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+ The Project Gutenberg eBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig
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+The Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Brennendes Geheimnis
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+Author: Stefan Zweig
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+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24173]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS ***
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+Produced by Irma Knoll and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<p class="author">Stefan Zweig</p>
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+<p class="publisher">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p>
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+<p class="edition">16.&ndash;25.&nbsp;Tausend<br />&nbsp;</p>
+
+
+
+<!-- Page 3 -->
+<h2>Der Partner</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Die Lokomotive schrie heiser auf: der Semmering war erreicht.
+Eine Minute rasteten die schwarzen Wagen im silbrigen Licht
+der H&ouml;he, warfen paar bunte Menschen aus, schluckten andere ein,
+Stimmen gingen ge&auml;rgert hin und her, dann schrie vorne wieder die
+heisere Maschine und ri&szlig; die schwarze Kette rasselnd in die H&ouml;hle
+des Tunnels hinab. Rein ausgespannt, mit klaren, vom nassen Wind
+reingefegten Hintergr&uuml;nden lag wieder die hingebreitete Landschaft.</p>
+
+<p>Einer der Angekommenen, jung, durch gute Kleidung und eine nat&uuml;rliche
+Elastizit&auml;t des Schrittes sympathisch auffallend, nahm den
+andern rasch voraus einen Fiaker zum Hotel. Ohne Hast trappten
+die Pferde den ansteigenden Weg. Es lag Fr&uuml;hling in der Luft.
+Jene wei&szlig;en, unruhigen Wolken flatterten am Himmel, die nur der
+Mai und der Juni hat, jene wei&szlig;en, selbst noch jungen und flattrigen
+Gesellen, die spielend &uuml;ber die blaue Bahn rennen, um sich
+pl&ouml;tzlich hinter hohen Bergen zu verstecken, die sich umarmen und
+fliehen, sich bald wie Taschent&uuml;cher zerkn&uuml;llen, bald in Streifen zerfasern
+und schlie&szlig;lich im Schabernack den Bergen wei&szlig;e M&uuml;tzen
+aufsetzen. Unruhe war auch oben im Wind, der die mageren, noch
+vom Regen feuchten B&auml;ume so unb&auml;ndig sch&uuml;ttelte, da&szlig; sie leise in
+den Gelenken krachten und tausend Tropfen wie Funken von sich
+wegspr&uuml;hten. Manchmal schien auch Duft von Schnee k&uuml;hl aus den
+Bergen her&uuml;berzukommen, dann sp&uuml;rte man im Atem etwas, das
+s&uuml;&szlig; und scharf war zugleich. Alles in Luft und Erde war Bewegung
+und g&auml;rende Ungeduld. Leise schnaubend liefen die Pferde den jetzt
+niedersteigenden Weg, die Schellen klirrten ihnen weit voraus.</p>
+
+<p>Im Hotel war der erste Weg des jungen Mannes zu der Liste der
+anwesenden G&auml;ste, die er&nbsp;&ndash; bald entt&auml;uscht&nbsp;&ndash; durchflog. &bdquo;Wozu bin
+ich eigentlich hier&ldquo;, begann es unruhig in ihm zu fragen. &bdquo;Allein <!-- Page 4 -->
+hier auf dem Berg zu sein, ohne Gesellschaft, ist &auml;rger als das Bureau.
+Offenbar bin ich zu fr&uuml;h gekommen oder zu sp&auml;t. Ich habe nie Gl&uuml;ck
+mit meinem Urlaub. Keinen einzigen bekannten Namen finde ich
+unter all den Leuten. Wenn wenigstens ein paar Frauen da w&auml;ren,
+irgendein kleiner, im Notfall sogar argloser Flirt, um diese Woche
+nicht gar zu trostlos zu verbringen.&ldquo; Der junge Mann, ein Baron
+von nicht sehr klangvollem &ouml;sterreichischen Beamtenadel, in der
+Statthalterei angestellt, hatte sich diesen kleinen Urlaub ohne jegliches
+Bed&uuml;rfnis genommen, eigentlich nur, weil sich alle seine Kollegen
+eine Fr&uuml;hjahrswoche durchgesetzt hatten und er die seine dem
+Dienst nicht schenken wollte. Er war, obwohl innerer Bef&auml;higung
+nicht entbehrend, eine durchaus gesellschaftliche Natur, als solche
+beliebt, in allen Kreisen gern gesehen und sich seiner Unf&auml;higkeit zur
+Einsamkeit voll bewu&szlig;t. In ihm war keine Neigung, sich selber
+allein gegen&uuml;berzustehen, und er vermied m&ouml;glichst diese Begegnungen,
+weil er intimere Bekanntschaft mit sich selbst gar nicht
+wollte. Er wu&szlig;te, da&szlig; er die Reibfl&auml;che von Menschen brauchte, um
+seine Talente, die W&auml;rme und den &Uuml;bermut seines Herzens aufflammen
+zu lassen, und er allein frostig und sich selber nutzlos war,
+wie ein Z&uuml;ndholz in der Schachtel.</p>
+
+<p>Verstimmt ging er in der leeren Hall auf und ab, bald unschl&uuml;ssig
+in den Zeitungen bl&auml;tternd, bald wieder im Musikzimmer am Klavier
+einen Walzer antastend, bei dem ihm aber der Rhythmus nicht
+recht in die Finger sprang. Schlie&szlig;lich setzte er sich verdrossen hin,
+sah hinaus, wie das Dunkel langsam niederfiel, der Nebel als Dampf
+grau aus den Fichten brach. Eine Stunde zerbr&ouml;selte er so, nutzlos
+und nerv&ouml;s. Dann fl&uuml;chtete er in den Speisesaal.</p>
+
+<p>Dort waren erst ein paar Tische besetzt, die er alle mit eiligem Blick
+&uuml;berflog. Vergeblich! Keine Bekannten, nur dort&nbsp;&ndash; er gab l&auml;ssig einen
+Gru&szlig; zur&uuml;ck&nbsp;&ndash; ein Trainer, dort wieder ein Gesicht von der Ringstra&szlig;e<!-- Page 5 -->
+her, sonst nichts. Keine Frau, nichts, was ein auch fl&uuml;chtiges
+Abenteuer versprach. Sein Mi&szlig;mut wurde ungeduldiger. Er war
+einer jener jungen Menschen, deren h&uuml;bschem Gesicht viel gegl&uuml;ckt
+ist und in denen nun best&auml;ndig alles f&uuml;r eine neue Begegnung, ein
+neues Erlebnis bereit ist, die immer gespannt sind, sich ins Unbekannte
+eines Abenteuers zu schnellen, die nichts &uuml;berrascht, weil sie
+alles lauernd berechnet haben, die nichts Erotisches &uuml;bersehen, weil
+schon ihr erster Blick jeder Frau in das Sinnliche greift, pr&uuml;fend
+und ohne Unterschied, ob es die Gattin ihres Freundes ist oder das
+Stubenm&auml;dchen, das die T&uuml;re zu ihr &ouml;ffnet. Wenn man solche Menschen
+mit einer gewissen leichtfertigen Ver&auml;chtlichkeit Frauenj&auml;ger
+nennt, so geschieht es, ohne zu wissen, wieviel beobachtende Wahrheit
+in dem Worte versteinert ist, denn tats&auml;chlich, alle leidenschaftlichen
+Instinkte der Jagd, das Aufsp&uuml;ren, die Erregtheit und die
+seelische Grausamkeit flackern in dem rastlosen Wachsein solcher
+Menschen. Sie sind best&auml;ndig auf dem Anstand, immer bereit und
+entschlossen, die Spur eines Abenteuers bis hart an den Abgrund
+zu verfolgen. Sie sind immer geladen mit Leidenschaft, aber nicht
+der des Liebenden, sondern der des Spielers, der kalten, berechnenden
+und gef&auml;hrlichen. Es gibt unter ihnen Beharrliche, denen weit
+&uuml;ber die Jugend hinaus das ganze Leben durch diese Erwartung
+zum ewigen Abenteuer wird, denen sich der einzelne Tag in hundert
+kleine, sinnliche Erlebnisse aufl&ouml;st&nbsp;&ndash; ein Blick im Vor&uuml;bergehen, ein
+weghuschendes L&auml;cheln, ein im Gegen&uuml;bersitzen gestreiftes Knie&nbsp;&ndash;
+und das Jahr wieder in hundert solcher Tage, f&uuml;r die das sinnliche
+Erlebnis ewig flie&szlig;ende, n&auml;hrende und anfeuernde Quelle des
+Lebens ist.</p>
+
+<p>Hier waren keine Partner zu einem Spiele, das &uuml;bersah der Suchende
+sofort. Und keine Gereiztheit ist &auml;rgerlicher als die des
+Spielers, der mit den Karten in der Hand im Bewu&szlig;tsein seiner<!-- Page 6 -->
+&Uuml;berlegenheit vor dem gr&uuml;nen Tisch sitzt und vergeblich den Partner
+erwartet. Der Baron rief nach einer Zeitung. M&uuml;rrisch lie&szlig; er die
+Blicke &uuml;ber die Zeilen rinnen, aber seine Gedanken waren lahm und
+stolperten wie betrunken den Worten nach.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte er hinter sich ein Kleid rauschen und eine Stimme, leicht
+&auml;rgerlich und mit affektiertem Akzent, sagen: &bdquo;<em class="antiqua">Mais tais toi donc,
+Edgar!</em>&ldquo;</p>
+
+<p>An seinem Tisch knisterte im Vor&uuml;berschreiten ein seidenes Kleid,
+hoch und &uuml;ppig schattete eine Gestalt vorbei und hinter ihr in einem
+schwarzen Samtanzug ein kleiner, blasser Bub, der ihn neugierig
+mit dem Blick anstreifte. Die beiden setzten sich gegen&uuml;ber an den
+reservierten Tisch, das Kind sichtbar um eine Korrektheit bem&uuml;ht,
+die der schwarzen Unruhe in seinen Augen zu widersprechen schien.
+Die Dame&nbsp;&ndash; und nur auf sie hatte der junge Baron acht&nbsp;&ndash; war sehr
+soigniert und mit sichtbarer Eleganz gekleidet, ein Typus &uuml;berdies,
+den er sehr liebte, eine jener leicht &uuml;ppigen J&uuml;dinnen im Alter knapp
+vor der &Uuml;berreife, offenbar auch leidenschaftlich, aber erfahren, ihr
+Temperament hinter einer vornehmen Melancholie zu verbergen.
+Er vermochte zun&auml;chst noch nicht in ihre Augen zu sehen und bewunderte
+nur die sch&ouml;n geschwungene Linie der Augenbrauen, rein
+&uuml;ber einer zarten Nase gerundet, die ihre Rasse zwar verriet, aber
+durch edle Form das Profil scharf und interessant machte. Die
+Haare waren, wie alles Weibliche an diesem vollen K&ouml;rper, von
+einer auffallenden &Uuml;ppigkeit, ihre Sch&ouml;nheit schien im sichern Selbstgef&uuml;hl
+vieler Bewunderungen satt und prahlerisch geworden zu sein.
+Sie bestellte mit sehr leiser Stimme, wies den Buben, der mit der
+Gabel spielend klirrte, zurecht&nbsp;&ndash; all dies mit anscheinender Gleichg&uuml;ltigkeit
+gegen den vorsichtig anschleichenden Blick des Barons, den
+sie nicht zu bemerken schien, w&auml;hrend es doch in Wirklichkeit nur seine
+rege Wachsamkeit war, die ihr diese geb&auml;ndigte Sorgfalt aufzwang.</p>
+
+<!-- Page 7 -->
+<p>Das Dunkel im Gesichte des Barons war mit einem Male aufgehellt,
+unterirdisch belebend liefen die Nerven hin, strafften die
+Falten, rissen die Muskeln auf, da&szlig; seine Gestalt aufschnellte und
+Lichter in den Augen flackerten. Er war selber den Frauen nicht un&auml;hnlich,
+die erst die Gegenwart eines Mannes brauchen, um aus
+sich ihre ganze Gewalt herauszuholen. Erst ein sinnlicher Reiz
+spannte seine Energie zu voller Kraft. Der J&auml;ger in ihm witterte
+hier eine Beute. Herausfordernd suchte sein Auge ihrem Blick zu
+begegnen, der ihn manchmal mit einer glitzernden Unbestimmtheit
+des Vorbeisehens kreuzte, nie aber blank eine klare Antwort bot.
+Auch um den Mund glaubte er manchmal ein Flie&szlig;en wie von beginnendem
+L&auml;cheln zu sp&uuml;ren, aber all dies war unsicher, und eben
+diese Unsicherheit erregte ihn. Das einzige, was ihm versprechend
+schien, war dieses stete Vorbeischauen, weil es Widerstand war und
+Befangenheit zugleich, und dann die merkw&uuml;rdig sorgf&auml;ltige, auf
+einen Zuschauer sichtlich eingestellte Art der Konversation mit dem
+Kinde. Eben das aufdringlich Vorgehaltene dieser Ruhe bedeutete,
+das f&uuml;hlte er, heimlich ein erstes Beunruhigtsein. Auch er war erregt:
+das Spiel hatte begonnen. Er verz&ouml;gerte sein Diner, hielt
+diese Frau eine halbe Stunde fast unabl&auml;ssig mit dem Blick fest, bis
+er jede Linie ihres Gesichtes nachgezeichnet, an jede Stelle ihres
+&uuml;ppigen K&ouml;rpers unsichtbar ger&uuml;hrt hatte. Drau&szlig;en fiel dr&uuml;ckend
+das Dunkel nieder, die W&auml;lder seufzten in kindischer Furcht, als jetzt
+die gro&szlig;en Regenwolken graue H&auml;nde nach ihnen reckten, immer
+finstrer dr&auml;ngten die Schatten ins Zimmer hinein, immer mehr
+schienen die Menschen hier zusammengepre&szlig;t durch das Schweigen.
+Das Gespr&auml;ch der Mutter mit ihrem Kinde wurde, das merkte er,
+unter der Drohung dieser Stille immer gezwungener, immer k&uuml;nstlicher,
+bald, f&uuml;hlte er, w&uuml;rde es zu Ende sein. Da beschlo&szlig; er eine
+Probe. Er stand als erster auf, ging langsam, mit einem langen<!-- Page 8 -->
+Blick auf die Landschaft an ihr vorbeisehend, zur T&uuml;re. Dort zuckte
+er rasch, als h&auml;tte er etwas vergessen, mit dem Kopf herum. Und
+ertappte sie, wie sie ihm lebhaften Blickes nachsah.</p>
+
+<p>Das reizte ihn. Er wartete in der Hall. Sie kam bald nach, den
+Buben an der Hand, bl&auml;tterte im Vor&uuml;bergehen unter den Zeitschriften,
+zeigte dem Kind ein paar Bilder. Aber als der Baron, wie
+zuf&auml;llig, an den Tisch trat, anscheinend um auch eine Zeitschrift zu
+suchen, in Wahrheit, um tiefer in das feuchte Glitzern ihrer Augen
+zu dringen, vielleicht sogar ein Gespr&auml;ch zu beginnen, wandte sie sich
+weg, klopfte ihrem Sohn leicht auf die Schulter: &bdquo;<em class="antiqua">Viens, Edgar!
+Au lit!</em>&ldquo; und rauschte k&uuml;hl an ihm vorbei.</p>
+
+<p>Ein wenig entt&auml;uscht, sah ihr der Baron nach. Er hatte eigentlich
+auf ein Bekanntwerden noch an diesem Abend gerechnet, und diese
+schroffe Art entt&auml;uschte ihn. Aber schlie&szlig;lich, in diesem Widerstand
+war Reiz, und gerade das Unsichere entz&uuml;ndete seine Begier. Immerhin:
+er hatte seinen Partner, und ein Spiel konnte beginnen.</p>
+
+
+
+
+<h2>Rasche Freundschaft</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Als der Baron am n&auml;chsten Morgen in die Hall trat, sah er dort
+das Kind der sch&ouml;nen Unbekannten in eifrigem Gespr&auml;ch mit
+den beiden Liftboys, denen es Bilder in einem Buch von Karl May
+zeigte. Seine Mama war nicht zugegen, offenbar noch mit der
+Toilette besch&auml;ftigt. Jetzt erst besah sich der Baron den Buben. Es
+war ein scheuer, unentwickelter nerv&ouml;ser Junge von etwa zw&ouml;lf
+Jahren mit fahrigen Bewegungen und dunkel herumjagenden Augen.
+Er machte, wie Kinder in diesen Jahren so oft, den Eindruck von
+Verschrecktheit, gleichsam als ob er eben aus dem Schlaf gerissen
+und pl&ouml;tzlich in fremde Umgebung gestellt sei. Sein Gesicht war nicht
+unh&uuml;bsch, aber noch ganz unentschieden, der Kampf des M&auml;nnlichen<!-- Page 9 -->
+mit dem Kindlichen schien eben erst einsetzen zu wollen, noch war
+alles darin nur wie geknetet und noch nicht geformt, nichts in reinen
+Linien ausgesprochen, nur bla&szlig; und unruhig gemengt. &Uuml;berdies war
+er gerade in jenem unvorteilhaften Alter, wo Kinder nie in ihre
+Kleider passen, &Auml;rmel und Hosen schlaff um die mageren Gelenke
+schlottern und noch keine innere Eitelkeit sie mahnt, auf ihr &Auml;u&szlig;eres
+zu wachen.</p>
+
+<p>Der Knabe machte hier, unschl&uuml;ssig herumirrend, einen ziemlich
+kl&auml;glichen Eindruck. Eigentlich stand er allen im Wege. Bald schob
+ihn der Portier beiseite, den er mit allerhand Fragen zu bel&auml;stigen
+schien, bald st&ouml;rte er am Eingang; offenbar fehlte es ihm an freundschaftlichem
+Umgang. So suchte er in seinem kindlichen Schwatzbed&uuml;rfnis
+sich an die Bediensteten des Hotels heranzumachen, die
+ihm, wenn sie gerade Zeit hatten, antworteten, das Gespr&auml;ch aber
+sofort unterbrachen, wenn ein Erwachsener in Sicht kam oder etwas
+Vern&uuml;nftiges getan werden mu&szlig;te. Der Baron sah l&auml;chelnd und
+mit Interesse dem ungl&uuml;cklichen Buben zu, der auf alles mit Neugier
+schaute und dem alles unfreundlich entwich. Einmal fa&szlig;te er einen
+dieser neugierigen Blicke fest an, aber die schwarzen Augen krochen
+sofort &auml;ngstlich in sich hinein, sobald er sie auf der Suche ertappte,
+und duckten sich hinter gesenkten Lidern. Das am&uuml;sierte den Baron.
+Der Bub begann ihn zu interessieren, und er fragte sich, ob ihm
+dieses Kind, das offenbar nur aus Furcht so scheu war, nicht als
+raschester Vermittler einer Ann&auml;herung dienen k&ouml;nnte. Immerhin:
+er wollte es versuchen. Unauff&auml;llig folgte er dem Buben, der eben
+wieder zur T&uuml;re hinauspendelte und in seinem kindischen Z&auml;rtlichkeitsbed&uuml;rfnis
+die rosa N&uuml;stern eines Schimmels liebkoste, bis ihn&nbsp;&ndash;
+er hatte wirklich kein Gl&uuml;ck&nbsp;&ndash; auch hier der Kutscher ziemlich barsch wegwies.
+Gekr&auml;nkt und gelangweilt stand er jetzt wieder herum mit seinem
+leeren und ein wenig traurigen Blick. Da sprach ihn der Baron an.</p>
+
+<!-- Page 10 -->
+<p>&bdquo;Na, junger Mann, wie gef&auml;llts dir da?&ldquo; setzte er pl&ouml;tzlich ein, bem&uuml;ht,
+die Ansprache m&ouml;glichst jovial zu halten.</p>
+
+<p>Das Kind wurde feuerrot und starrte &auml;ngstlich auf. Er zog die Hand
+irgendwie in Furcht an sich und wand sich hin und her vor Verlegenheit.
+Das geschah ihm zum erstenmal, da&szlig; ein fremder Herr mit
+ihm ein Gespr&auml;ch begann.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich danke, gut&ldquo;, konnte er gerade noch herausstammeln. Das letzte
+Wort war schon mehr gew&uuml;rgt als gesprochen.</p>
+
+<p>&bdquo;Das wundert mich,&ldquo; sagte der Baron lachend, &bdquo;es ist doch eigentlich
+ein fader Ort, besonders f&uuml;r einen jungen Mann, wie du einer
+bist. Was treibst du denn den ganzen Tag?&ldquo;</p>
+
+<p>Der Bub war noch immer zu sehr verwirrt, um rasch zu antworten.
+War es wirklich m&ouml;glich, da&szlig; dieser fremde elegante Herr mit ihm,
+um den sich sonst keiner k&uuml;mmerte, ein Gespr&auml;ch suchte? Der Gedanke
+machte ihn scheu und stolz zugleich. M&uuml;hsam raffte er sich
+zusammen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich lese, und dann, wir gehen viel spazieren. Manchmal fahren
+wir auch im Wagen, die Mama und ich. Ich soll mich hier erholen,
+ich war krank. Ich mu&szlig; darum auch viel in der Sonne sitzen, hat
+der Arzt gesagt.&ldquo;</p>
+
+<p>Die letzten Worte sagte er schon ziemlich sicher. Kinder sind immer
+stolz auf eine Krankheit, weil sie wissen, da&szlig; Gefahr sie ihren Angeh&ouml;rigen
+doppelt wichtig macht.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, die Sonne ist schon gut f&uuml;r junge Herren, wie du einer bist,
+sie wird dich schon braun brennen. Aber du solltest doch nicht den
+ganzen Tag dasitzen. Ein Bursch wie du sollte herumlaufen, &uuml;berm&uuml;tig
+sein und auch ein bi&szlig;chen Unfug anstellen. Mir scheint, du
+bist zu brav, du siehst auch so aus wie ein Stubenhocker mit
+deinem gro&szlig;en dicken Buch unterm Arm. Wenn ich denke, was
+ich in deinem Alter f&uuml;r ein Galgenstrick war, jeden Abend bin<!-- Page 11 -->
+ich mit zerrissenen Hosen nach Hause gekommen. Nur nicht zu
+brav sein!&ldquo;</p>
+
+<p>Unwillk&uuml;rlich mu&szlig;te das Kind l&auml;cheln, und das nahm ihm die Angst.
+Es h&auml;tte gern etwas erwidert, aber all dies schien ihm zu frech, zu
+selbstbewu&szlig;t vor diesem lieben fremden Herrn, der so freundlich mit
+ihm sprach. Vorlaut war er nie gewesen und immer leicht verlegen,
+und so kam er jetzt vor Gl&uuml;ck und Scham in die &auml;rgste Verwirrung.
+Er h&auml;tte so gern das Gespr&auml;ch fortgesetzt, aber es fiel ihm nichts ein.
+Gl&uuml;cklicherweise kam gerade der gro&szlig;e gelbe Bernhardiner des Hotels
+vorbei, schn&uuml;ffelte sie beide an und lie&szlig; sich willig liebkosen.</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du Hunde gern?&ldquo; fragte der Baron.</p>
+
+<p>&bdquo;O sehr, meine Gro&szlig;mama hat einen in ihrer Villa in Baden, und
+wenn wir dort wohnen, ist er immer den ganzen Tag mit mir. Das
+ist aber nur im Sommer, wenn wir dort zu Besuch sind.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir haben zu Hause, auf unserem Gut, ich glaube, zwei Dutzend.
+Wenn du hier brav bist, kriegst du einen von mir geschenkt. Einen
+braunen mit wei&szlig;en Ohren, einen ganz jungen. Willst du?&ldquo;</p>
+
+<p>Das Kind err&ouml;tete vor Vergn&uuml;gen.</p>
+
+<p>&bdquo;O ja.&ldquo;</p>
+
+<p>Es fuhr ihm so heraus, hei&szlig; und gierig. Aber gleich hinterher stolperte,
+&auml;ngstlich und wie erschrocken, das Bedenken.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Mama wird es nicht erlauben. Sie sagt, sie duldet keinen
+Hund zu Hause. Sie machen zuviel Schererei.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Baron l&auml;chelte. Endlich hielt das Gespr&auml;ch bei der Mama.</p>
+
+<p>&bdquo;Ist die Mama so streng?&ldquo;</p>
+
+<p>Das Kind &uuml;berlegte, blickte eine Sekunde zu ihm auf, gleichsam
+fragend, ob man diesem fremden Herrn schon vertrauen d&uuml;rfe. Die
+Antwort blieb vorsichtig:</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, streng ist die Mama nicht. Jetzt, weil ich krank war, erlaubt
+sie mir alles. Vielleicht erlaubt sie mir sogar einen Hund.&ldquo;</p>
+
+<!-- Page 12 -->
+<p>&bdquo;Soll ich sie darum bitten?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, bitte tun Sie das&ldquo;, jubelte der Bub. &bdquo;Dann wird es die Mama
+sicher erlauben. Und wie sieht er aus? Wei&szlig;e Ohren hat er, nicht
+wahr? Kann er apportieren?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, er kann alles.&ldquo; Der Baron mu&szlig;te l&auml;cheln &uuml;ber die hei&szlig;en
+Funken, die er so rasch aus den Augen des Kindes geschlagen hatte.
+Mit einem Male war die anf&auml;ngliche Befangenheit gebrochen, und
+die von der Angst zur&uuml;ckgehaltene Leidenschaftlichkeit sprudelte &uuml;ber.
+In blitzschneller Verwandlung war das scheue ver&auml;ngstigte Kind
+von fr&uuml;her ein ausgelassener Bub. Wenn nur die Mutter auch so
+w&auml;re, dachte unwillk&uuml;rlich der Baron, so hei&szlig; hinter ihrer Angst!
+Aber schon sprang der Bub mit zwanzig Fragen an ihm hinauf:</p>
+
+<p>&bdquo;Wie hei&szlig;t der Hund?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Karo.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Karo&ldquo;, jubelte das Kind. Es mu&szlig;te irgendwie lachen und jubeln
+&uuml;ber jedes Wort, ganz trunken von dem unerwarteten Geschehen,
+da&szlig; sich jemand seiner in Freundlichkeit angenommen hatte. Der
+Baron staunte selbst &uuml;ber seinen raschen Erfolg und beschlo&szlig;, das
+hei&szlig;e Eisen zu schmieden. Er lud den Knaben ein, mit ihm ein wenig
+spazieren zu gehen, und der arme Bub, seit Wochen ausgehungert
+nach einem geselligen Beisammensein, war von diesem Vorschlag
+entz&uuml;ckt. Unbedacht plauderte er alles aus, was ihm sein neuer
+Freund mit kleinen, wie zuf&auml;lligen Fragen entlocken wollte. Bald
+wu&szlig;te der Baron alles &uuml;ber die Familie, vor allem, da&szlig; Edgar der
+einzige Sohn eines Wiener Advokaten sei, offenbar aus der verm&ouml;genden
+j&uuml;dischen Bourgeoisie. Und durch geschickte Umfragen erkundete
+er rasch, da&szlig; die Mutter sich &uuml;ber den Aufenthalt am Semmering
+durchaus nicht entz&uuml;ckt ge&auml;u&szlig;ert und den Mangel an sympathischer
+Gesellschaft beklagt habe, ja er glaubte sogar, aus der ausweichenden
+Art, mit der Edgar die Frage beantwortete, ob die Mama<!-- Page 13 -->
+den Papa sehr gern habe, entnehmen zu k&ouml;nnen, da&szlig; hier nicht alles
+zum besten st&uuml;nde. Beinahe sch&auml;mte er sich, wie leicht es ihm wurde,
+dem arglosen Buben all diese kleinen Familiengeheimnisse zu entlocken,
+denn Edgar, ganz stolz, da&szlig; irgend etwas von dem, was er
+zu erz&auml;hlen hatte, einen Erwachsenen interessieren konnte, dr&auml;ngte
+sein Vertrauen dem neuen Freunde geradezu auf. Sein kindisches
+Herz klopfte vor Stolz&nbsp;&ndash; der Baron hatte im Spazierengehen ihm
+seinen Arm um die Schulter gelegt&nbsp;&ndash;, in solcher Intimit&auml;t &ouml;ffentlich
+mit einem Erwachsenen gesehen zu werden, und allm&auml;hlich verga&szlig;
+er seine eigene Kindheit, schnatterte frei und ungezwungen wie zu
+einem Gleichaltrigen. Edgar war, wie sein Gespr&auml;ch zeigte, sehr
+klug, etwas fr&uuml;hreif wie die meisten kr&auml;nklichen Kinder, die viel mit
+Erwachsenen beisammen waren, und von einer merkw&uuml;rdig &uuml;berreizten
+Leidenschaft der Zuneigung oder Feindlichkeit. Zu nichts schien
+er ein ruhiges Verh&auml;ltnis zu haben, von jedem Menschen oder Ding
+sprach er entweder in Verz&uuml;ckung oder mit einem Hasse, der so heftig
+war, da&szlig; er sein Gesicht unangenehm verzerrte und es fast b&ouml;sartig
+und h&auml;&szlig;lich machte. Etwas Wildes und Sprunghaftes, vielleicht
+noch bedingt durch die k&uuml;rzlich &uuml;berstandene Krankheit, gab seinen
+Reden fanatisches Feuer, und es schien, da&szlig; sein Linkischsein nur
+m&uuml;hsam unterdr&uuml;ckte Angst vor der eigenen Leidenschaft war.</p>
+
+<p>Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe
+Stunde blo&szlig;, und er hatte dieses hei&szlig;e und unruhig zuckende Herz
+in der Hand. Es ist ja so uns&auml;glich leicht, Kinder zu betr&uuml;gen, diese
+Arglosen, um deren Liebe so selten geworben wird. Er brauchte sich
+selbst nur in die Vergangenheit zu vergessen, und so nat&uuml;rlich, so
+ungezwungen wurde ihm das kindliche Gespr&auml;ch, da&szlig; auch der Bub
+ihn ganz als seinesgleichen empfand und nach wenigen Minuten
+jedes Distanzgef&uuml;hl verlor. Er war nur selig von Gl&uuml;ck, hier in
+diesem einsamen Ort pl&ouml;tzlich einen Freund gefunden zu haben, und<!-- Page 14 -->
+welch einen Freund! Vergessen waren sie alle in Wien, die kleinen
+Jungen mit ihren d&uuml;nnen Stimmen, ihrem unerfahrenen Geschw&auml;tz,
+wie weggeschwemmt waren ihre Bilder von dieser einen neuen
+Stunde! Seine ganze schw&auml;rmerische Leidenschaft geh&ouml;rte jetzt diesem
+neuen, seinem gro&szlig;en Freunde, und sein Herz dehnte sich vor Stolz,
+als dieser ihn jetzt zum Abschied nochmals einlud, morgen vormittags
+wiederzukommen, und der neue Freund ihm nun zuwinkte
+von der Ferne, ganz wie ein Bruder. Diese Minute war vielleicht
+die sch&ouml;nste seines Lebens. Es ist so leicht, Kinder zu betr&uuml;gen.&nbsp;&ndash;
+Der Baron l&auml;chelte dem Davonst&uuml;rmenden nach. Der Vermittler
+war nun gewonnen. Der Bub w&uuml;rde jetzt, das wu&szlig;te er, seine
+Mutter mit Erz&auml;hlungen bis zur Ersch&ouml;pfung qu&auml;len, jedes einzelne
+Wort wiederholen&nbsp;&ndash; und dabei erinnerte er sich mit Vergn&uuml;gen, wie
+geschickt er einige Komplimente an ihre Adresse eingeflochten, wie er
+immer nur von Edgars &bdquo;sch&ouml;ner Mama&ldquo; gesprochen hatte. Es war
+ausgemachte Sache f&uuml;r ihn, da&szlig; der mitteilsame Knabe nicht fr&uuml;her
+ruhen w&uuml;rde, ehe er seine Mama und ihn zusammengef&uuml;hrt h&auml;tte.
+Er selbst brauchte nun keinen Finger zu r&uuml;hren, um die Distanz
+zwischen sich und der sch&ouml;nen Unbekannten zu verringern, konnte
+nun ruhig tr&auml;umen und die Landschaft &uuml;berschauen, denn er wu&szlig;te,
+ein paar hei&szlig;e Kinderh&auml;nde bauten ihm die Br&uuml;cke zu ihrem Herzen.</p>
+
+
+
+
+<h2>Terzett</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Der Plan war, wie sich eine Stunde sp&auml;ter erwies, vortrefflich und
+bis in die letzten Einzelheiten gelungen. Als der junge Baron,
+mit Absicht etwas versp&auml;tet, den Speisesaal betrat, zuckte Edgar vom
+Sessel auf, gr&uuml;&szlig;te eifrig mit einem begl&uuml;ckten L&auml;cheln und winkte
+ihm zu. Gleichzeitig zupfte er seine Mutter am &Auml;rmel, sprach hastig
+und erregt auf sie ein, mit auff&auml;lligen Gesten gegen den Baron hindeutend.<!-- Page 15 -->
+Sie verwies ihm geniert und err&ouml;tend sein allzu reges Benehmen,
+konnte es aber doch nicht vermeiden, einmal hin&uuml;berzusehen,
+um dem Buben seinen Willen zu tun, was der Baron sofort zum
+Anla&szlig; einer respektvollen Verbeugung nahm. Die Bekanntschaft
+war gemacht. Sie mu&szlig;te danken, beugte aber von nun ab das Gesicht
+tiefer &uuml;ber den Teller und vermied sorgf&auml;ltig w&auml;hrend des ganzen
+Diners nochmals hin&uuml;berzublicken. Anders Edgar, der unabl&auml;ssig
+hinguckte, einmal sogar versuchte hin&uuml;berzusprechen, eine Unstatthaftigkeit,
+die ihm sofort von seiner Mutter energisch verwiesen
+wurde. Nach Tisch wurde ihm bedeutet, da&szlig; er schlafen zu gehen
+habe, und ein emsiges Wispern begann zwischen ihm und seiner
+Mama, dessen Endresultat war, da&szlig; es seinen hei&szlig;en Bitten verstattet
+wurde, zum andern Tisch hin&uuml;berzugehen und sich bei seinem
+Freund zu empfehlen. Der Baron sagte ihm ein paar herzliche Worte,
+die wieder die Augen des Kindes zum Flackern brachten, plauderte
+mit ihm ein paar Minuten. Pl&ouml;tzlich aber, mit einer geschickten
+Wendung, drehte er sich, aufstehend, zum andern Tisch hin&uuml;ber, begl&uuml;ckw&uuml;nschte
+die etwas verwirrte Nachbarin zu ihrem klugen, aufgeweckten
+Sohn, r&uuml;hmte den Vormittag, den er so vortrefflich mit
+ihm verbracht hatte&nbsp;&ndash; Edgar stand dabei, rot vor Freude und Stolz&nbsp;&ndash;,
+und erkundigte sich schlie&szlig;lich nach seiner Gesundheit so ausf&uuml;hrlich
+und mit so viel Einzelfragen, da&szlig; die Mutter zur Antwort gezwungen
+war. Und so gerieten sie unaufhaltsam in ein l&auml;ngeres
+Gespr&auml;ch, dem der Bub begl&uuml;ckt und mit einer Art Ehrfurcht lauschte.
+Der Baron stellte sich vor und glaubte zu bemerken, da&szlig; sein klingender
+Name auf die Eitle einen gewissen Eindruck machte. Jedenfalls
+war sie von au&szlig;erordentlicher Zuvorkommenheit gegen ihn,
+wiewohl sie sich nichts vergab und sogar fr&uuml;hen Abschied nahm, des
+Buben halber, wie sie entschuldigend beif&uuml;gte.</p>
+
+<p>Der protestierte heftig, er sei nicht m&uuml;de und gerne bereit, die ganze<!-- Page 16 -->
+Nacht aufzubleiben. Aber schon hatte seine Mutter dem Baron die
+Hand geboten, der sie respektvoll k&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Edgar schlief schlecht in dieser Nacht. Es war eine Wirrnis in ihm
+von Gl&uuml;ckseligkeit und kindischer Verzweiflung. Denn heute war
+etwas Neues in seinem Leben geschehn. Zum ersten Male hatte er
+in die Schicksale von Erwachsenen eingegriffen. Er verga&szlig;, schon
+im Halbtraum, seine eigene Kindheit und d&uuml;nkte sich mit einem
+Male gro&szlig;. Bisweilen hatte er, einsam erzogen und oft kr&auml;nklich,
+wenig Freunde gehabt. F&uuml;r all sein Z&auml;rtlichkeitsbed&uuml;rfnis war niemand
+dagewesen als die Eltern, die sich wenig um ihn k&uuml;mmerten,
+und die Dienstboten. Und die Gewalt einer Liebe wird immer falsch
+bemessen, wenn man sie nur nach ihrem Anla&szlig; wertet und nicht
+nach der Spannung, die ihr vorausgeht, jenem hohlen, dunkeln
+Raum von Entt&auml;uschung und Einsamkeit, der vor allen gro&szlig;en Ereignissen
+des Herzens liegt. Ein &uuml;berschweres, ein unverbrauchtes
+Gef&uuml;hl hatte hier gewartet und st&uuml;rzte nun mit ausgebreiteten Armen
+dem ersten entgegen, der es zu verdienen schien. Edgar lag im
+Dunkeln, begl&uuml;ckt und verwirrt, er wollte lachen und mu&szlig;te weinen.
+Denn er liebte diesen Menschen, wie er nie einen Freund, nie Vater
+und Mutter und nicht einmal Gott geliebt hatte. Die ganze unreife
+Leidenschaft seiner fr&uuml;heren Jahre umklammerte das Bild dieses
+Menschen, dessen Namen er vor zwei Stunden noch nicht gekannt
+hatte.</p>
+
+<p>Aber er war doch klug genug, um durch das Unerwartete und Eigenartige
+dieser neuen Freundschaft nicht bedr&auml;ngt zu sein. Was ihn so
+sehr verwirrte, war das Gef&uuml;hl seiner Unwertigkeit, seiner Nichtigkeit.
+&bdquo;Passe ich denn zu ihm, ich, ein kleiner Bub, zw&ouml;lf Jahre
+alt, der noch die Schule vor sich hat, der abends vor allen andern
+ins Bett geschickt wird?&ldquo; qu&auml;lte er sich ab. &bdquo;Was kann ich ihm sein,
+was kann ich ihm bieten?&ldquo; Gerade dieses qualvoll empfundene<!-- Page 17 -->
+Unverm&ouml;gen, irgendwie sein Gef&uuml;hl zeigen zu k&ouml;nnen, machte ihn
+ungl&uuml;cklich. Sonst, wenn er einen Kameraden liebgewonnen hatte,
+war es sein Erstes, die paar kleinen Kostbarkeiten seines Pultes,
+Briefmarken und Steine, den kindischen Besitz der Kindheit, mit
+ihm zu teilen, aber all diese Dinge, die ihm gestern noch von hoher
+Bedeutung und seltenem Reiz waren, schienen ihm mit einem Male
+entwertet, l&auml;ppisch und ver&auml;chtlich. Denn wie konnte er derlei diesem
+neuen Freunde bieten, dem er nicht einmal wagen durfte, das Du
+zu erwidern; wo war ein Weg, eine M&ouml;glichkeit, seine Gef&uuml;hle zu
+verraten? Immer mehr und mehr empfand er die Qual, klein zu
+sein, etwas Halbes, Unreifes, ein Kind von zw&ouml;lf Jahren, und noch
+nie hatte er so st&uuml;rmisch das Kindsein verflucht, so herzlich sich gesehnt,
+anders aufzuwachen, so wie er sich tr&auml;umte: gro&szlig; und stark,
+ein Mann, ein Erwachsener wie die andern.</p>
+
+<p>In diese unruhigen Gedanken flochten sich rasch die ersten farbigen
+Tr&auml;ume von dieser neuen Welt des Mannseins. Edgar schlief endlich
+mit einem L&auml;cheln ein, aber doch, die Erinnerung der morgigen
+Verabredung unterh&ouml;hlte seinen Schlaf. Er schreckte schon um sieben
+Uhr mit der Angst auf, zu sp&auml;t zu kommen. Hastig zog er sich an,
+begr&uuml;&szlig;te die erstaunte Mutter, die ihn sonst nur mit M&uuml;he aus dem
+Bette bringen konnte, in ihrem Zimmer und st&uuml;rmte, ehe sie weitere
+Fragen stellen konnte, hinab. Bis neun Uhr trieb er sich ungeduldig
+umher, verga&szlig;, da&szlig; er fr&uuml;hst&uuml;cken sollte, einzig besorgt, den Freund
+f&uuml;r den Spaziergang nicht lange warten zu lassen.</p>
+
+<p>Um halb zehn kam endlich der Baron sorglos angeschlendert. Er
+hatte nat&uuml;rlich l&auml;ngst die Verabredung vergessen, jetzt aber, da der
+Knabe gierig auf ihn losschnellte, mu&szlig;te er l&auml;cheln &uuml;ber soviel
+Leidenschaft und zeigte sich bereit, sein Versprechen einzuhalten. Er
+nahm den Buben wieder unterm Arm, ging mit dem Strahlenden
+auf und nieder, nur da&szlig; er sanft, aber nachdr&uuml;cklich abwehrte, schon<!-- Page 18 -->
+jetzt den gemeinsamen Spaziergang zu beginnen. Er schien auf
+irgend etwas zu warten, wenigstens deutete darauf sein nerv&ouml;s die
+T&uuml;ren abgreifender Blick. Pl&ouml;tzlich straffte er sich empor. Edgars
+Mama war hereingetreten und kam, den Gru&szlig; erwidernd, freundlich
+auf beide zu. Sie l&auml;chelte zustimmend, als sie von dem beabsichtigten
+Spaziergang vernahm, den ihr Edgar als etwas zu Kostbares verschwiegen
+hatte, lie&szlig; sich aber rasch von der Einladung des Barons
+zum Mitgehen bestimmen.</p>
+
+<p>Edgar wurde sofort m&uuml;rrisch und bi&szlig; die Lippen. Wie &auml;rgerlich, da&szlig;
+sie gerade jetzt vorbeikommen mu&szlig;te! Dieser Spaziergang hatte doch
+ihm allein geh&ouml;rt, und wenn er seinen Freund auch der Mama vorgestellt
+hatte, so war das nur eine Liebensw&uuml;rdigkeit von ihm gewesen,
+aber teilen wollte er ihn deshalb nicht. Schon regte sich in
+ihm etwas wie Eifersucht, als er die Freundlichkeit des Barons zu
+seiner Mutter bemerkte.</p>
+
+<p>Sie gingen dann zu dritt spazieren, und das gef&auml;hrliche Gef&uuml;hl
+seiner Wichtigkeit und pl&ouml;tzlichen Bedeutsamkeit wurde in dem Kinde
+noch gen&auml;hrt durch das auff&auml;llige Interesse, das beide ihm widmeten.
+Edgar war fast ausschlie&szlig;lich Gegenstand der Konversation,
+indem sich die Mutter mit etwas erheuchelter Besorgnis &uuml;ber seine
+Bl&auml;sse und Nervosit&auml;t aussprach, w&auml;hrend der Baron wieder dies
+l&auml;chelnd abwehrte und sich r&uuml;hmend &uuml;ber die nette Art seines
+&bdquo;Freundes&ldquo;, wie er ihn nannte, erging. Es war Edgars sch&ouml;nste
+Stunde. Er hatte Rechte, die ihm niemals im Laufe seiner Kindheit
+zugestanden worden waren. Er durfte mitreden, ohne sofort zur Ruhe
+verwiesen zu werden, sogar allerhand vorlaute W&uuml;nsche &auml;u&szlig;ern, die
+ihm bislang &uuml;bel aufgenommen worden w&auml;ren. Und es war nicht verwunderlich,
+da&szlig; in ihm das tr&uuml;gerische Gef&uuml;hl &uuml;ppig wuchernd wuchs,
+da&szlig; er ein Erwachsener sei. Schon lag die Kindheit in seinen hellen
+Tr&auml;umen hinter ihm, wie ein weggeworfenes, entwachsenes Kleid.</p>
+
+<!-- Page 19 -->
+<p>Mittag sa&szlig; der Baron, der Einladung der immer freundlicheren
+Mutter Edgars folgend, an ihrem Tisch. Aus dem <em class="antiqua">vis-&agrave;-vis</em> war ein
+Nebeneinander geworden, aus der Bekanntschaft eine Freundschaft.
+Das Terzett war im Gang, und die drei Stimmen der Frau, des
+Mannes und des Kindes klangen rein zusammen.</p>
+
+
+
+
+<h2>Angriff</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Nun schien es dem ungeduldigen J&auml;ger an der Zeit, sein Wild anzuschleichen.
+Das Famili&auml;re, der Dreiklang in dieser Angelegenheit
+mi&szlig;fiel ihm. Es war ja ganz nett, so zu dritt zu plaudern,
+aber schlie&szlig;lich, Plaudern war nicht seine Absicht. Und er wu&szlig;te, da&szlig;
+das Gesellschaftliche mit dem Maskenspiel seiner Begehrlichkeit das
+Erotische zwischen Mann und Frau immer retardiert, den Worten
+die Glut, dem Angriff sein Feuer nimmt. Sie sollte &uuml;ber der Konversation
+nie seine eigentliche Absicht vergessen, die er&nbsp;&ndash; dessen war
+er sicher&nbsp;&ndash; von ihr bereits verstanden wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Da&szlig; sein Bem&uuml;hen bei dieser Frau nicht vergeblich sein w&uuml;rde,
+hatte viel Wahrscheinlichkeiten. Sie war in jenen entscheidenden
+Jahren, wo eine Frau zu bereuen beginnt, einem eigentlich nie geliebten
+Gatten treu geblieben zu sein, und wo der purpurne Sonnenuntergang
+ihrer Sch&ouml;nheit ihr noch eine letzte dringlichste Wahl
+zwischen dem M&uuml;tterlichen und dem Weiblichen gew&auml;hrt. Das Leben,
+das schon l&auml;ngst beantwortet schien, wird in dieser Minute noch
+einmal zur Frage, zum letzten Male zittert die magnetische Nadel
+des Willens zwischen der Hoffnung auf erotisches Erleben und der
+endg&uuml;ltigen Resignation. Eine Frau hat dann die gef&auml;hrliche Entscheidung,
+ihr eigenes Schicksal oder das ihrer Kinder zu leben, Frau
+oder Mutter zu sein. Und der Baron, scharfsichtig in diesen Dingen,
+glaubte bei ihr gerade dieses gef&auml;hrliche Schwanken zwischen Lebensglut<!-- Page 20 -->
+und Aufopferung zu bemerken. Sie verga&szlig; best&auml;ndig im Gespr&auml;ch,
+ihren Gatten zu erw&auml;hnen, der offenbar nur ihren &auml;u&szlig;eren
+Bed&uuml;rfnissen, nicht aber ihren durch vornehme Lebensf&uuml;hrung gereizten
+Snobismus zu befriedigen schien, und wu&szlig;te innerlich eigentlich
+herzlich wenig von ihrem Kinde. Ein Schatten von Langeweile,
+als Melancholie in den dunklen Augen verschleiert, lag &uuml;ber ihrem
+Leben und verdunkelte ihre Sinnlichkeit.</p>
+
+<p>Der Baron beschlo&szlig; rasch vorzugehen, aber gleichzeitig jeden Anschein
+von Eile zu vermeiden. Im Gegenteil, er wollte, wie der
+Angler den Haken lockend zur&uuml;ckzieht, dieser neuen Freundschaft
+seinerseits &auml;u&szlig;erliche Gleichg&uuml;ltigkeit entgegensetzen, wollte um sich
+werben lassen, w&auml;hrend er doch in Wahrheit der Werbende war. Er
+nahm sich vor, einen gewissen Hochmut zu outrieren, den Unterschied
+ihres sozialen Standes scharf herauszukehren, und der Gedanke
+reizte ihn, nur durch das Betonen seines Hochmutes, durch ein
+&Auml;u&szlig;eres, durch einen klingenden aristokratischen Namen und kalte
+Manieren diesen &uuml;ppigen, vollen sch&ouml;nen K&ouml;rper gewinnen zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Das hei&szlig;e Spiel begann ihn schon zu erregen, und darum zwang er
+sich zur Vorsicht. Den Nachmittag verblieb er in seinem Zimmer
+mit dem angenehmen Bewu&szlig;tsein, gesucht und vermi&szlig;t zu werden.
+Aber diese Abwesenheit wurde nicht so sehr von ihr bemerkt, gegen
+die sie eigentlich gezielt war, sondern gestaltete sich f&uuml;r den armen
+Buben zur Qual. Edgar f&uuml;hlte sich den ganzen Nachmittag unendlich
+hilflos und verloren; mit der Knaben eigenen hartn&auml;ckigen
+Treue wartete er die ganzen langen Stunden unabl&auml;ssig auf seinen
+Freund. Es w&auml;re ihm wie ein Vergehen gegen die Freundschaft erschienen,
+wegzugehen oder irgend etwas allein zu tun. Unn&uuml;tz trollte
+er sich in den G&auml;ngen herum, und je sp&auml;ter es wurde, um so mehr
+f&uuml;llte sich sein Herz mit Ungl&uuml;ck an. In der Unruhe seiner Phantasie<!-- Page 21 -->
+tr&auml;umte er schon von einem Unfall oder einer unbewu&szlig;t zugef&uuml;gten
+Beleidigung und war schon nahe daran, zu weinen vor Ungeduld
+und Angst.</p>
+
+<p>Als der Baron dann abends zu Tisch kam, wurde er gl&auml;nzend empfangen.
+Edgar sprang, ohne auf den abmahnenden Ruf seiner Mutter
+und das Erstaunen der anderen Leute zu achten, ihm entgegen, umfa&szlig;te
+st&uuml;rmisch seine Brust mit den mageren &Auml;rmchen. &bdquo;Wo waren
+Sie? Wo sind Sie gewesen?&ldquo; rief er hastig. &bdquo;Wir haben Sie &uuml;berall
+gesucht.&ldquo; Die Mutter err&ouml;tete bei dieser unwillkommenen Einbeziehung
+und sagte ziemlich hart: &bdquo;<em class="antiqua">Sois sage, Edgar! Assieds toi!</em>&ldquo;
+(Sie sprach n&auml;mlich immer Franz&ouml;sisch mit ihm, obwohl ihr diese
+Sprache gar nicht so sehr selbstverst&auml;ndlich war und sie bei umst&auml;ndlichen
+Erl&auml;uterungen leicht auf Sand geriet.) Edgar gehorchte, lie&szlig;
+aber nicht ab, den Baron auszufragen. &bdquo;Aber vergi&szlig; doch nicht, da&szlig;
+der Herr Baron tun kann, was er will. Vielleicht langweilt ihn
+unsere Gesellschaft.&ldquo; Diesmal bezog sie sich selber ein, und der Baron
+f&uuml;hlte mit Freude, wie dieser Vorwurf um ein Kompliment warb.</p>
+
+<p>Der J&auml;ger in ihm wachte auf. Er war berauscht, erregt, so rasch
+hier die richtige F&auml;hrte gefunden zu haben, das Wild ganz nahe vor
+dem Schu&szlig; nun zu f&uuml;hlen. Seine Augen gl&auml;nzten, das Blut flog
+ihm leicht durch die Adern, die Rede sprudelte ihm, er wu&szlig;te selbst
+nicht wie, von den Lippen. Er war, wie jeder stark erotisch veranlagte
+Mensch doppelt so gut, doppelt er selbst, wenn er wu&szlig;te, da&szlig;
+er Frauen gefiel, so wie manche Schauspieler erst feurig werden,
+wenn sie die H&ouml;rer, die atmende Masse vor ihnen ganz im Bann
+sp&uuml;ren. Er war immer ein guter, mit sinnlichen Bildern begabter
+Erz&auml;hler gewesen, aber heute&nbsp;&ndash; er trank ein paar Gl&auml;ser Champagner
+dazwischen, den er zu Ehren der neuen Freundschaft bestellt
+hatte&nbsp;&ndash; &uuml;bertraf er sich selbst. Er erz&auml;hlte von indischen Jagden, denen
+er als Gastfreund eines hohen aristokratischen englischen Freundes<!-- Page 22 -->
+beigewohnt hatte, klug dies Thema w&auml;hlend, weil es indifferent war
+und er anderseits sp&uuml;rte, wie alles Exotische und f&uuml;r sie Unerreichbare
+diese Frau erregte. Wen er aber damit bezauberte, das war
+vor allem Edgar, dessen Augen vor Begeisterung flammten. Er verga&szlig;
+zu essen, zu trinken und starrte dem Erz&auml;hler die Worte von den
+Lippen weg. Nie hatte er gehofft, einen Menschen wirklich zu sehen,
+der diese ungeheuren Dinge erlebt hatte, von denen er in seinen
+B&uuml;chern las, die Tigerjagden, die braunen Menschen, die Hindus
+und das Dschaggernat, das furchtbare Rad, das tausend Menschen
+unter seinen Speichen begrub. Bisher hatte er nie daran gedacht,
+da&szlig; es solche Menschen wirklich g&auml;be, so wenig wie er die L&auml;nder
+der M&auml;rchen glaubte, und diese Sekunde sprengte in ihm irgendein
+gro&szlig;es Gef&uuml;hl zum ersten Male auf. Er konnte den Blick von seinem
+Freunde nicht wenden, starrte mit gepre&szlig;tem Atem auf die H&auml;nde
+da hart vor ihm, die einen Tiger get&ouml;tet hatten. Kaum wagte er
+etwas zu fragen, und dann klang seine Stimme fieberig erregt. Seine
+rasche Phantasie zauberte ihm immer das Bild zu den Erz&auml;hlungen
+herauf, er sah den Freund hoch auf einem Elefanten mit purpurner
+Schabracke, braune M&auml;nner rechts und links mit kostbaren Turbans
+und dann pl&ouml;tzlich den Tiger, der mit seinen gebleckten Z&auml;hnen
+aus dem Dschungel vorsprang und dem Elefanten die Pranke in
+den R&uuml;ssel schlug. Jetzt erz&auml;hlte der Baron noch Interessanteres,
+wie listig man Elefanten fing, indem man durch alte, gez&auml;hmte
+Tiere die jungen, wilden und &uuml;berm&uuml;tigen in die Verschl&auml;ge locken
+lie&szlig;: die Augen des Kindes spr&uuml;hten Feuer. Da sagte&nbsp;&ndash; ihm war,
+als fiele blitzend ein Messer vor ihm nieder&nbsp;&ndash; die Mama pl&ouml;tzlich,
+mit einem Blick auf die Uhr: &bdquo;<em class="antiqua">Neuf heures! Au lit!</em>&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar wurde bla&szlig; vor Schreck. F&uuml;r alle Kinder ist das Zu-Bette-geschickt-werden
+ein furchtbares Wort, weil es f&uuml;r sie die offenkundigste
+Dem&uuml;tigung vor den Erwachsenen ist, das Eingest&auml;ndnis,<!-- Page 23 -->
+das Stigma der Kindheit, des Kleinseins, der kindischen Schlafbed&uuml;rftigkeit.
+Aber wie furchtbar war solche Schmach in diesem
+interessantesten Augenblick, da sie ihn solche unerh&ouml;rte Dinge vers&auml;umen
+lie&szlig;.</p>
+
+<p>&bdquo;Nur das eine noch, Mama, das von den Elefanten, nur das la&szlig;
+mich h&ouml;ren!&ldquo;</p>
+
+<p>Er wollte zu betteln beginnen, besann sich aber rasch auf seine neue
+W&uuml;rde als Erwachsener. Einen einzigen Versuch wagte er blo&szlig;.
+Aber seine Mutter war heute merkw&uuml;rdig streng. &bdquo;Nein, es ist schon
+sp&auml;t. Geh nur hinauf! <em class="antiqua">Sois sage, Edgar.</em> Ich erz&auml;hl dir schon alle
+die Geschichten des Herrn Barons genau wieder.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar z&ouml;gerte. Sonst begleitete ihn seine Mutter immer zu Bette.
+Aber er wollte nicht betteln vor dem Freunde. Sein kindischer Stolz
+wollte diesem kl&auml;glichen Abgang noch einen Schein von Freiwilligkeit
+retten.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber wirklich, Mama, du erz&auml;hlst mir alles, alles! Das von den
+Elefanten und alles andere!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, mein Kind.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und sofort! Noch heute!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, aber jetzt geh nur schlafen. Geh!&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar bewunderte sich selbst, da&szlig; es ihm gelang, dem Baron und
+seiner Mama die Hand zu reichen, ohne zu err&ouml;ten, obschon das
+Schluchzen ihm schon ganz hoch in der Kehle sa&szlig;. Der Baron
+beutelte ihm freundschaftlich den Schopf, das zwang noch ein L&auml;cheln
+&uuml;ber sein gespanntes Gesicht. Aber dann mu&szlig;te er rasch zur T&uuml;re
+eilen, sonst h&auml;tten sie gesehen, wie ihm die dicken Tr&auml;nen &uuml;ber die
+Wangen liefen.</p>
+
+<!-- Page 24 -->
+<h2>Die Elefanten</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron bei
+Tisch, aber sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden mehr.
+Eine leise Schw&uuml;le, eine rasch auffliegende Verlegenheit kam in ihr
+Gespr&auml;ch, seit der Bub sie verlassen hatte. Schlie&szlig;lich gingen sie hin&uuml;ber
+in die Hall und setzten sich in eine Ecke. Der Baron war blendender
+als je, sie selbst leicht befeuert durch die paar Glas Champagner,
+und so nahm die Konversation rasch einen gef&auml;hrlichen Charakter an.
+Der Baron war eigentlich nicht h&uuml;bsch zu nennen, er war nur jung
+und blickte sehr m&auml;nnlich aus seinem dunkelbraunen energischen
+Bubengesicht mit dem kurz geschorenen Haar und entz&uuml;ckte sie durch
+die frischen, fast ungezogenen Bewegungen. Sie sah ihn gern jetzt von
+der N&auml;he und f&uuml;rchtete auch nicht mehr seinen Blick. Doch allm&auml;hlich
+schlich sich in seine Reden eine K&uuml;hnheit, die sie leicht verwirrte,
+etwas, das wie Greifen an ihrem K&ouml;rper war, ein Betasten und
+wieder Lassen, irgendein unfa&szlig;bar Begehrliches, das ihr das Blut
+in die Wangen trieb. Aber dann lachte er wieder leicht, ungezwungen,
+knabenhaft, und das gab all den kleinen Begehrlichkeiten den losen
+Schein kindlicher Scherze. Manchmal war ihr, als m&uuml;&szlig;te sie ein
+Wort schroff zur&uuml;ckweisen, aber kokett von Natur, wurde sie durch
+diese kleinen L&uuml;sternheiten nur gereizt, mehr abzuwarten. Und hingerissen
+von dem verwegenen Spiel versuchte sie am Ende sogar, ihm
+nachzutun. Sie warf kleine, flatternde Versprechungen auf den
+Blicken hin&uuml;ber, gab sich in Worten und Bewegungen schon hin,
+duldete sogar sein Heranr&uuml;cken, die N&auml;he seiner Stimme, deren Atem
+sie manchmal warm und zuckend an den Schultern sp&uuml;rte. Wie alle
+Spieler verga&szlig;en sie die Zeit und verloren sich so g&auml;nzlich in dem
+hei&szlig;en Gespr&auml;ch, da&szlig; sie erst aufschreckten, als die Hall sich um
+Mitternacht abzudunkeln begann.</p>
+
+<!-- Page 25 -->
+<p>Sie sprang sofort empor, dem ersten Erschrecken gehorchend, und
+f&uuml;hlte mit einem Male, wie verwegen weit sie sich vorgewagt hatte.
+Ihr war sonst das Spiel mit dem Feuer nicht fremd, aber jetzt
+sp&uuml;rte ihr aufgereizter Instinkt, wie nahe dieses Spiel schon dem
+Ernste war. Mit Schauern entdeckte sie, da&szlig; sie sich nicht mehr ganz
+sicher f&uuml;hlte, da&szlig; irgend etwas in ihr zu gleiten begann und sich be&auml;ngstigend
+dem Wirbel zudrehte. Im Kopf wogte alles in einem
+Wirbel von Angst, von Wein und hei&szlig;en Reden, eine dumme, sinnlose
+Angst &uuml;berfiel sie, jene Angst, die sie schon einige Male in ihrem
+Leben in solchen gef&auml;hrlichen Sekunden gekannt hatte, aber nie so
+schwindelnd und gewaltt&auml;tig. &bdquo;Gute Nacht, gute Nacht. Auf morgen
+fr&uuml;h&ldquo;, sagte sie hastig und wollte entlaufen. Entlaufen nicht ihm so
+sehr, wie der Gefahr dieser Minute und einer neuen, fremdartigen
+Unsicherheit in sich selbst. Aber der Baron hielt die dargebotene
+Abschiedshand mit sanfter Gewalt, k&uuml;&szlig;te sie, und nicht nur in
+Korrektheit ein einziges Mal, sondern vier- oder f&uuml;nfmal mit den
+Lippen von den feinen Fingerspitzen bis hinauf zum Handgelenk,
+zitternd, wobei sie mit einem leichten Fr&ouml;steln seinen rauhen Schnurrbart
+&uuml;ber den Handr&uuml;cken kitzeln f&uuml;hlte. Irgendein warmes und beklemmendes
+Gef&uuml;hl flog von dort mit dem Blut durch den ganzen
+K&ouml;rper, Angst scho&szlig; hei&szlig; empor, h&auml;mmerte drohend an die Schl&auml;fen,
+ihr Kopf gl&uuml;hte, die Angst, die sinnlose Angst zuckte jetzt durch ihren
+ganzen K&ouml;rper, und sie entzog ihm rasch die Hand.</p>
+
+<p>&bdquo;Bleiben Sie doch noch&ldquo;, fl&uuml;sterte der Baron. Aber schon eilte sie
+fort mit einer Ungelenkigkeit der Hast, die ihre Angst und Verwirrung
+augenf&auml;llig machte. In ihr war jetzt die Erregtheit, die der
+andere wollte, sie f&uuml;hlte, wie alles in ihr verworren war. Die grausam
+brennende Angst jagte sie, der Mann hinter ihr m&ouml;chte ihr
+folgen und sie fassen, gleichzeitig aber, noch im Entspringen, sp&uuml;rte
+sie schon ein Bedauern, da&szlig; er es nicht tat. In dieser Stunde h&auml;tte<!-- Page 26 -->
+das geschehen k&ouml;nnen, was sie seit Jahren unbewu&szlig;t ersehnte, das
+Abenteuer, dessen nahen Hauch sie woll&uuml;stig liebte, um ihm bisher
+immer im letzten Augenblick zu entweichen, das gro&szlig;e und gef&auml;hrliche,
+nicht nur der fl&uuml;chtige, aufreizende Flirt. Aber der Baron war
+zu stolz, einer g&uuml;nstigen Sekunde nachzulaufen. Er war seines Sieges
+zu gewi&szlig;, um diese Frau r&auml;uberisch in einer schwachen, weintrunkenen
+Minute zu nehmen, im Gegenteil, den fairen Spieler reizte nur der
+Kampf und die Hingabe bei vollem Bewu&szlig;tsein. Entrinnen konnte
+sie ihm nicht. Ihr zuckte, das merkte er, das hei&szlig;e Gift schon in den
+Adern.</p>
+
+<p>Oben auf der Treppe blieb sie stehen, die Hand an das keuchende
+Herz gepre&szlig;t. Sie mu&szlig;te ausruhen eine Sekunde. Ihre Nerven versagten.
+Ein Seufzer brach aus der Brust, halb Beruhigung, einer
+Gefahr entronnen zu sein, halb Bedauern; aber das alles war verworren
+und wirrte im Blut nur als leises Schwindligsein weiter.
+Mit halbgeschlossenen Augen, wie eine Betrunkene, tappte sie weiter
+zu ihrer T&uuml;re und atmete auf, da sie jetzt die k&uuml;hle Klinke fa&szlig;te.
+Jetzt empfand sie sich erst in Sicherheit!</p>
+
+<p>Leise bog sie die T&uuml;re ins Zimmer. Und schrak schon zur&uuml;ck in der
+n&auml;chsten Sekunde. Irgend etwas hatte sich ger&uuml;hrt in dem Zimmer,
+ganz r&uuml;ckw&auml;rts im Dunkeln. Ihre erregten Nerven zuckten grell,
+schon wollte sie um Hilfe schreien, da kam es leise von drinnen, mit
+ganz schlaftrunkener Stimme: &bdquo;Bist du es, Mama?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Um Gottes willen, was machst du da?&ldquo; Sie st&uuml;rzte hin zum Diwan,
+wo Edgar zusammengekn&uuml;llt lag und sich eben vom Schlafe aufraffte.
+Ihr erster Gedanke war, das Kind m&uuml;sse krank sein oder Hilfe
+bed&uuml;rftig.</p>
+
+<p>Aber Edgar sagte, ganz verschlafen noch und mit leisem Vorwurf:
+&bdquo;Ich habe so lange auf dich gewartet, und dann bin ich eingeschlafen.&ldquo;</p>
+
+<!-- Page 27 -->
+<p>&bdquo;Warum denn?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wegen der Elefanten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was f&uuml;r Elefanten?&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt erst begriff sie. Sie hatte ja dem Kinde versprochen, alles zu
+erz&auml;hlen, heute noch, von der Jagd und den Abenteuern. Und da
+hatte sich dieser Bub auf ihr Zimmer geschlichen, dieser einf&auml;ltige,
+kindische Bub, und im sicheren Vertrauen gewartet, bis sie kam, und
+war dar&uuml;ber eingeschlafen. Die Extravaganz emp&ouml;rte sie. Oder
+eigentlich, sie f&uuml;hlte Zorn gegen sich selbst, ein leises Raunen von
+Schuld und Scham, das sie &uuml;berschreien wollte. &bdquo;Geh sofort zu Bett,
+du ungezogener Fratz&ldquo;, schrie sie ihn an. Edgar staunte ihr entgegen.
+Warum war sie so zornig mit ihm, er hatte doch nichts getan?
+Aber diese Verwunderung reizte die schon Aufgeregte noch
+mehr. &bdquo;Geh sofort in dein Zimmer&ldquo;, schrie sie w&uuml;tend, weil sie f&uuml;hlte,
+da&szlig; sie ihm unrecht tat. Edgar ging ohne ein Wort. Er war eigentlich
+furchtbar m&uuml;de und sp&uuml;rte nur verworren durch den dr&uuml;ckenden
+Nebel von Schlaf, da&szlig; seine Mutter ein Versprechen nicht gehalten
+hatte und da&szlig; man in irgendeiner Weise gegen ihn schlecht war.
+Aber er revoltierte nicht. In ihm war alles stumpf durch die M&uuml;digkeit;
+und dann, er &auml;rgerte sich sehr, hier oben eingeschlafen zu sein,
+statt wach zu warten. &bdquo;Ganz wie ein kleines Kind&ldquo;, sagte er emp&ouml;rt
+zu sich selber, ehe er wieder in Schlaf fiel.</p>
+
+<p>Denn seit gestern ha&szlig;te er seine eigene Kindheit.</p>
+
+
+
+<h2>Gepl&auml;nkel</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Der Baron hatte schlecht geschlafen. Es ist immer gef&auml;hrlich, nach
+einem abgebrochenen Abenteuer zu Bette zu gehen: eine unruhige,
+von schw&uuml;len Tr&auml;umen gef&auml;hrdete Nacht lie&szlig; es ihn bald
+bereuen, die Minute nicht mit hartem Griff gepackt zu haben. Als er<!-- Page 28 -->
+morgens, noch von Schlaf und Mi&szlig;mut umw&ouml;lkt, hinunterkam,
+sprang ihm der Knabe aus einem Versteck entgegen, schlo&szlig; ihn begeistert
+in die Arme und begann ihn mit tausend Fragen zu qu&auml;len.
+Er war gl&uuml;cklich, seinen gro&szlig;en Freund wieder eine Minute f&uuml;r sich
+zu haben und nicht mit der Mama teilen zu m&uuml;ssen. Nur ihm sollte
+er erz&auml;hlen, nicht mehr Mama, best&uuml;rmte er ihn, denn die h&auml;tte, trotz
+ihres Versprechens, ihm nichts von all den wunderbaren Dingen
+wiedergesagt. Er &uuml;bersch&uuml;ttete den unangenehm Aufgeschreckten,
+der seine Mi&szlig;laune nur schlecht verbarg, mit hundert kindischen
+Bel&auml;stigungen. In diese Fragen mengte er &uuml;berdies st&uuml;rmische Bezeugungen
+seiner Liebe, gl&uuml;ckselig, wieder mit dem Langgesuchten und
+seit fr&uuml;hmorgens Erwarteten allein zu sein.</p>
+
+<p>Der Baron antwortete unwirsch. Dieses ewige Auflauern des
+Kindes, die L&auml;ppischkeit der Fragen, wie &uuml;berhaupt die unbegehrte
+Leidenschaft begann ihn zu langweilen. Er war m&uuml;de, nun tagaus,
+tagein mit einem zw&ouml;lfj&auml;hrigen Buben herumzuziehen und mit ihm
+Unsinn zu schwatzen. Ihm lag jetzt nur daran, die Mutter allein zu
+fassen, was eben durch des Kindes unerw&uuml;nschte Anwesenheit zum
+Problem wurde. Ein erstes Unbehagen vor dieser unvorsichtig geweckten
+Z&auml;rtlichkeit bem&auml;chtigte sich seiner, denn vorl&auml;ufig sah er
+keine M&ouml;glichkeit, den allzu anh&auml;nglichen Freund loszuwerden.</p>
+
+<p>Immerhin: es kam auf den Versuch an. Bis zehn Uhr, der Stunde,
+die er mit der Mutter zum Spaziergang verabredet hatte, lie&szlig; er
+das eifrige Gerede des Buben achtlos &uuml;ber sich hinpl&auml;tschern, warf
+manchmal einen Brocken Gespr&auml;ch hin, um ihn nicht zu beleidigen,
+durchbl&auml;tterte aber gleichzeitig die Zeitung. Endlich, als der Zeiger
+fast senkrecht stand, bat er Edgar, wie sich pl&ouml;tzlich erinnernd, f&uuml;r
+ihn ins andere Hotel blo&szlig; einen Augenblick hin&uuml;berzugehen, um dort
+nachzufragen, ob der Graf Grundheim, sein Vetter, schon angekommen
+sei.</p>
+
+<!-- Page 29 -->
+<p>Das arglose Kind, gl&uuml;ckselig, endlich einmal seinem Freund mit
+etwas dienlich sein zu k&ouml;nnen, stolz auf seine W&uuml;rde als Bote,
+sprang sofort weg und st&uuml;rmte so toll den Weg hin, da&szlig; die Leute
+ihm verwundert nachstarrten. Aber ihm war gelegen, zu zeigen, wie
+flink er war, wenn man ihm Botschaften vertraute. Der Graf war,
+so sagte man ihm dort, noch nicht eingetroffen, ja zur Stunde gar
+nicht angemeldet. Diese Nachricht brachte er in neuerlichem Sturmschritt
+zur&uuml;ck. Aber in der Halle war der Baron nicht mehr zu finden.
+So klopfte er an seine Zimmert&uuml;r,&nbsp;&ndash; vergeblich! Beunruhigt rannte
+er alle R&auml;ume ab, das Musikzimmer und das Kaffeehaus, st&uuml;rmte
+aufgeregt zu seiner Mama, um Erkundigungen einzuziehen: auch
+sie war fort. Der Portier, an den er sich schlie&szlig;lich ganz verzweifelt
+wandte, sagte ihm zu seiner Verbl&uuml;ffung, sie seien beide vor einigen
+Minuten gemeinsam weggegangen!</p>
+
+<p>Edgar wartete geduldig. Seine Arglosigkeit vermutete nichts B&ouml;ses.
+Sie konnten ja nur eine kurze Weile wegbleiben, dessen war er
+sicher, denn der Baron brauchte ja seinen Bescheid. Aber die Zeit
+streckte breit ihre Stunden, Unruhe schlich sich an ihn heran. &Uuml;berhaupt,
+seit dem Tage, da sich dieser fremde, verf&uuml;hrerische Mensch in
+sein kleines, argloses Leben gemengt hatte, war das Kind den ganzen
+Tag angespannt, gehetzt und verwirrt. In einen so feinen Organismus,
+wie den der Kinder, dr&uuml;ckt jede Leidenschaft wie in weiches
+Wachs ihre Spuren. Das nerv&ouml;se Zittern der Augenlider trat wieder
+auf, schon sah er bl&auml;sser aus. Edgar wartete und wartete, geduldig
+zuerst, dann wild erregt und schlie&szlig;lich schon dem Weinen nah. Aber
+argw&ouml;hnisch war er noch immer nicht. Sein blindes Vertrauen in
+diesen wundervollen Freund vermutete ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis, und geheime
+Angst qu&auml;lte ihn, er m&ouml;chte vielleicht den Auftrag falsch verstanden
+haben.</p>
+
+<p>Wie seltsam aber war erst dies, da&szlig; sie jetzt, da sie endlich zur&uuml;ckkamen,<!-- Page 30 -->
+heiter plaudernd blieben und gar keine Verwunderung bezeigten.
+Es schien, als h&auml;tten sie ihn gar nicht sonderlich vermi&szlig;t:
+&bdquo;Wir sind dir entgegengegangen, weil wir hofften, dich am Weg zu
+treffen, Edi&ldquo;, sagte der Baron, ohne sich nach dem Auftrag zu erkundigen.
+Und als das Kind, ganz erschrocken, sie k&ouml;nnten ihn vergebens
+gesucht haben, zu beteuern begann, er sei nur auf dem geraden
+Wege der Hochstra&szlig;e gelaufen, und wissen wollte, welche Richtung
+sie gew&auml;hlt h&auml;tten, da schnitt die Mama kurz das Gespr&auml;ch ab.
+&bdquo;Schon gut, schon gut! Kinder sollen nicht soviel reden.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar wurde rot vor &Auml;rger. Das war nun schon das zweite Mal
+so ein niedertr&auml;chtiger Versuch, ihn vor seinem Freund herabzusetzen.
+Warum tat sie das, warum versuchte sie immer, ihn als Kind darzustellen,
+das er doch&nbsp;&ndash; er war davon &uuml;berzeugt&nbsp;&ndash; nicht mehr war?
+Offenbar war sie ihm neidisch auf seinen Freund und plante, ihn zu
+sich her&uuml;berzuziehen. Ja, und sicherlich war sie es auch, die den
+Baron mit Absicht den falschen Weg gef&uuml;hrt hatte. Aber er lie&szlig; sich
+nicht von ihr mi&szlig;handeln, das sollte sie sehen. Er wollte ihr schon
+Trotz bieten. Und Edgar beschlo&szlig;, heute bei Tisch kein Wort mit ihr
+zu reden, nur mit seinem Freund allein.</p>
+
+<p>Doch das wurde ihm hart. Was er am wenigsten erwartet hatte,
+trat ein: man bemerkte seinen Trotz nicht. Ja, sogar ihn selber
+schienen sie nicht zu sehen, ihn, der doch gestern Mittelpunkt ihres
+Beisammenseins gewesen war! Sie sprachen beide &uuml;ber ihn hinweg,
+scherzten zusammen und lachten, als ob er unter den Tisch gesunken
+w&auml;re. Das Blut stieg ihm zu den Wangen, in der Kehle sa&szlig; ein
+Knollen, der ihm den Atem erw&uuml;rgte. Mit Schauern wurde er seiner
+entsetzlichen Machtlosigkeit bewu&szlig;t. Er sollte also hier ruhig sitzen
+und zusehen, wie seine Mutter ihm den Freund wegnahm, den einzigen
+Menschen, den er liebte, und sollte sich nicht wehren k&ouml;nnen,
+nicht anders als durch Schweigen? Ihm war, als m&uuml;&szlig;te er aufstehen<!-- Page 31 -->
+und pl&ouml;tzlich mit beiden F&auml;usten auf den Tisch losschlagen.
+Nur damit sie ihn bemerkten. Aber er hielt sich zusammen, legte
+blo&szlig; Gabel und Messer nieder und r&uuml;hrte keinen Bissen mehr an.
+Aber auch dies hartn&auml;ckige Fasten merkten sie lange nicht, erst beim
+letzten Gang fiel es der Mutter auf, und sie fragte, ob er sich nicht
+wohl f&uuml;hle. Widerlich, dachte er sich, immer denkt sie nur das eine,
+ob ich nicht krank bin, sonst ist ihr alles einerlei. Er antwortete kurz,
+er habe keine Lust, und damit gab sie sich zufrieden. Nichts, gar
+nichts erzwang ihm Beachtung. Der Baron schien ihn vergessen zu
+haben, wenigstens richtete er nicht ein einziges Mal das Wort an
+ihn. Hei&szlig;er und hei&szlig;er quoll es ihm in die Augen, und er mu&szlig;te die
+kindische List anwenden, rasch die Serviette zu heben, ehe es jemand
+sehen konnte, da&szlig; Tr&auml;nen &uuml;ber seine Wangen sprangen und ihm
+salzig die Lippen n&auml;&szlig;ten. Er atmete auf, wie das Essen zu Ende war.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des Diners hatte seine Mutter eine gemeinsame Wagenfahrt
+nach Maria-Schutz vorgeschlagen. Edgar hatte es geh&ouml;rt, die
+Lippe zwischen den Z&auml;hnen. Nicht eine Minute wollte sie ihn also
+mehr mit seinem Freunde allein lassen. Aber sein Ha&szlig; stieg erst wild
+auf, als sie ihm jetzt beim Aufstehen sagte: &bdquo;Edgar, du wirst noch
+alles f&uuml;r die Schule vergessen, du solltest doch einmal zu Hause
+bleiben, ein bi&szlig;chen nachlernen!&ldquo; Wieder ballte er die kleine Kinderfaust.
+Immer wollte sie ihn vor seinem Freund dem&uuml;tigen, immer
+daran &ouml;ffentlich erinnern, da&szlig; er noch ein Kind war, da&szlig; er in die
+Schule gehen mu&szlig;te und nur geduldet unter Erwachsenen war. Diesmal
+war ihm die Absicht aber doch zu durchsichtig. Er gab gar keine
+Antwort, sondern drehte sich kurzweg um.</p>
+
+<p>&bdquo;Aha, wieder beleidigt&ldquo;, sagte sie l&auml;chelnd, und dann zum Baron:
+&bdquo;W&auml;re das wirklich so arg, wenn er einmal eine Stunde arbeiten
+m&ouml;chte?&ldquo;</p>
+
+<p>Und da&nbsp;&ndash; im Herzen des Kindes wurde etwas kalt und starr&nbsp;&ndash; sagte<!-- Page 32 -->
+der Baron, er, der sich seinen Freund nannte, er, der ihn als Stubenhocker
+verh&ouml;hnt hatte: &bdquo;Na, eine Stunde oder zwei k&ouml;nnten wirklich
+nicht schaden.&ldquo;</p>
+
+<p>War das ein Einverst&auml;ndnis? Hatten sie sich wirklich beide gegen
+ihn verb&uuml;ndet? In dem Blick des Kindes flammte der Zorn. &bdquo;Mein
+Papa hat verboten, da&szlig; ich hier lerne, Papa will, da&szlig; ich mich hier
+erhole&ldquo;, schleuderte er heraus mit dem ganzen Stolz auf seine Krankheit,
+verzweifelt sich an das Wort, an die Autorit&auml;t seines Vaters
+anklammernd. Wie eine Drohung stie&szlig; er es heraus. Und was das
+merkw&uuml;rdigste war: das Wort schien tats&auml;chlich in den beiden ein
+Mi&szlig;behagen zu erwecken. Die Mutter sah weg und trommelte nur
+nerv&ouml;s mit den Fingern auf den Tisch. Ein peinliches Schweigen
+stand breit zwischen ihnen. &bdquo;Wie du meinst, Edi&ldquo;, sagte schlie&szlig;lich
+der Baron mit einem erzwungenen L&auml;cheln. &bdquo;Ich mu&szlig; ja keine
+Pr&uuml;fung machen, ich bin schon l&auml;ngst bei allen durchgefallen.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Edgar l&auml;chelte nicht zu dem Scherz, sondern sah ihn nur an
+mit einem pr&uuml;fenden, sehns&uuml;chtig eindringenden Blick, als wollte er
+ihm bis in die Seele greifen. Was ging da vor? Etwas war ver&auml;ndert
+zwischen ihnen, und das Kind wu&szlig;te nicht warum. Unruhig
+lie&szlig; es die Augen wandern. In seinem Herzen h&auml;mmerte ein kleiner,
+hastiger Hammer: der erste Verdacht.</p>
+
+
+
+
+<h2>Brennendes Geheimnis</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Was hat sie so verwandelt?&ldquo; sann das Kind, das ihnen im rollenden
+Wagen gegen&uuml;bersa&szlig;. &bdquo;Warum sind sie nicht mehr zu
+mir wie fr&uuml;her? Weshalb vermeidet Mama immer meinen Blick,
+wenn ich sie ansehe? Warum sucht er immer vor mir Witze zu
+machen und den Hanswurst zu spielen? Beide reden sie nicht mehr
+zu mir wie gestern und vorgestern, mir ist beinahe, als h&auml;tten sie<!-- Page 33 -->
+andere Gesichter bekommen. Mama hat heute so rote Lippen, sie mu&szlig;
+sie gef&auml;rbt haben. Das habe ich nie gesehen an ihr. Und er zieht
+immer die Stirne kraus, als sei er beleidigt. Ich habe ihnen doch
+nichts getan, kein Wort gesagt, das sie verdrie&szlig;en konnte? Nein, ich
+kann nicht die Ursache sein, denn sie sind selbst zueinander anders wie
+vordem. Sie sind so, als ob sie etwas angestellt h&auml;tten, das sie sich
+nicht zu sagen getrauen. Sie plaudern nicht mehr wie gestern, sie
+lachen auch nicht, sie sind befangen, sie verbergen etwas. Irgendein
+Geheimnis ist zwischen ihnen, das sie mir nicht verraten wollen.
+Ein Geheimnis, das ich ergr&uuml;nden mu&szlig; um jeden Preis. Ich kenne
+es schon, es mu&szlig; dasselbe sein, vor dem sie mir immer die T&uuml;re verschlie&szlig;en,
+von dem in den B&uuml;chern die Rede ist und in den Opern,
+wenn die M&auml;nner und die Frauen mit ausgebreiteten Armen gegeneinander
+singen, sich umfassen und sich wegsto&szlig;en. Es mu&szlig; irgendwie
+dasselbe sein, wie das mit meiner franz&ouml;sischen Lehrerin, die sich
+mit Papa so schlecht vertrug und die dann weggeschickt wurde. All
+diese Dinge h&auml;ngen zusammen, das sp&uuml;re ich, aber ich wei&szlig; nur nicht,
+wie. Oh, es zu wissen, endlich zu wissen, dieses Geheimnis, ihn zu
+fassen, diesen Schl&uuml;ssel, der alle T&uuml;ren aufschlie&szlig;t, nicht l&auml;nger mehr
+Kind sein, vor dem man alles versteckt und verhehlt, sich nicht mehr
+hinhalten lassen und betr&uuml;gen. Jetzt oder nie! Ich will es ihnen
+entrei&szlig;en, dieses furchtbare Geheimnis.&ldquo; Eine Falte grub sich in
+seine Stirne, beinahe alt sah der schm&auml;chtige Zw&ouml;lfj&auml;hrige aus, wie
+er so ernst vor sich hin gr&uuml;belte, ohne einen einzigen Blick an die
+Landschaft zu wenden, die sich in klingenden Farben rings entfaltete,
+die Berge im gereinigten Gr&uuml;n ihrer Nadelw&auml;lder, die T&auml;ler im
+noch zarten Glanz des versp&auml;teten Fr&uuml;hlings. Er sah nur immer
+die beiden ihm gegen&uuml;ber im R&uuml;cksitz des Wagens an, als k&ouml;nnte er
+mit diesen hei&szlig;en Blicken wie mit einer Angel das Geheimnis aus
+den glitzernden Tiefen ihrer Augen herausrei&szlig;en. Nichts sch&auml;rft<!-- Page 34 -->
+Intelligenz mehr als ein leidenschaftlicher Verdacht, nichts entfaltet
+mehr alle M&ouml;glichkeiten eines unreifen Intellekts als eine F&auml;hrte,
+die ins Dunkel l&auml;uft. Manchmal ist es ja nur eine einzige, d&uuml;nne
+T&uuml;r, die Kinder von der Welt, die wir die wirkliche nennen, abtrennt,
+und ein zuf&auml;lliger Windhauch weht sie ihnen auf.</p>
+
+<p>Edgar f&uuml;hlte sich mit einem Male dem Unbekannten, dem gro&szlig;en
+Geheimnis so greifbar nahe wie noch nie, er sp&uuml;rte es knapp vor
+sich, zwar noch verschlossen und unentr&auml;tselt, aber nah, ganz nah.
+Das erregte ihn und gab ihm diesen pl&ouml;tzlichen, feierlichen Ernst.
+Denn unbewu&szlig;t ahnte er, da&szlig; er am Rand seiner Kindheit stand.</p>
+
+<p>Die beiden gegen&uuml;ber f&uuml;hlten irgendeinen dumpfen Widerstand vor
+sich, ohne zu ahnen, da&szlig; er von dem Knaben ausging. Sie f&uuml;hlten
+sich eng und gehemmt zu dritt im Wagen. Die beiden Augen ihnen
+gegen&uuml;ber mit ihrer dunkel in sich flackernden Glut behinderten sie.
+Sie wagten kaum zu reden, kaum zu blicken. Zu ihrer vormaligen
+leichten, gesellschaftlichen Konversation fanden sie jetzt nicht mehr
+zur&uuml;ck, schon zu sehr verstrickt in dem Ton der hei&szlig;en Vertraulichkeiten,
+jener gef&auml;hrlichen Worte, in denen die schmeichelnde Unz&uuml;chtigkeit
+von heimlichen Betastungen zittert. Ihr Gespr&auml;ch stie&szlig;
+immer auf L&uuml;cken und Stockungen. Es blieb stehen, wollte weiter,
+aber stolperte immer wieder &uuml;ber das hartn&auml;ckige Schweigen des
+Kindes.</p>
+
+<p>Besonders f&uuml;r die Mutter war sein verbissenes Schweigen eine Last.
+Sie sah ihn vorsichtig von der Seite an und erschrak, als sie pl&ouml;tzlich
+in der Art, wie das Kind die Lippen verkniff, zum erstenmal
+eine &Auml;hnlichkeit mit ihrem Mann erkannte, wenn er gereizt oder
+ver&auml;rgert war. Der Gedanke war ihr unbehaglich, gerade jetzt an
+ihren Mann erinnert zu werden, da sie mit einem Abenteuer Versteck
+spielen wollte. Wie ein Gespenst, ein W&auml;chter des Gewissens, doppelt
+unertr&auml;glich hier in der Enge des Wagens, zehn Zoll gegen&uuml;ber mit<!-- Page 35 -->
+seinen dunkel arbeitenden Augen und dem Lauern hinter der blassen
+Stirn, schien ihr das Kind. Da schaute Edgar pl&ouml;tzlich auf, eine
+Sekunde lang. Beide senkten sie sofort den Blick: sie sp&uuml;rten, da&szlig;
+sie sich belauerten, zum erstenmal in ihrem Leben. Bisher hatten sie
+einander blind vertraut, jetzt aber war etwas zwischen Mutter und
+Kind, zwischen ihr und ihm pl&ouml;tzlich anders geworden. Zum ersten
+Male in ihrem Leben begannen sie, sich zu beobachten, ihre beiden
+Schicksale voneinander zu trennen, beide schon mit einem heimlichen
+Ha&szlig; gegeneinander, der nur noch zu neu war, als da&szlig; sie sich ihn
+einzugestehen wagten.</p>
+
+<p>Alle drei atmeten sie auf, als die Pferde wieder vor dem Hotel hielten.
+Es war ein verungl&uuml;ckter Ausflug gewesen, alle f&uuml;hlten es, und
+keiner wagte es zu sagen. Edgar sprang zuerst ab. Seine Mutter
+entschuldigte sich mit Kopfschmerzen und ging eilig hinauf. Sie war
+m&uuml;de und wollte allein sein. Edgar und der Baron blieben zur&uuml;ck.
+Der Baron zahlte dem Kutscher, sah auf die Uhr und schritt gegen
+die Hall zu, ohne den Buben zu beachten. Er ging vorbei an ihm
+mit seinem feinen, schlanken R&uuml;cken, diesem rhythmisch leichten
+Wiegegang, der das Kind so bezauberte und den es gestern schon
+nachzuahmen versucht hatte. Er ging vorbei, glatt vorbei. Offenbar
+hatte er den Knaben vergessen und lie&szlig; ihn stehen neben dem Kutscher,
+neben den Pferden, als geh&ouml;rte er nicht zu ihm.</p>
+
+<p>In Edgar ri&szlig; irgend etwas entzwei, wie er ihn so vor&uuml;bergehen sah,
+ihn, den er trotz alldem noch immer so abg&ouml;ttisch liebte. Verzweiflung
+brach aus seinem Herzen, als er so vorbeiging, ohne ihn mit dem
+Mantel zu streifen, ohne ihm ein Wort zu sagen, der sich doch keiner
+Schuld bewu&szlig;t war. Die m&uuml;hsam bewahrte Fassung zerri&szlig;, die
+k&uuml;nstlich erh&ouml;hte Last der W&uuml;rde glitt ihm von den zu schmalen
+Schultern, er wurde wieder ein Kind, klein und dem&uuml;tig wie gestern
+und vordem. Es ri&szlig; ihn weiter wider seinen Willen. Mit rasch<!-- Page 36 -->
+zitternden Schritten ging er dem Baron nach, trat ihm, der eben
+die Treppe hinauf wollte, in den Weg und sagte gepre&szlig;t, mit schwer
+verhaltenen Tr&auml;nen:</p>
+
+<p>&bdquo;Was habe ich Ihnen getan, da&szlig; Sie nicht mehr auf mich achten?
+Warum sind Sie jetzt immer so mit mir? Und die Mama auch?
+Warum wollen Sie mich immer wegschicken? Bin ich Ihnen l&auml;stig,
+oder habe ich etwas getan?&ldquo;</p>
+
+<p>Der Baron schrak auf. In der Stimme war etwas, das ihn verwirrte
+und weich stimmte. Mitleid &uuml;berkam ihn mit dem arglosen
+Buben. &bdquo;Edi, du bist ein Narr! Ich war nur schlechter Laune heute.
+Und du bist ein lieber Bub, den ich wirklich gern hab.&ldquo; Dabei sch&uuml;ttelte
+er ihn am Schopf t&uuml;chtig hin und her, aber doch das Gesicht
+halb abgewendet, um nicht diese gro&szlig;en, feuchten, flehenden Kinderaugen
+sehen zu m&uuml;ssen. Die Kom&ouml;die, die er spielte, begann ihm
+peinlich zu werden. Er sch&auml;mte sich eigentlich schon, mit der Liebe
+dieses Kindes so frech gespielt zu haben, und diese d&uuml;nne, von unterirdischem
+Schluchzen gesch&uuml;ttelte Stimme tat ihm weh. &bdquo;Geh jetzt
+hinauf, Edi, heute abend werden wir uns wieder vertragen, du wirst
+schon sehen&ldquo;, sagte er beg&uuml;tigend.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Sie dulden nicht, da&szlig; mich Mama gleich hinaufschickt. Nicht
+wahr?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, Edi, ich dulde es nicht&ldquo;, l&auml;chelte der Baron. &bdquo;Geh nur
+jetzt hinauf, ich mu&szlig; mich anziehen f&uuml;r das Abendessen.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar ging, begl&uuml;ckt f&uuml;r den Augenblick. Aber bald begann der
+Hammer im Herzen sich wieder zu r&uuml;hren. Er war um Jahre &auml;lter
+geworden seit gestern; ein fremder Gast, das Mi&szlig;trauen, sa&szlig; jetzt
+schon fest in seiner kindischen Brust.</p>
+
+<p>Er wartete. Es galt ja die entscheidende Probe. Sie sa&szlig;en zusammen
+bei Tisch. Es wurde neun Uhr, aber die Mutter schickte ihn nicht zu
+Bett. Schon wurde er unruhig. Warum lie&szlig; sie ihn gerade heute<!-- Page 37 -->
+so lange hier bleiben, sie, die sonst so genau war? Hatte ihr am Ende
+der Baron seinen Wunsch und das Gespr&auml;ch verraten? Brennende
+Reue &uuml;berfiel ihn pl&ouml;tzlich, ihm heute mit seinem vollen vertrauenden
+Herzen nachgelaufen zu sein. Um zehn erhob sich pl&ouml;tzlich seine
+Mutter und nahm Abschied vom Baron. Und seltsam, auch der
+schien durch diesen fr&uuml;hen Aufbruch keineswegs verwundert zu sein,
+suchte auch nicht, wie sonst immer, sie zur&uuml;ckzuhalten. Immer heftiger
+schlug der Hammer in der Brust des Kindes.</p>
+
+<p>Nun galt es scharfe Probe. Auch er stellte sich nichtsahnend und
+folgte ohne Widerrede seiner Mutter zur T&uuml;r. Dort aber zuckte er
+pl&ouml;tzlich auf mit den Augen. Und wirklich, er fing in dieser Sekunde
+einen l&auml;chelnden Blick, der &uuml;ber seinen Kopf von ihr gerade zum
+Baron hin&uuml;berging, einen Blick des Einverst&auml;ndnisses, irgendeines
+Geheimnisses. Der Baron hatte ihn also verraten. Deshalb also
+der fr&uuml;he Aufbruch: er sollte heute eingewiegt werden in Sicherheit,
+um ihnen morgen nicht mehr im Wege zu sein.</p>
+
+<p>&bdquo;Schuft&ldquo;, murmelte er.</p>
+
+<p>&bdquo;Was meinst du?&ldquo; fragte die Mutter.</p>
+
+<p>&bdquo;Nichts&ldquo;, stie&szlig; er zwischen den Z&auml;hnen heraus. Auch er hatte jetzt
+sein Geheimnis. Es hie&szlig; Ha&szlig;, grenzenloser Ha&szlig; gegen beide.</p>
+
+
+
+
+<h2>Schweigen</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Edgars Unruhe war nun vorbei. Endlich geno&szlig; er ein reines,
+klares Gef&uuml;hl: Ha&szlig; und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewi&szlig;
+war, ihnen im Weg zu sein, wurde das Zusammensein f&uuml;r ihn zu einer
+grausam komplizierten Wollust. Er weidete sich im Gedanken, sie zu
+st&ouml;ren, ihnen nun endlich mit der ganzen geballten Kraft seiner Feindseligkeit
+entgegenzutreten. Dem Baron wies er zuerst die Z&auml;hne. Als
+der morgens herabkam und ihn im Vor&uuml;bergehen herzlich mit einem<!-- Page 38 -->
+&bdquo;Servus, Edi&ldquo; begr&uuml;&szlig;te, knurrte Edgar, der, ohne aufzuschauen, im
+Fauteuil sitzen blieb, ihm nur ein hartes &bdquo;Morgen&ldquo; zur&uuml;ck. &bdquo;Ist die
+Mama schon unten?&ldquo; Edgar blickte in die Zeitung: &bdquo;Ich wei&szlig; nicht.&ldquo;
+Der Baron stutzte. Was war das auf einmal? &bdquo;Schlecht geschlafen,
+Edi, was?&ldquo; Ein Scherz sollte wie immer hin&uuml;berhelfen. Aber Edgar
+warf ihm nur wieder ver&auml;chtlich ein &bdquo;Nein&ldquo; hin und vertiefte sich neuerdings
+in die Zeitung. &bdquo;Dummer Bub&ldquo;, murmelte der Baron vor sich
+hin, zuckte die Achseln und ging weiter. Die Feindschaft war erkl&auml;rt.</p>
+
+<p>Auch gegen seine Mama war Edgar k&uuml;hl und h&ouml;flich. Einen ungeschickten
+Versuch, ihn auf den Tennisplatz zu schicken, wies er
+ruhig zur&uuml;ck. Sein L&auml;cheln, knapp an den Lippen aufgerollt und
+leise von Erbitterung gekr&auml;uselt, zeigte, da&szlig; er sich nicht mehr betr&uuml;gen
+lasse. &bdquo;Ich gehe lieber mit euch spazieren, Mama&ldquo;, sagte er
+mit falscher Freundlichkeit und blickte ihr in die Augen. Die Antwort
+war ihr sichtlich ungelegen. Sie z&ouml;gerte und schien etwas zu
+suchen. &bdquo;Warte hier auf mich&ldquo;, entschied sie endlich und ging zum
+Fr&uuml;hst&uuml;ck.</p>
+
+<p>Edgar wartete. Aber sein Mi&szlig;trauen war rege. Ein unruhiger
+Instinkt arbeitete nun zwischen jedem Wort dieser beiden eine geheime
+feindselige Absicht heraus. Der Argwohn gab ihm jetzt manchmal
+eine merkw&uuml;rdige Hellsichtigkeit der Entschl&uuml;sse. Und statt, wie
+ihm angewiesen war, in der Hall zu warten, zog Edgar es vor, sich
+auf der Stra&szlig;e zu postieren, wo er nicht nur den einen Hauptausgang,
+sondern alle T&uuml;ren &uuml;berwachen konnte. Irgend etwas in ihm
+witterte Betrug. Aber sie sollten ihm nicht mehr entwischen. Auf
+der Stra&szlig;e dr&uuml;ckte er sich, wie er es in seinen Indianerb&uuml;chern gelernt
+hatte, hinter einen Holzsto&szlig;. Und lachte nur zufrieden, als er
+nach etwa einer halben Stunde seine Mutter tats&auml;chlich aus der
+Seitent&uuml;r treten sah, einen Busch prachtvoller Rosen in der Hand
+und gefolgt vom Baron, dem Verr&auml;ter.</p>
+
+<!-- Page 39 -->
+<p>Beide schienen sie sehr &uuml;berm&uuml;tig. Atmeten sie schon auf, ihm entgangen
+zu sein, allein f&uuml;r ihr Geheimnis? Sie lachten im Gespr&auml;ch
+und schickten sich an, den Waldweg hinabzugehen.</p>
+
+<p>Jetzt war der Augenblick gekommen. Edgar schlenderte gem&auml;chlich,
+als h&auml;tte ein Zufall ihn hergef&uuml;hrt, hinter dem Holzsto&szlig; hervor.
+Ganz, ganz gelassen ging er auf sie zu, lie&szlig; sich Zeit, sehr viel Zeit,
+um sich ausgiebig an ihrer &Uuml;berraschung zu weiden. Die beiden
+waren verbl&uuml;fft und tauschten einen befremdeten Blick. Langsam, mit
+gespielter Selbstverst&auml;ndlichkeit kam das Kind heran und lie&szlig; seinen
+h&ouml;hnischen Blick nicht von ihnen. &bdquo;Ah, da bist du, Edi, wir haben
+dich schon drin gesucht&ldquo;, sagte endlich die Mutter. Wie frech sie l&uuml;gt,
+dachte das Kind. Aber die Lippen blieben hart. Sie hielten das Geheimnis
+des Hasses hinter den Z&auml;hnen.</p>
+
+<p>Unschl&uuml;ssig standen sie alle drei. Einer lauerte auf den andern. &bdquo;Also
+gehen wir&ldquo;, sagte resigniert die ver&auml;rgerte Frau und zerpfl&uuml;ckte eine
+der sch&ouml;nen Rosen. Wieder dieses leichte Zittern um die Nasenfl&uuml;gel,
+das bei ihr Zorn verriet. Edgar blieb stehen, als ginge ihn das nichts
+an, sah ins Blaue, wartete, bis sie gingen, dann schickte er sich an,
+ihnen zu folgen. Der Baron machte noch einen Versuch. &bdquo;Heute ist
+Tennisturnier, hast du das schon einmal gesehen?&ldquo; Edgar blickte ihn
+nur ver&auml;chtlich an. Er antwortete ihm gar nicht mehr, zog nur die
+Lippen krumm, als ob er pfeifen wollte. Das war sein Bescheid.
+Sein Ha&szlig; wies die blanken Z&auml;hne.</p>
+
+<p>Wie ein Alp lastete nun seine unerbetene Gegenwart auf den beiden.
+Str&auml;flinge gehen so hinter dem W&auml;rter, mit heimlich geballten
+F&auml;usten. Das Kind tat eigentlich gar nichts und wurde ihnen doch
+in jeder Minute mehr unertr&auml;glich mit seinen lauernden Blicken, die
+feucht waren von verbissenen Tr&auml;nen, seiner gereizten M&uuml;rrischkeit,
+die alle Ann&auml;herungsversuche wegknurrte. &bdquo;Geh voraus&ldquo;, sagte
+pl&ouml;tzlich w&uuml;tend die Mutter, beunruhigt durch sein fortw&auml;hrendes<!-- Page 40 -->
+Lauschen. &bdquo;Tanz mir nicht immer vor den F&uuml;&szlig;en, das macht mich
+nerv&ouml;s!&ldquo; Edgar gehorchte, aber immer nach ein paar Schritten
+wandte er sich um, blieb wartend stehen, wenn sie zur&uuml;ckgeblieben
+waren, sie mit seinem Blick wie der schwarze Pudel mephistophelisch
+umkreisend und einspinnend in dieses feurige Netz von Ha&szlig;, in dem
+sie sich unentrinnbar gefangen f&uuml;hlten.</p>
+
+<p>Sein b&ouml;ses Schweigen zerri&szlig; wie eine S&auml;ure ihre gute Laune, sein
+Blick verg&auml;llte ihnen das Gespr&auml;ch. Der Baron wagte kein einziges
+werbendes Wort mehr, er sp&uuml;rte, mit Zorn, diese Frau ihm wieder
+entgleiten, ihre m&uuml;hsam angefachte Leidenschaftlichkeit jetzt ausk&uuml;hlen
+in der Furcht vor diesem l&auml;stigen, widerlichen Kind. Immer
+versuchten sie wieder zu reden, immer brach ihre Konversation zusammen.
+Schlie&szlig;lich trotteten sie alle drei schweigend &uuml;ber den Weg,
+h&ouml;rten nur mehr die B&auml;ume fl&uuml;sternd gegeneinander schlagen und
+ihren eigenen verdrossenen Schritt. Das Kind hatte ihr Gespr&auml;ch
+erdrosselt.</p>
+
+<p>Jetzt war in allen dreien die gereizte Feindseligkeit. Mit Wollust
+sp&uuml;rte das verratene Kind, wie sich ihre Wut wehrlos gegen seine
+mi&szlig;achtete Existenz ballte. Mit zwinkernd h&ouml;hnischem Blick streifte
+er ab und zu das verbissene Gesicht des Barons. Er sah, wie der
+zwischen den Z&auml;hnen Schimpfworte knirschte und an sich halten
+mu&szlig;te, um sie nicht gegen ihn zu speien, merkte zugleich auch mit
+diabolischer Lust den aufsteigenden Zorn seiner Mutter, und da&szlig;
+beide nur einen Anla&szlig; ersehnten, sich auf ihn zu st&uuml;rzen, ihn wegzuschieben
+oder unsch&auml;dlich zu machen. Aber er bot keine Gelegenheit,
+sein Ha&szlig; war in langen Stunden berechnet und gab sich keine Bl&ouml;&szlig;en.
+&bdquo;Gehen wir zur&uuml;ck!&ldquo; sagte pl&ouml;tzlich die Mutter. Sie f&uuml;hlte, da&szlig; sie
+nicht l&auml;nger an sich halten k&ouml;nnte, da&szlig; sie etwas tun m&uuml;&szlig;te, aufschreien
+zumindest unter dieser Folter. &bdquo;Wie schade,&ldquo; sagte Edgar
+ruhig, &bdquo;es ist so sch&ouml;n.&ldquo;</p>
+
+<!-- Page 41 -->
+<p>Beide merkten, da&szlig; das Kind sie verh&ouml;hnte. Aber sie wagten nichts
+zu sagen, dieser Tyrann hatte in zwei Tagen zu wundervoll gelernt,
+sich zu beherrschen. Kein Zucken im Gesicht verriet die schneidende
+Ironie. Ohne Wort gingen sie den langen Weg wieder heim. In ihr
+flackerte die Erregung noch nach, als sie dann beide allein im Zimmer
+waren. Sie warf den Sonnenschirm und ihre Handschuhe &auml;rgerlich
+weg. Edgar merkte sofort, da&szlig; ihre Nerven erregt waren und nach
+Entladung verlangten, aber er wollte einen Ausbruch und blieb mit
+Absicht im Zimmer, um sie zu reizen. Sie ging auf und ab, setzte
+sich wieder hin, ihre Finger trommelten auf dem Tisch, dann sprang
+sie wieder auf. &bdquo;Wie zerrauft du bist, wie schmutzig du umhergehst!
+Es ist eine Schande vor den Leuten. Sch&auml;mst du dich nicht in deinem
+Alter?&ldquo; Ohne ein Wort der Gegenrede ging das Kind hin und
+k&auml;mmte sich. Dieses Schweigen, dieses obstinate kalte Schweigen
+mit dem Zittern von Hohn auf den Lippen machte sie rasend. Am
+liebsten h&auml;tte sie ihn gepr&uuml;gelt. &bdquo;Geh auf dein Zimmer&ldquo;, schrie sie
+ihn an. Sie konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen. Edgar
+l&auml;chelte und ging.</p>
+
+<p>Wie sie jetzt beide zitterten vor ihm, wie sie Angst hatten, der Baron
+und sie, vor jeder Stunde des Zusammenseins, dem unbarmherzig
+harten Griff seiner Augen! Je unbehaglicher sie sich f&uuml;hlten, in um
+so satterem Wohlbehagen begl&auml;nzte sich sein Blick, um so herausfordernder
+wurde seine Freude. Edgar qu&auml;lte die Wehrlosen jetzt
+mit der ganzen, fast noch tierischen Grausamkeit der Kinder. Der
+Baron konnte seinen Zorn noch d&auml;mmen, weil er immer hoffte, dem
+Buben noch einen Streich spielen zu k&ouml;nnen, und nur an sein Ziel
+dachte. Aber sie, die Mutter, verlor immer wieder die Beherrschung.
+F&uuml;r sie war es eine Erleichterung, ihn anschreien zu k&ouml;nnen. &bdquo;Spiel
+nicht mit der Gabel&ldquo;, fuhr sie ihn bei Tisch an. &bdquo;Du bist ein unerzogener
+Fratz, verdienst noch gar nicht unter Erwachsenen zu sitzen.&ldquo;<!-- Page 42 -->
+Edgar l&auml;chelte nur immer, l&auml;chelte, den Kopf ein wenig schief zur
+Seite gelegt. Er wu&szlig;te, da&szlig; dieses Schreien Verzweiflung war, und
+empfand Stolz, da&szlig; sie sich so verrieten. Er hatte jetzt einen ganz
+ruhigen Blick, wie den eines Arztes. Fr&uuml;her w&auml;re er vielleicht boshaft
+gewesen, um sie zu &auml;rgern, aber man lernt viel und rasch im
+Ha&szlig;. Jetzt schwieg er nur, schwieg und schwieg, bis sie zu schreien
+begann unter dem Druck seines Schweigens.</p>
+
+<p>Seine Mutter konnte es nicht l&auml;nger ertragen. Als sie jetzt vom
+Essen aufstanden und Edgar wieder mit dieser selbstverst&auml;ndlichen Anh&auml;nglichkeit
+ihnen folgen wollte, brach es pl&ouml;tzlich los aus ihr. Sie
+verga&szlig; alle R&uuml;cksicht und spie die Wahrheit aus. Gepeinigt von
+seiner schleichenden Gegenwart, b&auml;umte sie sich wie ein von Fliegen gefoltertes
+Pferd. &bdquo;Was rennst du mir immer nach wie ein dreij&auml;hriges
+Kind. Ich will dich nicht immer in der N&auml;he haben. Kinder geh&ouml;ren
+nicht zu Erwachsenen. Merk dir das! Besch&auml;ftige dich doch einmal
+eine Stunde mit dir selbst. Lies etwas oder tu, was du willst. La&szlig;
+mich in Ruh! Du machst mich nerv&ouml;s mit deinem Herumschleichen,
+deiner widerlichen Verdrossenheit.&ldquo;</p>
+
+<p>Endlich hatte er es ihr entrissen, das Gest&auml;ndnis! Edgar l&auml;chelte,
+w&auml;hrend der Baron und sie jetzt verlegen schienen. Sie wandte sich
+ab und wollte weiter, w&uuml;tend &uuml;ber sich selbst, da&szlig; sie ihr Unbehagen
+dem Kind eingestanden hatte. Aber Edgar sagte nur k&uuml;hl: &bdquo;Papa
+will nicht, da&szlig; ich allein hier herumgehe. Papa hat mir das Versprechen
+abgenommen, da&szlig; ich nicht unvorsichtig bin und bei dir
+bleibe.&ldquo;</p>
+
+<p>Er betonte das Wort &bdquo;Papa&ldquo;, weil er damals bemerkt hatte, da&szlig; es
+eine gewisse l&auml;hmende Wirkung auf die beiden &uuml;bte. Auch sein Vater
+mu&szlig;te also irgendwie verstrickt sein in dieses hei&szlig;e Geheimnis. Papa
+mu&szlig;te irgendeine geheime Macht &uuml;ber die beiden haben, die er nicht
+kannte, denn schon die Erw&auml;hnung seines Namens schien ihnen<!-- Page 43 -->
+Angst und Unbehagen zu bereiten. Auch diesmal entgegneten sie
+nichts. Sie streckten die Waffen. Die Mutter ging voran, der Baron
+mit ihr. Hinter ihnen kam Edgar, aber nicht dem&uuml;tig wie ein Diener,
+sondern hart, streng und unerbittlich wie ein W&auml;chter. Unsichtbar
+klirrte er mit der Kette, an der sie r&uuml;ttelten und die nicht zu zersprengen
+war. Der Ha&szlig; hatte seine kindische Kraft gest&auml;hlt, er, der
+Unwissende, war st&auml;rker als sie beide, denen das Geheimnis die H&auml;nde
+band.</p>
+
+
+
+
+<h2>Die L&uuml;gner</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Aber die Zeit dr&auml;ngte. Der Baron hatte nur mehr wenige Tage,
+und die wollten gen&uuml;tzt sein. Widerstand gegen die Hartn&auml;ckigkeit
+des gereizten Kindes war, das f&uuml;hlten sie, vergeblich, und so
+griffen sie zum letzten, zum schm&auml;hlichsten Ausweg: zur Flucht, nur
+um f&uuml;r eine oder zwei Stunden seiner Tyrannei zu entgehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Gib diese Briefe rekommandiert zur Post&ldquo;, sagte die Mutter zu
+Edgar. Sie standen beide in der Hall, der Baron sprach drau&szlig;en mit
+einem Fiaker.</p>
+
+<p>Mi&szlig;trauisch &uuml;bernahm Edgar die beiden Briefe. Er hatte bemerkt,
+da&szlig; fr&uuml;her ein Diener irgendeine Botschaft seiner Mutter &uuml;bermittelt
+hatte. Bereiteten sie am Ende etwas gemeinsam gegen
+ihn vor?</p>
+
+<p>Er z&ouml;gerte. &bdquo;Wo erwartest du mich?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Hier.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bestimmt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Da&szlig; du aber nicht weggehst! Du wartest also hier in der Hall auf
+mich, bis ich zur&uuml;ckkomme?&ldquo;</p>
+
+<p>Er sprach im Gef&uuml;hl seiner &Uuml;berlegenheit mit seiner Mutter schon
+befehlshaberisch. Seit vorgestern hatte sich viel ver&auml;ndert.</p>
+
+<!-- Page 44 -->
+<p>Dann ging er mit den beiden Briefen. An der T&uuml;r stie&szlig; er mit dem
+Baron zusammen. Er sprach ihn an, zum erstenmal seit zwei Tagen.
+&bdquo;Ich gebe nur die zwei Briefe auf. Meine Mama wartet auf mich,
+bis ich zur&uuml;ckkomme. Bitte gehen Sie nicht fr&uuml;her fort.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Baron dr&uuml;ckte sich rasch vorbei. &bdquo;Ja, ja, wir warten schon.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar st&uuml;rmte zum Postamt. Er mu&szlig;te warten. Ein Herr vor ihm
+hatte ein Dutzend langweiliger Fragen. Endlich konnte er sich des
+Auftrags entledigen und rannte sofort mit den Rezipissen zur&uuml;ck.
+Und kam eben zurecht, um zu sehen, wie seine Mutter und der Baron
+im Fiaker davonfuhren.</p>
+
+<p>Er war starr vor Wut. Fast h&auml;tte er sich niedergeb&uuml;ckt und ihnen
+einen Stein nachgeschleudert. Sie waren ihm also doch entkommen,
+aber mit einer wie gemeinen, wie schurkischen L&uuml;ge! Da&szlig; seine
+Mutter log, wu&szlig;te er seit gestern. Aber da&szlig; sie so schamlos sein
+konnte, ein offenes Versprechen zu mi&szlig;achten, das zerri&szlig; ihm ein
+letztes Vertrauen. Er verstand das ganze Leben nicht mehr, seit er
+sah, da&szlig; die Worte, hinter denen er die Wirklichkeit vermutet hatte,
+nur farbige Blasen waren, die sich bl&auml;hten und in nichts zersprangen.
+Aber was f&uuml;r ein furchtbares Geheimnis mu&szlig;te das sein, das erwachsene
+Menschen so weit trieb, ihn, ein Kind, zu bel&uuml;gen, sich
+wegzustehlen wie Verbrecher? In den B&uuml;chern, die er gelesen
+hatte, mordeten und betrogen die Menschen, um Geld zu gewinnen,
+oder Macht, oder K&ouml;nigreiche. Was aber war hier die Ursache,
+was wollten diese beiden, warum versteckten sie sich vor ihm, was
+suchten sie unter hundert L&uuml;gen zu verh&uuml;llen? Er zermarterte
+sein Gehirn. Dunkel sp&uuml;rte er, da&szlig; dieses Geheimnis der Riegel der
+Kindheit sei, da&szlig;, es erobert zu haben, bedeutete, erwachsen zu sein,
+endlich, endlich ein Mann. Oh, es zu fassen! Aber er konnte nicht
+mehr klar denken. Die Wut, da&szlig; sie ihm entkommen waren, verbrannte
+und verqualmte ihm den klaren Blick.</p>
+
+<!-- Page 45 -->
+<p>Er lief hinaus in den Wald, gerade konnte er sich noch ins Dunkel
+retten, wo ihn niemand sah, und da brach es heraus, in einem
+Strom hei&szlig;er Tr&auml;nen. &bdquo;L&uuml;gner, Hunde, Betr&uuml;ger, Schurken&ldquo;&nbsp;&ndash; er
+mu&szlig;te diese Worte laut herausschreien, sonst w&auml;re er erstickt. Die
+Wut, die Ungeduld, der &Auml;rger, die Neugier, die Hilflosigkeit und der
+Verrat der letzten Tage, im kindischen Krampf, im Wahn seiner Erwachsenheit
+niedergehalten, sprengten jetzt die Brust und wurden
+Tr&auml;nen. Es war das letzte Weinen seiner Kindheit, das letzte wildeste
+Weinen, zum letztenmal gab er sich weibisch hin an die Wollust
+der Tr&auml;nen. Er weinte in dieser Stunde fassungsloser Wut alles
+aus sich heraus, Vertrauen, Liebe, Gl&auml;ubigkeit, Respekt&nbsp;&ndash; seine ganze
+Kindheit.</p>
+
+<p>Der Knabe, der dann zum Hotel zur&uuml;ckging, war ein anderer. Er
+war k&uuml;hl und handelte vorbedacht. Zun&auml;chst ging er in sein Zimmer,
+wusch sorgf&auml;ltig das Gesicht und die Augen, um den beiden nicht
+den Triumph zu g&ouml;nnen, die Spuren seiner Tr&auml;nen zu sehen. Dann
+bereitete er die Abrechnung vor. Und wartete geduldig, ohne jede
+Unruhe.</p>
+
+<p>Die Hall war recht gut besucht, als der Wagen mit den beiden
+Fl&uuml;chtigen drau&szlig;en wieder hielt. Ein paar Herren spielten Schach,
+andere lasen ihre Zeitung, die Damen plauderten. Unter ihnen hatte
+reglos, ein wenig bla&szlig; mit zitternden Blicken das Kind gesessen.
+Als jetzt seine Mutter und der Baron zur T&uuml;re hereinkamen, ein
+wenig geniert, ihn so pl&ouml;tzlich zu sehen, und schon die vorbereitete
+Ausrede stammeln wollten, trat er ihnen aufrecht und ruhig entgegen
+und sagte herausfordernd: &bdquo;Herr Baron, ich m&ouml;chte Ihnen
+etwas sagen.&ldquo;</p>
+
+<p>Dem Baron wurde es unbehaglich. Er kam sich irgendwie ertappt
+vor. &bdquo;Ja, ja, sp&auml;ter, gleich!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Edgar warf die Stimme hoch und sagte hell und scharf, da&szlig;<!-- Page 46 -->
+alle rings es h&ouml;ren konnten: &bdquo;Ich will aber jetzt mit Ihnen reden.
+Sie haben sich niedertr&auml;chtig benommen. Sie haben mich angelogen.
+Sie wu&szlig;ten, da&szlig; meine Mama auf mich wartet, und sind&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Edgar!&ldquo; schrie die Mutter, die alle Blicke auf sich gerichtet sah, und
+st&uuml;rzte gegen ihn los.</p>
+
+<p>Aber das Kind kreischte jetzt, da es sah, da&szlig; sie seine Worte &uuml;berschreien
+wollten, pl&ouml;tzlich gellend auf:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich sage es Ihnen nochmals vor allen Leuten. Sie haben infam
+gelogen, und das ist gemein, das ist erb&auml;rmlich.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Baron stand bla&szlig;, die Leute starrten auf, einige l&auml;chelten.</p>
+
+<p>Die Mutter packte das vor Erregung zitternde Kind: &bdquo;Komm sofort
+auf dein Zimmer, oder ich pr&uuml;gle dich hier vor allen Leuten&ldquo;, stammelte
+sie heiser.</p>
+
+<p>Edgar aber war schon wieder ruhig. Es tat ihm leid, so leidenschaftlich
+gewesen zu sein. Er war unzufrieden mit sich selbst, denn eigentlich
+wollte er ja den Baron k&uuml;hl herausfordern, aber die Wut war
+wilder gewesen als sein Wille. Ruhig, ohne Hast wandte er sich zur
+Treppe.</p>
+
+<p>&bdquo;Entschuldigen Sie, Herr Baron, seine Ungezogenheit. Sie wissen
+ja, er ist ein nerv&ouml;ses Kind&ldquo;, stotterte sie noch, verwirrt von den ein
+wenig h&auml;mischen Blicken der Leute, die sie ringsum anstarrten. Nichts
+in der Welt war ihr f&uuml;rchterlicher als Skandal, und sie wu&szlig;te, da&szlig;
+sie nun Haltung bewahren mu&szlig;te. Statt gleich die Flucht zu ergreifen,
+ging sie zuerst zum Portier, fragte nach Briefen und anderen
+gleichg&uuml;ltigen Dingen und rauschte dann hinauf, als ob
+nichts geschehen w&auml;re. Aber hinter ihr wisperte ein leises Kielwasser
+von Zischeln und unterdr&uuml;cktem Gel&auml;chter.</p>
+
+<p>Unterwegs verlangsamte sich ihr Schritt. Sie war immer ernsten
+Situationen gegen&uuml;ber hilflos und hatte eigentlich Angst vor dieser
+Auseinandersetzung. Da&szlig; sie schuldig war, konnte sie nicht leugnen,<!-- Page 47 -->
+und dann: sie f&uuml;rchtete sich vor dem Blick des Kindes, diesem neuen,
+fremden, so merkw&uuml;rdigen Blick, der sie l&auml;hmte und unsicher machte.
+Aus Furcht beschlo&szlig; sie, es mit Milde zu versuchen. Denn bei einem
+Kampf war, das wu&szlig;te sie, dieses gereizte Kind jetzt der St&auml;rkere.</p>
+
+<p>Leise klinkte sie die T&uuml;re auf. Der Bub sa&szlig; da, ruhig und k&uuml;hl. Die
+Augen, die er zu ihr aufhob, waren ganz ohne Angst, verrieten nicht
+einmal Neugierde. Er schien sehr sicher zu sein.</p>
+
+<p>&bdquo;Edgar,&ldquo; begann sie m&ouml;glichst m&uuml;tterlich, &bdquo;was ist dir eingefallen?
+Ich habe mich gesch&auml;mt f&uuml;r dich. Wie kann man nur so ungezogen
+sein, schon gar als Kind zu einem Erwachsenen! Du wirst dich dann
+sofort beim Herrn Baron entschuldigen.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar schaute zum Fenster hinaus. Das &bdquo;Nein&ldquo; sagte er gleichsam
+zu den B&auml;umen gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>Seine Sicherheit begann sie zu befremden.</p>
+
+<p>&bdquo;Edgar, was geht denn vor mit dir? Du bist ja ganz anders als
+sonst? Ich kenne mich gar nicht mehr in dir aus. Du warst doch
+sonst immer ein kluges, artiges Kind, mit dem man reden konnte.
+Und auf einmal benimmst du dich so, als sei der Teufel in dich gefahren.
+Was hast du denn gegen den Baron? Du hast ihn doch sehr
+gern gehabt. Er war immer so lieb gegen dich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, weil er dich kennen lernen wollte.&ldquo;</p>
+
+<p>Ihr wurde unbehaglich. &bdquo;Unsinn! Was f&auml;llt dir ein. Wie kannst
+du so etwas denken?&ldquo;</p>
+
+<p>Aber da fuhr das Kind auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Ein L&uuml;gner ist er, ein falscher Mensch. Was er tut, ist Berechnung
+und Gemeinheit. Er hat dich kennen lernen wollen, deshalb war er
+freundlich zu mir und hat mir einen Hund versprochen. Ich wei&szlig;
+nicht, was er dir versprochen hat und warum er zu dir freundlich
+ist, aber auch von dir will er etwas, Mama, ganz bestimmt.
+Sonst w&auml;re er nicht so h&ouml;flich und freundlich. Er ist ein schlechter<!-- Page 48 -->
+Mensch. Er l&uuml;gt. Sieh dir ihn nur einmal an, wie falsch er immer
+schaut. Oh, ich hasse ihn, diesen erb&auml;rmlichen L&uuml;gner, diesen
+Schurken&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Edgar, wie kann man so etwas sagen.&ldquo; Sie war verwirrt
+und wu&szlig;te nicht zu antworten. In ihr regte sich ein Gef&uuml;hl, das
+dem Kind recht gab.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, er ist ein Schurke, das lasse ich mir nicht ausreden. Das mu&szlig;t
+du selbst sehen. Warum hat er denn Angst vor mir? Warum versteckt
+er sich vor mir? Weil er wei&szlig;, da&szlig; ich ihn durchschaue, da&szlig; ich
+ihn kenne, diesen Schurken!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie kann man so etwas sagen, wie kann man so etwas sagen.&ldquo;
+Ihr Gehirn war ausgetrocknet, nur die Lippen stammelten blutlos
+immer wieder die beiden S&auml;tze. Sie begann jetzt pl&ouml;tzlich eine furchtbare
+Angst zu haben und wu&szlig;te eigentlich nicht, ob vor dem Baron
+oder vor dem Kinde.</p>
+
+<p>Edgar sah, da&szlig; seine Mahnung Eindruck machte. Und es verlockte
+ihn, sie zu sich her&uuml;berzurei&szlig;en, einen Genossen zu haben im Hasse,
+in der Feindschaft gegen ihn. Weich ging er auf seine Mutter zu,
+umfa&szlig;te sie, und seine Stimme wurde schmeichlerisch vor Erregung.
+&bdquo;Mama,&ldquo; sagte er, &bdquo;du mu&szlig;t es doch selbst bemerkt haben, da&szlig; er
+nichts Gutes will. Er hat dich ganz anders gemacht. Du bist ver&auml;ndert
+und nicht ich. Er hat dich aufgehetzt gegen mich, nur um dich
+allein zu haben. Sicher will er dich betr&uuml;gen. Ich wei&szlig; nicht, was
+er dir versprochen hat. Ich wei&szlig; nur, er wird es nicht halten. Du
+solltest dich h&uuml;ten vor ihm. Wer einen bel&uuml;gt, bel&uuml;gt auch den andern.
+Er ist ein b&ouml;ser Mensch, dem man nicht trauen soll.&ldquo;</p>
+
+<p>Diese Stimme, weich und fast in Tr&auml;nen, klang wie aus ihrem
+eigenen Herzen. In ihr war seit gestern ein Mi&szlig;behagen erwacht,
+das ihr dasselbe sagte: eindringlicher und eindringlicher. Aber sie
+sch&auml;mte sich, dem eigenen Kinde recht zu geben. Und rettete sich, wie<!-- Page 49 -->
+viele, aus der Verlegenheit eines &uuml;berw&auml;ltigenden Gef&uuml;hls in die
+Rauheit des Ausdrucks. Sie reckte sich auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Kinder verstehen so etwas nicht. Du hast in solche Sachen nicht
+dreinzureden. Du hast dich anst&auml;ndig zu benehmen. Das ist alles.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgars Gesicht fror wieder kalt ein. &bdquo;Wie du meinst,&ldquo; sagte er hart,
+&bdquo;ich habe dich gewarnt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Also du willst dich nicht entschuldigen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie standen sich schroff gegen&uuml;ber. Sie f&uuml;hlte, es ging um ihre
+Autorit&auml;t.</p>
+
+<p>&bdquo;Dann wirst du hier oben speisen. Allein. Und nicht eher an unseren
+Tisch kommen, bis du dich entschuldigt hast. Ich werde dich noch
+Manieren lehren. Du wirst dich nicht vom Zimmer r&uuml;hren, bis ich
+es dir erlaube. Hast du verstanden?&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar l&auml;chelte. Dieses t&uuml;ckische L&auml;cheln schien schon mit seinen
+Lippen verwachsen zu sein. Innerlich war er zornig gegen sich selbst.
+Wie t&ouml;richt von ihm, da&szlig; er wieder einmal sein Herz hat entlaufen
+lassen und sie, die L&uuml;gnerin, noch warnen wollte.</p>
+
+<p>Die Mutter rauschte hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen. Sie
+f&uuml;rchtete diese schneidenden Augen. Das Kind war ihr unbehaglich
+geworden, seit sie f&uuml;hlte, da&szlig; es seine Augen offen hatte und ihr gerade
+das sagte, was sie nicht wissen und nicht h&ouml;ren wollte. Schreckhaft
+war es ihr, eine innere Stimme, ihr Gewissen, abgel&ouml;st von sich
+selber, als Kind verkleidet, als ihr eigenes Kind herumgehen und sie
+warnen, sie verh&ouml;hnen zu sehn. Bisher war dieses Kind neben ihrem
+Leben gewesen, ein Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und
+Vertrautes, manchmal vielleicht eine Last, aber immer etwas, das in
+derselben Str&ouml;mung im gleichen Takt ihres Lebens lief. Zum erstenmal
+b&auml;umte das sich heute auf und trotzte gegen ihren Willen. Etwas
+wie Ha&szlig; mischte sich jetzt immer in die Erinnerung an ihr Kind.</p>
+
+<!-- Page 50 -->
+<p>Aber dennoch: jetzt, da sie die Treppe, ein wenig m&uuml;de, niederstieg,
+klang die kindische Stimme aus ihrer eigenen Brust. &bdquo;Du
+solltest dich h&uuml;ten vor ihm.&ldquo;&nbsp;&ndash; Die Mahnung lie&szlig; sich nicht zum
+Schweigen bringen. Da gl&auml;nzte ihr im Vor&uuml;berschreiten ein Spiegel
+entgegen, fragend blickte sie hinein, tiefer und immer tiefer, bis sich
+dort die Lippen leise l&auml;chelnd auftaten und sich rundeten wie zu einem
+gef&auml;hrlichen Wort. Noch immer klang von innen die Stimme; aber
+sie warf die Achseln hoch, als sch&uuml;ttelte sie all diese unsichtbaren Bedenken
+von sich ab, gab dem Spiegel einen hellen Blick, raffte das
+Kleid und ging hinab mit der entschlossenen Geste eines Spielers,
+der sein letztes Goldst&uuml;ck klingend &uuml;ber den Tisch rollen l&auml;&szlig;t.</p>
+
+
+
+
+<h2>Spuren im Mondlicht</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Der Kellner, der Edgar das Essen in seinen Stubenarrest gebracht
+hatte, schlo&szlig; die T&uuml;re. Hinter ihm knackte das Schlo&szlig;. Das
+Kind fuhr w&uuml;tend auf: das war offenbar im Auftrag seiner Mutter
+geschehen, da&szlig; man ihn einsperrte wie ein b&ouml;sartiges Tier. Finster
+rang es sich aus ihm.</p>
+
+<p>&bdquo;Was geschieht nun da drunten, w&auml;hrend ich hier eingeschlossen bin?
+Was m&ouml;gen die beiden jetzt bereden? Geschieht am Ende jetzt dort
+das Geheime, und ich mu&szlig; es vers&auml;umen? Oh, dieses Geheimnis,
+das ich immer und &uuml;berall sp&uuml;re, wenn ich unter Erwachsenen bin,
+vor dem sie die T&uuml;re zuschlie&szlig;en in der Nacht, das sie in leises Gespr&auml;ch
+versenken, trete ich unversehens herein, dieses gro&szlig;e Geheimnis,
+das mir jetzt seit Tagen nahe ist, hart vor den H&auml;nden, und das ich
+noch immer nicht greifen kann! Was habe ich nicht schon getan, um
+es zu fassen! Ich habe Papa damals B&uuml;cher aus dem Schreibtisch
+gestohlen und sie gelesen, und alle diese merkw&uuml;rdigen Dinge waren
+darin, nur da&szlig; ich sie nicht verstand. Es mu&szlig; irgendwie ein Siegel<!-- Page 51 -->
+daran sein, das erst abzul&ouml;sen ist, um es zu finden, vielleicht in mir,
+vielleicht in den anderen. Ich habe das Dienstm&auml;dchen gefragt, sie
+gebeten, mir diese Stellen in den B&uuml;chern zu erkl&auml;ren, aber sie hat
+mich ausgelacht. Furchtbar, Kind zu sein, voll von Neugier, und
+doch niemand fragen zu d&uuml;rfen, immer l&auml;cherlich zu sein vor diesen
+Gro&szlig;en, als ob man etwas Dummes oder Nutzloses w&auml;re. Aber ich
+werde es erfahren, ich f&uuml;hle, ich werde es jetzt bald wissen. Ein Teil
+ist schon in meinen H&auml;nden, und ich will nicht fr&uuml;her ablassen, ehe
+ich das Ganze besitze!&ldquo;</p>
+
+<p>Er horchte, ob niemand k&auml;me. Ein leichter Wind flog drau&szlig;en durch
+die B&auml;ume und brach den starren Spiegel des Mondlichtes zwischen
+dem Ge&auml;ste in hundert schwanke Splitter.</p>
+
+<p>&bdquo;Es kann nichts Gutes sein, was die beiden vorhaben, sonst h&auml;tten
+sie nicht solche erb&auml;rmliche L&uuml;gen gesucht, um mich fortzukriegen.
+Gewi&szlig;, sie lachen jetzt &uuml;ber mich, die Verfluchten, da&szlig; sich mich endlich
+los sind, aber ich werde zuletzt lachen. Wie dumm von mir, mich hier
+einsperren zu lassen, ihnen eine Sekunde Freiheit zu geben, statt an
+ihnen zu kleben und jede ihrer Bewegungen zu belauschen. Ich wei&szlig;,
+die Gro&szlig;en sind ja immer unvorsichtig, und auch sie werden sich verraten.
+Sie glauben immer von uns, da&szlig; wir noch ganz klein sind und
+abends immer schlafen, sie vergessen, da&szlig; man sich auch schlafend
+stellen kann und lauschen, da&szlig; man sich dumm geben kann und sehr
+klug sein. J&uuml;ngst, wie meine Tante ein Kind bekam, haben sie es
+lange vorausgewu&szlig;t und sich nur vor mir verwundert gestellt, als
+seien sie &uuml;berrascht worden. Aber ich habe es auch gewu&szlig;t, denn ich
+habe sie reden geh&ouml;rt, vor Wochen am Abend, als sie glaubten, ich
+schliefe. Und so werde ich auch diesmal sie &uuml;berraschen, diese Niedertr&auml;chtigen.
+Oh, wenn ich durch die T&uuml;re sp&auml;hen k&ouml;nnte, sie heimlich
+jetzt beobachten, w&auml;hrend sie sich sicher w&auml;hnen. Sollte ich nicht vielleicht
+l&auml;uten jetzt, dann k&auml;me das M&auml;dchen, sperrte die T&uuml;r auf und<!-- Page 52 -->
+fragte, was ich wollte. Oder ich k&ouml;nnte poltern, k&ouml;nnte Geschirr zerschlagen,
+dann sperrte man auch auf. Und in dieser Sekunde k&ouml;nnte
+ich hinausschl&uuml;pfen und sie belauschen. Aber nein, das will ich nicht.
+Niemand soll sehen, wie niedertr&auml;chtig sie mich behandeln. Ich bin
+zu stolz dazu. Morgen will ich es ihnen schon heimzahlen.&ldquo;</p>
+
+<p>Unten lachte eine Frauenstimme. Edgar schrak zusammen: das k&ouml;nnte
+seine Mutter sein. Die hatte ja Grund zu lachen, ihn zu verh&ouml;hnen,
+den Kleinen, Hilflosen, hinter dem man den Schl&uuml;ssel abdrehte,
+wenn er l&auml;stig war, den man in den Winkel warf wie ein B&uuml;ndel
+nasser Kleider. Vorsichtig beugte er sich zum Fenster hinaus. Nein,
+sie war es nicht, sondern fremde, &uuml;berm&uuml;tige M&auml;dchen, die einen
+Burschen neckten.</p>
+
+<p>Da, in dieser Minute bemerkte er, wie wenig hoch sich eigentlich sein
+Fenster &uuml;ber die Erde erhob. Und schon, kaum da&szlig; ers merkte, war
+der Gedanke da: hinausspringen, jetzt, wo sie sich ganz sicher w&auml;hnten,
+sie belauschen. Er fieberte vor Freude &uuml;ber seinen Entschlu&szlig;. Ihm
+war, als hielt er damit das gro&szlig;e, das funkelnde Geheimnis der
+Kindheit in den H&auml;nden. &bdquo;Hinaus, hinaus&ldquo;, zitterte es in ihm.
+Gefahr war keine. Menschen gingen nicht vor&uuml;ber, und schon sprang
+er. Es gab ein leises Ger&auml;usch von knirschendem Kies, das keiner
+vernahm.</p>
+
+<p>In diesen zwei Tagen war ihm das Beschleichen, das Lauern zur
+Lust seines Lebens geworden. Und Wollust f&uuml;hlte er jetzt gemengt
+mit einem leisen Schauer von Angst, als er auf ganz leisen Sohlen
+um das Hotel schlich, sorgsam den stark ausstrahlenden Widerschein
+der Lichter vermeidend. Zun&auml;chst blickte er, die Wange vorsichtig an
+die Scheiben pressend, in den Speisesaal. Ihr gewohnter Platz war
+leer. Er sp&auml;hte dann weiter, von Fenster zu Fenster. Ins Hotel
+selbst wagte er sich nicht hinein, aus Furcht, er k&ouml;nnte ihnen zwischen
+den G&auml;ngen unversehens in den Weg laufen. Nirgends waren sie<!-- Page 53 -->
+zu finden. Schon wollte er verzweifeln, da sah er zwei Schatten aus
+der T&uuml;re vorfallen und&nbsp;&ndash; er zuckte zur&uuml;ck und duckte sich in das
+Dunkel&nbsp;&ndash; seine Mutter mit ihrem nun unvermeidlichen Begleiter
+heraustreten. Gerade war er also zurecht gekommen. Was sprachen
+sie? Er konnte es nicht verstehen. Sie redeten leise, und der Wind
+rumorte zu unruhig in den B&auml;umen. Jetzt aber zog deutlich ein
+Lachen vor&uuml;ber, die Stimme seiner Mutter. Es war ein Lachen, das
+er an ihr gar nicht kannte, ein seltsam scharfes, wie gekitzeltes,
+gereiztes nerv&ouml;ses Lachen, das ihn fremd anmutete und vor dem er
+erschrak. Sie lachte. Also konnte es nichts Gef&auml;hrliches sein, nicht
+etwas ganz Gro&szlig;es und Gewaltiges, das man vor ihm verbarg.
+Edgar war ein wenig entt&auml;uscht.</p>
+
+<p>Aber warum verlie&szlig;en sie das Hotel? Wohin gingen sie jetzt allein
+in der Nacht? Hoch oben mu&szlig;ten mit riesigen Fl&uuml;geln Winde dahinstreifen,
+denn der Himmel, eben noch rein und mondklar, wurde jetzt
+dunkel. Schwarze T&uuml;cher, von unsichtbaren H&auml;nden geworfen,
+wickelten manchmal den Mond ein, und die Nacht wurde dann so
+undurchdringlich, da&szlig; man kaum den Weg sehen konnte, um bald
+wieder hell zu gl&auml;nzen, wenn sich der Mond befreite. Silber flo&szlig; k&uuml;hl
+&uuml;ber die Landschaft. Geheimnisvoll war dieses Spiel zwischen Licht
+und Schatten und aufreizend wie das Spiel einer Frau mit Bl&ouml;&szlig;e
+und Verh&uuml;llungen. Gerade jetzt entkleidete die Landschaft wieder
+ihren blanken Leib: Edgar sah schr&auml;g &uuml;ber dem Weg die wandelnden
+Silhouetten, oder vielmehr die eine, denn so aneinander gepre&szlig;t
+gingen sie, als dr&auml;ngte sie eine innere Furcht zusammen. Aber wohin
+gingen sie jetzt, die beiden? Die F&ouml;hren &auml;chzten, es war eine
+unheimliche Gesch&auml;ftigkeit im Wald, als w&uuml;hlte die wilde Jagd
+darin. &bdquo;Ich folge ihnen,&ldquo; dachte Edgar, &bdquo;sie k&ouml;nnen meinen Schritt
+nicht h&ouml;ren in diesem Aufruhr von Wind und Wald.&ldquo; Und er sprang,
+indes die unten auf der breiten, hellen Stra&szlig;e gingen, oben im Geh&ouml;lz<!-- Page 54 -->
+von einem Baum zum anderen leise weiter, von Schatten zu
+Schatten. Er folgte ihnen z&auml;h und unerbittlich, segnete den Wind,
+der seine Schritte unh&ouml;rbar machte, und verfluchte ihn, weil er ihm
+immer die Worte von dr&uuml;ben wegtrug. Nur einmal, wenn er h&auml;tte
+ihr Gespr&auml;ch h&ouml;ren k&ouml;nnen, war er sicher, das Geheimnis zu halten.</p>
+
+<p>Die beiden unten gingen ahnungslos. Sie f&uuml;hlten sich selig allein
+in dieser weiten verwirrten Nacht und verloren sich in ihrer wachsenden
+Erregung. Keine Ahnung warnte sie, da&szlig; oben im vielverzweigten
+Dunkel jedem ihrer Schritte gefolgt wurde und zwei Augen
+sie mit der ganzen Kraft von Ha&szlig; und Neugier umkrallt hielten.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich blieben sie stehen. Auch Edgar hielt sofort inne und pre&szlig;te
+sich enge an einen Baum. Ihn befiel eine st&uuml;rmische Angst. Wie,
+wenn sie jetzt umkehrten und vor ihm das Hotel erreichten, wenn er
+sich nicht retten konnte in sein Zimmer und die Mutter es leer fand?
+Dann war alles verloren, dann wu&szlig;ten sie, da&szlig; er sie heimlich belauerte,
+und er durfte nie mehr hoffen, ihnen das Geheimnis zu entrei&szlig;en.
+Aber die beiden z&ouml;gerten, offenbar in einer Meinungsverschiedenheit.
+Gl&uuml;cklicherweise war Mondlicht, und er konnte alles
+deutlich sehen. Der Baron deutete auf einen dunklen schmalen Seitenweg,
+der in das Tal hinabf&uuml;hrte, wo das Mondlicht nicht wie hier
+auf der Stra&szlig;e einen weiten vollen Strom rauschte, sondern nur in
+Tropfen und seltsamen Strahlen durchs Dickicht sickerte. &bdquo;Warum
+will er dort hinab?&ldquo; zuckte es in Edgar. Seine Mutter schien &bdquo;nein&ldquo;
+zu sagen, er aber, der andere, sprach ihr zu. Edgar konnte an der
+Art seiner Gestikulation merken, wie eindringlich er sprach. Angst
+befiel das Kind. Was wollte dieser Mensch von seiner Mutter?
+Warum versuchte er, dieser Schurke, sie ins Dunkel zu schleppen?
+Aus seinen B&uuml;chern, die f&uuml;r ihn die Welt waren, kamen pl&ouml;tzlich
+lebendige Erinnerungen von Mord und Entf&uuml;hrung, von finsteren
+Verbrechen. Sicherlich, er wollte sie ermorden, und dazu hatte er<!-- Page 55 -->
+ihn weggehalten, sie einsam hierher gelockt. Sollte er Hilfe schreien?
+M&ouml;rder! Der Ruf sa&szlig; ihm schon ganz oben in der Kehle, aber die
+Lippen waren vertrocknet und brachten keinen Laut heraus. Seine
+Nerven spannten sich vor Aufregung, kaum konnte er sich gerade
+halten, erschreckt vor Angst griff er nach einem Halt&nbsp;&ndash; da knackte
+ihm ein Zweig unter den H&auml;nden.</p>
+
+<p>Die beiden wandten sich erschreckt um und starrten ins Dunkel.
+Edgar blieb stumm an den Baum gelehnt mit angepre&szlig;ten Armen,
+den kleinen K&ouml;rper tief in den Schatten geduckt. Es blieb Totenstille.
+Aber doch, sie schienen erschreckt. &bdquo;Kehren wir um&ldquo;, h&ouml;rte er seine
+Mutter sagen. Es klang ge&auml;ngstigt von ihren Lippen. Der Baron,
+offenbar selbst beunruhigt, willigte ein. Die beiden gingen langsam
+und eng aneinander geschmiegt zur&uuml;ck. Ihre innere Befangenheit
+war Edgars Gl&uuml;ck. Auf allen vieren, ganz unten im Holz, kroch er,
+die H&auml;nde sich blutig rei&szlig;end, bis zur Wendung des Waldes, von
+dort lief er mit aller Geschwindigkeit, da&szlig; ihm der Atem stockte, bis
+zum Hotel und da mit ein paar Spr&uuml;ngen hinauf. Der Schl&uuml;ssel,
+der ihn eingesperrt hatte, steckte gl&uuml;cklicherweise von au&szlig;en, er drehte
+ihn um, st&uuml;rzte ins Zimmer und schon hin aufs Bett. Ein paar
+Minuten mu&szlig;te er rasten, denn das Herz schlug ungest&uuml;m an seine
+Brust, wie ein Kl&ouml;ppel an die klingende Glockenwand.</p>
+
+<p>Dann wagte er sich auf, lehnte am Fenster und wartete, bis sie
+kamen. Es dauerte lange. Sie mu&szlig;ten sehr, sehr langsam gegangen
+sein. Vorsichtig sp&auml;hte er aus dem umschatteten Rahmen. Jetzt
+kamen sie langsam daher, Mondlicht auf den Kleidern. Gespensterhaft
+sahen sie aus in diesem gr&uuml;nen Licht, und wieder &uuml;berfiel ihn
+das s&uuml;&szlig;e Grauen, ob das wirklich ein M&ouml;rder sei und welch furchtbares
+Geschehen er durch seine Gegenwart verhindert hatte. Deutlich
+sah er in die kreidehellen Gesichter. In dem seiner Mutter war
+ein Ausdruck von Verz&uuml;cktheit, den er an ihr nicht kannte, er hingegen<!-- Page 56 -->
+schien hart und verdrossen. Offenbar, weil ihm seine Absicht
+mi&szlig;lungen war.</p>
+
+<p>Ganz nahe waren sie schon. Erst knapp vor dem Hotel l&ouml;sten sich
+ihre Gestalten voneinander. Ob sie heraufsehen w&uuml;rden? Nein, keiner
+blickte herauf. &bdquo;Sie haben mich vergessen&ldquo;, dachte der Knabe mit
+einem wilden Ingrimm, mit einem heimlichen Triumph, &bdquo;aber ich
+nicht euch. Ihr denkt wohl, da&szlig; ich schlafe oder nicht auf der Welt
+bin, aber ihr sollt eueren Irrtum sehen. Jeden Schritt will ich euch
+&uuml;berwachen, bis ich ihm, dem Schurken, das Geheimnis entrissen
+habe, das furchtbare, das mich nicht schlafen l&auml;&szlig;t. Ich werde euer
+B&uuml;ndnis schon zerrei&szlig;en. Ich schlafe nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Langsam traten die beiden in die T&uuml;re. Und als sie jetzt, einer hinter
+dem anderen, hineingingen, umschlangen sich wieder f&uuml;r eine Sekunde
+die fallenden Silhouetten, als einziger schwarzer Streif schwand
+ihr Schatten in die erhellte T&uuml;r. Dann lag der Platz im Mondlicht
+wieder blank vor dem Hause, wie eine weite Wiese von Schnee.</p>
+
+
+
+
+<h2>Der &Uuml;berfall</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Edgar trat atmend zur&uuml;ck vom Fenster. Das Grauen sch&uuml;ttelte ihn.
+Noch nie war er in seinem Leben &auml;hnlich Geheimnisvollem so
+nah gewesen. Die Welt der Aufregungen, der spannenden Abenteuer,
+jene Welt von Mord und Betrug aus seinen B&uuml;chern war in seiner
+Anschauung immer dort gewesen, wo die M&auml;rchen waren, hart hinter
+den Tr&auml;umen, im Unwirklichen und Unerreichbaren. Jetzt auf einmal
+aber schien er mitten hineingeraten in diese grauenhafte Welt,
+und sein ganzes Wesen wurde fieberhaft gesch&uuml;ttelt durch so unverhoffte
+Begegnung. Wer war dieser Mensch, der geheimnisvolle, der
+pl&ouml;tzlich in ihr ruhiges Leben getreten war? War er wirklich ein
+M&ouml;rder, da&szlig; er immer das Entlegene suchte und seine Mutter hinschleppen<!-- Page 57 -->
+wollte, wo es dunkel war? Furchtbares schien bevorzustehen.
+Er wu&szlig;te nicht, was zu tun. Morgen, das war er sicher,
+wollte er dem Vater schreiben oder telegraphieren. Aber konnte es
+nicht noch jetzt geschehen, heute abend? Noch war ja seine Mutter
+nicht in ihrem Zimmer, noch war sie mit diesem verha&szlig;ten, fremden
+Menschen. Zwischen der inneren T&uuml;r und der &auml;u&szlig;eren, leicht beweglichen
+Tapetent&uuml;r war ein schmaler Zwischenraum, nicht gr&ouml;&szlig;er
+als das Innere eines Kleiderschrankes. Dort in diese Handbreit
+Dunkel pre&szlig;te er sich hinein, um auf ihre Schritte im Gang zu lauern.
+Denn nicht einen Augenblick, so hatte er beschlossen, wollte er sie
+allein lassen. Der Gang lag jetzt um Mitternacht leer, matt nur beleuchtet
+von einer einzelnen Flamme.</p>
+
+<p>Endlich&nbsp;&ndash; die Minuten dehnten sich ihm f&uuml;rchterlich&nbsp;&ndash; h&ouml;rte er behutsame
+Schritte heraufkommen. Er horchte angestrengt. Es war
+nicht ein rasches Losschreiten, wie wenn jemand gerade in sein Zimmer
+will, sondern schleifende, z&ouml;gernde, sehr verlangsamte Schritte, wie
+einen unendlich schweren und steilen Weg empor. Dazwischen immer
+wieder Gefl&uuml;ster und ein Innehalten. Edgar zitterte vor Erregung.
+Waren es am Ende die beiden, blieb er noch immer mit ihr? Das
+Fl&uuml;stern war zu entfernt. Aber die Schritte, wenn auch noch z&ouml;gernd,
+kamen immer n&auml;her. Und jetzt h&ouml;rte er auf einmal die verha&szlig;te
+Stimme des Barons leise und heiser etwas sagen, das er nicht verstand,
+und dann gleich die seiner Mutter in rascher Abwehr: &bdquo;Nein,
+nicht heute! Nein.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar zitterte, sie kamen n&auml;her, und er mu&szlig;te alles h&ouml;ren. Jeder
+Schritt, so leise er auch war, tat ihm weh in der Brust. Und die
+Stimme, wie h&auml;&szlig;lich schien sie ihm, diese gierig werbende, widerliche
+Stimme des Verha&szlig;ten! &bdquo;Seien Sie nicht grausam. Sie
+waren so sch&ouml;n heute abend.&ldquo; Und die andere wieder: &bdquo;Nein, ich
+darf nicht, ich kann nicht, lassen Sie mich los.&ldquo;</p>
+
+<!-- Page 58 -->
+<p>Es ist so viel Angst in der Stimme seiner Mutter, da&szlig; das Kind
+erschrickt. Was will er denn noch von ihr? Warum f&uuml;rchtet sie sich?
+Sie sind immer n&auml;her gekommen und m&uuml;ssen jetzt schon ganz vor
+seiner T&uuml;r sein. Knapp hinter ihnen steht er, zitternd und unsichtbar,
+eine Hand weit, gesch&uuml;tzt nur durch die d&uuml;nne Scheibe Tuch.
+Die Stimmen sind jetzt atemnah.</p>
+
+<p>&bdquo;Kommen Sie, Mathilde, kommen Sie!&ldquo; Wieder h&ouml;rt er seine Mutter
+st&ouml;hnen, schw&auml;cher jetzt, in erlahmendem Widerstand.</p>
+
+<p>Aber was ist dies? Sie sind ja weiter gegangen im Dunkeln. Seine
+Mutter ist nicht in ihr Zimmer, sondern daran vorbeigegangen!
+Wohin schleppt er sie? Warum spricht sie nicht mehr? Hat er ihr
+einen Knebel in den Mund gestopft, pre&szlig;t er ihr die Kehle zu?</p>
+
+<p>Die Gedanken machen ihn wild. Mit zitternder Hand st&ouml;&szlig;t er die
+T&uuml;re eine Spannweite auf. Jetzt sieht er im dunkelnden Gang die
+beiden. Der Baron hat seiner Mutter den Arm um die H&uuml;fte geschlungen
+und f&uuml;hrt sie, die schon nachzugeben scheint, leise fort.
+Jetzt macht er halt vor seinem Zimmer. &bdquo;Er will sie wegschleppen,&ldquo;
+erschrickt das Kind, &bdquo;jetzt will er das Furchtbare tun.&ldquo;</p>
+
+<p>Ein wilder Ruck, er schl&auml;gt die T&uuml;re zu und st&uuml;rzt hinaus, den beiden
+nach. Seine Mutter schreit auf, wie jetzt da aus dem Dunkel pl&ouml;tzlich
+etwas auf sie losst&uuml;rzt, scheint in eine Ohnmacht gesunken, vom
+Baron nur m&uuml;hsam gehalten. Der aber f&uuml;hlt in dieser Sekunde
+eine kleine, schwache Faust in seinem Gesicht, die ihm die Lippe hart
+an die Z&auml;hne schl&auml;gt, etwas, was sich katzenhaft an seinen K&ouml;rper
+krallt. Er l&auml;&szlig;t die Erschreckte los, die rasch entflieht, und schl&auml;gt
+blind, ehe er noch wei&szlig;, gegen wen er sich wehrt, mit der Faust zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Das Kind wei&szlig;, da&szlig; es der Schw&auml;chere ist, aber es gibt nicht nach.
+Endlich, endlich ist der Augenblick da, der lang ersehnte, all die verratene
+Liebe, den aufgestapelten Ha&szlig; leidenschaftlich zu entladen. Er
+h&auml;mmert mit seinen kleinen F&auml;usten blind drauflos, die Lippen<!-- Page 59 -->
+verbissen in einer fiebrigen, sinnlosen Gereiztheit. Auch der Baron
+hat ihn jetzt erkannt, auch er steckt voll Ha&szlig; gegen diesen heimlichen
+Spion, der ihm die letzten Tage verg&auml;llte und das Spiel verdarb; er
+schl&auml;gt derb zur&uuml;ck, wohin es eben trifft. Edgar st&ouml;hnt auf, l&auml;&szlig;t aber
+nicht los und schreit nicht um Hilfe. Sie ringen eine Minute stumm
+und verbissen in dem mittern&auml;chtigen Gang. Allm&auml;hlich wird dem
+Baron das L&auml;cherliche seines Kampfes mit einem halbw&uuml;chsigen
+Buben bewu&szlig;t, er packt ihn fest an, um ihn wegzuschleudern. Aber
+das Kind, wie es jetzt seine Muskeln nachlassen sp&uuml;rt und wei&szlig;, da&szlig;
+es in der n&auml;chsten Sekunde der Besiegte, der Gepr&uuml;gelte sein wird,
+schnappt in wilder Wut nach dieser starken, festen Hand, die ihn im
+Nacken fassen will. Unwillk&uuml;rlich st&ouml;&szlig;t der Gebissene einen dumpfen
+Schrei aus und l&auml;&szlig;t frei&nbsp;&ndash; eine Sekunde, die das Kind ben&uuml;tzt, um
+in sein Zimmer zu fl&uuml;chten und den Riegel vorzuschieben.</p>
+
+<p>Eine Minute nur hat dieser mittern&auml;chtige Kampf gedauert. Niemand
+rechts und links hat ihn geh&ouml;rt. Alles ist still, alles scheint in
+Schlaf ertrunken. Der Baron wischt sich die blutende Hand mit dem
+Taschentuch, sp&auml;ht beunruhigt in das Dunkel. Niemand hat gelauscht.
+Nur oben flimmert&nbsp;&ndash; ihm d&uuml;nkt: h&ouml;hnisch&nbsp;&ndash; ein letztes, unruhiges
+Licht.</p>
+
+
+
+
+<h2>Gewitter</h2>
+
+
+<p class="dropcap">War das Traum, ein b&ouml;ser, gef&auml;hrlicher Traum?&ldquo; fragte sich
+Edgar am n&auml;chsten Morgen, als er mit verstr&auml;hntem Haar
+aus einer Wirrnis von Angst erwachte. Den Kopf qu&auml;lte dumpfes
+Dr&ouml;hnen, die Gelenke ein erstarrtes, h&ouml;lzernes Gef&uuml;hl, und jetzt, wie
+er an sich hinabsah, merkte er erschreckt, da&szlig; er noch in den Kleidern
+stak. Er sprang auf, taumelte an den Spiegel und schauerte zur&uuml;ck
+vor seinem eigenen blassen, verzerrten Gesicht, das &uuml;ber der Stirne
+zu einem r&ouml;tlichen Striemen verschwollen war. M&uuml;hsam raffte er<!-- Page 60 -->
+seine Gedanken zusammen und erinnerte sich jetzt be&auml;ngstigt an alles,
+an den n&auml;chtigen Kampf drau&szlig;en im Gang, sein Zur&uuml;ckst&uuml;rzen ins
+Zimmer, und da&szlig; er dann, zitternd im Fieber, angezogen und fluchtbereit
+sich auf das Bett geworfen habe. Dort mu&szlig;te er eingeschlafen
+sein, hinabgest&uuml;rzt in diesen dumpfen, verhangenen Schlaf, in dessen
+Tr&auml;umen dann all dies noch einmal wiedergekehrt war, nur anders
+und noch furchtbarer, mit einem feuchten Geruch von frischem,
+flie&szlig;endem Blut.</p>
+
+<p>Unten gingen Schritte knirschend &uuml;ber den Kies, Stimmen flogen
+wie unsichtbare V&ouml;gel herauf, und die Sonne griff tief ins Zimmer
+hinein. Es mu&szlig;te schon sp&auml;t am Vormittag sein, aber die Uhr, die
+er erschreckt befragte, deutete auf Mitternacht, er hatte in seiner Aufregung
+vergessen, sie gestern aufzuziehen. Und diese Ungewi&szlig;heit,
+irgendwo lose in der Zeit zu h&auml;ngen, beunruhigte ihn, verst&auml;rkt durch
+das Gef&uuml;hl der Unkenntnis, was eigentlich geschehen war. Er richtete
+sich rasch zusammen und ging hinab, Unruhe und ein leises Schuldgef&uuml;hl
+im Herzen.</p>
+
+<p>Im Fr&uuml;hst&uuml;ckszimmer sa&szlig; seine Mama allein am gewohnten Tisch.
+Edgar atmete auf, da&szlig; sein Feind nicht zugegen war, da&szlig; er sein verha&szlig;tes
+Gesicht nicht sehen mu&szlig;te, in das er gestern im Zorn seine
+Faust geschlagen hatte. Und doch, wie er nun an den Tisch herantrat,
+f&uuml;hlte er sich unsicher.</p>
+
+<p>&bdquo;Guten Morgen&ldquo;, gr&uuml;&szlig;te er.</p>
+
+<p>Seine Mutter antwortete nicht. Sie blickte nicht einmal auf, sondern
+betrachtete mit merkw&uuml;rdig starren Pupillen in der Ferne die Landschaft.
+Sie sah sehr bla&szlig; aus, hatte die Augen leicht umr&auml;ndert und
+um die Nasenfl&uuml;gel jenes nerv&ouml;se Zucken, das so verr&auml;terisch f&uuml;r ihre
+Erregung war. Edgar verbi&szlig; die Lippen. Dieses Schweigen verwirrte
+ihn. Er wu&szlig;te eigentlich nicht, ob er den Baron gestern schwer
+verletzt hatte und ob sie &uuml;berhaupt um diesen n&auml;chtigen Zusammensto&szlig;<!-- Page 61 -->
+wissen konnte. Und diese Unsicherheit qu&auml;lte ihn. Aber ihr Gesicht
+blieb so starr, da&szlig; er gar nicht versuchte, zu ihr aufzublicken,
+aus Angst, die jetzt gesenkten Augen m&ouml;chten pl&ouml;tzlich hinter den verhangenen
+Lidern aufspringen und ihn fassen. Er wurde ganz still,
+wagte nicht einmal, L&auml;rm zu machen, ganz vorsichtig hob er die
+Tasse und stellte sie wieder zur&uuml;ck, verstohlen hinblickend auf die
+Finger seiner Mutter, die sehr nerv&ouml;s mit dem L&ouml;ffel spielten und
+in ihrer Gekr&uuml;mmtheit geheimen Zorn zu verraten schienen. Eine
+Viertelstunde sa&szlig; er so in dem schw&uuml;len Gef&uuml;hl der Erwartung auf
+etwas, das nicht kam. Kein Wort, kein einziges erl&ouml;ste ihn. Und
+jetzt, da seine Mutter aufstand, noch immer, ohne seine Gegenwart
+bemerkt zu haben, wu&szlig;te er nicht, was er tun sollte: allein hier beim
+Tisch sitzen bleiben oder ihr folgen. Schlie&szlig;lich erhob er sich doch,
+ging dem&uuml;tig hinter ihr her, die ihn geflissentlich &uuml;bersah, und sp&uuml;rte
+immer dabei, wie l&auml;cherlich sein Nachschleichen war. Immer kleiner
+machte er seine Schritte, um mehr und mehr hinter ihr zur&uuml;ckzubleiben,
+die, ohne ihn zu beachten, in ihr Zimmer ging. Als Edgar
+endlich nachkam, stand er vor einer hart geschlossenen T&uuml;re.</p>
+
+<p>Was war geschehen? Er kannte sich nicht mehr aus. Das sichere
+Bewu&szlig;tsein von gestern hatte ihn verlassen. War er am Ende gestern
+im Unrecht gewesen mit diesem &Uuml;berfall? Und bereiteten sie gegen ihn
+eine Strafe vor oder eine neue Dem&uuml;tigung? Etwas mu&szlig;te geschehen,
+das f&uuml;hlte er, etwas Furchtbares mu&szlig;te sehr bald geschehen.
+Zwischen ihnen war die Schw&uuml;le eines aufziehenden Gewitters, die
+elektrische Spannung zweier geladener Pole, die sich im Blitz erl&ouml;sen
+mu&szlig;te. Und diese Last des Vorgef&uuml;hls schleppte er durch vier einsame
+Stunden mit sich herum, von Zimmer zu Zimmer, bis sein
+schmaler Kindernacken niederbrach von unsichtbarem Gewicht und
+er mittags, nun schon ganz dem&uuml;tig, an den Tisch trat.</p>
+
+<p>&bdquo;Guten Tag&ldquo;, sagte er wieder. Er mu&szlig;te dieses Schweigen zerrei&szlig;en,<!-- Page 62 -->
+dieses furchtbar drohende, das &uuml;ber ihm als schwarze
+Wolke hing.</p>
+
+<p>Wieder antwortete die Mutter nicht, wieder sah sie an ihm vorbei.
+Und mit neuem Erschrecken f&uuml;hlte sich Edgar jetzt einem besonnenen,
+geballten Zorn gegen&uuml;ber, wie er ihn bisher in seinem Leben noch
+nicht gekannt hatte. Bisher waren ihre Streitigkeiten immer nur
+Wutausbr&uuml;che mehr der Nerven als des Gef&uuml;hls gewesen, rasch
+verfl&uuml;chtigt in ein L&auml;cheln der Beg&uuml;tigung. Diesmal aber hatte er,
+das wurde ihm deutlich bewu&szlig;t, ein wildes Gef&uuml;hl aus dem untersten
+Grund ihres Wesens aufgew&uuml;hlt, und er erschrak vor dieser unvorsichtig
+beschworenen Gewalt. Kaum vermochte er zu essen. In seiner
+Kehle quoll etwas Trockenes auf, das ihn zu erw&uuml;rgen drohte. Seine
+Mutter schien von alldem nichts zu merken. Nur jetzt, beim Aufstehen,
+wandte sie sich wie gelegentlich zur&uuml;ck und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Komm dann hinauf, Edgar, ich habe mit dir zu reden.&ldquo;</p>
+
+<p>Es klang nicht drohend, aber doch so eisig kalt, da&szlig; Edgar die Worte
+schauernd f&uuml;hlte, als h&auml;tte man ihm eine eiserne Kette pl&ouml;tzlich um
+den Hals gelegt. Sein Trotz war zertreten. Schweigend, wie ein gepr&uuml;gelter
+Hund, folgte er ihr hinauf in das Zimmer.</p>
+
+<p>Sie verl&auml;ngerte ihm die Qual, indem sie einige Minuten schwieg.
+Minuten, in denen er die Uhr schlagen h&ouml;rte und drau&szlig;en ein Kind
+lachen und in sich selbst das Herz an die Brust h&auml;mmern. Aber
+auch in ihr mu&szlig;te eine gro&szlig;e Unsicherheit sein, denn sie sah ihn
+nicht an, w&auml;hrend sie jetzt zu ihm sprach, sondern wandte ihm den
+R&uuml;cken.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will nicht mehr &uuml;ber dein Betragen von gestern reden. Es war
+unerh&ouml;rt, und ich sch&auml;me mich jetzt, wenn ich daran denke. Du hast
+dir die Folgen selber zuzuschreiben. Ich will dir jetzt nur sagen, es
+war das letztemal, da&szlig; du allein unter Erwachsenen sein durftest.
+Ich habe eben an deinen Papa geschrieben, da&szlig; du einen Hofmeister<!-- Page 63 -->
+bekommst oder in ein Pensionat geschickt wirst, um Manieren zu
+lernen. Ich werde mich nicht mehr mit dir &auml;rgern.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar stand mit gesenktem Kopf da. Er sp&uuml;rte, da&szlig; dies nur eine
+Einleitung, eine Drohung war, und wartete beunruhigt auf das
+Eigentliche.</p>
+
+<p>&bdquo;Du wirst dich jetzt sofort beim Baron entschuldigen.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar zuckte auf, aber sie lie&szlig; sich nicht unterbrechen.</p>
+
+<p>&bdquo;Der Baron ist heute abgereist, und du wirst ihm einen Brief
+schreiben, den ich dir diktieren werde.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar r&uuml;hrte sich wieder, aber seine Mutter war fest.</p>
+
+<p>&bdquo;Keine Widerrede. Da ist Papier und Tinte, setze dich hin.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar sah auf. Ihre Augen waren geh&auml;rtet von einem unbeugsamen
+Entschlu&szlig;. So hatte er seine Mutter nie gekannt, so hart und gelassen.
+Furcht &uuml;berkam ihn. Er setzte sich hin, nahm die Feder, duckte
+aber das Gesicht tief auf den Tisch.</p>
+
+<p>&bdquo;Oben das Datum. Hast du? Vor der &Uuml;berschrift eine Zeile leer
+lassen. So! Sehr geehrter Herr Baron! Rufzeichen. Wieder eine
+Zeile freilassen. Ich erfahre soeben zu meinem Bedauern&nbsp;&ndash; hast du?&nbsp;&ndash;
+zu meinem Bedauern, da&szlig; Sie den Semmering schon verlassen haben,
+&ndash; Semmering mit zwei m&nbsp;&ndash; und so mu&szlig; ich brieflich tun, was ich
+pers&ouml;nlich beabsichtigt hatte, n&auml;mlich&nbsp;&ndash; etwas rascher, es mu&szlig; nicht
+kalligraphiert sein!&nbsp;&ndash; Sie um Entschuldigung bitten f&uuml;r mein gestriges
+Betragen. Wie Ihnen meine Mama gesagt haben wird, bin ich noch
+Rekonvaleszent von einer schweren Erkrankung und sehr reizbar.
+Ich sehe dann oft Dinge, die &uuml;bertrieben sind und die ich im
+n&auml;chsten Augenblick bereue&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Der gekr&uuml;mmte R&uuml;cken &uuml;ber dem Tisch schnellte auf. Edgar drehte
+sich um: sein Trotz war wieder wach.</p>
+
+<p>&bdquo;Das schreibe ich nicht, das ist nicht wahr!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Edgar!&ldquo;</p>
+
+<!-- Page 64 -->
+<p>Sie drohte mit der Stimme.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist nicht wahr. Ich habe nichts getan, was ich zu bereuen habe.
+Ich habe nichts Schlechtes getan, wof&uuml;r ich mich zu entschuldigen
+h&auml;tte. Ich bin dir nur zu Hilfe gekommen, wie du gerufen hast!&ldquo;</p>
+
+<p>Ihre Lippen wurden blutlos, die Nasenfl&uuml;gel spannten sich.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe um Hilfe gerufen? Du bist toll!&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar wurde zornig, mit einem Ruck sprang er auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, du hast um Hilfe gerufen, da drau&szlig;en im Gang, gestern nacht,
+wie er dich angefa&szlig;t hat. &sbquo;Lassen Sie mich, lassen Sie mich&lsquo;, hast du
+gerufen. So laut, da&szlig; ichs bis ins Zimmer hinein geh&ouml;rt habe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du l&uuml;gst, ich war nie mit dem Baron im Gang hier. Er hat mich
+nur bis zur Treppe begleitet&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>In Edgar stockte das Herz bei dieser k&uuml;hnen L&uuml;ge. Die Stimme verschlug
+sich ihm, er starrte sie an mit gl&auml;sernen Augensternen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du&nbsp;&hellip; warst nicht&nbsp;&hellip; im Gang? Und er&nbsp;&hellip; er hat dich nicht
+gehalten? Nicht mit Gewalt herumgefa&szlig;t?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie lachte. Ein kaltes, trockenes Lachen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast getr&auml;umt.&ldquo;</p>
+
+<p>Das war zuviel f&uuml;r das Kind. Er wu&szlig;te jetzt ja schon, da&szlig; die Erwachsenen
+logen, da&szlig; sie kleine, kecke Ausreden hatten, L&uuml;gen, die
+durch enge Maschen schl&uuml;pften, und listige Zweideutigkeiten. Aber
+dies freche, kalte Ableugnen, Stirn gegen Stirn, machte ihn rasend.</p>
+
+<p>&bdquo;Und da diese Striemen habe ich auch getr&auml;umt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wer wei&szlig;, mit wem du dich herumgeschlagen hast. Aber ich brauche
+ja mit dir keine Diskussion zu f&uuml;hren, du hast zu parieren, und damit
+Schlu&szlig;. Setze dich hin und schreib!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie war sehr bla&szlig; und suchte mit letzter Kraft ihre Anspannung
+aufrecht zu halten.</p>
+
+<p>Aber in Edgar brach irgendwie etwas jetzt zusammen, irgendeine
+letzte Flamme von Gl&auml;ubigkeit. Da&szlig; man die Wahrheit so einfach<!-- Page 65 -->
+mit dem Fu&szlig; ausstampfen konnte wie ein brennendes Z&uuml;ndholz, das
+ging ihm nicht ein. Eisig zogs sich in ihm zusammen, alles wurde
+spitz, boshaft, ungefa&szlig;t, was er sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;So, das habe ich getr&auml;umt? Das im Gang und den Striemen da?
+Und da&szlig; ihr beide gestern dort im Mondschein promeniert seid, und
+da&szlig; er dich den Weg hinabf&uuml;hren wollte, das vielleicht auch? Glaubst
+du, ich lasse mich einsperren im Zimmer wie ein kleines Kind! Nein,
+ich bin nicht so dumm, wie ihr glaubt. Ich wei&szlig;, was ich wei&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>Frech starrte er ihr in das Gesicht, und das brach ihre Kraft: das
+Gesicht ihres eigenen Kindes zu sehen, knapp vor sich und verzerrt
+von Ha&szlig;. Ungest&uuml;m brach ihr Zorn heraus.</p>
+
+<p>&bdquo;Vorw&auml;rts, du wirst sofort schreiben! Oder&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Oder was&nbsp;&hellip;?&ldquo; Herausfordernd frech war jetzt seine Stimme geworden.</p>
+
+<p>&bdquo;Oder ich pr&uuml;gel dich wie ein kleines Kind.&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar trat einen Schritt n&auml;her, h&ouml;hnisch, und lachte nur.</p>
+
+<p>Da fuhr ihm schon ihre Hand ins Gesicht. Edgar schrie auf. Und
+wie ein Ertrinkender, der mit den H&auml;nden um sich schl&auml;gt, nur ein
+dumpfes Brausen in den Ohren, rotes Flirren vor den Augen, so
+hieb er blind mit den F&auml;usten zur&uuml;ck. Er sp&uuml;rte, da&szlig; er in etwas
+Weiches schlug, jetzt gegen das Gesicht, h&ouml;rte einen Schrei&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Dieser Schrei brachte ihn zu sich. Pl&ouml;tzlich sah er sich selbst, und
+das Ungeheure wurde ihm bewu&szlig;t: da&szlig; er seine Mutter schlug.
+Eine Angst &uuml;berfiel ihn, Scham und Entsetzen, das ungest&uuml;me Bed&uuml;rfnis,
+jetzt weg zu sein, in den Boden zu sinken, fort zu sein, fort,
+nur nicht mehr unter diesen Blicken. Er st&uuml;rzte zur T&uuml;re und die
+Treppe rasch hinab, durch das Haus auf die Stra&szlig;e, fort, nur fort,
+als hetzte hinter ihm eine rasende Meute.</p>
+
+
+
+
+<!-- Page 66 -->
+<h2>Erste Einsicht</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Weiter drunten am Weg blieb er endlich stehen. Er mu&szlig;te sich an
+einem Baum festhalten, so sehr zitterten seine Glieder in Angst
+und Erregung, so r&ouml;chelnd brach ihm der Atem aus der &uuml;berhetzten
+Brust. Hinter ihm war das Grauen vor der eigenen Tat gerannt, nun
+fa&szlig;te es seine Kehle und sch&uuml;ttelte ihn wie im Fieber hin und her.
+Was sollte er jetzt tun? Wohin fliehen? Denn hier schon, mitten im
+nahen Wald, eine Viertelstunde nur vom Haus, wo er wohnte, befiel
+ihn das Gef&uuml;hl der Verlassenheit. Alles schien anders, feindlicher,
+geh&auml;ssiger, seit er allein und ohne Hilfe war. Die B&auml;ume, die gestern
+ihn noch br&uuml;derlich umrauscht hatten, ballten sich mit einem Male
+finster wie eine Drohung. Um wieviel aber mu&szlig;te all dies, was
+noch vor ihm war, fremder und unbekannter sein? Dieses Alleinsein
+gegen die gro&szlig;e, unbekannte Welt machte das Kind schwindelig.
+Nein, er konnte es noch nicht ertragen, noch nicht allein ertragen.
+Aber zu wem sollte er fliehen? Vor seinem Vater hatte er Angst,
+der war leicht erregbar, unzug&auml;nglich und w&uuml;rde ihn sofort zur&uuml;ckschicken.
+Zur&uuml;ck aber wollte er nicht, eher noch in die gef&auml;hrliche
+Fremdheit des Unbekannten hinein; ihm war, als k&ouml;nnte er nie
+mehr das Gesicht seiner Mutter sehen, ohne zu denken, da&szlig; er mit
+der Faust hineingeschlagen hatte.</p>
+
+<p>Da fiel ihm seine Gro&szlig;mutter ein, diese alte, gute, freundliche Frau,
+die ihn von Kindheit an verz&auml;rtelt hatte, immer sein Schutz gewesen
+war, wenn ihm zu Hause eine Z&uuml;chtigung, ein Unrecht drohte. Bei
+ihr in Baden wollte er sich verstecken, bis der erste Zorn vor&uuml;ber war,
+wollte dort einen Brief an die Eltern schreiben und sich entschuldigen.
+In dieser Viertelstunde war er schon so gedem&uuml;tigt, blo&szlig; durch den
+Gedanken, allein mit seinen unerfahrenen H&auml;nden in der Welt zu
+stehen, da&szlig; er seinen Stolz verw&uuml;nschte, diesen dummen Stolz, den<!-- Page 67 -->
+ihm ein fremder Mensch mit einer L&uuml;ge ins Blut gejagt hatte. Er
+wollte ja nichts sein als das Kind von vordem, gehorsam, geduldig
+ohne die Anma&szlig;ung, deren l&auml;cherliche &Uuml;bertriebenheit er jetzt f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Aber wie hinkommen nach Baden? Wie stundenweit das Land &uuml;berfliegen?
+Hastig griff er in sein kleines, ledernes Portemonnaie, das
+er immer bei sich trug. Gott sei dank, da blinkte es noch, das neue,
+goldene Zwanzigkronenst&uuml;ck, das ihm zum Geburtstag geschenkt
+worden war. Nie hatte er sich entschlie&szlig;en k&ouml;nnen, es auszugeben.
+Aber fast t&auml;glich hatte er nachgesehen, ob es noch da sei, sich an
+seinem Anblick geweidet, daran reich gef&uuml;hlt und dann immer die
+M&uuml;nze in dankbarer Z&auml;rtlichkeit mit seinem Taschentuch blank geputzt,
+bis sie funkelte wie eine kleine Sonne. Aber&nbsp;&ndash; der j&auml;he Gedanke
+erschreckte ihn&nbsp;&ndash; w&uuml;rde das gen&uuml;gen? Er war so oft schon in
+seinem Leben mit der Bahn gefahren, ohne daran auch nur zu denken,
+da&szlig; man daf&uuml;r bezahlen mu&szlig;te oder schon gar, wieviel das kosten
+k&ouml;nnte, ob eine Krone oder hundert. Zum ersten Male sp&uuml;rte er,
+da&szlig; es da Tatsachen des Lebens gab, an die er nie gedacht hatte, da&szlig;
+all die vielen Dinge, die ihn umringten, die er zwischen den Fingern
+gehabt und mit denen er gespielt hatte, irgendwie mit einem eigenen
+Wert gef&uuml;llt waren, einem besonderen Gewicht. Er, der sich noch vor
+einer Stunde allwissend d&uuml;nkte, war, das sp&uuml;rte er jetzt, an tausend
+Geheimnissen und Fragen achtlos vorbeigegangen und sch&auml;mte sich,
+da&szlig; seine arme Weisheit schon &uuml;ber die erste Stufe ins Leben hinein
+stolperte. Immer verzagter wurde er, immer kleiner waren seine
+unsicheren Schritte bis hinab zur Station. Wie oft hatte er getr&auml;umt
+von dieser Flucht, gedacht, ins Leben hinauszust&uuml;rmen, Kaiser
+zu werden oder K&ouml;nig, Soldat oder Dichter, und nun sah er zaghaft
+auf das kleine helle Haus hin, und dachte nur einzig daran, ob die
+zwanzig Kronen ausreichen w&uuml;rden, ihn bis zu seiner Gro&szlig;mutter
+zu bringen. Die Schienen gl&auml;nzten weit ins Land hinaus, der Bahnhof<!-- Page 68 -->
+war leer und verlassen. Sch&uuml;chtern schlich sich Edgar an die
+Kasse hin und fl&uuml;sterte, damit niemand anderer ihn h&ouml;ren k&ouml;nnte,
+wieviel eine Karte nach Baden koste. Ein verwundertes Gesicht sah
+hinter dem dunklen Verschlag heraus, zwei Augen l&auml;chelten hinter
+den Brillen auf das zaghafte Kind:</p>
+
+<p>&bdquo;Eine ganze Karte?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja&ldquo;, stammelte Edgar. Aber ganz ohne Stolz, mehr in Angst, es
+m&ouml;chte zuviel kosten.</p>
+
+<p>&bdquo;Sechs Kronen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bitte!&ldquo;</p>
+
+<p>Erleichtert schob er das blanke, vielgeliebte St&uuml;ck hin, Geld klirrte
+zur&uuml;ck, und Edgar f&uuml;hlte sich mit einem Male wieder uns&auml;glich reich,
+nun, da er das braune St&uuml;ck Pappe in der Hand hatte, das ihm die
+Freiheit verb&uuml;rgte, und in seiner Tasche die ged&auml;mpfte Musik von
+Silber klang.</p>
+
+<p>Der Zug sollte in zwanzig Minuten eintreffen, belehrte ihn der Fahrplan.
+Edgar dr&uuml;ckte sich in eine Ecke. Ein paar Leute standen auf
+dem Perron, unbesch&auml;ftigt und ohne Gedanken. Aber dem Beunruhigten
+war, als s&auml;hen alle nur ihn an, als wunderten sich alle,
+da&szlig; so ein Kind schon allein fahre, als w&auml;re ihm die Flucht und das
+Verbrechen an die Stirne geheftet. Er atmete auf, als endlich von
+ferne der Zug zum ersten Male heulte und dann heranbrauste. Der
+Zug, der ihn in die Welt tragen sollte. Beim Einsteigen erst bemerkte
+er, da&szlig; seine Karte f&uuml;r die dritte Klasse galt. Bisher war er nur
+immer erster Klasse gefahren, und wiederum f&uuml;hlte er, da&szlig; hier
+etwas ver&auml;ndert sei, da&szlig; es Verschiedenheiten gab, die ihm entgangen
+waren. Andere Leute hatte er zu Nachbarn wie bisher. Ein paar
+italienische Arbeiter mit harten H&auml;nden und rauhen Stimmen,
+Spaten und Schaufel in den H&auml;nden, sa&szlig;en gerade gegen&uuml;ber und
+blickten mit dumpfen, trostlosen Augen vor sich hin. Sie mu&szlig;ten<!-- Page 69 -->
+offenbar schwer am Weg gearbeitet haben, denn einige von ihnen
+waren m&uuml;de und schliefen im ratternden Zug, an das harte und
+schmutzige Holz gelehnt, mit offenem Munde. Sie hatten gearbeitet,
+um Geld zu verdienen, dachte Edgar, konnte sich aber nicht denken,
+wieviel es gewesen sein mochte; er f&uuml;hlte aber wiederum, da&szlig; Geld
+eine Sache war, die man nicht immer hatte, sondern die irgendwie
+erworben werden mu&szlig;te. Zum erstenmal kam ihm jetzt zum Bewu&szlig;tsein,
+da&szlig; er eine Atmosph&auml;re von Wohlbehagen selbstverst&auml;ndlich
+gewohnt war und da&szlig; rechts und links von seinem Leben Abgr&uuml;nde
+tief ins Dunkel hineinklafften, an die sein Blick nie ger&uuml;hrt
+hatte. Mit einem Male bemerkte er, da&szlig; es Berufe gab und Bestimmungen,
+da&szlig; rings um sein Leben Geheimnisse geschart waren,
+nah zum Greifen und doch nie beachtet. Edgar lernte viel von dieser
+einen Stunde, seit er allein stand, er begann vieles zu sehn aus
+diesem engen Abteil mit den Fenstern ins Freie. Und leise begann
+in seiner dunklen Angst etwas aufzubl&uuml;hen, das noch nicht Gl&uuml;ck
+war, aber doch schon ein Staunen vor der Mannigfaltigkeit des
+Lebens. Er war gefl&uuml;chtet aus Angst und Feigheit, das empfand er
+in jeder Sekunde, aber doch zum ersten Male hatte er selbst&auml;ndig
+gehandelt, etwas erlebt von dem Wirklichen, an dem er bisher vorbeigegangen
+war. Zum ersten Male war er vielleicht der Mutter
+und dem Vater selbst Geheimnis geworden, wie ihm bislang die
+Welt. Mit anderen Blicken sah er aus dem Fenster. Und es war
+ihm, als ob er zum ersten Male alles Wirkliche s&auml;he, als ob ein
+Schleier von den Dingen gefallen sei und sie ihm nun alles zeigten,
+das Innere ihrer Absicht, den geheimen Nerv ihrer T&auml;tigkeit. H&auml;user
+flogen vorbei wie vom Wind weggerissen, und er mu&szlig;te an die Menschen
+denken, die drinnen wohnten, ob sie reich seien oder arm, gl&uuml;cklich
+oder ungl&uuml;cklich, ob sie auch die Sehnsucht hatten wie er, alles
+zu wissen, und ob vielleicht Kinder dort seien, die auch nur mit den<!-- Page 70 -->
+Dingen bisher gespielt hatten wie er selbst. Die Bahnw&auml;chter, die
+mit wehenden Fahnen am Weg standen, schienen ihm zum ersten
+Male nicht, wie bisher, lose Puppen und totes Spielzeug, Dinge,
+hingestellt von gleichg&uuml;ltigem Zufall, sondern er verstand, da&szlig; das
+ihr Schicksal war, ihr Kampf gegen das Leben. Immer rascher rollten
+die R&auml;der, nun lie&szlig;en die runden Serpentinen den Zug zum Tale
+niedersteigen, immer sanfter wurden die Berge, immer ferner, schon
+war die Ebene erreicht. Einmal noch sah er zur&uuml;ck, da waren sie
+schon blau und schattenhaft, weit und unerreichbar, und ihm war,
+als l&auml;ge dort, wo sie langsam in dem nebligen Himmel sich l&ouml;sten,
+seine eigene Kindheit.</p>
+
+
+
+
+<h2>Verwirrende Finsternis</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Aber dann in Baden, als der Zug hielt und Edgar sich allein auf
+dem Perron befand, wo schon die Lichter entflammt waren, die
+Signale gr&uuml;n und rot in die Ferne gl&auml;nzten, verband sich unversehens
+mit diesem bunten Anblick eine pl&ouml;tzliche Bangnis vor der nahen
+Nacht. Bei Tag hatte er sich noch sicher gef&uuml;hlt, denn ringsum waren
+ja Menschen, man konnte sich ausruhen, auf eine Bank setzen oder
+vor den L&auml;den in die Fenster starren. Wie aber w&uuml;rde er dies ertragen
+k&ouml;nnen, wenn die Menschen sich wieder in die H&auml;user verloren,
+jeder ein Bett hatte, ein Gespr&auml;ch und dann eine beruhigte
+Nacht, w&auml;hrend er im Gef&uuml;hl seiner Schuld allein herumirren
+mu&szlig;te, in einer fremden Einsamkeit. Oh, nur bald ein Dach &uuml;ber
+sich haben, nicht eine Minute mehr unter freiem fremden Himmel
+stehen, das war sein einziges klares Gef&uuml;hl.</p>
+
+<p>Hastig ging er den wohlbekannten Weg, ohne nach rechts und links
+zu blicken, bis er endlich vor die Villa kam, die seine Gro&szlig;mutter
+bewohnte. Sie lag sch&ouml;n an einer breiten Stra&szlig;e, aber nicht frei den<!-- Page 71 -->
+Blicken dargeboten, sondern hinter Ranken und Efeu eines wohlbeh&uuml;teten
+Gartens, ein Glanz hinter einer Wolke von Gr&uuml;n, ein
+wei&szlig;es, altv&auml;terisch freundliches Haus. Edgar sp&auml;hte durch das
+Gitter wie ein Fremder. Innen regte sich nichts, die Fenster waren
+verschlossen, offenbar waren alle mit G&auml;sten r&uuml;ckw&auml;rts im Garten.
+Schon ber&uuml;hrte er die k&uuml;hle Klinke, als ein Seltsames geschah: mit
+einem Male schien ihm das, was er sich jetzt seit zwei Stunden so
+leicht, so selbstverst&auml;ndlich gedacht hatte, unm&ouml;glich. Wie sollte er
+eintreten, wie sie begr&uuml;&szlig;en, wie diese Fragen ertragen und wie beantworten?
+Wie diesen ersten Blick aushalten, wenn er berichten
+mu&szlig;te, da&szlig; er heimlich seiner Mutter entflohen sei? Und wie gar
+das Ungeheuerliche seiner Tat erkl&auml;ren, die er selbst schon nicht mehr
+begriff! Innen ging jetzt eine T&uuml;r. Mit einem Male befiel ihn eine
+t&ouml;richte Angst, es m&ouml;chte jemand kommen, und er lief weiter, ohne
+zu wissen wohin.</p>
+
+<p>Vor dem Kurpark hielt er an, weil er dort Dunkel sah und keine
+Menschen vermutete. Dort konnte er sich vielleicht niedersetzen und
+endlich, endlich ruhig denken, ausruhen und &uuml;ber sein Schicksal klar
+werden. Sch&uuml;chtern trat er ein. Vorne brannten ein paar Laternen
+und gaben den noch jungen Bl&auml;ttern einen gespenstigen Wasserglanz
+von durchsichtigem Gr&uuml;n; weiter r&uuml;ckw&auml;rts aber, wo er den H&uuml;gel
+niedersteigen mu&szlig;te, lag alles wie eine einzige, dumpfe, schwarze,
+g&auml;rende Masse in der wirren Finsternis einer verfr&uuml;hten Fr&uuml;hlingsnacht.
+Edgar schlich scheu an den paar Menschen vorbei, die hier
+unter dem Lichtkreis der Laternen plaudernd oder lesend sa&szlig;en: er
+wollte allein sein. Aber auch droben in der schattenden Finsternis
+der unbeleuchteten G&auml;nge war keine Ruhe. Alles war da erf&uuml;llt von
+einem leisen, lichtscheuen Rieseln und Reden, das vielfach gemischt
+war mit dem Atem des Windes zwischen den biegsamen Bl&auml;ttern,
+dem Schl&uuml;rfen ferner Schritte, dem Fl&uuml;stern verhaltener Stimmen,<!-- Page 72 -->
+mit irgendeinem woll&uuml;stigen, seufzenden, angstvoll st&ouml;hnenden Get&ouml;n,
+das von Menschen und Tieren und der unruhig schlafenden Natur
+gleichzeitig ausgehen mochte. Es war eine gef&auml;hrliche Unruhe, eine
+geduckte, versteckte und be&auml;ngstigende r&auml;tselhafte, die hier atmete,
+irgendein unterirdisches W&uuml;hlen im Wald, das vielleicht nur mit
+dem Fr&uuml;hling zusammenhing, das ratlose Kind aber seltsam ver&auml;ngstigte.</p>
+
+<p>Er pre&szlig;te sich ganz klein auf eine Bank hin in dieses abgr&uuml;ndige
+Dunkel und versuchte nun zu &uuml;berlegen, was er zu Hause erz&auml;hlen
+sollte. Aber die Gedanken glitten ihm glitschig weg, ehe er sie fassen
+konnte, gegen seinen eigenen Willen mu&szlig;te er immer nur lauschen
+und lauschen auf das ged&auml;mpfte T&ouml;nen, die mystischen Stimmen des
+Dunkels. Wie furchtbar diese Finsternis war, wie verwirrend und
+doch wie geheimnisvoll sch&ouml;n! Waren es Tiere oder Menschen oder
+nur die gespenstige Hand des Windes, die all dieses Rauschen und
+Knistern, dieses Surren und Locken ineinanderwebte? Er lauschte.
+Es war der Wind, der unruhig durch die B&auml;ume schlich, aber&nbsp;&ndash; jetzt
+sah er es deutlich&nbsp;&ndash; auch Menschen, verschlungene Paare, die von
+unten, von der hellen Stadt heraufkamen und die Finsternis mit
+ihrer r&auml;tselhaften Gegenwart belebten. Was wollten sie? Er konnte
+es nicht begreifen. Sie sprachen nicht miteinander, denn er h&ouml;rte
+keine Stimmen, nur die Schritte knirschten unruhig im Kies, und
+hie und da sah er in der Lichtung ihre Gestalten fl&uuml;chtig wie Schatten
+vor&uuml;berschweben, immer aber so in eins verschlungen, wie er damals
+seine Mutter mit dem Baron gesehen hatte. Dieses Geheimnis, das
+gro&szlig;e, funkelnde und verh&auml;ngnisvolle, es war also auch hier. Immer
+n&auml;her h&ouml;rte er jetzt Schritte herankommen und nun auch ein ged&auml;mpftes
+Lachen. Angst befiel ihn, die Nahenden m&ouml;chten ihn hier
+finden, und noch tiefer ins Dunkel dr&uuml;ckte er sich hinein. Aber die
+beiden, die jetzt durch die undurchdringliche Finsternis den Weg<!-- Page 73 -->
+herauftasteten, sahen ihn nicht. Verschlungen gingen sie vorbei, schon
+atmete Edgar auf, da stockte pl&ouml;tzlich ihr Schritt, knapp vor seiner
+Bank. Sie pre&szlig;ten die Gesichter aneinander, Edgar konnte nichts
+deutlich sehen, er h&ouml;rte nur, wie ein St&ouml;hnen aus dem Munde der
+Frau brach, der Mann hei&szlig;e, wahnsinnige Worte stammelte, und
+irgendein schw&uuml;les Vorgef&uuml;hl durchdrang seine Angst mit einem
+woll&uuml;stigen Schauer. Eine Minute blieben sie so, dann knirschte
+wieder der Kies unter ihren weiterwandernden Schritten, die dann
+bald in der Finsternis verklangen.</p>
+
+<p>Edgar schauerte zusammen. Das Blut st&uuml;rzte ihm jetzt wieder in
+die Adern zur&uuml;ck, hei&szlig;er und w&auml;rmer als zuvor. Und mit einem
+Male f&uuml;hlte er sich unertr&auml;glich einsam in dieser verwirrenden Finsternis,
+urm&auml;chtig kam das Bed&uuml;rfnis &uuml;ber ihn nach irgendeiner
+befreundeten Stimme, einer Umarmung, nach einem hellen Zimmer,
+nach Menschen, die er liebte. Ihm war, als w&auml;re die ganze ratlose
+Dunkelheit dieser wirren Nacht nun in ihn gesunken und zersprenge
+ihm die Brust.</p>
+
+<p>Er sprang auf. Nur heim, heim, irgendwo zu Hause sein im warmen,
+im hellen Zimmer, in irgendeinem Zusammenhang mit Menschen.
+Was konnte ihm denn geschehen? Sollte man ihn schlagen und beschimpfen,
+er f&uuml;rchtete nichts mehr, seit er dieses Dunkel gesp&uuml;rt
+hatte und die Angst vor der Einsamkeit.</p>
+
+<p>Es trieb ihn vorw&auml;rts, ohne da&szlig; er sich sp&uuml;rte, und pl&ouml;tzlich stand
+er neuerdings vor der Villa, die Hand wieder an der k&uuml;hlen Klinke.
+Er sah, wie jetzt die Fenster erleuchtet durch das Gr&uuml;n glimmerten,
+sah in Gedanken hinter jeder hellen Scheibe den vertrauten Raum
+mit seinen Menschen darin. Schon dieses Nahsein gab ihm Gl&uuml;ck,
+schon dieses erste, beruhigende Gef&uuml;hl, da&szlig; er nah sei zu Menschen,
+von denen er sich geliebt wu&szlig;te. Und wenn er noch z&ouml;gerte, so war
+es nur, um dieses Vorgef&uuml;hl inniger zu genie&szlig;en.</p>
+
+<!-- Page 74 -->
+<p>Da schrie hinter ihm eine Stimme mit gellem Erschrecken:</p>
+
+<p>&bdquo;Edgar, da ist er ja!&ldquo;</p>
+
+<p>Das Dienstm&auml;dchen seiner Gro&szlig;mama hatte ihn gesehen, st&uuml;rzte auf
+ihn los und fa&szlig;te ihn bei der Hand. Die T&uuml;re wurde innen aufgerissen,
+bellend sprang ein Hund an ihm empor, aus dem Hause kam
+man mit Lichtern, er h&ouml;rte Stimmen mit Jubel und Schreck rufen,
+einen freudigen Tumult von Schreien und Schritten, die sich n&auml;herten,
+Gestalten, die er jetzt erkannte. Vorerst seine Gro&szlig;mutter mit ausgestrecktem
+Arm und hinter ihr&nbsp;&ndash; er glaubte zu tr&auml;umen&nbsp;&ndash; seine
+Mutter. Mit verweinten Augen, zitternd und versch&uuml;chtert, stand er
+selbst inmitten dieses hei&szlig;en Ausbruchs &uuml;berschwenglicher Gef&uuml;hle,
+unschl&uuml;ssig, was er tun, was er sagen sollte, und selber unklar, was
+er f&uuml;hlte: Angst oder Gl&uuml;ck.</p>
+
+
+
+
+<h2>Der letzte Traum</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Das war so geschehen: Man hatte ihn hier l&auml;ngst schon gesucht
+und erwartet. Seine Mutter, trotz ihres Zornes erschreckt durch
+das rasende Wegst&uuml;rzen des erregten Kindes, hatte ihn auf dem Semmering
+suchen lassen. Schon war alles in furchtbarster Aufregung
+und voll gef&auml;hrlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht
+brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.
+Dort stellte man rasch fest, da&szlig; Edgar eine Karte nach Baden genommen
+hatte, und sie fuhr, ohne zu z&ouml;gern, ihm sofort nach. Telegramme
+nach Baden und Wien an seinen Vater liefen ihr voran,
+Aufregung verbreitend, und seit zwei Stunden war alles in Bewegung
+nach dem Fl&uuml;chtigen.</p>
+
+<p>Jetzt hielten sie ihn fest, aber ohne Gewalt. In einem unterdr&uuml;ckten
+Triumph wurde er hineingef&uuml;hrt ins Zimmer, aber wie seltsam war
+ihm dies, da&szlig; er alle die harten Vorw&uuml;rfe, die sie ihm sagten, nicht<!-- Page 75 -->
+sp&uuml;rte, weil er in ihren Augen doch die Freude und die Liebe sah.
+Und sogar dieser Schein, dieser geheuchelte &Auml;rger dauerte nur einen
+Augenblick. Dann umarmte ihn wieder die Gro&szlig;mutter mit Tr&auml;nen,
+niemand sprach mehr von seiner Schuld, und er f&uuml;hlte sich von einer
+wundervollen F&uuml;rsorge umringt. Da zog ihm das M&auml;dchen den
+Rock aus und brachte ihm einen w&auml;rmeren, da fragte ihn die Gro&szlig;mutter,
+ob er nicht Hunger habe oder irgend etwas wollte, sie fragten
+und qu&auml;lten ihn mit z&auml;rtlicher Besorgnis, und wie sie seine Befangenheit
+sahen, fragten sie nicht mehr. Woll&uuml;stig empfand er das
+so mi&szlig;achtete und doch entbehrte Gef&uuml;hl wieder, ganz Kind zu sein,
+und Scham befiel ihn &uuml;ber die Anma&szlig;ung der letzten Tage, all dies
+entbehren zu wollen, es einzutauschen f&uuml;r die tr&uuml;gerische Lust einer
+eigenen Einsamkeit.</p>
+
+<p>Nebenan klingelte das Telephon. Er h&ouml;rte die Stimme seiner Mutter,
+h&ouml;rte einzelne Worte: &bdquo;Edgar&nbsp;&hellip; zur&uuml;ck&nbsp;&hellip; herkommen&nbsp;&hellip; letzter
+Zug&ldquo;, und wunderte sich, da&szlig; sie ihn nicht wild angefahren hatte,
+nur umfa&szlig;t mit so merkw&uuml;rdig verhaltenem Blick. Immer wilder
+wurde die Reue in ihm, und am liebsten h&auml;tte er sich hier all der
+Sorgfalt seiner Gro&szlig;mutter und seiner Tante entwunden und w&auml;re
+hineingegangen, sie um Verzeihung zu bitten, ihr ganz in Demut,
+ganz allein zu sagen, er wolle wieder Kind sein und gehorchen. Aber
+als er jetzt leise aufstand, sagte die Gro&szlig;mutter leise erschreckt:</p>
+
+<p>&bdquo;Wohin willst du?&ldquo;</p>
+
+<p>Da stand er besch&auml;mt. Sie hatten schon Angst f&uuml;r ihn, wenn er sich
+regte. Er hatte sie alle verschreckt, nun f&uuml;rchteten sie, er wolle wieder
+entfliehen. Wie w&uuml;rden sie begreifen k&ouml;nnen, da&szlig; niemand mehr
+diese Flucht bereute als er selbst!</p>
+
+<p>Der Tisch war gedeckt, und man brachte ihm ein eiliges Abendessen.
+Die Gro&szlig;mutter sa&szlig; bei ihm und wandte keinen Blick. Sie und die
+Tante und das M&auml;dchen schlossen ihn in einen stillen Kreis, und er<!-- Page 76 -->
+f&uuml;hlte sich von dieser W&auml;rme wundersam beruhigt. Nur da&szlig; seine
+Mutter nicht ins Zimmer trat, machte ihn wirr. Wenn sie h&auml;tte
+ahnen k&ouml;nnen, wie dem&uuml;tig er war, sie w&auml;re bestimmt gekommen!</p>
+
+<p>Da ratterte drau&szlig;en ein Wagen und hielt vor dem Haus. Die
+anderen schreckten so sehr auf, da&szlig; auch Edgar unruhig wurde. Die
+Gro&szlig;mutter ging hinaus, Stimmen flogen laut hin und her durch
+das Dunkel, und auf einmal wu&szlig;te er, da&szlig; sein Vater gekommen
+war. Scheu merkte Edgar, da&szlig; er jetzt wieder allein im Zimmer
+stand, und selbst dieses kleine Alleinsein verwirrte ihn. Sein Vater
+war streng, war der einzige, den er wirklich f&uuml;rchtete. Edgar horchte
+hinaus, sein Vater schien erregt zu sein, er sprach laut und ge&auml;rgert.
+Dazwischen klangen beg&uuml;tigend die Stimmen seiner Gro&szlig;mutter
+und der Mutter, offenbar wollten sie ihn milder stimmen. Aber die
+Stimme blieb hart, hart wie die Schritte, die jetzt herankamen, n&auml;her
+und n&auml;her, nun schon im Nebenzimmer waren, knapp vor der T&uuml;re,
+die jetzt aufgerissen wurde.</p>
+
+<p>Sein Vater war sehr gro&szlig;. Und uns&auml;glich klein f&uuml;hlte sich jetzt Edgar
+vor ihm, wie er eintrat, nerv&ouml;s und anscheinend wirklich im Zorn.</p>
+
+<p>&bdquo;Was ist dir eingefallen, du Kerl, davonzulaufen? Wie kannst du
+deine Mutter so erschrecken?&ldquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme war zornig und in den H&auml;nden eine wilde Bewegung.
+Hinter ihm war mit leisem Schritt jetzt die Mutter hereingetreten.
+Ihr Gesicht war verschattet.</p>
+
+<p>Edgar antwortete nicht. Er hatte das Gef&uuml;hl, sich rechtfertigen zu
+m&uuml;ssen, aber doch, wie sollte er das erz&auml;hlen, da&szlig; man ihn betrogen
+hatte und geschlagen? W&uuml;rde er es verstehen?</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, kannst du nicht reden? Was war los? Du kannst es ruhig
+sagen! War dir etwas nicht recht? Man mu&szlig; doch einen Grund
+haben, wenn man davonl&auml;uft! Hat dir jemand etwas zuleide getan?&ldquo;
+Edgar z&ouml;gerte. Die Erinnerung machte ihn wieder zornig, schon wollte<!-- Page 77 -->
+er anklagen. Da sah er&nbsp;&ndash; und sein Herz stand still dabei&nbsp;&ndash; wie seine
+Mutter hinter dem R&uuml;cken des Vaters eine sonderbare Bewegung
+machte. Eine Bewegung, die er erst nicht verstand. Aber jetzt sah sie
+ihn an, in ihren Augen war eine flehende Bitte. Und leise, ganz
+leise hob sie den Finger zum Mund im Zeichen des Schweigens.</p>
+
+<p>Da brach, das Kind f&uuml;hlte es, pl&ouml;tzlich etwas Warmes, eine ungeheure
+wilde Begl&uuml;ckung durch seinen ganzen K&ouml;rper. Er verstand, da&szlig;
+sie ihm das Geheimnis zu h&uuml;ten gab, da&szlig; auf seinen kleinen Kinderlippen
+ein Schicksal lag. Und wilder, jauchzender Stolz erf&uuml;llte ihn,
+da&szlig; sie ihm vertraute, j&auml;h &uuml;berkam ihn ein Opfermut, ein Wille,
+seine eigene Schuld noch zu vergr&ouml;&szlig;ern, um zu zeigen, wie sehr er
+schon Mann war. Er raffte sich zusammen:</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein&nbsp;&hellip; es war gar kein Anla&szlig;. Mama war sehr gut zu mir,
+aber ich war ungezogen, ich habe mich schlecht benommen&nbsp;&hellip; und
+da&nbsp;&hellip; da bin ich davongelaufen, weil ich mich gef&uuml;rchtet habe.&ldquo;</p>
+
+<p>Sein Vater sah ihn verdutzt an. Er hatte alles erwartet, nur nicht
+dieses Gest&auml;ndnis. Sein Zorn war entwaffnet.</p>
+
+<p>&bdquo;Na, wenn es dir leid tut, dann ists schon gut. Dann will ich heute
+nichts mehr dar&uuml;ber reden. Ich glaube, du wirst es dir ein anderes
+Mal doch &uuml;berlegen! Da&szlig; so etwas nicht mehr vorkommt.&ldquo;</p>
+
+<p>Er blieb stehen und sah ihn an. Seine Stimme wurde jetzt milder.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie bla&szlig; du aussiehst. Aber mir scheint, du bist schon wieder
+gr&ouml;&szlig;er geworden. Ich hoffe, du wirst solche Kindereien nicht mehr
+tun; du bist ja wirklich kein Bub mehr und k&ouml;nntest schon vern&uuml;nftig
+sein!&ldquo;</p>
+
+<p>Edgar blickte die ganze Zeit &uuml;ber nur auf seine Mutter. Ihm war,
+als funkelte etwas in ihren Augen. Oder war dies nur der Widerschein
+der Flamme? Nein, es gl&auml;nzte dort feucht und hell, und ein
+L&auml;cheln war um ihren Mund, das ihm Dank sagte. Man schickte
+ihn jetzt zu Bett, aber er war nicht traurig dar&uuml;ber, da&szlig; sie ihn allein<!-- Page 78 -->
+lie&szlig;en. Er hatte ja so viel zu &uuml;berdenken, so viel Buntes und Reiches.
+All der Schmerz der letzten Tage verging in dem gewaltigen Gef&uuml;hl
+des ersten Erlebnisses, er f&uuml;hlte sich gl&uuml;cklich in einem geheimnisvollen
+Vorgef&uuml;hl k&uuml;nftiger Geschehnisse. Drau&szlig;en rauschten im
+Dunkel die B&auml;ume in der verfinsterten Nacht, aber er kannte kein
+Bangen mehr. Er hatte alle Ungeduld vor dem Leben verloren, seit
+er wu&szlig;te, wie reich es war. Ihm war, als h&auml;tte er es zum erstenmal
+heute nackt gesehen, nicht mehr verh&uuml;llt von tausend L&uuml;gen der Kindheit,
+sondern in seiner ganzen woll&uuml;stigen, gef&auml;hrlichen Sch&ouml;nheit.
+Er hatte nie gedacht, da&szlig; Tage so voll gepre&szlig;t sein konnten vom
+vielf&auml;ltigen &Uuml;bergang des Schmerzes und der Lust, und der Gedanke
+begl&uuml;ckte ihn, da&szlig; noch viele solche Tage ihm bevorst&auml;nden, ein ganzes
+Leben warte, ihm sein Geheimnis zu entschleiern. Eine erste Ahnung
+der Vielf&auml;ltigkeit des Lebens hatte ihn &uuml;berkommen, zum ersten
+Male glaubte er das Wesen der Menschen verstanden zu haben, da&szlig;
+sie einander brauchten, selbst wenn sie sich feindlich schienen, und da&szlig;
+es sehr s&uuml;&szlig; sei, von ihnen geliebt zu werden. Er war unf&auml;hig, an
+irgend etwas oder irgend jemanden mit Ha&szlig; zu denken, er bereute
+nichts, und selbst f&uuml;r den Baron, den Verf&uuml;hrer, seinen bittersten
+Feind, fand er ein neues Gef&uuml;hl der Dankbarkeit, weil er ihm die
+T&uuml;r aufgetan hatte zu dieser Welt der ersten Gef&uuml;hle.</p>
+
+<p>Das alles war sehr s&uuml;&szlig; und schmeichlerisch nun im Dunkel zu
+denken, leise schon verworren mit Bildern aus Tr&auml;umen, und beinahe
+war es schon Schlaf. Da war ihm, als ob pl&ouml;tzlich die T&uuml;re
+ginge und leise etwas k&auml;me. Er glaubte sich nicht recht, war auch
+schon zu schlafbefangen, um die Augen aufzutun. Da sp&uuml;rte er
+atmend &uuml;ber sich ein Gesicht weich, warm und mild das seine streifen,
+und wu&szlig;te, da&szlig; seine Mutter es war, die ihn jetzt k&uuml;&szlig;te und ihm mit
+der Hand &uuml;bers Haar fuhr. Er f&uuml;hlte die K&uuml;sse und f&uuml;hlte die
+Tr&auml;nen, sanft die Liebkosung erwidernd, und nahm es nur als Vers&ouml;hnung,<!-- Page 79 -->
+als Dankbarkeit f&uuml;r sein Schweigen. Erst sp&auml;ter, viele
+Jahre sp&auml;ter, erkannte er in diesen stummen Tr&auml;nen ein Gel&ouml;bnis
+der alternden Frau, da&szlig; sie von nun ab nur ihm, nur ihrem Kinde
+geh&ouml;ren wollte, eine Absage an das Abenteuer, ein Abschied von allen
+eigenen Begehrlichkeiten. Er wu&szlig;te nicht, da&szlig; auch sie ihm dankbar
+war, aus einem unfruchtbaren Abenteuer gerettet zu sein und ihm
+nun mit dieser Umarmung die bitter-s&uuml;&szlig;e Last der Liebe f&uuml;r sein zuk&uuml;nftiges
+Leben wie ein Erbe &uuml;berlie&szlig;. All dies verstand das Kind
+von damals nicht, aber es f&uuml;hlte, da&szlig; es sehr beseligend sei, so geliebt
+zu sein, und da&szlig; es durch diese Liebe schon verstrickt war mit
+dem gro&szlig;en Geheimnis der Welt.</p>
+
+<p>Als sie dann die Hand von ihm lie&szlig;, die Lippen sich den seinen entwanden
+und die leise Gestalt entrauschte, blieb noch ein Warmes
+zur&uuml;ck, ein Hauch &uuml;ber seinen Lippen. Und schmeichlerisch flog ihn
+Sehnsucht an, oft noch solche weiche Lippen zu sp&uuml;ren und so z&auml;rtlich
+umschlungen zu werden, aber dieses ahnungsvolle Vorgef&uuml;hl
+des so ersehnten Geheimnisses war schon umw&ouml;lkt vom Schatten des
+Schlafes. Noch einmal zogen all die Bilder der letzten Stunden
+farbig vorbei, noch einmal bl&auml;tterte sich das Buch seiner Jugend
+verlockend auf. Dann schlief das Kind ein, und es begann der tiefere
+Traum seines Lebens.</p>
+
+
+
+
+<p class="printinfo">Druck von M. Lindenbaum &amp; Co. in Amsterdam</p>
+
+
+<div class="note">
+<b>Anmerkung zur Transkription:</b>
+
+<p>Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, Orthographie und
+Interpunktion aber sonst wie im Original belassen.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS ***
+
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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