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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:12:37 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Am Glück vorbei + +Author: Clara Sudermann + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24174] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI *** + + + + +Produced by Constanze Hofmann and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +Am Glück vorbei + +Roman +von +Clara Sudermann + +[Illustration] + +Peter J. Oestergaard Verlag +Berlin-Schöneberg + +Alle Rechte +einschließlich Übersetzung, +Dramatisierung und +Verfilmung +vorbehalten + + +Erschienen in der +»Wiener Mode« +unter dem Titel +»Die Siegerin« + + +Copyright +1920 by +Dr. P. Langenscheidt, +Berlin + +Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig. + + + + +Der Oberförster Hagedorn war von einer mehrtägigen Inspektionsfahrt +durch Wälder, die er außeramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es +sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem +gemacht. + +Über dem großen Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die +Hängelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee, +den Fräulein Perl, des Hauses getreue Hüterin, zu brühen begonnen hatte, +duftete. Die Windstöße, die gegen die Holzläden dröhnten, der Regen, der +klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldbäume +jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberförster, +seine Tochter Maggie und Fräulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem +Verständnis dieser Wohlgeborgenheit und störten nur hier und da durch +ein Wort die gemütliche Stille. + +Der Oberförster lag müde und breit in seinem Großvaterstuhl. Sein +verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel +Behagen, und der Teckel »Max«, der sich auf seinem Schoß zusammengerollt +hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde +freundschaftlich geknufft und gestreichelt. + +Sein Zwillingsbruder »Moritz« hatte es nicht so gut. Maggie, in einem +niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den Füßen auf, zauste ihn an +den Ohren, küßte ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es +ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel. + +»Komm mal her, Gretel!« rief dann der Vater hinüber. »Heut' spendier ich +mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na?« + +Maggie sprang auf. Sie war mittelgroß, voll und geschmeidig, hatte ein +warmgetöntes, klares Gesicht mit großen, grauen Augen und eine Fülle +dunkel aschblonden Haares. + +Der Vater sah sie wohlgefällig an und nickte mehrmals in Gedanken. + +Maggie lachte hell. + +»Wen hast du denn wieder für mich aufgestöbert, Papa?« fragte sie +übermütig. »Wie ist er denn? Klug -- dumm, hübsch -- häßlich? Natürlich +reich, -- aber wo?« + +Der Oberförster machte ein verdrießliches Gesicht und sah nach Fräulein +Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte. + +»Aber Maggie! Wie kannst du nur ...« sagte diese wie auf Stichwort. + +Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch +herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und +rückte mit ihrem Schemel zu dem Vater. + +»Du weißt ja schon lange, daß ich dir über den Kopf gewachsen bin, +Papachen!« sagte sie. »Also keine Feindschaft, und erzähle ... Warum +machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem +liebenswürdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere häßliche Zweite, als +ob sie die schöne Älteste wäre, -- warum?« + +»Na, mein Döchting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich +passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den +Seckersdorf.« + +»Ah ...« Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt +durcheinander: »Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben, +wollte er Tromitten selbst übernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er +noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen künftigen +Reichtum an? Hatte er Gertrud erwähnt?« + +»Still! Still! Still ...« rief der Oberförster in das Gefrage. »Er ist +ein netter anständiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er +hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen +und hat mich gebeten, die Geschichte zu machen. Das wirft was ab. Und +brauchen können wir ja so einen Extrazuschuß immer!« + +Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still saß, nahm ihr +Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter Härte an, der zu den weichen, +rosigen, an das Flämische erinnernden Formen einen auffälligen Gegensatz +bildete. + +»Er kommt also wohl her?« fragte sie. »Das hätte einer ahnen sollen, +damals, als ihr so empört auf ihn und die arme Gertrud wart. Was für ein +gräßliches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, daß er +ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen +Mannes wurde.« + +»Werden soll, Maggie!« verbesserte Fräulein Perl. »Mit der Trude ging's +doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und ...« + +»Ich nicht die Kaution!« fiel der Oberförster kurz ein. »Und der +Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine +andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schließlich auch der +Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben hätte.« + +»So?« fragte Maggie aufhorchend. »Ich denke, es hieß damals, der Onkel +wäre auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschläge machtest.« + +»Ach!« Der Oberförster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein +Zeichen, daß ihm nicht behaglich war. »Was weißt du! Du warst ja noch +ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verständig aufgefaßt und braucht's +nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das +Kind hat's doch wie eine Fürstin.« + +Die beiden Frauen sahen sich schweigend an. + +»Oder findet ihr etwa nicht?« rief der Oberförster heftig. + +»Ruhig, Papachen!« sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine +knochige. »Wenn nicht, wir können's nicht ändern. Aber alles in allem, +der Seckersdorf wär' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo +er so reich ist.« + +Der Oberförster lachte. + +»Wenn du nur ein bißchen Grips hast, Mädel, und nicht bloß immer die +große Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig +ist eine ganz schöne Zahl für ein Mädchen.« + +»Recht hast du,« stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. »Wollen uns die +Sache mal überlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage +Gertrud vor. Was mir an Schönheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und +die Geschichte wird sich schon machen.« + +Der Oberförster sah sie mißtrauisch und unzufrieden an. + +»Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit,« sagte er. »Mit der +Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. Übrigens ist der +Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erzählte das +so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich bloß besser +mit dem Kerl, dem Kurowski stellen könnte! Man ist ja wie abgeschnitten +von dem Kind. Jeder Fremde weiß mehr.« + +Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten. + +»Das wird schon alles besser werden, Papa,« tröstete das Mädchen. +»Wollen uns darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erzähle lieber, wie +war's sonst in Graventhin? Wieder großartiges Diner? Und schlecht +serviert?« + +Der Oberförster erzählte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte +Grüße, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bißchen Klatsch. In +Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Althöfer +hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein großes Sektfrühstück +gegeben. Wie war's nur möglich, daß die Leute da noch fröhlich +mitzechten? Maggie warf ein, das wäre das Klügste, was sie tun könnten, +sie wünschte nur, es käme noch zu einem einzigen Ball da, vor dem +Zusammenbruch, denn so nett wäre es nirgends. + +Und so ging das Gespräch weiter. Der Regen strömte heftiger, der Wind +heulte. Fräulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und +spielten mit den Hunden. + +Da knirschte draußen auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben +die Köpfe. Der Oberförster sprang auf. + +»Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt +ihr!« + +Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem Mädchen, +das die Tür öffnete, drängten sich zwei blondköpfige Jungen herein, +stürmten auf ihn los und hängten sich an ihn. + +»Großpapa! Großpapa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen!« + +Der Oberförster hob einen nach dem andern verdutzt in die Höhe. + +»Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein?« + +Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel +begrüßen, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein. + +»Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter!« + +Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die ältere preßte +ihren Kopf fest gegen den Hals der jüngeren. Dann küßte sie den Vater +und Fräulein Perl. + +Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten +nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen großen Streit gehabt +hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da +gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da. + +Sie war sehr schlank, einen halben Kopf größer als die Schwester. Aus +einem sehr regelmäßigen schönen Gesichte sahen graue, sanfte Augen +schüchtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten +schimmernden, weißblonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die +sich in die Formen äußerster Einfachheit zu hüllen liebt, ging von ihr +aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schloß knapp an den schlanken, schönen +Körper und knisterte, wenn sie sich bewegte. + +»Wie blaß du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen?« + +Sie nickte. »Bringt die Kinder fort, ja? Ich habe euch viel zu sagen.« + +Fräulein Perl führte die Jungen in das Eßzimmer. + +Der Oberförster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die +Tochter. + +»Hoffentlich kommst du mir nicht ...« + +Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still, +musterte sie aber mit mißtrauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre +herabhängende Hand und küßte sie. + +»Ja, Papa!« sagte Gertrud. »Du mußt mich mit den Kindern schon bei dir +behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber +diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm +bleiben.« + +»So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht? +Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich +bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine ähnliche Untat +begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski weiß Gott nicht grün. +Aber daß meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof läuft, sagt: Ich +kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht!« + +Er lief hin und her. »Was war denn los?« polterte er endlich und blieb +vor ihr stehen. + +Sie weinte. + +»Heul' nicht ... erzähl'!« sagte er ungeduldig. + +Da nahm Maggie sie in die Arme. + +»Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann muß was Großes passiert +sein. Quäle sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude!« Sie streichelte +das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. »Sieh sie +doch an. Ist das denn menschenmöglich? Bist du krank? Was hat er dir +getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allmählich +heraus, lehne dich an und weine -- weine, das wird dir gut +tun.« + +Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die +langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre +Schultern. + +»Laßt mich hierbleiben ... laßt mich hierbleiben. Papa, ich bin doch +deine Älteste ... du hast mich doch lieb ... laß mich hierbleiben!« + +Der Oberförster schlürfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte +wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben +und kläfften die Hunde. + +»Was hat er dir getan?« fragte der Vater und legte seine große Hand auf +das kleine weißblonde Köpfchen der Tochter. Die richtete sich auf und +schmiegte sich in seinen Arm. + +»Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig +stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich wäre so schlecht, so häßlich +und so untauglich, wie er immer sagt, und da wär' nun nichts mehr zu +ändern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen können, aber fortgelaufen +wäre ich doch nicht. Ich weiß ja ... die Kinder ... und der Skandal! +Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, daß ich ihn schamlos betrogen +habe und ihn von neuem betrügen wollte. Da hab' ich mir's über Nacht +überlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge +gegangen.« + +»Drei Stunden! In diesem Wetter!« fluchte der Oberförster. + +»Die Jungen sind abgehärtet und gut zu Fuß. Dann, in Friesstein, fand +ich Fuhrwerk hierher.« + +Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberförster +schüttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er +schob sie einfach von sich. + +»Wir sprechen morgen mehr darüber!« sagte er. »Die Sache werd' ich +wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verlaß dich. +Vorläufig nehm' ich an, daß du deinen alten Vater auf ein paar Tage ...« + +Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die +Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern. + +»... ein paar Tage, sag' ich,« fuhr der Alte fort, »besuchst, wie +sich's gehört. Und dann werden wir weiter sehen. Weiß er, daß du hier +bist?« + +»Ich habe einen Brief zurückgelassen.« + +»Na, da haben wir also zu erwarten, daß er mit Trara hier anrückt und +dich und die Jungens zurückholt.« + +»Glaub' das nicht,« sagte Gertrud. »Er wird froh sein, daß er allein +bleibt ... Vorläufig ... bis ...« + +»Donnerwetter!« murrte der Oberförster. + +Maggie sprühte vor Empörung über den Widerstand des Vaters. + +»Na,« sagte der dann einlenkend, »wir werden sehen. Reg' dich jetzt +nicht auf. Und nun ... Jungens, herein!« + + * * * * * + +Die Knaben, an die Fräulein Perl großmütterliche Ansprüche machte, lagen +in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor +Jubel und Aufregung nicht einschlafen. + +Gertrud und Maggie, die nach gequältem, unpersönlichem Gespräche sich +nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die +Mutter küßte sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen. +Maggie zog sie fort. + +»Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Tränen +fallen. Komm, wir sind ja jetzt für uns, da kannst du dich hübsch +ausklagen.« + +Sie traten in die geräumige Balkonstube, die sie schon vor Jahren +gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in +der es früher gestanden hatte, für sie hergerichtet. + +Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und hörte auf zu weinen. + +»Du, was hast du mit unserer hübschen Stube gemacht?« fragte sie. + +»Den Plunder hinausgeworfen,« sagte Maggie vergnügt. »Die Kattungardinen +und Mullvorhänge, die Makartsträuße, na alles. Nur die Puffs hier, dein +glänzender Einfall, die höchst eigenhändig gepolsterten Bierfäßchen, die +sind noch da, folgen aber auch, sobald ich was Besseres habe. Dafür ist +dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an +deinem Bette der Gobelin. Hübsch, was?« + +»Nein,« sagte Gertrud energisch. »Früher war's ein hübsches, luftiges +Nestchen mit all dem unschuldigen Mädchenausputz; jetzt kommt es mir wie +eine leere Trödelbude vor. Wo ist der Toilettentisch?« + +»Alles weg. Als ich -- wann war's doch? -- Februar oder März zuletzt bei +euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah -- sie +ist einfach herrlich, wie überhaupt alles in Laukischken, ich weiß gar +nicht, wie du es hier aushalten wirst -- ja, also, wie ich da nach Hause +kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles +Billige und Unechte abgerissen.« + +Gertrud sah sie aus großen Augen an. + +»Neidisch, Maggie?« fragte sie. »Lieber Gott!« + +»Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, daß man so was haben kann, und +daß ich es nicht habe, das ärgert mich. Und bis ich so weit bin, will +ich lieber kahl und einfach hausen.« + +Gertrud schüttelte den Kopf. + +»Du,« sagte Maggie lebhaft, »unterschätze das nicht, was du so leicht +aufgeben willst. Es hängt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich +wette, du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht +aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und weiß Gott, was noch alles.« + +»Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen,« sagte Gertrud bittend. +»Und heute hilfst du mir ja doch ein bißchen, nicht wahr?« + +Maggie umarmte sie stürmisch und stand ihr mit zitternden Händen bei. +Als sie das prachtvolle Haar löste, das weißschimmernd über die +Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen. + +Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten +sie sich auf eines der schmalen Mädchenbetten und hielten sich +umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und +sagten, nun wäre es wie früher. + +Dann fuhr Maggie auf. »Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir +gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Schönheit hin? Du hast ja +Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und +doch erst achtundzwanzig Jahre!« + +Gertrud lächelte traurig. »Das ist ja sein Ärger auch beständig, daß ich +so häßlich werde,« sagte sie. »Mir ist's gleichgültig; das heißt, nein +--« Sie weinte wieder bitterlich. + +»Ach, du bist ja doch noch immer die Schönste von allen,« tröstete +Maggie. »Und dir fehlt ja nichts als ein bißchen Glück, meine arme, arme +Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes +Herz.« + +Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann +verklagt hatte, schwächte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn +sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck, +wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte. + +Aber in diesen rührend abgebrochenen Sätzen lag ihre ganze Geschichte. + +Maggie sah dabei förmlich den Schwager mit seinem spöttischen +Lebemannsgesicht, hörte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte +Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den +seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er heiß und +angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud +etwas von Gewalt murmelte. + +»Geschlagen? ... Dich?« + +»Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen wäre ...« + +»Trude, weshalb bist du nicht längst fortgelaufen?« + +Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um +die Schultern und sah mit ihren großen, traurigen Augen so hilflos um +sich, daß Maggies Herz vor Trauer und Empörung schwoll. + +»Komm zu Bett,« sagte sie. »Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und +nehme deine Hand, mein armes Kind. Weißt du, wie du früher tatst, wenn +ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ... +komm.« + +Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit mütterlicher Sorgfalt +zu Bette. + +Gertrud ließ sich alles gefallen und sagte, das täte gut. Wenn sie nur +bleiben dürfte! Bei Maggie wäre ihr wohl, da hätte sie keine Angst. + +Maggie dehnte den prachtvollen, üppig schlanken Leib. »Es sollte auch +mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. Für dich setze ich alles ein, +was ich übrig behalte, wenn ich für mich gesorgt habe.« + +Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. »Warum sagst du so +was?« + +»Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich muß immer +zuerst an mich denken, und was für mich am bequemsten und besten wäre. +Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz +liebhabe. Von Kindheit an. Vielleicht, weil du so anders bist. So +zerbrechlich und so schön und gut.« + +»Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt,« weinte die junge +Frau. + +Maggie löschte die Lampe und setzte sich zu ihr. + +»Nun wollen wir mal vernünftig reden, Kind!« sagte sie. »Sei still, +erzähle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen +ist.« + +Aus dem Schluchzen und den unverständlichen Worten klang ein Name voll +heraus: »Seckersdorf«. + +Maggie fuhr zusammen. »Hast du ihn noch immer lieb?« fragte sie leise. + +»Gott bewahre! Nein, nein, nein!« sagte Gertrud heftig. »Aber wir trafen +neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, daß er hier ist. +Und wir saßen bei Tisch zusammen.« + +»Und da hat er dir den Hof gemacht?« + +»Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde +mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und +traurig.« + +»Und was sagte er?« + +»Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich hätte +mich lächerlich gemacht, und jeder Mensch hätte sehen können, daß ich +mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht +auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich möchte +lieber tot sein, als das tun.« + +»Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene?« + +»Oh, er war maßlos. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht +wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine +Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein.« + +»Doch, doch!« sagte Maggie. »Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt +würde, oder sehr reich wäre und leben könnte, wie man wollte, ich wäre +die Letzte, die ans Heiraten dächte. Übrigens mit deinem liebenswürdigen +Manne möcht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind. +Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen?« + +»Nein!« sagte Gertrud. »Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut. +Weißt du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so +gräßliche Angst, weil ich weiß, daß 'er' wieder da ist. Und wie die +Quälereien nun fortgingen, da ...« + +Ein langes Schweigen entstand. Maggie ergänzte sich alles, was die +Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zurück, in +der Gertrud hier Nacht für Nacht geweint und ihr auf ihre kecken Fragen +zugegeben hatte, daß sie sich vor ihrem Bräutigam fürchte, daß sie am +liebsten vor der Hochzeit sterben möchte. + +Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das überaus interessant vorgekommen, +aber schließlich selbstverständlich. Die unglückliche Liebe zu dem +blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte +die schöne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Daß dann +nichts daraus wurde, daß der reiche, verwöhnte, vornehme Laukischker +Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Tränen nahm, das hatte ihrem +Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie später dann die +Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein Stück +des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die schöne, +weißhaarige Gertrud und ihr brünetter, kraftvoller Mann allen Wünschen +jungmädchenhafter Romantik entsprachen. + +Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr über die +wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wußte sie, daß Gertrud tief +unglücklich, daß ihr Leben ein verfehltes war, daß man eine Sünde +begangen, als man sie in diese Ehe mit dem rüden Kurowski hineingeredet +hatte. + +Aber wie war dieses Hineinreden möglich gewesen? Sie selbst, das wußte +sie, würde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem +damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn über alles +»Gernhaben« hinaus würde sie immer zu allererst nach einer Stellung +streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebedürftige Gertrud, +die niemals rechnete, wie hatte die sich durch äußeren Glanz bestechen +lassen können? + +»Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch +lieb!« fragte sie nach dem langen Schweigen. + +Gertrud legte den Kopf auf ihren Schoß. »Ach liebes Kind, das kam alles +so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ... +Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die +Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten.« + +Maggie schüttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie +kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wußte, sie +hätte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden. + +»Sage mal, Gertrud,« die Frage schoß ihr durch den Kopf, »wußte +eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf?« + +»Natürlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube übrigens, daß alle +Welt es wußte. Und dann, in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit, +dachte ich, ich wäre es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede +Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf +gesprochen hatte.« + +»O weh, o weh!« sagte Maggie. »Das hätt' ich schon nie getan. Was wird +der sich daraus zurechtgemacht haben?« + +»Ach, nein,« sagte Gertrud. »Er weiß ja, daß ich aufrichtig bin.« + +»So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir +einmal alles, was du ihm erzählt hast, ich meine, was du zu erzählen +hattest. Ich möchte dir gern helfen, aber dann muß ich auch wissen, wie +das mit Seckersdorf kam, -- wie ihr auseinandergingt.« + +Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich +vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn +abgespielt hatte, so harmlos, daß sie banal gewesen wäre, ohne Gertrud +als Heldin. + +Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden +Jugendschönheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte. +Vollendet in den regelmäßig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der +fast überirdisch schien, und dazu das üppige, weißblonde Haar, das +seinesgleichen in der Welt nicht fand. + +Der Welt! Maggie mußte lächeln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung +irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorüber. Gutsbesitzer, +Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt -- jung, zum Verwechseln gleich. Was +kümmerte sie das jetzt? + +Aber in Gertruds Erzählung wurde der ganze Zauber der Mädchenzeit +lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und +leise Händedrücke. Hier und da ein kleines Mißverständnis, sehr ernst +geweinte Tränen, Versöhnung in einer Kotillontour. Und Glückseligkeit +und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls. + +In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals +versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben, +der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Söhne adoptiert und mit +Reichtum überschüttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit +ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende +aller Verhandlungen -- das Ende ihres Glückes. + +In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte +Laukischken gekauft. + +»Du weißt ja, wie er von Anfang an war!« sagte Gertrud seufzend. +»Überall hat er gesagt, er müsse mich bekommen, und Hans mußte still +dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals +viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann +wußten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb für ewig!' So +über den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir +auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen saß, und hörte kaum auf +seine übertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine +kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurück. Aber es war +schon zu spät. Kurt hielt um mich an. Das weißt du ja alles, wie ich +'nein' sagte, und Papa und die Perl außer sich waren und quälten und +quälten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weißt +du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und +bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja +keine Ahnung, daß er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich +dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich +breitete ihm schon meine entgegen. Da schüttelte er den Kopf und sagte: +'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort +zurückzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lösen, wenn je eine +bestand.' Ich war wie versteinert. 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn +getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die +Verhältnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken. +Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und +ihr alle kamt herein! Weißt du's noch?« + +»Alles, Alles!« sagte Maggie. »Man, oder gut deutsch gesagt, Papa, +erzählte uns, daß Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu +rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch +einen Namen. Und es wunderte sich keiner darüber. Ich weiß noch, daß +Kurowski bei seinem nächsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ... +und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und daß ein +halbes Jahr später Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!« + +»Nein, nein,« sagte Gertrud. »Das ist ja alles lang überwunden, muß es +ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und, +Maggie, wenn ich's mir überlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von +Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich +selbst nicht.« + +»Ich habe das alles ja von dir herausgelockt,« tröstete Maggie. »Weißt +du was? Wir wollen jetzt gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu +schlafen. Und morgen überlegen wir alles.« + +Sie küßte die Schwester und ging zu Bett. + +Es war nun still im Zimmer. Aber draußen brauste es in den Buchen, wie +ferne Meeresbrandung. + +»Trude!« sagte Maggie plötzlich. + +»Ja?« + +»Trude, du mußt von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder +zusammenkommen.« + +»Um Gottes willen!« rief Gertrud entsetzt. + +»Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du +darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank, +etwas Vernünftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glücklich +werden.« + +»Maggie,« sagte Gertrud leise, »du meinst es gewiß sehr gut. Aber ich +bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten, +auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!« + +»Still!« rief Maggie. »Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du +bleibst natürlich unsere weiße Lilie und blühst uns wieder auf und ... +Gute Nacht, liebes Kind!« + + * * * * * + +Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. Über die bunten Laubbäume +strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweiße Wolken ballten und jagten sich +hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit +ins Land hinein wogte das grüne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen +sich von ihm durch die Luft. + +Gertrud sah froh hinunter. + +»Der alte, geliebte Blick ins Grüne und der Harzgeruch. Man fühlt +ordentlich, daß man hier gesund werden muß.« + +»Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist,« meinte Maggie. »Nun +komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.« + +Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermütig hilflose Färbung an. +»Mein Gott! Mein Gott!« + +In der Eßstube saß der Oberförster mit sorgenvollem, verärgertem Gesicht +am Kaffeetisch. Er streckte den Töchtern einen Brief entgegen. »Lest ... +Lies vor, Maggie.« + +Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschätzigem Lachen. +»Natürlich soll sie zurück. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch +nicht heraus.« + +»Lies doch!« + +Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzügen. + +Maggie las: + + »Mein verehrter Herr Schwiegervater! + + Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen + sind, so will ich unseren Mangel an Übereinstimmung doch nicht meine + Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, daß sie mit den Jungens + einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, für die paar Monate, in denen + sich's bei der verzärtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht + in Laukischken hausen läßt. Sie wissen doch, daß wir den Schwamm in + den Schlafzimmern entdeckt haben, und daß ich besorgt bin, meine + Familie den Winter über da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht + nach Berlin will, und ich für meine Person für kurze Zeit dorthin zu + reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie -- mit Ihrer + Erlaubnis natürlich -- den Winter in den alten, kleinen und stillen + Verhältnissen zubringen will. Sobald ich eine Änderung in diesem + vorläufigen Plane wünsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter + Herr Schwiegervater, vertraue ich für diese -- sagen wir -- drei + Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut deutsch: Passen Sie + freundlichst auf, daß Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von + jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus + dafür, küsse meiner liebenswürdigen Schwägerin die Hand, grüße die + Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres + + Ihr sehr ergebener + Kurt von Kurowski. + + =P. S.= Für die kleinen Bedürfnisse meiner Frau und der Kinder lege + ich 3000 M. bei, da ich nicht weiß, ob Gertrud genügend versehen + ist. Für etwaige größere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.« + +»Soll man sich da ärgern oder lachen?« sagte Maggie, den Brief auf den +Tisch werfend. + +»Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen,« sagte der Oberförster kurz, +und stand auf. »Du bist vorläufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte +dich ein, wie's dir paßt.« + +Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher. + +»Da habt ihr ihn, wie er ist!« rief sie nervös. »Immer Katze und Maus +spielen, ernsthafte Dinge geringschätzig und leichtfertig behandeln ... +höhnisch, liebenswürdig, nie zu fassen ... Ich bin sieben Jahre seine +Frau gewesen und weiß heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa. +Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurückzuschicken?« + +Der Oberförster sah mürrisch nach der Seite. »Vorläufig bist du da, und +dann werden wir weiter sehen,« sagte er. »Die Lesart, die er wünscht, +kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden? +... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich muß nach +Vokellen. Habe zugleich -- aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hören. +Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spät wieder.« + +Er küßte Gertrud in verlegener Zärtlichkeit und schüttelte Maggie die +Hand. + +»Du, Papa!« sagte Maggie. »Für alle Fälle mußt du noch wissen, daß +Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzürnt haben. Aus deiner Verabredung +mit ihm kann nun wohl nichts werden?« + +»Was Kuckuck?« fuhr der Alte auf. »Was ist das für Unsinn? Da kenne ich +doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon +ist keine Rede. Laß sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus +braucht er ja nicht zu kommen.« + +Gertrud zog die Brauen zusammen. + +»Wenn er aber doch kommt?« fragte Maggie. + +»Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich euch, der Teufel soll den +holen, der sich in meine Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein +Geschäft, das sich lohnt, und nun wollen sie es einem verderben! Damit +kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionär, und Geschäft ist Geschäft. +Lächerlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei Meilen von hier und ... +na, ich will euch lieber gleich sagen, daß ich der Sache wegen +fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt auch, wegen +Waldgrenzgeschichten -- da hab' ich nur den halben Weg -- und hernach +machen wir ein Partiechen.« + +»Papa, wenn's dir nur nicht leid tut,« warnte Maggie. »Du weißt doch, +mit Kurt ist nicht zu spaßen.« + +»Mit mir auch nicht,« sagte der Oberförster kurz und ging hinaus. + +Eine Viertelstunde später fuhr er im Einspänner davon. + +Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach. + +»An Papa hast du also keinen Halt!« sagte Maggie mit heller Entrüstung +im Tone. + +»Maggie!« bat Gertrud flehend. »Sag' nichts gegen Papa, das täte mir zu +weh. Wir wissen ja, wie er in Geldangelegenheiten ist, und ändern +können wir doch nichts.« + +»Hätte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt,« grübelte Maggie +finster. »Das ist eine niederträchtige Schlauheit, wie überhaupt der +ganze Brief.« + +»Er weiß die Menschen schon zu nehmen. Paß auf, wenn er's will, muß ich +zurück. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er +beabsichtigt. Weißt du das?« + +Nein, Maggie wußte es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten +herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der +Schwester, die den Härten und Widerwärtigkeiten des Lebens so wehrlos +gegenüberstand, ein verspätetes Glück zu schaffen. Und sie tröstete sie, +liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war +zufrieden, als ein verschüchtertes Lächeln das einst von Frohsinn und +Glücksgewißheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte. + +Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden, +trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die Ältere, das Prinzeßchen, +schön wie der Tag und von aller Welt auf Händen getragen, hatte die +weniger hübsche, damals noch scheue Schwester mit fast mütterlicher +Zärtlichkeit gehütet und gepflegt, und sich immer bemüht, sie in den +Vordergrund zu schieben. + +Ihre Mutter, eine Engländerin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit +Gesellschafterin in einer dem Oberförster befreundeten Familie, war +gestorben, als die Mädchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide +gedachten noch heute mit abgöttischer Verehrung der lachenden jungen +Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war. + +Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, während Maggie, die +früher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit übersprudelte; +freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Fröhlichkeit, mit der Gertrud +sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen, +die herrische Naturen sich angewöhnen können, weil sie sie als Rüstzeug +brauchen. + +Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhältnis der beiden Schwestern +zueinander geändert. Gertrud, das ehemalige Glückskind, warmherzig, +arglos, unbewußt von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Händen +ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie. +Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst überlassen, hatte sich mit ihrer +innerlichen Kälte und Klugheit von ihrer Umgebung längst frei gemacht +und beherrschte durch Gleichgültigkeit und Berechnung unter der Maske +der Liebenswürdigkeit alles. + +Unbekümmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach +Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer äußeren +Erscheinung zu einer Schönheit entfaltet, die eigentlich Kraft und +blühende Gesundheit auf der Höhe ihrer Entwicklung war. + +Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger +Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemühte sich +ernsthaft um sie, aber mit großem Takt ging sie jeder entscheidenden +Frage aus dem Wege und wußte sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten. +Sie wollte nichts »verpuffen«, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft +sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr +nach ihren Bedürfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht +bald, so mußte sie solche suchen. Es war nun Zeit. -- So hatte sie +gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war +das anders. Nun kam sie vorläufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das +arme, blasse Weib. + +»Es ist doch gut für uns andere,« dachte sie, »daß solche Menschen, wie +Gertrud, existieren. Daran, daß man sie so liebhaben kann, zeigt man +sich selbst, daß man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich +sieht man, wie man es nicht machen muß, wenn man selbst vorwärts kommen +will.« + +War es denn eigentlich glaublich, daß Gertrud mit all ihrer Schönheit +und Anmut und Herzensgüte den so empfänglichen Kurowski nicht hatte +fesseln können? Das wäre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe für sie, +Maggie, gewesen. + +Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken -- nun gar in so +unmöglichen Vorstellungen. Dann hätte ihr ja auch der Gedanke an +Seckersdorf kommen können, -- den sie doch gerade für Gertrud erkämpfen +wollte. + +»Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefällt,« sagte eine +leise innere Stimme. »Blond, still und zurückhaltend, ist nicht dein +Geschmack.« + +Nun stampfte sie leise mit dem Fuß und ging geradenwegs zu Gertrud, um +sie herzhaft und zärtlich zu küssen. + +»Du glaubst, daß ich dich liebhabe?« fragte sie leidenschaftlich. »Du +hältst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen +hast?« + +»Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage? +... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.« + +»Ja, die Kinder, die Kinder!« änderte Maggie schnell das Gespräch. +»Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm, +Liebling, wenn du noch weißt, was Zimmereinrichten und Küche und +Speisekammer bedeuten ... Übrigens, wenn nicht, so lernst du es eben +wieder. Du hast dich viel zu sehr verwöhnt, mein vornehmes Frauchen!« + +Gertrud lächelte und ging bereitwillig mit ihr zu Fräulein Perl, die dem +Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, während in der Tat Maggie längst +den großen, ländlichen Haushalt führte. + +Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung +der Kinder und die kleinen häuslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun +wieder teilnehmen sollte. + +Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zärtlich und tätig besorgt um +die Kinder, sie ordnete in den für sie und die Knaben bestimmten beiden +Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war +beschäftigt. Sie brachte sich über diese unruhvollen Stunden hinweg, in +denen ihr Herz bang und ängstlich schlug, in denen der Gedanke: »Was +wird nun werden?« sie zermarterte, in denen auch die leise +durchhuschende Ahnung: »Es kommt etwas Gutes -- vielleicht das Glück!« +ihr zur Pein wurde. + +Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald, +der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner +übriggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in +dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der +verwelkten Blätter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen +Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern müde, Arm in Arm heim. +Beide ganz Liebe füreinander, und doch die eine im Gefühle der Gebenden, +die andere als Empfangende. + +»Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein!« dachte Gertrud und: +»Wie hübsch es ist, für ein liebes Menschenkind Pläne zu machen und sich +so wundervoll dabei zu benehmen!« dachte Maggie. + +Diese Nacht schliefen beide gut. Der nächste Morgen fand Gertrud ein +wenig widerstandsfähiger, ruhiger und selbstbewußter. + + * * * * * + +Bald nach dem Frühstück nahm der Oberförster seine jüngste Tochter unter +den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlägen mitzugehen. Das +war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in +irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen +war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewöhnlich das, was +er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er +zufrieden. + +In ihrem ungestümen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge +einzugreifen, die über ihre gewöhnlichen Tagesarbeiten hinausragten, +hatte sie stets Freude an solchen Gängen. Sie fühlte sich dann noch am +meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den +»alten Herrn« anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff, +daß die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen +hatte. + +Er seinerseits war viel zu klug, als daß er diesen Mangel an +Herzensneigung nicht hätte durchschauen sollen, aber er machte sich +nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar überzeugt, daß sich +in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber +nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit +wenig Herzensbedürfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab, +hatten sie auf Gertrud geschüttet, die so viel Liebe brauchen konnte und +alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand. + +Um Gertrud würde es sich natürlich heute handeln. Und ganz Feuer und +Flamme für ihren Plan, machte Maggie sich für den langen Weg mit dem +Vater bereit. Er durfte selbstverständlich nichts von allem ahnen und +sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte förmlich, als sie sich +von der Schwester verabschiedete. + +»Du bist eigentlich eine Schönheit geworden, Maggie,« sagte Gertrud und +küßte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewußt +leuchteten. »Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du. +Wenn du dich nur zur Geltung bringen könntest. Aber hier ...« + +»Kommt schon noch, sei ohne Sorge,« antwortete Maggie und lief lachend +hinunter. + +Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz +federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat. + +»Bist doch ein strammer Kerl,« sagte er anerkennend. »Wenn dich so einer +sähe!« + +»Vielleicht verliert einer von den Holzschlägern sein Herz an mich -- +oder der neue Revierförster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu +sein,« spottete Maggie. + +»Ist alles vorgekommen, Kind,« bemerkte der Alte. »Und wenn ein Mädel +sich überhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten +einläßt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den +Weg kommt.« + +»Weißt du, Papa,« sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend, +»daß ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte +zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?« + +»Du, darüber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr,« meinte der +Oberförster. »Die Sache ist verjährt. Hilf lieber der Gertrud auf den +richtigen Weg und bestärke sie nicht noch in ihrer Aufsässigkeit gegen +Kurowski. Was soll denn sonst bloß werden?« + +Maggie wußte es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten +Buchenblätter mit der Fußspitze vor sich auf. »Ja, schließlich kann man +doch die Gertrud nicht mißhandeln lassen!« sagte sie. »Wenn _die_ klagt, +muß es schon arg sein. Und man weiß ja auch, was für ein Leben der liebe +Kurt führt. Ich wundere mich nur, daß man das vor der Heirat gar nicht +geahnt hat.« + +»Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere +Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewöhnen.« + +»Ja, nur daß das Experiment mißglückt ist,« sagte Maggie. »Und nun sitzt +die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.« + +Eine gewisse Empörung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des +für sich selber fürchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach +einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebüsch abgerissen hatte +und warf die Stücke erregt fort. + +Der Oberförster biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf. + +»Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten,« sagte er, »aber +sonst ein anständiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud +verwöhnt er sonst wie eine Prinzeß. Und der Skandal bei so 'ner +Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ...« + +Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas. + +Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze +Kaltblütigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie +etwas für Gertrud tat, durfte keine Gemütsduselei und keine überflüssige +Erregung mit unterlaufen. Kalt und klug wollte sie alles lenken, zu +ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs. + +»Ja, Papa, schlimm ist es,« sagte sie beistimmend, »das seh' ich schon +ein ... aber was tun?« + +Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander. + +Der Bestand wechselte. Statt der buntgefärbten Laubbäume strebten nun +alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch +das dunkle Grün, und Goldflecke blühten auf dem bräunlichen Waldboden +auf. + +»Schönes Stück!« sagte der Alte. »Der Endzipfel gehört schon zu +Tromitten.« + +»Was war denn nun mit Seckersdorf gestern?« fragte Maggie. + +»Ja,« erwiderte der Oberförster zögernd, »mir fiel schon unterwegs ein, +daß man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoßen kann. Ich +habe noch nicht zugesagt ... Überbürdung vorgeschützt, mir Bedenkzeit +ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, -- +Heiratsgeld, Mädel ... Wenn man nur wüßte ... Sag' mal, was ist denn nun +eigentlich bei Kurowskis los gewesen?« + +Maggie erzählte. + +Der Oberförster schüttelte den Kopf und fluchte. + +»Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist,« sagte er schließlich, +»daß seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, muß es mit der +Gleichgültigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein. +Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum +... dann freilich ...« + +Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wäre viel zu sehr herunter, als +daß sie an solche Dinge dächte. Aber zu vornehm und harmlos wäre sie +auch, und könnte sich nicht vorstellen, daß man sogar ihren Blicken +allerlei Bedeutung unterlegte. Man müßte also dafür sorgen, daß sie nie +mit Seckersdorf zusammenträfe, denn wer weiß, ob nicht der Kurowski +gerade nach Berlin gegangen wäre und Gertrud allein hier gelassen hätte, +um ihr eine Falle zu stellen? Dann würde er sie auf bequeme Weise los, +und die Kinder gehörten ihm. + +»Alle Wetter!« Der Oberförster blieb stehen und sah seine Jüngste +verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem +Kurowski, schon. Natürlich! Daß ihm das selbst auch nicht eingefallen +war! Gott sei Dank, daß er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. »Und +weißt du warum, Mädel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den +Eichenschlägen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm +... Na, und so weiter.« + +Maggie erschrak, daß sie blaß wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich +zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten +sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren +strahlenden Falkenaugen vorwärts. + +Um so besser. Das Glück war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich +alles so noch natürlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit +begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens +ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grübeln und dem Zufall +überlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verständigen +konnte. + +Jetzt, während sie rüstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud +Bezügliche. + +Dem Vater hatte sie nur gesagt, daß es ihr ganz lieb wäre, den +Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gespräch selbst wieder auf +Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich +gegenseitig auch das Herz über das Aussehen und das müde, schlaffe Wesen +der armen Frau auszuschütten, auf Kurowski zu schelten, seinen +schillernden, unzuverlässigen Charakter zu zergliedern und schließlich +immer wieder zu der Frage zurückzukehren: »Die arme Gertrud, -- was wird +das nur werden?« + +Dabei gingen sie rüstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an +deren Rand ein Dutzend alte Eichen »hingerichtet« wurden, wie Maggie +sagte. + +Die Leute grüßten, der Aufseher trat heran. Und von drüben, der +entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd geführt hatte, kam Hans +Seckersdorf herüber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick. + +Nun stand ihr doch das Herz still. + +Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu +mustern, während er über die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit +lautem Gruß auf ihn zuschritt. + +Er war sehr groß, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung +hatte; er trug den verhältnismäßig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in +den Bewegungen. Das Gesicht, regelmäßig wie eine Marsmaske, mit +aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht +von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentümlich still und +fest blickend, -- alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht +vorübergehen konnte. + +Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwärts. Leuchtend in den +Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte +unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem »allerersten +Tänzer«, ein frohes Willkommen entgegen. + +»Papa sagte mir, daß wir Sie hier treffen würden, und ich habe mich +recht gefreut.« + +Er drückte ihr die Hand und sprach von freudiger Überraschung; dabei +musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen. + +Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an +den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentümlich an, -- bittend und +forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein? +Fast schien es so. + +Der Oberförster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch +nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum +vorgenommen; der Oberförster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und +hörte mit intensiver Aufmerksamkeit zu. + +»Ich lerne,« sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie. + +In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den +Oberförster heran. + +»Natürlich!« sagte der Oberförster nach kurzer Prüfung. »Entschuldigen +Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.« + +Er trat hinüber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben +Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen spähendem Blick. Ja, +hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's, +-- also vorwärts! + +Aber schön war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinüberströmte, +dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen +zitterte. Maggie hätte noch minutenlang so stehen mögen, in dieser +klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand. + +Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mußte anfangen. + +»Herr von Seckersdorf!« sagte sie stockend. + +Er horchte auf. »Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme --« + +»Ähnlichkeit mit der meiner Schwester!« fiel sie rasch ein. »Ja, es ist +leider die einzige.« + +Er machte eine höfliche Bewegung und sah sie unruhig an. + +»Wie er erregt ist!« dachte sie. »Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen +Gertrud lieb, daß ich Sie sprechen kann,« sagte sie hastig, nach dem +Oberförster hinübersehend. + +Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. »Wegen Frau von +Kurowski?« Sie nickte. + +»Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen,« sagte sie schnell, noch +immer wie ängstlich nach dem Vater blickend, »weil sie Ihretwegen in +rohester Weise von ihm verdächtigt worden ist.« + +»Um Gottes willen -- meinetwegen?« Er machte eine hastige Bewegung, als +ob er ihren Arm ergreifen wollte. + +»Sie müssen das wissen,« sagte sie, leise und schnell, »weil Papa von +einer geschäftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie hätten uns +wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist, +unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme +Schwester überhaupt nicht wieder.« + +»Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natürlich ... sofort ... wenn es +sein muß ...« Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. »Sie ist rüde +behandelt worden?« fragte er zögernd. + +Maggie nickte wieder. »Sie will nicht wieder nach Laukischken zurück ... +aber Papa wird sie zwingen ... überreden, wie ...« + +»Wie damals,« sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus. + +Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine +schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien. + +Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen. + +»Leidet sie sehr ... sehr?« fragte er nach einer Pause. »Ist sie sehr +verändert in diesen acht Jahren?« + +»Sie ist völlig niedergebrochen,« sagte Maggie mit Betonung. + +»Nicht doch, nicht doch!« murmelte er. »Weiß sie, daß wir, ich meine Sie +und ich, heute hier --« Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang +zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte +Maggie. + +»Gott bewahre,« sagte sie. »Man muß ihr doch alles fernhalten, was sie +beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ...« Sie stockte, wurde rot +und sah nach der Seite. + +»Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe?« fragte er +dringend. »Kann ich denn sonst nichts, gar nichts für sie tun?« + +Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberförster, +der eben zurückkam. + +»Papa darf nichts davon wissen!« sagte sie verlegen. + +Er sah sie dankbar an. + +»Sie lieben Gertrud« -- er erschrak und verbesserte sich -- »Ihre Frau +Schwester sehr?« + +»Mehr als alles auf der Welt,« sagte sie aufrichtig. »Und für ihr Glück +brächte ich jedes Opfer.« + +In überströmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand. + +»Wollen Sie ... dürfen Sie ihr sagen ...« + +»Was?« + +Da stand der Oberförster vor ihnen und schmunzelte vergnügt. + +»Freundschaft geschlossen?« fragte er. + +»Alte erneuert,« antwortete Maggie. + +»Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Fräulein, das nicht immer +mitgenommen wurde.« + +»Und jetzt tanze ich schon regulär sieben Winter.« + +»Werden wir Sonntag über acht Tage in Waldlack zusammen sein?« fragte +er, unruhig ihre Augen suchend. + +»Papa, du hast ja verheimlicht, daß am Sonntag die Waldlacker +Gesellschaft ist,« wandte sich Maggie an den Vater. »Natürlich also, und +ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt +wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas +zum Tanzen gibt.« + +»Und immer viel zu viel,« lachte der Oberförster. »Aber wenn Sie sich +nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann +bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen, Kind. Wir haben ja +noch einen weiten Rückweg.« + +Maggie setzte sich auf einen Stein, während die Herren zu den Arbeitern +gingen. + +Das Herz war ihr weit und sie fühlte sich beunruhigt. Also, so was gab +es wirklich? Da war ein Mann, schön und jung, vornehm, mit glänzenden +Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast -- +und obwohl Gertrud nicht mehr so schön war, einem anderen gehört hatte, +Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren +Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann, +vielleicht noch interessanter als dieser -- aber nein --, dieser +Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz +außergewöhnlich Anziehendes. + +So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie +seine schlank-kräftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den +Bäumen auftauchen sah, überraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von +Neid. + +Warum traf sie nie so einen, der ihr seine schöne männliche Erscheinung, +seine vornehme Seele und -- nicht zu vergessen -- seine Reichtümer bot? +Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so +fest die Hand drücken konnte? Gott, vielleicht war das alles ein +bißchen langweilig; vielleicht, wenn man sich überhaupt auf so etwas +einließ, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und übrigens, +was grübelte sie über das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich +einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich +wirklich freuen. + +Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das +Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, drückte ihr bedeutungsvoll +die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort. + +»Famos, wie er reitet,« sagte Maggie, ihm nachsehend. + +»Überhaupt ein Prachtmensch,« stimmte der Oberförster bei. »Glaubst du, +daß er mir das von damals nachträgt? Keine Spur! Und was meinst du, +Döchting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gefährlich.« Er blinzelte +schlau mit den Augen. + +»Das kannst du gar nicht wissen,« erwiderte Maggie ernsthaft. + +Einsilbig, Luftschlösser bauend und zerstörend, gingen sie heim durch +den starkduftenden Wald. + + * * * * * + +Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe +eingetroffen und hatte Grüße von dem gnädigen Herrn überbracht, der in +den nächsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herüberkommen würde. +Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres +Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, daß +alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehörte, die er +auszuüben beliebte. + +Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle häuslichen Angelegenheiten +so weit geordnet, daß man sie während seiner Abwesenheit mit gar nichts +behelligen würde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach +dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben hätte, daß +sie nach dem Rechten sähe. Sonst hätte er ihr nichts zu sagen, als daß +er Nachricht über die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse +telegraphiert haben würde. Alles weitere sollte sich nach seiner +Rückkehr finden. + +Gertrud weinte viel über diesen Brief. Die große Unsicherheit ihrem Mann +gegenüber, die alles in ihr zerstörte, woraus sie sich noch einen +Lebensinhalt hätte schaffen können, nahm wieder ganz Besitz von ihr. + +Sie wußte nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder +wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wäre! Sie lief vom +Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg +übersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer +banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und mußten +wieder hinaus; sie ging zu Fräulein Perl, die in der Küche beschäftigt +war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Fräulein Perl meinte, eine +Hilfe könnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie müßte auch +wirklich eine sein. Darüber sprach man nun hin und her, bis Fräulein +Perl ungeduldig wurde. + +»Weißt du, Kindchen, ich habe zu tun, überleg dir's doch, es hat ja +keine Eile. Bis zum Abendzug muß die Person ja doch hierbleiben. Laß sie +nur gleich die Sachen der Jungen einräumen.« + +»Ja, natürlich.« Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die +Veranda, um zu warten und zu grübeln. + +Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten +hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine überlegene Art in immer +größere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen +zärtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr Liebe bot. Vor harten, +ironischen oder zweifelhaften Worten und Berührungen schreckte sie +zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schützen könnte, +und verstummte schließlich ganz. + +Das war eine Schwäche, eine Verzärtelung, aber sie konnte nicht anders. +In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestärkt, sie +seine Taube genannt und ihre zurückhaltende Scheu mit heißen +Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber +gegeben, gehorsam und ohne Maß, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn +sie fühlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen +Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu +dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte. + +Wie von einem unvergeßlichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen +unausgefüllten Stunden ihres Tages von ihm geträumt. Aber nun war er +plötzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie früher gesagt: »Ich +hab' dich noch lieb!« + +Und da verschwanden mit einem Male alle trübsinnigen Grübeleien; der +Himmel schien ihr so klar und hoch, als müßte sie hinauf, und ein Gefühl +von Sicherheit kam über sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der +Zukunft entgegengehen würde. Und das alles nur, weil er wieder da war. + +»Aber was willst du von ihm?« fragte dann wieder mahnend das Gewissen. +»Du tust Unrecht. Das ist Sünde, das ist gefährlich ... Du brichst die +Ehe in Gedanken.« + +Die Kinder liefen vorüber und schrien ihr zärtliche Worte zu. Da nahm +sie sich zusammen und sagte sich: »Ich will nicht, ich darf nicht an ihn +denken!« Aber ein aufregendes Erwartungsgefühl zitterte doch in ihr, +wich dem einer großen Angst und rang sich wieder durch, so daß sie +zuletzt nicht mehr aus und ein wußte und mit klopfendem Herzen in den +Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief. + +In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rückkehr und erzählte von +der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm über +Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Färbung +an und weckten Glücksschauer in der verschüchterten Seele der armen +Frau. + +Aber sie wehrte sich dagegen. »Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich +an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!« + +Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige +Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich +vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich heiß und bebend aus ihrem +Arme löste, rief sie ihr heftig zu: »Wenn ich du wäre, und solch ein +Mann hätte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte: +'Nimm mich ... gleich ... laß uns nicht eine Sekunde von dem +grenzenlosen Glück verlieren, das wir für einander bereit haben.'« + +Gertrud sah sie groß, mit leuchtenden Augen an. Sie wußte, das war +Mädchengeschwätz, in Wirklichkeit würde das ganz anders kommen; und +dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezähmbarer, sehnsüchtiger +Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn. + +»Ach, wenn ich heute mit gewesen wäre und hätte ... Nein, nein, Maggie, +du führst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde +schlecht ... Muß er sich selbst nicht sagen, daß es schlecht ist? Ich +bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!« + +Sie weinte heftig. Aber Maggie fühlte, daß Gertruds Widerstand schon +nachgelassen hatte. + +Damit war sie für jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mußte ja erst +allmählich wieder zur Selbständigkeit und Glücksfähigkeit erzogen +werden. + +Bei Tisch, als der Oberförster Maggie mit Seckersdorf neckte -- +absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte --, +wechselten die Schwestern einen Blick des Einverständnisses, und +Gertrud lächelte ein wenig. + +So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam +vorwärts. + +Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud, +als von etwas Selbstverständlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie +sprach, sie glaubte jedoch mit der empfänglicheren Phantasie der +Schwester rechnen zu müssen, und redete sich dann allmählich in immer +größere Wärme hinein. Oft wurde sie müde, wenn Gertrud immer dasselbe +sagte: »Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen +denken.« Aber sie ließ doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden, +als eines Tages sich zu den üblichen Worten der Zusatz einstellte: »Bis +daß ich frei bin.« + +Sie kämpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich +fest, sie beschäftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den +Kindern. Aber wenn es ihr mühsam gelungen war, die gefährlichen Gedanken +zu verbannen, stand Maggie da und sagte: »Gertrud, wenn er dich so +sähe,« oder: »Was möchtest du sagen, wenn er die Türe aufmachte und die +Arme ausbreitete?« oder ähnliche Torheiten mehr, die dann immer eine +Überleitung auf das verbotene Thema abgaben. + +Allmählich wurde da Gertruds Widerstand immer schwächer. Äußerlich und +auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen +und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mädchenlebens, von dem süßen, +bangen, aufregenden Gefühl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken +ausklang: »Er liebt dich noch immer!« + +Sie blühte von Tag zu Tag dabei auf. Die ängstliche Spannung, durch die +beständige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem +Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische +Heiterkeit, die früher einen guten Teil ihrer Schönheit ausgemacht +hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete. + +Maggie sah es mit Stolz und fühlte sich gehoben und glücklich. + +Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr +geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem +ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, törichten Herzens. Maggie +wunderte sich oft und ärgerte sich auch manchmal über sie. + +Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug +und unberührt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus +dem Leben fortleugnen ließ, dann war es begreiflich, daß Kurowski in +seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fühlen +mußte. + +Ob übrigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewußten, lebensklugen +Eindruck machte, Verständnis für diese träumerisch unweltliche Art +Gertruds besaß? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm +war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte? + +Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie +zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, daß sie sich sagte: »Eigentlich +wäre jeder der beiden Männer, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann +für mich, und nun hält Gertrud alle beide. Dafür hab' ich sie aber auch +lieb und will sie glücklich machen,« beruhigte sie sich dann. +»Sonst ...« + +Übrigens kühlte sich ihre große Liebe für Gertrud ein wenig ab. Es lag +schließlich doch in Gertruds Art etwas Beschränktheit. Warum hatte sie +sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im +Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann? +Sie hatte schließlich doch nicht darauf rechnen können, daß Seckersdorf +ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen würde. + +Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich Blödsinn. Aber da sie nun +einmal die Leitung in dieser Komödie übernommen hatte, sollte auch nach +ihrem Willen gespielt werden. + +Darüber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden +sollte. Gertrud blieb natürlich zu Hause, hätte aber die Schwester gern +so glänzend als möglich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte +nicht anders erscheinen, als ihren Verhältnissen entsprach. Und als sie +dann in ihrem einfachen blaßblauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar +frische Rosen von Fräulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der +Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher hätte sie in dem +kostbarsten Staat nicht aussehen können, meinte sie, und alt und jung +müßte sich in sie verlieben. + +»Und wenn Seckersdorf das täte?« fragte Maggie lachend, aber mit einer +kleinen, innerlichen Bitterkeit. + +Gertrud lächelte dazu und sagte: »Der ist ja nicht mehr frei, -- aber +alle anderen.« + +Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und +ähnlichen Gedanken beschäftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack, +den sie, gut eingehüllt, im Halbwagen mit dem Vater zurücklegte. + + * * * * * + +Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der +Wintervergnügungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn +das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge +Logierbesuch beherbergen und darum auch Gäste von weit her bei sich +sehen. + +Die Waldlacker waren außerdem reich, führten den Haushalt in großem Stil +und sorgten dafür, daß die Saisonneuerungen, die in Berlin für notwendig +erklärt worden waren, in ihrem Kreise eingeführt wurden. + +Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der +Terrasse hielt. »Ach, für mich gibt's heute ja nur Seckersdorf!« dachte +sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter. + +Nun die mit Läufern belegte und überdachte Terrassentreppe -- ein Luxus, +den sich sonst niemand gestattete -- hinauf, in den kleinen Gartensaal, +der, mit Orangen und Palmen geschmückt und farbig erleuchtet, festlich +anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten +Begrüßungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in +Anspruch nahmen. + +Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit den Frauen und Mädchen der +Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten +auf sie zukam, ihr Zärtlichkeiten sagte, Komplimente über ihr Aussehen +machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll +begrüßte und die anderen jungen Mädchen in aller Eile Geschichten zu +erzählen und vielerlei zu fragen hatten, -- die besonders vertrauten +auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen. + +Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und +ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich »furchtbar« aufs +Tanzen, ließ sich von den jungen Herren erzählen, die da waren, tauschte +Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen würde, von wem +wohl die Marie Röder das große Bukett haben könnte, mit dem sie so +geheimnisvoll tat, und gab dann schließlich zum besten, daß sie den +vermutlichen Löwen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und +ihn sehr nett gefunden hätte. + +Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er +gut aussähe, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt wäre ... + +Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu käme, +wollte sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen +kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, daß sie +entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den +Gartensaal, wo der Vater sie erwartete. + +Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf. + +Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem häßlichen +Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem +Zuge. + +Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von +Schweitzer begrüßt hatten, der sich dem Vater anschloß, gingen sie +zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er +den Anfang machte und stockend fragte: »Gnädiges Fräulein haben den +Rückweg neulich ohne Anstrengung gemacht?« + +Nun lachte Maggie. »Natürlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal +ehrlich, was Sie eben dachten.« + +»Ehrlich?« Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht. + +»Gewiß. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung.« + +Er nickte und sagte etwas verlegen: »Ich dachte, wie ich eines Abends +vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, -- und aus der +Damengarderobe trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute.« + +»Ich besinne mich zufällig auf den Abend auch,« antwortete Maggie +nachdenklich. »Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so. +Sie trug ein weißes Kleid mit Silber durchwebt.« + +»Ja, ja!« bestätigte er. »Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet +und eine Art künstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr +Fräulein -- Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein +herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz +starr ... So etwas Schönes hatte man überhaupt noch nie erblickt.« + +In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals. + +Sie waren an der Türe des Empfangszimmers. + +»Darf ich mir den Kotillon sichern?« bat Seckersdorf. + +Maggie bejahte freundlich, und begrüßte die Wirte, die ihr besonders +gewogen waren. + +Frau von Bork, eine große, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein +klein wenig aus der Jugend übriggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr +zu sagen, daß sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte. + +Maggie verschwieg, daß sie auch den Kotillon mit ihm tanzen würde. »Wenn +es sich nicht um Gertrud handelte,« dachte sie, am Arme des Hausherrn in +den Tanzsaal gehend, »welche Gelegenheit für mich selbst!« + +Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand +wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als +Maggie dann den älteren Damen, die noch gruppenweise im Saale +umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen +ballfiebernden jungen Mädchen unterhielt, immer von wohlwollenden, +bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, daß sie an diesem +Abend wieder die Gefeiertste sein würde. + +Das freute sie wegen Seckersdorf. + +Als die Musik mit der üblichen Polonäse einsetzte, kam es wie ein Rausch +über sie. + +Im Vollgefühl ihrer Jugendschönheit und Macht wuchs sie förmlich, und +dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern, +der sie zum Rundgang führte, hätte sie entgegenjubeln mögen. + +Es war doch wunderbar schön, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zügel +fest in der Hand. Vorwärts in alle die Freuden hinein! + +Sie sprühte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon +etwas schwerfälliger Herr gegen Ende der Dreißig, konnte ihr nicht gut +folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn +niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an +schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher +nicht genug von dem schneidigen Mädel erzählen, und so drängte man sich +um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im +Vorübergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den +Eindruck, als ob sie die einzige Dame wäre, die man für beachtenswert +hielt. Die zuschauenden Mütter begannen die Köpfe zusammenzustecken, die +tanzenden Töchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung +gelassen wurden, weil man beständig zu der Ecke hinübersah, in der +Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des +Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an, +ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend +bei den Damen zu verlieren. + +Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich +amüsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, daß man +nicht schön zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu +fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen? + +In einem Anfluge von Schuldbewußtsein atmete sie beklommen auf und sah +gedankenvoll zu Seckersdorf hinüber. Er hatte nur Extratouren mit ihr +wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genähert. Aber sie +fühlte, daß er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm +allein als gefeierte Ballkönigin zur Schau stellte. + +Und endlich kam das Souper. Maggie war müde geworden von dem vielen +Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er +führte sie zu einem Platz der hufeisenförmig gedeckten Tafel, an dem sie +neben dem Gourmet Beckers saß, während sich ihm zur Seite ein neu +verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenübersitzenden ihnen durch einen +hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so +ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er +verstand. + +»Ich bin der Attentäter, Fräulein Hagedorn,« sagte er. »Werden Sie nicht +bereuen, daß Sie mir das Souper gegeben haben?« + +»Was glauben Sie denn?« fragte sie geradezu. »Ich habe doch immerzu +daran gedacht, daß wir uns jetzt aussprechen würden. Ich sah es ja auch +Ihnen an, wie Sie darauf warteten.« + +Ja, er hätte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er wäre glücklich +gewesen, wenn er sie hätte sprechen können. Sie hätte ihn durch ihre +Andeutungen neulich in große Unruhe versetzt. Er wüßte nicht, wie es +durch ihn zu einem so schweren Mißverständnis hätte kommen können. Der +Gedanke peinigte ihn furchtbar und er bäte Fräulein Maggie inständig, +ihm alles zu sagen. + +Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und sah ihn von unten herauf +ernst an. + +»Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine +Schwester Gertrud noch?« + +Seckersdorf fuhr zusammen. »Fräulein Maggie!« + +»Ja,« fuhr sie fort. »Das ist die Generalfrage. Über die müssen wir uns +einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne Rückhalt sprechen soll. +Also ja ... oder nein?« + +Seckersdorf sah sie mißbilligend, fast hochmütig an. Er war blaß +geworden. + +»Fräulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines +anderen --« + +»Das heißt also: nein!« sagte Maggie kalt. »Gut, sprechen wir nicht +weiter über die Angelegenheit. Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind, +Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorwürfe deshalb. Mein +Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, daß _sie_ +Ihnen Avancen gemacht hätte.« + +»Gott!« Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor +sich hin. + +Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdrückten Zorns, +daß seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie +ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr würde +bändigen können. + +»Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erzählen, +soweit Sie unterrichtet sind,« sagte er leise, und seine Augen hingen +mit strengem Blick an ihrem Gesichte. + +Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erzählte. Ohne +mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf. + +Seckersdorf glühte und biß die Zähne zusammen. »Ich werde Ihren Herrn +Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski +zu geben.« + +Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen. + +»Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen denn wirklich in einen Skandal +gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren würde, +wenn Sie mit meiner Schwester zusammenträfen? Er hat schon in einem +unverschämten Brief an Papa verfängliche Andeutungen gemacht, doch ohne +Ihren Namen zu nennen. Übrigens können wir aus allem, was er sonst sagt, +nicht klar darüber werden, ob er überhaupt je auf eine Scheidung +eingehen wird.« + +»Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen?« fragte Seckersdorf tief +atmend. + +»Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so mürbe geworden, und +wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt --« + +»Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er?« + +»Es wäre doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich.« + +Ein traurig zärtliches Lächeln, rührend in diesem kraftvoll ernsten +Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen. + +»Wie er sie liebt!« dachte Maggie, jetzt mit Bewußtsein neidisch. + +»Sehen Sie,« sagte sie weiter, »schließlich ist es Papa ja auch nicht zu +verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt, +glänzend sogar -- sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt -- und die +Kinder ...« + +»Ja, die Kinder!« + +Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn. + +»Sie würde sie ihm lassen müssen!« sagte er. + +Maggie zuckte die Achseln. + +»Und sie ist fest entschlossen?« fragte er. »Sie ist _sehr_ unglücklich?« + +Maggie nickte nur. Sie hätte jetzt gut eine leise Andeutung über +Gertruds Liebe zu ihm machen können, aber mit einem Male wollte sie +nicht. + +Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum. + +Das Abendessen -- einfach mit vier Gängen, Maggie hatte alle gekostet, +trotz ihrer Erregung -- nahm seinen Fortgang. Trinksprüche wurden +ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Plätze +zurück, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter. + +Maggie fühlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich +eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so +sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von +dem allgemeinen Vergnügen ausgeschlossen und ... Nein -- sie +vergegenwärtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem +weinenden Mund und den zärtlichen Augen --, jetzt war sie doch wieder +mit Eifer bei der Sache. Was würde dieser große, starke, ungeschickte +Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an. + +Da fühlte sie ihre Hand gefaßt. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck. +Ein heißer Schauer überlief sie. + +»Fräulein Maggie!« sagte Seckersdorf. »Ich will Ihnen jetzt sagen ... +auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stück +Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch +den Großmütigen spielen mußte. Und als sie sich verheiratete, -- ja, was +soll ich sagen -- leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie +wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr +Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich, +und da bin ich mit einem Male in gute Verhältnisse gekommen. Und um die +lumpige Kaution hatte ich _sie_ aufgeben müssen. Das war mehr als hart.« + +Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein +bewegtes Gesicht. + +»Es gab dann ja viel zu tun!« sagte er weiter. »Landwirtschaft zu lernen +und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da +hab' ich im Anfang manchmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Wenn ich so +dachte ... das liebe, weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr +darunter ...« + +Es quälte ihn heute noch in der Erinnerung. + +Maggie fühlte ihr Herz seltsam gepreßt. + +»Aber, gnädiges Fräulein,« er sprach immer in demselben schlichten, +stillen Ton, »die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem +zuletzt über manches weg. Man wird auch älter. Man denkt schließlich an +all das mit ein bißchen Rührung und Wehmut und sagt sich ... es wär' so +schön gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wäre es auch +geblieben ... wenn ich Gertrud als glückliche Frau wiedergesehen hätte. +Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen -- +dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrückt -- und da find' ich sie +so blaß, elend und so vergrämt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja, +Fräulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzählen, wie's mit ihr +steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen +Sie ihr von mir sagen ... daß ich ihr ... daß ich ... mit Leib und Seele +... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...?« + +Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man hatte eben ans Glas +geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten. + +Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung +gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, für ein Glück, das +außer jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl +herkommt und jede sorgfältige Überlegung, alles Kalte, alles Unehrliche +vielleicht wegspült. »Eigentümlich muß es sein -- eigentümlich --« +dachte sie. Und plötzlich durchbrauste eine heiße Zärtlichkeit sie ... +für Gertrud ... für Seckersdorf. + +Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren, +nicht sentimental werden, sich schließlich regelrecht in diesen blonden +Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie +sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt würden glücklich, und +sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant wäre es gewesen, +diese merkwürdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergründen, -- +ein klein wenig zu erschüttern vielleicht ... + +Ob ihr das gelingen würde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele +wiederholte sie: »Aber das weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr +darunter.« Das war ordentlich aufregend. Ein Schauer überlief sie. Wie, +wenn sie's doch versuchte? Und dann großmütig verzichtete und wieder zu +Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, daß es zu glücken anfing? + +Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der +Gläser. + +»Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten,« sagte +sie, während sie mit ihm anstieß. + +»Ich werde es Ihnen nie vergessen,« erwiderte er einfach. + +Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. + +»Wissen Sie was, -- nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den +langen Kotillon zusammen ... Wie wär's, wenn wir täten ... als ...« + +»Als was?« fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab. + +»Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses +Vielliebchen ... =j'y pense=.« + +Er nahm die Mandel. »Und wenn ich gewinne,« bat er, »bekomme ich einmal +ein Briefchen mit Nachrichten, wie?« + +»Nein, nein!« sagte sie. »Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich +schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ... +Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht?« + +Er nickte ein paarmal. + +Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. »Das Souper gehörte Gertrud, +der Kotillon ist für mich,« dachte sie dabei. Aber sie besann sich +anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah, +daß man ihr die ausschließliche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte, +überredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor +dabei nicht. Die Herren verwünschten die morgige Holzversteigerung, die +den Vorwand zum frühen Aufbruch gab, und überhäuften sie im voraus mit +Blumen und Geschenken. + +Äußerlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres +Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob plötzlich etwas nicht ganz +klar in ihrem Leben sei. + +Der Vater strich ihr einmal, als sie längst im Wagen saßen, zärtlich +über das Gesicht. Da dachte sie, sie müßte weinen. Und aufgeregt, mit +Tränen kämpfend, saß sie in ihrer Ecke, während Hagedorn einschlief, und +sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten +Herbsthimmel zitternd übersäten. + + * * * * * + +Zögernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll böser Gedanken, trat +Maggie in Gertruds Schlafzimmer. + +Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bedürfnissen der +jungen Frau einigermaßen entsprechend hergerichtet worden. Was es an +Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, füllte das +weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schmücken +und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis +spät in die Nacht zusammen saßen und plauderten. + +Heute ärgerte sie sich, ärgerte sich gleich beim Hineinsehen über das +rote Lämpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht über das +duftige Zimmer warf. Gertrud fürchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind, +und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, daß sie bei Maggies +Hineinkommen nicht aufwachte. Und wußte doch, daß heute über ihre +Zukunft beraten worden war! + +Maggie schüttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie +Seckersdorf mit diesem unselbständigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie +die richtige Genossin für einen kraftsprühenden Gatten war, -- +zerbrechlich, halb verblüht, weltfremd und verzärtelt? + +Sie biß die Zähne zusammen und trat hastig an das Bett. + +Da erwachte Gertrud. Mit großen, noch träumenden Augen sah sie in die +Höhe und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom +Schlafen heiß, und die schimmernden Haarsträhnen fielen ihr tief ins +Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten +Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie +ausströmte, so unglaublich reizend, daß Maggie wider Willen sie in die +Arme nahm und dachte: »Nein, du sollst ihn doch haben.« + +In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester +umschlungen haltend, erzählte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr +gesprochen hatte, und daß er ihr gut wäre, wie damals, als er ihr weißes +Köpfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses +sah. Und wenn sie frei wäre ... + +Gertruds Gesicht wurde still und ernst. + +»Ich wußte es ja!« sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte +sie glücklich. Und das war alles. + +»Nun?« fragte Maggie. + +»Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen.« + +»Das mein' ich nicht,« erwiderte Maggie ungeduldig. »Ich wundere mich, +daß du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles +überlegst, mußt du dir doch sagen, daß es ein unerhörtes Glück für dich +ist, wie die Verhältnisse jetzt liegen ...« + +»Weißt du, Maggie, ein unerhörtes Glück wäre es gewesen, wenn wir damals +zusammengekommen wären. Jetzt ... ich weiß nicht, Kind ... Ich bin ja +gewiß stolz, daß er mich noch lieb hat ... wahrhaftig ...« + +»Du hast auch allen Grund dazu,« sagte Maggie heftig. »Bedenke, daß er +dich aus der Hand eines anderen nimmt, daß du nicht mehr jung bist +und ...« + +»Ach, Maggie, wenn _er_ elend und häßlich und alt wäre, hätt' ich ihn doch +auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich weiß +nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das +alles nicht.« + +Maggie brauste auf. »Hör' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa +mit moralischen Bedenken. Es scheint, daß das ein Vergnügen ist, mit dem +du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all +solche Halbheiten, solch bewußten oder unbewußten Selbstbetrug. Mir +komme nicht damit. Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen +und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten +Laukischker Verhältnisse und gibst Seckersdorf frei.« + +Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so +harte und bittere Worte zu ihr gesprochen. + +Was bedeutete das? »Maggie, warum machst du mir da so häßliche Vorwürfe? +Du weißt doch, daß ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh +mal, wär' ich auf das alles nicht eingegangen, hättest du kein Recht, +mir solche bösen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr darüber +sprechen ... Mögen die Dinge ihren Lauf gehen.« + +»Jetzt, wo du weißt, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit +Ruhe abwarten,« stieß Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer +herum. + +»Du, daß Hans mir gut ist, wußte ich in dem Augenblick, als wir uns +wiedersahen. An später hast _du_ gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie +wieder ... Komm her, Maggie!« Diese kam zögernd. »Du bist ja ganz wild +und aufsässig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke +dir schön, ich danke dir, daß du so für mich sorgen wolltest, danke dir +tausendmal für alles, was du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was +ist dir?« + +Maggie wußte es selbst nicht. + +»Ich glaube Ärger, Enttäuschung, daß du nicht so froh warst, wie ich +gedacht hatte,« sagte sie finster. »Vielleicht bin ich auch neidisch, +weil ihr so -- oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf +Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man +abschütteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr +aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unmöglich, daß du ihn je +vergißt? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich +gewesen wäre?« + +Gertrud sah sie kläglich an. »Frag' nicht so. Ich weiß, ich bin eine +pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles +über mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer +an _ihn_ gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn ...« + +Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. + +»Gute Nacht!« sagte Maggie kurz und lief hinaus. + + * * * * * + +Von nun an begann für Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich +über die Scheidung nachzudenken und wußte in ihrer Unerfahrenheit nicht, +wie sie ins Werk zu setzen wäre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen, +Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Fräulein Perl, mit der +sie einmal gesprächsweise und wie unbeteiligt das Thema berührte, sagte +ihr so viel Entsetzliches und Skandalöses darüber und erzählte so +abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten -- Gottlob nur wenigen +-- erlebt hatte, daß Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken +konnte, unter ähnlichen Verhältnissen sich der Öffentlichkeit +preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glücksgefühl +in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude äußerte. +Sie beschäftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem, +sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfräulein +überlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswürdigen +Geschöpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und +erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die +sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fühlte, in die auch +die quälenden Gedanken an die Zukunft keinen Einlaß fanden. + +Mit Maggie wollte sich die frühere innige Vertrautheit nicht wieder +einstellen. Gertrud grübelte viel über das sonderbare Wesen der +Schwester, machte hier und da einen schüchternen Annäherungsversuch und +zog sich wieder zurück, wenn Maggie sie kurz oder gar höhnisch abwies. +Zuletzt dachte sie, Maggie hätte ihr zwar das Opfer gebracht, mit +Seckersdorf zu sprechen, aber schließlich erkannt, wie unwürdig und +schlecht das im Grunde doch wäre, und verachtete sie nun. Maggie hatte +ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwürfe +genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran, +Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hören, daß er ihr gut +sei, daß er warten wolle, bis ... Doch dieses »bis ...« fing nun an, sie +furchtbar zu quälen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr +daran denken wollte, holte sie sich ihren Ältesten, einen schönen, +klugen, siebenjährigen Jungen und ließ sich die Angst von ihm +fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit +ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zärtlichkeit. Und so verliefen die +Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schön. + +Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem härtesten Gesicht +herum. + +»Was das Mädel mit einemal für Mucken hat?« wunderte sich der +Oberförster oft über seine Jüngste. + +Er sprach häufig von dem Waldlacker Abend, und daß Maggie an Gertruds +altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es wäre geradezu +auffallend gewesen; und er könnte gar nicht begreifen, daß jener danach +noch keinen Besuch gemacht hätte. + +»Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind!« äußerte er +gelegentlich eines Morgens, Gertrud mißvergnügt ansehend. + +»Ich glaube nicht, Papa,« sagte sie verlegen. + +»Blödsinn wär's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was würde, könnte +der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach +Laukischken zurück.« + +Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme, +gute Maggie! Sie stellte sich selbst bloß, sie gefährdete ihren +Mädchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging +ja nicht! + +Sie suchte Maggie auf und schmiegte sich an sie. »Liebes, liebes Kind!« +sagte sie. »Mir ist in meiner selbstsüchtigen Verblendung ja gar nicht +eingefallen, wie sehr ich dir schade. Um Gottes willen ... Papa +erwartet ja eine Bewerbung Seckersdorfs und glaubt, daß ich allein im +Wege bin?« + +Maggie machte sich los und sah schweigend zum Fenster hinaus. + +Der Wald lag im Schnee ... Weicher grauer Duft schloß die Ferne ab; +alles rückte nah, schmerzhaft nah. + +»Maggie, was ist's?« fragte Gertrud ängstlich. + +»Dumm und verdreht ist das alles!« sagte sie. »Ich bin in einer +Mausefalle. Aus dir ist nicht klug zu werden. Du bandelst mit +Seckersdorf an, man muß an einen furchtbaren Ernst bei euch beiden +glauben, -- und dann hast du dich mit den Kindern, als ob du gar nicht +daran dächtest, sie aufzugeben, und er läßt nichts mehr von sich hören. +Und ... und ... Papa hat recht ... Mir entgeht vielleicht die beste +Chance meines Lebens ...« + +Da war's heraus. Es hatte ihr fast das Herz abgedrückt. Tagaus, tagein +hatte sie sich damit abgequält und zuletzt gar nicht mehr versucht, ihre +Wünsche zu beherrschen. Sie malte sich immer nur aus, wie alles anders +sein würde, wenn sie, ungehemmt durch diese unbequeme Jugenderinnerung +der beiden, mit Seckersdorf hätte verkehren können, und so kam sie eines +Tages schließlich dazu, sich zu sagen: »Versuche was du vermagst! +Gertrud hat ihr Teil. Sie hat verspielt und muß eben zufrieden sein. +Und dann bleiben ihr ja die Kinder!« + +Sie machte sich auch die Schwierigkeiten klar, die sie zu überwinden +haben würde, wenn sie wirklich für sich ernst machen wollte. Dabei +geriet sie in ein Phantasieren über Liebe und Treue, über +Zusammengehörigkeit zweier Menschen, über die stille Festigkeit und den +Blick Seckersdorfs, wenn er an Gertrud dachte und an tausend Dinge, die +damit zusammenhingen und die bisher für sie nicht auf der Welt gewesen +waren. Das machte sie zornig und krank, das weckte den Wunsch in ihr, +derbe, harte Worte zu hören oder zu sagen, vor allem aber den, diese +Gertrud, die ganz ruhig zusehen wollte, wie man ihr ein unerhörtes Glück +aufbaute, die schon unerträglich siegesgewiß lächelte, diese Gertrud, +die ihr mit einem Male so fremd geworden war, zu kränken, zu verletzen, +mitten ins Herz zu treffen. + +War ihr das nun gelungen? + +Gertrud stand ganz blaß da und sah sie erschreckt und mitleidig an. + +»Arme Maggie!« sagte sie. »Das ist ja ein furchtbares Unglück.« + +»Was?« fragte Maggie kurz. + +»Daß du ... ihn nun auch liebst ... Ach, warum habe ich auch daran +nicht gedacht! Mein Gott, mein Gott ... was wird das nun?« + +Da lachte Maggie kalt. + +»Mit solch blödsinnigen Phantastereien, wie Liebe, verschon' mich!« +sagte sie. »Ich nähme ebenso gerne Kurowski oder jeden anderen, der mir +das bietet, was ich beanspruche.« + +Gertrud nahm ihre Hände und wollte sie an sich ziehen. Sie riß sich los. + +»Durch meine überspannte Zärtlichkeit für dich, an der du Schuld bist, +du ... mit dem 'weißblonden Köpfchen',« lachte sie höhnisch, »bin ich in +diese ganze schiefe Lage geraten. Sähe ich dich nicht jammern und +hinschwinden, wahrhaftig, ich würde mich nicht einen Augenblick +besinnen ...« + +»Ach, Maggie,« sagte Gertrud sanft, »Ich kenn' dich ja besser. Ich +verstehe dich auch ... glaube mir, ich kann ganz mit dir empfinden. Ich +hab' ihn ja selbst so lieb!« + +Maggie machte eine ungeduldige Bewegung und trat an das Fenster. + +Gertrud stand wieder hinter ihr. + +»Nein, Maggie, wir wollen solch einen Ton zwischen uns doch nicht +aufkommen lassen. Wir beide müssen zusammenhalten, wie auch alles wird. +Glaubst du denn, ich werde mich von dir so einfach zurückweisen lassen, +wenn du so elend bist, daß du schlecht sein willst?« + +»Damit fängst du mich nicht,« sagte Maggie kurz. + +Nun wurde es Gertrud doch zuviel. »Das will ich auch gar nicht,« sagte +sie ungeduldig. »Aber ich will tun, was ich kann, um dir diese Torheit +aus dem Kopf zu reden. Wenn du dich in Hans verliebt hast, so ist das +sehr schlimm; denn du wirst keine Erwiderung finden.« + +Maggie fuhr auf. »Nicht? Nun, das wollen wir doch sehen! Wetten?« Mit +zuckenden Lippen streckte sie die Hand aus. + +»Maggie, bist du denn mit einem Male ganz von Sinnen?« fragte Gertrud, +starr vor Schreck. »Ich begreife dich einfach nicht. Vor ein paar Tagen +kommst du ganz aufgeregt über Seckersdorfs Treue zu mir und redest +eifrig auf mich ein ...« + +»Und jetzt hab' ich mir die Sache überlegt,« unterbrach Maggie sie voll +Trotz, »und will ihn selbst heiraten.« + +»Maggie, vergißt du denn, daß er acht Jahre ...?« + +»Nein, nein, nein, es ist ja genug davon die Rede,« erwiderte Maggie +zornig. »Aber trotzdem werde ich ihn mir erobern -- verstehst du?« + +Gertrud drückte ratlos ihre Hände zusammen. + +»Maggie, wenn er dich lieb hätte, ich schwöre dir, ich würde dir das +große Glück gönnen. Aber ... ich weiß --« + +Maggie riß das Fenster auf und atmete tief die kühle, klare Luft ein, +die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang. + +Gertrud fröstelte und trat zurück. + +»Siehst du!« höhnte Maggie. »Nicht einmal einen Luftzug kannst du +vertragen. Du bist ein verzärteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich +mit den Verhältnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und +kämpfen kannst du nicht ... Aber _ich_ kann ... und ich will ... Ich sage +dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mühe geben, Seckersdorf dir +abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann, +ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau +werde.« + +Gertrud sah sie blaß und traurig an. »Tu's!« antwortete sie leise. »In +dem einen hast du recht, daß ich vielleicht nicht gut genug für ihn bin +... Und kämpfen um seine Liebe -- nein, das kann ich nicht! Ich kann nur +warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du +mir seine Worte ausgerichtet hast ...« + +»Warte du lieber nicht, Trude,« sagte Maggie weicher. »Laß uns beide +ehrlich kämpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm daß du ihm gut bist, +-- und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.« + +»Quäle uns nicht weiter mit solchen Gedanken,« bat Gertrud. »Du weißt ja +gar nicht, was du sprichst. Sei vernünftig und gut.« + +»... und laß mir Seckersdorf!« spottete Maggie. »Nein, ich will nicht. +Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich für mich tätig sein. Über +Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich weiß sehr +wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt +lacht.« + +Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort über die Lippen. +Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie böse und +kalt an. + +Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und +überflüssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stände und höhnisch zu ihr +herüberspräche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans +Seckersdorf war ja da -- und hatte sie lieb. + +»Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft +wohl aus sein!« sagte sie mutig. »Tue, was du willst. Schön ist's +nicht, was du vorhast, und -- ich glaube, vergeblich.« Sie ging nach +der Tür. Da fiel ihr noch etwas ein. »Und ich verbiete dir, Maggie, mit +Hans über mich zu sprechen!« setzte sie hinzu und ging hinaus. + +Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken, +die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr +durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen +durchkostete, drängte sich noch beängstigend, verwirrend die Frage: Muß +ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur +anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit +und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu +bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen. +Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefühl und +Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte. + +In all ihr Grübeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres +Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in +dem Ton, den er ihr gegenüber brauchte, wenn er gut gelaunt war, +forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und +Bedienung. Es wäre dort schön, und er hätte sich's vorgenommen, ihr +endlich ihre Launen abzugewöhnen. + +Da wußte sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie +sprach mit niemand über den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle. +Kühl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, daß und warum sie +eine Trennung wünschte, und sagte ihm, daß sie nach seinem Benehmen +gegen sie bestimmt annähme, er würde ihr nichts in den Weg legen. Nach +Nizza käme sie selbstverständlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe, +wüßte sie auch noch nicht, würde es ihm aber in nächster Zeit mitteilen +können. + +Damit war der Kampf eingeleitet. + +In dem Gefühl, sich von den Ihren durch diesen selbständigen und von +ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben, +zog sich Gertrud nun täglich mehr von ihnen zurück. Es wurde ihr leicht, +da der Oberförster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege +ging. Es war ihr nun ganz klar, daß die Schwester nicht in einer bösen, +sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern daß sie imstande sein +würde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln. + +Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fühlte, daß +man sie, die einst so geliebte und verwöhnte Tochter, nicht mehr gern +dort sah, und begriff, daß sie über kurz oder lang mit ihren Kindern +einen anderen Platz würde suchen müssen. + +Natürlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ängstigte sie +sich vor den unsicheren Verhältnissen, denen sie, im Besitz so geringer +Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so +unmöglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen, +jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie +lassen wollte. + + * * * * * + +Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschluß. Oft fragte sie +sich: »Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf?« und zuckte +ebenso oft die Achseln über diese Frage. + +Er gefiel ihr -- natürlich. Er war eine männlich kraftvolle Erscheinung +und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der großen Welt mit +sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits +rechtsgültig adoptiert hatte, besaß außer Romitten mit seinen vier +Vorwerken noch große Güter in Sachsen, von deren Ertragsfähigkeit man +Wunder erzählte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche +Beziehungen in den höchsten Kreisen, die natürlich dem Adoptivsohn auch +zugute kamen. Welche Aussichten also für sie, die einfach bürgerliche +Oberförsterstochter aus Ostpreußen! Eine Chance, von der sie sich nie +hatte träumen lassen. + +Daß Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschätzte sie durchaus +nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so +viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird, +wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht, +muß er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwächlich, bequem +oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mußte +gewinnen. + +Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie ließ ihn so +oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mußte, wenn sie Gertrud in +den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie +überlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen +hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung für Gertrud in eine neue +Leidenschaft für sie selbst hinüberzulocken. Aber zunächst mußte sie ihn +treffen, und sie machte schon Pläne, das in die Wege zu leiten, als das +Glück ihr zu Hilfe kam. + +Der Oberförster hatte nach längerem Überlegen die offizielle Verwaltung +der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen für die Aufforstung der +verwahrlosten Schläge einen ehemaligen tüchtigen Revierförster +empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine +Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben +und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen. + +Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet +worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die +gedungenen Taglöhner standen, ohne Ahnung, was weiter tun, da. +Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter +war klar, ein weicher Wind deutete auf noch länger anhaltende Milde, und +die Arbeitszeit mußte wahrgenommen werden. + +»Wie wär's, Maggie?« fragte der Oberförster, dem noch am Frühstückstisch +der Romitter Brief überbracht wurde. »Hältst du mit? Ich möchte am +liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zurück stramm unsere +zwanzig Kilometer!« + +»Natürlich, Papa, wie immer,« sagte Maggie und streifte Gertrud, die +blaß und aufgeregt ihr gegenüber saß, mit einem triumphierenden Blick. + +Der Oberförster lächelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds +Haar. »Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, -- so was konntest +du nie.« + +»Nein,« antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, »das konnte ich +nie.« + +Mit großen, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die +achtete nicht darauf. Gertrud hätte aufschreien mögen: »Nehmt mich mit!« +Eine heiße Angst preßte ihr Herz zusammen. + +»Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa,« sagte Maggie, +»damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde +selbst ein paar Worte schreiben.« + +»Du, Mädel, verhau' dich nicht!« warnte der Vater erstaunt. »Briefe +schreiben ...« + +»Ich tu's ja in deinem Namen, Papa,« widersprach Maggie, setzte sich an +das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort +liegenden Briefbogen. + +Gertrud sah mit brennenden Augen zu. + +Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz flüchtig zu, und der Vater +reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen, +und wie hatte es so kommen können? + +Angstvoll und gedemütigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg +einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr herüber, +und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen. + +»Ich will nicht daran denken!« nahm sie sich vor und trocknete sich die +feuchte Stirn. »Wenn sie wüßte, wie sie mich quält! Und nützen wird es +ihr doch nichts. Er ist Schöneren und Besseren in der Welt begegnet, die +langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben.« + +Damit tröstete sie sich und ging an ihre täglichen Beschäftigungen. + +Der Oberförster und Maggie kamen unterdessen tüchtig vorwärts. + +Es war ein Vergnügen, so zu wandern. Der November schien sich in einen +Frühlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher bläulicher Duft +umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen, +rötlichen Schein durch das graue Gewölk, Haubenlerchen trieben sich in +den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich +Krähen in dichten Scharen. + +Der Oberförster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt. + +»Und nun sag' mal, Maggie,« fing er nach einem längeren Schweigen an, +»was machen wir mit der Gertrud?« + +»Ja, Papa,« erwiderte Maggie zögernd, »ich wollte längst mit dir darüber +reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich +tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt.« + +Hagedorn machte große Augen. »Da soll doch der Teufel ... I da soll +doch --« + +»Ja, und weißt du, Papa, ich bin mit Schuld daran,« fuhr Maggie schnell +fort. »Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch +für sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun ...« + +Der Oberförster fuhr empört auf. »Zum Teufel, da seid ihr ja beide ... +Weißt du, daß das dumm und niederträchtig ist, was du getan hast?« + +Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre +Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung für ihr Benehmen gegen Gertrud. + +»Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das +alles anders geworden --« + +»Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! Lüge nicht ... Nun seid +ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen könnte ich dich. Die Gertrud wird +sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben +... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ... +meine Töchter ...« + +»Papa, ereifere dich nicht,« sagte Maggie kalt, »damit änderst du doch +nichts.« + +»Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar,« rief der Oberförster +und lief wütend weiter. »Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit +dem Seckersdorf so =pani braci= gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud +geködert.« + +»Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft +eingefallen, daß ich mir selbst doch eigentlich die Nächste bin.« + +Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst +durch Gertruds Zärtlichkeit für ihre Kinder stutzig geworden sei, wie +sie allmählich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer +Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei; +und schließlich wären dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre +eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich +in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die +überging sie möglichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach +sie überhaupt nicht. + +Der Oberförster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung +Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war, +ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam +vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem +Manne gegenüber, nur nützen, und die Sache würde sich schon einrenken, +sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den +Kopf gegangen, daß Gertruds wegen möglicherweise die Partie zwischen +Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen könnte; daß Gertrud aber an +Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt. + +Er überhäufte Maggie mit Vorwürfen. Er fand es schamlos, daß sie unter +solchen Verhältnissen sich Hoffnungen machte. Sie hätte abzuwarten, ob +Seckersdorf kommen würde, wenn Gertrud abgereist wäre. Und daß das auf +der Stelle geschähe, sollte seine erste Sorge sein. + +Maggie ließ den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann +auseinander, was sie sich überlegt hatte. + +Kurowski mußte wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht +allzu leicht gemacht werden. Er würde ja ohnedies einer Scheidung +abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil +Gertrud die bequemste Frau für ihn war. + +Der Oberförster brauste wieder auf, daß er sich auf derartige +Hinterhältigkeiten gar nicht einließe. Frau wäre Frau und bliebe es; er +dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie +sähe. + +»Tu' das nicht, Papa,« sagte Maggie, »sonst verfährst du die ganze +Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles +umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede +Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, -- nicht +meinetwegen.« + +Der Oberförster sah sie groß an und wußte in seinem Staunen über ihre +kühle Berechnung nichts zu sagen. + +»Sieh, Papa,« fuhr Maggie fort. »Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig. +Schließlich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf +glückt ...« + +»Sprich nicht so frech!« fuhr der Oberförster auf. + +Maggie sah ihn fest an. »Bitte, warum nicht aussprechen, was man +empfindet? Hätte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, wäre sie +nicht in ihr Unglück gerannt.« + +Der Oberförster wußte nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte. +Im Grunde hatte sie recht, und die beste Lösung wäre es, wenn ihr Plan +ihr gelänge und sie sich Seckersdorf gewann; aber daß sie ihn in die +Intrige verwickelte, ihn gewissermaßen zum Mitschuldigen gegen Gertrud +machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das +empörte ihn, und die Bewunderung für das kaltblütige, zielbewußte +Vorgehen Maggies hinderte nicht, daß er sie für ein herzloses, +unleidliches Geschöpf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen, +ihn aber aus dem Spiele lassen. + +»Kein Wort will ich weiter hören -- kein Wort!« schalt er. »Und heute +kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf +überhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich +meine Töchter gut versorgt weiß; aber so mit List einen Menschen +einfangen, der für die eigene Schwester schwärmt, pfui! Und die Gertrud +-- eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, daß ihr ohne Mutter +aufgewachsen seid.« + +Maggie ließ ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wußte, wenn +er sich die erste notwendige Empörung vom Herzen gesprochen hätte, würde +er sich die Sache überlegen und schließlich sehr froh sein, wenn +zunächst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt wäre. + +Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor. +Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine +widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und +dabei dachte: »Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu hören.« + +Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit +Seckersdorf hindern wollte Er bemächtigte sich seiner ausschließlich, +gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht übernehmen, +und was das Schlimmste war, Seckersdorf hörte mit vollster +Aufmerksamkeit zu, fragte, ließ sich belehren und sprach selbst so +anhaltend zu den Leuten, daß sie schließlich eine ungeduldige Bemerkung +über seinen Eifer machte. + +Er wandte sich um. »Entschuldigen Sie mich,« bat er. »Ich bin Landmann +mit Leib und Seele und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne. +Wir haben auf Isenburg ganz ähnliche Forstverhältnisse.« + +»Sie gehen wieder zurück?« fragte sie, froh, ein Gespräch anknüpfen zu +können. + +»Wahrscheinlich.« + +Der Oberförster rief ihn, ehe er etwas hinzufügen konnte, von neuem an. +Er hatte an einem der wenigen geschlagenen Stämme ein fremdes +Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung. + +Seckersdorf wußte sie nicht. Der Oberförster sprach Vermutungen darüber +aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben; +und darüber ereiferten sich beide Männer so, daß Maggie niedergeschlagen +hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu +betrachten begann. + +Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen, +zugleich mit dem Abneigungsgefühl gegen Seckersdorf, der ihr diese +Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gespräch +heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden +Blick zuwarf, kochte eine jähe Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in +ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt. »Nun gerade!« sagte sie +sich, und wartete zornig und geduldig zugleich. + +Und ihre Stunde kam. + +Das Wetter änderte sich plötzlich. Der Wind schien die schweren Wolken, +die massig und unbeweglich über dem Wald gestanden hatten, mit einemal +niederzudrücken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder, +der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in kürzester Zeit ein +tüchtiger Landregen werden mußte. + +Der Oberförster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war +außer sich. Zwei Tage noch hätte sich das Wetter halten müssen, und nun +äffte es ihn auf solche Weise. »Wenn ich allein wäre, wollte ich +übrigens nicht viel davon reden,« sagte er schließlich. »Aber das kommt +davon, wenn man ein schwacher Vater ist.« + +Maggie lachte. »Mir macht doch das bißchen Regen nichts, und mein +Lodenkleid ist auch daran gewöhnt.« + +»Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie +natürlich nach Hause!« sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh. + +Er wechselte mit Maggie einen Blick. + +Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede, +daß er in das Haus des Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten: +»Aber das ist ja =force majeure=, siehst du das denn nicht ein?« + +Der Oberförster verstand beide. »Nein, lieber Freund, das nehm' ich +nicht an,« sagte er. »Fünf Meilen in einer Tour ist zu viel für Ihre +Gäule!« + +Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung +seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich +also und machte ein höflich leeres Gesicht, aus dem doch die mühsam +bezwungene Enttäuschung hervorguckte. + +Der große Junge! dachte Maggie ärgerlich. + +»Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar,« fuhr der +Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestärkt. +»Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein +Mädel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und +schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause. +Einverstanden?« + +»Mit tausend Freuden,« rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. »Wenn +Sie, und vor allem das gnädige Fräulein, in meinem Junggesellenhaushalt +vorliebnehmen?« + +Auch Maggie empfand diese Lösung als eine glückliche und freute sich +auf das Abenteuer; denn etwas Ähnliches wäre es doch. Während sie +einstiegen, sagte sie ihm halblaut: »Papa hatte recht, Sie durften nicht +mit!« Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, während er +vom Kutschersitz her die Zügel führte. + +Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, über die langweilige, von +Ebereschen eingefaßte Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen über +die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein +lebendes Wesen zeigte sich. + +Der Oberförster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock +gewickelt. Maggie saß gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend. +Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als +sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefühl über sie. »Das alles +ist mir untertänig.« Und besonders amüsierte sie, daß der, dem in +Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehören sollten, gar nicht ahnte, daß +sie in Gedanken mit ihm teilte, daß sie mit dem festen Willen in sein +künftiges Besitztum einfuhr: »Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich +es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.« + +Wie ein Rausch kam es über sie. Ein wilder, energischer Siegerwille +brauste durch ihre Gedanken und gab ihrer Erscheinung einen starken, +neuen Reiz. + +Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte, +großen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen, +aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe +schob und von der Schwelle der Tür, die man bei dem hastigen und +lautlosen Vorfahren noch nicht geöffnet hatte, den beiden Herren ein +übermütiges »Willkommen!« zurief, da fuhr Seckersdorf zurück vor der +prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mädchens, das ihm mit der +ganzen ursprünglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte. + +Dann verlief alles regelrecht und programmäßig. Diener und Hausmädchen +versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der großen Treppenhalle, in +der eine Bank aus altertümlichem Holzrat mit einem riesigen Bärenfell +davor, alte verrostete Kürasse und Waffen und eine Menge vertrockneter +Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altväterisch behagliches, +molliges Zimmerchen geführt, in dem alles darauf hindeutete, daß es zum +ausschließlichen Gebrauch für Damen bestimmt war. + +»Es ist noch von früher her so,« bemerkte das junge adrette +Dienstmädchen, »und der gnädige Herr hat es wieder in Ordnung schaffen +lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.« + +Maggie nickte. Sie hätte für ihr Leben gern gefragt, welche Damen den +Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren +Lebensgewohnheiten doch so sehr, daß sie schwieg und mit dem Mädchen nun +in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den +Leuten so sehr an ihr imponierte. + +Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Führung des +Mädchens in das Eßzimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar +hinein. Es füllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztäfelung und +ehrwürdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, daß er +von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr +bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Eßtisch; es +stand auf gelblich weißem, feinsten Damast, dessen tiefe Bruchfalten +zeigten, daß es lange im Wäscheschrank geruht hatte. Die altertümlichen +Gläser mit dicken Füßen trugen eine Krone und zwei verschnörkelte +Buchstaben. + +Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein +ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten +schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs +verwaltet, dann von ihm übernommen war und zu einem neuen Erbgut für +seinen jüngsten Sohn eingerichtet werden sollte. + +So erzählte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der +Oberförster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider. +Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und +trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr draußen auf +dem großen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen. + +»Wie steht's?« fragte er hastig. »Was habe ich zu erwarten? Schnell ... +ich bitte Sie ...« + +Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds +Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein +prickelndes Wohlgefühl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat +sie nicht. + +Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem +Ausdruck innigen Mitleids vertiefte. + +»Ich weiß nicht recht,« sagte sie suchend, »Herr von Seckersdorf, ich +müßte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, daß Gertrud an Sie +denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schließlich nicht so viel +Verständnis für das Verantwortlichkeitsgefühl einer Mutter.« + +»Was heißt das, Fräulein Maggie?« fragte Seckersdorf bestürzt. »Haben +Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ...« + +Maggie nickte. »Wörtlich, Herr von Seckersdorf.« + +»Und?« + +»Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wußte ich ja!' Und dann +ist sie still geworden und hat diese übertriebene -- ich meine, sie hat +ihre Kinder von da ab mit ganz ausschließlicher Zärtlichkeit behandelt. +Und als ich -- ich dachte doch, man müßte ihr ein bißchen helfen -- sie +ist so ängstlich und im besten Sinne des Wortes förmlich, und ich wollte +Ihnen auch gern Nachricht geben ...« + +»Kurz und gut?« sagte Seckersdorf erregt. + +»Ja, sie ist sehr böse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit +Ihnen über sie zu sprechen.« + +»Ihnen verboten?« wiederholte Seckersdorf ratlos. »Ernsthaft verboten? +Aber Sie selbst sagten mir doch ...« + +Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem +Augenblicke empfand sie für ihn etwas von der Zärtlichkeit, die sie der +Schwester entzogen hatte. + +Ihr wortloses Mitgefühl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhängende Hand +und hielt sie fest. + +»Sie sind gut, Fräulein Maggie!« sagte er leise. »Aber, bitte, sagen Sie +mir, was heißt das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud +hat ja mit mir kein Wort darüber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und +ich sah es ihr ja auch an ...« + +»Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud,« bat +Maggie weich. »Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung +nach unglücklich --« + +»Natürlich!« sagte Seckersdorf mit Überzeugung. »Alle Welt weiß, wie +schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ...« + +Maggie machte eine abwehrende Bewegung. + +»Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem +eine große Zuneigung für Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es +werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud +Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es +klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, daß sie, wie sie sagt, +eine anständige Frau bleiben will.« + +Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht überschattete sich +mit einem hochmütigen Zuge des Befremdens. + +»Hat sie das gesagt?« fragte er kurz. »Hab' ich sie etwa ... Aber das +kann ja nicht sein. Fräulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten +Zusammentreffens?« + +Sie nickte eifrig. »Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner --« +das Wort ging doch nicht ganz glatt über ihre Lippen -- »meiner Liebe zu +Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr +nichts geändert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und +jetzt ist sie acht Jahre älter und elend und Mutter und --« + +Ein zärtlich mitleidiges Lächeln löste seine Lippen, die er vorhin fest +aufeinandergepreßt hatte. + +»Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen,« fuhr Maggie fort, und warf +einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervöses Zucken bei ihren +Worten nicht bemeistern konnte. + +Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf. + +»Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknüpfen zu wollen, eine +zerrissene Sache,« sagte er fast schüchtern. »Es ist wahr, Fräulein +Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals. +Ich möchte sie wieder schön und froh haben, und ich dachte, wie Sie +damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei +sein würde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu bereden oder zu +verleiten, wenn sie es für Sünde hält. Recht hat sie ja auch, rein und +gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder überspannt. Was +nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit +abgefunden ... Bloß ...« + +Er legte die große, weiße Hand übers Gesicht, als wollte er es in diesem +Augenblicke nicht sehen lassen. + +Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr +sie der Gedanke: »Was tust du da?« Und gleich hinterher: »Was willst du +selbst mit diesem großen Kinde, das so ganz erfüllt von der anderen +ist?« + +Es fehlte nicht viel und sie hätte eingelenkt. Aber da kam der +Oberförster hinein, und man setzte sich zum Essen. + +Seckersdorf machte liebenswürdig und ohne etwas von seiner Erregung zu +verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekümmerten +Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere +Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen +möglichen Dingen neckte. + +»Ich will dich zerstreuen, dir über diese Stunde hinweghelfen,« sagten +ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete +darauf mit einem schwachen Lächeln. Sie wiederum fühlte, daß ihr +Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter. + +Das Essen war mäßig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die +Herren natürlich, und dank Maggies Munterkeit -- »sie ist immer so«, +bemerkte der Oberförster -- schien die kleine Tafelrunde bald in +fröhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer großen +Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast +redselig. + +»Ich hab's nicht gedacht, daß ich noch so sein kann,« gestand er +ehrlich. »Aber, gnädiges Fräulein verstehen es, einen vergnügt zu +machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.« + +»Das findet Gertrud auch immer,« sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr +dann leicht zusammen, heimlich überlegend. »Ob er nun nicht vergleicht?« + +Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedächtnis rief, machte er +zwar ein trübseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch. + +»Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter?« fragte er höflich. + +»Gott bewahre,« sagte der Oberförster an ihrer Stelle mit mehr Betonung +als nötig gewesen wäre. »Die war immer nur zum Ansehen und zum +Hätscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken Sie, tausend Mark +Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heißen für unsere, das +heißt meine Verhältnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die +paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles +übrige zu bestreiten!« + +Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhältnisse, auf Beamtentum und +Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprächs damit in Verbindung +brachte. + +Maggie sah dabei nicht mit dem üblichen interessierten Blick höflicher +Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung +machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grübelte nie viel, aber ihre +unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte für ihre +Gedanken zu finden, ließen sie viel weltkluger scheinen, als sie war, +und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit +unterlaufen ließ, kam sie bei den Männern trotzdem nie in den Verdacht +einer verpönten Gelehrsamkeit. + +Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an. + +»Was bist du für ein Mädel?« übersetzte Maggie sich seine Blicke. »Gut, +klug und temperamentvoll.« + +Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde schon dämmrig, als der +Oberförster an den Aufbruch dachte. + +»Schade,« meinte Maggie. »Ich hätte so gern das interessante alte Haus +gesehen. Da gibt's sicherlich Schätze über Schätze.« + +»Viel altes Gerümpel,« sagte Seckersdorf. »Aber falls Sie sich dafür +interessieren, würde es mir eine große Ehre sein, wenn mir vielleicht +ein andermal ...« + +Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zögern +schüttelte sie doch den Kopf. + +»Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist,« erwiderte +sie, den Vater fragend ansehend. »Wir lassen sie nicht gerne viel +allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen.« Beide Männer +wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich kühler, als er nach den +behaglichen Stunden wohl hätte sein müssen. + +Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flüchtig einiges +Geschäftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem, +und dann ging's fort. + +»Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski,« sagte Seckersdorf +zum Schluß sehr steif. + + * * * * * + +Gertrud hatte den Vormittag verträumt. Es waren kaum bewußte Grübeleien, +denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen, +unklaren Bildern an ihr vorüber. + +Tränen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald +sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprühenden +Regens herumspielten. + +Ihr war eigentümlich zumute. Sie wußte ganz genau, daß sie Seckersdorf +liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, daß sie Maggie fürchtete, ja +beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewußten Gedanken +regte sich mit vorahnendem Kältegefühl einer, der an Pflicht und +Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmüssen mahnte, +und alte Bibelsprüche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt, +bekräftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die +Selbstvorwürfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene +Stimme hinein: »Gertrud, komme zu mir!«, und dann schloß sie die Augen +und träumte sich trotz allem mit süßem Schauer an seine Brust und klagte +ihm alles und sagte: »Denk' du für mich und sorge, daß ich das Rechte +tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!« + +Aus diesem Empfinden rüttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller +Gram, daß sie, auch wenn das heiß Ersehnte sich ihr erfüllen sollte, +nicht mehr imstande sein würde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie +Herbstschauer überflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine +unvernünftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den +Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschützt vor dem grauen +Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt +tat. + +Was sie wohl sprächen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrängen? Eine +trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlüsse +sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was +sie ihm sagen würde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue +Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde +Mittag und niemand kam heim. Sie aß schließlich mit Fräulein Perl und +den Kindern und fing wieder ein schüchternes Gespräch über unglückliche +Ehen an, über Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so +allerlei, was ihr durch den Kopf ging. + +Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus +Nizza. Zitternd schloß sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt +Kurowski seinen Worten auf dem Fuße folgte, und lange konnte sie sich +vor Angst nicht entschließen, den Umschlag zu öffnen. Es waren kaum zwei +Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las. + + »Mein liebes Kind! + + Es wird Zeit, daß ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu + reden. Vorläufig so viel: Ich will durchaus nicht zurücknehmen, was + ich Dir oft gesagt habe, nämlich daß Du mir als Frau und Gefährtin + nicht genügst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte + Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken. + Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's + nicht erleben, daß ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte + kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in + meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir + kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal + so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde + mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen, + wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im übrigen keine + Feindschaft und keine Gefühlsduselei. + Kurt.« + +Gertrud warf sich schluchzend über ihr Bett. Sie fühlte sich wieder ganz +unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen, +die sie schüchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte, +verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine +grauen Flügel um sie. + +»Was tue ich nur, was tue ich nur?« fragte sie sich immerzu. »Wer hilft +mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!« + +In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken +fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, daß Hans +Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen würde, ohne daß sie ihn rief. +Und da rang sie sich zuletzt den Entschluß ab, ihm ein Wort zu +schreiben. + +Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wußte sich keinen +anderen Rat, und sie fürchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor +dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf. + +»Er hat mich ja lieb, und er kommt gewiß gleich,« dachte sie. Und sie +schrieb unter strömenden Tränen in ihrer hübschen, korrekten +Schulmädchenhandschrift: + + »Lieber Freund, ich bin in großer Herzensangst. Und da Maggie mir + gesagt hat, daß Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben, + bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich + bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden + kann. Mit vielen Grüßen Ihre Gertrud Kurowski.« + +Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf. +Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wäre alles gut, +er würde kommen und ihr sagen, was sie tun müßte. + +Sie ruhte aus in dem Gedanken, -- aber ihre Kinder anzusehen wagte sie +nicht mehr. + +Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flüchtig herumstichelte, setzte +sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg übersehen +konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurück waren, sollte ihr Bote, +der älteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war +eingefallen, daß der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den +Wald treffen und anhalten möchten. Sie sagte dem Stubenmädchen also +Bescheid, ließ sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen +einzuschärfen. »Es handelt sich um eine Geschäftssache,« erklärte sie +verlegen dem Mädchen und dem Burschen, und fand das sehr überlegt von +sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: »Solche kleinen +Winkelzüge werde ich nun wohl öfters machen müssen ...« + +Endlich kamen die Erwarteten zurück. Maggie sprach sehr viel, erzählte +ausführlich alles Äußere ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf, +beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich +hauptsächlich an Fräulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie +war, ließ doch äußerlich ruhig alles über sich ergehen. Denn der Vater +beobachtete sie, während Maggie erzählte. An dieser selbst glaubte sie +hier und da ein spöttisches Lächeln wahrzunehmen. + +Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem +einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs, +und morgen vielleicht wußte sie, wohin und was tun. + +Während des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmädchen ein und +wartete, bis man sie bemerken würde. + +Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie +aber wahr, daß Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen. + +»Was gibt's?« fragte der Oberförster und sah sich um. + +Das Mädchen kam näher. + +»Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den +Brief mitnehmen kann, -- oder soll doch der Fritz gehen?« sagte sie halb +zu Gertrud gewandt. + +Die wurde totenblaß. Sie winkte dem Mädchen, hinauszugehen. Der +Oberförster stand auf. + +»Welchen Brief?« fragte er unwirsch. + +»Von der gnädigen Frau,« sagte das Mädchen schüchtern. + +Der Oberförster kniff die Augen zusammen. + +»Überhaupt nicht mehr nötig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den +Brief her!« + +Eine große Stille entstand. + +Gertrud sagte sich immerzu: »Ich muß protestieren, ich muß meinen Brief +abschicken.« Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor. + +Der Oberförster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurückkommen +des Mädchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und +Fräulein Perl begriff überhaupt nichts. »Hast du denn nach Romitten +geschrieben, Herzchen?« fragte sie ahnungslos. + +Gertrud schwieg. + +Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberförster nahm ihn ihr ab +und winkte ihr hinaus. + +Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerriß er den +Brief, ohne ihn zu öffnen, und warf ihn in den Papierkorb. + +»Pfui!« sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. »So etwas tut meine +Tochter! Was wolltest du von ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst +du von ihm ... Schämst du dich nicht?« + +Ja, Gertrud schämte sich, als hätte sie ein unsühnbares Verbrechen +begangen. Sie wußte vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fühlte +sich ganz zerbrochen und dachte nur. »Fort, fort! Oder lieber noch +sterben!« + +Sagen konnte sie nichts. + +Der Oberförster wurde dunkelrot. + +»Wirst du reden?« schrie er. + +Da trat Maggie zur Schwester. + +»Quäle sie doch nicht unnütz, Papa,« sagte sie. »Schließlich kann sie +doch tun und lassen, was sie will.« + +»Nicht in meinem Hause,« rief der Oberförster erregt, »nicht in meinem +Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte +Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine läuft +hinter dem Menschen her, daß es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm +Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefällig zu und halt's Maul zu +dem ganzen Treiben, nicht wahr?« + +»Es ist kein Liebesbrief, Papa,« sagte Gertrud heiser. »Du erlaubst +wohl, daß ich mich entferne. Ich werde ... überhaupt bald fortgehn ...« + +Sie taumelte hinaus. + +Der Oberförster lief erregt im Zimmer umher. »Wenn bloß der Kurowski +wieder da wäre.« + +Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem +Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten. + +Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. Über Gertrud, über sich, über +das ganze Leben. + +Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermißte sie Gertrud. Sie +hätte zu ihr hineinstürzen mögen und sich ausschreien. Vielleicht auch +lachen über die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: »Trude, +sei gut ... du sollst ihn wieder haben.« + +Und doch, nein -- das würde sie nicht. Was fiel ihr denn überhaupt ein? +Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden? + +Gute und böse Gedanken überstürzten sich in ihr und versetzten sie in +einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze +Berechnung, auf die sie ihr künftiges Leben gründen wollte, eine falsche +sei, als ob sie verlieren würde, auch wenn sie's erreichte, Frau von +Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann +verspottete sie sich selbst und verhärtete sich in ihren Grübeleien über +Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr +Schicksal selbst zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze +Situation überlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter +Segen für sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie würde es vielleicht +auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie führte ihre +Sache und kämpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position +war die günstigere. Es hieß also sich zusammennehmen, anstatt zu +träumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren +natürlichen Bundesgenossen, ihren Schwager. + +Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch +überzeugt, daß er sich schon aus äußerlichen Gründen zu einer Scheidung +nicht entschließen würde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und +redete sich die Ansicht ein, daß es zweckmäßiger und vernünftiger wäre, +wenn die Ehe nicht getrennt würde. Sie hatte sich nur durch Gertruds +klägliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten +lassen ... Man hätte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen +ihren Tyrannen aufzutreten, nötigenfalls ihr dabei helfen müssen, +anstatt -- + +Mitten in diesem Gedankengang sprang sie ärgerlich aus dem Winkel auf, +in dem sie sich zusammengekauert hatte. + +Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komödie vor? Etwas tun +mußte sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause +kommen. Gertrud wäre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wäre der +Skandal fertig. + +Heiß von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie +abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges +altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert +auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mußte also +noch aufgeschoben werden. + +Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gäste zu begrüßen. + +Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch +saßen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken, +tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemütlich und neckten +Maggie wie sonst. + +Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgfältig hinaufgekämmten, +schwarzen Haarsträhnen, ein freundlich ironisches Lächeln um den breiten +Mund, war ehemals der Schwerenöter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb +und sanft, hatte viel leiden und sich viel grämen müssen. Heute nannten +sie sich »Papa« und »Mama«, sahen beide friedlich und fertig aus, und +hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten für einander, um sich das +Leben leicht zu machen. + +Das war wohl der übliche Ausklang aller traurigen und frohen +Ehemelodieen. + +Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski +und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei, +und sie fühlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen, +auszuschöpfen, zu genießen, solange sie noch jung und ihre Nerven noch +dafür empfänglich waren. + +Die Freunde fanden den Oberförster verstimmt und Maggie still. Man fing +an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte +Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die +Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine. + +»Herrgott!« rief der Oberförster dazwischen. »Wo bleibt denn eigentlich +die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh +mal nach, Maggie.« + +Maggie ging zögernd hinaus. Lina behauptete, die gnädige Frau zu +derselben Zeit wie das Fräulein benachrichtigt zu haben. + +Maggie ging also hinauf. + +Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die Tür leise +auf. + +Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds +Schreibsachen lagen. Sie selbst saß am Fenster. + +Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in +eine weiße Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus. + +Der Mond schien gelb durch die graugrünen Wolken, die in Streifen und +Fetzen über den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl +und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um. + +Maggies Herz zog sich zusammen. + +»Was willst du tun? Wo willst du hin?« fragte sie zitternd. + +»Fort,« sagte Gertrud, ohne sie anzusehen. + +»Wohin?« + +Gertrud zuckte die Achseln. »Du, ich wollte weg,« sagte sie, »aber mich +friert so.« + +»Es ist, als ob sie den Verstand verloren hätte,« dachte Maggie +entsetzt. + +»Komm doch vom Fenster fort,« sagte sie beherrscht. »Es zieht so.« + +Gertrud stand auf. »Ja,« sagte sie, »das ist wahr.« + +Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den Mantel aus und nahm ihr +den Hut ab. Sie ließ es sich gefallen. + +Maggie hätte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und +fürchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke. + +»Was willst du?« fragte Gertrud lebhafter, in Angst. + +»Aber, Kind, heut' ist es schon zu spät, heut' kannst du nicht mehr +fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der +Jungfer ...« + +Gertrud hielt sie fest. + +»Ich habe einen Wagen gehört,« sagte sie bang. »Ist mein Mann etwa da?« + +»Nein, nein, -- wie sollte er?« sagte Maggie bebend. »Wie kommst du +darauf?« + +»Mir fiel ein, er könnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein --«, +sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag. + +Maggie nahm ihn an sich. + +»Die Auklapper waren es,« sagte sie. »Sie wollen dich gern sehen. Aber +du wirst nicht können, nicht? Du mußt zu Bett, ja?« + +Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie +klingelte. + +»Die gnädige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr,« bedeutete sie die +eintretende Jungfer. + +»Das geht wieder vorbei,« flüsterte die ihr zu. »Das war ebenso, als die +gnädige Frau mit den Junkern fortging.« + +Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre +Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei +dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen +war. + +Ehe sie die Gäste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, überflog +sie den Brief Kurowskis. + +Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an +Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend! + +Aber schließlich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte +gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein. +Sie hat es ja gewußt, daß Kurowski sich auf nichts einlassen würde. +Gertrud hatte eben verspielt. + +Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur flüchtig mit dem Vater. + +»Man wird doch an Kurt drahten müssen,« meinte der. »Weiß Gott, ob sie +uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorwürfe +machen. Besorge du das.« + +Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann schüttelte sie den Kopf. + +»Nein, setze du das Telegramm auf,« sagte sie zögernd. »Ich schreibe +unterdessen nach Friedland an den Doktor.« + +Der Oberförster überlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann +faßte er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen +plötzlicher Erkrankung Gertruds heimrief. + +Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nächsten Morgen auf und +setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine große, stumpfe +Ruhe. Lähmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bißchen +Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, überspann sich mit +einer ihr bisher unbekannten Gefühllosigkeit, und um sie herum wogte es +in gleichmäßigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie +einwiegen. + +»Ich habe zuviel aushalten müssen,« dachte sie ab und zu, »und dies ist +wohl der Rückschlag.« + +Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt +sie unbewußt immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung +vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder +seufzend in ihren Lehnstuhl zurückzukauern und weiterzudämmern. + +So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine +Fragen ganz vernünftig, erklärte sehr müde zu sein und niemand sehen zu +wollen. + +Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von +starker Blutarmut und schwerer Nervenüberreizung und erkundigte sich +nach etwaigen Gemütsbewegungen. + +Der Oberförster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede +Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und +verschonte auch Maggie mit Vorwürfen nicht. Der Arzt schüttelte den +Kopf, gab Schlafmittel, empfahl äußerste Ruhe und versprach +wiederzukommen. + +Maggie ging blaß und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf +benachrichtigte und zu Gertrud führte, würde diese sicherlich gesund +sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was würde nun geschehen? + +Gertrud würde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld. +War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den +Herrschern, die über Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden +haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich +ebenso gebrochen fühlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel +an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo +einen Halt; auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit +doch noch morgens und abends betete. + +In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre +ganze Heiratsidee verwünschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und +schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den »Freund« bat, +Gertruds wegen herüberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand +und rechnete aus, wann Kurt eintreffen könne. Darüber versäumte sie, den +Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als könnte sie nun Gertrud +leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein. + +Gertrud saß wie vorhin da, mit großen, stillen Augen auf den Fahrweg +blickend. + +Sie war überirdisch schön, ganz ohne verhärmten oder verängstigten +Ausdruck in dem reinen Gesicht. + +»Wie eine Tote,« dachte Maggie und trat zitternd näher. + +»Trude!« + +»Was willst du?« + +Maggie kauerte sich auf die weißen Felle an Gertruds Stuhl. + +»Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen?« + +Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und +selbst zu leuchten schien. + +»Warum?« fragte sie. »Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft +mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen.« + +Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht +herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von +Sentimentalität mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich +selbst, wie hätte man wohl Kurowski gegenübertreten sollen? + +Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem +gutmütigen Seckersdorf. + +Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach +wahrhaftig der »Herr und Meister«, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich +war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der +großen schönen Welt umherzieht und in allem Genießen durch die +Erinnerung an ein »weißblondes Köpfchen« gestört wird! + +Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfüllten sie ganz. +Dazu war auch das ganze Hauswesen verstört. Die Kinder spielten in dem +entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken +versteckt, und mit Fräulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um +Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestört +ließ; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkündete sie im +ganzen Hause, es würde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen. +Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel +geschehen seitdem? + +Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft für den +übernächsten Mittag anmeldete und sich Nachricht über Gertruds Befinden +auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße ausbat. + +»Wenn Gertrud das hört, rafft sie sich auf und läuft fort, elend wie sie +ist,« meinte Maggie. »Das Beste wäre schon, wir überlassen alles +Kurowski.« + +Der Oberförster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man +selbst Fräulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und +Tochter. Aber ihnen beiden war böse zumute, und merkwürdigerweise +glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie +den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange +Rede herunter: »Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter +der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Fülle +von Lebensglück und Glut über dich rauhen Mann ausströmte, -- statt ihr +Kind nun in der großen Not ans Herz zu nehmen und es zu schützen, +treibst du es zu dem Wüstling zurück, der seine Umarmungen zwischen ihr +und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst +zittert ...« + +Und auch Maggie wand sich förmlich unter den Anklagen, die sie selbst +aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst +machte, bis sie schließlich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenüber +aufstand und sagte: »Weißt du, Papa, wir beide sollten uns nun schon +lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewiß das Beste, +aber die Verhältnisse sind eben stärker als wir.« + +Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im +Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tür +öffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst hätte die beiden nicht so +erschrecken können, als die schöne, ernste Frau, die in ihrem langen +weißen Schlafrock plötzlich vor ihnen stand. + +»Um Gottes willen, Gertrud!« stotterte der Vater. »Wird dir das nicht +schaden? Weshalb rufst du uns nicht?« + +»Mir ist ganz wohl, Papa,« sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang +rauh. »Ich sah den Depeschenboten vorhin über den Weg kommen. Hat Kurt +telegraphiert?« + +»Bewahre,« log der Oberförster. »Ich soll morgen nach Brasnicken zum +Essen. Ganz plötzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie, +sorge für das Kind.« + +Maggie kam näher. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich +herausreden würde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte. + +Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den +Vater dankbar an und nickte beruhigt. + +»Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja?« sagte sie. + +In diesem Augenblick fühlte Maggie ein Überfluten alles Guten in sich. +Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte +aus ihr hervorsprudeln: »Glaub' uns doch nicht, wir betrügen dich ja. +Aber ich will nun nicht mehr -- komm -- komm ...« + +Ein guter Blick von Gertrud, und sie hätte das alles gesagt und die +Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und +nahm die gebotene Hand nicht. + +Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut +und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte, +und sie sah Gertrud so böse an, daß diese zusammenschauerte. + +»Ich geh' schon,« murmelte sie und eilte nach der Tür. + +Der Vater wollte sie zurückhalten, aber sie achtete nicht darauf. + +Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose +Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, daß sie +sich sagte: »Ich muß fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach +dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, weiß, daß keiner mir helfen +wird, muß ich allein sorgen.« + +Geld hatte sie vorläufig ja genug, an das »Später« brauchte sie noch +nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und +aus dem Wege wünschte. + +Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an. + +»Aber gnädige Frau können doch so elend nicht nach Hause,« warf die +bescheiden ein. »Und die Mamsell muß doch da auch erst alles besorgen.« + +»Laß, laß,« sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die Hände vor die +Ohren. »Pack nur für alle Fälle!« + +»Aber gnädige Frau sehen so furchtbar müde aus ... Und die Unruhe hier +mit dem Packen,« meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen +besorgt ihre geliebte Herrin an. + +»Ja, das ist wahr,« antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. »Unruhe +möcht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was +draußen ist. Ich bin wirklich sehr müde. Hilf mir!« + +Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen +nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ... +Oder sollte er von Laukischken aus ...? + +Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie +bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und +vergaß für viele Stunden ihre ganze bittere Not. + + * * * * * + +Das Wetter hatte sich plötzlich geändert. Die Wolken waren verflogen, +der Himmel weit und blaß, die Sonne matt und kühl. Ein scharfer Wind +schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen. +Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und +an der Windseite der Fichtenstämme am Waldrand glitzerte es und rann +widerwillig sich lösend in schimmernden Tropfen herab. + +In solchem Wetter, dem unerwünschtesten für Landtouren, kam Herr von +Kurowski nach zweistündiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der +Oberförsterei an. + +Er war ein großer, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen +Bewegungen ein Ausdruck höchster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit, +jedes Zurückwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das +Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen +Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein +Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig. + +Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren +war, die Treppe hinauf dem Oberförster entgegen, mit dem er jahrelang +kein Wort gewechselt hatte. + +»Nun, wie steht's?« fragte er in seinem harten, kurländischen Dialekt. + +»Besser, besser, -- aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir +durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen.« + +Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite. + +»Die Jungen? Ah ...!« + +Maggie trat ihm entgegen. + +Er begrüßte sie, küßte feurig ihre Hand, und, als sie groß und wie in +Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund. + +Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und +lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn +zustürmten. + +Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbzärtliche Worte und schob sie +zur Seite. + +»Wo ist sie denn?« fragte er. »Wollen Sie mich zu ihr führen, Maggie?« + +Maggie schoß das Blut siedendheiß durch den Körper. »Seien Sie sehr gut +mit ihr,« bat sie stockend -- »sie ...« + +Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert, +halb ironisch an. Maggies Trotz bäumte sich auf unter diesem Blick. + +»Gehen Sie nur allein zu ihr,« sagte sie kurz, »und übernehmen Sie die +Verantwortung.« + +Kurowski blieb im Hausflur stehen. + +»Was machen Sie denn für Umstände, Schwägerin? Selbstverständlich will +ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie können +ja nachkommen.« + +Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam. + +Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, öffnete die Tür. +Entsetzt, mit ausgestreckten Händen blieb sie stehen und fand keine +Worte. + +»Na, sieh' mal,« -- Kurowski faßte sie an den Schultern und zog sie ins +Zimmer -- »laß dich mal anschauen ... Schön wie der Tag steht sie mir +da, und der Alte depeschiert, als ob's Matthäi am Letzten wäre.« + +Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer. + +»_Sie_ haben dich gerufen?« fragte sie ungläubig. + +»Aber natürlich. Ich wäre sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun +sag' mal, Kind, was ...?« + +»Nichts, nichts ... nichts,« sagte Gertrud hastig, und ihr weißes +Gesicht fing an zu glühen. »Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du +willst, Kurt. Gleich -- gleich ... Ich will bei dir auch nicht bleiben, +aber zunächst komme ich mit. Laß mich nicht eine Stunde länger hier.« + +Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der Tür stand. + +»So, so,« sagte Kurowski. »Ihr habt euch gezankt ... Und recht kräftig, +scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell!« + +Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zurück. + +»Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater +auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich +mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind.« + +Kurowski faßte seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zurück und sah +ihr nachdenklich in das erregte Gesicht. + +»Bleib oben, Kind,« sagte er dann freundlich. »Ich werde alles +besorgen.« + +Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte +ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der +seine brutale, unberechenbare Rücksichtslosigkeit nur für den Augenblick +unter ironischer Freundlichkeit versteckte. + +Natürlich würde er Gertruds kopflose Übereilung ausnutzen. Es war ja +auch gut so. Doch nun, da sie den Schwager wiedergesehen hatte, fühlte +sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und daß es jetzt für +immer zu spät wäre, es gutzumachen. + +Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet. + +Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen +großen, geräuschvollen Auftritt gefaßt. + +Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz +gleichgültiges Gespräch über die Schönheiten der Riviera. + +Der Oberförster ließ es eine Weile über sich ergehen, dann brauste er +auf. + +»Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner +Tochter?« + +»Ach so,« sagte Kurowski und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun, +Sie haben mir ja einen hübschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so +schlecht behandelt, daß sie sich schleunigst in meine Arme stürzt, +nachdem sie mir brieflich kurz und bündig erklärt hatte, daß sie sich +scheiden lassen will ... Schönen Dank also, alter Herr ... Übrigens +werde ich natürlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem +Entschluß der Scheidung aufzuhetzen ...« + +Maggie sprang auf. »Ich ... ich,« rief sie voller Empörung. »Ich hab' +sie beredet ... ich habe Seckersdorf ...« Sie hielt erschrocken inne und +konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten ... + +Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an. + +»Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her?« fragte er. + +»Ja, ich dulde so etwas nicht,« schrie der Oberförster. »Eine +verheiratete Frau! Aber ebensowenig laß ich mir einen Zwang auferlegen. +Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schließlich mit +dem Seckersdorf verderben ...« + +»Papa,« unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn. + +Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang +zu ahnen und lächelte höhnisch. + +»Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen.« + +»Sie werden sie nicht quälen,« rief Maggie heiser. + +Kurowski lachte. »Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit +Seckersdorf machen ... Übrigens, Glück haben Sie mit Ihren Mädels, +Papa.« + +Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies +totenblasses Gesicht und ihre zornfunkelnden Augen enthüllten ihm die +ganze Wahrheit. + +»Also noch einmal,« sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. »Mag +nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich +hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenüber, und so +gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spaß obendrein.« + +»Ich werde in jedem Fall Gertrud schützen,« sagte der Oberförster mit +starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, daß er das tun +würde. + +»Sicher, sicher,« höhnte sein Schwiegersohn. »Aber für heute bitte ich +um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schönen Dank für die +Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren können?« + +»Ich glaube,« sagte Maggie tonlos. Der Oberförster ging selbst hinaus, +um die nötigen Anordnungen zu treffen. Er fürchtete Gertrud ins Gesicht +zu sehen und dachte doch mit einem Gefühl banger Erleichterung, daß nun +ja alles gut wäre. + +Eine Stunde später saß Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den +Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskräftige Mann, die schöne +Frau, die er sorgsam stützte, die lebhaften, zärtlichen Knaben, das +alles gab das Bild eines vollendet glücklichen Familienlebens. Und doch +war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden +Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus +zurück, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war +sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttäuscht in den noch einmal +erwachten Glückshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie +das doppelt zerbrochene Leben weiterführen, vereint mit dem Mann, vor +dem sie hatte fliehen müssen ... + +Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr +vollkommen gleichgültig waren, ein Merkwürdiges auf: Sie hatte mit +einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann. + +Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie übrigens voller Reue und +Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem kühler +denkenden Vater heftige Vorwürfe machte, daß er jene so ruhig dem +»Scheusal Kurowski« überlassen habe, ging in der Oberförsterei alles +seinen früheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause +gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern +fortgezogen, und eine unerträgliche Nüchternheit breitete sich überall +aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man hatte jahrelang so +wie jetzt gelebt und nichts vermißt. Die Entfernung von Gertrud war die +gleiche, und dennoch, wie anders schien alles! + +Der Oberförster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und +Terminen zu tun und kam immer müde und verärgert heim. Nachbarbesuche +blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen +nachdenklich und schweigsam viel für sich. Das konnte nicht so bleiben, +sagte sich Maggie eines schönen Morgens. Es war nun genug gegrübelt und +getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so +vielem belastet hatte, ernsthaft zurückzukommen. Und von da an ging +alles wie am Schnürchen. + +Sie teilte Seckersdorf mit, daß Gertrud wieder in Laukischken wäre und +bat ihn, schleunigst herüberzukommen. Der Vater war natürlich an dem +bestimmten Tage nicht zu Hause, und Fräulein Perl hatte mit der +Festschlächterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem »armen Freunde« +ihr volles Herz ausschütten und ihn zu trösten versuchen. + +Das war eine merkwürdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit männlicher +Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm plötzlich wieder so nah +gerückten Jugendtraum verflattern gesehen. Ihm war immer weh zumute, +wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit +dem Bewußtsein, daß er sich auf höchstes Lebensglück keine Hoffnung mehr +zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ändern. Wenn Gertrud +gewollt hätte, wäre es wohl möglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu +besiegen, und er hätte sie auf seinen Händen dafür durchs Leben +getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, daß sie die +einmal übernommene Pflicht heilig hielt, und er mußte sie noch mehr +verehren darum. + +Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die +tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, -- sie +sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie +Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt +hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt +bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rührend unbeholfene Bitte, die er +enthalten: »Helfen Sie mir doch,« schrill durch die Seele. Heiße Tränen +flossen ihr über das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trüben +Sinnen heraus voller Verwirrung an. + +»Fräulein Maggie ... Sie weinen?« Er stockte. + +Sie schluchzte weiter. »Ach, sehen Sie, daß Gertrud sich solch ein +Glück durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, daß auch Sie darunter +leiden müssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war +unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen +geradezu in die Arme ...« + +Und sie erzählte alles, wie jemand, der die inneren Vorgänge nicht +kannte, die äußeren auffassen mußte. Danach war freilich die arme +Gertrud ein schwächliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand +dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel +von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste überging sie, die +unendliche Herzensgüte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die +scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken +zurückzog, und betonte ausschließlich die große Ängstlichkeit, das +Unselbständige, Schwankende, das ihr eigen war und gewiß -- wie Maggie +hervorhob -- einen großen Reiz an Gertrud bildete, nur daß das alles +nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam. + +Sie, Maggie, hätte ja, robust und tatkräftig wie sie war, gern geholfen, +wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugänglich war. Dann weinte Maggie +wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz +allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu +einem Bruch hatte kommen müssen. + +Desto mehr erfuhr er über Maggies Ansichten und wie sie gehandelt hätte, +wenn sie Gertrud gewesen wäre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr +schmeichelhaft für ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie +sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in +Schutz, aber zugleich mußte ihn doch der Gedanke beschäftigen, wie schön +es gewesen wäre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in +gleicher Weise für ihre Liebe eingetreten wäre. + +In den nächsten Tagen trafen sie auf einem großen Diner in Auklappen +zusammen. Sie saßen weit voneinander und konnten sich auch zufällig im +Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das +beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine +Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lächeln über sein +ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen. + +In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer stürmischen +Zärtlichkeit für ihn, und sie dachte: »Gott sei Dank, ich bin ihm +wirklich gut.« Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug, +ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen. + +Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nächsten Tage zu +Pferde, »einer Forstangelegenheit wegen«, blieb zum Kaffee und ritt erst +abends wieder fort. + +Das nächstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab öfter und öfter. + +Da wurde in des Oberförsters und Fräulein Perls Gegenwart natürlich nur +wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe +Maggie sein, nur ein klein wenig gedämpfter, und mit einem warmen, +kameradschaftlichen Ton für ihn, der dem schlichten, weichen Manne +unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das +kraftsprühende Sichausgeben, die unbändige Lebenslust in ihr +Seckersdorf, der still und müde geworden war, ersichtlich an. + +»Weiß Gott, wie es kommt, Fräulein Maggie,« sagte er einmal, »auch wenn +man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man versöhnt +sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, daß man sie erlebt hat ...« + +»Was für ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?« +fragte der Oberförster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken. + +Da sahen sich die beiden groß an und schwiegen befangen. + +Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schön. Mit dem Gedanken an +Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen +kühlen, bläßlich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu +gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grübeln übertäubt durch +den großen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor +Augen, halb Komödie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit +junger heißblütiger Menschen bei häufigem Alleinsein, immer in der +Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszögernd. + +Es verging schließlich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von +Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch +nicht; Maggie kannte den wehmütig scheuen Blick längst, der in Gedanken +an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener. + +Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen. +Seine schmalen Gänge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie +glitt aus, Seckersdorf stützte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn +gelehnt. + +Er preßte sie heftig an sich, dann ließ er sie schnell los, sah sie mit +maßlosem Erstaunen an und schüttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen +und konnten auch später im Zimmer in kein rechtes Gespräch mehr kommen. + +Solche kleine Zwischenfälle wiederholten sich, ohne daß es zu einer +Aussprache kam. Der Oberförster fing an, verstimmt zu werden, wenn +Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang. +Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurück, als daß sie ihm in +seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wäre. + +Darüber kam das Weihnachtsfest näher. Seckersdorf sollte dazu nach +Sachsen zurück, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort +oder hier in Ostpreußen seinen dauernden Wohnsitz nehmen würde. + +Eines Nachmittags, der Oberförster war hinausgegangen, und man hörte +sein Schelten von dem Hof her, erzählte Seckersdorf Maggie davon, +während er im Zimmer umherging. Sie saß mit einer Bescherungsarbeit am +Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer +Bekanntschaft eine furchtbare Angst, daß sie sich am Ende verrechnet +haben könnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn +ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenblaß vor Erregung und Bangigkeit. + +»Was ist Ihnen, Maggie?« fragte er herzlich, »Sie sehen nicht gut aus.« + +Sie schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. »Also Sie gehen +bestimmt?« fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort. + +Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an, +fragend, warm, schwer atmend. + +Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen. + +»Maggie?« sagte er unsicher. + +»Was?« + +»Kann das sein?« + +»Was?« fragte sie noch einmal leise. + +»Ist das möglich, daß wir -- uns gut sind?« + +»Ich glaube,« sagte sie mit hellem Aufjauchzen. + +Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie küßten sich, +wie Verdürstende, die sich endlich, endlich satt trinken. + +So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut. + + * * * * * + +Für Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten +furchtbaren Zeit zu Hause erträglich gestaltet. + +Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze +raffiniert luxuriöse Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, überkam sie +zunächst ein Gefühl von rein körperlichem Wohlbehagen. + +Sie wunderte sich, daß das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit +solchen Entschlüssen möglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann, +teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, ließ sie in Ruhe, +nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie über die Einzelheiten +ihres Zerwürfnisses mit den Ihren auszufragen. + +»Ich möchte nicht darüber sprechen,« hatte sie kühl erwidert, und +schließlich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie +doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, daß sie sich nicht mehr als +seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte. + +Er hatte ihre Worte ins Lächerliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage +ganz unbehelligt gelassen. + +Und als sie äußerlich gleichmütig und kühl, bei aller innerlichen +Zerbrochenheit, Morgen und Abend vergehen ließ, ohne sich ihm gegenüber +zu ändern, hatte er, dem ein solcher Zustand unerträglich schien, eine +große Aussprache herbeigeführt. + +Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau +immer den Kürzeren zog. + +Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben. +Er hatte ihr gesagt, daß er prinzipiell in eine Trennung einwilligen +würde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal +zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich für zwei +praktische, nüchterne Leute, die nach außen hin Verpflichtungen haben, +geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich +zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gäbe, +und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten. + +Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine +Wohltat für Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie +fühlte, zurückgedrängt gegen das, was so verstandesmäßig an sie +herantrat. + +Ohne viel zu überlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu +machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende geführt, durch die +ihrem Mann unwillkürlich Respekt abgenötigt worden war. + +Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau +zu fühlen. + +Sie mochte nicht immerzu über die Bosheit grübeln, die man ihr angetan +hatte, über die Schande, in die sie bald gesunken wäre, -- sie wollte +schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte, +meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem +knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten. + +Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mußte +sich mühsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen +durch Gewohnheit und Übung selbstverständlich ist. + +Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das möglich gewesen sei, +so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war +allerdings eine alte Mamsell über dem Ganzen tätig gewesen, die +Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem »gnädigen +Herrn« zusagte. + +Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf für sie +gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein +stillschweigendes Zugeständnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt +einverstanden war, da sie dadurch zum selbständigen Disponieren +gezwungen wurde. + +Ihr anfänglich fester Entschluß, sich doch von ihrem Manne zu trennen, +verblaßte mit der zunehmenden Tätigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit +oder Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben, oder weil sie ihrem Gatten +etwa freundlicher gesonnen gewesen wäre; vielmehr ging ihr in dieser +Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemühte, ihren Pflichten gerecht zu +werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der +Erkenntnis auf, daß es weniger auf Glück oder Unglück ankommt, sondern +darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit +Ehren auszufüllen. + +Ihr Mann war viel auswärts und kümmerte sich anscheinend auch im Hause +nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein +liebenswürdiges, gescheites Mädchen, mit der sie gern ab und zu +plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer +Kränklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmäßigem Gleise weiter, +ohne Widerwärtigkeiten, aber in grauer Eintönigkeit. Von Hause hatte sie +nur einen Brief durch Fräulein Perl erhalten, der bloß vom +Alleräußerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufällig bei den paar +Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hörte sie nichts mehr von +allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequält und mit so +widersprechenden Glücksgefühlen erfüllt hatte. Das war sehr gut, sehr +gut, sagte sie sich abends und morgens. + +Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine »lieben +Kinder«. + +Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und +lachte hell auf. + +»Da,« rief er zu Gertrud herüber, die mit klopfendem Herzen darauf +wartete, den Inhalt zu erfahren. + +»Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natürlich +höllisch ... Na, was ist das?« + +Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein. + +Kurowski sprang zu ihr. »Nimm dich zusammen,« zürnte er. »Was soll das +heißen?« + +Gertrud richtete sich auf. Heiße Tränen liefen ihr übers Gesicht. + +»Weinen, -- hier vor meinen Augen weinen!«, schrie Kurowski empört. »Das +ist allerdings stark.« + +»Kurt,« sagte Gertrud leise, »tu', was du willst. Du weißt es ja, daß +ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung.« Der +zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen höhnischen über. + +»So,« sagte er, seinen Bart streichend. »Nun, wir reisen jedenfalls hin, +um zu gratulieren.« + +Gertrud sah ihn mit gequälten Augen an. »Nein,« sagte sie. + +»So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!« + +»Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.« + +Als sie sich so zu ihm neigte, schön wie der Tag, mit einem fremden, +entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn plötzlich eine rasende +Eifersucht. Er faßte sie an den Schultern. + +»Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich +mit ihm getroffen, ich bin betrogen!« + +Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben +Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie +sich nicht so rein fühlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr +Wort, daß sie Seckersdorf nie gesehen hätte. + +Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, daß er an diese Dinge +besser nicht mehr rührte, und nahm von einem Gratulationsbesuche +Abstand. + +»Unter der Bedingung, daß wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen +und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurückkommen,« sagte er. + +Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht +heuchlerisch die Hand drücken mußte! + +»Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin,« wiederholte ihr Mann +finster, »damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weißt, +ich lasse nicht mit mir spaßen. Und der Seckersdorf soll sich nichts +mehr einzubilden haben, wie damals -- verstanden?« + +Gertrud schauderte zusammen. »Verlaß dich drauf,« sagte sie tonlos und +lief hastig aus dem Zimmer. + +Sie wußte nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung, +Gedemütigtsein, oder das zum Äußersten gesteigerte Bewußtsein des +Verlustes. + +»Lieber Gott,« betete sie wimmernd, »gib mir einen großen Stolz, einen +unbändigen Stolz, oder laß mich sterben.« + + * * * * * + +Maggie war nun zufrieden. Die alltäglichen kleinen Aufregungen der +Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glückwunschbesuche +der Nachbarn und Freunde, die Beratungen über die nächsterforderlichen +Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in +Anspruch, daß sie sich nicht mehr weiter in Grübeleien vertiefte. + +Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Bräutigam +fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr saß, ihre Hand schlaff in der +seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand +sie einen Stich in dem Gedanken: wäre er ebenso gelassen zärtlich, wenn +_sie_ hier neben ihm säße? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest +und heiß werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbündete +war, von ihr gesprochen hatte. + +Das tat sie übrigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff +gewesen, eine verspätete Hochzeitsreise zu machen -- wie Maggie deren +Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte --, als ihre Verlobungsnachricht in +Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen. +Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Fräulein Perl, und da +war viel von Hofbällen, von Auszeichnungen der Majestäten, viel von +»Kurt« die Rede, und den Schluß machten immer »freundliche Grüße« für +den Vater und das Brautpaar. + +Darüber gab es dann natürlich zu reden, und Maggie war auch überzeugt, +daß es zweckmäßig wäre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu +nennen. Seckersdorf gewöhnte sich daran und zeigte keine so merkbare +Bewegung mehr, wie im Anfang. + +Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natürlich! +Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten +Kameraden, aber ... es war doch gut, daß sie im Grunde auch nicht alles +gab, was sie hier und da einmal heiß in sich aufbrausen fühlte ... Nicht +für ihn, für niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es +war wirklich niemand da. Und so küßte sie wieder, wie Hans Seckersdorf +sie küßte, und dachte oft dabei an die große Flamme, die einmal in ihm +gebrannt hatte, und ob die für immer ausgelöscht sei ... + +Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschäftigte sie sich nicht viel. Sie +wollte deren glänzende äußere Erlebnisse, von denen sie hörte, als +Tatsachen nehmen und nicht über der Schwester Seelenzustand grübeln. Sie +machte es diesmal ebenso wie ihr Vater, und der war ja sein Lebtag bei +dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen. + +Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekündigt +hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran +glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zögern gefragt, ob die +Laukischker wohl im Ernst daran dächten. + +»Selbstverständlich,« hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch +davon überzeugt, daß Gertrud es nicht über sich gewinnen würde, zu +Seckersdorfs Hochzeit zu kommen. + +Darüber rückte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und +Übersiedlungspläne brachten immer mehr Unruhe in das tägliche Leben. Die +Ausstattung war besorgt, Erwägungen über die Art der Festlichkeiten +kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht. + +Sie überlegte, wie sich alles für sie am vorteilhaftesten machte, und +ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre äußere +Erscheinung zu glänzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette +bereitete ihr ein paar schlaflose Nächte. + +Zuweilen überkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflächlichkeiten, die +jetzt ihr Leben ausfüllten; aber sie überwand ihn und redete sich +schließlich immer wieder das »große Ziel« ein, das sie in kurzer Zeit +nun erreicht haben würde. + +Wenn Gertrud doch nicht käme! Vor einer blassen, vergrämten Gertrud +hätte sie sich ihr Leben lang fürchten müssen. In ihrer Phantasie +natürlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wäre, würde an keine andere +mehr denken, dessen war sie sicher. + +Aber Gertrud kam. + +Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von +Kurowskis, ihre Zusage für den nächsten Tag ein. + +Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgültig auf; Maggie, +aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht +so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberförster +war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse +des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm +fortgewischt. + +Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles +war geräumt, um Platz für die Gäste zu schaffen, die in großer Menge +erwartet wurden, und sämtliche Zimmer und Durchgänge mit Tannenbäumen, +-zweigen und Girlanden geschmückt. Gertrud hatte es sich bei ihrer +Hochzeit schon so gewünscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu +haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck +gewählt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu +beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf Änderungen, +beschäftigte die Leute, und nahm Fräulein Perl alles aus der Hand. Sie +fühlte sich recht als Siegerin. + +Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das +Herz doch still. Sehr blaß trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte +im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der +Schwager begrüßte sie laut, während Gertrud in kühlem Herabneigen das +Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu küssen. + +Das hieß: »Ich habe nicht vergessen.« + +Trotzig sah sie nun auf -- und fuhr fast zurück. Gertrud leuchtete ihr +in einer Schönheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen +hatte. + +Auch der Vater und Fräulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen +darüber. + +Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen +selbstbewußten, ja triumphierenden Zug in dem regelmäßig stolzen +Gesicht, das sie sich in Gedanken blaß und gramzerstört vorgestellt +hatte. + +»Ja, die weiß sich jetzt zur Geltung zu bringen, die schüchterne, +bescheidene Gertrud,« bemerkte ihr Mann. »Nicht wiederzuerkennen, sag' +ich euch, seit sie ein bißchen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war +auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine?« + +Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu hören, was Kurowski +sagte. Mit hochmütig nachdenklichem Blick musterte sie ihre frühere +Welt, in der sie so viel gelitten hatte. + +Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, während man in Eile und +Ungemütlichkeit Kaffee trank und der Oberförster und Fräulein Perl über +eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem +Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der +Bräutigam denn käme, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte, +fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf würde wie die anderen +Gäste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und +meinte, Maggie sollte sich auch noch zurückziehen; sie sprach in +gleichgültig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos +Maggie gerade darüber war. + +»Sie muß diese Maske fallen lassen,« dachte diese zuletzt. »Ich werde +sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will.« + +Sie begleitete Gertrud hinauf in das früher von ihr bewohnte Zimmer, das +jetzt für diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr +stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick. + +Aber Gertrud sagte nur: »Danke, -- wenn es dir recht ist, möchte ich +allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll +meine Jungfer dir später helfen?« + +Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine +weißsilberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig +herabfiel. + +Mit Tränen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz +schnürte sich ihr zusammen. + +Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener +ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und zärtlich gegen +sie. + +»Sie will mich ausstechen,« dachte sie plötzlich voll Schreck. »Sie hat +absichtlich ein ähnliches Kleid gewählt, wie das von damals, und sie ist +so viel schöner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend +gleichgültig gegen Hans sein,« beruhigte sie sich dann. »Sie wird ihm +die große Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.« + +So durchgrübelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres +Mädchenlebens und dachte inzwischen immer: »Gott sei Dank, morgen ist +alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu fürchten und fange mein neues +Leben an.« + +Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Königin in ihrer glänzenden +Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschöne Blume leuchtend +und rein herausblühte. Das kleine Köpfchen auf dem schlanken Hals trug +seine weißschimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und +fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefärbten +Gesicht. + +Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit +Kennerblicken und sagte lachend: + +»Du, wenn es für einen Ehemann nicht moralischer Ruin wäre, sich in +seine Frau zu verlieben, heute weiß ich beinah' nicht ...« + +Er küßte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter. + +Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei. + +»Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?« + +Gertrud wurde rot. »Ich ärgere mich über die Art, wie du sprichst,« +sagte sie. + +»Freue dich lieber darüber, nach unserem siebenjährigen Krieg,« meinte +er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus. + +Gertrud wich zurück. »Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es +ist gleich sieben Uhr.« + +Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell +erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte. + +Alles war still und leer, die Leute draußen beschäftigt. Ab und zu drang +ein Gläserklirren oder ein unterdrücktes Durcheinandersprechen aus den +hinteren Räumen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem +Tannengrün, und die Hängelampen und Kronleuchter summten. + +Es war ein eigenes Gefühl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie +ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und +feierlich, tauchten in ihr auf. Andere drängten sich nach, hier ein Ton, +hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allmählich sproßte, +über alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes +Wehgefühl in Gertruds wirren Grübeleien auf. Sie fröstelte, und doch +schlug ihr Herz schnell und ihre Hände brannten. »Gott sei Dank,« sagte +sie dabei zu sich selbst, »daß mir das alles nichts mehr macht. Gott sei +Dank, daß sie mir gleichgültig ist, und daß ich ihm freundlich und kühl +die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, daß du mich hast stolz +werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz?« Sie überhörte +den Wagen, der vorfuhr, überhörte das Öffnen der Tür. + +Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke +sogen sich ineinander. + +Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit +leisem Schrei warf sie sich hinein. + +Sie sagten nichts, sie küßten sich nicht, aber sie hielten sich fest, +fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander. + +Und alles blieb still und leer. + +»Trude,« stammelte er endlich. »Trude!« + +Sie rührte sich nicht. + +Noch einen Augenblick, dann riß er sich los. Der kalte Schweiß stand ihm +auf der Stirn. + +»Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig?« + +Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine große +Hand darauf. + +»Trude, Einziggeliebtes ... Trude ...« Ein Windstoß schlug an das +Fenster. Da raffte sie sich auf. + +»Komm,« sagte sie heiser. + +Er streichelte ihr Haar. Große Tränen standen in seinen Augen. + +»Erbarm' dich doch ... Trude ...« + +»So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. Laß deinen Schlitten +vorfahren und komm schnell,« sagte sie noch einmal hastig. + +»Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin?« rief er +verzweiflungsvoll. + +»Gleichviel -- leben -- sterben ... nur zusammen bleiben.« + +»Nicht quälen, nicht quälen,« bat er mit erstickter Stimme. »Kind, +geliebtes, wir müssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude, +warum hast du das getan?« + +Sie sah ihn mit dunklen Augen an. + +»Trennung?« sagte sie. »Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen, +und ich weiß, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort ...« + +Er preßte die Hände zusammen, er flüsterte abgebrochene Liebesworte, +starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen. + +»Warum kamst du nicht früher?« stöhnte er. »Wie sollen wir nun leben? +Trude, warum hast du mir das getan?« + +»Maggie --« stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange +Geschichte. + +»Ich bin wahnsinnig gewesen,« sagte sie hastig. »Zuerst -- dann hab' ich +wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grundsätze, und ich weiß +nicht was alles. Aber jetzt weiß ich ... das alles war Schein. Das +einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, daß ich dich liebe, grenzenlos, +unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in +der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur ...« + +Und während sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte +hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, glühend, zitternd, mit +sprühenden Augen. + +»Komm doch,« flüsterte sie. + +Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn. + +Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, während seine Lippen die +des geliebten Weibes suchten. + +Sie hob den Kopf und sah ihn an. + +»Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gekämpft, gegen die +Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren, +wie zwecklos -- Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest ...« + +Ihre Stimme versagte. + +Er löste sich sanft von ihr und sah sie mit überströmenden Augen an. + +»Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an: +Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr ...« + +Sie wurde schneeweiß und warf sich in einen Lehnstuhl. + +»Du willst mich nicht?« fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht. +»Du liebst also doch Maggie?« + +»Maggie!« sagte Seckersdorf tonlos und preßte beide Fäuste an den Kopf. +Es schüttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang +sich kaum hörbar ein Wort: »Lebe wohl ...« + +»Gertrud, leb' wohl,« sagte er dann fester. »Wir zwei, wir sind am Glück +vorbeigegangen. Und diese Sünde rächt sich nun an uns. Wir müssen es +tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer ...« + +Wie eine eiskalte Welle dröhnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte +schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich reißen, aber die +Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie +sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und +sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft blaß, auftauchen und +verschwinden. + +Sie griff nach der Stirn. + +»Um Gottes willen.« Sie sprang auf, spähte hinein. »Niemand. Ich muß +geträumt haben,« stieß sie hervor. »Wenn ich etwas gesagt habe ... und +ich weiß, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ...« +Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus. + +Der Abend mit den üblichen Aufführungen, dem darauf folgenden Souper und +Tanz verlief programmäßig. Das Brautpaar machte in liebenswürdigster +Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein +pflegt, die Honneurs, und alle Gäste fühlten voller Befriedigung, daß +sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen. + +Auch daß man die Kurowskis, über deren Haushalt in letzter Zeit viel +geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erhöhte das Behagen +aller, die Gertrud von früher her kannten und sie jetzt, den Gerüchten +nach, beklagt hatten. + +Man staunte ihre märchenhafte Schönheit, die manche überirdisch, manche +aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, daß +Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, daß er sie begleitete, als sie +sich bald nach dem Souper zurückzog, und auch nicht wieder zum Vorschein +kam, fiel hier und da auf, wurde schließlich aber in dem angeregten und +frohen Treiben nicht weiter erörtert. + +Am nächsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim +Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen +Gatten dasselbe Glück wünschte, wie er es an der Seite der ältesten +Tochter des Hauses gefunden habe. + + * * * * * + +Der Oberförster Hagedorn feierte seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. +Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch +ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen. + +In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte +er mit Kurowskis in stetem, wenn auch flüchtigem Verkehr gestanden, +Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem sächsischen Gut, nur zweimal +besucht. Aber das war für ihn auch genügend gewesen, da seiner Meinung +nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die +Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr kränkte, als bei Kurowskis +noch zwei kleine Mädchen eingekehrt waren. + +Daß die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch über die alten +Geschichten längst Gras gewachsen und Gertrud eine vernünftige, tüchtige +Frau geworden war, hatte ihn anfänglich nicht viel gekümmert. Nun aber, +da der Abschied aus dem Heimathaus näher rückte und hier und da auch die +Ahnung des bald kommenden großen Abschieds einen weicheren Ton in seinem +alten, harten Herzen anschlug, begann er sich darüber Gedanken zu +machen. + +Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie zusammen +herangewachsen und flügge geworden waren, aussprechen und ihm durch +Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend +verschaffen. + +Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von +ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gewünscht hatte, und so +stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und spähte +mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den +Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen mußten. + +Fräulein Perl, eisgrau und gebückt, stand neben ihm und schwatzte über +Dinge aus vergangenen Zeiten, als »unsere Mädchen« noch zu Hause waren. +Der Oberförster nickte, und kaute mit den braunen Zahnstümpfen an den +schmalen Lippen. + +Die Sonne brannte. Heiße Luftwellen strichen mit schwülem Atem durch das +rote Weinlaubgeäst hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre +leuchtenden Köpfe, und die großen gelben =Gloire de Dijon=-Rosen füllten +ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser kühler +Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerdüfte. +Dann sahen sich die beiden Alten mißvergnügt und leise schauernd an, und +Fräulein Perl sagte: »Ja, der Herbst kommt doch schon.« + +Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberförster. Kurowskis +kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, -- aber Maggie war doch seit +gestern in Romitten ... + +Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben möchten und das verwünschte +Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Unglück über Unglück gehabt hätten +-- zu guter Letzt noch den großen Brand --, dann wäre für sie beiden +Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem +Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf wäre ein Kerl, mit dem sich's +leben ließe, wenn er auch ein bißchen zu viel kneipte. + +Fräulein Perl nickte sorgenvoll. »Ja, aber die Maggie, die doch so +selbständig ...« + +Die wäre längst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der +Alte. + +Fräulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des +Weges. Einige Minuten später hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch +derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten +triumphierend und siegesgewiß heruntergesprungen war. Das tat sie heute +nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im +Gehen in die Höhe schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden +alten Leute. + +Sie war sehr verändert. Mager geworden und dadurch größer scheinend. +Über ihren unverwüstlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die +großen Augen sahen spähend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte +aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war +sie schick bis zum äußersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit +einhaltend. + +»Ach, mein Maggiechen,« schluchzte das alte Fräulein, sie musternd, -- +»sieben Jahre, sieben Jahre -- und so -- und dein Haar ist ja so rot ... +und ...« + +»Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht jünger geworden ... Sieh dir +den an ...« Sie schob ihren Mann vor. + +Seckersdorf beugte sich über Fräulein Perls runzlige Hand und küßte sie. + +Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem +schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die +Augenlider hingen schwer über den leicht geröteten blaßblauen Augen. + +»Kommt -- kommt,« sagte der Oberförster. »Ihr seid alle Kinder gegen +euren alten fünfundsiebzigjährigen Vater ...« Er murmelte gerührt etwas +Unverständliches, und ging ihnen in das alte Wohnzimmer voran, in dem +noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand. + +Maggie fing plötzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken +Hand über ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und +griff ins Leere. + +»Und Gertrud?« fragte Maggie. + +Der Oberförster sah nach der Uhr. + +»Werden gleich da sein.« + +»Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper +erzählte gestern auf dem Bahnhof, daß sie so fromm geworden ist.« + +Der Oberförster und Fräulein Perl erzählten durcheinander. + +Sie war immer noch die Schönste; alle hatten das gesagt, neulich, als +das große Provinzfest beim Oberpräsidenten gewesen war, und die Kaiserin +hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach +wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner +Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt +klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit tüchtig +geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl +ein. Ein bißchen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber +natürlich im Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute +wären wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da. + +»Bei uns zu Hause war das auch so,« bemerkte Seckersdorf in Gedanken. +»Meine Mutter hielt sehr darauf, daß die Leute kirchlich waren. Und +eigentlich gehört sich das auch --« + +Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er plötzlich inne. + +Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die +beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster. + +Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, während +Seckersdorf rot und kurz atmend zur Tür ging. + +Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber +ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewußt, und ebenso +überlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank, +eine reife, blühende Frau und doch mädchenhaft anmutig, vornehm und +liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine +höhere. + +Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz preßte sich ihr zusammen. +Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an +jenem Abend kamen ihr ins Gedächtnis: »Das liebe, weißblonde Köpfchen -- +das siehst du nie mehr darunter ...« + +Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne Rührung +ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre +ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte. + +Maggie war ganz blaß geworden. + +»Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer --« +begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder +Stimme. + +Gertrud zog sie an sich. + +Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus. + +»Maggie ... Kind ...« sagte Gertrud und streichelte das rotgefärbte +Haar, das wirr den Kopf umbauschte. + +Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden Händen über das +heiße Gesicht. + +»Ich bin nervös geworden,« sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden +Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. »Und du? Laß dich +anschauen ...« + +Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und +lächelte. + +»Wir haben uns noch gar nicht begrüßt,« sagte sie, ihm die Hand gebend. + +Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, küßte er ihr die Hand. + +Gertrud trat schweigend zurück. + +»Na, wenn denn alles so weit in Ordnung wäre,« sagte der Oberförster +erleichtert, »könnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr?« + +Das war ein merkwürdiges Mittagessen. + +Man sprach viel, auch über wichtige Dinge, wie die Übersiedlung der +Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. »Auf +Maggies Wunsch!« sagte ihr Mann, da sie sich in die sächsischen +Verhältnisse nie hätte einleben können. Weil man sie beständig ihre +bürgerliche Geburt hätte empfinden lassen, meinte Maggie mit bösem +Stirnrunzeln -- »die Damen wenigstens.« Man erörterte auch, ob der +Oberförster und Fräulein Perl mit hinüberziehen sollten. Seckersdorfs +wünschten es, und die beiden Alten sträubten sich nur noch der Form +wegen. Und so ging das Gespräch lebhaft und doch ohne eigentliche Wärme +weiter. + +Während über die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der +Vergangenheit, und über dem Plänemachen maß sich einer am andern. + +Schließlich verstummte das Gespräch. + +»Und Sie, gnädige Frau?« begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud +gewendet, das erstemal, daß er sie direkt anredete. + +»Ach was, -- gnädige Frau,« unterbrach ihn der Oberförster ... »wenn ich +auch zu alt bin, um mit aller Welt Brüderschaft zu machen, unter euch +Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr könnt euch ruhig +'du' nennen.« + +Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich +mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen +entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich amüsiert auf und +sagte: + +»Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden.« Und den +Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf. + +Über Gertruds schönes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern. + +»Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit,« sagte sie. »Wir unter uns +wissen ja, daß wir sehr viele Mühe haben werden, uns miteinander +einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ... +aber ...« + +»Meine Frau will also einfach nicht,« fiel Kurowski ihr etwas lärmend +ins Wort. »Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir werden +uns also die Sache überlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden +anfragen.« + +Seine halb spöttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud +bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden +Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie +sah still zu Boden. + +»Die Gertrud ist jetzt immer so,« sagte der Oberförster mit dem +klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. »Weiß +Gott, wie das über sie gekommen ist. Früher --« + +»Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal +auch ein bißchen viel,« meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an, +aber er lachte. + +»Das heißt, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine +guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen hält ... was, +Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als +Ehemann. Und Frau Maggie ...« + +»Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister,« sagte die schnell. »Ich +bin überhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen +hast du also im Korps? Und deine beiden Mädchen, die kenn' ich ja noch +nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste?« + +Gertrud gab Auskunft und lächelte ganz unbefangen, als ihr Mann +erklärte, es gehöre eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens, +immer ein dreijähriges Gör um sich zu haben. + +Und dann stand man auf. Der Oberförster mußte ruhen. Der Wein war ihm +etwas zu Kopf gestiegen. Er war gerührt, umarmte seine Töchter mehrmals, +und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau »Ellinor«. + +Fräulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und +forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf. + +Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an +jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen, +demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte. + +Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang überwundene Bitterkeit +mit einer müden kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit +halb ersticktem Schrei ausrief: »Trude ... Trude ... was ist aus dem +Leben geworden?«, antwortete sie unwillkürlich: »Die Strafe für das, was +wir verfehlt haben.« Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der +Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte. + +»Eigentlich ist das ja Unsinn,« sagte sie mit der alten, lieben Stimme, +und drückte den Kopf Maggies an ihre Brust. »Man kommt schon wieder in +die Höhe, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen +ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das +nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie?« + +»Nein, nein, nein,« sagte Maggie heftig. »Man kommt nicht mehr in die +Höhe, wenn man -- Gertrud, ich hab' dich nutzlos betrogen, bin selbst am +Glück vorbeigetaumelt. Er hat dich nie vergessen -- und ich -- Lieber +Gott, ich bin mutlos zu allem anderen geworden, weil ich nicht einmal +_das_ in ihm habe überwinden können.« + +»Und du liebst ihn?« fragte Gertrud zögernd. + +Maggie schüttelte den Kopf. + +»Ich liebe ihn nicht. Ich habe niemand lieb, wenn ich es auch manchmal +möchte und oft geradezu danach suche. Aber dann, Gertrud, kommt die +schreckliche Kälte in mir, und hinter allem lauert diese gräßliche +Frage: Wozu?« + +Sie schwiegen beide eine Weile. + +»Komm, Maggie,« sagte Gertrud dann. »Wir wollen hinaus, es ist so +bedrückt hier. Komm in den Buchengang.« + +Und sie gingen hinaus. Es war ein holdseliger Frühherbsttag. Warme, +bläuliche Dünste hoben sich von den Fichten und verschwebten duftend. +Die Stoppelfelder, die durch den Waldeinschnitt sahen, lagen ausgedient +und ruhend in funkelnden gelben Streifen und Ecken da. Von den +abgemähten Wiesen zog ein herber Feldkräutergeruch aus, und aus den +Waldwegen quoll ein prickelnder, herbstlicher Atem. + +»Solch schöner Herbst,« sagte Gertrud in Gedanken. + +Maggie blieb stehen und umfaßte mit beiden Händen den Arm ihrer +Schwester. + +»Für dich, Trude, -- für dich,« sagte sie beklommen. Und ihre Augen +wurden naß. + + * * * * * + +Anmerkungen zur Transkription: + +Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_ und +fremdsprachiger Text in Antiqua mit =Gleichheitszeichen= markiert. + +Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert: + +lehne dich an und weine + 'Lehne' im Original + +Folgende Zeilen waren im Original vertauscht, richtig 3-2-1-4: + 1 das sich lohnt, und nun wollen sie es einem + 2 Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschäft, + 3 euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine + 4 verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin + +es stand auf gelblich weißem, + 'geblich' im Original + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Am Glück vorbei, by Clara Sudermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI *** + +***** This file should be named 24174-8.txt or 24174-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24174/ + +Produced by Constanze Hofmann and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Am Glück vorbei + +Author: Clara Sudermann + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24174] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI *** + + + + +Produced by Constanze Hofmann and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<h1>Am Glück vorbei</h1> + +<p class="titlepage">Roman<br /> +von<br /> +Clara Sudermann</p> + +<div class="center newsection"> + <img src="images/i001.png" + alt="" + title="" /> +</div> + +<p class="titlepage">Peter J. Oestergaard Verlag<br /> +Berlin-Schöneberg</p> + +<p class="titlepage">Alle Rechte +einschließlich Übersetzung, +Dramatisierung und +Verfilmung +vorbehalten</p> + + +<p class="titlepage">Erschienen in der +»Wiener Mode« +unter dem Titel +»Die Siegerin«</p> + + +<p class="titlepage">Copyright +1920 by +Dr. P. Langenscheidt, +Berlin</p> + +<p class="titlepage">Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig.</p> + + +<p class="newpart"><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7"> [7]</a></span>Der Oberförster Hagedorn war von einer mehrtägigen Inspektionsfahrt +durch Wälder, die er außeramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es +sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem +gemacht.</p> + +<p>Über dem großen Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die +Hängelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee, +den Fräulein Perl, des Hauses getreue Hüterin, zu brühen begonnen hatte, +duftete. Die Windstöße, die gegen die Holzläden dröhnten, der Regen, der +klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldbäume +jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberförster, +seine Tochter Maggie und Fräulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem +Verständnis dieser Wohlgeborgenheit und störten nur hier und da durch +ein Wort die gemütliche Stille.</p> + +<p>Der Oberförster lag müde und breit in seinem Großvaterstuhl. Sein +verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel +Behagen, und der Teckel »Max«, der sich auf seinem Schoß zusammengerollt +hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde +<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8"> [8]</a></span>freundschaftlich geknufft und gestreichelt.</p> + +<p>Sein Zwillingsbruder »Moritz« hatte es nicht so gut. Maggie, in einem +niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den Füßen auf, zauste ihn an +den Ohren, küßte ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es +ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel.</p> + +<p>»Komm mal her, Gretel!« rief dann der Vater hinüber. »Heut' spendier ich +mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na?«</p> + +<p>Maggie sprang auf. Sie war mittelgroß, voll und geschmeidig, hatte ein +warmgetöntes, klares Gesicht mit großen, grauen Augen und eine Fülle +dunkel aschblonden Haares.</p> + +<p>Der Vater sah sie wohlgefällig an und nickte mehrmals in Gedanken.</p> + +<p>Maggie lachte hell.</p> + +<p>»Wen hast du denn wieder für mich aufgestöbert, Papa?« fragte sie +übermütig. »Wie ist er denn? Klug – dumm, hübsch – häßlich? Natürlich +reich, – aber wo?«</p> + +<p>Der Oberförster machte ein verdrießliches Gesicht und sah nach Fräulein +Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte.</p> + +<p>»Aber Maggie! Wie kannst du nur ...« sagte diese wie auf Stichwort.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9"> [9]</a></span></p><p>Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch +herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und +rückte mit ihrem Schemel zu dem Vater.</p> + +<p>»Du weißt ja schon lange, daß ich dir über den Kopf gewachsen bin, +Papachen!« sagte sie. »Also keine Feindschaft, und erzähle ... Warum +machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem +liebenswürdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere häßliche Zweite, als +ob sie die schöne Älteste wäre, – warum?«</p> + +<p>»Na, mein Döchting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich +passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den +Seckersdorf.«</p> + +<p>»Ah ...« Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt +durcheinander: »Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben, +wollte er Tromitten selbst übernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er +noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen künftigen +Reichtum an? Hatte er Gertrud erwähnt?«</p> + +<p>»Still! Still! Still ...« rief der Oberförster in das Gefrage. »Er ist +ein netter anständiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er +hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen +und hat mich gebeten, die Geschichte<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10"> [10]</a></span> zu machen. Das wirft was ab. Und +brauchen können wir ja so einen Extrazuschuß immer!«</p> + +<p>Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still saß, nahm ihr +Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter Härte an, der zu den weichen, +rosigen, an das Flämische erinnernden Formen einen auffälligen Gegensatz +bildete.</p> + +<p>»Er kommt also wohl her?« fragte sie. »Das hätte einer ahnen sollen, +damals, als ihr so empört auf ihn und die arme Gertrud wart. Was für ein +gräßliches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, daß er +ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen +Mannes wurde.«</p> + +<p>»Werden soll, Maggie!« verbesserte Fräulein Perl. »Mit der Trude ging's +doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und ...«</p> + +<p>»Ich nicht die Kaution!« fiel der Oberförster kurz ein. »Und der +Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine +andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schließlich auch der +Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben hätte.«</p> + +<p>»So?« fragte Maggie aufhorchend. »Ich denke, es hieß damals, der Onkel +wäre auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschläge machtest.«<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11"> [11]</a></span></p> + +<p>»Ach!« Der Oberförster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein +Zeichen, daß ihm nicht behaglich war. »Was weißt du! Du warst ja noch +ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verständig aufgefaßt und braucht's +nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das +Kind hat's doch wie eine Fürstin.«</p> + +<p>Die beiden Frauen sahen sich schweigend an.</p> + +<p>»Oder findet ihr etwa nicht?« rief der Oberförster heftig.</p> + +<p>»Ruhig, Papachen!« sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine +knochige. »Wenn nicht, wir können's nicht ändern. Aber alles in allem, +der Seckersdorf wär' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo +er so reich ist.«</p> + +<p>Der Oberförster lachte.</p> + +<p>»Wenn du nur ein bißchen Grips hast, Mädel, und nicht bloß immer die +große Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig +ist eine ganz schöne Zahl für ein Mädchen.«</p> + +<p>»Recht hast du,« stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. »Wollen uns die +Sache mal überlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage +Gertrud vor. Was mir an Schönheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und +die Geschichte wird sich schon machen.«<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12"> [12]</a></span></p> + +<p>Der Oberförster sah sie mißtrauisch und unzufrieden an.</p> + +<p>»Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit,« sagte er. »Mit der +Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. Übrigens ist der +Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erzählte das +so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich bloß besser +mit dem Kerl, dem Kurowski stellen könnte! Man ist ja wie abgeschnitten +von dem Kind. Jeder Fremde weiß mehr.«</p> + +<p>Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten.</p> + +<p>»Das wird schon alles besser werden, Papa,« tröstete das Mädchen. +»Wollen uns darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erzähle lieber, wie +war's sonst in Graventhin? Wieder großartiges Diner? Und schlecht +serviert?«</p> + +<p>Der Oberförster erzählte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte +Grüße, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bißchen Klatsch. In +Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Althöfer +hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein großes Sektfrühstück +gegeben. Wie war's nur möglich, daß die Leute da noch fröhlich +mitzechten? Maggie warf ein, das wäre das<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13"> [13]</a></span> Klügste, was sie tun könnten, +sie wünschte nur, es käme noch zu einem einzigen Ball da, vor dem +Zusammenbruch, denn so nett wäre es nirgends.</p> + +<p>Und so ging das Gespräch weiter. Der Regen strömte heftiger, der Wind +heulte. Fräulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und +spielten mit den Hunden.</p> + +<p>Da knirschte draußen auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben +die Köpfe. Der Oberförster sprang auf.</p> + +<p>»Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt +ihr!«</p> + +<p>Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem Mädchen, +das die Tür öffnete, drängten sich zwei blondköpfige Jungen herein, +stürmten auf ihn los und hängten sich an ihn.</p> + +<p>»Großpapa! Großpapa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen!«</p> + +<p>Der Oberförster hob einen nach dem andern verdutzt in die Höhe.</p> + +<p>»Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein?«</p> + +<p>Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel +begrüßen, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein.</p> + +<p>»Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter!«<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14"> [14]</a></span></p> + +<p>Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die ältere preßte +ihren Kopf fest gegen den Hals der jüngeren. Dann küßte sie den Vater +und Fräulein Perl.</p> + +<p>Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten +nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen großen Streit gehabt +hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da +gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da.</p> + +<p>Sie war sehr schlank, einen halben Kopf größer als die Schwester. Aus +einem sehr regelmäßigen schönen Gesichte sahen graue, sanfte Augen +schüchtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten +schimmernden, weißblonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die +sich in die Formen äußerster Einfachheit zu hüllen liebt, ging von ihr +aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schloß knapp an den schlanken, schönen +Körper und knisterte, wenn sie sich bewegte.</p> + +<p>»Wie blaß du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen?«</p> + +<p>Sie nickte. »Bringt die Kinder fort, ja? Ich habe euch viel zu sagen.«</p> + +<p>Fräulein Perl führte die Jungen in das Eßzimmer.<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15"> [15]</a></span></p> + +<p>Der Oberförster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die +Tochter.</p> + +<p>»Hoffentlich kommst du mir nicht ...«</p> + +<p>Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still, +musterte sie aber mit mißtrauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre +herabhängende Hand und küßte sie.</p> + +<p>»Ja, Papa!« sagte Gertrud. »Du mußt mich mit den Kindern schon bei dir +behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber +diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm +bleiben.«</p> + +<p>»So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht? +Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich +bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine ähnliche Untat +begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski weiß Gott nicht grün. +Aber daß meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof läuft, sagt: Ich +kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht!«</p> + +<p>Er lief hin und her. »Was war denn los?« polterte er endlich und blieb +vor ihr stehen.</p> + +<p>Sie weinte.</p> + +<p>»Heul' nicht ... erzähl'!« sagte er ungeduldig.</p> + +<p>Da nahm Maggie sie in die Arme.<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16"> [16]</a></span></p> + +<p>»Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann muß was Großes passiert +sein. Quäle sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude!« Sie streichelte +das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. »Sieh sie +doch an. Ist das denn menschenmöglich? Bist du krank? Was hat er dir +getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allmählich +heraus, <ins class="correction" title="Lehne">lehne</ins> dich an und weine – weine, das wird dir gut +tun.«</p> + +<p>Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die +langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre +Schultern.</p> + +<p>»Laßt mich hierbleiben ... laßt mich hierbleiben. Papa, ich bin doch +deine Älteste ... du hast mich doch lieb ... laß mich hierbleiben!«</p> + +<p>Der Oberförster schlürfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte +wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben +und kläfften die Hunde.</p> + +<p>»Was hat er dir getan?« fragte der Vater und legte seine große Hand auf +das kleine weißblonde Köpfchen der Tochter. Die richtete sich auf und +schmiegte sich in seinen Arm.</p> + +<p>»Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig +stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich wäre so schlecht, so häßlich +und so untauglich,<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17"> [17]</a></span> wie er immer sagt, und da wär' nun nichts mehr zu +ändern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen können, aber fortgelaufen +wäre ich doch nicht. Ich weiß ja ... die Kinder ... und der Skandal! +Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, daß ich ihn schamlos betrogen +habe und ihn von neuem betrügen wollte. Da hab' ich mir's über Nacht +überlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge +gegangen.«</p> + +<p>»Drei Stunden! In diesem Wetter!« fluchte der Oberförster.</p> + +<p>»Die Jungen sind abgehärtet und gut zu Fuß. Dann, in Friesstein, fand +ich Fuhrwerk hierher.«</p> + +<p>Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberförster +schüttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er +schob sie einfach von sich.</p> + +<p>»Wir sprechen morgen mehr darüber!« sagte er. »Die Sache werd' ich +wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verlaß dich. +Vorläufig nehm' ich an, daß du deinen alten Vater auf ein paar Tage ...«</p> + +<p>Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die +Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern.</p> + +<p>»... ein paar Tage, sag' ich,« fuhr der Alte fort,<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18"> [18]</a></span> »besuchst, wie +sich's gehört. Und dann werden wir weiter sehen. Weiß er, daß du hier +bist?«</p> + +<p>»Ich habe einen Brief zurückgelassen.«</p> + +<p>»Na, da haben wir also zu erwarten, daß er mit Trara hier anrückt und +dich und die Jungens zurückholt.«</p> + +<p>»Glaub' das nicht,« sagte Gertrud. »Er wird froh sein, daß er allein +bleibt ... Vorläufig ... bis ...«</p> + +<p>»Donnerwetter!« murrte der Oberförster.</p> + +<p>Maggie sprühte vor Empörung über den Widerstand des Vaters.</p> + +<p>»Na,« sagte der dann einlenkend, »wir werden sehen. Reg' dich jetzt +nicht auf. Und nun ... Jungens, herein!«</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19"> [19]</a></span>Die Knaben, an die Fräulein Perl großmütterliche Ansprüche machte, lagen +in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor +Jubel und Aufregung nicht einschlafen.</p> + +<p>Gertrud und Maggie, die nach gequältem, unpersönlichem Gespräche sich +nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die +Mutter küßte sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen. +Maggie zog sie fort.</p> + +<p>»Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Tränen +fallen. Komm, wir sind ja jetzt für uns, da kannst du dich hübsch +ausklagen.«</p> + +<p>Sie traten in die geräumige Balkonstube, die sie schon vor Jahren +gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in +der es früher gestanden hatte, für sie hergerichtet.</p> + +<p>Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und hörte auf zu weinen.</p> + +<p>»Du, was hast du mit unserer hübschen Stube gemacht?« fragte sie.</p> + +<p>»Den Plunder hinausgeworfen,« sagte Maggie vergnügt. »Die Kattungardinen +und Mullvorhänge, die Makartsträuße, na alles. Nur die Puffs hier, dein +glänzender Einfall, die höchst eigenhändig gepolsterten Bierfäßchen, die +sind noch da, folgen<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20"> [20]</a></span> aber auch, sobald ich was Besseres habe. Dafür ist +dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an +deinem Bette der Gobelin. Hübsch, was?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Gertrud energisch. »Früher war's ein hübsches, luftiges +Nestchen mit all dem unschuldigen Mädchenausputz; jetzt kommt es mir wie +eine leere Trödelbude vor. Wo ist der Toilettentisch?«</p> + +<p>»Alles weg. Als ich – wann war's doch? – Februar oder März zuletzt bei +euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah – sie +ist einfach herrlich, wie überhaupt alles in Laukischken, ich weiß gar +nicht, wie du es hier aushalten wirst – ja, also, wie ich da nach Hause +kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles +Billige und Unechte abgerissen.«</p> + +<p>Gertrud sah sie aus großen Augen an.</p> + +<p>»Neidisch, Maggie?« fragte sie. »Lieber Gott!«</p> + +<p>»Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, daß man so was haben kann, und +daß ich es nicht habe, das ärgert mich. Und bis ich so weit bin, will +ich lieber kahl und einfach hausen.«</p> + +<p>Gertrud schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Du,« sagte Maggie lebhaft, »unterschätze das nicht, was du so leicht +aufgeben willst. Es hängt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich +wette,<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21"> [21]</a></span> du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht +aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und weiß Gott, was noch alles.«</p> + +<p>»Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen,« sagte Gertrud bittend. +»Und heute hilfst du mir ja doch ein bißchen, nicht wahr?«</p> + +<p>Maggie umarmte sie stürmisch und stand ihr mit zitternden Händen bei. +Als sie das prachtvolle Haar löste, das weißschimmernd über die +Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen.</p> + +<p>Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten +sie sich auf eines der schmalen Mädchenbetten und hielten sich +umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und +sagten, nun wäre es wie früher.</p> + +<p>Dann fuhr Maggie auf. »Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir +gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Schönheit hin? Du hast ja +Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und +doch erst achtundzwanzig Jahre!«</p> + +<p>Gertrud lächelte traurig. »Das ist ja sein Ärger auch beständig, daß ich +so häßlich werde,« sagte sie. »Mir ist's gleichgültig; das heißt, nein +–« Sie weinte wieder bitterlich.<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22"> [22]</a></span></p> + +<p>»Ach, du bist ja doch noch immer die Schönste von allen,« tröstete +Maggie. »Und dir fehlt ja nichts als ein bißchen Glück, meine arme, arme +Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes +Herz.«</p> + +<p>Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann +verklagt hatte, schwächte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn +sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck, +wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte.</p> + +<p>Aber in diesen rührend abgebrochenen Sätzen lag ihre ganze Geschichte.</p> + +<p>Maggie sah dabei förmlich den Schwager mit seinem spöttischen +Lebemannsgesicht, hörte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte +Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den +seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er heiß und +angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud +etwas von Gewalt murmelte.</p> + +<p>»Geschlagen? ... Dich?«</p> + +<p>»Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen wäre ...«</p> + +<p>»Trude, weshalb bist du nicht längst fortgelaufen?«<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23"> [23]</a></span></p> + +<p>Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um +die Schultern und sah mit ihren großen, traurigen Augen so hilflos um +sich, daß Maggies Herz vor Trauer und Empörung schwoll.</p> + +<p>»Komm zu Bett,« sagte sie. »Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und +nehme deine Hand, mein armes Kind. Weißt du, wie du früher tatst, wenn +ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ... +komm.«</p> + +<p>Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit mütterlicher Sorgfalt +zu Bette.</p> + +<p>Gertrud ließ sich alles gefallen und sagte, das täte gut. Wenn sie nur +bleiben dürfte! Bei Maggie wäre ihr wohl, da hätte sie keine Angst.</p> + +<p>Maggie dehnte den prachtvollen, üppig schlanken Leib. »Es sollte auch +mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. Für dich setze ich alles ein, +was ich übrig behalte, wenn ich für mich gesorgt habe.«</p> + +<p>Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. »Warum sagst du so +was?«</p> + +<p>»Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich muß immer +zuerst an mich denken, und was für mich am bequemsten und besten wäre. +Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz +liebhabe. Von Kindheit<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24"> [24]</a></span> an. Vielleicht, weil du so anders bist. So +zerbrechlich und so schön und gut.«</p> + +<p>»Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt,« weinte die junge +Frau.</p> + +<p>Maggie löschte die Lampe und setzte sich zu ihr.</p> + +<p>»Nun wollen wir mal vernünftig reden, Kind!« sagte sie. »Sei still, +erzähle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen +ist.«</p> + +<p>Aus dem Schluchzen und den unverständlichen Worten klang ein Name voll +heraus: »Seckersdorf«.</p> + +<p>Maggie fuhr zusammen. »Hast du ihn noch immer lieb?« fragte sie leise.</p> + +<p>»Gott bewahre! Nein, nein, nein!« sagte Gertrud heftig. »Aber wir trafen +neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, daß er hier ist. +Und wir saßen bei Tisch zusammen.«</p> + +<p>»Und da hat er dir den Hof gemacht?«</p> + +<p>»Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde +mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und +traurig.«</p> + +<p>»Und was sagte er?«</p> + +<p>»Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich hätte +mich lächerlich gemacht,<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25"> [25]</a></span> und jeder Mensch hätte sehen können, daß ich +mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht +auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich möchte +lieber tot sein, als das tun.«</p> + +<p>»Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene?«</p> + +<p>»Oh, er war maßlos. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht +wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine +Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein.«</p> + +<p>»Doch, doch!« sagte Maggie. »Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt +würde, oder sehr reich wäre und leben könnte, wie man wollte, ich wäre +die Letzte, die ans Heiraten dächte. Übrigens mit deinem liebenswürdigen +Manne möcht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind. +Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen?«</p> + +<p>»Nein!« sagte Gertrud. »Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut. +Weißt du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so +gräßliche Angst, weil ich weiß, daß 'er' wieder da ist. Und wie die +Quälereien nun fortgingen, da ...«</p> + +<p>Ein langes Schweigen entstand. Maggie ergänzte sich alles, was die +Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zurück, in +der Gertrud hier Nacht für Nacht geweint und ihr auf<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26"> [26]</a></span> ihre kecken Fragen +zugegeben hatte, daß sie sich vor ihrem Bräutigam fürchte, daß sie am +liebsten vor der Hochzeit sterben möchte.</p> + +<p>Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das überaus interessant vorgekommen, +aber schließlich selbstverständlich. Die unglückliche Liebe zu dem +blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte +die schöne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Daß dann +nichts daraus wurde, daß der reiche, verwöhnte, vornehme Laukischker +Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Tränen nahm, das hatte ihrem +Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie später dann die +Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein Stück +des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die schöne, +weißhaarige Gertrud und ihr brünetter, kraftvoller Mann allen Wünschen +jungmädchenhafter Romantik entsprachen.</p> + +<p>Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr über die +wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wußte sie, daß Gertrud tief +unglücklich, daß ihr Leben ein verfehltes war, daß man eine Sünde +begangen, als man sie in diese Ehe mit dem rüden Kurowski hineingeredet +hatte.</p> + +<p>Aber wie war dieses Hineinreden möglich gewesen?<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27"> [27]</a></span> Sie selbst, das wußte +sie, würde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem +damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn über alles +»Gernhaben« hinaus würde sie immer zu allererst nach einer Stellung +streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebedürftige Gertrud, +die niemals rechnete, wie hatte die sich durch äußeren Glanz bestechen +lassen können?</p> + +<p>»Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch +lieb!« fragte sie nach dem langen Schweigen.</p> + +<p>Gertrud legte den Kopf auf ihren Schoß. »Ach liebes Kind, das kam alles +so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ... +Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die +Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten.«</p> + +<p>Maggie schüttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie +kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wußte, sie +hätte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden.</p> + +<p>»Sage mal, Gertrud,« die Frage schoß ihr durch den Kopf, »wußte +eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf?«</p> + +<p>»Natürlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube übrigens, daß alle +Welt es wußte. Und dann,<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28"> [28]</a></span> in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit, +dachte ich, ich wäre es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede +Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf +gesprochen hatte.«</p> + +<p>»O weh, o weh!« sagte Maggie. »Das hätt' ich schon nie getan. Was wird +der sich daraus zurechtgemacht haben?«</p> + +<p>»Ach, nein,« sagte Gertrud. »Er weiß ja, daß ich aufrichtig bin.«</p> + +<p>»So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir +einmal alles, was du ihm erzählt hast, ich meine, was du zu erzählen +hattest. Ich möchte dir gern helfen, aber dann muß ich auch wissen, wie +das mit Seckersdorf kam, – wie ihr auseinandergingt.«</p> + +<p>Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich +vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn +abgespielt hatte, so harmlos, daß sie banal gewesen wäre, ohne Gertrud +als Heldin.</p> + +<p>Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden +Jugendschönheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte. +Vollendet in den regelmäßig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der +fast überirdisch schien, und dazu das üppige, weißblonde Haar, das +seinesgleichen in der Welt nicht fand.<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29"> [29]</a></span></p> + +<p>Der Welt! Maggie mußte lächeln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung +irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorüber. Gutsbesitzer, +Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt – jung, zum Verwechseln gleich. Was +kümmerte sie das jetzt?</p> + +<p>Aber in Gertruds Erzählung wurde der ganze Zauber der Mädchenzeit +lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und +leise Händedrücke. Hier und da ein kleines Mißverständnis, sehr ernst +geweinte Tränen, Versöhnung in einer Kotillontour. Und Glückseligkeit +und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls.</p> + +<p>In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals +versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben, +der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Söhne adoptiert und mit +Reichtum überschüttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit +ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende +aller Verhandlungen – das Ende ihres Glückes.</p> + +<p>In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte +Laukischken gekauft.</p> + +<p>»Du weißt ja, wie er von Anfang an war!« sagte Gertrud seufzend. +»Überall hat er gesagt, er<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30"> [30]</a></span> müsse mich bekommen, und Hans mußte still +dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals +viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann +wußten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb für ewig!' So +über den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir +auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen saß, und hörte kaum auf +seine übertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine +kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurück. Aber es war +schon zu spät. Kurt hielt um mich an. Das weißt du ja alles, wie ich +'nein' sagte, und Papa und die Perl außer sich waren und quälten und +quälten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weißt +du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und +bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja +keine Ahnung, daß er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich +dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich +breitete ihm schon meine entgegen. Da schüttelte er den Kopf und sagte: +'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort +zurückzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lösen, wenn je eine +bestand.' Ich war wie versteinert.<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31"> [31]</a></span> 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn +getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die +Verhältnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken. +Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und +ihr alle kamt herein! Weißt du's noch?«</p> + +<p>»Alles, Alles!« sagte Maggie. »Man, oder gut deutsch gesagt, Papa, +erzählte uns, daß Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu +rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch +einen Namen. Und es wunderte sich keiner darüber. Ich weiß noch, daß +Kurowski bei seinem nächsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ... +und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und daß ein +halbes Jahr später Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!«</p> + +<p>»Nein, nein,« sagte Gertrud. »Das ist ja alles lang überwunden, muß es +ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und, +Maggie, wenn ich's mir überlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von +Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich +selbst nicht.«</p> + +<p>»Ich habe das alles ja von dir herausgelockt,« tröstete Maggie. »Weißt +du was? Wir wollen jetzt<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32"> [32]</a></span> gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu +schlafen. Und morgen überlegen wir alles.«</p> + +<p>Sie küßte die Schwester und ging zu Bett.</p> + +<p>Es war nun still im Zimmer. Aber draußen brauste es in den Buchen, wie +ferne Meeresbrandung.</p> + +<p>»Trude!« sagte Maggie plötzlich.</p> + +<p>»Ja?«</p> + +<p>»Trude, du mußt von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder +zusammenkommen.«</p> + +<p>»Um Gottes willen!« rief Gertrud entsetzt.</p> + +<p>»Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du +darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank, +etwas Vernünftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glücklich +werden.«</p> + +<p>»Maggie,« sagte Gertrud leise, »du meinst es gewiß sehr gut. Aber ich +bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten, +auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!«</p> + +<p>»Still!« rief Maggie. »Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du +bleibst natürlich unsere weiße Lilie und blühst uns wieder auf und ... +Gute Nacht, liebes Kind!«</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33"> [33]</a></span>Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. Über die bunten Laubbäume +strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweiße Wolken ballten und jagten sich +hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit +ins Land hinein wogte das grüne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen +sich von ihm durch die Luft.</p> + +<p>Gertrud sah froh hinunter.</p> + +<p>»Der alte, geliebte Blick ins Grüne und der Harzgeruch. Man fühlt +ordentlich, daß man hier gesund werden muß.«</p> + +<p>»Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist,« meinte Maggie. »Nun +komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.«</p> + +<p>Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermütig hilflose Färbung an. +»Mein Gott! Mein Gott!«</p> + +<p>In der Eßstube saß der Oberförster mit sorgenvollem, verärgertem Gesicht +am Kaffeetisch. Er streckte den Töchtern einen Brief entgegen. »Lest ... +Lies vor, Maggie.«</p> + +<p>Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschätzigem Lachen. +»Natürlich soll sie zurück. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch +nicht heraus.«<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34"> [34]</a></span></p> + +<p>»Lies doch!«</p> + +<p>Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzügen.</p> + +<p>Maggie las:</p> + +<div class="blockquot"><p>»Mein verehrter Herr Schwiegervater!</p> + +<p>Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen +sind, so will ich unseren Mangel an Übereinstimmung doch nicht meine +Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, daß sie mit den Jungens +einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, für die paar Monate, in denen +sich's bei der verzärtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht +in Laukischken hausen läßt. Sie wissen doch, daß wir den Schwamm in +den Schlafzimmern entdeckt haben, und daß ich besorgt bin, meine +Familie den Winter über da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht +nach Berlin will, und ich für meine Person für kurze Zeit dorthin zu +reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie – mit Ihrer +Erlaubnis natürlich – den Winter in den alten, kleinen und stillen +Verhältnissen zubringen will. Sobald ich eine Änderung in diesem +vorläufigen Plane wünsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter +Herr Schwiegervater, vertraue ich für diese – sagen wir – drei +Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35"> [35]</a></span> deutsch: Passen Sie +freundlichst auf, daß Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von +jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus +dafür, küsse meiner liebenswürdigen Schwägerin die Hand, grüße die +Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres</p> + +<p class="right"> +<span class="dedent">Ihr sehr ergebener</span><br /> +<span class="dedent2">Kurt von Kurowski.</span> +</p> + +<p><span class="f">P. S.</span> Für die kleinen Bedürfnisse meiner Frau und der Kinder lege +ich 3000 M. bei, da ich nicht weiß, ob Gertrud genügend versehen +ist. Für etwaige größere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.«</p></div> + +<p>»Soll man sich da ärgern oder lachen?« sagte Maggie, den Brief auf den +Tisch werfend.</p> + +<p>»Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen,« sagte der Oberförster kurz, +und stand auf. »Du bist vorläufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte +dich ein, wie's dir paßt.«</p> + +<p>Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher.</p> + +<p>»Da habt ihr ihn, wie er ist!« rief sie nervös. »Immer Katze und Maus +spielen, ernsthafte Dinge geringschätzig und leichtfertig behandeln ... +höhnisch, liebenswürdig, nie zu fassen ... Ich bin<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36"> [36]</a></span> sieben Jahre seine +Frau gewesen und weiß heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa. +Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurückzuschicken?«</p> + +<p>Der Oberförster sah mürrisch nach der Seite. »Vorläufig bist du da, und +dann werden wir weiter sehen,« sagte er. »Die Lesart, die er wünscht, +kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden? +... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich muß nach +Vokellen. Habe zugleich – aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hören. +Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spät wieder.«</p> + +<p>Er küßte Gertrud in verlegener Zärtlichkeit und schüttelte Maggie die +Hand.</p> + +<p>»Du, Papa!« sagte Maggie. »Für alle Fälle mußt du noch wissen, daß +Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzürnt haben. Aus deiner Verabredung +mit ihm kann nun wohl nichts werden?«</p> + +<p>»Was Kuckuck?« fuhr der Alte auf. »Was ist das für Unsinn? Da kenne ich +doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon +ist keine Rede. Laß sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus +braucht er ja nicht zu kommen.«</p> + +<p>Gertrud zog die Brauen zusammen.<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37"> [37]</a></span></p> + +<p>»Wenn er aber doch kommt?« fragte Maggie.</p> + +<p>»Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich +euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine +Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschäft, +das sich lohnt, und nun wollen sie es einem +verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionär, und +Geschäft ist Geschäft. Lächerlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei +Meilen von hier und ... na, ich will euch lieber gleich sagen, daß ich +der Sache wegen fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt +auch, wegen Waldgrenzgeschichten – da hab' ich nur den halben Weg – +und hernach machen wir ein Partiechen.«</p> + +<p>»Papa, wenn's dir nur nicht leid tut,« warnte Maggie. »Du weißt doch, +mit Kurt ist nicht zu spaßen.«</p> + +<p>»Mit mir auch nicht,« sagte der Oberförster kurz und ging hinaus.</p> + +<p>Eine Viertelstunde später fuhr er im Einspänner davon.</p> + +<p>Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach.</p> + +<p>»An Papa hast du also keinen Halt!« sagte Maggie mit heller Entrüstung +im Tone.</p> + +<p>»Maggie!« bat Gertrud flehend. »Sag' nichts gegen Papa, das täte mir zu +weh. Wir wissen ja, wie<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38"> [38]</a></span> er in Geldangelegenheiten ist, und ändern +können wir doch nichts.«</p> + +<p>»Hätte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt,« grübelte Maggie +finster. »Das ist eine niederträchtige Schlauheit, wie überhaupt der +ganze Brief.«</p> + +<p>»Er weiß die Menschen schon zu nehmen. Paß auf, wenn er's will, muß ich +zurück. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er +beabsichtigt. Weißt du das?«</p> + +<p>Nein, Maggie wußte es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten +herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der +Schwester, die den Härten und Widerwärtigkeiten des Lebens so wehrlos +gegenüberstand, ein verspätetes Glück zu schaffen. Und sie tröstete sie, +liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war +zufrieden, als ein verschüchtertes Lächeln das einst von Frohsinn und +Glücksgewißheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte.</p> + +<p>Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden, +trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die Ältere, das Prinzeßchen, +schön wie der Tag und von aller Welt auf Händen getragen, hatte die +weniger hübsche, damals noch scheue Schwester mit fast mütterlicher +Zärtlichkeit gehütet und gepflegt,<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39"> [39]</a></span> und sich immer bemüht, sie in den +Vordergrund zu schieben.</p> + +<p>Ihre Mutter, eine Engländerin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit +Gesellschafterin in einer dem Oberförster befreundeten Familie, war +gestorben, als die Mädchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide +gedachten noch heute mit abgöttischer Verehrung der lachenden jungen +Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war.</p> + +<p>Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, während Maggie, die +früher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit übersprudelte; +freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Fröhlichkeit, mit der Gertrud +sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen, +die herrische Naturen sich angewöhnen können, weil sie sie als Rüstzeug +brauchen.</p> + +<p>Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhältnis der beiden Schwestern +zueinander geändert. Gertrud, das ehemalige Glückskind, warmherzig, +arglos, unbewußt von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Händen +ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie. +Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst überlassen, hatte sich mit ihrer +innerlichen Kälte und Klugheit von ihrer Umgebung längst frei gemacht +und beherrschte durch<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40"> [40]</a></span> Gleichgültigkeit und Berechnung unter der Maske +der Liebenswürdigkeit alles.</p> + +<p>Unbekümmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach +Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer äußeren +Erscheinung zu einer Schönheit entfaltet, die eigentlich Kraft und +blühende Gesundheit auf der Höhe ihrer Entwicklung war.</p> + +<p>Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger +Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemühte sich +ernsthaft um sie, aber mit großem Takt ging sie jeder entscheidenden +Frage aus dem Wege und wußte sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten. +Sie wollte nichts »verpuffen«, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft +sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr +nach ihren Bedürfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht +bald, so mußte sie solche suchen. Es war nun Zeit. – So hatte sie +gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war +das anders. Nun kam sie vorläufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das +arme, blasse Weib.</p> + +<p>»Es ist doch gut für uns andere,« dachte sie, »daß solche Menschen, wie +Gertrud, existieren. Daran, daß man sie so liebhaben kann, zeigt man<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41"> [41]</a></span> +sich selbst, daß man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich +sieht man, wie man es nicht machen muß, wenn man selbst vorwärts kommen +will.«</p> + +<p>War es denn eigentlich glaublich, daß Gertrud mit all ihrer Schönheit +und Anmut und Herzensgüte den so empfänglichen Kurowski nicht hatte +fesseln können? Das wäre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe für sie, +Maggie, gewesen.</p> + +<p>Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken – nun gar in so +unmöglichen Vorstellungen. Dann hätte ihr ja auch der Gedanke an +Seckersdorf kommen können, – den sie doch gerade für Gertrud erkämpfen +wollte.</p> + +<p>»Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefällt,« sagte eine +leise innere Stimme. »Blond, still und zurückhaltend, ist nicht dein +Geschmack.«</p> + +<p>Nun stampfte sie leise mit dem Fuß und ging geradenwegs zu Gertrud, um +sie herzhaft und zärtlich zu küssen.</p> + +<p>»Du glaubst, daß ich dich liebhabe?« fragte sie leidenschaftlich. »Du +hältst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen +hast?«</p> + +<p>»Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage? +... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.«</p> + +<p>»Ja, die Kinder, die Kinder!« änderte Maggie<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42"> [42]</a></span> schnell das Gespräch. +»Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm, +Liebling, wenn du noch weißt, was Zimmereinrichten und Küche und +Speisekammer bedeuten ... Übrigens, wenn nicht, so lernst du es eben +wieder. Du hast dich viel zu sehr verwöhnt, mein vornehmes Frauchen!«</p> + +<p>Gertrud lächelte und ging bereitwillig mit ihr zu Fräulein Perl, die dem +Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, während in der Tat Maggie längst +den großen, ländlichen Haushalt führte.</p> + +<p>Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung +der Kinder und die kleinen häuslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun +wieder teilnehmen sollte.</p> + +<p>Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zärtlich und tätig besorgt um +die Kinder, sie ordnete in den für sie und die Knaben bestimmten beiden +Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war +beschäftigt. Sie brachte sich über diese unruhvollen Stunden hinweg, in +denen ihr Herz bang und ängstlich schlug, in denen der Gedanke: »Was +wird nun werden?« sie zermarterte, in denen auch die leise +durchhuschende Ahnung: »Es kommt etwas Gutes – vielleicht das Glück!« +ihr zur Pein wurde.<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43"> [43]</a></span></p> + +<p>Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald, +der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner +übriggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in +dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der +verwelkten Blätter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen +Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern müde, Arm in Arm heim. +Beide ganz Liebe füreinander, und doch die eine im Gefühle der Gebenden, +die andere als Empfangende.</p> + +<p>»Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein!« dachte Gertrud und: +»Wie hübsch es ist, für ein liebes Menschenkind Pläne zu machen und sich +so wundervoll dabei zu benehmen!« dachte Maggie.</p> + +<p>Diese Nacht schliefen beide gut. Der nächste Morgen fand Gertrud ein +wenig widerstandsfähiger, ruhiger und selbstbewußter.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44"> [44]</a></span>Bald nach dem Frühstück nahm der Oberförster seine jüngste Tochter unter +den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlägen mitzugehen. Das +war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in +irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen +war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewöhnlich das, was +er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er +zufrieden.</p> + +<p>In ihrem ungestümen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge +einzugreifen, die über ihre gewöhnlichen Tagesarbeiten hinausragten, +hatte sie stets Freude an solchen Gängen. Sie fühlte sich dann noch am +meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den +»alten Herrn« anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff, +daß die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen +hatte.</p> + +<p>Er seinerseits war viel zu klug, als daß er diesen Mangel an +Herzensneigung nicht hätte durchschauen sollen, aber er machte sich +nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar überzeugt, daß sich +in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber +nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45"> [45]</a></span> +wenig Herzensbedürfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab, +hatten sie auf Gertrud geschüttet, die so viel Liebe brauchen konnte und +alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand.</p> + +<p>Um Gertrud würde es sich natürlich heute handeln. Und ganz Feuer und +Flamme für ihren Plan, machte Maggie sich für den langen Weg mit dem +Vater bereit. Er durfte selbstverständlich nichts von allem ahnen und +sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte förmlich, als sie sich +von der Schwester verabschiedete.</p> + +<p>»Du bist eigentlich eine Schönheit geworden, Maggie,« sagte Gertrud und +küßte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewußt +leuchteten. »Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du. +Wenn du dich nur zur Geltung bringen könntest. Aber hier ...«</p> + +<p>»Kommt schon noch, sei ohne Sorge,« antwortete Maggie und lief lachend +hinunter.</p> + +<p>Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz +federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat.</p> + +<p>»Bist doch ein strammer Kerl,« sagte er anerkennend. »Wenn dich so einer +sähe!«</p> + +<p>»Vielleicht verliert einer von den Holzschlägern<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46"> [46]</a></span> sein Herz an mich – +oder der neue Revierförster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu +sein,« spottete Maggie.</p> + +<p>»Ist alles vorgekommen, Kind,« bemerkte der Alte. »Und wenn ein Mädel +sich überhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten +einläßt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den +Weg kommt.«</p> + +<p>»Weißt du, Papa,« sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend, +»daß ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte +zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?«</p> + +<p>»Du, darüber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr,« meinte der +Oberförster. »Die Sache ist verjährt. Hilf lieber der Gertrud auf den +richtigen Weg und bestärke sie nicht noch in ihrer Aufsässigkeit gegen +Kurowski. Was soll denn sonst bloß werden?«</p> + +<p>Maggie wußte es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten +Buchenblätter mit der Fußspitze vor sich auf. »Ja, schließlich kann man +doch die Gertrud nicht mißhandeln lassen!« sagte sie. »Wenn <em class="g">die</em> klagt, +muß es schon arg sein. Und man weiß ja auch, was für ein Leben der liebe +Kurt führt. Ich wundere mich nur, daß man das vor der Heirat gar nicht +geahnt hat.«<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47"> [47]</a></span></p> + +<p>»Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere +Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewöhnen.«</p> + +<p>»Ja, nur daß das Experiment mißglückt ist,« sagte Maggie. »Und nun sitzt +die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.«</p> + +<p>Eine gewisse Empörung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des +für sich selber fürchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach +einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebüsch abgerissen hatte +und warf die Stücke erregt fort.</p> + +<p>Der Oberförster biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf.</p> + +<p>»Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten,« sagte er, »aber +sonst ein anständiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud verwöhnt +er sonst wie eine Prinzeß. Und der Skandal bei so 'ner +Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ...«</p> + +<p>Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas.</p> + +<p>Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze +Kaltblütigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie +etwas für Gertrud tat, durfte keine Gemütsduselei und keine überflüssige +Erregung mit unterlaufen. Kalt und<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48"> [48]</a></span> klug wollte sie alles lenken, zu +ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs.</p> + +<p>»Ja, Papa, schlimm ist es,« sagte sie beistimmend, »das seh' ich schon +ein ... aber was tun?«</p> + +<p>Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander.</p> + +<p>Der Bestand wechselte. Statt der buntgefärbten Laubbäume strebten nun +alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch +das dunkle Grün, und Goldflecke blühten auf dem bräunlichen Waldboden +auf.</p> + +<p>»Schönes Stück!« sagte der Alte. »Der Endzipfel gehört schon zu +Tromitten.«</p> + +<p>»Was war denn nun mit Seckersdorf gestern?« fragte Maggie.</p> + +<p>»Ja,« erwiderte der Oberförster zögernd, »mir fiel schon unterwegs ein, +daß man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoßen kann. Ich +habe noch nicht zugesagt ... Überbürdung vorgeschützt, mir Bedenkzeit +ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, – +Heiratsgeld, Mädel ... Wenn man nur wüßte ... Sag' mal, was ist denn nun +eigentlich bei Kurowskis los gewesen?«</p> + +<p>Maggie erzählte.</p> + +<p>Der Oberförster schüttelte den Kopf und fluchte.</p> + +<p>»Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist,«<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49"> [49]</a></span> sagte er schließlich, +»daß seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, muß es mit der +Gleichgültigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein. +Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum +... dann freilich ...«</p> + +<p>Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wäre viel zu sehr herunter, als +daß sie an solche Dinge dächte. Aber zu vornehm und harmlos wäre sie +auch, und könnte sich nicht vorstellen, daß man sogar ihren Blicken +allerlei Bedeutung unterlegte. Man müßte also dafür sorgen, daß sie nie +mit Seckersdorf zusammenträfe, denn wer weiß, ob nicht der Kurowski +gerade nach Berlin gegangen wäre und Gertrud allein hier gelassen hätte, +um ihr eine Falle zu stellen? Dann würde er sie auf bequeme Weise los, +und die Kinder gehörten ihm.</p> + +<p>»Alle Wetter!« Der Oberförster blieb stehen und sah seine Jüngste +verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem +Kurowski, schon. Natürlich! Daß ihm das selbst auch nicht eingefallen +war! Gott sei Dank, daß er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. »Und +weißt du warum, Mädel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den +Eichenschlägen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm +... Na, und so weiter.«<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50"> [50]</a></span></p> + +<p>Maggie erschrak, daß sie blaß wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich +zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten +sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren +strahlenden Falkenaugen vorwärts.</p> + +<p>Um so besser. Das Glück war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich +alles so noch natürlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit +begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens +ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grübeln und dem Zufall +überlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verständigen +konnte.</p> + +<p>Jetzt, während sie rüstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud +Bezügliche.</p> + +<p>Dem Vater hatte sie nur gesagt, daß es ihr ganz lieb wäre, den +Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gespräch selbst wieder auf +Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich +gegenseitig auch das Herz über das Aussehen und das müde, schlaffe Wesen +der armen Frau auszuschütten, auf Kurowski zu schelten, seinen +schillernden, unzuverlässigen Charakter zu zergliedern und schließlich +immer wieder zu der Frage zurückzukehren: »Die arme Gertrud, – was wird +das nur werden?«<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51"> [51]</a></span></p> + +<p>Dabei gingen sie rüstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an +deren Rand ein Dutzend alte Eichen »hingerichtet« wurden, wie Maggie +sagte.</p> + +<p>Die Leute grüßten, der Aufseher trat heran. Und von drüben, der +entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd geführt hatte, kam Hans +Seckersdorf herüber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick.</p> + +<p>Nun stand ihr doch das Herz still.</p> + +<p>Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu +mustern, während er über die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit +lautem Gruß auf ihn zuschritt.</p> + +<p>Er war sehr groß, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung +hatte; er trug den verhältnismäßig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in +den Bewegungen. Das Gesicht, regelmäßig wie eine Marsmaske, mit +aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht +von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentümlich still und +fest blickend, – alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht +vorübergehen konnte.</p> + +<p>Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwärts. Leuchtend in den +Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52"> [52]</a></span> +unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem »allerersten +Tänzer«, ein frohes Willkommen entgegen.</p> + +<p>»Papa sagte mir, daß wir Sie hier treffen würden, und ich habe mich +recht gefreut.«</p> + +<p>Er drückte ihr die Hand und sprach von freudiger Überraschung; dabei +musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen.</p> + +<p>Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an +den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentümlich an, – bittend und +forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein? +Fast schien es so.</p> + +<p>Der Oberförster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch +nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum +vorgenommen; der Oberförster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und +hörte mit intensiver Aufmerksamkeit zu.</p> + +<p>»Ich lerne,« sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie.</p> + +<p>In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den +Oberförster heran.</p> + +<p>»Natürlich!« sagte der Oberförster nach kurzer Prüfung. »Entschuldigen +Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.«<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53"> [53]</a></span></p> + +<p>Er trat hinüber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben +Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen spähendem Blick. Ja, +hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's, +– also vorwärts!</p> + +<p>Aber schön war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinüberströmte, +dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen +zitterte. Maggie hätte noch minutenlang so stehen mögen, in dieser +klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand.</p> + +<p>Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mußte anfangen.</p> + +<p>»Herr von Seckersdorf!« sagte sie stockend.</p> + +<p>Er horchte auf. »Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme –«</p> + +<p>»Ähnlichkeit mit der meiner Schwester!« fiel sie rasch ein. »Ja, es ist +leider die einzige.«</p> + +<p>Er machte eine höfliche Bewegung und sah sie unruhig an.</p> + +<p>»Wie er erregt ist!« dachte sie. »Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen +Gertrud lieb, daß ich Sie sprechen kann,« sagte sie hastig, nach dem +Oberförster hinübersehend.</p> + +<p>Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. »Wegen Frau von +Kurowski?« Sie nickte.<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54"> [54]</a></span></p> + +<p>»Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen,« sagte sie schnell, noch +immer wie ängstlich nach dem Vater blickend, »weil sie Ihretwegen in +rohester Weise von ihm verdächtigt worden ist.«</p> + +<p>»Um Gottes willen – meinetwegen?« Er machte eine hastige Bewegung, als +ob er ihren Arm ergreifen wollte.</p> + +<p>»Sie müssen das wissen,« sagte sie, leise und schnell, »weil Papa von +einer geschäftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie hätten uns +wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist, +unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme +Schwester überhaupt nicht wieder.«</p> + +<p>»Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natürlich ... sofort ... wenn es +sein muß ...« Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. »Sie ist rüde +behandelt worden?« fragte er zögernd.</p> + +<p>Maggie nickte wieder. »Sie will nicht wieder nach Laukischken zurück ... +aber Papa wird sie zwingen ... überreden, wie ...«</p> + +<p>»Wie damals,« sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus.</p> + +<p>Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine +schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien.<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55"> [55]</a></span></p> + +<p>Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen.</p> + +<p>»Leidet sie sehr ... sehr?« fragte er nach einer Pause. »Ist sie sehr +verändert in diesen acht Jahren?«</p> + +<p>»Sie ist völlig niedergebrochen,« sagte Maggie mit Betonung.</p> + +<p>»Nicht doch, nicht doch!« murmelte er. »Weiß sie, daß wir, ich meine Sie +und ich, heute hier –« Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang +zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte +Maggie.</p> + +<p>»Gott bewahre,« sagte sie. »Man muß ihr doch alles fernhalten, was sie +beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ...« Sie stockte, wurde rot +und sah nach der Seite.</p> + +<p>»Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe?« fragte er +dringend. »Kann ich denn sonst nichts, gar nichts für sie tun?«</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberförster, +der eben zurückkam.</p> + +<p>»Papa darf nichts davon wissen!« sagte sie verlegen.</p> + +<p>Er sah sie dankbar an.</p> + +<p>»Sie lieben Gertrud« – er erschrak und verbesserte sich – »Ihre Frau +Schwester sehr?«<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56"> [56]</a></span></p> + +<p>»Mehr als alles auf der Welt,« sagte sie aufrichtig. »Und für ihr Glück +brächte ich jedes Opfer.«</p> + +<p>In überströmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand.</p> + +<p>»Wollen Sie ... dürfen Sie ihr sagen ...«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>Da stand der Oberförster vor ihnen und schmunzelte vergnügt.</p> + +<p>»Freundschaft geschlossen?« fragte er.</p> + +<p>»Alte erneuert,« antwortete Maggie.</p> + +<p>»Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Fräulein, das nicht immer +mitgenommen wurde.«</p> + +<p>»Und jetzt tanze ich schon regulär sieben Winter.«</p> + +<p>»Werden wir Sonntag über acht Tage in Waldlack zusammen sein?« fragte +er, unruhig ihre Augen suchend.</p> + +<p>»Papa, du hast ja verheimlicht, daß am Sonntag die Waldlacker +Gesellschaft ist,« wandte sich Maggie an den Vater. »Natürlich also, und +ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt +wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas +zum Tanzen gibt.«</p> + +<p>»Und immer viel zu viel,« lachte der Oberförster. »Aber wenn Sie sich +nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann +bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen,<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57"> [57]</a></span> Kind. Wir haben ja +noch einen weiten Rückweg.«</p> + +<p>Maggie setzte sich auf einen Stein, während die Herren zu den Arbeitern +gingen.</p> + +<p>Das Herz war ihr weit und sie fühlte sich beunruhigt. Also, so was gab +es wirklich? Da war ein Mann, schön und jung, vornehm, mit glänzenden +Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast – +und obwohl Gertrud nicht mehr so schön war, einem anderen gehört hatte, +Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren +Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann, +vielleicht noch interessanter als dieser – aber nein –, dieser +Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz +außergewöhnlich Anziehendes.</p> + +<p>So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie +seine schlank-kräftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den +Bäumen auftauchen sah, überraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von +Neid.</p> + +<p>Warum traf sie nie so einen, der ihr seine schöne männliche Erscheinung, +seine vornehme Seele und – nicht zu vergessen – seine Reichtümer bot? +Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so +fest die Hand drücken konnte?<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58"> [58]</a></span> Gott, vielleicht war das alles ein +bißchen langweilig; vielleicht, wenn man sich überhaupt auf so etwas +einließ, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und übrigens, +was grübelte sie über das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich +einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich +wirklich freuen.</p> + +<p>Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das +Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, drückte ihr bedeutungsvoll +die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort.</p> + +<p>»Famos, wie er reitet,« sagte Maggie, ihm nachsehend.</p> + +<p>»Überhaupt ein Prachtmensch,« stimmte der Oberförster bei. »Glaubst du, +daß er mir das von damals nachträgt? Keine Spur! Und was meinst du, +Döchting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gefährlich.« Er blinzelte +schlau mit den Augen.</p> + +<p>»Das kannst du gar nicht wissen,« erwiderte Maggie ernsthaft.</p> + +<p>Einsilbig, Luftschlösser bauend und zerstörend, gingen sie heim durch +den starkduftenden Wald.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59"> [59]</a></span>Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe +eingetroffen und hatte Grüße von dem gnädigen Herrn überbracht, der in +den nächsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herüberkommen würde. +Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres +Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, daß +alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehörte, die er +auszuüben beliebte.</p> + +<p>Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle häuslichen Angelegenheiten +so weit geordnet, daß man sie während seiner Abwesenheit mit gar nichts +behelligen würde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach +dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben hätte, daß +sie nach dem Rechten sähe. Sonst hätte er ihr nichts zu sagen, als daß +er Nachricht über die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse +telegraphiert haben würde. Alles weitere sollte sich nach seiner +Rückkehr finden.</p> + +<p>Gertrud weinte viel über diesen Brief. Die große Unsicherheit ihrem Mann +gegenüber, die alles in ihr zerstörte, woraus sie sich noch einen +Lebensinhalt hätte schaffen können, nahm wieder ganz Besitz von ihr.<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60"> [60]</a></span></p> + +<p>Sie wußte nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder +wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wäre! Sie lief vom +Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg +übersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer +banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und mußten +wieder hinaus; sie ging zu Fräulein Perl, die in der Küche beschäftigt +war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Fräulein Perl meinte, eine +Hilfe könnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie müßte auch +wirklich eine sein. Darüber sprach man nun hin und her, bis Fräulein +Perl ungeduldig wurde.</p> + +<p>»Weißt du, Kindchen, ich habe zu tun, überleg dir's doch, es hat ja +keine Eile. Bis zum Abendzug muß die Person ja doch hierbleiben. Laß sie +nur gleich die Sachen der Jungen einräumen.«</p> + +<p>»Ja, natürlich.« Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die +Veranda, um zu warten und zu grübeln.</p> + +<p>Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten +hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine überlegene Art in immer +größere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen +zärtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61"> [61]</a></span> Liebe bot. Vor harten, +ironischen oder zweifelhaften Worten und Berührungen schreckte sie +zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schützen könnte, +und verstummte schließlich ganz.</p> + +<p>Das war eine Schwäche, eine Verzärtelung, aber sie konnte nicht anders. +In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestärkt, sie +seine Taube genannt und ihre zurückhaltende Scheu mit heißen +Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber +gegeben, gehorsam und ohne Maß, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn +sie fühlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen +Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu +dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte.</p> + +<p>Wie von einem unvergeßlichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen +unausgefüllten Stunden ihres Tages von ihm geträumt. Aber nun war er +plötzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie früher gesagt: »Ich +hab' dich noch lieb!«</p> + +<p>Und da verschwanden mit einem Male alle trübsinnigen Grübeleien; der +Himmel schien ihr so klar und hoch, als müßte sie hinauf, und ein Gefühl +von Sicherheit kam über sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der +Zukunft entgegengehen würde. Und das alles nur, weil er wieder da war.<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62"> [62]</a></span></p> + +<p>»Aber was willst du von ihm?« fragte dann wieder mahnend das Gewissen. +»Du tust Unrecht. Das ist Sünde, das ist gefährlich ... Du brichst die +Ehe in Gedanken.«</p> + +<p>Die Kinder liefen vorüber und schrien ihr zärtliche Worte zu. Da nahm +sie sich zusammen und sagte sich: »Ich will nicht, ich darf nicht an ihn +denken!« Aber ein aufregendes Erwartungsgefühl zitterte doch in ihr, +wich dem einer großen Angst und rang sich wieder durch, so daß sie +zuletzt nicht mehr aus und ein wußte und mit klopfendem Herzen in den +Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief.</p> + +<p>In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rückkehr und erzählte von +der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm über +Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Färbung +an und weckten Glücksschauer in der verschüchterten Seele der armen +Frau.</p> + +<p>Aber sie wehrte sich dagegen. »Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich +an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!«</p> + +<p>Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige +Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich +vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich heiß<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63"> [63]</a></span> und bebend aus ihrem +Arme löste, rief sie ihr heftig zu: »Wenn ich du wäre, und solch ein +Mann hätte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte: +'Nimm mich ... gleich ... laß uns nicht eine Sekunde von dem +grenzenlosen Glück verlieren, das wir für einander bereit haben.'«</p> + +<p>Gertrud sah sie groß, mit leuchtenden Augen an. Sie wußte, das war +Mädchengeschwätz, in Wirklichkeit würde das ganz anders kommen; und +dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezähmbarer, sehnsüchtiger +Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn.</p> + +<p>»Ach, wenn ich heute mit gewesen wäre und hätte ... Nein, nein, Maggie, +du führst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde +schlecht ... Muß er sich selbst nicht sagen, daß es schlecht ist? Ich +bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!«</p> + +<p>Sie weinte heftig. Aber Maggie fühlte, daß Gertruds Widerstand schon +nachgelassen hatte.</p> + +<p>Damit war sie für jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mußte ja erst +allmählich wieder zur Selbständigkeit und Glücksfähigkeit erzogen +werden.</p> + +<p>Bei Tisch, als der Oberförster Maggie mit Seckersdorf neckte – +absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte –, +wechselten<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64"> [64]</a></span> die Schwestern einen Blick des Einverständnisses, und +Gertrud lächelte ein wenig.</p> + +<p>So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam +vorwärts.</p> + +<p>Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud, +als von etwas Selbstverständlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie +sprach, sie glaubte jedoch mit der empfänglicheren Phantasie der +Schwester rechnen zu müssen, und redete sich dann allmählich in immer +größere Wärme hinein. Oft wurde sie müde, wenn Gertrud immer dasselbe +sagte: »Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen +denken.« Aber sie ließ doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden, +als eines Tages sich zu den üblichen Worten der Zusatz einstellte: »Bis +daß ich frei bin.«</p> + +<p>Sie kämpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich +fest, sie beschäftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den +Kindern. Aber wenn es ihr mühsam gelungen war, die gefährlichen Gedanken +zu verbannen, stand Maggie da und sagte: »Gertrud, wenn er dich so +sähe,« oder: »Was möchtest du sagen, wenn er die Türe aufmachte und die +Arme ausbreitete?« oder ähnliche Torheiten mehr, die dann immer eine +Überleitung auf das verbotene Thema abgaben.<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65"> [65]</a></span></p> + +<p>Allmählich wurde da Gertruds Widerstand immer schwächer. Äußerlich und +auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen +und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mädchenlebens, von dem süßen, +bangen, aufregenden Gefühl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken +ausklang: »Er liebt dich noch immer!«</p> + +<p>Sie blühte von Tag zu Tag dabei auf. Die ängstliche Spannung, durch die +beständige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem +Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische +Heiterkeit, die früher einen guten Teil ihrer Schönheit ausgemacht +hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete.</p> + +<p>Maggie sah es mit Stolz und fühlte sich gehoben und glücklich.</p> + +<p>Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr +geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem +ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, törichten Herzens. Maggie +wunderte sich oft und ärgerte sich auch manchmal über sie.</p> + +<p>Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug +und unberührt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus +dem Leben fortleugnen ließ, dann war es begreiflich,<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66"> [66]</a></span> daß Kurowski in +seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fühlen +mußte.</p> + +<p>Ob übrigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewußten, lebensklugen +Eindruck machte, Verständnis für diese träumerisch unweltliche Art +Gertruds besaß? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm +war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte?</p> + +<p>Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie +zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, daß sie sich sagte: »Eigentlich +wäre jeder der beiden Männer, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann +für mich, und nun hält Gertrud alle beide. Dafür hab' ich sie aber auch +lieb und will sie glücklich machen,« beruhigte sie sich dann. +»Sonst ...«</p> + +<p>Übrigens kühlte sich ihre große Liebe für Gertrud ein wenig ab. Es lag +schließlich doch in Gertruds Art etwas Beschränktheit. Warum hatte sie +sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im +Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann? +Sie hatte schließlich doch nicht darauf rechnen können, daß Seckersdorf +ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen würde.</p> + +<p>Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67"> [67]</a></span> Blödsinn. Aber da sie nun +einmal die Leitung in dieser Komödie übernommen hatte, sollte auch nach +ihrem Willen gespielt werden.</p> + +<p>Darüber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden +sollte. Gertrud blieb natürlich zu Hause, hätte aber die Schwester gern +so glänzend als möglich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte +nicht anders erscheinen, als ihren Verhältnissen entsprach. Und als sie +dann in ihrem einfachen blaßblauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar +frische Rosen von Fräulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der +Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher hätte sie in dem +kostbarsten Staat nicht aussehen können, meinte sie, und alt und jung +müßte sich in sie verlieben.</p> + +<p>»Und wenn Seckersdorf das täte?« fragte Maggie lachend, aber mit einer +kleinen, innerlichen Bitterkeit.</p> + +<p>Gertrud lächelte dazu und sagte: »Der ist ja nicht mehr frei, – aber +alle anderen.«</p> + +<p>Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und +ähnlichen Gedanken beschäftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack, +den sie, gut eingehüllt, im Halbwagen mit dem Vater zurücklegte.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68"> [68]</a></span>Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der +Wintervergnügungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn +das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge +Logierbesuch beherbergen und darum auch Gäste von weit her bei sich +sehen.</p> + +<p>Die Waldlacker waren außerdem reich, führten den Haushalt in großem Stil +und sorgten dafür, daß die Saisonneuerungen, die in Berlin für notwendig +erklärt worden waren, in ihrem Kreise eingeführt wurden.</p> + +<p>Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der +Terrasse hielt. »Ach, für mich gibt's heute ja nur Seckersdorf!« dachte +sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter.</p> + +<p>Nun die mit Läufern belegte und überdachte Terrassentreppe – ein Luxus, +den sich sonst niemand gestattete – hinauf, in den kleinen Gartensaal, +der, mit Orangen und Palmen geschmückt und farbig erleuchtet, festlich +anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten +Begrüßungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in +Anspruch nahmen.</p> + +<p>Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69"> [69]</a></span> den Frauen und Mädchen der +Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten +auf sie zukam, ihr Zärtlichkeiten sagte, Komplimente über ihr Aussehen +machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll +begrüßte und die anderen jungen Mädchen in aller Eile Geschichten zu +erzählen und vielerlei zu fragen hatten, – die besonders vertrauten +auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen.</p> + +<p>Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und +ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich »furchtbar« aufs +Tanzen, ließ sich von den jungen Herren erzählen, die da waren, tauschte +Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen würde, von wem +wohl die Marie Röder das große Bukett haben könnte, mit dem sie so +geheimnisvoll tat, und gab dann schließlich zum besten, daß sie den +vermutlichen Löwen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und +ihn sehr nett gefunden hätte.</p> + +<p>Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er +gut aussähe, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt wäre ...</p> + +<p>Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu käme, +wollte sie ihn ordentlich<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70"> [70]</a></span> ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen +kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, daß sie +entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den +Gartensaal, wo der Vater sie erwartete.</p> + +<p>Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf.</p> + +<p>Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem häßlichen +Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem +Zuge.</p> + +<p>Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von +Schweitzer begrüßt hatten, der sich dem Vater anschloß, gingen sie +zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er +den Anfang machte und stockend fragte: »Gnädiges Fräulein haben den +Rückweg neulich ohne Anstrengung gemacht?«</p> + +<p>Nun lachte Maggie. »Natürlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal +ehrlich, was Sie eben dachten.«</p> + +<p>»Ehrlich?« Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht.</p> + +<p>»Gewiß. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung.«</p> + +<p>Er nickte und sagte etwas verlegen: »Ich dachte, wie ich eines Abends +vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, – und aus der +Damengarderobe<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71"> [71]</a></span> trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute.«</p> + +<p>»Ich besinne mich zufällig auf den Abend auch,« antwortete Maggie +nachdenklich. »Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so. +Sie trug ein weißes Kleid mit Silber durchwebt.«</p> + +<p>»Ja, ja!« bestätigte er. »Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet +und eine Art künstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr +Fräulein – Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein +herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz +starr ... So etwas Schönes hatte man überhaupt noch nie erblickt.«</p> + +<p>In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals.</p> + +<p>Sie waren an der Türe des Empfangszimmers.</p> + +<p>»Darf ich mir den Kotillon sichern?« bat Seckersdorf.</p> + +<p>Maggie bejahte freundlich, und begrüßte die Wirte, die ihr besonders +gewogen waren.</p> + +<p>Frau von Bork, eine große, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein +klein wenig aus der Jugend übriggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr +zu sagen, daß sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72"> [72]</a></span></p> + +<p>Maggie verschwieg, daß sie auch den Kotillon mit ihm tanzen würde. »Wenn +es sich nicht um Gertrud handelte,« dachte sie, am Arme des Hausherrn in +den Tanzsaal gehend, »welche Gelegenheit für mich selbst!«</p> + +<p>Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand +wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als +Maggie dann den älteren Damen, die noch gruppenweise im Saale +umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen +ballfiebernden jungen Mädchen unterhielt, immer von wohlwollenden, +bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, daß sie an diesem +Abend wieder die Gefeiertste sein würde.</p> + +<p>Das freute sie wegen Seckersdorf.</p> + +<p>Als die Musik mit der üblichen Polonäse einsetzte, kam es wie ein Rausch +über sie.</p> + +<p>Im Vollgefühl ihrer Jugendschönheit und Macht wuchs sie förmlich, und +dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern, +der sie zum Rundgang führte, hätte sie entgegenjubeln mögen.</p> + +<p>Es war doch wunderbar schön, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zügel +fest in der Hand. Vorwärts in alle die Freuden hinein!<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73"> [73]</a></span></p> + +<p>Sie sprühte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon +etwas schwerfälliger Herr gegen Ende der Dreißig, konnte ihr nicht gut +folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn +niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an +schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher +nicht genug von dem schneidigen Mädel erzählen, und so drängte man sich +um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im +Vorübergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den +Eindruck, als ob sie die einzige Dame wäre, die man für beachtenswert +hielt. Die zuschauenden Mütter begannen die Köpfe zusammenzustecken, die +tanzenden Töchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung +gelassen wurden, weil man beständig zu der Ecke hinübersah, in der +Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des +Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an, +ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend +bei den Damen zu verlieren.</p> + +<p>Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich +amüsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, daß man +nicht<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74"> [74]</a></span> schön zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu +fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen?</p> + +<p>In einem Anfluge von Schuldbewußtsein atmete sie beklommen auf und sah +gedankenvoll zu Seckersdorf hinüber. Er hatte nur Extratouren mit ihr +wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genähert. Aber sie +fühlte, daß er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm +allein als gefeierte Ballkönigin zur Schau stellte.</p> + +<p>Und endlich kam das Souper. Maggie war müde geworden von dem vielen +Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er +führte sie zu einem Platz der hufeisenförmig gedeckten Tafel, an dem sie +neben dem Gourmet Beckers saß, während sich ihm zur Seite ein neu +verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenübersitzenden ihnen durch einen +hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so +ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er +verstand.</p> + +<p>»Ich bin der Attentäter, Fräulein Hagedorn,« sagte er. »Werden Sie nicht +bereuen, daß Sie mir das Souper gegeben haben?«</p> + +<p>»Was glauben Sie denn?« fragte sie geradezu. »Ich habe doch immerzu +daran gedacht, daß wir uns<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75"> [75]</a></span> jetzt aussprechen würden. Ich sah es ja auch +Ihnen an, wie Sie darauf warteten.«</p> + +<p>Ja, er hätte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er wäre glücklich +gewesen, wenn er sie hätte sprechen können. Sie hätte ihn durch ihre +Andeutungen neulich in große Unruhe versetzt. Er wüßte nicht, wie es +durch ihn zu einem so schweren Mißverständnis hätte kommen können. Der +Gedanke peinigte ihn furchtbar und er bäte Fräulein Maggie inständig, +ihm alles zu sagen.</p> + +<p>Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und sah ihn von unten herauf +ernst an.</p> + +<p>»Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine +Schwester Gertrud noch?«</p> + +<p>Seckersdorf fuhr zusammen. »Fräulein Maggie!«</p> + +<p>»Ja,« fuhr sie fort. »Das ist die Generalfrage. Über die müssen wir uns +einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne Rückhalt sprechen soll. +Also ja ... oder nein?«</p> + +<p>Seckersdorf sah sie mißbilligend, fast hochmütig an. Er war blaß +geworden.</p> + +<p>»Fräulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines +anderen –«</p> + +<p>»Das heißt also: nein!« sagte Maggie kalt. »Gut, sprechen wir nicht +weiter über die Angelegenheit.<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76"> [76]</a></span> Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind, +Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorwürfe deshalb. Mein +Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, daß <em class="g">sie</em> +Ihnen Avancen gemacht hätte.«</p> + +<p>»Gott!« Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor +sich hin.</p> + +<p>Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdrückten Zorns, +daß seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie +ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr würde +bändigen können.</p> + +<p>»Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erzählen, +soweit Sie unterrichtet sind,« sagte er leise, und seine Augen hingen +mit strengem Blick an ihrem Gesichte.</p> + +<p>Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erzählte. Ohne +mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf.</p> + +<p>Seckersdorf glühte und biß die Zähne zusammen. »Ich werde Ihren Herrn +Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski +zu geben.«</p> + +<p>Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen.</p> + +<p>»Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77"> [77]</a></span> denn wirklich in einen Skandal +gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren würde, +wenn Sie mit meiner Schwester zusammenträfen? Er hat schon in einem +unverschämten Brief an Papa verfängliche Andeutungen gemacht, doch ohne +Ihren Namen zu nennen. Übrigens können wir aus allem, was er sonst sagt, +nicht klar darüber werden, ob er überhaupt je auf eine Scheidung +eingehen wird.«</p> + +<p>»Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen?« fragte Seckersdorf tief +atmend.</p> + +<p>»Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so mürbe geworden, und +wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt –«</p> + +<p>»Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er?«</p> + +<p>»Es wäre doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich.«</p> + +<p>Ein traurig zärtliches Lächeln, rührend in diesem kraftvoll ernsten +Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen.</p> + +<p>»Wie er sie liebt!« dachte Maggie, jetzt mit Bewußtsein neidisch.</p> + +<p>»Sehen Sie,« sagte sie weiter, »schließlich ist es Papa ja auch nicht zu +verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt, +glänzend<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78"> [78]</a></span> sogar – sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt – und die +Kinder ...«</p> + +<p>»Ja, die Kinder!«</p> + +<p>Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn.</p> + +<p>»Sie würde sie ihm lassen müssen!« sagte er.</p> + +<p>Maggie zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Und sie ist fest entschlossen?« fragte er. »Sie ist <em class="g">sehr</em> unglücklich?«</p> + +<p>Maggie nickte nur. Sie hätte jetzt gut eine leise Andeutung über +Gertruds Liebe zu ihm machen können, aber mit einem Male wollte sie +nicht.</p> + +<p>Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum.</p> + +<p>Das Abendessen – einfach mit vier Gängen, Maggie hatte alle gekostet, +trotz ihrer Erregung – nahm seinen Fortgang. Trinksprüche wurden +ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Plätze +zurück, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter.</p> + +<p>Maggie fühlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich +eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so +sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von +dem allgemeinen Vergnügen ausgeschlossen und ... Nein – sie +vergegenwärtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79"> [79]</a></span> +weinenden Mund und den zärtlichen Augen –, jetzt war sie doch wieder +mit Eifer bei der Sache. Was würde dieser große, starke, ungeschickte +Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an.</p> + +<p>Da fühlte sie ihre Hand gefaßt. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck. +Ein heißer Schauer überlief sie.</p> + +<p>»Fräulein Maggie!« sagte Seckersdorf. »Ich will Ihnen jetzt sagen ... +auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stück +Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch +den Großmütigen spielen mußte. Und als sie sich verheiratete, – ja, was +soll ich sagen – leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie +wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr +Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich, +und da bin ich mit einem Male in gute Verhältnisse gekommen. Und um die +lumpige Kaution hatte ich <em class="g">sie</em> aufgeben müssen. Das war mehr als hart.«</p> + +<p>Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein +bewegtes Gesicht.</p> + +<p>»Es gab dann ja viel zu tun!« sagte er weiter. »Landwirtschaft zu lernen +und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80"> [80]</a></span> +hab' ich im Anfang manchmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Wenn ich so +dachte ... das liebe, weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr +darunter ...«</p> + +<p>Es quälte ihn heute noch in der Erinnerung.</p> + +<p>Maggie fühlte ihr Herz seltsam gepreßt.</p> + +<p>»Aber, gnädiges Fräulein,« er sprach immer in demselben schlichten, +stillen Ton, »die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem +zuletzt über manches weg. Man wird auch älter. Man denkt schließlich an +all das mit ein bißchen Rührung und Wehmut und sagt sich ... es wär' so +schön gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wäre es auch +geblieben ... wenn ich Gertrud als glückliche Frau wiedergesehen hätte. +Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen – +dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrückt – und da find' ich sie +so blaß, elend und so vergrämt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja, +Fräulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzählen, wie's mit ihr +steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen +Sie ihr von mir sagen ... daß ich ihr ... daß ich ... mit Leib und Seele +... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...?«</p> + +<p>Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81"> [81]</a></span> hatte eben ans Glas +geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten.</p> + +<p>Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung +gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, für ein Glück, das +außer jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl +herkommt und jede sorgfältige Überlegung, alles Kalte, alles Unehrliche +vielleicht wegspült. »Eigentümlich muß es sein – eigentümlich –« +dachte sie. Und plötzlich durchbrauste eine heiße Zärtlichkeit sie ... +für Gertrud ... für Seckersdorf.</p> + +<p>Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren, +nicht sentimental werden, sich schließlich regelrecht in diesen blonden +Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie +sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt würden glücklich, und +sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant wäre es gewesen, +diese merkwürdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergründen, – +ein klein wenig zu erschüttern vielleicht ...</p> + +<p>Ob ihr das gelingen würde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele +wiederholte sie: »Aber das weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr +darunter.« Das war ordentlich aufregend. Ein<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82"> [82]</a></span> Schauer überlief sie. Wie, +wenn sie's doch versuchte? Und dann großmütig verzichtete und wieder zu +Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, daß es zu glücken anfing?</p> + +<p>Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der +Gläser.</p> + +<p>»Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten,« sagte +sie, während sie mit ihm anstieß.</p> + +<p>»Ich werde es Ihnen nie vergessen,« erwiderte er einfach.</p> + +<p>Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.</p> + +<p>»Wissen Sie was, – nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den +langen Kotillon zusammen ... Wie wär's, wenn wir täten ... als ...«</p> + +<p>»Als was?« fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab.</p> + +<p>»Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses +Vielliebchen ... <span class="f">j'y pense</span>.«</p> + +<p>Er nahm die Mandel. »Und wenn ich gewinne,« bat er, »bekomme ich einmal +ein Briefchen mit Nachrichten, wie?«</p> + +<p>»Nein, nein!« sagte sie. »Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich +schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ...<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83"> [83]</a></span> +Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht?«</p> + +<p>Er nickte ein paarmal.</p> + +<p>Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. »Das Souper gehörte Gertrud, +der Kotillon ist für mich,« dachte sie dabei. Aber sie besann sich +anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah, +daß man ihr die ausschließliche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte, +überredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor +dabei nicht. Die Herren verwünschten die morgige Holzversteigerung, die +den Vorwand zum frühen Aufbruch gab, und überhäuften sie im voraus mit +Blumen und Geschenken.</p> + +<p>Äußerlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres +Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob plötzlich etwas nicht ganz +klar in ihrem Leben sei.</p> + +<p>Der Vater strich ihr einmal, als sie längst im Wagen saßen, zärtlich +über das Gesicht. Da dachte sie, sie müßte weinen. Und aufgeregt, mit +Tränen kämpfend, saß sie in ihrer Ecke, während Hagedorn einschlief, und +sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten +Herbsthimmel zitternd übersäten.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84"> [84]</a></span>Zögernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll böser Gedanken, trat +Maggie in Gertruds Schlafzimmer.</p> + +<p>Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bedürfnissen der +jungen Frau einigermaßen entsprechend hergerichtet worden. Was es an +Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, füllte das +weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schmücken +und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis +spät in die Nacht zusammen saßen und plauderten.</p> + +<p>Heute ärgerte sie sich, ärgerte sich gleich beim Hineinsehen über das +rote Lämpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht über das +duftige Zimmer warf. Gertrud fürchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind, +und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, daß sie bei Maggies +Hineinkommen nicht aufwachte. Und wußte doch, daß heute über ihre +Zukunft beraten worden war!</p> + +<p>Maggie schüttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie +Seckersdorf mit diesem unselbständigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie +die richtige Genossin für einen kraftsprühenden Gatten war, – +zerbrechlich, halb verblüht, weltfremd und verzärtelt?<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85"> [85]</a></span></p> + +<p>Sie biß die Zähne zusammen und trat hastig an das Bett.</p> + +<p>Da erwachte Gertrud. Mit großen, noch träumenden Augen sah sie in die +Höhe und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom +Schlafen heiß, und die schimmernden Haarsträhnen fielen ihr tief ins +Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten +Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie +ausströmte, so unglaublich reizend, daß Maggie wider Willen sie in die +Arme nahm und dachte: »Nein, du sollst ihn doch haben.«</p> + +<p>In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester +umschlungen haltend, erzählte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr +gesprochen hatte, und daß er ihr gut wäre, wie damals, als er ihr weißes +Köpfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses +sah. Und wenn sie frei wäre ...</p> + +<p>Gertruds Gesicht wurde still und ernst.</p> + +<p>»Ich wußte es ja!« sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte +sie glücklich. Und das war alles.</p> + +<p>»Nun?« fragte Maggie.</p> + +<p>»Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen.«<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86"> [86]</a></span></p> + +<p>»Das mein' ich nicht,« erwiderte Maggie ungeduldig. »Ich wundere mich, +daß du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles +überlegst, mußt du dir doch sagen, daß es ein unerhörtes Glück für dich +ist, wie die Verhältnisse jetzt liegen ...«</p> + +<p>»Weißt du, Maggie, ein unerhörtes Glück wäre es gewesen, wenn wir damals +zusammengekommen wären. Jetzt ... ich weiß nicht, Kind ... Ich bin ja +gewiß stolz, daß er mich noch lieb hat ... wahrhaftig ...«</p> + +<p>»Du hast auch allen Grund dazu,« sagte Maggie heftig. »Bedenke, daß er +dich aus der Hand eines anderen nimmt, daß du nicht mehr jung bist +und ...«</p> + +<p>»Ach, Maggie, wenn <em class="g">er</em> elend und häßlich und alt wäre, hätt' ich ihn doch +auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich weiß +nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das +alles nicht.«</p> + +<p>Maggie brauste auf. »Hör' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa +mit moralischen Bedenken. Es scheint, daß das ein Vergnügen ist, mit dem +du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all +solche Halbheiten, solch bewußten oder unbewußten Selbstbetrug. Mir +komme nicht damit.<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87"> [87]</a></span> Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen +und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten +Laukischker Verhältnisse und gibst Seckersdorf frei.«</p> + +<p>Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so +harte und bittere Worte zu ihr gesprochen.</p> + +<p>Was bedeutete das? »Maggie, warum machst du mir da so häßliche Vorwürfe? +Du weißt doch, daß ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh +mal, wär' ich auf das alles nicht eingegangen, hättest du kein Recht, +mir solche bösen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr darüber +sprechen ... Mögen die Dinge ihren Lauf gehen.«</p> + +<p>»Jetzt, wo du weißt, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit +Ruhe abwarten,« stieß Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer +herum.</p> + +<p>»Du, daß Hans mir gut ist, wußte ich in dem Augenblick, als wir uns +wiedersahen. An später hast <em class="g">du</em> gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie +wieder ... Komm her, Maggie!« Diese kam zögernd. »Du bist ja ganz wild +und aufsässig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke +dir schön, ich danke dir, daß du so für mich sorgen wolltest, danke dir +tausendmal für alles, was<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88"> [88]</a></span> du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was +ist dir?«</p> + +<p>Maggie wußte es selbst nicht.</p> + +<p>»Ich glaube Ärger, Enttäuschung, daß du nicht so froh warst, wie ich +gedacht hatte,« sagte sie finster. »Vielleicht bin ich auch neidisch, +weil ihr so – oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf +Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man +abschütteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr +aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unmöglich, daß du ihn je +vergißt? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich +gewesen wäre?«</p> + +<p>Gertrud sah sie kläglich an. »Frag' nicht so. Ich weiß, ich bin eine +pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles +über mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer +an <em class="g">ihn</em> gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn ...«</p> + +<p>Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.</p> + +<p>»Gute Nacht!« sagte Maggie kurz und lief hinaus.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89"> [89]</a></span>Von nun an begann für Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich +über die Scheidung nachzudenken und wußte in ihrer Unerfahrenheit nicht, +wie sie ins Werk zu setzen wäre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen, +Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Fräulein Perl, mit der +sie einmal gesprächsweise und wie unbeteiligt das Thema berührte, sagte +ihr so viel Entsetzliches und Skandalöses darüber und erzählte so +abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten – Gottlob nur wenigen +– erlebt hatte, daß Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken +konnte, unter ähnlichen Verhältnissen sich der Öffentlichkeit +preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glücksgefühl +in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude äußerte. +Sie beschäftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem, +sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfräulein +überlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswürdigen +Geschöpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und +erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die +sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fühlte, in die auch +die quälenden Gedanken an die Zukunft keinen Einlaß fanden.<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90"> [90]</a></span></p> + +<p>Mit Maggie wollte sich die frühere innige Vertrautheit nicht wieder +einstellen. Gertrud grübelte viel über das sonderbare Wesen der +Schwester, machte hier und da einen schüchternen Annäherungsversuch und +zog sich wieder zurück, wenn Maggie sie kurz oder gar höhnisch abwies. +Zuletzt dachte sie, Maggie hätte ihr zwar das Opfer gebracht, mit +Seckersdorf zu sprechen, aber schließlich erkannt, wie unwürdig und +schlecht das im Grunde doch wäre, und verachtete sie nun. Maggie hatte +ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwürfe +genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran, +Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hören, daß er ihr gut +sei, daß er warten wolle, bis ... Doch dieses »bis ...« fing nun an, sie +furchtbar zu quälen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr +daran denken wollte, holte sie sich ihren Ältesten, einen schönen, +klugen, siebenjährigen Jungen und ließ sich die Angst von ihm +fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit +ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zärtlichkeit. Und so verliefen die +Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schön.</p> + +<p>Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem härtesten Gesicht +herum.<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91"> [91]</a></span></p> + +<p>»Was das Mädel mit einemal für Mucken hat?« wunderte sich der +Oberförster oft über seine Jüngste.</p> + +<p>Er sprach häufig von dem Waldlacker Abend, und daß Maggie an Gertruds +altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es wäre geradezu +auffallend gewesen; und er könnte gar nicht begreifen, daß jener danach +noch keinen Besuch gemacht hätte.</p> + +<p>»Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind!« äußerte er +gelegentlich eines Morgens, Gertrud mißvergnügt ansehend.</p> + +<p>»Ich glaube nicht, Papa,« sagte sie verlegen.</p> + +<p>»Blödsinn wär's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was würde, könnte +der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach +Laukischken zurück.«</p> + +<p>Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme, +gute Maggie! Sie stellte sich selbst bloß, sie gefährdete ihren +Mädchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging +ja nicht!</p> + +<p>Sie suchte Maggie auf und schmiegte sich an sie. »Liebes, liebes Kind!« +sagte sie. »Mir ist in meiner selbstsüchtigen Verblendung ja gar nicht +eingefallen, wie sehr ich dir schade. Um Gottes willen ... Papa<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92"> [92]</a></span> +erwartet ja eine Bewerbung Seckersdorfs und glaubt, daß ich allein im +Wege bin?«</p> + +<p>Maggie machte sich los und sah schweigend zum Fenster hinaus.</p> + +<p>Der Wald lag im Schnee ... Weicher grauer Duft schloß die Ferne ab; +alles rückte nah, schmerzhaft nah.</p> + +<p>»Maggie, was ist's?« fragte Gertrud ängstlich.</p> + +<p>»Dumm und verdreht ist das alles!« sagte sie. »Ich bin in einer +Mausefalle. Aus dir ist nicht klug zu werden. Du bandelst mit +Seckersdorf an, man muß an einen furchtbaren Ernst bei euch beiden +glauben, – und dann hast du dich mit den Kindern, als ob du gar nicht +daran dächtest, sie aufzugeben, und er läßt nichts mehr von sich hören. +Und ... und ... Papa hat recht ... Mir entgeht vielleicht die beste +Chance meines Lebens ...«</p> + +<p>Da war's heraus. Es hatte ihr fast das Herz abgedrückt. Tagaus, tagein +hatte sie sich damit abgequält und zuletzt gar nicht mehr versucht, ihre +Wünsche zu beherrschen. Sie malte sich immer nur aus, wie alles anders +sein würde, wenn sie, ungehemmt durch diese unbequeme Jugenderinnerung +der beiden, mit Seckersdorf hätte verkehren können, und so kam sie eines +Tages schließlich dazu, sich zu sagen: »Versuche was du vermagst! +Gertrud hat<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93"> [93]</a></span> ihr Teil. Sie hat verspielt und muß eben zufrieden sein. +Und dann bleiben ihr ja die Kinder!«</p> + +<p>Sie machte sich auch die Schwierigkeiten klar, die sie zu überwinden +haben würde, wenn sie wirklich für sich ernst machen wollte. Dabei +geriet sie in ein Phantasieren über Liebe und Treue, über +Zusammengehörigkeit zweier Menschen, über die stille Festigkeit und den +Blick Seckersdorfs, wenn er an Gertrud dachte und an tausend Dinge, die +damit zusammenhingen und die bisher für sie nicht auf der Welt gewesen +waren. Das machte sie zornig und krank, das weckte den Wunsch in ihr, +derbe, harte Worte zu hören oder zu sagen, vor allem aber den, diese +Gertrud, die ganz ruhig zusehen wollte, wie man ihr ein unerhörtes Glück +aufbaute, die schon unerträglich siegesgewiß lächelte, diese Gertrud, +die ihr mit einem Male so fremd geworden war, zu kränken, zu verletzen, +mitten ins Herz zu treffen.</p> + +<p>War ihr das nun gelungen?</p> + +<p>Gertrud stand ganz blaß da und sah sie erschreckt und mitleidig an.</p> + +<p>»Arme Maggie!« sagte sie. »Das ist ja ein furchtbares Unglück.«</p> + +<p>»Was?« fragte Maggie kurz.</p> + +<p>»Daß du ... ihn nun auch liebst ... Ach,<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94"> [94]</a></span> warum habe ich auch daran +nicht gedacht! Mein Gott, mein Gott ... was wird das nun?«</p> + +<p>Da lachte Maggie kalt.</p> + +<p>»Mit solch blödsinnigen Phantastereien, wie Liebe, verschon' mich!« +sagte sie. »Ich nähme ebenso gerne Kurowski oder jeden anderen, der mir +das bietet, was ich beanspruche.«</p> + +<p>Gertrud nahm ihre Hände und wollte sie an sich ziehen. Sie riß sich los.</p> + +<p>»Durch meine überspannte Zärtlichkeit für dich, an der du Schuld bist, +du ... mit dem 'weißblonden Köpfchen',« lachte sie höhnisch, »bin ich in +diese ganze schiefe Lage geraten. Sähe ich dich nicht jammern und +hinschwinden, wahrhaftig, ich würde mich nicht einen Augenblick +besinnen ...«</p> + +<p>»Ach, Maggie,« sagte Gertrud sanft, »Ich kenn' dich ja besser. Ich +verstehe dich auch ... glaube mir, ich kann ganz mit dir empfinden. Ich +hab' ihn ja selbst so lieb!«</p> + +<p>Maggie machte eine ungeduldige Bewegung und trat an das Fenster.</p> + +<p>Gertrud stand wieder hinter ihr.</p> + +<p>»Nein, Maggie, wir wollen solch einen Ton zwischen uns doch nicht +aufkommen lassen. Wir beide müssen zusammenhalten, wie auch alles wird. +Glaubst du denn, ich werde mich von dir so einfach<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95"> [95]</a></span> zurückweisen lassen, +wenn du so elend bist, daß du schlecht sein willst?«</p> + +<p>»Damit fängst du mich nicht,« sagte Maggie kurz.</p> + +<p>Nun wurde es Gertrud doch zuviel. »Das will ich auch gar nicht,« sagte +sie ungeduldig. »Aber ich will tun, was ich kann, um dir diese Torheit +aus dem Kopf zu reden. Wenn du dich in Hans verliebt hast, so ist das +sehr schlimm; denn du wirst keine Erwiderung finden.«</p> + +<p>Maggie fuhr auf. »Nicht? Nun, das wollen wir doch sehen! Wetten?« Mit +zuckenden Lippen streckte sie die Hand aus.</p> + +<p>»Maggie, bist du denn mit einem Male ganz von Sinnen?« fragte Gertrud, +starr vor Schreck. »Ich begreife dich einfach nicht. Vor ein paar Tagen +kommst du ganz aufgeregt über Seckersdorfs Treue zu mir und redest +eifrig auf mich ein ...«</p> + +<p>»Und jetzt hab' ich mir die Sache überlegt,« unterbrach Maggie sie voll +Trotz, »und will ihn selbst heiraten.«</p> + +<p>»Maggie, vergißt du denn, daß er acht Jahre ...?«</p> + +<p>»Nein, nein, nein, es ist ja genug davon die Rede,« erwiderte Maggie +zornig. »Aber trotzdem werde ich ihn mir erobern – verstehst du?«<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96"> [96]</a></span></p> + +<p>Gertrud drückte ratlos ihre Hände zusammen.</p> + +<p>»Maggie, wenn er dich lieb hätte, ich schwöre dir, ich würde dir das +große Glück gönnen. Aber ... ich weiß –«</p> + +<p>Maggie riß das Fenster auf und atmete tief die kühle, klare Luft ein, +die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang.</p> + +<p>Gertrud fröstelte und trat zurück.</p> + +<p>»Siehst du!« höhnte Maggie. »Nicht einmal einen Luftzug kannst du +vertragen. Du bist ein verzärteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich +mit den Verhältnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und +kämpfen kannst du nicht ... Aber <em class="g">ich</em> kann ... und ich will ... Ich sage +dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mühe geben, Seckersdorf dir +abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann, +ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau +werde.«</p> + +<p>Gertrud sah sie blaß und traurig an. »Tu's!« antwortete sie leise. »In +dem einen hast du recht, daß ich vielleicht nicht gut genug für ihn bin +... Und kämpfen um seine Liebe – nein, das kann ich nicht! Ich kann nur +warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du +mir seine Worte ausgerichtet hast ...«<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97"> [97]</a></span></p> + +<p>»Warte du lieber nicht, Trude,« sagte Maggie weicher. »Laß uns beide +ehrlich kämpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm daß du ihm gut bist, +– und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.«</p> + +<p>»Quäle uns nicht weiter mit solchen Gedanken,« bat Gertrud. »Du weißt ja +gar nicht, was du sprichst. Sei vernünftig und gut.«</p> + +<p>»... und laß mir Seckersdorf!« spottete Maggie. »Nein, ich will nicht. +Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich für mich tätig sein. Über +Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich weiß sehr +wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt +lacht.«</p> + +<p>Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort über die Lippen. +Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie böse und +kalt an.</p> + +<p>Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und +überflüssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stände und höhnisch zu ihr +herüberspräche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans +Seckersdorf war ja da – und hatte sie lieb.</p> + +<p>»Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft +wohl aus sein!« sagte sie mutig. »Tue, was du willst. Schön ist's +nicht,<span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98"> [98]</a></span> was du vorhast, und – ich glaube, vergeblich.« Sie ging nach +der Tür. Da fiel ihr noch etwas ein. »Und ich verbiete dir, Maggie, mit +Hans über mich zu sprechen!« setzte sie hinzu und ging hinaus.</p> + +<p>Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken, +die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr +durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen +durchkostete, drängte sich noch beängstigend, verwirrend die Frage: Muß +ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur +anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit +und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu +bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen. +Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefühl und +Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte.</p> + +<p>In all ihr Grübeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres +Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in +dem Ton, den er ihr gegenüber brauchte, wenn er gut gelaunt war, +forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und +Bedienung. Es wäre dort schön, und er hätte sich's vorgenommen, ihr +endlich ihre Launen abzugewöhnen.<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99"> [99]</a></span></p> + +<p>Da wußte sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie +sprach mit niemand über den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle. +Kühl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, daß und warum sie +eine Trennung wünschte, und sagte ihm, daß sie nach seinem Benehmen +gegen sie bestimmt annähme, er würde ihr nichts in den Weg legen. Nach +Nizza käme sie selbstverständlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe, +wüßte sie auch noch nicht, würde es ihm aber in nächster Zeit mitteilen +können.</p> + +<p>Damit war der Kampf eingeleitet.</p> + +<p>In dem Gefühl, sich von den Ihren durch diesen selbständigen und von +ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben, +zog sich Gertrud nun täglich mehr von ihnen zurück. Es wurde ihr leicht, +da der Oberförster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege +ging. Es war ihr nun ganz klar, daß die Schwester nicht in einer bösen, +sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern daß sie imstande sein +würde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln.</p> + +<p>Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fühlte, daß +man sie, die einst so geliebte und verwöhnte Tochter, nicht mehr gern +dort sah, und begriff, daß sie über kurz oder lang mit<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100"> [100]</a></span> ihren Kindern +einen anderen Platz würde suchen müssen.</p> + +<p>Natürlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ängstigte sie +sich vor den unsicheren Verhältnissen, denen sie, im Besitz so geringer +Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so +unmöglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen, +jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie +lassen wollte.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101"> [101]</a></span>Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschluß. Oft fragte sie +sich: »Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf?« und zuckte +ebenso oft die Achseln über diese Frage.</p> + +<p>Er gefiel ihr – natürlich. Er war eine männlich kraftvolle Erscheinung +und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der großen Welt mit +sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits +rechtsgültig adoptiert hatte, besaß außer Romitten mit seinen vier +Vorwerken noch große Güter in Sachsen, von deren Ertragsfähigkeit man +Wunder erzählte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche +Beziehungen in den höchsten Kreisen, die natürlich dem Adoptivsohn auch +zugute kamen. Welche Aussichten also für sie, die einfach bürgerliche +Oberförsterstochter aus Ostpreußen! Eine Chance, von der sie sich nie +hatte träumen lassen.</p> + +<p>Daß Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschätzte sie durchaus +nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so +viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird, +wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht, +muß er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwächlich, bequem<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102"> [102]</a></span> +oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mußte +gewinnen.</p> + +<p>Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie ließ ihn so +oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mußte, wenn sie Gertrud in +den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie +überlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen +hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung für Gertrud in eine neue +Leidenschaft für sie selbst hinüberzulocken. Aber zunächst mußte sie ihn +treffen, und sie machte schon Pläne, das in die Wege zu leiten, als das +Glück ihr zu Hilfe kam.</p> + +<p>Der Oberförster hatte nach längerem Überlegen die offizielle Verwaltung +der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen für die Aufforstung der +verwahrlosten Schläge einen ehemaligen tüchtigen Revierförster +empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine +Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben +und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen.</p> + +<p>Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet +worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die +gedungenen Taglöhner standen, ohne Ahnung, was weiter<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103"> [103]</a></span> tun, da. +Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter +war klar, ein weicher Wind deutete auf noch länger anhaltende Milde, und +die Arbeitszeit mußte wahrgenommen werden.</p> + +<p>»Wie wär's, Maggie?« fragte der Oberförster, dem noch am Frühstückstisch +der Romitter Brief überbracht wurde. »Hältst du mit? Ich möchte am +liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zurück stramm unsere +zwanzig Kilometer!«</p> + +<p>»Natürlich, Papa, wie immer,« sagte Maggie und streifte Gertrud, die +blaß und aufgeregt ihr gegenüber saß, mit einem triumphierenden Blick.</p> + +<p>Der Oberförster lächelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds +Haar. »Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, – so was konntest +du nie.«</p> + +<p>»Nein,« antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, »das konnte ich +nie.«</p> + +<p>Mit großen, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die +achtete nicht darauf. Gertrud hätte aufschreien mögen: »Nehmt mich mit!« +Eine heiße Angst preßte ihr Herz zusammen.</p> + +<p>»Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa,« sagte Maggie, +»damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde +selbst ein paar Worte schreiben.«<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104"> [104]</a></span></p> + +<p>»Du, Mädel, verhau' dich nicht!« warnte der Vater erstaunt. »Briefe +schreiben ...«</p> + +<p>»Ich tu's ja in deinem Namen, Papa,« widersprach Maggie, setzte sich an +das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort +liegenden Briefbogen.</p> + +<p>Gertrud sah mit brennenden Augen zu.</p> + +<p>Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz flüchtig zu, und der Vater +reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen, +und wie hatte es so kommen können?</p> + +<p>Angstvoll und gedemütigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg +einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr herüber, +und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen.</p> + +<p>»Ich will nicht daran denken!« nahm sie sich vor und trocknete sich die +feuchte Stirn. »Wenn sie wüßte, wie sie mich quält! Und nützen wird es +ihr doch nichts. Er ist Schöneren und Besseren in der Welt begegnet, die +langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben.«</p> + +<p>Damit tröstete sie sich und ging an ihre täglichen Beschäftigungen.</p> + +<p>Der Oberförster und Maggie kamen unterdessen tüchtig vorwärts.<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105"> [105]</a></span></p> + +<p>Es war ein Vergnügen, so zu wandern. Der November schien sich in einen +Frühlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher bläulicher Duft +umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen, +rötlichen Schein durch das graue Gewölk, Haubenlerchen trieben sich in +den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich +Krähen in dichten Scharen.</p> + +<p>Der Oberförster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt.</p> + +<p>»Und nun sag' mal, Maggie,« fing er nach einem längeren Schweigen an, +»was machen wir mit der Gertrud?«</p> + +<p>»Ja, Papa,« erwiderte Maggie zögernd, »ich wollte längst mit dir darüber +reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich +tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt.«</p> + +<p>Hagedorn machte große Augen. »Da soll doch der Teufel ... I da soll +doch –«</p> + +<p>»Ja, und weißt du, Papa, ich bin mit Schuld daran,« fuhr Maggie schnell +fort. »Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch +für sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun ...«</p> + +<p>Der Oberförster fuhr empört auf. »Zum Teufel,<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106"> [106]</a></span> da seid ihr ja beide ... +Weißt du, daß das dumm und niederträchtig ist, was du getan hast?«</p> + +<p>Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre +Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung für ihr Benehmen gegen Gertrud.</p> + +<p>»Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das +alles anders geworden –«</p> + +<p>»Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! Lüge nicht ... Nun seid +ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen könnte ich dich. Die Gertrud wird +sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben +... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ... +meine Töchter ...«</p> + +<p>»Papa, ereifere dich nicht,« sagte Maggie kalt, »damit änderst du doch +nichts.«</p> + +<p>»Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar,« rief der Oberförster +und lief wütend weiter. »Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit +dem Seckersdorf so <span class="f">pani braci</span> gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud +geködert.«</p> + +<p>»Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft +eingefallen, daß ich mir selbst doch eigentlich die Nächste bin.«</p> + +<p>Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst +durch Gertruds Zärtlichkeit<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107"> [107]</a></span> für ihre Kinder stutzig geworden sei, wie +sie allmählich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer +Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei; +und schließlich wären dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre +eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich +in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die +überging sie möglichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach +sie überhaupt nicht.</p> + +<p>Der Oberförster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung +Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war, +ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam +vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem +Manne gegenüber, nur nützen, und die Sache würde sich schon einrenken, +sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den +Kopf gegangen, daß Gertruds wegen möglicherweise die Partie zwischen +Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen könnte; daß Gertrud aber an +Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt.</p> + +<p>Er überhäufte Maggie mit Vorwürfen. Er fand es schamlos, daß sie unter +solchen Verhältnissen sich Hoffnungen machte. Sie hätte abzuwarten,<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108"> [108]</a></span> ob +Seckersdorf kommen würde, wenn Gertrud abgereist wäre. Und daß das auf +der Stelle geschähe, sollte seine erste Sorge sein.</p> + +<p>Maggie ließ den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann +auseinander, was sie sich überlegt hatte.</p> + +<p>Kurowski mußte wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht +allzu leicht gemacht werden. Er würde ja ohnedies einer Scheidung +abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil +Gertrud die bequemste Frau für ihn war.</p> + +<p>Der Oberförster brauste wieder auf, daß er sich auf derartige +Hinterhältigkeiten gar nicht einließe. Frau wäre Frau und bliebe es; er +dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie +sähe.</p> + +<p>»Tu' das nicht, Papa,« sagte Maggie, »sonst verfährst du die ganze +Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles +umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede +Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, – nicht +meinetwegen.«</p> + +<p>Der Oberförster sah sie groß an und wußte in seinem Staunen über ihre +kühle Berechnung nichts zu sagen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109"> [109]</a></span></p><p>»Sieh, Papa,« fuhr Maggie fort. »Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig. +Schließlich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf +glückt ...«</p> + +<p>»Sprich nicht so frech!« fuhr der Oberförster auf.</p> + +<p>Maggie sah ihn fest an. »Bitte, warum nicht aussprechen, was man +empfindet? Hätte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, wäre sie +nicht in ihr Unglück gerannt.«</p> + +<p>Der Oberförster wußte nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte. +Im Grunde hatte sie recht, und die beste Lösung wäre es, wenn ihr Plan +ihr gelänge und sie sich Seckersdorf gewann; aber daß sie ihn in die +Intrige verwickelte, ihn gewissermaßen zum Mitschuldigen gegen Gertrud +machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das +empörte ihn, und die Bewunderung für das kaltblütige, zielbewußte +Vorgehen Maggies hinderte nicht, daß er sie für ein herzloses, +unleidliches Geschöpf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen, +ihn aber aus dem Spiele lassen.</p> + +<p>»Kein Wort will ich weiter hören – kein Wort!« schalt er. »Und heute +kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf +überhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich +meine Töchter gut versorgt weiß; aber so mit List einen Menschen +einfangen, der für die eigene Schwester schwärmt, pfui! Und<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110"> [110]</a></span> die Gertrud +– eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, daß ihr ohne Mutter +aufgewachsen seid.«</p> + +<p>Maggie ließ ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wußte, wenn +er sich die erste notwendige Empörung vom Herzen gesprochen hätte, würde +er sich die Sache überlegen und schließlich sehr froh sein, wenn +zunächst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt wäre.</p> + +<p>Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor. +Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine +widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und +dabei dachte: »Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu hören.«</p> + +<p>Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit +Seckersdorf hindern wollte Er bemächtigte sich seiner ausschließlich, +gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht übernehmen, +und was das Schlimmste war, Seckersdorf hörte mit vollster +Aufmerksamkeit zu, fragte, ließ sich belehren und sprach selbst so +anhaltend zu den Leuten, daß sie schließlich eine ungeduldige Bemerkung +über seinen Eifer machte.</p> + +<p>Er wandte sich um. »Entschuldigen Sie mich,« bat er. »Ich bin Landmann +mit Leib und Seele<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111"> [111]</a></span> und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne. +Wir haben auf Isenburg ganz ähnliche Forstverhältnisse.«</p> + +<p>»Sie gehen wieder zurück?« fragte sie, froh, ein Gespräch anknüpfen zu +können.</p> + +<p>»Wahrscheinlich.«</p> + +<p>Der Oberförster rief ihn, ehe er etwas hinzufügen konnte, von neuem an. +Er hatte an einem der wenigen geschlagenen Stämme ein fremdes +Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung.</p> + +<p>Seckersdorf wußte sie nicht. Der Oberförster sprach Vermutungen darüber +aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben; +und darüber ereiferten sich beide Männer so, daß Maggie niedergeschlagen +hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu +betrachten begann.</p> + +<p>Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen, +zugleich mit dem Abneigungsgefühl gegen Seckersdorf, der ihr diese +Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gespräch +heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden +Blick zuwarf, kochte eine jähe Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in +ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt.<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112"> [112]</a></span> »Nun gerade!« sagte sie +sich, und wartete zornig und geduldig zugleich.</p> + +<p>Und ihre Stunde kam.</p> + +<p>Das Wetter änderte sich plötzlich. Der Wind schien die schweren Wolken, +die massig und unbeweglich über dem Wald gestanden hatten, mit einemal +niederzudrücken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder, +der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in kürzester Zeit ein +tüchtiger Landregen werden mußte.</p> + +<p>Der Oberförster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war +außer sich. Zwei Tage noch hätte sich das Wetter halten müssen, und nun +äffte es ihn auf solche Weise. »Wenn ich allein wäre, wollte ich +übrigens nicht viel davon reden,« sagte er schließlich. »Aber das kommt +davon, wenn man ein schwacher Vater ist.«</p> + +<p>Maggie lachte. »Mir macht doch das bißchen Regen nichts, und mein +Lodenkleid ist auch daran gewöhnt.«</p> + +<p>»Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie +natürlich nach Hause!« sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh.</p> + +<p>Er wechselte mit Maggie einen Blick.</p> + +<p>Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede, +daß er in das Haus des<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113"> [113]</a></span> Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten: +»Aber das ist ja <span class="f">force majeure</span>, siehst du das denn nicht ein?«</p> + +<p>Der Oberförster verstand beide. »Nein, lieber Freund, das nehm' ich +nicht an,« sagte er. »Fünf Meilen in einer Tour ist zu viel für Ihre +Gäule!«</p> + +<p>Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung +seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich +also und machte ein höflich leeres Gesicht, aus dem doch die mühsam +bezwungene Enttäuschung hervorguckte.</p> + +<p>Der große Junge! dachte Maggie ärgerlich.</p> + +<p>»Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar,« fuhr der +Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestärkt. +»Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein +Mädel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und +schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause. +Einverstanden?«</p> + +<p>»Mit tausend Freuden,« rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. »Wenn +Sie, und vor allem das gnädige Fräulein, in meinem Junggesellenhaushalt +vorliebnehmen?«</p> + +<p>Auch Maggie empfand diese Lösung als eine<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114"> [114]</a></span> glückliche und freute sich +auf das Abenteuer; denn etwas Ähnliches wäre es doch. Während sie +einstiegen, sagte sie ihm halblaut: »Papa hatte recht, Sie durften nicht +mit!« Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, während er +vom Kutschersitz her die Zügel führte.</p> + +<p>Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, über die langweilige, von +Ebereschen eingefaßte Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen über +die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein +lebendes Wesen zeigte sich.</p> + +<p>Der Oberförster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock +gewickelt. Maggie saß gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend. +Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als +sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefühl über sie. »Das alles +ist mir untertänig.« Und besonders amüsierte sie, daß der, dem in +Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehören sollten, gar nicht ahnte, daß +sie in Gedanken mit ihm teilte, daß sie mit dem festen Willen in sein +künftiges Besitztum einfuhr: »Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich +es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.«</p> + +<p>Wie ein Rausch kam es über sie. Ein wilder, energischer Siegerwille +brauste durch ihre Gedanken<span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115"> [115]</a></span> und gab ihrer Erscheinung einen starken, +neuen Reiz.</p> + +<p>Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte, +großen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen, +aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe +schob und von der Schwelle der Tür, die man bei dem hastigen und +lautlosen Vorfahren noch nicht geöffnet hatte, den beiden Herren ein +übermütiges »Willkommen!« zurief, da fuhr Seckersdorf zurück vor der +prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mädchens, das ihm mit der +ganzen ursprünglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte.</p> + +<p>Dann verlief alles regelrecht und programmäßig. Diener und Hausmädchen +versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der großen Treppenhalle, in +der eine Bank aus altertümlichem Holzrat mit einem riesigen Bärenfell +davor, alte verrostete Kürasse und Waffen und eine Menge vertrockneter +Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altväterisch behagliches, +molliges Zimmerchen geführt, in dem alles darauf hindeutete, daß es zum +ausschließlichen Gebrauch für Damen bestimmt war.</p> + +<p>»Es ist noch von früher her so,« bemerkte das junge adrette +Dienstmädchen, »und der gnädige<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116"> [116]</a></span> Herr hat es wieder in Ordnung schaffen +lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.«</p> + +<p>Maggie nickte. Sie hätte für ihr Leben gern gefragt, welche Damen den +Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren +Lebensgewohnheiten doch so sehr, daß sie schwieg und mit dem Mädchen nun +in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den +Leuten so sehr an ihr imponierte.</p> + +<p>Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Führung des +Mädchens in das Eßzimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar +hinein. Es füllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztäfelung und +ehrwürdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, daß er +von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr +bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Eßtisch; es +stand auf <ins class="correction" title="geblich">gelblich</ins> weißem, feinsten Damast, dessen tiefe +Bruchfalten zeigten, daß es lange im Wäscheschrank geruht hatte. Die +altertümlichen Gläser mit dicken Füßen trugen eine Krone und zwei +verschnörkelte Buchstaben.</p> + +<p>Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein +ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten +schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117"> [117]</a></span> +verwaltet, dann von ihm übernommen war und zu einem neuen Erbgut für +seinen jüngsten Sohn eingerichtet werden sollte.</p> + +<p>So erzählte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der +Oberförster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider. +Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und +trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr draußen auf +dem großen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen.</p> + +<p>»Wie steht's?« fragte er hastig. »Was habe ich zu erwarten? Schnell ... +ich bitte Sie ...«</p> + +<p>Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds +Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein +prickelndes Wohlgefühl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat +sie nicht.</p> + +<p>Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem +Ausdruck innigen Mitleids vertiefte.</p> + +<p>»Ich weiß nicht recht,« sagte sie suchend, »Herr von Seckersdorf, ich +müßte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, daß Gertrud an Sie +denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schließlich nicht so viel +Verständnis für das Verantwortlichkeitsgefühl einer Mutter.«<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118"> [118]</a></span></p> + +<p>»Was heißt das, Fräulein Maggie?« fragte Seckersdorf bestürzt. »Haben +Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ...«</p> + +<p>Maggie nickte. »Wörtlich, Herr von Seckersdorf.«</p> + +<p>»Und?«</p> + +<p>»Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wußte ich ja!' Und dann +ist sie still geworden und hat diese übertriebene – ich meine, sie hat +ihre Kinder von da ab mit ganz ausschließlicher Zärtlichkeit behandelt. +Und als ich – ich dachte doch, man müßte ihr ein bißchen helfen – sie +ist so ängstlich und im besten Sinne des Wortes förmlich, und ich wollte +Ihnen auch gern Nachricht geben ...«</p> + +<p>»Kurz und gut?« sagte Seckersdorf erregt.</p> + +<p>»Ja, sie ist sehr böse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit +Ihnen über sie zu sprechen.«</p> + +<p>»Ihnen verboten?« wiederholte Seckersdorf ratlos. »Ernsthaft verboten? +Aber Sie selbst sagten mir doch ...«</p> + +<p>Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem +Augenblicke empfand sie für ihn etwas von der Zärtlichkeit, die sie der +Schwester entzogen hatte.</p> + +<p>Ihr wortloses Mitgefühl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhängende Hand +und hielt sie fest.<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119"> [119]</a></span></p> + +<p>»Sie sind gut, Fräulein Maggie!« sagte er leise. »Aber, bitte, sagen Sie +mir, was heißt das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud +hat ja mit mir kein Wort darüber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und +ich sah es ihr ja auch an ...«</p> + +<p>»Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud,« bat +Maggie weich. »Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung +nach unglücklich –«</p> + +<p>»Natürlich!« sagte Seckersdorf mit Überzeugung. »Alle Welt weiß, wie +schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ...«</p> + +<p>Maggie machte eine abwehrende Bewegung.</p> + +<p>»Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem +eine große Zuneigung für Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es +werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud +Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es +klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, daß sie, wie sie sagt, +eine anständige Frau bleiben will.«</p> + +<p>Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht überschattete sich +mit einem hochmütigen Zuge des Befremdens.</p> + +<p>»Hat sie das gesagt?« fragte er kurz. »Hab' ich<span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120"> [120]</a></span> sie etwa ... Aber das +kann ja nicht sein. Fräulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten +Zusammentreffens?«</p> + +<p>Sie nickte eifrig. »Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner –« +das Wort ging doch nicht ganz glatt über ihre Lippen – »meiner Liebe zu +Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr +nichts geändert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und +jetzt ist sie acht Jahre älter und elend und Mutter und –«</p> + +<p>Ein zärtlich mitleidiges Lächeln löste seine Lippen, die er vorhin fest +aufeinandergepreßt hatte.</p> + +<p>»Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen,« fuhr Maggie fort, und warf +einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervöses Zucken bei ihren +Worten nicht bemeistern konnte.</p> + +<p>Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf.</p> + +<p>»Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknüpfen zu wollen, eine +zerrissene Sache,« sagte er fast schüchtern. »Es ist wahr, Fräulein +Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals. +Ich möchte sie wieder schön und froh haben, und ich dachte, wie Sie +damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei +sein würde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121"> [121]</a></span> bereden oder zu +verleiten, wenn sie es für Sünde hält. Recht hat sie ja auch, rein und +gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder überspannt. Was +nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit +abgefunden ... Bloß ...«</p> + +<p>Er legte die große, weiße Hand übers Gesicht, als wollte er es in diesem +Augenblicke nicht sehen lassen.</p> + +<p>Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr +sie der Gedanke: »Was tust du da?« Und gleich hinterher: »Was willst du +selbst mit diesem großen Kinde, das so ganz erfüllt von der anderen +ist?«</p> + +<p>Es fehlte nicht viel und sie hätte eingelenkt. Aber da kam der +Oberförster hinein, und man setzte sich zum Essen.</p> + +<p>Seckersdorf machte liebenswürdig und ohne etwas von seiner Erregung zu +verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekümmerten +Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere +Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen +möglichen Dingen neckte.</p> + +<p>»Ich will dich zerstreuen, dir über diese Stunde hinweghelfen,« sagten +ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete +darauf mit einem schwachen Lächeln. Sie wiederum<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122"> [122]</a></span> fühlte, daß ihr +Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter.</p> + +<p>Das Essen war mäßig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die +Herren natürlich, und dank Maggies Munterkeit – »sie ist immer so«, +bemerkte der Oberförster – schien die kleine Tafelrunde bald in +fröhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer großen +Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast +redselig.</p> + +<p>»Ich hab's nicht gedacht, daß ich noch so sein kann,« gestand er +ehrlich. »Aber, gnädiges Fräulein verstehen es, einen vergnügt zu +machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.«</p> + +<p>»Das findet Gertrud auch immer,« sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr +dann leicht zusammen, heimlich überlegend. »Ob er nun nicht vergleicht?«</p> + +<p>Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedächtnis rief, machte er +zwar ein trübseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch.</p> + +<p>»Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter?« fragte er höflich.</p> + +<p>»Gott bewahre,« sagte der Oberförster an ihrer Stelle mit mehr Betonung +als nötig gewesen wäre. »Die war immer nur zum Ansehen und zum +Hätscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken<span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123"> [123]</a></span> Sie, tausend Mark +Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heißen für unsere, das +heißt meine Verhältnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die +paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles +übrige zu bestreiten!«</p> + +<p>Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhältnisse, auf Beamtentum und +Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprächs damit in Verbindung +brachte.</p> + +<p>Maggie sah dabei nicht mit dem üblichen interessierten Blick höflicher +Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung +machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grübelte nie viel, aber ihre +unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte für ihre +Gedanken zu finden, ließen sie viel weltkluger scheinen, als sie war, +und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit +unterlaufen ließ, kam sie bei den Männern trotzdem nie in den Verdacht +einer verpönten Gelehrsamkeit.</p> + +<p>Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an.</p> + +<p>»Was bist du für ein Mädel?« übersetzte Maggie sich seine Blicke. »Gut, +klug und temperamentvoll.«</p> + +<p>Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124"> [124]</a></span> schon dämmrig, als der +Oberförster an den Aufbruch dachte.</p> + +<p>»Schade,« meinte Maggie. »Ich hätte so gern das interessante alte Haus +gesehen. Da gibt's sicherlich Schätze über Schätze.«</p> + +<p>»Viel altes Gerümpel,« sagte Seckersdorf. »Aber falls Sie sich dafür +interessieren, würde es mir eine große Ehre sein, wenn mir vielleicht +ein andermal ...«</p> + +<p>Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zögern +schüttelte sie doch den Kopf.</p> + +<p>»Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist,« erwiderte +sie, den Vater fragend ansehend. »Wir lassen sie nicht gerne viel +allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen.« Beide Männer +wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich kühler, als er nach den +behaglichen Stunden wohl hätte sein müssen.</p> + +<p>Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flüchtig einiges +Geschäftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem, +und dann ging's fort.</p> + +<p>»Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski,« sagte Seckersdorf +zum Schluß sehr steif.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125"> [125]</a></span>Gertrud hatte den Vormittag verträumt. Es waren kaum bewußte Grübeleien, +denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen, +unklaren Bildern an ihr vorüber.</p> + +<p>Tränen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald +sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprühenden +Regens herumspielten.</p> + +<p>Ihr war eigentümlich zumute. Sie wußte ganz genau, daß sie Seckersdorf +liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, daß sie Maggie fürchtete, ja +beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewußten Gedanken +regte sich mit vorahnendem Kältegefühl einer, der an Pflicht und +Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmüssen mahnte, +und alte Bibelsprüche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt, +bekräftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die +Selbstvorwürfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene +Stimme hinein: »Gertrud, komme zu mir!«, und dann schloß sie die Augen +und träumte sich trotz allem mit süßem Schauer an seine Brust und klagte +ihm alles und sagte: »Denk' du für mich und sorge, daß ich das Rechte +tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!«<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126"> [126]</a></span></p> + +<p>Aus diesem Empfinden rüttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller +Gram, daß sie, auch wenn das heiß Ersehnte sich ihr erfüllen sollte, +nicht mehr imstande sein würde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie +Herbstschauer überflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine +unvernünftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den +Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschützt vor dem grauen +Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt +tat.</p> + +<p>Was sie wohl sprächen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrängen? Eine +trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlüsse +sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was +sie ihm sagen würde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue +Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde +Mittag und niemand kam heim. Sie aß schließlich mit Fräulein Perl und +den Kindern und fing wieder ein schüchternes Gespräch über unglückliche +Ehen an, über Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so +allerlei, was ihr durch den Kopf ging.</p> + +<p>Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus +Nizza. Zitternd schloß sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt +Kurowski seinen Worten auf dem Fuße folgte, und<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127"> [127]</a></span> lange konnte sie sich +vor Angst nicht entschließen, den Umschlag zu öffnen. Es waren kaum zwei +Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las.</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="indent">»Mein liebes Kind!</p> + +<p>Es wird Zeit, daß ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu +reden. Vorläufig so viel: Ich will durchaus nicht zurücknehmen, was +ich Dir oft gesagt habe, nämlich daß Du mir als Frau und Gefährtin +nicht genügst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte +Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken. +Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's +nicht erleben, daß ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte +kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in +meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir +kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal +so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde +mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen, +wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im übrigen keine +Feindschaft und keine Gefühlsduselei.</p> + +<p class="right dedent">Kurt.«</p> +</div> + +<p>Gertrud warf sich schluchzend über ihr Bett. Sie fühlte sich wieder ganz +unter der Zuchtrute der vergangenen<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128"> [128]</a></span> sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen, +die sie schüchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte, +verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine +grauen Flügel um sie.</p> + +<p>»Was tue ich nur, was tue ich nur?« fragte sie sich immerzu. »Wer hilft +mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!«</p> + +<p>In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken +fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, daß Hans +Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen würde, ohne daß sie ihn rief. +Und da rang sie sich zuletzt den Entschluß ab, ihm ein Wort zu +schreiben.</p> + +<p>Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wußte sich keinen +anderen Rat, und sie fürchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor +dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.</p> + +<p>»Er hat mich ja lieb, und er kommt gewiß gleich,« dachte sie. Und sie +schrieb unter strömenden Tränen in ihrer hübschen, korrekten +Schulmädchenhandschrift:</p> + +<div class="blockquot"><p>»Lieber Freund, ich bin in großer Herzensangst. Und da Maggie mir +gesagt hat, daß Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben, +bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich +bin so verlassen, und Sie sind<span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129"> [129]</a></span> der einzige, an den ich mich wenden +kann. Mit vielen Grüßen Ihre Gertrud Kurowski.«</p></div> + +<p>Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf. +Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wäre alles gut, +er würde kommen und ihr sagen, was sie tun müßte.</p> + +<p>Sie ruhte aus in dem Gedanken, – aber ihre Kinder anzusehen wagte sie +nicht mehr.</p> + +<p>Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flüchtig herumstichelte, setzte +sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg übersehen +konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurück waren, sollte ihr Bote, +der älteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war +eingefallen, daß der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den +Wald treffen und anhalten möchten. Sie sagte dem Stubenmädchen also +Bescheid, ließ sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen +einzuschärfen. »Es handelt sich um eine Geschäftssache,« erklärte sie +verlegen dem Mädchen und dem Burschen, und fand das sehr überlegt von +sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: »Solche kleinen +Winkelzüge werde ich nun wohl öfters machen müssen ...«</p> + +<p>Endlich kamen die Erwarteten zurück. Maggie sprach sehr viel, erzählte +ausführlich alles Äußere<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130"> [130]</a></span> ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf, +beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich +hauptsächlich an Fräulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie +war, ließ doch äußerlich ruhig alles über sich ergehen. Denn der Vater +beobachtete sie, während Maggie erzählte. An dieser selbst glaubte sie +hier und da ein spöttisches Lächeln wahrzunehmen.</p> + +<p>Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem +einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs, +und morgen vielleicht wußte sie, wohin und was tun.</p> + +<p>Während des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmädchen ein und +wartete, bis man sie bemerken würde.</p> + +<p>Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie +aber wahr, daß Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen.</p> + +<p>»Was gibt's?« fragte der Oberförster und sah sich um.</p> + +<p>Das Mädchen kam näher.</p> + +<p>»Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den +Brief mitnehmen kann, – oder soll doch der Fritz gehen?« sagte sie halb +zu Gertrud gewandt.<span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131"> [131]</a></span></p> + +<p>Die wurde totenblaß. Sie winkte dem Mädchen, hinauszugehen. Der +Oberförster stand auf.</p> + +<p>»Welchen Brief?« fragte er unwirsch.</p> + +<p>»Von der gnädigen Frau,« sagte das Mädchen schüchtern.</p> + +<p>Der Oberförster kniff die Augen zusammen.</p> + +<p>»Überhaupt nicht mehr nötig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den +Brief her!«</p> + +<p>Eine große Stille entstand.</p> + +<p>Gertrud sagte sich immerzu: »Ich muß protestieren, ich muß meinen Brief +abschicken.« Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor.</p> + +<p>Der Oberförster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurückkommen +des Mädchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und +Fräulein Perl begriff überhaupt nichts. »Hast du denn nach Romitten +geschrieben, Herzchen?« fragte sie ahnungslos.</p> + +<p>Gertrud schwieg.</p> + +<p>Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberförster nahm ihn ihr ab +und winkte ihr hinaus.</p> + +<p>Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerriß er den +Brief, ohne ihn zu öffnen, und warf ihn in den Papierkorb.</p> + +<p>»Pfui!« sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. »So etwas tut meine +Tochter! Was wolltest du von<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132"> [132]</a></span> ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst +du von ihm ... Schämst du dich nicht?«</p> + +<p>Ja, Gertrud schämte sich, als hätte sie ein unsühnbares Verbrechen +begangen. Sie wußte vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fühlte +sich ganz zerbrochen und dachte nur. »Fort, fort! Oder lieber noch +sterben!«</p> + +<p>Sagen konnte sie nichts.</p> + +<p>Der Oberförster wurde dunkelrot.</p> + +<p>»Wirst du reden?« schrie er.</p> + +<p>Da trat Maggie zur Schwester.</p> + +<p>»Quäle sie doch nicht unnütz, Papa,« sagte sie. »Schließlich kann sie +doch tun und lassen, was sie will.«</p> + +<p>»Nicht in meinem Hause,« rief der Oberförster erregt, »nicht in meinem +Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte +Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine läuft +hinter dem Menschen her, daß es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm +Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefällig zu und halt's Maul zu +dem ganzen Treiben, nicht wahr?«</p> + +<p>»Es ist kein Liebesbrief, Papa,« sagte Gertrud heiser. »Du erlaubst +wohl, daß ich mich entferne. Ich werde ... überhaupt bald fortgehn ...«</p> + +<p>Sie taumelte hinaus.<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133"> [133]</a></span></p> + +<p>Der Oberförster lief erregt im Zimmer umher. »Wenn bloß der Kurowski +wieder da wäre.«</p> + +<p>Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem +Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten.</p> + +<p>Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. Über Gertrud, über sich, über +das ganze Leben.</p> + +<p>Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermißte sie Gertrud. Sie +hätte zu ihr hineinstürzen mögen und sich ausschreien. Vielleicht auch +lachen über die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: »Trude, +sei gut ... du sollst ihn wieder haben.«</p> + +<p>Und doch, nein – das würde sie nicht. Was fiel ihr denn überhaupt ein? +Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden?</p> + +<p>Gute und böse Gedanken überstürzten sich in ihr und versetzten sie in +einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze +Berechnung, auf die sie ihr künftiges Leben gründen wollte, eine falsche +sei, als ob sie verlieren würde, auch wenn sie's erreichte, Frau von +Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann +verspottete sie sich selbst und verhärtete sich in ihren Grübeleien über +Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr +Schicksal selbst<span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134"> [134]</a></span> zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze +Situation überlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter +Segen für sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie würde es vielleicht +auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie führte ihre +Sache und kämpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position +war die günstigere. Es hieß also sich zusammennehmen, anstatt zu +träumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren +natürlichen Bundesgenossen, ihren Schwager.</p> + +<p>Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch +überzeugt, daß er sich schon aus äußerlichen Gründen zu einer Scheidung +nicht entschließen würde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und +redete sich die Ansicht ein, daß es zweckmäßiger und vernünftiger wäre, +wenn die Ehe nicht getrennt würde. Sie hatte sich nur durch Gertruds +klägliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten +lassen ... Man hätte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen +ihren Tyrannen aufzutreten, nötigenfalls ihr dabei helfen müssen, +anstatt –</p> + +<p>Mitten in diesem Gedankengang sprang sie ärgerlich aus dem Winkel auf, +in dem sie sich zusammengekauert hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135"> [135]</a></span></p> + +<p>Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komödie vor? Etwas tun +mußte sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause +kommen. Gertrud wäre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wäre der +Skandal fertig.</p> + +<p>Heiß von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie +abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges +altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert +auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mußte also +noch aufgeschoben werden.</p> + +<p>Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gäste zu begrüßen.</p> + +<p>Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch +saßen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken, +tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemütlich und neckten +Maggie wie sonst.</p> + +<p>Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgfältig hinaufgekämmten, +schwarzen Haarsträhnen, ein freundlich ironisches Lächeln um den breiten +Mund, war ehemals der Schwerenöter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb +und sanft, hatte viel leiden und sich viel grämen müssen. Heute nannten +sie sich »Papa« und »Mama«, sahen beide friedlich<span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136"> [136]</a></span> und fertig aus, und +hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten für einander, um sich das +Leben leicht zu machen.</p> + +<p>Das war wohl der übliche Ausklang aller traurigen und frohen +Ehemelodieen.</p> + +<p>Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski +und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei, +und sie fühlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen, +auszuschöpfen, zu genießen, solange sie noch jung und ihre Nerven noch +dafür empfänglich waren.</p> + +<p>Die Freunde fanden den Oberförster verstimmt und Maggie still. Man fing +an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte +Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die +Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine.</p> + +<p>»Herrgott!« rief der Oberförster dazwischen. »Wo bleibt denn eigentlich +die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh +mal nach, Maggie.«</p> + +<p>Maggie ging zögernd hinaus. Lina behauptete, die gnädige Frau zu +derselben Zeit wie das Fräulein benachrichtigt zu haben.</p> + +<p>Maggie ging also hinauf.<span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137"> [137]</a></span></p> + +<p>Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die Tür leise +auf.</p> + +<p>Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds +Schreibsachen lagen. Sie selbst saß am Fenster.</p> + +<p>Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in +eine weiße Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus.</p> + +<p>Der Mond schien gelb durch die graugrünen Wolken, die in Streifen und +Fetzen über den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl +und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um.</p> + +<p>Maggies Herz zog sich zusammen.</p> + +<p>»Was willst du tun? Wo willst du hin?« fragte sie zitternd.</p> + +<p>»Fort,« sagte Gertrud, ohne sie anzusehen.</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>Gertrud zuckte die Achseln. »Du, ich wollte weg,« sagte sie, »aber mich +friert so.«</p> + +<p>»Es ist, als ob sie den Verstand verloren hätte,« dachte Maggie +entsetzt.</p> + +<p>»Komm doch vom Fenster fort,« sagte sie beherrscht. »Es zieht so.«</p> + +<p>Gertrud stand auf. »Ja,« sagte sie, »das ist wahr.«</p> + +<p>Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138"> [138]</a></span> Mantel aus und nahm ihr +den Hut ab. Sie ließ es sich gefallen.</p> + +<p>Maggie hätte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und +fürchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke.</p> + +<p>»Was willst du?« fragte Gertrud lebhafter, in Angst.</p> + +<p>»Aber, Kind, heut' ist es schon zu spät, heut' kannst du nicht mehr +fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der +Jungfer ...«</p> + +<p>Gertrud hielt sie fest.</p> + +<p>»Ich habe einen Wagen gehört,« sagte sie bang. »Ist mein Mann etwa da?«</p> + +<p>»Nein, nein, – wie sollte er?« sagte Maggie bebend. »Wie kommst du +darauf?«</p> + +<p>»Mir fiel ein, er könnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein –«, +sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag.</p> + +<p>Maggie nahm ihn an sich.</p> + +<p>»Die Auklapper waren es,« sagte sie. »Sie wollen dich gern sehen. Aber +du wirst nicht können, nicht? Du mußt zu Bett, ja?«</p> + +<p>Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie +klingelte.</p> + +<p>»Die gnädige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr,« bedeutete sie die +eintretende Jungfer.<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139"> [139]</a></span></p> + +<p>»Das geht wieder vorbei,« flüsterte die ihr zu. »Das war ebenso, als die +gnädige Frau mit den Junkern fortging.«</p> + +<p>Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre +Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei +dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen +war.</p> + +<p>Ehe sie die Gäste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, überflog +sie den Brief Kurowskis.</p> + +<p>Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an +Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend!</p> + +<p>Aber schließlich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte +gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein. +Sie hat es ja gewußt, daß Kurowski sich auf nichts einlassen würde. +Gertrud hatte eben verspielt.</p> + +<p>Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur flüchtig mit dem Vater.</p> + +<p>»Man wird doch an Kurt drahten müssen,« meinte der. »Weiß Gott, ob sie +uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorwürfe +machen. Besorge du das.«</p> + +<p>Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann schüttelte sie den Kopf.<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140"> [140]</a></span></p> + +<p>»Nein, setze du das Telegramm auf,« sagte sie zögernd. »Ich schreibe +unterdessen nach Friedland an den Doktor.«</p> + +<p>Der Oberförster überlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann +faßte er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen +plötzlicher Erkrankung Gertruds heimrief.</p> + +<p>Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nächsten Morgen auf und +setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine große, stumpfe +Ruhe. Lähmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bißchen +Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, überspann sich mit +einer ihr bisher unbekannten Gefühllosigkeit, und um sie herum wogte es +in gleichmäßigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie +einwiegen.</p> + +<p>»Ich habe zuviel aushalten müssen,« dachte sie ab und zu, »und dies ist +wohl der Rückschlag.«</p> + +<p>Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt +sie unbewußt immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung +vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder +seufzend in ihren Lehnstuhl zurückzukauern und weiterzudämmern.</p> + +<p>So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine +Fragen ganz vernünftig,<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141"> [141]</a></span> erklärte sehr müde zu sein und niemand sehen zu +wollen.</p> + +<p>Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von +starker Blutarmut und schwerer Nervenüberreizung und erkundigte sich +nach etwaigen Gemütsbewegungen.</p> + +<p>Der Oberförster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede +Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und +verschonte auch Maggie mit Vorwürfen nicht. Der Arzt schüttelte den +Kopf, gab Schlafmittel, empfahl äußerste Ruhe und versprach +wiederzukommen.</p> + +<p>Maggie ging blaß und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf +benachrichtigte und zu Gertrud führte, würde diese sicherlich gesund +sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was würde nun geschehen?</p> + +<p>Gertrud würde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld. +War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den +Herrschern, die über Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden +haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich +ebenso gebrochen fühlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel +an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo +einen Halt;<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142"> [142]</a></span> auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit +doch noch morgens und abends betete.</p> + +<p>In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre +ganze Heiratsidee verwünschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und +schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den »Freund« bat, +Gertruds wegen herüberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand +und rechnete aus, wann Kurt eintreffen könne. Darüber versäumte sie, den +Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als könnte sie nun Gertrud +leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein.</p> + +<p>Gertrud saß wie vorhin da, mit großen, stillen Augen auf den Fahrweg +blickend.</p> + +<p>Sie war überirdisch schön, ganz ohne verhärmten oder verängstigten +Ausdruck in dem reinen Gesicht.</p> + +<p>»Wie eine Tote,« dachte Maggie und trat zitternd näher.</p> + +<p>»Trude!«</p> + +<p>»Was willst du?«</p> + +<p>Maggie kauerte sich auf die weißen Felle an Gertruds Stuhl.</p> + +<p>»Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen?«</p> + +<p>Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und +selbst zu leuchten schien.<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143"> [143]</a></span></p> + +<p>»Warum?« fragte sie. »Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft +mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen.«</p> + +<p>Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht +herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von +Sentimentalität mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich +selbst, wie hätte man wohl Kurowski gegenübertreten sollen?</p> + +<p>Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem +gutmütigen Seckersdorf.</p> + +<p>Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach +wahrhaftig der »Herr und Meister«, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich +war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der +großen schönen Welt umherzieht und in allem Genießen durch die +Erinnerung an ein »weißblondes Köpfchen« gestört wird!</p> + +<p>Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfüllten sie ganz. +Dazu war auch das ganze Hauswesen verstört. Die Kinder spielten in dem +entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken +versteckt, und mit Fräulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um +Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestört<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144"> [144]</a></span> +ließ; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkündete sie im +ganzen Hause, es würde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen. +Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel +geschehen seitdem?</p> + +<p>Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft für den +übernächsten Mittag anmeldete und sich Nachricht über Gertruds Befinden +auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße ausbat.</p> + +<p>»Wenn Gertrud das hört, rafft sie sich auf und läuft fort, elend wie sie +ist,« meinte Maggie. »Das Beste wäre schon, wir überlassen alles +Kurowski.«</p> + +<p>Der Oberförster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man +selbst Fräulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und +Tochter. Aber ihnen beiden war böse zumute, und merkwürdigerweise +glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie +den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange +Rede herunter: »Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter +der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Fülle +von Lebensglück und Glut über dich rauhen Mann ausströmte, – statt ihr +Kind nun in der großen Not ans Herz zu nehmen und es zu schützen, +treibst du es zu dem Wüstling zurück, der<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145"> [145]</a></span> seine Umarmungen zwischen ihr +und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst +zittert ...«</p> + +<p>Und auch Maggie wand sich förmlich unter den Anklagen, die sie selbst +aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst +machte, bis sie schließlich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenüber +aufstand und sagte: »Weißt du, Papa, wir beide sollten uns nun schon +lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewiß das Beste, +aber die Verhältnisse sind eben stärker als wir.«</p> + +<p>Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im +Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tür +öffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst hätte die beiden nicht so +erschrecken können, als die schöne, ernste Frau, die in ihrem langen +weißen Schlafrock plötzlich vor ihnen stand.</p> + +<p>»Um Gottes willen, Gertrud!« stotterte der Vater. »Wird dir das nicht +schaden? Weshalb rufst du uns nicht?«</p> + +<p>»Mir ist ganz wohl, Papa,« sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang +rauh. »Ich sah den Depeschenboten vorhin über den Weg kommen. Hat Kurt +telegraphiert?«<span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146"> [146]</a></span></p> + +<p>»Bewahre,« log der Oberförster. »Ich soll morgen nach Brasnicken zum +Essen. Ganz plötzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie, +sorge für das Kind.«</p> + +<p>Maggie kam näher. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich +herausreden würde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte.</p> + +<p>Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den +Vater dankbar an und nickte beruhigt.</p> + +<p>»Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja?« sagte sie.</p> + +<p>In diesem Augenblick fühlte Maggie ein Überfluten alles Guten in sich. +Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte +aus ihr hervorsprudeln: »Glaub' uns doch nicht, wir betrügen dich ja. +Aber ich will nun nicht mehr – komm – komm ...«</p> + +<p>Ein guter Blick von Gertrud, und sie hätte das alles gesagt und die +Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und +nahm die gebotene Hand nicht.</p> + +<p>Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut +und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte, +und sie sah Gertrud so böse an, daß diese zusammenschauerte.<span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147"> [147]</a></span></p> + +<p>»Ich geh' schon,« murmelte sie und eilte nach der Tür.</p> + +<p>Der Vater wollte sie zurückhalten, aber sie achtete nicht darauf.</p> + +<p>Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose +Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, daß sie +sich sagte: »Ich muß fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach +dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, weiß, daß keiner mir helfen +wird, muß ich allein sorgen.«</p> + +<p>Geld hatte sie vorläufig ja genug, an das »Später« brauchte sie noch +nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und +aus dem Wege wünschte.</p> + +<p>Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an.</p> + +<p>»Aber gnädige Frau können doch so elend nicht nach Hause,« warf die +bescheiden ein. »Und die Mamsell muß doch da auch erst alles besorgen.«</p> + +<p>»Laß, laß,« sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die Hände vor die +Ohren. »Pack nur für alle Fälle!«</p> + +<p>»Aber gnädige Frau sehen so furchtbar müde aus ... Und die Unruhe hier +mit dem Packen,« meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen +besorgt ihre geliebte Herrin an.<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148"> [148]</a></span></p> + +<p>»Ja, das ist wahr,« antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. »Unruhe +möcht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was +draußen ist. Ich bin wirklich sehr müde. Hilf mir!«</p> + +<p>Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen +nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ... +Oder sollte er von Laukischken aus ...?</p> + +<p>Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie +bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und +vergaß für viele Stunden ihre ganze bittere Not.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149"> [149]</a></span>Das Wetter hatte sich plötzlich geändert. Die Wolken waren verflogen, +der Himmel weit und blaß, die Sonne matt und kühl. Ein scharfer Wind +schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen. +Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und +an der Windseite der Fichtenstämme am Waldrand glitzerte es und rann +widerwillig sich lösend in schimmernden Tropfen herab.</p> + +<p>In solchem Wetter, dem unerwünschtesten für Landtouren, kam Herr von +Kurowski nach zweistündiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der +Oberförsterei an.</p> + +<p>Er war ein großer, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen +Bewegungen ein Ausdruck höchster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit, +jedes Zurückwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das +Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen +Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein +Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig.</p> + +<p>Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren +war, die Treppe hinauf dem Oberförster entgegen, mit dem er jahrelang +kein Wort gewechselt hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150"> [150]</a></span></p> + +<p>»Nun, wie steht's?« fragte er in seinem harten, kurländischen Dialekt.</p> + +<p>»Besser, besser, – aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir +durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen.«</p> + +<p>Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite.</p> + +<p>»Die Jungen? Ah ...!«</p> + +<p>Maggie trat ihm entgegen.</p> + +<p>Er begrüßte sie, küßte feurig ihre Hand, und, als sie groß und wie in +Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund.</p> + +<p>Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und +lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn +zustürmten.</p> + +<p>Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbzärtliche Worte und schob sie +zur Seite.</p> + +<p>»Wo ist sie denn?« fragte er. »Wollen Sie mich zu ihr führen, Maggie?«</p> + +<p>Maggie schoß das Blut siedendheiß durch den Körper. »Seien Sie sehr gut +mit ihr,« bat sie stockend – »sie ...«</p> + +<p>Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert, +halb ironisch an. Maggies Trotz bäumte sich auf unter diesem Blick.<span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151"> [151]</a></span></p> + +<p>»Gehen Sie nur allein zu ihr,« sagte sie kurz, »und übernehmen Sie die +Verantwortung.«</p> + +<p>Kurowski blieb im Hausflur stehen.</p> + +<p>»Was machen Sie denn für Umstände, Schwägerin? Selbstverständlich will +ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie können +ja nachkommen.«</p> + +<p>Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam.</p> + +<p>Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, öffnete die Tür. +Entsetzt, mit ausgestreckten Händen blieb sie stehen und fand keine +Worte.</p> + +<p>»Na, sieh' mal,« – Kurowski faßte sie an den Schultern und zog sie ins +Zimmer – »laß dich mal anschauen ... Schön wie der Tag steht sie mir +da, und der Alte depeschiert, als ob's Matthäi am Letzten wäre.«</p> + +<p>Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer.</p> + +<p>»<em class="g">Sie</em> haben dich gerufen?« fragte sie ungläubig.</p> + +<p>»Aber natürlich. Ich wäre sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun +sag' mal, Kind, was ...?«</p> + +<p>»Nichts, nichts ... nichts,« sagte Gertrud hastig, und ihr weißes +Gesicht fing an zu glühen. »Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du +willst, Kurt. Gleich – gleich ... Ich will bei dir auch<span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152"> [152]</a></span> nicht bleiben, +aber zunächst komme ich mit. Laß mich nicht eine Stunde länger hier.«</p> + +<p>Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der Tür stand.</p> + +<p>»So, so,« sagte Kurowski. »Ihr habt euch gezankt ... Und recht kräftig, +scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell!«</p> + +<p>Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zurück.</p> + +<p>»Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater +auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich +mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind.«</p> + +<p>Kurowski faßte seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zurück und sah +ihr nachdenklich in das erregte Gesicht.</p> + +<p>»Bleib oben, Kind,« sagte er dann freundlich. »Ich werde alles +besorgen.«</p> + +<p>Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte +ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der +seine brutale, unberechenbare Rücksichtslosigkeit nur für den Augenblick +unter ironischer Freundlichkeit versteckte.</p> + +<p>Natürlich würde er Gertruds kopflose Übereilung ausnutzen. Es war ja +auch gut so. Doch nun, da<span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153"> [153]</a></span> sie den Schwager wiedergesehen hatte, fühlte +sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und daß es jetzt für +immer zu spät wäre, es gutzumachen.</p> + +<p>Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet.</p> + +<p>Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen +großen, geräuschvollen Auftritt gefaßt.</p> + +<p>Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz +gleichgültiges Gespräch über die Schönheiten der Riviera.</p> + +<p>Der Oberförster ließ es eine Weile über sich ergehen, dann brauste er +auf.</p> + +<p>»Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner +Tochter?«</p> + +<p>»Ach so,« sagte Kurowski und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun, +Sie haben mir ja einen hübschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so +schlecht behandelt, daß sie sich schleunigst in meine Arme stürzt, +nachdem sie mir brieflich kurz und bündig erklärt hatte, daß sie sich +scheiden lassen will ... Schönen Dank also, alter Herr ... Übrigens +werde ich natürlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem +Entschluß der Scheidung aufzuhetzen ...«</p> + +<p>Maggie sprang auf. »Ich ... ich,« rief sie voller<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154"> [154]</a></span> Empörung. »Ich hab' +sie beredet ... ich habe Seckersdorf ...« Sie hielt erschrocken inne und +konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten ...</p> + +<p>Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an.</p> + +<p>»Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her?« fragte er.</p> + +<p>»Ja, ich dulde so etwas nicht,« schrie der Oberförster. »Eine +verheiratete Frau! Aber ebensowenig laß ich mir einen Zwang auferlegen. +Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schließlich mit +dem Seckersdorf verderben ...«</p> + +<p>»Papa,« unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn.</p> + +<p>Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang +zu ahnen und lächelte höhnisch.</p> + +<p>»Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen.«</p> + +<p>»Sie werden sie nicht quälen,« rief Maggie heiser.</p> + +<p>Kurowski lachte. »Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit +Seckersdorf machen ... Übrigens, Glück haben Sie mit Ihren Mädels, +Papa.«</p> + +<p>Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies +totenblasses Gesicht und ihre<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155"> [155]</a></span> zornfunkelnden Augen enthüllten ihm die +ganze Wahrheit.</p> + +<p>»Also noch einmal,« sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. »Mag +nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich +hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenüber, und so +gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spaß obendrein.«</p> + +<p>»Ich werde in jedem Fall Gertrud schützen,« sagte der Oberförster mit +starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, daß er das tun +würde.</p> + +<p>»Sicher, sicher,« höhnte sein Schwiegersohn. »Aber für heute bitte ich +um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schönen Dank für die +Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren können?«</p> + +<p>»Ich glaube,« sagte Maggie tonlos. Der Oberförster ging selbst hinaus, +um die nötigen Anordnungen zu treffen. Er fürchtete Gertrud ins Gesicht +zu sehen und dachte doch mit einem Gefühl banger Erleichterung, daß nun +ja alles gut wäre.</p> + +<p>Eine Stunde später saß Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den +Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskräftige Mann, die schöne +Frau, die er sorgsam stützte, die lebhaften, zärtlichen Knaben, das +alles gab das Bild eines<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156"> [156]</a></span> vollendet glücklichen Familienlebens. Und doch +war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden +Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus +zurück, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war +sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttäuscht in den noch einmal +erwachten Glückshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie +das doppelt zerbrochene Leben weiterführen, vereint mit dem Mann, vor +dem sie hatte fliehen müssen ...</p> + +<p>Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr +vollkommen gleichgültig waren, ein Merkwürdiges auf: Sie hatte mit +einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann.</p> + +<p>Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie übrigens voller Reue und +Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem kühler +denkenden Vater heftige Vorwürfe machte, daß er jene so ruhig dem +»Scheusal Kurowski« überlassen habe, ging in der Oberförsterei alles +seinen früheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause +gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern +fortgezogen, und eine unerträgliche Nüchternheit breitete sich überall +aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157"> [157]</a></span> hatte jahrelang so +wie jetzt gelebt und nichts vermißt. Die Entfernung von Gertrud war die +gleiche, und dennoch, wie anders schien alles!</p> + +<p>Der Oberförster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und +Terminen zu tun und kam immer müde und verärgert heim. Nachbarbesuche +blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen +nachdenklich und schweigsam viel für sich. Das konnte nicht so bleiben, +sagte sich Maggie eines schönen Morgens. Es war nun genug gegrübelt und +getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so +vielem belastet hatte, ernsthaft zurückzukommen. Und von da an ging +alles wie am Schnürchen.</p> + +<p>Sie teilte Seckersdorf mit, daß Gertrud wieder in Laukischken wäre und +bat ihn, schleunigst herüberzukommen. Der Vater war natürlich an dem +bestimmten Tage nicht zu Hause, und Fräulein Perl hatte mit der +Festschlächterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem »armen Freunde« +ihr volles Herz ausschütten und ihn zu trösten versuchen.</p> + +<p>Das war eine merkwürdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit männlicher +Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm plötzlich wieder so nah +gerückten Jugendtraum verflattern gesehen.<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158"> [158]</a></span> Ihm war immer weh zumute, +wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit +dem Bewußtsein, daß er sich auf höchstes Lebensglück keine Hoffnung mehr +zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ändern. Wenn Gertrud +gewollt hätte, wäre es wohl möglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu +besiegen, und er hätte sie auf seinen Händen dafür durchs Leben +getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, daß sie die +einmal übernommene Pflicht heilig hielt, und er mußte sie noch mehr +verehren darum.</p> + +<p>Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die +tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, – sie +sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie +Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt +hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt +bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rührend unbeholfene Bitte, die er +enthalten: »Helfen Sie mir doch,« schrill durch die Seele. Heiße Tränen +flossen ihr über das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trüben +Sinnen heraus voller Verwirrung an.</p> + +<p>»Fräulein Maggie ... Sie weinen?« Er stockte.</p> + +<p>Sie schluchzte weiter. »Ach, sehen Sie, daß Gertrud<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159"> [159]</a></span> sich solch ein +Glück durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, daß auch Sie darunter +leiden müssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war +unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen +geradezu in die Arme ...«</p> + +<p>Und sie erzählte alles, wie jemand, der die inneren Vorgänge nicht +kannte, die äußeren auffassen mußte. Danach war freilich die arme +Gertrud ein schwächliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand +dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel +von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste überging sie, die +unendliche Herzensgüte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die +scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken +zurückzog, und betonte ausschließlich die große Ängstlichkeit, das +Unselbständige, Schwankende, das ihr eigen war und gewiß – wie Maggie +hervorhob – einen großen Reiz an Gertrud bildete, nur daß das alles +nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.</p> + +<p>Sie, Maggie, hätte ja, robust und tatkräftig wie sie war, gern geholfen, +wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugänglich war. Dann weinte Maggie +wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz +allen Forschens nicht herausbekommen,<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160"> [160]</a></span> warum es zwischen ihnen allen zu +einem Bruch hatte kommen müssen.</p> + +<p>Desto mehr erfuhr er über Maggies Ansichten und wie sie gehandelt hätte, +wenn sie Gertrud gewesen wäre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr +schmeichelhaft für ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie +sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in +Schutz, aber zugleich mußte ihn doch der Gedanke beschäftigen, wie schön +es gewesen wäre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in +gleicher Weise für ihre Liebe eingetreten wäre.</p> + +<p>In den nächsten Tagen trafen sie auf einem großen Diner in Auklappen +zusammen. Sie saßen weit voneinander und konnten sich auch zufällig im +Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das +beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine +Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lächeln über sein +ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.</p> + +<p>In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer stürmischen +Zärtlichkeit für ihn, und sie dachte: »Gott sei Dank, ich bin ihm +wirklich gut.« Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug, +ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161"> [161]</a></span></p> + +<p>Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nächsten Tage zu +Pferde, »einer Forstangelegenheit wegen«, blieb zum Kaffee und ritt erst +abends wieder fort.</p> + +<p>Das nächstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab öfter und öfter.</p> + +<p>Da wurde in des Oberförsters und Fräulein Perls Gegenwart natürlich nur +wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe +Maggie sein, nur ein klein wenig gedämpfter, und mit einem warmen, +kameradschaftlichen Ton für ihn, der dem schlichten, weichen Manne +unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das +kraftsprühende Sichausgeben, die unbändige Lebenslust in ihr +Seckersdorf, der still und müde geworden war, ersichtlich an.</p> + +<p>»Weiß Gott, wie es kommt, Fräulein Maggie,« sagte er einmal, »auch wenn +man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man versöhnt +sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, daß man sie erlebt hat ...«</p> + +<p>»Was für ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?« +fragte der Oberförster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.</p> + +<p>Da sahen sich die beiden groß an und schwiegen befangen.<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162"> [162]</a></span></p> + +<p>Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schön. Mit dem Gedanken an +Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen +kühlen, bläßlich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu +gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grübeln übertäubt durch +den großen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor +Augen, halb Komödie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit +junger heißblütiger Menschen bei häufigem Alleinsein, immer in der +Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszögernd.</p> + +<p>Es verging schließlich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von +Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch +nicht; Maggie kannte den wehmütig scheuen Blick längst, der in Gedanken +an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener.</p> + +<p>Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen. +Seine schmalen Gänge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie +glitt aus, Seckersdorf stützte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn +gelehnt.</p> + +<p>Er preßte sie heftig an sich, dann ließ er sie schnell los, sah sie mit +maßlosem Erstaunen an und schüttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen +und<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163"> [163]</a></span> konnten auch später im Zimmer in kein rechtes Gespräch mehr kommen.</p> + +<p>Solche kleine Zwischenfälle wiederholten sich, ohne daß es zu einer +Aussprache kam. Der Oberförster fing an, verstimmt zu werden, wenn +Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang. +Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurück, als daß sie ihm in +seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wäre.</p> + +<p>Darüber kam das Weihnachtsfest näher. Seckersdorf sollte dazu nach +Sachsen zurück, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort +oder hier in Ostpreußen seinen dauernden Wohnsitz nehmen würde.</p> + +<p>Eines Nachmittags, der Oberförster war hinausgegangen, und man hörte +sein Schelten von dem Hof her, erzählte Seckersdorf Maggie davon, +während er im Zimmer umherging. Sie saß mit einer Bescherungsarbeit am +Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer +Bekanntschaft eine furchtbare Angst, daß sie sich am Ende verrechnet +haben könnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn +ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenblaß vor Erregung und Bangigkeit.</p> + +<p>»Was ist Ihnen, Maggie?« fragte er herzlich, »Sie sehen nicht gut aus.«<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164"> [164]</a></span></p> + +<p>Sie schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. »Also Sie gehen +bestimmt?« fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort.</p> + +<p>Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an, +fragend, warm, schwer atmend.</p> + +<p>Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen.</p> + +<p>»Maggie?« sagte er unsicher.</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>»Kann das sein?«</p> + +<p>»Was?« fragte sie noch einmal leise.</p> + +<p>»Ist das möglich, daß wir – uns gut sind?«</p> + +<p>»Ich glaube,« sagte sie mit hellem Aufjauchzen.</p> + +<p>Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie küßten sich, +wie Verdürstende, die sich endlich, endlich satt trinken.</p> + +<p>So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165"> [165]</a></span>Für Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten +furchtbaren Zeit zu Hause erträglich gestaltet.</p> + +<p>Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze +raffiniert luxuriöse Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, überkam sie +zunächst ein Gefühl von rein körperlichem Wohlbehagen.</p> + +<p>Sie wunderte sich, daß das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit +solchen Entschlüssen möglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann, +teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, ließ sie in Ruhe, +nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie über die Einzelheiten +ihres Zerwürfnisses mit den Ihren auszufragen.</p> + +<p>»Ich möchte nicht darüber sprechen,« hatte sie kühl erwidert, und +schließlich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie +doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, daß sie sich nicht mehr als +seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte.</p> + +<p>Er hatte ihre Worte ins Lächerliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage +ganz unbehelligt gelassen.</p> + +<p>Und als sie äußerlich gleichmütig und kühl, bei aller innerlichen +Zerbrochenheit, Morgen und Abend<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166"> [166]</a></span> vergehen ließ, ohne sich ihm gegenüber +zu ändern, hatte er, dem ein solcher Zustand unerträglich schien, eine +große Aussprache herbeigeführt.</p> + +<p>Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau +immer den Kürzeren zog.</p> + +<p>Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben. +Er hatte ihr gesagt, daß er prinzipiell in eine Trennung einwilligen +würde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal +zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich für zwei +praktische, nüchterne Leute, die nach außen hin Verpflichtungen haben, +geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich +zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gäbe, +und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten.</p> + +<p>Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine +Wohltat für Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie +fühlte, zurückgedrängt gegen das, was so verstandesmäßig an sie +herantrat.</p> + +<p>Ohne viel zu überlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu +machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende geführt, durch die +ihrem Mann unwillkürlich Respekt abgenötigt worden war.<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167"> [167]</a></span></p> + +<p>Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau +zu fühlen.</p> + +<p>Sie mochte nicht immerzu über die Bosheit grübeln, die man ihr angetan +hatte, über die Schande, in die sie bald gesunken wäre, – sie wollte +schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte, +meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem +knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.</p> + +<p>Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mußte +sich mühsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen +durch Gewohnheit und Übung selbstverständlich ist.</p> + +<p>Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das möglich gewesen sei, +so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war +allerdings eine alte Mamsell über dem Ganzen tätig gewesen, die +Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem »gnädigen +Herrn« zusagte.</p> + +<p>Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf für sie +gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein +stillschweigendes Zugeständnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt +einverstanden war, da sie dadurch zum selbständigen Disponieren +gezwungen wurde.</p> + +<p>Ihr anfänglich fester Entschluß, sich doch von<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168"> [168]</a></span> ihrem Manne zu trennen, +verblaßte mit der zunehmenden Tätigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit +oder Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben, oder weil sie ihrem Gatten +etwa freundlicher gesonnen gewesen wäre; vielmehr ging ihr in dieser +Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemühte, ihren Pflichten gerecht zu +werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der +Erkenntnis auf, daß es weniger auf Glück oder Unglück ankommt, sondern +darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit +Ehren auszufüllen.</p> + +<p>Ihr Mann war viel auswärts und kümmerte sich anscheinend auch im Hause +nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein +liebenswürdiges, gescheites Mädchen, mit der sie gern ab und zu +plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer +Kränklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmäßigem Gleise weiter, +ohne Widerwärtigkeiten, aber in grauer Eintönigkeit. Von Hause hatte sie +nur einen Brief durch Fräulein Perl erhalten, der bloß vom +Alleräußerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufällig bei den paar +Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hörte sie nichts mehr von +allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequält und mit so +widersprechenden<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169"> [169]</a></span> Glücksgefühlen erfüllt hatte. Das war sehr gut, sehr +gut, sagte sie sich abends und morgens.</p> + +<p>Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine »lieben +Kinder«.</p> + +<p>Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und +lachte hell auf.</p> + +<p>»Da,« rief er zu Gertrud herüber, die mit klopfendem Herzen darauf +wartete, den Inhalt zu erfahren.</p> + +<p>»Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natürlich +höllisch ... Na, was ist das?«</p> + +<p>Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein.</p> + +<p>Kurowski sprang zu ihr. »Nimm dich zusammen,« zürnte er. »Was soll das +heißen?«</p> + +<p>Gertrud richtete sich auf. Heiße Tränen liefen ihr übers Gesicht.</p> + +<p>»Weinen, – hier vor meinen Augen weinen!«, schrie Kurowski empört. »Das +ist allerdings stark.«</p> + +<p>»Kurt,« sagte Gertrud leise, »tu', was du willst. Du weißt es ja, daß +ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung.« Der +zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen höhnischen über.</p> + +<p>»So,« sagte er, seinen Bart streichend. »Nun, wir reisen jedenfalls hin, +um zu gratulieren.«<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170"> [170]</a></span></p> + +<p>Gertrud sah ihn mit gequälten Augen an. »Nein,« sagte sie.</p> + +<p>»So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!«</p> + +<p>»Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.«</p> + +<p>Als sie sich so zu ihm neigte, schön wie der Tag, mit einem fremden, +entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn plötzlich eine rasende +Eifersucht. Er faßte sie an den Schultern.</p> + +<p>»Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich +mit ihm getroffen, ich bin betrogen!«</p> + +<p>Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben +Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie +sich nicht so rein fühlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr +Wort, daß sie Seckersdorf nie gesehen hätte.</p> + +<p>Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, daß er an diese Dinge +besser nicht mehr rührte, und nahm von einem Gratulationsbesuche +Abstand.</p> + +<p>»Unter der Bedingung, daß wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen +und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurückkommen,« sagte er.</p> + +<p>Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht +heuchlerisch die Hand drücken mußte!<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171"> [171]</a></span></p> + +<p>»Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin,« wiederholte ihr Mann +finster, »damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weißt, +ich lasse nicht mit mir spaßen. Und der Seckersdorf soll sich nichts +mehr einzubilden haben, wie damals – verstanden?«</p> + +<p>Gertrud schauderte zusammen. »Verlaß dich drauf,« sagte sie tonlos und +lief hastig aus dem Zimmer.</p> + +<p>Sie wußte nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung, +Gedemütigtsein, oder das zum Äußersten gesteigerte Bewußtsein des +Verlustes.</p> + +<p>»Lieber Gott,« betete sie wimmernd, »gib mir einen großen Stolz, einen +unbändigen Stolz, oder laß mich sterben.«</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172"> [172]</a></span>Maggie war nun zufrieden. Die alltäglichen kleinen Aufregungen der +Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glückwunschbesuche +der Nachbarn und Freunde, die Beratungen über die nächsterforderlichen +Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in +Anspruch, daß sie sich nicht mehr weiter in Grübeleien vertiefte.</p> + +<p>Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Bräutigam +fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr saß, ihre Hand schlaff in der +seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand +sie einen Stich in dem Gedanken: wäre er ebenso gelassen zärtlich, wenn +<em class="g">sie</em> hier neben ihm säße? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest +und heiß werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbündete +war, von ihr gesprochen hatte.</p> + +<p>Das tat sie übrigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff +gewesen, eine verspätete Hochzeitsreise zu machen – wie Maggie deren +Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte –, als ihre Verlobungsnachricht in +Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen. +Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Fräulein Perl, und da +war viel von Hofbällen, von Auszeichnungen<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173"> [173]</a></span> der Majestäten, viel von +»Kurt« die Rede, und den Schluß machten immer »freundliche Grüße« für +den Vater und das Brautpaar.</p> + +<p>Darüber gab es dann natürlich zu reden, und Maggie war auch überzeugt, +daß es zweckmäßig wäre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu +nennen. Seckersdorf gewöhnte sich daran und zeigte keine so merkbare +Bewegung mehr, wie im Anfang.</p> + +<p>Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natürlich! +Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten +Kameraden, aber ... es war doch gut, daß sie im Grunde auch nicht alles +gab, was sie hier und da einmal heiß in sich aufbrausen fühlte ... Nicht +für ihn, für niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es +war wirklich niemand da. Und so küßte sie wieder, wie Hans Seckersdorf +sie küßte, und dachte oft dabei an die große Flamme, die einmal in ihm +gebrannt hatte, und ob die für immer ausgelöscht sei ...</p> + +<p>Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschäftigte sie sich nicht viel. Sie +wollte deren glänzende äußere Erlebnisse, von denen sie hörte, als +Tatsachen nehmen und nicht über der Schwester Seelenzustand grübeln. Sie +machte es diesmal ebenso wie ihr<span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174"> [174]</a></span> Vater, und der war ja sein Lebtag bei +dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen.</p> + +<p>Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekündigt +hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran +glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zögern gefragt, ob die +Laukischker wohl im Ernst daran dächten.</p> + +<p>»Selbstverständlich,« hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch +davon überzeugt, daß Gertrud es nicht über sich gewinnen würde, zu +Seckersdorfs Hochzeit zu kommen.</p> + +<p>Darüber rückte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und +Übersiedlungspläne brachten immer mehr Unruhe in das tägliche Leben. Die +Ausstattung war besorgt, Erwägungen über die Art der Festlichkeiten +kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht.</p> + +<p>Sie überlegte, wie sich alles für sie am vorteilhaftesten machte, und +ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre äußere +Erscheinung zu glänzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette +bereitete ihr ein paar schlaflose Nächte.</p> + +<p>Zuweilen überkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflächlichkeiten, die +jetzt ihr Leben ausfüllten;<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175"> [175]</a></span> aber sie überwand ihn und redete sich +schließlich immer wieder das »große Ziel« ein, das sie in kurzer Zeit +nun erreicht haben würde.</p> + +<p>Wenn Gertrud doch nicht käme! Vor einer blassen, vergrämten Gertrud +hätte sie sich ihr Leben lang fürchten müssen. In ihrer Phantasie +natürlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wäre, würde an keine andere +mehr denken, dessen war sie sicher.</p> + +<p>Aber Gertrud kam.</p> + +<p>Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von +Kurowskis, ihre Zusage für den nächsten Tag ein.</p> + +<p>Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgültig auf; Maggie, +aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht +so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberförster +war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse +des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm +fortgewischt.</p> + +<p>Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles +war geräumt, um Platz für die Gäste zu schaffen, die in großer Menge +erwartet wurden, und sämtliche Zimmer und Durchgänge mit Tannenbäumen, +-zweigen und Girlanden geschmückt. Gertrud hatte es sich bei ihrer<span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176"> [176]</a></span> +Hochzeit schon so gewünscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu +haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck +gewählt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu +beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf Änderungen, +beschäftigte die Leute, und nahm Fräulein Perl alles aus der Hand. Sie +fühlte sich recht als Siegerin.</p> + +<p>Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das +Herz doch still. Sehr blaß trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte +im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der +Schwager begrüßte sie laut, während Gertrud in kühlem Herabneigen das +Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu küssen.</p> + +<p>Das hieß: »Ich habe nicht vergessen.«</p> + +<p>Trotzig sah sie nun auf – und fuhr fast zurück. Gertrud leuchtete ihr +in einer Schönheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen +hatte.</p> + +<p>Auch der Vater und Fräulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen +darüber.</p> + +<p>Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen +selbstbewußten, ja triumphierenden Zug in dem regelmäßig stolzen +Gesicht, das sie sich in Gedanken blaß und gramzerstört vorgestellt +hatte.<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177"> [177]</a></span></p> + +<p>»Ja, die weiß sich jetzt zur Geltung zu bringen, die schüchterne, +bescheidene Gertrud,« bemerkte ihr Mann. »Nicht wiederzuerkennen, sag' +ich euch, seit sie ein bißchen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war +auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine?«</p> + +<p>Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu hören, was Kurowski +sagte. Mit hochmütig nachdenklichem Blick musterte sie ihre frühere +Welt, in der sie so viel gelitten hatte.</p> + +<p>Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, während man in Eile und +Ungemütlichkeit Kaffee trank und der Oberförster und Fräulein Perl über +eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem +Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der +Bräutigam denn käme, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte, +fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf würde wie die anderen +Gäste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und +meinte, Maggie sollte sich auch noch zurückziehen; sie sprach in +gleichgültig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos +Maggie gerade darüber war.</p> + +<p>»Sie muß diese Maske fallen lassen,« dachte diese<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178"> [178]</a></span> zuletzt. »Ich werde +sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will.«</p> + +<p>Sie begleitete Gertrud hinauf in das früher von ihr bewohnte Zimmer, das +jetzt für diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr +stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick.</p> + +<p>Aber Gertrud sagte nur: »Danke, – wenn es dir recht ist, möchte ich +allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll +meine Jungfer dir später helfen?«</p> + +<p>Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine +weißsilberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig +herabfiel.</p> + +<p>Mit Tränen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz +schnürte sich ihr zusammen.</p> + +<p>Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener +ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und zärtlich gegen +sie.</p> + +<p>»Sie will mich ausstechen,« dachte sie plötzlich voll Schreck. »Sie hat +absichtlich ein ähnliches Kleid gewählt, wie das von damals, und sie ist +so viel schöner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend +gleichgültig gegen Hans sein,« beruhigte sie sich dann. »Sie wird ihm +die große Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.«<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179"> [179]</a></span></p> + +<p>So durchgrübelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres +Mädchenlebens und dachte inzwischen immer: »Gott sei Dank, morgen ist +alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu fürchten und fange mein neues +Leben an.«</p> + +<p>Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Königin in ihrer glänzenden +Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschöne Blume leuchtend +und rein herausblühte. Das kleine Köpfchen auf dem schlanken Hals trug +seine weißschimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und +fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefärbten +Gesicht.</p> + +<p>Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit +Kennerblicken und sagte lachend:</p> + +<p>»Du, wenn es für einen Ehemann nicht moralischer Ruin wäre, sich in +seine Frau zu verlieben, heute weiß ich beinah' nicht ...«</p> + +<p>Er küßte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter.</p> + +<p>Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei.</p> + +<p>»Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?«</p> + +<p>Gertrud wurde rot. »Ich ärgere mich über die Art, wie du sprichst,« +sagte sie.<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180"> [180]</a></span></p> + +<p>»Freue dich lieber darüber, nach unserem siebenjährigen Krieg,« meinte +er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus.</p> + +<p>Gertrud wich zurück. »Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es +ist gleich sieben Uhr.«</p> + +<p>Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell +erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte.</p> + +<p>Alles war still und leer, die Leute draußen beschäftigt. Ab und zu drang +ein Gläserklirren oder ein unterdrücktes Durcheinandersprechen aus den +hinteren Räumen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem +Tannengrün, und die Hängelampen und Kronleuchter summten.</p> + +<p>Es war ein eigenes Gefühl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie +ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und +feierlich, tauchten in ihr auf. Andere drängten sich nach, hier ein Ton, +hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allmählich sproßte, +über alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes +Wehgefühl in Gertruds wirren Grübeleien auf. Sie fröstelte, und doch +schlug ihr Herz schnell und ihre Hände brannten. »Gott sei Dank,« sagte +sie dabei zu sich selbst, »daß mir das alles nichts mehr macht. Gott sei +Dank, daß sie<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181"> [181]</a></span> mir gleichgültig ist, und daß ich ihm freundlich und kühl +die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, daß du mich hast stolz +werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz?« Sie überhörte +den Wagen, der vorfuhr, überhörte das Öffnen der Tür.</p> + +<p>Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke +sogen sich ineinander.</p> + +<p>Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit +leisem Schrei warf sie sich hinein.</p> + +<p>Sie sagten nichts, sie küßten sich nicht, aber sie hielten sich fest, +fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander.</p> + +<p>Und alles blieb still und leer.</p> + +<p>»Trude,« stammelte er endlich. »Trude!«</p> + +<p>Sie rührte sich nicht.</p> + +<p>Noch einen Augenblick, dann riß er sich los. Der kalte Schweiß stand ihm +auf der Stirn.</p> + +<p>»Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig?«</p> + +<p>Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine große +Hand darauf.</p> + +<p>»Trude, Einziggeliebtes ... Trude ...« Ein Windstoß schlug an das +Fenster. Da raffte sie sich auf.</p> + +<p>»Komm,« sagte sie heiser.<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182"> [182]</a></span></p> + +<p>Er streichelte ihr Haar. Große Tränen standen in seinen Augen.</p> + +<p>»Erbarm' dich doch ... Trude ...«</p> + +<p>»So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. Laß deinen Schlitten +vorfahren und komm schnell,« sagte sie noch einmal hastig.</p> + +<p>»Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin?« rief er +verzweiflungsvoll.</p> + +<p>»Gleichviel – leben – sterben ... nur zusammen bleiben.«</p> + +<p>»Nicht quälen, nicht quälen,« bat er mit erstickter Stimme. »Kind, +geliebtes, wir müssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude, +warum hast du das getan?«</p> + +<p>Sie sah ihn mit dunklen Augen an.</p> + +<p>»Trennung?« sagte sie. »Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen, +und ich weiß, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort ...«</p> + +<p>Er preßte die Hände zusammen, er flüsterte abgebrochene Liebesworte, +starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen.</p> + +<p>»Warum kamst du nicht früher?« stöhnte er. »Wie sollen wir nun leben? +Trude, warum hast du mir das getan?«</p> + +<p>»Maggie –« stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange +Geschichte.<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183"> [183]</a></span></p> + +<p>»Ich bin wahnsinnig gewesen,« sagte sie hastig. »Zuerst – dann hab' ich +wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grundsätze, und ich weiß +nicht was alles. Aber jetzt weiß ich ... das alles war Schein. Das +einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, daß ich dich liebe, grenzenlos, +unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in +der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur ...«</p> + +<p>Und während sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte +hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, glühend, zitternd, mit +sprühenden Augen.</p> + +<p>»Komm doch,« flüsterte sie.</p> + +<p>Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn.</p> + +<p>Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, während seine Lippen die +des geliebten Weibes suchten.</p> + +<p>Sie hob den Kopf und sah ihn an.</p> + +<p>»Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gekämpft, gegen die +Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren, +wie zwecklos – Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest ...«</p> + +<p>Ihre Stimme versagte.<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184"> [184]</a></span></p> + +<p>Er löste sich sanft von ihr und sah sie mit überströmenden Augen an.</p> + +<p>»Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an: +Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr ...«</p> + +<p>Sie wurde schneeweiß und warf sich in einen Lehnstuhl.</p> + +<p>»Du willst mich nicht?« fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht. +»Du liebst also doch Maggie?«</p> + +<p>»Maggie!« sagte Seckersdorf tonlos und preßte beide Fäuste an den Kopf. +Es schüttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang +sich kaum hörbar ein Wort: »Lebe wohl ...«</p> + +<p>»Gertrud, leb' wohl,« sagte er dann fester. »Wir zwei, wir sind am Glück +vorbeigegangen. Und diese Sünde rächt sich nun an uns. Wir müssen es +tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer ...«</p> + +<p>Wie eine eiskalte Welle dröhnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte +schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich reißen, aber die +Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie +sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und +sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft blaß, auftauchen und +verschwinden.</p> + +<p>Sie griff nach der Stirn.<span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185"> [185]</a></span></p> + +<p>»Um Gottes willen.« Sie sprang auf, spähte hinein. »Niemand. Ich muß +geträumt haben,« stieß sie hervor. »Wenn ich etwas gesagt habe ... und +ich weiß, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ...« +Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus.</p> + +<p>Der Abend mit den üblichen Aufführungen, dem darauf folgenden Souper und +Tanz verlief programmäßig. Das Brautpaar machte in liebenswürdigster +Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein +pflegt, die Honneurs, und alle Gäste fühlten voller Befriedigung, daß +sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen.</p> + +<p>Auch daß man die Kurowskis, über deren Haushalt in letzter Zeit viel +geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erhöhte das Behagen +aller, die Gertrud von früher her kannten und sie jetzt, den Gerüchten +nach, beklagt hatten.</p> + +<p>Man staunte ihre märchenhafte Schönheit, die manche überirdisch, manche +aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, daß +Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, daß er sie begleitete, als sie +sich bald nach dem Souper zurückzog, und auch nicht wieder zum Vorschein +kam, fiel hier und da auf, wurde schließlich aber in dem angeregten und +frohen Treiben nicht weiter erörtert.<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186"> [186]</a></span></p> + +<p>Am nächsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim +Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen +Gatten dasselbe Glück wünschte, wie er es an der Seite der ältesten +Tochter des Hauses gefunden habe.</p> + +<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187"> [187]</a></span>Der Oberförster Hagedorn feierte seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. +Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch +ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen.</p> + +<p>In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte +er mit Kurowskis in stetem, wenn auch flüchtigem Verkehr gestanden, +Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem sächsischen Gut, nur zweimal +besucht. Aber das war für ihn auch genügend gewesen, da seiner Meinung +nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die +Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr kränkte, als bei Kurowskis +noch zwei kleine Mädchen eingekehrt waren.</p> + +<p>Daß die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch über die alten +Geschichten längst Gras gewachsen und Gertrud eine vernünftige, tüchtige +Frau geworden war, hatte ihn anfänglich nicht viel gekümmert. Nun aber, +da der Abschied aus dem Heimathaus näher rückte und hier und da auch die +Ahnung des bald kommenden großen Abschieds einen weicheren Ton in seinem +alten, harten Herzen anschlug, begann er sich darüber Gedanken zu +machen.</p> + +<p>Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188"> [188]</a></span> zusammen +herangewachsen und flügge geworden waren, aussprechen und ihm durch +Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend +verschaffen.</p> + +<p>Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von +ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gewünscht hatte, und so +stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und spähte +mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den +Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen mußten.</p> + +<p>Fräulein Perl, eisgrau und gebückt, stand neben ihm und schwatzte über +Dinge aus vergangenen Zeiten, als »unsere Mädchen« noch zu Hause waren. +Der Oberförster nickte, und kaute mit den braunen Zahnstümpfen an den +schmalen Lippen.</p> + +<p>Die Sonne brannte. Heiße Luftwellen strichen mit schwülem Atem durch das +rote Weinlaubgeäst hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre +leuchtenden Köpfe, und die großen gelben <span class="f">Gloire de Dijon</span>-Rosen füllten +ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser kühler +Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerdüfte. +Dann sahen sich die beiden Alten mißvergnügt und leise schauernd an, und +Fräulein Perl sagte: »Ja, der Herbst kommt doch schon.«<span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189"> [189]</a></span></p> + +<p>Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberförster. Kurowskis +kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, – aber Maggie war doch seit +gestern in Romitten ...</p> + +<p>Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben möchten und das verwünschte +Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Unglück über Unglück gehabt hätten +– zu guter Letzt noch den großen Brand –, dann wäre für sie beiden +Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem +Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf wäre ein Kerl, mit dem sich's +leben ließe, wenn er auch ein bißchen zu viel kneipte.</p> + +<p>Fräulein Perl nickte sorgenvoll. »Ja, aber die Maggie, die doch so +selbständig ...«</p> + +<p>Die wäre längst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der +Alte.</p> + +<p>Fräulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des +Weges. Einige Minuten später hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch +derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten +triumphierend und siegesgewiß heruntergesprungen war. Das tat sie heute +nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im +Gehen in die Höhe schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden +alten Leute.<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190"> [190]</a></span></p> + +<p>Sie war sehr verändert. Mager geworden und dadurch größer scheinend. +Über ihren unverwüstlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die +großen Augen sahen spähend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte +aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war +sie schick bis zum äußersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit +einhaltend.</p> + +<p>»Ach, mein Maggiechen,« schluchzte das alte Fräulein, sie musternd, – +»sieben Jahre, sieben Jahre – und so – und dein Haar ist ja so rot ... +und ...«</p> + +<p>»Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht jünger geworden ... Sieh dir +den an ...« Sie schob ihren Mann vor.</p> + +<p>Seckersdorf beugte sich über Fräulein Perls runzlige Hand und küßte sie.</p> + +<p>Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem +schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die +Augenlider hingen schwer über den leicht geröteten blaßblauen Augen.</p> + +<p>»Kommt – kommt,« sagte der Oberförster. »Ihr seid alle Kinder gegen +euren alten fünfundsiebzigjährigen Vater ...« Er murmelte gerührt etwas +Unverständliches, und ging ihnen in das alte<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191"> [191]</a></span> Wohnzimmer voran, in dem +noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand.</p> + +<p>Maggie fing plötzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken +Hand über ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und +griff ins Leere.</p> + +<p>»Und Gertrud?« fragte Maggie.</p> + +<p>Der Oberförster sah nach der Uhr.</p> + +<p>»Werden gleich da sein.«</p> + +<p>»Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper +erzählte gestern auf dem Bahnhof, daß sie so fromm geworden ist.«</p> + +<p>Der Oberförster und Fräulein Perl erzählten durcheinander.</p> + +<p>Sie war immer noch die Schönste; alle hatten das gesagt, neulich, als +das große Provinzfest beim Oberpräsidenten gewesen war, und die Kaiserin +hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach +wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner +Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt +klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit tüchtig +geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl +ein. Ein bißchen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber +natürlich im<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192"> [192]</a></span> Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute +wären wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da.</p> + +<p>»Bei uns zu Hause war das auch so,« bemerkte Seckersdorf in Gedanken. +»Meine Mutter hielt sehr darauf, daß die Leute kirchlich waren. Und +eigentlich gehört sich das auch –«</p> + +<p>Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er plötzlich inne.</p> + +<p>Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die +beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster.</p> + +<p>Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, während +Seckersdorf rot und kurz atmend zur Tür ging.</p> + +<p>Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber +ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewußt, und ebenso +überlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank, +eine reife, blühende Frau und doch mädchenhaft anmutig, vornehm und +liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine +höhere.</p> + +<p>Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz preßte sich ihr zusammen. +Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193"> [193]</a></span> +jenem Abend kamen ihr ins Gedächtnis: »Das liebe, weißblonde Köpfchen – +das siehst du nie mehr darunter ...«</p> + +<p>Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne Rührung +ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre +ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte.</p> + +<p>Maggie war ganz blaß geworden.</p> + +<p>»Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer –« +begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder +Stimme.</p> + +<p>Gertrud zog sie an sich.</p> + +<p>Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus.</p> + +<p>»Maggie ... Kind ...« sagte Gertrud und streichelte das rotgefärbte +Haar, das wirr den Kopf umbauschte.</p> + +<p>Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden Händen über das +heiße Gesicht.</p> + +<p>»Ich bin nervös geworden,« sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden +Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. »Und du? Laß dich +anschauen ...«</p> + +<p>Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und +lächelte.<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194"> [194]</a></span></p> + +<p>»Wir haben uns noch gar nicht begrüßt,« sagte sie, ihm die Hand gebend.</p> + +<p>Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, küßte er ihr die Hand.</p> + +<p>Gertrud trat schweigend zurück.</p> + +<p>»Na, wenn denn alles so weit in Ordnung wäre,« sagte der Oberförster +erleichtert, »könnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr?«</p> + +<p>Das war ein merkwürdiges Mittagessen.</p> + +<p>Man sprach viel, auch über wichtige Dinge, wie die Übersiedlung der +Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. »Auf +Maggies Wunsch!« sagte ihr Mann, da sie sich in die sächsischen +Verhältnisse nie hätte einleben können. Weil man sie beständig ihre +bürgerliche Geburt hätte empfinden lassen, meinte Maggie mit bösem +Stirnrunzeln – »die Damen wenigstens.« Man erörterte auch, ob der +Oberförster und Fräulein Perl mit hinüberziehen sollten. Seckersdorfs +wünschten es, und die beiden Alten sträubten sich nur noch der Form +wegen. Und so ging das Gespräch lebhaft und doch ohne eigentliche Wärme +weiter.</p> + +<p>Während über die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der +Vergangenheit, und über dem Plänemachen maß sich einer am andern.</p> + +<p>Schließlich verstummte das Gespräch.<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195"> [195]</a></span></p> + +<p>»Und Sie, gnädige Frau?« begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud +gewendet, das erstemal, daß er sie direkt anredete.</p> + +<p>»Ach was, – gnädige Frau,« unterbrach ihn der Oberförster ... »wenn ich +auch zu alt bin, um mit aller Welt Brüderschaft zu machen, unter euch +Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr könnt euch ruhig +'du' nennen.«</p> + +<p>Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich +mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen +entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich amüsiert auf und +sagte:</p> + +<p>»Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden.« Und den +Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf.</p> + +<p>Über Gertruds schönes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern.</p> + +<p>»Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit,« sagte sie. »Wir unter uns +wissen ja, daß wir sehr viele Mühe haben werden, uns miteinander +einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ... +aber ...«</p> + +<p>»Meine Frau will also einfach nicht,« fiel Kurowski ihr etwas lärmend +ins Wort. »Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196"> [196]</a></span> werden +uns also die Sache überlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden +anfragen.«</p> + +<p>Seine halb spöttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud +bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden +Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie +sah still zu Boden.</p> + +<p>»Die Gertrud ist jetzt immer so,« sagte der Oberförster mit dem +klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. »Weiß +Gott, wie das über sie gekommen ist. Früher –«</p> + +<p>»Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal +auch ein bißchen viel,« meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an, +aber er lachte.</p> + +<p>»Das heißt, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine +guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen hält ... was, +Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als +Ehemann. Und Frau Maggie ...«</p> + +<p>»Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister,« sagte die schnell. »Ich +bin überhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen +hast du also im Korps? Und deine beiden Mädchen, die kenn' ich ja noch +nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste?«<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197"> [197]</a></span></p> + +<p>Gertrud gab Auskunft und lächelte ganz unbefangen, als ihr Mann +erklärte, es gehöre eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens, +immer ein dreijähriges Gör um sich zu haben.</p> + +<p>Und dann stand man auf. Der Oberförster mußte ruhen. Der Wein war ihm +etwas zu Kopf gestiegen. Er war gerührt, umarmte seine Töchter mehrmals, +und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau »Ellinor«.</p> + +<p>Fräulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und +forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf.</p> + +<p>Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an +jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen, +demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte.</p> + +<p>Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang überwundene Bitterkeit +mit einer müden kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit +halb ersticktem Schrei ausrief: »Trude ... Trude ... was ist aus dem +Leben geworden?«, antwortete sie unwillkürlich: »Die Strafe für das, was +wir verfehlt haben.« Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der +Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte.<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198"> [198]</a></span></p> + +<p>»Eigentlich ist das ja Unsinn,« sagte sie mit der alten, lieben Stimme, +und drückte den Kopf Maggies an ihre Brust. »Man kommt schon wieder in +die Höhe, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen +ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das +nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie?«</p> + +<p>»Nein, nein, nein,« sagte Maggie heftig. »Man kommt nicht mehr in die +Höhe, wenn man – Gertrud, ich hab' dich nutzlos betrogen, bin selbst am +Glück vorbeigetaumelt. Er hat dich nie vergessen – und ich – Lieber +Gott, ich bin mutlos zu allem anderen geworden, weil ich nicht einmal +<em class="g">das</em> in ihm habe überwinden können.«</p> + +<p>»Und du liebst ihn?« fragte Gertrud zögernd.</p> + +<p>Maggie schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ich liebe ihn nicht. Ich habe niemand lieb, wenn ich es auch manchmal +möchte und oft geradezu danach suche. Aber dann, Gertrud, kommt die +schreckliche Kälte in mir, und hinter allem lauert diese gräßliche +Frage: Wozu?«</p> + +<p>Sie schwiegen beide eine Weile.</p> + +<p>»Komm, Maggie,« sagte Gertrud dann. »Wir wollen hinaus, es ist so +bedrückt hier. Komm in den Buchengang.«</p> + +<p>Und sie gingen hinaus. Es war ein holdseliger<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199"> [199]</a></span> Frühherbsttag. Warme, +bläuliche Dünste hoben sich von den Fichten und verschwebten duftend. +Die Stoppelfelder, die durch den Waldeinschnitt sahen, lagen ausgedient +und ruhend in funkelnden gelben Streifen und Ecken da. Von den +abgemähten Wiesen zog ein herber Feldkräutergeruch aus, und aus den +Waldwegen quoll ein prickelnder, herbstlicher Atem.</p> + +<p>»Solch schöner Herbst,« sagte Gertrud in Gedanken.</p> + +<p>Maggie blieb stehen und umfaßte mit beiden Händen den Arm ihrer +Schwester.</p> + +<p>»Für dich, Trude, – für dich,« sagte sie beklommen. Und ihre Augen +wurden naß.</p> + +<div class="notes newsection"> +<p>Anmerkungen zur Transkription:</p> + +<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im +Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, der <ins class="correction" title="so wie hier"> +Originaltext</ins> erscheint beim +Überfahren mit der Maus.</p> + +<p>Folgende Zeilen waren im Original vertauscht, richtig ist 3-2-1-4:</p> +<ol> +<li>das sich lohnt, und nun wollen sie es einem</li> +<li>Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschäft,</li> +<li>euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine</li> +<li>verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin</li> +</ol> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Am Glück vorbei, by Clara Sudermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AM GLÜCK VORBEI *** + +***** This file should be named 24174-h.htm or 24174-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24174/ + +Produced by Constanze Hofmann and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/24174-h/images/i001.png b/24174-h/images/i001.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a12c885 --- /dev/null +++ b/24174-h/images/i001.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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