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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Und die ihr alle meine Brüder seid + +Author: Ida Frohnmeyer + +Illustrator: Carl F. Nahm + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24175] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<h1>Und die ihr alle +meine Brüder seid</h1> + +<p class="center">Erzählungen<br /> +<small>von</small><br /> +<big>Ida Frohnmeyer</big></p> + +<p class="center"><small>1.–5. Tausend</small></p> + +<div class="figcenter" style="width: 100px;"> +<img src="images/signet_100.png" width="100" height="106" alt="" title="" /> +</div> + +<p class="center">Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn</p> + +<p class="center margin-b">1920</p> + +<p class="center">Copyright 1920 by <span class="gesperrt">Eugen Salzer</span>, Heilbronn</p> + +<p class="center"><small>(Gesetzl. Formel für den Schutz des Inhalts in den Vereinigten +Staaten von Amerika)</small></p> + +<p class="center">Den Einband zeichnete <span class="gesperrt">Carl F. Nahm</span></p> + +<p class="center">Druck der Chr. <span class="gesperrt">Belserschen</span> Buchdruckerei in Stuttgart</p> + + + +<hr style="width: 65%;" class="abstand"/> +<h2><a name="Barbara" id="Barbara"></a>Barbara.</h2> + + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten, +so daß der mächtige Birnbaum gleichermaßen +die an der Mauer liegende Gräberreihe, wie +auch die Gemüsebeete der Frau Pfarrer beschattet. +Der Fliederstrauch, dessen Blütezeit alljährlich ein +beglückendes Wunder der Schönheit ist, reckt sich +mit seinen reichsten Ästen – ein wenig zum Kummer +des Pfarrherrn – in den stillen Garten hinüber. +Dafür klettert aber aus diesem breitblättriges Grün +in die Höhe, und plötzlich tun sich über der Mauer +die blaudunkeln Augen der Clematis auf.</p> + +<p>Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden, +ob ihr die Nachbarschaft des Friedhofs nicht unheimlich +und drückend sei. Aber sie schüttelt den +Kopf, und im Herzen denkt sie, daß es demjenigen, +der so lange Jahre hindurch dicht neben dem stillen +Garten gelebt, einmal leichter falle, sich in eines +der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht, +obwohl sich einige ihrer Gäste erstaunt, ja beinahe +mißbilligend darüber äußern, fast allabendlich durch +die kleine Pforte, die aus ihrem eigenen, mit lachendem +Leben gefüllten Garten in den stillen +hinüberführt. Wenn sie dann zurückkommt, ist ihr +Antlitz vielleicht ein wenig blasser, aber die Augen +haben einen hellen und gütigen Schein, und ihre +Schritte sind ruhig und kraftvoll.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>An einem Sommerabend, der ganz gesättigt war +vom Glanz und Duft der heißern Stunden, ging +die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die +zwischen den Gräbern laufen.</p> + +<p>Sie war nicht allein. Eine jüngere Freundin, von +der sie lange Jahre getrennt gewesen, ging an ihrer +Seite und schaute mit großen, ein wenig verträumten +Augen über die blumenbunten Gräber. Plötzlich blieb +sie an einem mit Immergrün bedeckten Hügel stehen +und las mit halblauter Stimme die Worte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Hier müssen doch aufhören die Gottlosen mit Toben;<br /></span> +<span class="i0">hier ruhen doch, die viel Mühe gehabt haben.<br /></span> +</div></div> + +<p>„Was ist das für ein Grab? Steht der Spruch +wirklich in der Bibel, Anne?“</p> + +<p>„Ja. Im Buch Hiob. Nur heißt es dort statt +‚hier‘ daselbst, und das ist auch der Grund, weshalb +mein Mann keine Stellenangabe wünschte. +Aber das war der alten Schäufele gleichgültig. Sie +war schon zufrieden, daß der Spruch überhaupt bestehen +durfte, und daß sie keinen Namen anzugeben +brauchte. Sie erzählte mir, sie habe mit dem Maler +einen schweren Stand gehabt, denn er wollte ihr +durchaus den absonderlichen Spruch ausreden und +zum wenigsten am Fuß des Kreuzes ‚Auf Wiedersehen‘ +anbringen. Aber gerade dies Wort konnte +ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.“</p> + +<p>„Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst! +Wer liegt hier begraben? Ich bin sicher, dies Grab +hat eine Geschichte.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>„Ja … Eine schwere Geschichte. Wenn du sie +hören willst, so komm' hinüber zu dem kleinen +Bänkchen. Man sieht von dort gerade auf das +Haus, wo meine Geschichte den Anfang nimmt.“</p> + +<p>Die Freundin schob ihren Arm in den der Pfarrfrau. +Sie schritten zu der kleinen Bank hinüber, +die unter den Zweigen einer Trauerweide steht, und +setzten sich. Aber Frau Anne begann nicht zu erzählen. +Sie hatte die Hände ineinander gelegt und +starrte mit leidvollen Augen zu dem Haus hinüber, +das sie der Freundin bezeichnet. Diese aber, da sie +den Ausdruck in der Pfarrfrau Gesicht gewahrte, +wagte keine drängende Frage mehr. Ihr war, ein +dunkler Schatten lege sich über die sonnenwarme +Herrlichkeit des Abends. Stieg er wie ein arger +Zauber aus jenem Grab empor, oder woben ihn +Frau Annes dunkle Gedanken?</p> + +<p>Da tat diese einen tiefen Atemzug und hob an:</p> + +<p>„Ich kann mir noch so gut denken, wie ich Barbara +zum erstenmal gesehen. Sie war damals acht Jahre +alt, ein feines, schlankes Dinglein. Unser Annele +brachte sie mir, etwa eine Woche nachdem wir hier +aufgezogen waren, in den Garten und schrie schon +von weitem mit triumphierender Stimme: ‚Mutter, +da hab' ich eine Freundin!‘ Ich schaute ihnen mit +einiger Spannung entgegen, denn das Freundschaftsbedürfnis +meiner Tochter hatte mich schon +etliche Male mit etwas überraschenden Gästen bekannt +gemacht. Aber diesmal konnte ich die Freude, +die aus Anneles schwarzen Augen funkelte, wirklich<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +verstehen und teilen. Man mußte das Kind auf +den ersten Blick liebgewinnen. Kennst du das Bild +von Uhde: Lasset die Kindlein zu mir kommen?… +Inmitten einer Bauernstube, nein, eigentlich sieht +es mehr wie eine Küche aus, sitzt der Herr Jesus, +umgeben von einer Schar größerer und kleinerer +Kinder. Es sind auch Erwachsene dabei. Dicht vor +Jesus steht ein kleines Mädchen, ein blondes, herzerquickendes +Kind, das sein ausgestrecktes Händchen +in Jesu Hand legt und mit ernsten Augen zu ihm +aufschaut. Dies kleine Mädchen habe ich in Gedanken +immer ‚das Kind‘ genannt. Ich meine so: +es ist für mich die Verkörperung alles dessen, was +mich am Kinde wie ein holdseliges, ehrfurchtgebietendes +Geheimnis berührt. Und an dieses +Kind gemahnte mich die kleine Barbara.</p> + +<p>Sie kam auf mich zu mit einem zaghaften Lächeln +in den blauen Augen. Im Nacken baumelte ein +krummes weißblondes Zöpfchen, über der Stirne +ringelten sich krause, schimmernde Härchen. Ich +konnte nicht anders, ich mußte das Kind in meine +Arme ziehen. Mein Annele mit ihrem scharfen +Blick hat mir wohl angesehen, daß ich das Kind +nicht nur in die Arme, sondern ins Herz schloß. Sie +drängte sich plötzlich an mich, gab mir einen schallenden +Kuß und erklärte in sehr bestimmtem Ton: +‚Du, Barbara, das ist aber <em class="gesperrt">meine</em> Mutter! +Du mußt Frau Pfarrer sagen.‘ Die kleine Barbara +lachte, und nun sah sie womöglich noch liebreizender +drein, denn zwischen den tiefroten Lippen blitzten<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +gesunde Zähne, und in den runden Backen kamen +Grübchen zum Vorschein.</p> + +<p>Ich ging mit den Kindern ins Haus und war +beinahe so eifrig wie mein Annele im Vorführen +der Puppen und andern Herrlichkeiten. Und ich +gewann das Kind mit jeder Minute lieber. Es tat +so feine, nachdenkliche Fragen, es hatte so sorglich +zugreifende Händchen, und – es konnte ein Bilderbuch +beschauen. So, jetzt lachst du und denkst wohl, +das könne ein jedes Kind. Keine Rede davon! +Wenn ich an Annele oder an ihre Kinder denke! +Darin gleichen sie alle der Mutter: gibt man ihnen +ein Bilderbuch, so schlagen sie Seite um Seite so +rasch um, daß man meinen könnte, darin bestehe +das Vergnügen eines Bilderbuchs. Aber die kleine +Barbara sah sich jedes Bildchen mit andächtigen +Augen an. Nichts, nichts entging ihr. Und über +alles machte sie ihre eigenartigen kleinen Bemerkungen.</p> + +<p>Einmal schenkte ich ihr ein Bildchen, drauf +Schneeglöckchen gemalt waren, und sagte dazu: +‚Um dies Glöcklein zu hören, muß man gar feine +Ohren haben.‘ Da nickte die kleine Barbara und +sagte: ‚Ja, ich hab' es einmal gehört. Und der +liebe Gott hat's auch gehört und der Herr Jesus +und die Sonne und der Wind und die Blumen.‘</p> + +<p>Ganz leise und langsam kamen die Worte heraus. +Und dazu diese Märchenaugen – ich muß gestehen, +es kam etwas wie Neid über mich, wenn ich an +Barbaras Mutter dachte. Mein Annele war solch<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +praktisches Diesseitsmenschlein. Sie hatte nie verträumte +Augen, und tat nie eine Äußerung, die mir +gezeigt hätte, daß ihr Seelchen sich ein eigen klein +Wunderreich gebaut. Ich fürchtete mich manchmal +beinahe, ihr eine Geschichte zu erzählen, denn beim +geringsten Wunderbaren kam das bezweifelnde oder +entrüstete Wort: ‚Aber Mutter, ist das wahr?‘</p> + +<p>Die kleine Barbara unterbrach mich nie, wenn +ich erzählte. Sie konnte auch nicht, wie Annele tat, +nebenher zeichnen oder sticheln. Sie saß und schaute +mich unverwandt an, und meine Geschichten +wurden mir erst jetzt im Spiegel dieser Augen so +recht lebendig.</p> + +<p>Später habe ich manchmal gedacht, daß es besser +gewesen wäre, ich hätte die Freude des Kindes am +Wunderbaren und Geheimnisvollen nicht so sehr +genährt. Ich glaubte, sie habe das kleine Freudenlicht +in ihrem Alltag nötig, und ahnte nicht, daß +es zur verzehrenden Flamme werden würde.</p> + +<p>Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in +Barbaras Elternhaus hinüberzugehen. Ich kannte +die Leute zwar noch nicht näher, aber ich hatte um +des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen +und glaubte damals, daß ein derartiges Blümlein +Wunderhold nur einem gehegten Gärtlein entsprießen +könne.</p> + +<p>Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war +sie merkwürdig still. Ich achtete erst nicht darauf, +da ich innerlich stark mit einer Sache beschäftigt war. +Aber als das Kind auch während ich das Zimmer<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +in Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette saß, +fiel es mir auf, und zugleich kam es mir zum Bewußtsein, +daß sie noch kein Wort von ihrem Besuch +bei Schäufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht. +Ich wußte, über kurz oder lang würde das Redebächlein +schon wieder plätschern. Das Annele saß +ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen. +Zuletzt setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein +und fragte: ‚Wollen wir jetzt beten?‘</p> + +<p>Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte: +‚Ja … Und weißt du auch, für was ich jetzt dem +lieben Gott danken will? Gar nicht für den schönen +Tag, denn es war kein schöner. Aber weil du so eine +nette Mutter bist, will ich ihm danken. Du hast mich +so schön gewaschen und gekämmt und hast den Waschtisch +so hübsch aufgeräumt, und deine Schürze ist +sauber, und deine Hände sind weich, und – <span style="white-space:nowrap;">und –‘</span></p> + +<p>Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar +nichts Lobenswertes mehr einfallen wollte, wiederholte +sie die Worte: ‚Ich will ihm jetzt danken, +weil du so eine nette Mutter bist.‘</p> + +<p>Am nächsten Tag führte ich meinen längst geplanten +Besuch beim Nachbar Schäufele aus, und +nun wurde es mir klar, warum Annele in einen +Lobpreis meiner Tugenden ausgebrochen war. Das +ganze Anwesen bot einen wenig einladenden Anblick. +Frau Schäufele entschuldigte sich zwar wortreich +über die augenblickliche Unordnung, aber ich +habe, so oft ich auch später wiedergekommen bin, +nie etwas anderes vorgefunden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>Ein paar größere Kinder machten sich bei meinem +Erscheinen eiligst davon, nur die kleine Barbara +kam auf mich zu und bot mir ein klebriges Händchen. +Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst, +wenn sie zu uns ins Pfarrhaus kam, und mein +Annele tat dies denn auch Frau Schäufele gleich +mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und +meinte: ‚Ach, man kann nicht immer putzen und +waschen und aufräumen, das ist nichts für unsereins.‘ +Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine +Barbara in dieser Richtung zu beeinflussen, und es +ist mir dies auch gelungen. Man mochte ihr begegnen, +wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches, +ich möchte fast sagen, vornehmes Aussehen.</p> + +<p>Die zwei kleinen Mädchen saßen in der Schule +nebeneinander, und sie verbrachten auch den größten +Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele, das +sich früher so oft ein Brüderlein oder Schwesterlein +gewünscht, war jetzt ganz befriedigt. Alle ihre +Schätze wurden mit Barbara geteilt. Als ihr mein +Bruder ein Album schenkte, ließ sie mir keine Ruhe, +bis ich ein gleiches für Barbara kaufte. Am nächsten +Tag holten sich die beiden bei der alten Maier ein +paar rührende Bildchen: Engelsköpfchen, Vergißmeinnichtkränze +und dergleichen. Die wurden in die +Album geklebt, und jede schrieb der Freundin einen +sinnigen Vers dazu. Was Annele geleistet, weiß ich +nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Diesen Album hat man dir gekauft,<br /></span> +<span class="i0">Anna hat man dich getauft,<br /></span> +<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +<span class="i0">Dietrich hat man dich genannt,<br /></span> +<span class="i0">Der Himmel ist dein Vaterland.<br /></span> +</div></div> + +<p>Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen +drängen sich mir auf, wenn ich an die Kinderzeit der +beiden denke. Aber ich muß mich eilen, sonst bringe +ich meine Geschichte nicht zu Ende.</p> + +<p>Du kannst dir ja wohl denken, daß sich Barbara +zu Hause nicht besonders wohl fühlte. Ich meine +nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen. +So zuwider mir beides ist, so muß ich doch zugeben, +daß man auch in einem schmutzigen Heim strahlend +glücklich sein kann. Wir haben eine Familie im +Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder +und Ferkelchen und Hühner zusammen entgegen, +und die Fenster brauchen keine Vorhänge, denn +kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind +seelenvergnügt, du darfst mir's glauben. Aus +keinem Haus tönt so viel Lachen und Singen. Nur +Samstag abend gibt es ein großes Geschrei, weil +da die Kinder gewaschen werden, und das sind sie +halt nicht gewöhnt.</p> + +<p>Aus Schäufeles Haus tönte fast alle Tage Geschrei. +Die zwei Alten lebten in stetem Streit und +verführten auch die Kinder dazu. Barbara war die +Jüngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern +ziemlich fremd gegenüber, auch den Vater schien sie +eher zu fürchten. Aber die Mutter ward von ihr +geliebt mit einer scheuen, sehnsüchtigen Liebe, die +mich immer wieder erschütterte. Ich erinnere mich +noch so gut an den Ausdruck in Barbaras Gesicht,<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +als Annele und ich am Konfirmationssonntag der +beiden zu Schäufeles hinübergingen. Barbara sah +in ihrem feierlichen schwarzen Kleid, über das die +langen blonden Zöpfe fielen, schon ganz jungfräulich +drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das +noch immer seine Puppen betreute und Tränen +vergossen hatte über ihr langes Kleid.</p> + +<p>Frau Schäufeles Stube war dem Festtag zu +Ehren gefegt und so dicht mit Sand bestreut, daß +jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt +entgegen, und ich mußte mich wundern, +wie schmuck sie dreinsah in ihrem saubern schwarzen +Kleid und der seidenen Schürze.</p> + +<p>‚Wie rasch die Jahre gehen, Frau Schäufele,‘ +sagte ich. ‚Nun sind unsere kleinen Mädchen demnächst +erwachsen.‘</p> + +<p>Während ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras +Gesicht. Sie schaute die Mutter an mit großen, +bittenden Augen. Da ging es mir durch den Sinn, +daß dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt, +immer gehungert hatte. Und ich mußte wieder +nachsinnen über eines der größten Rätsel unserer +rätselvollen Welt: Warum ist es, daß Frauen +Kinder zur Welt bringen und ihnen doch nicht +Mutter sind, während andere, in deren Herz das +Licht wahrer Mütterlichkeit brennt, nie ein Kind +ihr eigen nennen dürfen? – –</p> + +<p>Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich +die Wege der beiden, die bisher so einträchtiglich +nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele, wie<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +du weißt, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind +sich gut in die neuen Verhältnisse schickte, kehrte ich +nach einigen Wochen beruhigt in unser Dörflein +zurück. Gleich am nächsten Tag kam Barbara zu +mir herüber und wollte haarkleinen Bericht von +allem Erleben in der Stadt. Ich erzählte ihr von +Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin, +von den Mädchen, mit denen sie sich angefreundet. +Ich saß über meine Näharbeit gebeugt +und plauderte des langen und breiten, denn mein +Kind fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab +mir ein wenig das Gefühl seiner Nähe. Da drang +plötzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und +als ich erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras +tränenüberströmtes Gesicht.</p> + +<p>Wir haben dann lange zusammen gesprochen, +aber ich konnte das Mädchen nicht wirklich trösten. +Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz +all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allmählich +Glauben. Aber die Angst, Anneles Liebe zu verlieren, +war nicht die einzige Not, die sie drückte. +Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein +ganzer Berg unruhiger, unzufriedener Gedanken +in dem Kinde angesammelt. Warum durfte sie nicht +so viel Schönes und Neues erleben? Warum mußte +sie immer mit den zänkischen Eltern zusammen +sein? Warum war ein Tag wie der andere mit +Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit +angefüllt? Nie würde in ihr Leben +etwas Schönes und Wunderbares treten. Auf<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +ewig war sie verdammt in diesem abgelegenen +Dorf zu sitzen.</p> + +<p>Du mußt nicht lächeln über diesen törichten +Kinderkummer. Wir Alten, die durch schwere Erfahrungen +gegangen, meinen oft, der Jungen +Leiden wögen leicht und trösten sie mit dem weisen +Zuspruch, ihre Tränen zu sparen. Aber wer kann +sagen: diese Sache ist der Tränen und des Kummers +wert, jene nicht? Barbara litt mit der ganzen +starken Leidensfähigkeit ihrer jungen Seele. Sie +hungerte und sah nirgends Sättigung. Sie breitete +ihre Flügel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends +eine Zuflucht, dahin sie hätte fliehen mögen. Und +sie sah eine andere, deren Leben sie bisher geteilt, +all das mühelos ergreifen, wonach ihr Herz schrie.</p> + +<p>Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen. +Nicht, indem ich ihren Kummer für nichtig erklärte; +aber ich bat sie, zu bedenken, daß tränenvolle Augen +nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Schönheit, +die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr +die gleichförmige, seelentötende Arbeit so vieler in +den Städten und verglich damit die ihre in ihrer +herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr +von meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal, +seinen Wäldern, Wiesen und Feldern. Aber gerade +in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts. Das +Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil +ihm das Elternhaus keine Heimat bot. Aber ich +habe andere gesehen, denen es ähnlich ergangen, +und die eben aus dieser Not heraus mit um so<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +größerer Liebe die Berge und Bäume der Heimat +umfaßten.</p> + +<p>Ich mußte mich oft besinnen, woher das Kind +seinen seltsamen Durst nach der Ferne hatte. Die +Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal +gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan. +Nur einer aus der Familie, ein Großonkel Barbaras, +war, vom Goldfieber gepackt, nach Amerika ausgewandert +und dort verschollen. Ach, er war vielleicht +doch nicht der einzige gewesen, den eine innere +Unruhe umgetrieben. Die Kirchenbücher sagen +nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom +Wesen, von den Gedanken ihrer Träger berichten +sie nichts.</p> + +<p>Barbara schien ihren Kummer allmählich zu verwinden; +aber so oft Annele in die Ferien kam, lebte +er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen, daß +sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr +zu Annele, ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn +ich die beiden etwa an einem Sonntagnachmittag +bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann, +und aus den blauen Augen schaute mich wieder +das alte Vertrauen an.</p> + +<p>Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen – +ein Jahr zuvor hatte Barbara ihren Vater verloren +– brach die Zeit an, die für viele unseres +Landes so verhängnisvoll geworden. Ich rede von +dem Auswanderungsfieber, das auch in unserm +Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir +nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +etwa nur die Leichtfertigen und die Habenichtse, die +eben nichts zu verlieren hatten, ließen sich verleiten, +nein, auch besonnene Leute, die über eigenen Besitz +verfügten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich +lockend und mühelosen Reichtum verheißend +vor ihnen lag, versuchen zu müssen. Mein Mann +war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und +Warnen erfolglos blieb.</p> + +<p>Eine der ersten, die Feuer fing, war natürlich +Barbara. Ein eleganter junger Mann, mit kecken +Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war +eines Tages erschienen und hatte unseren Mädchen +dermaßen vorgeflunkert, daß ihrer gleich acht entschlossen +waren, sich seiner Leitung anzuvertrauen +und ihr Glück in Neuyork zu versuchen. In ein paar +Monaten würden sie dort mehr verdienen als in +der Heimat in Jahren, und wer weiß – in dem +Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten, +konnte es ihnen auch glücken, eine Heirat zu machen, +die sie plötzlich in die Reihe derer stellen würde, die +in Seide gehen und in eigener Kutsche fahren und +haben können, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die +Mädchen, auch die meisten der Mütter ließen sich +durch diese Gedanken betören. Barbaras Mutter +redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie ließ +sie einfach gewähren.</p> + +<p>Als mir Barbara ihren Entschluß mitteilte, +erschrak ich bis ins Herz hinein. Nicht das Gefühl +der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gefühl, mit +dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete,<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +beherrschte mich. Nein, eine heiße Angst, +ein graues Entsetzen überkam mich bei Barbaras +Worten. Wie habe ich das Mädchen angefleht, von +ihrem Vorhaben abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen +glitten ab an ihrer siegessicheren Zuversicht, +an ihrer strahlenden Freude, endlich in die +Weite, in die Freiheit zu kommen.</p> + +<p>O über das verblendete Kind!… Nicht in die +Freiheit, in die allerelendeste Knechtschaft ist sie +hineingelaufen. Jener Bursche mit den unlautern +Augen war ein Mädchenhändler. Die andern, die +mit Barbara zusammen auswanderten, scheinen +schon auf dem Schiff Verdacht geschöpft zu haben. +Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so +ist sie dem Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie +vollständige Klarheit in diese jammervolle Geschichte +zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst +in einem anständigen Haus, denn wir erhielten +guten Bericht, und ich fing an aufzuatmen und ließ +mich nur zu gern Schwarzseherin nennen.</p> + +<p>Aber dann folgten lange Monate des Schweigens. +Unsere Briefe kamen zurück. Alle Nachforschungen, +die mein Mann anstellen ließ, blieben erfolglos. +O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor +hatte ich so stark empfunden, wie Barbaras Leben +mit tausend feinen Fäden an das meine gebunden +war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit +zwei Seelen. Die eine ging das verlorene Kind +suchen, schaudernd vor den Dunkelheiten, die +sich ihr ahnend auftaten. Die andere mußte bei<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +dem eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe +getreten, und das nun seiner Mutter bedurfte +wie nie zuvor.</p> + +<p>Ach, selbst über Anneles Hochzeitstag warf +Barbaras Geschick seinen dunkeln Schatten. Als +ich mein Kind in die Arme schloß, mein reines, +bräutliches Kind, da sah ich plötzlich neben ihrem +Gesicht ein anderes, vor dem ich entsetzt die Augen +schloß. Und dann in der Kirche, die gedrängt voll +Menschen war, schaute mich aus der hintersten +Frauenbank Barbaras Mutter an … Wie mußte +ich mich da schämen! ‚Die gibt ihr Kind schwer her, +es drückt ihr schier 's Herz ab!‘ hörte ich eine Frau +hinter mir flüstern. Aber ich weinte nicht um mein +Kind. Von ihm wußte ich, daß es in eine goldene +Helle hineinging. Wo aber war Barbara?</p> + +<p>Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren, +ging ich hierher in meinen stillen Garten. Ich +mußte allein sein.</p> + +<p>Auf diesem Bänkchen bin ich gesessen. Vom +Pfarrhaus herüber drangen frohe, helle Stimmen, +die paßten so gar nicht zu den Stimmen meines +Herzens.</p> + +<p>Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam +auf mich zukommen, und nun wußte ich mit einem +Male, warum ich hierher hatte kommen müssen … +Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein +Unfaßliches zu hören.</p> + +<p>Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber +ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nicht einmal<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +den Kopf heben, denn ich wußte, im nächsten +Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick.</p> + +<p>Dann saß Frau Schäufele plötzlich neben mir +und glättete auf ihren Knien einen Zeitungsausschnitt +und einen Brief. Ich hörte sie keuchend +atmen, und nun sprach sie.</p> + +<p>‚Frau Pfarrer, der Brief ist heute früh gekommen, +vom Bäcker Schmid, wissen Sie, von +dem, der vor einem halben Jahr hinüber ist. Im +Brief hat er übersetzt, was da in der Zeitung steht. +Und er meint – und er meint, es <span style="white-space:nowrap;">sei –‘</span></p> + +<p>Nie, nie in meinem Leben zuvor oder nachher +habe ich ein solches Weinen gehört. Was ich selbst +an Schmerz erlitten, war nichts, war ausgelöscht +vor diesem Herzeleid. Ach, daß dies Weinen von +jenen vernommen worden wäre, die an dem Kinde +gefrevelt!</p> + +<p>Dann drängte die Mutter mich plötzlich: ‚Lesen +Sie, lesen Sie, Frau Pfarrer!‘</p> + +<p>Und ich las. Las die Geschichte, die damals durch +alle amerikanischen Blätter ging, daß ein deutsches +Mädchen einem gewissen Haus im Innern Neuyorks +entflohen, indem es am Blitzableiter heruntergeglitten +war, daß es halbtot gefunden und ins +deutsche Hospital verbracht worden sei.</p> + +<p>Ich weiß nicht mehr, wie lange wir damals beisammen +gesessen sind, Frau Schäufele und ich. Ich +weiß nur, daß es mir, als ich in mein hell erleuchtetes +Haus eintrat, war, ich käme aus dem Land des +Grauens und der Verzweiflung geschritten. Ich<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +bat meinen Mann, der mich ahnungslos scherzend +als ‚Ausreißerin‘ empfing, ins Studierzimmer zu +kommen und gab ihm den an Frau Schäufele gerichteten +Brief. Noch in derselben Nacht ging ein +Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen +Hospitals mit der Bitte um telegraphische Antwort +auf die Frage, die unser Herz und Hirn marterte: +ist es Barbara?</p> + +<p>Es war Barbara. – – –</p> + +<p>Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um +weitere Nachricht über Barbaras Zustand. Wir +hatten Frau Schäufele gesagt, daß bis zum Eintreffen +einer Antwort Wochen vergehen könnten, +aber sie fragte jeden Tag an, ob keine gekommen. +Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen hungrig +flehenden Ausdruck trugen …</p> + +<p>Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab, +und als ich ihn zu meinem Mann hinauftrug, +wußte ich, daß er Unheilvolles enthalte. Hand in +Hand – wie hätte ich es sonst wohl ertragen +können! – lasen wir das Schreiben des Arztes. +O über die Verruchten, die das junge Leben in +Schmach und Schande gezerrt! – Barbara war +krank. Unheilbar krank an Körper und Geist. –</p> + +<p>Ich wollte nicht, daß Frau Schäufele die Nachricht +bei uns empfange. Ich meinte, es müsse ihr +Wohltat sein, die schützenden Wände ihres Heims +um sich zu fühlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen +wie ein wundes Tier, werde sich scheuen, +ihr Gesicht auf der Straße zu zeigen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>So ging ich zu ihr hinüber und setzte mich zu ihr +auf die Fensterbank. Ich weiß nicht, wie ich es +sagte, ich weiß nur, daß, nachdem ich gesprochen, +eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen. +Und ich glaubte zu fühlen, wie in diesem eisigen +Schweigen alle Liebe, die sich in den letzten Monaten +in der Mutter geregt, starb.</p> + +<p>Ich hielt Frau Schäufeles Hand fest umschlossen +und wartete, wartete. – Warum schrie sie ihre +Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie +an jenem Abend?</p> + +<p>Da plötzlich löste die Frau ihre Hand aus der +meinen und richtete sich auf. ‚Frau Pfarrer,‘ sagte +sie und schaute mich mit einem Blick an, den ich +nie vergessen werde, ‚Frau Pfarrer, Sie müssen +mir helfen, daß ich hinüber komme. Ich muß die +Barbara heimholen.‘ – –</p> + +<p>Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen, +hatte jetzt das arme, sieche erreicht: das Herz der +Mutter war erwacht.</p> + +<p>Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch +als ihr mein Mann mit klaren Worten die Schwere +ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder die +Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise. +Sie schreckte auch nicht zurück vor den Schwierigkeiten +des Zusammenlebens mit ihrer Tochter. Für +mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie +mehr wollte ich über einen Menschen das Urteil +fällen: so und so ist er und so und so bleibt er. War +mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +und gleichgültig erschienen? Hatte ich ihr nicht gezürnt, +weil sie ihre Kinder vernachlässigte und ewig +in Streit lebte? Und nun brach aus diesem Herzen +eine Liebesfülle, die mich beschämte und erschütterte.</p> + +<p>Sie hatte ihre Liebeskraft bitter nötig, denn das +Zusammenleben mit Barbara war eine Hölle. +Besonders in den ersten Monaten, als das Mädchen +am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten +wichen ihr ja aus. Die Kinder fürchteten sich vor +den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch +lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einließen. +Ach, und das Entsetzlichste war, daß das +vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur Ruhe +kommen wollte. Dann konnte es geschehen, daß +auch die Mutter ein Grauen anwandelte. Aber +immer wieder überwand ihre erbarmende Liebe +dieses Grauen. Sie wußte sich oft kaum zu helfen, +aber sie hätte Barbara trotzdem nicht fortgegeben.</p> + +<p>Und allmählich schien ihr treues Sorgen und +Pflegen doch eine kleine Besserung im Zustand der +Tochter herbeizuführen. Das wilde Umherschweifen +hörte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit +an die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine +seltsame Tätigkeit, die ich nie ohne Herzweh beobachten +konnte. Immer wieder, oft dreimal des +Tages, machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen. +Mit angstvollem Blick murmelte sie dabei: ‚Nicht +sauber, wird nie mehr sauber …‘</p> + +<p>Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu +Besuch. Ich fragte, ob sie Barbara besuchen werde,<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +aber sie verneinte unter Tränen. Da bat ich Frau +Schäufele, lieber nichts von meinen Gästen verlauten +zu lassen, denn man war nie ganz klar über +Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen völliger +Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien, +konnte sie plötzlich wieder vernünftig fragen und +antworten.</p> + +<p>Irgendwie muß Barbara aber doch von unsern +Gästen gehört oder sie gesehen haben. Ich hatte +die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit +Annele durchs Fenster. Es regnete in Strömen, +so daß mir beinahe ein wenig vor dem langen Heimweg +graute. Da – eben im letzten Augenblick, als +der Schaffner die Türen zu schließen begann, kam +Barbara dahergelaufen. Die Haare hingen ihr +klatschnaß ums Gesicht, sie war ohne Schirm und +Kopftuch. In der Hand hielt sie einen mächtigen +buntfarbigen Blumenstrauß, und den hob sie nun +zu Annele empor mit einem flehenden Ausdruck +in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die +Blumen abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon. +Wir aber freuten uns unter Tränen dieses Aufleuchtens +aus einem früheren besseren Sein. – –</p> + +<p>Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog +sich Barbara eine Erkältung zu. Ein paar Wochen +lang lag sie zu Bett, dann schlief sie ein, fast plötzlich, +ohne Kampf.</p> + +<p>Und seltsam! Die gütige Hand des Todes hatte +nach wenigen Stunden das Antlitz der armen +Barbara also gewandelt, daß sie vor uns lag wie<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +in den Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir +schien es ein tröstlich und verheißend Gleichnis, aber +Frau Schäufele schüttelte den Kopf. Bis zu ihrem +Tod hat sich die Mutter mit der Frage gequält, ob +ihr Kind wohl von Gott angenommen worden. +Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen bemitleidete, +schaute sie mich fast streng an. ‚Ich hab' +mir das selber eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab' +der Barbara nicht die rechte Liebe gegeben, wie sie +ein Kind war. Jetzt muß ich nachzahlen. Wir +müssen für alles zahlen, Frau Pfarrer.‘</p> + +<p>‚Ja,‘ sagte ich, ‚für vieles, aber manchmal wird +uns auch eine Schuld erlassen. Das wollen wir +nicht vergessen, Frau Schäufele.‘ – –</p> + +<p>Sie hat die Barbara nicht lange überlebt. In +ihren letzten Wochen sind wir uns recht nahe gekommen. +Damals haben wir uns oft gefreut an +Gerhardts schönem Heimwehlied: ‚Ich bin ein Gast +auf Erden‘. Aus diesem Lied stammen auch die +Worte, die ich auf ihr Grab schreiben ließ. – – +Sieh', dort drüben an der Mauer liegt sie begraben. +Es ist zwar ein wenig dunkel geworden, aber man +wird den Vers schon noch lesen können.“</p> + +<p>Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu +dem Grab hinüber. Mit stillen Augen lasen sie +die Worte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich wandre meine Straßen,<br /></span> +<span class="i0">die nach der Heimat führt,<br /></span> +<span class="i0">da mich ohn' alle Maßen<br /></span> +<span class="i0">mein Vater trösten wird.<br /></span> +</div></div> + + + +<hr style="width: 65%;" class="abstand" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span></p> +<h2><a name="Der_Sohn" id="Der_Sohn"></a>Der Sohn.</h2> + + +<p>Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen +und sog an den Fingern. Er hatte ein langes, +runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten +Anstrengung feuerrot gefärbt war.</p> + +<p>Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins +Dasein getreten. Wenigstens ins sichtbare, denn +für Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen +saß, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten +hatte sich all sein Denken, so weit es nicht von +geschäftlichen Dingen in Anspruch genommen war, +um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht. +Er hatte immer gewußt, daß es sich als Junge entpuppen +werde. Wenn seine Frau einen Zweifel an +dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem +kleinen Mädchen ausgesprochen, war er ungeduldig +geworden, und es hatte geschehen können, daß er +die kleine Frau rauh angelassen.</p> + +<p>Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelübde und +Vorsätze stiegen in ihm auf. Er strich sich mehrmals +über den Kopf, der so kahl war wie der seines Sohnes +und sagte halblaut: „Du wirst sehen, Peter, ich +werde jetzt immer gut zu ihr sein.“</p> + +<p>Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit +den Augen. Er hatte offenbar kein Verständnis für +seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es nicht +oft vorkam, daß er an einem Arbeitstag untätig +auf einem Stuhle saß, verfiel in ein tiefes Sinnen,<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +das ihn weiter und weiter in die Vergangenheit +zurückführte.</p> + +<p>… War er das? Ein hübscher Bursche mit +welligem Haar und immer lachenden Augen. +Komm her, du junges, du strahlendes Leben! Laß +dich umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in +den Schoß – – hei! so holt man sie eben herunter! +– – Es war doch nicht so leicht gegangen … Man +tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, +als man in bekleisterter Schürze in Buchbinder +Bergers Werkstatt stand. Das ging so ein paar +Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann +glänzte doch endlich ein Glücksstern auf. Die Meisterstochter +… Elisabeth. Man nannte sie meist +Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, +und er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja +immer noch ein leidlich hübscher Kerl, und die +lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern lassen. +So kam es, daß die niedliche kleine Betty „Peter“ +sagen lernte, und der Arbeiter ward zum jungen +Meister.</p> + +<p>Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber +sein Vater bemerkte es nicht. Er durchlebte wieder +die ersten Jahre seiner Ehe. Süße, heimliche Glücksbilder +stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem +Gesicht. Abende, an denen er versucht hatte, seine +junge Frau teilnehmen zu lassen an dem, was er +in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte +sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, +aber sie ging neben ihm mit stummen<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten +die ersten Gefühle der Enttäuschung.</p> + +<p>Elisabeth … Elisabeth … Er rief den klingenden +Namen nicht mehr oft. Betty ließ sich kürzer und +herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er sich +betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, +in denen er klar sah, daß nicht sie, sondern er sich +verändert hatte. Wie süß hatte ihm einst ihr Geplauder +geklungen! Gerade das, daß sie in lebhaften +Worten über Alltägliches sprechen konnte, +war ihm reizvoll erschienen. Nun quälte ihn der +nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt, +daß die kleine Frau beim geringsten Anlaß +in Aufregung geriet, später verletzte ihn dieser +Mangel an Würde.</p> + +<p>Peter jun. stieß einen quietschenden Schrei aus. +Da öffnete sich eine Türe, und die Pflegerin trat +herein. „So, so, hat er dich schreien lassen!“ sagte +sie mit vorwurfsvollem Blick auf den träumenden +Vater. Sie nahm das kleine Bündel aus den Kissen +und brachte es in die Schlafstube. Peter Niemeyer +war damit entlassen und hätte sich wieder nach seiner +Werkstatt begeben können, aber er blieb sitzen.</p> + +<p>Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. +Sein Kind … ja – und auch Elisabeths. +Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen +konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant +war. Fünfzehn Jahre lang hatte er auf dieses +Glück gewartet. Fünfzehn Jahre … konnte man +sich danach wieder zusammenfinden?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und +ging nach der Türe, durch die die Pflegerin verschwunden. +Seine Frau schlief.</p> + +<p>Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre +müden, noch immer feinen Züge. Ein warmes Gefühl +wallte in ihm auf. „Elisabeth!“ sagte er leise +und innig und streichelte ihre Hand. Darüber erwachte +sie und blickte staunend in ihres Mannes +bewegtes Gesicht. „Elisabeth! Nun haben wir ja +endlich das Kind.“</p> + +<p>Es war, als überwältigte ihn noch einmal der +Jammer der einsamen Jahre, den sie nur unklar +empfunden. Sie gehörte zu den Frauen, die in +ihrem stärksten Empfinden Gattin sind. Sie vergötterte +ihren Mann. Beinahe widerspruchslos +stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie +kam ihr der Gedanke, daß sie ihm nicht nur bewundernd, +sondern auch ratend und mahnend zur +Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde +Liebe eine Selbstherrlichkeit in ihm großgezogen, +die ihn in den Augen anderer oft lächerlich erscheinen +ließ und ihr selbst manche bittere Stunde brachte.</p> + +<p>Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn +in dem Augenblick, da sie ihres Mannes streichelnde +Hand verspürte, es sei alles gut geworden und +werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum +Bewußtsein, daß sie ihres Mannes Seele nicht +kenne, daß sie so stumm vor ihr liege wie die ihres +neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum +Bewußtsein, daß ihr dieser Tag in dem hilflosen,<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben, so groß +und schön, daß ein sehr starker oder sehr leichter +Sinn dazu gehört, um vor der Verantwortung +nicht zu zagen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Peter war in den ersten Jahren seines Lebens +ein zartes Kind. Wenn Frau Elisabeth ihn spazieren +fuhr, so brach wohl die eine oder andere der +Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: +„Der ist aber blaß! Sieh nur die Adern an den +Schläfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.“ +Und dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.</p> + +<p>Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen +zum Trotz. Er kriegte blanke Zähnchen +und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an +Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und +dann kam der Tag, der glückselige Tag, wo er in +einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters Werkstatt +stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den +hohen Tischen herum, eifrig bunte Papierabfälle +sammelnd, die er mit dem großen Pinsel zusammenkleisterte. +Hände und Kleider bekamen dabei ihr gut +Teil ab zum Ärger der Mutter, die ihr Bübchen +immer schmuck haben wollte. Der Vater aber lachte. +„Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du wirst +einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten +Platz am Fenster?“ – „Ja, wenn ich groß bin,“ +sagte Peterchen, „aber –“ fügte er zögernd hinzu: +„Mutter soll auch mit dabei sein.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter +Kind, daß er es nicht ertragen konnte, lange von +ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand er mit +einem Rührlöffel in der Hand ernsthaft neben ihr. +Er begleitete sie auf allen Gängen und schlief nur +ein, wenn sie an seinem Bettchen saß. Des Morgens +aber erwachte Frau Elisabeth daran, daß vorsichtige +Fingerchen ihre Augenlider in die Höhe zogen, und +sie schalt nie, sondern hob die Decke und ließ den +kleinen Ruhestörer unterschlüpfen. Das ging so +heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun +zwischen Mutter und Kind geführt wurde, war +eine so leis geflüsterte, daß der Vater nicht daran +erwachte.</p> + +<p>Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die süßeste +am Tag. Wie weich und warm schmiegten sich die +jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das +Herzchen so rasch, so rasch … Sie spielte mit dem +dunkeln, lockigen Haar, das der Junge von ihr +geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren die +ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches +Kinn gegeben. Aber sonst glich der Kleine keinem +der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild irgend eines +Vorfahren aufbewahrt worden wäre, hätte man +darauf die lange, schmale Nase und die trotzige +Stirne gefunden, und auf einem andern vielleicht +die schwarzen Brauen, die über der Nase zusammenwuchsen. +Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. +Sie waren von dunkelm Grau, groß und +sanft, und es lag wie ein feiner Schleier darüber.<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +Aber in der Erregung zerriß der Schleier, und die +Augen glühten und schauten nahezu schwarz.</p> + +<p>Frau Elisabeth erschrak jedesmal darüber. Es +packte sie die bange Ahnung, daß eine Zeit kommen +könnte, in der es ihr nicht mehr gelingen würde, +die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese +Gedanken von sich. Noch war das Peterchen klein, +und wenn sein Seelchen in Not kam, schrie es nach +ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, +nein, auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, +die sie im Verhältnis zu ihrem Mann empfand, war +sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung verlangte. +Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung +an die Zeit, da sie die umworbene und gefeierte +Betty Berger gewesen und führte diese Tage in +ihren kleinlichen Zänkereien wieder und wieder +an. In des Kindes Augen nun stand sie groß und +unantastbar.</p> + +<p>Das späte Mutterglück hatte übrigens ihre Liebe +zum Gatten nicht beeinträchtigt. Der kleine Sohn +mußte stets hinter dem Vater zurücktreten. Das +wußten beide, der kleine und der große Peter, und +sie nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen +wahr, in das sich beim kleinen ein unverstandener +feiner Schmerz, beim großen ein unbehagliches +Schuldgefühl mischte.</p> + +<p>Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem +kleinwinzigen Sohn gegebenes Wort zu halten. Er +wollte gut sein zur Mutter seines Kindes, und einige +Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +wieder wie in den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit +zarter Fürsorge; aber zu einer inneren Annäherung +kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder +den alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, +nach Art launischer Menschen, den einen Tag zu +Scherz und Lachen aufgelegt, den andern reizbar +und wortkarg. „Die Kluft zwischen uns ist zu +groß, da ist kein Verstehen möglich,“ dachte er +mißmutig.</p> + +<p>Ach, da war wohl eine Brücke, die ihn wieder +und wieder zu ihr getragen hätte … Für Güte +und Erbarmen ist keine Kluft zu groß.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein +Ereignis für die ganze Familie, und jedes nahm +es auf und verarbeitete es seiner Art entsprechend. +Dem Vater schien es der erste Schritt zur künftigen +Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr +ein bißchen mehr. Zeigte es sich, daß er einen hellen +Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium +schicken. Studieren … nein, das sollte er nicht. +Das Geschäft ging gut, es durfte nicht in fremde +Hände übergehen. Aber abends, da wollten sie zusammensitzen +und lesen und sprechen. O, der Junge +mußte nicht glauben, er, der Alte, sehe nicht über +den Kleistertopf hinaus! Er war auch in guten +Schulen gewesen, und überhaupt – früher wurde +viel besser und gründlicher unterrichtet … Merk' +er sich das, mein Herr Sohn!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese +und ähnliche Gedanken bewegte, fröhlich vor sich hin. +Unterdessen saß Frau Elisabeth im Wohnzimmer +und weinte. Sie wußte selbst kaum warum, aber +ihr war so traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes +gestorben. Vor einer Stunde hatte sie das Peterlein +zur Schule gebracht. Er war einer der niedlichsten +kleinen Schüler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. +Und er hatte den Lehrer artig gegrüßt und war +nicht so blöde, mit dem Finger im Mund, dagesessen, +wie Bäcker Brauns Jüngster. Aber als +sich nun die begleitenden Mütter und Väter und +älteren Geschwister zum Gehen anschickten, war das +Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und +hatte sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter +geschrien, ohne auf ihre Trostworte zu achten. Zuletzt +hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot +versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen +war in die Bank zurückgekehrt und sie nach Hause.</p> + +<p>Und nun saß sie da und weinte nach dem Kind, +und das arme Büblein dachte wohl im stillen auch +nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge +durchzumachen! Und so allein war man mit seinem +Kummer, denn dem Mann durfte man nicht klagen. +Er wurde gar leicht ungeduldig.</p> + +<p>Frau Elisabeth schlang die Hände ineinander und +schaute durchs Fenster. Es kam ihr plötzlich in den +Sinn, daß sie an die Bereitung der versprochenen +Dampfnudeln gehen müsse, aber sie blieb ruhig +sitzen. Es war so angenehm, in diesen halb traurigen,<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +halb süßen Gedanken zu schwelgen. „Alle +Mütter sind Märtyrerinnen,“ ja, das hatte sie einmal +gelesen und sehr merkwürdig gefunden. Aber +jetzt verstand sie, o, jetzt verstand sie …</p> + +<p>Unten auf der Straße ging eine Nachbarsfrau +vorbei. Sie nickte ein-, zweimal und Frau Elisabeth +nickte wieder und führte dabei das Taschentuch an +die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, daß die +Freundin sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute +ihr heimlich nach, und da erlebte sie eine zweite Genugtuung. +Die Freundin hatte sich wohl etwas +eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich +ein blendend roter Rocksaum unter dem dunkeln +Kleid hervor. Frau Elisabeth lächelte: „So 'ne +Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man +eben keinen Geschmack hat …“</p> + +<p>Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern +Gemüts an der Mehlkiste.</p> + +<p>Das Peterchen kam mit dunkelglühenden Bäckchen +nach Hause. „Mutter, die Schule ist fein!“ schrie er +schon von weitem.</p> + +<p>Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. +Sie hätte ihn lieber ein bißchen bekümmert, ein +bißchen sehnsüchtig erregt gesehen.</p> + +<p>„Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?“ +fragte sie, das Kind zärtlich umfangend.</p> + +<p>„Nur ein bißchen. Weißt du, nachher kam das +feine Bild von dem Elefanten. Der ist mal klug, +Mutter! Und stark und, und – gerecht. Ja, gerecht +nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +Böses tut, straft er einen gleich. Da war mal so +ein Schneider, <span style="white-space:nowrap;">Mutter, – –“</span></p> + +<p>„Ja, das kannst du mir nachher erzählen, jetzt +gehen wir zum Essen,“ sagte Frau Elisabeth. Sie +sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die +feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam … +war Mutter böse? Er war so froh gewesen, so erfüllt +von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die Geschichte +war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser +in die Schneiderstube spritzte! Der stach den +Elefanten gewiß nicht zum zweitenmal in den +Rüssel! –</p> + +<p>Das Peterlein machte einen Sprung, als müsse +er sich aus des Schneiders nasser Stube retten. Da +fühlte er sich von seinem Vater ergriffen, in die Luft +gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein +schaute atemlos zu ihm auf: „O Vater, bist du +stark! Fast wie ein Elefant! Und denke dir, so klug +ist der und soo – gerecht. Ich will dir mal was von +einem Schneider erzählen. Willst du's hören?“</p> + +<p>„Aber gewiß!“ rief Vater Niemeyer. Das freute +ihn, das war ja wie ein Akkord aus der Zukunftsmusik, +die er vorher gespielt.</p> + +<p>Und das Peterlein erzählte, mit Mund und Augen +und allen Gliedern. Der Vater bedauerte und +lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter – +Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinüber +– kniff die Lippen zusammen, so eng, daß nur noch +ein schmaler roter Strich zu sehen war. Man konnte +sich gar nicht vorstellen, daß sie wiederauseinandergehen<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +und liebe Worte sprechen könnten. Wie schade, +daß Mutter die Geschichte nicht gefiel! Vielleicht, +wenn er ihr sie später noch einmal erzählte?</p> + +<p>Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen +seine Geschichte ein zweites Mal anzubringen. Aber +Frau Elisabeth konnte sich nicht überwinden. Mit +abweisendem Wort schloß sie die plauderfrohen +Lippen. Die alte, häßliche Schule! Was brauchte +er so vergnügt von dort herzukommen, wo sie nicht +dabei gewesen. – „Gönnst du ihm denn seine +Freude nicht?“ mahnte eine Stimme ihres Innern. +Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.</p> + +<p>Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stämmige +Körperchen. „Du hast mich lieb, Peterchen? +Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb +haben?“ Der Kleine drückte das runde Gesicht gegen +ihre Wange. „Immer, immer! Aber –“ fügte er +zögernd hinzu, „warum darf ich dir nicht erzählen? +Darf ich dir nie, gar nie erzählen, was wir in der +Schule machen?“</p> + +<p>Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jähe Erkenntnis. +Wie war sie so töricht gewesen! In ihrer +selbstsüchtigen Liebe hatte sie ihn ja von sich gestoßen. +Mußte sie nicht froh sein, o von Herzen froh und +dankbar, daß er alles zu ihr trug?</p> + +<p>„Freilich darfst du mir erzählen, Peterchen. +Jeden Tag, soviel du willst! Aber für heute ist's +genug, sonst bist du morgen müde in der Schule.“</p> + +<p>Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, +und noch während Frau Elisabeth ordnend im<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in +Schlummer.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>In den folgenden Monaten geschah es oft, daß +der kleine Peter etwas zu erzählen wußte. Aber +nicht immer fand er die Mutter willig, seinen sprudelnden +Berichten zu lauschen.</p> + +<p>Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie +nach den Schätzen der Tiefe geforscht, nie in Qual +und Sehnsucht zur Höhe gedrängt hatten, genügte +die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. +Sie war nicht unglücklich gewesen, wenn sie auch +zuweilen unter den Launen ihres Mannes gelitten +hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und +sie hatte ein behagliches Heim und konnte hübsche +Kleider tragen und brauchte keine grobe Arbeit zu +tun. Aber nun war so vieles anders geworden.</p> + +<p>Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen +allerlei Gedanken zu arbeiten an. Nicht nur was +er in der Schule sah und hörte, nein, auch alles +was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit +gierigen Augen und Händen entgegengenommen +und betastet und befragt.</p> + +<p>So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute +sein, den man von der Mutterpflanze gelöst hat. Er +trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem mütterlichen +Stamm, nein, direkt aus der feuchten, kühlen Erde, +und der Sonnenschein umfließt ihn inniger und +wärmer, da er nun so rank und fein und klein für<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +sich steht. Er fängt behutsam an, Würzelchen auszustrecken, +und er wagt es und entrollt ein verschämtes, +zitterndes Blatt.</p> + +<p>Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das +sich, losgelöst von dem ihren, entwickelte, nicht und +betrachtete es mit feindseligen und argwöhnischen +Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die +Erkenntnis durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt +hatte. Nein, er durfte ihr nicht verloren gehen. +Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken, +wie damals, als er zu früher Morgenstunde in ihr +Bett gekrochen.</p> + +<p>Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und +wochenlang gleichgültig und verständnislos zur +Seite gestanden, eine plötzliche Annäherung suchte, +konnte es geschehen, daß Peterlein die Lippen zusammenkniff. +Das feine Seelchen flüchtete sich vor +den täppischen Angriffen und schaute nur scheu und +verängstet aus den großen verschleierten Augen.</p> + +<p>Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war +nicht ein aus Zartgefühl geborenes Schweigen. +Das hätte dem Peterlein wohl getan und ihm vielleicht +die herben Lippen geöffnet. Er beobachtete die +Mutter, wie sie sich an den Nähtisch setzte, zu Nadel +und Faden griff und zu nähen begann. Und jede +Bewegung brachte ihr Gekränktsein zum Ausdruck, +laut und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener +Qual.</p> + +<p>Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die +Werkstatt hinunter, denn der Vater nickte ihm meist<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +freundlich zu und schenkte ihm auch hin und wieder +einen Streifen bunten Papiers.</p> + +<p>Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl +zu sitzen, der dicht am Fenster stand. Draußen war +nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was die Aufmerksamkeit +der Arbeiter erregt hätte. Aber +Peterlein bewunderte das steil abfallende braunrote +Ziegeldach. Es wuchs so viel feines, samtenes Moos +darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte +ein Samtkleid, das drückte er oft verstohlen an die +Wange.</p> + +<p>Über das Dach ragte ein alter, klotziger Turm +empor. Wie ein rundes, gutmütiges Gesicht schob +sich die Hälfte seines Zifferblattes über den First +empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn +gerne leiden, den alten Turm mit dem breiten Gesicht, +und er liebte auch die Zeiger, die so lustig +Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, +glitzerte stundenlang oben in der Sonne, dann versank +er, und Peterlein sah ihn des Abends nie. Der +große lief viel schneller. Jetzt war er verschwunden, +aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen +geschaukelt, das Moos auf dem Dach in Gedanken +gestreichelt, sich über die vielen, vielen Bücher gewundert +und von der Möglichkeit, sie zu lesen, +geträumt hatte, tauchte er auf der andern Seite +auf und war so golden und blitzend wie zuvor.</p> + +<p>„Was er nur denken mag, wenn er so zum +Fenster hinausstarrt,“ dachte Peter Niemeyer sen. +Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen.<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +Aber merkwürdig! es kam ihm keine Erinnerung, +die ihm das Bild eines versonnenen kleinen Buben +entgegengehalten hätte. Er sah sich immer in Bewegung, +im Schulhof, auf der Straße, im elterlichen +Hause … turnend, schreiend, raufend. War +sein Junge am Ende kein echter Junge? – – An +Kraft fehlte es ihm gewiß nicht. Er hatte breite +Schultern, die den dunkeln Kopf stolz und aufrecht +trugen, und daß er Beine hatte, die ihresgleichen +suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater +Niemeyer wieder und wieder beobachten.</p> + +<p>Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen +mehr mit sich ins Freie zu nehmen, womöglich +mit andern Kindern zusammen.</p> + +<p>Das Stillesitzen und Träumen verdroß ihn … +aus dem einfachen Grund, weil es seiner Natur +fremd und unverständlich war. Und er wollte den +Jungen für <em class="gesperrt">sich</em> heranwachsen sehen. <em class="gesperrt">Sein</em> +Kamerad, <em class="gesperrt">seine</em> Stütze und Hilfe sollte er +werden. Aber hatte er selbst nicht auch geträumt +in jungen Tagen und sich eine heimliche Welt +erbaut? O gewiß, aber es waren lauter klare Dinge +gewesen, lebensfähige, starke Gedanken. Sein Junge +aber war versunken in den Anblick eines alten +Daches und beobachtete das Auf und Ab eines +Zeigers. Dem mußte beizeiten ein Riegel vorgeschoben +werden.</p> + +<p>So kam es, daß am folgenden Sonntag die +drei Niemeyer mit einer befreundeten, sehr kinderreichen +Familie zusammen einen Ausflug machten.<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +Der nasenähnliche Vorsprung des nächstgelegenen +Berges war zum Ziel ersehen worden. Die +Gesellschaft setzte sich in fröhlicher Laune in Bewegung. +Die Luft war klar, der Sonnenschein +wärmend, ohne stechend zu sein. Peterlein sprang +mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug +Purzelbäume wie ein gedienter Zirkusclown und +ging aus einem Ringkampf, der mit viel Lachen und +Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger hervor. +War das derselbe Junge, der verträumt in einem +Winkel zu sitzen pflegte? Nein, das war ein echter, +lebendiger Junge, wie er sein soll. Vater Niemeyer +strahlte.</p> + +<p>Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. +Der besiegte Nachbarjunge, der seinen Groll nicht +verwinden konnte, drang plötzlich von hinten auf +Peterlein ein und schlug ihn über den Kopf.</p> + +<p>„Na, hoffentlich haut er ihm eine Tüchtige runter!“ +dachte Vater Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein +blieb stehen und schaute seinen Widersacher an. +Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. +„Du bist ja ein Feigling!“ sagte er mit seiner hellen +Knabenstimme.</p> + +<p>„Was bin ich!“ schrie der andere. Er versetzte +Peter einen Stoß, der ihn zu Boden schleuderte; +dann hielt er es für geraten, sich hinter seinen +Vater zurückzuziehen.</p> + +<p>Es wäre nicht nötig gewesen. Als Peterlein +wieder aufrecht stand, ging er seines Wegs, ohne +sich nur umzublicken.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>Peter Niemeyer ärgerte sich. Hatte der Junge +kein Ehrgefühl im Leib? Mit ein paar raschen +Schritten war er an seiner Seite. „Läßt du dir so +etwas gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja +auch untergekriegt. Warum hast du nicht mit ihm +gerungen?“</p> + +<p>„Weil er feig ist,“ sagte das Kind und hob seinen +stolzen, freien Blick. Die Augen waren unverschleiert +und glühend, und Vater Niemeyer wußte +keine Entgegnung.</p> + +<p>Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und +nachdem die Aussicht bewundert und die Namen +der zerstreut liegenden Dörfer richtiggestellt waren, +überließen sich die Erwachsenen der Ruhe.</p> + +<p>Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. +Es ward still, nur hin und wieder klang ein vereinzelter +heller Schrei, ein seliges Lachen herüber. +Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, +und fühlte und trank den Zauber des Frühlingstages +in tiefen Atemzügen.</p> + +<p>Da schrak er jäh empor. Das Weinen eines +Kindes, untermischt mit vielstimmigem Gelächter, +war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich auf. +Die Töne kamen näher und näher, und Frau Elisabeth +horchte ängstlich auf. „Es ist unser Peterchen, +der weint,“ flüsterte sie.</p> + +<p>Da stürzte er auch schon auf sie zu, mitten in +ihre ausgestreckten Arme. „Was hast du denn? +Wer hat dir etwas zuleid getan?“ fragte sie wieder +und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +nicht sprechen, und die andern Kinder mußten berichten. +Das Peterlein sei ganz für sich gegangen, +sie hätten ihn lange gesucht und endlich vor einem +großen Stein gefunden. Den habe er immerzu +betrachtet. Da sei eines von ihnen zum Spaß +daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen +zu weinen und sei davongelaufen und sie +alle hinterdrein.</p> + +<p>Vater Niemeyer war ernstlich böse. „Deswegen +weint man doch nicht. Schäme dich, Peter!“</p> + +<p>Frau Elisabeth fühlte Mitleid mit dem zuckenden +Körperchen, das in ihrem Schoß lag. Er hatte sich +zu ihr geflüchtet. Das tat wohl. Sie beugte sich +ein wenig herab und flüsterte: „Sei nun wieder +still, Peterlein! Sieh, die andern sind so vergnügt. +Warum hat dich denn der dumme Stein +so betrübt?“</p> + +<p>Peterchen hob sein verweintes Gesicht. „Ach +Mutter, es war ein kleiner Wald, eine wunderschöne +kleine Welt darauf!“</p> + +<p>„Wirklich!“ sagte Frau Elisabeth und vertilgte +mit dem Taschentuch die Tränenspuren in ihres +Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was für ein +absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr +unbehaglich bei dem Gedanken. Wie mochte das +später werden? Nun zählte er erst acht Jahre und +war ihr schon halb entglitten.</p> + +<p>Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem +Mann hinüber; aber Peter Niemeyer, der die Klage +seines Jungen um die zertretene kleine Welt gehört,<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter +Stirne.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Sommer brachte für Peterlein etwas +Wunderbares. Er durfte mit der Mutter in die +Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er +brachte Frau und Kind zur Bahn und plauderte +bis zuletzt lebhaft und fröhlich mit ihnen. Er hielt +die Hand seiner Frau lange in der seinen und +tätschelte seines Buben blasse Wangen.</p> + +<p>„Nun geht nur tüchtig spazieren da oben und +holt euch rote Backen! Und, Peterlein – – – +fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!“</p> + +<p>„Wie ist es da?“</p> + +<p>„O, schön! Aber wenn man hinunterpurzelt, +merkt man davon nichts.“</p> + +<p>„Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?“</p> + +<p>„Bewahr' mich der Himmel! Junge, was +denkst du nur! Aber an einer gestanden bin ich +mehr als einmal!“</p> + +<p>„Wie sieht das aus, Vater?“ drängte das Kind. +„Ist es ein tiefes, schwarzes Loch?“</p> + +<p>„Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz … +Es glänzt so schönes Eis herauf. Ganz blankes, +grünes Eis, Peterchen. Und unten rieselt und +gluckst etwas – – ein Gletscherbächlein … aber +es klingt oft eigentümlich – – wie – <span style="white-space:nowrap;">wie –“</span></p> + +<p>„… wie wenn etwas weint,“ vollendete ein +leises Stimmlein.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>„Warum meinst du das?“ fragte der große +Peter lächelnd.</p> + +<p>„Weil ich es einmal gehört habe, im Wald, +weißt du, bei dem kleinen schwarzen See. Da muß +das Bächlein hinein und deshalb weint es.“</p> + +<p>„Na, hör' mal, Peterchen!“ begann Frau Elisabeth, +aber ihr Mann legte eine beschwichtigende +Hand auf ihren Arm.</p> + +<p>Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge +von ihm. Es war ihm, als höre er wieder ein paar +Takte aus seiner Zukunftsmusik … War er nicht +auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und +Wiesen strich, stehen geblieben, um etwas von den +Tönen zu erlauschen, die Wind und Bach und +Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der +Freude, hatte ihm daraus geklungen. Und das +Peterchen hörte ein Weinen … Also doch nicht +ganz dasselbe, nein, nicht ganz.</p> + +<p>Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter +Niemeyer aufsteigen, aber er zwang sie nieder.</p> + +<p>„Ich hörte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte +sagen, das Gletscherbächlein mache Musik. Ganz +feine, silberne Töne hört man.“</p> + +<p>„Ja … da singt jemand,“ nickte das Kind. Es +saß und schlenkerte mit den Beinen und schaute +aus weichen, verträumten Augen.</p> + +<p>Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit +drängte. Er mußte eiligen Abschied nehmen. Dann +setzten sich die Räder in Bewegung, und das +Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +das Bächlein unter schimmerndem Eis kleine Lieder +singt.</p> + +<p>Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu +sehen. Da waren die Telegraphendrähte. Lange +Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur in +der Höhe des Fensters, aber das genügte ihnen +nicht. Hinauf, hinauf! schienen sie zu schwirren. +Und sie fingen an zu steigen – – rascher – rascher! +Wohin! wohin? Da – – eine böse lange Stange +stand in ihrem Weg und riß sie alle herunter – +o so tief! Konnten sie nun nicht mehr fliegen? +Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie +sanken, sanken, und jede böse Stange machte sie +tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an tapfern +Drähten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der +dunkle Schatten sie heruntergezerrt hatte, aufs neue +in die Höhe, immer wieder, immer wieder – – +bis – – Ja, mit einem Mal waren sie ganz +weg, und die Eisenbahn fuhr dicht an einem See +vorbei, so dicht, daß man glauben konnte, die +Räder liefen im Wasser. Es schimmerten blanke +Steine und weiches, bewegliches Gras, und da +– ja, da war ein Fisch, ein wirklicher, lebendiger +Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen +durchfuhr.</p> + +<p>Dann mußte man durch einen dunkeln Tunnel +fahren. Das war nicht hübsch. Aber nachher …</p> + +<p>Das Peterlein saß ganz still, aber es öffnete +die Augen weit und trank die Schönheit, die sich +vor ihm aufgetan.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>Und der Glanz der sonnbeschienenen weißen +Berge, die geheimnisdunkle Pracht der Wälder, +der Duft und die Freude, die von den blumigen +Matten aufstiegen, sanken durch die dürstenden +Augen tief auf den Grund seiner stillen, wartenden +Seele.</p> + +<hr/><div style="margin-top: 3em;"></div> + +<p>Peterlein fühlte sich schon nach wenigen Tagen +in dem kleinen Bergnest so heimisch, als habe er +immer in dem braunen Häuschen gewohnt. Wie +war es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf +einen Stuhl stellte, so konnte er mit der Hand die +Decke berühren, und wenn er Eile hatte, ins Freie +zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles +neu und furchtbar interessant, z. B. die vielen +Menschen, die mit ihm und Mutter zusammen an +einem Tisch aßen. Er kannte die wenigsten, denn +gleich nach Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre +Behausungen. Da der Gasthof selbst nur wenige +Gäste beherbergen konnte, waren die meisten in den +nächstgelegenen Häuschen untergebracht.</p> + +<p>Peterlein war immer unter den ersten, die dem +Ruf der Tischglocke Folge leisteten. Dann stand er +am Fenster und beobachtete die Gäste, die sich von +allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof +näherten. Bei Regenwetter war es besonders hübsch. +Da konnte man glauben, eine Schar Pilze wandere +langsam und bedächtig auf den schmalen Weglein.</p> + +<p>Frau Elisabeth fühlte sich fremd und eingeschüchtert. +Daran war in erster Linie ihr Tischnachbar<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, +der erst vor kurzem aus Indien zurückgekehrt war +und noch immer in seligen Erinnerungen schwelgte. +Beinahe täglich unterhielt er Frau Elisabeth mit +Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als +bekannt voraussetzte. Völlig zur Verzweiflung +aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags mit +feurigen Worten die vom Mondlicht übergossene +Tadsch Mahal schilderte. Frau Elisabeth lauschte +mit krampfhaft festgehaltenem liebenswürdigem +Lächeln, während sie innerlich stöhnte: „Mein Gott, +wenn ich nur wüßte, von was er spricht.“</p> + +<p>Sie ließ die Worte halb betäubt über sich ergehen +und empfahl sich so schnell es irgend anging. Ach, +warum hatte sie nicht darauf gehört, wenn ihr +Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum +Selbstlesen anpries! Zwar, von Indien hatte er +ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit Bestimmtheit +zu erinnern. Aber – eine andere Sache +hatte ihm immer so am Herzen gelegen. Beinahe +jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert, die +Gemälde im Museum anzusehen. „Denn, wirklich, +Betty, es ist eine Schande, wenn ein Kind unserer +Stadt nicht die Bilder ihrer zwei weltberühmten +Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz +und kommen weit her, ihn zu sehen. Du kannst +dich nicht einmal zu den paar Schritten entschließen. +Warst du überhaupt schon dort?“</p> + +<p>Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! „Na +ja, als junges Mädchen war ich mal dort. Es hat<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da waren +so merkwürdige Wesen … Frauen mit Fischschwänzen +und Männer, halb Mensch, halb Pferd. +– – Ach, und so ein schreckliches Bild war da. +Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir +nachts geträumt. – – Und die Frau mit den +Kindern – das soll doch so ein schönes Bild sein +– gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl +ganz nett, aber die Frau hat trübe Augen, und +das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen +hätte.“</p> + +<p>Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren +Peter sen. und jun. allein ins Museum gegangen. +Sie hatte nachher das Kind über die Bilder befragt, +aber es hatte nicht viel zu antworten gewußt. Ein +Kindchen habe er gesehen, so eines, wie sie im Wasser +wohnen. Das habe ein Fischlein fangen wollen, +da sei es ausgerutscht, und „nun macht es so, +sieh, Mutter, so!“</p> + +<p>Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, +dann hatte er plötzlich ein Tuch ergriffen, +es eng um die Schultern gezogen und mit abgewandtem +Gesicht gesagt: „Sieh, Mutter, so steht +der Mann und wartet und wartet. Warum wartet +er, Mutter? Da ist ein großes Wasser und vorne +ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat +keine Kleider, nur ein ganz dünnes Tuch. Das +glitzert sehr schön. Und sie wartet auch. Warum, +Mutter? Vielleicht, daß sich der Mann mal umwenden +soll? Ich glaube, sie will ihm etwas vorspielen.<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +Aber warum wartet der Mann und schaut +immer auf das Wasser?“</p> + +<p>„Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu +fahren.“</p> + +<p>„Ist er da nicht zu Hause? O, du weißt's +nicht gewiß, Mutter?… Ich glaube doch, aber +er möchte mal weg, um zu sehen, was über dem +großen Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf +das Schiff.“</p> + +<p>Hatte der Professor nicht zum Schluß von diesem +Bild gesprochen? Gewiß! Wenn sie nicht aufgestanden +wäre, hätte er sie darüber ausgefragt. +„… denn gnädige Frau müssen es natürlich aufs +genaueste kennen.“ Ach, wie konnte sie nur diesem +schrecklichen alten Herrn entrinnen!</p> + +<p>Frau Elisabeth war während dieser Gedanken +einen Waldweg gegangen, der zu einer einsamen +kleinen Höhe führte. Peterlein lief singend hintendrein. +Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf +eine der leerstehenden Ruhebänke niedergelassen +hatte. Er lehnte sich an sie, und sie schlang den Arm +um ihn und fühlte unter ihrer Hand das vom +Springen erregte Herzchen pochen.</p> + +<p>„Mein Peterchen,“ flüsterte sie, und drückte die +Lippen in sein Haar.</p> + +<p>Er schob sich enger an sie heran. Da ließ eine +Elster in der Nähe ihr häßliches Krächzen hören, +und Peterlein riß sich los.</p> + +<p>„Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie schön schwarz +und weiß … Mutter, wie heißt der Vogel?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>„Na, wie heißt er denn!“ Frau Elisabeth sagte +es ein wenig ungeduldig. Was brauchte Peter so +laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der +andern Bank gewiß die Frage gehört und wartete +mit dem Jungen zusammen auf eine Antwort … +Und sie wußte ja den Namen des dummen Vogels +nicht! Was sollte sie nur machen?</p> + +<p>Ihr war, über das Gesicht der fremden Dame +gleite ein feines Lächeln.</p> + +<p>„Peterchen!“ rief Frau Elisabeth, „komm mal +flink her!“</p> + +<p>Als das Kind näher trat, flüsterte sie hastig: „Es +fällt mir jetzt gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's +so etwas wie ein Rabe.“</p> + +<p>„Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!“</p> + +<p>Peterchen stand vor ihr, die Hände auf dem +Rücken, und betrachtete sie vorwurfsvoll. Plötzlich +sagte er: „Hast du den Namen wirklich mal gewußt? +Oder, oder … weißt du, Mutter, heute +– – am Essen – – das hast du auch nicht +gewußt … weißt du, das weiße Haus, von dem +der alte Mann erzählte. Da hast du bloß so +<span style="white-space:nowrap;">getan – –“</span></p> + +<p>Frau Elisabeth saß da, über und über errötend. +Einen Augenblick war ihr, die ganze Bergkette senke +sich, als wolle sie ihr eine spöttische Verbeugung +machen. Die Fremde mußte jedes Wort gehört +haben. Peterleins Stimme war so durchdringend +hell, und die halb vorwurfsvoll, halb trotzig gesprochenen +Worte hatten sehr deutlich geklungen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und +sagte ärgerlich: „Du bist ein ungezogenes Kind, +Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter. +Ich habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen +dies oder jenes nicht recht.“</p> + +<p>„Ja – aber … Eltern sind doch auch manchmal +unartig, Mutter. Nicht?“</p> + +<p>Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an. +Er erwiderte ihren Blick, nicht trotzig, nur harmlos +erstaunt.</p> + +<p>Was sollte sie nur antworten?</p> + +<p>Da – mitten in das Schweigen hinein – klang ein +Lachen, ein herzliches, befreiendes Lachen. Die fremde +Dame war aufgestanden und näherte sich den beiden.</p> + +<p>„Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Großen +alle sind auch manchmal unartig. Aber – – das +kannst du mir glauben – wir strengen uns tüchtig +an, es nicht zu sein … Darf ich?“</p> + +<p>Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die +bereitwillig zur Seite rückte. Die Fremde setzte sich.</p> + +<p>„Wie heißt du denn, kleiner Mann?“ wandte sie +sich an Peter, und dann begann sie mit ihm zu +plaudern.</p> + +<p>„Weißt du, Mutter,“ meinte Peter später, „sie +fragte so hübsche Sachen. Nicht: wie alt bist du, +und in welche Klasse gehst du, und hast du schon +viele Tatzen gekriegt.“</p> + +<p>„Ja, was fragte sie denn?“</p> + +<p>„O, Mutter, hast du es nicht gehört? Du saßest +doch dabei. Sie fragte, ob ich die kleine Eidechse<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +mal gesehen, die unten am Mäuerchen wohnt. Und +– Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie +findet sie gar nicht langweilig wie du. Sie hat +gestern abend den großen Bären auch gesehen. +Hast du denn gar nicht zugehört?“</p> + +<p>Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie +hatte eigentlich nur die Fremde beobachtet, das +ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Züge durch +einen unendlich gütigen, innerlich frohen Ausdruck +verschönt wurden.</p> + +<p>Ein Gesicht, das keine Maske trug.</p> + +<p>Ein Gesicht, das jeden zu grüßen schien.</p> + +<p>Wenn man dies Gesicht ansah, wußte man, diese +Frau denkt immer in erster Linie: wie kann ich dir +helfen?… wie kann ich dir wohl tun?</p> + +<p>Und deshalb war sie auch herübergekommen und +hatte Peters Frage beantwortet, die ihr so ungeheuerlich +erschienen.</p> + +<p>Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? +Warum?</p> + +<p>Ach, sie war so bestürzt gewesen, so bestürzt. Sie +hatte geglaubt, in Peterleins Augen stehe sie fleckenlos +da, und sie hatte auch geglaubt, das müsse so +sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten +– mußte da nicht jeder Respekt verschwinden? +– – Freilich, die Fehler waren da. +Die ließen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. +War es da nicht klüger, die Worte der fremden +Frau nachzusprechen?… „Nicht nur klüger, auch +tapferer und ehrlicher,“ flüsterte eine heimliche<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +Stimme in Frau Elisabeths Herzen. Sie mußte +plötzlich an ihren Vater denken. Der war ein aufrechter +Mann gewesen. Hart und streng manchmal, +aber doch in erster Linie gegen sich selbst. Da gab +es kein Bemänteln einer Schuld. Er war ein hitziger +Mann gewesen und konnte in der Aufregung +manches Wort sagen, das ihn nachher in der Seele +brannte. Dann leistete er Abbitte, auch wenn es +sich nur um ein Kind oder den jüngsten Lehrbuben +handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? +Nein, nein … Frau Elisabeth wußte +plötzlich, daß ihr der Vater nie größer erschienen +war, als in einem solchen Augenblick.</p> + +<p>Sie wußte noch etwas. Sie wußte, daß er, +heute bei Tisch, nicht mit ihr zufrieden gewesen +wäre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach +gesagt, sie wisse nichts von diesem – diesem +Ding?</p> + +<p>Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr +das Blut in die Wangen trieb. „Kinder, gesteht +doch ruhig ein, daß ihr etwas nicht wißt! Das ist +keine Schande. Und wenn's auch eine wäre, denn +es kommt ja vor, daß man etwas wissen sollte – +na, da muß man eben die kleine Beschämung +tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!“</p> + +<p>Die einsame Höhe war ein zauberkräftiger Fleck +Erde. Noch nie hatte Frau Elisabeth so tief Einkehr +bei sich gehalten wie an diesem Nachmittag. Das +bekam auch Peter zu spüren. Er ging auf dem Nachhauseweg +zwischen den beiden Frauen und merkte<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +auf ihr Reden, und seine feinen Ohren hörten mehr +als Frau Elisabeth ahnte.</p> + +<p>Am Abend, als er in dem großen Bett lag, setzte +sich die Mutter neben ihn und schaute schweigend +durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit +erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?</p> + +<p>„Peterchen,“ sagte sie leise und ein wenig stockend, +„es ist wahr, ich habe den Herrn Professor heute +nicht verstanden. Es war dumm, daß ich das nicht +sagte. Und den Vogelnamen weiß ich schon lange +nicht mehr. Vielleicht habe ich ihn einmal in der +Schule gelernt … Und es ist auch wahr, was die +freundliche Dame heute sagte, daß – daß wir +Großen auch unsre Fehler haben. Aber sieh, +Peterchen, bei manchen merkt man doch kaum +etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch +immer so gut und lieb zu dir, und nun hat er uns +hier heraufgeschickt, wo wir's so schön haben, +während er immer arbeiten muß … Und Vater +weiß so viel, alle sagen, wie klug er <span style="white-space:nowrap;">sei –“</span></p> + +<p>Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. +Das Kind hing plötzlich an ihrem Hals und küßte +sie, küßte sie … o, diese durstigen Lippen! – Und +dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen +aus, daß die Mutter sich keinen Rat wußte.</p> + +<p>„Kind, Kind, was ist dir nur!“ flüsterte sie halb +erschrocken, halb beseligt.</p> + +<p>Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, +noch nie die heißen kleinen Hände nach ihr gegriffen, +als griffen sie tief, tief in ihr Herz.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>„Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!“ +schluchzte das Peterlein. „Du gehörst mir, Mutter, +sag, daß du mir gehörst!“</p> + +<p>„Aber gewiß, Kind, gewiß! So – so … Nun +will ich dir ein bißchen singen, und dann schläft mein +Peterchen schön ein.“</p> + +<p>Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. +Dann hielt sie seine Hand und sang und sah, wie +die wilden Augen sanft und ruhig wurden und sich +müde schlossen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Von diesem Tage an fühlte sich Frau Elisabeth +weniger unbehaglich. Irgend etwas sagte ihr, daß +diese Fremde ein innerlich reicher Mensch sei, und +daß sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.</p> + +<p>Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie +hörte aus all dem oft so nichtigen und eitlen Wortschwall +etwas heraus, das ihr des Hörens und +Antwortens wert schien. So ging sie manche +Stunde, die sie lieber in der Stille verlebt hätte, +mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen +spazieren. Daß das Kind dabei war, erleichterte +ihr das Opfer.</p> + +<p>Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, +in einem großen Wirkungskreis gestanden. +Tagtäglich waren Bilder des Elends, der Sünde +vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte +und fordernde Hände hatten nach ihr +gegriffen. Und ihr großes, reiches Herz hatte all<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +das Elend mit inbrünstigem Erbarmen umschlossen. +Dann plötzlich war sie zusammengebrochen. +Es war kaum zu glauben gewesen. +Jedermann in ihrer Umgebung hatte sich gegen +die Erkenntnis gesträubt, und sie selbst hatte hart +mit dem müden Herzen gekämpft. Bis sie wußte: +ich muß fliehen, aus allem heraus, sonst kann ich das +Leben nicht mehr ertragen. Sie war in die Berge gereist +mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu +kriechen und sich daraus durch niemand und nichts +vertreiben zu lassen. Aber an jenem Nachmittag, als +Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie antworten +müssen. Es war nicht anders gegangen.</p> + +<p>Das Kind erschloß sich ihr täglich mehr, und +sie empfand seine stürmische Liebe als köstliches +Geschenk. Die ihre äußerte sich selten in Worten +oder Gebärden. Ihr war, Frau Elisabeth könnte +dies nicht wohl ertragen.</p> + +<p>Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher +Innigkeit … so, wie man etwas Feines und Holdseliges +liebt, das man in täppischen Händen weiß. +Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, +wie es drin üppig blühte und wucherte, und sie +wußte, daß hier eines verständigen Gärtners Hand +walten sollte … „Armer, kleiner Peter!“ dachte sie, +wenn in diese Gedanken hinein Frau Elisabeths +Worte drangen.</p> + +<hr/><div style="margin-top: 3em;"></div> + +<p>Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben +Tage ab. Beide waren froh, in den alten<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch +Peter freute sich nach Kinderart der Veränderung. +Er freute sich besonders darauf, dem Vater die +schönen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen +gesammelt. Aber als er von der „Tante“ Abschied +nehmen sollte, riß er die Augen weit auf und starrte +der Davongehenden nach.</p> + +<p>Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes +fröhliches Wort auf den Lippen … Und konnte es +nicht aussprechen. Sie wußte, nie würde sie diese +entsetzten Augen vergessen können.</p> + +<p>Das aber ahnte sie nicht, daß ihr Bild durch +lange Monate hindurch wie ein köstlicher Schatz in +Peterleins Herzen gehütet wurde. – –</p> + +<p>Der Vater freute sich an den mitgebrachten +Steinen, bis er eines Tages entdeckte, daß Peterlein +wieder seine „sonderbaren Sachen“ damit treibe. +An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen. +Fein säuberlich eingewickelt war +jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen, und +nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine +Gruben gesteckt.</p> + +<p>Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er +mit einem glückseligen, zärtlichen Gemurmel begleitete, +daß er des Vaters Schritte nicht hörte. +Erst als die barsche Frage: „Was treibst du da?“ +an sein Ohr drang, fuhr er empor. Er verstand +nicht, warum der Vater so streng aussah, aber es +schüchterte ihn ein, und er sagte ängstlich: „Es sind so +liebe Steine … ich mache ihnen allen Bettchen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>„Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht +mit Steinen. Jetzt wirfst du auf der Stelle den +ganzen Plunder weg. Dort – – auf den Kehrichthaufen +hinunter.“</p> + +<p>All die lieben Steine wegwerfen?… Der kleine +Peter betrachtete den großen fragend, immer noch +halb verträumt. Dann kam der Befehl zum +zweitenmal, und er begriff.</p> + +<p>Dunkelrot färbte sich sein Gesicht, schwarz und +drohend blitzten die Augen, aber er bückte sich und +sammelte die Steine in seine Schürze. Dann ging +er zum Zaun hinüber und warf die Steine auf den +Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die +Qual möglichst lange auskosten. Einmal hielt er +inne. Einer der Steine war auf ein Stück Eisen +gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins +scharfe Augen an der glatten Bruchfläche etwas zu +entdecken geglaubt. Aber er machte keine Bemerkung +darüber. Er warf die Steine hinunter, +einen nach dem andern, und schielte zu Zeiten nach +dem Vater hinüber, der ihm ruhig zusah.</p> + +<p>„So … nun kannst du mit mir in die Werkstatt +kommen. Du darfst zusehen, und vielleicht darfst +du auch etwas helfen.“</p> + +<p>Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich. +Du lieber Himmel! Er war ja kein Wüterich, +kein Spielverderber. Er wollte den Jungen +gern froh wissen, aber auf eine vernünftige +Weise. Für derartige Dinge war er nun einfach +zu groß.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten +keine Bemerkung. Er hielt die Augen eigensinnig +gesenkt und benützte die erste Gelegenheit, aus der +Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den +Garten zurück, kletterte über den Zaun und war +mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen. Wo war +nur der zersprungene Stein? Da – Peterlein +bückte sich und unterdrückte einen Jubelruf. „Ein +Schmetterling! Ein ganz schöner Schmetterling!“ +murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger +den feinen Linien der Versteinerung nach. „O, das +soll er nicht sehen, der Böse!“</p> + +<p>Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder +hinauf, lief durch den Garten und ins Haus. Dort +ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein Versteck wollte +ihm gut genug erscheinen für seinen herrlichen Stein.</p> + +<p>Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen +zu schieben. Frau Elisabeth entdeckte natürlich +den verborgenen Schatz, als sie Peterleins Kissen +zurechtschüttelte. Da lernte sie denn die ganze +Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige +Anklagen gegen den „bösen“ Vater, der ihm seine +Steine genommen.</p> + +<p>Die Mutter schalt. „Was fällt dir ein, so von +deinem Vater zu sprechen, du unartiger Bub! Die +großen Leute wissen viel besser, was für die kleinen +paßt, als diese selbst. Weißt du noch, gestern? Da +hat Vater dir verboten, mit dem Messer zu spielen, +und wie du's doch getan, hast du dich geschnitten. +Na, nun siehst du's.<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>“</p> + +<p>Peterlein saß aufrecht im Bett und dachte nach. +Dann meinte er langsam: „Aber, Mutter, das ist +doch nicht dasselbe. Mit dem Messer – – ja, +da hat der Vater gewußt, daß es nicht paßt … +und – und ich bin unartig gewesen … Aber +warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann +man sich doch nicht schneiden … Es waren so +liebe Steinchen, Mutter, und ich hatte ihnen so +schöne Bettchen gemacht.“</p> + +<p>„Nun höre mal auf mit den dummen Steinen +und geh' schlafen!“</p> + +<p>Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war +ihr ja die Handlungsweise ihres Mannes auch +unverständlich. Warum ließ er denn dem Kind +die Freude nicht? Aber ihn darüber befragen – – +nein, das wagte sie nicht. Und der Junge sollte +nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdrücken +und sich seinem Vater anzupassen.</p> + +<p>Sie ging ohne Gutenachtkuß, und Peterlein rief +sie nicht zurück. Er saß noch immer in seinem +Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War +das nicht alles schon oft so geschehen?… Was +denn?… Das mit den Steinen? – – Das war +ja unmöglich. Nein, aber das, das so weh tat, +so furchtbar weh … das – – ja, nun wußte +er's … Die Mutter liebte ihren kleinen Peter +lange nicht so, lange nicht so – wie sie den Vater +liebte.</p> + +<p>Peterlein ließ den Kopf schwer ins Kissen fallen. +Den Stein gegen die Wange gedrückt, starrte er<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +in das dämmrige Zimmer. Er hätte gerne geweint, +um den Druck im Hals los zu werden. +Aber wenn man ihn gehört hätte?</p> + +<p>Seine Gedanken gingen auf die Suche nach +etwas Tröstlichem, und da fanden sie den Stein. +Der wunderschöne Schmetterling … Wer hatte +ihn da hineingezeichnet?… Natürlich der liebe +Gott. Der hatte ja alles gemacht, die Berge und +das Moos und die Bäume und die Steine. Aber +daß er so geschickt wäre und auch noch innen in die +Steine etwas zeichnen könnte – nein, das hätte +Peterlein nie gedacht. Aber nun wußte er auch, +was er werden wollte. Wenn er groß war, wollte +er weit fort wandern, immer weiter, und schöne +Steine finden und schöne Vögel und schöne +Blumen …</p> + +<p>Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief +er. Sie versuchte, den Stein aus seiner Hand +zu lösen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger +hielten ihn krampfhaft umschlossen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Es kam in den nächsten Jahren wieder und +wieder vor, daß Peter des Älteren und Peter des +Jüngeren Anschauungen im Widerspruch standen. +Der Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit +aus, über die sich der Vater lustig machte. Er tat +es besonders dann, wenn ihm schien, sein Sohn +stürze sich wieder in der alten ungesunden Weise +auf eine Sache, auf die er selbst nicht viel hielt. Es<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +reizte ihn, daß der Junge hartnäckig an seinen Gedanken +festhielt, und so kam es zu häßlichen Auftritten, +die meist damit endeten, daß der Ältere +dem Jüngeren ein paar sausende Hiebe versetzte.</p> + +<p>Diese Auftritte drückten auf das feine Gemüt +des Knaben. Nicht allein der Schläge wegen, +obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein, +schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines +Vaters sehen, die ungerechten, oft grausamen +Worte hören zu müssen.</p> + +<p>Die Mutter griff in diese Kämpfe meist nur mit +einem beschwörenden „Peter, sei doch still!“ ein, +das dem Jüngeren galt. Nachher pflegte sie ihn +mit Vorwürfen zu überschütten und verteidigte +des Vaters Auftreten mit Worten, deren Unlogik +Peter reizte und zu spöttischen Antworten trieb. Er +wußte, daß eine maßlose Heftigkeit, durch gekränkte +Eitelkeit hervorgerufen, nun und nimmer „heiliger +Vaterzorn“ genannt werden kann. Daß die Mutter +es dennoch tat und oft, wie der Junge fühlte, +gegen ihr besseres Wissen, erfüllte ihn mit Trotz +und machte ihn blind gegen das eigene Unrecht, +das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte +Notwehr erschien.</p> + +<p>Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter +diesen Verhältnissen litt, sie konnte sich nicht verhehlen, +daß sie sie ihrem Mann näher gebracht +hatten. Als er merkte, daß sein Sohn ihm mit +den Jahren fremder ward und es ihm nicht gelingen +wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen,<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> +wandte er sich in seiner Enttäuschung ihr +zu, bei der er stets Zustimmung und Bewunderung +gefunden und die ihn jetzt aus einem verstehenden +Mitleid heraus doppelt warm umfing.</p> + +<p>Der junge Peter sah es mit Staunen, und er +war geneigt, in seinen Gedanken von dieser Liebe +verächtlich zu denken.</p> + +<p>Nach einem Auftritt gingen sich Vater und +Sohn tagelang aus dem Weg, kaum, daß bei den +Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, +bis sich die Bitterkeit allmählich verlor und man +zur Tagesordnung überging. Nie kam es zu einer +herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zäh an seinen +Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern +den ersten Schritt.</p> + +<p>Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht +nach einer friedevollen, stillen Umgebung, +nach Menschen, die seine Sprache redeten und verstünden. +Er wußte, daß er anders war als Vater +und Mutter, aber er sah darin nicht das Trennende. +Warum sollen sich die Menschen nicht mit hellen +Stimmen rufen, mit frohen Blicken grüßen können, +auch wenn sie auf getrennten Wegen wandern?… +Es muß sie nur ein jeder mit warmen Gedanken +an den Nachbar gehen.</p> + +<p>In der Schule war Peter ein Durchschnittsschüler. +Nur im Aufsatz zeichnete er sich aus, d. h. +wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer hatte die +Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen +Sätzen abzutun, um der Phantasie der Kinder<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +möglichst weiten Spielraum zu lassen. Auf diese +Weise heimste er manche dürftige Leistung, aber +auch manches warm und lebensvoll Geschaute ein. +Er behandelte mit Vorliebe Zeiten und Menschen +vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen +folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstörte +Klöster, Städte, deren einst stolze Namen +verklungen sind … in Peters Gedanken erstanden +sie im alten Glanz. Scharfäugig trotzen die Burgen +auf verwegener Höhe, üppig und ehrfurchtgebietend +liegen die Klöster in waldigen Tälern, und in den +alten Städten flutet Leben. Da sind Häuser, die +mit schön gemeißelten Erkern und kunstvoll gearbeiteten +Türen prunken. Wer ging da hinein +und trug Lachen und Sonne in die dämmerigen +Stuben?… Und wer saß am Brunnenrand, +während das Mondlicht in silbernen Tropfen über +die Dächer rieselte, und hatte eine Laute im Arm +und sang, so schön, so schön … Überall öffneten +sich die Fenster, und da und dort gab eine Türe +eine lauschende Gestalt frei … Und wer fuhr in +einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, +der ganz mit Rosen bekränzt war?… Immer +neue Gesichter drängen heran, edle und abstoßende, +geistvolle und leere, angstvolle und harte … Was +wollen sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der +Schatten kaum erwehren. Ihm ist, ein jeder bitte +ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! +Laß mich noch einmal schluchzen und lachen, noch +einmal Qual und Freude trinken …</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>„Niemeyer, Sie haben ja über das alte St. Gallen +die reinste Novelle geschrieben,“ sagte Lehrer Röder, +als er Peter sein Heft zurückgab. „Ist das wirklich +alles in Ihrem Kopf gewachsen?“</p> + +<p>„Ja!“ antwortete Peter und machte ein schuldbewußtes +Gesicht.</p> + +<p>Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das +Schreiben des Aufsatzes gemacht. Die Tage, die er +vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren in ihm +aufgestanden, mit zwingenden und drängenden +Bildern. Er schritt wieder durch die Bibliothek und +neigte sich über die Kästen, die die alten Evangelienbücher +bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe +Schriftzüge, Blätter und Blumengewinde, die die +heiligen Worte umrahmen, dazwischen Maria mit +dem Kind … Wessen Hände haben dies alles erschaffen +in langen, einsamen Stunden?… Und +wer hat das dorngekrönte Haupt gezeichnet, das in +einen schlichten Rahmen gefaßt in einer Ecke hängt? +Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung +zu sein, aber dann entdeckt man, daß die +Dornenkrone, daß Haupt- und Barthaar aus winzig +kleinen Buchstaben bestehen, die sich für scharfe +Augen zu einzelnen Worten formen, und man +findet die kleine Schrift, die besagt, daß „in diesen +figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn +Jesu Christi geschrieben“.</p> + +<p>Draußen sinkt der Abend, und die Dämmerung +füllt die alte Bibliothek. Das ist die Stunde der +Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen +Schritten durch den hohen Raum. Sie neigen +sich über Tische und sind mit Federkiel und Pinsel +beschäftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte +ein heißes Herz schlägt, ein Herz, das zu Gottes +und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen möchte, +drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen könnte. +Er kann ihr nicht Gestalt geben, wie der und jener +Bruder, in glühenden Farben oder in jubelnden +Tönen … Da nimmt er ein Blatt Papier und +zeichnet in zarten Linien das heilige Haupt, und +danach schreibt er die ganze leidvolle Geschichte des +Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und +Barthaar des Antlitzes. Es geschieht „von freyer +hand mit bloser feder und dinten“, und die Augen +werden müde und brennend dabei … Ach, was +bedeutet der Schmerz gegenüber der brennenden +Sehnsucht seines Herzens!</p> + +<p>Die Schatten umringen Peter. Aber er muß sich +aus ihrer Mitte lösen, wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen +sein will, und dann steht er verstört und +fremd im Straßengewühl und starrt in modern +erleuchtete Fensterläden. –</p> + +<p>Alle diese Bilder waren beim Schreiben des +Aufsatzes in Peter aufgestiegen und hatten die +gewünschte Beschreibung der ersten Jahre des +Klosters verdrängt. Mit beklommenem Gewissen +hatte er sein Heft abgegeben. War er diesmal +nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen +Pfad?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>Aber als der Lehrer die Bemerkung über die +Novelle machte, ruhte sein Blick nicht ungütig auf +Peter. Er winkte ihn am Schluß der Stunde zu +sich her und sagte: „Das Thema haben Sie ja +gänzlich außer acht gelassen, Niemeyer. Aber – im +übrigen gefällt mir die Sache … Lesen Sie viel?“</p> + +<p>Peter bejahte und sah wieder schuldbewußt drein. +Er mußte daran denken, wie oft die Schulaufgaben +einer spannenden Geschichte wegen zu kurz gekommen +waren.</p> + +<p>„Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen +Lieblingsschriftsteller?“</p> + +<p>„Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und +Karl May.“</p> + +<p>Herr Röder sah einen Augenblick verdutzt drein, +dann brach er in ein frohes Lachen aus.</p> + +<p>„Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den +Conrad Ferdinand und Karl May! Aber nun +sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen +verlogenen Indianergeschichten?“</p> + +<p>Peter dachte nach und erwiderte zögernd: „Ich +glaube das, daß die Kerle so tapfer sind, und daß sie +so viel Neues entdecken … Das möchte ich auch +einmal – – reisen – weit weg, in Länder, in +denen noch nie jemand gewesen ist …“</p> + +<p>„Da müssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die +Erde ist nahezu entdeckt! Übrigens, ich mache Ihnen +einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei und +sehen Sie sich einmal Sven Hedins Bücher an. +Da finden Sie Tapferkeit und finden Neuland, und<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +ich denke, darüber wird Ihnen der Geschmack an +Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad +Ferdinand dürfen Sie behalten.“</p> + +<p>Als Peter den ersten Band von „Transhimalaya“ +nach Hause trug, begegnete ihm sein Vater im Hausflur. +Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen. +Er ahnte, daß er etwas Köstliches in Händen halte, +und, wie immer, wenn ihn etwas Frohes bewegte, +drängte es ihn zur Aussprache.</p> + +<p>„Vater, ich habe ein feines Buch! Herr Röder +hat es mir geliehen … Kennst du es? ‚Transhimalaya‘ +von Sven Hedin.“</p> + +<p>„Den Titel kenne ich.“</p> + +<p>„Willst du es auch lesen, Vater? Es muß sehr +fein sein. Herr Röder ist ganz begeistert. Ich kann +es ja vielleicht am Abend vorlesen?“</p> + +<p>„Ach, laß nur! Das wird für Mutter nicht sehr +unterhaltend sein, und ich weiß auch nicht, ob es +mich sehr interessieren würde. Freue dich nur allein +daran – das verstehst du ja ausgezeichnet.“</p> + +<p>Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und +ging nach seinem Zimmer.</p> + +<p>Der alte Peter aber blieb stehen und hatte plötzlich +eine Vision des kleinen Peterleins, wie es ihm am +ersten Schultag eine Geschichte erzählte. Hatte er +ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut +an des Kindes Freude? Warum heute nicht? War +ihm denn sein Kind, sein eigen Kind, nicht mehr +lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn +zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulöschen?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in +Peter Niemeyers Hirn. Es geschah nicht oft, daß +er ihnen Gehör gab. In diesem Augenblick aber +war ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein … +Für dich haben wolltest du ihn, für dich allein. +Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und +Hingabe deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem +schenktest du Gehör. Das war keine große Anstrengung. +Aber später, als der Bub anders +ward, als du es wünschtest, gingst du zu Werk wie +ein Tölpel. Knicken wolltest du, was sich da in +fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht paßte. +… Dein Kind – – jawohl. Aber zugleich ein +Menschenkind für sich, dessen Eigenart du hättest +feinfühlig erkunden und pflegen sollen … Aber +du warst zu bequem, zu eigensinnig, zu – arm +dazu …</p> + +<p>Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das +war ja nicht zum Aushalten. Man meinte es ja +gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen +gewiß nicht die Freude rauben. Nein, – – +meinetwegen konnte man sich ja für das Buch +interessieren.</p> + +<p>Er tat es wenige Tage später bei Tisch, als ihm +auffiel, wie wortkarg Peter dasaß. „Na, wie ist's +mit dem Buch? Gefällt es dir?“</p> + +<p>Peter nickte, aber er erzählte nichts. Wie konnte +er seinem Vater davon sprechen, was dies Buch +für ihn bedeute. Neuland … Neuland … Herr +Röder hatte recht gehabt. Und nun wußte er, was<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +seines Lebens Inhalt werden sollte. In fremden +Landen den Geheimnissen nachspüren, die in Felsen +und Wäldern, auf dem Grund einsamer Seen +schlummern. Wenn er auch nicht mehr der erste +sein würde, der ein unbekanntes Zauberland betritt, +in den Fußstapfen eines Tapfern wandeln ist auch +etwas Großes, und Entdeckerfreude, das merkte +Peter, blieb auch so noch übergenug.</p> + +<p>Eine große Sehnsucht füllte und weitete sein +ganzes Denken. Die Bilder der Zukunft, die er sich +bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft so +greifbar vor ihm, daß es ihn mit hilflosem Erstaunen +erfüllte, wenn er sich, durch irgend ein +Geräusch erwachend, im Straßengewühl fand, +nachdem er eben noch über einsame Höhen geritten, +einen langen Zug fremdländischer Menschen und +Tiere hinter sich.</p> + +<p>In der Schule warf er sich mit fröhlichem Eifer +auf seine Studien. Denn auch was an praktischen +Fähigkeiten in Peter geschlummert, war aufgewacht, +und er sagte sich mit großer Nüchternheit, daß er +zur Erfüllung seiner stolzen Pläne vor allem Geld +brauche. Das mußte er sich verschaffen, er selbst, +denn auf die Unterstützung seines Vaters konnte +er kaum rechnen. Überhaupt der Vater … Würde +er zugeben, daß sein Sohn studiere, noch dazu +Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm auseinandersetzte, +daß es für junge Stein- und Pflanzenkundige +in überseeischen Ländern glänzende Stellungen +gebe. Riesensummen wurden genannt, und<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. +O, er wollte sparen, keinen Rappen unnötig ausgeben! +Dann mußte es doch möglich sein, nach +Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu +können.</p> + +<p>Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln Äußerungen +seiner Mutter gegenüber. Er erkundigte sich auch, +wie das Geschäft gehe und ob es etwa leicht einen +Käufer fände. Frau Elisabeth fühlte sich durch +solche Fragen, die ihr Vorboten neuer Kämpfe +schienen, verwirrt und verletzt. Daß auch Peter +gar keine Liebe fühlte für die Arbeit, die schon sein +Urgroßvater in Händen gehabt. Ach, wie war +dieses Kind aus der Art geschlagen, innerlich und +äußerlich.</p> + +<p>Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend +wußte, auf sein Zimmer und betrachtete lange das +herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war +Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet +werden. Er war doch eigentlich noch ein halbes +Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein Gesicht +merkwürdig alt und beinahe streng. Daran mochten +die finstern Augenbrauen, die über der Nase zusammenliefen, +Schuld tragen. Frau Elisabeth +beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes +die feinen Linien … Das sollte doch nicht sein in +einem so jungen Gesicht … Und sie rühren nicht +her vom vielen Lachen. Peter lacht selten … +Peterlein, Peterlein – – wo ist all das Glück +geblieben, das mir deine ersten Jahre geschenkt?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths +Mund. Peter bewegte sich, richtete weitaufgerissene +Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter, drehte +sich zur Seite und murmelte: „Durch, durch! Man +<span style="white-space:nowrap;">muß – –“</span></p> + +<p>Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten +ging sie nach der Türe.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>„Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir +einen Gruß sagen.“</p> + +<p>Peter blieb am Fuß des langen Treppengäßchens, +das zur elterlichen Wohnung hinaufführte, stehen +und schaute der Rufenden entgegen. Sie war ein +feingliedriges Mädchen mit langen lichten Zöpfen, +die beim Springen lustig tanzten. Bei Peter angelangt, +sprudelte sie rasch hervor: „Das kannst du +nicht erraten, von wem ich dich grüßen soll! Oder +doch – probier's einmal!“</p> + +<p>Während die beiden langsam die Stufen erstiegen, +begann ein lustiges Raten und Verneinen. Alle +gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder, Lehrer +und Mitschüler, zuletzt in einer launigen Anwandlung +Namen hochgestellter Personen, wurden von +Peter vorgebracht. Alles ohne Erfolg. Das +Mädchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, +der unwillkürlich zur Freude mitriß. Sie sprach sehr +lebhaft und mit blitzenden Augen. Nie hatte Peter +frohere Augen gesehen und überhaupt wollte ihm +mit einem Male dünken, noch nie so schöne, tiefblaue.<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +Sie standen in einem Gesicht, das zu schmal +und unentwickelt war, um hübsch zu wirken. Aber +die Haut war weiß und rosig und so durchsichtig zart, +daß man sah, wie das Blut kam und ging … bei +einer schnellen Erregung dunkelrote Wangen … +bei plötzlichem Erschrecken ein schneeblasses Antlitz. +Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe +täglich mit dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete +sie nun mit einem Gefühl, als sähe er sie +zum erstenmal.</p> + +<p>Wie war das so fein und schmal, das da auf +leichten Füßen neben ihm schritt und mit seinem +glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu +verwandeln schien … in einen Sonnentag, in +dessen Bläue selige Lerchen steigen.</p> + +<p>Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne +daß es Peter gelungen wäre, den Namen zu erfahren. +„Wir können ja morgen wieder zusammen heim; +vielleicht bist du da gescheiter,“ sagte Ruth mit einer +hoheitsvollen Miene, die in merkwürdigem Gegensatz +zu ihrem Kindergesicht stand, Peter aber sehr +reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die +Hoheit in lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann +aber schüttelte er sehr energisch den Kopf. Er kannte +die Lästermäuler der männlichen und der weiblichen +Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit +Ruth auf dem Schulweg gesehen zu werden, dann +hatte die Geschichte ihren Namen weg.</p> + +<p>„Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, +da können wir weiter raten,“ schlug Peter vor.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>„Ja, aber erst um sieben. Vorher muß ich üben.“</p> + +<p>„Erst um sieben! Um halb acht Uhr muß ich zu +Hause sein. Kannst du das Üben nicht abkürzen?“</p> + +<p>„Ich kann schon, aber – – ich mag nicht,“ kam +es etwas zögernd von Ruths Lippen.</p> + +<p>„Spielst du so gerne? Was spielst du denn?“</p> + +<p>„Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich +will dir ein Geheimnis sagen, aber du mußt mir +versprechen, daß du es keinem Menschen auf der +ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?… +Also … ich will eine Künstlerin werden. Ich will +immer, immer Musik um mich haben. Aber sie +wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natürlich. +Vielleicht darf ich auch nicht. Dann muß ich es +eben bleiben lassen … Mutter sagt, es kann auch +<em class="gesperrt">so</em> noch schön werden, und das glaube ich auch.“</p> + +<p>„Unsinn, Ruth! Man läßt doch etwas nicht +bleiben, von dem man weiß: ich muß es haben. +Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.“</p> + +<p>Ruth sah einen Augenblick kläglich drein, und +Peter mußte, in das schmale Kindergesicht blickend, +selbst über seine Worte lächeln. Es war, als hätte +er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen +eine Mauer zu stürmen. Nur gut, daß <em class="gesperrt">er</em> breite, +starke Schultern hatte.</p> + +<p>„Wie alt bist du eigentlich, Ruth?“ fragte er, in +die Türe tretend.</p> + +<p>„Vierzehn. Weißt du, an Silvester wurde ich +vierzehn. Und du?“</p> + +<p>„Ich bin eben sechzehn geworden.“ –</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. +Ruths Mutter begrüßte ihn. „Nett, daß +du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, +du wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit +du so ein großer Bub geworden. Und ich fand es +eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre so gute +Kameraden gewesen. Aber freilich – jetzt hast du +eben genug an deinen Freunden.“</p> + +<p>„Ich habe keinen Freund,“ sagte Peter nachdenklich, +„und ich weiß eigentlich nicht, warum +ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe … Wir +hatten so viele Aufgaben, und – – ich lese viel.“</p> + +<p>Ruths Mutter lachte. „Na, du brauchst dich nicht +zu entschuldigen. Jetzt geh nur zu Ruth hinauf. +Sie übt in ihrem Zimmer.“</p> + +<p>Peter ging durch den langen, immer dämmrigen +Flur eine mächtig gebaute Treppe hinauf, auf deren +breitem Geländer er hundertmal abgerutscht war. +Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe +angelangt, setzte er sich, wenige Schritte von Ruths +Zimmertüre entfernt.</p> + +<p>Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich +monotone Übung. Ein-, zweimal griff sie daneben, +und Peter hörte ein ungeduldiges „So paß' doch +mal auf!“</p> + +<p>„Nun hat sie gewiß ganz rote Backen, wenn sie +sich ärgert,“ dachte Peter und lächelte.</p> + +<p>Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, +hörte er ein befriedigtes „So“. Und +nun begann ein anderes Spiel.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Eine feine, sehnsüchtige Melodie kam dahergeglitten, +warb und flehte … und brach ab in +einem jammervollen Schluchzen.</p> + +<p>Peter lauschte atemlos. <em class="gesperrt">So</em> also konnte Ruth +spielen. Ach, dann würde wohl auch ihr Traum +vom Künstlertum in Erfüllung gehen … Warum +nur stimmte ihn das so traurig?</p> + +<p>Horch, nun begann wieder das Spiel.</p> + +<p>Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, +und dazwischen klang ein seliges Lachen. Aber es +wurde immer wieder erstickt von dem Schweren … +Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, +all das Leidvolle, Beengende zurückdrängend. +Wie es sich wiegte in der Luft, im Sonnenschein! +Wie es stieg – – höher und höher und +endlich verklang in einem letzten, unendlich zarten +Triller.</p> + +<p>Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein +paar energische Doppelgriffe, und nun spielte Ruth +eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen +strömten daher … Peter kannte die Worte, die er +vor kurzem im Konfirmandenunterricht gelernt +hatte. Einige der Verse hatten ihn tief ergriffen, +und auch jetzt wieder füllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfürchtige +Stimmung. Gott ist gegenwärtig, +dem die Cherubinen Tag und Nacht gebücket +dienen … Luft, die alles füllet, drin wir immer +schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer +ohn' Grund und Ende, Wunder aller Wunder, +ich senk' mich in dich hinunter.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>Ruths Zimmertüre ward plötzlich geöffnet. Helles +Licht ergoß sich auf die dunkle Treppe, so daß Peter +einen Augenblick die Hände vors Gesicht legte.</p> + +<p>„Hast du schon lange hier gesessen?“ fragte Ruth. +Nun mußte Peter sie ansehen. Sie lehnte am Türpfosten, +die Geige im Arm, und hatte ein blasses, +ganz ernsthaftes Gesicht.</p> + +<p>„Es war so schön, Ruth! Komm, setze dich +hierher zu mir. Bist du mir böse, weil ich zugehört +habe? Ich habe Musik auch gern.“</p> + +<p>„Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch +gern. Deshalb darfst du zuhören. Leuten, die +Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag, +spiel' ich nichts vor.“</p> + +<p>„O Ruth! Wie wird es dir ergehen!“ lachte +Peter. „Eine Künstlerin muß allen vorspielen, +ob sie sie leiden mag oder nicht.“</p> + +<p>„Ach, weißt du, dann denke ich eben an einen +Menschen, den ich lieb habe, und spiele dem alles +vor. Aber nun sollst du raten.“</p> + +<p>Peter war so erstaunt über diese plötzliche Aufforderung, +daß er das Mädchen ein paar Augenblicke +wortlos betrachtete. Sie saß jetzt auch auf +der Treppe, die Hände um die Knie geschlungen, +und sie sah nun wieder aus wie am Morgen, ein +unbekümmertes kleines Schulmädel, dem die Necklust +aus den Augen sprühte.</p> + +<p>Sie mochte sein Schweigen für Ratlosigkeit halten, +denn sie fuhr fort, ihn mit aufmunternden Worten +auf die rechte Spur zu leiten.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>„Du mußt viel weiter zurückdenken, Peter. Wie +du noch klein warst, hast du sie gesehen … Wie +du einmal in den Bergen warst … So – jetzt +ist's aber leicht.“</p> + +<p>Nun war Peter völlig bei der Sache. Er war +schon ein paarmal in den Bergen gewesen, aber als +kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so weit +zurück – – und wie lag es so schön und grüßte +herüber … „Die Tante! Ist es die fremde Tante?“</p> + +<p>„Ja, die ist's!“ jubelte Ruth. „Tante Trude! +Du weißt doch, daß sie eine Norddeutsche ist? Na, +Mutter und sie waren zusammen in Pension in der +französischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, +und nachher, wie Mutter heiratete, ist sie +Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter +geschrieben, sie möge doch einmal kommen, weil +Rudolf konfirmiert wird. Ich glaube, sie hatten +sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die Tante +hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt +Mutter. Ja, und nun hat sie geantwortet und hat +gefragt, ob wir nicht einen Peter Niemeyer kennen, +der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn +wir nun doch schon ein paar Jahre in der Nähe vom +Totengäßchen wohnten, müßten wir dich sicher +kennen. Und dann schreibt sie, ihr hättet euch so +lieb gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und +sie lasse dich grüßen. Kannst du dich noch an sie +erinnern?“</p> + +<p>„Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr +freundlich zu mir und hat mir manchmal geholfen.<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +Aber ihr Gesicht – – nein, daran kann ich mich +nicht mehr erinnern.“</p> + +<p>„Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der +Welt, und das stehe auch in ihrem Gesicht. Weißt +du, sie arbeitet den ganzen Tag für andere, immer +nur für andere, und denkt an sich nur so im letzten +Augenblickchen. Mutter sagt, die kriegt mal einen +guten Platz im Himmel … Peter!“</p> + +<p>„Ruth?“ Peter ist wirklich gespannt, was nun +kommen wird. Das Gesichtchen, das aus dem +Dämmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das er +noch nicht kennt. Warm und froh und ein bißchen +sehnsüchtig schauen die großen Augen, die ein so +treuer Spiegel des beweglichen Geistchens sind.</p> + +<p>„Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel +geträumt, d. h. nur einmal war es der Himmel +selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg +dahin. Es war ein sehr schlimmer Weg, Peter. +Weißt du, mit schrecklich viel Steinen und so großen +Löchern, daß ich manchmal nicht wußte, wie hinüberkommen. +Es waren viele, viele Kinder bei mir, +und ich glaube, auch ein paar große Leute. Das +weiß ich nicht mehr so recht … Ja, und wie wir +so gingen, sahen wir ein großes, langes Haus. +Darin mußten tausend Lichter brennen, denn aus +allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, +Peter, gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter +Graben – – ich konnte einfach nicht hinüber, ich +fürchtete mich. Und ich war so traurig, denn eine +Menge Kinder gingen hinüber und gingen in das<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +Haus hinein. Und da kam auf einmal ein Mann +und nahm meine Hand … Ach, und da war ich +so froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der +Mann sprach zu mir. Ich weiß nicht mehr, was er +sagte. Ich wußte es schon nicht mehr, wie ich aufwachte. +Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepaßt. +Ich dachte immer: nie hast du eine so freundliche +Stimme gehört, nie hat dich jemand so geführt … +Ich war damals noch ein bißchen klein, Peter, es +sind schon ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen +wir nach dem Haus, und es ging die Türe auf, und +da war ein so großes Licht, daß ich es nicht ertragen +konnte – – und ich wachte auf, und da war mein +ganzes Zimmer voll Sonntagssonne und die +Glocken läuteten … War das nicht ein schöner +Traum, Peter?“</p> + +<p>„Ja,“ sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, +„das war ein schöner Traum. Und wer, +glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?“</p> + +<p>„O, Peter! Hast du es nicht gespürt? Das war +doch der Herr Jesus. Ich habe es gleich gewußt. +Weißt du, nachher, wie ich ganz traurig war, daß +ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, +habe ich gedacht, vielleicht hat er gesagt: Lasset die +Kindlein zu mir kommen. Das hätte er doch gut +sagen können, nicht, Peter?“</p> + +<p>„Freilich, ja. Und was hast du sonst noch +geträumt?“</p> + +<p>„O, der andere Traum war vom Himmel selbst. +Aber da war er kein Haus. Nein, eine große Wiese<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span> +in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen +die weißen Berge, und davor war ein großer Stuhl, +und da saß der liebe Gott. Er hatte einen mächtig +langen Mantel an, der lag ganz breit auf der Wiese. +Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar +standen ganz nahe bei ihm. Aber ich hatte auch +ein feines Plätzchen, Peter! Und das Feine war, +daß mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich saß +in einem Zipfel von Gottes Mantel. Ich war ganz +versteckt, und ich war so vergnügt. Aber nun solltest +du gewiß gehen, Peter.“</p> + +<p>„Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?“</p> + +<p>„O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir +sind doch keine großen Leute. Die fragen sich solche +Sachen.“</p> + +<p>„Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme +ich morgen wieder. Übrigens – kommt die Tante +Trude eigentlich?“</p> + +<p>„Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns +allen so schrecklich leid. Und sie hat geschrieben, sie +hätte uns alle so gern kennen gelernt, und wir +sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein +bißchen. Aber die andern wollen nicht. Nur Rudolf +natürlich. Der muß sich doch auch bedanken. Aber +Willy sagt, Briefe seien etwas Gräßliches, und +Hans sagt, da habe er Gescheiteres zu tun. Und +wie ich sagte, ich wolle schreiben, da sagten sie: Ja +tu's nur, für ein Mädchen paßt das viel besser. +Aber nun genier' ich mich doch ein bißchen, so allein.<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +Oder – – Peter, könntest du nicht schreiben? Sie +kennt dich ja sogar besser als uns. Willst du nicht?“</p> + +<p>„Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute +Nacht, Ruth.“</p> + +<p>„Gute Nacht, Peter.“</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>„… Als einen im Grund unerfreulichen Burschen +meinst du dich vorstellen zu müssen. Da muß ich +dir denn doch verraten, daß der Peter, der zu mir +gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen +unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und +das Sonnenkind Ruth zusammen haben mir einen +sehr schönen Abend geschenkt, und ich hoffe ernstlich, +es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.“</p> + +<p>Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief +wieder und wieder. Es war, als strecke sich ihm +eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich, +komm' zu mir, ich verstehe dich. Und er freute +sich, daß er Ruths Drängen nachgegeben und geschrieben +hatte.</p> + +<p>Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die +häufigen Besuche im Nachbarhaus hatten Anlaß zu +allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und sie hatte +ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur +Peter an dem magern kleinen Ding Schönes finden +könne. Peter, der Ältere, hatte gelacht und gemeint: +„Na, Betty, das ist nun ein Punkt, über +den sich ewig streiten läßt. Dem einen gefallen +dralle Backen, und dem andern gefällt so ein<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +schmales Gesichtchen. Übrigens finde ich sie ein +ganz nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur +froh, daß Peter nicht auf irgend ein albernes, +kokettes Mädchen verfallen ist.“</p> + +<p>Frau Elisabeth merkte, daß sie in dieser Angelegenheit +bei ihrem Mann keine Unterstützung +finden werde. „Er wird eben auch so gewesen sein,“ +dachte sie ärgerlich, aber allmählich gewöhnte sie sich +an Peters Freundschaft, und wenn sie auch kein +gutes, verständnisvolles Wort dafür fand, so unterdrückte +sie wenigstens die schlimmen.</p> + +<p>Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun +fand ihre Entrüstung ein Echo. Peter Niemeyer +tadelte die Schreiberei als überspannt und lächerlich; +Frau Elisabeth fühlte sich in ihren mütterlichen +Rechten angegriffen. Eifersüchtige und aufreizende +Bemerkungen flogen hinüber und wurden mit +trotzigen und höhnischen beantwortet.</p> + +<p>Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen +Augen am Fenster lehnte, trat Frau +Elisabeth zu ihm.</p> + +<p>„Mein lieber Bub,“ sagte sie und legte den Arm +um ihn, „nun laß dir noch einmal in aller Liebe +etwas sagen.“</p> + +<p>Peter entzog sich jäh ihrer Umarmung. Er haßte +diese Art von Liebesbezeugung, die immer die Einleitung +zu Vorwürfen bildete und ihn von vornherein +in eine rebellische Stimmung versetzte. Er +hatte dies schon mit dürren Worten ausgesprochen, +ohne eine Änderung herbeizuführen. Denn Frau<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +Elisabeth gefiel sich in dieser mütterlichen Rolle, und +sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem +Gatten klagen: „Ich habe so freundlich angefangen, +aber er läßt sich ja gar nichts sagen …“</p> + +<p>Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurück. +Sie setzte sich an ihren Nähtisch, brach in ein scheltendes +Klagen aus über Peters Undankbarkeit, +allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und Absonderlichkeit. +„Wozu willst du denn nach Halle schreiben? +Die Person geht dich doch gar nichts an. Was soll +denn die ganze Geschichte bedeuten?“</p> + +<p>Peter, der mit gekünstelter Gleichmütigkeit zugehört +und nur bei dem Wort „Person“ einen bösen +Blick auf die Mutter geworfen, trat plötzlich dicht +an sie heran. Langsam und schwer atmend stieß er +hervor: „Warum ich schreibe? Vielleicht könnte es +sein, weil ich auch einmal jemand brauche, der mich +versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als +Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten +spricht, sondern wirklich eine Mutter ist.“</p> + +<p>Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach +in Tränen aus und schluchzte, Peter werde einmal +an ihrem Grab Buße tun, und ob er denn gar +nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort +ging Peter pfeifend aus dem Zimmer; aber in +seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er saß und brütete +vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines +Gesicht häßlich verzerrten.</p> + +<p>Dann, als habe ihn ein lichter Geist berührt, +glätteten sich seine Züge. Ganz plötzlich, in wirrer<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung an die +letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.</p> + +<p>Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die +Jünger, als sie mit Jesu gingen, zurückblieben und +ins Streiten gerieten.</p> + +<p>Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, +daß es ihm ist, als rollten die Jahrhunderte +zurück in einer einzigen großen Bewegung +– – und er ist mitten unter ihnen, ist +einer von denen, die hinter Jesu gehen. Ein +schmaler Weg durch hohes Korn … eine Gestalt … +sie wendet sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen +ihn zwei tiefe Augen … Vorbei. Peter sitzt +wieder in seiner Stube und fühlt sich erbärmlich +und klein.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu +auf der Gitarre, und Peter weiß eigentlich nicht, +was er mehr liebt, die Geige oder Ruths Stimme. +Das Geigenspiel ist vielleicht schöner, ja unbedingt +schöner, aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht +und innig, glücklich und lachend. Nur wenn sie ernste +Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann kann +Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.</p> + +<p>„Heute weiß ich ein neues Lied, Peter. Ein +wunderschönes. Paß' einmal auf. Ich habe es +unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so +viele Verse – ich habe mir nur die zwei ersten +und den letzten gemerkt:</p> + +<div class="poem"><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span><div class="stanza"> +<span class="i0">Jungfräulein, soll ich mit euch geh'n<br /></span> +<span class="i0">in euren Rosengarten?<br /></span> +<span class="i0">Da, wo die roten Röslein steh'n,<br /></span> +<span class="i0">die feinen und die zarten,<br /></span> +<span class="i0">und auch ein Baum, der blühet<br /></span> +<span class="i0">und seine Läublein wiegt,<br /></span> +<span class="i0">und auch ein kühler Brunnen,<br /></span> +<span class="i0">der grad darunter liegt.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">In meinen Garten kannst du nicht<br /></span> +<span class="i0">an diesem Morgen früh;<br /></span> +<span class="i0">den Gartenschlüssel find'st du nicht,<br /></span> +<span class="i0">er ist verborgen hie.<br /></span> +<span class="i0">Er liegt so wohl verschlossen,<br /></span> +<span class="i0">er liegt in guter Hut –<br /></span> +<span class="i0">Der Knab' 'darf feiner Lehre,<br /></span> +<span class="i0">der mir den Gart'n auftut.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Dort hoch auf jenem Berge,<br /></span> +<span class="i0">da steht ein Mühlenrad.<br /></span> +<span class="i0">Das mahlet nichts als Liebe,<br /></span> +<span class="i0">die Nacht bis an den Tag.<br /></span> +<span class="i0">Die Mühle ist zerbrochen,<br /></span> +<span class="i0">die Liebe hat ein End' –<br /></span> +<span class="i0">So segn' dich Gott, mein feines Lieb,<br /></span> +<span class="i0">jetzt fahr' ich ins Elend.<br /></span> +</div></div> + +<p>Gefällt es dir nicht, Peter? Du bist so still.“</p> + +<p>„Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst +du das nicht? Nun muß er wandern, immer weiter +weg von dem wunderschönen Garten. Wie heißt +es doch?… und auch ein Baum, der blühet und +seine Läublein wiegt …“</p> + +<p>„Und auch ein kühler Brunnen, der grad darunter<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +liegt,“ summte Ruth. Sie betrachtete ihren Kameraden +mit scheuen Augen. „Vielleicht hat sie +ihm doch einmal aufgemacht, später, weißt du, wie +er wieder gekommen ist.“</p> + +<p>„Glaubst du, er sei wieder gekommen, Ruth?“</p> + +<p>„O ja, ganz gewiß. Und dann gingen sie +hinein und da war noch immer der kühle Brunnen …“</p> + +<p>„Und dann, Ruth?“</p> + +<p>„Und dann setzten sie sich und horchten auf das +Rauschen, und vielleicht schien auch die Sonne ins +Wasser. Das mag ich so gern, wenn alle Tropfen +glitzern.“</p> + +<p>„Und dann, Ruth?“</p> + +<p>„Wie komisch du fragst, Peter! Jetzt weiß ich +nichts mehr. Sag doch du weiter.“</p> + +<p>„Nein. Wenn du nichts weißt, weiß ich auch +nichts. Aber nun sing' mir das Lied noch einmal.“</p> + +<p>Und Ruth sang, und Peter ging nach Hause und +hatte Kopf und Herz voll schwermütiger Klänge +und Worte. „Der Knab' 'darf feiner Lehre, der +mir den Gart'n auftut …“</p> + +<p>An diesem Abend schrieb Peter seine ersten Verse. +Und während er schrieb, war es ihm, als hätte er +den Schlüssel gefunden zu jenem Rosengarten, war +es ihm, als ginge das Jungfräulein neben ihm auf +leichten Sohlen und habe Ruths lichtes Haar und +Ruths strahlende Augen. Aber als er die Verse +später durchlas, erschrak er.</p> + +<p>War es möglich, daß das, was ihm eine helle<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> +Lohe geschienen, ein paar armselig glimmende +Funken waren?</p> + +<p>Er wußte noch nicht, daß unser Innigstes und +Größtes, das in unendlich seligen und in unendlich +schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner +ganzen Schöne und Wärme ans Licht treten kann. +Ein blasses Schattenbild … ein verlorener Nachklang …</p> + +<p>Und doch können wir dem geheimnisvollen, +drängenden Rieseln nicht wehren und hoffen immer +aufs neue, es werde der starke, singende Quell der +Schönheit hervorbrechen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Tag der Einsegnung ging vorüber, und nun +fehlten nur noch drei Wochen bis zum Abschluß +des Schuljahrs. Peter mußte sich zum Sprechen +entschließen, denn die Eltern schienen es als eine +ganz selbstverständliche Sache anzusehen, daß er +der Schule Lebewohl sagen und ins Geschäft eintreten +werde. Die letzte Zeit war äußerlich eine friedliche +gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte +Frau Elisabeth eine jener Stunden erlebt, in denen +ihre kleine Seele über sich selbst hinauswuchs. Die +Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die +Eltern als an die Kinder wendete, trafen sie ins +Herz, und sie ging aus der Kirche voll guter Vorsätze. +Sie wollte versuchen, in innigere Fühlung +mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte +lernen, zu ihm zu stehen. Auch seinem Vater gegenüber?<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +Dieser Gedanke war peinlich und unbequem, +und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. „In +der letzten Zeit ging es ja so gut,“ redete sie +sich tröstlich zu. „Wer weiß, wenn sie einmal +im Geschäft beisammen sind, lernen sie sich besser +verstehen.“</p> + +<p>Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den älteren, +denn wenn er sich auch zu Zeiten einredete, seines +Kindes Entfremdung lasse ihn gleichgültig, im +Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht +nach seinem Besitz. –</p> + +<p>„Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der +Lehre beginnen?“ fragte Vater Niemeyer eines +Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in +heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit +freundlichem Ausdruck in des Jungen Gesicht.</p> + +<p>Peter ward dunkelrot. Er fühlte, daß seine Antwort +einen Sturm entfesseln werde.</p> + +<p>Das Zarte und Nachgiebige in ihm flüsterte: +füge dich! Aber die junge Willens- und Lebenskraft +reckte sich mächtig und ließ ihn beinahe rauh +hervorstoßen: „Ich kann kein Buchbinder werden. +Ich will lieber in der Schule bleiben. Ich möchte +das Maturitätsexamen machen.“</p> + +<p>„So!“ erwiderte Peter Niemeyer und legte die +Zeitung auf den Tisch. „So – – mein Herr Sohn! +Und seit wann hat man sich das in den Kopf gesetzt?“</p> + +<p>Seine Stimme klang hart, und ein drohender +Blick flog zu dem Buben hinüber. Peter schwieg +und schaute starr geradeaus.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>Erst auf seines Vaters ungeduldiges „wird's +bald!“ antwortete er in gequältem, beinahe flehendem +Ton: „Schon lange!… Ich wollte es +dir immer sagen, <span style="white-space:nowrap;">aber – –“</span></p> + +<p>„Was aber?“</p> + +<p>„Ich dachte, du werdest es nicht gerne hören.“</p> + +<p>„Na, da hast du allerdings recht gedacht! Was +glaubst du eigentlich?… Jahr um Jahr schufte +ich mich ab und glaube die ganze Zeit, du werdest +einmal das Geschäft übernehmen, und +nun kommst du mir mit solchen Geschichten … +Maturität!…</p> + +<p>Und nachher? Studieren wirst du ja auch wohl +wollen? Auf was hat sich denn die Neigung des +gnädigen Herrn gerichtet? Weiß er das vielleicht?“</p> + +<p>Peter zuckte zusammen und tat plötzlich einen +Schritt vorwärts. Frau Elisabeth faltete erschrocken +die Hände. Mein Gott, was würde nun losbrechen! +Sie sah ihres Mannes höhnisches Gesicht +und ihres Sohnes lodernde Augen.</p> + +<p>„Peter!“ mahnte sie eindringlich. Sie wußten +beide, welcher gemeint war, und der Junge antwortete +ihrem Ruf mit einem spöttischen Lächeln. +Dann richtete er den Blick auf den Vater und +sagte: „O ja, der gnädige Herr weiß auch dies. +Er möchte Naturwissenschaften studieren.“</p> + +<p>„Naturwissenschaften!“ Peter Niemeyer sprach +das Wort aus, als habe sich sein Sohn zu einer +unehrlichen Hantierung bekannt. „Das gibt's +nicht. Dazu gebe ich mein Geld nicht her. Ich bin<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> +der Vater und du der Sohn, und du hast zu gehorchen. +Verstanden?“</p> + +<p>Frau Elisabeth hatte sich erhoben und war auf +den Jungen zugetreten. „Sei still, Peter! Sei +still! Versündige dich nicht! Denke dran, es ist +dein Vater!“ flehte sie.</p> + +<p>Aber Peter schob sie beiseite. Sein trotziges +junges Gesicht glühte im Zorn.</p> + +<p>„Nein, jetzt rede ich einmal!“ schrie er. „Mein +Vater bist du – – ja! Aber was für einer? Wann +hast du dich um mich gekümmert, um mich selbst?… +Gehorchen, gehorchen … den Mund halten +zu allem, was der Vater sagt, ob es richtig ist oder +nicht … Keine eigene Meinung haben dürfen. +Nur immer zustimmen, immer loben und gutheißen … +Ist das ein Vater!“</p> + +<p>Peter Niemeyer sprang auf. Er würde seinem +Sohn die geballte Faust vor die Brust gestoßen +haben, hätte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend +entgegengeworfen. „Er ist außer sich, er weiß nicht, +was er sagt,“ schluchzte sie. „Geh fort, Peter! +Geh auf dein Zimmer!“</p> + +<p>„Ja, fort aus meinen Augen!“</p> + +<p>Peter Niemeyer löste sich aus der Umklammerung +seiner Frau und schritt schwer atmend im Zimmer auf +und ab. Er schalt in maßlosen Ausdrücken auf den ungeratenen +Sohn, aber er wartete vergeblich darauf, +daß ihm Frau Elisabeth wie gewöhnlich beistimme.</p> + +<p>Sie saß in der Sofaecke, beinahe regungslos, und +horchte mit allen Sinnen nach oben. Was mochte<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +er tun? Brütete er über finsteren Gedanken oder +konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein über +seine zertretene kleine Welt … Ob die scheltenden +Worte nicht zu ihm drangen?… Also studieren +wollte er. Naturwissenschaften … Ach, und dann +wohl Reisen machen in fremde Länder, wie jener +Sven Hedin, von dem er so oft gesprochen … +Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche Gedanken +kommen!</p> + +<p>„Und diese Sprache seinem Vater gegenüber!“ +grollte Peter Niemeyer. „Du sagst wohl, er sei +außer sich gewesen. Das soll er eben nicht sein, +wenn er mit mir spricht. Zudem, was habe ich +denn gesagt oder getan, was ihn so außer sich bringen +konnte? Weil ich seinen kindischen Wünschen nicht +nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen. +Das Leben faßt einen hart an.“</p> + +<p>O gewiß, das Leben ist hart. Und deshalb sollen +wir es auch werden? Wäre es nicht besser, wir versuchten +uns die weichen Kinderhände zu bewahren +… Eine Kinderhand … Schmal und fein ruht +sie in unserer harten Hand … Und ist doch so +stark und mächtig, eben weil sie weich und linde ist, +vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverständlich in +Gottes Vaterhand ruht.</p> + +<p>Horch, nun geht die Türe in Peters Zimmer. +Man hört seine Schritte auf der Treppe, im Hausflur, +dann das Öffnen und Schließen der Haustüre. +Wohin will er so spät? Der Zeiger nähert sich der +elften Stunde.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken +an. Dieser hielt einen Augenblick im Gehen inne, +als er sagte: „Ach, laß ihn laufen! Die frische Luft +kann ihm nur gut tun. Du bist übrigens seltsam +besorgt um ihn heute abend, Elisabeth. Was ist +nur in dich gefahren?“</p> + +<p>Ja, was? Ein grelles Licht, eine jähe Erkenntnis, +ein Wachrütteln aller Sinne … Frau Elisabeth +findet keines dieser Worte. Sie fühlt sich nur +jämmerlich klein und ohnmächtig ihrem Mann +gegenüber; sie fürchtet sich, ja, sie zittert davor, +ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und +muß es doch sagen!</p> + +<p>„Peter!“ beginnt sie leise. „Ich will den Bub +gewiß nicht rechtfertigen. Er hat sich zu schlimmen +Worten hinreißen lassen. Aber, Peter, vielleicht hat +er recht. Vielleicht hast du – – ach, ich meine uns +beide … vielleicht haben wir uns nie richtig um +ihn gekümmert. Ach, und nun rennt er in die Nacht +hinaus, so im Jammer. Du weißt ja nicht, wie er +sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und heiß +… Und wie er weinen konnte! Peter, ich muß +ihm nach. Ich kann nicht anders.“</p> + +<p>Sie wartete keine Antwort ab. Sie riß die Türe +auf und stand schon unten an der Treppe, als sie +ihres Mannes Stimme hörte: „Elisabeth! Betty! +Ich bitte dich! Dieser Skandal …“</p> + +<p>Frau Elisabeth schloß die Türe hinter sich. +Skandal! Mochten die Leute denken, was sie +wollten! Übrigens, das Gäßchen war menschenleer.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>Sie merkte erst jetzt, daß ein zarter Regen niederrieselte. +Der Himmel war undurchdringlich finster, +und der Wind, der eben aufzuwachen schien, blies +kalt. Sie eilte die Stufen des Gäßchens hinab und +blickte nach allen Seiten. Ganz in der Ferne ging +eine Gestalt, die Peter sein konnte. Ach, wie war +er schon so weit!</p> + +<p>Frau Elisabeth hastete vorwärts. Sie durfte ihn +nicht aus den Augen verlieren. Wenn er bei einer +Straßenbiegung verschwand, durchzuckte sie jedesmal +eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur +langsam näher. Peter schritt mächtig aus.</p> + +<p>Nun bog er in die Straße ein, die in gerader +Linie auf die Brücke führt. Frau Elisabeth lief. +Das Blut pochte ihr in Hals und Schläfen. Sie +zitterte am ganzen Körper, aber die Angst riß sie +vorwärts. Gottlob, nun war sie um die Ecke! Die +Straße war menschenleer, aber dort – auf der +Brücke bewegten sich ein paar Gestalten. Die +würden doch helfen, wenn – – –</p> + +<p>Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht +haben, als er stehen blieb. Er legte die Arme auf +die steinerne Brüstung und seinen fiebernden Kopf +darauf.</p> + +<p>Aus der Tiefe weht es kühl herauf. Schwarz +und in eiliger Flucht, als trügen sie ein unseliges +Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die Bogenlampen +der Brücke und ein hellerleuchtetes Gasthaus +am Ufer werfen in das schwarze Wasser ihr +bißchen silbernes Licht, das zitternd ertrinkt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>So würden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen +Wellen … Aber man würde ihnen ihr Geheimnis +zu entreißen suchen, und man würde ihn finden. – –</p> + +<p>Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er +in Nacht und Tod. Hinauf, hinauf zu allen Sternen +und Sonnen … Leben will er – – Leben …</p> + +<p>Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief +gestanden, den er am Vorabend der Konfirmation +erhalten? „Du willst große Reisen machen, Peter. +Nun, eine Reise hast du ja längst angetreten, die +große Lebensreise, die uns auch Neuland auftut. +Nie geahnte Täler des Leids und Jammers und +Höhen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende +erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise, +Peter, du und ich und all die andern. Kennst du +den alten Vers?</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Unser Leben gleicht der Reise<br /></span> +<span class="i0">eines Wandrers in der Nacht;<br /></span> +<span class="i0">jeder hat in seinem Gleise<br /></span> +<span class="i0">etwas, das ihm Kummer macht.<br /></span> +</div></div> + +<p>Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht. +Nicht wahr, Peter?“</p> + +<p>Ruth, Ruth … liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist +Freude … holde Freude …</p> + +<p>Etwas Großes, Warmes quillt in Peters Herzen +auf und daneben etwas Tapferes, beinahe Frohmütiges. +Das Wort seiner kleinen Weggefährtin +kommt ihm in den Sinn. „Es kann auch <em class="gesperrt">so</em> schön +werden.“ Schön beim Büchereinbinden, Ruth? +Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Schönes in<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +uns tragen. Und das hast du ja … Wer weiß, +Peter, vielleicht kriegst du noch in anderer Weise +mit Büchern zu tun …</p> + +<p>Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von +Peter entfernt. Aber sie starrt nicht ins Wasser +hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem +Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen +Fluten der Selbstanklage und Reue zu versinken. +Was ist sie für eine Mutter gewesen! Ohne Mut, +ohne Selbstüberwindung … sie hat die Dinge +gleiten lassen. Und nun muß sie hier stehen in +Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter +ausstrecken, darf nur ihre heißen, verworrenen Gedanken +zu ihm schicken … Wird er denn ewig da +stehen bleiben?</p> + +<p>Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich +mächtig und wendete sich und stand seiner Mutter +gegenüber. Sie schauten sich an, und jedes suchte +in des andern Gesicht zu lesen.</p> + +<p>Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz +voller Not und Bitte war, und sie sah mit Staunen +und Dankbarkeit, daß über dem seinen eine tiefe +und ernste Ruhe lag.</p> + +<p>Da faßte sie Mut. Sie trat auf ihn zu. „Peter,“ +flüsterte sie, und es war ein Schluchzen in ihrer +Stimme, „laß uns neu anfangen. Ich will zu dir +stehen, wo ich es für recht halte, auch wenn – – +auch wenn es mir schwer fällt … Wenn du nur +wieder Vertrauen zu mir – zu uns haben könntest, +Peter!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>Da tat Peter, was sie beide überraschte. Er bückte +sich und küßte die Hand seiner Mutter, die sich ihm +bittend entgegengestreckt.</p> + +<p>Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten +kein Wort und fühlten nur, wie eines das andere +in liebevolle und sorgliche Gedanken hüllte. Und +es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit.</p> + +<p>„Ich habe ihn noch nicht gewonnen,“ dachte die +Mutter. „Und es wird mir auch nicht gelingen, +wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bekämpfe +und mich in ihn hinein zu fühlen suche. Und vielleicht +gelingt es mir auch dann nicht, denn er ist ein +seltsames Menschenkind … Vielleicht auch kommen +die beiden nie zusammen … Aber diese Stunde +kann er nie vergessen, das las ich in seinen Augen. +Nie mehr werden wir uns ganz verlieren.“</p> + +<p>Peter aber hat das Gefühl, als müsse er der +kleinen Mutter an seiner Seite emporhelfen, sie +tragen und stützen. Er weiß, trotz ihrer Versicherung, +mit schmerzlicher Gewißheit, daß sie nicht +immer zu ihm stehen wird. Er weiß, daß ihre Seele +wieder und wieder versinken wird im Alltag, aber +er weiß auch, daß sie zu Zeiten ihre Flügel spürt +und ausbreitet …</p> + +<p>Es kann auch <em class="gesperrt">so</em> schön werden …</p> + + + +<hr style="width: 65%;" class="abstand" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span></p> +<h2><a name="Das_rote_Buch" id="Das_rote_Buch"></a>Das rote Buch.</h2> + + +<p>Ich hatte es längst vergessen gehabt.</p> + +<p>Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, +das zu gesegneter Stunde des Weges +kommt, und plötzlich öffnet sich zu seinen Füßen die +Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten +ein Schatz empor, der lange Jahre in der tiefsten +Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer Stunde +geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung +das rote Buch emporgetaucht und mit ihm eine +längst versunkene Welt, die voller Fragen und +Wunder, voller Grauen und Süße gewesen.</p> + +<p>Und plötzlich war Tante Ursula vor mich getreten, +so klar und deutlich, daß ich für einen Augenblick +meine ganze Umgebung vergaß. Sie saß, wie +ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt +das schmale, zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern +flimmerte das weiche Haar, das in so wunderschöner +Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hände +hielten ein Strickzeug – ich meinte tatsächlich das +leise Klappern der Nadeln zu hören. Aber dann verschwand +das Bild so schnell wie es gekommen, denn +mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche +ab und fragte: „Sie sind wohl müde?“</p> + +<p>Nein, natürlich war ich nicht müde. Meine Gedanken +waren nur ungehörigerweise ein wenig abgeirrt. +Und aufs neue wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> +dem Kreise plaudernder und rauchender +Menschen zu, in deren Mitte mich dieser Abend +geführt.</p> + +<p>Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends +als ich in meinem mondlichtgefüllten Zimmer +saß, tat ich die Tore meiner Seele weit auf, um all +den Geistern Einlaß zu gewähren, die lachend und +drohend dem roten Buch entstiegen.</p> + +<p>Wie war es nur gekommen, daß ich seiner gedacht? +Ach ja, der Hausherr hatte ein altes Buch gezeigt, +in dessen Besitz er durch einen glücklichen Zufall geraten. +In Schweinsleder war es gebunden. Den +bräunlichen, mit schnörkeligen Buchstaben bedeckten +Blättern entstieg ein modriges Düftlein, aber die +illustrierenden Holzschnitte atmeten Leben, ein köstliches, +triumphierendes, trotz der Tränen lachendes +Leben.</p> + +<p>Ich hatte das Buch durchblättert mit einem Gefühl, +das seltsam gemischt war aus Ehrfurcht und +Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und plötzlich +wußte ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, +nicht nur einmal, hundertmal, unzählige Male … +Und siehe da! das rote Buch war lebendig geworden, +und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen +Augenblick gesehen.</p> + +<p>Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, +daß ich keines vom andern lösen kann. Und als +drittes gehört dazu die kleine Stube, in der Tante +Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgültigen +Selbstverständlichkeit betrat, mit der ich in<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +unsere Zimmer ging. Die gute Stube zwar, ja, die +betrat ich auch nicht selbstverständlich. Aber ich haßte +sie geradezu. Das Sofa und die Lehnstühle und all +die blankpolierten Tische und Schränke sahen so +unendlich hochmütig auf das kleine Mädchen herab. +Im ganzen großen Zimmer war kein Plätzchen, das +einem zugerufen hätte: hier kannst du für dich sitzen +und spielen und träumen. Es gab darin nur einen +Anziehungspunkt, und der ging von dem Glasschrank +aus, in dem schön geordnet hundert seltsame Dinge +lagen und standen: Spangen aus farbigem Glas und +Ketten aus glänzenden Münzen, hölzerne Näpfe und +Töpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren +zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehüllt, +und daneben aus tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. +Und mitten drin erhob sich ein weißes Märchenschloß +mit Türmen und Pfeilern, von Palmen +überschattet. Das ganze, unglaublich leichte Gebilde +war aus Pflanzenmark geschnitten und schien mir von +allem Wunderbaren das Köstlichste zu sein. Einmal, +als meine Mutter den Schrank säuberte, hatte ich es +in vor Seligkeit zitternden Händen gehalten. Das +hatte mir zwar einen Klapps eingetragen, den ich aber +im Übermaß meiner Freude kaum spürte. Ich ärgerte +mich nur über die dumm und hämisch glotzenden +Möbel, die meine Demütigung mitangesehen, und +dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und +stieg die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.</p> + +<p>Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt +gewesen und geschmerzt hatte. Da oben gab es<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +keinen Spott und keine Schläge, keine Mahnreden +und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen +oder sehr rebellischen Gedanken die Treppe +hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht mehr alle in +Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von +mir abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe +stand und den Apfelgeruch atmete, der den +kleinen Vorplatz erfüllte. Und wenn ich geklopft +hatte und, das „Herein“ erwartend, die Klinke +ergriff, war mir schon ganz froh zumute.</p> + +<p>Freilich, es gab auch schwere Fälle. Da saß dann +auf der Treppenstufe ein kleines Mädchen, das sich +sehnlichst in das Friedensreich hineinwünschte und +es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz eingehüllt +war in böse, anklagende Gedanken. Aber mit +einem Male tat sich eine Türe auf, daß der dämmerige +Vorplatz voller Licht wurde, und Tante Ursulas +Stimme sagte: „Du, Vroneli, wir haben so +lange nicht mehr das rote Buch beschaut. Komm' +doch herein, ich habe es schon heruntergeholt.“</p> + +<p>Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein +in Tante Ursulas Stube, und alles war wieder +gut, was verkehrt und schlecht gewesen.</p> + +<p>Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte +immer Zeit. Und ihr ganzes Zimmer war voller +Köstlichkeiten, die ich wieder und wieder bestaunte, +und über die wir uns immer aufs neue unterhielten. +Alle Alltagsgeräte, die drunten bei uns nüchtern +und seelenlos dreinsahen, hatten hier oben ein Gesicht, +erzählten eine Geschichte, und ich war fest überzeugt,<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> +daß dies einzig und allein von Tante Ursulas +Einfluß herrühre. Der „Ofentapper“ drohte als +große schwarze Hand hinter dem Ofen hervor, die +Zündhölzer kamen in einem Schlitten angefahren. +Auf dem Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze +Raben, die trugen goldene Kronen auf dem Kopf, +und aus dem Fußschemel blühten Rosen und Vergißmeinnicht. +Auf dem Rouleau war ein See, drauf +schwammen weiße Schwäne, deren einer sicher das +häßliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber +war Tante Ursulas Lampenschirm. Eine ganze +Stadt sah man da mit hellerleuchteten Fenstern. +Einige Häuser hatten grüne oder rote, andere goldgelbe +Scheiben. Es war wunderschön, rund um den +Tisch zu gehen und sich auszumalen, wer in den +Häusern wohnen und was er dort treiben könnte.</p> + +<p>Tante Ursulas Stube war die behaglichste der +Welt. Ich habe wenigstens seither keine finden +können, die ihr gleichgekommen wäre. Es lag ja +nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Möbel, +nicht an der Übereinstimmung der Farben und +Bilder, nicht an den Blumen und Büchern – dies +alles habe ich später wiedergefunden. Aber den +köstlichen Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt +erfüllte, ihn habe ich mit Tante Ursula verloren.</p> + +<p>Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich +nicht sagen. Es wird ja wohl einen Titel, einen Verfasser +und Verleger gehabt haben – all dies hat mich +damals nicht interessiert. Der Name „rotes Buch“ +rührte von der leuchtend roten Einbanddecke her.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. +Und mehr kann man wahrlich nicht von einem Buch +verlangen. Vorne drin war das Bild vom breiten +und schmalen Weg. Wir beide hätten es ein wenig +anders gemalt, denn der schmale Weg sah denn doch +gar zu freudenarm und düster drein. Und es seien +doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen +Wege, auf denen die Freude blühe.</p> + +<p>Auch konnten wir nicht glauben, daß ihn nur so +wenige Menschen gefunden, während sie sich auf +dem breiten Weg drängten. „Weißt du, Herzkind,“ +sagte Tante Ursula, „man hätte überhaupt statt des +einen schmalen Weges viele schmale Weglein machen +sollen, die alle zu Gottes Haus hinführen. Schmal +sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst +können wir nicht in uns hineinhorchen, und doch +hören wir dort am deutlichsten die Stimme, die +uns den rechten Weg zeigt.“ –</p> + +<p>Von den Tieren wußte das rote Buch eine Menge +zu erzählen, ja, es war darin geradezu unerschöpflich, +denn Tante Ursula entdeckte immer wieder etwas, +das sie noch nie zuvor gelesen.</p> + +<p>So kam es, daß ich keinem Tierlein ein Leides tun +konnte und wenn ich ein totes fand, es mit Tränen +in die Erde bettete. Aber näher als die Tierwelt +stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach +mit ihnen, in leisestem Flüsterton, denn dies schien +mir die Sprache der Blumen zu sein.</p> + +<p>Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden +Geschichte zu lauschen. Königskerzen … die waren<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +erstmals aus der Erde emporgestiegen und hatten +stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges +gestanden, als das verratene Königskind aus der +Heimat wandern mußte. Rittersporn … der muß +die goldenen Ähren schützen und steht darum am +Ackerrand. Aber die rote Mohnblume hat sich zu +ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in die +Sonne und freut sich, daß der liebe Gott sie also +geschaffen.</p> + +<p>Schwertlilie … sie hat die seltsamste Geschichte +von allen. Ich konnte mich lange, lange lautlos +dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus +ihren wundersam gebogenen Blättern, der herrlichen +Farbe, dem starken Duft zu strömen schien. So +weiß ich nicht, ob ich ihr Märchen aus ihr selbst +oder aus dem roten Buch gehört.</p> + +<p>… Einmal stand im Wald hoch über den rauschenden +Bäumen eine Burg. Drin lebte mitten +unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters +Töchterlein. Die war holdselig wie ein junges +Bäumlein, über dem der erste Blütenschnee liegt, +und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes. +Doch schöner noch als die Rosen ihrer Wangen +blühten die Gedanken ihres Herzens.</p> + +<p>Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen +bis hinab zum jüngsten Knechtlein liebten sie, wie +sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der kleinen +Kapelle liebten.</p> + +<p>Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der +bog sein Knie vor der Holden und bat sie, ihm<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +zu folgen nach seiner Väter Burg als sein trautes +Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die +Hochzeit sollte gefeiert werden. Aber in der Nacht +vor dem Fest brach ein Feind in die Burg ein, überwältigte +die schlafenden Mannen, und bald loderte +weithin sichtbar eine steile Flamme empor. Dem +jungen Ritter war es jedoch gelungen, mit der +Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene +schützende Burg zu bringen. Aber als der Morgen +graute, sahen sich die beiden, die, um Ausschau zu +halten, auf einen kleinen Hügel gestiegen, rings von +den Feinden umzingelt. „Mein die herrliche Beute!“ +rief einer der Verfolger und teilte mit starken Armen +die Büsche, um rascher zur Höhe zu gelangen. Da +schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen +Heiligen um Beistand, während der Ritter sein +breites Schwert aus der Scheide riß, daß es weithin +einen blitzenden Schein warf.</p> + +<p>Immer näher rückten die Verfolger. Da – mit +einem Male blieben sie stehen wie gebannt. Wo +waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch +hatten sie da oben gestanden, sie in einem blaßfarbenen +Gewand, über das silberhelles Haar floß, +er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun, +wo waren sie hingeraten?</p> + +<p>Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden +nirgends ein Versteck, darein sich die beiden hätten +bergen können. Enttäuscht und mißmutig gingen +sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und +nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut,<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span> +langsam zur Höhe. Und da er sie erreicht, +erblickte er, warm beschienen vom Licht der Sonne, +eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.</p> + +<p>Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen +Duft gehüllt. Ihr Kelch war geschlossen, als +hüte sie ein seliges Geheimnis, und war doch geöffnet, +als biete sie allen das Wunder ihrer zartgeäderten +bläulichen Blätter …</p> + +<p>Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich +diese wundersame Blume nicht dem Frauenbild, das +er vor kurzem hier oben geschaut? Glich sie nicht dem +Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?</p> + +<p>Da gewahrte er plötzlich rings um die Blume +hohe grüne Blätter. Die sahen drein wie spitze, +drohend gezückte Schwerter. Der Ritter trat zurück.</p> + +<p>„Nimmer wird meine Hand dich berühren, +Schwert – Lilie du! Hat nicht ein Wunder dich +geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?“ –</p> + +<p>Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten +Farben gemalte Bilder, von einem Kranz tanzender +Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: +die grüne, die silberne und die goldene +Hochzeit.</p> + +<p>Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das +über eine Frühlingswiese schritt, gefolgt von einem +fröhlich durcheinanderwogenden Zug festlicher +Menschen.</p> + +<p>Auf dem zweiten Bild lachte eine schön geschmückte +und reich besetzte Tafel. Die Gäste hatten sich eben +erhoben und scharten sich, jeder ein hohes, blitzendes<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> +Glas in der Hand, um ein älteres, zufrieden +lächelndes Paar.</p> + +<p>Auf dem dritten Bild saß ein altes Paar, auf +einem niedern Kanapee aneinandergelehnt, und +schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster glitt +ein Sonnenstrahl just über die weißen Häupter hin +und ließ sie silbern aufleuchten.</p> + +<p>Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder +falsch. Dies Bild sollte silberne Hochzeit heißen. +Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den +Gläsern glänzte, wo die Frauen goldene Ketten +trugen und die Braut gar ein goldenschimmerndes +Kleid – das mochte den Namen goldene Hochzeit +tragen.</p> + +<p>Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir +beschaute, trug ich ihr meine Ansicht vor. Sie +lächelte, strich mir die Haare aus der Stirn und +sagte: „Manchmal hat ja mein Kind ganz gute +Einfälle. Aber diesmal, nein diesmal hast du doch +nicht recht. Erst silbern, dann golden.“</p> + +<p>Ich stützte meine Hände auf ihr Knie. „Tante Ursula, +warum sagt man grün und silbern und golden?“</p> + +<p>„Warum? Man könnte es sich vielleicht so +denken … Am ersten Hochzeitstag, wenn die Welt wie +lauter Frühling dreinsieht, da schenkt der liebe Gott +dem jungen Paar ein wunderschönes zartes, frischgrünes +Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, daß +es nicht verdorrt und kein Blättlein verloren geht.“</p> + +<p>„Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein +immer grün bleiben? Weißt du, im <span style="white-space:nowrap;">Winter –“</span></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>„Nein, grün bleibt das Zweiglein nicht, das ist +nicht möglich. Aber höre nur weiter. Wenn das +junge Paar das Zweiglein sorglich hütet, dann +geschieht etwas Wunderbares damit: es wird +immer glänzender, und am silbernen Hochzeitstag +– ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das +Paar in den Händen hält.“</p> + +<p>„Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes +Zweiglein geworden?“</p> + +<p>„Von den Sonnenstrahlen, die es berührten, +Herzkind, und von den lieben Blicken, die drüber +gingen und – ja, auch von den Tränen, die drauf +fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' +mir's nur, es ist so.“</p> + +<p>„Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit +dem Zweiglein?“</p> + +<p>„Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes +wird? Ja, das ist viel schwerer, denn, weißt +du, wenn die Menschen älter werden, werden sie oft +auch müder und kälter und härter. Das Zweiglein +kann aber nur unter ganz guten und ganz warmen +Augen zu einem goldenen werden … Ach, eigentlich +kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur +am Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.“</p> + +<p>„Ich auch, Tante Ursula, ich auch?“</p> + +<p>„Du auch, Herzkind, ganz gewiß. Wenn du ein +wenig älter bist, wirst du es sehen, und dann sieh +zu, daß du es sorglich hütest.“ –</p> + +<p>Eine Geschichte handelte von dem Manne, der +zur Himmelspforte wanderte. Er zog die Glocke,<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> +und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen +nach seinem Begehr. Da bat der Mann +um ein Schloß, um Dienerschaft und um ein weiches +Bett, um gut Essen und Trinken – genau um das, +was er all die Jahre auf Erden gerne gehabt hätte, +und um das er die Reichen immer beneidet hatte. +Und er kriegte das Schloß und kriegte alle Tage +Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach +kandierte Früchte und Backwerk. Aber nach einigen +Wochen war ihm alles entleidet.</p> + +<p>Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus +und ließ ihn zu sich bitten. Und als der heilige +Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und +höhnte: „Das ist mir ein schöner Himmel, wo man's +vor Langeweile kaum aushält!“</p> + +<p>„Wer redet denn vom Himmel?“ sagte der heilige +Petrus. „Guter Freund, du bist nicht im Himmel, +du bist in der Hölle. Schau' nur durchs Fenster.“</p> + +<p>Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber +schlich mit schlotternden Knien ans Fenster und +schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts. +Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten +und vorn, oben und unten – überall war dieselbe +dicke Finsternis. Da zog der Mann die Vorhänge +zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte +Augen, tausend tote, schwarze Augen, die glotzten +auch durch die Vorhänge.</p> + +<p>Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu +sehnen. Nicht nach dem künstlichen, das in seinen +Zimmern brannte, nein, dieses haßte er, wie er die<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +Finsternis vor seinen Fenstern haßte. Er wanderte +ruhelos in seinem Schloß umher und suchte, suchte +nach einem Lichtfunken. Da geriet er einmal in ein +Dachkämmerchen, das hatte hoch oben ein kleines +Fenster.</p> + +<p>„Ach, dies Guckloch wird mir so wenig nützen +wie alle die andern,“ seufzte der Mann. Aber er +reckte sich doch auf die Zehen, um durch die kleine +Scheibe zu spähen, und da stieß er einen Schrei aus, +denn er sah Licht, Licht! Zwar war es nur ein +schmaler Streifen, der durch eine Türritze quoll. +Aber der Mann glaubte nie etwas Schöneres gesehen +zu haben. Er starrte wie gebannt auf den +Lichtstreifen und vergaß darüber sein Schloß und +sein weiches Bett, vergaß seine Dienerschaft und +Essen und Trinken. Nur wenn ihn sein mühsam +gereckter Körper gar zu sehr schmerzte, setzte er sich +auf eine Kiste, die im Dachkämmerchen stand. Aber +er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem +Lichtstreifen war zu groß.</p> + +<p>Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie +sich die Ritze ein wenig vergrößerte … der Lichterstrahl +wurde breiter und goldener und warf einen +blassen Widerschein in das Kämmerchen. In dem +Glanze aber sah der Mann selige Gestalten wandeln. +Er hörte Klänge, die waren von so leuchtender +Schöne, daß sich seine Augen mit Tränen füllten. +Und wie das Licht immer breiter und goldener +quoll, erkannte der Mann, daß er in den Himmel +blicke. –</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>Hier schloß die Geschichte in dem roten Buch, +und ich war das erste Mal, als sie mir Tante Ursula +vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula +lächelte nur und sagte: „Die Geschichte geht nur hier +im Buch zu Ende, Vroneli. Du mußt gar nicht +traurig sein, denn nun erzählen wir sie uns weiter, +du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu +einem guten Ende. Denn das kannst du dir doch +denken: wer so sehnsüchtig nach dem Lichte schaut, +der hat auch einmal hineinwandeln dürfen. Das +weiß ich ganz gewiß. Und heute nacht will ich ein +wenig drüber nachdenken und es dir morgen sagen.“</p> + +<p>Ich wischte mir die letzten Tränen von den Backen +und sagte: „Ja … vielleicht ist das Licht auf einmal +eine Brücke geworden, und dann hat er darauf +hinübergehen können. Aber das kleine Fenster – +da war er wohl zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster +gekommen, Tante Ursula?“</p> + +<p>„Ich sage dir's morgen,“ tröstete Tante Ursula. +„Es kommt alles zu einem guten Ende, ganz gewiß.“</p> + +<p>So habe ich auch dieses aus dem roten Buch +gelernt, daß man nicht ob des sichtbaren Endes, +das eine Geschichte hat, verzweifeln muß, sondern +sich des verborgenen guten Endes getrösten darf, +das von einem „morgen“ enthüllt werden wird.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Und die ihr alle meine Brüder seid, by +Ida Frohnmeyer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID *** + +***** This file should be named 24175-h.htm or 24175-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24175/ + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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