+auf, als das Boot guten Gang machte.
+
+Dann aber frischte der Wind auf; das Boot lag leewärts unter Wasser,
+wurde aber vom Wind durchgedrückt.
+
+Carlsson ward bange, hielt sich an den Tauen fest und bat, man solle
+reffen und zu den Riemen greifen.
+
+Gustav antwortete nicht, sondern holte die Schot an, daß Wasser ins
+Boot kam.
+
+Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder auslegen. Aber
+die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn nieder.
+
+– Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie.
+
+Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war weiß. Aber er saß
+nicht lange, als er auffuhr und, ganz außer sich, den Rockschoß
+aufhob.
+
+– Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit dem
+Rockschoß.
+
+– Was leckt? fragten alle auf einmal.
+
+– Das Teerfaß!
+
+– Herr Jesus! riefen alle und rückten von dem Teerfluß fort, der allen
+Bewegungen des Bootes folgte.
+
+– Sitzt still im Boot, brüllte Gustav; sonst segle ich euch um!
+
+Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise kam.
+Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz und gab ihm
+eine Maulschelle, daß er niederstürzte.
+
+Eine Schlägerei stand bevor. Frau Flod geriet außer sich und schritt
+ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und schüttelte ihn.
+
+– Was ist das für ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat? Weißt du
+nicht, daß man im Boot still sitzen muß?
+
+Carlsson wurde böse, riß sich los, verlor aber ein Stück vom
+Rockkragen.
+
+– Reißt du meine Kleider kaputt, Weibstück! schrie er und
+setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu schützen.
+
+– Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider? Von wem hast du
+denn den Rock? Weibstück für solch einen Laichhering, der nichts hat ...
+
+– Schweig, brüllte Carlsson, in seinem empfindlichsten Punkt
+getroffen; sonst antworte ich!
+
+– Antworte nur; ich werde schon zurückgeben, meinte Frau Flod.
+
+– Ja, ich könnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem Brett,
+der gut ist auf frischem.
+
+Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen Schottischen an;
+in den fielen Norman und Rundqvist ein. Das giftige Gespräch flaute
+ab, um auf den gemeinsamen Feind überzugehen, den Pastor Nordström,
+der sie fünf Stunden hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen
+lassen.
+
+Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichmäßiger, die
+Gemüter beruhigten sich. Die beste Stimmung herrschte, als das Boot in
+die Bucht einfuhr und an der Brücke anlegte.
+
+ * * * * *
+
+Die Vorbereitungen für die Hochzeit, die drei Tage dauern sollte,
+nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und eine Kuh; kaufte
+hundert Kannen Branntwein; legte den Strömling in Salz und
+Lorbeerblätter; scheuerte, backte, braute, kochte, briet, mahlte
+Kaffee.
+
+Gustav ging während all dieser Zurüstungen mit einem geheimnisvollen
+Gesicht umher; ließ die Andern gewähren und äußerte keinerlei Ansicht.
+
+Carlsson dagegen saß meist vor der Klappe des Sekretärs und rechnete;
+fuhr nach dem Badeorte Dalarö; ordnete alles, wie er es haben wollte.
+
+Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen packte Gustav seine
+Tasche, nahm die Flinte und ging. Die Mutter erwachte und fragte,
+wohin er wolle. Gustav antwortete, er wolle hinausfahren, um
+nachzusehen, ob der Badefisch schon gekommen. Damit drückte er sich.
+
+Sein Boot hatte er mit Mundvorrat für mehrere Tage versehen; auch nahm
+er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und andere Sachen mit, die für
+einen Aufenthalt auf den Schären nötig waren.
+
+Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die Buchten
+einzubiegen, um nachzusehen, ob der Kühlung auf die warmen sandigen
+seichten Ufer zum »baden« hinauf gezogen sei, hielt er geradewegs
+zwischen die Kobben hindurch.
+
+Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel blauweiß wie
+abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Schären, Kobben, Riffe lagen so weich
+und schmelzend im Wasser, daß man nicht sagen konnte, ob sie der Erde
+oder dem Himmel angehörten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen,
+und auf den Landzungen lagen Sägergänse, Trauerenten, Taucher, Möwen.
+Nach dem offenen Meer zu waren nur Meerkiefern zu sehen, und Teiste,
+Alke, schwarze, papageiähnliche, schwärmten frech um das Boot, um den
+Jäger von den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten.
+
+Schließlich wurden die Schären niedriger, nackter; und hier draußen
+war nur eine vereinzelte Kiefer übrig gelassen, um den Nistkasten zu
+tragen, in dem man Eider und Sägergänse ihre Eier legen ließ; oder
+eine Eberesche, über deren Krone eine Wolke von Mücken sich im Winde
+schaukelte. Dahinter lag das offene Meer. Dort hielt die Raubmöwe ihre
+Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, Möwen und Blaumänteln. Dorthin lenkte
+der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht eine liegende
+Eiderente zu packen.
+
+Dorthin, nach der letzten Schäre, steuerte jetzt Gustav, an der
+Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer lauen südlichen
+Brise ließ er sich schleppen; gegen neun ging er auf der Schäre
+Norsten an Land.
+
+Es war eine felsige Insel, einige Morgen groß, mit einer Talmulde in
+der Mitte. Einige kahlköpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen;
+auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in
+den Klüften; und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus
+Heidekraut, Krähenbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten
+angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbüsche lagen wie
+platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Nägeln
+festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden.
+
+Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wußte, welchen
+Wachholderbusch er heben mußte, um die brütende Eider zu finden, die
+sich den Rücken streicheln ließ und ihn ins Hosenbein biß. Er steckte
+seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen
+den Hals umzudrehen, da er sie zum Frühstück haben wollte.
+
+Hier draußen fischten die Hemsöer ihre Strömlinge. Hier hatten sie
+zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen Schuppen gebaut,
+in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch
+Gustav seine Schritte, nahm den Schlüssel von seinem gewöhnlichen Ort
+unterm Dachbart und trug seine Gerätschaften hinein. Der Schuppen
+bestand nur aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die
+fachförmig übereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch,
+einen Dreifuß zum Sitzen.
+
+Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach
+hinauf, um die Schornsteinluke zu öffnen. Als er wieder herunter kam,
+holte er die Streichhölzchen von ihrem Platze unter einem Balken und
+machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem
+Brauch, einen Arm voll Brennholz für seinen Nachfolger zurecht gelegt.
+Dann setzte er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene
+Fische über die Kartoffeln. Während er wartete, rauchte er eine
+Pfeife.
+
+Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum
+Boot hinunter, wo er die Lockvögel hatte. Ruderte die hinaus und
+verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schießkoje, die
+aus Steinen und Reisig gebaut war.
+
+Die Lockvögel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen,
+aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er
+ermüdete. Trieb sich auf den Sandsteinen umher, um eine Otter
+aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester
+zwischen glänzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer.
+
+Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu bekommen; er
+trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben; um nicht daheim sein zu
+müssen; es machte ihm Vergnügen, sich hier draußen herumzutreiben, wo
+niemand ihn sah, niemand ihn hörte.
+
+Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief.
+
+Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glück
+auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill, und er sah,
+wie sich das Land gleich dünnem Rauch in der goldenen Straße der
+sinkenden Sonne streckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen
+Nacht, und er hörte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die
+Seehunde badeten in gehöriger Entfernung, steckten ihre Schwachköpfe
+aus dem Wasser, blökten, pusteten und tauchten wieder unter.
+
+Der Dorsch biß wirklich; es gelang Gustav einige Weißbäuche
+heraufzuholen, die mit ihrem großen aber ungefährlichen Schlund nach
+Wasser schnappten und mit ihren Augen in die Sonne blinzelten, als sie
+aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt wurden und über die Reling ins
+Boot sprangen.
+
+Gustav hatte auf der nördlichen Seite der Schäre gehalten; als es aber
+schnell Abend wurde und er wendete, um zurückzufahren, merkte er erst,
+daß der Schornstein des Schuppens rauchte. Sich fragend, wer das sein
+könne, machte er, daß er so schnell wie möglich hin kam.
+
+– Bist du’s? hörte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors.
+
+– Nein, Sie sind’s, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt, als er den
+Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten sah. Sind Sie
+allein draußen?
+
+– Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der
+Südseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen. Aber warum
+bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rüsten?
+
+– Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav.
+
+– Ach Geschwätz, warum solltest du sie nicht mitmachen?
+
+Gustav erklärte, so gut er konnte, seine Gründe; aus denen ging
+hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das ihn anwiderte;
+zweitens wollte er den brandmarken, der sein Gegner war.
+
+– Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht schade um
+sie, so bloßgestellt zu werden?
+
+– Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist eher schade um
+mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht
+erben, solange er darauf sitzt.
+
+– Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ändern; vielleicht aber
+kann man später ein Mal etwas dabei machen. Jetzt mußt du morgen ganz
+früh dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mußt du jedenfalls
+mitmachen!
+
+– Daraus wird nichts, da ich’s mir einmal in den Kopf gesetzt habe,
+versicherte Gustav.
+
+Der Pastor ließ den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seinen
+Hering zu essen.
+
+– Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von neuem. Siehst du,
+meine Alte schließt alles Starke ein, und ich kriege so früh nichts.
+
+Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehörigen Schluck.
+Darauf wurde er gesprächig und schwatzte alles mögliche über die
+Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die äußeren wie die innern.
+
+Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen
+und die Dämmerung sich wie ein melonenfarbiger Nebel über Kobben und
+Wasser legen. Die Möwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die
+Krähen zogen nach den innern Schären, um in den Wäldern Nachtquartier
+zu suchen.
+
+Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mußten die Mücken aus dem
+Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tür geschlossen und
+der Raum mit »Schwarzem Anker« vollgeraucht; darauf wurde die Tür
+wieder geöffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen.
+
+Die beiden Fischer warfen die Röcke ab und kletterten in ihre Kojen.
+
+– Jetzt mußt du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte der Pastor,
+der schon sein gehöriges Teil erhalten hatte.
+
+Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte Ölung. Dann wollte man
+schlafen.
+
+Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen
+Tageslicht brach durch die undichten Wände. Doch in der schlechten
+Beleuchtung fanden einzelne Mücken ihren Weg zu den Schläfrigen, die
+sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Quälgeistern zu
+entgehen.
+
+– Nein, das ist doch toll! stöhnte schließlich der Pastor. Schläfst
+du, Gustav?
+
+– Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber
+womit soll man sich die Zeit vertreiben?
+
+– Wir müssen wohl aufstehen und wieder Feuer anzünden; einen andern
+Rat weiß ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten hätten, könnten wir
+eine Mariage machen. Du hast wohl keins?
+
+– Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarnöer ihres
+haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die
+letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas
+abgegriffen war.
+
+Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig auf den Herd
+und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte den Kaffeekessel auf
+und zog eine Strömlingstrommel herbei; die wurde zwischen die Knie
+gestellt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an.
+Bald tanzten die Karten.
+
+Die Stunden vergingen.
+
+– Drei frische, passe, Trumpf, war zu hören; dazwischen ein Fluch,
+wenn eine Mücke unversehens ihren Schröpfkopf auf Nacken und Knöchel
+der Spieler ansetzte.
+
+– Hör mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken anderswo
+als bei Karten und Mücken gehabt zu haben schien, schließlich das
+Spiel, könntest du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der
+Hochzeit fern zu bleiben? Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten
+aus dem Weg gehst! Willst du ihn ärgern, so weiß ich bessern Rat.
+
+– Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es allerdings leid
+tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem väterlichen
+Erbe genommen wurde.
+
+– Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung, heim; sag, du
+seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann
+nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn
+betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt; auch sorgen wir dafür,
+daß die Burschen ihren Spaß mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht
+genug?
+
+Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein
+auf der Schäre zu hausen, um nachts von den Mücken aufgefressen zu
+werden, machte ihn weich; zumal er sich wirklich danach sehnte, all
+die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken
+zu lassen.
+
+Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszuführen sei,
+und Gustav erklärte sich bereit, bei der Ausführung mitzuwirken.
+
+Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schließlich in
+ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die Türspalten drang und
+die Mücken ihres nächtlichen Tanzes müde geworden waren.
+
+ * * * * *
+
+Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern
+gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten
+habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine
+Teufelei im Werke. Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll,
+erstens, weil der die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte;
+zweitens, weil der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung
+zeigte. Carlsson hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn
+geschmiert, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm
+der Pastor immer seinen breiten Rücken zu; hörte nie auf das, was er
+sagte; erzählte immer Geschichten, die sich sehr wohl auf den
+vorliegenden Fall anwenden ließen.
+
+Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren Anschlag gegen
+ihn ausführen würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen
+begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf
+Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö
+angestellt; dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und
+dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig
+gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem
+Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hieß der Bootsmann, war
+nämlich vom Pastor nicht konfirmiert worden, weil er Mädchen
+nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres hatte ihm
+Schwierigkeiten bei der Marine gemacht.
+
+Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben ihren
+Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts
+Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen; was dann weiter zu tun
+war, würden die Umstände schon ergeben.
+
+Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte
+entscheiden, welche die wirksamere war.
+
+Der Hochzeitstag brach an.
+
+Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen
+Vorbereitungen.
+
+Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Wasserverbindungen
+niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand; verdutzt strichen
+die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.
+
+Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln
+umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die
+Leuchter zu stecken.
+
+Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen
+und hinter einer Ecke aufgestellt worden, daß es aussah, als sei
+Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte
+man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher
+geliehen. Über der Haustür hingen Kranz und Krone aus Preißelbeerreis
+und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche.
+
+In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den
+stärksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen: Carlsson
+liebte starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen
+durch das seifengrüne Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie
+Kohlenfeuer; die silberähnlichen Zinnkapseln, welche die Korke
+bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke.
+
+Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften,
+als ständen sie vor einem Ladenfenster; sie fühlten den Vorgeschmack
+eines angenehmen Kratzens im Schlunde.
+
+Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen; wie grobe
+Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt Branntwein, das
+andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen, Kugelpyramiden gleich,
+zweihundert Bierflaschen.
+
+Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann Rapp ging
+umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher am Bauchriemen, das
+Kriegsgerät ordnend, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die
+Fässer mit Fichtenreisern verziert, sie angestochen und mit
+Metallhähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen
+Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu
+lassen, daß sich etwas in ihnen befand.
+
+In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen
+Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit halber ohne
+Seitengewehr, flößte er den Bauernburschen großen Respekt ein. Außer
+seiner Befassung als Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu
+halten, Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägereien
+einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie
+ihn; das war aber nur Neid; sie hätten so gern die Uniform angezogen
+und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tauende und die launischen
+Kanoniere gefürchtet hätten.
+
+In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herde, und
+zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden
+mit dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern
+aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und
+Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit
+Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war.
+
+Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den
+Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Clara.
+
+Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den
+Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten
+sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern strichen in Scharen um
+den Hof.
+
+Ein glücklicher Zufall hatte es gefügt, daß des Professors Frau und
+Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage hatten reisen müssen, und nur
+der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung
+angenommen, gab auch seinen großen Saal für die feierliche Handlung
+her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und
+Abendschmaus. Da waren lange Bretter auf Böcke und Fässer gelegt, um
+Tische und Bänke zu bilden; die Tische waren bereits mit Decken
+versehen und mit Kaffeetassen gedeckt.
+
+Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen.
+Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke,
+hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spöttische
+Anmerkungen zu erheitern.
+
+Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu
+donnern, hauptsächlich mit Dynamitpatronen; er hielt sich hinter der
+Hausecke und übte sich in kleinerem Maßstabe mit einem Terzerol. Dafür
+hatte er aber seine Harmonika hergeben müssen; die war heute in Acht
+und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, den
+Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr war sehr
+empfindlich, wenn man in seine Kunst griff.
+
+Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune, bereit,
+mit dem Brautpaar zu spaßen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von
+Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen.
+
+– Nun, müssen wir auch gleich taufen? grüßte Pastor Nordström.
+
+– Nein, potztausend, so eilig ist’s denn doch nicht! antwortete der
+Bräutigam, ohne verlegen zu werden.
+
+– Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor, während die
+Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf einer Hochzeit getraut und
+getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sich es leisten
+konnten. Im Ernst, wie steht’s mit der Braut?
+
+– Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wann es
+los geht, antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz
+anwies, zwischen der Mutter des Kirchenvorstehers und der Witwe von
+Owassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt.
+
+Der Professor kam, in Frack und weißer Binde, mit schwarzem hohen Hut.
+Der Pastor nahm ihn sofort als ebenbürtige Standesperson in Anspruch
+und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und
+Ohren belauschten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor
+sei ein grundgelehrter Mann.
+
+Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit; man suche nur
+Gustav noch, um anfangen zu können.
+
+– Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte es bis zur
+Scheune.
+
+Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen.
+
+– Oh, ich weiß es wohl, wo er ist, erklärte Carlsson.
+
+– Wo kann er denn sein? höhnte Pastor Nordström so, daß Carlsson es
+merkte.
+
+– Man hat ihn draußen auf Norsten gesehen, hat ein Vogel gezwitschert;
+und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum trinken verführte!
+
+– Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck,
+auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist jedenfalls unrecht von
+ihm, sich nicht zu Hause zu halten, wo er so gute Vorbilder und so
+treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder
+sollen wir warten?
+
+Die Braut ward gehört. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie
+doch, daß man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde.
+
+So begann man aufzubrechen, während hinten auf den Bergfelsen der
+Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog
+den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor führte die
+Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weißen Schleier
+mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnürt; was verborgen werden
+sollte, wurde um so sichtbarer.
+
+So zog man in den Saal des Professors hinauf, während die Geige
+knirschte und die Schüsse knallten.
+
+Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um
+nach dem verlorenen Sohn zu spähen; als sie zur Tür hinein sollte,
+mußte der Pastor sie schleppen, während sie die Augen hinten hatte.
+
+Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gäste rings an den
+Wänden auf, als bildeten sie die Wache für eine Hinrichtung. Das
+Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Stühlen Platz, die mit einem
+brüsseler Teppich bedeckt waren.
+
+Der Pastor hatte das Buch genommen, befühlte seinen Kragen und wollte
+sich gerade räuspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte.
+
+– Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl!
+
+Es wurde fast ganz still im Zimmer; man hörte nur das Knarren von
+Stiefeln und das Knittern gestärkter Hemden; nach einigen Augenblicken
+hörte das auf, man sah einander an, wurde verlegen, hustete; dann ward
+es wieder still. Schließlich sagte der Pastor, an dem aller Blicke
+hingen:
+
+– Jetzt beginnen wir; länger können wir nicht warten! Ist er noch
+nicht gekommen, so kommt er auch nicht.
+
+Dann begann er:
+
+– Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet ...
+
+Eine gute Weile war vergangen, die älteren Frauen rochen an ihrem
+Lavendel und weinten, als plötzlich ein Knall vom Hofe zu hören war
+und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf,
+ließ sich aber nicht weiter stören; nur Carlsson rührte sich etwas
+unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff!
+puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an
+der Tür standen, fingen an zu kichern.
+
+Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Bräutigam:
+
+– Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich
+dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau
+haben und sie in Lust und Leid lieben willst?
+
+An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkörke,
+Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz toll zu bellen.
+
+– Wer zieht denn da draußen Flaschen auf und stört den heiligen Akt?
+brüllte Pastor Nordström wütend.
+
+– Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson heraus, der seine
+Neugier und Unruhe nicht länger zurückhalten konnte. Macht Rapp diesen
+Spektakel?
+
+– Was soll ich machen, rief Rapp, der in der Tür stand und sich von
+der Zumutung verletzt fühlte.
+
+Puff! puff! puff! knallte es unaufhörlich.
+
+– Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach, was los ist, damit
+nicht noch ein Unglück geschieht, schrie der Pastor; nachher fahren
+wir fort.
+
+Einige Hochzeitsgäste stürzten hinaus, andere drängten sich an die
+Fenster.
+
+– Das ist das Bier! schrie jemand.
+
+– Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor.
+
+– Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen!
+
+Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen und knallten
+und brausten, daß der Schaum auf die Erde rann.
+
+Die Braut war über die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung
+erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der Bräutigam wurde gescholten,
+weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte; beinahe wäre er in
+eine Schlägerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld
+schieben wollte. Der Pastor war zornig, daß die heilige Handlung von
+den Flaschen gestört worden. Draußen aber standen die Jungen und
+tranken die Reste aus den Flaschenböden; während ihrer Rettungsarbeit
+bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke
+heraus gesprungen waren.
+
+Als sich schließlich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von
+neuem im Saal, allerdings nicht mehr so andächtig wie vorher. Nachdem
+der Pastor die Frage an den Bräutigam wiederholt hatte, wurde die
+heilige Handlung zu Ende geführt, ohne daß sie von etwas Anderm
+unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu
+unterdrücken vermochten.
+
+Die Glückwünsche regneten auf die Neuvermählten nieder; und so schnell
+man konnte, verließ man den Saal, der nach Schweiß, Tränen, feuchten
+Strümpfen, Lavendel und welken Blumensträußen roch.
+
+Eilig ging’s an den Kaffeetisch.
+
+Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber die Braut
+hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mußte hierhin und dorthin
+eilen, um nach den Zurüstungen zu sehen.
+
+Die Sonne schien glänzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen
+plauderte und lachte man. Der Branntwein floß in die Kaffeetöpfe, als
+die zweite Tasse kam, in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch
+oben am Kopfende beim Bräutigam wurde Punsch geboten; weder Bauern
+noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getränk, das man sich
+nicht alle Tage leistete, und der Pastor ließ sich’s aus seinem
+Kaffeetopf wohl bekommen.
+
+Heute war er ungewöhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm
+unaufhörlich zu, rühmte ihn und zeigte ihm die größte Aufmerksamkeit.
+Doch vergaß er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr
+Vergnügen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber
+es war nicht leicht, ihn im Gespräch zu finden, da Musik nicht die
+starke Seite des Pastors war und der Professor aus Höflichkeit das
+Gespräch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem dieser
+gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer verstand, konnte
+der eine dem andern auch nicht näher kommen. Überhaupt sprach der
+Professor, der gewohnt war, seinen Gefühlen in Musik Luft zu machen,
+nicht viel.
+
+– Sind viel Leute in der Kirche? fragte er.
+
+– Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl ist. Werden
+wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor? fragte der Pastor.
+
+– Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht.
+
+– Können nicht! Warum nicht?
+
+– Ich muß den Ablaß ausspeien! antwortete der Professor und machte ein
+saures Gesicht.
+
+Pastor Nordström, der nicht verwöhnt war, fand, das war roh gesagt von
+einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm ab und fuhr fort, dem
+Bräutigam zuzusetzen.
+
+– Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem hin. Was hast
+du denn gepredigt?
+
+– Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson.
+
+– Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr gehört, Burschen –
+damit wandte er sich an die Männer – habt ihr von jenem Reiseprediger
+sprechen hören, der jetzt umherläuft und den Bauern zeigen will, wie
+man Kinder macht!
+
+– Hahaha! lachten Männer und Burschen, während die Frauen sich
+abwandten und grinsten.
+
+– Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen!
+
+– Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist mit einer
+schurkisch unschuldigen Miene. Als wüßte man nicht, wie man auf der
+Tenne drischt, während man den Roggen draußen läßt.
+
+Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt
+dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe in seinem Mut
+gestärkt, wollte er mit dem Professor über Musik sprechen.
+
+– Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, grüßte er und knipste an
+seiner Geige; wir haben ja gewissermaßen etwas gemeinsam, denn ich
+spiele auch, wenn auch nur auf meine Art.
+
+– Geh zur Hölle, Schneider! Sei nicht unverschämt! wies ihn Carlsson
+ab.
+
+– Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht’s nichts an, Carlsson!
+Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus, und sagen Sie mir,
+ob die nicht gut ist; sie hat zehn Reichstaler gekostet.
+
+Der Professor knippste die Quinte, lächelt und sagte freundlich:
+
+– Recht gut!
+
+– Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort
+hören! Aber über Kunst sprechen mit diesen – er wollte flüstern, aber
+die Stimmittel weigerten sich, zu nuancieren, und er schrie –
+Bauernlümmeln ...
+
+– Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie man im Chor.
+
+– Hör mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken: dann können wir
+nicht tanzen!
+
+– Rapp, du mußt auf den Spielmann achten, daß er nicht mehr trinkt!
+
+– Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht geizig, du
+Preller?
+
+– Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor, sonst
+kriegst du Schläge.
+
+Aber der Spielmann wollte unbedingt über seine Kunst schwatzen; um
+seine Behauptung, daß die Geige vortrefflich sei, zu bekräftigen, fing
+er an zu quinkelieren.
+
+– Hören Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bässe; die klingen ganz wie
+eine kleine Orgel ...
+
+– Der Schneider soll das Maul halten! ...
+
+Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu.
+
+Da schrie jemand:
+
+– Gustav ist da!
+
+– Wo? Wo?
+
+Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen.
+
+– Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor; aber nicht
+früher, als bis er drinnen ist, hörst du!
+
+Die Groggläser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die Kognakflaschen
+auf.
+
+– Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend.
+
+Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll.
+
+Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzustoßen. Bald hatte
+der seinen ersten Grog geleert und mußte den zweiten bereiten.
+
+Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er betrachtet so
+genau, wie er kann, Carlssons Züge und sucht zu ergründen, ob der
+seine volle Ladung erhalten. Das Sehen aber fällt ihm schwer, darum
+beschränkt er sich darauf, mit ihm anzustoßen.
+
+Da kommt Clara und ruft:
+
+– Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!
+
+– Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen!
+
+Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte.
+
+– Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor.
+
+– Gustav natürlich!
+
+Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und holte Gustav.
+Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor ließ ihn mit einer Tasse
+Punsch und Hurrahrufen begrüßen.
+
+Dann stieß Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes:
+
+– Glück auf!
+
+Carlsson wurde gefühlvoll und trank bis auf den Grund aus; erklärte,
+es sei ihm ein großes Vergnügen, ihn zu sehen, wenn er auch spät
+komme; und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu
+sehen, wenn er auch spät komme.
+
+– Und glaube mir, schloß er, wer den alten Carlsson richtig zu nehmen
+versteht, der weiß auch, wo er ihn hat.
+
+Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson auf, ein Glas
+mit ihm zu trinken.
+
+Die Dämmerung kam, die Mücken tanzten, die Leute schwatzten, Gläser
+klangen, Lachen schallten. Hier und dort in den Büschen waren bereits
+kleine Notschreie zu hören, unterbrochen von Kichern und Hurrahen,
+Hallohen und Schüssen, während der Himmel des lauen Sommerabends
+erblaßte. Draußen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte die
+Wiesenknarre.
+
+Die Tische wurden abgeräumt; es sollte zum Abendbrot gedeckt werden.
+Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor geliehen, in die Äste
+der Eiche. Norman trug Haufen von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien
+und zapfte Dünnbier und Branntwein. Die Mädchen trugen Butter in
+Schobern herbei, Strömlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln,
+Fleischklöße in Hocken.
+
+Als alles fertig war, klatschte der Bräutigam in die Hände:
+
+– Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein.
+
+– Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen.
+
+Ohne den Pastor wollte niemand anfangen.
+
+– Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht wirklich nicht,
+daß man ohne sie anfängt!
+
+Man rief und suchte, aber keine Antwort.
+
+In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde mit funkelnden
+Augen, bereit, sich auf das Essen zu stürzen; aber keine Hand rührte
+sich und das Schweigen wurde bedrückend.
+
+– Vielleicht sitzt der Pastor im Häuschen! ertönte Rundqvists
+unschuldige Stimme.
+
+Ohne weiteren Aufschluß abzuwarten, ging Carlsson hinunter, um den
+geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener Tür saßen da
+Pastor und Professor, jeder seine Zeitung in der Hand, und waren in
+lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden
+und warf ein Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson
+aus Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer natürlichen
+Ausübung einer zwingenden Pflicht stören wollte.
+
+– Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst du, mein
+Bruder – er glaubte, sie hätten Brüderschaft getrunken – _ein_ Mal in
+der Woche, das ist mein Regime. Nicht mehr, und nicht weniger.
+
+– Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich ...
+
+– _Ein Mal in der Woche_, sage ich, und nie mehr als einen Ritt! sagt
+Hufeland, und das ist mein Regime, siehst du, mein Bruder.
+
+Das Gespräch drohte langwierig zu werden, und Carlsson mußte
+einschreiten.
+
+– Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbröte werden kalt!
+
+– Bist du’s, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen sofort!
+
+– Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die Herren könnten
+sich wohl etwas beeilen!
+
+– Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur!
+
+Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt, daß der Pastor
+»gerührt« war; er entfernte sich und beeilte sich, die Gesellschaft
+mit der Erklärung zu beruhigen, der Pastor mache sich bereit und werde
+gleich kommen.
+
+Einen Augenblick später irrte eine Laterne über den Hof und näherte
+sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende Schatten folgten.
+
+Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen Ende des Tisches
+sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb auf ihn zu, um dem
+peinlichen Warten ein Ende zu machen. Carlsson aber hatte etwas
+anderes im Sinn; indem er mit einem Messer an die Schüssel mit den
+Fleischklößen klopfte, schrie er mit lauter Stimme:
+
+– Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte sagen!
+
+Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen, wo er
+zu Hause war; sah, daß er einen glänzenden Gegenstand in der Hand
+hatte; erinnerte sich, daß er bei seiner letzten Weihnachtsrede eine
+silberne Kanne in der Hand gehabt; hob die Laterne wie einen Pokal in
+die Höhe und sprach:
+
+– Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu feiern.
+
+Er starrte Carlsson an, um etwas über Charakter und Zweck des Festes
+zu erfahren, denn er war bereits so vollständig abwesend, daß sich
+Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht verflüchtigt hatten. Aber Carlssons
+grinsendes Gesicht löste ihm das Rätsel nicht. Er starrte in die Luft,
+um irgend einen leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen
+Laternen in der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von
+einem riesengroßen Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden.
+
+– Dieses frohe Fest des Lichtes, stieß er hervor, wenn die Sonne der
+Kälte weicht, und der Schnee – er sah das weiße Tischtuch sich wie ein
+großes Schneefeld unendlich weit ausbreiten – meine Freunde, wenn der
+erste Schnee sich wie eine Decke über den Schmutz des Herbstes legt
+... nein, ich glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir ...
+
+Er wandte sich fort und machte einen krummen Rücken.
+
+– Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er will sich
+niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften!
+
+Man ließ sich das nicht zwei Male sagen, sondern stürzte auf die
+Schüsseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal überließ.
+
+Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum Nachtquartier
+angewiesen worden; um zu zeigen, daß er nüchtern war, lehnte er alle
+Angebote von Hilfe ab, indem er mit Schlägen drohte. Die Laterne an
+den Knien, zusammengefallen, als suche er Nadeln in dem tauigen Grase,
+steuerte er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der
+Gartentür strauchelte er und stieß so heftig gegen den Türpfosten, daß
+die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schloß sich die
+Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder; aber das Fenster
+mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer. Beim Weitergehen
+verspürte er das unangenehme Gefühl, daß die Knie seiner schwarzen
+Hosen bei jedem Schritt feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben
+schmerzten, als schlügen sie gegen Steine.
+
+Schließlich kriegt er etwas sehr Großes, Rundes und Feuchtes zu
+fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief Stecknadeln oder
+dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle oder ähnliches; da
+hört er das Brausen von Wasser und fühlt, daß er naß wird. Von der
+Furcht, in die See gegangen zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am
+Mast und findet in einem lichten Augenblick, daß er an einem
+Türpfosten steht; kommt mit einer Krängung in einen Flur; fühlt eine
+Treppenstufe an den Knien; hört eine Magd schreien: »Herr Jesus, das
+Dünnbier!«
+
+Von einem dunkeln bösen Gewissen getrieben, kriecht er die Treppe
+hinauf, stößt sich die Fingerknöchel an einem Schlüssel, kriegt eine
+Tür auf, die nach innen nachgibt; stürzt in eine Kammer hinein und
+sieht ein großes gemachtes Bett für zwei; hat soviel Kraft, die Decke
+aufzuschlagen; kriecht mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu
+verstecken, da man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben
+oder zu erlöschen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen
+nach Dünnbier!
+
+Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angezündet, aus
+der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch; saß Lende an
+Lende neben dem Professor und disputierte über Hufelands Kunst,
+hundert Jahre zu leben; und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein
+Licht, erlosch, starb, sank und wurde naß.
+
+Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt und mit
+Bier und Branntwein so stark befeuchtet, daß keiner an den Pastor
+dachte.
+
+Als man das Essen soweit verschlungen hatte, daß der Boden in Tellern
+und Schüsseln zu sehen war, ging man in die Stuga hinunter, um zu
+tanzen.
+
+Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer schicken; aber
+Carlsson überzeugte sie davon, daß der Pastor am liebsten Ruhe haben
+wolle; es sei nicht richtig, ihn zu stören. Und dabei blieb es.
+
+Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt, als er merkte,
+daß der überlistet war; er gab sich seinen Vergnügungen hin und vergaß
+allen Groll im Rausch.
+
+Der Tanz ging wie eine Mühle. Der Spielmann saß auf dem Herd und
+fiedelte. In den offnen Fenstern kühlten sich schwitzende Rücken an
+der Frische der Nacht. Draußen auf der Höhe saßen die Alten, rauchten,
+tranken und scherzten im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der
+durch die Scheiben der Küche fiel, und bei den Lichtern in der
+Tanzstube.
+
+Draußen aber auf Wiesen und Höhen wanderte Paar um Paar in dem tauigen
+Grase unter dem schwachen Schimmer des Sternenhimmels, um bei Heuduft
+und Heimchengezirp das Feuer zu löschen, das die Wärme des Hauses, der
+starke Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in ihnen
+entzündet hatten.
+
+Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im Osten zu
+lichten; die Sterne zogen sich zurück, und der große Wagen streckte
+die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten umgekippt. Die Enten
+schnatterten im Schilf. Die blanke Bucht spiegelte bereits die
+Zitronenfarben der Morgenröte wieder, zwischen den Schatten der
+dunkeln Erlen, die im Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis
+auf den Seegrund reichten.
+
+Das währte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken von der Küste
+auf und es wurde wieder Nacht.
+
+Da ertönte ein Geschrei in der Küche.
+
+– Der Glühwein! Der Glühwein!
+
+In Zugordnung kamen die Männer mit einer Kasserolle, die von
+brennendem Branntwein flammte und einen blauen Schein um sich warf,
+während der Spielmann einen Marsch spielte.
+
+– Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson, in der
+Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu können.
+
+Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der Zug setzte sich
+nach der Stuga des Professors in Bewegung. Mit mehr oder weniger
+sichern Schritten enterte man die Treppe.
+
+Der Schlüssel saß in der Kammertür und man stampfte hinein, nicht ohne
+eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben empfangen zu werden.
+Drinnen war es still, und bei dem blauen zitternden Scheine der
+Kasserolle sah man, daß das Bett unberührt und leer war.
+
+Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren Rückschlag erfaßte
+Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und machte der Ungewißheit
+und den Vermutungen mit der improvisierten Erklärung ein Ende: er
+erinnere sich jetzt, daß der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den
+Heuboden legen, um den Mücken zu entgehen.
+
+Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu nähern durfte, gab man die
+Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, um den Rückweg
+anzutreten, hinunter nach dem Hof, wo das Trankopfer dargebracht
+wurde.
+
+Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt. Dann nahm
+er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen Ahnungen mit.
+
+Ohne daß die Andern es merkten, schlichen die beiden Verschworenen die
+Treppe zur Brautkammer hinauf; einen Lichtstummel und Streichhölzchen
+hatten sie mitgenommen.
+
+Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen, daß sie
+beinahe auf den Rücken gefallen wären, wie sie später erzählten.
+
+Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine schlimmsten
+Erwartungen übertroffen.
+
+Auf dem weißen mit Hohlsaum genähten Kopfkissen lag ein zottiger Kopf,
+ähnlich dem eines nassen Hundes, dessen Mund weit offen stand.
+
+– Potztausend, knirschte Carlsson, das hätte ich doch nicht gedacht,
+daß der Halunke sich wie ein Schwein betragen würde. Gott erbarme
+sich!
+
+Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu!
+
+– Oh Jesus, nein! Pfui, pfui!
+
+Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im Zimmer!
+
+– So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und auch die Stiefel hat
+er an, der Stänker!
+
+Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken fortschaffen,
+ohne daß die Leute etwas erfuhren, vor allem, ohne daß die Braut etwas
+merkte?
+
+– Wir müssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erklärte Rapp.
+
+– Nicht einmal mit einer Zange möchte ich ihn anfassen! versicherte
+Carlsson.
+
+– Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in die See! Lösch
+nur das Licht, und dann nach der Scheune hinauf und die Geräte geholt!
+
+Die Tür wurde von draußen verschlossen und der Schlüssel
+herausgezogen. Dann schlichen die beiden Rächer auf einem Umwege nach
+der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und schwor:
+
+– Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir ihn schon
+kriegen!
+
+Zufällig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten her da.
+Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block und Seil gefunden
+hatten, schleppten sie die Geräte auf Umwegen hinter die Stuga, bis an
+den Giebel unter das Fenster des Pastors.
+
+Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie mit einer
+Latte am First fest. Darauf splißte er einen Stropp, befestigte den
+Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch er in die Kammer, während
+Carlsson unten mit einem Bootshaken stand, um abzustoßen.
+
+Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet hatte, pustend und
+schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf herausstecken und hörte ihn
+leise den Befehl geben:
+
+– Holen!
+
+Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer Körper draußen auf dem
+Fensterbrett.
+
+– Hol steif! befahl Rapp.
+
+Carlsson holte an. Draußen auf dem Hebezeug baumelte jetzt der
+schlaffe Körper des Pastors, der sich unglaublich verlängerte, wie der
+eines Gehängten.
+
+– Fieren! befahl Rapp wieder.
+
+Aber im selben Augenblick war ein Laut zu hören wie aus einem
+angestochenen Dünnbieranker, und als es klack! sagte, strömte es
+nieder über Carlssons Kopf und Schultern.
+
+– Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Bräutigam, der fühlte,
+wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas Klebriges sich in
+die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der kleinen Kneifzange
+gekräuselt hatte.
+
+– Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an!
+
+Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag der Pastor
+in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben.
+
+Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert, und eilte die
+Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun nach der Waschbrücke.
+
+Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los:
+
+– Jetzt sollst du baden, du Halunke!
+
+Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil man Jahre lang das
+Eingeweide der Fische dorthin geworfen hatte. Rapp packte den Stropp,
+den er um den Leib des Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See.
+
+Da erwachte der Pastor und stieß einen Schrei aus, wie ein Ferkel beim
+Schlachten.
+
+– Holen! befahl Rapp, der merkte, daß die Leute oben aufhorchten und
+schon herbeieilten.
+
+Carlsson aber legte sich auf die Knie und wälzte den Pastor im
+Schlamm; dann rieb er mit den Händen dessen schwarzen Anzug so ein,
+daß jede Spur von dem Unglück, das im Brautbett geschehen, vertilgt
+war.
+
+– Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die herbeieilten.
+
+– Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp und holte den
+schreienden Geistlichen.
+
+Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte den edelmütigen
+Retter und machte den mitleidigen Samariter, indem er frömmelte und
+wehklagte.
+
+– Könnt ihr euch denken: ich komme ganz zufällig hierher, da höre ich
+etwas plätschern und quellen, daß ich glaube, es sei ein Seehund. Als
+ich näher kam, sehe ich, es ist unser lieber Herr Pastor. Herr Jesus,
+sage ich zum Bootsmann, ich glaube, das ist Pastor Nordström selbst,
+der dort liegt und mit den Flügeln schlägt. Und dann sagte ich zu
+Rapp: Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer
+Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen, fing er
+an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden. Und wie er aussieht!
+
+Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die Männer betrachteten
+ihren Hirten mit Verdruß, aber auch mit unausrodbarer Ehrerbietung;
+sie wollten ihn so schnell wie möglich fortschaffen.
+
+Aus zwei Paar Rudern wurde eine Bahre gemacht, auf die man den Pastor
+legte. Acht starke Schultern trugen ihn nach der Tenne hinauf, wo man
+ihn umkleiden wollte.
+
+Der Spielmann, der ganz betrunken war, glaubte, es handle sich um
+irgendeine Posse; er stieß zu ihnen und zog mit, während er Bellmans
+Trinklied »Macht Platz da, macht Platz da der Bahr des alten
+Schmidt!« fiedelte.
+
+Burschen kamen aus den Büschen hervor und gesellten sich dazu. Der
+Professor glaubte seine verlorene Jugend wiedergefunden zu haben,
+setzte sich an die Spitze und sang. Norman hatte seine Harmonika
+vorgeholt, da er seine musikalische Suada nicht unterdrücken konnte.
+
+– Es stinkt arg! bemerkte der Professor, welcher der Dachtraufe von
+der Bahre zu nahe gekommen war, und die Männer hielten sich die Nase
+zu. Da rührte es sich oben, und über ihre Köpfe ergoß es sich von der
+Höhe.
+
+– Er speit, er speit! schrie der Professor.
+
+– Nehmt euch in Acht, er kotzt, er kotzt, warnte Carlsson, aber zu
+spät.
+
+Als sie aber auf den Hof kamen, stürzten die Frauen herbei; sobald die
+den Pastor in seiner traurigen Verfassung sahen, wurden sie von
+Mitleid ergriffen und erbarmten sich über den Bewußtlosen. Frau Flod
+holte eine Bettdecke, die sie, trotz Carlssons Warnungen, über den
+Jammer warf. Dann setzte man warmes Wasser auf und borgte vom
+Professor Wäsche und Anzug.
+
+Als man zur Tenne hinauf kam, wurde der Kranke, wie man ihn nannte –
+niemand hätte zugegeben, daß der Pastor betrunken sei – auf trockenes
+Stroh gelegt.
+
+Rundqvist kam mit dem Schnäpper, um den Pastor zur Ader zu lassen,
+wurde aber fortgejagt. Da bat er, den Kranken wenigstens besprechen zu
+dürfen, denn er könne wassersüchtige Schafe besprechen. Er durfte sich
+aber durchaus nicht mit dem Geistlichen befassen, und auch kein
+anderer von den Mannsleuten.
+
+Carlsson aber schlich sich wieder in die Brautkammer hinauf, dieses
+Mal allein, um die Spuren seiner Demütigung zu verwischen. Als er die
+Verwüstung in dem beschmutzten Brautbett sah, überfiel ihn einen
+Augenblick Schwäche, ermüdet, wie er von den Arbeiten der letzten Tage
+und den Anstrengungen dieser Nacht war. Er dachte daran, wie anders es
+mit Ida gewesen wäre, wenn ihr Verhältnis zu Stande gekommen. Er trat
+ans Fenster und blickte lange und schwermütig über die Bucht.
+
+Die Wolken hatten sich zerstreut und die Nebel sammelten sich in
+weißem Flor über dem Wasser; die Sonne ging auf und strahlte in die
+Brautkammer hinein, beschien das bleiche Gesicht und die
+ausgewässerten Augen, die sich zusammen kniffen, als kämpften sie
+gegen hervorbrechende Tränen. Das Haar lag in feuchten Zotten auf der
+Stirn, das weiße Halstuch war befleckt, der Rock hing schlaff herunter
+und war bekotzt. Die Sonnenwärme ließ ihn erschauern; mit der Hand
+über die Stirn fahrend, wandte er sich ins Zimmer hinein, noch ein Mal
+das beschmutzte Bett betrachtend.
+
+– Aber das ist doch ganz furchtbar! sagte er zu sich selbst, riß sich
+aus seiner Schlaffheit und fing an, die Bezüge von den Betten zu
+ziehen.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+ Veränderte Verhältnisse und veränderte Ansichten;
+ die Landwirtschaft geht zurück und der Grubenbau blüht
+
+
+Carlsson war nicht der Mann, unangenehme Empfindungen länger, als er
+wollte, auf sich einwirken zu lassen; sein Körper nahm die Schauer
+hin, schüttelte sich und ließ sie ablaufen. Seine Stellung als
+Hofbesitzer hatte er sich durch seine Tüchtigkeit und sein Wissen
+errungen; und daß Frau Flod ihn zum Manne nahm, war ebenso viel Gewinn
+für sie als für ihn, meinte er.
+
+Als aber der Hochzeitsrausch verflogen war, begann Carlsson weniger
+eifrig zu werden; er war ja nun sicher, sowohl durch die Heirat wie
+durch den Erben; denn in wenigen Monaten war das Kind zu erwarten. Den
+Gedanken, sich zu einem Herrn zu machen, hatte er aufgegeben; statt
+dessen rüstete er sich, Großbauer zu werden. Zog ein prächtiges
+wollenes Wams an, tat ein festes Schurzfell um, trug Wasserstiefel;
+brachte viel Zeit vor seinem Sekretär zu; das war sein Lieblingsplatz
+geworden. Las die Zeitung, schrieb und rechnete weniger als früher;
+überwachte die Arbeit mit der Pfeife im Munde und zeigte weniger
+Interesse für die Landwirtschaft.
+
+– Die Landwirtschaft geht zurück, sagte er. Das habe ich in der
+Zeitung gelesen; es ist billiger, sein Korn zu kaufen!
+
+– Früher hat er anders gesprochen, meinte Gustav, der auf alles
+achtgab, was Carlsson sagte und tat, sich aber auf eine stumpfe
+Unterwerfung beschränkte, ohne jedoch den neuen Herrn anzuerkennen.
+
+– Die Zeiten verändern sich und wir uns mit ihnen! Ich danke Gott für
+jeden Tag, an dem ich klüger werde! antwortete Carlsson.
+
+Er besuchte Sonntags die Kirche; nahm an allgemeinen Fragen teil und
+wurde in den Gemeinderat gewählt. Dadurch kam er in nähere Berührung
+mit dem Pastor und erlebte den großen Tag, an dem er ihn duzen konnte.
+Das war einer der größten Träume seines Ehrgeizes; ein ganzes Jahr
+lang ward er nicht müde, zu erzählen, was er gesagt und was Pastor
+Nordström geantwortet hatte.
+
+– Hör mal, lieber Nordström, sagte ich, dieses Mal läßt du mich aber
+gewähren! Und da sagte Nordström: Carlsson, du mußt nicht halsstarrig
+sein, wenn du auch ein kluger Kerl und ein verständiger Mann bist ...
+
+Die Folge war, daß Carlsson eine Menge Gemeindeangelegenheiten
+übernahm, unter denen die Feuerschau die beliebteste war. Da reiste
+man auf Kosten des Kirchspiels umher und trank Kaffeehalbe bei
+Bekannten.
+
+Auch die Wahl zum Reichstage, die allerdings im Innern des Landes
+stattfand, hatte ihre Verführungen und ihre kleinen Nachwehen, die bis
+in die Schären zu spüren waren.
+
+Zur Wahlzeit und auch sonst wohl einige Male im Jahr kam der Baron mit
+seinen Jagdherren auf einem Dampfer heraus; dann wurden fünfzig Kronen
+für das Recht, einige Tage jagen zu können, bezahlt. Punsch und Kognak
+flossen Tag und Nacht, und man schied von den Jägern mit der festen
+Überzeugung: das sind feine Leute.
+
+Carlsson kam also in die Höhe und wurde ein Licht auf dem Hofe: eine
+Autorität, die über Dinge Bescheid wußte, welche die Andern nicht
+begriffen. Ein schwacher Punkt aber blieb, und er spürte ihn zuweilen:
+er war vom Lande, war kein Seemann.
+
+Um diesen letzten Rangunterschied auszugleichen, fing er an, sich mehr
+für die Seegeschäfte zu interessieren, legte eine große Neigung fürs
+Meer an den Tag. Putzte sich eine Flinte und fuhr auf die Jagd hinaus;
+nahm am Fischen teil und wagte sich auf längere Segelfahrten.
+
+– Mit der Landwirtschaft gehts abwärts, und wir müssen uns auf’s
+Fischen legen, antwortete er seiner Frau, die mit Unruhe Vieh und Feld
+verkommen sah.
+
+– Vor allem das Fischen! Das Fischen für den Fischer und das Land für
+den Landwirt! verkündigte er jetzt auf eine Art, die keinen
+Widerspruch duldete, nachdem er vom Schullehrer im Kirchenrat gelernt
+hatte, seine Worte »pallementarisch« zu setzen.
+
+Zeigte sich ein Mangel im Ertrag, so mußte man Holz hauen.
+
+– Der Wald muß gelichtet werden, wenn er reif werden soll! So spricht
+wenigstens der rationelle Landwirt; ich selber weiß es _nicht_.
+
+Und wenn Carlsson es nicht wußte, wie sollten dann die Andern es
+wissen!
+
+Rundqvist wurde die Landwirtschaft überlassen, Clara das Vieh.
+
+Rundqvist ließ Gras auf dem Acker wachsen, schlief vom Frühstück bis
+zum Mittag auf dem Rain, schlief vom Mittag bis zum Abendbrot in den
+Büschen; warf Stahl über die Kühe, wenn sie keine Milch gaben.
+
+Gustav hauste noch mehr auf der See als früher und knüpfte den alten
+Jägerbund mit Norman wieder an.
+
+Das Interesse, das einen Augenblick alle Arme in Bewegung gesetzt
+hatte, war fortgefallen; für einen Fremden arbeiten, war nicht sehr
+ermunternd. Darum ging das Ganze nachlässig aber ruhig seinen
+gewohnten Gang.
+
+Im Herbst aber, einige Monate nach der Hochzeit, trat ein Ereignis
+ein, das wie ein Stoßwind auf Carlssons eben mit vollen Segeln
+ausgelaufenes Fahrzeug wirkte. Seine Frau kam vor der Zeit nieder und
+gebar ein totes Kind. Die Umstände waren außerdem so beunruhigend, daß
+der Arzt bestimmt erklärte, jetzt sei es Schluß:
+
+– Keine Kinder mehr!
+
+Das war verhängnisvoll für Carlsson; denn nun hatte er für die Zukunft
+keine andere Aussicht, als einst aufs Altenteil zu kommen. Da die Alte
+obendrein noch kränklich nach der Entbindung war, drohte diese
+Veränderung in seiner Stellung früher einzutreten, als er geträumt
+hatte. Es kam also darauf an, die Zeit gut auszunutzen, in die
+Scheunen zu sammeln, an den morgenden Tag zu denken.
+
+Neues Leben kam in Carlsson. Die Landwirtschaft mußte schleunigst
+gehoben werden; warum, das ging niemanden etwas an. Bauholz wurde
+gefällt; denn jetzt sollte eine neue Stuga gebaut werden; warum, das
+brauchte er niemandem auf die Nase zu binden. Die Jagdlust mußte bei
+Norman schleunigst gedämpft werden, und noch ein Mal wurde Norman
+seinem Freunde abspenstig gemacht. Rundqvist wurde wieder eingefangen
+und mit neuen Vorteilen aufgemuntert. Es ward gepflügt, gesäet,
+gefischt, gezimmert; die Gemeindesachen blieben liegen.
+
+Gleichzeitig führte Carlsson ein häusliches Leben; saß bei seiner
+Alten; las ihr zuweilen vor, aus der Heiligen Schrift oder aus dem
+Gesangbuch; sprach zu ihrem Herzen und wandte sich an ihre edleren
+Gefühle, ohne recht erklären zu können, wo er hinaus wolle.
+
+Die Alte liebte Gesellschaft und hörte gern Geplauder; sie legte also
+Wert auf diese kleinen Aufmerksamkeiten, ohne weiter darüber
+nachzudenken, was diese Vorbereitungen auf den Tod bezwecken könnten.
+
+ * * * * *
+
+Eines Winterabends, als die Bucht unterm Eise lag, die offnen
+Meeresflächen aber nicht mehr fahrbar waren, man schon vierzehn Tage
+eingeschlossen war, ohne einen Nachbar begrüßen zu können, ohne einen
+Brief oder eine Zeitung zu erhalten; als die Einsamkeit und der Schnee
+das Gemüt bedrückte und der kurze Tag nur wenig Arbeit erlaubte,
+hatten sich die Leute in der Küche versammelt; auch Gustav war dabei.
+Das Feuer brannte im Herd und die Burschen saßen und flickten Netze.
+Die Mädchen spannen und Rundqvist schnitzte an einem Spatenschaft. Der
+Schnee war den ganzen Tag gefallen und stieg schon über die
+Fensterscheiben. Wie ein Totenzimmer sah die Küche aus, da die Fenster
+mit Laken aus Schnee verhängt waren. Jede Viertelstunde mußte ein Mann
+hinaus und die Tür frei schaufeln, damit man nicht eingeschneit wurde,
+sondern zum Melken und Futtern nach dem Stall gelangen konnte.
+
+Jetzt war die Reihe an Gustav; Ölrock und Südwester über Wams und
+Ottermütze, so ging er hinaus; stemmte die Tür auf, gegen die sich der
+Schnee gelegt hatte, und stand draußen im Schneetreiben. Die Luft war
+schwarz, die Schneeflocken waren grau wie Motten, groß wie
+Hühnerfedern; schwebten unaufhörlich, unaufhörlich nieder, legten sich
+leise auf einander, erst leicht, dann schwerer; packten sich zusammen
+und wuchsen an. Schon ein gut Stück ging der Schnee die Wand des
+Hauses hinauf und nur durch die obere Ecke der Fenster schimmerten die
+Lichter von innen.
+
+Eine Neugier, die ihn schnell überkam, veranlaßte Gustav, den oberen
+Schnee herunter zu stochern, damit er ein Guckloch erhielt; als er
+dann auf den Schneehaufen stieg, konnte er ins Zimmer sehen.
+
+Carlsson saß wie gewöhnlich vor dem Sekretär; er hatte ein großes
+Papier vor sich liegen; das war oben mit einem großen blauen Stempel
+bedruckt, der wie die Zeichnung auf den Scheinen der Reichsbank
+aussah. Die Feder hoch erhoben, sprach er auf die Alte, die neben ihm
+stand, ein; er schien ihr die Feder geben zu wollen, damit sie etwas
+schreibe.
+
+Gustav legte das Ohr an die Scheibe; da es aber Doppelfenster waren,
+hörte er nur ein Gemurmel. Außerordentlich gern hätte er jedoch
+gewußt, was da vor ging, denn er ahnte, daß es ihn sehr nahe berühre;
+auch hatte er gelernt, daß es sich um wichtige Angelegenheiten
+handelt, wenn man gestempeltes Papier benutzt.
+
+Leise öffnete er die Tür, schob die Strohschuhe ab und kroch die
+Treppe hinauf, bis er auf den oberen Flur kam. Dort legte er sich auf
+den Bauch; und nun konnte er hören, was in der Stube bei der Mutter
+gesprochen wurde.
+
+– Anna Eva, verkündete Carlsson mit einem Ton, der zwischen
+Reiseprediger und Gemeinderat lag; das Leben ist kurz, und der Tod
+_kann_ über uns kommen, ehe wir es wissen. Wir _müssen_ also darauf gefaßt
+sein, von hinnen zu gehen, ob es nun heute geschieht oder morgen; das
+ist _ganz_ einerlei! Unterschreib also, je eher desto besser!
+
+Die Alte liebte es nicht, so viel von Tod zu hören; aber Carlsson
+hatte nun Monate lang so oft davon gesprochen, daß sie gegen diese
+Rede nur noch schwach Widerstand zu leisten vermochte.
+
+– Aber, Carlsson, ganz einerlei ist es mir nicht, ob ich heute sterbe
+oder in zehn Jahren; ich kann noch lange leben.
+
+– Ich habe ja nicht gesagt, daß du sterben _wirst_; ich habe nur gesagt,
+daß wir sterben _können_; und ob das heute oder morgen, oder in zehn
+Jahren geschieht, das ist ganz einerlei; ein Mal muß es geschehen!
+Also schreib nur!
+
+– Das verstehe ich nicht, widerstrebte die Alte, als wolle der Tod
+kommen und sie holen; es kann doch wohl nicht ...
+
+– Doch, es ist ganz einerlei, wann es geschieht! Ist es vielleicht
+nicht so? Ich weiß es nicht! Jedenfalls schreib!
+
+Ihr war, als lege er ihr einen Strick um den Hals, wenn Carlsson mit
+seinem »Ich weiß nicht« kam; die Alte wußte sich nicht mehr zu helfen
+und gab nach.
+
+– Nun, wo hinaus willst du? fragte sie ihn, von dem langen
+Hinundherreden ermüdet und erschöpft.
+
+– Anna Eva, du mußt an deine Nachkommen denken; denn das ist die erste
+Pflicht des Menschen; darum mußt du schreiben.
+
+In diesem Augenblick öffnete Clara die Küchentür und fragte, wo Gustav
+bleibe; der aber wollte sich nicht verraten und verhielt sich still;
+konnte aber nicht mehr hören, was weiter in der Stube geschah.
+
+Clara ging zurück und Gustav kletterte hinab; blieb vor der Stubentür
+stehen, um die letzten Worte von Carlsson zu hören; die ließen ihn
+vermuten, daß die Alte unterschrieben habe und das Testament
+aufgesetzt sei.
+
+Als Gustav wieder in die Küche kam, sahen die Leute, daß ihm etwas
+geschehen war. Er sprach in versteckten Worten, er werde einen Fuchs
+fangen, den er schreien gehört; es sei besser, auf See zu gehen, als
+sich zu Hause von den Läusen fressen zu lassen; ein weißes Pulver
+unterm Futter könne Gäulen Mut machen; aber auch den Tod geben, wenn
+es zu viel sei.
+
+Carlsson dagegen war beim Abendbrot äußerst menschenfreundlich;
+erkundigte sich nach Gustavs Arbeitsplänen und Jagdabsichten; holte
+das Stundenglas und ließ den weißen Sand rinnen; dann sagte er:
+
+– Die Minuten sind kostbar; essen wir und trinken wir, denn morgen
+müssen wir sterben!
+
+Gustav lag in dieser Nacht lange wach; viele finstere Gedanken und
+schwarze Pläne kreuzten sich in seinem Kopfe. Aber er war keine starke
+Seele, welche die Verhältnisse nach ihrem Sinn ändern, Gedanken in
+Handlung umsetzen konnte; wenn er eine Sache durchdacht hatte, ließ er
+sie fallen, als sei sie vollendet.
+
+Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern Dingen geträumt
+hatte, war er wieder ebenso fröhlich und ließ fünf gerade sein, indem
+er darauf traute: Kommt Zeit, kommt Rat; die Gerechtigkeit wird schon
+ihren Gang gehen; und dergleichen mehr.
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling kam wieder, die Schwalben besserten ihre Nester aus und
+der Professor kehrte zurück.
+
+Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten
+angelegt; Flieder, Obstbäume, Beerenbüsche gepflanzt; für die er
+Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre geholt; Wege besandet und
+Lauben errichtet. Es begann herrschaftlich auf dem Hofe auszusehen.
+
+Niemand konnte leugnen, daß der Fremdling Wohlstand und Gemütlichkeit
+geschaffen, daß er Feld und Vieh in die Höhe gebracht, Haus und Hof in
+Stand gesetzt; sogar den Preis für die Fische hatte er in der Stadt in
+die Höhe getrieben und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen, damit
+man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der Stadt sparen
+konnte.
+
+Jetzt, als er nachließ, müde war, sich mit dem Bau seiner eigenen
+Stuga beschäftigte, klagte man.
+
+– Macht es doch selber, antwortete Carlsson, dann werdet ihr mal
+sehen, wie gut es tut. Jeder für sich und Gott für uns alle!
+
+Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann einen Garten
+anzulegen, Büsche zu pflanzen, Wege zu machen. Er hatte seine Stuga
+mit solchem Geschmack gebaut, daß sie die anderen in Schatten stellte.
+Sie besaß zwar nur zwei Zimmer und Küche, sah aber doch stattlicher
+aus als die alten Häuser; woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob
+daran, daß er den Dachstuhl hoch geführt und die Dachtraufe weit über
+die Wand hatte vorspringen lassen; oder ob es die »Krucifixe« waren,
+die er in die Deckbretter gesägt hatte; oder die Veranda, die er mit
+einigen Treppenstufen vor die Tür gesetzt. Es waren keine
+Kostbarkeiten, aber es sah doch etwas villenartig aus. Rot war die
+Stuga wie eine Kuh, aber die Ecken waren schwarz und getäfelt; die
+Fensterbretter waren weiß gestrichen und die Veranda, ein leichtes
+Dach auf vier Pfosten, war blau gemalt.
+
+Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu wählen;
+unmittelbar unter dem Fuß des Berges, und zwar so, daß zwei alte
+Eichen mitten davor zu stehen kamen, ungefähr wie der Anfang einer
+geplanten Allee oder eines Parks. Wenn man auf der Veranda saß, hatte
+man die schönste Aussicht: die Bucht mit den Schilfbänken, die lange
+grüne Quellwiese; durch eine Mulde im Kälberhag konnte man die Boote
+hinten im Sunde sehen.
+
+Gustav sah alles scheel an, wünschte die Stuga fort, hielt Carlsson
+für eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl baute; die hätte er
+gern verscheucht, ehe sie Eier legen und sich vielleicht mit ihrer
+Brut festsetzen konnte. Er hatte aber nicht die Kraft, sie
+fortzubringen; darum blieb sie sitzen.
+
+Die Alte war kränklich und ließ alles gehen, wie es ging. Im Vorgefühl
+des Wirrsals, das entstehen würde, wenn sie aus dem Leben schied, sah
+sie es nicht ungern, daß ihr Mann, denn das war er jedenfalls, ein
+Dach über dem Kopf hatte und nicht als armer Teufel herumlief. Sie
+verstand sich nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon,
+daß es bei Vermögensaufnahme, Erbteilung, Testament nicht mit rechten
+Dingen zugegangen; doch das war die Sache der Andern, wenn sie nur
+damit nichts zu tun hatte. Ein Mal mußte es aber losbrechen, wenn
+nicht früher, dann an dem Tage, an dem Gustav heiratete; und solche
+Gedanken mußte ihm jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich
+nicht mehr gleich, sondern ging nachdenklich umher.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner neuen Küche und
+mauerte am Herd, als Clara kam und ihn rief:
+
+– Carlsson, Carlsson, der Professor ist mit einem deutschen Herrn
+gekommen, der Carlsson sprechen will!
+
+Carlsson nahm das Schurzfell ab, trocknete sich die Hände und machte
+sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungewöhnliche Besuch zu
+bedeuten habe.
+
+Als er auf die Veranda kam, stieß er auf den Professor, in dessen
+Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzem Bart befand, der sehr
+energisch aussah.
+
+– Direktor Diethoff möchte Sie sprechen, Carlsson, sagte der
+Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete.
+
+Carlsson bürstete einen Sitzplatz auf der Bank der Veranda ab und lud
+zum sitzen ein.
+
+Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte stehend,
+ob der Roggenholm zu verkaufen sei.
+
+Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war vielleicht nur
+drei Morgen groß, war hügelig, trug etwas Fichtenwald und bot nur
+unbedeutende Schafweide.
+
+– Zu industriellem Zweck, antwortete der Direktor und fragte, was er
+koste.
+
+Carlsson war unschlüssig und bat um Bedenkzeit, bis er erfahren, was
+dem Holm seinen unerwarteten Wert gab.
+
+Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das sofort wissen zu
+lassen, sondern er wiederholte noch ein Mal seine Frage, was der Holm
+koste. Dabei faßte er in die Brusttasche, deren starke Anschwellung
+deutlich durchs Tuch zu sehen war und verriet, daß darin etwas
+steckte.
+
+– So teuer kann der wohl nicht sein, meinte Carlsson; aber ich muß
+erst mit der Alten und dem Sohne sprechen.
+
+Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute Weile fort und
+kam dann zurück. Jetzt aber sah er verlegen aus, und es schien ihm
+schwer zu fallen, mit seiner Forderung herauszurücken.
+
+– Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor, brachte er
+schließlich hervor.
+
+Nein, das wollte der Direktor nicht.
+
+– Nun, wenn ich dann fünf sage, so werden Sie es nicht zu teuer
+finden, preßte Carlsson hervor, dem der Atem im Hals stecken blieb und
+der Schweiß auf die Stirne trat.
+
+Direktor Diethoff öffnete den Rock, zog die Banknotentasche heraus
+und zählte zehn Scheine zu je einhundert Kronen auf. – Hier ist
+vorläufig Handgeld; die vier andern kommen im Herbst? Einverstanden?
+
+Carlsson war im Begriff eine Dummheit zu machen; es gelang ihm aber
+gerade noch, seine überschwellenden Gefühle zurückzudrängen und
+ziemlich ruhig zu antworten, er sei einverstanden, während er nur
+fünfhundert Kronen statt fünftausend gemeint hatte.
+
+Darauf ging man zum Sohne und zur Alten hinunter, um den Kaufvertrag
+zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren.
+
+Carlsson blinzelte und grinste den Beiden zu, sie sollten ihm
+beistehen; die aber verstanden nichts.
+
+Schließlich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nachdem sie
+unterschrieben hatte.
+
+– Fünftausend! schrie sie. Was lese ich? Du sagtest doch hundert,
+Carlsson?
+
+– Nein, da mußt du dich verhört haben, Anna Eva. Habe ich vielleicht
+nicht tausend gesagt, Gustav?
+
+Dabei blinzelte er so sehr, daß der Direktor es sah.
+
+– Ja, ich _glaube_ wohl, er hat tausend gesagt! stand ihm Gustav bei, so
+gut er konnte.
+
+Als der Vertrag unterschrieben war, erklärte der Direktor, er
+beabsichtige für Rechnung seiner Gesellschaft auf dem Roggenholm eine
+Feldspatgrube anzulegen.
+
+Niemand wußte, was Feldspat ist, und niemand hatte an diesen Schatz
+gedacht; außer Carlsson; der schwindelte jetzt, er habe längst daran
+gedacht, nur kein Kapital gehabt.
+
+Der Direktor erzählte, Feldspat sei eine rote Steinart, die von
+Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen werde das Haus des
+Verwalters, das schon bei der Tischlerei bestellt sei, aufgestellt
+sein; in vierzehn Tagen werde die hölzerne Arbeiterkaserne auf ihrem
+Platz stehen; mit dreißig Mann werde man dann die Arbeit anfangen.
+
+Damit reiste er.
+
+Dieser Goldregen war so schnell über die Inselbauern gekommen, daß sie
+keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu berechnen. Tausend Kronen auf
+dem Tisch, viertausend im Herbst, für eine wertlose Insel: das war zu
+viel auf ein Mal. Darum saßen sie den ganzen Abend einträchtig bei
+einander und rechneten aus, was ihnen außerdem noch zufallen könnte.
+Natürlich konnte man Fische und andere Produkte an die vielen Arbeiter
+und an den Verwalter verkaufen; Holz auch; das war nicht zweifelhaft.
+Dann kam der Direktor heraus, vielleicht mit Familie, und wollte auf
+Sommerfrische wohnen. Dann konnte man natürlich dem Professor die
+Miete steigern; und Carlsson konnte vielleicht seine Stuga auch
+vermieten. Alles werde schön und gut werden.
+
+Carlsson legte selbst das Geld in den Sekretär und saß die halbe Nacht
+vor der Klappe, um zu rechnen.
+
+ * * * * *
+
+Während der nächsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male nach dem Badeort
+Dalarö und kam mit Tischlern und Malern zurück. Auf seiner Veranda
+hielt er kleine Empfänge ab; er hatte einen Tisch dahin gestellt; an
+den setzte er sich, trank Kognak, rauchte die Pfeife und überwachte
+die Arbeit, die jetzt große Fortschritte machte.
+
+Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der Küche; und dort
+wurde auch ein ordentlicher Herd eingemauert. Die Fenster wurden mit
+grünen Läden versehen, die weithin leuchteten; die Veranda wurde noch
+ein Mal gestrichen, und zwar weiß und rosenrot; auch erhielt sie auf
+der Sonnenseite eine blau- und weißgestreifte Zwillichgardine. Um Hof
+und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau gestrichen war und
+weiße Köpfe hatte.
+
+Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit an; Gustav
+aber stand am liebsten in gehöriger Entfernung hinter einer Ecke oder
+einem dichten Busch; eine Einladung, auf die Veranda zu kommen, nahm
+er selten oder niemals an.
+
+Es war einer von Carlssons Träumen, die er in recht klaren Nächten
+träumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich
+zurückgelehnt, aus einem Fußglas Kognak nippend, sich die Aussicht
+anzusehen und eine Pfeife zu rauchen – noch lieber eine Zigarre; aber
+die war ihm noch zu stark.
+
+Als er acht Tage später eines Morgens in aller Frühe dort saß, hörte
+er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen.
+
+– Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte er fein sein
+und sie empfangen.
+
+Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach Rundqvist
+und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die
+fremden Herren zu empfangen.
+
+In einer halben Stunde stieß das Boot ab, und Carlsson setzte sich ans
+Steuer. Dann und wann ermahnte er die Knechte, in Takt zu rudern,
+damit man als ordentliche Leute ankomme.
+
+Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der Sund sich
+öffnete, auf der einen Seite von der großen Insel und auf der andern
+Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten sie einen prachtvollen Anblick
+vor sich. Ein Dampfer, der mit Flaggen und Signalen geschmückt war,
+lag im Sund verankert; und zwischen Schiff und Land fuhren kleine
+Jollen mit Matrosen in blauweißen Jacken. Oben auf der Strandklippe,
+die von dem bloßgelegten Feldspat rosenrot leuchtete, stand eine
+Gruppe Herren und ein Stück davon ein Musikchor, dessen
+Messinginstrumente sich prächtig von den schwarzen Fichten abhoben.
+
+Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und ruderten an
+die Klippe heran, um so nahe wie möglich zu kommen und zu sehen und zu
+hören. Eins, zwei, drei, gerade als sie unter dem Sammelplatz lagen,
+war ein Sausen in der Luft zu hören, als seien zwölfhundert Eider
+aufgeflogen; dann ein Dröhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen
+schien; schließlich ein Krachen, als sei der ganze Holm gesprungen.
+
+– Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen konnte, denn im
+nächsten Augenblicke regnete es Steine ums Boot; ein Schauer von Kies
+folgte und schließlich ein Hagel kleiner Steine.
+
+Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von Handwerk und
+Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch etwas Ausländisches kam
+vor, das die Inselbauern nicht verstanden.
+
+Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die Mütze in die
+Hand; Carlsson aber verstand, daß es die Direktion war, die sprach.
+
+– Ja, meine Herren, schloß der Direktor, wir haben hier viel Steine
+vor uns, und ich schließe meine Rede mit dem Wunsch, sie mögen alle zu
+Brot werden!
+
+– Bravo!
+
+Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen an den Strand
+hinab, alle kleine Steinstücke in der Hand tragend, die sie unter
+Lachen und Lärm befingerten.
+
+– Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in Marineuniform die
+Inselbauern an, die auf ihren Rudern ausruhten.
+
+Sie wußten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber nicht
+gedacht, daß es gefährlich sein könne, sich den Staat anzusehen.
+
+– Das ist ja Carlsson selbst, erklärte Direktor Diethoff, der hinzu
+gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort, stellte er vor. Kommen
+Sie und frühstücken Sie mit uns!
+
+Carlsson traute seinen Ohren nicht, überzeugte sich aber bald, daß die
+Einladung ernst gemeint sei.
+
+Bald saß Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an einem gedeckten
+Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen. Er hatte sich zuerst
+geziert, aber die Herren waren ganz ungewöhnlich leutselig und
+erlaubten nicht ein Mal, daß er das Schurzfell abnahm.
+
+Rundqvist aber und Norman aßen auf dem Vorderdeck mit der Mannschaft.
+
+Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht. Speisen,
+deren Namen er nicht wußte und die wie Honig im Mund schmolzen;
+Speisen, die den Hals einrieben ganz wie ein Schnaps; Speisen in allen
+Farben. Und sechs Gläser standen vor seinem Platze wie vor den Plätzen
+der andern Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche
+man an einer Blume oder küsse ein Mädchen; Weine, die einem in die
+Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten, die einem zum Lachen
+verlockten. Dazu blies die Musik so lieblich, daß es an der
+Nasenwurzel kribbelte, als wolle man weinen; bald fror man an den
+Schläfen, bald tat es einem so wohl im ganzen Körper, daß man hätte
+sterben mögen.
+
+Als alles zu Ende war, sprach der Direktor für den Wirt; lobte ihn,
+daß er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb verlasse, um einem
+unsichern Gewinn auf andern Gebieten nachzujagen, wo die Not Arm in
+Arm mit dem Luxus gehe.
+
+Und dann stieß man mit Carlsson an. Der wußte nicht, ob er lachen oder
+ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren lachen, als etwas recht
+Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde; also lachte er mit.
+
+Nach dem Frühstück wurden Kaffee und Zigarren geboten, und man stand
+vom Tische auf.
+
+Carlsson, edelmütig wie ein Glücklicher, wollte nach vorn gehen, um
+nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas bekommen hatten. Da aber
+rief ihn der Direktor an und bat ihn, einen Augenblick in die Kajüte
+zu kommen.
+
+In der Kajüte machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er möge, um
+seine Stellung zu befestigen und, wenn es nötig sei, als Autorität
+unter den Arbeitern auftreten zu können, einige Aktien zeichnen.
+
+– Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson, der so viel
+von diesen Geschäften wußte, daß man nichts abschloß, wenn man
+getrunken hatte.
+
+Aber der Direktor ließ ihn nicht los, und nach einer halben Stunde
+hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft Eagle zu
+je hundert Kronen; ferner das ausdrückliche Versprechen,
+stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates zu werden. Von der
+Einzahlung sagte man nur, sie sollten »+pö a pö+« geschehen und +à conto+.
+
+Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und Biliner Wasser.
+Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot kam.
+
+Bei der Ausbootung ließ man das Reep fallen; das verstand Carlsson
+aber nicht, sondern drückte allen Matrosen, die an der Treppe standen,
+die Hand und bat sie zu grüßen, wenn sie an Land kämen.
+
+Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons ließ er sich nach Hause
+rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im Munde und einen Korb Punsch
+zwischen den Knien.
+
+Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit, lud alle, auch
+die Mägde aus der Küche, zu Punsch ein, zeigte die Aktienbriefe, die
+wie riesengroße Scheine der Reichsbank aussahen; wollte den Professor
+einladen und begegnete die Einwendungen der Anderen damit: er sei
+stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein
+deutscher Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein
+richtiger Professor.
+
+Pläne, so groß wie ein Holzstoß, hatte Carlsson; er wollte eine
+einzige große Strömling-Salzerei-Aktiengesellschaft für das ganze
+stockholmer Inselmeer gründen, Faßbinder von England ins Land rufen,
+Fahrzeuge direkt von Spanien mit Salz kommen lassen!
+
+Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der Landwirtschaft,
+deren Vertretern und deren Zukunft, gab seinen Hoffnungen und
+Befürchtungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch und hüllte sich in
+Tabakswolken und frohe Aussichten ein.
+
+ * * * * *
+
+Carlsson war so hoch gestiegen, daß er einen Schwindelanfall bekam.
+Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt und die Besuche auf dem
+Roggenholm folgten sich Tag aus Tag ein. Er machte die Bekanntschaft
+des Verwalters, saß auf dessen Veranda, trank Kognak und Biliner
+Wasser, während er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die
+Quarzadern herauszubrechen; wären die nicht gewesen, hätte man den
+ganzen Berg auf ein Mal verschiffen können.
+
+Der Verwalter war früher Vorarbeiter in einem Bergwerk gewesen; hatte
+Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer und stellvertretenden
+Mitglied des Aufsichtsrates gut zu stellen; besaß genügende Einsicht,
+um abschätzen zu können, wie lange das Geschäft gehen würde.
+
+Aber der neue Grubenbetrieb übte auch seinen Einfluß auf das leibliche
+und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern; und die Anwesenheit von
+dreißig unverheirateten Arbeitern begann ihre Wirkungen zu zeigen.
+
+Die Ruhe war gestört. Den ganzen Tag über donnerten Schüsse aus dem
+Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten kamen und spieen Seeleute ans
+Land. Abends erschienen die Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten
+Brunnen und Stall; stellten den Mädchen nach; veranstalteten Tänze;
+tranken und schlugen sich mit den Knechten.
+
+Die Leute feierten die Nächte durch, und am Tage war nichts mit ihnen
+anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen, nickten am Herd ein.
+
+Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mußte man den Kaffeekessel
+aufsetzen, und da man dem Herrn nicht Branntwein anbieten konnte,
+mußte man sich Kognak halten.
+
+Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld strömte ein; man lebte
+flott, und Fleisch kam öfters auf den Tisch als früher.
+
+Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag über in einem leichten
+Rausch umher, ohne sich jedoch zu überladen. Wie ein einziges langes
+Fest verging der Sommer für ihn, da er seine Zeit zwischen
+Gemeindesachen, Grubenbau und Naturverschönerungen teilte.
+
+Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen. Als er
+eines frühen Morgens nach Hause kam, wurde er von der Alten mit der
+beunruhigenden Mitteilung empfangen, es müsse etwas draußen auf dem
+Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nämlich vier Tage lang still
+gewesen; nicht ein Schuß sei gelöst worden und keine Dampferpfeife
+habe man gehört. Die Leute seien mit Dreschen beschäftigt gewesen;
+deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter
+habe sich auch nicht sehen lassen; und die Arbeiter hätten aufgehört,
+abends den Hof zu umkreisen. Es müsse also etwas geschehen sein.
+
+Um sich Bescheid zu holen, ließ Carlsson anspannen; so nannte er es,
+wenn er sich nach der Grube rudern ließ. Das Boot hatte er weiß
+streichen und mit einem blauen Rande versehen lassen; und damit es
+mehr herrenmäßig aussah, wenn er am Steuerruder saß, hatte er sich aus
+einer alten Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim
+Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman in
+marinemäßigem Rudern üben müssen, damit es stattlich aussah, wenn er
+angefahren kam.
+
+Die Fahrt legten sie rasch zurück, da Neugier und Angst sie spornten.
+Als sie auf die Höhe des Roggenholms kamen, erstaunten sie über die
+Öde, die dort herrschte.
+
+Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen
+ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des
+Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Geräte verschwunden; nur die
+Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber
+ausgeräumt und geplündert; alles, was nicht niet- und nagelfest war,
+hatte man mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Betten.
+
+– Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist.
+
+– Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und ließ wieder anspannen; aber
+dieses Mal ging’s nach dem Badeort Dalarö; dort mußte ein Brief für
+ihn auf der Post liegen.
+
+Ganz richtig, dort lag ein großer Brief vom Direktor, der verkündete,
+die Gesellschaft habe ihre Tätigkeit eingestellt, weil sich das
+Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von
+viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die
+er bisher noch nicht eingezahlt, so seien alle Geschäfte zwischen der
+Gesellschaft und Carlsson erledigt.
+
+– Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun, man muß sich
+zufrieden geben.
+
+Er besaß die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er
+schüttelte sich und war ebenso trocken wie vorher. Noch trockener
+fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las, alles, was man
+zurückgelassen, falle den Inselbauern zu, wenn sie Lust hätten, es
+fortzuschaffen.
+
+Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer Menge Geldes
+und eines ehrenvollen Titels beraubt.
+
+Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit
+einer Gebärde einen großen Strich durch alles.
+
+– Ach, das ist nicht der Rede wert! Darüber braucht man kein Wort zu
+verlieren.
+
+Aber am nächsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Tätigkeit,
+um mit der großen Fähre Bretter und Ziegel vom Roggenholm zu holen.
+
+Ehe man sich’s versah, hatte er sich ein Sommerhäuschen von einem
+Zimmer nebst Küche errichtet; und zwar unten am Sunde, an einer
+Stelle, an die niemand gedacht, von der man aber eine Aussicht sowohl
+aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte.
+
+Der Sommer mit seinen luftigen Träumen war vorbei. Der Winter nahte;
+die Luft wurde schwerer, die Träume düsterer, und die Wirklichkeit
+nahm ein neues Aussehen an, heller für die einen, drohender für die
+andern.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+ Carlsson wahrträumt; der Sekretär wird bewacht,
+ aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles
+
+
+Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen,
+was man glücklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht
+steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefährliches Alter
+einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er
+sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwärts zu kommen;
+und das Mädchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen.
+Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das
+Fleisch an zu pochen, vielleicht stärker als sonst, weil er im letzten
+Jahre nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das
+Fleisch stärker gefüttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken
+begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Küche saß, und seine
+Augen gewöhnten sich daran, dem jungen Körper Claras zu folgen, wie
+sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmählich haften, ließen
+sich nieder und ruhten, machten kleine Ausflüge hierhin und dorthin,
+flogen fort, kamen wieder. Schließlich saß das Mädchen ihm im Auge:
+wohin er auch ging, immer sah er sie.
+
+Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern die Augen,
+die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen;
+wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und
+tränte.
+
+Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der
+Mond war aufgegangen und schien klar über schneebedeckte Fichten, auf
+die blanke Bucht und den weißen Boden. Ein karger Nordwind trieb
+trockenen Schnee vor sich her.
+
+In der Küche stand Clara und fegte den Backofen, während Lotte am
+Backtrog arbeitete. Carlsson saß in der Schrankecke, rauchte seine
+Pfeife und spann wie eine Katze in der Wärme. Seine Augen waren
+draußen auf Spiel und sie erwärmten sich und ergötzten sich, als sie
+auf Claras weißen Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten.
+
+– Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte.
+
+– Ja, das muß ich, antwortete Clara und zog eine Jacke aus Schafpelz
+an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt hatte.
+
+Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus.
+
+Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach.
+
+Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson.
+
+– Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete Lotte.
+
+Ohne auf nähern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und
+ging auch hinaus.
+
+Draußen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um
+sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf weit zu gehen hatte.
+Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie
+Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging
+sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um
+zu lauschen, und hörte, daß in der Schafhürde jemand flüsterte. In dem
+schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und Heuhalme der
+Scheibe fiel, sah sie, wie die Kühe ihre Köpfe nach hinten drehten und
+sie mit großen, im Dunkel grün leuchtenden Augen anguckten. Der
+Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen;
+etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht hätte sehen
+mögen; etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das
+Leben aus ihr scheuchte.
+
+Über die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den
+Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war
+gelöscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen auf und
+raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht
+sehen.
+
+Sie ging weiter und kam zu den Hühnern; die waren auf ihre Pflöcke
+geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden.
+
+Die Tür stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein hinaus. Zwei
+Paar Schuhe, ein kleineres und ein größeres, hatten Spuren im Schnee
+hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie führten
+nach der Hagtür, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von
+jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an
+dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren
+Stelle im Hag gezogen.
+
+Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben
+Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbüsche, wo sie ein anderes Mal,
+ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich
+nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbüsche nackt und trugen
+nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen
+raschelte das braune harte Laub im Winde, aber so dünn war das Laub,
+daß man die Sterne und den grünschwarzen Himmel sehen konnte.
+
+Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlängelte sich durch
+die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dünnes Haar warfen, wenn
+sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Rücken stäubte der Schnee, fiel
+über ihre gestreifte Bluse, kühlte und feuchtete.
+
+Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog
+von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; über Moore gings, deren
+Schollen schwankten; über Feldzäune, die krachten, wenn sie darüber
+setzte.
+
+Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere groß, Seite an
+Seite, bald in einander tretend, bald um einander, als ob sie getanzt
+hätten; über Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; über
+Steinhaufen und Gräben, über Buschzäune und Windbruch.
+
+Sie wußte nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre
+Hände waren klamm; sie steckte die magern, roten Hände bald unter den
+Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spät;
+auch war der Rückweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus
+ging. Also vorwärts durch ein Espenwäldchen, dessen letztes Laub
+zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind.
+
+Dann kam sie zu einem Zauntritt.
+
+Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort
+hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der
+Jacke mit der Schafpelzverbrämung.
+
+Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror,
+als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Blut in
+den Adern. Erschöpft, setzte sich auf den Zauntritt nieder, weinte,
+schrie; plötzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinüber.
+
+Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und gerade
+gegenüber sah sie die Lichter in der Stuga und ein Licht oben im
+Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr durch den Rücken, zauste an
+den Haaren und vereiste die Nasenflügel. Halb laufend kam sie aufs Eis
+hinunter, hinauf auf die schwankende Fläche, hörte das trockene Schilf
+um ihre Ohren sausen, unter ihren Füßen knacken. Über eine
+eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief weiter,
+als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere Ufer erreichte,
+fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge des sinkenden
+Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den Schlammboden gelegt hatte
+und unter ihrer Last klingend und krachend zerbrach. Sie fühlte, wie
+die Kälte die Beine hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien,
+damit niemand komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre
+Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die Höhe
+hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar aufs Bett zu, legte
+sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd zu machen und Fliedertee
+aufzusetzen.
+
+Sie ließ sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle über sich
+werfen; ließ den Ofen mit Knüppelholz heizen, fror aber doch
+unaufhörlich.
+
+Schließlich ließ sie Gustav rufen, der in der Küche saß.
+
+– Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.
+
+– Jetzt bin ich’s, antwortete die Alte pustend, und ich komme nie
+wieder auf. Schließ die Tür und geh an den Sekretär. Der Schlüssel
+liegt hinter dem Pulverhorn auf dem Fach; du weißt doch!
+
+Gustav gehorchte niedergeschlagen.
+
+– Öffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker Hand und nimm den
+großen Brief ... Ja, den ... Wirf ihn ins Feuer.
+
+– Schließ die Tür, mein Junge, und mach den Sekretär zu! Steck den
+Schlüssel zu dir! Setz dich hierher und hör mich an; denn morgen kann
+ich nicht mehr sprechen.
+
+Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt hörte er, daß es
+ernst war.
+
+– Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft deines Vaters, du
+hast es selbst, und versiegele alle Schlüssellöcher, bis die
+Gerichtsherren kommen.
+
+– Und Carlsson? fragte der Sohn zögernd.
+
+– Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand nehmen! Aber
+nicht mehr; und kannst du’s auslösen, so tu es! Gott sei mit dir,
+Gustav! Du hättest wohl auf meine Hochzeit kommen können; aber du hast
+wohl deine Gründe gehabt. Und jetzt, wenn ich reise, mußt du
+verständig sein. Kein Sarg mit silbernem Schild; du nimmst solch einen
+gelben, gebeizten; und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich
+haben. Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst ihm
+dafür Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben und seiner Frau ein
+halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau, daß du dich bald verheiratest.
+Nimm ein Mädchen, das du liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine
+aus deinem Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm
+keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie Läuse; und
+gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas
+vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann.
+
+Die Tür öffnete sich, und Carlsson schlüpfte herein, weich, aber
+zuversichtlich.
+
+– Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen wir nach dem
+Doktor schicken.
+
+– Das ist nicht nötig, antwortete die Alte und drehte sich nach der
+Wand.
+
+Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut Freund werden.
+
+– Bist du böse auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird doch nicht um
+nichts und wieder nichts böse werden! Soll ich dir aus dem Buche
+vorlesen?
+
+– Ist nicht nötig! war alles, was die Alte antwortete.
+
+Carlsson merkte, daß hier nichts mehr zu machen war; da er unnütze
+Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie sie war, und setzte sich
+auf das Holzsofa, um zu warten. Da die geschäftliche Lage klar war und
+die Alte nicht Lust oder nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war
+nichts mehr hinzuzufügen; und was Gustav und ihn betraf, das würden
+sie später schon mit einander abmachen.
+
+Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die Leute waren es
+gewohnt, allein zu sterben; auch war jede Verbindung mit dem Festland
+unterbrochen.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer und einander.
+Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem Sofa einschlummerte, machte
+auch der Andere mit einem Auge ein Schläfchen. Sobald sich aber jemand
+rührte, fuhr der Andere wieder in die Höhe.
+
+Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot.
+
+Gustav hatte ein Gefühl, als sei die Nabelschnur jetzt erst
+durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und ein
+selbständiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter die Augen
+zugedrückt und ihr das Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte, damit
+der Mund nicht klaffe, steckte er in Carlssons Gegenwart ein Licht an,
+holte Petschaft und Lack und versiegelte den Sekretär.
+
+Die unterdrückten Leidenschaften erwachten; Carlsson trat vor und
+stellte sich mit dem Rücken gegen den Sekretär.
+
+– Hollah, was machst du da, Junge? fragte er.
+
+– Ich bin jetzt kein Junge mehr, antwortete Gustav; ich bin jetzt Herr
+auf Hemsö, und du bist Altsitzer.
+
+– Dazu gehören wohl zwei! meinte Carlsson.
+
+Gustav nahm die Flinte von der Wand, zog den Hahn auf, daß das
+Zündhütchen zu sehen war; trommelte auf den Kolben und brüllte zum
+ersten Male in seinem Leben:
+
+– Hinaus! Sonst drücke ich los!
+
+– Drohst du?
+
+– Ja, da keine Zeugen da sind! antwortete Gustav, der in letzter Zeit
+mit Leuten vom Gericht gesprochen zu haben schien.
+
+Das war Bescheid und den verstand Carlsson.
+
+– Warte du nur, bis die Teilung stattfindet, sagte er und ging in die
+Küche hinaus.
+
+Der Weihnachtsabend war in diesem Jahre düster. Eine Leiche im Hause
+und keine Möglichkeit, nach Sarg und Leichenkleid zu schicken; denn
+der Schnee fiel unaufhörlich, daß Strömungen und Meeresflächen weder
+trugen noch brachen. Ein Boot in die See zu bringen, war unmöglich,
+denn das Wasser war ein einziger Eisschlamm, der weder rudern noch
+fahren noch gehen erlaubte.
+
+Carlsson und Flod, wie Gustav sich jetzt nennen ließ, gingen um
+einander herum; aßen zusammen zu Tisch, ohne ein Wort mit einander zu
+wechseln. Das Haus war in Unordnung; niemand setzte die Arbeit in
+Gang; jeder verließ sich auf den Andern; so blieb die meiste Arbeit
+ungetan.
+
+Der Weihnachtstag begann, grau, neblig; wieder schneite es. Nach der
+Kirche zu kommen, war ebenso unmöglich, wie irgend wohin zu kommen;
+darum las Carlsson die Predigt in der Küche. Man wußte, daß man eine
+Leiche im Hause hatte, und keine Weihnachtsfreude kam auf. Das Essen
+war nachlässig zubereitet; nichts zur rechten Zeit fertig, und alle
+waren mißvergnügt. Es lag etwas Dumpfes in der Luft, sowohl draußen
+wie drinnen; und da die Leiche der Alten in der Stube stand, weilten
+alle in der Küche. Es war wie eine Einquartierung. Wenn man nicht aß
+oder trank, schlief man, einer auf dem Sofa, einer auf dem Bett; zum
+Kartenspiel zu greifen oder die Handharmonika vorzunehmen, fiel
+niemandem ein.
+
+Der zweite Weihnachtstag kam und verging, ebenso schwer, ebenso
+langweilig. Jetzt aber verlor Flod die Geduld. Einsehend, daß eine
+Zögerung schlimme Folgen haben könne, da die Leiche sich zu verwandeln
+begann, nahm er Rundqvist mit in den Arbeitsschuppen. Dort tischlerten
+die beiden einen Sarg, der dann gelb gestrichen wurde. Was man im
+Hause auftreiben konnte, in das wurde die Tote gehüllt.
+
+So war der fünfte Tag gekommen.
+
+Da das Wetter keine Zeichen gab, daß es sich bessern werde, und man
+die Aussicht hatte, vierzehn Tage warten zu müssen, mußte man um jeden
+Preis versuchen, die Leiche nach der Kirche zu schaffen, um sie in die
+Erde zu bringen. Man schob also das große Netzboot in die See, und
+alle Mannsleute rüsteten sich zu einer Eisbootsfahrt mit
+Schlittenkufen, Eispickeln, Beilen und Stricken.
+
+Früh am sechsten Tage begaben sie sich auf die lebensgefährliche
+Fahrt.
+
+Bald war eine Strömung offen; dann ruderte man. Dann kam man an eine
+Fläche, die unterm Eise lag; da mußte man das Boot auf die
+Schlittenkufen schieben; wenn das gelungen war, mußte man sich
+vorspannen und ziehen. Am schlimmsten war es im Eisschlamm; da
+patschten die Ruder nur auf und nieder, ohne daß das Boot mehr als
+einige Zoll weiter kam. Oft mußte man vorausgehen und eine Rinne mit
+Eispickeln und Beilen hauen; aber wehe dem, der sich verhieb und aus
+der Rinne herauskam, wo eine Strömung die dünne Kruste zerfressen
+hatte.
+
+Es war Nachmittag geworden, und noch hatten sie sich nicht die Zeit
+zum Essen und Trinken genommen; noch war die letzte freie Meeresfläche
+zurückzulegen. So weit sie sehen konnten, öffnete sich ein einziges
+großes Schneefeld, hier und dort mit kleinen runden Erhöhungen; das
+waren eingeschneite Kobben. Der Himmel war blauschwarz im Osten und
+verkündete Schnee. Die Krähen kamen von draußen angeflattert und zogen
+ins Land hinein, um ihren Nachtzweig zu suchen. Zuweilen dröhnte das
+Eis, als sei Tauwetter im Anzuge, und draußen auf dem offnen Meere
+brüllten die Seehunde. Die Eisfläche lag östlich nach dem Meere zu
+offen, aber es war keine Meerwake zu sehen. Verdächtig war aber, daß
+sie die Eisente »alla« rufen zu hören glaubten. Da sie vierzehn Tage
+lang keine Zeitung bekommen hatten, wußten sie nicht, ob die
+Leuchttürme brannten; aber zwischen Weihnachten und Neujahr brannten
+sie sicher nicht.
+
+– So geht’s nicht weiter! äußerte Carlsson, der bisher still gewesen
+war.
+
+– Es muß gehen, sagte Flod und stemmte die Schulter gegen den
+Schlitten; aber wir müssen auf der Möwenklippe landen, um etwas Essen
+zu uns zu nehmen.
+
+Und damit steuerte man auf die Klippe zu, die mitten in der freien
+Meeresfläche lag.
+
+Sie war indessen entfernter, als man geglaubt hatte; und sie änderte
+ihr Aussehen, je näher man kam; schließlich aber hatte man sie auf
+Kabellänge vor sich.
+
+– Wuhne voraus! schrie Norman, der Ausguck hatte; nach links halten!
+
+Die Schlittenkufen machten eine Schwenkung nach links. Immer weiter
+nach links; schließlich hatte man die Klippe umgangen. Infolge der
+letzten Sonnenwärme oder der warmen Grundströmung hatte die Klippe
+sich selber abgeschnitten und schien von keiner Seite zu erreichen zu
+sein, wenigstens nicht auf Schlittenkufen.
+
+Die Dämmerung fiel, guter Rat war teuer; Flod, der den Befehl hatte,
+entwarf sofort einen Angriffsplan: das Boot sollte in die Wuhne
+geschoben werden, und im selben Augenblick sollten sich alle Mann
+hineinwerfen und an die Ruder setzen.
+
+Gesagt, getan.
+
+– Eins, zwei, drei! befahl Flod.
+
+Das Boot schoß vor, ließ die Schlittenkufen zurück, kippte – und der
+Sarg rutschte in die See.
+
+Aus Schreck vergaßen Flod und Carlsson, die hinten waren, ins Boot zu
+springen und blieben auf dem Rand des Eises stehen, während Rundqvist
+und Norman sich retteten.
+
+Der Sarg war schlecht gefügt, füllte sich mit Wasser und sank, ehe
+jemand soweit zur Besinnung kam, um an etwas Anderes als sich selbst
+zu denken.
+
+– Jetzt gehen wir sogleich nach der Pfarre! befahl Flod, der heute
+mehr handelte als überlegte.
+
+Carlsson machte Einwendungen; aber auf Gustavs Frage, ob er lieber die
+ganze Nacht hier stehen wolle, konnte er nichts erwidern, zumal er
+sah, daß keine Aussicht war, die Kobbe zu erreichen.
+
+Rundqvist und Norman arbeiteten sich inzwischen ans Land und schrien
+den Kameraden zu, nachzukommen. Flod aber antwortete nur, indem er mit
+der Hand Abschied winkte und nach Süden zeigte, wo die Pfarre lag.
+
+Eine lange Weile wanderten Carlsson und Flod still dahin; Gustav
+voran mit dem Eispickel, um zu prüfen, ob das Eis hielt; Carlsson
+hinterdrein, den Rockkragen in die Höhe geschlagen. Ihm war
+schauerlich zu Mut, da seine Frau ein so schnelles und klägliches Ende
+gefunden; die Schuld dafür würde man sicher auf ihn schieben.
+
+Als sie eine halbe Stunde gegangen waren, blieb Gustav stehen, um zu
+verschnaufen. Dann blickte er nach Riffen und Ufern, um zu sehen, wo
+er sich befand.
+
+– Zum Teufel, wir sind verkehrt gegangen! brummte er; das war ja gar
+nicht die Möwenklippe; die liegt ja dort! Und er zeigte nach Osten.
+Und dort haben wir die Kiefer von Gillöga.
+
+Auf einer langgestreckten Insel nach der Landseite zu stand eine
+einsame Kiefer, die von einer abgeholzten Waldhöhe übrig geblieben war
+und mit ihren beiden einzigen Ästen einem optischen Telegraphen glich;
+sie war als Seezeichen oder Landmarke bekannt.
+
+– Und dort haben wir die Trälschäre.
+
+Er sprach zu sich selbst und schüttelte den Kopf.
+
+Carlsson wurde bange, denn er war in diesem Inselmeer nicht zu Hause
+und hatte zu Gustavs Wissen unbegrenztes Vertrauen gehabt.
+
+Flod hatte inzwischen Besteck genommen, änderte den Kurs und setzte
+sich mehr nach Süden in Bewegung.
+
+Die Dämmerung war gekommen, aber der Schnee leuchtete etwas, daß sie
+Landmarke halten konnten. Sie sprachen kein Wort, aber Carlsson hielt
+sich dicht hinter seinem Führer.
+
+Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte. Carlssons ungewohntes Ohr
+hörte nichts, aber Gustav vernahm ein schwaches Rauschen von der
+Ostseite, wo eine Wolkenwand, dichter und schwärzer als der
+Nebelschleier, der den Gesichtskreis verhüllte, aufgestiegen war.
+
+Sie standen eine Weile still, bis Carlsson ein schwaches Brausen und
+Rauschen hören konnte, das sich näherte.
+
+– Was ist das? fragte er und trat dichter an Gustav heran.
+
+– Das ist die See! antwortete der. In einer halben Stunde ist der
+Ostwind hier mit einem Schneesturm, und wenns schlimm kommt, bricht
+das Eis auf. Dann weiß der Teufel, was aus uns wird. Nur schleunigst
+weiter!
+
+Er fing an zu laufen; Carlsson hinter ihm drein; der Schnee wirbelte
+ihnen um die Füße und das Brausen schien ihnen zu folgen.
+
+– Jetzt ist es aus mit uns! schrie Gustav und blieb stehen, auf ein
+Licht zeigend, das in Südost hinter einer Kobbe blitzte. Der
+Leuchtturm brennt! Die See geht offen!
+
+Carlsson verstand die Gefahr nicht, aber er sah ein, daß es schlimm
+stand, wenn Gustav zitterte.
+
+Jetzt hatte der Ostwind sie gefaßt; aus der Entfernung eines
+Steinwurfs konnten sie die Schneewand kommen sehen, wie einen dunkeln
+Schirm; und gleich darauf waren sie von Schnee umgeben, der dicht,
+dicht fiel, und schwarz wie Ruß war. Es wurde ganz dunkel um sie und
+das Licht des Leuchtturms, das noch einen Augenblick bleich und
+undeutlich wie eine Nebelsonne ihnen den Weg gezeigt hatte, erlosch
+schließlich.
+
+Gustav lief in starkem Trab weiter. Carlsson folgte, so gut er konnte;
+aber er war ziemlich fett und konnte nicht gleichen Schritt halten,
+kam außer Atem; bat Gustav, langsamer zu laufen: der aber hatte keine
+Lust, sich zu opfern, sondern lief, lief ums Leben. Carlsson packte
+ihn am Rockschoß, bettelte und flehte, er möge ihm nicht fortlaufen;
+versprach Gold und grüne Wälder, beschwor ihn bei seiner Seligkeit und
+Pein, aber nichts half.
+
+– Jeder für sich und Gott für uns alle! antwortete Gustav und bat
+Carlsson, sich einige Schritte von ihm entfernt zu halten, sonst könne
+das Eis brechen.
+
+Das schien es auch zu tun, denn hinter ihnen krachte es immer mehr und
+mehr. Was schlimmer war, das Brausen näherte sich jetzt so deutlich,
+daß man hörte, wie die Wellen gegen Riffe und Eisrand schlugen; auch
+waren die Möwen erwacht und schrien nach unerwarteter Beute.
+
+Carlsson keuchte und schnaubte; der Abstand zwischen ihm und Gustav
+vergrößerte sich; schließlich befand er sich allein in der Finsternis.
+Da blieb er stehen, suchte nach den Spuren, fand keine; rief, aber
+bekam keine Antwort. Das war die Einsamkeit, die Finsternis, die
+Kälte, das Wasser, das den Tod brachte.
+
+Von Furcht aufgejagt, setzte er sich noch ein Mal in Bewegung; lief
+so, daß die Schneeflocken zurückblieben, obwohl sie dieselbe Richtung
+wie er hatten; dann rief er wieder.
+
+– Dem Wind folgen, dann kommt Ihr westlich ans Land! hörte er eine
+fliehende Stimme aus der Finsternis; dann ward es wieder still.
+
+Bald aber hatte Carlsson keine Kräfte mehr, um laufen zu können.
+Mutlos verlangsamte er seinen Lauf, ging Schritt vor Schritt, ohne
+Widerstand leisten zu können, während er die See hinter sich kommen
+hörte, brausend, prustend, ächzend, als sei sie eigens auf nächtlichen
+Raub ausgezogen.
+
+ * * * * *
+
+Pastor Nordström hatte sich um acht Uhr ins Bett gelegt, um seine
+Zeitung zu lesen; dann war er in einen schweren Schlaf gesunken. Aber
+gegen elf Uhr fühlte er den Ellbogen seiner Alten in der Seite und
+hörte sie rufen.
+
+– Erich! Erich! hörte er im Schlaf.
+
+– Was ist denn? Kannst du nicht ruhig sein! knurrte er halbwach.
+
+– Ruhig? Bin ich etwa nicht ruhig!
+
+Langatmige Erklärungen fürchtend, beeilte sich der Pastor zu beteuern,
+er sei von ihrer Ruhe überzeugt, machte mit einem Streichhölzchen
+Feuer und fragte, was los sei.
+
+– Es ruft jemand im Garten! Hörst du nicht?
+
+Der Pastor lauschte und setzte die Brille auf, um besser hören zu
+können.
+
+– Ja, wahrhaftig! Wer ... kann das sein?
+
+– Geh doch und sieh nach! antwortete seine Frau und gab dem Alten
+einen neuen Stoß.
+
+Der Pastor zog Unterhosen und Pelz an, schob die Füße in seine
+Überschuhe, nahm die Flinte von der Wand und setzte ein Zündhütchen
+darauf, schüttelte das Zündpulver hinein und ging hinaus.
+
+– Wer da? rief er.
+
+– Flod! antwortete eine dumpfe Stimme hinter der Fliederhecke.
+
+– Was ist denn los, daß du so spät kommst? Liegt die Alte in den
+letzten Zügen?
+
+– Noch schlimmer! klang Gustavs mitgenommene Stimme. Wir haben sie
+verloren.
+
+– Verloren?
+
+– Ja, auf der See haben wir sie verloren.
+
+– Aber komm doch in aller Welt herein und steh nicht da in der Kälte!
+
+Gustav sah beim Lichtschein wie ein ausgeblasenes Ei aus, da er den
+ganzen Tag weder gegessen noch getrunken und außerdem wie ein Hund mit
+dem Ostwind hatte um die Wette laufen müssen.
+
+Nachdem er dem Pastor in einem Atem den ganzen Verlauf erzählt hatte,
+ging dieser zu seiner Alten hinein; nach einem kleinen Sturm, der
+einige Minuten dauerte, erhielt er den Schlüssel zu einem gewissen
+Schrank in der Küche, in die er den Schiffbrüchigen führte.
+
+Bald saß Gustav an dem großen Küchentisch, während der Pastor
+Branntwein, Schmalz, Preßsülze, Brot hervorholte und dem
+Ausgehungerten vorsetzte.
+
+Darauf beriet man, was man für die Gestrandeten tun könne. Jetzt in
+der Nacht Leute aufzubieten und hinauf zu fahren, war verlorene Mühe;
+Feuer am Strande anzuzünden, war gefährlich, weil das Fahrzeuge
+irreführen konnte, wenn der Schein überhaupt durch den Schneesturm
+drang.
+
+Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefährlich,
+aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nämlich zu
+wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren.
+
+– Es sieht gerade so aus, als müsse er für seine Taten büßen, meinte
+er.
+
+– Hör mal, Gustav, wandte Pastor Nordström ein, ich finde, du bist
+ungerecht gegen Carlsson; und ich weiß nicht, was du mit bösen Taten
+meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn dir nicht in die
+Höhe gebracht? Hat er dir nicht Sommergäste verschafft und dir eine
+neue Stuga gebaut? Und daß er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie
+wollte ihn ja haben. Daß er sie bat, das Testament zu machen, war noch
+kein Unrecht von ihm; daß sie es aber tat, war von ihr nicht wohl
+überlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was du
+tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst du vielleicht nicht,
+daß ich für dich um die Witwe von Owassa mit ihren achttausend
+Reichstalern freien soll? Nein, hör mal, Gustav, du mußt nicht so
+streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten!
+
+– Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und
+das vergesse ich ihm nie.
+
+– Ach was, das hast du vergessen, wenn du zu deiner Frau ins Bett
+kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr
+wirklich das Leben genommen hat. Hätte die Alte sich zum Beispiel
+etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so hätte sie sich
+nicht erkältet. Daß er, der junge Kerl, mit dem Mädchen schäkerte,
+wäre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wären wir jetzt
+im Reinen; nun wollen wir morgen früh sehen, was zu machen ist. Wir
+haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir
+sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denke daran: des
+einen Tod ist des andern Brot.
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche erschienen, kam
+Pastor Nordström in Begleitung Flods. Statt in die Kirche zu gehen,
+blieb er in der Menge stehen, die bereits zu wissen schien, was
+geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, daß der Gottesdienst
+ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf, sich mit ihren Booten, so
+schnell sie könnten, an der Pfarrbrücke zu versammeln, um die
+Schiffbrüchigen zu bergen.
+
+In der Menge mußte der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge
+von Gemeindesachen, denn im Hintergrunde murrte man und behauptete,
+das Gotteswort nicht entbehren zu können.
+
+– Ach was, wandte der Pastor ein; so viel liegt euch nicht daran,
+meine Schelte anzuhören, wenn ich euch recht kenne. Was? Was sagst du,
+Owassaer, du bist ja solch ein Schriftgelehrter, daß du gleich hörst,
+wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange.
+
+Ein leises Lächeln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur
+Hälfte gehoben.
+
+– Wir haben übrigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und
+bringt eure Weiber mit; ich verspreche, euch dann die Köpfe zu
+waschen, daß es für ein Vierteljahr vorhält. Seid ihr nun
+einverstanden, daß wir den Esel aus dem Brunnen ziehen?
+
+– Ja, murmelte die Menge, als habe sie Absolution für Entweihung des
+Sabbaths erhalten.
+
+Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen.
+
+Das Schneegestöber hatte aufgehört, der Wind war nach Norden herum
+gegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen,
+wallte blauschwarz um die blendendweißen Kobben.
+
+Zehn Netzboote stießen von der Pfarrbrücke ab. Die Männer hatten
+Pelzröcke an und Seehundsmützen auf, brachten Beile und Dregganker
+mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Ruder bemannt. Der
+Pastor saß mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle
+gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und
+vordersten Ruderer mitgenommen.
+
+Man war ernst gestimmt, aber nicht übermäßig traurig; ein
+Menschenleben mehr oder weniger zählt auf See nicht.
+
+Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror
+sofort, mußte aufgehauen und hinaus geworfen werden. Zuweilen kam eine
+Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter
+und kam wieder in die Höhe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz,
+das von den Ufern losgerissen war.
+
+Der Pastor spähte mit seinem Fernglas nach der Trälschäre, auf der
+Rundqvist und Norman gefangen saßen. Bald warf er einen hoffnungslosen
+Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war;
+bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach
+einem Fuß, einem Kleidungsstück oder der Leiche selbst. Aber
+vergebens.
+
+Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, näherte man sich der
+Schäre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte
+entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezündet. Als die Boote anlegten,
+zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher
+Lebensgefahr waren sie nicht gewesen.
+
+– Nicht, solange man Land unter sich hat! meinte Rundqvist.
+
+Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem
+Sarg zu dreggen.
+
+Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er
+hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne
+etwas anderes in die Höhe zu bringen als lange Tangranken mit Muscheln
+und anderm Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg.
+
+Die Leute fingen an, müde und verdrießlich zu werden. Einige waren an
+Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen,
+Kaffee zu kochen.
+
+Schließlich erklärte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu
+machen, da die Strömung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen
+habe.
+
+Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache,
+streng genommen, keinen persönlich anging, empfand man eine gewisse
+Erleichterung, daß man sich nicht gefühllos gegen fremden Kummer zu
+zeigen brauchte.
+
+Um indessen dieses klägliche Ende einigermaßen abzurunden, trat Pastor
+Nordström an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht für die Alte
+halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied könnten die
+Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und
+teilte ihn den Andern mit.
+
+Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen
+in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strande
+versammelten, um der den Umständen angepaßten Beerdigung beizuwohnen.
+Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den
+Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die
+Finger der linken Hand und entblößte seinen Kopf, während alle Männer
+am Strande die Mützen abnahmen.
+
+– Wollen wir »Ich bin ein Gast auf Erden« nehmen? Könnt ihr das
+auswendig? fragte der Pastor.
+
+– Ja! wurde vom Strande geantwortet.
+
+Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Kälte zitternd, dann vor
+Bewegung über das Ungewöhnliche in der Feier und über die ergreifenden
+Töne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte.
+
+Die letzten Worte waren verklungen und hallten wider über das Wasser,
+gegen die Schären, durch die klare Luft. Eine Pause entstand, während
+der man nur hörte, wie der Wind in den Nadeln der Meerkiefern
+rauschte, wie die Wogen an den Steinen plätscherten, die Möwen
+schrien, die Boote gegen den Boden stießen. Der Pastor wandte sein
+greises, gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus; die Sonne
+beleuchtete seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarsträhnen vom Winde
+wie die Hängeflechten einer alten Fichte gezaust wurden.
+
+– Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden! Jesus
+Christus unser Erlöser wird dich auferwecken am jüngsten Tage! Laßt
+uns beten! begann er mit seiner tiefen Stimme, die gegen Wind und
+Welle kämpfte, um gehört zu werden.
+
+In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem Segen streckte
+der Pastor die Hand über das Wasser zu einem letzten Lebewohl.
+
+Man setzte die Mützen wieder auf. Gustav drückte dem Pastor die Hand
+und dankte ihm, schien aber noch etwas auf dem Herzen zu haben.
+
+– Herr Pastor, ich finde doch ... Carlsson müßte auch einige Worte
+haben!
+
+– Es war für beide, mein Junge! Es ist jedenfalls schön von dir, an
+ihn zu denken, antwortete der Alte, der gerührter zu sein schien, als
+er wahr haben wollte.
+
+Die Sonne ging unter; man mußte sich trennen, um nach Hause zu fahren,
+so schnell man konnte.
+
+Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksamkeit erweisen;
+nachdem man Abschied genommen hatte und alle in ihren Booten waren,
+folgte man ihm ein Stück Weges, formierte dann die Boote in einer
+Linie, wie beim Netzlegen, grüßte mit den Rudern und rief:
+
+– Lebwohl!
+
+Es war eine Huldigung für die Trauer, aber auch für den jungen Mann,
+der jetzt in die Reihe der reifen Männer aufgenommen war.
+
+Und sein eigenes Boot steuernd, ließ sich der neue Herr des Hofes von
+seinen Knechten nach Hause rudern, um von nun an sein eignes Fahrzeug
+über die windigen Flächen und grünen Sunde des launenhaften Lebens zu
+lenken.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Auflistung aller gegenüber dem
+ Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 16: teilweise unleserliches Wort: Kl rhaut –> Klärhaut
+ S. 28: Klara –> Clara (einheitliche Schreibweise im Text)
+ S. 49: Quellen finden –> Quellen zu finden
+ S. 72: Männner –> Männer
+ S. 94: knapper Gehalt –> knappes Gehalt
+ S. 100: schlägt –> schläft
+ S. 123: kaput –> kaputt
+ S. 145: Schläge –> Schlägen
+ S. 152: des alten Schmidt«! –> des alten Schmidt!«
+ S. 161: Gaulen –> Gäulen
+ S. 162: denn, –> dann
+ S. 187: vergassen –> vergaßen
+
+ Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch Ä, Ö und Ü ersetzt.
+
+ Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
+ Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+ Formatierung:
+
+ Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich _ markiert: _Text_ Text
+ in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit Pluszeichen + gekennzeichnet:
+ +Text+
+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+page at http://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
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+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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new file mode 100644
index 0000000..cc398f4
--- /dev/null
+++ b/24371-0.zip
Binary files differ
diff --git a/24371-8.txt b/24371-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..c345c41
--- /dev/null
+++ b/24371-8.txt
@@ -0,0 +1,7118 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inselbauern
+ oder Die Leute auf Hemsoe
+
+Author: August Strindberg
+
+Translator: Emil Schering
+
+Release Date: January 20, 2008 [EBook #24371]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+ August Strindberg
+
+
+
+ Die Inselbauern
+
+ oder
+
+ Die Leute auf Hemsö
+
+
+
+ Aus dem Schwedischen übertragen von
+
+ Emil Schering
+
+
+
+ Volksausgabe
+
+
+ [Verlags-Logo]
+
+
+
+
+ München und Leipzig bei Georg Müller
+
+
+
+ Deutsche Originalausgabe
+ gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe
+ unter Mitwirkung von Emil Schering als Übersetzer
+ vom Dichter selbst veranstaltet
+ Geschützt durch die Gesetze und Verträge
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright by Georg Müller, München 1918
+
+
+
+
+ Gebunden in Rennersches Buntpapier
+
+
+
+
+Die erste vollständige Ausgabe
+
+Als Strindberg 1887 das Manuskript dieses Romans dem stockholmer
+Verleger übersandte, strich dieser vor dem Druck nicht weniger als 22
+Stellen, die ihm für schwedische Magen zu kräftig erschienen, trotzdem
+der Dichter gegen diese Vergewaltigung protestierte. Erst nach dem
+Tode Strindbergs sind diese 22 Stellen aus dem Nachlasse ans Licht
+gekommen, aber auch jetzt noch nicht dem Romane eingefügt worden.
+Diese deutsche Übersetzung ist also die erste vollständige Ausgabe des
+Werkes.
+
+ 1917
+
+ _Emil Schering_
+
+
+
+
+ Übersicht
+ Seite
+ _Einleitung_
+
+ Das Inselmeer 1
+
+ _Erstes Kapitel_
+
+ Carlsson geht in Dienst
+ und wird für einen Schwätzer gehalten 11
+
+ _Zweites Kapitel_
+
+ Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft;
+ der gute Hirte und die bösen Schafe;
+ die Schnepfen, die ihr Teil bekamen,
+ und der Knecht, der die Kammer bekam 27
+
+ _Drittes Kapitel_
+
+ Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch,
+ wird Herr auf dem Hofe,
+ duckt die jungen Hähne
+ und tritt seine Hühner selbst 47
+
+ _Viertes Kapitel_
+
+ Es poltert zur Hochzeit;
+ die Alte wird ums Geld genommen 81
+
+ _Fünftes Kapitel_
+
+ Man schlägt sich beim dritten Aufgebot,
+ geht zum Abendmahl
+ und hält Hochzeit,
+ kommt aber doch nicht ins Brautbett 113
+
+ _Sechstes Kapitel_
+
+ Veränderte Verhältnisse
+ und veränderte Ansichten;
+ die Landwirtschaft geht zurück
+ und der Grubenbau blüht 155
+
+ _Siebentes Kapitel_
+
+ Carlsson wahrträumt;
+ der Sekretär wird bewacht,
+ aber der Tod kommt
+ und macht einen Strich durch alles 177
+
+
+
+
+
+
+Einleitung
+
+Das Inselmeer von Stockholm, die »Schären«, aus welcher Gegend ich
+Scenerien und Motive für dieses Buch geholt habe, hat immer eine
+besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht weil meine
+engere Heimat, Stockholm und Umgebung, selbst einen Teil dieser
+Schären bildet. Der Mälar war ja ursprünglich ein Meeresarm, der durch
+die Wasserläufe bei Södra Telje und Stocksund bei Stockholm in
+Verbindung mit dem Meere stand; die Kettenschäre, der jetzige
+Ritterholm, erinnerte ja durch ihren Namen an ihre älteste Natur, die
+einer Schäre; wie man noch bei einer Fahrt durch den Mälar mit seinen
+Tausenden von Inseln und Holmen an die Landschaft erinnert wird, die,
+eine Mischung von Land und Wasser, östlich von der schwedischen
+Hauptstadt sich etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt.
+
+Dieser ganze zerrissene Küstenstrich ruht zum allergrößten Teil auf
+der Urformation: Gneis, Granit und Eisenerzen; von den letzten hat man
+nur die von Utö reich genug gefunden, um sie zu bearbeiten. Die
+Granitvarietät Pegmatit tritt zuweilen in so großen Mengen aus, daß
+sie des Feldspats wegen gewonnen wird, den die Porzellanfabriken
+benutzen.
+
+Die Abwesenheit der jüngeren Formationen, mit ihren horizontalen
+Lagerungen in hellen, leichten Farbentönen, verleiht der
+Schärenlandschaft diesen Zug von Wildheit und Düsterkeit, der die
+Urformation begleitet. Die Landschaftskontur wird durch die
+losgerissenen, rohen, unregelmäßigen Blöcke kamm- und wogenförmig auf
+den Höhen; flach, höckerig, holperig, wo das Meer seine Schleifarbeit
+ausgeführt hat. Die partielle Schieferhaltigkeit des Gneises setzt
+auch die Strandklippen so der Sprengarbeit des Eises aus, daß Grotten,
+Höhlungen und tiefe Spalten das Wilde des Landschaftscharakters
+steigern; der wird dadurch niemals einförmig wie die Kalk- oder
+Sandsteinfalaises der französischen Nordküste.
+
+Diese Wildheit wird jedoch jäh unterbrochen durch die reiche Erde von
+der Quartärperiode mit Moränenschutt und Glaciallehm, Schneckensand,
+Mooshumus und Tangverwandlungen; deren Fruchtbarkeit wird oft durch
+Abfall von den Großfischzügen der Jahrtausende, die reichen Schlamm
+auf den Versandungen bilden, und draußen auf den Kobben durch den
+Guano der Seevögel vermehrt. Auf dieser Erdschicht wachsen Kiefer und
+Fichte, obwohl die Gotik der Fichte der Natur den inneren Schären
+ihren mehr hervortretenden Charakter verleiht, während die Kiefer
+abgehärteter ist und ganz weit hinaus bis an den Meeresrand geht, sich
+auf den letzten Klippen nach dem am meisten herrschenden Wind drehend.
+
+In den Niederungen wird der Wiesenboden besonders prachtvoll durch
+Anschlämmungen und Salzwasser, und die natürliche Wiese bietet eine
+reiche Blumenflora mit allen wilden Prachtpflanzen des mittleren
+Schwedens, von denen vielleicht die Orchideen und die Mehlprimel die
+vornehmsten sind. An den Ufern leuchten Lythrum und Lysimachia, in den
+Wäldern wächst die Blaubeere, auf den offenen Felsenplatten die
+Preiselbeere, und in den Mooren ist die Multbeere nicht selten.
+Tiefliegende Inseln mit besserem Boden nehmen durch den Reichtum an
+Laubbäumen und Büschen einen besonders lächelnden Charakter an. Die
+Eiche belebt hier mit ihren weichen Linien und ihrem sehr hellen Laub
+die Nadelholzlandschaft. Und der Hag, diese Eigentümlichkeit des
+Nordens, eine Kreuzung von Wald, Unterholz und Wiese, ist vielleicht
+das Lieblichste, das man sehen kann, wenn unter einer Mischung von
+Birke und Nadelbaum die Haselbüsche eine Laube über dem Fahrweg
+bilden; er trägt hier den Namen »Drog«. Es sind Stücke eines
+englischen Parks, durch die man spaziert, bis man auf die Strandklippe
+mit ihren Fichten und Kiefern stößt, auf Torfmoos und die
+Sandniederlage der Meeresbucht mit ihrem Tanggürtel. Schiebt sich eine
+Bucht weiter ins Land hinein, ist sie immer von Erlen und reichen
+Schilfbänken schön eingefaßt.
+
+Diese Abwechslung von Düsterm und Lächelndem, von Ärmlichem und
+Reichem, von Lieblichem und Wildem, vom Binnenland und Meeresküste
+macht Schwedens östliches Inselmeer so fesselnd. Dazu kommt, daß die
+meist steinigen Ufer das Wasser rein und durchsichtig halten; auch wo
+der Sand ins Meer hinausgeht, ist er so schwer und so rein, daß ein
+Badender sich nicht zu ekeln braucht, wie an der französischen
+Nordküste, wo ein Meerbad ein Schlammbad ist. Man entgeht hier den
+meisten Nachteilen des offenen Meeres und genießt die meisten Vorteile
+des Binnenlandes; ein Vorzug, den das östliche Inselmeer vor der
+zerklüfteten öden Westküste hat.
+
+Die wilde Tierwelt weist keine Raubtiere beunruhigender Natur auf.
+Fuchs, Luchs, Hermelin sind die grimmigsten. Glänzende Jagdgelegenheiten
+bietet der Elch, der hierher geflüchtet ist und in den Sümpfen und
+Wäldern der größern Inseln sein Standquartier aufgeschlagen hat. Dachs,
+Hase, Otter, Seehund lassen auch ihr Fell, und die Hasenjagd auf der
+Bischofsinsel ist berühmt.
+
+Von den Vögeln des Waldes sind Birkhuhn und Auerhuhn sehr zahlreich,
+können aber von den Eingeborenen nicht gejagt werden; die haben keine
+Hunde der rechten Art und widmen sich ausschließlich dem Schießen von
+Seevögeln, am liebsten mit dem Balban; dabei wird die streichende
+Eider nicht geschont, die brütende dagegen sorgsam gepflegt, wenn auch
+das eine oder das andere Ei bei einer längeren Jagdtour Proviant
+liefern muß. Aus dem Holk nimmt man meist der Sägegans Eier fort, die
+sich geduldig als Leghenne benutzen läßt.
+
+Das Fleisch der Eider wird gut, wenn man die fette Haut abzieht und
+den Vogel eine Nacht in Milch legt. Es schmeckt dann wie
+Renntierbraten und hat allen Trangeschmack verloren. Ebenso werden
+auch Sägegans, Kolbentaucher und Samtente behandelt, die recht
+schmackhaft sind, besonders wenn sie gleich der Ente mit Petersilie
+gespickt werden.
+
+Der schlimmste Raubvogel ist der Fischadler, der unter den Hechten in
+dem seichten Wasser der Schilfbucht Verheerungen anrichtet. Der
+Seeadler ist seltener zu sehen und jagt am liebsten am offenen Meere.
+
+Unangenehm und zuweilen gefährlich ist die häufig vorkommende
+Kreuzotter, die man sowohl im Blaubeerbusch wie am Strand trifft,
+beinahe überall, kann man sagen; und ihre Kühnheit draußen auf den
+äußeren Schären ist so groß, daß sie sich auf dem Schwanz erhebt und
+durch Hiebe Fischer hindern will, aus dem Boot zu steigen. Das Volk
+schont sie nicht, obgleich es glaubt, sie sauge Gift aus der Erde, und
+eine Ehrfurcht vor der anderswo angebeteten Natter zeigt der
+Schärenmann nicht.
+
+ * * * * *
+
+In dieser Provinz von umflossenen Inseln lebt nun eine Bevölkerung,
+die man nach den Vermögensverhältnissen in drei Klassen einteilen
+könnte: die Landwirtschaft treiben, meist auf den großen Inseln
+wohnend; die den Boden bebauen und fischen, oder die Mittelklasse; und
+schließlich die eigentlichen Schärenmänner, die meist vom Fischen und
+Jagen leben, daneben aber eine Kuh, ein Schaf, einige Hühner füttern.
+
+Die Landwirtschaft ist dort, wo sie betrieben werden kann, durchaus
+nicht schlecht. Prächtiger Lehmboden gibt einen guten Weizen, und auch
+der kleine Bauer hat doch immer etwas Spelt zum Hausbedarf übrig. Die
+Salzseeweide ist berühmt, und die Butter wird ausgezeichnet von den
+kali- und natronhaltigen Strandgewächsen, außer denen die Kühe ja
+immer die grenzenlose Salzlake zur Verfügung haben. Das Fleisch des
+Hammels wird von dem kurzen Gras der hohen Weideufer fest und lecker,
+wie das französische +pré-salé+ auf ähnlichem Boden.
+
+Dazu kommt ein verhältnismäßig mildes Klima, das bedeutend von dem des
+Binnenlandes auf gleichem Breitengrad abweicht. Der Frühling kommt
+später, oft vierzehn Tage später als in Stockholm, so daß der
+Sommergast im selben Jahre zwei Male das Ausschlagen der Bäume erleben
+kann; und der Herbst tritt später ein, weil das Meer dann erwärmt ist
+und als Heizapparat dient. Einen Nachteil beim Klima der Schären hat
+man bemerkt; das ist der trockene Vorsommer und der regnerische
+Nachsommer; dadurch leidet die Säe- und Wachszeit unter Trockenheit,
+die Mäh- und Erntezeit unter Regen. Besonders mildes Klima hat die
+Gegend von Nynäs, wo der Efeu wild überwintert und der Wein oft am
+Spalier reift.
+
+Für den Fischer oder den eigentlichen Schärenmann sind natürlich die
+Früchte des Meeres von größerer Bedeutung, und den Großfischfang
+bildet der Strömling, der Hering der Ostsee; in ungeheuern Netzen wird
+er gefangen, die auf tiefliegendem Grund im Frühling und Herbst
+verankert werden. Sonst wird Hecht und Barsch im Schleppgarn gefangen,
+der Hecht auch mit Legangel und der Barsch im Netz. Die Flundern, die
+von geringerm Wert sind, werden im Netz gefangen, der Aal wird
+gestochen oder in die Reuse gelockt. Die Quappe wird mit einer Keule
+geschlagen bei durchsichtigem Eis, durch das man das schleimige
+häßliche Ding bemerken kann, wie es auf dem Boden liegt.
+
+Gegenstand eines ganz besonderen Sports, der Badfischen heißt, ist der
+Kühling. Wenn das Wasser im Nachsommer in den Buchten erwärmt ist,
+kommt nämlich der Kühling in die Höhe, um zu baden, wie man es nennt.
+Zu dieser Zeit wird auf den Landzungen von Baumwipfeln Ausguck
+gehalten; wenn der Beobachter merkt, daß das Wasser sich belebt, gibt
+er den Kameraden ein Zeichen; die kommen nun mit ihren flachen Kähnen
+von beiden Landzungen, die Ruderschäfte mit wollenen Strümpfen gut
+umwunden, damit der Fisch nicht verscheucht wird; dann spannt man das
+Netz über die Mündung der Bucht, mit der Wirkung, die es haben kann.
+
+ * * * * *
+
+Die Bevölkerung dieser isolierten, gut versteckten kleinen Welt, die
+keine regelmäßigen Verkehrsverbindungen hat, scheint in mehr als einer
+Hinsicht sehr gemischt zu sein. Eine beständige Auslese hat sich nämlich
+immer von selbst vollzogen, dergestalt, daß der intelligenteste Teil der
+Jugend zur Flotte, zum Lotsenamt, zum Zoll gegangen ist. Die
+zurückbleibenden, seßhafteren, ruhigeren Geister haben das Gewerbe der
+Väter fortgesetzt oder sind nach Stockholm gegangen oder haben im Innern
+des Landes einen Dienst gesucht; die Schären sind kein sicherer Ort
+gewesen, wo man Familien und Grundbesitz begründen konnte, da das Land
+dem Feinde offen liegt und Besitzrecht wie Leben nicht gerade den Schutz
+des entfernt wohnenden Rechtspflegers genießen. Es fehlt darum jede Spur
+von Lokalpatriotismus, wenn auch der Einwanderer die gewöhnlichen
+Schwierigkeiten zu bekämpfen hat.
+
+Nach Ortsnamen, Typen, Gewohnheiten zu urteilen, scheint dieses
+Inselmeer eine Art Zufluchtsort für allerlei Leute aus dem Innern des
+Landes gewesen zu sein, die aus der einen oder der andern Ursache die
+Einsamkeit aufsuchten. Eine eigentliche Mundart ist nicht zu spüren,
+aber eine Mischung von vielen, und viele einfache Sitten und
+Rechtsbegriffe aus dem Naturstadium deuten darauf, daß sich hier
+draußen, weit entfernt von der Gesellschaft, ungesellige, für
+geordnetes Zusammenleben schwer zugängliche Freiluftliebhaber oder
+ganz einfach praktische Gegner des geordneten Kriegsdienstes und
+Zollwesens zusammengefunden haben. Die Geschichten, wie gewisse Inseln
+erworben wurden, scheinen sich auch um Kapern, merkwürdige Seetaten,
+auch Privatdienste für königliche Personen zu drehen; und die
+Grundbücher sollen an gewissen Stellen nicht recht sicher sein, ob der
+Boden der Krone gehört oder zinspflichtig ist.
+
+Andere Zeichen finden sich auch, die auf Einwanderungen oder
+vielleicht nur Landungen von Finnen, Esthen, Russen und dergleichen
+Morgenländer deuten. Besonders hegt man noch heute einen entschiedenen
+Widerwillen gegen die Esthen, diese Schattenfiguren, die, an sich
+grau, in grauen Fahrzeugen, die wie aus alten zerfallenen Planken
+zusammengeschlagen sind und ein Takelwerk aus geflickten Kohlensäcken
+haben, ausgespukt kommen. Wenn ein solcher fliegender Holländer aus
+einer Kobbe an Land geht, rudert der Fischer gern hinaus und sieht
+nach, ob das Feuer auch gut gelöscht ist; und er appelliert lieber an
+die Branntweinflasche als an die Flinte solchen Vagabunden des Meeres
+gegenüber, von denen man, mit oder ohne Grund, annimmt, daß sie Salz
+nach Rußland schmuggeln.
+
+Vermögende Schärenleute gibt es, aber viele sind der Armut nahe, und
+einige äußerst arm, des Winters von Salzlake, Heringsköpfen und
+Kartoffeln lebend. Das Gewerbe des Fischers, das dem des Spielers
+gleicht, erzieht nicht zur Sparsamkeit. Ein Fang macht ihn heute
+vermögend, und der Glaube ans Glück entsteht sofort mit seinen
+gefährlichen Folgen.
+
+Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der Schärenmann in
+der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und aus wirtschaftlichen Gründen
+spricht er lieber frei, als daß er verurteilt; auch in der Hoffnung,
+selbst freigesprochen zu werden, wenn sein Unglück kommt. Diese
+Nachsicht mit den Verbrechen anderer habe ich nie schöner ausdrücken
+hören als damals, wie die Nachbarn erzählten, ein Mörder habe einst,
+als er seine Frau ertränkte, einen »Fehltritt« begangen.
+
+Der Schärenmann ist ein Einsiedler; hat weit zum Gericht, weit zur
+Kirche, weit zur Schule; weit zu den Nachbarn und weit zur Stadt. Der
+Badeort ist sein nächster Kulturmittelpunkt; dort aber lernt er nur den
+Luxus kennen und beneidet Menschen, die er drei Monate Feste feiern
+sieht; denn die arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er
+nicht. In der Einsamkeit würde er Denker werden, wenn er Anleitung
+hätte; statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt er in seinem
+Gewerbe sein kann, wie klarsehend im Alltagsleben, wird er leicht ein
+Raub subjektiver Wahrnehmungen, wird »fernsichtig«, ein Sonderling, wie
+der Küster auf Ronö; macht fehlerhafte Schlußfolgerungen, sehr oft
+Ursache und Wirkung verwechselnd; z. B. wenn es sich gut fischt, nachdem
+das Geldstück unter den Stein gelegt worden, ist das Geldstück die
+mächtige Ursache. Er ist abergläubisch, und das Heidentum sitzt so tief
+in ihm, daß die Symbole der christlichen Kirche für ihn noch
+gleichbedeutend mit Beschwörungen, Besprechungen, Zauberei sind.
+
+Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen
+Forderungen der Natur auf, wo nicht wirtschaftliche Berechnung als
+Faktor mitspricht. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist
+ungezwungen; die Ehe wird gewöhnlich mit dem Kind geschlossen, wenn
+das Mädchen Wort hält und zur Gründung einer Familie geneigt ist. Ist
+das aber nicht der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die
+mit dem vollständigen Verschwinden des Kindes und andern Geschichten
+enden können; die kommen der ganzen Welt zu Ohren, nur nicht dem
+Amtmann, der übrigens nichts machen kann, da er keine Zeugen findet.
+
+Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familienbande zu zerreißen
+und werden starke Leidenschaften lange unterdrückt, erfolgen zuweilen
+unheimliche Ausbrüche der Naturkräfte; da nimmt es der an Tod und
+Verderben gewöhnte Schärenmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann
+werden dort draußen stille Trauerspiele aufgeführt, von denen man nur
+Andeutungen zu hören bekommt; in einigen meiner Erzählungen habe ich
+davon gemunkelt. Da reißen Blutsbande entzwei, verbotene Schranken
+werden übersprungen; die Natur ergreift mit harter Hand, was sie
+kriegen kann; und für Hunger und Liebe existieren nicht mehr Rücksicht
+noch Gesetze.
+
+Das Lichte, Lächelnde im Leben der Schärenleute, _wenn_ es sich licht
+gestaltet, habe ich in diesem Roman »Die Inselbauern« geschildert; in
+den Novellen »Das Inselmeer« habe ich die Halbschatten gegeben;
+vielleicht kann ich später, wenn die Verhältnisse für die Literatur
+günstiger werden, auch die Schlagschatten geben (»Am offenen Meere«),
+die nicht fehlen dürfen, soll das Bild vollständig sein.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Carlsson geht in Dienst
+ und wird für einen Schwätzer gehalten
+
+
+Er kam wie ein Schneegestöber eines Aprilabends und hatte eine Kruke
+aus schwedischem Ton an einem Hungerriemen um den Hals. Clara und
+Lotte waren mit dem Netzboot nach dem Badeort Dalarö gefahren, um ihn
+zu holen; aber es dauerte Ewigkeiten, bis sie ins Boot kamen. Sie
+mußten zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur
+»Aptheke«, um graue Salbe fürs Ferkel zu kaufen; und dann mußten sie
+auf die Post, um eine Freimarke zu holen; und dann mußten sie zu Fia
+Lövström, um den Hahn zu borgen, gegen ein Halbpfund dünnes Garn zum
+Netzbau. Und zuletzt waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson
+die Mädchen zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte.
+
+Endlich kamen sie doch ins Boot.
+
+Carlsson wollte steuern, aber das konnte er nicht; er hatte noch nie
+einen Rahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten die Fock hissen,
+die gar nicht vorhanden war.
+
+Auf der Zollbrücke standen Lotsen und Zöllner, die über das Manöver
+grinsten, als das Boot über Stag ging und abgetrieben wurde.
+
+-- Hör mal, du hast ein Loch im Boot! schrie ein junger Lotse durch den
+Wind. Stopf zu! Stopf zu!
+
+Während Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Clara ihn fortgestoßen
+und das Steuerruder genommen; und mit den Riemen gelang es Lotte, das
+Boot wieder in den Wind zu bringen; mit gutem Gang segelte es dem
+Sunde zu.
+
+Carlsson war ein kleiner viereckiger Wärmländer mit blauen Augen und
+einer Nase, die so krumm war wie ein Doppelhaken. Lebhaft,
+spielerisch, neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nichts.
+Er war auch nach der Insel Hemsö gerufen worden, um für Feld und Vieh
+zu sorgen; damit wollte sich nämlich niemand mehr befassen, seit der
+alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein auf dem
+Hofe saß.
+
+Als Carlsson die Mädchen mit Fragen nach den Verhältnissen auf dem
+Hofe anzapfte, bekam er Antworten, wie sie die Bewohner des Inselmeers
+zu geben pflegen.
+
+-- Ja, das _weiß_ ich nicht! Ja, das kann ich _nicht_ sagen! Ja, das weiß
+ich _wirklich_ nicht!
+
+Daraus wurde er nicht klug!
+
+Der Kahn plätscherte zwischen Holmen und Schären dahin, während die
+Eisente zwischen den Kobben schnatterte und im Fichtenwald der
+Birkhahn balzte. Über freie Wasserflächen, die »Fjärde«, und über
+Strömungen fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne
+aufleuchteten.
+
+Da gings auf das große Wasser hinaus, wo der Leuchtturm der
+»Hauptschäre« blinkte. Bald kam man an einem Stangenzeichen mit Besen
+vorbei, bald an einer weißen Bake, die wie ein Gespenst aussah; bald
+leuchteten zurückgebliebene Schneewehen wie Leinen auf der Bleiche;
+bald tauchten aus dem schwarzen Wasser »Netzwächter« auf, die am Kiel
+schrapten, wenn man darüber fuhr. Eine schlaftrunkene Mantelmöwe ward
+von ihrem Riff aufgescheucht und brachte Leben in Seeschwalben und
+Möwen; ein höllischer Lärm brach los.
+
+Weit draußen, wo die Sterne ins Meer tauchten, leuchteten das rote und
+das grüne Auge eines großen Dampfers; der schleppte eine lange Reihe
+runder Lichter, die durch die Ventile der Kajüten schimmerten.
+
+Alles war Carlsson neu, und er fragte nach allem; und jetzt erhielt er
+Antwort, und zwar so viele, daß er einsah, er war auf fremden Boden
+gekommen. »Er war eine Landratte«, das heißt ungefähr dasselbe, was
+für den Städter »Einer vom Lande« ist.
+
+Jetzt segelte der Kahn in einen Sund und kam in Lee; man mußte das
+Segel reffen und rudern.
+
+Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie ein Licht von
+einer Hütte leuchten, die zwischen Erlen und Kiefern lag.
+
+-- Jetzt sind wir zu Hause, sagte Clara.
+
+Das Boot schoß in eine schmale Bucht; eine Rinne war durchs Schilf
+gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte; dieses Rascheln weckte
+einen Laichhecht, der sich in den Anblick einer Angelrute vertieft
+hatte.
+
+Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der Hütte in Bewegung.
+
+Der Kahn wurde an der Landungsbrücke festgemacht, und die Ausladung
+begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt, der Mast herausgenommen,
+und die Stage mit den Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans
+Land, und Kübel, Kannen, Körbe, Bündel lagen bald auf der
+Landungsbrücke.
+
+Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte lauter neue und
+ungewöhnliche Dinge. Vor der Landungsbrücke lag der Fischkasten mit
+seinem Hebespiel; an der langen Seite der Brücke lief ein Geländer,
+das mit Netzbojen, Fangleinen, Dregghaken, Senkern, Schnüren,
+Grundleinen, Angelhaken behängt war; auf den Brückenplanken standen
+Strömlingstrommeln, Tröge, Wannen, Bottiche, Näpfe, Grundleinenkasten;
+am Brückenkopf lag ein Seeschuppen, der mit Lockvögeln behängt war:
+ausgestopfte Eidergänse, Sägetaucher, Langschnäbel, Trauerenten,
+Quakenten; unter der Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten,
+Riemen und Bootshaken, Schöpfkellen, Eispickel, Quappenkeulen. Und am
+Lande standen Pfähle, an denen Strömlingsnetze trockneten, so groß wie
+die größten Kirchenfenster; Flundernetze mit Maschen, durch die man
+den Arm stecken konnte; Barschgarn, neu geknüpft und weiß wie die
+feinsten Schlittennetze; doch von der Brücke geradeaus zogen sich zwei
+Reihen Gabelstangen wie eine Gutsallee, und an denen hingen die großen
+Zugnetze.
+
+Vom höchsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und warf ihren
+Schein auf den Sandweg, auf dem Muschelschalen und getrocknete
+Fischkiemen glitzerten, während in den Zugnetzen zurückgebliebene
+Strömlingsschuppen wie Reif an Spinngewebe blinkten. Aber die Laterne
+beleuchtete auch das Gesicht einer älteren Frau, das vom Wind gedörrt
+zu sein schien, und ein Paar kleiner freundlicher Augen, die beim
+Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Vor der Alten her sprang der
+Hund, ein zottiger Köter, der ebenso gut auf See wie auf Land zu Hause
+sein mochte.
+
+-- Nun, seid ihr da, Mädchen, grüßte die Alte, und habt ihr den
+Burschen bei euch?
+
+-- Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, wie Ihr seht, Tante!
+antwortete Clara.
+
+Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Schürze ab und reichte sie
+dem Knecht.
+
+-- Willkommen, Carlsson; mögt Ihr Euch bei uns heimisch fühlen!
+
+Und zu den Mädchen:
+
+-- Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Mädchen? Sind die Segel im
+Schuppen? Dann kommt hinauf, ich werde euch etwas zu essen geben.
+
+Alle vier gingen die Höhe hinauf; Carlsson still, neugierig, voller
+Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung gestalten würde.
+
+ * * * * *
+
+Drinnen in der Stube brannte Feuer im Ofen; auf dem weißen Klapptisch
+lag eine reine Decke; auf der Decke stand eine Flasche Branntwein, in
+der Mitte wie ein Stundenglas zusammengeschnürt; rings herum Tassen
+aus schwedischem Porzellan, auf denen Rosen und Vergißmeinnicht
+abgebildet waren; ein frischgebackenes Brot, gedörrter Zwieback, ein
+Teller mit Butter, Zuckerdose und Sahnenkanne vervollständigten den
+Tisch. Carlsson fand ihn reicher, als er von dieser gottverlassenen
+Gegend erwartet hatte.
+
+Aber auch die Stube selbst sah nicht übel aus, als er sie im
+flammenden Schein des Herdfeuers musterte; das kreuzte sich mit dem
+Talglicht des Messingleuchters, schien in der etwas unreinen Politur
+des Mahagonisekretärs wider, spiegelte sich in dem lackierten Gehäuse
+und dem Messingpendel der Wanduhr, funkelte auf den Silbereinlagen der
+damascierten Läufe der Vogelflinten, hob die vergoldeten Buchstaben
+auf den Rücken der Postillen, Gesangbücher, Kalender, Bauernregeln
+hervor.
+
+-- Tretet näher, Carlsson, lud ihn die Alte ein.
+
+Carlsson war ein Kind der neuen Zeit und lief wirklich nicht in die
+Scheune hinaus, sondern trat sofort näher und setzte sich auf ein
+Banksofa, während die Mädchen seinen Kasten in die Küche schafften,
+die auf der andern Seite des Flurs lag.
+
+Die Alte hakte den Kaffeekessel ab und legte die Klärhaut hinein;
+hakte ihn wieder an und ließ ihn noch etwas kochen. Dann erneuerte sie
+die Einladung, dieses Mal mit dem Zusatz, Carlsson möge sich an den
+Tisch setzen.
+
+Der Knecht setzte sich und drehte die Mütze zwischen den Fingern. Er
+paßte auf, wie der Wind wehte, um seine Segel danach zu richten. Er
+hatte offenbar die feste Absicht, sich mit den Maßgebenden gut zu
+stellen; da er aber noch nicht wußte, ob die Alte mit sich reden ließ,
+wagte er es nicht, seinem Mundwerk freien Lauf zu lassen, ehe er nicht
+wußte, wo das Land lag.
+
+-- Das ist aber ein feiner Sekretär, begann er und befühlte die
+Messingrosetten.
+
+-- Hm! sagte die Alte, es ist aber nicht viel darin.
+
+-- Oho, das weiß ich wohl, schmeichelte Carlsson und bohrte den kleinen
+Finger in das Schlüsselloch der Klappe; darin ist genug!
+
+-- Ja, einst war wohl ein Stück Geld darin, als wir ihn von der Auktion
+nach Hause brachten; dann aber mußte der Flod in die Erde, und Gustav
+mußte Soldat spielen, und seitdem ist keine rechte Ordnung auf dem Hof
+gewesen. Und dann wurde das neue Haus gebaut, das keinen Nutzen
+bringt. So kam eins zum andern. Aber nehmt Zucker, Carlsson, und
+trinkt eine Tasse Kaffee.
+
+-- Soll ich damit anfangen? sperrte sich der Knecht.
+
+-- Ja, da noch niemand zu Hause ist, antwortete die Alte. Der
+verwünschte Junge ist auf der See, mit der Flinte; und den Norman
+nimmt er immer mit; so wird keine ordentliche Arbeit geleistet. Wenn
+sie nur fort kommen und einen Vogel jagen können, lassen sie Viehzucht
+und Fischerei zu Grunde gehen. Das ist die Ursache, weshalb ich Euch
+herkommen ließ, Carlsson, damit Ihr nach dem Rechten schaut. Darum
+sollt Ihr Euch gewissermaßen für etwas mehr halten und ein Auge auf
+die Burschen haben. Wollt Ihr nicht einen Zwieback nehmen, Carlsson?
+
+-- Ja, Tante, soll ich gewissermaßen etwas mehr sein, damit die Andern
+auf mich hören, dann muß auch eine bestimmte Ordnung gelten. Dann muß
+ich an Tante einen Rückhalt haben, denn ich weiß, wie es geht, wenn
+man sich mit den Burschen duzt und gemein macht.
+
+So gewann Carlsson das Land, als er wußte, wo es lag.
+
+-- Was das Seegeschäft anlangt, fuhr er fort, da mische ich mich nicht
+hinein; das kenne ich nicht, aber auf dem Lande, da weiß ich Bescheid,
+und da will ich Herr sein.
+
+-- Ja, das werden wir morgen regeln; dann haben wir Sonntag und können
+bei Tageslicht alles besprechen. Nun noch eine halbe, Carlsson, dann
+könnt Ihr Euch schlafen legen.
+
+Die Alte goß zum zweiten Male Kaffee ein, und Carlsson nahm das
+Stundenglas, um die Tasse mehr als dreiviertel zu füllen. Nachdem er
+die Mischung hinuntergeschlürft hatte, fühlte er große Lust, das
+fallen gelassene Gespräch, das ihn äußerst angenehm berührt hatte,
+wieder aufzunehmen. Aber die Alte war aufgestanden, um sich am Herd zu
+schaffen zu machen; die Mädchen liefen aus und ein; der Köter gab Laut
+auf dem Hofe und lenkte die Aufmerksamkeit ab.
+
+-- Da haben wir die Burschen, sagte die Alte.
+
+Draußen erklangen Stimmen, Absatzeisen klirrten auf den Steinen, und
+durch die Balsaminen im Fenster sah Carlsson draußen im Mondschein die
+Gestalten zweier Männer, die eine Flinte auf der Schulter und eine
+Tracht auf dem Rücken hatten.
+
+Der Köter bellte im Flur, und gleich darauf ward die Tür geöffnet.
+Herein trat der Sohn in Wasserstiefeln und Jagdjoppe. Mit dem sichern
+Stolz des glücklichen Jägers schleuderte er Jagdtasche und ein Bündel
+Eider auf den Tisch an der Tür.
+
+-- Guten Abend, Mutter, da hast du Fleisch! grüßte er, ohne den
+Kömmling zu bemerken.
+
+-- Guten Abend, Gustav! Ihr seid lange fort gewesen, grüßte die Mutter
+zurück, während sie unwillkürlich einen zufriedenen Blick auf die
+prachtvollen Eider warf; mit dem kohlschwarzen und kreideweißen
+Gefieder, der rosenroten Brust und dem seegrünen Nacken. Ihr habt gute
+Beute gemacht, sehe ich. Hier haben wir Carlsson, den wir erwarteten!
+
+Der Sohn warf einen forschenden Blick aus seinen kleinen, scharfen
+Augen, die von hellroten Wimpern halb verborgen waren, und änderte
+sofort sein Gesicht: offen war es gewesen, und schüchtern wurde es.
+
+-- Guten Abend, Carlsson, sagte er kurz und scheu.
+
+-- Guten Abend, antwortete der Knecht, indem er einen unbefangenen Ton
+anschlug, bereit, den Überlegenen zu spielen, sobald er über den
+jungen Mann im Klaren war.
+
+Gustav nahm den Platz auf dem Hochsitz ein, stützte sich mit dem
+Ellbogen aufs Fensterbrett und ließ sich von der Mutter eine Tasse
+Kaffee einschenken, in die er sofort Branntwein goß. Während er trank,
+betrachtete er Carlsson heimlich.
+
+Der hatte die Vögel genommen und untersuchte sie.
+
+-- Das sind prächtige Tiere, sagte er und kniff sie in die Brust, um zu
+fühlen, ob sie fett seien. Er ist ein guter Schütze, sehe ich, der
+Schuß sitzt an der rechten Stelle.
+
+Gustav antwortete mit einem listigen Grinsen; er hörte sofort, daß
+der Knecht nichts vom Weidwerk verstand, da er Schüsse lobte, die in
+den Brustfedern saßen und die Eider zu Lockvögeln untauglich machten.
+
+Carlsson aber schwatzte unverzagt weiter, lobte die Taschen aus
+Seehundsfell, pries die Flinte, machte sich so klein wie möglich;
+stellte sich in Seesachen noch unwissender, als er wirklich war.
+
+-- Wo hast du Norman gelassen? fragte die Alte, die schläfrig wurde.
+
+-- Er bringt nur die Sachen in den Schuppen, antwortete Gustav; er
+kommt gleich.
+
+-- Rundqvist hat sich schon niedergelegt. Es ist auch Zeit, und Ihr
+müßt müde sein, Carlsson, da Ihr lange unterwegs gewesen seid. Ich
+will Euch zeigen, wo Ihr liegen sollt, wenn Ihr mitkommt.
+
+Carlsson wäre gern geblieben, um das Stundenglas auslaufen zu sehen;
+aber der Wink war so deutlich, daß er die Geduld der Wirtin nicht
+länger auf die Probe zu stellen wagte.
+
+Die Alte ging mit ihm in die Küche hinaus.
+
+Gleich kam sie aber zum Sohn zurück, der sofort seinen freimütigen
+Ausdruck wieder annahm.
+
+-- Nun, wie findest du ihn? fragte die Alte; er sieht ordentlich und
+willig aus.
+
+-- Nein, nein! antwortete Gustav gedehnt. Trau ihm nicht, Mutter; er
+schwatzt nur Unsinn!
+
+-- Was du sagst! Er kann doch wohl ordentlich sein, wenn er auch ein
+Mundwerk hat.
+
+-- Glaub mir, Mutter, das ist ein Schwätzer; mit dem werden wir uns zu
+schleppen haben, bis wir ihn wieder los werden. Aber das macht nichts;
+er soll schon arbeiten fürs Essen, und mir soll er nicht zu nahe
+kommen. Du glaubst allerdings nie, was ich sage, aber du wirst schon
+sehen! Wirst schon sehen. Nachher reut es dich, wenn's zu spät ist!
+Wie wars mit dem alten Rundqvist? Der hatte auch ein tüchtiges
+Mundwerk, aber sein Rücken war schwach; wir haben uns mit ihm
+schleppen müssen, und jetzt werden wir ihn füttern, bis er stirbt.
+Solche Schwätzer sind nur bei der Schüssel groß, das kannst du mir
+glauben!
+
+-- Du bist wie dein Vater, Gustav; traust den Leuten nichts Gutes zu
+und verlangst dann unvernünftig viel! Der Rundqvist ist kein Seemann,
+sondern auch vom Lande; aber er kann vieles, was andere nicht können.
+Und Seeleute kriegen wir nicht mehr; die gehen zur Flotte, zum Zoll
+oder werden Lotsen. Nur Leute vom Lande kriegt man. Siehst du, man
+nimmt, was man bekommt.
+
+-- Das weiß ich wohl, daß keiner mehr Knecht sein will! Alle suchen
+Staatsdienst, und hier draußen auf den Inseln sammelt sich aller
+Abfall vom Festland. Ordentliches Volk kommt nicht in die Schären
+hinaus; es muß denn besondere Ursachen haben. Darum sage ich noch ein
+Mal: Halt die Augen offen!
+
+-- Du, Gustav, solltest die Augen offen halten, gab die Alte zurück, um
+dein Hab und Gut in Ordnung zu bringen. Einst wird es ja deins! Du
+solltest zu Hause bleiben und nicht immer auf der See herumliegen; zum
+mindesten die Leute nicht von der Arbeit abhalten.
+
+Gustav rupfte eine Eider und antwortete:
+
+-- Ei, Mutter, du liebst es doch auch, wenn Braten auf den Tisch
+kommt, nachdem es den ganzen Winter über eingesalzenes Schweinefleisch
+und gedörrten Fisch gegeben hat; du mußt also nicht so sprechen.
+Übrigens gehe ich nicht in den Krug, und etwas muß der Mensch doch zu
+seinem Vergnügen haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld auf
+der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht; will er brennen, so
+mag er; er ist ja versichert.
+
+-- Verfaulen wird der Hof nicht, das weiß ich wohl, aber alles Andere
+geht entzwei. Die Feldzäune müssen ausgebessert werden, die Gräben
+gereinigt werden. Das Stalldach ist so morsch, daß es aufs Vieh
+regnet. Nicht eine Brücke ist heil, die Boote sind zerbrechlich wie
+Zunder, die Netze müssen geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und
+so weiter. Da ist so vieles, das gemacht werden müßte, aber nie
+gemacht wird. Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch
+gemacht werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens dafür angenommen
+haben. Es wird sich ja herausstellen, ob Carlsson nicht der rechte
+Mann dafür ist.
+
+-- Dann laß ihn nur machen! schnauzte Gustav, indem er mit der Hand
+durch das kurzgeschorene Haar fuhr, daß es wie Stacheln in die Höhe
+stand. Da ist Norman! Komm und trink eine Halbe, Norman!
+
+Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurrbart und blauen
+Augen, trat in die Stube und ließ sich bei seinem Jagdgenossen nieder,
+nachdem er die Alte gegrüßt.
+
+Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westentaschen und
+stopften sie mit »Schwarzem Anker«. Dann gingen sie nach Jägerart, bei
+einer Halben Kaffee mit Branntwein, alle ihre Heldentaten draußen am
+offenen Meere durch; Schuß für Schuß. Die Vögel wurden untersucht, die
+Finger in die Schußwunde gebohrt, die Hagelkörner gezählt,
+unentschiedene Treffer erörtert. Schließlich entwarfen sie Pläne zu
+neuen Ausflügen.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen war Carlsson in die Küche hinausgekommen, um sein
+Nachtlager aufzusuchen.
+
+Die Küche war eine Firststube und sah wie eine mit dem Kiel nach oben
+gekehrte Schute aus, die auf der Ladung schwamm. Die Ladung bestand aus
+allen möglichen Gütern. Hoch oben unter dem berußten Dachfirst hingen
+Garn und Fischgeräte an den Balken; darunter waren Bretter und
+Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfsträhne, Dregganker,
+Schmiedeeisen, Zwiebelbündel, Talglichter, Mundvorratskasten; aus einem
+Querbalken lag eine lange Reihe frisch ausgestopfter Lockvögel; über
+einen andern waren Schaffelle geworfen; von einem dritten baumelten
+Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Strümpfe; und zwischen den Balken
+liefen Spieße mit Lochbroten, Stöcke mit Aalhäuten, Stangen mit
+Grundschnüren und Angelhaken.
+
+Am Giebelfenster stand der Eßtisch aus rohem Holz; an den Wänden
+standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber groben Laken gebettet
+waren.
+
+In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz angewiesen. Als sie
+sich mit dem Licht entfernte, ließ sie den Kömmling im Halbdunkel, das
+nur schwach von der Herdglut und einem kurzen Mondstreifen erleuchtet
+wurde. Der Mond zeichnete Pfosten und Sprossen des Fensters auf den
+Boden. Aus Gründen der Schamhaftigkeit wurde beim Schlafengehen kein
+Licht angesteckt; denn die Mädchen hatten auch ihre Schlafplätze in
+der Küche.
+
+So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock und Stiefel
+ab; dann holte er die Uhr aus der Westentasche, um sie beim Schein des
+Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte den Schlüssel ins Loch gesteckt und
+begann ihn mit etwas ungewohnter Hand zu drehen; die Uhr ging nämlich
+nur an Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang aus den
+Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme:
+
+-- Nein, hat er auch eine Uhr!
+
+Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glutschein einen
+zottigen Kopf mit einem Paar blinzender Augen, der sich auf zwei Arme
+stützte.
+
+-- Gehts dich was an? erwiderte er, um die Antwort nicht schuldig zu
+bleiben.
+
+-- Gehts an, dann läutet man in der Kirche, obgleich ich nie
+hineinkomme! antwortete der Kopf.
+
+-- Obgleich? O gleich gieße ich dir einen Eimer Wasser über den Kopf,
+gab Carlsson zurück.
+
+-- Das ist nicht so dumm geantwortet, stammelte der Andere. Das ist
+jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian an den Stiefelschäften.
+
+-- Das will ich meinen; und Galoschen hat er auch, wenn's darauf
+ankommt!
+
+-- Nein, hat er auch Galoschen; dann kann er sicher auch einen Schluck
+spendieren!
+
+-- Ja, das kann er auch, wenn's sein muß, antwortete Carlsson bestimmt
+und holte seine Tonkruke. Bitte!
+
+Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reichte die Kruke
+hinüber.
+
+-- Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Branntwein. Dann:
+Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich du zu dir, Carlsson, und du
+nennst mich den närrischen Rundqvist, denn so heiße ich meistens.
+
+Und dann kroch er wieder unter die Decke.
+
+Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem er seine Uhr am
+Salzfaß aufgehängt und die Stiefel mitten ins Zimmer gestellt hatte,
+damit die roten Saffianzwickel recht zu sehen waren.
+
+Es war still in der Küche und nur Rundqvist hörte man schnarchen am
+Herd.
+
+Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein Nagel saß ihm
+das Wort der Alten im Kopfe, daß er etwas mehr als die Andern sein
+solle, um die Wirtschaft in die Höhe zu bringen. Um den Nagel
+schmerzte und schwärte es; es war, als habe er ein Gewächs im Kopf. Er
+dachte an den Mahagonisekretär, an die roten Haare und mißtrauischen
+Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem großen Schlüsselbund
+herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte; da kommt einer
+und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell, schüttelt das rechte Bein,
+steckt die Hand in die Tasche und fühlt die Schlüssel gegen den
+Schenkel; dann zupft er am Bund, wie man Werg auszieht, und als er den
+kleinsten Schlüssel, der in die Klappe paßt, gefunden hat, steckt er
+den ins Schlüsselloch, ganz wie er's heute Abend mit dem kleinen
+Finger getan hatte; aber das Schlüsselloch, das wie ein Auge mit einem
+Augapfel ausgesehen, wird rund, groß und schwarz wie eine
+Flintenmündung, und über dem andern Ende des Laufes sieht er das rote
+Fischauge des Sohnes scharf und tückisch zielen, als wolle der sein
+Geld verteidigen.
+
+Die Küchentür ging, und Carlsson wurde aus seinem Halbschlummer
+gerissen. Mitten im Zimmer, wohin die Mondscheiben gerückt waren,
+standen zwei weißgekleidete Gestalten, um gleich darauf in ein Bett
+unterzutauchen; das gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine
+schwankende Landungsbrücke stößt. Dann ward es in den Laken lebendig
+und kicherte, bis es still wurde.
+
+-- Gute Nacht, Mädchen, erklang Rundqvists erlöschende Stimme. Träumt
+von mir!
+
+-- Daran ist uns allerdings sehr gelegen, antwortete Lotte.
+
+-- Still, antworte dem Scheusal nicht, warnte Clara.
+
+-- Ihr seid ... so ... nett! Wenn ich nur auch so ... nett ... sein
+könnte wie ihr! seufzte Rundqvist. Ja, Herr Gott, man wird alt; dann
+kann man seinen Willen nicht mehr kriegen, und dann ist das Leben
+nichts mehr wert. Gute Nacht, Kinder, und hütet euch vor Carlsson: der
+hat Uhr und Saffianstiefel! ... Ja, Carlsson, der ist glücklich! Das
+Glück das kommt, das Glück das fliegt, o glücklich, wer das Mädchen
+kriegt! ... Was habt ihr dort in euerm Bett zu kichern, Mädchen! ...
+Hör mal, Carlsson, kann ich nicht noch einen Schluck haben? Es ist so
+furchtbar kalt hier hinten; es zieht vom Herd her.
+
+-- Nein, jetzt kriegst du nichts mehr, denn nun will ich schlafen,
+schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftsträumen, in denen weder Wein
+noch Mädchen vorkamen, gestört und bereits mit seiner Stellung als
+Großknecht vertraut.
+
+Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Geschichten der Jäger
+drangen durch die beiden Türen; und der Nachtwind rüttelte an der
+Ofenklappe.
+
+Carlsson schloß wieder die Augen. Im Schlummer hörte er Lottes
+halblaute Stimme etwas auswendig hersagen, das er zuerst nicht
+verstehen konnte, sondern wie ein einziger langer Salm klang;
+schließlich unterschied er:
+
+-- Undführeunsnicht -- inversuchung, sondernerlöseunsvondemübel,
+denndeinistdasreich, unddiemachtunddieherrlichkeit inewigkeitamen.
+Gute Nacht, Clara! Schlaf gut!
+
+Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der Mädchen. Rundqvist
+aber sägte, daß die Fenster zitterten, ob nun aus Scherz oder Ernst.
+Aber Carlsson lag halbwach und wußte selbst nicht, ob er wachte oder
+schlief.
+
+Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schweißiger Körper kroch
+an seine Seite.
+
+-- Es ist nur Norman! hörte er eine schöntuende Stimme neben sich. Da
+wußte er, es war der Knecht, der sein Bettgenosse sein sollte.
+
+-- Aha, der Schütze ist heimgekehrt, knarrte Rundqvists rostiger Baß.
+Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonnabend draußen geschossen.
+
+-- Du kannst ja gar nicht schießen, Rundqvist; du hast ja keine Flinte,
+schnauzte Norman.
+
+-- Kann ich nicht? gab der Alte zurück, um das letzte Wort zu haben.
+Ich kann Schwarzstare mit der Büchse schießen, und zwar zwischen den
+Laken ...
+
+-- Habt ihr das Feuer gelöscht? unterbrach ihn die freundliche Stimme
+der Alten, die aus dem Flur zur Tür hereinguckte.
+
+-- Jawohl, antwortete man im Chor.
+
+-- Dann gute Nacht!
+
+-- Gute Nacht, Tante!
+
+Einige lange Seufzer wurden ausgestoßen, dann wurde gepustet,
+geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang war.
+
+Aber Carlsson lag noch eine Weile halb wach und zählte die
+Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Sonntagsruhe und Sonntagsgeschäft; der gute Hirte
+ und die bösen Schafe; die Schnepfen, die ihr Teil bekamen
+ und der Knecht, der die Kammer bekam
+
+
+Als Carlsson am Sonntagsmorgen beim Hahnenschrei erwachte, waren alle
+Betten leer, und die Mädchen standen im Unterrock am Herde, während
+die Sonne voll und blendend in die Küche schien.
+
+Carlsson fuhr schnell in die Hosen und ging hinaus, um sich zu
+waschen. Da saß bereits der junge Norman auf einem Strömlingsfaß und
+ließ sich von dem allkundigen Rundqvist die Haare schneiden. Rundqvist
+hatte ein reines Vorhemd angezogen, das so groß wie eine Tageszeitung
+war, und seine besten Stiefel hatte er auch an.
+
+Bei einem eisernen Kochtopf, der seine Füße verloren hatte und deshalb
+Waschschüssel geworden war, mußte Carlsson mit einem Häuflein grüner
+Seife seine Sonntagswaschung vornehmen.
+
+Im Stubenfenster zeigte sich Gustavs sommersprossiges Gesicht
+eingeseift; vor einem Stück Spiegel, das unter dem Namen
+»Sonntagsgucker« bekannt war, fuhr er mit dem im Sonnenschein
+blitzenden Rasiermesser unter furchtbaren Grimassen hin und her.
+
+-- Geht ihr heute in die Kirche? fragte Carlsson zum Morgengruß.
+
+-- Nein, wir kommen nicht so oft ins Gotteshaus, antwortete Rundqvist.
+Wir haben zwei Rudermeilen hin und ebensoviele zurück, und man muß den
+Ruhetag nicht mit unnützer Arbeit entheiligen.
+
+Lotte kam heraus, um Kartoffel zu waschen, während Clara nach dem
+Vorratsschuppen ging, um aus dem Winterfaß gesalzene Fische zu holen.
+In diesem sogenannten »Familiengrabe« waren alle kleinen Fische, die
+im Netz oder Fischkasten getötet waren und nicht aufbewahrt werden
+konnten, eingesalzen, durcheinander, ohne Ansehen der Person, um für
+den täglichen Bedarf des Hauses zu dienen. Da lagen blasse Plötze
+Seite an Seite neben roten Rotaugen; Blicken, Kaulbarsche, Seehasen,
+Barsche, kleine Brathechte, Schollen, Schleie, Quappen, Maränen. Alle
+hatten einen Schaden: eine zerfetzte Kieme, ein ausgehacktes Auge;
+einen Hieb im Rücken, der von einer Fischgabel herrührte; andere
+hatten einen Fußtritt auf den Bauch erhalten; und so weiter.
+
+Clara nahm einige Hände voll, wusch das meiste Salz aus und tat die
+Gesellschaft in den Kochtopf.
+
+Während das Frühstück auf dem Feuer stand, hatte Carlsson sich
+angekleidet und machte nun einen Rundgang, um sich den Hof anzusehen.
+
+Das Haus, das eigentlich aus zweien zusammengebaut war, lag auf einer
+Anhöhe am südlichen und innern Ende der langen, ziemlich seichten
+Bucht einer freien Meeresfläche. Diese Bucht schnitt so tief ins Land,
+daß man das große Meer nicht sah, sondern glauben konnte, man sei an
+einem kleinen Binnensee im Innern des Landes. Die Hänge der Höhe
+senkten sich zu einem Tal nieder mit Weidegründen, Wiesen, Hagen, die
+mit Laubwald, Birke, Eiche, Erle, eingefaßt waren. Die nördliche Seite
+der Bucht war durch eine mit Fichtenwald bewachsene Höhe gegen die
+kalten Winde geschützt, und die südlichen Teile der Insel bestanden
+aus Kiefergehölzen, Birkenhagen, Mooren, Sümpfen; zwischen denen war
+ein Stück Acker hier und dort angelegt.
+
+Auf der Höhe stand neben dem Wohnungshaus der Vorratsschuppen; ein
+Stück davon lag das neue Haus, die »Großstuga«, ein rotes ziemlich
+großes Blockhaus mit Ziegeldach. Der alte Flod hatte es sich fürs
+Altenteil errichtet; jetzt stand es unbewohnt, weil die Alte allein
+dort nicht hausen wollte; auch unnötig viele Feuerstätten dem Walde zu
+sehr zugesetzt hätten.
+
+Weiterhin, dem Hage zu, lagen Viehstall und Scheune; in einem Gehölz
+stattlicher Eichen hatten Darrstube und Keller ihre schattigen Plätze;
+und ganz hinten an der südlichen Wiese war das Dach einer verfallenen
+Schmiede zu sehen.
+
+Unten, am innern Ende der Bucht, standen die Seeschuppen bis an die
+Landungsbrücke; dort war auch der Hafen für die Boote.
+
+Ohne die Schönheiten der Landschaft zu bewundern, war Carlsson doch
+von dem Ganzen angenehm überrascht. Die fischreiche Bucht, die ebenen
+Wiesen, die vor Winden geschützten und gerade richtig abfallenden
+Felder, der dichte Hochwald, die schönen Nutzhölzer in den Hagen:
+alles versprach guten Ertrag, wenn nur eine starke Hand die Kräfte in
+Bewegung setzte und die vergrabenen Schätze ans Tageslicht brachte.
+
+Nachdem er hierhin und dorthin geschlendert, wurde er in seinen
+Betrachtungen durch ein schallendes »Halloh« unterbrochen, das vom
+Vorbau ausging, von Buchten und Feldern widerhallte und gleich darauf
+von Scheune, Hag und Schmiede im selben Tone beantwortet wurde.
+
+Es war Clara, die zum Frühstück rief.
+
+Bald saßen die vier Männer um den Küchentisch, auf dem frischgekochte
+Kartoffeln, gesalzener Fisch, Butter, Roggenbrot und, da es Sonntag
+war, Branntwein stand. Die Alte ging umher und forderte die Männer
+auf, zuzulangen; auch warf sie dann und wann ein Auge auf den Herd, wo
+jetzt für Hühner und Ferkel gekocht wurde.
+
+Carlsson hatte an der oberen Schmalseite des Tisches Platz genommen,
+Gustav die eine, Rundqvist die andere Breitseite, Norman die untere
+Schmalseite gewählt; man wußte eigentlich nicht, wer den Ehrenplatz
+hatte, sondern glaubte die vier Sprecher eines Ausschusses vor sich zu
+haben. Doch führte Carlsson das Wort, und seine Aussprüche betonte er,
+indem er mit der Gabel auf den Tisch stieß. Er sprach von
+Landwirtschaft und Viehzucht; aber Gustav antwortete entweder
+überhaupt nicht oder mit Fischfang und Jagd. Norman unterstützte ihn
+dabei, und Rundqvist spielte den unparteiischen Sonderer; warf dann
+und wann einen Scheit ins Feuer, damit kein Friede aufkam; blies die
+Flamme an, wenn sie erlöschen wollte; stichelte nach rechts und
+stichelte nach links; bewies der Gesellschaft, daß sie alle gleich
+dumm und unwissend seien, daß er allein den Verstand gepachtet habe.
+
+Gustav antwortete Carlsson niemals direkt, sondern wandte sich immer
+an einen Nachbar; Carlsson sah ein, daß er von ihm keine Freundschaft
+zu erwarten habe.
+
+Norman, der Jüngste, vergewisserte sich erst immer, daß er am
+Hausherrn einen Rückhalt hatte; nach dem sich zu richten, war immer
+das Sicherste.
+
+-- Ferkel aufziehen, wenn man keine Milch hat, das lohnt nicht, lehrte
+Carlsson; und Milch kann man nicht bekommen, ohne daß man Klee in die
+Herbstsaat säet. In der Landwirtschaft muß Kreislauf sein; eines muß
+auf das Andere folgen.
+
+-- Das ist ganz wie beim Fischen, nicht wahr, Norman, wandte sich
+Gustav an seinen Nachbar. Man kann nicht die Strömlingsnetze setzen,
+ehe nicht die Schollen aufgehört haben; und man kriegt keine Schollen,
+ehe der Hecht nicht gelaicht hat. Das eine folgt aufs andere, und wenn
+man das Eine fahren läßt, fängt das Andere an. Ist es vielleicht nicht
+so, Norman?
+
+Norman stimmte ohne Widerstreben bei und wiederholte zur Sicherheit
+den Endreim, als er merkte, daß Carlsson zurückschlagen wollte:
+
+-- Ja, so ist es: das Eine fängt an, wenn man das Andere fahren läßt.
+
+-- Wer läßt einen fahren? rief Rundqvist dazwischen, der die gute
+Gelegenheit nicht vorbeigehen ließ.
+
+Carlsson, der den Schwanz eines Rotauges zwischen den Zähnen hatte,
+machte heftige Gebärden mit den Armen, um das Gespräch wieder nach
+seiner Seite zu wenden. Ins Grinsen der Andern aber mußte er
+einstimmen, obwohl sie mehr aus Schadenfreude grinsten, daß die
+Landwirtschaft beiseite geschoben wurde, als über den billigen Witz.
+
+Von seinem Erfolg ermuntert, machte Rundqvist Variationen über das
+glücklich gefundene Thema; ein ernstes Wort fand keinen Zuhörer mehr.
+
+ * * * * *
+
+Als das Frühstück zu Ende war, kam die Alte und bat Carlsson und
+Gustav, mit ihr nach dem Viehstall und auf die Felder zu gehen, um
+über die Verteilung der Arbeit zu sprechen und zu beraten, was zu tun
+sei, um den Hof in bessern Stand zu bringen. Danach würden sich alle
+in der Stube versammeln, um die Predigt zu lesen.
+
+Rundqvist legte sich beim Herd aufs Holzsofa und steckte sich eine
+Pfeife an. Norman nahm seine Handharmonika und setzte sich in den
+Vorbau, während die andern nach dem Viehstall gingen.
+
+Carlsson fand mit einer gewissen Befriedigung seine schlimmsten
+Befürchtungen übertroffen. Zwölf Kühe lagen auf den Knien und fraßen
+Moos und Stroh, da das Futter zu Ende war. Jeder Versuch, sie
+aufzurichten, war unmöglich; nachdem Carlsson und Gustav sie auf die
+Beine zu bringen versucht, indem sie ihnen eine Bohle unter den Bauch
+schoben, überließ man sie vorläufig ihrem Schicksal.
+
+Carlsson schüttelte bedenklich den Kopf, wie ein Arzt, der ein
+Sterbebett verläßt; sparte aber seine guten Ratschläge und
+Verbesserungsvorschläge für später auf.
+
+Mit dem Ochsenpaar stand es noch schlimmer, da es eben mit dem Pflügen
+fertig geworden war.
+
+Die Schafe hatten nur Rinde zu knuppern von den längst abgefressenen
+Laubbüscheln.
+
+Die Schweine waren mager wie Jagdhunde. Die Hühner liefen im Viehhof
+umher, auf dem Misthaufen zerstreut waren, von denen das Wasser in
+Bächlein abfloß.
+
+Nachdem man sich alles angesehen und den Verfall erkannt hatte,
+erklärte Carlsson, hier sei nur noch mit dem Messer etwas zu machen.
+
+-- Sechs Kühe, die Milch geben, sind besser als zwölf, die hungern!
+
+Er untersuchte Spiegel und Euter und bezeichnete mit großer Sicherheit
+die sechs, die man auffüttern und dann zum Schlächter bringen solle.
+
+Gustav machte Einwendungen.
+
+Carlsson aber versicherte und beteuerte, sie müßten geschlachtet
+werden! Sie müßten sterben, so wahr er lebe! Dann könnte man eine
+andere Ordnung einführen. Zuerst aber müsse vor allem trockenes, gutes
+Heu gekauft werden, ehe man das Vieh in den Wald lassen könne.
+
+Als Gustav von Heukaufen sprechen hörte, machte er die lebhaftesten
+Vorstellungen, doch nicht sein Geld für etwas auszugeben, das man
+selber habe. Aber die Alte brachte ihn mit der Erklärung zum
+Schweigen, davon verstehe er nichts.
+
+Nachdem man noch einige weniger wichtige Anordnungen getroffen,
+verließ man den Viehhof und wanderte auf die Felder hinaus.
+
+Hier lagen ganze Strecken brach.
+
+-- Ach, ach! sagte Carlsson mitleidig, als er den guten Boden auf so
+veraltete Art bewirtschaftet sah. Ach! wie kindisch! Kein Mensch hat
+mehr Brache, sondern Kleeweide! Wenn man jedes Jahr ernten kann, warum
+soll man es nur jedes zweite Jahr tun?
+
+Gustav meinte, jährliche Ernten saugten den Boden aus; der müsse auch
+ruhen wie der Mensch.
+
+Aber Carlsson gab eine ganz richtige, wenn auch etwas dunkle Erklärung
+ab, Kleesaat dünge den Boden, statt ihn auszusaugen; auch halte sie
+ihn von Unkraut frei.
+
+-- Davon habe ich noch nie gehört, meinte Gustav. Saaten, die düngen!
+
+Er konnte Carlssons gelehrte Auseinandersetzung, daß Grasgewächse ihre
+meiste Nahrung »aus der Luft« holen, nicht verstehen.
+
+Darauf untersuchte man die Abzugsgräben; die standen voll Grundwasser,
+waren zugewachsen, konnten nicht ablaufen.
+
+Das Korn stand stellenweise, als habe man Hände voll ausgesäet, und
+das Unkraut wucherte zwischen den Schollen.
+
+Die Wiesen waren nicht geharkt; das Laub des Vorjahres bedeckte und
+erstickte das Gras, das zu einem einzigen Kuchen zusammengeklebt war.
+
+Die Feldzäune waren im Begriff umzufallen; Brücken fehlten; alles war
+so baufällig, wie die Alte es in dem Gespräch am Abend dargestellt
+hatte.
+
+Gustav aber wollte nichts von Carlssons tiefdringenden Untersuchungen
+wissen; er lehnte sie ab als etwas Unangenehmes, das man aus der
+Vergangenheit ausgrub. Er fürchtete die viele Arbeit, die winkte, und
+noch mehr, daß seine Mutter Geld herausrücken müsse.
+
+Als sie dann nach der Kälberweide gingen, blieb Gustav zurück; als sie
+in den Wald kamen, war er verschwunden. Die Alte rief nach ihm,
+erhielt aber keine Antwort.
+
+-- Mag er gehen, meinte die Alte. So ist Gustav! Er ist immer etwas
+dumpf und träge; nur dann nicht, wenn er mit der Flinte auf die See
+hinaus kann. Aber daran müßt Ihr Euch nicht kehren, Carlsson, denn
+etwas Böses ist nicht in ihm. Sein Vater wollte etwas Besseres aus ihm
+machen; er sollte nicht als Knecht gehen, sondern konnte tun, was er
+wollte. Als er zwölf Jahre alt war, kriegte er sein eigenes Boot,
+natürlich auch eine Flinte. Seitdem war nichts mehr mit ihm zu wollen.
+Jetzt geht's mit dem Fischen zurück; darum habe ich an den Acker
+denken müssen, der schließlich doch noch sicherer ist als die See. Es
+wäre auch gegangen, wenn Gustav nur verstanden hätte, die Leute
+anzuhalten; aber er muß sich immer so gemein mit den Burschen machen,
+und dann geht's mit der Arbeit nicht vorwärts.
+
+-- Das taugt allerdings nicht, die Leute zu verwöhnen, hakte Carlsson
+ein; und das muß ich Euch gleich sagen, Tante, hier unter vier Augen:
+soll ich so etwas wie Kustos sein, so muß ich in der Stube essen und
+allein in der Kammer schlafen; sonst haben die Leute keinen Respekt,
+und ich komme nicht vom Fleck.
+
+-- In der Stube essen, Carlsson, versetzte besorgt die Alte, während
+sie über den Zauntritt stieg, wird wohl kaum gehen. Die Leute lassen
+sich's nicht mehr gefallen, daß man anderswo ißt als mit ihnen in der
+Küche. Der alte Flod hat's nicht einmal gewagt, und Gustav hat sich's
+nie getraut. Und tut man's, machen sie sofort Spektakel über das
+Essen; stellen sich auf die Hinterbeine. Nein, daraus kann nichts
+werden. Daß Ihr aber auf der Kammer schlaft, ist etwas anderes; das
+wollen wir mal sehen. Die Leute finden ja schon, es seien ihrer zu
+viel in der Küche; und Norman, denke ich, schläft lieber allein in
+seinem Bett als mit einem Andern zusammen.
+
+Carlsson hielt es für das Beste, sich mit halbgewonnenem Spiel zu
+begnügen, und steckte die andere Pfeife vorläufig in den Sack.
+
+Sie kamen jetzt in den Fichtenwald, wo zwischen einigen
+Geschiebeblöcken noch eine Schneewehe lag, die von Staub und
+herabgefallenen Nadeln beschmutzt war. Die Fichten schwitzten in der
+brennenden Aprilsonne schon Harz aus; zu ihren Füßen blühten weiße
+Osterblumen, und unter den Haselbüschen guckten Leberblümchen durch
+das durchbrochene Nervennetz des modernden Laubes. Aus dem Haarmoos
+stieg eine warme Feuchtigkeit; zwischen den Baumstämmen sah man das
+Flimmern über dem Wiesenzaun zittern; weiter fort blaute die von einer
+leichten Brise bewegte Meeresfläche; das Eichhörnchen kicherte oben im
+Gezweig und der Grünspecht hämmerte und schrie.
+
+Die Alte trippelte auf dem kahlen Fußpfad über Nadeln und Wurzeln.
+Carlsson, der hinter ihr ging, sah, wie sich ihre Schuhsohlen unter
+geschmeidigen Schritten bogen und unter dem Saum des Kleides
+verschwanden. Da erinnerte er sich daran, daß sie ihm gestern älter
+vorgekommen war.
+
+-- Ihr seid aber flink auf den Beinen, Tante, fand sich Carlsson
+veranlaßt, seinen Frühlingsgefühlen Luft zu machen.
+
+-- Ach, wie Ihr sprecht! Man könnte glauben, Ihr wollt mit einer alten
+Frau Euern Spaß treiben.
+
+-- Nein, ich meine immer, was ich sage, versicherte Carlsson glaubhaft.
+Um mit Tante Schritt zu halten, gerate ich in Schweiß.
+
+-- Wir wollen jedenfalls nicht weiter gehen, antwortete die Alte und
+blieb stehen, um zu verschnaufen. Hier könnt Ihr Euch den Wald
+ansehen, Carlsson; hierher bringen wir das Vieh im Sommer, wenn es
+nicht draußen auf den Werdern ist.
+
+Carlsson warf einen sachverständigen Blick auf den Wald; er fand, daß
+da viele Klafter Brennholz standen und gutes Balkenholz sich auf der
+Wurzel erhob.
+
+-- Aber wie schlecht gepflegt! Da liegen noch Wipfel und Reisig in
+einem solchen Gerümpel zusammen, daß kein Mensch durchkommen kann!
+
+-- Da seht Ihr selbst, Carlsson, wie es steht. Nun mögt Ihr walten und
+schalten, wie Ihr wollt! Ihr werdet schon Ordnung schaffen, dessen bin
+ich sicher! Nicht wahr, Carlsson?
+
+-- Meine Arbeit werde ich schon leisten, wenn die andern nur ihre tun!
+Und dazu müßt Ihr mir helfen, Tante, knetete Carlsson seinen Teig. Er
+fühlte, es werde nicht so leicht sein, sich eine Stellung als Korporal
+zu schaffen, da die Gemeinen länger am Platze waren.
+
+Unter unausgesetztem Gespräch über die Art und Weise, wie Carlsson
+seine Oberhoheit einnehmen und bewahren könne, gingen sie zurück.
+Diese seine Oberhoheit sei die Hauptbedingung für das Aufblühen des
+Hofes, suchte Carlsson der Bäuerin einzureden.
+
+Jetzt sollte die Predigt gelesen werden, aber von den Männern ließ
+sich keiner sehen. Die beiden Schützen waren mit den Flinten in den
+Wald gegangen; Rundqvist verbarg sich wohl wie gewöhnlich auf einer
+sonnigen Höhe. So war es immer, wenn sie Gottes Wort hören sollten.
+
+Carlsson versicherte, man könne sich ohne Zuhörer behelfen; und wenn
+die Mädchen die Tür zur Küche öffneten, könnten sie auch ein Wort
+vernehmen, während die Töpfe kochten.
+
+Als die Alte ihre Unruhe äußerte, sie werde nicht lesen können, war
+Carlsson sofort bereit, die Sache zu übernehmen.
+
+-- Ach! Ich habe in meiner früheren Stellung so manche Predigt gelesen;
+daran soll es nicht fehlen.
+
+Die Alte nahm den Kalender und schlug den Text des Tages auf, der
+heute, am zweiten Sonntag nach Ostern, vom guten Hirten handelte.
+
+Carlsson nahm Luthers Postille vom Brett und setzte sich auf einen
+Stuhl mitten ins Zimmer; da konnte er sich einbilden, von der Gemeinde
+gut gesehen zu werden. Darauf schlug er das Gesangbuch auf und begann
+mit hoher Stimme, über die Tonskala laufend, wie ers von den
+Reisepredigern gehört und selbst getan hatte, den Text vorzupredigen.
+
+-- »Zu dieser Zeit sagte Jesus zu den Juden: Ich bin der gute Hirte:
+der _gute_ Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Ein Mietling aber, der
+_nicht_ Hirte ist, dem die Schafe _nicht_ gehören, sieht den Wolf kommen,
+verläßt die Schafe und flieht.«
+
+Ein seltsames Gefühl persönlicher Verantwortung bemächtigte sich des
+Vorlesers, als er die Worte »_Ich_ bin der gute Hirte« aussprach; er sah
+bedeutungsvoll zum Fenster hinaus, als suche er die beiden flüchtigen
+Mietlinge Rundqvist und Norman.
+
+Die Alte nickte traurig und nahm die Katze auf die Knie, als öffne sie
+dem verlorenen Schaf ihre Arme.
+
+Carlsson aber las mit vor Rührung zitternder Stimme, als habe er es
+selbst geschrieben, weiter.
+
+-- »Aber der Mietling flieht -- ja er flieht, schmückte er aus -- denn
+er ist _Mietling_ (schrie er) und achtet der Schafe nicht.«
+
+-- »_Ich_ bin der gute Hirte, und kenne meine Schafe, und meine Schafe
+kennen mich,« fuhr er aus dem Gedächtnis fort, da das ein Spruch aus
+dem Katechismus war.
+
+Darauf senkte er die Stimme, schlug die Augen nieder, als trauere er
+tief über die Bosheit der Menschen, und seufzte hervor, mit starker
+Betonung und Seitenblicken, nicht ohne verschmitzt verstehen zu geben,
+daß er mit Schmerz unbekannte Schelme angebe, ohne sie gerade
+anzuklagen:
+
+-- »Ich habe auch _andere_ Schafe, die nicht aus _diesem_ Schafstall
+sind; die muß ich heranziehen; und sie _sollen_ meine Stimme hören!«
+
+Und mit einem verklärten Lächeln, prophetisch, hoffnungsvoll,
+zuversichtlich, flüsterte er:
+
+-- »Und es soll _eine_ Herde und _ein_ Hirte sein.«
+
+-- Und _ein_ Hirte! echote die Alte, die ihre Gedanken ganz wo anders
+hatte als Carlsson.
+
+Darauf griff er die Postille an; machte zuerst ein saures Gesicht,
+als er die Anzahl der Seiten überschlug und sah, daß es ein »langes
+Ding« war; faßte dann aber Mut und begann. Die Behandlung des Stoffes
+paßte nicht ganz zu seinen Absichten, sondern hielt sich mehr an die
+christlich symbolische Seite; darum war sein Interesse nicht so
+lebhaft wie beim Text. In rasendem Laufe eilte er durch die Spalten
+und steigerte die Geschwindigkeit, wenn er zum Umblättern kam, so, daß
+er mit dem angefeuchteten Daumen zwei Blätter auf ein Mal umschlug,
+ohne daß die Alte etwas merkte.
+
+Als er aber sah, das Ende war nahe, fürchtete er, gegen das Amen zu
+prallen; deshalb verlangsamte er die Schnelligkeit. Aber es war zu
+spät: beim letzten Umblättern hatte er zu dick auf den Daumen gespuckt
+und drei Blätter auf ein Mal genommen; nun traf er aufs Amen ganz oben
+auf der nächsten Seite, als stieße er mit dem Kopf gegen eine Wand.
+
+Die Alte wachte von dem Stoß auf und guckte schlaftrunken nach der
+Uhr.
+
+Carlsson wiederholte daher das Amen noch ein Mal, indem er es etwas
+ausschmückte:
+
+-- »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und um
+unseres Erlösers willen.«
+
+Um den Schluß abzurunden und zu sühnen, was er verbrochen, betete er
+ein Vaterunser, so langsam und ergreifend, daß die Alte, die mitten in
+die Sonne gekommen war, noch ein Mal einnickte.
+
+Sie hatte Zeit sich zu ermuntern, während Carlsson, um alle
+unangenehmen Erklärungen abzuschneiden, den Kopf in der linken Hand
+verbarg, um ein leises Gebet zu sprechen, das nicht unterbrochen
+werden durfte.
+
+Die Alte fühlte sich auch schuldig und wollte nun ihre Aufmerksamkeit
+dadurch beweisen, daß sie in selbstgewählten Worten zeigte, was sie
+eingeheimst. Carlsson schnitt ihr aber das Wort ab, indem er bestimmt
+erklärte, nach dem Grundtext und den eigenen Worten des Erlösers
+handle es sich um nichts Geringeres: _eine_ Herde und _ein_ Hirte!
+_Einer_ ausschließlich, einer für alle, _einer_, _einer_, _einer_!
+
+In diesem Augenblick rief Clara laut zum Mittagessen. Aus der Tiefe
+des Waldes antworteten zwei fröhliche Hallohs, denen Flintenknalle
+folgten; und aus dem Schornstein der Schmiede stieg wie aus einem
+hungrigen Magen Rundqvists originelleres Puh!, das niemand verkennen
+konnte.
+
+Und bald sah man die verirrten Schafe mit leichten Schritten zum
+Kochtopf eilen. Die Alte empfing sie, indem sie ihnen ihr Ausbleiben
+vorwarf. Die Antwort aber blieb keines der Unschuldigen ihr schuldig;
+sie beteuerten, sie hätten niemand rufen hören, sonst wären sie
+_sofort_ gekommen.
+
+Carlsson verhielt sich würdig, wie es sich beim Mittagstisch am
+Sonntag ziemte. Rundqvist aber sprach in dunklen Worten von den höchst
+»merkwürdigen« Fortschritten der Landwirtschaft. Carlsson ersah
+daraus, daß er von der Opposition bereits eingeweiht und gewonnen war.
+
+Nach dem Essen, das aus einem in Milch mit Pfeffer gekochten Eiderpaar
+bestand, zogen sich alle Mannsleute zurück, um zu schlafen; Carlsson
+aber nahm sein Gesangbuch aus dem Kasten und setzte sich draußen auf
+die Höhe, wo er einen trockenen Stein fand. Den Fenstern der Hütte
+drehte er den Rücken, um etwas einnicken zu können.
+
+Die Alte fand das vielversprechend, da der Sonntagnachmittag sonst
+gewöhnlich verloren ging.
+
+Als Carlsson glaubte, es sei genug Zeit verflossen, um die Andacht
+wahrscheinlich zu machen, stand er auf, ging, ohne anzuklopfen, in die
+Stube und rückte mit dem Wunsch heraus, die Kammer zu sehen.
+
+Die Alte wollte die Sache verschieben und schützte Reinmachen vor;
+Carlsson aber bestand darauf. So wurde er denn auf den Boden geführt.
+
+Da war wirklich unter dem Dachstuhl ein viereckiger Kasten eingebaut;
+auf dem Giebel öffnete er sich mit einem Fenster, das jetzt von einer
+blaugestreiften Rollgardine verhängt war. Die Kammer enthielt ein Bett
+und einen kleinen Tisch, der vorm Fenster stand und eine Wasserkaraffe
+trug. An den Wänden hing etwas, das durch die weißen, verhüllenden
+Laken wie Kleider aussah und sich, wenn man näher ging, auch als
+Kleider erwies: hier guckte ein Rockkragen mit seinem Anhänger hervor,
+dort schlenkerte ein Hosenbein heraus. Darunter stand ein ganzes Heer
+von Schuhen, Männer- und Frauenstiefeln durch einander. Hinter der Tür
+befand sich ein gewaltiger mit Eisen beschlagener Kasten, der ein
+Schlüsselschild aus getriebenem Kupfer trug.
+
+Carlsson zog die Rollgardine auf und öffnete das Fenster, um die mit
+Feuchtigkeit, Kampfer, Pfeffer, Wermut vermengte Luft herauszulassen.
+Dann legte er die Mütze auf den Tisch und erklärte, hier werde er gut
+schlafen. Als die Alte ihre Befürchtungen aussprach, die Kälte werde
+ihm unangenehm sein, bekannte er, er sei es gewohnt, kalt zu liegen;
+das sei ein Vorteil, den er in der warmen Küche unmöglich haben könne.
+
+Der Alten ging es etwas zu schnell; sie wollte erst die Kleider
+fortnehmen, damit sie nicht im Tabaksrauch hingen. Carlsson versprach
+sofort, er werde nicht rauchen; bat und beschwor sie, die Kleider
+hängen zu lassen. Er wolle sie nicht einmal ansehen; Tante solle sich
+nicht die Mühe machen, seinetwegen umzukramen. Er werde abends ins
+Bett kriechen und morgens selbst sein Waschwasser ausgießen und sein
+Bett machen. Niemand brauche hineinzugucken. Er verstehe wohl, Tante
+sei um ihre Habseligkeiten besorgt, und hier gebe es ja mehr als genug
+davon.
+
+Als er die Alte mit seinem Mundwerk herumgekriegt hatte, ging
+Carlsson hinunter, holte Kasten und Branntweinkrug herauf, hing seine
+Jacke an einen Nagel am Fenster, stellte seine Wasserstiefel neben die
+anderen Schuhe.
+
+Darauf bat er um eine Unterredung, bei der Gustav zugegen sein müsse,
+denn jetzt solle die Arbeit verteilt werden, damit morgen jeder auf
+seinem Posten sei.
+
+Nach vieler Mühe wurde Gustav gefunden und veranlaßt, eine Weile in
+die Stube zu kommen; an den Verhandlungen aber nahm er nicht teil, auf
+Fragen antwortete er nur mit Einwendungen, warf Schwierigkeiten auf;
+kurz, stellte sich auf die Hinterbeine.
+
+Carlsson versuchte ihn durch Schmeichelei zu gewinnen, ihn durch
+Sachkenntnis zu erdrücken, ihm Achtung vor der Überlegenheit des
+Älteren beizubringen; das war aber nur Wasser aufs Feuer.
+
+Schließlich wurden alle Teile müde und Gustav war verschwunden, ehe
+man sich's versah.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne versank in Nebel, die
+bald stiegen und den Himmel mit kleinen Federwolken bedeckten; die
+Luft aber blieb warm.
+
+Carlsson spazierte aufs Ungefähr die Wiese hinunter und kam in den
+Ochsenhag; wanderte weiter unter den blühenden, noch halb
+durchsichtigen Haselbüschen, die gewissermaßen einen Tunnel über den
+»Drog« bildeten; dieser »Drog« führte zum Seeufer hinunter, wo das
+Brennholz von der Jacht des Aufkäufers geholt zu werden pflegte.
+
+Plötzlich blieb er stehen: durch die Wachholdersträucher bekam er
+Gustav und Norman zu Gesicht; sie waren auf dem Felsenhügel einer
+Lichtung aufgestellt, die sich hier öffnete; hatten die Flinten
+angelegt, die Hähne gespannt und guckten sich nach allen Seiten um.
+
+-- Still, jetzt kommt er! flüsterte Gustav, doch so laut, daß es
+Carlsson hörte.
+
+Im Glauben, er sei gemeint, verbarg sich Carlsson in den Büschen.
+
+Aber über die jungen Fichten kam ein Vogel geflogen, langsam und träg
+wie eine Eule, mit schlaffen Flügeln, und gleich darauf kam noch
+einer.
+
+-- Quarr-Quarr-Murr-Murr-Pfip! klang es in der Luft, und dann paff!
+paff! aus beiden Flinten, aus denen Hagel und Rauch wie ein Besen
+herausfuhren.
+
+Es knisterte in den Zweigen einer Birke, und eine Schnepfe fiel einen
+Steinwurf von Carlsson nieder.
+
+Die Schützen liefen hin und holten die Beute; die veranlaßte sie zu
+einem kleinen Meinungsaustausch.
+
+-- Der hat seinen Teil, sagte Norman und kräuselte die Brustfedern des
+noch warmen Vogels.
+
+-- Ich weiß noch einen, der seinen Teil haben müßte! meinte Gustav, der
+trotz dem Jagdfieber noch von Nebengedanken geritten wurde. So ein
+Kerl, will jetzt auch auf der Kammer liegen!
+
+-- Nein, wirklich? witterte Norman.
+
+-- Ja, und dann will er Ordnung in den Hof bringen! Als wüßten wir
+nicht besser als er, was Ordnung ist. Aber so ist's: neue Besen kehren
+gut, so lange sie neu sind; doch laßt mir nur Zeit, ich werde es ihm
+schon zeigen!
+
+-- Und dann, sagte er nicht, die Kleesaat hole ihre Nahrung aus der
+Luft, was?
+
+-- Ja, aus der Luft; aus meinem Dreck holt sie die Nahrung!
+
+Und die beiden Sachverständigen lachten, während Carlsson hinter dem
+Busche mit den Zähnen knirschte.
+
+-- Ja, er soll mir nur kommen, beteuerte Gustav, so einem Freischärler
+weiche ich nicht! Er soll mir nur kommen, hart wird er liegen! --
+Still, da streicht die andere zurück.
+
+Die Schützen hatten neu geladen und liefen wieder auf ihren Anstand.
+Carlsson aber schlich sich behutsam nach Hause, entschlossen, zum
+Angriff überzugehen, sobald er genügend gerüstet war.
+
+Als er am Abend auf die Kammer kam, die Rollgardine herabließ und das
+Licht ansteckte, fühlte er sich zuerst etwas beklommen, weil er allein
+war. Eine gewisse Furcht vor denen, von welchen er sich abgesondert
+hatte, überfiel ihn. Bisher war er immer gewohnt gewesen, sich zu
+allen Tageszeiten in Gesellschaft zu fühlen; immer bereit,
+angesprochen zu werden; nie um einen Zuhörer verlegen, wenn er
+plaudern wollte. Jetzt war es still um ihn, so still, daß er aus
+Gewohnheit erwartete, angesprochen zu werden; Stimmen zu hören
+glaubte, wo keine waren. Und sein Kopf, der sich bisher aller Gedanken
+im gesprochenen Wort entledigte, füllte sich mit einem Überschuß von
+unverbrauchtem Gedankensamen, der keimte und sprengte, um in irgend
+einer Form herauszukommen; der solche Unlust im Körper verursachte,
+daß die Ruhe des Schlafes sich nicht einfinden konnte.
+
+Er wanderte also auf bloßen Strümpfen auf und ab, in der engen Kammer
+zwischen Fenster und Tür; richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die
+bevorstehende Arbeit des morgenden Tages. Er ordnete die
+Beschäftigungen im Kopf und verteilte sie; begegnete im voraus
+Einwendungen, überwand Hindernisse.
+
+Nachdem er eine Stunde so gearbeitet, hatte er Ruhe im Kopf; der war
+jetzt geordnet und liniiert wie ein Kontobuch; alle Posten waren an
+ihrer Stelle eingetragen und zusammengezählt: in einem Augenblick
+konnte man die Stellung übersehen.
+
+Darauf ging er zu Bett. Als er sich allein zwischen den reinen,
+frischen Laken befand, ohne fürchten zu müssen, daß jemand ihn im
+Laufe der Nacht stören werde, fühlte er sich erst Herr seiner eigenen
+Person; einem Ableger gleich, der nun eigene Wurzeln angesetzt und vom
+Mutterstrauch abgeschnitten werden konnte, um sein Leben für sich zu
+leben, in eigenem Kampf, mit größerer Arbeit, aber auch mit größerer
+Lust.
+
+So schlief er ein, um dem Montagsmorgen und der Arbeitswoche des
+Lebens zu begegnen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, wird
+ Herr auf dem Hof, duckt die jungen Hähne und tritt
+ seine Hühner selbst
+
+
+Der Blei laichte, der Wachholder knospete, der Faulbeerbaum blühte und
+Carlsson säete Frühlingssaat in die erfrorene Herbstsaat, schlachtete
+sechs Kühe, kaufte trockenes Stallheu für die andern, damit die wieder
+auf die Beine kommen und in den Wald gelassen werden konnten. Er
+rüstete und er ordnete, er arbeitete selbst für zwei: er hatte eine
+Fähigkeit, die Leute in Bewegung zu setzen, die allem Widerstand
+trotzte.
+
+Auf einer Fabrik in Wärmland geboren, von ziemlich unbestimmten Eltern
+stammend, zeigte er schon früh eine entschiedene Unlust zu
+körperlicher Arbeit, entwickelte dagegen ein unglaubliches
+Erfindungsvermögen, sich dieser unangenehmen Folge des »Sündenfalls«
+zu entziehen. Darin hatte er ja Recht, zumal die Gedankenarbeit sowohl
+nützlicher, ehrenvoller, bequemer ist, wie sich mehr lohnt.
+
+Zugleich von einem Verlangen getrieben, alle Seiten menschlicher
+Tätigkeit kennen zu lernen, blieb er nicht unnötig lange auf einer
+Stelle sitzen. Sobald er gelernt, was er wollte, suchte er einen neuen
+Wirkungskreis. Auf diese Weise war er vom Schmiedehandwerk zur
+Landwirtschaft übergegangen, hatte sich im Stalldienst versucht, beim
+Kaufmann gehandelt, war Gärtnerbursche, Bahnarbeiter, Ziegelstreicher
+und schließlich Reiseprediger gewesen!
+
+Durch diese Wandlungen war sein Wesen geschmeidig geworden, hatte er
+die Fähigkeit erworben, sich in alle Verhältnisse und alle möglichen
+Menschen zu schicken; ihre Absichten zu verstehen, ihre Gedanken zu
+lesen, ihre geheimen Wünsche zu erraten. Er war mit einem Wort eine
+Kraft, die ihre Umgebung überragte. Seine mannigfachen Kenntnisse
+machten ihn fähiger, ein Ganzes zu leiten und zu ordnen; er wollte
+sich nicht als ein Rad dem Wagen einfügen, sondern sich von dem Wagen
+tragen lassen.
+
+Durch einen Zufall in seine neue Stellung geworfen, sah er sofort ein:
+hier konnte er von Nutzen sein, hier vermochte er mit seinen
+Fähigkeiten das jetzt Wertlose zum Ertrag zu bringen, hier werde er
+deshalb bald geschätzt werden und schließlich unentbehrlich sein. Er
+hatte jetzt ein festes Ziel für sein Streben vor sich; und daß die
+Belohnung in einer verbesserten Lebensstellung auf ihn warte, hatte er
+hinter sich als sichere Hoffnung und treibende Kraft. Er arbeitete für
+die Anderen, sichtlich und unleugbar; aber zugleich schmiedete er sein
+eigenes Glück. Und wußte er's so anzustellen, daß es aussah, als
+widmete er Zeit und Kraft fremdem Vorteil, so zeigte er damit, daß er
+klüger als mancher war, der es gern ebenso gemacht hätte, es aber
+nicht konnte.
+
+Das größte Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, war der Sohn.
+Bei dem bestimmten Geschmack des Fischers und Jägers für das
+Ungewisse, für Überraschungen, hatte der einen entschiedenen
+Widerwillen für alles Geordnete, alles Sichere. Ackert man, meinte
+der, so kriegt man allerhöchstens so viel, wie man berechnet hat;
+niemals mehr, oft aber viel weniger. Setzt man dagegen Netze, so
+kriegt man das eine Mal nichts, aber das nächste Mal das Siebenfache
+von dem, was man erwartet. Fuhr man aus, um Aale zu fangen, geschah es
+zuweilen, daß man einen Seehund schoß; lag man einen halben Tag in den
+Schären, um auf Jägergänse zu lauern, konnte es vorkommen, daß einem
+Eider vor den Flintenlauf kamen. Immer war es etwas, und oft etwas
+anderes, als man erwartet hatte.
+
+Übrigens galt die Jagd noch, nachdem sie als Vorrecht von den oberen
+Klassen zu den unteren gekommen war, für vornehmer und protziger, als
+hinter Pflug oder Dungwagen herzugehen. Das war den Leuten so in
+Fleisch und Blut übergegangen, daß man keinen Knecht dazu bringen
+konnte, mit einem Paar Ochsen zu fahren; wohl auch weil der Ochse
+beschnitten, »verändert«, war; vor allem aber, weil das Pferd von
+Alters her in abergläubischem Ansehen stand.
+
+Ein zweiter Stein auf dem Wege war Rundqvist. Eigentlich war es ein
+alter Schelm, der auf seine Art das irdische Paradies wieder zu
+gewinnen suchte, ein Paradies ohne schwere Arbeit und mit langen
+Mittagsschläfchen und vielen Schnäpsen, indem er Kenntnis von
+verborgenen Dingen vorspiegelte; indem er allen Ernst, besonders die
+grobe Arbeit, fortscherzte; indem er, im Notfall, durch Vortäuschung
+geistiger Schwäche und körperlicher Übel Mitleid zu erwecken wußte,
+besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kaffee mit Branntwein oder
+einem halben Pfund Schnupftabak äußerte. Er verstand Schafe und Ferkel
+zu verschneiden; glaubte mit der Wünschelrute Quellen zu finden;
+behauptete, den Barsch ins Netz locken zu können; heilte allerlei
+leichte Übel bei Andern, behielt aber seine eigenen; sagte bei Neumond
+schönes Wetter voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte;
+opferte fremdes Geld unter einem großen Stein am Strande, wenn der
+Strömling kommen sollte.
+
+Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er behauptete:
+Täschelkraut aufs Feld des Nachbars bringen, die Kühe gelt machen,
+Hexenschüsse austeilen und dergleichen. All das umgab seine Person mit
+einer gewissen Furcht, so daß man ihn gern zum Freund haben wollte.
+
+Seine Verdienste, denn die besaß er auch und ihretwegen war er
+unentbehrlich, bestanden darin, daß er schmieden und tischlern konnte.
+Aber seine unglaubliche Fähigkeit, alles zu machen, was auffiel, erhob
+ihn zu einem gefährlichen Nebenbuhler; denn was Carlsson unter dem
+Stalldach oder draußen auf dem Felde tat, fiel nicht so sehr auf.
+
+Blieb Norman, ein tüchtiger Arbeiter; der mußte Gustavs mächtigem
+Einfluß entrissen und der regelmäßigen Feldarbeit wieder gewonnen
+werden.
+
+Carlsson hatte also ein gehöriges Stück Arbeit zu leisten und außerdem
+nicht geringe diplomatische Schlauheit zu entwickeln, um
+durchzudringen; da er aber der klügste war, siegte er.
+
+Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf; den ließ er laufen,
+nachdem er dessen Bundesgenossen Norman durch allerlei Vorteile von
+ihm fortgelockt hatte. Das war nicht so schwer, denn Gustav war, offen
+gesagt, etwas geizig und behandelte Norman auf den Jagden meist als
+Ruderer, der nie den ersten Schuß tun durfte; kriegte er wirklich
+einen Schnaps, nahm Gustav heimlich deren drei. So brachten die
+Vorteile, die Carlsson dem Norman auswirkte, höherer Lohn, neue
+Strümpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen bald zum Abfall;
+zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach als Gustavs sinkende.
+
+Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des Sohnes herabgesetzt,
+denn allein umher zu fahren, war kein Vergnügen. Infolge dieses
+Mangels an Gesellschaft schloß sich Gustav den Andern bei der Arbeit
+an.
+
+Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer; dieser Fisch war sowohl
+häßlich wie alt; aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den
+Fischkasten.
+
+Statt Geldstücke zu opfern, ließ Carlsson die Netze ausbessern und
+neue Leinen in alle Schleppzüge ziehen; und siehe da, der Strömling
+blieb besser hängen als früher. Statt mit der auf einem andern Baum
+gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, ließ Carlsson den
+alten Brunnen füttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte
+einen Pumpenstock hinein; damit war die Mistel auf den Kehrichthaufen
+geworfen. Statt die Kühe zu besprechen und Feuer über sie zu schlagen,
+ließ er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist
+Hufnägel schmieden, zog Carlsson Haken; konnte Rundqvist einen Rechen
+schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze.
+
+Als Rundqvist sich aus allen seinen Maulwurfslöchern verjagt sah,
+griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums
+Haus aufzuräumen; schaffte weg, was man den Winter über aus
+Nachlässigkeit oder infolge der Dunkelheit auf den Hof hatte »fallen«
+lassen; machte Hühnern und Katze den Hof; setzte eine neue Klinke an
+die Tür.
+
+-- Nein, wie nett Rundqvist geworden ist! Hat uns eine neue Klinke an
+die alte Tür gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will.
+
+So hörte Carlsson die Mägde in der Küche sprechen.
+
+Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der
+Herd weiß gestrichen; eines andern Morgens waren die Wassereimer grün
+angemalt, mit schwarzen Rändern und weißen Herzen; wieder eines andern
+Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer
+aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feinde gelernt, die Großmacht der
+Küche zu gewinnen; mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich
+geworden.
+
+Rundqvist war jedoch zäh und hinterlistig; in einer Sonnabendnacht
+strich er den Abtritt grell rot.
+
+Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel
+Branntwein, und in der Dreifaltigkeitsnacht hörte die Alte, wie es um
+die Wände des Hauses tuschelte und raschelte; da sie aber zu
+verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, daß die ganze
+»Stuga« rot gestrichen war und weiße Fensterpfosten und weiße
+Dachrinnen hatte!
+
+Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen für sein Alter gar zu
+anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt über
+seinen köstlichen Geschmack, die Verschönerungen mit dem Abtritt zu
+beginnen. Norman, als echter Abtrünniger, machte einen Witz über ihn,
+der lange im Schwange blieb:
+
+-- Man muß am rechten Ende anfangen, sagte Rundqvist und strich zuerst
+den Abtritt an.
+
+Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal
+neue Schliche zu versuchen oder einen vorteilhaften Frieden zu
+schließen.
+
+Gustav ließ sie gewähren; er sah zu und fand gut, was geschah.
+
+-- Pflügt ihr nur, dachte er; ich werde schon kommen und einheimsen.
+
+ * * * * *
+
+Bisher hatte Carlssons Tätigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es
+zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das für den Verkauf
+der Kühe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretär
+gelegen, nachdem es bei der Aufzählung einen ausgezeichneten Eindruck
+gemacht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere
+des Vermissens zurückgelassen.
+
+Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu bestellen gehabt und
+wenig Zeit zu Spaziergängen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging
+er aber die Höhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die große
+Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verödet
+dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tür offen. Er
+trat in den Flur und entdeckte eine Küche; ging weiter und kam in ein
+großes Zimmer, das wirklich herrenmäßig aussah: weiße Gardinen,
+Himmelbett mit Messingbeschlägen, ein Spiegel mit geschnitztem und
+vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas -- das war fein, das wußte
+er! -- Sofa, Sekretär, Kachelofen; alles genau wie auf einem Herrenhof.
+Auf der andern Seite des Flurs war ein ebenso großes Zimmer mit Kamin,
+Eßtisch, Sofas, Wanduhr ...
+
+Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber begann er die Besitzer,
+die so wenig Unternehmungsgeist besaßen, zu bemitleiden und zu
+verachten; besonders als er sah, daß das Haus noch zwei Kammern mit
+mehreren gemachten Betten hatte.
+
+-- Oh, oh, oh, dachte er laut; so viel Betten und keine Badegäste.
+
+Von dem Gedanken an die künftige Einnahme berauscht, ging er sofort
+zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga
+nicht an Sommergäste zu vermieten.
+
+-- Ach was, wir finden niemand, der hier wohnen will! wehrte sich die
+Alte.
+
+-- Wie wißt Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der
+Zeitung angezeigt?
+
+-- Das heißt nur Geld in die See werfen! meinte Frau Flod.
+
+-- Man wirft auch Netze in die See, antwortete Carlsson. Und das muß
+man tun, wenn man was erhalten will.
+
+-- Versuchen kann man's ja; aber Badegäste kriegen wir nicht, schloß
+die Alte, die nicht mehr an die Erfüllung von Wünschen glaubte.
+
+Acht Tage später kam ein feiner Herr über die Wiese und sah sich um.
+Er kam näher. Als er auf den Hof trat, wurde er allein von dem Hunde
+empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus
+Schüchternheit oder Feingefühl, in Küche und Stube verborgen hielten,
+nachdem sie vorher in einem Knäuel draußen gestanden und nach dem
+Besuch gegafft hatten. Erst als der Herr in die Tür trat, kam Carlsson
+als der Mutigste ihm entgegen.
+
+Der Kömmling hatte eine Anzeige gelesen.
+
+-- Jaja, das ist hier!
+
+Carlsson führte ihn nach der Großstuga hinauf.
+
+Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle
+Verbesserungen, wenn der Herr sich sofort entscheide; denn der
+Bewerber seien viele und die Jahreszeit sei vorgeschritten.
+
+Der Fremde schien von der schönen Lage des Hauses gefesselt zu werden
+und beeilte sich, abzuschließen.
+
+Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Verhältnissen,
+wirtschaftlichen sowohl wie familiären, erkundigt hatten, entfernte
+der Fremde sich wieder.
+
+Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtür. Dann stürzte er in die Hütte
+zurück und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn
+Kronen und einen zu fünf auf den Tisch.
+
+-- Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzunehmen, murrte
+die Alte.
+
+Gustav aber war zufrieden; zum ersten Male sprach er Carlsson seine
+Anerkennung aus, als dieser erzählte, wie er durch den Hinweis auf
+viele Bewerber den Herrn gedrängt habe.
+
+Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf für Carlsson. Nach diesem
+Stückchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Geschäftssachen zu gute
+gekommen war, sprach er in einem höheren Tone.
+
+Es sei nicht nur das bare Geld für die Miete, das ihnen in den Schoß
+gefallen; es werde auch indirekte Einkünfte regnen.
+
+Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zuhörern in raschen
+Zügen aus.
+
+Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung brauche man
+nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechen von den Fahrten nach dem
+Badeort Dalarö, für die man jedes Mal eine Krone nehmen könne. Und
+dann könnte man ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gemüse
+absetzen. Oh, da sei etwas zu machen! Und es sei ein feiner Mann!
+
+Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische an. Es waren Mann
+und Frau, eine Tochter von sechzehn und ein Sohn von sechs Jahren,
+dazu zwei Dienstmädchen.
+
+Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verhältnissen, war
+ein Mann des Friedens, stand am Eingang der Vierziger. Er war von
+deutscher Geburt und konnte die Inselbauern nicht gut verstehen; darum
+beschränkte er sich darauf, zu allem, was sie sagten, beifällig zu
+nicken und »schön« zu sagen; so kam er rasch in den Ruf, ein sehr
+netter Herr zu sein.
+
+Die Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus und ihre Kinder
+pflegte und sich durch ihr würdiges Benehmen bei den Mägden in Respekt
+zu setzen wußte, ohne zu wettern oder zu bestechen.
+
+Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Schüchterne und am
+meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu hatte er ja auch ein
+Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besaß niemand von den andern
+weder die unternehmende Lust noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz
+streitig zu machen.
+
+ * * * * *
+
+Die Ankunft der Städter unterließ nicht, ihren Einfluß auf Sinne und
+Sitten der Inselbauern auszuüben. Täglich Menschen vor sich zu sehen,
+die festtäglich gekleidet waren, jeden Tag zum Sonntag machten, ohne
+Ziel spazieren gingen und ruderten, badeten und musizierten; sich die
+Zeit vertrieben, als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt --
+das erregte anfangs keinen Neid sondern nur Erstaunen; Erstaunen
+darüber, daß das Leben sich so gestalten könne; Erstaunen über
+Menschen, die ihr Dasein so angenehm und ruhig, so rein und fein vor
+allem einzurichten vermochten, ohne daß man sagen konnte, sie hätten
+Andern Unrecht getan oder Arme geplündert.
+
+Ohne sich dessen bewußt zu werden, fingen die Inselbauern an, sich
+stillen Träumen hinzugeben; verstohlene Blicke nach der Großstuga zu
+werfen. Sahen sie ein helles Sommerkleid auf der Wiese aufleuchten,
+blieben sie stehen und weideten sich an dem Anblick wie an etwas sehr
+Schönem. Gewahrten sie einen weißen Schleier um einen italienischen
+Strohhut, ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem Boot
+auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden sie still und
+andächtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, das sie nicht zu
+hoffen wagten, zu dem sie sich aber hingezogen fühlten.
+
+Gespräch und Lärm unten in der Küche und der alten Stuga nahmen eine
+stillere Art an. Carlsson erschien beständig in reinem, weißem Hemd,
+hatte auch wochentags eine blaue Tuchmütze auf und nahm allmählich das
+Aussehen eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche
+oder hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre.
+
+Gustav zog sich dagegen zurück, hielt sich so abseits wie möglich, um
+nicht zu Vergleichen Anlaß zu geben; sprach bitter von Städtern im
+allgemeinen; mußte sich und andere öfters als früher an das Geld auf
+der Bank erinnern; machte weite Bogen, um an der Großstuga
+vorbeizukommen und den hellen Kleidern auszuweichen.
+
+Rundqvist ging mit finsterm Gesicht umher, hielt sich meist in der
+Schmiede auf und erklärte, er frage den Teufel nach der ganzen Welt,
+und sei es die Königinwitwe selber.
+
+Norman dagegen holte seine Soldatenmütze hervor, schnallte den
+Hungerriemen über das Wams und schlug Haken um den Brunnen, wohin die
+Mägde der Herrschaft morgens und abends zu kommen pflegten.
+
+Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen bald alle
+Mannsleute feige abfallen, um zu den Mägden der Herrschaft
+überzugehen, die sich auf Briefen Fräulein nennen ließen und im Hut
+nach Dalarö, dem Badeort, fuhren. Clara und Lotte mußten barfuß gehen;
+im Viehstall war es so schmutzig, daß sie ihre Stiefel bald verdorben
+hätten; und in der Küche war es zu heiß, um beschuht zu sein. Sie
+trugen dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine weiße Passe
+erlauben, infolge von Schweiß, Ruß, Spreu. Clara machte einen Versuch
+mit Manschetten, kam aber übel an; sie wurde sofort entlarvt, und man
+lachte lange über sie, daß sie sich in Wettstreit eingelassen. Doch am
+Sonntag hielten Clara und Lotte sich schadlos; da legten sie einen
+Eifer für den Kirchgang an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht
+gesehen; nur um ihre besten Kleider anziehen zu können.
+
+Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu schaffen; blieb
+stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort saß; fragte nach dem
+Befinden; sagte schönes Wetter voraus; schlug Ausflüge vor; gab
+Ratschläge über die Seefischerei. Dann und wann bekam er ein Glas Bier
+oder einen Kognak. Die Anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er
+schmarotze.
+
+Am Sonnabend, wenn die Köchin der Herrschaft nach dem Badeort Dalarö
+fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch, wer sie rudern
+solle. Carlsson entschied die Sache ganz einfach zu seinen Gunsten,
+denn das kleine, schwarze, weißhäutige Mädchen hatte es ihm angetan.
+Als die Alte ihm Vorstellungen machte, der erste und wichtigste Mann
+auf dem Hofe dürfe sich nicht mit solchen kleinen Dingen befassen,
+antwortete Carlsson, der Professor habe ihn eigens gebeten, weil
+wichtige Briefe zur Post müßten. Gustav verriet wider Willen, daß auch
+ihm daran gelegen sei, den Boten zu machen, indem er vorschlug, die
+Briefe sollten ihm anvertraut werden.
+
+Carlsson aber erklärte bestimmt, er könne unmöglich zugeben, daß der
+Hausherr Knechtesdienste verrichte; das gebe den Leuten nur Stoff zum
+Klatschen. Und dabei blieb es.
+
+Den Dalaröboten zu machen, hatte seine Vorteile, die der findige
+Knecht im voraus aufgespürt. Zuerst war man allein mit einem Mädchen
+auf See und konnte ungestört mit ihr schwatzen und schäkern. Dann
+folgten Bewirtung und Trinkgelder. Und im Badeorte konnte er sich alle
+Kaufleute verpflichten, indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das
+brachte immer einen Händedruck ein, einen Schnaps hier, eine Zigarre
+dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen auf den, der Aufträge
+vom Professor zu besorgen hatte, am Wochentag fein gekleidet war und
+sich in Gesellschaft eines Fräuleins aus Stockholm befand.
+
+Die Fahrten nach Dalarö fanden jedoch nur ein Mal in der Woche statt
+und hatten keinen störenden Einfluß auf den regelmäßigen Gang der
+Arbeit. Carlsson war nämlich so pfiffig, die Tage, an denen er fort
+war, den Burschen die Arbeit in Akkord zu geben: sie mußten so und so
+viele Klafter entwässern, so und so viele Äcker pflügen, so und so
+viele Bäume fällen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit
+Vergnügen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon zur
+Vesperzeit fertig sein.
+
+Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen und die
+geleistete geprüft werden mußte, kam der Bleistift und das jetzt
+eingeführte Notizbuch zu Ehren. Carlsson gewöhnte sich daran, als
+Verwalter aufzutreten und allmählich die Arbeit auf andere Schultern
+gleiten zu lassen.
+
+Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem eigenen
+Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war längst eingeführt; auf den
+Tisch am Fenster hatte er ein grünes Taschentintenfaß, Federhalter,
+Bleifeder, einige Bogen Postpapier aufgetischt und mit Leuchter und
+Streichholzgestell geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das
+Fenster ging nach der Großstuga; daran saß er in seinen
+Erholungsstunden und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch
+konnte er hier zeigen, daß er zu schreiben verstand.
+
+Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs Fensterbrett
+und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel, den er aus der
+Westentasche hervorsuchte. Oder er las ein Wochenblatt. Von unten sah
+das so aus, als sei er der Hausherr selbst.
+
+Wenn es aber dämmerig wurde und er Licht ansteckte, legte er sich
+aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Träume, Pläne vielmehr; die
+bauten sich auf Umstände auf, die zwar noch nicht eingetreten waren,
+aber durch eine kleine Änderung sich vielleicht einstellen konnten.
+
+Als er eines Abends so auf dem Rücken lag und »Schwarzen Anker«
+qualmte, um die Mücken zu betäuben, während seine Augen sich auf das
+weiße Laken hefteten, das die Kleider bedeckte, ließ dieses plötzlich
+los und fiel zu Boden. Wie den Schatten einer Reihe Soldaten sah er
+die ganze Garderobe des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen;
+gegen das Fenster und zurück zur Tür, je nachdem das Licht im Zuge
+flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all den Gestalten zu sehen,
+welche die Kleider auf die karrierte Tapete zeichneten. Da kam er in
+Joppe aus blauer Boi und in grauen Tuchhosen, in denen Knie waren, da
+er mit denen im Trebel am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach
+der Stadt segelte, um dann in der »Messingstange« mit dem Fischkäufer
+Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Gehrock und langen,
+flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn Beichte war; so war er
+auf Hochzeit, Begräbnis, Kindstaufe gekleidet. Dort hing die schwarze
+Jacke aus Schaffell; die hatte er an, wenn er im Herbst und Frühling
+am Strande stand und Zugnetze zog. Dort brüstete sich der große
+Seehundpelz, der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der
+Reisegurt, mit grünem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte sich
+wie die große Seeschlange bis auf den Boden und steckte den Kopf in
+einen Stiefelschaft.
+
+Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in den schönen,
+seidenweichen Pelz hineindachte; sich vorstellte, wie er auf einem
+Schlitten übers Eis schoß, eine Kappe aus Seehundsfell auf dem Kopf;
+wie die Nachbarn den Weihnachtsgast am Strande mit Feuern und
+Büchsenschüssen empfingen; wie er in der warmen Stube den Pelz auszog,
+um dann im schwarzen Tuchrock dazustehen; wie der Pastor ihn mit du
+begrüßte und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches sitzen
+durfte, während die Knechte an der Tür standen oder sich aufs
+Fensterbrett geschwungen hatten.
+
+Die Vorstellungen von den erwünschten Seligkeiten wurden so lebhaft,
+daß sie Carlsson auf die Beine brachten; ehe er sich dessen bewußt
+wurde, war er in den Pelz geschlüpft und strich mit der Hand über die
+Pulswärmer; als kose er die Brüste eines Weibes, so weich und fein war
+das Fell; und es schauerte ihn, als der Kragen seine Backe kitzelte.
+
+Dann zog er den schwarzen Gehrock an und knöpfte ihn zu; stellte
+seinen Rasierspiegel auf den Stuhl und sah nach, wie der Rock im
+Rücken saß; steckte die Hand unter den Aufschlag und ging im Zimmer
+auf und ab. Ein Gefühl von Reichtum verbreitete sich von dem
+seidenweichen Tuch; etwas Geräumiges, etwas Rundliches, als er zur
+Probe den Schoß spaltete und sich auf den Bettrand setzte; so tuend,
+als sei er auf Besuch.
+
+Während er so ganz in berauschenden Träumen versunken war, hörte er
+von draußen Stimmen, die plauderten; als er aufhorchte, merkte er, wie
+sich Idas (das war die hübsche Köchin) und Normans Stimmen
+verflochten, zusammenfielen, Seite an Seite gingen, sich gleichsam
+schnäbelten. Das gab ihm einen Stich; mit einem Griff hatte er Gehrock
+und Pelz unter die Kleider hinter das Laken gehängt; bewaffnete sich
+mit einer neuen Zigarre und ging die Treppe hinunter.
+
+ * * * * *
+
+Mit ernsten Zukunftsplänen beschäftigt, hatte Carlsson bisher alle
+Händel mit Mädchen vermieden. Erstens wußte er, wieviel Zeit dabei
+verloren geht; dann fühlte er, im selben Augenblick, in dem er das
+Feuer nach dieser Seite eröffnete, gab es keine Sicherheit mehr; er
+konnte sich eine Blöße geben, die schwer zu verteidigen war; und war
+er einmal auf diesem Felde geschlagen, war es aus mit Respekt und
+Ansehen.
+
+Als sich jetzt aber die anerkannte Schönheit dem Wettstreit aussetzte,
+und der Sieger zu viel zu gewinnen hatte, fühlte er sich veranlaßt,
+die Sporen zu benutzen und den Kamm zu erheben; mit dem festen
+Entschluß, der Hahn zu werden, ging er auf den Holzplatz hinunter, wo
+das Spiel schon in vollem Gange war. Es ärgerte ihn nur, daß er sich
+mit Norman messen mußte; wäre es wenigstens Gustav gewesen! Aber
+dieser Tropf Norman! Nun, der sollte mal sehen!
+
+-- Guten Abend, Ida! begann er, ohne von dem Nebenbuhler Notiz zu
+nehmen, der unwillkürlich seinen Platz am Zaun verließ.
+
+Carlsson nahm diesen Platz sofort ein und begann das Spiel. Während
+Ida Holz und Späne in die Holztrage las, machte er von seiner
+überlegenen Beredsamkeit einen solchen Gebrauch, daß Norman kein
+Wörtchen anbringen konnte.
+
+Ida aber war launenhaft wie beim Mondwechsel; sie warf Norman
+Seitenworte zu, die Carlsson jedoch im Fluge aufgriff und
+zurücksandte, hübsch verziert und schön ausgemalt.
+
+Aber die Schöne fand Gefallen an dem Kampf und bat Norman, ihr etwas
+Kienholz zu spleißen. Ehe der Glückliche bis zur Tür kam, war Carlsson
+schon über den spitzen Zaun gestiegen, hatte sein Klappmesser gezogen
+und begann einen trockenen Fichtenklotz zu spleißen. In wenigen
+Minuten legte er die Späne in die Holztrage, faßte alles mit dem
+kleinen Finger zusammen und trug es direkt in die Küche, in die ihm
+Ida folgte. Dort blieb er am Türpfosten stehen, indem er sich so breit
+machte, daß niemand weder hinaus noch herein konnte.
+
+Norman, dem es nicht gelang, irgend ein Anliegen zu erfinden,
+umkreiste zuerst einige Male den Holzplatz, um milzkrank darüber
+nachzusinnen, wie leicht der Unverschämte im Leben vorwärts kommt; bis
+er schließlich für gut fand, abzuziehen. Er setzte sich auf den
+Brunnenrand und stöhnte seine Klage in einem Schottischen aus, den er
+aus der Handharmonika holte.
+
+Die weichen Töne der Blechzungen drangen doch durch die dicke
+Abendluft, am Türpfosten vorbei, und erreichten den Thron der
+Barmherzigkeit am Küchenherd: Ida erinnerte sich jetzt, sie müsse zum
+Brunnen gehen, um für den Professor Trinkwasser zu holen.
+
+Carlsson folgte ihr; dieses Mal aber fühlte er sich doch etwas
+unsicher in dem Kampf auf einem Felde, das ihm ganz fremd war. Um die
+Wirkung des zauberischen Lockrufs aufzuheben, nahm er Idas
+Kupferflasche und flüsterte zärtliche Worte; in einem so schmachtenden
+und wohlklingenden Tone, wie er nur irgend vermochte; als wolle er der
+verführerischen Musik Worte unterlegen und das Solo zu einer
+untergeordneten Begleitung herabsetzen.
+
+Aber gerade als sie zum Brunnen kamen, rief die Hausmutter oben aus
+der Hütte. Sie rief Carlsson, und in ihrem Ton war zu hören, daß es
+sich um etwas Wichtiges handelte.
+
+Zuerst wurde Carlsson böse und wollte nicht antworten; da aber fuhr
+der Teufel in Norman: mit schallender Stimme rief der:
+
+-- Hier, Tante! Er kommt sofort!
+
+Indem er den falschen Spielmann zur Hölle wünschte, riß sich der
+Sieger aus den Armen der Liebe und ließ die halb errungene Beute dem
+Schwächern, der sein Liebesglück nur einem Schicksal zu verdanken
+hatte.
+
+Die Alte rief noch ein Mal; mit zorniger Stimme antwortete Carlsson,
+er komme so schnell, wie er nur könne.
+
+-- Wollt Ihr näher treten, Carlsson, und eine Halbe trinken, empfing
+die Alte ihn im Vorbau, mit der Hand die Augen beschattend, um die
+leichte Sommerdämmerung zu durchdringen und zu sehen, ob er allein
+komme.
+
+Carlsson hätte sonst gern eine Halbe getrunken, aber in diesem
+Augenblick wünschte er allen Kaffee und Branntwein zur Hölle; doch
+konnte er nicht nein sagen; während Normans norrköpinger
+Scharfschützenmarsch siegesstolz und hohnvoll von der Quellwiese
+heraufklang, mußte er in die Stuga hinein.
+
+Die Alte war milder als gewöhnlich; Carlsson aber fand sie älter und
+häßlicher als gewöhnlich. Je freundlicher sie sich zeigte, desto
+mürrischer wurde er; das machte die Alte schließlich beinahe zärtlich.
+
+-- Die Sache ist die, Carlsson, sagte sie schließlich, während sie ihm
+Kaffee eingoß: wir müssen für nächste Woche zur Mahd aufbieten. Darum
+möchte ich natürlich erst mit Euch sprechen.
+
+Die Harmonika verstummte mitten in den schmelzenden Akkorden des
+Trios; Carlsson erstarrte und wurde unaufmerksam, um schließlich
+einige Worte ohne Klang und ohne richtigen Zusammenhang
+hervorzubringen:
+
+-- Jaja, also die Mahd in nächster Woche!
+
+-- Und da möchte ich, fuhr die Alte fort, daß Ihr am Sonnabend mit
+Clara hinfahrt und aufbietet; dann kommt Ihr auch etwas unter die
+Leute und könnt Euch zeigen, denn das ist immer gut.
+
+-- Aber am Sonnabend kann ich nicht, antwortete Carlsson mürrisch; da
+muß ich für Professors nach Dalarö.
+
+-- Einmal könnte wohl Norman die Fahrt machen, wendete die Alte ein
+und drehte dem Knecht den Rücken, um seine Miene nicht sehen zu
+müssen.
+
+In diesem Augenblick brachte die Harmonika einige weiche, von Pausen
+unterbrochene Sätze hervor, die sich zu entfernen schienen, um draußen
+in der Sommernacht, wo die Nachtschwalbe schon an ihrem surrenden
+Rocken spann, zu verhallen.
+
+Carlsson schwitzte Todesschweiß, goß den Kaffeebranntwein hinunter,
+fühlte Steine auf der Brust, Nebel um den Kopf, eine allgemeine
+Schwäche in den Nerven.
+
+-- Das kann Norman nicht, stieß er hervor; Norman kann die Geschäfte
+des Professors nicht besorgen -- und -- er wird auch nicht damit
+betraut.
+
+-- Aber ich habe den Professor gefragt, schnitt die Alte den Faden ab;
+und er sagte, er habe für diesen Sonnabend nichts.
+
+Es war wie verhext für Carlsson; die Alte hatte ihn wie eine Maus
+gepackt; es war kein Loch mehr vorhanden, in das er schlüpfen konnte.
+
+Und seine Gedanken gingen nach so verschiedenen Richtungen, daß er sie
+kaum zu einer Gegenwehr sammeln konnte. Das sah die Alte auch, und sie
+wollte darum kneten, solange der Teig gärte.
+
+-- Hört mal, Carlsson, sagte sie; Ihr müßt es Euch nicht zu Herzen
+nehmen, wenn ich Euch was sage; denn ich meine es gut mit Euch.
+
+-- Ihr mögt meinetwegen sagen, was zum Teufel Ihr wollt: denn jetzt ist
+es mir doch ganz einerlei, brach Carlsson los, der die zärtlichen Töne
+der Harmonika im Hag verklingen hörte.
+
+-- Ich wollte nur sagen, Ihr müßt Euch für zu gut halten, um mit den
+Mädchen zu spielen; das nimmt nur ein schlimmes Ende. Ja, ich weiß;
+ich kenne das; und es ist gut gemeint von mir, Carlsson. Solche
+Stadtmädchen müssen immer einen Troß Männer hinter sich haben, damit
+es nach was aussieht; und dann wird hier scherwenzelt und dort
+gehänselt; und gehen sie in den Wald mit Einem, laufen sie in den Hag
+mit dem Andern. Und wenn es schief geht, so nehmen sie den, ders am
+besten tragen kann. So ist's bestellt!
+
+-- Was kümmert's mich, wer die Burschen bürstet; meiner sollen sie
+nicht habhaft werden. Übrigens ist ein Unterschied zwischen Mädchen
+und Mädchen; alle sind nicht Dirnen, die verkommen, erleichterte
+Carlsson sein volles Herz.
+
+-- Nicht übel aufnehmen, tröstete die Alte. Aber ein Mann wie Ihr,
+Carlsson, sollte ans Heiraten denken, nicht solchen Mädchen
+nachlaufen. Hier in den Schären gibt es viele reiche Mädchen, kann ich
+Euch sagen; und seid Ihr klug und macht Ihr Eure Sache gut, so könnt
+Ihr früher als Ihr glaubt Euer eigener Herr werden. Darum müßt Ihr
+nicht eigensinnig sein, Carlsson, sondern auf das hören, was ich Euch
+sage, wenn ich Euch bitte, zu den Nachbarn zu fahren und sie zur Mahd
+zu laden. Bedenket doch, nicht Jeden hätte ich aufgefordert, im Namen
+des Hofes zu fahren; und der Junge wird wohl auch über mich herfallen.
+Aber daran kehre ich mich nicht: halte ich mich an einen, so stütze
+ich ihn auch; darauf könnt Ihr Euch verlassen.
+
+Es begann in Carlssons Innern ruhig zu werden; es leuchtete ihm ein,
+daß es seine Vorteile haben müsse, den Hof zu vertreten; aber er war
+noch zu sehr gereizt, um seine Flamme gegen etwas Ungewisses zu
+vertauschen; er hatte ein Bedürfnis, zuerst etwas Handgeld zu
+erhalten, ehe er sich auf das Geschäft einließ.
+
+-- So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere Kleider habe
+ich nicht, warf er seine Schnur aus.
+
+-- So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht, meinte die Alte;
+wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon Rat schaffen.
+
+Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen; dafür wollte er
+lieber das angedeutete Versprechen gegen ein anderes, bestimmtes,
+auswechseln. Nach verschiedenen Einwendungen der Alten gelang es ihm
+auch, zu erreichen, daß Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der
+Sensen und Ausbessern des Heuwagens, zu Hause bleiben sollte, während
+Lotte Ida nach Dalarö fuhr.
+
+ * * * * *
+
+Es war drei Uhr morgens an einem Julitage im Anfang des Monats. Es
+raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffeekessel ist aufgesetzt; das
+ganze Haus ist wach und in Bewegung; draußen auf dem Hof ist ein
+langer Kaffeetisch gedeckt.
+
+Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben auf Heuboden und
+Scheune geschlafen. Zwölf stattliche Männer aus den Schären, in weißen
+Hemdärmeln und Strohhüten, stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen
+und Wetzsteinen bewaffnet.
+
+Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Svinnockar, deren Rücken
+vom Rudern rund geworden sind; da ist der von Aspö mit seinem langen
+Heldenbart, einen Kopf höher als die Andern, mit tiefen, traurigen
+Blicken von der Einsamkeit draußen am offenen Meere, von Kummer ohne
+Namen und ohne Klage; das ist der Fjällonger, eckig und halb gedreht,
+wie eine Meerkiefer draußen auf der letzten Schäre; der von
+Fiversätra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie eine Kaffeehaut;
+die Quarnöer, Bootbauer von Ruf; die von Longskär, die ersten
+Seehundschützen; der Bauer von Arnö mit seinen Jungen.
+
+Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die Mädchen, in
+Hemdärmeln, mit Brusttüchern über den Busen, in hellen Kleidern aus
+Baumwolle, mit Tüchern auf dem Kopf. Die Harken, die in allen Farben
+des Regenbogens frisch bemalt waren, hatten sie selbst mitgebracht.
+Sie sahen aus, als gingen sie zu einem Fest, nicht zu einer Arbeit.
+Die Alten klopften sie mit den Fingerknöcheln auf die Taille und
+sagten ihnen vertrauliche Worte. Die Burschen aber verhielten sich so
+früh am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit Dämmerung, Tanz
+und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen.
+
+Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber noch nicht so
+weit über die Wipfel der Kiefernhöhe gekommen, um den Tau aus dem Gras
+zu lecken. Die Bucht lag spiegelblank da, von dem jetzt blaßgrünen
+Schilf eingefaßt; das Piepen der eben ausgebrüteten jungen Enten war
+zwischen dem Schnattern der alten zu hören; die Möwen fischten dort
+unten Ukeleis, segelnd, groß, flügelbreit, schneeweiß wie die
+Gipsengel der Kirche; in der Kellereiche waren die Elstern erwacht und
+schwatzten und kicherten von den vielen Hemdärmeln, die sie unten auf
+dem Haushügel gesehen; der Kuckuck rief im Hag, brünstig, rasend, als
+sei die Zeit des Begehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober
+erblickte; die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfelde;
+aber auf dem Hügel sprang der Hund und begrüßte alte Bekannte.
+
+Hemdärmel und Leinenpassen glänzten im Sonnenschein, streckten sich
+über den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Schüsseln, Gläser und Kannen
+klirrten: die Bewirtung hatte begonnen.
+
+Gustav, sonst schüchtern, machte den Wirt; sich unter den alten
+Freunden seines Vaters sicher fühlend, setzte er Carlsson in Schatten
+und handhabte selber die Branntweinflasche.
+
+Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekanntschaften
+geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie ein älterer
+Angehöriger oder Gast, und ließ sich den Hof machen. Da er vor Gustav
+zehn Jahre voraus hatte und ein männlicheres Aussehen besaß, stach er
+diesen aus; zumal Gustav für die Männer, die sich mit seinem Vater
+geduzt, kaum etwas anderes als »der Junge« werden konnte.
+
+Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen setzten sich
+in Bewegung, um nach der großen Wiese hinunter zu ziehen, die Sensen
+auf den Schultern; die Jungen und die Mädchen folgten.
+
+Das Gras reichte den Männern bis an die Schenkel und stand dicht wie
+ein Fell. Carlsson mußte über die neue Bewirtschaftung der Wiese
+Bescheid geben; wie er Laub und Gras vom vorigen Jahr abräumte, die
+Maulwurfshaufen ebnete, in die Frostflecken säete, mit Jauche begoß.
+
+Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab den Alten und
+Vermögenden Ehrenplätze und ging selbst an letzter Stelle; verlor sich
+also nicht im Haufen.
+
+Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend weiße Hemdärmel in einem
+Keil, ziehenden Schwänen gleich, die Sensen Ferse an Ferse; und
+hinterdrein, in zerstreuter Ordnung, wie ein Volk Fischschwalben,
+launenhaft hin und her springend, aber doch zusammen haltend, die
+Mädchen mit ihren Harken; jede ihrem Mäher folgend.
+
+Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in Büscheln. Seite
+an Seite lagen alle Blumen des Sommers, die sich aus Wald und Hag
+heraus gewagt: Gänseblume und Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut,
+Kälberkropf, Heidenelke, Erve, Wachtelweizen, Steinsame, Pestwurz,
+Kleeblatt; und alle Gräser und Halbgräser der Wiesen. Es duftete nach
+Honig und Gewürzen; Bienen und Hummeln flohen in Schwärmen vor der
+mörderischen Schar. Die Maulwürfe verkrochen sich in die Eingeweide
+der Erde, als sie es in ihrem gebrechlichen Dach krachen hörten. Die
+Ringelnatter schlüpfte erschrocken in den Graben und verschwand in ein
+Loch, das nicht größer als ein Tauende war. Aber über das Schlachtfeld
+in die Höhe schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest ein Absatzeisen
+zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die Stare, um allerhand
+Getier, das in den brennenden Sonnenschein geraten war, aufzulesen und
+aufzupicken.
+
+Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgemäht. Die Kämpfer hielten inne
+und betrachteten, auf ihre Sensenschäfte gestützt, das Werk der
+Zerstörung, das sie hinter sich gelassen. Sie wischten sich den
+Schweiß aus dem Mützenstreifen und nahmen eine neue Prise Schnupftabak
+aus den Messingdosen. Inzwischen hatten sich die Mädchen beeilt in die
+Frontlinie zu kommen.
+
+Dann geht es wieder auf das grüne Blumenmeer los, das unter der
+wachsenden Morgenbrise wogt; bald bunte leuchtende Farben zeigt, wenn
+die steiferen Stengel und Köpfe der Blumen sich in den Wellen des
+weichen Honiggrases behaupten; bald sich in einem einzigen Grün wie
+ein See in Windstille ausbreitet.
+
+Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit; man würde lieber
+am Sonnenstich niederstürzen, als die Sense fortstellen.
+
+Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der Letzte in der Reihe ist,
+kann er, ohne die Waden zu gefährden, sich prahlerisch umdrehen, um
+ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber Norman hat er unter strenger Bewachung
+schräg vor sich; sobald dieser einen verliebten Blick nach Südosten
+tun will, hat er Carlssons Sense an den Hacken und hört einen eher
+unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf:
+
+-- Die Füße in Acht nehmen!
+
+Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter
+Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen Schwaden. Jetzt
+wird das Werk beschaut und die Schläge geprüft. Über Rundqvist sitzt
+man zu Gericht; man kann sehen, wo er gegangen ist; es sieht aus, als
+hätten Elfen dort getanzt. Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe
+nach dem Mädchen sehen müssen, das man ihm gegeben; denn es sei nicht
+gestern gewesen, daß ein Mädchen ihm nachgelaufen.
+
+Jetzt halloht Clara oben von der Höhe zum Frühstück; die
+Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker Dünnbier ist
+angestochen; der Kartoffeltopf raucht auf der Felsplatte, der
+Strömling dampft in den Schüsseln, die Butter ist aufgelegt, das Brot
+ist geschnitten; die Schnäpse werden eingegossen, und das Frühstück
+ist im Gang.
+
+Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken; Ida ist ihm auch
+gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerksamkeit auf, die auffällt;
+aber sie ist auch die Schönste des Tages.
+
+Die Alte, die mit Schüsseln und Tellern aus und ein läuft, streicht
+oft an den beiden vorbei; zu oft, um nicht von Ida bemerkt zu werden;
+doch nicht eher von Carlsson, als bis sie ihm mit dem Ellbogen sanft
+in den Rücken stößt und flüstert:
+
+-- Ihr müßt Wirt sein, Carlsson, und Gustav helfen; Ihr müßt tun, als
+seiet Ihr hier zu Hause!
+
+Carlsson hat nur Augen und Ohren für Ida und antwortet der Alten mit
+einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das Kindermädchen des Professors,
+und erinnert Ida daran, daß sie nach Haus muß, um aufzuräumen.
+
+Aufregung und Trauer bricht unter den Männern aus, aber die Mädchen
+sind nicht sehr betrübt.
+
+-- Wer soll denn für mich aufnehmen, wenn ich kein Mädchen mehr habe?
+ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung aus, die den wirklichen
+Verdruß verbergen soll.
+
+-- Dann muß es Tante wohl tun? antwortet Rundqvist, der Augen im Rücken
+haben soll.
+
+-- Tante muß harken! rufen die Männer im Chor. Tante muß kommen und
+harken.
+
+Die Alte schlägt abwehrend mit der Schürze:
+
+-- Was soll ich alte Frau unter den Mädchen? Nein, niemals, niemals!
+Ihr seid wohl närrisch!
+
+Aber der Widerstand reizt.
+
+-- Nimm die Alte, flüstert Rundqvist, während Norman sich aufheitert
+und Gustav finster wie die Nacht wird.
+
+Es blieb keine Wahl; unter Lärm und Lachen eilt Carlsson ins Haus, um
+die Harke der Alten zu holen, die irgendwo oben auf dem Boden liegen
+muß. Hinter ihm drein läuft die Alte, die schreit:
+
+-- Nein, um Gottes willen, Ihr dürft nicht in meinen Sachen kramen.
+
+So verschwinden die Beiden, während die Zurückbleibenden laute und
+beißende Bemerkungen machen.
+
+-- Ich finde, unterbricht Rundqvist schließlich das Schweigen, das
+entstanden ist, sie bleiben etwas lange aus! Geh, Norman, und sieh
+nach, was geschehen ist!
+
+Stürmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fortzufahren.
+
+-- Was mögen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg! Ich werde
+wirklich unruhig, wißt ihr.
+
+Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sich zu einem Lachen,
+um sich nicht von den Andern abzusondern.
+
+-- Gott verzeihe mir meine Sünden, fuhr Rundqvist im selben Tone fort;
+jetzt aber halte ichs nicht länger aus; ich muß nachsehen, was die
+Beiden vorhaben.
+
+In diesem Augenblick kommt Carlsson mit der Alten aus dem Vorbau und
+bringt die gesuchte Harke. Die ist fein, mit zwei Herzen bemalt, »Anno
+1852« gezeichnet; es war einst die Brautharke der Alten, die Flod
+selbst angefertigt. Sie hatte Erbsen im Schaftknauf, die klapperten,
+wenn man die Harke rührte.
+
+Die Erinnerung an vergangene Freuden scheint den frischen Sinn der
+Alten in eine muntere Stimmung zu versetzen; ohne eine Spur von
+krankhafter Empfindsamkeit zeigt sie auf die Jahreszahl und sagt:
+
+-- Das war nicht gestern, als der Flod mir die Harke machte ...
+
+-- Und du ins Brautbett stiegst, Tante, fiel der von Svinnockar ein.
+
+-- Kannst es wohl noch ein Mal, meinte der aus Owassa.
+
+-- Sechs Wochen alten Ferkeln und zwei Jahre alten Witwen kann man
+nicht trauen, neckte der Fjällonger.
+
+-- Je trockener der Zunder, desto schneller fängt er Feuer, brannte der
+von Fiversätra los.
+
+Und jeder warf seinen Scheit aufs Feuer. Die Alte aber schmunzelte und
+wehrte sie ab, machte gute Miene zum bösen Spiel und scherzte mit;
+böse zu werden, hatte keinen Zweck.
+
+Dann gings auf die Bruchwiese hinunter. Da standen Segge und
+Schachtelhalm so hoch wie ein Kiefernwald und das Wasser ging den
+Männern bis an die Stiefelschäfte. Die Mädchen zogen Strümpfe und
+Schuhe aus und hingen sie auf den Feldzaun.
+
+Die Alte harkte hinter Carlsson so fleißig, daß sie es den Andern
+zuvortat. Manches Scherzwort über das junge Paar, wie sie genannt
+wurden, fiel. Diesen Ausdruck benutzten sie als Feigenblatt, um
+darunter zu verbergen, was im Geheimen zu wachsen begann.
+
+So ward es Mittag und so ward es Abend.
+
+Der Spielmann war mit seiner Geige gekommen; die Tenne war geräumt
+und gekehrt, die schlimmsten Astlöcher mit Pech verkittet worden. Als
+die Sonne unterging, begann der Tanz.
+
+Carlsson eröffnete ihn mit Ida; deren schwarzes Kleid war viereckig
+ausgeschnitten, hatte eine weiße Krause und einen Maria-Stuart-Kragen;
+wie eine beneidete Dame stand Ida unter den Bauernmädchen da; die
+Alten betrachteten sie mit Furcht und Kälte, die Jungen mit Verlangen.
+
+Carlsson konnte allein den neuen Walzer; darum nahm Ida ihn gern, ein
+Mal nach dem andern, nachdem ein Versuch mit Norman mißlungen war. Als
+der so aus dem Felde geschlagen wurde, verfiel er auf den
+unglücklichen Gedanken, zu seiner Handharmonika zu greifen; um sein
+gequältes Herz auszuschütten und vielleicht mit einer letzten Leimrute
+den feinen und unbeständigen Vogel zu fangen; vor einigen Wochen
+glaubte er ihn in der Hand zu haben, bald aber saß er wieder auf dem
+Dach und schnäbelte mit einem andern.
+
+Carlsson fand indessen die Begleitung überflüssig, da er eigens einen
+wirklichen Spielmann gedungen; und die engbrüstige Harmonika hielt mit
+der leichtfüßigen Geige nicht Schritt, sondern störte den Takt und
+brachte Unordnung in den Tanz. Die gute Gelegenheit, den Nebenbuhler
+abzutun, lockte Carlsson, zumal die Meinung, die Harmonika störe nur,
+allgemein zu sein schien. Er nahm also den Mund etwas voll und schrie
+dem unglücklichen Liebhaber, der sich in einer Ecke verkrochen hatte,
+über die Tenne hinüber zu:
+
+-- Halloh, schnür den Lederbeutel, du! Mach, daß du hinauskommst, und
+laß die Luft aus, wenn du aufgeblasen bist.
+
+Die allgemeine Meinung verurteilte den Sünder mit einem zustimmenden
+Lachen. Norman aber waren einige Schnäpse zu Kopf gestiegen, und Idas
+Krause hatte ungeahnte Kräfte hervorgezaubert.
+
+-- Halloh! ahmte er Carlsson nach, der unversehens in seine Mundart
+verfallen war, die auf Hochschweden lächerlich wirkte. Komm nur hinaus
+auf den Hof, dann werde ich dir schon die Flöhe aus dem Schweinepelz
+lausen!
+
+Carlsson fand seine Stellung noch nicht so bedroht, um zu den Fäusten
+übergehen zu müssen, sondern hielt sich auf dem unschuldigeren Gebiet
+des Zungenkampfes.
+
+-- Was ist das für ein merkwürdiges Schwein, das Flöhe im Pelz hat?
+
+-- Das stammt wohl aus Wärmland, glaube ich, antwortete Norman.
+
+Das verletzte die Nationalehre; noch im letzten Augenblick nach einem
+vernichtenden Wort suchend, das sich aber nicht einstellte, ging
+Carlsson auf den Feind los, packte ihn bei der Weste und riß ihn auf
+den Hof hinaus.
+
+Die Mädchen stellten sich in die Türöffnung, um dem Zusammenstoß
+zuzusehen; niemandem fiel es ein, dazwischen zu treten.
+
+Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war gröber gebaut und
+höher gewachsen. Im Nu warf er den Rock ab, um den er bange war, und
+die Kämpfer rannten zusammen. Norman mit dem Kopf voran, wie ers von
+den Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte
+einen häßlichen Fußtritt nach dem Unterleib, und wie ein
+zusammengerollter Igel fiel Norman auf den Dunghaufen.
+
+-- Rallbuse! schrie er, außer stande, sich weiter mit den Fäusten zu
+verteidigen.
+
+Carlsson schäumte; vergebens nach Schimpfwörtern suchend, setzte er
+Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte den Geschlagenen. Der
+spuckte und biß um sich, bekam aber schließlich eine Handvoll Streu in
+den Mund.
+
+-- Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen! schrie Carlsson
+und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch, den er aus dem
+Dunghaufen gerissen, so, daß die Nase blutete.
+
+Aber das öffnete dem wutschnaubenden Norman den Mund: seinen ganzen
+Vorrat von Schimpfworten schleuderte er dem Sieger ins Gesicht, der
+die Zunge des Besiegten doch nicht binden konnte.
+
+Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgehört. Die Zuschauer
+hatten ihre Bemerkungen über die Wendungen des Wortstreites und
+Faustkampfes gemacht und mit demselben gleichmütigen Interesse
+zugehört und zugesehen, wie sie einem Schlachten oder einem Tanz
+zusahen. Doch fanden die Alten, Carlssons Angriff sei nicht ganz
+regelrecht, nicht nach alter Sitte gewesen. Plötzlich aber war ein
+Schrei zu hören, der den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung
+riß:
+
+-- Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden,
+wer.
+
+-- Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine Messer! Fort mit den
+Messern!
+
+Und die Kämpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen war, sein
+Klappmesser zu öffnen, wurde entwaffnet und auf die Füße gestellt,
+nachdem man Carlsson von ihm losgerissen.
+
+-- Raufen könnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern, schloß der Alte
+von Svinnockar die Schlägerei.
+
+Carlsson zog seinen Rock an und knöpfte ihn über seine zerrissene
+Weste; aber Norman hing der eine Hemdärmel wie ein Fetzen aufs Bein
+herab. Im Gesicht übel zugerichtet, schmutzig, blutig, hielt ers fürs
+Beste, sich um die Ecke zu entfernen, um seine Niederlage nicht den
+Mädchen zu zeigen.
+
+Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des Stärkern trat Carlsson
+wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem tüchtigen Schluck, das Spiel
+mit Ida von neuem zu beginnen, die ihn mit Wärme, ja beinahe
+Bewunderung empfing.
+
+Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die Dämmerung war
+hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde, und man widmete dem
+Tun und Lassen des Nächsten geringere Aufmerksamkeit. Darum konnte
+Carlsson mit Ida aus der Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen,
+ohne daß jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das Mädchen
+über den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben auf dem Zaune
+stand, hörte er durchs Halbdunkel die Stimme der Alten, ohne jemand
+sehen zu können.
+
+-- Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine Runde mit Eurer
+Harkerin.
+
+Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und schlüpfte
+in den Hag, leise wie ein Fuchs.
+
+Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas weißes
+Taschentuch, das diese um den Leib geknüpft, um ihr Kleid vor den
+schweißigen Händen zu schützen. Als sie noch ein Mal gerufen, ohne
+Antwort zu erhalten, ging sie nach, über den Zauntritt, in den Hag.
+
+Der Weg unter den Haselbüschen lag vollständig im Dunkel; sie sah nur
+etwas Weißes, das in dem Schwarzen ertrank und schließlich auf den
+Boden des langen Tunnels sank. Sie wollte nachlaufen; da aber waren
+neue Stimmen am Zauntritt zu hören, eine gröbere und eine klingendere;
+aber beide gedämpft und, als sie näher kamen, flüsternd. Gustav und
+Clara stiegen über den Zaun, der unter den etwas unsichern Schritten
+des Burschen knackte; und von zwei starken Armen gehoben, sprang Clara
+hinunter.
+
+Die Alte versteckte sich in den Büschen, während das Paar Arm in Arm
+vorbeizog; halbsingend, küssend dahintanzte, wie sie selbst einst
+getanzt, gesungen und geküßt hatte.
+
+Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der
+quarnöer Bursche mit dem fjällonger Mädchen angesprungen. Als sie hoch
+oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gerötet und mit
+ausgelassenem Lachen die weißen Zähne zeigend, legte sie die erhobenen
+Arme über Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen;
+und mit schnaubendem Lachen und aufgeblähten Nasenflügeln warf sie
+sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit einem langen Kuß
+und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo sie verschwanden wie unter
+einer Decke.
+
+Die Alte stand hinter den Haselbüschen und sah Paar nach Paar kommen,
+gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glühte
+wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen; und
+sie fühlte die »Plage« noch im Fleische wüten, stechend wie Verlangen
+ohne Hoffnung, wie Vermissen des für immer Verlorenen.
+
+Währenddessen war die Geige allmählich verstummt. Es war über
+Mitternacht, und die Morgenröte stand im Norden bereits schwach über
+dem Walde. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne
+Hurrahrufe von der Wiese gaben an, daß sich die Tanzgesellschaft
+zerstreut hatte und die Heimfahrt für die Mäher bevorstand.
+
+Die Alte mußte zurück, um beim Abschied zugegen zu sein.
+
+Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten
+anfing, daß man das grüne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson
+und Ida ganz hinten auf der Höhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie
+einen neuen Tanz beginnen, blaß wie Leinen, mit großen dunkeln
+Löchern, wo die Augen, die sie nicht sah, sitzen mußten. Fürchtend,
+hier im »grünen Gange« getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte
+über den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die Gäste gingen.
+
+Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist und schlug
+die Hände zusammen, als er die Alte erblickte, die ihr Gesicht in der
+Schürze barg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schämte.
+
+-- Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier gesucht? Ich
+sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verlaß als auf ...
+
+Sie hörte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga
+zu.
+
+Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit
+Hurrahrufen, Händeschütteln und Dankesworten für gute Bewirtung, um
+sich dann zu verabschieden.
+
+Als alles wieder still geworden und die Flüchtlinge aus Hag und
+Wiese herbeigerufen waren, ohne daß sich alle einstellten, ging die
+Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht
+Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen hörte.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+ Es poltert zur Hochzeit;
+ die Alte wird ums Geld genommen
+
+
+Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu
+Ende und er war gut gewesen.
+
+-- Er hat Glück, der Kerl! sagte Gustav über Carlsson, dem man nicht
+ohne Grund die Erhöhung des Wohlstandes zuschrieb.
+
+Der Strömling war gekommen, und alle Männer außer Carlsson waren
+draußen in den äußersten Schären, als die Familie des Professors zur
+Eröffnung der Oper nach Haus mußte.
+
+Carlsson hatte auch das Packen übernommen und lief den ganzen Tag mit
+der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Küchentisch, im
+Eßzimmer, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort
+ein Paar ausgetretene Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren
+nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und
+Liebigbüchsen, Korke, Bindfaden, Nägel -- alles, was man nicht
+mitnehmen konnte oder für unnötig hielt.
+
+Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und man hatte
+allgemein das Gefühl, man werde die Abreisenden vermissen; von
+Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hühnern und
+Ferkeln, die nicht länger Sonntagsessen aus der herrschaftlichen Küche
+bekamen. Am wenigsten bitter war der Kummer für die verlassenen Mägde
+Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen
+hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fühlten sie doch, ihr Frühling
+werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mitbewerberinnen auf dem
+Liebesmarkte entfernte.
+
+Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie
+abzuholen, war große Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort
+ein Dampfer angelegt.
+
+Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und führte das große Wort,
+während der Dampfer an die Brücke heranzukommen suchte. Da aber hatte
+er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das
+Seewesen war ihm fremd; und gerade in dem stolzen Augenblick, als die
+Leine geworfen wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart,
+seine Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von
+oben auf den Kopf, daß ihm die Mütze heruntergeschlagen wurde und in
+die See fiel. In einem und demselben Augenblick wollte er die Trosse
+anziehen und nach der Mütze greifen; aber der Fuß blieb in einer Fuge
+hängen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, während der
+Kapitän ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich
+fort, böse über das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe hätte
+sie geweint, so schämte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen
+Lebewohl ließ sie ihn schließlich am Landungssteg zurück; und als er
+ihre Hand behalten und vom nächsten Sommer, von Briefwechsel und
+Adresse plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Füßen
+fortgerissen; er kippte nach vorn über, und die nasse Mütze rutschte
+ihm in den Nacken; gleichzeitig brüllte der Steuermann ihm von der
+Kommandobrücke aus zu:
+
+-- Wirst du endlich das Tau losmachen!
+
+Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglücklichen Liebhaber
+nieder, ehe er die Trosse losbekam.
+
+Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr
+fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine,
+strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er
+seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß
+abzugeben. Aber er mußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett
+gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die
+hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die
+Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am
+Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und
+schnaubte.
+
+Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht
+ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!
+
+Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins
+Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb
+durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich,
+gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er
+auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser,
+schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stieß ein letztes
+verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die
+Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied
+winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe
+Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal
+zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden,
+nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die
+Luft dunkel.
+
+Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner
+Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine
+andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte
+ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab.
+
+Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Auftritt
+noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brückenplanken
+umher tanzte; hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas
+verlegene Blicke und kalten Handschlag; spürte noch den Dunst von
+Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchenherd
+und von der Ölfarbe der Schiffsbekleidung.
+
+Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich gekommen und hatte
+Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem
+Augenblick von seiner Leiter herabstürzten, auf deren Sprossen er
+schon ein gutes Stück hinauf geklettert war; die ihm -- er schluckte in
+der Halsgrube -- sein Sommerglück und seine Sommerfreude entführten.
+
+Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer
+einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Oberfläche Ruß in Flocken
+und Öl in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie
+eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in
+der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser
+verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel,
+abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten.
+Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und
+habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen.
+
+Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte:
+wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die
+Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den
+feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause,
+Manschetten und Knöpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er
+haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart
+ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten
+konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen
+vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt,
+einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht
+werden!
+
+Konnte er nicht?
+
+Der Sund kräuselte sich, und ein kühler Wind, der immer stärker wurde,
+rührte das Wasser auf; das schlug gegen die Brückenpfähle, fegte den
+Ruß fort und klärte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der
+Erlen, das Plätschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus
+seinen Gedanken. Er warf die Flinte über die Schulter und wanderte
+heimwärts.
+
+Der Weg ging unter den Haselbüschen über einen Hügel; auf dem stand
+noch eine höhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war; die
+hatte er noch nie besucht.
+
+Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und
+Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen,
+auf dem ein Seezeichen errichtet war.
+
+Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet; mit einem
+einzigen Rundblick konnte er ihre Wälder und Äcker, Wiesen und Häuser
+übersehen; und dahinter Holme, Kobben, Schären, bis aufs offene Meer
+hinaus. Es war ein großes Stück der schönen Erde, und Wasser, Bäume,
+Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte,
+die eine nur, und die andere zurückzog, die nach Eitelkeit, Bettlust
+und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu
+betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen
+Strahlen einer sinkenden Sonne rosig färbten; auf dem blaues Wasser,
+grüne Wälder, gelbe Äcker, rote Hütten sich zu einem Regenbogen
+mischten, der auch einen schärferen Verstand betört hätte, als ein
+Bauernknecht ihn hat.
+
+Von der absichtlichen Vernachlässigung der Treulosen gereizt, die in
+fünf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm zum Abschied zu
+winken, vergessen; von den Schimpfworten der übermütigen Stadtflegel
+so verletzt, als habe er den Stock gekostet; vom Anblick der fetten
+Erde, der fischreichen Gewässer, der warmen Hütten entzückt, faßte er
+seinen Entschluß: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das
+falsche Herz zu prüfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte; dann
+aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte, ohne daß man stahl.
+
+ * * * * *
+
+Als er nach Haus zurückkehrte und die Großstuga leer stehen, die
+Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten draußen herumliegen
+sah, würgte es ihn im Halse, als habe er Apfelstücke quer geschluckt.
+
+Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommergäste in einen Sack
+gesammelt, schlich er so lautlos wie möglich auf seine Kammer hinauf.
+Dort verbarg er seine Schätze unter dem Bett, setzte sich an den
+Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit,
+einen Brief zu schreiben.
+
+Die erste Seite ergoß sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus
+seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der »Sagengeschichte« und den
+»Schwedischen Volksliedern« von Afzelius; die hatten einen starken
+Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wärmland
+gelesen.
+
+-- Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich hier auf
+meinem Kämmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als sei
+es gestern gewesen, weiß ich noch, wie Du hierher kamst: wir säeten
+Frühlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es
+Herbst, und die Burschen sind draußen auf der Schäre, um Strömling zu
+fangen. Ich würde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist
+wärst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu grüßen, wie es der
+Professor so freundlich vom Achterdeck getan, als der Dampfer an der
+Landzunge vorbei fuhr. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute Abend,
+und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet.
+Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du
+Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als hätte ich's aufgeschrieben;
+aber ich bin auch im Stande, zu _halten_, was ich verspreche. Dazu sind
+aber nicht _alle_ im Stande; doch das ist einerlei, und ich frage nicht
+so genau danach, wie die Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal
+liebe, die vergesse ich nicht; das möchte ich gesagt haben.
+
+Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit
+kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den
+Versuchungen der Stadt mit ihren Vergnügungen; und im Bewußtsein, daß
+er außer Stande sei, den befürchteten Sündenfall zu verhüten, schlug
+er die edlern Gefühle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die
+Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng,
+sittlich; ein strafender Rächer, durch dessen Mund ein ANDERER sprach:
+
+-- Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der großen Stadt
+umhergehst, ohne daß ein Arm Dich stützt, der Gefahr und Versuchung
+von Dir abwenden kann; wenn ich an alle die sündhaften Gelegenheiten
+denke, die den Weg breit und den Fuß leicht machen, fühle ich einen
+Stich in meinem Herzen; ist mir's, als habe ich vor Gott und Menschen
+unrecht getan, daß ich Dich ins Garn der Sünde ließ; wie ein Vater
+hätte ich Dir sein sollen, Ida; und Du hättest dem alten Carlsson wie
+einem rechten Vater vertraut ...
+
+Bei den Worten »Vater« und »alter Carlsson« wurde er weich und
+erinnerte sich an das letzte Begräbnis, das er mitgemacht hatte.
+
+-- Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf
+den Lippen hat. Wer weiß, wie lange der alte Carlsson (er liebte das
+Wort bereits!) hier noch wandelt; wer weiß, ob nicht die Zahl seiner
+Tage gezählt ist, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in
+der Luft; vielleicht, ehe man sich's versieht, liegt er da wie
+trockenes Heu ... Dann wird vielleicht _jemand_ ihn ausgraben wollen,
+der's jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten, daß er
+noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die
+Turteltaube sich in unserem Lande hören läßt. Dann ist eine liebliche
+Zeit für _manchen_, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten
+singen möchte ...
+
+Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mußte das Testament aus
+seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl
+zwischen hundert Psalmen, und Clara rief schon zum Abendbrot; er mußte
+also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm:
+
+-- Die Weiden in der Wüste sind auch fett, daß sie triefen; und die
+Hügel umher sind lustig; die Anger sind voll Schafe, und die Auen
+stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet.
+
+Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glückliche Anspielung
+auf die Vorzüge, die das Landleben vorm Stadtleben hat; und da das
+gerade der wunde Punkt war, beschloß er, ihn nicht mehr zu berühren,
+sondern die Anspielung für sich sprechen zu lassen.
+
+Dann überlegte er, was er noch schreiben solle; fühlte sich hungrig
+und müde; konnte sich nicht verhehlen, daß es schließlich einerlei
+sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der
+Frühling wiederkam.
+
+Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken gequält, daß ein Anderer
+sie besitzen könne, und mit kaltem Blute beschloß er, im Voraus die
+Kanonen der unbekannten Feinde zu vernageln. Darum fügte er eine
+Nachschrift an, nachdem er mit »Getreu und ergeben« unterzeichnet
+hatte.
+
+N. S. Du mußt Dich vor Berns Salon und Blanks Café hüten, Ida, denn
+der Professor sagte, alle jungen Leute in Stockholm seien angesteckt
+und ... (Am besten, man haut ihn gleich nieder, dachte er, da er doch
+in einigen Tagen mit den Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman
+ist auch angesteckt worden. (Um aber, falls es nötig sein sollte, eine
+rückwirkende abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:) als
+er im vorigen Jahre Soldat war.
+ D. O.
+
+ * * * * *
+
+Darauf ging er in die Küche hinunter, um zu Abend zu essen.
+
+Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht. Unruhig kam
+die Alte und setzte sich an den Tisch, an dem sich Carlsson
+niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mädchen
+gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her.
+
+-- Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein haben, sagte die
+Alte. Ich sehe, Ihr habt es nötig.
+
+-- Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen,
+antwortete Carlsson.
+
+-- Darum müßt Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte und ging nach
+dem Stundenglas. Was das für ein Wind heute Abend ist, und von Osten
+kommt er auch; die Burschen werden es heute Nacht schwer haben mit den
+Netzen.
+
+Da kann ich ihnen nicht helfen; übers Wetter vermag ich nichts, biß
+Carlsson den Faden ab. Aber nächste Woche muß es schön werden; da
+denke ich mit dem Trebel nach der Stadt zu fahren, um selbst mit dem
+Fischhändler zu sprechen.
+
+-- Soso, das wollt Ihr, Carlsson?
+
+-- Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis für
+die Fische; und das muß doch wohl an irgend etwas liegen; wer nun die
+Schuld haben mag.
+
+Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschäft als der
+Fischhandel führe ihn nach der Stadt.
+
+-- Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht beim Professor
+vor?
+
+-- Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat nämlich einen
+Flaschenkorb hier vergessen ...
+
+-- Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt Ihr nicht noch
+eine Halbe nehmen, Carlsson?
+
+-- Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie
+kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hörte.
+
+Mit großem Vergnügen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze
+Überlegenheit hinein. Die Alte fühlte auch, wie sehr sie ihm
+unterlegen war; eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die
+Augen.
+
+-- Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, flüsterte die Alte.
+
+-- Nein behüte, weit davon, antwortete Carlsson, der sehr wohl fühlte,
+wie er seine Schnur einholen mußte und daß etwas am Haken saß.
+
+-- Wollt ihr euch denn heiraten?
+
+-- Gewiß, wenn die Zeit kommt; aber ich muß mich erst nach einer neuen
+Stellung umhören.
+
+Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand
+zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken am Laken zupft.
+
+-- Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder,
+vertrockneter Stimme zu sagen.
+
+-- Ein Mal muß es doch sein, antwortete Carlsson; früher oder später
+will man sein eigener Herr werden; und sich für andere abarbeiten, tut
+man auch nicht gern um nichts.
+
+Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde plötzlich von
+einer Lust erfaßt, mit ihr zu schäkern.
+
+-- Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht allein schlafen
+zu müssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht wollt ihr, daß ich
+hinunterkomme und euch Gesellschaft leiste?
+
+-- Oh, das ist durchaus nicht nötig! antwortete Clara.
+
+Carlsson faßte sie beim schwellenden Oberarm und spielte den Bösen:
+
+-- Was ist nicht nötig? Was weißt du, Clara, davon, was ich nötig habe?
+
+-- Ist denn Ida Euch nicht genug gewesen? Ich hörte einen Vogel singen,
+daß Ihr Euch Hilfe habt nehmen müssen!
+
+Carlsson wurde rot bis in die Kopfhaut, über das Gesicht der Alten
+aber huschte Hoffnung, Neugier und Überraschung.
+
+Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Küche, während Carlsson
+nachdachte, welche Antwort am vorteilhaftesten sei. Man hörte, wie
+draußen der Sturm durch den Wald sauste, das Laub von den Birken riß,
+an den Feldzäunen rüttelte, an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste.
+Zuweilen fuhr ein Windstoß in den Schornstein hinein und blies Feuer
+und Rauch aus vom Herdmantel, daß Lotte sich die Hand vor Augen und
+Mund halten mußte.
+
+Als der Wind einen Augenblick ausblieb, hörte man das offene Meer
+gegen die östliche Landspitze schlagen. Plötzlich gab der Hund draußen
+auf dem Hofe Hals, und das Gebell entfernte sich, als sei der Hund
+jemandem entgegen gesprungen, um ihn zu begrüßen oder zu bedrohen.
+
+-- Seht bitte nach, wer das sein kann, sagte die Alte zu Carlsson.
+
+Der stand sofort auf, froh, auf Claras heikle Frage nicht antworten zu
+müssen, und ging zur Tür hinaus. Er sah nur ein Dunkel, das so dick
+war, daß man es mit Messern schneiden konnte; und der Wind empfing ihn
+mit einem Stoß, daß ihm das Haar wie Erbsensträucher um den Kopf
+stand. Er lockte den Hund, aber das Gebell war bereits unten auf der
+Quellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen
+Menschen.
+
+-- Es kommt so spät noch Besuch, sagte Carlsson zur Alten, die sich in
+die Tür stellte. Wer kann das sein? Ich muß wohl gehen und nachsehen.
+Clara, steck die Laterne an und gib mir meine Mütze!
+
+Er bekam die Laterne und arbeitete sich gegen den Wind auf die Wiese
+hinaus, folgte dem Gebell und gelangte in das Kieferngehölz, das die
+Wiese vom Strande trennte. Das Gebell war verstummt, aber zwischen den
+rauschenden und knackenden Föhren hallten Schritte von eisernen Haken
+gegen den Bergfelsen; krachten Zweige, die jemand brach, der seinen
+Weg suchte; spritzten Wasserlachen auf; antworteten Flüche auf das
+Winseln des Hundes.
+
+-- Wer da? rief Carlsson.
+
+-- Der Pastor! antwortete eine rostige Stimme.
+
+Carlsson sah Funken sprühen, die ein eiserner Haken an einem
+Granitfindling schlug, und aus einem Dickicht stürzte ein kleiner,
+breitschultriger Mann den Hügel hinab. Das grobe, wetterharte Gesicht
+wurde von wildem, grauem Backenbart eingerahmt und von kleinen
+scharfen Augen belebt, deren Brauen Astmoos glichen.
+
+-- Höllische Wege habt ihr hier auf der Insel! zankte er zum Gruß.
+
+-- Herr Jesus, sind Sie's, Herr Pastor? In diesem Hundewetter
+unterwegs? beantwortete Carlsson achtungsvoll die Willkommsflüche
+seines Seelsorgers. Aber wo ist denn das Boot?
+
+-- Es ist das Fischerboot, und das hat Robert in den Hafen gebracht.
+Laß uns nur unter Dach kommen, denn heute Abend weht der Wind einem
+durch den Leib. Vorwärts marsch!
+
+Carlsson ging mit der Laterne voran und der Pastor folgte, während der
+Hund in den Büschen herumschnüffelte, nach einem Birkhuhn, das sich
+eben erhoben und in den Bruch gerettet hatte.
+
+Die Alte war dem Laternenschein auf den Hof hinaus entgegen gegangen;
+als sie den Pastor erkannte, freute sie sich und hieß ihn willkommen.
+
+Der Pastor hatte Fische nach der Stadt bringen wollen und war
+unterwegs vom Sturm überrascht worden, der ihn zum landen zwang. Er
+fluchte und schalt, weil er nicht zur Zeit nach der Stadt kommen
+konnte, um seine Fische los zu werden.
+
+-- Jetzt sind ja alle Teufel draußen und kratzen nach jedem einzigen
+Fisch, der im Wasser lebt.
+
+Die Alte wollte ihn in die Stube führen, er aber ging geradeswegs in
+die Küche hinein, denn er zog das Herdfeuer vor: dort konnte er
+trocken werden.
+
+Wärme und Licht schienen indessen dem Pastor nicht gut zu bekommen;
+er zwinkerte mit den Augen, als wolle er sich ermuntern, während er
+die nassen Schmierstiefel auszog. Carlsson half ihm unterdessen aus
+einer graugrünen Joppe, die mit Schaffell gefüttert war. Bald saß der
+Pastor in wollenem Wams und bloßen Strümpfen an der Ecke des Tisches,
+den die Alte abgeräumt und mit Kaffeegeschirr gedeckt hatte.
+
+Wer Pastor Nordström nicht kannte, hätte nicht vermutet, daß dieser
+Fischer ein geistliches Amt bekleidete; so sehr hatten dreißig Jahre
+Seelsorge draußen in den Schären den Mann verwandelt, der einst recht
+fein gewesen war, als er von der Universität Uppsala kam. Ein äußerst
+knappes Gehalt hatte ihn genötigt, sein Auskommen aus See und Acker zu
+ergänzen; und da es auch dann noch nicht reichte, mußte er sich an den
+guten Willen seiner Gemeinde wenden, den er durch geselliges Wesen,
+sich seiner Umgebung anpassend, lebendig erhielt.
+
+Doch zeigte sich der gute Wille meist in Kaffeehalben und
+Bewirtungen, die an Ort und Stelle verzehrt werden mußten, also den
+Wohlstand des Pfarrhauses nicht erhöhen konnten; eher unvorteilhaft
+auf den physischen und moralischen Zustand des Empfängers wirkten.
+Außerdem wußten die Schärenleute aus teuern Erfahrungen, wie in Seenot
+Gott nur dem half, der sich selber half; auch waren sie unfähig, einen
+starken östlichen Wind mit dem augsburgischen Bekenntnis in
+Zusammenhang zu bringen. Sie machten sich deshalb wenig aus der
+kleinen hölzernen Kapelle, die sie hatten bauen lassen. Der Kirchgang,
+der durch lange Ruderfahrten erschwert oder von ungünstigen Winden
+unmöglich gemacht wurde, war mehr eine Art Volksmarkt, auf dem man
+Bekannte traf, Geschäfte machte, Ankündigungen hörte. Und der Pastor
+war die einzige Behörde, mit der man in Berührung kam; der Amtmann,
+der die Polizeigewalt ausübte, wohnte weit entfernt und wurde bei
+Rechtssachen nie bemüht; die machte man vielmehr unter einander ab,
+mit einigen dänischen Küssen oder einem Schoppen Branntwein.
+
+Nicht eine Spur von Latein und Griechisch konnte man in dieser vom
+Herdfeuer und zwei Talglichtern beleuchteten Gestalt sehen, einer
+Kreuzung von Bauer und Seemann. Die einstmals weiße Hand, die in ihrer
+ganzen Jugend in Büchern geblättert hatte, war braun und borkig, hatte
+gelbe Leberflecke von Salzwasser und Sonnenbrand, war hart und
+schwielig von Rudern, Segeln, Steuern; die Nägel waren halb abgenagt
+und trugen von der Berührung mit Erde und Geräten schwarze Ränder. Die
+Ohrmuscheln waren mit Haar zugewachsen und gegen Katarrh und Fluß von
+Bleiringen durchbohrt. Aus der auf das wollene Wams aufgenähten
+Ledertasche hing eine Haarschnur, die einen Uhrschlüssel aus einem
+gelben Metall mit einem Karneol trug. In die feuchten wollenen
+Strümpfe hatte die große Zehe Löcher gerissen, welche die
+schlingernden Bewegungen der Füße unter dem Tisch unablässig verbergen
+wollten. Das Wams war unter den Armen von Schweiß gelbbraun geworden,
+und der Hosenschlitz stand halb offen, weil Knöpfe fehlten.
+
+Er holte eine kurze Pfeife aus der Hosentasche, klopfte sie, während
+allgemeines achtungsvolles Schweigen herrschte, gegen die Tischkante
+aus, daß sich ein kleiner Maulwurfshaufen von Asche und sauerm Tabak
+auf den Boden legte. Aber die Hand war unsicher und das Stopfen ging
+unregelmäßig vor sich; war zu umständlich, um nicht Unruhe zu erregen.
+
+-- Wie steht es heute Abend mit Ihnen, Herr Pastor? Ich glaube, Sie
+sind nicht ganz wohl, fuhr die Alte dazwischen.
+
+Der Pastor hob das auf die Brust gesunkene Haupt, sah sich nach den
+Balken der Decke um, als suche er nach der Sprechenden.
+
+-- Ich? sagte er und stopfte eine Prise Tabak am Pfeifenkopf vorbei.
+Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er in Frieden gelassen werden,
+und versank in schwermütige Gedanken ohne bestimmte Form.
+
+Carlsson sah, wie es stand, und flüsterte der Alten zu:
+
+-- Er ist nicht nüchtern!
+
+Und im Glauben, einschreiten zu müssen, nahm er die Kaffeekanne und
+goß die Tasse des Pastors voll, stellte die Branntweinflasche daneben
+und bat ihn mit einer Verbeugung, fürlieb zu nehmen.
+
+Mit einem vernichtenden Blick hob der Alte seinen grauen Kopf, als
+wolle er, daß der Schlag Carlsson rühre; mit Ekel die Tasse von sich
+schiebend, spuckte er aus:
+
+-- Bist du hier zu Hause, Knecht?
+
+Dann wendete er sich zur Alten:
+
+-- Gebt mir eine Tasse Kaffee, Frau Flod!
+
+Und dann versank er für eine Weile in tiefes Schweigen, sich
+vielleicht an die Größe früherer Tage erinnernd und erwägend, wie die
+Unverschämtheit beim Volk überhand nahm.
+
+-- Verfluchter Knecht! schnaubte er noch ein Mal. Mach, daß du
+hinauskommst, und hilf Robert beim Boot!
+
+Carlsson versuchte es mit Schmeichelei, wurde aber sofort
+unterbrochen:
+
+-- Weißt du nicht, wer du bist?
+
+Carlsson verschwand durch die Tür.
+
+Nachdem sich der Pastor mit einem Schluck aus der Tasse erfrischt
+hatte, fuhr er die Alte an, die eine Entschuldigung für den Knecht zu
+drechseln suchte:
+
+-- Habt ihr die Zugnetze draußen?
+
+-- Ja, lieber Herr Pastor, öffnete die Alte die Schleusen, und alle
+Schleppnetze auch. Um sechs herum konnte noch niemand wissen, daß für
+die Nacht Sturm kommen werde; und ich kenne Gustav. Er würde eher zu
+Grunde gehen, als daß er das Garn heute Nacht liegen ließe.
+
+-- Ach was, der weiß sich schon zu helfen! tröstete der Pastor.
+
+-- Sagen Sie das nicht, Herr Pastor! Mag das Garn meinetwegen
+draufgehen, es steckt zwar ein gut Stück Geld darin, wenn nur der
+Junge heil aus der Sache herauskommt ...
+
+-- Er wird doch nicht so dumm sein, die Netze in diesem Wetter
+aufzunehmen? Die ganze See liegt ja darauf!
+
+-- Das gerade kann man von ihm erwarten! Wie der Vater hat er immer
+etwas Besonderes vorstellen wollen, und er wäre im Stande, sein Leben
+daran zu setzen, um die Zugnetze nicht verloren gehen zu lassen.
+
+-- Ist es so mit ihm bestellt, Frau, dann kann ihm selbst der Teufel
+nicht helfen! Übrigens es fischt sich gut! Wir waren vergangene Woche
+mit sechs Schleppnetzen draußen bei den Erlenkobben, und wir haben
+achtzehn mal achtzig gefangen.
+
+-- War der Strömling denn auch fett?
+
+-- Das will ich meinen, fett wie Butter. Aber sagt mal, Frau Flod, was
+ist das für ein Geschwätz, das von Euch umläuft: Ihr sollt daran
+denken, Euch wieder zu verheiraten? Ist das wahr?
+
+-- Ei potztausend, brach die Alte los, sagt man das? Das ist doch toll,
+was die Leute schwatzen können.
+
+-- Mir geht es ja nicht zu nahe, erwiderte der Pastor; verhält es sich
+aber so, wie man sagt, daß es sich um den Knecht handelt, so wäre es
+um den Jungen schade.
+
+-- Oh, für den Jungen ist keine Gefahr, und einen schlechtern
+Stiefvater hat mancher gekriegt.
+
+-- Es ist also wahr, höre ich. Brennt es noch so heftig in dem alten
+Körper, daß Ihr's nicht mehr aushalten könnt? Das Fleisch will das
+Seine haben, und der Pfahl sitzt da, hahaha!
+
+Hier warf der Pastor einen prüfenden Blick auf Clara und Lotte, um zu
+sehen, wie sie aussahen, wenn sie verlegen wurden; sie sahen wirklich
+recht schelmisch aus, wie sie vergebens das Lachen zu verbeißen
+suchten, denn der Pastor fühlte sich veranlaßt, den Scherz noch weiter
+zu spinnen.
+
+-- Ihr grinst, Mädchen? Als ob ihr das nicht kenntet!
+
+-- Wollen Sie nicht noch eine Halbe trinken, Herr Pastor? unterbrach
+ihn die Alte, die ängstlich wurde über die Wendung, die das Gespräch
+ins Liebesgebiet nahm.
+
+-- Bitte, Frau; seid so freundlich! Danke! Aber ich muß auch ins Bett,
+und Ihr habt wohl noch nicht für mich aufgebettet.
+
+Lotte wurde auf die Kammer geschickt, um das Bett zu machen, nachdem
+man beschlossen, daß Carlsson und Robert in der Küche schlafen
+sollten.
+
+Der Pastor gähnte und rieb den einen Fuß gegen den andern, fuhr mit
+der Hand über die Stirn bis zur nackten Glatze hinauf, als wolle er
+namenlosen Kummer fortstreichen; dabei sank der Kopf in kurzen Rucken
+gegen die Tischplatte, wo schließlich das Kinn seine Stütze fand.
+
+Die Alte, die sah, wie es stand, trat näher und legte ihm die Hand
+behutsam auf die Schulter, klopfte sacht und bat mit rührender Stimme:
+
+-- Lieber Herr Pastor! Können wir nicht ein gutes Wort heute Abend
+hören, ehe wir zu Bett gehen? Denken Sie an die Alte und ihren Jungen,
+der auf See ist.
+
+-- Ein gutes Wort? Ja! Gebt mir das Buch; Ihr wißt ja, wo es steckt.
+
+Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein schwarzes Buch
+mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reisekästchen, aus dem alten Frauen
+und Kranken stärkende Tropfen geboten werden, pflegte man dieses Buch
+vorzunehmen. Andächtig, als habe sie ein Stück von der Kirche in ihre
+niedrige Hütte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam
+wie ein warmes Brot, auf ihren beiden Händen; schob vorsichtig die
+Tasse des Pastors bei Seite, wischte den Tisch mit ihrer Schürze ab
+und legte das heilige Buch vor den schweren Kopf.
+
+-- Lieber Pastor, flüsterte die Alte, während der Wind im Schornstein
+lärmte, da ist das Buch.
+
+-- Gut, gut, antwortete der Pastor wie im Schlaf; streckte den Arm aus,
+ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffeetasse und fuhr mit dem
+Finger so gegen den Henkel, daß er die Tasse umstieß; in zwei Bächen
+floß der Branntwein über den fettigen Tisch.
+
+-- Oh oh, klagte die Alte und rettete das Buch; das geht nicht! Sie
+sind schläfrig, Herr Pastor, und müssen sich niederlegen.
+
+Aber der Pastor schnarchte schon; er ruhte mit dem Arm auf der
+Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer albernen Gebärde
+ausgestreckt, als zeige er nach einem unsichtbaren Ziel, das
+augenblicklich unerreichbar war.
+
+-- Wie sollen wir's nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen? klagte die
+Alte den Mädchen.
+
+Sie wußte, in welch furchtbare Laune er geraten konnte, wenn er aus
+dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der Küche zu lassen, ging nicht der
+Mädchen wegen; auch in die Stube durfte er nicht; dann hätte man
+darüber geklatscht.
+
+Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie Ratten die Katze
+umkreisen, um ihr Schellen anzuhängen, ohne es jedoch zu wagen.
+
+Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen und der Wind drang durch
+Fenster und undichte Wände. Der Alte, der ja in bloßen Strümpfen
+dasaß, mußte kalt geworden sein, denn eins, zwei, drei erhob sich der
+Kopf, der Mund öffnete sich gähnend, und drei Aufschreie, die klangen,
+wie wenn der Fuchs seinen Geist aufgibt, ließen die Frauen
+zusammenfahren.
+
+-- Ich glaube, ich habe geniest, sagte der Pastor, erhob sich und ging
+mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa; dort sank er nieder,
+streckte sich auf den Rücken aus, faltete die Hände über der Brust und
+schlummerte mit einem langen Seufzer ein.
+
+Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken.
+
+Auch Carlsson und Robert, die jetzt zurückkamen, wagten nicht, ihn
+anzurühren.
+
+-- Er schläft! Nehmt euch in Acht, sagte Robert. Gebt ihm nur ein
+Kissen unter den Kopf und werft eine Decke über ihn, dann schläft er
+bis zum Morgen.
+
+Die Alte nahm die Mädchen mit in die Stube. Robert mußte auf dem
+Heuboden über dem Vorratsschuppen schlafen. Carlsson ging auf seine
+Kammer. Die Lichter wurden gelöscht und es ward still in der Küche.
+
+Da aber erinnerte sich die Alte, daß der Pastor kein Trinkwasser habe,
+und Clara wurde mit der Kupferflasche zu ihm hineingeschickt. Sie ging
+auf Zehen, so leise sie konnte, ohne mit der Tür zu knarren, kam aber
+schnell wieder heraus:
+
+-- Oh, das ist ja ein Ferkel!
+
+-- Was, was? fragte die Alte eifrig, im Glauben, dem Pastor sei etwas
+zugestoßen.
+
+-- Oh, könnt Ihr glauben, Tante, er wollte, ich solle mich zu ihm legen ...
+Das ist ja schrecklich!
+
+-- Das kann ich nicht glauben, meinte die Alte, welche die Ehre, den
+Pastor als Gast unter ihrem Dache zu haben, sich nicht schmälern
+lassen wollte. Das kann ich nicht glauben.
+
+-- Ja, aber er hat mich um den Leib gefaßt und wollte mich ...
+
+-- Ach, Geschwätz, schnauzte die Alte, schloß die Tür und löschte das
+Licht. Gute Nacht!
+
+Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger ruhig war.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte und Frau Flod aufstand, um
+ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert fort. Der Sturm
+hatte sich etwas gelegt, kalte weiße Herbstwolken zogen von Osten ins
+Land hinein und der Himmel war wieder blau.
+
+Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der östlichen
+Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein Boot auf dem Meere
+zeige. Draußen in der Rinne zwischen den Kobben tauchte das eine und
+das andere gereffte Rahsegel auf, verschwand und kam wieder zum
+Vorschein. Die See lag blau da wie Stahl, und die äußersten Schären
+dämmerten, hingen wie an luftfarbigen Tüchern, als seien sie aus dem
+Wasser in die Höhe geflossen und im Begriff, sich wie Nachtnebel zu
+erheben. Die jungen Sägegänse lagen auf Buchten und Landspitzen und
+liefen auf den Seen; tauchten, wenn sie den Meeradler auf seinem
+schweren Flug über sich sahen, und kamen wieder in die Höhe; liefen
+von neuem, daß das Wasser sprühte.
+
+Sah Frau Flod draußen auf einer Schäre die Möwen fliegen und hörte
+sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein Segel; und es kamen auch
+Segel, aber alle zogen an der Insel vorbei, entweder nach Norden oder
+nach Süden.
+
+Der kalte Wind und die weißen Wolken peinigten die Augen der Alten;
+sie ging in den Wald zurück, des Wartens müde. Sie fing an
+Preiselbeeren in die Schürze zu pflücken, denn sie konnte nicht ohne
+Beschäftigung sein, sondern mußte etwas haben, mit dem sie sich die
+Unruhe vertrieb. Der Sohn war ihr doch das Liebste; und sie war nicht
+halb so bekümmert gewesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand
+und eine andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah.
+Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte ein
+Gefühl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors gestern
+Abend über das Geschwätz hatte den Pulverfaden angesteckt; bald würde
+es puff! machen. Wem dann die Augenbrauen versengt würden, war nicht
+zu bestimmen; daß aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen.
+
+Schließlich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf die
+Eichenhöhe kam, hörte sie Stimmen unten von der Landungsbrücke. Durch
+das Eichenlaub sah sie, wie Menschen sich um den Seeschuppen bewegten,
+mit einander sprachen, verhandelten, stritten. Es hatte sich, während
+sie fort war, etwas zugetragen! Aber was?
+
+Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anhöhe hinunter,
+um zu erfahren, was geschehen war.
+
+Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterstück des Netzbootes.
+Sie waren also um die Insel herum gerudert!
+
+Normans Stimme war deutlich zu hören, wie er den Verlauf schilderte:
+
+-- Er ging auf den Grund wie ein Stein; dann kam er wieder in die Höhe;
+da aber kriegte er den Tod mitten durchs linke Auge; es war genau so,
+als lösche man ein Licht aus.
+
+-- Herr Jesus, ist er tot? schrie die Alte und stürzte über den Zaun.
+
+Aber niemand hörte sie, denn Rundqvist setzte die Leichenrede im Boot
+fort.
+
+-- Und dann warfen wir die Dregg und als der Ankerflügel ihn im Rücken
+packte, da ...
+
+Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die Netze
+trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie durch einen
+Schleier vor einem Spiegel, hinter den aufgehängten Netzen, wie alle
+Leute des Hofes um einen grauen Körper, der im Boot verstaut war,
+lagen, knieten, krochen. Sie schrie auf und wollte unter den Netzen
+durch, aber die Schwimmer blieben in ihren Haarflechten hängen und die
+Senker schlugen wie eine Geisel.
+
+-- Was haben wir denn da in den Flundernetzen gefangen? schrie
+Rundqvist, der sah, daß das Garn lebendig wurde. Nein, ich glaube, das
+ist Tante!
+
+-- Ist's aus mit ihm? schrie Frau Flod so laut sie konnte. Ist's aus
+mit ihm?
+
+-- Aus wie mit einem toten Hund!
+
+Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungsbrücke. Da lag
+Gustav mit bloßem Kopfe im Boot auf dem Bauch, aber er bewegte sich,
+und unter ihm war ein großer haariger Körper zu sehen.
+
+Bist du's, Mama? grüßte Gustav, ohne sich umzudrehen. Sieh, was wir
+gefangen haben!
+
+Die Alte machte große Augen, als sie einen fetten Seehund erblickte,
+dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gab's allerdings nicht alle
+Tage; das Fleisch konnte man essen, wie es jetzt war; der Tran reichte
+zu manchem Paar Stiefel; das Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert.
+Aber nötiger war doch der Winterströmling, und sie sah nicht eine
+Flosse im Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, vergaß sowohl den
+wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten Seehund und brach in
+Vorwürfe aus:
+
+-- Und der Strömling?
+
+-- Dem war nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber den kann man ja
+schließlich kaufen, während man Seehunde nicht alle Tage kriegt.
+
+-- Ja, so sprichst du immer, Gustav! Aber es ist wirklich eine Schande,
+drei Tage auszubleiben und nicht einen einzigen Fisch heimzubringen.
+Was sollen wir denn diesen Winter essen?
+
+Sie fand aber keine Zustimmung; vom Strömling hatte man genug
+bekommen, und Fleisch war Fleisch; außerdem hatten die Jäger durch
+ihre Erzählung des merkwürdigen Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf
+sich gelenkt.
+
+-- Ja, benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich ein Stück vom
+Aas abhieb, hätten wir jetzt nicht den Ackerbau, so kriegten wir
+nichts zu essen!
+
+An diesem Tage fischte man nicht mehr; der große Waschkessel wurde
+aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen; in der Küche wurde
+gebraten und geschmort; dazwischen trank man Kaffeehalbe. Auf der
+südlichen Wand der Scheune wurde das Fell wie ein Siegeszeichen
+ausgespannt; Leichenreden wurden dabei gehalten, und alle kommenden
+und gehenden Kleingläubigen mußten ihre Finger in die Schußlöcher
+stecken und anhören: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund auf
+den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten Augenblick, als der
+Schuß losgehen sollte, zu Norman sagte; wie sich der sterbende Seehund
+im letzten Augenblick benahm, als ihm das »Leben wie ein Faden
+abgeschnitten wurde«.
+
+Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete heimlich
+sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte er sich mit Norman
+und Lotte ins Boot, um nach der Stadt zu fahren.
+
+ * * * * *
+
+Als Frau Flod an die Landungsbrücke hinunter kam, um die aus der Stadt
+Heimkehrenden zu empfangen, war Carlsson so freundlich und bescheiden,
+daß die Alte sofort merkte, es war etwas dazwischen gekommen.
+
+Nach dem Abendbrot ließ sie ihn in die Stube eintreten, damit er das
+Geld aufzähle. Er mußte sich setzen und berichten. Aber das ging
+träge; der Knecht schien keine Lust zu haben, etwas mitzuteilen; doch
+die Alte ließ nicht locker, bis er mit einem Reisebericht
+herausrückte.
+
+-- Nun, Carlsson, melkte sie, Ihr seid doch auch bei Professors
+gewesen, nicht wahr?
+
+-- Ja, natürlich war ich dort, antwortete Carlsson, der augenscheinlich
+von der Erinnerung unangenehm berührt wurde.
+
+-- Nun, wie geht's ihnen denn?
+
+-- Sie lassen alle auf dem Hof grüßen; sie waren so freundlich, mich
+zum Frühstück einzuladen. Es war sehr fein in der Wohnung, und wir
+haben auch etwas Gutes gekriegt.
+
+-- Was habt Ihr denn Gutes gekriegt?
+
+-- Oh, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen und dazu Porter
+getrunken.
+
+-- Da habt Ihr wohl auch die Mädchen gesehen, Carlsson?
+
+-- Ja gewiß, antwortete Carlsson freimütig.
+
+-- Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr?
+
+Das waren sie nun allerdings nicht; das würde aber die Alte zu sehr
+gefreut haben; darum antwortete Carlsson nicht darauf.
+
+-- Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon gewesen, um
+uns die Musik anzuhören; da habe ich sie mit Sherry und belegten
+Brötchen traktiert. Es war, wie gesagt, sehr nett.
+
+In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen; die Sache war
+nämlich ganz anders verlaufen.
+
+Carlsson war in der Küche von Lina empfangen worden, denn Ida war
+ausgegangen; an der Ecke des Küchentisches hatte er dann eine halbe
+Flasche Bier getrunken. Dabei war die Frau des Professors in die Küche
+gekommen und hatte zu Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da
+abends Besuch komme; dann war sie wieder gegangen.
+
+Als Carlsson mit Lina wieder allein war, wurde die etwas verlegen;
+schließlich kriegte Carlsson aus ihr heraus, daß Ida seinen Brief
+empfangen und ihn eines Abends, als ihr Bräutigam dagewesen, laut
+vorgelesen habe; das war in der Kammer geschehen, wo der Bräutigam
+Porter trank und Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb
+tot gelacht. Zwei Male habe der Bräutigam den Brief gelesen, laut wie
+ein Pastor. Am meisten hatten sie sich über den »alten Carlsson« und
+seine »letzten Stunden« amüsiert. Als sie an die Stelle von
+»Versuchungen und Irrwegen« kamen, hatte der Bräutigam -- er war
+Bierfahrer -- vorgeschlagen, nach Berns Salon in die Versuchung zu
+gehen. Und sie waren dorthin gegangen und wurden von dem Bräutigam mit
+Sherry und belegten Brötchen traktiert.
+
+Ob nun Linas Erzählung Carlssons Sinn erregt und sein Gedächtnis
+erschüttert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die Kleider des
+Bierfahrers gewünscht, daß er sich in dessen angenehme Lage als Wirt
+versetzt, sich mit dem Hummer essenden Gast verwechselt, den Porter
+des Bräutigams getrunken und Linas Champignons gegessen hatte -- genug,
+er stellte die Sache der Alten so dar, daß er die Wirkung erzielte,
+die er beabsichtigte; und das war die Hauptsache.
+
+Nachdem er so weit gekommen war, fühlte er sich ruhig genug, um zum
+Angriff überzugehen. Die Burschen waren auf See, Rundqvist hatte sich
+niedergelegt, und die Mädchen waren für diesen Tag fertig geworden.
+
+-- Was ist das für ein Geschwätz, das hier im Kirchspiel umläuft; das
+ich überall hören muß? begann er.
+
+-- Was schwatzt man jetzt wieder? fragte Frau Flod.
+
+-- Ach, es ist das alte Geschwätz: wir dächten daran, uns zu heiraten.
+
+-- Ja, das ist nichts Neues; das haben wir so oft gehört.
+
+-- Aber es ist doch ganz unglaublich, daß die Leute behaupten, was
+nicht wahr ist! Das ist mir ganz unbegreiflich, sagte der listige
+Carlsson.
+
+-- Ja, was solltet Ihr, der junge, flinke Kerl, auch mit einem alten
+Weibe, wie ich bin, anfangen?
+
+-- Oh, was das Alter betrifft, damit hat's keine Gefahr. Darf ich für
+mein Teil sprechen: sollte ich einmal daran _denken_, mich zu
+verheiraten, so wäre es nicht mit einer Dirne, die nichts kann und
+nichts weiß; denn seht Ihr, Tante, die Lust ist eine Sache und sich
+verheiraten eine andere! Denn die Lust, die weltliche Lust vergeht wie
+ein Rauch, und die Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der
+Zigarren spendiert. Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich
+verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer gewesen,
+und wer etwas anderes sagt, der lügt.
+
+Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung.
+
+-- Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und Euch? untersuchte sie.
+
+-- Ida, ja, die ist ja an und für sich ganz gut; ich brauchte nur den
+Finger nach ihr auszustrecken, dann hätte ich sie! Aber, Tante, sie
+hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist weltlich und eitel, und ich
+glaube, sie wandelt sogar auf unrechten Wegen. Übrigens muß ich sagen,
+ich fange an alt zu werden und habe keine Lust zum Schäkern mehr. Ja,
+gerade heraus gesagt: _sollte_ ich ans Heiraten denken, so würde ich
+eine ältere, verständige Person nehmen, eine, welche die rechte
+Gesinnung hat. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll,
+aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt ja die rechte
+Gesinnung; ja, die habt Ihr.
+
+Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons Winkelzüge
+besser verstehen zu können, damit sie nicht die Gelegenheit versäume,
+ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem Ja herausrückte.
+
+-- Aber sagt mal, Carlsson, begann sie ein neues Garnende, habt Ihr
+denn nicht an die Witwe von Owassa gedacht, die allein steht und
+nichts Besseres verlangt, als wieder zu heiraten?
+
+-- Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die _rechte
+Gesinnung_: wer mich haben will, der muß die rechte Gesinnung haben!
+Geld und äußeres Getue und feine Kleider, das macht auf mich keinen
+Eindruck, denn so bin ich nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann
+nichts anderes sagen.
+
+Der Stoff schien nun von allen Seiten benagt zu sein; einer mußte das
+letzte Wort sagen, solange es noch möglich war.
+
+-- Nun, an wen habt Ihr denn gedacht, Carlsson? wagte sich die Frau
+einen kühnen Schritt vor.
+
+-- Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe überhaupt noch
+nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche; ich schweige! Man soll
+nachher nicht sagen können, ich habe jemanden verlockt: von der
+Gesinnung bin ich nicht.
+
+Die Alte wußte jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war; und sie mußte
+sich noch ein Mal vortasten.
+
+-- Ja, aber, lieber Carlsson, wenn Ihr Ida in Gedanken habt, dann könnt
+Ihr doch nicht in vollem Ernst an eine andere denken.
+
+-- Ida, nein, die Füchsin will ich nicht geschenkt haben! Nein, etwas
+Besseres muß es sein; Kleider am Körper muß sie wenigstens besitzen;
+und hat sie noch etwas mehr, so schadet es auch nichts; doch sehe ich
+nicht darauf, denn so bin ich, das ist meine Gesinnung.
+
+Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, daß man in die
+Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich nicht noch einen
+Ruck gab.
+
+-- Nun, Carlsson, was würdet Ihr sagen, wenn wir beide uns zusammen
+täten?
+
+Carlsson wehrte mit beiden Händen ab, als wolle er sofort vom ersten
+Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit verjagen.
+
+-- Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen! beteuerte er. Daran
+wollen wir nicht einmal denken, geschweige denn davon sprechen. Was
+würden die Leute schwatzen: ich hätte Euch fürs Geld genommen. Aber so
+bin ich nicht, und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, über die Sache
+wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das, Tante, und
+gebt mir die Hand darauf (er streckte seine Hand aus), daß wir nie
+wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand darauf!
+
+Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben, sondern sie
+wollte gerade die Sache gründlich besprechen.
+
+-- Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch zutragen
+könnte? Ich bin alt, das wißt Ihr, Carlsson, und Gustav ist nicht der
+Mann dazu, den Hof zu übernehmen. Ich brauche jemanden, der mir zur
+Seite steht und hilft; aber ich verstehe wohl, daß Ihr Euch nicht für
+andere verbrauchen und Euch nicht für nichts abrackern wollt: darum
+weiß ich mir keinen andern Rat, als daß wir uns verheiraten. Die Leute
+laßt nur schwatzen; sie klatschen doch so wie so! Habt Ihr nichts
+Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich nichts, was uns hindern
+sollte. Was habt Ihr gegen mich?
+
+-- Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts; aber dieses
+dumme Geschwätz; und übrigens Gustav wird uns das nie vergessen.
+
+-- Ach was, seid Ihr nicht Manns genug, den Jungen im Zaun zu halten,
+so werde ich's schon besorgen. In die Jahre bin ich ja gekommen, aber
+so alt bin ich denn doch noch nicht, und ich muß ihm unter vier Augen
+sagen, Carlsson ... wenn es darauf ankommt, bin ich noch ebenso gut
+wie ein Mädchen. Ja, das ist keine Prahlerei, aber ich glaube, der
+Flod hat sich nicht zu beklagen gehabt; und wenn einer Anregung
+gebraucht hat, ich war es nicht.
+
+Das war eine dunkle Rede, aber genug für den, der sie verstand.
+
+-- Oh, darüber habe ich mich nicht abfällig geäußert, antwortete
+Carlsson, und ich bin auch noch nicht so uralt, aber keiner von uns
+ist so erpicht aufs Tanzen, daß _das_ eine Gefahr sein sollte. Tanzen
+ist eine Sache, und Gesinnung eine andere, und wer die _rechte_
+Gesinnung hat, mit der kann man ins Brautbett gehen, ohne die Decke zu
+hoch heben zu müssen. Übrigens muß ich Euch sagen, Tante, ich bin
+nicht sehr fleischlich, und Ihr habt wohl auch genug gehabt, nach dem
+was ich über Flod gehört habe.
+
+Das Gespräch hatte einen solchen Reiz erhalten, daß man nicht
+aufhören konnte, zumal die Erinnerung an entschwundene Freuden der
+Einen neue Hoffnungen einflößte, während der Andere neugierig wurde
+auf das, was ihn erwartete.
+
+-- Ja, den Flod wollen wir nun ruhen lassen, da er tot ist; aber seid
+Ihr bange, Carlsson, so könnt Ihr ja die Probe machen, ehe Ihr Euch
+entscheidet.
+
+-- Oh, das ist durchaus nicht nötig, widersprach Carlsson. Aber ist das
+hier am Orte Sitte mit den Mädchen, Herr Gott, so will ich alten
+Brauch nicht brechen; man muß die Sitte nehmen, wie man sie findet ...
+
+Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Plänen und Beratungen,
+wie man sich Gustav gegenüber verhalten und wie man es mit der
+Hochzeit machen solle.
+
+Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, daß die Alte den
+Kaffeekessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen mußte.
+Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen, bis Carlsson
+in die rechte Gesinnung kam, um zu zeigen, daß er alten Brauch nicht
+brechen wolle. Damit war der Bund besiegelt, wenn auch noch nicht
+geweiht.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+ Man schlägt sich beim dritten Aufgebot, geht zum
+ Abendmahl und hält Hochzeit, kommt aber doch nicht
+ ins Brautbett
+
+
+Daß niemand besser ist, als wenn er stirbt, und keiner schlechter, als
+wenn er heiratet, mußte Carlsson bald erfahren. Gustav hatte gebrüllt
+wie ein hungriger Seehund, hatte drei Tage lang getobt, während
+Carlsson eine kleine Reise unter irgend einem Vorwande unternahm.
+
+Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach allen Seiten
+gewendet, um für den besten Menschen erklärt zu werden, der bisher
+geschaffen worden. Dagegen kehrte man Carlsson um wie alte Kleider, um
+ihn auf der innern Seite voller Flecken zu finden. Man entdeckte, daß
+er Bahnarbeiter und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fortgejagt
+worden, ein Mal ganz sicher geflüchtet, ein Mal, nach nicht verbürgter
+Angabe, wegen Schlägerei bestraft worden sei.
+
+Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die Flamme brannte
+nun einmal, und mit der Aussicht, daß der Witwenstand zu Ende sei,
+schien die Alte wieder aufzuleben und sich ein dickes Fell anzulegen,
+mit dem sie alles vertragen konnte.
+
+Die Feindseligkeit gegen Carlsson hatte ihre Wurzel darin, daß er,
+der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz dieses Stück Landes
+kommen sollte, das die Eingeborenen gewissermaßen als ihr Eigentum
+betrachtet hatten.
+
+Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben würde, verringerten
+sich des Sohnes Aussichten, einst sein eigener Herr zu werden; und
+seine Stellung auf dem Hofe würde künftighin wohl die eines Knechtes
+sein, und zwar unter der Vormundschaft und dem guten Willen des
+frühern Knechtes. Es war also ganz natürlich, daß der Abgesetzte
+raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte zur Polizei zu gehen,
+Anzeige zu machen und den künftigen Stiefvater fortjagen zu lassen.
+
+Noch böser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise im
+schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsmütze des seligen Flod
+zurückkam, die er bei der ersten zärtlichen Gelegenheit als Morgengabe
+erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundqvist, Carlsson
+einen Schabernack zu spielen.
+
+Eines Morgens, als man sich an den Frühstückstisch setzte, lag auf
+Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge unsichtbarer Dinge
+verbarg. Carlsson, der nichts Böses ahnte, hob das Handtuch auf und
+sah sein Tischende mit all dem Plunder gedeckt, den er in seinen Sack
+gesammelt und unter dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da
+standen leere Hummerbüchsen, Sardinendosen, Champignonkrüge, eine
+Porterflasche, unendlich viel Körke, ein gesprungener Blumentopf und
+anderes mehr.
+
+Ihm wurde grün vor den Augen; er wußte aber nicht, gegen wen er
+losbrechen sollte.
+
+Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er erklärte, das sei
+ein üblicher »Spaß« in der Gegend, wenn sich jemand verheirate.
+
+Unglücklicher Weise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen
+auszusprechen, daß der Lumpensammler so früh im Herbst gekommen,
+während er sonst sich nicht vor Neujahr zu zeigen pflege. Gleichzeitig
+griff Norman ein, um zu erklären, es sei kein Lumpensammler da
+gewesen, das seien Carlssons Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist
+dem Carlsson einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den
+beiden aus sei.
+
+Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, daß Gustav zur Pfarre segelte.
+Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf sechs Monate zu
+verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung waren.
+
+Das war für Carlsson ein Strich durch die Rechnung. Doch er suchte
+den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, indem er sich Ersatz
+verschaffte.
+
+Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich aufgefaßt; als das
+aber übel ablief, beschloß er, sie wenigstens den Leuten auf dem Hof
+gegenüber scherzhaft zu nehmen. Das gelang ihm auch, nur mit Gustav
+nicht; der unterhielt beständig einen unterseeischen Kampf, ohne
+irgend ein Zeichen zur Versöhnung blicken zu lassen.
+
+So verging der Winter, langsam und still. Man haute Holz, flickte
+Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte man Karten und trank
+Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten durch einen Schmaus. Lag der
+Eisvogeljagd ob.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde wieder Frühling. Der Eiderstrich lockte aufs Meer hinaus;
+aber Carlsson setzte alle Kräfte an die Bestellung, um auf eine gute
+Ernte rechnen zu können. Die war nötig, um den Ausfall zu ersetzen,
+den die Hochzeit bringen würde; besonders da man die Absicht hatte,
+eine große Hochzeit zu halten, an die man noch Jahre lang denken
+sollte.
+
+Mit den Zugvögeln kamen auch die Sommergäste. Der Professor nickte
+freundlich wie im vorigen Jahre und fand, es sei alles »schön« wie
+früher, besonders daß man Hochzeit halte. Glücklicher Weise war Ida
+nicht dabei. Sie hatte im April den Dienst verlassen und sollte sich
+bald verheiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend;
+auch hatte Carlsson zu viel Eisen im Feuer, um sich mit ihr
+einzulassen; zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt
+war, es zu verlieren.
+
+Am Mittsommertag wurden die Verlobten aufgeboten, und die Hochzeit
+sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden; dann war immer eine
+kleine Ruhepause in der Arbeit, sowohl zu Lande wie zu Wasser.
+
+Nach dem Aufgebot machte sich eine Änderung in Carlssons Wesen
+bemerkbar, die nicht gerade angenehm war; Frau Flod war die erste, die
+sie zu empfinden hatte. Nach der Sitte des Landes hatten sie seit der
+Verlobung wie verheiratete Leute gelebt; und der Bräutigam, den der
+Aufschub bedrohte, wußte sein Benehmen immer nach den zwingenden
+Umständen einzurichten. Als die Gefahr aber vorüber war, trug er den
+Kopf hoch und zeigte die Klauen.
+
+Das machte jedoch auf Frau Flod, die sich ebenfalls sicher fühlte,
+keinen andern Eindruck, als daß sie die Zähne zeigte, so viel sie noch
+hatte. So gerieten sie am Tage des dritten Aufgebots an einander.
+
+Die ganze Bevölkerung der Insel außer Lotte war nach der Kirche
+gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gewöhnlich hatte man das
+kleinste Boot genommen, um, falls man rudern mußte, so wenig Mühe wie
+möglich damit zu haben. Es war also eng im Boot, zumal man Proviant,
+Fische für den Pastor und Lichter für den Küster mitführte; außerdem
+hatte man alle möglichen Kleidungsstücke zum Wechseln mitgenommen;
+ganz abgesehen von Segel und Rudern, Schöpfgefäßen und Eimern,
+Schemeln und Tritten.
+
+Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Frühstück gegessen; hatte
+einander aus Krügen und Flaschen zugetrunken. Heiß war es auch auf
+See, und niemand wollte rudern; ein kleiner Streit brach unter den
+Männern aus, von denen keiner Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu
+kommen. Die Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht
+kam und die Glocken hörte, die man seit Jahr und Tag nicht vernommen,
+wurde der Zwist beigelegt.
+
+Es läutete erst zum ersten Male; man hatte also noch viel Zeit. Frau
+Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre hinauf.
+
+Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune.
+
+-- Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hemsöer kommen, grüßte
+er und prüfte das Messer am Zeigefinger. Kommen die Leute mit Fischen,
+als hätte man die See nicht vor der Tür, schnauzte er.
+
+Carlsson, der die Fische trug, konnte in die Küche gehen, um sich
+einen Schnaps geben zu lassen.
+
+Dann ging man mit den Lichtern zum Küster; und dort gab es auch einen
+Schnaps.
+
+Schließlich trafen sich alle vor der Kirche, sahen sich die Pferde der
+Großbauern an, lasen die Grabsteine und begrüßten Bekannte. Frau Flod
+machte dem Grabe Flods einen kurzen Besuch, während Carlsson bei Seite
+ging.
+
+Als es zum letzten Male geläutet hatte, trat die Gemeinde in die
+Kirche ein.
+
+Da die Hemsöer, nachdem die alte Kirche verbrannt war, keinen eigenen
+Kirchenstuhl hatten, mußten sie auf dem Gange stehen. Heiß war es, und
+fremd fühlten sie sich in dem großen Raume; aus reiner Verlegenheit
+schwitzten sie; sie sahen aus wie eine Bande aus der Besserungsanstalt,
+die am Pranger stand.
+
+Die Uhr wurde elf, ehe man zum Kanzellied kam; die Hemsöer hatten
+einige zwanzig Male die Beine umgestellt und die Füße gewechselt. Die
+Sonne schien so heiß in die Kirche, daß der Schweiß ihnen von den
+Stirnen perlte; aber sie standen wie in einer Zange und konnten sich
+nicht nach einem schattigen Fleck retten.
+
+Da kommt der Kirchendiener und setzt Nummer 158 des Gesangbuches an.
+Die Orgel spielt ein Vorspiel und der Küster beginnt mit der ersten
+Strophe. Die wird mit Lust und Liebe gesungen, da man unmittelbar nach
+ihr die Predigt erwartete. Aber siehe, es kommt Strophe zwei und drei.
+
+-- Es kann doch nicht sein Ernst sein, alle achtzehn durchzunehmen?
+flüsterte Rundqvist Norman zu.
+
+Aber es war Ernst! In der Tür zur Sakristei war Pastor Nordströms
+zorniges Gesicht zu sehen, das die Gemeinde trotzig und herausfordernd
+anblickte; er hatte beschlossen, ihr eine gehörige Lehre zu geben, da
+er sie ein Mal unter den Händen hatte.
+
+Und alle achtzehn Strophen wurden gesungen; die Uhr war halb zwölf,
+als der Pastor endlich auf die Kanzel kam. Da aber waren sie weich, so
+weich, daß sie auf ihr Angesicht niederfielen und einschliefen.
+
+Lange dauerte jedoch der Schlaf nicht, denn eins, zwei, drei schrie
+der Pastor sie an, daß die Schlummernden auffuhren, die Köpfe in die
+Höhe warfen und den Nachbar dumm anstarrten, als fragten sie, ob Feuer
+ausgebrochen sei.
+
+Carlsson und die Alte hatten sich so weit vorgedrängt, daß ein
+Rückzug nach der Tür unmöglich war, ohne Aufsehen zu erregen. Die Alte
+weinte aus Müdigkeit und infolge ihrer engen Stiefel, die um so ärger
+drückten, je höher die Wärme stieg. Zuweilen warf sie ihrem Bräutigam
+einen bittenden Blick zu, als flehe sie ihn an, sie an die See
+hinunter zu tragen; der aber war so in den Gottesdienst vertieft, wie
+er da in Flods weiten roßledernen Stiefeln stand, daß er die
+Ungeduldige nur mit bösen Blicken strafte.
+
+Die andern dagegen waren achteraus gesackt und unter die Orgelempore
+gekommen; dort war es kühl und man hatte etwas Schatten. Dort
+entdeckte Gustav auch die Feuerspritze, ließ sich darauf nieder und
+nahm Clara auf den Schoß.
+
+Rundqvist lehnte sich an einen Pfeiler und Norman stand neben ihm, als
+die Predigt begann.
+
+Es waren »Worte und keine Lieder«, scharfe Worte, und sie dauerten
+sechs Viertelstunden. Der Text handelte von den klugen und törichten
+Jungfrauen; da keiner von den Mannsleuten den auf sich bezog, schlief
+die ganze Gesellschaft; schlief sitzend, hängend, stehend.
+
+Als eine halbe Stunde vergangen war, stieß Norman Rundqvist, der sich
+die Stirn mit der Hand hielt, als sei ihm nicht wohl, in die Rippen
+und zeigte mit dem Daumen nach Clara und Gustav auf der Feuerspritze.
+Rundqvist drehte sich behutsam zur Seite, sperrte die Augen auf, als
+sehe er den Bösen selber; schüttelte den Kopf und lächelte, als habe
+er verstanden. Clara hatte nämlich die Augen geschlossen und ließ die
+Zunge hängen, als schliefe sie in schmerzlichen Träumen; Gustav aber
+starrte unverwandt Pastor Nordström an, als wolle er jedes Wort
+aufessen und strenge sich an, das Stundenglas rinnen zu hören.
+
+-- Aber die sind ja toll, flüsterte Rundqvist, ging langsam und
+vorsichtig rückwärts, behutsam mit den Fersen tappend, um nicht heftig
+gegen die Ziegelsteine zu stoßen.
+
+Norman aber hatte Rundqvists Gedanken schon gelesen: schnell wie ein
+Aal war er zum Kirchhof hinaus geschlüpft. Dorthin folgte Rundqvist
+ihm bald. Beide eilten dann zusammen nach dem Boot hinunter.
+
+Draußen wehte ein kühler Seewind, und die hastig eingenommenen
+Erfrischungen setzten ihre Kräfte bald wieder in Stand. Leise, wie sie
+gekommen, kehrten sie wieder in die Kirche zurück.
+
+Dort war Clara in des schlafenden Gustavs Armen entschlummert; die
+umfaßten sie aber so hoch oben, daß Rundqvist sie etwas
+hinunterschieben zu müssen glaubte. Dabei erwachte Gustav jedoch und
+umfaßte seinen Raub von neuem, als habe jemand ihm das Mädchen nehmen
+wollen.
+
+Eine halbe Stunde dauerte noch die Predigt; und dann ging noch eine
+halbe darauf mit dem Kirchenliede, ehe das Abendmahl begann.
+
+Unter starker Erregung wurden die Gnadenmittel genommen. Rundqvist
+weinte.
+
+Als die feierliche Handlung zu Ende war, wollte sich Frau Flod in
+einen Kirchenstuhl drängen. Dabei wäre es beinahe zu einem Streit
+gekommen, und sie wurde aus dem Stuhl wieder hinausgewiesen. So
+brachte sie die letzte halbe Stunde hinter dem Stuhl des
+Kirchenvorstehers zu, auf den Hacken stehend, als verbrennten die
+Ziegelsteine ihr die Sohlen. Wie der Pastor das Aufgebot vorlas, wurde
+sie ganz wild, weil die Leute sie ansahen.
+
+Endlich war alles aus, und man stürzte nach dem Boot hinunter. Frau
+Flod konnte nicht mehr warten, sondern zog, sobald sie die
+Glückwünsche vor der Kirche empfangen, ihre Schuhe aus und trug sie
+hinunter zum Boot. Dort steckte sie die Füße ins Wasser und schalt
+Carlsson aus.
+
+Dann machte man sich über den Mundvorrat her. Als man entdeckte, daß
+die Pfannkuchen fehlten, wurde Lärm geschlagen. Rundqvist hielt es für
+wahrscheinlich, daß sie vergessen waren; Norman meinte, jemand habe
+sie auf dem Hinweg aufgezehrt; dabei warf er einen argwöhnischen Blick
+auf Carlsson.
+
+Schließlich stieg man ins Boot. Da aber erinnerte sich Carlsson, daß
+er ein Faß Teer aus dem Kirchenschuppen abzuholen habe. Das gab einen
+Sturm. Die Frauen schrien, sie wollten keinen Teer im Boot haben; um
+keinen Preis, da sie neue Kleider anhätten. Doch Carlsson holte die
+Teertonne und verstaute sie.
+
+Da entstand wieder ein Leben über die Frage, wer neben dem
+gefährlichen Gefäß sitzen sollte.
+
+-- Worauf soll man denn sitzen? jammerte Frau Flod.
+
+-- Nimm die Röcke hoch und setz dich auf den Hintern, antwortete
+Carlsson, der sich jetzt, nachdem er aufgeboten war, sehr viel mehr zu
+Hause fühlte.
+
+-- Was sagst du? zischte die Alte.
+
+-- Ja, das sage ich: setz dich ins Boot, damit wir fortkommen!
+
+-- Wer hat den Befehl auf See, möchte ich wissen? fiel Gustav ein, der
+fand, daß man seiner Ehre zu nahe trat.
+
+Und Gustav setzte sich ans Steuer, ließ aufhissen und nahm die Schot
+in die Hand.
+
+Das Boot war tief beladen, der Wind war äußerst schwach, die Sonne
+brannte heiß und die Köpfe befanden sich in Gärung. Das Boot kroch
+dahin »wie eine Laus auf geteerter Birkenrinde«, und es half nicht,
+daß die Mannsleute einen Segelschnaps nahmen.
+
+Die Geduld verging ihnen bald und das Schweigen, das eine Weile
+geherrscht hatte, wurde von Carlsson unterbrochen, der die Segel
+reffen und rudern wollte. Das wollte Gustav aber nicht:
+
+-- Wartet nur! Sobald man aus den Kobben heraus ist, kann man schon
+segeln, meinte er.
+
+Und man wartete. Schon war draußen im Gatt zwischen den Inseln ein
+dunkelblauer Streifen zu sehen, und man hörte die See gegen die
+äußeren Schären branden. Ein starker östlicher Wind war im Anzuge, und
+Leben kam in die Segel. Gerade als man um eine Landzunge bog, kam
+solcher Wind, daß sich das Boot legte, wieder hoch hob und dahin
+schoß, daß es hinter ihm gurgelte.
+
+Jetzt mußte die ganze Gesellschaft einen Schnaps nehmen. Alle lebten
+auf, als das Boot guten Gang machte.
+
+Dann aber frischte der Wind auf; das Boot lag leewärts unter Wasser,
+wurde aber vom Wind durchgedrückt.
+
+Carlsson ward bange, hielt sich an den Tauen fest und bat, man solle
+reffen und zu den Riemen greifen.
+
+Gustav antwortete nicht, sondern holte die Schot an, daß Wasser ins
+Boot kam.
+
+Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder auslegen. Aber
+die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn nieder.
+
+-- Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie.
+
+Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war weiß. Aber er saß
+nicht lange, als er auffuhr und, ganz außer sich, den Rockschoß
+aufhob.
+
+-- Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit dem
+Rockschoß.
+
+-- Was leckt? fragten alle auf einmal.
+
+-- Das Teerfaß!
+
+-- Herr Jesus! riefen alle und rückten von dem Teerfluß fort, der allen
+Bewegungen des Bootes folgte.
+
+-- Sitzt still im Boot, brüllte Gustav; sonst segle ich euch um!
+
+Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise kam.
+Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz und gab ihm
+eine Maulschelle, daß er niederstürzte.
+
+Eine Schlägerei stand bevor. Frau Flod geriet außer sich und schritt
+ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und schüttelte ihn.
+
+-- Was ist das für ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat? Weißt du
+nicht, daß man im Boot still sitzen muß?
+
+Carlsson wurde böse, riß sich los, verlor aber ein Stück vom
+Rockkragen.
+
+-- Reißt du meine Kleider kaputt, Weibstück! schrie er und
+setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu schützen.
+
+-- Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider? Von wem hast du
+denn den Rock? Weibstück für solch einen Laichhering, der nichts hat ...
+
+-- Schweig, brüllte Carlsson, in seinem empfindlichsten Punkt
+getroffen; sonst antworte ich!
+
+-- Antworte nur; ich werde schon zurückgeben, meinte Frau Flod.
+
+-- Ja, ich könnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem Brett,
+der gut ist auf frischem.
+
+Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen Schottischen an;
+in den fielen Norman und Rundqvist ein. Das giftige Gespräch flaute
+ab, um auf den gemeinsamen Feind überzugehen, den Pastor Nordström,
+der sie fünf Stunden hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen
+lassen.
+
+Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichmäßiger, die
+Gemüter beruhigten sich. Die beste Stimmung herrschte, als das Boot in
+die Bucht einfuhr und an der Brücke anlegte.
+
+ * * * * *
+
+Die Vorbereitungen für die Hochzeit, die drei Tage dauern sollte,
+nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und eine Kuh; kaufte
+hundert Kannen Branntwein; legte den Strömling in Salz und
+Lorbeerblätter; scheuerte, backte, braute, kochte, briet, mahlte
+Kaffee.
+
+Gustav ging während all dieser Zurüstungen mit einem geheimnisvollen
+Gesicht umher; ließ die Andern gewähren und äußerte keinerlei Ansicht.
+
+Carlsson dagegen saß meist vor der Klappe des Sekretärs und rechnete;
+fuhr nach dem Badeorte Dalarö; ordnete alles, wie er es haben wollte.
+
+Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen packte Gustav seine
+Tasche, nahm die Flinte und ging. Die Mutter erwachte und fragte,
+wohin er wolle. Gustav antwortete, er wolle hinausfahren, um
+nachzusehen, ob der Badefisch schon gekommen. Damit drückte er sich.
+
+Sein Boot hatte er mit Mundvorrat für mehrere Tage versehen; auch nahm
+er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und andere Sachen mit, die für
+einen Aufenthalt auf den Schären nötig waren.
+
+Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die Buchten
+einzubiegen, um nachzusehen, ob der Kühlung auf die warmen sandigen
+seichten Ufer zum »baden« hinauf gezogen sei, hielt er geradewegs
+zwischen die Kobben hindurch.
+
+Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel blauweiß wie
+abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Schären, Kobben, Riffe lagen so weich
+und schmelzend im Wasser, daß man nicht sagen konnte, ob sie der Erde
+oder dem Himmel angehörten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen,
+und auf den Landzungen lagen Sägergänse, Trauerenten, Taucher, Möwen.
+Nach dem offenen Meer zu waren nur Meerkiefern zu sehen, und Teiste,
+Alke, schwarze, papageiähnliche, schwärmten frech um das Boot, um den
+Jäger von den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten.
+
+Schließlich wurden die Schären niedriger, nackter; und hier draußen
+war nur eine vereinzelte Kiefer übrig gelassen, um den Nistkasten zu
+tragen, in dem man Eider und Sägergänse ihre Eier legen ließ; oder
+eine Eberesche, über deren Krone eine Wolke von Mücken sich im Winde
+schaukelte. Dahinter lag das offene Meer. Dort hielt die Raubmöwe ihre
+Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, Möwen und Blaumänteln. Dorthin lenkte
+der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht eine liegende
+Eiderente zu packen.
+
+Dorthin, nach der letzten Schäre, steuerte jetzt Gustav, an der
+Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer lauen südlichen
+Brise ließ er sich schleppen; gegen neun ging er auf der Schäre
+Norsten an Land.
+
+Es war eine felsige Insel, einige Morgen groß, mit einer Talmulde in
+der Mitte. Einige kahlköpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen;
+auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in
+den Klüften; und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus
+Heidekraut, Krähenbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten
+angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbüsche lagen wie
+platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Nägeln
+festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden.
+
+Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wußte, welchen
+Wachholderbusch er heben mußte, um die brütende Eider zu finden, die
+sich den Rücken streicheln ließ und ihn ins Hosenbein biß. Er steckte
+seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen
+den Hals umzudrehen, da er sie zum Frühstück haben wollte.
+
+Hier draußen fischten die Hemsöer ihre Strömlinge. Hier hatten sie
+zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen Schuppen gebaut,
+in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch
+Gustav seine Schritte, nahm den Schlüssel von seinem gewöhnlichen Ort
+unterm Dachbart und trug seine Gerätschaften hinein. Der Schuppen
+bestand nur aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die
+fachförmig übereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch,
+einen Dreifuß zum Sitzen.
+
+Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach
+hinauf, um die Schornsteinluke zu öffnen. Als er wieder herunter kam,
+holte er die Streichhölzchen von ihrem Platze unter einem Balken und
+machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem
+Brauch, einen Arm voll Brennholz für seinen Nachfolger zurecht gelegt.
+Dann setzte er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene
+Fische über die Kartoffeln. Während er wartete, rauchte er eine
+Pfeife.
+
+Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum
+Boot hinunter, wo er die Lockvögel hatte. Ruderte die hinaus und
+verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schießkoje, die
+aus Steinen und Reisig gebaut war.
+
+Die Lockvögel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen,
+aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er
+ermüdete. Trieb sich auf den Sandsteinen umher, um eine Otter
+aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester
+zwischen glänzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer.
+
+Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu bekommen; er
+trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben; um nicht daheim sein zu
+müssen; es machte ihm Vergnügen, sich hier draußen herumzutreiben, wo
+niemand ihn sah, niemand ihn hörte.
+
+Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief.
+
+Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glück
+auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill, und er sah,
+wie sich das Land gleich dünnem Rauch in der goldenen Straße der
+sinkenden Sonne streckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen
+Nacht, und er hörte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die
+Seehunde badeten in gehöriger Entfernung, steckten ihre Schwachköpfe
+aus dem Wasser, blökten, pusteten und tauchten wieder unter.
+
+Der Dorsch biß wirklich; es gelang Gustav einige Weißbäuche
+heraufzuholen, die mit ihrem großen aber ungefährlichen Schlund nach
+Wasser schnappten und mit ihren Augen in die Sonne blinzelten, als sie
+aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt wurden und über die Reling ins
+Boot sprangen.
+
+Gustav hatte auf der nördlichen Seite der Schäre gehalten; als es aber
+schnell Abend wurde und er wendete, um zurückzufahren, merkte er erst,
+daß der Schornstein des Schuppens rauchte. Sich fragend, wer das sein
+könne, machte er, daß er so schnell wie möglich hin kam.
+
+-- Bist du's? hörte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors.
+
+-- Nein, Sie sind's, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt, als er den
+Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten sah. Sind Sie
+allein draußen?
+
+-- Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der
+Südseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen. Aber warum
+bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rüsten?
+
+-- Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav.
+
+-- Ach Geschwätz, warum solltest du sie nicht mitmachen?
+
+Gustav erklärte, so gut er konnte, seine Gründe; aus denen ging
+hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das ihn anwiderte;
+zweitens wollte er den brandmarken, der sein Gegner war.
+
+-- Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht schade um
+sie, so bloßgestellt zu werden?
+
+-- Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist eher schade um
+mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht
+erben, solange er darauf sitzt.
+
+-- Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ändern; vielleicht aber
+kann man später ein Mal etwas dabei machen. Jetzt mußt du morgen ganz
+früh dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mußt du jedenfalls
+mitmachen!
+
+-- Daraus wird nichts, da ich's mir einmal in den Kopf gesetzt habe,
+versicherte Gustav.
+
+Der Pastor ließ den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seinen
+Hering zu essen.
+
+-- Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von neuem. Siehst du,
+meine Alte schließt alles Starke ein, und ich kriege so früh nichts.
+
+Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehörigen Schluck.
+Darauf wurde er gesprächig und schwatzte alles mögliche über die
+Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die äußeren wie die innern.
+
+Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen
+und die Dämmerung sich wie ein melonenfarbiger Nebel über Kobben und
+Wasser legen. Die Möwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die
+Krähen zogen nach den innern Schären, um in den Wäldern Nachtquartier
+zu suchen.
+
+Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mußten die Mücken aus dem
+Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tür geschlossen und
+der Raum mit »Schwarzem Anker« vollgeraucht; darauf wurde die Tür
+wieder geöffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen.
+
+Die beiden Fischer warfen die Röcke ab und kletterten in ihre Kojen.
+
+-- Jetzt mußt du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte der Pastor,
+der schon sein gehöriges Teil erhalten hatte.
+
+Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte Ölung. Dann wollte man
+schlafen.
+
+Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen
+Tageslicht brach durch die undichten Wände. Doch in der schlechten
+Beleuchtung fanden einzelne Mücken ihren Weg zu den Schläfrigen, die
+sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Quälgeistern zu
+entgehen.
+
+-- Nein, das ist doch toll! stöhnte schließlich der Pastor. Schläfst
+du, Gustav?
+
+-- Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber
+womit soll man sich die Zeit vertreiben?
+
+-- Wir müssen wohl aufstehen und wieder Feuer anzünden; einen andern
+Rat weiß ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten hätten, könnten wir
+eine Mariage machen. Du hast wohl keins?
+
+-- Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarnöer ihres
+haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die
+letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas
+abgegriffen war.
+
+Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig auf den Herd
+und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte den Kaffeekessel auf
+und zog eine Strömlingstrommel herbei; die wurde zwischen die Knie
+gestellt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an.
+Bald tanzten die Karten.
+
+Die Stunden vergingen.
+
+-- Drei frische, passe, Trumpf, war zu hören; dazwischen ein Fluch,
+wenn eine Mücke unversehens ihren Schröpfkopf auf Nacken und Knöchel
+der Spieler ansetzte.
+
+-- Hör mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken anderswo
+als bei Karten und Mücken gehabt zu haben schien, schließlich das
+Spiel, könntest du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der
+Hochzeit fern zu bleiben? Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten
+aus dem Weg gehst! Willst du ihn ärgern, so weiß ich bessern Rat.
+
+-- Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es allerdings leid
+tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem väterlichen
+Erbe genommen wurde.
+
+-- Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung, heim; sag, du
+seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann
+nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn
+betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt; auch sorgen wir dafür,
+daß die Burschen ihren Spaß mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht
+genug?
+
+Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein
+auf der Schäre zu hausen, um nachts von den Mücken aufgefressen zu
+werden, machte ihn weich; zumal er sich wirklich danach sehnte, all
+die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken
+zu lassen.
+
+Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszuführen sei,
+und Gustav erklärte sich bereit, bei der Ausführung mitzuwirken.
+
+Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schließlich in
+ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die Türspalten drang und
+die Mücken ihres nächtlichen Tanzes müde geworden waren.
+
+ * * * * *
+
+Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern
+gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten
+habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine
+Teufelei im Werke. Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll,
+erstens, weil der die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte;
+zweitens, weil der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung
+zeigte. Carlsson hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn
+geschmiert, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm
+der Pastor immer seinen breiten Rücken zu; hörte nie auf das, was er
+sagte; erzählte immer Geschichten, die sich sehr wohl auf den
+vorliegenden Fall anwenden ließen.
+
+Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren Anschlag gegen
+ihn ausführen würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen
+begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf
+Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö
+angestellt; dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und
+dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig
+gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem
+Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hieß der Bootsmann, war
+nämlich vom Pastor nicht konfirmiert worden, weil er Mädchen
+nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres hatte ihm
+Schwierigkeiten bei der Marine gemacht.
+
+Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben ihren
+Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts
+Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen; was dann weiter zu tun
+war, würden die Umstände schon ergeben.
+
+Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte
+entscheiden, welche die wirksamere war.
+
+Der Hochzeitstag brach an.
+
+Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen
+Vorbereitungen.
+
+Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Wasserverbindungen
+niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand; verdutzt strichen
+die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.
+
+Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln
+umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die
+Leuchter zu stecken.
+
+Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen
+und hinter einer Ecke aufgestellt worden, daß es aussah, als sei
+Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte
+man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher
+geliehen. Über der Haustür hingen Kranz und Krone aus Preißelbeerreis
+und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche.
+
+In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den
+stärksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen: Carlsson
+liebte starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen
+durch das seifengrüne Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie
+Kohlenfeuer; die silberähnlichen Zinnkapseln, welche die Korke
+bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke.
+
+Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften,
+als ständen sie vor einem Ladenfenster; sie fühlten den Vorgeschmack
+eines angenehmen Kratzens im Schlunde.
+
+Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen; wie grobe
+Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt Branntwein, das
+andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen, Kugelpyramiden gleich,
+zweihundert Bierflaschen.
+
+Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann Rapp ging
+umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher am Bauchriemen, das
+Kriegsgerät ordnend, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die
+Fässer mit Fichtenreisern verziert, sie angestochen und mit
+Metallhähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen
+Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu
+lassen, daß sich etwas in ihnen befand.
+
+In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen
+Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit halber ohne
+Seitengewehr, flößte er den Bauernburschen großen Respekt ein. Außer
+seiner Befassung als Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu
+halten, Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägereien
+einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie
+ihn; das war aber nur Neid; sie hätten so gern die Uniform angezogen
+und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tauende und die launischen
+Kanoniere gefürchtet hätten.
+
+In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herde, und
+zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden
+mit dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern
+aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und
+Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit
+Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war.
+
+Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den
+Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Clara.
+
+Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den
+Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten
+sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern strichen in Scharen um
+den Hof.
+
+Ein glücklicher Zufall hatte es gefügt, daß des Professors Frau und
+Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage hatten reisen müssen, und nur
+der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung
+angenommen, gab auch seinen großen Saal für die feierliche Handlung
+her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und
+Abendschmaus. Da waren lange Bretter auf Böcke und Fässer gelegt, um
+Tische und Bänke zu bilden; die Tische waren bereits mit Decken
+versehen und mit Kaffeetassen gedeckt.
+
+Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen.
+Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke,
+hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spöttische
+Anmerkungen zu erheitern.
+
+Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu
+donnern, hauptsächlich mit Dynamitpatronen; er hielt sich hinter der
+Hausecke und übte sich in kleinerem Maßstabe mit einem Terzerol. Dafür
+hatte er aber seine Harmonika hergeben müssen; die war heute in Acht
+und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, den
+Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr war sehr
+empfindlich, wenn man in seine Kunst griff.
+
+Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune, bereit,
+mit dem Brautpaar zu spaßen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von
+Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen.
+
+-- Nun, müssen wir auch gleich taufen? grüßte Pastor Nordström.
+
+-- Nein, potztausend, so eilig ist's denn doch nicht! antwortete der
+Bräutigam, ohne verlegen zu werden.
+
+-- Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor, während die
+Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf einer Hochzeit getraut und
+getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sich es leisten
+konnten. Im Ernst, wie steht's mit der Braut?
+
+-- Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wann es
+los geht, antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz
+anwies, zwischen der Mutter des Kirchenvorstehers und der Witwe von
+Owassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt.
+
+Der Professor kam, in Frack und weißer Binde, mit schwarzem hohen Hut.
+Der Pastor nahm ihn sofort als ebenbürtige Standesperson in Anspruch
+und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und
+Ohren belauschten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor
+sei ein grundgelehrter Mann.
+
+Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit; man suche nur
+Gustav noch, um anfangen zu können.
+
+-- Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte es bis zur
+Scheune.
+
+Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen.
+
+-- Oh, ich weiß es wohl, wo er ist, erklärte Carlsson.
+
+-- Wo kann er denn sein? höhnte Pastor Nordström so, daß Carlsson es
+merkte.
+
+-- Man hat ihn draußen auf Norsten gesehen, hat ein Vogel gezwitschert;
+und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum trinken verführte!
+
+-- Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck,
+auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist jedenfalls unrecht von
+ihm, sich nicht zu Hause zu halten, wo er so gute Vorbilder und so
+treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder
+sollen wir warten?
+
+Die Braut ward gehört. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie
+doch, daß man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde.
+
+So begann man aufzubrechen, während hinten auf den Bergfelsen der
+Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog
+den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor führte die
+Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weißen Schleier
+mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnürt; was verborgen werden
+sollte, wurde um so sichtbarer.
+
+So zog man in den Saal des Professors hinauf, während die Geige
+knirschte und die Schüsse knallten.
+
+Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um
+nach dem verlorenen Sohn zu spähen; als sie zur Tür hinein sollte,
+mußte der Pastor sie schleppen, während sie die Augen hinten hatte.
+
+Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gäste rings an den
+Wänden auf, als bildeten sie die Wache für eine Hinrichtung. Das
+Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Stühlen Platz, die mit einem
+brüsseler Teppich bedeckt waren.
+
+Der Pastor hatte das Buch genommen, befühlte seinen Kragen und wollte
+sich gerade räuspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte.
+
+-- Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl!
+
+Es wurde fast ganz still im Zimmer; man hörte nur das Knarren von
+Stiefeln und das Knittern gestärkter Hemden; nach einigen Augenblicken
+hörte das auf, man sah einander an, wurde verlegen, hustete; dann ward
+es wieder still. Schließlich sagte der Pastor, an dem aller Blicke
+hingen:
+
+-- Jetzt beginnen wir; länger können wir nicht warten! Ist er noch
+nicht gekommen, so kommt er auch nicht.
+
+Dann begann er:
+
+-- Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet ...
+
+Eine gute Weile war vergangen, die älteren Frauen rochen an ihrem
+Lavendel und weinten, als plötzlich ein Knall vom Hofe zu hören war
+und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf,
+ließ sich aber nicht weiter stören; nur Carlsson rührte sich etwas
+unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff!
+puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an
+der Tür standen, fingen an zu kichern.
+
+Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Bräutigam:
+
+-- Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich
+dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau
+haben und sie in Lust und Leid lieben willst?
+
+An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkörke,
+Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz toll zu bellen.
+
+-- Wer zieht denn da draußen Flaschen auf und stört den heiligen Akt?
+brüllte Pastor Nordström wütend.
+
+-- Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson heraus, der seine
+Neugier und Unruhe nicht länger zurückhalten konnte. Macht Rapp diesen
+Spektakel?
+
+-- Was soll ich machen, rief Rapp, der in der Tür stand und sich von
+der Zumutung verletzt fühlte.
+
+Puff! puff! puff! knallte es unaufhörlich.
+
+-- Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach, was los ist, damit
+nicht noch ein Unglück geschieht, schrie der Pastor; nachher fahren
+wir fort.
+
+Einige Hochzeitsgäste stürzten hinaus, andere drängten sich an die
+Fenster.
+
+-- Das ist das Bier! schrie jemand.
+
+-- Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor.
+
+-- Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen!
+
+Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen und knallten
+und brausten, daß der Schaum auf die Erde rann.
+
+Die Braut war über die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung
+erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der Bräutigam wurde gescholten,
+weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte; beinahe wäre er in
+eine Schlägerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld
+schieben wollte. Der Pastor war zornig, daß die heilige Handlung von
+den Flaschen gestört worden. Draußen aber standen die Jungen und
+tranken die Reste aus den Flaschenböden; während ihrer Rettungsarbeit
+bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke
+heraus gesprungen waren.
+
+Als sich schließlich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von
+neuem im Saal, allerdings nicht mehr so andächtig wie vorher. Nachdem
+der Pastor die Frage an den Bräutigam wiederholt hatte, wurde die
+heilige Handlung zu Ende geführt, ohne daß sie von etwas Anderm
+unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu
+unterdrücken vermochten.
+
+Die Glückwünsche regneten auf die Neuvermählten nieder; und so schnell
+man konnte, verließ man den Saal, der nach Schweiß, Tränen, feuchten
+Strümpfen, Lavendel und welken Blumensträußen roch.
+
+Eilig ging's an den Kaffeetisch.
+
+Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber die Braut
+hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mußte hierhin und dorthin
+eilen, um nach den Zurüstungen zu sehen.
+
+Die Sonne schien glänzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen
+plauderte und lachte man. Der Branntwein floß in die Kaffeetöpfe, als
+die zweite Tasse kam, in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch
+oben am Kopfende beim Bräutigam wurde Punsch geboten; weder Bauern
+noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getränk, das man sich
+nicht alle Tage leistete, und der Pastor ließ sich's aus seinem
+Kaffeetopf wohl bekommen.
+
+Heute war er ungewöhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm
+unaufhörlich zu, rühmte ihn und zeigte ihm die größte Aufmerksamkeit.
+Doch vergaß er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr
+Vergnügen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber
+es war nicht leicht, ihn im Gespräch zu finden, da Musik nicht die
+starke Seite des Pastors war und der Professor aus Höflichkeit das
+Gespräch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem dieser
+gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer verstand, konnte
+der eine dem andern auch nicht näher kommen. Überhaupt sprach der
+Professor, der gewohnt war, seinen Gefühlen in Musik Luft zu machen,
+nicht viel.
+
+-- Sind viel Leute in der Kirche? fragte er.
+
+-- Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl ist. Werden
+wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor? fragte der Pastor.
+
+-- Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht.
+
+-- Können nicht! Warum nicht?
+
+-- Ich muß den Ablaß ausspeien! antwortete der Professor und machte ein
+saures Gesicht.
+
+Pastor Nordström, der nicht verwöhnt war, fand, das war roh gesagt von
+einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm ab und fuhr fort, dem
+Bräutigam zuzusetzen.
+
+-- Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem hin. Was hast
+du denn gepredigt?
+
+-- Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson.
+
+-- Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr gehört, Burschen --
+damit wandte er sich an die Männer -- habt ihr von jenem Reiseprediger
+sprechen hören, der jetzt umherläuft und den Bauern zeigen will, wie
+man Kinder macht!
+
+-- Hahaha! lachten Männer und Burschen, während die Frauen sich
+abwandten und grinsten.
+
+-- Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen!
+
+-- Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist mit einer
+schurkisch unschuldigen Miene. Als wüßte man nicht, wie man auf der
+Tenne drischt, während man den Roggen draußen läßt.
+
+Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt
+dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe in seinem Mut
+gestärkt, wollte er mit dem Professor über Musik sprechen.
+
+-- Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, grüßte er und knipste an
+seiner Geige; wir haben ja gewissermaßen etwas gemeinsam, denn ich
+spiele auch, wenn auch nur auf meine Art.
+
+-- Geh zur Hölle, Schneider! Sei nicht unverschämt! wies ihn Carlsson
+ab.
+
+-- Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht's nichts an, Carlsson!
+Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus, und sagen Sie mir,
+ob die nicht gut ist; sie hat zehn Reichstaler gekostet.
+
+Der Professor knippste die Quinte, lächelt und sagte freundlich:
+
+-- Recht gut!
+
+-- Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort
+hören! Aber über Kunst sprechen mit diesen -- er wollte flüstern, aber
+die Stimmittel weigerten sich, zu nuancieren, und er schrie --
+Bauernlümmeln ...
+
+-- Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie man im Chor.
+
+-- Hör mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken: dann können wir
+nicht tanzen!
+
+-- Rapp, du mußt auf den Spielmann achten, daß er nicht mehr trinkt!
+
+-- Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht geizig, du
+Preller?
+
+-- Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor, sonst
+kriegst du Schläge.
+
+Aber der Spielmann wollte unbedingt über seine Kunst schwatzen; um
+seine Behauptung, daß die Geige vortrefflich sei, zu bekräftigen, fing
+er an zu quinkelieren.
+
+-- Hören Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bässe; die klingen ganz wie
+eine kleine Orgel ...
+
+-- Der Schneider soll das Maul halten! ...
+
+Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu.
+
+Da schrie jemand:
+
+-- Gustav ist da!
+
+-- Wo? Wo?
+
+Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen.
+
+-- Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor; aber nicht
+früher, als bis er drinnen ist, hörst du!
+
+Die Groggläser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die Kognakflaschen
+auf.
+
+-- Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend.
+
+Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll.
+
+Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzustoßen. Bald hatte
+der seinen ersten Grog geleert und mußte den zweiten bereiten.
+
+Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er betrachtet so
+genau, wie er kann, Carlssons Züge und sucht zu ergründen, ob der
+seine volle Ladung erhalten. Das Sehen aber fällt ihm schwer, darum
+beschränkt er sich darauf, mit ihm anzustoßen.
+
+Da kommt Clara und ruft:
+
+-- Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!
+
+-- Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen!
+
+Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte.
+
+-- Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor.
+
+-- Gustav natürlich!
+
+Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und holte Gustav.
+Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor ließ ihn mit einer Tasse
+Punsch und Hurrahrufen begrüßen.
+
+Dann stieß Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes:
+
+-- Glück auf!
+
+Carlsson wurde gefühlvoll und trank bis auf den Grund aus; erklärte,
+es sei ihm ein großes Vergnügen, ihn zu sehen, wenn er auch spät
+komme; und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu
+sehen, wenn er auch spät komme.
+
+-- Und glaube mir, schloß er, wer den alten Carlsson richtig zu nehmen
+versteht, der weiß auch, wo er ihn hat.
+
+Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson auf, ein Glas
+mit ihm zu trinken.
+
+Die Dämmerung kam, die Mücken tanzten, die Leute schwatzten, Gläser
+klangen, Lachen schallten. Hier und dort in den Büschen waren bereits
+kleine Notschreie zu hören, unterbrochen von Kichern und Hurrahen,
+Hallohen und Schüssen, während der Himmel des lauen Sommerabends
+erblaßte. Draußen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte die
+Wiesenknarre.
+
+Die Tische wurden abgeräumt; es sollte zum Abendbrot gedeckt werden.
+Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor geliehen, in die Äste
+der Eiche. Norman trug Haufen von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien
+und zapfte Dünnbier und Branntwein. Die Mädchen trugen Butter in
+Schobern herbei, Strömlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln,
+Fleischklöße in Hocken.
+
+Als alles fertig war, klatschte der Bräutigam in die Hände:
+
+-- Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein.
+
+-- Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen.
+
+Ohne den Pastor wollte niemand anfangen.
+
+-- Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht wirklich nicht,
+daß man ohne sie anfängt!
+
+Man rief und suchte, aber keine Antwort.
+
+In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde mit funkelnden
+Augen, bereit, sich auf das Essen zu stürzen; aber keine Hand rührte
+sich und das Schweigen wurde bedrückend.
+
+-- Vielleicht sitzt der Pastor im Häuschen! ertönte Rundqvists
+unschuldige Stimme.
+
+Ohne weiteren Aufschluß abzuwarten, ging Carlsson hinunter, um den
+geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener Tür saßen da
+Pastor und Professor, jeder seine Zeitung in der Hand, und waren in
+lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden
+und warf ein Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson
+aus Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer natürlichen
+Ausübung einer zwingenden Pflicht stören wollte.
+
+-- Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst du, mein
+Bruder -- er glaubte, sie hätten Brüderschaft getrunken -- _ein_ Mal in
+der Woche, das ist mein Regime. Nicht mehr, und nicht weniger.
+
+-- Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich ...
+
+-- _Ein Mal in der Woche_, sage ich, und nie mehr als einen Ritt! sagt
+Hufeland, und das ist mein Regime, siehst du, mein Bruder.
+
+Das Gespräch drohte langwierig zu werden, und Carlsson mußte
+einschreiten.
+
+-- Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbröte werden kalt!
+
+-- Bist du's, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen sofort!
+
+-- Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die Herren könnten
+sich wohl etwas beeilen!
+
+-- Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur!
+
+Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt, daß der Pastor
+»gerührt« war; er entfernte sich und beeilte sich, die Gesellschaft
+mit der Erklärung zu beruhigen, der Pastor mache sich bereit und werde
+gleich kommen.
+
+Einen Augenblick später irrte eine Laterne über den Hof und näherte
+sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende Schatten folgten.
+
+Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen Ende des Tisches
+sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb auf ihn zu, um dem
+peinlichen Warten ein Ende zu machen. Carlsson aber hatte etwas
+anderes im Sinn; indem er mit einem Messer an die Schüssel mit den
+Fleischklößen klopfte, schrie er mit lauter Stimme:
+
+-- Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte sagen!
+
+Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen, wo er
+zu Hause war; sah, daß er einen glänzenden Gegenstand in der Hand
+hatte; erinnerte sich, daß er bei seiner letzten Weihnachtsrede eine
+silberne Kanne in der Hand gehabt; hob die Laterne wie einen Pokal in
+die Höhe und sprach:
+
+-- Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu feiern.
+
+Er starrte Carlsson an, um etwas über Charakter und Zweck des Festes
+zu erfahren, denn er war bereits so vollständig abwesend, daß sich
+Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht verflüchtigt hatten. Aber Carlssons
+grinsendes Gesicht löste ihm das Rätsel nicht. Er starrte in die Luft,
+um irgend einen leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen
+Laternen in der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von
+einem riesengroßen Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden.
+
+-- Dieses frohe Fest des Lichtes, stieß er hervor, wenn die Sonne der
+Kälte weicht, und der Schnee -- er sah das weiße Tischtuch sich wie ein
+großes Schneefeld unendlich weit ausbreiten -- meine Freunde, wenn der
+erste Schnee sich wie eine Decke über den Schmutz des Herbstes legt
+... nein, ich glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir ...
+
+Er wandte sich fort und machte einen krummen Rücken.
+
+-- Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er will sich
+niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften!
+
+Man ließ sich das nicht zwei Male sagen, sondern stürzte auf die
+Schüsseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal überließ.
+
+Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum Nachtquartier
+angewiesen worden; um zu zeigen, daß er nüchtern war, lehnte er alle
+Angebote von Hilfe ab, indem er mit Schlägen drohte. Die Laterne an
+den Knien, zusammengefallen, als suche er Nadeln in dem tauigen Grase,
+steuerte er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der
+Gartentür strauchelte er und stieß so heftig gegen den Türpfosten, daß
+die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schloß sich die
+Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder; aber das Fenster
+mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer. Beim Weitergehen
+verspürte er das unangenehme Gefühl, daß die Knie seiner schwarzen
+Hosen bei jedem Schritt feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben
+schmerzten, als schlügen sie gegen Steine.
+
+Schließlich kriegt er etwas sehr Großes, Rundes und Feuchtes zu
+fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief Stecknadeln oder
+dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle oder ähnliches; da
+hört er das Brausen von Wasser und fühlt, daß er naß wird. Von der
+Furcht, in die See gegangen zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am
+Mast und findet in einem lichten Augenblick, daß er an einem
+Türpfosten steht; kommt mit einer Krängung in einen Flur; fühlt eine
+Treppenstufe an den Knien; hört eine Magd schreien: »Herr Jesus, das
+Dünnbier!«
+
+Von einem dunkeln bösen Gewissen getrieben, kriecht er die Treppe
+hinauf, stößt sich die Fingerknöchel an einem Schlüssel, kriegt eine
+Tür auf, die nach innen nachgibt; stürzt in eine Kammer hinein und
+sieht ein großes gemachtes Bett für zwei; hat soviel Kraft, die Decke
+aufzuschlagen; kriecht mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu
+verstecken, da man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben
+oder zu erlöschen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen
+nach Dünnbier!
+
+Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angezündet, aus
+der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch; saß Lende an
+Lende neben dem Professor und disputierte über Hufelands Kunst,
+hundert Jahre zu leben; und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein
+Licht, erlosch, starb, sank und wurde naß.
+
+Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt und mit
+Bier und Branntwein so stark befeuchtet, daß keiner an den Pastor
+dachte.
+
+Als man das Essen soweit verschlungen hatte, daß der Boden in Tellern
+und Schüsseln zu sehen war, ging man in die Stuga hinunter, um zu
+tanzen.
+
+Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer schicken; aber
+Carlsson überzeugte sie davon, daß der Pastor am liebsten Ruhe haben
+wolle; es sei nicht richtig, ihn zu stören. Und dabei blieb es.
+
+Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt, als er merkte,
+daß der überlistet war; er gab sich seinen Vergnügungen hin und vergaß
+allen Groll im Rausch.
+
+Der Tanz ging wie eine Mühle. Der Spielmann saß auf dem Herd und
+fiedelte. In den offnen Fenstern kühlten sich schwitzende Rücken an
+der Frische der Nacht. Draußen auf der Höhe saßen die Alten, rauchten,
+tranken und scherzten im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der
+durch die Scheiben der Küche fiel, und bei den Lichtern in der
+Tanzstube.
+
+Draußen aber auf Wiesen und Höhen wanderte Paar um Paar in dem tauigen
+Grase unter dem schwachen Schimmer des Sternenhimmels, um bei Heuduft
+und Heimchengezirp das Feuer zu löschen, das die Wärme des Hauses, der
+starke Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in ihnen
+entzündet hatten.
+
+Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im Osten zu
+lichten; die Sterne zogen sich zurück, und der große Wagen streckte
+die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten umgekippt. Die Enten
+schnatterten im Schilf. Die blanke Bucht spiegelte bereits die
+Zitronenfarben der Morgenröte wieder, zwischen den Schatten der
+dunkeln Erlen, die im Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis
+auf den Seegrund reichten.
+
+Das währte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken von der Küste
+auf und es wurde wieder Nacht.
+
+Da ertönte ein Geschrei in der Küche.
+
+-- Der Glühwein! Der Glühwein!
+
+In Zugordnung kamen die Männer mit einer Kasserolle, die von
+brennendem Branntwein flammte und einen blauen Schein um sich warf,
+während der Spielmann einen Marsch spielte.
+
+-- Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson, in der
+Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu können.
+
+Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der Zug setzte sich
+nach der Stuga des Professors in Bewegung. Mit mehr oder weniger
+sichern Schritten enterte man die Treppe.
+
+Der Schlüssel saß in der Kammertür und man stampfte hinein, nicht ohne
+eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben empfangen zu werden.
+Drinnen war es still, und bei dem blauen zitternden Scheine der
+Kasserolle sah man, daß das Bett unberührt und leer war.
+
+Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren Rückschlag erfaßte
+Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und machte der Ungewißheit
+und den Vermutungen mit der improvisierten Erklärung ein Ende: er
+erinnere sich jetzt, daß der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den
+Heuboden legen, um den Mücken zu entgehen.
+
+Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu nähern durfte, gab man die
+Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, um den Rückweg
+anzutreten, hinunter nach dem Hof, wo das Trankopfer dargebracht
+wurde.
+
+Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt. Dann nahm
+er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen Ahnungen mit.
+
+Ohne daß die Andern es merkten, schlichen die beiden Verschworenen die
+Treppe zur Brautkammer hinauf; einen Lichtstummel und Streichhölzchen
+hatten sie mitgenommen.
+
+Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen, daß sie
+beinahe auf den Rücken gefallen wären, wie sie später erzählten.
+
+Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine schlimmsten
+Erwartungen übertroffen.
+
+Auf dem weißen mit Hohlsaum genähten Kopfkissen lag ein zottiger Kopf,
+ähnlich dem eines nassen Hundes, dessen Mund weit offen stand.
+
+-- Potztausend, knirschte Carlsson, das hätte ich doch nicht gedacht,
+daß der Halunke sich wie ein Schwein betragen würde. Gott erbarme
+sich!
+
+Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu!
+
+-- Oh Jesus, nein! Pfui, pfui!
+
+Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im Zimmer!
+
+-- So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und auch die Stiefel hat
+er an, der Stänker!
+
+Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken fortschaffen,
+ohne daß die Leute etwas erfuhren, vor allem, ohne daß die Braut etwas
+merkte?
+
+-- Wir müssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erklärte Rapp.
+
+-- Nicht einmal mit einer Zange möchte ich ihn anfassen! versicherte
+Carlsson.
+
+-- Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in die See! Lösch
+nur das Licht, und dann nach der Scheune hinauf und die Geräte geholt!
+
+Die Tür wurde von draußen verschlossen und der Schlüssel
+herausgezogen. Dann schlichen die beiden Rächer auf einem Umwege nach
+der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und schwor:
+
+-- Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir ihn schon
+kriegen!
+
+Zufällig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten her da.
+Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block und Seil gefunden
+hatten, schleppten sie die Geräte auf Umwegen hinter die Stuga, bis an
+den Giebel unter das Fenster des Pastors.
+
+Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie mit einer
+Latte am First fest. Darauf splißte er einen Stropp, befestigte den
+Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch er in die Kammer, während
+Carlsson unten mit einem Bootshaken stand, um abzustoßen.
+
+Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet hatte, pustend und
+schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf herausstecken und hörte ihn
+leise den Befehl geben:
+
+-- Holen!
+
+Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer Körper draußen auf dem
+Fensterbrett.
+
+-- Hol steif! befahl Rapp.
+
+Carlsson holte an. Draußen auf dem Hebezeug baumelte jetzt der
+schlaffe Körper des Pastors, der sich unglaublich verlängerte, wie der
+eines Gehängten.
+
+-- Fieren! befahl Rapp wieder.
+
+Aber im selben Augenblick war ein Laut zu hören wie aus einem
+angestochenen Dünnbieranker, und als es klack! sagte, strömte es
+nieder über Carlssons Kopf und Schultern.
+
+-- Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Bräutigam, der fühlte,
+wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas Klebriges sich in
+die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der kleinen Kneifzange
+gekräuselt hatte.
+
+-- Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an!
+
+Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag der Pastor
+in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben.
+
+Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert, und eilte die
+Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun nach der Waschbrücke.
+
+Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los:
+
+-- Jetzt sollst du baden, du Halunke!
+
+Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil man Jahre lang das
+Eingeweide der Fische dorthin geworfen hatte. Rapp packte den Stropp,
+den er um den Leib des Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See.
+
+Da erwachte der Pastor und stieß einen Schrei aus, wie ein Ferkel beim
+Schlachten.
+
+-- Holen! befahl Rapp, der merkte, daß die Leute oben aufhorchten und
+schon herbeieilten.
+
+Carlsson aber legte sich auf die Knie und wälzte den Pastor im
+Schlamm; dann rieb er mit den Händen dessen schwarzen Anzug so ein,
+daß jede Spur von dem Unglück, das im Brautbett geschehen, vertilgt
+war.
+
+-- Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die herbeieilten.
+
+-- Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp und holte den
+schreienden Geistlichen.
+
+Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte den edelmütigen
+Retter und machte den mitleidigen Samariter, indem er frömmelte und
+wehklagte.
+
+-- Könnt ihr euch denken: ich komme ganz zufällig hierher, da höre ich
+etwas plätschern und quellen, daß ich glaube, es sei ein Seehund. Als
+ich näher kam, sehe ich, es ist unser lieber Herr Pastor. Herr Jesus,
+sage ich zum Bootsmann, ich glaube, das ist Pastor Nordström selbst,
+der dort liegt und mit den Flügeln schlägt. Und dann sagte ich zu
+Rapp: Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer
+Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen, fing er
+an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden. Und wie er aussieht!
+
+Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die Männer betrachteten
+ihren Hirten mit Verdruß, aber auch mit unausrodbarer Ehrerbietung;
+sie wollten ihn so schnell wie möglich fortschaffen.
+
+Aus zwei Paar Rudern wurde eine Bahre gemacht, auf die man den Pastor
+legte. Acht starke Schultern trugen ihn nach der Tenne hinauf, wo man
+ihn umkleiden wollte.
+
+Der Spielmann, der ganz betrunken war, glaubte, es handle sich um
+irgendeine Posse; er stieß zu ihnen und zog mit, während er Bellmans
+Trinklied »Macht Platz da, macht Platz da der Bahr des alten
+Schmidt!« fiedelte.
+
+Burschen kamen aus den Büschen hervor und gesellten sich dazu. Der
+Professor glaubte seine verlorene Jugend wiedergefunden zu haben,
+setzte sich an die Spitze und sang. Norman hatte seine Harmonika
+vorgeholt, da er seine musikalische Suada nicht unterdrücken konnte.
+
+-- Es stinkt arg! bemerkte der Professor, welcher der Dachtraufe von
+der Bahre zu nahe gekommen war, und die Männer hielten sich die Nase
+zu. Da rührte es sich oben, und über ihre Köpfe ergoß es sich von der
+Höhe.
+
+-- Er speit, er speit! schrie der Professor.
+
+-- Nehmt euch in Acht, er kotzt, er kotzt, warnte Carlsson, aber zu
+spät.
+
+Als sie aber auf den Hof kamen, stürzten die Frauen herbei; sobald die
+den Pastor in seiner traurigen Verfassung sahen, wurden sie von
+Mitleid ergriffen und erbarmten sich über den Bewußtlosen. Frau Flod
+holte eine Bettdecke, die sie, trotz Carlssons Warnungen, über den
+Jammer warf. Dann setzte man warmes Wasser auf und borgte vom
+Professor Wäsche und Anzug.
+
+Als man zur Tenne hinauf kam, wurde der Kranke, wie man ihn nannte --
+niemand hätte zugegeben, daß der Pastor betrunken sei -- auf trockenes
+Stroh gelegt.
+
+Rundqvist kam mit dem Schnäpper, um den Pastor zur Ader zu lassen,
+wurde aber fortgejagt. Da bat er, den Kranken wenigstens besprechen zu
+dürfen, denn er könne wassersüchtige Schafe besprechen. Er durfte sich
+aber durchaus nicht mit dem Geistlichen befassen, und auch kein
+anderer von den Mannsleuten.
+
+Carlsson aber schlich sich wieder in die Brautkammer hinauf, dieses
+Mal allein, um die Spuren seiner Demütigung zu verwischen. Als er die
+Verwüstung in dem beschmutzten Brautbett sah, überfiel ihn einen
+Augenblick Schwäche, ermüdet, wie er von den Arbeiten der letzten Tage
+und den Anstrengungen dieser Nacht war. Er dachte daran, wie anders es
+mit Ida gewesen wäre, wenn ihr Verhältnis zu Stande gekommen. Er trat
+ans Fenster und blickte lange und schwermütig über die Bucht.
+
+Die Wolken hatten sich zerstreut und die Nebel sammelten sich in
+weißem Flor über dem Wasser; die Sonne ging auf und strahlte in die
+Brautkammer hinein, beschien das bleiche Gesicht und die
+ausgewässerten Augen, die sich zusammen kniffen, als kämpften sie
+gegen hervorbrechende Tränen. Das Haar lag in feuchten Zotten auf der
+Stirn, das weiße Halstuch war befleckt, der Rock hing schlaff herunter
+und war bekotzt. Die Sonnenwärme ließ ihn erschauern; mit der Hand
+über die Stirn fahrend, wandte er sich ins Zimmer hinein, noch ein Mal
+das beschmutzte Bett betrachtend.
+
+-- Aber das ist doch ganz furchtbar! sagte er zu sich selbst, riß sich
+aus seiner Schlaffheit und fing an, die Bezüge von den Betten zu
+ziehen.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+ Veränderte Verhältnisse und veränderte Ansichten;
+ die Landwirtschaft geht zurück und der Grubenbau blüht
+
+
+Carlsson war nicht der Mann, unangenehme Empfindungen länger, als er
+wollte, auf sich einwirken zu lassen; sein Körper nahm die Schauer
+hin, schüttelte sich und ließ sie ablaufen. Seine Stellung als
+Hofbesitzer hatte er sich durch seine Tüchtigkeit und sein Wissen
+errungen; und daß Frau Flod ihn zum Manne nahm, war ebenso viel Gewinn
+für sie als für ihn, meinte er.
+
+Als aber der Hochzeitsrausch verflogen war, begann Carlsson weniger
+eifrig zu werden; er war ja nun sicher, sowohl durch die Heirat wie
+durch den Erben; denn in wenigen Monaten war das Kind zu erwarten. Den
+Gedanken, sich zu einem Herrn zu machen, hatte er aufgegeben; statt
+dessen rüstete er sich, Großbauer zu werden. Zog ein prächtiges
+wollenes Wams an, tat ein festes Schurzfell um, trug Wasserstiefel;
+brachte viel Zeit vor seinem Sekretär zu; das war sein Lieblingsplatz
+geworden. Las die Zeitung, schrieb und rechnete weniger als früher;
+überwachte die Arbeit mit der Pfeife im Munde und zeigte weniger
+Interesse für die Landwirtschaft.
+
+-- Die Landwirtschaft geht zurück, sagte er. Das habe ich in der
+Zeitung gelesen; es ist billiger, sein Korn zu kaufen!
+
+-- Früher hat er anders gesprochen, meinte Gustav, der auf alles
+achtgab, was Carlsson sagte und tat, sich aber auf eine stumpfe
+Unterwerfung beschränkte, ohne jedoch den neuen Herrn anzuerkennen.
+
+-- Die Zeiten verändern sich und wir uns mit ihnen! Ich danke Gott für
+jeden Tag, an dem ich klüger werde! antwortete Carlsson.
+
+Er besuchte Sonntags die Kirche; nahm an allgemeinen Fragen teil und
+wurde in den Gemeinderat gewählt. Dadurch kam er in nähere Berührung
+mit dem Pastor und erlebte den großen Tag, an dem er ihn duzen konnte.
+Das war einer der größten Träume seines Ehrgeizes; ein ganzes Jahr
+lang ward er nicht müde, zu erzählen, was er gesagt und was Pastor
+Nordström geantwortet hatte.
+
+-- Hör mal, lieber Nordström, sagte ich, dieses Mal läßt du mich aber
+gewähren! Und da sagte Nordström: Carlsson, du mußt nicht halsstarrig
+sein, wenn du auch ein kluger Kerl und ein verständiger Mann bist ...
+
+Die Folge war, daß Carlsson eine Menge Gemeindeangelegenheiten
+übernahm, unter denen die Feuerschau die beliebteste war. Da reiste
+man auf Kosten des Kirchspiels umher und trank Kaffeehalbe bei
+Bekannten.
+
+Auch die Wahl zum Reichstage, die allerdings im Innern des Landes
+stattfand, hatte ihre Verführungen und ihre kleinen Nachwehen, die bis
+in die Schären zu spüren waren.
+
+Zur Wahlzeit und auch sonst wohl einige Male im Jahr kam der Baron mit
+seinen Jagdherren auf einem Dampfer heraus; dann wurden fünfzig Kronen
+für das Recht, einige Tage jagen zu können, bezahlt. Punsch und Kognak
+flossen Tag und Nacht, und man schied von den Jägern mit der festen
+Überzeugung: das sind feine Leute.
+
+Carlsson kam also in die Höhe und wurde ein Licht auf dem Hofe: eine
+Autorität, die über Dinge Bescheid wußte, welche die Andern nicht
+begriffen. Ein schwacher Punkt aber blieb, und er spürte ihn zuweilen:
+er war vom Lande, war kein Seemann.
+
+Um diesen letzten Rangunterschied auszugleichen, fing er an, sich mehr
+für die Seegeschäfte zu interessieren, legte eine große Neigung fürs
+Meer an den Tag. Putzte sich eine Flinte und fuhr auf die Jagd hinaus;
+nahm am Fischen teil und wagte sich auf längere Segelfahrten.
+
+-- Mit der Landwirtschaft gehts abwärts, und wir müssen uns auf's
+Fischen legen, antwortete er seiner Frau, die mit Unruhe Vieh und Feld
+verkommen sah.
+
+-- Vor allem das Fischen! Das Fischen für den Fischer und das Land für
+den Landwirt! verkündigte er jetzt auf eine Art, die keinen
+Widerspruch duldete, nachdem er vom Schullehrer im Kirchenrat gelernt
+hatte, seine Worte »pallementarisch« zu setzen.
+
+Zeigte sich ein Mangel im Ertrag, so mußte man Holz hauen.
+
+-- Der Wald muß gelichtet werden, wenn er reif werden soll! So spricht
+wenigstens der rationelle Landwirt; ich selber weiß es _nicht_.
+
+Und wenn Carlsson es nicht wußte, wie sollten dann die Andern es
+wissen!
+
+Rundqvist wurde die Landwirtschaft überlassen, Clara das Vieh.
+
+Rundqvist ließ Gras auf dem Acker wachsen, schlief vom Frühstück bis
+zum Mittag auf dem Rain, schlief vom Mittag bis zum Abendbrot in den
+Büschen; warf Stahl über die Kühe, wenn sie keine Milch gaben.
+
+Gustav hauste noch mehr auf der See als früher und knüpfte den alten
+Jägerbund mit Norman wieder an.
+
+Das Interesse, das einen Augenblick alle Arme in Bewegung gesetzt
+hatte, war fortgefallen; für einen Fremden arbeiten, war nicht sehr
+ermunternd. Darum ging das Ganze nachlässig aber ruhig seinen
+gewohnten Gang.
+
+Im Herbst aber, einige Monate nach der Hochzeit, trat ein Ereignis
+ein, das wie ein Stoßwind auf Carlssons eben mit vollen Segeln
+ausgelaufenes Fahrzeug wirkte. Seine Frau kam vor der Zeit nieder und
+gebar ein totes Kind. Die Umstände waren außerdem so beunruhigend, daß
+der Arzt bestimmt erklärte, jetzt sei es Schluß:
+
+-- Keine Kinder mehr!
+
+Das war verhängnisvoll für Carlsson; denn nun hatte er für die Zukunft
+keine andere Aussicht, als einst aufs Altenteil zu kommen. Da die Alte
+obendrein noch kränklich nach der Entbindung war, drohte diese
+Veränderung in seiner Stellung früher einzutreten, als er geträumt
+hatte. Es kam also darauf an, die Zeit gut auszunutzen, in die
+Scheunen zu sammeln, an den morgenden Tag zu denken.
+
+Neues Leben kam in Carlsson. Die Landwirtschaft mußte schleunigst
+gehoben werden; warum, das ging niemanden etwas an. Bauholz wurde
+gefällt; denn jetzt sollte eine neue Stuga gebaut werden; warum, das
+brauchte er niemandem auf die Nase zu binden. Die Jagdlust mußte bei
+Norman schleunigst gedämpft werden, und noch ein Mal wurde Norman
+seinem Freunde abspenstig gemacht. Rundqvist wurde wieder eingefangen
+und mit neuen Vorteilen aufgemuntert. Es ward gepflügt, gesäet,
+gefischt, gezimmert; die Gemeindesachen blieben liegen.
+
+Gleichzeitig führte Carlsson ein häusliches Leben; saß bei seiner
+Alten; las ihr zuweilen vor, aus der Heiligen Schrift oder aus dem
+Gesangbuch; sprach zu ihrem Herzen und wandte sich an ihre edleren
+Gefühle, ohne recht erklären zu können, wo er hinaus wolle.
+
+Die Alte liebte Gesellschaft und hörte gern Geplauder; sie legte also
+Wert auf diese kleinen Aufmerksamkeiten, ohne weiter darüber
+nachzudenken, was diese Vorbereitungen auf den Tod bezwecken könnten.
+
+ * * * * *
+
+Eines Winterabends, als die Bucht unterm Eise lag, die offnen
+Meeresflächen aber nicht mehr fahrbar waren, man schon vierzehn Tage
+eingeschlossen war, ohne einen Nachbar begrüßen zu können, ohne einen
+Brief oder eine Zeitung zu erhalten; als die Einsamkeit und der Schnee
+das Gemüt bedrückte und der kurze Tag nur wenig Arbeit erlaubte,
+hatten sich die Leute in der Küche versammelt; auch Gustav war dabei.
+Das Feuer brannte im Herd und die Burschen saßen und flickten Netze.
+Die Mädchen spannen und Rundqvist schnitzte an einem Spatenschaft. Der
+Schnee war den ganzen Tag gefallen und stieg schon über die
+Fensterscheiben. Wie ein Totenzimmer sah die Küche aus, da die Fenster
+mit Laken aus Schnee verhängt waren. Jede Viertelstunde mußte ein Mann
+hinaus und die Tür frei schaufeln, damit man nicht eingeschneit wurde,
+sondern zum Melken und Futtern nach dem Stall gelangen konnte.
+
+Jetzt war die Reihe an Gustav; Ölrock und Südwester über Wams und
+Ottermütze, so ging er hinaus; stemmte die Tür auf, gegen die sich der
+Schnee gelegt hatte, und stand draußen im Schneetreiben. Die Luft war
+schwarz, die Schneeflocken waren grau wie Motten, groß wie
+Hühnerfedern; schwebten unaufhörlich, unaufhörlich nieder, legten sich
+leise auf einander, erst leicht, dann schwerer; packten sich zusammen
+und wuchsen an. Schon ein gut Stück ging der Schnee die Wand des
+Hauses hinauf und nur durch die obere Ecke der Fenster schimmerten die
+Lichter von innen.
+
+Eine Neugier, die ihn schnell überkam, veranlaßte Gustav, den oberen
+Schnee herunter zu stochern, damit er ein Guckloch erhielt; als er
+dann auf den Schneehaufen stieg, konnte er ins Zimmer sehen.
+
+Carlsson saß wie gewöhnlich vor dem Sekretär; er hatte ein großes
+Papier vor sich liegen; das war oben mit einem großen blauen Stempel
+bedruckt, der wie die Zeichnung auf den Scheinen der Reichsbank
+aussah. Die Feder hoch erhoben, sprach er auf die Alte, die neben ihm
+stand, ein; er schien ihr die Feder geben zu wollen, damit sie etwas
+schreibe.
+
+Gustav legte das Ohr an die Scheibe; da es aber Doppelfenster waren,
+hörte er nur ein Gemurmel. Außerordentlich gern hätte er jedoch
+gewußt, was da vor ging, denn er ahnte, daß es ihn sehr nahe berühre;
+auch hatte er gelernt, daß es sich um wichtige Angelegenheiten
+handelt, wenn man gestempeltes Papier benutzt.
+
+Leise öffnete er die Tür, schob die Strohschuhe ab und kroch die
+Treppe hinauf, bis er auf den oberen Flur kam. Dort legte er sich auf
+den Bauch; und nun konnte er hören, was in der Stube bei der Mutter
+gesprochen wurde.
+
+-- Anna Eva, verkündete Carlsson mit einem Ton, der zwischen
+Reiseprediger und Gemeinderat lag; das Leben ist kurz, und der Tod
+_kann_ über uns kommen, ehe wir es wissen. Wir _müssen_ also darauf gefaßt
+sein, von hinnen zu gehen, ob es nun heute geschieht oder morgen; das
+ist _ganz_ einerlei! Unterschreib also, je eher desto besser!
+
+Die Alte liebte es nicht, so viel von Tod zu hören; aber Carlsson
+hatte nun Monate lang so oft davon gesprochen, daß sie gegen diese
+Rede nur noch schwach Widerstand zu leisten vermochte.
+
+-- Aber, Carlsson, ganz einerlei ist es mir nicht, ob ich heute sterbe
+oder in zehn Jahren; ich kann noch lange leben.
+
+-- Ich habe ja nicht gesagt, daß du sterben _wirst_; ich habe nur gesagt,
+daß wir sterben _können_; und ob das heute oder morgen, oder in zehn
+Jahren geschieht, das ist ganz einerlei; ein Mal muß es geschehen!
+Also schreib nur!
+
+-- Das verstehe ich nicht, widerstrebte die Alte, als wolle der Tod
+kommen und sie holen; es kann doch wohl nicht ...
+
+-- Doch, es ist ganz einerlei, wann es geschieht! Ist es vielleicht
+nicht so? Ich weiß es nicht! Jedenfalls schreib!
+
+Ihr war, als lege er ihr einen Strick um den Hals, wenn Carlsson mit
+seinem »Ich weiß nicht« kam; die Alte wußte sich nicht mehr zu helfen
+und gab nach.
+
+-- Nun, wo hinaus willst du? fragte sie ihn, von dem langen
+Hinundherreden ermüdet und erschöpft.
+
+-- Anna Eva, du mußt an deine Nachkommen denken; denn das ist die erste
+Pflicht des Menschen; darum mußt du schreiben.
+
+In diesem Augenblick öffnete Clara die Küchentür und fragte, wo Gustav
+bleibe; der aber wollte sich nicht verraten und verhielt sich still;
+konnte aber nicht mehr hören, was weiter in der Stube geschah.
+
+Clara ging zurück und Gustav kletterte hinab; blieb vor der Stubentür
+stehen, um die letzten Worte von Carlsson zu hören; die ließen ihn
+vermuten, daß die Alte unterschrieben habe und das Testament
+aufgesetzt sei.
+
+Als Gustav wieder in die Küche kam, sahen die Leute, daß ihm etwas
+geschehen war. Er sprach in versteckten Worten, er werde einen Fuchs
+fangen, den er schreien gehört; es sei besser, auf See zu gehen, als
+sich zu Hause von den Läusen fressen zu lassen; ein weißes Pulver
+unterm Futter könne Gäulen Mut machen; aber auch den Tod geben, wenn
+es zu viel sei.
+
+Carlsson dagegen war beim Abendbrot äußerst menschenfreundlich;
+erkundigte sich nach Gustavs Arbeitsplänen und Jagdabsichten; holte
+das Stundenglas und ließ den weißen Sand rinnen; dann sagte er:
+
+-- Die Minuten sind kostbar; essen wir und trinken wir, denn morgen
+müssen wir sterben!
+
+Gustav lag in dieser Nacht lange wach; viele finstere Gedanken und
+schwarze Pläne kreuzten sich in seinem Kopfe. Aber er war keine starke
+Seele, welche die Verhältnisse nach ihrem Sinn ändern, Gedanken in
+Handlung umsetzen konnte; wenn er eine Sache durchdacht hatte, ließ er
+sie fallen, als sei sie vollendet.
+
+Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern Dingen geträumt
+hatte, war er wieder ebenso fröhlich und ließ fünf gerade sein, indem
+er darauf traute: Kommt Zeit, kommt Rat; die Gerechtigkeit wird schon
+ihren Gang gehen; und dergleichen mehr.
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling kam wieder, die Schwalben besserten ihre Nester aus und
+der Professor kehrte zurück.
+
+Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten
+angelegt; Flieder, Obstbäume, Beerenbüsche gepflanzt; für die er
+Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre geholt; Wege besandet und
+Lauben errichtet. Es begann herrschaftlich auf dem Hofe auszusehen.
+
+Niemand konnte leugnen, daß der Fremdling Wohlstand und Gemütlichkeit
+geschaffen, daß er Feld und Vieh in die Höhe gebracht, Haus und Hof in
+Stand gesetzt; sogar den Preis für die Fische hatte er in der Stadt in
+die Höhe getrieben und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen, damit
+man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der Stadt sparen
+konnte.
+
+Jetzt, als er nachließ, müde war, sich mit dem Bau seiner eigenen
+Stuga beschäftigte, klagte man.
+
+-- Macht es doch selber, antwortete Carlsson, dann werdet ihr mal
+sehen, wie gut es tut. Jeder für sich und Gott für uns alle!
+
+Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann einen Garten
+anzulegen, Büsche zu pflanzen, Wege zu machen. Er hatte seine Stuga
+mit solchem Geschmack gebaut, daß sie die anderen in Schatten stellte.
+Sie besaß zwar nur zwei Zimmer und Küche, sah aber doch stattlicher
+aus als die alten Häuser; woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob
+daran, daß er den Dachstuhl hoch geführt und die Dachtraufe weit über
+die Wand hatte vorspringen lassen; oder ob es die »Krucifixe« waren,
+die er in die Deckbretter gesägt hatte; oder die Veranda, die er mit
+einigen Treppenstufen vor die Tür gesetzt. Es waren keine
+Kostbarkeiten, aber es sah doch etwas villenartig aus. Rot war die
+Stuga wie eine Kuh, aber die Ecken waren schwarz und getäfelt; die
+Fensterbretter waren weiß gestrichen und die Veranda, ein leichtes
+Dach auf vier Pfosten, war blau gemalt.
+
+Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu wählen;
+unmittelbar unter dem Fuß des Berges, und zwar so, daß zwei alte
+Eichen mitten davor zu stehen kamen, ungefähr wie der Anfang einer
+geplanten Allee oder eines Parks. Wenn man auf der Veranda saß, hatte
+man die schönste Aussicht: die Bucht mit den Schilfbänken, die lange
+grüne Quellwiese; durch eine Mulde im Kälberhag konnte man die Boote
+hinten im Sunde sehen.
+
+Gustav sah alles scheel an, wünschte die Stuga fort, hielt Carlsson
+für eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl baute; die hätte er
+gern verscheucht, ehe sie Eier legen und sich vielleicht mit ihrer
+Brut festsetzen konnte. Er hatte aber nicht die Kraft, sie
+fortzubringen; darum blieb sie sitzen.
+
+Die Alte war kränklich und ließ alles gehen, wie es ging. Im Vorgefühl
+des Wirrsals, das entstehen würde, wenn sie aus dem Leben schied, sah
+sie es nicht ungern, daß ihr Mann, denn das war er jedenfalls, ein
+Dach über dem Kopf hatte und nicht als armer Teufel herumlief. Sie
+verstand sich nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon,
+daß es bei Vermögensaufnahme, Erbteilung, Testament nicht mit rechten
+Dingen zugegangen; doch das war die Sache der Andern, wenn sie nur
+damit nichts zu tun hatte. Ein Mal mußte es aber losbrechen, wenn
+nicht früher, dann an dem Tage, an dem Gustav heiratete; und solche
+Gedanken mußte ihm jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich
+nicht mehr gleich, sondern ging nachdenklich umher.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner neuen Küche und
+mauerte am Herd, als Clara kam und ihn rief:
+
+-- Carlsson, Carlsson, der Professor ist mit einem deutschen Herrn
+gekommen, der Carlsson sprechen will!
+
+Carlsson nahm das Schurzfell ab, trocknete sich die Hände und machte
+sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungewöhnliche Besuch zu
+bedeuten habe.
+
+Als er auf die Veranda kam, stieß er auf den Professor, in dessen
+Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzem Bart befand, der sehr
+energisch aussah.
+
+-- Direktor Diethoff möchte Sie sprechen, Carlsson, sagte der
+Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete.
+
+Carlsson bürstete einen Sitzplatz auf der Bank der Veranda ab und lud
+zum sitzen ein.
+
+Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte stehend,
+ob der Roggenholm zu verkaufen sei.
+
+Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war vielleicht nur
+drei Morgen groß, war hügelig, trug etwas Fichtenwald und bot nur
+unbedeutende Schafweide.
+
+-- Zu industriellem Zweck, antwortete der Direktor und fragte, was er
+koste.
+
+Carlsson war unschlüssig und bat um Bedenkzeit, bis er erfahren, was
+dem Holm seinen unerwarteten Wert gab.
+
+Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das sofort wissen zu
+lassen, sondern er wiederholte noch ein Mal seine Frage, was der Holm
+koste. Dabei faßte er in die Brusttasche, deren starke Anschwellung
+deutlich durchs Tuch zu sehen war und verriet, daß darin etwas
+steckte.
+
+-- So teuer kann der wohl nicht sein, meinte Carlsson; aber ich muß
+erst mit der Alten und dem Sohne sprechen.
+
+Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute Weile fort und
+kam dann zurück. Jetzt aber sah er verlegen aus, und es schien ihm
+schwer zu fallen, mit seiner Forderung herauszurücken.
+
+-- Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor, brachte er
+schließlich hervor.
+
+Nein, das wollte der Direktor nicht.
+
+-- Nun, wenn ich dann fünf sage, so werden Sie es nicht zu teuer
+finden, preßte Carlsson hervor, dem der Atem im Hals stecken blieb und
+der Schweiß auf die Stirne trat.
+
+Direktor Diethoff öffnete den Rock, zog die Banknotentasche heraus
+und zählte zehn Scheine zu je einhundert Kronen auf. -- Hier ist
+vorläufig Handgeld; die vier andern kommen im Herbst? Einverstanden?
+
+Carlsson war im Begriff eine Dummheit zu machen; es gelang ihm aber
+gerade noch, seine überschwellenden Gefühle zurückzudrängen und
+ziemlich ruhig zu antworten, er sei einverstanden, während er nur
+fünfhundert Kronen statt fünftausend gemeint hatte.
+
+Darauf ging man zum Sohne und zur Alten hinunter, um den Kaufvertrag
+zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren.
+
+Carlsson blinzelte und grinste den Beiden zu, sie sollten ihm
+beistehen; die aber verstanden nichts.
+
+Schließlich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nachdem sie
+unterschrieben hatte.
+
+-- Fünftausend! schrie sie. Was lese ich? Du sagtest doch hundert,
+Carlsson?
+
+-- Nein, da mußt du dich verhört haben, Anna Eva. Habe ich vielleicht
+nicht tausend gesagt, Gustav?
+
+Dabei blinzelte er so sehr, daß der Direktor es sah.
+
+-- Ja, ich _glaube_ wohl, er hat tausend gesagt! stand ihm Gustav bei, so
+gut er konnte.
+
+Als der Vertrag unterschrieben war, erklärte der Direktor, er
+beabsichtige für Rechnung seiner Gesellschaft auf dem Roggenholm eine
+Feldspatgrube anzulegen.
+
+Niemand wußte, was Feldspat ist, und niemand hatte an diesen Schatz
+gedacht; außer Carlsson; der schwindelte jetzt, er habe längst daran
+gedacht, nur kein Kapital gehabt.
+
+Der Direktor erzählte, Feldspat sei eine rote Steinart, die von
+Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen werde das Haus des
+Verwalters, das schon bei der Tischlerei bestellt sei, aufgestellt
+sein; in vierzehn Tagen werde die hölzerne Arbeiterkaserne auf ihrem
+Platz stehen; mit dreißig Mann werde man dann die Arbeit anfangen.
+
+Damit reiste er.
+
+Dieser Goldregen war so schnell über die Inselbauern gekommen, daß sie
+keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu berechnen. Tausend Kronen auf
+dem Tisch, viertausend im Herbst, für eine wertlose Insel: das war zu
+viel auf ein Mal. Darum saßen sie den ganzen Abend einträchtig bei
+einander und rechneten aus, was ihnen außerdem noch zufallen könnte.
+Natürlich konnte man Fische und andere Produkte an die vielen Arbeiter
+und an den Verwalter verkaufen; Holz auch; das war nicht zweifelhaft.
+Dann kam der Direktor heraus, vielleicht mit Familie, und wollte auf
+Sommerfrische wohnen. Dann konnte man natürlich dem Professor die
+Miete steigern; und Carlsson konnte vielleicht seine Stuga auch
+vermieten. Alles werde schön und gut werden.
+
+Carlsson legte selbst das Geld in den Sekretär und saß die halbe Nacht
+vor der Klappe, um zu rechnen.
+
+ * * * * *
+
+Während der nächsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male nach dem Badeort
+Dalarö und kam mit Tischlern und Malern zurück. Auf seiner Veranda
+hielt er kleine Empfänge ab; er hatte einen Tisch dahin gestellt; an
+den setzte er sich, trank Kognak, rauchte die Pfeife und überwachte
+die Arbeit, die jetzt große Fortschritte machte.
+
+Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der Küche; und dort
+wurde auch ein ordentlicher Herd eingemauert. Die Fenster wurden mit
+grünen Läden versehen, die weithin leuchteten; die Veranda wurde noch
+ein Mal gestrichen, und zwar weiß und rosenrot; auch erhielt sie auf
+der Sonnenseite eine blau- und weißgestreifte Zwillichgardine. Um Hof
+und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau gestrichen war und
+weiße Köpfe hatte.
+
+Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit an; Gustav
+aber stand am liebsten in gehöriger Entfernung hinter einer Ecke oder
+einem dichten Busch; eine Einladung, auf die Veranda zu kommen, nahm
+er selten oder niemals an.
+
+Es war einer von Carlssons Träumen, die er in recht klaren Nächten
+träumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich
+zurückgelehnt, aus einem Fußglas Kognak nippend, sich die Aussicht
+anzusehen und eine Pfeife zu rauchen -- noch lieber eine Zigarre; aber
+die war ihm noch zu stark.
+
+Als er acht Tage später eines Morgens in aller Frühe dort saß, hörte
+er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen.
+
+-- Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte er fein sein
+und sie empfangen.
+
+Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach Rundqvist
+und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die
+fremden Herren zu empfangen.
+
+In einer halben Stunde stieß das Boot ab, und Carlsson setzte sich ans
+Steuer. Dann und wann ermahnte er die Knechte, in Takt zu rudern,
+damit man als ordentliche Leute ankomme.
+
+Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der Sund sich
+öffnete, auf der einen Seite von der großen Insel und auf der andern
+Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten sie einen prachtvollen Anblick
+vor sich. Ein Dampfer, der mit Flaggen und Signalen geschmückt war,
+lag im Sund verankert; und zwischen Schiff und Land fuhren kleine
+Jollen mit Matrosen in blauweißen Jacken. Oben auf der Strandklippe,
+die von dem bloßgelegten Feldspat rosenrot leuchtete, stand eine
+Gruppe Herren und ein Stück davon ein Musikchor, dessen
+Messinginstrumente sich prächtig von den schwarzen Fichten abhoben.
+
+Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und ruderten an
+die Klippe heran, um so nahe wie möglich zu kommen und zu sehen und zu
+hören. Eins, zwei, drei, gerade als sie unter dem Sammelplatz lagen,
+war ein Sausen in der Luft zu hören, als seien zwölfhundert Eider
+aufgeflogen; dann ein Dröhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen
+schien; schließlich ein Krachen, als sei der ganze Holm gesprungen.
+
+-- Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen konnte, denn im
+nächsten Augenblicke regnete es Steine ums Boot; ein Schauer von Kies
+folgte und schließlich ein Hagel kleiner Steine.
+
+Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von Handwerk und
+Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch etwas Ausländisches kam
+vor, das die Inselbauern nicht verstanden.
+
+Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die Mütze in die
+Hand; Carlsson aber verstand, daß es die Direktion war, die sprach.
+
+-- Ja, meine Herren, schloß der Direktor, wir haben hier viel Steine
+vor uns, und ich schließe meine Rede mit dem Wunsch, sie mögen alle zu
+Brot werden!
+
+-- Bravo!
+
+Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen an den Strand
+hinab, alle kleine Steinstücke in der Hand tragend, die sie unter
+Lachen und Lärm befingerten.
+
+-- Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in Marineuniform die
+Inselbauern an, die auf ihren Rudern ausruhten.
+
+Sie wußten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber nicht
+gedacht, daß es gefährlich sein könne, sich den Staat anzusehen.
+
+-- Das ist ja Carlsson selbst, erklärte Direktor Diethoff, der hinzu
+gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort, stellte er vor. Kommen
+Sie und frühstücken Sie mit uns!
+
+Carlsson traute seinen Ohren nicht, überzeugte sich aber bald, daß die
+Einladung ernst gemeint sei.
+
+Bald saß Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an einem gedeckten
+Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen. Er hatte sich zuerst
+geziert, aber die Herren waren ganz ungewöhnlich leutselig und
+erlaubten nicht ein Mal, daß er das Schurzfell abnahm.
+
+Rundqvist aber und Norman aßen auf dem Vorderdeck mit der Mannschaft.
+
+Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht. Speisen,
+deren Namen er nicht wußte und die wie Honig im Mund schmolzen;
+Speisen, die den Hals einrieben ganz wie ein Schnaps; Speisen in allen
+Farben. Und sechs Gläser standen vor seinem Platze wie vor den Plätzen
+der andern Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche
+man an einer Blume oder küsse ein Mädchen; Weine, die einem in die
+Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten, die einem zum Lachen
+verlockten. Dazu blies die Musik so lieblich, daß es an der
+Nasenwurzel kribbelte, als wolle man weinen; bald fror man an den
+Schläfen, bald tat es einem so wohl im ganzen Körper, daß man hätte
+sterben mögen.
+
+Als alles zu Ende war, sprach der Direktor für den Wirt; lobte ihn,
+daß er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb verlasse, um einem
+unsichern Gewinn auf andern Gebieten nachzujagen, wo die Not Arm in
+Arm mit dem Luxus gehe.
+
+Und dann stieß man mit Carlsson an. Der wußte nicht, ob er lachen oder
+ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren lachen, als etwas recht
+Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde; also lachte er mit.
+
+Nach dem Frühstück wurden Kaffee und Zigarren geboten, und man stand
+vom Tische auf.
+
+Carlsson, edelmütig wie ein Glücklicher, wollte nach vorn gehen, um
+nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas bekommen hatten. Da aber
+rief ihn der Direktor an und bat ihn, einen Augenblick in die Kajüte
+zu kommen.
+
+In der Kajüte machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er möge, um
+seine Stellung zu befestigen und, wenn es nötig sei, als Autorität
+unter den Arbeitern auftreten zu können, einige Aktien zeichnen.
+
+-- Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson, der so viel
+von diesen Geschäften wußte, daß man nichts abschloß, wenn man
+getrunken hatte.
+
+Aber der Direktor ließ ihn nicht los, und nach einer halben Stunde
+hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft Eagle zu
+je hundert Kronen; ferner das ausdrückliche Versprechen,
+stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates zu werden. Von der
+Einzahlung sagte man nur, sie sollten »+pö a pö+« geschehen und +à conto+.
+
+Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und Biliner Wasser.
+Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot kam.
+
+Bei der Ausbootung ließ man das Reep fallen; das verstand Carlsson
+aber nicht, sondern drückte allen Matrosen, die an der Treppe standen,
+die Hand und bat sie zu grüßen, wenn sie an Land kämen.
+
+Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons ließ er sich nach Hause
+rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im Munde und einen Korb Punsch
+zwischen den Knien.
+
+Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit, lud alle, auch
+die Mägde aus der Küche, zu Punsch ein, zeigte die Aktienbriefe, die
+wie riesengroße Scheine der Reichsbank aussahen; wollte den Professor
+einladen und begegnete die Einwendungen der Anderen damit: er sei
+stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein
+deutscher Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein
+richtiger Professor.
+
+Pläne, so groß wie ein Holzstoß, hatte Carlsson; er wollte eine
+einzige große Strömling-Salzerei-Aktiengesellschaft für das ganze
+stockholmer Inselmeer gründen, Faßbinder von England ins Land rufen,
+Fahrzeuge direkt von Spanien mit Salz kommen lassen!
+
+Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der Landwirtschaft,
+deren Vertretern und deren Zukunft, gab seinen Hoffnungen und
+Befürchtungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch und hüllte sich in
+Tabakswolken und frohe Aussichten ein.
+
+ * * * * *
+
+Carlsson war so hoch gestiegen, daß er einen Schwindelanfall bekam.
+Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt und die Besuche auf dem
+Roggenholm folgten sich Tag aus Tag ein. Er machte die Bekanntschaft
+des Verwalters, saß auf dessen Veranda, trank Kognak und Biliner
+Wasser, während er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die
+Quarzadern herauszubrechen; wären die nicht gewesen, hätte man den
+ganzen Berg auf ein Mal verschiffen können.
+
+Der Verwalter war früher Vorarbeiter in einem Bergwerk gewesen; hatte
+Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer und stellvertretenden
+Mitglied des Aufsichtsrates gut zu stellen; besaß genügende Einsicht,
+um abschätzen zu können, wie lange das Geschäft gehen würde.
+
+Aber der neue Grubenbetrieb übte auch seinen Einfluß auf das leibliche
+und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern; und die Anwesenheit von
+dreißig unverheirateten Arbeitern begann ihre Wirkungen zu zeigen.
+
+Die Ruhe war gestört. Den ganzen Tag über donnerten Schüsse aus dem
+Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten kamen und spieen Seeleute ans
+Land. Abends erschienen die Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten
+Brunnen und Stall; stellten den Mädchen nach; veranstalteten Tänze;
+tranken und schlugen sich mit den Knechten.
+
+Die Leute feierten die Nächte durch, und am Tage war nichts mit ihnen
+anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen, nickten am Herd ein.
+
+Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mußte man den Kaffeekessel
+aufsetzen, und da man dem Herrn nicht Branntwein anbieten konnte,
+mußte man sich Kognak halten.
+
+Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld strömte ein; man lebte
+flott, und Fleisch kam öfters auf den Tisch als früher.
+
+Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag über in einem leichten
+Rausch umher, ohne sich jedoch zu überladen. Wie ein einziges langes
+Fest verging der Sommer für ihn, da er seine Zeit zwischen
+Gemeindesachen, Grubenbau und Naturverschönerungen teilte.
+
+Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen. Als er
+eines frühen Morgens nach Hause kam, wurde er von der Alten mit der
+beunruhigenden Mitteilung empfangen, es müsse etwas draußen auf dem
+Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nämlich vier Tage lang still
+gewesen; nicht ein Schuß sei gelöst worden und keine Dampferpfeife
+habe man gehört. Die Leute seien mit Dreschen beschäftigt gewesen;
+deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter
+habe sich auch nicht sehen lassen; und die Arbeiter hätten aufgehört,
+abends den Hof zu umkreisen. Es müsse also etwas geschehen sein.
+
+Um sich Bescheid zu holen, ließ Carlsson anspannen; so nannte er es,
+wenn er sich nach der Grube rudern ließ. Das Boot hatte er weiß
+streichen und mit einem blauen Rande versehen lassen; und damit es
+mehr herrenmäßig aussah, wenn er am Steuerruder saß, hatte er sich aus
+einer alten Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim
+Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman in
+marinemäßigem Rudern üben müssen, damit es stattlich aussah, wenn er
+angefahren kam.
+
+Die Fahrt legten sie rasch zurück, da Neugier und Angst sie spornten.
+Als sie auf die Höhe des Roggenholms kamen, erstaunten sie über die
+Öde, die dort herrschte.
+
+Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen
+ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des
+Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Geräte verschwunden; nur die
+Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber
+ausgeräumt und geplündert; alles, was nicht niet- und nagelfest war,
+hatte man mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Betten.
+
+-- Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist.
+
+-- Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und ließ wieder anspannen; aber
+dieses Mal ging's nach dem Badeort Dalarö; dort mußte ein Brief für
+ihn auf der Post liegen.
+
+Ganz richtig, dort lag ein großer Brief vom Direktor, der verkündete,
+die Gesellschaft habe ihre Tätigkeit eingestellt, weil sich das
+Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von
+viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die
+er bisher noch nicht eingezahlt, so seien alle Geschäfte zwischen der
+Gesellschaft und Carlsson erledigt.
+
+-- Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun, man muß sich
+zufrieden geben.
+
+Er besaß die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er
+schüttelte sich und war ebenso trocken wie vorher. Noch trockener
+fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las, alles, was man
+zurückgelassen, falle den Inselbauern zu, wenn sie Lust hätten, es
+fortzuschaffen.
+
+Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer Menge Geldes
+und eines ehrenvollen Titels beraubt.
+
+Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit
+einer Gebärde einen großen Strich durch alles.
+
+-- Ach, das ist nicht der Rede wert! Darüber braucht man kein Wort zu
+verlieren.
+
+Aber am nächsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Tätigkeit,
+um mit der großen Fähre Bretter und Ziegel vom Roggenholm zu holen.
+
+Ehe man sich's versah, hatte er sich ein Sommerhäuschen von einem
+Zimmer nebst Küche errichtet; und zwar unten am Sunde, an einer
+Stelle, an die niemand gedacht, von der man aber eine Aussicht sowohl
+aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte.
+
+Der Sommer mit seinen luftigen Träumen war vorbei. Der Winter nahte;
+die Luft wurde schwerer, die Träume düsterer, und die Wirklichkeit
+nahm ein neues Aussehen an, heller für die einen, drohender für die
+andern.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+ Carlsson wahrträumt; der Sekretär wird bewacht,
+ aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles
+
+
+Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen,
+was man glücklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht
+steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefährliches Alter
+einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er
+sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwärts zu kommen;
+und das Mädchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen.
+Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das
+Fleisch an zu pochen, vielleicht stärker als sonst, weil er im letzten
+Jahre nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das
+Fleisch stärker gefüttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken
+begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Küche saß, und seine
+Augen gewöhnten sich daran, dem jungen Körper Claras zu folgen, wie
+sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmählich haften, ließen
+sich nieder und ruhten, machten kleine Ausflüge hierhin und dorthin,
+flogen fort, kamen wieder. Schließlich saß das Mädchen ihm im Auge:
+wohin er auch ging, immer sah er sie.
+
+Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern die Augen,
+die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen;
+wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und
+tränte.
+
+Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der
+Mond war aufgegangen und schien klar über schneebedeckte Fichten, auf
+die blanke Bucht und den weißen Boden. Ein karger Nordwind trieb
+trockenen Schnee vor sich her.
+
+In der Küche stand Clara und fegte den Backofen, während Lotte am
+Backtrog arbeitete. Carlsson saß in der Schrankecke, rauchte seine
+Pfeife und spann wie eine Katze in der Wärme. Seine Augen waren
+draußen auf Spiel und sie erwärmten sich und ergötzten sich, als sie
+auf Claras weißen Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten.
+
+-- Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte.
+
+-- Ja, das muß ich, antwortete Clara und zog eine Jacke aus Schafpelz
+an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt hatte.
+
+Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus.
+
+Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach.
+
+Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson.
+
+-- Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete Lotte.
+
+Ohne auf nähern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und
+ging auch hinaus.
+
+Draußen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um
+sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf weit zu gehen hatte.
+Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie
+Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging
+sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um
+zu lauschen, und hörte, daß in der Schafhürde jemand flüsterte. In dem
+schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und Heuhalme der
+Scheibe fiel, sah sie, wie die Kühe ihre Köpfe nach hinten drehten und
+sie mit großen, im Dunkel grün leuchtenden Augen anguckten. Der
+Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen;
+etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht hätte sehen
+mögen; etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das
+Leben aus ihr scheuchte.
+
+Über die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den
+Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war
+gelöscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen auf und
+raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht
+sehen.
+
+Sie ging weiter und kam zu den Hühnern; die waren auf ihre Pflöcke
+geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden.
+
+Die Tür stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein hinaus. Zwei
+Paar Schuhe, ein kleineres und ein größeres, hatten Spuren im Schnee
+hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie führten
+nach der Hagtür, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von
+jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an
+dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren
+Stelle im Hag gezogen.
+
+Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben
+Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbüsche, wo sie ein anderes Mal,
+ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich
+nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbüsche nackt und trugen
+nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen
+raschelte das braune harte Laub im Winde, aber so dünn war das Laub,
+daß man die Sterne und den grünschwarzen Himmel sehen konnte.
+
+Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlängelte sich durch
+die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dünnes Haar warfen, wenn
+sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Rücken stäubte der Schnee, fiel
+über ihre gestreifte Bluse, kühlte und feuchtete.
+
+Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog
+von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; über Moore gings, deren
+Schollen schwankten; über Feldzäune, die krachten, wenn sie darüber
+setzte.
+
+Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere groß, Seite an
+Seite, bald in einander tretend, bald um einander, als ob sie getanzt
+hätten; über Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; über
+Steinhaufen und Gräben, über Buschzäune und Windbruch.
+
+Sie wußte nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre
+Hände waren klamm; sie steckte die magern, roten Hände bald unter den
+Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spät;
+auch war der Rückweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus
+ging. Also vorwärts durch ein Espenwäldchen, dessen letztes Laub
+zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind.
+
+Dann kam sie zu einem Zauntritt.
+
+Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort
+hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der
+Jacke mit der Schafpelzverbrämung.
+
+Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror,
+als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Blut in
+den Adern. Erschöpft, setzte sich auf den Zauntritt nieder, weinte,
+schrie; plötzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinüber.
+
+Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und gerade
+gegenüber sah sie die Lichter in der Stuga und ein Licht oben im
+Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr durch den Rücken, zauste an
+den Haaren und vereiste die Nasenflügel. Halb laufend kam sie aufs Eis
+hinunter, hinauf auf die schwankende Fläche, hörte das trockene Schilf
+um ihre Ohren sausen, unter ihren Füßen knacken. Über eine
+eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief weiter,
+als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere Ufer erreichte,
+fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge des sinkenden
+Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den Schlammboden gelegt hatte
+und unter ihrer Last klingend und krachend zerbrach. Sie fühlte, wie
+die Kälte die Beine hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien,
+damit niemand komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre
+Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die Höhe
+hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar aufs Bett zu, legte
+sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd zu machen und Fliedertee
+aufzusetzen.
+
+Sie ließ sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle über sich
+werfen; ließ den Ofen mit Knüppelholz heizen, fror aber doch
+unaufhörlich.
+
+Schließlich ließ sie Gustav rufen, der in der Küche saß.
+
+-- Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.
+
+-- Jetzt bin ich's, antwortete die Alte pustend, und ich komme nie
+wieder auf. Schließ die Tür und geh an den Sekretär. Der Schlüssel
+liegt hinter dem Pulverhorn auf dem Fach; du weißt doch!
+
+Gustav gehorchte niedergeschlagen.
+
+-- Öffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker Hand und nimm den
+großen Brief ... Ja, den ... Wirf ihn ins Feuer.
+
+-- Schließ die Tür, mein Junge, und mach den Sekretär zu! Steck den
+Schlüssel zu dir! Setz dich hierher und hör mich an; denn morgen kann
+ich nicht mehr sprechen.
+
+Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt hörte er, daß es
+ernst war.
+
+-- Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft deines Vaters, du
+hast es selbst, und versiegele alle Schlüssellöcher, bis die
+Gerichtsherren kommen.
+
+-- Und Carlsson? fragte der Sohn zögernd.
+
+-- Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand nehmen! Aber
+nicht mehr; und kannst du's auslösen, so tu es! Gott sei mit dir,
+Gustav! Du hättest wohl auf meine Hochzeit kommen können; aber du hast
+wohl deine Gründe gehabt. Und jetzt, wenn ich reise, mußt du
+verständig sein. Kein Sarg mit silbernem Schild; du nimmst solch einen
+gelben, gebeizten; und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich
+haben. Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst ihm
+dafür Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben und seiner Frau ein
+halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau, daß du dich bald verheiratest.
+Nimm ein Mädchen, das du liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine
+aus deinem Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm
+keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie Läuse; und
+gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas
+vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann.
+
+Die Tür öffnete sich, und Carlsson schlüpfte herein, weich, aber
+zuversichtlich.
+
+-- Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen wir nach dem
+Doktor schicken.
+
+-- Das ist nicht nötig, antwortete die Alte und drehte sich nach der
+Wand.
+
+Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut Freund werden.
+
+-- Bist du böse auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird doch nicht um
+nichts und wieder nichts böse werden! Soll ich dir aus dem Buche
+vorlesen?
+
+-- Ist nicht nötig! war alles, was die Alte antwortete.
+
+Carlsson merkte, daß hier nichts mehr zu machen war; da er unnütze
+Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie sie war, und setzte sich
+auf das Holzsofa, um zu warten. Da die geschäftliche Lage klar war und
+die Alte nicht Lust oder nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war
+nichts mehr hinzuzufügen; und was Gustav und ihn betraf, das würden
+sie später schon mit einander abmachen.
+
+Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die Leute waren es
+gewohnt, allein zu sterben; auch war jede Verbindung mit dem Festland
+unterbrochen.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer und einander.
+Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem Sofa einschlummerte, machte
+auch der Andere mit einem Auge ein Schläfchen. Sobald sich aber jemand
+rührte, fuhr der Andere wieder in die Höhe.
+
+Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot.
+
+Gustav hatte ein Gefühl, als sei die Nabelschnur jetzt erst
+durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und ein
+selbständiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter die Augen
+zugedrückt und ihr das Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte, damit
+der Mund nicht klaffe, steckte er in Carlssons Gegenwart ein Licht an,
+holte Petschaft und Lack und versiegelte den Sekretär.
+
+Die unterdrückten Leidenschaften erwachten; Carlsson trat vor und
+stellte sich mit dem Rücken gegen den Sekretär.
+
+-- Hollah, was machst du da, Junge? fragte er.
+
+-- Ich bin jetzt kein Junge mehr, antwortete Gustav; ich bin jetzt Herr
+auf Hemsö, und du bist Altsitzer.
+
+-- Dazu gehören wohl zwei! meinte Carlsson.
+
+Gustav nahm die Flinte von der Wand, zog den Hahn auf, daß das
+Zündhütchen zu sehen war; trommelte auf den Kolben und brüllte zum
+ersten Male in seinem Leben:
+
+-- Hinaus! Sonst drücke ich los!
+
+-- Drohst du?
+
+-- Ja, da keine Zeugen da sind! antwortete Gustav, der in letzter Zeit
+mit Leuten vom Gericht gesprochen zu haben schien.
+
+Das war Bescheid und den verstand Carlsson.
+
+-- Warte du nur, bis die Teilung stattfindet, sagte er und ging in die
+Küche hinaus.
+
+Der Weihnachtsabend war in diesem Jahre düster. Eine Leiche im Hause
+und keine Möglichkeit, nach Sarg und Leichenkleid zu schicken; denn
+der Schnee fiel unaufhörlich, daß Strömungen und Meeresflächen weder
+trugen noch brachen. Ein Boot in die See zu bringen, war unmöglich,
+denn das Wasser war ein einziger Eisschlamm, der weder rudern noch
+fahren noch gehen erlaubte.
+
+Carlsson und Flod, wie Gustav sich jetzt nennen ließ, gingen um
+einander herum; aßen zusammen zu Tisch, ohne ein Wort mit einander zu
+wechseln. Das Haus war in Unordnung; niemand setzte die Arbeit in
+Gang; jeder verließ sich auf den Andern; so blieb die meiste Arbeit
+ungetan.
+
+Der Weihnachtstag begann, grau, neblig; wieder schneite es. Nach der
+Kirche zu kommen, war ebenso unmöglich, wie irgend wohin zu kommen;
+darum las Carlsson die Predigt in der Küche. Man wußte, daß man eine
+Leiche im Hause hatte, und keine Weihnachtsfreude kam auf. Das Essen
+war nachlässig zubereitet; nichts zur rechten Zeit fertig, und alle
+waren mißvergnügt. Es lag etwas Dumpfes in der Luft, sowohl draußen
+wie drinnen; und da die Leiche der Alten in der Stube stand, weilten
+alle in der Küche. Es war wie eine Einquartierung. Wenn man nicht aß
+oder trank, schlief man, einer auf dem Sofa, einer auf dem Bett; zum
+Kartenspiel zu greifen oder die Handharmonika vorzunehmen, fiel
+niemandem ein.
+
+Der zweite Weihnachtstag kam und verging, ebenso schwer, ebenso
+langweilig. Jetzt aber verlor Flod die Geduld. Einsehend, daß eine
+Zögerung schlimme Folgen haben könne, da die Leiche sich zu verwandeln
+begann, nahm er Rundqvist mit in den Arbeitsschuppen. Dort tischlerten
+die beiden einen Sarg, der dann gelb gestrichen wurde. Was man im
+Hause auftreiben konnte, in das wurde die Tote gehüllt.
+
+So war der fünfte Tag gekommen.
+
+Da das Wetter keine Zeichen gab, daß es sich bessern werde, und man
+die Aussicht hatte, vierzehn Tage warten zu müssen, mußte man um jeden
+Preis versuchen, die Leiche nach der Kirche zu schaffen, um sie in die
+Erde zu bringen. Man schob also das große Netzboot in die See, und
+alle Mannsleute rüsteten sich zu einer Eisbootsfahrt mit
+Schlittenkufen, Eispickeln, Beilen und Stricken.
+
+Früh am sechsten Tage begaben sie sich auf die lebensgefährliche
+Fahrt.
+
+Bald war eine Strömung offen; dann ruderte man. Dann kam man an eine
+Fläche, die unterm Eise lag; da mußte man das Boot auf die
+Schlittenkufen schieben; wenn das gelungen war, mußte man sich
+vorspannen und ziehen. Am schlimmsten war es im Eisschlamm; da
+patschten die Ruder nur auf und nieder, ohne daß das Boot mehr als
+einige Zoll weiter kam. Oft mußte man vorausgehen und eine Rinne mit
+Eispickeln und Beilen hauen; aber wehe dem, der sich verhieb und aus
+der Rinne herauskam, wo eine Strömung die dünne Kruste zerfressen
+hatte.
+
+Es war Nachmittag geworden, und noch hatten sie sich nicht die Zeit
+zum Essen und Trinken genommen; noch war die letzte freie Meeresfläche
+zurückzulegen. So weit sie sehen konnten, öffnete sich ein einziges
+großes Schneefeld, hier und dort mit kleinen runden Erhöhungen; das
+waren eingeschneite Kobben. Der Himmel war blauschwarz im Osten und
+verkündete Schnee. Die Krähen kamen von draußen angeflattert und zogen
+ins Land hinein, um ihren Nachtzweig zu suchen. Zuweilen dröhnte das
+Eis, als sei Tauwetter im Anzuge, und draußen auf dem offnen Meere
+brüllten die Seehunde. Die Eisfläche lag östlich nach dem Meere zu
+offen, aber es war keine Meerwake zu sehen. Verdächtig war aber, daß
+sie die Eisente »alla« rufen zu hören glaubten. Da sie vierzehn Tage
+lang keine Zeitung bekommen hatten, wußten sie nicht, ob die
+Leuchttürme brannten; aber zwischen Weihnachten und Neujahr brannten
+sie sicher nicht.
+
+-- So geht's nicht weiter! äußerte Carlsson, der bisher still gewesen
+war.
+
+-- Es muß gehen, sagte Flod und stemmte die Schulter gegen den
+Schlitten; aber wir müssen auf der Möwenklippe landen, um etwas Essen
+zu uns zu nehmen.
+
+Und damit steuerte man auf die Klippe zu, die mitten in der freien
+Meeresfläche lag.
+
+Sie war indessen entfernter, als man geglaubt hatte; und sie änderte
+ihr Aussehen, je näher man kam; schließlich aber hatte man sie auf
+Kabellänge vor sich.
+
+-- Wuhne voraus! schrie Norman, der Ausguck hatte; nach links halten!
+
+Die Schlittenkufen machten eine Schwenkung nach links. Immer weiter
+nach links; schließlich hatte man die Klippe umgangen. Infolge der
+letzten Sonnenwärme oder der warmen Grundströmung hatte die Klippe
+sich selber abgeschnitten und schien von keiner Seite zu erreichen zu
+sein, wenigstens nicht auf Schlittenkufen.
+
+Die Dämmerung fiel, guter Rat war teuer; Flod, der den Befehl hatte,
+entwarf sofort einen Angriffsplan: das Boot sollte in die Wuhne
+geschoben werden, und im selben Augenblick sollten sich alle Mann
+hineinwerfen und an die Ruder setzen.
+
+Gesagt, getan.
+
+-- Eins, zwei, drei! befahl Flod.
+
+Das Boot schoß vor, ließ die Schlittenkufen zurück, kippte -- und der
+Sarg rutschte in die See.
+
+Aus Schreck vergaßen Flod und Carlsson, die hinten waren, ins Boot zu
+springen und blieben auf dem Rand des Eises stehen, während Rundqvist
+und Norman sich retteten.
+
+Der Sarg war schlecht gefügt, füllte sich mit Wasser und sank, ehe
+jemand soweit zur Besinnung kam, um an etwas Anderes als sich selbst
+zu denken.
+
+-- Jetzt gehen wir sogleich nach der Pfarre! befahl Flod, der heute
+mehr handelte als überlegte.
+
+Carlsson machte Einwendungen; aber auf Gustavs Frage, ob er lieber die
+ganze Nacht hier stehen wolle, konnte er nichts erwidern, zumal er
+sah, daß keine Aussicht war, die Kobbe zu erreichen.
+
+Rundqvist und Norman arbeiteten sich inzwischen ans Land und schrien
+den Kameraden zu, nachzukommen. Flod aber antwortete nur, indem er mit
+der Hand Abschied winkte und nach Süden zeigte, wo die Pfarre lag.
+
+Eine lange Weile wanderten Carlsson und Flod still dahin; Gustav
+voran mit dem Eispickel, um zu prüfen, ob das Eis hielt; Carlsson
+hinterdrein, den Rockkragen in die Höhe geschlagen. Ihm war
+schauerlich zu Mut, da seine Frau ein so schnelles und klägliches Ende
+gefunden; die Schuld dafür würde man sicher auf ihn schieben.
+
+Als sie eine halbe Stunde gegangen waren, blieb Gustav stehen, um zu
+verschnaufen. Dann blickte er nach Riffen und Ufern, um zu sehen, wo
+er sich befand.
+
+-- Zum Teufel, wir sind verkehrt gegangen! brummte er; das war ja gar
+nicht die Möwenklippe; die liegt ja dort! Und er zeigte nach Osten.
+Und dort haben wir die Kiefer von Gillöga.
+
+Auf einer langgestreckten Insel nach der Landseite zu stand eine
+einsame Kiefer, die von einer abgeholzten Waldhöhe übrig geblieben war
+und mit ihren beiden einzigen Ästen einem optischen Telegraphen glich;
+sie war als Seezeichen oder Landmarke bekannt.
+
+-- Und dort haben wir die Trälschäre.
+
+Er sprach zu sich selbst und schüttelte den Kopf.
+
+Carlsson wurde bange, denn er war in diesem Inselmeer nicht zu Hause
+und hatte zu Gustavs Wissen unbegrenztes Vertrauen gehabt.
+
+Flod hatte inzwischen Besteck genommen, änderte den Kurs und setzte
+sich mehr nach Süden in Bewegung.
+
+Die Dämmerung war gekommen, aber der Schnee leuchtete etwas, daß sie
+Landmarke halten konnten. Sie sprachen kein Wort, aber Carlsson hielt
+sich dicht hinter seinem Führer.
+
+Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte. Carlssons ungewohntes Ohr
+hörte nichts, aber Gustav vernahm ein schwaches Rauschen von der
+Ostseite, wo eine Wolkenwand, dichter und schwärzer als der
+Nebelschleier, der den Gesichtskreis verhüllte, aufgestiegen war.
+
+Sie standen eine Weile still, bis Carlsson ein schwaches Brausen und
+Rauschen hören konnte, das sich näherte.
+
+-- Was ist das? fragte er und trat dichter an Gustav heran.
+
+-- Das ist die See! antwortete der. In einer halben Stunde ist der
+Ostwind hier mit einem Schneesturm, und wenns schlimm kommt, bricht
+das Eis auf. Dann weiß der Teufel, was aus uns wird. Nur schleunigst
+weiter!
+
+Er fing an zu laufen; Carlsson hinter ihm drein; der Schnee wirbelte
+ihnen um die Füße und das Brausen schien ihnen zu folgen.
+
+-- Jetzt ist es aus mit uns! schrie Gustav und blieb stehen, auf ein
+Licht zeigend, das in Südost hinter einer Kobbe blitzte. Der
+Leuchtturm brennt! Die See geht offen!
+
+Carlsson verstand die Gefahr nicht, aber er sah ein, daß es schlimm
+stand, wenn Gustav zitterte.
+
+Jetzt hatte der Ostwind sie gefaßt; aus der Entfernung eines
+Steinwurfs konnten sie die Schneewand kommen sehen, wie einen dunkeln
+Schirm; und gleich darauf waren sie von Schnee umgeben, der dicht,
+dicht fiel, und schwarz wie Ruß war. Es wurde ganz dunkel um sie und
+das Licht des Leuchtturms, das noch einen Augenblick bleich und
+undeutlich wie eine Nebelsonne ihnen den Weg gezeigt hatte, erlosch
+schließlich.
+
+Gustav lief in starkem Trab weiter. Carlsson folgte, so gut er konnte;
+aber er war ziemlich fett und konnte nicht gleichen Schritt halten,
+kam außer Atem; bat Gustav, langsamer zu laufen: der aber hatte keine
+Lust, sich zu opfern, sondern lief, lief ums Leben. Carlsson packte
+ihn am Rockschoß, bettelte und flehte, er möge ihm nicht fortlaufen;
+versprach Gold und grüne Wälder, beschwor ihn bei seiner Seligkeit und
+Pein, aber nichts half.
+
+-- Jeder für sich und Gott für uns alle! antwortete Gustav und bat
+Carlsson, sich einige Schritte von ihm entfernt zu halten, sonst könne
+das Eis brechen.
+
+Das schien es auch zu tun, denn hinter ihnen krachte es immer mehr und
+mehr. Was schlimmer war, das Brausen näherte sich jetzt so deutlich,
+daß man hörte, wie die Wellen gegen Riffe und Eisrand schlugen; auch
+waren die Möwen erwacht und schrien nach unerwarteter Beute.
+
+Carlsson keuchte und schnaubte; der Abstand zwischen ihm und Gustav
+vergrößerte sich; schließlich befand er sich allein in der Finsternis.
+Da blieb er stehen, suchte nach den Spuren, fand keine; rief, aber
+bekam keine Antwort. Das war die Einsamkeit, die Finsternis, die
+Kälte, das Wasser, das den Tod brachte.
+
+Von Furcht aufgejagt, setzte er sich noch ein Mal in Bewegung; lief
+so, daß die Schneeflocken zurückblieben, obwohl sie dieselbe Richtung
+wie er hatten; dann rief er wieder.
+
+-- Dem Wind folgen, dann kommt Ihr westlich ans Land! hörte er eine
+fliehende Stimme aus der Finsternis; dann ward es wieder still.
+
+Bald aber hatte Carlsson keine Kräfte mehr, um laufen zu können.
+Mutlos verlangsamte er seinen Lauf, ging Schritt vor Schritt, ohne
+Widerstand leisten zu können, während er die See hinter sich kommen
+hörte, brausend, prustend, ächzend, als sei sie eigens auf nächtlichen
+Raub ausgezogen.
+
+ * * * * *
+
+Pastor Nordström hatte sich um acht Uhr ins Bett gelegt, um seine
+Zeitung zu lesen; dann war er in einen schweren Schlaf gesunken. Aber
+gegen elf Uhr fühlte er den Ellbogen seiner Alten in der Seite und
+hörte sie rufen.
+
+-- Erich! Erich! hörte er im Schlaf.
+
+-- Was ist denn? Kannst du nicht ruhig sein! knurrte er halbwach.
+
+-- Ruhig? Bin ich etwa nicht ruhig!
+
+Langatmige Erklärungen fürchtend, beeilte sich der Pastor zu beteuern,
+er sei von ihrer Ruhe überzeugt, machte mit einem Streichhölzchen
+Feuer und fragte, was los sei.
+
+-- Es ruft jemand im Garten! Hörst du nicht?
+
+Der Pastor lauschte und setzte die Brille auf, um besser hören zu
+können.
+
+-- Ja, wahrhaftig! Wer ... kann das sein?
+
+-- Geh doch und sieh nach! antwortete seine Frau und gab dem Alten
+einen neuen Stoß.
+
+Der Pastor zog Unterhosen und Pelz an, schob die Füße in seine
+Überschuhe, nahm die Flinte von der Wand und setzte ein Zündhütchen
+darauf, schüttelte das Zündpulver hinein und ging hinaus.
+
+-- Wer da? rief er.
+
+-- Flod! antwortete eine dumpfe Stimme hinter der Fliederhecke.
+
+-- Was ist denn los, daß du so spät kommst? Liegt die Alte in den
+letzten Zügen?
+
+-- Noch schlimmer! klang Gustavs mitgenommene Stimme. Wir haben sie
+verloren.
+
+-- Verloren?
+
+-- Ja, auf der See haben wir sie verloren.
+
+-- Aber komm doch in aller Welt herein und steh nicht da in der Kälte!
+
+Gustav sah beim Lichtschein wie ein ausgeblasenes Ei aus, da er den
+ganzen Tag weder gegessen noch getrunken und außerdem wie ein Hund mit
+dem Ostwind hatte um die Wette laufen müssen.
+
+Nachdem er dem Pastor in einem Atem den ganzen Verlauf erzählt hatte,
+ging dieser zu seiner Alten hinein; nach einem kleinen Sturm, der
+einige Minuten dauerte, erhielt er den Schlüssel zu einem gewissen
+Schrank in der Küche, in die er den Schiffbrüchigen führte.
+
+Bald saß Gustav an dem großen Küchentisch, während der Pastor
+Branntwein, Schmalz, Preßsülze, Brot hervorholte und dem
+Ausgehungerten vorsetzte.
+
+Darauf beriet man, was man für die Gestrandeten tun könne. Jetzt in
+der Nacht Leute aufzubieten und hinauf zu fahren, war verlorene Mühe;
+Feuer am Strande anzuzünden, war gefährlich, weil das Fahrzeuge
+irreführen konnte, wenn der Schein überhaupt durch den Schneesturm
+drang.
+
+Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefährlich,
+aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nämlich zu
+wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren.
+
+-- Es sieht gerade so aus, als müsse er für seine Taten büßen, meinte
+er.
+
+-- Hör mal, Gustav, wandte Pastor Nordström ein, ich finde, du bist
+ungerecht gegen Carlsson; und ich weiß nicht, was du mit bösen Taten
+meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn dir nicht in die
+Höhe gebracht? Hat er dir nicht Sommergäste verschafft und dir eine
+neue Stuga gebaut? Und daß er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie
+wollte ihn ja haben. Daß er sie bat, das Testament zu machen, war noch
+kein Unrecht von ihm; daß sie es aber tat, war von ihr nicht wohl
+überlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was du
+tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst du vielleicht nicht,
+daß ich für dich um die Witwe von Owassa mit ihren achttausend
+Reichstalern freien soll? Nein, hör mal, Gustav, du mußt nicht so
+streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten!
+
+-- Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und
+das vergesse ich ihm nie.
+
+-- Ach was, das hast du vergessen, wenn du zu deiner Frau ins Bett
+kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr
+wirklich das Leben genommen hat. Hätte die Alte sich zum Beispiel
+etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so hätte sie sich
+nicht erkältet. Daß er, der junge Kerl, mit dem Mädchen schäkerte,
+wäre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wären wir jetzt
+im Reinen; nun wollen wir morgen früh sehen, was zu machen ist. Wir
+haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir
+sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denke daran: des
+einen Tod ist des andern Brot.
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche erschienen, kam
+Pastor Nordström in Begleitung Flods. Statt in die Kirche zu gehen,
+blieb er in der Menge stehen, die bereits zu wissen schien, was
+geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, daß der Gottesdienst
+ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf, sich mit ihren Booten, so
+schnell sie könnten, an der Pfarrbrücke zu versammeln, um die
+Schiffbrüchigen zu bergen.
+
+In der Menge mußte der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge
+von Gemeindesachen, denn im Hintergrunde murrte man und behauptete,
+das Gotteswort nicht entbehren zu können.
+
+-- Ach was, wandte der Pastor ein; so viel liegt euch nicht daran,
+meine Schelte anzuhören, wenn ich euch recht kenne. Was? Was sagst du,
+Owassaer, du bist ja solch ein Schriftgelehrter, daß du gleich hörst,
+wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange.
+
+Ein leises Lächeln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur
+Hälfte gehoben.
+
+-- Wir haben übrigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und
+bringt eure Weiber mit; ich verspreche, euch dann die Köpfe zu
+waschen, daß es für ein Vierteljahr vorhält. Seid ihr nun
+einverstanden, daß wir den Esel aus dem Brunnen ziehen?
+
+-- Ja, murmelte die Menge, als habe sie Absolution für Entweihung des
+Sabbaths erhalten.
+
+Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen.
+
+Das Schneegestöber hatte aufgehört, der Wind war nach Norden herum
+gegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen,
+wallte blauschwarz um die blendendweißen Kobben.
+
+Zehn Netzboote stießen von der Pfarrbrücke ab. Die Männer hatten
+Pelzröcke an und Seehundsmützen auf, brachten Beile und Dregganker
+mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Ruder bemannt. Der
+Pastor saß mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle
+gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und
+vordersten Ruderer mitgenommen.
+
+Man war ernst gestimmt, aber nicht übermäßig traurig; ein
+Menschenleben mehr oder weniger zählt auf See nicht.
+
+Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror
+sofort, mußte aufgehauen und hinaus geworfen werden. Zuweilen kam eine
+Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter
+und kam wieder in die Höhe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz,
+das von den Ufern losgerissen war.
+
+Der Pastor spähte mit seinem Fernglas nach der Trälschäre, auf der
+Rundqvist und Norman gefangen saßen. Bald warf er einen hoffnungslosen
+Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war;
+bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach
+einem Fuß, einem Kleidungsstück oder der Leiche selbst. Aber
+vergebens.
+
+Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, näherte man sich der
+Schäre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte
+entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezündet. Als die Boote anlegten,
+zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher
+Lebensgefahr waren sie nicht gewesen.
+
+-- Nicht, solange man Land unter sich hat! meinte Rundqvist.
+
+Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem
+Sarg zu dreggen.
+
+Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er
+hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne
+etwas anderes in die Höhe zu bringen als lange Tangranken mit Muscheln
+und anderm Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg.
+
+Die Leute fingen an, müde und verdrießlich zu werden. Einige waren an
+Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen,
+Kaffee zu kochen.
+
+Schließlich erklärte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu
+machen, da die Strömung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen
+habe.
+
+Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache,
+streng genommen, keinen persönlich anging, empfand man eine gewisse
+Erleichterung, daß man sich nicht gefühllos gegen fremden Kummer zu
+zeigen brauchte.
+
+Um indessen dieses klägliche Ende einigermaßen abzurunden, trat Pastor
+Nordström an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht für die Alte
+halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied könnten die
+Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und
+teilte ihn den Andern mit.
+
+Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen
+in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strande
+versammelten, um der den Umständen angepaßten Beerdigung beizuwohnen.
+Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den
+Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die
+Finger der linken Hand und entblößte seinen Kopf, während alle Männer
+am Strande die Mützen abnahmen.
+
+-- Wollen wir »Ich bin ein Gast auf Erden« nehmen? Könnt ihr das
+auswendig? fragte der Pastor.
+
+-- Ja! wurde vom Strande geantwortet.
+
+Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Kälte zitternd, dann vor
+Bewegung über das Ungewöhnliche in der Feier und über die ergreifenden
+Töne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte.
+
+Die letzten Worte waren verklungen und hallten wider über das Wasser,
+gegen die Schären, durch die klare Luft. Eine Pause entstand, während
+der man nur hörte, wie der Wind in den Nadeln der Meerkiefern
+rauschte, wie die Wogen an den Steinen plätscherten, die Möwen
+schrien, die Boote gegen den Boden stießen. Der Pastor wandte sein
+greises, gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus; die Sonne
+beleuchtete seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarsträhnen vom Winde
+wie die Hängeflechten einer alten Fichte gezaust wurden.
+
+-- Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden! Jesus
+Christus unser Erlöser wird dich auferwecken am jüngsten Tage! Laßt
+uns beten! begann er mit seiner tiefen Stimme, die gegen Wind und
+Welle kämpfte, um gehört zu werden.
+
+In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem Segen streckte
+der Pastor die Hand über das Wasser zu einem letzten Lebewohl.
+
+Man setzte die Mützen wieder auf. Gustav drückte dem Pastor die Hand
+und dankte ihm, schien aber noch etwas auf dem Herzen zu haben.
+
+-- Herr Pastor, ich finde doch ... Carlsson müßte auch einige Worte
+haben!
+
+-- Es war für beide, mein Junge! Es ist jedenfalls schön von dir, an
+ihn zu denken, antwortete der Alte, der gerührter zu sein schien, als
+er wahr haben wollte.
+
+Die Sonne ging unter; man mußte sich trennen, um nach Hause zu fahren,
+so schnell man konnte.
+
+Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksamkeit erweisen;
+nachdem man Abschied genommen hatte und alle in ihren Booten waren,
+folgte man ihm ein Stück Weges, formierte dann die Boote in einer
+Linie, wie beim Netzlegen, grüßte mit den Rudern und rief:
+
+-- Lebwohl!
+
+Es war eine Huldigung für die Trauer, aber auch für den jungen Mann,
+der jetzt in die Reihe der reifen Männer aufgenommen war.
+
+Und sein eigenes Boot steuernd, ließ sich der neue Herr des Hofes von
+seinen Knechten nach Hause rudern, um von nun an sein eignes Fahrzeug
+über die windigen Flächen und grünen Sunde des launenhaften Lebens zu
+lenken.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Auflistung aller gegenüber dem
+ Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 16: teilweise unleserliches Wort: Kl rhaut --> Klärhaut
+ S. 28: Klara --> Clara (einheitliche Schreibweise im Text)
+ S. 49: Quellen finden --> Quellen zu finden
+ S. 72: Männner --> Männer
+ S. 94: knapper Gehalt --> knappes Gehalt
+ S. 100: schlägt --> schläft
+ S. 123: kaput --> kaputt
+ S. 145: Schläge --> Schlägen
+ S. 152: des alten Schmidt«! --> des alten Schmidt!«
+ S. 161: Gaulen --> Gäulen
+ S. 162: denn, --> dann
+ S. 187: vergassen --> vergaßen
+
+ Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch Ä, Ö und Ü ersetzt.
+
+ Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
+ Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+ Formatierung:
+
+ Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich _ markiert: _Text_ Text
+ in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit Pluszeichen + gekennzeichnet:
+ +Text+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN ***
+
+***** This file should be named 24371-8.txt or 24371-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
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+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ .pagenum {position: absolute; right: 5%; font-size: x-small;
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+
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+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inselbauern
+ oder Die Leute auf Hemsoe
+
+Author: August Strindberg
+
+Translator: Emil Schering
+
+Release Date: January 20, 2008 [EBook #24371]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div class="titlepage">
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h2><em class="gesperrt">August Strindberg</em></h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h1><em class="gesperrt">Die Inselbauern</em></h1>
+
+<h3>oder</h3>
+
+<h2><em class="gesperrt">Die Leute auf Hems&ouml;</em></h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>Aus dem Schwedischen &uuml;bertragen von</h3>
+
+<h2><em class="gesperrt">Emil Schering</em></h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Volksausgabe</h3>
+
+<!--[Illustration] -->
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p class="illustration">
+<img src = "images/logo.png" alt= ""/></p>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<hr style="width: 50%;" />
+<h3>M&uuml;nchen und Leipzig bei Georg M&uuml;ller</h3>
+
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p class="widmung">Deutsche Originalausgabe<br />
+gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe<br />
+unter Mitwirkung von Emil Schering als &Uuml;bersetzer<br />
+vom Dichter selbst veranstaltet<br />
+Gesch&uuml;tzt durch die Gesetze und Vertr&auml;ge<br />
+Alle Rechte vorbehalten<br />
+Copyright by Georg M&uuml;ller, M&uuml;nchen 1918</p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p class="widmung">Gebunden in Rennersches Buntpapier</p>
+
+
+</div>
+
+
+<div class="textbody">
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h2>Die erste vollst&auml;ndige Ausgabe</h2>
+
+<p>Als Strindberg 1887 das Manuskript dieses Romans dem stockholmer
+Verleger &uuml;bersandte, strich dieser vor dem Druck nicht weniger als
+22 Stellen, die ihm f&uuml;r schwedische Magen zu kr&auml;ftig erschienen, trotzdem
+der Dichter gegen diese Vergewaltigung protestierte. Erst nach dem Tode
+Strindbergs sind diese 22 Stellen aus dem Nachlasse ans Licht gekommen,
+aber auch jetzt noch nicht dem Romane eingef&uuml;gt worden. Diese
+deutsche &Uuml;bersetzung ist also die erste vollst&auml;ndige Ausgabe des Werkes.</p>
+
+<p>1917</p>
+<div class="column_right"><em class="gesperrt">Emil Schering</em></div>
+
+
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<table class="toc" summary="Inhalt">
+<tr><td><h2>&Uuml;bersicht</h2></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td></td><td>Seite</td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_1"><b><em class="gesperrt">Einleitung</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Das Inselmeer</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_1">1</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_11"><b><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Carlsson geht in Dienst</td></tr>
+<tr><td>und wird f&uuml;r einen Schw&auml;tzer gehalten</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_11">11</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_27"><b><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Sonntagsruhe und Sonntagsgesch&auml;ft;</td></tr>
+<tr><td>der gute Hirte und die b&ouml;sen Schafe;</td></tr>
+<tr><td>die Schnepfen, die ihr Teil bekamen,</td></tr>
+<tr><td>und der Knecht, der die Kammer bekam</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_27">27</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_47"><b><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch,</td></tr>
+<tr><td>wird Herr auf dem Hofe,</td></tr>
+<tr><td>duckt die jungen H&auml;hne</td></tr>
+<tr><td>und tritt seine H&uuml;hner selbst</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_47">47</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_81"><b><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Es poltert zur Hochzeit;</td></tr>
+<tr><td>die Alte wird ums Geld genommen</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_81">81</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_113"><b><em class="gesperrt">F&uuml;nftes Kapitel</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Man schl&auml;gt sich beim dritten Aufgebot,</td></tr>
+<tr><td>geht zum Abendmahl</td></tr>
+<tr><td>und h&auml;lt Hochzeit,</td></tr>
+<tr><td>kommt aber doch nicht ins Brautbett</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_113">113</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_155"><b><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Ver&auml;nderte Verh&auml;ltnisse</td></tr>
+<tr><td>und ver&auml;nderte Ansichten;</td></tr>
+<tr><td>die Landwirtschaft geht zur&uuml;ck</td></tr>
+<tr><td>und der Grubenbau bl&uuml;ht</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_155">155</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td><a href="#Page_177"><b><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel</em></b></a></td></tr>
+<tr><td>Carlsson wahrtr&auml;umt;</td></tr>
+<tr><td>der Sekret&auml;r wird bewacht,</td></tr>
+<tr><td>aber der Tod kommt</td></tr>
+<tr><td>und macht einen Strich durch alles</td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_177">177</a></td></tr>
+</table>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<hr style="width: 100%;" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">1</a></p>
+<h2><a name="Einleitung" id="Einleitung"></a>Einleitung</h2>
+
+
+
+<p>Das Inselmeer von Stockholm, die &raquo;Sch&auml;ren&laquo;, aus welcher
+Gegend ich Scenerien und Motive f&uuml;r dieses Buch geholt
+habe, hat immer eine besondere Anziehungskraft auf mich
+ausge&uuml;bt. Vielleicht weil meine engere Heimat, Stockholm
+und Umgebung, selbst einen Teil dieser Sch&auml;ren bildet. Der
+M&auml;lar war ja urspr&uuml;nglich ein Meeresarm, der durch die
+Wasserl&auml;ufe bei S&ouml;dra Telje und Stocksund bei Stockholm
+in Verbindung mit dem Meere stand; die Kettensch&auml;re, der
+jetzige Ritterholm, erinnerte ja durch ihren Namen an ihre
+&auml;lteste Natur, die einer Sch&auml;re; wie man noch bei einer
+Fahrt durch den M&auml;lar mit seinen Tausenden von Inseln
+und Holmen an die Landschaft erinnert wird, die, eine Mischung
+von Land und Wasser, &ouml;stlich von der schwedischen
+Hauptstadt sich etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt.</p>
+
+<p>Dieser ganze zerrissene K&uuml;stenstrich ruht zum allergr&ouml;&szlig;ten
+Teil auf der Urformation: Gneis, Granit und Eisenerzen;
+von den letzten hat man nur die von Ut&ouml; reich genug gefunden,
+um sie zu bearbeiten. Die Granitvariet&auml;t Pegmatit tritt
+zuweilen in so gro&szlig;en Mengen aus, da&szlig; sie des Feldspats
+wegen gewonnen wird, den die Porzellanfabriken benutzen.</p>
+
+<p>Die Abwesenheit der j&uuml;ngeren Formationen, mit ihren
+horizontalen Lagerungen in hellen, leichten Farbent&ouml;nen, verleiht
+der Sch&auml;renlandschaft diesen Zug von Wildheit und
+D&uuml;sterkeit, der die Urformation begleitet. Die Landschaftskontur
+wird durch die losgerissenen, rohen, unregelm&auml;&szlig;igen
+<!-- Page 2 --><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">2</a></span>
+Bl&ouml;cke kamm- und wogenf&ouml;rmig auf den H&ouml;hen; flach, h&ouml;ckerig,
+holperig, wo das Meer seine Schleifarbeit ausgef&uuml;hrt
+hat. Die partielle Schieferhaltigkeit des Gneises setzt auch
+die Strandklippen so der Sprengarbeit des Eises aus, da&szlig;
+Grotten, H&ouml;hlungen und tiefe Spalten das Wilde des Landschaftscharakters
+steigern; der wird dadurch niemals einf&ouml;rmig
+wie die Kalk- oder Sandsteinfalaises der franz&ouml;sischen
+Nordk&uuml;ste.</p>
+
+<p>Diese Wildheit wird jedoch j&auml;h unterbrochen durch die
+reiche Erde von der Quart&auml;rperiode mit Mor&auml;nenschutt und
+Glaciallehm, Schneckensand, Mooshumus und Tangverwandlungen;
+deren Fruchtbarkeit wird oft durch Abfall von den
+Gro&szlig;fischz&uuml;gen der Jahrtausende, die reichen Schlamm auf
+den Versandungen bilden, und drau&szlig;en auf den Kobben
+durch den Guano der Seev&ouml;gel vermehrt. Auf dieser Erdschicht
+wachsen Kiefer und Fichte, obwohl die Gotik der Fichte
+der Natur den inneren Sch&auml;ren ihren mehr hervortretenden
+Charakter verleiht, w&auml;hrend die Kiefer abgeh&auml;rteter ist und
+ganz weit hinaus bis an den Meeresrand geht, sich auf den
+letzten Klippen nach dem am meisten herrschenden Wind
+drehend.</p>
+
+<p>In den Niederungen wird der Wiesenboden besonders
+prachtvoll durch Anschl&auml;mmungen und Salzwasser, und die
+nat&uuml;rliche Wiese bietet eine reiche Blumenflora mit allen
+wilden Prachtpflanzen des mittleren Schwedens, von denen
+vielleicht die Orchideen und die Mehlprimel die vornehmsten
+sind. An den Ufern leuchten Lythrum und Lysimachia, in
+den W&auml;ldern w&auml;chst die Blaubeere, auf den offenen Felsenplatten
+die Preiselbeere, und in den Mooren ist die Multbeere
+nicht selten. Tiefliegende Inseln mit besserem Boden
+nehmen durch den Reichtum an Laubb&auml;umen und B&uuml;schen
+einen besonders l&auml;chelnden Charakter an. Die Eiche belebt
+<!-- Page 3 --><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">3</a></span>
+hier mit ihren weichen Linien und ihrem sehr hellen Laub die
+Nadelholzlandschaft. Und der Hag, diese Eigent&uuml;mlichkeit
+des Nordens, eine Kreuzung von Wald, Unterholz und Wiese,
+ist vielleicht das Lieblichste, das man sehen kann, wenn unter
+einer Mischung von Birke und Nadelbaum die Haselb&uuml;sche
+eine Laube &uuml;ber dem Fahrweg bilden; er tr&auml;gt hier
+den Namen &raquo;Drog&laquo;. Es sind St&uuml;cke eines englischen Parks,
+durch die man spaziert, bis man auf die Strandklippe mit
+ihren Fichten und Kiefern st&ouml;&szlig;t, auf Torfmoos und die Sandniederlage
+der Meeresbucht mit ihrem Tangg&uuml;rtel. Schiebt
+sich eine Bucht weiter ins Land hinein, ist sie immer von
+Erlen und reichen Schilfb&auml;nken sch&ouml;n eingefa&szlig;t.</p>
+
+<p>Diese Abwechslung von D&uuml;sterm und L&auml;chelndem, von
+&Auml;rmlichem und Reichem, von Lieblichem und Wildem, vom
+Binnenland und Meeresk&uuml;ste macht Schwedens &ouml;stliches Inselmeer
+so fesselnd. Dazu kommt, da&szlig; die meist steinigen Ufer
+das Wasser rein und durchsichtig halten; auch wo der Sand
+ins Meer hinausgeht, ist er so schwer und so rein, da&szlig; ein
+Badender sich nicht zu ekeln braucht, wie an der franz&ouml;sischen
+Nordk&uuml;ste, wo ein Meerbad ein Schlammbad ist. Man entgeht
+hier den meisten Nachteilen des offenen Meeres und
+genie&szlig;t die meisten Vorteile des Binnenlandes; ein Vorzug,
+den das &ouml;stliche Inselmeer vor der zerkl&uuml;fteten &ouml;den Westk&uuml;ste
+hat.</p>
+
+<p>Die wilde Tierwelt weist keine Raubtiere beunruhigender
+Natur auf. Fuchs, Luchs, Hermelin sind die grimmigsten.
+Gl&auml;nzende Jagdgelegenheiten bietet der Elch, der hierher gefl&uuml;chtet
+ist und in den S&uuml;mpfen und W&auml;ldern der gr&ouml;&szlig;ern
+Inseln sein Standquartier aufgeschlagen hat. Dachs, Hase,
+Otter, Seehund lassen auch ihr Fell, und die Hasenjagd auf
+der Bischofsinsel ist ber&uuml;hmt.</p>
+
+<p>Von den V&ouml;geln des Waldes sind Birkhuhn und Auerhuhn
+<!-- Page 4 --><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">4</a></span>
+sehr zahlreich, k&ouml;nnen aber von den Eingeborenen nicht gejagt
+werden; die haben keine Hunde der rechten Art und
+widmen sich ausschlie&szlig;lich dem Schie&szlig;en von Seev&ouml;geln, am
+liebsten mit dem Balban; dabei wird die streichende Eider
+nicht geschont, die br&uuml;tende dagegen sorgsam gepflegt, wenn
+auch das eine oder das andere Ei bei einer l&auml;ngeren Jagdtour
+Proviant liefern mu&szlig;. Aus dem Holk nimmt man meist
+der S&auml;gegans Eier fort, die sich geduldig als Leghenne benutzen
+l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Das Fleisch der Eider wird gut, wenn man die fette Haut
+abzieht und den Vogel eine Nacht in Milch legt. Es schmeckt
+dann wie Renntierbraten und hat allen Trangeschmack verloren.
+Ebenso werden auch S&auml;gegans, Kolbentaucher und
+Samtente behandelt, die recht schmackhaft sind, besonders
+wenn sie gleich der Ente mit Petersilie gespickt werden.</p>
+
+<p>Der schlimmste Raubvogel ist der Fischadler, der unter
+den Hechten in dem seichten Wasser der Schilfbucht Verheerungen
+anrichtet. Der Seeadler ist seltener zu sehen und
+jagt am liebsten am offenen Meere.</p>
+
+<p>Unangenehm und zuweilen gef&auml;hrlich ist die h&auml;ufig vorkommende
+Kreuzotter, die man sowohl im Blaubeerbusch wie
+am Strand trifft, beinahe &uuml;berall, kann man sagen; und
+ihre K&uuml;hnheit drau&szlig;en auf den &auml;u&szlig;eren Sch&auml;ren ist so gro&szlig;,
+da&szlig; sie sich auf dem Schwanz erhebt und durch Hiebe Fischer
+hindern will, aus dem Boot zu steigen. Das Volk schont sie
+nicht, obgleich es glaubt, sie sauge Gift aus der Erde, und
+eine Ehrfurcht vor der anderswo angebeteten Natter zeigt der
+Sch&auml;renmann nicht.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>In dieser Provinz von umflossenen Inseln lebt nun eine
+Bev&ouml;lkerung, die man nach den Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen in
+<!-- Page 5 --><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">5</a></span>
+drei Klassen einteilen k&ouml;nnte: die Landwirtschaft treiben,
+meist auf den gro&szlig;en Inseln wohnend; die den Boden bebauen
+und fischen, oder die Mittelklasse; und schlie&szlig;lich die
+eigentlichen Sch&auml;renm&auml;nner, die meist vom Fischen und Jagen
+leben, daneben aber eine Kuh, ein Schaf, einige H&uuml;hner
+f&uuml;ttern.</p>
+
+<p>Die Landwirtschaft ist dort, wo sie betrieben werden kann,
+durchaus nicht schlecht. Pr&auml;chtiger Lehmboden gibt einen guten
+Weizen, und auch der kleine Bauer hat doch immer etwas
+Spelt zum Hausbedarf &uuml;brig. Die Salzseeweide ist ber&uuml;hmt,
+und die Butter wird ausgezeichnet von den kali- und
+natronhaltigen Strandgew&auml;chsen, au&szlig;er denen die K&uuml;he ja
+immer die grenzenlose Salzlake zur Verf&uuml;gung haben. Das
+Fleisch des Hammels wird von dem kurzen Gras der hohen
+Weideufer fest und lecker, wie das franz&ouml;sische <em class="antiqua">pr&eacute;-sal&eacute;</em> auf
+&auml;hnlichem Boden.</p>
+
+<p>Dazu kommt ein verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig mildes Klima, das bedeutend
+von dem des Binnenlandes auf gleichem Breitengrad
+abweicht. Der Fr&uuml;hling kommt sp&auml;ter, oft vierzehn Tage
+sp&auml;ter als in Stockholm, so da&szlig; der Sommergast im selben
+Jahre zwei Male das Ausschlagen der B&auml;ume erleben kann;
+und der Herbst tritt sp&auml;ter ein, weil das Meer dann erw&auml;rmt
+ist und als Heizapparat dient. Einen Nachteil beim Klima
+der Sch&auml;ren hat man bemerkt; das ist der trockene Vorsommer
+und der regnerische Nachsommer; dadurch leidet die
+S&auml;e- und Wachszeit unter Trockenheit, die M&auml;h- und Erntezeit
+unter Regen. Besonders mildes Klima hat die Gegend
+von Nyn&auml;s, wo der Efeu wild &uuml;berwintert und der Wein
+oft am Spalier reift.</p>
+
+<p>F&uuml;r den Fischer oder den eigentlichen Sch&auml;renmann sind
+nat&uuml;rlich die Fr&uuml;chte des Meeres von gr&ouml;&szlig;erer Bedeutung,
+und den Gro&szlig;fischfang bildet der Str&ouml;mling, der Hering der
+<!-- Page 6 --><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">6</a></span>
+Ostsee; in ungeheuern Netzen wird er gefangen, die auf tiefliegendem
+Grund im Fr&uuml;hling und Herbst verankert werden.
+Sonst wird Hecht und Barsch im Schleppgarn gefangen, der
+Hecht auch mit Legangel und der Barsch im Netz. Die Flundern,
+die von geringerm Wert sind, werden im Netz gefangen,
+der Aal wird gestochen oder in die Reuse gelockt. Die Quappe
+wird mit einer Keule geschlagen bei durchsichtigem Eis, durch
+das man das schleimige h&auml;&szlig;liche Ding bemerken kann, wie
+es auf dem Boden liegt.</p>
+
+<p>Gegenstand eines ganz besonderen Sports, der Badfischen
+hei&szlig;t, ist der K&uuml;hling. Wenn das Wasser im Nachsommer in
+den Buchten erw&auml;rmt ist, kommt n&auml;mlich der K&uuml;hling in
+die H&ouml;he, um zu baden, wie man es nennt. Zu dieser Zeit
+wird auf den Landzungen von Baumwipfeln Ausguck gehalten;
+wenn der Beobachter merkt, da&szlig; das Wasser sich belebt,
+gibt er den Kameraden ein Zeichen; die kommen nun
+mit ihren flachen K&auml;hnen von beiden Landzungen, die Rudersch&auml;fte
+mit wollenen Str&uuml;mpfen gut umwunden, damit
+der Fisch nicht verscheucht wird; dann spannt man das Netz
+&uuml;ber die M&uuml;ndung der Bucht, mit der Wirkung, die es haben
+kann.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Die Bev&ouml;lkerung dieser isolierten, gut versteckten kleinen
+Welt, die keine regelm&auml;&szlig;igen Verkehrsverbindungen hat,
+scheint in mehr als einer Hinsicht sehr gemischt zu sein. Eine
+best&auml;ndige Auslese hat sich n&auml;mlich immer von selbst vollzogen,
+dergestalt, da&szlig; der intelligenteste Teil der Jugend zur
+Flotte, zum Lotsenamt, zum Zoll gegangen ist. Die zur&uuml;ckbleibenden,
+se&szlig;hafteren, ruhigeren Geister haben das Gewerbe
+der V&auml;ter fortgesetzt oder sind nach Stockholm gegangen
+oder haben im Innern des Landes einen Dienst gesucht;
+<!-- Page 7 --><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">7</a></span>
+die Sch&auml;ren sind kein sicherer Ort gewesen, wo man
+Familien und Grundbesitz begr&uuml;nden konnte, da das Land
+dem Feinde offen liegt und Besitzrecht wie Leben nicht gerade
+den Schutz des entfernt wohnenden Rechtspflegers genie&szlig;en.
+Es fehlt darum jede Spur von Lokalpatriotismus, wenn auch
+der Einwanderer die gew&ouml;hnlichen Schwierigkeiten zu bek&auml;mpfen
+hat.</p>
+
+<p>Nach Ortsnamen, Typen, Gewohnheiten zu urteilen,
+scheint dieses Inselmeer eine Art Zufluchtsort f&uuml;r allerlei
+Leute aus dem Innern des Landes gewesen zu sein, die aus
+der einen oder der andern Ursache die Einsamkeit aufsuchten.
+Eine eigentliche Mundart ist nicht zu sp&uuml;ren, aber eine Mischung
+von vielen, und viele einfache Sitten und Rechtsbegriffe
+aus dem Naturstadium deuten darauf, da&szlig; sich hier
+drau&szlig;en, weit entfernt von der Gesellschaft, ungesellige, f&uuml;r
+geordnetes Zusammenleben schwer zug&auml;ngliche Freiluftliebhaber
+oder ganz einfach praktische Gegner des geordneten
+Kriegsdienstes und Zollwesens zusammengefunden haben.
+Die Geschichten, wie gewisse Inseln erworben wurden, scheinen
+sich auch um Kapern, merkw&uuml;rdige Seetaten, auch Privatdienste
+f&uuml;r k&ouml;nigliche Personen zu drehen; und die Grundb&uuml;cher
+sollen an gewissen Stellen nicht recht sicher sein, ob
+der Boden der Krone geh&ouml;rt oder zinspflichtig ist.</p>
+
+<p>Andere Zeichen finden sich auch, die auf Einwanderungen
+oder vielleicht nur Landungen von Finnen, Esthen, Russen
+und dergleichen Morgenl&auml;nder deuten. Besonders hegt man
+noch heute einen entschiedenen Widerwillen gegen die Esthen,
+diese Schattenfiguren, die, an sich grau, in grauen Fahrzeugen,
+die wie aus alten zerfallenen Planken zusammengeschlagen
+sind und ein Takelwerk aus geflickten Kohlens&auml;cken
+haben, ausgespukt kommen. Wenn ein solcher fliegender
+Holl&auml;nder aus einer Kobbe an Land geht, rudert der Fischer
+<!-- Page 8 --><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">8</a></span>
+gern hinaus und sieht nach, ob das Feuer auch gut gel&ouml;scht
+ist; und er appelliert lieber an die Branntweinflasche als an
+die Flinte solchen Vagabunden des Meeres gegen&uuml;ber, von
+denen man, mit oder ohne Grund, annimmt, da&szlig; sie Salz nach
+Ru&szlig;land schmuggeln.</p>
+
+<p>Verm&ouml;gende Sch&auml;renleute gibt es, aber viele sind der Armut
+nahe, und einige &auml;u&szlig;erst arm, des Winters von Salzlake,
+Heringsk&ouml;pfen und Kartoffeln lebend. Das Gewerbe
+des Fischers, das dem des Spielers gleicht, erzieht nicht zur
+Sparsamkeit. Ein Fang macht ihn heute verm&ouml;gend, und der
+Glaube ans Gl&uuml;ck entsteht sofort mit seinen gef&auml;hrlichen Folgen.</p>
+
+<p>Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der
+Sch&auml;renmann in der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und
+aus wirtschaftlichen Gr&uuml;nden spricht er lieber frei, als da&szlig;
+er verurteilt; auch in der Hoffnung, selbst freigesprochen zu
+werden, wenn sein Ungl&uuml;ck kommt. Diese Nachsicht mit den
+Verbrechen anderer habe ich nie sch&ouml;ner ausdr&uuml;cken h&ouml;ren als
+damals, wie die Nachbarn erz&auml;hlten, ein M&ouml;rder habe einst,
+als er seine Frau ertr&auml;nkte, einen &raquo;Fehltritt&laquo; begangen.</p>
+
+<p>Der Sch&auml;renmann ist ein Einsiedler; hat weit zum Gericht,
+weit zur Kirche, weit zur Schule; weit zu den Nachbarn und
+weit zur Stadt. Der Badeort ist sein n&auml;chster Kulturmittelpunkt;
+dort aber lernt er nur den Luxus kennen und beneidet
+Menschen, die er drei Monate Feste feiern sieht; denn die
+arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er nicht.
+In der Einsamkeit w&uuml;rde er Denker werden, wenn er Anleitung
+h&auml;tte; statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt
+er in seinem Gewerbe sein kann, wie klarsehend im
+Alltagsleben, wird er leicht ein Raub subjektiver Wahrnehmungen,
+wird &raquo;fernsichtig&laquo;, ein Sonderling, wie der K&uuml;ster
+auf Ron&ouml;; macht fehlerhafte Schlu&szlig;folgerungen, sehr
+<!-- Page 9 --><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></span>
+oft Ursache und Wirkung verwechselnd; z. B. wenn es sich
+gut fischt, nachdem das Geldst&uuml;ck unter den Stein gelegt worden,
+ist das Geldst&uuml;ck die m&auml;chtige Ursache. Er ist abergl&auml;ubisch,
+und das Heidentum sitzt so tief in ihm, da&szlig; die Symbole
+der christlichen Kirche f&uuml;r ihn noch gleichbedeutend mit
+Beschw&ouml;rungen, Besprechungen, Zauberei sind.</p>
+
+<p>Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen
+Forderungen der Natur auf, wo nicht wirtschaftliche
+Berechnung als Faktor mitspricht. Das Verh&auml;ltnis zwischen
+den Geschlechtern ist ungezwungen; die Ehe wird gew&ouml;hnlich
+mit dem Kind geschlossen, wenn das M&auml;dchen Wort h&auml;lt und
+zur Gr&uuml;ndung einer Familie geneigt ist. Ist das aber nicht
+der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die mit
+dem vollst&auml;ndigen Verschwinden des Kindes und andern Geschichten
+enden k&ouml;nnen; die kommen der ganzen Welt zu
+Ohren, nur nicht dem Amtmann, der &uuml;brigens nichts machen
+kann, da er keine Zeugen findet.</p>
+
+<p>Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familienbande
+zu zerrei&szlig;en und werden starke Leidenschaften lange unterdr&uuml;ckt,
+erfolgen zuweilen unheimliche Ausbr&uuml;che der Naturkr&auml;fte;
+da nimmt es der an Tod und Verderben gew&ouml;hnte
+Sch&auml;renmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann werden
+dort drau&szlig;en stille Trauerspiele aufgef&uuml;hrt, von denen
+man nur Andeutungen zu h&ouml;ren bekommt; in einigen meiner
+Erz&auml;hlungen habe ich davon gemunkelt. Da rei&szlig;en Blutsbande
+entzwei, verbotene Schranken werden &uuml;bersprungen;
+die Natur ergreift mit harter Hand, was sie kriegen kann;
+und f&uuml;r Hunger und Liebe existieren nicht mehr R&uuml;cksicht noch
+Gesetze.
+</p>
+
+<p><!-- Page 10 --><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span>
+Das Lichte, L&auml;chelnde im Leben der Sch&auml;renleute, <em class="gesperrt">wenn</em>
+es sich licht gestaltet, habe ich in diesem Roman &raquo;Die Inselbauern&laquo;
+geschildert; in den Novellen &raquo;Das Inselmeer&laquo; habe
+ich die Halbschatten gegeben; vielleicht kann ich sp&auml;ter, wenn
+die Verh&auml;ltnisse f&uuml;r die Literatur g&uuml;nstiger werden, auch die
+Schlagschatten geben (&raquo;Am offenen Meere&laquo;), die nicht fehlen
+d&uuml;rfen, soll das Bild vollst&auml;ndig sein.</p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 11 -->
+<p class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></p>
+<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><em class="gesperrt">Carlsson geht in Dienst<br/>
+und wird f&uuml;r einen Schw&auml;tzer gehalten</em></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p>Er kam wie ein Schneegest&ouml;ber eines Aprilabends und
+hatte eine Kruke aus schwedischem Ton an einem Hungerriemen
+um den Hals. Clara und Lotte waren mit dem Netzboot
+nach dem Badeort Dalar&ouml; gefahren, um ihn zu holen; aber
+es dauerte Ewigkeiten, bis sie ins Boot kamen. Sie mu&szlig;ten
+zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur
+&raquo;Aptheke&laquo;, um graue Salbe f&uuml;rs Ferkel zu kaufen; und dann
+mu&szlig;ten sie auf die Post, um eine Freimarke zu holen; und
+dann mu&szlig;ten sie zu Fia L&ouml;vstr&ouml;m, um den Hahn zu borgen,
+gegen ein Halbpfund d&uuml;nnes Garn zum Netzbau. Und zuletzt
+waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson die M&auml;dchen
+zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte.</p>
+
+<p>Endlich kamen sie doch ins Boot.</p>
+
+<p>Carlsson wollte steuern, aber das konnte er nicht; er hatte
+noch nie einen Rahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten
+die Fock hissen, die gar nicht vorhanden war.</p>
+
+<p>Auf der Zollbr&uuml;cke standen Lotsen und Z&ouml;llner, die &uuml;ber
+das Man&ouml;ver grinsten, als das Boot &uuml;ber Stag ging und
+abgetrieben wurde.</p>
+
+<p>&#8211; H&ouml;r mal, du hast ein Loch im Boot! schrie ein junger
+Lotse durch den Wind. Stopf zu! Stopf zu!</p>
+
+<p>W&auml;hrend Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Clara ihn
+fortgesto&szlig;en und das Steuerruder genommen; und mit den
+<!-- Page 12 --><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span>
+Riemen gelang es Lotte, das Boot wieder in den Wind zu
+bringen; mit gutem Gang segelte es dem Sunde zu.</p>
+
+<p>Carlsson war ein kleiner viereckiger W&auml;rml&auml;nder mit
+blauen Augen und einer Nase, die so krumm war wie ein
+Doppelhaken. Lebhaft, spielerisch, neugierig war er, aber
+vom Seewesen verstand er nichts. Er war auch nach der Insel
+Hems&ouml; gerufen worden, um f&uuml;r Feld und Vieh zu sorgen;
+damit wollte sich n&auml;mlich niemand mehr befassen, seit der
+alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein
+auf dem Hofe sa&szlig;.</p>
+
+<p>Als Carlsson die M&auml;dchen mit Fragen nach den Verh&auml;ltnissen
+auf dem Hofe anzapfte, bekam er Antworten, wie sie
+die Bewohner des Inselmeers zu geben pflegen.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, das <em class="gesperrt">wei&szlig;</em> ich nicht! Ja, das kann ich <em class="gesperrt">nicht</em> sagen!
+Ja, das wei&szlig; ich <em class="gesperrt">wirklich</em> nicht!</p>
+
+<p>Daraus wurde er nicht klug!</p>
+
+<p>Der Kahn pl&auml;tscherte zwischen Holmen und Sch&auml;ren dahin,
+w&auml;hrend die Eisente zwischen den Kobben schnatterte
+und im Fichtenwald der Birkhahn balzte. &Uuml;ber
+freie Wasserfl&auml;chen, die &raquo;Fj&auml;rde&laquo;, und &uuml;ber Str&ouml;mungen
+fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne aufleuchteten.</p>
+
+<p>Da gings auf das gro&szlig;e Wasser hinaus, wo der Leuchtturm
+der &raquo;Hauptsch&auml;re&laquo; blinkte. Bald kam man an einem
+Stangenzeichen mit Besen vorbei, bald an einer wei&szlig;en Bake,
+die wie ein Gespenst aussah; bald leuchteten zur&uuml;ckgebliebene
+Schneewehen wie Leinen auf der Bleiche; bald tauchten
+aus dem schwarzen Wasser &raquo;Netzw&auml;chter&laquo; auf, die am Kiel
+schrapten, wenn man dar&uuml;ber fuhr. Eine schlaftrunkene
+Mantelm&ouml;we ward von ihrem Riff aufgescheucht und brachte
+Leben in Seeschwalben und M&ouml;wen; ein h&ouml;llischer L&auml;rm
+brach los.
+</p>
+
+<p><!-- Page 13 --><span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">13</a></span>
+Weit drau&szlig;en, wo die Sterne ins Meer tauchten, leuchteten
+das rote und das gr&uuml;ne Auge eines gro&szlig;en Dampfers; der
+schleppte eine lange Reihe runder Lichter, die durch die Ventile
+der Kaj&uuml;ten schimmerten.</p>
+
+<p>Alles war Carlsson neu, und er fragte nach allem; und
+jetzt erhielt er Antwort, und zwar so viele, da&szlig; er einsah, er
+war auf fremden Boden gekommen. &raquo;Er war eine Landratte&laquo;,
+das hei&szlig;t ungef&auml;hr dasselbe, was f&uuml;r den St&auml;dter &raquo;Einer
+vom Lande&laquo; ist.</p>
+
+<p>Jetzt segelte der Kahn in einen Sund und kam in Lee;
+man mu&szlig;te das Segel reffen und rudern.</p>
+
+<p>Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie
+ein Licht von einer H&uuml;tte leuchten, die zwischen Erlen und
+Kiefern lag.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt sind wir zu Hause, sagte Clara.</p>
+
+<p>Das Boot scho&szlig; in eine schmale Bucht; eine Rinne war
+durchs Schilf gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte;
+dieses Rascheln weckte einen Laichhecht, der sich in
+den Anblick einer Angelrute vertieft hatte.</p>
+
+<p>Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der
+H&uuml;tte in Bewegung.</p>
+
+<p>Der Kahn wurde an der Landungsbr&uuml;cke festgemacht, und
+die Ausladung begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt,
+der Mast herausgenommen, und die Stage mit den
+Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans Land, und
+K&uuml;bel, Kannen, K&ouml;rbe, B&uuml;ndel lagen bald auf der Landungsbr&uuml;cke.</p>
+
+<p>Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte
+lauter neue und ungew&ouml;hnliche Dinge. Vor der Landungsbr&uuml;cke
+lag der Fischkasten mit seinem Hebespiel; an der langen
+Seite der Br&uuml;cke lief ein Gel&auml;nder, das mit Netzbojen,
+Fangleinen, Dregghaken, Senkern, Schn&uuml;ren, Grundleinen,
+<!-- Page 14 --><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">14</a></span>
+Angelhaken beh&auml;ngt war; auf den Br&uuml;ckenplanken standen
+Str&ouml;mlingstrommeln, Tr&ouml;ge, Wannen, Bottiche, N&auml;pfe,
+Grundleinenkasten; am Br&uuml;ckenkopf lag ein Seeschuppen, der
+mit Lockv&ouml;geln beh&auml;ngt war: ausgestopfte Eiderg&auml;nse, S&auml;getaucher,
+Langschn&auml;bel, Trauerenten, Quakenten; unter der
+Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten, Riemen
+und Bootshaken, Sch&ouml;pfkellen, Eispickel, Quappenkeulen.
+Und am Lande standen Pf&auml;hle, an denen Str&ouml;mlingsnetze
+trockneten, so gro&szlig; wie die gr&ouml;&szlig;ten Kirchenfenster; Flundernetze
+mit Maschen, durch die man den Arm stecken konnte;
+Barschgarn, neu gekn&uuml;pft und wei&szlig; wie die feinsten Schlittennetze;
+doch von der Br&uuml;cke geradeaus zogen sich zwei Reihen
+Gabelstangen wie eine Gutsallee, und an denen hingen
+die gro&szlig;en Zugnetze.</p>
+
+<p>Vom h&ouml;chsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und
+warf ihren Schein auf den Sandweg, auf dem Muschelschalen
+und getrocknete Fischkiemen glitzerten, w&auml;hrend in
+den Zugnetzen zur&uuml;ckgebliebene Str&ouml;mlingsschuppen wie Reif
+an Spinngewebe blinkten. Aber die Laterne beleuchtete auch
+das Gesicht einer &auml;lteren Frau, das vom Wind ged&ouml;rrt zu
+sein schien, und ein Paar kleiner freundlicher Augen, die
+beim Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Vor der Alten
+her sprang der Hund, ein zottiger K&ouml;ter, der ebenso gut auf
+See wie auf Land zu Hause sein mochte.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, seid ihr da, M&auml;dchen, gr&uuml;&szlig;te die Alte, und habt
+ihr den Burschen bei euch?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, wie Ihr seht,
+Tante! antwortete Clara.</p>
+
+<p>Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Sch&uuml;rze ab und
+reichte sie dem Knecht.</p>
+
+<p>&#8211; Willkommen, Carlsson; m&ouml;gt Ihr Euch bei uns heimisch
+f&uuml;hlen!
+</p>
+
+<p><!-- Page 15 --><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">15</a></span>
+Und zu den M&auml;dchen:</p>
+
+<p>&#8211; Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, M&auml;dchen?
+Sind die Segel im Schuppen? Dann kommt hinauf, ich
+werde euch etwas zu essen geben.</p>
+
+<p>Alle vier gingen die H&ouml;he hinauf; Carlsson still, neugierig,
+voller Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung
+gestalten w&uuml;rde.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Drinnen in der Stube brannte Feuer im Ofen; auf dem
+wei&szlig;en Klapptisch lag eine reine Decke; auf der Decke stand
+eine Flasche Branntwein, in der Mitte wie ein Stundenglas
+zusammengeschn&uuml;rt; rings herum Tassen aus schwedischem
+Porzellan, auf denen Rosen und Vergi&szlig;meinnicht abgebildet
+waren; ein frischgebackenes Brot, ged&ouml;rrter Zwieback, ein
+Teller mit Butter, Zuckerdose und Sahnenkanne vervollst&auml;ndigten
+den Tisch. Carlsson fand ihn reicher, als er von dieser
+gottverlassenen Gegend erwartet hatte.</p>
+
+<p>Aber auch die Stube selbst sah nicht &uuml;bel aus, als er sie
+im flammenden Schein des Herdfeuers musterte; das kreuzte
+sich mit dem Talglicht des Messingleuchters, schien in der
+etwas unreinen Politur des Mahagonisekret&auml;rs wider, spiegelte
+sich in dem lackierten Geh&auml;use und dem Messingpendel
+der Wanduhr, funkelte auf den Silbereinlagen der damascierten
+L&auml;ufe der Vogelflinten, hob die vergoldeten Buchstaben
+auf den R&uuml;cken der Postillen, Gesangb&uuml;cher, Kalender,
+Bauernregeln hervor.</p>
+
+<p>&#8211; Tretet n&auml;her, Carlsson, lud ihn die Alte ein.</p>
+
+<p>Carlsson war ein Kind der neuen Zeit und lief wirklich
+nicht in die Scheune hinaus, sondern trat sofort n&auml;her und
+setzte sich auf ein Banksofa, w&auml;hrend die M&auml;dchen seinen
+<!-- Page 16 --><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span>
+Kasten in die K&uuml;che schafften, die auf der andern Seite des
+Flurs lag.</p>
+
+<p>Die Alte hakte den Kaffeekessel ab und legte die <ins class="correction"
+title="Originaltext: Kl&nbsp;rhaut">Kl&auml;rhaut</ins>
+hinein; hakte ihn wieder an und lie&szlig; ihn noch etwas kochen.
+Dann erneuerte sie die Einladung, dieses Mal mit dem Zusatz,
+Carlsson m&ouml;ge sich an den Tisch setzen.</p>
+
+<p>Der Knecht setzte sich und drehte die M&uuml;tze zwischen den
+Fingern. Er pa&szlig;te auf, wie der Wind wehte, um seine Segel
+danach zu richten. Er hatte offenbar die feste Absicht, sich mit
+den Ma&szlig;gebenden gut zu stellen; da er aber noch nicht wu&szlig;te,
+ob die Alte mit sich reden lie&szlig;, wagte er es nicht, seinem
+Mundwerk freien Lauf zu lassen, ehe er nicht wu&szlig;te, wo das
+Land lag.</p>
+
+<p>&#8211; Das ist aber ein feiner Sekret&auml;r, begann er und bef&uuml;hlte
+die Messingrosetten.</p>
+
+<p>&#8211; Hm! sagte die Alte, es ist aber nicht viel darin.</p>
+
+<p>&#8211; Oho, das wei&szlig; ich wohl, schmeichelte Carlsson und
+bohrte den kleinen Finger in das Schl&uuml;sselloch der Klappe;
+darin ist genug!</p>
+
+<p>&#8211; Ja, einst war wohl ein St&uuml;ck Geld darin, als wir ihn
+von der Auktion nach Hause brachten; dann aber mu&szlig;te der
+Flod in die Erde, und Gustav mu&szlig;te Soldat spielen, und seitdem
+ist keine rechte Ordnung auf dem Hof gewesen. Und
+dann wurde das neue Haus gebaut, das keinen Nutzen bringt.
+So kam eins zum andern. Aber nehmt Zucker, Carlsson, und
+trinkt eine Tasse Kaffee.</p>
+
+<p>&#8211; Soll ich damit anfangen? sperrte sich der Knecht.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, da noch niemand zu Hause ist, antwortete die Alte.
+Der verw&uuml;nschte Junge ist auf der See, mit der Flinte; und
+den Norman nimmt er immer mit; so wird keine ordentliche
+Arbeit geleistet. Wenn sie nur fort kommen und einen Vogel
+jagen k&ouml;nnen, lassen sie Viehzucht und Fischerei zu Grunde
+<!-- Page 17 --><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span>
+gehen. Das ist die Ursache, weshalb ich Euch herkommen
+lie&szlig;, Carlsson, damit Ihr nach dem Rechten schaut. Darum
+sollt Ihr Euch gewisserma&szlig;en f&uuml;r etwas mehr halten und ein
+Auge auf die Burschen haben. Wollt Ihr nicht einen Zwieback
+nehmen, Carlsson?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, Tante, soll ich gewisserma&szlig;en etwas mehr sein, damit
+die Andern auf mich h&ouml;ren, dann mu&szlig; auch eine bestimmte
+Ordnung gelten. Dann mu&szlig; ich an Tante einen R&uuml;ckhalt
+haben, denn ich wei&szlig;, wie es geht, wenn man sich mit den
+Burschen duzt und gemein macht.</p>
+
+<p>So gewann Carlsson das Land, als er wu&szlig;te, wo es lag.</p>
+
+<p>&#8211; Was das Seegesch&auml;ft anlangt, fuhr er fort, da mische
+ich mich nicht hinein; das kenne ich nicht, aber auf dem
+Lande, da wei&szlig; ich Bescheid, und da will ich Herr sein.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, das werden wir morgen regeln; dann haben wir
+Sonntag und k&ouml;nnen bei Tageslicht alles besprechen. Nun
+noch eine halbe, Carlsson, dann k&ouml;nnt Ihr Euch schlafen legen.</p>
+
+<p>Die Alte go&szlig; zum zweiten Male Kaffee ein, und Carlsson
+nahm das Stundenglas, um die Tasse mehr als dreiviertel
+zu f&uuml;llen. Nachdem er die Mischung hinuntergeschl&uuml;rft hatte,
+f&uuml;hlte er gro&szlig;e Lust, das fallen gelassene Gespr&auml;ch, das ihn
+&auml;u&szlig;erst angenehm ber&uuml;hrt hatte, wieder aufzunehmen. Aber
+die Alte war aufgestanden, um sich am Herd zu schaffen zu
+machen; die M&auml;dchen liefen aus und ein; der K&ouml;ter gab
+Laut auf dem Hofe und lenkte die Aufmerksamkeit ab.</p>
+
+<p>&#8211; Da haben wir die Burschen, sagte die Alte.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en erklangen Stimmen, Absatzeisen klirrten auf den
+Steinen, und durch die Balsaminen im Fenster sah Carlsson
+drau&szlig;en im Mondschein die Gestalten zweier M&auml;nner, die
+eine Flinte auf der Schulter und eine Tracht auf dem R&uuml;cken
+hatten.
+</p>
+
+<p><!-- Page 18 --><span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></span>
+Der K&ouml;ter bellte im Flur, und gleich darauf ward die T&uuml;r
+ge&ouml;ffnet. Herein trat der Sohn in Wasserstiefeln und Jagdjoppe.
+Mit dem sichern Stolz des gl&uuml;cklichen J&auml;gers schleuderte
+er Jagdtasche und ein B&uuml;ndel Eider auf den Tisch an
+der T&uuml;r.</p>
+
+<p>&#8211; Guten Abend, Mutter, da hast du Fleisch! gr&uuml;&szlig;te er,
+ohne den K&ouml;mmling zu bemerken.</p>
+
+<p>&#8211; Guten Abend, Gustav! Ihr seid lange fort gewesen,
+gr&uuml;&szlig;te die Mutter zur&uuml;ck, w&auml;hrend sie unwillk&uuml;rlich einen
+zufriedenen Blick auf die prachtvollen Eider warf; mit dem
+kohlschwarzen und kreidewei&szlig;en Gefieder, der rosenroten
+Brust und dem seegr&uuml;nen Nacken. Ihr habt gute Beute gemacht,
+sehe ich. Hier haben wir Carlsson, den wir erwarteten!</p>
+
+<p>Der Sohn warf einen forschenden Blick aus seinen kleinen,
+scharfen Augen, die von hellroten Wimpern halb verborgen
+waren, und &auml;nderte sofort sein Gesicht: offen war es gewesen,
+und sch&uuml;chtern wurde es.</p>
+
+<p>&#8211; Guten Abend, Carlsson, sagte er kurz und scheu.</p>
+
+<p>&#8211; Guten Abend, antwortete der Knecht, indem er einen
+unbefangenen Ton anschlug, bereit, den &Uuml;berlegenen zu
+spielen, sobald er &uuml;ber den jungen Mann im Klaren war.</p>
+
+<p>Gustav nahm den Platz auf dem Hochsitz ein, st&uuml;tzte sich
+mit dem Ellbogen aufs Fensterbrett und lie&szlig; sich von der
+Mutter eine Tasse Kaffee einschenken, in die er sofort Branntwein
+go&szlig;. W&auml;hrend er trank, betrachtete er Carlsson heimlich.</p>
+
+<p>Der hatte die V&ouml;gel genommen und untersuchte sie.</p>
+
+<p>&#8211; Das sind pr&auml;chtige Tiere, sagte er und kniff sie in die
+Brust, um zu f&uuml;hlen, ob sie fett seien. Er ist ein guter Sch&uuml;tze,
+sehe ich, der Schu&szlig; sitzt an der rechten Stelle.</p>
+
+<p>Gustav antwortete mit einem listigen Grinsen; er h&ouml;rte
+sofort, da&szlig; der Knecht nichts vom Weidwerk verstand, da
+<!-- Page 19 --><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">19</a></span>
+er Sch&uuml;sse lobte, die in den Brustfedern sa&szlig;en und die Eider
+zu Lockv&ouml;geln untauglich machten.</p>
+
+<p>Carlsson aber schwatzte unverzagt weiter, lobte die Taschen
+aus Seehundsfell, pries die Flinte, machte sich so klein wie
+m&ouml;glich; stellte sich in Seesachen noch unwissender, als er
+wirklich war.</p>
+
+<p>&#8211; Wo hast du Norman gelassen? fragte die Alte, die
+schl&auml;frig wurde.</p>
+
+<p>&#8211; Er bringt nur die Sachen in den Schuppen, antwortete
+Gustav; er kommt gleich.</p>
+
+<p>&#8211; Rundqvist hat sich schon niedergelegt. Es ist auch Zeit,
+und Ihr m&uuml;&szlig;t m&uuml;de sein, Carlsson, da Ihr lange unterwegs
+gewesen seid. Ich will Euch zeigen, wo Ihr liegen sollt, wenn
+Ihr mitkommt.</p>
+
+<p>Carlsson w&auml;re gern geblieben, um das Stundenglas auslaufen
+zu sehen; aber der Wink war so deutlich, da&szlig; er die
+Geduld der Wirtin nicht l&auml;nger auf die Probe zu stellen
+wagte.</p>
+
+<p>Die Alte ging mit ihm in die K&uuml;che hinaus.</p>
+
+<p>Gleich kam sie aber zum Sohn zur&uuml;ck, der sofort seinen
+freim&uuml;tigen Ausdruck wieder annahm.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, wie findest du ihn? fragte die Alte; er sieht ordentlich
+und willig aus.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, nein! antwortete Gustav gedehnt. Trau ihm
+nicht, Mutter; er schwatzt nur Unsinn!</p>
+
+<p>&#8211; Was du sagst! Er kann doch wohl ordentlich sein, wenn
+er auch ein Mundwerk hat.</p>
+
+<p>&#8211; Glaub mir, Mutter, das ist ein Schw&auml;tzer; mit dem
+werden wir uns zu schleppen haben, bis wir ihn wieder los
+werden. Aber das macht nichts; er soll schon arbeiten f&uuml;rs
+Essen, und mir soll er nicht zu nahe kommen. Du glaubst
+<!-- Page 20 --><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span>
+allerdings nie, was ich sage, aber du wirst schon sehen! Wirst
+schon sehen. Nachher reut es dich, wenn&#8217;s zu sp&auml;t ist! Wie
+wars mit dem alten Rundqvist? Der hatte auch ein t&uuml;chtiges
+Mundwerk, aber sein R&uuml;cken war schwach; wir haben uns
+mit ihm schleppen m&uuml;ssen, und jetzt werden wir ihn f&uuml;ttern,
+bis er stirbt. Solche Schw&auml;tzer sind nur bei der Sch&uuml;ssel gro&szlig;,
+das kannst du mir glauben!</p>
+
+<p>&#8211; Du bist wie dein Vater, Gustav; traust den Leuten
+nichts Gutes zu und verlangst dann unvern&uuml;nftig viel! Der
+Rundqvist ist kein Seemann, sondern auch vom Lande; aber
+er kann vieles, was andere nicht k&ouml;nnen. Und Seeleute kriegen
+wir nicht mehr; die gehen zur Flotte, zum Zoll oder werden
+Lotsen. Nur Leute vom Lande kriegt man. Siehst du,
+man nimmt, was man bekommt.</p>
+
+<p>&#8211; Das wei&szlig; ich wohl, da&szlig; keiner mehr Knecht sein will!
+Alle suchen Staatsdienst, und hier drau&szlig;en auf den Inseln
+sammelt sich aller Abfall vom Festland. Ordentliches Volk
+kommt nicht in die Sch&auml;ren hinaus; es mu&szlig; denn besondere
+Ursachen haben. Darum sage ich noch ein Mal: Halt die Augen
+offen!</p>
+
+<p>&#8211; Du, Gustav, solltest die Augen offen halten, gab die
+Alte zur&uuml;ck, um dein Hab und Gut in Ordnung zu bringen.
+Einst wird es ja deins! Du solltest zu Hause bleiben und
+nicht immer auf der See herumliegen; zum mindesten die
+Leute nicht von der Arbeit abhalten.</p>
+
+<p>Gustav rupfte eine Eider und antwortete:</p>
+
+<p>&#8211; Ei, Mutter, du liebst es doch auch, wenn Braten auf
+den Tisch kommt, nachdem es den ganzen Winter &uuml;ber eingesalzenes
+Schweinefleisch und ged&ouml;rrten Fisch gegeben hat;
+du mu&szlig;t also nicht so sprechen. &Uuml;brigens gehe ich nicht in
+den Krug, und etwas mu&szlig; der Mensch doch zu seinem Vergn&uuml;gen
+haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld
+<!-- Page 21 --><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">21</a></span>
+auf der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht; will er
+brennen, so mag er; er ist ja versichert.</p>
+
+<p>&#8211; Verfaulen wird der Hof nicht, das wei&szlig; ich wohl, aber
+alles Andere geht entzwei. Die Feldz&auml;une m&uuml;ssen ausgebessert
+werden, die Gr&auml;ben gereinigt werden. Das Stalldach
+ist so morsch, da&szlig; es aufs Vieh regnet. Nicht eine Br&uuml;cke ist
+heil, die Boote sind zerbrechlich wie Zunder, die Netze m&uuml;ssen
+geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und so weiter. Da ist
+so vieles, das gemacht werden m&uuml;&szlig;te, aber nie gemacht wird.
+Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch gemacht
+werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens daf&uuml;r angenommen
+haben. Es wird sich ja herausstellen, ob Carlsson
+nicht der rechte Mann daf&uuml;r ist.</p>
+
+<p>&#8211; Dann la&szlig; ihn nur machen! schnauzte Gustav, indem er
+mit der Hand durch das kurzgeschorene Haar fuhr, da&szlig; es
+wie Stacheln in die H&ouml;he stand. Da ist Norman! Komm
+und trink eine Halbe, Norman!</p>
+
+<p>Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurrbart
+und blauen Augen, trat in die Stube und lie&szlig; sich bei
+seinem Jagdgenossen nieder, nachdem er die Alte gegr&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westentaschen
+und stopften sie mit &raquo;Schwarzem Anker&laquo;. Dann gingen
+sie nach J&auml;gerart, bei einer Halben Kaffee mit Branntwein,
+alle ihre Heldentaten drau&szlig;en am offenen Meere
+durch; Schu&szlig; f&uuml;r Schu&szlig;. Die V&ouml;gel wurden untersucht, die
+Finger in die Schu&szlig;wunde gebohrt, die Hagelk&ouml;rner gez&auml;hlt,
+unentschiedene Treffer er&ouml;rtert. Schlie&szlig;lich entwarfen sie
+Pl&auml;ne zu neuen Ausfl&uuml;gen.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Inzwischen war Carlsson in die K&uuml;che hinausgekommen,
+um sein Nachtlager aufzusuchen.</p>
+
+<p><!-- Page 22 --><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">22</a></span>
+Die K&uuml;che war eine Firststube und sah wie eine mit dem
+Kiel nach oben gekehrte Schute aus, die auf der Ladung
+schwamm. Die Ladung bestand aus allen m&ouml;glichen G&uuml;tern.
+Hoch oben unter dem beru&szlig;ten Dachfirst hingen Garn und
+Fischger&auml;te an den Balken; darunter waren Bretter und
+Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfstr&auml;hne,
+Dregganker, Schmiedeeisen, Zwiebelb&uuml;ndel, Talglichter,
+Mundvorratskasten; aus einem Querbalken lag eine
+lange Reihe frisch ausgestopfter Lockv&ouml;gel; &uuml;ber einen andern
+waren Schaffelle geworfen; von einem dritten baumelten
+Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Str&uuml;mpfe; und zwischen
+den Balken liefen Spie&szlig;e mit Lochbroten, St&ouml;cke mit Aalh&auml;uten,
+Stangen mit Grundschn&uuml;ren und Angelhaken.</p>
+
+<p>Am Giebelfenster stand der E&szlig;tisch aus rohem Holz; an
+den W&auml;nden standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber
+groben Laken gebettet waren.</p>
+
+<p>In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz angewiesen.
+Als sie sich mit dem Licht entfernte, lie&szlig; sie den
+K&ouml;mmling im Halbdunkel, das nur schwach von der Herdglut
+und einem kurzen Mondstreifen erleuchtet wurde. Der
+Mond zeichnete Pfosten und Sprossen des Fensters auf den
+Boden. Aus Gr&uuml;nden der Schamhaftigkeit wurde beim
+Schlafengehen kein Licht angesteckt; denn die M&auml;dchen hatten
+auch ihre Schlafpl&auml;tze in der K&uuml;che.</p>
+
+<p>So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock
+und Stiefel ab; dann holte er die Uhr aus der Westentasche,
+um sie beim Schein des Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte
+den Schl&uuml;ssel ins Loch gesteckt und begann ihn mit etwas ungewohnter
+Hand zu drehen; die Uhr ging n&auml;mlich nur an
+Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang
+aus den Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme:</p>
+
+<p>&#8211; Nein, hat er auch eine Uhr!</p>
+
+<p><!-- Page 23 --><span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span>
+Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glutschein
+einen zottigen Kopf mit einem Paar blinzender Augen,
+der sich auf zwei Arme st&uuml;tzte.</p>
+
+<p>&#8211; Gehts dich was an? erwiderte er, um die Antwort nicht
+schuldig zu bleiben.</p>
+
+<p>&#8211; Gehts an, dann l&auml;utet man in der Kirche, obgleich ich
+nie hineinkomme! antwortete der Kopf.</p>
+
+<p>&#8211; Obgleich? O gleich gie&szlig;e ich dir einen Eimer Wasser
+&uuml;ber den Kopf, gab Carlsson zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&#8211; Das ist nicht so dumm geantwortet, stammelte der Andere.
+Das ist jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian
+an den Stiefelsch&auml;ften.</p>
+
+<p>&#8211; Das will ich meinen; und Galoschen hat er auch,
+wenn&#8217;s darauf ankommt!</p>
+
+<p>&#8211; Nein, hat er auch Galoschen; dann kann er sicher auch
+einen Schluck spendieren!</p>
+
+<p>&#8211; Ja, das kann er auch, wenn&#8217;s sein mu&szlig;, antwortete
+Carlsson bestimmt und holte seine Tonkruke. Bitte!</p>
+
+<p>Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reichte
+die Kruke hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&#8211; Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Branntwein.
+Dann: Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich du
+zu dir, Carlsson, und du nennst mich den n&auml;rrischen Rundqvist,
+denn so hei&szlig;e ich meistens.</p>
+
+<p>Und dann kroch er wieder unter die Decke.</p>
+
+<p>Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem er
+seine Uhr am Salzfa&szlig; aufgeh&auml;ngt und die Stiefel mitten
+ins Zimmer gestellt hatte, damit die roten Saffianzwickel
+recht zu sehen waren.</p>
+
+<p>Es war still in der K&uuml;che und nur Rundqvist h&ouml;rte man
+schnarchen am Herd.</p>
+
+<p>Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein
+<!-- Page 24 --><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span>
+Nagel sa&szlig; ihm das Wort der Alten im Kopfe, da&szlig; er etwas
+mehr als die Andern sein solle, um die Wirtschaft in die
+H&ouml;he zu bringen. Um den Nagel schmerzte und schw&auml;rte es;
+es war, als habe er ein Gew&auml;chs im Kopf. Er dachte an den
+Mahagonisekret&auml;r, an die roten Haare und mi&szlig;trauischen
+Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem gro&szlig;en Schl&uuml;sselbund
+herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte;
+da kommt einer und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell,
+sch&uuml;ttelt das rechte Bein, steckt die Hand in die Tasche und
+f&uuml;hlt die Schl&uuml;ssel gegen den Schenkel; dann zupft er am
+Bund, wie man Werg auszieht, und als er den kleinsten
+Schl&uuml;ssel, der in die Klappe pa&szlig;t, gefunden hat, steckt er
+den ins Schl&uuml;sselloch, ganz wie er&#8217;s heute Abend mit dem
+kleinen Finger getan hatte; aber das Schl&uuml;sselloch, das wie
+ein Auge mit einem Augapfel ausgesehen, wird rund, gro&szlig;
+und schwarz wie eine Flintenm&uuml;ndung, und &uuml;ber dem andern
+Ende des Laufes sieht er das rote Fischauge des Sohnes
+scharf und t&uuml;ckisch zielen, als wolle der sein Geld verteidigen.</p>
+
+<p>Die K&uuml;chent&uuml;r ging, und Carlsson wurde aus seinem
+Halbschlummer gerissen. Mitten im Zimmer, wohin die
+Mondscheiben ger&uuml;ckt waren, standen zwei wei&szlig;gekleidete
+Gestalten, um gleich darauf in ein Bett unterzutauchen; das
+gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine schwankende
+Landungsbr&uuml;cke st&ouml;&szlig;t. Dann ward es in den Laken lebendig
+und kicherte, bis es still wurde.</p>
+
+<p>&#8211; Gute Nacht, M&auml;dchen, erklang Rundqvists erl&ouml;schende
+Stimme. Tr&auml;umt von mir!</p>
+
+<p>&#8211; Daran ist uns allerdings sehr gelegen, antwortete
+Lotte.</p>
+
+<p>&#8211; Still, antworte dem Scheusal nicht, warnte Clara.</p>
+
+<p>&#8211; Ihr seid ... so ... nett! Wenn ich nur auch so ... nett
+<!-- Page 25 --><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span>
+... sein k&ouml;nnte wie ihr! seufzte Rundqvist. Ja, Herr Gott,
+man wird alt; dann kann man seinen Willen nicht mehr
+kriegen, und dann ist das Leben nichts mehr wert. Gute
+Nacht, Kinder, und h&uuml;tet euch vor Carlsson: der hat Uhr
+und Saffianstiefel! ... Ja, Carlsson, der ist gl&uuml;cklich! Das
+Gl&uuml;ck das kommt, das Gl&uuml;ck das fliegt, o gl&uuml;cklich, wer das
+M&auml;dchen kriegt! ... Was habt ihr dort in euerm Bett zu
+kichern, M&auml;dchen! ... H&ouml;r mal, Carlsson, kann ich nicht
+noch einen Schluck haben? Es ist so furchtbar kalt hier hinten;
+es zieht vom Herd her.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, jetzt kriegst du nichts mehr, denn nun will ich
+schlafen, schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftstr&auml;umen,
+in denen weder Wein noch M&auml;dchen vorkamen, gest&ouml;rt und
+bereits mit seiner Stellung als Gro&szlig;knecht vertraut.</p>
+
+<p>Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Geschichten
+der J&auml;ger drangen durch die beiden T&uuml;ren; und der
+Nachtwind r&uuml;ttelte an der Ofenklappe.</p>
+
+<p>Carlsson schlo&szlig; wieder die Augen. Im Schlummer h&ouml;rte
+er Lottes halblaute Stimme etwas auswendig hersagen, das
+er zuerst nicht verstehen konnte, sondern wie ein einziger
+langer Salm klang; schlie&szlig;lich unterschied er:</p>
+
+<p>&#8211; Undf&uuml;hreunsnicht &#8211; inversuchung, sondernerl&ouml;seunsvondem&uuml;bel,
+denndeinistdasreich, unddiemachtunddieherrlichkeit
+inewigkeitamen. Gute Nacht, Clara! Schlaf gut!</p>
+
+<p>Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der M&auml;dchen.
+Rundqvist aber s&auml;gte, da&szlig; die Fenster zitterten, ob nun
+aus Scherz oder Ernst. Aber Carlsson lag halbwach und
+wu&szlig;te selbst nicht, ob er wachte oder schlief.</p>
+
+<p>Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schwei&szlig;iger
+K&ouml;rper kroch an seine Seite.</p>
+
+<p>&#8211; Es ist nur Norman! h&ouml;rte er eine sch&ouml;ntuende Stimme
+<!-- Page 26 --><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span>
+neben sich. Da wu&szlig;te er, es war der Knecht, der sein Bettgenosse
+sein sollte.</p>
+
+<p>&#8211; Aha, der Sch&uuml;tze ist heimgekehrt, knarrte Rundqvists
+rostiger Ba&szlig;. Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonnabend
+drau&szlig;en geschossen.</p>
+
+<p>&#8211; Du kannst ja gar nicht schie&szlig;en, Rundqvist; du hast ja
+keine Flinte, schnauzte Norman.</p>
+
+<p>&#8211; Kann ich nicht? gab der Alte zur&uuml;ck, um das letzte Wort
+zu haben. Ich kann Schwarzstare mit der B&uuml;chse schie&szlig;en,
+und zwar zwischen den Laken&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Habt ihr das Feuer gel&ouml;scht? unterbrach ihn die freundliche
+Stimme der Alten, die aus dem Flur zur T&uuml;r hereinguckte.</p>
+
+<p>&#8211; Jawohl, antwortete man im Chor.</p>
+
+<p>&#8211; Dann gute Nacht!</p>
+
+<p>&#8211; Gute Nacht, Tante!</p>
+
+<p>Einige lange Seufzer wurden ausgesto&szlig;en, dann wurde
+gepustet, geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang
+war.</p>
+
+<p>Aber Carlsson lag noch eine Weile halb wach und z&auml;hlte
+die Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben.</p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 27 --><p><span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span></p>
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><em class="gesperrt">Sonntagsruhe und Sonntagsgesch&auml;ft; der gute Hirte<br/>
+und die b&ouml;sen Schafe; die Schnepfen, die ihr Teil bekamen<br/>
+und der Knecht, der die Kammer bekam</em></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p>Als Carlsson am Sonntagsmorgen beim Hahnenschrei erwachte,
+waren alle Betten leer, und die M&auml;dchen standen im
+Unterrock am Herde, w&auml;hrend die Sonne voll und blendend
+in die K&uuml;che schien.</p>
+
+<p>Carlsson fuhr schnell in die Hosen und ging hinaus, um
+sich zu waschen. Da sa&szlig; bereits der junge Norman auf einem
+Str&ouml;mlingsfa&szlig; und lie&szlig; sich von dem allkundigen Rundqvist
+die Haare schneiden. Rundqvist hatte ein reines Vorhemd angezogen,
+das so gro&szlig; wie eine Tageszeitung war, und seine
+besten Stiefel hatte er auch an.</p>
+
+<p>Bei einem eisernen Kochtopf, der seine F&uuml;&szlig;e verloren hatte
+und deshalb Waschsch&uuml;ssel geworden war, mu&szlig;te Carlsson
+mit einem H&auml;uflein gr&uuml;ner Seife seine Sonntagswaschung
+vornehmen.</p>
+
+<p>Im Stubenfenster zeigte sich Gustavs sommersprossiges Gesicht
+eingeseift; vor einem St&uuml;ck Spiegel, das unter dem Namen
+&raquo;Sonntagsgucker&laquo; bekannt war, fuhr er mit dem im
+Sonnenschein blitzenden Rasiermesser unter furchtbaren Grimassen
+hin und her.</p>
+
+<p>&#8211; Geht ihr heute in die Kirche? fragte Carlsson zum
+Morgengru&szlig;.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, wir kommen nicht so oft ins Gotteshaus, antwortete
+<!-- Page 28 --><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span>
+Rundqvist. Wir haben zwei Rudermeilen hin und
+ebensoviele zur&uuml;ck, und man mu&szlig; den Ruhetag nicht mit unn&uuml;tzer
+Arbeit entheiligen.</p>
+
+<p>Lotte kam heraus, um Kartoffel zu waschen, w&auml;hrend Clara
+nach dem Vorratsschuppen ging, um aus dem Winterfa&szlig; gesalzene
+Fische zu holen. In diesem sogenannten &raquo;Familiengrabe&laquo;
+waren alle kleinen Fische, die im Netz oder Fischkasten
+get&ouml;tet waren und nicht aufbewahrt werden konnten, eingesalzen,
+durcheinander, ohne Ansehen der Person, um f&uuml;r den
+t&auml;glichen Bedarf des Hauses zu dienen. Da lagen blasse
+Pl&ouml;tze Seite an Seite neben roten Rotaugen; Blicken, Kaulbarsche,
+Seehasen, Barsche, kleine Brathechte, Schollen,
+Schleie, Quappen, Mar&auml;nen. Alle hatten einen Schaden:
+eine zerfetzte Kieme, ein ausgehacktes Auge; einen Hieb im
+R&uuml;cken, der von einer Fischgabel herr&uuml;hrte; andere hatten
+einen Fu&szlig;tritt auf den Bauch erhalten; und so weiter.</p>
+
+<p><ins class="correction" title="Originaltext: Klara">Clara</ins>
+ nahm einige H&auml;nde voll, wusch das meiste Salz aus
+und tat die Gesellschaft in den Kochtopf.</p>
+
+<p>W&auml;hrend das Fr&uuml;hst&uuml;ck auf dem Feuer stand, hatte Carlsson
+sich angekleidet und machte nun einen Rundgang, um
+sich den Hof anzusehen.</p>
+
+<p>Das Haus, das eigentlich aus zweien zusammengebaut war,
+lag auf einer Anh&ouml;he am s&uuml;dlichen und innern Ende der langen,
+ziemlich seichten Bucht einer freien Meeresfl&auml;che. Diese
+Bucht schnitt so tief ins Land, da&szlig; man das gro&szlig;e Meer nicht
+sah, sondern glauben konnte, man sei an einem kleinen Binnensee
+im Innern des Landes. Die H&auml;nge der H&ouml;he senkten
+sich zu einem Tal nieder mit Weidegr&uuml;nden, Wiesen, Hagen,
+die mit Laubwald, Birke, Eiche, Erle, eingefa&szlig;t waren. Die
+n&ouml;rdliche Seite der Bucht war durch eine mit Fichtenwald
+bewachsene H&ouml;he gegen die kalten Winde gesch&uuml;tzt, und die
+s&uuml;dlichen Teile der Insel bestanden aus Kiefergeh&ouml;lzen, Birkenhagen,
+<!-- Page 29 --><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">29</a></span>
+Mooren, S&uuml;mpfen; zwischen denen war ein St&uuml;ck
+Acker hier und dort angelegt.</p>
+
+<p>Auf der H&ouml;he stand neben dem Wohnungshaus der Vorratsschuppen;
+ein St&uuml;ck davon lag das neue Haus, die &raquo;Gro&szlig;stuga&laquo;,
+ein rotes ziemlich gro&szlig;es Blockhaus mit Ziegeldach.
+Der alte Flod hatte es sich f&uuml;rs Altenteil errichtet; jetzt stand
+es unbewohnt, weil die Alte allein dort nicht hausen wollte;
+auch unn&ouml;tig viele Feuerst&auml;tten dem Walde zu sehr zugesetzt
+h&auml;tten.</p>
+
+<p>Weiterhin, dem Hage zu, lagen Viehstall und Scheune; in
+einem Geh&ouml;lz stattlicher Eichen hatten Darrstube und Keller
+ihre schattigen Pl&auml;tze; und ganz hinten an der s&uuml;dlichen Wiese
+war das Dach einer verfallenen Schmiede zu sehen.</p>
+
+<p>Unten, am innern Ende der Bucht, standen die Seeschuppen
+bis an die Landungsbr&uuml;cke; dort war auch der Hafen f&uuml;r
+die Boote.</p>
+
+<p>Ohne die Sch&ouml;nheiten der Landschaft zu bewundern,
+war Carlsson doch von dem Ganzen angenehm &uuml;berrascht.
+Die fischreiche Bucht, die ebenen Wiesen, die vor Winden
+gesch&uuml;tzten und gerade richtig abfallenden Felder, der dichte
+Hochwald, die sch&ouml;nen Nutzh&ouml;lzer in den Hagen: alles versprach
+guten Ertrag, wenn nur eine starke Hand die Kr&auml;fte
+in Bewegung setzte und die vergrabenen Sch&auml;tze ans Tageslicht
+brachte.</p>
+
+<p>Nachdem er hierhin und dorthin geschlendert, wurde er in
+seinen Betrachtungen durch ein schallendes &raquo;Halloh&laquo; unterbrochen,
+das vom Vorbau ausging, von Buchten und Feldern
+widerhallte und gleich darauf von Scheune, Hag und Schmiede
+im selben Tone beantwortet wurde.</p>
+
+<p>Es war Clara, die zum Fr&uuml;hst&uuml;ck rief.</p>
+
+<p>Bald sa&szlig;en die vier M&auml;nner um den K&uuml;chentisch, auf dem
+frischgekochte Kartoffeln, gesalzener Fisch, Butter, Roggenbrot
+<!-- Page 30 --><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">30</a></span>
+und, da es Sonntag war, Branntwein stand. Die Alte
+ging umher und forderte die M&auml;nner auf, zuzulangen; auch
+warf sie dann und wann ein Auge auf den Herd, wo jetzt f&uuml;r
+H&uuml;hner und Ferkel gekocht wurde.</p>
+
+<p>Carlsson hatte an der oberen Schmalseite des Tisches Platz
+genommen, Gustav die eine, Rundqvist die andere Breitseite,
+Norman die untere Schmalseite gew&auml;hlt; man wu&szlig;te eigentlich
+nicht, wer den Ehrenplatz hatte, sondern glaubte die vier
+Sprecher eines Ausschusses vor sich zu haben. Doch f&uuml;hrte
+Carlsson das Wort, und seine Ausspr&uuml;che betonte er, indem
+er mit der Gabel auf den Tisch stie&szlig;. Er sprach von Landwirtschaft
+und Viehzucht; aber Gustav antwortete entweder
+&uuml;berhaupt nicht oder mit Fischfang und Jagd. Norman unterst&uuml;tzte
+ihn dabei, und Rundqvist spielte den unparteiischen
+Sonderer; warf dann und wann einen Scheit ins Feuer,
+damit kein Friede aufkam; blies die Flamme an, wenn sie erl&ouml;schen
+wollte; stichelte nach rechts und stichelte nach links;
+bewies der Gesellschaft, da&szlig; sie alle gleich dumm und unwissend
+seien, da&szlig; er allein den Verstand gepachtet habe.</p>
+
+<p>Gustav antwortete Carlsson niemals direkt, sondern wandte
+sich immer an einen Nachbar; Carlsson sah ein, da&szlig; er von
+ihm keine Freundschaft zu erwarten habe.</p>
+
+<p>Norman, der J&uuml;ngste, vergewisserte sich erst immer, da&szlig;
+er am Hausherrn einen R&uuml;ckhalt hatte; nach dem sich zu
+richten, war immer das Sicherste.</p>
+
+<p>&#8211; Ferkel aufziehen, wenn man keine Milch hat, das lohnt
+nicht, lehrte Carlsson; und Milch kann man nicht bekommen,
+ohne da&szlig; man Klee in die Herbstsaat s&auml;et. In der Landwirtschaft
+mu&szlig; Kreislauf sein; eines mu&szlig; auf das Andere folgen.</p>
+
+<p>&#8211; Das ist ganz wie beim Fischen, nicht wahr, Norman,
+wandte sich Gustav an seinen Nachbar. Man kann nicht die
+Str&ouml;mlingsnetze setzen, ehe nicht die Schollen aufgeh&ouml;rt haben;
+<!-- Page 31 --><span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span>
+und man kriegt keine Schollen, ehe der Hecht nicht gelaicht
+hat. Das eine folgt aufs andere, und wenn man das
+Eine fahren l&auml;&szlig;t, f&auml;ngt das Andere an. Ist es vielleicht nicht
+so, Norman?</p>
+
+<p>Norman stimmte ohne Widerstreben bei und wiederholte
+zur Sicherheit den Endreim, als er merkte, da&szlig; Carlsson zur&uuml;ckschlagen
+wollte:</p>
+
+<p>&#8211; Ja, so ist es: das Eine f&auml;ngt an, wenn man das Andere
+fahren l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>&#8211; Wer l&auml;&szlig;t einen fahren? rief Rundqvist dazwischen, der
+die gute Gelegenheit nicht vorbeigehen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Carlsson, der den Schwanz eines Rotauges zwischen den
+Z&auml;hnen hatte, machte heftige Geb&auml;rden mit den Armen, um
+das Gespr&auml;ch wieder nach seiner Seite zu wenden. Ins Grinsen
+der Andern aber mu&szlig;te er einstimmen, obwohl sie mehr
+aus Schadenfreude grinsten, da&szlig; die Landwirtschaft beiseite
+geschoben wurde, als &uuml;ber den billigen Witz.</p>
+
+<p>Von seinem Erfolg ermuntert, machte Rundqvist Variationen
+&uuml;ber das gl&uuml;cklich gefundene Thema; ein ernstes Wort
+fand keinen Zuh&ouml;rer mehr.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Als das Fr&uuml;hst&uuml;ck zu Ende war, kam die Alte und bat
+Carlsson und Gustav, mit ihr nach dem Viehstall und auf die
+Felder zu gehen, um &uuml;ber die Verteilung der Arbeit zu sprechen
+und zu beraten, was zu tun sei, um den Hof in bessern
+Stand zu bringen. Danach w&uuml;rden sich alle in der Stube versammeln,
+um die Predigt zu lesen.</p>
+
+<p>Rundqvist legte sich beim Herd aufs Holzsofa und steckte
+sich eine Pfeife an. Norman nahm seine Handharmonika und
+setzte sich in den Vorbau, w&auml;hrend die andern nach dem Viehstall
+gingen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 32 --><span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span>
+Carlsson fand mit einer gewissen Befriedigung seine
+schlimmsten Bef&uuml;rchtungen &uuml;bertroffen. Zw&ouml;lf K&uuml;he lagen
+auf den Knien und fra&szlig;en Moos und Stroh, da das Futter
+zu Ende war. Jeder Versuch, sie aufzurichten, war unm&ouml;glich;
+nachdem Carlsson und Gustav sie auf die Beine zu bringen
+versucht, indem sie ihnen eine Bohle unter den Bauch
+schoben, &uuml;berlie&szlig; man sie vorl&auml;ufig ihrem Schicksal.</p>
+
+<p>Carlsson sch&uuml;ttelte bedenklich den Kopf, wie ein Arzt, der
+ein Sterbebett verl&auml;&szlig;t; sparte aber seine guten Ratschl&auml;ge
+und Verbesserungsvorschl&auml;ge f&uuml;r sp&auml;ter auf.</p>
+
+<p>Mit dem Ochsenpaar stand es noch schlimmer, da es eben
+mit dem Pfl&uuml;gen fertig geworden war.</p>
+
+<p>Die Schafe hatten nur Rinde zu knuppern von den l&auml;ngst
+abgefressenen Laubb&uuml;scheln.</p>
+
+<p>Die Schweine waren mager wie Jagdhunde. Die H&uuml;hner
+liefen im Viehhof umher, auf dem Misthaufen zerstreut waren,
+von denen das Wasser in B&auml;chlein abflo&szlig;.</p>
+
+<p>Nachdem man sich alles angesehen und den Verfall erkannt
+hatte, erkl&auml;rte Carlsson, hier sei nur noch mit dem Messer
+etwas zu machen.</p>
+
+<p>&#8211; Sechs K&uuml;he, die Milch geben, sind besser als zw&ouml;lf, die
+hungern!</p>
+
+<p>Er untersuchte Spiegel und Euter und bezeichnete mit gro&szlig;er
+Sicherheit die sechs, die man auff&uuml;ttern und dann zum
+Schl&auml;chter bringen solle.</p>
+
+<p>Gustav machte Einwendungen.</p>
+
+<p>Carlsson aber versicherte und beteuerte, sie m&uuml;&szlig;ten geschlachtet
+werden! Sie m&uuml;&szlig;ten sterben, so wahr er lebe! Dann
+k&ouml;nnte man eine andere Ordnung einf&uuml;hren. Zuerst aber
+m&uuml;sse vor allem trockenes, gutes Heu gekauft werden, ehe
+man das Vieh in den Wald lassen k&ouml;nne.</p>
+
+<p><!-- Page 33 --><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span>
+Als Gustav von Heukaufen sprechen h&ouml;rte, machte er die
+lebhaftesten Vorstellungen, doch nicht sein Geld f&uuml;r etwas
+auszugeben, das man selber habe. Aber die Alte brachte ihn
+mit der Erkl&auml;rung zum Schweigen, davon verstehe er nichts.</p>
+
+<p>Nachdem man noch einige weniger wichtige Anordnungen
+getroffen, verlie&szlig; man den Viehhof und wanderte auf die Felder
+hinaus.</p>
+
+<p>Hier lagen ganze Strecken brach.</p>
+
+<p>&#8211; Ach, ach! sagte Carlsson mitleidig, als er den guten
+Boden auf so veraltete Art bewirtschaftet sah. Ach! wie kindisch!
+Kein Mensch hat mehr Brache, sondern Kleeweide!
+Wenn man jedes Jahr ernten kann, warum soll man es nur
+jedes zweite Jahr tun?</p>
+
+<p>Gustav meinte, j&auml;hrliche Ernten saugten den Boden aus;
+der m&uuml;sse auch ruhen wie der Mensch.</p>
+
+<p>Aber Carlsson gab eine ganz richtige, wenn auch etwas
+dunkle Erkl&auml;rung ab, Kleesaat d&uuml;nge den Boden, statt ihn
+auszusaugen; auch halte sie ihn von Unkraut frei.</p>
+
+<p>&#8211; Davon habe ich noch nie geh&ouml;rt, meinte Gustav. Saaten,
+die d&uuml;ngen!</p>
+
+<p>Er konnte Carlssons gelehrte Auseinandersetzung, da&szlig;
+Grasgew&auml;chse ihre meiste Nahrung &raquo;aus der Luft&laquo; holen,
+nicht verstehen.</p>
+
+<p>Darauf untersuchte man die Abzugsgr&auml;ben; die standen
+voll Grundwasser, waren zugewachsen, konnten nicht ablaufen.</p>
+
+<p>Das Korn stand stellenweise, als habe man H&auml;nde voll
+ausges&auml;et, und das Unkraut wucherte zwischen den Schollen.</p>
+
+<p>Die Wiesen waren nicht geharkt; das Laub des Vorjahres
+bedeckte und erstickte das Gras, das zu einem einzigen Kuchen
+zusammengeklebt war.</p>
+
+<p>Die Feldz&auml;une waren im Begriff umzufallen; Br&uuml;cken</p>
+
+<p><!-- Page 34 --><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span>
+fehlten; alles war so bauf&auml;llig, wie die Alte es in dem Gespr&auml;ch
+am Abend dargestellt hatte.</p>
+
+<p>Gustav aber wollte nichts von Carlssons tiefdringenden
+Untersuchungen wissen; er lehnte sie ab als etwas Unangenehmes,
+das man aus der Vergangenheit ausgrub. Er f&uuml;rchtete
+die viele Arbeit, die winkte, und noch mehr, da&szlig; seine
+Mutter Geld herausr&uuml;cken m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Als sie dann nach der K&auml;lberweide gingen, blieb Gustav
+zur&uuml;ck; als sie in den Wald kamen, war er verschwunden. Die
+Alte rief nach ihm, erhielt aber keine Antwort.</p>
+
+<p>&#8211; Mag er gehen, meinte die Alte. So ist Gustav! Er ist
+immer etwas dumpf und tr&auml;ge; nur dann nicht, wenn er mit
+der Flinte auf die See hinaus kann. Aber daran m&uuml;&szlig;t Ihr
+Euch nicht kehren, Carlsson, denn etwas B&ouml;ses ist nicht in
+ihm. Sein Vater wollte etwas Besseres aus ihm machen; er
+sollte nicht als Knecht gehen, sondern konnte tun, was er
+wollte. Als er zw&ouml;lf Jahre alt war, kriegte er sein eigenes
+Boot, nat&uuml;rlich auch eine Flinte. Seitdem war nichts mehr
+mit ihm zu wollen. Jetzt geht&#8217;s mit dem Fischen zur&uuml;ck; darum
+habe ich an den Acker denken m&uuml;ssen, der schlie&szlig;lich doch noch
+sicherer ist als die See. Es w&auml;re auch gegangen, wenn Gustav
+nur verstanden h&auml;tte, die Leute anzuhalten; aber er mu&szlig; sich
+immer so gemein mit den Burschen machen, und dann geht&#8217;s
+mit der Arbeit nicht vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>&#8211; Das taugt allerdings nicht, die Leute zu verw&ouml;hnen,
+hakte Carlsson ein; und das mu&szlig; ich Euch gleich sagen,
+Tante, hier unter vier Augen: soll ich so etwas wie Kustos
+sein, so mu&szlig; ich in der Stube essen und allein in der Kammer
+schlafen; sonst haben die Leute keinen Respekt, und ich komme
+nicht vom Fleck.</p>
+
+<p>&#8211; In der Stube essen, Carlsson, versetzte besorgt die Alte,
+w&auml;hrend sie &uuml;ber den Zauntritt stieg, wird wohl kaum gehen.
+<!-- Page 35 --><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span>
+Die Leute lassen sich&#8217;s nicht mehr gefallen, da&szlig; man anderswo
+i&szlig;t als mit ihnen in der K&uuml;che. Der alte Flod hat&#8217;s nicht einmal
+gewagt, und Gustav hat sich&#8217;s nie getraut. Und tut man&#8217;s,
+machen sie sofort Spektakel &uuml;ber das Essen; stellen sich auf
+die Hinterbeine. Nein, daraus kann nichts werden. Da&szlig; Ihr
+aber auf der Kammer schlaft, ist etwas anderes; das wollen
+wir mal sehen. Die Leute finden ja schon, es seien ihrer zu
+viel in der K&uuml;che; und Norman, denke ich, schl&auml;ft lieber allein
+in seinem Bett als mit einem Andern zusammen.</p>
+
+<p>Carlsson hielt es f&uuml;r das Beste, sich mit halbgewonnenem
+Spiel zu begn&uuml;gen, und steckte die andere Pfeife vorl&auml;ufig in
+den Sack.</p>
+
+<p>Sie kamen jetzt in den Fichtenwald, wo zwischen einigen
+Geschiebebl&ouml;cken noch eine Schneewehe lag, die von Staub
+und herabgefallenen Nadeln beschmutzt war. Die Fichten
+schwitzten in der brennenden Aprilsonne schon Harz aus; zu
+ihren F&uuml;&szlig;en bl&uuml;hten wei&szlig;e Osterblumen, und unter den Haselb&uuml;schen
+guckten Leberbl&uuml;mchen durch das durchbrochene
+Nervennetz des modernden Laubes. Aus dem Haarmoos stieg
+eine warme Feuchtigkeit; zwischen den Baumst&auml;mmen sah
+man das Flimmern &uuml;ber dem Wiesenzaun zittern; weiter fort
+blaute die von einer leichten Brise bewegte Meeresfl&auml;che; das
+Eichh&ouml;rnchen kicherte oben im Gezweig und der Gr&uuml;nspecht
+h&auml;mmerte und schrie.</p>
+
+<p>Die Alte trippelte auf dem kahlen Fu&szlig;pfad &uuml;ber Nadeln
+und Wurzeln. Carlsson, der hinter ihr ging, sah, wie sich ihre
+Schuhsohlen unter geschmeidigen Schritten bogen und unter
+dem Saum des Kleides verschwanden. Da erinnerte er sich
+daran, da&szlig; sie ihm gestern &auml;lter vorgekommen war.</p>
+
+<p>&#8211; Ihr seid aber flink auf den Beinen, Tante, fand sich
+Carlsson veranla&szlig;t, seinen Fr&uuml;hlingsgef&uuml;hlen Luft zu machen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 36 --><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span>
+&#8211; Ach, wie Ihr sprecht! Man k&ouml;nnte glauben, Ihr wollt
+mit einer alten Frau Euern Spa&szlig; treiben.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, ich meine immer, was ich sage, versicherte Carlsson
+glaubhaft. Um mit Tante Schritt zu halten, gerate ich in
+Schwei&szlig;.</p>
+
+<p>&#8211; Wir wollen jedenfalls nicht weiter gehen, antwortete
+die Alte und blieb stehen, um zu verschnaufen. Hier k&ouml;nnt Ihr
+Euch den Wald ansehen, Carlsson; hierher bringen wir das
+Vieh im Sommer, wenn es nicht drau&szlig;en auf den Werdern
+ist.</p>
+
+<p>Carlsson warf einen sachverst&auml;ndigen Blick auf den Wald;
+er fand, da&szlig; da viele Klafter Brennholz standen und gutes
+Balkenholz sich auf der Wurzel erhob.</p>
+
+<p>&#8211; Aber wie schlecht gepflegt! Da liegen noch Wipfel und
+Reisig in einem solchen Ger&uuml;mpel zusammen, da&szlig; kein Mensch
+durchkommen kann!</p>
+
+<p>&#8211; Da seht Ihr selbst, Carlsson, wie es steht. Nun m&ouml;gt
+Ihr walten und schalten, wie Ihr wollt! Ihr werdet schon
+Ordnung schaffen, dessen bin ich sicher! Nicht wahr, Carlsson?</p>
+
+<p>&#8211; Meine Arbeit werde ich schon leisten, wenn die andern
+nur ihre tun! Und dazu m&uuml;&szlig;t Ihr mir helfen, Tante, knetete
+Carlsson seinen Teig. Er f&uuml;hlte, es werde nicht so leicht sein,
+sich eine Stellung als Korporal zu schaffen, da die Gemeinen
+l&auml;nger am Platze waren.</p>
+
+<p>Unter unausgesetztem Gespr&auml;ch &uuml;ber die Art und Weise,
+wie Carlsson seine Oberhoheit einnehmen und bewahren
+k&ouml;nne, gingen sie zur&uuml;ck. Diese seine Oberhoheit sei die Hauptbedingung
+f&uuml;r das Aufbl&uuml;hen des Hofes, suchte Carlsson der
+B&auml;uerin einzureden.
+</p>
+
+<p><!-- Page 37 --><span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span>
+Jetzt sollte die Predigt gelesen werden, aber von den M&auml;nnern
+lie&szlig; sich keiner sehen. Die beiden Sch&uuml;tzen waren mit den
+Flinten in den Wald gegangen; Rundqvist verbarg sich wohl
+wie gew&ouml;hnlich auf einer sonnigen H&ouml;he. So war es immer,
+wenn sie Gottes Wort h&ouml;ren sollten.</p>
+
+<p>Carlsson versicherte, man k&ouml;nne sich ohne Zuh&ouml;rer behelfen;
+und wenn die M&auml;dchen die T&uuml;r zur K&uuml;che &ouml;ffneten,
+k&ouml;nnten sie auch ein Wort vernehmen, w&auml;hrend die T&ouml;pfe
+kochten.</p>
+
+<p>Als die Alte ihre Unruhe &auml;u&szlig;erte, sie werde nicht lesen
+k&ouml;nnen, war Carlsson sofort bereit, die Sache zu &uuml;bernehmen.</p>
+
+<p>&#8211; Ach! Ich habe in meiner fr&uuml;heren Stellung so manche
+Predigt gelesen; daran soll es nicht fehlen.</p>
+
+<p>Die Alte nahm den Kalender und schlug den Text des Tages
+auf, der heute, am zweiten Sonntag nach Ostern, vom
+guten Hirten handelte.</p>
+
+<p>Carlsson nahm Luthers Postille vom Brett und setzte sich
+auf einen Stuhl mitten ins Zimmer; da konnte er sich einbilden,
+von der Gemeinde gut gesehen zu werden. Darauf
+schlug er das Gesangbuch auf und begann mit hoher Stimme,
+&uuml;ber die Tonskala laufend, wie ers von den Reisepredigern
+geh&ouml;rt und selbst getan hatte, den Text vorzupredigen.</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;Zu dieser Zeit sagte Jesus zu den Juden: Ich bin der
+gute Hirte: der <em class="gesperrt">gute</em> Hirte l&auml;&szlig;t sein Leben f&uuml;r die Schafe.
+Ein Mietling aber, der <em class="gesperrt">nicht</em> Hirte ist, dem die Schafe
+<em class="gesperrt">nicht</em> geh&ouml;ren, sieht den Wolf kommen, verl&auml;&szlig;t die Schafe
+und flieht.&laquo;</p>
+
+<p>Ein seltsames Gef&uuml;hl pers&ouml;nlicher Verantwortung bem&auml;chtigte
+sich des Vorlesers, als er die Worte &raquo;<em class="gesperrt">Ich</em> bin der gute
+Hirte&laquo; aussprach; er sah bedeutungsvoll zum Fenster hinaus,
+<!-- Page 38 --><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span>
+als suche er die beiden fl&uuml;chtigen Mietlinge Rundqvist und
+Norman.</p>
+
+<p>Die Alte nickte traurig und nahm die Katze auf die Knie,
+als &ouml;ffne sie dem verlorenen Schaf ihre Arme.</p>
+
+<p>Carlsson aber las mit vor R&uuml;hrung zitternder Stimme,
+als habe er es selbst geschrieben, weiter.</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;Aber der Mietling flieht &#8211; ja er flieht, schm&uuml;ckte er
+aus &#8211; denn er ist <em class="gesperrt">Mietling</em> (schrie er) und achtet der
+Schafe nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;<em class="gesperrt">Ich</em> bin der gute Hirte, und kenne meine Schafe, und
+meine Schafe kennen mich,&laquo; fuhr er aus dem Ged&auml;chtnis fort,
+da das ein Spruch aus dem Katechismus war.</p>
+
+<p>Darauf senkte er die Stimme, schlug die Augen nieder,
+als trauere er tief &uuml;ber die Bosheit der Menschen, und
+seufzte hervor, mit starker Betonung und Seitenblicken, nicht
+ohne verschmitzt verstehen zu geben, da&szlig; er mit Schmerz unbekannte
+Schelme angebe, ohne sie gerade anzuklagen:</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;Ich habe auch <em class="gesperrt">andere</em> Schafe, die nicht aus <em class="gesperrt">diesem</em>
+Schafstall sind; die mu&szlig; ich heranziehen; und sie <em class="gesperrt">sollen</em>
+meine Stimme h&ouml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>Und mit einem verkl&auml;rten L&auml;cheln, prophetisch, hoffnungsvoll,
+zuversichtlich, fl&uuml;sterte er:</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;Und es soll <em class="gesperrt">eine</em> Herde und <em class="gesperrt">ein</em> Hirte sein.&laquo;</p>
+
+<p>&#8211; Und <em class="gesperrt">ein</em> Hirte! echote die Alte, die ihre Gedanken
+ganz wo anders hatte als Carlsson.</p>
+
+<p>Darauf griff er die Postille an; machte zuerst ein saures
+Gesicht, als er die Anzahl der Seiten &uuml;berschlug und sah,
+da&szlig; es ein &raquo;langes Ding&laquo; war; fa&szlig;te dann aber Mut und
+begann. Die Behandlung des Stoffes pa&szlig;te nicht ganz zu
+seinen Absichten, sondern hielt sich mehr an die christlich
+symbolische Seite; darum war sein Interesse nicht so lebhaft
+wie beim Text. In rasendem Laufe eilte er durch die
+<!-- Page 39 --><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span>
+Spalten und steigerte die Geschwindigkeit, wenn er zum
+Umbl&auml;ttern kam, so, da&szlig; er mit dem angefeuchteten Daumen
+zwei Bl&auml;tter auf ein Mal umschlug, ohne da&szlig; die Alte etwas
+merkte.</p>
+
+<p>Als er aber sah, das Ende war nahe, f&uuml;rchtete er, gegen
+das Amen zu prallen; deshalb verlangsamte er die Schnelligkeit.
+Aber es war zu sp&auml;t: beim letzten Umbl&auml;ttern hatte er
+zu dick auf den Daumen gespuckt und drei Bl&auml;tter auf ein
+Mal genommen; nun traf er aufs Amen ganz oben auf der
+n&auml;chsten Seite, als stie&szlig;e er mit dem Kopf gegen eine Wand.</p>
+
+<p>Die Alte wachte von dem Sto&szlig; auf und guckte schlaftrunken
+nach der Uhr.</p>
+
+<p>Carlsson wiederholte daher das Amen noch ein Mal, indem
+er es etwas ausschm&uuml;ckte:</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen
+Geistes und um unseres Erl&ouml;sers willen.&laquo;</p>
+
+<p>Um den Schlu&szlig; abzurunden und zu s&uuml;hnen, was er verbrochen,
+betete er ein Vaterunser, so langsam und ergreifend,
+da&szlig; die Alte, die mitten in die Sonne gekommen war, noch
+ein Mal einnickte.</p>
+
+<p>Sie hatte Zeit sich zu ermuntern, w&auml;hrend Carlsson, um
+alle unangenehmen Erkl&auml;rungen abzuschneiden, den Kopf
+in der linken Hand verbarg, um ein leises Gebet zu sprechen,
+das nicht unterbrochen werden durfte.</p>
+
+<p>Die Alte f&uuml;hlte sich auch schuldig und wollte nun ihre
+Aufmerksamkeit dadurch beweisen, da&szlig; sie in selbstgew&auml;hlten
+Worten zeigte, was sie eingeheimst. Carlsson schnitt ihr aber
+das Wort ab, indem er bestimmt erkl&auml;rte, nach dem Grundtext
+und den eigenen Worten des Erl&ouml;sers handle es sich um
+nichts Geringeres: <em class="gesperrt">eine</em> Herde und <em class="gesperrt">ein</em> Hirte!
+<em class="gesperrt">Einer</em> ausschlie&szlig;lich, einer f&uuml;r alle,
+<em class="gesperrt">einer</em>, <em class="gesperrt">einer</em>, <em class="gesperrt">einer</em>!
+</p>
+
+<p><!-- Page 40 --><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">40</a></span>
+In diesem Augenblick rief Clara laut zum Mittagessen.
+Aus der Tiefe des Waldes antworteten zwei fr&ouml;hliche Hallohs,
+denen Flintenknalle folgten; und aus dem Schornstein
+der Schmiede stieg wie aus einem hungrigen Magen Rundqvists
+originelleres Puh!, das niemand verkennen konnte.</p>
+
+<p>Und bald sah man die verirrten Schafe mit leichten Schritten
+zum Kochtopf eilen. Die Alte empfing sie, indem sie ihnen
+ihr Ausbleiben vorwarf. Die Antwort aber blieb keines der
+Unschuldigen ihr schuldig; sie beteuerten, sie h&auml;tten niemand
+rufen h&ouml;ren, sonst w&auml;ren sie <em class="gesperrt">sofort</em> gekommen.</p>
+
+<p>Carlsson verhielt sich w&uuml;rdig, wie es sich beim Mittagstisch
+am Sonntag ziemte. Rundqvist aber sprach in dunklen
+Worten von den h&ouml;chst &raquo;merkw&uuml;rdigen&laquo; Fortschritten der
+Landwirtschaft. Carlsson ersah daraus, da&szlig; er von der Opposition
+bereits eingeweiht und gewonnen war.</p>
+
+<p>Nach dem Essen, das aus einem in Milch mit Pfeffer gekochten
+Eiderpaar bestand, zogen sich alle Mannsleute zur&uuml;ck,
+um zu schlafen; Carlsson aber nahm sein Gesangbuch aus
+dem Kasten und setzte sich drau&szlig;en auf die H&ouml;he, wo er einen
+trockenen Stein fand. Den Fenstern der H&uuml;tte drehte er den
+R&uuml;cken, um etwas einnicken zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die Alte fand das vielversprechend, da der Sonntagnachmittag
+sonst gew&ouml;hnlich verloren ging.</p>
+
+<p>Als Carlsson glaubte, es sei genug Zeit verflossen, um die
+Andacht wahrscheinlich zu machen, stand er auf, ging, ohne
+anzuklopfen, in die Stube und r&uuml;ckte mit dem Wunsch heraus,
+die Kammer zu sehen.</p>
+
+<p>Die Alte wollte die Sache verschieben und sch&uuml;tzte Reinmachen
+vor; Carlsson aber bestand darauf. So wurde er
+denn auf den Boden gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Da war wirklich unter dem Dachstuhl ein viereckiger Kasten
+<!-- Page 41 --><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></span>
+eingebaut; auf dem Giebel &ouml;ffnete er sich mit einem
+Fenster, das jetzt von einer blaugestreiften Rollgardine verh&auml;ngt
+war. Die Kammer enthielt ein Bett und einen kleinen
+Tisch, der vorm Fenster stand und eine Wasserkaraffe trug.
+An den W&auml;nden hing etwas, das durch die wei&szlig;en, verh&uuml;llenden
+Laken wie Kleider aussah und sich, wenn man n&auml;her ging,
+auch als Kleider erwies: hier guckte ein Rockkragen mit seinem
+Anh&auml;nger hervor, dort schlenkerte ein Hosenbein heraus.
+Darunter stand ein ganzes Heer von Schuhen, M&auml;nner- und
+Frauenstiefeln durch einander. Hinter der T&uuml;r befand sich
+ein gewaltiger mit Eisen beschlagener Kasten, der ein Schl&uuml;sselschild
+aus getriebenem Kupfer trug.</p>
+
+<p>Carlsson zog die Rollgardine auf und &ouml;ffnete das Fenster,
+um die mit Feuchtigkeit, Kampfer, Pfeffer, Wermut vermengte
+Luft herauszulassen. Dann legte er die M&uuml;tze auf den
+Tisch und erkl&auml;rte, hier werde er gut schlafen. Als die Alte
+ihre Bef&uuml;rchtungen aussprach, die K&auml;lte werde ihm unangenehm
+sein, bekannte er, er sei es gewohnt, kalt zu liegen; das
+sei ein Vorteil, den er in der warmen K&uuml;che unm&ouml;glich haben
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Der Alten ging es etwas zu schnell; sie wollte erst die
+Kleider fortnehmen, damit sie nicht im Tabaksrauch hingen.
+Carlsson versprach sofort, er werde nicht rauchen; bat und
+beschwor sie, die Kleider h&auml;ngen zu lassen. Er wolle sie nicht
+einmal ansehen; Tante solle sich nicht die M&uuml;he machen,
+seinetwegen umzukramen. Er werde abends ins Bett kriechen
+und morgens selbst sein Waschwasser ausgie&szlig;en und sein Bett
+machen. Niemand brauche hineinzugucken. Er verstehe wohl,
+Tante sei um ihre Habseligkeiten besorgt, und hier gebe es
+ja mehr als genug davon.</p>
+
+<p>Als er die Alte mit seinem Mundwerk herumgekriegt hatte,
+ging Carlsson hinunter, holte Kasten und Branntweinkrug
+<!-- Page 42 --><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">42</a></span>
+herauf, hing seine Jacke an einen Nagel am Fenster, stellte
+seine Wasserstiefel neben die anderen Schuhe.</p>
+
+<p>Darauf bat er um eine Unterredung, bei der Gustav zugegen
+sein m&uuml;sse, denn jetzt solle die Arbeit verteilt werden,
+damit morgen jeder auf seinem Posten sei.</p>
+
+<p>Nach vieler M&uuml;he wurde Gustav gefunden und veranla&szlig;t,
+eine Weile in die Stube zu kommen; an den Verhandlungen
+aber nahm er nicht teil, auf Fragen antwortete er nur mit
+Einwendungen, warf Schwierigkeiten auf; kurz, stellte sich
+auf die Hinterbeine.</p>
+
+<p>Carlsson versuchte ihn durch Schmeichelei zu gewinnen,
+ihn durch Sachkenntnis zu erdr&uuml;cken, ihm Achtung vor der
+&Uuml;berlegenheit des &Auml;lteren beizubringen; das war aber nur
+Wasser aufs Feuer.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich wurden alle Teile m&uuml;de und Gustav war verschwunden,
+ehe man sich&#8217;s versah.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne versank
+in Nebel, die bald stiegen und den Himmel mit kleinen
+Federwolken bedeckten; die Luft aber blieb warm.</p>
+
+<p>Carlsson spazierte aufs Ungef&auml;hr die Wiese hinunter und
+kam in den Ochsenhag; wanderte weiter unter den bl&uuml;henden,
+noch halb durchsichtigen Haselb&uuml;schen, die gewisserma&szlig;en einen
+Tunnel &uuml;ber den &raquo;Drog&laquo; bildeten; dieser &raquo;Drog&laquo; f&uuml;hrte
+zum Seeufer hinunter, wo das Brennholz von der Jacht des
+Aufk&auml;ufers geholt zu werden pflegte.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich blieb er stehen: durch die Wachholderstr&auml;ucher bekam
+er Gustav und Norman zu Gesicht; sie waren auf dem
+Felsenh&uuml;gel einer Lichtung aufgestellt, die sich hier &ouml;ffnete;
+hatten die Flinten angelegt, die H&auml;hne gespannt und guckten
+sich nach allen Seiten um.
+</p>
+
+<p><!-- Page 43 --><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span>
+&#8211; Still, jetzt kommt er! fl&uuml;sterte Gustav, doch so laut, da&szlig;
+es Carlsson h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Im Glauben, er sei gemeint, verbarg sich Carlsson in den
+B&uuml;schen.</p>
+
+<p>Aber &uuml;ber die jungen Fichten kam ein Vogel geflogen,
+langsam und tr&auml;g wie eine Eule, mit schlaffen Fl&uuml;geln, und
+gleich darauf kam noch einer.</p>
+
+<p>&#8211; Quarr-Quarr-Murr-Murr-Pfip! klang es in der Luft,
+und dann paff! paff! aus beiden Flinten, aus denen Hagel
+und Rauch wie ein Besen herausfuhren.</p>
+
+<p>Es knisterte in den Zweigen einer Birke, und eine Schnepfe
+fiel einen Steinwurf von Carlsson nieder.</p>
+
+<p>Die Sch&uuml;tzen liefen hin und holten die Beute; die veranla&szlig;te
+sie zu einem kleinen Meinungsaustausch.</p>
+
+<p>&#8211; Der hat seinen Teil, sagte Norman und kr&auml;uselte die
+Brustfedern des noch warmen Vogels.</p>
+
+<p>&#8211; Ich wei&szlig; noch einen, der seinen Teil haben m&uuml;&szlig;te!
+meinte Gustav, der trotz dem Jagdfieber noch von Nebengedanken
+geritten wurde. So ein Kerl, will jetzt auch auf der
+Kammer liegen!</p>
+
+<p>&#8211; Nein, wirklich? witterte Norman.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, und dann will er Ordnung in den Hof bringen!
+Als w&uuml;&szlig;ten wir nicht besser als er, was Ordnung ist. Aber
+so ist&#8217;s: neue Besen kehren gut, so lange sie neu sind; doch la&szlig;t
+mir nur Zeit, ich werde es ihm schon zeigen!</p>
+
+<p>&#8211; Und dann, sagte er nicht, die Kleesaat hole ihre Nahrung
+aus der Luft, was?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, aus der Luft; aus meinem Dreck holt sie die Nahrung!</p>
+
+<p>Und die beiden Sachverst&auml;ndigen lachten, w&auml;hrend Carlsson
+hinter dem Busche mit den Z&auml;hnen knirschte.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, er soll mir nur kommen, beteuerte Gustav, so einem
+<!-- Page 44 --><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span>
+Freisch&auml;rler weiche ich nicht! Er soll mir nur kommen, hart
+wird er liegen! &#8211; Still, da streicht die andere zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Die Sch&uuml;tzen hatten neu geladen und liefen wieder auf
+ihren Anstand. Carlsson aber schlich sich behutsam nach Hause,
+entschlossen, zum Angriff &uuml;berzugehen, sobald er gen&uuml;gend ger&uuml;stet
+war.</p>
+
+<p>Als er am Abend auf die Kammer kam, die Rollgardine
+herablie&szlig; und das Licht ansteckte, f&uuml;hlte er sich zuerst etwas
+beklommen, weil er allein war. Eine gewisse Furcht vor
+denen, von welchen er sich abgesondert hatte, &uuml;berfiel ihn.
+Bisher war er immer gewohnt gewesen, sich zu allen Tageszeiten
+in Gesellschaft zu f&uuml;hlen; immer bereit, angesprochen
+zu werden; nie um einen Zuh&ouml;rer verlegen, wenn er plaudern
+wollte. Jetzt war es still um ihn, so still, da&szlig; er aus Gewohnheit
+erwartete, angesprochen zu werden; Stimmen zu h&ouml;ren
+glaubte, wo keine waren. Und sein Kopf, der sich bisher aller
+Gedanken im gesprochenen Wort entledigte, f&uuml;llte sich mit
+einem &Uuml;berschu&szlig; von unverbrauchtem Gedankensamen, der
+keimte und sprengte, um in irgend einer Form herauszukommen;
+der solche Unlust im K&ouml;rper verursachte, da&szlig; die
+Ruhe des Schlafes sich nicht einfinden konnte.</p>
+
+<p>Er wanderte also auf blo&szlig;en Str&uuml;mpfen auf und ab, in
+der engen Kammer zwischen Fenster und T&uuml;r; richtete seine
+ganze Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Arbeit des morgenden
+Tages. Er ordnete die Besch&auml;ftigungen im Kopf und
+verteilte sie; begegnete im voraus Einwendungen, &uuml;berwand
+Hindernisse.</p>
+
+<p>Nachdem er eine Stunde so gearbeitet, hatte er Ruhe im
+Kopf; der war jetzt geordnet und liniiert wie ein Kontobuch;
+alle Posten waren an ihrer Stelle eingetragen und zusammengez&auml;hlt:
+in einem Augenblick konnte man die Stellung &uuml;bersehen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 45 --><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span>
+Darauf ging er zu Bett. Als er sich allein zwischen den
+reinen, frischen Laken befand, ohne f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen, da&szlig;
+jemand ihn im Laufe der Nacht st&ouml;ren werde, f&uuml;hlte er sich
+erst Herr seiner eigenen Person; einem Ableger gleich, der
+nun eigene Wurzeln angesetzt und vom Mutterstrauch abgeschnitten
+werden konnte, um sein Leben f&uuml;r sich zu leben, in
+eigenem Kampf, mit gr&ouml;&szlig;erer Arbeit, aber auch mit gr&ouml;&szlig;erer
+Lust.</p>
+
+<p>So schlief er ein, um dem Montagsmorgen und der Arbeitswoche
+des Lebens zu begegnen.</p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 47 --><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span></p>
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><em class="gesperrt">Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, wird<br/>
+Herr auf dem Hof, duckt die jungen H&auml;hne und tritt<br/>
+seine H&uuml;hner selbst</em></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p>Der Blei laichte, der Wachholder knospete, der Faulbeerbaum
+bl&uuml;hte und Carlsson s&auml;ete Fr&uuml;hlingssaat in die erfrorene
+Herbstsaat, schlachtete sechs K&uuml;he, kaufte trockenes
+Stallheu f&uuml;r die andern, damit die wieder auf die Beine
+kommen und in den Wald gelassen werden konnten. Er
+r&uuml;stete und er ordnete, er arbeitete selbst f&uuml;r zwei: er
+hatte eine F&auml;higkeit, die Leute in Bewegung zu setzen, die
+allem Widerstand trotzte.</p>
+
+<p>Auf einer Fabrik in W&auml;rmland geboren, von ziemlich unbestimmten
+Eltern stammend, zeigte er schon fr&uuml;h eine entschiedene
+Unlust zu k&ouml;rperlicher Arbeit, entwickelte dagegen
+ein unglaubliches Erfindungsverm&ouml;gen, sich dieser unangenehmen
+Folge des &raquo;S&uuml;ndenfalls&laquo; zu entziehen. Darin hatte
+er ja Recht, zumal die Gedankenarbeit sowohl n&uuml;tzlicher,
+ehrenvoller, bequemer ist, wie sich mehr lohnt.</p>
+
+<p>Zugleich von einem Verlangen getrieben, alle Seiten
+menschlicher T&auml;tigkeit kennen zu lernen, blieb er nicht unn&ouml;tig
+lange auf einer Stelle sitzen. Sobald er gelernt, was
+er wollte, suchte er einen neuen Wirkungskreis. Auf diese
+Weise war er vom Schmiedehandwerk zur Landwirtschaft
+&uuml;bergegangen, hatte sich im Stalldienst versucht, beim Kaufmann
+<!-- Page 48 --><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span>
+gehandelt, war G&auml;rtnerbursche, Bahnarbeiter, Ziegelstreicher
+und schlie&szlig;lich Reiseprediger gewesen!</p>
+
+<p>Durch diese Wandlungen war sein Wesen geschmeidig geworden,
+hatte er die F&auml;higkeit erworben, sich in alle Verh&auml;ltnisse
+und alle m&ouml;glichen Menschen zu schicken; ihre Absichten
+zu verstehen, ihre Gedanken zu lesen, ihre geheimen W&uuml;nsche
+zu erraten. Er war mit einem Wort eine Kraft, die ihre Umgebung
+&uuml;berragte. Seine mannigfachen Kenntnisse machten
+ihn f&auml;higer, ein Ganzes zu leiten und zu ordnen; er wollte
+sich nicht als ein Rad dem Wagen einf&uuml;gen, sondern sich von
+dem Wagen tragen lassen.</p>
+
+<p>Durch einen Zufall in seine neue Stellung geworfen, sah
+er sofort ein: hier konnte er von Nutzen sein, hier vermochte
+er mit seinen F&auml;higkeiten das jetzt Wertlose zum Ertrag zu
+bringen, hier werde er deshalb bald gesch&auml;tzt werden und
+schlie&szlig;lich unentbehrlich sein. Er hatte jetzt ein festes Ziel
+f&uuml;r sein Streben vor sich; und da&szlig; die Belohnung in einer
+verbesserten Lebensstellung auf ihn warte, hatte er hinter sich
+als sichere Hoffnung und treibende Kraft. Er arbeitete f&uuml;r
+die Anderen, sichtlich und unleugbar; aber zugleich schmiedete
+er sein eigenes Gl&uuml;ck. Und wu&szlig;te er&#8217;s so anzustellen, da&szlig;
+es aussah, als widmete er Zeit und Kraft fremdem Vorteil,
+so zeigte er damit, da&szlig; er kl&uuml;ger als mancher war, der es gern
+ebenso gemacht h&auml;tte, es aber nicht konnte.</p>
+
+<p>Das gr&ouml;&szlig;te Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte,
+war der Sohn. Bei dem bestimmten Geschmack des Fischers
+und J&auml;gers f&uuml;r das Ungewisse, f&uuml;r &Uuml;berraschungen, hatte
+der einen entschiedenen Widerwillen f&uuml;r alles Geordnete,
+alles Sichere. Ackert man, meinte der, so kriegt man allerh&ouml;chstens
+so viel, wie man berechnet hat; niemals mehr, oft aber
+viel weniger. Setzt man dagegen Netze, so kriegt man das eine
+Mal nichts, aber das n&auml;chste Mal das Siebenfache von dem,
+<!-- Page 49 --><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span>
+was man erwartet. Fuhr man aus, um Aale zu fangen, geschah
+es zuweilen, da&szlig; man einen Seehund scho&szlig;; lag man
+einen halben Tag in den Sch&auml;ren, um auf J&auml;gerg&auml;nse zu
+lauern, konnte es vorkommen, da&szlig; einem Eider vor den
+Flintenlauf kamen. Immer war es etwas, und oft etwas anderes,
+als man erwartet hatte.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens galt die Jagd noch, nachdem sie als Vorrecht
+von den oberen Klassen zu den unteren gekommen war, f&uuml;r
+vornehmer und protziger, als hinter Pflug oder Dungwagen
+herzugehen. Das war den Leuten so in Fleisch und Blut &uuml;bergegangen,
+da&szlig; man keinen Knecht dazu bringen konnte, mit
+einem Paar Ochsen zu fahren; wohl auch weil der Ochse beschnitten,
+&raquo;ver&auml;ndert&laquo;, war; vor allem aber, weil das Pferd
+von Alters her in abergl&auml;ubischem Ansehen stand.</p>
+
+<p>Ein zweiter Stein auf dem Wege war Rundqvist. Eigentlich
+war es ein alter Schelm, der auf seine Art das irdische
+Paradies wieder zu gewinnen suchte, ein Paradies ohne
+schwere Arbeit und mit langen Mittagsschl&auml;fchen und vielen
+Schn&auml;psen, indem er Kenntnis von verborgenen Dingen vorspiegelte;
+indem er allen Ernst, besonders die grobe Arbeit,
+fortscherzte; indem er, im Notfall, durch Vort&auml;uschung geistiger
+Schw&auml;che und k&ouml;rperlicher &Uuml;bel Mitleid zu erwecken
+wu&szlig;te, besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kaffee mit
+Branntwein oder einem halben Pfund Schnupftabak &auml;u&szlig;erte.
+Er verstand Schafe und Ferkel zu verschneiden; glaubte mit
+der W&uuml;nschelrute <ins class="correction" title="Originaltext: Quellen finden">
+Quellen zu finden</ins>; behauptete, den Barsch ins
+Netz locken zu k&ouml;nnen; heilte allerlei leichte &Uuml;bel bei Andern,
+behielt aber seine eigenen; sagte bei Neumond sch&ouml;nes Wetter
+voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte; opferte
+fremdes Geld unter einem gro&szlig;en Stein am Strande, wenn
+der Str&ouml;mling kommen sollte.</p>
+
+<p>Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er
+<!-- Page 50 --><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span>
+behauptete: T&auml;schelkraut aufs Feld des Nachbars bringen,
+die K&uuml;he gelt machen, Hexensch&uuml;sse austeilen und dergleichen.
+All das umgab seine Person mit einer gewissen Furcht, so da&szlig;
+man ihn gern zum Freund haben wollte.</p>
+
+<p>Seine Verdienste, denn die besa&szlig; er auch und ihretwegen
+war er unentbehrlich, bestanden darin, da&szlig; er schmieden und
+tischlern konnte. Aber seine unglaubliche F&auml;higkeit, alles zu
+machen, was auffiel, erhob ihn zu einem gef&auml;hrlichen Nebenbuhler;
+denn was Carlsson unter dem Stalldach oder drau&szlig;en
+auf dem Felde tat, fiel nicht so sehr auf.</p>
+
+<p>Blieb Norman, ein t&uuml;chtiger Arbeiter; der mu&szlig;te Gustavs
+m&auml;chtigem Einflu&szlig; entrissen und der regelm&auml;&szlig;igen Feldarbeit
+wieder gewonnen werden.</p>
+
+<p>Carlsson hatte also ein geh&ouml;riges St&uuml;ck Arbeit zu leisten und
+au&szlig;erdem nicht geringe diplomatische Schlauheit zu entwickeln,
+um durchzudringen; da er aber der kl&uuml;gste war, siegte er.</p>
+
+<p>Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf; den
+lie&szlig; er laufen, nachdem er dessen Bundesgenossen Norman
+durch allerlei Vorteile von ihm fortgelockt hatte. Das war
+nicht so schwer, denn Gustav war, offen gesagt, etwas geizig
+und behandelte Norman auf den Jagden meist als Ruderer,
+der nie den ersten Schu&szlig; tun durfte; kriegte er wirklich einen
+Schnaps, nahm Gustav heimlich deren drei. So brachten die
+Vorteile, die Carlsson dem Norman auswirkte, h&ouml;herer Lohn,
+neue Str&uuml;mpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen
+bald zum Abfall; zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach
+als Gustavs sinkende.</p>
+
+<p>Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des Sohnes
+herabgesetzt, denn allein umher zu fahren, war kein Vergn&uuml;gen.
+Infolge dieses Mangels an Gesellschaft schlo&szlig; sich
+Gustav den Andern bei der Arbeit an.</p>
+
+<p>Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer; dieser Fisch
+<!-- Page 51 --><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">51</a></span>
+war sowohl h&auml;&szlig;lich wie alt; aber Carlsson kriegte ihn auch
+bald in den Fischkasten.</p>
+
+<p>Statt Geldst&uuml;cke zu opfern, lie&szlig; Carlsson die Netze ausbessern
+und neue Leinen in alle Schleppz&uuml;ge ziehen; und siehe
+da, der Str&ouml;mling blieb besser h&auml;ngen als fr&uuml;her. Statt mit
+der auf einem andern Baum gewachsenen Mistel nach neuen
+Quellen zu suchen, lie&szlig; Carlsson den alten Brunnen f&uuml;ttern
+und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte einen
+Pumpenstock hinein; damit war die Mistel auf den Kehrichthaufen
+geworfen. Statt die K&uuml;he zu besprechen und Feuer
+&uuml;ber sie zu schlagen, lie&szlig; er sie putzen und gab ihnen trockene
+Streu. Konnte Rundqvist Hufn&auml;gel schmieden, zog Carlsson
+Haken; konnte Rundqvist einen Rechen schnitzen, tischlerte
+Carlsson sowohl Pflug wie Walze.</p>
+
+<p>Als Rundqvist sich aus allen seinen Maulwurfsl&ouml;chern verjagt
+sah, griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen.
+Er begann rings ums Haus aufzur&auml;umen; schaffte weg, was
+man den Winter &uuml;ber aus Nachl&auml;ssigkeit oder infolge der
+Dunkelheit auf den Hof hatte &raquo;fallen&laquo; lassen; machte H&uuml;hnern
+und Katze den Hof; setzte eine neue Klinke an die T&uuml;r.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, wie nett Rundqvist geworden ist! Hat uns eine
+neue Klinke an die alte T&uuml;r gemacht! Ja, er kann nett sein,
+wenn er nur will.</p>
+
+<p>So h&ouml;rte Carlsson die M&auml;gde in der K&uuml;che sprechen.</p>
+
+<p>Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines
+Morgens war der Herd wei&szlig; gestrichen; eines andern Morgens
+waren die Wassereimer gr&uuml;n angemalt, mit schwarzen
+R&auml;ndern und wei&szlig;en Herzen; wieder eines andern Morgens
+lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer
+aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feinde gelernt,
+die Gro&szlig;macht der K&uuml;che zu gewinnen; mit dem neuen Pumpenstock
+war er unwiderstehlich geworden.
+</p>
+
+<p><!-- Page 52 --><span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span>
+Rundqvist war jedoch z&auml;h und hinterlistig; in einer Sonnabendnacht
+strich er den Abtritt grell rot.</p>
+
+<p>Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman
+mit einem Viertel Branntwein, und in der Dreifaltigkeitsnacht
+h&ouml;rte die Alte, wie es um die W&auml;nde des Hauses tuschelte
+und raschelte; da sie aber zu verschlafen war, um
+aufzustehen, sah sie erst am Morgen, da&szlig; die ganze &raquo;Stuga&laquo;
+rot gestrichen war und wei&szlig;e Fensterpfosten und wei&szlig;e Dachrinnen
+hatte!</p>
+
+<p>Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen f&uuml;r sein Alter
+gar zu anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man
+lachte jetzt &uuml;ber seinen k&ouml;stlichen Geschmack, die Versch&ouml;nerungen
+mit dem Abtritt zu beginnen. Norman, als echter
+Abtr&uuml;nniger, machte einen Witz &uuml;ber ihn, der lange im
+Schwange blieb:</p>
+
+<p>&#8211; Man mu&szlig; am rechten Ende anfangen, sagte Rundqvist
+und strich zuerst den Abtritt an.</p>
+
+<p>Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um
+noch einmal neue Schliche zu versuchen oder einen vorteilhaften
+Frieden zu schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Gustav lie&szlig; sie gew&auml;hren; er sah zu und fand gut, was
+geschah.</p>
+
+<p>&#8211; Pfl&uuml;gt ihr nur, dachte er; ich werde schon kommen und
+einheimsen.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Bisher hatte Carlssons T&auml;tigkeit noch nicht Zeit genug gehabt,
+um es zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld,
+das f&uuml;r den Verkauf der K&uuml;he eingenommen war, hatte allerdings
+einige Tage im Sekret&auml;r gelegen, nachdem es bei der
+Aufz&auml;hlung einen ausgezeichneten Eindruck gemacht; es war
+<!-- Page 53 --><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span>
+aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere des
+Vermissens zur&uuml;ckgelassen.</p>
+
+<p>Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu bestellen
+gehabt und wenig Zeit zu Spazierg&auml;ngen gefunden.
+Eines Sonntagsnachmittags ging er aber die H&ouml;he hinauf und
+guckte sich um. Da fiel ihm die gro&szlig;e Stuga in die Augen,
+die mit herabgelassenen Rollgardinen ver&ouml;det dastand. Neugierig,
+wie er war, ging er hin und fand die T&uuml;r offen. Er
+trat in den Flur und entdeckte eine K&uuml;che; ging weiter und
+kam in ein gro&szlig;es Zimmer, das wirklich herrenm&auml;&szlig;ig aussah:
+wei&szlig;e Gardinen, Himmelbett mit Messingbeschl&auml;gen, ein
+Spiegel mit geschnitztem und vergoldetem Rahmen und geschliffenem
+Glas &#8211; das war fein, das wu&szlig;te er! &#8211; Sofa,
+Sekret&auml;r, Kachelofen; alles genau wie auf einem Herrenhof.
+Auf der andern Seite des Flurs war ein ebenso gro&szlig;es Zimmer
+mit Kamin, E&szlig;tisch, Sofas, Wanduhr&nbsp;...</p>
+
+<p>Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber begann
+er die Besitzer, die so wenig Unternehmungsgeist besa&szlig;en, zu
+bemitleiden und zu verachten; besonders als er sah, da&szlig; das
+Haus noch zwei Kammern mit mehreren gemachten Betten
+hatte.</p>
+
+<p>&#8211; Oh, oh, oh, dachte er laut; so viel Betten und keine
+Badeg&auml;ste.</p>
+
+<p>Von dem Gedanken an die k&uuml;nftige Einnahme berauscht,
+ging er sofort zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei
+Verschwendung, die Stuga nicht an Sommerg&auml;ste zu vermieten.</p>
+
+<p>&#8211; Ach was, wir finden niemand, der hier wohnen will!
+wehrte sich die Alte.</p>
+
+<p>&#8211; Wie wi&szlig;t Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die
+Stuga in der Zeitung angezeigt?
+</p>
+
+<p><!-- Page 54 --><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span>
+&#8211; Das hei&szlig;t nur Geld in die See werfen! meinte Frau
+Flod.</p>
+
+<p>&#8211; Man wirft auch Netze in die See, antwortete Carlsson.
+Und das mu&szlig; man tun, wenn man was erhalten will.</p>
+
+<p>&#8211; Versuchen kann man&#8217;s ja; aber Badeg&auml;ste kriegen wir
+nicht, schlo&szlig; die Alte, die nicht mehr an die Erf&uuml;llung von
+W&uuml;nschen glaubte.</p>
+
+<p>Acht Tage sp&auml;ter kam ein feiner Herr &uuml;ber die Wiese und
+sah sich um. Er kam n&auml;her. Als er auf den Hof trat, wurde
+er allein von dem Hunde empfangen, weil sich die Leute, nach
+ihrer Gewohnheit, aus Sch&uuml;chternheit oder Feingef&uuml;hl, in
+K&uuml;che und Stube verborgen hielten, nachdem sie vorher in
+einem Kn&auml;uel drau&szlig;en gestanden und nach dem Besuch gegafft
+hatten. Erst als der Herr in die T&uuml;r trat, kam Carlsson
+als der Mutigste ihm entgegen.</p>
+
+<p>Der K&ouml;mmling hatte eine Anzeige gelesen.</p>
+
+<p>&#8211; Jaja, das ist hier!</p>
+
+<p>Carlsson f&uuml;hrte ihn nach der Gro&szlig;stuga hinauf.</p>
+
+<p>Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle
+Verbesserungen, wenn der Herr sich sofort entscheide; denn
+der Bewerber seien viele und die Jahreszeit sei vorgeschritten.</p>
+
+<p>Der Fremde schien von der sch&ouml;nen Lage des Hauses gefesselt
+zu werden und beeilte sich, abzuschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Verh&auml;ltnissen,
+wirtschaftlichen sowohl wie famili&auml;ren, erkundigt hatten,
+entfernte der Fremde sich wieder.</p>
+
+<p>Carlsson begleitete ihn bis zur Feldt&uuml;r. Dann st&uuml;rzte er
+in die H&uuml;tte zur&uuml;ck und legte vor Hausfrau und Sohn sieben
+Scheine zu je zehn Kronen und einen zu f&uuml;nf auf den Tisch.</p>
+
+<p>&#8211; Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzunehmen,
+murrte die Alte.</p>
+
+<p>Gustav aber war zufrieden; zum ersten Male sprach er
+<!-- Page 55 --><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">55</a></span>
+Carlsson seine Anerkennung aus, als dieser erz&auml;hlte, wie er
+durch den Hinweis auf viele Bewerber den Herrn gedr&auml;ngt
+habe.</p>
+
+<p>Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf f&uuml;r Carlsson.
+Nach diesem St&uuml;ckchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Gesch&auml;ftssachen
+zu gute gekommen war, sprach er in einem
+h&ouml;heren Tone.</p>
+
+<p>Es sei nicht nur das bare Geld f&uuml;r die Miete, das ihnen
+in den Scho&szlig; gefallen; es werde auch indirekte Eink&uuml;nfte
+regnen.</p>
+
+<p>Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zuh&ouml;rern
+in raschen Z&uuml;gen aus.</p>
+
+<p>Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung
+brauche man nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechen
+von den Fahrten nach dem Badeort Dalar&ouml;, f&uuml;r die man
+jedes Mal eine Krone nehmen k&ouml;nne. Und dann k&ouml;nnte man
+ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gem&uuml;se absetzen.
+Oh, da sei etwas zu machen! Und es sei ein feiner
+Mann!</p>
+
+<p>Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische
+an. Es waren Mann und Frau, eine Tochter von sechzehn
+und ein Sohn von sechs Jahren, dazu zwei Dienstm&auml;dchen.</p>
+
+<p>Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verh&auml;ltnissen,
+war ein Mann des Friedens, stand am Eingang
+der Vierziger. Er war von deutscher Geburt und konnte die
+Inselbauern nicht gut verstehen; darum beschr&auml;nkte er sich
+darauf, zu allem, was sie sagten, beif&auml;llig zu nicken und
+&raquo;sch&ouml;n&laquo; zu sagen; so kam er rasch in den Ruf, ein sehr netter
+Herr zu sein.</p>
+
+<p>Die Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus
+und ihre Kinder pflegte und sich durch ihr w&uuml;rdiges Benehmen
+<!-- Page 56 --><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span>
+bei den M&auml;gden in Respekt zu setzen wu&szlig;te, ohne zu
+wettern oder zu bestechen.</p>
+
+<p>Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Sch&uuml;chterne
+und am meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu
+hatte er ja auch ein Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besa&szlig;
+niemand von den andern weder die unternehmende Lust
+noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz streitig zu machen.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Die Ankunft der St&auml;dter unterlie&szlig; nicht, ihren Einflu&szlig;
+auf Sinne und Sitten der Inselbauern auszu&uuml;ben. T&auml;glich
+Menschen vor sich zu sehen, die festt&auml;glich gekleidet waren,
+jeden Tag zum Sonntag machten, ohne Ziel spazieren gingen
+und ruderten, badeten und musizierten; sich die Zeit vertrieben,
+als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt
+&#8211; das erregte anfangs keinen Neid sondern nur Erstaunen;
+Erstaunen dar&uuml;ber, da&szlig; das Leben sich so gestalten k&ouml;nne;
+Erstaunen &uuml;ber Menschen, die ihr Dasein so angenehm und
+ruhig, so rein und fein vor allem einzurichten vermochten,
+ohne da&szlig; man sagen konnte, sie h&auml;tten Andern Unrecht getan
+oder Arme gepl&uuml;ndert.</p>
+
+<p>Ohne sich dessen bewu&szlig;t zu werden, fingen die Inselbauern
+an, sich stillen Tr&auml;umen hinzugeben; verstohlene Blicke nach
+der Gro&szlig;stuga zu werfen. Sahen sie ein helles Sommerkleid
+auf der Wiese aufleuchten, blieben sie stehen und weideten
+sich an dem Anblick wie an etwas sehr Sch&ouml;nem. Gewahrten
+sie einen wei&szlig;en Schleier um einen italienischen Strohhut,
+ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem
+Boot auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden
+sie still und and&auml;chtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten
+Etwas, das sie nicht zu hoffen wagten, zu dem sie
+sich aber hingezogen f&uuml;hlten.
+</p>
+
+<p><!-- Page 57 --><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span>
+Gespr&auml;ch und L&auml;rm unten in der K&uuml;che und der alten
+Stuga nahmen eine stillere Art an. Carlsson erschien best&auml;ndig
+in reinem, wei&szlig;em Hemd, hatte auch wochentags
+eine blaue Tuchm&uuml;tze auf und nahm allm&auml;hlich das Aussehen
+eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche
+oder hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre.</p>
+
+<p>Gustav zog sich dagegen zur&uuml;ck, hielt sich so abseits wie
+m&ouml;glich, um nicht zu Vergleichen Anla&szlig; zu geben; sprach bitter
+von St&auml;dtern im allgemeinen; mu&szlig;te sich und andere &ouml;fters
+als fr&uuml;her an das Geld auf der Bank erinnern; machte weite
+Bogen, um an der Gro&szlig;stuga vorbeizukommen und den hellen
+Kleidern auszuweichen.</p>
+
+<p>Rundqvist ging mit finsterm Gesicht umher, hielt sich meist
+in der Schmiede auf und erkl&auml;rte, er frage den Teufel nach
+der ganzen Welt, und sei es die K&ouml;niginwitwe selber.</p>
+
+<p>Norman dagegen holte seine Soldatenm&uuml;tze hervor, schnallte
+den Hungerriemen &uuml;ber das Wams und schlug Haken um
+den Brunnen, wohin die M&auml;gde der Herrschaft morgens
+und abends zu kommen pflegten.</p>
+
+<p>Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen
+bald alle Mannsleute feige abfallen, um zu den M&auml;gden der
+Herrschaft &uuml;berzugehen, die sich auf Briefen Fr&auml;ulein nennen
+lie&szlig;en und im Hut nach Dalar&ouml;, dem Badeort, fuhren. Clara
+und Lotte mu&szlig;ten barfu&szlig; gehen; im Viehstall war es so
+schmutzig, da&szlig; sie ihre Stiefel bald verdorben h&auml;tten; und in
+der K&uuml;che war es zu hei&szlig;, um beschuht zu sein. Sie trugen
+dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine wei&szlig;e Passe
+erlauben, infolge von Schwei&szlig;, Ru&szlig;, Spreu. Clara machte
+einen Versuch mit Manschetten, kam aber &uuml;bel an; sie wurde
+sofort entlarvt, und man lachte lange &uuml;ber sie, da&szlig; sie sich in
+Wettstreit eingelassen. Doch am Sonntag hielten Clara und
+Lotte sich schadlos; da legten sie einen Eifer f&uuml;r den Kirchgang
+<!-- Page 58 --><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span>
+an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht gesehen; nur
+um ihre besten Kleider anziehen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu
+schaffen; blieb stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort
+sa&szlig;; fragte nach dem Befinden; sagte sch&ouml;nes Wetter voraus;
+schlug Ausfl&uuml;ge vor; gab Ratschl&auml;ge &uuml;ber die Seefischerei.
+Dann und wann bekam er ein Glas Bier oder einen Kognak.
+Die Anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er schmarotze.</p>
+
+<p>Am Sonnabend, wenn die K&ouml;chin der Herrschaft nach dem
+Badeort Dalar&ouml; fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch,
+wer sie rudern solle. Carlsson entschied die
+Sache ganz einfach zu seinen Gunsten, denn das kleine,
+schwarze, wei&szlig;h&auml;utige M&auml;dchen hatte es ihm angetan. Als
+die Alte ihm Vorstellungen machte, der erste und wichtigste
+Mann auf dem Hofe d&uuml;rfe sich nicht mit solchen kleinen Dingen
+befassen, antwortete Carlsson, der Professor habe ihn
+eigens gebeten, weil wichtige Briefe zur Post m&uuml;&szlig;ten. Gustav
+verriet wider Willen, da&szlig; auch ihm daran gelegen sei, den
+Boten zu machen, indem er vorschlug, die Briefe sollten ihm
+anvertraut werden.</p>
+
+<p>Carlsson aber erkl&auml;rte bestimmt, er k&ouml;nne unm&ouml;glich zugeben,
+da&szlig; der Hausherr Knechtesdienste verrichte; das gebe
+den Leuten nur Stoff zum Klatschen. Und dabei blieb es.</p>
+
+<p>Den Dalar&ouml;boten zu machen, hatte seine Vorteile, die der
+findige Knecht im voraus aufgesp&uuml;rt. Zuerst war man allein
+mit einem M&auml;dchen auf See und konnte ungest&ouml;rt mit ihr
+schwatzen und sch&auml;kern. Dann folgten Bewirtung und Trinkgelder.
+Und im Badeorte konnte er sich alle Kaufleute verpflichten,
+indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das
+brachte immer einen H&auml;ndedruck ein, einen Schnaps hier,
+eine Zigarre dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen
+auf den, der Auftr&auml;ge vom Professor zu besorgen hatte,
+<!-- Page 59 --><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span>
+am Wochentag fein gekleidet war und sich in Gesellschaft
+eines Fr&auml;uleins aus Stockholm befand.</p>
+
+<p>Die Fahrten nach Dalar&ouml; fanden jedoch nur ein Mal in
+der Woche statt und hatten keinen st&ouml;renden Einflu&szlig; auf den
+regelm&auml;&szlig;igen Gang der Arbeit. Carlsson war n&auml;mlich so
+pfiffig, die Tage, an denen er fort war, den Burschen die
+Arbeit in Akkord zu geben: sie mu&szlig;ten so und so viele Klafter
+entw&auml;ssern, so und so viele &Auml;cker pfl&uuml;gen, so und so viele
+B&auml;ume f&auml;llen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit
+Vergn&uuml;gen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon
+zur Vesperzeit fertig sein.</p>
+
+<p>Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen
+und die geleistete gepr&uuml;ft werden mu&szlig;te, kam der Bleistift und
+das jetzt eingef&uuml;hrte Notizbuch zu Ehren. Carlsson gew&ouml;hnte
+sich daran, als Verwalter aufzutreten und allm&auml;hlich die
+Arbeit auf andere Schultern gleiten zu lassen.</p>
+
+<p>Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem
+eigenen Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war l&auml;ngst
+eingef&uuml;hrt; auf den Tisch am Fenster hatte er ein gr&uuml;nes Taschentintenfa&szlig;,
+Federhalter, Bleifeder, einige Bogen Postpapier
+aufgetischt und mit Leuchter und Streichholzgestell
+geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das Fenster ging
+nach der Gro&szlig;stuga; daran sa&szlig; er in seinen Erholungsstunden
+und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch
+konnte er hier zeigen, da&szlig; er zu schreiben verstand.</p>
+
+<p>Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs
+Fensterbrett und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel,
+den er aus der Westentasche hervorsuchte. Oder er
+las ein Wochenblatt. Von unten sah das so aus, als sei er
+der Hausherr selbst.</p>
+
+<p>Wenn es aber d&auml;mmerig wurde und er Licht ansteckte, legte
+er sich aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Tr&auml;ume, Pl&auml;ne
+<!-- Page 60 --><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span>
+vielmehr; die bauten sich auf Umst&auml;nde auf, die zwar noch
+nicht eingetreten waren, aber durch eine kleine &Auml;nderung
+sich vielleicht einstellen konnten.</p>
+
+<p>Als er eines Abends so auf dem R&uuml;cken lag und &raquo;Schwarzen
+Anker&laquo; qualmte, um die M&uuml;cken zu bet&auml;uben, w&auml;hrend
+seine Augen sich auf das wei&szlig;e Laken hefteten, das die Kleider
+bedeckte, lie&szlig; dieses pl&ouml;tzlich los und fiel zu Boden. Wie
+den Schatten einer Reihe Soldaten sah er die ganze Garderobe
+des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen;
+gegen das Fenster und zur&uuml;ck zur T&uuml;r, je nachdem das Licht
+im Zuge flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all den Gestalten
+zu sehen, welche die Kleider auf die karrierte Tapete
+zeichneten. Da kam er in Joppe aus blauer Boi und in grauen
+Tuchhosen, in denen Knie waren, da er mit denen im Trebel
+am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach der Stadt segelte,
+um dann in der &raquo;Messingstange&laquo; mit dem Fischk&auml;ufer
+Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Gehrock und
+langen, flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn
+Beichte war; so war er auf Hochzeit, Begr&auml;bnis, Kindstaufe
+gekleidet. Dort hing die schwarze Jacke aus Schaffell; die
+hatte er an, wenn er im Herbst und Fr&uuml;hling am Strande
+stand und Zugnetze zog. Dort br&uuml;stete sich der gro&szlig;e Seehundpelz,
+der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der
+Reisegurt, mit gr&uuml;nem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte
+sich wie die gro&szlig;e Seeschlange bis auf den Boden und
+steckte den Kopf in einen Stiefelschaft.</p>
+
+<p>Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in den
+sch&ouml;nen, seidenweichen Pelz hineindachte; sich vorstellte, wie
+er auf einem Schlitten &uuml;bers Eis scho&szlig;, eine Kappe aus Seehundsfell
+auf dem Kopf; wie die Nachbarn den Weihnachtsgast
+am Strande mit Feuern und B&uuml;chsensch&uuml;ssen empfingen;
+wie er in der warmen Stube den Pelz auszog, um dann im
+<!-- Page 61 --><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span>
+schwarzen Tuchrock dazustehen; wie der Pastor ihn mit du
+begr&uuml;&szlig;te und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches
+sitzen durfte, w&auml;hrend die Knechte an der T&uuml;r standen oder
+sich aufs Fensterbrett geschwungen hatten.</p>
+
+<p>Die Vorstellungen von den erw&uuml;nschten Seligkeiten wurden
+so lebhaft, da&szlig; sie Carlsson auf die Beine brachten; ehe er
+sich dessen bewu&szlig;t wurde, war er in den Pelz geschl&uuml;pft und
+strich mit der Hand &uuml;ber die Pulsw&auml;rmer; als kose er die
+Br&uuml;ste eines Weibes, so weich und fein war das Fell; und
+es schauerte ihn, als der Kragen seine Backe kitzelte.</p>
+
+<p>Dann zog er den schwarzen Gehrock an und kn&ouml;pfte ihn zu;
+stellte seinen Rasierspiegel auf den Stuhl und sah nach, wie
+der Rock im R&uuml;cken sa&szlig;; steckte die Hand unter den Aufschlag
+und ging im Zimmer auf und ab. Ein Gef&uuml;hl von Reichtum
+verbreitete sich von dem seidenweichen Tuch; etwas Ger&auml;umiges,
+etwas Rundliches, als er zur Probe den Scho&szlig; spaltete
+und sich auf den Bettrand setzte; so tuend, als sei er auf
+Besuch.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er so ganz in berauschenden Tr&auml;umen versunken
+war, h&ouml;rte er von drau&szlig;en Stimmen, die plauderten; als
+er aufhorchte, merkte er, wie sich Idas (das war die h&uuml;bsche
+K&ouml;chin) und Normans Stimmen verflochten, zusammenfielen,
+Seite an Seite gingen, sich gleichsam schn&auml;belten. Das gab
+ihm einen Stich; mit einem Griff hatte er Gehrock und Pelz
+unter die Kleider hinter das Laken geh&auml;ngt; bewaffnete sich
+mit einer neuen Zigarre und ging die Treppe hinunter.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Mit ernsten Zukunftspl&auml;nen besch&auml;ftigt, hatte Carlsson
+bisher alle H&auml;ndel mit M&auml;dchen vermieden. Erstens wu&szlig;te
+er, wieviel Zeit dabei verloren geht; dann f&uuml;hlte er, im selben
+Augenblick, in dem er das Feuer nach dieser Seite er&ouml;ffnete,
+<!-- Page 62 --><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span>
+gab es keine Sicherheit mehr; er konnte sich eine Bl&ouml;&szlig;e geben,
+die schwer zu verteidigen war; und war er einmal auf diesem
+Felde geschlagen, war es aus mit Respekt und Ansehen.</p>
+
+<p>Als sich jetzt aber die anerkannte Sch&ouml;nheit dem Wettstreit
+aussetzte, und der Sieger zu viel zu gewinnen hatte, f&uuml;hlte
+er sich veranla&szlig;t, die Sporen zu benutzen und den Kamm zu
+erheben; mit dem festen Entschlu&szlig;, der Hahn zu werden, ging
+er auf den Holzplatz hinunter, wo das Spiel schon in
+vollem Gange war. Es &auml;rgerte ihn nur, da&szlig; er sich mit Norman
+messen mu&szlig;te; w&auml;re es wenigstens Gustav gewesen!
+Aber dieser Tropf Norman! Nun, der sollte mal sehen!</p>
+
+<p>&#8211; Guten Abend, Ida! begann er, ohne von dem Nebenbuhler
+Notiz zu nehmen, der unwillk&uuml;rlich seinen Platz am
+Zaun verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Carlsson nahm diesen Platz sofort ein und begann das
+Spiel. W&auml;hrend Ida Holz und Sp&auml;ne in die Holztrage las,
+machte er von seiner &uuml;berlegenen Beredsamkeit einen solchen
+Gebrauch, da&szlig; Norman kein W&ouml;rtchen anbringen konnte.</p>
+
+<p>Ida aber war launenhaft wie beim Mondwechsel; sie warf
+Norman Seitenworte zu, die Carlsson jedoch im Fluge aufgriff
+und zur&uuml;cksandte, h&uuml;bsch verziert und sch&ouml;n ausgemalt.</p>
+
+<p>Aber die Sch&ouml;ne fand Gefallen an dem Kampf und bat
+Norman, ihr etwas Kienholz zu splei&szlig;en. Ehe der Gl&uuml;ckliche
+bis zur T&uuml;r kam, war Carlsson schon &uuml;ber den spitzen Zaun
+gestiegen, hatte sein Klappmesser gezogen und begann einen
+trockenen Fichtenklotz zu splei&szlig;en. In wenigen Minuten
+legte er die Sp&auml;ne in die Holztrage, fa&szlig;te alles mit dem
+kleinen Finger zusammen und trug es direkt in die K&uuml;che, in
+die ihm Ida folgte. Dort blieb er am T&uuml;rpfosten stehen, indem
+er sich so breit machte, da&szlig; niemand weder hinaus noch herein
+konnte.</p>
+
+<p>Norman, dem es nicht gelang, irgend ein Anliegen zu erfinden,
+<!-- Page 63 --><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span>
+umkreiste zuerst einige Male den Holzplatz, um milzkrank
+dar&uuml;ber nachzusinnen, wie leicht der Unversch&auml;mte im
+Leben vorw&auml;rts kommt; bis er schlie&szlig;lich f&uuml;r gut fand, abzuziehen.
+Er setzte sich auf den Brunnenrand und st&ouml;hnte seine
+Klage in einem Schottischen aus, den er aus der Handharmonika
+holte.</p>
+
+<p>Die weichen T&ouml;ne der Blechzungen drangen doch durch die
+dicke Abendluft, am T&uuml;rpfosten vorbei, und erreichten den
+Thron der Barmherzigkeit am K&uuml;chenherd: Ida erinnerte sich
+jetzt, sie m&uuml;sse zum Brunnen gehen, um f&uuml;r den Professor
+Trinkwasser zu holen.</p>
+
+<p>Carlsson folgte ihr; dieses Mal aber f&uuml;hlte er sich doch
+etwas unsicher in dem Kampf auf einem Felde, das ihm ganz
+fremd war. Um die Wirkung des zauberischen Lockrufs aufzuheben,
+nahm er Idas Kupferflasche und fl&uuml;sterte z&auml;rtliche
+Worte; in einem so schmachtenden und wohlklingenden Tone,
+wie er nur irgend vermochte; als wolle er der verf&uuml;hrerischen
+Musik Worte unterlegen und das Solo zu einer untergeordneten
+Begleitung herabsetzen.</p>
+
+<p>Aber gerade als sie zum Brunnen kamen, rief die Hausmutter
+oben aus der H&uuml;tte. Sie rief Carlsson, und in ihrem
+Ton war zu h&ouml;ren, da&szlig; es sich um etwas Wichtiges handelte.</p>
+
+<p>Zuerst wurde Carlsson b&ouml;se und wollte nicht antworten;
+da aber fuhr der Teufel in Norman: mit schallender Stimme
+rief der:</p>
+
+<p>&#8211; Hier, Tante! Er kommt sofort!</p>
+
+<p>Indem er den falschen Spielmann zur H&ouml;lle w&uuml;nschte, ri&szlig;
+sich der Sieger aus den Armen der Liebe und lie&szlig; die halb errungene
+Beute dem Schw&auml;chern, der sein Liebesgl&uuml;ck nur einem
+Schicksal zu verdanken hatte.</p>
+
+<p>Die Alte rief noch ein Mal; mit zorniger Stimme antwortete
+Carlsson, er komme so schnell, wie er nur k&ouml;nne.
+</p>
+
+<p><!-- Page 64 --><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span>
+&#8211; Wollt Ihr n&auml;her treten, Carlsson, und eine Halbe
+trinken, empfing die Alte ihn im Vorbau, mit der Hand die
+Augen beschattend, um die leichte Sommerd&auml;mmerung zu
+durchdringen und zu sehen, ob er allein komme.</p>
+
+<p>Carlsson h&auml;tte sonst gern eine Halbe getrunken, aber in diesem
+Augenblick w&uuml;nschte er allen Kaffee und Branntwein
+zur H&ouml;lle; doch konnte er nicht nein sagen; w&auml;hrend Normans
+norrk&ouml;pinger Scharfsch&uuml;tzenmarsch siegesstolz und hohnvoll
+von der Quellwiese heraufklang, mu&szlig;te er in die Stuga
+hinein.</p>
+
+<p>Die Alte war milder als gew&ouml;hnlich; Carlsson aber fand
+sie &auml;lter und h&auml;&szlig;licher als gew&ouml;hnlich. Je freundlicher sie sich
+zeigte, desto m&uuml;rrischer wurde er; das machte die Alte schlie&szlig;lich
+beinahe z&auml;rtlich.</p>
+
+<p>&#8211; Die Sache ist die, Carlsson, sagte sie schlie&szlig;lich, w&auml;hrend
+sie ihm Kaffee eingo&szlig;: wir m&uuml;ssen f&uuml;r n&auml;chste Woche
+zur Mahd aufbieten. Darum m&ouml;chte ich nat&uuml;rlich erst mit
+Euch sprechen.</p>
+
+<p>Die Harmonika verstummte mitten in den schmelzenden
+Akkorden des Trios; Carlsson erstarrte und wurde unaufmerksam,
+um schlie&szlig;lich einige Worte ohne Klang und ohne richtigen
+Zusammenhang hervorzubringen:</p>
+
+<p>&#8211; Jaja, also die Mahd in n&auml;chster Woche!</p>
+
+<p>&#8211; Und da m&ouml;chte ich, fuhr die Alte fort, da&szlig; Ihr am
+Sonnabend mit Clara hinfahrt und aufbietet; dann kommt
+Ihr auch etwas unter die Leute und k&ouml;nnt Euch zeigen, denn
+das ist immer gut.</p>
+
+<p>&#8211; Aber am Sonnabend kann ich nicht, antwortete Carlsson
+m&uuml;rrisch; da mu&szlig; ich f&uuml;r Professors nach Dalar&ouml;.</p>
+
+<p>&#8211; Einmal k&ouml;nnte wohl Norman die Fahrt machen, wendete
+die Alte ein und drehte dem Knecht den R&uuml;cken, um
+seine Miene nicht sehen zu m&uuml;ssen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 65 --><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span>
+In diesem Augenblick brachte die Harmonika einige weiche,
+von Pausen unterbrochene S&auml;tze hervor, die sich zu entfernen
+schienen, um drau&szlig;en in der Sommernacht, wo die Nachtschwalbe
+schon an ihrem surrenden Rocken spann, zu verhallen.</p>
+
+<p>Carlsson schwitzte Todesschwei&szlig;, go&szlig; den Kaffeebranntwein
+hinunter, f&uuml;hlte Steine auf der Brust, Nebel um den
+Kopf, eine allgemeine Schw&auml;che in den Nerven.</p>
+
+<p>&#8211; Das kann Norman nicht, stie&szlig; er hervor; Norman kann
+die Gesch&auml;fte des Professors nicht besorgen &#8211; und &#8211; er
+wird auch nicht damit betraut.</p>
+
+<p>&#8211; Aber ich habe den Professor gefragt, schnitt die Alte
+den Faden ab; und er sagte, er habe f&uuml;r diesen Sonnabend
+nichts.</p>
+
+<p>Es war wie verhext f&uuml;r Carlsson; die Alte hatte ihn wie
+eine Maus gepackt; es war kein Loch mehr vorhanden, in das
+er schl&uuml;pfen konnte.</p>
+
+<p>Und seine Gedanken gingen nach so verschiedenen Richtungen,
+da&szlig; er sie kaum zu einer Gegenwehr sammeln konnte.
+Das sah die Alte auch, und sie wollte darum kneten, solange
+der Teig g&auml;rte.</p>
+
+<p>&#8211; H&ouml;rt mal, Carlsson, sagte sie; Ihr m&uuml;&szlig;t es Euch nicht
+zu Herzen nehmen, wenn ich Euch was sage; denn ich meine
+es gut mit Euch.</p>
+
+<p>&#8211; Ihr m&ouml;gt meinetwegen sagen, was zum Teufel Ihr
+wollt: denn jetzt ist es mir doch ganz einerlei, brach Carlsson
+los, der die z&auml;rtlichen T&ouml;ne der Harmonika im Hag verklingen
+h&ouml;rte.</p>
+
+<p>&#8211; Ich wollte nur sagen, Ihr m&uuml;&szlig;t Euch f&uuml;r zu gut halten,
+um mit den M&auml;dchen zu spielen; das nimmt nur ein schlimmes
+Ende. Ja, ich wei&szlig;; ich kenne das; und es ist gut gemeint von
+mir, Carlsson. Solche Stadtm&auml;dchen m&uuml;ssen immer einen
+Tro&szlig; M&auml;nner hinter sich haben, damit es nach was aussieht;
+<!-- Page 66 --><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span>
+und dann wird hier scherwenzelt und dort geh&auml;nselt; und
+gehen sie in den Wald mit Einem, laufen sie in den Hag mit
+dem Andern. Und wenn es schief geht, so nehmen sie den,
+ders am besten tragen kann. So ist&#8217;s bestellt!</p>
+
+<p>&#8211; Was k&uuml;mmert&#8217;s mich, wer die Burschen b&uuml;rstet; meiner
+sollen sie nicht habhaft werden. &Uuml;brigens ist ein Unterschied
+zwischen M&auml;dchen und M&auml;dchen; alle sind nicht Dirnen, die
+verkommen, erleichterte Carlsson sein volles Herz.</p>
+
+<p>&#8211; Nicht &uuml;bel aufnehmen, tr&ouml;stete die Alte. Aber ein
+Mann wie Ihr, Carlsson, sollte ans Heiraten denken, nicht
+solchen M&auml;dchen nachlaufen. Hier in den Sch&auml;ren gibt es
+viele reiche M&auml;dchen, kann ich Euch sagen; und seid Ihr klug
+und macht Ihr Eure Sache gut, so k&ouml;nnt Ihr fr&uuml;her als Ihr
+glaubt Euer eigener Herr werden. Darum m&uuml;&szlig;t Ihr nicht
+eigensinnig sein, Carlsson, sondern auf das h&ouml;ren, was ich
+Euch sage, wenn ich Euch bitte, zu den Nachbarn zu fahren
+und sie zur Mahd zu laden. Bedenket doch, nicht Jeden h&auml;tte
+ich aufgefordert, im Namen des Hofes zu fahren; und der
+Junge wird wohl auch &uuml;ber mich herfallen. Aber daran kehre
+ich mich nicht: halte ich mich an einen, so st&uuml;tze ich ihn auch;
+darauf k&ouml;nnt Ihr Euch verlassen.</p>
+
+<p>Es begann in Carlssons Innern ruhig zu werden; es
+leuchtete ihm ein, da&szlig; es seine Vorteile haben m&uuml;sse, den Hof
+zu vertreten; aber er war noch zu sehr gereizt, um seine
+Flamme gegen etwas Ungewisses zu vertauschen; er hatte ein
+Bed&uuml;rfnis, zuerst etwas Handgeld zu erhalten, ehe er sich
+auf das Gesch&auml;ft einlie&szlig;.</p>
+
+<p>&#8211; So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere
+Kleider habe ich nicht, warf er seine Schnur aus.</p>
+
+<p>&#8211; So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht, meinte
+die Alte; wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon
+Rat schaffen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 67 --><span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">67</a></span>
+Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen;
+daf&uuml;r wollte er lieber das angedeutete Versprechen gegen ein
+anderes, bestimmtes, auswechseln. Nach verschiedenen Einwendungen
+der Alten gelang es ihm auch, zu erreichen, da&szlig;
+Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der Sensen und
+Ausbessern des Heuwagens, zu Hause bleiben sollte, w&auml;hrend
+Lotte Ida nach Dalar&ouml; fuhr.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Es war drei Uhr morgens an einem Julitage im Anfang
+des Monats. Es raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffeekessel
+ist aufgesetzt; das ganze Haus ist wach und in Bewegung;
+drau&szlig;en auf dem Hof ist ein langer Kaffeetisch gedeckt.</p>
+
+<p>Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben
+auf Heuboden und Scheune geschlafen. Zw&ouml;lf stattliche M&auml;nner
+aus den Sch&auml;ren, in wei&szlig;en Hemd&auml;rmeln und Strohh&uuml;ten,
+stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen und
+Wetzsteinen bewaffnet.</p>
+
+<p>Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Svinnockar,
+deren R&uuml;cken vom Rudern rund geworden sind; da ist der von
+Asp&ouml; mit seinem langen Heldenbart, einen Kopf h&ouml;her als
+die Andern, mit tiefen, traurigen Blicken von der Einsamkeit
+drau&szlig;en am offenen Meere, von Kummer ohne Namen
+und ohne Klage; das ist der Fj&auml;llonger, eckig und halb gedreht,
+wie eine Meerkiefer drau&szlig;en auf der letzten Sch&auml;re;
+der von Fivers&auml;tra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie
+eine Kaffeehaut; die Quarn&ouml;er, Bootbauer von Ruf; die von
+Longsk&auml;r, die ersten Seehundsch&uuml;tzen; der Bauer von Arn&ouml;
+mit seinen Jungen.</p>
+
+<p>Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die M&auml;dchen,
+in Hemd&auml;rmeln, mit Brustt&uuml;chern &uuml;ber den Busen, in hellen
+<!-- Page 68 --><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span>
+Kleidern aus Baumwolle, mit T&uuml;chern auf dem Kopf. Die
+Harken, die in allen Farben des Regenbogens frisch bemalt
+waren, hatten sie selbst mitgebracht. Sie sahen aus, als gingen
+sie zu einem Fest, nicht zu einer Arbeit. Die Alten klopften sie
+mit den Fingerkn&ouml;cheln auf die Taille und sagten ihnen vertrauliche
+Worte. Die Burschen aber verhielten sich so fr&uuml;h
+am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit D&auml;mmerung,
+Tanz und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen.</p>
+
+<p>Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber
+noch nicht so weit &uuml;ber die Wipfel der Kiefernh&ouml;he gekommen,
+um den Tau aus dem Gras zu lecken. Die Bucht lag
+spiegelblank da, von dem jetzt bla&szlig;gr&uuml;nen Schilf eingefa&szlig;t;
+das Piepen der eben ausgebr&uuml;teten jungen Enten war zwischen
+dem Schnattern der alten zu h&ouml;ren; die M&ouml;wen fischten
+dort unten Ukeleis, segelnd, gro&szlig;, fl&uuml;gelbreit, schneewei&szlig;
+wie die Gipsengel der Kirche; in der Kellereiche waren
+die Elstern erwacht und schwatzten und kicherten von den vielen
+Hemd&auml;rmeln, die sie unten auf dem Haush&uuml;gel gesehen;
+der Kuckuck rief im Hag, br&uuml;nstig, rasend, als sei die Zeit des
+Begehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober erblickte;
+die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfelde;
+aber auf dem H&uuml;gel sprang der Hund und begr&uuml;&szlig;te alte Bekannte.</p>
+
+<p>Hemd&auml;rmel und Leinenpassen gl&auml;nzten im Sonnenschein,
+streckten sich &uuml;ber den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Sch&uuml;sseln,
+Gl&auml;ser und Kannen klirrten: die Bewirtung hatte begonnen.</p>
+
+<p>Gustav, sonst sch&uuml;chtern, machte den Wirt; sich unter den
+alten Freunden seines Vaters sicher f&uuml;hlend, setzte er Carlsson
+in Schatten und handhabte selber die Branntweinflasche.</p>
+
+<p>Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekanntschaften
+geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie
+<!-- Page 69 --><span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span>
+ein &auml;lterer Angeh&ouml;riger oder Gast, und lie&szlig; sich den Hof machen.
+Da er vor Gustav zehn Jahre voraus hatte und ein
+m&auml;nnlicheres Aussehen besa&szlig;, stach er diesen aus; zumal
+Gustav f&uuml;r die M&auml;nner, die sich mit seinem Vater geduzt,
+kaum etwas anderes als &raquo;der Junge&laquo; werden konnte.</p>
+
+<p>Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen
+setzten sich in Bewegung, um nach der gro&szlig;en Wiese hinunter
+zu ziehen, die Sensen auf den Schultern; die Jungen und die
+M&auml;dchen folgten.</p>
+
+<p>Das Gras reichte den M&auml;nnern bis an die Schenkel und
+stand dicht wie ein Fell. Carlsson mu&szlig;te &uuml;ber die neue Bewirtschaftung
+der Wiese Bescheid geben; wie er Laub und
+Gras vom vorigen Jahr abr&auml;umte, die Maulwurfshaufen
+ebnete, in die Frostflecken s&auml;ete, mit Jauche bego&szlig;.</p>
+
+<p>Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab
+den Alten und Verm&ouml;genden Ehrenpl&auml;tze und ging selbst an
+letzter Stelle; verlor sich also nicht im Haufen.</p>
+
+<p>Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend wei&szlig;e Hemd&auml;rmel
+in einem Keil, ziehenden Schw&auml;nen gleich, die Sensen
+Ferse an Ferse; und hinterdrein, in zerstreuter Ordnung, wie
+ein Volk Fischschwalben, launenhaft hin und her springend,
+aber doch zusammen haltend, die M&auml;dchen mit ihren Harken;
+jede ihrem M&auml;her folgend.</p>
+
+<p>Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in B&uuml;scheln.
+Seite an Seite lagen alle Blumen des Sommers, die
+sich aus Wald und Hag heraus gewagt: G&auml;nseblume und
+Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut, K&auml;lberkropf, Heidenelke,
+Erve, Wachtelweizen, Steinsame, Pestwurz, Kleeblatt;
+und alle Gr&auml;ser und Halbgr&auml;ser der Wiesen. Es duftete
+nach Honig und Gew&uuml;rzen; Bienen und Hummeln flohen
+in Schw&auml;rmen vor der m&ouml;rderischen Schar. Die Maulw&uuml;rfe
+verkrochen sich in die Eingeweide der Erde, als sie es in ihrem
+<!-- Page 70 --><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span>
+gebrechlichen Dach krachen h&ouml;rten. Die Ringelnatter schl&uuml;pfte
+erschrocken in den Graben und verschwand in ein Loch, das
+nicht gr&ouml;&szlig;er als ein Tauende war. Aber &uuml;ber das Schlachtfeld
+in die H&ouml;he schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest
+ein Absatzeisen zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die
+Stare, um allerhand Getier, das in den brennenden Sonnenschein
+geraten war, aufzulesen und aufzupicken.</p>
+
+<p>Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgem&auml;ht. Die
+K&auml;mpfer hielten inne und betrachteten, auf ihre Sensensch&auml;fte
+gest&uuml;tzt, das Werk der Zerst&ouml;rung, das sie hinter sich
+gelassen. Sie wischten sich den Schwei&szlig; aus dem M&uuml;tzenstreifen
+und nahmen eine neue Prise Schnupftabak aus den Messingdosen.
+Inzwischen hatten sich die M&auml;dchen beeilt in die
+Frontlinie zu kommen.</p>
+
+<p>Dann geht es wieder auf das gr&uuml;ne Blumenmeer los, das
+unter der wachsenden Morgenbrise wogt; bald bunte leuchtende
+Farben zeigt, wenn die steiferen Stengel und K&ouml;pfe der
+Blumen sich in den Wellen des weichen Honiggrases behaupten;
+bald sich in einem einzigen Gr&uuml;n wie ein See in Windstille
+ausbreitet.</p>
+
+<p>Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit; man
+w&uuml;rde lieber am Sonnenstich niederst&uuml;rzen, als die Sense
+fortstellen.</p>
+
+<p>Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der Letzte in
+der Reihe ist, kann er, ohne die Waden zu gef&auml;hrden, sich
+prahlerisch umdrehen, um ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber
+Norman hat er unter strenger Bewachung schr&auml;g vor sich;
+sobald dieser einen verliebten Blick nach S&uuml;dosten tun will,
+hat er Carlssons Sense an den Hacken und h&ouml;rt einen eher
+unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf:</p>
+
+<p>&#8211; Die F&uuml;&szlig;e in Acht nehmen!</p>
+
+<p>Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter
+<!-- Page 71 --><span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span>
+Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen
+Schwaden. Jetzt wird das Werk beschaut und die Schl&auml;ge gepr&uuml;ft.
+&Uuml;ber Rundqvist sitzt man zu Gericht; man kann sehen,
+wo er gegangen ist; es sieht aus, als h&auml;tten Elfen dort getanzt.
+Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe nach dem M&auml;dchen
+sehen m&uuml;ssen, das man ihm gegeben; denn es sei nicht
+gestern gewesen, da&szlig; ein M&auml;dchen ihm nachgelaufen.</p>
+
+<p>Jetzt halloht Clara oben von der H&ouml;he zum Fr&uuml;hst&uuml;ck; die
+Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker
+D&uuml;nnbier ist angestochen; der Kartoffeltopf raucht auf der
+Felsplatte, der Str&ouml;mling dampft in den Sch&uuml;sseln, die Butter
+ist aufgelegt, das Brot ist geschnitten; die Schn&auml;pse werden
+eingegossen, und das Fr&uuml;hst&uuml;ck ist im Gang.</p>
+
+<p>Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken; Ida ist
+ihm auch gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerksamkeit
+auf, die auff&auml;llt; aber sie ist auch die Sch&ouml;nste des Tages.</p>
+
+<p>Die Alte, die mit Sch&uuml;sseln und Tellern aus und ein l&auml;uft,
+streicht oft an den beiden vorbei; zu oft, um nicht von Ida
+bemerkt zu werden; doch nicht eher von Carlsson, als bis sie
+ihm mit dem Ellbogen sanft in den R&uuml;cken st&ouml;&szlig;t und fl&uuml;stert:</p>
+
+<p>&#8211; Ihr m&uuml;&szlig;t Wirt sein, Carlsson, und Gustav helfen; Ihr
+m&uuml;&szlig;t tun, als seiet Ihr hier zu Hause!</p>
+
+<p>Carlsson hat nur Augen und Ohren f&uuml;r Ida und antwortet
+der Alten mit einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das
+Kinderm&auml;dchen des Professors, und erinnert Ida daran, da&szlig;
+sie nach Haus mu&szlig;, um aufzur&auml;umen.</p>
+
+<p>Aufregung und Trauer bricht unter den M&auml;nnern aus,
+aber die M&auml;dchen sind nicht sehr betr&uuml;bt.</p>
+
+<p>&#8211; Wer soll denn f&uuml;r mich aufnehmen, wenn ich kein
+M&auml;dchen mehr habe? ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung
+aus, die den wirklichen Verdru&szlig; verbergen soll.
+</p>
+
+<p><!-- Page 72 --><span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span>
+&#8211; Dann mu&szlig; es Tante wohl tun? antwortet Rundqvist,
+der Augen im R&uuml;cken haben soll.</p>
+
+<p>&#8211; Tante mu&szlig; harken! rufen die <ins class="correction" title="Originaltext: M&auml;nnner">
+M&auml;nner</ins> im Chor. Tante
+mu&szlig; kommen und harken.</p>
+
+<p>Die Alte schl&auml;gt abwehrend mit der Sch&uuml;rze:</p>
+
+<p>&#8211; Was soll ich alte Frau unter den M&auml;dchen? Nein, niemals,
+niemals! Ihr seid wohl n&auml;rrisch!</p>
+
+<p>Aber der Widerstand reizt.</p>
+
+<p>&#8211; Nimm die Alte, fl&uuml;stert Rundqvist, w&auml;hrend Norman
+sich aufheitert und Gustav finster wie die Nacht wird.</p>
+
+<p>Es blieb keine Wahl; unter L&auml;rm und Lachen eilt Carlsson
+ins Haus, um die Harke der Alten zu holen, die irgendwo
+oben auf dem Boden liegen mu&szlig;. Hinter ihm drein l&auml;uft die
+Alte, die schreit:</p>
+
+<p>&#8211; Nein, um Gottes willen, Ihr d&uuml;rft nicht in meinen
+Sachen kramen.</p>
+
+<p>So verschwinden die Beiden, w&auml;hrend die Zur&uuml;ckbleibenden
+laute und bei&szlig;ende Bemerkungen machen.</p>
+
+<p>&#8211; Ich finde, unterbricht Rundqvist schlie&szlig;lich das Schweigen,
+das entstanden ist, sie bleiben etwas lange aus! Geh,
+Norman, und sieh nach, was geschehen ist!</p>
+
+<p>St&uuml;rmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fortzufahren.</p>
+
+<p>&#8211; Was m&ouml;gen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg!
+Ich werde wirklich unruhig, wi&szlig;t ihr.</p>
+
+<p>Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sich zu
+einem Lachen, um sich nicht von den Andern abzusondern.</p>
+
+<p>&#8211; Gott verzeihe mir meine S&uuml;nden, fuhr Rundqvist im
+selben Tone fort; jetzt aber halte ichs nicht l&auml;nger aus; ich
+mu&szlig; nachsehen, was die Beiden vorhaben.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick kommt Carlsson mit der Alten aus
+dem Vorbau und bringt die gesuchte Harke. Die ist fein, mit
+<!-- Page 73 --><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span>
+zwei Herzen bemalt, &raquo;Anno 1852&laquo; gezeichnet; es war einst
+die Brautharke der Alten, die Flod selbst angefertigt. Sie
+hatte Erbsen im Schaftknauf, die klapperten, wenn man die
+Harke r&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Die Erinnerung an vergangene Freuden scheint den frischen
+Sinn der Alten in eine muntere Stimmung zu versetzen;
+ohne eine Spur von krankhafter Empfindsamkeit zeigt sie auf
+die Jahreszahl und sagt:</p>
+
+<p>&#8211; Das war nicht gestern, als der Flod mir die Harke
+machte&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Und du ins Brautbett stiegst, Tante, fiel der von Svinnockar
+ein.</p>
+
+<p>&#8211; Kannst es wohl noch ein Mal, meinte der aus Owassa.</p>
+
+<p>&#8211; Sechs Wochen alten Ferkeln und zwei Jahre alten
+Witwen kann man nicht trauen, neckte der Fj&auml;llonger.</p>
+
+<p>&#8211; Je trockener der Zunder, desto schneller f&auml;ngt er Feuer,
+brannte der von Fivers&auml;tra los.</p>
+
+<p>Und jeder warf seinen Scheit aufs Feuer. Die Alte aber
+schmunzelte und wehrte sie ab, machte gute Miene zum b&ouml;sen
+Spiel und scherzte mit; b&ouml;se zu werden, hatte keinen Zweck.</p>
+
+<p>Dann gings auf die Bruchwiese hinunter. Da standen
+Segge und Schachtelhalm so hoch wie ein Kiefernwald und
+das Wasser ging den M&auml;nnern bis an die Stiefelsch&auml;fte. Die
+M&auml;dchen zogen Str&uuml;mpfe und Schuhe aus und hingen sie
+auf den Feldzaun.</p>
+
+<p>Die Alte harkte hinter Carlsson so flei&szlig;ig, da&szlig; sie es den
+Andern zuvortat. Manches Scherzwort &uuml;ber das junge Paar,
+wie sie genannt wurden, fiel. Diesen Ausdruck benutzten sie
+als Feigenblatt, um darunter zu verbergen, was im Geheimen
+zu wachsen begann.</p>
+
+<p>So ward es Mittag und so ward es Abend.</p>
+
+<p>Der Spielmann war mit seiner Geige gekommen; die Tenne
+<!-- Page 74 --><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span>
+war ger&auml;umt und gekehrt, die schlimmsten Astl&ouml;cher mit Pech
+verkittet worden. Als die Sonne unterging, begann der Tanz.</p>
+
+<p>Carlsson er&ouml;ffnete ihn mit Ida; deren schwarzes Kleid
+war viereckig ausgeschnitten, hatte eine wei&szlig;e Krause und
+einen Maria-Stuart-Kragen; wie eine beneidete Dame stand
+Ida unter den Bauernm&auml;dchen da; die Alten betrachteten sie
+mit Furcht und K&auml;lte, die Jungen mit Verlangen.</p>
+
+<p>Carlsson konnte allein den neuen Walzer; darum nahm
+Ida ihn gern, ein Mal nach dem andern, nachdem ein Versuch
+mit Norman mi&szlig;lungen war. Als der so aus dem Felde
+geschlagen wurde, verfiel er auf den ungl&uuml;cklichen Gedanken,
+zu seiner Handharmonika zu greifen; um sein gequ&auml;ltes Herz
+auszusch&uuml;tten und vielleicht mit einer letzten Leimrute den feinen
+und unbest&auml;ndigen Vogel zu fangen; vor einigen Wochen
+glaubte er ihn in der Hand zu haben, bald aber sa&szlig; er wieder
+auf dem Dach und schn&auml;belte mit einem andern.</p>
+
+<p>Carlsson fand indessen die Begleitung &uuml;berfl&uuml;ssig, da er
+eigens einen wirklichen Spielmann gedungen; und die engbr&uuml;stige
+Harmonika hielt mit der leichtf&uuml;&szlig;igen Geige nicht
+Schritt, sondern st&ouml;rte den Takt und brachte Unordnung in
+den Tanz. Die gute Gelegenheit, den Nebenbuhler abzutun,
+lockte Carlsson, zumal die Meinung, die Harmonika st&ouml;re nur,
+allgemein zu sein schien. Er nahm also den Mund etwas voll
+und schrie dem ungl&uuml;cklichen Liebhaber, der sich in einer Ecke
+verkrochen hatte, &uuml;ber die Tenne hin&uuml;ber zu:</p>
+
+<p>&#8211; Halloh, schn&uuml;r den Lederbeutel, du! Mach, da&szlig; du
+hinauskommst, und la&szlig; die Luft aus, wenn du aufgeblasen
+bist.</p>
+
+<p>Die allgemeine Meinung verurteilte den S&uuml;nder mit einem
+zustimmenden Lachen. Norman aber waren einige
+Schn&auml;pse zu Kopf gestiegen, und Idas Krause hatte ungeahnte
+Kr&auml;fte hervorgezaubert.
+</p>
+
+<p><!-- Page 75 --><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span>
+&#8211; Halloh! ahmte er Carlsson nach, der unversehens in
+seine Mundart verfallen war, die auf Hochschweden l&auml;cherlich
+wirkte. Komm nur hinaus auf den Hof, dann werde ich dir
+schon die Fl&ouml;he aus dem Schweinepelz lausen!</p>
+
+<p>Carlsson fand seine Stellung noch nicht so bedroht, um
+zu den F&auml;usten &uuml;bergehen zu m&uuml;ssen, sondern hielt sich auf
+dem unschuldigeren Gebiet des Zungenkampfes.</p>
+
+<p>&#8211; Was ist das f&uuml;r ein merkw&uuml;rdiges Schwein, das Fl&ouml;he
+im Pelz hat?</p>
+
+<p>&#8211; Das stammt wohl aus W&auml;rmland, glaube ich, antwortete
+Norman.</p>
+
+<p>Das verletzte die Nationalehre; noch im letzten Augenblick
+nach einem vernichtenden Wort suchend, das sich aber nicht
+einstellte, ging Carlsson auf den Feind los, packte ihn bei der
+Weste und ri&szlig; ihn auf den Hof hinaus.</p>
+
+<p>Die M&auml;dchen stellten sich in die T&uuml;r&ouml;ffnung, um dem Zusammensto&szlig;
+zuzusehen; niemandem fiel es ein, dazwischen zu
+treten.</p>
+
+<p>Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war gr&ouml;ber
+gebaut und h&ouml;her gewachsen. Im Nu warf er den Rock
+ab, um den er bange war, und die K&auml;mpfer rannten zusammen.
+Norman mit dem Kopf voran, wie ers von den
+Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte
+einen h&auml;&szlig;lichen Fu&szlig;tritt nach dem Unterleib, und wie ein zusammengerollter
+Igel fiel Norman auf den Dunghaufen.</p>
+
+<p>&#8211; Rallbuse! schrie er, au&szlig;er stande, sich weiter mit den
+F&auml;usten zu verteidigen.</p>
+
+<p>Carlsson sch&auml;umte; vergebens nach Schimpfw&ouml;rtern suchend,
+setzte er Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte
+den Geschlagenen. Der spuckte und bi&szlig; um sich, bekam aber
+schlie&szlig;lich eine Handvoll Streu in den Mund.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen!
+<!-- Page 76 --><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span>
+schrie Carlsson und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch,
+den er aus dem Dunghaufen gerissen, so, da&szlig; die Nase
+blutete.</p>
+
+<p>Aber das &ouml;ffnete dem wutschnaubenden Norman den
+Mund: seinen ganzen Vorrat von Schimpfworten schleuderte
+er dem Sieger ins Gesicht, der die Zunge des Besiegten doch
+nicht binden konnte.</p>
+
+<p>Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgeh&ouml;rt. Die
+Zuschauer hatten ihre Bemerkungen &uuml;ber die Wendungen des
+Wortstreites und Faustkampfes gemacht und mit demselben
+gleichm&uuml;tigen Interesse zugeh&ouml;rt und zugesehen, wie sie einem
+Schlachten oder einem Tanz zusahen. Doch fanden die Alten,
+Carlssons Angriff sei nicht ganz regelrecht, nicht nach alter
+Sitte gewesen. Pl&ouml;tzlich aber war ein Schrei zu h&ouml;ren, der
+den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung ri&szlig;:</p>
+
+<p>&#8211; Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden,
+wer.</p>
+
+<p>&#8211; Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine
+Messer! Fort mit den Messern!</p>
+
+<p>Und die K&auml;mpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen
+war, sein Klappmesser zu &ouml;ffnen, wurde entwaffnet
+und auf die F&uuml;&szlig;e gestellt, nachdem man Carlsson von ihm
+losgerissen.</p>
+
+<p>&#8211; Raufen k&ouml;nnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern,
+schlo&szlig; der Alte von Svinnockar die Schl&auml;gerei.</p>
+
+<p>Carlsson zog seinen Rock an und kn&ouml;pfte ihn &uuml;ber seine
+zerrissene Weste; aber Norman hing der eine Hemd&auml;rmel
+wie ein Fetzen aufs Bein herab. Im Gesicht &uuml;bel zugerichtet,
+schmutzig, blutig, hielt ers f&uuml;rs Beste, sich um die Ecke zu
+entfernen, um seine Niederlage nicht den M&auml;dchen zu zeigen.</p>
+
+<p>Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des St&auml;rkern
+trat Carlsson wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem t&uuml;chtigen
+<!-- Page 77 --><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span>
+Schluck, das Spiel mit Ida von neuem zu beginnen,
+die ihn mit W&auml;rme, ja beinahe Bewunderung empfing.</p>
+
+<p>Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die D&auml;mmerung
+war hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde,
+und man widmete dem Tun und Lassen des N&auml;chsten geringere
+Aufmerksamkeit. Darum konnte Carlsson mit Ida aus der
+Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen, ohne da&szlig;
+jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das M&auml;dchen
+&uuml;ber den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben
+auf dem Zaune stand, h&ouml;rte er durchs Halbdunkel die
+Stimme der Alten, ohne jemand sehen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&#8211; Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine
+Runde mit Eurer Harkerin.</p>
+
+<p>Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und
+schl&uuml;pfte in den Hag, leise wie ein Fuchs.</p>
+
+<p>Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas
+wei&szlig;es Taschentuch, das diese um den Leib gekn&uuml;pft, um ihr
+Kleid vor den schwei&szlig;igen H&auml;nden zu sch&uuml;tzen. Als sie noch
+ein Mal gerufen, ohne Antwort zu erhalten, ging sie nach,
+&uuml;ber den Zauntritt, in den Hag.</p>
+
+<p>Der Weg unter den Haselb&uuml;schen lag vollst&auml;ndig im Dunkel;
+sie sah nur etwas Wei&szlig;es, das in dem Schwarzen ertrank
+und schlie&szlig;lich auf den Boden des langen Tunnels sank.
+Sie wollte nachlaufen; da aber waren neue Stimmen am
+Zauntritt zu h&ouml;ren, eine gr&ouml;bere und eine klingendere; aber
+beide ged&auml;mpft und, als sie n&auml;her kamen, fl&uuml;sternd. Gustav
+und Clara stiegen &uuml;ber den Zaun, der unter den etwas unsichern
+Schritten des Burschen knackte; und von zwei starken
+Armen gehoben, sprang Clara hinunter.</p>
+
+<p>Die Alte versteckte sich in den B&uuml;schen, w&auml;hrend das Paar
+Arm in Arm vorbeizog; halbsingend, k&uuml;ssend dahintanzte, wie
+sie selbst einst getanzt, gesungen und gek&uuml;&szlig;t hatte.
+</p>
+
+<p><!-- Page 78 --><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span>
+Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger
+Stier kam der quarn&ouml;er Bursche mit dem fj&auml;llonger M&auml;dchen
+angesprungen. Als sie hoch oben auf dem Zaun stand, das
+Gesicht vom Tanz ger&ouml;tet und mit ausgelassenem Lachen die
+wei&szlig;en Z&auml;hne zeigend, legte sie die erhobenen Arme &uuml;ber
+Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen; und
+mit schnaubendem Lachen und aufgebl&auml;hten Nasenfl&uuml;geln
+warf sie sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit
+einem langen Ku&szlig; und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo
+sie verschwanden wie unter einer Decke.</p>
+
+<p>Die Alte stand hinter den Haselb&uuml;schen und sah Paar nach
+Paar kommen, gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend;
+und altes Feuer gl&uuml;hte wieder auf, das unter der Asche
+von zwei Jahren versteckt gewesen; und sie f&uuml;hlte die
+&raquo;Plage&laquo; noch im Fleische w&uuml;ten, stechend wie Verlangen ohne
+Hoffnung, wie Vermissen des f&uuml;r immer Verlorenen.</p>
+
+<p>W&auml;hrenddessen war die Geige allm&auml;hlich verstummt. Es
+war &uuml;ber Mitternacht, und die Morgenr&ouml;te stand im Norden
+bereits schwach &uuml;ber dem Walde. Die Stimmen auf der
+Tenne wurden lauter und einzelne Hurrahrufe von der Wiese
+gaben an, da&szlig; sich die Tanzgesellschaft zerstreut hatte und
+die Heimfahrt f&uuml;r die M&auml;her bevorstand.</p>
+
+<p>Die Alte mu&szlig;te zur&uuml;ck, um beim Abschied zugegen zu sein.</p>
+
+<p>Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so
+zu lichten anfing, da&szlig; man das gr&uuml;ne Laub unterscheiden
+konnte, sah sie Carlsson und Ida ganz hinten auf der H&ouml;he
+kommen, Hand in Hand, als wollten sie einen neuen Tanz
+beginnen, bla&szlig; wie Leinen, mit gro&szlig;en dunkeln L&ouml;chern, wo
+die Augen, die sie nicht sah, sitzen mu&szlig;ten. F&uuml;rchtend, hier
+im &raquo;gr&uuml;nen Gange&laquo; getroffen zu werden, kehrte sie um und
+eilte &uuml;ber den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die
+G&auml;ste gingen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 79 --><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span>
+Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist
+und schlug die H&auml;nde zusammen, als er die Alte erblickte, die
+ihr Gesicht in der Sch&uuml;rze barg, um nicht zu zeigen, wie sie
+sich sch&auml;mte.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier
+gesucht? Ich sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verla&szlig;
+als auf&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte,
+der Stuga zu.</p>
+
+<p>Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit
+Hurrahrufen, H&auml;ndesch&uuml;tteln und Dankesworten f&uuml;r gute
+Bewirtung, um sich dann zu verabschieden.</p>
+
+<p>Als alles wieder still geworden und die Fl&uuml;chtlinge aus
+Hag und Wiese herbeigerufen waren, ohne da&szlig; sich alle einstellten,
+ging die Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und
+lauschte, ob sie nicht Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen
+h&ouml;rte.</p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 81 --><span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span></p>
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><em class="gesperrt">Es poltert zur Hochzeit;<br/>
+die Alte wird ums Geld genommen</em></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p>Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen.
+Der Sommer war zu Ende und er war gut gewesen.</p>
+
+<p>&#8211; Er hat Gl&uuml;ck, der Kerl! sagte Gustav &uuml;ber Carlsson,
+dem man nicht ohne Grund die Erh&ouml;hung des Wohlstandes
+zuschrieb.</p>
+
+<p>Der Str&ouml;mling war gekommen, und alle M&auml;nner au&szlig;er
+Carlsson waren drau&szlig;en in den &auml;u&szlig;ersten Sch&auml;ren, als die
+Familie des Professors zur Er&ouml;ffnung der Oper nach Haus
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Carlsson hatte auch das Packen &uuml;bernommen und lief den
+ganzen Tag mit der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank
+Bier am K&uuml;chentisch, im E&szlig;zimmer, im Vorbau. Hier
+kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort ein Paar ausgetretene
+Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren nebst
+Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und Liebigb&uuml;chsen,
+Korke, Bindfaden, N&auml;gel &#8211; alles, was man nicht
+mitnehmen konnte oder f&uuml;r unn&ouml;tig hielt.</p>
+
+<p>Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und
+man hatte allgemein das Gef&uuml;hl, man werde die Abreisenden
+vermissen; von Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis
+hinunter zu den H&uuml;hnern und Ferkeln, die nicht l&auml;nger
+Sonntagsessen aus der herrschaftlichen K&uuml;che bekamen. Am
+wenigsten bitter war der Kummer f&uuml;r die verlassenen M&auml;gde
+<!-- Page 82 --><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span>
+Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee
+bekommen hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, f&uuml;hlten sie
+doch, ihr Fr&uuml;hling werde wiederkommen, wenn nur der Herbst
+die Mitbewerberinnen auf dem Liebesmarkte entfernte.</p>
+
+<p>Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um
+die Familie abzuholen, war gro&szlig;e Aufregung auf der Insel,
+denn noch nie hatte dort ein Dampfer angelegt.</p>
+
+<p>Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und f&uuml;hrte das
+gro&szlig;e Wort, w&auml;hrend der Dampfer an die Br&uuml;cke heranzukommen
+suchte. Da aber hatte er sich auf ein Eis begeben, das
+ihn nicht tragen konnte, denn das Seewesen war ihm fremd;
+und gerade in dem stolzen Augenblick, als die Leine geworfen
+wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart, seine
+Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau
+von oben auf den Kopf, da&szlig; ihm die M&uuml;tze heruntergeschlagen
+wurde und in die See fiel. In einem und demselben Augenblick
+wollte er die Trosse anziehen und nach der M&uuml;tze greifen;
+aber der Fu&szlig; blieb in einer Fuge h&auml;ngen, er machte
+einige Tanzschritte und fiel nieder, w&auml;hrend der Kapit&auml;n ihn
+schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich
+fort, b&ouml;se &uuml;ber das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe
+h&auml;tte sie geweint, so sch&auml;mte sie sich seinetwegen. Mit
+einem kurzen Lebewohl lie&szlig; sie ihn schlie&szlig;lich am Landungssteg
+zur&uuml;ck; und als er ihre Hand behalten und vom n&auml;chsten
+Sommer, von Briefwechsel und Adresse plaudern wollte,
+wurde der Landungssteg ihm unter den F&uuml;&szlig;en fortgerissen;
+er kippte nach vorn &uuml;ber, und die nasse M&uuml;tze rutschte ihm in
+den Nacken; gleichzeitig br&uuml;llte der Steuermann ihm von der
+Kommandobr&uuml;cke aus zu:</p>
+
+<p>&#8211; Wirst du endlich das Tau losmachen!</p>
+
+<p>Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den ungl&uuml;cklichen
+Liebhaber nieder, ehe er die Trosse losbekam.
+</p>
+
+<p><!-- Page 83 --><span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span>
+Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund,
+dessen Herr fortreist, lief Carlsson am Strande entlang,
+sprang auf Steine, strauchelte &uuml;ber Wurzeln, um die Landzunge
+zu erreichen, auf der er seine Flinte hinter einem Erlenbusch
+versteckt hatte, um den Ehrengru&szlig; abzugeben. Aber er
+mu&szlig;te mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett gestiegen
+sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die
+hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schu&szlig;. Er
+warf die Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und
+winkte; lief am Strande entlang und schwang sein blaues
+Taschentuch, hurrahte und schnaubte.</p>
+
+<p>Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand
+erhob sich, nicht ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!</p>
+
+<p>Aber unerm&uuml;dlich, rasend lief er &uuml;ber Granitfindlinge,
+sprang ins Wasser, st&uuml;rzte gegen Erlenb&uuml;sche, kam an einen
+Feldzaun und fuhr halb durch ihn hindurch, da&szlig; er sich an
+den Pf&auml;hlen ri&szlig;. Schlie&szlig;lich, gerade als das Boot hinter der
+Landzunge verschwinden wollte, stie&szlig; er auf eine Schilfbucht;
+ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser, schwang noch
+ein Mal sein Taschentuch und stie&szlig; ein letztes verzweifelndes
+Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die Kiefern,
+und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied
+winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze,
+die blaugelbe Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend,
+die noch ein Mal zwischen den Erlen hindurch schimmerte.
+Dann war alles verschwunden, nur der lange schwarze
+Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die Luft dunkel.</p>
+
+<p>Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt
+zu seiner Flinte zur&uuml;ck. Er blickte sie mit b&ouml;sen Blicken an,
+als sehe er eine andere, die ihn im Stich gelassen; er sch&uuml;ttelte
+die Pfanne, setzte ein neues Z&uuml;ndh&uuml;tchen auf und feuerte ab.
+</p>
+
+<p><!-- Page 84 --><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span>
+Darauf kam er an die Landungsbr&uuml;cke zur&uuml;ck. Er sah den
+ganzen Auftritt noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst
+auf den Br&uuml;ckenplanken umher tanzte; h&ouml;rte das Lachen und
+Schelten, erinnerte sich an Idas verlegene Blicke und kalten
+Handschlag; sp&uuml;rte noch den Dunst von Steinkohlenrauch
+und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem K&uuml;chenherd und
+von der &Ouml;lfarbe der Schiffsbekleidung.</p>
+
+<p>Der Dampfer war hierher in sein k&uuml;nftiges Reich gekommen
+und hatte Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten;
+die ihn in einem Augenblick von seiner Leiter herabst&uuml;rzten,
+auf deren Sprossen er schon ein gutes St&uuml;ck hinauf
+geklettert war; die ihm &#8211; er schluckte in der Halsgrube &#8211;
+sein Sommergl&uuml;ck und seine Sommerfreude entf&uuml;hrten.</p>
+
+<p>Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln
+zu einer einzigen Br&uuml;he aufger&uuml;hrt hatten, auf deren Oberfl&auml;che
+Ru&szlig; in Flocken und &Ouml;l in Spiegeln lag; diese Spiegel
+flammten in Regenbogenfarben wie eine alte Fensterscheibe.
+Allen m&ouml;glichen Schmutz hatte das Untier in der kurzen
+Zeit von sich gegeben und damit das klare gr&uuml;ne Wasser
+verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel,
+abgebrannte Streichh&ouml;lzchen, Papierfetzen, mit
+denen Ukeleis spielten. Es war, als sei der Rinnstein der
+ganzen Stadt hierher geflossen und habe auf ein Mal Unrat
+und Schelte ausgeworfen.</p>
+
+<p>Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er
+daran dachte: wenn er sich wirklich seine Liebste erringen
+wollte, m&uuml;sse er in die Stadt, in die Gassen und Rinnsteine,
+wo es den hohen Tagelohn und den feinen Rock gab, Gaslaternen
+und Schaufenster, das M&auml;dchen mit Krause, Manschetten
+und Kn&ouml;pfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber
+er ha&szlig;te die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine
+Mundart ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen
+<!-- Page 85 --><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span>
+Arbeiten nicht leisten konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten
+nichts abzuwerfen vermochten. Und doch mu&szlig;te er
+daran denken, denn Ida hatte gesagt, einen Bauernknecht
+werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht werden!</p>
+
+<p>Konnte er nicht?</p>
+
+<p>Der Sund kr&auml;uselte sich, und ein k&uuml;hler Wind, der immer
+st&auml;rker wurde, r&uuml;hrte das Wasser auf; das schlug gegen die
+Br&uuml;ckenpf&auml;hle, fegte den Ru&szlig; fort und kl&auml;rte den blanken
+Abendhimmel auf. Das Rauschen der Erlen, das Pl&auml;tschern
+der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus seinen Gedanken.
+Er warf die Flinte &uuml;ber die Schulter und wanderte
+heimw&auml;rts.</p>
+
+<p>Der Weg ging unter den Haselb&uuml;schen &uuml;ber einen H&uuml;gel;
+auf dem stand noch eine h&ouml;here Grausteinwand, die mit Kiefern
+bewachsen war; die hatte er noch nie besucht.</p>
+
+<p>Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und
+Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen,
+auf dem ein Seezeichen errichtet war.</p>
+
+<p>Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet;
+mit einem einzigen Rundblick konnte er ihre W&auml;lder und
+&Auml;cker, Wiesen und H&auml;user &uuml;bersehen; und dahinter Holme,
+Kobben, Sch&auml;ren, bis aufs offene Meer hinaus. Es war ein
+gro&szlig;es St&uuml;ck der sch&ouml;nen Erde, und Wasser, B&auml;ume, Steine:
+alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte,
+die eine nur, und die andere zur&uuml;ckzog, die nach Eitelkeit,
+Bettlust und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben
+ihm zu stehen und zu betteln, vor diesem Bild auf die Knie
+zu fallen, das die zauberischen Strahlen einer sinkenden Sonne
+rosig f&auml;rbten; auf dem blaues Wasser, gr&uuml;ne W&auml;lder, gelbe
+&Auml;cker, rote H&uuml;tten sich zu einem Regenbogen mischten, der
+auch einen sch&auml;rferen Verstand bet&ouml;rt h&auml;tte, als ein Bauernknecht
+ihn hat.
+</p>
+
+<p><!-- Page 86 --><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span>
+Von der absichtlichen Vernachl&auml;ssigung der Treulosen gereizt,
+die in f&uuml;nf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm
+zum Abschied zu winken, vergessen; von den Schimpfworten
+der &uuml;berm&uuml;tigen Stadtflegel so verletzt, als habe er den Stock
+gekostet; vom Anblick der fetten Erde, der fischreichen Gew&auml;sser,
+der warmen H&uuml;tten entz&uuml;ckt, fa&szlig;te er seinen Entschlu&szlig;:
+einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das
+falsche Herz zu pr&uuml;fen, das ihn vielleicht schon vergessen
+hatte; dann aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte,
+ohne da&szlig; man stahl.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Als er nach Haus zur&uuml;ckkehrte und die Gro&szlig;stuga leer
+stehen, die Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten
+drau&szlig;en herumliegen sah, w&uuml;rgte es ihn im Halse, als
+habe er Apfelst&uuml;cke quer geschluckt.</p>
+
+<p>Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommerg&auml;ste
+in einen Sack gesammelt, schlich er so lautlos wie m&ouml;glich auf
+seine Kammer hinauf. Dort verbarg er seine Sch&auml;tze unter
+dem Bett, setzte sich an den Schreibtisch, holte Papier und Feder
+hervor und machte sich bereit, einen Brief zu schreiben.</p>
+
+<p>Die erste Seite ergo&szlig; sich in einem einzigen Wortstrom,
+teils aus seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der &raquo;Sagengeschichte&laquo;
+und den &raquo;Schwedischen Volksliedern&laquo; von
+Afzelius; die hatten einen starken Eindruck auf ihn gemacht,
+als er sie beim Verwalter in W&auml;rmland gelesen.</p>
+
+<p>&#8211; Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich
+hier auf meinem K&auml;mmerchen und sehne mich ganz furchtbar
+nach Dir, Ida. Als sei es gestern gewesen, wei&szlig; ich noch,
+wie Du hierher kamst: wir s&auml;eten Fr&uuml;hlingsroggen und der
+Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es Herbst, und die Burschen
+sind drau&szlig;en auf der Sch&auml;re, um Str&ouml;mling zu fangen.
+<!-- Page 87 --><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span>
+Ich w&uuml;rde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist
+w&auml;rst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu gr&uuml;&szlig;en,
+wie es der Professor so freundlich vom Achterdeck getan,
+als der Dampfer an der Landzunge vorbei fuhr. Es war leer
+wie ein Loch nach Dir heute Abend, und das ist vor allem
+der Grund, warum der Kummer so schwer lastet. Damals
+beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst
+Du Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als h&auml;tte ich&#8217;s aufgeschrieben;
+aber ich bin auch im Stande, zu <em class="gesperrt">halten</em>, was
+ich verspreche. Dazu sind aber nicht <em class="gesperrt">alle</em> im Stande; doch
+das ist einerlei, und ich frage nicht so genau danach, wie die
+Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal liebe, die vergesse
+ich nicht; das m&ouml;chte ich gesagt haben.</p>
+
+<p>Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die
+Bitterkeit kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern
+tauchte auf, vor den Versuchungen der Stadt mit ihren Vergn&uuml;gungen;
+und im Bewu&szlig;tsein, da&szlig; er au&szlig;er Stande sei,
+den bef&uuml;rchteten S&uuml;ndenfall zu verh&uuml;ten, schlug er die edlern
+Gef&uuml;hle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die
+Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng,
+sittlich; ein strafender R&auml;cher, durch dessen Mund ein ANDERER
+sprach:</p>
+
+<p>&#8211; Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der gro&szlig;en
+Stadt umhergehst, ohne da&szlig; ein Arm Dich st&uuml;tzt, der Gefahr
+und Versuchung von Dir abwenden kann; wenn ich an alle
+die s&uuml;ndhaften Gelegenheiten denke, die den Weg breit und
+den Fu&szlig; leicht machen, f&uuml;hle ich einen Stich in meinem Herzen;
+ist mir&#8217;s, als habe ich vor Gott und Menschen unrecht
+getan, da&szlig; ich Dich ins Garn der S&uuml;nde lie&szlig;; wie ein Vater
+h&auml;tte ich Dir sein sollen, Ida; und Du h&auml;ttest dem alten
+Carlsson wie einem rechten Vater vertraut&nbsp;...</p>
+
+<p>Bei den Worten &raquo;Vater&laquo; und &raquo;alter Carlsson&laquo; wurde er
+<!-- Page 88 --><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span>
+weich und erinnerte sich an das letzte Begr&auml;bnis, das er mitgemacht
+hatte.</p>
+
+<p>&#8211; Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im
+Herzen und auf den Lippen hat. Wer wei&szlig;, wie lange der
+alte Carlsson (er liebte das Wort bereits!) hier noch wandelt;
+wer wei&szlig;, ob nicht die Zahl seiner Tage gez&auml;hlt ist, wie
+die Wassertropfen in der See oder die Sterne in der Luft;
+vielleicht, ehe man sich&#8217;s versieht, liegt er da wie trockenes
+Heu ... Dann wird vielleicht <em class="gesperrt">jemand</em> ihn ausgraben wollen,
+der&#8217;s jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten,
+da&szlig; er noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus
+der Erde kommen und die Turteltaube sich in unserem Lande
+h&ouml;ren l&auml;&szlig;t. Dann ist eine liebliche Zeit f&uuml;r
+<em class="gesperrt">manchen</em>, der
+jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten singen m&ouml;chte&nbsp;...</p>
+
+<p>Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mu&szlig;te das
+Testament aus seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber
+er hatte die Wahl zwischen hundert Psalmen, und Clara rief
+schon zum Abendbrot; er mu&szlig;te also aus der Menge einen
+herausgreifen, und er nahm:</p>
+
+<p>&#8211; Die Weiden in der W&uuml;ste sind auch fett, da&szlig; sie triefen;
+und die H&uuml;gel umher sind lustig; die Anger sind voll
+Schafe, und die Auen stehen dick mit Korn, da&szlig; man jauchzet
+und singet.</p>
+
+<p>Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine gl&uuml;ckliche Anspielung
+auf die Vorz&uuml;ge, die das Landleben vorm Stadtleben hat;
+und da das gerade der wunde Punkt war, beschlo&szlig;
+er, ihn nicht mehr zu ber&uuml;hren, sondern die Anspielung f&uuml;r
+sich sprechen zu lassen.</p>
+
+<p>Dann &uuml;berlegte er, was er noch schreiben solle; f&uuml;hlte sich
+hungrig und m&uuml;de; konnte sich nicht verhehlen, da&szlig; es
+schlie&szlig;lich einerlei sei, was er schrieb, denn Ida war ihm
+doch wohl verloren, bis der Fr&uuml;hling wiederkam.
+</p>
+
+<p><!-- Page 89 --><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span>
+Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken gequ&auml;lt,
+da&szlig; ein Anderer sie besitzen k&ouml;nne, und mit kaltem Blute beschlo&szlig;
+er, im Voraus die Kanonen der unbekannten Feinde zu
+vernageln. Darum f&uuml;gte er eine Nachschrift an, nachdem er
+mit &raquo;Getreu und ergeben&laquo; unterzeichnet hatte.</p>
+
+<p>N. S. Du mu&szlig;t Dich vor Berns Salon und Blanks Caf&eacute;
+h&uuml;ten, Ida, denn der Professor sagte, alle jungen Leute in
+Stockholm seien angesteckt und ... (Am besten, man haut ihn
+gleich nieder, dachte er, da er doch in einigen Tagen mit den
+Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman ist auch angesteckt
+worden. (Um aber, falls es n&ouml;tig sein sollte, eine r&uuml;ckwirkende
+abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:)
+als er im vorigen Jahre Soldat war.</p> <div class="column_right">D. O.</div>
+
+
+
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Darauf ging er in die K&uuml;che hinunter, um zu Abend zu
+essen.</p>
+
+<p>Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht.
+Unruhig kam die Alte und setzte sich an den Tisch, an
+dem sich Carlsson niedergelassen, nachdem er ein Talglicht
+angesteckt hatte. Die M&auml;dchen gingen still und abwartend zwischen
+Herd und Tisch hin und her.</p>
+
+<p>&#8211; Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein
+haben, sagte die Alte. Ich sehe, Ihr habt es n&ouml;tig.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu
+bringen, antwortete Carlsson.</p>
+
+<p>&#8211; Darum m&uuml;&szlig;t Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte
+und ging nach dem Stundenglas. Was das f&uuml;r ein Wind
+heute Abend ist, und von Osten kommt er auch; die Burschen
+werden es heute Nacht schwer haben mit den Netzen.</p>
+
+<p>Da kann ich ihnen nicht helfen; &uuml;bers Wetter vermag ich
+nichts, bi&szlig; Carlsson den Faden ab. Aber n&auml;chste Woche mu&szlig;
+<!-- Page 90 --><span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span>
+es sch&ouml;n werden; da denke ich mit dem Trebel nach der Stadt
+zu fahren, um selbst mit dem Fischh&auml;ndler zu sprechen.</p>
+
+<p>&#8211; Soso, das wollt Ihr, Carlsson?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen
+Preis f&uuml;r die Fische; und das mu&szlig; doch wohl an irgend etwas
+liegen; wer nun die Schuld haben mag.</p>
+
+<p>Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Gesch&auml;ft
+als der Fischhandel f&uuml;hre ihn nach der Stadt.</p>
+
+<p>&#8211; Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht
+beim Professor vor?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat n&auml;mlich
+einen Flaschenkorb hier vergessen&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt
+Ihr nicht noch eine Halbe nehmen, Carlsson?</p>
+
+<p>&#8211; Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und
+ich glaube, sie kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich
+von Ida h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Mit gro&szlig;em Vergn&uuml;gen sprach er den Namen aus, und
+er legte seine ganze &Uuml;berlegenheit hinein. Die Alte f&uuml;hlte
+auch, wie sehr sie ihm unterlegen war; eine Glut stieg ihr in
+die Wangen und ein Brand in die Augen.</p>
+
+<p>&#8211; Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, fl&uuml;sterte
+die Alte.</p>
+
+<p>&#8211; Nein beh&uuml;te, weit davon, antwortete Carlsson, der
+sehr wohl f&uuml;hlte, wie er seine Schnur einholen mu&szlig;te und
+da&szlig; etwas am Haken sa&szlig;.</p>
+
+<p>&#8211; Wollt ihr euch denn heiraten?</p>
+
+<p>&#8211; Gewi&szlig;, wenn die Zeit kommt; aber ich mu&szlig; mich erst
+nach einer neuen Stellung umh&ouml;ren.</p>
+
+<p>Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die
+magere Hand zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken
+am Laken zupft.
+</p>
+
+<p><!-- Page 91 --><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span>
+&#8211; Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder,
+vertrockneter Stimme zu sagen.</p>
+
+<p>&#8211; Ein Mal mu&szlig; es doch sein, antwortete Carlsson; fr&uuml;her
+oder sp&auml;ter will man sein eigener Herr werden; und sich f&uuml;r
+andere abarbeiten, tut man auch nicht gern um nichts.</p>
+
+<p>Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson
+wurde pl&ouml;tzlich von einer Lust erfa&szlig;t, mit ihr zu sch&auml;kern.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht
+allein schlafen zu m&uuml;ssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht
+wollt ihr, da&szlig; ich hinunterkomme und euch Gesellschaft
+leiste?</p>
+
+<p>&#8211; Oh, das ist durchaus nicht n&ouml;tig! antwortete Clara.</p>
+
+<p>Carlsson fa&szlig;te sie beim schwellenden Oberarm und spielte
+den B&ouml;sen:</p>
+
+<p>&#8211; Was ist nicht n&ouml;tig? Was wei&szlig;t du, Clara, davon,
+was ich n&ouml;tig habe?</p>
+
+<p>&#8211; Ist denn Ida Euch nicht genug gewesen? Ich h&ouml;rte einen
+Vogel singen, da&szlig; Ihr Euch Hilfe habt nehmen m&uuml;ssen!</p>
+
+<p>Carlsson wurde rot bis in die Kopfhaut, &uuml;ber das Gesicht
+der Alten aber huschte Hoffnung, Neugier und &Uuml;berraschung.</p>
+
+<p>Einen Augenblick herrschte Schweigen in der K&uuml;che, w&auml;hrend
+Carlsson nachdachte, welche Antwort am vorteilhaftesten
+sei. Man h&ouml;rte, wie drau&szlig;en der Sturm durch den Wald
+sauste, das Laub von den Birken ri&szlig;, an den Feldz&auml;unen r&uuml;ttelte,
+an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste. Zuweilen
+fuhr ein Windsto&szlig; in den Schornstein hinein und blies Feuer
+und Rauch aus vom Herdmantel, da&szlig; Lotte sich die Hand
+vor Augen und Mund halten mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Als der Wind einen Augenblick ausblieb, h&ouml;rte man das
+offene Meer gegen die &ouml;stliche Landspitze schlagen. Pl&ouml;tzlich
+gab der Hund drau&szlig;en auf dem Hofe Hals, und das Gebell
+<!-- Page 92 --><span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span>
+entfernte sich, als sei der Hund jemandem entgegen gesprungen,
+um ihn zu begr&uuml;&szlig;en oder zu bedrohen.</p>
+
+<p>&#8211; Seht bitte nach, wer das sein kann, sagte die Alte zu
+Carlsson.</p>
+
+<p>Der stand sofort auf, froh, auf Claras heikle Frage nicht
+antworten zu m&uuml;ssen, und ging zur T&uuml;r hinaus. Er sah nur
+ein Dunkel, das so dick war, da&szlig; man es mit Messern schneiden
+konnte; und der Wind empfing ihn mit einem Sto&szlig;, da&szlig;
+ihm das Haar wie Erbsenstr&auml;ucher um den Kopf stand. Er
+lockte den Hund, aber das Gebell war bereits unten auf der
+Quellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen
+Menschen.</p>
+
+<p>&#8211; Es kommt so sp&auml;t noch Besuch, sagte Carlsson zur Alten,
+die sich in die T&uuml;r stellte. Wer kann das sein? Ich mu&szlig; wohl
+gehen und nachsehen. Clara, steck die Laterne an und gib mir
+meine M&uuml;tze!</p>
+
+<p>Er bekam die Laterne und arbeitete sich gegen den Wind
+auf die Wiese hinaus, folgte dem Gebell und gelangte in
+das Kieferngeh&ouml;lz, das die Wiese vom Strande trennte. Das
+Gebell war verstummt, aber zwischen den rauschenden und
+knackenden F&ouml;hren hallten Schritte von eisernen Haken gegen
+den Bergfelsen; krachten Zweige, die jemand brach, der seinen
+Weg suchte; spritzten Wasserlachen auf; antworteten Fl&uuml;che
+auf das Winseln des Hundes.</p>
+
+<p>&#8211; Wer da? rief Carlsson.</p>
+
+<p>&#8211; Der Pastor! antwortete eine rostige Stimme.</p>
+
+<p>Carlsson sah Funken spr&uuml;hen, die ein eiserner Haken an
+einem Granitfindling schlug, und aus einem Dickicht st&uuml;rzte
+ein kleiner, breitschultriger Mann den H&uuml;gel hinab. Das
+grobe, wetterharte Gesicht wurde von wildem, grauem Backenbart
+eingerahmt und von kleinen scharfen Augen belebt, deren
+Brauen Astmoos glichen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 93 --><span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span>
+&#8211; H&ouml;llische Wege habt ihr hier auf der Insel! zankte er
+zum Gru&szlig;.</p>
+
+<p>&#8211; Herr Jesus, sind Sie&#8217;s, Herr Pastor? In diesem Hundewetter
+unterwegs? beantwortete Carlsson achtungsvoll die
+Willkommsfl&uuml;che seines Seelsorgers. Aber wo ist denn das
+Boot?</p>
+
+<p>&#8211; Es ist das Fischerboot, und das hat Robert in den Hafen
+gebracht. La&szlig; uns nur unter Dach kommen, denn heute
+Abend weht der Wind einem durch den Leib. Vorw&auml;rts
+marsch!</p>
+
+<p>Carlsson ging mit der Laterne voran und der Pastor folgte,
+w&auml;hrend der Hund in den B&uuml;schen herumschn&uuml;ffelte, nach
+einem Birkhuhn, das sich eben erhoben und in den Bruch gerettet
+hatte.</p>
+
+<p>Die Alte war dem Laternenschein auf den Hof hinaus entgegen
+gegangen; als sie den Pastor erkannte, freute sie sich
+und hie&szlig; ihn willkommen.</p>
+
+<p>Der Pastor hatte Fische nach der Stadt bringen wollen
+und war unterwegs vom Sturm &uuml;berrascht worden, der ihn
+zum landen zwang. Er fluchte und schalt, weil er nicht zur
+Zeit nach der Stadt kommen konnte, um seine Fische los zu
+werden.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt sind ja alle Teufel drau&szlig;en und kratzen nach jedem
+einzigen Fisch, der im Wasser lebt.</p>
+
+<p>Die Alte wollte ihn in die Stube f&uuml;hren, er aber ging geradeswegs
+in die K&uuml;che hinein, denn er zog das Herdfeuer
+vor: dort konnte er trocken werden.</p>
+
+<p>W&auml;rme und Licht schienen indessen dem Pastor nicht gut
+zu bekommen; er zwinkerte mit den Augen, als wolle er sich
+ermuntern, w&auml;hrend er die nassen Schmierstiefel auszog.
+Carlsson half ihm unterdessen aus einer graugr&uuml;nen Joppe,
+die mit Schaffell gef&uuml;ttert war. Bald sa&szlig; der Pastor in
+<!-- Page 94 --><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span>
+wollenem Wams und blo&szlig;en Str&uuml;mpfen an der Ecke des Tisches,
+den die Alte abger&auml;umt und mit Kaffeegeschirr gedeckt
+hatte.</p>
+
+<p>Wer Pastor Nordstr&ouml;m nicht kannte, h&auml;tte nicht vermutet,
+da&szlig; dieser Fischer ein geistliches Amt bekleidete; so sehr hatten
+drei&szlig;ig Jahre Seelsorge drau&szlig;en in den Sch&auml;ren den Mann
+verwandelt, der einst recht fein gewesen war, als er von der
+Universit&auml;t Uppsala kam. Ein &auml;u&szlig;erst
+<ins class="correction" title="Originaltext: knapper">knappes</ins> Gehalt hatte
+ihn gen&ouml;tigt, sein Auskommen aus See und Acker zu erg&auml;nzen;
+und da es auch dann noch nicht reichte, mu&szlig;te er sich an
+den guten Willen seiner Gemeinde wenden, den er durch geselliges
+Wesen, sich seiner Umgebung anpassend, lebendig erhielt.</p>
+
+<p>Doch zeigte sich der gute Wille meist in Kaffeehalben und
+Bewirtungen, die an Ort und Stelle verzehrt werden mu&szlig;ten,
+also den Wohlstand des Pfarrhauses nicht erh&ouml;hen konnten;
+eher unvorteilhaft auf den physischen und moralischen Zustand
+des Empf&auml;ngers wirkten. Au&szlig;erdem wu&szlig;ten die Sch&auml;renleute
+aus teuern Erfahrungen, wie in Seenot Gott nur dem
+half, der sich selber half; auch waren sie unf&auml;hig, einen starken
+&ouml;stlichen Wind mit dem augsburgischen Bekenntnis in Zusammenhang
+zu bringen. Sie machten sich deshalb wenig aus
+der kleinen h&ouml;lzernen Kapelle, die sie hatten bauen lassen.
+Der Kirchgang, der durch lange Ruderfahrten erschwert oder
+von ung&uuml;nstigen Winden unm&ouml;glich gemacht wurde, war
+mehr eine Art Volksmarkt, auf dem man Bekannte traf, Gesch&auml;fte
+machte, Ank&uuml;ndigungen h&ouml;rte. Und der Pastor war
+die einzige Beh&ouml;rde, mit der man in Ber&uuml;hrung kam; der
+Amtmann, der die Polizeigewalt aus&uuml;bte, wohnte weit entfernt
+und wurde bei Rechtssachen nie bem&uuml;ht; die machte man
+vielmehr unter einander ab, mit einigen d&auml;nischen K&uuml;ssen
+oder einem Schoppen Branntwein.
+</p>
+
+<p><!-- Page 95 --><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span>
+Nicht eine Spur von Latein und Griechisch konnte man
+in dieser vom Herdfeuer und zwei Talglichtern beleuchteten
+Gestalt sehen, einer Kreuzung von Bauer und Seemann.
+Die einstmals wei&szlig;e Hand, die in ihrer ganzen Jugend in
+B&uuml;chern gebl&auml;ttert hatte, war braun und borkig, hatte gelbe
+Leberflecke von Salzwasser und Sonnenbrand, war hart und
+schwielig von Rudern, Segeln, Steuern; die N&auml;gel waren
+halb abgenagt und trugen von der Ber&uuml;hrung mit Erde und
+Ger&auml;ten schwarze R&auml;nder. Die Ohrmuscheln waren mit Haar
+zugewachsen und gegen Katarrh und Flu&szlig; von Bleiringen
+durchbohrt. Aus der auf das wollene Wams aufgen&auml;hten Ledertasche
+hing eine Haarschnur, die einen Uhrschl&uuml;ssel aus
+einem gelben Metall mit einem Karneol trug. In die feuchten
+wollenen Str&uuml;mpfe hatte die gro&szlig;e Zehe L&ouml;cher gerissen,
+welche die schlingernden Bewegungen der F&uuml;&szlig;e unter dem
+Tisch unabl&auml;ssig verbergen wollten. Das Wams war unter
+den Armen von Schwei&szlig; gelbbraun geworden, und der Hosenschlitz
+stand halb offen, weil Kn&ouml;pfe fehlten.</p>
+
+<p>Er holte eine kurze Pfeife aus der Hosentasche, klopfte
+sie, w&auml;hrend allgemeines achtungsvolles Schweigen herrschte,
+gegen die Tischkante aus, da&szlig; sich ein kleiner Maulwurfshaufen
+von Asche und sauerm Tabak auf den Boden legte.
+Aber die Hand war unsicher und das Stopfen ging unregelm&auml;&szlig;ig
+vor sich; war zu umst&auml;ndlich, um nicht Unruhe zu erregen.</p>
+
+<p>&#8211; Wie steht es heute Abend mit Ihnen, Herr Pastor? Ich
+glaube, Sie sind nicht ganz wohl, fuhr die Alte dazwischen.</p>
+
+<p>Der Pastor hob das auf die Brust gesunkene Haupt, sah
+sich nach den Balken der Decke um, als suche er nach der
+Sprechenden.</p>
+
+<p>&#8211; Ich? sagte er und stopfte eine Prise Tabak am Pfeifenkopf
+vorbei. Dann sch&uuml;ttelte er den Kopf, als wolle er in
+<!-- Page 96 --><span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span>
+Frieden gelassen werden, und versank in schwerm&uuml;tige Gedanken
+ohne bestimmte Form.</p>
+
+<p>Carlsson sah, wie es stand, und fl&uuml;sterte der Alten zu:</p>
+
+<p>&#8211; Er ist nicht n&uuml;chtern!</p>
+
+<p>Und im Glauben, einschreiten zu m&uuml;ssen, nahm er die
+Kaffeekanne und go&szlig; die Tasse des Pastors voll, stellte die
+Branntweinflasche daneben und bat ihn mit einer Verbeugung,
+f&uuml;rlieb zu nehmen.</p>
+
+<p>Mit einem vernichtenden Blick hob der Alte seinen grauen
+Kopf, als wolle er, da&szlig; der Schlag Carlsson r&uuml;hre; mit
+Ekel die Tasse von sich schiebend, spuckte er aus:</p>
+
+<p>&#8211; Bist du hier zu Hause, Knecht?</p>
+
+<p>Dann wendete er sich zur Alten:</p>
+
+<p>&#8211; Gebt mir eine Tasse Kaffee, Frau Flod!</p>
+
+<p>Und dann versank er f&uuml;r eine Weile in tiefes Schweigen,
+sich vielleicht an die Gr&ouml;&szlig;e fr&uuml;herer Tage erinnernd und erw&auml;gend,
+wie die Unversch&auml;mtheit beim Volk &uuml;berhand nahm.</p>
+
+<p>&#8211; Verfluchter Knecht! schnaubte er noch ein Mal. Mach,
+da&szlig; du hinauskommst, und hilf Robert beim Boot!</p>
+
+<p>Carlsson versuchte es mit Schmeichelei, wurde aber sofort
+unterbrochen:</p>
+
+<p>&#8211; Wei&szlig;t du nicht, wer du bist?</p>
+
+<p>Carlsson verschwand durch die T&uuml;r.</p>
+
+<p>Nachdem sich der Pastor mit einem Schluck aus der Tasse
+erfrischt hatte, fuhr er die Alte an, die eine Entschuldigung
+f&uuml;r den Knecht zu drechseln suchte:</p>
+
+<p>&#8211; Habt ihr die Zugnetze drau&szlig;en?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, lieber Herr Pastor, &ouml;ffnete die Alte die Schleusen,
+und alle Schleppnetze auch. Um sechs herum konnte noch niemand
+wissen, da&szlig; f&uuml;r die Nacht Sturm kommen werde; und
+ich kenne Gustav. Er w&uuml;rde eher zu Grunde gehen, als da&szlig;
+er das Garn heute Nacht liegen lie&szlig;e.
+</p>
+
+<p><!-- Page 97 --><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span>
+&#8211; Ach was, der wei&szlig; sich schon zu helfen! tr&ouml;stete der
+Pastor.</p>
+
+<p>&#8211; Sagen Sie das nicht, Herr Pastor! Mag das Garn
+meinetwegen draufgehen, es steckt zwar ein gut St&uuml;ck Geld
+darin, wenn nur der Junge heil aus der Sache herauskommt&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Er wird doch nicht so dumm sein, die Netze in diesem
+Wetter aufzunehmen? Die ganze See liegt ja darauf!</p>
+
+<p>&#8211; Das gerade kann man von ihm erwarten! Wie der Vater
+hat er immer etwas Besonderes vorstellen wollen, und er
+w&auml;re im Stande, sein Leben daran zu setzen, um die Zugnetze
+nicht verloren gehen zu lassen.</p>
+
+<p>&#8211; Ist es so mit ihm bestellt, Frau, dann kann ihm selbst
+der Teufel nicht helfen! &Uuml;brigens es fischt sich gut! Wir
+waren vergangene Woche mit sechs Schleppnetzen drau&szlig;en
+bei den Erlenkobben, und wir haben achtzehn mal achtzig gefangen.</p>
+
+<p>&#8211; War der Str&ouml;mling denn auch fett?</p>
+
+<p>&#8211; Das will ich meinen, fett wie Butter. Aber sagt mal,
+Frau Flod, was ist das f&uuml;r ein Geschw&auml;tz, das von Euch uml&auml;uft:
+Ihr sollt daran denken, Euch wieder zu verheiraten?
+Ist das wahr?</p>
+
+<p>&#8211; Ei potztausend, brach die Alte los, sagt man das? Das
+ist doch toll, was die Leute schwatzen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&#8211; Mir geht es ja nicht zu nahe, erwiderte der Pastor;
+verh&auml;lt es sich aber so, wie man sagt, da&szlig; es sich um den
+Knecht handelt, so w&auml;re es um den Jungen schade.</p>
+
+<p>&#8211; Oh, f&uuml;r den Jungen ist keine Gefahr, und einen schlechtern
+Stiefvater hat mancher gekriegt.</p>
+
+<p>&#8211; Es ist also wahr, h&ouml;re ich. Brennt es noch so heftig in
+dem alten K&ouml;rper, da&szlig; Ihr&#8217;s nicht mehr aushalten k&ouml;nnt?
+<!-- Page 98 --><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">98</a></span>
+Das Fleisch will das Seine haben, und der Pfahl sitzt da,
+hahaha!</p>
+
+<p>Hier warf der Pastor einen pr&uuml;fenden Blick auf Clara und
+Lotte, um zu sehen, wie sie aussahen, wenn sie verlegen wurden;
+sie sahen wirklich recht schelmisch aus, wie sie vergebens
+das Lachen zu verbei&szlig;en suchten, denn der Pastor f&uuml;hlte sich
+veranla&szlig;t, den Scherz noch weiter zu spinnen.</p>
+
+<p>&#8211; Ihr grinst, M&auml;dchen? Als ob ihr das nicht kenntet!</p>
+
+<p>&#8211; Wollen Sie nicht noch eine Halbe trinken, Herr Pastor?
+unterbrach ihn die Alte, die &auml;ngstlich wurde &uuml;ber die
+Wendung, die das Gespr&auml;ch ins Liebesgebiet nahm.</p>
+
+<p>&#8211; Bitte, Frau; seid so freundlich! Danke! Aber ich mu&szlig;
+auch ins Bett, und Ihr habt wohl noch nicht f&uuml;r mich aufgebettet.</p>
+
+<p>Lotte wurde auf die Kammer geschickt, um das Bett zu
+machen, nachdem man beschlossen, da&szlig; Carlsson und Robert
+in der K&uuml;che schlafen sollten.</p>
+
+<p>Der Pastor g&auml;hnte und rieb den einen Fu&szlig; gegen den andern,
+fuhr mit der Hand &uuml;ber die Stirn bis zur nackten Glatze
+hinauf, als wolle er namenlosen Kummer fortstreichen; dabei
+sank der Kopf in kurzen Rucken gegen die Tischplatte, wo
+schlie&szlig;lich das Kinn seine St&uuml;tze fand.</p>
+
+<p>Die Alte, die sah, wie es stand, trat n&auml;her und legte ihm die
+Hand behutsam auf die Schulter, klopfte sacht und bat mit
+r&uuml;hrender Stimme:</p>
+
+<p>&#8211; Lieber Herr Pastor! K&ouml;nnen wir nicht ein gutes Wort
+heute Abend h&ouml;ren, ehe wir zu Bett gehen? Denken Sie an
+die Alte und ihren Jungen, der auf See ist.</p>
+
+<p>&#8211; Ein gutes Wort? Ja! Gebt mir das Buch; Ihr wi&szlig;t
+ja, wo es steckt.</p>
+
+<p>Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein
+schwarzes Buch mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reisek&auml;stchen,
+<!-- Page 99 --><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span>
+aus dem alten Frauen und Kranken st&auml;rkende Tropfen
+geboten werden, pflegte man dieses Buch vorzunehmen.
+And&auml;chtig, als habe sie ein St&uuml;ck von der Kirche in ihre niedrige
+H&uuml;tte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam
+wie ein warmes Brot, auf ihren beiden H&auml;nden; schob
+vorsichtig die Tasse des Pastors bei Seite, wischte den Tisch
+mit ihrer Sch&uuml;rze ab und legte das heilige Buch vor den
+schweren Kopf.</p>
+
+<p>&#8211; Lieber Pastor, fl&uuml;sterte die Alte, w&auml;hrend der Wind im
+Schornstein l&auml;rmte, da ist das Buch.</p>
+
+<p>&#8211; Gut, gut, antwortete der Pastor wie im Schlaf; streckte
+den Arm aus, ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffeetasse
+und fuhr mit dem Finger so gegen den Henkel, da&szlig; er
+die Tasse umstie&szlig;; in zwei B&auml;chen flo&szlig; der Branntwein &uuml;ber
+den fettigen Tisch.</p>
+
+<p>&#8211; Oh oh, klagte die Alte und rettete das Buch; das geht
+nicht! Sie sind schl&auml;frig, Herr Pastor, und m&uuml;ssen sich niederlegen.</p>
+
+<p>Aber der Pastor schnarchte schon; er ruhte mit dem Arm
+auf der Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer
+albernen Geb&auml;rde ausgestreckt, als zeige er nach einem unsichtbaren
+Ziel, das augenblicklich unerreichbar war.</p>
+
+<p>&#8211; Wie sollen wir&#8217;s nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen?
+klagte die Alte den M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te, in welch furchtbare Laune er geraten konnte,
+wenn er aus dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der K&uuml;che zu
+lassen, ging nicht der M&auml;dchen wegen; auch in die Stube
+durfte er nicht; dann h&auml;tte man dar&uuml;ber geklatscht.</p>
+
+<p>Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie
+Ratten die Katze umkreisen, um ihr Schellen anzuh&auml;ngen,
+ohne es jedoch zu wagen.</p>
+
+<p>Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen und der
+<!-- Page 100 --><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span>
+Wind drang durch Fenster und undichte W&auml;nde. Der Alte,
+der ja in blo&szlig;en Str&uuml;mpfen dasa&szlig;, mu&szlig;te kalt geworden sein,
+denn eins, zwei, drei erhob sich der Kopf, der Mund &ouml;ffnete
+sich g&auml;hnend, und drei Aufschreie, die klangen, wie wenn der
+Fuchs seinen Geist aufgibt, lie&szlig;en die Frauen zusammenfahren.</p>
+
+<p>&#8211; Ich glaube, ich habe geniest, sagte der Pastor, erhob sich
+und ging mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa; dort
+sank er nieder, streckte sich auf den R&uuml;cken aus, faltete die
+H&auml;nde &uuml;ber der Brust und schlummerte mit einem langen
+Seufzer ein.</p>
+
+<p>Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken.</p>
+
+<p>Auch Carlsson und Robert, die jetzt zur&uuml;ckkamen, wagten
+nicht, ihn anzur&uuml;hren.</p>
+
+<p>&#8211; Er <ins class="correction" title="Originaltext: schl&auml;gt">schl&auml;ft</ins>!
+Nehmt euch in Acht, sagte Robert. Gebt
+ihm nur ein Kissen unter den Kopf und werft eine Decke &uuml;ber
+ihn, dann schl&auml;ft er bis zum Morgen.</p>
+
+<p>Die Alte nahm die M&auml;dchen mit in die Stube. Robert
+mu&szlig;te auf dem Heuboden &uuml;ber dem Vorratsschuppen schlafen.
+Carlsson ging auf seine Kammer. Die Lichter wurden gel&ouml;scht
+und es ward still in der K&uuml;che.</p>
+
+<p>Da aber erinnerte sich die Alte, da&szlig; der Pastor kein Trinkwasser
+habe, und Clara wurde mit der Kupferflasche zu ihm
+hineingeschickt. Sie ging auf Zehen, so leise sie konnte, ohne
+mit der T&uuml;r zu knarren, kam aber schnell wieder heraus:</p>
+
+<p>&#8211; Oh, das ist ja ein Ferkel!</p>
+
+<p>&#8211; Was, was? fragte die Alte eifrig, im Glauben, dem
+Pastor sei etwas zugesto&szlig;en.</p>
+
+<p>&#8211; Oh, k&ouml;nnt Ihr glauben, Tante, er wollte, ich solle mich
+zu ihm legen ... Das ist ja schrecklich!</p>
+
+<p>&#8211; Das kann ich nicht glauben, meinte die Alte, welche die
+<!-- Page 101 --><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span>
+Ehre, den Pastor als Gast unter ihrem Dache zu haben, sich
+nicht schm&auml;lern lassen wollte. Das kann ich nicht glauben.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, aber er hat mich um den Leib gefa&szlig;t und wollte
+mich&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Ach, Geschw&auml;tz, schnauzte die Alte, schlo&szlig; die T&uuml;r und
+l&ouml;schte das Licht. Gute Nacht!</p>
+
+<p>Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger
+ruhig war.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen, als der Hahn kr&auml;hte und Frau Flod
+aufstand, um ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert
+fort. Der Sturm hatte sich etwas gelegt, kalte wei&szlig;e
+Herbstwolken zogen von Osten ins Land hinein und der Himmel
+war wieder blau.</p>
+
+<p>Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der
+&ouml;stlichen Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein
+Boot auf dem Meere zeige. Drau&szlig;en in der Rinne zwischen
+den Kobben tauchte das eine und das andere gereffte Rahsegel
+auf, verschwand und kam wieder zum Vorschein. Die
+See lag blau da wie Stahl, und die &auml;u&szlig;ersten Sch&auml;ren d&auml;mmerten,
+hingen wie an luftfarbigen T&uuml;chern, als seien sie aus
+dem Wasser in die H&ouml;he geflossen und im Begriff, sich wie
+Nachtnebel zu erheben. Die jungen S&auml;geg&auml;nse lagen auf
+Buchten und Landspitzen und liefen auf den Seen; tauchten,
+wenn sie den Meeradler auf seinem schweren Flug &uuml;ber sich
+sahen, und kamen wieder in die H&ouml;he; liefen von neuem, da&szlig;
+das Wasser spr&uuml;hte.</p>
+
+<p>Sah Frau Flod drau&szlig;en auf einer Sch&auml;re die M&ouml;wen
+fliegen und h&ouml;rte sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein
+Segel; und es kamen auch Segel, aber alle zogen an der Insel
+vorbei, entweder nach Norden oder nach S&uuml;den.
+</p>
+
+<p><!-- Page 102 --><span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span>
+Der kalte Wind und die wei&szlig;en Wolken peinigten die
+Augen der Alten; sie ging in den Wald zur&uuml;ck, des Wartens
+m&uuml;de. Sie fing an Preiselbeeren in die Sch&uuml;rze zu pfl&uuml;cken,
+denn sie konnte nicht ohne Besch&auml;ftigung sein, sondern mu&szlig;te
+etwas haben, mit dem sie sich die Unruhe vertrieb. Der Sohn
+war ihr doch das Liebste; und sie war nicht halb so bek&uuml;mmert
+gewesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand und eine
+andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah.
+Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte
+ein Gef&uuml;hl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors
+gestern Abend &uuml;ber das Geschw&auml;tz hatte den Pulverfaden
+angesteckt; bald w&uuml;rde es puff! machen. Wem dann
+die Augenbrauen versengt w&uuml;rden, war nicht zu bestimmen;
+da&szlig; aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf
+die Eichenh&ouml;he kam, h&ouml;rte sie Stimmen unten von der Landungsbr&uuml;cke.
+Durch das Eichenlaub sah sie, wie Menschen
+sich um den Seeschuppen bewegten, mit einander sprachen,
+verhandelten, stritten. Es hatte sich, w&auml;hrend sie fort war,
+etwas zugetragen! Aber was?</p>
+
+<p>Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anh&ouml;he
+hinunter, um zu erfahren, was geschehen war.</p>
+
+<p>Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterst&uuml;ck des
+Netzbootes. Sie waren also um die Insel herum gerudert!</p>
+
+<p>Normans Stimme war deutlich zu h&ouml;ren, wie er den Verlauf
+schilderte:</p>
+
+<p>&#8211; Er ging auf den Grund wie ein Stein; dann
+kam er wieder in die H&ouml;he; da aber kriegte er den Tod mitten
+durchs linke Auge; es war genau so, als l&ouml;sche man ein
+Licht aus.</p>
+
+<p>&#8211; Herr Jesus, ist er tot? schrie die Alte und st&uuml;rzte &uuml;ber
+den Zaun.
+</p>
+
+<p><!-- Page 103 --><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span>
+Aber niemand h&ouml;rte sie, denn Rundqvist setzte die Leichenrede
+im Boot fort.</p>
+
+<p>&#8211; Und dann warfen wir die Dregg und als der Ankerfl&uuml;gel
+ihn im R&uuml;cken packte, da&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die
+Netze trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie
+durch einen Schleier vor einem Spiegel, hinter den aufgeh&auml;ngten
+Netzen, wie alle Leute des Hofes um einen grauen
+K&ouml;rper, der im Boot verstaut war, lagen, knieten, krochen.
+Sie schrie auf und wollte unter den Netzen durch, aber die
+Schwimmer blieben in ihren Haarflechten h&auml;ngen und die
+Senker schlugen wie eine Geisel.</p>
+
+<p>&#8211; Was haben wir denn da in den Flundernetzen gefangen?
+schrie Rundqvist, der sah, da&szlig; das Garn lebendig wurde.
+Nein, ich glaube, das ist Tante!</p>
+
+<p>&#8211; Ist&#8217;s aus mit ihm? schrie Frau Flod so laut sie konnte.
+Ist&#8217;s aus mit ihm?</p>
+
+<p>&#8211; Aus wie mit einem toten Hund!</p>
+
+<p>Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungsbr&uuml;cke.
+Da lag Gustav mit blo&szlig;em Kopfe im Boot auf dem Bauch,
+aber er bewegte sich, und unter ihm war ein gro&szlig;er haariger
+K&ouml;rper zu sehen.</p>
+
+<p>Bist du&#8217;s, Mama? gr&uuml;&szlig;te Gustav, ohne sich umzudrehen.
+Sieh, was wir gefangen haben!</p>
+
+<p>Die Alte machte gro&szlig;e Augen, als sie einen fetten Seehund
+erblickte, dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gab&#8217;s
+allerdings nicht alle Tage; das Fleisch konnte man essen, wie
+es jetzt war; der Tran reichte zu manchem Paar Stiefel; das
+Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert. Aber n&ouml;tiger war
+doch der Winterstr&ouml;mling, und sie sah nicht eine Flosse im
+Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, verga&szlig; sowohl den
+<!-- Page 104 --><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>
+wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten Seehund und
+brach in Vorw&uuml;rfe aus:</p>
+
+<p>&#8211; Und der Str&ouml;mling?</p>
+
+<p>&#8211; Dem war nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber
+den kann man ja schlie&szlig;lich kaufen, w&auml;hrend man Seehunde
+nicht alle Tage kriegt.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, so sprichst du immer, Gustav! Aber es ist wirklich
+eine Schande, drei Tage auszubleiben und nicht einen einzigen
+Fisch heimzubringen. Was sollen wir denn diesen Winter
+essen?</p>
+
+<p>Sie fand aber keine Zustimmung; vom Str&ouml;mling hatte
+man genug bekommen, und Fleisch war Fleisch; au&szlig;erdem
+hatten die J&auml;ger durch ihre Erz&auml;hlung des merkw&uuml;rdigen
+Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich
+ein St&uuml;ck vom Aas abhieb, h&auml;tten wir jetzt nicht den Ackerbau,
+so kriegten wir nichts zu essen!</p>
+
+<p>An diesem Tage fischte man nicht mehr; der gro&szlig;e Waschkessel
+wurde aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen; in
+der K&uuml;che wurde gebraten und geschmort; dazwischen trank
+man Kaffeehalbe. Auf der s&uuml;dlichen Wand der Scheune wurde
+das Fell wie ein Siegeszeichen ausgespannt; Leichenreden
+wurden dabei gehalten, und alle kommenden und gehenden
+Kleingl&auml;ubigen mu&szlig;ten ihre Finger in die Schu&szlig;l&ouml;cher stecken
+und anh&ouml;ren: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund
+auf den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten
+Augenblick, als der Schu&szlig; losgehen sollte, zu Norman sagte;
+wie sich der sterbende Seehund im letzten Augenblick benahm,
+als ihm das &raquo;Leben wie ein Faden abgeschnitten wurde&laquo;.</p>
+
+<p>Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete
+heimlich sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte
+<!-- Page 105 --><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">105</a></span>
+er sich mit Norman und Lotte ins Boot, um nach der Stadt
+zu fahren.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Als Frau Flod an die Landungsbr&uuml;cke hinunter kam, um
+die aus der Stadt Heimkehrenden zu empfangen, war Carlsson
+so freundlich und bescheiden, da&szlig; die Alte sofort merkte,
+es war etwas dazwischen gekommen.</p>
+
+<p>Nach dem Abendbrot lie&szlig; sie ihn in die Stube eintreten,
+damit er das Geld aufz&auml;hle. Er mu&szlig;te sich setzen und berichten.
+Aber das ging tr&auml;ge; der Knecht schien keine Lust zu
+haben, etwas mitzuteilen; doch die Alte lie&szlig; nicht locker, bis
+er mit einem Reisebericht herausr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, Carlsson, melkte sie, Ihr seid doch auch bei Professors
+gewesen, nicht wahr?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, nat&uuml;rlich war ich dort, antwortete Carlsson, der
+augenscheinlich von der Erinnerung unangenehm ber&uuml;hrt
+wurde.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, wie geht&#8217;s ihnen denn?</p>
+
+<p>&#8211; Sie lassen alle auf dem Hof gr&uuml;&szlig;en; sie waren so
+freundlich, mich zum Fr&uuml;hst&uuml;ck einzuladen. Es war sehr fein
+in der Wohnung, und wir haben auch etwas Gutes gekriegt.</p>
+
+<p>&#8211; Was habt Ihr denn Gutes gekriegt?</p>
+
+<p>&#8211; Oh, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen
+und dazu Porter getrunken.</p>
+
+<p>&#8211; Da habt Ihr wohl auch die M&auml;dchen gesehen, Carlsson?</p>
+
+<p>&#8211; Ja gewi&szlig;, antwortete Carlsson freim&uuml;tig.</p>
+
+<p>&#8211; Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr?</p>
+
+<p>Das waren sie nun allerdings nicht; das w&uuml;rde aber die
+Alte zu sehr gefreut haben; darum antwortete Carlsson nicht
+darauf.</p>
+
+<p><!-- Page 106 --><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span>
+&#8211; Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon
+gewesen, um uns die Musik anzuh&ouml;ren; da habe ich sie
+mit Sherry und belegten Br&ouml;tchen traktiert. Es war, wie
+gesagt, sehr nett.</p>
+
+<p>In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen;
+die Sache war n&auml;mlich ganz anders verlaufen.</p>
+
+<p>Carlsson war in der K&uuml;che von Lina empfangen worden,
+denn Ida war ausgegangen; an der Ecke des K&uuml;chentisches
+hatte er dann eine halbe Flasche Bier getrunken. Dabei war
+die Frau des Professors in die K&uuml;che gekommen und hatte zu
+Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da abends Besuch
+komme; dann war sie wieder gegangen.</p>
+
+<p>Als Carlsson mit Lina wieder allein war, wurde die etwas
+verlegen; schlie&szlig;lich kriegte Carlsson aus ihr heraus, da&szlig;
+Ida seinen Brief empfangen und ihn eines Abends, als ihr
+Br&auml;utigam dagewesen, laut vorgelesen habe; das war in der
+Kammer geschehen, wo der Br&auml;utigam Porter trank und
+Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb tot gelacht.
+Zwei Male habe der Br&auml;utigam den Brief gelesen,
+laut wie ein Pastor. Am meisten hatten sie sich &uuml;ber den
+&raquo;alten Carlsson&laquo; und seine &raquo;letzten Stunden&laquo; am&uuml;siert. Als
+sie an die Stelle von &raquo;Versuchungen und Irrwegen&laquo; kamen,
+hatte der Br&auml;utigam &#8211; er war Bierfahrer &#8211; vorgeschlagen,
+nach Berns Salon in die Versuchung zu gehen. Und sie waren
+dorthin gegangen und wurden von dem Br&auml;utigam mit
+Sherry und belegten Br&ouml;tchen traktiert.</p>
+
+<p>Ob nun Linas Erz&auml;hlung Carlssons Sinn erregt und sein
+Ged&auml;chtnis ersch&uuml;ttert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die
+Kleider des Bierfahrers gew&uuml;nscht, da&szlig; er sich in dessen angenehme
+Lage als Wirt versetzt, sich mit dem Hummer essenden
+Gast verwechselt, den Porter des Br&auml;utigams getrunken
+und Linas Champignons gegessen hatte &#8211; genug, er stellte
+<!-- Page 107 --><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span>
+die Sache der Alten so dar, da&szlig; er die Wirkung erzielte, die
+er beabsichtigte; und das war die Hauptsache.</p>
+
+<p>Nachdem er so weit gekommen war, f&uuml;hlte er sich ruhig
+genug, um zum Angriff &uuml;berzugehen. Die Burschen waren
+auf See, Rundqvist hatte sich niedergelegt, und die M&auml;dchen
+waren f&uuml;r diesen Tag fertig geworden.</p>
+
+<p>&#8211; Was ist das f&uuml;r ein Geschw&auml;tz, das hier im Kirchspiel
+uml&auml;uft; das ich &uuml;berall h&ouml;ren mu&szlig;? begann er.</p>
+
+<p>&#8211; Was schwatzt man jetzt wieder? fragte Frau Flod.</p>
+
+<p>&#8211; Ach, es ist das alte Geschw&auml;tz: wir d&auml;chten daran, uns
+zu heiraten.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, das ist nichts Neues; das haben wir so oft geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&#8211; Aber es ist doch ganz unglaublich, da&szlig; die Leute behaupten,
+was nicht wahr ist! Das ist mir ganz unbegreiflich, sagte
+der listige Carlsson.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, was solltet Ihr, der junge, flinke Kerl, auch mit
+einem alten Weibe, wie ich bin, anfangen?</p>
+
+<p>&#8211; Oh, was das Alter betrifft, damit hat&#8217;s keine Gefahr.
+Darf ich f&uuml;r mein Teil sprechen: sollte ich einmal daran
+<em class="gesperrt">denken</em>, mich zu verheiraten, so w&auml;re es nicht mit einer
+Dirne, die nichts kann und nichts wei&szlig;; denn seht Ihr, Tante,
+die Lust ist eine Sache und sich verheiraten eine andere! Denn
+die Lust, die weltliche Lust vergeht wie ein Rauch, und die
+Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der Zigarren
+spendiert. Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich
+verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer
+gewesen, und wer etwas anderes sagt, der l&uuml;gt.</p>
+
+<p>Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung.</p>
+
+<p>&#8211; Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und Euch?
+untersuchte sie.</p>
+
+<p>&#8211; Ida, ja, die ist ja an und f&uuml;r sich ganz gut; ich brauchte
+nur den Finger nach ihr auszustrecken, dann h&auml;tte ich sie!
+<!-- Page 108 --><span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">108</a></span>
+Aber, Tante, sie hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist weltlich
+und eitel, und ich glaube, sie wandelt sogar auf unrechten
+Wegen. &Uuml;brigens mu&szlig; ich sagen, ich fange an alt zu werden
+und habe keine Lust zum Sch&auml;kern mehr. Ja, gerade heraus
+gesagt: <em class="gesperrt">sollte</em> ich ans Heiraten denken, so w&uuml;rde ich eine
+&auml;ltere, verst&auml;ndige Person nehmen, eine, welche die rechte
+Gesinnung hat. Ich wei&szlig; nicht recht, wie ich mich ausdr&uuml;cken
+soll, aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt
+ja die rechte Gesinnung; ja, die habt Ihr.</p>
+
+<p>Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons
+Winkelz&uuml;ge besser verstehen zu k&ouml;nnen, damit sie nicht die
+Gelegenheit vers&auml;ume, ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem
+Ja herausr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>&#8211; Aber sagt mal, Carlsson, begann sie ein neues Garnende,
+habt Ihr denn nicht an die Witwe von Owassa gedacht,
+die allein steht und nichts Besseres verlangt, als wieder zu
+heiraten?</p>
+
+<p>&#8211; Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die
+<em class="gesperrt">rechte Gesinnung</em>: wer mich haben will, der mu&szlig; die
+rechte Gesinnung haben! Geld und &auml;u&szlig;eres Getue und feine
+Kleider, das macht auf mich keinen Eindruck, denn so bin ich
+nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann nichts anderes
+sagen.</p>
+
+<p>Der Stoff schien nun von allen Seiten benagt zu sein; einer
+mu&szlig;te das letzte Wort sagen, solange es noch m&ouml;glich
+war.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, an wen habt Ihr denn gedacht, Carlsson? wagte
+sich die Frau einen k&uuml;hnen Schritt vor.</p>
+
+<p>&#8211; Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe
+&uuml;berhaupt noch nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche;
+ich schweige! Man soll nachher nicht sagen k&ouml;nnen, ich habe
+jemanden verlockt: von der Gesinnung bin ich nicht.
+</p>
+
+<p><!-- Page 109 --><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span>
+Die Alte wu&szlig;te jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war; und
+sie mu&szlig;te sich noch ein Mal vortasten.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, aber, lieber Carlsson, wenn Ihr Ida in Gedanken
+habt, dann k&ouml;nnt Ihr doch nicht in vollem Ernst an eine andere
+denken.</p>
+
+<p>&#8211; Ida, nein, die F&uuml;chsin will ich nicht geschenkt haben!
+Nein, etwas Besseres mu&szlig; es sein; Kleider am K&ouml;rper mu&szlig;
+sie wenigstens besitzen; und hat sie noch etwas mehr, so schadet
+es auch nichts; doch sehe ich nicht darauf, denn so bin ich,
+das ist meine Gesinnung.</p>
+
+<p>Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, da&szlig;
+man in die Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich
+nicht noch einen Ruck gab.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, Carlsson, was w&uuml;rdet Ihr sagen, wenn wir
+beide uns zusammen t&auml;ten?</p>
+
+<p>Carlsson wehrte mit beiden H&auml;nden ab, als wolle er sofort
+vom ersten Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit
+verjagen.</p>
+
+<p>&#8211; Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen! beteuerte
+er. Daran wollen wir nicht einmal denken, geschweige
+denn davon sprechen. Was w&uuml;rden die Leute schwatzen: ich
+h&auml;tte Euch f&uuml;rs Geld genommen. Aber so bin ich nicht,
+und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, &uuml;ber die Sache
+wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das,
+Tante, und gebt mir die Hand darauf (er streckte seine Hand
+aus), da&szlig; wir nie wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand
+darauf!</p>
+
+<p>Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben,
+sondern sie wollte gerade die Sache gr&uuml;ndlich besprechen.</p>
+
+<p>&#8211; Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch
+zutragen k&ouml;nnte? Ich bin alt, das wi&szlig;t Ihr, Carlsson, und
+<!-- Page 110 --><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">110</a></span>
+Gustav ist nicht der Mann dazu, den Hof zu &uuml;bernehmen. Ich
+brauche jemanden, der mir zur Seite steht und hilft; aber
+ich verstehe wohl, da&szlig; Ihr Euch nicht f&uuml;r andere verbrauchen
+und Euch nicht f&uuml;r nichts abrackern wollt: darum wei&szlig; ich
+mir keinen andern Rat, als da&szlig; wir uns verheiraten. Die
+Leute la&szlig;t nur schwatzen; sie klatschen doch so wie so! Habt
+Ihr nichts Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich
+nichts, was uns hindern sollte. Was habt Ihr gegen mich?</p>
+
+<p>&#8211; Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts;
+aber dieses dumme Geschw&auml;tz; und &uuml;brigens Gustav wird
+uns das nie vergessen.</p>
+
+<p>&#8211; Ach was, seid Ihr nicht Manns genug, den Jungen
+im Zaun zu halten, so werde ich&#8217;s schon besorgen. In die
+Jahre bin ich ja gekommen, aber so alt bin ich denn doch noch
+nicht, und ich mu&szlig; ihm unter vier Augen sagen, Carlsson ...
+wenn es darauf ankommt, bin ich noch ebenso gut wie ein
+M&auml;dchen. Ja, das ist keine Prahlerei, aber ich glaube, der
+Flod hat sich nicht zu beklagen gehabt; und wenn einer Anregung
+gebraucht hat, ich war es nicht.</p>
+
+<p>Das war eine dunkle Rede, aber genug f&uuml;r den, der sie
+verstand.</p>
+
+<p>&#8211; Oh, dar&uuml;ber habe ich mich nicht abf&auml;llig ge&auml;u&szlig;ert,
+antwortete Carlsson, und ich bin auch noch nicht so uralt,
+aber keiner von uns ist so erpicht aufs Tanzen, da&szlig; <em class="gesperrt">das</em> eine
+Gefahr sein sollte. Tanzen ist eine Sache, und Gesinnung eine
+andere, und wer die <em class="gesperrt">rechte</em> Gesinnung hat, mit der kann
+man ins Brautbett gehen, ohne die Decke zu hoch heben zu
+m&uuml;ssen. &Uuml;brigens mu&szlig; ich Euch sagen, Tante, ich bin nicht
+sehr fleischlich, und Ihr habt wohl auch genug gehabt, nach
+dem was ich &uuml;ber Flod geh&ouml;rt habe.</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch hatte einen solchen Reiz erhalten, da&szlig; man
+nicht aufh&ouml;ren konnte, zumal die Erinnerung an entschwundene
+<!-- Page 111 --><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span>
+Freuden der Einen neue Hoffnungen einfl&ouml;&szlig;te, w&auml;hrend
+der Andere neugierig wurde auf das, was ihn erwartete.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, den Flod wollen wir nun ruhen lassen, da er tot
+ist; aber seid Ihr bange, Carlsson, so k&ouml;nnt Ihr ja die Probe
+machen, ehe Ihr Euch entscheidet.</p>
+
+<p>&#8211; Oh, das ist durchaus nicht n&ouml;tig, widersprach Carlsson.
+Aber ist das hier am Orte Sitte mit den M&auml;dchen, Herr
+Gott, so will ich alten Brauch nicht brechen; man mu&szlig; die
+Sitte nehmen, wie man sie findet&nbsp;...</p>
+
+<p>Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Pl&auml;nen
+und Beratungen, wie man sich Gustav gegen&uuml;ber verhalten
+und wie man es mit der Hochzeit machen solle.</p>
+
+<p>Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, da&szlig; die Alte
+den Kaffeekessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen
+mu&szlig;te. Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen,
+bis Carlsson in die rechte Gesinnung kam, um
+zu zeigen, da&szlig; er alten Brauch nicht brechen wolle. Damit
+war der Bund besiegelt, wenn auch noch nicht geweiht.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 113 --><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span></p>
+<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>F&uuml;nftes Kapitel</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><em class="gesperrt">Man schl&auml;gt sich beim dritten Aufgebot, geht zum<br/>
+Abendmahl und h&auml;lt Hochzeit, kommt aber doch nicht<br/>
+ins Brautbett</em></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p>Da&szlig; niemand besser ist, als wenn er stirbt, und keiner
+schlechter, als wenn er heiratet, mu&szlig;te Carlsson bald erfahren.
+Gustav hatte gebr&uuml;llt wie ein hungriger Seehund,
+hatte drei Tage lang getobt, w&auml;hrend Carlsson eine kleine
+Reise unter irgend einem Vorwande unternahm.</p>
+
+<p>Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach
+allen Seiten gewendet, um f&uuml;r den besten Menschen erkl&auml;rt
+zu werden, der bisher geschaffen worden. Dagegen kehrte man
+Carlsson um wie alte Kleider, um ihn auf der innern Seite
+voller Flecken zu finden. Man entdeckte, da&szlig; er Bahnarbeiter
+und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fortgejagt worden,
+ein Mal ganz sicher gefl&uuml;chtet, ein Mal, nach nicht verb&uuml;rgter
+Angabe, wegen Schl&auml;gerei bestraft worden sei.</p>
+
+<p>Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die
+Flamme brannte nun einmal, und mit der Aussicht, da&szlig; der
+Witwenstand zu Ende sei, schien die Alte wieder aufzuleben
+und sich ein dickes Fell anzulegen, mit dem sie alles vertragen
+konnte.</p>
+
+<p>Die Feindseligkeit gegen Carlsson hatte ihre Wurzel
+darin, da&szlig; er, der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz
+dieses St&uuml;ck Landes kommen sollte, das die Eingeborenen gewisserma&szlig;en
+als ihr Eigentum betrachtet hatten.
+</p>
+
+<p><!-- Page 114 --><span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span>
+Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben
+w&uuml;rde, verringerten sich des Sohnes Aussichten, einst sein eigener
+Herr zu werden; und seine Stellung auf dem Hofe
+w&uuml;rde k&uuml;nftighin wohl die eines Knechtes sein, und zwar
+unter der Vormundschaft und dem guten Willen des fr&uuml;hern
+Knechtes. Es war also ganz nat&uuml;rlich, da&szlig; der Abgesetzte
+raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte zur Polizei
+zu gehen, Anzeige zu machen und den k&uuml;nftigen Stiefvater
+fortjagen zu lassen.</p>
+
+<p>Noch b&ouml;ser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise
+im schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsm&uuml;tze des seligen
+Flod zur&uuml;ckkam, die er bei der ersten z&auml;rtlichen Gelegenheit
+als Morgengabe erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach
+aber Rundqvist, Carlsson einen Schabernack zu spielen.</p>
+
+<p>Eines Morgens, als man sich an den Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch setzte,
+lag auf Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge unsichtbarer
+Dinge verbarg. Carlsson, der nichts B&ouml;ses ahnte,
+hob das Handtuch auf und sah sein Tischende mit all dem
+Plunder gedeckt, den er in seinen Sack gesammelt und unter
+dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da standen
+leere Hummerb&uuml;chsen, Sardinendosen, Champignonkr&uuml;ge, eine
+Porterflasche, unendlich viel K&ouml;rke, ein gesprungener Blumentopf
+und anderes mehr.</p>
+
+<p>Ihm wurde gr&uuml;n vor den Augen; er wu&szlig;te aber nicht, gegen
+wen er losbrechen sollte.</p>
+
+<p>Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er erkl&auml;rte,
+das sei ein &uuml;blicher &raquo;Spa&szlig;&laquo; in der Gegend, wenn sich jemand
+verheirate.</p>
+
+<p>Ungl&uuml;cklicher Weise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen
+auszusprechen, da&szlig; der Lumpensammler so fr&uuml;h im
+Herbst gekommen, w&auml;hrend er sonst sich nicht vor Neujahr zu
+zeigen pflege. Gleichzeitig griff Norman ein, um zu erkl&auml;ren,
+<!-- Page 115 --><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span>
+es sei kein Lumpensammler da gewesen, das seien Carlssons
+Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist dem Carlsson
+einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den beiden
+aus sei.</p>
+
+<p>Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, da&szlig; Gustav zur
+Pfarre segelte. Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf
+sechs Monate zu verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung
+waren.</p>
+
+<p>Das war f&uuml;r Carlsson ein Strich durch die Rechnung.
+Doch er suchte den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, indem
+er sich Ersatz verschaffte.</p>
+
+<p>Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich aufgefa&szlig;t;
+als das aber &uuml;bel ablief, beschlo&szlig; er, sie wenigstens
+den Leuten auf dem Hof gegen&uuml;ber scherzhaft zu nehmen.
+Das gelang ihm auch, nur mit Gustav nicht; der unterhielt
+best&auml;ndig einen unterseeischen Kampf, ohne irgend ein Zeichen
+zur Vers&ouml;hnung blicken zu lassen.</p>
+
+<p>So verging der Winter, langsam und still. Man haute
+Holz, flickte Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte
+man Karten und trank Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten
+durch einen Schmaus. Lag der Eisvogeljagd ob.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Es wurde wieder Fr&uuml;hling. Der Eiderstrich lockte aufs
+Meer hinaus; aber Carlsson setzte alle Kr&auml;fte an die Bestellung,
+um auf eine gute Ernte rechnen zu k&ouml;nnen. Die war
+n&ouml;tig, um den Ausfall zu ersetzen, den die Hochzeit bringen
+w&uuml;rde; besonders da man die Absicht hatte, eine gro&szlig;e Hochzeit
+zu halten, an die man noch Jahre lang denken sollte.</p>
+
+<p>Mit den Zugv&ouml;geln kamen auch die Sommerg&auml;ste. Der
+Professor nickte freundlich wie im vorigen Jahre und fand,
+es sei alles &raquo;sch&ouml;n&laquo; wie fr&uuml;her, besonders da&szlig; man Hochzeit
+<!-- Page 116 --><span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span>
+halte. Gl&uuml;cklicher Weise war Ida nicht dabei. Sie hatte im
+April den Dienst verlassen und sollte sich bald verheiraten.
+Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend; auch hatte
+Carlsson zu viel Eisen im Feuer, um sich mit ihr einzulassen;
+zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt war,
+es zu verlieren.</p>
+
+<p>Am Mittsommertag wurden die Verlobten aufgeboten, und
+die Hochzeit sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden;
+dann war immer eine kleine Ruhepause in der Arbeit,
+sowohl zu Lande wie zu Wasser.</p>
+
+<p>Nach dem Aufgebot machte sich eine &Auml;nderung in Carlssons
+Wesen bemerkbar, die nicht gerade angenehm war;
+Frau Flod war die erste, die sie zu empfinden hatte. Nach der
+Sitte des Landes hatten sie seit der Verlobung wie verheiratete
+Leute gelebt; und der Br&auml;utigam, den der Aufschub bedrohte,
+wu&szlig;te sein Benehmen immer nach den zwingenden Umst&auml;nden
+einzurichten. Als die Gefahr aber vor&uuml;ber war, trug er den
+Kopf hoch und zeigte die Klauen.</p>
+
+<p>Das machte jedoch auf Frau Flod, die sich ebenfalls sicher
+f&uuml;hlte, keinen andern Eindruck, als da&szlig; sie die Z&auml;hne zeigte,
+so viel sie noch hatte. So gerieten sie am Tage des dritten
+Aufgebots an einander.</p>
+
+<p>Die ganze Bev&ouml;lkerung der Insel au&szlig;er Lotte war nach der
+Kirche gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gew&ouml;hnlich
+hatte man das kleinste Boot genommen, um, falls
+man rudern mu&szlig;te, so wenig M&uuml;he wie m&ouml;glich damit zu
+haben. Es war also eng im Boot, zumal man Proviant, Fische
+f&uuml;r den Pastor und Lichter f&uuml;r den K&uuml;ster mitf&uuml;hrte; au&szlig;erdem
+hatte man alle m&ouml;glichen Kleidungsst&uuml;cke zum Wechseln
+mitgenommen; ganz abgesehen von Segel und Rudern,
+Sch&ouml;pfgef&auml;&szlig;en und Eimern, Schemeln und Tritten.</p>
+
+<p>Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Fr&uuml;hst&uuml;ck gegessen;
+<!-- Page 117 --><span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span>
+hatte einander aus Kr&uuml;gen und Flaschen zugetrunken.
+Hei&szlig; war es auch auf See, und niemand wollte rudern; ein
+kleiner Streit brach unter den M&auml;nnern aus, von denen keiner
+Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu kommen. Die
+Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht
+kam und die Glocken h&ouml;rte, die man seit Jahr und Tag nicht
+vernommen, wurde der Zwist beigelegt.</p>
+
+<p>Es l&auml;utete erst zum ersten Male; man hatte also noch viel
+Zeit. Frau Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre
+hinauf.</p>
+
+<p>Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune.</p>
+
+<p>&#8211; Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hems&ouml;er
+kommen, gr&uuml;&szlig;te er und pr&uuml;fte das Messer am Zeigefinger.
+Kommen die Leute mit Fischen, als h&auml;tte man die See nicht
+vor der T&uuml;r, schnauzte er.</p>
+
+<p>Carlsson, der die Fische trug, konnte in die K&uuml;che gehen,
+um sich einen Schnaps geben zu lassen.</p>
+
+<p>Dann ging man mit den Lichtern zum K&uuml;ster; und dort gab
+es auch einen Schnaps.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich trafen sich alle vor der Kirche, sahen sich die
+Pferde der Gro&szlig;bauern an, lasen die Grabsteine und begr&uuml;&szlig;ten
+Bekannte. Frau Flod machte dem Grabe Flods einen
+kurzen Besuch, w&auml;hrend Carlsson bei Seite ging.</p>
+
+<p>Als es zum letzten Male gel&auml;utet hatte, trat die Gemeinde
+in die Kirche ein.</p>
+
+<p>Da die Hems&ouml;er, nachdem die alte Kirche verbrannt war,
+keinen eigenen Kirchenstuhl hatten, mu&szlig;ten sie auf dem Gange
+stehen. Hei&szlig; war es, und fremd f&uuml;hlten sie sich in dem gro&szlig;en
+Raume; aus reiner Verlegenheit schwitzten sie; sie sahen aus
+wie eine Bande aus der Besserungsanstalt, die am Pranger
+stand.</p>
+
+<p>Die Uhr wurde elf, ehe man zum Kanzellied kam; die
+<!-- Page 118 --><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span>
+Hems&ouml;er hatten einige zwanzig Male die Beine umgestellt
+und die F&uuml;&szlig;e gewechselt. Die Sonne schien so hei&szlig; in die
+Kirche, da&szlig; der Schwei&szlig; ihnen von den Stirnen perlte; aber
+sie standen wie in einer Zange und konnten sich nicht nach einem
+schattigen Fleck retten.</p>
+
+<p>Da kommt der Kirchendiener und setzt Nummer 158 des
+Gesangbuches an. Die Orgel spielt ein Vorspiel und der
+K&uuml;ster beginnt mit der ersten Strophe. Die wird mit Lust
+und Liebe gesungen, da man unmittelbar nach ihr die Predigt
+erwartete. Aber siehe, es kommt Strophe zwei und drei.</p>
+
+<p>&#8211; Es kann doch nicht sein Ernst sein, alle achtzehn durchzunehmen?
+fl&uuml;sterte Rundqvist Norman zu.</p>
+
+<p>Aber es war Ernst! In der T&uuml;r zur Sakristei war Pastor
+Nordstr&ouml;ms zorniges Gesicht zu sehen, das die Gemeinde trotzig
+und herausfordernd anblickte; er hatte beschlossen, ihr eine
+geh&ouml;rige Lehre zu geben, da er sie ein Mal unter den H&auml;nden
+hatte.</p>
+
+<p>Und alle achtzehn Strophen wurden gesungen; die Uhr
+war halb zw&ouml;lf, als der Pastor endlich auf die Kanzel kam.
+Da aber waren sie weich, so weich, da&szlig; sie auf ihr Angesicht
+niederfielen und einschliefen.</p>
+
+<p>Lange dauerte jedoch der Schlaf nicht, denn eins, zwei,
+drei schrie der Pastor sie an, da&szlig; die Schlummernden auffuhren,
+die K&ouml;pfe in die H&ouml;he warfen und den Nachbar
+dumm anstarrten, als fragten sie, ob Feuer ausgebrochen sei.</p>
+
+<p>Carlsson und die Alte hatten sich so weit vorgedr&auml;ngt, da&szlig;
+ein R&uuml;ckzug nach der T&uuml;r unm&ouml;glich war, ohne Aufsehen zu
+erregen. Die Alte weinte aus M&uuml;digkeit und infolge ihrer
+engen Stiefel, die um so &auml;rger dr&uuml;ckten, je h&ouml;her die W&auml;rme
+stieg. Zuweilen warf sie ihrem Br&auml;utigam einen bittenden
+Blick zu, als flehe sie ihn an, sie an die See hinunter zu tragen;
+der aber war so in den Gottesdienst vertieft, wie er da
+<!-- Page 119 --><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span>
+in Flods weiten ro&szlig;ledernen Stiefeln stand, da&szlig; er die Ungeduldige
+nur mit b&ouml;sen Blicken strafte.</p>
+
+<p>Die andern dagegen waren achteraus gesackt und unter
+die Orgelempore gekommen; dort war es k&uuml;hl und man hatte
+etwas Schatten. Dort entdeckte Gustav auch die Feuerspritze,
+lie&szlig; sich darauf nieder und nahm Clara auf den Scho&szlig;.</p>
+
+<p>Rundqvist lehnte sich an einen Pfeiler und Norman stand
+neben ihm, als die Predigt begann.</p>
+
+<p>Es waren &raquo;Worte und keine Lieder&laquo;, scharfe Worte, und
+sie dauerten sechs Viertelstunden. Der Text handelte von den
+klugen und t&ouml;richten Jungfrauen; da keiner von den Mannsleuten
+den auf sich bezog, schlief die ganze Gesellschaft; schlief
+sitzend, h&auml;ngend, stehend.</p>
+
+<p>Als eine halbe Stunde vergangen war, stie&szlig; Norman
+Rundqvist, der sich die Stirn mit der Hand hielt, als sei ihm
+nicht wohl, in die Rippen und zeigte mit dem Daumen nach
+Clara und Gustav auf der Feuerspritze. Rundqvist drehte sich
+behutsam zur Seite, sperrte die Augen auf, als sehe er den
+B&ouml;sen selber; sch&uuml;ttelte den Kopf und l&auml;chelte, als habe er
+verstanden. Clara hatte n&auml;mlich die Augen geschlossen und
+lie&szlig; die Zunge h&auml;ngen, als schliefe sie in schmerzlichen Tr&auml;umen;
+Gustav aber starrte unverwandt Pastor Nordstr&ouml;m an,
+als wolle er jedes Wort aufessen und strenge sich an, das
+Stundenglas rinnen zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&#8211; Aber die sind ja toll, fl&uuml;sterte Rundqvist, ging langsam
+und vorsichtig r&uuml;ckw&auml;rts, behutsam mit den Fersen tappend,
+um nicht heftig gegen die Ziegelsteine zu sto&szlig;en.</p>
+
+<p>Norman aber hatte Rundqvists Gedanken schon gelesen:
+schnell wie ein Aal war er zum Kirchhof hinaus geschl&uuml;pft.
+Dorthin folgte Rundqvist ihm bald. Beide eilten dann zusammen
+nach dem Boot hinunter.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en wehte ein k&uuml;hler Seewind, und die hastig eingenommenen
+<!-- Page 120 --><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span>
+Erfrischungen setzten ihre Kr&auml;fte bald wieder
+in Stand. Leise, wie sie gekommen, kehrten sie wieder in die
+Kirche zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Dort war Clara in des schlafenden Gustavs Armen entschlummert;
+die umfa&szlig;ten sie aber so hoch oben, da&szlig; Rundqvist
+sie etwas hinunterschieben zu m&uuml;ssen glaubte. Dabei erwachte
+Gustav jedoch und umfa&szlig;te seinen Raub von neuem,
+als habe jemand ihm das M&auml;dchen nehmen wollen.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde dauerte noch die Predigt; und dann
+ging noch eine halbe darauf mit dem Kirchenliede, ehe das
+Abendmahl begann.</p>
+
+<p>Unter starker Erregung wurden die Gnadenmittel genommen.
+Rundqvist weinte.</p>
+
+<p>Als die feierliche Handlung zu Ende war, wollte sich Frau
+Flod in einen Kirchenstuhl dr&auml;ngen. Dabei w&auml;re es beinahe
+zu einem Streit gekommen, und sie wurde aus dem Stuhl
+wieder hinausgewiesen. So brachte sie die letzte halbe Stunde
+hinter dem Stuhl des Kirchenvorstehers zu, auf den Hacken
+stehend, als verbrennten die Ziegelsteine ihr die Sohlen. Wie
+der Pastor das Aufgebot vorlas, wurde sie ganz wild, weil
+die Leute sie ansahen.</p>
+
+<p>Endlich war alles aus, und man st&uuml;rzte nach dem Boot
+hinunter. Frau Flod konnte nicht mehr warten, sondern zog,
+sobald sie die Gl&uuml;ckw&uuml;nsche vor der Kirche empfangen, ihre
+Schuhe aus und trug sie hinunter zum Boot. Dort steckte sie
+die F&uuml;&szlig;e ins Wasser und schalt Carlsson aus.</p>
+
+<p>Dann machte man sich &uuml;ber den Mundvorrat her. Als man
+entdeckte, da&szlig; die Pfannkuchen fehlten, wurde L&auml;rm geschlagen.
+Rundqvist hielt es f&uuml;r wahrscheinlich, da&szlig; sie vergessen
+waren; Norman meinte, jemand habe sie auf dem Hinweg
+aufgezehrt; dabei warf er einen argw&ouml;hnischen Blick auf
+Carlsson.
+</p>
+
+<p><!-- Page 121 --><span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span>
+Schlie&szlig;lich stieg man ins Boot. Da aber erinnerte sich
+Carlsson, da&szlig; er ein Fa&szlig; Teer aus dem Kirchenschuppen abzuholen
+habe. Das gab einen Sturm. Die Frauen schrien,
+sie wollten keinen Teer im Boot haben; um keinen Preis, da
+sie neue Kleider anh&auml;tten. Doch Carlsson holte die Teertonne
+und verstaute sie.</p>
+
+<p>Da entstand wieder ein Leben &uuml;ber die Frage, wer neben
+dem gef&auml;hrlichen Gef&auml;&szlig; sitzen sollte.</p>
+
+<p>&#8211; Worauf soll man denn sitzen? jammerte Frau Flod.</p>
+
+<p>&#8211; Nimm die R&ouml;cke hoch und setz dich auf den Hintern,
+antwortete Carlsson, der sich jetzt, nachdem er aufgeboten
+war, sehr viel mehr zu Hause f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>&#8211; Was sagst du? zischte die Alte.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, das sage ich: setz dich ins Boot, damit wir fortkommen!</p>
+
+<p>&#8211; Wer hat den Befehl auf See, m&ouml;chte ich wissen? fiel
+Gustav ein, der fand, da&szlig; man seiner Ehre zu nahe trat.</p>
+
+<p>Und Gustav setzte sich ans Steuer, lie&szlig; aufhissen und nahm
+die Schot in die Hand.</p>
+
+<p>Das Boot war tief beladen, der Wind war &auml;u&szlig;erst schwach,
+die Sonne brannte hei&szlig; und die K&ouml;pfe befanden sich in
+G&auml;rung. Das Boot kroch dahin &raquo;wie eine Laus auf geteerter
+Birkenrinde&laquo;, und es half nicht, da&szlig; die Mannsleute einen
+Segelschnaps nahmen.</p>
+
+<p>Die Geduld verging ihnen bald und das Schweigen, das
+eine Weile geherrscht hatte, wurde von Carlsson unterbrochen,
+der die Segel reffen und rudern wollte. Das wollte
+Gustav aber nicht:</p>
+
+<p>&#8211; Wartet nur! Sobald man aus den Kobben heraus ist,
+kann man schon segeln, meinte er.</p>
+
+<p>Und man wartete. Schon war drau&szlig;en im Gatt zwischen
+den Inseln ein dunkelblauer Streifen zu sehen, und man
+<!-- Page 122 --><span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span>
+h&ouml;rte die See gegen die &auml;u&szlig;eren Sch&auml;ren branden. Ein starker
+&ouml;stlicher Wind war im Anzuge, und Leben kam in die Segel.
+Gerade als man um eine Landzunge bog, kam solcher
+Wind, da&szlig; sich das Boot legte, wieder hoch hob und dahin
+scho&szlig;, da&szlig; es hinter ihm gurgelte.</p>
+
+<p>Jetzt mu&szlig;te die ganze Gesellschaft einen Schnaps nehmen.
+Alle lebten auf, als das Boot guten Gang machte.</p>
+
+<p>Dann aber frischte der Wind auf; das Boot lag leew&auml;rts
+unter Wasser, wurde aber vom Wind durchgedr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>Carlsson ward bange, hielt sich an den Tauen fest und bat,
+man solle reffen und zu den Riemen greifen.</p>
+
+<p>Gustav antwortete nicht, sondern holte die Schot an, da&szlig;
+Wasser ins Boot kam.</p>
+
+<p>Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder
+auslegen. Aber die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn
+nieder.</p>
+
+<p>&#8211; Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie.</p>
+
+<p>Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war wei&szlig;.
+Aber er sa&szlig; nicht lange, als er auffuhr und, ganz au&szlig;er sich,
+den Rockscho&szlig; aufhob.</p>
+
+<p>&#8211; Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit
+dem Rockscho&szlig;.</p>
+
+<p>&#8211; Was leckt? fragten alle auf einmal.</p>
+
+<p>&#8211; Das Teerfa&szlig;!</p>
+
+<p>&#8211; Herr Jesus! riefen alle und r&uuml;ckten von dem Teerflu&szlig;
+fort, der allen Bewegungen des Bootes folgte.</p>
+
+<p>&#8211; Sitzt still im Boot, br&uuml;llte Gustav; sonst segle ich euch
+um!</p>
+
+<p>Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise
+kam. Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz
+und gab ihm eine Maulschelle, da&szlig; er niederst&uuml;rzte.</p>
+
+<p>Eine Schl&auml;gerei stand bevor. Frau Flod geriet au&szlig;er sich
+<!-- Page 123 --><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span>
+und schritt ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und
+sch&uuml;ttelte ihn.</p>
+
+<p>&#8211; Was ist das f&uuml;r ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat?
+Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; man im Boot still sitzen mu&szlig;?</p>
+
+<p>Carlsson wurde b&ouml;se, ri&szlig; sich los, verlor aber ein St&uuml;ck
+vom Rockkragen.</p>
+
+<p>&#8211; Rei&szlig;t du meine Kleider <ins class="correction"
+title="Originaltext: kaput">kaputt</ins>,
+Weibst&uuml;ck! schrie er und
+setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu
+sch&uuml;tzen.</p>
+
+<p>&#8211; Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider?
+Von wem hast du denn den Rock? Weibst&uuml;ck f&uuml;r solch einen
+Laichhering, der nichts hat&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Schweig, br&uuml;llte Carlsson, in seinem empfindlichsten
+Punkt getroffen; sonst antworte ich!</p>
+
+<p>&#8211; Antworte nur; ich werde schon zur&uuml;ckgeben, meinte Frau
+Flod.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, ich k&ouml;nnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem
+Brett, der gut ist auf frischem.</p>
+
+<p>Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen
+Schottischen an; in den fielen Norman und Rundqvist ein.
+Das giftige Gespr&auml;ch flaute ab, um auf den gemeinsamen
+Feind &uuml;berzugehen, den Pastor Nordstr&ouml;m, der sie f&uuml;nf Stunden
+hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen lassen.</p>
+
+<p>Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichm&auml;&szlig;iger,
+die Gem&uuml;ter beruhigten sich. Die beste Stimmung
+herrschte, als das Boot in die Bucht einfuhr und an der
+Br&uuml;cke anlegte.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Die Vorbereitungen f&uuml;r die Hochzeit, die drei Tage dauern
+sollte, nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und
+eine Kuh; kaufte hundert Kannen Branntwein; legte den
+<!-- Page 124 --><span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span>
+Str&ouml;mling in Salz und Lorbeerbl&auml;tter; scheuerte, backte,
+braute, kochte, briet, mahlte Kaffee.</p>
+
+<p>Gustav ging w&auml;hrend all dieser Zur&uuml;stungen mit einem
+geheimnisvollen Gesicht umher; lie&szlig; die Andern gew&auml;hren
+und &auml;u&szlig;erte keinerlei Ansicht.</p>
+
+<p>Carlsson dagegen sa&szlig; meist vor der Klappe des Sekret&auml;rs
+und rechnete; fuhr nach dem Badeorte Dalar&ouml;; ordnete
+alles, wie er es haben wollte.</p>
+
+<p>Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen
+packte Gustav seine Tasche, nahm die Flinte und ging. Die
+Mutter erwachte und fragte, wohin er wolle. Gustav antwortete,
+er wolle hinausfahren, um nachzusehen, ob der Badefisch
+schon gekommen. Damit dr&uuml;ckte er sich.</p>
+
+<p>Sein Boot hatte er mit Mundvorrat f&uuml;r mehrere Tage versehen;
+auch nahm er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und
+andere Sachen mit, die f&uuml;r einen Aufenthalt auf den Sch&auml;ren
+n&ouml;tig waren.</p>
+
+<p>Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die
+Buchten einzubiegen, um nachzusehen, ob der K&uuml;hlung auf
+die warmen sandigen seichten Ufer zum &raquo;baden&laquo; hinauf gezogen
+sei, hielt er geradewegs zwischen die Kobben hindurch.</p>
+
+<p>Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel
+blauwei&szlig; wie abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Sch&auml;ren,
+Kobben, Riffe lagen so weich und schmelzend im Wasser,
+da&szlig; man nicht sagen konnte, ob sie der Erde oder dem Himmel
+angeh&ouml;rten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen,
+und auf den Landzungen lagen S&auml;gerg&auml;nse, Trauerenten,
+Taucher, M&ouml;wen. Nach dem offenen Meer zu waren nur
+Meerkiefern zu sehen, und Teiste, Alke, schwarze, papagei&auml;hnliche,
+schw&auml;rmten frech um das Boot, um den J&auml;ger von
+den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich wurden die Sch&auml;ren niedriger, nackter; und
+<!-- Page 125 --><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span>
+hier drau&szlig;en war nur eine vereinzelte Kiefer &uuml;brig gelassen,
+um den Nistkasten zu tragen, in dem man Eider und S&auml;gerg&auml;nse
+ihre Eier legen lie&szlig;; oder eine Eberesche, &uuml;ber deren
+Krone eine Wolke von M&uuml;cken sich im Winde schaukelte. Dahinter
+lag das offene Meer. Dort hielt die Raubm&ouml;we ihre
+Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, M&ouml;wen und Blaum&auml;nteln.
+Dorthin lenkte der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht
+eine liegende Eiderente zu packen.</p>
+
+<p>Dorthin, nach der letzten Sch&auml;re, steuerte jetzt Gustav, an
+der Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer
+lauen s&uuml;dlichen Brise lie&szlig; er sich schleppen; gegen neun ging
+er auf der Sch&auml;re Norsten an Land.</p>
+
+<p>Es war eine felsige Insel, einige Morgen gro&szlig;, mit einer
+Talmulde in der Mitte. Einige kahlk&ouml;pfige Ebereschen standen
+zwischen den Steinen; auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum
+mit seinen feuerroten Beeren in den Kl&uuml;ften; und
+die Talmulde war mit einer dichten Matte aus Heidekraut,
+Kr&auml;henbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten angefangen,
+gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderb&uuml;sche lagen wie
+platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den N&auml;geln
+festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden.</p>
+
+<p>Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wu&szlig;te,
+welchen Wachholderbusch er heben mu&szlig;te, um die br&uuml;tende
+Eider zu finden, die sich den R&uuml;cken streicheln lie&szlig; und ihn
+ins Hosenbein bi&szlig;. Er steckte seine Gabelstange in einen Bergspalt
+und zog die Alke heraus, um ihnen den Hals umzudrehen,
+da er sie zum Fr&uuml;hst&uuml;ck haben wollte.</p>
+
+<p>Hier drau&szlig;en fischten die Hems&ouml;er ihre Str&ouml;mlinge. Hier
+hatten sie zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen
+Schuppen gebaut, in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten.
+Dorthin lenkte auch Gustav seine Schritte, nahm den
+Schl&uuml;ssel von seinem gew&ouml;hnlichen Ort unterm Dachbart und
+<!-- Page 126 --><span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span>
+trug seine Ger&auml;tschaften hinein. Der Schuppen bestand nur
+aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die
+fachf&ouml;rmig &uuml;bereinander aufgeschlagen waren; einen Herd,
+einen Tisch, einen Dreifu&szlig; zum Sitzen.</p>
+
+<p>Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach
+dem Dach hinauf, um die Schornsteinluke zu &ouml;ffnen. Als er
+wieder herunter kam, holte er die Streichh&ouml;lzchen von ihrem
+Platze unter einem Balken und machte Feuer im Herd; dort
+hatte der letzte Besucher, nach altem Brauch, einen Arm voll
+Brennholz f&uuml;r seinen Nachfolger zurecht gelegt. Dann setzte
+er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene Fische
+&uuml;ber die Kartoffeln. W&auml;hrend er wartete, rauchte er eine
+Pfeife.</p>
+
+<p>Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte
+und ging zum Boot hinunter, wo er die Lockv&ouml;gel hatte. Ruderte
+die hinaus und verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch
+dann in die Schie&szlig;koje, die aus Steinen und Reisig gebaut
+war.</p>
+
+<p>Die Lockv&ouml;gel schaukelten auf den langen Wellen, die
+hereinbrachen, aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde
+ihm lang, und er erm&uuml;dete. Trieb sich auf den Sandsteinen
+umher, um eine Otter aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze
+Nattern und Wespennester zwischen gl&auml;nzendem Weiderich
+und vertrocknetem Sandhafer.</p>
+
+<p>Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu
+bekommen; er trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben;
+um nicht daheim sein zu m&uuml;ssen; es machte ihm Vergn&uuml;gen,
+sich hier drau&szlig;en herumzutreiben, wo niemand ihn sah, niemand
+ihn h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder
+und schlief.</p>
+
+<p>Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um
+<!-- Page 127 --><span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">127</a></span>
+sein Gl&uuml;ck auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill,
+und er sah, wie sich das Land gleich d&uuml;nnem Rauch in
+der goldenen Stra&szlig;e der sinkenden Sonne streckte. Es war
+still um ihn wie in einer windstillen Nacht, und er h&ouml;rte das
+Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die Seehunde badeten
+in geh&ouml;riger Entfernung, steckten ihre Schwachk&ouml;pfe aus dem
+Wasser, bl&ouml;kten, pusteten und tauchten wieder unter.</p>
+
+<p>Der Dorsch bi&szlig; wirklich; es gelang Gustav einige Wei&szlig;b&auml;uche
+heraufzuholen, die mit ihrem gro&szlig;en aber ungef&auml;hrlichen
+Schlund nach Wasser schnappten und mit ihren Augen
+in die Sonne blinzelten, als sie aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt
+wurden und &uuml;ber die Reling ins Boot sprangen.</p>
+
+<p>Gustav hatte auf der n&ouml;rdlichen Seite der Sch&auml;re gehalten;
+als es aber schnell Abend wurde und er wendete, um zur&uuml;ckzufahren,
+merkte er erst, da&szlig; der Schornstein des Schuppens
+rauchte. Sich fragend, wer das sein k&ouml;nne, machte er, da&szlig; er
+so schnell wie m&ouml;glich hin kam.</p>
+
+<p>&#8211; Bist du&#8217;s? h&ouml;rte er von innen und erkannte die Stimme
+des Pastors.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, Sie sind&#8217;s, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt,
+als er den Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten
+sah. Sind Sie allein drau&szlig;en?</p>
+
+<p>&#8211; Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe
+auf der S&uuml;dseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen.
+Aber warum bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit
+r&uuml;sten?</p>
+
+<p>&#8211; Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav.</p>
+
+<p>&#8211; Ach Geschw&auml;tz, warum solltest du sie nicht mitmachen?</p>
+
+<p>Gustav erkl&auml;rte, so gut er konnte, seine Gr&uuml;nde; aus denen
+ging hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das
+ihn anwiderte; zweitens wollte er den brandmarken, der
+sein Gegner war.
+</p>
+
+<p><!-- Page 128 --><span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span>
+&#8211; Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht
+schade um sie, so blo&szlig;gestellt zu werden?</p>
+
+<p>&#8211; Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist
+eher schade um mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater
+und kann den Hof nicht erben, solange er darauf sitzt.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu &auml;ndern;
+vielleicht aber kann man sp&auml;ter ein Mal etwas dabei machen.
+Jetzt mu&szlig;t du morgen ganz fr&uuml;h dein Boot nehmen und
+heimsegeln. Die Hochzeit mu&szlig;t du jedenfalls mitmachen!</p>
+
+<p>&#8211; Daraus wird nichts, da ich&#8217;s mir einmal in den Kopf
+gesetzt habe, versicherte Gustav.</p>
+
+<p>Der Pastor lie&szlig; den Stoff fallen und fing an, auf dem
+Herdstein seinen Hering zu essen.</p>
+
+<p>&#8211; Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von
+neuem. Siehst du, meine Alte schlie&szlig;t alles Starke ein, und
+ich kriege so fr&uuml;h nichts.</p>
+
+<p>Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen geh&ouml;rigen
+Schluck. Darauf wurde er gespr&auml;chig und schwatzte
+alles m&ouml;gliche &uuml;ber die Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl
+die &auml;u&szlig;eren wie die innern.</p>
+
+<p>Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die
+Sonne untergehen und die D&auml;mmerung sich wie ein melonenfarbiger
+Nebel &uuml;ber Kobben und Wasser legen. Die M&ouml;wen
+gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die Kr&auml;hen zogen
+nach den innern Sch&auml;ren, um in den W&auml;ldern Nachtquartier
+zu suchen.</p>
+
+<p>Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mu&szlig;ten die
+M&uuml;cken aus dem Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck
+wurde die T&uuml;r geschlossen und der Raum mit &raquo;Schwarzem
+Anker&laquo; vollgeraucht; darauf wurde die T&uuml;r wieder ge&ouml;ffnet
+und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 129 --><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span>
+Die beiden Fischer warfen die R&ouml;cke ab und kletterten in
+ihre Kojen.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt mu&szlig;t du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte
+der Pastor, der schon sein geh&ouml;riges Teil erhalten hatte.</p>
+
+<p>Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte &Ouml;lung.
+Dann wollte man schlafen.</p>
+
+<p>Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere
+Streifen Tageslicht brach durch die undichten W&auml;nde. Doch
+in der schlechten Beleuchtung fanden einzelne M&uuml;cken ihren
+Weg zu den Schl&auml;frigen, die sich in ihren Kojen wanden und
+warfen, um den Qu&auml;lgeistern zu entgehen.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, das ist doch toll! st&ouml;hnte schlie&szlig;lich der Pastor.
+Schl&auml;fst du, Gustav?</p>
+
+<p>&#8211; Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem
+Schlafen werden. Aber womit soll man sich die Zeit vertreiben?</p>
+
+<p>&#8211; Wir m&uuml;ssen wohl aufstehen und wieder Feuer anz&uuml;nden;
+einen andern Rat wei&szlig; ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel
+Karten h&auml;tten, k&ouml;nnten wir eine Mariage machen. Du hast
+wohl keins?</p>
+
+<p>&#8211; Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die
+Qvarn&ouml;er ihres haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem
+Bett, kroch unter die letzte Koje und kam wieder heraus mit
+einem Spiel Karten, das etwas abgegriffen war.</p>
+
+<p>Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig
+auf den Herd und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte
+den Kaffeekessel auf und zog eine Str&ouml;mlingstrommel herbei;
+die wurde zwischen die Knie gestellt und diente als Spieltisch.
+Man steckte die Stummelpfeifen an. Bald tanzten die Karten.</p>
+
+<p>Die Stunden vergingen.</p>
+
+<p>&#8211; Drei frische, passe, Trumpf, war zu h&ouml;ren; dazwischen
+<!-- Page 130 --><span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">130</a></span>
+ein Fluch, wenn eine M&uuml;cke unversehens ihren Schr&ouml;pfkopf
+auf Nacken und Kn&ouml;chel der Spieler ansetzte.</p>
+
+<p>&#8211; H&ouml;r mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken
+anderswo als bei Karten und M&uuml;cken gehabt zu haben
+schien, schlie&szlig;lich das Spiel, k&ouml;nntest du ihm nicht einen
+Streich spielen, ohne gerade der Hochzeit fern zu bleiben?
+Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten aus dem Weg
+gehst! Willst du ihn &auml;rgern, so wei&szlig; ich bessern Rat.</p>
+
+<p>&#8211; Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es
+allerdings leid tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch
+dazu von seinem v&auml;terlichen Erbe genommen wurde.</p>
+
+<p>&#8211; Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung,
+heim; sag, du seist auf der See aufgehalten worden. Das ist
+genug Schikane. Dann nehmen wir beide zusammen uns den
+Carlsson vor und machen ihn betrunken, damit er nicht ins
+Brautbett kommt; auch sorgen wir daf&uuml;r, da&szlig; die Burschen
+ihren Spa&szlig; mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht genug?</p>
+
+<p>Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei
+Tage allein auf der Sch&auml;re zu hausen, um nachts von den
+M&uuml;cken aufgefressen zu werden, machte ihn weich; zumal er
+sich wirklich danach sehnte, all die Herrlichkeiten, die er hatte
+zubereiten sehen, auch sich schmecken zu lassen.</p>
+
+<p>Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer
+auszuf&uuml;hren sei, und Gustav erkl&auml;rte sich bereit, bei der Ausf&uuml;hrung
+mitzuwirken.</p>
+
+<p>Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schlie&szlig;lich
+in ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die T&uuml;rspalten
+drang und die M&uuml;cken ihres n&auml;chtlichen Tanzes
+m&uuml;de geworden waren.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Str&ouml;mlingsfischern
+<!-- Page 131 --><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span>
+geh&ouml;rt, da&szlig; man sowohl Gustav wie den Pastor
+nach der Sch&auml;re Norsten habe steuern sehen. Er zog daraus
+den richtigen Schlu&szlig;, es sei eine Teufelei im Werke. Gegen
+den Pastor hegte er einen heftigen Groll, erstens, weil der die
+Hochzeit sechs Monate verschoben hatte; zweitens, weil der
+Pastor ihm eine nie erm&uuml;dende Geringsch&auml;tzung zeigte. Carlsson
+hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn geschmiert,
+aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer,
+drehte ihm der Pastor immer seinen breiten R&uuml;cken zu; h&ouml;rte
+nie auf das, was er sagte; erz&auml;hlte immer Geschichten, die
+sich sehr wohl auf den vorliegenden Fall anwenden lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren
+Anschlag gegen ihn ausf&uuml;hren w&uuml;rden, entwarf Carlsson einen
+Plan, wie er ihnen begegnen k&ouml;nne. Der Seesoldat der
+K&uuml;ste befand sich zuf&auml;llig auf Urlaub und war augenblicklich
+als Mundschenk und Handlanger auf Hems&ouml; angestellt; dort
+war seine Gewandtheit als Leiter bei T&auml;nzen und dergleichen
+wohl bekannt und gesch&auml;tzt. Carlsson hatte richtig gerechnet,
+wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem
+Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hie&szlig; der Bootsmann,
+war n&auml;mlich vom Pastor nicht konfirmiert worden,
+weil er M&auml;dchen nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres
+hatte ihm Schwierigkeiten bei der Marine gemacht.</p>
+
+<p>Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben
+ihren Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen
+wollten, lief auf nichts Geringeres hinaus, als ihn betrunken
+zu machen; was dann weiter zu tun war, w&uuml;rden die Umst&auml;nde
+schon ergeben.</p>
+
+<p>Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und
+der Zufall mu&szlig;te entscheiden, welche die wirksamere war.
+</p>
+
+<p><!-- Page 132 --><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span>
+Der Hochzeitstag brach an.</p>
+
+<p>Alle erwachten m&uuml;de und schlechter Laune, infolge der
+vielen Vorbereitungen.</p>
+
+<p>Als die ersten G&auml;ste zu fr&uuml;h anlangten, da die Wasserverbindungen
+niemals p&uuml;nktlich sein k&ouml;nnen, empfing sie niemand;
+verdutzt strichen die G&auml;ste um die H&auml;user, als seien
+sie zum Schmarotzen gekommen.</p>
+
+<p>Die Braut war noch nicht angezogen. Der Br&auml;utigam eilte
+in Hemds&auml;rmeln umher, um Gl&auml;ser abzutrocknen, Flaschen
+aufzuziehen, Lichter in die Leuchter zu stecken.</p>
+
+<p>Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle M&ouml;bel waren
+hinaus getragen und hinter einer Ecke aufgestellt worden,
+da&szlig; es aussah, als sei Auktion. Auf dem Hofe war eine
+Flaggenstange errichtet; auf der hatte man die Zollflagge
+gehi&szlig;t, die man f&uuml;r die Feier vom Zollaufseher geliehen.
+&Uuml;ber der Haust&uuml;r hingen Kranz und Krone aus Prei&szlig;elbeerreis
+und G&auml;nseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenb&uuml;sche.</p>
+
+<p>In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder
+in den st&auml;rksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen:
+Carlsson liebte starke Effekte. Der goldgelbe
+Punsch schien wie Sonnenstrahlen durch das seifengr&uuml;ne
+Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie Kohlenfeuer;
+die silber&auml;hnlichen Zinnkapseln, welche die Korke bedeckten,
+funkelten wie blanke Geldst&uuml;cke.</p>
+
+<p>Einige der K&uuml;hnsten unter den jungen Bauern traten
+n&auml;her und gafften, als st&auml;nden sie vor einem Ladenfenster;
+sie f&uuml;hlten den Vorgeschmack eines angenehmen Kratzens im
+Schlunde.</p>
+
+<p>Auf jeder Seite der T&uuml;r lag ein Fa&szlig; von sechzig Kannen;
+wie grobe M&ouml;rser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt
+<!-- Page 133 --><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span>
+Branntwein, das andere D&uuml;nnbier. Hinter ihnen lagen
+in Haufen, Kugelpyramiden gleich, zweihundert Bierflaschen.</p>
+
+<p>Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann
+Rapp ging umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher
+am Bauchriemen, das Kriegsger&auml;t ordnend, das unter seinem
+Befehl stand. Er hatte die F&auml;sser mit Fichtenreisern verziert,
+sie angestochen und mit Metallh&auml;hnen versehen; er schwang
+seinen Spundhammer wie einen Kanonenwischer und klopfte
+dann und wann an die Gef&auml;&szlig;e, um h&ouml;ren zu lassen, da&szlig; sich
+etwas in ihnen befand.</p>
+
+<p>In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem
+Kragen, wei&szlig;en Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit
+halber ohne Seitengewehr, fl&ouml;&szlig;te er den Bauernburschen
+gro&szlig;en Respekt ein. Au&szlig;er seiner Befassung als
+Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu halten, Unfug
+zu verh&uuml;ten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schl&auml;gereien
+einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten
+sie ihn; das war aber nur Neid; sie h&auml;tten so gern die Uniform
+angezogen und der Krone gedient, wenn sie nicht das
+Tauende und die launischen Kanoniere gef&uuml;rchtet h&auml;tten.</p>
+
+<p>In der K&uuml;che standen zwei Kocht&ouml;pfe f&uuml;r den Kaffee auf
+dem Herde, und zusammen geliehene M&uuml;hlen krachten und
+knirschten. Zuckerh&uuml;te wurden mit dem Beil zerschlagen und
+Kaffeekuchen war in den Fenstern aufgeschichtet. Die M&auml;gde
+liefen hin und her zwischen K&uuml;che und Vorratsschuppen, der
+mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit S&auml;cken
+voll frischgebackenem Brot beh&auml;ngt war.</p>
+
+<p>Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemds&auml;rmeln,
+den Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach
+Lotte, bald nach Clara.</p>
+
+<p>Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um
+den Br&uuml;ckenkopf und legte unter Flintensch&uuml;ssen an. Aber
+<!-- Page 134 --><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span>
+die Leute wagten sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern
+strichen in Scharen um den Hof.</p>
+
+<p>Ein gl&uuml;cklicher Zufall hatte es gef&uuml;gt, da&szlig; des Professors
+Frau und Kinder landeinw&auml;rts zu einem Geburtstage hatten
+reisen m&uuml;ssen, und nur der Professor zu Hause war. Der hatte
+daher freundlich die Einladung angenommen, gab auch seinen
+gro&szlig;en Saal f&uuml;r die feierliche Handlung her und seinen
+Rasen unter den Eichen f&uuml;r Kaffeetrinken und Abendschmaus.
+Da waren lange Bretter auf B&ouml;cke und F&auml;sser gelegt, um
+Tische und B&auml;nke zu bilden; die Tische waren bereits mit
+Decken versehen und mit Kaffeetassen gedeckt.</p>
+
+<p>Auf der H&ouml;he vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen.
+Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in
+schwarzer Jacke, hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die
+G&auml;ste durch sp&ouml;ttische Anmerkungen zu erheitern.</p>
+
+<p>Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp
+den Ehrengru&szlig; zu donnern, haupts&auml;chlich mit Dynamitpatronen;
+er hielt sich hinter der Hausecke und &uuml;bte sich in kleinerem
+Ma&szlig;stabe mit einem Terzerol. Daf&uuml;r hatte er aber
+seine Harmonika hergeben m&uuml;ssen; die war heute in Acht und
+Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend,
+den Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr
+war sehr empfindlich, wenn man in seine Kunst griff.</p>
+
+<p>Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune,
+bereit, mit dem Brautpaar zu spa&szlig;en, wie der Brauch
+es forderte. Er wurde von Carlsson auf der Schwelle empfangen
+und willkommen gehei&szlig;en.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, m&uuml;ssen wir auch gleich taufen? gr&uuml;&szlig;te Pastor
+Nordstr&ouml;m.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, potztausend, so eilig ist&#8217;s denn doch nicht! antwortete
+der Br&auml;utigam, ohne verlegen zu werden.</p>
+
+<p>&#8211; Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor,
+<!-- Page 135 --><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span>
+w&auml;hrend die Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf
+einer Hochzeit getraut und getauft, aber das waren auch
+flinke Leute, die sich es leisten konnten. Im Ernst, wie steht&#8217;s
+mit der Braut?</p>
+
+<p>&#8211; Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie
+wissen, wann es los geht, antwortete Carlsson, indem er
+dem Pastor seinen Platz anwies, zwischen der Mutter des
+Kirchenvorstehers und der Witwe von Owassa, die der Pastor
+mit Fischerei und Wetter unterhielt.</p>
+
+<p>Der Professor kam, in Frack und wei&szlig;er Binde, mit schwarzem
+hohen Hut. Der Pastor nahm ihn sofort als ebenb&uuml;rtige
+Standesperson in Anspruch und fing ein Gespr&auml;ch an, das
+die Frauen mit gespannten Augen und Ohren belauschten;
+sie waren n&auml;mlich davon &uuml;berzeugt, der Professor sei ein
+grundgelehrter Mann.</p>
+
+<p>Aber Carlsson kam und verk&uuml;ndete, alles sei bereit; man
+suche nur Gustav noch, um anfangen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&#8211; Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte
+es bis zur Scheune.</p>
+
+<p>Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen.</p>
+
+<p>&#8211; Oh, ich wei&szlig; es wohl, wo er ist, erkl&auml;rte Carlsson.</p>
+
+<p>&#8211; Wo kann er denn sein? h&ouml;hnte Pastor Nordstr&ouml;m so,
+da&szlig; Carlsson es merkte.</p>
+
+<p>&#8211; Man hat ihn drau&szlig;en auf Norsten gesehen, hat ein
+Vogel gezwitschert; und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum
+trinken verf&uuml;hrte!</p>
+
+<p>&#8211; Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es
+keinen Zweck, auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist
+jedenfalls unrecht von ihm, sich nicht zu Hause zu halten,
+wo er so gute Vorbilder und so treue Freunde hat. Aber was
+sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder sollen wir warten?
+</p>
+
+<p><!-- Page 136 --><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span>
+Die Braut ward geh&ouml;rt. Ob sie gleich recht traurig war,
+wollte sie doch, da&szlig; man anfange, weil sonst der Kaffee kalt
+werde.</p>
+
+<p>So begann man aufzubrechen, w&auml;hrend hinten auf den
+Bergfelsen der Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte
+und schraubte, der Pastor zog den Talar an, die Brautdiener
+gingen voran. Der Pastor f&uuml;hrte die Braut. Die war in
+schwarze Seide gekleidet, trug den wei&szlig;en Schleier mit dem
+Myrtenkranz und war sehr geschn&uuml;rt; was verborgen werden
+sollte, wurde um so sichtbarer.</p>
+
+<p>So zog man in den Saal des Professors hinauf, w&auml;hrend
+die Geige knirschte und die Sch&uuml;sse knallten.</p>
+
+<p>Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke
+um sich, um nach dem verlorenen Sohn zu sp&auml;hen; als sie
+zur T&uuml;r hinein sollte, mu&szlig;te der Pastor sie schleppen, w&auml;hrend
+sie die Augen hinten hatte.</p>
+
+<p>Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die G&auml;ste rings
+an den W&auml;nden auf, als bildeten sie die Wache f&uuml;r eine Hinrichtung.
+Das Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten St&uuml;hlen
+Platz, die mit einem br&uuml;sseler Teppich bedeckt waren.</p>
+
+<p>Der Pastor hatte das Buch genommen, bef&uuml;hlte seinen
+Kragen und wollte sich gerade r&auml;uspern, als die Braut ihre
+Hand auf seinen Arm legte.</p>
+
+<p>&#8211; Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl!</p>
+
+<p>Es wurde fast ganz still im Zimmer; man h&ouml;rte nur das
+Knarren von Stiefeln und das Knittern gest&auml;rkter Hemden;
+nach einigen Augenblicken h&ouml;rte das auf, man sah einander
+an, wurde verlegen, hustete; dann ward es wieder still.
+Schlie&szlig;lich sagte der Pastor, an dem aller Blicke hingen:</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt beginnen wir; l&auml;nger k&ouml;nnen wir nicht warten!
+Ist er noch nicht gekommen, so kommt er auch nicht.</p>
+
+<p>Dann begann er:
+<!-- Page 137 --><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span></p>
+
+<p>&#8211; Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet&nbsp;...</p>
+
+<p>Eine gute Weile war vergangen, die &auml;lteren Frauen rochen
+an ihrem Lavendel und weinten, als pl&ouml;tzlich ein Knall vom
+Hofe zu h&ouml;ren war und das Geklirr von Glasscherben. Man
+horchte einen Augenblick auf, lie&szlig; sich aber nicht weiter st&ouml;ren;
+nur Carlsson r&uuml;hrte sich etwas unruhig und schielte zum
+Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff! puff! puff!,
+als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an
+der T&uuml;r standen, fingen an zu kichern.</p>
+
+<p>Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den
+Br&auml;utigam:</p>
+
+<p>&#8211; Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser
+Gemeinde frage ich dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du
+diese Anna Eva Flod zur Ehefrau haben und sie in Lust und
+Leid lieben willst?</p>
+
+<p>An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenk&ouml;rke,
+Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz
+toll zu bellen.</p>
+
+<p>&#8211; Wer zieht denn da drau&szlig;en Flaschen auf und st&ouml;rt den
+heiligen Akt? br&uuml;llte Pastor Nordstr&ouml;m w&uuml;tend.</p>
+
+<p>&#8211; Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson
+heraus, der seine Neugier und Unruhe nicht l&auml;nger zur&uuml;ckhalten
+konnte. Macht Rapp diesen Spektakel?</p>
+
+<p>&#8211; Was soll ich machen, rief Rapp, der in der T&uuml;r stand
+und sich von der Zumutung verletzt f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Puff! puff! puff! knallte es unaufh&ouml;rlich.</p>
+
+<p>&#8211; Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach,
+was los ist, damit nicht noch ein Ungl&uuml;ck geschieht, schrie der
+Pastor; nachher fahren wir fort.</p>
+
+<p>Einige Hochzeitsg&auml;ste st&uuml;rzten hinaus, andere dr&auml;ngten sich
+an die Fenster.</p>
+
+<p>&#8211; Das ist das Bier! schrie jemand.
+<!-- Page 138 --><span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span></p>
+
+<p>&#8211; Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor.</p>
+
+<p>&#8211; Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen!</p>
+
+<p>Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen
+und knallten und brausten, da&szlig; der Schaum auf die Erde
+rann.</p>
+
+<p>Die Braut war &uuml;ber die unerwartete Unterbrechung der
+heiligen Handlung erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der
+Br&auml;utigam wurde gescholten, weil er seine Anordnung schlecht
+getroffen hatte; beinahe w&auml;re er in eine Schl&auml;gerei mit dem
+Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld schieben wollte.
+Der Pastor war zornig, da&szlig; die heilige Handlung von den
+Flaschen gest&ouml;rt worden. Drau&szlig;en aber standen die Jungen
+und tranken die Reste aus den Flaschenb&ouml;den; w&auml;hrend ihrer
+Rettungsarbeit bargen sie auch einige halbvolle Flaschen,
+aus denen nur die Korke heraus gesprungen waren.</p>
+
+<p>Als sich schlie&szlig;lich der Sturm gelegt hatte, versammelte
+man sich von neuem im Saal, allerdings nicht mehr so and&auml;chtig
+wie vorher. Nachdem der Pastor die Frage an den
+Br&auml;utigam wiederholt hatte, wurde die heilige Handlung
+zu Ende gef&uuml;hrt, ohne da&szlig; sie von etwas Anderm unterbrochen
+wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu
+unterdr&uuml;cken vermochten.</p>
+
+<p>Die Gl&uuml;ckw&uuml;nsche regneten auf die Neuverm&auml;hlten nieder;
+und so schnell man konnte, verlie&szlig; man den Saal, der
+nach Schwei&szlig;, Tr&auml;nen, feuchten Str&uuml;mpfen, Lavendel und
+welken Blumenstr&auml;u&szlig;en roch.</p>
+
+<p>Eilig ging&#8217;s an den Kaffeetisch.</p>
+
+<p>Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber
+die Braut hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mu&szlig;te
+hierhin und dorthin eilen, um nach den Zur&uuml;stungen zu sehen.</p>
+
+<p>Die Sonne schien gl&auml;nzend an diesem Juliabend, und unter
+den Eichen plauderte und lachte man. Der Branntwein
+<!-- Page 139 --><span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span>
+flo&szlig; in die Kaffeet&ouml;pfe, als die zweite Tasse kam, in die man
+nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch oben am Kopfende beim
+Br&auml;utigam wurde Punsch geboten; weder Bauern noch Burschen
+sahen scheel darauf. Es war ein Getr&auml;nk, das man sich
+nicht alle Tage leistete, und der Pastor lie&szlig; sich&#8217;s aus seinem
+Kaffeetopf wohl bekommen.</p>
+
+<p>Heute war er ungew&ouml;hnlich mild gegen Carlsson und
+trank ihm unaufh&ouml;rlich zu, r&uuml;hmte ihn und zeigte ihm die
+gr&ouml;&szlig;te Aufmerksamkeit. Doch verga&szlig; er den Professor nicht,
+dessen Bekanntschaft ihm mehr Vergn&uuml;gen machte, weil er
+so selten einen gebildeten Mann traf. Aber es war nicht
+leicht, ihn im Gespr&auml;ch zu finden, da Musik nicht die starke
+Seite des Pastors war und der Professor aus H&ouml;flichkeit das
+Gespr&auml;ch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem
+dieser gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer
+verstand, konnte der eine dem andern auch nicht n&auml;her kommen.
+&Uuml;berhaupt sprach der Professor, der gewohnt war,
+seinen Gef&uuml;hlen in Musik Luft zu machen, nicht viel.</p>
+
+<p>&#8211; Sind viel Leute in der Kirche? fragte er.</p>
+
+<p>&#8211; Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl
+ist. Werden wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor?
+fragte der Pastor.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht.</p>
+
+<p>&#8211; K&ouml;nnen nicht! Warum nicht?</p>
+
+<p>&#8211; Ich mu&szlig; den Abla&szlig; ausspeien! antwortete der Professor
+und machte ein saures Gesicht.</p>
+
+<p>Pastor Nordstr&ouml;m, der nicht verw&ouml;hnt war, fand, das war
+roh gesagt von einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm
+ab und fuhr fort, dem Br&auml;utigam zuzusetzen.</p>
+
+<p>&#8211; Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem
+hin. Was hast du denn gepredigt?</p>
+
+<p>&#8211; Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson.
+<!-- Page 140 --><span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span></p>
+
+<p>&#8211; Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr geh&ouml;rt,
+Burschen &#8211; damit wandte er sich an die M&auml;nner &#8211; habt
+ihr von jenem Reiseprediger sprechen h&ouml;ren, der jetzt umherl&auml;uft
+und den Bauern zeigen will, wie man Kinder macht!</p>
+
+<p>&#8211; Hahaha! lachten M&auml;nner und Burschen, w&auml;hrend die
+Frauen sich abwandten und grinsten.</p>
+
+<p>&#8211; Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen!</p>
+
+<p>&#8211; Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist
+mit einer schurkisch unschuldigen Miene. Als w&uuml;&szlig;te
+man nicht, wie man auf der Tenne drischt, w&auml;hrend man den
+Roggen drau&szlig;en l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt
+dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe
+in seinem Mut gest&auml;rkt, wollte er mit dem Professor &uuml;ber
+Musik sprechen.</p>
+
+<p>&#8211; Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, gr&uuml;&szlig;te
+er und knipste an seiner Geige; wir haben ja gewisserma&szlig;en
+etwas gemeinsam, denn ich spiele auch, wenn auch nur auf
+meine Art.</p>
+
+<p>&#8211; Geh zur H&ouml;lle, Schneider! Sei nicht unversch&auml;mt! wies
+ihn Carlsson ab.</p>
+
+<p>&#8211; Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht&#8217;s nichts an,
+Carlsson! Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus,
+und sagen Sie mir, ob die nicht gut ist; sie hat zehn
+Reichstaler gekostet.</p>
+
+<p>Der Professor knippste die Quinte, l&auml;chelt und sagte
+freundlich:</p>
+
+<p>&#8211; Recht gut!</p>
+
+<p>&#8211; Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man
+ein wahres Wort h&ouml;ren! Aber &uuml;ber Kunst sprechen mit diesen
+&#8211; er wollte fl&uuml;stern, aber die Stimmittel weigerten sich,
+zu nuancieren, und er schrie &#8211; Bauernl&uuml;mmeln&nbsp;...
+</p>
+
+<p><!-- Page 141 --><span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span>
+&#8211; Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie
+man im Chor.</p>
+
+<p>&#8211; H&ouml;r mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken:
+dann k&ouml;nnen wir nicht tanzen!</p>
+
+<p>&#8211; Rapp, du mu&szlig;t auf den Spielmann achten, da&szlig; er nicht
+mehr trinkt!</p>
+
+<p>&#8211; Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht
+geizig, du Preller?</p>
+
+<p>&#8211; Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor,
+sonst kriegst du Schl&auml;ge.</p>
+
+<p>Aber der Spielmann wollte unbedingt &uuml;ber seine Kunst
+schwatzen; um seine Behauptung, da&szlig; die Geige vortrefflich
+sei, zu bekr&auml;ftigen, fing er an zu quinkelieren.</p>
+
+<p>&#8211; H&ouml;ren Sie nur, Herr Kammermusikus, diese B&auml;sse;
+die klingen ganz wie eine kleine Orgel&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Der Schneider soll das Maul halten!&nbsp;...</p>
+
+<p>Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm
+zu.</p>
+
+<p>Da schrie jemand:</p>
+
+<p>&#8211; Gustav ist da!</p>
+
+<p>&#8211; Wo? Wo?</p>
+
+<p>Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen.</p>
+
+<p>&#8211; Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor;
+aber nicht fr&uuml;her, als bis er drinnen ist, h&ouml;rst du!</p>
+
+<p>Die Groggl&auml;ser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die
+Kognakflaschen auf.</p>
+
+<p>&#8211; Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend.</p>
+
+<p>Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll.</p>
+
+<p>Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzusto&szlig;en.
+Bald hatte der seinen ersten Grog geleert und mu&szlig;te
+den zweiten bereiten.</p>
+
+<p>Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er
+<!-- Page 142 --><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span>
+betrachtet so genau, wie er kann, Carlssons Z&uuml;ge und sucht
+zu ergr&uuml;nden, ob der seine volle Ladung erhalten. Das Sehen
+aber f&auml;llt ihm schwer, darum beschr&auml;nkt er sich darauf, mit
+ihm anzusto&szlig;en.</p>
+
+<p>Da kommt Clara und ruft:</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!</p>
+
+<p>&#8211; Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen!</p>
+
+<p>Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte.</p>
+
+<p>&#8211; Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor.</p>
+
+<p>&#8211; Gustav nat&uuml;rlich!</p>
+
+<p>Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und
+holte Gustav. Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor
+lie&szlig; ihn mit einer Tasse Punsch und Hurrahrufen begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Dann stie&szlig; Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes:</p>
+
+<p>&#8211; Gl&uuml;ck auf!</p>
+
+<p>Carlsson wurde gef&uuml;hlvoll und trank bis auf den Grund
+aus; erkl&auml;rte, es sei ihm ein gro&szlig;es Vergn&uuml;gen, ihn zu sehen,
+wenn er auch sp&auml;t komme; und er wisse von zweien, deren
+alten Herzen es wohl tue, ihn zu sehen, wenn er auch sp&auml;t
+komme.</p>
+
+<p>&#8211; Und glaube mir, schlo&szlig; er, wer den alten Carlsson richtig
+zu nehmen versteht, der wei&szlig; auch, wo er ihn hat.</p>
+
+<p>Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson
+auf, ein Glas mit ihm zu trinken.</p>
+
+<p>Die D&auml;mmerung kam, die M&uuml;cken tanzten, die Leute
+schwatzten, Gl&auml;ser klangen, Lachen schallten. Hier und dort
+in den B&uuml;schen waren bereits kleine Notschreie zu h&ouml;ren,
+unterbrochen von Kichern und Hurrahen, Hallohen und
+Sch&uuml;ssen, w&auml;hrend der Himmel des lauen Sommerabends
+erbla&szlig;te. Drau&szlig;en auf den Wiesen zirpte das Heimchen und
+snarpte die Wiesenknarre.</p>
+
+<p>Die Tische wurden abger&auml;umt; es sollte zum Abendbrot
+<!-- Page 143 --><span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span>
+gedeckt werden. Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor
+geliehen, in die &Auml;ste der Eiche. Norman trug Haufen
+von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien und zapfte D&uuml;nnbier
+und Branntwein. Die M&auml;dchen trugen Butter in Schobern
+herbei, Str&ouml;mlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln,
+Fleischkl&ouml;&szlig;e in Hocken.</p>
+
+<p>Als alles fertig war, klatschte der Br&auml;utigam in die H&auml;nde:</p>
+
+<p>&#8211; Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein.</p>
+
+<p>&#8211; Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen.</p>
+
+<p>Ohne den Pastor wollte niemand anfangen.</p>
+
+<p>&#8211; Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht
+wirklich nicht, da&szlig; man ohne sie anf&auml;ngt!</p>
+
+<p>Man rief und suchte, aber keine Antwort.</p>
+
+<p>In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde
+mit funkelnden Augen, bereit, sich auf das Essen zu st&uuml;rzen;
+aber keine Hand r&uuml;hrte sich und das Schweigen wurde bedr&uuml;ckend.</p>
+
+<p>&#8211; Vielleicht sitzt der Pastor im H&auml;uschen! ert&ouml;nte Rundqvists
+unschuldige Stimme.</p>
+
+<p>Ohne weiteren Aufschlu&szlig; abzuwarten, ging Carlsson hinunter,
+um den geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener
+T&uuml;r sa&szlig;en da Pastor und Professor, jeder seine Zeitung
+in der Hand, und waren in lebhaftem Meinungsaustausch
+begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden und warf ein
+Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson aus
+Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer nat&uuml;rlichen
+Aus&uuml;bung einer zwingenden Pflicht st&ouml;ren wollte.</p>
+
+<p>&#8211; Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst
+du, mein Bruder &#8211; er glaubte, sie h&auml;tten Br&uuml;derschaft getrunken
+&#8211; <em class="gesperrt">ein</em> Mal in der Woche, das ist mein Regime.
+Nicht mehr, und nicht weniger.</p>
+
+<p>&#8211; Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich&nbsp;...
+<!-- Page 144 --><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span></p>
+
+<p>&#8211; <em class="gesperrt">Ein Mal in der Woche</em>, sage ich, und nie mehr
+als einen Ritt! sagt Hufeland, und das ist mein Regime,
+siehst du, mein Bruder.</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch drohte langwierig zu werden, und Carlsson
+mu&szlig;te einschreiten.</p>
+
+<p>&#8211; Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbr&ouml;te
+werden kalt!</p>
+
+<p>&#8211; Bist du&#8217;s, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen
+sofort!</p>
+
+<p>&#8211; Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die
+Herren k&ouml;nnten sich wohl etwas beeilen!</p>
+
+<p>&#8211; Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur!</p>
+
+<p>Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt,
+da&szlig; der Pastor &raquo;ger&uuml;hrt&laquo; war; er entfernte sich und beeilte
+sich, die Gesellschaft mit der Erkl&auml;rung zu beruhigen, der
+Pastor mache sich bereit und werde gleich kommen.</p>
+
+<p>Einen Augenblick sp&auml;ter irrte eine Laterne &uuml;ber den Hof
+und n&auml;herte sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende
+Schatten folgten.</p>
+
+<p>Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen
+Ende des Tisches sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb
+auf ihn zu, um dem peinlichen Warten ein Ende zu machen.
+Carlsson aber hatte etwas anderes im Sinn; indem er mit
+einem Messer an die Sch&uuml;ssel mit den Fleischkl&ouml;&szlig;en klopfte,
+schrie er mit lauter Stimme:</p>
+
+<p>&#8211; Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte
+sagen!</p>
+
+<p>Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen,
+wo er zu Hause war; sah, da&szlig; er einen gl&auml;nzenden Gegenstand
+in der Hand hatte; erinnerte sich, da&szlig; er bei seiner letzten
+Weihnachtsrede eine silberne Kanne in der Hand gehabt;
+hob die Laterne wie einen Pokal in die H&ouml;he und sprach:
+</p>
+
+<p><!-- Page 145 --><span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">145</a></span>
+&#8211; Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu
+feiern.</p>
+
+<p>Er starrte Carlsson an, um etwas &uuml;ber Charakter und
+Zweck des Festes zu erfahren, denn er war bereits so vollst&auml;ndig
+abwesend, da&szlig; sich Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht
+verfl&uuml;chtigt hatten. Aber Carlssons grinsendes Gesicht l&ouml;ste
+ihm das R&auml;tsel nicht. Er starrte in die Luft, um irgend einen
+leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen Laternen in
+der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von einem
+riesengro&szlig;en Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden.</p>
+
+<p>&#8211; Dieses frohe Fest des Lichtes, stie&szlig; er hervor, wenn die
+Sonne der K&auml;lte weicht, und der Schnee &#8211; er sah das wei&szlig;e
+Tischtuch sich wie ein gro&szlig;es Schneefeld unendlich weit ausbreiten
+&#8211; meine Freunde, wenn der erste Schnee sich wie
+eine Decke &uuml;ber den Schmutz des Herbstes legt ... nein, ich
+glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir&nbsp;...</p>
+
+<p>Er wandte sich fort und machte einen krummen R&uuml;cken.</p>
+
+<p>&#8211; Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er
+will sich niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften!</p>
+
+<p>Man lie&szlig; sich das nicht zwei Male sagen, sondern st&uuml;rzte
+auf die Sch&uuml;sseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal
+&uuml;berlie&szlig;.</p>
+
+<p>Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum
+Nachtquartier angewiesen worden; um zu zeigen, da&szlig; er
+n&uuml;chtern war, lehnte er alle Angebote von Hilfe ab, indem
+er mit <ins class="correction" title="Originaltext: Schl&auml;ge">Schl&auml;gen</ins>
+ drohte. Die Laterne an den Knien, zusammengefallen,
+als suche er Nadeln in dem tauigen Grase, steuerte
+er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der Gartent&uuml;r
+strauchelte er und stie&szlig; so heftig gegen den T&uuml;rpfosten,
+da&szlig; die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schlo&szlig;
+sich die Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder;
+<!-- Page 146 --><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span>
+aber das Fenster mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer.
+Beim Weitergehen versp&uuml;rte er das unangenehme Gef&uuml;hl,
+da&szlig; die Knie seiner schwarzen Hosen bei jedem Schritt
+feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben schmerzten,
+als schl&uuml;gen sie gegen Steine.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich kriegt er etwas sehr Gro&szlig;es, Rundes und
+Feuchtes zu fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief
+Stecknadeln oder dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle
+oder &auml;hnliches; da h&ouml;rt er das Brausen von Wasser und
+f&uuml;hlt, da&szlig; er na&szlig; wird. Von der Furcht, in die See gegangen
+zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am Mast und findet in
+einem lichten Augenblick, da&szlig; er an einem T&uuml;rpfosten steht;
+kommt mit einer Kr&auml;ngung in einen Flur; f&uuml;hlt eine Treppenstufe
+an den Knien; h&ouml;rt eine Magd schreien: &raquo;Herr Jesus,
+das D&uuml;nnbier!&laquo;</p>
+
+<p>Von einem dunkeln b&ouml;sen Gewissen getrieben, kriecht er
+die Treppe hinauf, st&ouml;&szlig;t sich die Fingerkn&ouml;chel an einem
+Schl&uuml;ssel, kriegt eine T&uuml;r auf, die nach innen nachgibt; st&uuml;rzt
+in eine Kammer hinein und sieht ein gro&szlig;es gemachtes Bett
+f&uuml;r zwei; hat soviel Kraft, die Decke aufzuschlagen; kriecht
+mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu verstecken, da
+man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben oder
+zu erl&ouml;schen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen
+nach D&uuml;nnbier!</p>
+
+<p>Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angez&uuml;ndet,
+aus der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch;
+sa&szlig; Lende an Lende neben dem Professor und
+disputierte &uuml;ber Hufelands Kunst, hundert Jahre zu leben;
+und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein Licht, erlosch,
+starb, sank und wurde na&szlig;.
+</p>
+
+<p><!-- Page 147 --><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span>
+Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt
+und mit Bier und Branntwein so stark befeuchtet, da&szlig;
+keiner an den Pastor dachte.</p>
+
+<p>Als man das Essen soweit verschlungen hatte, da&szlig; der
+Boden in Tellern und Sch&uuml;sseln zu sehen war, ging man in
+die Stuga hinunter, um zu tanzen.</p>
+
+<p>Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer
+schicken; aber Carlsson &uuml;berzeugte sie davon, da&szlig; der
+Pastor am liebsten Ruhe haben wolle; es sei nicht richtig,
+ihn zu st&ouml;ren. Und dabei blieb es.</p>
+
+<p>Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt,
+als er merkte, da&szlig; der &uuml;berlistet war; er gab sich seinen Vergn&uuml;gungen
+hin und verga&szlig; allen Groll im Rausch.</p>
+
+<p>Der Tanz ging wie eine M&uuml;hle. Der Spielmann sa&szlig; auf
+dem Herd und fiedelte. In den offnen Fenstern k&uuml;hlten sich
+schwitzende R&uuml;cken an der Frische der Nacht. Drau&szlig;en auf
+der H&ouml;he sa&szlig;en die Alten, rauchten, tranken und scherzten
+im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der durch die
+Scheiben der K&uuml;che fiel, und bei den Lichtern in der Tanzstube.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en aber auf Wiesen und H&ouml;hen wanderte Paar um
+Paar in dem tauigen Grase unter dem schwachen Schimmer
+des Sternenhimmels, um bei Heuduft und Heimchengezirp
+das Feuer zu l&ouml;schen, das die W&auml;rme des Hauses, der starke
+Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in
+ihnen entz&uuml;ndet hatten.</p>
+
+<p>Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im
+Osten zu lichten; die Sterne zogen sich zur&uuml;ck, und der gro&szlig;e
+Wagen streckte die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten
+umgekippt. Die Enten schnatterten im Schilf. Die blanke
+Bucht spiegelte bereits die Zitronenfarben der Morgenr&ouml;te
+wieder, zwischen den Schatten der dunkeln Erlen, die im
+<!-- Page 148 --><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span>
+Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis auf den
+Seegrund reichten.</p>
+
+<p>Das w&auml;hrte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken
+von der K&uuml;ste auf und es wurde wieder Nacht.</p>
+
+<p>Da ert&ouml;nte ein Geschrei in der K&uuml;che.</p>
+
+<p>&#8211; Der Gl&uuml;hwein! Der Gl&uuml;hwein!</p>
+
+<p>In Zugordnung kamen die M&auml;nner mit einer Kasserolle,
+die von brennendem Branntwein flammte und einen blauen
+Schein um sich warf, w&auml;hrend der Spielmann einen Marsch
+spielte.</p>
+
+<p>&#8211; Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson,
+in der Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der
+Zug setzte sich nach der Stuga des Professors in Bewegung.
+Mit mehr oder weniger sichern Schritten enterte man die
+Treppe.</p>
+
+<p>Der Schl&uuml;ssel sa&szlig; in der Kammert&uuml;r und man stampfte
+hinein, nicht ohne eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben
+empfangen zu werden. Drinnen war es still, und bei
+dem blauen zitternden Scheine der Kasserolle sah man, da&szlig;
+das Bett unber&uuml;hrt und leer war.</p>
+
+<p>Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren R&uuml;ckschlag
+erfa&szlig;te Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und
+machte der Ungewi&szlig;heit und den Vermutungen mit der improvisierten
+Erkl&auml;rung ein Ende: er erinnere sich jetzt, da&szlig;
+der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den Heuboden legen,
+um den M&uuml;cken zu entgehen.</p>
+
+<p>Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu n&auml;hern durfte,
+gab man die Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung,
+um den R&uuml;ckweg anzutreten, hinunter nach dem Hof,
+wo das Trankopfer dargebracht wurde.
+</p>
+
+<p><!-- Page 149 --><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span>
+Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt.
+Dann nahm er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen
+Ahnungen mit.</p>
+
+<p>Ohne da&szlig; die Andern es merkten, schlichen die beiden
+Verschworenen die Treppe zur Brautkammer hinauf; einen
+Lichtstummel und Streichh&ouml;lzchen hatten sie mitgenommen.</p>
+
+<p>Als sie die T&uuml;r &ouml;ffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen,
+da&szlig; sie beinahe auf den R&uuml;cken gefallen w&auml;ren, wie sie
+sp&auml;ter erz&auml;hlten.</p>
+
+<p>Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine
+schlimmsten Erwartungen &uuml;bertroffen.</p>
+
+<p>Auf dem wei&szlig;en mit Hohlsaum gen&auml;hten Kopfkissen lag
+ein zottiger Kopf, &auml;hnlich dem eines nassen Hundes, dessen
+Mund weit offen stand.</p>
+
+<p>&#8211; Potztausend, knirschte Carlsson, das h&auml;tte ich doch nicht
+gedacht, da&szlig; der Halunke sich wie ein Schwein betragen
+w&uuml;rde. Gott erbarme sich!</p>
+
+<p>Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu!</p>
+
+<p>&#8211; Oh Jesus, nein! Pfui, pfui!</p>
+
+<p>Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im
+Zimmer!</p>
+
+<p>&#8211; So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und
+auch die Stiefel hat er an, der St&auml;nker!</p>
+
+<p>Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken
+fortschaffen, ohne da&szlig; die Leute etwas erfuhren, vor allem,
+ohne da&szlig; die Braut etwas merkte?</p>
+
+<p>&#8211; Wir m&uuml;ssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erkl&auml;rte
+Rapp.</p>
+
+<p>&#8211; Nicht einmal mit einer Zange m&ouml;chte ich ihn anfassen!
+versicherte Carlsson.</p>
+
+<p>&#8211; Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in
+<!-- Page 150 --><span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span>
+die See! L&ouml;sch nur das Licht, und dann nach der Scheune
+hinauf und die Ger&auml;te geholt!</p>
+
+<p>Die T&uuml;r wurde von drau&szlig;en verschlossen und der Schl&uuml;ssel
+herausgezogen. Dann schlichen die beiden R&auml;cher auf einem
+Umwege nach der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und
+schwor:</p>
+
+<p>&#8211; Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir
+ihn schon kriegen!</p>
+
+<p>Zuf&auml;llig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten
+her da. Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block
+und Seil gefunden hatten, schleppten sie die Ger&auml;te auf Umwegen
+hinter die Stuga, bis an den Giebel unter das Fenster
+des Pastors.</p>
+
+<p>Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie
+mit einer Latte am First fest. Darauf spli&szlig;te er einen Stropp,
+befestigte den Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch
+er in die Kammer, w&auml;hrend Carlsson unten mit einem Bootshaken
+stand, um abzusto&szlig;en.</p>
+
+<p>Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet
+hatte, pustend und schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf
+herausstecken und h&ouml;rte ihn leise den Befehl geben:</p>
+
+<p>&#8211; Holen!</p>
+
+<p>Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer K&ouml;rper
+drau&szlig;en auf dem Fensterbrett.</p>
+
+<p>&#8211; Hol steif! befahl Rapp.</p>
+
+<p>Carlsson holte an. Drau&szlig;en auf dem Hebezeug baumelte
+jetzt der schlaffe K&ouml;rper des Pastors, der sich unglaublich verl&auml;ngerte,
+wie der eines Geh&auml;ngten.</p>
+
+<p>&#8211; Fieren! befahl Rapp wieder.</p>
+
+<p>Aber im selben Augenblick war ein Laut zu h&ouml;ren wie aus
+einem angestochenen D&uuml;nnbieranker, und als es klack! sagte,
+str&ouml;mte es nieder &uuml;ber Carlssons Kopf und Schultern.
+</p>
+
+<p><!-- Page 151 --><span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span>
+&#8211; Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Br&auml;utigam, der
+f&uuml;hlte, wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas
+Klebriges sich in die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der
+kleinen Kneifzange gekr&auml;uselt hatte.</p>
+
+<p>&#8211; Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an!</p>
+
+<p>Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag
+der Pastor in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben.</p>
+
+<p>Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert,
+und eilte die Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun
+nach der Waschbr&uuml;cke.</p>
+
+<p>Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los:</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt sollst du baden, du Halunke!</p>
+
+<p>Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil
+man Jahre lang das Eingeweide der Fische dorthin geworfen
+hatte. Rapp packte den Stropp, den er um den Leib des
+Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See.</p>
+
+<p>Da erwachte der Pastor und stie&szlig; einen Schrei aus, wie
+ein Ferkel beim Schlachten.</p>
+
+<p>&#8211; Holen! befahl Rapp, der merkte, da&szlig; die Leute oben
+aufhorchten und schon herbeieilten.</p>
+
+<p>Carlsson aber legte sich auf die Knie und w&auml;lzte den Pastor
+im Schlamm; dann rieb er mit den H&auml;nden dessen
+schwarzen Anzug so ein, da&szlig; jede Spur von dem Ungl&uuml;ck,
+das im Brautbett geschehen, vertilgt war.</p>
+
+<p>&#8211; Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die
+herbeieilten.</p>
+
+<p>&#8211; Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp
+und holte den schreienden Geistlichen.</p>
+
+<p>Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte
+den edelm&uuml;tigen Retter und machte den mitleidigen Samariter,
+indem er fr&ouml;mmelte und wehklagte.</p>
+
+<p>&#8211; K&ouml;nnt ihr euch denken: ich komme ganz zuf&auml;llig hierher,
+<!-- Page 152 --><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span>
+da h&ouml;re ich etwas pl&auml;tschern und quellen, da&szlig; ich glaube,
+es sei ein Seehund. Als ich n&auml;her kam, sehe ich, es ist unser
+lieber Herr Pastor. Herr Jesus, sage ich zum Bootsmann,
+ich glaube, das ist Pastor Nordstr&ouml;m selbst, der dort liegt
+und mit den Fl&uuml;geln schl&auml;gt. Und dann sagte ich zu Rapp:
+Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer
+Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen,
+fing er an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden.
+Und wie er aussieht!</p>
+
+<p>Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die M&auml;nner
+betrachteten ihren Hirten mit Verdru&szlig;, aber auch mit unausrodbarer
+Ehrerbietung; sie wollten ihn so schnell wie m&ouml;glich
+fortschaffen.</p>
+
+<p>Aus zwei Paar Rudern wurde eine Bahre gemacht, auf
+die man den Pastor legte. Acht starke Schultern trugen ihn
+nach der Tenne hinauf, wo man ihn umkleiden wollte.</p>
+
+<p>Der Spielmann, der ganz betrunken war, glaubte, es
+handle sich um irgendeine Posse; er stie&szlig; zu ihnen und zog
+mit, w&auml;hrend er Bellmans Trinklied &raquo;Macht Platz da,
+macht Platz da der Bahr des alten <ins class="correction"
+title="Originaltext: Schmidt&laquo;!">Schmidt!&laquo;</ins>; fiedelte.</p>
+
+<p>Burschen kamen aus den B&uuml;schen hervor und gesellten sich
+dazu. Der Professor glaubte seine verlorene Jugend wiedergefunden
+zu haben, setzte sich an die Spitze und sang. Norman
+hatte seine Harmonika vorgeholt, da er seine musikalische
+Suada nicht unterdr&uuml;cken konnte.</p>
+
+<p>&#8211; Es stinkt arg! bemerkte der Professor, welcher der
+Dachtraufe von der Bahre zu nahe gekommen war, und die
+M&auml;nner hielten sich die Nase zu. Da r&uuml;hrte es sich oben, und
+&uuml;ber ihre K&ouml;pfe ergo&szlig; es sich von der H&ouml;he.</p>
+
+<p>&#8211; Er speit, er speit! schrie der Professor.</p>
+
+<p>&#8211; Nehmt euch in Acht, er kotzt, er kotzt, warnte Carlsson,
+aber zu sp&auml;t.
+</p>
+
+<p><!-- Page 153 --><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span>
+Als sie aber auf den Hof kamen, st&uuml;rzten die Frauen herbei;
+sobald die den Pastor in seiner traurigen Verfassung
+sahen, wurden sie von Mitleid ergriffen und erbarmten sich
+&uuml;ber den Bewu&szlig;tlosen. Frau Flod holte eine Bettdecke, die
+sie, trotz Carlssons Warnungen, &uuml;ber den Jammer warf.
+Dann setzte man warmes Wasser auf und borgte vom Professor
+W&auml;sche und Anzug.</p>
+
+<p>Als man zur Tenne hinauf kam, wurde der Kranke, wie
+man ihn nannte &#8211; niemand h&auml;tte zugegeben, da&szlig; der Pastor
+betrunken sei &#8211; auf trockenes Stroh gelegt.</p>
+
+<p>Rundqvist kam mit dem Schn&auml;pper, um den Pastor zur
+Ader zu lassen, wurde aber fortgejagt. Da bat er, den Kranken
+wenigstens besprechen zu d&uuml;rfen, denn er k&ouml;nne wassers&uuml;chtige
+Schafe besprechen. Er durfte sich aber durchaus nicht
+mit dem Geistlichen befassen, und auch kein anderer von den
+Mannsleuten.</p>
+
+<p>Carlsson aber schlich sich wieder in die Brautkammer hinauf,
+dieses Mal allein, um die Spuren seiner Dem&uuml;tigung
+zu verwischen. Als er die Verw&uuml;stung in dem beschmutzten
+Brautbett sah, &uuml;berfiel ihn einen Augenblick Schw&auml;che, erm&uuml;det,
+wie er von den Arbeiten der letzten Tage und den
+Anstrengungen dieser Nacht war. Er dachte daran, wie anders
+es mit Ida gewesen w&auml;re, wenn ihr Verh&auml;ltnis zu
+Stande gekommen. Er trat ans Fenster und blickte lange und
+schwerm&uuml;tig &uuml;ber die Bucht.</p>
+
+<p>Die Wolken hatten sich zerstreut und die Nebel sammelten
+sich in wei&szlig;em Flor &uuml;ber dem Wasser; die Sonne ging auf
+und strahlte in die Brautkammer hinein, beschien das bleiche
+Gesicht und die ausgew&auml;sserten Augen, die sich zusammen
+kniffen, als k&auml;mpften sie gegen hervorbrechende Tr&auml;nen. Das
+Haar lag in feuchten Zotten auf der Stirn, das wei&szlig;e Halstuch
+war befleckt, der Rock hing schlaff herunter und war bekotzt.
+<!-- Page 154 --><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span>
+Die Sonnenw&auml;rme lie&szlig; ihn erschauern; mit der Hand
+&uuml;ber die Stirn fahrend, wandte er sich ins Zimmer hinein,
+noch ein Mal das beschmutzte Bett betrachtend.</p>
+
+<p>&#8211; Aber das ist doch ganz furchtbar! sagte er zu sich selbst,
+ri&szlig; sich aus seiner Schlaffheit und fing an, die Bez&uuml;ge von
+den Betten zu ziehen.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 155 --><p><span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span></p>
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><em class="gesperrt">Ver&auml;nderte Verh&auml;ltnisse und ver&auml;nderte Ansichten;<br/>
+die Landwirtschaft geht zur&uuml;ck und der Grubenbau bl&uuml;ht</em></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p>Carlsson war nicht der Mann, unangenehme Empfindungen
+l&auml;nger, als er wollte, auf sich einwirken zu lassen; sein
+K&ouml;rper nahm die Schauer hin, sch&uuml;ttelte sich und lie&szlig; sie ablaufen.
+Seine Stellung als Hofbesitzer hatte er sich durch
+seine T&uuml;chtigkeit und sein Wissen errungen; und da&szlig; Frau
+Flod ihn zum Manne nahm, war ebenso viel Gewinn f&uuml;r sie
+als f&uuml;r ihn, meinte er.</p>
+
+<p>Als aber der Hochzeitsrausch verflogen war, begann Carlsson
+weniger eifrig zu werden; er war ja nun sicher, sowohl
+durch die Heirat wie durch den Erben; denn in wenigen Monaten
+war das Kind zu erwarten. Den Gedanken, sich zu einem
+Herrn zu machen, hatte er aufgegeben; statt dessen r&uuml;stete er
+sich, Gro&szlig;bauer zu werden. Zog ein pr&auml;chtiges wollenes
+Wams an, tat ein festes Schurzfell um, trug Wasserstiefel;
+brachte viel Zeit vor seinem Sekret&auml;r zu; das war sein Lieblingsplatz
+geworden. Las die Zeitung, schrieb und rechnete
+weniger als fr&uuml;her; &uuml;berwachte die Arbeit mit der Pfeife
+im Munde und zeigte weniger Interesse f&uuml;r die Landwirtschaft.</p>
+
+<p>&#8211; Die Landwirtschaft geht zur&uuml;ck, sagte er. Das habe ich
+in der Zeitung gelesen; es ist billiger, sein Korn zu kaufen!</p>
+
+<p>&#8211; Fr&uuml;her hat er anders gesprochen, meinte Gustav, der
+auf alles achtgab, was Carlsson sagte und tat, sich aber auf
+<!-- Page 156 --><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span>
+eine stumpfe Unterwerfung beschr&auml;nkte, ohne jedoch den neuen
+Herrn anzuerkennen.</p>
+
+<p>&#8211; Die Zeiten ver&auml;ndern sich und wir uns mit ihnen! Ich
+danke Gott f&uuml;r jeden Tag, an dem ich kl&uuml;ger werde! antwortete
+Carlsson.</p>
+
+<p>Er besuchte Sonntags die Kirche; nahm an allgemeinen
+Fragen teil und wurde in den Gemeinderat gew&auml;hlt. Dadurch
+kam er in n&auml;here Ber&uuml;hrung mit dem Pastor und erlebte
+den gro&szlig;en Tag, an dem er ihn duzen konnte. Das war
+einer der gr&ouml;&szlig;ten Tr&auml;ume seines Ehrgeizes; ein ganzes Jahr
+lang ward er nicht m&uuml;de, zu erz&auml;hlen, was er gesagt und
+was Pastor Nordstr&ouml;m geantwortet hatte.</p>
+
+<p>&#8211; H&ouml;r mal, lieber Nordstr&ouml;m, sagte ich, dieses Mal l&auml;&szlig;t
+du mich aber gew&auml;hren! Und da sagte Nordstr&ouml;m: Carlsson,
+du mu&szlig;t nicht halsstarrig sein, wenn du auch ein kluger Kerl
+und ein verst&auml;ndiger Mann bist&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Folge war, da&szlig; Carlsson eine Menge Gemeindeangelegenheiten
+&uuml;bernahm, unter denen die Feuerschau die beliebteste
+war. Da reiste man auf Kosten des Kirchspiels umher
+und trank Kaffeehalbe bei Bekannten.</p>
+
+<p>Auch die Wahl zum Reichstage, die allerdings im Innern
+des Landes stattfand, hatte ihre Verf&uuml;hrungen und ihre kleinen
+Nachwehen, die bis in die Sch&auml;ren zu sp&uuml;ren waren.</p>
+
+<p>Zur Wahlzeit und auch sonst wohl einige Male im Jahr
+kam der Baron mit seinen Jagdherren auf einem Dampfer
+heraus; dann wurden f&uuml;nfzig Kronen f&uuml;r das Recht, einige
+Tage jagen zu k&ouml;nnen, bezahlt. Punsch und Kognak flossen
+Tag und Nacht, und man schied von den J&auml;gern mit der
+festen &Uuml;berzeugung: das sind feine Leute.</p>
+
+<p>Carlsson kam also in die H&ouml;he und wurde ein Licht auf
+dem Hofe: eine Autorit&auml;t, die &uuml;ber Dinge Bescheid wu&szlig;te,
+welche die Andern nicht begriffen. Ein schwacher Punkt aber
+<!-- Page 157 --><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span>
+blieb, und er sp&uuml;rte ihn zuweilen: er war vom Lande, war
+kein Seemann.</p>
+
+<p>Um diesen letzten Rangunterschied auszugleichen, fing er
+an, sich mehr f&uuml;r die Seegesch&auml;fte zu interessieren, legte eine
+gro&szlig;e Neigung f&uuml;rs Meer an den Tag. Putzte sich eine Flinte
+und fuhr auf die Jagd hinaus; nahm am Fischen teil und
+wagte sich auf l&auml;ngere Segelfahrten.</p>
+
+<p>&#8211; Mit der Landwirtschaft gehts abw&auml;rts, und wir m&uuml;ssen
+uns auf&#8217;s Fischen legen, antwortete er seiner Frau, die mit
+Unruhe Vieh und Feld verkommen sah.</p>
+
+<p>&#8211; Vor allem das Fischen! Das Fischen f&uuml;r den Fischer
+und das Land f&uuml;r den Landwirt! verk&uuml;ndigte er jetzt auf eine
+Art, die keinen Widerspruch duldete, nachdem er vom Schullehrer
+im Kirchenrat gelernt hatte, seine Worte &raquo;pallementarisch&laquo;
+zu setzen.</p>
+
+<p>Zeigte sich ein Mangel im Ertrag, so mu&szlig;te man Holz
+hauen.</p>
+
+<p>&#8211; Der Wald mu&szlig; gelichtet werden, wenn er reif werden
+soll! So spricht wenigstens der rationelle Landwirt; ich selber
+wei&szlig; es <em class="gesperrt">nicht</em>.</p>
+
+<p>Und wenn Carlsson es nicht wu&szlig;te, wie sollten dann die
+Andern es wissen!</p>
+
+<p>Rundqvist wurde die Landwirtschaft &uuml;berlassen, Clara das
+Vieh.</p>
+
+<p>Rundqvist lie&szlig; Gras auf dem Acker wachsen, schlief vom
+Fr&uuml;hst&uuml;ck bis zum Mittag auf dem Rain, schlief vom Mittag
+bis zum Abendbrot in den B&uuml;schen; warf Stahl &uuml;ber die
+K&uuml;he, wenn sie keine Milch gaben.</p>
+
+<p>Gustav hauste noch mehr auf der See als fr&uuml;her und
+kn&uuml;pfte den alten J&auml;gerbund mit Norman wieder an.</p>
+
+<p>Das Interesse, das einen Augenblick alle Arme in Bewegung
+gesetzt hatte, war fortgefallen; f&uuml;r einen Fremden arbeiten,
+<!-- Page 158 --><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>
+war nicht sehr ermunternd. Darum ging das Ganze
+nachl&auml;ssig aber ruhig seinen gewohnten Gang.</p>
+
+<p>Im Herbst aber, einige Monate nach der Hochzeit, trat ein
+Ereignis ein, das wie ein Sto&szlig;wind auf Carlssons eben mit
+vollen Segeln ausgelaufenes Fahrzeug wirkte. Seine Frau
+kam vor der Zeit nieder und gebar ein totes Kind. Die Umst&auml;nde
+waren au&szlig;erdem so beunruhigend, da&szlig; der Arzt bestimmt
+erkl&auml;rte, jetzt sei es Schlu&szlig;:</p>
+
+<p>&#8211; Keine Kinder mehr!</p>
+
+<p>Das war verh&auml;ngnisvoll f&uuml;r Carlsson; denn nun hatte
+er f&uuml;r die Zukunft keine andere Aussicht, als einst aufs Altenteil
+zu kommen. Da die Alte obendrein noch kr&auml;nklich nach der
+Entbindung war, drohte diese Ver&auml;nderung in seiner Stellung
+fr&uuml;her einzutreten, als er getr&auml;umt hatte. Es kam also
+darauf an, die Zeit gut auszunutzen, in die Scheunen zu sammeln,
+an den morgenden Tag zu denken.</p>
+
+<p>Neues Leben kam in Carlsson. Die Landwirtschaft mu&szlig;te
+schleunigst gehoben werden; warum, das ging niemanden etwas
+an. Bauholz wurde gef&auml;llt; denn jetzt sollte eine neue
+Stuga gebaut werden; warum, das brauchte er niemandem
+auf die Nase zu binden. Die Jagdlust mu&szlig;te bei Norman
+schleunigst ged&auml;mpft werden, und noch ein Mal wurde Norman
+seinem Freunde abspenstig gemacht. Rundqvist wurde
+wieder eingefangen und mit neuen Vorteilen aufgemuntert.
+Es ward gepfl&uuml;gt, ges&auml;et, gefischt, gezimmert; die Gemeindesachen
+blieben liegen.</p>
+
+<p>Gleichzeitig f&uuml;hrte Carlsson ein h&auml;usliches Leben; sa&szlig; bei
+seiner Alten; las ihr zuweilen vor, aus der Heiligen Schrift
+oder aus dem Gesangbuch; sprach zu ihrem Herzen und
+wandte sich an ihre edleren Gef&uuml;hle, ohne recht erkl&auml;ren zu
+k&ouml;nnen, wo er hinaus wolle.</p>
+
+<p>Die Alte liebte Gesellschaft und h&ouml;rte gern Geplauder; sie
+<!-- Page 159 --><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span>
+legte also Wert auf diese kleinen Aufmerksamkeiten, ohne
+weiter dar&uuml;ber nachzudenken, was diese Vorbereitungen auf
+den Tod bezwecken k&ouml;nnten.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Eines Winterabends, als die Bucht unterm Eise lag, die
+offnen Meeresfl&auml;chen aber nicht mehr fahrbar waren, man
+schon vierzehn Tage eingeschlossen war, ohne einen Nachbar
+begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen, ohne einen Brief oder eine Zeitung zu
+erhalten; als die Einsamkeit und der Schnee das Gem&uuml;t bedr&uuml;ckte
+und der kurze Tag nur wenig Arbeit erlaubte, hatten
+sich die Leute in der K&uuml;che versammelt; auch Gustav war
+dabei. Das Feuer brannte im Herd und die Burschen sa&szlig;en
+und flickten Netze. Die M&auml;dchen spannen und Rundqvist
+schnitzte an einem Spatenschaft. Der Schnee war den ganzen
+Tag gefallen und stieg schon &uuml;ber die Fensterscheiben. Wie
+ein Totenzimmer sah die K&uuml;che aus, da die Fenster mit Laken
+aus Schnee verh&auml;ngt waren. Jede Viertelstunde mu&szlig;te ein
+Mann hinaus und die T&uuml;r frei schaufeln, damit man nicht
+eingeschneit wurde, sondern zum Melken und Futtern nach
+dem Stall gelangen konnte.</p>
+
+<p>Jetzt war die Reihe an Gustav; &Ouml;lrock und S&uuml;dwester
+&uuml;ber Wams und Otterm&uuml;tze, so ging er hinaus; stemmte die
+T&uuml;r auf, gegen die sich der Schnee gelegt hatte, und stand
+drau&szlig;en im Schneetreiben. Die Luft war schwarz, die Schneeflocken
+waren grau wie Motten, gro&szlig; wie H&uuml;hnerfedern;
+schwebten unaufh&ouml;rlich, unaufh&ouml;rlich nieder, legten sich leise
+auf einander, erst leicht, dann schwerer; packten sich zusammen
+und wuchsen an. Schon ein gut St&uuml;ck ging der Schnee
+die Wand des Hauses hinauf und nur durch die obere Ecke
+der Fenster schimmerten die Lichter von innen.</p>
+
+<p>Eine Neugier, die ihn schnell &uuml;berkam, veranla&szlig;te Gustav,
+<!-- Page 160 --><span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">160</a></span>
+den oberen Schnee herunter zu stochern, damit er ein Guckloch
+erhielt; als er dann auf den Schneehaufen stieg, konnte
+er ins Zimmer sehen.</p>
+
+<p>Carlsson sa&szlig; wie gew&ouml;hnlich vor dem Sekret&auml;r; er hatte
+ein gro&szlig;es Papier vor sich liegen; das war oben mit einem
+gro&szlig;en blauen Stempel bedruckt, der wie die Zeichnung auf
+den Scheinen der Reichsbank aussah. Die Feder hoch erhoben,
+sprach er auf die Alte, die neben ihm stand, ein; er
+schien ihr die Feder geben zu wollen, damit sie etwas schreibe.</p>
+
+<p>Gustav legte das Ohr an die Scheibe; da es aber Doppelfenster
+waren, h&ouml;rte er nur ein Gemurmel. Au&szlig;erordentlich
+gern h&auml;tte er jedoch gewu&szlig;t, was da vor ging, denn er ahnte,
+da&szlig; es ihn sehr nahe ber&uuml;hre; auch hatte er gelernt, da&szlig; es
+sich um wichtige Angelegenheiten handelt, wenn man gestempeltes
+Papier benutzt.</p>
+
+<p>Leise &ouml;ffnete er die T&uuml;r, schob die Strohschuhe ab und
+kroch die Treppe hinauf, bis er auf den oberen Flur kam.
+Dort legte er sich auf den Bauch; und nun konnte er h&ouml;ren,
+was in der Stube bei der Mutter gesprochen wurde.</p>
+
+<p>&#8211; Anna Eva, verk&uuml;ndete Carlsson mit einem Ton, der
+zwischen Reiseprediger und Gemeinderat lag; das Leben ist
+kurz, und der Tod <em class="gesperrt">kann</em> &uuml;ber uns kommen, ehe wir es
+wissen. Wir <em class="gesperrt">m&uuml;ssen</em> also darauf gefa&szlig;t sein, von hinnen
+zu gehen, ob es nun heute geschieht oder morgen; das ist
+<em class="gesperrt">ganz</em> einerlei! Unterschreib also, je eher desto besser!</p>
+
+<p>Die Alte liebte es nicht, so viel von Tod zu h&ouml;ren; aber
+Carlsson hatte nun Monate lang so oft davon gesprochen,
+da&szlig; sie gegen diese Rede nur noch schwach Widerstand zu
+leisten vermochte.</p>
+
+<p>&#8211; Aber, Carlsson, ganz einerlei ist es mir nicht, ob ich
+heute sterbe oder in zehn Jahren; ich kann noch lange leben.
+</p>
+
+<p><!-- Page 161 --><span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>
+&#8211; Ich habe ja nicht gesagt, da&szlig; du sterben <em class="gesperrt">wirst</em>; ich
+habe nur gesagt, da&szlig; wir sterben <em class="gesperrt">k&ouml;nnen</em>; und ob das
+heute oder morgen, oder in zehn Jahren geschieht, das ist
+ganz einerlei; ein Mal mu&szlig; es geschehen! Also schreib nur!</p>
+
+<p>&#8211; Das verstehe ich nicht, widerstrebte die Alte, als wolle
+der Tod kommen und sie holen; es kann doch wohl nicht&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Doch, es ist ganz einerlei, wann es geschieht! Ist es
+vielleicht nicht so? Ich wei&szlig; es nicht! Jedenfalls schreib!</p>
+
+<p>Ihr war, als lege er ihr einen Strick um den Hals, wenn
+Carlsson mit seinem &raquo;Ich wei&szlig; nicht&laquo; kam; die Alte wu&szlig;te
+sich nicht mehr zu helfen und gab nach.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, wo hinaus willst du? fragte sie ihn, von dem
+langen Hinundherreden erm&uuml;det und ersch&ouml;pft.</p>
+
+<p>&#8211; Anna Eva, du mu&szlig;t an deine Nachkommen denken;
+denn das ist die erste Pflicht des Menschen; darum mu&szlig;t du
+schreiben.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick &ouml;ffnete Clara die K&uuml;chent&uuml;r und
+fragte, wo Gustav bleibe; der aber wollte sich nicht verraten
+und verhielt sich still; konnte aber nicht mehr h&ouml;ren, was weiter
+in der Stube geschah.</p>
+
+<p>Clara ging zur&uuml;ck und Gustav kletterte hinab; blieb vor
+der Stubent&uuml;r stehen, um die letzten Worte von Carlsson zu
+h&ouml;ren; die lie&szlig;en ihn vermuten, da&szlig; die Alte unterschrieben
+habe und das Testament aufgesetzt sei.</p>
+
+<p>Als Gustav wieder in die K&uuml;che kam, sahen die Leute,
+da&szlig; ihm etwas geschehen war. Er sprach in versteckten Worten,
+er werde einen Fuchs fangen, den er schreien geh&ouml;rt;
+es sei besser, auf See zu gehen, als sich zu Hause von den
+L&auml;usen fressen zu lassen; ein wei&szlig;es Pulver unterm Futter
+k&ouml;nne <ins class="correction" title="Originaltext: Gaulen">
+G&auml;ulen</ins> Mut machen; aber auch den Tod geben, wenn
+es zu viel sei.</p>
+
+
+<p><!-- Page 162 --><span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span>
+Carlsson dagegen war beim Abendbrot &auml;u&szlig;erst menschenfreundlich;
+erkundigte sich nach Gustavs Arbeitspl&auml;nen und
+Jagdabsichten; holte das Stundenglas und lie&szlig; den wei&szlig;en
+Sand rinnen; <ins class="correction" title="Originaltext: denn,">dann</ins> sagte er:</p>
+
+<p>&#8211; Die Minuten sind kostbar; essen wir und trinken wir,
+denn morgen m&uuml;ssen wir sterben!</p>
+
+<p>Gustav lag in dieser Nacht lange wach; viele finstere Gedanken
+und schwarze Pl&auml;ne kreuzten sich in seinem Kopfe.
+Aber er war keine starke Seele, welche die Verh&auml;ltnisse nach
+ihrem Sinn &auml;ndern, Gedanken in Handlung umsetzen konnte;
+wenn er eine Sache durchdacht hatte, lie&szlig; er sie fallen, als
+sei sie vollendet.</p>
+
+<p>Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern
+Dingen getr&auml;umt hatte, war er wieder ebenso fr&ouml;hlich und
+lie&szlig; f&uuml;nf gerade sein, indem er darauf traute: Kommt Zeit,
+kommt Rat; die Gerechtigkeit wird schon ihren Gang gehen;
+und dergleichen mehr.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Der Fr&uuml;hling kam wieder, die Schwalben besserten ihre
+Nester aus und der Professor kehrte zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen
+Garten angelegt; Flieder, Obstb&auml;ume, Beerenb&uuml;sche gepflanzt;
+f&uuml;r die er Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre
+geholt; Wege besandet und Lauben errichtet. Es begann herrschaftlich
+auf dem Hofe auszusehen.</p>
+
+<p>Niemand konnte leugnen, da&szlig; der Fremdling Wohlstand
+und Gem&uuml;tlichkeit geschaffen, da&szlig; er Feld und Vieh in die
+H&ouml;he gebracht, Haus und Hof in Stand gesetzt; sogar den
+Preis f&uuml;r die Fische hatte er in der Stadt in die H&ouml;he getrieben
+und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen,
+<!-- Page 163 --><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span>
+damit man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der
+Stadt sparen konnte.</p>
+
+<p>Jetzt, als er nachlie&szlig;, m&uuml;de war, sich mit dem Bau seiner
+eigenen Stuga besch&auml;ftigte, klagte man.</p>
+
+<p>&#8211; Macht es doch selber, antwortete Carlsson, dann werdet
+ihr mal sehen, wie gut es tut. Jeder f&uuml;r sich und Gott
+f&uuml;r uns alle!</p>
+
+<p>Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann
+einen Garten anzulegen, B&uuml;sche zu pflanzen, Wege zu machen.
+Er hatte seine Stuga mit solchem Geschmack gebaut, da&szlig;
+sie die anderen in Schatten stellte. Sie besa&szlig; zwar nur zwei
+Zimmer und K&uuml;che, sah aber doch stattlicher aus als die alten
+H&auml;user; woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob daran,
+da&szlig; er den Dachstuhl hoch gef&uuml;hrt und die Dachtraufe weit
+&uuml;ber die Wand hatte vorspringen lassen; oder ob es die
+&raquo;Krucifixe&laquo; waren, die er in die Deckbretter ges&auml;gt hatte;
+oder die Veranda, die er mit einigen Treppenstufen vor die
+T&uuml;r gesetzt. Es waren keine Kostbarkeiten, aber es sah doch
+etwas villenartig aus. Rot war die Stuga wie eine Kuh,
+aber die Ecken waren schwarz und get&auml;felt; die Fensterbretter
+waren wei&szlig; gestrichen und die Veranda, ein leichtes Dach
+auf vier Pfosten, war blau gemalt.</p>
+
+<p>Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu
+w&auml;hlen; unmittelbar unter dem Fu&szlig; des Berges, und zwar
+so, da&szlig; zwei alte Eichen mitten davor zu stehen kamen, ungef&auml;hr
+wie der Anfang einer geplanten Allee oder eines Parks.
+Wenn man auf der Veranda sa&szlig;, hatte man die sch&ouml;nste Aussicht:
+die Bucht mit den Schilfb&auml;nken, die lange gr&uuml;ne
+Quellwiese; durch eine Mulde im K&auml;lberhag konnte man die
+Boote hinten im Sunde sehen.</p>
+
+<p>Gustav sah alles scheel an, w&uuml;nschte die Stuga fort, hielt
+Carlsson f&uuml;r eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl
+<!-- Page 164 --><span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span>
+baute; die h&auml;tte er gern verscheucht, ehe sie Eier legen und
+sich vielleicht mit ihrer Brut festsetzen konnte. Er hatte aber
+nicht die Kraft, sie fortzubringen; darum blieb sie sitzen.</p>
+
+<p>Die Alte war kr&auml;nklich und lie&szlig; alles gehen, wie es ging.
+Im Vorgef&uuml;hl des Wirrsals, das entstehen w&uuml;rde, wenn sie
+aus dem Leben schied, sah sie es nicht ungern, da&szlig; ihr Mann,
+denn das war er jedenfalls, ein Dach &uuml;ber dem Kopf hatte
+und nicht als armer Teufel herumlief. Sie verstand sich
+nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon, da&szlig;
+es bei Verm&ouml;gensaufnahme, Erbteilung, Testament nicht mit
+rechten Dingen zugegangen; doch das war die Sache der Andern,
+wenn sie nur damit nichts zu tun hatte. Ein Mal mu&szlig;te
+es aber losbrechen, wenn nicht fr&uuml;her, dann an dem Tage,
+an dem Gustav heiratete; und solche Gedanken mu&szlig;te ihm
+jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich nicht mehr
+gleich, sondern ging nachdenklich umher.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner
+neuen K&uuml;che und mauerte am Herd, als Clara kam und ihn
+rief:</p>
+
+<p>&#8211; Carlsson, Carlsson, der Professor ist mit einem deutschen
+Herrn gekommen, der Carlsson sprechen will!</p>
+
+<p>Carlsson nahm das Schurzfell ab, trocknete sich die H&auml;nde
+und machte sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungew&ouml;hnliche
+Besuch zu bedeuten habe.</p>
+
+<p>Als er auf die Veranda kam, stie&szlig; er auf den Professor,
+in dessen Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzem
+Bart befand, der sehr energisch aussah.</p>
+
+<p>&#8211; Direktor Diethoff m&ouml;chte Sie sprechen, Carlsson, sagte
+der Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete.
+</p>
+
+<p><!-- Page 165 --><span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></span>
+Carlsson b&uuml;rstete einen Sitzplatz auf der Bank der Veranda
+ab und lud zum sitzen ein.</p>
+
+<p>Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte
+stehend, ob der Roggenholm zu verkaufen sei.</p>
+
+<p>Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war
+vielleicht nur drei Morgen gro&szlig;, war h&uuml;gelig, trug etwas
+Fichtenwald und bot nur unbedeutende Schafweide.</p>
+
+<p>&#8211; Zu industriellem Zweck, antwortete der Direktor und
+fragte, was er koste.</p>
+
+<p>Carlsson war unschl&uuml;ssig und bat um Bedenkzeit, bis er
+erfahren, was dem Holm seinen unerwarteten Wert gab.</p>
+
+<p>Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das sofort
+wissen zu lassen, sondern er wiederholte noch ein Mal
+seine Frage, was der Holm koste. Dabei fa&szlig;te er in die
+Brusttasche, deren starke Anschwellung deutlich durchs Tuch
+zu sehen war und verriet, da&szlig; darin etwas steckte.</p>
+
+<p>&#8211; So teuer kann der wohl nicht sein, meinte Carlsson;
+aber ich mu&szlig; erst mit der Alten und dem Sohne sprechen.</p>
+
+<p>Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute
+Weile fort und kam dann zur&uuml;ck. Jetzt aber sah er verlegen
+aus, und es schien ihm schwer zu fallen, mit seiner Forderung
+herauszur&uuml;cken.</p>
+
+<p>&#8211; Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor,
+brachte er schlie&szlig;lich hervor.</p>
+
+<p>Nein, das wollte der Direktor nicht.</p>
+
+<p>&#8211; Nun, wenn ich dann f&uuml;nf sage, so werden Sie es nicht
+zu teuer finden, pre&szlig;te Carlsson hervor, dem der Atem im
+Hals stecken blieb und der Schwei&szlig; auf die Stirne trat.</p>
+
+<p>Direktor Diethoff &ouml;ffnete den Rock, zog die Banknotentasche
+heraus und z&auml;hlte zehn Scheine zu je einhundert Kronen
+auf.<!-- Page 166 --><span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span>
+&#8211; Hier ist vorl&auml;ufig Handgeld; die vier andern kommen
+im Herbst? Einverstanden?</p>
+
+<p>Carlsson war im Begriff eine Dummheit zu machen; es
+gelang ihm aber gerade noch, seine &uuml;berschwellenden Gef&uuml;hle
+zur&uuml;ckzudr&auml;ngen und ziemlich ruhig zu antworten, er sei einverstanden,
+w&auml;hrend er nur f&uuml;nfhundert Kronen statt f&uuml;nftausend
+gemeint hatte.</p>
+
+<p>Darauf ging man zum Sohne und zur Alten hinunter, um
+den Kaufvertrag zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren.</p>
+
+<p>Carlsson blinzelte und grinste den Beiden zu, sie sollten
+ihm beistehen; die aber verstanden nichts.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nachdem
+sie unterschrieben hatte.</p>
+
+<p>&#8211; F&uuml;nftausend! schrie sie. Was lese ich? Du sagtest doch
+hundert, Carlsson?</p>
+
+<p>&#8211; Nein, da mu&szlig;t du dich verh&ouml;rt haben, Anna Eva. Habe
+ich vielleicht nicht tausend gesagt, Gustav?</p>
+
+<p>Dabei blinzelte er so sehr, da&szlig; der Direktor es sah.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, ich <em class="gesperrt">glaube</em> wohl, er hat tausend gesagt! stand
+ihm Gustav bei, so gut er konnte.</p>
+
+<p>Als der Vertrag unterschrieben war, erkl&auml;rte der Direktor,
+er beabsichtige f&uuml;r Rechnung seiner Gesellschaft auf dem
+Roggenholm eine Feldspatgrube anzulegen.</p>
+
+<p>Niemand wu&szlig;te, was Feldspat ist, und niemand hatte an
+diesen Schatz gedacht; au&szlig;er Carlsson; der schwindelte jetzt,
+er habe l&auml;ngst daran gedacht, nur kein Kapital gehabt.</p>
+
+<p>Der Direktor erz&auml;hlte, Feldspat sei eine rote Steinart,
+die von Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen
+werde das Haus des Verwalters, das schon bei der Tischlerei
+bestellt sei, aufgestellt sein; in vierzehn Tagen werde die
+<!-- Page 167 --><span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span>
+h&ouml;lzerne Arbeiterkaserne auf ihrem Platz stehen; mit drei&szlig;ig
+Mann werde man dann die Arbeit anfangen.</p>
+
+<p>Damit reiste er.</p>
+
+<p>Dieser Goldregen war so schnell &uuml;ber die Inselbauern gekommen,
+da&szlig; sie keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu
+berechnen. Tausend Kronen auf dem Tisch, viertausend im
+Herbst, f&uuml;r eine wertlose Insel: das war zu viel auf ein Mal.
+Darum sa&szlig;en sie den ganzen Abend eintr&auml;chtig bei einander
+und rechneten aus, was ihnen au&szlig;erdem noch zufallen k&ouml;nnte.
+Nat&uuml;rlich konnte man Fische und andere Produkte an die
+vielen Arbeiter und an den Verwalter verkaufen; Holz auch;
+das war nicht zweifelhaft. Dann kam der Direktor heraus,
+vielleicht mit Familie, und wollte auf Sommerfrische wohnen.
+Dann konnte man nat&uuml;rlich dem Professor die Miete
+steigern; und Carlsson konnte vielleicht seine Stuga auch
+vermieten. Alles werde sch&ouml;n und gut werden.</p>
+
+<p>Carlsson legte selbst das Geld in den Sekret&auml;r und sa&szlig;
+die halbe Nacht vor der Klappe, um zu rechnen.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>W&auml;hrend der n&auml;chsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male
+nach dem Badeort Dalar&ouml; und kam mit Tischlern und Malern
+zur&uuml;ck. Auf seiner Veranda hielt er kleine Empf&auml;nge ab;
+er hatte einen Tisch dahin gestellt; an den setzte er sich, trank
+Kognak, rauchte die Pfeife und &uuml;berwachte die Arbeit, die
+jetzt gro&szlig;e Fortschritte machte.</p>
+
+<p>Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der
+K&uuml;che; und dort wurde auch ein ordentlicher Herd eingemauert.
+Die Fenster wurden mit gr&uuml;nen L&auml;den versehen, die
+weithin leuchteten; die Veranda wurde noch ein Mal gestrichen,
+und zwar wei&szlig; und rosenrot; auch erhielt sie auf der
+Sonnenseite eine blau- und wei&szlig;gestreifte Zwillichgardine.
+<!-- Page 168 --><span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span>
+Um Hof und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau
+gestrichen war und wei&szlig;e K&ouml;pfe hatte.</p>
+
+<p>Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit
+an; Gustav aber stand am liebsten in geh&ouml;riger Entfernung
+hinter einer Ecke oder einem dichten Busch; eine Einladung,
+auf die Veranda zu kommen, nahm er selten oder
+niemals an.</p>
+
+<p>Es war einer von Carlssons Tr&auml;umen, die er in recht
+klaren N&auml;chten tr&auml;umte, wie der Professor auf der Veranda
+zu sitzen, selbstherrlich zur&uuml;ckgelehnt, aus einem Fu&szlig;glas
+Kognak nippend, sich die Aussicht anzusehen und eine Pfeife
+zu rauchen &#8211; noch lieber eine Zigarre; aber die war ihm
+noch zu stark.</p>
+
+<p>Als er acht Tage sp&auml;ter eines Morgens in aller Fr&uuml;he
+dort sa&szlig;, h&ouml;rte er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer
+pfeifen.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte
+er fein sein und sie empfangen.</p>
+
+<p>Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach
+Rundqvist und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten
+sollten, um die fremden Herren zu empfangen.</p>
+
+<p>In einer halben Stunde stie&szlig; das Boot ab, und Carlsson
+setzte sich ans Steuer. Dann und wann ermahnte er die
+Knechte, in Takt zu rudern, damit man als ordentliche Leute
+ankomme.</p>
+
+<p>Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der
+Sund sich &ouml;ffnete, auf der einen Seite von der gro&szlig;en Insel
+und auf der andern Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten
+sie einen prachtvollen Anblick vor sich. Ein Dampfer, der mit
+Flaggen und Signalen geschm&uuml;ckt war, lag im Sund verankert;
+und zwischen Schiff und Land fuhren kleine Jollen
+mit Matrosen in blauwei&szlig;en Jacken. Oben auf der Strandklippe,
+<!-- Page 169 --><span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">169</a></span>
+die von dem blo&szlig;gelegten Feldspat rosenrot leuchtete,
+stand eine Gruppe Herren und ein St&uuml;ck davon ein Musikchor,
+dessen Messinginstrumente sich pr&auml;chtig von den schwarzen
+Fichten abhoben.</p>
+
+<p>Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und
+ruderten an die Klippe heran, um so nahe wie m&ouml;glich zu
+kommen und zu sehen und zu h&ouml;ren. Eins, zwei, drei, gerade
+als sie unter dem Sammelplatz lagen, war ein Sausen in der
+Luft zu h&ouml;ren, als seien zw&ouml;lfhundert Eider aufgeflogen;
+dann ein Dr&ouml;hnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen
+schien; schlie&szlig;lich ein Krachen, als sei der ganze Holm
+gesprungen.</p>
+
+<p>&#8211; Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen
+konnte, denn im n&auml;chsten Augenblicke regnete es Steine ums
+Boot; ein Schauer von Kies folgte und schlie&szlig;lich ein Hagel
+kleiner Steine.</p>
+
+<p>Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von
+Handwerk und Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch
+etwas Ausl&auml;ndisches kam vor, das die Inselbauern nicht
+verstanden.</p>
+
+<p>Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die
+M&uuml;tze in die Hand; Carlsson aber verstand, da&szlig; es die Direktion
+war, die sprach.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, meine Herren, schlo&szlig; der Direktor, wir haben hier
+viel Steine vor uns, und ich schlie&szlig;e meine Rede mit dem
+Wunsch, sie m&ouml;gen alle zu Brot werden!</p>
+
+<p>&#8211; Bravo!</p>
+
+<p>Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen
+an den Strand hinab, alle kleine Steinst&uuml;cke in der Hand
+tragend, die sie unter Lachen und L&auml;rm befingerten.</p>
+
+<p>&#8211; Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in
+<!-- Page 170 --><span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span>
+Marineuniform die Inselbauern an, die auf ihren Rudern
+ausruhten.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;ten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber
+nicht gedacht, da&szlig; es gef&auml;hrlich sein k&ouml;nne, sich den Staat
+anzusehen.</p>
+
+<p>&#8211; Das ist ja Carlsson selbst, erkl&auml;rte Direktor Diethoff,
+der hinzu gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort,
+stellte er vor. Kommen Sie und fr&uuml;hst&uuml;cken Sie mit uns!</p>
+
+<p>Carlsson traute seinen Ohren nicht, &uuml;berzeugte sich aber
+bald, da&szlig; die Einladung ernst gemeint sei.</p>
+
+<p>Bald sa&szlig; Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an
+einem gedeckten Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen.
+Er hatte sich zuerst geziert, aber die Herren waren ganz ungew&ouml;hnlich
+leutselig und erlaubten nicht ein Mal, da&szlig; er
+das Schurzfell abnahm.</p>
+
+<p>Rundqvist aber und Norman a&szlig;en auf dem Vorderdeck mit
+der Mannschaft.</p>
+
+<p>Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht.
+Speisen, deren Namen er nicht wu&szlig;te und die wie Honig im
+Mund schmolzen; Speisen, die den Hals einrieben ganz wie
+ein Schnaps; Speisen in allen Farben. Und sechs Gl&auml;ser
+standen vor seinem Platze wie vor den Pl&auml;tzen der andern
+Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche
+man an einer Blume oder k&uuml;sse ein M&auml;dchen; Weine, die
+einem in die Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten,
+die einem zum Lachen verlockten. Dazu blies die Musik so
+lieblich, da&szlig; es an der Nasenwurzel kribbelte, als wolle man
+weinen; bald fror man an den Schl&auml;fen, bald tat es einem
+so wohl im ganzen K&ouml;rper, da&szlig; man h&auml;tte sterben m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Als alles zu Ende war, sprach der Direktor f&uuml;r den Wirt;
+lobte ihn, da&szlig; er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb
+verlasse, um einem unsichern Gewinn auf andern Gebieten
+<!-- Page 171 --><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">171</a></span>
+nachzujagen, wo die Not Arm in Arm mit dem Luxus
+gehe.</p>
+
+<p>Und dann stie&szlig; man mit Carlsson an. Der wu&szlig;te nicht,
+ob er lachen oder ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren
+lachen, als etwas recht Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde;
+also lachte er mit.</p>
+
+<p>Nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck wurden Kaffee und Zigarren geboten,
+und man stand vom Tische auf.</p>
+
+<p>Carlsson, edelm&uuml;tig wie ein Gl&uuml;cklicher, wollte nach vorn
+gehen, um nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas
+bekommen hatten. Da aber rief ihn der Direktor an und bat
+ihn, einen Augenblick in die Kaj&uuml;te zu kommen.</p>
+
+<p>In der Kaj&uuml;te machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er
+m&ouml;ge, um seine Stellung zu befestigen und, wenn es n&ouml;tig
+sei, als Autorit&auml;t unter den Arbeitern auftreten zu k&ouml;nnen,
+einige Aktien zeichnen.</p>
+
+<p>&#8211; Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson,
+der so viel von diesen Gesch&auml;ften wu&szlig;te, da&szlig; man nichts abschlo&szlig;,
+wenn man getrunken hatte.</p>
+
+<p>Aber der Direktor lie&szlig; ihn nicht los, und nach einer halben
+Stunde hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft
+Eagle zu je hundert Kronen; ferner das ausdr&uuml;ckliche
+Versprechen, stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates
+zu werden. Von der Einzahlung sagte man nur, sie
+sollten &raquo;<em class="antiqua">p&ouml; a p&ouml;</em>&laquo; geschehen und
+<em class="antiqua">&agrave; conto</em>.</p>
+
+<p>Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und
+Biliner Wasser. Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot
+kam.</p>
+
+<p>Bei der Ausbootung lie&szlig; man das Reep fallen; das verstand
+Carlsson aber nicht, sondern dr&uuml;ckte allen Matrosen,
+die an der Treppe standen, die Hand und bat sie zu gr&uuml;&szlig;en,
+wenn sie an Land k&auml;men.
+</p>
+
+<p><!-- Page 172 --><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">172</a></span>
+Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons lie&szlig; er
+sich nach Hause rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im
+Munde und einen Korb Punsch zwischen den Knien.</p>
+
+<p>Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit,
+lud alle, auch die M&auml;gde aus der K&uuml;che, zu Punsch ein, zeigte
+die Aktienbriefe, die wie riesengro&szlig;e Scheine der Reichsbank
+aussahen; wollte den Professor einladen und begegnete die
+Einwendungen der Anderen damit: er sei stellvertretendes
+Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein deutscher
+Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein richtiger
+Professor.</p>
+
+<p>Pl&auml;ne, so gro&szlig; wie ein Holzsto&szlig;, hatte Carlsson; er wollte
+eine einzige gro&szlig;e Str&ouml;mling-Salzerei-Aktiengesellschaft f&uuml;r
+das ganze stockholmer Inselmeer gr&uuml;nden, Fa&szlig;binder von
+England ins Land rufen, Fahrzeuge direkt von Spanien mit
+Salz kommen lassen!</p>
+
+<p>Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der
+Landwirtschaft, deren Vertretern und deren Zukunft, gab
+seinen Hoffnungen und Bef&uuml;rchtungen Ausdruck. Man trank
+seinen Punsch und h&uuml;llte sich in Tabakswolken und frohe
+Aussichten ein.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Carlsson war so hoch gestiegen, da&szlig; er einen Schwindelanfall
+bekam. Die Landwirtschaft wurde vernachl&auml;ssigt und
+die Besuche auf dem Roggenholm folgten sich Tag aus Tag
+ein. Er machte die Bekanntschaft des Verwalters, sa&szlig; auf
+dessen Veranda, trank Kognak und Biliner Wasser, w&auml;hrend
+er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die Quarzadern
+herauszubrechen; w&auml;ren die nicht gewesen, h&auml;tte man
+den ganzen Berg auf ein Mal verschiffen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Verwalter war fr&uuml;her Vorarbeiter in einem Bergwerk
+<!-- Page 173 --><span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span>
+gewesen; hatte Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer
+und stellvertretenden Mitglied des Aufsichtsrates
+gut zu stellen; besa&szlig; gen&uuml;gende Einsicht, um absch&auml;tzen zu
+k&ouml;nnen, wie lange das Gesch&auml;ft gehen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Aber der neue Grubenbetrieb &uuml;bte auch seinen Einflu&szlig; auf
+das leibliche und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern;
+und die Anwesenheit von drei&szlig;ig unverheirateten Arbeitern
+begann ihre Wirkungen zu zeigen.</p>
+
+<p>Die Ruhe war gest&ouml;rt. Den ganzen Tag &uuml;ber donnerten
+Sch&uuml;sse aus dem Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten
+kamen und spieen Seeleute ans Land. Abends erschienen die
+Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten Brunnen und Stall;
+stellten den M&auml;dchen nach; veranstalteten T&auml;nze; tranken und
+schlugen sich mit den Knechten.</p>
+
+<p>Die Leute feierten die N&auml;chte durch, und am Tage war
+nichts mit ihnen anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen,
+nickten am Herd ein.</p>
+
+<p>Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mu&szlig;te man
+den Kaffeekessel aufsetzen, und da man dem Herrn nicht
+Branntwein anbieten konnte, mu&szlig;te man sich Kognak halten.</p>
+
+<p>Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld str&ouml;mte ein;
+man lebte flott, und Fleisch kam &ouml;fters auf den Tisch als
+fr&uuml;her.</p>
+
+<p>Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag &uuml;ber in
+einem leichten Rausch umher, ohne sich jedoch zu &uuml;berladen.
+Wie ein einziges langes Fest verging der Sommer f&uuml;r ihn,
+da er seine Zeit zwischen Gemeindesachen, Grubenbau und
+Naturversch&ouml;nerungen teilte.</p>
+
+<p>Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen.
+Als er eines fr&uuml;hen Morgens nach Hause kam, wurde
+er von der Alten mit der beunruhigenden Mitteilung empfangen,
+es m&uuml;sse etwas drau&szlig;en auf dem Roggenholm geschehen
+<!-- Page 174 --><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span>
+sein. Es sei dort n&auml;mlich vier Tage lang still gewesen; nicht
+ein Schu&szlig; sei gel&ouml;st worden und keine Dampferpfeife habe
+man geh&ouml;rt. Die Leute seien mit Dreschen besch&auml;ftigt gewesen;
+deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen.
+Der Verwalter habe sich auch nicht sehen lassen; und
+die Arbeiter h&auml;tten aufgeh&ouml;rt, abends den Hof zu umkreisen.
+Es m&uuml;sse also etwas geschehen sein.</p>
+
+<p>Um sich Bescheid zu holen, lie&szlig; Carlsson anspannen; so
+nannte er es, wenn er sich nach der Grube rudern lie&szlig;. Das
+Boot hatte er wei&szlig; streichen und mit einem blauen Rande
+versehen lassen; und damit es mehr herrenm&auml;&szlig;ig aussah,
+wenn er am Steuerruder sa&szlig;, hatte er sich aus einer alten
+Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim
+Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman
+in marinem&auml;&szlig;igem Rudern &uuml;ben m&uuml;ssen, damit es stattlich
+aussah, wenn er angefahren kam.</p>
+
+<p>Die Fahrt legten sie rasch zur&uuml;ck, da Neugier und Angst
+sie spornten. Als sie auf die H&ouml;he des Roggenholms kamen,
+erstaunten sie &uuml;ber die &Ouml;de, die dort herrschte.</p>
+
+<p>Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen.
+Sie stiegen ans Land und kletterten die Steintreppe zur
+Grube hinauf. Das Haus des Verwalters war fort; alle
+Werkzeuge und Ger&auml;te verschwunden; nur die Kaserne, wie
+der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber
+ausger&auml;umt und gepl&uuml;ndert; alles, was nicht niet- und nagelfest
+war, hatte man mitgenommen: T&uuml;ren, Fenster, B&auml;nke,
+Betten.</p>
+
+<p>&#8211; Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist.</p>
+
+<p>&#8211; Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und lie&szlig; wieder anspannen;
+aber dieses Mal ging&#8217;s nach dem Badeort Dalar&ouml;;
+dort mu&szlig;te ein Brief f&uuml;r ihn auf der Post liegen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 175 --><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span>
+Ganz richtig, dort lag ein gro&szlig;er Brief vom Direktor, der
+verk&uuml;ndete, die Gesellschaft habe ihre T&auml;tigkeit eingestellt,
+weil sich das Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da
+Carlssons Forderung von viertausend Kronen sich gerade
+gegen die vierzig Aktien aufhebe, die er bisher noch nicht eingezahlt,
+so seien alle Gesch&auml;fte zwischen der Gesellschaft und
+Carlsson erledigt.</p>
+
+<p>&#8211; Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun,
+man mu&szlig; sich zufrieden geben.</p>
+
+<p>Er besa&szlig; die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom
+Lande war; er sch&uuml;ttelte sich und war ebenso trocken wie
+vorher. Noch trockener f&uuml;hlte er sich, als er in einer Nachschrift
+las, alles, was man zur&uuml;ckgelassen, falle den Inselbauern
+zu, wenn sie Lust h&auml;tten, es fortzuschaffen.</p>
+
+<p>Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer
+Menge Geldes und eines ehrenvollen Titels beraubt.</p>
+
+<p>Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson
+machte mit einer Geb&auml;rde einen gro&szlig;en Strich durch alles.</p>
+
+<p>&#8211; Ach, das ist nicht der Rede wert! Dar&uuml;ber braucht man
+kein Wort zu verlieren.</p>
+
+<p>Aber am n&auml;chsten Tage war er mit seinen drei Mann in
+voller T&auml;tigkeit, um mit der gro&szlig;en F&auml;hre Bretter und Ziegel
+vom Roggenholm zu holen.</p>
+
+<p>Ehe man sich&#8217;s versah, hatte er sich ein Sommerh&auml;uschen
+von einem Zimmer nebst K&uuml;che errichtet; und zwar unten am
+Sunde, an einer Stelle, an die niemand gedacht, von der man
+aber eine Aussicht sowohl aufs Dorf wie aufs offene Meer
+hatte.</p>
+
+<p>Der Sommer mit seinen luftigen Tr&auml;umen war vorbei.
+Der Winter nahte; die Luft wurde schwerer, die Tr&auml;ume
+d&uuml;sterer, und die Wirklichkeit nahm ein neues Aussehen an,
+heller f&uuml;r die einen, drohender f&uuml;r die andern.</p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 177 --><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span></p>
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><em class="gesperrt">Carlsson wahrtr&auml;umt; der Sekret&auml;r wird bewacht,<br/>
+aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles</em></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p>Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand,
+nicht gewesen, was man gl&uuml;cklich nennt. Die Alte war bei
+Jahren, wenn auch nicht steinalt, und Carlsson stand im
+Begriff, in sein gef&auml;hrliches Alter einzutreten. Bis zu seinen
+jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er sich abgearbeitet,
+um sein Brot zu verdienen und vorw&auml;rts zu kommen; und
+das M&auml;dchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen.
+Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor
+sich sah, fing das Fleisch an zu pochen, vielleicht st&auml;rker als
+sonst, weil er im letzten Jahre nicht so streng gearbeitet hatte;
+vielleicht auch, weil er das Fleisch st&auml;rker gef&uuml;ttert hatte, als
+es vertrug. Seine Gedanken begannen daher zu spielen, wenn
+er in der warmen K&uuml;che sa&szlig;, und seine Augen gew&ouml;hnten sich
+daran, dem jungen K&ouml;rper Claras zu folgen, wie sie aus und
+ein ging. Die Blicke blieben allm&auml;hlich haften, lie&szlig;en sich
+nieder und ruhten, machten kleine Ausfl&uuml;ge hierhin und
+dorthin, flogen fort, kamen wieder. Schlie&szlig;lich sa&szlig; das M&auml;dchen
+ihm im Auge: wohin er auch ging, immer sah er sie.</p>
+
+<p>Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern
+die Augen, die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr
+glaubte sie zu sehen; wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf
+ihr Auge, das schmerzte und tr&auml;nte.</p>
+
+<p>Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden,
+<!-- Page 178 --><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span>
+aber der Mond war aufgegangen und schien klar
+&uuml;ber schneebedeckte Fichten, auf die blanke Bucht und den
+wei&szlig;en Boden. Ein karger Nordwind trieb trockenen Schnee
+vor sich her.</p>
+
+<p>In der K&uuml;che stand Clara und fegte den Backofen, w&auml;hrend
+Lotte am Backtrog arbeitete. Carlsson sa&szlig; in der Schrankecke,
+rauchte seine Pfeife und spann wie eine Katze in der
+W&auml;rme. Seine Augen waren drau&szlig;en auf Spiel und sie erw&auml;rmten
+sich und erg&ouml;tzten sich, als sie auf Claras wei&szlig;en
+Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten.</p>
+
+<p>&#8211; Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, das mu&szlig; ich, antwortete Clara und zog eine Jacke
+aus Schafpelz an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt
+hatte.</p>
+
+<p>Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus.</p>
+
+<p>Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach.</p>
+
+<p>Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte
+nach Carlsson.</p>
+
+<p>&#8211; Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete
+Lotte.</p>
+
+<p>Ohne auf n&auml;hern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine
+Laterne und ging auch hinaus.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht
+umkehren, um sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf
+weit zu gehen hatte. Auf den Steinen rutschte sie aus
+und der Schnee wirbelte wie Mehlstaub, aber sie kam doch
+ziemlich schnell nach dem Stall und ging sofort zum Vieh
+hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um zu lauschen,
+und h&ouml;rte, da&szlig; in der Schafh&uuml;rde jemand fl&uuml;sterte. In
+dem schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und
+Heuhalme der Scheibe fiel, sah sie, wie die K&uuml;he ihre K&ouml;pfe
+nach hinten drehten und sie mit gro&szlig;en, im Dunkel gr&uuml;n leuchtenden
+<!-- Page 179 --><span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">179</a></span>
+Augen anguckten. Der Schemel stand da und der Eimer
+auch. Aber nicht das wollte sie sehen; etwas anderes,
+etwas, das sie um alles in der Welt nicht h&auml;tte sehen m&ouml;gen;
+etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das
+Leben aus ihr scheuchte.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und
+kam zu den Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne
+stand da, sie war gel&ouml;scht, aber das Talglicht rauchte noch.
+Die Schafe standen auf und raschelten mit trockenen Laubzweigen.
+Nein, das wollte sie nicht sehen.</p>
+
+<p>Sie ging weiter und kam zu den H&uuml;hnern; die waren auf
+ihre Pfl&ouml;cke geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben
+geweckt worden.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein
+hinaus. Zwei Paar Schuhe, ein kleineres und ein gr&ouml;&szlig;eres,
+hatten Spuren im Schnee hinterlassen; diese Spuren
+waren blau in den Schatten, und sie f&uuml;hrten nach der Hagt&uuml;r,
+die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von jemandem
+geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am
+Boden; an dieser Kette war sie angemacht und wurde nun
+von einer unsichtbaren Stelle im Hag gezogen.</p>
+
+<p>Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an
+demselben Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselb&uuml;sche, wo
+sie ein anderes Mal, ein schreckliches Mal, eine Abendstunde
+erlebt hatte, an die sie sich nicht erinnern wollte. Jetzt standen
+die Haselb&uuml;sche nackt und trugen nur ihre neuen Knospen,
+die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen raschelte das
+braune harte Laub im Winde, aber so d&uuml;nn war das Laub,
+da&szlig; man die Sterne und den gr&uuml;nschwarzen Himmel sehen
+konnte.</p>
+
+<p>Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schl&auml;ngelte sich
+durch die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, d&uuml;nnes
+<!-- Page 180 --><span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span>
+Haar warfen, wenn sie gegen die Zweige kam; auf Hals
+und R&uuml;cken st&auml;ubte der Schnee, fiel &uuml;ber ihre gestreifte Bluse,
+k&uuml;hlte und feuchtete.</p>
+
+<p>Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das
+Auerhuhn flog von seinem Nachtzweig auf und erschreckte
+sie; &uuml;ber Moore gings, deren Schollen schwankten; &uuml;ber Feldz&auml;une,
+die krachten, wenn sie dar&uuml;ber setzte.</p>
+
+<p>Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere
+gro&szlig;, Seite an Seite, bald in einander tretend, bald um
+einander, als ob sie getanzt h&auml;tten; &uuml;ber Stoppelfelder, von
+denen der Schnee abgeweht war; &uuml;ber Steinhaufen und
+Gr&auml;ben, &uuml;ber Buschz&auml;une und Windbruch.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der
+Kopf und ihre H&auml;nde waren klamm; sie steckte die magern,
+roten H&auml;nde bald unter den Rock, bald blies sie darauf. Sie
+wollte umkehren, aber es war zu sp&auml;t; auch war der R&uuml;ckweg
+jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus ging. Also
+vorw&auml;rts durch ein Espenw&auml;ldchen, dessen letztes Laub zitterte
+und raschelte, als friere es im Nordwind.</p>
+
+<p>Dann kam sie zu einem Zauntritt.</p>
+
+<p>Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich
+sehen, dort hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von
+Claras Rock, von der Jacke mit der Schafpelzverbr&auml;mung.</p>
+
+<p>Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen,
+fror, als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe
+sie kochendes Blut in den Adern. Ersch&ouml;pft, setzte sich auf den
+Zauntritt nieder, weinte, schrie; pl&ouml;tzlich ward sie ruhig, stand
+auf und ging hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und
+gerade gegen&uuml;ber sah sie die Lichter in der Stuga und ein
+Licht oben im Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr
+durch den R&uuml;cken, zauste an den Haaren und vereiste die Nasenfl&uuml;gel.
+<!-- Page 181 --><span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">181</a></span>
+Halb laufend kam sie aufs Eis hinunter, hinauf
+auf die schwankende Fl&auml;che, h&ouml;rte das trockene Schilf um
+ihre Ohren sausen, unter ihren F&uuml;&szlig;en knacken. &Uuml;ber eine
+eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief
+weiter, als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere
+Ufer erreichte, fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge
+des sinkenden Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den
+Schlammboden gelegt hatte und unter ihrer Last klingend
+und krachend zerbrach. Sie f&uuml;hlte, wie die K&auml;lte die Beine
+hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien, damit niemand
+komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre
+Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die
+H&ouml;he hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar
+aufs Bett zu, legte sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd
+zu machen und Fliedertee aufzusetzen.</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle
+&uuml;ber sich werfen; lie&szlig; den Ofen mit Kn&uuml;ppelholz heizen, fror
+aber doch unaufh&ouml;rlich.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich lie&szlig; sie Gustav rufen, der in der K&uuml;che sa&szlig;.</p>
+
+<p>&#8211; Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gew&ouml;hnlichen
+Ruhe.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt bin ich&#8217;s, antwortete die Alte pustend, und ich
+komme nie wieder auf. Schlie&szlig; die T&uuml;r und geh an den Sekret&auml;r.
+Der Schl&uuml;ssel liegt hinter dem Pulverhorn auf dem
+Fach; du wei&szlig;t doch!</p>
+
+<p>Gustav gehorchte niedergeschlagen.</p>
+
+<p>&#8211; &Ouml;ffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker
+Hand und nimm den gro&szlig;en Brief ... Ja, den ... Wirf ihn
+ins Feuer.</p>
+
+<p>&#8211; Schlie&szlig; die T&uuml;r, mein Junge, und mach den Sekret&auml;r
+zu! Steck den Schl&uuml;ssel zu dir! Setz dich hierher und h&ouml;r mich
+an; denn morgen kann ich nicht mehr sprechen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 182 --><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span>
+Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt h&ouml;rte er,
+da&szlig; es ernst war.</p>
+
+<p>&#8211; Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft
+deines Vaters, du hast es selbst, und versiegele alle Schl&uuml;ssell&ouml;cher,
+bis die Gerichtsherren kommen.</p>
+
+<p>&#8211; Und Carlsson? fragte der Sohn z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&#8211; Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand
+nehmen! Aber nicht mehr; und kannst du&#8217;s ausl&ouml;sen, so tu es!
+Gott sei mit dir, Gustav! Du h&auml;ttest wohl auf meine Hochzeit
+kommen k&ouml;nnen; aber du hast wohl deine Gr&uuml;nde gehabt.
+Und jetzt, wenn ich reise, mu&szlig;t du verst&auml;ndig sein. Kein Sarg
+mit silbernem Schild; du nimmst solch einen gelben, gebeizten;
+und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich haben.
+Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst
+ihm daf&uuml;r Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben
+und seiner Frau ein halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau,
+da&szlig; du dich bald verheiratest. Nimm ein M&auml;dchen, das du
+liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine aus deinem
+Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm
+keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie L&auml;use;
+und gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas
+vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r &ouml;ffnete sich, und Carlsson schl&uuml;pfte herein, weich,
+aber zuversichtlich.</p>
+
+<p>&#8211; Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen
+wir nach dem Doktor schicken.</p>
+
+<p>&#8211; Das ist nicht n&ouml;tig, antwortete die Alte und drehte
+sich nach der Wand.</p>
+
+<p>Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut
+Freund werden.</p>
+
+<p>&#8211; Bist du b&ouml;se auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird
+<!-- Page 183 --><span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span>
+doch nicht um nichts und wieder nichts b&ouml;se werden! Soll ich
+dir aus dem Buche vorlesen?</p>
+
+<p>&#8211; Ist nicht n&ouml;tig! war alles, was die Alte antwortete.</p>
+
+<p>Carlsson merkte, da&szlig; hier nichts mehr zu machen war;
+da er unn&uuml;tze Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie
+sie war, und setzte sich auf das Holzsofa, um zu warten. Da
+die gesch&auml;ftliche Lage klar war und die Alte nicht Lust oder
+nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war nichts mehr hinzuzuf&uuml;gen;
+und was Gustav und ihn betraf, das w&uuml;rden sie
+sp&auml;ter schon mit einander abmachen.</p>
+
+<p>Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die
+Leute waren es gewohnt, allein zu sterben; auch war jede
+Verbindung mit dem Festland unterbrochen.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer
+und einander. Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem
+Sofa einschlummerte, machte auch der Andere mit einem
+Auge ein Schl&auml;fchen. Sobald sich aber jemand r&uuml;hrte, fuhr
+der Andere wieder in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot.</p>
+
+<p>Gustav hatte ein Gef&uuml;hl, als sei die Nabelschnur jetzt erst
+durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und
+ein selbst&auml;ndiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter
+die Augen zugedr&uuml;ckt und ihr das Gesangbuch unter das
+Kinn gelegt hatte, damit der Mund nicht klaffe, steckte er
+in Carlssons Gegenwart ein Licht an, holte Petschaft und Lack
+und versiegelte den Sekret&auml;r.</p>
+
+<p>Die unterdr&uuml;ckten Leidenschaften erwachten; Carlsson trat
+vor und stellte sich mit dem R&uuml;cken gegen den Sekret&auml;r.</p>
+
+<p>&#8211; Hollah, was machst du da, Junge? fragte er.
+</p>
+
+<p><!-- Page 184 --><span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span>
+&#8211; Ich bin jetzt kein Junge mehr, antwortete Gustav; ich
+bin jetzt Herr auf Hems&ouml;, und du bist Altsitzer.</p>
+
+<p>&#8211; Dazu geh&ouml;ren wohl zwei! meinte Carlsson.</p>
+
+<p>Gustav nahm die Flinte von der Wand, zog den Hahn auf,
+da&szlig; das Z&uuml;ndh&uuml;tchen zu sehen war; trommelte auf den Kolben
+und br&uuml;llte zum ersten Male in seinem Leben:</p>
+
+<p>&#8211; Hinaus! Sonst dr&uuml;cke ich los!</p>
+
+<p>&#8211; Drohst du?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, da keine Zeugen da sind! antwortete Gustav, der
+in letzter Zeit mit Leuten vom Gericht gesprochen zu haben
+schien.</p>
+
+<p>Das war Bescheid und den verstand Carlsson.</p>
+
+<p>&#8211; Warte du nur, bis die Teilung stattfindet, sagte er und
+ging in die K&uuml;che hinaus.</p>
+
+<p>Der Weihnachtsabend war in diesem Jahre d&uuml;ster. Eine
+Leiche im Hause und keine M&ouml;glichkeit, nach Sarg und Leichenkleid
+zu schicken; denn der Schnee fiel unaufh&ouml;rlich, da&szlig;
+Str&ouml;mungen und Meeresfl&auml;chen weder trugen noch brachen.
+Ein Boot in die See zu bringen, war unm&ouml;glich, denn das
+Wasser war ein einziger Eisschlamm, der weder rudern noch
+fahren noch gehen erlaubte.</p>
+
+<p>Carlsson und Flod, wie Gustav sich jetzt nennen lie&szlig;,
+gingen um einander herum; a&szlig;en zusammen zu Tisch, ohne
+ein Wort mit einander zu wechseln. Das Haus war in Unordnung;
+niemand setzte die Arbeit in Gang; jeder verlie&szlig;
+sich auf den Andern; so blieb die meiste Arbeit ungetan.</p>
+
+<p>Der Weihnachtstag begann, grau, neblig; wieder
+schneite es. Nach der Kirche zu kommen, war ebenso unm&ouml;glich,
+wie irgend wohin zu kommen; darum las Carlsson die
+Predigt in der K&uuml;che. Man wu&szlig;te, da&szlig; man eine Leiche im
+Hause hatte, und keine Weihnachtsfreude kam auf. Das
+Essen war nachl&auml;ssig zubereitet; nichts zur rechten Zeit fertig,
+<!-- Page 185 --><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span>
+und alle waren mi&szlig;vergn&uuml;gt. Es lag etwas Dumpfes in der
+Luft, sowohl drau&szlig;en wie drinnen; und da die Leiche der Alten
+in der Stube stand, weilten alle in der K&uuml;che. Es war
+wie eine Einquartierung. Wenn man nicht a&szlig; oder trank,
+schlief man, einer auf dem Sofa, einer auf dem Bett; zum
+Kartenspiel zu greifen oder die Handharmonika vorzunehmen,
+fiel niemandem ein.</p>
+
+<p>Der zweite Weihnachtstag kam und verging, ebenso schwer,
+ebenso langweilig. Jetzt aber verlor Flod die Geduld. Einsehend,
+da&szlig; eine Z&ouml;gerung schlimme Folgen haben k&ouml;nne, da
+die Leiche sich zu verwandeln begann, nahm er Rundqvist
+mit in den Arbeitsschuppen. Dort tischlerten die beiden einen
+Sarg, der dann gelb gestrichen wurde. Was man im
+Hause auftreiben konnte, in das wurde die Tote geh&uuml;llt.</p>
+
+<p>So war der f&uuml;nfte Tag gekommen.</p>
+
+<p>Da das Wetter keine Zeichen gab, da&szlig; es sich bessern
+werde, und man die Aussicht hatte, vierzehn Tage warten zu
+m&uuml;ssen, mu&szlig;te man um jeden Preis versuchen, die Leiche nach
+der Kirche zu schaffen, um sie in die Erde zu bringen. Man
+schob also das gro&szlig;e Netzboot in die See, und alle Mannsleute
+r&uuml;steten sich zu einer Eisbootsfahrt mit Schlittenkufen,
+Eispickeln, Beilen und Stricken.</p>
+
+<p>Fr&uuml;h am sechsten Tage begaben sie sich auf die lebensgef&auml;hrliche
+Fahrt.</p>
+
+<p>Bald war eine Str&ouml;mung offen; dann ruderte man. Dann
+kam man an eine Fl&auml;che, die unterm Eise lag; da mu&szlig;te man
+das Boot auf die Schlittenkufen schieben; wenn das gelungen
+war, mu&szlig;te man sich vorspannen und ziehen. Am schlimmsten
+war es im Eisschlamm; da patschten die Ruder nur auf
+und nieder, ohne da&szlig; das Boot mehr als einige Zoll weiter
+kam. Oft mu&szlig;te man vorausgehen und eine Rinne mit Eispickeln
+und Beilen hauen; aber wehe dem, der sich verhieb
+<!-- Page 186 --><span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span>
+und aus der Rinne herauskam, wo eine Str&ouml;mung die d&uuml;nne
+Kruste zerfressen hatte.</p>
+
+<p>Es war Nachmittag geworden, und noch hatten sie sich nicht
+die Zeit zum Essen und Trinken genommen; noch war die
+letzte freie Meeresfl&auml;che zur&uuml;ckzulegen. So weit sie sehen
+konnten, &ouml;ffnete sich ein einziges gro&szlig;es Schneefeld, hier
+und dort mit kleinen runden Erh&ouml;hungen; das waren eingeschneite
+Kobben. Der Himmel war blauschwarz im Osten
+und verk&uuml;ndete Schnee. Die Kr&auml;hen kamen von drau&szlig;en angeflattert
+und zogen ins Land hinein, um ihren Nachtzweig
+zu suchen. Zuweilen dr&ouml;hnte das Eis, als sei Tauwetter im
+Anzuge, und drau&szlig;en auf dem offnen Meere br&uuml;llten die
+Seehunde. Die Eisfl&auml;che lag &ouml;stlich nach dem Meere zu offen,
+aber es war keine Meerwake zu sehen. Verd&auml;chtig war aber,
+da&szlig; sie die Eisente &raquo;alla&laquo; rufen zu h&ouml;ren glaubten. Da sie
+vierzehn Tage lang keine Zeitung bekommen hatten, wu&szlig;ten
+sie nicht, ob die Leuchtt&uuml;rme brannten; aber zwischen Weihnachten
+und Neujahr brannten sie sicher nicht.</p>
+
+<p>&#8211; So geht&#8217;s nicht weiter! &auml;u&szlig;erte Carlsson, der bisher
+still gewesen war.</p>
+
+<p>&#8211; Es mu&szlig; gehen, sagte Flod und stemmte die Schulter
+gegen den Schlitten; aber wir m&uuml;ssen auf der M&ouml;wenklippe
+landen, um etwas Essen zu uns zu nehmen.</p>
+
+<p>Und damit steuerte man auf die Klippe zu, die mitten in
+der freien Meeresfl&auml;che lag.</p>
+
+<p>Sie war indessen entfernter, als man geglaubt hatte; und
+sie &auml;nderte ihr Aussehen, je n&auml;her man kam; schlie&szlig;lich aber
+hatte man sie auf Kabell&auml;nge vor sich.</p>
+
+<p>&#8211; Wuhne voraus! schrie Norman, der Ausguck hatte;
+nach links halten!</p>
+
+<p>Die Schlittenkufen machten eine Schwenkung nach links.
+Immer weiter nach links; schlie&szlig;lich hatte man die Klippe
+<!-- Page 187 --><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span>
+umgangen. Infolge der letzten Sonnenw&auml;rme oder der warmen
+Grundstr&ouml;mung hatte die Klippe sich selber abgeschnitten
+und schien von keiner Seite zu erreichen zu sein, wenigstens
+nicht auf Schlittenkufen.</p>
+
+<p>Die D&auml;mmerung fiel, guter Rat war teuer; Flod, der
+den Befehl hatte, entwarf sofort einen Angriffsplan: das
+Boot sollte in die Wuhne geschoben werden, und im selben
+Augenblick sollten sich alle Mann hineinwerfen und an die
+Ruder setzen.</p>
+
+<p>Gesagt, getan.</p>
+
+<p>&#8211; Eins, zwei, drei! befahl Flod.</p>
+
+<p>Das Boot scho&szlig; vor, lie&szlig; die Schlittenkufen zur&uuml;ck, kippte
+&#8211; und der Sarg rutschte in die See.</p>
+
+<p>Aus Schreck <ins class="correction" title="Originaltext: vergassen">
+verga&szlig;en</ins> Flod und Carlsson, die hinten waren,
+ins Boot zu springen und blieben auf dem Rand des
+Eises stehen, w&auml;hrend Rundqvist und Norman sich retteten.</p>
+
+<p>Der Sarg war schlecht gef&uuml;gt, f&uuml;llte sich mit Wasser und
+sank, ehe jemand soweit zur Besinnung kam, um an etwas
+Anderes als sich selbst zu denken.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt gehen wir sogleich nach der Pfarre! befahl Flod,
+der heute mehr handelte als &uuml;berlegte.</p>
+
+<p>Carlsson machte Einwendungen; aber auf Gustavs Frage,
+ob er lieber die ganze Nacht hier stehen wolle, konnte er
+nichts erwidern, zumal er sah, da&szlig; keine Aussicht war, die
+Kobbe zu erreichen.</p>
+
+<p>Rundqvist und Norman arbeiteten sich inzwischen ans
+Land und schrien den Kameraden zu, nachzukommen. Flod
+aber antwortete nur, indem er mit der Hand Abschied winkte
+und nach S&uuml;den zeigte, wo die Pfarre lag.</p>
+
+<p>Eine lange Weile wanderten Carlsson und Flod still dahin;
+Gustav voran mit dem Eispickel, um zu pr&uuml;fen, ob das Eis
+hielt; Carlsson hinterdrein, den Rockkragen in die H&ouml;he
+<!-- Page 188 --><span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span>
+geschlagen. Ihm war schauerlich zu Mut, da seine Frau ein
+so schnelles und kl&auml;gliches Ende gefunden; die Schuld daf&uuml;r
+w&uuml;rde man sicher auf ihn schieben.</p>
+
+<p>Als sie eine halbe Stunde gegangen waren, blieb Gustav
+stehen, um zu verschnaufen. Dann blickte er nach Riffen und
+Ufern, um zu sehen, wo er sich befand.</p>
+
+<p>&#8211; Zum Teufel, wir sind verkehrt gegangen! brummte er;
+das war ja gar nicht die M&ouml;wenklippe; die liegt ja dort!
+Und er zeigte nach Osten. Und dort haben wir die Kiefer von
+Gill&ouml;ga.</p>
+
+<p>Auf einer langgestreckten Insel nach der Landseite zu stand
+eine einsame Kiefer, die von einer abgeholzten Waldh&ouml;he
+&uuml;brig geblieben war und mit ihren beiden einzigen &Auml;sten
+einem optischen Telegraphen glich; sie war als Seezeichen
+oder Landmarke bekannt.</p>
+
+<p>&#8211; Und dort haben wir die Tr&auml;lsch&auml;re.</p>
+
+<p>Er sprach zu sich selbst und sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Carlsson wurde bange, denn er war in diesem Inselmeer
+nicht zu Hause und hatte zu Gustavs Wissen unbegrenztes
+Vertrauen gehabt.</p>
+
+<p>Flod hatte inzwischen Besteck genommen, &auml;nderte den Kurs
+und setzte sich mehr nach S&uuml;den in Bewegung.</p>
+
+<p>Die D&auml;mmerung war gekommen, aber der Schnee leuchtete
+etwas, da&szlig; sie Landmarke halten konnten. Sie sprachen
+kein Wort, aber Carlsson hielt sich dicht hinter seinem F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich blieb dieser stehen und lauschte. Carlssons ungewohntes
+Ohr h&ouml;rte nichts, aber Gustav vernahm ein schwaches
+Rauschen von der Ostseite, wo eine Wolkenwand, dichter
+und schw&auml;rzer als der Nebelschleier, der den Gesichtskreis
+verh&uuml;llte, aufgestiegen war.</p>
+
+<p>Sie standen eine Weile still, bis Carlsson ein schwaches
+Brausen und Rauschen h&ouml;ren konnte, das sich n&auml;herte.
+</p>
+
+<p><!-- Page 189 --><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span>
+&#8211; Was ist das? fragte er und trat dichter an Gustav
+heran.</p>
+
+<p>&#8211; Das ist die See! antwortete der. In einer halben
+Stunde ist der Ostwind hier mit einem Schneesturm, und
+wenns schlimm kommt, bricht das Eis auf. Dann wei&szlig; der
+Teufel, was aus uns wird. Nur schleunigst weiter!</p>
+
+<p>Er fing an zu laufen; Carlsson hinter ihm drein; der
+Schnee wirbelte ihnen um die F&uuml;&szlig;e und das Brausen schien
+ihnen zu folgen.</p>
+
+<p>&#8211; Jetzt ist es aus mit uns! schrie Gustav und blieb stehen,
+auf ein Licht zeigend, das in S&uuml;dost hinter einer Kobbe
+blitzte. Der Leuchtturm brennt! Die See geht offen!</p>
+
+<p>Carlsson verstand die Gefahr nicht, aber er sah ein, da&szlig;
+es schlimm stand, wenn Gustav zitterte.</p>
+
+<p>Jetzt hatte der Ostwind sie gefa&szlig;t; aus der Entfernung
+eines Steinwurfs konnten sie die Schneewand kommen sehen,
+wie einen dunkeln Schirm; und gleich darauf waren sie von
+Schnee umgeben, der dicht, dicht fiel, und schwarz wie Ru&szlig;
+war. Es wurde ganz dunkel um sie und das Licht des Leuchtturms,
+das noch einen Augenblick bleich und undeutlich wie
+eine Nebelsonne ihnen den Weg gezeigt hatte, erlosch schlie&szlig;lich.</p>
+
+<p>Gustav lief in starkem Trab weiter. Carlsson folgte, so gut
+er konnte; aber er war ziemlich fett und konnte nicht gleichen
+Schritt halten, kam au&szlig;er Atem; bat Gustav, langsamer zu
+laufen: der aber hatte keine Lust, sich zu opfern, sondern lief,
+lief ums Leben. Carlsson packte ihn am Rockscho&szlig;, bettelte
+und flehte, er m&ouml;ge ihm nicht fortlaufen; versprach Gold
+und gr&uuml;ne W&auml;lder, beschwor ihn bei seiner Seligkeit und
+Pein, aber nichts half.</p>
+
+<p>&#8211; Jeder f&uuml;r sich und Gott f&uuml;r uns alle! antwortete Gustav
+<!-- Page 190 --><span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">190</a></span>
+und bat Carlsson, sich einige Schritte von ihm entfernt
+zu halten, sonst k&ouml;nne das Eis brechen.</p>
+
+<p>Das schien es auch zu tun, denn hinter ihnen krachte es
+immer mehr und mehr. Was schlimmer war, das Brausen
+n&auml;herte sich jetzt so deutlich, da&szlig; man h&ouml;rte, wie die Wellen
+gegen Riffe und Eisrand schlugen; auch waren die M&ouml;wen
+erwacht und schrien nach unerwarteter Beute.</p>
+
+<p>Carlsson keuchte und schnaubte; der Abstand zwischen ihm
+und Gustav vergr&ouml;&szlig;erte sich; schlie&szlig;lich befand er sich allein
+in der Finsternis. Da blieb er stehen, suchte nach den Spuren,
+fand keine; rief, aber bekam keine Antwort. Das war die
+Einsamkeit, die Finsternis, die K&auml;lte, das Wasser, das den
+Tod brachte.</p>
+
+<p>Von Furcht aufgejagt, setzte er sich noch ein Mal in Bewegung;
+lief so, da&szlig; die Schneeflocken zur&uuml;ckblieben, obwohl
+sie dieselbe Richtung wie er hatten; dann rief er wieder.</p>
+
+<p>&#8211; Dem Wind folgen, dann kommt Ihr westlich ans Land!
+h&ouml;rte er eine fliehende Stimme aus der Finsternis; dann
+ward es wieder still.</p>
+
+<p>Bald aber hatte Carlsson keine Kr&auml;fte mehr, um laufen zu
+k&ouml;nnen. Mutlos verlangsamte er seinen Lauf, ging Schritt
+vor Schritt, ohne Widerstand leisten zu k&ouml;nnen, w&auml;hrend er
+die See hinter sich kommen h&ouml;rte, brausend, prustend, &auml;chzend,
+als sei sie eigens auf n&auml;chtlichen Raub ausgezogen.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Pastor Nordstr&ouml;m hatte sich um acht Uhr ins Bett gelegt,
+um seine Zeitung zu lesen; dann war er in einen schweren
+Schlaf gesunken. Aber gegen elf Uhr f&uuml;hlte er den Ellbogen
+seiner Alten in der Seite und h&ouml;rte sie rufen.</p>
+
+<p>&#8211; Erich! Erich! h&ouml;rte er im Schlaf.
+</p>
+
+<p><!-- Page 191 --><span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span>
+&#8211; Was ist denn? Kannst du nicht ruhig sein! knurrte er
+halbwach.</p>
+
+<p>&#8211; Ruhig? Bin ich etwa nicht ruhig!</p>
+
+<p>Langatmige Erkl&auml;rungen f&uuml;rchtend, beeilte sich der Pastor
+zu beteuern, er sei von ihrer Ruhe &uuml;berzeugt, machte mit einem
+Streichh&ouml;lzchen Feuer und fragte, was los sei.</p>
+
+<p>&#8211; Es ruft jemand im Garten! H&ouml;rst du nicht?</p>
+
+<p>Der Pastor lauschte und setzte die Brille auf, um besser
+h&ouml;ren zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&#8211; Ja, wahrhaftig! Wer ... kann das sein?</p>
+
+<p>&#8211; Geh doch und sieh nach! antwortete seine Frau und
+gab dem Alten einen neuen Sto&szlig;.</p>
+
+<p>Der Pastor zog Unterhosen und Pelz an, schob die F&uuml;&szlig;e
+in seine &Uuml;berschuhe, nahm die Flinte von der Wand und
+setzte ein Z&uuml;ndh&uuml;tchen darauf, sch&uuml;ttelte das Z&uuml;ndpulver
+hinein und ging hinaus.</p>
+
+<p>&#8211; Wer da? rief er.</p>
+
+<p>&#8211; Flod! antwortete eine dumpfe Stimme hinter der Fliederhecke.</p>
+
+<p>&#8211; Was ist denn los, da&szlig; du so sp&auml;t kommst? Liegt die
+Alte in den letzten Z&uuml;gen?</p>
+
+<p>&#8211; Noch schlimmer! klang Gustavs mitgenommene Stimme.
+Wir haben sie verloren.</p>
+
+<p>&#8211; Verloren?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, auf der See haben wir sie verloren.</p>
+
+<p>&#8211; Aber komm doch in aller Welt herein und steh nicht
+da in der K&auml;lte!</p>
+
+<p>Gustav sah beim Lichtschein wie ein ausgeblasenes Ei aus,
+da er den ganzen Tag weder gegessen noch getrunken und au&szlig;erdem
+wie ein Hund mit dem Ostwind hatte um die Wette
+laufen m&uuml;ssen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 192 --><span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span>
+Nachdem er dem Pastor in einem Atem den ganzen Verlauf
+erz&auml;hlt hatte, ging dieser zu seiner Alten hinein; nach
+einem kleinen Sturm, der einige Minuten dauerte, erhielt
+er den Schl&uuml;ssel zu einem gewissen Schrank in der K&uuml;che, in
+die er den Schiffbr&uuml;chigen f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Bald sa&szlig; Gustav an dem gro&szlig;en K&uuml;chentisch, w&auml;hrend der
+Pastor Branntwein, Schmalz, Pre&szlig;s&uuml;lze, Brot hervorholte
+und dem Ausgehungerten vorsetzte.</p>
+
+<p>Darauf beriet man, was man f&uuml;r die Gestrandeten tun
+k&ouml;nne. Jetzt in der Nacht Leute aufzubieten und hinauf zu
+fahren, war verlorene M&uuml;he; Feuer am Strande anzuz&uuml;nden,
+war gef&auml;hrlich, weil das Fahrzeuge irref&uuml;hren konnte,
+wenn der Schein &uuml;berhaupt durch den Schneesturm drang.</p>
+
+<p>Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht
+so gef&auml;hrlich, aber schlimmer war es um Carlsson bestellt.
+Gustav glaubte n&auml;mlich zu wissen, das Meer sei aufgebrochen
+und Carlsson verloren.</p>
+
+<p>&#8211; Es sieht gerade so aus, als m&uuml;sse er f&uuml;r seine Taten
+b&uuml;&szlig;en, meinte er.</p>
+
+<p>&#8211; H&ouml;r mal, Gustav, wandte Pastor Nordstr&ouml;m ein, ich
+finde, du bist ungerecht gegen Carlsson; und ich wei&szlig; nicht,
+was du mit b&ouml;sen Taten meinst. Wie sah der Hof aus, als
+er kam? Hat er ihn dir nicht in die H&ouml;he gebracht? Hat er
+dir nicht Sommerg&auml;ste verschafft und dir eine neue Stuga
+gebaut? Und da&szlig; er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie
+wollte ihn ja haben. Da&szlig; er sie bat, das Testament zu machen,
+war noch kein Unrecht von ihm; da&szlig; sie es aber tat, war von
+ihr nicht wohl &uuml;berlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und
+hat alles getan, was du tun wolltest, aber nicht konntest!
+Was? Willst du vielleicht nicht, da&szlig; ich f&uuml;r dich um die
+Witwe von Owassa mit ihren achttausend Reichstalern
+freien soll? Nein, h&ouml;r mal, Gustav, du mu&szlig;t nicht so streng
+<!-- Page 193 --><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>
+sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten!</p>
+
+<p>&#8211; Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben
+genommen; und das vergesse ich ihm nie.</p>
+
+<p>&#8211; Ach was, das hast du vergessen, wenn du zu deiner
+Frau ins Bett kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher,
+ob Carlsson ihr wirklich das Leben genommen hat.
+H&auml;tte die Alte sich zum Beispiel etwas angezogen, als sie an
+jenem Abend hinauslief, so h&auml;tte sie sich nicht erk&auml;ltet. Da&szlig;
+er, der junge Kerl, mit dem M&auml;dchen sch&auml;kerte, w&auml;re allein
+ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit w&auml;ren wir jetzt
+im Reinen; nun wollen wir morgen fr&uuml;h sehen, was zu
+machen ist. Wir haben Sonntag und die Leute kommen in
+die Kirche, dann brauchen wir sie nicht erst aufzubieten! Geh
+jetzt schlafen und denke daran: des einen Tod ist des andern
+Brot.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche erschienen,
+kam Pastor Nordstr&ouml;m in Begleitung Flods. Statt
+in die Kirche zu gehen, blieb er in der Menge stehen, die
+bereits zu wissen schien, was geschehen war. Nachdem er
+mitgeteilt hatte, da&szlig; der Gottesdienst ausfalle, forderte er
+alle Mannsleute auf, sich mit ihren Booten, so schnell sie
+k&ouml;nnten, an der Pfarrbr&uuml;cke zu versammeln, um die Schiffbr&uuml;chigen
+zu bergen.</p>
+
+<p>In der Menge mu&szlig;te der Fremdling Carlsson Feinde haben,
+wohl infolge von Gemeindesachen, denn im Hintergrunde
+murrte man und behauptete, das Gotteswort nicht
+entbehren zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&#8211; Ach was, wandte der Pastor ein; so viel liegt euch nicht
+daran, meine Schelte anzuh&ouml;ren, wenn ich euch recht kenne.
+<!-- Page 194 --><span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span>
+Was? Was sagst du, Owassaer, du bist ja solch ein Schriftgelehrter,
+da&szlig; du gleich h&ouml;rst, wenn ich mit meinen Predigten
+wieder von vorne anfange.</p>
+
+<p>Ein leises L&auml;cheln ging durch den Haufen, und die Bedenken
+waren zur H&auml;lfte gehoben.</p>
+
+<p>&#8211; Wir haben &uuml;brigens in acht Tagen wieder Sonntag;
+dann kommt und bringt eure Weiber mit; ich verspreche, euch
+dann die K&ouml;pfe zu waschen, da&szlig; es f&uuml;r ein Vierteljahr vorh&auml;lt.
+Seid ihr nun einverstanden, da&szlig; wir den Esel aus dem
+Brunnen ziehen?</p>
+
+<p>&#8211; Ja, murmelte die Menge, als habe sie Absolution f&uuml;r
+Entweihung des Sabbaths erhalten.</p>
+
+<p>Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich
+umzuziehen.</p>
+
+<p>Das Schneegest&ouml;ber hatte aufgeh&ouml;rt, der Wind war nach
+Norden herum gegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter.
+Das Meer ging offen, wallte blauschwarz um die blendendwei&szlig;en
+Kobben.</p>
+
+<p>Zehn Netzboote stie&szlig;en von der Pfarrbr&uuml;cke ab. Die M&auml;nner
+hatten Pelzr&ouml;cke an und Seehundsm&uuml;tzen auf, brachten
+Beile und Dregganker mit. An Segeln war nicht zu denken;
+man hatte die Ruder bemannt. Der Pastor sa&szlig; mit Gustav
+im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle gerudert
+wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und
+vordersten Ruderer mitgenommen.</p>
+
+<p>Man war ernst gestimmt, aber nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig traurig;
+ein Menschenleben mehr oder weniger z&auml;hlt auf See nicht.</p>
+
+<p>Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot
+kam, fror sofort, mu&szlig;te aufgehauen und hinaus geworfen
+werden. Zuweilen kam eine Eisscholle angeschwommen,
+schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter und kam wieder
+<!-- Page 195 --><span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span>
+in die H&ouml;he; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz, das
+von den Ufern losgerissen war.</p>
+
+<p>Der Pastor sp&auml;hte mit seinem Fernglas nach der Tr&auml;lsch&auml;re,
+auf der Rundqvist und Norman gefangen sa&szlig;en. Bald
+warf er einen hoffnungslosen Blick aufs Meer hinaus, in
+dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war; bald forschte er
+nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach einem
+Fu&szlig;, einem Kleidungsst&uuml;ck oder der Leiche selbst. Aber vergebens.</p>
+
+<p>Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, n&auml;herte man
+sich der Sch&auml;re. Rundqvist und Norman hatten schon von
+weitem die Entsatzflotte entdeckt und Freudenfeuer am Ufer
+angez&uuml;ndet. Als die Boote anlegten, zeigten sie mehr Neugier
+als Erregung, denn in eigentlicher Lebensgefahr waren sie
+nicht gewesen.</p>
+
+<p>&#8211; Nicht, solange man Land unter sich hat! meinte Rundqvist.</p>
+
+<p>Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu
+heben und nach dem Sarg zu dreggen.</p>
+
+<p>Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg
+lag, denn er hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog
+Mal auf Mal, aber ohne etwas anderes in die H&ouml;he zu bringen
+als lange Tangranken mit Muscheln und anderm Getier;
+man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg.</p>
+
+<p>Die Leute fingen an, m&uuml;de und verdrie&szlig;lich zu werden.
+Einige waren an Land gegangen, um einen Schnaps zu
+trinken, ein Butterbrot zu essen, Kaffee zu kochen.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich erkl&auml;rte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter
+zu machen, da die Str&ouml;mung den Sarg wahrscheinlich in
+die Tiefe gezogen habe.</p>
+
+<p>Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und
+die Sache, streng genommen, keinen pers&ouml;nlich anging, empfand
+<!-- Page 196 --><span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span>
+man eine gewisse Erleichterung, da&szlig; man sich nicht gef&uuml;hllos
+gegen fremden Kummer zu zeigen brauchte.</p>
+
+<p>Um indessen dieses kl&auml;gliche Ende einigerma&szlig;en abzurunden,
+trat Pastor Nordstr&ouml;m an Flod heran und fragte, ob er
+eine Andacht f&uuml;r die Alte halten solle. Das Buch habe er mit,
+und ein Kirchenlied k&ouml;nnten die Leute wohl auswendig.
+Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und teilte
+ihn den Andern mit.</p>
+
+<p>Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und
+die Kobben lagen in rosenroter Beleuchtung da, als sich die
+Leute am Strande versammelten, um der den Umst&auml;nden angepa&szlig;ten
+Beerdigung beizuwohnen. Der Pastor stieg, von
+Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den Achtersteven, nahm
+sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die Finger der
+linken Hand und entbl&ouml;&szlig;te seinen Kopf, w&auml;hrend alle M&auml;nner
+am Strande die M&uuml;tzen abnahmen.</p>
+
+<p>&#8211; Wollen wir &raquo;Ich bin ein Gast auf Erden&laquo; nehmen?
+K&ouml;nnt ihr das auswendig? fragte der Pastor.</p>
+
+<p>&#8211; Ja! wurde vom Strande geantwortet.</p>
+
+<p>Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor K&auml;lte zitternd,
+dann vor Bewegung &uuml;ber das Ungew&ouml;hnliche in der
+Feier und &uuml;ber die ergreifenden T&ouml;ne in dem alten Lied, das
+so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte.</p>
+
+<p>Die letzten Worte waren verklungen und hallten wider
+&uuml;ber das Wasser, gegen die Sch&auml;ren, durch die klare Luft.
+Eine Pause entstand, w&auml;hrend der man nur h&ouml;rte, wie der
+Wind in den Nadeln der Meerkiefern rauschte, wie die Wogen
+an den Steinen pl&auml;tscherten, die M&ouml;wen schrien, die Boote
+gegen den Boden stie&szlig;en. Der Pastor wandte sein greises,
+gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus; die Sonne beleuchtete
+seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarstr&auml;hnen vom
+Winde wie die H&auml;ngeflechten einer alten Fichte gezaust wurden.
+</p>
+
+<p><!-- Page 197 --><span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span>
+&#8211; Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder
+werden! Jesus Christus unser Erl&ouml;ser wird dich auferwecken
+am j&uuml;ngsten Tage! La&szlig;t uns beten! begann er mit seiner tiefen
+Stimme, die gegen Wind und Welle k&auml;mpfte, um geh&ouml;rt
+zu werden.</p>
+
+<p>In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem
+Segen streckte der Pastor die Hand &uuml;ber das Wasser zu einem
+letzten Lebewohl.</p>
+
+<p>Man setzte die M&uuml;tzen wieder auf. Gustav dr&uuml;ckte dem
+Pastor die Hand und dankte ihm, schien aber noch etwas auf
+dem Herzen zu haben.</p>
+
+<p>&#8211; Herr Pastor, ich finde doch ... Carlsson m&uuml;&szlig;te auch
+einige Worte haben!</p>
+
+<p>&#8211; Es war f&uuml;r beide, mein Junge! Es ist jedenfalls sch&ouml;n
+von dir, an ihn zu denken, antwortete der Alte, der ger&uuml;hrter
+zu sein schien, als er wahr haben wollte.</p>
+
+<p>Die Sonne ging unter; man mu&szlig;te sich trennen, um nach
+Hause zu fahren, so schnell man konnte.</p>
+
+<p>Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksamkeit
+erweisen; nachdem man Abschied genommen hatte und alle
+in ihren Booten waren, folgte man ihm ein St&uuml;ck Weges,
+formierte dann die Boote in einer Linie, wie beim Netzlegen,
+gr&uuml;&szlig;te mit den Rudern und rief:</p>
+
+<p>&#8211; Lebwohl!</p>
+
+<p>Es war eine Huldigung f&uuml;r die Trauer, aber auch f&uuml;r den
+jungen Mann, der jetzt in die Reihe der reifen M&auml;nner aufgenommen
+war.</p>
+
+<p>Und sein eigenes Boot steuernd, lie&szlig; sich der neue Herr
+des Hofes von seinen Knechten nach Hause rudern, um von
+nun an sein eignes Fahrzeug &uuml;ber die windigen Fl&auml;chen und
+gr&uuml;nen Sunde des launenhaften Lebens zu lenken.</p>
+
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr style="width: 50%;" />
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p>
+
+<p>Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen:</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_16">S. 16:</a> teilweise unleserliches Wort: Kl rhaut --> Kl&auml;rhaut</li>
+<li><a href="#Page_28">S. 28:</a> Klara --> Clara (einheitliche Schreibweise im Text)</li>
+<li><a href="#Page_49">S. 49:</a> Quellen finden --> Quellen zu finden</li>
+<li><a href="#Page_72">S. 72:</a> M&auml;nnner --> M&auml;nner</li>
+<li><a href="#Page_94">S. 94:</a> knapper Gehalt --> knappes Gehalt</li>
+<li><a href="#Page_100">S. 100:</a> schl&auml;gt --> schl&auml;ft</li>
+<li><a href="#Page_123">S. 123:</a> kaput --> kaputt</li>
+<li><a href="#Page_145">S. 145:</a> Schl&auml;ge --> Schl&auml;gen</li>
+<li><a href="#Page_152">S. 152:</a> des alten Schmidt&laquo;! --> des alten Schmidt!&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_161">S. 161:</a> Gaulen --> G&auml;ulen</li>
+<li><a href="#Page_162">S. 162:</a> denn, --> dann</li>
+<li><a href="#Page_187">S. 187:</a> vergassen --> verga&szlig;en</li>
+</ul>
+
+<p>Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch &Auml;, &Ouml; und &Uuml; ersetzt.</p>
+
+<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.</p>
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN ***
+
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+
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+
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+
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+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+approach us with offers to donate.
+
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+
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+
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+works.
+
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+
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