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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:12:37 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Am Glück vorbei, by Clara Sudermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Am Glück vorbei
+
+Author: Clara Sudermann
+
+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24174]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI ***
+
+
+
+
+Produced by Constanze Hofmann and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+Am Glück vorbei
+
+Roman
+von
+Clara Sudermann
+
+[Illustration]
+
+Peter J. Oestergaard Verlag
+Berlin-Schöneberg
+
+Alle Rechte
+einschließlich Übersetzung,
+Dramatisierung und
+Verfilmung
+vorbehalten
+
+
+Erschienen in der
+»Wiener Mode«
+unter dem Titel
+»Die Siegerin«
+
+
+Copyright
+1920 by
+Dr. P. Langenscheidt,
+Berlin
+
+Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig.
+
+
+
+
+Der Oberförster Hagedorn war von einer mehrtägigen Inspektionsfahrt
+durch Wälder, die er außeramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es
+sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem
+gemacht.
+
+Über dem großen Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die
+Hängelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee,
+den Fräulein Perl, des Hauses getreue Hüterin, zu brühen begonnen hatte,
+duftete. Die Windstöße, die gegen die Holzläden dröhnten, der Regen, der
+klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldbäume
+jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberförster,
+seine Tochter Maggie und Fräulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem
+Verständnis dieser Wohlgeborgenheit und störten nur hier und da durch
+ein Wort die gemütliche Stille.
+
+Der Oberförster lag müde und breit in seinem Großvaterstuhl. Sein
+verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel
+Behagen, und der Teckel »Max«, der sich auf seinem Schoß zusammengerollt
+hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde
+freundschaftlich geknufft und gestreichelt.
+
+Sein Zwillingsbruder »Moritz« hatte es nicht so gut. Maggie, in einem
+niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den Füßen auf, zauste ihn an
+den Ohren, küßte ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es
+ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel.
+
+»Komm mal her, Gretel!« rief dann der Vater hinüber. »Heut' spendier ich
+mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na?«
+
+Maggie sprang auf. Sie war mittelgroß, voll und geschmeidig, hatte ein
+warmgetöntes, klares Gesicht mit großen, grauen Augen und eine Fülle
+dunkel aschblonden Haares.
+
+Der Vater sah sie wohlgefällig an und nickte mehrmals in Gedanken.
+
+Maggie lachte hell.
+
+»Wen hast du denn wieder für mich aufgestöbert, Papa?« fragte sie
+übermütig. »Wie ist er denn? Klug -- dumm, hübsch -- häßlich? Natürlich
+reich, -- aber wo?«
+
+Der Oberförster machte ein verdrießliches Gesicht und sah nach Fräulein
+Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte.
+
+»Aber Maggie! Wie kannst du nur ...« sagte diese wie auf Stichwort.
+
+Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch
+herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und
+rückte mit ihrem Schemel zu dem Vater.
+
+»Du weißt ja schon lange, daß ich dir über den Kopf gewachsen bin,
+Papachen!« sagte sie. »Also keine Feindschaft, und erzähle ... Warum
+machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem
+liebenswürdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere häßliche Zweite, als
+ob sie die schöne Älteste wäre, -- warum?«
+
+»Na, mein Döchting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich
+passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den
+Seckersdorf.«
+
+»Ah ...« Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt
+durcheinander: »Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben,
+wollte er Tromitten selbst übernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er
+noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen künftigen
+Reichtum an? Hatte er Gertrud erwähnt?«
+
+»Still! Still! Still ...« rief der Oberförster in das Gefrage. »Er ist
+ein netter anständiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er
+hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen
+und hat mich gebeten, die Geschichte zu machen. Das wirft was ab. Und
+brauchen können wir ja so einen Extrazuschuß immer!«
+
+Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still saß, nahm ihr
+Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter Härte an, der zu den weichen,
+rosigen, an das Flämische erinnernden Formen einen auffälligen Gegensatz
+bildete.
+
+»Er kommt also wohl her?« fragte sie. »Das hätte einer ahnen sollen,
+damals, als ihr so empört auf ihn und die arme Gertrud wart. Was für ein
+gräßliches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, daß er
+ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen
+Mannes wurde.«
+
+»Werden soll, Maggie!« verbesserte Fräulein Perl. »Mit der Trude ging's
+doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und ...«
+
+»Ich nicht die Kaution!« fiel der Oberförster kurz ein. »Und der
+Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine
+andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schließlich auch der
+Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben hätte.«
+
+»So?« fragte Maggie aufhorchend. »Ich denke, es hieß damals, der Onkel
+wäre auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschläge machtest.«
+
+»Ach!« Der Oberförster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein
+Zeichen, daß ihm nicht behaglich war. »Was weißt du! Du warst ja noch
+ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verständig aufgefaßt und braucht's
+nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das
+Kind hat's doch wie eine Fürstin.«
+
+Die beiden Frauen sahen sich schweigend an.
+
+»Oder findet ihr etwa nicht?« rief der Oberförster heftig.
+
+»Ruhig, Papachen!« sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine
+knochige. »Wenn nicht, wir können's nicht ändern. Aber alles in allem,
+der Seckersdorf wär' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo
+er so reich ist.«
+
+Der Oberförster lachte.
+
+»Wenn du nur ein bißchen Grips hast, Mädel, und nicht bloß immer die
+große Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig
+ist eine ganz schöne Zahl für ein Mädchen.«
+
+»Recht hast du,« stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. »Wollen uns die
+Sache mal überlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage
+Gertrud vor. Was mir an Schönheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und
+die Geschichte wird sich schon machen.«
+
+Der Oberförster sah sie mißtrauisch und unzufrieden an.
+
+»Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit,« sagte er. »Mit der
+Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. Übrigens ist der
+Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erzählte das
+so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich bloß besser
+mit dem Kerl, dem Kurowski stellen könnte! Man ist ja wie abgeschnitten
+von dem Kind. Jeder Fremde weiß mehr.«
+
+Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten.
+
+»Das wird schon alles besser werden, Papa,« tröstete das Mädchen.
+»Wollen uns darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erzähle lieber, wie
+war's sonst in Graventhin? Wieder großartiges Diner? Und schlecht
+serviert?«
+
+Der Oberförster erzählte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte
+Grüße, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bißchen Klatsch. In
+Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Althöfer
+hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein großes Sektfrühstück
+gegeben. Wie war's nur möglich, daß die Leute da noch fröhlich
+mitzechten? Maggie warf ein, das wäre das Klügste, was sie tun könnten,
+sie wünschte nur, es käme noch zu einem einzigen Ball da, vor dem
+Zusammenbruch, denn so nett wäre es nirgends.
+
+Und so ging das Gespräch weiter. Der Regen strömte heftiger, der Wind
+heulte. Fräulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und
+spielten mit den Hunden.
+
+Da knirschte draußen auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben
+die Köpfe. Der Oberförster sprang auf.
+
+»Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt
+ihr!«
+
+Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem Mädchen,
+das die Tür öffnete, drängten sich zwei blondköpfige Jungen herein,
+stürmten auf ihn los und hängten sich an ihn.
+
+»Großpapa! Großpapa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen!«
+
+Der Oberförster hob einen nach dem andern verdutzt in die Höhe.
+
+»Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein?«
+
+Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel
+begrüßen, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein.
+
+»Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter!«
+
+Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die ältere preßte
+ihren Kopf fest gegen den Hals der jüngeren. Dann küßte sie den Vater
+und Fräulein Perl.
+
+Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten
+nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen großen Streit gehabt
+hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da
+gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da.
+
+Sie war sehr schlank, einen halben Kopf größer als die Schwester. Aus
+einem sehr regelmäßigen schönen Gesichte sahen graue, sanfte Augen
+schüchtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten
+schimmernden, weißblonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die
+sich in die Formen äußerster Einfachheit zu hüllen liebt, ging von ihr
+aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schloß knapp an den schlanken, schönen
+Körper und knisterte, wenn sie sich bewegte.
+
+»Wie blaß du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen?«
+
+Sie nickte. »Bringt die Kinder fort, ja? Ich habe euch viel zu sagen.«
+
+Fräulein Perl führte die Jungen in das Eßzimmer.
+
+Der Oberförster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die
+Tochter.
+
+»Hoffentlich kommst du mir nicht ...«
+
+Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still,
+musterte sie aber mit mißtrauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre
+herabhängende Hand und küßte sie.
+
+»Ja, Papa!« sagte Gertrud. »Du mußt mich mit den Kindern schon bei dir
+behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber
+diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm
+bleiben.«
+
+»So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht?
+Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich
+bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine ähnliche Untat
+begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski weiß Gott nicht grün.
+Aber daß meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof läuft, sagt: Ich
+kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht!«
+
+Er lief hin und her. »Was war denn los?« polterte er endlich und blieb
+vor ihr stehen.
+
+Sie weinte.
+
+»Heul' nicht ... erzähl'!« sagte er ungeduldig.
+
+Da nahm Maggie sie in die Arme.
+
+»Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann muß was Großes passiert
+sein. Quäle sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude!« Sie streichelte
+das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. »Sieh sie
+doch an. Ist das denn menschenmöglich? Bist du krank? Was hat er dir
+getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allmählich
+heraus, lehne dich an und weine -- weine, das wird dir gut
+tun.«
+
+Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die
+langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre
+Schultern.
+
+»Laßt mich hierbleiben ... laßt mich hierbleiben. Papa, ich bin doch
+deine Älteste ... du hast mich doch lieb ... laß mich hierbleiben!«
+
+Der Oberförster schlürfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte
+wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben
+und kläfften die Hunde.
+
+»Was hat er dir getan?« fragte der Vater und legte seine große Hand auf
+das kleine weißblonde Köpfchen der Tochter. Die richtete sich auf und
+schmiegte sich in seinen Arm.
+
+»Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig
+stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich wäre so schlecht, so häßlich
+und so untauglich, wie er immer sagt, und da wär' nun nichts mehr zu
+ändern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen können, aber fortgelaufen
+wäre ich doch nicht. Ich weiß ja ... die Kinder ... und der Skandal!
+Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, daß ich ihn schamlos betrogen
+habe und ihn von neuem betrügen wollte. Da hab' ich mir's über Nacht
+überlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge
+gegangen.«
+
+»Drei Stunden! In diesem Wetter!« fluchte der Oberförster.
+
+»Die Jungen sind abgehärtet und gut zu Fuß. Dann, in Friesstein, fand
+ich Fuhrwerk hierher.«
+
+Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberförster
+schüttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er
+schob sie einfach von sich.
+
+»Wir sprechen morgen mehr darüber!« sagte er. »Die Sache werd' ich
+wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verlaß dich.
+Vorläufig nehm' ich an, daß du deinen alten Vater auf ein paar Tage ...«
+
+Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die
+Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern.
+
+»... ein paar Tage, sag' ich,« fuhr der Alte fort, »besuchst, wie
+sich's gehört. Und dann werden wir weiter sehen. Weiß er, daß du hier
+bist?«
+
+»Ich habe einen Brief zurückgelassen.«
+
+»Na, da haben wir also zu erwarten, daß er mit Trara hier anrückt und
+dich und die Jungens zurückholt.«
+
+»Glaub' das nicht,« sagte Gertrud. »Er wird froh sein, daß er allein
+bleibt ... Vorläufig ... bis ...«
+
+»Donnerwetter!« murrte der Oberförster.
+
+Maggie sprühte vor Empörung über den Widerstand des Vaters.
+
+»Na,« sagte der dann einlenkend, »wir werden sehen. Reg' dich jetzt
+nicht auf. Und nun ... Jungens, herein!«
+
+ * * * * *
+
+Die Knaben, an die Fräulein Perl großmütterliche Ansprüche machte, lagen
+in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor
+Jubel und Aufregung nicht einschlafen.
+
+Gertrud und Maggie, die nach gequältem, unpersönlichem Gespräche sich
+nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die
+Mutter küßte sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen.
+Maggie zog sie fort.
+
+»Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Tränen
+fallen. Komm, wir sind ja jetzt für uns, da kannst du dich hübsch
+ausklagen.«
+
+Sie traten in die geräumige Balkonstube, die sie schon vor Jahren
+gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in
+der es früher gestanden hatte, für sie hergerichtet.
+
+Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und hörte auf zu weinen.
+
+»Du, was hast du mit unserer hübschen Stube gemacht?« fragte sie.
+
+»Den Plunder hinausgeworfen,« sagte Maggie vergnügt. »Die Kattungardinen
+und Mullvorhänge, die Makartsträuße, na alles. Nur die Puffs hier, dein
+glänzender Einfall, die höchst eigenhändig gepolsterten Bierfäßchen, die
+sind noch da, folgen aber auch, sobald ich was Besseres habe. Dafür ist
+dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an
+deinem Bette der Gobelin. Hübsch, was?«
+
+»Nein,« sagte Gertrud energisch. »Früher war's ein hübsches, luftiges
+Nestchen mit all dem unschuldigen Mädchenausputz; jetzt kommt es mir wie
+eine leere Trödelbude vor. Wo ist der Toilettentisch?«
+
+»Alles weg. Als ich -- wann war's doch? -- Februar oder März zuletzt bei
+euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah -- sie
+ist einfach herrlich, wie überhaupt alles in Laukischken, ich weiß gar
+nicht, wie du es hier aushalten wirst -- ja, also, wie ich da nach Hause
+kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles
+Billige und Unechte abgerissen.«
+
+Gertrud sah sie aus großen Augen an.
+
+»Neidisch, Maggie?« fragte sie. »Lieber Gott!«
+
+»Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, daß man so was haben kann, und
+daß ich es nicht habe, das ärgert mich. Und bis ich so weit bin, will
+ich lieber kahl und einfach hausen.«
+
+Gertrud schüttelte den Kopf.
+
+»Du,« sagte Maggie lebhaft, »unterschätze das nicht, was du so leicht
+aufgeben willst. Es hängt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich
+wette, du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht
+aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und weiß Gott, was noch alles.«
+
+»Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen,« sagte Gertrud bittend.
+»Und heute hilfst du mir ja doch ein bißchen, nicht wahr?«
+
+Maggie umarmte sie stürmisch und stand ihr mit zitternden Händen bei.
+Als sie das prachtvolle Haar löste, das weißschimmernd über die
+Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen.
+
+Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten
+sie sich auf eines der schmalen Mädchenbetten und hielten sich
+umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und
+sagten, nun wäre es wie früher.
+
+Dann fuhr Maggie auf. »Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir
+gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Schönheit hin? Du hast ja
+Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und
+doch erst achtundzwanzig Jahre!«
+
+Gertrud lächelte traurig. »Das ist ja sein Ärger auch beständig, daß ich
+so häßlich werde,« sagte sie. »Mir ist's gleichgültig; das heißt, nein
+--« Sie weinte wieder bitterlich.
+
+»Ach, du bist ja doch noch immer die Schönste von allen,« tröstete
+Maggie. »Und dir fehlt ja nichts als ein bißchen Glück, meine arme, arme
+Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes
+Herz.«
+
+Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann
+verklagt hatte, schwächte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn
+sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck,
+wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte.
+
+Aber in diesen rührend abgebrochenen Sätzen lag ihre ganze Geschichte.
+
+Maggie sah dabei förmlich den Schwager mit seinem spöttischen
+Lebemannsgesicht, hörte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte
+Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den
+seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er heiß und
+angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud
+etwas von Gewalt murmelte.
+
+»Geschlagen? ... Dich?«
+
+»Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen wäre ...«
+
+»Trude, weshalb bist du nicht längst fortgelaufen?«
+
+Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um
+die Schultern und sah mit ihren großen, traurigen Augen so hilflos um
+sich, daß Maggies Herz vor Trauer und Empörung schwoll.
+
+»Komm zu Bett,« sagte sie. »Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und
+nehme deine Hand, mein armes Kind. Weißt du, wie du früher tatst, wenn
+ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ...
+komm.«
+
+Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit mütterlicher Sorgfalt
+zu Bette.
+
+Gertrud ließ sich alles gefallen und sagte, das täte gut. Wenn sie nur
+bleiben dürfte! Bei Maggie wäre ihr wohl, da hätte sie keine Angst.
+
+Maggie dehnte den prachtvollen, üppig schlanken Leib. »Es sollte auch
+mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. Für dich setze ich alles ein,
+was ich übrig behalte, wenn ich für mich gesorgt habe.«
+
+Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. »Warum sagst du so
+was?«
+
+»Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich muß immer
+zuerst an mich denken, und was für mich am bequemsten und besten wäre.
+Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz
+liebhabe. Von Kindheit an. Vielleicht, weil du so anders bist. So
+zerbrechlich und so schön und gut.«
+
+»Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt,« weinte die junge
+Frau.
+
+Maggie löschte die Lampe und setzte sich zu ihr.
+
+»Nun wollen wir mal vernünftig reden, Kind!« sagte sie. »Sei still,
+erzähle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen
+ist.«
+
+Aus dem Schluchzen und den unverständlichen Worten klang ein Name voll
+heraus: »Seckersdorf«.
+
+Maggie fuhr zusammen. »Hast du ihn noch immer lieb?« fragte sie leise.
+
+»Gott bewahre! Nein, nein, nein!« sagte Gertrud heftig. »Aber wir trafen
+neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, daß er hier ist.
+Und wir saßen bei Tisch zusammen.«
+
+»Und da hat er dir den Hof gemacht?«
+
+»Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde
+mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und
+traurig.«
+
+»Und was sagte er?«
+
+»Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich hätte
+mich lächerlich gemacht, und jeder Mensch hätte sehen können, daß ich
+mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht
+auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich möchte
+lieber tot sein, als das tun.«
+
+»Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene?«
+
+»Oh, er war maßlos. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht
+wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine
+Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein.«
+
+»Doch, doch!« sagte Maggie. »Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt
+würde, oder sehr reich wäre und leben könnte, wie man wollte, ich wäre
+die Letzte, die ans Heiraten dächte. Übrigens mit deinem liebenswürdigen
+Manne möcht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind.
+Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen?«
+
+»Nein!« sagte Gertrud. »Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut.
+Weißt du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so
+gräßliche Angst, weil ich weiß, daß 'er' wieder da ist. Und wie die
+Quälereien nun fortgingen, da ...«
+
+Ein langes Schweigen entstand. Maggie ergänzte sich alles, was die
+Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zurück, in
+der Gertrud hier Nacht für Nacht geweint und ihr auf ihre kecken Fragen
+zugegeben hatte, daß sie sich vor ihrem Bräutigam fürchte, daß sie am
+liebsten vor der Hochzeit sterben möchte.
+
+Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das überaus interessant vorgekommen,
+aber schließlich selbstverständlich. Die unglückliche Liebe zu dem
+blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte
+die schöne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Daß dann
+nichts daraus wurde, daß der reiche, verwöhnte, vornehme Laukischker
+Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Tränen nahm, das hatte ihrem
+Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie später dann die
+Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein Stück
+des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die schöne,
+weißhaarige Gertrud und ihr brünetter, kraftvoller Mann allen Wünschen
+jungmädchenhafter Romantik entsprachen.
+
+Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr über die
+wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wußte sie, daß Gertrud tief
+unglücklich, daß ihr Leben ein verfehltes war, daß man eine Sünde
+begangen, als man sie in diese Ehe mit dem rüden Kurowski hineingeredet
+hatte.
+
+Aber wie war dieses Hineinreden möglich gewesen? Sie selbst, das wußte
+sie, würde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem
+damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn über alles
+»Gernhaben« hinaus würde sie immer zu allererst nach einer Stellung
+streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebedürftige Gertrud,
+die niemals rechnete, wie hatte die sich durch äußeren Glanz bestechen
+lassen können?
+
+»Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch
+lieb!« fragte sie nach dem langen Schweigen.
+
+Gertrud legte den Kopf auf ihren Schoß. »Ach liebes Kind, das kam alles
+so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ...
+Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die
+Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten.«
+
+Maggie schüttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie
+kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wußte, sie
+hätte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden.
+
+»Sage mal, Gertrud,« die Frage schoß ihr durch den Kopf, »wußte
+eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf?«
+
+»Natürlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube übrigens, daß alle
+Welt es wußte. Und dann, in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit,
+dachte ich, ich wäre es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede
+Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf
+gesprochen hatte.«
+
+»O weh, o weh!« sagte Maggie. »Das hätt' ich schon nie getan. Was wird
+der sich daraus zurechtgemacht haben?«
+
+»Ach, nein,« sagte Gertrud. »Er weiß ja, daß ich aufrichtig bin.«
+
+»So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir
+einmal alles, was du ihm erzählt hast, ich meine, was du zu erzählen
+hattest. Ich möchte dir gern helfen, aber dann muß ich auch wissen, wie
+das mit Seckersdorf kam, -- wie ihr auseinandergingt.«
+
+Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich
+vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn
+abgespielt hatte, so harmlos, daß sie banal gewesen wäre, ohne Gertrud
+als Heldin.
+
+Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden
+Jugendschönheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte.
+Vollendet in den regelmäßig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der
+fast überirdisch schien, und dazu das üppige, weißblonde Haar, das
+seinesgleichen in der Welt nicht fand.
+
+Der Welt! Maggie mußte lächeln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung
+irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorüber. Gutsbesitzer,
+Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt -- jung, zum Verwechseln gleich. Was
+kümmerte sie das jetzt?
+
+Aber in Gertruds Erzählung wurde der ganze Zauber der Mädchenzeit
+lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und
+leise Händedrücke. Hier und da ein kleines Mißverständnis, sehr ernst
+geweinte Tränen, Versöhnung in einer Kotillontour. Und Glückseligkeit
+und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls.
+
+In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals
+versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben,
+der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Söhne adoptiert und mit
+Reichtum überschüttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit
+ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende
+aller Verhandlungen -- das Ende ihres Glückes.
+
+In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte
+Laukischken gekauft.
+
+»Du weißt ja, wie er von Anfang an war!« sagte Gertrud seufzend.
+»Überall hat er gesagt, er müsse mich bekommen, und Hans mußte still
+dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals
+viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann
+wußten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb für ewig!' So
+über den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir
+auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen saß, und hörte kaum auf
+seine übertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine
+kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurück. Aber es war
+schon zu spät. Kurt hielt um mich an. Das weißt du ja alles, wie ich
+'nein' sagte, und Papa und die Perl außer sich waren und quälten und
+quälten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weißt
+du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und
+bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja
+keine Ahnung, daß er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich
+dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich
+breitete ihm schon meine entgegen. Da schüttelte er den Kopf und sagte:
+'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort
+zurückzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lösen, wenn je eine
+bestand.' Ich war wie versteinert. 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn
+getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die
+Verhältnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken.
+Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und
+ihr alle kamt herein! Weißt du's noch?«
+
+»Alles, Alles!« sagte Maggie. »Man, oder gut deutsch gesagt, Papa,
+erzählte uns, daß Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu
+rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch
+einen Namen. Und es wunderte sich keiner darüber. Ich weiß noch, daß
+Kurowski bei seinem nächsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ...
+und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und daß ein
+halbes Jahr später Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!«
+
+»Nein, nein,« sagte Gertrud. »Das ist ja alles lang überwunden, muß es
+ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und,
+Maggie, wenn ich's mir überlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von
+Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich
+selbst nicht.«
+
+»Ich habe das alles ja von dir herausgelockt,« tröstete Maggie. »Weißt
+du was? Wir wollen jetzt gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu
+schlafen. Und morgen überlegen wir alles.«
+
+Sie küßte die Schwester und ging zu Bett.
+
+Es war nun still im Zimmer. Aber draußen brauste es in den Buchen, wie
+ferne Meeresbrandung.
+
+»Trude!« sagte Maggie plötzlich.
+
+»Ja?«
+
+»Trude, du mußt von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder
+zusammenkommen.«
+
+»Um Gottes willen!« rief Gertrud entsetzt.
+
+»Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du
+darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank,
+etwas Vernünftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glücklich
+werden.«
+
+»Maggie,« sagte Gertrud leise, »du meinst es gewiß sehr gut. Aber ich
+bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten,
+auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!«
+
+»Still!« rief Maggie. »Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du
+bleibst natürlich unsere weiße Lilie und blühst uns wieder auf und ...
+Gute Nacht, liebes Kind!«
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. Über die bunten Laubbäume
+strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweiße Wolken ballten und jagten sich
+hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit
+ins Land hinein wogte das grüne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen
+sich von ihm durch die Luft.
+
+Gertrud sah froh hinunter.
+
+»Der alte, geliebte Blick ins Grüne und der Harzgeruch. Man fühlt
+ordentlich, daß man hier gesund werden muß.«
+
+»Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist,« meinte Maggie. »Nun
+komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.«
+
+Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermütig hilflose Färbung an.
+»Mein Gott! Mein Gott!«
+
+In der Eßstube saß der Oberförster mit sorgenvollem, verärgertem Gesicht
+am Kaffeetisch. Er streckte den Töchtern einen Brief entgegen. »Lest ...
+Lies vor, Maggie.«
+
+Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschätzigem Lachen.
+»Natürlich soll sie zurück. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch
+nicht heraus.«
+
+»Lies doch!«
+
+Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzügen.
+
+Maggie las:
+
+ »Mein verehrter Herr Schwiegervater!
+
+ Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen
+ sind, so will ich unseren Mangel an Übereinstimmung doch nicht meine
+ Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, daß sie mit den Jungens
+ einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, für die paar Monate, in denen
+ sich's bei der verzärtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht
+ in Laukischken hausen läßt. Sie wissen doch, daß wir den Schwamm in
+ den Schlafzimmern entdeckt haben, und daß ich besorgt bin, meine
+ Familie den Winter über da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht
+ nach Berlin will, und ich für meine Person für kurze Zeit dorthin zu
+ reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie -- mit Ihrer
+ Erlaubnis natürlich -- den Winter in den alten, kleinen und stillen
+ Verhältnissen zubringen will. Sobald ich eine Änderung in diesem
+ vorläufigen Plane wünsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter
+ Herr Schwiegervater, vertraue ich für diese -- sagen wir -- drei
+ Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut deutsch: Passen Sie
+ freundlichst auf, daß Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von
+ jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus
+ dafür, küsse meiner liebenswürdigen Schwägerin die Hand, grüße die
+ Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres
+
+ Ihr sehr ergebener
+ Kurt von Kurowski.
+
+ =P. S.= Für die kleinen Bedürfnisse meiner Frau und der Kinder lege
+ ich 3000 M. bei, da ich nicht weiß, ob Gertrud genügend versehen
+ ist. Für etwaige größere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.«
+
+»Soll man sich da ärgern oder lachen?« sagte Maggie, den Brief auf den
+Tisch werfend.
+
+»Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen,« sagte der Oberförster kurz,
+und stand auf. »Du bist vorläufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte
+dich ein, wie's dir paßt.«
+
+Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher.
+
+»Da habt ihr ihn, wie er ist!« rief sie nervös. »Immer Katze und Maus
+spielen, ernsthafte Dinge geringschätzig und leichtfertig behandeln ...
+höhnisch, liebenswürdig, nie zu fassen ... Ich bin sieben Jahre seine
+Frau gewesen und weiß heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa.
+Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurückzuschicken?«
+
+Der Oberförster sah mürrisch nach der Seite. »Vorläufig bist du da, und
+dann werden wir weiter sehen,« sagte er. »Die Lesart, die er wünscht,
+kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden?
+... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich muß nach
+Vokellen. Habe zugleich -- aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hören.
+Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spät wieder.«
+
+Er küßte Gertrud in verlegener Zärtlichkeit und schüttelte Maggie die
+Hand.
+
+»Du, Papa!« sagte Maggie. »Für alle Fälle mußt du noch wissen, daß
+Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzürnt haben. Aus deiner Verabredung
+mit ihm kann nun wohl nichts werden?«
+
+»Was Kuckuck?« fuhr der Alte auf. »Was ist das für Unsinn? Da kenne ich
+doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon
+ist keine Rede. Laß sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus
+braucht er ja nicht zu kommen.«
+
+Gertrud zog die Brauen zusammen.
+
+»Wenn er aber doch kommt?« fragte Maggie.
+
+»Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich euch, der Teufel soll den
+holen, der sich in meine Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein
+Geschäft, das sich lohnt, und nun wollen sie es einem verderben! Damit
+kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionär, und Geschäft ist Geschäft.
+Lächerlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei Meilen von hier und ...
+na, ich will euch lieber gleich sagen, daß ich der Sache wegen
+fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt auch, wegen
+Waldgrenzgeschichten -- da hab' ich nur den halben Weg -- und hernach
+machen wir ein Partiechen.«
+
+»Papa, wenn's dir nur nicht leid tut,« warnte Maggie. »Du weißt doch,
+mit Kurt ist nicht zu spaßen.«
+
+»Mit mir auch nicht,« sagte der Oberförster kurz und ging hinaus.
+
+Eine Viertelstunde später fuhr er im Einspänner davon.
+
+Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach.
+
+»An Papa hast du also keinen Halt!« sagte Maggie mit heller Entrüstung
+im Tone.
+
+»Maggie!« bat Gertrud flehend. »Sag' nichts gegen Papa, das täte mir zu
+weh. Wir wissen ja, wie er in Geldangelegenheiten ist, und ändern
+können wir doch nichts.«
+
+»Hätte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt,« grübelte Maggie
+finster. »Das ist eine niederträchtige Schlauheit, wie überhaupt der
+ganze Brief.«
+
+»Er weiß die Menschen schon zu nehmen. Paß auf, wenn er's will, muß ich
+zurück. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er
+beabsichtigt. Weißt du das?«
+
+Nein, Maggie wußte es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten
+herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der
+Schwester, die den Härten und Widerwärtigkeiten des Lebens so wehrlos
+gegenüberstand, ein verspätetes Glück zu schaffen. Und sie tröstete sie,
+liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war
+zufrieden, als ein verschüchtertes Lächeln das einst von Frohsinn und
+Glücksgewißheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte.
+
+Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden,
+trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die Ältere, das Prinzeßchen,
+schön wie der Tag und von aller Welt auf Händen getragen, hatte die
+weniger hübsche, damals noch scheue Schwester mit fast mütterlicher
+Zärtlichkeit gehütet und gepflegt, und sich immer bemüht, sie in den
+Vordergrund zu schieben.
+
+Ihre Mutter, eine Engländerin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit
+Gesellschafterin in einer dem Oberförster befreundeten Familie, war
+gestorben, als die Mädchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide
+gedachten noch heute mit abgöttischer Verehrung der lachenden jungen
+Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war.
+
+Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, während Maggie, die
+früher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit übersprudelte;
+freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Fröhlichkeit, mit der Gertrud
+sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen,
+die herrische Naturen sich angewöhnen können, weil sie sie als Rüstzeug
+brauchen.
+
+Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhältnis der beiden Schwestern
+zueinander geändert. Gertrud, das ehemalige Glückskind, warmherzig,
+arglos, unbewußt von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Händen
+ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie.
+Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst überlassen, hatte sich mit ihrer
+innerlichen Kälte und Klugheit von ihrer Umgebung längst frei gemacht
+und beherrschte durch Gleichgültigkeit und Berechnung unter der Maske
+der Liebenswürdigkeit alles.
+
+Unbekümmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach
+Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer äußeren
+Erscheinung zu einer Schönheit entfaltet, die eigentlich Kraft und
+blühende Gesundheit auf der Höhe ihrer Entwicklung war.
+
+Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger
+Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemühte sich
+ernsthaft um sie, aber mit großem Takt ging sie jeder entscheidenden
+Frage aus dem Wege und wußte sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten.
+Sie wollte nichts »verpuffen«, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft
+sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr
+nach ihren Bedürfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht
+bald, so mußte sie solche suchen. Es war nun Zeit. -- So hatte sie
+gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war
+das anders. Nun kam sie vorläufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das
+arme, blasse Weib.
+
+»Es ist doch gut für uns andere,« dachte sie, »daß solche Menschen, wie
+Gertrud, existieren. Daran, daß man sie so liebhaben kann, zeigt man
+sich selbst, daß man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich
+sieht man, wie man es nicht machen muß, wenn man selbst vorwärts kommen
+will.«
+
+War es denn eigentlich glaublich, daß Gertrud mit all ihrer Schönheit
+und Anmut und Herzensgüte den so empfänglichen Kurowski nicht hatte
+fesseln können? Das wäre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe für sie,
+Maggie, gewesen.
+
+Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken -- nun gar in so
+unmöglichen Vorstellungen. Dann hätte ihr ja auch der Gedanke an
+Seckersdorf kommen können, -- den sie doch gerade für Gertrud erkämpfen
+wollte.
+
+»Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefällt,« sagte eine
+leise innere Stimme. »Blond, still und zurückhaltend, ist nicht dein
+Geschmack.«
+
+Nun stampfte sie leise mit dem Fuß und ging geradenwegs zu Gertrud, um
+sie herzhaft und zärtlich zu küssen.
+
+»Du glaubst, daß ich dich liebhabe?« fragte sie leidenschaftlich. »Du
+hältst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen
+hast?«
+
+»Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage?
+... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.«
+
+»Ja, die Kinder, die Kinder!« änderte Maggie schnell das Gespräch.
+»Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm,
+Liebling, wenn du noch weißt, was Zimmereinrichten und Küche und
+Speisekammer bedeuten ... Übrigens, wenn nicht, so lernst du es eben
+wieder. Du hast dich viel zu sehr verwöhnt, mein vornehmes Frauchen!«
+
+Gertrud lächelte und ging bereitwillig mit ihr zu Fräulein Perl, die dem
+Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, während in der Tat Maggie längst
+den großen, ländlichen Haushalt führte.
+
+Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung
+der Kinder und die kleinen häuslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun
+wieder teilnehmen sollte.
+
+Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zärtlich und tätig besorgt um
+die Kinder, sie ordnete in den für sie und die Knaben bestimmten beiden
+Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war
+beschäftigt. Sie brachte sich über diese unruhvollen Stunden hinweg, in
+denen ihr Herz bang und ängstlich schlug, in denen der Gedanke: »Was
+wird nun werden?« sie zermarterte, in denen auch die leise
+durchhuschende Ahnung: »Es kommt etwas Gutes -- vielleicht das Glück!«
+ihr zur Pein wurde.
+
+Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald,
+der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner
+übriggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in
+dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der
+verwelkten Blätter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen
+Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern müde, Arm in Arm heim.
+Beide ganz Liebe füreinander, und doch die eine im Gefühle der Gebenden,
+die andere als Empfangende.
+
+»Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein!« dachte Gertrud und:
+»Wie hübsch es ist, für ein liebes Menschenkind Pläne zu machen und sich
+so wundervoll dabei zu benehmen!« dachte Maggie.
+
+Diese Nacht schliefen beide gut. Der nächste Morgen fand Gertrud ein
+wenig widerstandsfähiger, ruhiger und selbstbewußter.
+
+ * * * * *
+
+Bald nach dem Frühstück nahm der Oberförster seine jüngste Tochter unter
+den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlägen mitzugehen. Das
+war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in
+irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen
+war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewöhnlich das, was
+er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er
+zufrieden.
+
+In ihrem ungestümen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge
+einzugreifen, die über ihre gewöhnlichen Tagesarbeiten hinausragten,
+hatte sie stets Freude an solchen Gängen. Sie fühlte sich dann noch am
+meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den
+»alten Herrn« anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff,
+daß die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen
+hatte.
+
+Er seinerseits war viel zu klug, als daß er diesen Mangel an
+Herzensneigung nicht hätte durchschauen sollen, aber er machte sich
+nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar überzeugt, daß sich
+in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber
+nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit
+wenig Herzensbedürfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab,
+hatten sie auf Gertrud geschüttet, die so viel Liebe brauchen konnte und
+alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand.
+
+Um Gertrud würde es sich natürlich heute handeln. Und ganz Feuer und
+Flamme für ihren Plan, machte Maggie sich für den langen Weg mit dem
+Vater bereit. Er durfte selbstverständlich nichts von allem ahnen und
+sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte förmlich, als sie sich
+von der Schwester verabschiedete.
+
+»Du bist eigentlich eine Schönheit geworden, Maggie,« sagte Gertrud und
+küßte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewußt
+leuchteten. »Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du.
+Wenn du dich nur zur Geltung bringen könntest. Aber hier ...«
+
+»Kommt schon noch, sei ohne Sorge,« antwortete Maggie und lief lachend
+hinunter.
+
+Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz
+federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat.
+
+»Bist doch ein strammer Kerl,« sagte er anerkennend. »Wenn dich so einer
+sähe!«
+
+»Vielleicht verliert einer von den Holzschlägern sein Herz an mich --
+oder der neue Revierförster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu
+sein,« spottete Maggie.
+
+»Ist alles vorgekommen, Kind,« bemerkte der Alte. »Und wenn ein Mädel
+sich überhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten
+einläßt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den
+Weg kommt.«
+
+»Weißt du, Papa,« sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend,
+»daß ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte
+zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?«
+
+»Du, darüber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr,« meinte der
+Oberförster. »Die Sache ist verjährt. Hilf lieber der Gertrud auf den
+richtigen Weg und bestärke sie nicht noch in ihrer Aufsässigkeit gegen
+Kurowski. Was soll denn sonst bloß werden?«
+
+Maggie wußte es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten
+Buchenblätter mit der Fußspitze vor sich auf. »Ja, schließlich kann man
+doch die Gertrud nicht mißhandeln lassen!« sagte sie. »Wenn _die_ klagt,
+muß es schon arg sein. Und man weiß ja auch, was für ein Leben der liebe
+Kurt führt. Ich wundere mich nur, daß man das vor der Heirat gar nicht
+geahnt hat.«
+
+»Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere
+Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewöhnen.«
+
+»Ja, nur daß das Experiment mißglückt ist,« sagte Maggie. »Und nun sitzt
+die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.«
+
+Eine gewisse Empörung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des
+für sich selber fürchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach
+einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebüsch abgerissen hatte
+und warf die Stücke erregt fort.
+
+Der Oberförster biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf.
+
+»Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten,« sagte er, »aber
+sonst ein anständiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud
+verwöhnt er sonst wie eine Prinzeß. Und der Skandal bei so 'ner
+Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ...«
+
+Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas.
+
+Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze
+Kaltblütigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie
+etwas für Gertrud tat, durfte keine Gemütsduselei und keine überflüssige
+Erregung mit unterlaufen. Kalt und klug wollte sie alles lenken, zu
+ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs.
+
+»Ja, Papa, schlimm ist es,« sagte sie beistimmend, »das seh' ich schon
+ein ... aber was tun?«
+
+Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander.
+
+Der Bestand wechselte. Statt der buntgefärbten Laubbäume strebten nun
+alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch
+das dunkle Grün, und Goldflecke blühten auf dem bräunlichen Waldboden
+auf.
+
+»Schönes Stück!« sagte der Alte. »Der Endzipfel gehört schon zu
+Tromitten.«
+
+»Was war denn nun mit Seckersdorf gestern?« fragte Maggie.
+
+»Ja,« erwiderte der Oberförster zögernd, »mir fiel schon unterwegs ein,
+daß man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoßen kann. Ich
+habe noch nicht zugesagt ... Überbürdung vorgeschützt, mir Bedenkzeit
+ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, --
+Heiratsgeld, Mädel ... Wenn man nur wüßte ... Sag' mal, was ist denn nun
+eigentlich bei Kurowskis los gewesen?«
+
+Maggie erzählte.
+
+Der Oberförster schüttelte den Kopf und fluchte.
+
+»Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist,« sagte er schließlich,
+»daß seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, muß es mit der
+Gleichgültigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein.
+Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum
+... dann freilich ...«
+
+Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wäre viel zu sehr herunter, als
+daß sie an solche Dinge dächte. Aber zu vornehm und harmlos wäre sie
+auch, und könnte sich nicht vorstellen, daß man sogar ihren Blicken
+allerlei Bedeutung unterlegte. Man müßte also dafür sorgen, daß sie nie
+mit Seckersdorf zusammenträfe, denn wer weiß, ob nicht der Kurowski
+gerade nach Berlin gegangen wäre und Gertrud allein hier gelassen hätte,
+um ihr eine Falle zu stellen? Dann würde er sie auf bequeme Weise los,
+und die Kinder gehörten ihm.
+
+»Alle Wetter!« Der Oberförster blieb stehen und sah seine Jüngste
+verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem
+Kurowski, schon. Natürlich! Daß ihm das selbst auch nicht eingefallen
+war! Gott sei Dank, daß er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. »Und
+weißt du warum, Mädel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den
+Eichenschlägen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm
+... Na, und so weiter.«
+
+Maggie erschrak, daß sie blaß wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich
+zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten
+sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren
+strahlenden Falkenaugen vorwärts.
+
+Um so besser. Das Glück war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich
+alles so noch natürlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit
+begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens
+ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grübeln und dem Zufall
+überlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verständigen
+konnte.
+
+Jetzt, während sie rüstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud
+Bezügliche.
+
+Dem Vater hatte sie nur gesagt, daß es ihr ganz lieb wäre, den
+Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gespräch selbst wieder auf
+Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich
+gegenseitig auch das Herz über das Aussehen und das müde, schlaffe Wesen
+der armen Frau auszuschütten, auf Kurowski zu schelten, seinen
+schillernden, unzuverlässigen Charakter zu zergliedern und schließlich
+immer wieder zu der Frage zurückzukehren: »Die arme Gertrud, -- was wird
+das nur werden?«
+
+Dabei gingen sie rüstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an
+deren Rand ein Dutzend alte Eichen »hingerichtet« wurden, wie Maggie
+sagte.
+
+Die Leute grüßten, der Aufseher trat heran. Und von drüben, der
+entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd geführt hatte, kam Hans
+Seckersdorf herüber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick.
+
+Nun stand ihr doch das Herz still.
+
+Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu
+mustern, während er über die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit
+lautem Gruß auf ihn zuschritt.
+
+Er war sehr groß, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung
+hatte; er trug den verhältnismäßig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in
+den Bewegungen. Das Gesicht, regelmäßig wie eine Marsmaske, mit
+aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht
+von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentümlich still und
+fest blickend, -- alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht
+vorübergehen konnte.
+
+Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwärts. Leuchtend in den
+Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte
+unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem »allerersten
+Tänzer«, ein frohes Willkommen entgegen.
+
+»Papa sagte mir, daß wir Sie hier treffen würden, und ich habe mich
+recht gefreut.«
+
+Er drückte ihr die Hand und sprach von freudiger Überraschung; dabei
+musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen.
+
+Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an
+den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentümlich an, -- bittend und
+forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein?
+Fast schien es so.
+
+Der Oberförster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch
+nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum
+vorgenommen; der Oberförster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und
+hörte mit intensiver Aufmerksamkeit zu.
+
+»Ich lerne,« sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie.
+
+In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den
+Oberförster heran.
+
+»Natürlich!« sagte der Oberförster nach kurzer Prüfung. »Entschuldigen
+Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.«
+
+Er trat hinüber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben
+Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen spähendem Blick. Ja,
+hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's,
+-- also vorwärts!
+
+Aber schön war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinüberströmte,
+dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen
+zitterte. Maggie hätte noch minutenlang so stehen mögen, in dieser
+klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand.
+
+Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mußte anfangen.
+
+»Herr von Seckersdorf!« sagte sie stockend.
+
+Er horchte auf. »Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme --«
+
+»Ähnlichkeit mit der meiner Schwester!« fiel sie rasch ein. »Ja, es ist
+leider die einzige.«
+
+Er machte eine höfliche Bewegung und sah sie unruhig an.
+
+»Wie er erregt ist!« dachte sie. »Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen
+Gertrud lieb, daß ich Sie sprechen kann,« sagte sie hastig, nach dem
+Oberförster hinübersehend.
+
+Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. »Wegen Frau von
+Kurowski?« Sie nickte.
+
+»Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen,« sagte sie schnell, noch
+immer wie ängstlich nach dem Vater blickend, »weil sie Ihretwegen in
+rohester Weise von ihm verdächtigt worden ist.«
+
+»Um Gottes willen -- meinetwegen?« Er machte eine hastige Bewegung, als
+ob er ihren Arm ergreifen wollte.
+
+»Sie müssen das wissen,« sagte sie, leise und schnell, »weil Papa von
+einer geschäftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie hätten uns
+wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist,
+unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme
+Schwester überhaupt nicht wieder.«
+
+»Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natürlich ... sofort ... wenn es
+sein muß ...« Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. »Sie ist rüde
+behandelt worden?« fragte er zögernd.
+
+Maggie nickte wieder. »Sie will nicht wieder nach Laukischken zurück ...
+aber Papa wird sie zwingen ... überreden, wie ...«
+
+»Wie damals,« sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus.
+
+Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine
+schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien.
+
+Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen.
+
+»Leidet sie sehr ... sehr?« fragte er nach einer Pause. »Ist sie sehr
+verändert in diesen acht Jahren?«
+
+»Sie ist völlig niedergebrochen,« sagte Maggie mit Betonung.
+
+»Nicht doch, nicht doch!« murmelte er. »Weiß sie, daß wir, ich meine Sie
+und ich, heute hier --« Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang
+zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte
+Maggie.
+
+»Gott bewahre,« sagte sie. »Man muß ihr doch alles fernhalten, was sie
+beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ...« Sie stockte, wurde rot
+und sah nach der Seite.
+
+»Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe?« fragte er
+dringend. »Kann ich denn sonst nichts, gar nichts für sie tun?«
+
+Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberförster,
+der eben zurückkam.
+
+»Papa darf nichts davon wissen!« sagte sie verlegen.
+
+Er sah sie dankbar an.
+
+»Sie lieben Gertrud« -- er erschrak und verbesserte sich -- »Ihre Frau
+Schwester sehr?«
+
+»Mehr als alles auf der Welt,« sagte sie aufrichtig. »Und für ihr Glück
+brächte ich jedes Opfer.«
+
+In überströmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand.
+
+»Wollen Sie ... dürfen Sie ihr sagen ...«
+
+»Was?«
+
+Da stand der Oberförster vor ihnen und schmunzelte vergnügt.
+
+»Freundschaft geschlossen?« fragte er.
+
+»Alte erneuert,« antwortete Maggie.
+
+»Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Fräulein, das nicht immer
+mitgenommen wurde.«
+
+»Und jetzt tanze ich schon regulär sieben Winter.«
+
+»Werden wir Sonntag über acht Tage in Waldlack zusammen sein?« fragte
+er, unruhig ihre Augen suchend.
+
+»Papa, du hast ja verheimlicht, daß am Sonntag die Waldlacker
+Gesellschaft ist,« wandte sich Maggie an den Vater. »Natürlich also, und
+ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt
+wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas
+zum Tanzen gibt.«
+
+»Und immer viel zu viel,« lachte der Oberförster. »Aber wenn Sie sich
+nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann
+bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen, Kind. Wir haben ja
+noch einen weiten Rückweg.«
+
+Maggie setzte sich auf einen Stein, während die Herren zu den Arbeitern
+gingen.
+
+Das Herz war ihr weit und sie fühlte sich beunruhigt. Also, so was gab
+es wirklich? Da war ein Mann, schön und jung, vornehm, mit glänzenden
+Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast --
+und obwohl Gertrud nicht mehr so schön war, einem anderen gehört hatte,
+Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren
+Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann,
+vielleicht noch interessanter als dieser -- aber nein --, dieser
+Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz
+außergewöhnlich Anziehendes.
+
+So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie
+seine schlank-kräftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den
+Bäumen auftauchen sah, überraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von
+Neid.
+
+Warum traf sie nie so einen, der ihr seine schöne männliche Erscheinung,
+seine vornehme Seele und -- nicht zu vergessen -- seine Reichtümer bot?
+Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so
+fest die Hand drücken konnte? Gott, vielleicht war das alles ein
+bißchen langweilig; vielleicht, wenn man sich überhaupt auf so etwas
+einließ, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und übrigens,
+was grübelte sie über das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich
+einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich
+wirklich freuen.
+
+Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das
+Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, drückte ihr bedeutungsvoll
+die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort.
+
+»Famos, wie er reitet,« sagte Maggie, ihm nachsehend.
+
+»Überhaupt ein Prachtmensch,« stimmte der Oberförster bei. »Glaubst du,
+daß er mir das von damals nachträgt? Keine Spur! Und was meinst du,
+Döchting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gefährlich.« Er blinzelte
+schlau mit den Augen.
+
+»Das kannst du gar nicht wissen,« erwiderte Maggie ernsthaft.
+
+Einsilbig, Luftschlösser bauend und zerstörend, gingen sie heim durch
+den starkduftenden Wald.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe
+eingetroffen und hatte Grüße von dem gnädigen Herrn überbracht, der in
+den nächsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herüberkommen würde.
+Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres
+Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, daß
+alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehörte, die er
+auszuüben beliebte.
+
+Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle häuslichen Angelegenheiten
+so weit geordnet, daß man sie während seiner Abwesenheit mit gar nichts
+behelligen würde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach
+dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben hätte, daß
+sie nach dem Rechten sähe. Sonst hätte er ihr nichts zu sagen, als daß
+er Nachricht über die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse
+telegraphiert haben würde. Alles weitere sollte sich nach seiner
+Rückkehr finden.
+
+Gertrud weinte viel über diesen Brief. Die große Unsicherheit ihrem Mann
+gegenüber, die alles in ihr zerstörte, woraus sie sich noch einen
+Lebensinhalt hätte schaffen können, nahm wieder ganz Besitz von ihr.
+
+Sie wußte nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder
+wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wäre! Sie lief vom
+Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg
+übersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer
+banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und mußten
+wieder hinaus; sie ging zu Fräulein Perl, die in der Küche beschäftigt
+war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Fräulein Perl meinte, eine
+Hilfe könnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie müßte auch
+wirklich eine sein. Darüber sprach man nun hin und her, bis Fräulein
+Perl ungeduldig wurde.
+
+»Weißt du, Kindchen, ich habe zu tun, überleg dir's doch, es hat ja
+keine Eile. Bis zum Abendzug muß die Person ja doch hierbleiben. Laß sie
+nur gleich die Sachen der Jungen einräumen.«
+
+»Ja, natürlich.« Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die
+Veranda, um zu warten und zu grübeln.
+
+Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten
+hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine überlegene Art in immer
+größere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen
+zärtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr Liebe bot. Vor harten,
+ironischen oder zweifelhaften Worten und Berührungen schreckte sie
+zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schützen könnte,
+und verstummte schließlich ganz.
+
+Das war eine Schwäche, eine Verzärtelung, aber sie konnte nicht anders.
+In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestärkt, sie
+seine Taube genannt und ihre zurückhaltende Scheu mit heißen
+Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber
+gegeben, gehorsam und ohne Maß, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn
+sie fühlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen
+Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu
+dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte.
+
+Wie von einem unvergeßlichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen
+unausgefüllten Stunden ihres Tages von ihm geträumt. Aber nun war er
+plötzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie früher gesagt: »Ich
+hab' dich noch lieb!«
+
+Und da verschwanden mit einem Male alle trübsinnigen Grübeleien; der
+Himmel schien ihr so klar und hoch, als müßte sie hinauf, und ein Gefühl
+von Sicherheit kam über sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der
+Zukunft entgegengehen würde. Und das alles nur, weil er wieder da war.
+
+»Aber was willst du von ihm?« fragte dann wieder mahnend das Gewissen.
+»Du tust Unrecht. Das ist Sünde, das ist gefährlich ... Du brichst die
+Ehe in Gedanken.«
+
+Die Kinder liefen vorüber und schrien ihr zärtliche Worte zu. Da nahm
+sie sich zusammen und sagte sich: »Ich will nicht, ich darf nicht an ihn
+denken!« Aber ein aufregendes Erwartungsgefühl zitterte doch in ihr,
+wich dem einer großen Angst und rang sich wieder durch, so daß sie
+zuletzt nicht mehr aus und ein wußte und mit klopfendem Herzen in den
+Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief.
+
+In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rückkehr und erzählte von
+der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm über
+Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Färbung
+an und weckten Glücksschauer in der verschüchterten Seele der armen
+Frau.
+
+Aber sie wehrte sich dagegen. »Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich
+an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!«
+
+Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige
+Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich
+vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich heiß und bebend aus ihrem
+Arme löste, rief sie ihr heftig zu: »Wenn ich du wäre, und solch ein
+Mann hätte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte:
+'Nimm mich ... gleich ... laß uns nicht eine Sekunde von dem
+grenzenlosen Glück verlieren, das wir für einander bereit haben.'«
+
+Gertrud sah sie groß, mit leuchtenden Augen an. Sie wußte, das war
+Mädchengeschwätz, in Wirklichkeit würde das ganz anders kommen; und
+dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezähmbarer, sehnsüchtiger
+Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn.
+
+»Ach, wenn ich heute mit gewesen wäre und hätte ... Nein, nein, Maggie,
+du führst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde
+schlecht ... Muß er sich selbst nicht sagen, daß es schlecht ist? Ich
+bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!«
+
+Sie weinte heftig. Aber Maggie fühlte, daß Gertruds Widerstand schon
+nachgelassen hatte.
+
+Damit war sie für jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mußte ja erst
+allmählich wieder zur Selbständigkeit und Glücksfähigkeit erzogen
+werden.
+
+Bei Tisch, als der Oberförster Maggie mit Seckersdorf neckte --
+absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte --,
+wechselten die Schwestern einen Blick des Einverständnisses, und
+Gertrud lächelte ein wenig.
+
+So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam
+vorwärts.
+
+Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud,
+als von etwas Selbstverständlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie
+sprach, sie glaubte jedoch mit der empfänglicheren Phantasie der
+Schwester rechnen zu müssen, und redete sich dann allmählich in immer
+größere Wärme hinein. Oft wurde sie müde, wenn Gertrud immer dasselbe
+sagte: »Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen
+denken.« Aber sie ließ doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden,
+als eines Tages sich zu den üblichen Worten der Zusatz einstellte: »Bis
+daß ich frei bin.«
+
+Sie kämpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich
+fest, sie beschäftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den
+Kindern. Aber wenn es ihr mühsam gelungen war, die gefährlichen Gedanken
+zu verbannen, stand Maggie da und sagte: »Gertrud, wenn er dich so
+sähe,« oder: »Was möchtest du sagen, wenn er die Türe aufmachte und die
+Arme ausbreitete?« oder ähnliche Torheiten mehr, die dann immer eine
+Überleitung auf das verbotene Thema abgaben.
+
+Allmählich wurde da Gertruds Widerstand immer schwächer. Äußerlich und
+auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen
+und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mädchenlebens, von dem süßen,
+bangen, aufregenden Gefühl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken
+ausklang: »Er liebt dich noch immer!«
+
+Sie blühte von Tag zu Tag dabei auf. Die ängstliche Spannung, durch die
+beständige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem
+Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische
+Heiterkeit, die früher einen guten Teil ihrer Schönheit ausgemacht
+hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete.
+
+Maggie sah es mit Stolz und fühlte sich gehoben und glücklich.
+
+Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr
+geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem
+ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, törichten Herzens. Maggie
+wunderte sich oft und ärgerte sich auch manchmal über sie.
+
+Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug
+und unberührt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus
+dem Leben fortleugnen ließ, dann war es begreiflich, daß Kurowski in
+seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fühlen
+mußte.
+
+Ob übrigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewußten, lebensklugen
+Eindruck machte, Verständnis für diese träumerisch unweltliche Art
+Gertruds besaß? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm
+war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte?
+
+Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie
+zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, daß sie sich sagte: »Eigentlich
+wäre jeder der beiden Männer, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann
+für mich, und nun hält Gertrud alle beide. Dafür hab' ich sie aber auch
+lieb und will sie glücklich machen,« beruhigte sie sich dann.
+»Sonst ...«
+
+Übrigens kühlte sich ihre große Liebe für Gertrud ein wenig ab. Es lag
+schließlich doch in Gertruds Art etwas Beschränktheit. Warum hatte sie
+sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im
+Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann?
+Sie hatte schließlich doch nicht darauf rechnen können, daß Seckersdorf
+ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen würde.
+
+Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich Blödsinn. Aber da sie nun
+einmal die Leitung in dieser Komödie übernommen hatte, sollte auch nach
+ihrem Willen gespielt werden.
+
+Darüber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden
+sollte. Gertrud blieb natürlich zu Hause, hätte aber die Schwester gern
+so glänzend als möglich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte
+nicht anders erscheinen, als ihren Verhältnissen entsprach. Und als sie
+dann in ihrem einfachen blaßblauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar
+frische Rosen von Fräulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der
+Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher hätte sie in dem
+kostbarsten Staat nicht aussehen können, meinte sie, und alt und jung
+müßte sich in sie verlieben.
+
+»Und wenn Seckersdorf das täte?« fragte Maggie lachend, aber mit einer
+kleinen, innerlichen Bitterkeit.
+
+Gertrud lächelte dazu und sagte: »Der ist ja nicht mehr frei, -- aber
+alle anderen.«
+
+Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und
+ähnlichen Gedanken beschäftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack,
+den sie, gut eingehüllt, im Halbwagen mit dem Vater zurücklegte.
+
+ * * * * *
+
+Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der
+Wintervergnügungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn
+das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge
+Logierbesuch beherbergen und darum auch Gäste von weit her bei sich
+sehen.
+
+Die Waldlacker waren außerdem reich, führten den Haushalt in großem Stil
+und sorgten dafür, daß die Saisonneuerungen, die in Berlin für notwendig
+erklärt worden waren, in ihrem Kreise eingeführt wurden.
+
+Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der
+Terrasse hielt. »Ach, für mich gibt's heute ja nur Seckersdorf!« dachte
+sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter.
+
+Nun die mit Läufern belegte und überdachte Terrassentreppe -- ein Luxus,
+den sich sonst niemand gestattete -- hinauf, in den kleinen Gartensaal,
+der, mit Orangen und Palmen geschmückt und farbig erleuchtet, festlich
+anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten
+Begrüßungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in
+Anspruch nahmen.
+
+Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit den Frauen und Mädchen der
+Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten
+auf sie zukam, ihr Zärtlichkeiten sagte, Komplimente über ihr Aussehen
+machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll
+begrüßte und die anderen jungen Mädchen in aller Eile Geschichten zu
+erzählen und vielerlei zu fragen hatten, -- die besonders vertrauten
+auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen.
+
+Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und
+ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich »furchtbar« aufs
+Tanzen, ließ sich von den jungen Herren erzählen, die da waren, tauschte
+Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen würde, von wem
+wohl die Marie Röder das große Bukett haben könnte, mit dem sie so
+geheimnisvoll tat, und gab dann schließlich zum besten, daß sie den
+vermutlichen Löwen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und
+ihn sehr nett gefunden hätte.
+
+Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er
+gut aussähe, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt wäre ...
+
+Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu käme,
+wollte sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen
+kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, daß sie
+entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den
+Gartensaal, wo der Vater sie erwartete.
+
+Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf.
+
+Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem häßlichen
+Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem
+Zuge.
+
+Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von
+Schweitzer begrüßt hatten, der sich dem Vater anschloß, gingen sie
+zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er
+den Anfang machte und stockend fragte: »Gnädiges Fräulein haben den
+Rückweg neulich ohne Anstrengung gemacht?«
+
+Nun lachte Maggie. »Natürlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal
+ehrlich, was Sie eben dachten.«
+
+»Ehrlich?« Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht.
+
+»Gewiß. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung.«
+
+Er nickte und sagte etwas verlegen: »Ich dachte, wie ich eines Abends
+vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, -- und aus der
+Damengarderobe trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute.«
+
+»Ich besinne mich zufällig auf den Abend auch,« antwortete Maggie
+nachdenklich. »Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so.
+Sie trug ein weißes Kleid mit Silber durchwebt.«
+
+»Ja, ja!« bestätigte er. »Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet
+und eine Art künstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr
+Fräulein -- Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein
+herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz
+starr ... So etwas Schönes hatte man überhaupt noch nie erblickt.«
+
+In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals.
+
+Sie waren an der Türe des Empfangszimmers.
+
+»Darf ich mir den Kotillon sichern?« bat Seckersdorf.
+
+Maggie bejahte freundlich, und begrüßte die Wirte, die ihr besonders
+gewogen waren.
+
+Frau von Bork, eine große, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein
+klein wenig aus der Jugend übriggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr
+zu sagen, daß sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte.
+
+Maggie verschwieg, daß sie auch den Kotillon mit ihm tanzen würde. »Wenn
+es sich nicht um Gertrud handelte,« dachte sie, am Arme des Hausherrn in
+den Tanzsaal gehend, »welche Gelegenheit für mich selbst!«
+
+Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand
+wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als
+Maggie dann den älteren Damen, die noch gruppenweise im Saale
+umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen
+ballfiebernden jungen Mädchen unterhielt, immer von wohlwollenden,
+bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, daß sie an diesem
+Abend wieder die Gefeiertste sein würde.
+
+Das freute sie wegen Seckersdorf.
+
+Als die Musik mit der üblichen Polonäse einsetzte, kam es wie ein Rausch
+über sie.
+
+Im Vollgefühl ihrer Jugendschönheit und Macht wuchs sie förmlich, und
+dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern,
+der sie zum Rundgang führte, hätte sie entgegenjubeln mögen.
+
+Es war doch wunderbar schön, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zügel
+fest in der Hand. Vorwärts in alle die Freuden hinein!
+
+Sie sprühte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon
+etwas schwerfälliger Herr gegen Ende der Dreißig, konnte ihr nicht gut
+folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn
+niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an
+schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher
+nicht genug von dem schneidigen Mädel erzählen, und so drängte man sich
+um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im
+Vorübergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den
+Eindruck, als ob sie die einzige Dame wäre, die man für beachtenswert
+hielt. Die zuschauenden Mütter begannen die Köpfe zusammenzustecken, die
+tanzenden Töchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung
+gelassen wurden, weil man beständig zu der Ecke hinübersah, in der
+Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des
+Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an,
+ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend
+bei den Damen zu verlieren.
+
+Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich
+amüsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, daß man
+nicht schön zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu
+fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen?
+
+In einem Anfluge von Schuldbewußtsein atmete sie beklommen auf und sah
+gedankenvoll zu Seckersdorf hinüber. Er hatte nur Extratouren mit ihr
+wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genähert. Aber sie
+fühlte, daß er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm
+allein als gefeierte Ballkönigin zur Schau stellte.
+
+Und endlich kam das Souper. Maggie war müde geworden von dem vielen
+Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er
+führte sie zu einem Platz der hufeisenförmig gedeckten Tafel, an dem sie
+neben dem Gourmet Beckers saß, während sich ihm zur Seite ein neu
+verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenübersitzenden ihnen durch einen
+hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so
+ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er
+verstand.
+
+»Ich bin der Attentäter, Fräulein Hagedorn,« sagte er. »Werden Sie nicht
+bereuen, daß Sie mir das Souper gegeben haben?«
+
+»Was glauben Sie denn?« fragte sie geradezu. »Ich habe doch immerzu
+daran gedacht, daß wir uns jetzt aussprechen würden. Ich sah es ja auch
+Ihnen an, wie Sie darauf warteten.«
+
+Ja, er hätte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er wäre glücklich
+gewesen, wenn er sie hätte sprechen können. Sie hätte ihn durch ihre
+Andeutungen neulich in große Unruhe versetzt. Er wüßte nicht, wie es
+durch ihn zu einem so schweren Mißverständnis hätte kommen können. Der
+Gedanke peinigte ihn furchtbar und er bäte Fräulein Maggie inständig,
+ihm alles zu sagen.
+
+Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und sah ihn von unten herauf
+ernst an.
+
+»Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine
+Schwester Gertrud noch?«
+
+Seckersdorf fuhr zusammen. »Fräulein Maggie!«
+
+»Ja,« fuhr sie fort. »Das ist die Generalfrage. Über die müssen wir uns
+einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne Rückhalt sprechen soll.
+Also ja ... oder nein?«
+
+Seckersdorf sah sie mißbilligend, fast hochmütig an. Er war blaß
+geworden.
+
+»Fräulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines
+anderen --«
+
+»Das heißt also: nein!« sagte Maggie kalt. »Gut, sprechen wir nicht
+weiter über die Angelegenheit. Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind,
+Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorwürfe deshalb. Mein
+Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, daß _sie_
+Ihnen Avancen gemacht hätte.«
+
+»Gott!« Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor
+sich hin.
+
+Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdrückten Zorns,
+daß seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie
+ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr würde
+bändigen können.
+
+»Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erzählen,
+soweit Sie unterrichtet sind,« sagte er leise, und seine Augen hingen
+mit strengem Blick an ihrem Gesichte.
+
+Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erzählte. Ohne
+mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf.
+
+Seckersdorf glühte und biß die Zähne zusammen. »Ich werde Ihren Herrn
+Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski
+zu geben.«
+
+Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen.
+
+»Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen denn wirklich in einen Skandal
+gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren würde,
+wenn Sie mit meiner Schwester zusammenträfen? Er hat schon in einem
+unverschämten Brief an Papa verfängliche Andeutungen gemacht, doch ohne
+Ihren Namen zu nennen. Übrigens können wir aus allem, was er sonst sagt,
+nicht klar darüber werden, ob er überhaupt je auf eine Scheidung
+eingehen wird.«
+
+»Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen?« fragte Seckersdorf tief
+atmend.
+
+»Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so mürbe geworden, und
+wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt --«
+
+»Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er?«
+
+»Es wäre doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich.«
+
+Ein traurig zärtliches Lächeln, rührend in diesem kraftvoll ernsten
+Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen.
+
+»Wie er sie liebt!« dachte Maggie, jetzt mit Bewußtsein neidisch.
+
+»Sehen Sie,« sagte sie weiter, »schließlich ist es Papa ja auch nicht zu
+verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt,
+glänzend sogar -- sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt -- und die
+Kinder ...«
+
+»Ja, die Kinder!«
+
+Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn.
+
+»Sie würde sie ihm lassen müssen!« sagte er.
+
+Maggie zuckte die Achseln.
+
+»Und sie ist fest entschlossen?« fragte er. »Sie ist _sehr_ unglücklich?«
+
+Maggie nickte nur. Sie hätte jetzt gut eine leise Andeutung über
+Gertruds Liebe zu ihm machen können, aber mit einem Male wollte sie
+nicht.
+
+Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum.
+
+Das Abendessen -- einfach mit vier Gängen, Maggie hatte alle gekostet,
+trotz ihrer Erregung -- nahm seinen Fortgang. Trinksprüche wurden
+ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Plätze
+zurück, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter.
+
+Maggie fühlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich
+eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so
+sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von
+dem allgemeinen Vergnügen ausgeschlossen und ... Nein -- sie
+vergegenwärtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem
+weinenden Mund und den zärtlichen Augen --, jetzt war sie doch wieder
+mit Eifer bei der Sache. Was würde dieser große, starke, ungeschickte
+Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an.
+
+Da fühlte sie ihre Hand gefaßt. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck.
+Ein heißer Schauer überlief sie.
+
+»Fräulein Maggie!« sagte Seckersdorf. »Ich will Ihnen jetzt sagen ...
+auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stück
+Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch
+den Großmütigen spielen mußte. Und als sie sich verheiratete, -- ja, was
+soll ich sagen -- leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie
+wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr
+Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich,
+und da bin ich mit einem Male in gute Verhältnisse gekommen. Und um die
+lumpige Kaution hatte ich _sie_ aufgeben müssen. Das war mehr als hart.«
+
+Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein
+bewegtes Gesicht.
+
+»Es gab dann ja viel zu tun!« sagte er weiter. »Landwirtschaft zu lernen
+und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da
+hab' ich im Anfang manchmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Wenn ich so
+dachte ... das liebe, weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr
+darunter ...«
+
+Es quälte ihn heute noch in der Erinnerung.
+
+Maggie fühlte ihr Herz seltsam gepreßt.
+
+»Aber, gnädiges Fräulein,« er sprach immer in demselben schlichten,
+stillen Ton, »die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem
+zuletzt über manches weg. Man wird auch älter. Man denkt schließlich an
+all das mit ein bißchen Rührung und Wehmut und sagt sich ... es wär' so
+schön gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wäre es auch
+geblieben ... wenn ich Gertrud als glückliche Frau wiedergesehen hätte.
+Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen --
+dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrückt -- und da find' ich sie
+so blaß, elend und so vergrämt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja,
+Fräulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzählen, wie's mit ihr
+steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen
+Sie ihr von mir sagen ... daß ich ihr ... daß ich ... mit Leib und Seele
+... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...?«
+
+Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man hatte eben ans Glas
+geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten.
+
+Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung
+gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, für ein Glück, das
+außer jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl
+herkommt und jede sorgfältige Überlegung, alles Kalte, alles Unehrliche
+vielleicht wegspült. »Eigentümlich muß es sein -- eigentümlich --«
+dachte sie. Und plötzlich durchbrauste eine heiße Zärtlichkeit sie ...
+für Gertrud ... für Seckersdorf.
+
+Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren,
+nicht sentimental werden, sich schließlich regelrecht in diesen blonden
+Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie
+sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt würden glücklich, und
+sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant wäre es gewesen,
+diese merkwürdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergründen, --
+ein klein wenig zu erschüttern vielleicht ...
+
+Ob ihr das gelingen würde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele
+wiederholte sie: »Aber das weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr
+darunter.« Das war ordentlich aufregend. Ein Schauer überlief sie. Wie,
+wenn sie's doch versuchte? Und dann großmütig verzichtete und wieder zu
+Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, daß es zu glücken anfing?
+
+Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der
+Gläser.
+
+»Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten,« sagte
+sie, während sie mit ihm anstieß.
+
+»Ich werde es Ihnen nie vergessen,« erwiderte er einfach.
+
+Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
+
+»Wissen Sie was, -- nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den
+langen Kotillon zusammen ... Wie wär's, wenn wir täten ... als ...«
+
+»Als was?« fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab.
+
+»Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses
+Vielliebchen ... =j'y pense=.«
+
+Er nahm die Mandel. »Und wenn ich gewinne,« bat er, »bekomme ich einmal
+ein Briefchen mit Nachrichten, wie?«
+
+»Nein, nein!« sagte sie. »Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich
+schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ...
+Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht?«
+
+Er nickte ein paarmal.
+
+Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. »Das Souper gehörte Gertrud,
+der Kotillon ist für mich,« dachte sie dabei. Aber sie besann sich
+anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah,
+daß man ihr die ausschließliche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte,
+überredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor
+dabei nicht. Die Herren verwünschten die morgige Holzversteigerung, die
+den Vorwand zum frühen Aufbruch gab, und überhäuften sie im voraus mit
+Blumen und Geschenken.
+
+Äußerlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres
+Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob plötzlich etwas nicht ganz
+klar in ihrem Leben sei.
+
+Der Vater strich ihr einmal, als sie längst im Wagen saßen, zärtlich
+über das Gesicht. Da dachte sie, sie müßte weinen. Und aufgeregt, mit
+Tränen kämpfend, saß sie in ihrer Ecke, während Hagedorn einschlief, und
+sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten
+Herbsthimmel zitternd übersäten.
+
+ * * * * *
+
+Zögernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll böser Gedanken, trat
+Maggie in Gertruds Schlafzimmer.
+
+Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bedürfnissen der
+jungen Frau einigermaßen entsprechend hergerichtet worden. Was es an
+Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, füllte das
+weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schmücken
+und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis
+spät in die Nacht zusammen saßen und plauderten.
+
+Heute ärgerte sie sich, ärgerte sich gleich beim Hineinsehen über das
+rote Lämpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht über das
+duftige Zimmer warf. Gertrud fürchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind,
+und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, daß sie bei Maggies
+Hineinkommen nicht aufwachte. Und wußte doch, daß heute über ihre
+Zukunft beraten worden war!
+
+Maggie schüttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie
+Seckersdorf mit diesem unselbständigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie
+die richtige Genossin für einen kraftsprühenden Gatten war, --
+zerbrechlich, halb verblüht, weltfremd und verzärtelt?
+
+Sie biß die Zähne zusammen und trat hastig an das Bett.
+
+Da erwachte Gertrud. Mit großen, noch träumenden Augen sah sie in die
+Höhe und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom
+Schlafen heiß, und die schimmernden Haarsträhnen fielen ihr tief ins
+Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten
+Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie
+ausströmte, so unglaublich reizend, daß Maggie wider Willen sie in die
+Arme nahm und dachte: »Nein, du sollst ihn doch haben.«
+
+In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester
+umschlungen haltend, erzählte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr
+gesprochen hatte, und daß er ihr gut wäre, wie damals, als er ihr weißes
+Köpfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses
+sah. Und wenn sie frei wäre ...
+
+Gertruds Gesicht wurde still und ernst.
+
+»Ich wußte es ja!« sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte
+sie glücklich. Und das war alles.
+
+»Nun?« fragte Maggie.
+
+»Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen.«
+
+»Das mein' ich nicht,« erwiderte Maggie ungeduldig. »Ich wundere mich,
+daß du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles
+überlegst, mußt du dir doch sagen, daß es ein unerhörtes Glück für dich
+ist, wie die Verhältnisse jetzt liegen ...«
+
+»Weißt du, Maggie, ein unerhörtes Glück wäre es gewesen, wenn wir damals
+zusammengekommen wären. Jetzt ... ich weiß nicht, Kind ... Ich bin ja
+gewiß stolz, daß er mich noch lieb hat ... wahrhaftig ...«
+
+»Du hast auch allen Grund dazu,« sagte Maggie heftig. »Bedenke, daß er
+dich aus der Hand eines anderen nimmt, daß du nicht mehr jung bist
+und ...«
+
+»Ach, Maggie, wenn _er_ elend und häßlich und alt wäre, hätt' ich ihn doch
+auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich weiß
+nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das
+alles nicht.«
+
+Maggie brauste auf. »Hör' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa
+mit moralischen Bedenken. Es scheint, daß das ein Vergnügen ist, mit dem
+du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all
+solche Halbheiten, solch bewußten oder unbewußten Selbstbetrug. Mir
+komme nicht damit. Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen
+und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten
+Laukischker Verhältnisse und gibst Seckersdorf frei.«
+
+Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so
+harte und bittere Worte zu ihr gesprochen.
+
+Was bedeutete das? »Maggie, warum machst du mir da so häßliche Vorwürfe?
+Du weißt doch, daß ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh
+mal, wär' ich auf das alles nicht eingegangen, hättest du kein Recht,
+mir solche bösen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr darüber
+sprechen ... Mögen die Dinge ihren Lauf gehen.«
+
+»Jetzt, wo du weißt, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit
+Ruhe abwarten,« stieß Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer
+herum.
+
+»Du, daß Hans mir gut ist, wußte ich in dem Augenblick, als wir uns
+wiedersahen. An später hast _du_ gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie
+wieder ... Komm her, Maggie!« Diese kam zögernd. »Du bist ja ganz wild
+und aufsässig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke
+dir schön, ich danke dir, daß du so für mich sorgen wolltest, danke dir
+tausendmal für alles, was du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was
+ist dir?«
+
+Maggie wußte es selbst nicht.
+
+»Ich glaube Ärger, Enttäuschung, daß du nicht so froh warst, wie ich
+gedacht hatte,« sagte sie finster. »Vielleicht bin ich auch neidisch,
+weil ihr so -- oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf
+Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man
+abschütteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr
+aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unmöglich, daß du ihn je
+vergißt? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich
+gewesen wäre?«
+
+Gertrud sah sie kläglich an. »Frag' nicht so. Ich weiß, ich bin eine
+pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles
+über mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer
+an _ihn_ gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn ...«
+
+Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
+
+»Gute Nacht!« sagte Maggie kurz und lief hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Von nun an begann für Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich
+über die Scheidung nachzudenken und wußte in ihrer Unerfahrenheit nicht,
+wie sie ins Werk zu setzen wäre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen,
+Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Fräulein Perl, mit der
+sie einmal gesprächsweise und wie unbeteiligt das Thema berührte, sagte
+ihr so viel Entsetzliches und Skandalöses darüber und erzählte so
+abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten -- Gottlob nur wenigen
+-- erlebt hatte, daß Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken
+konnte, unter ähnlichen Verhältnissen sich der Öffentlichkeit
+preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glücksgefühl
+in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude äußerte.
+Sie beschäftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem,
+sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfräulein
+überlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswürdigen
+Geschöpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und
+erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die
+sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fühlte, in die auch
+die quälenden Gedanken an die Zukunft keinen Einlaß fanden.
+
+Mit Maggie wollte sich die frühere innige Vertrautheit nicht wieder
+einstellen. Gertrud grübelte viel über das sonderbare Wesen der
+Schwester, machte hier und da einen schüchternen Annäherungsversuch und
+zog sich wieder zurück, wenn Maggie sie kurz oder gar höhnisch abwies.
+Zuletzt dachte sie, Maggie hätte ihr zwar das Opfer gebracht, mit
+Seckersdorf zu sprechen, aber schließlich erkannt, wie unwürdig und
+schlecht das im Grunde doch wäre, und verachtete sie nun. Maggie hatte
+ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwürfe
+genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran,
+Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hören, daß er ihr gut
+sei, daß er warten wolle, bis ... Doch dieses »bis ...« fing nun an, sie
+furchtbar zu quälen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr
+daran denken wollte, holte sie sich ihren Ältesten, einen schönen,
+klugen, siebenjährigen Jungen und ließ sich die Angst von ihm
+fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit
+ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zärtlichkeit. Und so verliefen die
+Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schön.
+
+Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem härtesten Gesicht
+herum.
+
+»Was das Mädel mit einemal für Mucken hat?« wunderte sich der
+Oberförster oft über seine Jüngste.
+
+Er sprach häufig von dem Waldlacker Abend, und daß Maggie an Gertruds
+altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es wäre geradezu
+auffallend gewesen; und er könnte gar nicht begreifen, daß jener danach
+noch keinen Besuch gemacht hätte.
+
+»Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind!« äußerte er
+gelegentlich eines Morgens, Gertrud mißvergnügt ansehend.
+
+»Ich glaube nicht, Papa,« sagte sie verlegen.
+
+»Blödsinn wär's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was würde, könnte
+der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach
+Laukischken zurück.«
+
+Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme,
+gute Maggie! Sie stellte sich selbst bloß, sie gefährdete ihren
+Mädchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging
+ja nicht!
+
+Sie suchte Maggie auf und schmiegte sich an sie. »Liebes, liebes Kind!«
+sagte sie. »Mir ist in meiner selbstsüchtigen Verblendung ja gar nicht
+eingefallen, wie sehr ich dir schade. Um Gottes willen ... Papa
+erwartet ja eine Bewerbung Seckersdorfs und glaubt, daß ich allein im
+Wege bin?«
+
+Maggie machte sich los und sah schweigend zum Fenster hinaus.
+
+Der Wald lag im Schnee ... Weicher grauer Duft schloß die Ferne ab;
+alles rückte nah, schmerzhaft nah.
+
+»Maggie, was ist's?« fragte Gertrud ängstlich.
+
+»Dumm und verdreht ist das alles!« sagte sie. »Ich bin in einer
+Mausefalle. Aus dir ist nicht klug zu werden. Du bandelst mit
+Seckersdorf an, man muß an einen furchtbaren Ernst bei euch beiden
+glauben, -- und dann hast du dich mit den Kindern, als ob du gar nicht
+daran dächtest, sie aufzugeben, und er läßt nichts mehr von sich hören.
+Und ... und ... Papa hat recht ... Mir entgeht vielleicht die beste
+Chance meines Lebens ...«
+
+Da war's heraus. Es hatte ihr fast das Herz abgedrückt. Tagaus, tagein
+hatte sie sich damit abgequält und zuletzt gar nicht mehr versucht, ihre
+Wünsche zu beherrschen. Sie malte sich immer nur aus, wie alles anders
+sein würde, wenn sie, ungehemmt durch diese unbequeme Jugenderinnerung
+der beiden, mit Seckersdorf hätte verkehren können, und so kam sie eines
+Tages schließlich dazu, sich zu sagen: »Versuche was du vermagst!
+Gertrud hat ihr Teil. Sie hat verspielt und muß eben zufrieden sein.
+Und dann bleiben ihr ja die Kinder!«
+
+Sie machte sich auch die Schwierigkeiten klar, die sie zu überwinden
+haben würde, wenn sie wirklich für sich ernst machen wollte. Dabei
+geriet sie in ein Phantasieren über Liebe und Treue, über
+Zusammengehörigkeit zweier Menschen, über die stille Festigkeit und den
+Blick Seckersdorfs, wenn er an Gertrud dachte und an tausend Dinge, die
+damit zusammenhingen und die bisher für sie nicht auf der Welt gewesen
+waren. Das machte sie zornig und krank, das weckte den Wunsch in ihr,
+derbe, harte Worte zu hören oder zu sagen, vor allem aber den, diese
+Gertrud, die ganz ruhig zusehen wollte, wie man ihr ein unerhörtes Glück
+aufbaute, die schon unerträglich siegesgewiß lächelte, diese Gertrud,
+die ihr mit einem Male so fremd geworden war, zu kränken, zu verletzen,
+mitten ins Herz zu treffen.
+
+War ihr das nun gelungen?
+
+Gertrud stand ganz blaß da und sah sie erschreckt und mitleidig an.
+
+»Arme Maggie!« sagte sie. »Das ist ja ein furchtbares Unglück.«
+
+»Was?« fragte Maggie kurz.
+
+»Daß du ... ihn nun auch liebst ... Ach, warum habe ich auch daran
+nicht gedacht! Mein Gott, mein Gott ... was wird das nun?«
+
+Da lachte Maggie kalt.
+
+»Mit solch blödsinnigen Phantastereien, wie Liebe, verschon' mich!«
+sagte sie. »Ich nähme ebenso gerne Kurowski oder jeden anderen, der mir
+das bietet, was ich beanspruche.«
+
+Gertrud nahm ihre Hände und wollte sie an sich ziehen. Sie riß sich los.
+
+»Durch meine überspannte Zärtlichkeit für dich, an der du Schuld bist,
+du ... mit dem 'weißblonden Köpfchen',« lachte sie höhnisch, »bin ich in
+diese ganze schiefe Lage geraten. Sähe ich dich nicht jammern und
+hinschwinden, wahrhaftig, ich würde mich nicht einen Augenblick
+besinnen ...«
+
+»Ach, Maggie,« sagte Gertrud sanft, »Ich kenn' dich ja besser. Ich
+verstehe dich auch ... glaube mir, ich kann ganz mit dir empfinden. Ich
+hab' ihn ja selbst so lieb!«
+
+Maggie machte eine ungeduldige Bewegung und trat an das Fenster.
+
+Gertrud stand wieder hinter ihr.
+
+»Nein, Maggie, wir wollen solch einen Ton zwischen uns doch nicht
+aufkommen lassen. Wir beide müssen zusammenhalten, wie auch alles wird.
+Glaubst du denn, ich werde mich von dir so einfach zurückweisen lassen,
+wenn du so elend bist, daß du schlecht sein willst?«
+
+»Damit fängst du mich nicht,« sagte Maggie kurz.
+
+Nun wurde es Gertrud doch zuviel. »Das will ich auch gar nicht,« sagte
+sie ungeduldig. »Aber ich will tun, was ich kann, um dir diese Torheit
+aus dem Kopf zu reden. Wenn du dich in Hans verliebt hast, so ist das
+sehr schlimm; denn du wirst keine Erwiderung finden.«
+
+Maggie fuhr auf. »Nicht? Nun, das wollen wir doch sehen! Wetten?« Mit
+zuckenden Lippen streckte sie die Hand aus.
+
+»Maggie, bist du denn mit einem Male ganz von Sinnen?« fragte Gertrud,
+starr vor Schreck. »Ich begreife dich einfach nicht. Vor ein paar Tagen
+kommst du ganz aufgeregt über Seckersdorfs Treue zu mir und redest
+eifrig auf mich ein ...«
+
+»Und jetzt hab' ich mir die Sache überlegt,« unterbrach Maggie sie voll
+Trotz, »und will ihn selbst heiraten.«
+
+»Maggie, vergißt du denn, daß er acht Jahre ...?«
+
+»Nein, nein, nein, es ist ja genug davon die Rede,« erwiderte Maggie
+zornig. »Aber trotzdem werde ich ihn mir erobern -- verstehst du?«
+
+Gertrud drückte ratlos ihre Hände zusammen.
+
+»Maggie, wenn er dich lieb hätte, ich schwöre dir, ich würde dir das
+große Glück gönnen. Aber ... ich weiß --«
+
+Maggie riß das Fenster auf und atmete tief die kühle, klare Luft ein,
+die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang.
+
+Gertrud fröstelte und trat zurück.
+
+»Siehst du!« höhnte Maggie. »Nicht einmal einen Luftzug kannst du
+vertragen. Du bist ein verzärteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich
+mit den Verhältnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und
+kämpfen kannst du nicht ... Aber _ich_ kann ... und ich will ... Ich sage
+dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mühe geben, Seckersdorf dir
+abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann,
+ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau
+werde.«
+
+Gertrud sah sie blaß und traurig an. »Tu's!« antwortete sie leise. »In
+dem einen hast du recht, daß ich vielleicht nicht gut genug für ihn bin
+... Und kämpfen um seine Liebe -- nein, das kann ich nicht! Ich kann nur
+warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du
+mir seine Worte ausgerichtet hast ...«
+
+»Warte du lieber nicht, Trude,« sagte Maggie weicher. »Laß uns beide
+ehrlich kämpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm daß du ihm gut bist,
+-- und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.«
+
+»Quäle uns nicht weiter mit solchen Gedanken,« bat Gertrud. »Du weißt ja
+gar nicht, was du sprichst. Sei vernünftig und gut.«
+
+»... und laß mir Seckersdorf!« spottete Maggie. »Nein, ich will nicht.
+Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich für mich tätig sein. Über
+Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich weiß sehr
+wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt
+lacht.«
+
+Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort über die Lippen.
+Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie böse und
+kalt an.
+
+Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und
+überflüssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stände und höhnisch zu ihr
+herüberspräche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans
+Seckersdorf war ja da -- und hatte sie lieb.
+
+»Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft
+wohl aus sein!« sagte sie mutig. »Tue, was du willst. Schön ist's
+nicht, was du vorhast, und -- ich glaube, vergeblich.« Sie ging nach
+der Tür. Da fiel ihr noch etwas ein. »Und ich verbiete dir, Maggie, mit
+Hans über mich zu sprechen!« setzte sie hinzu und ging hinaus.
+
+Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken,
+die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr
+durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen
+durchkostete, drängte sich noch beängstigend, verwirrend die Frage: Muß
+ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur
+anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit
+und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu
+bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen.
+Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefühl und
+Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte.
+
+In all ihr Grübeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres
+Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in
+dem Ton, den er ihr gegenüber brauchte, wenn er gut gelaunt war,
+forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und
+Bedienung. Es wäre dort schön, und er hätte sich's vorgenommen, ihr
+endlich ihre Launen abzugewöhnen.
+
+Da wußte sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie
+sprach mit niemand über den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle.
+Kühl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, daß und warum sie
+eine Trennung wünschte, und sagte ihm, daß sie nach seinem Benehmen
+gegen sie bestimmt annähme, er würde ihr nichts in den Weg legen. Nach
+Nizza käme sie selbstverständlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe,
+wüßte sie auch noch nicht, würde es ihm aber in nächster Zeit mitteilen
+können.
+
+Damit war der Kampf eingeleitet.
+
+In dem Gefühl, sich von den Ihren durch diesen selbständigen und von
+ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben,
+zog sich Gertrud nun täglich mehr von ihnen zurück. Es wurde ihr leicht,
+da der Oberförster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege
+ging. Es war ihr nun ganz klar, daß die Schwester nicht in einer bösen,
+sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern daß sie imstande sein
+würde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln.
+
+Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fühlte, daß
+man sie, die einst so geliebte und verwöhnte Tochter, nicht mehr gern
+dort sah, und begriff, daß sie über kurz oder lang mit ihren Kindern
+einen anderen Platz würde suchen müssen.
+
+Natürlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ängstigte sie
+sich vor den unsicheren Verhältnissen, denen sie, im Besitz so geringer
+Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so
+unmöglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen,
+jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie
+lassen wollte.
+
+ * * * * *
+
+Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschluß. Oft fragte sie
+sich: »Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf?« und zuckte
+ebenso oft die Achseln über diese Frage.
+
+Er gefiel ihr -- natürlich. Er war eine männlich kraftvolle Erscheinung
+und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der großen Welt mit
+sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits
+rechtsgültig adoptiert hatte, besaß außer Romitten mit seinen vier
+Vorwerken noch große Güter in Sachsen, von deren Ertragsfähigkeit man
+Wunder erzählte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche
+Beziehungen in den höchsten Kreisen, die natürlich dem Adoptivsohn auch
+zugute kamen. Welche Aussichten also für sie, die einfach bürgerliche
+Oberförsterstochter aus Ostpreußen! Eine Chance, von der sie sich nie
+hatte träumen lassen.
+
+Daß Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschätzte sie durchaus
+nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so
+viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird,
+wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht,
+muß er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwächlich, bequem
+oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mußte
+gewinnen.
+
+Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie ließ ihn so
+oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mußte, wenn sie Gertrud in
+den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie
+überlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen
+hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung für Gertrud in eine neue
+Leidenschaft für sie selbst hinüberzulocken. Aber zunächst mußte sie ihn
+treffen, und sie machte schon Pläne, das in die Wege zu leiten, als das
+Glück ihr zu Hilfe kam.
+
+Der Oberförster hatte nach längerem Überlegen die offizielle Verwaltung
+der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen für die Aufforstung der
+verwahrlosten Schläge einen ehemaligen tüchtigen Revierförster
+empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine
+Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben
+und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen.
+
+Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet
+worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die
+gedungenen Taglöhner standen, ohne Ahnung, was weiter tun, da.
+Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter
+war klar, ein weicher Wind deutete auf noch länger anhaltende Milde, und
+die Arbeitszeit mußte wahrgenommen werden.
+
+»Wie wär's, Maggie?« fragte der Oberförster, dem noch am Frühstückstisch
+der Romitter Brief überbracht wurde. »Hältst du mit? Ich möchte am
+liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zurück stramm unsere
+zwanzig Kilometer!«
+
+»Natürlich, Papa, wie immer,« sagte Maggie und streifte Gertrud, die
+blaß und aufgeregt ihr gegenüber saß, mit einem triumphierenden Blick.
+
+Der Oberförster lächelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds
+Haar. »Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, -- so was konntest
+du nie.«
+
+»Nein,« antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, »das konnte ich
+nie.«
+
+Mit großen, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die
+achtete nicht darauf. Gertrud hätte aufschreien mögen: »Nehmt mich mit!«
+Eine heiße Angst preßte ihr Herz zusammen.
+
+»Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa,« sagte Maggie,
+»damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde
+selbst ein paar Worte schreiben.«
+
+»Du, Mädel, verhau' dich nicht!« warnte der Vater erstaunt. »Briefe
+schreiben ...«
+
+»Ich tu's ja in deinem Namen, Papa,« widersprach Maggie, setzte sich an
+das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort
+liegenden Briefbogen.
+
+Gertrud sah mit brennenden Augen zu.
+
+Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz flüchtig zu, und der Vater
+reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen,
+und wie hatte es so kommen können?
+
+Angstvoll und gedemütigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg
+einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr herüber,
+und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen.
+
+»Ich will nicht daran denken!« nahm sie sich vor und trocknete sich die
+feuchte Stirn. »Wenn sie wüßte, wie sie mich quält! Und nützen wird es
+ihr doch nichts. Er ist Schöneren und Besseren in der Welt begegnet, die
+langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben.«
+
+Damit tröstete sie sich und ging an ihre täglichen Beschäftigungen.
+
+Der Oberförster und Maggie kamen unterdessen tüchtig vorwärts.
+
+Es war ein Vergnügen, so zu wandern. Der November schien sich in einen
+Frühlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher bläulicher Duft
+umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen,
+rötlichen Schein durch das graue Gewölk, Haubenlerchen trieben sich in
+den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich
+Krähen in dichten Scharen.
+
+Der Oberförster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt.
+
+»Und nun sag' mal, Maggie,« fing er nach einem längeren Schweigen an,
+»was machen wir mit der Gertrud?«
+
+»Ja, Papa,« erwiderte Maggie zögernd, »ich wollte längst mit dir darüber
+reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich
+tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt.«
+
+Hagedorn machte große Augen. »Da soll doch der Teufel ... I da soll
+doch --«
+
+»Ja, und weißt du, Papa, ich bin mit Schuld daran,« fuhr Maggie schnell
+fort. »Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch
+für sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun ...«
+
+Der Oberförster fuhr empört auf. »Zum Teufel, da seid ihr ja beide ...
+Weißt du, daß das dumm und niederträchtig ist, was du getan hast?«
+
+Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre
+Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung für ihr Benehmen gegen Gertrud.
+
+»Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das
+alles anders geworden --«
+
+»Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! Lüge nicht ... Nun seid
+ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen könnte ich dich. Die Gertrud wird
+sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben
+... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ...
+meine Töchter ...«
+
+»Papa, ereifere dich nicht,« sagte Maggie kalt, »damit änderst du doch
+nichts.«
+
+»Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar,« rief der Oberförster
+und lief wütend weiter. »Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit
+dem Seckersdorf so =pani braci= gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud
+geködert.«
+
+»Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft
+eingefallen, daß ich mir selbst doch eigentlich die Nächste bin.«
+
+Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst
+durch Gertruds Zärtlichkeit für ihre Kinder stutzig geworden sei, wie
+sie allmählich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer
+Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei;
+und schließlich wären dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre
+eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich
+in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die
+überging sie möglichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach
+sie überhaupt nicht.
+
+Der Oberförster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung
+Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war,
+ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam
+vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem
+Manne gegenüber, nur nützen, und die Sache würde sich schon einrenken,
+sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den
+Kopf gegangen, daß Gertruds wegen möglicherweise die Partie zwischen
+Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen könnte; daß Gertrud aber an
+Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt.
+
+Er überhäufte Maggie mit Vorwürfen. Er fand es schamlos, daß sie unter
+solchen Verhältnissen sich Hoffnungen machte. Sie hätte abzuwarten, ob
+Seckersdorf kommen würde, wenn Gertrud abgereist wäre. Und daß das auf
+der Stelle geschähe, sollte seine erste Sorge sein.
+
+Maggie ließ den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann
+auseinander, was sie sich überlegt hatte.
+
+Kurowski mußte wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht
+allzu leicht gemacht werden. Er würde ja ohnedies einer Scheidung
+abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil
+Gertrud die bequemste Frau für ihn war.
+
+Der Oberförster brauste wieder auf, daß er sich auf derartige
+Hinterhältigkeiten gar nicht einließe. Frau wäre Frau und bliebe es; er
+dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie
+sähe.
+
+»Tu' das nicht, Papa,« sagte Maggie, »sonst verfährst du die ganze
+Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles
+umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede
+Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, -- nicht
+meinetwegen.«
+
+Der Oberförster sah sie groß an und wußte in seinem Staunen über ihre
+kühle Berechnung nichts zu sagen.
+
+»Sieh, Papa,« fuhr Maggie fort. »Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig.
+Schließlich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf
+glückt ...«
+
+»Sprich nicht so frech!« fuhr der Oberförster auf.
+
+Maggie sah ihn fest an. »Bitte, warum nicht aussprechen, was man
+empfindet? Hätte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, wäre sie
+nicht in ihr Unglück gerannt.«
+
+Der Oberförster wußte nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte.
+Im Grunde hatte sie recht, und die beste Lösung wäre es, wenn ihr Plan
+ihr gelänge und sie sich Seckersdorf gewann; aber daß sie ihn in die
+Intrige verwickelte, ihn gewissermaßen zum Mitschuldigen gegen Gertrud
+machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das
+empörte ihn, und die Bewunderung für das kaltblütige, zielbewußte
+Vorgehen Maggies hinderte nicht, daß er sie für ein herzloses,
+unleidliches Geschöpf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen,
+ihn aber aus dem Spiele lassen.
+
+»Kein Wort will ich weiter hören -- kein Wort!« schalt er. »Und heute
+kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf
+überhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich
+meine Töchter gut versorgt weiß; aber so mit List einen Menschen
+einfangen, der für die eigene Schwester schwärmt, pfui! Und die Gertrud
+-- eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, daß ihr ohne Mutter
+aufgewachsen seid.«
+
+Maggie ließ ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wußte, wenn
+er sich die erste notwendige Empörung vom Herzen gesprochen hätte, würde
+er sich die Sache überlegen und schließlich sehr froh sein, wenn
+zunächst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt wäre.
+
+Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor.
+Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine
+widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und
+dabei dachte: »Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu hören.«
+
+Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit
+Seckersdorf hindern wollte Er bemächtigte sich seiner ausschließlich,
+gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht übernehmen,
+und was das Schlimmste war, Seckersdorf hörte mit vollster
+Aufmerksamkeit zu, fragte, ließ sich belehren und sprach selbst so
+anhaltend zu den Leuten, daß sie schließlich eine ungeduldige Bemerkung
+über seinen Eifer machte.
+
+Er wandte sich um. »Entschuldigen Sie mich,« bat er. »Ich bin Landmann
+mit Leib und Seele und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne.
+Wir haben auf Isenburg ganz ähnliche Forstverhältnisse.«
+
+»Sie gehen wieder zurück?« fragte sie, froh, ein Gespräch anknüpfen zu
+können.
+
+»Wahrscheinlich.«
+
+Der Oberförster rief ihn, ehe er etwas hinzufügen konnte, von neuem an.
+Er hatte an einem der wenigen geschlagenen Stämme ein fremdes
+Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung.
+
+Seckersdorf wußte sie nicht. Der Oberförster sprach Vermutungen darüber
+aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben;
+und darüber ereiferten sich beide Männer so, daß Maggie niedergeschlagen
+hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu
+betrachten begann.
+
+Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen,
+zugleich mit dem Abneigungsgefühl gegen Seckersdorf, der ihr diese
+Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gespräch
+heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden
+Blick zuwarf, kochte eine jähe Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in
+ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt. »Nun gerade!« sagte sie
+sich, und wartete zornig und geduldig zugleich.
+
+Und ihre Stunde kam.
+
+Das Wetter änderte sich plötzlich. Der Wind schien die schweren Wolken,
+die massig und unbeweglich über dem Wald gestanden hatten, mit einemal
+niederzudrücken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder,
+der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in kürzester Zeit ein
+tüchtiger Landregen werden mußte.
+
+Der Oberförster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war
+außer sich. Zwei Tage noch hätte sich das Wetter halten müssen, und nun
+äffte es ihn auf solche Weise. »Wenn ich allein wäre, wollte ich
+übrigens nicht viel davon reden,« sagte er schließlich. »Aber das kommt
+davon, wenn man ein schwacher Vater ist.«
+
+Maggie lachte. »Mir macht doch das bißchen Regen nichts, und mein
+Lodenkleid ist auch daran gewöhnt.«
+
+»Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie
+natürlich nach Hause!« sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh.
+
+Er wechselte mit Maggie einen Blick.
+
+Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede,
+daß er in das Haus des Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten:
+»Aber das ist ja =force majeure=, siehst du das denn nicht ein?«
+
+Der Oberförster verstand beide. »Nein, lieber Freund, das nehm' ich
+nicht an,« sagte er. »Fünf Meilen in einer Tour ist zu viel für Ihre
+Gäule!«
+
+Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung
+seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich
+also und machte ein höflich leeres Gesicht, aus dem doch die mühsam
+bezwungene Enttäuschung hervorguckte.
+
+Der große Junge! dachte Maggie ärgerlich.
+
+»Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar,« fuhr der
+Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestärkt.
+»Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein
+Mädel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und
+schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause.
+Einverstanden?«
+
+»Mit tausend Freuden,« rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. »Wenn
+Sie, und vor allem das gnädige Fräulein, in meinem Junggesellenhaushalt
+vorliebnehmen?«
+
+Auch Maggie empfand diese Lösung als eine glückliche und freute sich
+auf das Abenteuer; denn etwas Ähnliches wäre es doch. Während sie
+einstiegen, sagte sie ihm halblaut: »Papa hatte recht, Sie durften nicht
+mit!« Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, während er
+vom Kutschersitz her die Zügel führte.
+
+Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, über die langweilige, von
+Ebereschen eingefaßte Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen über
+die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein
+lebendes Wesen zeigte sich.
+
+Der Oberförster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock
+gewickelt. Maggie saß gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend.
+Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als
+sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefühl über sie. »Das alles
+ist mir untertänig.« Und besonders amüsierte sie, daß der, dem in
+Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehören sollten, gar nicht ahnte, daß
+sie in Gedanken mit ihm teilte, daß sie mit dem festen Willen in sein
+künftiges Besitztum einfuhr: »Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich
+es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.«
+
+Wie ein Rausch kam es über sie. Ein wilder, energischer Siegerwille
+brauste durch ihre Gedanken und gab ihrer Erscheinung einen starken,
+neuen Reiz.
+
+Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte,
+großen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen,
+aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe
+schob und von der Schwelle der Tür, die man bei dem hastigen und
+lautlosen Vorfahren noch nicht geöffnet hatte, den beiden Herren ein
+übermütiges »Willkommen!« zurief, da fuhr Seckersdorf zurück vor der
+prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mädchens, das ihm mit der
+ganzen ursprünglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte.
+
+Dann verlief alles regelrecht und programmäßig. Diener und Hausmädchen
+versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der großen Treppenhalle, in
+der eine Bank aus altertümlichem Holzrat mit einem riesigen Bärenfell
+davor, alte verrostete Kürasse und Waffen und eine Menge vertrockneter
+Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altväterisch behagliches,
+molliges Zimmerchen geführt, in dem alles darauf hindeutete, daß es zum
+ausschließlichen Gebrauch für Damen bestimmt war.
+
+»Es ist noch von früher her so,« bemerkte das junge adrette
+Dienstmädchen, »und der gnädige Herr hat es wieder in Ordnung schaffen
+lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.«
+
+Maggie nickte. Sie hätte für ihr Leben gern gefragt, welche Damen den
+Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren
+Lebensgewohnheiten doch so sehr, daß sie schwieg und mit dem Mädchen nun
+in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den
+Leuten so sehr an ihr imponierte.
+
+Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Führung des
+Mädchens in das Eßzimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar
+hinein. Es füllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztäfelung und
+ehrwürdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, daß er
+von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr
+bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Eßtisch; es
+stand auf gelblich weißem, feinsten Damast, dessen tiefe Bruchfalten
+zeigten, daß es lange im Wäscheschrank geruht hatte. Die altertümlichen
+Gläser mit dicken Füßen trugen eine Krone und zwei verschnörkelte
+Buchstaben.
+
+Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein
+ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten
+schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs
+verwaltet, dann von ihm übernommen war und zu einem neuen Erbgut für
+seinen jüngsten Sohn eingerichtet werden sollte.
+
+So erzählte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der
+Oberförster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider.
+Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und
+trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr draußen auf
+dem großen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen.
+
+»Wie steht's?« fragte er hastig. »Was habe ich zu erwarten? Schnell ...
+ich bitte Sie ...«
+
+Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds
+Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein
+prickelndes Wohlgefühl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat
+sie nicht.
+
+Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem
+Ausdruck innigen Mitleids vertiefte.
+
+»Ich weiß nicht recht,« sagte sie suchend, »Herr von Seckersdorf, ich
+müßte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, daß Gertrud an Sie
+denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schließlich nicht so viel
+Verständnis für das Verantwortlichkeitsgefühl einer Mutter.«
+
+»Was heißt das, Fräulein Maggie?« fragte Seckersdorf bestürzt. »Haben
+Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ...«
+
+Maggie nickte. »Wörtlich, Herr von Seckersdorf.«
+
+»Und?«
+
+»Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wußte ich ja!' Und dann
+ist sie still geworden und hat diese übertriebene -- ich meine, sie hat
+ihre Kinder von da ab mit ganz ausschließlicher Zärtlichkeit behandelt.
+Und als ich -- ich dachte doch, man müßte ihr ein bißchen helfen -- sie
+ist so ängstlich und im besten Sinne des Wortes förmlich, und ich wollte
+Ihnen auch gern Nachricht geben ...«
+
+»Kurz und gut?« sagte Seckersdorf erregt.
+
+»Ja, sie ist sehr böse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit
+Ihnen über sie zu sprechen.«
+
+»Ihnen verboten?« wiederholte Seckersdorf ratlos. »Ernsthaft verboten?
+Aber Sie selbst sagten mir doch ...«
+
+Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem
+Augenblicke empfand sie für ihn etwas von der Zärtlichkeit, die sie der
+Schwester entzogen hatte.
+
+Ihr wortloses Mitgefühl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhängende Hand
+und hielt sie fest.
+
+»Sie sind gut, Fräulein Maggie!« sagte er leise. »Aber, bitte, sagen Sie
+mir, was heißt das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud
+hat ja mit mir kein Wort darüber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und
+ich sah es ihr ja auch an ...«
+
+»Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud,« bat
+Maggie weich. »Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung
+nach unglücklich --«
+
+»Natürlich!« sagte Seckersdorf mit Überzeugung. »Alle Welt weiß, wie
+schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ...«
+
+Maggie machte eine abwehrende Bewegung.
+
+»Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem
+eine große Zuneigung für Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es
+werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud
+Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es
+klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, daß sie, wie sie sagt,
+eine anständige Frau bleiben will.«
+
+Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht überschattete sich
+mit einem hochmütigen Zuge des Befremdens.
+
+»Hat sie das gesagt?« fragte er kurz. »Hab' ich sie etwa ... Aber das
+kann ja nicht sein. Fräulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten
+Zusammentreffens?«
+
+Sie nickte eifrig. »Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner --«
+das Wort ging doch nicht ganz glatt über ihre Lippen -- »meiner Liebe zu
+Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr
+nichts geändert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und
+jetzt ist sie acht Jahre älter und elend und Mutter und --«
+
+Ein zärtlich mitleidiges Lächeln löste seine Lippen, die er vorhin fest
+aufeinandergepreßt hatte.
+
+»Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen,« fuhr Maggie fort, und warf
+einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervöses Zucken bei ihren
+Worten nicht bemeistern konnte.
+
+Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf.
+
+»Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknüpfen zu wollen, eine
+zerrissene Sache,« sagte er fast schüchtern. »Es ist wahr, Fräulein
+Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals.
+Ich möchte sie wieder schön und froh haben, und ich dachte, wie Sie
+damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei
+sein würde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu bereden oder zu
+verleiten, wenn sie es für Sünde hält. Recht hat sie ja auch, rein und
+gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder überspannt. Was
+nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit
+abgefunden ... Bloß ...«
+
+Er legte die große, weiße Hand übers Gesicht, als wollte er es in diesem
+Augenblicke nicht sehen lassen.
+
+Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr
+sie der Gedanke: »Was tust du da?« Und gleich hinterher: »Was willst du
+selbst mit diesem großen Kinde, das so ganz erfüllt von der anderen
+ist?«
+
+Es fehlte nicht viel und sie hätte eingelenkt. Aber da kam der
+Oberförster hinein, und man setzte sich zum Essen.
+
+Seckersdorf machte liebenswürdig und ohne etwas von seiner Erregung zu
+verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekümmerten
+Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere
+Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen
+möglichen Dingen neckte.
+
+»Ich will dich zerstreuen, dir über diese Stunde hinweghelfen,« sagten
+ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete
+darauf mit einem schwachen Lächeln. Sie wiederum fühlte, daß ihr
+Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter.
+
+Das Essen war mäßig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die
+Herren natürlich, und dank Maggies Munterkeit -- »sie ist immer so«,
+bemerkte der Oberförster -- schien die kleine Tafelrunde bald in
+fröhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer großen
+Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast
+redselig.
+
+»Ich hab's nicht gedacht, daß ich noch so sein kann,« gestand er
+ehrlich. »Aber, gnädiges Fräulein verstehen es, einen vergnügt zu
+machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.«
+
+»Das findet Gertrud auch immer,« sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr
+dann leicht zusammen, heimlich überlegend. »Ob er nun nicht vergleicht?«
+
+Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedächtnis rief, machte er
+zwar ein trübseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch.
+
+»Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter?« fragte er höflich.
+
+»Gott bewahre,« sagte der Oberförster an ihrer Stelle mit mehr Betonung
+als nötig gewesen wäre. »Die war immer nur zum Ansehen und zum
+Hätscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken Sie, tausend Mark
+Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heißen für unsere, das
+heißt meine Verhältnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die
+paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles
+übrige zu bestreiten!«
+
+Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhältnisse, auf Beamtentum und
+Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprächs damit in Verbindung
+brachte.
+
+Maggie sah dabei nicht mit dem üblichen interessierten Blick höflicher
+Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung
+machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grübelte nie viel, aber ihre
+unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte für ihre
+Gedanken zu finden, ließen sie viel weltkluger scheinen, als sie war,
+und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit
+unterlaufen ließ, kam sie bei den Männern trotzdem nie in den Verdacht
+einer verpönten Gelehrsamkeit.
+
+Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an.
+
+»Was bist du für ein Mädel?« übersetzte Maggie sich seine Blicke. »Gut,
+klug und temperamentvoll.«
+
+Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde schon dämmrig, als der
+Oberförster an den Aufbruch dachte.
+
+»Schade,« meinte Maggie. »Ich hätte so gern das interessante alte Haus
+gesehen. Da gibt's sicherlich Schätze über Schätze.«
+
+»Viel altes Gerümpel,« sagte Seckersdorf. »Aber falls Sie sich dafür
+interessieren, würde es mir eine große Ehre sein, wenn mir vielleicht
+ein andermal ...«
+
+Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zögern
+schüttelte sie doch den Kopf.
+
+»Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist,« erwiderte
+sie, den Vater fragend ansehend. »Wir lassen sie nicht gerne viel
+allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen.« Beide Männer
+wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich kühler, als er nach den
+behaglichen Stunden wohl hätte sein müssen.
+
+Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flüchtig einiges
+Geschäftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem,
+und dann ging's fort.
+
+»Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski,« sagte Seckersdorf
+zum Schluß sehr steif.
+
+ * * * * *
+
+Gertrud hatte den Vormittag verträumt. Es waren kaum bewußte Grübeleien,
+denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen,
+unklaren Bildern an ihr vorüber.
+
+Tränen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald
+sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprühenden
+Regens herumspielten.
+
+Ihr war eigentümlich zumute. Sie wußte ganz genau, daß sie Seckersdorf
+liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, daß sie Maggie fürchtete, ja
+beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewußten Gedanken
+regte sich mit vorahnendem Kältegefühl einer, der an Pflicht und
+Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmüssen mahnte,
+und alte Bibelsprüche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt,
+bekräftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die
+Selbstvorwürfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene
+Stimme hinein: »Gertrud, komme zu mir!«, und dann schloß sie die Augen
+und träumte sich trotz allem mit süßem Schauer an seine Brust und klagte
+ihm alles und sagte: »Denk' du für mich und sorge, daß ich das Rechte
+tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!«
+
+Aus diesem Empfinden rüttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller
+Gram, daß sie, auch wenn das heiß Ersehnte sich ihr erfüllen sollte,
+nicht mehr imstande sein würde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie
+Herbstschauer überflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine
+unvernünftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den
+Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschützt vor dem grauen
+Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt
+tat.
+
+Was sie wohl sprächen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrängen? Eine
+trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlüsse
+sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was
+sie ihm sagen würde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue
+Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde
+Mittag und niemand kam heim. Sie aß schließlich mit Fräulein Perl und
+den Kindern und fing wieder ein schüchternes Gespräch über unglückliche
+Ehen an, über Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so
+allerlei, was ihr durch den Kopf ging.
+
+Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus
+Nizza. Zitternd schloß sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt
+Kurowski seinen Worten auf dem Fuße folgte, und lange konnte sie sich
+vor Angst nicht entschließen, den Umschlag zu öffnen. Es waren kaum zwei
+Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las.
+
+ »Mein liebes Kind!
+
+ Es wird Zeit, daß ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu
+ reden. Vorläufig so viel: Ich will durchaus nicht zurücknehmen, was
+ ich Dir oft gesagt habe, nämlich daß Du mir als Frau und Gefährtin
+ nicht genügst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte
+ Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken.
+ Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's
+ nicht erleben, daß ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte
+ kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in
+ meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir
+ kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal
+ so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde
+ mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen,
+ wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im übrigen keine
+ Feindschaft und keine Gefühlsduselei.
+ Kurt.«
+
+Gertrud warf sich schluchzend über ihr Bett. Sie fühlte sich wieder ganz
+unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen,
+die sie schüchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte,
+verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine
+grauen Flügel um sie.
+
+»Was tue ich nur, was tue ich nur?« fragte sie sich immerzu. »Wer hilft
+mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!«
+
+In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken
+fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, daß Hans
+Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen würde, ohne daß sie ihn rief.
+Und da rang sie sich zuletzt den Entschluß ab, ihm ein Wort zu
+schreiben.
+
+Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wußte sich keinen
+anderen Rat, und sie fürchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor
+dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.
+
+»Er hat mich ja lieb, und er kommt gewiß gleich,« dachte sie. Und sie
+schrieb unter strömenden Tränen in ihrer hübschen, korrekten
+Schulmädchenhandschrift:
+
+ »Lieber Freund, ich bin in großer Herzensangst. Und da Maggie mir
+ gesagt hat, daß Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben,
+ bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich
+ bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden
+ kann. Mit vielen Grüßen Ihre Gertrud Kurowski.«
+
+Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf.
+Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wäre alles gut,
+er würde kommen und ihr sagen, was sie tun müßte.
+
+Sie ruhte aus in dem Gedanken, -- aber ihre Kinder anzusehen wagte sie
+nicht mehr.
+
+Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flüchtig herumstichelte, setzte
+sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg übersehen
+konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurück waren, sollte ihr Bote,
+der älteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war
+eingefallen, daß der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den
+Wald treffen und anhalten möchten. Sie sagte dem Stubenmädchen also
+Bescheid, ließ sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen
+einzuschärfen. »Es handelt sich um eine Geschäftssache,« erklärte sie
+verlegen dem Mädchen und dem Burschen, und fand das sehr überlegt von
+sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: »Solche kleinen
+Winkelzüge werde ich nun wohl öfters machen müssen ...«
+
+Endlich kamen die Erwarteten zurück. Maggie sprach sehr viel, erzählte
+ausführlich alles Äußere ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf,
+beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich
+hauptsächlich an Fräulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie
+war, ließ doch äußerlich ruhig alles über sich ergehen. Denn der Vater
+beobachtete sie, während Maggie erzählte. An dieser selbst glaubte sie
+hier und da ein spöttisches Lächeln wahrzunehmen.
+
+Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem
+einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs,
+und morgen vielleicht wußte sie, wohin und was tun.
+
+Während des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmädchen ein und
+wartete, bis man sie bemerken würde.
+
+Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie
+aber wahr, daß Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen.
+
+»Was gibt's?« fragte der Oberförster und sah sich um.
+
+Das Mädchen kam näher.
+
+»Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den
+Brief mitnehmen kann, -- oder soll doch der Fritz gehen?« sagte sie halb
+zu Gertrud gewandt.
+
+Die wurde totenblaß. Sie winkte dem Mädchen, hinauszugehen. Der
+Oberförster stand auf.
+
+»Welchen Brief?« fragte er unwirsch.
+
+»Von der gnädigen Frau,« sagte das Mädchen schüchtern.
+
+Der Oberförster kniff die Augen zusammen.
+
+»Überhaupt nicht mehr nötig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den
+Brief her!«
+
+Eine große Stille entstand.
+
+Gertrud sagte sich immerzu: »Ich muß protestieren, ich muß meinen Brief
+abschicken.« Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor.
+
+Der Oberförster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurückkommen
+des Mädchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und
+Fräulein Perl begriff überhaupt nichts. »Hast du denn nach Romitten
+geschrieben, Herzchen?« fragte sie ahnungslos.
+
+Gertrud schwieg.
+
+Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberförster nahm ihn ihr ab
+und winkte ihr hinaus.
+
+Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerriß er den
+Brief, ohne ihn zu öffnen, und warf ihn in den Papierkorb.
+
+»Pfui!« sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. »So etwas tut meine
+Tochter! Was wolltest du von ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst
+du von ihm ... Schämst du dich nicht?«
+
+Ja, Gertrud schämte sich, als hätte sie ein unsühnbares Verbrechen
+begangen. Sie wußte vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fühlte
+sich ganz zerbrochen und dachte nur. »Fort, fort! Oder lieber noch
+sterben!«
+
+Sagen konnte sie nichts.
+
+Der Oberförster wurde dunkelrot.
+
+»Wirst du reden?« schrie er.
+
+Da trat Maggie zur Schwester.
+
+»Quäle sie doch nicht unnütz, Papa,« sagte sie. »Schließlich kann sie
+doch tun und lassen, was sie will.«
+
+»Nicht in meinem Hause,« rief der Oberförster erregt, »nicht in meinem
+Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte
+Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine läuft
+hinter dem Menschen her, daß es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm
+Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefällig zu und halt's Maul zu
+dem ganzen Treiben, nicht wahr?«
+
+»Es ist kein Liebesbrief, Papa,« sagte Gertrud heiser. »Du erlaubst
+wohl, daß ich mich entferne. Ich werde ... überhaupt bald fortgehn ...«
+
+Sie taumelte hinaus.
+
+Der Oberförster lief erregt im Zimmer umher. »Wenn bloß der Kurowski
+wieder da wäre.«
+
+Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem
+Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten.
+
+Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. Über Gertrud, über sich, über
+das ganze Leben.
+
+Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermißte sie Gertrud. Sie
+hätte zu ihr hineinstürzen mögen und sich ausschreien. Vielleicht auch
+lachen über die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: »Trude,
+sei gut ... du sollst ihn wieder haben.«
+
+Und doch, nein -- das würde sie nicht. Was fiel ihr denn überhaupt ein?
+Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden?
+
+Gute und böse Gedanken überstürzten sich in ihr und versetzten sie in
+einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze
+Berechnung, auf die sie ihr künftiges Leben gründen wollte, eine falsche
+sei, als ob sie verlieren würde, auch wenn sie's erreichte, Frau von
+Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann
+verspottete sie sich selbst und verhärtete sich in ihren Grübeleien über
+Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr
+Schicksal selbst zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze
+Situation überlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter
+Segen für sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie würde es vielleicht
+auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie führte ihre
+Sache und kämpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position
+war die günstigere. Es hieß also sich zusammennehmen, anstatt zu
+träumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren
+natürlichen Bundesgenossen, ihren Schwager.
+
+Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch
+überzeugt, daß er sich schon aus äußerlichen Gründen zu einer Scheidung
+nicht entschließen würde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und
+redete sich die Ansicht ein, daß es zweckmäßiger und vernünftiger wäre,
+wenn die Ehe nicht getrennt würde. Sie hatte sich nur durch Gertruds
+klägliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten
+lassen ... Man hätte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen
+ihren Tyrannen aufzutreten, nötigenfalls ihr dabei helfen müssen,
+anstatt --
+
+Mitten in diesem Gedankengang sprang sie ärgerlich aus dem Winkel auf,
+in dem sie sich zusammengekauert hatte.
+
+Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komödie vor? Etwas tun
+mußte sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause
+kommen. Gertrud wäre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wäre der
+Skandal fertig.
+
+Heiß von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie
+abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges
+altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert
+auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mußte also
+noch aufgeschoben werden.
+
+Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gäste zu begrüßen.
+
+Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch
+saßen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken,
+tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemütlich und neckten
+Maggie wie sonst.
+
+Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgfältig hinaufgekämmten,
+schwarzen Haarsträhnen, ein freundlich ironisches Lächeln um den breiten
+Mund, war ehemals der Schwerenöter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb
+und sanft, hatte viel leiden und sich viel grämen müssen. Heute nannten
+sie sich »Papa« und »Mama«, sahen beide friedlich und fertig aus, und
+hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten für einander, um sich das
+Leben leicht zu machen.
+
+Das war wohl der übliche Ausklang aller traurigen und frohen
+Ehemelodieen.
+
+Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski
+und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei,
+und sie fühlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen,
+auszuschöpfen, zu genießen, solange sie noch jung und ihre Nerven noch
+dafür empfänglich waren.
+
+Die Freunde fanden den Oberförster verstimmt und Maggie still. Man fing
+an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte
+Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die
+Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine.
+
+»Herrgott!« rief der Oberförster dazwischen. »Wo bleibt denn eigentlich
+die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh
+mal nach, Maggie.«
+
+Maggie ging zögernd hinaus. Lina behauptete, die gnädige Frau zu
+derselben Zeit wie das Fräulein benachrichtigt zu haben.
+
+Maggie ging also hinauf.
+
+Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die Tür leise
+auf.
+
+Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds
+Schreibsachen lagen. Sie selbst saß am Fenster.
+
+Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in
+eine weiße Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus.
+
+Der Mond schien gelb durch die graugrünen Wolken, die in Streifen und
+Fetzen über den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl
+und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um.
+
+Maggies Herz zog sich zusammen.
+
+»Was willst du tun? Wo willst du hin?« fragte sie zitternd.
+
+»Fort,« sagte Gertrud, ohne sie anzusehen.
+
+»Wohin?«
+
+Gertrud zuckte die Achseln. »Du, ich wollte weg,« sagte sie, »aber mich
+friert so.«
+
+»Es ist, als ob sie den Verstand verloren hätte,« dachte Maggie
+entsetzt.
+
+»Komm doch vom Fenster fort,« sagte sie beherrscht. »Es zieht so.«
+
+Gertrud stand auf. »Ja,« sagte sie, »das ist wahr.«
+
+Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den Mantel aus und nahm ihr
+den Hut ab. Sie ließ es sich gefallen.
+
+Maggie hätte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und
+fürchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke.
+
+»Was willst du?« fragte Gertrud lebhafter, in Angst.
+
+»Aber, Kind, heut' ist es schon zu spät, heut' kannst du nicht mehr
+fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der
+Jungfer ...«
+
+Gertrud hielt sie fest.
+
+»Ich habe einen Wagen gehört,« sagte sie bang. »Ist mein Mann etwa da?«
+
+»Nein, nein, -- wie sollte er?« sagte Maggie bebend. »Wie kommst du
+darauf?«
+
+»Mir fiel ein, er könnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein --«,
+sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag.
+
+Maggie nahm ihn an sich.
+
+»Die Auklapper waren es,« sagte sie. »Sie wollen dich gern sehen. Aber
+du wirst nicht können, nicht? Du mußt zu Bett, ja?«
+
+Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie
+klingelte.
+
+»Die gnädige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr,« bedeutete sie die
+eintretende Jungfer.
+
+»Das geht wieder vorbei,« flüsterte die ihr zu. »Das war ebenso, als die
+gnädige Frau mit den Junkern fortging.«
+
+Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre
+Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei
+dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen
+war.
+
+Ehe sie die Gäste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, überflog
+sie den Brief Kurowskis.
+
+Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an
+Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend!
+
+Aber schließlich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte
+gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein.
+Sie hat es ja gewußt, daß Kurowski sich auf nichts einlassen würde.
+Gertrud hatte eben verspielt.
+
+Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur flüchtig mit dem Vater.
+
+»Man wird doch an Kurt drahten müssen,« meinte der. »Weiß Gott, ob sie
+uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorwürfe
+machen. Besorge du das.«
+
+Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann schüttelte sie den Kopf.
+
+»Nein, setze du das Telegramm auf,« sagte sie zögernd. »Ich schreibe
+unterdessen nach Friedland an den Doktor.«
+
+Der Oberförster überlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann
+faßte er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen
+plötzlicher Erkrankung Gertruds heimrief.
+
+Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nächsten Morgen auf und
+setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine große, stumpfe
+Ruhe. Lähmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bißchen
+Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, überspann sich mit
+einer ihr bisher unbekannten Gefühllosigkeit, und um sie herum wogte es
+in gleichmäßigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie
+einwiegen.
+
+»Ich habe zuviel aushalten müssen,« dachte sie ab und zu, »und dies ist
+wohl der Rückschlag.«
+
+Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt
+sie unbewußt immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung
+vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder
+seufzend in ihren Lehnstuhl zurückzukauern und weiterzudämmern.
+
+So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine
+Fragen ganz vernünftig, erklärte sehr müde zu sein und niemand sehen zu
+wollen.
+
+Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von
+starker Blutarmut und schwerer Nervenüberreizung und erkundigte sich
+nach etwaigen Gemütsbewegungen.
+
+Der Oberförster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede
+Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und
+verschonte auch Maggie mit Vorwürfen nicht. Der Arzt schüttelte den
+Kopf, gab Schlafmittel, empfahl äußerste Ruhe und versprach
+wiederzukommen.
+
+Maggie ging blaß und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf
+benachrichtigte und zu Gertrud führte, würde diese sicherlich gesund
+sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was würde nun geschehen?
+
+Gertrud würde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld.
+War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den
+Herrschern, die über Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden
+haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich
+ebenso gebrochen fühlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel
+an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo
+einen Halt; auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit
+doch noch morgens und abends betete.
+
+In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre
+ganze Heiratsidee verwünschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und
+schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den »Freund« bat,
+Gertruds wegen herüberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand
+und rechnete aus, wann Kurt eintreffen könne. Darüber versäumte sie, den
+Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als könnte sie nun Gertrud
+leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein.
+
+Gertrud saß wie vorhin da, mit großen, stillen Augen auf den Fahrweg
+blickend.
+
+Sie war überirdisch schön, ganz ohne verhärmten oder verängstigten
+Ausdruck in dem reinen Gesicht.
+
+»Wie eine Tote,« dachte Maggie und trat zitternd näher.
+
+»Trude!«
+
+»Was willst du?«
+
+Maggie kauerte sich auf die weißen Felle an Gertruds Stuhl.
+
+»Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen?«
+
+Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und
+selbst zu leuchten schien.
+
+»Warum?« fragte sie. »Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft
+mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen.«
+
+Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht
+herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von
+Sentimentalität mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich
+selbst, wie hätte man wohl Kurowski gegenübertreten sollen?
+
+Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem
+gutmütigen Seckersdorf.
+
+Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach
+wahrhaftig der »Herr und Meister«, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich
+war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der
+großen schönen Welt umherzieht und in allem Genießen durch die
+Erinnerung an ein »weißblondes Köpfchen« gestört wird!
+
+Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfüllten sie ganz.
+Dazu war auch das ganze Hauswesen verstört. Die Kinder spielten in dem
+entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken
+versteckt, und mit Fräulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um
+Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestört
+ließ; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkündete sie im
+ganzen Hause, es würde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen.
+Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel
+geschehen seitdem?
+
+Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft für den
+übernächsten Mittag anmeldete und sich Nachricht über Gertruds Befinden
+auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße ausbat.
+
+»Wenn Gertrud das hört, rafft sie sich auf und läuft fort, elend wie sie
+ist,« meinte Maggie. »Das Beste wäre schon, wir überlassen alles
+Kurowski.«
+
+Der Oberförster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man
+selbst Fräulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und
+Tochter. Aber ihnen beiden war böse zumute, und merkwürdigerweise
+glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie
+den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange
+Rede herunter: »Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter
+der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Fülle
+von Lebensglück und Glut über dich rauhen Mann ausströmte, -- statt ihr
+Kind nun in der großen Not ans Herz zu nehmen und es zu schützen,
+treibst du es zu dem Wüstling zurück, der seine Umarmungen zwischen ihr
+und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst
+zittert ...«
+
+Und auch Maggie wand sich förmlich unter den Anklagen, die sie selbst
+aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst
+machte, bis sie schließlich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenüber
+aufstand und sagte: »Weißt du, Papa, wir beide sollten uns nun schon
+lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewiß das Beste,
+aber die Verhältnisse sind eben stärker als wir.«
+
+Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im
+Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tür
+öffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst hätte die beiden nicht so
+erschrecken können, als die schöne, ernste Frau, die in ihrem langen
+weißen Schlafrock plötzlich vor ihnen stand.
+
+»Um Gottes willen, Gertrud!« stotterte der Vater. »Wird dir das nicht
+schaden? Weshalb rufst du uns nicht?«
+
+»Mir ist ganz wohl, Papa,« sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang
+rauh. »Ich sah den Depeschenboten vorhin über den Weg kommen. Hat Kurt
+telegraphiert?«
+
+»Bewahre,« log der Oberförster. »Ich soll morgen nach Brasnicken zum
+Essen. Ganz plötzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie,
+sorge für das Kind.«
+
+Maggie kam näher. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich
+herausreden würde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte.
+
+Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den
+Vater dankbar an und nickte beruhigt.
+
+»Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja?« sagte sie.
+
+In diesem Augenblick fühlte Maggie ein Überfluten alles Guten in sich.
+Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte
+aus ihr hervorsprudeln: »Glaub' uns doch nicht, wir betrügen dich ja.
+Aber ich will nun nicht mehr -- komm -- komm ...«
+
+Ein guter Blick von Gertrud, und sie hätte das alles gesagt und die
+Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und
+nahm die gebotene Hand nicht.
+
+Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut
+und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte,
+und sie sah Gertrud so böse an, daß diese zusammenschauerte.
+
+»Ich geh' schon,« murmelte sie und eilte nach der Tür.
+
+Der Vater wollte sie zurückhalten, aber sie achtete nicht darauf.
+
+Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose
+Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, daß sie
+sich sagte: »Ich muß fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach
+dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, weiß, daß keiner mir helfen
+wird, muß ich allein sorgen.«
+
+Geld hatte sie vorläufig ja genug, an das »Später« brauchte sie noch
+nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und
+aus dem Wege wünschte.
+
+Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an.
+
+»Aber gnädige Frau können doch so elend nicht nach Hause,« warf die
+bescheiden ein. »Und die Mamsell muß doch da auch erst alles besorgen.«
+
+»Laß, laß,« sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die Hände vor die
+Ohren. »Pack nur für alle Fälle!«
+
+»Aber gnädige Frau sehen so furchtbar müde aus ... Und die Unruhe hier
+mit dem Packen,« meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen
+besorgt ihre geliebte Herrin an.
+
+»Ja, das ist wahr,« antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. »Unruhe
+möcht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was
+draußen ist. Ich bin wirklich sehr müde. Hilf mir!«
+
+Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen
+nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ...
+Oder sollte er von Laukischken aus ...?
+
+Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie
+bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und
+vergaß für viele Stunden ihre ganze bittere Not.
+
+ * * * * *
+
+Das Wetter hatte sich plötzlich geändert. Die Wolken waren verflogen,
+der Himmel weit und blaß, die Sonne matt und kühl. Ein scharfer Wind
+schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen.
+Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und
+an der Windseite der Fichtenstämme am Waldrand glitzerte es und rann
+widerwillig sich lösend in schimmernden Tropfen herab.
+
+In solchem Wetter, dem unerwünschtesten für Landtouren, kam Herr von
+Kurowski nach zweistündiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der
+Oberförsterei an.
+
+Er war ein großer, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen
+Bewegungen ein Ausdruck höchster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit,
+jedes Zurückwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das
+Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen
+Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein
+Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig.
+
+Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren
+war, die Treppe hinauf dem Oberförster entgegen, mit dem er jahrelang
+kein Wort gewechselt hatte.
+
+»Nun, wie steht's?« fragte er in seinem harten, kurländischen Dialekt.
+
+»Besser, besser, -- aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir
+durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen.«
+
+Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite.
+
+»Die Jungen? Ah ...!«
+
+Maggie trat ihm entgegen.
+
+Er begrüßte sie, küßte feurig ihre Hand, und, als sie groß und wie in
+Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund.
+
+Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und
+lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn
+zustürmten.
+
+Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbzärtliche Worte und schob sie
+zur Seite.
+
+»Wo ist sie denn?« fragte er. »Wollen Sie mich zu ihr führen, Maggie?«
+
+Maggie schoß das Blut siedendheiß durch den Körper. »Seien Sie sehr gut
+mit ihr,« bat sie stockend -- »sie ...«
+
+Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert,
+halb ironisch an. Maggies Trotz bäumte sich auf unter diesem Blick.
+
+»Gehen Sie nur allein zu ihr,« sagte sie kurz, »und übernehmen Sie die
+Verantwortung.«
+
+Kurowski blieb im Hausflur stehen.
+
+»Was machen Sie denn für Umstände, Schwägerin? Selbstverständlich will
+ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie können
+ja nachkommen.«
+
+Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam.
+
+Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, öffnete die Tür.
+Entsetzt, mit ausgestreckten Händen blieb sie stehen und fand keine
+Worte.
+
+»Na, sieh' mal,« -- Kurowski faßte sie an den Schultern und zog sie ins
+Zimmer -- »laß dich mal anschauen ... Schön wie der Tag steht sie mir
+da, und der Alte depeschiert, als ob's Matthäi am Letzten wäre.«
+
+Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer.
+
+»_Sie_ haben dich gerufen?« fragte sie ungläubig.
+
+»Aber natürlich. Ich wäre sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun
+sag' mal, Kind, was ...?«
+
+»Nichts, nichts ... nichts,« sagte Gertrud hastig, und ihr weißes
+Gesicht fing an zu glühen. »Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du
+willst, Kurt. Gleich -- gleich ... Ich will bei dir auch nicht bleiben,
+aber zunächst komme ich mit. Laß mich nicht eine Stunde länger hier.«
+
+Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der Tür stand.
+
+»So, so,« sagte Kurowski. »Ihr habt euch gezankt ... Und recht kräftig,
+scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell!«
+
+Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zurück.
+
+»Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater
+auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich
+mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind.«
+
+Kurowski faßte seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zurück und sah
+ihr nachdenklich in das erregte Gesicht.
+
+»Bleib oben, Kind,« sagte er dann freundlich. »Ich werde alles
+besorgen.«
+
+Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte
+ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der
+seine brutale, unberechenbare Rücksichtslosigkeit nur für den Augenblick
+unter ironischer Freundlichkeit versteckte.
+
+Natürlich würde er Gertruds kopflose Übereilung ausnutzen. Es war ja
+auch gut so. Doch nun, da sie den Schwager wiedergesehen hatte, fühlte
+sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und daß es jetzt für
+immer zu spät wäre, es gutzumachen.
+
+Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet.
+
+Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen
+großen, geräuschvollen Auftritt gefaßt.
+
+Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz
+gleichgültiges Gespräch über die Schönheiten der Riviera.
+
+Der Oberförster ließ es eine Weile über sich ergehen, dann brauste er
+auf.
+
+»Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner
+Tochter?«
+
+»Ach so,« sagte Kurowski und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun,
+Sie haben mir ja einen hübschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so
+schlecht behandelt, daß sie sich schleunigst in meine Arme stürzt,
+nachdem sie mir brieflich kurz und bündig erklärt hatte, daß sie sich
+scheiden lassen will ... Schönen Dank also, alter Herr ... Übrigens
+werde ich natürlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem
+Entschluß der Scheidung aufzuhetzen ...«
+
+Maggie sprang auf. »Ich ... ich,« rief sie voller Empörung. »Ich hab'
+sie beredet ... ich habe Seckersdorf ...« Sie hielt erschrocken inne und
+konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten ...
+
+Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an.
+
+»Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her?« fragte er.
+
+»Ja, ich dulde so etwas nicht,« schrie der Oberförster. »Eine
+verheiratete Frau! Aber ebensowenig laß ich mir einen Zwang auferlegen.
+Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schließlich mit
+dem Seckersdorf verderben ...«
+
+»Papa,« unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn.
+
+Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang
+zu ahnen und lächelte höhnisch.
+
+»Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen.«
+
+»Sie werden sie nicht quälen,« rief Maggie heiser.
+
+Kurowski lachte. »Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit
+Seckersdorf machen ... Übrigens, Glück haben Sie mit Ihren Mädels,
+Papa.«
+
+Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies
+totenblasses Gesicht und ihre zornfunkelnden Augen enthüllten ihm die
+ganze Wahrheit.
+
+»Also noch einmal,« sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. »Mag
+nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich
+hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenüber, und so
+gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spaß obendrein.«
+
+»Ich werde in jedem Fall Gertrud schützen,« sagte der Oberförster mit
+starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, daß er das tun
+würde.
+
+»Sicher, sicher,« höhnte sein Schwiegersohn. »Aber für heute bitte ich
+um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schönen Dank für die
+Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren können?«
+
+»Ich glaube,« sagte Maggie tonlos. Der Oberförster ging selbst hinaus,
+um die nötigen Anordnungen zu treffen. Er fürchtete Gertrud ins Gesicht
+zu sehen und dachte doch mit einem Gefühl banger Erleichterung, daß nun
+ja alles gut wäre.
+
+Eine Stunde später saß Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den
+Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskräftige Mann, die schöne
+Frau, die er sorgsam stützte, die lebhaften, zärtlichen Knaben, das
+alles gab das Bild eines vollendet glücklichen Familienlebens. Und doch
+war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden
+Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus
+zurück, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war
+sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttäuscht in den noch einmal
+erwachten Glückshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie
+das doppelt zerbrochene Leben weiterführen, vereint mit dem Mann, vor
+dem sie hatte fliehen müssen ...
+
+Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr
+vollkommen gleichgültig waren, ein Merkwürdiges auf: Sie hatte mit
+einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann.
+
+Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie übrigens voller Reue und
+Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem kühler
+denkenden Vater heftige Vorwürfe machte, daß er jene so ruhig dem
+»Scheusal Kurowski« überlassen habe, ging in der Oberförsterei alles
+seinen früheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause
+gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern
+fortgezogen, und eine unerträgliche Nüchternheit breitete sich überall
+aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man hatte jahrelang so
+wie jetzt gelebt und nichts vermißt. Die Entfernung von Gertrud war die
+gleiche, und dennoch, wie anders schien alles!
+
+Der Oberförster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und
+Terminen zu tun und kam immer müde und verärgert heim. Nachbarbesuche
+blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen
+nachdenklich und schweigsam viel für sich. Das konnte nicht so bleiben,
+sagte sich Maggie eines schönen Morgens. Es war nun genug gegrübelt und
+getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so
+vielem belastet hatte, ernsthaft zurückzukommen. Und von da an ging
+alles wie am Schnürchen.
+
+Sie teilte Seckersdorf mit, daß Gertrud wieder in Laukischken wäre und
+bat ihn, schleunigst herüberzukommen. Der Vater war natürlich an dem
+bestimmten Tage nicht zu Hause, und Fräulein Perl hatte mit der
+Festschlächterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem »armen Freunde«
+ihr volles Herz ausschütten und ihn zu trösten versuchen.
+
+Das war eine merkwürdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit männlicher
+Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm plötzlich wieder so nah
+gerückten Jugendtraum verflattern gesehen. Ihm war immer weh zumute,
+wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit
+dem Bewußtsein, daß er sich auf höchstes Lebensglück keine Hoffnung mehr
+zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ändern. Wenn Gertrud
+gewollt hätte, wäre es wohl möglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu
+besiegen, und er hätte sie auf seinen Händen dafür durchs Leben
+getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, daß sie die
+einmal übernommene Pflicht heilig hielt, und er mußte sie noch mehr
+verehren darum.
+
+Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die
+tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, -- sie
+sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie
+Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt
+hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt
+bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rührend unbeholfene Bitte, die er
+enthalten: »Helfen Sie mir doch,« schrill durch die Seele. Heiße Tränen
+flossen ihr über das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trüben
+Sinnen heraus voller Verwirrung an.
+
+»Fräulein Maggie ... Sie weinen?« Er stockte.
+
+Sie schluchzte weiter. »Ach, sehen Sie, daß Gertrud sich solch ein
+Glück durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, daß auch Sie darunter
+leiden müssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war
+unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen
+geradezu in die Arme ...«
+
+Und sie erzählte alles, wie jemand, der die inneren Vorgänge nicht
+kannte, die äußeren auffassen mußte. Danach war freilich die arme
+Gertrud ein schwächliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand
+dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel
+von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste überging sie, die
+unendliche Herzensgüte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die
+scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken
+zurückzog, und betonte ausschließlich die große Ängstlichkeit, das
+Unselbständige, Schwankende, das ihr eigen war und gewiß -- wie Maggie
+hervorhob -- einen großen Reiz an Gertrud bildete, nur daß das alles
+nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.
+
+Sie, Maggie, hätte ja, robust und tatkräftig wie sie war, gern geholfen,
+wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugänglich war. Dann weinte Maggie
+wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz
+allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu
+einem Bruch hatte kommen müssen.
+
+Desto mehr erfuhr er über Maggies Ansichten und wie sie gehandelt hätte,
+wenn sie Gertrud gewesen wäre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr
+schmeichelhaft für ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie
+sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in
+Schutz, aber zugleich mußte ihn doch der Gedanke beschäftigen, wie schön
+es gewesen wäre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in
+gleicher Weise für ihre Liebe eingetreten wäre.
+
+In den nächsten Tagen trafen sie auf einem großen Diner in Auklappen
+zusammen. Sie saßen weit voneinander und konnten sich auch zufällig im
+Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das
+beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine
+Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lächeln über sein
+ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.
+
+In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer stürmischen
+Zärtlichkeit für ihn, und sie dachte: »Gott sei Dank, ich bin ihm
+wirklich gut.« Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug,
+ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.
+
+Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nächsten Tage zu
+Pferde, »einer Forstangelegenheit wegen«, blieb zum Kaffee und ritt erst
+abends wieder fort.
+
+Das nächstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab öfter und öfter.
+
+Da wurde in des Oberförsters und Fräulein Perls Gegenwart natürlich nur
+wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe
+Maggie sein, nur ein klein wenig gedämpfter, und mit einem warmen,
+kameradschaftlichen Ton für ihn, der dem schlichten, weichen Manne
+unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das
+kraftsprühende Sichausgeben, die unbändige Lebenslust in ihr
+Seckersdorf, der still und müde geworden war, ersichtlich an.
+
+»Weiß Gott, wie es kommt, Fräulein Maggie,« sagte er einmal, »auch wenn
+man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man versöhnt
+sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, daß man sie erlebt hat ...«
+
+»Was für ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?«
+fragte der Oberförster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.
+
+Da sahen sich die beiden groß an und schwiegen befangen.
+
+Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schön. Mit dem Gedanken an
+Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen
+kühlen, bläßlich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu
+gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grübeln übertäubt durch
+den großen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor
+Augen, halb Komödie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit
+junger heißblütiger Menschen bei häufigem Alleinsein, immer in der
+Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszögernd.
+
+Es verging schließlich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von
+Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch
+nicht; Maggie kannte den wehmütig scheuen Blick längst, der in Gedanken
+an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener.
+
+Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen.
+Seine schmalen Gänge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie
+glitt aus, Seckersdorf stützte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn
+gelehnt.
+
+Er preßte sie heftig an sich, dann ließ er sie schnell los, sah sie mit
+maßlosem Erstaunen an und schüttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen
+und konnten auch später im Zimmer in kein rechtes Gespräch mehr kommen.
+
+Solche kleine Zwischenfälle wiederholten sich, ohne daß es zu einer
+Aussprache kam. Der Oberförster fing an, verstimmt zu werden, wenn
+Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang.
+Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurück, als daß sie ihm in
+seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wäre.
+
+Darüber kam das Weihnachtsfest näher. Seckersdorf sollte dazu nach
+Sachsen zurück, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort
+oder hier in Ostpreußen seinen dauernden Wohnsitz nehmen würde.
+
+Eines Nachmittags, der Oberförster war hinausgegangen, und man hörte
+sein Schelten von dem Hof her, erzählte Seckersdorf Maggie davon,
+während er im Zimmer umherging. Sie saß mit einer Bescherungsarbeit am
+Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer
+Bekanntschaft eine furchtbare Angst, daß sie sich am Ende verrechnet
+haben könnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn
+ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenblaß vor Erregung und Bangigkeit.
+
+»Was ist Ihnen, Maggie?« fragte er herzlich, »Sie sehen nicht gut aus.«
+
+Sie schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. »Also Sie gehen
+bestimmt?« fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort.
+
+Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an,
+fragend, warm, schwer atmend.
+
+Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen.
+
+»Maggie?« sagte er unsicher.
+
+»Was?«
+
+»Kann das sein?«
+
+»Was?« fragte sie noch einmal leise.
+
+»Ist das möglich, daß wir -- uns gut sind?«
+
+»Ich glaube,« sagte sie mit hellem Aufjauchzen.
+
+Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie küßten sich,
+wie Verdürstende, die sich endlich, endlich satt trinken.
+
+So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut.
+
+ * * * * *
+
+Für Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten
+furchtbaren Zeit zu Hause erträglich gestaltet.
+
+Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze
+raffiniert luxuriöse Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, überkam sie
+zunächst ein Gefühl von rein körperlichem Wohlbehagen.
+
+Sie wunderte sich, daß das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit
+solchen Entschlüssen möglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann,
+teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, ließ sie in Ruhe,
+nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie über die Einzelheiten
+ihres Zerwürfnisses mit den Ihren auszufragen.
+
+»Ich möchte nicht darüber sprechen,« hatte sie kühl erwidert, und
+schließlich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie
+doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, daß sie sich nicht mehr als
+seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte.
+
+Er hatte ihre Worte ins Lächerliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage
+ganz unbehelligt gelassen.
+
+Und als sie äußerlich gleichmütig und kühl, bei aller innerlichen
+Zerbrochenheit, Morgen und Abend vergehen ließ, ohne sich ihm gegenüber
+zu ändern, hatte er, dem ein solcher Zustand unerträglich schien, eine
+große Aussprache herbeigeführt.
+
+Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau
+immer den Kürzeren zog.
+
+Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben.
+Er hatte ihr gesagt, daß er prinzipiell in eine Trennung einwilligen
+würde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal
+zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich für zwei
+praktische, nüchterne Leute, die nach außen hin Verpflichtungen haben,
+geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich
+zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gäbe,
+und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten.
+
+Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine
+Wohltat für Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie
+fühlte, zurückgedrängt gegen das, was so verstandesmäßig an sie
+herantrat.
+
+Ohne viel zu überlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu
+machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende geführt, durch die
+ihrem Mann unwillkürlich Respekt abgenötigt worden war.
+
+Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau
+zu fühlen.
+
+Sie mochte nicht immerzu über die Bosheit grübeln, die man ihr angetan
+hatte, über die Schande, in die sie bald gesunken wäre, -- sie wollte
+schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte,
+meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem
+knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.
+
+Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mußte
+sich mühsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen
+durch Gewohnheit und Übung selbstverständlich ist.
+
+Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das möglich gewesen sei,
+so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war
+allerdings eine alte Mamsell über dem Ganzen tätig gewesen, die
+Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem »gnädigen
+Herrn« zusagte.
+
+Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf für sie
+gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein
+stillschweigendes Zugeständnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt
+einverstanden war, da sie dadurch zum selbständigen Disponieren
+gezwungen wurde.
+
+Ihr anfänglich fester Entschluß, sich doch von ihrem Manne zu trennen,
+verblaßte mit der zunehmenden Tätigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit
+oder Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben, oder weil sie ihrem Gatten
+etwa freundlicher gesonnen gewesen wäre; vielmehr ging ihr in dieser
+Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemühte, ihren Pflichten gerecht zu
+werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der
+Erkenntnis auf, daß es weniger auf Glück oder Unglück ankommt, sondern
+darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit
+Ehren auszufüllen.
+
+Ihr Mann war viel auswärts und kümmerte sich anscheinend auch im Hause
+nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein
+liebenswürdiges, gescheites Mädchen, mit der sie gern ab und zu
+plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer
+Kränklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmäßigem Gleise weiter,
+ohne Widerwärtigkeiten, aber in grauer Eintönigkeit. Von Hause hatte sie
+nur einen Brief durch Fräulein Perl erhalten, der bloß vom
+Alleräußerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufällig bei den paar
+Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hörte sie nichts mehr von
+allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequält und mit so
+widersprechenden Glücksgefühlen erfüllt hatte. Das war sehr gut, sehr
+gut, sagte sie sich abends und morgens.
+
+Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine »lieben
+Kinder«.
+
+Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und
+lachte hell auf.
+
+»Da,« rief er zu Gertrud herüber, die mit klopfendem Herzen darauf
+wartete, den Inhalt zu erfahren.
+
+»Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natürlich
+höllisch ... Na, was ist das?«
+
+Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein.
+
+Kurowski sprang zu ihr. »Nimm dich zusammen,« zürnte er. »Was soll das
+heißen?«
+
+Gertrud richtete sich auf. Heiße Tränen liefen ihr übers Gesicht.
+
+»Weinen, -- hier vor meinen Augen weinen!«, schrie Kurowski empört. »Das
+ist allerdings stark.«
+
+»Kurt,« sagte Gertrud leise, »tu', was du willst. Du weißt es ja, daß
+ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung.« Der
+zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen höhnischen über.
+
+»So,« sagte er, seinen Bart streichend. »Nun, wir reisen jedenfalls hin,
+um zu gratulieren.«
+
+Gertrud sah ihn mit gequälten Augen an. »Nein,« sagte sie.
+
+»So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!«
+
+»Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.«
+
+Als sie sich so zu ihm neigte, schön wie der Tag, mit einem fremden,
+entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn plötzlich eine rasende
+Eifersucht. Er faßte sie an den Schultern.
+
+»Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich
+mit ihm getroffen, ich bin betrogen!«
+
+Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben
+Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie
+sich nicht so rein fühlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr
+Wort, daß sie Seckersdorf nie gesehen hätte.
+
+Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, daß er an diese Dinge
+besser nicht mehr rührte, und nahm von einem Gratulationsbesuche
+Abstand.
+
+»Unter der Bedingung, daß wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen
+und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurückkommen,« sagte er.
+
+Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht
+heuchlerisch die Hand drücken mußte!
+
+»Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin,« wiederholte ihr Mann
+finster, »damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weißt,
+ich lasse nicht mit mir spaßen. Und der Seckersdorf soll sich nichts
+mehr einzubilden haben, wie damals -- verstanden?«
+
+Gertrud schauderte zusammen. »Verlaß dich drauf,« sagte sie tonlos und
+lief hastig aus dem Zimmer.
+
+Sie wußte nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung,
+Gedemütigtsein, oder das zum Äußersten gesteigerte Bewußtsein des
+Verlustes.
+
+»Lieber Gott,« betete sie wimmernd, »gib mir einen großen Stolz, einen
+unbändigen Stolz, oder laß mich sterben.«
+
+ * * * * *
+
+Maggie war nun zufrieden. Die alltäglichen kleinen Aufregungen der
+Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glückwunschbesuche
+der Nachbarn und Freunde, die Beratungen über die nächsterforderlichen
+Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in
+Anspruch, daß sie sich nicht mehr weiter in Grübeleien vertiefte.
+
+Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Bräutigam
+fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr saß, ihre Hand schlaff in der
+seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand
+sie einen Stich in dem Gedanken: wäre er ebenso gelassen zärtlich, wenn
+_sie_ hier neben ihm säße? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest
+und heiß werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbündete
+war, von ihr gesprochen hatte.
+
+Das tat sie übrigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff
+gewesen, eine verspätete Hochzeitsreise zu machen -- wie Maggie deren
+Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte --, als ihre Verlobungsnachricht in
+Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen.
+Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Fräulein Perl, und da
+war viel von Hofbällen, von Auszeichnungen der Majestäten, viel von
+»Kurt« die Rede, und den Schluß machten immer »freundliche Grüße« für
+den Vater und das Brautpaar.
+
+Darüber gab es dann natürlich zu reden, und Maggie war auch überzeugt,
+daß es zweckmäßig wäre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu
+nennen. Seckersdorf gewöhnte sich daran und zeigte keine so merkbare
+Bewegung mehr, wie im Anfang.
+
+Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natürlich!
+Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten
+Kameraden, aber ... es war doch gut, daß sie im Grunde auch nicht alles
+gab, was sie hier und da einmal heiß in sich aufbrausen fühlte ... Nicht
+für ihn, für niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es
+war wirklich niemand da. Und so küßte sie wieder, wie Hans Seckersdorf
+sie küßte, und dachte oft dabei an die große Flamme, die einmal in ihm
+gebrannt hatte, und ob die für immer ausgelöscht sei ...
+
+Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschäftigte sie sich nicht viel. Sie
+wollte deren glänzende äußere Erlebnisse, von denen sie hörte, als
+Tatsachen nehmen und nicht über der Schwester Seelenzustand grübeln. Sie
+machte es diesmal ebenso wie ihr Vater, und der war ja sein Lebtag bei
+dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen.
+
+Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekündigt
+hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran
+glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zögern gefragt, ob die
+Laukischker wohl im Ernst daran dächten.
+
+»Selbstverständlich,« hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch
+davon überzeugt, daß Gertrud es nicht über sich gewinnen würde, zu
+Seckersdorfs Hochzeit zu kommen.
+
+Darüber rückte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und
+Übersiedlungspläne brachten immer mehr Unruhe in das tägliche Leben. Die
+Ausstattung war besorgt, Erwägungen über die Art der Festlichkeiten
+kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht.
+
+Sie überlegte, wie sich alles für sie am vorteilhaftesten machte, und
+ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre äußere
+Erscheinung zu glänzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette
+bereitete ihr ein paar schlaflose Nächte.
+
+Zuweilen überkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflächlichkeiten, die
+jetzt ihr Leben ausfüllten; aber sie überwand ihn und redete sich
+schließlich immer wieder das »große Ziel« ein, das sie in kurzer Zeit
+nun erreicht haben würde.
+
+Wenn Gertrud doch nicht käme! Vor einer blassen, vergrämten Gertrud
+hätte sie sich ihr Leben lang fürchten müssen. In ihrer Phantasie
+natürlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wäre, würde an keine andere
+mehr denken, dessen war sie sicher.
+
+Aber Gertrud kam.
+
+Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von
+Kurowskis, ihre Zusage für den nächsten Tag ein.
+
+Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgültig auf; Maggie,
+aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht
+so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberförster
+war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse
+des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm
+fortgewischt.
+
+Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles
+war geräumt, um Platz für die Gäste zu schaffen, die in großer Menge
+erwartet wurden, und sämtliche Zimmer und Durchgänge mit Tannenbäumen,
+-zweigen und Girlanden geschmückt. Gertrud hatte es sich bei ihrer
+Hochzeit schon so gewünscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu
+haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck
+gewählt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu
+beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf Änderungen,
+beschäftigte die Leute, und nahm Fräulein Perl alles aus der Hand. Sie
+fühlte sich recht als Siegerin.
+
+Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das
+Herz doch still. Sehr blaß trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte
+im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der
+Schwager begrüßte sie laut, während Gertrud in kühlem Herabneigen das
+Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu küssen.
+
+Das hieß: »Ich habe nicht vergessen.«
+
+Trotzig sah sie nun auf -- und fuhr fast zurück. Gertrud leuchtete ihr
+in einer Schönheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen
+hatte.
+
+Auch der Vater und Fräulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen
+darüber.
+
+Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen
+selbstbewußten, ja triumphierenden Zug in dem regelmäßig stolzen
+Gesicht, das sie sich in Gedanken blaß und gramzerstört vorgestellt
+hatte.
+
+»Ja, die weiß sich jetzt zur Geltung zu bringen, die schüchterne,
+bescheidene Gertrud,« bemerkte ihr Mann. »Nicht wiederzuerkennen, sag'
+ich euch, seit sie ein bißchen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war
+auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine?«
+
+Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu hören, was Kurowski
+sagte. Mit hochmütig nachdenklichem Blick musterte sie ihre frühere
+Welt, in der sie so viel gelitten hatte.
+
+Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, während man in Eile und
+Ungemütlichkeit Kaffee trank und der Oberförster und Fräulein Perl über
+eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem
+Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der
+Bräutigam denn käme, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte,
+fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf würde wie die anderen
+Gäste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und
+meinte, Maggie sollte sich auch noch zurückziehen; sie sprach in
+gleichgültig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos
+Maggie gerade darüber war.
+
+»Sie muß diese Maske fallen lassen,« dachte diese zuletzt. »Ich werde
+sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will.«
+
+Sie begleitete Gertrud hinauf in das früher von ihr bewohnte Zimmer, das
+jetzt für diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr
+stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick.
+
+Aber Gertrud sagte nur: »Danke, -- wenn es dir recht ist, möchte ich
+allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll
+meine Jungfer dir später helfen?«
+
+Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine
+weißsilberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig
+herabfiel.
+
+Mit Tränen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz
+schnürte sich ihr zusammen.
+
+Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener
+ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und zärtlich gegen
+sie.
+
+»Sie will mich ausstechen,« dachte sie plötzlich voll Schreck. »Sie hat
+absichtlich ein ähnliches Kleid gewählt, wie das von damals, und sie ist
+so viel schöner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend
+gleichgültig gegen Hans sein,« beruhigte sie sich dann. »Sie wird ihm
+die große Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.«
+
+So durchgrübelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres
+Mädchenlebens und dachte inzwischen immer: »Gott sei Dank, morgen ist
+alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu fürchten und fange mein neues
+Leben an.«
+
+Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Königin in ihrer glänzenden
+Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschöne Blume leuchtend
+und rein herausblühte. Das kleine Köpfchen auf dem schlanken Hals trug
+seine weißschimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und
+fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefärbten
+Gesicht.
+
+Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit
+Kennerblicken und sagte lachend:
+
+»Du, wenn es für einen Ehemann nicht moralischer Ruin wäre, sich in
+seine Frau zu verlieben, heute weiß ich beinah' nicht ...«
+
+Er küßte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter.
+
+Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei.
+
+»Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?«
+
+Gertrud wurde rot. »Ich ärgere mich über die Art, wie du sprichst,«
+sagte sie.
+
+»Freue dich lieber darüber, nach unserem siebenjährigen Krieg,« meinte
+er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus.
+
+Gertrud wich zurück. »Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es
+ist gleich sieben Uhr.«
+
+Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell
+erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte.
+
+Alles war still und leer, die Leute draußen beschäftigt. Ab und zu drang
+ein Gläserklirren oder ein unterdrücktes Durcheinandersprechen aus den
+hinteren Räumen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem
+Tannengrün, und die Hängelampen und Kronleuchter summten.
+
+Es war ein eigenes Gefühl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie
+ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und
+feierlich, tauchten in ihr auf. Andere drängten sich nach, hier ein Ton,
+hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allmählich sproßte,
+über alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes
+Wehgefühl in Gertruds wirren Grübeleien auf. Sie fröstelte, und doch
+schlug ihr Herz schnell und ihre Hände brannten. »Gott sei Dank,« sagte
+sie dabei zu sich selbst, »daß mir das alles nichts mehr macht. Gott sei
+Dank, daß sie mir gleichgültig ist, und daß ich ihm freundlich und kühl
+die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, daß du mich hast stolz
+werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz?« Sie überhörte
+den Wagen, der vorfuhr, überhörte das Öffnen der Tür.
+
+Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke
+sogen sich ineinander.
+
+Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit
+leisem Schrei warf sie sich hinein.
+
+Sie sagten nichts, sie küßten sich nicht, aber sie hielten sich fest,
+fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander.
+
+Und alles blieb still und leer.
+
+»Trude,« stammelte er endlich. »Trude!«
+
+Sie rührte sich nicht.
+
+Noch einen Augenblick, dann riß er sich los. Der kalte Schweiß stand ihm
+auf der Stirn.
+
+»Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig?«
+
+Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine große
+Hand darauf.
+
+»Trude, Einziggeliebtes ... Trude ...« Ein Windstoß schlug an das
+Fenster. Da raffte sie sich auf.
+
+»Komm,« sagte sie heiser.
+
+Er streichelte ihr Haar. Große Tränen standen in seinen Augen.
+
+»Erbarm' dich doch ... Trude ...«
+
+»So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. Laß deinen Schlitten
+vorfahren und komm schnell,« sagte sie noch einmal hastig.
+
+»Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin?« rief er
+verzweiflungsvoll.
+
+»Gleichviel -- leben -- sterben ... nur zusammen bleiben.«
+
+»Nicht quälen, nicht quälen,« bat er mit erstickter Stimme. »Kind,
+geliebtes, wir müssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude,
+warum hast du das getan?«
+
+Sie sah ihn mit dunklen Augen an.
+
+»Trennung?« sagte sie. »Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen,
+und ich weiß, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort ...«
+
+Er preßte die Hände zusammen, er flüsterte abgebrochene Liebesworte,
+starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen.
+
+»Warum kamst du nicht früher?« stöhnte er. »Wie sollen wir nun leben?
+Trude, warum hast du mir das getan?«
+
+»Maggie --« stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange
+Geschichte.
+
+»Ich bin wahnsinnig gewesen,« sagte sie hastig. »Zuerst -- dann hab' ich
+wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grundsätze, und ich weiß
+nicht was alles. Aber jetzt weiß ich ... das alles war Schein. Das
+einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, daß ich dich liebe, grenzenlos,
+unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in
+der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur ...«
+
+Und während sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte
+hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, glühend, zitternd, mit
+sprühenden Augen.
+
+»Komm doch,« flüsterte sie.
+
+Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn.
+
+Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, während seine Lippen die
+des geliebten Weibes suchten.
+
+Sie hob den Kopf und sah ihn an.
+
+»Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gekämpft, gegen die
+Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren,
+wie zwecklos -- Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest ...«
+
+Ihre Stimme versagte.
+
+Er löste sich sanft von ihr und sah sie mit überströmenden Augen an.
+
+»Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an:
+Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr ...«
+
+Sie wurde schneeweiß und warf sich in einen Lehnstuhl.
+
+»Du willst mich nicht?« fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht.
+»Du liebst also doch Maggie?«
+
+»Maggie!« sagte Seckersdorf tonlos und preßte beide Fäuste an den Kopf.
+Es schüttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang
+sich kaum hörbar ein Wort: »Lebe wohl ...«
+
+»Gertrud, leb' wohl,« sagte er dann fester. »Wir zwei, wir sind am Glück
+vorbeigegangen. Und diese Sünde rächt sich nun an uns. Wir müssen es
+tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer ...«
+
+Wie eine eiskalte Welle dröhnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte
+schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich reißen, aber die
+Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie
+sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und
+sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft blaß, auftauchen und
+verschwinden.
+
+Sie griff nach der Stirn.
+
+»Um Gottes willen.« Sie sprang auf, spähte hinein. »Niemand. Ich muß
+geträumt haben,« stieß sie hervor. »Wenn ich etwas gesagt habe ... und
+ich weiß, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ...«
+Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus.
+
+Der Abend mit den üblichen Aufführungen, dem darauf folgenden Souper und
+Tanz verlief programmäßig. Das Brautpaar machte in liebenswürdigster
+Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein
+pflegt, die Honneurs, und alle Gäste fühlten voller Befriedigung, daß
+sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen.
+
+Auch daß man die Kurowskis, über deren Haushalt in letzter Zeit viel
+geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erhöhte das Behagen
+aller, die Gertrud von früher her kannten und sie jetzt, den Gerüchten
+nach, beklagt hatten.
+
+Man staunte ihre märchenhafte Schönheit, die manche überirdisch, manche
+aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, daß
+Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, daß er sie begleitete, als sie
+sich bald nach dem Souper zurückzog, und auch nicht wieder zum Vorschein
+kam, fiel hier und da auf, wurde schließlich aber in dem angeregten und
+frohen Treiben nicht weiter erörtert.
+
+Am nächsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim
+Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen
+Gatten dasselbe Glück wünschte, wie er es an der Seite der ältesten
+Tochter des Hauses gefunden habe.
+
+ * * * * *
+
+Der Oberförster Hagedorn feierte seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag.
+Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch
+ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen.
+
+In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte
+er mit Kurowskis in stetem, wenn auch flüchtigem Verkehr gestanden,
+Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem sächsischen Gut, nur zweimal
+besucht. Aber das war für ihn auch genügend gewesen, da seiner Meinung
+nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die
+Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr kränkte, als bei Kurowskis
+noch zwei kleine Mädchen eingekehrt waren.
+
+Daß die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch über die alten
+Geschichten längst Gras gewachsen und Gertrud eine vernünftige, tüchtige
+Frau geworden war, hatte ihn anfänglich nicht viel gekümmert. Nun aber,
+da der Abschied aus dem Heimathaus näher rückte und hier und da auch die
+Ahnung des bald kommenden großen Abschieds einen weicheren Ton in seinem
+alten, harten Herzen anschlug, begann er sich darüber Gedanken zu
+machen.
+
+Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie zusammen
+herangewachsen und flügge geworden waren, aussprechen und ihm durch
+Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend
+verschaffen.
+
+Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von
+ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gewünscht hatte, und so
+stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und spähte
+mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den
+Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen mußten.
+
+Fräulein Perl, eisgrau und gebückt, stand neben ihm und schwatzte über
+Dinge aus vergangenen Zeiten, als »unsere Mädchen« noch zu Hause waren.
+Der Oberförster nickte, und kaute mit den braunen Zahnstümpfen an den
+schmalen Lippen.
+
+Die Sonne brannte. Heiße Luftwellen strichen mit schwülem Atem durch das
+rote Weinlaubgeäst hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre
+leuchtenden Köpfe, und die großen gelben =Gloire de Dijon=-Rosen füllten
+ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser kühler
+Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerdüfte.
+Dann sahen sich die beiden Alten mißvergnügt und leise schauernd an, und
+Fräulein Perl sagte: »Ja, der Herbst kommt doch schon.«
+
+Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberförster. Kurowskis
+kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, -- aber Maggie war doch seit
+gestern in Romitten ...
+
+Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben möchten und das verwünschte
+Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Unglück über Unglück gehabt hätten
+-- zu guter Letzt noch den großen Brand --, dann wäre für sie beiden
+Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem
+Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf wäre ein Kerl, mit dem sich's
+leben ließe, wenn er auch ein bißchen zu viel kneipte.
+
+Fräulein Perl nickte sorgenvoll. »Ja, aber die Maggie, die doch so
+selbständig ...«
+
+Die wäre längst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der
+Alte.
+
+Fräulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des
+Weges. Einige Minuten später hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch
+derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten
+triumphierend und siegesgewiß heruntergesprungen war. Das tat sie heute
+nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im
+Gehen in die Höhe schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden
+alten Leute.
+
+Sie war sehr verändert. Mager geworden und dadurch größer scheinend.
+Über ihren unverwüstlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die
+großen Augen sahen spähend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte
+aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war
+sie schick bis zum äußersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit
+einhaltend.
+
+»Ach, mein Maggiechen,« schluchzte das alte Fräulein, sie musternd, --
+»sieben Jahre, sieben Jahre -- und so -- und dein Haar ist ja so rot ...
+und ...«
+
+»Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht jünger geworden ... Sieh dir
+den an ...« Sie schob ihren Mann vor.
+
+Seckersdorf beugte sich über Fräulein Perls runzlige Hand und küßte sie.
+
+Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem
+schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die
+Augenlider hingen schwer über den leicht geröteten blaßblauen Augen.
+
+»Kommt -- kommt,« sagte der Oberförster. »Ihr seid alle Kinder gegen
+euren alten fünfundsiebzigjährigen Vater ...« Er murmelte gerührt etwas
+Unverständliches, und ging ihnen in das alte Wohnzimmer voran, in dem
+noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand.
+
+Maggie fing plötzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken
+Hand über ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und
+griff ins Leere.
+
+»Und Gertrud?« fragte Maggie.
+
+Der Oberförster sah nach der Uhr.
+
+»Werden gleich da sein.«
+
+»Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper
+erzählte gestern auf dem Bahnhof, daß sie so fromm geworden ist.«
+
+Der Oberförster und Fräulein Perl erzählten durcheinander.
+
+Sie war immer noch die Schönste; alle hatten das gesagt, neulich, als
+das große Provinzfest beim Oberpräsidenten gewesen war, und die Kaiserin
+hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach
+wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner
+Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt
+klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit tüchtig
+geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl
+ein. Ein bißchen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber
+natürlich im Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute
+wären wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da.
+
+»Bei uns zu Hause war das auch so,« bemerkte Seckersdorf in Gedanken.
+»Meine Mutter hielt sehr darauf, daß die Leute kirchlich waren. Und
+eigentlich gehört sich das auch --«
+
+Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er plötzlich inne.
+
+Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die
+beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster.
+
+Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, während
+Seckersdorf rot und kurz atmend zur Tür ging.
+
+Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber
+ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewußt, und ebenso
+überlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank,
+eine reife, blühende Frau und doch mädchenhaft anmutig, vornehm und
+liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine
+höhere.
+
+Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz preßte sich ihr zusammen.
+Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an
+jenem Abend kamen ihr ins Gedächtnis: »Das liebe, weißblonde Köpfchen --
+das siehst du nie mehr darunter ...«
+
+Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne Rührung
+ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre
+ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte.
+
+Maggie war ganz blaß geworden.
+
+»Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer --«
+begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder
+Stimme.
+
+Gertrud zog sie an sich.
+
+Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus.
+
+»Maggie ... Kind ...« sagte Gertrud und streichelte das rotgefärbte
+Haar, das wirr den Kopf umbauschte.
+
+Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden Händen über das
+heiße Gesicht.
+
+»Ich bin nervös geworden,« sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden
+Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. »Und du? Laß dich
+anschauen ...«
+
+Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und
+lächelte.
+
+»Wir haben uns noch gar nicht begrüßt,« sagte sie, ihm die Hand gebend.
+
+Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, küßte er ihr die Hand.
+
+Gertrud trat schweigend zurück.
+
+»Na, wenn denn alles so weit in Ordnung wäre,« sagte der Oberförster
+erleichtert, »könnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr?«
+
+Das war ein merkwürdiges Mittagessen.
+
+Man sprach viel, auch über wichtige Dinge, wie die Übersiedlung der
+Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. »Auf
+Maggies Wunsch!« sagte ihr Mann, da sie sich in die sächsischen
+Verhältnisse nie hätte einleben können. Weil man sie beständig ihre
+bürgerliche Geburt hätte empfinden lassen, meinte Maggie mit bösem
+Stirnrunzeln -- »die Damen wenigstens.« Man erörterte auch, ob der
+Oberförster und Fräulein Perl mit hinüberziehen sollten. Seckersdorfs
+wünschten es, und die beiden Alten sträubten sich nur noch der Form
+wegen. Und so ging das Gespräch lebhaft und doch ohne eigentliche Wärme
+weiter.
+
+Während über die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der
+Vergangenheit, und über dem Plänemachen maß sich einer am andern.
+
+Schließlich verstummte das Gespräch.
+
+»Und Sie, gnädige Frau?« begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud
+gewendet, das erstemal, daß er sie direkt anredete.
+
+»Ach was, -- gnädige Frau,« unterbrach ihn der Oberförster ... »wenn ich
+auch zu alt bin, um mit aller Welt Brüderschaft zu machen, unter euch
+Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr könnt euch ruhig
+'du' nennen.«
+
+Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich
+mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen
+entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich amüsiert auf und
+sagte:
+
+»Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden.« Und den
+Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf.
+
+Über Gertruds schönes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern.
+
+»Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit,« sagte sie. »Wir unter uns
+wissen ja, daß wir sehr viele Mühe haben werden, uns miteinander
+einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ...
+aber ...«
+
+»Meine Frau will also einfach nicht,« fiel Kurowski ihr etwas lärmend
+ins Wort. »Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir werden
+uns also die Sache überlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden
+anfragen.«
+
+Seine halb spöttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud
+bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden
+Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie
+sah still zu Boden.
+
+»Die Gertrud ist jetzt immer so,« sagte der Oberförster mit dem
+klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. »Weiß
+Gott, wie das über sie gekommen ist. Früher --«
+
+»Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal
+auch ein bißchen viel,« meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an,
+aber er lachte.
+
+»Das heißt, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine
+guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen hält ... was,
+Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als
+Ehemann. Und Frau Maggie ...«
+
+»Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister,« sagte die schnell. »Ich
+bin überhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen
+hast du also im Korps? Und deine beiden Mädchen, die kenn' ich ja noch
+nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste?«
+
+Gertrud gab Auskunft und lächelte ganz unbefangen, als ihr Mann
+erklärte, es gehöre eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens,
+immer ein dreijähriges Gör um sich zu haben.
+
+Und dann stand man auf. Der Oberförster mußte ruhen. Der Wein war ihm
+etwas zu Kopf gestiegen. Er war gerührt, umarmte seine Töchter mehrmals,
+und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau »Ellinor«.
+
+Fräulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und
+forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf.
+
+Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an
+jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen,
+demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte.
+
+Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang überwundene Bitterkeit
+mit einer müden kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit
+halb ersticktem Schrei ausrief: »Trude ... Trude ... was ist aus dem
+Leben geworden?«, antwortete sie unwillkürlich: »Die Strafe für das, was
+wir verfehlt haben.« Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der
+Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte.
+
+»Eigentlich ist das ja Unsinn,« sagte sie mit der alten, lieben Stimme,
+und drückte den Kopf Maggies an ihre Brust. »Man kommt schon wieder in
+die Höhe, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen
+ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das
+nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie?«
+
+»Nein, nein, nein,« sagte Maggie heftig. »Man kommt nicht mehr in die
+Höhe, wenn man -- Gertrud, ich hab' dich nutzlos betrogen, bin selbst am
+Glück vorbeigetaumelt. Er hat dich nie vergessen -- und ich -- Lieber
+Gott, ich bin mutlos zu allem anderen geworden, weil ich nicht einmal
+_das_ in ihm habe überwinden können.«
+
+»Und du liebst ihn?« fragte Gertrud zögernd.
+
+Maggie schüttelte den Kopf.
+
+»Ich liebe ihn nicht. Ich habe niemand lieb, wenn ich es auch manchmal
+möchte und oft geradezu danach suche. Aber dann, Gertrud, kommt die
+schreckliche Kälte in mir, und hinter allem lauert diese gräßliche
+Frage: Wozu?«
+
+Sie schwiegen beide eine Weile.
+
+»Komm, Maggie,« sagte Gertrud dann. »Wir wollen hinaus, es ist so
+bedrückt hier. Komm in den Buchengang.«
+
+Und sie gingen hinaus. Es war ein holdseliger Frühherbsttag. Warme,
+bläuliche Dünste hoben sich von den Fichten und verschwebten duftend.
+Die Stoppelfelder, die durch den Waldeinschnitt sahen, lagen ausgedient
+und ruhend in funkelnden gelben Streifen und Ecken da. Von den
+abgemähten Wiesen zog ein herber Feldkräutergeruch aus, und aus den
+Waldwegen quoll ein prickelnder, herbstlicher Atem.
+
+»Solch schöner Herbst,« sagte Gertrud in Gedanken.
+
+Maggie blieb stehen und umfaßte mit beiden Händen den Arm ihrer
+Schwester.
+
+»Für dich, Trude, -- für dich,« sagte sie beklommen. Und ihre Augen
+wurden naß.
+
+ * * * * *
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_ und
+fremdsprachiger Text in Antiqua mit =Gleichheitszeichen= markiert.
+
+Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert:
+
+lehne dich an und weine
+ 'Lehne' im Original
+
+Folgende Zeilen waren im Original vertauscht, richtig 3-2-1-4:
+ 1 das sich lohnt, und nun wollen sie es einem
+ 2 Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschäft,
+ 3 euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine
+ 4 verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin
+
+es stand auf gelblich weißem,
+ 'geblich' im Original
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Am Glück vorbei, by Clara Sudermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI ***
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Am Glück vorbei, by Clara Sudermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Am Glück vorbei
+
+Author: Clara Sudermann
+
+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24174]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI ***
+
+
+
+
+Produced by Constanze Hofmann and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<h1>Am Gl&uuml;ck vorbei</h1>
+
+<p class="titlepage">Roman<br />
+von<br />
+Clara Sudermann</p>
+
+<div class="center newsection">
+ <img src="images/i001.png"
+ alt=""
+ title="" />
+</div>
+
+<p class="titlepage">Peter J. Oestergaard Verlag<br />
+Berlin-Sch&ouml;neberg</p>
+
+<p class="titlepage">Alle Rechte
+einschlie&szlig;lich &Uuml;bersetzung,
+Dramatisierung und
+Verfilmung
+vorbehalten</p>
+
+
+<p class="titlepage">Erschienen in der
+&raquo;Wiener Mode&laquo;
+unter dem Titel
+&raquo;Die Siegerin&laquo;</p>
+
+
+<p class="titlepage">Copyright
+1920 by
+Dr. P. Langenscheidt,
+Berlin</p>
+
+<p class="titlepage">Druck von Hallberg &amp; B&uuml;chting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig.</p>
+
+
+<p class="newpart"><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7"> [7]</a></span>Der Oberf&ouml;rster Hagedorn war von einer mehrt&auml;gigen Inspektionsfahrt
+durch W&auml;lder, die er au&szlig;eramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es
+sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem
+gemacht.</p>
+
+<p>&Uuml;ber dem gro&szlig;en Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die
+H&auml;ngelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee,
+den Fr&auml;ulein Perl, des Hauses getreue H&uuml;terin, zu br&uuml;hen begonnen hatte,
+duftete. Die Windst&ouml;&szlig;e, die gegen die Holzl&auml;den dr&ouml;hnten, der Regen, der
+klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldb&auml;ume
+jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberf&ouml;rster,
+seine Tochter Maggie und Fr&auml;ulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem
+Verst&auml;ndnis dieser Wohlgeborgenheit und st&ouml;rten nur hier und da durch
+ein Wort die gem&uuml;tliche Stille.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster lag m&uuml;de und breit in seinem Gro&szlig;vaterstuhl. Sein
+verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel
+Behagen, und der Teckel &raquo;Max&laquo;, der sich auf seinem Scho&szlig; zusammengerollt
+hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8"> [8]</a></span>freundschaftlich geknufft und gestreichelt.</p>
+
+<p>Sein Zwillingsbruder &raquo;Moritz&laquo; hatte es nicht so gut. Maggie, in einem
+niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den F&uuml;&szlig;en auf, zauste ihn an
+den Ohren, k&uuml;&szlig;te ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es
+ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel.</p>
+
+<p>&raquo;Komm mal her, Gretel!&laquo; rief dann der Vater hin&uuml;ber. &raquo;Heut' spendier ich
+mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie sprang auf. Sie war mittelgro&szlig;, voll und geschmeidig, hatte ein
+warmget&ouml;ntes, klares Gesicht mit gro&szlig;en, grauen Augen und eine F&uuml;lle
+dunkel aschblonden Haares.</p>
+
+<p>Der Vater sah sie wohlgef&auml;llig an und nickte mehrmals in Gedanken.</p>
+
+<p>Maggie lachte hell.</p>
+
+<p>&raquo;Wen hast du denn wieder f&uuml;r mich aufgest&ouml;bert, Papa?&laquo; fragte sie
+&uuml;berm&uuml;tig. &raquo;Wie ist er denn? Klug &ndash; dumm, h&uuml;bsch &ndash; h&auml;&szlig;lich? Nat&uuml;rlich
+reich, &ndash; aber wo?&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster machte ein verdrie&szlig;liches Gesicht und sah nach Fr&auml;ulein
+Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Maggie! Wie kannst du nur ...&laquo; sagte diese wie auf Stichwort.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9"> [9]</a></span></p><p>Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch
+herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und
+r&uuml;ckte mit ihrem Schemel zu dem Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t ja schon lange, da&szlig; ich dir &uuml;ber den Kopf gewachsen bin,
+Papachen!&laquo; sagte sie. &raquo;Also keine Feindschaft, und erz&auml;hle ... Warum
+machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem
+liebensw&uuml;rdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere h&auml;&szlig;liche Zweite, als
+ob sie die sch&ouml;ne &Auml;lteste w&auml;re, &ndash; warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, mein D&ouml;chting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich
+passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den
+Seckersdorf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah ...&laquo; Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt
+durcheinander: &raquo;Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben,
+wollte er Tromitten selbst &uuml;bernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er
+noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen k&uuml;nftigen
+Reichtum an? Hatte er Gertrud erw&auml;hnt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Still! Still! Still ...&laquo; rief der Oberf&ouml;rster in das Gefrage. &raquo;Er ist
+ein netter anst&auml;ndiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er
+hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen
+und hat mich gebeten, die Geschichte<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10"> [10]</a></span> zu machen. Das wirft was ab. Und
+brauchen k&ouml;nnen wir ja so einen Extrazuschu&szlig; immer!&laquo;</p>
+
+<p>Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still sa&szlig;, nahm ihr
+Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter H&auml;rte an, der zu den weichen,
+rosigen, an das Fl&auml;mische erinnernden Formen einen auff&auml;lligen Gegensatz
+bildete.</p>
+
+<p>&raquo;Er kommt also wohl her?&laquo; fragte sie. &raquo;Das h&auml;tte einer ahnen sollen,
+damals, als ihr so emp&ouml;rt auf ihn und die arme Gertrud wart. Was f&uuml;r ein
+gr&auml;&szlig;liches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, da&szlig; er
+ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen
+Mannes wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden soll, Maggie!&laquo; verbesserte Fr&auml;ulein Perl. &raquo;Mit der Trude ging's
+doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nicht die Kaution!&laquo; fiel der Oberf&ouml;rster kurz ein. &raquo;Und der
+Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine
+andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schlie&szlig;lich auch der
+Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; fragte Maggie aufhorchend. &raquo;Ich denke, es hie&szlig; damals, der Onkel
+w&auml;re auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschl&auml;ge machtest.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11"> [11]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ach!&laquo; Der Oberf&ouml;rster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein
+Zeichen, da&szlig; ihm nicht behaglich war. &raquo;Was wei&szlig;t du! Du warst ja noch
+ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verst&auml;ndig aufgefa&szlig;t und braucht's
+nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das
+Kind hat's doch wie eine F&uuml;rstin.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Frauen sahen sich schweigend an.</p>
+
+<p>&raquo;Oder findet ihr etwa nicht?&laquo; rief der Oberf&ouml;rster heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Ruhig, Papachen!&laquo; sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine
+knochige. &raquo;Wenn nicht, wir k&ouml;nnen's nicht &auml;ndern. Aber alles in allem,
+der Seckersdorf w&auml;r' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo
+er so reich ist.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du nur ein bi&szlig;chen Grips hast, M&auml;del, und nicht blo&szlig; immer die
+gro&szlig;e Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig
+ist eine ganz sch&ouml;ne Zahl f&uuml;r ein M&auml;dchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht hast du,&laquo; stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. &raquo;Wollen uns die
+Sache mal &uuml;berlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage
+Gertrud vor. Was mir an Sch&ouml;nheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und
+die Geschichte wird sich schon machen.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12"> [12]</a></span></p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster sah sie mi&szlig;trauisch und unzufrieden an.</p>
+
+<p>&raquo;Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit,&laquo; sagte er. &raquo;Mit der
+Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. &Uuml;brigens ist der
+Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erz&auml;hlte das
+so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich blo&szlig; besser
+mit dem Kerl, dem Kurowski stellen k&ouml;nnte! Man ist ja wie abgeschnitten
+von dem Kind. Jeder Fremde wei&szlig; mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten.</p>
+
+<p>&raquo;Das wird schon alles besser werden, Papa,&laquo; tr&ouml;stete das M&auml;dchen.
+&raquo;Wollen uns dar&uuml;ber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erz&auml;hle lieber, wie
+war's sonst in Graventhin? Wieder gro&szlig;artiges Diner? Und schlecht
+serviert?&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster erz&auml;hlte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte
+Gr&uuml;&szlig;e, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bi&szlig;chen Klatsch. In
+Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Alth&ouml;fer
+hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein gro&szlig;es Sektfr&uuml;hst&uuml;ck
+gegeben. Wie war's nur m&ouml;glich, da&szlig; die Leute da noch fr&ouml;hlich
+mitzechten? Maggie warf ein, das w&auml;re das<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13"> [13]</a></span> Kl&uuml;gste, was sie tun k&ouml;nnten,
+sie w&uuml;nschte nur, es k&auml;me noch zu einem einzigen Ball da, vor dem
+Zusammenbruch, denn so nett w&auml;re es nirgends.</p>
+
+<p>Und so ging das Gespr&auml;ch weiter. Der Regen str&ouml;mte heftiger, der Wind
+heulte. Fr&auml;ulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und
+spielten mit den Hunden.</p>
+
+<p>Da knirschte drau&szlig;en auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben
+die K&ouml;pfe. Der Oberf&ouml;rster sprang auf.</p>
+
+<p>&raquo;Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt
+ihr!&laquo;</p>
+
+<p>Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem M&auml;dchen,
+das die T&uuml;r &ouml;ffnete, dr&auml;ngten sich zwei blondk&ouml;pfige Jungen herein,
+st&uuml;rmten auf ihn los und h&auml;ngten sich an ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;papa! Gro&szlig;papa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster hob einen nach dem andern verdutzt in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein?&laquo;</p>
+
+<p>Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel
+begr&uuml;&szlig;en, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein.</p>
+
+<p>&raquo;Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14"> [14]</a></span></p>
+
+<p>Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die &auml;ltere pre&szlig;te
+ihren Kopf fest gegen den Hals der j&uuml;ngeren. Dann k&uuml;&szlig;te sie den Vater
+und Fr&auml;ulein Perl.</p>
+
+<p>Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten
+nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen gro&szlig;en Streit gehabt
+hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da
+gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da.</p>
+
+<p>Sie war sehr schlank, einen halben Kopf gr&ouml;&szlig;er als die Schwester. Aus
+einem sehr regelm&auml;&szlig;igen sch&ouml;nen Gesichte sahen graue, sanfte Augen
+sch&uuml;chtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten
+schimmernden, wei&szlig;blonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die
+sich in die Formen &auml;u&szlig;erster Einfachheit zu h&uuml;llen liebt, ging von ihr
+aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schlo&szlig; knapp an den schlanken, sch&ouml;nen
+K&ouml;rper und knisterte, wenn sie sich bewegte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie bla&szlig; du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>Sie nickte. &raquo;Bringt die Kinder fort, ja? Ich habe euch viel zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Perl f&uuml;hrte die Jungen in das E&szlig;zimmer.<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15"> [15]</a></span></p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die
+Tochter.</p>
+
+<p>&raquo;Hoffentlich kommst du mir nicht ...&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still,
+musterte sie aber mit mi&szlig;trauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre
+herabh&auml;ngende Hand und k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Papa!&laquo; sagte Gertrud. &raquo;Du mu&szlig;t mich mit den Kindern schon bei dir
+behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber
+diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm
+bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht?
+Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich
+bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine &auml;hnliche Untat
+begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski wei&szlig; Gott nicht gr&uuml;n.
+Aber da&szlig; meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof l&auml;uft, sagt: Ich
+kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Er lief hin und her. &raquo;Was war denn los?&laquo; polterte er endlich und blieb
+vor ihr stehen.</p>
+
+<p>Sie weinte.</p>
+
+<p>&raquo;Heul' nicht ... erz&auml;hl'!&laquo; sagte er ungeduldig.</p>
+
+<p>Da nahm Maggie sie in die Arme.<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16"> [16]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann mu&szlig; was Gro&szlig;es passiert
+sein. Qu&auml;le sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude!&laquo; Sie streichelte
+das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. &raquo;Sieh sie
+doch an. Ist das denn menschenm&ouml;glich? Bist du krank? Was hat er dir
+getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allm&auml;hlich
+heraus, <ins class="correction" title="Lehne">lehne</ins> dich an und weine &ndash; weine, das wird dir gut
+tun.&laquo;</p>
+
+<p>Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die
+langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre
+Schultern.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t mich hierbleiben ... la&szlig;t mich hierbleiben. Papa, ich bin doch
+deine &Auml;lteste ... du hast mich doch lieb ... la&szlig; mich hierbleiben!&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster schl&uuml;rfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte
+wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben
+und kl&auml;fften die Hunde.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat er dir getan?&laquo; fragte der Vater und legte seine gro&szlig;e Hand auf
+das kleine wei&szlig;blonde K&ouml;pfchen der Tochter. Die richtete sich auf und
+schmiegte sich in seinen Arm.</p>
+
+<p>&raquo;Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig
+stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich w&auml;re so schlecht, so h&auml;&szlig;lich
+und so untauglich,<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17"> [17]</a></span> wie er immer sagt, und da w&auml;r' nun nichts mehr zu
+&auml;ndern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen k&ouml;nnen, aber fortgelaufen
+w&auml;re ich doch nicht. Ich wei&szlig; ja ... die Kinder ... und der Skandal!
+Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, da&szlig; ich ihn schamlos betrogen
+habe und ihn von neuem betr&uuml;gen wollte. Da hab' ich mir's &uuml;ber Nacht
+&uuml;berlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge
+gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drei Stunden! In diesem Wetter!&laquo; fluchte der Oberf&ouml;rster.</p>
+
+<p>&raquo;Die Jungen sind abgeh&auml;rtet und gut zu Fu&szlig;. Dann, in Friesstein, fand
+ich Fuhrwerk hierher.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberf&ouml;rster
+sch&uuml;ttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er
+schob sie einfach von sich.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sprechen morgen mehr dar&uuml;ber!&laquo; sagte er. &raquo;Die Sache werd' ich
+wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verla&szlig; dich.
+Vorl&auml;ufig nehm' ich an, da&szlig; du deinen alten Vater auf ein paar Tage&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die
+Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern.</p>
+
+<p>&raquo;... ein paar Tage, sag' ich,&laquo; fuhr der Alte fort,<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18"> [18]</a></span> &raquo;besuchst, wie
+sich's geh&ouml;rt. Und dann werden wir weiter sehen. Wei&szlig; er, da&szlig; du hier
+bist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe einen Brief zur&uuml;ckgelassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, da haben wir also zu erwarten, da&szlig; er mit Trara hier anr&uuml;ckt und
+dich und die Jungens zur&uuml;ckholt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaub' das nicht,&laquo; sagte Gertrud. &raquo;Er wird froh sein, da&szlig; er allein
+bleibt ... Vorl&auml;ufig ... bis&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter!&laquo; murrte der Oberf&ouml;rster.</p>
+
+<p>Maggie spr&uuml;hte vor Emp&ouml;rung &uuml;ber den Widerstand des Vaters.</p>
+
+<p>&raquo;Na,&laquo; sagte der dann einlenkend, &raquo;wir werden sehen. Reg' dich jetzt
+nicht auf. Und nun ... Jungens, herein!&laquo;</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19"> [19]</a></span>Die Knaben, an die Fr&auml;ulein Perl gro&szlig;m&uuml;tterliche Anspr&uuml;che machte, lagen
+in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor
+Jubel und Aufregung nicht einschlafen.</p>
+
+<p>Gertrud und Maggie, die nach gequ&auml;ltem, unpers&ouml;nlichem Gespr&auml;che sich
+nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die
+Mutter k&uuml;&szlig;te sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen.
+Maggie zog sie fort.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Tr&auml;nen
+fallen. Komm, wir sind ja jetzt f&uuml;r uns, da kannst du dich h&uuml;bsch
+ausklagen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie traten in die ger&auml;umige Balkonstube, die sie schon vor Jahren
+gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in
+der es fr&uuml;her gestanden hatte, f&uuml;r sie hergerichtet.</p>
+
+<p>Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und h&ouml;rte auf zu weinen.</p>
+
+<p>&raquo;Du, was hast du mit unserer h&uuml;bschen Stube gemacht?&laquo; fragte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Den Plunder hinausgeworfen,&laquo; sagte Maggie vergn&uuml;gt. &raquo;Die Kattungardinen
+und Mullvorh&auml;nge, die Makartstr&auml;u&szlig;e, na alles. Nur die Puffs hier, dein
+gl&auml;nzender Einfall, die h&ouml;chst eigenh&auml;ndig gepolsterten Bierf&auml;&szlig;chen, die
+sind noch da, folgen<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20"> [20]</a></span> aber auch, sobald ich was Besseres habe. Daf&uuml;r ist
+dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an
+deinem Bette der Gobelin. H&uuml;bsch, was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte Gertrud energisch. &raquo;Fr&uuml;her war's ein h&uuml;bsches, luftiges
+Nestchen mit all dem unschuldigen M&auml;dchenausputz; jetzt kommt es mir wie
+eine leere Tr&ouml;delbude vor. Wo ist der Toilettentisch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles weg. Als ich &ndash; wann war's doch? &ndash; Februar oder M&auml;rz zuletzt bei
+euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah &ndash; sie
+ist einfach herrlich, wie &uuml;berhaupt alles in Laukischken, ich wei&szlig; gar
+nicht, wie du es hier aushalten wirst &ndash; ja, also, wie ich da nach Hause
+kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles
+Billige und Unechte abgerissen.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sah sie aus gro&szlig;en Augen an.</p>
+
+<p>&raquo;Neidisch, Maggie?&laquo; fragte sie. &raquo;Lieber Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, da&szlig; man so was haben kann, und
+da&szlig; ich es nicht habe, das &auml;rgert mich. Und bis ich so weit bin, will
+ich lieber kahl und einfach hausen.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Du,&laquo; sagte Maggie lebhaft, &raquo;untersch&auml;tze das nicht, was du so leicht
+aufgeben willst. Es h&auml;ngt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich
+wette,<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21"> [21]</a></span> du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht
+aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und wei&szlig; Gott, was noch alles.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen,&laquo; sagte Gertrud bittend.
+&raquo;Und heute hilfst du mir ja doch ein bi&szlig;chen, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie umarmte sie st&uuml;rmisch und stand ihr mit zitternden H&auml;nden bei.
+Als sie das prachtvolle Haar l&ouml;ste, das wei&szlig;schimmernd &uuml;ber die
+Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen.</p>
+
+<p>Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten
+sie sich auf eines der schmalen M&auml;dchenbetten und hielten sich
+umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und
+sagten, nun w&auml;re es wie fr&uuml;her.</p>
+
+<p>Dann fuhr Maggie auf. &raquo;Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir
+gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Sch&ouml;nheit hin? Du hast ja
+Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und
+doch erst achtundzwanzig Jahre!&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud l&auml;chelte traurig. &raquo;Das ist ja sein &Auml;rger auch best&auml;ndig, da&szlig; ich
+so h&auml;&szlig;lich werde,&laquo; sagte sie. &raquo;Mir ist's gleichg&uuml;ltig; das hei&szlig;t, nein
+&ndash;&laquo; Sie weinte wieder bitterlich.<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22"> [22]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ach, du bist ja doch noch immer die Sch&ouml;nste von allen,&laquo; tr&ouml;stete
+Maggie. &raquo;Und dir fehlt ja nichts als ein bi&szlig;chen Gl&uuml;ck, meine arme, arme
+Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes
+Herz.&laquo;</p>
+
+<p>Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann
+verklagt hatte, schw&auml;chte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn
+sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck,
+wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte.</p>
+
+<p>Aber in diesen r&uuml;hrend abgebrochenen S&auml;tzen lag ihre ganze Geschichte.</p>
+
+<p>Maggie sah dabei f&ouml;rmlich den Schwager mit seinem sp&ouml;ttischen
+Lebemannsgesicht, h&ouml;rte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte
+Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den
+seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er hei&szlig; und
+angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud
+etwas von Gewalt murmelte.</p>
+
+<p>&raquo;Geschlagen? ... Dich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen w&auml;re&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trude, weshalb bist du nicht l&auml;ngst fortgelaufen?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23"> [23]</a></span></p>
+
+<p>Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um
+die Schultern und sah mit ihren gro&szlig;en, traurigen Augen so hilflos um
+sich, da&szlig; Maggies Herz vor Trauer und Emp&ouml;rung schwoll.</p>
+
+<p>&raquo;Komm zu Bett,&laquo; sagte sie. &raquo;Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und
+nehme deine Hand, mein armes Kind. Wei&szlig;t du, wie du fr&uuml;her tatst, wenn
+ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ...
+komm.&laquo;</p>
+
+<p>Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit m&uuml;tterlicher Sorgfalt
+zu Bette.</p>
+
+<p>Gertrud lie&szlig; sich alles gefallen und sagte, das t&auml;te gut. Wenn sie nur
+bleiben d&uuml;rfte! Bei Maggie w&auml;re ihr wohl, da h&auml;tte sie keine Angst.</p>
+
+<p>Maggie dehnte den prachtvollen, &uuml;ppig schlanken Leib. &raquo;Es sollte auch
+mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. F&uuml;r dich setze ich alles ein,
+was ich &uuml;brig behalte, wenn ich f&uuml;r mich gesorgt habe.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. &raquo;Warum sagst du so
+was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich mu&szlig; immer
+zuerst an mich denken, und was f&uuml;r mich am bequemsten und besten w&auml;re.
+Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz
+liebhabe. Von Kindheit<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24"> [24]</a></span> an. Vielleicht, weil du so anders bist. So
+zerbrechlich und so sch&ouml;n und gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt,&laquo; weinte die junge
+Frau.</p>
+
+<p>Maggie l&ouml;schte die Lampe und setzte sich zu ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Nun wollen wir mal vern&uuml;nftig reden, Kind!&laquo; sagte sie. &raquo;Sei still,
+erz&auml;hle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>Aus dem Schluchzen und den unverst&auml;ndlichen Worten klang ein Name voll
+heraus: &raquo;Seckersdorf&laquo;.</p>
+
+<p>Maggie fuhr zusammen. &raquo;Hast du ihn noch immer lieb?&laquo; fragte sie leise.</p>
+
+<p>&raquo;Gott bewahre! Nein, nein, nein!&laquo; sagte Gertrud heftig. &raquo;Aber wir trafen
+neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, da&szlig; er hier ist.
+Und wir sa&szlig;en bei Tisch zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da hat er dir den Hof gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde
+mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und
+traurig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was sagte er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich h&auml;tte
+mich l&auml;cherlich gemacht,<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25"> [25]</a></span> und jeder Mensch h&auml;tte sehen k&ouml;nnen, da&szlig; ich
+mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht
+auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich m&ouml;chte
+lieber tot sein, als das tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh, er war ma&szlig;los. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht
+wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine
+Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, doch!&laquo; sagte Maggie. &raquo;Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt
+w&uuml;rde, oder sehr reich w&auml;re und leben k&ouml;nnte, wie man wollte, ich w&auml;re
+die Letzte, die ans Heiraten d&auml;chte. &Uuml;brigens mit deinem liebensw&uuml;rdigen
+Manne m&ouml;cht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind.
+Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; sagte Gertrud. &raquo;Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut.
+Wei&szlig;t du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so
+gr&auml;&szlig;liche Angst, weil ich wei&szlig;, da&szlig; 'er' wieder da ist. Und wie die
+Qu&auml;lereien nun fortgingen, da&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ein langes Schweigen entstand. Maggie erg&auml;nzte sich alles, was die
+Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zur&uuml;ck, in
+der Gertrud hier Nacht f&uuml;r Nacht geweint und ihr auf<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26"> [26]</a></span> ihre kecken Fragen
+zugegeben hatte, da&szlig; sie sich vor ihrem Br&auml;utigam f&uuml;rchte, da&szlig; sie am
+liebsten vor der Hochzeit sterben m&ouml;chte.</p>
+
+<p>Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das &uuml;beraus interessant vorgekommen,
+aber schlie&szlig;lich selbstverst&auml;ndlich. Die ungl&uuml;ckliche Liebe zu dem
+blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte
+die sch&ouml;ne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Da&szlig; dann
+nichts daraus wurde, da&szlig; der reiche, verw&ouml;hnte, vornehme Laukischker
+Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Tr&auml;nen nahm, das hatte ihrem
+Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie sp&auml;ter dann die
+Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein St&uuml;ck
+des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die sch&ouml;ne,
+wei&szlig;haarige Gertrud und ihr br&uuml;netter, kraftvoller Mann allen W&uuml;nschen
+jungm&auml;dchenhafter Romantik entsprachen.</p>
+
+<p>Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr &uuml;ber die
+wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wu&szlig;te sie, da&szlig; Gertrud tief
+ungl&uuml;cklich, da&szlig; ihr Leben ein verfehltes war, da&szlig; man eine S&uuml;nde
+begangen, als man sie in diese Ehe mit dem r&uuml;den Kurowski hineingeredet
+hatte.</p>
+
+<p>Aber wie war dieses Hineinreden m&ouml;glich gewesen?<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27"> [27]</a></span> Sie selbst, das wu&szlig;te
+sie, w&uuml;rde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem
+damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn &uuml;ber alles
+&raquo;Gernhaben&laquo; hinaus w&uuml;rde sie immer zu allererst nach einer Stellung
+streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebed&uuml;rftige Gertrud,
+die niemals rechnete, wie hatte die sich durch &auml;u&szlig;eren Glanz bestechen
+lassen k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>&raquo;Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch
+lieb!&laquo; fragte sie nach dem langen Schweigen.</p>
+
+<p>Gertrud legte den Kopf auf ihren Scho&szlig;. &raquo;Ach liebes Kind, das kam alles
+so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ...
+Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die
+Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie sch&uuml;ttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie
+kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wu&szlig;te, sie
+h&auml;tte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden.</p>
+
+<p>&raquo;Sage mal, Gertrud,&laquo; die Frage scho&szlig; ihr durch den Kopf, &raquo;wu&szlig;te
+eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube &uuml;brigens, da&szlig; alle
+Welt es wu&szlig;te. Und dann,<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28"> [28]</a></span> in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit,
+dachte ich, ich w&auml;re es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede
+Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf
+gesprochen hatte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O weh, o weh!&laquo; sagte Maggie. &raquo;Das h&auml;tt' ich schon nie getan. Was wird
+der sich daraus zurechtgemacht haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, nein,&laquo; sagte Gertrud. &raquo;Er wei&szlig; ja, da&szlig; ich aufrichtig bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir
+einmal alles, was du ihm erz&auml;hlt hast, ich meine, was du zu erz&auml;hlen
+hattest. Ich m&ouml;chte dir gern helfen, aber dann mu&szlig; ich auch wissen, wie
+das mit Seckersdorf kam, &ndash; wie ihr auseinandergingt.&laquo;</p>
+
+<p>Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich
+vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn
+abgespielt hatte, so harmlos, da&szlig; sie banal gewesen w&auml;re, ohne Gertrud
+als Heldin.</p>
+
+<p>Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden
+Jugendsch&ouml;nheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte.
+Vollendet in den regelm&auml;&szlig;ig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der
+fast &uuml;berirdisch schien, und dazu das &uuml;ppige, wei&szlig;blonde Haar, das
+seinesgleichen in der Welt nicht fand.<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29"> [29]</a></span></p>
+
+<p>Der Welt! Maggie mu&szlig;te l&auml;cheln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung
+irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vor&uuml;ber. Gutsbesitzer,
+Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt &ndash; jung, zum Verwechseln gleich. Was
+k&uuml;mmerte sie das jetzt?</p>
+
+<p>Aber in Gertruds Erz&auml;hlung wurde der ganze Zauber der M&auml;dchenzeit
+lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und
+leise H&auml;ndedr&uuml;cke. Hier und da ein kleines Mi&szlig;verst&auml;ndnis, sehr ernst
+geweinte Tr&auml;nen, Vers&ouml;hnung in einer Kotillontour. Und Gl&uuml;ckseligkeit
+und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls.</p>
+
+<p>In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals
+versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben,
+der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden S&ouml;hne adoptiert und mit
+Reichtum &uuml;bersch&uuml;ttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit
+ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende
+aller Verhandlungen &ndash; das Ende ihres Gl&uuml;ckes.</p>
+
+<p>In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte
+Laukischken gekauft.</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t ja, wie er von Anfang an war!&laquo; sagte Gertrud seufzend.
+&raquo;&Uuml;berall hat er gesagt, er<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30"> [30]</a></span> m&uuml;sse mich bekommen, und Hans mu&szlig;te still
+dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals
+viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann
+wu&szlig;ten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb f&uuml;r ewig!' So
+&uuml;ber den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir
+auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen sa&szlig;, und h&ouml;rte kaum auf
+seine &uuml;bertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine
+kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zur&uuml;ck. Aber es war
+schon zu sp&auml;t. Kurt hielt um mich an. Das wei&szlig;t du ja alles, wie ich
+'nein' sagte, und Papa und die Perl au&szlig;er sich waren und qu&auml;lten und
+qu&auml;lten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, wei&szlig;t
+du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und
+bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja
+keine Ahnung, da&szlig; er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich
+dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich
+breitete ihm schon meine entgegen. Da sch&uuml;ttelte er den Kopf und sagte:
+'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort
+zur&uuml;ckzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu l&ouml;sen, wenn je eine
+bestand.' Ich war wie versteinert.<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31"> [31]</a></span> 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn
+getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die
+Verh&auml;ltnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken.
+Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und
+ihr alle kamt herein! Wei&szlig;t du's noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles, Alles!&laquo; sagte Maggie. &raquo;Man, oder gut deutsch gesagt, Papa,
+erz&auml;hlte uns, da&szlig; Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu
+rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch
+einen Namen. Und es wunderte sich keiner dar&uuml;ber. Ich wei&szlig; noch, da&szlig;
+Kurowski bei seinem n&auml;chsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ...
+und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und da&szlig; ein
+halbes Jahr sp&auml;ter Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; sagte Gertrud. &raquo;Das ist ja alles lang &uuml;berwunden, mu&szlig; es
+ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und,
+Maggie, wenn ich's mir &uuml;berlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von
+Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich
+selbst nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe das alles ja von dir herausgelockt,&laquo; tr&ouml;stete Maggie. &raquo;Wei&szlig;t
+du was? Wir wollen jetzt<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32"> [32]</a></span> gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu
+schlafen. Und morgen &uuml;berlegen wir alles.&laquo;</p>
+
+<p>Sie k&uuml;&szlig;te die Schwester und ging zu Bett.</p>
+
+<p>Es war nun still im Zimmer. Aber drau&szlig;en brauste es in den Buchen, wie
+ferne Meeresbrandung.</p>
+
+<p>&raquo;Trude!&laquo; sagte Maggie pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trude, du mu&szlig;t von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder
+zusammenkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen!&laquo; rief Gertrud entsetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du
+darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank,
+etwas Vern&uuml;nftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch gl&uuml;cklich
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maggie,&laquo; sagte Gertrud leise, &raquo;du meinst es gewi&szlig; sehr gut. Aber ich
+bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten,
+auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Still!&laquo; rief Maggie. &raquo;Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du
+bleibst nat&uuml;rlich unsere wei&szlig;e Lilie und bl&uuml;hst uns wieder auf und ...
+Gute Nacht, liebes Kind!&laquo;</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33"> [33]</a></span>Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. &Uuml;ber die bunten Laubb&auml;ume
+strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauwei&szlig;e Wolken ballten und jagten sich
+hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit
+ins Land hinein wogte das gr&uuml;ne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen
+sich von ihm durch die Luft.</p>
+
+<p>Gertrud sah froh hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Der alte, geliebte Blick ins Gr&uuml;ne und der Harzgeruch. Man f&uuml;hlt
+ordentlich, da&szlig; man hier gesund werden mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist,&laquo; meinte Maggie. &raquo;Nun
+komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.&laquo;</p>
+
+<p>Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwerm&uuml;tig hilflose F&auml;rbung an.
+&raquo;Mein Gott! Mein Gott!&laquo;</p>
+
+<p>In der E&szlig;stube sa&szlig; der Oberf&ouml;rster mit sorgenvollem, ver&auml;rgertem Gesicht
+am Kaffeetisch. Er streckte den T&ouml;chtern einen Brief entgegen. &raquo;Lest ...
+Lies vor, Maggie.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringsch&auml;tzigem Lachen.
+&raquo;Nat&uuml;rlich soll sie zur&uuml;ck. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch
+nicht heraus.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34"> [34]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Lies doch!&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftz&uuml;gen.</p>
+
+<p>Maggie las:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Mein verehrter Herr Schwiegervater!</p>
+
+<p>Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen
+sind, so will ich unseren Mangel an &Uuml;bereinstimmung doch nicht meine
+Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, da&szlig; sie mit den Jungens
+einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, f&uuml;r die paar Monate, in denen
+sich's bei der verz&auml;rtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht
+in Laukischken hausen l&auml;&szlig;t. Sie wissen doch, da&szlig; wir den Schwamm in
+den Schlafzimmern entdeckt haben, und da&szlig; ich besorgt bin, meine
+Familie den Winter &uuml;ber da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht
+nach Berlin will, und ich f&uuml;r meine Person f&uuml;r kurze Zeit dorthin zu
+reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie &ndash; mit Ihrer
+Erlaubnis nat&uuml;rlich &ndash; den Winter in den alten, kleinen und stillen
+Verh&auml;ltnissen zubringen will. Sobald ich eine &Auml;nderung in diesem
+vorl&auml;ufigen Plane w&uuml;nsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter
+Herr Schwiegervater, vertraue ich f&uuml;r diese &ndash; sagen wir &ndash; drei
+Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35"> [35]</a></span> deutsch: Passen Sie
+freundlichst auf, da&szlig; Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von
+jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus
+daf&uuml;r, k&uuml;sse meiner liebensw&uuml;rdigen Schw&auml;gerin die Hand, gr&uuml;&szlig;e die
+Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres</p>
+
+<p class="right">
+<span class="dedent">Ihr sehr ergebener</span><br />
+<span class="dedent2">Kurt von Kurowski.</span>
+</p>
+
+<p><span class="f">P. S.</span> F&uuml;r die kleinen Bed&uuml;rfnisse meiner Frau und der Kinder lege
+ich 3000 M. bei, da ich nicht wei&szlig;, ob Gertrud gen&uuml;gend versehen
+ist. F&uuml;r etwaige gr&ouml;&szlig;ere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.&laquo;</p></div>
+
+<p>&raquo;Soll man sich da &auml;rgern oder lachen?&laquo; sagte Maggie, den Brief auf den
+Tisch werfend.</p>
+
+<p>&raquo;Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen,&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster kurz,
+und stand auf. &raquo;Du bist vorl&auml;ufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte
+dich ein, wie's dir pa&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher.</p>
+
+<p>&raquo;Da habt ihr ihn, wie er ist!&laquo; rief sie nerv&ouml;s. &raquo;Immer Katze und Maus
+spielen, ernsthafte Dinge geringsch&auml;tzig und leichtfertig behandeln ...
+h&ouml;hnisch, liebensw&uuml;rdig, nie zu fassen ... Ich bin<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36"> [36]</a></span> sieben Jahre seine
+Frau gewesen und wei&szlig; heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa.
+Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zur&uuml;ckzuschicken?&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster sah m&uuml;rrisch nach der Seite. &raquo;Vorl&auml;ufig bist du da, und
+dann werden wir weiter sehen,&laquo; sagte er. &raquo;Die Lesart, die er w&uuml;nscht,
+kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden?
+... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich mu&szlig; nach
+Vokellen. Habe zugleich &ndash; aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts h&ouml;ren.
+Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst sp&auml;t wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Er k&uuml;&szlig;te Gertrud in verlegener Z&auml;rtlichkeit und sch&uuml;ttelte Maggie die
+Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Du, Papa!&laquo; sagte Maggie. &raquo;F&uuml;r alle F&auml;lle mu&szlig;t du noch wissen, da&szlig;
+Kurowskis sich wegen Seckersdorf erz&uuml;rnt haben. Aus deiner Verabredung
+mit ihm kann nun wohl nichts werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was Kuckuck?&laquo; fuhr der Alte auf. &raquo;Was ist das f&uuml;r Unsinn? Da kenne ich
+doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon
+ist keine Rede. La&szlig; sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus
+braucht er ja nicht zu kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud zog die Brauen zusammen.<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37"> [37]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Wenn er aber doch kommt?&laquo; fragte Maggie.</p>
+
+<p>&raquo;Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich
+euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine
+Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Gesch&auml;ft,
+das sich lohnt, und nun wollen sie es einem
+verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin kein Million&auml;r, und
+Gesch&auml;ft ist Gesch&auml;ft. L&auml;cherlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei
+Meilen von hier und ... na, ich will euch lieber gleich sagen, da&szlig; ich
+der Sache wegen fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt
+auch, wegen Waldgrenzgeschichten &ndash; da hab' ich nur den halben Weg &ndash;
+und hernach machen wir ein Partiechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa, wenn's dir nur nicht leid tut,&laquo; warnte Maggie. &raquo;Du wei&szlig;t doch,
+mit Kurt ist nicht zu spa&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit mir auch nicht,&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster kurz und ging hinaus.</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde sp&auml;ter fuhr er im Einsp&auml;nner davon.</p>
+
+<p>Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach.</p>
+
+<p>&raquo;An Papa hast du also keinen Halt!&laquo; sagte Maggie mit heller Entr&uuml;stung
+im Tone.</p>
+
+<p>&raquo;Maggie!&laquo; bat Gertrud flehend. &raquo;Sag' nichts gegen Papa, das t&auml;te mir zu
+weh. Wir wissen ja, wie<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38"> [38]</a></span> er in Geldangelegenheiten ist, und &auml;ndern
+k&ouml;nnen wir doch nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt,&laquo; gr&uuml;belte Maggie
+finster. &raquo;Das ist eine niedertr&auml;chtige Schlauheit, wie &uuml;berhaupt der
+ganze Brief.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wei&szlig; die Menschen schon zu nehmen. Pa&szlig; auf, wenn er's will, mu&szlig; ich
+zur&uuml;ck. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er
+beabsichtigt. Wei&szlig;t du das?&laquo;</p>
+
+<p>Nein, Maggie wu&szlig;te es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten
+herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der
+Schwester, die den H&auml;rten und Widerw&auml;rtigkeiten des Lebens so wehrlos
+gegen&uuml;berstand, ein versp&auml;tetes Gl&uuml;ck zu schaffen. Und sie tr&ouml;stete sie,
+liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war
+zufrieden, als ein versch&uuml;chtertes L&auml;cheln das einst von Frohsinn und
+Gl&uuml;cksgewi&szlig;heit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte.</p>
+
+<p>Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden,
+trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die &Auml;ltere, das Prinze&szlig;chen,
+sch&ouml;n wie der Tag und von aller Welt auf H&auml;nden getragen, hatte die
+weniger h&uuml;bsche, damals noch scheue Schwester mit fast m&uuml;tterlicher
+Z&auml;rtlichkeit geh&uuml;tet und gepflegt,<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39"> [39]</a></span> und sich immer bem&uuml;ht, sie in den
+Vordergrund zu schieben.</p>
+
+<p>Ihre Mutter, eine Engl&auml;nderin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit
+Gesellschafterin in einer dem Oberf&ouml;rster befreundeten Familie, war
+gestorben, als die M&auml;dchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide
+gedachten noch heute mit abg&ouml;ttischer Verehrung der lachenden jungen
+Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war.</p>
+
+<p>Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, w&auml;hrend Maggie, die
+fr&uuml;her finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit &uuml;bersprudelte;
+freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Fr&ouml;hlichkeit, mit der Gertrud
+sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen,
+die herrische Naturen sich angew&ouml;hnen k&ouml;nnen, weil sie sie als R&uuml;stzeug
+brauchen.</p>
+
+<p>Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verh&auml;ltnis der beiden Schwestern
+zueinander ge&auml;ndert. Gertrud, das ehemalige Gl&uuml;ckskind, warmherzig,
+arglos, unbewu&szlig;t von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen H&auml;nden
+ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie.
+Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst &uuml;berlassen, hatte sich mit ihrer
+innerlichen K&auml;lte und Klugheit von ihrer Umgebung l&auml;ngst frei gemacht
+und beherrschte durch<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40"> [40]</a></span> Gleichg&uuml;ltigkeit und Berechnung unter der Maske
+der Liebensw&uuml;rdigkeit alles.</p>
+
+<p>Unbek&uuml;mmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach
+Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer &auml;u&szlig;eren
+Erscheinung zu einer Sch&ouml;nheit entfaltet, die eigentlich Kraft und
+bl&uuml;hende Gesundheit auf der H&ouml;he ihrer Entwicklung war.</p>
+
+<p>Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger
+Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bem&uuml;hte sich
+ernsthaft um sie, aber mit gro&szlig;em Takt ging sie jeder entscheidenden
+Frage aus dem Wege und wu&szlig;te sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten.
+Sie wollte nichts &raquo;verpuffen&laquo;, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft
+sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr
+nach ihren Bed&uuml;rfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht
+bald, so mu&szlig;te sie solche suchen. Es war nun Zeit. &ndash; So hatte sie
+gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war
+das anders. Nun kam sie vorl&auml;ufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das
+arme, blasse Weib.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist doch gut f&uuml;r uns andere,&laquo; dachte sie, &raquo;da&szlig; solche Menschen, wie
+Gertrud, existieren. Daran, da&szlig; man sie so liebhaben kann, zeigt man<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41"> [41]</a></span>
+sich selbst, da&szlig; man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich
+sieht man, wie man es nicht machen mu&szlig;, wenn man selbst vorw&auml;rts kommen
+will.&laquo;</p>
+
+<p>War es denn eigentlich glaublich, da&szlig; Gertrud mit all ihrer Sch&ouml;nheit
+und Anmut und Herzensg&uuml;te den so empf&auml;nglichen Kurowski nicht hatte
+fesseln k&ouml;nnen? Das w&auml;re gleich so eine Partie, so eine Aufgabe f&uuml;r sie,
+Maggie, gewesen.</p>
+
+<p>Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken &ndash; nun gar in so
+unm&ouml;glichen Vorstellungen. Dann h&auml;tte ihr ja auch der Gedanke an
+Seckersdorf kommen k&ouml;nnen, &ndash; den sie doch gerade f&uuml;r Gertrud erk&auml;mpfen
+wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gef&auml;llt,&laquo; sagte eine
+leise innere Stimme. &raquo;Blond, still und zur&uuml;ckhaltend, ist nicht dein
+Geschmack.&laquo;</p>
+
+<p>Nun stampfte sie leise mit dem Fu&szlig; und ging geradenwegs zu Gertrud, um
+sie herzhaft und z&auml;rtlich zu k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Du glaubst, da&szlig; ich dich liebhabe?&laquo; fragte sie leidenschaftlich. &raquo;Du
+h&auml;ltst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen
+hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage?
+... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Kinder, die Kinder!&laquo; &auml;nderte Maggie<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42"> [42]</a></span> schnell das Gespr&auml;ch.
+&raquo;Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm,
+Liebling, wenn du noch wei&szlig;t, was Zimmereinrichten und K&uuml;che und
+Speisekammer bedeuten ... &Uuml;brigens, wenn nicht, so lernst du es eben
+wieder. Du hast dich viel zu sehr verw&ouml;hnt, mein vornehmes Frauchen!&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud l&auml;chelte und ging bereitwillig mit ihr zu Fr&auml;ulein Perl, die dem
+Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, w&auml;hrend in der Tat Maggie l&auml;ngst
+den gro&szlig;en, l&auml;ndlichen Haushalt f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung
+der Kinder und die kleinen h&auml;uslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun
+wieder teilnehmen sollte.</p>
+
+<p>Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war z&auml;rtlich und t&auml;tig besorgt um
+die Kinder, sie ordnete in den f&uuml;r sie und die Knaben bestimmten beiden
+Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war
+besch&auml;ftigt. Sie brachte sich &uuml;ber diese unruhvollen Stunden hinweg, in
+denen ihr Herz bang und &auml;ngstlich schlug, in denen der Gedanke: &raquo;Was
+wird nun werden?&laquo; sie zermarterte, in denen auch die leise
+durchhuschende Ahnung: &raquo;Es kommt etwas Gutes &ndash; vielleicht das Gl&uuml;ck!&laquo;
+ihr zur Pein wurde.<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43"> [43]</a></span></p>
+
+<p>Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald,
+der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner
+&uuml;briggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in
+dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der
+verwelkten Bl&auml;tter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen
+Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern m&uuml;de, Arm in Arm heim.
+Beide ganz Liebe f&uuml;reinander, und doch die eine im Gef&uuml;hle der Gebenden,
+die andere als Empfangende.</p>
+
+<p>&raquo;Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein!&laquo; dachte Gertrud und:
+&raquo;Wie h&uuml;bsch es ist, f&uuml;r ein liebes Menschenkind Pl&auml;ne zu machen und sich
+so wundervoll dabei zu benehmen!&laquo; dachte Maggie.</p>
+
+<p>Diese Nacht schliefen beide gut. Der n&auml;chste Morgen fand Gertrud ein
+wenig widerstandsf&auml;higer, ruhiger und selbstbewu&szlig;ter.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44"> [44]</a></span>Bald nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck nahm der Oberf&ouml;rster seine j&uuml;ngste Tochter unter
+den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schl&auml;gen mitzugehen. Das
+war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in
+irgendeiner gesch&auml;ftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen
+war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gew&ouml;hnlich das, was
+er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er
+zufrieden.</p>
+
+<p>In ihrem ungest&uuml;men und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge
+einzugreifen, die &uuml;ber ihre gew&ouml;hnlichen Tagesarbeiten hinausragten,
+hatte sie stets Freude an solchen G&auml;ngen. Sie f&uuml;hlte sich dann noch am
+meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den
+&raquo;alten Herrn&laquo; anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff,
+da&szlig; die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen
+hatte.</p>
+
+<p>Er seinerseits war viel zu klug, als da&szlig; er diesen Mangel an
+Herzensneigung nicht h&auml;tte durchschauen sollen, aber er machte sich
+nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar &uuml;berzeugt, da&szlig; sich
+in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber
+nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45"> [45]</a></span>
+wenig Herzensbed&uuml;rfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab,
+hatten sie auf Gertrud gesch&uuml;ttet, die so viel Liebe brauchen konnte und
+alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand.</p>
+
+<p>Um Gertrud w&uuml;rde es sich nat&uuml;rlich heute handeln. Und ganz Feuer und
+Flamme f&uuml;r ihren Plan, machte Maggie sich f&uuml;r den langen Weg mit dem
+Vater bereit. Er durfte selbstverst&auml;ndlich nichts von allem ahnen und
+sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte f&ouml;rmlich, als sie sich
+von der Schwester verabschiedete.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist eigentlich eine Sch&ouml;nheit geworden, Maggie,&laquo; sagte Gertrud und
+k&uuml;&szlig;te das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewu&szlig;t
+leuchteten. &raquo;Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du.
+Wenn du dich nur zur Geltung bringen k&ouml;nntest. Aber hier&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommt schon noch, sei ohne Sorge,&laquo; antwortete Maggie und lief lachend
+hinunter.</p>
+
+<p>Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz
+federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat.</p>
+
+<p>&raquo;Bist doch ein strammer Kerl,&laquo; sagte er anerkennend. &raquo;Wenn dich so einer
+s&auml;he!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht verliert einer von den Holzschl&auml;gern<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46"> [46]</a></span> sein Herz an mich &ndash;
+oder der neue Revierf&ouml;rster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu
+sein,&laquo; spottete Maggie.</p>
+
+<p>&raquo;Ist alles vorgekommen, Kind,&laquo; bemerkte der Alte. &raquo;Und wenn ein M&auml;del
+sich &uuml;berhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten
+einl&auml;&szlig;t, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den
+Weg kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, Papa,&laquo; sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend,
+&raquo;da&szlig; ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte
+zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du, dar&uuml;ber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr,&laquo; meinte der
+Oberf&ouml;rster. &raquo;Die Sache ist verj&auml;hrt. Hilf lieber der Gertrud auf den
+richtigen Weg und best&auml;rke sie nicht noch in ihrer Aufs&auml;ssigkeit gegen
+Kurowski. Was soll denn sonst blo&szlig; werden?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie wu&szlig;te es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten
+Buchenbl&auml;tter mit der Fu&szlig;spitze vor sich auf. &raquo;Ja, schlie&szlig;lich kann man
+doch die Gertrud nicht mi&szlig;handeln lassen!&laquo; sagte sie. &raquo;Wenn <em class="g">die</em> klagt,
+mu&szlig; es schon arg sein. Und man wei&szlig; ja auch, was f&uuml;r ein Leben der liebe
+Kurt f&uuml;hrt. Ich wundere mich nur, da&szlig; man das vor der Heirat gar nicht
+geahnt hat.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47"> [47]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere
+Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gew&ouml;hnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, nur da&szlig; das Experiment mi&szlig;gl&uuml;ckt ist,&laquo; sagte Maggie. &raquo;Und nun sitzt
+die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.&laquo;</p>
+
+<p>Eine gewisse Emp&ouml;rung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des
+f&uuml;r sich selber f&uuml;rchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach
+einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngeb&uuml;sch abgerissen hatte
+und warf die St&uuml;cke erregt fort.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster bi&szlig; sich auf die Lippen und senkte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten,&laquo; sagte er, &raquo;aber
+sonst ein anst&auml;ndiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud verw&ouml;hnt
+er sonst wie eine Prinze&szlig;. Und der Skandal bei so 'ner
+Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas.</p>
+
+<p>Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze
+Kaltbl&uuml;tigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie
+etwas f&uuml;r Gertrud tat, durfte keine Gem&uuml;tsduselei und keine &uuml;berfl&uuml;ssige
+Erregung mit unterlaufen. Kalt und<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48"> [48]</a></span> klug wollte sie alles lenken, zu
+ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Papa, schlimm ist es,&laquo; sagte sie beistimmend, &raquo;das seh' ich schon
+ein ... aber was tun?&laquo;</p>
+
+<p>Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander.</p>
+
+<p>Der Bestand wechselte. Statt der buntgef&auml;rbten Laubb&auml;ume strebten nun
+alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch
+das dunkle Gr&uuml;n, und Goldflecke bl&uuml;hten auf dem br&auml;unlichen Waldboden
+auf.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;nes St&uuml;ck!&laquo; sagte der Alte. &raquo;Der Endzipfel geh&ouml;rt schon zu
+Tromitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was war denn nun mit Seckersdorf gestern?&laquo; fragte Maggie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; erwiderte der Oberf&ouml;rster z&ouml;gernd, &raquo;mir fiel schon unterwegs ein,
+da&szlig; man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf sto&szlig;en kann. Ich
+habe noch nicht zugesagt ... &Uuml;berb&uuml;rdung vorgesch&uuml;tzt, mir Bedenkzeit
+ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, &ndash;
+Heiratsgeld, M&auml;del ... Wenn man nur w&uuml;&szlig;te ... Sag' mal, was ist denn nun
+eigentlich bei Kurowskis los gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie erz&auml;hlte.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster sch&uuml;ttelte den Kopf und fluchte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist,&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49"> [49]</a></span> sagte er schlie&szlig;lich,
+&raquo;da&szlig; seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, mu&szlig; es mit der
+Gleichg&uuml;ltigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein.
+Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum
+... dann freilich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud w&auml;re viel zu sehr herunter, als
+da&szlig; sie an solche Dinge d&auml;chte. Aber zu vornehm und harmlos w&auml;re sie
+auch, und k&ouml;nnte sich nicht vorstellen, da&szlig; man sogar ihren Blicken
+allerlei Bedeutung unterlegte. Man m&uuml;&szlig;te also daf&uuml;r sorgen, da&szlig; sie nie
+mit Seckersdorf zusammentr&auml;fe, denn wer wei&szlig;, ob nicht der Kurowski
+gerade nach Berlin gegangen w&auml;re und Gertrud allein hier gelassen h&auml;tte,
+um ihr eine Falle zu stellen? Dann w&uuml;rde er sie auf bequeme Weise los,
+und die Kinder geh&ouml;rten ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter!&laquo; Der Oberf&ouml;rster blieb stehen und sah seine J&uuml;ngste
+verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem
+Kurowski, schon. Nat&uuml;rlich! Da&szlig; ihm das selbst auch nicht eingefallen
+war! Gott sei Dank, da&szlig; er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. &raquo;Und
+wei&szlig;t du warum, M&auml;del? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den
+Eichenschl&auml;gen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm
+... Na, und so weiter.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50"> [50]</a></span></p>
+
+<p>Maggie erschrak, da&szlig; sie bla&szlig; wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich
+zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten
+sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren
+strahlenden Falkenaugen vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>Um so besser. Das Gl&uuml;ck war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich
+alles so noch nat&uuml;rlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit
+begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens
+ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter gr&uuml;beln und dem Zufall
+&uuml;berlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verst&auml;ndigen
+konnte.</p>
+
+<p>Jetzt, w&auml;hrend sie r&uuml;stig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud
+Bez&uuml;gliche.</p>
+
+<p>Dem Vater hatte sie nur gesagt, da&szlig; es ihr ganz lieb w&auml;re, den
+Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gespr&auml;ch selbst wieder auf
+Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich
+gegenseitig auch das Herz &uuml;ber das Aussehen und das m&uuml;de, schlaffe Wesen
+der armen Frau auszusch&uuml;tten, auf Kurowski zu schelten, seinen
+schillernden, unzuverl&auml;ssigen Charakter zu zergliedern und schlie&szlig;lich
+immer wieder zu der Frage zur&uuml;ckzukehren: &raquo;Die arme Gertrud, &ndash; was wird
+das nur werden?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51"> [51]</a></span></p>
+
+<p>Dabei gingen sie r&uuml;stig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an
+deren Rand ein Dutzend alte Eichen &raquo;hingerichtet&laquo; wurden, wie Maggie
+sagte.</p>
+
+<p>Die Leute gr&uuml;&szlig;ten, der Aufseher trat heran. Und von dr&uuml;ben, der
+entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd gef&uuml;hrt hatte, kam Hans
+Seckersdorf her&uuml;ber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick.</p>
+
+<p>Nun stand ihr doch das Herz still.</p>
+
+<p>Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu
+mustern, w&auml;hrend er &uuml;ber die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit
+lautem Gru&szlig; auf ihn zuschritt.</p>
+
+<p>Er war sehr gro&szlig;, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung
+hatte; er trug den verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in
+den Bewegungen. Das Gesicht, regelm&auml;&szlig;ig wie eine Marsmaske, mit
+aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht
+von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigent&uuml;mlich still und
+fest blickend, &ndash; alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht
+vor&uuml;bergehen konnte.</p>
+
+<p>Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorw&auml;rts. Leuchtend in den
+Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52"> [52]</a></span>
+unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem &raquo;allerersten
+T&auml;nzer&laquo;, ein frohes Willkommen entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Papa sagte mir, da&szlig; wir Sie hier treffen w&uuml;rden, und ich habe mich
+recht gefreut.&laquo;</p>
+
+<p>Er dr&uuml;ckte ihr die Hand und sprach von freudiger &Uuml;berraschung; dabei
+musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen.</p>
+
+<p>Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an
+den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigent&uuml;mlich an, &ndash; bittend und
+forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein?
+Fast schien es so.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch
+nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum
+vorgenommen; der Oberf&ouml;rster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und
+h&ouml;rte mit intensiver Aufmerksamkeit zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich lerne,&laquo; sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den
+Oberf&ouml;rster heran.</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich!&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster nach kurzer Pr&uuml;fung. &raquo;Entschuldigen
+Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53"> [53]</a></span></p>
+
+<p>Er trat hin&uuml;ber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben
+Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen sp&auml;hendem Blick. Ja,
+hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's,
+&ndash; also vorw&auml;rts!</p>
+
+<p>Aber sch&ouml;n war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hin&uuml;berstr&ouml;mte,
+dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen
+zitterte. Maggie h&auml;tte noch minutenlang so stehen m&ouml;gen, in dieser
+klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand.</p>
+
+<p>Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mu&szlig;te anfangen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr von Seckersdorf!&laquo; sagte sie stockend.</p>
+
+<p>Er horchte auf. &raquo;Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Auml;hnlichkeit mit der meiner Schwester!&laquo; fiel sie rasch ein. &raquo;Ja, es ist
+leider die einzige.&laquo;</p>
+
+<p>Er machte eine h&ouml;fliche Bewegung und sah sie unruhig an.</p>
+
+<p>&raquo;Wie er erregt ist!&laquo; dachte sie. &raquo;Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen
+Gertrud lieb, da&szlig; ich Sie sprechen kann,&laquo; sagte sie hastig, nach dem
+Oberf&ouml;rster hin&uuml;bersehend.</p>
+
+<p>Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. &raquo;Wegen Frau von
+Kurowski?&laquo; Sie nickte.<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54"> [54]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen,&laquo; sagte sie schnell, noch
+immer wie &auml;ngstlich nach dem Vater blickend, &raquo;weil sie Ihretwegen in
+rohester Weise von ihm verd&auml;chtigt worden ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen &ndash; meinetwegen?&laquo; Er machte eine hastige Bewegung, als
+ob er ihren Arm ergreifen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen das wissen,&laquo; sagte sie, leise und schnell, &raquo;weil Papa von
+einer gesch&auml;ftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie h&auml;tten uns
+wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist,
+unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme
+Schwester &uuml;berhaupt nicht wieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie meinen, ich soll abreisen? ... Nat&uuml;rlich ... sofort ... wenn es
+sein mu&szlig; ...&laquo; Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. &raquo;Sie ist r&uuml;de
+behandelt worden?&laquo; fragte er z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>Maggie nickte wieder. &raquo;Sie will nicht wieder nach Laukischken zur&uuml;ck ...
+aber Papa wird sie zwingen ... &uuml;berreden, wie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie damals,&laquo; sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus.</p>
+
+<p>Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine
+schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien.<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55"> [55]</a></span></p>
+
+<p>Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Leidet sie sehr ... sehr?&laquo; fragte er nach einer Pause. &raquo;Ist sie sehr
+ver&auml;ndert in diesen acht Jahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist v&ouml;llig niedergebrochen,&laquo; sagte Maggie mit Betonung.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht doch, nicht doch!&laquo; murmelte er. &raquo;Wei&szlig; sie, da&szlig; wir, ich meine Sie
+und ich, heute hier &ndash;&laquo; Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang
+zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte
+Maggie.</p>
+
+<p>&raquo;Gott bewahre,&laquo; sagte sie. &raquo;Man mu&szlig; ihr doch alles fernhalten, was sie
+beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ...&laquo; Sie stockte, wurde rot
+und sah nach der Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe?&laquo; fragte er
+dringend. &raquo;Kann ich denn sonst nichts, gar nichts f&uuml;r sie tun?&laquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberf&ouml;rster,
+der eben zur&uuml;ckkam.</p>
+
+<p>&raquo;Papa darf nichts davon wissen!&laquo; sagte sie verlegen.</p>
+
+<p>Er sah sie dankbar an.</p>
+
+<p>&raquo;Sie lieben Gertrud&laquo; &ndash; er erschrak und verbesserte sich &ndash; &raquo;Ihre Frau
+Schwester sehr?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56"> [56]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Mehr als alles auf der Welt,&laquo; sagte sie aufrichtig. &raquo;Und f&uuml;r ihr Gl&uuml;ck
+br&auml;chte ich jedes Opfer.&laquo;</p>
+
+<p>In &uuml;berstr&ouml;mender Herzlichkeit nahm er ihre Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie ... d&uuml;rfen Sie ihr sagen ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>Da stand der Oberf&ouml;rster vor ihnen und schmunzelte vergn&uuml;gt.</p>
+
+<p>&raquo;Freundschaft geschlossen?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Alte erneuert,&laquo; antwortete Maggie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Fr&auml;ulein, das nicht immer
+mitgenommen wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und jetzt tanze ich schon regul&auml;r sieben Winter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden wir Sonntag &uuml;ber acht Tage in Waldlack zusammen sein?&laquo; fragte
+er, unruhig ihre Augen suchend.</p>
+
+<p>&raquo;Papa, du hast ja verheimlicht, da&szlig; am Sonntag die Waldlacker
+Gesellschaft ist,&laquo; wandte sich Maggie an den Vater. &raquo;Nat&uuml;rlich also, und
+ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt
+wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas
+zum Tanzen gibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und immer viel zu viel,&laquo; lachte der Oberf&ouml;rster. &raquo;Aber wenn Sie sich
+nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann
+bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen,<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57"> [57]</a></span> Kind. Wir haben ja
+noch einen weiten R&uuml;ckweg.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie setzte sich auf einen Stein, w&auml;hrend die Herren zu den Arbeitern
+gingen.</p>
+
+<p>Das Herz war ihr weit und sie f&uuml;hlte sich beunruhigt. Also, so was gab
+es wirklich? Da war ein Mann, sch&ouml;n und jung, vornehm, mit gl&auml;nzenden
+Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast &ndash;
+und obwohl Gertrud nicht mehr so sch&ouml;n war, einem anderen geh&ouml;rt hatte,
+Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren
+Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann,
+vielleicht noch interessanter als dieser &ndash; aber nein &ndash;, dieser
+Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz
+au&szlig;ergew&ouml;hnlich Anziehendes.</p>
+
+<p>So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie
+seine schlank-kr&auml;ftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den
+B&auml;umen auftauchen sah, &uuml;berraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von
+Neid.</p>
+
+<p>Warum traf sie nie so einen, der ihr seine sch&ouml;ne m&auml;nnliche Erscheinung,
+seine vornehme Seele und &ndash; nicht zu vergessen &ndash; seine Reicht&uuml;mer bot?
+Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so
+fest die Hand dr&uuml;cken konnte?<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58"> [58]</a></span> Gott, vielleicht war das alles ein
+bi&szlig;chen langweilig; vielleicht, wenn man sich &uuml;berhaupt auf so etwas
+einlie&szlig;, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und &uuml;brigens,
+was gr&uuml;belte sie &uuml;ber das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich
+einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich
+wirklich freuen.</p>
+
+<p>Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das
+Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, dr&uuml;ckte ihr bedeutungsvoll
+die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort.</p>
+
+<p>&raquo;Famos, wie er reitet,&laquo; sagte Maggie, ihm nachsehend.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berhaupt ein Prachtmensch,&laquo; stimmte der Oberf&ouml;rster bei. &raquo;Glaubst du,
+da&szlig; er mir das von damals nachtr&auml;gt? Keine Spur! Und was meinst du,
+D&ouml;chting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gef&auml;hrlich.&laquo; Er blinzelte
+schlau mit den Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Das kannst du gar nicht wissen,&laquo; erwiderte Maggie ernsthaft.</p>
+
+<p>Einsilbig, Luftschl&ouml;sser bauend und zerst&ouml;rend, gingen sie heim durch
+den starkduftenden Wald.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59"> [59]</a></span>Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe
+eingetroffen und hatte Gr&uuml;&szlig;e von dem gn&auml;digen Herrn &uuml;berbracht, der in
+den n&auml;chsten Tagen, vor der Reise, noch einmal her&uuml;berkommen w&uuml;rde.
+Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres
+Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, da&szlig;
+alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei geh&ouml;rte, die er
+auszu&uuml;ben beliebte.</p>
+
+<p>Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle h&auml;uslichen Angelegenheiten
+so weit geordnet, da&szlig; man sie w&auml;hrend seiner Abwesenheit mit gar nichts
+behelligen w&uuml;rde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach
+dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben h&auml;tte, da&szlig;
+sie nach dem Rechten s&auml;he. Sonst h&auml;tte er ihr nichts zu sagen, als da&szlig;
+er Nachricht &uuml;ber die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse
+telegraphiert haben w&uuml;rde. Alles weitere sollte sich nach seiner
+R&uuml;ckkehr finden.</p>
+
+<p>Gertrud weinte viel &uuml;ber diesen Brief. Die gro&szlig;e Unsicherheit ihrem Mann
+gegen&uuml;ber, die alles in ihr zerst&ouml;rte, woraus sie sich noch einen
+Lebensinhalt h&auml;tte schaffen k&ouml;nnen, nahm wieder ganz Besitz von ihr.<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60"> [60]</a></span></p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder
+wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause w&auml;re! Sie lief vom
+Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg
+&uuml;bersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer
+banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und mu&szlig;ten
+wieder hinaus; sie ging zu Fr&auml;ulein Perl, die in der K&uuml;che besch&auml;ftigt
+war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Fr&auml;ulein Perl meinte, eine
+Hilfe k&ouml;nnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie m&uuml;&szlig;te auch
+wirklich eine sein. Dar&uuml;ber sprach man nun hin und her, bis Fr&auml;ulein
+Perl ungeduldig wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, Kindchen, ich habe zu tun, &uuml;berleg dir's doch, es hat ja
+keine Eile. Bis zum Abendzug mu&szlig; die Person ja doch hierbleiben. La&szlig; sie
+nur gleich die Sachen der Jungen einr&auml;umen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, nat&uuml;rlich.&laquo; Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die
+Veranda, um zu warten und zu gr&uuml;beln.</p>
+
+<p>Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten
+hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine &uuml;berlegene Art in immer
+gr&ouml;&szlig;ere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen
+z&auml;rtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61"> [61]</a></span> Liebe bot. Vor harten,
+ironischen oder zweifelhaften Worten und Ber&uuml;hrungen schreckte sie
+zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie sch&uuml;tzen k&ouml;nnte,
+und verstummte schlie&szlig;lich ganz.</p>
+
+<p>Das war eine Schw&auml;che, eine Verz&auml;rtelung, aber sie konnte nicht anders.
+In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin best&auml;rkt, sie
+seine Taube genannt und ihre zur&uuml;ckhaltende Scheu mit hei&szlig;en
+Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber
+gegeben, gehorsam und ohne Ma&szlig;, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn
+sie f&uuml;hlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen
+Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu
+dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte.</p>
+
+<p>Wie von einem unverge&szlig;lichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen
+unausgef&uuml;llten Stunden ihres Tages von ihm getr&auml;umt. Aber nun war er
+pl&ouml;tzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie fr&uuml;her gesagt: &raquo;Ich
+hab' dich noch lieb!&laquo;</p>
+
+<p>Und da verschwanden mit einem Male alle tr&uuml;bsinnigen Gr&uuml;beleien; der
+Himmel schien ihr so klar und hoch, als m&uuml;&szlig;te sie hinauf, und ein Gef&uuml;hl
+von Sicherheit kam &uuml;ber sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der
+Zukunft entgegengehen w&uuml;rde. Und das alles nur, weil er wieder da war.<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62"> [62]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Aber was willst du von ihm?&laquo; fragte dann wieder mahnend das Gewissen.
+&raquo;Du tust Unrecht. Das ist S&uuml;nde, das ist gef&auml;hrlich ... Du brichst die
+Ehe in Gedanken.&laquo;</p>
+
+<p>Die Kinder liefen vor&uuml;ber und schrien ihr z&auml;rtliche Worte zu. Da nahm
+sie sich zusammen und sagte sich: &raquo;Ich will nicht, ich darf nicht an ihn
+denken!&laquo; Aber ein aufregendes Erwartungsgef&uuml;hl zitterte doch in ihr,
+wich dem einer gro&szlig;en Angst und rang sich wieder durch, so da&szlig; sie
+zuletzt nicht mehr aus und ein wu&szlig;te und mit klopfendem Herzen in den
+Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief.</p>
+
+<p>In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer R&uuml;ckkehr und erz&auml;hlte von
+der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm &uuml;ber
+Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige F&auml;rbung
+an und weckten Gl&uuml;cksschauer in der versch&uuml;chterten Seele der armen
+Frau.</p>
+
+<p>Aber sie wehrte sich dagegen. &raquo;Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich
+an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!&laquo;</p>
+
+<p>Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige
+Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich
+vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich hei&szlig;<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63"> [63]</a></span> und bebend aus ihrem
+Arme l&ouml;ste, rief sie ihr heftig zu: &raquo;Wenn ich du w&auml;re, und solch ein
+Mann h&auml;tte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte:
+'Nimm mich ... gleich ... la&szlig; uns nicht eine Sekunde von dem
+grenzenlosen Gl&uuml;ck verlieren, das wir f&uuml;r einander bereit haben.'&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sah sie gro&szlig;, mit leuchtenden Augen an. Sie wu&szlig;te, das war
+M&auml;dchengeschw&auml;tz, in Wirklichkeit w&uuml;rde das ganz anders kommen; und
+dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbez&auml;hmbarer, sehns&uuml;chtiger
+Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, wenn ich heute mit gewesen w&auml;re und h&auml;tte ... Nein, nein, Maggie,
+du f&uuml;hrst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde
+schlecht ... Mu&szlig; er sich selbst nicht sagen, da&szlig; es schlecht ist? Ich
+bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie weinte heftig. Aber Maggie f&uuml;hlte, da&szlig; Gertruds Widerstand schon
+nachgelassen hatte.</p>
+
+<p>Damit war sie f&uuml;r jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mu&szlig;te ja erst
+allm&auml;hlich wieder zur Selbst&auml;ndigkeit und Gl&uuml;cksf&auml;higkeit erzogen
+werden.</p>
+
+<p>Bei Tisch, als der Oberf&ouml;rster Maggie mit Seckersdorf neckte &ndash;
+absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte &ndash;,
+wechselten<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64"> [64]</a></span> die Schwestern einen Blick des Einverst&auml;ndnisses, und
+Gertrud l&auml;chelte ein wenig.</p>
+
+<p>So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam
+vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud,
+als von etwas Selbstverst&auml;ndlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie
+sprach, sie glaubte jedoch mit der empf&auml;nglicheren Phantasie der
+Schwester rechnen zu m&uuml;ssen, und redete sich dann allm&auml;hlich in immer
+gr&ouml;&szlig;ere W&auml;rme hinein. Oft wurde sie m&uuml;de, wenn Gertrud immer dasselbe
+sagte: &raquo;Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen
+denken.&laquo; Aber sie lie&szlig; doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden,
+als eines Tages sich zu den &uuml;blichen Worten der Zusatz einstellte: &raquo;Bis
+da&szlig; ich frei bin.&laquo;</p>
+
+<p>Sie k&auml;mpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich
+fest, sie besch&auml;ftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den
+Kindern. Aber wenn es ihr m&uuml;hsam gelungen war, die gef&auml;hrlichen Gedanken
+zu verbannen, stand Maggie da und sagte: &raquo;Gertrud, wenn er dich so
+s&auml;he,&laquo; oder: &raquo;Was m&ouml;chtest du sagen, wenn er die T&uuml;re aufmachte und die
+Arme ausbreitete?&laquo; oder &auml;hnliche Torheiten mehr, die dann immer eine
+&Uuml;berleitung auf das verbotene Thema abgaben.<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65"> [65]</a></span></p>
+
+<p>Allm&auml;hlich wurde da Gertruds Widerstand immer schw&auml;cher. &Auml;u&szlig;erlich und
+auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen
+und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres M&auml;dchenlebens, von dem s&uuml;&szlig;en,
+bangen, aufregenden Gef&uuml;hl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken
+ausklang: &raquo;Er liebt dich noch immer!&laquo;</p>
+
+<p>Sie bl&uuml;hte von Tag zu Tag dabei auf. Die &auml;ngstliche Spannung, durch die
+best&auml;ndige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem
+Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische
+Heiterkeit, die fr&uuml;her einen guten Teil ihrer Sch&ouml;nheit ausgemacht
+hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete.</p>
+
+<p>Maggie sah es mit Stolz und f&uuml;hlte sich gehoben und gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr
+geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem
+ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, t&ouml;richten Herzens. Maggie
+wunderte sich oft und &auml;rgerte sich auch manchmal &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug
+und unber&uuml;hrt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus
+dem Leben fortleugnen lie&szlig;, dann war es begreiflich,<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66"> [66]</a></span> da&szlig; Kurowski in
+seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud f&uuml;hlen
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Ob &uuml;brigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewu&szlig;ten, lebensklugen
+Eindruck machte, Verst&auml;ndnis f&uuml;r diese tr&auml;umerisch unweltliche Art
+Gertruds besa&szlig;? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm
+war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte?</p>
+
+<p>Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie
+zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, da&szlig; sie sich sagte: &raquo;Eigentlich
+w&auml;re jeder der beiden M&auml;nner, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann
+f&uuml;r mich, und nun h&auml;lt Gertrud alle beide. Daf&uuml;r hab' ich sie aber auch
+lieb und will sie gl&uuml;cklich machen,&laquo; beruhigte sie sich dann.
+&raquo;Sonst&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;brigens k&uuml;hlte sich ihre gro&szlig;e Liebe f&uuml;r Gertrud ein wenig ab. Es lag
+schlie&szlig;lich doch in Gertruds Art etwas Beschr&auml;nktheit. Warum hatte sie
+sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im
+Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann?
+Sie hatte schlie&szlig;lich doch nicht darauf rechnen k&ouml;nnen, da&szlig; Seckersdorf
+ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67"> [67]</a></span> Bl&ouml;dsinn. Aber da sie nun
+einmal die Leitung in dieser Kom&ouml;die &uuml;bernommen hatte, sollte auch nach
+ihrem Willen gespielt werden.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden
+sollte. Gertrud blieb nat&uuml;rlich zu Hause, h&auml;tte aber die Schwester gern
+so gl&auml;nzend als m&ouml;glich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte
+nicht anders erscheinen, als ihren Verh&auml;ltnissen entsprach. Und als sie
+dann in ihrem einfachen bla&szlig;blauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar
+frische Rosen von Fr&auml;ulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der
+Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher h&auml;tte sie in dem
+kostbarsten Staat nicht aussehen k&ouml;nnen, meinte sie, und alt und jung
+m&uuml;&szlig;te sich in sie verlieben.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn Seckersdorf das t&auml;te?&laquo; fragte Maggie lachend, aber mit einer
+kleinen, innerlichen Bitterkeit.</p>
+
+<p>Gertrud l&auml;chelte dazu und sagte: &raquo;Der ist ja nicht mehr frei, &ndash; aber
+alle anderen.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und
+&auml;hnlichen Gedanken besch&auml;ftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack,
+den sie, gut eingeh&uuml;llt, im Halbwagen mit dem Vater zur&uuml;cklegte.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68"> [68]</a></span>Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der
+Wintervergn&uuml;gungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn
+das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge
+Logierbesuch beherbergen und darum auch G&auml;ste von weit her bei sich
+sehen.</p>
+
+<p>Die Waldlacker waren au&szlig;erdem reich, f&uuml;hrten den Haushalt in gro&szlig;em Stil
+und sorgten daf&uuml;r, da&szlig; die Saisonneuerungen, die in Berlin f&uuml;r notwendig
+erkl&auml;rt worden waren, in ihrem Kreise eingef&uuml;hrt wurden.</p>
+
+<p>Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der
+Terrasse hielt. &raquo;Ach, f&uuml;r mich gibt's heute ja nur Seckersdorf!&laquo; dachte
+sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter.</p>
+
+<p>Nun die mit L&auml;ufern belegte und &uuml;berdachte Terrassentreppe &ndash; ein Luxus,
+den sich sonst niemand gestattete &ndash; hinauf, in den kleinen Gartensaal,
+der, mit Orangen und Palmen geschm&uuml;ckt und farbig erleuchtet, festlich
+anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten
+Begr&uuml;&szlig;ungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in
+Anspruch nahmen.</p>
+
+<p>Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69"> [69]</a></span> den Frauen und M&auml;dchen der
+Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten
+auf sie zukam, ihr Z&auml;rtlichkeiten sagte, Komplimente &uuml;ber ihr Aussehen
+machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll
+begr&uuml;&szlig;te und die anderen jungen M&auml;dchen in aller Eile Geschichten zu
+erz&auml;hlen und vielerlei zu fragen hatten, &ndash; die besonders vertrauten
+auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen.</p>
+
+<p>Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und
+ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich &raquo;furchtbar&laquo; aufs
+Tanzen, lie&szlig; sich von den jungen Herren erz&auml;hlen, die da waren, tauschte
+Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen w&uuml;rde, von wem
+wohl die Marie R&ouml;der das gro&szlig;e Bukett haben k&ouml;nnte, mit dem sie so
+geheimnisvoll tat, und gab dann schlie&szlig;lich zum besten, da&szlig; sie den
+vermutlichen L&ouml;wen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und
+ihn sehr nett gefunden h&auml;tte.</p>
+
+<p>Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er
+gut auss&auml;he, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt w&auml;re&nbsp;...</p>
+
+<p>Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu k&auml;me,
+wollte sie ihn ordentlich<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70"> [70]</a></span> ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen
+kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, da&szlig; sie
+entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den
+Gartensaal, wo der Vater sie erwartete.</p>
+
+<p>Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf.</p>
+
+<p>Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem h&auml;&szlig;lichen
+Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem
+Zuge.</p>
+
+<p>Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von
+Schweitzer begr&uuml;&szlig;t hatten, der sich dem Vater anschlo&szlig;, gingen sie
+zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er
+den Anfang machte und stockend fragte: &raquo;Gn&auml;diges Fr&auml;ulein haben den
+R&uuml;ckweg neulich ohne Anstrengung gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>Nun lachte Maggie. &raquo;Nat&uuml;rlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal
+ehrlich, was Sie eben dachten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ehrlich?&laquo; Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung.&laquo;</p>
+
+<p>Er nickte und sagte etwas verlegen: &raquo;Ich dachte, wie ich eines Abends
+vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, &ndash; und aus der
+Damengarderobe<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71"> [71]</a></span> trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich besinne mich zuf&auml;llig auf den Abend auch,&laquo; antwortete Maggie
+nachdenklich. &raquo;Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so.
+Sie trug ein wei&szlig;es Kleid mit Silber durchwebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja!&laquo; best&auml;tigte er. &raquo;Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet
+und eine Art k&uuml;nstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr
+Fr&auml;ulein &ndash; Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein
+herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz
+starr ... So etwas Sch&ouml;nes hatte man &uuml;berhaupt noch nie erblickt.&laquo;</p>
+
+<p>In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals.</p>
+
+<p>Sie waren an der T&uuml;re des Empfangszimmers.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich mir den Kotillon sichern?&laquo; bat Seckersdorf.</p>
+
+<p>Maggie bejahte freundlich, und begr&uuml;&szlig;te die Wirte, die ihr besonders
+gewogen waren.</p>
+
+<p>Frau von Bork, eine gro&szlig;e, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein
+klein wenig aus der Jugend &uuml;briggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr
+zu sagen, da&szlig; sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72"> [72]</a></span></p>
+
+<p>Maggie verschwieg, da&szlig; sie auch den Kotillon mit ihm tanzen w&uuml;rde. &raquo;Wenn
+es sich nicht um Gertrud handelte,&laquo; dachte sie, am Arme des Hausherrn in
+den Tanzsaal gehend, &raquo;welche Gelegenheit f&uuml;r mich selbst!&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand
+wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als
+Maggie dann den &auml;lteren Damen, die noch gruppenweise im Saale
+umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen
+ballfiebernden jungen M&auml;dchen unterhielt, immer von wohlwollenden,
+bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, da&szlig; sie an diesem
+Abend wieder die Gefeiertste sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Das freute sie wegen Seckersdorf.</p>
+
+<p>Als die Musik mit der &uuml;blichen Polon&auml;se einsetzte, kam es wie ein Rausch
+&uuml;ber sie.</p>
+
+<p>Im Vollgef&uuml;hl ihrer Jugendsch&ouml;nheit und Macht wuchs sie f&ouml;rmlich, und
+dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern,
+der sie zum Rundgang f&uuml;hrte, h&auml;tte sie entgegenjubeln m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Es war doch wunderbar sch&ouml;n, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Z&uuml;gel
+fest in der Hand. Vorw&auml;rts in alle die Freuden hinein!<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73"> [73]</a></span></p>
+
+<p>Sie spr&uuml;hte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon
+etwas schwerf&auml;lliger Herr gegen Ende der Drei&szlig;ig, konnte ihr nicht gut
+folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn
+niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an
+schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher
+nicht genug von dem schneidigen M&auml;del erz&auml;hlen, und so dr&auml;ngte man sich
+um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im
+Vor&uuml;bergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den
+Eindruck, als ob sie die einzige Dame w&auml;re, die man f&uuml;r beachtenswert
+hielt. Die zuschauenden M&uuml;tter begannen die K&ouml;pfe zusammenzustecken, die
+tanzenden T&ouml;chter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung
+gelassen wurden, weil man best&auml;ndig zu der Ecke hin&uuml;bersah, in der
+Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des
+Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an,
+ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend
+bei den Damen zu verlieren.</p>
+
+<p>Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich
+am&uuml;sieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, da&szlig; man
+nicht<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74"> [74]</a></span> sch&ouml;n zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu
+fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen?</p>
+
+<p>In einem Anfluge von Schuldbewu&szlig;tsein atmete sie beklommen auf und sah
+gedankenvoll zu Seckersdorf hin&uuml;ber. Er hatte nur Extratouren mit ihr
+wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht gen&auml;hert. Aber sie
+f&uuml;hlte, da&szlig; er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm
+allein als gefeierte Ballk&ouml;nigin zur Schau stellte.</p>
+
+<p>Und endlich kam das Souper. Maggie war m&uuml;de geworden von dem vielen
+Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er
+f&uuml;hrte sie zu einem Platz der hufeisenf&ouml;rmig gedeckten Tafel, an dem sie
+neben dem Gourmet Beckers sa&szlig;, w&auml;hrend sich ihm zur Seite ein neu
+verlobtes Brautpaar befand, und die Gegen&uuml;bersitzenden ihnen durch einen
+hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so
+ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er
+verstand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der Attent&auml;ter, Fr&auml;ulein Hagedorn,&laquo; sagte er. &raquo;Werden Sie nicht
+bereuen, da&szlig; Sie mir das Souper gegeben haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was glauben Sie denn?&laquo; fragte sie geradezu. &raquo;Ich habe doch immerzu
+daran gedacht, da&szlig; wir uns<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75"> [75]</a></span> jetzt aussprechen w&uuml;rden. Ich sah es ja auch
+Ihnen an, wie Sie darauf warteten.&laquo;</p>
+
+<p>Ja, er h&auml;tte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er w&auml;re gl&uuml;cklich
+gewesen, wenn er sie h&auml;tte sprechen k&ouml;nnen. Sie h&auml;tte ihn durch ihre
+Andeutungen neulich in gro&szlig;e Unruhe versetzt. Er w&uuml;&szlig;te nicht, wie es
+durch ihn zu einem so schweren Mi&szlig;verst&auml;ndnis h&auml;tte kommen k&ouml;nnen. Der
+Gedanke peinigte ihn furchtbar und er b&auml;te Fr&auml;ulein Maggie inst&auml;ndig,
+ihm alles zu sagen.</p>
+
+<p>Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zur&uuml;ck und sah ihn von unten herauf
+ernst an.</p>
+
+<p>&raquo;Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine
+Schwester Gertrud noch?&laquo;</p>
+
+<p>Seckersdorf fuhr zusammen. &raquo;Fr&auml;ulein Maggie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; fuhr sie fort. &raquo;Das ist die Generalfrage. &Uuml;ber die m&uuml;ssen wir uns
+einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne R&uuml;ckhalt sprechen soll.
+Also ja ... oder nein?&laquo;</p>
+
+<p>Seckersdorf sah sie mi&szlig;billigend, fast hochm&uuml;tig an. Er war bla&szlig;
+geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines
+anderen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hei&szlig;t also: nein!&laquo; sagte Maggie kalt. &raquo;Gut, sprechen wir nicht
+weiter &uuml;ber die Angelegenheit.<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76"> [76]</a></span> Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind,
+Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorw&uuml;rfe deshalb. Mein
+Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, da&szlig; <em class="g">sie</em>
+Ihnen Avancen gemacht h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott!&laquo; Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor
+sich hin.</p>
+
+<p>Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdr&uuml;ckten Zorns,
+da&szlig; seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie
+ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr w&uuml;rde
+b&auml;ndigen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erz&auml;hlen,
+soweit Sie unterrichtet sind,&laquo; sagte er leise, und seine Augen hingen
+mit strengem Blick an ihrem Gesichte.</p>
+
+<p>Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erz&auml;hlte. Ohne
+mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf.</p>
+
+<p>Seckersdorf gl&uuml;hte und bi&szlig; die Z&auml;hne zusammen. &raquo;Ich werde Ihren Herrn
+Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski
+zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen.</p>
+
+<p>&raquo;Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77"> [77]</a></span> denn wirklich in einen Skandal
+gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren w&uuml;rde,
+wenn Sie mit meiner Schwester zusammentr&auml;fen? Er hat schon in einem
+unversch&auml;mten Brief an Papa verf&auml;ngliche Andeutungen gemacht, doch ohne
+Ihren Namen zu nennen. &Uuml;brigens k&ouml;nnen wir aus allem, was er sonst sagt,
+nicht klar dar&uuml;ber werden, ob er &uuml;berhaupt je auf eine Scheidung
+eingehen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen?&laquo; fragte Seckersdorf tief
+atmend.</p>
+
+<p>&raquo;Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so m&uuml;rbe geworden, und
+wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;re doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich.&laquo;</p>
+
+<p>Ein traurig z&auml;rtliches L&auml;cheln, r&uuml;hrend in diesem kraftvoll ernsten
+Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie er sie liebt!&laquo; dachte Maggie, jetzt mit Bewu&szlig;tsein neidisch.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie,&laquo; sagte sie weiter, &raquo;schlie&szlig;lich ist es Papa ja auch nicht zu
+verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt,
+gl&auml;nzend<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78"> [78]</a></span> sogar &ndash; sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt &ndash; und die
+Kinder&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Kinder!&laquo;</p>
+
+<p>Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;rde sie ihm lassen m&uuml;ssen!&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Maggie zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Und sie ist fest entschlossen?&laquo; fragte er. &raquo;Sie ist <em class="g">sehr</em> ungl&uuml;cklich?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie nickte nur. Sie h&auml;tte jetzt gut eine leise Andeutung &uuml;ber
+Gertruds Liebe zu ihm machen k&ouml;nnen, aber mit einem Male wollte sie
+nicht.</p>
+
+<p>Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum.</p>
+
+<p>Das Abendessen &ndash; einfach mit vier G&auml;ngen, Maggie hatte alle gekostet,
+trotz ihrer Erregung &ndash; nahm seinen Fortgang. Trinkspr&uuml;che wurden
+ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Pl&auml;tze
+zur&uuml;ck, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter.</p>
+
+<p>Maggie f&uuml;hlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich
+eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so
+sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von
+dem allgemeinen Vergn&uuml;gen ausgeschlossen und ... Nein &ndash; sie
+vergegenw&auml;rtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79"> [79]</a></span>
+weinenden Mund und den z&auml;rtlichen Augen &ndash;, jetzt war sie doch wieder
+mit Eifer bei der Sache. Was w&uuml;rde dieser gro&szlig;e, starke, ungeschickte
+Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an.</p>
+
+<p>Da f&uuml;hlte sie ihre Hand gefa&szlig;t. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck.
+Ein hei&szlig;er Schauer &uuml;berlief sie.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Maggie!&laquo; sagte Seckersdorf. &raquo;Ich will Ihnen jetzt sagen ...
+auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein St&uuml;ck
+Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch
+den Gro&szlig;m&uuml;tigen spielen mu&szlig;te. Und als sie sich verheiratete, &ndash; ja, was
+soll ich sagen &ndash; leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie
+wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr
+Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich,
+und da bin ich mit einem Male in gute Verh&auml;ltnisse gekommen. Und um die
+lumpige Kaution hatte ich <em class="g">sie</em> aufgeben m&uuml;ssen. Das war mehr als hart.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein
+bewegtes Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Es gab dann ja viel zu tun!&laquo; sagte er weiter. &raquo;Landwirtschaft zu lernen
+und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80"> [80]</a></span>
+hab' ich im Anfang manchmal die Z&auml;hne zusammenbei&szlig;en m&uuml;ssen. Wenn ich so
+dachte ... das liebe, wei&szlig;blonde K&ouml;pfchen, das siehst du nie mehr
+darunter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Es qu&auml;lte ihn heute noch in der Erinnerung.</p>
+
+<p>Maggie f&uuml;hlte ihr Herz seltsam gepre&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Aber, gn&auml;diges Fr&auml;ulein,&laquo; er sprach immer in demselben schlichten,
+stillen Ton, &raquo;die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem
+zuletzt &uuml;ber manches weg. Man wird auch &auml;lter. Man denkt schlie&szlig;lich an
+all das mit ein bi&szlig;chen R&uuml;hrung und Wehmut und sagt sich ... es w&auml;r' so
+sch&ouml;n gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So w&auml;re es auch
+geblieben ... wenn ich Gertrud als gl&uuml;ckliche Frau wiedergesehen h&auml;tte.
+Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen &ndash;
+dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedr&uuml;ckt &ndash; und da find' ich sie
+so bla&szlig;, elend und so vergr&auml;mt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja,
+Fr&auml;ulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erz&auml;hlen, wie's mit ihr
+steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen
+Sie ihr von mir sagen ... da&szlig; ich ihr ... da&szlig; ich ... mit Leib und Seele
+... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81"> [81]</a></span> hatte eben ans Glas
+geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten.</p>
+
+<p>Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung
+gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, f&uuml;r ein Gl&uuml;ck, das
+au&szlig;er jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl
+herkommt und jede sorgf&auml;ltige &Uuml;berlegung, alles Kalte, alles Unehrliche
+vielleicht wegsp&uuml;lt. &raquo;Eigent&uuml;mlich mu&szlig; es sein &ndash; eigent&uuml;mlich&nbsp;&ndash;&laquo;
+dachte sie. Und pl&ouml;tzlich durchbrauste eine hei&szlig;e Z&auml;rtlichkeit sie ...
+f&uuml;r Gertrud ... f&uuml;r Seckersdorf.</p>
+
+<p>Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren,
+nicht sentimental werden, sich schlie&szlig;lich regelrecht in diesen blonden
+Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie
+sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt w&uuml;rden gl&uuml;cklich, und
+sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant w&auml;re es gewesen,
+diese merkw&uuml;rdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergr&uuml;nden, &ndash;
+ein klein wenig zu ersch&uuml;ttern vielleicht ...</p>
+
+<p>Ob ihr das gelingen w&uuml;rde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele
+wiederholte sie: &raquo;Aber das wei&szlig;blonde K&ouml;pfchen, das siehst du nie mehr
+darunter.&laquo; Das war ordentlich aufregend. Ein<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82"> [82]</a></span> Schauer &uuml;berlief sie. Wie,
+wenn sie's doch versuchte? Und dann gro&szlig;m&uuml;tig verzichtete und wieder zu
+Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, da&szlig; es zu gl&uuml;cken anfing?</p>
+
+<p>Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der
+Gl&auml;ser.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten,&laquo; sagte
+sie, w&auml;hrend sie mit ihm anstie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde es Ihnen nie vergessen,&laquo; erwiderte er einfach.</p>
+
+<p>Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie was, &ndash; nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den
+langen Kotillon zusammen ... Wie w&auml;r's, wenn wir t&auml;ten ... als&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Als was?&laquo; fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses
+Vielliebchen ... <span class="f">j'y pense</span>.&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm die Mandel. &raquo;Und wenn ich gewinne,&laquo; bat er, &raquo;bekomme ich einmal
+ein Briefchen mit Nachrichten, wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein!&laquo; sagte sie. &raquo;Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich
+schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ...<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83"> [83]</a></span>
+Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Er nickte ein paarmal.</p>
+
+<p>Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. &raquo;Das Souper geh&ouml;rte Gertrud,
+der Kotillon ist f&uuml;r mich,&laquo; dachte sie dabei. Aber sie besann sich
+anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah,
+da&szlig; man ihr die ausschlie&szlig;liche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte,
+&uuml;berredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor
+dabei nicht. Die Herren verw&uuml;nschten die morgige Holzversteigerung, die
+den Vorwand zum fr&uuml;hen Aufbruch gab, und &uuml;berh&auml;uften sie im voraus mit
+Blumen und Geschenken.</p>
+
+<p>&Auml;u&szlig;erlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres
+Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob pl&ouml;tzlich etwas nicht ganz
+klar in ihrem Leben sei.</p>
+
+<p>Der Vater strich ihr einmal, als sie l&auml;ngst im Wagen sa&szlig;en, z&auml;rtlich
+&uuml;ber das Gesicht. Da dachte sie, sie m&uuml;&szlig;te weinen. Und aufgeregt, mit
+Tr&auml;nen k&auml;mpfend, sa&szlig; sie in ihrer Ecke, w&auml;hrend Hagedorn einschlief, und
+sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten
+Herbsthimmel zitternd &uuml;bers&auml;ten.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84"> [84]</a></span>Z&ouml;gernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll b&ouml;ser Gedanken, trat
+Maggie in Gertruds Schlafzimmer.</p>
+
+<p>Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bed&uuml;rfnissen der
+jungen Frau einigerma&szlig;en entsprechend hergerichtet worden. Was es an
+Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, f&uuml;llte das
+weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schm&uuml;cken
+und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis
+sp&auml;t in die Nacht zusammen sa&szlig;en und plauderten.</p>
+
+<p>Heute &auml;rgerte sie sich, &auml;rgerte sich gleich beim Hineinsehen &uuml;ber das
+rote L&auml;mpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht &uuml;ber das
+duftige Zimmer warf. Gertrud f&uuml;rchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind,
+und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, da&szlig; sie bei Maggies
+Hineinkommen nicht aufwachte. Und wu&szlig;te doch, da&szlig; heute &uuml;ber ihre
+Zukunft beraten worden war!</p>
+
+<p>Maggie sch&uuml;ttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie
+Seckersdorf mit diesem unselbst&auml;ndigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie
+die richtige Genossin f&uuml;r einen kraftspr&uuml;henden Gatten war, &ndash;
+zerbrechlich, halb verbl&uuml;ht, weltfremd und verz&auml;rtelt?<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85"> [85]</a></span></p>
+
+<p>Sie bi&szlig; die Z&auml;hne zusammen und trat hastig an das Bett.</p>
+
+<p>Da erwachte Gertrud. Mit gro&szlig;en, noch tr&auml;umenden Augen sah sie in die
+H&ouml;he und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom
+Schlafen hei&szlig;, und die schimmernden Haarstr&auml;hnen fielen ihr tief ins
+Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten
+Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie
+ausstr&ouml;mte, so unglaublich reizend, da&szlig; Maggie wider Willen sie in die
+Arme nahm und dachte: &raquo;Nein, du sollst ihn doch haben.&laquo;</p>
+
+<p>In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester
+umschlungen haltend, erz&auml;hlte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr
+gesprochen hatte, und da&szlig; er ihr gut w&auml;re, wie damals, als er ihr wei&szlig;es
+K&ouml;pfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses
+sah. Und wenn sie frei w&auml;re&nbsp;...</p>
+
+<p>Gertruds Gesicht wurde still und ernst.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wu&szlig;te es ja!&laquo; sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte
+sie gl&uuml;cklich. Und das war alles.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo; fragte Maggie.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86"> [86]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Das mein' ich nicht,&laquo; erwiderte Maggie ungeduldig. &raquo;Ich wundere mich,
+da&szlig; du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles
+&uuml;berlegst, mu&szlig;t du dir doch sagen, da&szlig; es ein unerh&ouml;rtes Gl&uuml;ck f&uuml;r dich
+ist, wie die Verh&auml;ltnisse jetzt liegen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, Maggie, ein unerh&ouml;rtes Gl&uuml;ck w&auml;re es gewesen, wenn wir damals
+zusammengekommen w&auml;ren. Jetzt ... ich wei&szlig; nicht, Kind ... Ich bin ja
+gewi&szlig; stolz, da&szlig; er mich noch lieb hat ... wahrhaftig&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast auch allen Grund dazu,&laquo; sagte Maggie heftig. &raquo;Bedenke, da&szlig; er
+dich aus der Hand eines anderen nimmt, da&szlig; du nicht mehr jung bist
+und&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Maggie, wenn <em class="g">er</em> elend und h&auml;&szlig;lich und alt w&auml;re, h&auml;tt' ich ihn doch
+auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich wei&szlig;
+nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das
+alles nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie brauste auf. &raquo;H&ouml;r' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa
+mit moralischen Bedenken. Es scheint, da&szlig; das ein Vergn&uuml;gen ist, mit dem
+du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all
+solche Halbheiten, solch bewu&szlig;ten oder unbewu&szlig;ten Selbstbetrug. Mir
+komme nicht damit.<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87"> [87]</a></span> Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen
+und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten
+Laukischker Verh&auml;ltnisse und gibst Seckersdorf frei.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so
+harte und bittere Worte zu ihr gesprochen.</p>
+
+<p>Was bedeutete das? &raquo;Maggie, warum machst du mir da so h&auml;&szlig;liche Vorw&uuml;rfe?
+Du wei&szlig;t doch, da&szlig; ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh
+mal, w&auml;r' ich auf das alles nicht eingegangen, h&auml;ttest du kein Recht,
+mir solche b&ouml;sen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr dar&uuml;ber
+sprechen ... M&ouml;gen die Dinge ihren Lauf gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt, wo du wei&szlig;t, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit
+Ruhe abwarten,&laquo; stie&szlig; Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer
+herum.</p>
+
+<p>&raquo;Du, da&szlig; Hans mir gut ist, wu&szlig;te ich in dem Augenblick, als wir uns
+wiedersahen. An sp&auml;ter hast <em class="g">du</em> gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie
+wieder ... Komm her, Maggie!&laquo; Diese kam z&ouml;gernd. &raquo;Du bist ja ganz wild
+und aufs&auml;ssig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke
+dir sch&ouml;n, ich danke dir, da&szlig; du so f&uuml;r mich sorgen wolltest, danke dir
+tausendmal f&uuml;r alles, was<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88"> [88]</a></span> du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was
+ist dir?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie wu&szlig;te es selbst nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube &Auml;rger, Entt&auml;uschung, da&szlig; du nicht so froh warst, wie ich
+gedacht hatte,&laquo; sagte sie finster. &raquo;Vielleicht bin ich auch neidisch,
+weil ihr so &ndash; oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf
+Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man
+absch&uuml;tteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr
+aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unm&ouml;glich, da&szlig; du ihn je
+vergi&szlig;t? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich
+gewesen w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sah sie kl&auml;glich an. &raquo;Frag' nicht so. Ich wei&szlig;, ich bin eine
+pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles
+&uuml;ber mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer
+an <em class="g">ihn</em> gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den H&auml;nden.</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht!&laquo; sagte Maggie kurz und lief hinaus.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89"> [89]</a></span>Von nun an begann f&uuml;r Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich
+&uuml;ber die Scheidung nachzudenken und wu&szlig;te in ihrer Unerfahrenheit nicht,
+wie sie ins Werk zu setzen w&auml;re. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen,
+Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Fr&auml;ulein Perl, mit der
+sie einmal gespr&auml;chsweise und wie unbeteiligt das Thema ber&uuml;hrte, sagte
+ihr so viel Entsetzliches und Skandal&ouml;ses dar&uuml;ber und erz&auml;hlte so
+abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten &ndash; Gottlob nur wenigen
+&ndash; erlebt hatte, da&szlig; Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken
+konnte, unter &auml;hnlichen Verh&auml;ltnissen sich der &Ouml;ffentlichkeit
+preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Gl&uuml;cksgef&uuml;hl
+in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude &auml;u&szlig;erte.
+Sie besch&auml;ftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem,
+sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfr&auml;ulein
+&uuml;berlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebensw&uuml;rdigen
+Gesch&ouml;pfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Z&auml;rtlichkeit und
+erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die
+sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen f&uuml;hlte, in die auch
+die qu&auml;lenden Gedanken an die Zukunft keinen Einla&szlig; fanden.<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90"> [90]</a></span></p>
+
+<p>Mit Maggie wollte sich die fr&uuml;here innige Vertrautheit nicht wieder
+einstellen. Gertrud gr&uuml;belte viel &uuml;ber das sonderbare Wesen der
+Schwester, machte hier und da einen sch&uuml;chternen Ann&auml;herungsversuch und
+zog sich wieder zur&uuml;ck, wenn Maggie sie kurz oder gar h&ouml;hnisch abwies.
+Zuletzt dachte sie, Maggie h&auml;tte ihr zwar das Opfer gebracht, mit
+Seckersdorf zu sprechen, aber schlie&szlig;lich erkannt, wie unw&uuml;rdig und
+schlecht das im Grunde doch w&auml;re, und verachtete sie nun. Maggie hatte
+ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorw&uuml;rfe
+genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran,
+Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu h&ouml;ren, da&szlig; er ihr gut
+sei, da&szlig; er warten wolle, bis ... Doch dieses &raquo;bis ...&laquo; fing nun an, sie
+furchtbar zu qu&auml;len. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr
+daran denken wollte, holte sie sich ihren &Auml;ltesten, einen sch&ouml;nen,
+klugen, siebenj&auml;hrigen Jungen und lie&szlig; sich die Angst von ihm
+fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit
+ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Z&auml;rtlichkeit. Und so verliefen die
+Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem h&auml;rtesten Gesicht
+herum.<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91"> [91]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Was das M&auml;del mit einemal f&uuml;r Mucken hat?&laquo; wunderte sich der
+Oberf&ouml;rster oft &uuml;ber seine J&uuml;ngste.</p>
+
+<p>Er sprach h&auml;ufig von dem Waldlacker Abend, und da&szlig; Maggie an Gertruds
+altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es w&auml;re geradezu
+auffallend gewesen; und er k&ouml;nnte gar nicht begreifen, da&szlig; jener danach
+noch keinen Besuch gemacht h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind!&laquo; &auml;u&szlig;erte er
+gelegentlich eines Morgens, Gertrud mi&szlig;vergn&uuml;gt ansehend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht, Papa,&laquo; sagte sie verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Bl&ouml;dsinn w&auml;r's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was w&uuml;rde, k&ouml;nnte
+der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach
+Laukischken zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme,
+gute Maggie! Sie stellte sich selbst blo&szlig;, sie gef&auml;hrdete ihren
+M&auml;dchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging
+ja nicht!</p>
+
+<p>Sie suchte Maggie auf und schmiegte sich an sie. &raquo;Liebes, liebes Kind!&laquo;
+sagte sie. &raquo;Mir ist in meiner selbsts&uuml;chtigen Verblendung ja gar nicht
+eingefallen, wie sehr ich dir schade. Um Gottes willen ... Papa<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92"> [92]</a></span>
+erwartet ja eine Bewerbung Seckersdorfs und glaubt, da&szlig; ich allein im
+Wege bin?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie machte sich los und sah schweigend zum Fenster hinaus.</p>
+
+<p>Der Wald lag im Schnee ... Weicher grauer Duft schlo&szlig; die Ferne ab;
+alles r&uuml;ckte nah, schmerzhaft nah.</p>
+
+<p>&raquo;Maggie, was ist's?&laquo; fragte Gertrud &auml;ngstlich.</p>
+
+<p>&raquo;Dumm und verdreht ist das alles!&laquo; sagte sie. &raquo;Ich bin in einer
+Mausefalle. Aus dir ist nicht klug zu werden. Du bandelst mit
+Seckersdorf an, man mu&szlig; an einen furchtbaren Ernst bei euch beiden
+glauben, &ndash; und dann hast du dich mit den Kindern, als ob du gar nicht
+daran d&auml;chtest, sie aufzugeben, und er l&auml;&szlig;t nichts mehr von sich h&ouml;ren.
+Und ... und ... Papa hat recht ... Mir entgeht vielleicht die beste
+Chance meines Lebens&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Da war's heraus. Es hatte ihr fast das Herz abgedr&uuml;ckt. Tagaus, tagein
+hatte sie sich damit abgequ&auml;lt und zuletzt gar nicht mehr versucht, ihre
+W&uuml;nsche zu beherrschen. Sie malte sich immer nur aus, wie alles anders
+sein w&uuml;rde, wenn sie, ungehemmt durch diese unbequeme Jugenderinnerung
+der beiden, mit Seckersdorf h&auml;tte verkehren k&ouml;nnen, und so kam sie eines
+Tages schlie&szlig;lich dazu, sich zu sagen: &raquo;Versuche was du vermagst!
+Gertrud hat<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93"> [93]</a></span> ihr Teil. Sie hat verspielt und mu&szlig; eben zufrieden sein.
+Und dann bleiben ihr ja die Kinder!&laquo;</p>
+
+<p>Sie machte sich auch die Schwierigkeiten klar, die sie zu &uuml;berwinden
+haben w&uuml;rde, wenn sie wirklich f&uuml;r sich ernst machen wollte. Dabei
+geriet sie in ein Phantasieren &uuml;ber Liebe und Treue, &uuml;ber
+Zusammengeh&ouml;rigkeit zweier Menschen, &uuml;ber die stille Festigkeit und den
+Blick Seckersdorfs, wenn er an Gertrud dachte und an tausend Dinge, die
+damit zusammenhingen und die bisher f&uuml;r sie nicht auf der Welt gewesen
+waren. Das machte sie zornig und krank, das weckte den Wunsch in ihr,
+derbe, harte Worte zu h&ouml;ren oder zu sagen, vor allem aber den, diese
+Gertrud, die ganz ruhig zusehen wollte, wie man ihr ein unerh&ouml;rtes Gl&uuml;ck
+aufbaute, die schon unertr&auml;glich siegesgewi&szlig; l&auml;chelte, diese Gertrud,
+die ihr mit einem Male so fremd geworden war, zu kr&auml;nken, zu verletzen,
+mitten ins Herz zu treffen.</p>
+
+<p>War ihr das nun gelungen?</p>
+
+<p>Gertrud stand ganz bla&szlig; da und sah sie erschreckt und mitleidig an.</p>
+
+<p>&raquo;Arme Maggie!&laquo; sagte sie. &raquo;Das ist ja ein furchtbares Ungl&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; fragte Maggie kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; du ... ihn nun auch liebst ... Ach,<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94"> [94]</a></span> warum habe ich auch daran
+nicht gedacht! Mein Gott, mein Gott ... was wird das nun?&laquo;</p>
+
+<p>Da lachte Maggie kalt.</p>
+
+<p>&raquo;Mit solch bl&ouml;dsinnigen Phantastereien, wie Liebe, verschon' mich!&laquo;
+sagte sie. &raquo;Ich n&auml;hme ebenso gerne Kurowski oder jeden anderen, der mir
+das bietet, was ich beanspruche.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud nahm ihre H&auml;nde und wollte sie an sich ziehen. Sie ri&szlig; sich los.</p>
+
+<p>&raquo;Durch meine &uuml;berspannte Z&auml;rtlichkeit f&uuml;r dich, an der du Schuld bist,
+du ... mit dem 'wei&szlig;blonden K&ouml;pfchen',&laquo; lachte sie h&ouml;hnisch, &raquo;bin ich in
+diese ganze schiefe Lage geraten. S&auml;he ich dich nicht jammern und
+hinschwinden, wahrhaftig, ich w&uuml;rde mich nicht einen Augenblick
+besinnen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Maggie,&laquo; sagte Gertrud sanft, &raquo;Ich kenn' dich ja besser. Ich
+verstehe dich auch ... glaube mir, ich kann ganz mit dir empfinden. Ich
+hab' ihn ja selbst so lieb!&laquo;</p>
+
+<p>Maggie machte eine ungeduldige Bewegung und trat an das Fenster.</p>
+
+<p>Gertrud stand wieder hinter ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Maggie, wir wollen solch einen Ton zwischen uns doch nicht
+aufkommen lassen. Wir beide m&uuml;ssen zusammenhalten, wie auch alles wird.
+Glaubst du denn, ich werde mich von dir so einfach<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95"> [95]</a></span> zur&uuml;ckweisen lassen,
+wenn du so elend bist, da&szlig; du schlecht sein willst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damit f&auml;ngst du mich nicht,&laquo; sagte Maggie kurz.</p>
+
+<p>Nun wurde es Gertrud doch zuviel. &raquo;Das will ich auch gar nicht,&laquo; sagte
+sie ungeduldig. &raquo;Aber ich will tun, was ich kann, um dir diese Torheit
+aus dem Kopf zu reden. Wenn du dich in Hans verliebt hast, so ist das
+sehr schlimm; denn du wirst keine Erwiderung finden.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie fuhr auf. &raquo;Nicht? Nun, das wollen wir doch sehen! Wetten?&laquo; Mit
+zuckenden Lippen streckte sie die Hand aus.</p>
+
+<p>&raquo;Maggie, bist du denn mit einem Male ganz von Sinnen?&laquo; fragte Gertrud,
+starr vor Schreck. &raquo;Ich begreife dich einfach nicht. Vor ein paar Tagen
+kommst du ganz aufgeregt &uuml;ber Seckersdorfs Treue zu mir und redest
+eifrig auf mich ein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und jetzt hab' ich mir die Sache &uuml;berlegt,&laquo; unterbrach Maggie sie voll
+Trotz, &raquo;und will ihn selbst heiraten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maggie, vergi&szlig;t du denn, da&szlig; er acht Jahre&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nein, es ist ja genug davon die Rede,&laquo; erwiderte Maggie
+zornig. &raquo;Aber trotzdem werde ich ihn mir erobern &ndash; verstehst du?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96"> [96]</a></span></p>
+
+<p>Gertrud dr&uuml;ckte ratlos ihre H&auml;nde zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Maggie, wenn er dich lieb h&auml;tte, ich schw&ouml;re dir, ich w&uuml;rde dir das
+gro&szlig;e Gl&uuml;ck g&ouml;nnen. Aber ... ich wei&szlig;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Maggie ri&szlig; das Fenster auf und atmete tief die k&uuml;hle, klare Luft ein,
+die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang.</p>
+
+<p>Gertrud fr&ouml;stelte und trat zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du!&laquo; h&ouml;hnte Maggie. &raquo;Nicht einmal einen Luftzug kannst du
+vertragen. Du bist ein verz&auml;rteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich
+mit den Verh&auml;ltnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und
+k&auml;mpfen kannst du nicht ... Aber <em class="g">ich</em> kann ... und ich will ... Ich sage
+dir jetzt also frei heraus, ich werde mir M&uuml;he geben, Seckersdorf dir
+abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann,
+ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau
+werde.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sah sie bla&szlig; und traurig an. &raquo;Tu's!&laquo; antwortete sie leise. &raquo;In
+dem einen hast du recht, da&szlig; ich vielleicht nicht gut genug f&uuml;r ihn bin
+... Und k&auml;mpfen um seine Liebe &ndash; nein, das kann ich nicht! Ich kann nur
+warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du
+mir seine Worte ausgerichtet hast&nbsp;...&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97"> [97]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Warte du lieber nicht, Trude,&laquo; sagte Maggie weicher. &raquo;La&szlig; uns beide
+ehrlich k&auml;mpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm da&szlig; du ihm gut bist,
+&ndash; und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Qu&auml;le uns nicht weiter mit solchen Gedanken,&laquo; bat Gertrud. &raquo;Du wei&szlig;t ja
+gar nicht, was du sprichst. Sei vern&uuml;nftig und gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;... und la&szlig; mir Seckersdorf!&laquo; spottete Maggie. &raquo;Nein, ich will nicht.
+Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich f&uuml;r mich t&auml;tig sein. &Uuml;ber
+Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich wei&szlig; sehr
+wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt
+lacht.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort &uuml;ber die Lippen.
+Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie b&ouml;se und
+kalt an.</p>
+
+<p>Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und
+&uuml;berfl&uuml;ssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr st&auml;nde und h&ouml;hnisch zu ihr
+her&uuml;berspr&auml;che. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans
+Seckersdorf war ja da &ndash; und hatte sie lieb.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft
+wohl aus sein!&laquo; sagte sie mutig. &raquo;Tue, was du willst. Sch&ouml;n ist's
+nicht,<span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98"> [98]</a></span> was du vorhast, und &ndash; ich glaube, vergeblich.&laquo; Sie ging nach
+der T&uuml;r. Da fiel ihr noch etwas ein. &raquo;Und ich verbiete dir, Maggie, mit
+Hans &uuml;ber mich zu sprechen!&laquo; setzte sie hinzu und ging hinaus.</p>
+
+<p>Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken,
+die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr
+durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen
+durchkostete, dr&auml;ngte sich noch be&auml;ngstigend, verwirrend die Frage: Mu&szlig;
+ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur
+anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit
+und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu
+bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen.
+Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gef&uuml;hl und
+Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte.</p>
+
+<p>In all ihr Gr&uuml;beln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres
+Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in
+dem Ton, den er ihr gegen&uuml;ber brauchte, wenn er gut gelaunt war,
+forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und
+Bedienung. Es w&auml;re dort sch&ouml;n, und er h&auml;tte sich's vorgenommen, ihr
+endlich ihre Launen abzugew&ouml;hnen.<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99"> [99]</a></span></p>
+
+<p>Da wu&szlig;te sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie
+sprach mit niemand &uuml;ber den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle.
+K&uuml;hl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, da&szlig; und warum sie
+eine Trennung w&uuml;nschte, und sagte ihm, da&szlig; sie nach seinem Benehmen
+gegen sie bestimmt ann&auml;hme, er w&uuml;rde ihr nichts in den Weg legen. Nach
+Nizza k&auml;me sie selbstverst&auml;ndlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe,
+w&uuml;&szlig;te sie auch noch nicht, w&uuml;rde es ihm aber in n&auml;chster Zeit mitteilen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Damit war der Kampf eingeleitet.</p>
+
+<p>In dem Gef&uuml;hl, sich von den Ihren durch diesen selbst&auml;ndigen und von
+ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben,
+zog sich Gertrud nun t&auml;glich mehr von ihnen zur&uuml;ck. Es wurde ihr leicht,
+da der Oberf&ouml;rster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege
+ging. Es war ihr nun ganz klar, da&szlig; die Schwester nicht in einer b&ouml;sen,
+sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern da&szlig; sie imstande sein
+w&uuml;rde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln.</p>
+
+<p>Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, f&uuml;hlte, da&szlig;
+man sie, die einst so geliebte und verw&ouml;hnte Tochter, nicht mehr gern
+dort sah, und begriff, da&szlig; sie &uuml;ber kurz oder lang mit<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100"> [100]</a></span> ihren Kindern
+einen anderen Platz w&uuml;rde suchen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, &auml;ngstigte sie
+sich vor den unsicheren Verh&auml;ltnissen, denen sie, im Besitz so geringer
+Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so
+unm&ouml;glich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen,
+jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie
+lassen wollte.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101"> [101]</a></span>Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschlu&szlig;. Oft fragte sie
+sich: &raquo;Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf?&laquo; und zuckte
+ebenso oft die Achseln &uuml;ber diese Frage.</p>
+
+<p>Er gefiel ihr &ndash; nat&uuml;rlich. Er war eine m&auml;nnlich kraftvolle Erscheinung
+und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der gro&szlig;en Welt mit
+sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits
+rechtsg&uuml;ltig adoptiert hatte, besa&szlig; au&szlig;er Romitten mit seinen vier
+Vorwerken noch gro&szlig;e G&uuml;ter in Sachsen, von deren Ertragsf&auml;higkeit man
+Wunder erz&auml;hlte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche
+Beziehungen in den h&ouml;chsten Kreisen, die nat&uuml;rlich dem Adoptivsohn auch
+zugute kamen. Welche Aussichten also f&uuml;r sie, die einfach b&uuml;rgerliche
+Oberf&ouml;rsterstochter aus Ostpreu&szlig;en! Eine Chance, von der sie sich nie
+hatte tr&auml;umen lassen.</p>
+
+<p>Da&szlig; Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, untersch&auml;tzte sie durchaus
+nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so
+viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird,
+wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht,
+mu&szlig; er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schw&auml;chlich, bequem<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102"> [102]</a></span>
+oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mu&szlig;te
+gewinnen.</p>
+
+<p>Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie lie&szlig; ihn so
+oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mu&szlig;te, wenn sie Gertrud in
+den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie
+&uuml;berlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen
+hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung f&uuml;r Gertrud in eine neue
+Leidenschaft f&uuml;r sie selbst hin&uuml;berzulocken. Aber zun&auml;chst mu&szlig;te sie ihn
+treffen, und sie machte schon Pl&auml;ne, das in die Wege zu leiten, als das
+Gl&uuml;ck ihr zu Hilfe kam.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster hatte nach l&auml;ngerem &Uuml;berlegen die offizielle Verwaltung
+der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen f&uuml;r die Aufforstung der
+verwahrlosten Schl&auml;ge einen ehemaligen t&uuml;chtigen Revierf&ouml;rster
+empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine
+Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben
+und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen.</p>
+
+<p>Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet
+worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die
+gedungenen Tagl&ouml;hner standen, ohne Ahnung, was weiter<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103"> [103]</a></span> tun, da.
+Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter
+war klar, ein weicher Wind deutete auf noch l&auml;nger anhaltende Milde, und
+die Arbeitszeit mu&szlig;te wahrgenommen werden.</p>
+
+<p>&raquo;Wie w&auml;r's, Maggie?&laquo; fragte der Oberf&ouml;rster, dem noch am Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch
+der Romitter Brief &uuml;berbracht wurde. &raquo;H&auml;ltst du mit? Ich m&ouml;chte am
+liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zur&uuml;ck stramm unsere
+zwanzig Kilometer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich, Papa, wie immer,&laquo; sagte Maggie und streifte Gertrud, die
+bla&szlig; und aufgeregt ihr gegen&uuml;ber sa&szlig;, mit einem triumphierenden Blick.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster l&auml;chelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds
+Haar. &raquo;Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, &ndash; so was konntest
+du nie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, &raquo;das konnte ich
+nie.&laquo;</p>
+
+<p>Mit gro&szlig;en, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die
+achtete nicht darauf. Gertrud h&auml;tte aufschreien m&ouml;gen: &raquo;Nehmt mich mit!&laquo;
+Eine hei&szlig;e Angst pre&szlig;te ihr Herz zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa,&laquo; sagte Maggie,
+&raquo;damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde
+selbst ein paar Worte schreiben.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104"> [104]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Du, M&auml;del, verhau' dich nicht!&laquo; warnte der Vater erstaunt. &raquo;Briefe
+schreiben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich tu's ja in deinem Namen, Papa,&laquo; widersprach Maggie, setzte sich an
+das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort
+liegenden Briefbogen.</p>
+
+<p>Gertrud sah mit brennenden Augen zu.</p>
+
+<p>Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz fl&uuml;chtig zu, und der Vater
+reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen,
+und wie hatte es so kommen k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Angstvoll und gedem&uuml;tigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg
+einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr her&uuml;ber,
+und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nicht daran denken!&laquo; nahm sie sich vor und trocknete sich die
+feuchte Stirn. &raquo;Wenn sie w&uuml;&szlig;te, wie sie mich qu&auml;lt! Und n&uuml;tzen wird es
+ihr doch nichts. Er ist Sch&ouml;neren und Besseren in der Welt begegnet, die
+langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben.&laquo;</p>
+
+<p>Damit tr&ouml;stete sie sich und ging an ihre t&auml;glichen Besch&auml;ftigungen.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster und Maggie kamen unterdessen t&uuml;chtig vorw&auml;rts.<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105"> [105]</a></span></p>
+
+<p>Es war ein Vergn&uuml;gen, so zu wandern. Der November schien sich in einen
+Fr&uuml;hlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher bl&auml;ulicher Duft
+umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen,
+r&ouml;tlichen Schein durch das graue Gew&ouml;lk, Haubenlerchen trieben sich in
+den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich
+Kr&auml;hen in dichten Scharen.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun sag' mal, Maggie,&laquo; fing er nach einem l&auml;ngeren Schweigen an,
+&raquo;was machen wir mit der Gertrud?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Papa,&laquo; erwiderte Maggie z&ouml;gernd, &raquo;ich wollte l&auml;ngst mit dir dar&uuml;ber
+reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich
+tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt.&laquo;</p>
+
+<p>Hagedorn machte gro&szlig;e Augen. &raquo;Da soll doch der Teufel ... I da soll
+doch&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und wei&szlig;t du, Papa, ich bin mit Schuld daran,&laquo; fuhr Maggie schnell
+fort. &raquo;Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch
+f&uuml;r sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster fuhr emp&ouml;rt auf. &raquo;Zum Teufel,<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106"> [106]</a></span> da seid ihr ja beide ...
+Wei&szlig;t du, da&szlig; das dumm und niedertr&auml;chtig ist, was du getan hast?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre
+Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung f&uuml;r ihr Benehmen gegen Gertrud.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das
+alles anders geworden&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! L&uuml;ge nicht ... Nun seid
+ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen k&ouml;nnte ich dich. Die Gertrud wird
+sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben
+... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ...
+meine T&ouml;chter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa, ereifere dich nicht,&laquo; sagte Maggie kalt, &raquo;damit &auml;nderst du doch
+nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar,&laquo; rief der Oberf&ouml;rster
+und lief w&uuml;tend weiter. &raquo;Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit
+dem Seckersdorf so <span class="f">pani braci</span> gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud
+gek&ouml;dert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft
+eingefallen, da&szlig; ich mir selbst doch eigentlich die N&auml;chste bin.&laquo;</p>
+
+<p>Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst
+durch Gertruds Z&auml;rtlichkeit<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107"> [107]</a></span> f&uuml;r ihre Kinder stutzig geworden sei, wie
+sie allm&auml;hlich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer
+Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei;
+und schlie&szlig;lich w&auml;ren dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre
+eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich
+in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die
+&uuml;berging sie m&ouml;glichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach
+sie &uuml;berhaupt nicht.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung
+Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war,
+ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam
+vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem
+Manne gegen&uuml;ber, nur n&uuml;tzen, und die Sache w&uuml;rde sich schon einrenken,
+sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den
+Kopf gegangen, da&szlig; Gertruds wegen m&ouml;glicherweise die Partie zwischen
+Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen k&ouml;nnte; da&szlig; Gertrud aber an
+Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt.</p>
+
+<p>Er &uuml;berh&auml;ufte Maggie mit Vorw&uuml;rfen. Er fand es schamlos, da&szlig; sie unter
+solchen Verh&auml;ltnissen sich Hoffnungen machte. Sie h&auml;tte abzuwarten,<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108"> [108]</a></span> ob
+Seckersdorf kommen w&uuml;rde, wenn Gertrud abgereist w&auml;re. Und da&szlig; das auf
+der Stelle gesch&auml;he, sollte seine erste Sorge sein.</p>
+
+<p>Maggie lie&szlig; den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann
+auseinander, was sie sich &uuml;berlegt hatte.</p>
+
+<p>Kurowski mu&szlig;te wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht
+allzu leicht gemacht werden. Er w&uuml;rde ja ohnedies einer Scheidung
+abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil
+Gertrud die bequemste Frau f&uuml;r ihn war.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster brauste wieder auf, da&szlig; er sich auf derartige
+Hinterh&auml;ltigkeiten gar nicht einlie&szlig;e. Frau w&auml;re Frau und bliebe es; er
+dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie
+s&auml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Tu' das nicht, Papa,&laquo; sagte Maggie, &raquo;sonst verf&auml;hrst du die ganze
+Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles
+umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede
+Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, &ndash; nicht
+meinetwegen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster sah sie gro&szlig; an und wu&szlig;te in seinem Staunen &uuml;ber ihre
+k&uuml;hle Berechnung nichts zu sagen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109"> [109]</a></span></p><p>&raquo;Sieh, Papa,&laquo; fuhr Maggie fort. &raquo;Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig.
+Schlie&szlig;lich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf
+gl&uuml;ckt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprich nicht so frech!&laquo; fuhr der Oberf&ouml;rster auf.</p>
+
+<p>Maggie sah ihn fest an. &raquo;Bitte, warum nicht aussprechen, was man
+empfindet? H&auml;tte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, w&auml;re sie
+nicht in ihr Ungl&uuml;ck gerannt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster wu&szlig;te nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte.
+Im Grunde hatte sie recht, und die beste L&ouml;sung w&auml;re es, wenn ihr Plan
+ihr gel&auml;nge und sie sich Seckersdorf gewann; aber da&szlig; sie ihn in die
+Intrige verwickelte, ihn gewisserma&szlig;en zum Mitschuldigen gegen Gertrud
+machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das
+emp&ouml;rte ihn, und die Bewunderung f&uuml;r das kaltbl&uuml;tige, zielbewu&szlig;te
+Vorgehen Maggies hinderte nicht, da&szlig; er sie f&uuml;r ein herzloses,
+unleidliches Gesch&ouml;pf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen,
+ihn aber aus dem Spiele lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Kein Wort will ich weiter h&ouml;ren &ndash; kein Wort!&laquo; schalt er. &raquo;Und heute
+kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf
+&uuml;berhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich
+meine T&ouml;chter gut versorgt wei&szlig;; aber so mit List einen Menschen
+einfangen, der f&uuml;r die eigene Schwester schw&auml;rmt, pfui! Und<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110"> [110]</a></span> die Gertrud
+&ndash; eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, da&szlig; ihr ohne Mutter
+aufgewachsen seid.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie lie&szlig; ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wu&szlig;te, wenn
+er sich die erste notwendige Emp&ouml;rung vom Herzen gesprochen h&auml;tte, w&uuml;rde
+er sich die Sache &uuml;berlegen und schlie&szlig;lich sehr froh sein, wenn
+zun&auml;chst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt w&auml;re.</p>
+
+<p>Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor.
+Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine
+widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und
+dabei dachte: &raquo;Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit
+Seckersdorf hindern wollte Er bem&auml;chtigte sich seiner ausschlie&szlig;lich,
+gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht &uuml;bernehmen,
+und was das Schlimmste war, Seckersdorf h&ouml;rte mit vollster
+Aufmerksamkeit zu, fragte, lie&szlig; sich belehren und sprach selbst so
+anhaltend zu den Leuten, da&szlig; sie schlie&szlig;lich eine ungeduldige Bemerkung
+&uuml;ber seinen Eifer machte.</p>
+
+<p>Er wandte sich um. &raquo;Entschuldigen Sie mich,&laquo; bat er. &raquo;Ich bin Landmann
+mit Leib und Seele<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111"> [111]</a></span> und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne.
+Wir haben auf Isenburg ganz &auml;hnliche Forstverh&auml;ltnisse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie gehen wieder zur&uuml;ck?&laquo; fragte sie, froh, ein Gespr&auml;ch ankn&uuml;pfen zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Wahrscheinlich.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster rief ihn, ehe er etwas hinzuf&uuml;gen konnte, von neuem an.
+Er hatte an einem der wenigen geschlagenen St&auml;mme ein fremdes
+Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung.</p>
+
+<p>Seckersdorf wu&szlig;te sie nicht. Der Oberf&ouml;rster sprach Vermutungen dar&uuml;ber
+aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben;
+und dar&uuml;ber ereiferten sich beide M&auml;nner so, da&szlig; Maggie niedergeschlagen
+hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu
+betrachten begann.</p>
+
+<p>Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen,
+zugleich mit dem Abneigungsgef&uuml;hl gegen Seckersdorf, der ihr diese
+Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gespr&auml;ch
+heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden
+Blick zuwarf, kochte eine j&auml;he Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in
+ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt.<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112"> [112]</a></span> &raquo;Nun gerade!&laquo; sagte sie
+sich, und wartete zornig und geduldig zugleich.</p>
+
+<p>Und ihre Stunde kam.</p>
+
+<p>Das Wetter &auml;nderte sich pl&ouml;tzlich. Der Wind schien die schweren Wolken,
+die massig und unbeweglich &uuml;ber dem Wald gestanden hatten, mit einemal
+niederzudr&uuml;cken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder,
+der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in k&uuml;rzester Zeit ein
+t&uuml;chtiger Landregen werden mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war
+au&szlig;er sich. Zwei Tage noch h&auml;tte sich das Wetter halten m&uuml;ssen, und nun
+&auml;ffte es ihn auf solche Weise. &raquo;Wenn ich allein w&auml;re, wollte ich
+&uuml;brigens nicht viel davon reden,&laquo; sagte er schlie&szlig;lich. &raquo;Aber das kommt
+davon, wenn man ein schwacher Vater ist.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie lachte. &raquo;Mir macht doch das bi&szlig;chen Regen nichts, und mein
+Lodenkleid ist auch daran gew&ouml;hnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie
+nat&uuml;rlich nach Hause!&laquo; sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh.</p>
+
+<p>Er wechselte mit Maggie einen Blick.</p>
+
+<p>Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede,
+da&szlig; er in das Haus des<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113"> [113]</a></span> Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten:
+&raquo;Aber das ist ja <span class="f">force majeure</span>, siehst du das denn nicht ein?&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster verstand beide. &raquo;Nein, lieber Freund, das nehm' ich
+nicht an,&laquo; sagte er. &raquo;F&uuml;nf Meilen in einer Tour ist zu viel f&uuml;r Ihre
+G&auml;ule!&laquo;</p>
+
+<p>Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung
+seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich
+also und machte ein h&ouml;flich leeres Gesicht, aus dem doch die m&uuml;hsam
+bezwungene Entt&auml;uschung hervorguckte.</p>
+
+<p>Der gro&szlig;e Junge! dachte Maggie &auml;rgerlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar,&laquo; fuhr der
+Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz best&auml;rkt.
+&raquo;Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein
+M&auml;del einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und
+schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause.
+Einverstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit tausend Freuden,&laquo; rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. &raquo;Wenn
+Sie, und vor allem das gn&auml;dige Fr&auml;ulein, in meinem Junggesellenhaushalt
+vorliebnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>Auch Maggie empfand diese L&ouml;sung als eine<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114"> [114]</a></span> gl&uuml;ckliche und freute sich
+auf das Abenteuer; denn etwas &Auml;hnliches w&auml;re es doch. W&auml;hrend sie
+einstiegen, sagte sie ihm halblaut: &raquo;Papa hatte recht, Sie durften nicht
+mit!&laquo; Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, w&auml;hrend er
+vom Kutschersitz her die Z&uuml;gel f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, &uuml;ber die langweilige, von
+Ebereschen eingefa&szlig;te Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen &uuml;ber
+die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein
+lebendes Wesen zeigte sich.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock
+gewickelt. Maggie sa&szlig; gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend.
+Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als
+sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgef&uuml;hl &uuml;ber sie. &raquo;Das alles
+ist mir untert&auml;nig.&laquo; Und besonders am&uuml;sierte sie, da&szlig; der, dem in
+Wirklichkeit Feld und Flur einmal geh&ouml;ren sollten, gar nicht ahnte, da&szlig;
+sie in Gedanken mit ihm teilte, da&szlig; sie mit dem festen Willen in sein
+k&uuml;nftiges Besitztum einfuhr: &raquo;Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich
+es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie ein Rausch kam es &uuml;ber sie. Ein wilder, energischer Siegerwille
+brauste durch ihre Gedanken<span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115"> [115]</a></span> und gab ihrer Erscheinung einen starken,
+neuen Reiz.</p>
+
+<p>Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte,
+gro&szlig;en, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen,
+aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe
+schob und von der Schwelle der T&uuml;r, die man bei dem hastigen und
+lautlosen Vorfahren noch nicht ge&ouml;ffnet hatte, den beiden Herren ein
+&uuml;berm&uuml;tiges &raquo;Willkommen!&laquo; zurief, da fuhr Seckersdorf zur&uuml;ck vor der
+prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des M&auml;dchens, das ihm mit der
+ganzen urspr&uuml;nglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte.</p>
+
+<p>Dann verlief alles regelrecht und programm&auml;&szlig;ig. Diener und Hausm&auml;dchen
+versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der gro&szlig;en Treppenhalle, in
+der eine Bank aus altert&uuml;mlichem Holzrat mit einem riesigen B&auml;renfell
+davor, alte verrostete K&uuml;rasse und Waffen und eine Menge vertrockneter
+Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altv&auml;terisch behagliches,
+molliges Zimmerchen gef&uuml;hrt, in dem alles darauf hindeutete, da&szlig; es zum
+ausschlie&szlig;lichen Gebrauch f&uuml;r Damen bestimmt war.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist noch von fr&uuml;her her so,&laquo; bemerkte das junge adrette
+Dienstm&auml;dchen, &raquo;und der gn&auml;dige<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116"> [116]</a></span> Herr hat es wieder in Ordnung schaffen
+lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie nickte. Sie h&auml;tte f&uuml;r ihr Leben gern gefragt, welche Damen den
+Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren
+Lebensgewohnheiten doch so sehr, da&szlig; sie schwieg und mit dem M&auml;dchen nun
+in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den
+Leuten so sehr an ihr imponierte.</p>
+
+<p>Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der F&uuml;hrung des
+M&auml;dchens in das E&szlig;zimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar
+hinein. Es f&uuml;llte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holzt&auml;felung und
+ehrw&uuml;rdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, da&szlig; er
+von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr
+bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten E&szlig;tisch; es
+stand auf <ins class="correction" title="geblich">gelblich</ins> wei&szlig;em, feinsten Damast, dessen tiefe
+Bruchfalten zeigten, da&szlig; es lange im W&auml;scheschrank geruht hatte. Die
+altert&uuml;mlichen Gl&auml;ser mit dicken F&uuml;&szlig;en trugen eine Krone und zwei
+verschn&ouml;rkelte Buchstaben.</p>
+
+<p>Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein
+ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten
+schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117"> [117]</a></span>
+verwaltet, dann von ihm &uuml;bernommen war und zu einem neuen Erbgut f&uuml;r
+seinen j&uuml;ngsten Sohn eingerichtet werden sollte.</p>
+
+<p>So erz&auml;hlte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der
+Oberf&ouml;rster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider.
+Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und
+trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr drau&szlig;en auf
+dem gro&szlig;en, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie steht's?&laquo; fragte er hastig. &raquo;Was habe ich zu erwarten? Schnell ...
+ich bitte Sie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds
+Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein
+prickelndes Wohlgef&uuml;hl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat
+sie nicht.</p>
+
+<p>Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem
+Ausdruck innigen Mitleids vertiefte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht recht,&laquo; sagte sie suchend, &raquo;Herr von Seckersdorf, ich
+m&uuml;&szlig;te da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, da&szlig; Gertrud an Sie
+denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schlie&szlig;lich nicht so viel
+Verst&auml;ndnis f&uuml;r das Verantwortlichkeitsgef&uuml;hl einer Mutter.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118"> [118]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Was hei&szlig;t das, Fr&auml;ulein Maggie?&laquo; fragte Seckersdorf best&uuml;rzt. &raquo;Haben
+Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Maggie nickte. &raquo;W&ouml;rtlich, Herr von Seckersdorf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wu&szlig;te ich ja!' Und dann
+ist sie still geworden und hat diese &uuml;bertriebene &ndash; ich meine, sie hat
+ihre Kinder von da ab mit ganz ausschlie&szlig;licher Z&auml;rtlichkeit behandelt.
+Und als ich &ndash; ich dachte doch, man m&uuml;&szlig;te ihr ein bi&szlig;chen helfen &ndash; sie
+ist so &auml;ngstlich und im besten Sinne des Wortes f&ouml;rmlich, und ich wollte
+Ihnen auch gern Nachricht geben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kurz und gut?&laquo; sagte Seckersdorf erregt.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sie ist sehr b&ouml;se auf mich geworden und hat mir verboten, je mit
+Ihnen &uuml;ber sie zu sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihnen verboten?&laquo; wiederholte Seckersdorf ratlos. &raquo;Ernsthaft verboten?
+Aber Sie selbst sagten mir doch&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem
+Augenblicke empfand sie f&uuml;r ihn etwas von der Z&auml;rtlichkeit, die sie der
+Schwester entzogen hatte.</p>
+
+<p>Ihr wortloses Mitgef&uuml;hl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabh&auml;ngende Hand
+und hielt sie fest.<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119"> [119]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Sie sind gut, Fr&auml;ulein Maggie!&laquo; sagte er leise. &raquo;Aber, bitte, sagen Sie
+mir, was hei&szlig;t das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud
+hat ja mit mir kein Wort dar&uuml;ber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und
+ich sah es ihr ja auch an&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud,&laquo; bat
+Maggie weich. &raquo;Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung
+nach ungl&uuml;cklich&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich!&laquo; sagte Seckersdorf mit &Uuml;berzeugung. &raquo;Alle Welt wei&szlig;, wie
+schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Maggie machte eine abwehrende Bewegung.</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem
+eine gro&szlig;e Zuneigung f&uuml;r Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es
+werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud
+Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es
+klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, da&szlig; sie, wie sie sagt,
+eine anst&auml;ndige Frau bleiben will.&laquo;</p>
+
+<p>Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht &uuml;berschattete sich
+mit einem hochm&uuml;tigen Zuge des Befremdens.</p>
+
+<p>&raquo;Hat sie das gesagt?&laquo; fragte er kurz. &raquo;Hab' ich<span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120"> [120]</a></span> sie etwa ... Aber das
+kann ja nicht sein. Fr&auml;ulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten
+Zusammentreffens?&laquo;</p>
+
+<p>Sie nickte eifrig. &raquo;Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner &ndash;&laquo;
+das Wort ging doch nicht ganz glatt &uuml;ber ihre Lippen &ndash; &raquo;meiner Liebe zu
+Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr
+nichts ge&auml;ndert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und
+jetzt ist sie acht Jahre &auml;lter und elend und Mutter und&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein z&auml;rtlich mitleidiges L&auml;cheln l&ouml;ste seine Lippen, die er vorhin fest
+aufeinandergepre&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen,&laquo; fuhr Maggie fort, und warf
+einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nerv&ouml;ses Zucken bei ihren
+Worten nicht bemeistern konnte.</p>
+
+<p>Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren ankn&uuml;pfen zu wollen, eine
+zerrissene Sache,&laquo; sagte er fast sch&uuml;chtern. &raquo;Es ist wahr, Fr&auml;ulein
+Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals.
+Ich m&ouml;chte sie wieder sch&ouml;n und froh haben, und ich dachte, wie Sie
+damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei
+sein w&uuml;rde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121"> [121]</a></span> bereden oder zu
+verleiten, wenn sie es f&uuml;r S&uuml;nde h&auml;lt. Recht hat sie ja auch, rein und
+gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder &uuml;berspannt. Was
+nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit
+abgefunden ... Blo&szlig;&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er legte die gro&szlig;e, wei&szlig;e Hand &uuml;bers Gesicht, als wollte er es in diesem
+Augenblicke nicht sehen lassen.</p>
+
+<p>Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr
+sie der Gedanke: &raquo;Was tust du da?&laquo; Und gleich hinterher: &raquo;Was willst du
+selbst mit diesem gro&szlig;en Kinde, das so ganz erf&uuml;llt von der anderen
+ist?&laquo;</p>
+
+<p>Es fehlte nicht viel und sie h&auml;tte eingelenkt. Aber da kam der
+Oberf&ouml;rster hinein, und man setzte sich zum Essen.</p>
+
+<p>Seckersdorf machte liebensw&uuml;rdig und ohne etwas von seiner Erregung zu
+verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bek&uuml;mmerten
+Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere
+Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen
+m&ouml;glichen Dingen neckte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dich zerstreuen, dir &uuml;ber diese Stunde hinweghelfen,&laquo; sagten
+ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete
+darauf mit einem schwachen L&auml;cheln. Sie wiederum<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122"> [122]</a></span> f&uuml;hlte, da&szlig; ihr
+Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter.</p>
+
+<p>Das Essen war m&auml;&szlig;ig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die
+Herren nat&uuml;rlich, und dank Maggies Munterkeit &ndash; &raquo;sie ist immer so&laquo;,
+bemerkte der Oberf&ouml;rster &ndash; schien die kleine Tafelrunde bald in
+fr&ouml;hlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer gro&szlig;en
+Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast
+redselig.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab's nicht gedacht, da&szlig; ich noch so sein kann,&laquo; gestand er
+ehrlich. &raquo;Aber, gn&auml;diges Fr&auml;ulein verstehen es, einen vergn&uuml;gt zu
+machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das findet Gertrud auch immer,&laquo; sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr
+dann leicht zusammen, heimlich &uuml;berlegend. &raquo;Ob er nun nicht vergleicht?&laquo;</p>
+
+<p>Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Ged&auml;chtnis rief, machte er
+zwar ein tr&uuml;bseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter?&laquo; fragte er h&ouml;flich.</p>
+
+<p>&raquo;Gott bewahre,&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster an ihrer Stelle mit mehr Betonung
+als n&ouml;tig gewesen w&auml;re. &raquo;Die war immer nur zum Ansehen und zum
+H&auml;tscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken<span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123"> [123]</a></span> Sie, tausend Mark
+Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was hei&szlig;en f&uuml;r unsere, das
+hei&szlig;t meine Verh&auml;ltnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die
+paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles
+&uuml;brige zu bestreiten!&laquo;</p>
+
+<p>Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verh&auml;ltnisse, auf Beamtentum und
+Grundbesitz, und was der Wechsel des Gespr&auml;chs damit in Verbindung
+brachte.</p>
+
+<p>Maggie sah dabei nicht mit dem &uuml;blichen interessierten Blick h&ouml;flicher
+Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung
+machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie gr&uuml;belte nie viel, aber ihre
+unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte f&uuml;r ihre
+Gedanken zu finden, lie&szlig;en sie viel weltkluger scheinen, als sie war,
+und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit
+unterlaufen lie&szlig;, kam sie bei den M&auml;nnern trotzdem nie in den Verdacht
+einer verp&ouml;nten Gelehrsamkeit.</p>
+
+<p>Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an.</p>
+
+<p>&raquo;Was bist du f&uuml;r ein M&auml;del?&laquo; &uuml;bersetzte Maggie sich seine Blicke. &raquo;Gut,
+klug und temperamentvoll.&laquo;</p>
+
+<p>Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124"> [124]</a></span> schon d&auml;mmrig, als der
+Oberf&ouml;rster an den Aufbruch dachte.</p>
+
+<p>&raquo;Schade,&laquo; meinte Maggie. &raquo;Ich h&auml;tte so gern das interessante alte Haus
+gesehen. Da gibt's sicherlich Sch&auml;tze &uuml;ber Sch&auml;tze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Viel altes Ger&uuml;mpel,&laquo; sagte Seckersdorf. &raquo;Aber falls Sie sich daf&uuml;r
+interessieren, w&uuml;rde es mir eine gro&szlig;e Ehre sein, wenn mir vielleicht
+ein andermal&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Z&ouml;gern
+sch&uuml;ttelte sie doch den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist,&laquo; erwiderte
+sie, den Vater fragend ansehend. &raquo;Wir lassen sie nicht gerne viel
+allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen.&laquo; Beide M&auml;nner
+wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich k&uuml;hler, als er nach den
+behaglichen Stunden wohl h&auml;tte sein m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch fl&uuml;chtig einiges
+Gesch&auml;ftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem,
+und dann ging's fort.</p>
+
+<p>&raquo;Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski,&laquo; sagte Seckersdorf
+zum Schlu&szlig; sehr steif.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125"> [125]</a></span>Gertrud hatte den Vormittag vertr&auml;umt. Es waren kaum bewu&szlig;te Gr&uuml;beleien,
+denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen,
+unklaren Bildern an ihr vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>Tr&auml;nen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald
+sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein spr&uuml;henden
+Regens herumspielten.</p>
+
+<p>Ihr war eigent&uuml;mlich zumute. Sie wu&szlig;te ganz genau, da&szlig; sie Seckersdorf
+liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, da&szlig; sie Maggie f&uuml;rchtete, ja
+beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewu&szlig;ten Gedanken
+regte sich mit vorahnendem K&auml;ltegef&uuml;hl einer, der an Pflicht und
+Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenm&uuml;ssen mahnte,
+und alte Bibelspr&uuml;che, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt,
+bekr&auml;ftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die
+Selbstvorw&uuml;rfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene
+Stimme hinein: &raquo;Gertrud, komme zu mir!&laquo;, und dann schlo&szlig; sie die Augen
+und tr&auml;umte sich trotz allem mit s&uuml;&szlig;em Schauer an seine Brust und klagte
+ihm alles und sagte: &raquo;Denk' du f&uuml;r mich und sorge, da&szlig; ich das Rechte
+tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126"> [126]</a></span></p>
+
+<p>Aus diesem Empfinden r&uuml;ttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller
+Gram, da&szlig; sie, auch wenn das hei&szlig; Ersehnte sich ihr erf&uuml;llen sollte,
+nicht mehr imstande sein w&uuml;rde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie
+Herbstschauer &uuml;berflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine
+unvern&uuml;nftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den
+Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm gesch&uuml;tzt vor dem grauen
+Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt
+tat.</p>
+
+<p>Was sie wohl spr&auml;chen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdr&auml;ngen? Eine
+trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschl&uuml;sse
+sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was
+sie ihm sagen w&uuml;rde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue
+Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde
+Mittag und niemand kam heim. Sie a&szlig; schlie&szlig;lich mit Fr&auml;ulein Perl und
+den Kindern und fing wieder ein sch&uuml;chternes Gespr&auml;ch &uuml;ber ungl&uuml;ckliche
+Ehen an, &uuml;ber Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so
+allerlei, was ihr durch den Kopf ging.</p>
+
+<p>Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus
+Nizza. Zitternd schlo&szlig; sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt
+Kurowski seinen Worten auf dem Fu&szlig;e folgte, und<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127"> [127]</a></span> lange konnte sie sich
+vor Angst nicht entschlie&szlig;en, den Umschlag zu &ouml;ffnen. Es waren kaum zwei
+Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="indent">&raquo;Mein liebes Kind!</p>
+
+<p>Es wird Zeit, da&szlig; ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu
+reden. Vorl&auml;ufig so viel: Ich will durchaus nicht zur&uuml;cknehmen, was
+ich Dir oft gesagt habe, n&auml;mlich da&szlig; Du mir als Frau und Gef&auml;hrtin
+nicht gen&uuml;gst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte
+Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken.
+Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's
+nicht erleben, da&szlig; ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte
+kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in
+meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir
+kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal
+so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde
+mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen,
+wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im &uuml;brigen keine
+Feindschaft und keine Gef&uuml;hlsduselei.</p>
+
+<p class="right dedent">Kurt.&laquo;</p>
+</div>
+
+<p>Gertrud warf sich schluchzend &uuml;ber ihr Bett. Sie f&uuml;hlte sich wieder ganz
+unter der Zuchtrute der vergangenen<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128"> [128]</a></span> sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen,
+die sie sch&uuml;chtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte,
+verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine
+grauen Fl&uuml;gel um sie.</p>
+
+<p>&raquo;Was tue ich nur, was tue ich nur?&laquo; fragte sie sich immerzu. &raquo;Wer hilft
+mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!&laquo;</p>
+
+<p>In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken
+fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, da&szlig; Hans
+Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen w&uuml;rde, ohne da&szlig; sie ihn rief.
+Und da rang sie sich zuletzt den Entschlu&szlig; ab, ihm ein Wort zu
+schreiben.</p>
+
+<p>Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wu&szlig;te sich keinen
+anderen Rat, und sie f&uuml;rchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor
+dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat mich ja lieb, und er kommt gewi&szlig; gleich,&laquo; dachte sie. Und sie
+schrieb unter str&ouml;menden Tr&auml;nen in ihrer h&uuml;bschen, korrekten
+Schulm&auml;dchenhandschrift:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Lieber Freund, ich bin in gro&szlig;er Herzensangst. Und da Maggie mir
+gesagt hat, da&szlig; Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben,
+bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich
+bin so verlassen, und Sie sind<span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129"> [129]</a></span> der einzige, an den ich mich wenden
+kann. Mit vielen Gr&uuml;&szlig;en Ihre Gertrud Kurowski.&laquo;</p></div>
+
+<p>Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf.
+Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann w&auml;re alles gut,
+er w&uuml;rde kommen und ihr sagen, was sie tun m&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Sie ruhte aus in dem Gedanken, &ndash; aber ihre Kinder anzusehen wagte sie
+nicht mehr.</p>
+
+<p>Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie fl&uuml;chtig herumstichelte, setzte
+sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg &uuml;bersehen
+konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zur&uuml;ck waren, sollte ihr Bote,
+der &auml;lteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war
+eingefallen, da&szlig; der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den
+Wald treffen und anhalten m&ouml;chten. Sie sagte dem Stubenm&auml;dchen also
+Bescheid, lie&szlig; sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen
+einzusch&auml;rfen. &raquo;Es handelt sich um eine Gesch&auml;ftssache,&laquo; erkl&auml;rte sie
+verlegen dem M&auml;dchen und dem Burschen, und fand das sehr &uuml;berlegt von
+sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: &raquo;Solche kleinen
+Winkelz&uuml;ge werde ich nun wohl &ouml;fters machen m&uuml;ssen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Endlich kamen die Erwarteten zur&uuml;ck. Maggie sprach sehr viel, erz&auml;hlte
+ausf&uuml;hrlich alles &Auml;u&szlig;ere<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130"> [130]</a></span> ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf,
+beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich
+haupts&auml;chlich an Fr&auml;ulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie
+war, lie&szlig; doch &auml;u&szlig;erlich ruhig alles &uuml;ber sich ergehen. Denn der Vater
+beobachtete sie, w&auml;hrend Maggie erz&auml;hlte. An dieser selbst glaubte sie
+hier und da ein sp&ouml;ttisches L&auml;cheln wahrzunehmen.</p>
+
+<p>Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem
+einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs,
+und morgen vielleicht wu&szlig;te sie, wohin und was tun.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des Hin- und Hersprechens trat das Stubenm&auml;dchen ein und
+wartete, bis man sie bemerken w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie
+aber wahr, da&szlig; Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Was gibt's?&laquo; fragte der Oberf&ouml;rster und sah sich um.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen kam n&auml;her.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den
+Brief mitnehmen kann, &ndash; oder soll doch der Fritz gehen?&laquo; sagte sie halb
+zu Gertrud gewandt.<span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131"> [131]</a></span></p>
+
+<p>Die wurde totenbla&szlig;. Sie winkte dem M&auml;dchen, hinauszugehen. Der
+Oberf&ouml;rster stand auf.</p>
+
+<p>&raquo;Welchen Brief?&laquo; fragte er unwirsch.</p>
+
+<p>&raquo;Von der gn&auml;digen Frau,&laquo; sagte das M&auml;dchen sch&uuml;chtern.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster kniff die Augen zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berhaupt nicht mehr n&ouml;tig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den
+Brief her!&laquo;</p>
+
+<p>Eine gro&szlig;e Stille entstand.</p>
+
+<p>Gertrud sagte sich immerzu: &raquo;Ich mu&szlig; protestieren, ich mu&szlig; meinen Brief
+abschicken.&laquo; Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zur&uuml;ckkommen
+des M&auml;dchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und
+Fr&auml;ulein Perl begriff &uuml;berhaupt nichts. &raquo;Hast du denn nach Romitten
+geschrieben, Herzchen?&laquo; fragte sie ahnungslos.</p>
+
+<p>Gertrud schwieg.</p>
+
+<p>Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberf&ouml;rster nahm ihn ihr ab
+und winkte ihr hinaus.</p>
+
+<p>Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerri&szlig; er den
+Brief, ohne ihn zu &ouml;ffnen, und warf ihn in den Papierkorb.</p>
+
+<p>&raquo;Pfui!&laquo; sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. &raquo;So etwas tut meine
+Tochter! Was wolltest du von<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132"> [132]</a></span> ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst
+du von ihm ... Sch&auml;mst du dich nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Ja, Gertrud sch&auml;mte sich, als h&auml;tte sie ein uns&uuml;hnbares Verbrechen
+begangen. Sie wu&szlig;te vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie f&uuml;hlte
+sich ganz zerbrochen und dachte nur. &raquo;Fort, fort! Oder lieber noch
+sterben!&laquo;</p>
+
+<p>Sagen konnte sie nichts.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster wurde dunkelrot.</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du reden?&laquo; schrie er.</p>
+
+<p>Da trat Maggie zur Schwester.</p>
+
+<p>&raquo;Qu&auml;le sie doch nicht unn&uuml;tz, Papa,&laquo; sagte sie. &raquo;Schlie&szlig;lich kann sie
+doch tun und lassen, was sie will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht in meinem Hause,&laquo; rief der Oberf&ouml;rster erregt, &raquo;nicht in meinem
+Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte
+Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine l&auml;uft
+hinter dem Menschen her, da&szlig; es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm
+Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gef&auml;llig zu und halt's Maul zu
+dem ganzen Treiben, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist kein Liebesbrief, Papa,&laquo; sagte Gertrud heiser. &raquo;Du erlaubst
+wohl, da&szlig; ich mich entferne. Ich werde ... &uuml;berhaupt bald fortgehn&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie taumelte hinaus.<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133"> [133]</a></span></p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster lief erregt im Zimmer umher. &raquo;Wenn blo&szlig; der Kurowski
+wieder da w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem
+Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten.</p>
+
+<p>Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. &Uuml;ber Gertrud, &uuml;ber sich, &uuml;ber
+das ganze Leben.</p>
+
+<p>Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermi&szlig;te sie Gertrud. Sie
+h&auml;tte zu ihr hineinst&uuml;rzen m&ouml;gen und sich ausschreien. Vielleicht auch
+lachen &uuml;ber die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: &raquo;Trude,
+sei gut ... du sollst ihn wieder haben.&laquo;</p>
+
+<p>Und doch, nein &ndash; das w&uuml;rde sie nicht. Was fiel ihr denn &uuml;berhaupt ein?
+Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden?</p>
+
+<p>Gute und b&ouml;se Gedanken &uuml;berst&uuml;rzten sich in ihr und versetzten sie in
+einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze
+Berechnung, auf die sie ihr k&uuml;nftiges Leben gr&uuml;nden wollte, eine falsche
+sei, als ob sie verlieren w&uuml;rde, auch wenn sie's erreichte, Frau von
+Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann
+verspottete sie sich selbst und verh&auml;rtete sich in ihren Gr&uuml;beleien &uuml;ber
+Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr
+Schicksal selbst<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134"> [134]</a></span> zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze
+Situation &uuml;berlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter
+Segen f&uuml;r sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie w&uuml;rde es vielleicht
+auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie f&uuml;hrte ihre
+Sache und k&auml;mpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position
+war die g&uuml;nstigere. Es hie&szlig; also sich zusammennehmen, anstatt zu
+tr&auml;umen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren
+nat&uuml;rlichen Bundesgenossen, ihren Schwager.</p>
+
+<p>Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch
+&uuml;berzeugt, da&szlig; er sich schon aus &auml;u&szlig;erlichen Gr&uuml;nden zu einer Scheidung
+nicht entschlie&szlig;en w&uuml;rde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und
+redete sich die Ansicht ein, da&szlig; es zweckm&auml;&szlig;iger und vern&uuml;nftiger w&auml;re,
+wenn die Ehe nicht getrennt w&uuml;rde. Sie hatte sich nur durch Gertruds
+kl&auml;gliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten
+lassen ... Man h&auml;tte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen
+ihren Tyrannen aufzutreten, n&ouml;tigenfalls ihr dabei helfen m&uuml;ssen,
+anstatt &ndash;</p>
+
+<p>Mitten in diesem Gedankengang sprang sie &auml;rgerlich aus dem Winkel auf,
+in dem sie sich zusammengekauert hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135"> [135]</a></span></p>
+
+<p>Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Kom&ouml;die vor? Etwas tun
+mu&szlig;te sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause
+kommen. Gertrud w&auml;re im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann w&auml;re der
+Skandal fertig.</p>
+
+<p>Hei&szlig; von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie
+abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges
+altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert
+auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mu&szlig;te also
+noch aufgeschoben werden.</p>
+
+<p>Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die G&auml;ste zu begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch
+sa&szlig;en sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken,
+tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gem&uuml;tlich und neckten
+Maggie wie sonst.</p>
+
+<p>Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgf&auml;ltig hinaufgek&auml;mmten,
+schwarzen Haarstr&auml;hnen, ein freundlich ironisches L&auml;cheln um den breiten
+Mund, war ehemals der Schweren&ouml;ter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb
+und sanft, hatte viel leiden und sich viel gr&auml;men m&uuml;ssen. Heute nannten
+sie sich &raquo;Papa&laquo; und &raquo;Mama&laquo;, sahen beide friedlich<span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136"> [136]</a></span> und fertig aus, und
+hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten f&uuml;r einander, um sich das
+Leben leicht zu machen.</p>
+
+<p>Das war wohl der &uuml;bliche Ausklang aller traurigen und frohen
+Ehemelodieen.</p>
+
+<p>Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski
+und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei,
+und sie f&uuml;hlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen,
+auszusch&ouml;pfen, zu genie&szlig;en, solange sie noch jung und ihre Nerven noch
+daf&uuml;r empf&auml;nglich waren.</p>
+
+<p>Die Freunde fanden den Oberf&ouml;rster verstimmt und Maggie still. Man fing
+an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte
+Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die
+Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine.</p>
+
+<p>&raquo;Herrgott!&laquo; rief der Oberf&ouml;rster dazwischen. &raquo;Wo bleibt denn eigentlich
+die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh
+mal nach, Maggie.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie ging z&ouml;gernd hinaus. Lina behauptete, die gn&auml;dige Frau zu
+derselben Zeit wie das Fr&auml;ulein benachrichtigt zu haben.</p>
+
+<p>Maggie ging also hinauf.<span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137"> [137]</a></span></p>
+
+<p>Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die T&uuml;r leise
+auf.</p>
+
+<p>Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds
+Schreibsachen lagen. Sie selbst sa&szlig; am Fenster.</p>
+
+<p>Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in
+eine wei&szlig;e Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus.</p>
+
+<p>Der Mond schien gelb durch die graugr&uuml;nen Wolken, die in Streifen und
+Fetzen &uuml;ber den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl
+und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um.</p>
+
+<p>Maggies Herz zog sich zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du tun? Wo willst du hin?&laquo; fragte sie zitternd.</p>
+
+<p>&raquo;Fort,&laquo; sagte Gertrud, ohne sie anzusehen.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud zuckte die Achseln. &raquo;Du, ich wollte weg,&laquo; sagte sie, &raquo;aber mich
+friert so.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist, als ob sie den Verstand verloren h&auml;tte,&laquo; dachte Maggie
+entsetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Komm doch vom Fenster fort,&laquo; sagte sie beherrscht. &raquo;Es zieht so.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud stand auf. &raquo;Ja,&laquo; sagte sie, &raquo;das ist wahr.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138"> [138]</a></span> Mantel aus und nahm ihr
+den Hut ab. Sie lie&szlig; es sich gefallen.</p>
+
+<p>Maggie h&auml;tte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und
+f&uuml;rchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du?&laquo; fragte Gertrud lebhafter, in Angst.</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Kind, heut' ist es schon zu sp&auml;t, heut' kannst du nicht mehr
+fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der
+Jungfer ...&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud hielt sie fest.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe einen Wagen geh&ouml;rt,&laquo; sagte sie bang. &raquo;Ist mein Mann etwa da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, &ndash; wie sollte er?&laquo; sagte Maggie bebend. &raquo;Wie kommst du
+darauf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir fiel ein, er k&ouml;nnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein &ndash;&laquo;,
+sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag.</p>
+
+<p>Maggie nahm ihn an sich.</p>
+
+<p>&raquo;Die Auklapper waren es,&laquo; sagte sie. &raquo;Sie wollen dich gern sehen. Aber
+du wirst nicht k&ouml;nnen, nicht? Du mu&szlig;t zu Bett, ja?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie
+klingelte.</p>
+
+<p>&raquo;Die gn&auml;dige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr,&laquo; bedeutete sie die
+eintretende Jungfer.<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139"> [139]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Das geht wieder vorbei,&laquo; fl&uuml;sterte die ihr zu. &raquo;Das war ebenso, als die
+gn&auml;dige Frau mit den Junkern fortging.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre
+Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei
+dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen
+war.</p>
+
+<p>Ehe sie die G&auml;ste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, &uuml;berflog
+sie den Brief Kurowskis.</p>
+
+<p>Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an
+Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend!</p>
+
+<p>Aber schlie&szlig;lich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte
+gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein.
+Sie hat es ja gewu&szlig;t, da&szlig; Kurowski sich auf nichts einlassen w&uuml;rde.
+Gertrud hatte eben verspielt.</p>
+
+<p>Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur fl&uuml;chtig mit dem Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Man wird doch an Kurt drahten m&uuml;ssen,&laquo; meinte der. &raquo;Wei&szlig; Gott, ob sie
+uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorw&uuml;rfe
+machen. Besorge du das.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann sch&uuml;ttelte sie den Kopf.<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140"> [140]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Nein, setze du das Telegramm auf,&laquo; sagte sie z&ouml;gernd. &raquo;Ich schreibe
+unterdessen nach Friedland an den Doktor.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster &uuml;berlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann
+fa&szlig;te er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen
+pl&ouml;tzlicher Erkrankung Gertruds heimrief.</p>
+
+<p>Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am n&auml;chsten Morgen auf und
+setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine gro&szlig;e, stumpfe
+Ruhe. L&auml;hmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bi&szlig;chen
+Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, &uuml;berspann sich mit
+einer ihr bisher unbekannten Gef&uuml;hllosigkeit, und um sie herum wogte es
+in gleichm&auml;&szlig;igem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie
+einwiegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe zuviel aushalten m&uuml;ssen,&laquo; dachte sie ab und zu, &raquo;und dies ist
+wohl der R&uuml;ckschlag.&laquo;</p>
+
+<p>Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt
+sie unbewu&szlig;t immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung
+vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder
+seufzend in ihren Lehnstuhl zur&uuml;ckzukauern und weiterzud&auml;mmern.</p>
+
+<p>So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine
+Fragen ganz vern&uuml;nftig,<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141"> [141]</a></span> erkl&auml;rte sehr m&uuml;de zu sein und niemand sehen zu
+wollen.</p>
+
+<p>Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von
+starker Blutarmut und schwerer Nerven&uuml;berreizung und erkundigte sich
+nach etwaigen Gem&uuml;tsbewegungen.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede
+Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und
+verschonte auch Maggie mit Vorw&uuml;rfen nicht. Der Arzt sch&uuml;ttelte den
+Kopf, gab Schlafmittel, empfahl &auml;u&szlig;erste Ruhe und versprach
+wiederzukommen.</p>
+
+<p>Maggie ging bla&szlig; und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf
+benachrichtigte und zu Gertrud f&uuml;hrte, w&uuml;rde diese sicherlich gesund
+sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was w&uuml;rde nun geschehen?</p>
+
+<p>Gertrud w&uuml;rde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld.
+War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den
+Herrschern, die &uuml;ber Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden
+haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich
+ebenso gebrochen f&uuml;hlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel
+an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo
+einen Halt;<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142"> [142]</a></span> auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit
+doch noch morgens und abends betete.</p>
+
+<p>In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre
+ganze Heiratsidee verw&uuml;nschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und
+schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den &raquo;Freund&laquo; bat,
+Gertruds wegen her&uuml;berzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand
+und rechnete aus, wann Kurt eintreffen k&ouml;nne. Dar&uuml;ber vers&auml;umte sie, den
+Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als k&ouml;nnte sie nun Gertrud
+leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein.</p>
+
+<p>Gertrud sa&szlig; wie vorhin da, mit gro&szlig;en, stillen Augen auf den Fahrweg
+blickend.</p>
+
+<p>Sie war &uuml;berirdisch sch&ouml;n, ganz ohne verh&auml;rmten oder ver&auml;ngstigten
+Ausdruck in dem reinen Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wie eine Tote,&laquo; dachte Maggie und trat zitternd n&auml;her.</p>
+
+<p>&raquo;Trude!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie kauerte sich auf die wei&szlig;en Felle an Gertruds Stuhl.</p>
+
+<p>&raquo;Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und
+selbst zu leuchten schien.<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143"> [143]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; fragte sie. &raquo;Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft
+mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht
+herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von
+Sentimentalit&auml;t mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich
+selbst, wie h&auml;tte man wohl Kurowski gegen&uuml;bertreten sollen?</p>
+
+<p>Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem
+gutm&uuml;tigen Seckersdorf.</p>
+
+<p>Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach
+wahrhaftig der &raquo;Herr und Meister&laquo;, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich
+war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der
+gro&szlig;en sch&ouml;nen Welt umherzieht und in allem Genie&szlig;en durch die
+Erinnerung an ein &raquo;wei&szlig;blondes K&ouml;pfchen&laquo; gest&ouml;rt wird!</p>
+
+<p>Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erf&uuml;llten sie ganz.
+Dazu war auch das ganze Hauswesen verst&ouml;rt. Die Kinder spielten in dem
+entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken
+versteckt, und mit Fr&auml;ulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um
+Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungest&ouml;rt<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144"> [144]</a></span>
+lie&szlig;; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verk&uuml;ndete sie im
+ganzen Hause, es w&uuml;rde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen.
+Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel
+geschehen seitdem?</p>
+
+<p>Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft f&uuml;r den
+&uuml;bern&auml;chsten Mittag anmeldete und sich Nachricht &uuml;ber Gertruds Befinden
+auf den Berliner Bahnhof Friedrichstra&szlig;e ausbat.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Gertrud das h&ouml;rt, rafft sie sich auf und l&auml;uft fort, elend wie sie
+ist,&laquo; meinte Maggie. &raquo;Das Beste w&auml;re schon, wir &uuml;berlassen alles
+Kurowski.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man
+selbst Fr&auml;ulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und
+Tochter. Aber ihnen beiden war b&ouml;se zumute, und merkw&uuml;rdigerweise
+glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie
+den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange
+Rede herunter: &raquo;Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter
+der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine F&uuml;lle
+von Lebensgl&uuml;ck und Glut &uuml;ber dich rauhen Mann ausstr&ouml;mte, &ndash; statt ihr
+Kind nun in der gro&szlig;en Not ans Herz zu nehmen und es zu sch&uuml;tzen,
+treibst du es zu dem W&uuml;stling zur&uuml;ck, der<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145"> [145]</a></span> seine Umarmungen zwischen ihr
+und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst
+zittert&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und auch Maggie wand sich f&ouml;rmlich unter den Anklagen, die sie selbst
+aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst
+machte, bis sie schlie&szlig;lich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegen&uuml;ber
+aufstand und sagte: &raquo;Wei&szlig;t du, Papa, wir beide sollten uns nun schon
+lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewi&szlig; das Beste,
+aber die Verh&auml;ltnisse sind eben st&auml;rker als wir.&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im
+Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die T&uuml;r
+&ouml;ffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst h&auml;tte die beiden nicht so
+erschrecken k&ouml;nnen, als die sch&ouml;ne, ernste Frau, die in ihrem langen
+wei&szlig;en Schlafrock pl&ouml;tzlich vor ihnen stand.</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen, Gertrud!&laquo; stotterte der Vater. &raquo;Wird dir das nicht
+schaden? Weshalb rufst du uns nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist ganz wohl, Papa,&laquo; sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang
+rauh. &raquo;Ich sah den Depeschenboten vorhin &uuml;ber den Weg kommen. Hat Kurt
+telegraphiert?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146"> [146]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Bewahre,&laquo; log der Oberf&ouml;rster. &raquo;Ich soll morgen nach Brasnicken zum
+Essen. Ganz pl&ouml;tzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie,
+sorge f&uuml;r das Kind.&laquo;</p>
+
+<p>Maggie kam n&auml;her. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich
+herausreden w&uuml;rde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte.</p>
+
+<p>Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den
+Vater dankbar an und nickte beruhigt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja?&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick f&uuml;hlte Maggie ein &Uuml;berfluten alles Guten in sich.
+Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte
+aus ihr hervorsprudeln: &raquo;Glaub' uns doch nicht, wir betr&uuml;gen dich ja.
+Aber ich will nun nicht mehr &ndash; komm &ndash; komm&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ein guter Blick von Gertrud, und sie h&auml;tte das alles gesagt und die
+Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und
+nahm die gebotene Hand nicht.</p>
+
+<p>Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut
+und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte,
+und sie sah Gertrud so b&ouml;se an, da&szlig; diese zusammenschauerte.<span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147"> [147]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ich geh' schon,&laquo; murmelte sie und eilte nach der T&uuml;r.</p>
+
+<p>Der Vater wollte sie zur&uuml;ckhalten, aber sie achtete nicht darauf.</p>
+
+<p>Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose
+Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, da&szlig; sie
+sich sagte: &raquo;Ich mu&szlig; fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach
+dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, wei&szlig;, da&szlig; keiner mir helfen
+wird, mu&szlig; ich allein sorgen.&laquo;</p>
+
+<p>Geld hatte sie vorl&auml;ufig ja genug, an das &raquo;Sp&auml;ter&laquo; brauchte sie noch
+nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und
+aus dem Wege w&uuml;nschte.</p>
+
+<p>Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an.</p>
+
+<p>&raquo;Aber gn&auml;dige Frau k&ouml;nnen doch so elend nicht nach Hause,&laquo; warf die
+bescheiden ein. &raquo;Und die Mamsell mu&szlig; doch da auch erst alles besorgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;, la&szlig;,&laquo; sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die H&auml;nde vor die
+Ohren. &raquo;Pack nur f&uuml;r alle F&auml;lle!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber gn&auml;dige Frau sehen so furchtbar m&uuml;de aus ... Und die Unruhe hier
+mit dem Packen,&laquo; meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen
+besorgt ihre geliebte Herrin an.<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148"> [148]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist wahr,&laquo; antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. &raquo;Unruhe
+m&ouml;cht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was
+drau&szlig;en ist. Ich bin wirklich sehr m&uuml;de. Hilf mir!&laquo;</p>
+
+<p>Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen
+nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ...
+Oder sollte er von Laukischken aus&nbsp;...?</p>
+
+<p>Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie
+bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und
+verga&szlig; f&uuml;r viele Stunden ihre ganze bittere Not.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149"> [149]</a></span>Das Wetter hatte sich pl&ouml;tzlich ge&auml;ndert. Die Wolken waren verflogen,
+der Himmel weit und bla&szlig;, die Sonne matt und k&uuml;hl. Ein scharfer Wind
+schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen.
+Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und
+an der Windseite der Fichtenst&auml;mme am Waldrand glitzerte es und rann
+widerwillig sich l&ouml;send in schimmernden Tropfen herab.</p>
+
+<p>In solchem Wetter, dem unerw&uuml;nschtesten f&uuml;r Landtouren, kam Herr von
+Kurowski nach zweist&uuml;ndiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der
+Oberf&ouml;rsterei an.</p>
+
+<p>Er war ein gro&szlig;er, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen
+Bewegungen ein Ausdruck h&ouml;chster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit,
+jedes Zur&uuml;ckwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das
+Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen
+Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein
+Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig.</p>
+
+<p>Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren
+war, die Treppe hinauf dem Oberf&ouml;rster entgegen, mit dem er jahrelang
+kein Wort gewechselt hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150"> [150]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Nun, wie steht's?&laquo; fragte er in seinem harten, kurl&auml;ndischen Dialekt.</p>
+
+<p>&raquo;Besser, besser, &ndash; aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir
+durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Die Jungen? Ah ...!&laquo;</p>
+
+<p>Maggie trat ihm entgegen.</p>
+
+<p>Er begr&uuml;&szlig;te sie, k&uuml;&szlig;te feurig ihre Hand, und, als sie gro&szlig; und wie in
+Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund.</p>
+
+<p>Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und
+lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn
+zust&uuml;rmten.</p>
+
+<p>Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbz&auml;rtliche Worte und schob sie
+zur Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist sie denn?&laquo; fragte er. &raquo;Wollen Sie mich zu ihr f&uuml;hren, Maggie?&laquo;</p>
+
+<p>Maggie scho&szlig; das Blut siedendhei&szlig; durch den K&ouml;rper. &raquo;Seien Sie sehr gut
+mit ihr,&laquo; bat sie stockend &ndash; &raquo;sie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert,
+halb ironisch an. Maggies Trotz b&auml;umte sich auf unter diesem Blick.<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151"> [151]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Gehen Sie nur allein zu ihr,&laquo; sagte sie kurz, &raquo;und &uuml;bernehmen Sie die
+Verantwortung.&laquo;</p>
+
+<p>Kurowski blieb im Hausflur stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Was machen Sie denn f&uuml;r Umst&auml;nde, Schw&auml;gerin? Selbstverst&auml;ndlich will
+ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie k&ouml;nnen
+ja nachkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam.</p>
+
+<p>Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, &ouml;ffnete die T&uuml;r.
+Entsetzt, mit ausgestreckten H&auml;nden blieb sie stehen und fand keine
+Worte.</p>
+
+<p>&raquo;Na, sieh' mal,&laquo; &ndash; Kurowski fa&szlig;te sie an den Schultern und zog sie ins
+Zimmer &ndash; &raquo;la&szlig; dich mal anschauen ... Sch&ouml;n wie der Tag steht sie mir
+da, und der Alte depeschiert, als ob's Matth&auml;i am Letzten w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="g">Sie</em> haben dich gerufen?&laquo; fragte sie ungl&auml;ubig.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nat&uuml;rlich. Ich w&auml;re sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun
+sag' mal, Kind, was&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts, nichts ... nichts,&laquo; sagte Gertrud hastig, und ihr wei&szlig;es
+Gesicht fing an zu gl&uuml;hen. &raquo;Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du
+willst, Kurt. Gleich &ndash; gleich ... Ich will bei dir auch<span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152"> [152]</a></span> nicht bleiben,
+aber zun&auml;chst komme ich mit. La&szlig; mich nicht eine Stunde l&auml;nger hier.&laquo;</p>
+
+<p>Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der T&uuml;r stand.</p>
+
+<p>&raquo;So, so,&laquo; sagte Kurowski. &raquo;Ihr habt euch gezankt ... Und recht kr&auml;ftig,
+scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell!&laquo;</p>
+
+<p>Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater
+auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich
+mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind.&laquo;</p>
+
+<p>Kurowski fa&szlig;te seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zur&uuml;ck und sah
+ihr nachdenklich in das erregte Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Bleib oben, Kind,&laquo; sagte er dann freundlich. &raquo;Ich werde alles
+besorgen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte
+ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der
+seine brutale, unberechenbare R&uuml;cksichtslosigkeit nur f&uuml;r den Augenblick
+unter ironischer Freundlichkeit versteckte.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich w&uuml;rde er Gertruds kopflose &Uuml;bereilung ausnutzen. Es war ja
+auch gut so. Doch nun, da<span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153"> [153]</a></span> sie den Schwager wiedergesehen hatte, f&uuml;hlte
+sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und da&szlig; es jetzt f&uuml;r
+immer zu sp&auml;t w&auml;re, es gutzumachen.</p>
+
+<p>Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet.</p>
+
+<p>Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen
+gro&szlig;en, ger&auml;uschvollen Auftritt gefa&szlig;t.</p>
+
+<p>Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz
+gleichg&uuml;ltiges Gespr&auml;ch &uuml;ber die Sch&ouml;nheiten der Riviera.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster lie&szlig; es eine Weile &uuml;ber sich ergehen, dann brauste er
+auf.</p>
+
+<p>&raquo;Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner
+Tochter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach so,&laquo; sagte Kurowski und streckte ihm beide H&auml;nde entgegen. &raquo;Nun,
+Sie haben mir ja einen h&uuml;bschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so
+schlecht behandelt, da&szlig; sie sich schleunigst in meine Arme st&uuml;rzt,
+nachdem sie mir brieflich kurz und b&uuml;ndig erkl&auml;rt hatte, da&szlig; sie sich
+scheiden lassen will ... Sch&ouml;nen Dank also, alter Herr ... &Uuml;brigens
+werde ich nat&uuml;rlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem
+Entschlu&szlig; der Scheidung aufzuhetzen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Maggie sprang auf. &raquo;Ich ... ich,&laquo; rief sie voller<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154"> [154]</a></span> Emp&ouml;rung. &raquo;Ich hab'
+sie beredet ... ich habe Seckersdorf ...&laquo; Sie hielt erschrocken inne und
+konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten&nbsp;...</p>
+
+<p>Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an.</p>
+
+<p>&raquo;Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich dulde so etwas nicht,&laquo; schrie der Oberf&ouml;rster. &raquo;Eine
+verheiratete Frau! Aber ebensowenig la&szlig; ich mir einen Zwang auferlegen.
+Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schlie&szlig;lich mit
+dem Seckersdorf verderben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa,&laquo; unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn.</p>
+
+<p>Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang
+zu ahnen und l&auml;chelte h&ouml;hnisch.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden sie nicht qu&auml;len,&laquo; rief Maggie heiser.</p>
+
+<p>Kurowski lachte. &raquo;Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit
+Seckersdorf machen ... &Uuml;brigens, Gl&uuml;ck haben Sie mit Ihren M&auml;dels,
+Papa.&laquo;</p>
+
+<p>Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies
+totenblasses Gesicht und ihre<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155"> [155]</a></span> zornfunkelnden Augen enth&uuml;llten ihm die
+ganze Wahrheit.</p>
+
+<p>&raquo;Also noch einmal,&laquo; sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. &raquo;Mag
+nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich
+hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegen&uuml;ber, und so
+gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spa&szlig; obendrein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde in jedem Fall Gertrud sch&uuml;tzen,&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster mit
+starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, da&szlig; er das tun
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Sicher, sicher,&laquo; h&ouml;hnte sein Schwiegersohn. &raquo;Aber f&uuml;r heute bitte ich
+um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und sch&ouml;nen Dank f&uuml;r die
+Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; sagte Maggie tonlos. Der Oberf&ouml;rster ging selbst hinaus,
+um die n&ouml;tigen Anordnungen zu treffen. Er f&uuml;rchtete Gertrud ins Gesicht
+zu sehen und dachte doch mit einem Gef&uuml;hl banger Erleichterung, da&szlig; nun
+ja alles gut w&auml;re.</p>
+
+<p>Eine Stunde sp&auml;ter sa&szlig; Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den
+Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskr&auml;ftige Mann, die sch&ouml;ne
+Frau, die er sorgsam st&uuml;tzte, die lebhaften, z&auml;rtlichen Knaben, das
+alles gab das Bild eines<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156"> [156]</a></span> vollendet gl&uuml;cklichen Familienlebens. Und doch
+war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden
+Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus
+zur&uuml;ck, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war
+sie ganz einsam und schutzlos geworden. Entt&auml;uscht in den noch einmal
+erwachten Gl&uuml;ckshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie
+das doppelt zerbrochene Leben weiterf&uuml;hren, vereint mit dem Mann, vor
+dem sie hatte fliehen m&uuml;ssen&nbsp;...</p>
+
+<p>Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr
+vollkommen gleichg&uuml;ltig waren, ein Merkw&uuml;rdiges auf: Sie hatte mit
+einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann.</p>
+
+<p>Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie &uuml;brigens voller Reue und
+Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem k&uuml;hler
+denkenden Vater heftige Vorw&uuml;rfe machte, da&szlig; er jene so ruhig dem
+&raquo;Scheusal Kurowski&laquo; &uuml;berlassen habe, ging in der Oberf&ouml;rsterei alles
+seinen fr&uuml;heren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause
+gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern
+fortgezogen, und eine unertr&auml;gliche N&uuml;chternheit breitete sich &uuml;berall
+aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157"> [157]</a></span> hatte jahrelang so
+wie jetzt gelebt und nichts vermi&szlig;t. Die Entfernung von Gertrud war die
+gleiche, und dennoch, wie anders schien alles!</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und
+Terminen zu tun und kam immer m&uuml;de und ver&auml;rgert heim. Nachbarbesuche
+blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen
+nachdenklich und schweigsam viel f&uuml;r sich. Das konnte nicht so bleiben,
+sagte sich Maggie eines sch&ouml;nen Morgens. Es war nun genug gegr&uuml;belt und
+getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so
+vielem belastet hatte, ernsthaft zur&uuml;ckzukommen. Und von da an ging
+alles wie am Schn&uuml;rchen.</p>
+
+<p>Sie teilte Seckersdorf mit, da&szlig; Gertrud wieder in Laukischken w&auml;re und
+bat ihn, schleunigst her&uuml;berzukommen. Der Vater war nat&uuml;rlich an dem
+bestimmten Tage nicht zu Hause, und Fr&auml;ulein Perl hatte mit der
+Festschl&auml;chterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem &raquo;armen Freunde&laquo;
+ihr volles Herz aussch&uuml;tten und ihn zu tr&ouml;sten versuchen.</p>
+
+<p>Das war eine merkw&uuml;rdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit m&auml;nnlicher
+Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm pl&ouml;tzlich wieder so nah
+ger&uuml;ckten Jugendtraum verflattern gesehen.<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158"> [158]</a></span> Ihm war immer weh zumute,
+wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit
+dem Bewu&szlig;tsein, da&szlig; er sich auf h&ouml;chstes Lebensgl&uuml;ck keine Hoffnung mehr
+zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu &auml;ndern. Wenn Gertrud
+gewollt h&auml;tte, w&auml;re es wohl m&ouml;glich gewesen, alle Schwierigkeiten zu
+besiegen, und er h&auml;tte sie auf seinen H&auml;nden daf&uuml;r durchs Leben
+getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, da&szlig; sie die
+einmal &uuml;bernommene Pflicht heilig hielt, und er mu&szlig;te sie noch mehr
+verehren darum.</p>
+
+<p>Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die
+tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, &ndash; sie
+sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie
+Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt
+hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt
+bei Seckersdorfs Worten klang ihr die r&uuml;hrend unbeholfene Bitte, die er
+enthalten: &raquo;Helfen Sie mir doch,&laquo; schrill durch die Seele. Hei&szlig;e Tr&auml;nen
+flossen ihr &uuml;ber das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem tr&uuml;ben
+Sinnen heraus voller Verwirrung an.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Maggie ... Sie weinen?&laquo; Er stockte.</p>
+
+<p>Sie schluchzte weiter. &raquo;Ach, sehen Sie, da&szlig; Gertrud<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159"> [159]</a></span> sich solch ein
+Gl&uuml;ck durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, da&szlig; auch Sie darunter
+leiden m&uuml;ssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war
+unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen
+geradezu in die Arme&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und sie erz&auml;hlte alles, wie jemand, der die inneren Vorg&auml;nge nicht
+kannte, die &auml;u&szlig;eren auffassen mu&szlig;te. Danach war freilich die arme
+Gertrud ein schw&auml;chliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand
+dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel
+von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste &uuml;berging sie, die
+unendliche Herzensg&uuml;te, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die
+scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken
+zur&uuml;ckzog, und betonte ausschlie&szlig;lich die gro&szlig;e &Auml;ngstlichkeit, das
+Unselbst&auml;ndige, Schwankende, das ihr eigen war und gewi&szlig; &ndash; wie Maggie
+hervorhob &ndash; einen gro&szlig;en Reiz an Gertrud bildete, nur da&szlig; das alles
+nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.</p>
+
+<p>Sie, Maggie, h&auml;tte ja, robust und tatkr&auml;ftig wie sie war, gern geholfen,
+wenigstens anfangs, als Gertrud noch zug&auml;nglich war. Dann weinte Maggie
+wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz
+allen Forschens nicht herausbekommen,<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160"> [160]</a></span> warum es zwischen ihnen allen zu
+einem Bruch hatte kommen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Desto mehr erfuhr er &uuml;ber Maggies Ansichten und wie sie gehandelt h&auml;tte,
+wenn sie Gertrud gewesen w&auml;re. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr
+schmeichelhaft f&uuml;r ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie
+sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in
+Schutz, aber zugleich mu&szlig;te ihn doch der Gedanke besch&auml;ftigen, wie sch&ouml;n
+es gewesen w&auml;re, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in
+gleicher Weise f&uuml;r ihre Liebe eingetreten w&auml;re.</p>
+
+<p>In den n&auml;chsten Tagen trafen sie auf einem gro&szlig;en Diner in Auklappen
+zusammen. Sie sa&szlig;en weit voneinander und konnten sich auch zuf&auml;llig im
+Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das
+beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine
+Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises L&auml;cheln &uuml;ber sein
+ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.</p>
+
+<p>In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer st&uuml;rmischen
+Z&auml;rtlichkeit f&uuml;r ihn, und sie dachte: &raquo;Gott sei Dank, ich bin ihm
+wirklich gut.&laquo; Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug,
+ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161"> [161]</a></span></p>
+
+<p>Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am n&auml;chsten Tage zu
+Pferde, &raquo;einer Forstangelegenheit wegen&laquo;, blieb zum Kaffee und ritt erst
+abends wieder fort.</p>
+
+<p>Das n&auml;chstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab &ouml;fter und &ouml;fter.</p>
+
+<p>Da wurde in des Oberf&ouml;rsters und Fr&auml;ulein Perls Gegenwart nat&uuml;rlich nur
+wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe
+Maggie sein, nur ein klein wenig ged&auml;mpfter, und mit einem warmen,
+kameradschaftlichen Ton f&uuml;r ihn, der dem schlichten, weichen Manne
+unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das
+kraftspr&uuml;hende Sichausgeben, die unb&auml;ndige Lebenslust in ihr
+Seckersdorf, der still und m&uuml;de geworden war, ersichtlich an.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; Gott, wie es kommt, Fr&auml;ulein Maggie,&laquo; sagte er einmal, &raquo;auch wenn
+man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man vers&ouml;hnt
+sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, da&szlig; man sie erlebt hat&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?&laquo;
+fragte der Oberf&ouml;rster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.</p>
+
+<p>Da sahen sich die beiden gro&szlig; an und schwiegen befangen.<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162"> [162]</a></span></p>
+
+<p>Alles in allem war das Leben in dieser Zeit sch&ouml;n. Mit dem Gedanken an
+Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen
+k&uuml;hlen, bl&auml;&szlig;lich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu
+gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Gr&uuml;beln &uuml;bert&auml;ubt durch
+den gro&szlig;en Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor
+Augen, halb Kom&ouml;die spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit
+junger hei&szlig;bl&uuml;tiger Menschen bei h&auml;ufigem Alleinsein, immer in der
+Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinausz&ouml;gernd.</p>
+
+<p>Es verging schlie&szlig;lich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von
+Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch
+nicht; Maggie kannte den wehm&uuml;tig scheuen Blick l&auml;ngst, der in Gedanken
+an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener.</p>
+
+<p>Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen.
+Seine schmalen G&auml;nge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie
+glitt aus, Seckersdorf st&uuml;tzte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn
+gelehnt.</p>
+
+<p>Er pre&szlig;te sie heftig an sich, dann lie&szlig; er sie schnell los, sah sie mit
+ma&szlig;losem Erstaunen an und sch&uuml;ttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen
+und<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163"> [163]</a></span> konnten auch sp&auml;ter im Zimmer in kein rechtes Gespr&auml;ch mehr kommen.</p>
+
+<p>Solche kleine Zwischenf&auml;lle wiederholten sich, ohne da&szlig; es zu einer
+Aussprache kam. Der Oberf&ouml;rster fing an, verstimmt zu werden, wenn
+Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang.
+Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zur&uuml;ck, als da&szlig; sie ihm in
+seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen w&auml;re.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber kam das Weihnachtsfest n&auml;her. Seckersdorf sollte dazu nach
+Sachsen zur&uuml;ck, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort
+oder hier in Ostpreu&szlig;en seinen dauernden Wohnsitz nehmen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags, der Oberf&ouml;rster war hinausgegangen, und man h&ouml;rte
+sein Schelten von dem Hof her, erz&auml;hlte Seckersdorf Maggie davon,
+w&auml;hrend er im Zimmer umherging. Sie sa&szlig; mit einer Bescherungsarbeit am
+Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer
+Bekanntschaft eine furchtbare Angst, da&szlig; sie sich am Ende verrechnet
+haben k&ouml;nnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn
+ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenbla&szlig; vor Erregung und Bangigkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist Ihnen, Maggie?&laquo; fragte er herzlich, &raquo;Sie sehen nicht gut aus.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164"> [164]</a></span></p>
+
+<p>Sie sch&uuml;ttelte mit einem traurigen L&auml;cheln den Kopf. &raquo;Also Sie gehen
+bestimmt?&laquo; fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort.</p>
+
+<p>Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an,
+fragend, warm, schwer atmend.</p>
+
+<p>Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Maggie?&laquo; sagte er unsicher.</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann das sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; fragte sie noch einmal leise.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das m&ouml;glich, da&szlig; wir &ndash; uns gut sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; sagte sie mit hellem Aufjauchzen.</p>
+
+<p>Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie k&uuml;&szlig;ten sich,
+wie Verd&uuml;rstende, die sich endlich, endlich satt trinken.</p>
+
+<p>So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165"> [165]</a></span>F&uuml;r Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten
+furchtbaren Zeit zu Hause ertr&auml;glich gestaltet.</p>
+
+<p>Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze
+raffiniert luxuri&ouml;se Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, &uuml;berkam sie
+zun&auml;chst ein Gef&uuml;hl von rein k&ouml;rperlichem Wohlbehagen.</p>
+
+<p>Sie wunderte sich, da&szlig; das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit
+solchen Entschl&uuml;ssen m&ouml;glich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann,
+teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, lie&szlig; sie in Ruhe,
+nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie &uuml;ber die Einzelheiten
+ihres Zerw&uuml;rfnisses mit den Ihren auszufragen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte nicht dar&uuml;ber sprechen,&laquo; hatte sie k&uuml;hl erwidert, und
+schlie&szlig;lich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie
+doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, da&szlig; sie sich nicht mehr als
+seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte.</p>
+
+<p>Er hatte ihre Worte ins L&auml;cherliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage
+ganz unbehelligt gelassen.</p>
+
+<p>Und als sie &auml;u&szlig;erlich gleichm&uuml;tig und k&uuml;hl, bei aller innerlichen
+Zerbrochenheit, Morgen und Abend<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166"> [166]</a></span> vergehen lie&szlig;, ohne sich ihm gegen&uuml;ber
+zu &auml;ndern, hatte er, dem ein solcher Zustand unertr&auml;glich schien, eine
+gro&szlig;e Aussprache herbeigef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau
+immer den K&uuml;rzeren zog.</p>
+
+<p>Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben.
+Er hatte ihr gesagt, da&szlig; er prinzipiell in eine Trennung einwilligen
+w&uuml;rde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal
+zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich f&uuml;r zwei
+praktische, n&uuml;chterne Leute, die nach au&szlig;en hin Verpflichtungen haben,
+geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich
+zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig g&auml;be,
+und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten.</p>
+
+<p>Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine
+Wohltat f&uuml;r Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie
+f&uuml;hlte, zur&uuml;ckgedr&auml;ngt gegen das, was so verstandesm&auml;&szlig;ig an sie
+herantrat.</p>
+
+<p>Ohne viel zu &uuml;berlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu
+machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende gef&uuml;hrt, durch die
+ihrem Mann unwillk&uuml;rlich Respekt abgen&ouml;tigt worden war.<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167"> [167]</a></span></p>
+
+<p>Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau
+zu f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Sie mochte nicht immerzu &uuml;ber die Bosheit gr&uuml;beln, die man ihr angetan
+hatte, &uuml;ber die Schande, in die sie bald gesunken w&auml;re, &ndash; sie wollte
+schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte,
+meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem
+knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.</p>
+
+<p>Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mu&szlig;te
+sich m&uuml;hsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen
+durch Gewohnheit und &Uuml;bung selbstverst&auml;ndlich ist.</p>
+
+<p>Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das m&ouml;glich gewesen sei,
+so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war
+allerdings eine alte Mamsell &uuml;ber dem Ganzen t&auml;tig gewesen, die
+Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem &raquo;gn&auml;digen
+Herrn&laquo; zusagte.</p>
+
+<p>Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf f&uuml;r sie
+gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein
+stillschweigendes Zugest&auml;ndnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt
+einverstanden war, da sie dadurch zum selbst&auml;ndigen Disponieren
+gezwungen wurde.</p>
+
+<p>Ihr anf&auml;nglich fester Entschlu&szlig;, sich doch von<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168"> [168]</a></span> ihrem Manne zu trennen,
+verbla&szlig;te mit der zunehmenden T&auml;tigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit
+oder Gleichg&uuml;ltigkeit gegen das &auml;u&szlig;ere Leben, oder weil sie ihrem Gatten
+etwa freundlicher gesonnen gewesen w&auml;re; vielmehr ging ihr in dieser
+Zeit, in der sie zum erstenmal sich bem&uuml;hte, ihren Pflichten gerecht zu
+werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der
+Erkenntnis auf, da&szlig; es weniger auf Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck ankommt, sondern
+darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit
+Ehren auszuf&uuml;llen.</p>
+
+<p>Ihr Mann war viel ausw&auml;rts und k&uuml;mmerte sich anscheinend auch im Hause
+nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein
+liebensw&uuml;rdiges, gescheites M&auml;dchen, mit der sie gern ab und zu
+plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer
+Kr&auml;nklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenm&auml;&szlig;igem Gleise weiter,
+ohne Widerw&auml;rtigkeiten, aber in grauer Eint&ouml;nigkeit. Von Hause hatte sie
+nur einen Brief durch Fr&auml;ulein Perl erhalten, der blo&szlig; vom
+Aller&auml;u&szlig;erlichsten sprach, von Seckersdorf war zuf&auml;llig bei den paar
+Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so h&ouml;rte sie nichts mehr von
+allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequ&auml;lt und mit so
+widersprechenden<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169"> [169]</a></span> Gl&uuml;cksgef&uuml;hlen erf&uuml;llt hatte. Das war sehr gut, sehr
+gut, sagte sie sich abends und morgens.</p>
+
+<p>Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine &raquo;lieben
+Kinder&laquo;.</p>
+
+<p>Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und
+lachte hell auf.</p>
+
+<p>&raquo;Da,&laquo; rief er zu Gertrud her&uuml;ber, die mit klopfendem Herzen darauf
+wartete, den Inhalt zu erfahren.</p>
+
+<p>&raquo;Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist nat&uuml;rlich
+h&ouml;llisch ... Na, was ist das?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein.</p>
+
+<p>Kurowski sprang zu ihr. &raquo;Nimm dich zusammen,&laquo; z&uuml;rnte er. &raquo;Was soll das
+hei&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud richtete sich auf. Hei&szlig;e Tr&auml;nen liefen ihr &uuml;bers Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Weinen, &ndash; hier vor meinen Augen weinen!&laquo;, schrie Kurowski emp&ouml;rt. &raquo;Das
+ist allerdings stark.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kurt,&laquo; sagte Gertrud leise, &raquo;tu', was du willst. Du wei&szlig;t es ja, da&szlig;
+ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung.&laquo; Der
+zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen h&ouml;hnischen &uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagte er, seinen Bart streichend. &raquo;Nun, wir reisen jedenfalls hin,
+um zu gratulieren.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170"> [170]</a></span></p>
+
+<p>Gertrud sah ihn mit gequ&auml;lten Augen an. &raquo;Nein,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Als sie sich so zu ihm neigte, sch&ouml;n wie der Tag, mit einem fremden,
+entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn pl&ouml;tzlich eine rasende
+Eifersucht. Er fa&szlig;te sie an den Schultern.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich
+mit ihm getroffen, ich bin betrogen!&laquo;</p>
+
+<p>Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben
+Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie
+sich nicht so rein f&uuml;hlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr
+Wort, da&szlig; sie Seckersdorf nie gesehen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, da&szlig; er an diese Dinge
+besser nicht mehr r&uuml;hrte, und nahm von einem Gratulationsbesuche
+Abstand.</p>
+
+<p>&raquo;Unter der Bedingung, da&szlig; wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen
+und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zur&uuml;ckkommen,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht
+heuchlerisch die Hand dr&uuml;cken mu&szlig;te!<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171"> [171]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin,&laquo; wiederholte ihr Mann
+finster, &raquo;damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du wei&szlig;t,
+ich lasse nicht mit mir spa&szlig;en. Und der Seckersdorf soll sich nichts
+mehr einzubilden haben, wie damals &ndash; verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud schauderte zusammen. &raquo;Verla&szlig; dich drauf,&laquo; sagte sie tonlos und
+lief hastig aus dem Zimmer.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung,
+Gedem&uuml;tigtsein, oder das zum &Auml;u&szlig;ersten gesteigerte Bewu&szlig;tsein des
+Verlustes.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott,&laquo; betete sie wimmernd, &raquo;gib mir einen gro&szlig;en Stolz, einen
+unb&auml;ndigen Stolz, oder la&szlig; mich sterben.&laquo;</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172"> [172]</a></span>Maggie war nun zufrieden. Die allt&auml;glichen kleinen Aufregungen der
+Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Gl&uuml;ckwunschbesuche
+der Nachbarn und Freunde, die Beratungen &uuml;ber die n&auml;chsterforderlichen
+Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in
+Anspruch, da&szlig; sie sich nicht mehr weiter in Gr&uuml;beleien vertiefte.</p>
+
+<p>Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Br&auml;utigam
+fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr sa&szlig;, ihre Hand schlaff in der
+seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand
+sie einen Stich in dem Gedanken: w&auml;re er ebenso gelassen z&auml;rtlich, wenn
+<em class="g">sie</em> hier neben ihm s&auml;&szlig;e? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest
+und hei&szlig; werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verb&uuml;ndete
+war, von ihr gesprochen hatte.</p>
+
+<p>Das tat sie &uuml;brigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff
+gewesen, eine versp&auml;tete Hochzeitsreise zu machen &ndash; wie Maggie deren
+Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte &ndash;, als ihre Verlobungsnachricht in
+Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen.
+Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Fr&auml;ulein Perl, und da
+war viel von Hofb&auml;llen, von Auszeichnungen<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173"> [173]</a></span> der Majest&auml;ten, viel von
+&raquo;Kurt&laquo; die Rede, und den Schlu&szlig; machten immer &raquo;freundliche Gr&uuml;&szlig;e&laquo; f&uuml;r
+den Vater und das Brautpaar.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber gab es dann nat&uuml;rlich zu reden, und Maggie war auch &uuml;berzeugt,
+da&szlig; es zweckm&auml;&szlig;ig w&auml;re, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu
+nennen. Seckersdorf gew&ouml;hnte sich daran und zeigte keine so merkbare
+Bewegung mehr, wie im Anfang.</p>
+
+<p>Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Nat&uuml;rlich!
+Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten
+Kameraden, aber ... es war doch gut, da&szlig; sie im Grunde auch nicht alles
+gab, was sie hier und da einmal hei&szlig; in sich aufbrausen f&uuml;hlte ... Nicht
+f&uuml;r ihn, f&uuml;r niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es
+war wirklich niemand da. Und so k&uuml;&szlig;te sie wieder, wie Hans Seckersdorf
+sie k&uuml;&szlig;te, und dachte oft dabei an die gro&szlig;e Flamme, die einmal in ihm
+gebrannt hatte, und ob die f&uuml;r immer ausgel&ouml;scht sei&nbsp;...</p>
+
+<p>Mit Gertrud und ihrem Schicksal besch&auml;ftigte sie sich nicht viel. Sie
+wollte deren gl&auml;nzende &auml;u&szlig;ere Erlebnisse, von denen sie h&ouml;rte, als
+Tatsachen nehmen und nicht &uuml;ber der Schwester Seelenzustand gr&uuml;beln. Sie
+machte es diesmal ebenso wie ihr<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174"> [174]</a></span> Vater, und der war ja sein Lebtag bei
+dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen.</p>
+
+<p>Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angek&uuml;ndigt
+hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran
+glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Z&ouml;gern gefragt, ob die
+Laukischker wohl im Ernst daran d&auml;chten.</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich,&laquo; hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch
+davon &uuml;berzeugt, da&szlig; Gertrud es nicht &uuml;ber sich gewinnen w&uuml;rde, zu
+Seckersdorfs Hochzeit zu kommen.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber r&uuml;ckte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und
+&Uuml;bersiedlungspl&auml;ne brachten immer mehr Unruhe in das t&auml;gliche Leben. Die
+Ausstattung war besorgt, Erw&auml;gungen &uuml;ber die Art der Festlichkeiten
+kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht.</p>
+
+<p>Sie &uuml;berlegte, wie sich alles f&uuml;r sie am vorteilhaftesten machte, und
+ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre &auml;u&szlig;ere
+Erscheinung zu gl&auml;nzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette
+bereitete ihr ein paar schlaflose N&auml;chte.</p>
+
+<p>Zuweilen &uuml;berkam sie ein Ekel vor all diesen Oberfl&auml;chlichkeiten, die
+jetzt ihr Leben ausf&uuml;llten;<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175"> [175]</a></span> aber sie &uuml;berwand ihn und redete sich
+schlie&szlig;lich immer wieder das &raquo;gro&szlig;e Ziel&laquo; ein, das sie in kurzer Zeit
+nun erreicht haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Wenn Gertrud doch nicht k&auml;me! Vor einer blassen, vergr&auml;mten Gertrud
+h&auml;tte sie sich ihr Leben lang f&uuml;rchten m&uuml;ssen. In ihrer Phantasie
+nat&uuml;rlich, denn Hans, sobald sie seine Frau w&auml;re, w&uuml;rde an keine andere
+mehr denken, dessen war sie sicher.</p>
+
+<p>Aber Gertrud kam.</p>
+
+<p>Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von
+Kurowskis, ihre Zusage f&uuml;r den n&auml;chsten Tag ein.</p>
+
+<p>Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichg&uuml;ltig auf; Maggie,
+aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht
+so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberf&ouml;rster
+war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse
+des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm
+fortgewischt.</p>
+
+<p>Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles
+war ger&auml;umt, um Platz f&uuml;r die G&auml;ste zu schaffen, die in gro&szlig;er Menge
+erwartet wurden, und s&auml;mtliche Zimmer und Durchg&auml;nge mit Tannenb&auml;umen,
+-zweigen und Girlanden geschm&uuml;ckt. Gertrud hatte es sich bei ihrer<span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176"> [176]</a></span>
+Hochzeit schon so gew&uuml;nscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu
+haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck
+gew&auml;hlt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu
+beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf &Auml;nderungen,
+besch&auml;ftigte die Leute, und nahm Fr&auml;ulein Perl alles aus der Hand. Sie
+f&uuml;hlte sich recht als Siegerin.</p>
+
+<p>Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das
+Herz doch still. Sehr bla&szlig; trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte
+im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der
+Schwager begr&uuml;&szlig;te sie laut, w&auml;hrend Gertrud in k&uuml;hlem Herabneigen das
+Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Das hie&szlig;: &raquo;Ich habe nicht vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Trotzig sah sie nun auf &ndash; und fuhr fast zur&uuml;ck. Gertrud leuchtete ihr
+in einer Sch&ouml;nheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen
+hatte.</p>
+
+<p>Auch der Vater und Fr&auml;ulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen
+dar&uuml;ber.</p>
+
+<p>Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen
+selbstbewu&szlig;ten, ja triumphierenden Zug in dem regelm&auml;&szlig;ig stolzen
+Gesicht, das sie sich in Gedanken bla&szlig; und gramzerst&ouml;rt vorgestellt
+hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177"> [177]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ja, die wei&szlig; sich jetzt zur Geltung zu bringen, die sch&uuml;chterne,
+bescheidene Gertrud,&laquo; bemerkte ihr Mann. &raquo;Nicht wiederzuerkennen, sag'
+ich euch, seit sie ein bi&szlig;chen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war
+auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu h&ouml;ren, was Kurowski
+sagte. Mit hochm&uuml;tig nachdenklichem Blick musterte sie ihre fr&uuml;here
+Welt, in der sie so viel gelitten hatte.</p>
+
+<p>Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, w&auml;hrend man in Eile und
+Ungem&uuml;tlichkeit Kaffee trank und der Oberf&ouml;rster und Fr&auml;ulein Perl &uuml;ber
+eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem
+Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der
+Br&auml;utigam denn k&auml;me, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte,
+fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf w&uuml;rde wie die anderen
+G&auml;ste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und
+meinte, Maggie sollte sich auch noch zur&uuml;ckziehen; sie sprach in
+gleichg&uuml;ltig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos
+Maggie gerade dar&uuml;ber war.</p>
+
+<p>&raquo;Sie mu&szlig; diese Maske fallen lassen,&laquo; dachte diese<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178"> [178]</a></span> zuletzt. &raquo;Ich werde
+sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will.&laquo;</p>
+
+<p>Sie begleitete Gertrud hinauf in das fr&uuml;her von ihr bewohnte Zimmer, das
+jetzt f&uuml;r diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr
+stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick.</p>
+
+<p>Aber Gertrud sagte nur: &raquo;Danke, &ndash; wenn es dir recht ist, m&ouml;chte ich
+allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll
+meine Jungfer dir sp&auml;ter helfen?&laquo;</p>
+
+<p>Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine
+wei&szlig;silberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig
+herabfiel.</p>
+
+<p>Mit Tr&auml;nen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz
+schn&uuml;rte sich ihr zusammen.</p>
+
+<p>Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener
+ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und z&auml;rtlich gegen
+sie.</p>
+
+<p>&raquo;Sie will mich ausstechen,&laquo; dachte sie pl&ouml;tzlich voll Schreck. &raquo;Sie hat
+absichtlich ein &auml;hnliches Kleid gew&auml;hlt, wie das von damals, und sie ist
+so viel sch&ouml;ner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend
+gleichg&uuml;ltig gegen Hans sein,&laquo; beruhigte sie sich dann. &raquo;Sie wird ihm
+die gro&szlig;e Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179"> [179]</a></span></p>
+
+<p>So durchgr&uuml;belte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres
+M&auml;dchenlebens und dachte inzwischen immer: &raquo;Gott sei Dank, morgen ist
+alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu f&uuml;rchten und fange mein neues
+Leben an.&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud war fertig. Sie stand wie eine K&ouml;nigin in ihrer gl&auml;nzenden
+Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wundersch&ouml;ne Blume leuchtend
+und rein herausbl&uuml;hte. Das kleine K&ouml;pfchen auf dem schlanken Hals trug
+seine wei&szlig;schimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und
+fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgef&auml;rbten
+Gesicht.</p>
+
+<p>Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit
+Kennerblicken und sagte lachend:</p>
+
+<p>&raquo;Du, wenn es f&uuml;r einen Ehemann nicht moralischer Ruin w&auml;re, sich in
+seine Frau zu verlieben, heute wei&szlig; ich beinah' nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er k&uuml;&szlig;te sie leicht auf die zierliche nackte Schulter.</p>
+
+<p>Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud wurde rot. &raquo;Ich &auml;rgere mich &uuml;ber die Art, wie du sprichst,&laquo;
+sagte sie.<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180"> [180]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Freue dich lieber dar&uuml;ber, nach unserem siebenj&auml;hrigen Krieg,&laquo; meinte
+er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus.</p>
+
+<p>Gertrud wich zur&uuml;ck. &raquo;Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es
+ist gleich sieben Uhr.&laquo;</p>
+
+<p>Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell
+erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte.</p>
+
+<p>Alles war still und leer, die Leute drau&szlig;en besch&auml;ftigt. Ab und zu drang
+ein Gl&auml;serklirren oder ein unterdr&uuml;cktes Durcheinandersprechen aus den
+hinteren R&auml;umen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem
+Tannengr&uuml;n, und die H&auml;ngelampen und Kronleuchter summten.</p>
+
+<p>Es war ein eigenes Gef&uuml;hl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie
+ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und
+feierlich, tauchten in ihr auf. Andere dr&auml;ngten sich nach, hier ein Ton,
+hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allm&auml;hlich spro&szlig;te,
+&uuml;ber alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes
+Wehgef&uuml;hl in Gertruds wirren Gr&uuml;beleien auf. Sie fr&ouml;stelte, und doch
+schlug ihr Herz schnell und ihre H&auml;nde brannten. &raquo;Gott sei Dank,&laquo; sagte
+sie dabei zu sich selbst, &raquo;da&szlig; mir das alles nichts mehr macht. Gott sei
+Dank, da&szlig; sie<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181"> [181]</a></span> mir gleichg&uuml;ltig ist, und da&szlig; ich ihm freundlich und k&uuml;hl
+die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, da&szlig; du mich hast stolz
+werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz?&laquo; Sie &uuml;berh&ouml;rte
+den Wagen, der vorfuhr, &uuml;berh&ouml;rte das &Ouml;ffnen der T&uuml;r.</p>
+
+<p>Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke
+sogen sich ineinander.</p>
+
+<p>Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit
+leisem Schrei warf sie sich hinein.</p>
+
+<p>Sie sagten nichts, sie k&uuml;&szlig;ten sich nicht, aber sie hielten sich fest,
+fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander.</p>
+
+<p>Und alles blieb still und leer.</p>
+
+<p>&raquo;Trude,&laquo; stammelte er endlich. &raquo;Trude!&laquo;</p>
+
+<p>Sie r&uuml;hrte sich nicht.</p>
+
+<p>Noch einen Augenblick, dann ri&szlig; er sich los. Der kalte Schwei&szlig; stand ihm
+auf der Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig?&laquo;</p>
+
+<p>Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine gro&szlig;e
+Hand darauf.</p>
+
+<p>&raquo;Trude, Einziggeliebtes ... Trude ...&laquo; Ein Windsto&szlig; schlug an das
+Fenster. Da raffte sie sich auf.</p>
+
+<p>&raquo;Komm,&laquo; sagte sie heiser.<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182"> [182]</a></span></p>
+
+<p>Er streichelte ihr Haar. Gro&szlig;e Tr&auml;nen standen in seinen Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Erbarm' dich doch ... Trude ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. La&szlig; deinen Schlitten
+vorfahren und komm schnell,&laquo; sagte sie noch einmal hastig.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin?&laquo; rief er
+verzweiflungsvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Gleichviel &ndash; leben &ndash; sterben ... nur zusammen bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht qu&auml;len, nicht qu&auml;len,&laquo; bat er mit erstickter Stimme. &raquo;Kind,
+geliebtes, wir m&uuml;ssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude,
+warum hast du das getan?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn mit dunklen Augen an.</p>
+
+<p>&raquo;Trennung?&laquo; sagte sie. &raquo;Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen,
+und ich wei&szlig;, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er pre&szlig;te die H&auml;nde zusammen, er fl&uuml;sterte abgebrochene Liebesworte,
+starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Warum kamst du nicht fr&uuml;her?&laquo; st&ouml;hnte er. &raquo;Wie sollen wir nun leben?
+Trude, warum hast du mir das getan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maggie &ndash;&laquo; stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange
+Geschichte.<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183"> [183]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ich bin wahnsinnig gewesen,&laquo; sagte sie hastig. &raquo;Zuerst &ndash; dann hab' ich
+wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grunds&auml;tze, und ich wei&szlig;
+nicht was alles. Aber jetzt wei&szlig; ich ... das alles war Schein. Das
+einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, da&szlig; ich dich liebe, grenzenlos,
+unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in
+der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte
+hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, gl&uuml;hend, zitternd, mit
+spr&uuml;henden Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Komm doch,&laquo; fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn.</p>
+
+<p>Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, w&auml;hrend seine Lippen die
+des geliebten Weibes suchten.</p>
+
+<p>Sie hob den Kopf und sah ihn an.</p>
+
+<p>&raquo;Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gek&auml;mpft, gegen die
+Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren,
+wie zwecklos &ndash; Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Stimme versagte.<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184"> [184]</a></span></p>
+
+<p>Er l&ouml;ste sich sanft von ihr und sah sie mit &uuml;berstr&ouml;menden Augen an.</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an:
+Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie wurde schneewei&szlig; und warf sich in einen Lehnstuhl.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst mich nicht?&laquo; fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht.
+&raquo;Du liebst also doch Maggie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maggie!&laquo; sagte Seckersdorf tonlos und pre&szlig;te beide F&auml;uste an den Kopf.
+Es sch&uuml;ttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang
+sich kaum h&ouml;rbar ein Wort: &raquo;Lebe wohl&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gertrud, leb' wohl,&laquo; sagte er dann fester. &raquo;Wir zwei, wir sind am Gl&uuml;ck
+vorbeigegangen. Und diese S&uuml;nde r&auml;cht sich nun an uns. Wir m&uuml;ssen es
+tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Wie eine eiskalte Welle dr&ouml;hnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte
+schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich rei&szlig;en, aber die
+Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie
+sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und
+sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft bla&szlig;, auftauchen und
+verschwinden.</p>
+
+<p>Sie griff nach der Stirn.<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185"> [185]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen.&laquo; Sie sprang auf, sp&auml;hte hinein. &raquo;Niemand. Ich mu&szlig;
+getr&auml;umt haben,&laquo; stie&szlig; sie hervor. &raquo;Wenn ich etwas gesagt habe ... und
+ich wei&szlig;, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ...&laquo;
+Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus.</p>
+
+<p>Der Abend mit den &uuml;blichen Auff&uuml;hrungen, dem darauf folgenden Souper und
+Tanz verlief programm&auml;&szlig;ig. Das Brautpaar machte in liebensw&uuml;rdigster
+Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein
+pflegt, die Honneurs, und alle G&auml;ste f&uuml;hlten voller Befriedigung, da&szlig;
+sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen.</p>
+
+<p>Auch da&szlig; man die Kurowskis, &uuml;ber deren Haushalt in letzter Zeit viel
+geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erh&ouml;hte das Behagen
+aller, die Gertrud von fr&uuml;her her kannten und sie jetzt, den Ger&uuml;chten
+nach, beklagt hatten.</p>
+
+<p>Man staunte ihre m&auml;rchenhafte Sch&ouml;nheit, die manche &uuml;berirdisch, manche
+aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, da&szlig;
+Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, da&szlig; er sie begleitete, als sie
+sich bald nach dem Souper zur&uuml;ckzog, und auch nicht wieder zum Vorschein
+kam, fiel hier und da auf, wurde schlie&szlig;lich aber in dem angeregten und
+frohen Treiben nicht weiter er&ouml;rtert.<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186"> [186]</a></span></p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim
+Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen
+Gatten dasselbe Gl&uuml;ck w&uuml;nschte, wie er es an der Seite der &auml;ltesten
+Tochter des Hauses gefunden habe.</p>
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187"> [187]</a></span>Der Oberf&ouml;rster Hagedorn feierte seinen f&uuml;nfundsiebzigsten Geburtstag.
+Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch
+ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen.</p>
+
+<p>In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte
+er mit Kurowskis in stetem, wenn auch fl&uuml;chtigem Verkehr gestanden,
+Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem s&auml;chsischen Gut, nur zweimal
+besucht. Aber das war f&uuml;r ihn auch gen&uuml;gend gewesen, da seiner Meinung
+nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die
+Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr kr&auml;nkte, als bei Kurowskis
+noch zwei kleine M&auml;dchen eingekehrt waren.</p>
+
+<p>Da&szlig; die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch &uuml;ber die alten
+Geschichten l&auml;ngst Gras gewachsen und Gertrud eine vern&uuml;nftige, t&uuml;chtige
+Frau geworden war, hatte ihn anf&auml;nglich nicht viel gek&uuml;mmert. Nun aber,
+da der Abschied aus dem Heimathaus n&auml;her r&uuml;ckte und hier und da auch die
+Ahnung des bald kommenden gro&szlig;en Abschieds einen weicheren Ton in seinem
+alten, harten Herzen anschlug, begann er sich dar&uuml;ber Gedanken zu
+machen.</p>
+
+<p>Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188"> [188]</a></span> zusammen
+herangewachsen und fl&uuml;gge geworden waren, aussprechen und ihm durch
+Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend
+verschaffen.</p>
+
+<p>Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von
+ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gew&uuml;nscht hatte, und so
+stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und sp&auml;hte
+mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den
+Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Perl, eisgrau und geb&uuml;ckt, stand neben ihm und schwatzte &uuml;ber
+Dinge aus vergangenen Zeiten, als &raquo;unsere M&auml;dchen&laquo; noch zu Hause waren.
+Der Oberf&ouml;rster nickte, und kaute mit den braunen Zahnst&uuml;mpfen an den
+schmalen Lippen.</p>
+
+<p>Die Sonne brannte. Hei&szlig;e Luftwellen strichen mit schw&uuml;lem Atem durch das
+rote Weinlaubge&auml;st hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre
+leuchtenden K&ouml;pfe, und die gro&szlig;en gelben <span class="f">Gloire de Dijon</span>-Rosen f&uuml;llten
+ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser k&uuml;hler
+Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerd&uuml;fte.
+Dann sahen sich die beiden Alten mi&szlig;vergn&uuml;gt und leise schauernd an, und
+Fr&auml;ulein Perl sagte: &raquo;Ja, der Herbst kommt doch schon.&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189"> [189]</a></span></p>
+
+<p>Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberf&ouml;rster. Kurowskis
+kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, &ndash; aber Maggie war doch seit
+gestern in Romitten&nbsp;...</p>
+
+<p>Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben m&ouml;chten und das verw&uuml;nschte
+Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Ungl&uuml;ck &uuml;ber Ungl&uuml;ck gehabt h&auml;tten
+&ndash; zu guter Letzt noch den gro&szlig;en Brand &ndash;, dann w&auml;re f&uuml;r sie beiden
+Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem
+Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf w&auml;re ein Kerl, mit dem sich's
+leben lie&szlig;e, wenn er auch ein bi&szlig;chen zu viel kneipte.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Perl nickte sorgenvoll. &raquo;Ja, aber die Maggie, die doch so
+selbst&auml;ndig&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Die w&auml;re l&auml;ngst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der
+Alte.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des
+Weges. Einige Minuten sp&auml;ter hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch
+derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten
+triumphierend und siegesgewi&szlig; heruntergesprungen war. Das tat sie heute
+nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im
+Gehen in die H&ouml;he schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden
+alten Leute.<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190"> [190]</a></span></p>
+
+<p>Sie war sehr ver&auml;ndert. Mager geworden und dadurch gr&ouml;&szlig;er scheinend.
+&Uuml;ber ihren unverw&uuml;stlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die
+gro&szlig;en Augen sahen sp&auml;hend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte
+aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war
+sie schick bis zum &auml;u&szlig;ersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit
+einhaltend.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, mein Maggiechen,&laquo; schluchzte das alte Fr&auml;ulein, sie musternd, &ndash;
+&raquo;sieben Jahre, sieben Jahre &ndash; und so &ndash; und dein Haar ist ja so rot ...
+und&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht j&uuml;nger geworden ... Sieh dir
+den an ...&laquo; Sie schob ihren Mann vor.</p>
+
+<p>Seckersdorf beugte sich &uuml;ber Fr&auml;ulein Perls runzlige Hand und k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem
+schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die
+Augenlider hingen schwer &uuml;ber den leicht ger&ouml;teten bla&szlig;blauen Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt &ndash; kommt,&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster. &raquo;Ihr seid alle Kinder gegen
+euren alten f&uuml;nfundsiebzigj&auml;hrigen Vater ...&laquo; Er murmelte ger&uuml;hrt etwas
+Unverst&auml;ndliches, und ging ihnen in das alte<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191"> [191]</a></span> Wohnzimmer voran, in dem
+noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand.</p>
+
+<p>Maggie fing pl&ouml;tzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken
+Hand &uuml;ber ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und
+griff ins Leere.</p>
+
+<p>&raquo;Und Gertrud?&laquo; fragte Maggie.</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster sah nach der Uhr.</p>
+
+<p>&raquo;Werden gleich da sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper
+erz&auml;hlte gestern auf dem Bahnhof, da&szlig; sie so fromm geworden ist.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberf&ouml;rster und Fr&auml;ulein Perl erz&auml;hlten durcheinander.</p>
+
+<p>Sie war immer noch die Sch&ouml;nste; alle hatten das gesagt, neulich, als
+das gro&szlig;e Provinzfest beim Oberpr&auml;sidenten gewesen war, und die Kaiserin
+hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach
+wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner
+Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt
+klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit t&uuml;chtig
+geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl
+ein. Ein bi&szlig;chen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber
+nat&uuml;rlich im<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192"> [192]</a></span> Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute
+w&auml;ren wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da.</p>
+
+<p>&raquo;Bei uns zu Hause war das auch so,&laquo; bemerkte Seckersdorf in Gedanken.
+&raquo;Meine Mutter hielt sehr darauf, da&szlig; die Leute kirchlich waren. Und
+eigentlich geh&ouml;rt sich das auch&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er pl&ouml;tzlich inne.</p>
+
+<p>Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die
+beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster.</p>
+
+<p>Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, w&auml;hrend
+Seckersdorf rot und kurz atmend zur T&uuml;r ging.</p>
+
+<p>Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber
+ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewu&szlig;t, und ebenso
+&uuml;berlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank,
+eine reife, bl&uuml;hende Frau und doch m&auml;dchenhaft anmutig, vornehm und
+liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine
+h&ouml;here.</p>
+
+<p>Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz pre&szlig;te sich ihr zusammen.
+Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193"> [193]</a></span>
+jenem Abend kamen ihr ins Ged&auml;chtnis: &raquo;Das liebe, wei&szlig;blonde K&ouml;pfchen &ndash;
+das siehst du nie mehr darunter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne R&uuml;hrung
+ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre
+ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte.</p>
+
+<p>Maggie war ganz bla&szlig; geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer &ndash;&laquo;
+begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder
+Stimme.</p>
+
+<p>Gertrud zog sie an sich.</p>
+
+<p>Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus.</p>
+
+<p>&raquo;Maggie ... Kind ...&laquo; sagte Gertrud und streichelte das rotgef&auml;rbte
+Haar, das wirr den Kopf umbauschte.</p>
+
+<p>Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden H&auml;nden &uuml;ber das
+hei&szlig;e Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nerv&ouml;s geworden,&laquo; sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden
+Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. &raquo;Und du? La&szlig; dich
+anschauen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und
+l&auml;chelte.<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194"> [194]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Wir haben uns noch gar nicht begr&uuml;&szlig;t,&laquo; sagte sie, ihm die Hand gebend.</p>
+
+<p>Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, k&uuml;&szlig;te er ihr die Hand.</p>
+
+<p>Gertrud trat schweigend zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Na, wenn denn alles so weit in Ordnung w&auml;re,&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster
+erleichtert, &raquo;k&ouml;nnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>Das war ein merkw&uuml;rdiges Mittagessen.</p>
+
+<p>Man sprach viel, auch &uuml;ber wichtige Dinge, wie die &Uuml;bersiedlung der
+Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. &raquo;Auf
+Maggies Wunsch!&laquo; sagte ihr Mann, da sie sich in die s&auml;chsischen
+Verh&auml;ltnisse nie h&auml;tte einleben k&ouml;nnen. Weil man sie best&auml;ndig ihre
+b&uuml;rgerliche Geburt h&auml;tte empfinden lassen, meinte Maggie mit b&ouml;sem
+Stirnrunzeln &ndash; &raquo;die Damen wenigstens.&laquo; Man er&ouml;rterte auch, ob der
+Oberf&ouml;rster und Fr&auml;ulein Perl mit hin&uuml;berziehen sollten. Seckersdorfs
+w&uuml;nschten es, und die beiden Alten str&auml;ubten sich nur noch der Form
+wegen. Und so ging das Gespr&auml;ch lebhaft und doch ohne eigentliche W&auml;rme
+weiter.</p>
+
+<p>W&auml;hrend &uuml;ber die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der
+Vergangenheit, und &uuml;ber dem Pl&auml;nemachen ma&szlig; sich einer am andern.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich verstummte das Gespr&auml;ch.<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195"> [195]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Und Sie, gn&auml;dige Frau?&laquo; begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud
+gewendet, das erstemal, da&szlig; er sie direkt anredete.</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, &ndash; gn&auml;dige Frau,&laquo; unterbrach ihn der Oberf&ouml;rster ... &raquo;wenn ich
+auch zu alt bin, um mit aller Welt Br&uuml;derschaft zu machen, unter euch
+Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr k&ouml;nnt euch ruhig
+'du' nennen.&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich
+mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen
+entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich am&uuml;siert auf und
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden.&laquo; Und den
+Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf.</p>
+
+<p>&Uuml;ber Gertruds sch&ouml;nes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit,&laquo; sagte sie. &raquo;Wir unter uns
+wissen ja, da&szlig; wir sehr viele M&uuml;he haben werden, uns miteinander
+einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ...
+aber&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Frau will also einfach nicht,&laquo; fiel Kurowski ihr etwas l&auml;rmend
+ins Wort. &raquo;Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196"> [196]</a></span> werden
+uns also die Sache &uuml;berlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden
+anfragen.&laquo;</p>
+
+<p>Seine halb sp&ouml;ttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud
+bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden
+Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie
+sah still zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Die Gertrud ist jetzt immer so,&laquo; sagte der Oberf&ouml;rster mit dem
+klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. &raquo;Wei&szlig;
+Gott, wie das &uuml;ber sie gekommen ist. Fr&uuml;her&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal
+auch ein bi&szlig;chen viel,&laquo; meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an,
+aber er lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Das hei&szlig;t, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine
+guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen h&auml;lt ... was,
+Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als
+Ehemann. Und Frau Maggie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister,&laquo; sagte die schnell. &raquo;Ich
+bin &uuml;berhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen
+hast du also im Korps? Und deine beiden M&auml;dchen, die kenn' ich ja noch
+nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste?&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197"> [197]</a></span></p>
+
+<p>Gertrud gab Auskunft und l&auml;chelte ganz unbefangen, als ihr Mann
+erkl&auml;rte, es geh&ouml;re eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens,
+immer ein dreij&auml;hriges G&ouml;r um sich zu haben.</p>
+
+<p>Und dann stand man auf. Der Oberf&ouml;rster mu&szlig;te ruhen. Der Wein war ihm
+etwas zu Kopf gestiegen. Er war ger&uuml;hrt, umarmte seine T&ouml;chter mehrmals,
+und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau &raquo;Ellinor&laquo;.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und
+forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf.</p>
+
+<p>Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an
+jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen,
+demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte.</p>
+
+<p>Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang &uuml;berwundene Bitterkeit
+mit einer m&uuml;den kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit
+halb ersticktem Schrei ausrief: &raquo;Trude ... Trude ... was ist aus dem
+Leben geworden?&laquo;, antwortete sie unwillk&uuml;rlich: &raquo;Die Strafe f&uuml;r das, was
+wir verfehlt haben.&laquo; Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der
+Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte.<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198"> [198]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Eigentlich ist das ja Unsinn,&laquo; sagte sie mit der alten, lieben Stimme,
+und dr&uuml;ckte den Kopf Maggies an ihre Brust. &raquo;Man kommt schon wieder in
+die H&ouml;he, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen
+ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das
+nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nein,&laquo; sagte Maggie heftig. &raquo;Man kommt nicht mehr in die
+H&ouml;he, wenn man &ndash; Gertrud, ich hab' dich nutzlos betrogen, bin selbst am
+Gl&uuml;ck vorbeigetaumelt. Er hat dich nie vergessen &ndash; und ich &ndash; Lieber
+Gott, ich bin mutlos zu allem anderen geworden, weil ich nicht einmal
+<em class="g">das</em> in ihm habe &uuml;berwinden k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du liebst ihn?&laquo; fragte Gertrud z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>Maggie sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich liebe ihn nicht. Ich habe niemand lieb, wenn ich es auch manchmal
+m&ouml;chte und oft geradezu danach suche. Aber dann, Gertrud, kommt die
+schreckliche K&auml;lte in mir, und hinter allem lauert diese gr&auml;&szlig;liche
+Frage: Wozu?&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide eine Weile.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Maggie,&laquo; sagte Gertrud dann. &raquo;Wir wollen hinaus, es ist so
+bedr&uuml;ckt hier. Komm in den Buchengang.&laquo;</p>
+
+<p>Und sie gingen hinaus. Es war ein holdseliger<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199"> [199]</a></span> Fr&uuml;hherbsttag. Warme,
+bl&auml;uliche D&uuml;nste hoben sich von den Fichten und verschwebten duftend.
+Die Stoppelfelder, die durch den Waldeinschnitt sahen, lagen ausgedient
+und ruhend in funkelnden gelben Streifen und Ecken da. Von den
+abgem&auml;hten Wiesen zog ein herber Feldkr&auml;utergeruch aus, und aus den
+Waldwegen quoll ein prickelnder, herbstlicher Atem.</p>
+
+<p>&raquo;Solch sch&ouml;ner Herbst,&laquo; sagte Gertrud in Gedanken.</p>
+
+<p>Maggie blieb stehen und umfa&szlig;te mit beiden H&auml;nden den Arm ihrer
+Schwester.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r dich, Trude, &ndash; f&uuml;r dich,&laquo; sagte sie beklommen. Und ihre Augen
+wurden na&szlig;.</p>
+
+<div class="notes newsection">
+<p>Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im
+Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, der <ins class="correction" title="so wie hier">
+Originaltext</ins> erscheint beim
+&Uuml;berfahren mit der Maus.</p>
+
+<p>Folgende Zeilen waren im Original vertauscht, richtig ist 3-2-1-4:</p>
+<ol>
+<li>das sich lohnt, und nun wollen sie es einem</li>
+<li>Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Gesch&auml;ft,</li>
+<li>euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine</li>
+<li>verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin</li>
+</ol>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Am Glück vorbei, by Clara Sudermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI ***
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+
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+
+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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+
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+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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+
+
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