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+Project Gutenberg's Begriff der Arbeitsschule, by Georg Kerschensteiner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Begriff der Arbeitsschule
+
+Author: Georg Kerschensteiner
+
+Release Date: January 20, 2008 [EBook #24367]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEGRIFF DER ARBEITSSCHULE ***
+
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+
+Produced by Juliet Sutherland, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
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+
+
+BEGRIFF
+DER ARBEITSSCHULE
+
+VON
+
+GEORG KERSCHENSTEINER
+
+
+VIERTE AUFLAGE
+
+9. BIS 11. TAUSEND
+
+MIT 5 TAFELN
+
+[Illustration]
+
+VERLAG VON B. G. TEUBNER. LEIPZIG. BERLIN 1920
+
+SCHUTZFORMEL FÜR DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA:
+COPYRIGHT 1920 BY B. G. TEUBNER IN LEIPZIG
+
+ALLE RECHTE,
+EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN
+
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+
+VORBEMERKUNG ZUR ERSTEN AUFLAGE
+
+
+Am 12. Januar 1908 hielt ich auf Einladung der Erziehungsdirektion des
+Kantons Zürich zur Feier des 162. Geburtstages Heinrich Pestalozzis in
+der Peterskirche zu Zürich die Festrede. Ich wählte das Thema: »_Die
+Schule der Zukunft im Geiste Pestalozzis_« und nannte sie eine
+Arbeitsschule. Was damals meine Seele bewegte, kleidete ich dem Zweck
+der Stunde und der Weihe des Ortes entsprechend in die Form einer
+Predigt, der es weniger um Formulierung logischer Begriffe zu tun sein
+konnte als um die Hinführung der Herzen auf ein altes, immer noch
+unverwirklichtes Ideal der Schule.
+
+Vier Jahre sind in der Zwischenzeit verflossen. Das Wort
+»Arbeitsschule«, das älter ist wie die Werke Pestalozzis, ist seit
+diesem Tage zum Schlagwort geworden. Es war, als ob mit einem Male der
+wunde Punkt unseres gesamten öffentlichen Schulwesens, nicht bloß der
+Volksschule, sondern ebensosehr auch der Gymnasien und Oberrealschulen,
+der ja längst mehr oder weniger bestimmt empfunden wurde, deutlich
+erkannt worden wäre. Aber es schien nur so. Denn die mannigfaltigen
+pädagogischen und methodischen Verirrungen, die das Schlagwort in
+Theorie und Praxis hervorrief, zeigten deutlich, wie äußerlich und
+mechanisch man den Geist der Arbeitsschule erfaßte und wie viele
+unklare, ja bedenkliche Vorstellungen ganz unwillkürlich mit dem Begriff
+der Arbeitsschule verquickt wurden. Ich will hier nur hinweisen auf die
+fast überall sich einstellende Verwechslung der manuellen Arbeit mit der
+geistigen Arbeit und auf die psychologisch so verfehlten
+Konzentrationsbestrebungen, welche die natürlichen, historisch
+gewordenen, einheitlichen Wissensgebiete in tausend Stücke zu zerreißen
+vorschlugen, um sie dann in völlig willkürlicher Zusammensetzung und
+Verknüpfung ohne jedes wirkliche geistige Band »quo omnis doctrina
+ingeniarum et humanarum artium continetur« (Plato bei Cic. de orat. III,
+6, 21) den Schülern darzubieten.
+
+Um diesen Verirrungen und Verwirrungen ein Ende zu machen, hat der »Bund
+für Schulreform« das Thema der Arbeitsschule für die zweite Tagung des
+Bundes in Dresden vom 6. bis 8. Oktober 1911 auf sein Arbeitsprogramm
+gesetzt und Schulrat Gaudig und mich eingeladen, über den Begriff der
+Arbeitsschule zu referieren. Im Anschluß daran sollte durch eine
+eingehende und ausgedehnte Debatte diesem Begriff noch weiterhin die
+nötige Klarheit und Eindeutigkeit gegeben werden. Ich war der Einladung
+sehr gerne gefolgt. Sie gab mir Veranlassung, das, was meinen Geist und
+mein Herz seit vielen, vielen Jahren bewegt, in einer von
+wissenschaftlichen Methoden geleiteten Arbeit niederzulegen.
+
+Diese Arbeit übergebe ich hiermit der Öffentlichkeit und hoffe von ihr,
+daß sie die Entwicklung unserer Volksschulen wie die Reform unserer
+höheren Schulen -- denn für beide Gattungen gelten die gleichen
+Organisationsprinzipien -- vor Verirrungen bewahrt, die weit
+gefährlicher wären als die Sünden der alten Buchschule. Wer den Inhalt
+dieser viel ausführlicheren und strengeren Abhandlung mit dem Inhalt
+meiner Rede vom 12. Januar 1908 (abgedruckt in »Grundfragen der
+Schulorganisation«, B. G. Teubner, Leipzig, 4. Aufl. 1920) vergleicht,
+wird erkennen, daß sie sich verhalten wie Gesetz zum Beispiel.
+
+Sonderbarerweise hat meine Rede vom 12. Januar 1908 einen Schriftsteller
+veranlaßt, die Priorität des Gedankens der Arbeitsschule für sich in
+Anspruch zu nehmen. Da ich sie niemals für mich behauptet habe, bleibt
+mir die Antwort erspart. Nur das eine will ich bemerken: Die _Idee_ der
+Arbeitsschule ist so alt wie die Erziehungslehre. (Vgl. Plato, leg., S.
+819ff., Oxforder Ausgabe von Burnet.) Aber Ideen werden erst lebendig,
+wenn sie, völlig zu Ende gedacht, in realen, den Zeitverhältnissen
+angepaßten Formen, die Probe auf ihre Verwirklichungsmöglichkeit zu
+machen in der Lage sind.
+
+München, im Dezember 1911.
+
+ GEORG KERSCHENSTEINER
+
+
+
+
+VORBEMERKUNG ZUR VIERTEN AUFLAGE
+
+
+Die _dritte_ Auflage, die mitten im Kriege nötig wurde, benutzte ich a)
+zur Herausarbeitung eines _wissenschaftlichen Begriffes der
+Arbeitsschule_, also eines Begriffes, der nicht mehr bloß beschreibt,
+sondern definiert, b) zur vollständigen _Darstellung des
+Arbeitsschulbetriebes der vier aufsteigenden Versuchsklassen Münchens_.
+Diese Darstellung erschien mir um so notwendiger, als eine allgemeine
+Theorie der Arbeitsschule durchaus noch nichts darüber zu enthalten
+braucht, ob auch eine _Volksschule_, und zwar vor allem deren unteren vier
+Klassen, im Geiste der definierten Arbeitsschule geführt werden _kann_.
+
+Wäre Arbeitsschule schon eine Schule, die »Werkunterricht« oder
+»Handfertigkeit« als _Prinzip_ in ihrem ganzen Betrieb eingeführt hat, ja
+wäre sie eine, die außerdem auch noch Handfertigkeit in besonderen
+Werkstätten als eigenes _Unterrichtsfach_ berücksichtigt, dann wäre diese
+im Anhang gegebene Darstellung überflüssig. Aber die beiden Merkmale
+machen die Schule noch zu keiner Arbeitsschule. Sie können vollständig
+fehlen, und doch kann die Schule im echten Sinne des Wortes eine
+Arbeitsschule sein. Das alte humanistische Gymnasium ist -- soweit es
+gut geführt wird -- ein glänzendes Beispiel hiefür. Sie können beide
+vorhanden sein, und doch kann die Schule des Charakters einer echten
+Arbeitsschule entbehren.
+
+Die vorliegende _vierte_ Auflage, die so unerwartet rasch nötig wurde,
+enthält gegenüber der dritten keine wesentlichen Änderungen. Ich habe
+nur, wo es mir nötig erschien, einige Ergänzungen eingefügt, da und dort
+das Begriffliche noch schärfer umrissen und Ausdrucksweisen verbessert,
+die mir nicht genau genug erschienen.
+
+München, Ostern 1920.
+
+ GEORG KERSCHENSTEINER
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+ Seite
+
+ I. Der Staatszweck und die Aufgaben der
+ öffentlichen Schule 1
+
+ II. Die Berufsbildung als erste Aufgabe 25
+
+ III. Die zweite und dritte Aufgabe der
+ öffentlichen Schule 41
+
+ IV. Die Methoden der Arbeitsschule 59
+
+ V. Der fachliche Arbeitsunterricht und
+ der technische Lehrer 78
+
+ VI. Zusammenfassung und Schlußbetrachtung 93
+
+ Anhang: _Ein Organisationsbeispiel für städtische
+ Volksschulklassen_.
+
+ 1. Vorbemerkungen 115
+
+ 2. Durchführung des Lehrplanes in den zwei
+ Unterklassen 131
+
+ 3. Durchführung des Lehrplanes in den zwei
+ Mittelklassen 175
+
+ 4. Schlußbetrachtungen 197
+
+
+
+
+I. DER STAATSZWECK UND DIE AUFGABEN DER ÖFFENTLICHEN SCHULE
+
+
+Die öffentliche Schule ist mit dem Ende des 18. Jahrhunderts und im
+Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein Instrument der
+Staatsverwaltung für bestimmte staatliche Zwecke geworden. Das
+mittelalterliche Deutschland kannte kein öffentliches Bildungswesen des
+Staates. Die Fürsorge um die geistige Entwicklung überließ der Staat
+anderen Gemeinschaften. Nun aber führte er den _Schulzwang_ ein,
+wenigstens für die Volksschule, und gab damit für deren staatliche
+Zweckbestimmung einen gesetzmäßigen Ausdruck.
+
+Solange wir nun für diese Zweckbestimmung der Schulen lediglich den
+Zweck und die Aufgaben des _jeweils gegebenen Staates_ ins Auge fassen, so
+lange wird sie der wissenschaftlichen Pädagogik keine befriedigende
+Lösung bieten. Theoretische wie praktische Vernunft können unter
+gewissen Umständen hier Einspruch erheben. Sobald wir aber den jeweils
+gegebenen Staat als ein Entwicklungsprodukt betrachten, als einen sich
+immer zweckmäßiger organisierenden Menschenverband, der durch die
+Tätigkeit seiner Mitglieder mehr und mehr der freien Gestaltung der
+sittlichen Persönlichkeit die Wege ebnen soll, der also selbst in der
+Richtung des von der Ethik gezeichneten Kultur- und Rechtsstaates
+wandert, ergibt sich mit der wissenschaftlichen Fundierung des
+Staatszweckes auch die wissenschaftliche Fundierung des Zweckes der
+Volks- wie höheren allgemeinen Schulen von selbst.
+
+Ein Staatswesen, das in seinen Zielen und Einrichtungen den sittlichen
+Gedanken verkörpert, ist ein höchstes _äußeres_, sittliches Gut. Denn es
+ist, wie schon Hobbes, Locke, Spinoza betont haben, die Voraussetzung
+dafür, daß der einzelne zum höchsten _inneren_, sittlichen Gut, zur
+rechten Gesinnung der sittlich freien Persönlichkeit gelangen kann. Ja
+der einzelne findet geradezu in dem Dienste der zeitlichen
+Verwirklichung dieses Staatsideals nicht bloß eine schöne und würdige
+Betätigung, sondern auch eine wertvolle Gelegenheit zu seiner eigenen
+sittlichen Vollendung. Dieser Auffassung steht nicht im Wege, daß heute
+vorhandene Staaten noch weit entfernt sein mögen von diesem Ideal, daß
+sie sogar ein Hindernis sein können für die Entwicklung der inneren
+sittlichen Freiheit, daß ein bestimmter Staat dem von seiner Macht
+betroffenen Individuum eher als ein höchstes Übel denn als ein höchstes
+Gut erscheinen kann. In seinem nachgelassenen Werke, »Weltgeschichtliche
+Betrachtungen«, hat sich sogar ein so ausgezeichneter Mann wie Jakob
+Burckhardt zu der Behauptung verstiegen: »Das absolut Böse ist der
+Staat.« Die Frage ist, ob er es sein muß, und die Antwort ist, daß wir
+immer wieder die Menschen neue, bessere Staatsformen auf den Trümmern
+der alten oder abseits von ihnen errichten sehen, in der Zuversicht, dem
+Staatsideal näherzukommen, das uns die reine Vernunft als Hort der
+sittlichen Freiheit und der inneren und äußeren Wohlfahrt des einzelnen
+vor die Augen rückt, und daß wir tatsächlich die Staatsorganisationen im
+Laufe der Geschichte mehr und mehr auf dem Wege zum Kultur- und
+Rechtsstaat wandern sehen.
+
+Es liegt nun die Frage nahe, ob es nicht auch andere höchste äußere
+sittliche Güter gibt. Diese Frage will ich hier nicht eingehend
+erörtern. Soweit ich die Untersuchungen der wissenschaftlichen Ethik
+überblicken kann, scheint bei aller Unsicherheit vieler sonstiger
+Ergebnisse das eine festgelegt zu sein, daß das höchste und
+vollkommenste äußere sittliche Gut eine Organisation der Gesellschaft
+ist, die jedem einzelnen alles das zu gewähren vermag, was für ihn
+vermöge seiner einheitlichen Natur ein sittliches Gut ist. Angesichts
+der Anfechtungen, die meine Forderungen durch gewisse Vertreter der
+sogenannten wissenschaftlichen Pädagogik immer wieder erfahren,
+erscheint es mir zweckmäßig zu versuchen, die von mir schon wiederholt
+unternommene Beweisführung für diesen Satz im Anschluß an den Ideengang
+Christoph Sigwarts aus seinem im Jahre 1907 erschienenen Büchlein
+»Vorfragen der Ethik« (J. C. B. Mohr, Tübingen) in kurzen Zügen
+klarzulegen.
+
+Das Leben des Menschen rollt sich ab in einer Verfolgung von Zwecken. Es
+gibt wohl auch noch beim Erwachsenen Stunden einer Betätigung, die frei
+ist von allen selbst gesetzten Zwecken; aber sie füllen nur Pausen in
+dem rastlosen Triebwerk unserer teleologisch gerichteten geistigen
+Natur. Jeder Zweck, den wir uns setzen, hat die Tendenz, nach seiner
+Verwirklichung zu drängen. Dabei ordnen sich alle Zwecke in unserem
+Bewußtsein nach ihrem Werte für uns. Je höher der Wert eines Zweckes in
+unserem Bewußtsein steht, mit desto größerer Energie trachten wir nach
+seiner Verwirklichung. Die größere Kraftentfaltung wird _der_ Zweck in uns
+auslösen, den als höchsten Zweck anzuerkennen wir _innerlich genötigt_
+sind. Die innere Nötigung aus bloßer _Vernunft_ ist freilich nicht immer
+stark genug, jeden Zwang zu überwinden, den unsere rein persönlichen
+_Neigungen_ auf die Richtung unserer Tätigkeit ausüben.
+
+Unter diesen Neigungen ist die stärkste, sich selbst zu leben, seinen
+eigenen Trieben nachzugehen, eine Neigung, die als vornehmste auftritt
+in dem Streben nach Ausbildung der inneren Persönlichkeit. Es gibt
+Menschen, welche darin so weit gehen, diesen Zweck, dieses für sie
+höchste Gut, so zu bestimmen, daß es von äußeren Bedingungen vollständig
+unabhängig wird. Sie nehmen dann in den Bereich dieses höchsten Gutes
+nur das auf, was von der Tätigkeit des einzelnen allein und direkt
+abhängt. Sie suchen den letzten Zweck in einer bleibenden
+Geistesverfassung, welcher der Wechsel der äußeren Bedingungen
+gleichgültig ist. Die stoische Moral verfolgt diese Richtung. Daß es
+einzelnen Menschen gelingt, diesen Weg einzuschlagen, beweist für die
+Richtigkeit ihrer Anschauung nichts. Denn es gelingt ihnen nur, weil
+alle anderen Menschen durch ihre Gesellschafts- oder Staatseinrichtungen
+ihnen jenen Schutz gewähren, den sie brauchen, und jene Mittel
+darbieten, die zu ihrer Vervollkommnung notwendig oder doch vorteilhaft
+sind. Würden alle Menschen ebenso handeln, so wäre dieses Streben
+alsbald ad absurdum geführt.
+
+Der Mensch kann eben nicht für sich allein und aus sich allein leben.
+Sein geistiges wie sein wirtschaftliches Leben wird ein für allemal von
+allen Seiten, und zwar durch den Verkehr mit seinesgleichen günstig oder
+ungünstig, glücklich oder unglücklich beeinflußt. Sowie _alle_ Menschen
+den höchsten Zweck ausschließlich in einem Gut suchen, das abgelöst ist
+von allen äußeren Bedingungen, von aller gemeinsamen Arbeit, von allem
+irgendwie gestalteten Verkehr, hört auch die Möglichkeit auf, daß sie
+diesen Zweck jemals erreichen können.
+
+Auch rein psychologisch ist die Beschränkung auf sich selbst in dem
+Suchen nach dem _allgemeinen_ höchsten Zweck unmöglich. Denn jeder
+energisch gedachte Zweck, dessen Berechtigung aus der allgemeinen Natur
+des Menschen abgeleitet wird und der darum allgemeine Gültigkeit haben
+soll, enthält, ob wir wollen oder nicht, die Forderung, daß er auch
+allgemein berechtigt ist, daß er auch allgemein gewollt werden muß. Ein
+_allgemeiner_ dauernder Wille, daß jeder _aus sich allein und für sich
+allein lebe_, ist undenkbar, weil die Erfahrung dessen Zweckmäßigkeit
+sehr rasch widerlegen würde. Der allgemeine Wille kann nur auf eine
+Ordnung des _gemeinsamen Lebens_ gerichtet sein, auf ein Gut, das nur in
+einem Gesamtzustand einer in ihren Zwecken allseitig gerichteten
+Gemeinschaft von Menschen verwirklicht werden kann.
+
+Wie diese Ordnung des Gesamtzustandes einer Gemeinschaft von Menschen
+beschaffen ist, das hängt ganz und gar von dem Kulturstande der
+Gemeinschaft ab. Unter der hypothetischen Voraussetzung _vollkommener_
+Menschen kann man sich eine Ordnung denken, die ausschließlich auf das
+gesellschaftliche Gewissen gegründet ist. Dieses Gewissen wäre,
+Vollkommenheit des Menschen vorausgesetzt, das _absolute_ Gewissen, in dem
+alle denkbaren Werte und Zwecke in ein vollendetes unbestreitbares
+System der Über- und Unterordnung gebracht wären. In diesem System
+bestünde zugleich die Ordnung der Gemeinschaft. In Wirklichkeit wird sie
+stets eine geschriebene Rechtsordnung sein, hinter der die souveräne
+Strafgewalt der im Staate organisierten Gemeinschaft steht.
+
+Wenn aber dieses gemeinschaftliche Gut ein höchster Zweck sein soll,
+dann müssen in dem höchsten Zwecke alle niedrigeren Zwecke notwendig
+enthalten sein. Diese niedrigeren Zwecke bestimmt unsere
+sinnlich-geistige Natur. Von dieser unserer Natur sind die Gebiete
+festgelegt, auf denen wir unsere Befriedigung suchen und finden können.
+
+Diese Gebiete sind: die Sorge um das physische Wohlsein, die dazu
+notwendige Beherrschung und Benützung der Naturkräfte, die Vereinigung
+der Geschlechter, die leibliche und geistige Fürsorge um die
+Nachkommenschaft, die Befriedigung der geselligen Triebe, die Betätigung
+des Wissensdranges, die Betätigung unserer ästhetischen und
+künstlerischen Natur, das Bedürfnis nach religiöser Erhebung, die freie
+Gestaltung des sittlichen Wollens usw. Alle diese Triebe und Bedürfnisse
+liegen in der menschlichen Natur. Aus ihnen entspringt eine Reihe von
+allgemein berechtigten Zwecken und Zwecksystemen, wie sie in Wirtschaft,
+Handel, Jugenderziehung, Familienleben, Wissenschaft, Kunst,
+Religionsgemeinschaft verfolgt werden. Alle diese Zwecke müssen im
+höchsten Zweck, in dem höchsten Gut enthalten sein. Die Rechtsordnung
+der Gemeinschaft muß die Möglichkeit der Erfüllung dieser Zwecksysteme
+in sich schließen.
+
+Zugleich folgt aus der Forderung, daß das höchste Gut ein allgemein
+anerkannter Zweck sein muß, von selbst, daß in der Arbeit für den
+allgemeinen Zweck jeder auch seine Befriedigung finden muß und jeder den
+allgemeinen Grundsätzen Folge leisten muß, von denen er erwartet, daß
+durch sie der allgemeine Zweck erreicht wird. Die Organisation des
+gesellschaftlichen Zustandes, der so als höchster Zweck aufgestellt
+wird, muß natürlich auch die Mittel zur Befriedigung der individuell
+verschiedenen Bedürfnisse enthalten, sie muß jedem die Möglichkeit
+bieten, in der Weise seine Befriedigung zu finden, die seiner Natur,
+wenigstens seiner ethisch entwickelten Natur, angemessen ist. Jeder
+individualisierte Zweck ist soweit berechtigt, soweit er als Teil des
+allgemeinen Zweckes gewollt werden kann. Denn die Befriedigung, welche
+für alle in gleicher Weise erreichbar ist, liegt schließlich in der
+Gewißheit für einen über das individuelle Bewußtsein und seine Schranken
+hinausliegenden Zweck -- für einen Menschheits- und Weltzweck -- selbst
+zu wirken, um den eigenen Wert als _Träger_ einer höheren Idee, als
+Vollstrecker eines göttlichen Willens zu empfinden. In diesem Punkt
+begegnen sich Ethik und Metaphysik.
+
+So kommen wir von selbst auf eine durch autonome Rechtsgemeinschaft
+organisierte Gemeinschaft, die eben im Rechts- und Kulturstaat
+verkörpert ist. Sobald die Rechtsorganisation den eben erörterten
+Bedingungen genügt, ist er das höchste äußere sittliche Gut,
+und die übrigen Gemeinwesen, wie Familie, Berufsgemeinschaft,
+Religionsgemeinschaft usw., müssen notwendig mit ihren Rechtsordnungen
+in ihm enthalten sein, soweit sie sittliche Gemeinwesen sind. Denn sonst
+wären ja wertvolle Zwecke des einzelnen, zu deren Erreichung er sich
+immer erst in Unterverbänden vergesellschaftet, nicht im Gesamtzweck
+enthalten.
+
+Gewiß haben wir es hier mit einem idealen Staatsgebilde zu tun, aber mit
+keinem utopischen, sondern mit einem aus unserer psychischen Natur
+abgeleiteten wissenschaftlichen Ideale, dessen Erreichung allerdings
+infolge der Mängel der menschlichen Natur unmöglich ist, dem wir uns
+aber nähern können, sofern es uns gelingt, eine staatsbürgerliche
+Erziehung zu organisieren, die nach einem solchen Ziele gerichtet ist.
+In dieser Unternehmung mag uns das Bewußtsein stärken, daß tatsächlich
+im Laufe der menschlichen Kultur die Staatsorganisation sich in der
+Richtung einer immer besseren Rechts- und Kulturgesellschaft entwickelt
+hat, wenn auch nicht geradlinig, sondern unter mancherlei Rückschlägen,
+denen ein reines Machtgebilde wie der Staat immer notwendig ausgesetzt
+sein wird.
+
+Der Widerspruch, der sich gegen meine Forderungen vom Endzweck der
+Erziehung immer wieder erhebt, rührt also von einem Mißverständnis her,
+das trotz meiner wiederholten eingehenden Darlegungen des Staatsbegriffs
+und des Begriffes der staatsbürgerlichen Erziehung nie die _Erziehung zur
+Verwirklichung der ethischen Idee des höchsten äußeren Gutes im
+wohlverstandenen Dienste des gegebenen Staates versteht_, sondern immer
+nur die Erziehung zum blinden Dienst eines dauernd festgelegten
+Staatsorganismus. Sobald die ehrliche Absicht vorhanden ist, diesen
+Grundunterschied zu begreifen, wird auch das Mißverständnis
+verschwinden.
+
+Auch ein anderes Mißverständnis löst sich alsdann, das diejenigen
+beherrscht, welche das Ziel aller Erziehung nicht etwa wie Herbart auf
+die Charakterstärke der Sittlichkeit beschränken, sondern in der Bildung
+der autonomen Persönlichkeit sehen, oder, wie Schulrat Gaudig sich
+ausdrückt, in der _Selbst_bestimmung, in der Bestimmung zur »Idealität des
+eigenen Ichs«. Wer als Erziehungszweck Selbstbestimmung aufstellt, muß
+das Ziel dieser Selbstbestimmung eindeutig festlegen. Zu allen Zeiten
+gab es Pädagogen, denen Selbstbestimmung oder autonome Charakterbildung
+der Endzweck der Erziehung war. In dem Maße, als der Zögling sich
+entwickelt, hat die heteronome Erziehung zurückzutreten. Die beste
+Erziehung ist die, die den Erzieher selbst immer überflüssiger macht.
+Mit dem reinen Formalismus der Selbstbestimmung aber ist ein greifbares
+Ziel noch nicht gegeben.
+
+Gaudig sucht das greifbare Ziel in der »Idealität des eigenen Ichs«.
+Auch damit ist ein Inhalt noch nicht gegeben. Dessen ist sich Gaudig
+auch bewußt. In der Zeitschrift für »Pädagogische Psychologie« sucht er
+diesen Inhalt zu bestimmen (Jahrgang 1912, Heft 1 u. 10). Was er aber
+dort schildert, ist einfach der »vollkommene Mensch«, nicht die
+»spezifische« und immer »unvollkommen bleibende« Persönlichkeit. Sobald
+man jedoch die Erziehung zur Persönlichkeit, die als »Idealität des
+Ichs« ganz richtig bezeichnet ist, als Ziel aufstellt, muß man sich klar
+sein, daß dieses »ideale Ich« als vollkommener Mensch gefaßt kein
+_allgemeines_ Ziel sein kann. Es gibt so viele ideale Ich, als es Menschen
+gibt. Die Idealisierung erfolgt durch das Lebendigwerden objektiver
+Werte im jeweiligen Individuum. Welche Werte in ihm lebendig werden
+können, das hängt von seiner Veranlagung ab.
+
+Aber indem sie im Individuum lebendig werden, indem das Individuum durch
+sie zu seiner ihm erreichbaren Idealität, d. i. Vollendung, kommt, wird
+diese spezifische Persönlichkeit selbst ein allgemeiner objektiver Wert.
+
+Die sich so ergebenden Werte sind jedoch sehr verschieden und bilden
+eine aufsteigende Reihe bis zu jenem obersten Wert der Persönlichkeit,
+die in der Hingabe an den allgemeinen Zweck im höchsten Gute des
+sittlichen Gemeinwesens ihre eigene Vollendung und damit ihre
+Lebensaufgabe sucht und findet. Auch ihre Zwecke sind im _allgemeinen_
+Zweck, den wir oben als höchsten Zweck erkannt haben, enthalten, und
+gerade die Möglichkeit der Selbstbestimmung zur sogenannten »Idealität
+des eigenen Ichs«, soweit diese Idealität des einzelnen neben der aller
+anderen bestehen kann, ist eines der wesentlichen Merkmale des höchsten
+Gutes. Aus dieser Überlegung wird zugleich klar, daß es keinen Sinn hat,
+die Pädagogik in Individual- und Sozialpädagogik zu scheiden. Die
+wohlverstandenen Zwecke des einzelnen sind in dem allgemeinen Zweck der
+Gemeinschaft, sofern diese Gemeinschaft als das höchste Gut bezeichnet
+werden kann, enthalten. Es gibt kein sittliches Gemeinwesen, ohne daß
+die Mehrzahl seiner Bürger sittliche Individuen sind. Es entwickelt sich
+aber auch keine größere Zahl von sittlichen Individuen, wenn nicht die
+Verfassung des Gemeinwesens und damit ihr allgemeiner Zweck auf einer
+sittlichen Grundlage stehen.
+
+Ich gehe demnach von der Voraussetzung aus, daß das sittliche
+Gemeinwesen das höchste äußere sittliche Gut des Menschen ist; außerdem
+mache ich die zweite Voraussetzung, daß der _gegebene_ Staat um so eher in
+der Richtung zum idealen sittlichen Gemeinwesen sich bewegt, je mehr
+durch die öffentliche Erziehung die Erkenntnis sich verbreitet, daß das
+höchste innere sittliche Gut und das höchste äußere in wechselseitiger
+Bedingtheit stehen, und je mehr infolge dieser Erkenntnis alle
+Erziehungsmaßnahmen vom Gesichtspunkt des ethischen Staatsbegriffes aus
+getroffen werden. Unter diesen beiden Voraussetzungen darf der gegebene
+Staat auch Zweck und Aufgabe der öffentlichen Schulen aus seinem Zweck
+und seinen Aufgaben heraus bestimmen.
+
+Der Zweck aber des gegebenen Staates ist ein zweifacher: zunächst ein
+egoistischer, nämlich die Fürsorge um den inneren und äußeren Schutz und
+um die leibliche und geistige Wohlfahrt seiner Staatsangehörigen; dann
+aber ein altruistischer, die allmähliche Herbeiführung des Reiches der
+Humanität in der menschlichen Gesellschaft durch seine eigene
+Entwicklung zu einem sittlichen Gemeinwesen und die Betätigung seiner
+Kräfte in der Gemeinschaft der Kultur- und Rechtsstaaten. Von dem
+Bewußtsein, daß die Kulturstaaten (in ihrem eigensten Interesse) auch
+dieser zweiten Aufgabe dienen sollen, sind die Sieger im Weltkriege
+trotz aller gegenteiligen Beteuerungen und Versicherungen nicht erfüllt
+gewesen. Ihre »Friedensbestimmungen« haben der allmählichen
+Herbeiführung des Reiches der Humanität in der menschlichen Gesellschaft
+die größten Hindernisse bereitet. Möge die kommende Weltgeschichte
+nicht den furchtbaren Beweis liefern, daß kein großer Staat ungestraft
+dieser zweiten Forderung entgegen handelt! Anders steht natürlich die
+Frage, ob _jeder_, auch der schwache und machtlose Staat, im Interesse der
+Humanität allezeit für unterdrückte Staaten eintreten muß. Hierüber habe
+ich mich in meiner Schrift »Staatsbürgerliche Erziehung der deutschen
+Jugend« näher geäußert. Jedenfalls mahnen historisch gewordene Beispiele
+zur Vorsicht. Aber etwas anderes ist es, die Normen und Gesetze der
+Humanität absichtlich zu verletzen und etwas anderes zu ihrer Verletzung
+mit Rücksicht auf die Existenz des eigenen Staatsvolkes zu schweigen.
+Hier ist einer der Punkte, in welchen die Individualitätsmoral nicht
+schlechtweg auf die Staatsmoral übertragen werden kann.
+
+Wenn ich nun sage: Zweck der öffentlichen Volksschule (wozu natürlich
+auch die Fortbildungsschule gehört) ist, die nachwachsende Generation so
+erziehen zu helfen, daß sie dieser doppelten Aufgabe, sei es durch
+Gewöhnung allein, sei es durch Gewöhnung und Einsicht nach Maßgabe der
+vorhandenen Begabung dient, so ist damit nichts weniger als ein
+utilitarisches Ziel aufgestellt, wie die Thüringer Herbartfreunde
+behaupten, sondern in letzter Linie ein im höchsten Maße ethisches.
+
+Indem ich dann den Menschen, der dem gegebenen Staat nur _im steten
+Hinblick auf diese doppelte Aufgabe_ dient, _einen brauchbaren
+Staatsbürger nenne_, bezeichne ich in aller Kürze als Zweck der
+öffentlichen Schule des Staates und damit als Zweck der Erziehung
+überhaupt, brauchbare Staatsbürger zu erziehen. Aus diesem Zweck ergeben
+sich die Aufgaben der Schule, aus den Aufgaben folgen gewisse sachliche
+Richtlinien oder Normen für die Organisation der Schule überhaupt und
+demgemäß auch die Organisation der Schule, die wir mit dem Begriff
+»Arbeitsschule« bezeichnen. Weitere Normen aber und die Methoden, die
+einzelnen Aufgaben ganz oder teilweise durch eine Schule zu lösen,
+hängen von den äußeren und inneren Verhältnissen ab, unter welchen die
+leibliche und geistige Entwicklung des Zöglings vor sich geht. Aus der
+Gesamtheit dieser Zwecke, Aufgaben, Wege und Methoden folgt jener
+Begriff der Schule des modernen Staates, den ich mit dem Wort
+»Arbeitsschule« bezeichne. In der Verfolgung der Aufgaben und
+Organisationen, die aus dem von mir geforderten _höchsten_ Zweck der
+Volksschule sich ergeben, wird sich zugleich zeigen, daß aus diesem
+höchsten Zweck auch alle übrigen berechtigten Absichten und Zwecke der
+Erziehung abgeleitet werden können, daß er also zugleich auch der _ganze_
+Zweck der öffentlichen Erziehung ist.
+
+Vor allem ist klar, daß niemand ein in unserem Sinne brauchbarer Bürger
+eines Staates sein kann, der nicht eine Funktion in diesem Organismus
+erfüllt, der also nicht irgendeine Arbeit leistet, die direkt oder
+indirekt den Zwecken des Staatsverbandes zugute kommt. Wer die Segnungen
+der Staatsordnung im Besitze geistiger und körperlicher Gesundheit
+genießt, ohne an irgendeiner Stelle dieses allerdings sehr komplizierten
+Zweckverbandes zur Leistung der gemeinsamen Arbeit an einem noch so
+kleinen Stücke nach Maßgabe seiner Kräfte teilzunehmen, ist nicht nur
+kein brauchbarer Staatsbürger, sondern handelt von vornherein
+unsittlich. Wer ererbten Reichtum bloß dazu verwendet, sein eigenes
+Leben für sich zu genießen, kann den Titel eines brauchbaren
+Staatsbürgers nicht beanspruchen, weil er außer dem für alle
+verbindlichen Steuerbetrag der gemeinsamen Arbeit, die ihm die
+Behaglichkeit seines Daseins erlaubt, keine Gegenleistung
+entgegenbringt. Dagegen kann selbst die Arbeit eines Straßenkehrers
+sittlichen Wert annehmen, wenn sie vollzogen wird im Bewußtsein der
+Notwendigkeit dieser Arbeit für die Gesamtheit.
+
+Die _erste_ Forderung für den einzelnen im Staate ist also, daß er
+befähigt und gewillt ist, irgendeine Funktion im Staate auszuüben oder,
+wie wir es nennen können, in irgendeinem Berufe tätig zu sein und so
+direkt oder indirekt den Staatszweck zu fördern. Daraus folgt die
+primitivste Aufgabe der öffentlichen Schule. Die öffentliche Schule hat
+zunächst die Aufgabe, dem einzelnen Zögling zu helfen, eine Arbeit im
+Gesamtorganismus oder, wie wir sagen, einen Beruf zu ergreifen und ihn
+so gut als möglich zu erfüllen. Das ist noch keine sittliche Aufgabe,
+aber es ist die Grundbedingung, damit die öffentliche Schule überhaupt
+sittliche Aufgaben ins Auge fassen kann.
+
+Die _zweite_ Aufgabe, die an die Schule herantritt, ist nun, den einzelnen
+zu gewöhnen, diesen Beruf als ein Amt zu betrachten, das nicht bloß im
+Interesse der eigenen Lebenshaltung und der sittlichen Selbstbehauptung
+auszuüben ist, sondern auch im Interesse des geordneten
+Staatsverbandes, der dem einzelnen die Möglichkeit gibt, unter dem
+Segen der Rechtsordnung und Kulturgemeinschaft seiner Arbeit und damit
+seinem Lebensunterhalt nachzugehen. Je nach der Art des Berufes wird es
+leicht, schwierig oder unmöglich sein, aus ihm zugleich einen _direkten_
+Dienst im Interesse der Gesamtheit zu machen. Es gibt eine Reihe von
+Berufen, in denen diese Auffassung dem Beruf zugleich die höchste Weihe
+gibt. Es gibt eine Menge anderer Berufe, die nicht mit einer _direkten_
+Arbeit für das Gemeinwohl verbunden werden können. Immer aber wird es
+möglich sein, frühzeitig das Bewußtsein in der heranwachsenden
+Generation zu entwickeln, daß jede Berufsarbeit vom Ausübenden als eine
+im Dienste der Gesamtheit notwendige aufgefaßt werden kann und daß die
+Übernahme jeder entlohnten Arbeit, wie einförmig und bescheiden sie auch
+sein mag, eine Verpflichtung zur besten Leistung nach sich zieht.
+
+Die _dritte_ und höchste Erziehungsaufgabe der öffentlichen Schule, die
+natürlich entsprechende moralische und intellektuelle Begabung des
+Zöglings voraussetzt, ist sodann, im Zögling Neigung und Kraft zu
+entwickeln, neben und durch die Berufsarbeit und nicht zuletzt durch die
+Arbeit am eigenen Ich, an der Vervollkommnung _seines_ spezifischen
+Persönlichkeitswertes seinen Teil beizutragen, daß die Entwicklung des
+gegebenen Staates, dem er angehört, in der Richtung zum Ideal eines
+sittlichen Gemeinwesen vor sich gehe. Erst in diesem Zusammenhang kann
+der subjektive Persönlichkeitswert zum objektiven Werte werden und damit
+Anspruch auf einen Erziehungswert machen. Denn das Ideal des sittlichen
+Gemeinwesens ist erst gegeben im harmonischen Bunde sittlich freier
+Persönlichkeiten, die sich in ihren mannigfaltigen Verschiedenheiten
+gegenseitig ergänzen und tragen.
+
+Damit sind drei klare und bestimmt gezeichnete Aufgaben jeder
+öffentlichen Schule und damit auch der Volksschule zugewiesen, und sie
+umfassen zugleich den _ganzen_ Zweck der Erziehung. Ich bezeichne sie kurz
+als
+
+1. die Aufgabe der Berufsbildung oder doch deren Vorbereitung,
+
+2. die Aufgabe der Versittlichung der Berufsbildung,
+
+3. die Aufgabe der Versittlichung des Gemeinwesens, innerhalb dessen der
+Beruf auszuüben ist.
+
+Da die Versittlichung des Gemeinwesens gar nicht denkbar ist ohne die
+Versittlichung derjenigen, die das Gemeinwesen bilden, so ist in diesen
+drei Aufgaben von selbst die sittliche Erziehung des einzelnen mit
+eingeschlossen.
+
+Dabei fasse ich den Begriff der Versittlichung in dem formalen
+_allgemeinsten Sinne_, der sich mit dem Begriffe Sittlichkeit verbinden
+läßt, _als der widerspruchsfreien Einheit_ des durch die allgemeinen
+Kulturgüter der Gemeinschaft entwickelten Seelenlebens eines
+Individuums.
+
+Die drei Aufgaben sind zugleich untrennbar miteinander verbunden. Man
+kann keine ohne die beiden andern lösen. Man kann der Schule nicht die
+Aufgabe der Mitarbeit an der Versittlichung des Gemeinwesens zuweisen,
+ohne daß man den Schüler zu einer sittlichen Berufsauffassung erzieht,
+und man kann dem Schüler keine sittliche Auffassung vom Berufe geben,
+ohne ihn selbst so gründlich als möglich für diesen Beruf vorzubereiten.
+
+Aber die Schule kann auch umgekehrt niemanden in der rechten Weise auf
+seinen Beruf vorbereiten, ohne daß sie sich selbst als ein Mittel des
+allgemeinen Zweckes fühlt, nämlich den gegebenen Staat seinem idealen
+Zustand als Rechts- und Kulturstaat zuzuführen. Sobald sich die Schule
+als Mittel eines anderen Zweckes fühlt, sobald sie etwa rein
+wissenschaftliche, rein künstlerische, rein religiöse, rein
+wirtschaftliche, kaufmännische, technische Zwecke ins Auge faßt, also
+_einzelne_ Zwecke, die nicht _jedem_ ihrer Schüler _höchster_ Zweck sein
+können, leidet darunter immer auch die Berufsbildung selbst. Die Schule
+wird bestenfalls eine technische Schule, eine Schule, welche die Technik
+um der Technik willen treibt, eine Schule für wissenschaftliches,
+künstlerisches, wirtschaftliches, religiöses Virtuosentum, und zwar für
+ein immer mehr und immer mannigfaltiger sich spezialisierendes
+Virtuosentum. Unsere Universitäten entwickeln sich zusehends in dieser
+für die Gesamtkultur so unheimlichen Richtung, die schließlich dahin
+ausmündet, in der Mehrzahl ihrer Schüler beschränkte Spezialisten zu
+erziehen, die selbst von ihrem Beruf nur mehr eine Seite, ja nur mehr
+ein Stück einer Seite kennen und beherrschen lernen, an Stelle ihres
+ganzen Berufes. Es vollzieht sich in solchen Schulen der gleiche Prozeß,
+wie er sich bereits in der Industrie zum ungeheuren Schaden unserer
+Gesamtkultur vollzogen hat, der Prozeß der ins Endlose gehenden
+Arbeitsteilung.
+
+Ist dieser Prozeß der atomisierenden Arbeitsteilung der
+Kulturentwicklung immanent, dann haben wir es mit einer neuen Seite der
+»Tragödie der Kultur« zu tun, von der Georg Simmel in seinem Essay zwei
+andere Seiten so eindrucksvoll geschildert hat. Nun haben sich gewiß mit
+fortschreitender Kultur der _vernünftigen_ Menschheit die Berufe
+spezialisiert, genau ebenso wie mit fortschreitender Entwicklung der
+_unvernünftigen_ andern Organismen die Zellen in ihren Funktionen sich
+spezialisiert haben. Aber jede einzelne Zelle ist in bezug auf den
+Gesamtzellenstaat, dem sie angehört, mag dieser auch noch so hoch
+entwickelt sein, nach meiner Kenntnis immer noch unvergleichlich reicher
+mit Berufsfunktionen bedacht als unzählige der geistigen und manuellen
+Arbeiter im Menschenstaat. Sollte die Vernunft des Menschen in Rücksicht
+auf die Entwicklung des menschlichen Vernunftstaates ohnmächtiger sein
+als die Instinkte der Zellen in Rücksicht auf die Entwicklung des
+organischen Zellenstaates?
+
+
+
+
+II. DIE BERUFSBILDUNG ALS ERSTE AUFGABE
+
+
+Die erste und vordringlichste Aufgabe der öffentlichen Schule (Volks-,
+Fortbildungs- und höheren Schule) ist also die _Berufsbildung_, oder doch
+die Vorbereitung auf den Beruf. Das scheint zunächst mit der
+gegenwärtigen Auffassung der allgemeinen Schulen in vollständigem
+Widerspruch zu stehen. Allein kein Geringerer als Pestalozzi selbst war
+durch und durch von dieser Anschauung erfüllt, obwohl ihm als letztes
+Ziel gleich mir die allgemeine Menschenbildung vor Augen schwebte. Nie
+wird Pestalozzi müde, diese erste und vorwiegende Aufgabe zu betonen.
+Dem »Bücherleben« der Schule stellt er das »Berufsleben« gerne
+gegenüber. »Wenn ein Bauernknabe mit dem Vater täglich ins Feld geht, an
+seinem gewohnheitlichen Tun, soweit er kann, teilnimmt, so genießt er
+geradezu die Bildung, die er nötig hat.« (Seyffarthausgabe IX, 236.)
+»Man kommt immer früh genug zum _Viel_wissen, wenn man lernt _recht_
+wissen, und recht wissen lernt man nie, wenn man nicht in der Nähe, bei den
+Seinigen und bei dem Tun anfängt.« (Seyffarthausgabe IV, 90.) »Reiner
+Wahrheitssinn bildet sich in engen Kreisen, und reine Menschenweisheit
+ruht auf dem festen Grund der Kenntnis seiner nähesten Verhältnisse und
+der ausgebildeten Behandlungsfähigkeit seiner nähesten Angelegenheiten.«
+(Seyffarthausgabe III, 314.) Ja, er löst sich als Kind seiner Zeit nicht
+einmal von dem Gedanken los, daß der Beruf seines Zöglings in dem _Stande_
+aufgehe, in dem er geboren ist. Große Teile seines Schwanengesanges, in
+welchem er die Erfahrungen und pädagogischen Anschauungen seines Lebens
+zusammenfaßt, sind von dieser Auffassung der ersten Aufgabe der
+Volksschule erfüllt. Bei den sehr viel einfacheren Verhältnissen seiner
+Zeit lag auch kein Gedanke näher als der, die innere Organisation der
+Volksschule den Zwecken des Standes anzupassen, aus dem die Zöglinge
+genommen waren und in den sie naturgemäß wieder hineinwuchsen.
+
+Diese Verhältnisse haben sich in den verflossenen hundert Jahren
+geändert. Nicht nur, daß die Stände als _fixierte_ Schichten der
+Staatsorganisation verschwunden sind, auch die Arbeitsverhältnisse, wie
+sie namentlich die Industrie gebracht hat, lassen eine rein berufliche
+Gestaltung der elementaren Volksschule, welche die Zwecke der
+Menschenbildung im Auge haben muß, im allgemeinen als unmöglich
+erscheinen. Nichtsdestoweniger bleibt auch heute der elementaren
+Volksschule die Aufgabe der Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf des
+Zöglings zugewiesen. Die ungeheure Mehrzahl aller Menschen im Staate
+steht im Dienste der rein manuellen Berufe, und dies wird für alle
+Zeiten Geltung haben. Denn jedes menschliche Gemeinwesen hat ungleich
+mehr körperliche als geistige Arbeiter nötig. Auch die Begabung der
+Massen liegt zunächst durchaus nicht auf den Arbeitsgebieten rein
+geistiger Tätigkeit, sondern der manuellen Arbeit, aus der sich ja im
+Laufe der Kultur die geistige Arbeit überhaupt erst entwickelt hat. Das
+Handwerk ist nicht nur die Grundlage aller echten Kunst, sondern auch
+die Grundlage aller echten Wissenschaft. Eine öffentliche Schule, die
+auf _geistige_ wie _manuelle_ Berufe vorzubereiten hat, ist daher schlecht
+organisiert, wenn sie keine Einrichtung hat, die manuellen Fähigkeiten
+des Zöglings zu entwickeln. Sie ist um so schlechter organisiert, als ja
+auch in der ganzen Entwicklung des Kindes die körperliche und manuelle
+der geistigen vorangeht, als insbesondere in der Zeit vom 3. bis 14.
+Lebensjahre die Instinkte und Triebe für manuelle Betätigung durchaus
+vorherrschen. Für Schulen, die _nur_ für rein geistige Berufe vorbereiten
+sollen, wie dies bei einer alten Gruppe der höheren Schulen der Fall
+ist, für Menschen, die, nachdem ihre Instinkte für manuelle Tätigkeit im
+wesentlichen erloschen sind, wenn sie ihre Schuldigkeit für die
+Entwicklung des normalen Gebrauchs der Glieder und der Sinnesorgane
+getan haben, fast ausschließlich unter der Macht der intellektuellen
+Triebe stehen, für solche erachte ich Erziehungseinrichtungen zur
+manuellen Betätigung (von rein körperlichen Übungen im Interesse einer
+gesunden Lebensführung abgesehen) in keiner Weise notwendig. Da es
+Menschen dieser Art gibt und auch Berufe, denen sie sich von selbst
+zubewegen, so kann ich mir daher auch wohlorganisierte »Arbeitsschulen«
+denken, die keinerlei _manuelle_ Betätigung in irgendwelchen besonderen
+Werkstätten oder auch nur abseits von besonderen Werkstätten mit
+irgendwelchem Unterrichtsbetrieb verbunden kennen.
+
+Für alle anderen Zöglinge aber sind Schulen, die solcher Einrichtungen
+entbehren, schlecht organisierte Schulen. Insbesondere muß jede
+Volksschule aus den angestellten Erwägungen heraus irgendwelche
+praktische Arbeitsplätze, Werkstätten, Gärten, Schulküchen, Nähstuben,
+Laboratorien haben, um auf ihnen systematisch die Instinkte für manuelle
+Tätigkeit zu entwickeln, den Zögling zu gewöhnen, immer sorgfältiger,
+ehrlicher, gewissenhafter, durchdachter die manuellen Arbeitsprozesse
+auszuführen. Nur so wird eine der Hauptgrundlagen seiner späteren und
+durch die Fortbildungsschule direkt aufzugreifenden Berufsbildung
+geschaffen, nämlich die frühzeitige Gewöhnung an wohlüberlegte,
+mustergültige, solide, ehrliche manuelle Arbeit. Mit anderen Worten, um
+mich eines der bekannten Schlagwörter zu bedienen: In der
+wohlorganisierten öffentlichen Volksschule muß der Arbeitsunterricht
+auch als ein in sich geschlossenes _Unterrichtsfach_ auftreten. Dieser
+Arbeitsunterricht als Fach ist nicht eine »Entweihung« der Volksschule,
+sondern ihr größter Segen. In Bayern ist seit mehr als 100 Jahren in
+einer großen Zahl von Mädchenklassen der Arbeitsunterricht als Fach
+eingeführt, in München seit fast 50 Jahren in nicht weniger als
+durchschnittlich drei Stunden in der Woche, und keinem Menschen ist es
+bis heute nur im Traum eingefallen, diesen Unterricht, der ruhig für
+sich seine eigenen geschlossenen Bahnen läuft, als eine Entweihung der
+Mädchenschule zu betrachten und aus dem Lehrplan der Mädchenvolksschule
+zu streichen. Nun wird man vielleicht einwenden: Stricken, Nähen,
+Leibwäsche herstellen und sie ausbessern ist der Beruf fast aller
+Mädchen. Aber nicht alle Knaben ergreifen den gleichen manuellen Beruf.
+Das ist richtig. Aber daraus zu schließen, daß man deswegen überhaupt
+keinen systematischen Arbeitsunterricht in den inneren Organismus der
+Schule eingliedern darf, ein solcher Schluß steht ungefähr auf der
+gleichen Höhe wie der, daß, weil nicht alle Menschen die gleiche Nahrung
+vertragen, man ihnen am besten gar keine Nahrung gibt.
+
+Noch vor hundert Jahren, da der Geist Pestalozzis in den deutschen
+Schulverwaltungen lebendig war, war es selbstverständlich, nicht bloß
+für alle Mädchen, sondern auch für alle Knaben Arbeitsschulen und
+Arbeitsunterricht zu fordern. Und wenn auch die Verfügungen in den
+napoleonischen Wirren und in der nachher das Haupt erhebenden
+Reaktionszeit nicht ausgeführt wurden, so zeigen sie doch zunächst
+eine in dieser Hinsicht die Gegenwart überragende Einsicht und
+redlichsten Willen. Der Allerhöchste Erlaß des Kurpfalzbayrischen
+Generalschulendirektoriums von 1803 an die Lokalschulkommissionen
+Bayerns ist ein schönes Beispiel hierfür. »Gewisse technische
+Fertigkeiten sind jedem Menschen mehr oder minder notwendig. Darum ist
+es notwendig, daß überall _Arbeitsschulen für Knaben und Mädchen_ angelegt
+und mit Lehrschulen in Verbindung gebracht werden. Von diesen Schulen
+sollen auch jene nicht freigesprochen werden, von denen es vorauszusehen
+ist, daß sie einstens nicht notwendig haben zu arbeiten, um sich zu
+ernähren; denn abgesehen vom Wechsel des Glücks, wodurch viele geerbten
+Reichtum verlieren, so ist es immer gut, daß jeder lerne, den Vorzug zu
+schätzen, sich selbst den notwendigen Unterhalt erwerben zu können und
+jenen gehörig zu achten, der durch Arbeitsamkeit und Kunstfleiß sich
+einen Wohlstand zu verschaffen versteht.« Dabei waren in jenen Zeiten
+noch Familienwohnsitz und Arbeitsstätte des Vaters enge verbunden, und
+die Jugend wuchs nicht auf, wie heute fast ausnahmslos in unseren großen
+Städten, ohne die häusliche Schule der Arbeit, ja ohne auch nur den
+kümmerlichsten Einblick in die manuelle Arbeit des Vaters zu gewinnen
+und vom Zauber ihres Segens erfaßt zu werden.
+
+Wesentlich tiefer noch gräbt um die gleiche Zeit der Leiter des
+Frankfurter »Philanthropins« _Jakob Molitor_, ganz in Pestalozzischen
+Gedankengängen sich bewegend. Man glaubt in _John Dewey's_ »School and
+Society« von 1901 zu lesen, wenn man in seiner Abhandlung »Über die
+bürgerliche Erziehung« die Sätze findet: »Es ist der größte Fehler
+unserer heutigen Erziehung, daß sie die Kinder mit allem bekannt macht,
+was in der Ferne liegt, und in demjenigen ganz unwissend läßt, was sich
+in ihrer Nähe befindet. _Deshalb ist zwischen dem Leben und unserer
+Schule jetzt so eine ungeheure Kluft. Die Schule ist eine eigene fremde
+Welt, in der das Kind ganz andere Dinge hört, als es im Leben sieht_....
+Die lebendige Kraft der alten Erziehung beruhte darauf, daß sie mit den
+Umgebungen anfing.... Unter dem Gewühle von reger Tätigkeit, mitten
+unter den Geräten und Werkzeugen der Arbeit ... wächst das Kind des
+Landmannes und des Handwerkers empor. Es siehet und höret von Jugend
+auf, und was es siehet und höret, wirkt lebendig und kräftig auf seinen
+Sinn. _Der Acker, die Werkstätte, wird ihm der Mittelpunkt seiner Welt
+und seines Daseins_, der Punkt, um den sich alle Gedanken drehen, an den
+sich alle Begriffe anknüpfen, von dem sie ausgehen und wohin sie alle
+zuletzt wieder zurückkehren.... Sie (die Schule) sollte, so wie es in dem
+Gange des Lebens immer geschieht, _überall mit der Praxis beginnen und
+aus ihr die Theorie entwickeln_.... Man darf nie aus dem Auge verlieren:
+die Kinder von Jugend auf mit ihrem künftigen Stande und dessen
+Verhältnissen und Beschäftigungen bekannt zu machen, und solchergestalt
+deren Gegenstand jederzeit zum _lebendigen Mittelpunkt aller
+Betrachtungen_ zu machen.« Muthesius, der in einem Artikel
+»Fortbildungsschule und Volksschule« in den Pädagog. Blättern neuerdings
+auf Molitor hingewiesen hat, glaubt sicher, daß Molitors Schrift Goethe
+bei der Abfassung der pädagogischen Provinz in Wilhelm Meisters
+Wanderjahren fruchtbare Anregungen gegeben hat, nachdem Bettina Brentano
+ihn mit Molitors Schriften bekannt gemacht habe. Das ist um so
+wahrscheinlicher, als Goethes Anschauungen über Erziehung zu allen
+Zeiten in der gleichen Richtung sich bewegt hatten, wie ich an anderer
+Stelle zeigen konnte.
+
+Der Zweck der _vorbereitenden_ Erziehung für den manuellen Beruf liegt
+indes nicht in der Einführung in die Arbeitsprozesse, Werkzeuge,
+Maschinen und Materialien eines bestimmten Berufes, ebensowenig wie der
+Zweck der vorbereitenden Erziehung für einen geistigen Beruf in der
+Übermittlung von Kenntnissen für den zukünftigen Beruf besteht. Hier wie
+dort liegt der Zweck der vorbereitenden Erziehung in der Gestaltung der
+Organe, die für die Ausbildung des Berufes notwendig sind, in der
+Gewöhnung an ehrliche Arbeitsmethoden, an immer größere Sorgfalt,
+Gründlichkeit und Umsicht, und in der Erweckung der rechten
+Arbeitsfreude. Wer in irgendeiner systematischen Beschäftigung (mit
+Holzarbeit z. B.) diese Qualitäten erworben hat, der besitzt sie und
+wendet sie bei jeder manuellen Arbeit an, die der spätere Beruf bringt,
+genau ebenso wie derjenige, der im Latein oder in der Mathematik seine
+logische Denkfähigkeit, seine Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe
+entwickelt hat, sie besitzt und anwendet, wenn er auch später nicht
+Philologie, Mathematiker oder Naturwissenschaftler wird, sondern Jurist,
+Historiker oder Philosoph. Ja die Übertragung dieser in einer _manuellen_
+Arbeitserziehung erwachsenen Qualitäten auf manuelle Arbeiten anderer
+Gebiete ist sehr viel gesicherter als die Übertragung erworbener
+Qualitäten auf _geistigen_ Arbeitsgebieten, wo nicht selten Vorurteile,
+Parteimeinungen, religiöse Bindungen usw. verhindern, die auf einem
+Gebiete sich auswirkende Kraft der Wahrheitsliebe und des logischen
+Denkens in gleicher Rücksichtslosigkeit auf anderen Gebieten schaffen zu
+lassen.
+
+Aus der ersten Aufgabe der öffentlichen Schule, der Aufgabe der
+Vorbereitung für die Berufsbildung, ergibt sich also mit Notwendigkeit
+für die Organisation der Volksschule die Forderung des fachlichen,
+systematisch sich entwickelnden Arbeitsunterrichts, und diese
+Notwendigkeit wird verstärkt durch den Umstand, daß auch die geistige
+Entwicklung der Massen mangels frühzeitiger hervorragender
+intellektueller Begabung unweigerlich auf den Boden der Erziehung durch
+manuelle Arbeit gestellt werden muß. Nun verlangen aber auch die
+manuellen Berufe, vor allem die gelernten Berufe, schon wegen der
+Verflochtenheit ihrer Interessen mit den Interessen des Staates auch die
+Beherrschung der primitiven Kulturwerkzeuge des Lesens, Schreibens,
+Rechnens, Zeichnens, die wir etwa mit dem, wenn auch nicht ganz
+zutreffenden Ausdruck »geistige Fertigkeiten« zusammenfassen können. Sie
+verlangen den Besitz von körperlicher Gesundheit und gewisse Einblicke
+in die Gesetze der Natur und der eigenen hygienischen Lebensführung, zu
+welchem Zwecke Leibesgymnastik und Naturkunde zu wesentlichen
+Bestandteilen des Volksschullehrplans gemacht werden müssen. Das sind
+Forderungen, auf die hier nicht weiter einzugehen ist. Dagegen ist zu
+betonen:
+
+_Je inniger die Entwicklung der geistigen Fertigkeiten mit der
+Entwicklung der manuellen Fertigkeiten im Fachunterricht assoziiert
+werden kann, desto glücklicher ist die Organisation der Volksschule,
+desto ungezwungener und sicherer entwickeln sich auch die geistigen
+Fähigkeiten._
+
+Wüßte man von allen Kindern rechtzeitig, welchem Berufe sie sich nach
+Neigung und Begabung zuwenden, wären nicht so viele Kinder in der
+Berufswahl vom Zufall oder vom Herkommen abhängig, würden nicht bei
+einer so großen Anzahl von Kindern infolge der Arbeitsverhältnisse ihrer
+Eltern oder aus anderen Gründen bestimmte Arbeitsinteressen sich
+überhaupt erst spät oder nie entwickeln, so wäre die beste Organisation
+der Volksschule die, welche die Kinder nach Gruppen ihres zukünftigen
+Berufes zusammenfassen würde und, _ohne diese Schule zur Berufsschule zu
+machen_, ihren aus der ersten Aufgabe entspringenden Teil der Schularbeit
+als Vorbereitung für den kommenden Beruf organisieren würde. Würden sich
+vollends die in dieser Schule zusammengefaßten _gelernten_ Berufe der
+Schüler mit denjenigen Berufen decken, denen auch ihre Eltern nachgehen,
+so ließe sich in dieser Schule auch jenes Organisationsideal
+verwirklichen, nach welchem die Schule nicht ein Fremdkörper im Leben
+des Kindes sein soll, nicht etwas von der täglichen Arbeit im häuslichen
+Kreise Isoliertes, sondern ein diese häusliche, tägliche Arbeit des
+Zöglings aufgreifendes, sie veredelndes, geistig aufhellendes
+Bildungsorgan des Staates. Dann könnte der Lehrer, wie Pestalozzi im
+Schwanengesang meint, »sein Nebenwerk in des Vaters Arbeit so
+hineinflechten, wie ein Weber seine Blumen in ein ganzes Stück Zeug
+hineinwebt«. Aber keine dieser Bedingungen ist im allgemeinen heute
+gegeben, höchstens noch in rein ländlichen oder in wirtschaftlich
+primitiven Verhältnissen. In den allermeisten Fällen muß die Volksschule
+auf diese Konzentration verzichten, nicht aber die Fortbildungsschule,
+die diesem Ideal der Organisation in hohem Grade nachkommen kann und
+muß, und, wie das Beispiel Münchens zeigt, auch nachgekommen ist.
+
+Aber auch wenn die Volksschule, so wie sie gegenwärtig möglich ist, in
+den meisten Fällen ihre Arbeit nicht mit der _praktisch_ gerichteten
+Tätigkeit des Hauses und der Familie verweben kann, von der Forderung,
+die praktischen Interessen, die so ganz und gar das Seelenleben des
+Volksschülers, des noch werdenden Menschen, ausmachen, soweit als
+möglich zum Mittelpunkt der Unterrichtstätigkeit zu machen, kann sie
+nicht befreit werden. Ihre vornehmste Aufgabe bleibt alsdann zu sehen
+und zu sorgen nicht bloß, wie sie diese praktischen Interessen zum
+Nutzen des späteren Berufslebens vertiefen und ausbauen kann, sondern
+vor allem, wie sie die mit aller praktischen Arbeit verbundene rein
+geistige Aktivität entwickeln und so den Übergang von _bloß praktischen_
+Interessen zu _theoretischen_ Interessen für alle jene vermitteln kann,
+deren Veranlagung diese Entwicklung ermöglicht. »Es ist ein
+Gemeinplatz«, sagt _John Dewey_ in seinem Buche »Interest and Effort«
+(Hougthon Mifflin Company, Boston 1913, Seite 83), »daß das
+Grundprinzip der Naturwissenschaften mit der Relation von Ursache und
+Wirkung auf das engste verbunden ist. _Aber das Interesse an dieser
+Beziehung setzt zunächst auf rein praktischem Gebiet ein._ Irgendeine
+Wirkung wird beabsichtigt, und alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die
+Bedingungen, welche diese Wirkung erzeugen. Zunächst herrscht das
+Interesse an der Erfüllung des beabsichtigten _Zweckes_ vor. Aber in dem
+Maße, als dieses Interesse verflochten wird mit _wohldurchdachten_
+Bemühungen, den Zweck, trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten und
+Hindernisse zu erreichen, wird das Interesse am praktischen Zwecke oder
+an der praktischen Wirkung notwendigerweise übertragen auf das Interesse
+an den Mitteln (eben den Ursachen), die die Wirkung zustande bringen. Wo
+handwerkliche Arbeit, wo Gartenarbeit, wo Kochprozesse usw. mit
+Verständnis (d. h. mit beständiger Überlegung von Ursache und Wirkung)
+durchgeführt werden, ist es eine verhältnismäßig einfache Sache, das
+zunächst rein praktisch gerichtete Interesse umzuwandeln in ein
+Interesse für Versuche um bloßer Entdeckungen willen. Sobald jemand
+interessiert ist an einem Problem als einem Problem, an Untersuchungen
+und Studien um der Lösung des Problems willen, dann ist das Interesse
+bereits rein theoretisch geworden.«
+
+Unsere allgemeinen öffentlichen Schulen nehmen wenig oder gar keine
+Rücksicht in ihren Lehrplänen auf diesen Fundamentalsatz aller geistigen
+Entwicklung, die immer und überall von praktischen Interessen zu
+theoretischen vorwärts schreitet. Sie haben bis heute die Befriedigung
+der praktischen Interessen selbst da ausgeschlossen, wo die Masse der
+Schüler nur in seltenen Fällen überhaupt über praktische Interessen in
+ihrer geistigen Entwicklung hinausschreitet. Sie glaubt schon Großes
+getan zu haben, wenn sie bei der Einführung in ihrem vom sonstigen Leben
+des Schülers isolierten theoretischen Unterrichtsbetrieb an
+Vorstellungen aus dem praktischen Leben anknüpft. Das ist der größte
+Mangel, der unseren allgemeinen Schulen anhaftet.
+
+
+
+
+III. DIE ZWEITE UND DRITTE AUFGABE DER ÖFFENTLICHEN SCHULE
+
+
+Die zweite Aufgabe, die wir aus dem Zweck aller öffentlichen Schulen
+abgeleitet haben, ist _die Versittlichung der Berufsaufgabe_. Die
+Versittlichung aller dem Rechtsbewußtsein einer Zeit genügenden
+Handlungen beginnt da, wo sie ausgeübt wird, entweder um unseren inneren
+Personenwert zu erhöhen, oder wo sie aus einer uneigennützigen Neigung
+zu einem sittlichen Fremdwert entspringt. Eine Schulklasse so
+gewissenhaft als möglich zu führen, weil man als Lehrer zu ihrer Führung
+berufen und für diese Arbeit bezahlt wird, ist noch nicht sittlich. Das
+gleiche ohne Rücksicht auf Bezahlung tun, weil man sonst die Achtung vor
+sich selbst verlieren würde, ist bereits Sittlichkeit. Es zu tun aus
+reinem Gefallen an dem inneren Wert, an der inneren Erhöhung, die wir
+bei solcher Gesinnung fühlen, auch ohne Rücksicht auf das strafende
+Gewissen, ist sittlicher. Es zu tun, weil man sich keine schönere
+Aufgabe denken kann, als in dieser Weise dem Fortschritt der
+Gemeinschaft der Menschen zu dienen, ist am sittlichsten. Das
+Bewußtsein, daß man eine Arbeit, und wäre es auch die kleinste und
+niedrigste, zum Wohle einer Gemeinschaft ausführt, der man angehört,
+leitet immer die Versittlichung unserer Tätigkeit ein. Um dieses
+Bewußtsein durch die Schule zu entwickeln und aktionsfähig zu machen,
+gibt es zunächst kein anderes Mittel als das, welches ich als
+_Organisation des Schulbetriebes im Geiste der Arbeitsgemeinschaft
+bezeichnet habe_. Natürlich gibt die freiwillige Eingliederung in eine
+Arbeitsgemeinschaft noch keine Gewißheit für die Versittlichung der
+Tätigkeit. Aber wenn die Arbeitsgemeinschaft selbst der Träger einer
+sittlichen Idee ist, wenn sie etwa der Pflege edler Kameradschaftlichkeit,
+der Hingabe an Wissenschaft, Kunst, Religion, der Erforschung der
+Wahrheit, der Unterstützung Hilfsbedürftiger, dem Schutze der
+Gerechtigkeit usw. dient, ist es im allgemeinen leicht verständlich,
+daß der freiwillige Dienst in solcher Arbeitsgemeinschaft, wie häufig
+er auch von Knaben und Mädchen aus anderen Gründen gesucht worden sein
+mag, sich aus einem Dienste um rein praktischer Zwecke willen in einen
+Dienst um der sittlichen Idee willen umzuwandeln vermag.
+
+Kein Gedanke ist aber unserem deutschen Schulwesen fremder geblieben als
+der Gedanke der freiwilligen Arbeitsgemeinschaft. Nur an wenigen Volks-
+und höheren Schulen hat er eine bewußte Verwirklichung gefunden, sei es
+in den eigentlichen Unterrichtsmaßnahmen, sei es in den Maßnahmen für
+die Gestaltung der Schuldisziplin, oder sei es in freiwilligen
+Arbeitsleistungen der Schüler, die dem Schulbetriebe zugute kommen. Und
+doch haben wir seit fast hundert Jahren die ausgezeichneten Vorschläge,
+die Fichte in seinen »Reden an die deutsche Nation« gemacht hat, worin
+er wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften empfiehlt als wesentliche
+Erziehungsfaktoren für die kommende Generation. Ich habe darauf schon
+seit zwölf Jahren wiederholt hingewiesen, ebenso wie auf die Versuche
+von Dr. Lietz in seinen Landerziehungsheimen und auf den glänzenden
+Versuch John Deweys in Chicago, der leider nach so kurzer Zeit wieder
+eingestellt worden ist.
+
+Ganz anders ist der Gedanke der Arbeitsgemeinschaft in die englischen
+und amerikanischen Schulen eingedrungen. Zwar hat auch dort noch der
+eigentliche Unterrichtsbetrieb wie bei uns in Deutschland nur die
+Förderung des _einzelnen_ im Auge; dagegen finden wir in einer großen
+Anzahl von Schulen dieser Länder die Fragen der Klassen- und
+Schuldisziplin der Selbstregierung der Schüler anvertraut und den
+Gedanken der Arbeitsgemeinschaft in literarischen, sportlichen,
+wissenschaftlichen und künstlerischen Schülerverbänden verwirklicht. Wir
+Deutsche, denen das Bewußtsein, daß die Schulangelegenheiten
+unmittelbare Angelegenheiten des Volkes sind, bei weitem noch nicht
+genügend auf die Seele brennt, denen das Regiertwerden in allen
+Schulfragen zum unentbehrlichen Lebensbedürfnis geworden ist, wir
+Deutsche stehen noch immer vor dem Problem der Verwirklichung dieses
+Gedankens, ohne daß wir eine nennenswerte Aktivität hierfür entwickeln.
+Wir denken selbst da kaum daran, wo, wie bei der Organisation von
+Schulfesten, die Arbeitsgemeinschaft der Schüler eines der natürlichsten
+Dinge der Welt wäre. Das hängt nicht zum kleinen Teil auch damit
+zusammen, daß der landläufige Buchunterricht unserer Schulen, unser
+Lesen, Schreiben, Rechnen, unser Bibel- und Katechismusunterricht, unser
+Geschichts-, Geographie-, Literatur- und Sprachunterricht für eine
+Durchführung des Schulbetriebes auf der Basis der Arbeitsgemeinschaft
+im eigentlichen Unterrichtsbetrieb überhaupt nicht geeignet ist oder nur
+teilweise geeignet gemacht werden könnte, nämlich vielleicht in den zwei
+obersten Klassen mit Hilfe reichhaltiger Klassen- und Schulbibliotheken.
+Schulküchenunterricht für Mädchen, Gartenbau und Blumenpflege und
+fachlicher Arbeitsunterricht in Werkstätten, die alle ein Hauptfeld für
+die Entwicklung der Arbeitsgemeinschaft bieten, wie alle praktische
+Tätigkeit überhaupt, sind heute nur in relativ wenigen deutschen
+Volksschulen obligatorisch eingeführt. Regelmäßige gemeinsame
+Schülerübungen in Physik, Chemie und Biologie, die nicht weniger zu
+Organisationen gemeinsamer Arbeit die Möglichkeit bieten, fehlen als
+Pflichtbestandteile des Volksschulunterrichts fast überall. Wenn aber
+auch _Pestalozzi_ in der Arbeitsbildung die Wurzel wie der intellektuellen
+so auch der sittlichen Bildung erblickt, wenn auch _Natorp_ in Arbeit und
+Arbeitsgemeinschaft Kern und Mittelpunkt der sittlichen Bildung sucht,
+wenn, wie er behauptet (vgl. Religion innerhalb der Grenzen der
+Humanität, 1908, Verlag Mohr, Tübingen, S. 7), die Tugend des
+Gemeinschaftslebens, die Gerechtigkeit, nur gelernt wird durch die
+unmittelbare Teilnahme an der Gemeinschaft selbst, haben wir da nicht
+alle Ursache, unsere Schulen, soweit als immer es möglich ist, in
+Arbeitsgemeinschaften umzuwandeln?
+
+Ich hatte den Gedanken der Arbeitsgemeinschaft im Unterrichtsbetrieb vor
+vielen Jahren kaum laut ausgesprochen, als zwar technische Bedenken
+gegen seine Durchführung nicht erhoben, dagegen der moralische Nutzen
+sehr in Frage gestellt wurde. Die Tüchtigen und Herrschsüchtigen, so
+sagte man, werden stets die Führung in den Arbeitsgemeinschaften an sich
+reißen, die Masse aber wird hypnotisiert, gezwungen oder freiwillig
+immer wie eine Hammelherde hinter den Führern nachlaufen. Gewiß, die
+Tüchtigen werden die Führung haben, sie sollen sie haben. Ich habe sie
+oft genug in unseren auf Arbeitsgemeinschaft basierten Schülerübungen
+der Volks- und Fortbildungsschule beobachtet. Aber dazu ist ja gerade
+die Schule da, diese Führer zu lehren, ihre Führerschaft im Dienste der
+Schwachen auszuüben. Würde jemand empfehlen, die Arbeitsgemeinschaft
+des Staates zu zertrümmern, weil im Staate die Menschen sich in
+Führer und geführte Massen trennen? Für jeden konsequent Denkenden
+ist diese Erscheinung erst recht ein Grund zur Einführung der
+Arbeitsgemeinschaften in die Schule. Natürlich setzt diese Einführung
+eine tiefe Einsicht der Lehrer in die Wirkungsweise von Arbeitsverbänden
+voraus. Man darf sie nicht bilden, ehe nicht die Schüler überhaupt ein
+gewisses Minimum von geistiger, manueller und moralischer
+Leistungsfähigkeit auf dem betreffenden Arbeitsgebiete haben. Auch wird
+man nicht allzu ungleiche Elemente zunächst in Arbeitsgemeinschaften
+verketten und wird den großen Egoisten, die es immer und überall gibt,
+allezeit ein wachsames Auge zuwenden. Ab und zu wird man die Führer
+aller Gruppen, soweit es sich um Arbeitsgemeinschaften im
+Unterrichtsbetrieb handelt, herausnehmen und zu einer eigenen
+Arbeitsgruppe vereinigen, damit sie nicht beständig im Bewußtsein
+überragender Kraft leben. _Vor allem aber müssen die Lehrer der Schule
+selbst vom Geiste der opferwilligen Arbeitsgemeinschaft_, die sie
+untereinander und mit ihren Schülern bilden, _tief durchdrungen sein_.
+Gerade die letzte Forderung wird der generellen Durchführung des
+Problems durch alle Schulen Deutschlands die größte Schwierigkeit
+bereiten. Denn wieviel Idealismus unter den Lehrern auch herrscht, der
+Idealismus der freiwilligen Opferwilligkeit auch außerhalb der durch
+Dienstvertrag geregelten Arbeitszeit ist wie bei allen anderen Ständen
+auch bei den Lehrern nur in einem nicht allzu großen Prozentsatz
+vorhanden. Wo Handwerkergeist die Lehrer einer Schule beherrscht, werden
+die Schüler schwer zu Arbeitsgemeinschaften außerhalb des
+Unterrichtsbetriebes sich vereinigen, und wo sie es tun, wird diesen
+Arbeitsgemeinschaften nur allzu leicht die versittlichende Kraft fehlen.
+Umgekehrt: Wo die Schülermassen einer Schule vom rechten Geiste der
+Arbeitsgemeinschaft erfaßt sind, da stellt dieser Geist selbst das
+glänzendste Zeugnis für den inneren Wert der Lehrerschaft dieser Schule
+aus. Die Quellen der moralischen Opferwilligkeit versiegen nur zu
+leicht, wo sie nicht beständig vom Beispiel einer selbstlosen Umgebung
+in den Zöglingen genährt werden.
+
+Mit der Durchführung des Prinzips der Arbeitsgemeinschaft ist aber nicht
+bloß eine der wirksamsten Kräfte der Versittlichung der Berufserziehung
+unserer Schüler gegeben, sondern es werden auch eine ganze Reihe von
+wertvollen Eigenschaften entwickelt, die sonst kaum im regulären
+Schulbetrieb Nahrung fänden. Durch die mannigfachen Berührungen, in
+welche die Arbeitsgemeinschaft die Schüler immer und immer wieder
+bringt, entwickelt sich vor allem eine Eigenschaft, auf die ich im
+zweiten Teile meiner Untersuchung zu sprechen kommen werde, die
+_Feinfühligkeit_, die an sich noch keine moralische, wohl aber eine für
+die Charakterentwicklung höchst wertvolle Eigenschaft ist. Weiterhin
+findet dadurch vor allem eine moralische Eigenschaft gerade in den
+Tüchtigsten unserer Schüler eine Förderung, wie sie bisher die
+öffentliche Schule überhaupt nicht bieten konnte: ich meine die
+Entwicklung des Bewußtseins der _Verantwortlichkeit_. Nicht nur die Führer
+der Arbeitsgruppen, sondern auch jedes einzelne Mitglied einer
+Arbeitsgruppe wird sich tagtäglich bewußt, wie seine Leistungen sowohl
+für ihn von Bedeutung sind als auch für die Qualität der Leistung der
+ganzen Gruppe. Unsere heutigen Schulen sind kaum imstande, den _Begriff_
+der Verantwortlichkeit im Schüler zu erwecken, geschweige daß sie
+imstande wären, in ihm das brennende Verantwortlichkeitsgefühl zu
+erzeugen. Wenn nicht die Arbeitsgemeinschaft des Hauses hier den
+Löwenanteil auf sich nimmt, verschwindet diese Grundeigenschaft des
+brauchbaren Staatsbürgers mehr und mehr.
+
+Freilich ist zur vollen Auswertung der erziehlichen Kraft der
+Arbeitsgemeinschaft auch noch »eine eingehende Seelenpflege, eine
+planvolle Klärung des sittlichen Urteils nötig«, wie W. F. Foerster in
+seiner Schrift »Staatsbürgerliche Erziehung« (B. G. Teubner, Leipzig
+1910) mir gegenüber hervorheben zu müssen glaubt. Gewiß, »die bloße
+Übung im Zusammenarbeiten ist noch kein Schutz gerade gegen die
+kommenden Versuchungen des _korporativen_ Egoismus, der für den Staat
+mindestens so gefährlich ist wie der _persönliche_ Egoismus«. Aber an
+dieser _mündlichen_ Seelenpflege hat es bisher wenigstens an den _besten_
+unserer Schulen nicht gefehlt, wenn auch durchaus anzuerkennen ist, daß
+die ausgezeichneten Anweisungen, die Foerster vor allem in seiner
+»Jugendlehre« (Berlin, Reimer) gibt, die Einsicht in die Notwendigkeit
+solcher Lehre erst recht in den Vordergrund des Interesses gerückt hat.
+Woran es dagegen durchaus fehlt in unseren Schulen, das ist die
+_praktische_ Seelenpflege, ohne welche alle »Klärung des sittlichen
+Urteils« höchstens da wertvoll wirkt, wo das Gemeinschaftsleben der
+Familien seine Schuldigkeit tut. Darum ist heute nichts notwendiger für
+unsere Schulen als Einrichtungen zu treffen, in denen diese praktische
+Seelenpflege von selbst ihr fruchtbares Arbeitsfeld findet.
+
+Eine Schule nun, die nicht imstande ist, den sittlichen Geist der
+Hingabe an andere durch das Mittel der Arbeitsgemeinschaft und des sich
+auf ihren sittlichen Gewohnheiten aufbauenden Gesinnungsunterrichts zu
+bilden, ist noch viel weniger geeignet, die dritte und letzte Aufgabe in
+Angriff zu nehmen, die wir aus dem Zweck der öffentlichen Schule
+abgeleitet haben: ihre Schüler anzuleiten, _an der Versittlichung des
+großen Gemeinwesens_, in dem sie leben und ihre berufliche Tätigkeit
+ausüben, _mitzuarbeiten_. Für diesen höchsten Akt der staatsbürgerlichen
+Erziehung der Jugend, welcher die Grundaufgabe aller öffentlichen
+Erziehung sein muß, ist eben die frühzeitige Gewöhnung, im Dienste einer
+Idee zu arbeiten, das weitaus Wichtigste.
+
+Die _Volksschule_ allerdings kann wenig mehr tun, als diese Gewöhnung
+durch das Mittel der Arbeitsgemeinschaft anzubahnen. Die jugendliche
+Unreife und nicht zum geringen Teile auch die mangelnde geistige
+Begabung ihrer Schüler lassen die Bestrebungen, die darauf ausgehen, im
+Geschichts- oder ethischen oder sonstigen Unterricht die Schüler über
+die Aufgaben des Staates und vor allem über die sittlichen Aufgaben
+wirksam zu belehren, als im großen und ganzen zwecklos erscheinen. Die
+Tätigkeit, welche hier Frankreich entfaltet in seiner »instruction
+civique« an den Volksschulen, hat mich angesichts der dort bestehenden
+politischen Verhältnisse nicht eines besseren belehrt.
+
+Was aber die Volksschule mit gutem Erfolg durchführen könnte, das ist:
+die Schüler an der Versittlichung ihres eigenen kleinen Gemeinwesens der
+Klasse oder der ganzen Schule, ihrer eigenen kleinen schulischen
+Lebensgemeinschaft durch Zweckverbände, die dazu aus den Schülern
+organisiert sind, praktisch arbeiten zu lassen. Sie könnte dies nicht
+bloß, sie tut es bereits tatsächlich, allerdings nicht in Deutschland,
+wohl aber in Tausenden von Volksschulen der Vereinigten Staaten in
+Nordamerika. Der »Schulstaat« ist jenseits des Ozeans längst kein
+theoretisches Problem mehr. Selbst in der Riesenstadt Neuyork fand ich
+in der 110. Volksschule an der Kreuzung der Cannon- und Broome-Street
+ein glänzendes Beispiel. Eine Klasse dieser Schule hatte sich vor etwa
+zwölf Jahren eine »Verfassung« gegeben und in einer »Charter«
+niedergelegt. In der Urkunde, welche die Verfassung festlegt, sind den
+Bürgern auch eine Reihe von Schülerpflichten vorgeschrieben, z. B.
+»höflich und gütig zu sein gegen alle«, »alles zu vermeiden, was gegen
+die Gesetze des Staates oder der Stadt ist oder was das Recht und das
+Glück anderer verletzt«, »jeder allgemeinen Versammlung der Schüler
+anzuwohnen«, »zur Aufrechterhaltung der Gesetze beizutragen«, »andern
+ein gutes Beispiel zu geben«, »alles zu tun, was die Wohlfahrt der
+Schule fördern kann« usw. Zur Aufrechterhaltung der Gesetze sind zwei
+eigene Gerichtshöfe gebildet, einer von den Knaben, einer von den
+Mädchen. Der Erfolg war nach den Mitteilungen der Leiterin so gut, daß
+der Staat sich allmählich ausdehnte und heute alle _höheren_ Klassen
+umfaßt. Die Nachbarschaft der Schule ist eine der dichtbevölkertsten der
+Welt. Alle Nationalitäten scharen sich in riesigen Logierhäusern um die
+Schule: Russen, Italiener, Deutsche, Iren, Österreicher, Ungarn,
+Rumänen, Griechen. Das Notwendigste war hier, den Kindern dieser
+einander gänzlich fremden Rassen ein selbstloses Interesse aneinander zu
+lehren, von innen heraus Autorität zu entwickeln, statt ihnen Autorität
+aufzudrücken, und den Kindern zu zeigen, daß Ordnung besser ist als
+Anarchie. Jeder Bürger wurde Lehrer eines neuzugewanderten fremden
+Kindes. So wuchs der Schulstaat auf einer gesunden Basis. Die kleinen
+Bürger sind gütig gegen die kleinen Verbrecher, nur verzichten sie mit
+ihnen zu spielen. »Der einzige Weg, auf welchem solch eine
+Selbstregierung hoffen kann, erfolgreich zu sein,« meinte Miß Simson,
+die Leiterin der 110. Schule, »ist, daß die Lehrer sich nicht
+dareinmengen. Sie müssen, äußerlich wenigstens, diese Regierung
+ignorieren. Ich selbst«, sagte sie, »habe niemals den Kindern einen Rat
+gegeben, ausgenommen zu der Zeit, da die Kinder ihre Verfassung
+(Charter) vorbereiteten. Und von dieser Zeit an leben sie genau nach
+dieser Verfassung, und die ganze _Selbstregierung hat die Schule, die
+einst vor zehn Jahren als die schlechteste der Stadt galt, zu einer der
+besten umgewandelt_.« (Vgl. auch meine fünf Aufsätze über das Schulwesen
+der Vereinigten Staaten, Süddeutsche Monatshefte, Jahrgang 1912.)
+
+Die _Fortbildungsschulen_ dagegen, namentlich jene, deren beruflicher
+Unterricht ohnehin schon ein geistig gewecktes Schülermaterial verlangt,
+sind bereits zum mindesten in den zwei letzten Jahresklassen imstande,
+auch die Aufgaben der Staatsgemeinschaft dem Verständnis der Schüler
+näher zu bringen. Nicht zum wenigsten aus diesem Grunde ist die
+obligatorische, auf staatsbürgerliche Erziehung gerichtete
+Fortbildungsschule mit einer qualitativ und quantitativ ausreichenden
+Unterrichtszeit die wichtigste Forderung für den Ausbau der Organisation
+der Volksschule in Deutschland. Wie dieser Ausbau vollzogen werden muß,
+damit er auch unserer dritten Aufgabe gerecht wird, darüber habe ich
+mich zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Reden und Schriften
+eingehend geäußert. (Vgl. »Grundfragen der Schulorganisation«, 4.
+Auflage 1920; »Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung«, 4. Auflage
+1919, Verlag B. G. Teubner, Leipzig. -- Ebenso »Staatsbürgerliche
+Erziehung der deutschen Jugend«, 6. Auflage 1917, Verlag Carl Villaret,
+Erfurt.)
+
+Bei weitem die aussichtsreichsten Möglichkeiten zur Durchführung der
+dritten Aufgabe bieten die _höheren Schulen_. Hier sind die praktischen
+Maßnahmen, welche die einzelnen Schüler in den Dienst verschiedener
+Zweckverbände ihrer Mitschüler stellen, sehr viel leichter durchführbar
+als an den Volks- und Fortbildungsschulen. An den Volksschulen bildet
+bisweilen die geringe körperliche, geistige und sittliche Reife
+namentlich in den großen Städten ein schwer zu nehmendes Hindernis für
+die Gestaltung von freiwilligen Arbeitsgemeinschaften im Dienste der
+Schulaufgabe. Die Schüler der höheren Klassen unserer Volksschulen sind
+eben durchschnittlich ein bis zwei Jahre jünger als die höheren Klassen
+der Volksschulen der Vereinigten Staaten. Zum mindesten machen solche
+Arbeitsgemeinschaften sehr sorgfältige Überlegungen und
+Vorsichtsmaßregeln nötig und setzen in höherem Maße ein im verborgenen
+mitarbeitendes Lehrpersonal voraus. An den deutschen Fortbildungsschulen
+liegt die Hauptschwierigkeit darin, daß die Schule selbst mit ihrer
+relativ geringen Unterrichtszeit die Schüler zu wenig in gegenseitige
+Berührung bringt und so gewöhnlich nicht imstande ist, jenes
+Gemeinsamkeitsgefühl zu erzeugen, aus dem gewissermaßen spontan die
+Neigung zu freiwilligen Arbeitsverbänden erwacht.
+
+Alle diese Hindernisse kennt die höhere Schule nicht. Dazu kommt, daß
+namentlich in den oberen Klassen die Lektüre der deutschen und fremden
+Klassiker sowohl als auch der intensive Geschichtsunterricht auf die
+Kulturprobleme der menschlichen Gesellschaft und auf die Aufgaben des
+Staates führt, und daß damit eine wissenschaftliche, d. h. eine
+objektive Belehrung über die Aufgaben des Staates und über die
+Pflichten der Staatsbürger von selbst nahegerückt wird. -- Daß die
+höheren Schulen in Deutschland im scharfen Gegensatz zu den Schulen
+anderer germanischer Staaten bis jetzt diese dritte Aufgabe nicht oder
+nur ganz ungenügend in Angriff genommen haben, liegt nicht zum wenigsten
+daran, daß unsere höheren Schulen von anderen Gesichtspunkten aus ihre
+Aufgaben auffaßten als von den hier entwickelten. Sie betrachten sich
+nicht als Werkzeuge der ethischen Staatsentwicklung, sondern als
+Werkzeuge der Gelehrtenbildung in der durchaus falschen Voraussetzung,
+daß der tüchtige Gelehrte von selbst ein »brauchbarer Staatsbürger«
+werde. Die Auffassung wird dadurch genährt, daß es tatsächlich zu allen
+Zeiten große Gelehrte gegeben hat, die auch große Staatsbürger waren.
+Solche Erscheinungen aber zu verallgemeinern, daran sollte uns
+wenigstens der gegenwärtige Zustand in unserem durchschnittlichen
+Gelehrten- und Beamtentum hindern. Wir Deutschen leiden noch immer sehr
+an unserer Vergangenheit, aus der unsere Gelehrtenschulen mit ihren
+Zwecken und Zielen herausgewachsen sind. Unsere angelsächsischen Vettern
+haben diese Art der Vergangenheit abgeschüttelt. Ich habe vor sechs
+Jahren durch einen englischen Freund von den Schülern der Oberklassen
+einer vornehmen englischen Gelehrtenschule in einer unvorbereiteten
+Klausurarbeit die Frage bearbeiten lassen: »Welches ist der Zweck
+unserer Schule, und wie erreicht sie ihn?« Die einstimmige Antwort war:
+»Ihr Zweck ist der zukünftige Staatsbürger.« Die Durchführung des
+Themas, welche die größte Mannigfaltigkeit der Auffassung aufwies,
+zeigte deutlich, daß diese Schüler auch über die Pflichten und
+notwendigen Eigenschaften des Staatsbürgers völlig im klaren waren.
+(Vgl.: »Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung«, 3. Aufl., B. G.
+Teubner, Leipzig.) Welches deutsche Gymnasium hätte mir die gleichen
+einstimmigen Antworten gegeben?
+
+
+
+
+IV. DIE METHODEN DER ARBEITSSCHULE
+
+
+Die Darstellung der Lösung der drei Aufgaben, die sich aus dem obersten
+Zweck der Volksschule naturgemäß ergeben, haben uns zum Grundriß einer
+inneren Organisation der Volksschule geführt, die ich vor neun Jahren in
+meiner Rede in der Peterskirche zu Zürich mit dem Worte »Arbeitsschule«
+bezeichnet habe. Wie alt auch das Wort »Arbeitsschule« sein mag, so darf
+ich doch wohl behaupten, daß der auf diese Weise bestimmte Inhalt des
+Wortes sich nicht mit einem der früheren Inhalte deckt.
+
+Mit den vorausgegangenen Erörterungen ist nun aber der Begriffsinhalt
+des Wortes noch nicht erschöpft. Jene drei Aufgaben und die aus ihnen
+entspringende Organisation geben die ethische _Richtung der
+Charakterbildung_ an, welche die Erziehung durch unsere Volksschule
+einschlagen soll. Damit haben wir eine _erste_ Reihe von Merkmalen des
+Begriffs »Arbeitsschule« gewonnen.
+
+Die _zweite_ Reihe von Merkmalen ergibt sich aus dem _Wesen der
+Charakterbildung selbst_. Indem wir aber dem Wesen der Charakterbildung
+nachgehen, stehen wir vor dem Grundproblem der Erziehung. Es handelt
+sich dabei nicht darum, welche Ziele wir mit dieser pädagogischen Arbeit
+anstreben, sondern an _welche psychischen Kräfte_ des Zöglings wir uns zu
+wenden haben und _wie_ wir sie behandeln müssen. Welche dieser Kräfte sind
+unveränderlich, welche veränderlich und demnach der Beeinflussung durch
+Erziehung zugänglich? Wie muß diese Beeinflussung vor sich gehen, daß
+die persönliche Charakteranlage des einzelnen sich sittlich entwickle,
+ohne wertvolle Eigenschaften dieses Charakters zu unterdrücken, zu
+vernachlässigen oder verkümmern zu lassen? Ich habe in meiner
+Untersuchung über den Charakterbegriff (vgl. »Charakterbegriff und
+Charaktererziehung«, 2. Aufl. 1913, B. G. Teubner, Leipzig) diese Kräfte
+zu ermitteln gesucht.
+
+Es sind vier Kräfte, deren Vorhandensein die Möglichkeit, einen
+wertvollen Charakter erziehen zu können, in Aussicht stellt:
+Willensstärke, Urteilsklarheit, Feinfühligkeit, Aufwühlbarkeit. Die
+Kräfte sind natürlich -- wie alle Seelenkräfte -- nicht völlig
+voneinander unabhängig. Insbesondere beeinflußt die letzte dieser vier
+Eigenschaften, die in der Hauptsache eine unveränderliche Anlage zu sein
+scheint, die drei übrigen in hohem Grade. Denn von der _Tiefe_ und _Dauer_
+der Gemütsbewegungen, die mit einem Grundsatz unseres Handelns, einer
+Maxime unseres Gewissens, einer Idee unserer Welt- oder Lebensanschauung
+verknüpft sind, hängt zu einem erheblichen Teile die Beharrlichkeit
+unserer Willensentschlüsse und die Kraft ihrer Umsetzung in Handlungen
+ab. Natürlich ist es nicht so, als ob die vier Eigenschaften nun auch
+tatsächlich die Entwicklung eines Charakters gewährleisten. Sie sind
+notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen, die zum Teil schon in
+der Charakter_anlage_ gegeben sein müssen. Hinzutreten muß immer eine
+_erworbene_ Eigenschaft, die einheitliche Organisation der Grundsätze,
+Maximen, Ideen in unserer Seele unter eine oberste Idee, die unserer
+ganzen Seelenstruktur entspricht und deshalb unser Wesen in seinem
+ganzen Umfange und seiner Tiefe ausfüllt.
+
+Die Entwicklung der drei ersten Charaktermerkmale erfordert vor allem
+_Freiheit der Betätigung und Mannigfaltigkeit der Verhältnisse_. Damit
+der Wille sich entwickelt, muß er sich beständig in Handlungen entladen
+können, und damit er stark zu werden vermag, muß er Freiheit und
+Bewegung haben. Damit der Verstand klarer urteilen lerne, muß er seine
+Vorstellungen und Begriffe so weit als möglich _durch Erfahrung selbst
+erarbeiten_. Damit die Feinfühligkeit an Umfang zunehme, müssen Verstand
+und Gemüt frühzeitig in einer Fülle von realen Verhältnissen sich
+bewegen und so gewöhnt werden, rasch und mannigfaltig zu reagieren. Die
+Passivität und Rezeptivität der landläufigen Schulen beeinflußt die
+Entwicklung dieser drei Kräfte oft nur ungenügend, und nicht selten
+sucht die Entwicklung dieser Kräfte dann Auswege, die der Lösung der
+Aufgabe, sie ethisch zu richten, neue Schwierigkeiten bereitet. Zwar
+fließt die alte Pestalozzische Forderung der Selbsttätigkeit des Kindes
+noch immer wie Honig von den Lippen der Pädagogen. Aber diese
+Selbsttätigkeit ist, wo sie der Wort- und Buchbetrieb der herkömmlichen
+Schule nicht überhaupt zum bloßen Schein herabdrückt, im wesentlichen
+fast durch die ganze Schule hindurch für alle drei Grundkräfte des
+Charakters an fest vorgeschriebene Geleise gebannt. Es ist leider mehr
+die Selbsttätigkeit einer Maschine als die der produktiven Arbeit.
+
+Der geringe Einfluß eines solchen Schulbetriebes auf die
+Charakterbildung konnte nicht verborgen bleiben. Die zunehmende
+Individualisierung des kulturellen, politischen und sozialen Lebens in
+Verbindung mit dem immer stärker fühlbar werdenden Mangel an
+uneigennützigen, klaren, selbständigen Menschen, die unzulänglichen
+Lösungen der dem Volke übertragenen öffentlichen Aufgaben ließen uns
+erkennen, daß der modernen deutschen Bildung, wie Lichtwarck am ersten
+Kunsterziehungstage mit vollem Rechte bemerkte, »die gestaltende Kraft
+fehlt«. Wir lernen immer mehr die Bedeutung der durch nichts zu
+ersetzenden, von großen Maximen gerichteten eigenen praktischen
+Initiative einsehen, die nirgends sich entwickeln kann, wo die Erziehung
+dem Zögling in allem, was er tut, streng vorgeschriebene Bahnen weist.
+Immer lauter werden die Stimmen, die nach dem Einzug von _frei gewählter_
+oder doch frei sich auswirkender Betätigung in die Mauern der Schulen
+rufen. In seinem trefflichen Aufsatz ȟber freiere Gestaltung des
+Unterrichts auf der Oberstufe des Gymnasiums« in den Blättern für das
+Gymnasial-Schulwesen 1912, Heft 2, fordert Professor Dr. Paul
+Joachimsen _systematischen Ausbau des Wahlunterrichts_ in den drei oberen
+Klassen des Gymnasiums. (Vergleiche auch Kap. VI.) Das Wort von der
+Pädagogik der Tat wurde zunächst geprägt. Bald aber hatte es dem neuen
+Schlagwort Platz zu machen, dem Schlagwort vom Arbeitsunterricht als
+Prinzip, worunter man die Verbindung von einer Fülle _manueller_
+Tätigkeiten mit allen herkömmlichen Unterrichtsgegenständen verstand.
+Schon diese grobe Veräußerlichung des Begriffes »Arbeitsunterricht« als
+eines Unterrichts in _rein manueller_ Beschäftigung zeigte, wie wenig das
+Wesen des Begriffes der Arbeitsschule erfaßt worden war. Indem nun aber
+eine große Anzahl von Schulmännern überdies den manuellen
+Arbeitsunterricht als Fach vollends ablehnte, beraubte sie auch ihren
+Arbeitsunterricht als Prinzip ein für allemal des besten Einflusses auf
+Charakterbildung. Jedoch in drei heiligen Konzilien 1857, 1882 und 1900
+hatte die deutsche Lehrerschaft das anathema sit dem fachlichen
+Arbeitsunterricht in jeder Form gesprochen. Und andernteils hatte die
+Bewegung für den Handfertigkeitsunterricht das Augenmerk einer großen
+Zahl von Lehrern nahezu ausschließlich auf die manuelle Arbeit gelenkt.
+Da ist es nur zu begreiflich, daß die neue Bewegung nicht sofort in die
+rechten Bahnen kam. Man war überhaupt nicht von der Erwägung
+ausgegangen, die das wahre Wesen des Arbeitsunterrichts hätte erfassen
+lassen. Kindergartenbeschäftigung, Handfertigkeitsbewegungen, die alten
+Forderungen von Selbsttätigkeit usw. führten von vornherein zu einer
+Veräußerlichung des Arbeitsunterrichts als Prinzip. Weil Arbeiten
+gewöhnlich eine manuelle Tätigkeit ist, so glaubte man das Problem der
+Arbeitsschule damit gelöst zu haben, daß man mit _jedem_ herkömmlichen
+Unterrichtsgebiet der Schule irgendwelche manuelle Tätigkeit verband.
+Selbst dem Geschichtsunterricht der oberen Klassen der Volksschule
+glaubte man durch Modellierbögen von Ritterburgen, Laubsägearbeiten nach
+Bauformen alter Stile, Planzeichnen von Schlachtfeldern usw. den
+Charakter von Arbeitsunterricht gegeben zu haben. Das Illustrieren von
+epischen Gedichten und biblischen Erzählungen mußte zur Verherrlichung
+des neuen Prinzips herhalten. Aber so wenig man sich den Begriff des
+kategorischen Imperativs erarbeitet, wenn man einen Holzschnitt von Kant
+nachzeichnet, ebensowenig treffen die erwähnten manuellen Arbeiten den
+Geist des Arbeitsprinzips. Manuelle Arbeit ist im Dienste eines
+Unterrichtszweiges nur da »bildend«, wo Begriffe und Erkenntnisse aus
+Tatsachen der täglichen Erfahrung herauswachsen und das
+Vorstellungsmaterial aus sinnlicher Beobachtung gewonnen werden muß.
+Alle im Laufe der Zeiten entwickelten _geistigen_ Arbeitsgebiete haben
+ihre eigenen spezifischen Arbeitsweisen. Das Arbeitsprinzip ist nur dann
+gewahrt, wenn die Arbeit beim Eindringen in die Vorstellungskreise und
+in die Denkungsweise dieses Gebietes den _Arbeitsmethoden angepaßt ist,
+die sich innerhalb jener Geistesgebiete mit psychologischer
+Notwendigkeit entwickelt haben_. Wer durch zeitgenössische Schilderungen
+und anderes Quellenmaterial oder auch nur aus der Lektüre von
+historischen Schriften der Gegenwart historische Kenntnisse selbständig
+erarbeiten läßt, wer durch den Schülern überlassene dramatische
+Gestaltung von Dichtungen in gebundener und ungebundener Form diese
+Schüler den Inhalt tiefer erleben und erfassen läßt, wer in
+Arbeitsgemeinschaften Gelegenheiten schafft zur Entwicklung der
+Feinfühligkeit im geselligen Verkehr der Schüler, wer die Schüler
+anleitet, selbst durch eigene Versuche in den Kern der physikalischen,
+chemischen, biologischen Gesetze einzudringen, sie alle gestalten den
+Unterrichtsbetrieb nach dem Prinzip der produktiven Arbeit.
+
+Das Wesen der Arbeitsschule und des in ihr lebendig werdenden
+Arbeitsprinzips ist eben ein völlig anderes, als es sich selbst in den
+Köpfen derjenigen Arbeitsschulapostel und Werkunterrichtsprediger
+spiegelt, die auf Kongressen das neue Evangelium ausbreiten wollen. Der
+21. Kongreß des Deutschen Vereins für Knabenhandarbeit und
+Werkunterricht in Charlottenburg 1912 war mir wieder ein wenig
+erfreulicher Beleg hierfür. Ich will daher versuchen, dieses Wesen der
+Arbeitsschule in aller Kürze klarzulegen. Eine eingehende Untersuchung
+der hier aufgestellten Begriffe findet man in meiner Abhandlung: Das
+Grundaxiom des Bildungsverfahrens und seine Folgerungen für die
+Schulorganisation (Verlag Deutsche Union, Berlin 1917).
+
+Die Bildung des Kindes geht immer in der Weise vor sich, daß es in der
+Umgebung, in der es aufwächst, die Kulturgüter ergreift und erlebt,
+welche die Gemeinschaft, der das Kind angehört, als solche Kulturgüter
+wertet, also die Sprache, die Sitten und Gebräuche, die Verfassungen
+und Rechtssysteme, die Religion, die Begriffe und Gesetze der
+Wissenschaften, die Wissenschaften selbst, die Kunstgüter, die
+technischen Güter. Nicht alle sprechen das Kind, den Knaben, den
+Jüngling in gleicher Weise an; für Tausende und aber Tausende hat es in
+seinem eigenen Wesen keinen Schlüssel, sie sich zugänglich zu machen,
+sie zu assimilieren, _sie zu erarbeiten_. Gewisse Begriffe, Maximen,
+Glaubenssätze, Naturgesetze, Kunstformen, Sittlichkeitsvorstellungen,
+Sachkonstruktionen, Arbeitsverfahren usw. dem Gedächtnis einzuverleiben,
+das gibt keine Bildung; _auf das Erarbeiten kommt es an_. Denn nur durch
+das Erarbeiten bilden sich die _Seelenfunktionen in ihrer Totalität_,
+werden leistungsfähiger, kräftiger, zielstrebiger. Nur im Erarbeiten
+entwickeln sich geistige und sittliche Gewohnheiten, die wir am
+_gebildeten_ Menschen so hoch schätzen.
+
+Aber was heißt nun ein Kulturgut erarbeiten? Was ist psychologisch damit
+gemeint?
+
+Um diese Frage zu beantworten, müssen wir überlegen, wie Kulturgüter
+entstehen, nicht im einzelnen, das würde zu einer Philosophie der
+Kulturgüter führen, sondern ganz allgemein. Jedes neue Gut, das Menschen
+der Menschheit schenken, trägt das Gepräge des Geistes, dem es
+entsprungen. Das mag der Geist eines einzelnen oder der Geist ganzer
+Völker und ganzer Generationen sein. Das mag ein individuelles oder ein
+allgemeines Gepräge oder eine Mischung aus beidem sein. Am deutlichsten
+sehen wir das bei den einzelnen Kunstgütern, die ja überhaupt zu allen
+Zeiten die individuellsten Güter waren und sein werden. Denn jedes echte
+Kunstwerk ist der unverfälschte Ausdruck einer Individualität, und zwar
+so sehr, daß man eine neu ausgegrabene, wertvolle Statue, ein neu
+entdecktes, wertvolles Drama, ein nicht gezeichnetes, wertvolles
+Streichquartett sofort und eindeutig auf ihren Autor hin bezeichnen
+kann. _Es trägt neben gewissen objektiven, dem allgemeinen objektiven
+Geist der Zeit entstammenden Zügen vor allem auch die subjektive
+Struktur des Geistes, aus dem es geboren wurde._
+
+Ganz das gleiche gilt für alle Kulturgüter ohne Ausnahme. Die deutsche
+Sprache trägt ebenso die Struktur des deutschen Geistes wie die deutsche
+Philosophie im ganzen, wie in ihren einzelnen, geschlossenen Systemen.
+Selbst Maschinen und Werkzeuge tragen ihr individuelles Gepräge, wie
+Sitten, Gebräuche, Religionsformen. Die verschiedenen Wissenschaften
+tragen die Struktur ganz bestimmter Denkweisen, und diese Struktur ist
+eine andere beim Naturwissenschaftler, eine andere beim reinen
+Mathematiker, eine völlig andere beim Historiker (vgl. vor allem _W.
+Diltheys_ Akademieabhandlung von 1910: Der Aufbau der geschichtlichen
+Welt in den Geisteswissenschaften), wie übereinstimmend auch sonst die
+formal logischen Prozesse in allen drei Wissenschaftsgebieten sich
+verhalten.
+
+Die Tausende von Geräten, die uns täglich umgeben und die wir täglich
+gebrauchen, tragen in ihrer Konstruktion wie in ihrer ästhetischen
+Erscheinung eine volkstümliche Struktur, in der die Arbeit, die geistige
+wie die manuelle, ungezählter Generationen aufgespeichert ist.
+
+Jetzt können wir die Frage beantworten, was heißt ein Kulturgut
+_erarbeiten_: Wenn jedes Kulturgut eine geistige Struktur hat, so hat nur
+derjenige einen Zugang zu ihm, der die gleiche oder doch annähernd
+gleiche geistige Struktur besitzt; und nur für den, der diesen Zugang
+hat, wird das Kulturgut zum Bildungsgut werden. Die geistige Struktur
+des Historikers ist eine andere als die des Physikers, und diese wieder
+eine andere als die des Philologen oder reinen Mathematikers. Ich kann
+auf die grundlegenden Verschiedenheiten hier nicht eingehen. Noch
+ungleich verschiedener sind die geistigen Strukturen der Künstler, der
+Religionsstifter, der Techniker. Keiner von ihnen besitzt, sofern wir es
+mit reinen einseitigen Ausprägungen dieser Individualitäten zu tun
+haben, den Schlüssel zu den Kulturgütern des andern.
+
+Sobald aber meine geistige Struktur der geistigen Struktur des
+Kulturgutes angepaßt ist, werde ich von ihm ganz von selbst ergriffen,
+und nun fragt sich, ob ich auch geistig oder seelisch stark genug bin,
+es zu assimilieren. Ich kann es nur assimilieren, indem ich durch
+ununterbrochene Tätigkeit, die aus der _Totalität_ meiner Individualität
+wächst, mich in das Wesen des Kulturgutes zu versetzen suche, d. h. eben
+_es erarbeite_. Jetzt entfaltet das Kulturgut seinen Bildungswert, und
+zwar mit zwingender Notwendigkeit. Es ist ja selbst dem analogen
+geistigen Prozeß entsprungen und speichert gleichsam die Bildungsenergie
+dieses geistigen Prozesses potentiell in sich auf, bis der adäquate
+Geist kommt und in der Erarbeitung, Assimilierung des Kulturgutes die
+potentielle Energie wieder in die kinetische Energie seiner
+Persönlichkeit verwandelt.
+
+_Diese potentielle, in der Struktur der Kulturgüter aufgespeicherte
+geistige Energie nenne ich den immanenten Bildungswert der Kulturgüter._
+
+_Die Arbeitsschule aber ist diejenige Schule, die durch ihre Methoden und
+durch die Art ihres ganzen Betriebes die immanenten Bildungswerte ihrer
+Bildungsgüter auslöst._
+
+Es hat also mit dem Geiste der Arbeitsschule nicht das geringste zu tun,
+wenn man im _Geschichtsunterricht_ den Gang von Schlachten oder die
+Formen bekannter Baustile zeichnet und modelliert, wenn man im
+_Sprachunterricht_ Gedichte und biblische Erzählungen illustriert, wenn
+man manuelle _Techniken_, wie _Schreiben_ oder _Zeichnen_, durch andere
+Techniken, wie Erbsenlegen, Stäbchenzusammensetzungen, Tonformen
+vorbereitet, und es ist schon gar nichts, rein gar nichts für die
+Arbeitsschule gesagt, wenn man die geistreiche Unterscheidung von
+»Werkstättenunterricht« und »Werkunterricht« macht, und nur den
+Arbeitsunterricht in der Form des _Werkunterrichts_ gelten läßt.
+
+Der Werkstättenunterricht kann den vollendeten Geist der eben
+definierten Arbeitsschule widerspiegeln, der Werkunterricht nicht und
+umgekehrt. Was heute unter den Titeln »Arbeitsprinzip« und
+»Werkunterricht« in den Volksschulen als Bildungsgeist umgeht, mag als
+Veranschaulichungs- oder Betätigungsprinzip oder als »Spielprinzip«
+(denn auch das ist bei kleinen Schülern durchaus nicht zu verdammen) in
+mäßigem Umfange gebilligt, ja empfohlen werden, aber mit dem Begriffe
+»Arbeitsschule« hat es nichts zu tun. Schon Basedow hat erleben müssen,
+daß Buchstabenformen aus Brotteig weder die Lese- noch die
+Schreibfertigkeit gefördert haben. Druck- und Schreibschrift haben gewiß
+auch ihre nationale wie persönliche Struktur. Auch in ihnen steckt ein
+bestimmter objektiver Geist. Aber diesen von seinen _ersten_ Anfängen an
+zu erarbeiten, ist keine Aufgabe der Schule.
+
+Es gibt andere Methoden, welche die durch solche Dinge erstrebte
+Arbeitsteilung, nämlich der Einführung in das Formsehen und der
+Einführung in das Form-Darstellen, ebenfalls aufgreifen, aber sich gegen
+die Psychologie des Arbeitsunterrichtes nicht versündigen. Wer solche
+Methoden kennen lernen will, dem empfehle ich die Lektüre von Maria
+Montessori: »Il Metodo della Pedagogia Scientifica«, Città di Castello,
+Lapi 1910. Bloße manuelle Betätigung ohne Rücksicht auf die feinen
+physischen und psychischen Zusammenhänge im inneren Verlauf der
+Betätigungsprozesse und ohne Rücksicht auf die damit verbundene
+systematische Willensschulung und Urteilsklarheit ist, wie sehr sie den
+Stempel äußerlicher Arbeit tragen mag, kein Kriterium der Schule, die
+wir Arbeitsschule nennen wollen.
+
+Als Methoden der Veranschaulichung, als Mittel der Sinnesbildung, als
+Befriedigung des so lebhaften Tätigkeitstriebes der Kinder, als
+Belebungsmittel des gesamten Unterrichts können derartige manuelle
+Beschäftigungen nützlich, bisweilen notwendig werden. Aber damit ist
+unserer Schule kein neues Bildungselement zugeführt. Es ist höchstens
+eine alte Forderung erfüllt, die grob vernachlässigt worden ist. Erst
+wenn manuelle Tätigkeit zur Erarbeitung gewisser Kulturgüter als
+systematisches Werkzeug der Willensbildung und Urteilsschärfung
+gehandhabt wird, und selbstverständlich wenn sie nur dort gehandhabt
+wird, wo dies der Natur der Sache nach notwendig und der Natur der Seele
+nach möglich erscheint, erst dann liefert sie ein Bildungselement, das
+unserer Schule bisher fremd war. Das ist aber nur dann der Fall, wenn
+sie auf jeder Stufe die _jeweils vorhandene Ausdrucksfähigkeit der
+ganzen Psyche des Kindes zur präzisen Wiedergabe dessen veranlaßt, was
+es spontan, aus eigenartigem Interesse heraus empfindet, sieht, denkt
+und fühlt, und wenn sie demgemäß in ihrer Anforderung an die
+Geschicklichkeit und Genauigkeit des Ausdrucks Schritt für Schritt
+höhere Anforderungen stellt_.
+
+Ein besonderes Gebiet der Arbeitsschule ist nun auch der
+Arbeitsunterricht im Sinne der _manuellen_ Arbeit. Er ist vor allem ein
+Unterrichtsfeld der Volksschule, weil eben die psychische Form des
+praktischen Verhaltens die Grundstruktur der kindlichen Seele ist. Nun
+gibt es Schulmänner, welche einen solchen manuellen Arbeitsunterricht
+zwar als Betätigungs_prinzip_ in gewissen anderen Unterrichtsfächern
+zulassen, nicht aber als eigentliches Unterrichtsfach.
+
+Aber Arbeitsunterricht als Prinzip und Arbeitsunterricht als Fach gehören
+zusammen wie Griff und Klinge des Messers. Überall, wo die Förderung des
+technischen Ausdrucksvermögens zum Unterrichtsprinzip erhoben wird, ist die
+entsprechende technische Schulung eine unabweisbare Notwendigkeit.
+_Manuellen_ Arbeitsunterricht überhaupt abzulehnen, ist konsequent, wenn
+auch unpsychologisch; ihn aber als methodisches Prinzip zuzulassen, dagegen
+als Fach zu verdammen, das ist gedankenlos. Seit Pestalozzi ist Pflege des
+sprachlichen Ausdrucksvermögens sowohl Unterrichtsprinzip als
+Unterrichtsfach. Die Forderung »jede Stunde eine Sprachstunde« würde wenig
+Zweck haben, hätte die Schule nicht zugleich besondere Fachstunden für die
+Schulung des sprachlichen Ausdruckes. Wir fordern nicht bloß Korrektheit
+der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksweise in allen
+Unterrichtsstunden, wir widmen außerdem einem besonderen _fachlichen_
+Sprachunterricht eine recht beträchtliche Unterrichtszeit. Der von mir vor
+vielen Jahren aufgestellte und jetzt allgemein gebilligte Satz: »kein
+Sachunterricht ohne Zeichnen« würde für die Entwicklung der graphischen
+Ausdrucksfähigkeit und des ästhetischen Sinnes geradezu verhängnisvoll
+werden, hätten wir nicht zugleich auch einen rein fachlichen
+Zeichenunterricht, der im Schüler systematisch gewisse technische
+Fertigkeiten erzieht, ohne welche sein Ausdrucksvermögen höchst stümperhaft
+bleiben müßte. Würden wir Rechnen bloß als Unterrichtsprinzip anerkennen
+ohne besondere technische Übungen im Rechnen, wir würden bald die
+Erfahrung machen, daß der verschwommene Inhalt der so gewonnenen
+Zahlvorstellungen sie mehr und mehr untauglich macht zur Aufhellung
+sachlicher Begriffe. Unsere Mädchenreigen in den Oberklassen der
+Volksschule werden ohne systematische Übungen, welche erst dem Willen die
+Macht geben, das Muskelspiel zu beherrschen, ewig auf dem Niveau des
+harmlosen Kinderspieles bleiben. Nun ist aber das räumliche
+Ausdrucksvermögen, wie es in der manuellen Technik sich äußert, als bloßes
+Vermögen der Seele betrachtet, in nichts, rein gar nichts von den beiden
+andern Vermögen des sprachlichen oder graphischen Ausdruckes verschieden.
+Wenn einzelne es für minderwertig halten in Hinsicht auf den Zweck der
+Erziehung gegenüber den beiden andern, so kann man das zur Not noch
+begreifen. Wer es aber schätzt und seine Pflege als Erziehungsmittel für
+notwendig erachtet, der muß die gleichen Konsequenzen ziehen, die er bei
+der Pflege der andern Ausdrucksvermögen fordert. Mit diesen Erwägungen
+kommen wir auf ein neues Grundmerkmal der rechten Arbeitsschule als einer
+Schule der Charakterbildung.
+
+
+
+
+V. DER FACHLICHE ARBEITSUNTERRICHT UND DER TECHNISCHE LEHRER
+
+
+Was immer die Schule in Verfolgung ihrer Zwecke unternimmt und wie immer
+die Schule ihre unterrichtlichen und erziehlichen Unternehmungen
+einleitet, es gehört zum Wesen der Schule, immer größeren Nachdruck auf
+die sorgfältige Ausführung aller Tätigkeit zu legen, durch welche sie
+Wille, Verstand und Feinfühligkeit entwickeln will. Die Erziehung der
+Willensstärke verlangt unweigerlich, daß keine Arbeit des Kindes Hand
+verläßt, die nicht den Stempel der geistigen oder manuellen Anstrengung
+trägt. Darin unterscheidet sich wesentlich die manuelle Betätigung der
+Volksschule von der des Kindergartens, in dem das reine Kinderspiel die
+Lebensluft des Erziehungsbetriebes ist. Es ist von allerschlimmstem
+Einfluß auf die Willenserziehung, wenn die Kinder einer Schule 7 bis 8
+Jahre hindurch auch nur in einem, geschweige in mehr oder gar allen
+Unterrichtsgebieten sich angewöhnen, eine Sache »so annähernd« oder
+»beinahe« recht zu machen, und nichts verleitet mehr dazu -- ohne daß
+dies absolut notwendig wäre -- als der sogenannte Arbeitsunterricht als
+Prinzip. Denn in neunzig von hundert Fällen artet er in sogenanntes
+Basteln aus und verharrt durch eine Reihe von Klassen in sorg- und
+mühelos spielendem Dilettantismus. Die ganze Willenserziehung des
+Menschen ist eine Integration von unendlich vielen, unendlich kleinen,
+immer im gleichen Sinne gerichteten Anstrengungen der willkürlichen
+Aufmerksamkeit. In sittlichen Kämpfen des späteren reifen Lebens bleibt
+der am ehesten Sieger, dem es am besten gelingt, immer wieder seine
+willkürliche Aufmerksamkeit auf die sittlichen Motive zu lenken, die den
+Entschluß zur Tat auslösen sollen. Die Aufmerksamkeit willkürlich
+festzuhalten, fällt, wie wir alle wissen, den Kindern unendlich schwerer
+als den Erwachsenen. Sie lernen dieses schwierige Geschäft aber nicht,
+wenn man ihnen immer wieder gestattet, ihre manuellen Arbeiten »so
+beinahe« richtig zu machen; wenn man ihnen alle Schwierigkeiten und
+Kämpfe mit dem Material und Werkzeug, alle physischen Anstrengungen und
+alle geistigen Überlegungen schenkt. Noch mehr! Es nisten sich
+Gewohnheiten der Selbstzufriedenheit mit der eigenen mühelosen Arbeit
+ein, trotz aller Unvollkommenheit, die ihr anhaftet. Wir erziehen
+Dilettanten und keine Arbeiter.
+
+Dieser Gefahr nun wird im wesentlichen vorgebeugt, wenn ein
+systematischer fachlicher Arbeitsunterricht, der das Kind vom ersten bis
+achten Schuljahr begleitet, durch die Strenge seiner Anforderungen an
+die Sorgfalt und Genauigkeit einer der jeweiligen kindlichen
+Leistungsfähigkeit angepaßten Arbeit das Kind in seine milde, aber doch
+unnachsichtliche Zucht nimmt. Die geistigen, sittlichen und manuellen
+Gewohnheiten, die in ihm erworben werden, übertragen sich unweigerlich
+auf die manuelle Betätigung in den übrigen Unterrichtsgebieten und
+verdrängen dort den schädlichen Dilettantismus. Die so erzogenen Kinder
+lehnen es dann überhaupt ab, Arbeiten, die sie nur unvollkommen
+erledigen können, auszuführen. Dagegen suchen sie die gleiche Sorgfalt
+des Ausdruckes, der ihnen im fachlichen Arbeitsunterricht zur Natur
+geworden ist, auf die ihnen im übrigen Unterricht gestellten Aufgaben zu
+übertragen, sofern ihre Reife und ihr _Interesse_ ihnen entspricht. Ein
+klarer Beweis hierfür ist die nahezu automatisch sich einstellende
+Unlust am Zeichnen bei den Kindern im zehnten bis zwölften Lebensjahre,
+sofern bis dahin nicht die graphische Ausdrucksfähigkeit sorgfältig
+geschult wurde oder die Schulung zu keinem befriedigenden Ergebnis
+geführt hat. In beiden Fällen hört um diese Zeit das von fast allen
+Kindern so gerne getriebene Spiel des Zeichnens ganz von selbst auf.
+
+Sprache und Gebärde, Zeichnen und Modellieren (Modellieren im
+allgemeinen Sinn genommen mit irgendwelchem Material) sind
+Ausdrucksmittel. Sie alle dienen der Willenszucht und der Urteilklärung
+nur dann, wenn eine systematische Schulung den Zögling lehrt, seine
+Ausdrucksfähigkeit zu steigern und ihn gewöhnt, im Schweiße seines
+Angesichts für jeden Gedanken den allein zutreffenden Ausdruck mit
+möglichster Selbständigkeit zu finden und jeder gedachten Form die dem
+Materiale zugängliche Vollendung zu geben. Darin allein ist das Wesen
+des Arbeitsunterrichts als Prinzip zu suchen.
+
+Die Richtung, die unser Charakter nimmt, hängt nicht zum geringen Teile
+auch davon ab, wie wir unsere tägliche Arbeit tun. Jede oberflächliche
+Arbeit, die unsere Hand verläßt, jedes »Ungefähr-Machen«, das wir uns
+erlauben, drückt sich in unserer Willensentwicklung ab. Solange das Kind
+wirklich spielt und spielen darf, ist alles »Andeutungsweise-Machen« nicht
+nur erlaubt, sondern notwendig. Denn im reinen Kinderspiel liefert die
+manuelle Tätigkeit nur die Unterlage für die frei spielende Phantasie. Die
+Arbeitsprodukte haben hier symbolische Bedeutung. Sie sind nicht Zweck der
+Tätigkeit. Aber die Schule muß ja das Spiel in Arbeit verwandeln, und hier
+haben die Arbeitsprodukte Wirklichkeitswert. Hier sind sie ausgesprochene
+Zwecke der Tätigkeit, und da der Charakter lediglich durch Handeln sich
+bildet, so muß es der Erzieher größte Sorge sein, daß alles Handeln den
+Stempel der gründlichen Überlegung, der größten Sorgfalt und der absoluten
+Ehrlichkeit trägt. Dabei kommt es gar nicht darauf an, was wir unsern
+Zögling tun lassen, _in welcher Technik_ wir seine manuelle
+Geschicklichkeit und Ausdrucksfähigkeit entwickeln. Eine oder zwei
+Techniken genügen vollkommen. Alles, was wir fordern können, ist nur das
+eine, daß die gewählten Techniken zu immer größerer, von dem Zögling selbst
+durch mechanische Mittel kontrollierbarer Genauigkeit sich entwickeln
+lassen. Weil diese Eigenschaften dem Modellieren in Ton, soweit es vom
+sechs- bis zwölfjährigen Kinde gefordert werden kann, im allgemeinen nicht
+anhaften, darum erachte ich diese Technik im Gegensatz zum Modellieren in
+Pappe, Holz, Metall als ungeeignet für die Volksschule. Alle Apostel der
+Arbeitsschule mögen sich bewußt bleiben, daß es ein Verbrechen an unserer
+deutschen Schule ist, das Arbeitsprinzip auf einen anderen Boden zu stellen
+als auf den der Gründlichkeit und Zuverlässigkeit, der beiden
+Eigenschaften, denen unser deutsches Volk seine wesentlichsten Erfolge
+verdankt. Die in unseren Versuchsklassen in München in dieser Richtung
+gemachten Erfahrungen, daß selbst den sechsjährigen Kindern die Forderung
+größter Genauigkeit die Arbeitsfreude nicht im geringsten zu schädigen
+vermag, im Gegenteil sie von Monat zu Monat steigern läßt, geben mir
+vollkommene Gewähr dafür, daß vom _Beginn_ der Schularbeit an dieser Weg
+mit bestem Erfolge betretbar ist.
+
+Indem aber unser Arbeitsprinzip auf diesem Boden sich verankert, steht
+es naturgemäß der Forderung entgegen, die _vom Beginn_ alles Unterrichtes
+an die _freie_ Betätigung der manuellen und geistigen Kräfte zum System
+erhebt. Wer die Ausdrucksmittel nicht beherrscht, wird auch die
+einfachsten Dinge nicht auszudrücken vermögen. Die mechanische Übung im
+systematischen Gebrauch der Ausdrucksmittel ist die unerläßliche
+Voraussetzung für wertvolle freie Betätigung, für jede produktive
+Arbeit. (Vgl. meine Abhandlung »Produktive Arbeit und ihr
+Erziehungswert« in »Grundfragen der Schulorganisation«, B. G. Teubner,
+Leipzig.) Die Einführung in den Gebrauch der Ausdrucksmittel geschieht
+auf allen Gebieten auf dem Wege der Nachahmung. Selbst jene Menschen,
+welche die allergrößte Tiefe des Ausdruckes besaßen, unsere
+hervorragenden Künstler, waren zu Beginn ihres Schaffens im wesentlichen
+Nachahmer (Dürer, Raffael). An dem sorgfältigen, unermüdlichen Studium
+der Ausdrucksmittel und Ausdrucksmethoden anderer hat sich ihre Kraft
+entfaltet und schließlich jene Freiheit und Gewalt gewonnen, die uns
+völlig neue Kunstwerte schenkte. Erst wenn der Zögling eine genügende
+Sicherheit im Gebrauch der Ausdrucksmittel erworben hat, soll der
+Erzieher der eigenen Initiative des Zöglings immer freieren Spielraum
+gewähren. _Das ist der zweite Fundamentalsatz für die Durchführung des
+Arbeitsprinzips._ Natürlich widerspricht es diesem Grundsatz nicht, wenn
+die Schule vom Anfang ihrer Tätigkeit gelegentlich immer wieder dem
+Schüler die Möglichkeit freier Betätigung gibt, teils in Anknüpfung an
+die oft noch ungebrochene Spielfreude des Kindes und der aus ihr
+quellenden belebenden Anregung für ernstere Tätigkeit, teils um den
+Schüler selbst den Mangel an Beherrschung der Ausdrucksmittel von Zeit
+zu Zeit fühlen zu lassen. Nichts ist zu erinnern, wenn wir ab und zu in
+den Unter- und Mittelklassen außerhalb des systematischen Arbeitsplanes
+für die Entwicklung des graphischen Ausdruckes irgendwelche aus der
+freien Initiative des Kindes entspringende Zeichnungen zulassen. Dagegen
+erdrosselt das _beständige_ Illustrieren und planlose Darstellen nur zu
+leicht die schwachen Begabungen der graphischen Ausdrucksfähigkeit, wie
+sie gewöhnlich in den Massen vorhanden sind.
+
+Wenn wir aber im Interesse der Charakterbildung eine derartige
+Behandlung des Arbeitsprinzips für geistige und manuelle Arbeit
+verlangen, und wenn uns andernteils der Zweck der Volksschule
+unmittelbar darauf führt, der sorgfältigen Entwicklung der rein
+praktischen manuellen Begabungen durch Einführung eines besonderen
+Unterrichtsfaches Rechnung zu tragen, wenn andererseits die
+Lehrerbildung unmöglich mehr weiter mit gründlicher Einführung in
+technische Fertigkeiten belastet werden kann, welche Konsequenz folgt
+daraus? Es muß glatt ausgesprochen werden, daß wir in der Arbeitsschule
+neben dem _theoretisch wissenschaftlich_ durchgebildeten Lehrer noch einen
+zweiten Lehrer nötig haben, den _technisch_ durchgebildeten.
+
+Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Dieser technische Lehrer kann für die
+obersten Klassen der Volksschule bei sorgfältiger Auswahl und
+nachträglicher pädagogischer Schulung direkt aus der gewerblichen Technik
+genommen werden. Wir haben in München die besten Erfahrungen damit gemacht,
+ebenso wie Paris oder Stockholm. Eine endgültige Lösung ist aber dieser Weg
+nicht. Die endgültige Lösung werden uns technische Lehrer bringen müssen,
+welche die analoge seminaristische Ausbildung haben wie die
+wissenschaftlichen Lehrer. Es ist durchaus möglich, wenigstens für die
+Zwecke der eigentlichen Volksschule (für die anschließende
+Fortbildungsschule würde es allerdings nicht ausreichen) auf dem bisherigen
+Lehrerbildungswege durch gewisse Modifikationen der Lehrpläne technische
+Lehrer zu erziehen. Die »Manual Training High Schools« der Vereinigten
+Staaten Amerikas, die so viele technische Lehrer für die Volksschule sowohl
+als auch für die Manual Training High School selbst vorbereiten, liefern
+einen glänzenden Beweis hierzu. Das Seminar für technische Lehrer, das sich
+an die Präparandenschule oder an die sechsklassige Realschule (deren
+Unterricht ich mir selbstverständlich gleichfalls auf praktische Arbeiten
+ausgedehnt denke) anschließt, hat das Schwergewicht seiner Unterweisung
+neben der gründlichen Einführung in Pädagogik, Psychologie und Ethik nur
+auf die praktisch-technische Erziehung in Verbindung mit Physik und Chemie
+zu legen, während das Seminar für die theoretisch durchzubildenden Lehrer
+neben den pädagogischen Lehrfächern und ihren Hilfswissenschaften den
+Unterricht in Literatur, Geschichte, Geographie wie bisher weiterpflegt.
+Man kann wie in den Manual Training High Schools beide Seminare in einer
+einzigen Anstalt vereinigen. Denn das eine große Hauptunterrichtsgebiet,
+die Pädagogik, mit allen ihren Zweigen, ist ja beiden Gruppen von Lehrern
+gemeinsam. Nur in dem zweiten großen Hauptgebiet von obligatorischen
+Unterrichtsfächern gehen die beiden Gruppen auseinander. Dabei bleibt es
+insbesondere den theoretisch auszubildenden Lehrern unbenommen, ja es
+dürfte ihnen sogar dringend zu empfehlen sein, freiwillig in einem
+fakultativen Unterricht, der eine geringe Zeit umspannt, ihre manuelle
+Geschicklichkeit weiter auszubilden. Denn der technische Lehrer soll ja
+später in der Volksschule nur die technischen Unterrichtsfächer
+einschließlich Zeichnen und vielleicht auch physikalischen und chemischen
+Laboratoriumsunterricht übernehmen, um so für den Schüler in allen
+technischen Fragen eine gründliche Schulung sicherzustellen. Soweit für den
+gesamten übrigen Volksschulunterricht die manuelle Betätigung grundsätzlich
+gefordert werden muß, weil die _Erarbeitung_ des Bildungsgutes es notwendig
+oder wünschenswert macht, d. h. soweit mit dem gesamten übrigen Unterricht
+Arbeitsunterricht im Prinzip verbunden ist, bleibt diese Betätigung immer
+dem theoretisch gebildeten Lehrer vorbehalten. Der theoretisch gebildete
+Lehrer darf nie ganz ohne manuelle Geschicklichkeit sein, auch wenn er
+technisch nicht so ausgebildet werden kann, daß er den fachlichen
+Arbeitsunterricht mit der nötigen Gründlichkeit zu leiten verstünde. Wird
+dieser Weg der Ausbildung des technischen Lehrers gewählt, so dringt kein
+neues Element in die Volksschule ein, während die Ausbildung der Lehrer
+selbst für ihre besonderen Zwecke sehr viel gründlicher angelegt werden
+kann. Es ist mir immer ein Rätsel, wie die Volksschullehrer, im Gegensatz
+zu den akademischen Lehrern, mit dem nämlichen Atemzug die Einführung in
+immer mehr Gebiete des Wissens und der Technik und zugleich eine
+wesentliche Vertiefung ihrer Bildung verlangen können. Das sind zwei
+Forderungen, die sich grundsätzlich ausschließen.
+
+Die Forderung technischer Lehrer bringt überdies auch der Volksschule
+gar nichts Neues. Der hier für die männliche Lehrerwelt zu betretende
+Weg ist in den allgemeinen Mädchenschulen längst beschritten, wo
+technisch und seminaristisch gebildete Lehrerinnen seit einem
+Jahrhundert friedlich nebeneinander hausen. Niemand war es bisher auch
+nur im Traum eingefallen, gegen die technischen Lehrerinnen sich zu
+wenden. Und gerade der Staat Preußen ist der erste Staat Deutschlands
+gewesen, der Seminare für technische Lehrerinnen auf Staatskosten
+eingerichtet hat, und die Stadt Dortmund ist in selbständiger Weise nach
+dem Vorschlage Dornheckters unter Erweiterung des Bildungsbereiches der
+technischen Lehrerinnen diesem Beispiel gefolgt. Frankreich, England,
+Schweden und die Vereinigten Staaten haben den gleichen Weg auch längst
+in ihren Knabenschulen betreten. Soweit sie eigener Lehranstalten für
+technische Lehrer entbehren, wie in Frankreich, scheuen sie sich nicht,
+da wo es unbedingt nötig ist, nämlich in den Oberklassen, diesen
+Unterricht pädagogisch veranlagten Handwerkern _einstweilen_
+anzuvertrauen.
+
+Und doch meinte Gutmann auf der 18. Hauptversammlung der bayrischen
+Lehrer zu Regensburg: »Als die schwerste Verirrung muß ein selbständig
+neben den übrigen Unterrichtsgegenständen hergehender und von
+Handwerkern geleiteter Handfertigkeitsunterricht angesehen werden.«
+Dieser aus innerer Überzeugung hartnäckige Gegner der Arbeitsschule ist
+aber sich wohl bewußt, daß die Lehrerbildung keine weitere Belastung
+mehr verträgt, sondern direkt nach Entlastung schreit. Daraus folgert er
+aber nicht, daß die Lasten auf zwei Schulterpaare zu verteilen sind,
+sondern daß die Volksschule jede Art fachlichen Arbeitsunterrichts weit
+von sich weisen muß. Dann sind aber auch alle unsere technischen
+Lehrerinnen für Handarbeits- und Schulküchenunterricht nur eine Folge
+der schwersten pädagogischen Verirrungen unserer Schulverwaltungen, dann
+sind auch die Fachzeichenlehrer vieler deutscher Volksschulen, die
+ausgezeichneten Turnlehrer der schwedischen Schulen, die Singlehrer
+vieler amerikanischer Schulen, die verschiedenen Typen der technisch
+gebildeten Haushaltungslehrerinnen, wie ich sie in Glasgow und Edinburg
+gesehen habe, aus den Mauern der Volksschule unbarmherzig zu verbannen,
+auch wenn es völlig unmöglich ist, _jeden_ Lehrer außer zu einem
+Naturwissenschaftler, Geographen, Historiker und Germanisten auch noch
+zu einem gewandten Techniker, Turner, Sänger, Zeichner usw. auszubilden.
+
+Ich meine, je eher der deutsche, seminaristisch gebildete Lehrerstand
+einsehen lernt, daß er einen gleich berechtigten, technisch gebildeten
+Lehrerstand zur Ergänzung unbedingt nötig hat, desto eher wird es auch
+möglich werden, seinen schmerzlichen Ruf nach tieferer Bildung zu
+erfüllen. Ich kann nur das eine sagen: Ob die Umwandlung der Volksschule
+in eine Arbeitsschule, die auch den manuellen Arbeitsunterricht als
+wohlgepflegtes Unterrichtsfach in ihren Bildungsplan aufnimmt, eine
+Umwandlung, welche kommen wird und kommen muß trotz aller Widerstände,
+sich zum Segen oder Unsegen unseres Volkes entwickeln wird, das wird
+davon abhängen, ob der technische Lehrer und mit ihm die von
+langjähriger Erfahrung und eingehendem Verständnis gebildete
+gewissenhafte manuelle Betätigung auch in unseren deutschen
+Knabenschulen Einzug halten wird oder nicht. Schwierigkeiten, die sich
+hierbei in ungeteilten Schulen einstellen, lassen sich in verschiedener
+Weise überwinden, ähnlich wie die Schwierigkeiten für den weiblichen
+Handarbeitsunterricht in den gleichen Schulen. Der technisch gebildete
+Lehrer ist die unmittelbare Konsequenz der Forderung, daß unsere
+Volksschule auch die ungeheuren Massen derjenigen in der Richtung eines
+sittlichen Charakters erziehen will, _deren intellektuelle Kräfte nicht
+ausreichen_, auch rein geistige Kulturgüter zu _erarbeiten_ und damit aus
+der bloß geistigen Arbeit eine Schulung ihres Charakters zu gewinnen.
+Unsere Hilfsschulen, deren Handfertigkeitsunterricht so vielfach (nicht
+überall glücklicherweise) über den Pegel der Spielerei nicht
+hinaussteigt, werden sehr viel besser noch organisiert werden können,
+wenn auch dort der pädagogisch durchgebildete technische Lehrer den
+heutigen Dilettanten ersetzt.
+
+
+
+
+VI. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBETRACHTUNG
+
+
+Das aber ist die Sehnsucht und die Sorge aller ernsten Reformer unserer
+Tage, daß unsere Volksschule ein Werkzeug für Charakterbildung werde,
+auch für die überwiegend große Zahl der geistig schwächer Veranlagten.
+Die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts haben uns gelehrt und
+lehren es immer mehr, daß die Pflege des gedächtnismäßigen Wissens, das
+nur zu sehr den Geist unserer allgemeinen Volks- und höheren Schulen
+beherrscht, nicht zu jener Volks- und Menschenbildung führt, welche die
+modernen Staaten von Tag zu Tag nötiger haben. Sie haben uns gelehrt,
+daß das Schwergewicht aller Schulen, weit weniger auf Anhäufung des
+_Wissens_ als auf die Entwicklung von geistigen, moralischen und manuellen
+_Fähigkeiten_ zu legen ist, daß sie mechanische, aber von Einsicht in ihre
+Zweckmäßigkeiten getragene Fertigkeiten auszubilden haben, welche der
+lebenspendenden produktiven Arbeit allzeit bereite, getreue und
+gewissenhafte Diener liefert zur Vollendung der vom schaffenden Geist
+diktierten Werke, und daß dieser Weg der Ausbildung für einen großen
+Teil unserer Bevölkerung der einzige ist, der in diesem Teil Männer und
+Frauen von starkem, ehrlich gerichtetem Willen zu erzeugen vermag.
+
+_Indem die Arbeitsschule die Schule der selbständigen Erarbeitung der
+Bildungsgüter ist_, in dem Sinne, wie ich es in Kap. IV ausgeführt habe,
+und _zwar einer Erarbeitung durch die Gesamtheit des Seelenlebens, ist die
+Arbeitsschule jene Organisation der Schule, der die Charakterbildung über
+alles geht_. Gerade dieses Zweckes halber sucht sie in ihrem
+Unterrichtsbetrieb Ernst damit zu machen, die Massenhaftigkeit und die
+damit notwendig verbundene Oberflächlichkeit des Wissens aus der Schule zu
+verbannen. Indem sie dabei einen Organisationsbetrieb des Unterrichtes
+sucht, der dem Kinde gestattet, möglichst viel Erfahrungswissen zu sammeln,
+baut sie von selbst der unmäßigen Zufuhr von bloß überliefertem Wissen eine
+Mauer entgegen. _Der Sinn der Arbeitsschule ist, mit einem Minimum von
+Wissensstoff ein Maximum von Fertigkeiten, Fähigkeiten und Arbeitsfreude
+im Dienste staatsbürgerlicher Gesinnung auszulösen._
+
+Ausgehend von dem äußeren höchsten sittlichen Gut im sittlichen
+Gemeinwesen, dem Kultur- und Rechtsstaat der Ethik, haben wir gefunden,
+daß jede öffentliche Schule drei und nur drei Grundfragen zu lösen hat:
+1. die Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf des einzelnen im Staate;
+2. die Versittlichung dieser Berufsbildung; 3. die Befähigung des
+Zöglings an der Mitarbeit der Versittlichung des Gemeinwesens selbst,
+dessen Glied er ist. Damit war die ethische Seite der Erziehungs- und
+Unterrichtsaufgabe der Schule bestimmt, die Richtung, welche die
+Charakterbildung einzuschlagen hat. Sie führte auf drei Forderungen:
+
+a) In jedem Unterrichtsgebiet hat die Methode des Unterrichts, soweit
+das Bildungsgut es erlaubt, den Weg der _Erarbeitung_ des Bildungsgutes zu
+gehen, und dieser Weg ist durch die geistige Struktur des Bildungsgutes
+vorgezeichnet.
+
+b) Gehören zu den notwendigen Bildungsgütern einer Schule auch
+technische Bildungsgüter, so hat die Schule auch einen besonderen
+Arbeitsunterricht als Fach einzugliedern. Dies ist vor allem für die
+Volksschule unerläßlich.
+
+c) Da moralische Eigenschaften nur innerhalb der sozialen Güter
+erarbeitet werden können, so ist für die Organisation aller Schulen das
+Prinzip der Arbeitsgemeinschaft überall, wo es sich durchführen läßt,
+ein Grundprinzip.
+
+Die Forderung der Charakterbildung selbst ohne Rücksicht auf ihre
+ethische Richtung, vor allem die Bildung der Stärke und Festigkeit des
+Willens, der Klarheit des Urteils, ließ uns zunächst die _Notwendigkeit
+von Freiheit und Mannigfaltigkeit der Betätigung_ auf allen
+Unterrichtsgebieten erkennen. Sie zeigte uns, daß auf allen Gebieten des
+_durch eigene Erfahrung erwerbbaren Wissens_ die bisher begangenen
+Unterrichtswege in Wege der persönlichen Beobachtung und Erfahrung
+umzuwandeln sind, daß aber dieses Arbeitsprinzip, soweit es der
+manuellen Betätigung bedarf, nicht mechanisch auf die Unterrichtsgebiete
+des _nur durch Überlieferung erwerbbaren Wissens_ übertragen werden darf.
+Sie lehrte uns weiter, daß der manuelle Arbeitsunterricht als Prinzip,
+sofern er nicht bloß der oberflächlichen Veranschaulichung, sondern auch
+der Charakterbildung dienen und ihr nicht direkt gefährlich werden soll,
+unwiderstehlich einen manuellen Arbeitsunterricht als Fach verlangt und
+damit auch an den Knabenabteilungen unserer deutschen Schulen einen
+neuen Typus von Lehrern, den technisch gebildeten Lehrer.
+
+Endlich aber lehrt sie uns ein Letztes und Wichtigstes. Zu den Wurzeln
+der Charakterbildung gehört vor allem auch die Ausbildung der
+Urteilsklarheit, oder, was das gleiche ist, der logischen Denkfähigkeit.
+Sie ist nur erreichbar durch _selbständige geistige Arbeit_. Die
+selbständige geistige Arbeit ist noch mehr ein Kennzeichen der
+Arbeitsschule wie die selbständige manuelle Arbeit. Nur hat sie in der
+Volksschule die allerbescheidensten Grenzen und selbst innerhalb dieser
+können noch viele nicht genügend gefördert werden. Sie ist trotzdem das
+_wesentliche_ Merkmal der Arbeitsschule, da ja auch die manuelle Arbeit zu
+selbständiger geistiger Tätigkeit schon im Rahmen der Volksschule
+anregen soll. Die selbständige geistige Arbeit verlangt aber möglichstes
+Zurückdrängen der alten Formen der Überlieferung von Wissen zugunsten
+aktiver Erarbeitung des Wissensstoffes überall da, wo und soweit es
+möglich ist. Dazu ist eine wesentliche Verminderung des gesamten
+Unterrichtsstoffes, weiterhin die Einführung von geeigneten _geistigen_
+Arbeitsstätten und Bibliotheken für Geschichte, Geographie, Naturkunde
+und Raumlehre, endlich eine entsprechend geistige Schulung der
+seminaristischen wie technischen Lehrer unbedingt notwendig. Die
+Gewohnheiten des empirischen Denkens in Gewohnheiten logischen (oder,
+was das gleiche ist, wissenschaftlichen) Denkens umzuwandeln, das ist
+ein Grundmerkmal der Arbeitsschule, wie es eine Grundforderung der
+Charakterbildung ist.
+
+Insoweit unsere höheren Schulen diese schwierigste aller
+Erziehungsaufgaben erfüllen, sind sie von selbst echte und rechte
+Arbeitsschulen. In der Fähigkeit, immer größere Gedankenketten mit
+logischer Strenge aneinanderzureihen zwecks Lösung geistiger Probleme,
+besteht das Wesen der sogenannten formalen Bildung. Nur vergessen wir
+immer, daß diese Fähigkeit sich nicht bloß dann zeigen soll, wenn wir am
+Schreibtisch in kühler Ruhe wissenschaftliche Fragen zu untersuchen
+haben, sondern vor allem auch im praktischen Verkehr mit den Menschen,
+wenn Vorurteile, Eitelkeit, Ehrgeiz, Leidenschaft die Wege unseres
+Denkens zu verlegen versuchen, wenn wir vor ganz unerwarteten
+Ereignissen stehen und plötzliche Entschlüsse nötig sind, wenn Liebe,
+Zuneigung, Freundschaft die kühle geistige Energie zu lähmen suchen.
+Die Erzeugung einer solchen _Freiheit_ unserer logischen Fähigkeiten
+erfordert ganz andere Einrichtungen als die bloße Beschäftigung mit
+Algebra oder Geometrie, mit Griechisch, Latein, Französisch oder
+Englisch. Daß diese Einrichtungen an unseren deutschen höheren Schulen
+fehlen, darin liegt eben ihr großer Mangel, und an diesem Mangel leiden
+nicht bloß die vielgeschmähten Gymnasien, sondern auch die
+vielgepriesenen Oberrealschulen. Ja die letzteren leiden meines
+Erachtens so lange noch in einem höheren Grade darunter, als ihre
+übermäßige Stoffüberladung die Schüler nicht einmal in der Ruhe der
+Studierstube zu festen Gewohnheiten des logischen Denkens in genügender
+Weise kommen läßt.
+
+In der intensiven Beschäftigung besonders mit den alten Sprachen steckt
+ein ganz hervorragendes Stück Arbeitsschule für alle, deren angeborene
+oder anerzogene Interessen vom _Inhalt_ der alten Schriftsteller erfaßt
+werden. In keiner Güterreihe ist die tatsächliche _Erarbeitung_ des
+Kulturgutes eine so selbstverständliche und kaum zu verfehlende
+Unterrichtsmethode als in der Reihe der fremdsprachlichen Kulturgüter,
+in der Übersetzung dichterischer, philosophischer, historischer Werke.
+Daß diese Arbeitsschule so oft nicht erfolgreich ist, hängt nicht wenig
+davon ab, daß der Betrieb des Unterrichtes diese Interessen nicht nur
+nicht zu entwickeln weiß, sondern vielfach direkt tötet. Ich spreche
+hier aus langer Erfahrung, nicht bloß aus Schülererfahrung, sondern noch
+mehr aus der Erfahrung als Lehrer am humanistischen Gymnasium. Es gibt
+tatsächlich wenige Schüler, die nicht ein natürliches Interesse für die
+Erzählungen Homers, für die Metamorphosen Ovids, für die lebendigen
+historischen Schilderungen Sallusts, für die Dramen des Sophokles, für
+die Oden, Episteln und Satiren des Horaz, für die Germania oder für die
+Annalen des Tacitus haben. Aber wenn, sei es, daß die sprachliche
+Entwicklung der Schüler noch nicht weit genug gefördert ist, sei es, daß
+zu vielerlei durcheinander getrieben wird, die Lektüre solcher Werke
+sich über viele Monate, ja über ein ganzes Jahr oder gar deren zwei
+hinzieht, dann erlahmt selbst bei gutem Unterricht naturnotwendig das
+Interesse, und nur eine ganz selten große Lehrpersönlichkeit kann die
+kaum mehr glühenden Kohlen durch ihr eigenes Feuer immer wieder
+anfachen. Mit dem Erlahmen des Interesses am Inhalt aber verliert das
+Werkzeug der klassischen Sprache des Altertums den besten Teil seiner
+Kraft nicht bloß für die Erarbeitung des geistigen wie ästhetischen
+Gesamtbildes eines Werkes, sondern auch in Hinsicht auf die Schulung zum
+logischen Denken. Ist vollends der Lehrer auch noch ein langweiliger
+oder sonstwie ungeeigneter Mensch, dann regiert die hier zu leistende
+Arbeit höchstens noch der eiserne Zwang und die Furcht vor
+unvermeidlichen Folgen, und der scharfe logische Sinn der Schüler ist
+nicht mehr auf die schwierigen Stellen seiner Klassiker gerichtet,
+sondern lediglich noch darauf, wie er auf bequeme aber sichere Weise dem
+Zwang und der Langeweile entgehen kann. Das ist freilich auch eine
+logische Schulung, aber eine höchst ungewollte und unmoralische.
+
+Es gibt wirksame Mittel, diesen Gefahren zu entgehen. Das eine wäre,
+jedes Werk unter Ausschaltung aller anderen gleichzeitigen Lektüre der
+nämlichen oder auch einer zweiten oder dritten Sprache, also unter
+Zuhilfenahme der ganzen den sämtlichen sprachlichen Zwecken eingeräumten
+Unterrichtszeit, die eine Woche bietet, so _rasch_, als es das scharfe
+Erfassen des Inhalts gestattet, _vollständig_ durchzuarbeiten. Ist das
+Werk zu umfangreich, so müssen einzelne Teile in Übersetzung ganz oder
+auszugsweise vom Lehrer gegeben werden. Alles liegt daran, es in
+möglichst kurzer Zeit bis zum Schlusse zu lesen. Je jünger der Schüler
+ist, je kurzfristigere Ziele also das Interesse hat, desto wichtiger
+wird diese Forderung. Eine Lektüre der Odyssee, die sich über zwei oder
+gar drei Jahre erstreckt, trägt schon den Todeskeim in sich. Muß jeder
+Schüler jeden Vers präparieren? Können nicht Gruppen von Versen immer
+verschiedenen Schülern zugewiesen werden? Kann nicht der Lehrer selbst
+gewisse Gruppen übernehmen? Sollte nicht hier der Platz sein, den
+Gedanken der Arbeitsgemeinschaft in Aktion zu setzen? Machen nicht
+freiwillige Schülerkränzchen schon längst das gleiche? Glaubt irgendein
+Schulmann, daß ein solcher literarischer Schülerverband auch nur ein
+halbes Jahr zusammenhalten würde, wenn er die literarische Kost eines
+Klassikers wochenweise in Teelöffelportionen einnehmen müßte wie der
+Kranke eine Medizin? Sobald die Homerlektüre beginnt, würde ich die
+lateinische Lektüre beiseite legen. Was schadet es, wenn vier bis fünf
+Monate hindurch Rom schweigt, solange Griechenland redet? Rom kann doch
+nachher um so besser wieder zu Worte kommen. Ich bin überzeugt, daß vor
+hundert und mehr Jahren, als die Schulbureaukratie noch nicht so
+entwickelt war wie heute, die lateinischen Schulen in der Mehrzahl nur
+auf diese Weise die alten Klassiker gelesen haben.
+
+Ein zweites wirksames Mittel ist: der obligatorische stille _literarische
+Vormittag_. Am alten Gymnasium in Frankfurt hat er noch, wie mir
+Geheimrat Risser, ein ehemaliger Schüler dieses Gymnasiums, mitteilt,
+bis zum Jahre 1873 existiert. Jede Woche kamen die Schüler der Prima
+einen vollen Vormittag im Lesesaal des Gymnasiums zusammen, um nach
+freier Wahl sich der zusammenhängenden Lektüre eines Werkes der alten
+Klassiker hinzugeben. Abwechselnd führten Lehrer und Rektor der Anstalt
+die Präsenz. Referate vor der Klasse über den Inhalt des Gelesenen
+schlossen die Arbeiten des einzelnen ab. Der Besuch des Lesezimmers war
+ebenso eine Pflicht, wie der Besuch des übrigen Unterrichts. Es ist mir
+durchaus verständlich daß ein solches Unternehmen von Haus aus einen
+ganz anderen Betrieb des Sprachunterrichts schon voraussetzt, als wir
+ihn heute vielfach finden. Die Interessen der Schüler mußten von
+vornherein für eine solche Arbeit gewonnen sein, sonst ergäbe sich aus
+einer solchen Einrichtung nur eine Reihe verlorener Vormittage. Daß ein
+solcher Vormittag möglich und erfolgreich ist, ist ein sehr viel
+besserer Beweis für die Güte der Anstalt als alle Ergebnisse von
+Absolutorialprüfungen. An solchen Schulen kann man auch die
+Beschäftigungsmöglichkeiten erweitern. Es wäre durchaus zulässig, in den
+beiden Primen die Lektüre der Schüler auch auf die deutschen Historiker
+und Dichter, auf die moderne Wirtschaftsgeschichte, auf die allgemeine
+Staatslehre oder ähnliches auszudehnen, je nach den frei ausgesprochenen
+Neigungen der Schüler. Die Hauptsache ist, daß das Gymnasium jedem
+seiner Schüler Zeit gibt, einer Lieblingsneigung nachzugehen, welche
+nicht bloß das logische Denken fördert, sondern auch die Seele mit
+wertvollem Inhalt versieht, und daß es, wie die alte Frankfurter Schule,
+diese Beschäftigung in vornehmer Weise überwacht. Zum Wesen der
+Arbeitsschule gehört die Erzeugung von überschüssiger Arbeitsfreude. Ob
+die höheren Schulen diesen Ehrentitel der Arbeitsschule verdienen, das
+erkennen wir daran, daß ihre reiferen Schüler nicht bloß die Lust,
+sondern auch die Zeit finden, sich freiwillig mit wissenschaftlichen
+Arbeiten gemäß ihren Neigungen zu beschäftigen.
+
+Mit diesen Betrachtungen über die selbständige geistige Arbeit an Volks-
+und höheren Schulen sind für mich die notwendigen Merkmale des Begriffes
+der Arbeitsschule erschöpft. Man erkennt, daß die neue Schule weder einen
+Bruch mit der Vergangenheit bedeutet, noch Undurchführbares verlangt, und
+daß all das Gute, was uns die bisherige Schule gegeben hat, reichlich Platz
+findet im Rahmen der zukünftigen Entwicklung. Was sonst von der neuen
+Schule verlangt werden mag, entspringt Forderungen der Didaktik.
+Didaktische Fragen sind aber zum größten Teil Fragen der Logik, zum andern
+Teil Fragen der Kinderpsychologie, zum dritten Teile Fragen, die von
+räumlichen, zeitlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen abhängen und von
+den Bildungszwecken, welche die Gemeinschaft mit der einzelnen Schule
+verfolgt. Dabei fasse ich »Didaktik« in einem viel weiteren Sinne als im
+Sinne der bloßen Lehre eines Unterrichtsvorganges. Ich kann nicht auf alle
+diese didaktischen Forderungen eingehen. Nur eine einzige will ich noch
+beleuchten, die Frage der Konzentration des ganzen Schulbetriebes. Im
+Prinzip ist sie für mich gelöst in der Forderung, daß die Schule eine
+Vorbereitungsanstalt sein soll für den zukünftigen Beruf des Zöglings. Das
+kann freilich sehr wenig bedeuten, wie in den Volksschulen der großen
+Stadt, wo die Schüler einer Klasse allen möglichen manuellen Berufen
+zuwandern, die überdies von vornherein gar nicht bekannt sind; es kann aber
+auch sehr viel bedeuten, wie in kleinen reinen Landgemeinden, wo Knaben wie
+Mädchen dem Beruf des Landwirts bzw. der Hauswirtschaft entgegenwachsen.
+Daß Konzentration eine wesentliche Voraussetzung alles Erfolges ist, weiß
+jedermann. Aber nicht jene äußerliche Konzentration der Lehrplanschneider,
+sondern jene innere, die in einem und demselben Zeitabschnitt ihre
+Tätigkeit auf möglichst wenige Dinge richtet. Geradezu eine Verirrung der
+Konzentrationsidee aber ist es, die gegenwärtig landläufigen
+Unterrichtsfächer als Bildungskanäle überhaupt aufzugeben und den gesamten
+Wissensstoff in ein ganz willkürlich geordnetes System zu bringen. Alles
+menschliche Wissen hat sich im Laufe der Kultur von selbst in geschlossene,
+wohlgegliederte Reiche gespalten, genötigt durch die Organisation unserer
+psychischen Funktionen. Nur in der dem jeweiligen Wissensstoff inhärenten
+Gliederung entfaltet er die ihm eigentümliche Bildungskraft. Nur in der
+geistigen Struktur der Wissenschaftsgüter, wie aller Güter überhaupt,
+liegt ihr immanenter Bildungswert.
+
+Nur indem der Geist der Schüler an dieser Struktur sich emporarbeitet,
+sofern dies seiner geistigen Veranlagung nach möglich ist, wird dieses
+Gut zu einem Bildungswerkzeug für ihn und verhilft ihm, die Gewohnheiten
+des logischen Denkens und die für die Charakterbildung notwendige
+Klarheit des Urteils zu entwickeln.
+
+Diese übersichtlichen und durchsichtigen Kristallgebäude mit ihrer
+gesetzmäßigen Führung der Lichtstrahlen der Erkenntnis für
+Unterrichtszwecke zu zertrümmern und an ihre Stelle das diffuse Licht
+ihrer Scherbenhaufen zu setzen, das bringt nur der fertig, der keine
+Vorstellung hat von der Bildungskraft eines selbsterarbeiteten Systems
+geschlossener Erkenntnis. Selbst für den fachlichen Arbeitsunterricht
+ist der Unterrichtsgang zunächst durch sein eigenes Wesen bestimmt. Es
+kann keinen pädagogischen Sinn haben, den im Interesse einer immer
+stärkeren Willenszucht und einer immer sicherer werdenden Ausübung der
+elementaren mechanischen Arbeitsprozesse wohlgeordneten Gang seiner
+systematischen Entwicklung zu unterbinden, um eine sogenannte
+Konzentration mit allen übrigen Unterrichtsgebieten herzustellen. Nie
+darf diese Konzentration die ruhige Entwicklung gewisser später
+notwendiger Fertigkeiten stören. Das schließt natürlich durchaus nicht
+manuelle Betätigung in den sonstigen Unterrichtsbetrieben aus,
+ebensowenig wie der systematische Gang des Zeichnens, der gleichfalls
+ohne Rücksicht auf andere Fächer seine eigenen psychologisch fundierten
+Wege gehen muß, es ausschließt, daß aller Unterricht sich auch der
+graphischen Darstellung vom ersten Tage an als Ausdrucksmittel bedient.
+
+Damit steht die Entwicklung unserer zukünftigen Schule in ihren
+wesentlichen Zügen klar genug vor unserem Auge. Ich habe nicht das
+Gefühl, daß wir, indem wir mit unserer ganzen Kraft dieser Entwicklung
+die Wege bahnen helfen, revolutionäre Neuerer sind. Ich habe im
+Gegenteil das Gefühl, daß wir alten, uralten pädagogischen Forderungen
+zum endlichen Siege verhelfen, indem wir streben, in unseren
+öffentlichen Volksschulen auch jenen ungeheuren Massen Bildung zu geben,
+für welche die ausschließlich geistige Arbeit kein Bildungsmittel sein
+kann. Was wir über eine notdürftige Einführung in den selbständigen
+Gebrauch von Schrift- und Zahlzeichen hinaus gegenwärtig diesen Massen
+geben, das ist nicht _Bildung_, sondern _Bildungslack_, der sehr bald reißt
+und springt und bei der überwiegenden Zahl der Schüler innerhalb weniger
+Jahre sich vollständig abbröckelt. Denn ein Wissen, zu dessen
+Erarbeitung keine aus praktischer oder geistiger Arbeit erwachsenden
+Probleme, mögen sie auch allereinfachster Art sein, den Schüler _drängen_,
+nach dem also kein innerliches Bedürfnis im Schüler vorhanden ist, das
+geht ebensowenig mit der Seele eine Verbindung ein wie der Asphaltlack,
+der auf eine Glasplatte gestrichen wird.
+
+Was heute von uns so heiß und mit aller Klarheit erstrebt wird, war vor
+hundert Jahren schon von allen pädagogischen Köpfen schmerzhaft vermißt.
+In _Fichtes_ Nachlaß, Band III, Seite 260 (Bonn 1834) finde ich folgende
+drastische Darstellung seiner Empfindung: »Kaum entwickelt sich des
+Kindes Organ zu dem ersten Lallen und bietet so unserer harrenden
+(Erziehung-)Kunst eine Blöße, so erhält es Worte statt der Dinge und
+Redensarten statt der Empfindungen. Bald werden ihm die _lauten_ Worte,
+ein der Anschauung noch immer zu nahe liegendes Schema, in _tote
+Buchstaben_ verwandelt, bis durch Geläufigkeit auch diese ihre festen
+Formen verlieren und die Kinder in einem Meere von ungeformtem
+Buchstabenelement, als ihrer eigentlichen Welt, schwimmen.... Die
+höchste Kunst der Erziehung ist dann die, ja auf keinem Schatten
+niederer Potenz den Zögling einen Augenblick verweilen zu lassen ...,
+sondern ihn schnell zum Schatten des Schattens und zum Schatten wiederum
+des letzteren und so immer weiter fort zu treiben.... Auf diese Weise
+ist dann der Generation nur noch eine Nebel- und Schattenwelt ohne
+irgendeinen sie tragenden Kern _von Anschauung_, _Wahrheit und Realität_
+übrig geblieben.«
+
+Vor allem habe ich das Gefühl, daß wir in unseren Bestrebungen ganz im
+Geiste dessen handeln, der so viel gepriesen und so wenig verstanden
+wird, der uns in Lienhard und Gertrud, in den Briefen an Heinrich Geßner
+und besonders im Schwanengesang so oft gelehrt hat, daß nur »die Arbeit
+in der das Kind umgebenden Welt« der elementaren Volksschule ihre
+Bildungskraft gibt. Ja, ich wage es zu sagen: Ohne daß diese Worte sich
+genau so in seinen Werken finden, war Pestalozzi der felsenfesten
+Überzeugung, daß die Berufsbildung die Pforte der Menschenbildung ist.
+
+Drei Generationen sind seit seinem Tode dahingegangen. Noch immer harrt
+sein Werk der Vollendung. »Ich glaube es aussprechen zu dürfen,« sagt
+er in seiner Rede an sein Haus am 12. Januar 1818, »das Jahrhundert, bei
+dessen Anfang unsere pädagogischen Nachforschungen begonnen, wird noch
+an seinem Ende die ununterbrochene Fortsetzung unserer Anstrengungen in
+Händen von Männern sehen, die ihre Ansichten und Mittel den vereinigten
+Kräften unseres Hauses danken.« Der Flugsand der Gedankenlosigkeit hat
+Berge über Wahrheiten geschüttet, die einst das Herz des unermüdlichen
+Forschers nach Menschenbildung erfüllten. Aber wirkliche Wahrheiten
+steigen immer wieder wie Geister aus ihren Grüften auf und wandern umher
+und beunruhigen die Herzen der Menschen, bis sie endlich Erlösung und
+Ruhe finden in der Verwirklichung des realen Lebens. Wir alle, die wir
+mit wissenschaftlichem Ernst und hingebender Energie einer
+Schulorganisation die Wege bahnen, die dem Vater der Volksschule vor
+Augen schwebte, bringen diesen Geistern die ersehnte Erlösung.
+Vielleicht wird dann das Ende des 20. Jahrhunderts das in Vollendung
+schauen und genießen, was er am Anfang des 19. Jahrhunderts in heißen
+Kämpfen und in bitterer Not seiner Erkenntnis abgerungen hat.
+
+
+
+
+ANHANG
+
+EIN ORGANISATIONSBEISPIEL FÜR STÄDTISCHE VOLKSSCHULKLASSEN
+
+1. VORBEMERKUNGEN
+
+
+Die Arbeitsschule im Geiste der vorstehenden Entwicklung ist in München
+in der gesamten Fortbildungsschule vollendet, in den obersten Klassen
+der Volksschule für Knaben und Mädchen angestrebt und teilweise
+durchgeführt. Für die systematische Durchführung in den übrigen Klassen
+der Volksschule war nur die königliche Schulbehörde zu haben; die
+städtischen Kollegien dagegen haben die relativ wenigen hierzu nötigen
+Mittel auf Antrag eines Lehrers verweigert. Nur für die Bildung zweier
+Versuchsreihen von je vier aufsteigenden Klassen haben sie im Jahre 1910
+Mittel bereitgestellt. Die eine Reihe sind vier aufsteigende reine
+Knabenklassen, die andere Reihe vier aufsteigende, aus Knaben und
+Mädchen gleichmäßig gemischte Klassen. Eine dritte Reihe von reinen
+Mädchenklassen wurde nicht genehmigt. Aber auch die genehmigten
+Versuchsklassen konnten noch nicht das Ideal der Arbeitsschule
+verwirklichen. Sie waren gebunden an den offiziellen Lehrplan der
+normalen Schulklassen und hatten nur innerhalb seiner traditionellen
+Fächer Bewegungsfreiheit im Dienste der Arbeitsschulidee. Nur vier Jahre
+konnten sich die Versuchsklassen entfalten, gerade lange genug, um das
+nachfolgende Bild gewinnen zu lassen. Die Kriegsjahre erlaubten dann nur
+mehr wenige Klassen durchzuführen; der trostlose Friede wird auch diesen
+wenigen Klassen ihr Ende bereiten, wiewohl ich den ganzen Versuch in die
+Hände der Münchner Lehrerschaft mit meinem Ausscheiden aus
+dem Dienste gelegt habe.
+
+Die Ablehnung einer Durchführung im großen Stil, wie bei der
+Fortbildungsschule, war teils auf die -- wie wir nachher sehen werden --
+unbegründete Furcht vor zu großen Ausgaben, teils vielleicht auch auf
+die berechtigte Sorge um die Erhaltung von Bildungswerten der heutigen
+Buchschule zurückzuführen. Diese Sorge war vielleicht veranlaßt durch
+die teilweise freilich recht verkehrten Vorschläge, welche die Literatur
+über die Arbeitsschule gebracht hat, und durch die tatsächlichen
+mißverständlichen Auffassungen vom Wesen der Arbeitsschule, wie sie in
+ganz Deutschland beobachtet werden konnten.
+
+Ich betrachte die Ablehnung, sofern nur die Versuchsklassen in Zukunft
+ernstlich gefördert werden, nach ruhiger Überlegung als kein Unglück
+mehr. Denn der Geist der Arbeitsschule verlangt eine wesentlich andere
+Lehrerbildung als die heutige. Solange die Lehrer selbst noch in
+Buchschulen erzogen werden, werden es immer nur wenige sein, die aus
+eigener Kraft in das Wesen der Arbeitsschule eindringen. Sind aber die
+Lehrerseminare erst einmal vom Geiste der Arbeitsschule erfüllt, dann
+wird sich dieser Geist unwiderstehlich auch in der Volksschule Bahn
+brechen. Denn die zur Durchführung nötigen Mittel sind nicht so groß,
+daß sie ein wesentliches Hindernis bilden könnten. Dies zeigt die
+Organisation der Versuchsklassen, die gegenwärtig in München im Gange
+sind, und die ich in Kürze nun hier schildern will.
+
+Wenn die Arbeitsschule tatsächlich einen wesentlichen Fortschritt
+bedeutet, wenn die Durchführung des Arbeitsprinzips das aktive Interesse
+der Schüler an allen Unterrichtsgegenständen erhöht, so muß
+notwendigerweise in der Arbeitsschule bei geringerer Unterrichtszeit das
+gleiche erreicht werden können wie in der bisherigen Schule mit ihrer
+_geringeren_ Aktivität der Schüler, aber größeren Unterrichtszeit.
+Demgemäß wurde die Unterrichtszeit in den beiden Unterklassen (erstes
+und zweites Schuljahr) einer Volksschule um etwa vier bis fünf Stunden
+verkürzt. Dagegen war es notwendig, die Klassen, die zwischen 44 und 50
+Kindern zählten, in einer Anzahl von Unterrichtsstunden in zwei
+Abteilungen zu teilen, deren jede getrennt unterrichtet wurde. Denn das
+tatsächliche _Erarbeiten_ von neuen Vorstellungen und die hierbei in
+gewissen Fächern notwendige manuelle Betätigung läßt sich nur mit einer
+mäßigen Schülerzahl durchführen. Eine _durchgängige_ Teilung der Klasse,
+also eine Festlegung der Klassenziffer auf 22 bis 25 Schüler, ist
+durchaus nicht notwendig. Wäre sie notwendig, so könnte heute kein
+Schulverwaltungsbeamter im Ernste die Arbeitsschule in Vorschlag
+bringen. Der Hinweis auf die relativ kleinen Klassen in Schweden oder in
+Dänemark oder in gewissen Teilen der Vereinigten Staaten ist
+gedankenlos. Denn die relativ geringen Lehrergehälter dieser Länder
+erlauben kleine Klassen weit eher als die Lehrergehälter in den großen
+Städten Deutschlands. Eine auskömmliche Bezahlung des Lehrers und damit
+eine Sicherung der Lebens- und Arbeitsfreude ist aber auch für den Geist
+der Arbeitsschule viel wichtiger als die Festlegung einer so niederen
+Maximalfrequenz, die die Ausgaben für das Volksschulwesen einer Stadt
+wie München von 10 (im Jahre 1913) auf 20 Millionen mit einem Schlage
+anschwellen lassen würde. Eine durchgängig so niedrig gehaltene
+Maximalfrequenz ist aber auch gar nicht notwendig zur Durchführung der
+Arbeitsschule. Die Arbeitsschule hat ja nicht bloß die _Einführung_ in die
+Welt des Wissens, Könnens und Wertens zu übernehmen, sondern auch die
+_Einübung_ der durch die Einführung gewonnenen Kenntnisse, Fertigkeiten
+und Werte. Bei der Einübung aber spielen Schülerzahlen eine sehr viel
+geringere Rolle als bei der Einführung. Ja, selbst bei der Einführung
+gibt es Unterrichtsgegenstände, die jederzeit Schülerzahlen von 40 bis
+50 Kinder zulassen, nämlich jene, in welchen es sich nur um die
+Einführung in traditionelles Wissen handelt, das eben auch in aller
+Zukunft nur durch Wort und Buch erarbeitet werden kann, und wo das Buch
+und das an seinen Inhalt anknüpfende Nachdenken direkt die geistige
+Arbeitsstätte bildet. Hierher gehören Geschichte, Religionslehre,
+Gebiete des Sprachunterrichtes, sowie Teile des geographischen
+Unterrichtes.
+
+Die Teilung der _ersten_ Versuchsklasse erfolgte für zwei Stunden im
+Anschauungsunterricht, für zwei Stunden im Rechnungsunterricht,
+für zwei Stunden im Schreibleseunterricht, für zwei Stunden im
+Handfertigkeitsunterricht. Während also die Schüler rund 17 Stunden
+Unterricht hatten, war die Klassenlehrkraft mit 23,5 Stunden, der
+Fachlehrer für Holzbearbeitung mit 4 Stunden belastet. Die Abteilung A der
+Klasse kam gewöhnlich um 9 Uhr zur Schule, die Abteilung B um 10 Uhr. Von
+10 bis 11-1/2 Uhr waren beide Abteilungen vereinigt. Um 11-1/2 Uhr verließ
+die Abteilung A die Schule, während die Abteilung B bis 12-1/2 Uhr jene
+Lektionen erhielt, welche für die Abteilung A bereits zwischen 9 und 10 Uhr
+angefallen waren. Nachmittags war nur am Montag und Donnerstag in je einer
+Stunde Unterricht, für die Abteilung A von 2 bis 3 Uhr, für die Abteilung B
+von 2:40 bis 3:40.
+
+Über die Anordnung der Unterrichtszeit für die erste Klasse, Abteilung A
+(und dementsprechend auch für die Abteilung B) gibt nebenstehende
+Wochentabelle Aufschluß.
+
+Zu diesem Wochenstundenplan ist zu bemerken: Die Unterrichtszeiten sind
+in Minuten beigesetzt. Die Pausen zwischen den Unterrichtslektionen sind
+nicht angegeben. Die Unterrichtslektionen in Kursivdruck sind für beide
+Abteilungen A und B gemeinsam. Um aus dieser Wochentabelle den
+Unterrichtsplan für die Abteilung B zu erhalten, sind lediglich die
+gleichen Unterrichtsfächer, die für die Abteilung A von 9 bis 10 Uhr
+aufgeführt sind, für die Zeit von 11-1/2 bis 12-1/2 Uhr anzufügen; mit
+anderen Worten: die Abteilung A kam täglich von 9 bis 11-1/2 Uhr, die
+Abteilung B von 10 bis 12-1/2 Uhr am Vormittag, und außerdem die
+Abteilung A Montags und Donnerstags von 2 bis 3 Uhr, die Abteilung B an
+den gleichen Tagen von 2:40 bis 3:40 Uhr zum Unterricht. Nur am Mittwoch
+und Sonnabend waren beide Abteilungen von 9 bis 11-1/2 Uhr gemeinsam,
+die Abteilung A am Mittwoch, die Abteilung B am Sonnabend noch weitere
+30 Minuten anwesend. Vier Nachmittage waren unterrichtsfrei.
+
+
+ Wochenstundenplan der ersten Klasse
+
+ +-------+-----------------+----------------+----------------+
+ | | Montag | Dienstag | Mittwoch |
+ +============================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Rechnen (30) | Anschauungs- | =Schreiblesen= |
+ | 9-10 | Schreiblesen | unterricht(60) | (30) |
+ | | (30) | | =Singen= (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | | =Schreiblesen= | =Rechnen= (40) |
+ | 10-11 | =Religion= (60) | (40) | =Turnen= (20) |
+ | | | =Turnen= (20) | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | =Anschauungs- | | =Anschauungs- |
+ | 11-12 | unterricht= | =Rechnen= (30) | unterricht= (30)|
+ | | (30) | | Rechnen |
+ | | | | (Abt. A) (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Schreiblesen | | |
+ | 2-3 | (40) | -- | -- |
+ | | =Turnen= (20) | | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Donnerstag | Freitag | Samstag |
+ +============================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Rechnen (30) | Anschauungs- | =Schreiblesen= |
+ | 9-10 | Schreiblesen | unterricht(60) | (30) |
+ | | (30) | | =Singen= (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | | =Schreiblesen= | =Rechnen= (40) |
+ | 10-11 | =Religion= (60) | (40) | =Turnen= (20) |
+ | | | =Turnen= (20) | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | | | =Anschauungs- |
+ | 11-12 | =Anschauungs- | =Rechnen= (30) | unterricht= (30)|
+ | | unterricht= (30)| | Rechnen |
+ | | | | (Abt. B) (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Schreiblesen | | |
+ | 2-3 | (40) | -- | -- |
+ | | =Turnen= (20) | | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+
+
+ Wochenstundenplan der zweiten Klasse
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Montag | Dienstag | Mittwoch |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | | Holzbe- | | |
+ | 8-9 | =Religion= (60) |arbeitung| -- | =Religion= (60) |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | =Rechtschreiben= | Holzbe- | -- | =Lesen= (30) |
+ | 9-10 | (30) |arbeitung| Rechnen | =Rechtschreiben= |
+ | | =Singen= (30) | (60) | (30) | (30) |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | =Lesen= (30) | Rechnen | Holzbe- | =Turnen= (30) |
+ | 10-11 | =Schönschreiben= | (30) |arbeitung| =Anschauungs- |
+ | | (30) | | (60) | unterricht= (30) |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | Rechnen | | Holzbe- | Rechnen | |
+ | 11-12 | -- | (30) | -- |arbeitung| (30) | -- |
+ | | | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | Rechnen | | | |
+ | 2-1/2 | (30) | -- | -- | -- |
+ | -3 | | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | Aus- | | | |
+ | 3-4 |schneiden| -- | -- | -- |
+ | | (60) | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Donnerstag | Freitag | Samstag |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | -- | Rechnen | Rechnen | -- | -- | Rechnen |
+ | | | (30) | (30) | | | (30) |
+ | 8-9 +---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | Turnen (30) | Lesen (30) | Lesen (30) |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | =Anschauungs- | =Turnen= (30) | =Rechtschreiben= |
+ | 9-10 | unterricht= (30) | =Rechtschreiben= | (30) |
+ | | =Singen= (30) | (30) | =Turnen= (30) |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | |=Schönschreiben= | =Anschauungs- | =Anschauungs- |
+ | | (30) | unterricht= (30) | unterricht= (30) |
+ | 10-11 +---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | Rechnen | -- | -- | Rechnen | Rechnen | -- |
+ | | (30) | | | (30) | (30) | |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | | |
+ | 11-12 | -- | -- | -- |
+ | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | | Rechnen | | |
+ | 2-1/2 | -- | (30) | -- | -- |
+ | -3 | | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | | Weibl. | | |
+ | 3-4 | -- | Hand- | -- | -- |
+ | | | arbeit | | |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+Die Teilung der _zweiten_ Versuchsklasse erfolgte in dem gleichen
+Zeitausmaße, wie in der ersten, im Rechnen, im Anschauungsunterricht und
+in der Handfertigkeit; sie unterblieb dagegen im Unterricht im
+Deutschen. Die weiteren Fragen in bezug auf die Verteilung der
+Unterrichtszeit auf die einzelnen Unterrichtsfächer beantwortet der S.
+122 u. 123 abgedruckte Wochenstundenplan.
+
+Für den einzelnen Schüler ergeben sich hierbei wöchentlich 18
+Unterrichtsstunden, für die Klassenlehrkraft 23, für den Fachlehrer in
+Holzbearbeitung 4 Unterrichtsstunden. Für die Kinder waren fünf
+Nachmittage unterrichtsfrei, für die Klassenlehrerin deren vier.
+
+Was die Teilung der _dritten_ und _vierten_ Klasse betrifft, so erstreckte
+sie sich auf zwei Rechenstunden, eine Unterrichtsstunde in der Heimatkunde
+und die beiden Stunden in Holzbearbeitung. Die Zahl der Unterrichtsstunden
+betrug für die Knaben 22; sie erhöhte sich auf 24 bei den Mädchen durch
+Einfügung von 2 Stunden Unterricht in weiblicher Handarbeit, der nunmehr
+einer besonderen Lehrerin übertragen wurde. Für den Klassenlehrer
+erwuchsen demnach 25 Stunden Unterricht, für den Fachlehrer in
+Holzbearbeitung vier, für die Fachlehrerin für weibliche Handarbeit zwei.
+Das sonstige Stundenausmaß ist aus der nachfolgend abgedruckten
+Wochenstundentabelle zu ersehen. In allen drei Wochenstundenplänen ist die
+dem Lehrgegenstande in Klammern beigefügte Zeit um die Pausen zu verkürzen
+welche für eine geeignete Erholung notwendig waren. An Stelle der Teilung
+einer Klasse in einem praktischen Unterrichtsgegenstand kann man auch in
+der ungeteilten Klasse gleichzeitig _zwei_ Fachlehrkräfte arbeiten lassen.
+
+
+ Wochenstundenplan der dritten und vierten Klasse
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Montag | Dienstag | Mittwoch |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-------------------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | | | Holz- | |
+ | 8-9 | =Religion= (60) | Rechnen | -- | be- | -- |
+ | | | (60) | |arbeitung| |
+ | | | | | (60) | |
+ +-------+-------------------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | | Holz- | |
+ | 9-10 | =Rechtschreiben= | | be- | Rechnen |
+ | | (60) | =Aufsatz= (60) |arbeitung| (60) |
+ | | | | (60) | |
+ +-------+-------------------+-------------------+---------+---------+
+ | | =Heimatkunde= | =Sprachlehre= | | Holz- |
+ | | (30) | (30) | Rechnen | be- |
+ | 10-11 +-------------------+-------------------+ (60) |arbeitung|
+ | | =Lesen= (30) | =Turnen= (30) | | (60) |
+ | | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+---------+---------+
+ | | | =Schönschreiben= | | Holz- |
+ | | =Weibliche Hand- | (30) | | be- |
+ | 11-12 | arbeit= (60) +-------------------+ -- |arbeitung|
+ | | | Bibel (30) | | (60) |
+ | | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+---------+---------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | 2-3 | -- | Rechnen | -- | -- |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | | Heimat- | | |
+ | 3-4 | -- kunde | -- | |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Donnerstag | Freitag | Samstag |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | | Vormittag |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | | | | |
+ | 8-9 | =Religion= (60) | -- | Rechnen | =Lesen= (60) |
+ | | | | (60) | |
+ | | | | | |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | | =Turnen= (30) | =Turnen= (30) |
+ | 9-10 | =Rechtschreiben= +-------------------+-------------------+
+ | | (60) | =Heimatkunde= (30)| =Sprachlehre= (30)|
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | =Turnen= (30) | | |
+ | | | | |
+ | 10-11 +-------------------+ =Aufsatz= (60) | =Heimatkunde= (60)|
+ | | =Lesen= (30) | | |
+ | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | | | =Schönschreiben= |
+ | | =Weibliche Hand- | | (30) |
+ | 11-12 | arbeit= (60) | =Singen= (60) +-------------------+
+ | | | | =Bibel= (30) |
+ | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | 2-3 | Rechnen | -- | -- | -- |
+ | | (60) | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | |Heimat- | | | |
+ | 3-4 | kunde | -- | -- | -- |
+ | | (60) | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+Ich hätte diese Wochenstundenpläne übrigens nicht zum Abdruck gebracht,
+hätte ich nicht dadurch die tatsächliche Durchführbarkeit eines
+Vorschlages illustrieren wollen, den ich auch ganz ohne Rücksicht auf
+die Organisation der Arbeitsschule seit vielen, vielen Jahren empfehle,
+dessen Durchführbarkeit aber auch von meinen eigenen Schulleitern
+bezweifelt wurde. Ich meine die _partielle Klassenteilung_. Wir sind aus
+ökonomischen Rücksichten noch auf lange Zeit hinaus genötigt, in den
+großen Städten Klassen bis zu 50, 60, ja in vereinzelten Fällen noch
+mehr Kindern zu bilden. In solchen Klassen lassen sich gewisse Zwecke
+noch fördern, andere Zwecke aber in keiner Weise. Es ist völlig
+ausgeschlossen, z. B. einen wirklichen Anschauungsunterricht auch nur
+bei 50 Kindern zu erteilen. Hier muß die Klasse wenigstens in den
+Beobachtungsstunden unbedingt geteilt werden. Es verursacht unendliche
+Mühe, Klassen von 50 oder 60 Kindern in gewisse Rechen- und
+Sprachbegriffe gemeinsam einzuführen. Die Einführung in das Schreiben
+und Lesen ist ebenfalls wesentlich erleichtert durch Teilung der Klasse
+im Schreiblesen. -- Eine Teilung der Klasse in einigen Stunden wird die
+Aufgabe ungemein erleichtern, weil alsdann der Lehrer viel eher an den
+einzelnen Schüler herankommt, ganz abgesehen davon, daß die
+Aufmerksamkeit einer kleinen Schar mit einem Blick viel leichter zu
+lenken ist als die einer großen Schar. Von der notwendigen Teilung der
+Klasse im Zeichnen, in Physik, Chemie, Handfertigkeit, will ich gar
+nicht reden. Weil wir solche Teilungen nie vorgenommen haben, waren wir
+genötigt, die Menge der Stundenzahlen für einzelne Fächer in der
+Volksschule ständig zu vermehren, um auch große Klassen entsprechend
+vorwärtszubringen.
+
+_Ein sehr viel gesünderer Ausweg ist, die Stundenzahl für den Schüler
+möglichst gering zu halten, für den Lehrer aber durch partielle
+Klassenteilung zu mehren._
+
+Das verursacht so lange keine Kosten, als die Lehrer _unter ihrem
+Pflichtstundenmaße_ beschäftigt sind, und vermehrt die Arbeitslast des
+Lehrers gleichwohl nicht, weil die ungleich größere Leichtigkeit und
+Fruchtbarkeit des Unterrichtes in kleinen Abteilungen die physische und
+psychische Kraft des Lehrers sehr viel weniger in Anspruch nimmt. Nur
+der Wochenstundenplan macht einiges Kopfzerbrechen, ebenso wie das
+Eintreffen der Kinder im Schulgebäude zu verschiedenen Zeiten. Daß aber
+die Beseitigung dieser kleinen Schwierigkeiten durchaus möglich ist, das
+eben sollen die drei Wochenstundenpläne und die an ihnen gemachten
+Erfahrungen zeigen.
+
+Was den Inhalt der einzelnen Unterrichtsgebiete betrifft, so ist er
+durch den im Jahre 1911 vom Staatsministerium genehmigten Lehrplan für
+die sämtlichen Volksschulen Münchens festgelegt. Der mehr als
+zwölfjährige Krieg gegen den Lehrplan ist zu Ende. Der Lehrplan hat auf
+der ganzen Linie gesiegt. Er ist einst nur schüchtern vom Gedanken der
+Arbeitsschule beeinflußt entstanden. Gleichwohl bietet er einer
+bescheidenen Durchführung des Geistes der Arbeitsschule kein Hindernis.
+Die einzige Abweichung der Versuchsschule bildet die Aufnahme von
+_fachlichem_ Arbeitsunterricht auch in die Knabenklassen, und zwar in
+Verbindung mit dem Anschauungsunterricht und dem Unterricht in der
+Heimatkunde. In den Mädchenklassen war er schon seit vierzig Jahren
+vorgeschrieben.
+
+
+2. DURCHFÜHRUNG DES LEHRPLANES IN DEN ZWEI UNTERKLASSEN
+
+a) =Anschauungsunterricht mit Zeichnen und Handarbeit.= Der
+Anschauungsunterricht mit Zeichnen und Handarbeit in Klasse I und II
+machte die _eigenen Erfahrungen_ der Kinder zum Mittel- und Ausgangspunkt
+seiner Tätigkeit. Gemäß dem Münchner Lehrplan hat er die Aufgabe, auf
+Grund der Schärfung und Übung der Sinnestätigkeit das denkende
+Beobachten zu wecken und zu fördern, die vorhandenen Vorstellungen zu
+klären, zu ergänzen und zu ordnen und neue, grundlegende Vorstellungen
+und Begriffe zu bilden. Diese Erfahrungen wurden teils aus der
+_praktischen Tätigkeit der Schule, teils aus dem häuslichen Leben der
+Familie_ entnommen. Zum Beginn des Schuljahres gingen der eigentlichen
+manuellen Arbeit Übungen voraus, die auf Schärfung der Sinne abzielten.
+Diese Übungen wurden zum Teil dem Werke von M. Montessori »Il Metodo
+della Pedagogia Scientifica« entnommen und verliefen für gewöhnlich
+unter dem Charakter des eigentlichen Kinderspieles. Selbstverständlich
+wurden sie auch während des ganzen Jahres nicht außer acht gelassen und
+zu geeigneter Zeit mit geeigneten Tätigkeiten verbunden. Sie erstreckten
+sich auf das Erkennen von Farben und Formen, von Klängen nach Höhe und
+Stärke des Tones, auf Schätzungen des Gewichtes verschiedener Stoffe,
+auf Erwerbung von Tastvorstellungen für die verschiedenartigsten
+Materialien, auf Ausbildung von Geruchs- und Geschmacksvorstellungen
+einfacher wohl unterscheidbarer Art, und endlich auch auf die
+Regulierung und Orientierung von Bewegungsempfindungen. Eine Reihe von
+Materialien diente diesem Zwecke. Der Arbeitsunterricht, der mit dem
+Anschauungsunterricht aufs engste verbunden wurde, erstreckte sich in
+der _ersten_ Klasse auf Nähen, Stricken, Flechten, Holzarbeit,
+Gartenarbeit und sogenannte häusliche Beschäftigungen. Knaben wie
+Mädchen hatten den gleichen Arbeitsunterricht, so daß also einesteils
+die Knaben sowohl am Unterricht im Nähen und Stricken teilnahmen als
+auch die Mädchen am Unterricht in der Holzarbeit. In den zweiten Klassen
+trat bei Knaben wie Mädchen die Holzarbeit in den Vordergrund. Daneben
+wurden die Knaben in einer besonderen Stunde mit Zeichnen und
+Ausschneiden, die Mädchen mit Flechten, Stricken, Nähen beschäftigt.
+Gartenarbeit und häusliche Beschäftigungen fanden neben der Schulzeit
+systematische Berücksichtigung. Anderweitige einwandfreie (vgl. Seite
+81) Beschäftigungen, wie Papierfalten für bestimmte Zwecke,
+Papparbeiten, Weben auf Handwebestühlen wären zulässig gewesen. Sie
+wurden aber nicht berücksichtigt, um die Arten der Beschäftigung nicht
+zu _zahlreich_ zu machen und so eine gründlichere Schulung in der
+einzelnen Beschäftigungsart zu ermöglichen. Auch wurden die
+erstgenannten Beschäftigungen vorgezogen, _weil sie dem häuslichen Leben
+des Kindes wesentlich näher liegen_.
+
+Sobald es möglich war, wurden die praktischen Arbeiten vom Gesichtspunkt
+der Arbeitsgemeinschaft aus organisiert, d. h. vom Standpunkt der
+Dienst- und Hilfsbereitschaft der Kinder gegeneinander und der
+gemeinsamen Unterordnung unter eine gesteckte Aufgabe. Die Art der
+Durchführung mußte sich natürlich _über_ den Kindergartenstandpunkt
+erheben. Es handelt sich in der Volksschule nicht mehr bloß darum, die
+Kinder vernünftig zu beschäftigen, sondern auch darum, die manuelle
+Geschicklichkeit systematisch zu steigern, den Willen zu immer
+sorgfältigerer Arbeit zu erziehen und so den Spieltrieb mehr und mehr in
+den Arbeitstrieb umzuwandeln, d. h. die Tätigkeit des Kindes mehr und
+mehr einem gewollten Zwecke und gewissen für die Zweckerreichung
+notwendigen Regeln zu unterwerfen. Gewisse Arbeitsgebiete werden immer
+lehrplanmäßig bevorzugt werden müssen, wie mannigfaltig auch die Art der
+Beschäftigung nach der Neigung des Lehrers und der Kinder, nach den
+Anlagen der Kinder und den Unterrichtseinrichtungen sein mag. Auch
+innerhalb bestimmter Arbeitsgebiete ist noch eine weise Beschränkung auf
+_wenige manuelle_ Fertigkeiten geboten, damit sie im Laufe der ersten
+Schuljahre zu entsprechender Sicherheit entwickelt werden können. Ob die
+wenigen ausgewählten Arbeitsgebiete den physischen und geistigen Kräften
+des Kindes entsprechen, das dürfte wohl daraus am besten zu ersehen
+sein, ob die Mehrzahl der Schüler auch ohne Zutun der Schule in reiner
+Verfolgung ihres Nachahmungstriebes ähnliche Beschäftigungen bei ihren
+häuslichen Tätigkeiten und Spielen aufsuchen und anwenden.
+
+In welcher Weise die manuelle Tätigkeit mit den lehrplanmäßigen Themata
+des Anschauungsunterrichts in Verbindung stand, ergibt sich aus
+folgender Übersicht. Der ersten Klasse fielen lehrplanmäßig folgende
+Aufgaben zu:
+
+1. _Aufgabe_ (Turnsaal und auf dem Spielhofe): Herstellung von Holzstäben
+mit angefeilten Kuppen, von Leitern, von Griffen für Sprungseile. --
+Herstellung eines Sprungseiles durch Stricken über die Spule. 2. _Aufgabe_
+(Auf der Straße): Herstellung von Holzwürfeln, einer Holzschranke und
+eines einfachen Lastwagens aus Fadenspulen und Brettchen. 3. _Aufgabe_
+(Der Garten im Herbst): Herstellung von Blumenstäben aus Holz, Nähen von
+Samensäckchen aus Gaze. 4. _Aufgabe_ (Das Weihnachtsfest): Herstellung
+eines Täschchens für den Weihnachtstisch, einer Serviettentasche;
+Herstellung eines Holzbaukastens aus rechteckigen und dreieckigen
+Säulen. 5. _Aufgabe_ (Schnee und Eis): Flechten eines Untersatzes;
+Herstellung eines Schlittens aus Holz. 6. _Aufgabe_ (Bei der Näherin):
+Herstellung eines Lineals mit Zentimetermaß, einer Reißschiene für
+Rechentabellen. Anfertigung von Schnitten für Puppenhemd, -unterrock und
+-kleid. Nähen von Puppenwäsche nach gefertigten Schnitten. 7. _Aufgabe_
+(In der Kirche zur Osterzeit): Färben von Ostereiern. 8. _Aufgabe_ (Der
+Schulgarten im Frühling): Herstellung von Blumenkisten, eines Holzzaunes
+für die Blumenkisten, Ansäen und Anpflanzen in den Blumenkisten;
+Flechten eines Blumenkorbes, Flechten eines Obstkorbes aus Raffia. 9.
+_Aufgabe_ (Bei der Obstlerin): Modellieren von Früchten (versuchsweise).
+
+Neben diesen Handarbeiten gingen außerdem häusliche Beschäftigungen her.
+Sie umfaßten die Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer und im
+Arbeitsraum, also Kehren, Abstauben, Putzen, Waschen, Beihilfe der
+Kinder zur Herstellung von Weihnachtsgebäck und Ostereiern. Die
+Gartenarbeit beschränkte sich im Herbst wegen vielfach ungünstiger
+Witterung auf Einsammeln von Samen, Einschlagen von Blumen und Zwiebeln
+in Töpfe und in freiem Gartenland unter Sicherung gegen Frost durch
+Bedecken mit Erde. Die Töpfe wurden im Frühjahr der Erde entnommen und
+die Zwiebelpflanzen bildeten wochenlang in blühendem Zustande eine
+Zierde des Schulzimmers. Im Sommer pflegten die Kinder außer den neu
+angepflanzten Blumen _unter Anleitung der Schülerinnen der achten Klasse
+den Schulgarten der achten Klasse der Schule an der Hohenzollernstraße_.
+Die Klassenlehrerin machte dabei über den Verkehr der größeren Mädchen
+mit den Kindern der Versuchsklasse die besten Erfahrungen. _Auch die
+Erziehungsarbeit der Schülerinnen der achten Klasse erfuhr bei dieser
+Arbeitsgemeinschaft, an der Große wie Kleine mit gleichem Eifer und
+sichtlicher Freude beteiligt waren, eine nicht unwesentliche Vertiefung._
+
+Die zweite Klasse hatte folgende Aufgaben zu behandeln:
+
+1. _Aufgabe_ (Schulhaus): Faustskizzen auf der Tafel. Herstellung eines
+Tafellappens im Strickunterricht. Zeichnen von Tafel, Federhalter,
+Griffel. 2. _Aufgabe_ (Am Neubau): Herstellung eines Holzhauses durch
+_Arbeitsgemeinschaft_ in der Werkstatt. Zeichnen und Ausschneiden von
+Häusern. 3. _Aufgabe_ (Schulgarten im Herbst): die im ersten Schuljahre
+gefertigten Blumenkisten (vgl. S. 135 Aufg. 8) wurden mit Blumenzwiebeln
+bepflanzt. Zeichnen von Blumenformen, Ausschneiden und Zusammenstellen
+zu einem Bukett als Klebearbeit. 4. _Aufgabe_ (Die Uhr): Anfertigung von
+Zifferblättern aus Karton mit beweglichen Zeigern. Herstellung eines
+Zifferblattes aus Holz mit Anbringung von gekauften Metallzeigern.
+Herstellung einer Sonnenuhr; Anlegung eines Wetterkalenders. Die Mädchen
+stricken Pulswärmer. 5. _Aufgabe_ (Die Küche): In der Holzwerkstätte
+Herstellung eines Nudelbrettes mit Nudelwalker. Die Mädchen stricken
+einen Topflappen; die Knaben zeichnen und schneiden Küchenherde aus. 6.
+_Aufgabe_ (Beim Schreiner): In der Holzwerkstätte Herstellung eines
+Stuhles mit Geflecht. Besuch einer unserer großen Schülerwerkstätten für
+die obersten Klassen. Zeichnen und Ausschneiden von Werkzeugen. 7.
+_Aufgabe_ (Waschhaus): Waschen und Aufhängen, Flechten eines Nähkorbes. 8.
+_Aufgabe_ (Die fünf Sinne): Gab zu besonderen praktischen Tätigkeiten
+keine Veranlassung, außer eben zur Betätigung der Sinne selbst in
+Sinnesübungen aller Art. (Vgl. dazu auch die Übungen in der ersten
+Klasse.) 9. _Aufgabe_ (Am Aquarium und Terrarium der Schule): Vor den
+Augen der Schüler wird ein Aquarium angelegt. Die Kinder bauen in der
+Werkstätte Raupenkästen. Beobachtung der Entwicklung von Raupen.
+Zeichnen von Schmetterlingen. 10. _Aufgabe_ (An der Isar): In der
+Werkstätte wird in Arbeitsgemeinschaft eine Holzbrücke hergestellt.
+Knaben und Mädchen nähen Fahnen zum Ausflug in das Isartal. 11. _Aufgabe_
+(In den Anlagen): Praktische Arbeiten im Schulgarten. Pflege der aus
+Samen gezogenen Balsaminen, Sonnenblumen, Begonien, Tannen, Fichten,
+Zirbelkiefern. Zeichnen von beobachteten Blättern, Blumen, Früchten.
+Zeichnen eines Starenkobels; Ausschneiden.
+
+Das ganze Jahr über wurde auch den Aufgaben der häuslichen
+Beschäftigungen Aufmerksamkeit zugewendet. Sie bezogen sich wie im
+Vorjahre auf Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer, Gang und in der
+Garderobe. Die Arbeiten wurden von Knaben wie Mädchen mit gleichem Eifer
+betrieben. Die Kinder stellten im Wechsel selbst ihre Wächter und Ordner
+auf: einen Knaben für die Garderobe, einen Knaben und ein Mädchen für
+die Überwachung des Eintrittes in das Schulzimmer, drei Mädchen für die
+Reinhaltung der Tafelwände, je einen Knaben und ein Mädchen für die
+Überwachung der Fensterbretter, der auf ihnen aufgestellten Gegenstände
+und der Pflege der dort befindlichen Blumen. Dabei wurden Untergruppen
+gebildet. Ein Knabe sorgte für die Verwahrung und Ausgabe verschiedener
+Schlüssel, ein Mädchen für die Kalenderaufzeichnungen. -- Zur Pflege des
+Aquariums wurde ein Mädchen aus der siebenten Volksschulklasse
+herangezogen, welches die kleineren Mädchen der zweiten Klasse auch zu
+belehren und anzuweisen hatte. Zur Beobachtung stand auch ein
+Geflügelhof (mit Hühnern, Hahn, Ente, Gans, Puter) zur Verfügung, dessen
+Pflege der Schulhausmeister hatte. Der sonstige Beobachtungsunterricht
+vollzog sich teils im Werkraum (experimenteller Teil), teils im
+Schulzimmer, teils im Freien. In das Schulzimmer wurden jene
+Beobachtungsübungen verlegt, die keine wagerechten Tische und wenig
+Werkzeuge erforderten. -- Das _Zeichnen_ beschränkte sich auf
+gedächtnismäßige Darstellung _einzelner_ Gegenstände, die Gegenstand des
+Anschauungsunterrichtes waren und die jeder Schüler beim
+Anschauungsunterricht in der Hand hatte oder mit denen er im
+Beobachtungsunterricht arbeitete (Spielsachen, Werkzeuge, kleine
+Hausgeräte).
+
+b) =Rechnen.= Für die erste Klasse kam lehrplanmäßig der Zahlenraum
+1-20 in Betracht. Es war Bedacht darauf genommen, daß jedem Kinde
+Veranschaulichungsobjekte zur Verfügung standen, an deren Hand es die
+Veranschaulichung in selbständiger Weise vornehmen konnte.
+Selbstverständlich wurde von Anfang an ein großes Gewicht darauf gelegt,
+die Kinder nicht bloß zum Abschätzen, sondern auch zum genaueren Messen
+anzuhalten und damit schon die einfachsten Zahlenbegriffe zu
+entwickeln. Pappscheiben, Knöpfe, Stäbchen, Fadenspulen, Perlenketten,
+gestanzte Kupfer- und Nickelmünzen in selbstgefertigten Geldbörsen und
+vor allem die _gesamte manuelle_ Tätigkeit in der Holzbearbeitung, _die mit
+einem beständigen Schätzen, Messen und Vergleichen verbunden ist_,
+dienten der Durchführung des Arbeitsprinzips im Rechenunterricht.
+
+Einen besonderen Weg schlug im Schuljahre 1915/16 Fräulein Merxmüller
+ein. Sie berichtet:
+
+»Wenn auch infolge der starken Beschränkung der Unterrichtszeit von
+einer weitgehenden sachlichen Beschäftigung heuer keine Rede sein
+konnte, wurde doch versucht, auch den Rechenunterricht so gut als
+möglich im Sinne der Arbeitsschule zu gestalten. Da durfte im
+Vordergrunde nicht die von außen diktierte, einem unfaßbaren Lehrzwecke
+dienende Rechenaufgabe stehen, nicht der streng geregelte methodische
+Aufbau, der von außen festgelegte Fortschritt von einem Rechenvorgang
+zum andern und von einer Stufe zur andern -- sondern _Gelegenheiten zum
+Beobachten und Entdecken_ mußte das Kind haben, damit es seine Kraft
+erprobe und einem inneren Zwange gemäß darangehe, an den grobsinnlichen
+Erscheinungen rechnerischen Problemen nachzuspüren.«
+
+»Bei den Beschränkungen des Schulbetriebes war es eine dringende
+Angelegenheit, das ganze Schulleben und alle Unterrichtsstunden auch für
+diese Zwecke auszubeuten. Besonders wertvoll erwiesen sich folgende
+_besondere Einrichtungen_:
+
+1. _Das Illusionsspiel_ der ersten Schultage mit Stäbchen und Würfeln
+vorne vor aller Augen auf einem großen, schräggestellten Rechenbrett.
+
+2. _Die rhythmischen Verzierungen_ zeitweilig angebracht _an den
+Überschriften der Tafellesestücke_. Die Bewunderung von Form, Farbe,
+Regelmäßigkeit führte zur genauen Beobachtung für die Zwecke der
+Nachahmung, zur Klarstellung rechnerischer Verhältnisse und zur ganz
+selbständigen Bildung von Rechenaufgaben.
+
+3. _Rechenkarten_, welche nach ähnlichen Gesichtspunkten ausgestaltet
+waren und uns wochenlang interessierten und auf das fruchtbarste
+beschäftigten.
+
+4. Das _Einkaufen_ vorne auf dem großen Rechenbrett mit Münzen aus Papier
+geschnitten, eine Arbeit, die völlig nach den Einfällen und Angaben der
+Kinder geleitet war und eine unglaubliche Gewandtheit und Sicherheit im
+Rechnen erzeugte.«
+
+»Unter Verzicht auf alle methodischen Kunststücke, die ja den Kindern
+nur das Denken ersparen, gab es keine vorausschauenden Erklärungen und
+Entwicklungen von Rechenvorgängen, wie sie etwa im Rechenbuch beim
+Überschreiten des Zehners angedeutet sind, keine typischen Zahlbilder,
+kein geregeltes Finger- und Zählmaschinenrechnen.« (Ich gestatte mir
+einzufügen: Quod licet Jovi; non licet bovi.)
+
+»Mit der größten Selbständigkeit ohne Aufgabenstellung und aufdringliche
+Hinweise erarbeiteten sich die Kinder am Wechsel der auftretenden
+Erscheinungen des Schullebens einen Rechenvorgang um den andern. Jede
+Stunde brachte Neues an Inhalt und Form. Das einzelne Kind eignete sich
+immer zuerst das an, was es seinen inneren, in Entwicklung begriffenen
+Spannkräften gemäß aufzunehmen imstande war. Die andern folgten, jedes
+zu seiner Zeit, es war kaum ein halbes Jahr vergangen, als die ganze
+Schar über das Ziel der 1. Klasse hinausdrängte, um in der Folge auch
+weit darüber hinauszuwachsen.«
+
+Für die zweite Klasse war der Zahlenraum 1 bis 100 vorgeschrieben. Eine
+so mannigfaltige Veranschaulichung der Rechenvorgänge, wie in der ersten
+Klasse, war nicht mehr nötig. Große und kleine Zählmaschinen, Schätzen
+bei allen Beobachtungen, Messen und Zählen in der Werkstätte und im
+Klassenraum, vor allem aber auch Kaufen und Abwägen von Waren an dem in
+der Schule aufgestellten Kaufladen boten eine Fülle von konkreten
+Übungen. Zum Messen konnten bereits Maßbänder und Meßapparate für
+Flüssigkeitsmaße verwendet werden. Die Einrichtung des Kaufladens
+bestand aus Tüten, die von den Kindern selbst hergestellt und mit
+verschiedenen Waren gefüllt waren, aus einer zweischaligen Krämerwage
+mit entsprechendem Gewichtsatz. Unter allergrößter Anteilnahme der
+Kinder vollzogen sich die Rechenoperationen am Kaufladen. Sie wurden von
+allen gemeinsam in der Bank mitgemacht mit Hilfe der im Vorjahre
+gefertigten und mit gestanzten Kupfer- und Nickelmünzen gefüllten
+Geldbörsen. Während nämlich draußen _vor_ den Bankreihen das Abwägen und
+die Auszahlung von zwei Kindern ausgeführt wurde, hatten alle Kinder _in_
+den Bankreihen mit Gewichtschablonen den Vorgang des Wägens nachzumachen
+und ebenso mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Münzen, die um einige
+Fünfzigpfennig- und Markstücke in diesem Jahre vermehrt worden waren,
+alle Rechenoperationen anschaulich nachzubilden. So entwickelten sich
+leicht die grundlegenden Operationen des praktischen kaufmännischen
+Lebens, wie es sich im Kleinhandel abspielt. Vorstellungen, wie das
+Kilogramm als eine Einheit von 10×100 g, als eine Einheit von 2 Pfund
+oder 4 halben Pfunden bildete allmählich jedes Kind ohne die geringste
+Schwierigkeit. Auch die Zusammensetzung solcher Untereinheiten wie Pfund
+oder Halbpfund aus Grammen wurde gut aufgefaßt und angewendet. (Im
+dritten und vierten Schuljahre wurden alle Kinder mit Handwagen
+ausgerüstet, um selbständige Wägungen, insbesondere von _würfelförmig_
+geformten Stoffen aller Art und damit auch Materialvergleichungen
+vornehmen zu lassen.)
+
+c) =Schreiblesen, Lesen, Rechtschreiben, Erzählen.= In der ersten
+Klasse kamen als Vorübung für das Schreiben in Anlehnung an M.
+_Montessori_ geometrische Formen zur Verwendung, deren Umrisse von den
+Kindern mit Bleistift zunächst umzogen wurden. Die so umgrenzte
+Papierfläche war dann mit Farbstiften immer sorgfältiger auszufüllen.
+Die Kinder wurden dadurch gewöhnt, den Umriß zu beobachten, bestimmte
+Grenzen einzuhalten, verschiedene Formen des Umrisses aufzufassen und so
+langsam die Schreibbewegungen der Hand beherrschen zu lernen, ohne daß
+zunächst die Arbeit durch die Auffassung von schwierigeren
+Buchstabenformen kompliziert wurde. Die Einführung in die einzelnen
+Buchstaben erfolgte in früheren Jahren in der Weise, daß der Buchstabe
+zunächst langsam und unter Beobachtung aller Bewegungen vorgeschrieben
+wurde. Darauf hatten ihn die Kinder in dem von Stadtschuleninspektor
+Schmied entworfenen Setzkasten auszusuchen, auf unliniertem Papier oder
+unlinierten Schiefertafeln möglichst groß nachzuzeichnen, zu betasten
+und mit den Fingern nachzufahren bis zur Geläufigkeit. Diesen Vorübungen
+folgte die Darstellung der Buchstaben auf den großen Wandtafeln, welche
+die drei Wandflächen des Schulzimmers bedecken, dann gemeinsame
+Korrektur der auf den _zehn_ Wandtafeln von den Kindern gleichzeitig
+geschriebenen Buchstaben und endlich erst die Darstellung und Einübung
+der Buchstaben auf der Schiefertafel; Hand in Hand mit diesen Übungen
+gingen die Lese- und Rechtschreibübungen. Die letzteren hielten
+gewöhnlich folgenden Gang ein: Auf einer der großen Schultafeln wurden
+von der Lehrerin in Druckbuchstaben neue Sätze zusammengestellt, die
+Kinder übersetzten die Druckbuchstaben zunächst in Schreibschrift
+mittels Setzkasten und schrieben dann erst auswendig die Sätze auf die
+Schiefertafel oder ins Heft. Die Fibel war Mitte Mai vollständig
+ausgelesen, so daß die Kinder die letzten zwei Monate bereits das
+Lesebuch: »Blaue Blumen«, ein Buch für Mütter und Kinder, mit großem
+Vergnügen benützten. Schwierigkeiten bereiteten hier im Anfang nur die
+in kleinen Lettern gedruckten Erzählungen.
+
+Ein gänzlich anderer Weg wurde im Schuljahre 1913/14 eingeschlagen. Die
+in Deutschland übliche Schreiblesemethode geht, selbst wenn sie die
+Normalwörtermethode zugrunde legt, von den einzelnen Buchstaben aus,
+gibt diese in ihrer schwierigsten Form, der deutschen Fraktur, und in
+vier verschiedenen Alphabeten (große und kleine Druckschrift, große und
+kleine Schreibschrift) und übt dann allmählich das für viele Schüler
+schwierige _Zusammenlesen_ der Buchstaben zu Wörtern.
+
+Mein fast dreimonatiger Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von
+Nordamerika, währenddessen ich gegen 100 Volksschulklassen in den
+verschiedenen Staaten des Nordens und Südens besichtigte, hat mich zu
+meiner großen Überraschung belehrt, daß ein völlig anderer Weg zum
+mindesten für die Einführung in die englische Sprache mit ihren ungemein
+zahlreichen _ein- und zweisilbigen_ Wörtern gleich fruchtbar sein kann.
+Obwohl das amerikanische Schulwesen alle seine früheren Anregungen aus
+Europa bekam, so hat es unsere europäische Schreiblesemethode
+vollständig abgelehnt, und obwohl jeder der 48 Staaten Nordamerikas
+völlig autonom ist in der Gestaltung seines Schulwesens, so hat sich
+doch die von mir beobachtete Methode in allen Staaten allgemein und ohne
+jeden äußeren Zwang eingebürgert.
+
+Die Methode gründet sich auf das _Wortbild_. Einzelne aus der praktischen
+Tätigkeit der Schule entsprungene Sätze von 5 bis 6 Wörtern bilden den
+Ausgangspunkt. Die Wortbilder werden als _Ganzes_, durch sinnreiche
+Übungen und Spiele aller Art, eingeprägt. Dieser Einprägung kommt die
+lateinische Blockschrift mit dem Mangel an Majuskeln innerhalb des
+Satzes ungemein zustatten. Man betrachte nur einmal etwa daraufhin den
+Satz:
+
+ +I lost my pen to-day+
+
+mit der Darstellung in deutscher Fraktur und Sprache:
+
+ +Ich habe heute meine Feder verloren.+
+
+Das Wortbild der lateinischen Blockschrift ist sehr viel formenärmer und
+kann schon am ersten Tage des Unterrichts von den Kindern nachgemalt
+werden, was der Einprägung sehr zustatten kommt. Sobald auf diese Weise
+50 bis 60 Wortbilder im Gedächtnis des Kindes liegen, werden dem Kinde
+bereits _ganze Erzählungen_ aus diesen Wörtern in Blockschrift vorgelegt,
+in die nur da und dort ein neues unbekanntes Wort eingestreut ist,
+_dessen Bedeutung das Kind aber aus dem ganzen Zusammenhang erschließen
+kann_. Zu den so _selbst erarbeiteten_ Wortbildern werden dann wieder durch
+neue Mustersätze aus dem Schulleben andere Wörter hinzugefügt, sehr oft
+gleichlautende Reimwörter, und so vermehrt sich der Wortbildschatz immer
+mehr. Allmählich, namentlich unter dem Einfluß der Reimwörter, vollzieht
+sich _automatisch_ die Analyse des Wortbildes in Lautbilder von selbst,
+und nach einem halben Jahre sind alle Kinder auch im Besitze sämtlicher
+Lautbilder.
+
+Inzwischen sind aber die Kinder an drei wesentliche Dinge gewöhnt
+worden: a) beim Lesen vor allem auf den _Sinn des Satzes_ zu achten, ohne
+welche Achtsamkeit _ja neue_ Wortbilder nicht erfaßt werden konnten; b)
+sich stets nur _Wortbilder_ einzuprägen, anstatt sich _gedächtnismäßig_ die
+Orthographie des Wortes durch die Reihenfolge des Buchstabens zu merken;
+c) das Wortbild mit einem Schlage aufzufassen und nicht mühsam aus der
+Buchstabenfolge zusammenzulesen. Vor allem aber sind sie schon sehr viel
+früher als unsere Kinder in den Stand gesetzt, ganze Geschichten zu
+lesen und so aus der _Lesefreudigkeit_ heraus die Schwierigkeiten des
+Lesens überwinden zu lernen. Die Einführung in die Schreibschrift
+erfolgt ganz unabhängig von der Einführung ins Lesen, das möglichst
+beschleunigt wird; nur das Nachmalen der höchst einfachen
+Druckbuchstaben der lateinischen Blockschrift geht parallel.
+
+Die Methode ist bereits äußerst sorgfältig ausgebaut, und eine sehr
+interessante ausgedehnte Literatur von »first reading-books«, von ersten
+Lesebüchern, unterstützt sie. Weiter darauf einzugehen, ist hier nicht
+möglich. Ob die Methode auch für die deutsche Sprache gleich fruchtbar
+ausgenutzt werden kann, muß ausprobiert werden. Zwei der Lehrkräfte der
+Versuchsschule, Herr _Brückl_ und Frl. _Merxmüller_, haben sie mit großer
+Wärme und Begeisterung und mit tiefem Verständnis versucht. Ich möchte
+den Bericht von Fräulein Bertha Merxmüller hier zur weiteren Anregung
+zum Abdruck bringen. Die reichen Erfahrungen, die Herr Brückl gemacht
+hat, wird er wohl in einer eigenen Arbeit veröffentlichen. Zum Bericht
+des Fräulein Bertha Merxmüller, die im Schuljahre 1915/16 freiwillig die
+erste Klasse übernahm, bemerke ich, daß der Mangel an Räumen, der durch
+die Ablassung von mehr als der Hälfte aller Schulgebäude an die
+Militärverwaltung herbeigeführt war, uns genötigt hat, in den meisten
+ersten Klassen und auch in der Versuchsklasse die Unterrichtszeit auf
+_wöchentlich 12 Stunden_ festzusetzen. Der Bericht gibt auch deutlich ein
+Bild davon, was Arbeitsunterricht im Schreiblesen heißt. Ich gebe zuerst
+die Erfahrungen im _Leseunterricht_.
+
+a) =Meine Bilderbogen=. »Es waren einfache kindertümliche
+Darstellungen mit klaren Texten in Antiqua für die Stufe des scheinbaren
+Lesens als _Ausgang und Grundlage für die erste Lesetätigkeit_. Auf dem
+Wege des Vergleichens werden die Übungswörter des Textes wiedererkannt,
+wenn sie auf der Tafel in anderer Reihe auftreten, bis sie, zur
+lebendigen Rede gefügt, als Ausdruck für kleine gemeinsame Erlebnisse
+gelten und als solche erfaßt werden können.«
+
+»In der unterhaltsamen Beschäftigung mit diesen Bilderbogen sah ich die
+Erfahrung der Kinderstube bestätigt, daß sich Kinder gerne und leicht
+einprägen, was in ihren Bilderbüchern bei den geliebten Bildern steht.
+Das von der Spielwelt herübergenommene Interesse verstärkte sich durch
+die Wichtigkeit der ersten Schularbeit, und es entstand jene
+_Vertrautheit mit den Lautzeichen_, die den Sinn immer eindringlicher auf
+die Elemente und ihre Beziehungen lenkt, das Lautbewußtsein schafft und
+später ein Kind nach dem andern, jedes zu seiner Zeit, ohne
+aufdringliche Hinweise, nur einem inneren Zwange gemäß, zur Lautanalyse
+führt und zum synthetischen Lesen.«
+
+b) =Meine selbstgeschaffenen Lesestoffe=. »Sie wollten sowohl
+sprachlich wie inhaltlich der kindlichen Entwicklung so viel als möglich
+Rechnung tragen und die Tatsache berücksichtigen, daß fremde
+Sprachinhalte und fremde Sprachformen den Leselernprozeß benachteiligen
+müssen, weil er doch die ganze Aufmerksamkeitsenergie für sich
+beansprucht.«
+
+»Abgelauscht den sprachlichen Äußerungen der Kleinen, wirkten die
+meisten meiner selbstgeschaffenen Lesestoffe durch die persönlichen
+Beziehungen ihres _tatsächlich und meist gemeinsam erlebten Inhaltes_,
+eines Inhaltes, der unbedingte Teilnahme oft bis zum jubelnden Beifall
+erzeugte und die ganze Lese-Lernarbeit natürlich und anregend
+gestaltete.«
+
+»Die kleinen Lebensausschnitte wurden den Kindern in der _Form von
+Leseblättern und Tafelstücken_ geboten, wodurch sie der psychologischen
+Beschaffenheit des Kindes noch weiter durch den _Reiz des Neuen_ und der
+_Abwechslung_ entgegenkamen und als _kleine abgerundete Ganze_ der leichten
+Ermüdbarkeit des Kindes gerecht wurden.«
+
+»Ungezwungen bereits geübte Wortbilder immer wieder zur Wiederholung
+bringend und darin etliche neue versteckt zur vergnüglichen Lösung --
+bedeutete Stück für Stück eine _mühelose, lustvolle Anwendung und
+Sicherung des Gelernten, wie auch ein wohlerwogenes Maß von
+Schwierigkeiten_, der kindlichen Kraft zur frohen Betätigung zugeteilt.«
+
+»Das bewegte Innehalten, wenn in der Lesearbeit der Sinn aufging, die
+Situation erfaßt wurde und Selbsterlebtes zum greifbaren Bilde sich
+gestaltete, war der Beweis, daß _die Kleinen im besten Sinne Lesen
+lernten_, trotz technischer Schwierigkeiten und äußerer Ablenkung, Lesen,
+d. h. Schätze heben. Sie hatten ihre helle Freude, daß sich das alles so
+schön lesen und schreiben ließ, ergötzten sich staunend an den eigenen
+Ausdrücken und den Wendungen, die ihnen vom täglichen Leben her so
+geläufig waren, wollten gleich noch was dazu erzählen, mußten gleich
+noch was fragen und wollten es dann gleich nochmal lesen, weil es 'gar
+so schön', 'so echt', 'so nett' war, 'zum Totlachen', 'eine Gaudi', weil
+es 'ganz wahr' war.«
+
+»Diesen oder jenen Ausdruck möchten sie bei dieser Gelegenheit gleich
+auch noch geschrieben sehen; einer kann aus dem Wort an der Tafel gleich
+selbst ein anderes machen, braucht nur was wegtun oder was hinsetzen,
+gleich heißt es dann anders. Und sie freuen sich alle über die gelungene
+Veränderung und lassen nicht mehr los und gehen ihre Entdeckerwege
+weiter und wollen unaufhörlich schaffen und gestalten. _Viel
+Schaffenskraft von lebendigem Interesse geweckt_ mußte da wegen des
+beschränkten Kriegsbetriebs oft gewaltsam zurückgedrängt werden. Auf
+keinen Fall kam in diese Leselernstunden gähnende Langeweile oder
+qualvolle Mühe. Es waren sehr interessante, höchst vergnügliche
+Stunden.«
+
+In gleich erfreulicher und belehrender Weise lautet der Bericht über die
+Erfahrungen im _Schreibunterricht_.
+
+»Auch hier war ich in allererster Linie bestrebt, nach dem Gesetz von
+der _Isolierung der Schwierigkeiten_ nicht plötzlich mit allen
+Schwierigkeiten auf einmal zu beginnen, sondern im allmählichen
+Fortschreiten ein Hindernis nach dem andern zu überwinden.«
+
+»Dabei ging ich von der Annahme aus, daß die Schriftformen um so mehr
+Ausdruckskraft werden vermissen lassen, _um so gezwungener und gequälter_
+ausfallen müssen, sich um so weniger frei werden entwickeln können, _je
+mehr Vorschriften das Kind beengen_ und je mehr Gesetze es binden.«
+
+»Als solche _Hemmnisse_ erkannte ich alle Einengungen, die das _Gerät_,
+insbesondere die spitze Feder, verursacht, -- dann eine für alle
+gleichmäßig von vornherein vorgeschriebene _Handhaltung_, -- die starre
+_Unabänderlichkeit der Formen_ und das Verlangen, jede Schriftform auf
+eine gewisse Art und in einer bestimmten Reihenfolge zur Darstellung zu
+bringen, -- endlich die _Liniatur_.«
+
+»Wenn auch im Schreibunterricht die Lust am Schaffen Triebkraft werden
+sollte, Kraftentfaltung und Entwicklung der Eigenart die zu erstrebende
+Frucht des Unterrichtes, dann durfte die starre, kalte, unverrückbar
+festgelegte Form nicht im Vordergrund des Unterrichtes stehen bleiben,
+nicht die äußere technische Seite mit ihrer Qual für die ungeübte,
+unentwickelte Hand des Kindes --, sondern _die freischaffende Tätigkeit
+des Kindes_.«
+
+»Für meinen grundlegenden Schreibunterricht, der in natürlichem Aufbau
+von der Antiqua ausgehen durfte, galt es also _zunächst ein willfähriges
+Schreibgerät zu finden_, das in der ungelenken Hand des Kindes und selbst
+noch beim falschen Gebrauch seinem Wesen getreu bleibt und die der
+lateinischen Druckschrift charakteristischen Schnurzüge erzeugt.«
+
+»Ich kam von dicken, weichen, farbigen Ölkreidestiften, 10 Stück 10
+Pf., auf dem Papier und vom weichen Buttergriffel auf der Tafel
+(Papiernot!) zum griffelartig zurecht gespitzten Schreibholz für die
+Tinte und dann erst zur Feder, und zwar zu einer starken
+Kugelspitzfeder. _Dann_ sollten meine Kinder gleich _vom Anfange an
+möglichst frei gestalten dürfen_, wobei es mir wichtig schien, daß sich
+ein Gefühl für _gute Schriftformen_ an guten Vorbildern und durch
+zweckmäßige Besprechung guter und schlechter Beispiele an der Schultafel
+entwickeln könne und daß jedes Kind die Handhaltung und die Schriftform
+selbst finde, die seinem Wesen gemäß ist und ihm einen freien Zug
+ermöglicht.«
+
+»Und siehe, _die Schriften entwickelten sich in völlig ungeahnter Weise_.
+Die überraschend schönen Erfolge rechtfertigten am besten die
+vorausgestellten Annahmen und Grundsätze. An dem Maße aber, wie von
+Stufe zu Stufe bei jeder neuen Werkzeughemmung die Leistungen immer
+sofort zurückgingen, um nach kurzer Zeit allmählich wieder zu steigen,
+sieht man recht klar, welch große Schwierigkeiten die heutige Schule dem
+Kinde zumutet, wenn sie es gleich am Anfang in die Liniatur zwingt und
+ihm für das Papier gleich die spitze Feder zur Hand gibt.«
+
+»_Bei der weiteren Aufgabe, die Kinder von der lateinischen Druckschrift
+zur lateinischen Schreibschrift zu führen_, sie durch die schreibgemäße
+Form der Antiqua und ihre natürliche Fortsetzung in die eigentliche
+Kunst des Schreibens hineinwachsen zu lassen, wurde ich auf die
+verdienstvolle Anregung des Herrn _Prof. Kuhlmann_ hin zu einem _sehr
+interessanten Versuch_ geführt. Es war die Frage gestellt:
+
+_Können sich die Kleinen in Erfüllung des Arbeitsschulgedankens ihre
+Handschrift selbsttätig erarbeiten?_ Daß dieser Versuch in hervorragender
+Weise als gelungen bezeichnet werden muß, zeigen die Schriften der
+Kinder, besonders auf ihren einzelnen Entwicklungsstufen.«
+
+»Sie beantworten noch folgende _wichtige Teilfragen_:
+
+1. Kann man im Durchschnittskind ein Gefühl für Schriftformen entwickeln
+und ausbilden?
+
+2. Hat es die Neigung und Begabung, seine Schrift selbständig zu
+gestalten?
+
+3. Muß die Freiheit eines zwang- und vorschriftlosen Schreibunterrichtes
+nicht notwendigerweise oder doch mit der Zeit zu einer Schriftverwilderung
+führen?
+
+Der Versuch hat die beiden ersten Fragen glänzend bejaht, die dritte
+Frage verneint, sobald nur die Lehrkraft selbst von einem ästhetischen
+Gefühl für Schrift beherrscht ist.«
+
+In der _zweiten_ Versuchsklasse standen dem Unterricht in der deutschen
+Sprache 5 Stunden zur Verfügung gegenüber 9 Stunden, die in den übrigen
+normalen Volksschulklassen Münchens vorgeschrieben waren. Die 5 Stunden
+waren: 2 Lese-, 2 Rechtschreib- und 1 Schönschreibstunde. Eine
+Visitation am Schlusse des Jahres ergab, daß das Klassenziel in der
+gleichen Weise erreicht war, wie in den sonstigen guten Klassen.
+
+Beim Lesen wurde ein besonderes Gewicht auf das rasche Erfassen des
+Gesamtinhaltes gelegt und sowohl durch freie Wiedergabe als durch
+_mimische_ Darstellung des jeweils geschilderten Ereignisses zu erreichen
+gesucht. Eine Lehrerin der Klasse glaubt, daß die dramatischen
+Darstellungen der Lesestücke, bei denen die Kinder nicht bloß redend,
+sondern auch handelnd auftreten und die zunächst immer nur improvisiert
+sind, ohne nennenswerte Schwierigkeiten schon in den Mittelklassen
+festgehalten und durch Einübung zu immer größerer Vollkommenheit
+gebracht werden könnten. Der Vorteil, der hieraus erwachsen würde, läge
+nicht nur in der Verwendbarkeit solcher Darstellungen für gemeinsame
+Schülerfeste, sondern auch in der Steigerung der Gefühle für die
+geschilderte Situation und damit die Steigerung der Auffassung und damit
+des Interesses für das Gelesene. Als besonders zur mimischen Darstellung
+geeignet erwiesen sich die Lesestücke des Münchener Lesebuches für die
+zweite Klasse: Kasperl in der Schule, Das Büblein auf dem Eise, Bub und
+Bock, Hansel und Gretel, Musik auf dem Hofe, Wolf und Fuchs, Der
+lügenhafte Hirt, Vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen.
+Vor Trimesterschluß gab jeweils ein Schülerfest den Kindern besondere
+Gelegenheit, ihr Können im Erzählen, Vortragen, Dramatisieren (natürlich
+auch im Musizieren, Singen, Zeichnen) in den Dienst der
+Klassengemeinschaft zu stellen und so zum Gelingen eines
+Gemeinschaftswerkes beizutragen. Am Ende jeder Woche wurden auch die
+Schüler veranlaßt, ihre Erlebnisse in der Werkstätte zusammenhängend zu
+erzählen.
+
+Bei der Behandlung des Rechtschreibstoffes leisteten die neueingeführten
+Tafelwände (drei Seiten des Schulzimmers waren mit fortlaufenden Tafeln
+bedeckt) außerordentlich gute Dienste. Alle neuen Wörter, alle Diktate
+konnten gleichzeitig von 15 Schülern an die Tafelwände geschrieben
+werden, während die übrigen Kinder ins Heft schrieben. Die _gemeinsame_
+Korrektur der auf der Tafelwand von _allen_ Kindern aufzusuchenden Fehler
+gab eine ausgezeichnete Übung im Fixieren der Wortbilder.
+
+d) =Katholischer Religionsunterricht.= Der Religionsunterricht war
+inhaltlich an den offiziellen Lehrplan der _ersten_ Klasse gebunden.
+Methodisch suchte er innerhalb dieses Rahmens möglichst durch die
+Beobachtung, Anknüpfung an die Erfahrung, Nachahmung, dramatische
+Darstellung das religiöse Erlebnis zu vertiefen. Dieses war im weitesten
+Sinne beim religiös-liturgischen Anschauungsunterricht möglich. Durch
+wiederholten Besuch in der Josefskirche sowie in der Sakristei derselben
+wurden die liturgischen Objekte und Handlungen zur unmittelbaren
+Anschauung gebracht. Die liturgischen Handlungen wurden zum Teil in
+Spiel und Ernst nachgeahmt. (Verehrung des Christkindes, Betrachtung der
+Kreuzwegbilder in der Josefskirche, Maiandacht, Messe.) Der
+religiös-sittliche Anschauungsunterricht wurde im Anschlusse an die
+Erlebnisse der Kinder (Haus, Straße, Schule, Spielplatz) behandelt. Beim
+Gebetsunterricht wurde möglichst auf wirkliches Beten aus erlebter
+Empfindung, nicht bloß auf gedächtnismäßiges Aufsagen gesehen. Die
+biblischen Erzählungen wurden vielfach dramatisch, mit Rollenverteilung,
+nacherzählt und so zu möglichster Wirkung gebracht.
+
+In der _zweiten_ Klasse bildete eine Wanderung zur Ursulakirche die
+Grundlage für den religiös-_liturgischen_ Anschauungsunterricht. Zur
+Grundlage des religiös-_sittlichen_ Anschauungsunterrichtes wurden die
+mannigfachen Erlebnisse der Kinder genommen. Im übrigen wurde gemäß den
+im vorausgehenden geschilderten Grundsätzen des ersten Schuljahres
+verfahren.
+
+e) =Turnen.= Für Turnen waren in der _ersten_ Klasse jeden Tag 20
+Minuten in Anrechnung gebracht. Diese 20 Minuten waren zweimal (Montag
+und Donnerstag) auf den Nachmittag, die übrigen Tage auf den Vormittag
+verlegt. Die Vormittagsübungen bildeten ein willkommenes Gegengewicht
+gegen eine möglicherweise eintretende geistige Ermüdung. Die Turnzeiten
+wurden an den Nachmittagen hauptsächlich für jene Übungen verwendet,
+welche die Willensbegabung der Schüler vor allem fördern, also für
+Freiübungen zur richtigen Körperhaltung, für Wettspiele und Wettkämpfe.
+
+An den Vormittagen wurden hauptsächlich Lauf-, Nachahmungs- und
+Singspiele gespielt; unter den Nachahmungsspielen befanden sich von den
+Kindern _selbst erdachte_ und in irgendeinem Zusammenhang mit dem
+Unterricht stehende: z. B. »Meine Blümchen haben Durst« (Bild),
+»Straßenverkehr«, »Rechtsgehen«, »Kriegführen«, »Frau Holle«.
+
+In der _zweiten_ Klasse war der Turnunterricht auf vier halbe Stunden
+verteilt. Im übrigen wurde wie im Vorjahre verfahren unter steigender
+Anspannung der Willenskräfte behufs ordnungsgemäßer und genauer
+Ausführung der Turnbewegungen. Immer wurde auf sorgfältige Pflege der
+Arbeitsgemeinschaft und der freiwilligen Unterordnung Bedacht genommen.
+
+Mit Beginn dieses Schuljahres wurden in allen Versuchsklassen in eine
+Unterrichtspause jeden Tages hygienische Körperübungen von fünf bis acht
+Minuten gelegt, welche als Vorbeugung gegen Tuberkulose und gegen
+Skoliose eingeführt wurden. (Anleitung durch Schularzt Dr. Ranke.)
+
+f) =Singen.= Die Liedertexte standen zunächst in Verbindung mit den
+Aufgaben des Anschauungsunterrichtes, aus dem ihre Inhalte
+herauswuchsen. Zur klaren Erfassung des Rhythmus wurden die Kinder
+angeleitet, aus vorgesungenen Liedern den Takt selbst herauszufinden. Im
+zweiten Schuljahre boten auch die Singspiele und religiöse Lieder, die
+mit gewissen kirchlichen Festtagen in Beziehung standen, Stoff für den
+Singunterricht. Die Texte der Lieder standen zur Zeit ihrer Einübung
+immer zum Schul- oder öffentlichen Leben in enger Beziehung und dienten
+so der Steigerung des Gefühlslebens.
+
+g) =Holzbearbeitungsunterricht.= Unter den praktischen
+Beschäftigungen, die wir mit der Versuchsschule verbunden haben, bildet
+die Beschäftigung mit der Holzarbeit neben der Beschäftigung mit
+weiblichen Handarbeiten, die von der dritten Klasse ab nur mehr für die
+Mädchen bestimmt ist, die wichtigste. Ich habe mich für die Holzarbeit
+unter Ausschaltung von Papp- und Metallarbeiten aus einer Reihe von
+Erwägungen entschieden, die ich in Kap. IV und V des näheren ausgeführt
+habe. Die wichtigsten dieser Erwägungen sind: a) die mannigfache
+Verwendbarkeit der so erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht bloß
+im späteren Leben, sondern auch im Dienst des Volksschulunterrichtes in
+Rechnen, Zeichnen und Physik; b) die Möglichkeit, die Arbeitsprozesse
+von Anfang an mit größter Genauigkeit ausführbar zu machen, so daß der
+Schüler jederzeit _Selbstkontrolle_ über das Gelingen seines Werkes hat;
+c) damit verbunden die weitere Möglichkeit, in einer Fülle ganz stetig
+aufeinanderfolgender, immer schwieriger werdender Aufgaben die
+Gewohnheiten der Genauigkeit, Sorgfalt, Gründlichkeit und Ausdauer zu
+steigern; d) die leichte und vielseitige Behandlungsmöglichkeit, sowie
+die Billigkeit des Materials; e) das natürliche, von allen Knaben und --
+wie wir nun auch durch unsere Versuche erfahren haben -- von allen
+Mädchen in ganz hervorragendem Maße geteilte Interesse an der
+Holzbearbeitung und den Arbeitsprodukten, die sich aus dieser
+Beschäftigung ergeben. Schon die Schüler der ersten Klasse ziehen nach
+unserer Erfahrung den Unterricht in der Holzbearbeitungswerkstätte allem
+übrigen Unterricht vor, obwohl wir vom ersten Tage an dem Kinde
+bestimmte Aufgaben nach vorgelegten Mustern stellen und vom ersten Tage
+an den größten Nachdruck auf durchwegs sorgfältige Arbeit legen.
+
+Die Voraussetzungen für das Gelingen dieses Unterrichtes sind: ein
+technisch vollkommen durchgebildeter Lehrer, weise Auswahl der
+Arbeitsprozesse, welche das Kind sorgfältig auszuführen imstande ist,
+ein besonderer Arbeitsraum mit entsprechenden, dem Alter der Kinder
+angepaßten Einrichtungen und eine zweckmäßige Vorbereitung des vom
+Schüler zu behandelnden Materials, damit diesem keine Arbeitsprozesse
+zugemutet werden müssen, die über die physischen und geistigen Kräfte
+des Kindes hinausgehen. In den ersten und zweiten Klassen zeigt sich
+hierbei, daß für das Gelingen der Arbeit unbedingt für _jedes_ Kind ein
+eigenes Modell nötig ist. Vom dritten Schuljahre ab benötigt das Kind
+das Modell meist nur als Anschauungsmittel; im übrigen arbeitet es mehr
+nach Maßangaben, womit für dieses Schuljahr zugleich ein höchst
+fruchtbares Arbeitsfeld für praktische Rechenübungen gegeben ist, das
+die Lust zum Rechnen und damit die Fähigkeit zum Rechnen in einer
+unerwarteten Weise steigert.
+
+Knaben wie Mädchen zeigen für die einfachen Aufgaben der Holzbearbeitung
+die gleiche Begeisterung; doch stellt sich immer deutlicher die bessere
+Begabung der Knaben hierzu heraus, sobald es sich um die Auffassung von
+Konstruktionselementen handelt. Nach den Mitteilungen des Fachlehrers
+beginnen viele Kinder bereits im ersten Schuljahre die Anregungen der
+Werkstätte auch in freiwillige häusliche Arbeiten umzusetzen. Die Zahl
+steigert sich mit jedem Schuljahre, und um die Weihnachtszeit kommen
+Eltern um Eltern, beim Fachlehrer geeignete Werkzeuge für die häuslichen
+Arbeiten zu bestellen. Vom dritten Schuljahre ab bringen die Kinder
+regelmäßig freiwillige Arbeiten mit in die Schule. Sie sind meist gut in
+der Auffassung, mangelhaft in der Konstruktion. Das letztere ist
+selbstverständlich. Gerade der Sinn für richtige Konstruktion muß erst
+in langjähriger Arbeit entwickelt werden. Auch haben die Kinder zu Hause
+das so gut vorbereitete, passende Material der Schule nicht zur
+Verfügung. Sie müssen sich ihre Holzstücke ohne Erfahrung erst
+zurechtrichten. Aber hierbei fehlt vor allem ein Werkzeug, der Hobel, an
+dessen Einführung wegen der physischen Kraft, die er beansprucht, nicht
+vor dem Beginn der sechsten Klasse gedacht werden kann. Vielleicht daß
+man später daran denken kann, Hobel mit sehr schmalen Hobeleisen etwa
+schon im fünften Schuljahre zu verwenden.
+
+Zur _Arbeitsgemeinschaft_ bieten die Übungen mannigfache Gelegenheit.
+Viele Objekte können nur in Arbeitsgemeinschaft hergestellt werden; ja
+die Einfachheit der einzelnen Übungen drängt geradezu dazu, gemeinsame
+Arbeitsobjekte von Zeit zu Zeit einzuschalten, weil nur ein wirkliches
+Objekt imstande ist, immer und immer wieder das Interesse des Kindes zu
+fesseln und ihm so über die Schwierigkeit und Monotonie der einzelnen
+Übungen hinwegzuhelfen. Es zeigte sich, daß die Arbeitsfreude am
+stärksten sich einstellte, wenn ein _gemeinsamer_ Zweck die Kinder in
+ihrer Arbeit zusammenführte.
+
+Der Umstand, daß für jeden Schüler das Material der Aufgabe gemäß erst
+vorbereitet werden muß, hat es natürlich mit sich gebracht, daß für den
+Fachlehrer für jede Unterrichtsstunde unbedingt eine Vorbereitungsstunde
+notwendig wird, namentlich solange er auch noch die Modelle für alle
+einzelnen Kinder anzufertigen hat. Fällt dies weg, so wird sich die
+Vorbereitungszeit pro Unterrichtsstunde auf eine halbe Stunde reduzieren
+lassen. Aus den nachfolgenden Verzeichnissen der Werkzeuge lassen sich
+sofort die von den Kindern des ersten bis vierten Schuljahres
+auszuführenden Arbeitsprozesse erkennen. Dabei bemerke ich, daß das
+Sägen sich nur auf Trennung von Stäben und schmalen, höchstens 5 cm
+breiten Brettchen beschränkt. Lange Sägestriche exakt mit freier Hand
+auszuführen, kann von Kindern der ersten vier Schuljahre noch nicht
+gefordert werden. Alle Sägeübungen bedürfen der Führung durch die
+Gehrungsschneidlade, damit sie allen Ansprüchen auf Genauigkeit in
+diesem Alter genügen.
+
+Die Werkzeuge für jeden Schüler, die gemäß der Stärke einer Abteilung 25
+mal beschafft wurden, waren folgende:
+
+ 1 Parallelschraubstock aus Eisen M 2,--
+ 1 Gehrungsschneidlade mit Anschlag " --,75
+ 1 Einstreichsäge mit Messingrücken " --,70
+ 1 kleine halbrunde Raspel " --,50
+ 1 kleine halbrunde Schlichtfeile " --,50
+ 1 kleine rechteckige Schlichtfeile " --,45
+ 1 Hammer (100 g) " --,60
+ 1 kleine Beißzange Nr. 8 " --,45
+ 1 kleine Flachzange " --,70
+ 1 kleiner Nagelbohrer " --,15
+ 1 prismatischer Maßstab (30 cm) " --,50
+ 1 Bleistift " --,05
+ --------------
+ Summa: M 7,35
+
+Die Ausgaben für die Gesamtausrüstung für 25 Schüler betrugen Mk.
+183,75. Dazu kommen zum allgemeinen Gebrauche:
+
+ 12 Stück Schraubenzwingen aus Eisen,
+ 6 " kleine Bohrer,
+ 1 " Trillbohrer,
+ 2 " amerikanische Schneckenbohrer.
+
+An Materialausgaben fielen an:
+
+ +---------------------------------++--------------+---------------+
+ | || Für die | Für die |
+ | || erste Klasse | zweite Klasse |
+ +=================================================================+
+ | Für Holz || M 41,54 | M 57,87 |
+ | Für Stifte und Schrauben || " 2,60 | " 2,72 |
+ | Für sonstige Materialien (Leim, || | |
+ | Spiritus, Beize, Papier usw.) || " 5,55 | " 7,10 |
+ | ---++--------------+---------------+
+ | || M 49,69 | M 67,69 |
+ +---------------------------------++--------------+---------------+
+
+d. h. im ersten Jahre wurde pro Kind 1 Mk. und im zweiten Jahre pro Kind
+1 Mk. 40 Pfg. an Materialausgaben nötig.
+
+Einen Überblick über die einzelnen Übungen der ersten Versuchsjahre und die
+von ihnen in Anspruch genommene Zeit gibt das folgende Verzeichnis. Dazu
+möchte ich nur bemerken, daß einzelne dieser Arbeiten zu umfangreich
+angelegt waren. Andere Arbeiten machten zu vielerlei von vornherein
+geformtes Arbeitsmaterial nötig. Wieder andere Arbeiten waren zu früh
+eingestellt. Vielfach auch wurde die Auswahl erschwert dadurch, daß schon
+von Anfang an eine enge Verbindung mit dem Anschauungsunterricht gefordert
+wurde. Alle diese Mängel waren uns klar bewußt, und wir sind bemüht, sie
+abzustellen. Vor allem müssen die Arbeiten so aufgestellt werden, _daß sie
+mit einem Minimum von Normalien auskommen_, d. h. mit möglichst wenig
+vorgearbeitetem Holzmaterial. Denn je mannigfaltiger die Normalien sind,
+desto mehr Vorbereitungsstunden fallen für den Fachlehrer an und desto mehr
+wachsen dann die Ausgaben.
+
+_Arbeiten der ersten Klasse._ 1. Absägen von 10-15 kleinen _Würfeln_ von
+einem 10 mm starken Vierkantstab in Fichtenholz. (2 Std.)
+
+2. Desgleichen von einem 15 mm starken Vierkantstab, wobei auch die
+Hirnholzkanten mit der Feile gebrochen werden mußten. (2 Std.)
+
+3. _Nagelstab_ 200×18×7 mm aus Erlenholz, in den abwechselnd 10 Stück
+Pariser- und 4 Stück Messingnägel eingeschlagen wurden. (4 Std.)
+
+4. _Zählmaschine_ für 20 Kugeln, 26 cm lang, 14 cm hoch aus Buchen- und
+Fichtenstäben von 10 qmm (mit drehbaren, quergestellten Füßen von 20
+qmm). (18 Std.) Diese Arbeit wurde in späteren Jahren nicht mehr
+ausgeführt:
+
+An ihre Stelle trat:
+
+5. _Das Rechenstäbchen_. Länge 20 cm. Einteilung in 20 gleiche Teile. (2
+Std.)
+
+6. _Turnstab_ von 80 cm durch Absägen eines Rundstabes von 20 mm Stärke.
+Abrunden an beiden Enden, schleifen und mit Politur einlassen. (4 Std.)
+
+7. _Leiter_ von 28 cm Länge, 7 cm Breite, mit 2 Schwingen und 6 Sprossen,
+die auf die Holme aufgenagelt wurden. (8 Std.)
+
+8. _Brückenwagen_ von 171 cm Länge, 80 cm Breite, 6,5 cm Höhe,
+Bodenbrettchen und Radscheiben vom Lehrer hergestellt. (12 Std.) Wurde
+in späteren Jahren weggelassen.
+
+9. _Schlitten_ 100×70×30 mm. Die vier Schwingen wurden auf die Kufen
+genagelt. (4 Std.)
+
+10. _Rechenbaukasten_ mit 32 Bausteinen (siehe Figur Taf. 1). Die
+Kästchen, dessen Brettchen vom Lehrer hergestellt sind, wurden von den
+Kindern zusammengenagelt. (14 Std.)
+
+11. _Reißschiene_, Zunge aus Fichtenholz, 24 cm lang, Anschlag aus
+Buchenholz 8 cm lang. (3 Std.)
+
+12. _Gartenzaun_ um ein vom Lehrer hergestelltes Blumenkistchen. Je sechs
+Schüler arbeiten an einem Zaun. Zaungröße 50 cm im Geviert. (8 Std.)
+
+13. _Blumenstäbe_ dazu. (2 Std.)
+
+_Arbeiten der zweiten Klasse, 1. Holzhaus_ in Arbeitsgemeinschaft. Jede
+Abteilung von 24 Kindern baut zusammen ein Haus. (24 Std.) Diese Arbeit
+wurde in späteren Jahren weggelassen. An ihre Stelle traten Aufgabe 2, 3
+und 4.
+
+2. _Lineal_ von 50 cm Länge mit Dezimeter- und Zentimeterteilung. (6 Std.)
+
+3. _Mörteltruhe_ zum Tragen mit vier Handhaben, 30×17×3 cm. (8 Std.)
+
+4. _Sandwurfgitter._ Rahmen 17×15 cm mit Überplattung. Siebgitter
+geliefert. (8 Std.)
+
+5. _Uhrzifferblatt_, 17×11 cm. Jeder Schüler fertigt ein Zifferblatt mit
+Stunden- und Halbstundenteilung. Triebräder für Stunden- und
+Minutenzeiger geliefert. Arbeitszeit für die vereinfachte Form 8
+Stunden.
+
+6. _Nudelbrett_, 25×17 cm. Bretter vom Lehrer hergerichtet. Die Schüler
+fertigen die Anschlagleisten und besorgen die Verbindung durch
+Aufnageln. (4 Std.)
+
+7. _Walker_ dazu aus 35 mm starkem Buchenstab. Walker vom Lehrer gebohrt.
+Ebenso Griffe. (4 Std.)
+
+8. _Hocker_ mit geflochtenem Sitzrahmen; Höhe 21,5 cm. Sitzfläche 20×20
+cm. (8 Std.)
+
+9. _Plättchen_ zum Damspiel. Vom Buchenstab gesägt. Geraspelt, poliert,
+gebeizt. (4 Std.)
+
+10. _Waschkreuz_ (siehe Figur Tafel II) aus 25 mm starkem Vierkantstab.
+Kreuzbalken 20 cm lang, Fußhöhe 10 cm. Balkenstumpf auf die Füße
+genagelt. (6 Std.)
+
+11. _Holzsteg_ 50×15×5 cm. (8 Std.)
+
+Alle Modelle sind in sorgfältiger Arbeit von Gewerbelehrer _Hans Rohrer_
+durchgedacht und entworfen. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin,
+jedes Modell 1. den ästhetischen Anforderungen genügen zu lassen; 2. in
+solche einfache Teile zu zerlegen bzw. so zu konstruieren, daß die Teile
+sich aus möglichst wenigen und möglichst einfachen Normalien herstellen
+lassen; 3. möglichst wenig von den im Handwerk gebilligten
+Holzverbindungen dabei abzuweichen.
+
+Man wird gemerkt haben, daß aus diesen Arbeitsprogrammen die sogenannte
+_freischaffende Phantasie der Kinder ausgeschlossen ist_. Das hat auch
+schon manchen Tadel eingetragen. Ich bin aber der unwandelbaren
+Anschauung, daß die Schule in allen Fragen des sogenannten produktiven
+Schaffens zunächst die Pflicht hat, in den Kindern in erster Linie jene
+mechanischen Fertigkeiten zu entwickeln und sie mit jenen konstruktiven
+Elementen vertraut zu machen, die jedes produktive Schaffen aus eigener
+Erfindung heraus davor behüten, in grausamen Dilettantismus auszuarten.
+Daß dabei, indem das Kind zunächst auf Nachahmung und Vorschrift
+angewiesen ist, die Arbeitsfreude nicht nur nicht zu verkümmern
+braucht, sondern im Gegenteil von Jahr zu Jahr auf das lebhafteste
+wachsen kann, das hat uns heute schon unser vierjähriger Versuch auch
+auf dem Gebiete der Holzarbeit mit unwiderleglicher Deutlichkeit
+gezeigt.
+
+h) =Weibliche Handarbeit.= Die Mädchen der zweiten Klasse nahmen nicht
+nur am Unterricht in der Holzbearbeitung teil (wie bereits erwähnt),
+sondern erhielten außerdem auch Unterricht in weiblichen Handarbeiten,
+und zwar im Stricken, Nähen und Sticken. Angefertigt wurde: 1. ein
+Topflappen (Stricken mit zwei Nadeln), 2. ein Waschhandschuh (Stricken
+mit fünf Nadeln), 3. ein Nadelkissen aus Stoffstramin, 4. Fahnen in den
+Farben Münchens und Bayerns, die zu Reigenspielen im Turnunterricht
+verwendet wurden.
+
+
+3. DURCHFÜHRUNG DES LEHRPLANES IN DEN ZWEI MITTELKLASSEN
+
+a) =Heimatkundlicher Unterricht mit Zeichnen und Handarbeit.= Der
+heimatkundliche Unterricht ist nur eine Fortsetzung des Anschauungs- und
+Beobachtungsunterrichts, wenigstens soweit die _dritte_ Volksschulklasse
+in Frage kommt; in der _vierten_ Volksschulklasse geht er bereits in
+eigentlichen Geographieunterricht über und rückt damit in die Reihe
+derjenigen Unterrichtsgebiete ein, die es mehr oder weniger mit
+_überliefertem_ Wissen zu tun haben, wo also von einer eigentlichen
+_Erarbeitung_ durch Beobachtung und Experiment wenigstens in der
+Volksschule nicht mehr die Rede sein kann. Wanderungen, Sandkästen zum
+Darstellen der horizontalen und vertikalen Gliederung, allmähliches
+Übertragen der so erzeugten Modelle in das zweidimensionale Kartenbild
+führen in die landläufigen geographischen Ausdrucksmittel ein, in die
+besondern Symbole und Zeichen, mit denen die Wissenschaft der Geographie
+arbeitet. Soweit diese Tätigkeiten (Beobachten beim Wandern, Modellieren
+in Sand, Zeichnen in Symbolen) geübt werden, haben wir es auch im
+heimatkundlichen Unterricht mit einer richtigen _Erarbeitung_ des
+Kulturgutes, das wir in der Karte besitzen, zu tun.
+
+Hierher können auch noch einzelne Schüler_versuche_ zur Aufklärung
+gewisser hydrographischer Verhältnisse der oberbayrischen Hochebene
+gerechnet werden, wie die experimentelle Darstellung des Auftretens von
+Quellen, von Deltabildungen, von Inselbildungen, Verschlammung von
+Flußmündungen, Auftauchen des Grundwassers beim Auskeilen der
+durchlässigen Sandschichte usw.
+
+Dagegen ist es ein Irrtum, daß nun auch das Zeichnen von einzelnen
+Gegenständen aus dem heimatkundlichen Unterricht, oder die Darstellung
+von Stegen, Schleusen, Brücken, historischen Toren, Schlagbäumen,
+Wegweisern, Feldkreuzen, Flößen, Starenkobeln usw. in Holz, wie sie der
+Handfertigkeitsunterricht unternahm, den _Geist_ der Arbeitsschule im
+_Geographie_unterricht widerspiegeln. Wenn die Versuchsklassen gleichwohl
+diese Tätigkeiten als einen unerläßlichen Bestandteil ihres Betriebes
+gerade in Verbindung mit dem heimatkundlichen Unterricht pflegten, so
+hatte das nur den Zweck, Zeichnen und Handfertigkeit, die beide für sich
+ihre eigene Struktur des _Erarbeitungs_prinzips haben, nicht isoliert vom
+übrigen Unterricht laufen zu lassen, sondern eben diesen durch diese
+beiden Fertigkeiten zu beleben und umgekehrt das geographische Interesse
+auch diesen Fertigkeiten zugute kommen zu lassen.
+
+Man hätte Zeichnen wie Handfertigkeit auch mit dem Rechnen oder mit den
+historischen Erzählungen und naturkundlichen Beobachtungen, die als
+erste Grundlegung des kommenden Geschichts- bzw. naturwissenschaftlichen
+Unterrichts in den heimatkundlichen Unterricht eingefügt werden,
+verbinden können, woraus unmittelbar erhellt, daß sie nicht Formen des
+Erarbeitungsprinzips für den heimatkundlichen bzw. geographischen
+Unterricht sein können. Nur soweit diese beiden Tätigkeiten die
+Erarbeitung klarer Vorstellungen eines Gegenstandes und seiner
+wertvollen Konstruktion zusammen mit Fertigkeiten des Konstruierens
+selbst ermöglichen können, müssen sie als Äußerungen des Arbeitsprinzips
+im Sinne der Arbeitsschule angesprochen werden. Aber das also
+_Erarbeitete_ sind nicht Bildungsgüter der _Geographie_, sondern eben --
+genau wie ein Anschauungsunterricht -- klare Vorstellungen gewisser
+Strukturen und Fertigkeiten zur Herstellung dieser Strukturen.
+
+In gleicher Weise wie Zeichnen und Handfertigkeit wurden auch die
+Fertigkeiten des Schätzens und Messens, wo nur immer angängig, geübt und
+in den Dienst der Vorstellungsentwicklung gestellt. Aus den Vergleichen
+von tatsächlich auf den Wanderungen in der Stadt und Umgebung
+zurückgelegten Wegstrecken mit den auf den Stadtplänen und Karten selbst
+gemessenen Entfernungen wurde der Maßstab der Pläne und Karten
+_erarbeitet_ und zugleich dem forschenden Tätigkeitstrieb des Kindes
+Rechnung getragen. Da hierbei der für den geographischen Unterricht
+charakteristische Begriff des _Maßstabes einer Karte_ tatsächlich
+erarbeitet wurde, so kann man diese Tätigkeit als eine im Sinne der
+Arbeitsschule liegende bezeichnen, wennschon auch auf allen rein
+technischen Gebieten der gleiche Begriff des Maßstabes genau in
+derselben Weise gültig ist und genau ebenso erarbeitet werden kann. In
+ähnlicher Weise führte auch das Durchqueren eines Tales (Isartal) und
+die darauffolgende Darstellung der Bewegung durch eine Zeichnung auf der
+Tafel in den _Begriff des Profiles_ ein, der nicht bloß der Geographie
+angehört.
+
+Auf den Wanderungen wurden die Gesteinsarten der nächsten Heimat von
+allen Kindern gesammelt: Kalk-, Quarz- und Kieselsteine aus dem
+Geschiebe der Isar, Nagelfluh aus ihren Hängen, Flinz, Lehm, Kalktuff.
+Ihre Untersuchung und Betrachtung ist gleichfalls kein Spezifikum der
+Geographie; sie gehört in die Anfänge der Mineralogie.
+
+Die mit der Heimatkunde verbundene Beobachtung von lebenden Fischen,
+Fröschen und Muscheln im Freien und im Schulaquarium, von
+Entwicklungsvorgängen im Raupenkasten, in den Blumenkisten des
+Schulzimmers sowie des Schulgartens dienten der Einführung in die
+_Biologie_ von Tieren und Pflanzen durch selbständige Erarbeitung gewisser
+Vorstellungen und Begriffe.
+
+Was endlich den Unterrichtsstoff im ganzen betrifft, so sei hier nur
+angeführt, daß er sich in der _dritten_ Klasse mit München, mit der
+Umgebung Münchens und mit dem Flußgebiet der Isar, in der _vierten_ Klasse
+mit dem alten Stammlande Bayern befaßte.
+
+b) =Rechnen.= Der Rechnungsunterricht kann das Arbeits- oder
+Erarbeitungsprinzip überhaupt nicht verfehlen. Die Zahlenbegriffe müssen
+_erarbeitet_ werden -- auch in der schlechtesten Schule --, oder sie sind
+überhaupt nicht da. Der naturgemäße _Gang der Erarbeitung_ ist schon durch
+die natürliche Zahlenreihe selbst gegeben, wie er auch später von den
+ganzen zu den gebrochenen, von den positiven zu den negativen, von den
+rationellen zu den irrationellen, von den reellen zu den imaginären und
+komplexen Zahlen fortschreitet, ohne daß jemals der Versuch
+auch nur denkbar wäre, das Umgekehrte zu tun. Es liegt eben im Wesen
+des Zahlbegriffs, _konstruktiver_ Begriff zu sein.
+
+Alle rein konstruktiven Begriffe aber, sobald sie ein _Werkzeug_ des
+Denkens werden sollen, müssen unweigerlich _erarbeitet_ werden, d. h.
+jeder, der diese Kulturgüter assimilieren will, muß genau den gleichen
+Weg geistiger Tätigkeit gehen, den der gegangen ist, der sie den
+Menschen geschenkt hat.
+
+Wie sehr also auch der Rechnungsunterricht ebenso wie der
+Geometrieunterricht losgelöst sein mag von aller praktischen Betätigung
+(wie z. B. bei Pestalozzi in Ifferten), er trägt in sich selbst auch in
+der abstraktesten Methode, sofern diese nur historisch-genetisch
+vorgeht, das Wesen des Arbeitsunterrichts, das eben darin besteht, in
+die Struktur des Bildungsgesetzes durch eigene Tätigkeit einzudringen.
+Es gibt auch tatsächlich Kinder, die derartig veranlagt sind, daß sie
+ohne alle Veranschaulichungs- und konkrete Einführungsmittel die
+Zahlbegriffe ganz autonom aus dem Wesen des Verstandes heraus, der sie
+durch Setzen der Einheit von selbst erzeugt, in bewunderungswerter
+Klarheit _erarbeiten_, und zwar im bloßen Verkehr mit der Umwelt.
+
+Je intensiver man daher die landläufigen Rechenoperationen an die
+praktischen Tätigkeiten des Kindes anknüpft, um so weniger bedarf es
+besonderer Veranstaltungen, den Rechnungsunterricht im Sinne des
+Arbeitsunterrichts zu gestalten. Die Verbindung mit praktischer
+Tätigkeit selbst ist bloß ein _äußeres_ Mittel zur möglichst ausgiebigen
+Betätigung der geistigen Funktionen, die auch ohne diese Verbindung die
+Zahlenbegriffe, wenn auch sehr viel langsamer und spärlicher, von _selbst_
+erarbeiten.
+
+Die menschlichen Tätigkeiten aber, in denen sich die Zahlbegriffe
+ursprünglich entwickelt haben, sind in Handwerk und Handel vereinigt.
+Die Schule kann daher auch nichts Besseres für die Entwicklung der
+Zahlbegriffe und des Rechnens tun, als in der Werkstätte durch ständiges
+Schätzen, Messen und Berechnen der Werkstücke und ihrer Teile und im
+Schulzimmer durch beständiges Zählen, Messen, Wägen, Kaufen und
+Verkaufen den Schüler in die vom ureigensten Interesse an diesen
+Tätigkeiten geschaffene Zwangslage zu versetzen, täglich, stündlich
+Zahlbegriffe zu bilden und Rechenoperationen vorzunehmen.
+
+Daß unsere Schulen bisher das Rechnen in völliger Isoliertheit, wenn
+auch in der fiktiven Annahme sogenannter praktischer Aufgaben, fern von
+aller praktischen, von stärksten Kinderinteressen erfüllten Tätigkeit
+pflegten, das hat die unzähligen Methoden erzeugt, die über die gähnende
+Kluft der Interesselosigkeit Brücken schlagen sollten, und die doch
+trotz aller Brücken den Rechnungsunterricht wenig erfreulich für Kinder
+und Lehrer machen.
+
+Aber diese innige Verbindung von Rechnen und Werktätigkeit, von Rechnen
+und Handeln, macht den Rechenunterricht nicht _mehr_ zum
+Arbeitsunterricht, als er es auch ohne alle solche Verbindung ohnehin
+schon ist, wenn er noch so abstrakt, aber methodisch richtig behandelt
+wird. Was diese Verbindung, die in unsern Versuchsklassen auf das
+innigste hergestellt wurde, bewirkt, das ist, daß _die ganze Fülle des
+Interesses_, welches das Kind allem Tun entgegenbringt, _restlos in die
+rechnerische Tätigkeit überströmt_.
+
+Was den Unterrichtsstoff selbst betrifft, so behandelte der
+Rechenunterricht der _dritten_ Klasse den Zahlenraum von 1-10000, der der
+_vierten_ Klasse den unbegrenzten Zahlenraum, wie in allen übrigen Klassen
+der Münchener Volksschulen.
+
+c) =Sprachunterricht.= Mit Beginn der dritten Klasse spaltet sich der
+in den Unterklassen im Schreibleseunterricht zusammengefaßte und
+einheitlich gestaltete Sprachunterricht in seine verschiedenen Zweige:
+Lesen, Grammatik, Aufsatz, Schönschreiben, Rechtschreiben. Jedem der
+fünf Zweige sind besondere Stunden zugewiesen. Daß diese Spaltung viel
+zu früh einsetzt, ist eine Anschauung, der ich beipflichten muß. Aber
+die Versuchsklassen mußten den für alle Schulen gültigen Lehrplan
+adoptieren und konnten so keine andern Wege gehen.
+
+Was das _Lesen_ betrifft, so handelt es sich hierbei a) um das Erwerben
+einer geistigen Technik, b) um das bloße _Erfassen_ eines logisch
+geordneten Inhaltes, c) um das _Erleben_ eines Inhaltes aus einer in
+Wortsymbolen gegebenen Form. Das Kulturgut, das hier erarbeitet werden
+soll, ist entweder ein theoretisches Gut oder ein ästhetisches Gut.
+
+Da die Lesefertigkeit nur durch Ausübung des Lesens erzielt werden kann,
+und zwar durch lautes Lesen, so kann die Erarbeitung dieser Fertigkeit kaum
+verfehlt werden. Aber diese Fertigkeit kann eine mechanisch-virtuose und
+eine organisch-künstlerische sein. Die erste geht häufig am Sinne des
+Gelesenen vorüber, die zweite ist ohne beständiges Erfassen und Erleben des
+Inhaltes nicht zu erreichen. Für diese zweite und einzig erstrebenswerte
+Art der Lesefertigkeit bietet sich a) das Mittel der mimisch-dramatischen
+Darstellung von Lesestücken mit lebhafter Handlung (produktiver Weg), b)
+das Mittel der durch den Lehrer vorbereiteten Stimmung, aus der das
+Lesestück (Gedicht) geboren ist (rezeptiver Weg). Beide Wege betrat der
+Unterricht so ausgiebig als möglich. Insbesondere ist auch für die
+_ethische_ Auswertung guter Erzählungen und Gedichte, das Erzeugen der
+vorbereitenden Stimmung und die mit der dramatischen Darstellung notwendig
+verbundene Versenkung in den Inhalt weitaus fruchtbarer als alle
+nachträgliche moralisierende Ausschlachtung des Gelesenen, vor dem man
+nicht genug warnen kann. _Erleben_ die Kinder das Gelesene, so haben sie es
+auch _erarbeitet_; die Arbeitsschule hat ihr Prinzip vollauf damit gewahrt.
+Die moralische Analyse ist Sache eines anderen Unterrichts -- des
+Moralunterrichts zur Bildung der moralischen Urteilsfähigkeit.
+
+Mit moralischem Verhalten im Handeln darf aber weder das Erleben
+moralischer Werte im Leseunterricht, noch viel weniger die Ausbildung
+der Urteilsfähigkeit verwechselt werden. Von diesem Erleben und dieser
+Ausbildung des Urteils bis zum tatsächlichen moralischen Verhalten ist
+noch ein ungemein weiter Weg, ein Weg auf den wir den Schüler nur durch
+die sozialen Güter der _Arbeitsgemeinschaft_ führen.
+
+Wie Lesen, so sind auch _Schönschreiben_ und _Rechtschreiben_ Fertigkeiten,
+Schönschreiben eine manuelle, Rechtschreiben eine intellektuelle. Auch
+bei diesen Fertigkeiten kann der Weg der Arbeitsschule nicht verfehlt
+werden; jede Fertigkeit muß eben, damit sie Fertigkeit wird,
+systematisch erarbeitet werden. Die Versuchsklassen III und IV setzten
+selbstverständlich im Schönschreiben den in den Unterklassen
+eingeschlagenen Weg der schöpferischen Erarbeitung einer gleichmäßigen,
+der individuellen Schülerhand entsprechenden »Schön«-Schrift fort, wobei
+bereits in der dritten Klasse auch mit der Erarbeitung der deutschen
+Frakturschrift begonnen wurde. Der Erarbeitung der Rechtschrift dienten
+auch Betrachtungen über Wortbedeutung und Wortbildung.
+
+Mit der _Sprachlehre oder Grammatik_ setzt in der Volksschule der erste
+eigentlich theoretische Unterrichtsstoff ein. Daß schon die
+Mittelklassen damit unglückseligerweise belastet werden, hängt damit
+zusammen, daß an diese Klassen die Gelehrtenschulen anschließen, welche
+bei ihren Aufnahmeprüfungen elementare Kenntnisse in der deutschen
+Grammatik verlangen. Auch in dieser Disziplin ist der allein mögliche
+Weg der Arbeitsschule längst allgemein betreten: der Weg der Induktion.
+Der einzige Nachteil ist, daß die Induktion auf dem Gebiete der Sprache
+nur zu Regeln mit soundso vielen Ausnahmen führt, die eben nicht
+erarbeitet werden können, sondern überliefert werden müssen. Aber auch
+selbst da, wo von den Ausnahmen geschwiegen wird, verbietet es die Reife
+bzw. die Unreife der acht- und neunjährigen Kinder häufig genug, selbst
+den induktiven Weg zu betreten. Die _immanenten_ Bildungswerte der
+Sprachgüter kann eben im allgemeinen, abgesehen von gewissen
+ästhetischen Bildungswerten, die Volksschule durch keinen
+Arbeitsschulbetrieb auslösen. Das ist zur Not noch den höheren Schulen
+möglich, die das ausgezeichnete Werkzeug der Sprachvergleichung hierzu
+zur Verfügung haben.
+
+Vermag das Lesen zum _Erleben_ bereits dargestellter ästhetischer Werte
+und der mit ihnen auf das engste verbundenen ethischen Inhalte zu
+führen, so ist es Aufgabe des _Aufsatzunterrichtes_ erlebte Seeleninhalte
+darzustellen. Das allein soll seine Aufgabe sein; denn nur wenn der
+Aufsatz Erlebtes darstellt, wird man an die Darstellung auch ästhetische
+Ansprüche machen können.
+
+Der Grundzug aller Darstellung, also auch der sprachlichen, ist zunächst
+_reine Sachlichkeit_. Sachlich können wir nur das darstellen, was wir
+vollständig beherrschen. Das Kind beherrscht im allgemeinen nur das, was
+es erlebt hat, in der Werkstätte, im Schulgarten, auf den Wanderungen,
+im Schulzimmer, am Schulwege, in der Familie. Aus diesen Erlebnissen
+wählten die beiden Klassen die Stoffe ihrer sogenannten Aufsätze. Das
+Kind kann auch Märchen und Erzählungen _erleben_; das hängt von der
+Darstellungskraft des Lehrers ab. Das wichtigste in den _ersten Übungen
+im schriftlichen Ausdrucke_ -- so sollte man den Aufsatzunterricht in der
+Volksschule bezeichnen -- ist immer, daß das Darzustellende das _volle
+Interesse_ des Darstellers hat, und daß womöglich auch ein _praktischer
+Zweck_ den Schüler zur Darstellung nötigt. _Das sind die beiden
+Hauptforderungen, welche die Arbeitsschule an den Aufsatzunterricht
+stellt._ Auch wir Erwachsenen greifen nicht zur Feder a) wenn uns kein
+Erlebnis zu einem ästhetischen Werke drängt, b) wenn unsere Darstellung
+keinen bestimmten Zweck erfüllt.
+
+Den Schülern aber mutet man zu, ohne Erlebnisse und ohne gewollten Zweck
+-- Aufsätze zu machen. Man hat, um dies zu vermeiden, oft genug die Form
+des Briefes empfohlen. Aber ein Brief, der kein Bedürfnis ist, hat auch
+keinen selbstgefühlten Zweck, und daher sind die Briefaufsätze der
+Schüler um kein Haar besser als die übrigen Aufsätze.
+
+Neben der schriftlichen Darstellung wurde auch, wie in den beiden ersten
+Klassen, die mündliche geübt, vor allem durch die allwöchentliche
+mündliche Berichterstattung über die Vorkommnisse in der
+Schülerwerkstätte und über den Fortgang und die Art der jeweils in Frage
+stehenden Aufgaben der Werkstätte. Da es sich hier um _gemeinsame_
+Erlebnisse handelt, so war bei diesen Berichten auch das
+Klasseninteresse wachgerufen.
+
+d) =Religionsunterricht=. Der Religionsunterricht der Volksschule hat
+zwei Aufgaben zu lösen: 1. die positiven Lehren der betreffenden
+Konfession zu übermitteln; 2. das religiöse Verhalten zu erwecken, zu
+entwickeln, zu veredeln und mit dem praktischen Verhalten zu
+verschmelzen.
+
+Die zweite Aufgabe ist die weitaus wichtigste; von ihrer richtigen
+Lösung hängt auch die wertvolle Lösung der ersten Aufgabe ab. Die
+richtige Lösung der zweiten Aufgabe führt unmittelbar in das Prinzip der
+Arbeitsschule. Alles hängt davon ab, wie weit es dem Lehrer gelingt, die
+Beziehung zum Transzendenten, zu Gott _erleben_ zu lassen.
+
+Diesen Erlebnisakten dient teils die enge Verbindung des Unterrichts mit
+den Erlebnissen des Kirchenjahres, teils eine Darstellung der biblischen
+Geschichte, die durch die Kunst des Lehrers selbst zum Erlebnis für die
+Schüler wird. Erst auf dem Boden solcher religiöser Erlebnisse gewinnen
+dann auch die nicht zu erarbeitenden, andern unmittelbar mitzuteilenden
+positiven Lehren der Konfession ihre Kraft und praktische Bedeutung. So
+wurde in der vierten Klasse, deren katholische Schüler zum ersten Male
+das Sakrament der Beichte empfangen, die biblische Parabel vom
+verlorenen Sohne durch entsprechende Darstellung zu einem großen
+Erlebnis gestaltet und aus diesem Erlebnis die sakramentalen
+Erfordernisse einer Beichte zum Bewußtsein gebracht. So wurde die
+Materie des Sündenbekenntnisses aus kindlichen Erlebnissen, vor allem
+aus Gewissenskonflikten gewonnen. So wurde die Gewissenserforschung
+durch entsprechende Anleitung zu einer Lebensgewohnheit des Tages
+gemacht.
+
+e) =Turnen und Singen= sind zunächst, wie der schriftliche sprachliche
+Ausdruck, Fertigkeiten. Soweit sie bloß Fertigkeiten sind, sind ihre
+Übungen unmittelbar Tätigkeiten im Sinne der Arbeitsschule. Die Technik
+des Turnens wie des Singens wird eben durch technische Übungen
+_erarbeitet_.
+
+Allein die Arbeitsschule als Schule der Charakterbildung pflegt keine
+Technik um der Technik willen. Für sie soll jede erarbeitete Technik nur
+eine weitere Ausdrucksmöglichkeit der _ganzen_ Persönlichkeit sein. Daraus
+erwachsen dem Turn- und Singunterricht neue Aufgaben, die nicht gelehrt,
+sondern nur erlebt und nur aus dem persönlichen Erlebnis heraus gelöst
+werden können. Aus den Ereignissen der Zeit und den Verhältnissen der
+Stunde entwickeln sich Gefühle, die den Menschen von selbst zur
+Darstellung in der Bewegung wie im Gesange drängen. Die Aufgabe der
+Arbeitsschule ist, allgemeine Seelenzustände zu schaffen, die zur
+Darstellung drängen, und nebenher Übungen zu veranstalten, welche es
+ermöglichen, den Gefühlen vollen und zugleich ästhetischen Ausdruck zu
+verleihen. Turnspiele, rhythmische Freiübungen, Reigen, Nachahmungs- und
+Singspiele, von den Schülern selbst veranstaltete Schulfeste lösen jene
+Stimmungen aus, denen die technischen Übungen zum adäquaten Ausdruck
+verhelfen können. Auch religiöse und vaterländische Feste können dem
+rechten Lehrer, der unter ihrem Eindruck steht, zur Erweckung jener
+tiefen Gefühle dienen, denen das Lied wie die Bewegung Ausdruck
+verleihen.
+
+f) =Holzbearbeitungsunterricht.= Wie bereits erwähnt, stand der
+Holzbearbeitungsunterricht in der dritten und vierten Klasse mit dem
+heimatkundlichen Unterricht und dem Rechenunterricht in möglichst enger
+Verbindung. Er entwickelte aber sein eigenes Arbeitsprinzip als Technik
+immer folgerichtiger. Denn nur so konnte er als wirkliches
+Bildungsmittel sein Recht im Lehrplane behaupten.
+
+Die Arbeitstechniken waren gleich denen der Vorjahre: Stumpfe
+Verbindungen, einfache Ecküberplattungen, T-Verbindungen,
+Bohrzapfenverbindungen. Stets wurde auf eine genaue, selbständige
+Ausführung aller Verbände gesehen.
+
+_Als Material_ dienten: gleich- und ungleichseitige Vierkantstäbe und
+Rundstäbe aus Tannen-, Fichten-, Erlen- und Buchenholz; Draht und
+Drahtgitter, Klammern, Schrauben; Farben, Beizen, Polituren;
+Flintpapier, Leim, Brennspiritus.
+
+_Als Werkzeuge_ wurden benutzt: Maßstab, Bleistift, Winkel, Reißahle,
+Gehrungsschneidlade, Einstreichsäge, Raspel, Plattfeile, halbrunde
+Feile, Handbohrer, Hammer, Beißzange, Drahtzange, Schraubzwinge, Lehren
+für Bohrzapfen, Holzklötzchen zum Anreißen.
+
+_Als Arbeitsvorgänge_ sind zu verzeichnen: Messungen und Berechnungen in
+großer Fülle, Anzeichnen oder Anreißen, Sägen, Raspeln, Feilen, Bohren,
+Nageln, Schleifen, Beizen und Einlassen mit Politur.
+
+Vor Beginn jeder neuen Übung fand jeweils eine Besprechung statt, in
+welcher das _Material_, die Form, der Zweck sowie die Zergliederung und
+Benennung von Haupt- und Nebenteilen _an der Hand von Modellen_ sorgfältig
+erläutert wurde. Vor jedem Arbeitsprozeß wurden die Arbeitsvorgänge auf
+das genaueste erklärt und _vorgemacht_ sowohl vom Lehrer als auch von
+einzelnen Schülern.
+
+Neben richtiger Handhabung der Werkzeuge sowie genauer Ausführung aller
+einzelnen Arbeiten wurde ganz besonderer Wert auf das _Messen und
+Berechnen_ aller Teile gelegt. Einer richtigen Handhabung und Benutzung
+des Winkels wurde besondere Aufmerksamkeit zugewendet.
+
+Die Kosten für den gesamten Materialverbrauch beliefen sich in der
+dritten Klasse auf 72,20 Mark, in der vierten Klasse auf 87,24 Mark, so
+daß auf den Schüler der dritten Klasse rund 1,50, auf den der vierten
+Klasse rund 2 Mark Materialverbrauch im Jahre kommen.
+
+_Arbeiten der dritten Klasse._ 1. _Sandkasten_, 50×35×6 cm, für den
+heimatkundlichen Unterricht. Je zwei Schüler fertigen einen Kasten. Nur
+im Jahre 12/13 in 24 Stück angefertigt für den Unterricht. (10 Std.)
+
+2. _Raupenkästen_, 50×35×31 cm, für den heimatkundlichen Unterricht. Jede
+Abteilung fertigt einen Kasten. In späteren Jahren Raupenkästchen (s.
+Figur Tafel III) von je zwei Schülern gefertigt im Maßstab 27×17,5×15
+cm. (20 Std.)
+
+3. _Plakatständer._ Einzelarbeit. (4 Std.)
+
+4. _Feldkreuz_ mit Betbank. Eine der liebsten Arbeiten der Schüler. Höhe
+36 cm, Dachausladung 19 cm, Boden für Kreuz und Bank 20×20 cm.
+Einzelarbeit. (17 Std.)
+
+5. _Schlagbaum._ 79×46 cm. Einzelarbeit. (15 Std.)
+
+6. _Schleuse_ (s. Figur Tafel IV), 23 cm in der Höhe, Grundbrett 24×25 cm.
+Einzelarbeit. (12 Std.)
+
+Die sämtlichen Arbeiten beanspruchen also im Jahre zusammen 78 Stunden.
+
+_Arbeiten der vierten Klasse._ 1. _Floß_ für Holztransport. Zusammenbinden
+der Baumstämme mit selbstgefertigten Drahtseilen. 2. Ruder. Auf dem Floß
+eine Holzbeuge. Einzelarbeit. 28×14 cm. (17 Std.)
+
+2. _Meterstab_ in Erlenholz. 100×10×2,8 cm. Dezimeter- und
+Zentimeterteilung von den Schülern hergestellt. Der Stab selbst wird in
+richtiger Größe den Schülern geliefert. Dezimeterstellen durch die
+Breite des Stabes gesägt, halbe Dezimeterstellen durch die halbe Breite
+mit Stahlblechmeißeln eingemeißelt. Die Zentimeterstellen: Vorreißen mit
+Reißahle, auf ein Drittel Stabbreite, dann wieder Einmeißeln mit
+Stahlblechmeißeln. Einlassen mit Politur; Überwischen mit Nußbeize. Die
+vertieften Stellen werden dunkel. Einzelarbeit. (10 Std.)
+
+3. _Vogelfutterhäuschen._ Bodenbrett 40×28 cm, Höhe bis zur Dachunterkante
+15. Dachhöhe 15. Säulen und Balken aus Vierkantstäben 2×2 cm.
+Dachsparrenquerschnitt 2×1 cm. Dachsparren gedeckt mit Brettern.
+Einzelarbeit. (16 Std.)
+
+4. _Starenhaus_ (s. Figur Tafel V). Höhe 35. Breite und Tiefe 16 cm.
+Einzelarbeit. (14 Std.)
+
+5. _Maibaum._ 70 cm hoch. Bodenbrett 16×16 cm mit Umzäunung. Baum
+eingeteilt in drei Abteilungen. Erste Abteilung mit Fahnen in bayrischen
+Farben. Zweite Abteilung: Werkzeuge der Versuchsschule. Dritte
+Abteilung: Kirche und Schule. Alles nach Art der Spielwaren
+selbstgefertigt. Schluß wieder zwei Fahnen in Münchener Stadtfarben.
+Einzelarbeit. (22 Std.)
+
+Die sämtlichen Arbeiten beanspruchen also im Jahre zusammen 79 Stunden.
+
+g) =Weibliche Handarbeiten.= Der Unterricht setzte die Techniken der
+ersten und zweiten Klasse fort: Stricken, Sticken und Nähen. In der
+vierten Klasse wurden die Strickübungen der dritten Klasse auf einen
+Schlips oder Kragenschoner angewendet. Als neue Technik im Sticken
+wurde der Kreuzstich eingeführt, und wie das Musterstricken zu einem
+Schlips, so führte die Fertigstellung des Kreuzstichmusters zum Umschlag
+eines Nadelbüchleins, dessen Innenseiten die Schülerinnen mit
+Stoffresten und Bändern ausarbeiteten. Als Einlage wurden Flanellflecke
+genommen, die zugleich eine Gelegenheit für Schneideübungen boten.
+Endlich befaßte sich die vierte Klasse noch mit Sticken einer _Borte_ auf
+geschlossenem Faden und weichem Gewebe, die von den Kindern selbst
+entworfen und als Zwischensatz für eine von den Kindern selbst
+hergestellte Schürze diente.
+
+
+4. SCHLUSSBETRACHTUNGEN
+
+Mit der Darstellung des Unterrichtsbetriebes der vier ersten
+Volksschulklassen im Sinne einer Arbeitsschule ist das Bild der
+genehmigten Versuchsklassen abgeschlossen. Was hier gegeben wurde, ist
+nur ein Beispiel eines Versuches und nicht einmal eines völlig freien
+Versuches, weil ja die Lehrziele jeder Klasse und jedes
+Unterrichtsfaches von vornherein durch die für sämtliche
+Volksschulklassen genehmigten Lehrpläne auch für die Versuchsklassen
+vorgeschrieben waren. Ich bin mir keinen Augenblick im unklaren
+darüber, daß eine Ausdehnung des Holzbearbeitungsunterrichts von 2 auf 6
+Stunden in der Woche in den beiden ersten, auf 4 in den beiden nächsten
+Klassen und eine Verbindung mit Gartenarbeiten eine noch weit stärkere
+Konzentration des Gesamtunterrichtes ermöglichen würde, vielleicht unter
+Verschiebung der Ziele der ersten zwei oder drei Schuljahre in andern
+Unterrichtsfächern, aber unter stärkster Wirkung für die
+Gesamtpersönlichkeit des Kindes. Denn nur, wo wir die ausschließlich in
+diesem Alter vorwiegenden praktischen Interessen des Kindes packen,
+bekommen wir mit einem Schlage seine ganze Persönlichkeit in die Hand.
+Erst aus seinen Interessen heraus wird das Kind in Wahrheit
+»selbsttätig« und damit in seiner Totalität »selbstbildend«. So wie die
+gewöhnliche Schule »Selbsttätigkeit« auffaßt, handelt es sich bloß um
+»Tätigkeit«, die natürlich das Kind »selbst« ausübt. Aber damit ist ja
+gar nichts gewonnen. Es handelt sich nicht darum in der Arbeitsschule,
+daß das Kind »selbst« tätig ist, sondern darum, daß es »_aus seinem
+Selbst_« zur Tätigkeit genötigt wird. Damit erst tritt der _ganze_ Mensch
+mit seinem Empfinden, Vorstellen, Denken, mit allen seinen Gefühlen,
+Trieben und Willensakten in die Tätigkeit ein, und nicht weil ihm ein
+anderer den Zweck des Tuns einige Augenblicke »interessant« macht, weil
+der Lehrer das Interesse (soll heißen die Neugierde) erweckt, sondern
+weil der Mensch aus seiner inneren zeitweiligen oder dauernden
+Gesamtveranlagung gar nicht anders _kann_. Die landläufige Pädagogik
+vergißt immer, daß ein bloß _interessant gemachter_ Gegenstand bei weitem
+nicht jene Kräfte im allgemeinen auslöst wie ein _vom eigensten Interesse
+ergriffener_ Gegenstand. Sobald aber erst einmal die »Selbsttätigkeit«
+aus dem innersten Bedürfnis nach Erzeugung eines Objekts entsprungen
+ist, dann ergreift sie alles, was mit der rechten Erzeugung notwendig
+verbunden werden kann, Rechnen, Zeichnen, ja selbst Lesen und Schreiben
+mit der gleichen Wucht der nach Erfüllung des Bedürfnisses drängenden
+ganzen Seele.
+
+Die Mühsal des Unterrichtes und die Gequältheit seiner Methoden in den
+Klassen der Volksschule ist nur deshalb bisweilen so groß, weil unsere
+ganze Volksschule auf die im Kindesalter häufig noch sehr spärlich
+entwickelten _intellektuellen Interessen_ eingestellt ist, während sie
+_soziale_ und _technische_ Interessen, die im Kindesalter absolut
+vorherrschen, völlig ignoriert. Ich erhebe mit vollem Bewußtsein diesen
+Vorwurf. Denn damit, daß die Schule soziale »Lehre« gibt, oder in der
+Stellung ihrer theoretischen Aufgaben das praktische Leben als Hintergrund
+wählt, berücksichtigt sie in keiner Weise die sozialen und technischen
+Interessen des Kindes. Die wirklichen Interessen des Kindes _schreien_ nach
+Handeln, nach praktisch-sozialem oder praktisch-technischem Handeln. Und
+nur im Handeln werden die Kulturgüter _erarbeitet_.
+
+Diese elementaren Lehren aller Erziehung werden aber erst Leben und
+Kraft gewinnen, wenn diejenigen Schulen, die unsere Lehrer erziehen,
+selbst Arbeitsschulen geworden sind. Wer nicht gewöhnt wurde, seinen
+seelischen Besitz sich selbst zu erarbeiten, mit Selbstüberwindung und
+Rücksichtslosigkeit gegen die eigene Natur, mit unermüdlicher Ausdauer
+und reinem Erkenntnisdrang, und wer keinen tieferen Einblick getan hat
+in die eigentliche Werkstätte des kindlichen Geistes, in das Triebwerk
+seiner Interessen, dem wird das Wesen der Arbeitsschule immer ein Rätsel
+bleiben.
+
+[Illustration: Tafel I
+
+=I. Klasse=
+
+=Baukasten mit 32 Bausteinen=
+
+=1/3 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel II
+
+=II. Klasse=
+
+=Waschkreuz=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel III
+
+=III. Klasse Raupenkästchen=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel IV
+
+=III. Klasse=
+
+=Schleuse=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel V
+
+=IV. Klasse=
+
+=Starenhaus=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+
+
+
+Schriften von Georg Kerschensteiner
+
+
+Der Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung
+
+4. erweiterte Auflage. Kart. M. 3.50
+
+Bestimmt den Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung als Erziehung des
+Charakters zu wahrer Staatsgesinnung und zeigt die Mittel und Wege zur
+Verwirklichung dieses Zieles, gipfelnd in der Ausgestaltung der Schulen
+zu Arbeitsgemeinschaften.
+
+
+Deutsche Schulerziehung in Krieg und Frieden
+
+Geheftet. M. 2.80
+
+_Inhalt_: I. Über das eine u. einzige Ziel d. Erziehung in Krieg u.
+Frieden. II. Der Weg z. Pflichtbewußtsein. III. Der Weg z.
+Staatsgesinnung. IV. Die Schule als Kulturmacht. V. Die Probleme der
+nationalen Einheitsschule.
+
+Die hier gebotenen Aufsätze verbindet ein einheitlicher Gedankengang. In
+drei Eigenschaften des Charakters seiner Bürger liegt die innere Stärke
+eines Staatswesens in Krieg und Frieden: in ihrer _moralischen Tapferkeit_,
+in ihrem _Pflichtbewußtsein_ und in ihrer _Staatsgesinnung_. Sie bilden das
+dreifache Ziel eines jeden Systems eines nationalen deutschen Schulwesens.
+Dieses dreifache Ziel stellt aber gewisse Bedingungen an den _inneren
+Ausbau_ der einzelnen Schulgattung sowie an die _einheitliche Gestaltung_
+des gesamten deutschen Schulwesens.
+
+
+Charakterbegriff und Charaktererziehung
+
+2. Auflage. Geheftet M. 2.60, gebunden M. 4.--
+
+»Das Wertvolle an dem Buche scheint mir darin zu liegen, daß eine der
+wichtigsten Fragen der praktischen Erziehung in ihrer ganzen Tiefe und
+in ihrem ganzen Umfange zu erfassen versucht ist. Es scheint mir typisch
+für die ernsten und wertvollen Bestrebungen in der modernen Pädagogik,
+jedenfalls sollte man nicht daran vorübergehen.« (Hamb. Schulztg.)
+
+
+Grundfragen der Schulorganisation
+
+Eine Sammlung von Reden, Aufsätzen und Organisationsbeispielen.
+
+4. Auflage. [U. d. Pr. 1920.]
+
+»Wer zu einem Problem der Schulreform Stellung nehmen will, muß sich mit
+Kerschensteiner auseinandersetzen. Das Studium seiner Schriften bietet
+eine reiche Gedankenfülle und scharfe Beweisführung in feinem Stil. Bei
+aller Großzügigkeit seiner Pläne bleibt K. doch stets auf dem Boden der
+Wirklichkeit, so daß man immer den Eindruck hat: hier spricht ein
+bodenständiger Praktiker, der die zähe Energie hat, das als richtig
+erkannte Ziel auch zu erreichen.« (Thüringer Schulblatt.)
+
+
+Wesen u. Wert des naturwissenschaftl. Unterrichts
+
+Geheftet M. 3.--
+
+Indem die Untersuchung darlegt, daß und wie die rechte Beschäftigung mit
+den Naturwissenschaften die Seele mit dem Geist der Gesetzmäßigkeit und dem
+Bedürfnis nach eindeutiger Formulierung der Begriffe erfüllt,
+leitet sie naturgemäß zur Untersuchung über den ethischen Wert des
+naturwissenschaftlichen Unterrichts. Dabei stellt sich klar heraus, daß er
+notwendig der Ergänzung durch den sprachlich-histor. Unterricht bedarf. Den
+Schluß bilden Vorschläge für eine Organisation der realistischen Schulen,
+die die Erziehungswerte des naturwissenschaftlichen Unterrichtes voll zur
+Geltung kommen läßt.
+
+
+Auf sämtliche Preise Teuerungszuschläge des Verlags (April 1920 80%,
+Abänderung vorbehalten) und der Buchhandlungen.
+
+
+Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
+
+ * * * * *
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_,
+kursiv gedruckter mit =Gleichheitszeichen= und fett gedruckter mit
++Pluszeichen+ markiert.
+
+Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert:
+
+Es hat also mit dem Geiste der Arbeitsschule nicht das
+ Im Original: Arbeitschule
+
+Hände der Münchner Lehrerschaft mit meinem Ausscheiden aus
+ Im Original: Auscheiden
+
+Die Werkzeuge für jeden Schüler, die gemäß der Stärke einer Abteilung 25
+mal beschafft wurden, waren folgende:
+ Im Original: werden
+
+von den reellen zu den imaginären und
+komplexen Zahlen fortschreitet,
+ Im Original: kompleexn
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Begriff der Arbeitsschule, by Georg Kerschensteiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEGRIFF DER ARBEITSSCHULE ***
+
+***** This file should be named 24367-8.txt or 24367-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/3/6/24367/
+
+Produced by Juliet Sutherland, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+keeping this work in the same format with its attached full Project
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.