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+Project Gutenberg's Begriff der Arbeitsschule, by Georg Kerschensteiner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Begriff der Arbeitsschule
+
+Author: Georg Kerschensteiner
+
+Release Date: January 20, 2008 [EBook #24367]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEGRIFF DER ARBEITSSCHULE ***
+
+
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+
+Produced by Juliet Sutherland, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
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+BEGRIFF
+DER ARBEITSSCHULE
+
+VON
+
+GEORG KERSCHENSTEINER
+
+
+VIERTE AUFLAGE
+
+9. BIS 11. TAUSEND
+
+MIT 5 TAFELN
+
+[Illustration]
+
+VERLAG VON B. G. TEUBNER. LEIPZIG. BERLIN 1920
+
+SCHUTZFORMEL FÜR DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA:
+COPYRIGHT 1920 BY B. G. TEUBNER IN LEIPZIG
+
+ALLE RECHTE,
+EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN
+
+
+
+
+VORBEMERKUNG ZUR ERSTEN AUFLAGE
+
+
+Am 12. Januar 1908 hielt ich auf Einladung der Erziehungsdirektion des
+Kantons Zürich zur Feier des 162. Geburtstages Heinrich Pestalozzis in
+der Peterskirche zu Zürich die Festrede. Ich wählte das Thema: »_Die
+Schule der Zukunft im Geiste Pestalozzis_« und nannte sie eine
+Arbeitsschule. Was damals meine Seele bewegte, kleidete ich dem Zweck
+der Stunde und der Weihe des Ortes entsprechend in die Form einer
+Predigt, der es weniger um Formulierung logischer Begriffe zu tun sein
+konnte als um die Hinführung der Herzen auf ein altes, immer noch
+unverwirklichtes Ideal der Schule.
+
+Vier Jahre sind in der Zwischenzeit verflossen. Das Wort
+»Arbeitsschule«, das älter ist wie die Werke Pestalozzis, ist seit
+diesem Tage zum Schlagwort geworden. Es war, als ob mit einem Male der
+wunde Punkt unseres gesamten öffentlichen Schulwesens, nicht bloß der
+Volksschule, sondern ebensosehr auch der Gymnasien und Oberrealschulen,
+der ja längst mehr oder weniger bestimmt empfunden wurde, deutlich
+erkannt worden wäre. Aber es schien nur so. Denn die mannigfaltigen
+pädagogischen und methodischen Verirrungen, die das Schlagwort in
+Theorie und Praxis hervorrief, zeigten deutlich, wie äußerlich und
+mechanisch man den Geist der Arbeitsschule erfaßte und wie viele
+unklare, ja bedenkliche Vorstellungen ganz unwillkürlich mit dem Begriff
+der Arbeitsschule verquickt wurden. Ich will hier nur hinweisen auf die
+fast überall sich einstellende Verwechslung der manuellen Arbeit mit der
+geistigen Arbeit und auf die psychologisch so verfehlten
+Konzentrationsbestrebungen, welche die natürlichen, historisch
+gewordenen, einheitlichen Wissensgebiete in tausend Stücke zu zerreißen
+vorschlugen, um sie dann in völlig willkürlicher Zusammensetzung und
+Verknüpfung ohne jedes wirkliche geistige Band »quo omnis doctrina
+ingeniarum et humanarum artium continetur« (Plato bei Cic. de orat. III,
+6, 21) den Schülern darzubieten.
+
+Um diesen Verirrungen und Verwirrungen ein Ende zu machen, hat der »Bund
+für Schulreform« das Thema der Arbeitsschule für die zweite Tagung des
+Bundes in Dresden vom 6. bis 8. Oktober 1911 auf sein Arbeitsprogramm
+gesetzt und Schulrat Gaudig und mich eingeladen, über den Begriff der
+Arbeitsschule zu referieren. Im Anschluß daran sollte durch eine
+eingehende und ausgedehnte Debatte diesem Begriff noch weiterhin die
+nötige Klarheit und Eindeutigkeit gegeben werden. Ich war der Einladung
+sehr gerne gefolgt. Sie gab mir Veranlassung, das, was meinen Geist und
+mein Herz seit vielen, vielen Jahren bewegt, in einer von
+wissenschaftlichen Methoden geleiteten Arbeit niederzulegen.
+
+Diese Arbeit übergebe ich hiermit der Öffentlichkeit und hoffe von ihr,
+daß sie die Entwicklung unserer Volksschulen wie die Reform unserer
+höheren Schulen -- denn für beide Gattungen gelten die gleichen
+Organisationsprinzipien -- vor Verirrungen bewahrt, die weit
+gefährlicher wären als die Sünden der alten Buchschule. Wer den Inhalt
+dieser viel ausführlicheren und strengeren Abhandlung mit dem Inhalt
+meiner Rede vom 12. Januar 1908 (abgedruckt in »Grundfragen der
+Schulorganisation«, B. G. Teubner, Leipzig, 4. Aufl. 1920) vergleicht,
+wird erkennen, daß sie sich verhalten wie Gesetz zum Beispiel.
+
+Sonderbarerweise hat meine Rede vom 12. Januar 1908 einen Schriftsteller
+veranlaßt, die Priorität des Gedankens der Arbeitsschule für sich in
+Anspruch zu nehmen. Da ich sie niemals für mich behauptet habe, bleibt
+mir die Antwort erspart. Nur das eine will ich bemerken: Die _Idee_ der
+Arbeitsschule ist so alt wie die Erziehungslehre. (Vgl. Plato, leg., S.
+819ff., Oxforder Ausgabe von Burnet.) Aber Ideen werden erst lebendig,
+wenn sie, völlig zu Ende gedacht, in realen, den Zeitverhältnissen
+angepaßten Formen, die Probe auf ihre Verwirklichungsmöglichkeit zu
+machen in der Lage sind.
+
+München, im Dezember 1911.
+
+ GEORG KERSCHENSTEINER
+
+
+
+
+VORBEMERKUNG ZUR VIERTEN AUFLAGE
+
+
+Die _dritte_ Auflage, die mitten im Kriege nötig wurde, benutzte ich a)
+zur Herausarbeitung eines _wissenschaftlichen Begriffes der
+Arbeitsschule_, also eines Begriffes, der nicht mehr bloß beschreibt,
+sondern definiert, b) zur vollständigen _Darstellung des
+Arbeitsschulbetriebes der vier aufsteigenden Versuchsklassen Münchens_.
+Diese Darstellung erschien mir um so notwendiger, als eine allgemeine
+Theorie der Arbeitsschule durchaus noch nichts darüber zu enthalten
+braucht, ob auch eine _Volksschule_, und zwar vor allem deren unteren vier
+Klassen, im Geiste der definierten Arbeitsschule geführt werden _kann_.
+
+Wäre Arbeitsschule schon eine Schule, die »Werkunterricht« oder
+»Handfertigkeit« als _Prinzip_ in ihrem ganzen Betrieb eingeführt hat, ja
+wäre sie eine, die außerdem auch noch Handfertigkeit in besonderen
+Werkstätten als eigenes _Unterrichtsfach_ berücksichtigt, dann wäre diese
+im Anhang gegebene Darstellung überflüssig. Aber die beiden Merkmale
+machen die Schule noch zu keiner Arbeitsschule. Sie können vollständig
+fehlen, und doch kann die Schule im echten Sinne des Wortes eine
+Arbeitsschule sein. Das alte humanistische Gymnasium ist -- soweit es
+gut geführt wird -- ein glänzendes Beispiel hiefür. Sie können beide
+vorhanden sein, und doch kann die Schule des Charakters einer echten
+Arbeitsschule entbehren.
+
+Die vorliegende _vierte_ Auflage, die so unerwartet rasch nötig wurde,
+enthält gegenüber der dritten keine wesentlichen Änderungen. Ich habe
+nur, wo es mir nötig erschien, einige Ergänzungen eingefügt, da und dort
+das Begriffliche noch schärfer umrissen und Ausdrucksweisen verbessert,
+die mir nicht genau genug erschienen.
+
+München, Ostern 1920.
+
+ GEORG KERSCHENSTEINER
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+ Seite
+
+ I. Der Staatszweck und die Aufgaben der
+ öffentlichen Schule 1
+
+ II. Die Berufsbildung als erste Aufgabe 25
+
+ III. Die zweite und dritte Aufgabe der
+ öffentlichen Schule 41
+
+ IV. Die Methoden der Arbeitsschule 59
+
+ V. Der fachliche Arbeitsunterricht und
+ der technische Lehrer 78
+
+ VI. Zusammenfassung und Schlußbetrachtung 93
+
+ Anhang: _Ein Organisationsbeispiel für städtische
+ Volksschulklassen_.
+
+ 1. Vorbemerkungen 115
+
+ 2. Durchführung des Lehrplanes in den zwei
+ Unterklassen 131
+
+ 3. Durchführung des Lehrplanes in den zwei
+ Mittelklassen 175
+
+ 4. Schlußbetrachtungen 197
+
+
+
+
+I. DER STAATSZWECK UND DIE AUFGABEN DER ÖFFENTLICHEN SCHULE
+
+
+Die öffentliche Schule ist mit dem Ende des 18. Jahrhunderts und im
+Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein Instrument der
+Staatsverwaltung für bestimmte staatliche Zwecke geworden. Das
+mittelalterliche Deutschland kannte kein öffentliches Bildungswesen des
+Staates. Die Fürsorge um die geistige Entwicklung überließ der Staat
+anderen Gemeinschaften. Nun aber führte er den _Schulzwang_ ein,
+wenigstens für die Volksschule, und gab damit für deren staatliche
+Zweckbestimmung einen gesetzmäßigen Ausdruck.
+
+Solange wir nun für diese Zweckbestimmung der Schulen lediglich den
+Zweck und die Aufgaben des _jeweils gegebenen Staates_ ins Auge fassen, so
+lange wird sie der wissenschaftlichen Pädagogik keine befriedigende
+Lösung bieten. Theoretische wie praktische Vernunft können unter
+gewissen Umständen hier Einspruch erheben. Sobald wir aber den jeweils
+gegebenen Staat als ein Entwicklungsprodukt betrachten, als einen sich
+immer zweckmäßiger organisierenden Menschenverband, der durch die
+Tätigkeit seiner Mitglieder mehr und mehr der freien Gestaltung der
+sittlichen Persönlichkeit die Wege ebnen soll, der also selbst in der
+Richtung des von der Ethik gezeichneten Kultur- und Rechtsstaates
+wandert, ergibt sich mit der wissenschaftlichen Fundierung des
+Staatszweckes auch die wissenschaftliche Fundierung des Zweckes der
+Volks- wie höheren allgemeinen Schulen von selbst.
+
+Ein Staatswesen, das in seinen Zielen und Einrichtungen den sittlichen
+Gedanken verkörpert, ist ein höchstes _äußeres_, sittliches Gut. Denn es
+ist, wie schon Hobbes, Locke, Spinoza betont haben, die Voraussetzung
+dafür, daß der einzelne zum höchsten _inneren_, sittlichen Gut, zur
+rechten Gesinnung der sittlich freien Persönlichkeit gelangen kann. Ja
+der einzelne findet geradezu in dem Dienste der zeitlichen
+Verwirklichung dieses Staatsideals nicht bloß eine schöne und würdige
+Betätigung, sondern auch eine wertvolle Gelegenheit zu seiner eigenen
+sittlichen Vollendung. Dieser Auffassung steht nicht im Wege, daß heute
+vorhandene Staaten noch weit entfernt sein mögen von diesem Ideal, daß
+sie sogar ein Hindernis sein können für die Entwicklung der inneren
+sittlichen Freiheit, daß ein bestimmter Staat dem von seiner Macht
+betroffenen Individuum eher als ein höchstes Übel denn als ein höchstes
+Gut erscheinen kann. In seinem nachgelassenen Werke, »Weltgeschichtliche
+Betrachtungen«, hat sich sogar ein so ausgezeichneter Mann wie Jakob
+Burckhardt zu der Behauptung verstiegen: »Das absolut Böse ist der
+Staat.« Die Frage ist, ob er es sein muß, und die Antwort ist, daß wir
+immer wieder die Menschen neue, bessere Staatsformen auf den Trümmern
+der alten oder abseits von ihnen errichten sehen, in der Zuversicht, dem
+Staatsideal näherzukommen, das uns die reine Vernunft als Hort der
+sittlichen Freiheit und der inneren und äußeren Wohlfahrt des einzelnen
+vor die Augen rückt, und daß wir tatsächlich die Staatsorganisationen im
+Laufe der Geschichte mehr und mehr auf dem Wege zum Kultur- und
+Rechtsstaat wandern sehen.
+
+Es liegt nun die Frage nahe, ob es nicht auch andere höchste äußere
+sittliche Güter gibt. Diese Frage will ich hier nicht eingehend
+erörtern. Soweit ich die Untersuchungen der wissenschaftlichen Ethik
+überblicken kann, scheint bei aller Unsicherheit vieler sonstiger
+Ergebnisse das eine festgelegt zu sein, daß das höchste und
+vollkommenste äußere sittliche Gut eine Organisation der Gesellschaft
+ist, die jedem einzelnen alles das zu gewähren vermag, was für ihn
+vermöge seiner einheitlichen Natur ein sittliches Gut ist. Angesichts
+der Anfechtungen, die meine Forderungen durch gewisse Vertreter der
+sogenannten wissenschaftlichen Pädagogik immer wieder erfahren,
+erscheint es mir zweckmäßig zu versuchen, die von mir schon wiederholt
+unternommene Beweisführung für diesen Satz im Anschluß an den Ideengang
+Christoph Sigwarts aus seinem im Jahre 1907 erschienenen Büchlein
+»Vorfragen der Ethik« (J. C. B. Mohr, Tübingen) in kurzen Zügen
+klarzulegen.
+
+Das Leben des Menschen rollt sich ab in einer Verfolgung von Zwecken. Es
+gibt wohl auch noch beim Erwachsenen Stunden einer Betätigung, die frei
+ist von allen selbst gesetzten Zwecken; aber sie füllen nur Pausen in
+dem rastlosen Triebwerk unserer teleologisch gerichteten geistigen
+Natur. Jeder Zweck, den wir uns setzen, hat die Tendenz, nach seiner
+Verwirklichung zu drängen. Dabei ordnen sich alle Zwecke in unserem
+Bewußtsein nach ihrem Werte für uns. Je höher der Wert eines Zweckes in
+unserem Bewußtsein steht, mit desto größerer Energie trachten wir nach
+seiner Verwirklichung. Die größere Kraftentfaltung wird _der_ Zweck in uns
+auslösen, den als höchsten Zweck anzuerkennen wir _innerlich genötigt_
+sind. Die innere Nötigung aus bloßer _Vernunft_ ist freilich nicht immer
+stark genug, jeden Zwang zu überwinden, den unsere rein persönlichen
+_Neigungen_ auf die Richtung unserer Tätigkeit ausüben.
+
+Unter diesen Neigungen ist die stärkste, sich selbst zu leben, seinen
+eigenen Trieben nachzugehen, eine Neigung, die als vornehmste auftritt
+in dem Streben nach Ausbildung der inneren Persönlichkeit. Es gibt
+Menschen, welche darin so weit gehen, diesen Zweck, dieses für sie
+höchste Gut, so zu bestimmen, daß es von äußeren Bedingungen vollständig
+unabhängig wird. Sie nehmen dann in den Bereich dieses höchsten Gutes
+nur das auf, was von der Tätigkeit des einzelnen allein und direkt
+abhängt. Sie suchen den letzten Zweck in einer bleibenden
+Geistesverfassung, welcher der Wechsel der äußeren Bedingungen
+gleichgültig ist. Die stoische Moral verfolgt diese Richtung. Daß es
+einzelnen Menschen gelingt, diesen Weg einzuschlagen, beweist für die
+Richtigkeit ihrer Anschauung nichts. Denn es gelingt ihnen nur, weil
+alle anderen Menschen durch ihre Gesellschafts- oder Staatseinrichtungen
+ihnen jenen Schutz gewähren, den sie brauchen, und jene Mittel
+darbieten, die zu ihrer Vervollkommnung notwendig oder doch vorteilhaft
+sind. Würden alle Menschen ebenso handeln, so wäre dieses Streben
+alsbald ad absurdum geführt.
+
+Der Mensch kann eben nicht für sich allein und aus sich allein leben.
+Sein geistiges wie sein wirtschaftliches Leben wird ein für allemal von
+allen Seiten, und zwar durch den Verkehr mit seinesgleichen günstig oder
+ungünstig, glücklich oder unglücklich beeinflußt. Sowie _alle_ Menschen
+den höchsten Zweck ausschließlich in einem Gut suchen, das abgelöst ist
+von allen äußeren Bedingungen, von aller gemeinsamen Arbeit, von allem
+irgendwie gestalteten Verkehr, hört auch die Möglichkeit auf, daß sie
+diesen Zweck jemals erreichen können.
+
+Auch rein psychologisch ist die Beschränkung auf sich selbst in dem
+Suchen nach dem _allgemeinen_ höchsten Zweck unmöglich. Denn jeder
+energisch gedachte Zweck, dessen Berechtigung aus der allgemeinen Natur
+des Menschen abgeleitet wird und der darum allgemeine Gültigkeit haben
+soll, enthält, ob wir wollen oder nicht, die Forderung, daß er auch
+allgemein berechtigt ist, daß er auch allgemein gewollt werden muß. Ein
+_allgemeiner_ dauernder Wille, daß jeder _aus sich allein und für sich
+allein lebe_, ist undenkbar, weil die Erfahrung dessen Zweckmäßigkeit
+sehr rasch widerlegen würde. Der allgemeine Wille kann nur auf eine
+Ordnung des _gemeinsamen Lebens_ gerichtet sein, auf ein Gut, das nur in
+einem Gesamtzustand einer in ihren Zwecken allseitig gerichteten
+Gemeinschaft von Menschen verwirklicht werden kann.
+
+Wie diese Ordnung des Gesamtzustandes einer Gemeinschaft von Menschen
+beschaffen ist, das hängt ganz und gar von dem Kulturstande der
+Gemeinschaft ab. Unter der hypothetischen Voraussetzung _vollkommener_
+Menschen kann man sich eine Ordnung denken, die ausschließlich auf das
+gesellschaftliche Gewissen gegründet ist. Dieses Gewissen wäre,
+Vollkommenheit des Menschen vorausgesetzt, das _absolute_ Gewissen, in dem
+alle denkbaren Werte und Zwecke in ein vollendetes unbestreitbares
+System der Über- und Unterordnung gebracht wären. In diesem System
+bestünde zugleich die Ordnung der Gemeinschaft. In Wirklichkeit wird sie
+stets eine geschriebene Rechtsordnung sein, hinter der die souveräne
+Strafgewalt der im Staate organisierten Gemeinschaft steht.
+
+Wenn aber dieses gemeinschaftliche Gut ein höchster Zweck sein soll,
+dann müssen in dem höchsten Zwecke alle niedrigeren Zwecke notwendig
+enthalten sein. Diese niedrigeren Zwecke bestimmt unsere
+sinnlich-geistige Natur. Von dieser unserer Natur sind die Gebiete
+festgelegt, auf denen wir unsere Befriedigung suchen und finden können.
+
+Diese Gebiete sind: die Sorge um das physische Wohlsein, die dazu
+notwendige Beherrschung und Benützung der Naturkräfte, die Vereinigung
+der Geschlechter, die leibliche und geistige Fürsorge um die
+Nachkommenschaft, die Befriedigung der geselligen Triebe, die Betätigung
+des Wissensdranges, die Betätigung unserer ästhetischen und
+künstlerischen Natur, das Bedürfnis nach religiöser Erhebung, die freie
+Gestaltung des sittlichen Wollens usw. Alle diese Triebe und Bedürfnisse
+liegen in der menschlichen Natur. Aus ihnen entspringt eine Reihe von
+allgemein berechtigten Zwecken und Zwecksystemen, wie sie in Wirtschaft,
+Handel, Jugenderziehung, Familienleben, Wissenschaft, Kunst,
+Religionsgemeinschaft verfolgt werden. Alle diese Zwecke müssen im
+höchsten Zweck, in dem höchsten Gut enthalten sein. Die Rechtsordnung
+der Gemeinschaft muß die Möglichkeit der Erfüllung dieser Zwecksysteme
+in sich schließen.
+
+Zugleich folgt aus der Forderung, daß das höchste Gut ein allgemein
+anerkannter Zweck sein muß, von selbst, daß in der Arbeit für den
+allgemeinen Zweck jeder auch seine Befriedigung finden muß und jeder den
+allgemeinen Grundsätzen Folge leisten muß, von denen er erwartet, daß
+durch sie der allgemeine Zweck erreicht wird. Die Organisation des
+gesellschaftlichen Zustandes, der so als höchster Zweck aufgestellt
+wird, muß natürlich auch die Mittel zur Befriedigung der individuell
+verschiedenen Bedürfnisse enthalten, sie muß jedem die Möglichkeit
+bieten, in der Weise seine Befriedigung zu finden, die seiner Natur,
+wenigstens seiner ethisch entwickelten Natur, angemessen ist. Jeder
+individualisierte Zweck ist soweit berechtigt, soweit er als Teil des
+allgemeinen Zweckes gewollt werden kann. Denn die Befriedigung, welche
+für alle in gleicher Weise erreichbar ist, liegt schließlich in der
+Gewißheit für einen über das individuelle Bewußtsein und seine Schranken
+hinausliegenden Zweck -- für einen Menschheits- und Weltzweck -- selbst
+zu wirken, um den eigenen Wert als _Träger_ einer höheren Idee, als
+Vollstrecker eines göttlichen Willens zu empfinden. In diesem Punkt
+begegnen sich Ethik und Metaphysik.
+
+So kommen wir von selbst auf eine durch autonome Rechtsgemeinschaft
+organisierte Gemeinschaft, die eben im Rechts- und Kulturstaat
+verkörpert ist. Sobald die Rechtsorganisation den eben erörterten
+Bedingungen genügt, ist er das höchste äußere sittliche Gut,
+und die übrigen Gemeinwesen, wie Familie, Berufsgemeinschaft,
+Religionsgemeinschaft usw., müssen notwendig mit ihren Rechtsordnungen
+in ihm enthalten sein, soweit sie sittliche Gemeinwesen sind. Denn sonst
+wären ja wertvolle Zwecke des einzelnen, zu deren Erreichung er sich
+immer erst in Unterverbänden vergesellschaftet, nicht im Gesamtzweck
+enthalten.
+
+Gewiß haben wir es hier mit einem idealen Staatsgebilde zu tun, aber mit
+keinem utopischen, sondern mit einem aus unserer psychischen Natur
+abgeleiteten wissenschaftlichen Ideale, dessen Erreichung allerdings
+infolge der Mängel der menschlichen Natur unmöglich ist, dem wir uns
+aber nähern können, sofern es uns gelingt, eine staatsbürgerliche
+Erziehung zu organisieren, die nach einem solchen Ziele gerichtet ist.
+In dieser Unternehmung mag uns das Bewußtsein stärken, daß tatsächlich
+im Laufe der menschlichen Kultur die Staatsorganisation sich in der
+Richtung einer immer besseren Rechts- und Kulturgesellschaft entwickelt
+hat, wenn auch nicht geradlinig, sondern unter mancherlei Rückschlägen,
+denen ein reines Machtgebilde wie der Staat immer notwendig ausgesetzt
+sein wird.
+
+Der Widerspruch, der sich gegen meine Forderungen vom Endzweck der
+Erziehung immer wieder erhebt, rührt also von einem Mißverständnis her,
+das trotz meiner wiederholten eingehenden Darlegungen des Staatsbegriffs
+und des Begriffes der staatsbürgerlichen Erziehung nie die _Erziehung zur
+Verwirklichung der ethischen Idee des höchsten äußeren Gutes im
+wohlverstandenen Dienste des gegebenen Staates versteht_, sondern immer
+nur die Erziehung zum blinden Dienst eines dauernd festgelegten
+Staatsorganismus. Sobald die ehrliche Absicht vorhanden ist, diesen
+Grundunterschied zu begreifen, wird auch das Mißverständnis
+verschwinden.
+
+Auch ein anderes Mißverständnis löst sich alsdann, das diejenigen
+beherrscht, welche das Ziel aller Erziehung nicht etwa wie Herbart auf
+die Charakterstärke der Sittlichkeit beschränken, sondern in der Bildung
+der autonomen Persönlichkeit sehen, oder, wie Schulrat Gaudig sich
+ausdrückt, in der _Selbst_bestimmung, in der Bestimmung zur »Idealität des
+eigenen Ichs«. Wer als Erziehungszweck Selbstbestimmung aufstellt, muß
+das Ziel dieser Selbstbestimmung eindeutig festlegen. Zu allen Zeiten
+gab es Pädagogen, denen Selbstbestimmung oder autonome Charakterbildung
+der Endzweck der Erziehung war. In dem Maße, als der Zögling sich
+entwickelt, hat die heteronome Erziehung zurückzutreten. Die beste
+Erziehung ist die, die den Erzieher selbst immer überflüssiger macht.
+Mit dem reinen Formalismus der Selbstbestimmung aber ist ein greifbares
+Ziel noch nicht gegeben.
+
+Gaudig sucht das greifbare Ziel in der »Idealität des eigenen Ichs«.
+Auch damit ist ein Inhalt noch nicht gegeben. Dessen ist sich Gaudig
+auch bewußt. In der Zeitschrift für »Pädagogische Psychologie« sucht er
+diesen Inhalt zu bestimmen (Jahrgang 1912, Heft 1 u. 10). Was er aber
+dort schildert, ist einfach der »vollkommene Mensch«, nicht die
+»spezifische« und immer »unvollkommen bleibende« Persönlichkeit. Sobald
+man jedoch die Erziehung zur Persönlichkeit, die als »Idealität des
+Ichs« ganz richtig bezeichnet ist, als Ziel aufstellt, muß man sich klar
+sein, daß dieses »ideale Ich« als vollkommener Mensch gefaßt kein
+_allgemeines_ Ziel sein kann. Es gibt so viele ideale Ich, als es Menschen
+gibt. Die Idealisierung erfolgt durch das Lebendigwerden objektiver
+Werte im jeweiligen Individuum. Welche Werte in ihm lebendig werden
+können, das hängt von seiner Veranlagung ab.
+
+Aber indem sie im Individuum lebendig werden, indem das Individuum durch
+sie zu seiner ihm erreichbaren Idealität, d. i. Vollendung, kommt, wird
+diese spezifische Persönlichkeit selbst ein allgemeiner objektiver Wert.
+
+Die sich so ergebenden Werte sind jedoch sehr verschieden und bilden
+eine aufsteigende Reihe bis zu jenem obersten Wert der Persönlichkeit,
+die in der Hingabe an den allgemeinen Zweck im höchsten Gute des
+sittlichen Gemeinwesens ihre eigene Vollendung und damit ihre
+Lebensaufgabe sucht und findet. Auch ihre Zwecke sind im _allgemeinen_
+Zweck, den wir oben als höchsten Zweck erkannt haben, enthalten, und
+gerade die Möglichkeit der Selbstbestimmung zur sogenannten »Idealität
+des eigenen Ichs«, soweit diese Idealität des einzelnen neben der aller
+anderen bestehen kann, ist eines der wesentlichen Merkmale des höchsten
+Gutes. Aus dieser Überlegung wird zugleich klar, daß es keinen Sinn hat,
+die Pädagogik in Individual- und Sozialpädagogik zu scheiden. Die
+wohlverstandenen Zwecke des einzelnen sind in dem allgemeinen Zweck der
+Gemeinschaft, sofern diese Gemeinschaft als das höchste Gut bezeichnet
+werden kann, enthalten. Es gibt kein sittliches Gemeinwesen, ohne daß
+die Mehrzahl seiner Bürger sittliche Individuen sind. Es entwickelt sich
+aber auch keine größere Zahl von sittlichen Individuen, wenn nicht die
+Verfassung des Gemeinwesens und damit ihr allgemeiner Zweck auf einer
+sittlichen Grundlage stehen.
+
+Ich gehe demnach von der Voraussetzung aus, daß das sittliche
+Gemeinwesen das höchste äußere sittliche Gut des Menschen ist; außerdem
+mache ich die zweite Voraussetzung, daß der _gegebene_ Staat um so eher in
+der Richtung zum idealen sittlichen Gemeinwesen sich bewegt, je mehr
+durch die öffentliche Erziehung die Erkenntnis sich verbreitet, daß das
+höchste innere sittliche Gut und das höchste äußere in wechselseitiger
+Bedingtheit stehen, und je mehr infolge dieser Erkenntnis alle
+Erziehungsmaßnahmen vom Gesichtspunkt des ethischen Staatsbegriffes aus
+getroffen werden. Unter diesen beiden Voraussetzungen darf der gegebene
+Staat auch Zweck und Aufgabe der öffentlichen Schulen aus seinem Zweck
+und seinen Aufgaben heraus bestimmen.
+
+Der Zweck aber des gegebenen Staates ist ein zweifacher: zunächst ein
+egoistischer, nämlich die Fürsorge um den inneren und äußeren Schutz und
+um die leibliche und geistige Wohlfahrt seiner Staatsangehörigen; dann
+aber ein altruistischer, die allmähliche Herbeiführung des Reiches der
+Humanität in der menschlichen Gesellschaft durch seine eigene
+Entwicklung zu einem sittlichen Gemeinwesen und die Betätigung seiner
+Kräfte in der Gemeinschaft der Kultur- und Rechtsstaaten. Von dem
+Bewußtsein, daß die Kulturstaaten (in ihrem eigensten Interesse) auch
+dieser zweiten Aufgabe dienen sollen, sind die Sieger im Weltkriege
+trotz aller gegenteiligen Beteuerungen und Versicherungen nicht erfüllt
+gewesen. Ihre »Friedensbestimmungen« haben der allmählichen
+Herbeiführung des Reiches der Humanität in der menschlichen Gesellschaft
+die größten Hindernisse bereitet. Möge die kommende Weltgeschichte
+nicht den furchtbaren Beweis liefern, daß kein großer Staat ungestraft
+dieser zweiten Forderung entgegen handelt! Anders steht natürlich die
+Frage, ob _jeder_, auch der schwache und machtlose Staat, im Interesse der
+Humanität allezeit für unterdrückte Staaten eintreten muß. Hierüber habe
+ich mich in meiner Schrift »Staatsbürgerliche Erziehung der deutschen
+Jugend« näher geäußert. Jedenfalls mahnen historisch gewordene Beispiele
+zur Vorsicht. Aber etwas anderes ist es, die Normen und Gesetze der
+Humanität absichtlich zu verletzen und etwas anderes zu ihrer Verletzung
+mit Rücksicht auf die Existenz des eigenen Staatsvolkes zu schweigen.
+Hier ist einer der Punkte, in welchen die Individualitätsmoral nicht
+schlechtweg auf die Staatsmoral übertragen werden kann.
+
+Wenn ich nun sage: Zweck der öffentlichen Volksschule (wozu natürlich
+auch die Fortbildungsschule gehört) ist, die nachwachsende Generation so
+erziehen zu helfen, daß sie dieser doppelten Aufgabe, sei es durch
+Gewöhnung allein, sei es durch Gewöhnung und Einsicht nach Maßgabe der
+vorhandenen Begabung dient, so ist damit nichts weniger als ein
+utilitarisches Ziel aufgestellt, wie die Thüringer Herbartfreunde
+behaupten, sondern in letzter Linie ein im höchsten Maße ethisches.
+
+Indem ich dann den Menschen, der dem gegebenen Staat nur _im steten
+Hinblick auf diese doppelte Aufgabe_ dient, _einen brauchbaren
+Staatsbürger nenne_, bezeichne ich in aller Kürze als Zweck der
+öffentlichen Schule des Staates und damit als Zweck der Erziehung
+überhaupt, brauchbare Staatsbürger zu erziehen. Aus diesem Zweck ergeben
+sich die Aufgaben der Schule, aus den Aufgaben folgen gewisse sachliche
+Richtlinien oder Normen für die Organisation der Schule überhaupt und
+demgemäß auch die Organisation der Schule, die wir mit dem Begriff
+»Arbeitsschule« bezeichnen. Weitere Normen aber und die Methoden, die
+einzelnen Aufgaben ganz oder teilweise durch eine Schule zu lösen,
+hängen von den äußeren und inneren Verhältnissen ab, unter welchen die
+leibliche und geistige Entwicklung des Zöglings vor sich geht. Aus der
+Gesamtheit dieser Zwecke, Aufgaben, Wege und Methoden folgt jener
+Begriff der Schule des modernen Staates, den ich mit dem Wort
+»Arbeitsschule« bezeichne. In der Verfolgung der Aufgaben und
+Organisationen, die aus dem von mir geforderten _höchsten_ Zweck der
+Volksschule sich ergeben, wird sich zugleich zeigen, daß aus diesem
+höchsten Zweck auch alle übrigen berechtigten Absichten und Zwecke der
+Erziehung abgeleitet werden können, daß er also zugleich auch der _ganze_
+Zweck der öffentlichen Erziehung ist.
+
+Vor allem ist klar, daß niemand ein in unserem Sinne brauchbarer Bürger
+eines Staates sein kann, der nicht eine Funktion in diesem Organismus
+erfüllt, der also nicht irgendeine Arbeit leistet, die direkt oder
+indirekt den Zwecken des Staatsverbandes zugute kommt. Wer die Segnungen
+der Staatsordnung im Besitze geistiger und körperlicher Gesundheit
+genießt, ohne an irgendeiner Stelle dieses allerdings sehr komplizierten
+Zweckverbandes zur Leistung der gemeinsamen Arbeit an einem noch so
+kleinen Stücke nach Maßgabe seiner Kräfte teilzunehmen, ist nicht nur
+kein brauchbarer Staatsbürger, sondern handelt von vornherein
+unsittlich. Wer ererbten Reichtum bloß dazu verwendet, sein eigenes
+Leben für sich zu genießen, kann den Titel eines brauchbaren
+Staatsbürgers nicht beanspruchen, weil er außer dem für alle
+verbindlichen Steuerbetrag der gemeinsamen Arbeit, die ihm die
+Behaglichkeit seines Daseins erlaubt, keine Gegenleistung
+entgegenbringt. Dagegen kann selbst die Arbeit eines Straßenkehrers
+sittlichen Wert annehmen, wenn sie vollzogen wird im Bewußtsein der
+Notwendigkeit dieser Arbeit für die Gesamtheit.
+
+Die _erste_ Forderung für den einzelnen im Staate ist also, daß er
+befähigt und gewillt ist, irgendeine Funktion im Staate auszuüben oder,
+wie wir es nennen können, in irgendeinem Berufe tätig zu sein und so
+direkt oder indirekt den Staatszweck zu fördern. Daraus folgt die
+primitivste Aufgabe der öffentlichen Schule. Die öffentliche Schule hat
+zunächst die Aufgabe, dem einzelnen Zögling zu helfen, eine Arbeit im
+Gesamtorganismus oder, wie wir sagen, einen Beruf zu ergreifen und ihn
+so gut als möglich zu erfüllen. Das ist noch keine sittliche Aufgabe,
+aber es ist die Grundbedingung, damit die öffentliche Schule überhaupt
+sittliche Aufgaben ins Auge fassen kann.
+
+Die _zweite_ Aufgabe, die an die Schule herantritt, ist nun, den einzelnen
+zu gewöhnen, diesen Beruf als ein Amt zu betrachten, das nicht bloß im
+Interesse der eigenen Lebenshaltung und der sittlichen Selbstbehauptung
+auszuüben ist, sondern auch im Interesse des geordneten
+Staatsverbandes, der dem einzelnen die Möglichkeit gibt, unter dem
+Segen der Rechtsordnung und Kulturgemeinschaft seiner Arbeit und damit
+seinem Lebensunterhalt nachzugehen. Je nach der Art des Berufes wird es
+leicht, schwierig oder unmöglich sein, aus ihm zugleich einen _direkten_
+Dienst im Interesse der Gesamtheit zu machen. Es gibt eine Reihe von
+Berufen, in denen diese Auffassung dem Beruf zugleich die höchste Weihe
+gibt. Es gibt eine Menge anderer Berufe, die nicht mit einer _direkten_
+Arbeit für das Gemeinwohl verbunden werden können. Immer aber wird es
+möglich sein, frühzeitig das Bewußtsein in der heranwachsenden
+Generation zu entwickeln, daß jede Berufsarbeit vom Ausübenden als eine
+im Dienste der Gesamtheit notwendige aufgefaßt werden kann und daß die
+Übernahme jeder entlohnten Arbeit, wie einförmig und bescheiden sie auch
+sein mag, eine Verpflichtung zur besten Leistung nach sich zieht.
+
+Die _dritte_ und höchste Erziehungsaufgabe der öffentlichen Schule, die
+natürlich entsprechende moralische und intellektuelle Begabung des
+Zöglings voraussetzt, ist sodann, im Zögling Neigung und Kraft zu
+entwickeln, neben und durch die Berufsarbeit und nicht zuletzt durch die
+Arbeit am eigenen Ich, an der Vervollkommnung _seines_ spezifischen
+Persönlichkeitswertes seinen Teil beizutragen, daß die Entwicklung des
+gegebenen Staates, dem er angehört, in der Richtung zum Ideal eines
+sittlichen Gemeinwesen vor sich gehe. Erst in diesem Zusammenhang kann
+der subjektive Persönlichkeitswert zum objektiven Werte werden und damit
+Anspruch auf einen Erziehungswert machen. Denn das Ideal des sittlichen
+Gemeinwesens ist erst gegeben im harmonischen Bunde sittlich freier
+Persönlichkeiten, die sich in ihren mannigfaltigen Verschiedenheiten
+gegenseitig ergänzen und tragen.
+
+Damit sind drei klare und bestimmt gezeichnete Aufgaben jeder
+öffentlichen Schule und damit auch der Volksschule zugewiesen, und sie
+umfassen zugleich den _ganzen_ Zweck der Erziehung. Ich bezeichne sie kurz
+als
+
+1. die Aufgabe der Berufsbildung oder doch deren Vorbereitung,
+
+2. die Aufgabe der Versittlichung der Berufsbildung,
+
+3. die Aufgabe der Versittlichung des Gemeinwesens, innerhalb dessen der
+Beruf auszuüben ist.
+
+Da die Versittlichung des Gemeinwesens gar nicht denkbar ist ohne die
+Versittlichung derjenigen, die das Gemeinwesen bilden, so ist in diesen
+drei Aufgaben von selbst die sittliche Erziehung des einzelnen mit
+eingeschlossen.
+
+Dabei fasse ich den Begriff der Versittlichung in dem formalen
+_allgemeinsten Sinne_, der sich mit dem Begriffe Sittlichkeit verbinden
+läßt, _als der widerspruchsfreien Einheit_ des durch die allgemeinen
+Kulturgüter der Gemeinschaft entwickelten Seelenlebens eines
+Individuums.
+
+Die drei Aufgaben sind zugleich untrennbar miteinander verbunden. Man
+kann keine ohne die beiden andern lösen. Man kann der Schule nicht die
+Aufgabe der Mitarbeit an der Versittlichung des Gemeinwesens zuweisen,
+ohne daß man den Schüler zu einer sittlichen Berufsauffassung erzieht,
+und man kann dem Schüler keine sittliche Auffassung vom Berufe geben,
+ohne ihn selbst so gründlich als möglich für diesen Beruf vorzubereiten.
+
+Aber die Schule kann auch umgekehrt niemanden in der rechten Weise auf
+seinen Beruf vorbereiten, ohne daß sie sich selbst als ein Mittel des
+allgemeinen Zweckes fühlt, nämlich den gegebenen Staat seinem idealen
+Zustand als Rechts- und Kulturstaat zuzuführen. Sobald sich die Schule
+als Mittel eines anderen Zweckes fühlt, sobald sie etwa rein
+wissenschaftliche, rein künstlerische, rein religiöse, rein
+wirtschaftliche, kaufmännische, technische Zwecke ins Auge faßt, also
+_einzelne_ Zwecke, die nicht _jedem_ ihrer Schüler _höchster_ Zweck sein
+können, leidet darunter immer auch die Berufsbildung selbst. Die Schule
+wird bestenfalls eine technische Schule, eine Schule, welche die Technik
+um der Technik willen treibt, eine Schule für wissenschaftliches,
+künstlerisches, wirtschaftliches, religiöses Virtuosentum, und zwar für
+ein immer mehr und immer mannigfaltiger sich spezialisierendes
+Virtuosentum. Unsere Universitäten entwickeln sich zusehends in dieser
+für die Gesamtkultur so unheimlichen Richtung, die schließlich dahin
+ausmündet, in der Mehrzahl ihrer Schüler beschränkte Spezialisten zu
+erziehen, die selbst von ihrem Beruf nur mehr eine Seite, ja nur mehr
+ein Stück einer Seite kennen und beherrschen lernen, an Stelle ihres
+ganzen Berufes. Es vollzieht sich in solchen Schulen der gleiche Prozeß,
+wie er sich bereits in der Industrie zum ungeheuren Schaden unserer
+Gesamtkultur vollzogen hat, der Prozeß der ins Endlose gehenden
+Arbeitsteilung.
+
+Ist dieser Prozeß der atomisierenden Arbeitsteilung der
+Kulturentwicklung immanent, dann haben wir es mit einer neuen Seite der
+»Tragödie der Kultur« zu tun, von der Georg Simmel in seinem Essay zwei
+andere Seiten so eindrucksvoll geschildert hat. Nun haben sich gewiß mit
+fortschreitender Kultur der _vernünftigen_ Menschheit die Berufe
+spezialisiert, genau ebenso wie mit fortschreitender Entwicklung der
+_unvernünftigen_ andern Organismen die Zellen in ihren Funktionen sich
+spezialisiert haben. Aber jede einzelne Zelle ist in bezug auf den
+Gesamtzellenstaat, dem sie angehört, mag dieser auch noch so hoch
+entwickelt sein, nach meiner Kenntnis immer noch unvergleichlich reicher
+mit Berufsfunktionen bedacht als unzählige der geistigen und manuellen
+Arbeiter im Menschenstaat. Sollte die Vernunft des Menschen in Rücksicht
+auf die Entwicklung des menschlichen Vernunftstaates ohnmächtiger sein
+als die Instinkte der Zellen in Rücksicht auf die Entwicklung des
+organischen Zellenstaates?
+
+
+
+
+II. DIE BERUFSBILDUNG ALS ERSTE AUFGABE
+
+
+Die erste und vordringlichste Aufgabe der öffentlichen Schule (Volks-,
+Fortbildungs- und höheren Schule) ist also die _Berufsbildung_, oder doch
+die Vorbereitung auf den Beruf. Das scheint zunächst mit der
+gegenwärtigen Auffassung der allgemeinen Schulen in vollständigem
+Widerspruch zu stehen. Allein kein Geringerer als Pestalozzi selbst war
+durch und durch von dieser Anschauung erfüllt, obwohl ihm als letztes
+Ziel gleich mir die allgemeine Menschenbildung vor Augen schwebte. Nie
+wird Pestalozzi müde, diese erste und vorwiegende Aufgabe zu betonen.
+Dem »Bücherleben« der Schule stellt er das »Berufsleben« gerne
+gegenüber. »Wenn ein Bauernknabe mit dem Vater täglich ins Feld geht, an
+seinem gewohnheitlichen Tun, soweit er kann, teilnimmt, so genießt er
+geradezu die Bildung, die er nötig hat.« (Seyffarthausgabe IX, 236.)
+»Man kommt immer früh genug zum _Viel_wissen, wenn man lernt _recht_
+wissen, und recht wissen lernt man nie, wenn man nicht in der Nähe, bei den
+Seinigen und bei dem Tun anfängt.« (Seyffarthausgabe IV, 90.) »Reiner
+Wahrheitssinn bildet sich in engen Kreisen, und reine Menschenweisheit
+ruht auf dem festen Grund der Kenntnis seiner nähesten Verhältnisse und
+der ausgebildeten Behandlungsfähigkeit seiner nähesten Angelegenheiten.«
+(Seyffarthausgabe III, 314.) Ja, er löst sich als Kind seiner Zeit nicht
+einmal von dem Gedanken los, daß der Beruf seines Zöglings in dem _Stande_
+aufgehe, in dem er geboren ist. Große Teile seines Schwanengesanges, in
+welchem er die Erfahrungen und pädagogischen Anschauungen seines Lebens
+zusammenfaßt, sind von dieser Auffassung der ersten Aufgabe der
+Volksschule erfüllt. Bei den sehr viel einfacheren Verhältnissen seiner
+Zeit lag auch kein Gedanke näher als der, die innere Organisation der
+Volksschule den Zwecken des Standes anzupassen, aus dem die Zöglinge
+genommen waren und in den sie naturgemäß wieder hineinwuchsen.
+
+Diese Verhältnisse haben sich in den verflossenen hundert Jahren
+geändert. Nicht nur, daß die Stände als _fixierte_ Schichten der
+Staatsorganisation verschwunden sind, auch die Arbeitsverhältnisse, wie
+sie namentlich die Industrie gebracht hat, lassen eine rein berufliche
+Gestaltung der elementaren Volksschule, welche die Zwecke der
+Menschenbildung im Auge haben muß, im allgemeinen als unmöglich
+erscheinen. Nichtsdestoweniger bleibt auch heute der elementaren
+Volksschule die Aufgabe der Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf des
+Zöglings zugewiesen. Die ungeheure Mehrzahl aller Menschen im Staate
+steht im Dienste der rein manuellen Berufe, und dies wird für alle
+Zeiten Geltung haben. Denn jedes menschliche Gemeinwesen hat ungleich
+mehr körperliche als geistige Arbeiter nötig. Auch die Begabung der
+Massen liegt zunächst durchaus nicht auf den Arbeitsgebieten rein
+geistiger Tätigkeit, sondern der manuellen Arbeit, aus der sich ja im
+Laufe der Kultur die geistige Arbeit überhaupt erst entwickelt hat. Das
+Handwerk ist nicht nur die Grundlage aller echten Kunst, sondern auch
+die Grundlage aller echten Wissenschaft. Eine öffentliche Schule, die
+auf _geistige_ wie _manuelle_ Berufe vorzubereiten hat, ist daher schlecht
+organisiert, wenn sie keine Einrichtung hat, die manuellen Fähigkeiten
+des Zöglings zu entwickeln. Sie ist um so schlechter organisiert, als ja
+auch in der ganzen Entwicklung des Kindes die körperliche und manuelle
+der geistigen vorangeht, als insbesondere in der Zeit vom 3. bis 14.
+Lebensjahre die Instinkte und Triebe für manuelle Betätigung durchaus
+vorherrschen. Für Schulen, die _nur_ für rein geistige Berufe vorbereiten
+sollen, wie dies bei einer alten Gruppe der höheren Schulen der Fall
+ist, für Menschen, die, nachdem ihre Instinkte für manuelle Tätigkeit im
+wesentlichen erloschen sind, wenn sie ihre Schuldigkeit für die
+Entwicklung des normalen Gebrauchs der Glieder und der Sinnesorgane
+getan haben, fast ausschließlich unter der Macht der intellektuellen
+Triebe stehen, für solche erachte ich Erziehungseinrichtungen zur
+manuellen Betätigung (von rein körperlichen Übungen im Interesse einer
+gesunden Lebensführung abgesehen) in keiner Weise notwendig. Da es
+Menschen dieser Art gibt und auch Berufe, denen sie sich von selbst
+zubewegen, so kann ich mir daher auch wohlorganisierte »Arbeitsschulen«
+denken, die keinerlei _manuelle_ Betätigung in irgendwelchen besonderen
+Werkstätten oder auch nur abseits von besonderen Werkstätten mit
+irgendwelchem Unterrichtsbetrieb verbunden kennen.
+
+Für alle anderen Zöglinge aber sind Schulen, die solcher Einrichtungen
+entbehren, schlecht organisierte Schulen. Insbesondere muß jede
+Volksschule aus den angestellten Erwägungen heraus irgendwelche
+praktische Arbeitsplätze, Werkstätten, Gärten, Schulküchen, Nähstuben,
+Laboratorien haben, um auf ihnen systematisch die Instinkte für manuelle
+Tätigkeit zu entwickeln, den Zögling zu gewöhnen, immer sorgfältiger,
+ehrlicher, gewissenhafter, durchdachter die manuellen Arbeitsprozesse
+auszuführen. Nur so wird eine der Hauptgrundlagen seiner späteren und
+durch die Fortbildungsschule direkt aufzugreifenden Berufsbildung
+geschaffen, nämlich die frühzeitige Gewöhnung an wohlüberlegte,
+mustergültige, solide, ehrliche manuelle Arbeit. Mit anderen Worten, um
+mich eines der bekannten Schlagwörter zu bedienen: In der
+wohlorganisierten öffentlichen Volksschule muß der Arbeitsunterricht
+auch als ein in sich geschlossenes _Unterrichtsfach_ auftreten. Dieser
+Arbeitsunterricht als Fach ist nicht eine »Entweihung« der Volksschule,
+sondern ihr größter Segen. In Bayern ist seit mehr als 100 Jahren in
+einer großen Zahl von Mädchenklassen der Arbeitsunterricht als Fach
+eingeführt, in München seit fast 50 Jahren in nicht weniger als
+durchschnittlich drei Stunden in der Woche, und keinem Menschen ist es
+bis heute nur im Traum eingefallen, diesen Unterricht, der ruhig für
+sich seine eigenen geschlossenen Bahnen läuft, als eine Entweihung der
+Mädchenschule zu betrachten und aus dem Lehrplan der Mädchenvolksschule
+zu streichen. Nun wird man vielleicht einwenden: Stricken, Nähen,
+Leibwäsche herstellen und sie ausbessern ist der Beruf fast aller
+Mädchen. Aber nicht alle Knaben ergreifen den gleichen manuellen Beruf.
+Das ist richtig. Aber daraus zu schließen, daß man deswegen überhaupt
+keinen systematischen Arbeitsunterricht in den inneren Organismus der
+Schule eingliedern darf, ein solcher Schluß steht ungefähr auf der
+gleichen Höhe wie der, daß, weil nicht alle Menschen die gleiche Nahrung
+vertragen, man ihnen am besten gar keine Nahrung gibt.
+
+Noch vor hundert Jahren, da der Geist Pestalozzis in den deutschen
+Schulverwaltungen lebendig war, war es selbstverständlich, nicht bloß
+für alle Mädchen, sondern auch für alle Knaben Arbeitsschulen und
+Arbeitsunterricht zu fordern. Und wenn auch die Verfügungen in den
+napoleonischen Wirren und in der nachher das Haupt erhebenden
+Reaktionszeit nicht ausgeführt wurden, so zeigen sie doch zunächst
+eine in dieser Hinsicht die Gegenwart überragende Einsicht und
+redlichsten Willen. Der Allerhöchste Erlaß des Kurpfalzbayrischen
+Generalschulendirektoriums von 1803 an die Lokalschulkommissionen
+Bayerns ist ein schönes Beispiel hierfür. »Gewisse technische
+Fertigkeiten sind jedem Menschen mehr oder minder notwendig. Darum ist
+es notwendig, daß überall _Arbeitsschulen für Knaben und Mädchen_ angelegt
+und mit Lehrschulen in Verbindung gebracht werden. Von diesen Schulen
+sollen auch jene nicht freigesprochen werden, von denen es vorauszusehen
+ist, daß sie einstens nicht notwendig haben zu arbeiten, um sich zu
+ernähren; denn abgesehen vom Wechsel des Glücks, wodurch viele geerbten
+Reichtum verlieren, so ist es immer gut, daß jeder lerne, den Vorzug zu
+schätzen, sich selbst den notwendigen Unterhalt erwerben zu können und
+jenen gehörig zu achten, der durch Arbeitsamkeit und Kunstfleiß sich
+einen Wohlstand zu verschaffen versteht.« Dabei waren in jenen Zeiten
+noch Familienwohnsitz und Arbeitsstätte des Vaters enge verbunden, und
+die Jugend wuchs nicht auf, wie heute fast ausnahmslos in unseren großen
+Städten, ohne die häusliche Schule der Arbeit, ja ohne auch nur den
+kümmerlichsten Einblick in die manuelle Arbeit des Vaters zu gewinnen
+und vom Zauber ihres Segens erfaßt zu werden.
+
+Wesentlich tiefer noch gräbt um die gleiche Zeit der Leiter des
+Frankfurter »Philanthropins« _Jakob Molitor_, ganz in Pestalozzischen
+Gedankengängen sich bewegend. Man glaubt in _John Dewey's_ »School and
+Society« von 1901 zu lesen, wenn man in seiner Abhandlung »Über die
+bürgerliche Erziehung« die Sätze findet: »Es ist der größte Fehler
+unserer heutigen Erziehung, daß sie die Kinder mit allem bekannt macht,
+was in der Ferne liegt, und in demjenigen ganz unwissend läßt, was sich
+in ihrer Nähe befindet. _Deshalb ist zwischen dem Leben und unserer
+Schule jetzt so eine ungeheure Kluft. Die Schule ist eine eigene fremde
+Welt, in der das Kind ganz andere Dinge hört, als es im Leben sieht_....
+Die lebendige Kraft der alten Erziehung beruhte darauf, daß sie mit den
+Umgebungen anfing.... Unter dem Gewühle von reger Tätigkeit, mitten
+unter den Geräten und Werkzeugen der Arbeit ... wächst das Kind des
+Landmannes und des Handwerkers empor. Es siehet und höret von Jugend
+auf, und was es siehet und höret, wirkt lebendig und kräftig auf seinen
+Sinn. _Der Acker, die Werkstätte, wird ihm der Mittelpunkt seiner Welt
+und seines Daseins_, der Punkt, um den sich alle Gedanken drehen, an den
+sich alle Begriffe anknüpfen, von dem sie ausgehen und wohin sie alle
+zuletzt wieder zurückkehren.... Sie (die Schule) sollte, so wie es in dem
+Gange des Lebens immer geschieht, _überall mit der Praxis beginnen und
+aus ihr die Theorie entwickeln_.... Man darf nie aus dem Auge verlieren:
+die Kinder von Jugend auf mit ihrem künftigen Stande und dessen
+Verhältnissen und Beschäftigungen bekannt zu machen, und solchergestalt
+deren Gegenstand jederzeit zum _lebendigen Mittelpunkt aller
+Betrachtungen_ zu machen.« Muthesius, der in einem Artikel
+»Fortbildungsschule und Volksschule« in den Pädagog. Blättern neuerdings
+auf Molitor hingewiesen hat, glaubt sicher, daß Molitors Schrift Goethe
+bei der Abfassung der pädagogischen Provinz in Wilhelm Meisters
+Wanderjahren fruchtbare Anregungen gegeben hat, nachdem Bettina Brentano
+ihn mit Molitors Schriften bekannt gemacht habe. Das ist um so
+wahrscheinlicher, als Goethes Anschauungen über Erziehung zu allen
+Zeiten in der gleichen Richtung sich bewegt hatten, wie ich an anderer
+Stelle zeigen konnte.
+
+Der Zweck der _vorbereitenden_ Erziehung für den manuellen Beruf liegt
+indes nicht in der Einführung in die Arbeitsprozesse, Werkzeuge,
+Maschinen und Materialien eines bestimmten Berufes, ebensowenig wie der
+Zweck der vorbereitenden Erziehung für einen geistigen Beruf in der
+Übermittlung von Kenntnissen für den zukünftigen Beruf besteht. Hier wie
+dort liegt der Zweck der vorbereitenden Erziehung in der Gestaltung der
+Organe, die für die Ausbildung des Berufes notwendig sind, in der
+Gewöhnung an ehrliche Arbeitsmethoden, an immer größere Sorgfalt,
+Gründlichkeit und Umsicht, und in der Erweckung der rechten
+Arbeitsfreude. Wer in irgendeiner systematischen Beschäftigung (mit
+Holzarbeit z. B.) diese Qualitäten erworben hat, der besitzt sie und
+wendet sie bei jeder manuellen Arbeit an, die der spätere Beruf bringt,
+genau ebenso wie derjenige, der im Latein oder in der Mathematik seine
+logische Denkfähigkeit, seine Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe
+entwickelt hat, sie besitzt und anwendet, wenn er auch später nicht
+Philologie, Mathematiker oder Naturwissenschaftler wird, sondern Jurist,
+Historiker oder Philosoph. Ja die Übertragung dieser in einer _manuellen_
+Arbeitserziehung erwachsenen Qualitäten auf manuelle Arbeiten anderer
+Gebiete ist sehr viel gesicherter als die Übertragung erworbener
+Qualitäten auf _geistigen_ Arbeitsgebieten, wo nicht selten Vorurteile,
+Parteimeinungen, religiöse Bindungen usw. verhindern, die auf einem
+Gebiete sich auswirkende Kraft der Wahrheitsliebe und des logischen
+Denkens in gleicher Rücksichtslosigkeit auf anderen Gebieten schaffen zu
+lassen.
+
+Aus der ersten Aufgabe der öffentlichen Schule, der Aufgabe der
+Vorbereitung für die Berufsbildung, ergibt sich also mit Notwendigkeit
+für die Organisation der Volksschule die Forderung des fachlichen,
+systematisch sich entwickelnden Arbeitsunterrichts, und diese
+Notwendigkeit wird verstärkt durch den Umstand, daß auch die geistige
+Entwicklung der Massen mangels frühzeitiger hervorragender
+intellektueller Begabung unweigerlich auf den Boden der Erziehung durch
+manuelle Arbeit gestellt werden muß. Nun verlangen aber auch die
+manuellen Berufe, vor allem die gelernten Berufe, schon wegen der
+Verflochtenheit ihrer Interessen mit den Interessen des Staates auch die
+Beherrschung der primitiven Kulturwerkzeuge des Lesens, Schreibens,
+Rechnens, Zeichnens, die wir etwa mit dem, wenn auch nicht ganz
+zutreffenden Ausdruck »geistige Fertigkeiten« zusammenfassen können. Sie
+verlangen den Besitz von körperlicher Gesundheit und gewisse Einblicke
+in die Gesetze der Natur und der eigenen hygienischen Lebensführung, zu
+welchem Zwecke Leibesgymnastik und Naturkunde zu wesentlichen
+Bestandteilen des Volksschullehrplans gemacht werden müssen. Das sind
+Forderungen, auf die hier nicht weiter einzugehen ist. Dagegen ist zu
+betonen:
+
+_Je inniger die Entwicklung der geistigen Fertigkeiten mit der
+Entwicklung der manuellen Fertigkeiten im Fachunterricht assoziiert
+werden kann, desto glücklicher ist die Organisation der Volksschule,
+desto ungezwungener und sicherer entwickeln sich auch die geistigen
+Fähigkeiten._
+
+Wüßte man von allen Kindern rechtzeitig, welchem Berufe sie sich nach
+Neigung und Begabung zuwenden, wären nicht so viele Kinder in der
+Berufswahl vom Zufall oder vom Herkommen abhängig, würden nicht bei
+einer so großen Anzahl von Kindern infolge der Arbeitsverhältnisse ihrer
+Eltern oder aus anderen Gründen bestimmte Arbeitsinteressen sich
+überhaupt erst spät oder nie entwickeln, so wäre die beste Organisation
+der Volksschule die, welche die Kinder nach Gruppen ihres zukünftigen
+Berufes zusammenfassen würde und, _ohne diese Schule zur Berufsschule zu
+machen_, ihren aus der ersten Aufgabe entspringenden Teil der Schularbeit
+als Vorbereitung für den kommenden Beruf organisieren würde. Würden sich
+vollends die in dieser Schule zusammengefaßten _gelernten_ Berufe der
+Schüler mit denjenigen Berufen decken, denen auch ihre Eltern nachgehen,
+so ließe sich in dieser Schule auch jenes Organisationsideal
+verwirklichen, nach welchem die Schule nicht ein Fremdkörper im Leben
+des Kindes sein soll, nicht etwas von der täglichen Arbeit im häuslichen
+Kreise Isoliertes, sondern ein diese häusliche, tägliche Arbeit des
+Zöglings aufgreifendes, sie veredelndes, geistig aufhellendes
+Bildungsorgan des Staates. Dann könnte der Lehrer, wie Pestalozzi im
+Schwanengesang meint, »sein Nebenwerk in des Vaters Arbeit so
+hineinflechten, wie ein Weber seine Blumen in ein ganzes Stück Zeug
+hineinwebt«. Aber keine dieser Bedingungen ist im allgemeinen heute
+gegeben, höchstens noch in rein ländlichen oder in wirtschaftlich
+primitiven Verhältnissen. In den allermeisten Fällen muß die Volksschule
+auf diese Konzentration verzichten, nicht aber die Fortbildungsschule,
+die diesem Ideal der Organisation in hohem Grade nachkommen kann und
+muß, und, wie das Beispiel Münchens zeigt, auch nachgekommen ist.
+
+Aber auch wenn die Volksschule, so wie sie gegenwärtig möglich ist, in
+den meisten Fällen ihre Arbeit nicht mit der _praktisch_ gerichteten
+Tätigkeit des Hauses und der Familie verweben kann, von der Forderung,
+die praktischen Interessen, die so ganz und gar das Seelenleben des
+Volksschülers, des noch werdenden Menschen, ausmachen, soweit als
+möglich zum Mittelpunkt der Unterrichtstätigkeit zu machen, kann sie
+nicht befreit werden. Ihre vornehmste Aufgabe bleibt alsdann zu sehen
+und zu sorgen nicht bloß, wie sie diese praktischen Interessen zum
+Nutzen des späteren Berufslebens vertiefen und ausbauen kann, sondern
+vor allem, wie sie die mit aller praktischen Arbeit verbundene rein
+geistige Aktivität entwickeln und so den Übergang von _bloß praktischen_
+Interessen zu _theoretischen_ Interessen für alle jene vermitteln kann,
+deren Veranlagung diese Entwicklung ermöglicht. »Es ist ein
+Gemeinplatz«, sagt _John Dewey_ in seinem Buche »Interest and Effort«
+(Hougthon Mifflin Company, Boston 1913, Seite 83), »daß das
+Grundprinzip der Naturwissenschaften mit der Relation von Ursache und
+Wirkung auf das engste verbunden ist. _Aber das Interesse an dieser
+Beziehung setzt zunächst auf rein praktischem Gebiet ein._ Irgendeine
+Wirkung wird beabsichtigt, und alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die
+Bedingungen, welche diese Wirkung erzeugen. Zunächst herrscht das
+Interesse an der Erfüllung des beabsichtigten _Zweckes_ vor. Aber in dem
+Maße, als dieses Interesse verflochten wird mit _wohldurchdachten_
+Bemühungen, den Zweck, trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten und
+Hindernisse zu erreichen, wird das Interesse am praktischen Zwecke oder
+an der praktischen Wirkung notwendigerweise übertragen auf das Interesse
+an den Mitteln (eben den Ursachen), die die Wirkung zustande bringen. Wo
+handwerkliche Arbeit, wo Gartenarbeit, wo Kochprozesse usw. mit
+Verständnis (d. h. mit beständiger Überlegung von Ursache und Wirkung)
+durchgeführt werden, ist es eine verhältnismäßig einfache Sache, das
+zunächst rein praktisch gerichtete Interesse umzuwandeln in ein
+Interesse für Versuche um bloßer Entdeckungen willen. Sobald jemand
+interessiert ist an einem Problem als einem Problem, an Untersuchungen
+und Studien um der Lösung des Problems willen, dann ist das Interesse
+bereits rein theoretisch geworden.«
+
+Unsere allgemeinen öffentlichen Schulen nehmen wenig oder gar keine
+Rücksicht in ihren Lehrplänen auf diesen Fundamentalsatz aller geistigen
+Entwicklung, die immer und überall von praktischen Interessen zu
+theoretischen vorwärts schreitet. Sie haben bis heute die Befriedigung
+der praktischen Interessen selbst da ausgeschlossen, wo die Masse der
+Schüler nur in seltenen Fällen überhaupt über praktische Interessen in
+ihrer geistigen Entwicklung hinausschreitet. Sie glaubt schon Großes
+getan zu haben, wenn sie bei der Einführung in ihrem vom sonstigen Leben
+des Schülers isolierten theoretischen Unterrichtsbetrieb an
+Vorstellungen aus dem praktischen Leben anknüpft. Das ist der größte
+Mangel, der unseren allgemeinen Schulen anhaftet.
+
+
+
+
+III. DIE ZWEITE UND DRITTE AUFGABE DER ÖFFENTLICHEN SCHULE
+
+
+Die zweite Aufgabe, die wir aus dem Zweck aller öffentlichen Schulen
+abgeleitet haben, ist _die Versittlichung der Berufsaufgabe_. Die
+Versittlichung aller dem Rechtsbewußtsein einer Zeit genügenden
+Handlungen beginnt da, wo sie ausgeübt wird, entweder um unseren inneren
+Personenwert zu erhöhen, oder wo sie aus einer uneigennützigen Neigung
+zu einem sittlichen Fremdwert entspringt. Eine Schulklasse so
+gewissenhaft als möglich zu führen, weil man als Lehrer zu ihrer Führung
+berufen und für diese Arbeit bezahlt wird, ist noch nicht sittlich. Das
+gleiche ohne Rücksicht auf Bezahlung tun, weil man sonst die Achtung vor
+sich selbst verlieren würde, ist bereits Sittlichkeit. Es zu tun aus
+reinem Gefallen an dem inneren Wert, an der inneren Erhöhung, die wir
+bei solcher Gesinnung fühlen, auch ohne Rücksicht auf das strafende
+Gewissen, ist sittlicher. Es zu tun, weil man sich keine schönere
+Aufgabe denken kann, als in dieser Weise dem Fortschritt der
+Gemeinschaft der Menschen zu dienen, ist am sittlichsten. Das
+Bewußtsein, daß man eine Arbeit, und wäre es auch die kleinste und
+niedrigste, zum Wohle einer Gemeinschaft ausführt, der man angehört,
+leitet immer die Versittlichung unserer Tätigkeit ein. Um dieses
+Bewußtsein durch die Schule zu entwickeln und aktionsfähig zu machen,
+gibt es zunächst kein anderes Mittel als das, welches ich als
+_Organisation des Schulbetriebes im Geiste der Arbeitsgemeinschaft
+bezeichnet habe_. Natürlich gibt die freiwillige Eingliederung in eine
+Arbeitsgemeinschaft noch keine Gewißheit für die Versittlichung der
+Tätigkeit. Aber wenn die Arbeitsgemeinschaft selbst der Träger einer
+sittlichen Idee ist, wenn sie etwa der Pflege edler Kameradschaftlichkeit,
+der Hingabe an Wissenschaft, Kunst, Religion, der Erforschung der
+Wahrheit, der Unterstützung Hilfsbedürftiger, dem Schutze der
+Gerechtigkeit usw. dient, ist es im allgemeinen leicht verständlich,
+daß der freiwillige Dienst in solcher Arbeitsgemeinschaft, wie häufig
+er auch von Knaben und Mädchen aus anderen Gründen gesucht worden sein
+mag, sich aus einem Dienste um rein praktischer Zwecke willen in einen
+Dienst um der sittlichen Idee willen umzuwandeln vermag.
+
+Kein Gedanke ist aber unserem deutschen Schulwesen fremder geblieben als
+der Gedanke der freiwilligen Arbeitsgemeinschaft. Nur an wenigen Volks-
+und höheren Schulen hat er eine bewußte Verwirklichung gefunden, sei es
+in den eigentlichen Unterrichtsmaßnahmen, sei es in den Maßnahmen für
+die Gestaltung der Schuldisziplin, oder sei es in freiwilligen
+Arbeitsleistungen der Schüler, die dem Schulbetriebe zugute kommen. Und
+doch haben wir seit fast hundert Jahren die ausgezeichneten Vorschläge,
+die Fichte in seinen »Reden an die deutsche Nation« gemacht hat, worin
+er wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften empfiehlt als wesentliche
+Erziehungsfaktoren für die kommende Generation. Ich habe darauf schon
+seit zwölf Jahren wiederholt hingewiesen, ebenso wie auf die Versuche
+von Dr. Lietz in seinen Landerziehungsheimen und auf den glänzenden
+Versuch John Deweys in Chicago, der leider nach so kurzer Zeit wieder
+eingestellt worden ist.
+
+Ganz anders ist der Gedanke der Arbeitsgemeinschaft in die englischen
+und amerikanischen Schulen eingedrungen. Zwar hat auch dort noch der
+eigentliche Unterrichtsbetrieb wie bei uns in Deutschland nur die
+Förderung des _einzelnen_ im Auge; dagegen finden wir in einer großen
+Anzahl von Schulen dieser Länder die Fragen der Klassen- und
+Schuldisziplin der Selbstregierung der Schüler anvertraut und den
+Gedanken der Arbeitsgemeinschaft in literarischen, sportlichen,
+wissenschaftlichen und künstlerischen Schülerverbänden verwirklicht. Wir
+Deutsche, denen das Bewußtsein, daß die Schulangelegenheiten
+unmittelbare Angelegenheiten des Volkes sind, bei weitem noch nicht
+genügend auf die Seele brennt, denen das Regiertwerden in allen
+Schulfragen zum unentbehrlichen Lebensbedürfnis geworden ist, wir
+Deutsche stehen noch immer vor dem Problem der Verwirklichung dieses
+Gedankens, ohne daß wir eine nennenswerte Aktivität hierfür entwickeln.
+Wir denken selbst da kaum daran, wo, wie bei der Organisation von
+Schulfesten, die Arbeitsgemeinschaft der Schüler eines der natürlichsten
+Dinge der Welt wäre. Das hängt nicht zum kleinen Teil auch damit
+zusammen, daß der landläufige Buchunterricht unserer Schulen, unser
+Lesen, Schreiben, Rechnen, unser Bibel- und Katechismusunterricht, unser
+Geschichts-, Geographie-, Literatur- und Sprachunterricht für eine
+Durchführung des Schulbetriebes auf der Basis der Arbeitsgemeinschaft
+im eigentlichen Unterrichtsbetrieb überhaupt nicht geeignet ist oder nur
+teilweise geeignet gemacht werden könnte, nämlich vielleicht in den zwei
+obersten Klassen mit Hilfe reichhaltiger Klassen- und Schulbibliotheken.
+Schulküchenunterricht für Mädchen, Gartenbau und Blumenpflege und
+fachlicher Arbeitsunterricht in Werkstätten, die alle ein Hauptfeld für
+die Entwicklung der Arbeitsgemeinschaft bieten, wie alle praktische
+Tätigkeit überhaupt, sind heute nur in relativ wenigen deutschen
+Volksschulen obligatorisch eingeführt. Regelmäßige gemeinsame
+Schülerübungen in Physik, Chemie und Biologie, die nicht weniger zu
+Organisationen gemeinsamer Arbeit die Möglichkeit bieten, fehlen als
+Pflichtbestandteile des Volksschulunterrichts fast überall. Wenn aber
+auch _Pestalozzi_ in der Arbeitsbildung die Wurzel wie der intellektuellen
+so auch der sittlichen Bildung erblickt, wenn auch _Natorp_ in Arbeit und
+Arbeitsgemeinschaft Kern und Mittelpunkt der sittlichen Bildung sucht,
+wenn, wie er behauptet (vgl. Religion innerhalb der Grenzen der
+Humanität, 1908, Verlag Mohr, Tübingen, S. 7), die Tugend des
+Gemeinschaftslebens, die Gerechtigkeit, nur gelernt wird durch die
+unmittelbare Teilnahme an der Gemeinschaft selbst, haben wir da nicht
+alle Ursache, unsere Schulen, soweit als immer es möglich ist, in
+Arbeitsgemeinschaften umzuwandeln?
+
+Ich hatte den Gedanken der Arbeitsgemeinschaft im Unterrichtsbetrieb vor
+vielen Jahren kaum laut ausgesprochen, als zwar technische Bedenken
+gegen seine Durchführung nicht erhoben, dagegen der moralische Nutzen
+sehr in Frage gestellt wurde. Die Tüchtigen und Herrschsüchtigen, so
+sagte man, werden stets die Führung in den Arbeitsgemeinschaften an sich
+reißen, die Masse aber wird hypnotisiert, gezwungen oder freiwillig
+immer wie eine Hammelherde hinter den Führern nachlaufen. Gewiß, die
+Tüchtigen werden die Führung haben, sie sollen sie haben. Ich habe sie
+oft genug in unseren auf Arbeitsgemeinschaft basierten Schülerübungen
+der Volks- und Fortbildungsschule beobachtet. Aber dazu ist ja gerade
+die Schule da, diese Führer zu lehren, ihre Führerschaft im Dienste der
+Schwachen auszuüben. Würde jemand empfehlen, die Arbeitsgemeinschaft
+des Staates zu zertrümmern, weil im Staate die Menschen sich in
+Führer und geführte Massen trennen? Für jeden konsequent Denkenden
+ist diese Erscheinung erst recht ein Grund zur Einführung der
+Arbeitsgemeinschaften in die Schule. Natürlich setzt diese Einführung
+eine tiefe Einsicht der Lehrer in die Wirkungsweise von Arbeitsverbänden
+voraus. Man darf sie nicht bilden, ehe nicht die Schüler überhaupt ein
+gewisses Minimum von geistiger, manueller und moralischer
+Leistungsfähigkeit auf dem betreffenden Arbeitsgebiete haben. Auch wird
+man nicht allzu ungleiche Elemente zunächst in Arbeitsgemeinschaften
+verketten und wird den großen Egoisten, die es immer und überall gibt,
+allezeit ein wachsames Auge zuwenden. Ab und zu wird man die Führer
+aller Gruppen, soweit es sich um Arbeitsgemeinschaften im
+Unterrichtsbetrieb handelt, herausnehmen und zu einer eigenen
+Arbeitsgruppe vereinigen, damit sie nicht beständig im Bewußtsein
+überragender Kraft leben. _Vor allem aber müssen die Lehrer der Schule
+selbst vom Geiste der opferwilligen Arbeitsgemeinschaft_, die sie
+untereinander und mit ihren Schülern bilden, _tief durchdrungen sein_.
+Gerade die letzte Forderung wird der generellen Durchführung des
+Problems durch alle Schulen Deutschlands die größte Schwierigkeit
+bereiten. Denn wieviel Idealismus unter den Lehrern auch herrscht, der
+Idealismus der freiwilligen Opferwilligkeit auch außerhalb der durch
+Dienstvertrag geregelten Arbeitszeit ist wie bei allen anderen Ständen
+auch bei den Lehrern nur in einem nicht allzu großen Prozentsatz
+vorhanden. Wo Handwerkergeist die Lehrer einer Schule beherrscht, werden
+die Schüler schwer zu Arbeitsgemeinschaften außerhalb des
+Unterrichtsbetriebes sich vereinigen, und wo sie es tun, wird diesen
+Arbeitsgemeinschaften nur allzu leicht die versittlichende Kraft fehlen.
+Umgekehrt: Wo die Schülermassen einer Schule vom rechten Geiste der
+Arbeitsgemeinschaft erfaßt sind, da stellt dieser Geist selbst das
+glänzendste Zeugnis für den inneren Wert der Lehrerschaft dieser Schule
+aus. Die Quellen der moralischen Opferwilligkeit versiegen nur zu
+leicht, wo sie nicht beständig vom Beispiel einer selbstlosen Umgebung
+in den Zöglingen genährt werden.
+
+Mit der Durchführung des Prinzips der Arbeitsgemeinschaft ist aber nicht
+bloß eine der wirksamsten Kräfte der Versittlichung der Berufserziehung
+unserer Schüler gegeben, sondern es werden auch eine ganze Reihe von
+wertvollen Eigenschaften entwickelt, die sonst kaum im regulären
+Schulbetrieb Nahrung fänden. Durch die mannigfachen Berührungen, in
+welche die Arbeitsgemeinschaft die Schüler immer und immer wieder
+bringt, entwickelt sich vor allem eine Eigenschaft, auf die ich im
+zweiten Teile meiner Untersuchung zu sprechen kommen werde, die
+_Feinfühligkeit_, die an sich noch keine moralische, wohl aber eine für
+die Charakterentwicklung höchst wertvolle Eigenschaft ist. Weiterhin
+findet dadurch vor allem eine moralische Eigenschaft gerade in den
+Tüchtigsten unserer Schüler eine Förderung, wie sie bisher die
+öffentliche Schule überhaupt nicht bieten konnte: ich meine die
+Entwicklung des Bewußtseins der _Verantwortlichkeit_. Nicht nur die Führer
+der Arbeitsgruppen, sondern auch jedes einzelne Mitglied einer
+Arbeitsgruppe wird sich tagtäglich bewußt, wie seine Leistungen sowohl
+für ihn von Bedeutung sind als auch für die Qualität der Leistung der
+ganzen Gruppe. Unsere heutigen Schulen sind kaum imstande, den _Begriff_
+der Verantwortlichkeit im Schüler zu erwecken, geschweige daß sie
+imstande wären, in ihm das brennende Verantwortlichkeitsgefühl zu
+erzeugen. Wenn nicht die Arbeitsgemeinschaft des Hauses hier den
+Löwenanteil auf sich nimmt, verschwindet diese Grundeigenschaft des
+brauchbaren Staatsbürgers mehr und mehr.
+
+Freilich ist zur vollen Auswertung der erziehlichen Kraft der
+Arbeitsgemeinschaft auch noch »eine eingehende Seelenpflege, eine
+planvolle Klärung des sittlichen Urteils nötig«, wie W. F. Foerster in
+seiner Schrift »Staatsbürgerliche Erziehung« (B. G. Teubner, Leipzig
+1910) mir gegenüber hervorheben zu müssen glaubt. Gewiß, »die bloße
+Übung im Zusammenarbeiten ist noch kein Schutz gerade gegen die
+kommenden Versuchungen des _korporativen_ Egoismus, der für den Staat
+mindestens so gefährlich ist wie der _persönliche_ Egoismus«. Aber an
+dieser _mündlichen_ Seelenpflege hat es bisher wenigstens an den _besten_
+unserer Schulen nicht gefehlt, wenn auch durchaus anzuerkennen ist, daß
+die ausgezeichneten Anweisungen, die Foerster vor allem in seiner
+»Jugendlehre« (Berlin, Reimer) gibt, die Einsicht in die Notwendigkeit
+solcher Lehre erst recht in den Vordergrund des Interesses gerückt hat.
+Woran es dagegen durchaus fehlt in unseren Schulen, das ist die
+_praktische_ Seelenpflege, ohne welche alle »Klärung des sittlichen
+Urteils« höchstens da wertvoll wirkt, wo das Gemeinschaftsleben der
+Familien seine Schuldigkeit tut. Darum ist heute nichts notwendiger für
+unsere Schulen als Einrichtungen zu treffen, in denen diese praktische
+Seelenpflege von selbst ihr fruchtbares Arbeitsfeld findet.
+
+Eine Schule nun, die nicht imstande ist, den sittlichen Geist der
+Hingabe an andere durch das Mittel der Arbeitsgemeinschaft und des sich
+auf ihren sittlichen Gewohnheiten aufbauenden Gesinnungsunterrichts zu
+bilden, ist noch viel weniger geeignet, die dritte und letzte Aufgabe in
+Angriff zu nehmen, die wir aus dem Zweck der öffentlichen Schule
+abgeleitet haben: ihre Schüler anzuleiten, _an der Versittlichung des
+großen Gemeinwesens_, in dem sie leben und ihre berufliche Tätigkeit
+ausüben, _mitzuarbeiten_. Für diesen höchsten Akt der staatsbürgerlichen
+Erziehung der Jugend, welcher die Grundaufgabe aller öffentlichen
+Erziehung sein muß, ist eben die frühzeitige Gewöhnung, im Dienste einer
+Idee zu arbeiten, das weitaus Wichtigste.
+
+Die _Volksschule_ allerdings kann wenig mehr tun, als diese Gewöhnung
+durch das Mittel der Arbeitsgemeinschaft anzubahnen. Die jugendliche
+Unreife und nicht zum geringen Teile auch die mangelnde geistige
+Begabung ihrer Schüler lassen die Bestrebungen, die darauf ausgehen, im
+Geschichts- oder ethischen oder sonstigen Unterricht die Schüler über
+die Aufgaben des Staates und vor allem über die sittlichen Aufgaben
+wirksam zu belehren, als im großen und ganzen zwecklos erscheinen. Die
+Tätigkeit, welche hier Frankreich entfaltet in seiner »instruction
+civique« an den Volksschulen, hat mich angesichts der dort bestehenden
+politischen Verhältnisse nicht eines besseren belehrt.
+
+Was aber die Volksschule mit gutem Erfolg durchführen könnte, das ist:
+die Schüler an der Versittlichung ihres eigenen kleinen Gemeinwesens der
+Klasse oder der ganzen Schule, ihrer eigenen kleinen schulischen
+Lebensgemeinschaft durch Zweckverbände, die dazu aus den Schülern
+organisiert sind, praktisch arbeiten zu lassen. Sie könnte dies nicht
+bloß, sie tut es bereits tatsächlich, allerdings nicht in Deutschland,
+wohl aber in Tausenden von Volksschulen der Vereinigten Staaten in
+Nordamerika. Der »Schulstaat« ist jenseits des Ozeans längst kein
+theoretisches Problem mehr. Selbst in der Riesenstadt Neuyork fand ich
+in der 110. Volksschule an der Kreuzung der Cannon- und Broome-Street
+ein glänzendes Beispiel. Eine Klasse dieser Schule hatte sich vor etwa
+zwölf Jahren eine »Verfassung« gegeben und in einer »Charter«
+niedergelegt. In der Urkunde, welche die Verfassung festlegt, sind den
+Bürgern auch eine Reihe von Schülerpflichten vorgeschrieben, z. B.
+»höflich und gütig zu sein gegen alle«, »alles zu vermeiden, was gegen
+die Gesetze des Staates oder der Stadt ist oder was das Recht und das
+Glück anderer verletzt«, »jeder allgemeinen Versammlung der Schüler
+anzuwohnen«, »zur Aufrechterhaltung der Gesetze beizutragen«, »andern
+ein gutes Beispiel zu geben«, »alles zu tun, was die Wohlfahrt der
+Schule fördern kann« usw. Zur Aufrechterhaltung der Gesetze sind zwei
+eigene Gerichtshöfe gebildet, einer von den Knaben, einer von den
+Mädchen. Der Erfolg war nach den Mitteilungen der Leiterin so gut, daß
+der Staat sich allmählich ausdehnte und heute alle _höheren_ Klassen
+umfaßt. Die Nachbarschaft der Schule ist eine der dichtbevölkertsten der
+Welt. Alle Nationalitäten scharen sich in riesigen Logierhäusern um die
+Schule: Russen, Italiener, Deutsche, Iren, Österreicher, Ungarn,
+Rumänen, Griechen. Das Notwendigste war hier, den Kindern dieser
+einander gänzlich fremden Rassen ein selbstloses Interesse aneinander zu
+lehren, von innen heraus Autorität zu entwickeln, statt ihnen Autorität
+aufzudrücken, und den Kindern zu zeigen, daß Ordnung besser ist als
+Anarchie. Jeder Bürger wurde Lehrer eines neuzugewanderten fremden
+Kindes. So wuchs der Schulstaat auf einer gesunden Basis. Die kleinen
+Bürger sind gütig gegen die kleinen Verbrecher, nur verzichten sie mit
+ihnen zu spielen. »Der einzige Weg, auf welchem solch eine
+Selbstregierung hoffen kann, erfolgreich zu sein,« meinte Miß Simson,
+die Leiterin der 110. Schule, »ist, daß die Lehrer sich nicht
+dareinmengen. Sie müssen, äußerlich wenigstens, diese Regierung
+ignorieren. Ich selbst«, sagte sie, »habe niemals den Kindern einen Rat
+gegeben, ausgenommen zu der Zeit, da die Kinder ihre Verfassung
+(Charter) vorbereiteten. Und von dieser Zeit an leben sie genau nach
+dieser Verfassung, und die ganze _Selbstregierung hat die Schule, die
+einst vor zehn Jahren als die schlechteste der Stadt galt, zu einer der
+besten umgewandelt_.« (Vgl. auch meine fünf Aufsätze über das Schulwesen
+der Vereinigten Staaten, Süddeutsche Monatshefte, Jahrgang 1912.)
+
+Die _Fortbildungsschulen_ dagegen, namentlich jene, deren beruflicher
+Unterricht ohnehin schon ein geistig gewecktes Schülermaterial verlangt,
+sind bereits zum mindesten in den zwei letzten Jahresklassen imstande,
+auch die Aufgaben der Staatsgemeinschaft dem Verständnis der Schüler
+näher zu bringen. Nicht zum wenigsten aus diesem Grunde ist die
+obligatorische, auf staatsbürgerliche Erziehung gerichtete
+Fortbildungsschule mit einer qualitativ und quantitativ ausreichenden
+Unterrichtszeit die wichtigste Forderung für den Ausbau der Organisation
+der Volksschule in Deutschland. Wie dieser Ausbau vollzogen werden muß,
+damit er auch unserer dritten Aufgabe gerecht wird, darüber habe ich
+mich zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Reden und Schriften
+eingehend geäußert. (Vgl. »Grundfragen der Schulorganisation«, 4.
+Auflage 1920; »Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung«, 4. Auflage
+1919, Verlag B. G. Teubner, Leipzig. -- Ebenso »Staatsbürgerliche
+Erziehung der deutschen Jugend«, 6. Auflage 1917, Verlag Carl Villaret,
+Erfurt.)
+
+Bei weitem die aussichtsreichsten Möglichkeiten zur Durchführung der
+dritten Aufgabe bieten die _höheren Schulen_. Hier sind die praktischen
+Maßnahmen, welche die einzelnen Schüler in den Dienst verschiedener
+Zweckverbände ihrer Mitschüler stellen, sehr viel leichter durchführbar
+als an den Volks- und Fortbildungsschulen. An den Volksschulen bildet
+bisweilen die geringe körperliche, geistige und sittliche Reife
+namentlich in den großen Städten ein schwer zu nehmendes Hindernis für
+die Gestaltung von freiwilligen Arbeitsgemeinschaften im Dienste der
+Schulaufgabe. Die Schüler der höheren Klassen unserer Volksschulen sind
+eben durchschnittlich ein bis zwei Jahre jünger als die höheren Klassen
+der Volksschulen der Vereinigten Staaten. Zum mindesten machen solche
+Arbeitsgemeinschaften sehr sorgfältige Überlegungen und
+Vorsichtsmaßregeln nötig und setzen in höherem Maße ein im verborgenen
+mitarbeitendes Lehrpersonal voraus. An den deutschen Fortbildungsschulen
+liegt die Hauptschwierigkeit darin, daß die Schule selbst mit ihrer
+relativ geringen Unterrichtszeit die Schüler zu wenig in gegenseitige
+Berührung bringt und so gewöhnlich nicht imstande ist, jenes
+Gemeinsamkeitsgefühl zu erzeugen, aus dem gewissermaßen spontan die
+Neigung zu freiwilligen Arbeitsverbänden erwacht.
+
+Alle diese Hindernisse kennt die höhere Schule nicht. Dazu kommt, daß
+namentlich in den oberen Klassen die Lektüre der deutschen und fremden
+Klassiker sowohl als auch der intensive Geschichtsunterricht auf die
+Kulturprobleme der menschlichen Gesellschaft und auf die Aufgaben des
+Staates führt, und daß damit eine wissenschaftliche, d. h. eine
+objektive Belehrung über die Aufgaben des Staates und über die
+Pflichten der Staatsbürger von selbst nahegerückt wird. -- Daß die
+höheren Schulen in Deutschland im scharfen Gegensatz zu den Schulen
+anderer germanischer Staaten bis jetzt diese dritte Aufgabe nicht oder
+nur ganz ungenügend in Angriff genommen haben, liegt nicht zum wenigsten
+daran, daß unsere höheren Schulen von anderen Gesichtspunkten aus ihre
+Aufgaben auffaßten als von den hier entwickelten. Sie betrachten sich
+nicht als Werkzeuge der ethischen Staatsentwicklung, sondern als
+Werkzeuge der Gelehrtenbildung in der durchaus falschen Voraussetzung,
+daß der tüchtige Gelehrte von selbst ein »brauchbarer Staatsbürger«
+werde. Die Auffassung wird dadurch genährt, daß es tatsächlich zu allen
+Zeiten große Gelehrte gegeben hat, die auch große Staatsbürger waren.
+Solche Erscheinungen aber zu verallgemeinern, daran sollte uns
+wenigstens der gegenwärtige Zustand in unserem durchschnittlichen
+Gelehrten- und Beamtentum hindern. Wir Deutschen leiden noch immer sehr
+an unserer Vergangenheit, aus der unsere Gelehrtenschulen mit ihren
+Zwecken und Zielen herausgewachsen sind. Unsere angelsächsischen Vettern
+haben diese Art der Vergangenheit abgeschüttelt. Ich habe vor sechs
+Jahren durch einen englischen Freund von den Schülern der Oberklassen
+einer vornehmen englischen Gelehrtenschule in einer unvorbereiteten
+Klausurarbeit die Frage bearbeiten lassen: »Welches ist der Zweck
+unserer Schule, und wie erreicht sie ihn?« Die einstimmige Antwort war:
+»Ihr Zweck ist der zukünftige Staatsbürger.« Die Durchführung des
+Themas, welche die größte Mannigfaltigkeit der Auffassung aufwies,
+zeigte deutlich, daß diese Schüler auch über die Pflichten und
+notwendigen Eigenschaften des Staatsbürgers völlig im klaren waren.
+(Vgl.: »Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung«, 3. Aufl., B. G.
+Teubner, Leipzig.) Welches deutsche Gymnasium hätte mir die gleichen
+einstimmigen Antworten gegeben?
+
+
+
+
+IV. DIE METHODEN DER ARBEITSSCHULE
+
+
+Die Darstellung der Lösung der drei Aufgaben, die sich aus dem obersten
+Zweck der Volksschule naturgemäß ergeben, haben uns zum Grundriß einer
+inneren Organisation der Volksschule geführt, die ich vor neun Jahren in
+meiner Rede in der Peterskirche zu Zürich mit dem Worte »Arbeitsschule«
+bezeichnet habe. Wie alt auch das Wort »Arbeitsschule« sein mag, so darf
+ich doch wohl behaupten, daß der auf diese Weise bestimmte Inhalt des
+Wortes sich nicht mit einem der früheren Inhalte deckt.
+
+Mit den vorausgegangenen Erörterungen ist nun aber der Begriffsinhalt
+des Wortes noch nicht erschöpft. Jene drei Aufgaben und die aus ihnen
+entspringende Organisation geben die ethische _Richtung der
+Charakterbildung_ an, welche die Erziehung durch unsere Volksschule
+einschlagen soll. Damit haben wir eine _erste_ Reihe von Merkmalen des
+Begriffs »Arbeitsschule« gewonnen.
+
+Die _zweite_ Reihe von Merkmalen ergibt sich aus dem _Wesen der
+Charakterbildung selbst_. Indem wir aber dem Wesen der Charakterbildung
+nachgehen, stehen wir vor dem Grundproblem der Erziehung. Es handelt
+sich dabei nicht darum, welche Ziele wir mit dieser pädagogischen Arbeit
+anstreben, sondern an _welche psychischen Kräfte_ des Zöglings wir uns zu
+wenden haben und _wie_ wir sie behandeln müssen. Welche dieser Kräfte sind
+unveränderlich, welche veränderlich und demnach der Beeinflussung durch
+Erziehung zugänglich? Wie muß diese Beeinflussung vor sich gehen, daß
+die persönliche Charakteranlage des einzelnen sich sittlich entwickle,
+ohne wertvolle Eigenschaften dieses Charakters zu unterdrücken, zu
+vernachlässigen oder verkümmern zu lassen? Ich habe in meiner
+Untersuchung über den Charakterbegriff (vgl. »Charakterbegriff und
+Charaktererziehung«, 2. Aufl. 1913, B. G. Teubner, Leipzig) diese Kräfte
+zu ermitteln gesucht.
+
+Es sind vier Kräfte, deren Vorhandensein die Möglichkeit, einen
+wertvollen Charakter erziehen zu können, in Aussicht stellt:
+Willensstärke, Urteilsklarheit, Feinfühligkeit, Aufwühlbarkeit. Die
+Kräfte sind natürlich -- wie alle Seelenkräfte -- nicht völlig
+voneinander unabhängig. Insbesondere beeinflußt die letzte dieser vier
+Eigenschaften, die in der Hauptsache eine unveränderliche Anlage zu sein
+scheint, die drei übrigen in hohem Grade. Denn von der _Tiefe_ und _Dauer_
+der Gemütsbewegungen, die mit einem Grundsatz unseres Handelns, einer
+Maxime unseres Gewissens, einer Idee unserer Welt- oder Lebensanschauung
+verknüpft sind, hängt zu einem erheblichen Teile die Beharrlichkeit
+unserer Willensentschlüsse und die Kraft ihrer Umsetzung in Handlungen
+ab. Natürlich ist es nicht so, als ob die vier Eigenschaften nun auch
+tatsächlich die Entwicklung eines Charakters gewährleisten. Sie sind
+notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen, die zum Teil schon in
+der Charakter_anlage_ gegeben sein müssen. Hinzutreten muß immer eine
+_erworbene_ Eigenschaft, die einheitliche Organisation der Grundsätze,
+Maximen, Ideen in unserer Seele unter eine oberste Idee, die unserer
+ganzen Seelenstruktur entspricht und deshalb unser Wesen in seinem
+ganzen Umfange und seiner Tiefe ausfüllt.
+
+Die Entwicklung der drei ersten Charaktermerkmale erfordert vor allem
+_Freiheit der Betätigung und Mannigfaltigkeit der Verhältnisse_. Damit
+der Wille sich entwickelt, muß er sich beständig in Handlungen entladen
+können, und damit er stark zu werden vermag, muß er Freiheit und
+Bewegung haben. Damit der Verstand klarer urteilen lerne, muß er seine
+Vorstellungen und Begriffe so weit als möglich _durch Erfahrung selbst
+erarbeiten_. Damit die Feinfühligkeit an Umfang zunehme, müssen Verstand
+und Gemüt frühzeitig in einer Fülle von realen Verhältnissen sich
+bewegen und so gewöhnt werden, rasch und mannigfaltig zu reagieren. Die
+Passivität und Rezeptivität der landläufigen Schulen beeinflußt die
+Entwicklung dieser drei Kräfte oft nur ungenügend, und nicht selten
+sucht die Entwicklung dieser Kräfte dann Auswege, die der Lösung der
+Aufgabe, sie ethisch zu richten, neue Schwierigkeiten bereitet. Zwar
+fließt die alte Pestalozzische Forderung der Selbsttätigkeit des Kindes
+noch immer wie Honig von den Lippen der Pädagogen. Aber diese
+Selbsttätigkeit ist, wo sie der Wort- und Buchbetrieb der herkömmlichen
+Schule nicht überhaupt zum bloßen Schein herabdrückt, im wesentlichen
+fast durch die ganze Schule hindurch für alle drei Grundkräfte des
+Charakters an fest vorgeschriebene Geleise gebannt. Es ist leider mehr
+die Selbsttätigkeit einer Maschine als die der produktiven Arbeit.
+
+Der geringe Einfluß eines solchen Schulbetriebes auf die
+Charakterbildung konnte nicht verborgen bleiben. Die zunehmende
+Individualisierung des kulturellen, politischen und sozialen Lebens in
+Verbindung mit dem immer stärker fühlbar werdenden Mangel an
+uneigennützigen, klaren, selbständigen Menschen, die unzulänglichen
+Lösungen der dem Volke übertragenen öffentlichen Aufgaben ließen uns
+erkennen, daß der modernen deutschen Bildung, wie Lichtwarck am ersten
+Kunsterziehungstage mit vollem Rechte bemerkte, »die gestaltende Kraft
+fehlt«. Wir lernen immer mehr die Bedeutung der durch nichts zu
+ersetzenden, von großen Maximen gerichteten eigenen praktischen
+Initiative einsehen, die nirgends sich entwickeln kann, wo die Erziehung
+dem Zögling in allem, was er tut, streng vorgeschriebene Bahnen weist.
+Immer lauter werden die Stimmen, die nach dem Einzug von _frei gewählter_
+oder doch frei sich auswirkender Betätigung in die Mauern der Schulen
+rufen. In seinem trefflichen Aufsatz ȟber freiere Gestaltung des
+Unterrichts auf der Oberstufe des Gymnasiums« in den Blättern für das
+Gymnasial-Schulwesen 1912, Heft 2, fordert Professor Dr. Paul
+Joachimsen _systematischen Ausbau des Wahlunterrichts_ in den drei oberen
+Klassen des Gymnasiums. (Vergleiche auch Kap. VI.) Das Wort von der
+Pädagogik der Tat wurde zunächst geprägt. Bald aber hatte es dem neuen
+Schlagwort Platz zu machen, dem Schlagwort vom Arbeitsunterricht als
+Prinzip, worunter man die Verbindung von einer Fülle _manueller_
+Tätigkeiten mit allen herkömmlichen Unterrichtsgegenständen verstand.
+Schon diese grobe Veräußerlichung des Begriffes »Arbeitsunterricht« als
+eines Unterrichts in _rein manueller_ Beschäftigung zeigte, wie wenig das
+Wesen des Begriffes der Arbeitsschule erfaßt worden war. Indem nun aber
+eine große Anzahl von Schulmännern überdies den manuellen
+Arbeitsunterricht als Fach vollends ablehnte, beraubte sie auch ihren
+Arbeitsunterricht als Prinzip ein für allemal des besten Einflusses auf
+Charakterbildung. Jedoch in drei heiligen Konzilien 1857, 1882 und 1900
+hatte die deutsche Lehrerschaft das anathema sit dem fachlichen
+Arbeitsunterricht in jeder Form gesprochen. Und andernteils hatte die
+Bewegung für den Handfertigkeitsunterricht das Augenmerk einer großen
+Zahl von Lehrern nahezu ausschließlich auf die manuelle Arbeit gelenkt.
+Da ist es nur zu begreiflich, daß die neue Bewegung nicht sofort in die
+rechten Bahnen kam. Man war überhaupt nicht von der Erwägung
+ausgegangen, die das wahre Wesen des Arbeitsunterrichts hätte erfassen
+lassen. Kindergartenbeschäftigung, Handfertigkeitsbewegungen, die alten
+Forderungen von Selbsttätigkeit usw. führten von vornherein zu einer
+Veräußerlichung des Arbeitsunterrichts als Prinzip. Weil Arbeiten
+gewöhnlich eine manuelle Tätigkeit ist, so glaubte man das Problem der
+Arbeitsschule damit gelöst zu haben, daß man mit _jedem_ herkömmlichen
+Unterrichtsgebiet der Schule irgendwelche manuelle Tätigkeit verband.
+Selbst dem Geschichtsunterricht der oberen Klassen der Volksschule
+glaubte man durch Modellierbögen von Ritterburgen, Laubsägearbeiten nach
+Bauformen alter Stile, Planzeichnen von Schlachtfeldern usw. den
+Charakter von Arbeitsunterricht gegeben zu haben. Das Illustrieren von
+epischen Gedichten und biblischen Erzählungen mußte zur Verherrlichung
+des neuen Prinzips herhalten. Aber so wenig man sich den Begriff des
+kategorischen Imperativs erarbeitet, wenn man einen Holzschnitt von Kant
+nachzeichnet, ebensowenig treffen die erwähnten manuellen Arbeiten den
+Geist des Arbeitsprinzips. Manuelle Arbeit ist im Dienste eines
+Unterrichtszweiges nur da »bildend«, wo Begriffe und Erkenntnisse aus
+Tatsachen der täglichen Erfahrung herauswachsen und das
+Vorstellungsmaterial aus sinnlicher Beobachtung gewonnen werden muß.
+Alle im Laufe der Zeiten entwickelten _geistigen_ Arbeitsgebiete haben
+ihre eigenen spezifischen Arbeitsweisen. Das Arbeitsprinzip ist nur dann
+gewahrt, wenn die Arbeit beim Eindringen in die Vorstellungskreise und
+in die Denkungsweise dieses Gebietes den _Arbeitsmethoden angepaßt ist,
+die sich innerhalb jener Geistesgebiete mit psychologischer
+Notwendigkeit entwickelt haben_. Wer durch zeitgenössische Schilderungen
+und anderes Quellenmaterial oder auch nur aus der Lektüre von
+historischen Schriften der Gegenwart historische Kenntnisse selbständig
+erarbeiten läßt, wer durch den Schülern überlassene dramatische
+Gestaltung von Dichtungen in gebundener und ungebundener Form diese
+Schüler den Inhalt tiefer erleben und erfassen läßt, wer in
+Arbeitsgemeinschaften Gelegenheiten schafft zur Entwicklung der
+Feinfühligkeit im geselligen Verkehr der Schüler, wer die Schüler
+anleitet, selbst durch eigene Versuche in den Kern der physikalischen,
+chemischen, biologischen Gesetze einzudringen, sie alle gestalten den
+Unterrichtsbetrieb nach dem Prinzip der produktiven Arbeit.
+
+Das Wesen der Arbeitsschule und des in ihr lebendig werdenden
+Arbeitsprinzips ist eben ein völlig anderes, als es sich selbst in den
+Köpfen derjenigen Arbeitsschulapostel und Werkunterrichtsprediger
+spiegelt, die auf Kongressen das neue Evangelium ausbreiten wollen. Der
+21. Kongreß des Deutschen Vereins für Knabenhandarbeit und
+Werkunterricht in Charlottenburg 1912 war mir wieder ein wenig
+erfreulicher Beleg hierfür. Ich will daher versuchen, dieses Wesen der
+Arbeitsschule in aller Kürze klarzulegen. Eine eingehende Untersuchung
+der hier aufgestellten Begriffe findet man in meiner Abhandlung: Das
+Grundaxiom des Bildungsverfahrens und seine Folgerungen für die
+Schulorganisation (Verlag Deutsche Union, Berlin 1917).
+
+Die Bildung des Kindes geht immer in der Weise vor sich, daß es in der
+Umgebung, in der es aufwächst, die Kulturgüter ergreift und erlebt,
+welche die Gemeinschaft, der das Kind angehört, als solche Kulturgüter
+wertet, also die Sprache, die Sitten und Gebräuche, die Verfassungen
+und Rechtssysteme, die Religion, die Begriffe und Gesetze der
+Wissenschaften, die Wissenschaften selbst, die Kunstgüter, die
+technischen Güter. Nicht alle sprechen das Kind, den Knaben, den
+Jüngling in gleicher Weise an; für Tausende und aber Tausende hat es in
+seinem eigenen Wesen keinen Schlüssel, sie sich zugänglich zu machen,
+sie zu assimilieren, _sie zu erarbeiten_. Gewisse Begriffe, Maximen,
+Glaubenssätze, Naturgesetze, Kunstformen, Sittlichkeitsvorstellungen,
+Sachkonstruktionen, Arbeitsverfahren usw. dem Gedächtnis einzuverleiben,
+das gibt keine Bildung; _auf das Erarbeiten kommt es an_. Denn nur durch
+das Erarbeiten bilden sich die _Seelenfunktionen in ihrer Totalität_,
+werden leistungsfähiger, kräftiger, zielstrebiger. Nur im Erarbeiten
+entwickeln sich geistige und sittliche Gewohnheiten, die wir am
+_gebildeten_ Menschen so hoch schätzen.
+
+Aber was heißt nun ein Kulturgut erarbeiten? Was ist psychologisch damit
+gemeint?
+
+Um diese Frage zu beantworten, müssen wir überlegen, wie Kulturgüter
+entstehen, nicht im einzelnen, das würde zu einer Philosophie der
+Kulturgüter führen, sondern ganz allgemein. Jedes neue Gut, das Menschen
+der Menschheit schenken, trägt das Gepräge des Geistes, dem es
+entsprungen. Das mag der Geist eines einzelnen oder der Geist ganzer
+Völker und ganzer Generationen sein. Das mag ein individuelles oder ein
+allgemeines Gepräge oder eine Mischung aus beidem sein. Am deutlichsten
+sehen wir das bei den einzelnen Kunstgütern, die ja überhaupt zu allen
+Zeiten die individuellsten Güter waren und sein werden. Denn jedes echte
+Kunstwerk ist der unverfälschte Ausdruck einer Individualität, und zwar
+so sehr, daß man eine neu ausgegrabene, wertvolle Statue, ein neu
+entdecktes, wertvolles Drama, ein nicht gezeichnetes, wertvolles
+Streichquartett sofort und eindeutig auf ihren Autor hin bezeichnen
+kann. _Es trägt neben gewissen objektiven, dem allgemeinen objektiven
+Geist der Zeit entstammenden Zügen vor allem auch die subjektive
+Struktur des Geistes, aus dem es geboren wurde._
+
+Ganz das gleiche gilt für alle Kulturgüter ohne Ausnahme. Die deutsche
+Sprache trägt ebenso die Struktur des deutschen Geistes wie die deutsche
+Philosophie im ganzen, wie in ihren einzelnen, geschlossenen Systemen.
+Selbst Maschinen und Werkzeuge tragen ihr individuelles Gepräge, wie
+Sitten, Gebräuche, Religionsformen. Die verschiedenen Wissenschaften
+tragen die Struktur ganz bestimmter Denkweisen, und diese Struktur ist
+eine andere beim Naturwissenschaftler, eine andere beim reinen
+Mathematiker, eine völlig andere beim Historiker (vgl. vor allem _W.
+Diltheys_ Akademieabhandlung von 1910: Der Aufbau der geschichtlichen
+Welt in den Geisteswissenschaften), wie übereinstimmend auch sonst die
+formal logischen Prozesse in allen drei Wissenschaftsgebieten sich
+verhalten.
+
+Die Tausende von Geräten, die uns täglich umgeben und die wir täglich
+gebrauchen, tragen in ihrer Konstruktion wie in ihrer ästhetischen
+Erscheinung eine volkstümliche Struktur, in der die Arbeit, die geistige
+wie die manuelle, ungezählter Generationen aufgespeichert ist.
+
+Jetzt können wir die Frage beantworten, was heißt ein Kulturgut
+_erarbeiten_: Wenn jedes Kulturgut eine geistige Struktur hat, so hat nur
+derjenige einen Zugang zu ihm, der die gleiche oder doch annähernd
+gleiche geistige Struktur besitzt; und nur für den, der diesen Zugang
+hat, wird das Kulturgut zum Bildungsgut werden. Die geistige Struktur
+des Historikers ist eine andere als die des Physikers, und diese wieder
+eine andere als die des Philologen oder reinen Mathematikers. Ich kann
+auf die grundlegenden Verschiedenheiten hier nicht eingehen. Noch
+ungleich verschiedener sind die geistigen Strukturen der Künstler, der
+Religionsstifter, der Techniker. Keiner von ihnen besitzt, sofern wir es
+mit reinen einseitigen Ausprägungen dieser Individualitäten zu tun
+haben, den Schlüssel zu den Kulturgütern des andern.
+
+Sobald aber meine geistige Struktur der geistigen Struktur des
+Kulturgutes angepaßt ist, werde ich von ihm ganz von selbst ergriffen,
+und nun fragt sich, ob ich auch geistig oder seelisch stark genug bin,
+es zu assimilieren. Ich kann es nur assimilieren, indem ich durch
+ununterbrochene Tätigkeit, die aus der _Totalität_ meiner Individualität
+wächst, mich in das Wesen des Kulturgutes zu versetzen suche, d. h. eben
+_es erarbeite_. Jetzt entfaltet das Kulturgut seinen Bildungswert, und
+zwar mit zwingender Notwendigkeit. Es ist ja selbst dem analogen
+geistigen Prozeß entsprungen und speichert gleichsam die Bildungsenergie
+dieses geistigen Prozesses potentiell in sich auf, bis der adäquate
+Geist kommt und in der Erarbeitung, Assimilierung des Kulturgutes die
+potentielle Energie wieder in die kinetische Energie seiner
+Persönlichkeit verwandelt.
+
+_Diese potentielle, in der Struktur der Kulturgüter aufgespeicherte
+geistige Energie nenne ich den immanenten Bildungswert der Kulturgüter._
+
+_Die Arbeitsschule aber ist diejenige Schule, die durch ihre Methoden und
+durch die Art ihres ganzen Betriebes die immanenten Bildungswerte ihrer
+Bildungsgüter auslöst._
+
+Es hat also mit dem Geiste der Arbeitsschule nicht das geringste zu tun,
+wenn man im _Geschichtsunterricht_ den Gang von Schlachten oder die
+Formen bekannter Baustile zeichnet und modelliert, wenn man im
+_Sprachunterricht_ Gedichte und biblische Erzählungen illustriert, wenn
+man manuelle _Techniken_, wie _Schreiben_ oder _Zeichnen_, durch andere
+Techniken, wie Erbsenlegen, Stäbchenzusammensetzungen, Tonformen
+vorbereitet, und es ist schon gar nichts, rein gar nichts für die
+Arbeitsschule gesagt, wenn man die geistreiche Unterscheidung von
+»Werkstättenunterricht« und »Werkunterricht« macht, und nur den
+Arbeitsunterricht in der Form des _Werkunterrichts_ gelten läßt.
+
+Der Werkstättenunterricht kann den vollendeten Geist der eben
+definierten Arbeitsschule widerspiegeln, der Werkunterricht nicht und
+umgekehrt. Was heute unter den Titeln »Arbeitsprinzip« und
+»Werkunterricht« in den Volksschulen als Bildungsgeist umgeht, mag als
+Veranschaulichungs- oder Betätigungsprinzip oder als »Spielprinzip«
+(denn auch das ist bei kleinen Schülern durchaus nicht zu verdammen) in
+mäßigem Umfange gebilligt, ja empfohlen werden, aber mit dem Begriffe
+»Arbeitsschule« hat es nichts zu tun. Schon Basedow hat erleben müssen,
+daß Buchstabenformen aus Brotteig weder die Lese- noch die
+Schreibfertigkeit gefördert haben. Druck- und Schreibschrift haben gewiß
+auch ihre nationale wie persönliche Struktur. Auch in ihnen steckt ein
+bestimmter objektiver Geist. Aber diesen von seinen _ersten_ Anfängen an
+zu erarbeiten, ist keine Aufgabe der Schule.
+
+Es gibt andere Methoden, welche die durch solche Dinge erstrebte
+Arbeitsteilung, nämlich der Einführung in das Formsehen und der
+Einführung in das Form-Darstellen, ebenfalls aufgreifen, aber sich gegen
+die Psychologie des Arbeitsunterrichtes nicht versündigen. Wer solche
+Methoden kennen lernen will, dem empfehle ich die Lektüre von Maria
+Montessori: »Il Metodo della Pedagogia Scientifica«, Città di Castello,
+Lapi 1910. Bloße manuelle Betätigung ohne Rücksicht auf die feinen
+physischen und psychischen Zusammenhänge im inneren Verlauf der
+Betätigungsprozesse und ohne Rücksicht auf die damit verbundene
+systematische Willensschulung und Urteilsklarheit ist, wie sehr sie den
+Stempel äußerlicher Arbeit tragen mag, kein Kriterium der Schule, die
+wir Arbeitsschule nennen wollen.
+
+Als Methoden der Veranschaulichung, als Mittel der Sinnesbildung, als
+Befriedigung des so lebhaften Tätigkeitstriebes der Kinder, als
+Belebungsmittel des gesamten Unterrichts können derartige manuelle
+Beschäftigungen nützlich, bisweilen notwendig werden. Aber damit ist
+unserer Schule kein neues Bildungselement zugeführt. Es ist höchstens
+eine alte Forderung erfüllt, die grob vernachlässigt worden ist. Erst
+wenn manuelle Tätigkeit zur Erarbeitung gewisser Kulturgüter als
+systematisches Werkzeug der Willensbildung und Urteilsschärfung
+gehandhabt wird, und selbstverständlich wenn sie nur dort gehandhabt
+wird, wo dies der Natur der Sache nach notwendig und der Natur der Seele
+nach möglich erscheint, erst dann liefert sie ein Bildungselement, das
+unserer Schule bisher fremd war. Das ist aber nur dann der Fall, wenn
+sie auf jeder Stufe die _jeweils vorhandene Ausdrucksfähigkeit der
+ganzen Psyche des Kindes zur präzisen Wiedergabe dessen veranlaßt, was
+es spontan, aus eigenartigem Interesse heraus empfindet, sieht, denkt
+und fühlt, und wenn sie demgemäß in ihrer Anforderung an die
+Geschicklichkeit und Genauigkeit des Ausdrucks Schritt für Schritt
+höhere Anforderungen stellt_.
+
+Ein besonderes Gebiet der Arbeitsschule ist nun auch der
+Arbeitsunterricht im Sinne der _manuellen_ Arbeit. Er ist vor allem ein
+Unterrichtsfeld der Volksschule, weil eben die psychische Form des
+praktischen Verhaltens die Grundstruktur der kindlichen Seele ist. Nun
+gibt es Schulmänner, welche einen solchen manuellen Arbeitsunterricht
+zwar als Betätigungs_prinzip_ in gewissen anderen Unterrichtsfächern
+zulassen, nicht aber als eigentliches Unterrichtsfach.
+
+Aber Arbeitsunterricht als Prinzip und Arbeitsunterricht als Fach gehören
+zusammen wie Griff und Klinge des Messers. Überall, wo die Förderung des
+technischen Ausdrucksvermögens zum Unterrichtsprinzip erhoben wird, ist die
+entsprechende technische Schulung eine unabweisbare Notwendigkeit.
+_Manuellen_ Arbeitsunterricht überhaupt abzulehnen, ist konsequent, wenn
+auch unpsychologisch; ihn aber als methodisches Prinzip zuzulassen, dagegen
+als Fach zu verdammen, das ist gedankenlos. Seit Pestalozzi ist Pflege des
+sprachlichen Ausdrucksvermögens sowohl Unterrichtsprinzip als
+Unterrichtsfach. Die Forderung »jede Stunde eine Sprachstunde« würde wenig
+Zweck haben, hätte die Schule nicht zugleich besondere Fachstunden für die
+Schulung des sprachlichen Ausdruckes. Wir fordern nicht bloß Korrektheit
+der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksweise in allen
+Unterrichtsstunden, wir widmen außerdem einem besonderen _fachlichen_
+Sprachunterricht eine recht beträchtliche Unterrichtszeit. Der von mir vor
+vielen Jahren aufgestellte und jetzt allgemein gebilligte Satz: »kein
+Sachunterricht ohne Zeichnen« würde für die Entwicklung der graphischen
+Ausdrucksfähigkeit und des ästhetischen Sinnes geradezu verhängnisvoll
+werden, hätten wir nicht zugleich auch einen rein fachlichen
+Zeichenunterricht, der im Schüler systematisch gewisse technische
+Fertigkeiten erzieht, ohne welche sein Ausdrucksvermögen höchst stümperhaft
+bleiben müßte. Würden wir Rechnen bloß als Unterrichtsprinzip anerkennen
+ohne besondere technische Übungen im Rechnen, wir würden bald die
+Erfahrung machen, daß der verschwommene Inhalt der so gewonnenen
+Zahlvorstellungen sie mehr und mehr untauglich macht zur Aufhellung
+sachlicher Begriffe. Unsere Mädchenreigen in den Oberklassen der
+Volksschule werden ohne systematische Übungen, welche erst dem Willen die
+Macht geben, das Muskelspiel zu beherrschen, ewig auf dem Niveau des
+harmlosen Kinderspieles bleiben. Nun ist aber das räumliche
+Ausdrucksvermögen, wie es in der manuellen Technik sich äußert, als bloßes
+Vermögen der Seele betrachtet, in nichts, rein gar nichts von den beiden
+andern Vermögen des sprachlichen oder graphischen Ausdruckes verschieden.
+Wenn einzelne es für minderwertig halten in Hinsicht auf den Zweck der
+Erziehung gegenüber den beiden andern, so kann man das zur Not noch
+begreifen. Wer es aber schätzt und seine Pflege als Erziehungsmittel für
+notwendig erachtet, der muß die gleichen Konsequenzen ziehen, die er bei
+der Pflege der andern Ausdrucksvermögen fordert. Mit diesen Erwägungen
+kommen wir auf ein neues Grundmerkmal der rechten Arbeitsschule als einer
+Schule der Charakterbildung.
+
+
+
+
+V. DER FACHLICHE ARBEITSUNTERRICHT UND DER TECHNISCHE LEHRER
+
+
+Was immer die Schule in Verfolgung ihrer Zwecke unternimmt und wie immer
+die Schule ihre unterrichtlichen und erziehlichen Unternehmungen
+einleitet, es gehört zum Wesen der Schule, immer größeren Nachdruck auf
+die sorgfältige Ausführung aller Tätigkeit zu legen, durch welche sie
+Wille, Verstand und Feinfühligkeit entwickeln will. Die Erziehung der
+Willensstärke verlangt unweigerlich, daß keine Arbeit des Kindes Hand
+verläßt, die nicht den Stempel der geistigen oder manuellen Anstrengung
+trägt. Darin unterscheidet sich wesentlich die manuelle Betätigung der
+Volksschule von der des Kindergartens, in dem das reine Kinderspiel die
+Lebensluft des Erziehungsbetriebes ist. Es ist von allerschlimmstem
+Einfluß auf die Willenserziehung, wenn die Kinder einer Schule 7 bis 8
+Jahre hindurch auch nur in einem, geschweige in mehr oder gar allen
+Unterrichtsgebieten sich angewöhnen, eine Sache »so annähernd« oder
+»beinahe« recht zu machen, und nichts verleitet mehr dazu -- ohne daß
+dies absolut notwendig wäre -- als der sogenannte Arbeitsunterricht als
+Prinzip. Denn in neunzig von hundert Fällen artet er in sogenanntes
+Basteln aus und verharrt durch eine Reihe von Klassen in sorg- und
+mühelos spielendem Dilettantismus. Die ganze Willenserziehung des
+Menschen ist eine Integration von unendlich vielen, unendlich kleinen,
+immer im gleichen Sinne gerichteten Anstrengungen der willkürlichen
+Aufmerksamkeit. In sittlichen Kämpfen des späteren reifen Lebens bleibt
+der am ehesten Sieger, dem es am besten gelingt, immer wieder seine
+willkürliche Aufmerksamkeit auf die sittlichen Motive zu lenken, die den
+Entschluß zur Tat auslösen sollen. Die Aufmerksamkeit willkürlich
+festzuhalten, fällt, wie wir alle wissen, den Kindern unendlich schwerer
+als den Erwachsenen. Sie lernen dieses schwierige Geschäft aber nicht,
+wenn man ihnen immer wieder gestattet, ihre manuellen Arbeiten »so
+beinahe« richtig zu machen; wenn man ihnen alle Schwierigkeiten und
+Kämpfe mit dem Material und Werkzeug, alle physischen Anstrengungen und
+alle geistigen Überlegungen schenkt. Noch mehr! Es nisten sich
+Gewohnheiten der Selbstzufriedenheit mit der eigenen mühelosen Arbeit
+ein, trotz aller Unvollkommenheit, die ihr anhaftet. Wir erziehen
+Dilettanten und keine Arbeiter.
+
+Dieser Gefahr nun wird im wesentlichen vorgebeugt, wenn ein
+systematischer fachlicher Arbeitsunterricht, der das Kind vom ersten bis
+achten Schuljahr begleitet, durch die Strenge seiner Anforderungen an
+die Sorgfalt und Genauigkeit einer der jeweiligen kindlichen
+Leistungsfähigkeit angepaßten Arbeit das Kind in seine milde, aber doch
+unnachsichtliche Zucht nimmt. Die geistigen, sittlichen und manuellen
+Gewohnheiten, die in ihm erworben werden, übertragen sich unweigerlich
+auf die manuelle Betätigung in den übrigen Unterrichtsgebieten und
+verdrängen dort den schädlichen Dilettantismus. Die so erzogenen Kinder
+lehnen es dann überhaupt ab, Arbeiten, die sie nur unvollkommen
+erledigen können, auszuführen. Dagegen suchen sie die gleiche Sorgfalt
+des Ausdruckes, der ihnen im fachlichen Arbeitsunterricht zur Natur
+geworden ist, auf die ihnen im übrigen Unterricht gestellten Aufgaben zu
+übertragen, sofern ihre Reife und ihr _Interesse_ ihnen entspricht. Ein
+klarer Beweis hierfür ist die nahezu automatisch sich einstellende
+Unlust am Zeichnen bei den Kindern im zehnten bis zwölften Lebensjahre,
+sofern bis dahin nicht die graphische Ausdrucksfähigkeit sorgfältig
+geschult wurde oder die Schulung zu keinem befriedigenden Ergebnis
+geführt hat. In beiden Fällen hört um diese Zeit das von fast allen
+Kindern so gerne getriebene Spiel des Zeichnens ganz von selbst auf.
+
+Sprache und Gebärde, Zeichnen und Modellieren (Modellieren im
+allgemeinen Sinn genommen mit irgendwelchem Material) sind
+Ausdrucksmittel. Sie alle dienen der Willenszucht und der Urteilklärung
+nur dann, wenn eine systematische Schulung den Zögling lehrt, seine
+Ausdrucksfähigkeit zu steigern und ihn gewöhnt, im Schweiße seines
+Angesichts für jeden Gedanken den allein zutreffenden Ausdruck mit
+möglichster Selbständigkeit zu finden und jeder gedachten Form die dem
+Materiale zugängliche Vollendung zu geben. Darin allein ist das Wesen
+des Arbeitsunterrichts als Prinzip zu suchen.
+
+Die Richtung, die unser Charakter nimmt, hängt nicht zum geringen Teile
+auch davon ab, wie wir unsere tägliche Arbeit tun. Jede oberflächliche
+Arbeit, die unsere Hand verläßt, jedes »Ungefähr-Machen«, das wir uns
+erlauben, drückt sich in unserer Willensentwicklung ab. Solange das Kind
+wirklich spielt und spielen darf, ist alles »Andeutungsweise-Machen« nicht
+nur erlaubt, sondern notwendig. Denn im reinen Kinderspiel liefert die
+manuelle Tätigkeit nur die Unterlage für die frei spielende Phantasie. Die
+Arbeitsprodukte haben hier symbolische Bedeutung. Sie sind nicht Zweck der
+Tätigkeit. Aber die Schule muß ja das Spiel in Arbeit verwandeln, und hier
+haben die Arbeitsprodukte Wirklichkeitswert. Hier sind sie ausgesprochene
+Zwecke der Tätigkeit, und da der Charakter lediglich durch Handeln sich
+bildet, so muß es der Erzieher größte Sorge sein, daß alles Handeln den
+Stempel der gründlichen Überlegung, der größten Sorgfalt und der absoluten
+Ehrlichkeit trägt. Dabei kommt es gar nicht darauf an, was wir unsern
+Zögling tun lassen, _in welcher Technik_ wir seine manuelle
+Geschicklichkeit und Ausdrucksfähigkeit entwickeln. Eine oder zwei
+Techniken genügen vollkommen. Alles, was wir fordern können, ist nur das
+eine, daß die gewählten Techniken zu immer größerer, von dem Zögling selbst
+durch mechanische Mittel kontrollierbarer Genauigkeit sich entwickeln
+lassen. Weil diese Eigenschaften dem Modellieren in Ton, soweit es vom
+sechs- bis zwölfjährigen Kinde gefordert werden kann, im allgemeinen nicht
+anhaften, darum erachte ich diese Technik im Gegensatz zum Modellieren in
+Pappe, Holz, Metall als ungeeignet für die Volksschule. Alle Apostel der
+Arbeitsschule mögen sich bewußt bleiben, daß es ein Verbrechen an unserer
+deutschen Schule ist, das Arbeitsprinzip auf einen anderen Boden zu stellen
+als auf den der Gründlichkeit und Zuverlässigkeit, der beiden
+Eigenschaften, denen unser deutsches Volk seine wesentlichsten Erfolge
+verdankt. Die in unseren Versuchsklassen in München in dieser Richtung
+gemachten Erfahrungen, daß selbst den sechsjährigen Kindern die Forderung
+größter Genauigkeit die Arbeitsfreude nicht im geringsten zu schädigen
+vermag, im Gegenteil sie von Monat zu Monat steigern läßt, geben mir
+vollkommene Gewähr dafür, daß vom _Beginn_ der Schularbeit an dieser Weg
+mit bestem Erfolge betretbar ist.
+
+Indem aber unser Arbeitsprinzip auf diesem Boden sich verankert, steht
+es naturgemäß der Forderung entgegen, die _vom Beginn_ alles Unterrichtes
+an die _freie_ Betätigung der manuellen und geistigen Kräfte zum System
+erhebt. Wer die Ausdrucksmittel nicht beherrscht, wird auch die
+einfachsten Dinge nicht auszudrücken vermögen. Die mechanische Übung im
+systematischen Gebrauch der Ausdrucksmittel ist die unerläßliche
+Voraussetzung für wertvolle freie Betätigung, für jede produktive
+Arbeit. (Vgl. meine Abhandlung »Produktive Arbeit und ihr
+Erziehungswert« in »Grundfragen der Schulorganisation«, B. G. Teubner,
+Leipzig.) Die Einführung in den Gebrauch der Ausdrucksmittel geschieht
+auf allen Gebieten auf dem Wege der Nachahmung. Selbst jene Menschen,
+welche die allergrößte Tiefe des Ausdruckes besaßen, unsere
+hervorragenden Künstler, waren zu Beginn ihres Schaffens im wesentlichen
+Nachahmer (Dürer, Raffael). An dem sorgfältigen, unermüdlichen Studium
+der Ausdrucksmittel und Ausdrucksmethoden anderer hat sich ihre Kraft
+entfaltet und schließlich jene Freiheit und Gewalt gewonnen, die uns
+völlig neue Kunstwerte schenkte. Erst wenn der Zögling eine genügende
+Sicherheit im Gebrauch der Ausdrucksmittel erworben hat, soll der
+Erzieher der eigenen Initiative des Zöglings immer freieren Spielraum
+gewähren. _Das ist der zweite Fundamentalsatz für die Durchführung des
+Arbeitsprinzips._ Natürlich widerspricht es diesem Grundsatz nicht, wenn
+die Schule vom Anfang ihrer Tätigkeit gelegentlich immer wieder dem
+Schüler die Möglichkeit freier Betätigung gibt, teils in Anknüpfung an
+die oft noch ungebrochene Spielfreude des Kindes und der aus ihr
+quellenden belebenden Anregung für ernstere Tätigkeit, teils um den
+Schüler selbst den Mangel an Beherrschung der Ausdrucksmittel von Zeit
+zu Zeit fühlen zu lassen. Nichts ist zu erinnern, wenn wir ab und zu in
+den Unter- und Mittelklassen außerhalb des systematischen Arbeitsplanes
+für die Entwicklung des graphischen Ausdruckes irgendwelche aus der
+freien Initiative des Kindes entspringende Zeichnungen zulassen. Dagegen
+erdrosselt das _beständige_ Illustrieren und planlose Darstellen nur zu
+leicht die schwachen Begabungen der graphischen Ausdrucksfähigkeit, wie
+sie gewöhnlich in den Massen vorhanden sind.
+
+Wenn wir aber im Interesse der Charakterbildung eine derartige
+Behandlung des Arbeitsprinzips für geistige und manuelle Arbeit
+verlangen, und wenn uns andernteils der Zweck der Volksschule
+unmittelbar darauf führt, der sorgfältigen Entwicklung der rein
+praktischen manuellen Begabungen durch Einführung eines besonderen
+Unterrichtsfaches Rechnung zu tragen, wenn andererseits die
+Lehrerbildung unmöglich mehr weiter mit gründlicher Einführung in
+technische Fertigkeiten belastet werden kann, welche Konsequenz folgt
+daraus? Es muß glatt ausgesprochen werden, daß wir in der Arbeitsschule
+neben dem _theoretisch wissenschaftlich_ durchgebildeten Lehrer noch einen
+zweiten Lehrer nötig haben, den _technisch_ durchgebildeten.
+
+Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Dieser technische Lehrer kann für die
+obersten Klassen der Volksschule bei sorgfältiger Auswahl und
+nachträglicher pädagogischer Schulung direkt aus der gewerblichen Technik
+genommen werden. Wir haben in München die besten Erfahrungen damit gemacht,
+ebenso wie Paris oder Stockholm. Eine endgültige Lösung ist aber dieser Weg
+nicht. Die endgültige Lösung werden uns technische Lehrer bringen müssen,
+welche die analoge seminaristische Ausbildung haben wie die
+wissenschaftlichen Lehrer. Es ist durchaus möglich, wenigstens für die
+Zwecke der eigentlichen Volksschule (für die anschließende
+Fortbildungsschule würde es allerdings nicht ausreichen) auf dem bisherigen
+Lehrerbildungswege durch gewisse Modifikationen der Lehrpläne technische
+Lehrer zu erziehen. Die »Manual Training High Schools« der Vereinigten
+Staaten Amerikas, die so viele technische Lehrer für die Volksschule sowohl
+als auch für die Manual Training High School selbst vorbereiten, liefern
+einen glänzenden Beweis hierzu. Das Seminar für technische Lehrer, das sich
+an die Präparandenschule oder an die sechsklassige Realschule (deren
+Unterricht ich mir selbstverständlich gleichfalls auf praktische Arbeiten
+ausgedehnt denke) anschließt, hat das Schwergewicht seiner Unterweisung
+neben der gründlichen Einführung in Pädagogik, Psychologie und Ethik nur
+auf die praktisch-technische Erziehung in Verbindung mit Physik und Chemie
+zu legen, während das Seminar für die theoretisch durchzubildenden Lehrer
+neben den pädagogischen Lehrfächern und ihren Hilfswissenschaften den
+Unterricht in Literatur, Geschichte, Geographie wie bisher weiterpflegt.
+Man kann wie in den Manual Training High Schools beide Seminare in einer
+einzigen Anstalt vereinigen. Denn das eine große Hauptunterrichtsgebiet,
+die Pädagogik, mit allen ihren Zweigen, ist ja beiden Gruppen von Lehrern
+gemeinsam. Nur in dem zweiten großen Hauptgebiet von obligatorischen
+Unterrichtsfächern gehen die beiden Gruppen auseinander. Dabei bleibt es
+insbesondere den theoretisch auszubildenden Lehrern unbenommen, ja es
+dürfte ihnen sogar dringend zu empfehlen sein, freiwillig in einem
+fakultativen Unterricht, der eine geringe Zeit umspannt, ihre manuelle
+Geschicklichkeit weiter auszubilden. Denn der technische Lehrer soll ja
+später in der Volksschule nur die technischen Unterrichtsfächer
+einschließlich Zeichnen und vielleicht auch physikalischen und chemischen
+Laboratoriumsunterricht übernehmen, um so für den Schüler in allen
+technischen Fragen eine gründliche Schulung sicherzustellen. Soweit für den
+gesamten übrigen Volksschulunterricht die manuelle Betätigung grundsätzlich
+gefordert werden muß, weil die _Erarbeitung_ des Bildungsgutes es notwendig
+oder wünschenswert macht, d. h. soweit mit dem gesamten übrigen Unterricht
+Arbeitsunterricht im Prinzip verbunden ist, bleibt diese Betätigung immer
+dem theoretisch gebildeten Lehrer vorbehalten. Der theoretisch gebildete
+Lehrer darf nie ganz ohne manuelle Geschicklichkeit sein, auch wenn er
+technisch nicht so ausgebildet werden kann, daß er den fachlichen
+Arbeitsunterricht mit der nötigen Gründlichkeit zu leiten verstünde. Wird
+dieser Weg der Ausbildung des technischen Lehrers gewählt, so dringt kein
+neues Element in die Volksschule ein, während die Ausbildung der Lehrer
+selbst für ihre besonderen Zwecke sehr viel gründlicher angelegt werden
+kann. Es ist mir immer ein Rätsel, wie die Volksschullehrer, im Gegensatz
+zu den akademischen Lehrern, mit dem nämlichen Atemzug die Einführung in
+immer mehr Gebiete des Wissens und der Technik und zugleich eine
+wesentliche Vertiefung ihrer Bildung verlangen können. Das sind zwei
+Forderungen, die sich grundsätzlich ausschließen.
+
+Die Forderung technischer Lehrer bringt überdies auch der Volksschule
+gar nichts Neues. Der hier für die männliche Lehrerwelt zu betretende
+Weg ist in den allgemeinen Mädchenschulen längst beschritten, wo
+technisch und seminaristisch gebildete Lehrerinnen seit einem
+Jahrhundert friedlich nebeneinander hausen. Niemand war es bisher auch
+nur im Traum eingefallen, gegen die technischen Lehrerinnen sich zu
+wenden. Und gerade der Staat Preußen ist der erste Staat Deutschlands
+gewesen, der Seminare für technische Lehrerinnen auf Staatskosten
+eingerichtet hat, und die Stadt Dortmund ist in selbständiger Weise nach
+dem Vorschlage Dornheckters unter Erweiterung des Bildungsbereiches der
+technischen Lehrerinnen diesem Beispiel gefolgt. Frankreich, England,
+Schweden und die Vereinigten Staaten haben den gleichen Weg auch längst
+in ihren Knabenschulen betreten. Soweit sie eigener Lehranstalten für
+technische Lehrer entbehren, wie in Frankreich, scheuen sie sich nicht,
+da wo es unbedingt nötig ist, nämlich in den Oberklassen, diesen
+Unterricht pädagogisch veranlagten Handwerkern _einstweilen_
+anzuvertrauen.
+
+Und doch meinte Gutmann auf der 18. Hauptversammlung der bayrischen
+Lehrer zu Regensburg: »Als die schwerste Verirrung muß ein selbständig
+neben den übrigen Unterrichtsgegenständen hergehender und von
+Handwerkern geleiteter Handfertigkeitsunterricht angesehen werden.«
+Dieser aus innerer Überzeugung hartnäckige Gegner der Arbeitsschule ist
+aber sich wohl bewußt, daß die Lehrerbildung keine weitere Belastung
+mehr verträgt, sondern direkt nach Entlastung schreit. Daraus folgert er
+aber nicht, daß die Lasten auf zwei Schulterpaare zu verteilen sind,
+sondern daß die Volksschule jede Art fachlichen Arbeitsunterrichts weit
+von sich weisen muß. Dann sind aber auch alle unsere technischen
+Lehrerinnen für Handarbeits- und Schulküchenunterricht nur eine Folge
+der schwersten pädagogischen Verirrungen unserer Schulverwaltungen, dann
+sind auch die Fachzeichenlehrer vieler deutscher Volksschulen, die
+ausgezeichneten Turnlehrer der schwedischen Schulen, die Singlehrer
+vieler amerikanischer Schulen, die verschiedenen Typen der technisch
+gebildeten Haushaltungslehrerinnen, wie ich sie in Glasgow und Edinburg
+gesehen habe, aus den Mauern der Volksschule unbarmherzig zu verbannen,
+auch wenn es völlig unmöglich ist, _jeden_ Lehrer außer zu einem
+Naturwissenschaftler, Geographen, Historiker und Germanisten auch noch
+zu einem gewandten Techniker, Turner, Sänger, Zeichner usw. auszubilden.
+
+Ich meine, je eher der deutsche, seminaristisch gebildete Lehrerstand
+einsehen lernt, daß er einen gleich berechtigten, technisch gebildeten
+Lehrerstand zur Ergänzung unbedingt nötig hat, desto eher wird es auch
+möglich werden, seinen schmerzlichen Ruf nach tieferer Bildung zu
+erfüllen. Ich kann nur das eine sagen: Ob die Umwandlung der Volksschule
+in eine Arbeitsschule, die auch den manuellen Arbeitsunterricht als
+wohlgepflegtes Unterrichtsfach in ihren Bildungsplan aufnimmt, eine
+Umwandlung, welche kommen wird und kommen muß trotz aller Widerstände,
+sich zum Segen oder Unsegen unseres Volkes entwickeln wird, das wird
+davon abhängen, ob der technische Lehrer und mit ihm die von
+langjähriger Erfahrung und eingehendem Verständnis gebildete
+gewissenhafte manuelle Betätigung auch in unseren deutschen
+Knabenschulen Einzug halten wird oder nicht. Schwierigkeiten, die sich
+hierbei in ungeteilten Schulen einstellen, lassen sich in verschiedener
+Weise überwinden, ähnlich wie die Schwierigkeiten für den weiblichen
+Handarbeitsunterricht in den gleichen Schulen. Der technisch gebildete
+Lehrer ist die unmittelbare Konsequenz der Forderung, daß unsere
+Volksschule auch die ungeheuren Massen derjenigen in der Richtung eines
+sittlichen Charakters erziehen will, _deren intellektuelle Kräfte nicht
+ausreichen_, auch rein geistige Kulturgüter zu _erarbeiten_ und damit aus
+der bloß geistigen Arbeit eine Schulung ihres Charakters zu gewinnen.
+Unsere Hilfsschulen, deren Handfertigkeitsunterricht so vielfach (nicht
+überall glücklicherweise) über den Pegel der Spielerei nicht
+hinaussteigt, werden sehr viel besser noch organisiert werden können,
+wenn auch dort der pädagogisch durchgebildete technische Lehrer den
+heutigen Dilettanten ersetzt.
+
+
+
+
+VI. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBETRACHTUNG
+
+
+Das aber ist die Sehnsucht und die Sorge aller ernsten Reformer unserer
+Tage, daß unsere Volksschule ein Werkzeug für Charakterbildung werde,
+auch für die überwiegend große Zahl der geistig schwächer Veranlagten.
+Die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts haben uns gelehrt und
+lehren es immer mehr, daß die Pflege des gedächtnismäßigen Wissens, das
+nur zu sehr den Geist unserer allgemeinen Volks- und höheren Schulen
+beherrscht, nicht zu jener Volks- und Menschenbildung führt, welche die
+modernen Staaten von Tag zu Tag nötiger haben. Sie haben uns gelehrt,
+daß das Schwergewicht aller Schulen, weit weniger auf Anhäufung des
+_Wissens_ als auf die Entwicklung von geistigen, moralischen und manuellen
+_Fähigkeiten_ zu legen ist, daß sie mechanische, aber von Einsicht in ihre
+Zweckmäßigkeiten getragene Fertigkeiten auszubilden haben, welche der
+lebenspendenden produktiven Arbeit allzeit bereite, getreue und
+gewissenhafte Diener liefert zur Vollendung der vom schaffenden Geist
+diktierten Werke, und daß dieser Weg der Ausbildung für einen großen
+Teil unserer Bevölkerung der einzige ist, der in diesem Teil Männer und
+Frauen von starkem, ehrlich gerichtetem Willen zu erzeugen vermag.
+
+_Indem die Arbeitsschule die Schule der selbständigen Erarbeitung der
+Bildungsgüter ist_, in dem Sinne, wie ich es in Kap. IV ausgeführt habe,
+und _zwar einer Erarbeitung durch die Gesamtheit des Seelenlebens, ist die
+Arbeitsschule jene Organisation der Schule, der die Charakterbildung über
+alles geht_. Gerade dieses Zweckes halber sucht sie in ihrem
+Unterrichtsbetrieb Ernst damit zu machen, die Massenhaftigkeit und die
+damit notwendig verbundene Oberflächlichkeit des Wissens aus der Schule zu
+verbannen. Indem sie dabei einen Organisationsbetrieb des Unterrichtes
+sucht, der dem Kinde gestattet, möglichst viel Erfahrungswissen zu sammeln,
+baut sie von selbst der unmäßigen Zufuhr von bloß überliefertem Wissen eine
+Mauer entgegen. _Der Sinn der Arbeitsschule ist, mit einem Minimum von
+Wissensstoff ein Maximum von Fertigkeiten, Fähigkeiten und Arbeitsfreude
+im Dienste staatsbürgerlicher Gesinnung auszulösen._
+
+Ausgehend von dem äußeren höchsten sittlichen Gut im sittlichen
+Gemeinwesen, dem Kultur- und Rechtsstaat der Ethik, haben wir gefunden,
+daß jede öffentliche Schule drei und nur drei Grundfragen zu lösen hat:
+1. die Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf des einzelnen im Staate;
+2. die Versittlichung dieser Berufsbildung; 3. die Befähigung des
+Zöglings an der Mitarbeit der Versittlichung des Gemeinwesens selbst,
+dessen Glied er ist. Damit war die ethische Seite der Erziehungs- und
+Unterrichtsaufgabe der Schule bestimmt, die Richtung, welche die
+Charakterbildung einzuschlagen hat. Sie führte auf drei Forderungen:
+
+a) In jedem Unterrichtsgebiet hat die Methode des Unterrichts, soweit
+das Bildungsgut es erlaubt, den Weg der _Erarbeitung_ des Bildungsgutes zu
+gehen, und dieser Weg ist durch die geistige Struktur des Bildungsgutes
+vorgezeichnet.
+
+b) Gehören zu den notwendigen Bildungsgütern einer Schule auch
+technische Bildungsgüter, so hat die Schule auch einen besonderen
+Arbeitsunterricht als Fach einzugliedern. Dies ist vor allem für die
+Volksschule unerläßlich.
+
+c) Da moralische Eigenschaften nur innerhalb der sozialen Güter
+erarbeitet werden können, so ist für die Organisation aller Schulen das
+Prinzip der Arbeitsgemeinschaft überall, wo es sich durchführen läßt,
+ein Grundprinzip.
+
+Die Forderung der Charakterbildung selbst ohne Rücksicht auf ihre
+ethische Richtung, vor allem die Bildung der Stärke und Festigkeit des
+Willens, der Klarheit des Urteils, ließ uns zunächst die _Notwendigkeit
+von Freiheit und Mannigfaltigkeit der Betätigung_ auf allen
+Unterrichtsgebieten erkennen. Sie zeigte uns, daß auf allen Gebieten des
+_durch eigene Erfahrung erwerbbaren Wissens_ die bisher begangenen
+Unterrichtswege in Wege der persönlichen Beobachtung und Erfahrung
+umzuwandeln sind, daß aber dieses Arbeitsprinzip, soweit es der
+manuellen Betätigung bedarf, nicht mechanisch auf die Unterrichtsgebiete
+des _nur durch Überlieferung erwerbbaren Wissens_ übertragen werden darf.
+Sie lehrte uns weiter, daß der manuelle Arbeitsunterricht als Prinzip,
+sofern er nicht bloß der oberflächlichen Veranschaulichung, sondern auch
+der Charakterbildung dienen und ihr nicht direkt gefährlich werden soll,
+unwiderstehlich einen manuellen Arbeitsunterricht als Fach verlangt und
+damit auch an den Knabenabteilungen unserer deutschen Schulen einen
+neuen Typus von Lehrern, den technisch gebildeten Lehrer.
+
+Endlich aber lehrt sie uns ein Letztes und Wichtigstes. Zu den Wurzeln
+der Charakterbildung gehört vor allem auch die Ausbildung der
+Urteilsklarheit, oder, was das gleiche ist, der logischen Denkfähigkeit.
+Sie ist nur erreichbar durch _selbständige geistige Arbeit_. Die
+selbständige geistige Arbeit ist noch mehr ein Kennzeichen der
+Arbeitsschule wie die selbständige manuelle Arbeit. Nur hat sie in der
+Volksschule die allerbescheidensten Grenzen und selbst innerhalb dieser
+können noch viele nicht genügend gefördert werden. Sie ist trotzdem das
+_wesentliche_ Merkmal der Arbeitsschule, da ja auch die manuelle Arbeit zu
+selbständiger geistiger Tätigkeit schon im Rahmen der Volksschule
+anregen soll. Die selbständige geistige Arbeit verlangt aber möglichstes
+Zurückdrängen der alten Formen der Überlieferung von Wissen zugunsten
+aktiver Erarbeitung des Wissensstoffes überall da, wo und soweit es
+möglich ist. Dazu ist eine wesentliche Verminderung des gesamten
+Unterrichtsstoffes, weiterhin die Einführung von geeigneten _geistigen_
+Arbeitsstätten und Bibliotheken für Geschichte, Geographie, Naturkunde
+und Raumlehre, endlich eine entsprechend geistige Schulung der
+seminaristischen wie technischen Lehrer unbedingt notwendig. Die
+Gewohnheiten des empirischen Denkens in Gewohnheiten logischen (oder,
+was das gleiche ist, wissenschaftlichen) Denkens umzuwandeln, das ist
+ein Grundmerkmal der Arbeitsschule, wie es eine Grundforderung der
+Charakterbildung ist.
+
+Insoweit unsere höheren Schulen diese schwierigste aller
+Erziehungsaufgaben erfüllen, sind sie von selbst echte und rechte
+Arbeitsschulen. In der Fähigkeit, immer größere Gedankenketten mit
+logischer Strenge aneinanderzureihen zwecks Lösung geistiger Probleme,
+besteht das Wesen der sogenannten formalen Bildung. Nur vergessen wir
+immer, daß diese Fähigkeit sich nicht bloß dann zeigen soll, wenn wir am
+Schreibtisch in kühler Ruhe wissenschaftliche Fragen zu untersuchen
+haben, sondern vor allem auch im praktischen Verkehr mit den Menschen,
+wenn Vorurteile, Eitelkeit, Ehrgeiz, Leidenschaft die Wege unseres
+Denkens zu verlegen versuchen, wenn wir vor ganz unerwarteten
+Ereignissen stehen und plötzliche Entschlüsse nötig sind, wenn Liebe,
+Zuneigung, Freundschaft die kühle geistige Energie zu lähmen suchen.
+Die Erzeugung einer solchen _Freiheit_ unserer logischen Fähigkeiten
+erfordert ganz andere Einrichtungen als die bloße Beschäftigung mit
+Algebra oder Geometrie, mit Griechisch, Latein, Französisch oder
+Englisch. Daß diese Einrichtungen an unseren deutschen höheren Schulen
+fehlen, darin liegt eben ihr großer Mangel, und an diesem Mangel leiden
+nicht bloß die vielgeschmähten Gymnasien, sondern auch die
+vielgepriesenen Oberrealschulen. Ja die letzteren leiden meines
+Erachtens so lange noch in einem höheren Grade darunter, als ihre
+übermäßige Stoffüberladung die Schüler nicht einmal in der Ruhe der
+Studierstube zu festen Gewohnheiten des logischen Denkens in genügender
+Weise kommen läßt.
+
+In der intensiven Beschäftigung besonders mit den alten Sprachen steckt
+ein ganz hervorragendes Stück Arbeitsschule für alle, deren angeborene
+oder anerzogene Interessen vom _Inhalt_ der alten Schriftsteller erfaßt
+werden. In keiner Güterreihe ist die tatsächliche _Erarbeitung_ des
+Kulturgutes eine so selbstverständliche und kaum zu verfehlende
+Unterrichtsmethode als in der Reihe der fremdsprachlichen Kulturgüter,
+in der Übersetzung dichterischer, philosophischer, historischer Werke.
+Daß diese Arbeitsschule so oft nicht erfolgreich ist, hängt nicht wenig
+davon ab, daß der Betrieb des Unterrichtes diese Interessen nicht nur
+nicht zu entwickeln weiß, sondern vielfach direkt tötet. Ich spreche
+hier aus langer Erfahrung, nicht bloß aus Schülererfahrung, sondern noch
+mehr aus der Erfahrung als Lehrer am humanistischen Gymnasium. Es gibt
+tatsächlich wenige Schüler, die nicht ein natürliches Interesse für die
+Erzählungen Homers, für die Metamorphosen Ovids, für die lebendigen
+historischen Schilderungen Sallusts, für die Dramen des Sophokles, für
+die Oden, Episteln und Satiren des Horaz, für die Germania oder für die
+Annalen des Tacitus haben. Aber wenn, sei es, daß die sprachliche
+Entwicklung der Schüler noch nicht weit genug gefördert ist, sei es, daß
+zu vielerlei durcheinander getrieben wird, die Lektüre solcher Werke
+sich über viele Monate, ja über ein ganzes Jahr oder gar deren zwei
+hinzieht, dann erlahmt selbst bei gutem Unterricht naturnotwendig das
+Interesse, und nur eine ganz selten große Lehrpersönlichkeit kann die
+kaum mehr glühenden Kohlen durch ihr eigenes Feuer immer wieder
+anfachen. Mit dem Erlahmen des Interesses am Inhalt aber verliert das
+Werkzeug der klassischen Sprache des Altertums den besten Teil seiner
+Kraft nicht bloß für die Erarbeitung des geistigen wie ästhetischen
+Gesamtbildes eines Werkes, sondern auch in Hinsicht auf die Schulung zum
+logischen Denken. Ist vollends der Lehrer auch noch ein langweiliger
+oder sonstwie ungeeigneter Mensch, dann regiert die hier zu leistende
+Arbeit höchstens noch der eiserne Zwang und die Furcht vor
+unvermeidlichen Folgen, und der scharfe logische Sinn der Schüler ist
+nicht mehr auf die schwierigen Stellen seiner Klassiker gerichtet,
+sondern lediglich noch darauf, wie er auf bequeme aber sichere Weise dem
+Zwang und der Langeweile entgehen kann. Das ist freilich auch eine
+logische Schulung, aber eine höchst ungewollte und unmoralische.
+
+Es gibt wirksame Mittel, diesen Gefahren zu entgehen. Das eine wäre,
+jedes Werk unter Ausschaltung aller anderen gleichzeitigen Lektüre der
+nämlichen oder auch einer zweiten oder dritten Sprache, also unter
+Zuhilfenahme der ganzen den sämtlichen sprachlichen Zwecken eingeräumten
+Unterrichtszeit, die eine Woche bietet, so _rasch_, als es das scharfe
+Erfassen des Inhalts gestattet, _vollständig_ durchzuarbeiten. Ist das
+Werk zu umfangreich, so müssen einzelne Teile in Übersetzung ganz oder
+auszugsweise vom Lehrer gegeben werden. Alles liegt daran, es in
+möglichst kurzer Zeit bis zum Schlusse zu lesen. Je jünger der Schüler
+ist, je kurzfristigere Ziele also das Interesse hat, desto wichtiger
+wird diese Forderung. Eine Lektüre der Odyssee, die sich über zwei oder
+gar drei Jahre erstreckt, trägt schon den Todeskeim in sich. Muß jeder
+Schüler jeden Vers präparieren? Können nicht Gruppen von Versen immer
+verschiedenen Schülern zugewiesen werden? Kann nicht der Lehrer selbst
+gewisse Gruppen übernehmen? Sollte nicht hier der Platz sein, den
+Gedanken der Arbeitsgemeinschaft in Aktion zu setzen? Machen nicht
+freiwillige Schülerkränzchen schon längst das gleiche? Glaubt irgendein
+Schulmann, daß ein solcher literarischer Schülerverband auch nur ein
+halbes Jahr zusammenhalten würde, wenn er die literarische Kost eines
+Klassikers wochenweise in Teelöffelportionen einnehmen müßte wie der
+Kranke eine Medizin? Sobald die Homerlektüre beginnt, würde ich die
+lateinische Lektüre beiseite legen. Was schadet es, wenn vier bis fünf
+Monate hindurch Rom schweigt, solange Griechenland redet? Rom kann doch
+nachher um so besser wieder zu Worte kommen. Ich bin überzeugt, daß vor
+hundert und mehr Jahren, als die Schulbureaukratie noch nicht so
+entwickelt war wie heute, die lateinischen Schulen in der Mehrzahl nur
+auf diese Weise die alten Klassiker gelesen haben.
+
+Ein zweites wirksames Mittel ist: der obligatorische stille _literarische
+Vormittag_. Am alten Gymnasium in Frankfurt hat er noch, wie mir
+Geheimrat Risser, ein ehemaliger Schüler dieses Gymnasiums, mitteilt,
+bis zum Jahre 1873 existiert. Jede Woche kamen die Schüler der Prima
+einen vollen Vormittag im Lesesaal des Gymnasiums zusammen, um nach
+freier Wahl sich der zusammenhängenden Lektüre eines Werkes der alten
+Klassiker hinzugeben. Abwechselnd führten Lehrer und Rektor der Anstalt
+die Präsenz. Referate vor der Klasse über den Inhalt des Gelesenen
+schlossen die Arbeiten des einzelnen ab. Der Besuch des Lesezimmers war
+ebenso eine Pflicht, wie der Besuch des übrigen Unterrichts. Es ist mir
+durchaus verständlich daß ein solches Unternehmen von Haus aus einen
+ganz anderen Betrieb des Sprachunterrichts schon voraussetzt, als wir
+ihn heute vielfach finden. Die Interessen der Schüler mußten von
+vornherein für eine solche Arbeit gewonnen sein, sonst ergäbe sich aus
+einer solchen Einrichtung nur eine Reihe verlorener Vormittage. Daß ein
+solcher Vormittag möglich und erfolgreich ist, ist ein sehr viel
+besserer Beweis für die Güte der Anstalt als alle Ergebnisse von
+Absolutorialprüfungen. An solchen Schulen kann man auch die
+Beschäftigungsmöglichkeiten erweitern. Es wäre durchaus zulässig, in den
+beiden Primen die Lektüre der Schüler auch auf die deutschen Historiker
+und Dichter, auf die moderne Wirtschaftsgeschichte, auf die allgemeine
+Staatslehre oder ähnliches auszudehnen, je nach den frei ausgesprochenen
+Neigungen der Schüler. Die Hauptsache ist, daß das Gymnasium jedem
+seiner Schüler Zeit gibt, einer Lieblingsneigung nachzugehen, welche
+nicht bloß das logische Denken fördert, sondern auch die Seele mit
+wertvollem Inhalt versieht, und daß es, wie die alte Frankfurter Schule,
+diese Beschäftigung in vornehmer Weise überwacht. Zum Wesen der
+Arbeitsschule gehört die Erzeugung von überschüssiger Arbeitsfreude. Ob
+die höheren Schulen diesen Ehrentitel der Arbeitsschule verdienen, das
+erkennen wir daran, daß ihre reiferen Schüler nicht bloß die Lust,
+sondern auch die Zeit finden, sich freiwillig mit wissenschaftlichen
+Arbeiten gemäß ihren Neigungen zu beschäftigen.
+
+Mit diesen Betrachtungen über die selbständige geistige Arbeit an Volks-
+und höheren Schulen sind für mich die notwendigen Merkmale des Begriffes
+der Arbeitsschule erschöpft. Man erkennt, daß die neue Schule weder einen
+Bruch mit der Vergangenheit bedeutet, noch Undurchführbares verlangt, und
+daß all das Gute, was uns die bisherige Schule gegeben hat, reichlich Platz
+findet im Rahmen der zukünftigen Entwicklung. Was sonst von der neuen
+Schule verlangt werden mag, entspringt Forderungen der Didaktik.
+Didaktische Fragen sind aber zum größten Teil Fragen der Logik, zum andern
+Teil Fragen der Kinderpsychologie, zum dritten Teile Fragen, die von
+räumlichen, zeitlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen abhängen und von
+den Bildungszwecken, welche die Gemeinschaft mit der einzelnen Schule
+verfolgt. Dabei fasse ich »Didaktik« in einem viel weiteren Sinne als im
+Sinne der bloßen Lehre eines Unterrichtsvorganges. Ich kann nicht auf alle
+diese didaktischen Forderungen eingehen. Nur eine einzige will ich noch
+beleuchten, die Frage der Konzentration des ganzen Schulbetriebes. Im
+Prinzip ist sie für mich gelöst in der Forderung, daß die Schule eine
+Vorbereitungsanstalt sein soll für den zukünftigen Beruf des Zöglings. Das
+kann freilich sehr wenig bedeuten, wie in den Volksschulen der großen
+Stadt, wo die Schüler einer Klasse allen möglichen manuellen Berufen
+zuwandern, die überdies von vornherein gar nicht bekannt sind; es kann aber
+auch sehr viel bedeuten, wie in kleinen reinen Landgemeinden, wo Knaben wie
+Mädchen dem Beruf des Landwirts bzw. der Hauswirtschaft entgegenwachsen.
+Daß Konzentration eine wesentliche Voraussetzung alles Erfolges ist, weiß
+jedermann. Aber nicht jene äußerliche Konzentration der Lehrplanschneider,
+sondern jene innere, die in einem und demselben Zeitabschnitt ihre
+Tätigkeit auf möglichst wenige Dinge richtet. Geradezu eine Verirrung der
+Konzentrationsidee aber ist es, die gegenwärtig landläufigen
+Unterrichtsfächer als Bildungskanäle überhaupt aufzugeben und den gesamten
+Wissensstoff in ein ganz willkürlich geordnetes System zu bringen. Alles
+menschliche Wissen hat sich im Laufe der Kultur von selbst in geschlossene,
+wohlgegliederte Reiche gespalten, genötigt durch die Organisation unserer
+psychischen Funktionen. Nur in der dem jeweiligen Wissensstoff inhärenten
+Gliederung entfaltet er die ihm eigentümliche Bildungskraft. Nur in der
+geistigen Struktur der Wissenschaftsgüter, wie aller Güter überhaupt,
+liegt ihr immanenter Bildungswert.
+
+Nur indem der Geist der Schüler an dieser Struktur sich emporarbeitet,
+sofern dies seiner geistigen Veranlagung nach möglich ist, wird dieses
+Gut zu einem Bildungswerkzeug für ihn und verhilft ihm, die Gewohnheiten
+des logischen Denkens und die für die Charakterbildung notwendige
+Klarheit des Urteils zu entwickeln.
+
+Diese übersichtlichen und durchsichtigen Kristallgebäude mit ihrer
+gesetzmäßigen Führung der Lichtstrahlen der Erkenntnis für
+Unterrichtszwecke zu zertrümmern und an ihre Stelle das diffuse Licht
+ihrer Scherbenhaufen zu setzen, das bringt nur der fertig, der keine
+Vorstellung hat von der Bildungskraft eines selbsterarbeiteten Systems
+geschlossener Erkenntnis. Selbst für den fachlichen Arbeitsunterricht
+ist der Unterrichtsgang zunächst durch sein eigenes Wesen bestimmt. Es
+kann keinen pädagogischen Sinn haben, den im Interesse einer immer
+stärkeren Willenszucht und einer immer sicherer werdenden Ausübung der
+elementaren mechanischen Arbeitsprozesse wohlgeordneten Gang seiner
+systematischen Entwicklung zu unterbinden, um eine sogenannte
+Konzentration mit allen übrigen Unterrichtsgebieten herzustellen. Nie
+darf diese Konzentration die ruhige Entwicklung gewisser später
+notwendiger Fertigkeiten stören. Das schließt natürlich durchaus nicht
+manuelle Betätigung in den sonstigen Unterrichtsbetrieben aus,
+ebensowenig wie der systematische Gang des Zeichnens, der gleichfalls
+ohne Rücksicht auf andere Fächer seine eigenen psychologisch fundierten
+Wege gehen muß, es ausschließt, daß aller Unterricht sich auch der
+graphischen Darstellung vom ersten Tage an als Ausdrucksmittel bedient.
+
+Damit steht die Entwicklung unserer zukünftigen Schule in ihren
+wesentlichen Zügen klar genug vor unserem Auge. Ich habe nicht das
+Gefühl, daß wir, indem wir mit unserer ganzen Kraft dieser Entwicklung
+die Wege bahnen helfen, revolutionäre Neuerer sind. Ich habe im
+Gegenteil das Gefühl, daß wir alten, uralten pädagogischen Forderungen
+zum endlichen Siege verhelfen, indem wir streben, in unseren
+öffentlichen Volksschulen auch jenen ungeheuren Massen Bildung zu geben,
+für welche die ausschließlich geistige Arbeit kein Bildungsmittel sein
+kann. Was wir über eine notdürftige Einführung in den selbständigen
+Gebrauch von Schrift- und Zahlzeichen hinaus gegenwärtig diesen Massen
+geben, das ist nicht _Bildung_, sondern _Bildungslack_, der sehr bald reißt
+und springt und bei der überwiegenden Zahl der Schüler innerhalb weniger
+Jahre sich vollständig abbröckelt. Denn ein Wissen, zu dessen
+Erarbeitung keine aus praktischer oder geistiger Arbeit erwachsenden
+Probleme, mögen sie auch allereinfachster Art sein, den Schüler _drängen_,
+nach dem also kein innerliches Bedürfnis im Schüler vorhanden ist, das
+geht ebensowenig mit der Seele eine Verbindung ein wie der Asphaltlack,
+der auf eine Glasplatte gestrichen wird.
+
+Was heute von uns so heiß und mit aller Klarheit erstrebt wird, war vor
+hundert Jahren schon von allen pädagogischen Köpfen schmerzhaft vermißt.
+In _Fichtes_ Nachlaß, Band III, Seite 260 (Bonn 1834) finde ich folgende
+drastische Darstellung seiner Empfindung: »Kaum entwickelt sich des
+Kindes Organ zu dem ersten Lallen und bietet so unserer harrenden
+(Erziehung-)Kunst eine Blöße, so erhält es Worte statt der Dinge und
+Redensarten statt der Empfindungen. Bald werden ihm die _lauten_ Worte,
+ein der Anschauung noch immer zu nahe liegendes Schema, in _tote
+Buchstaben_ verwandelt, bis durch Geläufigkeit auch diese ihre festen
+Formen verlieren und die Kinder in einem Meere von ungeformtem
+Buchstabenelement, als ihrer eigentlichen Welt, schwimmen.... Die
+höchste Kunst der Erziehung ist dann die, ja auf keinem Schatten
+niederer Potenz den Zögling einen Augenblick verweilen zu lassen ...,
+sondern ihn schnell zum Schatten des Schattens und zum Schatten wiederum
+des letzteren und so immer weiter fort zu treiben.... Auf diese Weise
+ist dann der Generation nur noch eine Nebel- und Schattenwelt ohne
+irgendeinen sie tragenden Kern _von Anschauung_, _Wahrheit und Realität_
+übrig geblieben.«
+
+Vor allem habe ich das Gefühl, daß wir in unseren Bestrebungen ganz im
+Geiste dessen handeln, der so viel gepriesen und so wenig verstanden
+wird, der uns in Lienhard und Gertrud, in den Briefen an Heinrich Geßner
+und besonders im Schwanengesang so oft gelehrt hat, daß nur »die Arbeit
+in der das Kind umgebenden Welt« der elementaren Volksschule ihre
+Bildungskraft gibt. Ja, ich wage es zu sagen: Ohne daß diese Worte sich
+genau so in seinen Werken finden, war Pestalozzi der felsenfesten
+Überzeugung, daß die Berufsbildung die Pforte der Menschenbildung ist.
+
+Drei Generationen sind seit seinem Tode dahingegangen. Noch immer harrt
+sein Werk der Vollendung. »Ich glaube es aussprechen zu dürfen,« sagt
+er in seiner Rede an sein Haus am 12. Januar 1818, »das Jahrhundert, bei
+dessen Anfang unsere pädagogischen Nachforschungen begonnen, wird noch
+an seinem Ende die ununterbrochene Fortsetzung unserer Anstrengungen in
+Händen von Männern sehen, die ihre Ansichten und Mittel den vereinigten
+Kräften unseres Hauses danken.« Der Flugsand der Gedankenlosigkeit hat
+Berge über Wahrheiten geschüttet, die einst das Herz des unermüdlichen
+Forschers nach Menschenbildung erfüllten. Aber wirkliche Wahrheiten
+steigen immer wieder wie Geister aus ihren Grüften auf und wandern umher
+und beunruhigen die Herzen der Menschen, bis sie endlich Erlösung und
+Ruhe finden in der Verwirklichung des realen Lebens. Wir alle, die wir
+mit wissenschaftlichem Ernst und hingebender Energie einer
+Schulorganisation die Wege bahnen, die dem Vater der Volksschule vor
+Augen schwebte, bringen diesen Geistern die ersehnte Erlösung.
+Vielleicht wird dann das Ende des 20. Jahrhunderts das in Vollendung
+schauen und genießen, was er am Anfang des 19. Jahrhunderts in heißen
+Kämpfen und in bitterer Not seiner Erkenntnis abgerungen hat.
+
+
+
+
+ANHANG
+
+EIN ORGANISATIONSBEISPIEL FÜR STÄDTISCHE VOLKSSCHULKLASSEN
+
+1. VORBEMERKUNGEN
+
+
+Die Arbeitsschule im Geiste der vorstehenden Entwicklung ist in München
+in der gesamten Fortbildungsschule vollendet, in den obersten Klassen
+der Volksschule für Knaben und Mädchen angestrebt und teilweise
+durchgeführt. Für die systematische Durchführung in den übrigen Klassen
+der Volksschule war nur die königliche Schulbehörde zu haben; die
+städtischen Kollegien dagegen haben die relativ wenigen hierzu nötigen
+Mittel auf Antrag eines Lehrers verweigert. Nur für die Bildung zweier
+Versuchsreihen von je vier aufsteigenden Klassen haben sie im Jahre 1910
+Mittel bereitgestellt. Die eine Reihe sind vier aufsteigende reine
+Knabenklassen, die andere Reihe vier aufsteigende, aus Knaben und
+Mädchen gleichmäßig gemischte Klassen. Eine dritte Reihe von reinen
+Mädchenklassen wurde nicht genehmigt. Aber auch die genehmigten
+Versuchsklassen konnten noch nicht das Ideal der Arbeitsschule
+verwirklichen. Sie waren gebunden an den offiziellen Lehrplan der
+normalen Schulklassen und hatten nur innerhalb seiner traditionellen
+Fächer Bewegungsfreiheit im Dienste der Arbeitsschulidee. Nur vier Jahre
+konnten sich die Versuchsklassen entfalten, gerade lange genug, um das
+nachfolgende Bild gewinnen zu lassen. Die Kriegsjahre erlaubten dann nur
+mehr wenige Klassen durchzuführen; der trostlose Friede wird auch diesen
+wenigen Klassen ihr Ende bereiten, wiewohl ich den ganzen Versuch in die
+Hände der Münchner Lehrerschaft mit meinem Ausscheiden aus
+dem Dienste gelegt habe.
+
+Die Ablehnung einer Durchführung im großen Stil, wie bei der
+Fortbildungsschule, war teils auf die -- wie wir nachher sehen werden --
+unbegründete Furcht vor zu großen Ausgaben, teils vielleicht auch auf
+die berechtigte Sorge um die Erhaltung von Bildungswerten der heutigen
+Buchschule zurückzuführen. Diese Sorge war vielleicht veranlaßt durch
+die teilweise freilich recht verkehrten Vorschläge, welche die Literatur
+über die Arbeitsschule gebracht hat, und durch die tatsächlichen
+mißverständlichen Auffassungen vom Wesen der Arbeitsschule, wie sie in
+ganz Deutschland beobachtet werden konnten.
+
+Ich betrachte die Ablehnung, sofern nur die Versuchsklassen in Zukunft
+ernstlich gefördert werden, nach ruhiger Überlegung als kein Unglück
+mehr. Denn der Geist der Arbeitsschule verlangt eine wesentlich andere
+Lehrerbildung als die heutige. Solange die Lehrer selbst noch in
+Buchschulen erzogen werden, werden es immer nur wenige sein, die aus
+eigener Kraft in das Wesen der Arbeitsschule eindringen. Sind aber die
+Lehrerseminare erst einmal vom Geiste der Arbeitsschule erfüllt, dann
+wird sich dieser Geist unwiderstehlich auch in der Volksschule Bahn
+brechen. Denn die zur Durchführung nötigen Mittel sind nicht so groß,
+daß sie ein wesentliches Hindernis bilden könnten. Dies zeigt die
+Organisation der Versuchsklassen, die gegenwärtig in München im Gange
+sind, und die ich in Kürze nun hier schildern will.
+
+Wenn die Arbeitsschule tatsächlich einen wesentlichen Fortschritt
+bedeutet, wenn die Durchführung des Arbeitsprinzips das aktive Interesse
+der Schüler an allen Unterrichtsgegenständen erhöht, so muß
+notwendigerweise in der Arbeitsschule bei geringerer Unterrichtszeit das
+gleiche erreicht werden können wie in der bisherigen Schule mit ihrer
+_geringeren_ Aktivität der Schüler, aber größeren Unterrichtszeit.
+Demgemäß wurde die Unterrichtszeit in den beiden Unterklassen (erstes
+und zweites Schuljahr) einer Volksschule um etwa vier bis fünf Stunden
+verkürzt. Dagegen war es notwendig, die Klassen, die zwischen 44 und 50
+Kindern zählten, in einer Anzahl von Unterrichtsstunden in zwei
+Abteilungen zu teilen, deren jede getrennt unterrichtet wurde. Denn das
+tatsächliche _Erarbeiten_ von neuen Vorstellungen und die hierbei in
+gewissen Fächern notwendige manuelle Betätigung läßt sich nur mit einer
+mäßigen Schülerzahl durchführen. Eine _durchgängige_ Teilung der Klasse,
+also eine Festlegung der Klassenziffer auf 22 bis 25 Schüler, ist
+durchaus nicht notwendig. Wäre sie notwendig, so könnte heute kein
+Schulverwaltungsbeamter im Ernste die Arbeitsschule in Vorschlag
+bringen. Der Hinweis auf die relativ kleinen Klassen in Schweden oder in
+Dänemark oder in gewissen Teilen der Vereinigten Staaten ist
+gedankenlos. Denn die relativ geringen Lehrergehälter dieser Länder
+erlauben kleine Klassen weit eher als die Lehrergehälter in den großen
+Städten Deutschlands. Eine auskömmliche Bezahlung des Lehrers und damit
+eine Sicherung der Lebens- und Arbeitsfreude ist aber auch für den Geist
+der Arbeitsschule viel wichtiger als die Festlegung einer so niederen
+Maximalfrequenz, die die Ausgaben für das Volksschulwesen einer Stadt
+wie München von 10 (im Jahre 1913) auf 20 Millionen mit einem Schlage
+anschwellen lassen würde. Eine durchgängig so niedrig gehaltene
+Maximalfrequenz ist aber auch gar nicht notwendig zur Durchführung der
+Arbeitsschule. Die Arbeitsschule hat ja nicht bloß die _Einführung_ in die
+Welt des Wissens, Könnens und Wertens zu übernehmen, sondern auch die
+_Einübung_ der durch die Einführung gewonnenen Kenntnisse, Fertigkeiten
+und Werte. Bei der Einübung aber spielen Schülerzahlen eine sehr viel
+geringere Rolle als bei der Einführung. Ja, selbst bei der Einführung
+gibt es Unterrichtsgegenstände, die jederzeit Schülerzahlen von 40 bis
+50 Kinder zulassen, nämlich jene, in welchen es sich nur um die
+Einführung in traditionelles Wissen handelt, das eben auch in aller
+Zukunft nur durch Wort und Buch erarbeitet werden kann, und wo das Buch
+und das an seinen Inhalt anknüpfende Nachdenken direkt die geistige
+Arbeitsstätte bildet. Hierher gehören Geschichte, Religionslehre,
+Gebiete des Sprachunterrichtes, sowie Teile des geographischen
+Unterrichtes.
+
+Die Teilung der _ersten_ Versuchsklasse erfolgte für zwei Stunden im
+Anschauungsunterricht, für zwei Stunden im Rechnungsunterricht,
+für zwei Stunden im Schreibleseunterricht, für zwei Stunden im
+Handfertigkeitsunterricht. Während also die Schüler rund 17 Stunden
+Unterricht hatten, war die Klassenlehrkraft mit 23,5 Stunden, der
+Fachlehrer für Holzbearbeitung mit 4 Stunden belastet. Die Abteilung A der
+Klasse kam gewöhnlich um 9 Uhr zur Schule, die Abteilung B um 10 Uhr. Von
+10 bis 11-1/2 Uhr waren beide Abteilungen vereinigt. Um 11-1/2 Uhr verließ
+die Abteilung A die Schule, während die Abteilung B bis 12-1/2 Uhr jene
+Lektionen erhielt, welche für die Abteilung A bereits zwischen 9 und 10 Uhr
+angefallen waren. Nachmittags war nur am Montag und Donnerstag in je einer
+Stunde Unterricht, für die Abteilung A von 2 bis 3 Uhr, für die Abteilung B
+von 2:40 bis 3:40.
+
+Über die Anordnung der Unterrichtszeit für die erste Klasse, Abteilung A
+(und dementsprechend auch für die Abteilung B) gibt nebenstehende
+Wochentabelle Aufschluß.
+
+Zu diesem Wochenstundenplan ist zu bemerken: Die Unterrichtszeiten sind
+in Minuten beigesetzt. Die Pausen zwischen den Unterrichtslektionen sind
+nicht angegeben. Die Unterrichtslektionen in Kursivdruck sind für beide
+Abteilungen A und B gemeinsam. Um aus dieser Wochentabelle den
+Unterrichtsplan für die Abteilung B zu erhalten, sind lediglich die
+gleichen Unterrichtsfächer, die für die Abteilung A von 9 bis 10 Uhr
+aufgeführt sind, für die Zeit von 11-1/2 bis 12-1/2 Uhr anzufügen; mit
+anderen Worten: die Abteilung A kam täglich von 9 bis 11-1/2 Uhr, die
+Abteilung B von 10 bis 12-1/2 Uhr am Vormittag, und außerdem die
+Abteilung A Montags und Donnerstags von 2 bis 3 Uhr, die Abteilung B an
+den gleichen Tagen von 2:40 bis 3:40 Uhr zum Unterricht. Nur am Mittwoch
+und Sonnabend waren beide Abteilungen von 9 bis 11-1/2 Uhr gemeinsam,
+die Abteilung A am Mittwoch, die Abteilung B am Sonnabend noch weitere
+30 Minuten anwesend. Vier Nachmittage waren unterrichtsfrei.
+
+
+ Wochenstundenplan der ersten Klasse
+
+ +-------+-----------------+----------------+----------------+
+ | | Montag | Dienstag | Mittwoch |
+ +============================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Rechnen (30) | Anschauungs- | =Schreiblesen= |
+ | 9-10 | Schreiblesen | unterricht(60) | (30) |
+ | | (30) | | =Singen= (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | | =Schreiblesen= | =Rechnen= (40) |
+ | 10-11 | =Religion= (60) | (40) | =Turnen= (20) |
+ | | | =Turnen= (20) | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | =Anschauungs- | | =Anschauungs- |
+ | 11-12 | unterricht= | =Rechnen= (30) | unterricht= (30)|
+ | | (30) | | Rechnen |
+ | | | | (Abt. A) (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Schreiblesen | | |
+ | 2-3 | (40) | -- | -- |
+ | | =Turnen= (20) | | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Donnerstag | Freitag | Samstag |
+ +============================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Rechnen (30) | Anschauungs- | =Schreiblesen= |
+ | 9-10 | Schreiblesen | unterricht(60) | (30) |
+ | | (30) | | =Singen= (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | | =Schreiblesen= | =Rechnen= (40) |
+ | 10-11 | =Religion= (60) | (40) | =Turnen= (20) |
+ | | | =Turnen= (20) | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | | | =Anschauungs- |
+ | 11-12 | =Anschauungs- | =Rechnen= (30) | unterricht= (30)|
+ | | unterricht= (30)| | Rechnen |
+ | | | | (Abt. B) (30) |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+ | | Schreiblesen | | |
+ | 2-3 | (40) | -- | -- |
+ | | =Turnen= (20) | | |
+ +-------+-----------------+----------------+-----------------+
+
+
+ Wochenstundenplan der zweiten Klasse
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Montag | Dienstag | Mittwoch |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | | Holzbe- | | |
+ | 8-9 | =Religion= (60) |arbeitung| -- | =Religion= (60) |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | =Rechtschreiben= | Holzbe- | -- | =Lesen= (30) |
+ | 9-10 | (30) |arbeitung| Rechnen | =Rechtschreiben= |
+ | | =Singen= (30) | (60) | (30) | (30) |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | =Lesen= (30) | Rechnen | Holzbe- | =Turnen= (30) |
+ | 10-11 | =Schönschreiben= | (30) |arbeitung| =Anschauungs- |
+ | | (30) | | (60) | unterricht= (30) |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | Rechnen | | Holzbe- | Rechnen | |
+ | 11-12 | -- | (30) | -- |arbeitung| (30) | -- |
+ | | | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | Rechnen | | | |
+ | 2-1/2 | (30) | -- | -- | -- |
+ | -3 | | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | Aus- | | | |
+ | 3-4 |schneiden| -- | -- | -- |
+ | | (60) | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Donnerstag | Freitag | Samstag |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | -- | Rechnen | Rechnen | -- | -- | Rechnen |
+ | | | (30) | (30) | | | (30) |
+ | 8-9 +---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | Turnen (30) | Lesen (30) | Lesen (30) |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | =Anschauungs- | =Turnen= (30) | =Rechtschreiben= |
+ | 9-10 | unterricht= (30) | =Rechtschreiben= | (30) |
+ | | =Singen= (30) | (30) | =Turnen= (30) |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | |=Schönschreiben= | =Anschauungs- | =Anschauungs- |
+ | | (30) | unterricht= (30) | unterricht= (30) |
+ | 10-11 +---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | Rechnen | -- | -- | Rechnen | Rechnen | -- |
+ | | (30) | | | (30) | (30) | |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | | |
+ | 11-12 | -- | -- | -- |
+ | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | | Rechnen | | |
+ | 2-1/2 | -- | (30) | -- | -- |
+ | -3 | | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | | Weibl. | | |
+ | 3-4 | -- | Hand- | -- | -- |
+ | | | arbeit | | |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+Die Teilung der _zweiten_ Versuchsklasse erfolgte in dem gleichen
+Zeitausmaße, wie in der ersten, im Rechnen, im Anschauungsunterricht und
+in der Handfertigkeit; sie unterblieb dagegen im Unterricht im
+Deutschen. Die weiteren Fragen in bezug auf die Verteilung der
+Unterrichtszeit auf die einzelnen Unterrichtsfächer beantwortet der S.
+122 u. 123 abgedruckte Wochenstundenplan.
+
+Für den einzelnen Schüler ergeben sich hierbei wöchentlich 18
+Unterrichtsstunden, für die Klassenlehrkraft 23, für den Fachlehrer in
+Holzbearbeitung 4 Unterrichtsstunden. Für die Kinder waren fünf
+Nachmittage unterrichtsfrei, für die Klassenlehrerin deren vier.
+
+Was die Teilung der _dritten_ und _vierten_ Klasse betrifft, so erstreckte
+sie sich auf zwei Rechenstunden, eine Unterrichtsstunde in der Heimatkunde
+und die beiden Stunden in Holzbearbeitung. Die Zahl der Unterrichtsstunden
+betrug für die Knaben 22; sie erhöhte sich auf 24 bei den Mädchen durch
+Einfügung von 2 Stunden Unterricht in weiblicher Handarbeit, der nunmehr
+einer besonderen Lehrerin übertragen wurde. Für den Klassenlehrer
+erwuchsen demnach 25 Stunden Unterricht, für den Fachlehrer in
+Holzbearbeitung vier, für die Fachlehrerin für weibliche Handarbeit zwei.
+Das sonstige Stundenausmaß ist aus der nachfolgend abgedruckten
+Wochenstundentabelle zu ersehen. In allen drei Wochenstundenplänen ist die
+dem Lehrgegenstande in Klammern beigefügte Zeit um die Pausen zu verkürzen
+welche für eine geeignete Erholung notwendig waren. An Stelle der Teilung
+einer Klasse in einem praktischen Unterrichtsgegenstand kann man auch in
+der ungeteilten Klasse gleichzeitig _zwei_ Fachlehrkräfte arbeiten lassen.
+
+
+ Wochenstundenplan der dritten und vierten Klasse
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Montag | Dienstag | Mittwoch |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | Vormittag |
+ +-------+-------------------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | | | Holz- | |
+ | 8-9 | =Religion= (60) | Rechnen | -- | be- | -- |
+ | | | (60) | |arbeitung| |
+ | | | | | (60) | |
+ +-------+-------------------+---------+---------+---------+---------+
+ | | | | Holz- | |
+ | 9-10 | =Rechtschreiben= | | be- | Rechnen |
+ | | (60) | =Aufsatz= (60) |arbeitung| (60) |
+ | | | | (60) | |
+ +-------+-------------------+-------------------+---------+---------+
+ | | =Heimatkunde= | =Sprachlehre= | | Holz- |
+ | | (30) | (30) | Rechnen | be- |
+ | 10-11 +-------------------+-------------------+ (60) |arbeitung|
+ | | =Lesen= (30) | =Turnen= (30) | | (60) |
+ | | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+---------+---------+
+ | | | =Schönschreiben= | | Holz- |
+ | | =Weibliche Hand- | (30) | | be- |
+ | 11-12 | arbeit= (60) +-------------------+ -- |arbeitung|
+ | | | Bibel (30) | | (60) |
+ | | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+---------+---------+
+ | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | 2-3 | -- | Rechnen | -- | -- |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | | | Heimat- | | |
+ | 3-4 | -- kunde | -- | |
+ | | | (60) | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Donnerstag | Freitag | Samstag |
+ +-------+---------+---------+---------+---------+---------+---------+
+ | | A | B | A | B | A | B |
+ +===================================================================+
+ | | Vormittag |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | | | | |
+ | 8-9 | =Religion= (60) | -- | Rechnen | =Lesen= (60) |
+ | | | | (60) | |
+ | | | | | |
+ +-------+-------------------+---------+---------+-------------------+
+ | | | =Turnen= (30) | =Turnen= (30) |
+ | 9-10 | =Rechtschreiben= +-------------------+-------------------+
+ | | (60) | =Heimatkunde= (30)| =Sprachlehre= (30)|
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | =Turnen= (30) | | |
+ | | | | |
+ | 10-11 +-------------------+ =Aufsatz= (60) | =Heimatkunde= (60)|
+ | | =Lesen= (30) | | |
+ | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | | | =Schönschreiben= |
+ | | =Weibliche Hand- | | (30) |
+ | 11-12 | arbeit= (60) | =Singen= (60) +-------------------+
+ | | | | =Bibel= (30) |
+ | | | | |
+ +-------+-------------------+-------------------+-------------------+
+ | | Nachmittag |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | 2-3 | Rechnen | -- | -- | -- |
+ | | (60) | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+ | |Heimat- | | | |
+ | 3-4 | kunde | -- | -- | -- |
+ | | (60) | | | |
+ +-------+---------+---------+-------------------+-------------------+
+
+Ich hätte diese Wochenstundenpläne übrigens nicht zum Abdruck gebracht,
+hätte ich nicht dadurch die tatsächliche Durchführbarkeit eines
+Vorschlages illustrieren wollen, den ich auch ganz ohne Rücksicht auf
+die Organisation der Arbeitsschule seit vielen, vielen Jahren empfehle,
+dessen Durchführbarkeit aber auch von meinen eigenen Schulleitern
+bezweifelt wurde. Ich meine die _partielle Klassenteilung_. Wir sind aus
+ökonomischen Rücksichten noch auf lange Zeit hinaus genötigt, in den
+großen Städten Klassen bis zu 50, 60, ja in vereinzelten Fällen noch
+mehr Kindern zu bilden. In solchen Klassen lassen sich gewisse Zwecke
+noch fördern, andere Zwecke aber in keiner Weise. Es ist völlig
+ausgeschlossen, z. B. einen wirklichen Anschauungsunterricht auch nur
+bei 50 Kindern zu erteilen. Hier muß die Klasse wenigstens in den
+Beobachtungsstunden unbedingt geteilt werden. Es verursacht unendliche
+Mühe, Klassen von 50 oder 60 Kindern in gewisse Rechen- und
+Sprachbegriffe gemeinsam einzuführen. Die Einführung in das Schreiben
+und Lesen ist ebenfalls wesentlich erleichtert durch Teilung der Klasse
+im Schreiblesen. -- Eine Teilung der Klasse in einigen Stunden wird die
+Aufgabe ungemein erleichtern, weil alsdann der Lehrer viel eher an den
+einzelnen Schüler herankommt, ganz abgesehen davon, daß die
+Aufmerksamkeit einer kleinen Schar mit einem Blick viel leichter zu
+lenken ist als die einer großen Schar. Von der notwendigen Teilung der
+Klasse im Zeichnen, in Physik, Chemie, Handfertigkeit, will ich gar
+nicht reden. Weil wir solche Teilungen nie vorgenommen haben, waren wir
+genötigt, die Menge der Stundenzahlen für einzelne Fächer in der
+Volksschule ständig zu vermehren, um auch große Klassen entsprechend
+vorwärtszubringen.
+
+_Ein sehr viel gesünderer Ausweg ist, die Stundenzahl für den Schüler
+möglichst gering zu halten, für den Lehrer aber durch partielle
+Klassenteilung zu mehren._
+
+Das verursacht so lange keine Kosten, als die Lehrer _unter ihrem
+Pflichtstundenmaße_ beschäftigt sind, und vermehrt die Arbeitslast des
+Lehrers gleichwohl nicht, weil die ungleich größere Leichtigkeit und
+Fruchtbarkeit des Unterrichtes in kleinen Abteilungen die physische und
+psychische Kraft des Lehrers sehr viel weniger in Anspruch nimmt. Nur
+der Wochenstundenplan macht einiges Kopfzerbrechen, ebenso wie das
+Eintreffen der Kinder im Schulgebäude zu verschiedenen Zeiten. Daß aber
+die Beseitigung dieser kleinen Schwierigkeiten durchaus möglich ist, das
+eben sollen die drei Wochenstundenpläne und die an ihnen gemachten
+Erfahrungen zeigen.
+
+Was den Inhalt der einzelnen Unterrichtsgebiete betrifft, so ist er
+durch den im Jahre 1911 vom Staatsministerium genehmigten Lehrplan für
+die sämtlichen Volksschulen Münchens festgelegt. Der mehr als
+zwölfjährige Krieg gegen den Lehrplan ist zu Ende. Der Lehrplan hat auf
+der ganzen Linie gesiegt. Er ist einst nur schüchtern vom Gedanken der
+Arbeitsschule beeinflußt entstanden. Gleichwohl bietet er einer
+bescheidenen Durchführung des Geistes der Arbeitsschule kein Hindernis.
+Die einzige Abweichung der Versuchsschule bildet die Aufnahme von
+_fachlichem_ Arbeitsunterricht auch in die Knabenklassen, und zwar in
+Verbindung mit dem Anschauungsunterricht und dem Unterricht in der
+Heimatkunde. In den Mädchenklassen war er schon seit vierzig Jahren
+vorgeschrieben.
+
+
+2. DURCHFÜHRUNG DES LEHRPLANES IN DEN ZWEI UNTERKLASSEN
+
+a) =Anschauungsunterricht mit Zeichnen und Handarbeit.= Der
+Anschauungsunterricht mit Zeichnen und Handarbeit in Klasse I und II
+machte die _eigenen Erfahrungen_ der Kinder zum Mittel- und Ausgangspunkt
+seiner Tätigkeit. Gemäß dem Münchner Lehrplan hat er die Aufgabe, auf
+Grund der Schärfung und Übung der Sinnestätigkeit das denkende
+Beobachten zu wecken und zu fördern, die vorhandenen Vorstellungen zu
+klären, zu ergänzen und zu ordnen und neue, grundlegende Vorstellungen
+und Begriffe zu bilden. Diese Erfahrungen wurden teils aus der
+_praktischen Tätigkeit der Schule, teils aus dem häuslichen Leben der
+Familie_ entnommen. Zum Beginn des Schuljahres gingen der eigentlichen
+manuellen Arbeit Übungen voraus, die auf Schärfung der Sinne abzielten.
+Diese Übungen wurden zum Teil dem Werke von M. Montessori »Il Metodo
+della Pedagogia Scientifica« entnommen und verliefen für gewöhnlich
+unter dem Charakter des eigentlichen Kinderspieles. Selbstverständlich
+wurden sie auch während des ganzen Jahres nicht außer acht gelassen und
+zu geeigneter Zeit mit geeigneten Tätigkeiten verbunden. Sie erstreckten
+sich auf das Erkennen von Farben und Formen, von Klängen nach Höhe und
+Stärke des Tones, auf Schätzungen des Gewichtes verschiedener Stoffe,
+auf Erwerbung von Tastvorstellungen für die verschiedenartigsten
+Materialien, auf Ausbildung von Geruchs- und Geschmacksvorstellungen
+einfacher wohl unterscheidbarer Art, und endlich auch auf die
+Regulierung und Orientierung von Bewegungsempfindungen. Eine Reihe von
+Materialien diente diesem Zwecke. Der Arbeitsunterricht, der mit dem
+Anschauungsunterricht aufs engste verbunden wurde, erstreckte sich in
+der _ersten_ Klasse auf Nähen, Stricken, Flechten, Holzarbeit,
+Gartenarbeit und sogenannte häusliche Beschäftigungen. Knaben wie
+Mädchen hatten den gleichen Arbeitsunterricht, so daß also einesteils
+die Knaben sowohl am Unterricht im Nähen und Stricken teilnahmen als
+auch die Mädchen am Unterricht in der Holzarbeit. In den zweiten Klassen
+trat bei Knaben wie Mädchen die Holzarbeit in den Vordergrund. Daneben
+wurden die Knaben in einer besonderen Stunde mit Zeichnen und
+Ausschneiden, die Mädchen mit Flechten, Stricken, Nähen beschäftigt.
+Gartenarbeit und häusliche Beschäftigungen fanden neben der Schulzeit
+systematische Berücksichtigung. Anderweitige einwandfreie (vgl. Seite
+81) Beschäftigungen, wie Papierfalten für bestimmte Zwecke,
+Papparbeiten, Weben auf Handwebestühlen wären zulässig gewesen. Sie
+wurden aber nicht berücksichtigt, um die Arten der Beschäftigung nicht
+zu _zahlreich_ zu machen und so eine gründlichere Schulung in der
+einzelnen Beschäftigungsart zu ermöglichen. Auch wurden die
+erstgenannten Beschäftigungen vorgezogen, _weil sie dem häuslichen Leben
+des Kindes wesentlich näher liegen_.
+
+Sobald es möglich war, wurden die praktischen Arbeiten vom Gesichtspunkt
+der Arbeitsgemeinschaft aus organisiert, d. h. vom Standpunkt der
+Dienst- und Hilfsbereitschaft der Kinder gegeneinander und der
+gemeinsamen Unterordnung unter eine gesteckte Aufgabe. Die Art der
+Durchführung mußte sich natürlich _über_ den Kindergartenstandpunkt
+erheben. Es handelt sich in der Volksschule nicht mehr bloß darum, die
+Kinder vernünftig zu beschäftigen, sondern auch darum, die manuelle
+Geschicklichkeit systematisch zu steigern, den Willen zu immer
+sorgfältigerer Arbeit zu erziehen und so den Spieltrieb mehr und mehr in
+den Arbeitstrieb umzuwandeln, d. h. die Tätigkeit des Kindes mehr und
+mehr einem gewollten Zwecke und gewissen für die Zweckerreichung
+notwendigen Regeln zu unterwerfen. Gewisse Arbeitsgebiete werden immer
+lehrplanmäßig bevorzugt werden müssen, wie mannigfaltig auch die Art der
+Beschäftigung nach der Neigung des Lehrers und der Kinder, nach den
+Anlagen der Kinder und den Unterrichtseinrichtungen sein mag. Auch
+innerhalb bestimmter Arbeitsgebiete ist noch eine weise Beschränkung auf
+_wenige manuelle_ Fertigkeiten geboten, damit sie im Laufe der ersten
+Schuljahre zu entsprechender Sicherheit entwickelt werden können. Ob die
+wenigen ausgewählten Arbeitsgebiete den physischen und geistigen Kräften
+des Kindes entsprechen, das dürfte wohl daraus am besten zu ersehen
+sein, ob die Mehrzahl der Schüler auch ohne Zutun der Schule in reiner
+Verfolgung ihres Nachahmungstriebes ähnliche Beschäftigungen bei ihren
+häuslichen Tätigkeiten und Spielen aufsuchen und anwenden.
+
+In welcher Weise die manuelle Tätigkeit mit den lehrplanmäßigen Themata
+des Anschauungsunterrichts in Verbindung stand, ergibt sich aus
+folgender Übersicht. Der ersten Klasse fielen lehrplanmäßig folgende
+Aufgaben zu:
+
+1. _Aufgabe_ (Turnsaal und auf dem Spielhofe): Herstellung von Holzstäben
+mit angefeilten Kuppen, von Leitern, von Griffen für Sprungseile. --
+Herstellung eines Sprungseiles durch Stricken über die Spule. 2. _Aufgabe_
+(Auf der Straße): Herstellung von Holzwürfeln, einer Holzschranke und
+eines einfachen Lastwagens aus Fadenspulen und Brettchen. 3. _Aufgabe_
+(Der Garten im Herbst): Herstellung von Blumenstäben aus Holz, Nähen von
+Samensäckchen aus Gaze. 4. _Aufgabe_ (Das Weihnachtsfest): Herstellung
+eines Täschchens für den Weihnachtstisch, einer Serviettentasche;
+Herstellung eines Holzbaukastens aus rechteckigen und dreieckigen
+Säulen. 5. _Aufgabe_ (Schnee und Eis): Flechten eines Untersatzes;
+Herstellung eines Schlittens aus Holz. 6. _Aufgabe_ (Bei der Näherin):
+Herstellung eines Lineals mit Zentimetermaß, einer Reißschiene für
+Rechentabellen. Anfertigung von Schnitten für Puppenhemd, -unterrock und
+-kleid. Nähen von Puppenwäsche nach gefertigten Schnitten. 7. _Aufgabe_
+(In der Kirche zur Osterzeit): Färben von Ostereiern. 8. _Aufgabe_ (Der
+Schulgarten im Frühling): Herstellung von Blumenkisten, eines Holzzaunes
+für die Blumenkisten, Ansäen und Anpflanzen in den Blumenkisten;
+Flechten eines Blumenkorbes, Flechten eines Obstkorbes aus Raffia. 9.
+_Aufgabe_ (Bei der Obstlerin): Modellieren von Früchten (versuchsweise).
+
+Neben diesen Handarbeiten gingen außerdem häusliche Beschäftigungen her.
+Sie umfaßten die Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer und im
+Arbeitsraum, also Kehren, Abstauben, Putzen, Waschen, Beihilfe der
+Kinder zur Herstellung von Weihnachtsgebäck und Ostereiern. Die
+Gartenarbeit beschränkte sich im Herbst wegen vielfach ungünstiger
+Witterung auf Einsammeln von Samen, Einschlagen von Blumen und Zwiebeln
+in Töpfe und in freiem Gartenland unter Sicherung gegen Frost durch
+Bedecken mit Erde. Die Töpfe wurden im Frühjahr der Erde entnommen und
+die Zwiebelpflanzen bildeten wochenlang in blühendem Zustande eine
+Zierde des Schulzimmers. Im Sommer pflegten die Kinder außer den neu
+angepflanzten Blumen _unter Anleitung der Schülerinnen der achten Klasse
+den Schulgarten der achten Klasse der Schule an der Hohenzollernstraße_.
+Die Klassenlehrerin machte dabei über den Verkehr der größeren Mädchen
+mit den Kindern der Versuchsklasse die besten Erfahrungen. _Auch die
+Erziehungsarbeit der Schülerinnen der achten Klasse erfuhr bei dieser
+Arbeitsgemeinschaft, an der Große wie Kleine mit gleichem Eifer und
+sichtlicher Freude beteiligt waren, eine nicht unwesentliche Vertiefung._
+
+Die zweite Klasse hatte folgende Aufgaben zu behandeln:
+
+1. _Aufgabe_ (Schulhaus): Faustskizzen auf der Tafel. Herstellung eines
+Tafellappens im Strickunterricht. Zeichnen von Tafel, Federhalter,
+Griffel. 2. _Aufgabe_ (Am Neubau): Herstellung eines Holzhauses durch
+_Arbeitsgemeinschaft_ in der Werkstatt. Zeichnen und Ausschneiden von
+Häusern. 3. _Aufgabe_ (Schulgarten im Herbst): die im ersten Schuljahre
+gefertigten Blumenkisten (vgl. S. 135 Aufg. 8) wurden mit Blumenzwiebeln
+bepflanzt. Zeichnen von Blumenformen, Ausschneiden und Zusammenstellen
+zu einem Bukett als Klebearbeit. 4. _Aufgabe_ (Die Uhr): Anfertigung von
+Zifferblättern aus Karton mit beweglichen Zeigern. Herstellung eines
+Zifferblattes aus Holz mit Anbringung von gekauften Metallzeigern.
+Herstellung einer Sonnenuhr; Anlegung eines Wetterkalenders. Die Mädchen
+stricken Pulswärmer. 5. _Aufgabe_ (Die Küche): In der Holzwerkstätte
+Herstellung eines Nudelbrettes mit Nudelwalker. Die Mädchen stricken
+einen Topflappen; die Knaben zeichnen und schneiden Küchenherde aus. 6.
+_Aufgabe_ (Beim Schreiner): In der Holzwerkstätte Herstellung eines
+Stuhles mit Geflecht. Besuch einer unserer großen Schülerwerkstätten für
+die obersten Klassen. Zeichnen und Ausschneiden von Werkzeugen. 7.
+_Aufgabe_ (Waschhaus): Waschen und Aufhängen, Flechten eines Nähkorbes. 8.
+_Aufgabe_ (Die fünf Sinne): Gab zu besonderen praktischen Tätigkeiten
+keine Veranlassung, außer eben zur Betätigung der Sinne selbst in
+Sinnesübungen aller Art. (Vgl. dazu auch die Übungen in der ersten
+Klasse.) 9. _Aufgabe_ (Am Aquarium und Terrarium der Schule): Vor den
+Augen der Schüler wird ein Aquarium angelegt. Die Kinder bauen in der
+Werkstätte Raupenkästen. Beobachtung der Entwicklung von Raupen.
+Zeichnen von Schmetterlingen. 10. _Aufgabe_ (An der Isar): In der
+Werkstätte wird in Arbeitsgemeinschaft eine Holzbrücke hergestellt.
+Knaben und Mädchen nähen Fahnen zum Ausflug in das Isartal. 11. _Aufgabe_
+(In den Anlagen): Praktische Arbeiten im Schulgarten. Pflege der aus
+Samen gezogenen Balsaminen, Sonnenblumen, Begonien, Tannen, Fichten,
+Zirbelkiefern. Zeichnen von beobachteten Blättern, Blumen, Früchten.
+Zeichnen eines Starenkobels; Ausschneiden.
+
+Das ganze Jahr über wurde auch den Aufgaben der häuslichen
+Beschäftigungen Aufmerksamkeit zugewendet. Sie bezogen sich wie im
+Vorjahre auf Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer, Gang und in der
+Garderobe. Die Arbeiten wurden von Knaben wie Mädchen mit gleichem Eifer
+betrieben. Die Kinder stellten im Wechsel selbst ihre Wächter und Ordner
+auf: einen Knaben für die Garderobe, einen Knaben und ein Mädchen für
+die Überwachung des Eintrittes in das Schulzimmer, drei Mädchen für die
+Reinhaltung der Tafelwände, je einen Knaben und ein Mädchen für die
+Überwachung der Fensterbretter, der auf ihnen aufgestellten Gegenstände
+und der Pflege der dort befindlichen Blumen. Dabei wurden Untergruppen
+gebildet. Ein Knabe sorgte für die Verwahrung und Ausgabe verschiedener
+Schlüssel, ein Mädchen für die Kalenderaufzeichnungen. -- Zur Pflege des
+Aquariums wurde ein Mädchen aus der siebenten Volksschulklasse
+herangezogen, welches die kleineren Mädchen der zweiten Klasse auch zu
+belehren und anzuweisen hatte. Zur Beobachtung stand auch ein
+Geflügelhof (mit Hühnern, Hahn, Ente, Gans, Puter) zur Verfügung, dessen
+Pflege der Schulhausmeister hatte. Der sonstige Beobachtungsunterricht
+vollzog sich teils im Werkraum (experimenteller Teil), teils im
+Schulzimmer, teils im Freien. In das Schulzimmer wurden jene
+Beobachtungsübungen verlegt, die keine wagerechten Tische und wenig
+Werkzeuge erforderten. -- Das _Zeichnen_ beschränkte sich auf
+gedächtnismäßige Darstellung _einzelner_ Gegenstände, die Gegenstand des
+Anschauungsunterrichtes waren und die jeder Schüler beim
+Anschauungsunterricht in der Hand hatte oder mit denen er im
+Beobachtungsunterricht arbeitete (Spielsachen, Werkzeuge, kleine
+Hausgeräte).
+
+b) =Rechnen.= Für die erste Klasse kam lehrplanmäßig der Zahlenraum
+1-20 in Betracht. Es war Bedacht darauf genommen, daß jedem Kinde
+Veranschaulichungsobjekte zur Verfügung standen, an deren Hand es die
+Veranschaulichung in selbständiger Weise vornehmen konnte.
+Selbstverständlich wurde von Anfang an ein großes Gewicht darauf gelegt,
+die Kinder nicht bloß zum Abschätzen, sondern auch zum genaueren Messen
+anzuhalten und damit schon die einfachsten Zahlenbegriffe zu
+entwickeln. Pappscheiben, Knöpfe, Stäbchen, Fadenspulen, Perlenketten,
+gestanzte Kupfer- und Nickelmünzen in selbstgefertigten Geldbörsen und
+vor allem die _gesamte manuelle_ Tätigkeit in der Holzbearbeitung, _die mit
+einem beständigen Schätzen, Messen und Vergleichen verbunden ist_,
+dienten der Durchführung des Arbeitsprinzips im Rechenunterricht.
+
+Einen besonderen Weg schlug im Schuljahre 1915/16 Fräulein Merxmüller
+ein. Sie berichtet:
+
+»Wenn auch infolge der starken Beschränkung der Unterrichtszeit von
+einer weitgehenden sachlichen Beschäftigung heuer keine Rede sein
+konnte, wurde doch versucht, auch den Rechenunterricht so gut als
+möglich im Sinne der Arbeitsschule zu gestalten. Da durfte im
+Vordergrunde nicht die von außen diktierte, einem unfaßbaren Lehrzwecke
+dienende Rechenaufgabe stehen, nicht der streng geregelte methodische
+Aufbau, der von außen festgelegte Fortschritt von einem Rechenvorgang
+zum andern und von einer Stufe zur andern -- sondern _Gelegenheiten zum
+Beobachten und Entdecken_ mußte das Kind haben, damit es seine Kraft
+erprobe und einem inneren Zwange gemäß darangehe, an den grobsinnlichen
+Erscheinungen rechnerischen Problemen nachzuspüren.«
+
+»Bei den Beschränkungen des Schulbetriebes war es eine dringende
+Angelegenheit, das ganze Schulleben und alle Unterrichtsstunden auch für
+diese Zwecke auszubeuten. Besonders wertvoll erwiesen sich folgende
+_besondere Einrichtungen_:
+
+1. _Das Illusionsspiel_ der ersten Schultage mit Stäbchen und Würfeln
+vorne vor aller Augen auf einem großen, schräggestellten Rechenbrett.
+
+2. _Die rhythmischen Verzierungen_ zeitweilig angebracht _an den
+Überschriften der Tafellesestücke_. Die Bewunderung von Form, Farbe,
+Regelmäßigkeit führte zur genauen Beobachtung für die Zwecke der
+Nachahmung, zur Klarstellung rechnerischer Verhältnisse und zur ganz
+selbständigen Bildung von Rechenaufgaben.
+
+3. _Rechenkarten_, welche nach ähnlichen Gesichtspunkten ausgestaltet
+waren und uns wochenlang interessierten und auf das fruchtbarste
+beschäftigten.
+
+4. Das _Einkaufen_ vorne auf dem großen Rechenbrett mit Münzen aus Papier
+geschnitten, eine Arbeit, die völlig nach den Einfällen und Angaben der
+Kinder geleitet war und eine unglaubliche Gewandtheit und Sicherheit im
+Rechnen erzeugte.«
+
+»Unter Verzicht auf alle methodischen Kunststücke, die ja den Kindern
+nur das Denken ersparen, gab es keine vorausschauenden Erklärungen und
+Entwicklungen von Rechenvorgängen, wie sie etwa im Rechenbuch beim
+Überschreiten des Zehners angedeutet sind, keine typischen Zahlbilder,
+kein geregeltes Finger- und Zählmaschinenrechnen.« (Ich gestatte mir
+einzufügen: Quod licet Jovi; non licet bovi.)
+
+»Mit der größten Selbständigkeit ohne Aufgabenstellung und aufdringliche
+Hinweise erarbeiteten sich die Kinder am Wechsel der auftretenden
+Erscheinungen des Schullebens einen Rechenvorgang um den andern. Jede
+Stunde brachte Neues an Inhalt und Form. Das einzelne Kind eignete sich
+immer zuerst das an, was es seinen inneren, in Entwicklung begriffenen
+Spannkräften gemäß aufzunehmen imstande war. Die andern folgten, jedes
+zu seiner Zeit, es war kaum ein halbes Jahr vergangen, als die ganze
+Schar über das Ziel der 1. Klasse hinausdrängte, um in der Folge auch
+weit darüber hinauszuwachsen.«
+
+Für die zweite Klasse war der Zahlenraum 1 bis 100 vorgeschrieben. Eine
+so mannigfaltige Veranschaulichung der Rechenvorgänge, wie in der ersten
+Klasse, war nicht mehr nötig. Große und kleine Zählmaschinen, Schätzen
+bei allen Beobachtungen, Messen und Zählen in der Werkstätte und im
+Klassenraum, vor allem aber auch Kaufen und Abwägen von Waren an dem in
+der Schule aufgestellten Kaufladen boten eine Fülle von konkreten
+Übungen. Zum Messen konnten bereits Maßbänder und Meßapparate für
+Flüssigkeitsmaße verwendet werden. Die Einrichtung des Kaufladens
+bestand aus Tüten, die von den Kindern selbst hergestellt und mit
+verschiedenen Waren gefüllt waren, aus einer zweischaligen Krämerwage
+mit entsprechendem Gewichtsatz. Unter allergrößter Anteilnahme der
+Kinder vollzogen sich die Rechenoperationen am Kaufladen. Sie wurden von
+allen gemeinsam in der Bank mitgemacht mit Hilfe der im Vorjahre
+gefertigten und mit gestanzten Kupfer- und Nickelmünzen gefüllten
+Geldbörsen. Während nämlich draußen _vor_ den Bankreihen das Abwägen und
+die Auszahlung von zwei Kindern ausgeführt wurde, hatten alle Kinder _in_
+den Bankreihen mit Gewichtschablonen den Vorgang des Wägens nachzumachen
+und ebenso mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Münzen, die um einige
+Fünfzigpfennig- und Markstücke in diesem Jahre vermehrt worden waren,
+alle Rechenoperationen anschaulich nachzubilden. So entwickelten sich
+leicht die grundlegenden Operationen des praktischen kaufmännischen
+Lebens, wie es sich im Kleinhandel abspielt. Vorstellungen, wie das
+Kilogramm als eine Einheit von 10×100 g, als eine Einheit von 2 Pfund
+oder 4 halben Pfunden bildete allmählich jedes Kind ohne die geringste
+Schwierigkeit. Auch die Zusammensetzung solcher Untereinheiten wie Pfund
+oder Halbpfund aus Grammen wurde gut aufgefaßt und angewendet. (Im
+dritten und vierten Schuljahre wurden alle Kinder mit Handwagen
+ausgerüstet, um selbständige Wägungen, insbesondere von _würfelförmig_
+geformten Stoffen aller Art und damit auch Materialvergleichungen
+vornehmen zu lassen.)
+
+c) =Schreiblesen, Lesen, Rechtschreiben, Erzählen.= In der ersten
+Klasse kamen als Vorübung für das Schreiben in Anlehnung an M.
+_Montessori_ geometrische Formen zur Verwendung, deren Umrisse von den
+Kindern mit Bleistift zunächst umzogen wurden. Die so umgrenzte
+Papierfläche war dann mit Farbstiften immer sorgfältiger auszufüllen.
+Die Kinder wurden dadurch gewöhnt, den Umriß zu beobachten, bestimmte
+Grenzen einzuhalten, verschiedene Formen des Umrisses aufzufassen und so
+langsam die Schreibbewegungen der Hand beherrschen zu lernen, ohne daß
+zunächst die Arbeit durch die Auffassung von schwierigeren
+Buchstabenformen kompliziert wurde. Die Einführung in die einzelnen
+Buchstaben erfolgte in früheren Jahren in der Weise, daß der Buchstabe
+zunächst langsam und unter Beobachtung aller Bewegungen vorgeschrieben
+wurde. Darauf hatten ihn die Kinder in dem von Stadtschuleninspektor
+Schmied entworfenen Setzkasten auszusuchen, auf unliniertem Papier oder
+unlinierten Schiefertafeln möglichst groß nachzuzeichnen, zu betasten
+und mit den Fingern nachzufahren bis zur Geläufigkeit. Diesen Vorübungen
+folgte die Darstellung der Buchstaben auf den großen Wandtafeln, welche
+die drei Wandflächen des Schulzimmers bedecken, dann gemeinsame
+Korrektur der auf den _zehn_ Wandtafeln von den Kindern gleichzeitig
+geschriebenen Buchstaben und endlich erst die Darstellung und Einübung
+der Buchstaben auf der Schiefertafel; Hand in Hand mit diesen Übungen
+gingen die Lese- und Rechtschreibübungen. Die letzteren hielten
+gewöhnlich folgenden Gang ein: Auf einer der großen Schultafeln wurden
+von der Lehrerin in Druckbuchstaben neue Sätze zusammengestellt, die
+Kinder übersetzten die Druckbuchstaben zunächst in Schreibschrift
+mittels Setzkasten und schrieben dann erst auswendig die Sätze auf die
+Schiefertafel oder ins Heft. Die Fibel war Mitte Mai vollständig
+ausgelesen, so daß die Kinder die letzten zwei Monate bereits das
+Lesebuch: »Blaue Blumen«, ein Buch für Mütter und Kinder, mit großem
+Vergnügen benützten. Schwierigkeiten bereiteten hier im Anfang nur die
+in kleinen Lettern gedruckten Erzählungen.
+
+Ein gänzlich anderer Weg wurde im Schuljahre 1913/14 eingeschlagen. Die
+in Deutschland übliche Schreiblesemethode geht, selbst wenn sie die
+Normalwörtermethode zugrunde legt, von den einzelnen Buchstaben aus,
+gibt diese in ihrer schwierigsten Form, der deutschen Fraktur, und in
+vier verschiedenen Alphabeten (große und kleine Druckschrift, große und
+kleine Schreibschrift) und übt dann allmählich das für viele Schüler
+schwierige _Zusammenlesen_ der Buchstaben zu Wörtern.
+
+Mein fast dreimonatiger Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von
+Nordamerika, währenddessen ich gegen 100 Volksschulklassen in den
+verschiedenen Staaten des Nordens und Südens besichtigte, hat mich zu
+meiner großen Überraschung belehrt, daß ein völlig anderer Weg zum
+mindesten für die Einführung in die englische Sprache mit ihren ungemein
+zahlreichen _ein- und zweisilbigen_ Wörtern gleich fruchtbar sein kann.
+Obwohl das amerikanische Schulwesen alle seine früheren Anregungen aus
+Europa bekam, so hat es unsere europäische Schreiblesemethode
+vollständig abgelehnt, und obwohl jeder der 48 Staaten Nordamerikas
+völlig autonom ist in der Gestaltung seines Schulwesens, so hat sich
+doch die von mir beobachtete Methode in allen Staaten allgemein und ohne
+jeden äußeren Zwang eingebürgert.
+
+Die Methode gründet sich auf das _Wortbild_. Einzelne aus der praktischen
+Tätigkeit der Schule entsprungene Sätze von 5 bis 6 Wörtern bilden den
+Ausgangspunkt. Die Wortbilder werden als _Ganzes_, durch sinnreiche
+Übungen und Spiele aller Art, eingeprägt. Dieser Einprägung kommt die
+lateinische Blockschrift mit dem Mangel an Majuskeln innerhalb des
+Satzes ungemein zustatten. Man betrachte nur einmal etwa daraufhin den
+Satz:
+
+ +I lost my pen to-day+
+
+mit der Darstellung in deutscher Fraktur und Sprache:
+
+ +Ich habe heute meine Feder verloren.+
+
+Das Wortbild der lateinischen Blockschrift ist sehr viel formenärmer und
+kann schon am ersten Tage des Unterrichts von den Kindern nachgemalt
+werden, was der Einprägung sehr zustatten kommt. Sobald auf diese Weise
+50 bis 60 Wortbilder im Gedächtnis des Kindes liegen, werden dem Kinde
+bereits _ganze Erzählungen_ aus diesen Wörtern in Blockschrift vorgelegt,
+in die nur da und dort ein neues unbekanntes Wort eingestreut ist,
+_dessen Bedeutung das Kind aber aus dem ganzen Zusammenhang erschließen
+kann_. Zu den so _selbst erarbeiteten_ Wortbildern werden dann wieder durch
+neue Mustersätze aus dem Schulleben andere Wörter hinzugefügt, sehr oft
+gleichlautende Reimwörter, und so vermehrt sich der Wortbildschatz immer
+mehr. Allmählich, namentlich unter dem Einfluß der Reimwörter, vollzieht
+sich _automatisch_ die Analyse des Wortbildes in Lautbilder von selbst,
+und nach einem halben Jahre sind alle Kinder auch im Besitze sämtlicher
+Lautbilder.
+
+Inzwischen sind aber die Kinder an drei wesentliche Dinge gewöhnt
+worden: a) beim Lesen vor allem auf den _Sinn des Satzes_ zu achten, ohne
+welche Achtsamkeit _ja neue_ Wortbilder nicht erfaßt werden konnten; b)
+sich stets nur _Wortbilder_ einzuprägen, anstatt sich _gedächtnismäßig_ die
+Orthographie des Wortes durch die Reihenfolge des Buchstabens zu merken;
+c) das Wortbild mit einem Schlage aufzufassen und nicht mühsam aus der
+Buchstabenfolge zusammenzulesen. Vor allem aber sind sie schon sehr viel
+früher als unsere Kinder in den Stand gesetzt, ganze Geschichten zu
+lesen und so aus der _Lesefreudigkeit_ heraus die Schwierigkeiten des
+Lesens überwinden zu lernen. Die Einführung in die Schreibschrift
+erfolgt ganz unabhängig von der Einführung ins Lesen, das möglichst
+beschleunigt wird; nur das Nachmalen der höchst einfachen
+Druckbuchstaben der lateinischen Blockschrift geht parallel.
+
+Die Methode ist bereits äußerst sorgfältig ausgebaut, und eine sehr
+interessante ausgedehnte Literatur von »first reading-books«, von ersten
+Lesebüchern, unterstützt sie. Weiter darauf einzugehen, ist hier nicht
+möglich. Ob die Methode auch für die deutsche Sprache gleich fruchtbar
+ausgenutzt werden kann, muß ausprobiert werden. Zwei der Lehrkräfte der
+Versuchsschule, Herr _Brückl_ und Frl. _Merxmüller_, haben sie mit großer
+Wärme und Begeisterung und mit tiefem Verständnis versucht. Ich möchte
+den Bericht von Fräulein Bertha Merxmüller hier zur weiteren Anregung
+zum Abdruck bringen. Die reichen Erfahrungen, die Herr Brückl gemacht
+hat, wird er wohl in einer eigenen Arbeit veröffentlichen. Zum Bericht
+des Fräulein Bertha Merxmüller, die im Schuljahre 1915/16 freiwillig die
+erste Klasse übernahm, bemerke ich, daß der Mangel an Räumen, der durch
+die Ablassung von mehr als der Hälfte aller Schulgebäude an die
+Militärverwaltung herbeigeführt war, uns genötigt hat, in den meisten
+ersten Klassen und auch in der Versuchsklasse die Unterrichtszeit auf
+_wöchentlich 12 Stunden_ festzusetzen. Der Bericht gibt auch deutlich ein
+Bild davon, was Arbeitsunterricht im Schreiblesen heißt. Ich gebe zuerst
+die Erfahrungen im _Leseunterricht_.
+
+a) =Meine Bilderbogen=. »Es waren einfache kindertümliche
+Darstellungen mit klaren Texten in Antiqua für die Stufe des scheinbaren
+Lesens als _Ausgang und Grundlage für die erste Lesetätigkeit_. Auf dem
+Wege des Vergleichens werden die Übungswörter des Textes wiedererkannt,
+wenn sie auf der Tafel in anderer Reihe auftreten, bis sie, zur
+lebendigen Rede gefügt, als Ausdruck für kleine gemeinsame Erlebnisse
+gelten und als solche erfaßt werden können.«
+
+»In der unterhaltsamen Beschäftigung mit diesen Bilderbogen sah ich die
+Erfahrung der Kinderstube bestätigt, daß sich Kinder gerne und leicht
+einprägen, was in ihren Bilderbüchern bei den geliebten Bildern steht.
+Das von der Spielwelt herübergenommene Interesse verstärkte sich durch
+die Wichtigkeit der ersten Schularbeit, und es entstand jene
+_Vertrautheit mit den Lautzeichen_, die den Sinn immer eindringlicher auf
+die Elemente und ihre Beziehungen lenkt, das Lautbewußtsein schafft und
+später ein Kind nach dem andern, jedes zu seiner Zeit, ohne
+aufdringliche Hinweise, nur einem inneren Zwange gemäß, zur Lautanalyse
+führt und zum synthetischen Lesen.«
+
+b) =Meine selbstgeschaffenen Lesestoffe=. »Sie wollten sowohl
+sprachlich wie inhaltlich der kindlichen Entwicklung so viel als möglich
+Rechnung tragen und die Tatsache berücksichtigen, daß fremde
+Sprachinhalte und fremde Sprachformen den Leselernprozeß benachteiligen
+müssen, weil er doch die ganze Aufmerksamkeitsenergie für sich
+beansprucht.«
+
+»Abgelauscht den sprachlichen Äußerungen der Kleinen, wirkten die
+meisten meiner selbstgeschaffenen Lesestoffe durch die persönlichen
+Beziehungen ihres _tatsächlich und meist gemeinsam erlebten Inhaltes_,
+eines Inhaltes, der unbedingte Teilnahme oft bis zum jubelnden Beifall
+erzeugte und die ganze Lese-Lernarbeit natürlich und anregend
+gestaltete.«
+
+»Die kleinen Lebensausschnitte wurden den Kindern in der _Form von
+Leseblättern und Tafelstücken_ geboten, wodurch sie der psychologischen
+Beschaffenheit des Kindes noch weiter durch den _Reiz des Neuen_ und der
+_Abwechslung_ entgegenkamen und als _kleine abgerundete Ganze_ der leichten
+Ermüdbarkeit des Kindes gerecht wurden.«
+
+»Ungezwungen bereits geübte Wortbilder immer wieder zur Wiederholung
+bringend und darin etliche neue versteckt zur vergnüglichen Lösung --
+bedeutete Stück für Stück eine _mühelose, lustvolle Anwendung und
+Sicherung des Gelernten, wie auch ein wohlerwogenes Maß von
+Schwierigkeiten_, der kindlichen Kraft zur frohen Betätigung zugeteilt.«
+
+»Das bewegte Innehalten, wenn in der Lesearbeit der Sinn aufging, die
+Situation erfaßt wurde und Selbsterlebtes zum greifbaren Bilde sich
+gestaltete, war der Beweis, daß _die Kleinen im besten Sinne Lesen
+lernten_, trotz technischer Schwierigkeiten und äußerer Ablenkung, Lesen,
+d. h. Schätze heben. Sie hatten ihre helle Freude, daß sich das alles so
+schön lesen und schreiben ließ, ergötzten sich staunend an den eigenen
+Ausdrücken und den Wendungen, die ihnen vom täglichen Leben her so
+geläufig waren, wollten gleich noch was dazu erzählen, mußten gleich
+noch was fragen und wollten es dann gleich nochmal lesen, weil es 'gar
+so schön', 'so echt', 'so nett' war, 'zum Totlachen', 'eine Gaudi', weil
+es 'ganz wahr' war.«
+
+»Diesen oder jenen Ausdruck möchten sie bei dieser Gelegenheit gleich
+auch noch geschrieben sehen; einer kann aus dem Wort an der Tafel gleich
+selbst ein anderes machen, braucht nur was wegtun oder was hinsetzen,
+gleich heißt es dann anders. Und sie freuen sich alle über die gelungene
+Veränderung und lassen nicht mehr los und gehen ihre Entdeckerwege
+weiter und wollen unaufhörlich schaffen und gestalten. _Viel
+Schaffenskraft von lebendigem Interesse geweckt_ mußte da wegen des
+beschränkten Kriegsbetriebs oft gewaltsam zurückgedrängt werden. Auf
+keinen Fall kam in diese Leselernstunden gähnende Langeweile oder
+qualvolle Mühe. Es waren sehr interessante, höchst vergnügliche
+Stunden.«
+
+In gleich erfreulicher und belehrender Weise lautet der Bericht über die
+Erfahrungen im _Schreibunterricht_.
+
+»Auch hier war ich in allererster Linie bestrebt, nach dem Gesetz von
+der _Isolierung der Schwierigkeiten_ nicht plötzlich mit allen
+Schwierigkeiten auf einmal zu beginnen, sondern im allmählichen
+Fortschreiten ein Hindernis nach dem andern zu überwinden.«
+
+»Dabei ging ich von der Annahme aus, daß die Schriftformen um so mehr
+Ausdruckskraft werden vermissen lassen, _um so gezwungener und gequälter_
+ausfallen müssen, sich um so weniger frei werden entwickeln können, _je
+mehr Vorschriften das Kind beengen_ und je mehr Gesetze es binden.«
+
+»Als solche _Hemmnisse_ erkannte ich alle Einengungen, die das _Gerät_,
+insbesondere die spitze Feder, verursacht, -- dann eine für alle
+gleichmäßig von vornherein vorgeschriebene _Handhaltung_, -- die starre
+_Unabänderlichkeit der Formen_ und das Verlangen, jede Schriftform auf
+eine gewisse Art und in einer bestimmten Reihenfolge zur Darstellung zu
+bringen, -- endlich die _Liniatur_.«
+
+»Wenn auch im Schreibunterricht die Lust am Schaffen Triebkraft werden
+sollte, Kraftentfaltung und Entwicklung der Eigenart die zu erstrebende
+Frucht des Unterrichtes, dann durfte die starre, kalte, unverrückbar
+festgelegte Form nicht im Vordergrund des Unterrichtes stehen bleiben,
+nicht die äußere technische Seite mit ihrer Qual für die ungeübte,
+unentwickelte Hand des Kindes --, sondern _die freischaffende Tätigkeit
+des Kindes_.«
+
+»Für meinen grundlegenden Schreibunterricht, der in natürlichem Aufbau
+von der Antiqua ausgehen durfte, galt es also _zunächst ein willfähriges
+Schreibgerät zu finden_, das in der ungelenken Hand des Kindes und selbst
+noch beim falschen Gebrauch seinem Wesen getreu bleibt und die der
+lateinischen Druckschrift charakteristischen Schnurzüge erzeugt.«
+
+»Ich kam von dicken, weichen, farbigen Ölkreidestiften, 10 Stück 10
+Pf., auf dem Papier und vom weichen Buttergriffel auf der Tafel
+(Papiernot!) zum griffelartig zurecht gespitzten Schreibholz für die
+Tinte und dann erst zur Feder, und zwar zu einer starken
+Kugelspitzfeder. _Dann_ sollten meine Kinder gleich _vom Anfange an
+möglichst frei gestalten dürfen_, wobei es mir wichtig schien, daß sich
+ein Gefühl für _gute Schriftformen_ an guten Vorbildern und durch
+zweckmäßige Besprechung guter und schlechter Beispiele an der Schultafel
+entwickeln könne und daß jedes Kind die Handhaltung und die Schriftform
+selbst finde, die seinem Wesen gemäß ist und ihm einen freien Zug
+ermöglicht.«
+
+»Und siehe, _die Schriften entwickelten sich in völlig ungeahnter Weise_.
+Die überraschend schönen Erfolge rechtfertigten am besten die
+vorausgestellten Annahmen und Grundsätze. An dem Maße aber, wie von
+Stufe zu Stufe bei jeder neuen Werkzeughemmung die Leistungen immer
+sofort zurückgingen, um nach kurzer Zeit allmählich wieder zu steigen,
+sieht man recht klar, welch große Schwierigkeiten die heutige Schule dem
+Kinde zumutet, wenn sie es gleich am Anfang in die Liniatur zwingt und
+ihm für das Papier gleich die spitze Feder zur Hand gibt.«
+
+»_Bei der weiteren Aufgabe, die Kinder von der lateinischen Druckschrift
+zur lateinischen Schreibschrift zu führen_, sie durch die schreibgemäße
+Form der Antiqua und ihre natürliche Fortsetzung in die eigentliche
+Kunst des Schreibens hineinwachsen zu lassen, wurde ich auf die
+verdienstvolle Anregung des Herrn _Prof. Kuhlmann_ hin zu einem _sehr
+interessanten Versuch_ geführt. Es war die Frage gestellt:
+
+_Können sich die Kleinen in Erfüllung des Arbeitsschulgedankens ihre
+Handschrift selbsttätig erarbeiten?_ Daß dieser Versuch in hervorragender
+Weise als gelungen bezeichnet werden muß, zeigen die Schriften der
+Kinder, besonders auf ihren einzelnen Entwicklungsstufen.«
+
+»Sie beantworten noch folgende _wichtige Teilfragen_:
+
+1. Kann man im Durchschnittskind ein Gefühl für Schriftformen entwickeln
+und ausbilden?
+
+2. Hat es die Neigung und Begabung, seine Schrift selbständig zu
+gestalten?
+
+3. Muß die Freiheit eines zwang- und vorschriftlosen Schreibunterrichtes
+nicht notwendigerweise oder doch mit der Zeit zu einer Schriftverwilderung
+führen?
+
+Der Versuch hat die beiden ersten Fragen glänzend bejaht, die dritte
+Frage verneint, sobald nur die Lehrkraft selbst von einem ästhetischen
+Gefühl für Schrift beherrscht ist.«
+
+In der _zweiten_ Versuchsklasse standen dem Unterricht in der deutschen
+Sprache 5 Stunden zur Verfügung gegenüber 9 Stunden, die in den übrigen
+normalen Volksschulklassen Münchens vorgeschrieben waren. Die 5 Stunden
+waren: 2 Lese-, 2 Rechtschreib- und 1 Schönschreibstunde. Eine
+Visitation am Schlusse des Jahres ergab, daß das Klassenziel in der
+gleichen Weise erreicht war, wie in den sonstigen guten Klassen.
+
+Beim Lesen wurde ein besonderes Gewicht auf das rasche Erfassen des
+Gesamtinhaltes gelegt und sowohl durch freie Wiedergabe als durch
+_mimische_ Darstellung des jeweils geschilderten Ereignisses zu erreichen
+gesucht. Eine Lehrerin der Klasse glaubt, daß die dramatischen
+Darstellungen der Lesestücke, bei denen die Kinder nicht bloß redend,
+sondern auch handelnd auftreten und die zunächst immer nur improvisiert
+sind, ohne nennenswerte Schwierigkeiten schon in den Mittelklassen
+festgehalten und durch Einübung zu immer größerer Vollkommenheit
+gebracht werden könnten. Der Vorteil, der hieraus erwachsen würde, läge
+nicht nur in der Verwendbarkeit solcher Darstellungen für gemeinsame
+Schülerfeste, sondern auch in der Steigerung der Gefühle für die
+geschilderte Situation und damit die Steigerung der Auffassung und damit
+des Interesses für das Gelesene. Als besonders zur mimischen Darstellung
+geeignet erwiesen sich die Lesestücke des Münchener Lesebuches für die
+zweite Klasse: Kasperl in der Schule, Das Büblein auf dem Eise, Bub und
+Bock, Hansel und Gretel, Musik auf dem Hofe, Wolf und Fuchs, Der
+lügenhafte Hirt, Vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen.
+Vor Trimesterschluß gab jeweils ein Schülerfest den Kindern besondere
+Gelegenheit, ihr Können im Erzählen, Vortragen, Dramatisieren (natürlich
+auch im Musizieren, Singen, Zeichnen) in den Dienst der
+Klassengemeinschaft zu stellen und so zum Gelingen eines
+Gemeinschaftswerkes beizutragen. Am Ende jeder Woche wurden auch die
+Schüler veranlaßt, ihre Erlebnisse in der Werkstätte zusammenhängend zu
+erzählen.
+
+Bei der Behandlung des Rechtschreibstoffes leisteten die neueingeführten
+Tafelwände (drei Seiten des Schulzimmers waren mit fortlaufenden Tafeln
+bedeckt) außerordentlich gute Dienste. Alle neuen Wörter, alle Diktate
+konnten gleichzeitig von 15 Schülern an die Tafelwände geschrieben
+werden, während die übrigen Kinder ins Heft schrieben. Die _gemeinsame_
+Korrektur der auf der Tafelwand von _allen_ Kindern aufzusuchenden Fehler
+gab eine ausgezeichnete Übung im Fixieren der Wortbilder.
+
+d) =Katholischer Religionsunterricht.= Der Religionsunterricht war
+inhaltlich an den offiziellen Lehrplan der _ersten_ Klasse gebunden.
+Methodisch suchte er innerhalb dieses Rahmens möglichst durch die
+Beobachtung, Anknüpfung an die Erfahrung, Nachahmung, dramatische
+Darstellung das religiöse Erlebnis zu vertiefen. Dieses war im weitesten
+Sinne beim religiös-liturgischen Anschauungsunterricht möglich. Durch
+wiederholten Besuch in der Josefskirche sowie in der Sakristei derselben
+wurden die liturgischen Objekte und Handlungen zur unmittelbaren
+Anschauung gebracht. Die liturgischen Handlungen wurden zum Teil in
+Spiel und Ernst nachgeahmt. (Verehrung des Christkindes, Betrachtung der
+Kreuzwegbilder in der Josefskirche, Maiandacht, Messe.) Der
+religiös-sittliche Anschauungsunterricht wurde im Anschlusse an die
+Erlebnisse der Kinder (Haus, Straße, Schule, Spielplatz) behandelt. Beim
+Gebetsunterricht wurde möglichst auf wirkliches Beten aus erlebter
+Empfindung, nicht bloß auf gedächtnismäßiges Aufsagen gesehen. Die
+biblischen Erzählungen wurden vielfach dramatisch, mit Rollenverteilung,
+nacherzählt und so zu möglichster Wirkung gebracht.
+
+In der _zweiten_ Klasse bildete eine Wanderung zur Ursulakirche die
+Grundlage für den religiös-_liturgischen_ Anschauungsunterricht. Zur
+Grundlage des religiös-_sittlichen_ Anschauungsunterrichtes wurden die
+mannigfachen Erlebnisse der Kinder genommen. Im übrigen wurde gemäß den
+im vorausgehenden geschilderten Grundsätzen des ersten Schuljahres
+verfahren.
+
+e) =Turnen.= Für Turnen waren in der _ersten_ Klasse jeden Tag 20
+Minuten in Anrechnung gebracht. Diese 20 Minuten waren zweimal (Montag
+und Donnerstag) auf den Nachmittag, die übrigen Tage auf den Vormittag
+verlegt. Die Vormittagsübungen bildeten ein willkommenes Gegengewicht
+gegen eine möglicherweise eintretende geistige Ermüdung. Die Turnzeiten
+wurden an den Nachmittagen hauptsächlich für jene Übungen verwendet,
+welche die Willensbegabung der Schüler vor allem fördern, also für
+Freiübungen zur richtigen Körperhaltung, für Wettspiele und Wettkämpfe.
+
+An den Vormittagen wurden hauptsächlich Lauf-, Nachahmungs- und
+Singspiele gespielt; unter den Nachahmungsspielen befanden sich von den
+Kindern _selbst erdachte_ und in irgendeinem Zusammenhang mit dem
+Unterricht stehende: z. B. »Meine Blümchen haben Durst« (Bild),
+»Straßenverkehr«, »Rechtsgehen«, »Kriegführen«, »Frau Holle«.
+
+In der _zweiten_ Klasse war der Turnunterricht auf vier halbe Stunden
+verteilt. Im übrigen wurde wie im Vorjahre verfahren unter steigender
+Anspannung der Willenskräfte behufs ordnungsgemäßer und genauer
+Ausführung der Turnbewegungen. Immer wurde auf sorgfältige Pflege der
+Arbeitsgemeinschaft und der freiwilligen Unterordnung Bedacht genommen.
+
+Mit Beginn dieses Schuljahres wurden in allen Versuchsklassen in eine
+Unterrichtspause jeden Tages hygienische Körperübungen von fünf bis acht
+Minuten gelegt, welche als Vorbeugung gegen Tuberkulose und gegen
+Skoliose eingeführt wurden. (Anleitung durch Schularzt Dr. Ranke.)
+
+f) =Singen.= Die Liedertexte standen zunächst in Verbindung mit den
+Aufgaben des Anschauungsunterrichtes, aus dem ihre Inhalte
+herauswuchsen. Zur klaren Erfassung des Rhythmus wurden die Kinder
+angeleitet, aus vorgesungenen Liedern den Takt selbst herauszufinden. Im
+zweiten Schuljahre boten auch die Singspiele und religiöse Lieder, die
+mit gewissen kirchlichen Festtagen in Beziehung standen, Stoff für den
+Singunterricht. Die Texte der Lieder standen zur Zeit ihrer Einübung
+immer zum Schul- oder öffentlichen Leben in enger Beziehung und dienten
+so der Steigerung des Gefühlslebens.
+
+g) =Holzbearbeitungsunterricht.= Unter den praktischen
+Beschäftigungen, die wir mit der Versuchsschule verbunden haben, bildet
+die Beschäftigung mit der Holzarbeit neben der Beschäftigung mit
+weiblichen Handarbeiten, die von der dritten Klasse ab nur mehr für die
+Mädchen bestimmt ist, die wichtigste. Ich habe mich für die Holzarbeit
+unter Ausschaltung von Papp- und Metallarbeiten aus einer Reihe von
+Erwägungen entschieden, die ich in Kap. IV und V des näheren ausgeführt
+habe. Die wichtigsten dieser Erwägungen sind: a) die mannigfache
+Verwendbarkeit der so erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht bloß
+im späteren Leben, sondern auch im Dienst des Volksschulunterrichtes in
+Rechnen, Zeichnen und Physik; b) die Möglichkeit, die Arbeitsprozesse
+von Anfang an mit größter Genauigkeit ausführbar zu machen, so daß der
+Schüler jederzeit _Selbstkontrolle_ über das Gelingen seines Werkes hat;
+c) damit verbunden die weitere Möglichkeit, in einer Fülle ganz stetig
+aufeinanderfolgender, immer schwieriger werdender Aufgaben die
+Gewohnheiten der Genauigkeit, Sorgfalt, Gründlichkeit und Ausdauer zu
+steigern; d) die leichte und vielseitige Behandlungsmöglichkeit, sowie
+die Billigkeit des Materials; e) das natürliche, von allen Knaben und --
+wie wir nun auch durch unsere Versuche erfahren haben -- von allen
+Mädchen in ganz hervorragendem Maße geteilte Interesse an der
+Holzbearbeitung und den Arbeitsprodukten, die sich aus dieser
+Beschäftigung ergeben. Schon die Schüler der ersten Klasse ziehen nach
+unserer Erfahrung den Unterricht in der Holzbearbeitungswerkstätte allem
+übrigen Unterricht vor, obwohl wir vom ersten Tage an dem Kinde
+bestimmte Aufgaben nach vorgelegten Mustern stellen und vom ersten Tage
+an den größten Nachdruck auf durchwegs sorgfältige Arbeit legen.
+
+Die Voraussetzungen für das Gelingen dieses Unterrichtes sind: ein
+technisch vollkommen durchgebildeter Lehrer, weise Auswahl der
+Arbeitsprozesse, welche das Kind sorgfältig auszuführen imstande ist,
+ein besonderer Arbeitsraum mit entsprechenden, dem Alter der Kinder
+angepaßten Einrichtungen und eine zweckmäßige Vorbereitung des vom
+Schüler zu behandelnden Materials, damit diesem keine Arbeitsprozesse
+zugemutet werden müssen, die über die physischen und geistigen Kräfte
+des Kindes hinausgehen. In den ersten und zweiten Klassen zeigt sich
+hierbei, daß für das Gelingen der Arbeit unbedingt für _jedes_ Kind ein
+eigenes Modell nötig ist. Vom dritten Schuljahre ab benötigt das Kind
+das Modell meist nur als Anschauungsmittel; im übrigen arbeitet es mehr
+nach Maßangaben, womit für dieses Schuljahr zugleich ein höchst
+fruchtbares Arbeitsfeld für praktische Rechenübungen gegeben ist, das
+die Lust zum Rechnen und damit die Fähigkeit zum Rechnen in einer
+unerwarteten Weise steigert.
+
+Knaben wie Mädchen zeigen für die einfachen Aufgaben der Holzbearbeitung
+die gleiche Begeisterung; doch stellt sich immer deutlicher die bessere
+Begabung der Knaben hierzu heraus, sobald es sich um die Auffassung von
+Konstruktionselementen handelt. Nach den Mitteilungen des Fachlehrers
+beginnen viele Kinder bereits im ersten Schuljahre die Anregungen der
+Werkstätte auch in freiwillige häusliche Arbeiten umzusetzen. Die Zahl
+steigert sich mit jedem Schuljahre, und um die Weihnachtszeit kommen
+Eltern um Eltern, beim Fachlehrer geeignete Werkzeuge für die häuslichen
+Arbeiten zu bestellen. Vom dritten Schuljahre ab bringen die Kinder
+regelmäßig freiwillige Arbeiten mit in die Schule. Sie sind meist gut in
+der Auffassung, mangelhaft in der Konstruktion. Das letztere ist
+selbstverständlich. Gerade der Sinn für richtige Konstruktion muß erst
+in langjähriger Arbeit entwickelt werden. Auch haben die Kinder zu Hause
+das so gut vorbereitete, passende Material der Schule nicht zur
+Verfügung. Sie müssen sich ihre Holzstücke ohne Erfahrung erst
+zurechtrichten. Aber hierbei fehlt vor allem ein Werkzeug, der Hobel, an
+dessen Einführung wegen der physischen Kraft, die er beansprucht, nicht
+vor dem Beginn der sechsten Klasse gedacht werden kann. Vielleicht daß
+man später daran denken kann, Hobel mit sehr schmalen Hobeleisen etwa
+schon im fünften Schuljahre zu verwenden.
+
+Zur _Arbeitsgemeinschaft_ bieten die Übungen mannigfache Gelegenheit.
+Viele Objekte können nur in Arbeitsgemeinschaft hergestellt werden; ja
+die Einfachheit der einzelnen Übungen drängt geradezu dazu, gemeinsame
+Arbeitsobjekte von Zeit zu Zeit einzuschalten, weil nur ein wirkliches
+Objekt imstande ist, immer und immer wieder das Interesse des Kindes zu
+fesseln und ihm so über die Schwierigkeit und Monotonie der einzelnen
+Übungen hinwegzuhelfen. Es zeigte sich, daß die Arbeitsfreude am
+stärksten sich einstellte, wenn ein _gemeinsamer_ Zweck die Kinder in
+ihrer Arbeit zusammenführte.
+
+Der Umstand, daß für jeden Schüler das Material der Aufgabe gemäß erst
+vorbereitet werden muß, hat es natürlich mit sich gebracht, daß für den
+Fachlehrer für jede Unterrichtsstunde unbedingt eine Vorbereitungsstunde
+notwendig wird, namentlich solange er auch noch die Modelle für alle
+einzelnen Kinder anzufertigen hat. Fällt dies weg, so wird sich die
+Vorbereitungszeit pro Unterrichtsstunde auf eine halbe Stunde reduzieren
+lassen. Aus den nachfolgenden Verzeichnissen der Werkzeuge lassen sich
+sofort die von den Kindern des ersten bis vierten Schuljahres
+auszuführenden Arbeitsprozesse erkennen. Dabei bemerke ich, daß das
+Sägen sich nur auf Trennung von Stäben und schmalen, höchstens 5 cm
+breiten Brettchen beschränkt. Lange Sägestriche exakt mit freier Hand
+auszuführen, kann von Kindern der ersten vier Schuljahre noch nicht
+gefordert werden. Alle Sägeübungen bedürfen der Führung durch die
+Gehrungsschneidlade, damit sie allen Ansprüchen auf Genauigkeit in
+diesem Alter genügen.
+
+Die Werkzeuge für jeden Schüler, die gemäß der Stärke einer Abteilung 25
+mal beschafft wurden, waren folgende:
+
+ 1 Parallelschraubstock aus Eisen M 2,--
+ 1 Gehrungsschneidlade mit Anschlag " --,75
+ 1 Einstreichsäge mit Messingrücken " --,70
+ 1 kleine halbrunde Raspel " --,50
+ 1 kleine halbrunde Schlichtfeile " --,50
+ 1 kleine rechteckige Schlichtfeile " --,45
+ 1 Hammer (100 g) " --,60
+ 1 kleine Beißzange Nr. 8 " --,45
+ 1 kleine Flachzange " --,70
+ 1 kleiner Nagelbohrer " --,15
+ 1 prismatischer Maßstab (30 cm) " --,50
+ 1 Bleistift " --,05
+ --------------
+ Summa: M 7,35
+
+Die Ausgaben für die Gesamtausrüstung für 25 Schüler betrugen Mk.
+183,75. Dazu kommen zum allgemeinen Gebrauche:
+
+ 12 Stück Schraubenzwingen aus Eisen,
+ 6 " kleine Bohrer,
+ 1 " Trillbohrer,
+ 2 " amerikanische Schneckenbohrer.
+
+An Materialausgaben fielen an:
+
+ +---------------------------------++--------------+---------------+
+ | || Für die | Für die |
+ | || erste Klasse | zweite Klasse |
+ +=================================================================+
+ | Für Holz || M 41,54 | M 57,87 |
+ | Für Stifte und Schrauben || " 2,60 | " 2,72 |
+ | Für sonstige Materialien (Leim, || | |
+ | Spiritus, Beize, Papier usw.) || " 5,55 | " 7,10 |
+ | ---++--------------+---------------+
+ | || M 49,69 | M 67,69 |
+ +---------------------------------++--------------+---------------+
+
+d. h. im ersten Jahre wurde pro Kind 1 Mk. und im zweiten Jahre pro Kind
+1 Mk. 40 Pfg. an Materialausgaben nötig.
+
+Einen Überblick über die einzelnen Übungen der ersten Versuchsjahre und die
+von ihnen in Anspruch genommene Zeit gibt das folgende Verzeichnis. Dazu
+möchte ich nur bemerken, daß einzelne dieser Arbeiten zu umfangreich
+angelegt waren. Andere Arbeiten machten zu vielerlei von vornherein
+geformtes Arbeitsmaterial nötig. Wieder andere Arbeiten waren zu früh
+eingestellt. Vielfach auch wurde die Auswahl erschwert dadurch, daß schon
+von Anfang an eine enge Verbindung mit dem Anschauungsunterricht gefordert
+wurde. Alle diese Mängel waren uns klar bewußt, und wir sind bemüht, sie
+abzustellen. Vor allem müssen die Arbeiten so aufgestellt werden, _daß sie
+mit einem Minimum von Normalien auskommen_, d. h. mit möglichst wenig
+vorgearbeitetem Holzmaterial. Denn je mannigfaltiger die Normalien sind,
+desto mehr Vorbereitungsstunden fallen für den Fachlehrer an und desto mehr
+wachsen dann die Ausgaben.
+
+_Arbeiten der ersten Klasse._ 1. Absägen von 10-15 kleinen _Würfeln_ von
+einem 10 mm starken Vierkantstab in Fichtenholz. (2 Std.)
+
+2. Desgleichen von einem 15 mm starken Vierkantstab, wobei auch die
+Hirnholzkanten mit der Feile gebrochen werden mußten. (2 Std.)
+
+3. _Nagelstab_ 200×18×7 mm aus Erlenholz, in den abwechselnd 10 Stück
+Pariser- und 4 Stück Messingnägel eingeschlagen wurden. (4 Std.)
+
+4. _Zählmaschine_ für 20 Kugeln, 26 cm lang, 14 cm hoch aus Buchen- und
+Fichtenstäben von 10 qmm (mit drehbaren, quergestellten Füßen von 20
+qmm). (18 Std.) Diese Arbeit wurde in späteren Jahren nicht mehr
+ausgeführt:
+
+An ihre Stelle trat:
+
+5. _Das Rechenstäbchen_. Länge 20 cm. Einteilung in 20 gleiche Teile. (2
+Std.)
+
+6. _Turnstab_ von 80 cm durch Absägen eines Rundstabes von 20 mm Stärke.
+Abrunden an beiden Enden, schleifen und mit Politur einlassen. (4 Std.)
+
+7. _Leiter_ von 28 cm Länge, 7 cm Breite, mit 2 Schwingen und 6 Sprossen,
+die auf die Holme aufgenagelt wurden. (8 Std.)
+
+8. _Brückenwagen_ von 171 cm Länge, 80 cm Breite, 6,5 cm Höhe,
+Bodenbrettchen und Radscheiben vom Lehrer hergestellt. (12 Std.) Wurde
+in späteren Jahren weggelassen.
+
+9. _Schlitten_ 100×70×30 mm. Die vier Schwingen wurden auf die Kufen
+genagelt. (4 Std.)
+
+10. _Rechenbaukasten_ mit 32 Bausteinen (siehe Figur Taf. 1). Die
+Kästchen, dessen Brettchen vom Lehrer hergestellt sind, wurden von den
+Kindern zusammengenagelt. (14 Std.)
+
+11. _Reißschiene_, Zunge aus Fichtenholz, 24 cm lang, Anschlag aus
+Buchenholz 8 cm lang. (3 Std.)
+
+12. _Gartenzaun_ um ein vom Lehrer hergestelltes Blumenkistchen. Je sechs
+Schüler arbeiten an einem Zaun. Zaungröße 50 cm im Geviert. (8 Std.)
+
+13. _Blumenstäbe_ dazu. (2 Std.)
+
+_Arbeiten der zweiten Klasse, 1. Holzhaus_ in Arbeitsgemeinschaft. Jede
+Abteilung von 24 Kindern baut zusammen ein Haus. (24 Std.) Diese Arbeit
+wurde in späteren Jahren weggelassen. An ihre Stelle traten Aufgabe 2, 3
+und 4.
+
+2. _Lineal_ von 50 cm Länge mit Dezimeter- und Zentimeterteilung. (6 Std.)
+
+3. _Mörteltruhe_ zum Tragen mit vier Handhaben, 30×17×3 cm. (8 Std.)
+
+4. _Sandwurfgitter._ Rahmen 17×15 cm mit Überplattung. Siebgitter
+geliefert. (8 Std.)
+
+5. _Uhrzifferblatt_, 17×11 cm. Jeder Schüler fertigt ein Zifferblatt mit
+Stunden- und Halbstundenteilung. Triebräder für Stunden- und
+Minutenzeiger geliefert. Arbeitszeit für die vereinfachte Form 8
+Stunden.
+
+6. _Nudelbrett_, 25×17 cm. Bretter vom Lehrer hergerichtet. Die Schüler
+fertigen die Anschlagleisten und besorgen die Verbindung durch
+Aufnageln. (4 Std.)
+
+7. _Walker_ dazu aus 35 mm starkem Buchenstab. Walker vom Lehrer gebohrt.
+Ebenso Griffe. (4 Std.)
+
+8. _Hocker_ mit geflochtenem Sitzrahmen; Höhe 21,5 cm. Sitzfläche 20×20
+cm. (8 Std.)
+
+9. _Plättchen_ zum Damspiel. Vom Buchenstab gesägt. Geraspelt, poliert,
+gebeizt. (4 Std.)
+
+10. _Waschkreuz_ (siehe Figur Tafel II) aus 25 mm starkem Vierkantstab.
+Kreuzbalken 20 cm lang, Fußhöhe 10 cm. Balkenstumpf auf die Füße
+genagelt. (6 Std.)
+
+11. _Holzsteg_ 50×15×5 cm. (8 Std.)
+
+Alle Modelle sind in sorgfältiger Arbeit von Gewerbelehrer _Hans Rohrer_
+durchgedacht und entworfen. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin,
+jedes Modell 1. den ästhetischen Anforderungen genügen zu lassen; 2. in
+solche einfache Teile zu zerlegen bzw. so zu konstruieren, daß die Teile
+sich aus möglichst wenigen und möglichst einfachen Normalien herstellen
+lassen; 3. möglichst wenig von den im Handwerk gebilligten
+Holzverbindungen dabei abzuweichen.
+
+Man wird gemerkt haben, daß aus diesen Arbeitsprogrammen die sogenannte
+_freischaffende Phantasie der Kinder ausgeschlossen ist_. Das hat auch
+schon manchen Tadel eingetragen. Ich bin aber der unwandelbaren
+Anschauung, daß die Schule in allen Fragen des sogenannten produktiven
+Schaffens zunächst die Pflicht hat, in den Kindern in erster Linie jene
+mechanischen Fertigkeiten zu entwickeln und sie mit jenen konstruktiven
+Elementen vertraut zu machen, die jedes produktive Schaffen aus eigener
+Erfindung heraus davor behüten, in grausamen Dilettantismus auszuarten.
+Daß dabei, indem das Kind zunächst auf Nachahmung und Vorschrift
+angewiesen ist, die Arbeitsfreude nicht nur nicht zu verkümmern
+braucht, sondern im Gegenteil von Jahr zu Jahr auf das lebhafteste
+wachsen kann, das hat uns heute schon unser vierjähriger Versuch auch
+auf dem Gebiete der Holzarbeit mit unwiderleglicher Deutlichkeit
+gezeigt.
+
+h) =Weibliche Handarbeit.= Die Mädchen der zweiten Klasse nahmen nicht
+nur am Unterricht in der Holzbearbeitung teil (wie bereits erwähnt),
+sondern erhielten außerdem auch Unterricht in weiblichen Handarbeiten,
+und zwar im Stricken, Nähen und Sticken. Angefertigt wurde: 1. ein
+Topflappen (Stricken mit zwei Nadeln), 2. ein Waschhandschuh (Stricken
+mit fünf Nadeln), 3. ein Nadelkissen aus Stoffstramin, 4. Fahnen in den
+Farben Münchens und Bayerns, die zu Reigenspielen im Turnunterricht
+verwendet wurden.
+
+
+3. DURCHFÜHRUNG DES LEHRPLANES IN DEN ZWEI MITTELKLASSEN
+
+a) =Heimatkundlicher Unterricht mit Zeichnen und Handarbeit.= Der
+heimatkundliche Unterricht ist nur eine Fortsetzung des Anschauungs- und
+Beobachtungsunterrichts, wenigstens soweit die _dritte_ Volksschulklasse
+in Frage kommt; in der _vierten_ Volksschulklasse geht er bereits in
+eigentlichen Geographieunterricht über und rückt damit in die Reihe
+derjenigen Unterrichtsgebiete ein, die es mehr oder weniger mit
+_überliefertem_ Wissen zu tun haben, wo also von einer eigentlichen
+_Erarbeitung_ durch Beobachtung und Experiment wenigstens in der
+Volksschule nicht mehr die Rede sein kann. Wanderungen, Sandkästen zum
+Darstellen der horizontalen und vertikalen Gliederung, allmähliches
+Übertragen der so erzeugten Modelle in das zweidimensionale Kartenbild
+führen in die landläufigen geographischen Ausdrucksmittel ein, in die
+besondern Symbole und Zeichen, mit denen die Wissenschaft der Geographie
+arbeitet. Soweit diese Tätigkeiten (Beobachten beim Wandern, Modellieren
+in Sand, Zeichnen in Symbolen) geübt werden, haben wir es auch im
+heimatkundlichen Unterricht mit einer richtigen _Erarbeitung_ des
+Kulturgutes, das wir in der Karte besitzen, zu tun.
+
+Hierher können auch noch einzelne Schüler_versuche_ zur Aufklärung
+gewisser hydrographischer Verhältnisse der oberbayrischen Hochebene
+gerechnet werden, wie die experimentelle Darstellung des Auftretens von
+Quellen, von Deltabildungen, von Inselbildungen, Verschlammung von
+Flußmündungen, Auftauchen des Grundwassers beim Auskeilen der
+durchlässigen Sandschichte usw.
+
+Dagegen ist es ein Irrtum, daß nun auch das Zeichnen von einzelnen
+Gegenständen aus dem heimatkundlichen Unterricht, oder die Darstellung
+von Stegen, Schleusen, Brücken, historischen Toren, Schlagbäumen,
+Wegweisern, Feldkreuzen, Flößen, Starenkobeln usw. in Holz, wie sie der
+Handfertigkeitsunterricht unternahm, den _Geist_ der Arbeitsschule im
+_Geographie_unterricht widerspiegeln. Wenn die Versuchsklassen gleichwohl
+diese Tätigkeiten als einen unerläßlichen Bestandteil ihres Betriebes
+gerade in Verbindung mit dem heimatkundlichen Unterricht pflegten, so
+hatte das nur den Zweck, Zeichnen und Handfertigkeit, die beide für sich
+ihre eigene Struktur des _Erarbeitungs_prinzips haben, nicht isoliert vom
+übrigen Unterricht laufen zu lassen, sondern eben diesen durch diese
+beiden Fertigkeiten zu beleben und umgekehrt das geographische Interesse
+auch diesen Fertigkeiten zugute kommen zu lassen.
+
+Man hätte Zeichnen wie Handfertigkeit auch mit dem Rechnen oder mit den
+historischen Erzählungen und naturkundlichen Beobachtungen, die als
+erste Grundlegung des kommenden Geschichts- bzw. naturwissenschaftlichen
+Unterrichts in den heimatkundlichen Unterricht eingefügt werden,
+verbinden können, woraus unmittelbar erhellt, daß sie nicht Formen des
+Erarbeitungsprinzips für den heimatkundlichen bzw. geographischen
+Unterricht sein können. Nur soweit diese beiden Tätigkeiten die
+Erarbeitung klarer Vorstellungen eines Gegenstandes und seiner
+wertvollen Konstruktion zusammen mit Fertigkeiten des Konstruierens
+selbst ermöglichen können, müssen sie als Äußerungen des Arbeitsprinzips
+im Sinne der Arbeitsschule angesprochen werden. Aber das also
+_Erarbeitete_ sind nicht Bildungsgüter der _Geographie_, sondern eben --
+genau wie ein Anschauungsunterricht -- klare Vorstellungen gewisser
+Strukturen und Fertigkeiten zur Herstellung dieser Strukturen.
+
+In gleicher Weise wie Zeichnen und Handfertigkeit wurden auch die
+Fertigkeiten des Schätzens und Messens, wo nur immer angängig, geübt und
+in den Dienst der Vorstellungsentwicklung gestellt. Aus den Vergleichen
+von tatsächlich auf den Wanderungen in der Stadt und Umgebung
+zurückgelegten Wegstrecken mit den auf den Stadtplänen und Karten selbst
+gemessenen Entfernungen wurde der Maßstab der Pläne und Karten
+_erarbeitet_ und zugleich dem forschenden Tätigkeitstrieb des Kindes
+Rechnung getragen. Da hierbei der für den geographischen Unterricht
+charakteristische Begriff des _Maßstabes einer Karte_ tatsächlich
+erarbeitet wurde, so kann man diese Tätigkeit als eine im Sinne der
+Arbeitsschule liegende bezeichnen, wennschon auch auf allen rein
+technischen Gebieten der gleiche Begriff des Maßstabes genau in
+derselben Weise gültig ist und genau ebenso erarbeitet werden kann. In
+ähnlicher Weise führte auch das Durchqueren eines Tales (Isartal) und
+die darauffolgende Darstellung der Bewegung durch eine Zeichnung auf der
+Tafel in den _Begriff des Profiles_ ein, der nicht bloß der Geographie
+angehört.
+
+Auf den Wanderungen wurden die Gesteinsarten der nächsten Heimat von
+allen Kindern gesammelt: Kalk-, Quarz- und Kieselsteine aus dem
+Geschiebe der Isar, Nagelfluh aus ihren Hängen, Flinz, Lehm, Kalktuff.
+Ihre Untersuchung und Betrachtung ist gleichfalls kein Spezifikum der
+Geographie; sie gehört in die Anfänge der Mineralogie.
+
+Die mit der Heimatkunde verbundene Beobachtung von lebenden Fischen,
+Fröschen und Muscheln im Freien und im Schulaquarium, von
+Entwicklungsvorgängen im Raupenkasten, in den Blumenkisten des
+Schulzimmers sowie des Schulgartens dienten der Einführung in die
+_Biologie_ von Tieren und Pflanzen durch selbständige Erarbeitung gewisser
+Vorstellungen und Begriffe.
+
+Was endlich den Unterrichtsstoff im ganzen betrifft, so sei hier nur
+angeführt, daß er sich in der _dritten_ Klasse mit München, mit der
+Umgebung Münchens und mit dem Flußgebiet der Isar, in der _vierten_ Klasse
+mit dem alten Stammlande Bayern befaßte.
+
+b) =Rechnen.= Der Rechnungsunterricht kann das Arbeits- oder
+Erarbeitungsprinzip überhaupt nicht verfehlen. Die Zahlenbegriffe müssen
+_erarbeitet_ werden -- auch in der schlechtesten Schule --, oder sie sind
+überhaupt nicht da. Der naturgemäße _Gang der Erarbeitung_ ist schon durch
+die natürliche Zahlenreihe selbst gegeben, wie er auch später von den
+ganzen zu den gebrochenen, von den positiven zu den negativen, von den
+rationellen zu den irrationellen, von den reellen zu den imaginären und
+komplexen Zahlen fortschreitet, ohne daß jemals der Versuch
+auch nur denkbar wäre, das Umgekehrte zu tun. Es liegt eben im Wesen
+des Zahlbegriffs, _konstruktiver_ Begriff zu sein.
+
+Alle rein konstruktiven Begriffe aber, sobald sie ein _Werkzeug_ des
+Denkens werden sollen, müssen unweigerlich _erarbeitet_ werden, d. h.
+jeder, der diese Kulturgüter assimilieren will, muß genau den gleichen
+Weg geistiger Tätigkeit gehen, den der gegangen ist, der sie den
+Menschen geschenkt hat.
+
+Wie sehr also auch der Rechnungsunterricht ebenso wie der
+Geometrieunterricht losgelöst sein mag von aller praktischen Betätigung
+(wie z. B. bei Pestalozzi in Ifferten), er trägt in sich selbst auch in
+der abstraktesten Methode, sofern diese nur historisch-genetisch
+vorgeht, das Wesen des Arbeitsunterrichts, das eben darin besteht, in
+die Struktur des Bildungsgesetzes durch eigene Tätigkeit einzudringen.
+Es gibt auch tatsächlich Kinder, die derartig veranlagt sind, daß sie
+ohne alle Veranschaulichungs- und konkrete Einführungsmittel die
+Zahlbegriffe ganz autonom aus dem Wesen des Verstandes heraus, der sie
+durch Setzen der Einheit von selbst erzeugt, in bewunderungswerter
+Klarheit _erarbeiten_, und zwar im bloßen Verkehr mit der Umwelt.
+
+Je intensiver man daher die landläufigen Rechenoperationen an die
+praktischen Tätigkeiten des Kindes anknüpft, um so weniger bedarf es
+besonderer Veranstaltungen, den Rechnungsunterricht im Sinne des
+Arbeitsunterrichts zu gestalten. Die Verbindung mit praktischer
+Tätigkeit selbst ist bloß ein _äußeres_ Mittel zur möglichst ausgiebigen
+Betätigung der geistigen Funktionen, die auch ohne diese Verbindung die
+Zahlenbegriffe, wenn auch sehr viel langsamer und spärlicher, von _selbst_
+erarbeiten.
+
+Die menschlichen Tätigkeiten aber, in denen sich die Zahlbegriffe
+ursprünglich entwickelt haben, sind in Handwerk und Handel vereinigt.
+Die Schule kann daher auch nichts Besseres für die Entwicklung der
+Zahlbegriffe und des Rechnens tun, als in der Werkstätte durch ständiges
+Schätzen, Messen und Berechnen der Werkstücke und ihrer Teile und im
+Schulzimmer durch beständiges Zählen, Messen, Wägen, Kaufen und
+Verkaufen den Schüler in die vom ureigensten Interesse an diesen
+Tätigkeiten geschaffene Zwangslage zu versetzen, täglich, stündlich
+Zahlbegriffe zu bilden und Rechenoperationen vorzunehmen.
+
+Daß unsere Schulen bisher das Rechnen in völliger Isoliertheit, wenn
+auch in der fiktiven Annahme sogenannter praktischer Aufgaben, fern von
+aller praktischen, von stärksten Kinderinteressen erfüllten Tätigkeit
+pflegten, das hat die unzähligen Methoden erzeugt, die über die gähnende
+Kluft der Interesselosigkeit Brücken schlagen sollten, und die doch
+trotz aller Brücken den Rechnungsunterricht wenig erfreulich für Kinder
+und Lehrer machen.
+
+Aber diese innige Verbindung von Rechnen und Werktätigkeit, von Rechnen
+und Handeln, macht den Rechenunterricht nicht _mehr_ zum
+Arbeitsunterricht, als er es auch ohne alle solche Verbindung ohnehin
+schon ist, wenn er noch so abstrakt, aber methodisch richtig behandelt
+wird. Was diese Verbindung, die in unsern Versuchsklassen auf das
+innigste hergestellt wurde, bewirkt, das ist, daß _die ganze Fülle des
+Interesses_, welches das Kind allem Tun entgegenbringt, _restlos in die
+rechnerische Tätigkeit überströmt_.
+
+Was den Unterrichtsstoff selbst betrifft, so behandelte der
+Rechenunterricht der _dritten_ Klasse den Zahlenraum von 1-10000, der der
+_vierten_ Klasse den unbegrenzten Zahlenraum, wie in allen übrigen Klassen
+der Münchener Volksschulen.
+
+c) =Sprachunterricht.= Mit Beginn der dritten Klasse spaltet sich der
+in den Unterklassen im Schreibleseunterricht zusammengefaßte und
+einheitlich gestaltete Sprachunterricht in seine verschiedenen Zweige:
+Lesen, Grammatik, Aufsatz, Schönschreiben, Rechtschreiben. Jedem der
+fünf Zweige sind besondere Stunden zugewiesen. Daß diese Spaltung viel
+zu früh einsetzt, ist eine Anschauung, der ich beipflichten muß. Aber
+die Versuchsklassen mußten den für alle Schulen gültigen Lehrplan
+adoptieren und konnten so keine andern Wege gehen.
+
+Was das _Lesen_ betrifft, so handelt es sich hierbei a) um das Erwerben
+einer geistigen Technik, b) um das bloße _Erfassen_ eines logisch
+geordneten Inhaltes, c) um das _Erleben_ eines Inhaltes aus einer in
+Wortsymbolen gegebenen Form. Das Kulturgut, das hier erarbeitet werden
+soll, ist entweder ein theoretisches Gut oder ein ästhetisches Gut.
+
+Da die Lesefertigkeit nur durch Ausübung des Lesens erzielt werden kann,
+und zwar durch lautes Lesen, so kann die Erarbeitung dieser Fertigkeit kaum
+verfehlt werden. Aber diese Fertigkeit kann eine mechanisch-virtuose und
+eine organisch-künstlerische sein. Die erste geht häufig am Sinne des
+Gelesenen vorüber, die zweite ist ohne beständiges Erfassen und Erleben des
+Inhaltes nicht zu erreichen. Für diese zweite und einzig erstrebenswerte
+Art der Lesefertigkeit bietet sich a) das Mittel der mimisch-dramatischen
+Darstellung von Lesestücken mit lebhafter Handlung (produktiver Weg), b)
+das Mittel der durch den Lehrer vorbereiteten Stimmung, aus der das
+Lesestück (Gedicht) geboren ist (rezeptiver Weg). Beide Wege betrat der
+Unterricht so ausgiebig als möglich. Insbesondere ist auch für die
+_ethische_ Auswertung guter Erzählungen und Gedichte, das Erzeugen der
+vorbereitenden Stimmung und die mit der dramatischen Darstellung notwendig
+verbundene Versenkung in den Inhalt weitaus fruchtbarer als alle
+nachträgliche moralisierende Ausschlachtung des Gelesenen, vor dem man
+nicht genug warnen kann. _Erleben_ die Kinder das Gelesene, so haben sie es
+auch _erarbeitet_; die Arbeitsschule hat ihr Prinzip vollauf damit gewahrt.
+Die moralische Analyse ist Sache eines anderen Unterrichts -- des
+Moralunterrichts zur Bildung der moralischen Urteilsfähigkeit.
+
+Mit moralischem Verhalten im Handeln darf aber weder das Erleben
+moralischer Werte im Leseunterricht, noch viel weniger die Ausbildung
+der Urteilsfähigkeit verwechselt werden. Von diesem Erleben und dieser
+Ausbildung des Urteils bis zum tatsächlichen moralischen Verhalten ist
+noch ein ungemein weiter Weg, ein Weg auf den wir den Schüler nur durch
+die sozialen Güter der _Arbeitsgemeinschaft_ führen.
+
+Wie Lesen, so sind auch _Schönschreiben_ und _Rechtschreiben_ Fertigkeiten,
+Schönschreiben eine manuelle, Rechtschreiben eine intellektuelle. Auch
+bei diesen Fertigkeiten kann der Weg der Arbeitsschule nicht verfehlt
+werden; jede Fertigkeit muß eben, damit sie Fertigkeit wird,
+systematisch erarbeitet werden. Die Versuchsklassen III und IV setzten
+selbstverständlich im Schönschreiben den in den Unterklassen
+eingeschlagenen Weg der schöpferischen Erarbeitung einer gleichmäßigen,
+der individuellen Schülerhand entsprechenden »Schön«-Schrift fort, wobei
+bereits in der dritten Klasse auch mit der Erarbeitung der deutschen
+Frakturschrift begonnen wurde. Der Erarbeitung der Rechtschrift dienten
+auch Betrachtungen über Wortbedeutung und Wortbildung.
+
+Mit der _Sprachlehre oder Grammatik_ setzt in der Volksschule der erste
+eigentlich theoretische Unterrichtsstoff ein. Daß schon die
+Mittelklassen damit unglückseligerweise belastet werden, hängt damit
+zusammen, daß an diese Klassen die Gelehrtenschulen anschließen, welche
+bei ihren Aufnahmeprüfungen elementare Kenntnisse in der deutschen
+Grammatik verlangen. Auch in dieser Disziplin ist der allein mögliche
+Weg der Arbeitsschule längst allgemein betreten: der Weg der Induktion.
+Der einzige Nachteil ist, daß die Induktion auf dem Gebiete der Sprache
+nur zu Regeln mit soundso vielen Ausnahmen führt, die eben nicht
+erarbeitet werden können, sondern überliefert werden müssen. Aber auch
+selbst da, wo von den Ausnahmen geschwiegen wird, verbietet es die Reife
+bzw. die Unreife der acht- und neunjährigen Kinder häufig genug, selbst
+den induktiven Weg zu betreten. Die _immanenten_ Bildungswerte der
+Sprachgüter kann eben im allgemeinen, abgesehen von gewissen
+ästhetischen Bildungswerten, die Volksschule durch keinen
+Arbeitsschulbetrieb auslösen. Das ist zur Not noch den höheren Schulen
+möglich, die das ausgezeichnete Werkzeug der Sprachvergleichung hierzu
+zur Verfügung haben.
+
+Vermag das Lesen zum _Erleben_ bereits dargestellter ästhetischer Werte
+und der mit ihnen auf das engste verbundenen ethischen Inhalte zu
+führen, so ist es Aufgabe des _Aufsatzunterrichtes_ erlebte Seeleninhalte
+darzustellen. Das allein soll seine Aufgabe sein; denn nur wenn der
+Aufsatz Erlebtes darstellt, wird man an die Darstellung auch ästhetische
+Ansprüche machen können.
+
+Der Grundzug aller Darstellung, also auch der sprachlichen, ist zunächst
+_reine Sachlichkeit_. Sachlich können wir nur das darstellen, was wir
+vollständig beherrschen. Das Kind beherrscht im allgemeinen nur das, was
+es erlebt hat, in der Werkstätte, im Schulgarten, auf den Wanderungen,
+im Schulzimmer, am Schulwege, in der Familie. Aus diesen Erlebnissen
+wählten die beiden Klassen die Stoffe ihrer sogenannten Aufsätze. Das
+Kind kann auch Märchen und Erzählungen _erleben_; das hängt von der
+Darstellungskraft des Lehrers ab. Das wichtigste in den _ersten Übungen
+im schriftlichen Ausdrucke_ -- so sollte man den Aufsatzunterricht in der
+Volksschule bezeichnen -- ist immer, daß das Darzustellende das _volle
+Interesse_ des Darstellers hat, und daß womöglich auch ein _praktischer
+Zweck_ den Schüler zur Darstellung nötigt. _Das sind die beiden
+Hauptforderungen, welche die Arbeitsschule an den Aufsatzunterricht
+stellt._ Auch wir Erwachsenen greifen nicht zur Feder a) wenn uns kein
+Erlebnis zu einem ästhetischen Werke drängt, b) wenn unsere Darstellung
+keinen bestimmten Zweck erfüllt.
+
+Den Schülern aber mutet man zu, ohne Erlebnisse und ohne gewollten Zweck
+-- Aufsätze zu machen. Man hat, um dies zu vermeiden, oft genug die Form
+des Briefes empfohlen. Aber ein Brief, der kein Bedürfnis ist, hat auch
+keinen selbstgefühlten Zweck, und daher sind die Briefaufsätze der
+Schüler um kein Haar besser als die übrigen Aufsätze.
+
+Neben der schriftlichen Darstellung wurde auch, wie in den beiden ersten
+Klassen, die mündliche geübt, vor allem durch die allwöchentliche
+mündliche Berichterstattung über die Vorkommnisse in der
+Schülerwerkstätte und über den Fortgang und die Art der jeweils in Frage
+stehenden Aufgaben der Werkstätte. Da es sich hier um _gemeinsame_
+Erlebnisse handelt, so war bei diesen Berichten auch das
+Klasseninteresse wachgerufen.
+
+d) =Religionsunterricht=. Der Religionsunterricht der Volksschule hat
+zwei Aufgaben zu lösen: 1. die positiven Lehren der betreffenden
+Konfession zu übermitteln; 2. das religiöse Verhalten zu erwecken, zu
+entwickeln, zu veredeln und mit dem praktischen Verhalten zu
+verschmelzen.
+
+Die zweite Aufgabe ist die weitaus wichtigste; von ihrer richtigen
+Lösung hängt auch die wertvolle Lösung der ersten Aufgabe ab. Die
+richtige Lösung der zweiten Aufgabe führt unmittelbar in das Prinzip der
+Arbeitsschule. Alles hängt davon ab, wie weit es dem Lehrer gelingt, die
+Beziehung zum Transzendenten, zu Gott _erleben_ zu lassen.
+
+Diesen Erlebnisakten dient teils die enge Verbindung des Unterrichts mit
+den Erlebnissen des Kirchenjahres, teils eine Darstellung der biblischen
+Geschichte, die durch die Kunst des Lehrers selbst zum Erlebnis für die
+Schüler wird. Erst auf dem Boden solcher religiöser Erlebnisse gewinnen
+dann auch die nicht zu erarbeitenden, andern unmittelbar mitzuteilenden
+positiven Lehren der Konfession ihre Kraft und praktische Bedeutung. So
+wurde in der vierten Klasse, deren katholische Schüler zum ersten Male
+das Sakrament der Beichte empfangen, die biblische Parabel vom
+verlorenen Sohne durch entsprechende Darstellung zu einem großen
+Erlebnis gestaltet und aus diesem Erlebnis die sakramentalen
+Erfordernisse einer Beichte zum Bewußtsein gebracht. So wurde die
+Materie des Sündenbekenntnisses aus kindlichen Erlebnissen, vor allem
+aus Gewissenskonflikten gewonnen. So wurde die Gewissenserforschung
+durch entsprechende Anleitung zu einer Lebensgewohnheit des Tages
+gemacht.
+
+e) =Turnen und Singen= sind zunächst, wie der schriftliche sprachliche
+Ausdruck, Fertigkeiten. Soweit sie bloß Fertigkeiten sind, sind ihre
+Übungen unmittelbar Tätigkeiten im Sinne der Arbeitsschule. Die Technik
+des Turnens wie des Singens wird eben durch technische Übungen
+_erarbeitet_.
+
+Allein die Arbeitsschule als Schule der Charakterbildung pflegt keine
+Technik um der Technik willen. Für sie soll jede erarbeitete Technik nur
+eine weitere Ausdrucksmöglichkeit der _ganzen_ Persönlichkeit sein. Daraus
+erwachsen dem Turn- und Singunterricht neue Aufgaben, die nicht gelehrt,
+sondern nur erlebt und nur aus dem persönlichen Erlebnis heraus gelöst
+werden können. Aus den Ereignissen der Zeit und den Verhältnissen der
+Stunde entwickeln sich Gefühle, die den Menschen von selbst zur
+Darstellung in der Bewegung wie im Gesange drängen. Die Aufgabe der
+Arbeitsschule ist, allgemeine Seelenzustände zu schaffen, die zur
+Darstellung drängen, und nebenher Übungen zu veranstalten, welche es
+ermöglichen, den Gefühlen vollen und zugleich ästhetischen Ausdruck zu
+verleihen. Turnspiele, rhythmische Freiübungen, Reigen, Nachahmungs- und
+Singspiele, von den Schülern selbst veranstaltete Schulfeste lösen jene
+Stimmungen aus, denen die technischen Übungen zum adäquaten Ausdruck
+verhelfen können. Auch religiöse und vaterländische Feste können dem
+rechten Lehrer, der unter ihrem Eindruck steht, zur Erweckung jener
+tiefen Gefühle dienen, denen das Lied wie die Bewegung Ausdruck
+verleihen.
+
+f) =Holzbearbeitungsunterricht.= Wie bereits erwähnt, stand der
+Holzbearbeitungsunterricht in der dritten und vierten Klasse mit dem
+heimatkundlichen Unterricht und dem Rechenunterricht in möglichst enger
+Verbindung. Er entwickelte aber sein eigenes Arbeitsprinzip als Technik
+immer folgerichtiger. Denn nur so konnte er als wirkliches
+Bildungsmittel sein Recht im Lehrplane behaupten.
+
+Die Arbeitstechniken waren gleich denen der Vorjahre: Stumpfe
+Verbindungen, einfache Ecküberplattungen, T-Verbindungen,
+Bohrzapfenverbindungen. Stets wurde auf eine genaue, selbständige
+Ausführung aller Verbände gesehen.
+
+_Als Material_ dienten: gleich- und ungleichseitige Vierkantstäbe und
+Rundstäbe aus Tannen-, Fichten-, Erlen- und Buchenholz; Draht und
+Drahtgitter, Klammern, Schrauben; Farben, Beizen, Polituren;
+Flintpapier, Leim, Brennspiritus.
+
+_Als Werkzeuge_ wurden benutzt: Maßstab, Bleistift, Winkel, Reißahle,
+Gehrungsschneidlade, Einstreichsäge, Raspel, Plattfeile, halbrunde
+Feile, Handbohrer, Hammer, Beißzange, Drahtzange, Schraubzwinge, Lehren
+für Bohrzapfen, Holzklötzchen zum Anreißen.
+
+_Als Arbeitsvorgänge_ sind zu verzeichnen: Messungen und Berechnungen in
+großer Fülle, Anzeichnen oder Anreißen, Sägen, Raspeln, Feilen, Bohren,
+Nageln, Schleifen, Beizen und Einlassen mit Politur.
+
+Vor Beginn jeder neuen Übung fand jeweils eine Besprechung statt, in
+welcher das _Material_, die Form, der Zweck sowie die Zergliederung und
+Benennung von Haupt- und Nebenteilen _an der Hand von Modellen_ sorgfältig
+erläutert wurde. Vor jedem Arbeitsprozeß wurden die Arbeitsvorgänge auf
+das genaueste erklärt und _vorgemacht_ sowohl vom Lehrer als auch von
+einzelnen Schülern.
+
+Neben richtiger Handhabung der Werkzeuge sowie genauer Ausführung aller
+einzelnen Arbeiten wurde ganz besonderer Wert auf das _Messen und
+Berechnen_ aller Teile gelegt. Einer richtigen Handhabung und Benutzung
+des Winkels wurde besondere Aufmerksamkeit zugewendet.
+
+Die Kosten für den gesamten Materialverbrauch beliefen sich in der
+dritten Klasse auf 72,20 Mark, in der vierten Klasse auf 87,24 Mark, so
+daß auf den Schüler der dritten Klasse rund 1,50, auf den der vierten
+Klasse rund 2 Mark Materialverbrauch im Jahre kommen.
+
+_Arbeiten der dritten Klasse._ 1. _Sandkasten_, 50×35×6 cm, für den
+heimatkundlichen Unterricht. Je zwei Schüler fertigen einen Kasten. Nur
+im Jahre 12/13 in 24 Stück angefertigt für den Unterricht. (10 Std.)
+
+2. _Raupenkästen_, 50×35×31 cm, für den heimatkundlichen Unterricht. Jede
+Abteilung fertigt einen Kasten. In späteren Jahren Raupenkästchen (s.
+Figur Tafel III) von je zwei Schülern gefertigt im Maßstab 27×17,5×15
+cm. (20 Std.)
+
+3. _Plakatständer._ Einzelarbeit. (4 Std.)
+
+4. _Feldkreuz_ mit Betbank. Eine der liebsten Arbeiten der Schüler. Höhe
+36 cm, Dachausladung 19 cm, Boden für Kreuz und Bank 20×20 cm.
+Einzelarbeit. (17 Std.)
+
+5. _Schlagbaum._ 79×46 cm. Einzelarbeit. (15 Std.)
+
+6. _Schleuse_ (s. Figur Tafel IV), 23 cm in der Höhe, Grundbrett 24×25 cm.
+Einzelarbeit. (12 Std.)
+
+Die sämtlichen Arbeiten beanspruchen also im Jahre zusammen 78 Stunden.
+
+_Arbeiten der vierten Klasse._ 1. _Floß_ für Holztransport. Zusammenbinden
+der Baumstämme mit selbstgefertigten Drahtseilen. 2. Ruder. Auf dem Floß
+eine Holzbeuge. Einzelarbeit. 28×14 cm. (17 Std.)
+
+2. _Meterstab_ in Erlenholz. 100×10×2,8 cm. Dezimeter- und
+Zentimeterteilung von den Schülern hergestellt. Der Stab selbst wird in
+richtiger Größe den Schülern geliefert. Dezimeterstellen durch die
+Breite des Stabes gesägt, halbe Dezimeterstellen durch die halbe Breite
+mit Stahlblechmeißeln eingemeißelt. Die Zentimeterstellen: Vorreißen mit
+Reißahle, auf ein Drittel Stabbreite, dann wieder Einmeißeln mit
+Stahlblechmeißeln. Einlassen mit Politur; Überwischen mit Nußbeize. Die
+vertieften Stellen werden dunkel. Einzelarbeit. (10 Std.)
+
+3. _Vogelfutterhäuschen._ Bodenbrett 40×28 cm, Höhe bis zur Dachunterkante
+15. Dachhöhe 15. Säulen und Balken aus Vierkantstäben 2×2 cm.
+Dachsparrenquerschnitt 2×1 cm. Dachsparren gedeckt mit Brettern.
+Einzelarbeit. (16 Std.)
+
+4. _Starenhaus_ (s. Figur Tafel V). Höhe 35. Breite und Tiefe 16 cm.
+Einzelarbeit. (14 Std.)
+
+5. _Maibaum._ 70 cm hoch. Bodenbrett 16×16 cm mit Umzäunung. Baum
+eingeteilt in drei Abteilungen. Erste Abteilung mit Fahnen in bayrischen
+Farben. Zweite Abteilung: Werkzeuge der Versuchsschule. Dritte
+Abteilung: Kirche und Schule. Alles nach Art der Spielwaren
+selbstgefertigt. Schluß wieder zwei Fahnen in Münchener Stadtfarben.
+Einzelarbeit. (22 Std.)
+
+Die sämtlichen Arbeiten beanspruchen also im Jahre zusammen 79 Stunden.
+
+g) =Weibliche Handarbeiten.= Der Unterricht setzte die Techniken der
+ersten und zweiten Klasse fort: Stricken, Sticken und Nähen. In der
+vierten Klasse wurden die Strickübungen der dritten Klasse auf einen
+Schlips oder Kragenschoner angewendet. Als neue Technik im Sticken
+wurde der Kreuzstich eingeführt, und wie das Musterstricken zu einem
+Schlips, so führte die Fertigstellung des Kreuzstichmusters zum Umschlag
+eines Nadelbüchleins, dessen Innenseiten die Schülerinnen mit
+Stoffresten und Bändern ausarbeiteten. Als Einlage wurden Flanellflecke
+genommen, die zugleich eine Gelegenheit für Schneideübungen boten.
+Endlich befaßte sich die vierte Klasse noch mit Sticken einer _Borte_ auf
+geschlossenem Faden und weichem Gewebe, die von den Kindern selbst
+entworfen und als Zwischensatz für eine von den Kindern selbst
+hergestellte Schürze diente.
+
+
+4. SCHLUSSBETRACHTUNGEN
+
+Mit der Darstellung des Unterrichtsbetriebes der vier ersten
+Volksschulklassen im Sinne einer Arbeitsschule ist das Bild der
+genehmigten Versuchsklassen abgeschlossen. Was hier gegeben wurde, ist
+nur ein Beispiel eines Versuches und nicht einmal eines völlig freien
+Versuches, weil ja die Lehrziele jeder Klasse und jedes
+Unterrichtsfaches von vornherein durch die für sämtliche
+Volksschulklassen genehmigten Lehrpläne auch für die Versuchsklassen
+vorgeschrieben waren. Ich bin mir keinen Augenblick im unklaren
+darüber, daß eine Ausdehnung des Holzbearbeitungsunterrichts von 2 auf 6
+Stunden in der Woche in den beiden ersten, auf 4 in den beiden nächsten
+Klassen und eine Verbindung mit Gartenarbeiten eine noch weit stärkere
+Konzentration des Gesamtunterrichtes ermöglichen würde, vielleicht unter
+Verschiebung der Ziele der ersten zwei oder drei Schuljahre in andern
+Unterrichtsfächern, aber unter stärkster Wirkung für die
+Gesamtpersönlichkeit des Kindes. Denn nur, wo wir die ausschließlich in
+diesem Alter vorwiegenden praktischen Interessen des Kindes packen,
+bekommen wir mit einem Schlage seine ganze Persönlichkeit in die Hand.
+Erst aus seinen Interessen heraus wird das Kind in Wahrheit
+»selbsttätig« und damit in seiner Totalität »selbstbildend«. So wie die
+gewöhnliche Schule »Selbsttätigkeit« auffaßt, handelt es sich bloß um
+»Tätigkeit«, die natürlich das Kind »selbst« ausübt. Aber damit ist ja
+gar nichts gewonnen. Es handelt sich nicht darum in der Arbeitsschule,
+daß das Kind »selbst« tätig ist, sondern darum, daß es »_aus seinem
+Selbst_« zur Tätigkeit genötigt wird. Damit erst tritt der _ganze_ Mensch
+mit seinem Empfinden, Vorstellen, Denken, mit allen seinen Gefühlen,
+Trieben und Willensakten in die Tätigkeit ein, und nicht weil ihm ein
+anderer den Zweck des Tuns einige Augenblicke »interessant« macht, weil
+der Lehrer das Interesse (soll heißen die Neugierde) erweckt, sondern
+weil der Mensch aus seiner inneren zeitweiligen oder dauernden
+Gesamtveranlagung gar nicht anders _kann_. Die landläufige Pädagogik
+vergißt immer, daß ein bloß _interessant gemachter_ Gegenstand bei weitem
+nicht jene Kräfte im allgemeinen auslöst wie ein _vom eigensten Interesse
+ergriffener_ Gegenstand. Sobald aber erst einmal die »Selbsttätigkeit«
+aus dem innersten Bedürfnis nach Erzeugung eines Objekts entsprungen
+ist, dann ergreift sie alles, was mit der rechten Erzeugung notwendig
+verbunden werden kann, Rechnen, Zeichnen, ja selbst Lesen und Schreiben
+mit der gleichen Wucht der nach Erfüllung des Bedürfnisses drängenden
+ganzen Seele.
+
+Die Mühsal des Unterrichtes und die Gequältheit seiner Methoden in den
+Klassen der Volksschule ist nur deshalb bisweilen so groß, weil unsere
+ganze Volksschule auf die im Kindesalter häufig noch sehr spärlich
+entwickelten _intellektuellen Interessen_ eingestellt ist, während sie
+_soziale_ und _technische_ Interessen, die im Kindesalter absolut
+vorherrschen, völlig ignoriert. Ich erhebe mit vollem Bewußtsein diesen
+Vorwurf. Denn damit, daß die Schule soziale »Lehre« gibt, oder in der
+Stellung ihrer theoretischen Aufgaben das praktische Leben als Hintergrund
+wählt, berücksichtigt sie in keiner Weise die sozialen und technischen
+Interessen des Kindes. Die wirklichen Interessen des Kindes _schreien_ nach
+Handeln, nach praktisch-sozialem oder praktisch-technischem Handeln. Und
+nur im Handeln werden die Kulturgüter _erarbeitet_.
+
+Diese elementaren Lehren aller Erziehung werden aber erst Leben und
+Kraft gewinnen, wenn diejenigen Schulen, die unsere Lehrer erziehen,
+selbst Arbeitsschulen geworden sind. Wer nicht gewöhnt wurde, seinen
+seelischen Besitz sich selbst zu erarbeiten, mit Selbstüberwindung und
+Rücksichtslosigkeit gegen die eigene Natur, mit unermüdlicher Ausdauer
+und reinem Erkenntnisdrang, und wer keinen tieferen Einblick getan hat
+in die eigentliche Werkstätte des kindlichen Geistes, in das Triebwerk
+seiner Interessen, dem wird das Wesen der Arbeitsschule immer ein Rätsel
+bleiben.
+
+[Illustration: Tafel I
+
+=I. Klasse=
+
+=Baukasten mit 32 Bausteinen=
+
+=1/3 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel II
+
+=II. Klasse=
+
+=Waschkreuz=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel III
+
+=III. Klasse Raupenkästchen=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel IV
+
+=III. Klasse=
+
+=Schleuse=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+[Illustration: Tafel V
+
+=IV. Klasse=
+
+=Starenhaus=
+
+=1/4 nat. Gr.=]
+
+
+
+
+Schriften von Georg Kerschensteiner
+
+
+Der Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung
+
+4. erweiterte Auflage. Kart. M. 3.50
+
+Bestimmt den Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung als Erziehung des
+Charakters zu wahrer Staatsgesinnung und zeigt die Mittel und Wege zur
+Verwirklichung dieses Zieles, gipfelnd in der Ausgestaltung der Schulen
+zu Arbeitsgemeinschaften.
+
+
+Deutsche Schulerziehung in Krieg und Frieden
+
+Geheftet. M. 2.80
+
+_Inhalt_: I. Über das eine u. einzige Ziel d. Erziehung in Krieg u.
+Frieden. II. Der Weg z. Pflichtbewußtsein. III. Der Weg z.
+Staatsgesinnung. IV. Die Schule als Kulturmacht. V. Die Probleme der
+nationalen Einheitsschule.
+
+Die hier gebotenen Aufsätze verbindet ein einheitlicher Gedankengang. In
+drei Eigenschaften des Charakters seiner Bürger liegt die innere Stärke
+eines Staatswesens in Krieg und Frieden: in ihrer _moralischen Tapferkeit_,
+in ihrem _Pflichtbewußtsein_ und in ihrer _Staatsgesinnung_. Sie bilden das
+dreifache Ziel eines jeden Systems eines nationalen deutschen Schulwesens.
+Dieses dreifache Ziel stellt aber gewisse Bedingungen an den _inneren
+Ausbau_ der einzelnen Schulgattung sowie an die _einheitliche Gestaltung_
+des gesamten deutschen Schulwesens.
+
+
+Charakterbegriff und Charaktererziehung
+
+2. Auflage. Geheftet M. 2.60, gebunden M. 4.--
+
+»Das Wertvolle an dem Buche scheint mir darin zu liegen, daß eine der
+wichtigsten Fragen der praktischen Erziehung in ihrer ganzen Tiefe und
+in ihrem ganzen Umfange zu erfassen versucht ist. Es scheint mir typisch
+für die ernsten und wertvollen Bestrebungen in der modernen Pädagogik,
+jedenfalls sollte man nicht daran vorübergehen.« (Hamb. Schulztg.)
+
+
+Grundfragen der Schulorganisation
+
+Eine Sammlung von Reden, Aufsätzen und Organisationsbeispielen.
+
+4. Auflage. [U. d. Pr. 1920.]
+
+»Wer zu einem Problem der Schulreform Stellung nehmen will, muß sich mit
+Kerschensteiner auseinandersetzen. Das Studium seiner Schriften bietet
+eine reiche Gedankenfülle und scharfe Beweisführung in feinem Stil. Bei
+aller Großzügigkeit seiner Pläne bleibt K. doch stets auf dem Boden der
+Wirklichkeit, so daß man immer den Eindruck hat: hier spricht ein
+bodenständiger Praktiker, der die zähe Energie hat, das als richtig
+erkannte Ziel auch zu erreichen.« (Thüringer Schulblatt.)
+
+
+Wesen u. Wert des naturwissenschaftl. Unterrichts
+
+Geheftet M. 3.--
+
+Indem die Untersuchung darlegt, daß und wie die rechte Beschäftigung mit
+den Naturwissenschaften die Seele mit dem Geist der Gesetzmäßigkeit und dem
+Bedürfnis nach eindeutiger Formulierung der Begriffe erfüllt,
+leitet sie naturgemäß zur Untersuchung über den ethischen Wert des
+naturwissenschaftlichen Unterrichts. Dabei stellt sich klar heraus, daß er
+notwendig der Ergänzung durch den sprachlich-histor. Unterricht bedarf. Den
+Schluß bilden Vorschläge für eine Organisation der realistischen Schulen,
+die die Erziehungswerte des naturwissenschaftlichen Unterrichtes voll zur
+Geltung kommen läßt.
+
+
+Auf sämtliche Preise Teuerungszuschläge des Verlags (April 1920 80%,
+Abänderung vorbehalten) und der Buchhandlungen.
+
+
+Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
+
+ * * * * *
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_,
+kursiv gedruckter mit =Gleichheitszeichen= und fett gedruckter mit
++Pluszeichen+ markiert.
+
+Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert:
+
+Es hat also mit dem Geiste der Arbeitsschule nicht das
+ Im Original: Arbeitschule
+
+Hände der Münchner Lehrerschaft mit meinem Ausscheiden aus
+ Im Original: Auscheiden
+
+Die Werkzeuge für jeden Schüler, die gemäß der Stärke einer Abteilung 25
+mal beschafft wurden, waren folgende:
+ Im Original: werden
+
+von den reellen zu den imaginären und
+komplexen Zahlen fortschreitet,
+ Im Original: kompleexn
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Begriff der Arbeitsschule, by Georg Kerschensteiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEGRIFF DER ARBEITSSCHULE ***
+
+***** This file should be named 24367-8.txt or 24367-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/3/6/24367/
+
+Produced by Juliet Sutherland, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Begriff der Arbeitsschule, by Georg Kerschensteiner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Begriff der Arbeitsschule
+
+Author: Georg Kerschensteiner
+
+Release Date: January 20, 2008 [EBook #24367]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEGRIFF DER ARBEITSSCHULE ***
+
+
+
+
+Produced by Juliet Sutherland, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
+
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+</pre>
+
+
+<h1>BEGRIFF
+DER ARBEITSSCHULE</h1>
+
+<p class="titlepage">VON</p>
+
+<p class="titlepage">GEORG KERSCHENSTEINER</p>
+
+
+<p class="titlepage">VIERTE AUFLAGE<br />
+9. BIS 11. TAUSEND</p>
+
+<p class="titlepage">MIT 5 TAFELN</p>
+
+<div class="center">
+ <img src="images/illus-001.png" width="80" height="86"
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+ style="padding-top: 2cm" />
+</div>
+
+<p class="titlepage">VERLAG VON B.&nbsp;G. TEUBNER. LEIPZIG. BERLIN 1920</p>
+
+<p class="titlepage">SCHUTZFORMEL F&Uuml;R DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA:<br />
+COPYRIGHT 1920 BY B.&nbsp;G. TEUBNER IN LEIPZIG</p>
+
+<p class="titlepage">ALLE RECHTE,
+EINSCHLIESSLICH DES &Uuml;BERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN</p>
+
+
+
+<h2>VORBEMERKUNG ZUR ERSTEN AUFLAGE<span class='pagenum'><a name="Page_iii" id="Page_iii"> [iii]</a></span></h2>
+
+
+<p>Am 12. Januar 1908 hielt ich auf Einladung der Erziehungsdirektion des
+Kantons Z&uuml;rich zur Feier des 162. Geburtstages Heinrich Pestalozzis in
+der Peterskirche zu Z&uuml;rich die Festrede. Ich w&auml;hlte das Thema: &raquo;<span class="g">Die
+Schule der Zukunft im Geiste Pestalozzis</span>&laquo; und nannte sie eine
+Arbeitsschule. Was damals meine Seele bewegte, kleidete ich dem Zweck
+der Stunde und der Weihe des Ortes entsprechend in die Form einer
+Predigt, der es weniger um Formulierung logischer Begriffe zu tun sein
+konnte als um die Hinf&uuml;hrung der Herzen auf ein altes, immer noch
+unverwirklichtes Ideal der Schule.</p>
+
+<p>Vier Jahre sind in der Zwischenzeit verflossen. Das Wort
+&raquo;Arbeitsschule&laquo;, das &auml;lter ist wie die Werke Pestalozzis, ist seit
+diesem Tage zum Schlagwort geworden. Es war, als ob mit einem Male der
+wunde Punkt unseres gesamten &ouml;ffentlichen Schulwesens, nicht blo&szlig; der
+<span class='pagenum'><a name="Page_iv" id="Page_iv"> [iv]</a></span>Volksschule, sondern ebensosehr auch der Gymnasien und Oberrealschulen,
+der ja l&auml;ngst mehr oder weniger bestimmt empfunden wurde, deutlich
+erkannt worden w&auml;re. Aber es schien nur so. Denn die mannigfaltigen
+p&auml;dagogischen und methodischen Verirrungen, die das Schlagwort in
+Theorie und Praxis hervorrief, zeigten deutlich, wie &auml;u&szlig;erlich und
+mechanisch man den Geist der Arbeitsschule erfa&szlig;te und wie viele
+unklare, ja bedenkliche Vorstellungen ganz unwillk&uuml;rlich mit dem Begriff
+der Arbeitsschule verquickt wurden. Ich will hier nur hinweisen auf die
+fast &uuml;berall sich einstellende Verwechslung der manuellen Arbeit mit der
+geistigen Arbeit und auf die psychologisch so verfehlten
+Konzentrationsbestrebungen, welche die nat&uuml;rlichen, historisch
+gewordenen, einheitlichen Wissensgebiete in tausend St&uuml;cke zu zerrei&szlig;en
+vorschlugen, um sie dann in v&ouml;llig willk&uuml;rlicher Zusammensetzung und
+Verkn&uuml;pfung ohne jedes wirkliche geistige Band &raquo;quo omnis doctrina
+ingeniarum et humanarum artium continetur&laquo; (Plato bei Cic. de orat. III,
+6, 21) den Sch&uuml;lern darzubieten.</p>
+
+<p>Um diesen Verirrungen und Verwirrungen ein Ende zu machen, hat der &raquo;Bund
+f&uuml;r Schulreform&laquo; das Thema der Arbeitsschule f&uuml;r die zweite Tagung des
+<span class='pagenum'><a name="Page_v" id="Page_v"> [v]</a></span>Bundes in Dresden vom 6. bis 8. Oktober 1911 auf sein Arbeitsprogramm
+gesetzt und Schulrat Gaudig und mich eingeladen, &uuml;ber den Begriff der
+Arbeitsschule zu referieren. Im Anschlu&szlig; daran sollte durch eine
+eingehende und ausgedehnte Debatte diesem Begriff noch weiterhin die
+n&ouml;tige Klarheit und Eindeutigkeit gegeben werden. Ich war der Einladung
+sehr gerne gefolgt. Sie gab mir Veranlassung, das, was meinen Geist und
+mein Herz seit vielen, vielen Jahren bewegt, in einer von
+wissenschaftlichen Methoden geleiteten Arbeit niederzulegen.</p>
+
+<p>Diese Arbeit &uuml;bergebe ich hiermit der &Ouml;ffentlichkeit und hoffe von ihr,
+da&szlig; sie die Entwicklung unserer Volksschulen wie die Reform unserer
+h&ouml;heren Schulen &ndash; denn f&uuml;r beide Gattungen gelten die gleichen
+Organisationsprinzipien &ndash; vor Verirrungen bewahrt, die weit
+gef&auml;hrlicher w&auml;ren als die S&uuml;nden der alten Buchschule. Wer den Inhalt
+dieser viel ausf&uuml;hrlicheren und strengeren Abhandlung mit dem Inhalt
+meiner Rede vom 12. Januar 1908 (abgedruckt in &raquo;Grundfragen der
+Schulorganisation&laquo;, B.&nbsp;G. Teubner, Leipzig, 4. Aufl. 1920) vergleicht,
+wird erkennen, da&szlig; sie sich verhalten wie Gesetz zum Beispiel.</p>
+
+<p>Sonderbarerweise hat meine Rede vom 12. Januar 1908 einen Schriftsteller
+<span class='pagenum'><a name="Page_vi" id="Page_vi"> [vi]</a></span>veranla&szlig;t, die Priorit&auml;t des Gedankens der Arbeitsschule f&uuml;r sich in
+Anspruch zu nehmen. Da ich sie niemals f&uuml;r mich behauptet habe, bleibt
+mir die Antwort erspart. Nur das eine will ich bemerken: Die <span class="g">Idee</span> der
+Arbeitsschule ist so alt wie die Erziehungslehre. (Vgl. Plato, leg., S.
+819ff., Oxforder Ausgabe von Burnet.) Aber Ideen werden erst lebendig,
+wenn sie, v&ouml;llig zu Ende gedacht, in realen, den Zeitverh&auml;ltnissen
+angepa&szlig;ten Formen, die Probe auf ihre Verwirklichungsm&ouml;glichkeit zu
+machen in der Lage sind.</p>
+
+<p>M&uuml;nchen, im Dezember 1911.</p>
+
+<p class="right">GEORG KERSCHENSTEINER</p>
+
+
+
+<h2><a name="VORBEMERKUNG_ZUR_VIERTEN_AUFLAGE" id="VORBEMERKUNG_ZUR_VIERTEN_AUFLAGE"></a>VORBEMERKUNG ZUR VIERTEN AUFLAGE<span class='pagenum'><a name="Page_vii" id="Page_vii"> [vii]</a></span></h2>
+
+
+<p>Die <span class="g">dritte</span> Auflage, die mitten im Kriege n&ouml;tig wurde, benutzte ich a)
+zur Herausarbeitung eines <span class="g">wissenschaftlichen Begriffes der
+Arbeitsschule</span>, also eines Begriffes, der nicht mehr blo&szlig; beschreibt,
+sondern definiert, b) zur vollst&auml;ndigen <span class="g">Darstellung des
+Arbeitsschulbetriebes der vier aufsteigenden Versuchsklassen M&uuml;nchens</span>.
+Diese Darstellung erschien mir um so notwendiger, als eine allgemeine
+Theorie der Arbeitsschule durchaus noch nichts dar&uuml;ber zu enthalten
+braucht, ob auch eine <span class="g">Volksschule</span>, und zwar vor allem deren unteren vier
+Klassen, im Geiste der definierten Arbeitsschule gef&uuml;hrt werden <span class="g">kann</span>.</p>
+
+<p>W&auml;re Arbeitsschule schon eine Schule, die &raquo;Werkunterricht&laquo; oder
+&raquo;Handfertigkeit&laquo; als <span class="g">Prinzip</span> in ihrem ganzen Betrieb eingef&uuml;hrt hat, ja
+w&auml;re sie eine, die au&szlig;erdem auch noch Handfertigkeit in besonderen
+Werkst&auml;tten als eigenes <span class="g">Unterrichtsfach</span> ber&uuml;cksichtigt, dann w&auml;re<span class='pagenum'><a name="Page_viii" id="Page_viii"> [viii]</a></span> diese
+im Anhang gegebene Darstellung &uuml;berfl&uuml;ssig. Aber die beiden Merkmale
+machen die Schule noch zu keiner Arbeitsschule. Sie k&ouml;nnen vollst&auml;ndig
+fehlen, und doch kann die Schule im echten Sinne des Wortes eine
+Arbeitsschule sein. Das alte humanistische Gymnasium ist &ndash; soweit es
+gut gef&uuml;hrt wird &ndash; ein gl&auml;nzendes Beispiel hief&uuml;r. Sie k&ouml;nnen beide
+vorhanden sein, und doch kann die Schule des Charakters einer echten
+Arbeitsschule entbehren.</p>
+
+<p>Die vorliegende <span class="g">vierte</span> Auflage, die so unerwartet rasch n&ouml;tig wurde,
+enth&auml;lt gegen&uuml;ber der dritten keine wesentlichen &Auml;nderungen. Ich habe
+nur, wo es mir n&ouml;tig erschien, einige Erg&auml;nzungen eingef&uuml;gt, da und dort
+das Begriffliche noch sch&auml;rfer umrissen und Ausdrucksweisen verbessert,
+die mir nicht genau genug erschienen.</p>
+
+<p>M&uuml;nchen, Ostern 1920.</p>
+
+<p class="right">GEORG KERSCHENSTEINER</p>
+
+
+
+<h2><a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<span class='pagenum'><a name="Page_ix" id="Page_ix"> [ix]</a></span></h2>
+
+
+<table summary="Inhaltsverzeichnis">
+<tr style="font-size: 0.8em;">
+ <td colspan="3"></td>
+ <td class="right">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"><a href="#I_DER_STAATSZWECK_UND_DIE_AUFGABEN_DER_OFFENTLICHEN_SCHULE">I.</a></td>
+ <td colspan="2">Der Staatszweck und die Aufgaben der &ouml;ffentlichen Schule</td>
+ <td class="right">1</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"><a href="#II_DIE_BERUFSBILDUNG_ALS_ERSTE_AUFGABE">II.</a></td>
+ <td colspan="2">Die Berufsbildung als erste Aufgabe</td>
+ <td class="right">25</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"><a href="#III_DIE_ZWEITE_UND_DRITTE_AUFGABE_DER_OFFENTLICHEN_SCHULE">III.</a></td>
+ <td colspan="2">Die zweite und dritte Aufgabe der &ouml;ffentlichen Schule</td>
+ <td class="right">41</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"><a href="#IV_DIE_METHODEN_DER_ARBEITSSCHULE">IV.</a></td>
+ <td colspan="2">Die Methoden der Arbeitsschule</td>
+ <td class="right">59</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"><a href="#V_DER_FACHLICHE_ARBEITSUNTERRICHT_UND_DER_TECHNISCHE_LEHRER">V.</a></td>
+ <td colspan="2">Der fachliche Arbeitsunterricht und der technische Lehrer</td>
+ <td class="right">78</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"><a href="#VI_ZUSAMMENFASSUNG_UND_SCHLUSSBETRACHTUNG">VI.</a></td>
+ <td colspan="2">Zusammenfassung und Schlußbetrachtung</td>
+ <td class="right">93</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td colspan="3"><a href="#ANHANG">Anhang</a>: <span class="g">Ein Organisationsbeispiel f&uuml;r st&auml;dtische Volksschulklassen</span>.</td>
+ <td></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td></td>
+ <td class="right"><a href="#VORBEMERKUNGEN">1.</a></td>
+ <td>Vorbemerkungen</td>
+ <td class="right">115</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td></td>
+ <td class="right"><a href="#UNTERKLASSEN">2.</a></td>
+ <td>Durchf&uuml;hrung des Lehrplanes in den zwei Unterklassen</td>
+ <td class="right">131</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td></td>
+ <td class="right"><a href="#MITTELKLASSEN">3.</a></td>
+ <td>Durchf&uuml;hrung des Lehrplanes in den zwei Mittelklassen</td>
+ <td class="right">175</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td></td>
+ <td class="right"><a href="#SCHLUSSBETRACHTUNGEN">4.</a></td>
+ <td>Schlußbetrachtungen</td>
+ <td class="right">197</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+<h2><a name="I_DER_STAATSZWECK_UND_DIE_AUFGABEN_DER_OFFENTLICHEN_SCHULE" id="I_DER_STAATSZWECK_UND_DIE_AUFGABEN_DER_OFFENTLICHEN_SCHULE"></a>I. DER STAATSZWECK UND DIE AUFGABEN DER &Ouml;FFENTLICHEN SCHULE<span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1"> [1]</a></span></h2>
+
+
+<p>Die &ouml;ffentliche Schule ist mit dem Ende des 18. Jahrhunderts und im
+Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein Instrument der
+Staatsverwaltung f&uuml;r bestimmte staatliche Zwecke geworden. Das
+mittelalterliche Deutschland kannte kein &ouml;ffentliches Bildungswesen des
+Staates. Die F&uuml;rsorge um die geistige Entwicklung &uuml;berlie&szlig; der Staat
+anderen Gemeinschaften. Nun aber f&uuml;hrte er den <span class="g">Schulzwang</span> ein,
+wenigstens f&uuml;r die Volksschule, und gab damit f&uuml;r deren staatliche
+Zweckbestimmung einen gesetzm&auml;&szlig;igen Ausdruck.</p>
+
+<p>Solange wir nun f&uuml;r diese Zweckbestimmung der Schulen lediglich den
+Zweck und die Aufgaben des <span class="g">jeweils gegebenen Staates</span> ins Auge fassen, so
+lange wird sie der wissenschaftlichen P&auml;dagogik keine befriedigende
+L&ouml;sung bieten. Theoretische wie praktische Vernunft k&ouml;nnen unter
+gewissen Umst&auml;nden hier Einspruch erheben. Sobald wir aber den jeweils
+gegebenen<span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2"> [2]</a></span> Staat als ein Entwicklungsprodukt betrachten, als einen sich
+immer zweckm&auml;&szlig;iger organisierenden Menschenverband, der durch die
+T&auml;tigkeit seiner Mitglieder mehr und mehr der freien Gestaltung der
+sittlichen Pers&ouml;nlichkeit die Wege ebnen soll, der also selbst in der
+Richtung des von der Ethik gezeichneten Kultur- und Rechtsstaates
+wandert, ergibt sich mit der wissenschaftlichen Fundierung des
+Staatszweckes auch die wissenschaftliche Fundierung des Zweckes der
+Volks- wie h&ouml;heren allgemeinen Schulen von selbst.</p>
+
+<p>Ein Staatswesen, das in seinen Zielen und Einrichtungen den sittlichen
+Gedanken verk&ouml;rpert, ist ein h&ouml;chstes <span class="g">&auml;u&szlig;eres</span>, sittliches Gut. Denn es
+ist, wie schon Hobbes, Locke, Spinoza betont haben, die Voraussetzung
+daf&uuml;r, da&szlig; der einzelne zum h&ouml;chsten <span class="g">inneren</span>, sittlichen Gut, zur
+rechten Gesinnung der sittlich freien Pers&ouml;nlichkeit gelangen kann. Ja
+der einzelne findet geradezu in dem Dienste der zeitlichen
+Verwirklichung dieses Staatsideals nicht blo&szlig; eine sch&ouml;ne und w&uuml;rdige
+Bet&auml;tigung, sondern auch eine wertvolle Gelegenheit zu seiner eigenen
+sittlichen Vollendung. Dieser Auffassung steht nicht im Wege, da&szlig; heute
+vorhandene Staaten noch weit entfernt sein m&ouml;gen von diesem Ideal, da&szlig;
+sie sogar ein<span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3"> [3]</a></span> Hindernis sein k&ouml;nnen f&uuml;r die Entwicklung der inneren
+sittlichen Freiheit, da&szlig; ein bestimmter Staat dem von seiner Macht
+betroffenen Individuum eher als ein h&ouml;chstes &Uuml;bel denn als ein h&ouml;chstes
+Gut erscheinen kann. In seinem nachgelassenen Werke, &raquo;Weltgeschichtliche
+Betrachtungen&laquo;, hat sich sogar ein so ausgezeichneter Mann wie Jakob
+Burckhardt zu der Behauptung verstiegen: &raquo;Das absolut B&ouml;se ist der
+Staat.&laquo; Die Frage ist, ob er es sein mu&szlig;, und die Antwort ist, da&szlig; wir
+immer wieder die Menschen neue, bessere Staatsformen auf den Tr&uuml;mmern
+der alten oder abseits von ihnen errichten sehen, in der Zuversicht, dem
+Staatsideal n&auml;herzukommen, das uns die reine Vernunft als Hort der
+sittlichen Freiheit und der inneren und &auml;u&szlig;eren Wohlfahrt des einzelnen
+vor die Augen r&uuml;ckt, und da&szlig; wir tats&auml;chlich die Staatsorganisationen im
+Laufe der Geschichte mehr und mehr auf dem Wege zum Kultur- und
+Rechtsstaat wandern sehen.</p>
+
+<p>Es liegt nun die Frage nahe, ob es nicht auch andere h&ouml;chste &auml;u&szlig;ere
+sittliche G&uuml;ter gibt. Diese Frage will ich hier nicht eingehend
+er&ouml;rtern. Soweit ich die Untersuchungen der wissenschaftlichen Ethik
+&uuml;berblicken kann, scheint bei aller<span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4"> [4]</a></span> Unsicherheit vieler sonstiger
+Ergebnisse das eine festgelegt zu sein, da&szlig; das h&ouml;chste und
+vollkommenste &auml;u&szlig;ere sittliche Gut eine Organisation der Gesellschaft
+ist, die jedem einzelnen alles das zu gew&auml;hren vermag, was f&uuml;r ihn
+verm&ouml;ge seiner einheitlichen Natur ein sittliches Gut ist. Angesichts
+der Anfechtungen, die meine Forderungen durch gewisse Vertreter der
+sogenannten wissenschaftlichen P&auml;dagogik immer wieder erfahren,
+erscheint es mir zweckm&auml;&szlig;ig zu versuchen, die von mir schon wiederholt
+unternommene Beweisf&uuml;hrung f&uuml;r diesen Satz im Anschlu&szlig; an den Ideengang
+Christoph Sigwarts aus seinem im Jahre 1907 erschienenen B&uuml;chlein
+&raquo;Vorfragen der Ethik&laquo; (J.&nbsp;C. B. Mohr, T&uuml;bingen) in kurzen Z&uuml;gen
+klarzulegen.</p>
+
+<p>Das Leben des Menschen rollt sich ab in einer Verfolgung von Zwecken. Es
+gibt wohl auch noch beim Erwachsenen Stunden einer Bet&auml;tigung, die frei
+ist von allen selbst gesetzten Zwecken; aber sie f&uuml;llen nur Pausen in
+dem rastlosen Triebwerk unserer teleologisch gerichteten geistigen
+Natur. Jeder Zweck, den wir uns setzen, hat die Tendenz, nach seiner
+Verwirklichung zu dr&auml;ngen. Dabei ordnen sich alle Zwecke in unserem
+Bewu&szlig;tsein nach ihrem Werte f&uuml;r uns. Je h&ouml;her der<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5"> [5]</a></span> Wert eines Zweckes in
+unserem Bewu&szlig;tsein steht, mit desto gr&ouml;&szlig;erer Energie trachten wir nach
+seiner Verwirklichung. Die gr&ouml;&szlig;ere Kraftentfaltung wird <span class="g">der</span> Zweck in uns
+ausl&ouml;sen, den als h&ouml;chsten Zweck anzuerkennen wir <span class="g">innerlich gen&ouml;tigt</span>
+sind. Die innere N&ouml;tigung aus blo&szlig;er <span class="g">Vernunft</span> ist freilich nicht immer
+stark genug, jeden Zwang zu &uuml;berwinden, den unsere rein pers&ouml;nlichen
+<span class="g">Neigungen</span> auf die Richtung unserer T&auml;tigkeit aus&uuml;ben.</p>
+
+<p>Unter diesen Neigungen ist die st&auml;rkste, sich selbst zu leben, seinen
+eigenen Trieben nachzugehen, eine Neigung, die als vornehmste auftritt
+in dem Streben nach Ausbildung der inneren Pers&ouml;nlichkeit. Es gibt
+Menschen, welche darin so weit gehen, diesen Zweck, dieses f&uuml;r sie
+h&ouml;chste Gut, so zu bestimmen, da&szlig; es von &auml;u&szlig;eren Bedingungen vollst&auml;ndig
+unabh&auml;ngig wird. Sie nehmen dann in den Bereich dieses h&ouml;chsten Gutes
+nur das auf, was von der T&auml;tigkeit des einzelnen allein und direkt
+abh&auml;ngt. Sie suchen den letzten Zweck in einer bleibenden
+Geistesverfassung, welcher der Wechsel der &auml;u&szlig;eren Bedingungen
+gleichg&uuml;ltig ist. Die stoische Moral verfolgt diese Richtung. Da&szlig; es
+einzelnen Menschen gelingt, diesen Weg einzuschlagen, beweist f&uuml;r die
+Richtigkeit<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6"> [6]</a></span> ihrer Anschauung nichts. Denn es gelingt ihnen nur, weil
+alle anderen Menschen durch ihre Gesellschafts- oder Staatseinrichtungen
+ihnen jenen Schutz gew&auml;hren, den sie brauchen, und jene Mittel
+darbieten, die zu ihrer Vervollkommnung notwendig oder doch vorteilhaft
+sind. W&uuml;rden alle Menschen ebenso handeln, so w&auml;re dieses Streben
+alsbald ad absurdum gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Der Mensch kann eben nicht f&uuml;r sich allein und aus sich allein leben.
+Sein geistiges wie sein wirtschaftliches Leben wird ein f&uuml;r allemal von
+allen Seiten, und zwar durch den Verkehr mit seinesgleichen g&uuml;nstig oder
+ung&uuml;nstig, gl&uuml;cklich oder ungl&uuml;cklich beeinflu&szlig;t. Sowie <span class="g">alle</span> Menschen
+den h&ouml;chsten Zweck ausschlie&szlig;lich in einem Gut suchen, das abgel&ouml;st ist
+von allen &auml;u&szlig;eren Bedingungen, von aller gemeinsamen Arbeit, von allem
+irgendwie gestalteten Verkehr, h&ouml;rt auch die M&ouml;glichkeit auf, da&szlig; sie
+diesen Zweck jemals erreichen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Auch rein psychologisch ist die Beschr&auml;nkung auf sich selbst in dem
+Suchen nach dem <span class="g">allgemeinen</span> h&ouml;chsten Zweck unm&ouml;glich. Denn jeder
+energisch gedachte Zweck, dessen Berechtigung aus der allgemeinen Natur
+des Menschen abgeleitet wird und der darum allgemeine G&uuml;ltigkeit<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7"> [7]</a></span> haben
+soll, enth&auml;lt, ob wir wollen oder nicht, die Forderung, da&szlig; er auch
+allgemein berechtigt ist, da&szlig; er auch allgemein gewollt werden mu&szlig;. Ein
+<span class="g">allgemeiner</span> dauernder Wille, da&szlig; jeder <span class="g">aus sich allein und f&uuml;r sich
+allein lebe</span>, ist undenkbar, weil die Erfahrung dessen Zweckm&auml;&szlig;igkeit
+sehr rasch widerlegen w&uuml;rde. Der allgemeine Wille kann nur auf eine
+Ordnung des <span class="g">gemeinsamen Lebens</span> gerichtet sein, auf ein Gut, das nur in
+einem Gesamtzustand einer in ihren Zwecken allseitig gerichteten
+Gemeinschaft von Menschen verwirklicht werden kann.</p>
+
+<p>Wie diese Ordnung des Gesamtzustandes einer Gemeinschaft von Menschen
+beschaffen ist, das h&auml;ngt ganz und gar von dem Kulturstande der
+Gemeinschaft ab. Unter der hypothetischen Voraussetzung <span class="g">vollkommener</span>
+Menschen kann man sich eine Ordnung denken, die ausschlie&szlig;lich auf das
+gesellschaftliche Gewissen gegr&uuml;ndet ist. Dieses Gewissen w&auml;re,
+Vollkommenheit des Menschen vorausgesetzt, das <span class="g">absolute</span> Gewissen, in dem
+alle denkbaren Werte und Zwecke in ein vollendetes unbestreitbares
+System der &Uuml;ber- und Unterordnung gebracht w&auml;ren. In diesem System
+best&uuml;nde zugleich die Ordnung der Gemeinschaft. In Wirklichkeit wird sie
+stets eine geschriebene<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8"> [8]</a></span> Rechtsordnung sein, hinter der die souver&auml;ne
+Strafgewalt der im Staate organisierten Gemeinschaft steht.</p>
+
+<p>Wenn aber dieses gemeinschaftliche Gut ein h&ouml;chster Zweck sein soll,
+dann m&uuml;ssen in dem h&ouml;chsten Zwecke alle niedrigeren Zwecke notwendig
+enthalten sein. Diese niedrigeren Zwecke bestimmt unsere
+sinnlich-geistige Natur. Von dieser unserer Natur sind die Gebiete
+festgelegt, auf denen wir unsere Befriedigung suchen und finden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Diese Gebiete sind: die Sorge um das physische Wohlsein, die dazu
+notwendige Beherrschung und Ben&uuml;tzung der Naturkr&auml;fte, die Vereinigung
+der Geschlechter, die leibliche und geistige F&uuml;rsorge um die
+Nachkommenschaft, die Befriedigung der geselligen Triebe, die Bet&auml;tigung
+des Wissensdranges, die Bet&auml;tigung unserer &auml;sthetischen und
+k&uuml;nstlerischen Natur, das Bed&uuml;rfnis nach religi&ouml;ser Erhebung, die freie
+Gestaltung des sittlichen Wollens usw. Alle diese Triebe und Bed&uuml;rfnisse
+liegen in der menschlichen Natur. Aus ihnen entspringt eine Reihe von
+allgemein berechtigten Zwecken und Zwecksystemen, wie sie in Wirtschaft,
+Handel, Jugenderziehung, Familienleben, Wissenschaft, Kunst,
+Religionsgemeinschaft verfolgt<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9"> [9]</a></span> werden. Alle diese Zwecke m&uuml;ssen im
+h&ouml;chsten Zweck, in dem h&ouml;chsten Gut enthalten sein. Die Rechtsordnung
+der Gemeinschaft mu&szlig; die M&ouml;glichkeit der Erf&uuml;llung dieser Zwecksysteme
+in sich schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Zugleich folgt aus der Forderung, da&szlig; das h&ouml;chste Gut ein allgemein
+anerkannter Zweck sein mu&szlig;, von selbst, da&szlig; in der Arbeit f&uuml;r den
+allgemeinen Zweck jeder auch seine Befriedigung finden mu&szlig; und jeder den
+allgemeinen Grunds&auml;tzen Folge leisten mu&szlig;, von denen er erwartet, da&szlig;
+durch sie der allgemeine Zweck erreicht wird. Die Organisation des
+gesellschaftlichen Zustandes, der so als h&ouml;chster Zweck aufgestellt
+wird, mu&szlig; nat&uuml;rlich auch die Mittel zur Befriedigung der individuell
+verschiedenen Bed&uuml;rfnisse enthalten, sie mu&szlig; jedem die M&ouml;glichkeit
+bieten, in der Weise seine Befriedigung zu finden, die seiner Natur,
+wenigstens seiner ethisch entwickelten Natur, angemessen ist. Jeder
+individualisierte Zweck ist soweit berechtigt, soweit er als Teil des
+allgemeinen Zweckes gewollt werden kann. Denn die Befriedigung, welche
+f&uuml;r alle in gleicher Weise erreichbar ist, liegt schlie&szlig;lich in der
+Gewi&szlig;heit f&uuml;r einen &uuml;ber das individuelle Bewu&szlig;tsein und seine Schranken
+hinausliegenden Zweck<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10"> [10]</a></span> &ndash; f&uuml;r einen Menschheits- und Weltzweck &ndash; selbst
+zu wirken, um den eigenen Wert als <span class="g">Tr&auml;ger</span> einer h&ouml;heren Idee, als
+Vollstrecker eines g&ouml;ttlichen Willens zu empfinden. In diesem Punkt
+begegnen sich Ethik und Metaphysik.</p>
+
+<p>So kommen wir von selbst auf eine durch autonome Rechtsgemeinschaft
+organisierte Gemeinschaft, die eben im Rechts- und Kulturstaat
+verk&ouml;rpert ist. Sobald die Rechtsorganisation den eben er&ouml;rterten
+Bedingungen gen&uuml;gt, ist er das h&ouml;chste &auml;u&szlig;ere sittliche Gut, und die
+&uuml;brigen Gemeinwesen, wie Familie, Berufsgemeinschaft,
+Religionsgemeinschaft usw., m&uuml;ssen notwendig mit ihren Rechtsordnungen
+in ihm enthalten sein, soweit sie sittliche Gemeinwesen sind. Denn sonst
+w&auml;ren ja wertvolle Zwecke des einzelnen, zu deren Erreichung er sich
+immer erst in Unterverb&auml;nden vergesellschaftet, nicht im Gesamtzweck
+enthalten.</p>
+
+<p>Gewi&szlig; haben wir es hier mit einem idealen Staatsgebilde zu tun, aber mit
+keinem utopischen, sondern mit einem aus unserer psychischen Natur
+abgeleiteten wissenschaftlichen Ideale, dessen Erreichung allerdings
+infolge der M&auml;ngel der menschlichen Natur unm&ouml;glich ist, dem wir uns
+aber n&auml;hern k&ouml;nnen, sofern es uns gelingt, eine<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11"> [11]</a></span> staatsb&uuml;rgerliche
+Erziehung zu organisieren, die nach einem solchen Ziele gerichtet ist.
+In dieser Unternehmung mag uns das Bewu&szlig;tsein st&auml;rken, da&szlig; tats&auml;chlich
+im Laufe der menschlichen Kultur die Staatsorganisation sich in der
+Richtung einer immer besseren Rechts- und Kulturgesellschaft entwickelt
+hat, wenn auch nicht geradlinig, sondern unter mancherlei R&uuml;ckschl&auml;gen,
+denen ein reines Machtgebilde wie der Staat immer notwendig ausgesetzt
+sein wird.</p>
+
+<p>Der Widerspruch, der sich gegen meine Forderungen vom Endzweck der
+Erziehung immer wieder erhebt, r&uuml;hrt also von einem Mi&szlig;verst&auml;ndnis her,
+das trotz meiner wiederholten eingehenden Darlegungen des Staatsbegriffs
+und des Begriffes der staatsb&uuml;rgerlichen Erziehung nie die <span class="g">Erziehung zur
+Verwirklichung der ethischen Idee des h&ouml;chsten &auml;u&szlig;eren Gutes im
+wohlverstandenen Dienste des gegebenen Staates versteht</span>, sondern immer
+nur die Erziehung zum blinden Dienst eines dauernd festgelegten
+Staatsorganismus. Sobald die ehrliche Absicht vorhanden ist, diesen
+Grundunterschied zu begreifen, wird auch das Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+verschwinden.</p>
+
+<p>Auch ein anderes Mi&szlig;verst&auml;ndnis l&ouml;st sich alsdann,<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12"> [12]</a></span> das diejenigen
+beherrscht, welche das Ziel aller Erziehung nicht etwa wie Herbart auf
+die Charakterst&auml;rke der Sittlichkeit beschr&auml;nken, sondern in der Bildung
+der autonomen Pers&ouml;nlichkeit sehen, oder, wie Schulrat Gaudig sich
+ausdr&uuml;ckt, in der <span class="g">Selbst</span>bestimmung, in der Bestimmung zur &raquo;Idealit&auml;t des
+eigenen Ichs&laquo;. Wer als Erziehungszweck Selbstbestimmung aufstellt, mu&szlig;
+das Ziel dieser Selbstbestimmung eindeutig festlegen. Zu allen Zeiten
+gab es P&auml;dagogen, denen Selbstbestimmung oder autonome Charakterbildung
+der Endzweck der Erziehung war. In dem Ma&szlig;e, als der Z&ouml;gling sich
+entwickelt, hat die heteronome Erziehung zur&uuml;ckzutreten. Die beste
+Erziehung ist die, die den Erzieher selbst immer &uuml;berfl&uuml;ssiger macht.
+Mit dem reinen Formalismus der Selbstbestimmung aber ist ein greifbares
+Ziel noch nicht gegeben.</p>
+
+<p>Gaudig sucht das greifbare Ziel in der &raquo;Idealit&auml;t des eigenen Ichs&laquo;.
+Auch damit ist ein Inhalt noch nicht gegeben. Dessen ist sich Gaudig
+auch bewu&szlig;t. In der Zeitschrift f&uuml;r &raquo;P&auml;dagogische Psychologie&laquo; sucht er
+diesen Inhalt zu bestimmen (Jahrgang 1912, Heft 1 u. 10). Was er aber
+dort schildert, ist einfach der &raquo;vollkommene Mensch&laquo;, nicht die
+&raquo;spezifische&laquo; und immer &raquo;unvollkommen<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13"> [13]</a></span> bleibende&laquo; Pers&ouml;nlichkeit. Sobald
+man jedoch die Erziehung zur Pers&ouml;nlichkeit, die als &raquo;Idealit&auml;t des
+Ichs&laquo; ganz richtig bezeichnet ist, als Ziel aufstellt, mu&szlig; man sich klar
+sein, da&szlig; dieses &raquo;ideale Ich&laquo; als vollkommener Mensch gefa&szlig;t kein
+<span class="g">allgemeines</span> Ziel sein kann. Es gibt so viele ideale Ich, als es Menschen
+gibt. Die Idealisierung erfolgt durch das Lebendigwerden objektiver
+Werte im jeweiligen Individuum. Welche Werte in ihm lebendig werden
+k&ouml;nnen, das h&auml;ngt von seiner Veranlagung ab.</p>
+
+<p>Aber indem sie im Individuum lebendig werden, indem das Individuum durch
+sie zu seiner ihm erreichbaren Idealit&auml;t, d.&nbsp;i. Vollendung, kommt, wird
+diese spezifische Pers&ouml;nlichkeit selbst ein allgemeiner objektiver Wert.</p>
+
+<p>Die sich so ergebenden Werte sind jedoch sehr verschieden und bilden
+eine aufsteigende Reihe bis zu jenem obersten Wert der Pers&ouml;nlichkeit,
+die in der Hingabe an den allgemeinen Zweck im h&ouml;chsten Gute des
+sittlichen Gemeinwesens ihre eigene Vollendung und damit ihre
+Lebensaufgabe sucht und findet. Auch ihre Zwecke sind im <span class="g">allgemeinen</span>
+Zweck, den wir oben als h&ouml;chsten Zweck erkannt haben, enthalten, und
+gerade die M&ouml;glichkeit der Selbstbestimmung zur<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14"> [14]</a></span> sogenannten &raquo;Idealit&auml;t
+des eigenen Ichs&laquo;, soweit diese Idealit&auml;t des einzelnen neben der aller
+anderen bestehen kann, ist eines der wesentlichen Merkmale des h&ouml;chsten
+Gutes. Aus dieser &Uuml;berlegung wird zugleich klar, da&szlig; es keinen Sinn hat,
+die P&auml;dagogik in Individual- und Sozialp&auml;dagogik zu scheiden. Die
+wohlverstandenen Zwecke des einzelnen sind in dem allgemeinen Zweck der
+Gemeinschaft, sofern diese Gemeinschaft als das h&ouml;chste Gut bezeichnet
+werden kann, enthalten. Es gibt kein sittliches Gemeinwesen, ohne da&szlig;
+die Mehrzahl seiner B&uuml;rger sittliche Individuen sind. Es entwickelt sich
+aber auch keine gr&ouml;&szlig;ere Zahl von sittlichen Individuen, wenn nicht die
+Verfassung des Gemeinwesens und damit ihr allgemeiner Zweck auf einer
+sittlichen Grundlage stehen.</p>
+
+<p>Ich gehe demnach von der Voraussetzung aus, da&szlig; das sittliche
+Gemeinwesen das h&ouml;chste &auml;u&szlig;ere sittliche Gut des Menschen ist; au&szlig;erdem
+mache ich die zweite Voraussetzung, da&szlig; der <span class="g">gegebene</span> Staat um so eher in
+der Richtung zum idealen sittlichen Gemeinwesen sich bewegt, je mehr
+durch die &ouml;ffentliche Erziehung die Erkenntnis sich verbreitet, da&szlig; das
+h&ouml;chste innere sittliche Gut und das h&ouml;chste &auml;u&szlig;ere in wechselseitiger<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15"> [15]</a></span>
+Bedingtheit stehen, und je mehr infolge dieser Erkenntnis alle
+Erziehungsma&szlig;nahmen vom Gesichtspunkt des ethischen Staatsbegriffes aus
+getroffen werden. Unter diesen beiden Voraussetzungen darf der gegebene
+Staat auch Zweck und Aufgabe der &ouml;ffentlichen Schulen aus seinem Zweck
+und seinen Aufgaben heraus bestimmen.</p>
+
+<p>Der Zweck aber des gegebenen Staates ist ein zweifacher: zun&auml;chst ein
+egoistischer, n&auml;mlich die F&uuml;rsorge um den inneren und &auml;u&szlig;eren Schutz und
+um die leibliche und geistige Wohlfahrt seiner Staatsangeh&ouml;rigen; dann
+aber ein altruistischer, die allm&auml;hliche Herbeif&uuml;hrung des Reiches der
+Humanit&auml;t in der menschlichen Gesellschaft durch seine eigene
+Entwicklung zu einem sittlichen Gemeinwesen und die Bet&auml;tigung seiner
+Kr&auml;fte in der Gemeinschaft der Kultur- und Rechtsstaaten. Von dem
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; die Kulturstaaten (in ihrem eigensten Interesse) auch
+dieser zweiten Aufgabe dienen sollen, sind die Sieger im Weltkriege
+trotz aller gegenteiligen Beteuerungen und Versicherungen nicht erf&uuml;llt
+gewesen. Ihre &raquo;Friedensbestimmungen&laquo; haben der allm&auml;hlichen
+Herbeif&uuml;hrung des Reiches der Humanit&auml;t in der menschlichen Gesellschaft
+die gr&ouml;&szlig;ten Hindernisse bereitet. M&ouml;ge die kommende<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16"> [16]</a></span> Weltgeschichte
+nicht den furchtbaren Beweis liefern, da&szlig; kein gro&szlig;er Staat ungestraft
+dieser zweiten Forderung entgegen handelt! Anders steht nat&uuml;rlich die
+Frage, ob <span class="g">jeder</span>, auch der schwache und machtlose Staat, im Interesse der
+Humanit&auml;t allezeit f&uuml;r unterdr&uuml;ckte Staaten eintreten mu&szlig;. Hier&uuml;ber habe
+ich mich in meiner Schrift &raquo;Staatsb&uuml;rgerliche Erziehung der deutschen
+Jugend&laquo; n&auml;her ge&auml;u&szlig;ert. Jedenfalls mahnen historisch gewordene Beispiele
+zur Vorsicht. Aber etwas anderes ist es, die Normen und Gesetze der
+Humanit&auml;t absichtlich zu verletzen und etwas anderes zu ihrer Verletzung
+mit R&uuml;cksicht auf die Existenz des eigenen Staatsvolkes zu schweigen.
+Hier ist einer der Punkte, in welchen die Individualit&auml;tsmoral nicht
+schlechtweg auf die Staatsmoral &uuml;bertragen werden kann.</p>
+
+<p>Wenn ich nun sage: Zweck der &ouml;ffentlichen Volksschule (wozu nat&uuml;rlich
+auch die Fortbildungsschule geh&ouml;rt) ist, die nachwachsende Generation so
+erziehen zu helfen, da&szlig; sie dieser doppelten Aufgabe, sei es durch
+Gew&ouml;hnung allein, sei es durch Gew&ouml;hnung und Einsicht nach Ma&szlig;gabe der
+vorhandenen Begabung dient, so ist damit nichts weniger als ein
+utilitarisches Ziel aufgestellt, wie die Th&uuml;ringer Herbartfreunde
+behaupten,<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17"> [17]</a></span> sondern in letzter Linie ein im h&ouml;chsten Ma&szlig;e ethisches.</p>
+
+<p>Indem ich dann den Menschen, der dem gegebenen Staat nur <span class="g">im steten
+Hinblick auf diese doppelte Aufgabe</span> dient, <span class="g">einen brauchbaren
+Staatsb&uuml;rger nenne</span>, bezeichne ich in aller K&uuml;rze als Zweck der
+&ouml;ffentlichen Schule des Staates und damit als Zweck der Erziehung
+&uuml;berhaupt, brauchbare Staatsb&uuml;rger zu erziehen. Aus diesem Zweck ergeben
+sich die Aufgaben der Schule, aus den Aufgaben folgen gewisse sachliche
+Richtlinien oder Normen f&uuml;r die Organisation der Schule &uuml;berhaupt und
+demgem&auml;&szlig; auch die Organisation der Schule, die wir mit dem Begriff
+&raquo;Arbeitsschule&laquo; bezeichnen. Weitere Normen aber und die Methoden, die
+einzelnen Aufgaben ganz oder teilweise durch eine Schule zu l&ouml;sen,
+h&auml;ngen von den &auml;u&szlig;eren und inneren Verh&auml;ltnissen ab, unter welchen die
+leibliche und geistige Entwicklung des Z&ouml;glings vor sich geht. Aus der
+Gesamtheit dieser Zwecke, Aufgaben, Wege und Methoden folgt jener
+Begriff der Schule des modernen Staates, den ich mit dem Wort
+&raquo;Arbeitsschule&laquo; bezeichne. In der Verfolgung der Aufgaben und
+Organisationen, die aus dem von mir geforderten <span class="g">h&ouml;chsten</span><span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18"> [18]</a></span> Zweck der
+Volksschule sich ergeben, wird sich zugleich zeigen, da&szlig; aus diesem
+h&ouml;chsten Zweck auch alle &uuml;brigen berechtigten Absichten und Zwecke der
+Erziehung abgeleitet werden k&ouml;nnen, da&szlig; er also zugleich auch der <span class="g">ganze</span>
+Zweck der &ouml;ffentlichen Erziehung ist.</p>
+
+<p>Vor allem ist klar, da&szlig; niemand ein in unserem Sinne brauchbarer B&uuml;rger
+eines Staates sein kann, der nicht eine Funktion in diesem Organismus
+erf&uuml;llt, der also nicht irgendeine Arbeit leistet, die direkt oder
+indirekt den Zwecken des Staatsverbandes zugute kommt. Wer die Segnungen
+der Staatsordnung im Besitze geistiger und k&ouml;rperlicher Gesundheit
+genie&szlig;t, ohne an irgendeiner Stelle dieses allerdings sehr komplizierten
+Zweckverbandes zur Leistung der gemeinsamen Arbeit an einem noch so
+kleinen St&uuml;cke nach Ma&szlig;gabe seiner Kr&auml;fte teilzunehmen, ist nicht nur
+kein brauchbarer Staatsb&uuml;rger, sondern handelt von vornherein
+unsittlich. Wer ererbten Reichtum blo&szlig; dazu verwendet, sein eigenes
+Leben f&uuml;r sich zu genie&szlig;en, kann den Titel eines brauchbaren
+Staatsb&uuml;rgers nicht beanspruchen, weil er au&szlig;er dem f&uuml;r alle
+verbindlichen Steuerbetrag der gemeinsamen Arbeit, die ihm die
+Behaglichkeit seines Daseins erlaubt, keine Gegenleistung<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19"> [19]</a></span>
+entgegenbringt. Dagegen kann selbst die Arbeit eines Stra&szlig;enkehrers
+sittlichen Wert annehmen, wenn sie vollzogen wird im Bewu&szlig;tsein der
+Notwendigkeit dieser Arbeit f&uuml;r die Gesamtheit.</p>
+
+<p>Die <span class="g">erste</span> Forderung f&uuml;r den einzelnen im Staate ist also, da&szlig; er
+bef&auml;higt und gewillt ist, irgendeine Funktion im Staate auszu&uuml;ben oder,
+wie wir es nennen k&ouml;nnen, in irgendeinem Berufe t&auml;tig zu sein und so
+direkt oder indirekt den Staatszweck zu f&ouml;rdern. Daraus folgt die
+primitivste Aufgabe der &ouml;ffentlichen Schule. Die &ouml;ffentliche Schule hat
+zun&auml;chst die Aufgabe, dem einzelnen Z&ouml;gling zu helfen, eine Arbeit im
+Gesamtorganismus oder, wie wir sagen, einen Beruf zu ergreifen und ihn
+so gut als m&ouml;glich zu erf&uuml;llen. Das ist noch keine sittliche Aufgabe,
+aber es ist die Grundbedingung, damit die &ouml;ffentliche Schule &uuml;berhaupt
+sittliche Aufgaben ins Auge fassen kann.</p>
+
+<p>Die <span class="g">zweite</span> Aufgabe, die an die Schule herantritt, ist nun, den einzelnen
+zu gew&ouml;hnen, diesen Beruf als ein Amt zu betrachten, das nicht blo&szlig; im
+Interesse der eigenen Lebenshaltung und der sittlichen Selbstbehauptung
+auszu&uuml;ben ist, sondern auch im Interesse des geordneten
+Staatsverbandes,<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20"> [20]</a></span> der dem einzelnen die M&ouml;glichkeit gibt, unter dem
+Segen der Rechtsordnung und Kulturgemeinschaft seiner Arbeit und damit
+seinem Lebensunterhalt nachzugehen. Je nach der Art des Berufes wird es
+leicht, schwierig oder unm&ouml;glich sein, aus ihm zugleich einen <span class="g">direkten</span>
+Dienst im Interesse der Gesamtheit zu machen. Es gibt eine Reihe von
+Berufen, in denen diese Auffassung dem Beruf zugleich die h&ouml;chste Weihe
+gibt. Es gibt eine Menge anderer Berufe, die nicht mit einer <span class="g">direkten</span>
+Arbeit f&uuml;r das Gemeinwohl verbunden werden k&ouml;nnen. Immer aber wird es
+m&ouml;glich sein, fr&uuml;hzeitig das Bewu&szlig;tsein in der heranwachsenden
+Generation zu entwickeln, da&szlig; jede Berufsarbeit vom Aus&uuml;benden als eine
+im Dienste der Gesamtheit notwendige aufgefa&szlig;t werden kann und da&szlig; die
+&Uuml;bernahme jeder entlohnten Arbeit, wie einf&ouml;rmig und bescheiden sie auch
+sein mag, eine Verpflichtung zur besten Leistung nach sich zieht.</p>
+
+<p>Die <span class="g">dritte</span> und h&ouml;chste Erziehungsaufgabe der &ouml;ffentlichen Schule, die
+nat&uuml;rlich entsprechende moralische und intellektuelle Begabung des
+Z&ouml;glings voraussetzt, ist sodann, im Z&ouml;gling Neigung und Kraft zu
+entwickeln, neben und durch die Berufsarbeit und nicht zuletzt durch die
+Arbeit<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21"> [21]</a></span> am eigenen Ich, an der Vervollkommnung <span class="g">seines</span> spezifischen
+Pers&ouml;nlichkeitswertes seinen Teil beizutragen, da&szlig; die Entwicklung des
+gegebenen Staates, dem er angeh&ouml;rt, in der Richtung zum Ideal eines
+sittlichen Gemeinwesen vor sich gehe. Erst in diesem Zusammenhang kann
+der subjektive Pers&ouml;nlichkeitswert zum objektiven Werte werden und damit
+Anspruch auf einen Erziehungswert machen. Denn das Ideal des sittlichen
+Gemeinwesens ist erst gegeben im harmonischen Bunde sittlich freier
+Pers&ouml;nlichkeiten, die sich in ihren mannigfaltigen Verschiedenheiten
+gegenseitig erg&auml;nzen und tragen.</p>
+
+<p>Damit sind drei klare und bestimmt gezeichnete Aufgaben jeder
+&ouml;ffentlichen Schule und damit auch der Volksschule zugewiesen, und sie
+umfassen zugleich den <span class="g">ganzen</span> Zweck der Erziehung. Ich bezeichne sie kurz
+als</p>
+
+<ol>
+<li>die Aufgabe der Berufsbildung oder doch deren Vorbereitung,</li>
+<li>die Aufgabe der Versittlichung der Berufsbildung,</li>
+<li>die Aufgabe der Versittlichung des Gemeinwesens, innerhalb dessen der
+Beruf auszu&uuml;ben ist.</li>
+</ol>
+
+<p>Da die Versittlichung des Gemeinwesens gar nicht denkbar ist ohne die
+Versittlichung derjenigen,<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22"> [22]</a></span> die das Gemeinwesen bilden, so ist in diesen
+drei Aufgaben von selbst die sittliche Erziehung des einzelnen mit
+eingeschlossen.</p>
+
+<p>Dabei fasse ich den Begriff der Versittlichung in dem formalen
+<span class="g">allgemeinsten Sinne</span>, der sich mit dem Begriffe Sittlichkeit verbinden
+l&auml;&szlig;t, <span class="g">als der widerspruchsfreien Einheit</span> des durch die allgemeinen
+Kulturg&uuml;ter der Gemeinschaft entwickelten Seelenlebens eines
+Individuums.</p>
+
+<p>Die drei Aufgaben sind zugleich untrennbar miteinander verbunden. Man
+kann keine ohne die beiden andern l&ouml;sen. Man kann der Schule nicht die
+Aufgabe der Mitarbeit an der Versittlichung des Gemeinwesens zuweisen,
+ohne da&szlig; man den Sch&uuml;ler zu einer sittlichen Berufsauffassung erzieht,
+und man kann dem Sch&uuml;ler keine sittliche Auffassung vom Berufe geben,
+ohne ihn selbst so gr&uuml;ndlich als m&ouml;glich f&uuml;r diesen Beruf vorzubereiten.</p>
+
+<p>Aber die Schule kann auch umgekehrt niemanden in der rechten Weise auf
+seinen Beruf vorbereiten, ohne da&szlig; sie sich selbst als ein Mittel des
+allgemeinen Zweckes f&uuml;hlt, n&auml;mlich den gegebenen Staat seinem idealen
+Zustand als Rechts- und Kulturstaat zuzuf&uuml;hren. Sobald sich die<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23"> [23]</a></span> Schule
+als Mittel eines anderen Zweckes f&uuml;hlt, sobald sie etwa rein
+wissenschaftliche, rein k&uuml;nstlerische, rein religi&ouml;se, rein
+wirtschaftliche, kaufm&auml;nnische, technische Zwecke ins Auge fa&szlig;t, also
+<span class="g">einzelne</span> Zwecke, die nicht <span class="g">jedem</span> ihrer Sch&uuml;ler <span class="g">h&ouml;chster</span> Zweck sein
+k&ouml;nnen, leidet darunter immer auch die Berufsbildung selbst. Die Schule
+wird bestenfalls eine technische Schule, eine Schule, welche die Technik
+um der Technik willen treibt, eine Schule f&uuml;r wissenschaftliches,
+k&uuml;nstlerisches, wirtschaftliches, religi&ouml;ses Virtuosentum, und zwar f&uuml;r
+ein immer mehr und immer mannigfaltiger sich spezialisierendes
+Virtuosentum. Unsere Universit&auml;ten entwickeln sich zusehends in dieser
+f&uuml;r die Gesamtkultur so unheimlichen Richtung, die schlie&szlig;lich dahin
+ausm&uuml;ndet, in der Mehrzahl ihrer Sch&uuml;ler beschr&auml;nkte Spezialisten zu
+erziehen, die selbst von ihrem Beruf nur mehr eine Seite, ja nur mehr
+ein St&uuml;ck einer Seite kennen und beherrschen lernen, an Stelle ihres
+ganzen Berufes. Es vollzieht sich in solchen Schulen der gleiche Proze&szlig;,
+wie er sich bereits in der Industrie zum ungeheuren Schaden unserer
+Gesamtkultur vollzogen hat, der Proze&szlig; der ins Endlose gehenden
+Arbeitsteilung.</p>
+
+<p>Ist dieser Proze&szlig; der atomisierenden Arbeitsteilung<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24"> [24]</a></span> der
+Kulturentwicklung immanent, dann haben wir es mit einer neuen Seite der
+&raquo;Trag&ouml;die der Kultur&laquo; zu tun, von der Georg Simmel in seinem Essay zwei
+andere Seiten so eindrucksvoll geschildert hat. Nun haben sich gewi&szlig; mit
+fortschreitender Kultur der <span class="g">vern&uuml;nftigen</span> Menschheit die Berufe
+spezialisiert, genau ebenso wie mit fortschreitender Entwicklung der
+<span class="g">unvern&uuml;nftigen</span> andern Organismen die Zellen in ihren Funktionen sich
+spezialisiert haben. Aber jede einzelne Zelle ist in bezug auf den
+Gesamtzellenstaat, dem sie angeh&ouml;rt, mag dieser auch noch so hoch
+entwickelt sein, nach meiner Kenntnis immer noch unvergleichlich reicher
+mit Berufsfunktionen bedacht als unz&auml;hlige der geistigen und manuellen
+Arbeiter im Menschenstaat. Sollte die Vernunft des Menschen in R&uuml;cksicht
+auf die Entwicklung des menschlichen Vernunftstaates ohnm&auml;chtiger sein
+als die Instinkte der Zellen in R&uuml;cksicht auf die Entwicklung des
+organischen Zellenstaates?</p>
+
+
+
+<h2><a name="II_DIE_BERUFSBILDUNG_ALS_ERSTE_AUFGABE" id="II_DIE_BERUFSBILDUNG_ALS_ERSTE_AUFGABE"></a>II. DIE BERUFSBILDUNG ALS ERSTE AUFGABE<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25"> [25]</a></span></h2>
+
+
+<p>Die erste und vordringlichste Aufgabe der &ouml;ffentlichen Schule (Volks-,
+Fortbildungs- und h&ouml;heren Schule) ist also die <span class="g">Berufsbildung</span>, oder doch
+die Vorbereitung auf den Beruf. Das scheint zun&auml;chst mit der
+gegenw&auml;rtigen Auffassung der allgemeinen Schulen in vollst&auml;ndigem
+Widerspruch zu stehen. Allein kein Geringerer als Pestalozzi selbst war
+durch und durch von dieser Anschauung erf&uuml;llt, obwohl ihm als letztes
+Ziel gleich mir die allgemeine Menschenbildung vor Augen schwebte. Nie
+wird Pestalozzi m&uuml;de, diese erste und vorwiegende Aufgabe zu betonen.
+Dem &raquo;B&uuml;cherleben&laquo; der Schule stellt er das &raquo;Berufsleben&laquo; gerne
+gegen&uuml;ber. &raquo;Wenn ein Bauernknabe mit dem Vater t&auml;glich ins Feld geht, an
+seinem gewohnheitlichen Tun, soweit er kann, teilnimmt, so genie&szlig;t er
+geradezu die Bildung, die er n&ouml;tig hat.&laquo; (Seyffarthausgabe IX, 236.)
+&raquo;Man kommt immer fr&uuml;h genug zum <span class="g">Viel</span>wissen, wenn man lernt <span class="g">recht</span> wissen,
+und recht<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26"> [26]</a></span> wissen lernt man nie, wenn man nicht in der N&auml;he, bei den
+Seinigen und bei dem Tun anf&auml;ngt.&laquo; (Seyffarthausgabe IV, 90.) &raquo;Reiner
+Wahrheitssinn bildet sich in engen Kreisen, und reine Menschenweisheit
+ruht auf dem festen Grund der Kenntnis seiner n&auml;hesten Verh&auml;ltnisse und
+der ausgebildeten Behandlungsf&auml;higkeit seiner n&auml;hesten Angelegenheiten.&laquo;
+(Seyffarthausgabe III, 314.) Ja, er l&ouml;st sich als Kind seiner Zeit nicht
+einmal von dem Gedanken los, da&szlig; der Beruf seines Z&ouml;glings in dem <span class="g">Stande</span>
+aufgehe, in dem er geboren ist. Gro&szlig;e Teile seines Schwanengesanges, in
+welchem er die Erfahrungen und p&auml;dagogischen Anschauungen seines Lebens
+zusammenfa&szlig;t, sind von dieser Auffassung der ersten Aufgabe der
+Volksschule erf&uuml;llt. Bei den sehr viel einfacheren Verh&auml;ltnissen seiner
+Zeit lag auch kein Gedanke n&auml;her als der, die innere Organisation der
+Volksschule den Zwecken des Standes anzupassen, aus dem die Z&ouml;glinge
+genommen waren und in den sie naturgem&auml;&szlig; wieder hineinwuchsen.</p>
+
+<p>Diese Verh&auml;ltnisse haben sich in den verflossenen hundert Jahren
+ge&auml;ndert. Nicht nur, da&szlig; die St&auml;nde als <span class="g">fixierte</span> Schichten der
+Staatsorganisation verschwunden sind, auch die Arbeitsverh&auml;ltnisse,<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27"> [27]</a></span> wie
+sie namentlich die Industrie gebracht hat, lassen eine rein berufliche
+Gestaltung der elementaren Volksschule, welche die Zwecke der
+Menschenbildung im Auge haben mu&szlig;, im allgemeinen als unm&ouml;glich
+erscheinen. Nichtsdestoweniger bleibt auch heute der elementaren
+Volksschule die Aufgabe der Vorbereitung auf den zuk&uuml;nftigen Beruf des
+Z&ouml;glings zugewiesen. Die ungeheure Mehrzahl aller Menschen im Staate
+steht im Dienste der rein manuellen Berufe, und dies wird f&uuml;r alle
+Zeiten Geltung haben. Denn jedes menschliche Gemeinwesen hat ungleich
+mehr k&ouml;rperliche als geistige Arbeiter n&ouml;tig. Auch die Begabung der
+Massen liegt zun&auml;chst durchaus nicht auf den Arbeitsgebieten rein
+geistiger T&auml;tigkeit, sondern der manuellen Arbeit, aus der sich ja im
+Laufe der Kultur die geistige Arbeit &uuml;berhaupt erst entwickelt hat. Das
+Handwerk ist nicht nur die Grundlage aller echten Kunst, sondern auch
+die Grundlage aller echten Wissenschaft. Eine &ouml;ffentliche Schule, die
+auf <span class="g">geistige</span> wie <span class="g">manuelle</span> Berufe vorzubereiten hat, ist daher schlecht
+organisiert, wenn sie keine Einrichtung hat, die manuellen F&auml;higkeiten
+des Z&ouml;glings zu entwickeln. Sie ist um so schlechter organisiert, als ja
+auch in der ganzen Entwicklung des<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28"> [28]</a></span> Kindes die k&ouml;rperliche und manuelle
+der geistigen vorangeht, als insbesondere in der Zeit vom 3. bis 14.
+Lebensjahre die Instinkte und Triebe f&uuml;r manuelle Bet&auml;tigung durchaus
+vorherrschen. F&uuml;r Schulen, die <span class="g">nur</span> f&uuml;r rein geistige Berufe vorbereiten
+sollen, wie dies bei einer alten Gruppe der h&ouml;heren Schulen der Fall
+ist, f&uuml;r Menschen, die, nachdem ihre Instinkte f&uuml;r manuelle T&auml;tigkeit im
+wesentlichen erloschen sind, wenn sie ihre Schuldigkeit f&uuml;r die
+Entwicklung des normalen Gebrauchs der Glieder und der Sinnesorgane
+getan haben, fast ausschlie&szlig;lich unter der Macht der intellektuellen
+Triebe stehen, f&uuml;r solche erachte ich Erziehungseinrichtungen zur
+manuellen Bet&auml;tigung (von rein k&ouml;rperlichen &Uuml;bungen im Interesse einer
+gesunden Lebensf&uuml;hrung abgesehen) in keiner Weise notwendig. Da es
+Menschen dieser Art gibt und auch Berufe, denen sie sich von selbst
+zubewegen, so kann ich mir daher auch wohlorganisierte &raquo;Arbeitsschulen&laquo;
+denken, die keinerlei <span class="g">manuelle</span> Bet&auml;tigung in irgendwelchen besonderen
+Werkst&auml;tten oder auch nur abseits von besonderen Werkst&auml;tten mit
+irgendwelchem Unterrichtsbetrieb verbunden kennen.</p>
+
+<p>F&uuml;r alle anderen Z&ouml;glinge aber sind Schulen, die solcher Einrichtungen
+entbehren, schlecht organisierte<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29"> [29]</a></span> Schulen. Insbesondere mu&szlig; jede
+Volksschule aus den angestellten Erw&auml;gungen heraus irgendwelche
+praktische Arbeitspl&auml;tze, Werkst&auml;tten, G&auml;rten, Schulk&uuml;chen, N&auml;hstuben,
+Laboratorien haben, um auf ihnen systematisch die Instinkte f&uuml;r manuelle
+T&auml;tigkeit zu entwickeln, den Z&ouml;gling zu gew&ouml;hnen, immer sorgf&auml;ltiger,
+ehrlicher, gewissenhafter, durchdachter die manuellen Arbeitsprozesse
+auszuf&uuml;hren. Nur so wird eine der Hauptgrundlagen seiner sp&auml;teren und
+durch die Fortbildungsschule direkt aufzugreifenden Berufsbildung
+geschaffen, n&auml;mlich die fr&uuml;hzeitige Gew&ouml;hnung an wohl&uuml;berlegte,
+musterg&uuml;ltige, solide, ehrliche manuelle Arbeit. Mit anderen Worten, um
+mich eines der bekannten Schlagw&ouml;rter zu bedienen: In der
+wohlorganisierten &ouml;ffentlichen Volksschule mu&szlig; der Arbeitsunterricht
+auch als ein in sich geschlossenes <span class="g">Unterrichtsfach</span> auftreten. Dieser
+Arbeitsunterricht als Fach ist nicht eine &raquo;Entweihung&laquo; der Volksschule,
+sondern ihr gr&ouml;&szlig;ter Segen. In Bayern ist seit mehr als 100 Jahren in
+einer gro&szlig;en Zahl von M&auml;dchenklassen der Arbeitsunterricht als Fach
+eingef&uuml;hrt, in M&uuml;nchen seit fast 50 Jahren in nicht weniger als
+durchschnittlich drei Stunden in der Woche, und keinem Menschen ist es
+bis heute<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30"> [30]</a></span> nur im Traum eingefallen, diesen Unterricht, der ruhig f&uuml;r
+sich seine eigenen geschlossenen Bahnen l&auml;uft, als eine Entweihung der
+M&auml;dchenschule zu betrachten und aus dem Lehrplan der M&auml;dchenvolksschule
+zu streichen. Nun wird man vielleicht einwenden: Stricken, N&auml;hen,
+Leibw&auml;sche herstellen und sie ausbessern ist der Beruf fast aller
+M&auml;dchen. Aber nicht alle Knaben ergreifen den gleichen manuellen Beruf.
+Das ist richtig. Aber daraus zu schlie&szlig;en, da&szlig; man deswegen &uuml;berhaupt
+keinen systematischen Arbeitsunterricht in den inneren Organismus der
+Schule eingliedern darf, ein solcher Schlu&szlig; steht ungef&auml;hr auf der
+gleichen H&ouml;he wie der, da&szlig;, weil nicht alle Menschen die gleiche Nahrung
+vertragen, man ihnen am besten gar keine Nahrung gibt.</p>
+
+<p>Noch vor hundert Jahren, da der Geist Pestalozzis in den deutschen
+Schulverwaltungen lebendig war, war es selbstverst&auml;ndlich, nicht blo&szlig;
+f&uuml;r alle M&auml;dchen, sondern auch f&uuml;r alle Knaben Arbeitsschulen und
+Arbeitsunterricht zu fordern. Und wenn auch die Verf&uuml;gungen in den
+napoleonischen Wirren und in der nachher das Haupt erhebenden
+Reaktionszeit nicht ausgef&uuml;hrt wurden, so zeigen sie doch zun&auml;chst eine
+in dieser Hinsicht die Gegenwart &uuml;berragende Einsicht und<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31"> [31]</a></span> redlichsten
+Willen. Der Allerh&ouml;chste Erla&szlig; des Kurpfalzbayrischen
+Generalschulendirektoriums von 1803 an die Lokalschulkommissionen
+Bayerns ist ein sch&ouml;nes Beispiel hierf&uuml;r. &raquo;Gewisse technische
+Fertigkeiten sind jedem Menschen mehr oder minder notwendig. Darum ist
+es notwendig, da&szlig; &uuml;berall <span class="g">Arbeitsschulen f&uuml;r Knaben und M&auml;dchen</span> angelegt
+und mit Lehrschulen in Verbindung gebracht werden. Von diesen Schulen
+sollen auch jene nicht freigesprochen werden, von denen es vorauszusehen
+ist, da&szlig; sie einstens nicht notwendig haben zu arbeiten, um sich zu
+ern&auml;hren; denn abgesehen vom Wechsel des Gl&uuml;cks, wodurch viele geerbten
+Reichtum verlieren, so ist es immer gut, da&szlig; jeder lerne, den Vorzug zu
+sch&auml;tzen, sich selbst den notwendigen Unterhalt erwerben zu k&ouml;nnen und
+jenen geh&ouml;rig zu achten, der durch Arbeitsamkeit und Kunstflei&szlig; sich
+einen Wohlstand zu verschaffen versteht.&laquo; Dabei waren in jenen Zeiten
+noch Familienwohnsitz und Arbeitsst&auml;tte des Vaters enge verbunden, und
+die Jugend wuchs nicht auf, wie heute fast ausnahmslos in unseren gro&szlig;en
+St&auml;dten, ohne die h&auml;usliche Schule der Arbeit, ja ohne auch nur den
+k&uuml;mmerlichsten Einblick in die manuelle Arbeit des Vaters zu gewinnen<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32"> [32]</a></span>
+und vom Zauber ihres Segens erfa&szlig;t zu werden.</p>
+
+<p>Wesentlich tiefer noch gr&auml;bt um die gleiche Zeit der Leiter des
+Frankfurter &raquo;Philanthropins&laquo; <span class="g">Jakob Molitor</span>, ganz in Pestalozzischen
+Gedankeng&auml;ngen sich bewegend. Man glaubt in <span class="g">John Dewey's</span> &raquo;School and
+Society&laquo; von 1901 zu lesen, wenn man in seiner Abhandlung &raquo;&Uuml;ber die
+b&uuml;rgerliche Erziehung&laquo; die S&auml;tze findet: &raquo;Es ist der gr&ouml;&szlig;te Fehler
+unserer heutigen Erziehung, da&szlig; sie die Kinder mit allem bekannt macht,
+was in der Ferne liegt, und in demjenigen ganz unwissend l&auml;&szlig;t, was sich
+in ihrer N&auml;he befindet. <span class="g">Deshalb ist zwischen dem Leben und unserer
+Schule jetzt so eine ungeheure Kluft. Die Schule ist eine eigene fremde
+Welt, in der das Kind ganz andere Dinge h&ouml;rt, als es im Leben sieht</span>....
+Die lebendige Kraft der alten Erziehung beruhte darauf, da&szlig; sie mit den
+Umgebungen anfing.... Unter dem Gew&uuml;hle von reger T&auml;tigkeit, mitten
+unter den Ger&auml;ten und Werkzeugen der Arbeit ... w&auml;chst das Kind des
+Landmannes und des Handwerkers empor. Es siehet und h&ouml;ret von Jugend
+auf, und was es siehet und h&ouml;ret, wirkt lebendig und kr&auml;ftig auf seinen
+Sinn. <span class="g">Der Acker, die Werkst&auml;tte,<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33"> [33]</a></span> wird ihm der Mittelpunkt seiner Welt
+und seines Daseins</span>, der Punkt, um den sich alle Gedanken drehen, an den
+sich alle Begriffe ankn&uuml;pfen, von dem sie ausgehen und wohin sie alle
+zuletzt wieder zur&uuml;ckkehren.... Sie (die Schule) sollte, so wie es in dem
+Gange des Lebens immer geschieht, <span class="g">&uuml;berall mit der Praxis beginnen und
+aus ihr die Theorie entwickeln</span>.... Man darf nie aus dem Auge verlieren:
+die Kinder von Jugend auf mit ihrem k&uuml;nftigen Stande und dessen
+Verh&auml;ltnissen und Besch&auml;ftigungen bekannt zu machen, und solchergestalt
+deren Gegenstand jederzeit zum <span class="g">lebendigen Mittelpunkt aller
+Betrachtungen</span> zu machen.&laquo; Muthesius, der in einem Artikel
+&raquo;Fortbildungsschule und Volksschule&laquo; in den P&auml;dagog. Bl&auml;ttern neuerdings
+auf Molitor hingewiesen hat, glaubt sicher, da&szlig; Molitors Schrift Goethe
+bei der Abfassung der p&auml;dagogischen Provinz in Wilhelm Meisters
+Wanderjahren fruchtbare Anregungen gegeben hat, nachdem Bettina Brentano
+ihn mit Molitors Schriften bekannt gemacht habe. Das ist um so
+wahrscheinlicher, als Goethes Anschauungen &uuml;ber Erziehung zu allen
+Zeiten in der gleichen Richtung sich bewegt hatten, wie ich an anderer
+Stelle zeigen konnte.<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34"> [34]</a></span></p>
+
+<p>Der Zweck der <span class="g">vorbereitenden</span> Erziehung f&uuml;r den manuellen Beruf liegt
+indes nicht in der Einf&uuml;hrung in die Arbeitsprozesse, Werkzeuge,
+Maschinen und Materialien eines bestimmten Berufes, ebensowenig wie der
+Zweck der vorbereitenden Erziehung f&uuml;r einen geistigen Beruf in der
+&Uuml;bermittlung von Kenntnissen f&uuml;r den zuk&uuml;nftigen Beruf besteht. Hier wie
+dort liegt der Zweck der vorbereitenden Erziehung in der Gestaltung der
+Organe, die f&uuml;r die Ausbildung des Berufes notwendig sind, in der
+Gew&ouml;hnung an ehrliche Arbeitsmethoden, an immer gr&ouml;&szlig;ere Sorgfalt,
+Gr&uuml;ndlichkeit und Umsicht, und in der Erweckung der rechten
+Arbeitsfreude. Wer in irgendeiner systematischen Besch&auml;ftigung (mit
+Holzarbeit z.&nbsp;B.) diese Qualit&auml;ten erworben hat, der besitzt sie und
+wendet sie bei jeder manuellen Arbeit an, die der sp&auml;tere Beruf bringt,
+genau ebenso wie derjenige, der im Latein oder in der Mathematik seine
+logische Denkf&auml;higkeit, seine Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe
+entwickelt hat, sie besitzt und anwendet, wenn er auch sp&auml;ter nicht
+Philologie, Mathematiker oder Naturwissenschaftler wird, sondern Jurist,
+Historiker oder Philosoph. Ja die &Uuml;bertragung dieser in einer <span class="g">manuellen</span>
+Arbeitserziehung erwachsenen Qualit&auml;ten<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35"> [35]</a></span> auf manuelle Arbeiten anderer
+Gebiete ist sehr viel gesicherter als die &Uuml;bertragung erworbener
+Qualit&auml;ten auf <span class="g">geistigen</span> Arbeitsgebieten, wo nicht selten Vorurteile,
+Parteimeinungen, religi&ouml;se Bindungen usw. verhindern, die auf einem
+Gebiete sich auswirkende Kraft der Wahrheitsliebe und des logischen
+Denkens in gleicher R&uuml;cksichtslosigkeit auf anderen Gebieten schaffen zu
+lassen.</p>
+
+<p>Aus der ersten Aufgabe der &ouml;ffentlichen Schule, der Aufgabe der
+Vorbereitung f&uuml;r die Berufsbildung, ergibt sich also mit Notwendigkeit
+f&uuml;r die Organisation der Volksschule die Forderung des fachlichen,
+systematisch sich entwickelnden Arbeitsunterrichts, und diese
+Notwendigkeit wird verst&auml;rkt durch den Umstand, da&szlig; auch die geistige
+Entwicklung der Massen mangels fr&uuml;hzeitiger hervorragender
+intellektueller Begabung unweigerlich auf den Boden der Erziehung durch
+manuelle Arbeit gestellt werden mu&szlig;. Nun verlangen aber auch die
+manuellen Berufe, vor allem die gelernten Berufe, schon wegen der
+Verflochtenheit ihrer Interessen mit den Interessen des Staates auch die
+Beherrschung der primitiven Kulturwerkzeuge des Lesens, Schreibens,
+Rechnens, Zeichnens, die wir etwa mit dem, wenn auch<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36"> [36]</a></span> nicht ganz
+zutreffenden Ausdruck &raquo;geistige Fertigkeiten&laquo; zusammenfassen k&ouml;nnen. Sie
+verlangen den Besitz von k&ouml;rperlicher Gesundheit und gewisse Einblicke
+in die Gesetze der Natur und der eigenen hygienischen Lebensf&uuml;hrung, zu
+welchem Zwecke Leibesgymnastik und Naturkunde zu wesentlichen
+Bestandteilen des Volksschullehrplans gemacht werden m&uuml;ssen. Das sind
+Forderungen, auf die hier nicht weiter einzugehen ist. Dagegen ist zu
+betonen:</p>
+
+<p><span class="g">Je inniger die Entwicklung der geistigen Fertigkeiten mit der
+Entwicklung der manuellen Fertigkeiten im Fachunterricht assoziiert
+werden kann, desto gl&uuml;cklicher ist die Organisation der Volksschule,
+desto ungezwungener und sicherer entwickeln sich auch die geistigen
+F&auml;higkeiten.</span></p>
+
+<p>W&uuml;&szlig;te man von allen Kindern rechtzeitig, welchem Berufe sie sich nach
+Neigung und Begabung zuwenden, w&auml;ren nicht so viele Kinder in der
+Berufswahl vom Zufall oder vom Herkommen abh&auml;ngig, w&uuml;rden nicht bei
+einer so gro&szlig;en Anzahl von Kindern infolge der Arbeitsverh&auml;ltnisse ihrer
+Eltern oder aus anderen Gr&uuml;nden bestimmte Arbeitsinteressen sich
+&uuml;berhaupt erst sp&auml;t oder nie<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37"> [37]</a></span> entwickeln, so w&auml;re die beste Organisation
+der Volksschule die, welche die Kinder nach Gruppen ihres zuk&uuml;nftigen
+Berufes zusammenfassen w&uuml;rde und, <span class="g">ohne diese Schule zur Berufsschule zu
+machen</span>, ihren aus der ersten Aufgabe entspringenden Teil der Schularbeit
+als Vorbereitung f&uuml;r den kommenden Beruf organisieren w&uuml;rde. W&uuml;rden sich
+vollends die in dieser Schule zusammengefa&szlig;ten <span class="g">gelernten</span> Berufe der
+Sch&uuml;ler mit denjenigen Berufen decken, denen auch ihre Eltern nachgehen,
+so lie&szlig;e sich in dieser Schule auch jenes Organisationsideal
+verwirklichen, nach welchem die Schule nicht ein Fremdk&ouml;rper im Leben
+des Kindes sein soll, nicht etwas von der t&auml;glichen Arbeit im h&auml;uslichen
+Kreise Isoliertes, sondern ein diese h&auml;usliche, t&auml;gliche Arbeit des
+Z&ouml;glings aufgreifendes, sie veredelndes, geistig aufhellendes
+Bildungsorgan des Staates. Dann k&ouml;nnte der Lehrer, wie Pestalozzi im
+Schwanengesang meint, &raquo;sein Nebenwerk in des Vaters Arbeit so
+hineinflechten, wie ein Weber seine Blumen in ein ganzes St&uuml;ck Zeug
+hineinwebt&laquo;. Aber keine dieser Bedingungen ist im allgemeinen heute
+gegeben, h&ouml;chstens noch in rein l&auml;ndlichen oder in wirtschaftlich
+primitiven Verh&auml;ltnissen. In den allermeisten F&auml;llen mu&szlig; die Volksschule
+auf diese<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38"> [38]</a></span> Konzentration verzichten, nicht aber die Fortbildungsschule,
+die diesem Ideal der Organisation in hohem Grade nachkommen kann und
+mu&szlig;, und, wie das Beispiel M&uuml;nchens zeigt, auch nachgekommen ist.</p>
+
+<p>Aber auch wenn die Volksschule, so wie sie gegenw&auml;rtig m&ouml;glich ist, in
+den meisten F&auml;llen ihre Arbeit nicht mit der <span class="g">praktisch</span> gerichteten
+T&auml;tigkeit des Hauses und der Familie verweben kann, von der Forderung,
+die praktischen Interessen, die so ganz und gar das Seelenleben des
+Volkssch&uuml;lers, des noch werdenden Menschen, ausmachen, soweit als
+m&ouml;glich zum Mittelpunkt der Unterrichtst&auml;tigkeit zu machen, kann sie
+nicht befreit werden. Ihre vornehmste Aufgabe bleibt alsdann zu sehen
+und zu sorgen nicht blo&szlig;, wie sie diese praktischen Interessen zum
+Nutzen des sp&auml;teren Berufslebens vertiefen und ausbauen kann, sondern
+vor allem, wie sie die mit aller praktischen Arbeit verbundene rein
+geistige Aktivit&auml;t entwickeln und so den &Uuml;bergang von <span class="g">blo&szlig; praktischen</span>
+Interessen zu <span class="g">theoretischen</span> Interessen f&uuml;r alle jene vermitteln kann,
+deren Veranlagung diese Entwicklung erm&ouml;glicht. &raquo;Es ist ein
+Gemeinplatz&laquo;, sagt <span class="g">John Dewey</span> in seinem Buche &raquo;Interest and Effort&laquo;
+(Hougthon Mifflin<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39"> [39]</a></span> Company, Boston 1913, Seite 83), &raquo;da&szlig; das
+Grundprinzip der Naturwissenschaften mit der Relation von Ursache und
+Wirkung auf das engste verbunden ist. <span class="g">Aber das Interesse an dieser
+Beziehung setzt zun&auml;chst auf rein praktischem Gebiet ein.</span> Irgendeine
+Wirkung wird beabsichtigt, und alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die
+Bedingungen, welche diese Wirkung erzeugen. Zun&auml;chst herrscht das
+Interesse an der Erf&uuml;llung des beabsichtigten <span class="g">Zweckes</span> vor. Aber in dem
+Ma&szlig;e, als dieses Interesse verflochten wird mit <span class="g">wohldurchdachten</span>
+Bem&uuml;hungen, den Zweck, trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten und
+Hindernisse zu erreichen, wird das Interesse am praktischen Zwecke oder
+an der praktischen Wirkung notwendigerweise &uuml;bertragen auf das Interesse
+an den Mitteln (eben den Ursachen), die die Wirkung zustande bringen. Wo
+handwerkliche Arbeit, wo Gartenarbeit, wo Kochprozesse usw. mit
+Verst&auml;ndnis (d.&nbsp;h. mit best&auml;ndiger &Uuml;berlegung von Ursache und Wirkung)
+durchgef&uuml;hrt werden, ist es eine verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig einfache Sache, das
+zun&auml;chst rein praktisch gerichtete Interesse umzuwandeln in ein
+Interesse f&uuml;r Versuche um blo&szlig;er Entdeckungen willen. Sobald<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40"> [40]</a></span> jemand
+interessiert ist an einem Problem als einem Problem, an Untersuchungen
+und Studien um der L&ouml;sung des Problems willen, dann ist das Interesse
+bereits rein theoretisch geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Unsere allgemeinen &ouml;ffentlichen Schulen nehmen wenig oder gar keine
+R&uuml;cksicht in ihren Lehrpl&auml;nen auf diesen Fundamentalsatz aller geistigen
+Entwicklung, die immer und &uuml;berall von praktischen Interessen zu
+theoretischen vorw&auml;rts schreitet. Sie haben bis heute die Befriedigung
+der praktischen Interessen selbst da ausgeschlossen, wo die Masse der
+Sch&uuml;ler nur in seltenen F&auml;llen &uuml;berhaupt &uuml;ber praktische Interessen in
+ihrer geistigen Entwicklung hinausschreitet. Sie glaubt schon Gro&szlig;es
+getan zu haben, wenn sie bei der Einf&uuml;hrung in ihrem vom sonstigen Leben
+des Sch&uuml;lers isolierten theoretischen Unterrichtsbetrieb an
+Vorstellungen aus dem praktischen Leben ankn&uuml;pft. Das ist der gr&ouml;&szlig;te
+Mangel, der unseren allgemeinen Schulen anhaftet.</p>
+
+
+
+<h2><a name="III_DIE_ZWEITE_UND_DRITTE_AUFGABE_DER_OFFENTLICHEN_SCHULE" id="III_DIE_ZWEITE_UND_DRITTE_AUFGABE_DER_OFFENTLICHEN_SCHULE"></a>III. DIE ZWEITE UND DRITTE AUFGABE DER &Ouml;FFENTLICHEN SCHULE<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41"> [41]</a></span></h2>
+
+
+<p>Die zweite Aufgabe, die wir aus dem Zweck aller &ouml;ffentlichen Schulen
+abgeleitet haben, ist <span class="g">die Versittlichung der Berufsaufgabe</span>. Die
+Versittlichung aller dem Rechtsbewu&szlig;tsein einer Zeit gen&uuml;genden
+Handlungen beginnt da, wo sie ausge&uuml;bt wird, entweder um unseren inneren
+Personenwert zu erh&ouml;hen, oder wo sie aus einer uneigenn&uuml;tzigen Neigung
+zu einem sittlichen Fremdwert entspringt. Eine Schulklasse so
+gewissenhaft als m&ouml;glich zu f&uuml;hren, weil man als Lehrer zu ihrer F&uuml;hrung
+berufen und f&uuml;r diese Arbeit bezahlt wird, ist noch nicht sittlich. Das
+gleiche ohne R&uuml;cksicht auf Bezahlung tun, weil man sonst die Achtung vor
+sich selbst verlieren w&uuml;rde, ist bereits Sittlichkeit. Es zu tun aus
+reinem Gefallen an dem inneren Wert, an der inneren Erh&ouml;hung, die wir
+bei solcher Gesinnung f&uuml;hlen, auch ohne R&uuml;cksicht auf das strafende
+Gewissen, ist sittlicher. Es zu tun, weil man sich<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42"> [42]</a></span> keine sch&ouml;nere
+Aufgabe denken kann, als in dieser Weise dem Fortschritt der
+Gemeinschaft der Menschen zu dienen, ist am sittlichsten. Das
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; man eine Arbeit, und w&auml;re es auch die kleinste und
+niedrigste, zum Wohle einer Gemeinschaft ausf&uuml;hrt, der man angeh&ouml;rt,
+leitet immer die Versittlichung unserer T&auml;tigkeit ein. Um dieses
+Bewu&szlig;tsein durch die Schule zu entwickeln und aktionsf&auml;hig zu machen,
+gibt es zun&auml;chst kein anderes Mittel als das, welches ich als
+<span class="g">Organisation des Schulbetriebes im Geiste der Arbeitsgemeinschaft
+bezeichnet habe</span>. Nat&uuml;rlich gibt die freiwillige Eingliederung in eine
+Arbeitsgemeinschaft noch keine Gewi&szlig;heit f&uuml;r die Versittlichung der
+T&auml;tigkeit. Aber wenn die Arbeitsgemeinschaft selbst der Tr&auml;ger einer
+sittlichen Idee ist, wenn sie etwa der Pflege edler
+Kameradschaftlichkeit, der Hingabe an Wissenschaft, Kunst, Religion, der
+Erforschung der Wahrheit, der Unterst&uuml;tzung Hilfsbed&uuml;rftiger, dem
+Schutze der Gerechtigkeit usw. dient, ist es im allgemeinen leicht
+verst&auml;ndlich, da&szlig; der freiwillige Dienst in solcher Arbeitsgemeinschaft,
+wie h&auml;ufig er auch von Knaben und M&auml;dchen aus anderen Gr&uuml;nden gesucht
+worden sein mag, sich aus einem Dienste um rein praktischer Zwecke<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43"> [43]</a></span>
+willen in einen Dienst um der sittlichen Idee willen umzuwandeln vermag.</p>
+
+<p>Kein Gedanke ist aber unserem deutschen Schulwesen fremder geblieben als
+der Gedanke der freiwilligen Arbeitsgemeinschaft. Nur an wenigen Volks-
+und h&ouml;heren Schulen hat er eine bewu&szlig;te Verwirklichung gefunden, sei es
+in den eigentlichen Unterrichtsma&szlig;nahmen, sei es in den Ma&szlig;nahmen f&uuml;r
+die Gestaltung der Schuldisziplin, oder sei es in freiwilligen
+Arbeitsleistungen der Sch&uuml;ler, die dem Schulbetriebe zugute kommen. Und
+doch haben wir seit fast hundert Jahren die ausgezeichneten Vorschl&auml;ge,
+die Fichte in seinen &raquo;Reden an die deutsche Nation&laquo; gemacht hat, worin
+er wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften empfiehlt als wesentliche
+Erziehungsfaktoren f&uuml;r die kommende Generation. Ich habe darauf schon
+seit zw&ouml;lf Jahren wiederholt hingewiesen, ebenso wie auf die Versuche
+von Dr. Lietz in seinen Landerziehungsheimen und auf den gl&auml;nzenden
+Versuch John Deweys in Chicago, der leider nach so kurzer Zeit wieder
+eingestellt worden ist.</p>
+
+<p>Ganz anders ist der Gedanke der Arbeitsgemeinschaft in die englischen
+und amerikanischen Schulen eingedrungen. Zwar hat auch dort noch der
+eigentliche Unterrichtsbetrieb wie bei uns in<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44"> [44]</a></span> Deutschland nur die
+F&ouml;rderung des <span class="g">einzelnen</span> im Auge; dagegen finden wir in einer gro&szlig;en
+Anzahl von Schulen dieser L&auml;nder die Fragen der Klassen- und
+Schuldisziplin der Selbstregierung der Sch&uuml;ler anvertraut und den
+Gedanken der Arbeitsgemeinschaft in literarischen, sportlichen,
+wissenschaftlichen und k&uuml;nstlerischen Sch&uuml;lerverb&auml;nden verwirklicht. Wir
+Deutsche, denen das Bewu&szlig;tsein, da&szlig; die Schulangelegenheiten
+unmittelbare Angelegenheiten des Volkes sind, bei weitem noch nicht
+gen&uuml;gend auf die Seele brennt, denen das Regiertwerden in allen
+Schulfragen zum unentbehrlichen Lebensbed&uuml;rfnis geworden ist, wir
+Deutsche stehen noch immer vor dem Problem der Verwirklichung dieses
+Gedankens, ohne da&szlig; wir eine nennenswerte Aktivit&auml;t hierf&uuml;r entwickeln.
+Wir denken selbst da kaum daran, wo, wie bei der Organisation von
+Schulfesten, die Arbeitsgemeinschaft der Sch&uuml;ler eines der nat&uuml;rlichsten
+Dinge der Welt w&auml;re. Das h&auml;ngt nicht zum kleinen Teil auch damit
+zusammen, da&szlig; der landl&auml;ufige Buchunterricht unserer Schulen, unser
+Lesen, Schreiben, Rechnen, unser Bibel- und Katechismusunterricht, unser
+Geschichts-, Geographie-, Literatur- und Sprachunterricht f&uuml;r eine
+Durchf&uuml;hrung des Schulbetriebes auf der Basis<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45"> [45]</a></span> der Arbeitsgemeinschaft
+im eigentlichen Unterrichtsbetrieb &uuml;berhaupt nicht geeignet ist oder nur
+teilweise geeignet gemacht werden k&ouml;nnte, n&auml;mlich vielleicht in den zwei
+obersten Klassen mit Hilfe reichhaltiger Klassen- und Schulbibliotheken.
+Schulk&uuml;chenunterricht f&uuml;r M&auml;dchen, Gartenbau und Blumenpflege und
+fachlicher Arbeitsunterricht in Werkst&auml;tten, die alle ein Hauptfeld f&uuml;r
+die Entwicklung der Arbeitsgemeinschaft bieten, wie alle praktische
+T&auml;tigkeit &uuml;berhaupt, sind heute nur in relativ wenigen deutschen
+Volksschulen obligatorisch eingef&uuml;hrt. Regelm&auml;&szlig;ige gemeinsame
+Sch&uuml;ler&uuml;bungen in Physik, Chemie und Biologie, die nicht weniger zu
+Organisationen gemeinsamer Arbeit die M&ouml;glichkeit bieten, fehlen als
+Pflichtbestandteile des Volksschulunterrichts fast &uuml;berall. Wenn aber
+auch <span class="g">Pestalozzi</span> in der Arbeitsbildung die Wurzel wie der intellektuellen
+so auch der sittlichen Bildung erblickt, wenn auch <span class="g">Natorp</span> in Arbeit und
+Arbeitsgemeinschaft Kern und Mittelpunkt der sittlichen Bildung sucht,
+wenn, wie er behauptet (vgl. Religion innerhalb der Grenzen der
+Humanit&auml;t, 1908, Verlag Mohr, T&uuml;bingen, S.&nbsp;7), die Tugend des
+Gemeinschaftslebens, die Gerechtigkeit, nur gelernt wird durch die
+unmittelbare Teilnahme<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46"> [46]</a></span> an der Gemeinschaft selbst, haben wir da nicht
+alle Ursache, unsere Schulen, soweit als immer es m&ouml;glich ist, in
+Arbeitsgemeinschaften umzuwandeln?</p>
+
+<p>Ich hatte den Gedanken der Arbeitsgemeinschaft im Unterrichtsbetrieb vor
+vielen Jahren kaum laut ausgesprochen, als zwar technische Bedenken
+gegen seine Durchf&uuml;hrung nicht erhoben, dagegen der moralische Nutzen
+sehr in Frage gestellt wurde. Die T&uuml;chtigen und Herrschs&uuml;chtigen, so
+sagte man, werden stets die F&uuml;hrung in den Arbeitsgemeinschaften an sich
+rei&szlig;en, die Masse aber wird hypnotisiert, gezwungen oder freiwillig
+immer wie eine Hammelherde hinter den F&uuml;hrern nachlaufen. Gewi&szlig;, die
+T&uuml;chtigen werden die F&uuml;hrung haben, sie sollen sie haben. Ich habe sie
+oft genug in unseren auf Arbeitsgemeinschaft basierten Sch&uuml;ler&uuml;bungen
+der Volks- und Fortbildungsschule beobachtet. Aber dazu ist ja gerade
+die Schule da, diese F&uuml;hrer zu lehren, ihre F&uuml;hrerschaft im Dienste der
+Schwachen auszu&uuml;ben. W&uuml;rde jemand empfehlen, die Arbeitsgemeinschaft des
+Staates zu zertr&uuml;mmern, weil im Staate die Menschen sich in F&uuml;hrer und
+gef&uuml;hrte Massen trennen? F&uuml;r jeden konsequent Denkenden ist diese
+Erscheinung erst recht ein<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47"> [47]</a></span> Grund zur Einf&uuml;hrung der
+Arbeitsgemeinschaften in die Schule. Nat&uuml;rlich setzt diese Einf&uuml;hrung
+eine tiefe Einsicht der Lehrer in die Wirkungsweise von Arbeitsverb&auml;nden
+voraus. Man darf sie nicht bilden, ehe nicht die Sch&uuml;ler &uuml;berhaupt ein
+gewisses Minimum von geistiger, manueller und moralischer
+Leistungsf&auml;higkeit auf dem betreffenden Arbeitsgebiete haben. Auch wird
+man nicht allzu ungleiche Elemente zun&auml;chst in Arbeitsgemeinschaften
+verketten und wird den gro&szlig;en Egoisten, die es immer und &uuml;berall gibt,
+allezeit ein wachsames Auge zuwenden. Ab und zu wird man die F&uuml;hrer
+aller Gruppen, soweit es sich um Arbeitsgemeinschaften im
+Unterrichtsbetrieb handelt, herausnehmen und zu einer eigenen
+Arbeitsgruppe vereinigen, damit sie nicht best&auml;ndig im Bewu&szlig;tsein
+&uuml;berragender Kraft leben. <span class="g">Vor allem aber m&uuml;ssen die Lehrer der Schule
+selbst vom Geiste der opferwilligen Arbeitsgemeinschaft</span>, die sie
+untereinander und mit ihren Sch&uuml;lern bilden, <span class="g">tief durchdrungen sein</span>.
+Gerade die letzte Forderung wird der generellen Durchf&uuml;hrung des
+Problems durch alle Schulen Deutschlands die gr&ouml;&szlig;te Schwierigkeit
+bereiten. Denn wieviel Idealismus unter den Lehrern auch herrscht, der
+Idealismus<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48"> [48]</a></span> der freiwilligen Opferwilligkeit auch au&szlig;erhalb der durch
+Dienstvertrag geregelten Arbeitszeit ist wie bei allen anderen St&auml;nden
+auch bei den Lehrern nur in einem nicht allzu gro&szlig;en Prozentsatz
+vorhanden. Wo Handwerkergeist die Lehrer einer Schule beherrscht, werden
+die Sch&uuml;ler schwer zu Arbeitsgemeinschaften au&szlig;erhalb des
+Unterrichtsbetriebes sich vereinigen, und wo sie es tun, wird diesen
+Arbeitsgemeinschaften nur allzu leicht die versittlichende Kraft fehlen.
+Umgekehrt: Wo die Sch&uuml;lermassen einer Schule vom rechten Geiste der
+Arbeitsgemeinschaft erfa&szlig;t sind, da stellt dieser Geist selbst das
+gl&auml;nzendste Zeugnis f&uuml;r den inneren Wert der Lehrerschaft dieser Schule
+aus. Die Quellen der moralischen Opferwilligkeit versiegen nur zu
+leicht, wo sie nicht best&auml;ndig vom Beispiel einer selbstlosen Umgebung
+in den Z&ouml;glingen gen&auml;hrt werden.</p>
+
+<p>Mit der Durchf&uuml;hrung des Prinzips der Arbeitsgemeinschaft ist aber nicht
+blo&szlig; eine der wirksamsten Kr&auml;fte der Versittlichung der Berufserziehung
+unserer Sch&uuml;ler gegeben, sondern es werden auch eine ganze Reihe von
+wertvollen Eigenschaften entwickelt, die sonst kaum im regul&auml;ren
+Schulbetrieb Nahrung f&auml;nden. Durch die mannigfachen Ber&uuml;hrungen, in
+welche die Arbeitsgemeinschaft<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49"> [49]</a></span> die Sch&uuml;ler immer und immer wieder
+bringt, entwickelt sich vor allem eine Eigenschaft, auf die ich im
+zweiten Teile meiner Untersuchung zu sprechen kommen werde, die
+<span class="g">Feinf&uuml;hligkeit</span>, die an sich noch keine moralische, wohl aber eine f&uuml;r
+die Charakterentwicklung h&ouml;chst wertvolle Eigenschaft ist. Weiterhin
+findet dadurch vor allem eine moralische Eigenschaft gerade in den
+T&uuml;chtigsten unserer Sch&uuml;ler eine F&ouml;rderung, wie sie bisher die
+&ouml;ffentliche Schule &uuml;berhaupt nicht bieten konnte: ich meine die
+Entwicklung des Bewu&szlig;tseins der <span class="g">Verantwortlichkeit</span>. Nicht nur die F&uuml;hrer
+der Arbeitsgruppen, sondern auch jedes einzelne Mitglied einer
+Arbeitsgruppe wird sich tagt&auml;glich bewu&szlig;t, wie seine Leistungen sowohl
+f&uuml;r ihn von Bedeutung sind als auch f&uuml;r die Qualit&auml;t der Leistung der
+ganzen Gruppe. Unsere heutigen Schulen sind kaum imstande, den <span class="g">Begriff</span>
+der Verantwortlichkeit im Sch&uuml;ler zu erwecken, geschweige da&szlig; sie
+imstande w&auml;ren, in ihm das brennende Verantwortlichkeitsgef&uuml;hl zu
+erzeugen. Wenn nicht die Arbeitsgemeinschaft des Hauses hier den
+L&ouml;wenanteil auf sich nimmt, verschwindet diese Grundeigenschaft des
+brauchbaren Staatsb&uuml;rgers mehr und mehr.<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50"> [50]</a></span></p>
+
+<p>Freilich ist zur vollen Auswertung der erziehlichen Kraft der
+Arbeitsgemeinschaft auch noch &raquo;eine eingehende Seelenpflege, eine
+planvolle Kl&auml;rung des sittlichen Urteils n&ouml;tig&laquo;, wie W.&nbsp;F. Foerster in
+seiner Schrift &raquo;Staatsb&uuml;rgerliche Erziehung&laquo; (B.&nbsp;G. Teubner, Leipzig
+1910) mir gegen&uuml;ber hervorheben zu m&uuml;ssen glaubt. Gewi&szlig;, &raquo;die blo&szlig;e
+&Uuml;bung im Zusammenarbeiten ist noch kein Schutz gerade gegen die
+kommenden Versuchungen des <span class="g">korporativen</span> Egoismus, der f&uuml;r den Staat
+mindestens so gef&auml;hrlich ist wie der <span class="g">pers&ouml;nliche</span> Egoismus&laquo;. Aber an
+dieser <span class="g">m&uuml;ndlichen</span> Seelenpflege hat es bisher wenigstens an den <span class="g">besten</span>
+unserer Schulen nicht gefehlt, wenn auch durchaus anzuerkennen ist, da&szlig;
+die ausgezeichneten Anweisungen, die Foerster vor allem in seiner
+&raquo;Jugendlehre&laquo; (Berlin, Reimer) gibt, die Einsicht in die Notwendigkeit
+solcher Lehre erst recht in den Vordergrund des Interesses ger&uuml;ckt hat.
+Woran es dagegen durchaus fehlt in unseren Schulen, das ist die
+<span class="g">praktische</span> Seelenpflege, ohne welche alle &raquo;Kl&auml;rung des sittlichen
+Urteils&laquo; h&ouml;chstens da wertvoll wirkt, wo das Gemeinschaftsleben der
+Familien seine Schuldigkeit tut. Darum ist heute nichts notwendiger f&uuml;r
+unsere Schulen als Einrichtungen zu treffen, in<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51"> [51]</a></span> denen diese praktische
+Seelenpflege von selbst ihr fruchtbares Arbeitsfeld findet.</p>
+
+<p>Eine Schule nun, die nicht imstande ist, den sittlichen Geist der
+Hingabe an andere durch das Mittel der Arbeitsgemeinschaft und des sich
+auf ihren sittlichen Gewohnheiten aufbauenden Gesinnungsunterrichts zu
+bilden, ist noch viel weniger geeignet, die dritte und letzte Aufgabe in
+Angriff zu nehmen, die wir aus dem Zweck der &ouml;ffentlichen Schule
+abgeleitet haben: ihre Sch&uuml;ler anzuleiten, <span class="g">an der Versittlichung des
+gro&szlig;en Gemeinwesens</span>, in dem sie leben und ihre berufliche T&auml;tigkeit
+aus&uuml;ben, <span class="g">mitzuarbeiten</span>. F&uuml;r diesen h&ouml;chsten Akt der staatsb&uuml;rgerlichen
+Erziehung der Jugend, welcher die Grundaufgabe aller &ouml;ffentlichen
+Erziehung sein mu&szlig;, ist eben die fr&uuml;hzeitige Gew&ouml;hnung, im Dienste einer
+Idee zu arbeiten, das weitaus Wichtigste.</p>
+
+<p>Die <span class="g">Volksschule</span> allerdings kann wenig mehr tun, als diese Gew&ouml;hnung
+durch das Mittel der Arbeitsgemeinschaft anzubahnen. Die jugendliche
+Unreife und nicht zum geringen Teile auch die mangelnde geistige
+Begabung ihrer Sch&uuml;ler lassen die Bestrebungen, die darauf ausgehen, im
+Geschichts- oder ethischen oder sonstigen Unterricht die Sch&uuml;ler &uuml;ber
+die Aufgaben des Staates<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52"> [52]</a></span> und vor allem &uuml;ber die sittlichen Aufgaben
+wirksam zu belehren, als im gro&szlig;en und ganzen zwecklos erscheinen. Die
+T&auml;tigkeit, welche hier Frankreich entfaltet in seiner &raquo;instruction
+civique&laquo; an den Volksschulen, hat mich angesichts der dort bestehenden
+politischen Verh&auml;ltnisse nicht eines besseren belehrt.</p>
+
+<p>Was aber die Volksschule mit gutem Erfolg durchf&uuml;hren k&ouml;nnte, das ist:
+die Sch&uuml;ler an der Versittlichung ihres eigenen kleinen Gemeinwesens der
+Klasse oder der ganzen Schule, ihrer eigenen kleinen schulischen
+Lebensgemeinschaft durch Zweckverb&auml;nde, die dazu aus den Sch&uuml;lern
+organisiert sind, praktisch arbeiten zu lassen. Sie k&ouml;nnte dies nicht
+blo&szlig;, sie tut es bereits tats&auml;chlich, allerdings nicht in Deutschland,
+wohl aber in Tausenden von Volksschulen der Vereinigten Staaten in
+Nordamerika. Der &raquo;Schulstaat&laquo; ist jenseits des Ozeans l&auml;ngst kein
+theoretisches Problem mehr. Selbst in der Riesenstadt Neuyork fand ich
+in der 110. Volksschule an der Kreuzung der Cannon- und Broome-Street
+ein gl&auml;nzendes Beispiel. Eine Klasse dieser Schule hatte sich vor etwa
+zw&ouml;lf Jahren eine &raquo;Verfassung&laquo; gegeben und in einer &raquo;Charter&laquo;
+niedergelegt. In der Urkunde, welche die Verfassung festlegt, sind den
+B&uuml;rgern<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53"> [53]</a></span> auch eine Reihe von Sch&uuml;lerpflichten vorgeschrieben, z.&nbsp;B.
+&raquo;h&ouml;flich und g&uuml;tig zu sein gegen alle&laquo;, &raquo;alles zu vermeiden, was gegen
+die Gesetze des Staates oder der Stadt ist oder was das Recht und das
+Gl&uuml;ck anderer verletzt&laquo;, &raquo;jeder allgemeinen Versammlung der Sch&uuml;ler
+anzuwohnen&laquo;, &raquo;zur Aufrechterhaltung der Gesetze beizutragen&laquo;, &raquo;andern
+ein gutes Beispiel zu geben&laquo;, &raquo;alles zu tun, was die Wohlfahrt der
+Schule f&ouml;rdern kann&laquo; usw. Zur Aufrechterhaltung der Gesetze sind zwei
+eigene Gerichtsh&ouml;fe gebildet, einer von den Knaben, einer von den
+M&auml;dchen. Der Erfolg war nach den Mitteilungen der Leiterin so gut, da&szlig;
+der Staat sich allm&auml;hlich ausdehnte und heute alle <span class="g">h&ouml;heren</span> Klassen
+umfa&szlig;t. Die Nachbarschaft der Schule ist eine der dichtbev&ouml;lkertsten der
+Welt. Alle Nationalit&auml;ten scharen sich in riesigen Logierh&auml;usern um die
+Schule: Russen, Italiener, Deutsche, Iren, &Ouml;sterreicher, Ungarn,
+Rum&auml;nen, Griechen. Das Notwendigste war hier, den Kindern dieser
+einander g&auml;nzlich fremden Rassen ein selbstloses Interesse aneinander zu
+lehren, von innen heraus Autorit&auml;t zu entwickeln, statt ihnen Autorit&auml;t
+aufzudr&uuml;cken, und den Kindern zu zeigen, da&szlig; Ordnung besser ist als
+Anarchie. Jeder B&uuml;rger wurde Lehrer eines neuzugewanderten fremden
+Kindes.<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54"> [54]</a></span> So wuchs der Schulstaat auf einer gesunden Basis. Die kleinen
+B&uuml;rger sind g&uuml;tig gegen die kleinen Verbrecher, nur verzichten sie mit
+ihnen zu spielen. &raquo;Der einzige Weg, auf welchem solch eine
+Selbstregierung hoffen kann, erfolgreich zu sein,&laquo; meinte Mi&szlig; Simson,
+die Leiterin der 110. Schule, &raquo;ist, da&szlig; die Lehrer sich nicht
+dareinmengen. Sie m&uuml;ssen, &auml;u&szlig;erlich wenigstens, diese Regierung
+ignorieren. Ich selbst&laquo;, sagte sie, &raquo;habe niemals den Kindern einen Rat
+gegeben, ausgenommen zu der Zeit, da die Kinder ihre Verfassung
+(Charter) vorbereiteten. Und von dieser Zeit an leben sie genau nach
+dieser Verfassung, und die ganze <span class="g">Selbstregierung hat die Schule, die
+einst vor zehn Jahren als die schlechteste der Stadt galt, zu einer der
+besten umgewandelt</span>.&laquo; (Vgl. auch meine f&uuml;nf Aufs&auml;tze &uuml;ber das Schulwesen
+der Vereinigten Staaten, S&uuml;ddeutsche Monatshefte, Jahrgang 1912.)</p>
+
+<p>Die <span class="g">Fortbildungsschulen</span> dagegen, namentlich jene, deren beruflicher
+Unterricht ohnehin schon ein geistig gewecktes Sch&uuml;lermaterial verlangt,
+sind bereits zum mindesten in den zwei letzten Jahresklassen imstande,
+auch die Aufgaben der Staatsgemeinschaft dem Verst&auml;ndnis der Sch&uuml;ler
+n&auml;her zu bringen. Nicht zum wenigsten<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55"> [55]</a></span> aus diesem Grunde ist die
+obligatorische, auf staatsb&uuml;rgerliche Erziehung gerichtete
+Fortbildungsschule mit einer qualitativ und quantitativ ausreichenden
+Unterrichtszeit die wichtigste Forderung f&uuml;r den Ausbau der Organisation
+der Volksschule in Deutschland. Wie dieser Ausbau vollzogen werden mu&szlig;,
+damit er auch unserer dritten Aufgabe gerecht wird, dar&uuml;ber habe ich
+mich zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Reden und Schriften
+eingehend ge&auml;u&szlig;ert. (Vgl. &raquo;Grundfragen der Schulorganisation&laquo;, 4.
+Auflage 1920; &raquo;Begriff der staatsb&uuml;rgerlichen Erziehung&laquo;, 4. Auflage
+1919, Verlag B.&nbsp;G. Teubner, Leipzig. &ndash; Ebenso &raquo;Staatsb&uuml;rgerliche
+Erziehung der deutschen Jugend&laquo;, 6. Auflage 1917, Verlag Carl Villaret,
+Erfurt.)</p>
+
+<p>Bei weitem die aussichtsreichsten M&ouml;glichkeiten zur Durchf&uuml;hrung der
+dritten Aufgabe bieten die <span class="g">h&ouml;heren Schulen</span>. Hier sind die praktischen
+Ma&szlig;nahmen, welche die einzelnen Sch&uuml;ler in den Dienst verschiedener
+Zweckverb&auml;nde ihrer Mitsch&uuml;ler stellen, sehr viel leichter durchf&uuml;hrbar
+als an den Volks- und Fortbildungsschulen. An den Volksschulen bildet
+bisweilen die geringe k&ouml;rperliche, geistige und sittliche Reife
+namentlich in den gro&szlig;en St&auml;dten ein schwer zu nehmendes Hindernis<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56"> [56]</a></span> f&uuml;r
+die Gestaltung von freiwilligen Arbeitsgemeinschaften im Dienste der
+Schulaufgabe. Die Sch&uuml;ler der h&ouml;heren Klassen unserer Volksschulen sind
+eben durchschnittlich ein bis zwei Jahre j&uuml;nger als die h&ouml;heren Klassen
+der Volksschulen der Vereinigten Staaten. Zum mindesten machen solche
+Arbeitsgemeinschaften sehr sorgf&auml;ltige &Uuml;berlegungen und
+Vorsichtsma&szlig;regeln n&ouml;tig und setzen in h&ouml;herem Ma&szlig;e ein im verborgenen
+mitarbeitendes Lehrpersonal voraus. An den deutschen Fortbildungsschulen
+liegt die Hauptschwierigkeit darin, da&szlig; die Schule selbst mit ihrer
+relativ geringen Unterrichtszeit die Sch&uuml;ler zu wenig in gegenseitige
+Ber&uuml;hrung bringt und so gew&ouml;hnlich nicht imstande ist, jenes
+Gemeinsamkeitsgef&uuml;hl zu erzeugen, aus dem gewisserma&szlig;en spontan die
+Neigung zu freiwilligen Arbeitsverb&auml;nden erwacht.</p>
+
+<p>Alle diese Hindernisse kennt die h&ouml;here Schule nicht. Dazu kommt, da&szlig;
+namentlich in den oberen Klassen die Lekt&uuml;re der deutschen und fremden
+Klassiker sowohl als auch der intensive Geschichtsunterricht auf die
+Kulturprobleme der menschlichen Gesellschaft und auf die Aufgaben des
+Staates f&uuml;hrt, und da&szlig; damit eine wissenschaftliche, d.&nbsp;h. eine
+objektive Belehrung &uuml;ber<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57"> [57]</a></span> die Aufgaben des Staates und &uuml;ber die
+Pflichten der Staatsb&uuml;rger von selbst naheger&uuml;ckt wird. &ndash; Da&szlig; die
+h&ouml;heren Schulen in Deutschland im scharfen Gegensatz zu den Schulen
+anderer germanischer Staaten bis jetzt diese dritte Aufgabe nicht oder
+nur ganz ungen&uuml;gend in Angriff genommen haben, liegt nicht zum wenigsten
+daran, da&szlig; unsere h&ouml;heren Schulen von anderen Gesichtspunkten aus ihre
+Aufgaben auffa&szlig;ten als von den hier entwickelten. Sie betrachten sich
+nicht als Werkzeuge der ethischen Staatsentwicklung, sondern als
+Werkzeuge der Gelehrtenbildung in der durchaus falschen Voraussetzung,
+da&szlig; der t&uuml;chtige Gelehrte von selbst ein &raquo;brauchbarer Staatsb&uuml;rger&laquo;
+werde. Die Auffassung wird dadurch gen&auml;hrt, da&szlig; es tats&auml;chlich zu allen
+Zeiten gro&szlig;e Gelehrte gegeben hat, die auch gro&szlig;e Staatsb&uuml;rger waren.
+Solche Erscheinungen aber zu verallgemeinern, daran sollte uns
+wenigstens der gegenw&auml;rtige Zustand in unserem durchschnittlichen
+Gelehrten- und Beamtentum hindern. Wir Deutschen leiden noch immer sehr
+an unserer Vergangenheit, aus der unsere Gelehrtenschulen mit ihren
+Zwecken und Zielen herausgewachsen sind. Unsere angels&auml;chsischen Vettern
+haben diese Art der Vergangenheit abgesch&uuml;ttelt. Ich habe vor<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58"> [58]</a></span> sechs
+Jahren durch einen englischen Freund von den Sch&uuml;lern der Oberklassen
+einer vornehmen englischen Gelehrtenschule in einer unvorbereiteten
+Klausurarbeit die Frage bearbeiten lassen: &raquo;Welches ist der Zweck
+unserer Schule, und wie erreicht sie ihn?&laquo; Die einstimmige Antwort war:
+&raquo;Ihr Zweck ist der zuk&uuml;nftige Staatsb&uuml;rger.&laquo; Die Durchf&uuml;hrung des
+Themas, welche die gr&ouml;&szlig;te Mannigfaltigkeit der Auffassung aufwies,
+zeigte deutlich, da&szlig; diese Sch&uuml;ler auch &uuml;ber die Pflichten und
+notwendigen Eigenschaften des Staatsb&uuml;rgers v&ouml;llig im klaren waren.
+(Vgl.: &raquo;Begriff der staatsb&uuml;rgerlichen Erziehung&laquo;, 3. Aufl., B.&nbsp;G.
+Teubner, Leipzig.) Welches deutsche Gymnasium h&auml;tte mir die gleichen
+einstimmigen Antworten gegeben?</p>
+
+
+
+<h2><a name="IV_DIE_METHODEN_DER_ARBEITSSCHULE" id="IV_DIE_METHODEN_DER_ARBEITSSCHULE"></a>IV. DIE METHODEN DER ARBEITSSCHULE<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59"> [59]</a></span></h2>
+
+
+<p>Die Darstellung der L&ouml;sung der drei Aufgaben, die sich aus dem obersten
+Zweck der Volksschule naturgem&auml;&szlig; ergeben, haben uns zum Grundri&szlig; einer
+inneren Organisation der Volksschule gef&uuml;hrt, die ich vor neun Jahren in
+meiner Rede in der Peterskirche zu Z&uuml;rich mit dem Worte &raquo;Arbeitsschule&laquo;
+bezeichnet habe. Wie alt auch das Wort &raquo;Arbeitsschule&laquo; sein mag, so darf
+ich doch wohl behaupten, da&szlig; der auf diese Weise bestimmte Inhalt des
+Wortes sich nicht mit einem der fr&uuml;heren Inhalte deckt.</p>
+
+<p>Mit den vorausgegangenen Er&ouml;rterungen ist nun aber der Begriffsinhalt
+des Wortes noch nicht ersch&ouml;pft. Jene drei Aufgaben und die aus ihnen
+entspringende Organisation geben die ethische <span class="g">Richtung der
+Charakterbildung</span> an, welche die Erziehung durch unsere Volksschule
+einschlagen soll. Damit haben wir eine <span class="g">erste</span> Reihe von Merkmalen des
+Begriffs &raquo;Arbeitsschule&laquo; gewonnen.<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60"> [60]</a></span></p>
+
+<p>Die <span class="g">zweite</span> Reihe von Merkmalen ergibt sich aus dem <span class="g">Wesen der
+Charakterbildung selbst</span>. Indem wir aber dem Wesen der Charakterbildung
+nachgehen, stehen wir vor dem Grundproblem der Erziehung. Es handelt
+sich dabei nicht darum, welche Ziele wir mit dieser p&auml;dagogischen Arbeit
+anstreben, sondern an <span class="g">welche psychischen Kr&auml;fte</span> des Z&ouml;glings wir uns zu
+wenden haben und <span class="g">wie</span> wir sie behandeln m&uuml;ssen. Welche dieser Kr&auml;fte sind
+unver&auml;nderlich, welche ver&auml;nderlich und demnach der Beeinflussung durch
+Erziehung zug&auml;nglich? Wie mu&szlig; diese Beeinflussung vor sich gehen, da&szlig;
+die pers&ouml;nliche Charakteranlage des einzelnen sich sittlich entwickle,
+ohne wertvolle Eigenschaften dieses Charakters zu unterdr&uuml;cken, zu
+vernachl&auml;ssigen oder verk&uuml;mmern zu lassen? Ich habe in meiner
+Untersuchung &uuml;ber den Charakterbegriff (vgl. &raquo;Charakterbegriff und
+Charaktererziehung&laquo;, 2. Aufl. 1913, B.&nbsp;G. Teubner, Leipzig) diese Kr&auml;fte
+zu ermitteln gesucht.</p>
+
+<p>Es sind vier Kr&auml;fte, deren Vorhandensein die M&ouml;glichkeit, einen
+wertvollen Charakter erziehen zu k&ouml;nnen, in Aussicht stellt:
+Willensst&auml;rke, Urteilsklarheit, Feinf&uuml;hligkeit, Aufw&uuml;hlbarkeit. Die
+Kr&auml;fte sind nat&uuml;rlich &ndash; wie alle<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61"> [61]</a></span> Seelenkr&auml;fte &ndash; nicht v&ouml;llig
+voneinander unabh&auml;ngig. Insbesondere beeinflu&szlig;t die letzte dieser vier
+Eigenschaften, die in der Hauptsache eine unver&auml;nderliche Anlage zu sein
+scheint, die drei &uuml;brigen in hohem Grade. Denn von der <span class="g">Tiefe</span> und <span class="g">Dauer</span>
+der Gem&uuml;tsbewegungen, die mit einem Grundsatz unseres Handelns, einer
+Maxime unseres Gewissens, einer Idee unserer Welt- oder Lebensanschauung
+verkn&uuml;pft sind, h&auml;ngt zu einem erheblichen Teile die Beharrlichkeit
+unserer Willensentschl&uuml;sse und die Kraft ihrer Umsetzung in Handlungen
+ab. Nat&uuml;rlich ist es nicht so, als ob die vier Eigenschaften nun auch
+tats&auml;chlich die Entwicklung eines Charakters gew&auml;hrleisten. Sie sind
+notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen, die zum Teil schon in
+der Charakter<span class="g">anlage</span> gegeben sein m&uuml;ssen. Hinzutreten mu&szlig; immer eine
+<span class="g">erworbene</span> Eigenschaft, die einheitliche Organisation der Grunds&auml;tze,
+Maximen, Ideen in unserer Seele unter eine oberste Idee, die unserer
+ganzen Seelenstruktur entspricht und deshalb unser Wesen in seinem
+ganzen Umfange und seiner Tiefe ausf&uuml;llt.</p>
+
+<p>Die Entwicklung der drei ersten Charaktermerkmale erfordert vor allem
+<span class="g">Freiheit der Bet&auml;tigung und Mannigfaltigkeit der Verh&auml;ltnisse</span>.<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62"> [62]</a></span> Damit
+der Wille sich entwickelt, mu&szlig; er sich best&auml;ndig in Handlungen entladen
+k&ouml;nnen, und damit er stark zu werden vermag, mu&szlig; er Freiheit und
+Bewegung haben. Damit der Verstand klarer urteilen lerne, mu&szlig; er seine
+Vorstellungen und Begriffe so weit als m&ouml;glich <span class="g">durch Erfahrung selbst
+erarbeiten</span>. Damit die Feinf&uuml;hligkeit an Umfang zunehme, m&uuml;ssen Verstand
+und Gem&uuml;t fr&uuml;hzeitig in einer F&uuml;lle von realen Verh&auml;ltnissen sich
+bewegen und so gew&ouml;hnt werden, rasch und mannigfaltig zu reagieren. Die
+Passivit&auml;t und Rezeptivit&auml;t der landl&auml;ufigen Schulen beeinflu&szlig;t die
+Entwicklung dieser drei Kr&auml;fte oft nur ungen&uuml;gend, und nicht selten
+sucht die Entwicklung dieser Kr&auml;fte dann Auswege, die der L&ouml;sung der
+Aufgabe, sie ethisch zu richten, neue Schwierigkeiten bereitet. Zwar
+flie&szlig;t die alte Pestalozzische Forderung der Selbstt&auml;tigkeit des Kindes
+noch immer wie Honig von den Lippen der P&auml;dagogen. Aber diese
+Selbstt&auml;tigkeit ist, wo sie der Wort- und Buchbetrieb der herk&ouml;mmlichen
+Schule nicht &uuml;berhaupt zum blo&szlig;en Schein herabdr&uuml;ckt, im wesentlichen
+fast durch die ganze Schule hindurch f&uuml;r alle drei Grundkr&auml;fte des
+Charakters an fest vorgeschriebene Geleise gebannt. Es ist leider mehr
+die<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63"> [63]</a></span> Selbstt&auml;tigkeit einer Maschine als die der produktiven Arbeit.</p>
+
+<p>Der geringe Einflu&szlig; eines solchen Schulbetriebes auf die
+Charakterbildung konnte nicht verborgen bleiben. Die zunehmende
+Individualisierung des kulturellen, politischen und sozialen Lebens in
+Verbindung mit dem immer st&auml;rker f&uuml;hlbar werdenden Mangel an
+uneigenn&uuml;tzigen, klaren, selbst&auml;ndigen Menschen, die unzul&auml;nglichen
+L&ouml;sungen der dem Volke &uuml;bertragenen &ouml;ffentlichen Aufgaben lie&szlig;en uns
+erkennen, da&szlig; der modernen deutschen Bildung, wie Lichtwarck am ersten
+Kunsterziehungstage mit vollem Rechte bemerkte, &raquo;die gestaltende Kraft
+fehlt&laquo;. Wir lernen immer mehr die Bedeutung der durch nichts zu
+ersetzenden, von gro&szlig;en Maximen gerichteten eigenen praktischen
+Initiative einsehen, die nirgends sich entwickeln kann, wo die Erziehung
+dem Z&ouml;gling in allem, was er tut, streng vorgeschriebene Bahnen weist.
+Immer lauter werden die Stimmen, die nach dem Einzug von <span class="g">frei gew&auml;hlter</span>
+oder doch frei sich auswirkender Bet&auml;tigung in die Mauern der Schulen
+rufen. In seinem trefflichen Aufsatz &raquo;&uuml;ber freiere Gestaltung des
+Unterrichts auf der Oberstufe des Gymnasiums&laquo; in den Bl&auml;ttern f&uuml;r das
+Gymnasial-Schulwesen<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64"> [64]</a></span> 1912, Heft 2, fordert Professor Dr. Paul
+Joachimsen <span class="g">systematischen Ausbau des Wahlunterrichts</span> in den drei oberen
+Klassen des Gymnasiums. (Vergleiche auch <a href="#VI_ZUSAMMENFASSUNG_UND_SCHLUSSBETRACHTUNG">Kap. VI</a>.) Das Wort von der
+P&auml;dagogik der Tat wurde zun&auml;chst gepr&auml;gt. Bald aber hatte es dem neuen
+Schlagwort Platz zu machen, dem Schlagwort vom Arbeitsunterricht als
+Prinzip, worunter man die Verbindung von einer F&uuml;lle <span class="g">manueller</span>
+T&auml;tigkeiten mit allen herk&ouml;mmlichen Unterrichtsgegenst&auml;nden verstand.
+Schon diese grobe Ver&auml;u&szlig;erlichung des Begriffes &raquo;Arbeitsunterricht&laquo; als
+eines Unterrichts in <span class="g">rein manueller</span> Besch&auml;ftigung zeigte, wie wenig das
+Wesen des Begriffes der Arbeitsschule erfa&szlig;t worden war. Indem nun aber
+eine gro&szlig;e Anzahl von Schulm&auml;nnern &uuml;berdies den manuellen
+Arbeitsunterricht als Fach vollends ablehnte, beraubte sie auch ihren
+Arbeitsunterricht als Prinzip ein f&uuml;r allemal des besten Einflusses auf
+Charakterbildung. Jedoch in drei heiligen Konzilien 1857, 1882 und 1900
+hatte die deutsche Lehrerschaft das anathema sit dem fachlichen
+Arbeitsunterricht in jeder Form gesprochen. Und andernteils hatte die
+Bewegung f&uuml;r den Handfertigkeitsunterricht das Augenmerk einer gro&szlig;en
+Zahl von Lehrern nahezu ausschlie&szlig;lich auf die<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65"> [65]</a></span> manuelle Arbeit gelenkt.
+Da ist es nur zu begreiflich, da&szlig; die neue Bewegung nicht sofort in die
+rechten Bahnen kam. Man war &uuml;berhaupt nicht von der Erw&auml;gung
+ausgegangen, die das wahre Wesen des Arbeitsunterrichts h&auml;tte erfassen
+lassen. Kindergartenbesch&auml;ftigung, Handfertigkeitsbewegungen, die alten
+Forderungen von Selbstt&auml;tigkeit usw. f&uuml;hrten von vornherein zu einer
+Ver&auml;u&szlig;erlichung des Arbeitsunterrichts als Prinzip. Weil Arbeiten
+gew&ouml;hnlich eine manuelle T&auml;tigkeit ist, so glaubte man das Problem der
+Arbeitsschule damit gel&ouml;st zu haben, da&szlig; man mit <span class="g">jedem</span> herk&ouml;mmlichen
+Unterrichtsgebiet der Schule irgendwelche manuelle T&auml;tigkeit verband.
+Selbst dem Geschichtsunterricht der oberen Klassen der Volksschule
+glaubte man durch Modellierb&ouml;gen von Ritterburgen, Laubs&auml;gearbeiten nach
+Bauformen alter Stile, Planzeichnen von Schlachtfeldern usw. den
+Charakter von Arbeitsunterricht gegeben zu haben. Das Illustrieren von
+epischen Gedichten und biblischen Erz&auml;hlungen mu&szlig;te zur Verherrlichung
+des neuen Prinzips herhalten. Aber so wenig man sich den Begriff des
+kategorischen Imperativs erarbeitet, wenn man einen Holzschnitt von Kant
+nachzeichnet, ebensowenig treffen die erw&auml;hnten manuellen<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66"> [66]</a></span> Arbeiten den
+Geist des Arbeitsprinzips. Manuelle Arbeit ist im Dienste eines
+Unterrichtszweiges nur da &raquo;bildend&laquo;, wo Begriffe und Erkenntnisse aus
+Tatsachen der t&auml;glichen Erfahrung herauswachsen und das
+Vorstellungsmaterial aus sinnlicher Beobachtung gewonnen werden mu&szlig;.
+Alle im Laufe der Zeiten entwickelten <span class="g">geistigen</span> Arbeitsgebiete haben
+ihre eigenen spezifischen Arbeitsweisen. Das Arbeitsprinzip ist nur dann
+gewahrt, wenn die Arbeit beim Eindringen in die Vorstellungskreise und
+in die Denkungsweise dieses Gebietes den <span class="g">Arbeitsmethoden angepa&szlig;t ist,
+die sich innerhalb jener Geistesgebiete mit psychologischer
+Notwendigkeit entwickelt haben</span>. Wer durch zeitgen&ouml;ssische Schilderungen
+und anderes Quellenmaterial oder auch nur aus der Lekt&uuml;re von
+historischen Schriften der Gegenwart historische Kenntnisse selbst&auml;ndig
+erarbeiten l&auml;&szlig;t, wer durch den Sch&uuml;lern &uuml;berlassene dramatische
+Gestaltung von Dichtungen in gebundener und ungebundener Form diese
+Sch&uuml;ler den Inhalt tiefer erleben und erfassen l&auml;&szlig;t, wer in
+Arbeitsgemeinschaften Gelegenheiten schafft zur Entwicklung der
+Feinf&uuml;hligkeit im geselligen Verkehr der Sch&uuml;ler, wer die Sch&uuml;ler
+anleitet, selbst durch<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67"> [67]</a></span> eigene Versuche in den Kern der physikalischen,
+chemischen, biologischen Gesetze einzudringen, sie alle gestalten den
+Unterrichtsbetrieb nach dem Prinzip der produktiven Arbeit.</p>
+
+<p>Das Wesen der Arbeitsschule und des in ihr lebendig werdenden
+Arbeitsprinzips ist eben ein v&ouml;llig anderes, als es sich selbst in den
+K&ouml;pfen derjenigen Arbeitsschulapostel und Werkunterrichtsprediger
+spiegelt, die auf Kongressen das neue Evangelium ausbreiten wollen. Der
+21. Kongre&szlig; des Deutschen Vereins f&uuml;r Knabenhandarbeit und
+Werkunterricht in Charlottenburg 1912 war mir wieder ein wenig
+erfreulicher Beleg hierf&uuml;r. Ich will daher versuchen, dieses Wesen der
+Arbeitsschule in aller K&uuml;rze klarzulegen. Eine eingehende Untersuchung
+der hier aufgestellten Begriffe findet man in meiner Abhandlung: Das
+Grundaxiom des Bildungsverfahrens und seine Folgerungen f&uuml;r die
+Schulorganisation (Verlag Deutsche Union, Berlin 1917).</p>
+
+<p>Die Bildung des Kindes geht immer in der Weise vor sich, da&szlig; es in der
+Umgebung, in der es aufw&auml;chst, die Kulturg&uuml;ter ergreift und erlebt,
+welche die Gemeinschaft, der das Kind angeh&ouml;rt, als solche Kulturg&uuml;ter
+wertet, also die Sprache, die Sitten und Gebr&auml;uche, die Verfassungen
+und<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68"> [68]</a></span> Rechtssysteme, die Religion, die Begriffe und Gesetze der
+Wissenschaften, die Wissenschaften selbst, die Kunstg&uuml;ter, die
+technischen G&uuml;ter. Nicht alle sprechen das Kind, den Knaben, den
+J&uuml;ngling in gleicher Weise an; f&uuml;r Tausende und aber Tausende hat es in
+seinem eigenen Wesen keinen Schl&uuml;ssel, sie sich zug&auml;nglich zu machen,
+sie zu assimilieren, <span class="g">sie zu erarbeiten</span>. Gewisse Begriffe, Maximen,
+Glaubenss&auml;tze, Naturgesetze, Kunstformen, Sittlichkeitsvorstellungen,
+Sachkonstruktionen, Arbeitsverfahren usw. dem Ged&auml;chtnis einzuverleiben,
+das gibt keine Bildung; <span class="g">auf das Erarbeiten kommt es an</span>. Denn nur durch
+das Erarbeiten bilden sich die <span class="g">Seelenfunktionen in ihrer Totalit&auml;t</span>,
+werden leistungsf&auml;higer, kr&auml;ftiger, zielstrebiger. Nur im Erarbeiten
+entwickeln sich geistige und sittliche Gewohnheiten, die wir am
+<span class="g">gebildeten</span> Menschen so hoch sch&auml;tzen.</p>
+
+<p>Aber was hei&szlig;t nun ein Kulturgut erarbeiten? Was ist psychologisch damit
+gemeint?</p>
+
+<p>Um diese Frage zu beantworten, m&uuml;ssen wir &uuml;berlegen, wie Kulturg&uuml;ter
+entstehen, nicht im einzelnen, das w&uuml;rde zu einer Philosophie der
+Kulturg&uuml;ter f&uuml;hren, sondern ganz allgemein. Jedes neue Gut, das Menschen
+der Menschheit schenken,<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69"> [69]</a></span> tr&auml;gt das Gepr&auml;ge des Geistes, dem es
+entsprungen. Das mag der Geist eines einzelnen oder der Geist ganzer
+V&ouml;lker und ganzer Generationen sein. Das mag ein individuelles oder ein
+allgemeines Gepr&auml;ge oder eine Mischung aus beidem sein. Am deutlichsten
+sehen wir das bei den einzelnen Kunstg&uuml;tern, die ja &uuml;berhaupt zu allen
+Zeiten die individuellsten G&uuml;ter waren und sein werden. Denn jedes echte
+Kunstwerk ist der unverf&auml;lschte Ausdruck einer Individualit&auml;t, und zwar
+so sehr, da&szlig; man eine neu ausgegrabene, wertvolle Statue, ein neu
+entdecktes, wertvolles Drama, ein nicht gezeichnetes, wertvolles
+Streichquartett sofort und eindeutig auf ihren Autor hin bezeichnen
+kann. <span class="g">Es tr&auml;gt neben gewissen objektiven, dem allgemeinen objektiven
+Geist der Zeit entstammenden Z&uuml;gen vor allem auch die subjektive
+Struktur des Geistes, aus dem es geboren wurde.</span></p>
+
+<p>Ganz das gleiche gilt f&uuml;r alle Kulturg&uuml;ter ohne Ausnahme. Die deutsche
+Sprache tr&auml;gt ebenso die Struktur des deutschen Geistes wie die deutsche
+Philosophie im ganzen, wie in ihren einzelnen, geschlossenen Systemen.
+Selbst Maschinen und Werkzeuge tragen ihr individuelles Gepr&auml;ge,<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70"> [70]</a></span> wie
+Sitten, Gebr&auml;uche, Religionsformen. Die verschiedenen Wissenschaften
+tragen die Struktur ganz bestimmter Denkweisen, und diese Struktur ist
+eine andere beim Naturwissenschaftler, eine andere beim reinen
+Mathematiker, eine v&ouml;llig andere beim Historiker (vgl. vor allem <span class="g">W.
+Diltheys</span> Akademieabhandlung von 1910: Der Aufbau der geschichtlichen
+Welt in den Geisteswissenschaften), wie &uuml;bereinstimmend auch sonst die
+formal logischen Prozesse in allen drei Wissenschaftsgebieten sich
+verhalten.</p>
+
+<p>Die Tausende von Ger&auml;ten, die uns t&auml;glich umgeben und die wir t&auml;glich
+gebrauchen, tragen in ihrer Konstruktion wie in ihrer &auml;sthetischen
+Erscheinung eine volkst&uuml;mliche Struktur, in der die Arbeit, die geistige
+wie die manuelle, ungez&auml;hlter Generationen aufgespeichert ist.</p>
+
+<p>Jetzt k&ouml;nnen wir die Frage beantworten, was hei&szlig;t ein Kulturgut
+<span class="g">erarbeiten</span>: Wenn jedes Kulturgut eine geistige Struktur hat, so hat nur
+derjenige einen Zugang zu ihm, der die gleiche oder doch ann&auml;hernd
+gleiche geistige Struktur besitzt; und nur f&uuml;r den, der diesen Zugang
+hat, wird das Kulturgut zum Bildungsgut werden. Die geistige Struktur
+des Historikers ist eine andere als die des Physikers, und diese wieder
+eine andere<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71"> [71]</a></span> als die des Philologen oder reinen Mathematikers. Ich kann
+auf die grundlegenden Verschiedenheiten hier nicht eingehen. Noch
+ungleich verschiedener sind die geistigen Strukturen der K&uuml;nstler, der
+Religionsstifter, der Techniker. Keiner von ihnen besitzt, sofern wir es
+mit reinen einseitigen Auspr&auml;gungen dieser Individualit&auml;ten zu tun
+haben, den Schl&uuml;ssel zu den Kulturg&uuml;tern des andern.</p>
+
+<p>Sobald aber meine geistige Struktur der geistigen Struktur des
+Kulturgutes angepa&szlig;t ist, werde ich von ihm ganz von selbst ergriffen,
+und nun fragt sich, ob ich auch geistig oder seelisch stark genug bin,
+es zu assimilieren. Ich kann es nur assimilieren, indem ich durch
+ununterbrochene T&auml;tigkeit, die aus der <span class="g">Totalit&auml;t</span> meiner Individualit&auml;t
+w&auml;chst, mich in das Wesen des Kulturgutes zu versetzen suche, d.&nbsp;h. eben
+<span class="g">es erarbeite</span>. Jetzt entfaltet das Kulturgut seinen Bildungswert, und
+zwar mit zwingender Notwendigkeit. Es ist ja selbst dem analogen
+geistigen Proze&szlig; entsprungen und speichert gleichsam die Bildungsenergie
+dieses geistigen Prozesses potentiell in sich auf, bis der ad&auml;quate
+Geist kommt und in der Erarbeitung, Assimilierung des Kulturgutes die
+potentielle Energie wieder in die kinetische Energie seiner
+Pers&ouml;nlichkeit verwandelt.<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72"> [72]</a></span></p>
+
+<p><span class="g">Diese potentielle, in der Struktur der Kulturg&uuml;ter aufgespeicherte
+geistige Energie nenne ich den immanenten Bildungswert der Kulturg&uuml;ter.</span></p>
+
+<p><span class="g">Die Arbeitsschule aber ist diejenige Schule, die durch ihre Methoden und
+durch die Art ihres ganzen Betriebes die immanenten Bildungswerte ihrer
+Bildungsg&uuml;ter ausl&ouml;st.</span></p>
+
+<p>Es hat also mit dem Geiste der <ins class="correction" title="Arbeitschule">Arbeitsschule</ins> nicht das
+geringste zu tun, wenn man im <span class="g">Geschichtsunterricht</span> den Gang von
+Schlachten oder die Formen bekannter Baustile zeichnet und modelliert,
+wenn man im <span class="g">Sprachunterricht</span> Gedichte und biblische Erz&auml;hlungen
+illustriert, wenn man manuelle <span class="g">Techniken</span>, wie <span class="g">Schreiben</span> oder <span class="g">Zeichnen</span>,
+durch andere Techniken, wie Erbsenlegen, St&auml;bchenzusammensetzungen,
+Tonformen vorbereitet, und es ist schon gar nichts, rein gar nichts f&uuml;r
+die Arbeitsschule gesagt, wenn man die geistreiche Unterscheidung von
+&raquo;Werkst&auml;ttenunterricht&laquo; und &raquo;Werkunterricht&laquo; macht, und nur den
+Arbeitsunterricht in der Form des <span class="g">Werkunterrichts</span> gelten l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Der Werkst&auml;ttenunterricht kann den vollendeten Geist der eben
+definierten Arbeitsschule widerspiegeln,<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73"> [73]</a></span> der Werkunterricht nicht und
+umgekehrt. Was heute unter den Titeln &raquo;Arbeitsprinzip&laquo; und
+&raquo;Werkunterricht&laquo; in den Volksschulen als Bildungsgeist umgeht, mag als
+Veranschaulichungs- oder Bet&auml;tigungsprinzip oder als &raquo;Spielprinzip&laquo;
+(denn auch das ist bei kleinen Sch&uuml;lern durchaus nicht zu verdammen) in
+m&auml;&szlig;igem Umfange gebilligt, ja empfohlen werden, aber mit dem Begriffe
+&raquo;Arbeitsschule&laquo; hat es nichts zu tun. Schon Basedow hat erleben m&uuml;ssen,
+da&szlig; Buchstabenformen aus Brotteig weder die Lese- noch die
+Schreibfertigkeit gef&ouml;rdert haben. Druck- und Schreibschrift haben gewi&szlig;
+auch ihre nationale wie pers&ouml;nliche Struktur. Auch in ihnen steckt ein
+bestimmter objektiver Geist. Aber diesen von seinen <span class="g">ersten</span> Anf&auml;ngen an
+zu erarbeiten, ist keine Aufgabe der Schule.</p>
+
+<p>Es gibt andere Methoden, welche die durch solche Dinge erstrebte
+Arbeitsteilung, n&auml;mlich der Einf&uuml;hrung in das Formsehen und der
+Einf&uuml;hrung in das Form-Darstellen, ebenfalls aufgreifen, aber sich gegen
+die Psychologie des Arbeitsunterrichtes nicht vers&uuml;ndigen. Wer solche
+Methoden kennen lernen will, dem empfehle ich die Lekt&uuml;re von Maria
+Montessori: &raquo;Il Metodo della Pedagogia Scientifica&laquo;, Citt&agrave; di Castello,
+Lapi 1910. Blo&szlig;e<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74"> [74]</a></span> manuelle Bet&auml;tigung ohne R&uuml;cksicht auf die feinen
+physischen und psychischen Zusammenh&auml;nge im inneren Verlauf der
+Bet&auml;tigungsprozesse und ohne R&uuml;cksicht auf die damit verbundene
+systematische Willensschulung und Urteilsklarheit ist, wie sehr sie den
+Stempel &auml;u&szlig;erlicher Arbeit tragen mag, kein Kriterium der Schule, die
+wir Arbeitsschule nennen wollen.</p>
+
+<p>Als Methoden der Veranschaulichung, als Mittel der Sinnesbildung, als
+Befriedigung des so lebhaften T&auml;tigkeitstriebes der Kinder, als
+Belebungsmittel des gesamten Unterrichts k&ouml;nnen derartige manuelle
+Besch&auml;ftigungen n&uuml;tzlich, bisweilen notwendig werden. Aber damit ist
+unserer Schule kein neues Bildungselement zugef&uuml;hrt. Es ist h&ouml;chstens
+eine alte Forderung erf&uuml;llt, die grob vernachl&auml;ssigt worden ist. Erst
+wenn manuelle T&auml;tigkeit zur Erarbeitung gewisser Kulturg&uuml;ter als
+systematisches Werkzeug der Willensbildung und Urteilssch&auml;rfung
+gehandhabt wird, und selbstverst&auml;ndlich wenn sie nur dort gehandhabt
+wird, wo dies der Natur der Sache nach notwendig und der Natur der Seele
+nach m&ouml;glich erscheint, erst dann liefert sie ein Bildungselement, das
+unserer Schule bisher fremd war. Das ist aber nur dann der Fall, wenn
+sie auf jeder Stufe die <span class="g">jeweils<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75"> [75]</a></span> vorhandene Ausdrucksf&auml;higkeit der
+ganzen Psyche des Kindes zur pr&auml;zisen Wiedergabe dessen veranla&szlig;t, was
+es spontan, aus eigenartigem Interesse heraus empfindet, sieht, denkt
+und f&uuml;hlt, und wenn sie demgem&auml;&szlig; in ihrer Anforderung an die
+Geschicklichkeit und Genauigkeit des Ausdrucks Schritt f&uuml;r Schritt
+h&ouml;here Anforderungen stellt</span>.</p>
+
+<p>Ein besonderes Gebiet der Arbeitsschule ist nun auch der
+Arbeitsunterricht im Sinne der <span class="g">manuellen</span> Arbeit. Er ist vor allem ein
+Unterrichtsfeld der Volksschule, weil eben die psychische Form des
+praktischen Verhaltens die Grundstruktur der kindlichen Seele ist. Nun
+gibt es Schulm&auml;nner, welche einen solchen manuellen Arbeitsunterricht
+zwar als Bet&auml;tigungs<span class="g">prinzip</span> in gewissen anderen Unterrichtsf&auml;chern
+zulassen, nicht aber als eigentliches Unterrichtsfach.</p>
+
+<p>Aber Arbeitsunterricht als Prinzip und Arbeitsunterricht als Fach
+geh&ouml;ren zusammen wie Griff und Klinge des Messers. &Uuml;berall, wo die
+F&ouml;rderung des technischen Ausdrucksverm&ouml;gens zum Unterrichtsprinzip
+erhoben wird, ist die entsprechende technische Schulung eine
+unabweisbare Notwendigkeit. <span class="g">Manuellen</span> Arbeitsunterricht<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76"> [76]</a></span> &uuml;berhaupt
+abzulehnen, ist konsequent, wenn auch unpsychologisch; ihn aber als
+methodisches Prinzip zuzulassen, dagegen als Fach zu verdammen, das ist
+gedankenlos. Seit Pestalozzi ist Pflege des sprachlichen
+Ausdrucksverm&ouml;gens sowohl Unterrichtsprinzip als Unterrichtsfach. Die
+Forderung &raquo;jede Stunde eine Sprachstunde&laquo; w&uuml;rde wenig Zweck haben, h&auml;tte
+die Schule nicht zugleich besondere Fachstunden f&uuml;r die Schulung des
+sprachlichen Ausdruckes. Wir fordern nicht blo&szlig; Korrektheit der
+m&uuml;ndlichen und schriftlichen Ausdrucksweise in allen Unterrichtsstunden,
+wir widmen au&szlig;erdem einem besonderen <span class="g">fachlichen</span> Sprachunterricht eine
+recht betr&auml;chtliche Unterrichtszeit. Der von mir vor vielen Jahren
+aufgestellte und jetzt allgemein gebilligte Satz: &raquo;kein Sachunterricht
+ohne Zeichnen&laquo; w&uuml;rde f&uuml;r die Entwicklung der graphischen
+Ausdrucksf&auml;higkeit und des &auml;sthetischen Sinnes geradezu verh&auml;ngnisvoll
+werden, h&auml;tten wir nicht zugleich auch einen rein fachlichen
+Zeichenunterricht, der im Sch&uuml;ler systematisch gewisse technische
+Fertigkeiten erzieht, ohne welche sein Ausdrucksverm&ouml;gen h&ouml;chst
+st&uuml;mperhaft bleiben m&uuml;&szlig;te. W&uuml;rden wir Rechnen blo&szlig; als
+Unterrichtsprinzip anerkennen ohne besondere technische<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77"> [77]</a></span> &Uuml;bungen im
+Rechnen, wir w&uuml;rden bald die Erfahrung machen, da&szlig; der verschwommene
+Inhalt der so gewonnenen Zahlvorstellungen sie mehr und mehr untauglich
+macht zur Aufhellung sachlicher Begriffe. Unsere M&auml;dchenreigen in den
+Oberklassen der Volksschule werden ohne systematische &Uuml;bungen, welche
+erst dem Willen die Macht geben, das Muskelspiel zu beherrschen, ewig
+auf dem Niveau des harmlosen Kinderspieles bleiben. Nun ist aber das
+r&auml;umliche Ausdrucksverm&ouml;gen, wie es in der manuellen Technik sich
+&auml;u&szlig;ert, als blo&szlig;es Verm&ouml;gen der Seele betrachtet, in nichts, rein gar
+nichts von den beiden andern Verm&ouml;gen des sprachlichen oder graphischen
+Ausdruckes verschieden. Wenn einzelne es f&uuml;r minderwertig halten in
+Hinsicht auf den Zweck der Erziehung gegen&uuml;ber den beiden andern, so
+kann man das zur Not noch begreifen. Wer es aber sch&auml;tzt und seine
+Pflege als Erziehungsmittel f&uuml;r notwendig erachtet, der mu&szlig; die gleichen
+Konsequenzen ziehen, die er bei der Pflege der andern Ausdrucksverm&ouml;gen
+fordert. Mit diesen Erw&auml;gungen kommen wir auf ein neues Grundmerkmal der
+rechten Arbeitsschule als einer Schule der Charakterbildung.</p>
+
+
+
+<h2><a name="V_DER_FACHLICHE_ARBEITSUNTERRICHT_UND_DER_TECHNISCHE_LEHRER" id="V_DER_FACHLICHE_ARBEITSUNTERRICHT_UND_DER_TECHNISCHE_LEHRER"></a>V. DER FACHLICHE ARBEITSUNTERRICHT UND DER TECHNISCHE LEHRER<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78"> [78]</a></span></h2>
+
+
+<p>Was immer die Schule in Verfolgung ihrer Zwecke unternimmt und wie immer
+die Schule ihre unterrichtlichen und erziehlichen Unternehmungen
+einleitet, es geh&ouml;rt zum Wesen der Schule, immer gr&ouml;&szlig;eren Nachdruck auf
+die sorgf&auml;ltige Ausf&uuml;hrung aller T&auml;tigkeit zu legen, durch welche sie
+Wille, Verstand und Feinf&uuml;hligkeit entwickeln will. Die Erziehung der
+Willensst&auml;rke verlangt unweigerlich, da&szlig; keine Arbeit des Kindes Hand
+verl&auml;&szlig;t, die nicht den Stempel der geistigen oder manuellen Anstrengung
+tr&auml;gt. Darin unterscheidet sich wesentlich die manuelle Bet&auml;tigung der
+Volksschule von der des Kindergartens, in dem das reine Kinderspiel die
+Lebensluft des Erziehungsbetriebes ist. Es ist von allerschlimmstem
+Einflu&szlig; auf die Willenserziehung, wenn die Kinder einer Schule 7 bis 8
+Jahre hindurch auch nur in einem, geschweige in mehr oder gar allen
+Unterrichtsgebieten sich angew&ouml;hnen, eine Sache &raquo;so ann&auml;hernd&laquo; oder
+&raquo;beinahe&laquo; recht zu machen,<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79"> [79]</a></span> und nichts verleitet mehr dazu &ndash; ohne da&szlig;
+dies absolut notwendig w&auml;re &ndash; als der sogenannte Arbeitsunterricht als
+Prinzip. Denn in neunzig von hundert F&auml;llen artet er in sogenanntes
+Basteln aus und verharrt durch eine Reihe von Klassen in sorg- und
+m&uuml;helos spielendem Dilettantismus. Die ganze Willenserziehung des
+Menschen ist eine Integration von unendlich vielen, unendlich kleinen,
+immer im gleichen Sinne gerichteten Anstrengungen der willk&uuml;rlichen
+Aufmerksamkeit. In sittlichen K&auml;mpfen des sp&auml;teren reifen Lebens bleibt
+der am ehesten Sieger, dem es am besten gelingt, immer wieder seine
+willk&uuml;rliche Aufmerksamkeit auf die sittlichen Motive zu lenken, die den
+Entschlu&szlig; zur Tat ausl&ouml;sen sollen. Die Aufmerksamkeit willk&uuml;rlich
+festzuhalten, f&auml;llt, wie wir alle wissen, den Kindern unendlich schwerer
+als den Erwachsenen. Sie lernen dieses schwierige Gesch&auml;ft aber nicht,
+wenn man ihnen immer wieder gestattet, ihre manuellen Arbeiten &raquo;so
+beinahe&laquo; richtig zu machen; wenn man ihnen alle Schwierigkeiten und
+K&auml;mpfe mit dem Material und Werkzeug, alle physischen Anstrengungen und
+alle geistigen &Uuml;berlegungen schenkt. Noch mehr! Es nisten sich
+Gewohnheiten der Selbstzufriedenheit mit der eigenen m&uuml;helosen Arbeit<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80"> [80]</a></span>
+ein, trotz aller Unvollkommenheit, die ihr anhaftet. Wir erziehen
+Dilettanten und keine Arbeiter.</p>
+
+<p>Dieser Gefahr nun wird im wesentlichen vorgebeugt, wenn ein
+systematischer fachlicher Arbeitsunterricht, der das Kind vom ersten bis
+achten Schuljahr begleitet, durch die Strenge seiner Anforderungen an
+die Sorgfalt und Genauigkeit einer der jeweiligen kindlichen
+Leistungsf&auml;higkeit angepa&szlig;ten Arbeit das Kind in seine milde, aber doch
+unnachsichtliche Zucht nimmt. Die geistigen, sittlichen und manuellen
+Gewohnheiten, die in ihm erworben werden, &uuml;bertragen sich unweigerlich
+auf die manuelle Bet&auml;tigung in den &uuml;brigen Unterrichtsgebieten und
+verdr&auml;ngen dort den sch&auml;dlichen Dilettantismus. Die so erzogenen Kinder
+lehnen es dann &uuml;berhaupt ab, Arbeiten, die sie nur unvollkommen
+erledigen k&ouml;nnen, auszuf&uuml;hren. Dagegen suchen sie die gleiche Sorgfalt
+des Ausdruckes, der ihnen im fachlichen Arbeitsunterricht zur Natur
+geworden ist, auf die ihnen im &uuml;brigen Unterricht gestellten Aufgaben zu
+&uuml;bertragen, sofern ihre Reife und ihr <span class="g">Interesse</span> ihnen entspricht. Ein
+klarer Beweis hierf&uuml;r ist die nahezu automatisch sich einstellende
+Unlust am Zeichnen bei den Kindern im zehnten bis<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81"> [81]</a></span> zw&ouml;lften Lebensjahre,
+sofern bis dahin nicht die graphische Ausdrucksf&auml;higkeit sorgf&auml;ltig
+geschult wurde oder die Schulung zu keinem befriedigenden Ergebnis
+gef&uuml;hrt hat. In beiden F&auml;llen h&ouml;rt um diese Zeit das von fast allen
+Kindern so gerne getriebene Spiel des Zeichnens ganz von selbst auf.</p>
+
+<p>Sprache und Geb&auml;rde, Zeichnen und Modellieren (Modellieren im
+allgemeinen Sinn genommen mit irgendwelchem Material) sind
+Ausdrucksmittel. Sie alle dienen der Willenszucht und der Urteilkl&auml;rung
+nur dann, wenn eine systematische Schulung den Z&ouml;gling lehrt, seine
+Ausdrucksf&auml;higkeit zu steigern und ihn gew&ouml;hnt, im Schwei&szlig;e seines
+Angesichts f&uuml;r jeden Gedanken den allein zutreffenden Ausdruck mit
+m&ouml;glichster Selbst&auml;ndigkeit zu finden und jeder gedachten Form die dem
+Materiale zug&auml;ngliche Vollendung zu geben. Darin allein ist das Wesen
+des Arbeitsunterrichts als Prinzip zu suchen.</p>
+
+<p>Die Richtung, die unser Charakter nimmt, h&auml;ngt nicht zum geringen Teile
+auch davon ab, wie wir unsere t&auml;gliche Arbeit tun. Jede oberfl&auml;chliche
+Arbeit, die unsere Hand verl&auml;&szlig;t, jedes &raquo;Ungef&auml;hr-Machen&laquo;, das wir uns
+erlauben, dr&uuml;ckt sich in unserer Willensentwicklung ab. Solange das<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82"> [82]</a></span>
+Kind wirklich spielt und spielen darf, ist alles
+&raquo;Andeutungsweise-Machen&laquo; nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Denn im
+reinen Kinderspiel liefert die manuelle T&auml;tigkeit nur die Unterlage f&uuml;r
+die frei spielende Phantasie. Die Arbeitsprodukte haben hier symbolische
+Bedeutung. Sie sind nicht Zweck der T&auml;tigkeit. Aber die Schule mu&szlig; ja
+das Spiel in Arbeit verwandeln, und hier haben die Arbeitsprodukte
+Wirklichkeitswert. Hier sind sie ausgesprochene Zwecke der T&auml;tigkeit,
+und da der Charakter lediglich durch Handeln sich bildet, so mu&szlig; es der
+Erzieher gr&ouml;&szlig;te Sorge sein, da&szlig; alles Handeln den Stempel der
+gr&uuml;ndlichen &Uuml;berlegung, der gr&ouml;&szlig;ten Sorgfalt und der absoluten
+Ehrlichkeit tr&auml;gt. Dabei kommt es gar nicht darauf an, was wir unsern
+Z&ouml;gling tun lassen, <span class="g">in welcher Technik</span> wir seine manuelle
+Geschicklichkeit und Ausdrucksf&auml;higkeit entwickeln. Eine oder zwei
+Techniken gen&uuml;gen vollkommen. Alles, was wir fordern k&ouml;nnen, ist nur das
+eine, da&szlig; die gew&auml;hlten Techniken zu immer gr&ouml;&szlig;erer, von dem Z&ouml;gling
+selbst durch mechanische Mittel kontrollierbarer Genauigkeit sich
+entwickeln lassen. Weil diese Eigenschaften dem Modellieren in Ton,
+soweit es vom sechs- bis zw&ouml;lfj&auml;hrigen Kinde gefordert werden kann, im
+allgemeinen<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83"> [83]</a></span> nicht anhaften, darum erachte ich diese Technik im
+Gegensatz zum Modellieren in Pappe, Holz, Metall als ungeeignet f&uuml;r die
+Volksschule. Alle Apostel der Arbeitsschule m&ouml;gen sich bewu&szlig;t bleiben,
+da&szlig; es ein Verbrechen an unserer deutschen Schule ist, das
+Arbeitsprinzip auf einen anderen Boden zu stellen als auf den der
+Gr&uuml;ndlichkeit und Zuverl&auml;ssigkeit, der beiden Eigenschaften, denen unser
+deutsches Volk seine wesentlichsten Erfolge verdankt. Die in unseren
+Versuchsklassen in M&uuml;nchen in dieser Richtung gemachten Erfahrungen, da&szlig;
+selbst den sechsj&auml;hrigen Kindern die Forderung gr&ouml;&szlig;ter Genauigkeit die
+Arbeitsfreude nicht im geringsten zu sch&auml;digen vermag, im Gegenteil sie
+von Monat zu Monat steigern l&auml;&szlig;t, geben mir vollkommene Gew&auml;hr daf&uuml;r,
+da&szlig; vom <span class="g">Beginn</span> der Schularbeit an dieser Weg mit bestem Erfolge
+betretbar ist.</p>
+
+<p>Indem aber unser Arbeitsprinzip auf diesem Boden sich verankert, steht
+es naturgem&auml;&szlig; der Forderung entgegen, die <span class="g">vom Beginn</span> alles Unterrichtes
+an die <span class="g">freie</span> Bet&auml;tigung der manuellen und geistigen Kr&auml;fte zum System
+erhebt. Wer die Ausdrucksmittel nicht beherrscht, wird auch die
+einfachsten Dinge nicht auszudr&uuml;cken verm&ouml;gen. Die mechanische &Uuml;bung im
+systematischen<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84"> [84]</a></span> Gebrauch der Ausdrucksmittel ist die unerl&auml;&szlig;liche
+Voraussetzung f&uuml;r wertvolle freie Bet&auml;tigung, f&uuml;r jede produktive
+Arbeit. (Vgl. meine Abhandlung &raquo;Produktive Arbeit und ihr
+Erziehungswert&laquo; in &raquo;Grundfragen der Schulorganisation&laquo;, B.&nbsp;G. Teubner,
+Leipzig.) Die Einf&uuml;hrung in den Gebrauch der Ausdrucksmittel geschieht
+auf allen Gebieten auf dem Wege der Nachahmung. Selbst jene Menschen,
+welche die allergr&ouml;&szlig;te Tiefe des Ausdruckes besa&szlig;en, unsere
+hervorragenden K&uuml;nstler, waren zu Beginn ihres Schaffens im wesentlichen
+Nachahmer (D&uuml;rer, Raffael). An dem sorgf&auml;ltigen, unerm&uuml;dlichen Studium
+der Ausdrucksmittel und Ausdrucksmethoden anderer hat sich ihre Kraft
+entfaltet und schlie&szlig;lich jene Freiheit und Gewalt gewonnen, die uns
+v&ouml;llig neue Kunstwerte schenkte. Erst wenn der Z&ouml;gling eine gen&uuml;gende
+Sicherheit im Gebrauch der Ausdrucksmittel erworben hat, soll der
+Erzieher der eigenen Initiative des Z&ouml;glings immer freieren Spielraum
+gew&auml;hren. <span class="g">Das ist der zweite Fundamentalsatz f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung des
+Arbeitsprinzips.</span> Nat&uuml;rlich widerspricht es diesem Grundsatz nicht, wenn
+die Schule vom Anfang ihrer T&auml;tigkeit gelegentlich immer wieder dem
+Sch&uuml;ler die M&ouml;glichkeit freier<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85"> [85]</a></span> Bet&auml;tigung gibt, teils in Ankn&uuml;pfung an
+die oft noch ungebrochene Spielfreude des Kindes und der aus ihr
+quellenden belebenden Anregung f&uuml;r ernstere T&auml;tigkeit, teils um den
+Sch&uuml;ler selbst den Mangel an Beherrschung der Ausdrucksmittel von Zeit
+zu Zeit f&uuml;hlen zu lassen. Nichts ist zu erinnern, wenn wir ab und zu in
+den Unter- und Mittelklassen au&szlig;erhalb des systematischen Arbeitsplanes
+f&uuml;r die Entwicklung des graphischen Ausdruckes irgendwelche aus der
+freien Initiative des Kindes entspringende Zeichnungen zulassen. Dagegen
+erdrosselt das <span class="g">best&auml;ndige</span> Illustrieren und planlose Darstellen nur zu
+leicht die schwachen Begabungen der graphischen Ausdrucksf&auml;higkeit, wie
+sie gew&ouml;hnlich in den Massen vorhanden sind.</p>
+
+<p>Wenn wir aber im Interesse der Charakterbildung eine derartige
+Behandlung des Arbeitsprinzips f&uuml;r geistige und manuelle Arbeit
+verlangen, und wenn uns andernteils der Zweck der Volksschule
+unmittelbar darauf f&uuml;hrt, der sorgf&auml;ltigen Entwicklung der rein
+praktischen manuellen Begabungen durch Einf&uuml;hrung eines besonderen
+Unterrichtsfaches Rechnung zu tragen, wenn andererseits die
+Lehrerbildung unm&ouml;glich mehr weiter mit gr&uuml;ndlicher Einf&uuml;hrung in
+technische Fertigkeiten<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86"> [86]</a></span> belastet werden kann, welche Konsequenz folgt
+daraus? Es mu&szlig; glatt ausgesprochen werden, da&szlig; wir in der Arbeitsschule
+neben dem <span class="g">theoretisch wissenschaftlich</span> durchgebildeten Lehrer noch einen
+zweiten Lehrer n&ouml;tig haben, den <span class="g">technisch</span> durchgebildeten.</p>
+
+<p>Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Dieser technische Lehrer kann f&uuml;r
+die obersten Klassen der Volksschule bei sorgf&auml;ltiger Auswahl und
+nachtr&auml;glicher p&auml;dagogischer Schulung direkt aus der gewerblichen
+Technik genommen werden. Wir haben in M&uuml;nchen die besten Erfahrungen
+damit gemacht, ebenso wie Paris oder Stockholm. Eine endg&uuml;ltige L&ouml;sung
+ist aber dieser Weg nicht. Die endg&uuml;ltige L&ouml;sung werden uns technische
+Lehrer bringen m&uuml;ssen, welche die analoge seminaristische Ausbildung
+haben wie die wissenschaftlichen Lehrer. Es ist durchaus m&ouml;glich,
+wenigstens f&uuml;r die Zwecke der eigentlichen Volksschule (f&uuml;r die
+anschlie&szlig;ende Fortbildungsschule w&uuml;rde es allerdings nicht ausreichen)
+auf dem bisherigen Lehrerbildungswege durch gewisse Modifikationen der
+Lehrpl&auml;ne technische Lehrer zu erziehen. Die &raquo;Manual Training High
+Schools&laquo; der Vereinigten Staaten Amerikas, die so viele technische
+Lehrer f&uuml;r die Volksschule sowohl als<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87"> [87]</a></span> auch f&uuml;r die Manual Training High
+School selbst vorbereiten, liefern einen gl&auml;nzenden Beweis hierzu. Das
+Seminar f&uuml;r technische Lehrer, das sich an die Pr&auml;parandenschule oder an
+die sechsklassige Realschule (deren Unterricht ich mir
+selbstverst&auml;ndlich gleichfalls auf praktische Arbeiten ausgedehnt denke)
+anschlie&szlig;t, hat das Schwergewicht seiner Unterweisung neben der
+gr&uuml;ndlichen Einf&uuml;hrung in P&auml;dagogik, Psychologie und Ethik nur auf die
+praktisch-technische Erziehung in Verbindung mit Physik und Chemie zu
+legen, w&auml;hrend das Seminar f&uuml;r die theoretisch durchzubildenden Lehrer
+neben den p&auml;dagogischen Lehrf&auml;chern und ihren Hilfswissenschaften den
+Unterricht in Literatur, Geschichte, Geographie wie bisher weiterpflegt.
+Man kann wie in den Manual Training High Schools beide Seminare in einer
+einzigen Anstalt vereinigen. Denn das eine gro&szlig;e Hauptunterrichtsgebiet,
+die P&auml;dagogik, mit allen ihren Zweigen, ist ja beiden Gruppen von
+Lehrern gemeinsam. Nur in dem zweiten gro&szlig;en Hauptgebiet von
+obligatorischen Unterrichtsf&auml;chern gehen die beiden Gruppen auseinander.
+Dabei bleibt es insbesondere den theoretisch auszubildenden Lehrern
+unbenommen, ja es d&uuml;rfte ihnen sogar dringend zu empfehlen sein,
+freiwillig<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88"> [88]</a></span> in einem fakultativen Unterricht, der eine geringe Zeit
+umspannt, ihre manuelle Geschicklichkeit weiter auszubilden. Denn der
+technische Lehrer soll ja sp&auml;ter in der Volksschule nur die technischen
+Unterrichtsf&auml;cher einschlie&szlig;lich Zeichnen und vielleicht auch
+physikalischen und chemischen Laboratoriumsunterricht &uuml;bernehmen, um so
+f&uuml;r den Sch&uuml;ler in allen technischen Fragen eine gr&uuml;ndliche Schulung
+sicherzustellen. Soweit f&uuml;r den gesamten &uuml;brigen Volksschulunterricht
+die manuelle Bet&auml;tigung grunds&auml;tzlich gefordert werden mu&szlig;, weil die
+<span class="g">Erarbeitung</span> des Bildungsgutes es notwendig oder w&uuml;nschenswert macht,
+d.&nbsp;h. soweit mit dem gesamten &uuml;brigen Unterricht Arbeitsunterricht im
+Prinzip verbunden ist, bleibt diese Bet&auml;tigung immer dem theoretisch
+gebildeten Lehrer vorbehalten. Der theoretisch gebildete Lehrer darf nie
+ganz ohne manuelle Geschicklichkeit sein, auch wenn er technisch nicht
+so ausgebildet werden kann, da&szlig; er den fachlichen Arbeitsunterricht mit
+der n&ouml;tigen Gr&uuml;ndlichkeit zu leiten verst&uuml;nde. Wird dieser Weg der
+Ausbildung des technischen Lehrers gew&auml;hlt, so dringt kein neues Element
+in die Volksschule ein, w&auml;hrend die Ausbildung der Lehrer selbst f&uuml;r
+ihre besonderen Zwecke sehr viel gr&uuml;ndlicher<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89"> [89]</a></span> angelegt werden kann. Es
+ist mir immer ein R&auml;tsel, wie die Volksschullehrer, im Gegensatz zu den
+akademischen Lehrern, mit dem n&auml;mlichen Atemzug die Einf&uuml;hrung in immer
+mehr Gebiete des Wissens und der Technik und zugleich eine wesentliche
+Vertiefung ihrer Bildung verlangen k&ouml;nnen. Das sind zwei Forderungen,
+die sich grunds&auml;tzlich ausschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Die Forderung technischer Lehrer bringt &uuml;berdies auch der Volksschule
+gar nichts Neues. Der hier f&uuml;r die m&auml;nnliche Lehrerwelt zu betretende
+Weg ist in den allgemeinen M&auml;dchenschulen l&auml;ngst beschritten, wo
+technisch und seminaristisch gebildete Lehrerinnen seit einem
+Jahrhundert friedlich nebeneinander hausen. Niemand war es bisher auch
+nur im Traum eingefallen, gegen die technischen Lehrerinnen sich zu
+wenden. Und gerade der Staat Preu&szlig;en ist der erste Staat Deutschlands
+gewesen, der Seminare f&uuml;r technische Lehrerinnen auf Staatskosten
+eingerichtet hat, und die Stadt Dortmund ist in selbst&auml;ndiger Weise nach
+dem Vorschlage Dornheckters unter Erweiterung des Bildungsbereiches der
+technischen Lehrerinnen diesem Beispiel gefolgt. Frankreich, England,
+Schweden und die Vereinigten Staaten haben den gleichen Weg auch l&auml;ngst<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90"> [90]</a></span>
+in ihren Knabenschulen betreten. Soweit sie eigener Lehranstalten f&uuml;r
+technische Lehrer entbehren, wie in Frankreich, scheuen sie sich nicht,
+da wo es unbedingt n&ouml;tig ist, n&auml;mlich in den Oberklassen, diesen
+Unterricht p&auml;dagogisch veranlagten Handwerkern <span class="g">einstweilen</span>
+anzuvertrauen.</p>
+
+<p>Und doch meinte Gutmann auf der 18. Hauptversammlung der bayrischen
+Lehrer zu Regensburg: &raquo;Als die schwerste Verirrung mu&szlig; ein selbst&auml;ndig
+neben den &uuml;brigen Unterrichtsgegenst&auml;nden hergehender und von
+Handwerkern geleiteter Handfertigkeitsunterricht angesehen werden.&laquo;
+Dieser aus innerer &Uuml;berzeugung hartn&auml;ckige Gegner der Arbeitsschule ist
+aber sich wohl bewu&szlig;t, da&szlig; die Lehrerbildung keine weitere Belastung
+mehr vertr&auml;gt, sondern direkt nach Entlastung schreit. Daraus folgert er
+aber nicht, da&szlig; die Lasten auf zwei Schulterpaare zu verteilen sind,
+sondern da&szlig; die Volksschule jede Art fachlichen Arbeitsunterrichts weit
+von sich weisen mu&szlig;. Dann sind aber auch alle unsere technischen
+Lehrerinnen f&uuml;r Handarbeits- und Schulk&uuml;chenunterricht nur eine Folge
+der schwersten p&auml;dagogischen Verirrungen unserer Schulverwaltungen, dann
+sind auch die Fachzeichenlehrer vieler deutscher Volksschulen, die
+ausgezeichneten Turnlehrer<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91"> [91]</a></span> der schwedischen Schulen, die Singlehrer
+vieler amerikanischer Schulen, die verschiedenen Typen der technisch
+gebildeten Haushaltungslehrerinnen, wie ich sie in Glasgow und Edinburg
+gesehen habe, aus den Mauern der Volksschule unbarmherzig zu verbannen,
+auch wenn es v&ouml;llig unm&ouml;glich ist, <span class="g">jeden</span> Lehrer au&szlig;er zu einem
+Naturwissenschaftler, Geographen, Historiker und Germanisten auch noch
+zu einem gewandten Techniker, Turner, S&auml;nger, Zeichner usw. auszubilden.</p>
+
+<p>Ich meine, je eher der deutsche, seminaristisch gebildete Lehrerstand
+einsehen lernt, da&szlig; er einen gleich berechtigten, technisch gebildeten
+Lehrerstand zur Erg&auml;nzung unbedingt n&ouml;tig hat, desto eher wird es auch
+m&ouml;glich werden, seinen schmerzlichen Ruf nach tieferer Bildung zu
+erf&uuml;llen. Ich kann nur das eine sagen: Ob die Umwandlung der Volksschule
+in eine Arbeitsschule, die auch den manuellen Arbeitsunterricht als
+wohlgepflegtes Unterrichtsfach in ihren Bildungsplan aufnimmt, eine
+Umwandlung, welche kommen wird und kommen mu&szlig; trotz aller Widerst&auml;nde,
+sich zum Segen oder Unsegen unseres Volkes entwickeln wird, das wird
+davon abh&auml;ngen, ob der technische Lehrer und mit ihm die von
+langj&auml;hriger<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92"> [92]</a></span> Erfahrung und eingehendem Verst&auml;ndnis gebildete
+gewissenhafte manuelle Bet&auml;tigung auch in unseren deutschen
+Knabenschulen Einzug halten wird oder nicht. Schwierigkeiten, die sich
+hierbei in ungeteilten Schulen einstellen, lassen sich in verschiedener
+Weise &uuml;berwinden, &auml;hnlich wie die Schwierigkeiten f&uuml;r den weiblichen
+Handarbeitsunterricht in den gleichen Schulen. Der technisch gebildete
+Lehrer ist die unmittelbare Konsequenz der Forderung, da&szlig; unsere
+Volksschule auch die ungeheuren Massen derjenigen in der Richtung eines
+sittlichen Charakters erziehen will, <span class="g">deren intellektuelle Kr&auml;fte nicht
+ausreichen</span>, auch rein geistige Kulturg&uuml;ter zu <span class="g">erarbeiten</span> und damit aus
+der blo&szlig; geistigen Arbeit eine Schulung ihres Charakters zu gewinnen.
+Unsere Hilfsschulen, deren Handfertigkeitsunterricht so vielfach (nicht
+&uuml;berall gl&uuml;cklicherweise) &uuml;ber den Pegel der Spielerei nicht
+hinaussteigt, werden sehr viel besser noch organisiert werden k&ouml;nnen,
+wenn auch dort der p&auml;dagogisch durchgebildete technische Lehrer den
+heutigen Dilettanten ersetzt.</p>
+
+
+
+<h2><a name="VI_ZUSAMMENFASSUNG_UND_SCHLUSSBETRACHTUNG" id="VI_ZUSAMMENFASSUNG_UND_SCHLUSSBETRACHTUNG"></a>VI. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBETRACHTUNG<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93"> [93]</a></span></h2>
+
+
+<p>Das aber ist die Sehnsucht und die Sorge aller ernsten Reformer unserer
+Tage, da&szlig; unsere Volksschule ein Werkzeug f&uuml;r Charakterbildung werde,
+auch f&uuml;r die &uuml;berwiegend gro&szlig;e Zahl der geistig schw&auml;cher Veranlagten.
+Die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts haben uns gelehrt und
+lehren es immer mehr, da&szlig; die Pflege des ged&auml;chtnism&auml;&szlig;igen Wissens, das
+nur zu sehr den Geist unserer allgemeinen Volks- und h&ouml;heren Schulen
+beherrscht, nicht zu jener Volks- und Menschenbildung f&uuml;hrt, welche die
+modernen Staaten von Tag zu Tag n&ouml;tiger haben. Sie haben uns gelehrt,
+da&szlig; das Schwergewicht aller Schulen, weit weniger auf Anh&auml;ufung des
+<span class="g">Wissens</span> als auf die Entwicklung von geistigen, moralischen und manuellen
+<span class="g">F&auml;higkeiten</span> zu legen ist, da&szlig; sie mechanische, aber von Einsicht in ihre
+Zweckm&auml;&szlig;igkeiten getragene Fertigkeiten auszubilden haben, welche der
+lebenspendenden produktiven Arbeit allzeit bereite, getreue und
+gewissenhafte<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94"> [94]</a></span> Diener liefert zur Vollendung der vom schaffenden Geist
+diktierten Werke, und da&szlig; dieser Weg der Ausbildung f&uuml;r einen gro&szlig;en
+Teil unserer Bev&ouml;lkerung der einzige ist, der in diesem Teil M&auml;nner und
+Frauen von starkem, ehrlich gerichtetem Willen zu erzeugen vermag.</p>
+
+<p><span class="g">Indem die Arbeitsschule die Schule der selbst&auml;ndigen Erarbeitung der
+Bildungsg&uuml;ter ist</span>, in dem Sinne, wie ich es in <a href="#IV_DIE_METHODEN_DER_ARBEITSSCHULE">Kap. IV</a> ausgef&uuml;hrt habe,
+und <span class="g">zwar einer Erarbeitung durch die Gesamtheit des Seelenlebens, ist
+die Arbeitsschule jene Organisation der Schule, der die Charakterbildung
+&uuml;ber alles geht</span>. Gerade dieses Zweckes halber sucht sie in ihrem
+Unterrichtsbetrieb Ernst damit zu machen, die Massenhaftigkeit und die
+damit notwendig verbundene Oberfl&auml;chlichkeit des Wissens aus der Schule
+zu verbannen. Indem sie dabei einen Organisationsbetrieb des
+Unterrichtes sucht, der dem Kinde gestattet, m&ouml;glichst viel
+Erfahrungswissen zu sammeln, baut sie von selbst der unm&auml;&szlig;igen Zufuhr
+von blo&szlig; &uuml;berliefertem Wissen eine Mauer entgegen. <span class="g">Der Sinn der
+Arbeitsschule ist, mit einem Minimum von Wissensstoff ein Maximum von
+Fertigkeiten, F&auml;higkeiten<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95"> [95]</a></span> und Arbeitsfreude im Dienste
+staatsb&uuml;rgerlicher Gesinnung auszul&ouml;sen.</span></p>
+
+<p>Ausgehend von dem &auml;u&szlig;eren h&ouml;chsten sittlichen Gut im sittlichen
+Gemeinwesen, dem Kultur- und Rechtsstaat der Ethik, haben wir gefunden,
+da&szlig; jede &ouml;ffentliche Schule drei und nur drei Grundfragen zu l&ouml;sen hat:
+1. die Vorbereitung auf den zuk&uuml;nftigen Beruf des einzelnen im Staate;
+2. die Versittlichung dieser Berufsbildung; 3. die Bef&auml;higung des
+Z&ouml;glings an der Mitarbeit der Versittlichung des Gemeinwesens selbst,
+dessen Glied er ist. Damit war die ethische Seite der Erziehungs- und
+Unterrichtsaufgabe der Schule bestimmt, die Richtung, welche die
+Charakterbildung einzuschlagen hat. Sie f&uuml;hrte auf drei Forderungen:</p>
+
+<p>a) In jedem Unterrichtsgebiet hat die Methode des Unterrichts, soweit
+das Bildungsgut es erlaubt, den Weg der <span class="g">Erarbeitung</span> des Bildungsgutes zu
+gehen, und dieser Weg ist durch die geistige Struktur des Bildungsgutes
+vorgezeichnet.</p>
+
+<p>b) Geh&ouml;ren zu den notwendigen Bildungsg&uuml;tern einer Schule auch
+technische Bildungsg&uuml;ter, so hat die Schule auch einen besonderen
+Arbeitsunterricht als Fach einzugliedern. Dies ist vor allem f&uuml;r die
+Volksschule unerl&auml;&szlig;lich.<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96"> [96]</a></span></p>
+
+<p>c) Da moralische Eigenschaften nur innerhalb der sozialen G&uuml;ter
+erarbeitet werden k&ouml;nnen, so ist f&uuml;r die Organisation aller Schulen das
+Prinzip der Arbeitsgemeinschaft &uuml;berall, wo es sich durchf&uuml;hren l&auml;&szlig;t,
+ein Grundprinzip.</p>
+
+<p>Die Forderung der Charakterbildung selbst ohne R&uuml;cksicht auf ihre
+ethische Richtung, vor allem die Bildung der St&auml;rke und Festigkeit des
+Willens, der Klarheit des Urteils, lie&szlig; uns zun&auml;chst die <span class="g">Notwendigkeit
+von Freiheit und Mannigfaltigkeit der Bet&auml;tigung</span> auf allen
+Unterrichtsgebieten erkennen. Sie zeigte uns, da&szlig; auf allen Gebieten des
+<span class="g">durch eigene Erfahrung erwerbbaren Wissens</span> die bisher begangenen
+Unterrichtswege in Wege der pers&ouml;nlichen Beobachtung und Erfahrung
+umzuwandeln sind, da&szlig; aber dieses Arbeitsprinzip, soweit es der
+manuellen Bet&auml;tigung bedarf, nicht mechanisch auf die Unterrichtsgebiete
+des <span class="g">nur durch &Uuml;berlieferung erwerbbaren Wissens</span> &uuml;bertragen werden darf.
+Sie lehrte uns weiter, da&szlig; der manuelle Arbeitsunterricht als Prinzip,
+sofern er nicht blo&szlig; der oberfl&auml;chlichen Veranschaulichung, sondern auch
+der Charakterbildung dienen und ihr nicht direkt gef&auml;hrlich werden soll,
+unwiderstehlich einen manuellen Arbeitsunterricht<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97"> [97]</a></span> als Fach verlangt und
+damit auch an den Knabenabteilungen unserer deutschen Schulen einen
+neuen Typus von Lehrern, den technisch gebildeten Lehrer.</p>
+
+<p>Endlich aber lehrt sie uns ein Letztes und Wichtigstes. Zu den Wurzeln
+der Charakterbildung geh&ouml;rt vor allem auch die Ausbildung der
+Urteilsklarheit, oder, was das gleiche ist, der logischen Denkf&auml;higkeit.
+Sie ist nur erreichbar durch <span class="g">selbst&auml;ndige geistige Arbeit</span>. Die
+selbst&auml;ndige geistige Arbeit ist noch mehr ein Kennzeichen der
+Arbeitsschule wie die selbst&auml;ndige manuelle Arbeit. Nur hat sie in der
+Volksschule die allerbescheidensten Grenzen und selbst innerhalb dieser
+k&ouml;nnen noch viele nicht gen&uuml;gend gef&ouml;rdert werden. Sie ist trotzdem das
+<span class="g">wesentliche</span> Merkmal der Arbeitsschule, da ja auch die manuelle Arbeit zu
+selbst&auml;ndiger geistiger T&auml;tigkeit schon im Rahmen der Volksschule
+anregen soll. Die selbst&auml;ndige geistige Arbeit verlangt aber m&ouml;glichstes
+Zur&uuml;ckdr&auml;ngen der alten Formen der &Uuml;berlieferung von Wissen zugunsten
+aktiver Erarbeitung des Wissensstoffes &uuml;berall da, wo und soweit es
+m&ouml;glich ist. Dazu ist eine wesentliche Verminderung des gesamten
+Unterrichtsstoffes, weiterhin die Einf&uuml;hrung von geeigneten <span class="g">geistigen</span><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98"> [98]</a></span>
+Arbeitsst&auml;tten und Bibliotheken f&uuml;r Geschichte, Geographie, Naturkunde
+und Raumlehre, endlich eine entsprechend geistige Schulung der
+seminaristischen wie technischen Lehrer unbedingt notwendig. Die
+Gewohnheiten des empirischen Denkens in Gewohnheiten logischen (oder,
+was das gleiche ist, wissenschaftlichen) Denkens umzuwandeln, das ist
+ein Grundmerkmal der Arbeitsschule, wie es eine Grundforderung der
+Charakterbildung ist.</p>
+
+<p>Insoweit unsere h&ouml;heren Schulen diese schwierigste aller
+Erziehungsaufgaben erf&uuml;llen, sind sie von selbst echte und rechte
+Arbeitsschulen. In der F&auml;higkeit, immer gr&ouml;&szlig;ere Gedankenketten mit
+logischer Strenge aneinanderzureihen zwecks L&ouml;sung geistiger Probleme,
+besteht das Wesen der sogenannten formalen Bildung. Nur vergessen wir
+immer, da&szlig; diese F&auml;higkeit sich nicht blo&szlig; dann zeigen soll, wenn wir am
+Schreibtisch in k&uuml;hler Ruhe wissenschaftliche Fragen zu untersuchen
+haben, sondern vor allem auch im praktischen Verkehr mit den Menschen,
+wenn Vorurteile, Eitelkeit, Ehrgeiz, Leidenschaft die Wege unseres
+Denkens zu verlegen versuchen, wenn wir vor ganz unerwarteten
+Ereignissen stehen und pl&ouml;tzliche Entschl&uuml;sse n&ouml;tig sind, wenn Liebe,
+Zuneigung,<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99"> [99]</a></span> Freundschaft die k&uuml;hle geistige Energie zu l&auml;hmen suchen.
+Die Erzeugung einer solchen <span class="g">Freiheit</span> unserer logischen F&auml;higkeiten
+erfordert ganz andere Einrichtungen als die blo&szlig;e Besch&auml;ftigung mit
+Algebra oder Geometrie, mit Griechisch, Latein, Franz&ouml;sisch oder
+Englisch. Da&szlig; diese Einrichtungen an unseren deutschen h&ouml;heren Schulen
+fehlen, darin liegt eben ihr gro&szlig;er Mangel, und an diesem Mangel leiden
+nicht blo&szlig; die vielgeschm&auml;hten Gymnasien, sondern auch die
+vielgepriesenen Oberrealschulen. Ja die letzteren leiden meines
+Erachtens so lange noch in einem h&ouml;heren Grade darunter, als ihre
+&uuml;berm&auml;&szlig;ige Stoff&uuml;berladung die Sch&uuml;ler nicht einmal in der Ruhe der
+Studierstube zu festen Gewohnheiten des logischen Denkens in gen&uuml;gender
+Weise kommen l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>In der intensiven Besch&auml;ftigung besonders mit den alten Sprachen steckt
+ein ganz hervorragendes St&uuml;ck Arbeitsschule f&uuml;r alle, deren angeborene
+oder anerzogene Interessen vom <span class="g">Inhalt</span> der alten Schriftsteller erfa&szlig;t
+werden. In keiner G&uuml;terreihe ist die tats&auml;chliche <span class="g">Erarbeitung</span> des
+Kulturgutes eine so selbstverst&auml;ndliche und kaum zu verfehlende
+Unterrichtsmethode als in der Reihe der fremdsprachlichen Kulturg&uuml;ter,
+in der &Uuml;bersetzung dichterischer, philosophischer, historischer<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100"> [100]</a></span> Werke.
+Da&szlig; diese Arbeitsschule so oft nicht erfolgreich ist, h&auml;ngt nicht wenig
+davon ab, da&szlig; der Betrieb des Unterrichtes diese Interessen nicht nur
+nicht zu entwickeln wei&szlig;, sondern vielfach direkt t&ouml;tet. Ich spreche
+hier aus langer Erfahrung, nicht blo&szlig; aus Sch&uuml;lererfahrung, sondern noch
+mehr aus der Erfahrung als Lehrer am humanistischen Gymnasium. Es gibt
+tats&auml;chlich wenige Sch&uuml;ler, die nicht ein nat&uuml;rliches Interesse f&uuml;r die
+Erz&auml;hlungen Homers, f&uuml;r die Metamorphosen Ovids, f&uuml;r die lebendigen
+historischen Schilderungen Sallusts, f&uuml;r die Dramen des Sophokles, f&uuml;r
+die Oden, Episteln und Satiren des Horaz, f&uuml;r die Germania oder f&uuml;r die
+Annalen des Tacitus haben. Aber wenn, sei es, da&szlig; die sprachliche
+Entwicklung der Sch&uuml;ler noch nicht weit genug gef&ouml;rdert ist, sei es, da&szlig;
+zu vielerlei durcheinander getrieben wird, die Lekt&uuml;re solcher Werke
+sich &uuml;ber viele Monate, ja &uuml;ber ein ganzes Jahr oder gar deren zwei
+hinzieht, dann erlahmt selbst bei gutem Unterricht naturnotwendig das
+Interesse, und nur eine ganz selten gro&szlig;e Lehrpers&ouml;nlichkeit kann die
+kaum mehr gl&uuml;henden Kohlen durch ihr eigenes Feuer immer wieder
+anfachen. Mit dem Erlahmen des Interesses am Inhalt aber verliert das
+Werkzeug der klassischen Sprache<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101"> [101]</a></span> des Altertums den besten Teil seiner
+Kraft nicht blo&szlig; f&uuml;r die Erarbeitung des geistigen wie &auml;sthetischen
+Gesamtbildes eines Werkes, sondern auch in Hinsicht auf die Schulung zum
+logischen Denken. Ist vollends der Lehrer auch noch ein langweiliger
+oder sonstwie ungeeigneter Mensch, dann regiert die hier zu leistende
+Arbeit h&ouml;chstens noch der eiserne Zwang und die Furcht vor
+unvermeidlichen Folgen, und der scharfe logische Sinn der Sch&uuml;ler ist
+nicht mehr auf die schwierigen Stellen seiner Klassiker gerichtet,
+sondern lediglich noch darauf, wie er auf bequeme aber sichere Weise dem
+Zwang und der Langeweile entgehen kann. Das ist freilich auch eine
+logische Schulung, aber eine h&ouml;chst ungewollte und unmoralische.</p>
+
+<p>Es gibt wirksame Mittel, diesen Gefahren zu entgehen. Das eine w&auml;re,
+jedes Werk unter Ausschaltung aller anderen gleichzeitigen Lekt&uuml;re der
+n&auml;mlichen oder auch einer zweiten oder dritten Sprache, also unter
+Zuhilfenahme der ganzen den s&auml;mtlichen sprachlichen Zwecken einger&auml;umten
+Unterrichtszeit, die eine Woche bietet, so <span class="g">rasch</span>, als es das scharfe
+Erfassen des Inhalts gestattet, <span class="g">vollst&auml;ndig</span> durchzuarbeiten. Ist das
+Werk zu umfangreich, so m&uuml;ssen einzelne Teile in &Uuml;bersetzung<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102"> [102]</a></span> ganz oder
+auszugsweise vom Lehrer gegeben werden. Alles liegt daran, es in
+m&ouml;glichst kurzer Zeit bis zum Schlusse zu lesen. Je j&uuml;nger der Sch&uuml;ler
+ist, je kurzfristigere Ziele also das Interesse hat, desto wichtiger
+wird diese Forderung. Eine Lekt&uuml;re der Odyssee, die sich &uuml;ber zwei oder
+gar drei Jahre erstreckt, tr&auml;gt schon den Todeskeim in sich. Mu&szlig; jeder
+Sch&uuml;ler jeden Vers pr&auml;parieren? K&ouml;nnen nicht Gruppen von Versen immer
+verschiedenen Sch&uuml;lern zugewiesen werden? Kann nicht der Lehrer selbst
+gewisse Gruppen &uuml;bernehmen? Sollte nicht hier der Platz sein, den
+Gedanken der Arbeitsgemeinschaft in Aktion zu setzen? Machen nicht
+freiwillige Sch&uuml;lerkr&auml;nzchen schon l&auml;ngst das gleiche? Glaubt irgendein
+Schulmann, da&szlig; ein solcher literarischer Sch&uuml;lerverband auch nur ein
+halbes Jahr zusammenhalten w&uuml;rde, wenn er die literarische Kost eines
+Klassikers wochenweise in Teel&ouml;ffelportionen einnehmen m&uuml;&szlig;te wie der
+Kranke eine Medizin? Sobald die Homerlekt&uuml;re beginnt, w&uuml;rde ich die
+lateinische Lekt&uuml;re beiseite legen. Was schadet es, wenn vier bis f&uuml;nf
+Monate hindurch Rom schweigt, solange Griechenland redet? Rom kann doch
+nachher um so besser wieder zu Worte kommen. Ich bin<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103"> [103]</a></span> &uuml;berzeugt, da&szlig; vor
+hundert und mehr Jahren, als die Schulbureaukratie noch nicht so
+entwickelt war wie heute, die lateinischen Schulen in der Mehrzahl nur
+auf diese Weise die alten Klassiker gelesen haben.</p>
+
+<p>Ein zweites wirksames Mittel ist: der obligatorische stille <span class="g">literarische
+Vormittag</span>. Am alten Gymnasium in Frankfurt hat er noch, wie mir
+Geheimrat Risser, ein ehemaliger Sch&uuml;ler dieses Gymnasiums, mitteilt,
+bis zum Jahre 1873 existiert. Jede Woche kamen die Sch&uuml;ler der Prima
+einen vollen Vormittag im Lesesaal des Gymnasiums zusammen, um nach
+freier Wahl sich der zusammenh&auml;ngenden Lekt&uuml;re eines Werkes der alten
+Klassiker hinzugeben. Abwechselnd f&uuml;hrten Lehrer und Rektor der Anstalt
+die Pr&auml;senz. Referate vor der Klasse &uuml;ber den Inhalt des Gelesenen
+schlossen die Arbeiten des einzelnen ab. Der Besuch des Lesezimmers war
+ebenso eine Pflicht, wie der Besuch des &uuml;brigen Unterrichts. Es ist mir
+durchaus verst&auml;ndlich da&szlig; ein solches Unternehmen von Haus aus einen
+ganz anderen Betrieb des Sprachunterrichts schon voraussetzt, als wir
+ihn heute vielfach finden. Die Interessen der Sch&uuml;ler mu&szlig;ten von
+vornherein f&uuml;r eine solche Arbeit gewonnen sein, sonst erg&auml;be sich aus
+einer solchen<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104"> [104]</a></span> Einrichtung nur eine Reihe verlorener Vormittage. Da&szlig; ein
+solcher Vormittag m&ouml;glich und erfolgreich ist, ist ein sehr viel
+besserer Beweis f&uuml;r die G&uuml;te der Anstalt als alle Ergebnisse von
+Absolutorialpr&uuml;fungen. An solchen Schulen kann man auch die
+Besch&auml;ftigungsm&ouml;glichkeiten erweitern. Es w&auml;re durchaus zul&auml;ssig, in den
+beiden Primen die Lekt&uuml;re der Sch&uuml;ler auch auf die deutschen Historiker
+und Dichter, auf die moderne Wirtschaftsgeschichte, auf die allgemeine
+Staatslehre oder &auml;hnliches auszudehnen, je nach den frei ausgesprochenen
+Neigungen der Sch&uuml;ler. Die Hauptsache ist, da&szlig; das Gymnasium jedem
+seiner Sch&uuml;ler Zeit gibt, einer Lieblingsneigung nachzugehen, welche
+nicht blo&szlig; das logische Denken f&ouml;rdert, sondern auch die Seele mit
+wertvollem Inhalt versieht, und da&szlig; es, wie die alte Frankfurter Schule,
+diese Besch&auml;ftigung in vornehmer Weise &uuml;berwacht. Zum Wesen der
+Arbeitsschule geh&ouml;rt die Erzeugung von &uuml;bersch&uuml;ssiger Arbeitsfreude. Ob
+die h&ouml;heren Schulen diesen Ehrentitel der Arbeitsschule verdienen, das
+erkennen wir daran, da&szlig; ihre reiferen Sch&uuml;ler nicht blo&szlig; die Lust,
+sondern auch die Zeit finden, sich freiwillig mit wissenschaftlichen
+Arbeiten gem&auml;&szlig; ihren Neigungen zu besch&auml;ftigen.<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105"> [105]</a></span></p>
+
+<p>Mit diesen Betrachtungen &uuml;ber die selbst&auml;ndige geistige Arbeit an Volks-
+und h&ouml;heren Schulen sind f&uuml;r mich die notwendigen Merkmale des Begriffes
+der Arbeitsschule ersch&ouml;pft. Man erkennt, da&szlig; die neue Schule weder
+einen Bruch mit der Vergangenheit bedeutet, noch Undurchf&uuml;hrbares
+verlangt, und da&szlig; all das Gute, was uns die bisherige Schule gegeben
+hat, reichlich Platz findet im Rahmen der zuk&uuml;nftigen Entwicklung. Was
+sonst von der neuen Schule verlangt werden mag, entspringt Forderungen
+der Didaktik. Didaktische Fragen sind aber zum gr&ouml;&szlig;ten Teil Fragen der
+Logik, zum andern Teil Fragen der Kinderpsychologie, zum dritten Teile
+Fragen, die von r&auml;umlichen, zeitlichen und wirtschaftlichen
+Verh&auml;ltnissen abh&auml;ngen und von den Bildungszwecken, welche die
+Gemeinschaft mit der einzelnen Schule verfolgt. Dabei fasse ich
+&raquo;Didaktik&laquo; in einem viel weiteren Sinne als im Sinne der blo&szlig;en Lehre
+eines Unterrichtsvorganges. Ich kann nicht auf alle diese didaktischen
+Forderungen eingehen. Nur eine einzige will ich noch beleuchten, die
+Frage der Konzentration des ganzen Schulbetriebes. Im Prinzip ist sie
+f&uuml;r mich gel&ouml;st in der Forderung, da&szlig; die Schule eine
+Vorbereitungsanstalt sein soll f&uuml;r den zuk&uuml;nftigen Beruf des Z&ouml;glings.<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106"> [106]</a></span>
+Das kann freilich sehr wenig bedeuten, wie in den Volksschulen der
+gro&szlig;en Stadt, wo die Sch&uuml;ler einer Klasse allen m&ouml;glichen manuellen
+Berufen zuwandern, die &uuml;berdies von vornherein gar nicht bekannt sind;
+es kann aber auch sehr viel bedeuten, wie in kleinen reinen
+Landgemeinden, wo Knaben wie M&auml;dchen dem Beruf des Landwirts bzw. der
+Hauswirtschaft entgegenwachsen. Da&szlig; Konzentration eine wesentliche
+Voraussetzung alles Erfolges ist, wei&szlig; jedermann. Aber nicht jene
+&auml;u&szlig;erliche Konzentration der Lehrplanschneider, sondern jene innere, die
+in einem und demselben Zeitabschnitt ihre T&auml;tigkeit auf m&ouml;glichst wenige
+Dinge richtet. Geradezu eine Verirrung der Konzentrationsidee aber ist
+es, die gegenw&auml;rtig landl&auml;ufigen Unterrichtsf&auml;cher als Bildungskan&auml;le
+&uuml;berhaupt aufzugeben und den gesamten Wissensstoff in ein ganz
+willk&uuml;rlich geordnetes System zu bringen. Alles menschliche Wissen hat
+sich im Laufe der Kultur von selbst in geschlossene, wohlgegliederte
+Reiche gespalten, gen&ouml;tigt durch die Organisation unserer psychischen
+Funktionen. Nur in der dem jeweiligen Wissensstoff inh&auml;renten Gliederung
+entfaltet er die ihm eigent&uuml;mliche Bildungskraft. Nur in der geistigen
+Struktur der Wissenschaftsg&uuml;ter, wie<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107"> [107]</a></span> aller G&uuml;ter &uuml;berhaupt, liegt ihr
+immanenter Bildungswert.</p>
+
+<p>Nur indem der Geist der Sch&uuml;ler an dieser Struktur sich emporarbeitet,
+sofern dies seiner geistigen Veranlagung nach m&ouml;glich ist, wird dieses
+Gut zu einem Bildungswerkzeug f&uuml;r ihn und verhilft ihm, die Gewohnheiten
+des logischen Denkens und die f&uuml;r die Charakterbildung notwendige
+Klarheit des Urteils zu entwickeln.</p>
+
+<p>Diese &uuml;bersichtlichen und durchsichtigen Kristallgeb&auml;ude mit ihrer
+gesetzm&auml;&szlig;igen F&uuml;hrung der Lichtstrahlen der Erkenntnis f&uuml;r
+Unterrichtszwecke zu zertr&uuml;mmern und an ihre Stelle das diffuse Licht
+ihrer Scherbenhaufen zu setzen, das bringt nur der fertig, der keine
+Vorstellung hat von der Bildungskraft eines selbsterarbeiteten Systems
+geschlossener Erkenntnis. Selbst f&uuml;r den fachlichen Arbeitsunterricht
+ist der Unterrichtsgang zun&auml;chst durch sein eigenes Wesen bestimmt. Es
+kann keinen p&auml;dagogischen Sinn haben, den im Interesse einer immer
+st&auml;rkeren Willenszucht und einer immer sicherer werdenden Aus&uuml;bung der
+elementaren mechanischen Arbeitsprozesse wohlgeordneten Gang seiner
+systematischen Entwicklung zu unterbinden, um eine sogenannte
+Konzentration mit allen &uuml;brigen Unterrichtsgebieten<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108"> [108]</a></span> herzustellen. Nie
+darf diese Konzentration die ruhige Entwicklung gewisser sp&auml;ter
+notwendiger Fertigkeiten st&ouml;ren. Das schlie&szlig;t nat&uuml;rlich durchaus nicht
+manuelle Bet&auml;tigung in den sonstigen Unterrichtsbetrieben aus,
+ebensowenig wie der systematische Gang des Zeichnens, der gleichfalls
+ohne R&uuml;cksicht auf andere F&auml;cher seine eigenen psychologisch fundierten
+Wege gehen mu&szlig;, es ausschlie&szlig;t, da&szlig; aller Unterricht sich auch der
+graphischen Darstellung vom ersten Tage an als Ausdrucksmittel bedient.</p>
+
+<p>Damit steht die Entwicklung unserer zuk&uuml;nftigen Schule in ihren
+wesentlichen Z&uuml;gen klar genug vor unserem Auge. Ich habe nicht das
+Gef&uuml;hl, da&szlig; wir, indem wir mit unserer ganzen Kraft dieser Entwicklung
+die Wege bahnen helfen, revolution&auml;re Neuerer sind. Ich habe im
+Gegenteil das Gef&uuml;hl, da&szlig; wir alten, uralten p&auml;dagogischen Forderungen
+zum endlichen Siege verhelfen, indem wir streben, in unseren
+&ouml;ffentlichen Volksschulen auch jenen ungeheuren Massen Bildung zu geben,
+f&uuml;r welche die ausschlie&szlig;lich geistige Arbeit kein Bildungsmittel sein
+kann. Was wir &uuml;ber eine notd&uuml;rftige Einf&uuml;hrung in den selbst&auml;ndigen
+Gebrauch von Schrift- und Zahlzeichen hinaus gegenw&auml;rtig diesen Massen
+geben,<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109"> [109]</a></span> das ist nicht <span class="g">Bildung</span>, sondern <span class="g">Bildungslack</span>, der sehr bald rei&szlig;t
+und springt und bei der &uuml;berwiegenden Zahl der Sch&uuml;ler innerhalb weniger
+Jahre sich vollst&auml;ndig abbr&ouml;ckelt. Denn ein Wissen, zu dessen
+Erarbeitung keine aus praktischer oder geistiger Arbeit erwachsenden
+Probleme, m&ouml;gen sie auch allereinfachster Art sein, den Sch&uuml;ler <span class="g">dr&auml;ngen</span>,
+nach dem also kein innerliches Bed&uuml;rfnis im Sch&uuml;ler vorhanden ist, das
+geht ebensowenig mit der Seele eine Verbindung ein wie der Asphaltlack,
+der auf eine Glasplatte gestrichen wird.</p>
+
+<p>Was heute von uns so hei&szlig; und mit aller Klarheit erstrebt wird, war vor
+hundert Jahren schon von allen p&auml;dagogischen K&ouml;pfen schmerzhaft vermi&szlig;t.
+In <span class="g">Fichtes</span> Nachla&szlig;, Band III, Seite 260 (Bonn 1834) finde ich folgende
+drastische Darstellung seiner Empfindung: &raquo;Kaum entwickelt sich des
+Kindes Organ zu dem ersten Lallen und bietet so unserer harrenden
+(Erziehung-)Kunst eine Bl&ouml;&szlig;e, so erh&auml;lt es Worte statt der Dinge und
+Redensarten statt der Empfindungen. Bald werden ihm die <span class="g">lauten</span> Worte,
+ein der Anschauung noch immer zu nahe liegendes Schema, in <span class="g">tote
+Buchstaben</span> verwandelt, bis durch Gel&auml;ufigkeit auch diese ihre festen
+Formen verlieren<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110"> [110]</a></span> und die Kinder in einem Meere von ungeformtem
+Buchstabenelement, als ihrer eigentlichen Welt, schwimmen.... Die
+h&ouml;chste Kunst der Erziehung ist dann die, ja auf keinem Schatten
+niederer Potenz den Z&ouml;gling einen Augenblick verweilen zu lassen ...,
+sondern ihn schnell zum Schatten des Schattens und zum Schatten wiederum
+des letzteren und so immer weiter fort zu treiben.... Auf diese Weise
+ist dann der Generation nur noch eine Nebel- und Schattenwelt ohne
+irgendeinen sie tragenden Kern <span class="g">von Anschauung</span>, <span class="g">Wahrheit und Realit&auml;t</span>
+&uuml;brig geblieben.&laquo;</p>
+
+<p>Vor allem habe ich das Gef&uuml;hl, da&szlig; wir in unseren Bestrebungen ganz im
+Geiste dessen handeln, der so viel gepriesen und so wenig verstanden
+wird, der uns in Lienhard und Gertrud, in den Briefen an Heinrich Ge&szlig;ner
+und besonders im Schwanengesang so oft gelehrt hat, da&szlig; nur &raquo;die Arbeit
+in der das Kind umgebenden Welt&laquo; der elementaren Volksschule ihre
+Bildungskraft gibt. Ja, ich wage es zu sagen: Ohne da&szlig; diese Worte sich
+genau so in seinen Werken finden, war Pestalozzi der felsenfesten
+&Uuml;berzeugung, da&szlig; die Berufsbildung die Pforte der Menschenbildung ist.</p>
+
+<p>Drei Generationen sind seit seinem Tode dahingegangen. Noch immer harrt
+sein Werk der<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111"> [111]</a></span> Vollendung. &raquo;Ich glaube es aussprechen zu d&uuml;rfen,&laquo; sagt
+er in seiner Rede an sein Haus am 12. Januar 1818, &raquo;das Jahrhundert, bei
+dessen Anfang unsere p&auml;dagogischen Nachforschungen begonnen, wird noch
+an seinem Ende die ununterbrochene Fortsetzung unserer Anstrengungen in
+H&auml;nden von M&auml;nnern sehen, die ihre Ansichten und Mittel den vereinigten
+Kr&auml;ften unseres Hauses danken.&laquo; Der Flugsand der Gedankenlosigkeit hat
+Berge &uuml;ber Wahrheiten gesch&uuml;ttet, die einst das Herz des unerm&uuml;dlichen
+Forschers nach Menschenbildung erf&uuml;llten. Aber wirkliche Wahrheiten
+steigen immer wieder wie Geister aus ihren Gr&uuml;ften auf und wandern umher
+und beunruhigen die Herzen der Menschen, bis sie endlich Erl&ouml;sung und
+Ruhe finden in der Verwirklichung des realen Lebens. Wir alle, die wir
+mit wissenschaftlichem Ernst und hingebender Energie einer
+Schulorganisation die Wege bahnen, die dem Vater der Volksschule vor
+Augen schwebte, bringen diesen Geistern die ersehnte Erl&ouml;sung.
+Vielleicht wird dann das Ende des 20. Jahrhunderts das in Vollendung
+schauen und genie&szlig;en, was er am Anfang des 19. Jahrhunderts in hei&szlig;en
+K&auml;mpfen und in bitterer Not seiner Erkenntnis abgerungen hat.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112"> [112]</a></span></p>
+
+<h2><a name="ANHANG" id="ANHANG"></a>ANHANG<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113"> [113]</a></span></h2>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114"> [114]</a></span></p>
+
+<h2>EIN ORGANISATIONSBEISPIEL F&Uuml;R ST&Auml;DTISCHE VOLKSSCHULKLASSEN<span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115"> [115]</a></span></h2>
+
+<h3><a name="VORBEMERKUNGEN" id="VORBEMERKUNGEN"></a>1. VORBEMERKUNGEN</h3>
+
+
+<p>Die Arbeitsschule im Geiste der vorstehenden Entwicklung ist in M&uuml;nchen
+in der gesamten Fortbildungsschule vollendet, in den obersten Klassen
+der Volksschule f&uuml;r Knaben und M&auml;dchen angestrebt und teilweise
+durchgef&uuml;hrt. F&uuml;r die systematische Durchf&uuml;hrung in den &uuml;brigen Klassen
+der Volksschule war nur die k&ouml;nigliche Schulbeh&ouml;rde zu haben; die
+st&auml;dtischen Kollegien dagegen haben die relativ wenigen hierzu n&ouml;tigen
+Mittel auf Antrag eines Lehrers verweigert. Nur f&uuml;r die Bildung zweier
+Versuchsreihen von je vier aufsteigenden Klassen haben sie im Jahre 1910
+Mittel bereitgestellt. Die eine Reihe sind vier aufsteigende reine
+Knabenklassen, die andere Reihe vier aufsteigende, aus Knaben und
+M&auml;dchen gleichm&auml;&szlig;ig gemischte Klassen. Eine dritte Reihe von reinen
+M&auml;dchenklassen wurde nicht genehmigt. Aber auch die genehmigten
+Versuchsklassen konnten noch nicht das Ideal der Arbeitsschule
+verwirklichen. Sie waren gebunden an den<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116"> [116]</a></span> offiziellen Lehrplan der
+normalen Schulklassen und hatten nur innerhalb seiner traditionellen
+F&auml;cher Bewegungsfreiheit im Dienste der Arbeitsschulidee. Nur vier Jahre
+konnten sich die Versuchsklassen entfalten, gerade lange genug, um das
+nachfolgende Bild gewinnen zu lassen. Die Kriegsjahre erlaubten dann nur
+mehr wenige Klassen durchzuf&uuml;hren; der trostlose Friede wird auch diesen
+wenigen Klassen ihr Ende bereiten, wiewohl ich den ganzen Versuch in die
+H&auml;nde der M&uuml;nchner Lehrerschaft mit meinem <ins class="correction" title="Auscheiden">Ausscheiden</ins> aus
+dem Dienste gelegt habe.</p>
+
+<p>Die Ablehnung einer Durchf&uuml;hrung im gro&szlig;en Stil, wie bei der
+Fortbildungsschule, war teils auf die &ndash; wie wir nachher sehen werden &ndash;
+unbegr&uuml;ndete Furcht vor zu gro&szlig;en Ausgaben, teils vielleicht auch auf
+die berechtigte Sorge um die Erhaltung von Bildungswerten der heutigen
+Buchschule zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Diese Sorge war vielleicht veranla&szlig;t durch
+die teilweise freilich recht verkehrten Vorschl&auml;ge, welche die Literatur
+&uuml;ber die Arbeitsschule gebracht hat, und durch die tats&auml;chlichen
+mi&szlig;verst&auml;ndlichen Auffassungen vom Wesen der Arbeitsschule, wie sie in
+ganz Deutschland beobachtet werden konnten.</p>
+
+<p>Ich betrachte die Ablehnung, sofern nur die<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117"> [117]</a></span> Versuchsklassen in Zukunft
+ernstlich gef&ouml;rdert werden, nach ruhiger &Uuml;berlegung als kein Ungl&uuml;ck
+mehr. Denn der Geist der Arbeitsschule verlangt eine wesentlich andere
+Lehrerbildung als die heutige. Solange die Lehrer selbst noch in
+Buchschulen erzogen werden, werden es immer nur wenige sein, die aus
+eigener Kraft in das Wesen der Arbeitsschule eindringen. Sind aber die
+Lehrerseminare erst einmal vom Geiste der Arbeitsschule erf&uuml;llt, dann
+wird sich dieser Geist unwiderstehlich auch in der Volksschule Bahn
+brechen. Denn die zur Durchf&uuml;hrung n&ouml;tigen Mittel sind nicht so gro&szlig;,
+da&szlig; sie ein wesentliches Hindernis bilden k&ouml;nnten. Dies zeigt die
+Organisation der Versuchsklassen, die gegenw&auml;rtig in M&uuml;nchen im Gange
+sind, und die ich in K&uuml;rze nun hier schildern will.</p>
+
+<p>Wenn die Arbeitsschule tats&auml;chlich einen wesentlichen Fortschritt
+bedeutet, wenn die Durchf&uuml;hrung des Arbeitsprinzips das aktive Interesse
+der Sch&uuml;ler an allen Unterrichtsgegenst&auml;nden erh&ouml;ht, so mu&szlig;
+notwendigerweise in der Arbeitsschule bei geringerer Unterrichtszeit das
+gleiche erreicht werden k&ouml;nnen wie in der bisherigen Schule mit ihrer
+<span class="g">geringeren</span> Aktivit&auml;t der Sch&uuml;ler, aber gr&ouml;&szlig;eren Unterrichtszeit.
+Demgem&auml;&szlig;<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118"> [118]</a></span> wurde die Unterrichtszeit in den beiden Unterklassen (erstes
+und zweites Schuljahr) einer Volksschule um etwa vier bis f&uuml;nf Stunden
+verk&uuml;rzt. Dagegen war es notwendig, die Klassen, die zwischen 44 und 50
+Kindern z&auml;hlten, in einer Anzahl von Unterrichtsstunden in zwei
+Abteilungen zu teilen, deren jede getrennt unterrichtet wurde. Denn das
+tats&auml;chliche <span class="g">Erarbeiten</span> von neuen Vorstellungen und die hierbei in
+gewissen F&auml;chern notwendige manuelle Bet&auml;tigung l&auml;&szlig;t sich nur mit einer
+m&auml;&szlig;igen Sch&uuml;lerzahl durchf&uuml;hren. Eine <span class="g">durchg&auml;ngige</span> Teilung der Klasse,
+also eine Festlegung der Klassenziffer auf 22 bis 25 Sch&uuml;ler, ist
+durchaus nicht notwendig. W&auml;re sie notwendig, so k&ouml;nnte heute kein
+Schulverwaltungsbeamter im Ernste die Arbeitsschule in Vorschlag
+bringen. Der Hinweis auf die relativ kleinen Klassen in Schweden oder in
+D&auml;nemark oder in gewissen Teilen der Vereinigten Staaten ist
+gedankenlos. Denn die relativ geringen Lehrergeh&auml;lter dieser L&auml;nder
+erlauben kleine Klassen weit eher als die Lehrergeh&auml;lter in den gro&szlig;en
+St&auml;dten Deutschlands. Eine ausk&ouml;mmliche Bezahlung des Lehrers und damit
+eine Sicherung der Lebens- und Arbeitsfreude ist aber auch f&uuml;r den Geist
+der Arbeitsschule viel wichtiger<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119"> [119]</a></span> als die Festlegung einer so niederen
+Maximalfrequenz, die die Ausgaben f&uuml;r das Volksschulwesen einer Stadt
+wie M&uuml;nchen von 10 (im Jahre 1913) auf 20 Millionen mit einem Schlage
+anschwellen lassen w&uuml;rde. Eine durchg&auml;ngig so niedrig gehaltene
+Maximalfrequenz ist aber auch gar nicht notwendig zur Durchf&uuml;hrung der
+Arbeitsschule. Die Arbeitsschule hat ja nicht blo&szlig; die <span class="g">Einf&uuml;hrung</span> in die
+Welt des Wissens, K&ouml;nnens und Wertens zu &uuml;bernehmen, sondern auch die
+<span class="g">Ein&uuml;bung</span> der durch die Einf&uuml;hrung gewonnenen Kenntnisse, Fertigkeiten
+und Werte. Bei der Ein&uuml;bung aber spielen Sch&uuml;lerzahlen eine sehr viel
+geringere Rolle als bei der Einf&uuml;hrung. Ja, selbst bei der Einf&uuml;hrung
+gibt es Unterrichtsgegenst&auml;nde, die jederzeit Sch&uuml;lerzahlen von 40 bis
+50 Kinder zulassen, n&auml;mlich jene, in welchen es sich nur um die
+Einf&uuml;hrung in traditionelles Wissen handelt, das eben auch in aller
+Zukunft nur durch Wort und Buch erarbeitet werden kann, und wo das Buch
+und das an seinen Inhalt ankn&uuml;pfende Nachdenken direkt die geistige
+Arbeitsst&auml;tte bildet. Hierher geh&ouml;ren Geschichte, Religionslehre,
+Gebiete des Sprachunterrichtes, sowie Teile des geographischen
+Unterrichtes.</p>
+
+<p>Die Teilung der <span class="g">ersten</span> Versuchsklasse erfolgte<span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120"> [120]</a></span> f&uuml;r zwei Stunden im
+Anschauungsunterricht, f&uuml;r zwei Stunden im Rechnungsunterricht, f&uuml;r zwei
+Stunden im Schreibleseunterricht, f&uuml;r zwei Stunden im
+Handfertigkeitsunterricht. W&auml;hrend also die Sch&uuml;ler rund 17 Stunden
+Unterricht hatten, war die Klassenlehrkraft mit 23,5 Stunden, der
+Fachlehrer f&uuml;r Holzbearbeitung mit 4 Stunden belastet. Die Abteilung A
+der Klasse kam gew&ouml;hnlich um 9 Uhr zur Schule, die Abteilung B um 10
+Uhr. Von 10 bis 11&frac12; Uhr waren beide Abteilungen vereinigt. Um 11&frac12;
+Uhr verlie&szlig; die Abteilung A die Schule, w&auml;hrend die Abteilung B bis
+12&frac12; Uhr jene Lektionen erhielt, welche f&uuml;r die Abteilung A bereits
+zwischen 9 und 10 Uhr angefallen waren. Nachmittags war nur am Montag
+und Donnerstag in je einer Stunde Unterricht, f&uuml;r die Abteilung A von 2
+bis 3 Uhr, f&uuml;r die Abteilung B von 2<sup>40</sup> bis 3<sup>40</sup>.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Anordnung der Unterrichtszeit f&uuml;r die erste Klasse, Abteilung A
+(und dementsprechend auch f&uuml;r die Abteilung B) gibt nebenstehende
+Wochentabelle Aufschlu&szlig;.</p>
+
+<p>Zu diesem Wochenstundenplan ist zu bemerken: Die Unterrichtszeiten sind
+in Minuten beigesetzt. Die Pausen zwischen den Unterrichtslektionen sind
+nicht angegeben. Die Unterrichtslektionen in Kursivdruck sind f&uuml;r beide Abteilungen A und B gemeinsam. Um aus
+dieser Wochentabelle den Unterrichtsplan f&uuml;r die Abteilung B zu
+erhalten, sind lediglich die gleichen Unterrichtsf&auml;cher, die f&uuml;r die
+Abteilung A von 9 bis 10 Uhr aufgef&uuml;hrt sind, f&uuml;r die Zeit von 11&frac12;
+bis 12&frac12; Uhr anzuf&uuml;gen; mit anderen Worten: die Abteilung A kam
+t&auml;glich von 9 bis 11&frac12; Uhr, die Abteilung B von 10 bis 12&frac12; Uhr am
+Vormittag, und au&szlig;erdem die Abteilung A Montags und Donnerstags von 2
+bis 3 Uhr, die Abteilung B an den gleichen Tagen von 2<sup>40</sup> bis 3<sup>40</sup>
+Uhr zum Unterricht. Nur am Mittwoch und Sonnabend waren beide
+Abteilungen von 9 bis 11&frac12; Uhr gemeinsam, die Abteilung A am Mittwoch,
+die Abteilung B am Sonnabend noch weitere 30 Minuten anwesend. Vier
+Nachmittage waren unterrichtsfrei.</p>
+
+<table summary="Wochenstundenplan der ersten Klasse">
+<caption>Wochenstundenplan der ersten Klasse<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121"> [121]</a></span></caption>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bt bb2"></td>
+ <td class="br bt bb2">Montag</td>
+ <td class="br bt bb2">Dienstag</td>
+ <td class="br bt bb2">Mittwoch</td>
+ <td class="br bt bb2">Donnerstag</td>
+ <td class="br bt bb2">Freitag</td>
+ <td class="br bt bb2">Samstag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td colspan="7" class="bl br bb">Vormittag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">9-10</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)<br />Schreiblesen (30)</td>
+ <td class="br bb">Anschauungs-<br />unterricht (60)</td>
+ <td class="br bb"><i>Schreiblesen</i> (30)<br /><i>Singen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)<br />Schreiblesen (30)</td>
+ <td class="br bb">Anschauungs-<br />unterricht (60)</td>
+ <td class="br bb"><i>Schreiblesen</i> (30)<br /><i>Singen</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">10-11</td>
+ <td class="br bb"><i>Religion</i> (60)</td>
+ <td class="br bb"><i>Schreiblesen</i> (40)<br /><i>Turnen</i> (20)</td>
+ <td class="br bb"><i>Rechnen</i> (40)<br /><i>Turnen</i> (20)</td>
+ <td class="br bb"><i>Religion</i> (60)</td>
+ <td class="br bb"><i>Schreiblesen</i> (40)<br /><i>Turnen</i> (20)</td>
+ <td class="br bb"><i>Rechnen</i> (40)<br /><i>Turnen</i> (20)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">11-12</td>
+ <td class="br bb"><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)</td>
+ <td class="br bb"><i>Rechnen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb"><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)<br />Rechnen (Abt. A) (30)</td>
+ <td class="br bb"><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)</td>
+ <td class="br bb"><i>Rechnen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb"><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)<br />Rechnen (Abt. B) (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td colspan="7" class="bl br bb">Nachmittag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">2-3</td>
+ <td class="br bb">Schreiblesen (40)<br /><i>Turnen</i> (20)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Schreiblesen (40)<br /><i>Turnen</i> (20)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+<table summary="Wochenstundenplan der zweiten Klasse">
+<caption>Wochenstundenplan der zweiten Klasse<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122"> [122]</a></span></caption>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bt bb2" rowspan="2"></td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Montag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Dienstag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Mittwoch</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Donnerstag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Freitag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Samstag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td colspan="13" class="bl br bb">Vormittag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb" rowspan="2">8-9</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Religion</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Religion</i> (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Turnen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Lesen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">Lesen (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">9-10</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Rechtschreiben</i> (30)<br /> <i>Singen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;<br />Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Lesen</i> (30)<br /><i>Rechtschreiben</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)<br /><i>Singen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Turnen</i> (30)<br /><i>Rechtschreiben</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Rechtschreiben</i> (30)<br /><i>Turnen</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb" rowspan="2">10-11<span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123"> [123]</a></span></td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Lesen</i> (30)<br /><i>Sch&ouml;nschreiben</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Turnen</i> (30)<br /><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Sch&ouml;nschreiben</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Anschauungs-<br />unterricht</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">11-12</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td colspan="13" class="bl br bb">Nachmittag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">2&frac12;-3</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">3-4</td>
+ <td class="br bb">Ausschneiden (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Weibl. Handarbeit (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124"> [124]</a></span>Die Teilung der <span class="g">zweiten</span> Versuchsklasse erfolgte in dem gleichen
+Zeitausma&szlig;e, wie in der ersten, im Rechnen, im Anschauungsunterricht und
+in der Handfertigkeit; sie unterblieb dagegen im Unterricht im
+Deutschen. Die weiteren Fragen in bezug auf die Verteilung der
+Unterrichtszeit auf die einzelnen Unterrichtsf&auml;cher beantwortet der S.
+122 u. 123 abgedruckte Wochenstundenplan.<span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125"> [125]</a></span></p>
+
+<p>F&uuml;r den einzelnen Sch&uuml;ler ergeben sich hierbei w&ouml;chentlich 18
+Unterrichtsstunden, f&uuml;r die Klassenlehrkraft 23, f&uuml;r den Fachlehrer in
+Holzbearbeitung 4 Unterrichtsstunden. F&uuml;r die Kinder waren f&uuml;nf
+Nachmittage unterrichtsfrei, f&uuml;r die Klassenlehrerin deren vier.</p>
+
+<p>Was die Teilung der <span class="g">dritten</span> und <span class="g">vierten</span> Klasse betrifft, so erstreckte
+sie sich auf zwei Rechenstunden, eine Unterrichtsstunde in der
+Heimatkunde und die beiden Stunden in Holzbearbeitung. Die Zahl der
+Unterrichtsstunden betrug f&uuml;r die Knaben 22; sie erh&ouml;hte sich auf 24 bei
+den M&auml;dchen durch Einf&uuml;gung von 2 Stunden Unterricht in weiblicher
+Handarbeit, der nunmehr einer besonderen Lehrerin &uuml;bertragen wurde. F&uuml;r
+den Klassenlehrer erwuchsen demnach 25 Stunden Unterricht, f&uuml;r den
+Fachlehrer in Holzbearbeitung vier, f&uuml;r die Fachlehrerin f&uuml;r weibliche
+Handarbeit zwei. Das sonstige Stundenausma&szlig; ist aus der nachfolgend
+abgedruckten Wochenstundentabelle zu ersehen. In allen drei
+Wochenstundenpl&auml;nen ist die dem Lehrgegenstande in Klammern beigef&uuml;gte
+Zeit um die Pausen zu verk&uuml;rzen welche f&uuml;r eine geeignete Erholung
+notwendig waren. An Stelle der Teilung einer Klasse in einem praktischen
+Unterrichtsgegenstand kann man auch in der ungeteilten Klasse gleichzeitig <span class="g">zwei</span> Fachlehrkr&auml;fte
+arbeiten lassen.</p>
+
+<table summary="Wochenstundenplan der dritten und vierten Klasse">
+<caption>Wochenstundenplan der dritten und vierten Klasse<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126"> [126]</a></span></caption>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bt bb2" rowspan="2"></td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Montag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Dienstag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Mittwoch</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Donnerstag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Freitag</td>
+ <td class="br bt bb" colspan="2">Samstag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+ <td class="br bt bb2">A</td>
+ <td class="br bt bb2">B</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td colspan="13" class="bl br bb">Vormittag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">8-9</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Religion</i> (60)</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Religion</i> (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Lesen</i> (60)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb" rowspan="2">9-10</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Rechtschreiben</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Aufsatz</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Rechnen (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Rechtschreiben</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Turnen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Turnen</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Heimatkunde</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Sprachlehre</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb" rowspan="2">10-11<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127"> [127]</a></span></td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Heimatkunde</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Sprachlehre</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Rechnen (60)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Turnen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Aufsatz</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Heimatkunde</i> (60)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Lesen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Turnen</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Lesen</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb" rowspan="2">11-12</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Weibliche Handarbeit</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Sch&ouml;nschreiben</i> (30)</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" rowspan="2">Holzbearbeitung (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Weibliche Handarbeit</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2" rowspan="2"><i>Singen</i> (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Sch&ouml;nschreiben</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="br bb" colspan="2">Bibel (30)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2"><i>Bibel</i> (30)</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td colspan="13" class="bl br bb">Nachmittag</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">2-3</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Rechnen (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+</tr>
+<tr class="center">
+ <td class="bl br bb">3-4</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Heimatkunde (60)</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb">Heimatkunde (60)</td>
+ <td class="br bb">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+ <td class="br bb" colspan="2">&ndash;</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128"> [128]</a></span>Ich h&auml;tte diese Wochenstundenpl&auml;ne &uuml;brigens nicht zum Abdruck gebracht,
+h&auml;tte ich nicht dadurch die tats&auml;chliche Durchf&uuml;hrbarkeit eines
+Vorschlages illustrieren wollen, den ich auch ganz ohne R&uuml;cksicht auf
+die Organisation der Arbeitsschule seit vielen, vielen Jahren empfehle,
+dessen Durchf&uuml;hrbarkeit aber auch von meinen eigenen Schulleitern
+bezweifelt wurde. Ich meine die <span class="g">partielle Klassenteilung</span>. Wir sind aus
+&ouml;konomischen R&uuml;cksichten noch auf lange Zeit hinaus gen&ouml;tigt, in den
+gro&szlig;en St&auml;dten Klassen bis zu 50, 60, ja in vereinzelten F&auml;llen noch
+mehr Kindern zu bilden. In solchen Klassen lassen sich gewisse Zwecke
+noch f&ouml;rdern, andere Zwecke aber in keiner Weise. Es ist v&ouml;llig
+ausgeschlossen, z.&nbsp;B. einen wirklichen Anschauungsunterricht auch nur
+bei 50 Kindern zu erteilen. Hier mu&szlig; die Klasse wenigstens in den
+Beobachtungsstunden unbedingt geteilt werden. Es verursacht unendliche
+M&uuml;he, Klassen von 50 oder 60 Kindern in gewisse Rechen- und
+Sprachbegriffe gemeinsam einzuf&uuml;hren. Die Einf&uuml;hrung in das Schreiben
+und Lesen ist ebenfalls wesentlich erleichtert durch Teilung der Klasse
+im Schreiblesen. &ndash; Eine Teilung<span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129"> [129]</a></span> der Klasse in einigen Stunden wird die
+Aufgabe ungemein erleichtern, weil alsdann der Lehrer viel eher an den
+einzelnen Sch&uuml;ler herankommt, ganz abgesehen davon, da&szlig; die
+Aufmerksamkeit einer kleinen Schar mit einem Blick viel leichter zu
+lenken ist als die einer gro&szlig;en Schar. Von der notwendigen Teilung der
+Klasse im Zeichnen, in Physik, Chemie, Handfertigkeit, will ich gar
+nicht reden. Weil wir solche Teilungen nie vorgenommen haben, waren wir
+gen&ouml;tigt, die Menge der Stundenzahlen f&uuml;r einzelne F&auml;cher in der
+Volksschule st&auml;ndig zu vermehren, um auch gro&szlig;e Klassen entsprechend
+vorw&auml;rtszubringen.</p>
+
+<p><span class="g">Ein sehr viel ges&uuml;nderer Ausweg ist, die Stundenzahl f&uuml;r den Sch&uuml;ler
+m&ouml;glichst gering zu halten, f&uuml;r den Lehrer aber durch partielle
+Klassenteilung zu mehren.</span></p>
+
+<p>Das verursacht so lange keine Kosten, als die Lehrer <span class="g">unter ihrem
+Pflichtstundenma&szlig;e</span> besch&auml;ftigt sind, und vermehrt die Arbeitslast des
+Lehrers gleichwohl nicht, weil die ungleich gr&ouml;&szlig;ere Leichtigkeit und
+Fruchtbarkeit des Unterrichtes in kleinen Abteilungen die physische und
+psychische Kraft des Lehrers sehr viel weniger<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130"> [130]</a></span> in Anspruch nimmt. Nur
+der Wochenstundenplan macht einiges Kopfzerbrechen, ebenso wie das
+Eintreffen der Kinder im Schulgeb&auml;ude zu verschiedenen Zeiten. Da&szlig; aber
+die Beseitigung dieser kleinen Schwierigkeiten durchaus m&ouml;glich ist, das
+eben sollen die drei Wochenstundenpl&auml;ne und die an ihnen gemachten
+Erfahrungen zeigen.</p>
+
+<p>Was den Inhalt der einzelnen Unterrichtsgebiete betrifft, so ist er
+durch den im Jahre 1911 vom Staatsministerium genehmigten Lehrplan f&uuml;r
+die s&auml;mtlichen Volksschulen M&uuml;nchens festgelegt. Der mehr als
+zw&ouml;lfj&auml;hrige Krieg gegen den Lehrplan ist zu Ende. Der Lehrplan hat auf
+der ganzen Linie gesiegt. Er ist einst nur sch&uuml;chtern vom Gedanken der
+Arbeitsschule beeinflu&szlig;t entstanden. Gleichwohl bietet er einer
+bescheidenen Durchf&uuml;hrung des Geistes der Arbeitsschule kein Hindernis.
+Die einzige Abweichung der Versuchsschule bildet die Aufnahme von
+<span class="g">fachlichem</span> Arbeitsunterricht auch in die Knabenklassen, und zwar in
+Verbindung mit dem Anschauungsunterricht und dem Unterricht in der
+Heimatkunde. In den M&auml;dchenklassen war er schon seit vierzig Jahren
+vorgeschrieben.<span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131"> [131]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="UNTERKLASSEN" id="UNTERKLASSEN"></a>2. DURCHF&Uuml;HRUNG DES LEHRPLANES IN DEN ZWEI UNTERKLASSEN</h3>
+
+<p><i>a</i>) <i>Anschauungsunterricht mit Zeichnen und Handarbeit.</i> Der
+Anschauungsunterricht mit Zeichnen und Handarbeit in Klasse I und II
+machte die <span class="g">eigenen Erfahrungen</span> der Kinder zum Mittel- und Ausgangspunkt
+seiner T&auml;tigkeit. Gem&auml;&szlig; dem M&uuml;nchner Lehrplan hat er die Aufgabe, auf
+Grund der Sch&auml;rfung und &Uuml;bung der Sinnest&auml;tigkeit das denkende
+Beobachten zu wecken und zu f&ouml;rdern, die vorhandenen Vorstellungen zu
+kl&auml;ren, zu erg&auml;nzen und zu ordnen und neue, grundlegende Vorstellungen
+und Begriffe zu bilden. Diese Erfahrungen wurden teils aus der
+<span class="g">praktischen T&auml;tigkeit der Schule, teils aus dem h&auml;uslichen Leben der
+Familie</span> entnommen. Zum Beginn des Schuljahres gingen der eigentlichen
+manuellen Arbeit &Uuml;bungen voraus, die auf Sch&auml;rfung der Sinne abzielten.
+Diese &Uuml;bungen wurden zum Teil dem Werke von M. Montessori &raquo;Il Metodo
+della Pedagogia Scientifica&laquo; entnommen und verliefen f&uuml;r gew&ouml;hnlich
+unter dem Charakter des eigentlichen Kinderspieles. Selbstverst&auml;ndlich
+wurden sie auch w&auml;hrend des ganzen Jahres nicht au&szlig;er acht gelassen und<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132"> [132]</a></span>
+zu geeigneter Zeit mit geeigneten T&auml;tigkeiten verbunden. Sie erstreckten
+sich auf das Erkennen von Farben und Formen, von Kl&auml;ngen nach H&ouml;he und
+St&auml;rke des Tones, auf Sch&auml;tzungen des Gewichtes verschiedener Stoffe,
+auf Erwerbung von Tastvorstellungen f&uuml;r die verschiedenartigsten
+Materialien, auf Ausbildung von Geruchs- und Geschmacksvorstellungen
+einfacher wohl unterscheidbarer Art, und endlich auch auf die
+Regulierung und Orientierung von Bewegungsempfindungen. Eine Reihe von
+Materialien diente diesem Zwecke. Der Arbeitsunterricht, der mit dem
+Anschauungsunterricht aufs engste verbunden wurde, erstreckte sich in
+der <span class="g">ersten</span> Klasse auf N&auml;hen, Stricken, Flechten, Holzarbeit,
+Gartenarbeit und sogenannte h&auml;usliche Besch&auml;ftigungen. Knaben wie
+M&auml;dchen hatten den gleichen Arbeitsunterricht, so da&szlig; also einesteils
+die Knaben sowohl am Unterricht im N&auml;hen und Stricken teilnahmen als
+auch die M&auml;dchen am Unterricht in der Holzarbeit. In den zweiten Klassen
+trat bei Knaben wie M&auml;dchen die Holzarbeit in den Vordergrund. Daneben
+wurden die Knaben in einer besonderen Stunde mit Zeichnen und
+Ausschneiden, die M&auml;dchen mit Flechten, Stricken, N&auml;hen besch&auml;ftigt.
+Gartenarbeit und h&auml;usliche Besch&auml;ftigungen<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133"> [133]</a></span> fanden neben der Schulzeit
+systematische Ber&uuml;cksichtigung. Anderweitige einwandfreie (vgl. Seite
+81) Besch&auml;ftigungen, wie Papierfalten f&uuml;r bestimmte Zwecke,
+Papparbeiten, Weben auf Handwebest&uuml;hlen w&auml;ren zul&auml;ssig gewesen. Sie
+wurden aber nicht ber&uuml;cksichtigt, um die Arten der Besch&auml;ftigung nicht
+zu <span class="g">zahlreich</span> zu machen und so eine gr&uuml;ndlichere Schulung in der
+einzelnen Besch&auml;ftigungsart zu erm&ouml;glichen. Auch wurden die
+erstgenannten Besch&auml;ftigungen vorgezogen, <span class="g">weil sie dem h&auml;uslichen Leben
+des Kindes wesentlich n&auml;her liegen</span>.</p>
+
+<p>Sobald es m&ouml;glich war, wurden die praktischen Arbeiten vom Gesichtspunkt
+der Arbeitsgemeinschaft aus organisiert, d.&nbsp;h. vom Standpunkt der
+Dienst- und Hilfsbereitschaft der Kinder gegeneinander und der
+gemeinsamen Unterordnung unter eine gesteckte Aufgabe. Die Art der
+Durchf&uuml;hrung mu&szlig;te sich nat&uuml;rlich <span class="g">&uuml;ber</span> den Kindergartenstandpunkt
+erheben. Es handelt sich in der Volksschule nicht mehr blo&szlig; darum, die
+Kinder vern&uuml;nftig zu besch&auml;ftigen, sondern auch darum, die manuelle
+Geschicklichkeit systematisch zu steigern, den Willen zu immer
+sorgf&auml;ltigerer Arbeit zu erziehen und so den Spieltrieb mehr und mehr in
+den Arbeitstrieb umzuwandeln, d.&nbsp;h. die<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134"> [134]</a></span> T&auml;tigkeit des Kindes mehr und
+mehr einem gewollten Zwecke und gewissen f&uuml;r die Zweckerreichung
+notwendigen Regeln zu unterwerfen. Gewisse Arbeitsgebiete werden immer
+lehrplanm&auml;&szlig;ig bevorzugt werden m&uuml;ssen, wie mannigfaltig auch die Art der
+Besch&auml;ftigung nach der Neigung des Lehrers und der Kinder, nach den
+Anlagen der Kinder und den Unterrichtseinrichtungen sein mag. Auch
+innerhalb bestimmter Arbeitsgebiete ist noch eine weise Beschr&auml;nkung auf
+<span class="g">wenige manuelle</span> Fertigkeiten geboten, damit sie im Laufe der ersten
+Schuljahre zu entsprechender Sicherheit entwickelt werden k&ouml;nnen. Ob die
+wenigen ausgew&auml;hlten Arbeitsgebiete den physischen und geistigen Kr&auml;ften
+des Kindes entsprechen, das d&uuml;rfte wohl daraus am besten zu ersehen
+sein, ob die Mehrzahl der Sch&uuml;ler auch ohne Zutun der Schule in reiner
+Verfolgung ihres Nachahmungstriebes &auml;hnliche Besch&auml;ftigungen bei ihren
+h&auml;uslichen T&auml;tigkeiten und Spielen aufsuchen und anwenden.</p>
+
+<p>In welcher Weise die manuelle T&auml;tigkeit mit den lehrplanm&auml;&szlig;igen Themata
+des Anschauungsunterrichts in Verbindung stand, ergibt sich aus
+folgender &Uuml;bersicht. Der ersten Klasse fielen lehrplanm&auml;&szlig;ig folgende
+Aufgaben zu:<span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135"> [135]</a></span></p>
+
+<p>1. <span class="g">Aufgabe</span> (Turnsaal und auf dem Spielhofe): Herstellung von Holzst&auml;ben
+mit angefeilten Kuppen, von Leitern, von Griffen f&uuml;r Sprungseile. &ndash;
+Herstellung eines Sprungseiles durch Stricken &uuml;ber die Spule. 2. <span class="g">Aufgabe</span>
+(Auf der Stra&szlig;e): Herstellung von Holzw&uuml;rfeln, einer Holzschranke und
+eines einfachen Lastwagens aus Fadenspulen und Brettchen. 3. <span class="g">Aufgabe</span>
+(Der Garten im Herbst): Herstellung von Blumenst&auml;ben aus Holz, N&auml;hen von
+Samens&auml;ckchen aus Gaze. 4. <span class="g">Aufgabe</span> (Das Weihnachtsfest): Herstellung
+eines T&auml;schchens f&uuml;r den Weihnachtstisch, einer Serviettentasche;
+Herstellung eines Holzbaukastens aus rechteckigen und dreieckigen
+S&auml;ulen. 5. <span class="g">Aufgabe</span> (Schnee und Eis): Flechten eines Untersatzes;
+Herstellung eines Schlittens aus Holz. 6. <span class="g">Aufgabe</span> (Bei der N&auml;herin):
+Herstellung eines Lineals mit Zentimeterma&szlig;, einer Rei&szlig;schiene f&uuml;r
+Rechentabellen. Anfertigung von Schnitten f&uuml;r Puppenhemd, -unterrock und
+-kleid. N&auml;hen von Puppenw&auml;sche nach gefertigten Schnitten. 7. <span class="g">Aufgabe</span>
+(In der Kirche zur Osterzeit): F&auml;rben von Ostereiern. 8. <span class="g">Aufgabe</span> (Der
+Schulgarten im Fr&uuml;hling): Herstellung von Blumenkisten, eines Holzzaunes
+f&uuml;r die Blumenkisten, Ans&auml;en und Anpflanzen in den Blumenkisten;<span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136"> [136]</a></span>
+Flechten eines Blumenkorbes, Flechten eines Obstkorbes aus Raffia. 9.
+<span class="g">Aufgabe</span> (Bei der Obstlerin): Modellieren von Fr&uuml;chten (versuchsweise).</p>
+
+<p>Neben diesen Handarbeiten gingen au&szlig;erdem h&auml;usliche Besch&auml;ftigungen her.
+Sie umfa&szlig;ten die Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer und im
+Arbeitsraum, also Kehren, Abstauben, Putzen, Waschen, Beihilfe der
+Kinder zur Herstellung von Weihnachtsgeb&auml;ck und Ostereiern. Die
+Gartenarbeit beschr&auml;nkte sich im Herbst wegen vielfach ung&uuml;nstiger
+Witterung auf Einsammeln von Samen, Einschlagen von Blumen und Zwiebeln
+in T&ouml;pfe und in freiem Gartenland unter Sicherung gegen Frost durch
+Bedecken mit Erde. Die T&ouml;pfe wurden im Fr&uuml;hjahr der Erde entnommen und
+die Zwiebelpflanzen bildeten wochenlang in bl&uuml;hendem Zustande eine
+Zierde des Schulzimmers. Im Sommer pflegten die Kinder au&szlig;er den neu
+angepflanzten Blumen <span class="g">unter Anleitung der Sch&uuml;lerinnen der achten Klasse
+den Schulgarten der achten Klasse der Schule an der Hohenzollernstra&szlig;e</span>.
+Die Klassenlehrerin machte dabei &uuml;ber den Verkehr der gr&ouml;&szlig;eren M&auml;dchen
+mit den Kindern der Versuchsklasse die besten Erfahrungen. <span class="g">Auch die
+Erziehungsarbeit<span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137"> [137]</a></span> der Sch&uuml;lerinnen der achten Klasse erfuhr bei dieser
+Arbeitsgemeinschaft, an der Gro&szlig;e wie Kleine mit gleichem Eifer und
+sichtlicher Freude beteiligt waren, eine nicht unwesentliche Vertiefung.</span></p>
+
+<p>Die zweite Klasse hatte folgende Aufgaben zu behandeln:</p>
+
+<p>1. <span class="g">Aufgabe</span> (Schulhaus): Faustskizzen auf der Tafel. Herstellung eines
+Tafellappens im Strickunterricht. Zeichnen von Tafel, Federhalter,
+Griffel. 2. <span class="g">Aufgabe</span> (Am Neubau): Herstellung eines Holzhauses durch
+<span class="g">Arbeitsgemeinschaft</span> in der Werkstatt. Zeichnen und Ausschneiden von
+H&auml;usern. 3. <span class="g">Aufgabe</span> (Schulgarten im Herbst): die im ersten Schuljahre
+gefertigten Blumenkisten (vgl. S.&nbsp;135 Aufg.&nbsp;8) wurden mit Blumenzwiebeln
+bepflanzt. Zeichnen von Blumenformen, Ausschneiden und Zusammenstellen
+zu einem Bukett als Klebearbeit. 4. <span class="g">Aufgabe</span> (Die Uhr): Anfertigung von
+Zifferbl&auml;ttern aus Karton mit beweglichen Zeigern. Herstellung eines
+Zifferblattes aus Holz mit Anbringung von gekauften Metallzeigern.
+Herstellung einer Sonnenuhr; Anlegung eines Wetterkalenders. Die M&auml;dchen
+stricken Pulsw&auml;rmer. 5. <span class="g">Aufgabe</span> (Die K&uuml;che):<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138"> [138]</a></span> In der Holzwerkst&auml;tte
+Herstellung eines Nudelbrettes mit Nudelwalker. Die M&auml;dchen stricken
+einen Topflappen; die Knaben zeichnen und schneiden K&uuml;chenherde aus. 6.
+<span class="g">Aufgabe</span> (Beim Schreiner): In der Holzwerkst&auml;tte Herstellung eines
+Stuhles mit Geflecht. Besuch einer unserer gro&szlig;en Sch&uuml;lerwerkst&auml;tten f&uuml;r
+die obersten Klassen. Zeichnen und Ausschneiden von Werkzeugen. 7.
+<span class="g">Aufgabe</span> (Waschhaus): Waschen und Aufh&auml;ngen, Flechten eines N&auml;hkorbes. 8.
+<span class="g">Aufgabe</span> (Die f&uuml;nf Sinne): Gab zu besonderen praktischen T&auml;tigkeiten
+keine Veranlassung, au&szlig;er eben zur Bet&auml;tigung der Sinne selbst in
+Sinnes&uuml;bungen aller Art. (Vgl. dazu auch die &Uuml;bungen in der ersten
+Klasse.) 9. <span class="g">Aufgabe</span> (Am Aquarium und Terrarium der Schule): Vor den
+Augen der Sch&uuml;ler wird ein Aquarium angelegt. Die Kinder bauen in der
+Werkst&auml;tte Raupenk&auml;sten. Beobachtung der Entwicklung von Raupen.
+Zeichnen von Schmetterlingen. 10. <span class="g">Aufgabe</span> (An der Isar): In der
+Werkst&auml;tte wird in Arbeitsgemeinschaft eine Holzbr&uuml;cke hergestellt.
+Knaben und M&auml;dchen n&auml;hen Fahnen zum Ausflug in das Isartal. 11. <span class="g">Aufgabe</span>
+(In den Anlagen): Praktische Arbeiten im Schulgarten. Pflege der aus
+Samen gezogenen Balsaminen, Sonnenblumen,<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139"> [139]</a></span> Begonien, Tannen, Fichten,
+Zirbelkiefern. Zeichnen von beobachteten Bl&auml;ttern, Blumen, Fr&uuml;chten.
+Zeichnen eines Starenkobels; Ausschneiden.</p>
+
+<p>Das ganze Jahr &uuml;ber wurde auch den Aufgaben der h&auml;uslichen
+Besch&auml;ftigungen Aufmerksamkeit zugewendet. Sie bezogen sich wie im
+Vorjahre auf Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer, Gang und in der
+Garderobe. Die Arbeiten wurden von Knaben wie M&auml;dchen mit gleichem Eifer
+betrieben. Die Kinder stellten im Wechsel selbst ihre W&auml;chter und Ordner
+auf: einen Knaben f&uuml;r die Garderobe, einen Knaben und ein M&auml;dchen f&uuml;r
+die &Uuml;berwachung des Eintrittes in das Schulzimmer, drei M&auml;dchen f&uuml;r die
+Reinhaltung der Tafelw&auml;nde, je einen Knaben und ein M&auml;dchen f&uuml;r die
+&Uuml;berwachung der Fensterbretter, der auf ihnen aufgestellten Gegenst&auml;nde
+und der Pflege der dort befindlichen Blumen. Dabei wurden Untergruppen
+gebildet. Ein Knabe sorgte f&uuml;r die Verwahrung und Ausgabe verschiedener
+Schl&uuml;ssel, ein M&auml;dchen f&uuml;r die Kalenderaufzeichnungen. &ndash; Zur Pflege des
+Aquariums wurde ein M&auml;dchen aus der siebenten Volksschulklasse
+herangezogen, welches die kleineren M&auml;dchen der zweiten Klasse auch zu
+belehren und anzuweisen hatte. Zur Beobachtung<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140"> [140]</a></span> stand auch ein
+Gefl&uuml;gelhof (mit H&uuml;hnern, Hahn, Ente, Gans, Puter) zur Verf&uuml;gung, dessen
+Pflege der Schulhausmeister hatte. Der sonstige Beobachtungsunterricht
+vollzog sich teils im Werkraum (experimenteller Teil), teils im
+Schulzimmer, teils im Freien. In das Schulzimmer wurden jene
+Beobachtungs&uuml;bungen verlegt, die keine wagerechten Tische und wenig
+Werkzeuge erforderten. &ndash; Das <span class="g">Zeichnen</span> beschr&auml;nkte sich auf
+ged&auml;chtnism&auml;&szlig;ige Darstellung <span class="g">einzelner</span> Gegenst&auml;nde, die Gegenstand des
+Anschauungsunterrichtes waren und die jeder Sch&uuml;ler beim
+Anschauungsunterricht in der Hand hatte oder mit denen er im
+Beobachtungsunterricht arbeitete (Spielsachen, Werkzeuge, kleine
+Hausger&auml;te).</p>
+
+<p><i>b</i>) <i>Rechnen.</i> F&uuml;r die erste Klasse kam lehrplanm&auml;&szlig;ig der Zahlenraum
+1-20 in Betracht. Es war Bedacht darauf genommen, da&szlig; jedem Kinde
+Veranschaulichungsobjekte zur Verf&uuml;gung standen, an deren Hand es die
+Veranschaulichung in selbst&auml;ndiger Weise vornehmen konnte.
+Selbstverst&auml;ndlich wurde von Anfang an ein gro&szlig;es Gewicht darauf gelegt,
+die Kinder nicht blo&szlig; zum Absch&auml;tzen, sondern auch zum genaueren Messen
+anzuhalten und damit schon die einfachsten Zahlenbegriffe<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141"> [141]</a></span> zu
+entwickeln. Pappscheiben, Kn&ouml;pfe, St&auml;bchen, Fadenspulen, Perlenketten,
+gestanzte Kupfer- und Nickelm&uuml;nzen in selbstgefertigten Geldb&ouml;rsen und
+vor allem die <span class="g">gesamte manuelle</span> T&auml;tigkeit in der Holzbearbeitung, <span class="g">die mit
+einem best&auml;ndigen Sch&auml;tzen, Messen und Vergleichen verbunden ist</span>,
+dienten der Durchf&uuml;hrung des Arbeitsprinzips im Rechenunterricht.</p>
+
+<p>Einen besonderen Weg schlug im Schuljahre 1915/16 Fr&auml;ulein Merxm&uuml;ller
+ein. Sie berichtet:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn auch infolge der starken Beschr&auml;nkung der Unterrichtszeit von
+einer weitgehenden sachlichen Besch&auml;ftigung heuer keine Rede sein
+konnte, wurde doch versucht, auch den Rechenunterricht so gut als
+m&ouml;glich im Sinne der Arbeitsschule zu gestalten. Da durfte im
+Vordergrunde nicht die von au&szlig;en diktierte, einem unfa&szlig;baren Lehrzwecke
+dienende Rechenaufgabe stehen, nicht der streng geregelte methodische
+Aufbau, der von au&szlig;en festgelegte Fortschritt von einem Rechenvorgang
+zum andern und von einer Stufe zur andern &ndash; sondern <span class="g">Gelegenheiten zum
+Beobachten und Entdecken</span> mu&szlig;te das Kind haben, damit es seine Kraft
+erprobe und einem inneren Zwange gem&auml;&szlig; darangehe, an den grobsinnlichen
+Erscheinungen rechnerischen Problemen nachzusp&uuml;ren.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142"> [142]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Bei den Beschr&auml;nkungen des Schulbetriebes war es eine dringende
+Angelegenheit, das ganze Schulleben und alle Unterrichtsstunden auch f&uuml;r
+diese Zwecke auszubeuten. Besonders wertvoll erwiesen sich folgende
+<span class="g">besondere Einrichtungen</span>:</p>
+
+<p>1. <span class="g">Das Illusionsspiel</span> der ersten Schultage mit St&auml;bchen und W&uuml;rfeln
+vorne vor aller Augen auf einem gro&szlig;en, schr&auml;ggestellten Rechenbrett.</p>
+
+<p>2. <span class="g">Die rhythmischen Verzierungen</span> zeitweilig angebracht <span class="g">an den
+&Uuml;berschriften der Tafellesest&uuml;cke</span>. Die Bewunderung von Form, Farbe,
+Regelm&auml;&szlig;igkeit f&uuml;hrte zur genauen Beobachtung f&uuml;r die Zwecke der
+Nachahmung, zur Klarstellung rechnerischer Verh&auml;ltnisse und zur ganz
+selbst&auml;ndigen Bildung von Rechenaufgaben.</p>
+
+<p>3. <span class="g">Rechenkarten</span>, welche nach &auml;hnlichen Gesichtspunkten ausgestaltet
+waren und uns wochenlang interessierten und auf das fruchtbarste
+besch&auml;ftigten.</p>
+
+<p>4. Das <span class="g">Einkaufen</span> vorne auf dem gro&szlig;en Rechenbrett mit M&uuml;nzen aus Papier
+geschnitten, eine Arbeit, die v&ouml;llig nach den Einf&auml;llen und Angaben der
+Kinder geleitet war und eine unglaubliche<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143"> [143]</a></span> Gewandtheit und Sicherheit im
+Rechnen erzeugte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unter Verzicht auf alle methodischen Kunstst&uuml;cke, die ja den Kindern
+nur das Denken ersparen, gab es keine vorausschauenden Erkl&auml;rungen und
+Entwicklungen von Rechenvorg&auml;ngen, wie sie etwa im Rechenbuch beim
+&Uuml;berschreiten des Zehners angedeutet sind, keine typischen Zahlbilder,
+kein geregeltes Finger- und Z&auml;hlmaschinenrechnen.&laquo; (Ich gestatte mir
+einzuf&uuml;gen: Quod licet Jovi; non licet bovi.)</p>
+
+<p>&raquo;Mit der gr&ouml;&szlig;ten Selbst&auml;ndigkeit ohne Aufgabenstellung und aufdringliche
+Hinweise erarbeiteten sich die Kinder am Wechsel der auftretenden
+Erscheinungen des Schullebens einen Rechenvorgang um den andern. Jede
+Stunde brachte Neues an Inhalt und Form. Das einzelne Kind eignete sich
+immer zuerst das an, was es seinen inneren, in Entwicklung begriffenen
+Spannkr&auml;ften gem&auml;&szlig; aufzunehmen imstande war. Die andern folgten, jedes
+zu seiner Zeit, es war kaum ein halbes Jahr vergangen, als die ganze
+Schar &uuml;ber das Ziel der 1. Klasse hinausdr&auml;ngte, um in der Folge auch
+weit dar&uuml;ber hinauszuwachsen.&laquo;</p>
+
+<p>F&uuml;r die zweite Klasse war der Zahlenraum 1 bis<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144"> [144]</a></span> 100 vorgeschrieben. Eine
+so mannigfaltige Veranschaulichung der Rechenvorg&auml;nge, wie in der ersten
+Klasse, war nicht mehr n&ouml;tig. Gro&szlig;e und kleine Z&auml;hlmaschinen, Sch&auml;tzen
+bei allen Beobachtungen, Messen und Z&auml;hlen in der Werkst&auml;tte und im
+Klassenraum, vor allem aber auch Kaufen und Abw&auml;gen von Waren an dem in
+der Schule aufgestellten Kaufladen boten eine F&uuml;lle von konkreten
+&Uuml;bungen. Zum Messen konnten bereits Ma&szlig;b&auml;nder und Me&szlig;apparate f&uuml;r
+Fl&uuml;ssigkeitsma&szlig;e verwendet werden. Die Einrichtung des Kaufladens
+bestand aus T&uuml;ten, die von den Kindern selbst hergestellt und mit
+verschiedenen Waren gef&uuml;llt waren, aus einer zweischaligen Kr&auml;merwage
+mit entsprechendem Gewichtsatz. Unter allergr&ouml;&szlig;ter Anteilnahme der
+Kinder vollzogen sich die Rechenoperationen am Kaufladen. Sie wurden von
+allen gemeinsam in der Bank mitgemacht mit Hilfe der im Vorjahre
+gefertigten und mit gestanzten Kupfer- und Nickelm&uuml;nzen gef&uuml;llten
+Geldb&ouml;rsen. W&auml;hrend n&auml;mlich drau&szlig;en <span class="g">vor</span> den Bankreihen das Abw&auml;gen und
+die Auszahlung von zwei Kindern ausgef&uuml;hrt wurde, hatten alle Kinder <span class="g">in</span>
+den Bankreihen mit Gewichtschablonen den Vorgang des W&auml;gens nachzumachen
+und ebenso mit Hilfe der zur Verf&uuml;gung<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145"> [145]</a></span> stehenden M&uuml;nzen, die um einige
+F&uuml;nfzigpfennig- und Markst&uuml;cke in diesem Jahre vermehrt worden waren,
+alle Rechenoperationen anschaulich nachzubilden. So entwickelten sich
+leicht die grundlegenden Operationen des praktischen kaufm&auml;nnischen
+Lebens, wie es sich im Kleinhandel abspielt. Vorstellungen, wie das
+Kilogramm als eine Einheit von 10&times;100 g, als eine Einheit von 2 Pfund
+oder 4 halben Pfunden bildete allm&auml;hlich jedes Kind ohne die geringste
+Schwierigkeit. Auch die Zusammensetzung solcher Untereinheiten wie Pfund
+oder Halbpfund aus Grammen wurde gut aufgefa&szlig;t und angewendet. (Im
+dritten und vierten Schuljahre wurden alle Kinder mit Handwagen
+ausger&uuml;stet, um selbst&auml;ndige W&auml;gungen, insbesondere von <span class="g">w&uuml;rfelf&ouml;rmig</span>
+geformten Stoffen aller Art und damit auch Materialvergleichungen
+vornehmen zu lassen.)</p>
+
+<p><i>c</i>) <i>Schreiblesen, Lesen, Rechtschreiben, Erz&auml;hlen.</i> In der ersten
+Klasse kamen als Vor&uuml;bung f&uuml;r das Schreiben in Anlehnung an M.
+<span class="g">Montessori</span> geometrische Formen zur Verwendung, deren Umrisse von den
+Kindern mit Bleistift zun&auml;chst umzogen wurden. Die so umgrenzte
+Papierfl&auml;che war dann mit Farbstiften immer sorgf&auml;ltiger auszuf&uuml;llen.
+Die Kinder wurden<span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146"> [146]</a></span> dadurch gew&ouml;hnt, den Umri&szlig; zu beobachten, bestimmte
+Grenzen einzuhalten, verschiedene Formen des Umrisses aufzufassen und so
+langsam die Schreibbewegungen der Hand beherrschen zu lernen, ohne da&szlig;
+zun&auml;chst die Arbeit durch die Auffassung von schwierigeren
+Buchstabenformen kompliziert wurde. Die Einf&uuml;hrung in die einzelnen
+Buchstaben erfolgte in fr&uuml;heren Jahren in der Weise, da&szlig; der Buchstabe
+zun&auml;chst langsam und unter Beobachtung aller Bewegungen vorgeschrieben
+wurde. Darauf hatten ihn die Kinder in dem von Stadtschuleninspektor
+Schmied entworfenen Setzkasten auszusuchen, auf unliniertem Papier oder
+unlinierten Schiefertafeln m&ouml;glichst gro&szlig; nachzuzeichnen, zu betasten
+und mit den Fingern nachzufahren bis zur Gel&auml;ufigkeit. Diesen Vor&uuml;bungen
+folgte die Darstellung der Buchstaben auf den gro&szlig;en Wandtafeln, welche
+die drei Wandfl&auml;chen des Schulzimmers bedecken, dann gemeinsame
+Korrektur der auf den <span class="g">zehn</span> Wandtafeln von den Kindern gleichzeitig
+geschriebenen Buchstaben und endlich erst die Darstellung und Ein&uuml;bung
+der Buchstaben auf der Schiefertafel; Hand in Hand mit diesen &Uuml;bungen
+gingen die Lese- und Rechtschreib&uuml;bungen. Die letzteren hielten
+gew&ouml;hnlich folgenden Gang ein:<span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147"> [147]</a></span> Auf einer der gro&szlig;en Schultafeln wurden
+von der Lehrerin in Druckbuchstaben neue S&auml;tze zusammengestellt, die
+Kinder &uuml;bersetzten die Druckbuchstaben zun&auml;chst in Schreibschrift
+mittels Setzkasten und schrieben dann erst auswendig die S&auml;tze auf die
+Schiefertafel oder ins Heft. Die Fibel war Mitte Mai vollst&auml;ndig
+ausgelesen, so da&szlig; die Kinder die letzten zwei Monate bereits das
+Lesebuch: &raquo;Blaue Blumen&laquo;, ein Buch f&uuml;r M&uuml;tter und Kinder, mit gro&szlig;em
+Vergn&uuml;gen ben&uuml;tzten. Schwierigkeiten bereiteten hier im Anfang nur die
+in kleinen Lettern gedruckten Erz&auml;hlungen.</p>
+
+<p>Ein g&auml;nzlich anderer Weg wurde im Schuljahre 1913/14 eingeschlagen. Die
+in Deutschland &uuml;bliche Schreiblesemethode geht, selbst wenn sie die
+Normalw&ouml;rtermethode zugrunde legt, von den einzelnen Buchstaben aus,
+gibt diese in ihrer schwierigsten Form, der deutschen Fraktur, und in
+vier verschiedenen Alphabeten (gro&szlig;e und kleine Druckschrift, gro&szlig;e und
+kleine Schreibschrift) und &uuml;bt dann allm&auml;hlich das f&uuml;r viele Sch&uuml;ler
+schwierige <span class="g">Zusammenlesen</span> der Buchstaben zu W&ouml;rtern.</p>
+
+<p>Mein fast dreimonatiger Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von
+Nordamerika, w&auml;hrenddessen ich gegen 100 Volksschulklassen in den<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148"> [148]</a></span>
+verschiedenen Staaten des Nordens und S&uuml;dens besichtigte, hat mich zu
+meiner gro&szlig;en &Uuml;berraschung belehrt, da&szlig; ein v&ouml;llig anderer Weg zum
+mindesten f&uuml;r die Einf&uuml;hrung in die englische Sprache mit ihren ungemein
+zahlreichen <span class="g">ein- und zweisilbigen</span> W&ouml;rtern gleich fruchtbar sein kann.
+Obwohl das amerikanische Schulwesen alle seine fr&uuml;heren Anregungen aus
+Europa bekam, so hat es unsere europ&auml;ische Schreiblesemethode
+vollst&auml;ndig abgelehnt, und obwohl jeder der 48 Staaten Nordamerikas
+v&ouml;llig autonom ist in der Gestaltung seines Schulwesens, so hat sich
+doch die von mir beobachtete Methode in allen Staaten allgemein und ohne
+jeden &auml;u&szlig;eren Zwang eingeb&uuml;rgert.</p>
+
+<p>Die Methode gr&uuml;ndet sich auf das <span class="g">Wortbild</span>. Einzelne aus der praktischen
+T&auml;tigkeit der Schule entsprungene S&auml;tze von 5 bis 6 W&ouml;rtern bilden den
+Ausgangspunkt. Die Wortbilder werden als <span class="g">Ganzes</span>, durch sinnreiche
+&Uuml;bungen und Spiele aller Art, eingepr&auml;gt. Dieser Einpr&auml;gung kommt die
+lateinische Blockschrift mit dem Mangel an Majuskeln innerhalb des
+Satzes ungemein zustatten. Man betrachte nur einmal etwa daraufhin den
+Satz:</p>
+
+<p class="center b">I lost my pen to-day</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149"> [149]</a></span>mit der Darstellung in deutscher Fraktur und Sprache:</p>
+
+<p class="center b"><img class="inline" src="images/fraktur.png" width="592" height="43" alt="Ich habe heute meine Feder verloren." /></p>
+
+<p>Das Wortbild der lateinischen Blockschrift ist sehr viel formen&auml;rmer und
+kann schon am ersten Tage des Unterrichts von den Kindern nachgemalt
+werden, was der Einpr&auml;gung sehr zustatten kommt. Sobald auf diese Weise
+50 bis 60 Wortbilder im Ged&auml;chtnis des Kindes liegen, werden dem Kinde
+bereits <span class="g">ganze Erz&auml;hlungen</span> aus diesen W&ouml;rtern in Blockschrift vorgelegt,
+in die nur da und dort ein neues unbekanntes Wort eingestreut ist,
+<span class="g">dessen Bedeutung das Kind aber aus dem ganzen Zusammenhang erschlie&szlig;en
+kann</span>. Zu den so <span class="g">selbst erarbeiteten</span> Wortbildern werden dann wieder durch
+neue Musters&auml;tze aus dem Schulleben andere W&ouml;rter hinzugef&uuml;gt, sehr oft
+gleichlautende Reimw&ouml;rter, und so vermehrt sich der Wortbildschatz immer
+mehr. Allm&auml;hlich, namentlich unter dem Einflu&szlig; der Reimw&ouml;rter, vollzieht
+sich <span class="g">automatisch</span> die Analyse des Wortbildes in Lautbilder von selbst,
+und nach einem halben Jahre sind alle Kinder auch im Besitze s&auml;mtlicher
+Lautbilder.<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150"> [150]</a></span></p>
+
+<p>Inzwischen sind aber die Kinder an drei wesentliche Dinge gew&ouml;hnt
+worden: a) beim Lesen vor allem auf den <span class="g">Sinn des Satzes</span> zu achten, ohne
+welche Achtsamkeit <span class="g">ja neue</span> Wortbilder nicht erfa&szlig;t werden konnten; b)
+sich stets nur <span class="g">Wortbilder</span> einzupr&auml;gen, anstatt sich <span class="g">ged&auml;chtnism&auml;&szlig;ig</span> die
+Orthographie des Wortes durch die Reihenfolge des Buchstabens zu merken;
+c) das Wortbild mit einem Schlage aufzufassen und nicht m&uuml;hsam aus der
+Buchstabenfolge zusammenzulesen. Vor allem aber sind sie schon sehr viel
+fr&uuml;her als unsere Kinder in den Stand gesetzt, ganze Geschichten zu
+lesen und so aus der <span class="g">Lesefreudigkeit</span> heraus die Schwierigkeiten des
+Lesens &uuml;berwinden zu lernen. Die Einf&uuml;hrung in die Schreibschrift
+erfolgt ganz unabh&auml;ngig von der Einf&uuml;hrung ins Lesen, das m&ouml;glichst
+beschleunigt wird; nur das Nachmalen der h&ouml;chst einfachen
+Druckbuchstaben der lateinischen Blockschrift geht parallel.</p>
+
+<p>Die Methode ist bereits &auml;u&szlig;erst sorgf&auml;ltig ausgebaut, und eine sehr
+interessante ausgedehnte Literatur von &raquo;first reading-books&laquo;, von ersten
+Leseb&uuml;chern, unterst&uuml;tzt sie. Weiter darauf einzugehen, ist hier nicht
+m&ouml;glich. Ob die Methode auch f&uuml;r die deutsche Sprache gleich fruchtbar<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151"> [151]</a></span>
+ausgenutzt werden kann, mu&szlig; ausprobiert werden. Zwei der Lehrkr&auml;fte der
+Versuchsschule, Herr <span class="g">Br&uuml;ckl</span> und Frl. <span class="g">Merxm&uuml;ller</span>, haben sie mit gro&szlig;er
+W&auml;rme und Begeisterung und mit tiefem Verst&auml;ndnis versucht. Ich m&ouml;chte
+den Bericht von Fr&auml;ulein Bertha Merxm&uuml;ller hier zur weiteren Anregung
+zum Abdruck bringen. Die reichen Erfahrungen, die Herr Br&uuml;ckl gemacht
+hat, wird er wohl in einer eigenen Arbeit ver&ouml;ffentlichen. Zum Bericht
+des Fr&auml;ulein Bertha Merxm&uuml;ller, die im Schuljahre 1915/16 freiwillig die
+erste Klasse &uuml;bernahm, bemerke ich, da&szlig; der Mangel an R&auml;umen, der durch
+die Ablassung von mehr als der H&auml;lfte aller Schulgeb&auml;ude an die
+Milit&auml;rverwaltung herbeigef&uuml;hrt war, uns gen&ouml;tigt hat, in den meisten
+ersten Klassen und auch in der Versuchsklasse die Unterrichtszeit auf
+<span class="g">w&ouml;chentlich 12 Stunden</span> festzusetzen. Der Bericht gibt auch deutlich ein
+Bild davon, was Arbeitsunterricht im Schreiblesen hei&szlig;t. Ich gebe zuerst
+die Erfahrungen im <span class="g">Leseunterricht</span>.</p>
+
+<p><i>a</i>) <i>Meine Bilderbogen</i>. &raquo;Es waren einfache kindert&uuml;mliche
+Darstellungen mit klaren Texten in Antiqua f&uuml;r die Stufe des scheinbaren
+Lesens als <span class="g">Ausgang und Grundlage f&uuml;r die erste Leset&auml;tigkeit</span>. Auf dem
+Wege des Vergleichens<span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152"> [152]</a></span> werden die &Uuml;bungsw&ouml;rter des Textes wiedererkannt,
+wenn sie auf der Tafel in anderer Reihe auftreten, bis sie, zur
+lebendigen Rede gef&uuml;gt, als Ausdruck f&uuml;r kleine gemeinsame Erlebnisse
+gelten und als solche erfa&szlig;t werden k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der unterhaltsamen Besch&auml;ftigung mit diesen Bilderbogen sah ich die
+Erfahrung der Kinderstube best&auml;tigt, da&szlig; sich Kinder gerne und leicht
+einpr&auml;gen, was in ihren Bilderb&uuml;chern bei den geliebten Bildern steht.
+Das von der Spielwelt her&uuml;bergenommene Interesse verst&auml;rkte sich durch
+die Wichtigkeit der ersten Schularbeit, und es entstand jene
+<span class="g">Vertrautheit mit den Lautzeichen</span>, die den Sinn immer eindringlicher auf
+die Elemente und ihre Beziehungen lenkt, das Lautbewu&szlig;tsein schafft und
+sp&auml;ter ein Kind nach dem andern, jedes zu seiner Zeit, ohne
+aufdringliche Hinweise, nur einem inneren Zwange gem&auml;&szlig;, zur Lautanalyse
+f&uuml;hrt und zum synthetischen Lesen.&laquo;</p>
+
+<p><i>b</i>) <i>Meine selbstgeschaffenen Lesestoffe</i>. &raquo;Sie wollten sowohl
+sprachlich wie inhaltlich der kindlichen Entwicklung so viel als m&ouml;glich
+Rechnung tragen und die Tatsache ber&uuml;cksichtigen, da&szlig; fremde
+Sprachinhalte und<span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153"> [153]</a></span> fremde Sprachformen den Leselernproze&szlig; benachteiligen
+m&uuml;ssen, weil er doch die ganze Aufmerksamkeitsenergie f&uuml;r sich
+beansprucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abgelauscht den sprachlichen &Auml;u&szlig;erungen der Kleinen, wirkten die
+meisten meiner selbstgeschaffenen Lesestoffe durch die pers&ouml;nlichen
+Beziehungen ihres <span class="g">tats&auml;chlich und meist gemeinsam erlebten Inhaltes</span>,
+eines Inhaltes, der unbedingte Teilnahme oft bis zum jubelnden Beifall
+erzeugte und die ganze Lese-Lernarbeit nat&uuml;rlich und anregend
+gestaltete.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die kleinen Lebensausschnitte wurden den Kindern in der <span class="g">Form von
+Lesebl&auml;ttern und Tafelst&uuml;cken</span> geboten, wodurch sie der psychologischen
+Beschaffenheit des Kindes noch weiter durch den <span class="g">Reiz des Neuen</span> und der
+<span class="g">Abwechslung</span> entgegenkamen und als <span class="g">kleine abgerundete Ganze</span> der leichten
+Erm&uuml;dbarkeit des Kindes gerecht wurden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ungezwungen bereits ge&uuml;bte Wortbilder immer wieder zur Wiederholung
+bringend und darin etliche neue versteckt zur vergn&uuml;glichen L&ouml;sung &ndash;
+bedeutete St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck eine <span class="g">m&uuml;helose, lustvolle Anwendung und
+Sicherung des Gelernten, wie auch ein wohlerwogenes Ma&szlig; von
+Schwierigkeiten</span>,<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154"> [154]</a></span> der kindlichen Kraft zur frohen Bet&auml;tigung zugeteilt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das bewegte Innehalten, wenn in der Lesearbeit der Sinn aufging, die
+Situation erfa&szlig;t wurde und Selbsterlebtes zum greifbaren Bilde sich
+gestaltete, war der Beweis, da&szlig; <span class="g">die Kleinen im besten Sinne Lesen
+lernten</span>, trotz technischer Schwierigkeiten und &auml;u&szlig;erer Ablenkung, Lesen,
+d.&nbsp;h. Sch&auml;tze heben. Sie hatten ihre helle Freude, da&szlig; sich das alles so
+sch&ouml;n lesen und schreiben lie&szlig;, erg&ouml;tzten sich staunend an den eigenen
+Ausdr&uuml;cken und den Wendungen, die ihnen vom t&auml;glichen Leben her so
+gel&auml;ufig waren, wollten gleich noch was dazu erz&auml;hlen, mu&szlig;ten gleich
+noch was fragen und wollten es dann gleich nochmal lesen, weil es 'gar
+so sch&ouml;n', 'so echt', 'so nett' war, 'zum Totlachen', 'eine Gaudi', weil
+es 'ganz wahr' war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diesen oder jenen Ausdruck m&ouml;chten sie bei dieser Gelegenheit gleich
+auch noch geschrieben sehen; einer kann aus dem Wort an der Tafel gleich
+selbst ein anderes machen, braucht nur was wegtun oder was hinsetzen,
+gleich hei&szlig;t es dann anders. Und sie freuen sich alle &uuml;ber die gelungene
+Ver&auml;nderung und lassen nicht mehr los und gehen ihre Entdeckerwege
+weiter und wollen<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155"> [155]</a></span> unaufh&ouml;rlich schaffen und gestalten. <span class="g">Viel
+Schaffenskraft von lebendigem Interesse geweckt</span> mu&szlig;te da wegen des
+beschr&auml;nkten Kriegsbetriebs oft gewaltsam zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden. Auf
+keinen Fall kam in diese Leselernstunden g&auml;hnende Langeweile oder
+qualvolle M&uuml;he. Es waren sehr interessante, h&ouml;chst vergn&uuml;gliche
+Stunden.&laquo;</p>
+
+<p>In gleich erfreulicher und belehrender Weise lautet der Bericht &uuml;ber die
+Erfahrungen im <span class="g">Schreibunterricht</span>.</p>
+
+<p>&raquo;Auch hier war ich in allererster Linie bestrebt, nach dem Gesetz von
+der <span class="g">Isolierung der Schwierigkeiten</span> nicht pl&ouml;tzlich mit allen
+Schwierigkeiten auf einmal zu beginnen, sondern im allm&auml;hlichen
+Fortschreiten ein Hindernis nach dem andern zu &uuml;berwinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dabei ging ich von der Annahme aus, da&szlig; die Schriftformen um so mehr
+Ausdruckskraft werden vermissen lassen, <span class="g">um so gezwungener und gequ&auml;lter</span>
+ausfallen m&uuml;ssen, sich um so weniger frei werden entwickeln k&ouml;nnen, <span class="g">je
+mehr Vorschriften das Kind beengen</span> und je mehr Gesetze es binden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Als solche <span class="g">Hemmnisse</span> erkannte ich alle Einengungen, die das <span class="g">Ger&auml;t</span>,
+insbesondere die<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156"> [156]</a></span> spitze Feder, verursacht, &ndash; dann eine f&uuml;r alle
+gleichm&auml;&szlig;ig von vornherein vorgeschriebene <span class="g">Handhaltung</span>, &ndash; die starre
+<span class="g">Unab&auml;nderlichkeit der Formen</span> und das Verlangen, jede Schriftform auf
+eine gewisse Art und in einer bestimmten Reihenfolge zur Darstellung zu
+bringen, &ndash; endlich die <span class="g">Liniatur</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn auch im Schreibunterricht die Lust am Schaffen Triebkraft werden
+sollte, Kraftentfaltung und Entwicklung der Eigenart die zu erstrebende
+Frucht des Unterrichtes, dann durfte die starre, kalte, unverr&uuml;ckbar
+festgelegte Form nicht im Vordergrund des Unterrichtes stehen bleiben,
+nicht die &auml;u&szlig;ere technische Seite mit ihrer Qual f&uuml;r die unge&uuml;bte,
+unentwickelte Hand des Kindes &ndash;, sondern <span class="g">die freischaffende T&auml;tigkeit
+des Kindes</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r meinen grundlegenden Schreibunterricht, der in nat&uuml;rlichem Aufbau
+von der Antiqua ausgehen durfte, galt es also <span class="g">zun&auml;chst ein willf&auml;hriges
+Schreibger&auml;t zu finden</span>, das in der ungelenken Hand des Kindes und selbst
+noch beim falschen Gebrauch seinem Wesen getreu bleibt und die der
+lateinischen Druckschrift charakteristischen Schnurz&uuml;ge erzeugt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kam von dicken, weichen, farbigen &Ouml;lkreidestiften,<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157"> [157]</a></span> 10 St&uuml;ck 10
+Pf., auf dem Papier und vom weichen Buttergriffel auf der Tafel
+(Papiernot!) zum griffelartig zurecht gespitzten Schreibholz f&uuml;r die
+Tinte und dann erst zur Feder, und zwar zu einer starken
+Kugelspitzfeder. <span class="g">Dann</span> sollten meine Kinder gleich <span class="g">vom Anfange an
+m&ouml;glichst frei gestalten d&uuml;rfen</span>, wobei es mir wichtig schien, da&szlig; sich
+ein Gef&uuml;hl f&uuml;r <span class="g">gute Schriftformen</span> an guten Vorbildern und durch
+zweckm&auml;&szlig;ige Besprechung guter und schlechter Beispiele an der Schultafel
+entwickeln k&ouml;nne und da&szlig; jedes Kind die Handhaltung und die Schriftform
+selbst finde, die seinem Wesen gem&auml;&szlig; ist und ihm einen freien Zug
+erm&ouml;glicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und siehe, <span class="g">die Schriften entwickelten sich in v&ouml;llig ungeahnter Weise</span>.
+Die &uuml;berraschend sch&ouml;nen Erfolge rechtfertigten am besten die
+vorausgestellten Annahmen und Grunds&auml;tze. An dem Ma&szlig;e aber, wie von
+Stufe zu Stufe bei jeder neuen Werkzeughemmung die Leistungen immer
+sofort zur&uuml;ckgingen, um nach kurzer Zeit allm&auml;hlich wieder zu steigen,
+sieht man recht klar, welch gro&szlig;e Schwierigkeiten die heutige Schule dem
+Kinde zumutet, wenn sie es gleich am Anfang in die Liniatur zwingt und
+ihm f&uuml;r das Papier gleich die spitze Feder zur Hand gibt.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158"> [158]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Bei der weiteren Aufgabe, die Kinder von der lateinischen Druckschrift
+zur lateinischen Schreibschrift zu f&uuml;hren</span>, sie durch die schreibgem&auml;&szlig;e
+Form der Antiqua und ihre nat&uuml;rliche Fortsetzung in die eigentliche
+Kunst des Schreibens hineinwachsen zu lassen, wurde ich auf die
+verdienstvolle Anregung des Herrn <span class="g">Prof. Kuhlmann</span> hin zu einem <span class="g">sehr
+interessanten Versuch</span> gef&uuml;hrt. Es war die Frage gestellt:</p>
+
+<p><span class="g">K&ouml;nnen sich die Kleinen in Erf&uuml;llung des Arbeitsschulgedankens ihre
+Handschrift selbstt&auml;tig erarbeiten?</span> Da&szlig; dieser Versuch in hervorragender
+Weise als gelungen bezeichnet werden mu&szlig;, zeigen die Schriften der
+Kinder, besonders auf ihren einzelnen Entwicklungsstufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie beantworten noch folgende <span class="g">wichtige Teilfragen</span>:</p>
+
+<ol>
+<li>Kann man im Durchschnittskind ein Gef&uuml;hl f&uuml;r Schriftformen entwickeln
+und ausbilden?</li>
+
+<li>Hat es die Neigung und Begabung, seine Schrift selbst&auml;ndig zu
+gestalten?</li>
+
+<li>Mu&szlig; die Freiheit eines zwang- und vorschriftlosen Schreibunterrichtes
+nicht notwendigerweise<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159"> [159]</a></span> oder doch mit der Zeit zu einer
+Schriftverwilderung f&uuml;hren?</li>
+</ol>
+
+<p>Der Versuch hat die beiden ersten Fragen gl&auml;nzend bejaht, die dritte
+Frage verneint, sobald nur die Lehrkraft selbst von einem &auml;sthetischen
+Gef&uuml;hl f&uuml;r Schrift beherrscht ist.&laquo;</p>
+
+<p>In der <span class="g">zweiten</span> Versuchsklasse standen dem Unterricht in der deutschen
+Sprache 5 Stunden zur Verf&uuml;gung gegen&uuml;ber 9 Stunden, die in den &uuml;brigen
+normalen Volksschulklassen M&uuml;nchens vorgeschrieben waren. Die 5 Stunden
+waren: 2 Lese-, 2 Rechtschreib- und 1 Sch&ouml;nschreibstunde. Eine
+Visitation am Schlusse des Jahres ergab, da&szlig; das Klassenziel in der
+gleichen Weise erreicht war, wie in den sonstigen guten Klassen.</p>
+
+<p>Beim Lesen wurde ein besonderes Gewicht auf das rasche Erfassen des
+Gesamtinhaltes gelegt und sowohl durch freie Wiedergabe als durch
+<span class="g">mimische</span> Darstellung des jeweils geschilderten Ereignisses zu erreichen
+gesucht. Eine Lehrerin der Klasse glaubt, da&szlig; die dramatischen
+Darstellungen der Lesest&uuml;cke, bei denen die Kinder nicht blo&szlig; redend,
+sondern auch handelnd auftreten und die zun&auml;chst immer nur improvisiert
+sind, ohne nennenswerte Schwierigkeiten schon in den Mittelklassen<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160"> [160]</a></span>
+festgehalten und durch Ein&uuml;bung zu immer gr&ouml;&szlig;erer Vollkommenheit
+gebracht werden k&ouml;nnten. Der Vorteil, der hieraus erwachsen w&uuml;rde, l&auml;ge
+nicht nur in der Verwendbarkeit solcher Darstellungen f&uuml;r gemeinsame
+Sch&uuml;lerfeste, sondern auch in der Steigerung der Gef&uuml;hle f&uuml;r die
+geschilderte Situation und damit die Steigerung der Auffassung und damit
+des Interesses f&uuml;r das Gelesene. Als besonders zur mimischen Darstellung
+geeignet erwiesen sich die Lesest&uuml;cke des M&uuml;nchener Lesebuches f&uuml;r die
+zweite Klasse: Kasperl in der Schule, Das B&uuml;blein auf dem Eise, Bub und
+Bock, Hansel und Gretel, Musik auf dem Hofe, Wolf und Fuchs, Der
+l&uuml;genhafte Hirt, Vom B&uuml;blein, das &uuml;berall hat mitgenommen sein wollen.
+Vor Trimesterschlu&szlig; gab jeweils ein Sch&uuml;lerfest den Kindern besondere
+Gelegenheit, ihr K&ouml;nnen im Erz&auml;hlen, Vortragen, Dramatisieren (nat&uuml;rlich
+auch im Musizieren, Singen, Zeichnen) in den Dienst der
+Klassengemeinschaft zu stellen und so zum Gelingen eines
+Gemeinschaftswerkes beizutragen. Am Ende jeder Woche wurden auch die
+Sch&uuml;ler veranla&szlig;t, ihre Erlebnisse in der Werkst&auml;tte zusammenh&auml;ngend zu
+erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Bei der Behandlung des Rechtschreibstoffes leisteten die neueingef&uuml;hrten
+Tafelw&auml;nde (drei Seiten<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161"> [161]</a></span> des Schulzimmers waren mit fortlaufenden Tafeln
+bedeckt) au&szlig;erordentlich gute Dienste. Alle neuen W&ouml;rter, alle Diktate
+konnten gleichzeitig von 15 Sch&uuml;lern an die Tafelw&auml;nde geschrieben
+werden, w&auml;hrend die &uuml;brigen Kinder ins Heft schrieben. Die <span class="g">gemeinsame</span>
+Korrektur der auf der Tafelwand von <span class="g">allen</span> Kindern aufzusuchenden Fehler
+gab eine ausgezeichnete &Uuml;bung im Fixieren der Wortbilder.</p>
+
+<p><i>d</i>) <i>Katholischer Religionsunterricht.</i> Der Religionsunterricht war
+inhaltlich an den offiziellen Lehrplan der <span class="g">ersten</span> Klasse gebunden.
+Methodisch suchte er innerhalb dieses Rahmens m&ouml;glichst durch die
+Beobachtung, Ankn&uuml;pfung an die Erfahrung, Nachahmung, dramatische
+Darstellung das religi&ouml;se Erlebnis zu vertiefen. Dieses war im weitesten
+Sinne beim religi&ouml;s-liturgischen Anschauungsunterricht m&ouml;glich. Durch
+wiederholten Besuch in der Josefskirche sowie in der Sakristei derselben
+wurden die liturgischen Objekte und Handlungen zur unmittelbaren
+Anschauung gebracht. Die liturgischen Handlungen wurden zum Teil in
+Spiel und Ernst nachgeahmt. (Verehrung des Christkindes, Betrachtung der
+Kreuzwegbilder in der Josefskirche, Maiandacht, Messe.) Der
+religi&ouml;s-sittliche Anschauungsunterricht<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162"> [162]</a></span> wurde im Anschlusse an die
+Erlebnisse der Kinder (Haus, Stra&szlig;e, Schule, Spielplatz) behandelt. Beim
+Gebetsunterricht wurde m&ouml;glichst auf wirkliches Beten aus erlebter
+Empfindung, nicht blo&szlig; auf ged&auml;chtnism&auml;&szlig;iges Aufsagen gesehen. Die
+biblischen Erz&auml;hlungen wurden vielfach dramatisch, mit Rollenverteilung,
+nacherz&auml;hlt und so zu m&ouml;glichster Wirkung gebracht.</p>
+
+<p>In der <span class="g">zweiten</span> Klasse bildete eine Wanderung zur Ursulakirche die
+Grundlage f&uuml;r den religi&ouml;s-<span class="g">liturgischen</span> Anschauungsunterricht. Zur
+Grundlage des religi&ouml;s-<span class="g">sittlichen</span> Anschauungsunterrichtes wurden die
+mannigfachen Erlebnisse der Kinder genommen. Im &uuml;brigen wurde gem&auml;&szlig; den
+im vorausgehenden geschilderten Grunds&auml;tzen des ersten Schuljahres
+verfahren.</p>
+
+<p><i>e</i>) <i>Turnen.</i> F&uuml;r Turnen waren in der <span class="g">ersten</span> Klasse jeden Tag 20
+Minuten in Anrechnung gebracht. Diese 20 Minuten waren zweimal (Montag
+und Donnerstag) auf den Nachmittag, die &uuml;brigen Tage auf den Vormittag
+verlegt. Die Vormittags&uuml;bungen bildeten ein willkommenes Gegengewicht
+gegen eine m&ouml;glicherweise eintretende geistige Erm&uuml;dung. Die Turnzeiten
+wurden an den Nachmittagen haupts&auml;chlich f&uuml;r jene &Uuml;bungen verwendet,
+welche die Willensbegabung<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163"> [163]</a></span> der Sch&uuml;ler vor allem f&ouml;rdern, also f&uuml;r
+Frei&uuml;bungen zur richtigen K&ouml;rperhaltung, f&uuml;r Wettspiele und Wettk&auml;mpfe.</p>
+
+<p>An den Vormittagen wurden haupts&auml;chlich Lauf-, Nachahmungs- und
+Singspiele gespielt; unter den Nachahmungsspielen befanden sich von den
+Kindern <span class="g">selbst erdachte</span> und in irgendeinem Zusammenhang mit dem
+Unterricht stehende: z.&nbsp;B. &raquo;Meine Bl&uuml;mchen haben Durst&laquo; (Bild),
+&raquo;Stra&szlig;enverkehr&laquo;, &raquo;Rechtsgehen&laquo;, &raquo;Kriegf&uuml;hren&laquo;, &raquo;Frau Holle&laquo;.</p>
+
+<p>In der <span class="g">zweiten</span> Klasse war der Turnunterricht auf vier halbe Stunden
+verteilt. Im &uuml;brigen wurde wie im Vorjahre verfahren unter steigender
+Anspannung der Willenskr&auml;fte behufs ordnungsgem&auml;&szlig;er und genauer
+Ausf&uuml;hrung der Turnbewegungen. Immer wurde auf sorgf&auml;ltige Pflege der
+Arbeitsgemeinschaft und der freiwilligen Unterordnung Bedacht genommen.</p>
+
+<p>Mit Beginn dieses Schuljahres wurden in allen Versuchsklassen in eine
+Unterrichtspause jeden Tages hygienische K&ouml;rper&uuml;bungen von f&uuml;nf bis acht
+Minuten gelegt, welche als Vorbeugung gegen Tuberkulose und gegen
+Skoliose eingef&uuml;hrt wurden. (Anleitung durch Schularzt Dr. Ranke.)</p>
+
+<p><i>f</i>) <i>Singen.</i> Die Liedertexte standen zun&auml;chst<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164"> [164]</a></span> in Verbindung mit den
+Aufgaben des Anschauungsunterrichtes, aus dem ihre Inhalte
+herauswuchsen. Zur klaren Erfassung des Rhythmus wurden die Kinder
+angeleitet, aus vorgesungenen Liedern den Takt selbst herauszufinden. Im
+zweiten Schuljahre boten auch die Singspiele und religi&ouml;se Lieder, die
+mit gewissen kirchlichen Festtagen in Beziehung standen, Stoff f&uuml;r den
+Singunterricht. Die Texte der Lieder standen zur Zeit ihrer Ein&uuml;bung
+immer zum Schul- oder &ouml;ffentlichen Leben in enger Beziehung und dienten
+so der Steigerung des Gef&uuml;hlslebens.</p>
+
+<p><i>g</i>) <i>Holzbearbeitungsunterricht.</i> Unter den praktischen
+Besch&auml;ftigungen, die wir mit der Versuchsschule verbunden haben, bildet
+die Besch&auml;ftigung mit der Holzarbeit neben der Besch&auml;ftigung mit
+weiblichen Handarbeiten, die von der dritten Klasse ab nur mehr f&uuml;r die
+M&auml;dchen bestimmt ist, die wichtigste. Ich habe mich f&uuml;r die Holzarbeit
+unter Ausschaltung von Papp- und Metallarbeiten aus einer Reihe von
+Erw&auml;gungen entschieden, die ich in <a href="#IV_DIE_METHODEN_DER_ARBEITSSCHULE">Kap. IV</a> und <a href="#IV_DIE_METHODEN_DER_ARBEITSSCHULE">V</a> des n&auml;heren ausgef&uuml;hrt
+habe. Die wichtigsten dieser Erw&auml;gungen sind: a) die mannigfache
+Verwendbarkeit der so erworbenen F&auml;higkeiten und Fertigkeiten nicht blo&szlig;
+im sp&auml;teren Leben, sondern auch im<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165"> [165]</a></span> Dienst des Volksschulunterrichtes in
+Rechnen, Zeichnen und Physik; b) die M&ouml;glichkeit, die Arbeitsprozesse
+von Anfang an mit gr&ouml;&szlig;ter Genauigkeit ausf&uuml;hrbar zu machen, so da&szlig; der
+Sch&uuml;ler jederzeit <span class="g">Selbstkontrolle</span> &uuml;ber das Gelingen seines Werkes hat;
+c) damit verbunden die weitere M&ouml;glichkeit, in einer F&uuml;lle ganz stetig
+aufeinanderfolgender, immer schwieriger werdender Aufgaben die
+Gewohnheiten der Genauigkeit, Sorgfalt, Gr&uuml;ndlichkeit und Ausdauer zu
+steigern; d) die leichte und vielseitige Behandlungsm&ouml;glichkeit, sowie
+die Billigkeit des Materials; e) das nat&uuml;rliche, von allen Knaben und &ndash;
+wie wir nun auch durch unsere Versuche erfahren haben &ndash; von allen
+M&auml;dchen in ganz hervorragendem Ma&szlig;e geteilte Interesse an der
+Holzbearbeitung und den Arbeitsprodukten, die sich aus dieser
+Besch&auml;ftigung ergeben. Schon die Sch&uuml;ler der ersten Klasse ziehen nach
+unserer Erfahrung den Unterricht in der Holzbearbeitungswerkst&auml;tte allem
+&uuml;brigen Unterricht vor, obwohl wir vom ersten Tage an dem Kinde
+bestimmte Aufgaben nach vorgelegten Mustern stellen und vom ersten Tage
+an den gr&ouml;&szlig;ten Nachdruck auf durchwegs sorgf&auml;ltige Arbeit legen.</p>
+
+<p>Die Voraussetzungen f&uuml;r das Gelingen dieses<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166"> [166]</a></span> Unterrichtes sind: ein
+technisch vollkommen durchgebildeter Lehrer, weise Auswahl der
+Arbeitsprozesse, welche das Kind sorgf&auml;ltig auszuf&uuml;hren imstande ist,
+ein besonderer Arbeitsraum mit entsprechenden, dem Alter der Kinder
+angepa&szlig;ten Einrichtungen und eine zweckm&auml;&szlig;ige Vorbereitung des vom
+Sch&uuml;ler zu behandelnden Materials, damit diesem keine Arbeitsprozesse
+zugemutet werden m&uuml;ssen, die &uuml;ber die physischen und geistigen Kr&auml;fte
+des Kindes hinausgehen. In den ersten und zweiten Klassen zeigt sich
+hierbei, da&szlig; f&uuml;r das Gelingen der Arbeit unbedingt f&uuml;r <span class="g">jedes</span> Kind ein
+eigenes Modell n&ouml;tig ist. Vom dritten Schuljahre ab ben&ouml;tigt das Kind
+das Modell meist nur als Anschauungsmittel; im &uuml;brigen arbeitet es mehr
+nach Ma&szlig;angaben, womit f&uuml;r dieses Schuljahr zugleich ein h&ouml;chst
+fruchtbares Arbeitsfeld f&uuml;r praktische Rechen&uuml;bungen gegeben ist, das
+die Lust zum Rechnen und damit die F&auml;higkeit zum Rechnen in einer
+unerwarteten Weise steigert.</p>
+
+<p>Knaben wie M&auml;dchen zeigen f&uuml;r die einfachen Aufgaben der Holzbearbeitung
+die gleiche Begeisterung; doch stellt sich immer deutlicher die bessere
+Begabung der Knaben hierzu heraus, sobald es sich um die Auffassung von
+Konstruktionselementen<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167"> [167]</a></span> handelt. Nach den Mitteilungen des Fachlehrers
+beginnen viele Kinder bereits im ersten Schuljahre die Anregungen der
+Werkst&auml;tte auch in freiwillige h&auml;usliche Arbeiten umzusetzen. Die Zahl
+steigert sich mit jedem Schuljahre, und um die Weihnachtszeit kommen
+Eltern um Eltern, beim Fachlehrer geeignete Werkzeuge f&uuml;r die h&auml;uslichen
+Arbeiten zu bestellen. Vom dritten Schuljahre ab bringen die Kinder
+regelm&auml;&szlig;ig freiwillige Arbeiten mit in die Schule. Sie sind meist gut in
+der Auffassung, mangelhaft in der Konstruktion. Das letztere ist
+selbstverst&auml;ndlich. Gerade der Sinn f&uuml;r richtige Konstruktion mu&szlig; erst
+in langj&auml;hriger Arbeit entwickelt werden. Auch haben die Kinder zu Hause
+das so gut vorbereitete, passende Material der Schule nicht zur
+Verf&uuml;gung. Sie m&uuml;ssen sich ihre Holzst&uuml;cke ohne Erfahrung erst
+zurechtrichten. Aber hierbei fehlt vor allem ein Werkzeug, der Hobel, an
+dessen Einf&uuml;hrung wegen der physischen Kraft, die er beansprucht, nicht
+vor dem Beginn der sechsten Klasse gedacht werden kann. Vielleicht da&szlig;
+man sp&auml;ter daran denken kann, Hobel mit sehr schmalen Hobeleisen etwa
+schon im f&uuml;nften Schuljahre zu verwenden.</p>
+
+<p>Zur <span class="g">Arbeitsgemeinschaft</span> bieten die &Uuml;bungen<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168"> [168]</a></span> mannigfache Gelegenheit.
+Viele Objekte k&ouml;nnen nur in Arbeitsgemeinschaft hergestellt werden; ja
+die Einfachheit der einzelnen &Uuml;bungen dr&auml;ngt geradezu dazu, gemeinsame
+Arbeitsobjekte von Zeit zu Zeit einzuschalten, weil nur ein wirkliches
+Objekt imstande ist, immer und immer wieder das Interesse des Kindes zu
+fesseln und ihm so &uuml;ber die Schwierigkeit und Monotonie der einzelnen
+&Uuml;bungen hinwegzuhelfen. Es zeigte sich, da&szlig; die Arbeitsfreude am
+st&auml;rksten sich einstellte, wenn ein <span class="g">gemeinsamer</span> Zweck die Kinder in
+ihrer Arbeit zusammenf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Der Umstand, da&szlig; f&uuml;r jeden Sch&uuml;ler das Material der Aufgabe gem&auml;&szlig; erst
+vorbereitet werden mu&szlig;, hat es nat&uuml;rlich mit sich gebracht, da&szlig; f&uuml;r den
+Fachlehrer f&uuml;r jede Unterrichtsstunde unbedingt eine Vorbereitungsstunde
+notwendig wird, namentlich solange er auch noch die Modelle f&uuml;r alle
+einzelnen Kinder anzufertigen hat. F&auml;llt dies weg, so wird sich die
+Vorbereitungszeit pro Unterrichtsstunde auf eine halbe Stunde reduzieren
+lassen. Aus den nachfolgenden Verzeichnissen der Werkzeuge lassen sich
+sofort die von den Kindern des ersten bis vierten Schuljahres
+auszuf&uuml;hrenden Arbeitsprozesse erkennen. Dabei bemerke ich, da&szlig; das
+S&auml;gen sich nur auf Trennung<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169"> [169]</a></span> von St&auml;ben und schmalen, h&ouml;chstens 5 cm
+breiten Brettchen beschr&auml;nkt. Lange S&auml;gestriche exakt mit freier Hand
+auszuf&uuml;hren, kann von Kindern der ersten vier Schuljahre noch nicht
+gefordert werden. Alle S&auml;ge&uuml;bungen bed&uuml;rfen der F&uuml;hrung durch die
+Gehrungsschneidlade, damit sie allen Anspr&uuml;chen auf Genauigkeit in
+diesem Alter gen&uuml;gen.</p>
+
+<p>Die Werkzeuge f&uuml;r jeden Sch&uuml;ler, die gem&auml;&szlig; der St&auml;rke einer Abteilung 25
+mal beschafft <ins class="correction" title="werden">wurden</ins>, waren folgende:</p>
+
+<table summary="Werkzeuge f&uuml;r Sch&uuml;ler">
+<tr>
+ <td>1 Parallelschraubstock aus Eisen </td>
+ <td class="center i"> M</td>
+ <td class="right"> 2,&mdash;</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 Gehrungsschneidlade mit Anschlag </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,75</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 Einstreichs&auml;ge mit Messingr&uuml;cken </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,70</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 kleine halbrunde Raspel </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,50</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 kleine halbrunde Schlichtfeile </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,50</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 kleine rechteckige Schlichtfeile </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,45</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 Hammer (100 g) </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,60</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 kleine Beißzange Nr. 8 </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,45</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 kleine Flachzange </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,70</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 kleiner Nagelbohrer </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,15</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 prismatischer Maßstab (30 cm) </td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right">&ndash;,50</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>1 Bleistift </td>
+ <td class="center bb">"</td>
+ <td class="right bb">&ndash;,05</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right">Summa:</td>
+ <td class="i">M</td>
+ <td class="right">7,35</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Ausgaben f&uuml;r die Gesamtausr&uuml;stung f&uuml;r 25 Sch&uuml;ler betrugen Mk.
+183,75. Dazu kommen zum allgemeinen Gebrauche:</p>
+
+<table summary="Werkzeuge zum allgemeinen Gebrauche">
+<tr>
+ <td class="right">12</td>
+ <td class="center">St&uuml;ck</td>
+ <td>Schraubenzwingen aus Eisen,</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"> 6</td>
+ <td class="center"> " </td>
+ <td>kleine Bohrer,<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170"> [170]</a></span></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"> 1</td>
+ <td class="center"> " </td>
+ <td>Trillbohrer,</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="right"> 2</td>
+ <td class="center"> " </td>
+ <td>amerikanische Schneckenbohrer.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>An Materialausgaben fielen an:</p>
+
+<table summary="Materialausgaben">
+<tr class="center">
+ <td class="bt bl br2 bb2"></td>
+ <td class="bt br bb2" colspan="2">f&uuml;r die<br />erste Klasse</td>
+ <td class="bt br bb2" colspan="2">f&uuml;r die<br />zweite Klasse</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="bl br2">F&uuml;r Holz</td>
+ <td class="center i">M</td>
+ <td class="right br">41,54</td>
+ <td class="center i">M</td>
+ <td class="right br">57,87</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="bl br2">F&uuml;r Stifte und Schrauben</td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right br">2,60</td>
+ <td class="center">"</td>
+ <td class="right br">2,72</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="bl br2">F&uuml;r sonstige Materialien (Leim, Spiritus, Beize, Papier usw.)</td>
+ <td class="center bb">"</td>
+ <td class="right br bb">5,55</td>
+ <td class="center bb">"</td>
+ <td class="right br bb">7,10</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="bl br2 bb"></td>
+ <td class="center i bb">M</td>
+ <td class="right br bb">49,69</td>
+ <td class="center i bb">M</td>
+ <td class="right br bb">67,69</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>d.&nbsp;h. im ersten Jahre wurde pro Kind 1 Mk. und im zweiten Jahre pro Kind
+1 Mk. 40 Pfg. an Materialausgaben n&ouml;tig.</p>
+
+<p>Einen &Uuml;berblick &uuml;ber die einzelnen &Uuml;bungen der ersten Versuchsjahre und
+die von ihnen in Anspruch genommene Zeit gibt das folgende Verzeichnis.
+Dazu m&ouml;chte ich nur bemerken, da&szlig; einzelne dieser Arbeiten zu
+umfangreich angelegt waren. Andere Arbeiten machten zu vielerlei von
+vornherein geformtes Arbeitsmaterial n&ouml;tig. Wieder andere Arbeiten waren
+zu fr&uuml;h eingestellt. Vielfach auch wurde die Auswahl erschwert dadurch,
+da&szlig; schon von Anfang an eine enge Verbindung mit dem
+Anschauungsunterricht gefordert wurde. Alle diese M&auml;ngel waren uns klar
+bewu&szlig;t, und wir sind bem&uuml;ht, sie abzustellen. Vor allem m&uuml;ssen die
+Arbeiten so aufgestellt werden,<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171"> [171]</a></span> <span class="g">da&szlig; sie mit einem Minimum von Normalien
+auskommen</span>, d.&nbsp;h. mit m&ouml;glichst wenig vorgearbeitetem Holzmaterial. Denn
+je mannigfaltiger die Normalien sind, desto mehr Vorbereitungsstunden
+fallen f&uuml;r den Fachlehrer an und desto mehr wachsen dann die Ausgaben.</p>
+
+<p><span class="g">Arbeiten der ersten Klasse.</span> 1. Abs&auml;gen von 10-15 kleinen <span class="g">W&uuml;rfeln</span> von
+einem 10 mm starken Vierkantstab in Fichtenholz. (2 Std.)</p>
+
+<p>2. Desgleichen von einem 15 mm starken Vierkantstab, wobei auch die
+Hirnholzkanten mit der Feile gebrochen werden mu&szlig;ten. (2 Std.)</p>
+
+<p>3. <span class="g">Nagelstab</span> 200&times;18&times;7 mm aus Erlenholz, in den abwechselnd 10 St&uuml;ck
+Pariser- und 4 St&uuml;ck Messingn&auml;gel eingeschlagen wurden. (4 Std.)</p>
+
+<p>4. <span class="g">Z&auml;hlmaschine</span> f&uuml;r 20 Kugeln, 26 cm lang, 14 cm hoch aus Buchen- und
+Fichtenst&auml;ben von 10 qmm (mit drehbaren, quergestellten F&uuml;&szlig;en von 20
+qmm). (18 Std.) Diese Arbeit wurde in sp&auml;teren Jahren nicht mehr
+ausgef&uuml;hrt:</p>
+
+<p>An ihre Stelle trat:</p>
+
+<p>5. <span class="g">Das Rechenst&auml;bchen</span>. L&auml;nge 20 cm. Einteilung in 20 gleiche Teile. (2
+Std.)</p>
+
+<p>6. <span class="g">Turnstab</span> von 80 cm durch Abs&auml;gen eines Rundstabes von 20 mm St&auml;rke.
+Abrunden an beiden<span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172"> [172]</a></span> Enden, schleifen und mit Politur einlassen. (4 Std.)</p>
+
+<p>7. <span class="g">Leiter</span> von 28 cm L&auml;nge, 7 cm Breite, mit 2 Schwingen und 6 Sprossen,
+die auf die Holme aufgenagelt wurden. (8 Std.)</p>
+
+<p>8. <span class="g">Br&uuml;ckenwagen</span> von 171 cm L&auml;nge, 80 cm Breite, 6,5 cm H&ouml;he,
+Bodenbrettchen und Radscheiben vom Lehrer hergestellt. (12 Std.) Wurde
+in sp&auml;teren Jahren weggelassen.</p>
+
+<p>9. <span class="g">Schlitten</span> 100&times;70&times;30 mm. Die vier Schwingen wurden auf die Kufen
+genagelt. (4 Std.)</p>
+
+<p>10. <span class="g">Rechenbaukasten</span> mit 32 Bausteinen (siehe Figur <a href="#tafel1">Taf. 1</a>). Die
+K&auml;stchen, dessen Brettchen vom Lehrer hergestellt sind, wurden von den
+Kindern zusammengenagelt. (14 Std.)</p>
+
+<p>11. <span class="g">Rei&szlig;schiene</span>, Zunge aus Fichtenholz, 24 cm lang, Anschlag aus
+Buchenholz 8 cm lang. (3 Std.)</p>
+
+<p>12. <span class="g">Gartenzaun</span> um ein vom Lehrer hergestelltes Blumenkistchen. Je sechs
+Sch&uuml;ler arbeiten an einem Zaun. Zaungr&ouml;&szlig;e 50 cm im Geviert. (8 Std.)</p>
+
+<p>13. <span class="g">Blumenst&auml;be</span> dazu. (2 Std.)</p>
+
+<p><span class="g">Arbeiten der zweiten Klasse, 1. Holzhaus</span> in Arbeitsgemeinschaft. Jede
+Abteilung von<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173"> [173]</a></span> 24 Kindern baut zusammen ein Haus. (24 Std.) Diese Arbeit
+wurde in sp&auml;teren Jahren weggelassen. An ihre Stelle traten Aufgabe 2, 3
+und 4.</p>
+
+<p>2. <span class="g">Lineal</span> von 50 cm L&auml;nge mit Dezimeter- und Zentimeterteilung. (6 Std.)</p>
+
+<p>3. <span class="g">M&ouml;rteltruhe</span> zum Tragen mit vier Handhaben, 30&times;17&times;3 cm. (8 Std.)</p>
+
+<p>4. <span class="g">Sandwurfgitter.</span> Rahmen 17&times;15 cm mit &Uuml;berplattung. Siebgitter
+geliefert. (8 Std.)</p>
+
+<p>5. <span class="g">Uhrzifferblatt</span>, 17&times;11 cm. Jeder Sch&uuml;ler fertigt ein Zifferblatt mit
+Stunden- und Halbstundenteilung. Triebr&auml;der f&uuml;r Stunden- und
+Minutenzeiger geliefert. Arbeitszeit f&uuml;r die vereinfachte Form 8
+Stunden.</p>
+
+<p>6. <span class="g">Nudelbrett</span>, 25&times;17 cm. Bretter vom Lehrer hergerichtet. Die Sch&uuml;ler
+fertigen die Anschlagleisten und besorgen die Verbindung durch
+Aufnageln. (4 Std.)</p>
+
+<p>7. <span class="g">Walker</span> dazu aus 35 mm starkem Buchenstab. Walker vom Lehrer gebohrt.
+Ebenso Griffe. (4 Std.)</p>
+
+<p>8. <span class="g">Hocker</span> mit geflochtenem Sitzrahmen; H&ouml;he 21,5 cm. Sitzfl&auml;che 20&times;20
+cm. (8 Std.)</p>
+
+<p>9. <span class="g">Pl&auml;ttchen</span> zum Damspiel. Vom Buchenstab ges&auml;gt. Geraspelt, poliert,
+gebeizt. (4 Std.)</p>
+
+<p>10. <span class="g">Waschkreuz</span> (siehe Figur <a href="#tafel2">Tafel II</a>) aus<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174"> [174]</a></span> 25 mm starkem Vierkantstab.
+Kreuzbalken 20 cm lang, Fu&szlig;h&ouml;he 10 cm. Balkenstumpf auf die F&uuml;&szlig;e
+genagelt. (6 Std.)</p>
+
+<p>11. <span class="g">Holzsteg</span> 50&times;15&times;5 cm. (8 Std.)</p>
+
+<p>Alle Modelle sind in sorgf&auml;ltiger Arbeit von Gewerbelehrer <span class="g">Hans Rohrer</span>
+durchgedacht und entworfen. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin,
+jedes Modell 1. den &auml;sthetischen Anforderungen gen&uuml;gen zu lassen; 2. in
+solche einfache Teile zu zerlegen bzw. so zu konstruieren, da&szlig; die Teile
+sich aus m&ouml;glichst wenigen und m&ouml;glichst einfachen Normalien herstellen
+lassen; 3. m&ouml;glichst wenig von den im Handwerk gebilligten
+Holzverbindungen dabei abzuweichen.</p>
+
+<p>Man wird gemerkt haben, da&szlig; aus diesen Arbeitsprogrammen die sogenannte
+<span class="g">freischaffende Phantasie der Kinder ausgeschlossen ist</span>. Das hat auch
+schon manchen Tadel eingetragen. Ich bin aber der unwandelbaren
+Anschauung, da&szlig; die Schule in allen Fragen des sogenannten produktiven
+Schaffens zun&auml;chst die Pflicht hat, in den Kindern in erster Linie jene
+mechanischen Fertigkeiten zu entwickeln und sie mit jenen konstruktiven
+Elementen vertraut zu machen, die jedes produktive Schaffen aus eigener
+Erfindung heraus davor beh&uuml;ten, in grausamen<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175"> [175]</a></span> Dilettantismus auszuarten.
+Da&szlig; dabei, indem das Kind zun&auml;chst auf Nachahmung und Vorschrift
+angewiesen ist, die Arbeitsfreude nicht nur nicht zu verk&uuml;mmern
+braucht, sondern im Gegenteil von Jahr zu Jahr auf das lebhafteste
+wachsen kann, das hat uns heute schon unser vierj&auml;hriger Versuch auch
+auf dem Gebiete der Holzarbeit mit unwiderleglicher Deutlichkeit
+gezeigt.</p>
+
+<p><i>h</i>) <i>Weibliche Handarbeit.</i> Die M&auml;dchen der zweiten Klasse nahmen nicht
+nur am Unterricht in der Holzbearbeitung teil (wie bereits erw&auml;hnt),
+sondern erhielten au&szlig;erdem auch Unterricht in weiblichen Handarbeiten,
+und zwar im Stricken, N&auml;hen und Sticken. Angefertigt wurde: 1. ein
+Topflappen (Stricken mit zwei Nadeln), 2. ein Waschhandschuh (Stricken
+mit f&uuml;nf Nadeln), 3. ein Nadelkissen aus Stoffstramin, 4. Fahnen in den
+Farben M&uuml;nchens und Bayerns, die zu Reigenspielen im Turnunterricht
+verwendet wurden.</p>
+
+
+<h3><a name="MITTELKLASSEN" id="MITTELKLASSEN"></a>3. DURCHF&Uuml;HRUNG DES LEHRPLANES IN DEN ZWEI MITTELKLASSEN</h3>
+
+<p><i>a</i>) <i>Heimatkundlicher Unterricht mit Zeichnen und Handarbeit.</i> Der
+heimatkundliche Unterricht ist nur eine Fortsetzung des Anschauungs- und
+Beobachtungsunterrichts, wenigstens<span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176"> [176]</a></span> soweit die <span class="g">dritte</span> Volksschulklasse
+in Frage kommt; in der <span class="g">vierten</span> Volksschulklasse geht er bereits in
+eigentlichen Geographieunterricht &uuml;ber und r&uuml;ckt damit in die Reihe
+derjenigen Unterrichtsgebiete ein, die es mehr oder weniger mit
+<span class="g">&uuml;berliefertem</span> Wissen zu tun haben, wo also von einer eigentlichen
+<span class="g">Erarbeitung</span> durch Beobachtung und Experiment wenigstens in der
+Volksschule nicht mehr die Rede sein kann. Wanderungen, Sandk&auml;sten zum
+Darstellen der horizontalen und vertikalen Gliederung, allm&auml;hliches
+&Uuml;bertragen der so erzeugten Modelle in das zweidimensionale Kartenbild
+f&uuml;hren in die landl&auml;ufigen geographischen Ausdrucksmittel ein, in die
+besondern Symbole und Zeichen, mit denen die Wissenschaft der Geographie
+arbeitet. Soweit diese T&auml;tigkeiten (Beobachten beim Wandern, Modellieren
+in Sand, Zeichnen in Symbolen) ge&uuml;bt werden, haben wir es auch im
+heimatkundlichen Unterricht mit einer richtigen <span class="g">Erarbeitung</span> des
+Kulturgutes, das wir in der Karte besitzen, zu tun.</p>
+
+<p>Hierher k&ouml;nnen auch noch einzelne Sch&uuml;ler<span class="g">versuche</span> zur Aufkl&auml;rung
+gewisser hydrographischer Verh&auml;ltnisse der oberbayrischen Hochebene
+gerechnet werden, wie die experimentelle Darstellung<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177"> [177]</a></span> des Auftretens von
+Quellen, von Deltabildungen, von Inselbildungen, Verschlammung von
+Flu&szlig;m&uuml;ndungen, Auftauchen des Grundwassers beim Auskeilen der
+durchl&auml;ssigen Sandschichte usw.</p>
+
+<p>Dagegen ist es ein Irrtum, da&szlig; nun auch das Zeichnen von einzelnen
+Gegenst&auml;nden aus dem heimatkundlichen Unterricht, oder die Darstellung
+von Stegen, Schleusen, Br&uuml;cken, historischen Toren, Schlagb&auml;umen,
+Wegweisern, Feldkreuzen, Fl&ouml;&szlig;en, Starenkobeln usw. in Holz, wie sie der
+Handfertigkeitsunterricht unternahm, den <span class="g">Geist</span> der Arbeitsschule im
+<span class="g">Geographie</span>unterricht widerspiegeln. Wenn die Versuchsklassen gleichwohl
+diese T&auml;tigkeiten als einen unerl&auml;&szlig;lichen Bestandteil ihres Betriebes
+gerade in Verbindung mit dem heimatkundlichen Unterricht pflegten, so
+hatte das nur den Zweck, Zeichnen und Handfertigkeit, die beide f&uuml;r sich
+ihre eigene Struktur des <span class="g">Erarbeitungs</span>prinzips haben, nicht isoliert vom
+&uuml;brigen Unterricht laufen zu lassen, sondern eben diesen durch diese
+beiden Fertigkeiten zu beleben und umgekehrt das geographische Interesse
+auch diesen Fertigkeiten zugute kommen zu lassen.</p>
+
+<p>Man h&auml;tte Zeichnen wie Handfertigkeit auch<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178"> [178]</a></span> mit dem Rechnen oder mit den
+historischen Erz&auml;hlungen und naturkundlichen Beobachtungen, die als
+erste Grundlegung des kommenden Geschichts- bzw. naturwissenschaftlichen
+Unterrichts in den heimatkundlichen Unterricht eingef&uuml;gt werden,
+verbinden k&ouml;nnen, woraus unmittelbar erhellt, da&szlig; sie nicht Formen des
+Erarbeitungsprinzips f&uuml;r den heimatkundlichen bzw. geographischen
+Unterricht sein k&ouml;nnen. Nur soweit diese beiden T&auml;tigkeiten die
+Erarbeitung klarer Vorstellungen eines Gegenstandes und seiner
+wertvollen Konstruktion zusammen mit Fertigkeiten des Konstruierens
+selbst erm&ouml;glichen k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie als &Auml;u&szlig;erungen des Arbeitsprinzips
+im Sinne der Arbeitsschule angesprochen werden. Aber das also
+<span class="g">Erarbeitete</span> sind nicht Bildungsg&uuml;ter der <span class="g">Geographie</span>, sondern eben &ndash;
+genau wie ein Anschauungsunterricht &ndash; klare Vorstellungen gewisser
+Strukturen und Fertigkeiten zur Herstellung dieser Strukturen.</p>
+
+<p>In gleicher Weise wie Zeichnen und Handfertigkeit wurden auch die
+Fertigkeiten des Sch&auml;tzens und Messens, wo nur immer ang&auml;ngig, ge&uuml;bt und
+in den Dienst der Vorstellungsentwicklung gestellt. Aus den Vergleichen
+von tats&auml;chlich auf den Wanderungen in der Stadt und Umgebung<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179"> [179]</a></span>
+zur&uuml;ckgelegten Wegstrecken mit den auf den Stadtpl&auml;nen und Karten selbst
+gemessenen Entfernungen wurde der Ma&szlig;stab der Pl&auml;ne und Karten
+<span class="g">erarbeitet</span> und zugleich dem forschenden T&auml;tigkeitstrieb des Kindes
+Rechnung getragen. Da hierbei der f&uuml;r den geographischen Unterricht
+charakteristische Begriff des <span class="g">Ma&szlig;stabes einer Karte</span> tats&auml;chlich
+erarbeitet wurde, so kann man diese T&auml;tigkeit als eine im Sinne der
+Arbeitsschule liegende bezeichnen, wennschon auch auf allen rein
+technischen Gebieten der gleiche Begriff des Ma&szlig;stabes genau in
+derselben Weise g&uuml;ltig ist und genau ebenso erarbeitet werden kann. In
+&auml;hnlicher Weise f&uuml;hrte auch das Durchqueren eines Tales (Isartal) und
+die darauffolgende Darstellung der Bewegung durch eine Zeichnung auf der
+Tafel in den <span class="g">Begriff des Profiles</span> ein, der nicht blo&szlig; der Geographie
+angeh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Auf den Wanderungen wurden die Gesteinsarten der n&auml;chsten Heimat von
+allen Kindern gesammelt: Kalk-, Quarz- und Kieselsteine aus dem
+Geschiebe der Isar, Nagelfluh aus ihren H&auml;ngen, Flinz, Lehm, Kalktuff.
+Ihre Untersuchung und Betrachtung ist gleichfalls kein Spezifikum der
+Geographie; sie geh&ouml;rt in die Anf&auml;nge der Mineralogie.<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180"> [180]</a></span></p>
+
+<p>Die mit der Heimatkunde verbundene Beobachtung von lebenden Fischen,
+Fr&ouml;schen und Muscheln im Freien und im Schulaquarium, von
+Entwicklungsvorg&auml;ngen im Raupenkasten, in den Blumenkisten des
+Schulzimmers sowie des Schulgartens dienten der Einf&uuml;hrung in die
+<span class="g">Biologie</span> von Tieren und Pflanzen durch selbst&auml;ndige Erarbeitung gewisser
+Vorstellungen und Begriffe.</p>
+
+<p>Was endlich den Unterrichtsstoff im ganzen betrifft, so sei hier nur
+angef&uuml;hrt, da&szlig; er sich in der <span class="g">dritten</span> Klasse mit M&uuml;nchen, mit der
+Umgebung M&uuml;nchens und mit dem Flu&szlig;gebiet der Isar, in der <span class="g">vierten</span> Klasse
+mit dem alten Stammlande Bayern befa&szlig;te.</p>
+
+<p><i>b</i>) <i>Rechnen.</i> Der Rechnungsunterricht kann das Arbeits- oder
+Erarbeitungsprinzip &uuml;berhaupt nicht verfehlen. Die Zahlenbegriffe m&uuml;ssen
+<span class="g">erarbeitet</span> werden &ndash; auch in der schlechtesten Schule &ndash;, oder sie sind
+&uuml;berhaupt nicht da. Der naturgem&auml;&szlig;e <span class="g">Gang der Erarbeitung</span> ist schon durch
+die nat&uuml;rliche Zahlenreihe selbst gegeben, wie er auch sp&auml;ter von den
+ganzen zu den gebrochenen, von den positiven zu den negativen, von den
+rationellen zu den irrationellen, von den reellen zu den imagin&auml;ren und
+<ins class="correction" title="kompleexn">komplexen</ins> Zahlen fortschreitet, ohne da&szlig; jemals der Versuch
+auch<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181"> [181]</a></span> nur denkbar w&auml;re, das Umgekehrte zu tun. Es liegt eben im Wesen
+des Zahlbegriffs, <span class="g">konstruktiver</span> Begriff zu sein.</p>
+
+<p>Alle rein konstruktiven Begriffe aber, sobald sie ein <span class="g">Werkzeug</span> des
+Denkens werden sollen, m&uuml;ssen unweigerlich <span class="g">erarbeitet</span> werden, d.&nbsp;h.
+jeder, der diese Kulturg&uuml;ter assimilieren will, mu&szlig; genau den gleichen
+Weg geistiger T&auml;tigkeit gehen, den der gegangen ist, der sie den
+Menschen geschenkt hat.</p>
+
+<p>Wie sehr also auch der Rechnungsunterricht ebenso wie der
+Geometrieunterricht losgel&ouml;st sein mag von aller praktischen Bet&auml;tigung
+(wie z.&nbsp;B. bei Pestalozzi in Ifferten), er tr&auml;gt in sich selbst auch in
+der abstraktesten Methode, sofern diese nur historisch-genetisch
+vorgeht, das Wesen des Arbeitsunterrichts, das eben darin besteht, in
+die Struktur des Bildungsgesetzes durch eigene T&auml;tigkeit einzudringen.
+Es gibt auch tats&auml;chlich Kinder, die derartig veranlagt sind, da&szlig; sie
+ohne alle Veranschaulichungs- und konkrete Einf&uuml;hrungsmittel die
+Zahlbegriffe ganz autonom aus dem Wesen des Verstandes heraus, der sie
+durch Setzen der Einheit von selbst erzeugt, in bewunderungswerter
+Klarheit <span class="g">erarbeiten</span>, und zwar im blo&szlig;en Verkehr mit der Umwelt.<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182"> [182]</a></span></p>
+
+<p>Je intensiver man daher die landl&auml;ufigen Rechenoperationen an die
+praktischen T&auml;tigkeiten des Kindes ankn&uuml;pft, um so weniger bedarf es
+besonderer Veranstaltungen, den Rechnungsunterricht im Sinne des
+Arbeitsunterrichts zu gestalten. Die Verbindung mit praktischer
+T&auml;tigkeit selbst ist blo&szlig; ein <span class="g">&auml;u&szlig;eres</span> Mittel zur m&ouml;glichst ausgiebigen
+Bet&auml;tigung der geistigen Funktionen, die auch ohne diese Verbindung die
+Zahlenbegriffe, wenn auch sehr viel langsamer und sp&auml;rlicher, von <span class="g">selbst</span>
+erarbeiten.</p>
+
+<p>Die menschlichen T&auml;tigkeiten aber, in denen sich die Zahlbegriffe
+urspr&uuml;nglich entwickelt haben, sind in Handwerk und Handel vereinigt.
+Die Schule kann daher auch nichts Besseres f&uuml;r die Entwicklung der
+Zahlbegriffe und des Rechnens tun, als in der Werkst&auml;tte durch st&auml;ndiges
+Sch&auml;tzen, Messen und Berechnen der Werkst&uuml;cke und ihrer Teile und im
+Schulzimmer durch best&auml;ndiges Z&auml;hlen, Messen, W&auml;gen, Kaufen und
+Verkaufen den Sch&uuml;ler in die vom ureigensten Interesse an diesen
+T&auml;tigkeiten geschaffene Zwangslage zu versetzen, t&auml;glich, st&uuml;ndlich
+Zahlbegriffe zu bilden und Rechenoperationen vorzunehmen.</p>
+
+<p>Da&szlig; unsere Schulen bisher das Rechnen in v&ouml;lliger Isoliertheit, wenn
+auch in der fiktiven Annahme<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183"> [183]</a></span> sogenannter praktischer Aufgaben, fern von
+aller praktischen, von st&auml;rksten Kinderinteressen erf&uuml;llten T&auml;tigkeit
+pflegten, das hat die unz&auml;hligen Methoden erzeugt, die &uuml;ber die g&auml;hnende
+Kluft der Interesselosigkeit Br&uuml;cken schlagen sollten, und die doch
+trotz aller Br&uuml;cken den Rechnungsunterricht wenig erfreulich f&uuml;r Kinder
+und Lehrer machen.</p>
+
+<p>Aber diese innige Verbindung von Rechnen und Werkt&auml;tigkeit, von Rechnen
+und Handeln, macht den Rechenunterricht nicht <span class="g">mehr</span> zum
+Arbeitsunterricht, als er es auch ohne alle solche Verbindung ohnehin
+schon ist, wenn er noch so abstrakt, aber methodisch richtig behandelt
+wird. Was diese Verbindung, die in unsern Versuchsklassen auf das
+innigste hergestellt wurde, bewirkt, das ist, da&szlig; <span class="g">die ganze F&uuml;lle des
+Interesses</span>, welches das Kind allem Tun entgegenbringt, <span class="g">restlos in die
+rechnerische T&auml;tigkeit &uuml;berstr&ouml;mt</span>.</p>
+
+<p>Was den Unterrichtsstoff selbst betrifft, so behandelte der
+Rechenunterricht der <span class="g">dritten</span> Klasse den Zahlenraum von 1-10000, der der
+<span class="g">vierten</span> Klasse den unbegrenzten Zahlenraum, wie in allen &uuml;brigen Klassen
+der M&uuml;nchener Volksschulen.<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184"> [184]</a></span></p>
+
+<p><i>c</i>) <i>Sprachunterricht.</i> Mit Beginn der dritten Klasse spaltet sich der
+in den Unterklassen im Schreibleseunterricht zusammengefa&szlig;te und
+einheitlich gestaltete Sprachunterricht in seine verschiedenen Zweige:
+Lesen, Grammatik, Aufsatz, Sch&ouml;nschreiben, Rechtschreiben. Jedem der
+f&uuml;nf Zweige sind besondere Stunden zugewiesen. Da&szlig; diese Spaltung viel
+zu fr&uuml;h einsetzt, ist eine Anschauung, der ich beipflichten mu&szlig;. Aber
+die Versuchsklassen mu&szlig;ten den f&uuml;r alle Schulen g&uuml;ltigen Lehrplan
+adoptieren und konnten so keine andern Wege gehen.</p>
+
+<p>Was das <span class="g">Lesen</span> betrifft, so handelt es sich hierbei a) um das Erwerben
+einer geistigen Technik, b) um das blo&szlig;e <span class="g">Erfassen</span> eines logisch
+geordneten Inhaltes, c) um das <span class="g">Erleben</span> eines Inhaltes aus einer in
+Wortsymbolen gegebenen Form. Das Kulturgut, das hier erarbeitet werden
+soll, ist entweder ein theoretisches Gut oder ein &auml;sthetisches Gut.</p>
+
+<p>Da die Lesefertigkeit nur durch Aus&uuml;bung des Lesens erzielt werden kann,
+und zwar durch lautes Lesen, so kann die Erarbeitung dieser Fertigkeit
+kaum verfehlt werden. Aber diese Fertigkeit kann eine
+mechanisch-virtuose und eine organisch-k&uuml;nstlerische sein. Die erste
+geht h&auml;ufig<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185"> [185]</a></span> am Sinne des Gelesenen vor&uuml;ber, die zweite ist ohne
+best&auml;ndiges Erfassen und Erleben des Inhaltes nicht zu erreichen. F&uuml;r
+diese zweite und einzig erstrebenswerte Art der Lesefertigkeit bietet
+sich a) das Mittel der mimisch-dramatischen Darstellung von Lesest&uuml;cken
+mit lebhafter Handlung (produktiver Weg), b) das Mittel der durch den
+Lehrer vorbereiteten Stimmung, aus der das Lesest&uuml;ck (Gedicht) geboren
+ist (rezeptiver Weg). Beide Wege betrat der Unterricht so ausgiebig als
+m&ouml;glich. Insbesondere ist auch f&uuml;r die <span class="g">ethische</span> Auswertung guter
+Erz&auml;hlungen und Gedichte, das Erzeugen der vorbereitenden Stimmung und
+die mit der dramatischen Darstellung notwendig verbundene Versenkung in
+den Inhalt weitaus fruchtbarer als alle nachtr&auml;gliche moralisierende
+Ausschlachtung des Gelesenen, vor dem man nicht genug warnen kann.
+<span class="g">Erleben</span> die Kinder das Gelesene, so haben sie es auch <span class="g">erarbeitet</span>; die
+Arbeitsschule hat ihr Prinzip vollauf damit gewahrt. Die moralische
+Analyse ist Sache eines anderen Unterrichts &ndash; des Moralunterrichts zur
+Bildung der moralischen Urteilsf&auml;higkeit.</p>
+
+<p>Mit moralischem Verhalten im Handeln darf aber weder das Erleben
+moralischer Werte im<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186"> [186]</a></span> Leseunterricht, noch viel weniger die Ausbildung
+der Urteilsf&auml;higkeit verwechselt werden. Von diesem Erleben und dieser
+Ausbildung des Urteils bis zum tats&auml;chlichen moralischen Verhalten ist
+noch ein ungemein weiter Weg, ein Weg auf den wir den Sch&uuml;ler nur durch
+die sozialen G&uuml;ter der <span class="g">Arbeitsgemeinschaft</span> f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Wie Lesen, so sind auch <span class="g">Sch&ouml;nschreiben</span> und <span class="g">Rechtschreiben</span> Fertigkeiten,
+Sch&ouml;nschreiben eine manuelle, Rechtschreiben eine intellektuelle. Auch
+bei diesen Fertigkeiten kann der Weg der Arbeitsschule nicht verfehlt
+werden; jede Fertigkeit mu&szlig; eben, damit sie Fertigkeit wird,
+systematisch erarbeitet werden. Die Versuchsklassen III und IV setzten
+selbstverst&auml;ndlich im Sch&ouml;nschreiben den in den Unterklassen
+eingeschlagenen Weg der sch&ouml;pferischen Erarbeitung einer gleichm&auml;&szlig;igen,
+der individuellen Sch&uuml;lerhand entsprechenden &raquo;Sch&ouml;n&laquo;-Schrift fort, wobei
+bereits in der dritten Klasse auch mit der Erarbeitung der deutschen
+Frakturschrift begonnen wurde. Der Erarbeitung der Rechtschrift dienten
+auch Betrachtungen &uuml;ber Wortbedeutung und Wortbildung.</p>
+
+<p>Mit der <span class="g">Sprachlehre oder Grammatik</span> setzt in der Volksschule der erste
+eigentlich theoretische<span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187"> [187]</a></span> Unterrichtsstoff ein. Da&szlig; schon die
+Mittelklassen damit ungl&uuml;ckseligerweise belastet werden, h&auml;ngt damit
+zusammen, da&szlig; an diese Klassen die Gelehrtenschulen anschlie&szlig;en, welche
+bei ihren Aufnahmepr&uuml;fungen elementare Kenntnisse in der deutschen
+Grammatik verlangen. Auch in dieser Disziplin ist der allein m&ouml;gliche
+Weg der Arbeitsschule l&auml;ngst allgemein betreten: der Weg der Induktion.
+Der einzige Nachteil ist, da&szlig; die Induktion auf dem Gebiete der Sprache
+nur zu Regeln mit soundso vielen Ausnahmen f&uuml;hrt, die eben nicht
+erarbeitet werden k&ouml;nnen, sondern &uuml;berliefert werden m&uuml;ssen. Aber auch
+selbst da, wo von den Ausnahmen geschwiegen wird, verbietet es die Reife
+bzw. die Unreife der acht- und neunj&auml;hrigen Kinder h&auml;ufig genug, selbst
+den induktiven Weg zu betreten. Die <span class="g">immanenten</span> Bildungswerte der
+Sprachg&uuml;ter kann eben im allgemeinen, abgesehen von gewissen
+&auml;sthetischen Bildungswerten, die Volksschule durch keinen
+Arbeitsschulbetrieb ausl&ouml;sen. Das ist zur Not noch den h&ouml;heren Schulen
+m&ouml;glich, die das ausgezeichnete Werkzeug der Sprachvergleichung hierzu
+zur Verf&uuml;gung haben.</p>
+
+<p>Vermag das Lesen zum <span class="g">Erleben</span> bereits dargestellter &auml;sthetischer Werte
+und der mit ihnen<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188"> [188]</a></span> auf das engste verbundenen ethischen Inhalte zu
+f&uuml;hren, so ist es Aufgabe des <span class="g">Aufsatzunterrichtes</span> erlebte Seeleninhalte
+darzustellen. Das allein soll seine Aufgabe sein; denn nur wenn der
+Aufsatz Erlebtes darstellt, wird man an die Darstellung auch &auml;sthetische
+Anspr&uuml;che machen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Grundzug aller Darstellung, also auch der sprachlichen, ist zun&auml;chst
+<span class="g">reine Sachlichkeit</span>. Sachlich k&ouml;nnen wir nur das darstellen, was wir
+vollst&auml;ndig beherrschen. Das Kind beherrscht im allgemeinen nur das, was
+es erlebt hat, in der Werkst&auml;tte, im Schulgarten, auf den Wanderungen,
+im Schulzimmer, am Schulwege, in der Familie. Aus diesen Erlebnissen
+w&auml;hlten die beiden Klassen die Stoffe ihrer sogenannten Aufs&auml;tze. Das
+Kind kann auch M&auml;rchen und Erz&auml;hlungen <span class="g">erleben</span>; das h&auml;ngt von der
+Darstellungskraft des Lehrers ab. Das wichtigste in den <span class="g">ersten &Uuml;bungen
+im schriftlichen Ausdrucke</span> &ndash; so sollte man den Aufsatzunterricht in der
+Volksschule bezeichnen &ndash; ist immer, da&szlig; das Darzustellende das <span class="g">volle
+Interesse</span> des Darstellers hat, und da&szlig; wom&ouml;glich auch ein <span class="g">praktischer
+Zweck</span> den Sch&uuml;ler zur Darstellung n&ouml;tigt. <span class="g">Das sind die beiden
+Hauptforderungen,<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189"> [189]</a></span> welche die Arbeitsschule an den Aufsatzunterricht
+stellt.</span> Auch wir Erwachsenen greifen nicht zur Feder a) wenn uns kein
+Erlebnis zu einem &auml;sthetischen Werke dr&auml;ngt, b) wenn unsere Darstellung
+keinen bestimmten Zweck erf&uuml;llt.</p>
+
+<p>Den Sch&uuml;lern aber mutet man zu, ohne Erlebnisse und ohne gewollten Zweck
+&ndash; Aufs&auml;tze zu machen. Man hat, um dies zu vermeiden, oft genug die Form
+des Briefes empfohlen. Aber ein Brief, der kein Bed&uuml;rfnis ist, hat auch
+keinen selbstgef&uuml;hlten Zweck, und daher sind die Briefaufs&auml;tze der
+Sch&uuml;ler um kein Haar besser als die &uuml;brigen Aufs&auml;tze.</p>
+
+<p>Neben der schriftlichen Darstellung wurde auch, wie in den beiden ersten
+Klassen, die m&uuml;ndliche ge&uuml;bt, vor allem durch die allw&ouml;chentliche
+m&uuml;ndliche Berichterstattung &uuml;ber die Vorkommnisse in der
+Sch&uuml;lerwerkst&auml;tte und &uuml;ber den Fortgang und die Art der jeweils in Frage
+stehenden Aufgaben der Werkst&auml;tte. Da es sich hier um <span class="g">gemeinsame</span>
+Erlebnisse handelt, so war bei diesen Berichten auch das
+Klasseninteresse wachgerufen.</p>
+
+<p><i>d</i>) <i>Religionsunterricht</i>. Der Religionsunterricht der Volksschule hat
+zwei Aufgaben zu l&ouml;sen: 1. die positiven Lehren der betreffenden<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190"> [190]</a></span>
+Konfession zu &uuml;bermitteln; 2. das religi&ouml;se Verhalten zu erwecken, zu
+entwickeln, zu veredeln und mit dem praktischen Verhalten zu
+verschmelzen.</p>
+
+<p>Die zweite Aufgabe ist die weitaus wichtigste; von ihrer richtigen
+L&ouml;sung h&auml;ngt auch die wertvolle L&ouml;sung der ersten Aufgabe ab. Die
+richtige L&ouml;sung der zweiten Aufgabe f&uuml;hrt unmittelbar in das Prinzip der
+Arbeitsschule. Alles h&auml;ngt davon ab, wie weit es dem Lehrer gelingt, die
+Beziehung zum Transzendenten, zu Gott <span class="g">erleben</span> zu lassen.</p>
+
+<p>Diesen Erlebnisakten dient teils die enge Verbindung des Unterrichts mit
+den Erlebnissen des Kirchenjahres, teils eine Darstellung der biblischen
+Geschichte, die durch die Kunst des Lehrers selbst zum Erlebnis f&uuml;r die
+Sch&uuml;ler wird. Erst auf dem Boden solcher religi&ouml;ser Erlebnisse gewinnen
+dann auch die nicht zu erarbeitenden, andern unmittelbar mitzuteilenden
+positiven Lehren der Konfession ihre Kraft und praktische Bedeutung. So
+wurde in der vierten Klasse, deren katholische Sch&uuml;ler zum ersten Male
+das Sakrament der Beichte empfangen, die biblische Parabel vom
+verlorenen Sohne durch entsprechende Darstellung zu einem gro&szlig;en
+Erlebnis gestaltet<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191"> [191]</a></span> und aus diesem Erlebnis die sakramentalen
+Erfordernisse einer Beichte zum Bewu&szlig;tsein gebracht. So wurde die
+Materie des S&uuml;ndenbekenntnisses aus kindlichen Erlebnissen, vor allem
+aus Gewissenskonflikten gewonnen. So wurde die Gewissenserforschung
+durch entsprechende Anleitung zu einer Lebensgewohnheit des Tages
+gemacht.</p>
+
+<p><i>e</i>) <i>Turnen und Singen</i> sind zun&auml;chst, wie der schriftliche sprachliche
+Ausdruck, Fertigkeiten. Soweit sie blo&szlig; Fertigkeiten sind, sind ihre
+&Uuml;bungen unmittelbar T&auml;tigkeiten im Sinne der Arbeitsschule. Die Technik
+des Turnens wie des Singens wird eben durch technische &Uuml;bungen
+<span class="g">erarbeitet</span>.</p>
+
+<p>Allein die Arbeitsschule als Schule der Charakterbildung pflegt keine
+Technik um der Technik willen. F&uuml;r sie soll jede erarbeitete Technik nur
+eine weitere Ausdrucksm&ouml;glichkeit der <span class="g">ganzen</span> Pers&ouml;nlichkeit sein. Daraus
+erwachsen dem Turn- und Singunterricht neue Aufgaben, die nicht gelehrt,
+sondern nur erlebt und nur aus dem pers&ouml;nlichen Erlebnis heraus gel&ouml;st
+werden k&ouml;nnen. Aus den Ereignissen der Zeit und den Verh&auml;ltnissen der
+Stunde entwickeln sich Gef&uuml;hle, die den Menschen von selbst zur
+Darstellung in der Bewegung<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192"> [192]</a></span> wie im Gesange dr&auml;ngen. Die Aufgabe der
+Arbeitsschule ist, allgemeine Seelenzust&auml;nde zu schaffen, die zur
+Darstellung dr&auml;ngen, und nebenher &Uuml;bungen zu veranstalten, welche es
+erm&ouml;glichen, den Gef&uuml;hlen vollen und zugleich &auml;sthetischen Ausdruck zu
+verleihen. Turnspiele, rhythmische Frei&uuml;bungen, Reigen, Nachahmungs- und
+Singspiele, von den Sch&uuml;lern selbst veranstaltete Schulfeste l&ouml;sen jene
+Stimmungen aus, denen die technischen &Uuml;bungen zum ad&auml;quaten Ausdruck
+verhelfen k&ouml;nnen. Auch religi&ouml;se und vaterl&auml;ndische Feste k&ouml;nnen dem
+rechten Lehrer, der unter ihrem Eindruck steht, zur Erweckung jener
+tiefen Gef&uuml;hle dienen, denen das Lied wie die Bewegung Ausdruck
+verleihen.</p>
+
+<p><i>f</i>) <i>Holzbearbeitungsunterricht.</i> Wie bereits erw&auml;hnt, stand der
+Holzbearbeitungsunterricht in der dritten und vierten Klasse mit dem
+heimatkundlichen Unterricht und dem Rechenunterricht in m&ouml;glichst enger
+Verbindung. Er entwickelte aber sein eigenes Arbeitsprinzip als Technik
+immer folgerichtiger. Denn nur so konnte er als wirkliches
+Bildungsmittel sein Recht im Lehrplane behaupten.</p>
+
+<p>Die Arbeitstechniken waren gleich denen der Vorjahre: Stumpfe
+Verbindungen, einfache Eck&uuml;berplattungen,<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193"> [193]</a></span> T-Verbindungen,
+Bohrzapfenverbindungen. Stets wurde auf eine genaue, selbst&auml;ndige
+Ausf&uuml;hrung aller Verb&auml;nde gesehen.</p>
+
+<p><span class="g">Als Material</span> dienten: gleich- und ungleichseitige Vierkantst&auml;be und
+Rundst&auml;be aus Tannen-, Fichten-, Erlen- und Buchenholz; Draht und
+Drahtgitter, Klammern, Schrauben; Farben, Beizen, Polituren;
+Flintpapier, Leim, Brennspiritus.</p>
+
+<p><span class="g">Als Werkzeuge</span> wurden benutzt: Ma&szlig;stab, Bleistift, Winkel, Rei&szlig;ahle,
+Gehrungsschneidlade, Einstreichs&auml;ge, Raspel, Plattfeile, halbrunde
+Feile, Handbohrer, Hammer, Bei&szlig;zange, Drahtzange, Schraubzwinge, Lehren
+f&uuml;r Bohrzapfen, Holzkl&ouml;tzchen zum Anrei&szlig;en.</p>
+
+<p><span class="g">Als Arbeitsvorg&auml;nge</span> sind zu verzeichnen: Messungen und Berechnungen in
+gro&szlig;er F&uuml;lle, Anzeichnen oder Anrei&szlig;en, S&auml;gen, Raspeln, Feilen, Bohren,
+Nageln, Schleifen, Beizen und Einlassen mit Politur.</p>
+
+<p>Vor Beginn jeder neuen &Uuml;bung fand jeweils eine Besprechung statt, in
+welcher das <span class="g">Material</span>, die Form, der Zweck sowie die Zergliederung und
+Benennung von Haupt- und Nebenteilen <span class="g">an der Hand von Modellen</span> sorgf&auml;ltig
+erl&auml;utert wurde. Vor jedem Arbeitsproze&szlig; wurden die Arbeitsvorg&auml;nge auf
+das genaueste erkl&auml;rt<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194"> [194]</a></span> und <span class="g">vorgemacht</span> sowohl vom Lehrer als auch von
+einzelnen Sch&uuml;lern.</p>
+
+<p>Neben richtiger Handhabung der Werkzeuge sowie genauer Ausf&uuml;hrung aller
+einzelnen Arbeiten wurde ganz besonderer Wert auf das <span class="g">Messen und
+Berechnen</span> aller Teile gelegt. Einer richtigen Handhabung und Benutzung
+des Winkels wurde besondere Aufmerksamkeit zugewendet.</p>
+
+<p>Die Kosten f&uuml;r den gesamten Materialverbrauch beliefen sich in der
+dritten Klasse auf 72,20 Mark, in der vierten Klasse auf 87,24 Mark, so
+da&szlig; auf den Sch&uuml;ler der dritten Klasse rund 1,50, auf den der vierten
+Klasse rund 2 Mark Materialverbrauch im Jahre kommen.</p>
+
+<p><span class="g">Arbeiten der dritten Klasse.</span> 1. <span class="g">Sandkasten</span>, 50&times;35&times;6 cm, f&uuml;r den
+heimatkundlichen Unterricht. Je zwei Sch&uuml;ler fertigen einen Kasten. Nur
+im Jahre 12/13 in 24 St&uuml;ck angefertigt f&uuml;r den Unterricht. (10 Std.)</p>
+
+<p>2. <span class="g">Raupenk&auml;sten</span>, 50&times;35&times;31 cm, f&uuml;r den heimatkundlichen Unterricht. Jede
+Abteilung fertigt einen Kasten. In sp&auml;teren Jahren Raupenk&auml;stchen (s.
+Figur <a href="#tafel3">Tafel III</a>) von je zwei Sch&uuml;lern gefertigt im Ma&szlig;stab 27&times;17,5&times;15
+cm. (20 Std.)<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195"> [195]</a></span></p>
+
+<p>3. <span class="g">Plakatst&auml;nder.</span> Einzelarbeit. (4 Std.)</p>
+
+<p>4. <span class="g">Feldkreuz</span> mit Betbank. Eine der liebsten Arbeiten der Sch&uuml;ler. H&ouml;he
+36 cm, Dachausladung 19 cm, Boden f&uuml;r Kreuz und Bank 20&times;20 cm.
+Einzelarbeit. (17 Std.)</p>
+
+<p>5. <span class="g">Schlagbaum.</span> 79&times;46 cm. Einzelarbeit. (15 Std.)</p>
+
+<p>6. <span class="g">Schleuse</span> (s. Figur <a href="#tafel4">Tafel IV</a>), 23 cm in der H&ouml;he, Grundbrett 24&times;25 cm.
+Einzelarbeit. (12 Std.)</p>
+
+<p>Die s&auml;mtlichen Arbeiten beanspruchen also im Jahre zusammen 78 Stunden.</p>
+
+<p><span class="g">Arbeiten der vierten Klasse.</span> 1. <span class="g">Flo&szlig;</span> f&uuml;r Holztransport. Zusammenbinden
+der Baumst&auml;mme mit selbstgefertigten Drahtseilen. 2. Ruder. Auf dem Flo&szlig;
+eine Holzbeuge. Einzelarbeit. 28&times;14 cm. (17 Std.)</p>
+
+<p>2. <span class="g">Meterstab</span> in Erlenholz. 100&times;10&times;2,8 cm. Dezimeter- und
+Zentimeterteilung von den Sch&uuml;lern hergestellt. Der Stab selbst wird in
+richtiger Gr&ouml;&szlig;e den Sch&uuml;lern geliefert. Dezimeterstellen durch die
+Breite des Stabes ges&auml;gt, halbe Dezimeterstellen durch die halbe Breite
+mit Stahlblechmei&szlig;eln eingemei&szlig;elt. Die Zentimeterstellen: Vorrei&szlig;en mit
+Rei&szlig;ahle, auf ein Drittel Stabbreite, dann wieder Einmei&szlig;eln mit<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196"> [196]</a></span>
+Stahlblechmei&szlig;eln. Einlassen mit Politur; &Uuml;berwischen mit Nu&szlig;beize. Die
+vertieften Stellen werden dunkel. Einzelarbeit. (10 Std.)</p>
+
+<p>3. <span class="g">Vogelfutterh&auml;uschen.</span> Bodenbrett 40&times;28 cm, H&ouml;he bis zur Dachunterkante
+15. Dachh&ouml;he 15. S&auml;ulen und Balken aus Vierkantst&auml;ben 2&times;2 cm.
+Dachsparrenquerschnitt 2&times;1 cm. Dachsparren gedeckt mit Brettern.
+Einzelarbeit. (16 Std.)</p>
+
+<p>4. <span class="g">Starenhaus</span> (s. Figur <a href="#tafel5">Tafel V</a>). H&ouml;he 35. Breite und Tiefe 16 cm.
+Einzelarbeit. (14 Std.)</p>
+
+<p>5. <span class="g">Maibaum.</span> 70 cm hoch. Bodenbrett 16&times;16 cm mit Umz&auml;unung. Baum
+eingeteilt in drei Abteilungen. Erste Abteilung mit Fahnen in bayrischen
+Farben. Zweite Abteilung: Werkzeuge der Versuchsschule. Dritte
+Abteilung: Kirche und Schule. Alles nach Art der Spielwaren
+selbstgefertigt. Schlu&szlig; wieder zwei Fahnen in M&uuml;nchener Stadtfarben.
+Einzelarbeit. (22 Std.)</p>
+
+<p>Die s&auml;mtlichen Arbeiten beanspruchen also im Jahre zusammen 79 Stunden.</p>
+
+<p><i>g</i>) <i>Weibliche Handarbeiten.</i> Der Unterricht setzte die Techniken der
+ersten und zweiten Klasse fort: Stricken, Sticken und N&auml;hen. In der
+vierten Klasse wurden die Strick&uuml;bungen der dritten Klasse auf einen
+Schlips oder Kragenschoner<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197"> [197]</a></span> angewendet. Als neue Technik im Sticken
+wurde der Kreuzstich eingef&uuml;hrt, und wie das Musterstricken zu einem
+Schlips, so f&uuml;hrte die Fertigstellung des Kreuzstichmusters zum Umschlag
+eines Nadelb&uuml;chleins, dessen Innenseiten die Sch&uuml;lerinnen mit
+Stoffresten und B&auml;ndern ausarbeiteten. Als Einlage wurden Flanellflecke
+genommen, die zugleich eine Gelegenheit f&uuml;r Schneide&uuml;bungen boten.
+Endlich befa&szlig;te sich die vierte Klasse noch mit Sticken einer <span class="g">Borte</span> auf
+geschlossenem Faden und weichem Gewebe, die von den Kindern selbst
+entworfen und als Zwischensatz f&uuml;r eine von den Kindern selbst
+hergestellte Sch&uuml;rze diente.</p>
+
+
+<h3><a name="SCHLUSSBETRACHTUNGEN" id="SCHLUSSBETRACHTUNGEN"></a>4. SCHLUSSBETRACHTUNGEN</h3>
+
+<p>Mit der Darstellung des Unterrichtsbetriebes der vier ersten
+Volksschulklassen im Sinne einer Arbeitsschule ist das Bild der
+genehmigten Versuchsklassen abgeschlossen. Was hier gegeben wurde, ist
+nur ein Beispiel eines Versuches und nicht einmal eines v&ouml;llig freien
+Versuches, weil ja die Lehrziele jeder Klasse und jedes
+Unterrichtsfaches von vornherein durch die f&uuml;r s&auml;mtliche
+Volksschulklassen genehmigten Lehrpl&auml;ne auch f&uuml;r die Versuchsklassen
+vorgeschrieben<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198"> [198]</a></span> waren. Ich bin mir keinen Augenblick im unklaren
+dar&uuml;ber, da&szlig; eine Ausdehnung des Holzbearbeitungsunterrichts von 2 auf 6
+Stunden in der Woche in den beiden ersten, auf 4 in den beiden n&auml;chsten
+Klassen und eine Verbindung mit Gartenarbeiten eine noch weit st&auml;rkere
+Konzentration des Gesamtunterrichtes erm&ouml;glichen w&uuml;rde, vielleicht unter
+Verschiebung der Ziele der ersten zwei oder drei Schuljahre in andern
+Unterrichtsf&auml;chern, aber unter st&auml;rkster Wirkung f&uuml;r die
+Gesamtpers&ouml;nlichkeit des Kindes. Denn nur, wo wir die ausschlie&szlig;lich in
+diesem Alter vorwiegenden praktischen Interessen des Kindes packen,
+bekommen wir mit einem Schlage seine ganze Pers&ouml;nlichkeit in die Hand.
+Erst aus seinen Interessen heraus wird das Kind in Wahrheit
+&raquo;selbstt&auml;tig&laquo; und damit in seiner Totalit&auml;t &raquo;selbstbildend&laquo;. So wie die
+gew&ouml;hnliche Schule &raquo;Selbstt&auml;tigkeit&laquo; auffa&szlig;t, handelt es sich blo&szlig; um
+&raquo;T&auml;tigkeit&laquo;, die nat&uuml;rlich das Kind &raquo;selbst&laquo; aus&uuml;bt. Aber damit ist ja
+gar nichts gewonnen. Es handelt sich nicht darum in der Arbeitsschule,
+da&szlig; das Kind &raquo;selbst&laquo; t&auml;tig ist, sondern darum, da&szlig; es &raquo;<span class="g">aus seinem
+Selbst</span>&laquo; zur T&auml;tigkeit gen&ouml;tigt wird. Damit erst tritt der <span class="g">ganze</span> Mensch
+mit seinem Empfinden, Vorstellen, Denken,<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199"> [199]</a></span> mit allen seinen Gef&uuml;hlen,
+Trieben und Willensakten in die T&auml;tigkeit ein, und nicht weil ihm ein
+anderer den Zweck des Tuns einige Augenblicke &raquo;interessant&laquo; macht, weil
+der Lehrer das Interesse (soll hei&szlig;en die Neugierde) erweckt, sondern
+weil der Mensch aus seiner inneren zeitweiligen oder dauernden
+Gesamtveranlagung gar nicht anders <span class="g">kann</span>. Die landl&auml;ufige P&auml;dagogik
+vergi&szlig;t immer, da&szlig; ein blo&szlig; <span class="g">interessant gemachter</span> Gegenstand bei weitem
+nicht jene Kr&auml;fte im allgemeinen ausl&ouml;st wie ein <span class="g">vom eigensten Interesse
+ergriffener</span> Gegenstand. Sobald aber erst einmal die &raquo;Selbstt&auml;tigkeit&laquo;
+aus dem innersten Bed&uuml;rfnis nach Erzeugung eines Objekts entsprungen
+ist, dann ergreift sie alles, was mit der rechten Erzeugung notwendig
+verbunden werden kann, Rechnen, Zeichnen, ja selbst Lesen und Schreiben
+mit der gleichen Wucht der nach Erf&uuml;llung des Bed&uuml;rfnisses dr&auml;ngenden
+ganzen Seele.</p>
+
+<p>Die M&uuml;hsal des Unterrichtes und die Gequ&auml;ltheit seiner Methoden in den
+Klassen der Volksschule ist nur deshalb bisweilen so gro&szlig;, weil unsere
+ganze Volksschule auf die im Kindesalter h&auml;ufig noch sehr sp&auml;rlich
+entwickelten <span class="g">intellektuellen Interessen</span> eingestellt ist, w&auml;hrend sie<span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200"> [200]</a></span>
+<span class="g">soziale</span> und <span class="g">technische</span> Interessen, die im Kindesalter absolut
+vorherrschen, v&ouml;llig ignoriert. Ich erhebe mit vollem Bewu&szlig;tsein diesen
+Vorwurf. Denn damit, da&szlig; die Schule soziale &raquo;Lehre&laquo; gibt, oder in der
+Stellung ihrer theoretischen Aufgaben das praktische Leben als
+Hintergrund w&auml;hlt, ber&uuml;cksichtigt sie in keiner Weise die sozialen und
+technischen Interessen des Kindes. Die wirklichen Interessen des Kindes
+<span class="g">schreien</span> nach Handeln, nach praktisch-sozialem oder
+praktisch-technischem Handeln. Und nur im Handeln werden die Kulturg&uuml;ter
+<span class="g">erarbeitet</span>.</p>
+
+<p>Diese elementaren Lehren aller Erziehung werden aber erst Leben und
+Kraft gewinnen, wenn diejenigen Schulen, die unsere Lehrer erziehen,
+selbst Arbeitsschulen geworden sind. Wer nicht gew&ouml;hnt wurde, seinen
+seelischen Besitz sich selbst zu erarbeiten, mit Selbst&uuml;berwindung und
+R&uuml;cksichtslosigkeit gegen die eigene Natur, mit unerm&uuml;dlicher Ausdauer
+und reinem Erkenntnisdrang, und wer keinen tieferen Einblick getan hat
+in die eigentliche Werkst&auml;tte des kindlichen Geistes, in das Triebwerk
+seiner Interessen, dem wird das Wesen der Arbeitsschule immer ein R&auml;tsel
+bleiben.</p>
+
+<p><a id="tafel1" name="tafel1"></a></p>
+<div class="figcenter pad">
+ <p class="caption">Tafel I</p>
+ <img src="images/tafel1.jpg" width="500" height="748"
+ alt="I. Klasse Baukasten mit 32 Bausteinen, &#8531; nat. Gr." />
+</div>
+
+<p><a id="tafel2" name="tafel2"></a></p>
+<div class="figcenter pad">
+ <p class="caption">Tafel II</p>
+ <img src="images/tafel2.jpg" width="500" height="747"
+ alt="II. Klasse Waschkreuz, &frac14; nat. Gr." />
+</div>
+
+<p><a id="tafel3" name="tafel3"></a></p>
+<div class="figcenter pad">
+ <p class="caption">Tafel III</p>
+ <img src="images/tafel3.jpg" width="500" height="757"
+ alt="III. Klasse Raupenk&auml;stchen, &frac14; nat. Gr." />
+</div>
+
+<p><a id="tafel4" name="tafel4"></a></p>
+<div class="figcenter pad">
+ <p class="caption">Tafel IV</p>
+ <img src="images/tafel4.jpg" width="500" height="752"
+ alt="III. Klasse Schleuse, &frac14; nat. Gr." />
+</div>
+
+<p><a id="tafel5" name="tafel5"></a></p>
+<div class="figcenter pad">
+ <p class="caption">Tafel V</p>
+ <img src="images/tafel5.jpg" width="500" height="673"
+ alt="IV. Klasse Starenhaus, &frac14; nat. Gr." />
+</div>
+
+
+
+<h2><a name="Schriften_von_Georg_Kerschensteiner" id="Schriften_von_Georg_Kerschensteiner"></a>Schriften von Georg Kerschensteiner</h2>
+
+
+<h3>Der Begriff der staatsb&uuml;rgerlichen Erziehung</h3>
+
+<p class="center">4. erweiterte Auflage. Kart. M.&nbsp;3.50</p>
+
+<p>Bestimmt den Begriff der staatsb&uuml;rgerlichen Erziehung als Erziehung des
+Charakters zu wahrer Staatsgesinnung und zeigt die Mittel und Wege zur
+Verwirklichung dieses Zieles, gipfelnd in der Ausgestaltung der Schulen
+zu Arbeitsgemeinschaften.</p>
+
+
+<h3>Deutsche Schulerziehung in Krieg und Frieden</h3>
+
+<p class="center">Geheftet. M.&nbsp;2.80</p>
+
+<p><span class="g">Inhalt</span>: I. &Uuml;ber das eine u. einzige Ziel d. Erziehung in Krieg u.
+Frieden. II. Der Weg z. Pflichtbewu&szlig;tsein. III. Der Weg z.
+Staatsgesinnung. IV. Die Schule als Kulturmacht. V. Die Probleme der
+nationalen Einheitsschule.</p>
+
+<p>Die hier gebotenen Aufs&auml;tze verbindet ein einheitlicher Gedankengang. In
+drei Eigenschaften des Charakters seiner B&uuml;rger liegt die innere St&auml;rke
+eines Staatswesens in Krieg und Frieden: in ihrer <span class="g">moralischen
+Tapferkeit</span>, in ihrem <span class="g">Pflichtbewu&szlig;tsein</span> und in ihrer <span class="g">Staatsgesinnung</span>. Sie
+bilden das dreifache Ziel eines jeden Systems eines nationalen deutschen
+Schulwesens. Dieses dreifache Ziel stellt aber gewisse Bedingungen an
+den <span class="g">inneren Ausbau</span> der einzelnen Schulgattung sowie an die <span class="g">einheitliche
+Gestaltung</span> des gesamten deutschen Schulwesens.</p>
+
+
+<h3>Charakterbegriff und Charaktererziehung</h3>
+
+<p class="center">2. Auflage. Geheftet M.&nbsp;2.60, gebunden M.&nbsp;4.&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Das Wertvolle an dem Buche scheint mir darin zu liegen, da&szlig; eine der
+wichtigsten Fragen der praktischen Erziehung in ihrer ganzen Tiefe und
+in ihrem ganzen Umfange zu erfassen versucht ist. Es scheint mir typisch
+f&uuml;r die ernsten und wertvollen Bestrebungen in der modernen P&auml;dagogik,
+jedenfalls sollte man nicht daran vor&uuml;bergehen.&laquo; (Hamb. Schulztg.)</p>
+
+
+<h3>Grundfragen der Schulorganisation</h3>
+
+<p class="center">Eine Sammlung von Reden, Aufs&auml;tzen und Organisationsbeispielen.</p>
+
+<p class="center">4. Auflage. [U.&nbsp;d. Pr. 1920.]</p>
+
+<p>&raquo;Wer zu einem Problem der Schulreform Stellung nehmen will, mu&szlig; sich mit
+Kerschensteiner auseinandersetzen. Das Studium seiner Schriften bietet
+eine reiche Gedankenf&uuml;lle und scharfe Beweisf&uuml;hrung in feinem Stil. Bei
+aller Gro&szlig;z&uuml;gigkeit seiner Pl&auml;ne bleibt K. doch stets auf dem Boden der
+Wirklichkeit, so da&szlig; man immer den Eindruck hat: hier spricht ein
+bodenst&auml;ndiger Praktiker, der die z&auml;he Energie hat, das als richtig
+erkannte Ziel auch zu erreichen.&laquo; (Th&uuml;ringer Schulblatt.)</p>
+
+
+<h3>Wesen u. Wert des naturwissenschaftl. Unterrichts</h3>
+
+<p class="center">Geheftet M.&nbsp;3.&ndash;</p>
+
+<p>Indem die Untersuchung darlegt, da&szlig; und wie die rechte Besch&auml;ftigung mit
+den Naturwissenschaften die Seele mit dem Geist der Gesetzm&auml;&szlig;igkeit und
+dem Bed&uuml;rfnis nach eindeutiger Formulierung der Begriffe erf&uuml;llt, leitet
+sie naturgem&auml;&szlig; zur Untersuchung &uuml;ber den ethischen Wert des
+naturwissenschaftlichen Unterrichts. Dabei stellt sich klar heraus, da&szlig;
+er notwendig der Erg&auml;nzung durch den sprachlich-histor. Unterricht
+bedarf. Den Schlu&szlig; bilden Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Organisation der
+realistischen Schulen, die die Erziehungswerte des
+naturwissenschaftlichen Unterrichtes voll zur Geltung kommen l&auml;&szlig;t.</p>
+
+
+<p class="center newsection">Auf s&auml;mtliche Preise Teuerungszuschl&auml;ge des Verlags (April 1920 80%,
+Ab&auml;nderung vorbehalten) und der Buchhandlungen.</p>
+
+<hr />
+
+<p class="center">Verlag von B.&nbsp;G. Teubner in Leipzig und Berlin</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Begriff der Arbeitsschule, by Georg Kerschensteiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEGRIFF DER ARBEITSSCHULE ***
+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
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+
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
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+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
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