summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/24175-h
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '24175-h')
-rw-r--r--24175-h/24175-h.htm4289
-rw-r--r--24175-h/images/signet_100.pngbin0 -> 24933 bytes
2 files changed, 4289 insertions, 0 deletions
diff --git a/24175-h/24175-h.htm b/24175-h/24175-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..1b72375
--- /dev/null
+++ b/24175-h/24175-h.htm
@@ -0,0 +1,4289 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+ <head>
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <title>
+ The Project Gutenberg eBook of Und die ihr alle meine Brüder seid, by Ina Frohnmeyer.
+ </title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[ XML blockout */
+<!--
+ p { margin-top: .75em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .75em;
+ }
+ h1,h2,h3,h4,h5,h6 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ clear: both;
+ }
+ hr { width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ clear: both;
+ }
+
+ hr.abstand {margin-top: 4em;}
+
+ body{margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+ }
+
+ .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: smaller;
+ text-align: right;
+ } /* page numbers */
+
+ .center {text-align: center;}
+ .figcenter {margin: auto; text-align: center;}
+ .smcap {font-variant: small-caps;}
+ .gesperrt {letter-spacing: 0.2em; font-style: normal}
+
+ .margin-b {margin-bottom: 4em}
+
+ .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;}
+ .poem br {display: none;}
+ .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
+ .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ // -->
+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+Project Gutenberg's Und die ihr alle meine Brüder seid, by Ida Frohnmeyer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Und die ihr alle meine Brüder seid
+
+Author: Ida Frohnmeyer
+
+Illustrator: Carl F. Nahm
+
+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24175]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+
+<h1>Und die ihr alle
+meine Br&uuml;der seid</h1>
+
+<p class="center">Erz&auml;hlungen<br />
+<small>von</small><br />
+<big>Ida Frohnmeyer</big></p>
+
+<p class="center"><small>1.&ndash;5. Tausend</small></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 100px;">
+<img src="images/signet_100.png" width="100" height="106" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p class="center">Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn</p>
+
+<p class="center margin-b">1920</p>
+
+<p class="center">Copyright 1920 by <span class="gesperrt">Eugen Salzer</span>, Heilbronn</p>
+
+<p class="center"><small>(Gesetzl. Formel f&uuml;r den Schutz des Inhalts in den Vereinigten
+Staaten von Amerika)</small></p>
+
+<p class="center">Den Einband zeichnete <span class="gesperrt">Carl F. Nahm</span></p>
+
+<p class="center">Druck der Chr. <span class="gesperrt">Belserschen</span> Buchdruckerei in Stuttgart</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" class="abstand"/>
+<h2><a name="Barbara" id="Barbara"></a>Barbara.</h2>
+
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten,
+so da&szlig; der m&auml;chtige Birnbaum gleicherma&szlig;en
+die an der Mauer liegende Gr&auml;berreihe, wie
+auch die Gem&uuml;sebeete der Frau Pfarrer beschattet.
+Der Fliederstrauch, dessen Bl&uuml;tezeit allj&auml;hrlich ein
+begl&uuml;ckendes Wunder der Sch&ouml;nheit ist, reckt sich
+mit seinen reichsten &Auml;sten &ndash; ein wenig zum Kummer
+des Pfarrherrn &ndash; in den stillen Garten hin&uuml;ber.
+Daf&uuml;r klettert aber aus diesem breitbl&auml;ttriges Gr&uuml;n
+in die H&ouml;he, und pl&ouml;tzlich tun sich &uuml;ber der Mauer
+die blaudunkeln Augen der Clematis auf.</p>
+
+<p>Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden,
+ob ihr die Nachbarschaft des Friedhofs nicht unheimlich
+und dr&uuml;ckend sei. Aber sie sch&uuml;ttelt den
+Kopf, und im Herzen denkt sie, da&szlig; es demjenigen,
+der so lange Jahre hindurch dicht neben dem stillen
+Garten gelebt, einmal leichter falle, sich in eines
+der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht,
+obwohl sich einige ihrer G&auml;ste erstaunt, ja beinahe
+mi&szlig;billigend dar&uuml;ber &auml;u&szlig;ern, fast allabendlich durch
+die kleine Pforte, die aus ihrem eigenen, mit lachendem
+Leben gef&uuml;llten Garten in den stillen
+hin&uuml;berf&uuml;hrt. Wenn sie dann zur&uuml;ckkommt, ist ihr
+Antlitz vielleicht ein wenig blasser, aber die Augen
+haben einen hellen und g&uuml;tigen Schein, und ihre
+Schritte sind ruhig und kraftvoll.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>An einem Sommerabend, der ganz ges&auml;ttigt war
+vom Glanz und Duft der hei&szlig;ern Stunden, ging
+die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die
+zwischen den Gr&auml;bern laufen.</p>
+
+<p>Sie war nicht allein. Eine j&uuml;ngere Freundin, von
+der sie lange Jahre getrennt gewesen, ging an ihrer
+Seite und schaute mit gro&szlig;en, ein wenig vertr&auml;umten
+Augen &uuml;ber die blumenbunten Gr&auml;ber. Pl&ouml;tzlich blieb
+sie an einem mit Immergr&uuml;n bedeckten H&uuml;gel stehen
+und las mit halblauter Stimme die Worte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hier m&uuml;ssen doch aufh&ouml;ren die Gottlosen mit Toben;<br /></span>
+<span class="i0">hier ruhen doch, die viel M&uuml;he gehabt haben.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&bdquo;Was ist das f&uuml;r ein Grab? Steht der Spruch
+wirklich in der Bibel, Anne?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja. Im Buch Hiob. Nur hei&szlig;t es dort statt
+&sbquo;hier&lsquo; daselbst, und das ist auch der Grund, weshalb
+mein Mann keine Stellenangabe w&uuml;nschte.
+Aber das war der alten Sch&auml;ufele gleichg&uuml;ltig. Sie
+war schon zufrieden, da&szlig; der Spruch &uuml;berhaupt bestehen
+durfte, und da&szlig; sie keinen Namen anzugeben
+brauchte. Sie erz&auml;hlte mir, sie habe mit dem Maler
+einen schweren Stand gehabt, denn er wollte ihr
+durchaus den absonderlichen Spruch ausreden und
+zum wenigsten am Fu&szlig; des Kreuzes &sbquo;Auf Wiedersehen&lsquo;
+anbringen. Aber gerade dies Wort konnte
+ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst!
+Wer liegt hier begraben? Ich bin sicher, dies Grab
+hat eine Geschichte.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>&bdquo;Ja &hellip; Eine schwere Geschichte. Wenn du sie
+h&ouml;ren willst, so komm' hin&uuml;ber zu dem kleinen
+B&auml;nkchen. Man sieht von dort gerade auf das
+Haus, wo meine Geschichte den Anfang nimmt.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Freundin schob ihren Arm in den der Pfarrfrau.
+Sie schritten zu der kleinen Bank hin&uuml;ber,
+die unter den Zweigen einer Trauerweide steht, und
+setzten sich. Aber Frau Anne begann nicht zu erz&auml;hlen.
+Sie hatte die H&auml;nde ineinander gelegt und
+starrte mit leidvollen Augen zu dem Haus hin&uuml;ber,
+das sie der Freundin bezeichnet. Diese aber, da sie
+den Ausdruck in der Pfarrfrau Gesicht gewahrte,
+wagte keine dr&auml;ngende Frage mehr. Ihr war, ein
+dunkler Schatten lege sich &uuml;ber die sonnenwarme
+Herrlichkeit des Abends. Stieg er wie ein arger
+Zauber aus jenem Grab empor, oder woben ihn
+Frau Annes dunkle Gedanken?</p>
+
+<p>Da tat diese einen tiefen Atemzug und hob an:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kann mir noch so gut denken, wie ich Barbara
+zum erstenmal gesehen. Sie war damals acht Jahre
+alt, ein feines, schlankes Dinglein. Unser Annele
+brachte sie mir, etwa eine Woche nachdem wir hier
+aufgezogen waren, in den Garten und schrie schon
+von weitem mit triumphierender Stimme: &sbquo;Mutter,
+da hab' ich eine Freundin!&lsquo; Ich schaute ihnen mit
+einiger Spannung entgegen, denn das Freundschaftsbed&uuml;rfnis
+meiner Tochter hatte mich schon
+etliche Male mit etwas &uuml;berraschenden G&auml;sten bekannt
+gemacht. Aber diesmal konnte ich die Freude,
+die aus Anneles schwarzen Augen funkelte, wirklich<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+verstehen und teilen. Man mu&szlig;te das Kind auf
+den ersten Blick liebgewinnen. Kennst du das Bild
+von Uhde: Lasset die Kindlein zu mir kommen?&hellip;
+Inmitten einer Bauernstube, nein, eigentlich sieht
+es mehr wie eine K&uuml;che aus, sitzt der Herr Jesus,
+umgeben von einer Schar gr&ouml;&szlig;erer und kleinerer
+Kinder. Es sind auch Erwachsene dabei. Dicht vor
+Jesus steht ein kleines M&auml;dchen, ein blondes, herzerquickendes
+Kind, das sein ausgestrecktes H&auml;ndchen
+in Jesu Hand legt und mit ernsten Augen zu ihm
+aufschaut. Dies kleine M&auml;dchen habe ich in Gedanken
+immer &sbquo;das Kind&lsquo; genannt. Ich meine so:
+es ist f&uuml;r mich die Verk&ouml;rperung alles dessen, was
+mich am Kinde wie ein holdseliges, ehrfurchtgebietendes
+Geheimnis ber&uuml;hrt. Und an dieses
+Kind gemahnte mich die kleine Barbara.</p>
+
+<p>Sie kam auf mich zu mit einem zaghaften L&auml;cheln
+in den blauen Augen. Im Nacken baumelte ein
+krummes wei&szlig;blondes Z&ouml;pfchen, &uuml;ber der Stirne
+ringelten sich krause, schimmernde H&auml;rchen. Ich
+konnte nicht anders, ich mu&szlig;te das Kind in meine
+Arme ziehen. Mein Annele mit ihrem scharfen
+Blick hat mir wohl angesehen, da&szlig; ich das Kind
+nicht nur in die Arme, sondern ins Herz schlo&szlig;. Sie
+dr&auml;ngte sich pl&ouml;tzlich an mich, gab mir einen schallenden
+Ku&szlig; und erkl&auml;rte in sehr bestimmtem Ton:
+&sbquo;Du, Barbara, das ist aber <em class="gesperrt">meine</em> Mutter!
+Du mu&szlig;t Frau Pfarrer sagen.&lsquo; Die kleine Barbara
+lachte, und nun sah sie wom&ouml;glich noch liebreizender
+drein, denn zwischen den tiefroten Lippen blitzten<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+gesunde Z&auml;hne, und in den runden Backen kamen
+Gr&uuml;bchen zum Vorschein.</p>
+
+<p>Ich ging mit den Kindern ins Haus und war
+beinahe so eifrig wie mein Annele im Vorf&uuml;hren
+der Puppen und andern Herrlichkeiten. Und ich
+gewann das Kind mit jeder Minute lieber. Es tat
+so feine, nachdenkliche Fragen, es hatte so sorglich
+zugreifende H&auml;ndchen, und &ndash; es konnte ein Bilderbuch
+beschauen. So, jetzt lachst du und denkst wohl,
+das k&ouml;nne ein jedes Kind. Keine Rede davon!
+Wenn ich an Annele oder an ihre Kinder denke!
+Darin gleichen sie alle der Mutter: gibt man ihnen
+ein Bilderbuch, so schlagen sie Seite um Seite so
+rasch um, da&szlig; man meinen k&ouml;nnte, darin bestehe
+das Vergn&uuml;gen eines Bilderbuchs. Aber die kleine
+Barbara sah sich jedes Bildchen mit and&auml;chtigen
+Augen an. Nichts, nichts entging ihr. Und &uuml;ber
+alles machte sie ihre eigenartigen kleinen Bemerkungen.</p>
+
+<p>Einmal schenkte ich ihr ein Bildchen, drauf
+Schneegl&ouml;ckchen gemalt waren, und sagte dazu:
+&sbquo;Um dies Gl&ouml;cklein zu h&ouml;ren, mu&szlig; man gar feine
+Ohren haben.&lsquo; Da nickte die kleine Barbara und
+sagte: &sbquo;Ja, ich hab' es einmal geh&ouml;rt. Und der
+liebe Gott hat's auch geh&ouml;rt und der Herr Jesus
+und die Sonne und der Wind und die Blumen.&lsquo;</p>
+
+<p>Ganz leise und langsam kamen die Worte heraus.
+Und dazu diese M&auml;rchenaugen &ndash; ich mu&szlig; gestehen,
+es kam etwas wie Neid &uuml;ber mich, wenn ich an
+Barbaras Mutter dachte. Mein Annele war solch<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+praktisches Diesseitsmenschlein. Sie hatte nie vertr&auml;umte
+Augen, und tat nie eine &Auml;u&szlig;erung, die mir
+gezeigt h&auml;tte, da&szlig; ihr Seelchen sich ein eigen klein
+Wunderreich gebaut. Ich f&uuml;rchtete mich manchmal
+beinahe, ihr eine Geschichte zu erz&auml;hlen, denn beim
+geringsten Wunderbaren kam das bezweifelnde oder
+entr&uuml;stete Wort: &sbquo;Aber Mutter, ist das wahr?&lsquo;</p>
+
+<p>Die kleine Barbara unterbrach mich nie, wenn
+ich erz&auml;hlte. Sie konnte auch nicht, wie Annele tat,
+nebenher zeichnen oder sticheln. Sie sa&szlig; und schaute
+mich unverwandt an, und meine Geschichten
+wurden mir erst jetzt im Spiegel dieser Augen so
+recht lebendig.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter habe ich manchmal gedacht, da&szlig; es besser
+gewesen w&auml;re, ich h&auml;tte die Freude des Kindes am
+Wunderbaren und Geheimnisvollen nicht so sehr
+gen&auml;hrt. Ich glaubte, sie habe das kleine Freudenlicht
+in ihrem Alltag n&ouml;tig, und ahnte nicht, da&szlig;
+es zur verzehrenden Flamme werden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in
+Barbaras Elternhaus hin&uuml;berzugehen. Ich kannte
+die Leute zwar noch nicht n&auml;her, aber ich hatte um
+des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen
+und glaubte damals, da&szlig; ein derartiges Bl&uuml;mlein
+Wunderhold nur einem gehegten G&auml;rtlein entsprie&szlig;en
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war
+sie merkw&uuml;rdig still. Ich achtete erst nicht darauf,
+da ich innerlich stark mit einer Sache besch&auml;ftigt war.
+Aber als das Kind auch w&auml;hrend ich das Zimmer<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+in Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette sa&szlig;,
+fiel es mir auf, und zugleich kam es mir zum Bewu&szlig;tsein,
+da&szlig; sie noch kein Wort von ihrem Besuch
+bei Sch&auml;ufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht.
+Ich wu&szlig;te, &uuml;ber kurz oder lang w&uuml;rde das Redeb&auml;chlein
+schon wieder pl&auml;tschern. Das Annele sa&szlig;
+ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen.
+Zuletzt setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein
+und fragte: &sbquo;Wollen wir jetzt beten?&lsquo;</p>
+
+<p>Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte:
+&sbquo;Ja &hellip; Und wei&szlig;t du auch, f&uuml;r was ich jetzt dem
+lieben Gott danken will? Gar nicht f&uuml;r den sch&ouml;nen
+Tag, denn es war kein sch&ouml;ner. Aber weil du so eine
+nette Mutter bist, will ich ihm danken. Du hast mich
+so sch&ouml;n gewaschen und gek&auml;mmt und hast den Waschtisch
+so h&uuml;bsch aufger&auml;umt, und deine Sch&uuml;rze ist
+sauber, und deine H&auml;nde sind weich, und &ndash; <span style="white-space:nowrap;">und&nbsp;&ndash;&lsquo;</span></p>
+
+<p>Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar
+nichts Lobenswertes mehr einfallen wollte, wiederholte
+sie die Worte: &sbquo;Ich will ihm jetzt danken,
+weil du so eine nette Mutter bist.&lsquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag f&uuml;hrte ich meinen l&auml;ngst geplanten
+Besuch beim Nachbar Sch&auml;ufele aus, und
+nun wurde es mir klar, warum Annele in einen
+Lobpreis meiner Tugenden ausgebrochen war. Das
+ganze Anwesen bot einen wenig einladenden Anblick.
+Frau Sch&auml;ufele entschuldigte sich zwar wortreich
+&uuml;ber die augenblickliche Unordnung, aber ich
+habe, so oft ich auch sp&auml;ter wiedergekommen bin,
+nie etwas anderes vorgefunden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>Ein paar gr&ouml;&szlig;ere Kinder machten sich bei meinem
+Erscheinen eiligst davon, nur die kleine Barbara
+kam auf mich zu und bot mir ein klebriges H&auml;ndchen.
+Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst,
+wenn sie zu uns ins Pfarrhaus kam, und mein
+Annele tat dies denn auch Frau Sch&auml;ufele gleich
+mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und
+meinte: &sbquo;Ach, man kann nicht immer putzen und
+waschen und aufr&auml;umen, das ist nichts f&uuml;r unsereins.&lsquo;
+Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine
+Barbara in dieser Richtung zu beeinflussen, und es
+ist mir dies auch gelungen. Man mochte ihr begegnen,
+wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches,
+ich m&ouml;chte fast sagen, vornehmes Aussehen.</p>
+
+<p>Die zwei kleinen M&auml;dchen sa&szlig;en in der Schule
+nebeneinander, und sie verbrachten auch den gr&ouml;&szlig;ten
+Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele, das
+sich fr&uuml;her so oft ein Br&uuml;derlein oder Schwesterlein
+gew&uuml;nscht, war jetzt ganz befriedigt. Alle ihre
+Sch&auml;tze wurden mit Barbara geteilt. Als ihr mein
+Bruder ein Album schenkte, lie&szlig; sie mir keine Ruhe,
+bis ich ein gleiches f&uuml;r Barbara kaufte. Am n&auml;chsten
+Tag holten sich die beiden bei der alten Maier ein
+paar r&uuml;hrende Bildchen: Engelsk&ouml;pfchen, Vergi&szlig;meinnichtkr&auml;nze
+und dergleichen. Die wurden in die
+Album geklebt, und jede schrieb der Freundin einen
+sinnigen Vers dazu. Was Annele geleistet, wei&szlig; ich
+nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Diesen Album hat man dir gekauft,<br /></span>
+<span class="i0">Anna hat man dich getauft,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+<span class="i0">Dietrich hat man dich genannt,<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel ist dein Vaterland.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen
+dr&auml;ngen sich mir auf, wenn ich an die Kinderzeit der
+beiden denke. Aber ich mu&szlig; mich eilen, sonst bringe
+ich meine Geschichte nicht zu Ende.</p>
+
+<p>Du kannst dir ja wohl denken, da&szlig; sich Barbara
+zu Hause nicht besonders wohl f&uuml;hlte. Ich meine
+nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen.
+So zuwider mir beides ist, so mu&szlig; ich doch zugeben,
+da&szlig; man auch in einem schmutzigen Heim strahlend
+gl&uuml;cklich sein kann. Wir haben eine Familie im
+Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder
+und Ferkelchen und H&uuml;hner zusammen entgegen,
+und die Fenster brauchen keine Vorh&auml;nge, denn
+kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind
+seelenvergn&uuml;gt, du darfst mir's glauben. Aus
+keinem Haus t&ouml;nt so viel Lachen und Singen. Nur
+Samstag abend gibt es ein gro&szlig;es Geschrei, weil
+da die Kinder gewaschen werden, und das sind sie
+halt nicht gew&ouml;hnt.</p>
+
+<p>Aus Sch&auml;ufeles Haus t&ouml;nte fast alle Tage Geschrei.
+Die zwei Alten lebten in stetem Streit und
+verf&uuml;hrten auch die Kinder dazu. Barbara war die
+J&uuml;ngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern
+ziemlich fremd gegen&uuml;ber, auch den Vater schien sie
+eher zu f&uuml;rchten. Aber die Mutter ward von ihr
+geliebt mit einer scheuen, sehns&uuml;chtigen Liebe, die
+mich immer wieder ersch&uuml;tterte. Ich erinnere mich
+noch so gut an den Ausdruck in Barbaras Gesicht,<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+als Annele und ich am Konfirmationssonntag der
+beiden zu Sch&auml;ufeles hin&uuml;bergingen. Barbara sah
+in ihrem feierlichen schwarzen Kleid, &uuml;ber das die
+langen blonden Z&ouml;pfe fielen, schon ganz jungfr&auml;ulich
+drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das
+noch immer seine Puppen betreute und Tr&auml;nen
+vergossen hatte &uuml;ber ihr langes Kleid.</p>
+
+<p>Frau Sch&auml;ufeles Stube war dem Festtag zu
+Ehren gefegt und so dicht mit Sand bestreut, da&szlig;
+jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt
+entgegen, und ich mu&szlig;te mich wundern,
+wie schmuck sie dreinsah in ihrem saubern schwarzen
+Kleid und der seidenen Sch&uuml;rze.</p>
+
+<p>&sbquo;Wie rasch die Jahre gehen, Frau Sch&auml;ufele,&lsquo;
+sagte ich. &sbquo;Nun sind unsere kleinen M&auml;dchen demn&auml;chst
+erwachsen.&lsquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras
+Gesicht. Sie schaute die Mutter an mit gro&szlig;en,
+bittenden Augen. Da ging es mir durch den Sinn,
+da&szlig; dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt,
+immer gehungert hatte. Und ich mu&szlig;te wieder
+nachsinnen &uuml;ber eines der gr&ouml;&szlig;ten R&auml;tsel unserer
+r&auml;tselvollen Welt: Warum ist es, da&szlig; Frauen
+Kinder zur Welt bringen und ihnen doch nicht
+Mutter sind, w&auml;hrend andere, in deren Herz das
+Licht wahrer M&uuml;tterlichkeit brennt, nie ein Kind
+ihr eigen nennen d&uuml;rfen?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich
+die Wege der beiden, die bisher so eintr&auml;chtiglich
+nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele, wie<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+du wei&szlig;t, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind
+sich gut in die neuen Verh&auml;ltnisse schickte, kehrte ich
+nach einigen Wochen beruhigt in unser D&ouml;rflein
+zur&uuml;ck. Gleich am n&auml;chsten Tag kam Barbara zu
+mir her&uuml;ber und wollte haarkleinen Bericht von
+allem Erleben in der Stadt. Ich erz&auml;hlte ihr von
+Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin,
+von den M&auml;dchen, mit denen sie sich angefreundet.
+Ich sa&szlig; &uuml;ber meine N&auml;harbeit gebeugt
+und plauderte des langen und breiten, denn mein
+Kind fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab
+mir ein wenig das Gef&uuml;hl seiner N&auml;he. Da drang
+pl&ouml;tzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und
+als ich erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras
+tr&auml;nen&uuml;berstr&ouml;mtes Gesicht.</p>
+
+<p>Wir haben dann lange zusammen gesprochen,
+aber ich konnte das M&auml;dchen nicht wirklich tr&ouml;sten.
+Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz
+all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allm&auml;hlich
+Glauben. Aber die Angst, Anneles Liebe zu verlieren,
+war nicht die einzige Not, die sie dr&uuml;ckte.
+Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein
+ganzer Berg unruhiger, unzufriedener Gedanken
+in dem Kinde angesammelt. Warum durfte sie nicht
+so viel Sch&ouml;nes und Neues erleben? Warum mu&szlig;te
+sie immer mit den z&auml;nkischen Eltern zusammen
+sein? Warum war ein Tag wie der andere mit
+Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit
+angef&uuml;llt? Nie w&uuml;rde in ihr Leben
+etwas Sch&ouml;nes und Wunderbares treten. Auf<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+ewig war sie verdammt in diesem abgelegenen
+Dorf zu sitzen.</p>
+
+<p>Du mu&szlig;t nicht l&auml;cheln &uuml;ber diesen t&ouml;richten
+Kinderkummer. Wir Alten, die durch schwere Erfahrungen
+gegangen, meinen oft, der Jungen
+Leiden w&ouml;gen leicht und tr&ouml;sten sie mit dem weisen
+Zuspruch, ihre Tr&auml;nen zu sparen. Aber wer kann
+sagen: diese Sache ist der Tr&auml;nen und des Kummers
+wert, jene nicht? Barbara litt mit der ganzen
+starken Leidensf&auml;higkeit ihrer jungen Seele. Sie
+hungerte und sah nirgends S&auml;ttigung. Sie breitete
+ihre Fl&uuml;gel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends
+eine Zuflucht, dahin sie h&auml;tte fliehen m&ouml;gen. Und
+sie sah eine andere, deren Leben sie bisher geteilt,
+all das m&uuml;helos ergreifen, wonach ihr Herz schrie.</p>
+
+<p>Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen.
+Nicht, indem ich ihren Kummer f&uuml;r nichtig erkl&auml;rte;
+aber ich bat sie, zu bedenken, da&szlig; tr&auml;nenvolle Augen
+nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Sch&ouml;nheit,
+die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr
+die gleichf&ouml;rmige, seelent&ouml;tende Arbeit so vieler in
+den St&auml;dten und verglich damit die ihre in ihrer
+herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr
+von meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal,
+seinen W&auml;ldern, Wiesen und Feldern. Aber gerade
+in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts. Das
+Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil
+ihm das Elternhaus keine Heimat bot. Aber ich
+habe andere gesehen, denen es &auml;hnlich ergangen,
+und die eben aus dieser Not heraus mit um so<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+gr&ouml;&szlig;erer Liebe die Berge und B&auml;ume der Heimat
+umfa&szlig;ten.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te mich oft besinnen, woher das Kind
+seinen seltsamen Durst nach der Ferne hatte. Die
+Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal
+gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan.
+Nur einer aus der Familie, ein Gro&szlig;onkel Barbaras,
+war, vom Goldfieber gepackt, nach Amerika ausgewandert
+und dort verschollen. Ach, er war vielleicht
+doch nicht der einzige gewesen, den eine innere
+Unruhe umgetrieben. Die Kirchenb&uuml;cher sagen
+nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom
+Wesen, von den Gedanken ihrer Tr&auml;ger berichten
+sie nichts.</p>
+
+<p>Barbara schien ihren Kummer allm&auml;hlich zu verwinden;
+aber so oft Annele in die Ferien kam, lebte
+er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen, da&szlig;
+sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr
+zu Annele, ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn
+ich die beiden etwa an einem Sonntagnachmittag
+bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann,
+und aus den blauen Augen schaute mich wieder
+das alte Vertrauen an.</p>
+
+<p>Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen &ndash;
+ein Jahr zuvor hatte Barbara ihren Vater verloren
+&ndash; brach die Zeit an, die f&uuml;r viele unseres
+Landes so verh&auml;ngnisvoll geworden. Ich rede von
+dem Auswanderungsfieber, das auch in unserm
+Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir
+nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+etwa nur die Leichtfertigen und die Habenichtse, die
+eben nichts zu verlieren hatten, lie&szlig;en sich verleiten,
+nein, auch besonnene Leute, die &uuml;ber eigenen Besitz
+verf&uuml;gten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich
+lockend und m&uuml;helosen Reichtum verhei&szlig;end
+vor ihnen lag, versuchen zu m&uuml;ssen. Mein Mann
+war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und
+Warnen erfolglos blieb.</p>
+
+<p>Eine der ersten, die Feuer fing, war nat&uuml;rlich
+Barbara. Ein eleganter junger Mann, mit kecken
+Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war
+eines Tages erschienen und hatte unseren M&auml;dchen
+derma&szlig;en vorgeflunkert, da&szlig; ihrer gleich acht entschlossen
+waren, sich seiner Leitung anzuvertrauen
+und ihr Gl&uuml;ck in Neuyork zu versuchen. In ein paar
+Monaten w&uuml;rden sie dort mehr verdienen als in
+der Heimat in Jahren, und wer wei&szlig; &ndash; in dem
+Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten,
+konnte es ihnen auch gl&uuml;cken, eine Heirat zu machen,
+die sie pl&ouml;tzlich in die Reihe derer stellen w&uuml;rde, die
+in Seide gehen und in eigener Kutsche fahren und
+haben k&ouml;nnen, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die
+M&auml;dchen, auch die meisten der M&uuml;tter lie&szlig;en sich
+durch diese Gedanken bet&ouml;ren. Barbaras Mutter
+redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie lie&szlig;
+sie einfach gew&auml;hren.</p>
+
+<p>Als mir Barbara ihren Entschlu&szlig; mitteilte,
+erschrak ich bis ins Herz hinein. Nicht das Gef&uuml;hl
+der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gef&uuml;hl, mit
+dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete,<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+beherrschte mich. Nein, eine hei&szlig;e Angst,
+ein graues Entsetzen &uuml;berkam mich bei Barbaras
+Worten. Wie habe ich das M&auml;dchen angefleht, von
+ihrem Vorhaben abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen
+glitten ab an ihrer siegessicheren Zuversicht,
+an ihrer strahlenden Freude, endlich in die
+Weite, in die Freiheit zu kommen.</p>
+
+<p>O &uuml;ber das verblendete Kind!&hellip; Nicht in die
+Freiheit, in die allerelendeste Knechtschaft ist sie
+hineingelaufen. Jener Bursche mit den unlautern
+Augen war ein M&auml;dchenh&auml;ndler. Die andern, die
+mit Barbara zusammen auswanderten, scheinen
+schon auf dem Schiff Verdacht gesch&ouml;pft zu haben.
+Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so
+ist sie dem Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie
+vollst&auml;ndige Klarheit in diese jammervolle Geschichte
+zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst
+in einem anst&auml;ndigen Haus, denn wir erhielten
+guten Bericht, und ich fing an aufzuatmen und lie&szlig;
+mich nur zu gern Schwarzseherin nennen.</p>
+
+<p>Aber dann folgten lange Monate des Schweigens.
+Unsere Briefe kamen zur&uuml;ck. Alle Nachforschungen,
+die mein Mann anstellen lie&szlig;, blieben erfolglos.
+O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor
+hatte ich so stark empfunden, wie Barbaras Leben
+mit tausend feinen F&auml;den an das meine gebunden
+war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit
+zwei Seelen. Die eine ging das verlorene Kind
+suchen, schaudernd vor den Dunkelheiten, die
+sich ihr ahnend auftaten. Die andere mu&szlig;te bei<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+dem eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe
+getreten, und das nun seiner Mutter bedurfte
+wie nie zuvor.</p>
+
+<p>Ach, selbst &uuml;ber Anneles Hochzeitstag warf
+Barbaras Geschick seinen dunkeln Schatten. Als
+ich mein Kind in die Arme schlo&szlig;, mein reines,
+br&auml;utliches Kind, da sah ich pl&ouml;tzlich neben ihrem
+Gesicht ein anderes, vor dem ich entsetzt die Augen
+schlo&szlig;. Und dann in der Kirche, die gedr&auml;ngt voll
+Menschen war, schaute mich aus der hintersten
+Frauenbank Barbaras Mutter an &hellip; Wie mu&szlig;te
+ich mich da sch&auml;men! &sbquo;Die gibt ihr Kind schwer her,
+es dr&uuml;ckt ihr schier 's Herz ab!&lsquo; h&ouml;rte ich eine Frau
+hinter mir fl&uuml;stern. Aber ich weinte nicht um mein
+Kind. Von ihm wu&szlig;te ich, da&szlig; es in eine goldene
+Helle hineinging. Wo aber war Barbara?</p>
+
+<p>Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren,
+ging ich hierher in meinen stillen Garten. Ich
+mu&szlig;te allein sein.</p>
+
+<p>Auf diesem B&auml;nkchen bin ich gesessen. Vom
+Pfarrhaus her&uuml;ber drangen frohe, helle Stimmen,
+die pa&szlig;ten so gar nicht zu den Stimmen meines
+Herzens.</p>
+
+<p>Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam
+auf mich zukommen, und nun wu&szlig;te ich mit einem
+Male, warum ich hierher hatte kommen m&uuml;ssen &hellip;
+Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein
+Unfa&szlig;liches zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber
+ich konnte mich nicht r&uuml;hren. Ich konnte nicht einmal<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+den Kopf heben, denn ich wu&szlig;te, im n&auml;chsten
+Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick.</p>
+
+<p>Dann sa&szlig; Frau Sch&auml;ufele pl&ouml;tzlich neben mir
+und gl&auml;ttete auf ihren Knien einen Zeitungsausschnitt
+und einen Brief. Ich h&ouml;rte sie keuchend
+atmen, und nun sprach sie.</p>
+
+<p>&sbquo;Frau Pfarrer, der Brief ist heute fr&uuml;h gekommen,
+vom B&auml;cker Schmid, wissen Sie, von
+dem, der vor einem halben Jahr hin&uuml;ber ist. Im
+Brief hat er &uuml;bersetzt, was da in der Zeitung steht.
+Und er meint &ndash; und er meint, es <span style="white-space:nowrap;">sei&nbsp;&ndash;&lsquo;</span></p>
+
+<p>Nie, nie in meinem Leben zuvor oder nachher
+habe ich ein solches Weinen geh&ouml;rt. Was ich selbst
+an Schmerz erlitten, war nichts, war ausgel&ouml;scht
+vor diesem Herzeleid. Ach, da&szlig; dies Weinen von
+jenen vernommen worden w&auml;re, die an dem Kinde
+gefrevelt!</p>
+
+<p>Dann dr&auml;ngte die Mutter mich pl&ouml;tzlich: &sbquo;Lesen
+Sie, lesen Sie, Frau Pfarrer!&lsquo;</p>
+
+<p>Und ich las. Las die Geschichte, die damals durch
+alle amerikanischen Bl&auml;tter ging, da&szlig; ein deutsches
+M&auml;dchen einem gewissen Haus im Innern Neuyorks
+entflohen, indem es am Blitzableiter heruntergeglitten
+war, da&szlig; es halbtot gefunden und ins
+deutsche Hospital verbracht worden sei.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nicht mehr, wie lange wir damals beisammen
+gesessen sind, Frau Sch&auml;ufele und ich. Ich
+wei&szlig; nur, da&szlig; es mir, als ich in mein hell erleuchtetes
+Haus eintrat, war, ich k&auml;me aus dem Land des
+Grauens und der Verzweiflung geschritten. Ich<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+bat meinen Mann, der mich ahnungslos scherzend
+als &sbquo;Ausrei&szlig;erin&lsquo; empfing, ins Studierzimmer zu
+kommen und gab ihm den an Frau Sch&auml;ufele gerichteten
+Brief. Noch in derselben Nacht ging ein
+Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen
+Hospitals mit der Bitte um telegraphische Antwort
+auf die Frage, die unser Herz und Hirn marterte:
+ist es Barbara?</p>
+
+<p>Es war Barbara.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um
+weitere Nachricht &uuml;ber Barbaras Zustand. Wir
+hatten Frau Sch&auml;ufele gesagt, da&szlig; bis zum Eintreffen
+einer Antwort Wochen vergehen k&ouml;nnten,
+aber sie fragte jeden Tag an, ob keine gekommen.
+Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen hungrig
+flehenden Ausdruck trugen&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab,
+und als ich ihn zu meinem Mann hinauftrug,
+wu&szlig;te ich, da&szlig; er Unheilvolles enthalte. Hand in
+Hand &ndash; wie h&auml;tte ich es sonst wohl ertragen
+k&ouml;nnen! &ndash; lasen wir das Schreiben des Arztes.
+O &uuml;ber die Verruchten, die das junge Leben in
+Schmach und Schande gezerrt! &ndash; Barbara war
+krank. Unheilbar krank an K&ouml;rper und Geist.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich wollte nicht, da&szlig; Frau Sch&auml;ufele die Nachricht
+bei uns empfange. Ich meinte, es m&uuml;sse ihr
+Wohltat sein, die sch&uuml;tzenden W&auml;nde ihres Heims
+um sich zu f&uuml;hlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen
+wie ein wundes Tier, werde sich scheuen,
+ihr Gesicht auf der Stra&szlig;e zu zeigen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>So ging ich zu ihr hin&uuml;ber und setzte mich zu ihr
+auf die Fensterbank. Ich wei&szlig; nicht, wie ich es
+sagte, ich wei&szlig; nur, da&szlig;, nachdem ich gesprochen,
+eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen.
+Und ich glaubte zu f&uuml;hlen, wie in diesem eisigen
+Schweigen alle Liebe, die sich in den letzten Monaten
+in der Mutter geregt, starb.</p>
+
+<p>Ich hielt Frau Sch&auml;ufeles Hand fest umschlossen
+und wartete, wartete. &ndash; Warum schrie sie ihre
+Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie
+an jenem Abend?</p>
+
+<p>Da pl&ouml;tzlich l&ouml;ste die Frau ihre Hand aus der
+meinen und richtete sich auf. &sbquo;Frau Pfarrer,&lsquo; sagte
+sie und schaute mich mit einem Blick an, den ich
+nie vergessen werde, &sbquo;Frau Pfarrer, Sie m&uuml;ssen
+mir helfen, da&szlig; ich hin&uuml;ber komme. Ich mu&szlig; die
+Barbara heimholen.&lsquo;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen,
+hatte jetzt das arme, sieche erreicht: das Herz der
+Mutter war erwacht.</p>
+
+<p>Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch
+als ihr mein Mann mit klaren Worten die Schwere
+ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder die
+Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise.
+Sie schreckte auch nicht zur&uuml;ck vor den Schwierigkeiten
+des Zusammenlebens mit ihrer Tochter. F&uuml;r
+mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie
+mehr wollte ich &uuml;ber einen Menschen das Urteil
+f&auml;llen: so und so ist er und so und so bleibt er. War
+mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+und gleichg&uuml;ltig erschienen? Hatte ich ihr nicht gez&uuml;rnt,
+weil sie ihre Kinder vernachl&auml;ssigte und ewig
+in Streit lebte? Und nun brach aus diesem Herzen
+eine Liebesf&uuml;lle, die mich besch&auml;mte und ersch&uuml;tterte.</p>
+
+<p>Sie hatte ihre Liebeskraft bitter n&ouml;tig, denn das
+Zusammenleben mit Barbara war eine H&ouml;lle.
+Besonders in den ersten Monaten, als das M&auml;dchen
+am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten
+wichen ihr ja aus. Die Kinder f&uuml;rchteten sich vor
+den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch
+lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einlie&szlig;en.
+Ach, und das Entsetzlichste war, da&szlig; das
+vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur Ruhe
+kommen wollte. Dann konnte es geschehen, da&szlig;
+auch die Mutter ein Grauen anwandelte. Aber
+immer wieder &uuml;berwand ihre erbarmende Liebe
+dieses Grauen. Sie wu&szlig;te sich oft kaum zu helfen,
+aber sie h&auml;tte Barbara trotzdem nicht fortgegeben.</p>
+
+<p>Und allm&auml;hlich schien ihr treues Sorgen und
+Pflegen doch eine kleine Besserung im Zustand der
+Tochter herbeizuf&uuml;hren. Das wilde Umherschweifen
+h&ouml;rte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit
+an die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine
+seltsame T&auml;tigkeit, die ich nie ohne Herzweh beobachten
+konnte. Immer wieder, oft dreimal des
+Tages, machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen.
+Mit angstvollem Blick murmelte sie dabei: &sbquo;Nicht
+sauber, wird nie mehr sauber&nbsp;&hellip;&lsquo;</p>
+
+<p>Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu
+Besuch. Ich fragte, ob sie Barbara besuchen werde,<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+aber sie verneinte unter Tr&auml;nen. Da bat ich Frau
+Sch&auml;ufele, lieber nichts von meinen G&auml;sten verlauten
+zu lassen, denn man war nie ganz klar &uuml;ber
+Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen v&ouml;lliger
+Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien,
+konnte sie pl&ouml;tzlich wieder vern&uuml;nftig fragen und
+antworten.</p>
+
+<p>Irgendwie mu&szlig; Barbara aber doch von unsern
+G&auml;sten geh&ouml;rt oder sie gesehen haben. Ich hatte
+die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit
+Annele durchs Fenster. Es regnete in Str&ouml;men,
+so da&szlig; mir beinahe ein wenig vor dem langen Heimweg
+graute. Da &ndash; eben im letzten Augenblick, als
+der Schaffner die T&uuml;ren zu schlie&szlig;en begann, kam
+Barbara dahergelaufen. Die Haare hingen ihr
+klatschna&szlig; ums Gesicht, sie war ohne Schirm und
+Kopftuch. In der Hand hielt sie einen m&auml;chtigen
+buntfarbigen Blumenstrau&szlig;, und den hob sie nun
+zu Annele empor mit einem flehenden Ausdruck
+in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die
+Blumen abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon.
+Wir aber freuten uns unter Tr&auml;nen dieses Aufleuchtens
+aus einem fr&uuml;heren besseren Sein.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog
+sich Barbara eine Erk&auml;ltung zu. Ein paar Wochen
+lang lag sie zu Bett, dann schlief sie ein, fast pl&ouml;tzlich,
+ohne Kampf.</p>
+
+<p>Und seltsam! Die g&uuml;tige Hand des Todes hatte
+nach wenigen Stunden das Antlitz der armen
+Barbara also gewandelt, da&szlig; sie vor uns lag wie<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+in den Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir
+schien es ein tr&ouml;stlich und verhei&szlig;end Gleichnis, aber
+Frau Sch&auml;ufele sch&uuml;ttelte den Kopf. Bis zu ihrem
+Tod hat sich die Mutter mit der Frage gequ&auml;lt, ob
+ihr Kind wohl von Gott angenommen worden.
+Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen bemitleidete,
+schaute sie mich fast streng an. &sbquo;Ich hab'
+mir das selber eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab'
+der Barbara nicht die rechte Liebe gegeben, wie sie
+ein Kind war. Jetzt mu&szlig; ich nachzahlen. Wir
+m&uuml;ssen f&uuml;r alles zahlen, Frau Pfarrer.&lsquo;</p>
+
+<p>&sbquo;Ja,&lsquo; sagte ich, &sbquo;f&uuml;r vieles, aber manchmal wird
+uns auch eine Schuld erlassen. Das wollen wir
+nicht vergessen, Frau Sch&auml;ufele.&lsquo;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie hat die Barbara nicht lange &uuml;berlebt. In
+ihren letzten Wochen sind wir uns recht nahe gekommen.
+Damals haben wir uns oft gefreut an
+Gerhardts sch&ouml;nem Heimwehlied: &sbquo;Ich bin ein Gast
+auf Erden&lsquo;. Aus diesem Lied stammen auch die
+Worte, die ich auf ihr Grab schreiben lie&szlig;. &ndash;&nbsp;&ndash;
+Sieh', dort dr&uuml;ben an der Mauer liegt sie begraben.
+Es ist zwar ein wenig dunkel geworden, aber man
+wird den Vers schon noch lesen k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu
+dem Grab hin&uuml;ber. Mit stillen Augen lasen sie
+die Worte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wandre meine Stra&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">die nach der Heimat f&uuml;hrt,<br /></span>
+<span class="i0">da mich ohn' alle Ma&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">mein Vater tr&ouml;sten wird.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" class="abstand" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span></p>
+<h2><a name="Der_Sohn" id="Der_Sohn"></a>Der Sohn.</h2>
+
+
+<p>Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen
+und sog an den Fingern. Er hatte ein langes,
+runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten
+Anstrengung feuerrot gef&auml;rbt war.</p>
+
+<p>Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins
+Dasein getreten. Wenigstens ins sichtbare, denn
+f&uuml;r Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen
+sa&szlig;, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten
+hatte sich all sein Denken, so weit es nicht von
+gesch&auml;ftlichen Dingen in Anspruch genommen war,
+um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht.
+Er hatte immer gewu&szlig;t, da&szlig; es sich als Junge entpuppen
+werde. Wenn seine Frau einen Zweifel an
+dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem
+kleinen M&auml;dchen ausgesprochen, war er ungeduldig
+geworden, und es hatte geschehen k&ouml;nnen, da&szlig; er
+die kleine Frau rauh angelassen.</p>
+
+<p>Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gel&uuml;bde und
+Vors&auml;tze stiegen in ihm auf. Er strich sich mehrmals
+&uuml;ber den Kopf, der so kahl war wie der seines Sohnes
+und sagte halblaut: &bdquo;Du wirst sehen, Peter, ich
+werde jetzt immer gut zu ihr sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit
+den Augen. Er hatte offenbar kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r
+seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es nicht
+oft vorkam, da&szlig; er an einem Arbeitstag unt&auml;tig
+auf einem Stuhle sa&szlig;, verfiel in ein tiefes Sinnen,<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+das ihn weiter und weiter in die Vergangenheit
+zur&uuml;ckf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&hellip;&nbsp;War er das? Ein h&uuml;bscher Bursche mit
+welligem Haar und immer lachenden Augen.
+Komm her, du junges, du strahlendes Leben! La&szlig;
+dich umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in
+den Scho&szlig; &ndash;&nbsp;&ndash; hei! so holt man sie eben herunter!
+&ndash;&nbsp;&ndash; Es war doch nicht so leicht gegangen &hellip; Man
+tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh,
+als man in bekleisterter Sch&uuml;rze in Buchbinder
+Bergers Werkstatt stand. Das ging so ein paar
+Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann
+gl&auml;nzte doch endlich ein Gl&uuml;cksstern auf. Die Meisterstochter
+&hellip; Elisabeth. Man nannte sie meist
+Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name,
+und er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja
+immer noch ein leidlich h&uuml;bscher Kerl, und die
+lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern lassen.
+So kam es, da&szlig; die niedliche kleine Betty &bdquo;Peter&ldquo;
+sagen lernte, und der Arbeiter ward zum jungen
+Meister.</p>
+
+<p>Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber
+sein Vater bemerkte es nicht. Er durchlebte wieder
+die ersten Jahre seiner Ehe. S&uuml;&szlig;e, heimliche Gl&uuml;cksbilder
+stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem
+Gesicht. Abende, an denen er versucht hatte, seine
+junge Frau teilnehmen zu lassen an dem, was er
+in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte
+sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken,
+aber sie ging neben ihm mit stummen<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten
+die ersten Gef&uuml;hle der Entt&auml;uschung.</p>
+
+<p>Elisabeth &hellip; Elisabeth &hellip; Er rief den klingenden
+Namen nicht mehr oft. Betty lie&szlig; sich k&uuml;rzer und
+herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er sich
+betrogen erschien, und doch waren es die Stunden,
+in denen er klar sah, da&szlig; nicht sie, sondern er sich
+ver&auml;ndert hatte. Wie s&uuml;&szlig; hatte ihm einst ihr Geplauder
+geklungen! Gerade das, da&szlig; sie in lebhaften
+Worten &uuml;ber Allt&auml;gliches sprechen konnte,
+war ihm reizvoll erschienen. Nun qu&auml;lte ihn der
+nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt,
+da&szlig; die kleine Frau beim geringsten Anla&szlig;
+in Aufregung geriet, sp&auml;ter verletzte ihn dieser
+Mangel an W&uuml;rde.</p>
+
+<p>Peter jun. stie&szlig; einen quietschenden Schrei aus.
+Da &ouml;ffnete sich eine T&uuml;re, und die Pflegerin trat
+herein. &bdquo;So, so, hat er dich schreien lassen!&ldquo; sagte
+sie mit vorwurfsvollem Blick auf den tr&auml;umenden
+Vater. Sie nahm das kleine B&uuml;ndel aus den Kissen
+und brachte es in die Schlafstube. Peter Niemeyer
+war damit entlassen und h&auml;tte sich wieder nach seiner
+Werkstatt begeben k&ouml;nnen, aber er blieb sitzen.</p>
+
+<p>Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen.
+Sein Kind &hellip; ja &ndash; und auch Elisabeths.
+Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen
+konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant
+war. F&uuml;nfzehn Jahre lang hatte er auf dieses
+Gl&uuml;ck gewartet. F&uuml;nfzehn Jahre &hellip; konnte man
+sich danach wieder zusammenfinden?</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und
+ging nach der T&uuml;re, durch die die Pflegerin verschwunden.
+Seine Frau schlief.</p>
+
+<p>Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre
+m&uuml;den, noch immer feinen Z&uuml;ge. Ein warmes Gef&uuml;hl
+wallte in ihm auf. &bdquo;Elisabeth!&ldquo; sagte er leise
+und innig und streichelte ihre Hand. Dar&uuml;ber erwachte
+sie und blickte staunend in ihres Mannes
+bewegtes Gesicht. &bdquo;Elisabeth! Nun haben wir ja
+endlich das Kind.&ldquo;</p>
+
+<p>Es war, als &uuml;berw&auml;ltigte ihn noch einmal der
+Jammer der einsamen Jahre, den sie nur unklar
+empfunden. Sie geh&ouml;rte zu den Frauen, die in
+ihrem st&auml;rksten Empfinden Gattin sind. Sie verg&ouml;tterte
+ihren Mann. Beinahe widerspruchslos
+stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie
+kam ihr der Gedanke, da&szlig; sie ihm nicht nur bewundernd,
+sondern auch ratend und mahnend zur
+Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde
+Liebe eine Selbstherrlichkeit in ihm gro&szlig;gezogen,
+die ihn in den Augen anderer oft l&auml;cherlich erscheinen
+lie&szlig; und ihr selbst manche bittere Stunde brachte.</p>
+
+<p>Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn
+in dem Augenblick, da sie ihres Mannes streichelnde
+Hand versp&uuml;rte, es sei alles gut geworden und
+werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; sie ihres Mannes Seele nicht
+kenne, da&szlig; sie so stumm vor ihr liege wie die ihres
+neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; ihr dieser Tag in dem hilflosen,<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben, so gro&szlig;
+und sch&ouml;n, da&szlig; ein sehr starker oder sehr leichter
+Sinn dazu geh&ouml;rt, um vor der Verantwortung
+nicht zu zagen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Peter war in den ersten Jahren seines Lebens
+ein zartes Kind. Wenn Frau Elisabeth ihn spazieren
+fuhr, so brach wohl die eine oder andere der
+Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus:
+&bdquo;Der ist aber bla&szlig;! Sieh nur die Adern an den
+Schl&auml;fen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.&ldquo;
+Und dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.</p>
+
+<p>Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen
+zum Trotz. Er kriegte blanke Z&auml;hnchen
+und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an
+Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und
+dann kam der Tag, der gl&uuml;ckselige Tag, wo er in
+einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters Werkstatt
+stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den
+hohen Tischen herum, eifrig bunte Papierabf&auml;lle
+sammelnd, die er mit dem gro&szlig;en Pinsel zusammenkleisterte.
+H&auml;nde und Kleider bekamen dabei ihr gut
+Teil ab zum &Auml;rger der Mutter, die ihr B&uuml;bchen
+immer schmuck haben wollte. Der Vater aber lachte.
+&bdquo;Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du wirst
+einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten
+Platz am Fenster?&ldquo; &ndash; &bdquo;Ja, wenn ich gro&szlig; bin,&ldquo;
+sagte Peterchen, &bdquo;aber &ndash;&ldquo; f&uuml;gte er z&ouml;gernd hinzu:
+&bdquo;Mutter soll auch mit dabei sein.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter
+Kind, da&szlig; er es nicht ertragen konnte, lange von
+ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand er mit
+einem R&uuml;hrl&ouml;ffel in der Hand ernsthaft neben ihr.
+Er begleitete sie auf allen G&auml;ngen und schlief nur
+ein, wenn sie an seinem Bettchen sa&szlig;. Des Morgens
+aber erwachte Frau Elisabeth daran, da&szlig; vorsichtige
+Fingerchen ihre Augenlider in die H&ouml;he zogen, und
+sie schalt nie, sondern hob die Decke und lie&szlig; den
+kleinen Ruhest&ouml;rer unterschl&uuml;pfen. Das ging so
+heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun
+zwischen Mutter und Kind gef&uuml;hrt wurde, war
+eine so leis gefl&uuml;sterte, da&szlig; der Vater nicht daran
+erwachte.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die s&uuml;&szlig;este
+am Tag. Wie weich und warm schmiegten sich die
+jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das
+Herzchen so rasch, so rasch &hellip; Sie spielte mit dem
+dunkeln, lockigen Haar, das der Junge von ihr
+geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren die
+ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches
+Kinn gegeben. Aber sonst glich der Kleine keinem
+der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild irgend eines
+Vorfahren aufbewahrt worden w&auml;re, h&auml;tte man
+darauf die lange, schmale Nase und die trotzige
+Stirne gefunden, und auf einem andern vielleicht
+die schwarzen Brauen, die &uuml;ber der Nase zusammenwuchsen.
+Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame.
+Sie waren von dunkelm Grau, gro&szlig; und
+sanft, und es lag wie ein feiner Schleier dar&uuml;ber.<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+Aber in der Erregung zerri&szlig; der Schleier, und die
+Augen gl&uuml;hten und schauten nahezu schwarz.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth erschrak jedesmal dar&uuml;ber. Es
+packte sie die bange Ahnung, da&szlig; eine Zeit kommen
+k&ouml;nnte, in der es ihr nicht mehr gelingen w&uuml;rde,
+die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese
+Gedanken von sich. Noch war das Peterchen klein,
+und wenn sein Seelchen in Not kam, schrie es nach
+ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen,
+nein, auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut,
+die sie im Verh&auml;ltnis zu ihrem Mann empfand, war
+sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung verlangte.
+Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung
+an die Zeit, da sie die umworbene und gefeierte
+Betty Berger gewesen und f&uuml;hrte diese Tage in
+ihren kleinlichen Z&auml;nkereien wieder und wieder
+an. In des Kindes Augen nun stand sie gro&szlig; und
+unantastbar.</p>
+
+<p>Das sp&auml;te Muttergl&uuml;ck hatte &uuml;brigens ihre Liebe
+zum Gatten nicht beeintr&auml;chtigt. Der kleine Sohn
+mu&szlig;te stets hinter dem Vater zur&uuml;cktreten. Das
+wu&szlig;ten beide, der kleine und der gro&szlig;e Peter, und
+sie nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen
+wahr, in das sich beim kleinen ein unverstandener
+feiner Schmerz, beim gro&szlig;en ein unbehagliches
+Schuldgef&uuml;hl mischte.</p>
+
+<p>Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem
+kleinwinzigen Sohn gegebenes Wort zu halten. Er
+wollte gut sein zur Mutter seines Kindes, und einige
+Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+wieder wie in den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit
+zarter F&uuml;rsorge; aber zu einer inneren Ann&auml;herung
+kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder
+den alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich,
+nach Art launischer Menschen, den einen Tag zu
+Scherz und Lachen aufgelegt, den andern reizbar
+und wortkarg. &bdquo;Die Kluft zwischen uns ist zu
+gro&szlig;, da ist kein Verstehen m&ouml;glich,&ldquo; dachte er
+mi&szlig;mutig.</p>
+
+<p>Ach, da war wohl eine Br&uuml;cke, die ihn wieder
+und wieder zu ihr getragen h&auml;tte &hellip; F&uuml;r G&uuml;te
+und Erbarmen ist keine Kluft zu gro&szlig;.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein
+Ereignis f&uuml;r die ganze Familie, und jedes nahm
+es auf und verarbeitete es seiner Art entsprechend.
+Dem Vater schien es der erste Schritt zur k&uuml;nftigen
+Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr
+ein bi&szlig;chen mehr. Zeigte es sich, da&szlig; er einen hellen
+Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium
+schicken. Studieren &hellip; nein, das sollte er nicht.
+Das Gesch&auml;ft ging gut, es durfte nicht in fremde
+H&auml;nde &uuml;bergehen. Aber abends, da wollten sie zusammensitzen
+und lesen und sprechen. O, der Junge
+mu&szlig;te nicht glauben, er, der Alte, sehe nicht &uuml;ber
+den Kleistertopf hinaus! Er war auch in guten
+Schulen gewesen, und &uuml;berhaupt &ndash; fr&uuml;her wurde
+viel besser und gr&uuml;ndlicher unterrichtet &hellip; Merk'
+er sich das, mein Herr Sohn!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese
+und &auml;hnliche Gedanken bewegte, fr&ouml;hlich vor sich hin.
+Unterdessen sa&szlig; Frau Elisabeth im Wohnzimmer
+und weinte. Sie wu&szlig;te selbst kaum warum, aber
+ihr war so traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes
+gestorben. Vor einer Stunde hatte sie das Peterlein
+zur Schule gebracht. Er war einer der niedlichsten
+kleinen Sch&uuml;ler, das hatte sie mit Stolz festgestellt.
+Und er hatte den Lehrer artig gegr&uuml;&szlig;t und war
+nicht so bl&ouml;de, mit dem Finger im Mund, dagesessen,
+wie B&auml;cker Brauns J&uuml;ngster. Aber als
+sich nun die begleitenden M&uuml;tter und V&auml;ter und
+&auml;lteren Geschwister zum Gehen anschickten, war das
+Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und
+hatte sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter
+geschrien, ohne auf ihre Trostworte zu achten. Zuletzt
+hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot
+versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen
+war in die Bank zur&uuml;ckgekehrt und sie nach Hause.</p>
+
+<p>Und nun sa&szlig; sie da und weinte nach dem Kind,
+und das arme B&uuml;blein dachte wohl im stillen auch
+nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge
+durchzumachen! Und so allein war man mit seinem
+Kummer, denn dem Mann durfte man nicht klagen.
+Er wurde gar leicht ungeduldig.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth schlang die H&auml;nde ineinander und
+schaute durchs Fenster. Es kam ihr pl&ouml;tzlich in den
+Sinn, da&szlig; sie an die Bereitung der versprochenen
+Dampfnudeln gehen m&uuml;sse, aber sie blieb ruhig
+sitzen. Es war so angenehm, in diesen halb traurigen,<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+halb s&uuml;&szlig;en Gedanken zu schwelgen. &bdquo;Alle
+M&uuml;tter sind M&auml;rtyrerinnen,&ldquo; ja, das hatte sie einmal
+gelesen und sehr merkw&uuml;rdig gefunden. Aber
+jetzt verstand sie, o, jetzt verstand sie&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Unten auf der Stra&szlig;e ging eine Nachbarsfrau
+vorbei. Sie nickte ein-, zweimal und Frau Elisabeth
+nickte wieder und f&uuml;hrte dabei das Taschentuch an
+die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, da&szlig; die
+Freundin sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute
+ihr heimlich nach, und da erlebte sie eine zweite Genugtuung.
+Die Freundin hatte sich wohl etwas
+eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich
+ein blendend roter Rocksaum unter dem dunkeln
+Kleid hervor. Frau Elisabeth l&auml;chelte: &bdquo;So 'ne
+Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man
+eben keinen Geschmack hat&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern
+Gem&uuml;ts an der Mehlkiste.</p>
+
+<p>Das Peterchen kam mit dunkelgl&uuml;henden B&auml;ckchen
+nach Hause. &bdquo;Mutter, die Schule ist fein!&ldquo; schrie er
+schon von weitem.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz.
+Sie h&auml;tte ihn lieber ein bi&szlig;chen bek&uuml;mmert, ein
+bi&szlig;chen sehns&uuml;chtig erregt gesehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?&ldquo;
+fragte sie, das Kind z&auml;rtlich umfangend.</p>
+
+<p>&bdquo;Nur ein bi&szlig;chen. Wei&szlig;t du, nachher kam das
+feine Bild von dem Elefanten. Der ist mal klug,
+Mutter! Und stark und, und &ndash; gerecht. Ja, gerecht
+nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+B&ouml;ses tut, straft er einen gleich. Da war mal so
+ein Schneider, <span style="white-space:nowrap;">Mutter,&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&ldquo;</span></p>
+
+<p>&bdquo;Ja, das kannst du mir nachher erz&auml;hlen, jetzt
+gehen wir zum Essen,&ldquo; sagte Frau Elisabeth. Sie
+sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die
+feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam &hellip;
+war Mutter b&ouml;se? Er war so froh gewesen, so erf&uuml;llt
+von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die Geschichte
+war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser
+in die Schneiderstube spritzte! Der stach den
+Elefanten gewi&szlig; nicht zum zweitenmal in den
+R&uuml;ssel!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Das Peterlein machte einen Sprung, als m&uuml;sse
+er sich aus des Schneiders nasser Stube retten. Da
+f&uuml;hlte er sich von seinem Vater ergriffen, in die Luft
+gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein
+schaute atemlos zu ihm auf: &bdquo;O Vater, bist du
+stark! Fast wie ein Elefant! Und denke dir, so klug
+ist der und soo &ndash; gerecht. Ich will dir mal was von
+einem Schneider erz&auml;hlen. Willst du's h&ouml;ren?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber gewi&szlig;!&ldquo; rief Vater Niemeyer. Das freute
+ihn, das war ja wie ein Akkord aus der Zukunftsmusik,
+die er vorher gespielt.</p>
+
+<p>Und das Peterlein erz&auml;hlte, mit Mund und Augen
+und allen Gliedern. Der Vater bedauerte und
+lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter &ndash;
+Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hin&uuml;ber
+&ndash; kniff die Lippen zusammen, so eng, da&szlig; nur noch
+ein schmaler roter Strich zu sehen war. Man konnte
+sich gar nicht vorstellen, da&szlig; sie wiederauseinandergehen<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+und liebe Worte sprechen k&ouml;nnten. Wie schade,
+da&szlig; Mutter die Geschichte nicht gefiel! Vielleicht,
+wenn er ihr sie sp&auml;ter noch einmal erz&auml;hlte?</p>
+
+<p>Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen
+seine Geschichte ein zweites Mal anzubringen. Aber
+Frau Elisabeth konnte sich nicht &uuml;berwinden. Mit
+abweisendem Wort schlo&szlig; sie die plauderfrohen
+Lippen. Die alte, h&auml;&szlig;liche Schule! Was brauchte
+er so vergn&uuml;gt von dort herzukommen, wo sie nicht
+dabei gewesen. &ndash; &bdquo;G&ouml;nnst du ihm denn seine
+Freude nicht?&ldquo; mahnte eine Stimme ihres Innern.
+Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.</p>
+
+<p>Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das st&auml;mmige
+K&ouml;rperchen. &bdquo;Du hast mich lieb, Peterchen?
+Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb
+haben?&ldquo; Der Kleine dr&uuml;ckte das runde Gesicht gegen
+ihre Wange. &bdquo;Immer, immer! Aber &ndash;&ldquo; f&uuml;gte er
+z&ouml;gernd hinzu, &bdquo;warum darf ich dir nicht erz&auml;hlen?
+Darf ich dir nie, gar nie erz&auml;hlen, was wir in der
+Schule machen?&ldquo;</p>
+
+<p>Da durchzuckte Frau Elisabeth eine j&auml;he Erkenntnis.
+Wie war sie so t&ouml;richt gewesen! In ihrer
+selbsts&uuml;chtigen Liebe hatte sie ihn ja von sich gesto&szlig;en.
+Mu&szlig;te sie nicht froh sein, o von Herzen froh und
+dankbar, da&szlig; er alles zu ihr trug?</p>
+
+<p>&bdquo;Freilich darfst du mir erz&auml;hlen, Peterchen.
+Jeden Tag, soviel du willst! Aber f&uuml;r heute ist's
+genug, sonst bist du morgen m&uuml;de in der Schule.&ldquo;</p>
+
+<p>Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen,
+und noch w&auml;hrend Frau Elisabeth ordnend im<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in
+Schlummer.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>In den folgenden Monaten geschah es oft, da&szlig;
+der kleine Peter etwas zu erz&auml;hlen wu&szlig;te. Aber
+nicht immer fand er die Mutter willig, seinen sprudelnden
+Berichten zu lauschen.</p>
+
+<p>Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie
+nach den Sch&auml;tzen der Tiefe geforscht, nie in Qual
+und Sehnsucht zur H&ouml;he gedr&auml;ngt hatten, gen&uuml;gte
+die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen.
+Sie war nicht ungl&uuml;cklich gewesen, wenn sie auch
+zuweilen unter den Launen ihres Mannes gelitten
+hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und
+sie hatte ein behagliches Heim und konnte h&uuml;bsche
+Kleider tragen und brauchte keine grobe Arbeit zu
+tun. Aber nun war so vieles anders geworden.</p>
+
+<p>Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen
+allerlei Gedanken zu arbeiten an. Nicht nur was
+er in der Schule sah und h&ouml;rte, nein, auch alles
+was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit
+gierigen Augen und H&auml;nden entgegengenommen
+und betastet und befragt.</p>
+
+<p>So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute
+sein, den man von der Mutterpflanze gel&ouml;st hat. Er
+trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem m&uuml;tterlichen
+Stamm, nein, direkt aus der feuchten, k&uuml;hlen Erde,
+und der Sonnenschein umflie&szlig;t ihn inniger und
+w&auml;rmer, da er nun so rank und fein und klein f&uuml;r<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>
+sich steht. Er f&auml;ngt behutsam an, W&uuml;rzelchen auszustrecken,
+und er wagt es und entrollt ein versch&auml;mtes,
+zitterndes Blatt.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das
+sich, losgel&ouml;st von dem ihren, entwickelte, nicht und
+betrachtete es mit feindseligen und argw&ouml;hnischen
+Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die
+Erkenntnis durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt
+hatte. Nein, er durfte ihr nicht verloren gehen.
+Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken,
+wie damals, als er zu fr&uuml;her Morgenstunde in ihr
+Bett gekrochen.</p>
+
+<p>Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und
+wochenlang gleichg&uuml;ltig und verst&auml;ndnislos zur
+Seite gestanden, eine pl&ouml;tzliche Ann&auml;herung suchte,
+konnte es geschehen, da&szlig; Peterlein die Lippen zusammenkniff.
+Das feine Seelchen fl&uuml;chtete sich vor
+den t&auml;ppischen Angriffen und schaute nur scheu und
+ver&auml;ngstet aus den gro&szlig;en verschleierten Augen.</p>
+
+<p>Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war
+nicht ein aus Zartgef&uuml;hl geborenes Schweigen.
+Das h&auml;tte dem Peterlein wohl getan und ihm vielleicht
+die herben Lippen ge&ouml;ffnet. Er beobachtete die
+Mutter, wie sie sich an den N&auml;htisch setzte, zu Nadel
+und Faden griff und zu n&auml;hen begann. Und jede
+Bewegung brachte ihr Gekr&auml;nktsein zum Ausdruck,
+laut und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener
+Qual.</p>
+
+<p>Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die
+Werkstatt hinunter, denn der Vater nickte ihm meist<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+freundlich zu und schenkte ihm auch hin und wieder
+einen Streifen bunten Papiers.</p>
+
+<p>Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl
+zu sitzen, der dicht am Fenster stand. Drau&szlig;en war
+nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was die Aufmerksamkeit
+der Arbeiter erregt h&auml;tte. Aber
+Peterlein bewunderte das steil abfallende braunrote
+Ziegeldach. Es wuchs so viel feines, samtenes Moos
+darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte
+ein Samtkleid, das dr&uuml;ckte er oft verstohlen an die
+Wange.</p>
+
+<p>&Uuml;ber das Dach ragte ein alter, klotziger Turm
+empor. Wie ein rundes, gutm&uuml;tiges Gesicht schob
+sich die H&auml;lfte seines Zifferblattes &uuml;ber den First
+empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn
+gerne leiden, den alten Turm mit dem breiten Gesicht,
+und er liebte auch die Zeiger, die so lustig
+Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere,
+glitzerte stundenlang oben in der Sonne, dann versank
+er, und Peterlein sah ihn des Abends nie. Der
+gro&szlig;e lief viel schneller. Jetzt war er verschwunden,
+aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen
+geschaukelt, das Moos auf dem Dach in Gedanken
+gestreichelt, sich &uuml;ber die vielen, vielen B&uuml;cher gewundert
+und von der M&ouml;glichkeit, sie zu lesen,
+getr&auml;umt hatte, tauchte er auf der andern Seite
+auf und war so golden und blitzend wie zuvor.</p>
+
+<p>&bdquo;Was er nur denken mag, wenn er so zum
+Fenster hinausstarrt,&ldquo; dachte Peter Niemeyer sen.
+Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen.<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+Aber merkw&uuml;rdig! es kam ihm keine Erinnerung,
+die ihm das Bild eines versonnenen kleinen Buben
+entgegengehalten h&auml;tte. Er sah sich immer in Bewegung,
+im Schulhof, auf der Stra&szlig;e, im elterlichen
+Hause &hellip; turnend, schreiend, raufend. War
+sein Junge am Ende kein echter Junge? &ndash;&nbsp;&ndash; An
+Kraft fehlte es ihm gewi&szlig; nicht. Er hatte breite
+Schultern, die den dunkeln Kopf stolz und aufrecht
+trugen, und da&szlig; er Beine hatte, die ihresgleichen
+suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater
+Niemeyer wieder und wieder beobachten.</p>
+
+<p>Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen
+mehr mit sich ins Freie zu nehmen, wom&ouml;glich
+mit andern Kindern zusammen.</p>
+
+<p>Das Stillesitzen und Tr&auml;umen verdro&szlig; ihn &hellip;
+aus dem einfachen Grund, weil es seiner Natur
+fremd und unverst&auml;ndlich war. Und er wollte den
+Jungen f&uuml;r <em class="gesperrt">sich</em> heranwachsen sehen. <em class="gesperrt">Sein</em>
+Kamerad, <em class="gesperrt">seine</em> St&uuml;tze und Hilfe sollte er
+werden. Aber hatte er selbst nicht auch getr&auml;umt
+in jungen Tagen und sich eine heimliche Welt
+erbaut? O gewi&szlig;, aber es waren lauter klare Dinge
+gewesen, lebensf&auml;hige, starke Gedanken. Sein Junge
+aber war versunken in den Anblick eines alten
+Daches und beobachtete das Auf und Ab eines
+Zeigers. Dem mu&szlig;te beizeiten ein Riegel vorgeschoben
+werden.</p>
+
+<p>So kam es, da&szlig; am folgenden Sonntag die
+drei Niemeyer mit einer befreundeten, sehr kinderreichen
+Familie zusammen einen Ausflug machten.<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+Der nasen&auml;hnliche Vorsprung des n&auml;chstgelegenen
+Berges war zum Ziel ersehen worden. Die
+Gesellschaft setzte sich in fr&ouml;hlicher Laune in Bewegung.
+Die Luft war klar, der Sonnenschein
+w&auml;rmend, ohne stechend zu sein. Peterlein sprang
+mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug
+Purzelb&auml;ume wie ein gedienter Zirkusclown und
+ging aus einem Ringkampf, der mit viel Lachen und
+Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger hervor.
+War das derselbe Junge, der vertr&auml;umt in einem
+Winkel zu sitzen pflegte? Nein, das war ein echter,
+lebendiger Junge, wie er sein soll. Vater Niemeyer
+strahlte.</p>
+
+<p>Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln.
+Der besiegte Nachbarjunge, der seinen Groll nicht
+verwinden konnte, drang pl&ouml;tzlich von hinten auf
+Peterlein ein und schlug ihn &uuml;ber den Kopf.</p>
+
+<p>&bdquo;Na, hoffentlich haut er ihm eine T&uuml;chtige runter!&ldquo;
+dachte Vater Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein
+blieb stehen und schaute seinen Widersacher an.
+Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen.
+&bdquo;Du bist ja ein Feigling!&ldquo; sagte er mit seiner hellen
+Knabenstimme.</p>
+
+<p>&bdquo;Was bin ich!&ldquo; schrie der andere. Er versetzte
+Peter einen Sto&szlig;, der ihn zu Boden schleuderte;
+dann hielt er es f&uuml;r geraten, sich hinter seinen
+Vater zur&uuml;ckzuziehen.</p>
+
+<p>Es w&auml;re nicht n&ouml;tig gewesen. Als Peterlein
+wieder aufrecht stand, ging er seines Wegs, ohne
+sich nur umzublicken.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>Peter Niemeyer &auml;rgerte sich. Hatte der Junge
+kein Ehrgef&uuml;hl im Leib? Mit ein paar raschen
+Schritten war er an seiner Seite. &bdquo;L&auml;&szlig;t du dir so
+etwas gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja
+auch untergekriegt. Warum hast du nicht mit ihm
+gerungen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Weil er feig ist,&ldquo; sagte das Kind und hob seinen
+stolzen, freien Blick. Die Augen waren unverschleiert
+und gl&uuml;hend, und Vater Niemeyer wu&szlig;te
+keine Entgegnung.</p>
+
+<p>Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und
+nachdem die Aussicht bewundert und die Namen
+der zerstreut liegenden D&ouml;rfer richtiggestellt waren,
+&uuml;berlie&szlig;en sich die Erwachsenen der Ruhe.</p>
+
+<p>Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein.
+Es ward still, nur hin und wieder klang ein vereinzelter
+heller Schrei, ein seliges Lachen her&uuml;ber.
+Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt,
+und f&uuml;hlte und trank den Zauber des Fr&uuml;hlingstages
+in tiefen Atemz&uuml;gen.</p>
+
+<p>Da schrak er j&auml;h empor. Das Weinen eines
+Kindes, untermischt mit vielstimmigem Gel&auml;chter,
+war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich auf.
+Die T&ouml;ne kamen n&auml;her und n&auml;her, und Frau Elisabeth
+horchte &auml;ngstlich auf. &bdquo;Es ist unser Peterchen,
+der weint,&ldquo; fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>Da st&uuml;rzte er auch schon auf sie zu, mitten in
+ihre ausgestreckten Arme. &bdquo;Was hast du denn?
+Wer hat dir etwas zuleid getan?&ldquo; fragte sie wieder
+und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+nicht sprechen, und die andern Kinder mu&szlig;ten berichten.
+Das Peterlein sei ganz f&uuml;r sich gegangen,
+sie h&auml;tten ihn lange gesucht und endlich vor einem
+gro&szlig;en Stein gefunden. Den habe er immerzu
+betrachtet. Da sei eines von ihnen zum Spa&szlig;
+daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen
+zu weinen und sei davongelaufen und sie
+alle hinterdrein.</p>
+
+<p>Vater Niemeyer war ernstlich b&ouml;se. &bdquo;Deswegen
+weint man doch nicht. Sch&auml;me dich, Peter!&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth f&uuml;hlte Mitleid mit dem zuckenden
+K&ouml;rperchen, das in ihrem Scho&szlig; lag. Er hatte sich
+zu ihr gefl&uuml;chtet. Das tat wohl. Sie beugte sich
+ein wenig herab und fl&uuml;sterte: &bdquo;Sei nun wieder
+still, Peterlein! Sieh, die andern sind so vergn&uuml;gt.
+Warum hat dich denn der dumme Stein
+so betr&uuml;bt?&ldquo;</p>
+
+<p>Peterchen hob sein verweintes Gesicht. &bdquo;Ach
+Mutter, es war ein kleiner Wald, eine wundersch&ouml;ne
+kleine Welt darauf!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wirklich!&ldquo; sagte Frau Elisabeth und vertilgte
+mit dem Taschentuch die Tr&auml;nenspuren in ihres
+Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was f&uuml;r ein
+absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr
+unbehaglich bei dem Gedanken. Wie mochte das
+sp&auml;ter werden? Nun z&auml;hlte er erst acht Jahre und
+war ihr schon halb entglitten.</p>
+
+<p>Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem
+Mann hin&uuml;ber; aber Peter Niemeyer, der die Klage
+seines Jungen um die zertretene kleine Welt geh&ouml;rt,<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter
+Stirne.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Sommer brachte f&uuml;r Peterlein etwas
+Wunderbares. Er durfte mit der Mutter in die
+Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er
+brachte Frau und Kind zur Bahn und plauderte
+bis zuletzt lebhaft und fr&ouml;hlich mit ihnen. Er hielt
+die Hand seiner Frau lange in der seinen und
+t&auml;tschelte seines Buben blasse Wangen.</p>
+
+<p>&bdquo;Nun geht nur t&uuml;chtig spazieren da oben und
+holt euch rote Backen! Und, Peterlein &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie ist es da?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, sch&ouml;n! Aber wenn man hinunterpurzelt,
+merkt man davon nichts.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bewahr' mich der Himmel! Junge, was
+denkst du nur! Aber an einer gestanden bin ich
+mehr als einmal!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie sieht das aus, Vater?&ldquo; dr&auml;ngte das Kind.
+&bdquo;Ist es ein tiefes, schwarzes Loch?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz &hellip;
+Es gl&auml;nzt so sch&ouml;nes Eis herauf. Ganz blankes,
+gr&uuml;nes Eis, Peterchen. Und unten rieselt und
+gluckst etwas &ndash;&nbsp;&ndash; ein Gletscherb&auml;chlein &hellip; aber
+es klingt oft eigent&uuml;mlich &ndash;&nbsp;&ndash; wie &ndash; <span style="white-space:nowrap;">wie&nbsp;&ndash;&ldquo;</span></p>
+
+<p>&bdquo;&hellip;&nbsp;wie wenn etwas weint,&ldquo; vollendete ein
+leises Stimmlein.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>&bdquo;Warum meinst du das?&ldquo; fragte der gro&szlig;e
+Peter l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&bdquo;Weil ich es einmal geh&ouml;rt habe, im Wald,
+wei&szlig;t du, bei dem kleinen schwarzen See. Da mu&szlig;
+das B&auml;chlein hinein und deshalb weint es.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Na, h&ouml;r' mal, Peterchen!&ldquo; begann Frau Elisabeth,
+aber ihr Mann legte eine beschwichtigende
+Hand auf ihren Arm.</p>
+
+<p>Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge
+von ihm. Es war ihm, als h&ouml;re er wieder ein paar
+Takte aus seiner Zukunftsmusik &hellip; War er nicht
+auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und
+Wiesen strich, stehen geblieben, um etwas von den
+T&ouml;nen zu erlauschen, die Wind und Bach und
+Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der
+Freude, hatte ihm daraus geklungen. Und das
+Peterchen h&ouml;rte ein Weinen &hellip; Also doch nicht
+ganz dasselbe, nein, nicht ganz.</p>
+
+<p>Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter
+Niemeyer aufsteigen, aber er zwang sie nieder.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich h&ouml;rte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte
+sagen, das Gletscherb&auml;chlein mache Musik. Ganz
+feine, silberne T&ouml;ne h&ouml;rt man.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja &hellip; da singt jemand,&ldquo; nickte das Kind. Es
+sa&szlig; und schlenkerte mit den Beinen und schaute
+aus weichen, vertr&auml;umten Augen.</p>
+
+<p>Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit
+dr&auml;ngte. Er mu&szlig;te eiligen Abschied nehmen. Dann
+setzten sich die R&auml;der in Bewegung, und das
+Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+das B&auml;chlein unter schimmerndem Eis kleine Lieder
+singt.</p>
+
+<p>Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu
+sehen. Da waren die Telegraphendr&auml;hte. Lange
+Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur in
+der H&ouml;he des Fensters, aber das gen&uuml;gte ihnen
+nicht. Hinauf, hinauf! schienen sie zu schwirren.
+Und sie fingen an zu steigen &ndash;&nbsp;&ndash; rascher &ndash; rascher!
+Wohin! wohin? Da &ndash;&nbsp;&ndash; eine b&ouml;se lange Stange
+stand in ihrem Weg und ri&szlig; sie alle herunter &ndash;
+o so tief! Konnten sie nun nicht mehr fliegen?
+Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie
+sanken, sanken, und jede b&ouml;se Stange machte sie
+tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an tapfern
+Dr&auml;hten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der
+dunkle Schatten sie heruntergezerrt hatte, aufs neue
+in die H&ouml;he, immer wieder, immer wieder &ndash;&nbsp;&ndash;
+bis &ndash;&nbsp;&ndash; Ja, mit einem Mal waren sie ganz
+weg, und die Eisenbahn fuhr dicht an einem See
+vorbei, so dicht, da&szlig; man glauben konnte, die
+R&auml;der liefen im Wasser. Es schimmerten blanke
+Steine und weiches, bewegliches Gras, und da
+&ndash; ja, da war ein Fisch, ein wirklicher, lebendiger
+Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen
+durchfuhr.</p>
+
+<p>Dann mu&szlig;te man durch einen dunkeln Tunnel
+fahren. Das war nicht h&uuml;bsch. Aber nachher&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Das Peterlein sa&szlig; ganz still, aber es &ouml;ffnete
+die Augen weit und trank die Sch&ouml;nheit, die sich
+vor ihm aufgetan.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>Und der Glanz der sonnbeschienenen wei&szlig;en
+Berge, die geheimnisdunkle Pracht der W&auml;lder,
+der Duft und die Freude, die von den blumigen
+Matten aufstiegen, sanken durch die d&uuml;rstenden
+Augen tief auf den Grund seiner stillen, wartenden
+Seele.</p>
+
+<hr/><div style="margin-top: 3em;"></div>
+
+<p>Peterlein f&uuml;hlte sich schon nach wenigen Tagen
+in dem kleinen Bergnest so heimisch, als habe er
+immer in dem braunen H&auml;uschen gewohnt. Wie
+war es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf
+einen Stuhl stellte, so konnte er mit der Hand die
+Decke ber&uuml;hren, und wenn er Eile hatte, ins Freie
+zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles
+neu und furchtbar interessant, z.&nbsp;B. die vielen
+Menschen, die mit ihm und Mutter zusammen an
+einem Tisch a&szlig;en. Er kannte die wenigsten, denn
+gleich nach Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre
+Behausungen. Da der Gasthof selbst nur wenige
+G&auml;ste beherbergen konnte, waren die meisten in den
+n&auml;chstgelegenen H&auml;uschen untergebracht.</p>
+
+<p>Peterlein war immer unter den ersten, die dem
+Ruf der Tischglocke Folge leisteten. Dann stand er
+am Fenster und beobachtete die G&auml;ste, die sich von
+allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof
+n&auml;herten. Bei Regenwetter war es besonders h&uuml;bsch.
+Da konnte man glauben, eine Schar Pilze wandere
+langsam und bed&auml;chtig auf den schmalen Weglein.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth f&uuml;hlte sich fremd und eingesch&uuml;chtert.
+Daran war in erster Linie ihr Tischnachbar<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter,
+der erst vor kurzem aus Indien zur&uuml;ckgekehrt war
+und noch immer in seligen Erinnerungen schwelgte.
+Beinahe t&auml;glich unterhielt er Frau Elisabeth mit
+Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als
+bekannt voraussetzte. V&ouml;llig zur Verzweiflung
+aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags mit
+feurigen Worten die vom Mondlicht &uuml;bergossene
+Tadsch Mahal schilderte. Frau Elisabeth lauschte
+mit krampfhaft festgehaltenem liebensw&uuml;rdigem
+L&auml;cheln, w&auml;hrend sie innerlich st&ouml;hnte: &bdquo;Mein Gott,
+wenn ich nur w&uuml;&szlig;te, von was er spricht.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; die Worte halb bet&auml;ubt &uuml;ber sich ergehen
+und empfahl sich so schnell es irgend anging. Ach,
+warum hatte sie nicht darauf geh&ouml;rt, wenn ihr
+Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum
+Selbstlesen anpries! Zwar, von Indien hatte er
+ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit Bestimmtheit
+zu erinnern. Aber &ndash; eine andere Sache
+hatte ihm immer so am Herzen gelegen. Beinahe
+jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert, die
+Gem&auml;lde im Museum anzusehen. &bdquo;Denn, wirklich,
+Betty, es ist eine Schande, wenn ein Kind unserer
+Stadt nicht die Bilder ihrer zwei weltber&uuml;hmten
+Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz
+und kommen weit her, ihn zu sehen. Du kannst
+dich nicht einmal zu den paar Schritten entschlie&szlig;en.
+Warst du &uuml;berhaupt schon dort?&ldquo;</p>
+
+<p>Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! &bdquo;Na
+ja, als junges M&auml;dchen war ich mal dort. Es hat<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da waren
+so merkw&uuml;rdige Wesen &hellip; Frauen mit Fischschw&auml;nzen
+und M&auml;nner, halb Mensch, halb Pferd.
+&ndash;&nbsp;&ndash; Ach, und so ein schreckliches Bild war da.
+Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir
+nachts getr&auml;umt. &ndash;&nbsp;&ndash; Und die Frau mit den
+Kindern &ndash; das soll doch so ein sch&ouml;nes Bild sein
+&ndash; gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl
+ganz nett, aber die Frau hat tr&uuml;be Augen, und
+das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen
+h&auml;tte.&ldquo;</p>
+
+<p>Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren
+Peter sen. und jun. allein ins Museum gegangen.
+Sie hatte nachher das Kind &uuml;ber die Bilder befragt,
+aber es hatte nicht viel zu antworten gewu&szlig;t. Ein
+Kindchen habe er gesehen, so eines, wie sie im Wasser
+wohnen. Das habe ein Fischlein fangen wollen,
+da sei es ausgerutscht, und &bdquo;nun macht es so,
+sieh, Mutter, so!&ldquo;</p>
+
+<p>Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten,
+dann hatte er pl&ouml;tzlich ein Tuch ergriffen,
+es eng um die Schultern gezogen und mit abgewandtem
+Gesicht gesagt: &bdquo;Sieh, Mutter, so steht
+der Mann und wartet und wartet. Warum wartet
+er, Mutter? Da ist ein gro&szlig;es Wasser und vorne
+ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat
+keine Kleider, nur ein ganz d&uuml;nnes Tuch. Das
+glitzert sehr sch&ouml;n. Und sie wartet auch. Warum,
+Mutter? Vielleicht, da&szlig; sich der Mann mal umwenden
+soll? Ich glaube, sie will ihm etwas vorspielen.<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+Aber warum wartet der Mann und schaut
+immer auf das Wasser?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu
+fahren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist er da nicht zu Hause? O, du wei&szlig;t's
+nicht gewi&szlig;, Mutter?&hellip; Ich glaube doch, aber
+er m&ouml;chte mal weg, um zu sehen, was &uuml;ber dem
+gro&szlig;en Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf
+das Schiff.&ldquo;</p>
+
+<p>Hatte der Professor nicht zum Schlu&szlig; von diesem
+Bild gesprochen? Gewi&szlig;! Wenn sie nicht aufgestanden
+w&auml;re, h&auml;tte er sie dar&uuml;ber ausgefragt.
+&bdquo;&hellip;&nbsp;denn gn&auml;dige Frau m&uuml;ssen es nat&uuml;rlich aufs
+genaueste kennen.&ldquo; Ach, wie konnte sie nur diesem
+schrecklichen alten Herrn entrinnen!</p>
+
+<p>Frau Elisabeth war w&auml;hrend dieser Gedanken
+einen Waldweg gegangen, der zu einer einsamen
+kleinen H&ouml;he f&uuml;hrte. Peterlein lief singend hintendrein.
+Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf
+eine der leerstehenden Ruheb&auml;nke niedergelassen
+hatte. Er lehnte sich an sie, und sie schlang den Arm
+um ihn und f&uuml;hlte unter ihrer Hand das vom
+Springen erregte Herzchen pochen.</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Peterchen,&ldquo; fl&uuml;sterte sie, und dr&uuml;ckte die
+Lippen in sein Haar.</p>
+
+<p>Er schob sich enger an sie heran. Da lie&szlig; eine
+Elster in der N&auml;he ihr h&auml;&szlig;liches Kr&auml;chzen h&ouml;ren,
+und Peterlein ri&szlig; sich los.</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie sch&ouml;n schwarz
+und wei&szlig; &hellip; Mutter, wie hei&szlig;t der Vogel?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>&bdquo;Na, wie hei&szlig;t er denn!&ldquo; Frau Elisabeth sagte
+es ein wenig ungeduldig. Was brauchte Peter so
+laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der
+andern Bank gewi&szlig; die Frage geh&ouml;rt und wartete
+mit dem Jungen zusammen auf eine Antwort &hellip;
+Und sie wu&szlig;te ja den Namen des dummen Vogels
+nicht! Was sollte sie nur machen?</p>
+
+<p>Ihr war, &uuml;ber das Gesicht der fremden Dame
+gleite ein feines L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&bdquo;Peterchen!&ldquo; rief Frau Elisabeth, &bdquo;komm mal
+flink her!&ldquo;</p>
+
+<p>Als das Kind n&auml;her trat, fl&uuml;sterte sie hastig: &bdquo;Es
+f&auml;llt mir jetzt gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's
+so etwas wie ein Rabe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!&ldquo;</p>
+
+<p>Peterchen stand vor ihr, die H&auml;nde auf dem
+R&uuml;cken, und betrachtete sie vorwurfsvoll. Pl&ouml;tzlich
+sagte er: &bdquo;Hast du den Namen wirklich mal gewu&szlig;t?
+Oder, oder &hellip; wei&szlig;t du, Mutter, heute
+&ndash;&nbsp;&ndash; am Essen &ndash;&nbsp;&ndash; das hast du auch nicht
+gewu&szlig;t &hellip; wei&szlig;t du, das wei&szlig;e Haus, von dem
+der alte Mann erz&auml;hlte. Da hast du blo&szlig; so
+<span style="white-space:nowrap;">getan&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&ldquo;</span></p>
+
+<p>Frau Elisabeth sa&szlig; da, &uuml;ber und &uuml;ber err&ouml;tend.
+Einen Augenblick war ihr, die ganze Bergkette senke
+sich, als wolle sie ihr eine sp&ouml;ttische Verbeugung
+machen. Die Fremde mu&szlig;te jedes Wort geh&ouml;rt
+haben. Peterleins Stimme war so durchdringend
+hell, und die halb vorwurfsvoll, halb trotzig gesprochenen
+Worte hatten sehr deutlich geklungen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und
+sagte &auml;rgerlich: &bdquo;Du bist ein ungezogenes Kind,
+Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter.
+Ich habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen
+dies oder jenes nicht recht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja &ndash; aber &hellip; Eltern sind doch auch manchmal
+unartig, Mutter. Nicht?&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an.
+Er erwiderte ihren Blick, nicht trotzig, nur harmlos
+erstaunt.</p>
+
+<p>Was sollte sie nur antworten?</p>
+
+<p>Da &ndash; mitten in das Schweigen hinein &ndash; klang ein
+Lachen, ein herzliches, befreiendes Lachen. Die fremde
+Dame war aufgestanden und n&auml;herte sich den beiden.</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Gro&szlig;en
+alle sind auch manchmal unartig. Aber &ndash;&nbsp;&ndash; das
+kannst du mir glauben &ndash; wir strengen uns t&uuml;chtig
+an, es nicht zu sein &hellip; Darf ich?&ldquo;</p>
+
+<p>Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die
+bereitwillig zur Seite r&uuml;ckte. Die Fremde setzte sich.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie hei&szlig;t du denn, kleiner Mann?&ldquo; wandte sie
+sich an Peter, und dann begann sie mit ihm zu
+plaudern.</p>
+
+<p>&bdquo;Wei&szlig;t du, Mutter,&ldquo; meinte Peter sp&auml;ter, &bdquo;sie
+fragte so h&uuml;bsche Sachen. Nicht: wie alt bist du,
+und in welche Klasse gehst du, und hast du schon
+viele Tatzen gekriegt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, was fragte sie denn?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, Mutter, hast du es nicht geh&ouml;rt? Du sa&szlig;est
+doch dabei. Sie fragte, ob ich die kleine Eidechse<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+mal gesehen, die unten am M&auml;uerchen wohnt. Und
+&ndash; Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie
+findet sie gar nicht langweilig wie du. Sie hat
+gestern abend den gro&szlig;en B&auml;ren auch gesehen.
+Hast du denn gar nicht zugeh&ouml;rt?&ldquo;</p>
+
+<p>Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie
+hatte eigentlich nur die Fremde beobachtet, das
+ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Z&uuml;ge durch
+einen unendlich g&uuml;tigen, innerlich frohen Ausdruck
+versch&ouml;nt wurden.</p>
+
+<p>Ein Gesicht, das keine Maske trug.</p>
+
+<p>Ein Gesicht, das jeden zu gr&uuml;&szlig;en schien.</p>
+
+<p>Wenn man dies Gesicht ansah, wu&szlig;te man, diese
+Frau denkt immer in erster Linie: wie kann ich dir
+helfen?&hellip; wie kann ich dir wohl tun?</p>
+
+<p>Und deshalb war sie auch her&uuml;bergekommen und
+hatte Peters Frage beantwortet, die ihr so ungeheuerlich
+erschienen.</p>
+
+<p>Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden?
+Warum?</p>
+
+<p>Ach, sie war so best&uuml;rzt gewesen, so best&uuml;rzt. Sie
+hatte geglaubt, in Peterleins Augen stehe sie fleckenlos
+da, und sie hatte auch geglaubt, das m&uuml;sse so
+sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten
+&ndash; mu&szlig;te da nicht jeder Respekt verschwinden?
+&ndash;&nbsp;&ndash; Freilich, die Fehler waren da.
+Die lie&szlig;en sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen.
+War es da nicht kl&uuml;ger, die Worte der fremden
+Frau nachzusprechen?&hellip; &bdquo;Nicht nur kl&uuml;ger, auch
+tapferer und ehrlicher,&ldquo; fl&uuml;sterte eine heimliche<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+Stimme in Frau Elisabeths Herzen. Sie mu&szlig;te
+pl&ouml;tzlich an ihren Vater denken. Der war ein aufrechter
+Mann gewesen. Hart und streng manchmal,
+aber doch in erster Linie gegen sich selbst. Da gab
+es kein Bem&auml;nteln einer Schuld. Er war ein hitziger
+Mann gewesen und konnte in der Aufregung
+manches Wort sagen, das ihn nachher in der Seele
+brannte. Dann leistete er Abbitte, auch wenn es
+sich nur um ein Kind oder den j&uuml;ngsten Lehrbuben
+handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren?
+Nein, nein &hellip; Frau Elisabeth wu&szlig;te
+pl&ouml;tzlich, da&szlig; ihr der Vater nie gr&ouml;&szlig;er erschienen
+war, als in einem solchen Augenblick.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te noch etwas. Sie wu&szlig;te, da&szlig; er,
+heute bei Tisch, nicht mit ihr zufrieden gewesen
+w&auml;re. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach
+gesagt, sie wisse nichts von diesem &ndash; diesem
+Ding?</p>
+
+<p>Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr
+das Blut in die Wangen trieb. &bdquo;Kinder, gesteht
+doch ruhig ein, da&szlig; ihr etwas nicht wi&szlig;t! Das ist
+keine Schande. Und wenn's auch eine w&auml;re, denn
+es kommt ja vor, da&szlig; man etwas wissen sollte &ndash;
+na, da mu&szlig; man eben die kleine Besch&auml;mung
+tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!&ldquo;</p>
+
+<p>Die einsame H&ouml;he war ein zauberkr&auml;ftiger Fleck
+Erde. Noch nie hatte Frau Elisabeth so tief Einkehr
+bei sich gehalten wie an diesem Nachmittag. Das
+bekam auch Peter zu sp&uuml;ren. Er ging auf dem Nachhauseweg
+zwischen den beiden Frauen und merkte<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+auf ihr Reden, und seine feinen Ohren h&ouml;rten mehr
+als Frau Elisabeth ahnte.</p>
+
+<p>Am Abend, als er in dem gro&szlig;en Bett lag, setzte
+sich die Mutter neben ihn und schaute schweigend
+durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit
+erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?</p>
+
+<p>&bdquo;Peterchen,&ldquo; sagte sie leise und ein wenig stockend,
+&bdquo;es ist wahr, ich habe den Herrn Professor heute
+nicht verstanden. Es war dumm, da&szlig; ich das nicht
+sagte. Und den Vogelnamen wei&szlig; ich schon lange
+nicht mehr. Vielleicht habe ich ihn einmal in der
+Schule gelernt &hellip; Und es ist auch wahr, was die
+freundliche Dame heute sagte, da&szlig; &ndash; da&szlig; wir
+Gro&szlig;en auch unsre Fehler haben. Aber sieh,
+Peterchen, bei manchen merkt man doch kaum
+etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch
+immer so gut und lieb zu dir, und nun hat er uns
+hier heraufgeschickt, wo wir's so sch&ouml;n haben,
+w&auml;hrend er immer arbeiten mu&szlig; &hellip; Und Vater
+wei&szlig; so viel, alle sagen, wie klug er <span style="white-space:nowrap;">sei&nbsp;&ndash;&ldquo;</span></p>
+
+<p>Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen.
+Das Kind hing pl&ouml;tzlich an ihrem Hals und k&uuml;&szlig;te
+sie, k&uuml;&szlig;te sie &hellip; o, diese durstigen Lippen! &ndash; Und
+dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen
+aus, da&szlig; die Mutter sich keinen Rat wu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Kind, Kind, was ist dir nur!&ldquo; fl&uuml;sterte sie halb
+erschrocken, halb beseligt.</p>
+
+<p>Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert,
+noch nie die hei&szlig;en kleinen H&auml;nde nach ihr gegriffen,
+als griffen sie tief, tief in ihr Herz.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>&bdquo;Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!&ldquo;
+schluchzte das Peterlein. &bdquo;Du geh&ouml;rst mir, Mutter,
+sag, da&szlig; du mir geh&ouml;rst!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber gewi&szlig;, Kind, gewi&szlig;! So &ndash; so &hellip; Nun
+will ich dir ein bi&szlig;chen singen, und dann schl&auml;ft mein
+Peterchen sch&ouml;n ein.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht.
+Dann hielt sie seine Hand und sang und sah, wie
+die wilden Augen sanft und ruhig wurden und sich
+m&uuml;de schlossen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Von diesem Tage an f&uuml;hlte sich Frau Elisabeth
+weniger unbehaglich. Irgend etwas sagte ihr, da&szlig;
+diese Fremde ein innerlich reicher Mensch sei, und
+da&szlig; sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.</p>
+
+<p>Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie
+h&ouml;rte aus all dem oft so nichtigen und eitlen Wortschwall
+etwas heraus, das ihr des H&ouml;rens und
+Antwortens wert schien. So ging sie manche
+Stunde, die sie lieber in der Stille verlebt h&auml;tte,
+mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen
+spazieren. Da&szlig; das Kind dabei war, erleichterte
+ihr das Opfer.</p>
+
+<p>Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen,
+in einem gro&szlig;en Wirkungskreis gestanden.
+Tagt&auml;glich waren Bilder des Elends, der S&uuml;nde
+vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte
+und fordernde H&auml;nde hatten nach ihr
+gegriffen. Und ihr gro&szlig;es, reiches Herz hatte all<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+das Elend mit inbr&uuml;nstigem Erbarmen umschlossen.
+Dann pl&ouml;tzlich war sie zusammengebrochen.
+Es war kaum zu glauben gewesen.
+Jedermann in ihrer Umgebung hatte sich gegen
+die Erkenntnis gestr&auml;ubt, und sie selbst hatte hart
+mit dem m&uuml;den Herzen gek&auml;mpft. Bis sie wu&szlig;te:
+ich mu&szlig; fliehen, aus allem heraus, sonst kann ich das
+Leben nicht mehr ertragen. Sie war in die Berge gereist
+mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu
+kriechen und sich daraus durch niemand und nichts
+vertreiben zu lassen. Aber an jenem Nachmittag, als
+Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie antworten
+m&uuml;ssen. Es war nicht anders gegangen.</p>
+
+<p>Das Kind erschlo&szlig; sich ihr t&auml;glich mehr, und
+sie empfand seine st&uuml;rmische Liebe als k&ouml;stliches
+Geschenk. Die ihre &auml;u&szlig;erte sich selten in Worten
+oder Geb&auml;rden. Ihr war, Frau Elisabeth k&ouml;nnte
+dies nicht wohl ertragen.</p>
+
+<p>Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher
+Innigkeit &hellip; so, wie man etwas Feines und Holdseliges
+liebt, das man in t&auml;ppischen H&auml;nden wei&szlig;.
+Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah,
+wie es drin &uuml;ppig bl&uuml;hte und wucherte, und sie
+wu&szlig;te, da&szlig; hier eines verst&auml;ndigen G&auml;rtners Hand
+walten sollte &hellip; &bdquo;Armer, kleiner Peter!&ldquo; dachte sie,
+wenn in diese Gedanken hinein Frau Elisabeths
+Worte drangen.</p>
+
+<hr/><div style="margin-top: 3em;"></div>
+
+<p>Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben
+Tage ab. Beide waren froh, in den alten<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch
+Peter freute sich nach Kinderart der Ver&auml;nderung.
+Er freute sich besonders darauf, dem Vater die
+sch&ouml;nen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen
+gesammelt. Aber als er von der &bdquo;Tante&ldquo; Abschied
+nehmen sollte, ri&szlig; er die Augen weit auf und starrte
+der Davongehenden nach.</p>
+
+<p>Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes
+fr&ouml;hliches Wort auf den Lippen &hellip; Und konnte es
+nicht aussprechen. Sie wu&szlig;te, nie w&uuml;rde sie diese
+entsetzten Augen vergessen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Das aber ahnte sie nicht, da&szlig; ihr Bild durch
+lange Monate hindurch wie ein k&ouml;stlicher Schatz in
+Peterleins Herzen geh&uuml;tet wurde.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der Vater freute sich an den mitgebrachten
+Steinen, bis er eines Tages entdeckte, da&szlig; Peterlein
+wieder seine &bdquo;sonderbaren Sachen&ldquo; damit treibe.
+An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen.
+Fein s&auml;uberlich eingewickelt war
+jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen, und
+nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine
+Gruben gesteckt.</p>
+
+<p>Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er
+mit einem gl&uuml;ckseligen, z&auml;rtlichen Gemurmel begleitete,
+da&szlig; er des Vaters Schritte nicht h&ouml;rte.
+Erst als die barsche Frage: &bdquo;Was treibst du da?&ldquo;
+an sein Ohr drang, fuhr er empor. Er verstand
+nicht, warum der Vater so streng aussah, aber es
+sch&uuml;chterte ihn ein, und er sagte &auml;ngstlich: &bdquo;Es sind so
+liebe Steine &hellip; ich mache ihnen allen Bettchen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>&bdquo;Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht
+mit Steinen. Jetzt wirfst du auf der Stelle den
+ganzen Plunder weg. Dort &ndash;&nbsp;&ndash; auf den Kehrichthaufen
+hinunter.&ldquo;</p>
+
+<p>All die lieben Steine wegwerfen?&hellip; Der kleine
+Peter betrachtete den gro&szlig;en fragend, immer noch
+halb vertr&auml;umt. Dann kam der Befehl zum
+zweitenmal, und er begriff.</p>
+
+<p>Dunkelrot f&auml;rbte sich sein Gesicht, schwarz und
+drohend blitzten die Augen, aber er b&uuml;ckte sich und
+sammelte die Steine in seine Sch&uuml;rze. Dann ging
+er zum Zaun hin&uuml;ber und warf die Steine auf den
+Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die
+Qual m&ouml;glichst lange auskosten. Einmal hielt er
+inne. Einer der Steine war auf ein St&uuml;ck Eisen
+gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins
+scharfe Augen an der glatten Bruchfl&auml;che etwas zu
+entdecken geglaubt. Aber er machte keine Bemerkung
+dar&uuml;ber. Er warf die Steine hinunter,
+einen nach dem andern, und schielte zu Zeiten nach
+dem Vater hin&uuml;ber, der ihm ruhig zusah.</p>
+
+<p>&bdquo;So &hellip; nun kannst du mit mir in die Werkstatt
+kommen. Du darfst zusehen, und vielleicht darfst
+du auch etwas helfen.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich.
+Du lieber Himmel! Er war ja kein W&uuml;terich,
+kein Spielverderber. Er wollte den Jungen
+gern froh wissen, aber auf eine vern&uuml;nftige
+Weise. F&uuml;r derartige Dinge war er nun einfach
+zu gro&szlig;.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten
+keine Bemerkung. Er hielt die Augen eigensinnig
+gesenkt und ben&uuml;tzte die erste Gelegenheit, aus der
+Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den
+Garten zur&uuml;ck, kletterte &uuml;ber den Zaun und war
+mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen. Wo war
+nur der zersprungene Stein? Da &ndash; Peterlein
+b&uuml;ckte sich und unterdr&uuml;ckte einen Jubelruf. &bdquo;Ein
+Schmetterling! Ein ganz sch&ouml;ner Schmetterling!&ldquo;
+murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger
+den feinen Linien der Versteinerung nach. &bdquo;O, das
+soll er nicht sehen, der B&ouml;se!&ldquo;</p>
+
+<p>Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder
+hinauf, lief durch den Garten und ins Haus. Dort
+ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein Versteck wollte
+ihm gut genug erscheinen f&uuml;r seinen herrlichen Stein.</p>
+
+<p>Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen
+zu schieben. Frau Elisabeth entdeckte nat&uuml;rlich
+den verborgenen Schatz, als sie Peterleins Kissen
+zurechtsch&uuml;ttelte. Da lernte sie denn die ganze
+Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige
+Anklagen gegen den &bdquo;b&ouml;sen&ldquo; Vater, der ihm seine
+Steine genommen.</p>
+
+<p>Die Mutter schalt. &bdquo;Was f&auml;llt dir ein, so von
+deinem Vater zu sprechen, du unartiger Bub! Die
+gro&szlig;en Leute wissen viel besser, was f&uuml;r die kleinen
+pa&szlig;t, als diese selbst. Wei&szlig;t du noch, gestern? Da
+hat Vater dir verboten, mit dem Messer zu spielen,
+und wie du's doch getan, hast du dich geschnitten.
+Na, nun siehst du's.<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>&ldquo;</p>
+
+<p>Peterlein sa&szlig; aufrecht im Bett und dachte nach.
+Dann meinte er langsam: &bdquo;Aber, Mutter, das ist
+doch nicht dasselbe. Mit dem Messer &ndash;&nbsp;&ndash; ja,
+da hat der Vater gewu&szlig;t, da&szlig; es nicht pa&szlig;t &hellip;
+und &ndash; und ich bin unartig gewesen &hellip; Aber
+warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann
+man sich doch nicht schneiden &hellip; Es waren so
+liebe Steinchen, Mutter, und ich hatte ihnen so
+sch&ouml;ne Bettchen gemacht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun h&ouml;re mal auf mit den dummen Steinen
+und geh' schlafen!&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war
+ihr ja die Handlungsweise ihres Mannes auch
+unverst&auml;ndlich. Warum lie&szlig; er denn dem Kind
+die Freude nicht? Aber ihn dar&uuml;ber befragen &ndash;&nbsp;&ndash;
+nein, das wagte sie nicht. Und der Junge sollte
+nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdr&uuml;cken
+und sich seinem Vater anzupassen.</p>
+
+<p>Sie ging ohne Gutenachtku&szlig;, und Peterlein rief
+sie nicht zur&uuml;ck. Er sa&szlig; noch immer in seinem
+Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War
+das nicht alles schon oft so geschehen?&hellip; Was
+denn?&hellip; Das mit den Steinen? &ndash;&nbsp;&ndash; Das war
+ja unm&ouml;glich. Nein, aber das, das so weh tat,
+so furchtbar weh &hellip; das &ndash;&nbsp;&ndash; ja, nun wu&szlig;te
+er's &hellip; Die Mutter liebte ihren kleinen Peter
+lange nicht so, lange nicht so &ndash; wie sie den Vater
+liebte.</p>
+
+<p>Peterlein lie&szlig; den Kopf schwer ins Kissen fallen.
+Den Stein gegen die Wange gedr&uuml;ckt, starrte er<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+in das d&auml;mmrige Zimmer. Er h&auml;tte gerne geweint,
+um den Druck im Hals los zu werden.
+Aber wenn man ihn geh&ouml;rt h&auml;tte?</p>
+
+<p>Seine Gedanken gingen auf die Suche nach
+etwas Tr&ouml;stlichem, und da fanden sie den Stein.
+Der wundersch&ouml;ne Schmetterling &hellip; Wer hatte
+ihn da hineingezeichnet?&hellip; Nat&uuml;rlich der liebe
+Gott. Der hatte ja alles gemacht, die Berge und
+das Moos und die B&auml;ume und die Steine. Aber
+da&szlig; er so geschickt w&auml;re und auch noch innen in die
+Steine etwas zeichnen k&ouml;nnte &ndash; nein, das h&auml;tte
+Peterlein nie gedacht. Aber nun wu&szlig;te er auch,
+was er werden wollte. Wenn er gro&szlig; war, wollte
+er weit fort wandern, immer weiter, und sch&ouml;ne
+Steine finden und sch&ouml;ne V&ouml;gel und sch&ouml;ne
+Blumen&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief
+er. Sie versuchte, den Stein aus seiner Hand
+zu l&ouml;sen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger
+hielten ihn krampfhaft umschlossen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Es kam in den n&auml;chsten Jahren wieder und
+wieder vor, da&szlig; Peter des &Auml;lteren und Peter des
+J&uuml;ngeren Anschauungen im Widerspruch standen.
+Der Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit
+aus, &uuml;ber die sich der Vater lustig machte. Er tat
+es besonders dann, wenn ihm schien, sein Sohn
+st&uuml;rze sich wieder in der alten ungesunden Weise
+auf eine Sache, auf die er selbst nicht viel hielt. Es<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+reizte ihn, da&szlig; der Junge hartn&auml;ckig an seinen Gedanken
+festhielt, und so kam es zu h&auml;&szlig;lichen Auftritten,
+die meist damit endeten, da&szlig; der &Auml;ltere
+dem J&uuml;ngeren ein paar sausende Hiebe versetzte.</p>
+
+<p>Diese Auftritte dr&uuml;ckten auf das feine Gem&uuml;t
+des Knaben. Nicht allein der Schl&auml;ge wegen,
+obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein,
+schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines
+Vaters sehen, die ungerechten, oft grausamen
+Worte h&ouml;ren zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Die Mutter griff in diese K&auml;mpfe meist nur mit
+einem beschw&ouml;renden &bdquo;Peter, sei doch still!&ldquo; ein,
+das dem J&uuml;ngeren galt. Nachher pflegte sie ihn
+mit Vorw&uuml;rfen zu &uuml;bersch&uuml;tten und verteidigte
+des Vaters Auftreten mit Worten, deren Unlogik
+Peter reizte und zu sp&ouml;ttischen Antworten trieb. Er
+wu&szlig;te, da&szlig; eine ma&szlig;lose Heftigkeit, durch gekr&auml;nkte
+Eitelkeit hervorgerufen, nun und nimmer &bdquo;heiliger
+Vaterzorn&ldquo; genannt werden kann. Da&szlig; die Mutter
+es dennoch tat und oft, wie der Junge f&uuml;hlte,
+gegen ihr besseres Wissen, erf&uuml;llte ihn mit Trotz
+und machte ihn blind gegen das eigene Unrecht,
+das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte
+Notwehr erschien.</p>
+
+<p>Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter
+diesen Verh&auml;ltnissen litt, sie konnte sich nicht verhehlen,
+da&szlig; sie sie ihrem Mann n&auml;her gebracht
+hatten. Als er merkte, da&szlig; sein Sohn ihm mit
+den Jahren fremder ward und es ihm nicht gelingen
+wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen,<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+wandte er sich in seiner Entt&auml;uschung ihr
+zu, bei der er stets Zustimmung und Bewunderung
+gefunden und die ihn jetzt aus einem verstehenden
+Mitleid heraus doppelt warm umfing.</p>
+
+<p>Der junge Peter sah es mit Staunen, und er
+war geneigt, in seinen Gedanken von dieser Liebe
+ver&auml;chtlich zu denken.</p>
+
+<p>Nach einem Auftritt gingen sich Vater und
+Sohn tagelang aus dem Weg, kaum, da&szlig; bei den
+Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden,
+bis sich die Bitterkeit allm&auml;hlich verlor und man
+zur Tagesordnung &uuml;berging. Nie kam es zu einer
+herzlichen Aussprache, denn jeder hielt z&auml;h an seinen
+Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern
+den ersten Schritt.</p>
+
+<p>Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht
+nach einer friedevollen, stillen Umgebung,
+nach Menschen, die seine Sprache redeten und verst&uuml;nden.
+Er wu&szlig;te, da&szlig; er anders war als Vater
+und Mutter, aber er sah darin nicht das Trennende.
+Warum sollen sich die Menschen nicht mit hellen
+Stimmen rufen, mit frohen Blicken gr&uuml;&szlig;en k&ouml;nnen,
+auch wenn sie auf getrennten Wegen wandern?&hellip;
+Es mu&szlig; sie nur ein jeder mit warmen Gedanken
+an den Nachbar gehen.</p>
+
+<p>In der Schule war Peter ein Durchschnittssch&uuml;ler.
+Nur im Aufsatz zeichnete er sich aus, d.&nbsp;h.
+wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer hatte die
+Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen
+S&auml;tzen abzutun, um der Phantasie der Kinder<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+m&ouml;glichst weiten Spielraum zu lassen. Auf diese
+Weise heimste er manche d&uuml;rftige Leistung, aber
+auch manches warm und lebensvoll Geschaute ein.
+Er behandelte mit Vorliebe Zeiten und Menschen
+vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen
+folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerst&ouml;rte
+Kl&ouml;ster, St&auml;dte, deren einst stolze Namen
+verklungen sind &hellip; in Peters Gedanken erstanden
+sie im alten Glanz. Scharf&auml;ugig trotzen die Burgen
+auf verwegener H&ouml;he, &uuml;ppig und ehrfurchtgebietend
+liegen die Kl&ouml;ster in waldigen T&auml;lern, und in den
+alten St&auml;dten flutet Leben. Da sind H&auml;user, die
+mit sch&ouml;n gemei&szlig;elten Erkern und kunstvoll gearbeiteten
+T&uuml;ren prunken. Wer ging da hinein
+und trug Lachen und Sonne in die d&auml;mmerigen
+Stuben?&hellip; Und wer sa&szlig; am Brunnenrand,
+w&auml;hrend das Mondlicht in silbernen Tropfen &uuml;ber
+die D&auml;cher rieselte, und hatte eine Laute im Arm
+und sang, so sch&ouml;n, so sch&ouml;n &hellip; &Uuml;berall &ouml;ffneten
+sich die Fenster, und da und dort gab eine T&uuml;re
+eine lauschende Gestalt frei &hellip; Und wer fuhr in
+einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen,
+der ganz mit Rosen bekr&auml;nzt war?&hellip; Immer
+neue Gesichter dr&auml;ngen heran, edle und absto&szlig;ende,
+geistvolle und leere, angstvolle und harte &hellip; Was
+wollen sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der
+Schatten kaum erwehren. Ihm ist, ein jeder bitte
+ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut!
+La&szlig; mich noch einmal schluchzen und lachen, noch
+einmal Qual und Freude trinken&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>&bdquo;Niemeyer, Sie haben ja &uuml;ber das alte St. Gallen
+die reinste Novelle geschrieben,&ldquo; sagte Lehrer R&ouml;der,
+als er Peter sein Heft zur&uuml;ckgab. &bdquo;Ist das wirklich
+alles in Ihrem Kopf gewachsen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja!&ldquo; antwortete Peter und machte ein schuldbewu&szlig;tes
+Gesicht.</p>
+
+<p>Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das
+Schreiben des Aufsatzes gemacht. Die Tage, die er
+vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren in ihm
+aufgestanden, mit zwingenden und dr&auml;ngenden
+Bildern. Er schritt wieder durch die Bibliothek und
+neigte sich &uuml;ber die K&auml;sten, die die alten Evangelienb&uuml;cher
+bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe
+Schriftz&uuml;ge, Bl&auml;tter und Blumengewinde, die die
+heiligen Worte umrahmen, dazwischen Maria mit
+dem Kind &hellip; Wessen H&auml;nde haben dies alles erschaffen
+in langen, einsamen Stunden?&hellip; Und
+wer hat das dorngekr&ouml;nte Haupt gezeichnet, das in
+einen schlichten Rahmen gefa&szlig;t in einer Ecke h&auml;ngt?
+Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung
+zu sein, aber dann entdeckt man, da&szlig; die
+Dornenkrone, da&szlig; Haupt- und Barthaar aus winzig
+kleinen Buchstaben bestehen, die sich f&uuml;r scharfe
+Augen zu einzelnen Worten formen, und man
+findet die kleine Schrift, die besagt, da&szlig; &bdquo;in diesen
+figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn
+Jesu Christi geschrieben&ldquo;.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en sinkt der Abend, und die D&auml;mmerung
+f&uuml;llt die alte Bibliothek. Das ist die Stunde der
+Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen
+Schritten durch den hohen Raum. Sie neigen
+sich &uuml;ber Tische und sind mit Federkiel und Pinsel
+besch&auml;ftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte
+ein hei&szlig;es Herz schl&auml;gt, ein Herz, das zu Gottes
+und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen m&ouml;chte,
+drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen k&ouml;nnte.
+Er kann ihr nicht Gestalt geben, wie der und jener
+Bruder, in gl&uuml;henden Farben oder in jubelnden
+T&ouml;nen &hellip; Da nimmt er ein Blatt Papier und
+zeichnet in zarten Linien das heilige Haupt, und
+danach schreibt er die ganze leidvolle Geschichte des
+Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und
+Barthaar des Antlitzes. Es geschieht &bdquo;von freyer
+hand mit bloser feder und dinten&ldquo;, und die Augen
+werden m&uuml;de und brennend dabei &hellip; Ach, was
+bedeutet der Schmerz gegen&uuml;ber der brennenden
+Sehnsucht seines Herzens!</p>
+
+<p>Die Schatten umringen Peter. Aber er mu&szlig; sich
+aus ihrer Mitte l&ouml;sen, wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen
+sein will, und dann steht er verst&ouml;rt und
+fremd im Stra&szlig;engew&uuml;hl und starrt in modern
+erleuchtete Fensterl&auml;den.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Alle diese Bilder waren beim Schreiben des
+Aufsatzes in Peter aufgestiegen und hatten die
+gew&uuml;nschte Beschreibung der ersten Jahre des
+Klosters verdr&auml;ngt. Mit beklommenem Gewissen
+hatte er sein Heft abgegeben. War er diesmal
+nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen
+Pfad?</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>Aber als der Lehrer die Bemerkung &uuml;ber die
+Novelle machte, ruhte sein Blick nicht ung&uuml;tig auf
+Peter. Er winkte ihn am Schlu&szlig; der Stunde zu
+sich her und sagte: &bdquo;Das Thema haben Sie ja
+g&auml;nzlich au&szlig;er acht gelassen, Niemeyer. Aber &ndash; im
+&uuml;brigen gef&auml;llt mir die Sache &hellip; Lesen Sie viel?&ldquo;</p>
+
+<p>Peter bejahte und sah wieder schuldbewu&szlig;t drein.
+Er mu&szlig;te daran denken, wie oft die Schulaufgaben
+einer spannenden Geschichte wegen zu kurz gekommen
+waren.</p>
+
+<p>&bdquo;Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen
+Lieblingsschriftsteller?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und
+Karl May.&ldquo;</p>
+
+<p>Herr R&ouml;der sah einen Augenblick verdutzt drein,
+dann brach er in ein frohes Lachen aus.</p>
+
+<p>&bdquo;Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den
+Conrad Ferdinand und Karl May! Aber nun
+sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen
+verlogenen Indianergeschichten?&ldquo;</p>
+
+<p>Peter dachte nach und erwiderte z&ouml;gernd: &bdquo;Ich
+glaube das, da&szlig; die Kerle so tapfer sind, und da&szlig; sie
+so viel Neues entdecken &hellip; Das m&ouml;chte ich auch
+einmal &ndash;&nbsp;&ndash; reisen &ndash; weit weg, in L&auml;nder, in
+denen noch nie jemand gewesen ist&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Da m&uuml;ssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die
+Erde ist nahezu entdeckt! &Uuml;brigens, ich mache Ihnen
+einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei und
+sehen Sie sich einmal Sven Hedins B&uuml;cher an.
+Da finden Sie Tapferkeit und finden Neuland, und<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+ich denke, dar&uuml;ber wird Ihnen der Geschmack an
+Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad
+Ferdinand d&uuml;rfen Sie behalten.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Peter den ersten Band von &bdquo;Transhimalaya&ldquo;
+nach Hause trug, begegnete ihm sein Vater im Hausflur.
+Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen.
+Er ahnte, da&szlig; er etwas K&ouml;stliches in H&auml;nden halte,
+und, wie immer, wenn ihn etwas Frohes bewegte,
+dr&auml;ngte es ihn zur Aussprache.</p>
+
+<p>&bdquo;Vater, ich habe ein feines Buch! Herr R&ouml;der
+hat es mir geliehen &hellip; Kennst du es? &sbquo;Transhimalaya&lsquo;
+von Sven Hedin.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Den Titel kenne ich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du es auch lesen, Vater? Es mu&szlig; sehr
+fein sein. Herr R&ouml;der ist ganz begeistert. Ich kann
+es ja vielleicht am Abend vorlesen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, la&szlig; nur! Das wird f&uuml;r Mutter nicht sehr
+unterhaltend sein, und ich wei&szlig; auch nicht, ob es
+mich sehr interessieren w&uuml;rde. Freue dich nur allein
+daran &ndash; das verstehst du ja ausgezeichnet.&ldquo;</p>
+
+<p>Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und
+ging nach seinem Zimmer.</p>
+
+<p>Der alte Peter aber blieb stehen und hatte pl&ouml;tzlich
+eine Vision des kleinen Peterleins, wie es ihm am
+ersten Schultag eine Geschichte erz&auml;hlte. Hatte er
+ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut
+an des Kindes Freude? Warum heute nicht? War
+ihm denn sein Kind, sein eigen Kind, nicht mehr
+lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn
+zu zwingen schien, des Jungen Freude auszul&ouml;schen?</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in
+Peter Niemeyers Hirn. Es geschah nicht oft, da&szlig;
+er ihnen Geh&ouml;r gab. In diesem Augenblick aber
+war ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein &hellip;
+F&uuml;r dich haben wolltest du ihn, f&uuml;r dich allein.
+Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und
+Hingabe deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem
+schenktest du Geh&ouml;r. Das war keine gro&szlig;e Anstrengung.
+Aber sp&auml;ter, als der Bub anders
+ward, als du es w&uuml;nschtest, gingst du zu Werk wie
+ein T&ouml;lpel. Knicken wolltest du, was sich da in
+fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht pa&szlig;te.
+&hellip; Dein Kind &ndash;&nbsp;&ndash; jawohl. Aber zugleich ein
+Menschenkind f&uuml;r sich, dessen Eigenart du h&auml;ttest
+feinf&uuml;hlig erkunden und pflegen sollen &hellip; Aber
+du warst zu bequem, zu eigensinnig, zu &ndash; arm
+dazu&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das
+war ja nicht zum Aushalten. Man meinte es ja
+gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen
+gewi&szlig; nicht die Freude rauben. Nein, &ndash;&nbsp;&ndash;
+meinetwegen konnte man sich ja f&uuml;r das Buch
+interessieren.</p>
+
+<p>Er tat es wenige Tage sp&auml;ter bei Tisch, als ihm
+auffiel, wie wortkarg Peter dasa&szlig;. &bdquo;Na, wie ist's
+mit dem Buch? Gef&auml;llt es dir?&ldquo;</p>
+
+<p>Peter nickte, aber er erz&auml;hlte nichts. Wie konnte
+er seinem Vater davon sprechen, was dies Buch
+f&uuml;r ihn bedeute. Neuland &hellip; Neuland &hellip; Herr
+R&ouml;der hatte recht gehabt. Und nun wu&szlig;te er, was<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+seines Lebens Inhalt werden sollte. In fremden
+Landen den Geheimnissen nachsp&uuml;ren, die in Felsen
+und W&auml;ldern, auf dem Grund einsamer Seen
+schlummern. Wenn er auch nicht mehr der erste
+sein w&uuml;rde, der ein unbekanntes Zauberland betritt,
+in den Fu&szlig;stapfen eines Tapfern wandeln ist auch
+etwas Gro&szlig;es, und Entdeckerfreude, das merkte
+Peter, blieb auch so noch &uuml;bergenug.</p>
+
+<p>Eine gro&szlig;e Sehnsucht f&uuml;llte und weitete sein
+ganzes Denken. Die Bilder der Zukunft, die er sich
+bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft so
+greifbar vor ihm, da&szlig; es ihn mit hilflosem Erstaunen
+erf&uuml;llte, wenn er sich, durch irgend ein
+Ger&auml;usch erwachend, im Stra&szlig;engew&uuml;hl fand,
+nachdem er eben noch &uuml;ber einsame H&ouml;hen geritten,
+einen langen Zug fremdl&auml;ndischer Menschen und
+Tiere hinter sich.</p>
+
+<p>In der Schule warf er sich mit fr&ouml;hlichem Eifer
+auf seine Studien. Denn auch was an praktischen
+F&auml;higkeiten in Peter geschlummert, war aufgewacht,
+und er sagte sich mit gro&szlig;er N&uuml;chternheit, da&szlig; er
+zur Erf&uuml;llung seiner stolzen Pl&auml;ne vor allem Geld
+brauche. Das mu&szlig;te er sich verschaffen, er selbst,
+denn auf die Unterst&uuml;tzung seines Vaters konnte
+er kaum rechnen. &Uuml;berhaupt der Vater &hellip; W&uuml;rde
+er zugeben, da&szlig; sein Sohn studiere, noch dazu
+Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm auseinandersetzte,
+da&szlig; es f&uuml;r junge Stein- und Pflanzenkundige
+in &uuml;berseeischen L&auml;ndern gl&auml;nzende Stellungen
+gebe. Riesensummen wurden genannt, und<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte.
+O, er wollte sparen, keinen Rappen unn&ouml;tig ausgeben!
+Dann mu&szlig;te es doch m&ouml;glich sein, nach
+Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln &Auml;u&szlig;erungen
+seiner Mutter gegen&uuml;ber. Er erkundigte sich auch,
+wie das Gesch&auml;ft gehe und ob es etwa leicht einen
+K&auml;ufer f&auml;nde. Frau Elisabeth f&uuml;hlte sich durch
+solche Fragen, die ihr Vorboten neuer K&auml;mpfe
+schienen, verwirrt und verletzt. Da&szlig; auch Peter
+gar keine Liebe f&uuml;hlte f&uuml;r die Arbeit, die schon sein
+Urgro&szlig;vater in H&auml;nden gehabt. Ach, wie war
+dieses Kind aus der Art geschlagen, innerlich und
+&auml;u&szlig;erlich.</p>
+
+<p>Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend
+wu&szlig;te, auf sein Zimmer und betrachtete lange das
+herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war
+Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet
+werden. Er war doch eigentlich noch ein halbes
+Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein Gesicht
+merkw&uuml;rdig alt und beinahe streng. Daran mochten
+die finstern Augenbrauen, die &uuml;ber der Nase zusammenliefen,
+Schuld tragen. Frau Elisabeth
+beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes
+die feinen Linien &hellip; Das sollte doch nicht sein in
+einem so jungen Gesicht &hellip; Und sie r&uuml;hren nicht
+her vom vielen Lachen. Peter lacht selten &hellip;
+Peterlein, Peterlein &ndash;&nbsp;&ndash; wo ist all das Gl&uuml;ck
+geblieben, das mir deine ersten Jahre geschenkt?</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths
+Mund. Peter bewegte sich, richtete weitaufgerissene
+Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter, drehte
+sich zur Seite und murmelte: &bdquo;Durch, durch! Man
+<span style="white-space:nowrap;">mu&szlig;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&ldquo;</span></p>
+
+<p>Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten
+ging sie nach der T&uuml;re.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&bdquo;Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir
+einen Gru&szlig; sagen.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter blieb am Fu&szlig; des langen Treppeng&auml;&szlig;chens,
+das zur elterlichen Wohnung hinauff&uuml;hrte, stehen
+und schaute der Rufenden entgegen. Sie war ein
+feingliedriges M&auml;dchen mit langen lichten Z&ouml;pfen,
+die beim Springen lustig tanzten. Bei Peter angelangt,
+sprudelte sie rasch hervor: &bdquo;Das kannst du
+nicht erraten, von wem ich dich gr&uuml;&szlig;en soll! Oder
+doch &ndash; probier's einmal!&ldquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend die beiden langsam die Stufen erstiegen,
+begann ein lustiges Raten und Verneinen. Alle
+gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder, Lehrer
+und Mitsch&uuml;ler, zuletzt in einer launigen Anwandlung
+Namen hochgestellter Personen, wurden von
+Peter vorgebracht. Alles ohne Erfolg. Das
+M&auml;dchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton,
+der unwillk&uuml;rlich zur Freude mitri&szlig;. Sie sprach sehr
+lebhaft und mit blitzenden Augen. Nie hatte Peter
+frohere Augen gesehen und &uuml;berhaupt wollte ihm
+mit einem Male d&uuml;nken, noch nie so sch&ouml;ne, tiefblaue.<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+Sie standen in einem Gesicht, das zu schmal
+und unentwickelt war, um h&uuml;bsch zu wirken. Aber
+die Haut war wei&szlig; und rosig und so durchsichtig zart,
+da&szlig; man sah, wie das Blut kam und ging &hellip; bei
+einer schnellen Erregung dunkelrote Wangen &hellip;
+bei pl&ouml;tzlichem Erschrecken ein schneeblasses Antlitz.
+Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe
+t&auml;glich mit dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete
+sie nun mit einem Gef&uuml;hl, als s&auml;he er sie
+zum erstenmal.</p>
+
+<p>Wie war das so fein und schmal, das da auf
+leichten F&uuml;&szlig;en neben ihm schritt und mit seinem
+glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu
+verwandeln schien &hellip; in einen Sonnentag, in
+dessen Bl&auml;ue selige Lerchen steigen.</p>
+
+<p>Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne
+da&szlig; es Peter gelungen w&auml;re, den Namen zu erfahren.
+&bdquo;Wir k&ouml;nnen ja morgen wieder zusammen heim;
+vielleicht bist du da gescheiter,&ldquo; sagte Ruth mit einer
+hoheitsvollen Miene, die in merkw&uuml;rdigem Gegensatz
+zu ihrem Kindergesicht stand, Peter aber sehr
+reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die
+Hoheit in lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann
+aber sch&uuml;ttelte er sehr energisch den Kopf. Er kannte
+die L&auml;sterm&auml;uler der m&auml;nnlichen und der weiblichen
+Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit
+Ruth auf dem Schulweg gesehen zu werden, dann
+hatte die Geschichte ihren Namen weg.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich komme lieber heute abend einmal zu euch,
+da k&ouml;nnen wir weiter raten,&ldquo; schlug Peter vor.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>&bdquo;Ja, aber erst um sieben. Vorher mu&szlig; ich &uuml;ben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Erst um sieben! Um halb acht Uhr mu&szlig; ich zu
+Hause sein. Kannst du das &Uuml;ben nicht abk&uuml;rzen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kann schon, aber &ndash;&nbsp;&ndash; ich mag nicht,&ldquo; kam
+es etwas z&ouml;gernd von Ruths Lippen.</p>
+
+<p>&bdquo;Spielst du so gerne? Was spielst du denn?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich
+will dir ein Geheimnis sagen, aber du mu&szlig;t mir
+versprechen, da&szlig; du es keinem Menschen auf der
+ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?&hellip;
+Also &hellip; ich will eine K&uuml;nstlerin werden. Ich will
+immer, immer Musik um mich haben. Aber sie
+wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter nat&uuml;rlich.
+Vielleicht darf ich auch nicht. Dann mu&szlig; ich es
+eben bleiben lassen &hellip; Mutter sagt, es kann auch
+<em class="gesperrt">so</em> noch sch&ouml;n werden, und das glaube ich auch.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Unsinn, Ruth! Man l&auml;&szlig;t doch etwas nicht
+bleiben, von dem man wei&szlig;: ich mu&szlig; es haben.
+Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.&ldquo;</p>
+
+<p>Ruth sah einen Augenblick kl&auml;glich drein, und
+Peter mu&szlig;te, in das schmale Kindergesicht blickend,
+selbst &uuml;ber seine Worte l&auml;cheln. Es war, als h&auml;tte
+er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen
+eine Mauer zu st&uuml;rmen. Nur gut, da&szlig; <em class="gesperrt">er</em> breite,
+starke Schultern hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie alt bist du eigentlich, Ruth?&ldquo; fragte er, in
+die T&uuml;re tretend.</p>
+
+<p>&bdquo;Vierzehn. Wei&szlig;t du, an Silvester wurde ich
+vierzehn. Und du?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin eben sechzehn geworden.&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus.
+Ruths Mutter begr&uuml;&szlig;te ihn. &bdquo;Nett, da&szlig;
+du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon,
+du wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit
+du so ein gro&szlig;er Bub geworden. Und ich fand es
+eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre so gute
+Kameraden gewesen. Aber freilich &ndash; jetzt hast du
+eben genug an deinen Freunden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe keinen Freund,&ldquo; sagte Peter nachdenklich,
+&bdquo;und ich wei&szlig; eigentlich nicht, warum
+ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe &hellip; Wir
+hatten so viele Aufgaben, und &ndash;&nbsp;&ndash; ich lese viel.&ldquo;</p>
+
+<p>Ruths Mutter lachte. &bdquo;Na, du brauchst dich nicht
+zu entschuldigen. Jetzt geh nur zu Ruth hinauf.
+Sie &uuml;bt in ihrem Zimmer.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter ging durch den langen, immer d&auml;mmrigen
+Flur eine m&auml;chtig gebaute Treppe hinauf, auf deren
+breitem Gel&auml;nder er hundertmal abgerutscht war.
+Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe
+angelangt, setzte er sich, wenige Schritte von Ruths
+Zimmert&uuml;re entfernt.</p>
+
+<p>Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich
+monotone &Uuml;bung. Ein-, zweimal griff sie daneben,
+und Peter h&ouml;rte ein ungeduldiges &bdquo;So pa&szlig;' doch
+mal auf!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun hat sie gewi&szlig; ganz rote Backen, wenn sie
+sich &auml;rgert,&ldquo; dachte Peter und l&auml;chelte.</p>
+
+<p>Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen,
+h&ouml;rte er ein befriedigtes &bdquo;So&ldquo;. Und
+nun begann ein anderes Spiel.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Eine feine, sehns&uuml;chtige Melodie kam dahergeglitten,
+warb und flehte &hellip; und brach ab in
+einem jammervollen Schluchzen.</p>
+
+<p>Peter lauschte atemlos. <em class="gesperrt">So</em> also konnte Ruth
+spielen. Ach, dann w&uuml;rde wohl auch ihr Traum
+vom K&uuml;nstlertum in Erf&uuml;llung gehen &hellip; Warum
+nur stimmte ihn das so traurig?</p>
+
+<p>Horch, nun begann wieder das Spiel.</p>
+
+<p>Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes,
+und dazwischen klang ein seliges Lachen. Aber es
+wurde immer wieder erstickt von dem Schweren &hellip;
+Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte,
+all das Leidvolle, Beengende zur&uuml;ckdr&auml;ngend.
+Wie es sich wiegte in der Luft, im Sonnenschein!
+Wie es stieg &ndash;&nbsp;&ndash; h&ouml;her und h&ouml;her und
+endlich verklang in einem letzten, unendlich zarten
+Triller.</p>
+
+<p>Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein
+paar energische Doppelgriffe, und nun spielte Ruth
+eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen
+str&ouml;mten daher &hellip; Peter kannte die Worte, die er
+vor kurzem im Konfirmandenunterricht gelernt
+hatte. Einige der Verse hatten ihn tief ergriffen,
+und auch jetzt wieder f&uuml;llte ihn eine geheimnisvoll-ehrf&uuml;rchtige
+Stimmung. Gott ist gegenw&auml;rtig,
+dem die Cherubinen Tag und Nacht geb&uuml;cket
+dienen &hellip; Luft, die alles f&uuml;llet, drin wir immer
+schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer
+ohn' Grund und Ende, Wunder aller Wunder,
+ich senk' mich in dich hinunter.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>Ruths Zimmert&uuml;re ward pl&ouml;tzlich ge&ouml;ffnet. Helles
+Licht ergo&szlig; sich auf die dunkle Treppe, so da&szlig; Peter
+einen Augenblick die H&auml;nde vors Gesicht legte.</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du schon lange hier gesessen?&ldquo; fragte Ruth.
+Nun mu&szlig;te Peter sie ansehen. Sie lehnte am T&uuml;rpfosten,
+die Geige im Arm, und hatte ein blasses,
+ganz ernsthaftes Gesicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Es war so sch&ouml;n, Ruth! Komm, setze dich
+hierher zu mir. Bist du mir b&ouml;se, weil ich zugeh&ouml;rt
+habe? Ich habe Musik auch gern.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch
+gern. Deshalb darfst du zuh&ouml;ren. Leuten, die
+Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag,
+spiel' ich nichts vor.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Ruth! Wie wird es dir ergehen!&ldquo; lachte
+Peter. &bdquo;Eine K&uuml;nstlerin mu&szlig; allen vorspielen,
+ob sie sie leiden mag oder nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, wei&szlig;t du, dann denke ich eben an einen
+Menschen, den ich lieb habe, und spiele dem alles
+vor. Aber nun sollst du raten.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter war so erstaunt &uuml;ber diese pl&ouml;tzliche Aufforderung,
+da&szlig; er das M&auml;dchen ein paar Augenblicke
+wortlos betrachtete. Sie sa&szlig; jetzt auch auf
+der Treppe, die H&auml;nde um die Knie geschlungen,
+und sie sah nun wieder aus wie am Morgen, ein
+unbek&uuml;mmertes kleines Schulm&auml;del, dem die Necklust
+aus den Augen spr&uuml;hte.</p>
+
+<p>Sie mochte sein Schweigen f&uuml;r Ratlosigkeit halten,
+denn sie fuhr fort, ihn mit aufmunternden Worten
+auf die rechte Spur zu leiten.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>&bdquo;Du mu&szlig;t viel weiter zur&uuml;ckdenken, Peter. Wie
+du noch klein warst, hast du sie gesehen &hellip; Wie
+du einmal in den Bergen warst &hellip; So &ndash; jetzt
+ist's aber leicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Nun war Peter v&ouml;llig bei der Sache. Er war
+schon ein paarmal in den Bergen gewesen, aber als
+kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so weit
+zur&uuml;ck &ndash;&nbsp;&ndash; und wie lag es so sch&ouml;n und gr&uuml;&szlig;te
+her&uuml;ber &hellip; &bdquo;Die Tante! Ist es die fremde Tante?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, die ist's!&ldquo; jubelte Ruth. &bdquo;Tante Trude!
+Du wei&szlig;t doch, da&szlig; sie eine Norddeutsche ist? Na,
+Mutter und sie waren zusammen in Pension in der
+franz&ouml;sischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen,
+und nachher, wie Mutter heiratete, ist sie
+Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter
+geschrieben, sie m&ouml;ge doch einmal kommen, weil
+Rudolf konfirmiert wird. Ich glaube, sie hatten
+sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die Tante
+hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt
+Mutter. Ja, und nun hat sie geantwortet und hat
+gefragt, ob wir nicht einen Peter Niemeyer kennen,
+der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn
+wir nun doch schon ein paar Jahre in der N&auml;he vom
+Toteng&auml;&szlig;chen wohnten, m&uuml;&szlig;ten wir dich sicher
+kennen. Und dann schreibt sie, ihr h&auml;ttet euch so
+lieb gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und
+sie lasse dich gr&uuml;&szlig;en. Kannst du dich noch an sie
+erinnern?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr
+freundlich zu mir und hat mir manchmal geholfen.<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+Aber ihr Gesicht &ndash;&nbsp;&ndash; nein, daran kann ich mich
+nicht mehr erinnern.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der
+Welt, und das stehe auch in ihrem Gesicht. Wei&szlig;t
+du, sie arbeitet den ganzen Tag f&uuml;r andere, immer
+nur f&uuml;r andere, und denkt an sich nur so im letzten
+Augenblickchen. Mutter sagt, die kriegt mal einen
+guten Platz im Himmel &hellip; Peter!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ruth?&ldquo; Peter ist wirklich gespannt, was nun
+kommen wird. Das Gesichtchen, das aus dem
+D&auml;mmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das er
+noch nicht kennt. Warm und froh und ein bi&szlig;chen
+sehns&uuml;chtig schauen die gro&szlig;en Augen, die ein so
+treuer Spiegel des beweglichen Geistchens sind.</p>
+
+<p>&bdquo;Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel
+getr&auml;umt, d.&nbsp;h. nur einmal war es der Himmel
+selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg
+dahin. Es war ein sehr schlimmer Weg, Peter.
+Wei&szlig;t du, mit schrecklich viel Steinen und so gro&szlig;en
+L&ouml;chern, da&szlig; ich manchmal nicht wu&szlig;te, wie hin&uuml;berkommen.
+Es waren viele, viele Kinder bei mir,
+und ich glaube, auch ein paar gro&szlig;e Leute. Das
+wei&szlig; ich nicht mehr so recht &hellip; Ja, und wie wir
+so gingen, sahen wir ein gro&szlig;es, langes Haus.
+Darin mu&szlig;ten tausend Lichter brennen, denn aus
+allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir,
+Peter, gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter
+Graben &ndash;&nbsp;&ndash; ich konnte einfach nicht hin&uuml;ber, ich
+f&uuml;rchtete mich. Und ich war so traurig, denn eine
+Menge Kinder gingen hin&uuml;ber und gingen in das<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+Haus hinein. Und da kam auf einmal ein Mann
+und nahm meine Hand &hellip; Ach, und da war ich
+so froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der
+Mann sprach zu mir. Ich wei&szlig; nicht mehr, was er
+sagte. Ich wu&szlig;te es schon nicht mehr, wie ich aufwachte.
+Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepa&szlig;t.
+Ich dachte immer: nie hast du eine so freundliche
+Stimme geh&ouml;rt, nie hat dich jemand so gef&uuml;hrt &hellip;
+Ich war damals noch ein bi&szlig;chen klein, Peter, es
+sind schon ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen
+wir nach dem Haus, und es ging die T&uuml;re auf, und
+da war ein so gro&szlig;es Licht, da&szlig; ich es nicht ertragen
+konnte &ndash;&nbsp;&ndash; und ich wachte auf, und da war mein
+ganzes Zimmer voll Sonntagssonne und die
+Glocken l&auml;uteten &hellip; War das nicht ein sch&ouml;ner
+Traum, Peter?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug,
+&bdquo;das war ein sch&ouml;ner Traum. Und wer,
+glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, Peter! Hast du es nicht gesp&uuml;rt? Das war
+doch der Herr Jesus. Ich habe es gleich gewu&szlig;t.
+Wei&szlig;t du, nachher, wie ich ganz traurig war, da&szlig;
+ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte,
+habe ich gedacht, vielleicht hat er gesagt: Lasset die
+Kindlein zu mir kommen. Das h&auml;tte er doch gut
+sagen k&ouml;nnen, nicht, Peter?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Freilich, ja. Und was hast du sonst noch
+getr&auml;umt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, der andere Traum war vom Himmel selbst.
+Aber da war er kein Haus. Nein, eine gro&szlig;e Wiese<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen
+die wei&szlig;en Berge, und davor war ein gro&szlig;er Stuhl,
+und da sa&szlig; der liebe Gott. Er hatte einen m&auml;chtig
+langen Mantel an, der lag ganz breit auf der Wiese.
+Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar
+standen ganz nahe bei ihm. Aber ich hatte auch
+ein feines Pl&auml;tzchen, Peter! Und das Feine war,
+da&szlig; mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich sa&szlig;
+in einem Zipfel von Gottes Mantel. Ich war ganz
+versteckt, und ich war so vergn&uuml;gt. Aber nun solltest
+du gewi&szlig; gehen, Peter.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir
+sind doch keine gro&szlig;en Leute. Die fragen sich solche
+Sachen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme
+ich morgen wieder. &Uuml;brigens &ndash; kommt die Tante
+Trude eigentlich?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns
+allen so schrecklich leid. Und sie hat geschrieben, sie
+h&auml;tte uns alle so gern kennen gelernt, und wir
+sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein
+bi&szlig;chen. Aber die andern wollen nicht. Nur Rudolf
+nat&uuml;rlich. Der mu&szlig; sich doch auch bedanken. Aber
+Willy sagt, Briefe seien etwas Gr&auml;&szlig;liches, und
+Hans sagt, da habe er Gescheiteres zu tun. Und
+wie ich sagte, ich wolle schreiben, da sagten sie: Ja
+tu's nur, f&uuml;r ein M&auml;dchen pa&szlig;t das viel besser.
+Aber nun genier' ich mich doch ein bi&szlig;chen, so allein.<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+Oder &ndash;&nbsp;&ndash; Peter, k&ouml;nntest du nicht schreiben? Sie
+kennt dich ja sogar besser als uns. Willst du nicht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute
+Nacht, Ruth.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gute Nacht, Peter.&ldquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&bdquo;&hellip;&nbsp;Als einen im Grund unerfreulichen Burschen
+meinst du dich vorstellen zu m&uuml;ssen. Da mu&szlig; ich
+dir denn doch verraten, da&szlig; der Peter, der zu mir
+gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen
+unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und
+das Sonnenkind Ruth zusammen haben mir einen
+sehr sch&ouml;nen Abend geschenkt, und ich hoffe ernstlich,
+es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief
+wieder und wieder. Es war, als strecke sich ihm
+eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich,
+komm' zu mir, ich verstehe dich. Und er freute
+sich, da&szlig; er Ruths Dr&auml;ngen nachgegeben und geschrieben
+hatte.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die
+h&auml;ufigen Besuche im Nachbarhaus hatten Anla&szlig; zu
+allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und sie hatte
+ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur
+Peter an dem magern kleinen Ding Sch&ouml;nes finden
+k&ouml;nne. Peter, der &Auml;ltere, hatte gelacht und gemeint:
+&bdquo;Na, Betty, das ist nun ein Punkt, &uuml;ber
+den sich ewig streiten l&auml;&szlig;t. Dem einen gefallen
+dralle Backen, und dem andern gef&auml;llt so ein<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+schmales Gesichtchen. &Uuml;brigens finde ich sie ein
+ganz nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur
+froh, da&szlig; Peter nicht auf irgend ein albernes,
+kokettes M&auml;dchen verfallen ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth merkte, da&szlig; sie in dieser Angelegenheit
+bei ihrem Mann keine Unterst&uuml;tzung
+finden werde. &bdquo;Er wird eben auch so gewesen sein,&ldquo;
+dachte sie &auml;rgerlich, aber allm&auml;hlich gew&ouml;hnte sie sich
+an Peters Freundschaft, und wenn sie auch kein
+gutes, verst&auml;ndnisvolles Wort daf&uuml;r fand, so unterdr&uuml;ckte
+sie wenigstens die schlimmen.</p>
+
+<p>Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun
+fand ihre Entr&uuml;stung ein Echo. Peter Niemeyer
+tadelte die Schreiberei als &uuml;berspannt und l&auml;cherlich;
+Frau Elisabeth f&uuml;hlte sich in ihren m&uuml;tterlichen
+Rechten angegriffen. Eifers&uuml;chtige und aufreizende
+Bemerkungen flogen hin&uuml;ber und wurden mit
+trotzigen und h&ouml;hnischen beantwortet.</p>
+
+<p>Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen
+Augen am Fenster lehnte, trat Frau
+Elisabeth zu ihm.</p>
+
+<p>&bdquo;Mein lieber Bub,&ldquo; sagte sie und legte den Arm
+um ihn, &bdquo;nun la&szlig; dir noch einmal in aller Liebe
+etwas sagen.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter entzog sich j&auml;h ihrer Umarmung. Er ha&szlig;te
+diese Art von Liebesbezeugung, die immer die Einleitung
+zu Vorw&uuml;rfen bildete und ihn von vornherein
+in eine rebellische Stimmung versetzte. Er
+hatte dies schon mit d&uuml;rren Worten ausgesprochen,
+ohne eine &Auml;nderung herbeizuf&uuml;hren. Denn Frau<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+Elisabeth gefiel sich in dieser m&uuml;tterlichen Rolle, und
+sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem
+Gatten klagen: &bdquo;Ich habe so freundlich angefangen,
+aber er l&auml;&szlig;t sich ja gar nichts sagen&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zur&uuml;ck.
+Sie setzte sich an ihren N&auml;htisch, brach in ein scheltendes
+Klagen aus &uuml;ber Peters Undankbarkeit,
+allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und Absonderlichkeit.
+&bdquo;Wozu willst du denn nach Halle schreiben?
+Die Person geht dich doch gar nichts an. Was soll
+denn die ganze Geschichte bedeuten?&ldquo;</p>
+
+<p>Peter, der mit gek&uuml;nstelter Gleichm&uuml;tigkeit zugeh&ouml;rt
+und nur bei dem Wort &bdquo;Person&ldquo; einen b&ouml;sen
+Blick auf die Mutter geworfen, trat pl&ouml;tzlich dicht
+an sie heran. Langsam und schwer atmend stie&szlig; er
+hervor: &bdquo;Warum ich schreibe? Vielleicht k&ouml;nnte es
+sein, weil ich auch einmal jemand brauche, der mich
+versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als
+Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten
+spricht, sondern wirklich eine Mutter ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach
+in Tr&auml;nen aus und schluchzte, Peter werde einmal
+an ihrem Grab Bu&szlig;e tun, und ob er denn gar
+nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort
+ging Peter pfeifend aus dem Zimmer; aber in
+seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er sa&szlig; und br&uuml;tete
+vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines
+Gesicht h&auml;&szlig;lich verzerrten.</p>
+
+<p>Dann, als habe ihn ein lichter Geist ber&uuml;hrt,
+gl&auml;tteten sich seine Z&uuml;ge. Ganz pl&ouml;tzlich, in wirrer<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung an die
+letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.</p>
+
+<p>Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die
+J&uuml;nger, als sie mit Jesu gingen, zur&uuml;ckblieben und
+ins Streiten gerieten.</p>
+
+<p>Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende,
+da&szlig; es ihm ist, als rollten die Jahrhunderte
+zur&uuml;ck in einer einzigen gro&szlig;en Bewegung
+&ndash;&nbsp;&ndash; und er ist mitten unter ihnen, ist
+einer von denen, die hinter Jesu gehen. Ein
+schmaler Weg durch hohes Korn &hellip; eine Gestalt &hellip;
+sie wendet sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen
+ihn zwei tiefe Augen &hellip; Vorbei. Peter sitzt
+wieder in seiner Stube und f&uuml;hlt sich erb&auml;rmlich
+und klein.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu
+auf der Gitarre, und Peter wei&szlig; eigentlich nicht,
+was er mehr liebt, die Geige oder Ruths Stimme.
+Das Geigenspiel ist vielleicht sch&ouml;ner, ja unbedingt
+sch&ouml;ner, aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht
+und innig, gl&uuml;cklich und lachend. Nur wenn sie ernste
+Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann kann
+Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.</p>
+
+<p>&bdquo;Heute wei&szlig; ich ein neues Lied, Peter. Ein
+wundersch&ouml;nes. Pa&szlig;' einmal auf. Ich habe es
+unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so
+viele Verse &ndash; ich habe mir nur die zwei ersten
+und den letzten gemerkt:</p>
+
+<div class="poem"><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span><div class="stanza">
+<span class="i0">Jungfr&auml;ulein, soll ich mit euch geh'n<br /></span>
+<span class="i0">in euren Rosengarten?<br /></span>
+<span class="i0">Da, wo die roten R&ouml;slein steh'n,<br /></span>
+<span class="i0">die feinen und die zarten,<br /></span>
+<span class="i0">und auch ein Baum, der bl&uuml;het<br /></span>
+<span class="i0">und seine L&auml;ublein wiegt,<br /></span>
+<span class="i0">und auch ein k&uuml;hler Brunnen,<br /></span>
+<span class="i0">der grad darunter liegt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In meinen Garten kannst du nicht<br /></span>
+<span class="i0">an diesem Morgen fr&uuml;h;<br /></span>
+<span class="i0">den Gartenschl&uuml;ssel find'st du nicht,<br /></span>
+<span class="i0">er ist verborgen hie.<br /></span>
+<span class="i0">Er liegt so wohl verschlossen,<br /></span>
+<span class="i0">er liegt in guter Hut &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Der Knab' 'darf feiner Lehre,<br /></span>
+<span class="i0">der mir den Gart'n auftut.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dort hoch auf jenem Berge,<br /></span>
+<span class="i0">da steht ein M&uuml;hlenrad.<br /></span>
+<span class="i0">Das mahlet nichts als Liebe,<br /></span>
+<span class="i0">die Nacht bis an den Tag.<br /></span>
+<span class="i0">Die M&uuml;hle ist zerbrochen,<br /></span>
+<span class="i0">die Liebe hat ein End' &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">So segn' dich Gott, mein feines Lieb,<br /></span>
+<span class="i0">jetzt fahr' ich ins Elend.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Gef&auml;llt es dir nicht, Peter? Du bist so still.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst
+du das nicht? Nun mu&szlig; er wandern, immer weiter
+weg von dem wundersch&ouml;nen Garten. Wie hei&szlig;t
+es doch?&hellip; und auch ein Baum, der bl&uuml;het und
+seine L&auml;ublein wiegt&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und auch ein k&uuml;hler Brunnen, der grad darunter<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>
+liegt,&ldquo; summte Ruth. Sie betrachtete ihren Kameraden
+mit scheuen Augen. &bdquo;Vielleicht hat sie
+ihm doch einmal aufgemacht, sp&auml;ter, wei&szlig;t du, wie
+er wieder gekommen ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Glaubst du, er sei wieder gekommen, Ruth?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O ja, ganz gewi&szlig;. Und dann gingen sie
+hinein und da war noch immer der k&uuml;hle Brunnen&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und dann, Ruth?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und dann setzten sie sich und horchten auf das
+Rauschen, und vielleicht schien auch die Sonne ins
+Wasser. Das mag ich so gern, wenn alle Tropfen
+glitzern.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und dann, Ruth?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie komisch du fragst, Peter! Jetzt wei&szlig; ich
+nichts mehr. Sag doch du weiter.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein. Wenn du nichts wei&szlig;t, wei&szlig; ich auch
+nichts. Aber nun sing' mir das Lied noch einmal.&ldquo;</p>
+
+<p>Und Ruth sang, und Peter ging nach Hause und
+hatte Kopf und Herz voll schwerm&uuml;tiger Kl&auml;nge
+und Worte. &bdquo;Der Knab' 'darf feiner Lehre, der
+mir den Gart'n auftut&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>An diesem Abend schrieb Peter seine ersten Verse.
+Und w&auml;hrend er schrieb, war es ihm, als h&auml;tte er
+den Schl&uuml;ssel gefunden zu jenem Rosengarten, war
+es ihm, als ginge das Jungfr&auml;ulein neben ihm auf
+leichten Sohlen und habe Ruths lichtes Haar und
+Ruths strahlende Augen. Aber als er die Verse
+sp&auml;ter durchlas, erschrak er.</p>
+
+<p>War es m&ouml;glich, da&szlig; das, was ihm eine helle<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+Lohe geschienen, ein paar armselig glimmende
+Funken waren?</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te noch nicht, da&szlig; unser Innigstes und
+Gr&ouml;&szlig;tes, das in unendlich seligen und in unendlich
+schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner
+ganzen Sch&ouml;ne und W&auml;rme ans Licht treten kann.
+Ein blasses Schattenbild &hellip; ein verlorener Nachklang&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Und doch k&ouml;nnen wir dem geheimnisvollen,
+dr&auml;ngenden Rieseln nicht wehren und hoffen immer
+aufs neue, es werde der starke, singende Quell der
+Sch&ouml;nheit hervorbrechen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Tag der Einsegnung ging vor&uuml;ber, und nun
+fehlten nur noch drei Wochen bis zum Abschlu&szlig;
+des Schuljahrs. Peter mu&szlig;te sich zum Sprechen
+entschlie&szlig;en, denn die Eltern schienen es als eine
+ganz selbstverst&auml;ndliche Sache anzusehen, da&szlig; er
+der Schule Lebewohl sagen und ins Gesch&auml;ft eintreten
+werde. Die letzte Zeit war &auml;u&szlig;erlich eine friedliche
+gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte
+Frau Elisabeth eine jener Stunden erlebt, in denen
+ihre kleine Seele &uuml;ber sich selbst hinauswuchs. Die
+Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die
+Eltern als an die Kinder wendete, trafen sie ins
+Herz, und sie ging aus der Kirche voll guter Vors&auml;tze.
+Sie wollte versuchen, in innigere F&uuml;hlung
+mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte
+lernen, zu ihm zu stehen. Auch seinem Vater gegen&uuml;ber?<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+Dieser Gedanke war peinlich und unbequem,
+und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. &bdquo;In
+der letzten Zeit ging es ja so gut,&ldquo; redete sie
+sich tr&ouml;stlich zu. &bdquo;Wer wei&szlig;, wenn sie einmal
+im Gesch&auml;ft beisammen sind, lernen sie sich besser
+verstehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den &auml;lteren,
+denn wenn er sich auch zu Zeiten einredete, seines
+Kindes Entfremdung lasse ihn gleichg&uuml;ltig, im
+Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht
+nach seinem Besitz.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&bdquo;Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der
+Lehre beginnen?&ldquo; fragte Vater Niemeyer eines
+Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in
+heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit
+freundlichem Ausdruck in des Jungen Gesicht.</p>
+
+<p>Peter ward dunkelrot. Er f&uuml;hlte, da&szlig; seine Antwort
+einen Sturm entfesseln werde.</p>
+
+<p>Das Zarte und Nachgiebige in ihm fl&uuml;sterte:
+f&uuml;ge dich! Aber die junge Willens- und Lebenskraft
+reckte sich m&auml;chtig und lie&szlig; ihn beinahe rauh
+hervorsto&szlig;en: &bdquo;Ich kann kein Buchbinder werden.
+Ich will lieber in der Schule bleiben. Ich m&ouml;chte
+das Maturit&auml;tsexamen machen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So!&ldquo; erwiderte Peter Niemeyer und legte die
+Zeitung auf den Tisch. &bdquo;So &ndash;&nbsp;&ndash; mein Herr Sohn!
+Und seit wann hat man sich das in den Kopf gesetzt?&ldquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme klang hart, und ein drohender
+Blick flog zu dem Buben hin&uuml;ber. Peter schwieg
+und schaute starr geradeaus.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>Erst auf seines Vaters ungeduldiges &bdquo;wird's
+bald!&ldquo; antwortete er in gequ&auml;ltem, beinahe flehendem
+Ton: &bdquo;Schon lange!&hellip; Ich wollte es
+dir immer sagen, <span style="white-space:nowrap;">aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&ldquo;</span></p>
+
+<p>&bdquo;Was aber?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich dachte, du werdest es nicht gerne h&ouml;ren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Na, da hast du allerdings recht gedacht! Was
+glaubst du eigentlich?&hellip; Jahr um Jahr schufte
+ich mich ab und glaube die ganze Zeit, du werdest
+einmal das Gesch&auml;ft &uuml;bernehmen, und
+nun kommst du mir mit solchen Geschichten &hellip;
+Maturit&auml;t!&hellip;</p>
+
+<p>Und nachher? Studieren wirst du ja auch wohl
+wollen? Auf was hat sich denn die Neigung des
+gn&auml;digen Herrn gerichtet? Wei&szlig; er das vielleicht?&ldquo;</p>
+
+<p>Peter zuckte zusammen und tat pl&ouml;tzlich einen
+Schritt vorw&auml;rts. Frau Elisabeth faltete erschrocken
+die H&auml;nde. Mein Gott, was w&uuml;rde nun losbrechen!
+Sie sah ihres Mannes h&ouml;hnisches Gesicht
+und ihres Sohnes lodernde Augen.</p>
+
+<p>&bdquo;Peter!&ldquo; mahnte sie eindringlich. Sie wu&szlig;ten
+beide, welcher gemeint war, und der Junge antwortete
+ihrem Ruf mit einem sp&ouml;ttischen L&auml;cheln.
+Dann richtete er den Blick auf den Vater und
+sagte: &bdquo;O ja, der gn&auml;dige Herr wei&szlig; auch dies.
+Er m&ouml;chte Naturwissenschaften studieren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Naturwissenschaften!&ldquo; Peter Niemeyer sprach
+das Wort aus, als habe sich sein Sohn zu einer
+unehrlichen Hantierung bekannt. &bdquo;Das gibt's
+nicht. Dazu gebe ich mein Geld nicht her. Ich bin<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>
+der Vater und du der Sohn, und du hast zu gehorchen.
+Verstanden?&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth hatte sich erhoben und war auf
+den Jungen zugetreten. &bdquo;Sei still, Peter! Sei
+still! Vers&uuml;ndige dich nicht! Denke dran, es ist
+dein Vater!&ldquo; flehte sie.</p>
+
+<p>Aber Peter schob sie beiseite. Sein trotziges
+junges Gesicht gl&uuml;hte im Zorn.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, jetzt rede ich einmal!&ldquo; schrie er. &bdquo;Mein
+Vater bist du &ndash;&nbsp;&ndash; ja! Aber was f&uuml;r einer? Wann
+hast du dich um mich gek&uuml;mmert, um mich selbst?&hellip;
+Gehorchen, gehorchen &hellip; den Mund halten
+zu allem, was der Vater sagt, ob es richtig ist oder
+nicht &hellip; Keine eigene Meinung haben d&uuml;rfen.
+Nur immer zustimmen, immer loben und guthei&szlig;en &hellip;
+Ist das ein Vater!&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Niemeyer sprang auf. Er w&uuml;rde seinem
+Sohn die geballte Faust vor die Brust gesto&szlig;en
+haben, h&auml;tte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend
+entgegengeworfen. &bdquo;Er ist au&szlig;er sich, er wei&szlig; nicht,
+was er sagt,&ldquo; schluchzte sie. &bdquo;Geh fort, Peter!
+Geh auf dein Zimmer!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, fort aus meinen Augen!&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Niemeyer l&ouml;ste sich aus der Umklammerung
+seiner Frau und schritt schwer atmend im Zimmer auf
+und ab. Er schalt in ma&szlig;losen Ausdr&uuml;cken auf den ungeratenen
+Sohn, aber er wartete vergeblich darauf,
+da&szlig; ihm Frau Elisabeth wie gew&ouml;hnlich beistimme.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; in der Sofaecke, beinahe regungslos, und
+horchte mit allen Sinnen nach oben. Was mochte<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+er tun? Br&uuml;tete er &uuml;ber finsteren Gedanken oder
+konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein &uuml;ber
+seine zertretene kleine Welt &hellip; Ob die scheltenden
+Worte nicht zu ihm drangen?&hellip; Also studieren
+wollte er. Naturwissenschaften &hellip; Ach, und dann
+wohl Reisen machen in fremde L&auml;nder, wie jener
+Sven Hedin, von dem er so oft gesprochen &hellip;
+Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche Gedanken
+kommen!</p>
+
+<p>&bdquo;Und diese Sprache seinem Vater gegen&uuml;ber!&ldquo;
+grollte Peter Niemeyer. &bdquo;Du sagst wohl, er sei
+au&szlig;er sich gewesen. Das soll er eben nicht sein,
+wenn er mit mir spricht. Zudem, was habe ich
+denn gesagt oder getan, was ihn so au&szlig;er sich bringen
+konnte? Weil ich seinen kindischen W&uuml;nschen nicht
+nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen.
+Das Leben fa&szlig;t einen hart an.&ldquo;</p>
+
+<p>O gewi&szlig;, das Leben ist hart. Und deshalb sollen
+wir es auch werden? W&auml;re es nicht besser, wir versuchten
+uns die weichen Kinderh&auml;nde zu bewahren
+&hellip; Eine Kinderhand &hellip; Schmal und fein ruht
+sie in unserer harten Hand &hellip; Und ist doch so
+stark und m&auml;chtig, eben weil sie weich und linde ist,
+vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverst&auml;ndlich in
+Gottes Vaterhand ruht.</p>
+
+<p>Horch, nun geht die T&uuml;re in Peters Zimmer.
+Man h&ouml;rt seine Schritte auf der Treppe, im Hausflur,
+dann das &Ouml;ffnen und Schlie&szlig;en der Haust&uuml;re.
+Wohin will er so sp&auml;t? Der Zeiger n&auml;hert sich der
+elften Stunde.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken
+an. Dieser hielt einen Augenblick im Gehen inne,
+als er sagte: &bdquo;Ach, la&szlig; ihn laufen! Die frische Luft
+kann ihm nur gut tun. Du bist &uuml;brigens seltsam
+besorgt um ihn heute abend, Elisabeth. Was ist
+nur in dich gefahren?&ldquo;</p>
+
+<p>Ja, was? Ein grelles Licht, eine j&auml;he Erkenntnis,
+ein Wachr&uuml;tteln aller Sinne &hellip; Frau Elisabeth
+findet keines dieser Worte. Sie f&uuml;hlt sich nur
+j&auml;mmerlich klein und ohnm&auml;chtig ihrem Mann
+gegen&uuml;ber; sie f&uuml;rchtet sich, ja, sie zittert davor,
+ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und
+mu&szlig; es doch sagen!</p>
+
+<p>&bdquo;Peter!&ldquo; beginnt sie leise. &bdquo;Ich will den Bub
+gewi&szlig; nicht rechtfertigen. Er hat sich zu schlimmen
+Worten hinrei&szlig;en lassen. Aber, Peter, vielleicht hat
+er recht. Vielleicht hast du &ndash;&nbsp;&ndash; ach, ich meine uns
+beide &hellip; vielleicht haben wir uns nie richtig um
+ihn gek&uuml;mmert. Ach, und nun rennt er in die Nacht
+hinaus, so im Jammer. Du wei&szlig;t ja nicht, wie er
+sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und hei&szlig;
+&hellip; Und wie er weinen konnte! Peter, ich mu&szlig;
+ihm nach. Ich kann nicht anders.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie wartete keine Antwort ab. Sie ri&szlig; die T&uuml;re
+auf und stand schon unten an der Treppe, als sie
+ihres Mannes Stimme h&ouml;rte: &bdquo;Elisabeth! Betty!
+Ich bitte dich! Dieser Skandal&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth schlo&szlig; die T&uuml;re hinter sich.
+Skandal! Mochten die Leute denken, was sie
+wollten! &Uuml;brigens, das G&auml;&szlig;chen war menschenleer.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>Sie merkte erst jetzt, da&szlig; ein zarter Regen niederrieselte.
+Der Himmel war undurchdringlich finster,
+und der Wind, der eben aufzuwachen schien, blies
+kalt. Sie eilte die Stufen des G&auml;&szlig;chens hinab und
+blickte nach allen Seiten. Ganz in der Ferne ging
+eine Gestalt, die Peter sein konnte. Ach, wie war
+er schon so weit!</p>
+
+<p>Frau Elisabeth hastete vorw&auml;rts. Sie durfte ihn
+nicht aus den Augen verlieren. Wenn er bei einer
+Stra&szlig;enbiegung verschwand, durchzuckte sie jedesmal
+eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur
+langsam n&auml;her. Peter schritt m&auml;chtig aus.</p>
+
+<p>Nun bog er in die Stra&szlig;e ein, die in gerader
+Linie auf die Br&uuml;cke f&uuml;hrt. Frau Elisabeth lief.
+Das Blut pochte ihr in Hals und Schl&auml;fen. Sie
+zitterte am ganzen K&ouml;rper, aber die Angst ri&szlig; sie
+vorw&auml;rts. Gottlob, nun war sie um die Ecke! Die
+Stra&szlig;e war menschenleer, aber dort &ndash; auf der
+Br&uuml;cke bewegten sich ein paar Gestalten. Die
+w&uuml;rden doch helfen, wenn&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht
+haben, als er stehen blieb. Er legte die Arme auf
+die steinerne Br&uuml;stung und seinen fiebernden Kopf
+darauf.</p>
+
+<p>Aus der Tiefe weht es k&uuml;hl herauf. Schwarz
+und in eiliger Flucht, als tr&uuml;gen sie ein unseliges
+Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die Bogenlampen
+der Br&uuml;cke und ein hellerleuchtetes Gasthaus
+am Ufer werfen in das schwarze Wasser ihr
+bi&szlig;chen silbernes Licht, das zitternd ertrinkt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>So w&uuml;rden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen
+Wellen &hellip; Aber man w&uuml;rde ihnen ihr Geheimnis
+zu entrei&szlig;en suchen, und man w&uuml;rde ihn finden.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er
+in Nacht und Tod. Hinauf, hinauf zu allen Sternen
+und Sonnen &hellip; Leben will er &ndash;&nbsp;&ndash; Leben&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief
+gestanden, den er am Vorabend der Konfirmation
+erhalten? &bdquo;Du willst gro&szlig;e Reisen machen, Peter.
+Nun, eine Reise hast du ja l&auml;ngst angetreten, die
+gro&szlig;e Lebensreise, die uns auch Neuland auftut.
+Nie geahnte T&auml;ler des Leids und Jammers und
+H&ouml;hen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende
+erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise,
+Peter, du und ich und all die andern. Kennst du
+den alten Vers?</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Unser Leben gleicht der Reise<br /></span>
+<span class="i0">eines Wandrers in der Nacht;<br /></span>
+<span class="i0">jeder hat in seinem Gleise<br /></span>
+<span class="i0">etwas, das ihm Kummer macht.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht.
+Nicht wahr, Peter?&ldquo;</p>
+
+<p>Ruth, Ruth &hellip; liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist
+Freude &hellip; holde Freude&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Etwas Gro&szlig;es, Warmes quillt in Peters Herzen
+auf und daneben etwas Tapferes, beinahe Frohm&uuml;tiges.
+Das Wort seiner kleinen Weggef&auml;hrtin
+kommt ihm in den Sinn. &bdquo;Es kann auch <em class="gesperrt">so</em> sch&ouml;n
+werden.&ldquo; Sch&ouml;n beim B&uuml;chereinbinden, Ruth?
+Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Sch&ouml;nes in<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+uns tragen. Und das hast du ja &hellip; Wer wei&szlig;,
+Peter, vielleicht kriegst du noch in anderer Weise
+mit B&uuml;chern zu tun&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von
+Peter entfernt. Aber sie starrt nicht ins Wasser
+hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem
+Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen
+Fluten der Selbstanklage und Reue zu versinken.
+Was ist sie f&uuml;r eine Mutter gewesen! Ohne Mut,
+ohne Selbst&uuml;berwindung &hellip; sie hat die Dinge
+gleiten lassen. Und nun mu&szlig; sie hier stehen in
+Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter
+ausstrecken, darf nur ihre hei&szlig;en, verworrenen Gedanken
+zu ihm schicken &hellip; Wird er denn ewig da
+stehen bleiben?</p>
+
+<p>Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich
+m&auml;chtig und wendete sich und stand seiner Mutter
+gegen&uuml;ber. Sie schauten sich an, und jedes suchte
+in des andern Gesicht zu lesen.</p>
+
+<p>Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz
+voller Not und Bitte war, und sie sah mit Staunen
+und Dankbarkeit, da&szlig; &uuml;ber dem seinen eine tiefe
+und ernste Ruhe lag.</p>
+
+<p>Da fa&szlig;te sie Mut. Sie trat auf ihn zu. &bdquo;Peter,&ldquo;
+fl&uuml;sterte sie, und es war ein Schluchzen in ihrer
+Stimme, &bdquo;la&szlig; uns neu anfangen. Ich will zu dir
+stehen, wo ich es f&uuml;r recht halte, auch wenn &ndash;&nbsp;&ndash;
+auch wenn es mir schwer f&auml;llt &hellip; Wenn du nur
+wieder Vertrauen zu mir &ndash; zu uns haben k&ouml;nntest,
+Peter!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>Da tat Peter, was sie beide &uuml;berraschte. Er b&uuml;ckte
+sich und k&uuml;&szlig;te die Hand seiner Mutter, die sich ihm
+bittend entgegengestreckt.</p>
+
+<p>Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten
+kein Wort und f&uuml;hlten nur, wie eines das andere
+in liebevolle und sorgliche Gedanken h&uuml;llte. Und
+es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe ihn noch nicht gewonnen,&ldquo; dachte die
+Mutter. &bdquo;Und es wird mir auch nicht gelingen,
+wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bek&auml;mpfe
+und mich in ihn hinein zu f&uuml;hlen suche. Und vielleicht
+gelingt es mir auch dann nicht, denn er ist ein
+seltsames Menschenkind &hellip; Vielleicht auch kommen
+die beiden nie zusammen &hellip; Aber diese Stunde
+kann er nie vergessen, das las ich in seinen Augen.
+Nie mehr werden wir uns ganz verlieren.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter aber hat das Gef&uuml;hl, als m&uuml;sse er der
+kleinen Mutter an seiner Seite emporhelfen, sie
+tragen und st&uuml;tzen. Er wei&szlig;, trotz ihrer Versicherung,
+mit schmerzlicher Gewi&szlig;heit, da&szlig; sie nicht
+immer zu ihm stehen wird. Er wei&szlig;, da&szlig; ihre Seele
+wieder und wieder versinken wird im Alltag, aber
+er wei&szlig; auch, da&szlig; sie zu Zeiten ihre Fl&uuml;gel sp&uuml;rt
+und ausbreitet&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Es kann auch <em class="gesperrt">so</em> sch&ouml;n werden&nbsp;&hellip;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" class="abstand" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span></p>
+<h2><a name="Das_rote_Buch" id="Das_rote_Buch"></a>Das rote Buch.</h2>
+
+
+<p>Ich hatte es l&auml;ngst vergessen gehabt.</p>
+
+<p>Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind,
+das zu gesegneter Stunde des Weges
+kommt, und pl&ouml;tzlich &ouml;ffnet sich zu seinen F&uuml;&szlig;en die
+Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten
+ein Schatz empor, der lange Jahre in der tiefsten
+Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer Stunde
+geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung
+das rote Buch emporgetaucht und mit ihm eine
+l&auml;ngst versunkene Welt, die voller Fragen und
+Wunder, voller Grauen und S&uuml;&szlig;e gewesen.</p>
+
+<p>Und pl&ouml;tzlich war Tante Ursula vor mich getreten,
+so klar und deutlich, da&szlig; ich f&uuml;r einen Augenblick
+meine ganze Umgebung verga&szlig;. Sie sa&szlig;, wie
+ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt
+das schmale, zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern
+flimmerte das weiche Haar, das in so wundersch&ouml;ner
+Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen H&auml;nde
+hielten ein Strickzeug &ndash; ich meinte tats&auml;chlich das
+leise Klappern der Nadeln zu h&ouml;ren. Aber dann verschwand
+das Bild so schnell wie es gekommen, denn
+mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche
+ab und fragte: &bdquo;Sie sind wohl m&uuml;de?&ldquo;</p>
+
+<p>Nein, nat&uuml;rlich war ich nicht m&uuml;de. Meine Gedanken
+waren nur ungeh&ouml;rigerweise ein wenig abgeirrt.
+Und aufs neue wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>
+dem Kreise plaudernder und rauchender
+Menschen zu, in deren Mitte mich dieser Abend
+gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends
+als ich in meinem mondlichtgef&uuml;llten Zimmer
+sa&szlig;, tat ich die Tore meiner Seele weit auf, um all
+den Geistern Einla&szlig; zu gew&auml;hren, die lachend und
+drohend dem roten Buch entstiegen.</p>
+
+<p>Wie war es nur gekommen, da&szlig; ich seiner gedacht?
+Ach ja, der Hausherr hatte ein altes Buch gezeigt,
+in dessen Besitz er durch einen gl&uuml;cklichen Zufall geraten.
+In Schweinsleder war es gebunden. Den
+br&auml;unlichen, mit schn&ouml;rkeligen Buchstaben bedeckten
+Bl&auml;ttern entstieg ein modriges D&uuml;ftlein, aber die
+illustrierenden Holzschnitte atmeten Leben, ein k&ouml;stliches,
+triumphierendes, trotz der Tr&auml;nen lachendes
+Leben.</p>
+
+<p>Ich hatte das Buch durchbl&auml;ttert mit einem Gef&uuml;hl,
+das seltsam gemischt war aus Ehrfurcht und
+Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und pl&ouml;tzlich
+wu&szlig;te ich: das hast du schon einmal erlebt, ach,
+nicht nur einmal, hundertmal, unz&auml;hlige Male &hellip;
+Und siehe da! das rote Buch war lebendig geworden,
+und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen
+Augenblick gesehen.</p>
+
+<p>Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden,
+da&szlig; ich keines vom andern l&ouml;sen kann. Und als
+drittes geh&ouml;rt dazu die kleine Stube, in der Tante
+Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichg&uuml;ltigen
+Selbstverst&auml;ndlichkeit betrat, mit der ich in<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+unsere Zimmer ging. Die gute Stube zwar, ja, die
+betrat ich auch nicht selbstverst&auml;ndlich. Aber ich ha&szlig;te
+sie geradezu. Das Sofa und die Lehnst&uuml;hle und all
+die blankpolierten Tische und Schr&auml;nke sahen so
+unendlich hochm&uuml;tig auf das kleine M&auml;dchen herab.
+Im ganzen gro&szlig;en Zimmer war kein Pl&auml;tzchen, das
+einem zugerufen h&auml;tte: hier kannst du f&uuml;r dich sitzen
+und spielen und tr&auml;umen. Es gab darin nur einen
+Anziehungspunkt, und der ging von dem Glasschrank
+aus, in dem sch&ouml;n geordnet hundert seltsame Dinge
+lagen und standen: Spangen aus farbigem Glas und
+Ketten aus gl&auml;nzenden M&uuml;nzen, h&ouml;lzerne N&auml;pfe und
+T&ouml;pfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren
+zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe geh&uuml;llt,
+und daneben aus tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten.
+Und mitten drin erhob sich ein wei&szlig;es M&auml;rchenschlo&szlig;
+mit T&uuml;rmen und Pfeilern, von Palmen
+&uuml;berschattet. Das ganze, unglaublich leichte Gebilde
+war aus Pflanzenmark geschnitten und schien mir von
+allem Wunderbaren das K&ouml;stlichste zu sein. Einmal,
+als meine Mutter den Schrank s&auml;uberte, hatte ich es
+in vor Seligkeit zitternden H&auml;nden gehalten. Das
+hatte mir zwar einen Klapps eingetragen, den ich aber
+im &Uuml;berma&szlig; meiner Freude kaum sp&uuml;rte. Ich &auml;rgerte
+mich nur &uuml;ber die dumm und h&auml;misch glotzenden
+M&ouml;bel, die meine Dem&uuml;tigung mitangesehen, und
+dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und
+stieg die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.</p>
+
+<p>Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt
+gewesen und geschmerzt hatte. Da oben gab es<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>
+keinen Spott und keine Schl&auml;ge, keine Mahnreden
+und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen
+oder sehr rebellischen Gedanken die Treppe
+hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht mehr alle in
+Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von
+mir abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe
+stand und den Apfelgeruch atmete, der den
+kleinen Vorplatz erf&uuml;llte. Und wenn ich geklopft
+hatte und, das &bdquo;Herein&ldquo; erwartend, die Klinke
+ergriff, war mir schon ganz froh zumute.</p>
+
+<p>Freilich, es gab auch schwere F&auml;lle. Da sa&szlig; dann
+auf der Treppenstufe ein kleines M&auml;dchen, das sich
+sehnlichst in das Friedensreich hineinw&uuml;nschte und
+es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz eingeh&uuml;llt
+war in b&ouml;se, anklagende Gedanken. Aber mit
+einem Male tat sich eine T&uuml;re auf, da&szlig; der d&auml;mmerige
+Vorplatz voller Licht wurde, und Tante Ursulas
+Stimme sagte: &bdquo;Du, Vroneli, wir haben so
+lange nicht mehr das rote Buch beschaut. Komm'
+doch herein, ich habe es schon heruntergeholt.&ldquo;</p>
+
+<p>Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein
+in Tante Ursulas Stube, und alles war wieder
+gut, was verkehrt und schlecht gewesen.</p>
+
+<p>Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte
+immer Zeit. Und ihr ganzes Zimmer war voller
+K&ouml;stlichkeiten, die ich wieder und wieder bestaunte,
+und &uuml;ber die wir uns immer aufs neue unterhielten.
+Alle Alltagsger&auml;te, die drunten bei uns n&uuml;chtern
+und seelenlos dreinsahen, hatten hier oben ein Gesicht,
+erz&auml;hlten eine Geschichte, und ich war fest &uuml;berzeugt,<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>
+da&szlig; dies einzig und allein von Tante Ursulas
+Einflu&szlig; herr&uuml;hre. Der &bdquo;Ofentapper&ldquo; drohte als
+gro&szlig;e schwarze Hand hinter dem Ofen hervor, die
+Z&uuml;ndh&ouml;lzer kamen in einem Schlitten angefahren.
+Auf dem Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze
+Raben, die trugen goldene Kronen auf dem Kopf,
+und aus dem Fu&szlig;schemel bl&uuml;hten Rosen und Vergi&szlig;meinnicht.
+Auf dem Rouleau war ein See, drauf
+schwammen wei&szlig;e Schw&auml;ne, deren einer sicher das
+h&auml;&szlig;liche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber
+war Tante Ursulas Lampenschirm. Eine ganze
+Stadt sah man da mit hellerleuchteten Fenstern.
+Einige H&auml;user hatten gr&uuml;ne oder rote, andere goldgelbe
+Scheiben. Es war wundersch&ouml;n, rund um den
+Tisch zu gehen und sich auszumalen, wer in den
+H&auml;usern wohnen und was er dort treiben k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Tante Ursulas Stube war die behaglichste der
+Welt. Ich habe wenigstens seither keine finden
+k&ouml;nnen, die ihr gleichgekommen w&auml;re. Es lag ja
+nicht an der Gruppierung der alten dunkeln M&ouml;bel,
+nicht an der &Uuml;bereinstimmung der Farben und
+Bilder, nicht an den Blumen und B&uuml;chern &ndash; dies
+alles habe ich sp&auml;ter wiedergefunden. Aber den
+k&ouml;stlichen Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt
+erf&uuml;llte, ihn habe ich mit Tante Ursula verloren.</p>
+
+<p>Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich
+nicht sagen. Es wird ja wohl einen Titel, einen Verfasser
+und Verleger gehabt haben &ndash; all dies hat mich
+damals nicht interessiert. Der Name &bdquo;rotes Buch&ldquo;
+r&uuml;hrte von der leuchtend roten Einbanddecke her.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles.
+Und mehr kann man wahrlich nicht von einem Buch
+verlangen. Vorne drin war das Bild vom breiten
+und schmalen Weg. Wir beide h&auml;tten es ein wenig
+anders gemalt, denn der schmale Weg sah denn doch
+gar zu freudenarm und d&uuml;ster drein. Und es seien
+doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen
+Wege, auf denen die Freude bl&uuml;he.</p>
+
+<p>Auch konnten wir nicht glauben, da&szlig; ihn nur so
+wenige Menschen gefunden, w&auml;hrend sie sich auf
+dem breiten Weg dr&auml;ngten. &bdquo;Wei&szlig;t du, Herzkind,&ldquo;
+sagte Tante Ursula, &bdquo;man h&auml;tte &uuml;berhaupt statt des
+einen schmalen Weges viele schmale Weglein machen
+sollen, die alle zu Gottes Haus hinf&uuml;hren. Schmal
+sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst
+k&ouml;nnen wir nicht in uns hineinhorchen, und doch
+h&ouml;ren wir dort am deutlichsten die Stimme, die
+uns den rechten Weg zeigt.&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Von den Tieren wu&szlig;te das rote Buch eine Menge
+zu erz&auml;hlen, ja, es war darin geradezu unersch&ouml;pflich,
+denn Tante Ursula entdeckte immer wieder etwas,
+das sie noch nie zuvor gelesen.</p>
+
+<p>So kam es, da&szlig; ich keinem Tierlein ein Leides tun
+konnte und wenn ich ein totes fand, es mit Tr&auml;nen
+in die Erde bettete. Aber n&auml;her als die Tierwelt
+stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach
+mit ihnen, in leisestem Fl&uuml;sterton, denn dies schien
+mir die Sprache der Blumen zu sein.</p>
+
+<p>Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden
+Geschichte zu lauschen. K&ouml;nigskerzen &hellip; die waren<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>
+erstmals aus der Erde emporgestiegen und hatten
+stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges
+gestanden, als das verratene K&ouml;nigskind aus der
+Heimat wandern mu&szlig;te. Rittersporn &hellip; der mu&szlig;
+die goldenen &Auml;hren sch&uuml;tzen und steht darum am
+Ackerrand. Aber die rote Mohnblume hat sich zu
+ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in die
+Sonne und freut sich, da&szlig; der liebe Gott sie also
+geschaffen.</p>
+
+<p>Schwertlilie &hellip; sie hat die seltsamste Geschichte
+von allen. Ich konnte mich lange, lange lautlos
+dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus
+ihren wundersam gebogenen Bl&auml;ttern, der herrlichen
+Farbe, dem starken Duft zu str&ouml;men schien. So
+wei&szlig; ich nicht, ob ich ihr M&auml;rchen aus ihr selbst
+oder aus dem roten Buch geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&hellip;&nbsp;Einmal stand im Wald hoch &uuml;ber den rauschenden
+B&auml;umen eine Burg. Drin lebte mitten
+unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters
+T&ouml;chterlein. Die war holdselig wie ein junges
+B&auml;umlein, &uuml;ber dem der erste Bl&uuml;tenschnee liegt,
+und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes.
+Doch sch&ouml;ner noch als die Rosen ihrer Wangen
+bl&uuml;hten die Gedanken ihres Herzens.</p>
+
+<p>Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen
+bis hinab zum j&uuml;ngsten Knechtlein liebten sie, wie
+sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der kleinen
+Kapelle liebten.</p>
+
+<p>Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der
+bog sein Knie vor der Holden und bat sie, ihm<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+zu folgen nach seiner V&auml;ter Burg als sein trautes
+Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die
+Hochzeit sollte gefeiert werden. Aber in der Nacht
+vor dem Fest brach ein Feind in die Burg ein, &uuml;berw&auml;ltigte
+die schlafenden Mannen, und bald loderte
+weithin sichtbar eine steile Flamme empor. Dem
+jungen Ritter war es jedoch gelungen, mit der
+Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene
+sch&uuml;tzende Burg zu bringen. Aber als der Morgen
+graute, sahen sich die beiden, die, um Ausschau zu
+halten, auf einen kleinen H&uuml;gel gestiegen, rings von
+den Feinden umzingelt. &bdquo;Mein die herrliche Beute!&ldquo;
+rief einer der Verfolger und teilte mit starken Armen
+die B&uuml;sche, um rascher zur H&ouml;he zu gelangen. Da
+schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen
+Heiligen um Beistand, w&auml;hrend der Ritter sein
+breites Schwert aus der Scheide ri&szlig;, da&szlig; es weithin
+einen blitzenden Schein warf.</p>
+
+<p>Immer n&auml;her r&uuml;ckten die Verfolger. Da &ndash; mit
+einem Male blieben sie stehen wie gebannt. Wo
+waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch
+hatten sie da oben gestanden, sie in einem bla&szlig;farbenen
+Gewand, &uuml;ber das silberhelles Haar flo&szlig;,
+er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun,
+wo waren sie hingeraten?</p>
+
+<p>Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden
+nirgends ein Versteck, darein sich die beiden h&auml;tten
+bergen k&ouml;nnen. Entt&auml;uscht und mi&szlig;mutig gingen
+sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und
+nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut,<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>
+langsam zur H&ouml;he. Und da er sie erreicht,
+erblickte er, warm beschienen vom Licht der Sonne,
+eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.</p>
+
+<p>Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen
+Duft geh&uuml;llt. Ihr Kelch war geschlossen, als
+h&uuml;te sie ein seliges Geheimnis, und war doch ge&ouml;ffnet,
+als biete sie allen das Wunder ihrer zartge&auml;derten
+bl&auml;ulichen Bl&auml;tter&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich
+diese wundersame Blume nicht dem Frauenbild, das
+er vor kurzem hier oben geschaut? Glich sie nicht dem
+Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?</p>
+
+<p>Da gewahrte er pl&ouml;tzlich rings um die Blume
+hohe gr&uuml;ne Bl&auml;tter. Die sahen drein wie spitze,
+drohend gez&uuml;ckte Schwerter. Der Ritter trat zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Nimmer wird meine Hand dich ber&uuml;hren,
+Schwert &ndash; Lilie du! Hat nicht ein Wunder dich
+geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten
+Farben gemalte Bilder, von einem Kranz tanzender
+Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben:
+die gr&uuml;ne, die silberne und die goldene
+Hochzeit.</p>
+
+<p>Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das
+&uuml;ber eine Fr&uuml;hlingswiese schritt, gefolgt von einem
+fr&ouml;hlich durcheinanderwogenden Zug festlicher
+Menschen.</p>
+
+<p>Auf dem zweiten Bild lachte eine sch&ouml;n geschm&uuml;ckte
+und reich besetzte Tafel. Die G&auml;ste hatten sich eben
+erhoben und scharten sich, jeder ein hohes, blitzendes<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>
+Glas in der Hand, um ein &auml;lteres, zufrieden
+l&auml;chelndes Paar.</p>
+
+<p>Auf dem dritten Bild sa&szlig; ein altes Paar, auf
+einem niedern Kanapee aneinandergelehnt, und
+schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster glitt
+ein Sonnenstrahl just &uuml;ber die wei&szlig;en H&auml;upter hin
+und lie&szlig; sie silbern aufleuchten.</p>
+
+<p>Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder
+falsch. Dies Bild sollte silberne Hochzeit hei&szlig;en.
+Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den
+Gl&auml;sern gl&auml;nzte, wo die Frauen goldene Ketten
+trugen und die Braut gar ein goldenschimmerndes
+Kleid &ndash; das mochte den Namen goldene Hochzeit
+tragen.</p>
+
+<p>Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir
+beschaute, trug ich ihr meine Ansicht vor. Sie
+l&auml;chelte, strich mir die Haare aus der Stirn und
+sagte: &bdquo;Manchmal hat ja mein Kind ganz gute
+Einf&auml;lle. Aber diesmal, nein diesmal hast du doch
+nicht recht. Erst silbern, dann golden.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich st&uuml;tzte meine H&auml;nde auf ihr Knie. &bdquo;Tante Ursula,
+warum sagt man gr&uuml;n und silbern und golden?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum? Man k&ouml;nnte es sich vielleicht so
+denken &hellip; Am ersten Hochzeitstag, wenn die Welt wie
+lauter Fr&uuml;hling dreinsieht, da schenkt der liebe Gott
+dem jungen Paar ein wundersch&ouml;nes zartes, frischgr&uuml;nes
+Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, da&szlig;
+es nicht verdorrt und kein Bl&auml;ttlein verloren geht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein
+immer gr&uuml;n bleiben? Wei&szlig;t du, im <span style="white-space:nowrap;">Winter&nbsp;&ndash;&ldquo;</span></p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>&bdquo;Nein, gr&uuml;n bleibt das Zweiglein nicht, das ist
+nicht m&ouml;glich. Aber h&ouml;re nur weiter. Wenn das
+junge Paar das Zweiglein sorglich h&uuml;tet, dann
+geschieht etwas Wunderbares damit: es wird
+immer gl&auml;nzender, und am silbernen Hochzeitstag
+&ndash; ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das
+Paar in den H&auml;nden h&auml;lt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes
+Zweiglein geworden?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Von den Sonnenstrahlen, die es ber&uuml;hrten,
+Herzkind, und von den lieben Blicken, die dr&uuml;ber
+gingen und &ndash; ja, auch von den Tr&auml;nen, die drauf
+fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub'
+mir's nur, es ist so.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit
+dem Zweiglein?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes
+wird? Ja, das ist viel schwerer, denn, wei&szlig;t
+du, wenn die Menschen &auml;lter werden, werden sie oft
+auch m&uuml;der und k&auml;lter und h&auml;rter. Das Zweiglein
+kann aber nur unter ganz guten und ganz warmen
+Augen zu einem goldenen werden &hellip; Ach, eigentlich
+kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur
+am Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich auch, Tante Ursula, ich auch?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du auch, Herzkind, ganz gewi&szlig;. Wenn du ein
+wenig &auml;lter bist, wirst du es sehen, und dann sieh
+zu, da&szlig; du es sorglich h&uuml;test.&ldquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Eine Geschichte handelte von dem Manne, der
+zur Himmelspforte wanderte. Er zog die Glocke,<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>
+und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen
+nach seinem Begehr. Da bat der Mann
+um ein Schlo&szlig;, um Dienerschaft und um ein weiches
+Bett, um gut Essen und Trinken &ndash; genau um das,
+was er all die Jahre auf Erden gerne gehabt h&auml;tte,
+und um das er die Reichen immer beneidet hatte.
+Und er kriegte das Schlo&szlig; und kriegte alle Tage
+Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach
+kandierte Fr&uuml;chte und Backwerk. Aber nach einigen
+Wochen war ihm alles entleidet.</p>
+
+<p>Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus
+und lie&szlig; ihn zu sich bitten. Und als der heilige
+Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und
+h&ouml;hnte: &bdquo;Das ist mir ein sch&ouml;ner Himmel, wo man's
+vor Langeweile kaum aush&auml;lt!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wer redet denn vom Himmel?&ldquo; sagte der heilige
+Petrus. &bdquo;Guter Freund, du bist nicht im Himmel,
+du bist in der H&ouml;lle. Schau' nur durchs Fenster.&ldquo;</p>
+
+<p>Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber
+schlich mit schlotternden Knien ans Fenster und
+schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts.
+Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten
+und vorn, oben und unten &ndash; &uuml;berall war dieselbe
+dicke Finsternis. Da zog der Mann die Vorh&auml;nge
+zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte
+Augen, tausend tote, schwarze Augen, die glotzten
+auch durch die Vorh&auml;nge.</p>
+
+<p>Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu
+sehnen. Nicht nach dem k&uuml;nstlichen, das in seinen
+Zimmern brannte, nein, dieses ha&szlig;te er, wie er die<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>
+Finsternis vor seinen Fenstern ha&szlig;te. Er wanderte
+ruhelos in seinem Schlo&szlig; umher und suchte, suchte
+nach einem Lichtfunken. Da geriet er einmal in ein
+Dachk&auml;mmerchen, das hatte hoch oben ein kleines
+Fenster.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, dies Guckloch wird mir so wenig n&uuml;tzen
+wie alle die andern,&ldquo; seufzte der Mann. Aber er
+reckte sich doch auf die Zehen, um durch die kleine
+Scheibe zu sp&auml;hen, und da stie&szlig; er einen Schrei aus,
+denn er sah Licht, Licht! Zwar war es nur ein
+schmaler Streifen, der durch eine T&uuml;rritze quoll.
+Aber der Mann glaubte nie etwas Sch&ouml;neres gesehen
+zu haben. Er starrte wie gebannt auf den
+Lichtstreifen und verga&szlig; dar&uuml;ber sein Schlo&szlig; und
+sein weiches Bett, verga&szlig; seine Dienerschaft und
+Essen und Trinken. Nur wenn ihn sein m&uuml;hsam
+gereckter K&ouml;rper gar zu sehr schmerzte, setzte er sich
+auf eine Kiste, die im Dachk&auml;mmerchen stand. Aber
+er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem
+Lichtstreifen war zu gro&szlig;.</p>
+
+<p>Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie
+sich die Ritze ein wenig vergr&ouml;&szlig;erte &hellip; der Lichterstrahl
+wurde breiter und goldener und warf einen
+blassen Widerschein in das K&auml;mmerchen. In dem
+Glanze aber sah der Mann selige Gestalten wandeln.
+Er h&ouml;rte Kl&auml;nge, die waren von so leuchtender
+Sch&ouml;ne, da&szlig; sich seine Augen mit Tr&auml;nen f&uuml;llten.
+Und wie das Licht immer breiter und goldener
+quoll, erkannte der Mann, da&szlig; er in den Himmel
+blicke.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>Hier schlo&szlig; die Geschichte in dem roten Buch,
+und ich war das erste Mal, als sie mir Tante Ursula
+vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula
+l&auml;chelte nur und sagte: &bdquo;Die Geschichte geht nur hier
+im Buch zu Ende, Vroneli. Du mu&szlig;t gar nicht
+traurig sein, denn nun erz&auml;hlen wir sie uns weiter,
+du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu
+einem guten Ende. Denn das kannst du dir doch
+denken: wer so sehns&uuml;chtig nach dem Lichte schaut,
+der hat auch einmal hineinwandeln d&uuml;rfen. Das
+wei&szlig; ich ganz gewi&szlig;. Und heute nacht will ich ein
+wenig dr&uuml;ber nachdenken und es dir morgen sagen.&ldquo;</p>
+
+<p>Ich wischte mir die letzten Tr&auml;nen von den Backen
+und sagte: &bdquo;Ja &hellip; vielleicht ist das Licht auf einmal
+eine Br&uuml;cke geworden, und dann hat er darauf
+hin&uuml;bergehen k&ouml;nnen. Aber das kleine Fenster &ndash;
+da war er wohl zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster
+gekommen, Tante Ursula?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich sage dir's morgen,&ldquo; tr&ouml;stete Tante Ursula.
+&bdquo;Es kommt alles zu einem guten Ende, ganz gewi&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>So habe ich auch dieses aus dem roten Buch
+gelernt, da&szlig; man nicht ob des sichtbaren Endes,
+das eine Geschichte hat, verzweifeln mu&szlig;, sondern
+sich des verborgenen guten Endes getr&ouml;sten darf,
+das von einem &bdquo;morgen&ldquo; enth&uuml;llt werden wird.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Und die ihr alle meine Brüder seid, by
+Ida Frohnmeyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID ***
+
+***** This file should be named 24175-h.htm or 24175-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24175/
+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/24175-h/images/signet_100.png b/24175-h/images/signet_100.png
new file mode 100644
index 0000000..c6ac447
--- /dev/null
+++ b/24175-h/images/signet_100.png
Binary files differ