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+ <title>The Project Gutenberg eBook of
+ Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Der Zauberkaftan
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+Author: Koloman Mikszáth
+
+Translator: Viktor Sziklai
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+Release Date: December 5, 2007 [EBook #23740]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Daniel Kraft and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<h1>Der Zauberkaftan</h1>
+
+<p>Roman
+von
+Koloman Mikszáth</p>
+
+<p>Aus dem Ungarischen von
+Viktor Sziklai</p>
+
+<p>Leipzig</p>
+
+<p>Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.</p>
+
+<h2>Erstes Kapitel.</h2>
+
+<p>Jene Städte sind närrisch, welche klagen: Wir haben viel
+gelitten, bei uns haben die Türken ein oder zwei Jahrhunderte
+gehaust. Wahrhaft litten jene Städte, wo weder Türken
+hausten, noch Labanzen und Kurutzen,<sup id="fnRef1"><a href="#fn1">1</a></sup> und welche sich
+aus eigner Kraft erhielten, wie zum Beispiel Kecskemét; denn
+wo von den kriegführenden Parteien sich die eine aufhielt,
+dort dominierte, plünderte nur die eine und die anderen wagten
+sich nicht einmal hin, wo aber keine einzige wohnte, dorthin
+gingen alle Erdbeeren sammeln.</p>
+
+<p>Eines Tages wandelte den Ofner Pascha die Laune an,
+ein wenig zu brandschatzen: »Mein Sohn Dervisch Beg, schreibe
+dem Kecskeméter Richter!« Und der Brief ging sofort ab,
+aus dessen üppigem Stile der Ausdruck nicht fehlte: »Ihr
+spielt mit Euren Köpfen!«</p>
+
+<p>Aber auch der Szolnoker Musta Beg ging nicht anders
+vor, denn er brandschatzte Czegléd, Körös, Kecskemét und die
+umliegenden Dörfer. Jede gesegnete Woche warf er ihnen
+neue Lasten aus, indem er schrieb: »Diesen Herrenbrief sollt
+Ihr zu Pferde in jede Stadt, in jedes Dorf tragen und darnach
+handeln.«</p>
+
+<p>Seine Gnaden, der tapfere Herr Emerich Koháry rechnete
+gleichfalls auf die wohlhabenden Städte und erließ von Seite
+der Kaiserlichen aus Szécsény Verordnungen, ja selbst der
+Gácser Stuhlrichter, Seine Gnaden Herr Johann Darvas
+war nicht faul, ihnen an den Leib zu gehen, wenn die Kurutzen
+etwas nötig hatten. Dazu kamen noch die herumschweifenden
+tatarischen Horden und die verschiedenen Truppen,
+welche auf eigene Faust arbeiteten. Und mit all diesen sollte
+man auf freundschaftlichem Fuße leben!</p>
+
+<p>In Kecskemét gab es schon damals berühmte Märkte.
+Was den Augen schön, dem Munde gut ist, das alles brachten
+die türkischen, deutschen und ungarischen Kaufleute haufenweise
+hierher und der Markt hatte stets ein trauriges Ende,
+denn wenn er eben im besten Zuge war, erhob sich eine
+Wolke auf der sandigen Straße, es kam der Kurutze oder
+der Türke, oder gar ein Haufe Labanzen sauste wie der Blitz
+nieder und verschwand mit den wertvollsten Waren beladen
+wieder in einer Staubwolke.</p>
+
+<p>Die bitteren Pillen aber konnte dann die wohledle Stadt
+verschlucken, denn hatten die Türken die Zelte geplündert, so
+fielen nunmehr die Labanzen mit großen Rechnungen über
+sie her.</p>
+
+<p>Die Stadt habe ohne Verzug den Schaden der Kaufleute
+zu bezahlen, sonst wird gestürmt; wenn der Labanze raubte,
+galt es auch gleich für die armen Kecskeméter, denn dann
+verlangten die Kurutzen und Türken Schadenersatz für ihre
+Kaufleute und diese Forderungen erreichten fast immer die
+Höhe von tausend Goldstücken.</p>
+
+<p>Vergebens seufzte der Oberrichter Johann Szücs: »Woher
+nehmen, woher? Das ist ja nicht das Kremnitzer Goldbergwerk;
+unter unseren Füßen ist ja nichts als Sand,
+Sand bis hinunter zur Hölle.«</p>
+
+<p>Endlich ward die Sache doch unerträglich, man hielt großen
+Rat und dann gingen die guten Leute zum Palatin, der
+aber nach der Erzählung des Herrn Paul Fekete sehr mißmutig
+wurde, als sie ihm vortrugen, daß sie eine Bitte an
+ihn hätten.</p>
+
+<p>»Verlanget nur nichts großes, denn ich gewähre es euch
+nicht.«</p>
+
+<p>»So sehr verlangen wir nichts großes, daß uns selbst
+das zu viel ist, was wir haben.«</p>
+
+<p>»<span class="f" lang="la">Valde bene, valde bene</span>,« meinte der Palatin schmunzelnd.</p>
+
+<p>»Wir bitten Eure Gnaden, uns unsere Märkte zu nehmen.«</p>
+
+<p>Der Palatin dachte nach, hüstelte. »Hm, es ist kein richtiges
+Regime, <span class="f" lang="la">amici</span>, das den Leuten etwas nimmt, wovon
+der Nehmende keinen Vortheil hat.«</p>
+
+<p>Trotzdem kam bald darnach eine Ordre von Leopold I., daß
+die Kecskeméter Märkte von nun an zu sein aufgehört haben.
+Selbstverständlich wurden nun die Türken ebenso wütend wie
+die Kurutzen. »Diese elenden Philister berauben uns unseres
+Nebenerwerbes.« Sie hatten jetzt originelle Ideen. Am
+schwarzen Sonntag vor Ostern stürmte der berühmte Kurutzenführer
+Stefan Csuda mit seinen Truppen in die Stadt. Sie
+sprengten geradenwegs zum Stiftskloster. Hier befahl der Anführer
+seinen Leuten: »Nichts anrühren, Kinder, nur den
+Quardian müßt ihr gefangen nehmen, denn diesen werden
+sie auslösen.« Sie nahmen wirklich den Quardian, den dicken
+Pater Bruno, gefangen, setzten ihn auf ein Maultier, das
+bisher ein treuer Arbeiter des Klostergartens war, zumal es
+die Wasserfässer schleppte. Damit aber der fluchende, strampelnde
+Pater nicht vom Rücken des Buri falle (Buri hieß
+das Maultier), banden sie ihn mit Stricken und Riemen
+fest ... Sie hatten sich nicht verrechnet. Eine große Bestürzung
+griff Platz unter den katholischen Gläubigen. Die
+Witwe Paul Fábián, die bucklige Julie Galgóczi und die
+verwelkte Klara Bulki begannen unter dem Präsidium des
+Paters Litkei sofort das Lösegeld zu sammeln, indem sie von
+Haus zu Haus wanderten. »Lösen wir den armen Pater
+Bruno aus. Er hat eine prächtige Predigt zu den Osterfeiertagen
+einstudiert, diese können wir nicht ungesprochen
+lassen.« Hundert Goldstücke wurden gesammelt, mit diesen
+begaben sich die Erwählten der Frauen auf den Weg zum
+Kurutzenlager: Senator Gabriel Poroßnoki, Kurator Johann
+Babos und der Wagner, Herr Georg Doma.</p>
+
+<p>Nach männiglichen Abenteuern und Mißgeschicken fanden
+sie endlich den Stefan Csuda, der sie wild anfuhr: »Ihr seid
+die Kecskeméter, nicht wahr? Nun, was wollt ihr?«</p>
+
+<p>»Wir sind ihn holen gekommen,« sprach der fromme Babos,
+seine winzigen grauen Augen gegen den Himmel erhebend.</p>
+
+<p>»Wen, den Maulesel oder den Quardian?« scherzte der
+gutgelaunte Stefan Csuda.</p>
+
+<p>»Beide, wenn wir übereinkommen können,« meinte Herr
+Poroßnoki.</p>
+
+<p>»Der Geistliche ist nicht viel wert, aber das Maultier
+können wir wohl brauchen. Es schleppt die große Trommel.«</p>
+
+<p>Sehr wohl gefiel den guten Kecskemétern diese Erklärung
+des Kurutzen, denn wenn der Geistliche nicht viel wert ist,
+wird er wohl billig zu haben sein und sie nickten beifällig mit
+dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Also woran sind wir mit Sr. Hochwürden?«</p>
+
+<p>»Ihr könnt ihn für drei Goldstücke haben.«</p>
+
+<p>Die drei Männer schauten sich lächelnd an, wie wenn sie
+sagen wollten, »billig, wahrhaftig sehr billig!« Poroßnoki warf
+einen Flügel seines blauen Mantels zurück und griff in die
+Tasche, um die drei Goldstücke hervorzuholen. »Da sind sie!
+Nehmt sie, Herr!«</p>
+
+<p>Der Kurutzenführer schob die Hand des Senators bei
+Seite. »Den Geistlichen brachte das Maultier, jetzt soll auch
+der Geistliche das Maultier mitnehmen. Dies ist nur gerecht,
+ohne das Maultier ist kein Geschäft.«</p>
+
+<p>»Hol's der Teufel,« meinte der Senator wohlgelaunt.
+»Welches Lösegeld bezahlen wir für das Maultier?«</p>
+
+<p>»Der fixe Preis desselben beträgt,« gab Csuda jedes Wort
+betonend zurück, »hundertsiebenundneunzig Goldstücke.«</p>
+
+<p>In den Bürgern stockte das Blut; der kleine Babos
+blinzelte auf den Kurutzen, ob dieser nicht spaße, doch das gebräunte
+Antlitz blickte jetzt sehr ernst, vordem war es bedeutend
+heiterer; die Kecskeméter verzagten trotzdem nicht.</p>
+
+<p>»Hättet Ihr, Herr, das Herz, für ein Maultier so viel
+Geld zu nehmen, wie für vier arabische Pferde. Überlaßt uns
+den Geistlichen separat! Wir kommen lieber ein andersmal
+das Maultier einlösen,« ergänzte Herr Babos.</p>
+
+<p>Jetzt übernahm wieder Herr Georg Doma die diplomatischen
+Verhandlungen. Er meinte, das Maultier könnten ja
+die ehrwürdigen Patres ohnehin nicht wieder benützen, nachdem
+dasselbe ein kompromittiertes Individuum sei, das bereits
+Lagerdienst geleistet hat, in einem protestantischen Truppenkörper.</p>
+
+<p>Den meisten Verstand besaß noch Herr Poroßnoki, denn
+er durchschaute sofort, daß der Kurutzenführer zweihundert
+Goldstücke für den Quardian haben wollte und die Geschichte
+mit dem Maultier bloß Spaßmacherei sei. Er entnahm seiner
+Tasche den traditionellen Strumpf und ließ die Goldstücke
+klimpern. »Hundert Stück ohne Fehl, nicht um ein
+Stück mehr. Entweder nehmen wir das Geld wieder nach
+Hause oder den Quardian. Es hängt von Euch ab, mein
+tapferer Herr.«</p>
+
+<p>»Nicht möglich,« schüttelte dieser den Kopf.</p>
+
+<p>»Bedenket aber,« meinte Babos, »daß man unsern Herrn
+Christus um dreißig Silberlinge verkaufte. Wie sollten da
+für den Pater Bruno nicht hundert Goldstücke genügen?«</p>
+
+<p>»Biblisieren Sie nicht!« schrie der Kurutz, »denn es ist
+wohl wahr, daß sie unsern Heiland für dreißig Silberlinge
+verkauften, aber für wie viel ihn das Christenthum vom Tode
+losgekauft hätte, das wissen Sie nicht.«</p>
+
+<p>Unter solchen Plänkeleien schlossen sie den Handel endlich
+mit hundert Dukaten ab, welche Herr Csuda einzeln besah,
+ob sie nicht abgefeilt sind, dann klingen ließ, ob man an
+ihrem Klange nicht einen kleinen Siebenbürger Accent wahrnehme
+(dort hielten sich nämlich zu jener Zeit die Falschmünzer
+auf). Als dann alles ins reine gebracht war, lieferte
+er den abgemagerten Pater Bruno aus, welchen die Deputation
+in großem Triumph nach Hause führte.</p>
+
+<p>Aber nicht lange dauerte ihre Freude, denn als sie sich
+der Heimat näherten, kaum Nagy-Körös verlassend, dessen
+Häuser noch im abendlichen Nebel sichtbar waren, schimmerte
+von rechts der schlanke Turm Kecskeméts hervor und
+eine sich nähernde Staubwolke. »Was zum Teufel kann das
+sein?« frugen sich unsere Leute.</p>
+
+<p>»Offenbar kommt uns eine Prozession entgegen. Es
+wird auch eine Rede geben <span class="f" lang="la">reverendissime</span>, freilich wird es
+eine solche geben. Es wird nichts schaden, sich auf die Antwort
+vorzubereiten.«</p>
+
+<p>In den Augen Pater Brunos glänzten Thränen. »Meine
+armen guten Gläubigen lieben mich, sie lieben mich schrecklich.
+Wer wird wohl die Rede halten? Wahrscheinlich der
+schön sprechende Pater Litkei. Freilich, freilich. Ich sehe ihn
+ja schon. Er ist es, dort voran. Ich will ein Hund sein,
+wenn er es nicht ist.«</p>
+
+<p>Herr Georg Doma brauchte kein Hund zu sein, denn es
+war in der That Pater Litkei; seinen breiträndrigen Hut, seine
+Riesengestalt konnte man schon von weitem erkennen, nur war
+seine Begleitung gerade kein Prozessionsvolk, sondern es waren
+türkische Soldaten. Der Galgenvogel Ali Mirze Aga führte
+sie an. »Guten Abend, guten Abend!« rief er, als er an
+unseren Reisenden vorüber ritt, »führt ihr den Geistlichen nach
+Hause, ihr guten Leute? Wir auch den unseren.«</p>
+
+<p>Der Aga lachte, der Mönch Litkei rief den Namen Jesus,
+Pater Bruno winkte ihm mit dem Taschentuch nach: »Auch
+dich werden wir auslösen, mein lieber Sohn.«</p>
+
+<p>Und in der That war es seine erste Sache, zu Hause angelangt,
+eine Sammlung einzuleiten. Witwe Paul Fábián,
+die bucklige Julianna Galgóczi und die verblühte Klara Bulki
+suchten neuerdings die barmherzigen Menschen auf: »Lasset
+den armen Mönch nicht in der Hand des elenden Heiden zu
+Grunde gehen. Was würde die Christenheit von uns denken?«
+Wenn die Börse nicht geöffnet ward, fügte Frau Paul Fábián
+hinzu:</p>
+
+<p>»Und was würde Nagy-Körös<sup id="fnRef2"><a href="#fn2">2</a></sup> dazu sagen?«</p>
+
+<p>Bei diesen Worten zog jeder Mensch von Kecskeméter
+Empfindung den Zwanziger hervor und auch der Mönch Litkei
+konnte nach Hause gebracht werden. Damit war die Sache
+nicht zu Ende, denn der Handel mit den Geistlichen kam so
+sehr in Mode, daß, sobald irgend ein Truppanführer ein klein
+wenig Geld brauchte, er sofort eine Verordnung erließ: »Ich
+muß einen Kecskeméter Geistlichen haben.« (Das bedeutete
+schon eine gewisse Summe auf dem Geldmarkte). Eine Zeit
+lang lösten sie die frommen Bürger aus, bis der Herr Oberrichter
+Johann Szücs selbst, die Ausbeutung der Stadt bedauernd,
+derselben mit der gottlosen Erklärung ein Ende
+machte: »Wenn Gott seine Diener fortführen läßt, warum
+sollen wir es nicht dulden? Schließlich ist ihr Herr in erster
+Reihe verpflichtet, ihnen zu helfen.«</p>
+
+<p>Einige Mönche blieben den Räubern auf dem Hals, worauf
+sofort der Wert der Geistlichen auf Null sank und die erobernden
+Herren sich nach einer andern Ware umsahen. Es war
+unmöglich sie zu übertölpeln. Am Tage Peter und Paul
+verübten die Szolnoker Türken einen Einbruch und raubten
+unter den aus der Kirche kommenden Frauen die junge Gattin
+des Oberrichters sowie die Frau Georg Doma. Die ganze
+Stadt war in Aufruhr. »Das ist schon kein Spaß mehr,
+Gevatter!« Denn mit den Pfaffen zu manipulieren, war
+nicht so arg. Diese erlitten keinen Schaden, so lange sie bei
+den Türken waren. Aber die Frauen! Das ist ganz etwas
+anderes. Donnerwetter, mit den Frauen kann man nicht so
+manipulieren!...</p>
+
+<p>Johann Szücs war so erbittert, daß er sofort seiner Stelle
+als Oberrichter entsagte und, nachdem er sein steinernes Haus
+verkauft hatte, mit Georg Doma die Frauen holen ging. Herr
+Szücs gab zweihundert Dukaten für seine Rippe.</p>
+
+<p>Georg Doma jedoch bot nur fünfundzwanzig Dukaten an,
+wenn man seine Frau nach Hause läßt, hundert, wenn man
+sie behält, aber für immer &ndash; so daß er eine andere Frau
+nehmen kann.</p>
+
+<p>Zülfikar Aga überlegte eine Weile, dann sagte er traurig:
+»Nimm nur die Frau, mein Freund.«</p>
+
+<p>Unterdessen bemächtigte sich der Kecskeméter ein panischer
+Schrecken. Auch die Kurutzen waren eingebrochen und raubten
+die jungfräuliche Tochter Vicza des steinreichen Thomas
+Bégh bei einer Hochzeit, als sie eben mit dem jüngeren Michael
+Nagy tanzte. Was wird daraus werden, Herr und Schöpfer?
+Aus den Häusern werden sie heute oder morgen die kostbaren
+Frauen hervorziehen!</p>
+
+<p>Der Kalgaer Sultan ließ wiederholt verkünden, daß er
+auf die zehn schönsten Frauen rechne. Auch die Ofner Türken
+konnten in jeder Stunde kommen. Obwohl damals von
+den Kecskeméter Mädchen das Lied noch nicht verkündete:
+»Wer ein Bursch ist, nimmt seine Braut von da«, waren
+sie dennoch schon damals prächtig. Das leugneten selbst
+die Köröser jungen Leute nicht. Die allgemeine Verzweiflung
+war daher gar nicht zu verwundern. Die Lage war
+eine solche, wie in den sagenhaften, mit schwarzem Tuch verhüllten
+Städten, wo der siebenköpfige Drache die Jungfrauen
+der Reihe nach verzehrt. An welche kommt die Reihe, welche
+folgt jetzt? Diese Ungewißheit war ein unsichtbares Seil,
+welches jedermann in der Halsgegend fühlte. Zehnmal erschrak
+täglich der eine und der andere Kaufmann vor einer
+Staubwolke, und wenn die dürren Bäume des Talfája-Waldes
+des Nachts zu ächzen begannen, so glaubten sie auch darin
+das Sausen der herannahenden Horden zu vernehmen: »Ach,
+die Vagabunden kommen schon wieder.«</p>
+
+<p>Allabendlich falteten die Frauen ihre kleinen Hände und
+flehten inbrünstig zu dem Patron der Stadt, dem Bischof
+Sankt Nikolaus. Vielleicht kann der etwas thun mit dem
+Krummstabe, welcher auf dem Stadtsiegel zu sehen ist.</p>
+
+<p>(Ich vermute, daß in diesen Gebeten <span class="f" lang="la">sub clausula</span> enthalten
+war: »Wenn das aber der Wille Gottes wäre &ndash; so
+gieb, o Herr, daß lieber die Husaren Czudas kommen sollen,
+als die hundeköpfigen Tartaren und die Ofner Türken.«)</p>
+
+<h2>Zweites Kapitel.</h2>
+
+<p>Die Erbitterung wuchs immer mehr. Die Angelegenheiten
+der Stadt sahen immer schlechter aus. In der Rechtsprechung
+war eine Pause eingetreten, denn man konnte nirgends Richter
+auftreiben, obwohl in Kecskemét das »aufgetriebene Gericht«
+im Gebrauche stand. Man stellte aus den zum Markte
+gekommenen Fremden den Gerichtshof zusammen.</p>
+
+<p>Jetzt aber, da Johann Szücs den Stab eines Oberrichters
+niederlegte, gab es keinen, der darnach griff. Es hat niemand
+Tollkirschen gegessen!</p>
+
+<p>Vier, fünf Verordnungen täglich zu erhalten, mit unmöglichen
+Wünschen und mit dem liebenswürdigen Postskriptum:
+»Denn sonst werde ich Deine Gnaden rädern lassen« &ndash; und
+verrückt wie die Welt ist, führt man das auch aus. Die
+Menschen beschwerten sich laut. »Entweder wir ziehen von
+hier fort, oder wir sterben hier, aber so können wir nicht
+weiter leben. Man muß etwas machen.«</p>
+
+<p>»Aber was? Die Türken können wir doch nicht allein
+aus dem Lande jagen, wenn es der Kaiser selbst nicht thun
+kann.«</p>
+
+<p>Indem die Senatoren im Stadthause auf diese Weise gedankenvoll
+berieten, rief mit einem Male eine Stimme zum
+geöffneten Fenster hinein: »Ich aber sage euch, daß man die
+Türken nicht vertreiben, sondern hieher nach Kecskemét
+bringen soll.«</p>
+
+<p>Die Senatoren blickten alle auf. »Wer ist der Tollkühne?
+Wer spricht da draußen?«</p>
+
+<p>»Der Sohn des Schneiders Lestyák.«</p>
+
+<p>»Wie wagt der, unsere Rede zu unterbrechen,« sprach
+Martin Zaládi indigniert und winkte dem Heiducken. »Schließen
+Sie das Fenster!«</p>
+
+<p>Gabriel Poroßnoki sprang auf, als ob ihn irgend eine
+elektrische Kraft emporgehoben hätte. »Ich aber sage, daß
+man den jungen Mann nicht wegtreiben, sondern hereinbringen
+soll, damit wir ihn anhören.«</p>
+
+<p>Die ernsten Stadtväter schüttelten die Köpfe, wagten es
+jedoch nicht, dem angesehensten Senator zu widersprechen, nur
+Christoph Agoston murrte: »Der Vater ist ein Narr und der
+Sohn auch. Von einem Studenten sollen wir Rat begehren?
+Freilich, er hat es schon, denn er hat es.«</p>
+
+<p>»Was?« frug der neugierige Franz Kriston.</p>
+
+<p>»Das <span class="f" lang="la">consilium abeundi</span> ... hahaha. Man hat ihn
+aus Großwardein davongejagt. Ja, er soll uns Rat geben.
+Wir haben ohnehin kein großes Ansehen; so soll denn unser
+Ansehen noch kleiner werden.«</p>
+
+<p>Dann erzählte er, daß der Vater blödsinnig sei. Kürzlich
+schickte der wackere Pater Bruno seinen Rock zu ihm, damit
+er die Fettflecke beseitige. Er beseitigte sie auch, aber so, daß
+er sie mit der Schere ausschnitt. Den armen Pater Bruno
+traf beinahe der Schlag.</p>
+
+<p>Gyuri Pintyö, der Heiduck, brachte unterdessen atemlos
+den jungen Lestyák herein. Es war ein hübscher, schlanker
+Junge mit so dichtem Haar, wie eine Bürste.</p>
+
+<p>»Mein Sohn,« sprach ihn Poroßnoki höflich an, »vorhin
+hat du etwas geschrien, was mein Ohr traf. Erkläre dich
+näher.«</p>
+
+<p>Max Lestyák kam nicht in Verwirrung, er drechselte seine
+Worte klar und verständlich. »Ich habe in der That gedacht,
+wohledle Herren, daß unter den Verhältnissen, in denen sich
+unsere liebe Geburtsstadt befindet, die toten Fermans, die
+schriftlichen Versicherungen, nicht viel wert sind. Hundertmal
+mehr Wert hätte ein lebender Beg, der unter uns wohnend
+sehr viele kleine Unannehmlichkeiten von unseren Köpfen fern
+hielte. Wir sind eine freie Stadt, wohledle Herren, aber unsere
+Freiheit ist aus Ketten geschmiedet. Suchen wir einen
+Tyrannen, damit wir leben können!«</p>
+
+<p>Die Senatoren blickten einander an, staunend, bezaubert.
+So schöne warme Worte hatten sie schon lange nicht gehört,
+eine so schöne, sonore Stimme war in diesem Saale noch
+nicht erklungen. Seit morgens sitzen sie hier, ohne Rat und
+siehe da, es war, als ob sich unerwartet eine Fackel im Dunkeln
+entzündet hätte.</p>
+
+<p>»Vivat!« rief Mathé Pußta aus. »Das ist eine kluge
+Rede.«</p>
+
+<p>»Er hat Recht!« sagte der greise Georg Pató, seine silberne
+Mentekette schüttelnd, »er hat reines Korn aus der Spreu
+gesondert.«</p>
+
+<p>Gabriel Poroßnoki stand von seinem Sitze auf, ging auf
+Max Lestyák zu und klopfte ihm auf die Schulter. »Junge,
+du hast von nun an eine Stimme,« sagte er feierlich. »Setzen
+Sie sich zwischen uns, Herr Michael Lestyák.« (Gerade war
+am grünen Tische ein Sessel frei: derjenige des Johann Szücs.)</p>
+
+<p>Die Begeisterung brach bei diesen Worten aus. Die Ungarn
+lieben die überraschenden Wendungen und das war
+eine. Die Stadtväter sprangen auf, um dem Jungen die
+Hand zu drücken. Selbst Christoph Agoston murmelte versöhnt
+zu Franz Kriston hingeneigt: »Wenn er nur nicht die
+Züge seines Vaters hätte! Sein Vater kam noch als Slovake
+in Sandalen nach Kecskemét.«</p>
+
+<p>»Das sieht man dem Knaben gar nicht an.«</p>
+
+<p>Wirklich konnte jedermann in einem ärztlichen Fachblatte
+kürzlich lesen, daß wenn man die Wunde eines Weißen (in
+ärztlichem Jargon: das Fehlen der Hautkontinuität) durch die
+Haut eines Negers ergänzt, daß das kleine schwarze Hautstück
+allmählich weiß wird und daß andererseits die weiße Haut auf
+dem Körper eines Negers schwarz wird. Dieser Prozeß geht
+seit Jahrhunderten in den großen ungarischen Städten vor
+sich. Eine fremde Familie geht nach der anderen ganz in den
+ungarischen Körper auf, sie nehmen sogar die Farbe desselben
+an. Der alte Schneider Lestyák sieht mit seinem grauen Haare,
+seinem runden Kopfe wie ein Azteke, während Max mit seinem
+eiförmigen, harten Gesichte, mit den nußbraunen Augen, mit
+seinem dünnen Schnurrbarte schon ein wahrer Kumane ist, der
+sich in diesem Saale, wenn er in einem anständigen Anzuge
+erschiene und nicht in Hemdärmeln, so ausnehmen würde, wie
+der Enkel irgend eines an der Wand hängenden alten Senators.</p>
+
+<p>Die Beratung nahm nun mit großer Begeisterung ihren
+Anfang. Man sprach es einstimmig aus, daß die Politik
+Kecskeméts derzeit die sei, um jeden Preis die Türken zu gewinnen.
+Dann ging der Vorsitzende Poroßnoki auf einen anderen
+Gegenstand über: »Es ist noch die Besetzung des Oberrichterstuhles
+zu erledigen. In glücklichen Zeiten ist das die Belohnung
+der bürgerlichen Tugend. Die ganze Stadt nimmt
+an der Wahl teil. Aber heute, da eine ganze Reihe von
+Oberrichtern das Martyrium erlitt, den einen der Ofner Sandschakpascha
+aufs Rad flechten ließ, der andere in trauriger
+Gefangenschaft im Konstantinopler Jedikala zu Grunde ging,
+einen dritten die Kurutzen mit ihren Piken totstachen, die
+Gattin eines vierten raubten, heute, sage ich, ist die Annahme
+des richterlichen Stabes eine heroische Selbstaufopferung und
+wir haben nicht das Recht irgend einen unserer Mitbürger
+auf dem Wege der Wahl in den Rachen des Unglücks zu
+stürzen. Denn wem würden die einzelnen jetzt ihre Stimme
+geben? Demjenigen, welchen sie am meisten hochschätzen?
+Oder demjenigen, welchen sie hassen? Ist es möglich, daß
+nicht das allgemeine Vertrauen, sondern der allgemeine Haß
+Männer an die Spitze der öffentlichen Angelegenheiten stelle?
+Ich, wohledle Herren, halte das für unmöglich.« (Stürmischer
+Beifall.)</p>
+
+<p>»Wahr! So ist's!«</p>
+
+<p>»Unter solchen Umständen, da der Oberrichter aus den
+Senatoren gewählt werden soll, giebt es nur den einzigen
+<span class="f" lang="la">modus vivendi</span>, daß jemand von Ihnen freiwillig das Amt
+eines Oberrichters übernehme.«&nbsp;...</p>
+
+<p>Unruhig ließ er seine Blicke im Kreise umherschweifen.</p>
+
+<p>Es herrschte kirchliche Ruhe im Saale. Die Senatoren
+rührten sich nicht.</p>
+
+<p>»Niemand?« frug er mit düsterer Stirne. »Dann müssen
+wir zum letzten Mittel greifen, welches unsere alten Gewohnheiten
+dann anordnen, wenn von den Senatoren jemand
+eine Aufgabe von unheilvollem Ausgange erhält. Pintyö,
+bringen Sie die Bleikiste herein.«</p>
+
+<p>Der Heiduck brachte eine kleine Bleikiste aus dem benachbarten
+Zimmer, auf deren vier Seiten je ein Totenkopf ausgehauen
+war.</p>
+
+<p>»Hier sind die zwölf Würfel,« sagte Poroßnoki dumpf
+und ließ sie auf die Mitte des Tisches kollern, auf dessen
+grüner Fläche die eindringenden Strahlen der Herbstsonne
+mutwillig umhersprangen. Ein schwarzer und elf weiße
+Würfel: »Wer den schwarzen zieht, wird Oberrichter!« Die
+Würfel legte er wieder in die Kiste zurück.</p>
+
+<p>»Es sind aber nur elf Senatoren anwesend,« sprach Herr
+Kriston mit zitternder Stimme dazwischen, »der eine Würfel
+ist überflüssig.«</p>
+
+<p>»Ausgenommen, wenn auch Herr Lestyák einen zieht.«</p>
+
+<p>»Wenn er eine Stimme hat, muß er auch ziehen,«
+meinte Herr Zaládi, »der Mantel der Rechte ist mit Pflichten
+wattiert.«</p>
+
+<p>»Er soll ziehen!« entschied man einstimmig.</p>
+
+<p>Das Auge Lestyák's erglänzte, sein Gesicht erglühte. »Wenn
+ich nur den schwarzen Würfel zöge,« dachte er bei sich.</p>
+
+<p>Unterdessen transpirierte mit Hilfe der Heiducken der Fall
+Lestyáks in die draußen harrende Menge, daß die Senatoren
+seit dem Morgen gedankenlos dasaßen, daß Max unter das
+Fenster kam und den Funken der Weisheit unter sie warf,
+worauf Gabriel Poroßnoki ihn von der Gasse hineinrufen
+ließ und ihn zum grünen Tische unter die Alten der Stadt
+setzte.</p>
+
+<p>Hat jemand schon so etwas gehört? Aber Gabriel Poroßnoki
+ist dennoch ein wackerer Mann, der selbst im Schnabel
+der Eule das Glänzende bemerkt.</p>
+
+<p>Das Volk wogte lebhaft vor dem Gebäude. Von Zeit zu
+Zeit erscholl eine Stimme aus der Menge: »Es lebe Max
+Lestyák! Wir wollen Lestyák sehen! Wir wollen ihn hören!«</p>
+
+<p>Frau Fábián sprach zu einer großen Gruppe mit lebhaften
+Gebärden: »Sein Verstand hat sich enthüllt. Gott
+hat ihm im Schlafe zu wissen gegeben, was er sagen soll,
+wie unsere arme Stadt von den bösen Heiden befreit werden
+kann. Warum Gott gerade ihn auserkor, fragen Sie, Frau
+Létasi? Weil Se. heilige Majestät immer mit den Kindern
+der Handwerker arbeitet. Unser Heiland, Christus, war der
+Sohn eines Zimmermanns und dieser der Sohn eines Schneidermeisters.
+Aber seht nur, er kommt!«</p>
+
+<p>Aus dem Nachbarhause kam Herr Mathias Lestyák mit
+raschen Schritten, indem er in der einen Hand zornig die
+Elle schwang und in der anderen einen kornblumfarbigen
+Mantel hielt. »Wo ist dieser Kerl, daß ich ihn tot schlage!«
+schrie er wild. »Er kam hierher, er muß hier sein.«</p>
+
+<p>»Er ist im Senat«.</p>
+
+<p>»Wer? Der Max? Wie kam er denn hin? Verbarg
+er sich vor mir? Ich will doch warten, bis er herauskommt.
+Ich werde diesem Kerl schon zeigen! Zu Staub will ich ihn
+zermalmen. Vor einer Stunde gab ich ihm daß Bügeleisen,
+damit er es wärme, denn noch heute muß ich den Mantel
+des Halaser Bürgermeisters nach Hause bringen, welcher
+darin mit einer Deputation morgen ins Neograder Komitat
+geht. Ich rufe jetzt in die Küche: &rsaquo;Max, bring' schon einmal
+das Bügeleisen!&lsaquo; Aber weder Bügeleisen, noch Max erscheint.
+Soll da der Mensch nicht vor Zorn bersten?«</p>
+
+<p>Valentin Katona, der Kürschner, ergriff die Partei des
+Sohnes.</p>
+
+<p>»Man kann einen erwachsenen Burschen nicht mehr als
+Schneidergesellen beschäftigen und mit dem Wärmen des
+Plätteisens quälen.«</p>
+
+<p>»Kümmern Sie sich um Ihr eigenes Kalb,« erwiderte der
+Schneider roh. »Was soll ich denn mit ihm anfangen?
+Früher oder später wird er ohnehin aufgehängt. Er schnüffelt
+immer nach städtischen Angelegenheiten umher. Ich werde
+dir schon städtische Angelegenheiten geben. Ich werde den
+Lumpen braun und blau schlagen.«</p>
+
+<p>»Daraus wird nichts!« warf Valentin Katona neuerdings
+ein, an das heutige große Verdienst des Jungen denkend.</p>
+
+<p>»Die Erde soll mich verschlingen, wenn ich ihn nicht züchtige.«</p>
+
+<p>Valentin Katona wollte eben seinem in weicherem Material
+arbeitenden Kollegen erklären, wie Max in den Senat
+gelangte, als das Fenster des Beratungssaales mit großem
+Lärm geöffnet wurde und der wohledle Herr Gabriel Poroßnoki
+»Verehrliches Volk der Stadt Kecskemét!« mit Stentorstimme
+hinausrief, worauf Grabesstille eintrat. »Ich melde
+euch im Namen des Senates, daß vom heutigen Tage angefangen,
+auf ein Jahr der wohledle und achtbare Herr Michael
+Lestyák nach unseren Gesetzen und Gewohnheiten zum Oberrichter
+der Stadt gewählt wurde.«</p>
+
+<p>Ein Gemurmel der Überraschung ging durch die dicht
+gedrängte Menge.</p>
+
+<p>Es gab zuerst ein Gelächter: »Hahaha! Michael Lestyák!
+Hehehe!«</p>
+
+<p>Aber bald begegneten diese Stimmen anderen, welche vielleicht
+aus Gewohnheit »Eljen«<sup id="fnRef3"><a href="#fn3">3</a></sup> schrien.</p>
+
+<p>Und nach ihnen schlossen sich hunderte von Stimmen dem
+ersten »Eljen« an und wuchsen zu einem breiten, durchdringenden
+Schrei an ... Wenn das erste »Eljen« bescheidener
+und das erste »Hahaha« frischer gewesen wäre, dann hätte
+sich das »Eljen« geteilt und das himmelstürmende Geschrei
+hätte jetzt so geklungen wie das Lachen der Hölle: Hahaha,
+Hihihi!</p>
+
+<p>Je größer die Masse ist, desto leichter ist sie. Wie ein
+weicher Flaum, welchen der erste Windhauch in die Höhe
+trägt, schwankt sie nach rechts und links.</p>
+
+<p>Bei den stürmischen Eljenrufen ergoß sich das Volk aus
+den Gassen. Von allen Seiten liefen Neugierige herbei. Einige
+kamen mit Wasserkübeln und riefen: »Wo ist das Feuer?« oder
+sie gebrauchten Fragen wie: »Was giebt's? Was ist geschehen?«</p>
+
+<p>Das Thor des Stadthauses öffnete sich und die Senatoren
+traten zu zweien heraus, in der Mitte Michael Lestyák.</p>
+
+<p>»Er kommt! Er kommt!« Es entstand ein furchtbares
+Gedränge. Jedermann wollte ihm nahe kommen.</p>
+
+<p>Er schritt stolz, würdevoll einher, wie wenn er nicht mehr
+der Michael wäre. Die Röte der Jugend brannte auf seinen
+Wangen, die Augen ließ er lächelnd über die Menge schweifen,
+wie sich dies für ein Glückskind ziemt.</p>
+
+<p>Ihm zur Seite schritten zwei Heiducken<sup id="fnRef4"><a href="#fn4">4</a></sup> mit hocherhobenen
+Stäben, gleichwie einstmal die Liktoren der römischen Konsuln.
+Das waren die Attribute der Macht.</p>
+
+<p>Allein es war unserem wohlgeborenen Herrn Richter recht
+wohl zu gönnen &ndash; denn das zweiundzwanzigjährige Bürschchen
+in Hemdärmeln und abgeschabter Weste nahm sich unter
+den ansehnlichen Senatoren in silberknöpfigen Dolmans<sup id="fnRef5"><a href="#fn5">5</a></sup>
+etwas sonderbar aus. Vielleicht auch war gerade dies die
+Sehenswürdigkeit, ob welcher das Volk in Jauchzen ausbrach.</p>
+
+<p>Der alte Lestyák wurde bald bleich, bald purpurrot. »Mein
+Gott, mein Gott, träume ich denn?« (Und dabei rieb er
+sich die kleinen grauen Augen, vielleicht auch wischte er eine
+vordringliche Thräne weg.) »Nachbar, stützen Sie mich!«
+Und in der That wäre er zusammengesunken, hätte Valentin
+Katona ihn nicht aufrecht gehalten.</p>
+
+<p>»Na, jetzt möge Ew. Wohlgeboren den Oberrichter der
+Stadt mit dem spanischen Rohr bearbeiten, wenn Sie ein
+solch großer Potentat sind.«</p>
+
+<p>Er antwortete nichts, allein der Stock entfiel seiner kraftlosen
+Hand; er schloß die Augen, allein selbst im Dunkeln
+fühlte er das Nahen des Oberrichters; er sprang mit einem
+Satz, wie ein Hamster, auf ihn zu und bedeckte ihn mit der
+ungebügelten neuen Mente, welche noch die weißen Nähte und
+die Kreidestriche des Schneiders aufwies.</p>
+
+<p>Die Menge nahm auch dies mit brausendem Beifall auf,
+nur Valentin Katona rief spaßhaft aus: »Halloh! Gevatter
+Mathias! In welchem Kleid geht denn nunmehr der Halaser
+Bürgermeister nach Fülek?«</p>
+
+<p>Der alte Schneider antwortete in verbissenem Trotz: »Er
+soll im Szür<sup id="fnRef6"><a href="#fn6">6</a></sup> dahin. Dazu ist er mir ein zu kleiner Mann,
+daß ich ihm eine Mente nähe.«</p>
+
+<p>Und damit brach er sich, gleich einem wildgewordenen
+Stier einen Weg durch die Menge, stürzte nach Hause, in
+den kleinen Garten vor seinem Häuschen, wo ein großer Birnbaum
+seine rostroten Früchte begehrenswert hängen ließ und
+seine mächtigen Zweige auf die Straße hinausstreckte. Rasch
+wie ein Eichhorn kletterte er bis zur Krone hinauf und wie
+wahnsinnig begann er an den oberen Zweigen zu rütteln.
+Die herrlich duftenden Birnen, seine eifersüchtig gehüteten
+Schätze fielen dicht in die Menge »Czup, czup«, und die Kinder
+und Weiber warfen sich auf den Himmelssegen, gleich wie
+das Volk sich auf das Gold stürzt, das der Oberstkämmerer
+bei der Krönung in die Luft streut. Auch bejahrte Männer
+beugten sich nieder nach den rollenden Birnen.</p>
+
+<p>»Esset euch toll und voll! Da habt ihr eine Mahlzeit!«
+schrie der Alte und rüttelte und schüttelte wild an dem alten
+Baum, so lange dieser auch nur eine einzige Birne trug.</p>
+
+<p>.... So beging er die Installation seines Sohnes.</p>
+
+<h2>Drittes Kapitel.</h2>
+
+<p>Der erste Rausch der Oberrichterwahl war vorüber. Am
+dritten Tag war das Publikum ernüchtert.</p>
+
+<p>»Es war doch nur eine Dummheit,« sagte man. »Ein
+wahrhaftiger Faschingsscherz.«</p>
+
+<p>»Man macht die Stadt lächerlich!« ließen manche sich
+vernehmen.</p>
+
+<p>»Das haben die Pfiffikusse, die Senatoren gethan, damit
+sie ihrer eigenen lieben Haut zum Winterschlaf verhelfen.«</p>
+
+<p>Hier und dort brach auch der Ärger hervor, verriet sich
+der Neid und ließ die Unzufriedenheit eine ihrer Blüten sehen.</p>
+
+<p>Allein die nüchternen Machthaber beeilten sich den neuen
+Oberrichter anzuerkennen.</p>
+
+<p>Zülfikar Aga schrieb ihm einen freundlichen Brief aus
+»der wohlgehüteten Festung Szolnok«, daß er sein Amt mit
+einer edlen That beginnen könnte, wenn er die bei ihm, dem
+Aga, befindlichen beiden Einsiedler auslösen wollte.</p>
+
+<p>Herr Stefan Csuda bat in ziemlich freundlichem Tone
+um vier Wagenladungen Brot.</p>
+
+<p>Nur der Vertrauensmann des Ofner Kaimakam, Halil
+Effendi, der nach Kecskemét kam, um hier Steuerangelegenheiten
+zu ordnen, fuhr im Stadthause wütend auf, daß man
+ihn mit einem bartlosen Jüngling unterhandeln lasse, worauf
+der Oberrichter sich auf den Fersen umdrehte und die Thür
+heftig zuwarf. Einige Minuten später erschien der Heiducke
+Pintyö, einen alten Ziegenbock am Stricke nach sich schleppend.</p>
+
+<p>»Was willst du mit dem dummen Vieh, du ungläubiger
+Hund?«</p>
+
+<p>»Ich brachte es auf Befehl des Herrn Oberrichters. Der Herr
+möge mit dem Bock da unterhandeln, der hat einen Bart.«</p>
+
+<p>Dieser Trumpf gefiel in Kecskemét und die Wage sank
+zu Gunsten Miskas.</p>
+
+<p>»Das wird ein Mann! Der läßt nicht mit sich umspringen.
+Er hat's dem Effendi tüchtig gegeben. Einen
+solchen Oberrichter hatten wir noch nicht.« Und sie beobachteten
+ihn seither sehr aufmerksam, was wohl aus ihm werden
+würde. Und richtig brachte fast jeder Tag der öffentlichen Meinung
+eine kleine Delikatesse. Man erzählte sich, der Oberrichter
+habe den Goldschmied Johann Balogh und den aus
+Kronstadt hierher verschlagenen berühmten Goldschmied Wenzel
+Walter zu sich berufen: sie mögen eine Peitsche anfertigen,
+deren Griff aus reinem Gold sein solle, ausgelegt mit Topasen,
+Smaragden und anderen strahlenden Edelsteinen, ferner
+einen Filigran-Fokosch, dessen Stiel gleichfalls Gold und dessen
+Scheide reines Silber sein müsse. Sie mögen den Tag nicht
+für die Nacht ansehen, sie mögen's vielmehr umgekehrt thun.
+Diese beiden wertvollen Dinge verschlängen eine Million.
+(Ja, hat denn die Stadt für dergleichen Dinge Geld?) Am
+folgenden Sonntag gingen die Richter und die beiden Senatoren
+sämtliche Geschäftsläden durch und kauften den gesamten
+Vorrat an nationalfarbenen Bändern auf, alsdann
+fuhren sie mit den vier Pferden der Stadt nach dem
+»Szikra« hinaus. Der Szikra ist die Sahara der Stadt
+Kecskemét. Ein Meer aus Sand. Seither haben die Enkel
+dort Bäume gepflanzt, damals war der Sand noch frei, er
+wanderte und rollte in hohen, wilden Wellen, nach seinem
+Gefallen ins Unendliche. Ringsumher auf einem unendlichen
+Gebiete weder Wasser, noch Pflanze; die Sonne sendet
+ihre Strahlen in lilienweißer Farbe auf die Milliarden winziger
+Sandkörner, welche sich in augenblendender Schnelligkeit
+bewegen, wie wenn Tausende unsichtbarer Besen unaufhörlich
+arbeiten würden, oder nur der Sonnenstrahl sich auf ihnen
+bewegt und umherspringt. Von einem Tier, einem lebenden
+Wesen ist keine Spur vorhanden. Dieses Landgebiet kann nicht
+einmal einen kleinen Maulwurf hervorbringen. Denn dieses
+Gebiet ist nur auf der Durchreise begriffen. Hier kann niemand
+zu Hause sein, da die Erde selbst nicht zu Hause ist.
+Auch ein Maulwurf liebt es, wenn er seinen Bau verläßt,
+ihn wieder vorzufinden. Ei, wer würde es versuchen hier
+auch nur einen einzigen Sandhügel zu bezeichnen, den er
+morgen wiederfindet? Die Hügel ziehen fort wie der unstäte
+Wanderer, sie lösen sich und bilden sich an anderer Stelle
+wieder. ... Es herrscht tiefe Totenstille. Nur zuweilen
+zwitschert eine Schwalbe oben in der Luft, welche es nicht
+verschmäht, dort vorbeizufliegen. Weit, sehr weit schnattert
+ein Wildentenpaar. Dort ist irgendwo ein Weiher. Wenn
+die Sonne aufgeht, ringt sie sich aus einem Sandhügel empor
+und sinkt am Abend wieder auf einen Sandhügel herab.
+Die Sonne selbst erscheint als ein glänzender Sandhügel,
+dessen goldener Staub aus der Höhe auf die graubraune einförmige
+Welt herabweht. Lange, lange muß man wandern,
+bis endlich unwillkürlich ein Freudenruf auf die Lippen kommt.
+Jetzt kann das Wasser schon nicht mehr weit sein. Zwischen
+zwerghaften Weiden windet sich die romantische Theiß, unser
+Süßwasserfluß. Links erglänzt eine kleine Hütte. Üppige
+Weiden breiten sich hinter ihr aus, mit wehendem Röhricht.
+Den Oberrichter interessierte das Leben der Pußten; er betrachtete
+Alles der Reihe nach. Dann befahl er den Ochsen-
+und Pferdehirten, daß von heute in vier Wochen bei Sonnenaufgang
+hundert schön gehörnte weiße Ochsen und fünfzig der
+fehlerfreiesten Hengste, deren Mähnen mit nationalfarbenen
+Bändern geschmückt, vor dem Stadthause stehen müssen.
+Auch von den Hörnern der Ochsen sollen nationalfarbene
+Bänder herabwehen. Diese Verfügung blieb nicht geheim,
+sobald die Herren nach Hause kamen, und wenn es schon
+damals in Kecskemét Zeitungen gegeben haben würde, so
+hätte der verantwortliche Redakteur diese Nachricht im Entrefilet
+veröffentlicht. So aber sprachen die Bürger nur bei
+den Weinhumpen davon: »Goldener Fokos! Mit nationalfarbigen
+Bändern geschmückte Ochsen und Pferde! Vielleicht
+will der Sohn des Königs sich bei der edlen Stadt als Hirt
+verdingen.« Aber noch größer wurde das Staunen am anderen
+Tage, als Gyurka Pintyö es bei Trommelwirbel in
+den Hauptgassen mit seiner groben Stimme verkündete:</p>
+
+<p>»Drum! Brum! Es wird allen jenen, welche es betrifft,
+kundgegeben!« Hier pflegte in der Regel der trommelrührende
+Gyurka eine Pause zu machen und seinen einem Sellerie
+ähnlichen Kopf zur Seite zu neigen, wie eine traurige Gans,
+aber so geschickt, daß sein Mund bis an den Rand der in der
+inneren Tasche seines Dolmans verborgenen Holzflasche kam,
+aus welcher er einen guten Schluck that und dann mit durchnäßter
+Kehle donnernd fortfuhr: »Daß, wer die Gemahlin
+des türkischen Kaisers werden will, sich bis Sonntag bei dem
+wohledlen Herrn Oberrichter melden soll.«</p>
+
+<p>Darauf entstand natürlich ein Hin- und Hergerede. »Ist
+der Oberrichter wahnsinnig geworden.«</p>
+
+<p>»Ein unreifer Knabe!« brummten Viele. Die Eingeweihten,
+welche wußten, was der Zweck sei, schüttelten die
+Köpfe. »Es wird keine Wirkung haben.« Die Naiven
+jedoch erstaunten und freuten sich über die Auszeichnung,
+denn es ist doch schön, daß der türkische Kaiser seine Frau
+aus Kecskemét wählt. Se. Majestät hat einen guten Geschmack.
+(Jetzt möge Nagy-Körös reden!) Mädchen und
+junge Witwen besprachen erstaunt die interessante Neuigkeit.
+Sie spotteten und überhäuften einander mit mutwilligen Reden
+fünf Tage lang am Brunnen. Der Plan des Oberrichters
+streckte wie die Schnecke seine Hörnchen immer weiter hinaus.
+Es kam die Nachricht, daß der Sultan Mahomet IV. nach
+Ofen käme, auch erzählte man, daß man ihm die hundert
+Ochsen und fünfzig Hengste bringe und daß für ihn die Senatoren
+als Geschenk die vier schönsten Kecskeméter Mädchen
+auswählen.</p>
+
+<p>»Nur vier?« rief mutwillig die schöne Frau Paul Inokai
+aus; »armer türkischer Kaiser!«</p>
+
+<p>»Und wenn du noch wüßtest, Schwester Borcsa,« erklärte
+Mathias Tóth, »daß er zu Hause noch dreihundertundsechsundsechzig
+Frauen hat.«</p>
+
+<p>»Er muß viel zu thun haben,« warf die geistreiche Frau
+Georg Ugi ein, »bis er sie alle des Morgens durchprügelt.«
+(Und sie schnalzte mutwillig mit der Zunge.) Ein heller
+Weiberverstand, derjenige der Kata Agoston, entdeckte sofort
+unter den vielen Frauen die unglücklichste. »Was aber kommt
+auf die Arme, welche am 29. Februar an der Reihe ist, in
+einem Jahre, wo der Februar nur 28 Tage hat?«</p>
+
+<p>Das konnte wirklich selbst Mathias Tóth nicht beantworten,
+er brummte etwas, daß bei den Türken ein anderer
+Kalender sei, aber das hinderte nicht, daß ein bis zum Weinen
+gehendes Mitleid über die dreihundertsechsundsechzigste Frau
+sich der Weiber bemächtigte. (O, arme, unglückliche Seele.)
+Dann gewann die Neugierde die Oberhand, wer wohl die Unverfrorenheit
+haben wird, sich zu melden? Obwohl es keine
+Narrheit wäre, zu erfahren, welche die vier schönsten Rosen
+in dem Blumengarten Kecskeméts seien, welche der Magistrat
+auswählen würde? Heimlich beschäftigten sich gewiß wieder
+eitle Herzen mit dem eitlen Gedanken. Aber die Schamhaftigkeit
+sagte: »Still!« Das Gesicht des Oberrichters nahm auch
+alsbald eine enttäuschte Miene an. Bis zum Sonntag blieb
+kein einziges Fischlein an der Angel hängen. Das heißt, daß
+Frau Fábián mit bemalten Augenbrauen, gesteiften Röcken
+hinkam. »Rathen Sie, Herr Oberrichter, warum ich kam?«
+sprach sie mit ihrem Blicke kokettierend.</p>
+
+<p>»Vielleicht kamen Sie um Steuer zu zahlen?«</p>
+
+<p>»Aber gehen Sie doch.« Und mit ihrem Spitzentuche
+wehte sie Lestyák kokett zu.</p>
+
+<p>»Vielleicht kamen Sie um jemanden anzuklagen?«</p>
+
+<p>»Nein!«</p>
+
+<p>»Vielleicht sammeln Sie für die Pfaffen,« fuhr der Oberrichter
+fort.</p>
+
+<p>Frau Fábián neigte traurig das Haupt und seufzte:
+»Wenn Sie es nicht erraten, dann würde ich es vergeblich
+sagen.« Es lag in ihrer Stimme eine Art schmerzlicher Entsagung,
+eine seelenerschütternde Melancholie.</p>
+
+<p>»Was! Sie kommen doch vielleicht nicht, um sich zu
+melden!«</p>
+
+<p>»Ich bin Witwe,« sagte sie schamhaft.</p>
+
+<p>»Das ist ein Grund. Hm!«</p>
+
+<p>»Ich thue es der Stadt zuliebe,« fuhr sie, bis zu den
+Ohren errötend, fort.</p>
+
+<p>»Aber was würden Pater Bruno, Pater Litkei dazu sagen?«
+murmelte der Oberrichter halb zornig, halb lachend, »welche
+Sie fast zur Heiligen gemacht haben.«</p>
+
+<p>»Ich werde eine Messe für meine Seele lesen lassen.
+Meine Seele wird auch fernerhin der Kirche bleiben, meinen
+Körper opfere ich für die Stadt.«</p>
+
+<p>»Schön! Schön! Ich werde Ihren Namen notiren.«</p>
+
+<p>Noch einige aufgeblasene Gesichter meldeten sich außer ihr.
+Panna Nagy aus der Czeglédergasse, Witwe Frau Kemenes,
+Maria Bán. Einige jagte der Oberrichter aus seinem Zimmer
+hinaus. »Wirst du dich von hier packen, du Scheusal,
+wem zum Teufel kannst du gefallen?« Einem blatternarbigen
+Mädchen sagte er zornig: »Hast du zu Hause keinen Spiegel?«</p>
+
+<p>»Ich habe keinen, wohledler Herr Oberrichter.«</p>
+
+<p>»Dann geh', mein Kind, suche dir irgendwo einen Kübel
+Wasser, betrachte dich darin und komme zurück, wenn du den
+Mut hast.«</p>
+
+<p>Alle diese Details erregten in den wohlinformierten Kreisen
+große Heiterkeit. Am nächsten Tage, Montag, war Senatssitzung
+und die Senatoren selbst ließen einige bissige Bemerkungen
+über das resultatlose Unternehmen fallen. »Nun, befindet
+sich schon jemand im Käfig?«</p>
+
+<p>»Keine einzige ist geeignet,« antwortete Lestyák zornig.</p>
+
+<p>Herr Gabriel Poroßnoki lächelte gemütlich.</p>
+
+<p>»Wir haben uns verrechnet. Es wäre leichter für den
+Kaiser in Kecskemét vier Mütter zu finden, als vier Odalisken,«
+sagte der Oberrichter dezidiert. Er war hartnäckig und unbeugsam
+in Dingen, die er sich einmal in den Kopf gesetzt
+hat. »Wir können nicht ohne Bouquet gehen.« Und damit
+schob er den Senatoren den vertraulichen Brief des Ofner
+Sandschakpaschas hin, der auf die Erkundigung, welches Geschenk
+Sr. Majestät angenehm wäre, mit orientalischer Dunkelheit erwiderte:
+»Bring' ihm Pferde, Waffen, Braten und Blumen!«</p>
+
+<p>Die Blumen müssen da sein. Punktum. Freilich meldete
+sich bisher niemand &ndash; weil noch keine Lockspeise ausgesetzt
+war. Der türkische Sultan ist in der That keine solche.
+Wer schwärmt für den türkischen Sultan? Wenn es noch
+irgend ein reicher, strammer Müller aus der Theißgegend wäre,
+in einem hübschen, fest anliegenden hechtgrauen Dolman, in
+Stiefeln und wenn er eine legitime Gattin suchen würde.
+Aber der türkische Sultan! Von dem die Frauen unserer
+Gegend nur wissen, daß er der Pascha der Paschas ist. Selbst
+der Spatz würde sich ja nicht in den Hinterhalt locken lassen,
+in den aus weißen Pferdehaaren gewundenen Ring, wenn
+zwischen den Strohhalmen nicht rötliche Fruchtkörner hervorscheinen
+würden. Selbst die kleine Maus würde nicht in die
+Falle gehen, wenn darin nicht das weiße Speckstück verlockend
+glänzen würde. Auch den Kecskeméter Mädchen muß man
+die Lockspeise ausstecken. Und was kann diese Lockspeise sein?
+Nun, du lieber Himmel, was anders, als &ndash; die Kleider.
+Perlen, Bänder, Spitzen. Auch das ist eine heilige Dreifaltigkeit
+der Hölle. Von Belzebub angefangen waltet darin
+jeder Teufel; der eine ruft: »Komm, betrachte mich,« der
+andere ermutigt: »Probiere mich,« der dritte flüstert: »Sei
+verdammt meinetwegen.«</p>
+
+<p>Michael Lestyák sandte dazu geeignete Frauen aus, die
+einen nach Szegedin, die anderen nach Ofen zu den türkischen
+Kaufleuten, damit sie die schönsten Seidenbrokatstoffe zusammenkaufen:
+mit Gold- und Silberblumen durchwirkte Stoffe,
+feine Blondspitzen, rubinenbesetzte Gürtel. Sie wurden beauftragt,
+alles in der glänzendsten Pracht auszuwählen. Ihr
+Sinn soll so darauf gerichtet sein, als handelte es sich
+darum, vier Prinzessinnen für den Ball herauszustaffieren.</p>
+
+<p>Der alte Lestyák selbst ruhte nicht, er setzte sich auf einen
+Wagen im Auftrage seines Sohnes, um die benachbarten
+herrschaftlichen Familien aufzusuchen: Die Vays, Fáys und
+Bárius, für welche er arbeitete (denn er war weit und breit
+als ein meisterhafter Schneider berühmt), damit er von ihnen
+für städtische Gemeinzwecke (denn auch sie alle sind Grundbesitzer
+in Kecskemét) die Kleider nähenden Fräulein erbitte.
+Überall waren die Herrschaftsdamen, die »Patrone der Stadt«,
+gnädig. Meister Mathias konnte mit einer ganzen Wagenladung
+Fräulein nach Hause kommen. Als in großen Kisten
+auch die Ware ankam und alles bewundernswert war, begann
+unter der Aufsicht Mathias Lestyáks die fieberhafte
+Thätigkeit bei Tag und Nacht. Die Scheren, Fingerhüte
+klapperten, die Nadeln funkelten und nach und nach begannen
+die vielen Sammet- und Seidenstücke Gestalt zu gewinnen.
+Auch Hauben wurden verfertigt, für zwei Jungfrauen und
+zwei Frauen. Man braucht vielleicht nicht zu sagen, daß, so
+viele Mädchen und Frauen es gab, sie alle von diesen Wunderkleidern
+bei Tag sprachen und bei Nacht träumten. Es
+wäre alles im besten Flusse gewesen, wenn der Quardian
+Bruno und Pater Litkei sich nicht eingemischt hätten. Diesen
+gefiel nämlich der Plan keineswegs, daß in Kecskemét eine
+türkische Behörde sein und dies die Stadt gar selbst erbitten
+solle. »Wer Jehovas Getreuer ist, der soll mit Allah nicht
+kokettieren. Denn den treulosen Diener verstößt der eine Herr
+und der andere nimmt ihn nicht auf. Seid auf der Hut,
+Kecskeméts gottesfürchtige Einwohner.« Sie schimpften, hielten
+aufreizende Reden gegen den neuen Oberrichter, der mit
+den Türken gemeinsame Sache macht, indem er ihnen die
+Stadt des heiligen Nikolaus zuschanzen will, die Jungfrauen
+raubt und das Seelenheil verkauft.</p>
+
+<p>Das Ungarherz ist ein guter trockener Zündschwamm:
+jeder Funke fängt. Immer mehr Menschen wurden aufgeregt.
+Am folgenden Sonntag sammelten sich unruhige
+Gruppen nach der heiligen Predigt vor dem Stadthause an,
+welche mit drohenden Handbewegungen schrien: »Nieder mit
+dem Oberrichter! Nieder mit den Senatoren!« Besonders
+die Katholiken waren stark irritiert. Die Lutheraner, deren
+Vorfahren vor mehr als hundert Jahren eingewandert sind
+und die aus Tolna hiehergekommenen Kalviner, welche in
+jener Zeit abgesondert in der Friedhofgasse wohnten, liebten
+ein wenig die mit den protestantischen Siebenbürger Fürsten
+paktierenden Ungläubigen. Den Protestanten erscheint
+der Turban ebenso absonderlich wie die Tiara.</p>
+
+<p>Die Herren Poroßnoki und Agoston liefen erregt zum
+Oberrichter: »Es steht sehr schlecht. Das Volk unten ist empört.
+Hören Sie das nicht?«</p>
+
+<p>»Ich höre es,« antwortete er gleichmütig.</p>
+
+<p>»<span class="f" lang="la">Quid tunc?</span> Sollen wir unseren Plan aufgeben?«</p>
+
+<p>Max sah sie spöttisch an. »Die Frage ist, ob er schlechter
+sei, seitdem der Quardian ihn hintertreibt?«</p>
+
+<p>»Er ist nicht schlechter geworden,« sagte Poroßnoki, »aber
+wir müssen mit den Eventualitäten rechnen. In zwei Wochen
+werden die beiden Patres, welche großen Einfluß auf das
+Volk haben, dasselbe mit Hauen und Hacken gegen uns
+treiben.«</p>
+
+<p>»Die Frage ist, ob wir das Schicksal Kecskeméts entscheiden
+oder die Gasse? Ich glaube, wir. Es wird also
+bleiben, wie wir es beschlossen haben.«</p>
+
+<p>Mit so viel Energie sprach der junge Oberrichter diese
+Worte aus, daß sie selbst dem eisernen Charakter Poroßnokis
+imponierten, nur Christoph Agoston hätte gern ein wenig
+gestritten. »Der Trotz ist nicht immer vernünftig, Herr Oberrichter.
+Das Übel ist da! Dagegen muß man etwas thun, ehe
+es uns über den Kopf wächst.«</p>
+
+<p>»Wir thun ja. Sie werden sich nach einer halben Stunde
+aufs Pferd setzen.«</p>
+
+<p>»Ich?«</p>
+
+<p>»Sie reisen als geheimer Gesandter in einer wichtigen
+Angelegenheit.«</p>
+
+<p>»Wohin?«</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich, wohledle Herren, aber legen Sie ein
+Schloß an Ihren Mund, denn wer verrät, was ich sage, dem
+mache ich einen Strafprozeß.«</p>
+
+<p>»Er spricht wie ein Diktator,« murrte der kränkliche Zaládi.</p>
+
+<p>Unterdessen waren die Senatoren herein gekommen, blaß,
+mit aufgedunsenen Gesichtern, einigen sah der Schreck aus
+den Augen. »Hört! Hört!«</p>
+
+<p>»Herr Agoston, Sie werden den Kurutzentrupp aufsuchen,
+namentlich Stefan Csuda.«</p>
+
+<p>»Diesen Dieb! Nun, dem werde ich es geben, er soll mir
+nur vor die Augen treten.«</p>
+
+<p>»Sie werden ihm nichts thun, sondern vielmehr mit ihm
+höflich unterhandeln, um wie viel er geneigt wäre, noch einmal
+den Quardian und Pater Litkei zu rauben &ndash; aber sofort.
+Diese beiden Menschen haben wir einige Zeit nicht nötig.«</p>
+
+<p>Das ernste Gesicht der Stadtväter erheiterte sich zu einem
+Lächeln, kein einziger war mehr blaß. Herr Poroßnoki schlug
+sich lustig mit der Hand vor die Stirn. »Nun, das wäre
+mir auch nicht eingefallen. Eure Gnaden sind ein geborener
+Diplomat.«</p>
+
+<p>»Die Notwendigkeit ist ein guter Lehrer, oft ein besserer als
+die Erfahrung. Über die Pfaffen haben wir keine Macht,
+wir können sie weder gefangen nehmen, noch ihnen die Kanzel
+verbieten. Es giebt nur ein Mittel: Stefan Csuda.«</p>
+
+<p>»Wie viel kann ich versprechen?« fragte gut gelaunt der
+hinausgehende Agoston.</p>
+
+<p>»Sie können es billig abmachen, denn er hat jetzt nichts
+mehr zu thun, überdies schlägt es in sein Fach. Versprechen
+Sie ihm die Hälfte von dem, was er begehrt.«</p>
+
+<p>Nach einer halben Stunde wirbelte bereits die Stute
+Agostons den Staub aus der Czegléder Straße auf und
+am Abend des dritten Tages führten die Csudas die
+frommen Mönche gebunden auf demselben Wege fort&nbsp;...
+So erfolgreich war die geheime Sendung des Herrn Christoph
+Agoston, welche er bis zu seinem Todestage stets mit großer
+Vorliebe erzählte, immer prächtiger, romantischer und in seinem
+Greisenalter mit den prahlerischen Worten anfing: »Hei!
+Als ich noch plenipotenter Gesandter war am Hofe Sr. Majestät
+des Herrn Thököly!«</p>
+
+<h2>Viertes Kapitel.</h2>
+
+<p>Die Pfaffen wurden weggeführt, die Kecskeméter Volksrevolution
+schlief ein und der denkwürdige Tag rückte heran,
+an welchem man nach Ofen zog mit den Geschenken &ndash;
+zum türkischen Kaiser. Die Kleider waren fertig und an
+den letzten drei Tagen wurden sie auf dem Stadthause zur
+allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nun, das gab eine
+Prozession. Der Heiduck Pintyö behütete den großen Tisch,
+auf welchem die Schätze verlockend ausgebreitet waren. Der alte
+Gyurka stand dort wie ein Cherub, statt des Flammenschwertes
+hielt er den Haselnußstab in der Hand. So schön war all
+der Flitter, daß er selbst darüber betroffen zu sein schien. Solche
+Fetzen sind den Frauengesichtern eine große Nachhilfe. Die
+hübscheren Frauenzimmer ermutigte er zuweilen, auch das gehörte
+zu seinem Amte. »Probieren Sie es nur, mein Täubchen,
+dort im anderen Zimmer.« Und wer hätte widerstanden?
+Gab es ein Herz, welches nicht lauter gepocht hätte, einen
+Blick, der nicht gefangen genommen worden wäre? Alle Pracht
+von »Tausend und eine Nacht« ist nichts dagegen. Wie viele
+Mägdelein trippelten furchtsam wie Rehe um all diese Herrlichkeiten
+und ließen die Blicke sanft über dieselben schweifen,
+allein alsbald öffneten sich die Augen weit und begannen zu
+leuchten wie zwei flammende Lichter, die Glieder begannen
+leise zu beben, die Schläfen brannten und pulsierten rasch, und
+zu solcher Zeit begann dann der Heiducke zu sprechen: »Probier's
+doch, mein Täubchen!« Und sie probierten es und
+wären sie daran gestorben! Allein wehe, wer den Glanz
+einmal angelegt. Herrliche Bänder wurden ihnen in die
+Haare geflochten, der Leib wurde schlank geschnürt, man legte
+ihnen wunderbar gestickte Hemden, Kleider aus himmelblauer
+Seide an, in welche silberne Halbmonde gestickt waren, und
+dann die karmoisinroten Stiefelchen und den blendenden
+Schmuck: »Na, mein Seelchen, jetzt besieh dich doch einmal!«
+Man stellte einen Spiegel vor sie hin und die Mädchen
+begannen zu jubeln vor Freude: sie sahen ein Feenmärchen.
+Und wenn sie sich also bewunderten, vor Sehnsucht
+brennend, mit wogendem Busen und mit dem süßen Hunger
+der Eitelkeit, da trat wieder der Cherub vor: »Na, jetzt war's
+aber genug, entkleide dich &ndash; oder wenn es dir beliebt, so geh'
+für alle Zeit in solchen Kleidern einher.«</p>
+
+<p>Welche hätte wohl die Kraft, zu sagen: »Ich lache Euch
+aus« und das bezaubernde Mieder zu öffnen, die wundervollen
+Kleidchen vom Leib zu schälen, die reizenden Karmoisinstiefelchen
+abzulegen, den funkelnden Schmuck abzulösen und
+wieder hineinzukriechen in die alten Kittel. Alle wollten den
+Versuch machen &ndash; keine einzige aber legte die Herrlichkeit gern
+ab. Selbst ältere Frauenspersonen bekamen bald das Fieber,
+sie hätten sich gern in diesen Kleidern gesehen &ndash; und es waren
+ihrer, bei Gott, solche, die man in Szegedin als Hexen verbrannt
+hätte. Schließlich mußte gar ein Verbot erlassen werden.
+Nur die Schönen, Waisen und Armen durften die Kleider
+probieren. Gevatter Pintyö hatte es so weit gebracht: er bestimmte,
+wer schön sei. Paris hatte nur einen Apfel, er hatte
+einen ganzen Korb voll. Man bewarb sich aber auch um seine
+Protektion mit bezauberndem Lächeln, mit Schinken und
+Kuchen, auch ein Krug voll Wein stellte sich von da und dort
+ein. Denn es war ja das kein kleines Amt. Dies stellte
+sich sozusagen erst später heraus, als es nach zehn, zwanzig
+Jahren den Frauen ein gewisses Ansehen gab, wenn sie sagen
+konnten: »Oho, mich hat kein Storch ausgebrütet, auf meinem
+Leib prangten auch einst die Kleider der Lestyák.« Es wurde
+beinahe ein Sprichwort daraus. Wie erst damals, als die
+Sache noch warm war, konnte es da gleichgültig sein, wer die
+Kleider tragen durfte und wer nicht, wer amtlicherseits schön
+gefunden wurde und wer unbrauchbar war? Gar viele
+bittere, brennende Thränen wurden da geweint. Ich will den
+Alten nicht des Mißbrauchs der Amtsgewalt anklagen, auch
+dessen nicht, daß er sich bestechen ließ (es fiele auch ein wenig
+schwer, dies heute, nach zweihundert Jahren beweisen zu wollen)
+aber Thatsache ist einmal, daß er gar viele Taktlosigkeiten beging.
+Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem Zigeunermädchen.</p>
+
+<p>Es kam nämlich die Kleine, in Lumpen gehüllt, barfuß,
+zerzaust, ließ die großen Augen über die Schätze hinfliegen
+und der Mund blieb ihr offen stehen. Wie glänzende
+Perlen aus dem Orient funkelten die weißen Zähne im
+roten Mündchen. (Der alte Esel nahm es gar nicht wahr.)
+Sie war noch ein Kind, schlank zwar, aber kräftig gebaut.
+Lange strich sie um die Schätze herum, zauderte, bis
+sie den Heiducken endlich anredete: »Und ich &ndash; darf ich wohl?«</p>
+
+<p>Gyuri Bácsi blieb erst wie Eis, dann sagte er verächtlich:
+»Wozu ein Hufeisen an einer Kröte Fuß? Geh' zum Teufel?«</p>
+
+<p>Als wäre jedes Wort eine Wolke gewesen, die sich auf
+das Antlitz des Mädchens herabließ, so traurig wurde das
+Kind. Selbst dieses wild aufgewachsene Eichhörnchen wurde
+von dem Tand gebannt. Es wandte sich ab und wischte
+mit dem Arm die hervorquellenden Thränen aus den Augen.</p>
+
+<p>Zum Glück &ndash; oder vielleicht zum Unglück &ndash; war der
+Oberrichter eben im Zimmer und betrachtete ihren Kummer.
+Er berührte mit der Hand ihre Schulter. Erschreckt fuhr sie
+in die Höhe. »Wähle unter diesen Kleidern und kleide dich an.«</p>
+
+<p>Zagend schaute sie zu ihm auf. »Der erlaubt es nicht!«
+(Sie zeigte mit einer Gebärde auf Pintyö.)</p>
+
+<p>»Aber wenn ich es gestatte, ich, der Oberrichter der Stadt.«</p>
+
+<p>Sie lächelte unter Thränen, indem sie ihn anschaute.
+»Du befiehlst hier? Wahrhaftig?«</p>
+
+<p>»Pintyö,« sprach der Oberrichter lächelnd, »tragen Sie
+der Kleinen das schönste Kleid hinein. Sehen wir zu, was
+man aus ihr machen kann.«</p>
+
+<p>Sie konnten es schon nach einer Viertelstunde sehen. Als
+sie aus dem Ankleidezimmer trat, gewaschen und angekleidet,
+da hörte man ein Murmeln der Bewunderung. Ist's ein
+Traumgebilde oder ein lebendes Wesen? Sie war wie eine
+Königstochter von blendender Schönheit. Das kirschrote seidene
+Leibchen ließ entzückende Formen vermuten, der Rock schlängelte
+sich anmutig bis zu den Knöcheln. Ihre Lippen wetteiferten
+an Röte mit dem Rubin und ihr tiefschwarzer Zopf lief so
+weit hinunter, als er nur etwas von ihrem Körper, sich daran
+zu schmiegen, fand.</p>
+
+<p>»Wessen Tochter bist du?« fragte der Oberrichter entzückt.</p>
+
+<p>»Des alten Bürü Tochter, der beim &rsaquo;Schmucken Husaren&lsaquo;
+zu musizieren pflegt.« (Der &rsaquo;Schmucke Husar&lsaquo; war eine berüchtigte
+Csárda unter den Tanyen<sup id="fnRef7"><a href="#fn7">7</a></sup> des Theißufers.)</p>
+
+<p>»Wie heißt du?«</p>
+
+<p>»Czinna.«</p>
+
+<p>»Kommst du mit uns nach Ofen?«</p>
+
+<p>Sie zuckte gleichgiltig mit der Schulter.</p>
+
+<p>»Kommst du, so gehört das Kleid dir.«</p>
+
+<p>»Ich gehe.«</p>
+
+<p>So fand man die erste Blüte des Blumenstraußes. Auch
+die übrigen fanden sich. Man mußte nur von den vielen die
+passendsten drei auswählen. Die flachshaarige Marie Bari
+mit ihren veilchenblauen Augen, ihrer reizenden Taille; die
+stattliche, hohe Magdolna und die runde, üppige Agnes Pál
+mit ihrem roten Gesicht, eine knospende Malve. Nie küßte
+Schönere der Sultan, nie besang Herrlichere Firdusi.</p>
+
+<p>Nun konnten sie sich schon auf den Weg machen. Sonntags
+kam die Rinderheerde, hundert prächtige Ochsen, alle mit
+hübschen Glocken, bändergeschmückten Hörnern, es kamen die
+Pferde, fünfzig schlanke Fohlen, jedes mit einem silbernen
+Glöcklein. Auf die beiden Wagen setzten sich zu zweien die
+Mädchen, das heißt, zwei unter ihnen waren Frauen, die
+»falschesten« zwei Frauen, denn sie gaben sich nur als
+solche. In ihren blauen, mit silbernen Spangen versehenen
+Mänteln bestiegen hierauf auch die Herren Senatoren die
+Wagen. Im ersten Wagen saß der Oberrichter mit Franz
+Kriston, auf dem Rücksitz Josef Inockai. Einer bringt die
+Hengste, der andere die Rinder. Herr Agoston, der auf
+dem anderen Wagen saß, avancierte vom Deputierten zum
+Blumengärtner &ndash; so ist nun einmal die Politik. Gabriel
+Poroßnoki trug die Waffen in prächtigem Seidenfutteral. Der
+Sechste vom Stadthause, der kleine verwachsene Georg Imecs
+sah zwar nicht gut aus, aber er sprach gut türkisch und
+tatarisch, so nahmen sie ihn mit zum »Schmieren«. Das
+Eljengeschrei der Versammelten ertönt, die zu Hause gebliebenen
+Frauen reißen die Tücher vom Kopfe, um mit denselben
+zu winken, die Kutscher treiben ihre Pferde an, die
+Czikose<sup id="fnRef8"><a href="#fn8">8</a></sup> schwingen ihre Peitschen und nun setzt sich der glänzende
+Zug unter Musikbegleitung in Bewegung, denn die
+Glocken der hundert Ochsen ertönen und die fünfzig Silberglocken
+läuten. Der Weg ist eintönig, wir beschreiben ihn
+nicht, im Alföld ist alles gleichförmig. Die Ortschaften, die
+Städte, die Dörfer, die Ebene mit ihrer Fata Morgana, der
+nur das Sinken des Himmelsgewölbes ein Ende macht, der
+graue Boden, aus dem die matte Herbstsonne buntfarbige
+Blumen zaubert, ist überall derselbe. Eine Gemarkung gleicht
+so der anderen, wie eine Elle Tuch der anderen, wenn sie
+von einem Stücke sind. Hie und da erblickt man eine einsame
+Tanya, ein weißes Häuschen, einen Brunnen. Am
+Ende der Ortschaften erscheinen die Windmühlen mit ihren
+ausgebreiteten Flügeln. Es ist wahrlich köstlich, wie einförmig
+auch die großen Städte Alfölds waren. Jede hatte ein Ding,
+womit sie sich brüstete. Debreczin mit seinem Kollegium,
+Szegedin mit seiner Mathiaskirche, Kecskemét mit dem Nikolausturm,
+auf dem im besten Einvernehmen der kalvinische
+Hahn, der lutheranische Stern und das katholische Kreuz zu
+sehen waren; jede Stadt hatte auch ein berühmt gewordenes
+Nahrungsmittel aufzuweisen, Debreczin die Wurst, Kecskemét
+den Apfel, Szegedin den Paprika. Sie entwickelten sich auch
+geistig gleichförmig, eine jede zeigte, was sie <span class="f" lang="la">in puncto</span> des
+Geistes kann. Debreczin hatte seinen Csokonai, Szegedin
+seinen Dugonits, Kecskemét seinen Katona.<sup id="fnRef9"><a href="#fn9">9</a></sup></p>
+
+<p>Unsere Helden aber reisten munter fort, bis sie sich endlich
+im großen Ameisenhaufen Ofen befanden, wo sie sofort
+zu ihrer Aufgabe sich stellten, jeder, wie sie ihm zugeteilt
+war. Die erste Rolle fiel dem »Schmiermenschen« zu,
+der sich von der »schmierenden« Frau<sup id="fnRef10"><a href="#fn10">10</a></sup> nur darin unterscheidet,
+daß er den Leuten die Schmerzen nicht mit Fett,
+sondern mit Gold austreibt. Er lief von Pontius zu Pilatus,
+um dort zu argumentieren, daß die Audienz bewilligt
+werde. Der Padischah genehmigte, daß am Mittwoch die
+Stadt Kecskemét vor sein glanzvolles Angesicht trete.</p>
+
+<p>Fünftes Kapitel.</p>
+
+<p>In großer Gala erschienen unsere Freunde, den Säbel
+an der Seite. Herr Michael Lestyák zeigte sich als ein fescher,
+hübscher Jüngling. Er hielt die Ansprache, er beschrieb die
+traurigen Zustände in Kecskemét so treu, so schön, daß die
+vier hinter ihm stehenden Senatoren in Thränen ausbrachen.
+(Herr Imecs wurde bereits gestern nach Hause gesendet.) Die
+Rede gipfelte nach vielen Stilblüten darin, daß die Kecskeméter
+dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Füßen fallen, dieser
+möge ihnen einen ständig in Kecskemét wohnenden Pascha bewilligen
+oder einen anderen Würdenträger, wenn er auch nur
+so groß wäre, wie ein kleiner Finger, der sie fortab vor den
+Plünderern bewahre. Blos das Faktum, daß ein Mann des
+erhabenen Sultans in Kecskemét ist, rettet den Frieden und
+die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen Wendung
+malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben
+der Pascha dort führen würde; sie werden ihm ein Steinhaus
+bauen, werden ihn schätzen und achten, werden ihn bedienen,
+aus ihrer Hand werde er den süßen Honig essen können und
+so weiter.</p>
+
+<p>Nun übersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha Nazur
+Bey die Rede dem Sultan, der dieselbe mit apathischem Gesichte
+und sehr gelangweilt zu Ende hörte. Im übrigen war
+dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa vierzig Jahre alt.
+Hie und da nickte er dazu mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem
+Sultan mit verschränkten Armen und lauerte mit blutunterlaufenen
+Augen, wie wenn er sagen würde: »Die Rede haben
+wir nun gehört, nun lasset uns die Argumente sehen.« Diese
+folgten sofort.</p>
+
+<p>Gabriel Poroßnoki trat hervor, öffnete das apfelgrüne
+seidene Futteral, das er vor sich hinhielt, er entnahm demselben
+die prächtig gearbeitete goldene Peitsche und den Fokos,
+dann legte er sie auf den Schemel zu Füßen des Sultans.
+»Wir legen zu deinen Füßen, erhabener Herr, die Waffen
+Kecskeméts.«</p>
+
+<p>Der Sultan bückte sich, hob die Peitsche auf und betrachtete
+dieselbe eine Zeitlang. Dann wechselte er mit Ibrahim einige
+leise Worte.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte der Herr Senator Inokai gerade seine
+Kehle gewetzt und leierte dann mit ehrerbietigem Krächzen
+folgendermaßen: »Deinen heldenhaften Soldaten haben wir
+einen kleinen Braten gebracht, größter der Sultane, sei so
+gnädig und betrachte denselben durch das Fenster.«</p>
+
+<p>Bey Nazur verdolmetschte auch dies mechanisch, worauf
+sich der Sultan unwillig vom Sopha erhob, um zum Fenster
+zu treten, von wo aus die prächtigen Rinder und Fohlen zu
+sehen waren, zu denen Herr Franz Kriston den Prolog gestammelt.
+All' dies interessierte den mächtigen Herrn des
+Orients nicht besonders, müde ließ er sich wieder auf das
+Sopha fallen. ... Jetzt öffnete sich die Thür des Saales
+und ein kühlender Windhauch schlich sich ein. Vielleicht hatte
+dies das Knistern der vier Weiberröcke verursacht. Die Kecskeméter
+Mädchen traten ein, frisch und lieblich.</p>
+
+<p>Der Sultan sprang erregt empor. Christophus Agoston
+stellte sich in die Mitte des Zimmers, einem Schuljungen
+gleich und mit Gesten, als ob er einen Strauß in den Händen
+hielte, den er dem Papa überreicht, deklamierte er verschämt:
+»Wir brachten auch ein klein wenig Blumen, gnädigster
+Herr.«</p>
+
+<p>Der Sultan verstand gewiß nicht die ungarischen Worte,
+jedoch er geruhte jetzt auch ohne jedes weitere Hinzuthun zu
+lächeln. Dann rief er fröhlich dem Ofner Pascha zu: »Einen
+Schleier über sie, schnell, Ibrahim,« (dies wollte in orientalischer
+Sprache so viel heißen: »Befleckt sie nicht einen
+Augenblick länger mit Euren wollüstigen Blicken.«)</p>
+
+<p>Während der Pascha hinausstürzte, um Verfügungen zu
+treffen, teilte der Sultan in langen gedehnten Worten etwas
+dem Dolmetsch mit.</p>
+
+<p>»Se. Majestät der Sultan, dessen Schatten Allah beschirme,
+sagt Euch, Ihr Ungläubigen, daß er Eure Wünsche
+berücksichtigen wird. Verhaltet Euch bis dahin ruhig und
+wartet draußen.« Der Dolmetsch winkte und damit war die
+Deputation entlassen.</p>
+
+<p>Als aber Herr Agoston die gute Laune des Sultans sah,
+glaubte er die Zeit gekommen, irgend eine ewig denkwürdige
+That zu vollführen; er zog daher die hinausgehenden Vorsteher
+bei ihren Mantelflügeln zurück und sprach zu dem Dolmetsch:
+»Mächtiger Dolmetsch, rechte Hand deines Herrn,
+vermittle noch eine Bitte!«</p>
+
+<p>Der Großvezier, die anwesenden Paschas und Ulemas betrachteten
+den Tollkühnen betroffen, und nicht weniger überrascht
+waren die Kecskeméter Herren, aber der Sultan, an
+die Blumen Kecskeméts denkend, lächelte noch immer, und
+wenn der Sultan lächelt, scheint die Sonne, die Gräser wachsen,
+die Steine spielen Harfe und alles ist in Ordnung.</p>
+
+<p>»Nun, was wollt Ihr noch?« rief der Stellvertreter
+Ibrahim Paschas, Hassan, aus. »Sagt es schnell, denn es
+warten noch viele Deputationen draußen.«</p>
+
+<p>»Gerade das ist es,« fuhr Christoph Agoston ermutigt fort,
+»wir sahen draußen die Nagy-Köröser Deputation und wir
+bitten Se. Majestät ganz ergebenst, daß er ihr nichts gewähre,
+was sie auch verlangen möge.«</p>
+
+<p>Der Vertreter des Sultans lachte und interpretierte selbst
+dem Beherrscher der Gläubigen diese zweite Bitte.</p>
+
+<p>Auch der Beherrscher der Gläubigen lachte über den sonderbaren
+Wunsch (so etwas kam ihm in der Praxis noch nicht
+vor) und frug lebhaft, was der Grund davon sei.</p>
+
+<p>Lestyák gab die Antwort: »Nagy-Körös und Kecskemét sind
+so mit einander wie Mekka und Medina, wie Hund und Katze.«</p>
+
+<p>Der Sultan geriet in eine prächtige Laune, der Dolmetsch
+interpretierte gleichfalls mit freudestrahlendem Gesicht die Antwort
+des Herrschers: »Freut Euch! Der gnädige Padischah
+wird Eure erste Bitte genau überlegen, die zweite vollführen.«</p>
+
+<p>Damit gingen die Kecskeméter in den Hof hinaus, den
+auf den Einlaß wartenden Köröser Nachbarn »guten Morgen«
+wünschend.</p>
+
+<p>Nach einigen Minuten schlich sich der Vertraute des Sultans
+zu ihnen und vertröstete die Senatoren, ihnen auf die
+Schulter klopfend: »Ihr seid glückliche Spitzbuben! Ihr habt
+den Sultan ganz gewonnen und ihn erheitert. Kein Zweifel,
+alles wird geschehen.« Er rieb sich zufrieden die Hände. Es
+waren ihm nachträglich hundert Dukaten versprochen worden,
+wenn in Kecskemét eine türkische Behörde installiert wird.</p>
+
+<p>Unter großen Hoffnungen schritten sie draußen auf und
+ab, die Rede des Oberrichters lobend und das Auftreten
+Agostons. Herr Agoston selbst war ganz entzückt. »Nicht
+wahr, daß ich etwas wert bin? Da giebt es doch Verstand,
+Gevatter?«</p>
+
+<p>Nach ungefähr anderthalb Stunden kam der türkische Vertrauensmann
+wieder zurück. Zornig schlenkerte er mit der
+Hand, sein Gesicht war rot vor Grimm wie Paprika. »Nun,
+Schweine,« schrie er von weitem, »Ihr habt Euer Glück mit
+Füßen getreten!«</p>
+
+<p>Die wackeren Herren sahen ihn versteinert an. »Was ist
+geschehen, um Gotteswillen?«</p>
+
+<p>»Das ist geschehen, Ihr Esel, daß die Nagy-Köröser Deputation,
+die Entfernung der Ofner und Szolnoker Paschas
+beklagend, als Sitz einer zu errichtenden türkischen Obrigkeit
+Kecskemét wünschte.«</p>
+
+<p>»Wir aber« ... stotterte Josef Inokai.</p>
+
+<p>»Ihr aber ließet den Sultan versprechen, daß er den
+Wunsch der Nagy-Köröser, welcher es auch sei, nicht erfüllen
+werde. Erstarret!«</p>
+
+<p>Damit drehte er ihnen den Rücken, nachdem er zuvor
+einige Male türkisch vor sie hinspie.</p>
+
+<p>Man hätte die Betroffenheit sehen sollen. Lestyák nagte
+den Schnurrbart, der ehrliche Poroßnoki schimpfte, Kriston
+bekam Nasenbluten vor Schreck, der alte Inokai begann zu
+schluchzen, während Herr Agoston direkt zu den Wagen ging,
+welche an der Donau standen, sich in den einen hineinlegte
+und mit der Bunda<sup id="fnRef11"><a href="#fn11">11</a></sup> zudeckte, weil ihn ein solches Fieber
+schüttelte, daß es, gleichmäßig verteilt, für hundert Schnupfen
+ausgereicht hätte.</p>
+
+<p>»Jetzt könnten wir nach Hause gehen,« unterbrach Kriston
+die traurige Ruhe.</p>
+
+<p>»Wir warten den Beschluß des Sultans ab,« meinte
+der Oberrichter.</p>
+
+<p>Es mag Vesperzeit gewesen sein, als der Kaimakam des
+Sultans in Begleitung des Dolmetsch sie abholen kam. Er
+geleitete sie in einen Saal und übergab ihnen einen Kaftan,
+indem er durch den Mund des Dolmetsch sagte: »Das schickt
+Euch Se. Majestät der Padischah. Ihr werdet gewiß einen
+guten Gebrauch davon machen!«</p>
+
+<p>Die Senatoren blickten traurig auf das dunkelgrüne
+Sammetkleidungsstück, welches mit goldenen Schnüren und
+Bändern geschmückt war und erstaunt schienen die Kecskeméter
+einander zu fragen: »Also nur so viel?«</p>
+
+<p>Herr Poroßnoki gab seiner Unzufriedenheit auch in Worten
+Ausdruck: »Mehr ließ Se. Majestät nicht sagen?«</p>
+
+<p>»Mehr nicht,« erwiderte der Kaimakam mit großem Phlegma.
+»Der Sultan war Euch gut gesinnt, aber er mußte sein
+Wort einlösen. Ihr selbst habt es doch gewünscht.«</p>
+
+<p>»Könnte man nicht noch einmal zu ihm gelangen?«</p>
+
+<p>»Das geht nicht.«</p>
+
+<p>»Donnerwetter! Wir sind schön daran! Es wird zu
+Hause eine Freude geben.«</p>
+
+<p>»Wenn dem so ist,« sagte der Oberrichter kalt, »dann
+fassen Sie diesen Kaftan an, Herr Kriston.«</p>
+
+<p>Franz Kriston ergriff sehr zornig und unehrerbietig den
+mit einer Bärenhaut wattierten Mantel, so daß das eine
+Ende desselben die Erde kehrte, und schleppte ihn mit großem
+Lärm dem Oberrichter nach. Als er zu den Wagen gelangte,
+warf er ihn in eine Ecke wie einen Fetzen.</p>
+
+<p>Herr Agoston war bereits verschwunden; der eine Kutscher
+konnte über ihn nur so viel Aufklärung geben, daß er sich
+im Wagen nach Waitzen führen ließ, wo er eine verheiratete
+Tochter hatte, er sprach wenig, denn seine Zähne klapperten
+sehr, aber so viel sagte er doch, daß er Kecskemét nie wieder
+sehen werde. Als man die Pferde gefüttert und getränkt
+hatte und die Unserigen sich auf den Heimweg begaben, dunkelte
+es bereits, der Rauch der Schornsteine vermischte sich
+mit dem Nebel, die Frösche quakten häßlich in den Pester
+Sümpfen (auf dem jetzigen Kettenbrückenplatze), die Priester
+schrien unausstehlich von den Ofner Minarets, während aus
+der Pester alten Burg die Eulen geisterhaft hervorhuschten.
+Nur weit, in irgend einem Dörfchen erklang eine weinerliche
+christliche Glocke. Der Nebel war rötlich-weiß, wie frisch gemolkene
+Milch, halb durchsichtig, so daß man spöttisch lachende
+kämpfende Drachen, gepanzerte Wundertiere, Gespenster in
+Laken hervorscheinen sah. Am Himmelsgewölbe breitete sich
+eine einzige dunkelblaue Wolke schwerfällig aus.</p>
+
+<p>Als sie die Pester Häuser verlassen hatten und mit schwerer
+Not aus dem Sumpfe jenseits des Hatvaner Thores herauskamen,
+wo der Wagen Kristons beinahe in einer Linnenbleiche
+stecken geblieben wäre, rückte die Wolke mit einem Male fort
+und verschlang plötzlich den Mond, wie wenn ein großer
+Silberthaler in einem blauen Strumpf versinkt. Es ward
+etwas finsterer; eine feierliche, melancholische Stille kam über
+die schlafende Natur. Nur die Wagen knisterten in ihren
+Achsen und hie und da wurde ein Hahnenruf in den Pester
+Tanyen laut. Die Pferde zogen ungern weiter, die Kutscher
+fluchten und die Senatoren saßen in tiefe Gedanken versunken
+wortlos neben einander, nur zuweilen einige Worte
+austauschend. Und doch hätten sie auch ihre Gedanken austauschen
+können, denn diese waren die gleichen. Wenn der
+eine sagte: »Wie sollen wir zu Hause das große Nichts übergeben?«
+antwortete der andere, nachdem er in die Nacht
+hinein gestarrt hatte: »Ich wäre jetzt lieber ein Schäferhund,
+als ein Kecskeméter Senator.« Der dritte hob sein gebeugtes
+Haupt und setzte seufzend hinzu: »Für hundert Ochsen und fünfzig
+Pferde einen grünen Mantel &ndash; das ist ein guter Markt.«
+Damit wurden sie wieder schweigsam und starrten neuerdings in
+den weißen Nebel, aus welchem sich jene bizarren Gestalten
+abhoben. Mit einem Male trat aus einer dieser Nebelsäulen
+ein Gespenst hervor. Augenscheinlicher, wahrer als die anderen,
+es stellte sich den Pferden entgegen ... und sein Schatten
+bewegte sich auf der Straße. Die Pferde der Voranziehenden
+stutzten. Der Kutscher blickte auf. Ein weiche weibliche
+Stimme erklang: »Bleiben Sie stehen!«</p>
+
+<p>Der katholische Inokai machte das Zeichen des Kreuzes:
+»Alle guten Geister loben den Herrn!«</p>
+
+<p>»Wer bist du?« fragte Kriston.</p>
+
+<p>»Ich bin die Czinna, das Zigeunermädchen. Nehmt mich
+schnell in den Wagen.«</p>
+
+<p>Anfangs erschrak nur Inokai, aber jetzt waren Kriston
+und Poroßnoki zu Tode erschrocken. Sogar der auf dem
+anderen Wagen befindliche Oberrichter verschmähte es nicht
+herabzuspringen. »Wie kommst du hierher, du Krähe?«</p>
+
+<p>»Ich bin davon gelaufen!« antwortete Czinna kurz.</p>
+
+<p>»Gerade das ist's, warum bist du geflohen?«</p>
+
+<p>»Weil ich mich langweilte.«</p>
+
+<p>»Du Hundeleber!« schrie Kriston und kratzte sich den Kopf.
+»Weißt du, daß man uns alle deineswegen hängt? Wirst
+du dich gleich zurückpacken! Was sollen wir thun? Was
+sollen wir thun?«</p>
+
+<p>»Man muß sie zurückgeleiten,« meinte auch Poroßnoki.</p>
+
+<p>Die glänzende Fläche des Mondes trat jetzt hervor und
+beleuchtete das schöne Mädchen. Ihr prächtiges Gewand war
+ganz beschmutzt, ihre Stiefel waren kothig, der Rock im
+Sumpfe durchnäßt, durch welchen sie watete.</p>
+
+<p>»Ich will nicht zurückgehen,« murrte sie trotzig und ihre
+weißen Zähne leuchteten, denn sie klapperten ein wenig.
+Fröstelnd knöpfte sie ihren Überwurf zu.</p>
+
+<p>»Du mußt zurückgehen,« sagte der Oberrichter, »wir spielen
+mit unseren Köpfen.«</p>
+
+<p>Das Mädchen zuckte zusammen, richtete ihre schönen,
+großen Augen auf den Oberrichter, aber mit einem so wunderbaren
+Blicke, daß der Oberrichter ausrief: »Komm' also,
+setze dich zu mir in den Wagen. Ich werde dich nach Hause
+führen.«</p>
+
+<p>»Herr Oberrichter! Herr Oberrichter!« warnte Poroßnoki
+melancholisch. »Was thun Sie?«</p>
+
+<p>»Auf meine Verantwortung!«</p>
+
+<p>»<span class="f" lang="la">Juventus ventus</span>,« murrte Inokai.</p>
+
+<p>Die Augen Czinnas blitzten wieder, es lag darin die
+Wärme der Hundetreue. Dann sprang sie zum Oberrichter
+mit einem leichten Schwunge wie eine Wildkatze.</p>
+
+<p>Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung.</p>
+
+<p>»Du frierst,« sagte Lestyák, ihrem Atemzuge lauschend.
+Dann zog er den kaiserlichen Mantel hervor und breitete ihn
+über ihre Knie. Er betastete mit seiner Handfläche ihre Stirn,
+sie war ein wenig heiß, aber wie glatt, wie süß anzufühlen!
+Das Blut des Oberrichters begann zu sieden.</p>
+
+<p>»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte
+unterdessen auf dem ersten Wagen Inokai, »Herrn Christoph
+Agoston, der seinen Kopf an einen sicheren Ort gelegt hat,
+nach Waitzen.«</p>
+
+<p>»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte
+im letzten Wagen der junge Ochsenhirt vor dem alten Roßhirt:
+»Unseren Oberrichter, Herrn Lestyák, denn dieser kostet
+die roten Lippen des Zigeunermädchens und mißt mit dem
+Arm ihren schönen schlanken Leib.«</p>
+
+<p>»Sag' mir Czinna,« fragte der Oberrichter, »wie bist du
+entflohen?«</p>
+
+<p>»Ich bestimmte den alten Türken, welcher an der Thüre
+wachte, einzuschlafen und er schlief ein.«</p>
+
+<p>»Wie konntest du mit ihm türkisch sprechen?«</p>
+
+<p>»Ich nahm mein Halsband vom Halse und gab es ihm.«</p>
+
+<p>»Und die anderen?«</p>
+
+<p>»Auch diese habe ich angeeifert, aber sie wollten nicht
+kommen. Hier zu Hause hätten sie sich im Tagelohn verdingen
+müssen, dort gab es ein prächtiges Mittagmahl, Braten,
+dreierlei geschmackvolle Fruchtgattungen. Auch Mamaliga<sup id="fnRef12"><a href="#fn12">12</a></sup> gab
+es vielleicht dort. Das Nachtmahl wartete ich nicht mehr ab.«</p>
+
+<p>»Aber du gingst doch gut gelaunt mit uns.«</p>
+
+<p>»Ich freute mich über die Kleider.«</p>
+
+<p>»Und du hast sie schon satt?«</p>
+
+<p>»Ich verabscheue sie und sehne mich nach meinen Lumpen.«</p>
+
+<p>»Ei, ei,« sagte der Oberrichter traurig, »du kannst noch viel
+Leid über Kecskemét bringen! Man wird dich suchen, Czinna!«</p>
+
+<p>Sie schmiegte sich furchtsam an den Oberrichter und ihr
+ganzer Körper zitterte wie Espenlaub.</p>
+
+<p>»Fürchte nichts, ich werde dich nicht verlassen, wenn ich
+es einmal aussprach. Was ich sage, das ist gesagt.«</p>
+
+<p>Das Mädchen beugte sich über die Hand Lestyáks, küßte
+sie und weinte.</p>
+
+<p>Nervös, fast rauh erfaßte der junge Mann ihren Kopf,
+um ihn von seiner Hand wegzuziehen und brummte ärgerlich:
+»Ich bin kein Bischof.« Als er den Kopf des Mädchens
+aber erhob, floß mit einem Male die Welt vor ihm zusammen,
+sie drehte sich im Kreise, die Sterne sprangen vor seinen Augen
+umher, der Wagen schien umzufallen und er drückte ganz
+selbstvergessen das schöne Haupt an seine Brust. Plötzlich
+gereute es ihn ... und er ließ es wieder los.</p>
+
+<p>»Nun, nun ... was zum Teufel machst du, Czinna?
+Mach' keine Dummheiten und küsse mir die Hand nicht, denn
+sonst werde ich deinen Zopf an den Wagen binden, damit du
+deinen Kopf nicht bewegen kannst. Wie du den Menschen in
+Verwirrung bringst!«</p>
+
+<p>Er erfaßte scherzend ihr dichtes, weiches Haargeflecht.</p>
+
+<p>»Nun, soll ich es an den Wagen binden?«</p>
+
+<p>»Wie Euer Gnaden wollen,« sagte das Mädchen sanft,
+ruhig.</p>
+
+<p>»Ich binde es nicht an, fürchte nichts. Ich denke an
+etwas anderes.«</p>
+
+<p>Lange Zeit schwiegen sie. Lestyák rieb sich oft mit der
+Hand die Stirne.</p>
+
+<p>»Ich denke daran«, sagte er endlich flüsternd, »daß man
+deinen Zopf bis zum Grund abschneiden müsse.«</p>
+
+<p>Czinna richtete ihre Augen verwundert auf ihn, diese
+glänzten selbst im Finstern.</p>
+
+<p>»Neige dich näher zu mir, Czinna, damit der Kutscher
+nicht hört, was ich sage. Schmiege dein Ohr an mein Gesicht
+an. Noch näher. Fürchte nichts, ich werde Dich nicht
+küssen.«</p>
+
+<p>»Was liegt mir daran, küssen Sie mich.«</p>
+
+<p>»Dein Haar muß abgeschnitten werden.«</p>
+
+<p>»Was liegt mir daran, schneiden Sie's ab.«</p>
+
+<p>»Dann mußt du vom Wagen steigen&nbsp;...«</p>
+
+<p>Das Mädchen machte eine unruhige Bewegung.</p>
+
+<p>»Denn man wird dich suchen und ich habe nicht genug
+Macht, um dich zu schützen. Wer weiß übrigens, was mit
+mir geschieht. Ein schlimmes Schicksal steht mir bevor. Du
+mußt also absteigen, das ist gewiß.«</p>
+
+<p>»Aber warum?«</p>
+
+<p>»Weil der Sultan oder der Ofner Pascha mächtiger ist,
+als der Kecskeméter Richter. Wenn ich mächtiger wäre als
+sie, dann würdest du jetzt bei mir bleiben und kein Haar
+würde dir gekrümmt werden.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie nicht.«</p>
+
+<p>»Du wirst mich bald verstehen. In dieser Kiste befindet
+sich ein Männeranzug, ich habe ihn jetzt für mich in Ofen
+gekauft. Wenn du vom Wagen springst, wirst du dich irgendwo
+als Bursch verkleiden; ich lege dir auch ein paar Dukaten
+in die Tasche. Du wirst ein hübscher Junge sein, was
+glaubst du? Der Teufel selbst wird die einstige Czinna nicht
+erkennen.«</p>
+
+<p>Czinna seufzte und fing an zu weinen.</p>
+
+<p>»Schön langsam, nach Verlauf von Tagen wirst du nach
+Kecskemét zurückkehren, womöglich auf anderen Wegen und
+bei meinem Vater als wandernder Schneidergeselle, der Arbeit
+sucht, einkehren.«</p>
+
+<p>Czinna wischte sich die Thränen ab und lachte laut auf.</p>
+
+<p>»Es wird gut sein, es wird wirklich gut sein! Wenigstens
+kann ich Sie täglich sehen.«</p>
+
+<p>»Wiehere nicht wie das kleine Füllen ... Das ist ein
+ernster Zustand. Wenn der Alte sich weigern sollte dich anzunehmen,
+so wirst du ihm diesen Ring zeigen, zum Zeichen
+dessen, daß ich es wünsche.«</p>
+
+<p>»Aber Sie werden ja zu Hause sein und können es auch
+mündlich sagen.«</p>
+
+<p>»Was weiß ich, wo ich sein werde,« antwortete er mürrisch
+und zog einen Opalring vom Finger, ihn Czinna übergebend.</p>
+
+<p>Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Wenn er dich aber
+ohne Ring aufnimmt, so zeige denselben nicht; mein Vater
+soll nicht ahnen, niemand darf es wissen, wen die Männerkleidung
+bedeckt. Ich wünsche es so.«</p>
+
+<p>»Dann wird es auch so sein,« sagte Czinna.</p>
+
+<p>»Und jetzt gehen wir an die Arbeit. Du mußt abspringen,
+so lange es noch dunkel ist.«</p>
+
+<p>In der Lade befand sich eine große Scheere, mit welcher
+man die Mähnen der Füllen zu ordnen pflegte. Als sie der
+Oberrichter hervorzog, zitterte seine Hand, wie erst, als er die
+prächtigen Zöpfe erfaßte, um dieselben zu vernichten.</p>
+
+<p>»Ich habe keinen Mut.« Und matt ließ er die Scheere
+fallen.</p>
+
+<p>»Was bedauern Sie dabei?« zürnte das Mädchen, die
+Scheere erfassend. Das scharfe Eisen knisterte und der Haarwald
+war abgeschnitten. Das Mädchen lächelte mit kronenlosem
+Kopfe. Dann flocht es aus den Zöpfen die schweren
+Brokatbänder los, während Michael die Männerkleidung aus
+der Kiste nahm.</p>
+
+<p>»Wenn du dich umgekleidet hast, merke gut auf, wirst du
+an das Ufer der Theiß gehen, wo du sie am nächsten erreichst
+und wirst dein abgelegtes Kleid neben einen Weidenbusch
+legen, wie es die einen Selbstmord begehenden Mädchen zu
+thun pflegen, welche ihre Kleider dort zurücklassen und nur
+ihren Schmerz mitnehmen&nbsp;...«</p>
+
+<p>»Alles wird so sein ... alles.«</p>
+
+<p>»Hoho! Wehe! Wehe!« erscholl es in diesem Momente
+vom Wagen des Kriston.</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?« rief der Oberrichter hinüber.</p>
+
+<p>»Wir sind in irgend einen Morast gesunken.« Das war
+in der That kein Wunder. Damals waren die Komitate noch
+Jungfrauen bezüglich des Straßenbaues. Die Klage, daß
+man Kot auf Kot häufe und dies Landstraße nenne, hatte
+damals noch keine Berechtigung, denn man häufte überhaupt
+gar nichts. Die Ansicht war vorherrschend, »daß die Wagen
+die Straße selbst machen.« Wo eine Radspur ist, dort sind
+schon Menschen passiert und wenn sie schon passierten, »dann
+können auch wir dort wandeln.«</p>
+
+<p>Mit einem Male endete die Radspur und der Wagen saß
+bis zur Achse im Moraste drin, welcher beim Mondschein
+einer grünseidenen Wiese glich. Dieses Alföld, welches Petöfi
+ein offenes Buch nennt, ist eine tolle Gegend. Bei Tage
+zeigt es mit seiner Fata Morgana das Land als Wasser, des
+Nachts das Wasser als Land. (Wann soll der Mensch ihm
+glauben?)</p>
+
+<p>Der Kutscher fluchte, schlug das Pferd, daß die Stränge
+beinahe rissen, er wußte aber eigentlich nicht, welche Richtung
+er wählen sollte, wo ein Ausweg sei. Der andere Wagen
+versuchte in anderer Richtung sein Glück. Auch dieser geriet
+in den Morast.</p>
+
+<p>»Wir werden hier zu Grunde gehen! Wer kennt den Weg?«</p>
+
+<p>Alle sprangen von den Wagen und begannen zu beraten.</p>
+
+<p>»So viel ist gewiß, daß wir uns bei den &rsaquo;Höllenteichen&lsaquo;
+befinden,« sagte Herr Poroßnoki. »Es muß irgendwo ein
+Durchgang sein. Ich habe oft von den Fuhrleuten gehört,
+daß man zwischen den Seen zum rechten Wege gelangen könne.«</p>
+
+<p>»Aber wo? Wir werden so lange suchen, bis wir versinken.«</p>
+
+<p>»Man muß den alten Marczi aufwecken, der hat schon
+oft Ochsen nach Pest getrieben, auch in der Zeit des regnerischen
+Herbstes. Wie, wenn er den Weg kennt? Du, kleiner Pferdejunge,
+dort im letzten Wagen, wecke deinen Bruder Márton auf.«</p>
+
+<p>Der schlanke Pali brauchte nicht mehr Worte, er schüttelte
+den schlafenden Alten aus Leibeskräften.</p>
+
+<p>»Nun, was giebts? Was schüttelst du mich, du Frechling?«</p>
+
+<p>»Mit Respekt zu melden, alter Verwandter, wißt ihr den
+Weg nach Kecskemét?«</p>
+
+<p>»Ich glaube,« antwortete der kurz angebundene Ochsenhirt.</p>
+
+<p>»Wir befinden uns hier bei den &rsaquo;Höllenteichen&lsaquo;. Die
+ersten zwei Wagen stecken schon im Sumpfe. Blicken Sie um
+sich, wo wir einen Ausweg finden.«</p>
+
+<p>Marczi sah zum Himmel empor und betrachtete sehr aufmerksam
+das erhabene Gewölbe mit seinen Milliarden funkelnder
+Sterne.</p>
+
+<p>»Steigen Sie nicht hinunter, um den Platz zu sehen?«</p>
+
+<p>»Was soll ich daran sehen?« fuhr er mürrisch auf. »Der
+eine Sumpf ist wie der andere.«</p>
+
+<p>Und wieder maß er aufmerksam das Himmelsgewölbe.
+Mit einem Male richtete er sich im Wagen auf und rief zum
+Wagen Kristons hinüber: »Siehst du, mein lieber Sohn,
+diesseits des großen Bären die zwei kleinen Sterne, der eine
+ist sehr blaß, hellweiß, der andere feuriger, aber kleiner, sie
+befinden sich gerade einander gegenüber?«</p>
+
+<p>»Ich sehe, Marczi Bácsi.«<sup id="fnRef13"><a href="#fn13">13</a></sup></p>
+
+<p>»Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne,
+mein Lieber. Dort ist der Weg.«</p>
+
+<p>Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder,
+wie jemand, der alles ins Reine gebracht hat.</p>
+
+<p>Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser
+auf die Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen
+zurückgelangt war, befand sich Czinna nicht mehr dort. Unbemerkt
+war sie während der eingetretenen Verwirrung verschwunden,
+nur der große aufgelöste Zopf dunkelte aus dem
+Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die herrlichen
+Haare in die Faust, dann begann er die Fäden in
+kleinen Büscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen
+Fäden sanken leise nieder, der Wind trug sie, so daß es schien,
+als flögen sie hinweg; das grünliche Wasser spielte mit ihnen
+und schlang sie um die Wasserlilien, um das Schilf und die
+buntkelchigen Erbsenblüten ... Nachdem man endlich in Sicherheit
+war, da hielt des Oberrichters Hand nur noch einen Faden,
+den er um seinen Ring wand.</p>
+
+<p>»Hoho!« rief er laut und dröhnend. »Wohin ist mein
+Mädchen geraten? Auf welchem Wagen ist sie?«</p>
+
+<p>Von überall kam die Antwort: »Hier ist sie nicht! Hier
+auch nicht.«</p>
+
+<p>»Gott sei Dank!« flüsterten die Senatoren erleichtert auf,
+»daß sie nun durchgegangen ist, die kleine Kröte!«</p>
+
+<p>Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt gelangte
+man ohne Zwischenfall von den Tanyen zu Dörfern
+und von Dörfern zu Tanyen. Nur hier und dort verwischte
+sich der Weg, allein das that nichts, war doch Marczi da, der
+ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den richtigen Pfad wies.</p>
+
+<p>»Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern
+zu, der dort neben dem kleinen Bären steht&nbsp;...«</p>
+
+<p>Er war zu Hause unter den glänzenden Planeten des
+Himmelszeltes. Die Erde ist unergründlich, der Himmel dagegen
+mit seinem blauen Felde ist allezeit unveränderlich.
+Von dort herab maß er denn auch den Weg von Pest bis
+zur edlen Stadt Kecskemét. Er wußte da so genau Bescheid,
+er sah den Weg so klar, daß auf demselben vor seinen Augen
+förmlich Staub aufwirbelte&nbsp;.....</p>
+
+<h2>Sechstes Kapitel.</h2>
+
+<p>Pintyö stellte die geladenen Böller auf dem Marktplatze
+auf; hier und dort wurden Transparente errichtet: »Willkommen!«
+»Vivat!« und dergleichen mehr. Der glänzend beredte
+Paul Fekete büffelte gerade an einer Rede, welche also
+begann: »Wer kennt nicht den Ruf des weisen und achtungswerten
+Seneca?« (Selbstverständlich kannte ihn jedermann,
+denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprüchen dieses
+achtungswerten und weisen Mannes.)</p>
+
+<p>Die Zigeuner des Bürüs strichen die Fiedelbogen mit Kolophonium,
+kurz, es wurden große Vorbereitungen getroffen,
+und man hätte vielleicht sogar die großen Glocken geläutet,
+wenn Herr Poroßnoki nicht bei Czegléd, von seinem richtigen
+Verstande geleitet, Pali, den schmucken Csikós, auf ein Roß
+gesetzt und ihm aufgetragen hätte, daheim zu sagen, daß man
+keine Komödien inszenieren solle, da zur Lustigkeit keine Ursache
+vorhanden sei.</p>
+
+<p>Der Herold rief große Verstimmung hervor, brummig
+und ärgerlich sah man gegen Abend aus den Fenstern und
+hinter den Zäunen den Einzug der Vorsteher mit an. Kein
+einziges »Eljen« war zu hören, nur die Hunde bellten hinter
+den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu die
+Schmach noch mästen, da sie ohnedies groß genug war!..</p>
+
+<p>Noch am selben Abende erhielten die Ofner Ereignisse
+Flügel, man erfuhr, wie die Köröser Kecskemét, das heißt,
+wie Kecskemét sich selbst »abgekocht« hatte und wie ihnen der
+Sultan als Entgegnung auf die vielen kostbaren Geschenke
+und Schätze einen Kaftan hingeworfen.</p>
+
+<p>Schmach und Schande!</p>
+
+<p>Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefühl haben
+und den Kaftan auch nach Hause bringen? Am nächsten
+Tage sammelten sich große Mengen vor dem Stadthause; die
+angeseheneren Bürger gingen in den Saal hinauf, um hier
+aus amtlichem Munde das Ergebnis der Reise zu vernehmen.
+So war es nämlich Sitte nach jeder großen Expedition.</p>
+
+<p>Das gewöhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektakulirten
+draußen, schrieen und suchten in unmöglichen Tönen eine
+Melodie zu dem Verse, der soeben herrenlos auf den Lippen
+des Pöbels geboren worden war:</p>
+
+<blockquote>
+<pre>
+»Kecskemét, magst glücklich sein,
+Kaisers Kaftan ist ja dein!«
+</pre>
+</blockquote>
+
+<p>Einige des Weges kommende Großköröser Fuhrleute steigerten
+noch die Gereiztheit. Tüchtig in ihre Pferde einhauend,
+schrieen sie der Menge höhnisch zu:</p>
+
+<p>»Hält der Kaftan auch warm?«</p>
+
+<p>Und fürwahr, er heizte den Senatoren dort oben tüchtig ein.
+Finster saßen sie in ihren Stühlen. Einige, so Herr Inokai,
+ganz weichherzig und verzagt, nur auf dem schönen Antlitze
+des Oberrichters leuchteten noch Mut und Trotz.</p>
+
+<p>Poroßnoki malte die Ereignisse der Reise in einer schön
+komponierten Rede, und er begann mit dem Herrgott, der
+Kecskemét so häufig heimsucht, daß man ihn bereits als einen
+hier zuständigen Einwohner betrachten konnte. Sie waren in
+gutem Glauben vorgegangen (der Herrgott ist Zeuge!) und sie
+konnten nichts dafür, daß der Plan in Trümmer ging.</p>
+
+<p>Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren
+ungeheuer, aber sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt!</p>
+
+<p>Anfangs hörte man fein ruhig zu und die hübsche Rede
+würde vielleicht gar den Magistrat gerettet haben, hätte nicht
+bei den Details, wo Poroßnoki mit großem Pathos sagte:
+»Und wir erschienen am Mittwoch vor Sr. Majestät dem
+türkischen Kaiser, der in königlichem Ornate da saß,« hätte,
+wie gesagt, hierbei Gáspár Permete nicht dazwischen gerufen:
+»Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?«</p>
+
+<p>Eine unbändige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern
+und von da ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem
+anderen. Die Autorität sank und kaum hatte der erste Funke
+im Stroh verfangen, als auch schon alles aufloderte.</p>
+
+<p>»Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen
+geworfen! Kleider mit Karfunkelsteinen haben sie jenen Personen
+nähen lassen! Amtliche Gelegenheitsmacher! Eine Peitsche
+mit Edelsteinen haben Sie mitgenommen! Das Geld wurde
+hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum Kinderspott gemacht!
+Ich komme gerade von draußen und da schreien die Köröser
+auf dem Platze: &rsaquo;Hält der Kaftan auch warm?&lsaquo; Eine solche
+Schmach unserer Stadt!... Darauf mögen Sie antworten!«</p>
+
+<p>Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden
+Augen, brüllender Stimme und drohender Faust
+wütete er:</p>
+
+<p>»Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grünen Tische!«</p>
+
+<p>Und unheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den
+Saal ein Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baumgeäste.</p>
+
+<p>»Danken Sie ab!«</p>
+
+<p>Die aufgeregten Bürger drängten sich in einem stets enger
+werdenden Ring um den grünen Tisch. Lestyák warf seinen
+Stuhl um, knöpfte von seiner Weste das Stadtsiegel los,
+welches dort an einer Kette hing und warf dasselbe mit der
+Kette zu Boden, so daß es bis in die äußerste Ecke des Saales
+kollerte.</p>
+
+<p>»Da habt Ihr es! Ich brauch's nicht!« und er eilte
+zur Thür.</p>
+
+<p>Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen.</p>
+
+<p>»Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage dich
+vor Gott und Menschen an, daß du mit den Feinden der
+Stadt unter einer Decke gespielt, daß du die Schätze unserer
+heiligen Mutterkirche verkauft hast. Du bist der Gefangene
+der Stadt!«</p>
+
+<p>»Auf wessen Anordnung?« fragte stolz und kalt Lestyák.</p>
+
+<p>Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge
+abgeschnitten hätte, Lestyák hingegen entfernte sich, die Saalthür
+hinter sich zuschlagend. Der Reihe nach standen jetzt die
+anderen Senatoren auf, sich dem allgemeinen Willen unterwerfend.
+Sie legten ihr Amt nieder. In dem entstandenen
+Chaos brach sich Herr Josef Berkes Bahn bis zum Präsidentenstuhle.</p>
+
+<p>»Ich beantrage, daß, bis nach reiflicher Überlegung ein
+neuer Beamtenkörper gewählt wird, die Angelegenheiten der
+Stadt eine aus drei Mitgliedern bestehende Kommission führe.
+Ein katholischer, ein kalvinischer und ein lutheranischer Mitbürger.«</p>
+
+<p>»So ist's!« schrie die Menge.</p>
+
+<p>Sofort rief man alle drei aus, die Herren Samuel Holeczy,
+Balázs Putnoki und Josef Berkes. Das Triumvirat ging,
+als sich die Menge zerstreute, in das benachbarte Zimmer, um
+zu beraten und sein erster Beschluß war die Gefangennahme
+des jungen Lestyák.</p>
+
+<p>Der alte Lestyák weinte und schrie, als man den Stolz
+seines Herzens, seinen Max ins Gefängnis führte. Zuerst
+griff er zum Bügeleisen und wollte die Haiducken totschlagen.
+Als man ihm das Bügeleisen aus der Hand riß, brachte er
+aus der Bibel geeignete Sätze zur Anwendung, welche er wie
+Donnerkeile an die Köpfe Gyuri Pintyös und Pista Muskas
+warf.</p>
+
+<p>»Man muß die Sache nicht so arg aufnehmen, lieber
+Vater,« sagte ein wenig zornig der Ex-Oberrichter, »auch das
+dauert nicht ewig.«</p>
+
+<p>»Sie werden das noch bitter bereuen!« rief der Alte, seine
+Fäuste wie ein Theaterheld ballend. »Wehe dir, Kecskemét,
+wie Sodom und Gomora wehe ward.«</p>
+
+<p>»Uns kann das Glück noch lächeln,« tröstete Max.</p>
+
+<p>»Glück?« Und der Alte begann wieder zu schluchzen, wie
+ein altes Weib. »Auch das Glück ist eine Göttin, ein Weib
+wie die anderen. Sie läuft immer neuen Männern nach.
+Mit dem sie einmal ein Liebesverhältnis hatte und ihn verließ,
+zu dem kehrt sie nicht wieder zurück.«</p>
+
+<p>Dann erfaßte er wieder verzweiflungsvoll mit den Bewegungen
+eines Wahnsinnigen die Scheere und begann einen
+neuen Dolman, den er eben fertig gestellt hatte, in Stücke zu
+zerschneiden, indem er heiser röchelte:</p>
+
+<p>»Verdirb, Hund! Die Welt soll ein Ende haben.«</p>
+
+<p>Die Welt nahm zwar kein Ende, nur der Dolman und
+auch den armen Max schleppte man in den dumpfen Kerker
+des Stadthauses. Er lief ihm nach, aber bei der Thoreinfahrt
+wankten seine alten Beine und er konnte erst an der Thürschwelle
+rufen:</p>
+
+<p>»Fürchte nichts, lieber Sohn, ich werde dich von dort
+erlösen, deine Freiheit erringen.«</p>
+
+<p>Nun, fürwahr, das war auch damals keine große Sache!
+Man ging einfach zum Ofner Pascha, einen kleinen Befehl
+zu erwirken, daß man ihn sofort frei lasse. Wenn das Herz
+des Ofner Pascha nicht zu erweichen war, ging man zum
+Szolnoker Pascha, auch dessen Befehl ist giltig. Nehmen wir
+an, daß der Szolnoker Pascha gleichfalls in schlechter Laune
+war, dann ist es ratsam, den Kalgaer Sultan aufzusuchen,
+oder nach Fülek zum Vicegespan zu wandern, ja im schlimmsten
+Falle kann auch Herr Csuda die Freilassung anordnen,
+wenn es nicht das Einfachste ist, sich an den hochgebornen
+Herrn Stefan Koháry nach Szécsény zu wenden. Alle diese
+wohledlen Herrschaften befehlen in Kecskemét.</p>
+
+<p>Gerade kam ein Wanderbursche zur rechten Zeit, der sich
+anbot, er war ein hübscher, Vertrauen erweckender Bursche.</p>
+
+<p>Jetzt kann Herr Lestyák zuversichtlich seine Reisetasche umhängen
+und die obige Namensliste dazu, der Bursche hingegen
+giebt auf das Haus acht, übernimmt die Bestellungen und
+hält die ungeduldigen Kundschaften mit Worten hin, die Magd
+Erzsike hingegen kocht für ihn und sucht ihn auszuforschen.</p>
+
+<p>»Aber dann mein Sohn Laczi? &ndash; nicht wahr du heißt
+Laczi? &ndash; treibe keinen Mutwillen mit dem Mädchen, ich
+warne dich, denn das ist mein Patenkind.«</p>
+
+<p>So ging der Alte fort und blieb lange aus, erst im späten
+Winter kehrte er zurück.</p>
+
+<p>Das Bein der heurigen Martinsgans weissagte einen
+strengen Winter und es war in der That so. Die kämpfenden
+Parteien standen viel Elend aus. Von den Kriegern des
+Herrn Thököly erfroren hundert bis zu Weihnachten. Wegen
+des vorjährigen schlechten Jahres waren auch die Lebensmittel
+knapp, die Soldaten froren nicht nur, sondern hungerten auch
+dabei, kein Wunder, daß ihr Auftreten zuweilen grausam war.</p>
+
+<p>An jenem Abend, an welchem der alte Lestyák mit dem
+Ferman des Ofner Pascha nach Hause kam, zog mit ihm zugleich
+ein Trupp des übel beleumundeten Kalgaer Sultans
+vor die Stadt, unter der Führung Olaj Begs, mit sehr vielen
+in Sklavenketten geschlagenen Frauen und Männern und er
+sandte mit einem Reiter den Befehl an das Triumvirat:</p>
+
+<p>»Ungläubige Hunde! Wenn ihr morgen Vormittag nicht
+acht Wagen Brot, vierzig Ochsen, zwanzig Wagen Holz und
+viertausendfünfhundert Gulden schickt, werde ich sie nachmittags
+selbst mit meinen Soldaten holen und von den Köpfen der
+Kecskeméter Regierung zwei abschneiden, denn ein Richter hat
+an einem Kopfe genug. Versteht mich gut!«</p>
+
+<p>Im Stadthause entstand großer Schrecken. Die Haiducken
+liefen in voller Eile von Haus zu Haus, daß man dem mächtigen
+Olaj Beg Brot backe, daß man Holz zusammenscharre,
+aber am schwersten war es, das Geld herbeizuschaffen, denn
+die Lade der Stadt stand leer. Einen solchen Aderlaß erträgt
+man jetzt nicht.</p>
+
+<p>Mit verstörten Gesichtern fand sie Michael Lestyák, als er
+mit Unterwürfigkeit hereinhumpelte.</p>
+
+<p>»Nun, was wollen Sie?« frug Putnoki rauh&nbsp;...</p>
+
+<p>»Ich kam wegen des Sohnes, mein großer guter Herr.«</p>
+
+<p>»Wegen des Sohnes?«</p>
+
+<p>»Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach
+Hause bringen.«</p>
+
+<p>»Wenn wir ihn freilassen.«</p>
+
+<p>»Freilich, freilich,« sagte der Alte stolz, und breitete vor
+Herrn Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus. Ȇbrigens
+wie Euer Gnaden wollen.«</p>
+
+<p>Der Triumvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha
+überflogen hatte; er griff sich sogar an den Hals vor Schrecken,
+denn der gute Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr
+niemals die Tinte aus, ohne eine kleine Gemütlichkeit in die
+ernsten Zeilen zu mischen. Auch jetzt standen dort die wenigen
+Worte: »Ich sehe, daß Euer Hals Euch stark juckt.«</p>
+
+<p>»Das ist etwas anderes,« sagte der Triumvir sich duckend.
+»Wir gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spät
+Abend, auch ist der Kerkermeister nicht hier. Wir werden
+unseren Bruder morgen früh schon herauslassen.«</p>
+
+<p>Der Schneider ging nach Hause, aber die Morgendämmerung
+fand ihn schon vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein
+häßliches Wetter, ein großer Nebel ballte sich zusammen und
+auch der Schnee fiel still herab. Die Stadtherren kamen früh
+genug herein, besonders Putnoki, der über Nacht einen guten
+Gedanken gefaßt hatte und sich beeilte, ihn seinen Kollegen
+mitzuteilen.</p>
+
+<p>»Es wird nicht gut sein, wenn Lestyák auf freien Fuß
+gesetzt wird. Sein Schädel ist mit viel Verstand und viel
+Spitzbüberei gefüttert.«</p>
+
+<p>»Ein harter Schädel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak
+Pascha können wir doch nicht Finger ziehen.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke
+ihn aber an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder
+zurückkehrt. Überlassen Sie das nur mir!«</p>
+
+<p>Die Gassen bevölkerten sich ungewöhnlich früh. Die Bewohner
+beförderten teils in Karren, teils in Schiebkarren ihre
+Sachen auf die naheliegenden Tanyen.</p>
+
+<p>Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken
+auf die Gesichter. Denn der wackere Olaj Beg war thatsächlich
+kein solcher Kleinigkeitskrämer wie Herr Csuda oder Derwisch
+Beg, welche sich mit dem Raub eines Pfaffen oder eines
+schönen Mädchens begnügten. Der verständige Olaj Beg
+arbeitete <span class="f" lang="fr">en gros</span>. Er kam selten, aber wenn er kam, trieb
+er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, samt Frauen, Kindern,
+Sack und Pack, samt Pferden, Rindern, nichts zurücklassend,
+als die Schweine, welche unreine Tiere sind und mit dem
+heiligen Koran in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch
+war Olaj Beg, das muß man ihm lassen.</p>
+
+<p>Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die einflußreichsten
+Männer schon zeitlich morgens einzeln in das
+Rathaus; der eine brachte ein wenig Geld, der andere kam,
+um Brot und Holz anzubieten. Die schlechte Nachricht ist ein
+guter Wecker.</p>
+
+<p>Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den
+jungen Lestyák aus dem Kerker vorzuführen. Er erschien ein
+wenig blaß, trug aber den Kopf hoch.</p>
+
+<p>»Max Lestyák,« sagte der Triumvir feierlich, »Sie sind frei!«</p>
+
+<p>Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale.</p>
+
+<p>»Der Ofner Vezir ist Ihr Patron,« bemerkte der Vorige
+satirisch.</p>
+
+<p>Lestyák erwiderte nichts. Er machte eine nervöse Bewegung,
+als ob er gehen wollte.</p>
+
+<p>»Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner
+Pascha ist nicht der römische Papst, mein Herr Ex-Oberrichter,
+er kann Schlösser ausbrechen und schließen, aber nicht Sünden
+vergeben. Diese müssen Sie abbüßen.«</p>
+
+<p>Eine peinliche Ruhe trat ein, man erwartete das Folgende
+mit zurückgehaltenem Atem.</p>
+
+<p>»An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort
+jenseits des Teiches Csalános. Er hat der Stadt einen großen
+Tribut auferlegt, welchen man ihm bis heute Mittag übersenden
+müßte, aber es ist unmöglich. Wissen Sie also, Lestyák,
+wozu wir Sie jetzt verurteilen?«</p>
+
+<p>»Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen.«</p>
+
+<p>Balázs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort:</p>
+
+<p>»Sie haben den berühmten Mantel gebracht, sehen wir
+nun, was Sie mit demselben anzufangen wissen. Sie werden
+ihn anziehen und in ihm zum Beg gehen.«</p>
+
+<p>Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. Das
+kam unerwartet. Seine Füße wankten fast. Aber rasch gewann
+er wieder Kraft. Wie zu sich selbst sagte er: »Ich
+darf nicht erschrecken, ich darf es nicht&nbsp;...« Sein Herz schlug
+stark, seine Stimme wurde tonlos; aber die Farbe des Gleichmuts
+lagerte auf seinem Gesicht.</p>
+
+<p>»Und was soll ich dem Beg sagen?«</p>
+
+<p>»Sagen Sie ihm, daß er sich mit der Hälfte des Tributs
+begnüge und auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zusammengebracht
+haben. Oder aber, zum Teufel, bieten Sie
+ihm den Kaftan an, welcher fünfzig Pferde, hundert Ochsen
+und ungefähr viertausend Dukaten repräsentirt. Er wird zufrieden
+sein. Hehehe! und was noch zurückkommt, das bringen
+Sie in die städtische Kasse. Hahaha!«</p>
+
+<p>»Der wird mich ja sofort rädern lassen oder in Ketten
+schlagen.«</p>
+
+<p>Putnoki zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Das ist Ihr Malheur.«</p>
+
+<p>»So?« rief Lestyák bitter aus. »Verurteilen Sie mich
+wirklich dazu?«</p>
+
+<p>Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen
+Greise der Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem
+Kopfe zum Zeichen, daß das Urteil gerecht sei. Man muß
+an den Vergeudern des öffentlichen Vermögens ein abschreckendes
+Exempel statuieren.</p>
+
+<p>»Führen Sie mich lieber in den Kerker zurück,« sagte er
+selbstvergessen, bereute es aber sofort.</p>
+
+<p>»Wovor fürchten Sie sich denn eigentlich so sehr?« klügelte
+bissig der Triumvir, »den Kaftan werden Sie ja tragen.«</p>
+
+<p>Ein großes Gelächter entstand bei diesen Worten und das
+Blut schoß Lestyák ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Ich pflege mich nicht zu fürchten,« sagte er stolz. »Wann
+soll ich gehen?«</p>
+
+<p>»Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen
+habe. Wollen Sie bis dahin nicht beichten?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Der alte Schneider verkündete es verzweifelt der ganzen
+Stadt, welch' unerhörtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den
+Rachen des Tartaren-Haufens zu schicken. Das ist ein Todesurteil
+ohne Verhör und Verteidigung!</p>
+
+<p>»Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet.
+Macht einen Aufruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt,
+ich führe euch an, damit ihr das &rsaquo;dreiblätterige Kleeblatt&lsaquo;
+abmäht.« (Das war der Spottname des Triumvirates.)</p>
+
+<p>Keine Hand rührte sich; Wurzeln haben ja nur die lebenden
+Bäume ... höchstens in den mit Rosmarin und Muskaten
+geschmückten Fenstern ward ein braunes oder blondes
+Mädchenantlitz traurig und ein tiefer Seufzer brach sich vielleicht
+durch die Blätter der Blumen: »Armer Max Lestyák!«
+Dann blieben diese schönen Gesichter auch weiterhin auf der
+Lauer.</p>
+
+<p>»Wann kommt er? Wie gern möchte ich ihn im Kaftan
+sehen. Wie lange zögert er.«</p>
+
+<p>Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht
+schwang er sich in den Sattel, obwohl ihm der grüne Seidenmantel
+bis zu den Fersen reichte. Er pfiff sogar, als er den
+linken Fuß in den Steigbügel setzte. Auch zwei Trabanten
+setzten sich zu Pferde, und hielten mit gezogenen Säbeln an
+seiner Seite Wache.</p>
+
+<p>Sie hielten aus dem rückwärtigen Thor ihren Auszug,
+damit die angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen
+sollten. Das war aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn
+sahen zum Fenster hinaus, so lange sie wegen des immer
+dichter werdenden Nebels sehen konnten. Herr Putnoki rieb
+sich vergnügt die Hände.</p>
+
+<p>»Nun, der wird das Kecskeméter Horn auch nicht mehr
+hören!« (Denn es war üblich, die Mittagszeit durch Hornrufe
+vom Turm Sankt Nikolaus zu kennzeichnen.) Dann wandte
+er sich lebhaft den versammelten Bürgern zu: »Jetzt aber beeilen
+wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit Olaj
+Beg, wenn er sich erzürnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung
+schon unterwegs finde.«</p>
+
+<p>Die Trabanten begleiteten Lestyák nur bis ans Ende der
+Stadt, wie dies bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So
+stand es im Befehl. Es wäre auch schade um die Trabanten
+gewesen, diese Leute bis ins feindliche Lager zu senden, wo
+ihrer sicherer Tod harrte.</p>
+
+<p>Vielleicht geht Lestyák gar nicht weit, vielleicht schlägt er
+sich irgendwo seitwärts in die Büsche, die Welt ist ja weit
+und hat vier Ecken &ndash; nun, so mag er es immerhin thun,
+wenn er nur nicht länger hier lästig fällt.</p>
+
+<p>Aber da kam man just an den Rechten. Während
+er fürbaß über die endlose Schneedecke dahinritt, dachte er
+bei sich:</p>
+
+<p>»Ich zieh von dannen; ich muß es wohl. Denn wenn
+ich bleibe, bin ich für immer tot. Geh' ich aber fort, so kann
+es noch geschehen, daß sie mich zurückrufen. Olaj Beg ist
+ein kluger Mensch; einen Toten kann er zu nichts nützen,
+ein Lebender aber ist ihm stets eine Ware, zumal er mit
+Sklaven handelt. Schlimmenfalls schleppt er mich in die Gefangenschaft.
+Das kann man immerhin wagen.«</p>
+
+<p>Mit dem herabhängenden Flügel seines Mantels hieb er
+dem Gaule eins auf den Rücken, wodurch die arme Mähre
+einigermaßen angespornt wurde. Das Roß hatte schöne Karriere
+gemacht. Gestern noch drehte es sich in der städtischen
+Tretmühle und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel. (Gut
+genug für die Tartaren, spekulierten die Triumvirn.)</p>
+
+<p>»Ich werde auf den Richtplatz geschleppt!« murmelte der
+Reisende, und das Blut kochte ihm vor Ingrimm.</p>
+
+<p>Er ballte die Faust.</p>
+
+<p>»Ei, könnt' ich nur je wieder heimkehren!«</p>
+
+<p>Dann gab er dem Gaul einen derben Stoß, der wohl den
+Triumvirn zugedacht war, den aber das Tier ergebungsvoll
+erduldete. Es erhob sich ein schärferer Wind. Vom Csalános-Teiche
+her klang ein fernes Surren und Getöse: der Lärm
+des Tartaren-Kriegslagers.</p>
+
+<p>Trabe zu, Mähre, trabe zu!</p>
+
+<p>Er kam an einer tragbaren aus Schilf geflochtenen Mauer
+vorüber, wo die Herden zu überwintern pflegten, die aber nur
+gegen den Wind Schutz bot. Lestyák mußte daran vorbeireiten.
+Vom Pferde herab sah er, daß ein Mann mit breitem,
+schwarzem Hut, in einen Mantel gehüllt dort stehe: vielleicht
+hatte er sich vor dem Schneewehen dahin geflüchtet. Der
+Mann kam näher und sprach:</p>
+
+<p>»Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyák.«</p>
+
+<p>Lestyák blickte gar nicht hin und antwortete mürrisch:</p>
+
+<p>»Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brächte!«</p>
+
+<p>»Ich bin es &ndash; Czinna.«</p>
+
+<p>Es gab also doch ein Wort, auf welches er stillestand, ja,
+vom Pferde sprang.</p>
+
+<p>»Unglücksmädchen, wie kommst du hierher? Ei, was du
+für ein hübscher Junge bist.« Und dabei lächelte er matt und
+traurig.</p>
+
+<p>»Es ist gut, daß Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich
+will es ohnedies besteigen. Kommen Sie doch hierher, hinter
+die Mauer, aber gleich und lassen Sie mich den Kaftan umlegen.«</p>
+
+<p>»Bist du wahnsinnig?«</p>
+
+<p>»Ich habe alles bedacht, als ich daheim hörte, wohin man
+Sie schickt. Wenn Sie dahingehen, so tötet man Sie, oder
+schleppt Sie in die Sklaverei, nicht?«</p>
+
+<p>»Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam,
+daß du hier bist.«</p>
+
+<p>Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht sattsehen
+zu können.</p>
+
+<p>»Wenn man Sie tötet, dann giebt es kaum mehr ein
+Auferstehen.«</p>
+
+<p>»Na, das ist wohl wahr.«</p>
+
+<p>»Keine Späße jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch!
+Schleppt man Sie aber weg, so wird Sie gewiß niemand
+auslösen. Die Senatoren würden es auch verhindern.«</p>
+
+<p>Max biß sich in die Lippen.</p>
+
+<p>»Wenn aber ich hingehe und mich als Lestyák ausgebe
+und sie mich umbringen wollen, werden sie bemerken, daß ich
+eine Frau bin und den Frauen thun die Tartaren nichts zu
+Leide, dann können Sie mich auslösen; wenn sie mich aber
+nur gefangen mitnehmen, dann können Sie mich um so eher
+als Lestyák auslösen. Geben Sie also schnell den Mantel her.«</p>
+
+<p>Und während sie noch dies mit einschmeichelnder, süßer
+Stimme sagte, hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen.</p>
+
+<p>Max Lestyák widersetzte sich:</p>
+
+<p>»Nein, nein! Wo denkst du hin?«</p>
+
+<p>Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotzdem
+nicht verfehlt.</p>
+
+<p>»Es ist schon möglich, daß es so ist;« und er rieb sich die
+Stirne. »Ich löse dich aus, natürlich löse ich dich aus. Du
+sagst ja, du wärest mir noch ein Leben schuldig. Schweige,
+man muß das nicht so nehmen. Klügele nicht, Mädchen.
+Warte ein wenig. Ich weiß selbst nicht, was wir machen
+sollen.«</p>
+
+<p>Das Mädchen aber blieb nicht stehen; sie hatte den Mantel
+bereits um ihre schlanke Gestalt geworfen, im nächsten Augenblick
+schwang sie sich auf das Pferd. Einen Augenblick später
+hatte sie bereits der Nebel verschlungen, Lestyák lief ihr
+wütend nach.</p>
+
+<p>»Bleibe stehen!« schrie er mit donnernder Stimme. »Ich
+laß' dich nicht fort. Ich befehle dir, stehen zu bleiben!«</p>
+
+<p>Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick
+und der Fehler war begangen. Ein Augenblick der
+Schwäche ist der Kern des Sturzes großer Männer. Das
+Mädchen ging und blieb erst beim Tartaren-Lager stehen.</p>
+
+<p>»Führet mich vor den Feldherrn. Ich bin Max Lestyák,
+der Kecskeméter Abgesandte.«</p>
+
+<p>»Steige vom Pferde, guter Mann, ich führe dich hin&nbsp;&ndash;«
+meinte ein untersetzter Tartare mit gutem ungarischen Accent.
+»Ein schlechtes Pferd gaben dir die Kecskeméter Richter. Da
+kommt eben unser Herr, Beg Olaj, Allah beglänze lange
+seinen Bart.«</p>
+
+<p>Wahrhaftig, da erschien er, der mächtige Beg Olaj, auf
+seinem schönen Rappen hielt er eben Revue über seine Truppen.</p>
+
+<p>»Der Kecskeméter Gesandte ist hier, mächtiger Beg!«
+meldete der untersetzte Junge.</p>
+
+<p>Der Beg betrachtete den Gesandten und dessen Mantel
+sehr aufmerksam, dann sprach er sanft:</p>
+
+<p>»Wende dich um, braver Junge, wenn ich dich mit der
+Bitte nicht belästige.«</p>
+
+<p>Czinna drehte sich um.</p>
+
+<p>Beg Olaj warf nun von rückwärts einen Blick auf den
+Mantel. Dann sprang er vom Pferde, warf sich vor Czinna
+zur Erde und küßte den Saum des Mantels dreimal. Czinna
+staunte ihn an mit ihren großen schwarzen Augen, sie glaubte
+zu träumen.</p>
+
+<p>»Allah ist groß und Mohamed sein Prophet. Was befiehlst
+du, Abgesandter der Stadt Kecskemét?«</p>
+
+<p>Demütig und gebückt stand er vor ihr. Czinna zögerte
+ein wenig, dann aber sagte sie mit herber Stimme:</p>
+
+<p>»Verlasset die Markung der Stadt Kecskemét sofort!«</p>
+
+<p>Olaj Beg hob seine schläfrigen Schafaugen gegen den
+Himmel, dann wendete er sich zu den Truppen und schrie laut:</p>
+
+<p>»Wir ziehen ab! Sattelt!«</p>
+
+<h2>Siebentes Kapitel.</h2>
+
+<p>Lestyák blieb bei der Schilfmauer und zerbrach sich den
+Kopf darüber, was er beginnen, wohin er sich wenden sollte.
+In seinem schweren Kopfe zerflossen die Gedanken wie geschmolzenes
+Blei, seine Glieder nahm eine Schlaffheit gefangen,
+an seiner Seele nagte die Selbstanklage: »Ich habe schlecht
+gehandelt, es war eine egoistische Feigheit.« Eine peinigende
+Unruhe stach ihn wie mit Dornen.</p>
+
+<p>Düster blickte er vor sich hin.</p>
+
+<p>»Wohin führt mich nun mein Weg&nbsp;...?</p>
+
+<p>Der Nebel zerteilte sich ein wenig und unweit erglänzte
+das Riesenauge des Sees Csalános, wie wenn er ihm
+zwinkernd zugerufen hätte: »Komm, Lestyák, es wird am vernünftigsten
+sein, wenn du dich hierher legst, dich mit einer
+silbernen Decke zudeckst und auf einem weichen Sandpolster
+träumst!... Dies ist der geradeste Weg.«</p>
+
+<p>Einige Schritte machte er gegen den Teich, aber ein Strauch
+stellte sich ihm in den Weg, der höchste in der ganzen Gegend;
+die dünnen Äste hatten die kleinen Schneeflocken überdeckt: er
+bemerkte sie nicht und stolperte über dieselben. Und als sein
+Ohr in diesem bitteren Augenblicke den Körper der »lieben
+Mutter« berührte, da hörte er, fühlte er plötzlich, daß derselbe
+weit weg erbebte, der dumpfe Schall von tausend Pferdehufen
+war vernehmbar. Er schauerte zusammen. »Ach, es kommen
+die Tartaren gegen die Stadt.«</p>
+
+<p>Doch ruhiger ward es, wie wenn der Lärm sich verzöge, er
+wurde immer leiser und leiser, bald aber ging er ganz unter.
+Nur ein Pferd näherte sich. Top! Top! Ja, wahrlich, es ist
+nur ein Pferd, und bei Gott die Czinna sitzt darauf. Lestyák
+sprang in die Höhe, er wischte gar nicht den Schmutz von
+seinen Kleidern, er lief ihr atemlos entgegen.</p>
+
+<p>»Du bist hier? Es fehlt dir nichts? Du bist wirklich
+hier? Was geschah?«</p>
+
+<p>Czinna lächelte munter. Bevor sie antwortete, blies sie
+ihr Gesichtchen in mädchenhaftem Übermut heldenhaft auf:</p>
+
+<p>»Es geschah nichts anderes, wie ich gehorsamst melde, als
+daß ich die Tartaren vertrieben habe. Sie laufen wie besessen.«</p>
+
+<p>»Schwatze nicht!«</p>
+
+<p>Dies sollte so viel heißen: »Ich bitte dich, rede, rede!«
+Sie sprach auch, doch vorerst streifte ihr glänzender Blick mit
+großer Liebe den beschneiten grünen Kaftan.</p>
+
+<p>»Dieser Mantel ist schon etwas wert, mein Herr Max.«</p>
+
+<p>»Wirklich?«</p>
+
+<p>»Als ihn Olaj Beg gewahrte, stieg er vom Pferde, küßte
+den Saum dreimal und fragte dann mit großer Demut, was
+ich befehle. Ich habe ihm nun befohlen, daß sie sofort sich
+von dannen heben. Sie folgten sofort und zogen ab.«</p>
+
+<p>Lestyák stand mit offenem Munde da.</p>
+
+<p>»Ist es möglich? Hat er wirklich eine solche Zauberkraft?«</p>
+
+<p>»So geschah es, Wort für Wort. Ich habe aber nicht
+viel Zeit zu plaudern. Nehmen Sie den Kaftan, hier ist Ihr
+Pferd, setzen Sie sich darauf. Ich werde mich auf einem
+andern Weg entfernen.«</p>
+
+<p>»Potztausend! Das ist ja ein wahrhaftiges Wunder!«
+jubelte Max, der sich vor Staunen nicht erholen konnte.
+»Dann ist ja dieser Kaftan ein großer Schatz!«</p>
+
+<p>»Das will ich wohl glauben. Jedoch beeilen Sie sich,
+denn sie könnten kommen. Es ist mir, als wenn ich schon
+schwarze rollende Wagen, von der Stadt kommend, sähe.«</p>
+
+<p>Lestyáks Stirn verfinsterte sich.</p>
+
+<p>»Du hast recht, Czinna, sage niemandem etwas! Ich
+danke dir für das, was du gethan hast. Ich werde mit dir
+noch später sprechen ... heute noch. Jawohl, ich spreche noch
+mit dir, Czinna.«</p>
+
+<p>»Schon gut,« meinte der fesche Bursche und verschwand
+gegen den Ried hin.</p>
+
+<p>Lestyák ging den geraden Weg. In der That fand er
+die lange Wagenreihe bald vor sich; diese brachte Brot und
+Holz, der Marczi trieb die Ochsen mit saftigen Verwünschungen
+an. Vor dem Wagen ritt einer der Triumvirn, Herr Samuel
+Holéczi, den <span class="f" lang="la">nervus rerum</span> in der an seiner Seite hängenden
+gelben Ledertasche tragend. Jenes Weib aber auf einem
+Wagen, umgeben von hold geröteten Brotlaiben, es ist bei
+Gott Frau Fábián; sie ist aus bloßer Neugierde mit von
+der Partie, um doch endlich einen »hundsköpfigen Tartaren«
+zu schauen; und neben ihr kauert der redegewandte Paul Fekete,
+mit den blinzelnden Hasenaugen eine Schrift lesend.</p>
+
+<p>»Seht da! Ist das nicht der Lestyák?« stammelten betroffen
+die Kecskeméter. »Der kommt aus dem Jenseits!«</p>
+
+<p>Samuel Holéczi, der dem Lestyák niemals so recht gram
+war (man weiß ja, daß die Lutheraner immer zu einander
+halten) und den überdies eine quälende Neugierde befiel, richtete
+an Herrn Max in weichem Tone die Frage:</p>
+
+<p>»Nicht wahr, es ist nur Eure Seele, Amice, nicht Ihr
+selbst?«</p>
+
+<p>»Potztausend, nein, ich bin es selbst ohne meine Seele,«
+brummte Lestyák bitterlich (wer weiß, woran er eben dachte?)
+»Aber Ihr, wohin wandert Ihr denn?«</p>
+
+<p>»Es nahen Gäste unserer Gemarkung,« meinte in gemütlichem
+Galgenhumor Holéczi. »Wir bringen ihnen eine kleine
+Kollation entgegen.« (Der edle Herr war zumeist bei gesegneter
+Laune.)</p>
+
+<p>»Die werden aber nicht leicht zu erreichen sein!«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>»Freilich, sie sind schon über alle Berge. Gingen fort
+ohne Verabschiedung.«</p>
+
+<p>»Ist das möglich?« quiekte die Frau Fábián dazwischen.</p>
+
+<p>»Schade!« grämte sich Herr Fekete. »Da komme ich um
+eine meiner schönsten Reden.«</p>
+
+<p>Lestyák erzählte die Geschichte mit dem Mantel, ob welcher
+das Antlitz des Herrn Samuel Holéczi augenblicklich alle
+Farben zu spielen begann.</p>
+
+<p>»Kein kleiner Fall,« brummte er, sich die stumpfe Nase
+mißvergnügt kratzend. »Kein kleiner Fall, hm ... dergleichen
+hat sich wohl, seitdem die Welt besteht, noch niemals zugetragen.«</p>
+
+<p>Indessen seine Verlegenheit währte nur einen Augenblick;
+er war ein abgefeimter, schlauer Fuchs, der sich leicht wieder
+auf die Höhe der Situation zu schwingen verstand.</p>
+
+<p>»He, ihr Fuhrleute, nun kehret wieder um! Ein großer
+Tag ist für Kecskemét angebrochen.«</p>
+
+<p>Dann aber sprang er aus dem Sattel und sprach in ehrerbietigem
+Tone:</p>
+
+<p>»Schwingt Euch auf mein Pferd, Herr Max Lestyák. Es
+ist mir ein Kummer und eine Schande, Euch im Sattel jenes
+Kleppergauls zu sehen.«</p>
+
+<p>»Laßt das nur. Ich danke. Mein Roß ist gut genug für
+mich. Wenn drei Triumvirn mich auf dasselbe gesetzt, so
+ist einer nicht genug, um mich aus dessen Sattel zu bringen.«</p>
+
+<p>»So mag denn Herr Fekete mein Pferd besteigen, um
+der Stadt die Kunde von dem Geschehenen zu überbringen.«</p>
+
+<p>Das war aber dem »Cicero der Stadt« just recht, so fand
+er Gelegenheit, für die ausgefallene Rede eine andere zu halten.</p>
+
+<p>»Freilich geh' ich. Wie sollt' ich nicht gehen? 'S ist ja
+eine wahre Freude, so ein schönes Tier zu reiten. Aber
+gebt mir eine Gerte dazu, da es mir nun einmal an Sporen
+fehlt.«</p>
+
+<p>Man brauchte keine Peitsche für den feurigen Renner, er
+galoppierte mit dem großen Orator von dannen, wie die Fohlen
+des Märchens, denen man in die Futtersäcke glühende Kohlen
+als Futter steckt. Fekete selbst aber schwitzte und pustete, er
+war, als er am Platz anlangte, völlig durchnäßt. Hier verkündete
+er dem sich immer mehr und mehr ansammelnden
+Volke mit kühnen Redewendungen die besondere Gnade Gottes,
+mit der dieser die Stadt bedachte, indem ein totes Kleidungsstück
+beredt wurde und den Erzfeind von den Grenzen verjagte.</p>
+
+<p>»Es geschah ein Wunder. Edle Bürger Kecskeméts, lasset
+die Glocken läuten. Der habgierige Olaj Beg warf sich zur
+Erde und küßte den Mantel Lestyáks dreimal demütig und
+fragte ihn zerknirscht: &rsaquo;Was befiehlst du, Abgesandter der Stadt
+Kecskemét?&lsaquo; Hierauf erhob Herr Lestyák junior sein Haupt
+und antwortete: &rsaquo;Stört nicht meine Kreise &ndash; das heißt, hebt
+Euch von dannen.&lsaquo; Und so kommen sie zurück, die Wagen
+mit Brot, die Ochsen, die Geldbeutel, der Triumvir und Max
+Lestyák.«</p>
+
+<p>Ein großer Freudenschrei war nun vernehmbar. Wie ein
+Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Straße zu Straße.
+Von Haus zu Haus wurde die Nachricht getragen. Die
+gefallenen, verhaßten Senatoren kamen wieder ans Tageslicht,
+sich unter das Volk mengend. Poroßnoki wurde mit
+Eljenrufen begrüßt, dem alten Inokai machte man entblößten
+Hauptes eine Gasse. Von Herrn Franz Kriston verlangte
+man mit großem Lärm, er möge reden; dieser zögerte auch
+nicht lange, stellte sich auf ein Krautfaß inmitten des Marktes
+und sprach blos:</p>
+
+<p>»Ich verlange von Euch Gerechtigkeit für jenen genialen
+Jüngling, der diesen großen Sieg erfocht.«</p>
+
+<p>»Gerechtigkeit!« widerhallte es aus tausend Kehlen.</p>
+
+<p>Die Bevölkerung wogte auf und ab, wie ein angeschwollener
+Strom. Lärm, Leben herrschte überall &ndash; Männer und
+Frauen erzählten das Wunder des redenden Mantels. Freilich
+flickte noch jeder etwas am Zeug. Eine große Begeisterung
+atmeten die Leute ein. Jeder bewegte sich hin und her, jeder
+schrie etwas anderes, und jeder dachte sich etwas.</p>
+
+<p>Schöne aufblühende Knospen, junge Mädchen kleideten die
+Frauen von Kopf bis zu Fuß in Weiß, ehrsame Bürger
+stürzten in den Stall der Stadt, um die berühmten vier
+Rapphengste einzuspannen (schnell die Bänder in ihre Mähnen),
+alte Männer schleppten die Böller auf die Straße. Unterwegs
+suchten sie den Feuerwerker bei den »drei Äpfeln« auf.
+(Kommen Sie doch, Herr Hupka, wenn Sie einen Gott anerkennen. &ndash; »Nur
+noch einen Schluck!« bat Hupka.)</p>
+
+<p>Hochehrwürden Herr Péter Molitoriß, der lutheranische Pfarrer,
+stieg selbst in den Turm des heiligen Nikolaus, damit er im
+gelegenen Momente die Glocken läute. Aus den Dachluken
+krochen die Fahnenstangen heraus mit ihren schlängelnden,
+wehenden trikoloren Flügeln. Ein wenig fahl sind sie schon;
+sie sind noch aus der Zeit Bethlens<sup id="fnRef14"><a href="#fn14">14</a></sup> herübergekommen.
+Seitdem blühten auch die Kecskeméter Hausdächer gar wenig.
+Die elf gefallenen Senatoren hingen rasch die silberknöpfigen
+Mentes an, banden die rasselnden Säbel um und nun stehen
+sie schon im Halbkreise beim Thore des Stadthauses.</p>
+
+<p>Eine bedeutend schwierigere Aufgabe fiel dem Herrn Paul
+Fekete zu (woraus erhellt, daß nicht gleichmäßige Aufgaben
+die Schultern der Männer des öffentlichen Lebens bedrücken),
+er mußte das Manuskript umarbeiten; die Benennung mächtiger
+Beg mußte gestrichen werden, statt dieser Ansprache mußte
+hingeschrieben werden: »Glorreicher Patriot.« Statt der:
+»Wir kamen zu dir« mußte es heißen: »Du kamst zu uns
+zurück« &amp;c. (Gleichviel, es wird sich das doch ganz hübsch
+machen.)</p>
+
+<p>Obschon improvisiert, ging alles vortrefflich; nur der Galawagen
+verspätete sich ein wenig; doch die Böller erdröhnten gleichzeitig,
+die Glocken klangen feierlich und als Lestyáks Gestalt
+erschien, da flutete ein Jubelgetöse durch die Straßen, das
+lawinengleich sich fortwälzte, weithin, bis an die Pforten des
+Stadthauses. Da war es, wo der Gefeierte abstieg, die wohlgesetzte
+Rede des Herrn Paul Fekete anhörte, den weißgekleideten
+Jungfrauen einen lächelnden Gruß zunickte, den
+verstoßenen Senatoren die Hand drückte und den Herrn Poroßnoki
+vollends umarmte &ndash; woraufhin man ihn auf die Schultern
+hob, um ihn im Siegeszuge in das Stadthaus emporzutragen
+und zuletzt am Präsidentenstuhle des grünen Ratstisches
+abzusetzen.</p>
+
+<p>So wie der Lärm sich ein wenig gelegt (denn der Saal
+war voll der Notabilitäten des Gemeinwesens), erbat sich der
+schneeköpfige Mathäus Pußta das Wort und feierte mit leiser,
+wie Wespengesumme tönender Stimme Lestyáks Verdienste,
+um schließlich auszurufen:</p>
+
+<p>»Laßt ihn uns zum lebenslänglichen Oberrichter Kecskeméts
+erwählen.«</p>
+
+<p>Hei, wie das Gemäuer ob des Jubelgeschreies erbebte!
+Es dauerte Minuten, ehe Kaspar Permete zu Worte kam
+und sich verständlich machen konnte, ob er gleich mit allen
+Vieren gestikulierend andeuten wollte, daß er ungemein Wichtiges
+zu sagen habe.</p>
+
+<p>»Ich aber, Kaspar Permete, der ich sothane Obrigkeit vor
+zwölf Jahren durch ein Wort meines Mundes zu Falle gebracht,
+ich stehe nicht an, zu erklären, daß ihm selbst die
+lebenslängliche Übertragung unserer höchsten Würde eine zu
+kurze Frist sei.«</p>
+
+<p>»Nach seinem Tode kann er doch nicht gut präsidieren!«
+warf Herr Gerson Zeke ein.</p>
+
+<p>»Doch, doch ... Laßt es uns aussprechen und ins Protokoll
+aufnehmen, daß gleichwie die heilige Krone unseres Landes
+in der von Gottes Gnaden ruhmreich regierenden Familie
+Habsburg sich von Vater auf Sohn vererbt, desgleichen der
+Oberrichterstab auf die männlichen Nachkommen Lestyáks übergehen
+möge für und für.«</p>
+
+<p><span class="g">Gerson Zeke</span>: »Es giebt doch wohl noch einen kleinen
+Unterschied zwischen den beiden.«</p>
+
+<p><span class="g">Kaspar Permete</span> (wütend): »Es giebt keinen!«</p>
+
+<p><span class="g">Gerson Zeke</span>: »Die Krone ist aus Gold, der Oberrichterstab
+aber aus dem Holz der Kornelienstaude!«</p>
+
+<p>Diesen kleinen Konflikt unterbrach Herr Johann Deák
+aus der Czegléder Gasse, der im Geruche eines sehr weisen
+Mannes stand.</p>
+
+<p>»Vetter Zeke ist im Rechte, denn die Krone glänzet stark
+auch auf schwachen Häuptern, allein der Richterstab wird stets
+schwach in schwachen Händen sein. Mithin geht es nicht an,
+diesen Stab blindlings noch ungeborenen Nachkommen in die
+Hände zu drücken. Indessen ist es ungeziemend, diesen großen
+Tag durch derlei Gezanke zu entweihen. Wir wollen auf den
+Pfaden des ehrwürdigen Ernstes bleiben und nichts überhasten,
+denn es wird uns niemand Dank dafür wissen, wenn wir
+ihm eine Würde anbieten, die derzeit noch ein anderer inne
+hat. Die Versammlung möge daher beschließen, daß das ohnedies
+nur provisorisch errichtete Triumvirat abgeschafft wird.«</p>
+
+<p>»Die sind ja freiwillig durchgebrannt! Keiner von ihnen
+wagt es, sich zu zeigen!« klang es von allen Seiten.</p>
+
+<p>»Sonach möget ihr die alten Senatoren wiederwählen
+und es kann dann die protokollarische Inaugurierung der lebenslänglichen
+Oberrichterschaft Lestyák's stattfinden.«</p>
+
+<p>Überflüssig zu sagen, daß alldies angenommen wurde.
+Der neue Oberrichter saß so würdevoll da wie ein Dynast
+und nickte kühlen Dank mit dem Kopfe. Sein Antlitz, bis
+dahin bleich, färbte sich jedoch scharlachrot, als sich die Rufe
+erhoben:</p>
+
+<p>»Wir wollen die Geschichte mit dem Mantel hören! Er
+selbst soll sie uns zum Besten geben!«</p>
+
+<p>Nervös bewegte er sich auf dem Sessel hin und her,
+wie wenn eine eiserne Faust seine Kehle zusammenschnürte.
+Den Fall mit Olaj Beg Hunderten zu erzählen ... Eine
+Scene, die er nie durchlebt, die er nie gesehen hat. Lügen
+vor dem Angesichte der ganzen Stadt! Ach, welch' großer
+Fehler war es, daß er nicht ins Lager gegangen war. Der
+Teufel brachte ihm jenes Mädchen in den Weg. Und wenn
+er schon nicht dort war, wäre es besser gewesen dies einzugestehen.
+Jetzt ist es schon unmöglich, unmöglich&nbsp;...</p>
+
+<p>Je größer seine Herrlichkeit war, um so mehr zerriß seine
+Seele das Bewußtsein, daß ein unerwarteter Windhauch dieselbe
+zerstören könnte, die Ohren des Midas wurden ja auch
+entdeckt. Er hatte das Gefühl, als hätte er seinen Ruhm
+gestohlen, er konnte sich desselben nicht freuen, und doch, er
+gebührte ihm ja, denn er war es, der den Mantel erworben hatte.</p>
+
+<p>Hinter dem Lehnstuhl des Oberrichters schwebte ein unangenehmer
+Schatten.</p>
+
+<p>»Hört! Hört!« tönte es immer lebhafter und intensiver.</p>
+
+<p>Es gab kein Entrinnen. Verlegen nahm er den Kaftan
+ab und legte ihn auf den grünen Tisch. Hier der wertvolle
+Schatz der Stadt Kecskemét. Dann erzählte er stotternd noch
+einmal die wundersame Geschichte des grünen Mantels. Laute
+Ausbrüche der Freude würzten seinen Vortrag; jeder jubelte,
+nur eine gebrochene Gestalt weinte in der letzten Bank. Der
+mächtige Oberrichter, nunmehr der Diktator von Kecskemét,
+stand auf, ging zu dem schluchzenden Manne, nahm ihn bei
+der Hand und sprach:</p>
+
+<p>»Und jetzt gehen wir, mein guter Vater. Ich will daheim
+ein wenig ausruhen.«</p>
+
+<p>Im kleinen Thore warteten schon die kleine Erzsi und der
+Laczi. Die Krapfen waren schon hübsch gebacken und auch
+das Pörkölt<sup id="fnRef15"><a href="#fn15">15</a></sup> war schon vollkommen, das Spanferkel bereits
+ausgekühlt, gerade gut, daß sie kommen.</p>
+
+<p>»Ich habe es dir nicht gesagt, mein lieber Sohn, freilich,
+wann hätte ich es dir sagen sollen, daß ich mit einem Gesellen
+arbeite, das heißt, wir arbeiten jetzt schon zu Zweien.«</p>
+
+<p>Der Oberrichter machte ein gleichgiltiges Gesicht.</p>
+
+<p>»Der junge Bursche dort?«</p>
+
+<p>»Ich mußte ihn acceptieren, als ich nach Ofen zum Pascha
+intervenieren ging. Denn ich habe dich zum Oberrichter gemacht,
+daß du es nun erfahrest (das Auge des Alten schimmerte
+grünlich). Der alte Lestyák ist ein ganzer Mann;
+was?.... Der Geselle, sage ich, war zur Arbeit nötig, obzwar
+ich nicht bemerke, daß er auch nur das Geringste gemacht
+hat. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, zu erforschen,
+was er kann. Bisher habe ich die Politik gemacht.
+Lache nicht, Junge, sonst werde ich bös. Von nun an wirst
+du sie machen. Ein großartiges Blut, das der Lestyák. Aber
+schau, wir sind ja schon zu Hause.«</p>
+
+<p>Wie süß ist das Elternhaus, wenn man es lange nicht
+gesehen hat. Gemütlich raucht der Schornstein, munter nicken
+die Zweige des alten Birnbaumes, im Hofe springt uns der
+Hund Bodri entgegen, im Zimmer die Katze Czirmos, es
+lachen die Steinkrüge, die bekannten Thongefäße an der Wand,
+die Möbel beginnen zu erzählen, es flackert das Feuer im
+großen Ofen und wirft einen flammenden Streif auf die
+braune Thür.</p>
+
+<p>Der Alte seufzte:</p>
+
+<p>»Deine arme, gute Mutter, wenn man sie zu diesem Tage
+erwecken könnte!«</p>
+
+<p>Man bringt das Essen, die Düfte desselben erfüllen das
+Zimmer, die Erzsi geht hin und her, so auch der Geselle Laczi.</p>
+
+<p>»Lauf', mein Laczi, in den Keller, lauf und spute dich.
+Du aber, mein Sohn, setze dich nieder, denn ich weiß, du
+bist hungrig, die Gefangenenkost hat dich herabgebracht. Ich
+habe seit dem Schreckenstage ebenfalls nichts gegessen. Vorerst
+hinderte mich die Trauer und jetzt die große Freude.
+Ich habe in Ofen gelebt, wie das Pferd des Nikolaus Toldy.
+Nur daß ich dich befreit habe.«</p>
+
+<p>»Ibrahim Pascha ist ein braver Mann,« flüsterte der
+Oberrichter zerstreut (die eigenartige Situation Czinna gegenüber
+hatte ihn nervös gemacht).</p>
+
+<p>»Ach bewahre! Ein arger Hund ist der Alte, zuerst war
+er wütend über mich, es fehlte nicht viel und auch ich wäre
+ins Kühle gekommen.«</p>
+
+<p>»Warum?«</p>
+
+<p>»Wegen des Zigeunermädchens, wenn du dich ihrer erinnern
+kannst. Ist die Suppe vielleicht nicht genügend gesalzen?
+Bringe das Salzfaß herein, du Laczi!«</p>
+
+<p>Laczi zitterte wie Espenlaub.</p>
+
+<p>»Was fehlt denn dir? Fürchtest du dich vor meinem
+Sohne? Der beißt ja nicht, wenn er auch ein großer Herr ist.«</p>
+
+<p>»Ich danke, ich bedarf des Salzes nicht. Also des Mädchens
+willen zürnte Ibrahim?«</p>
+
+<p>»Er sagt, sie sei mit Euch durchgegangen und solange
+wir sie nicht zurückgeben, oder nicht eingestehen wo sie ist,
+läßt er auch mich einsperren ... Ich sagte, ich hätte seitdem
+nicht einmal ihren Schatten gesehen.«</p>
+
+<p>»Das haben Sie nicht vernünftig gemacht&nbsp;&ndash;« murmelte
+der Oberrichter. »Und das Weitere?«</p>
+
+<p>»Zum Glück kam eben zu jener Zeit der amtliche Bericht,
+daß man die Kleider des Mädchens am Theißufer aufgefunden
+und auch den Leichnam aus dem Flusse gefischt hat.«</p>
+
+<p>»Ach,« unterbrach ihn der Oberrichter munter. »Ist das
+Mädchen gestorben?«</p>
+
+<p>»Was!« schrie der Geselle und ließ die Bratenschüssel
+fallen, die er eben ans dem Ofen gehoben hatte, um sie auf
+den Tisch zu setzen.</p>
+
+<p>Der Meister fuhr ihn wütend an:</p>
+
+<p>»Du Lümmel! Hebe es auf, dann aber verschwinde!«
+Bald hiernach lachte er aber schon: »Gar manches Wunder
+geschieht heute, die toten Ferkel gehen auch schon durch.«
+(Das schön rot gebratene Tier kollerte bis unter das Bett.)</p>
+
+<p>Laczi schlich krebsrot zur Thür.</p>
+
+<p>»Halt!« rief der Oberrichter, winkte ihm zu und flüsterte
+ihm etwas ins Ohr. »Jetzt kannst du hinausgehen.«</p>
+
+<p>»Willst du etwas? Ich möchte es lieber der Erzsi sagen.
+Dieser ist ungeschickt,« sagte er, dem Knaben nachblickend, »ich
+glaube nicht, daß er vom Schneiderhandwerk viel versteht. Es
+ist dies, mein Sohn, ein großartiges Handwerk, eine herrliche
+Wissenschaft. Die Korrigierung der Schöpfungen Gottes; ich
+korrigiere den häßlichen Leib und bringe Männlichkeit in die
+schiefen Schultern. Es ist dies schon etwas, mein Söhnchen.«
+(Der alte Schneider fuhr begeistert durch seine schütteren Flachshaare.)
+»Es ist schade um den Jungen, er hat ein so sanftes,
+liebes Gesicht, daß er ganz gut ein Mädchen sein könnte.«</p>
+
+<p>»Heutigen Tages ist gar nichts unmöglich, mein lieber
+Vater.«</p>
+
+<p>»Das ist schon richtig, aber iß doch vom Braten. Wir
+haben auch noch Krapfen. Ißt du den Kopf nicht gern?«</p>
+
+<p>»Ich esse schon, aber Sie, mein Vater, haben ja das Ende
+des Ofner Ausfluges noch immer nicht erzählt.«</p>
+
+<p>»Als die amtliche Verständigung anlangte, wurde Ibrahim
+sofort guter Laune, du kannst dir ja denken, wie ihn der
+Sultan bedrängte. Er sandte sofort die Beweise des Todesfalles
+zum Padischah, mich rief er zu sich, klopfte mir auf
+die Schulter, indem er sagte: &rsaquo;Ich sehe, ihr seid rechtschaffene
+Leute,&lsaquo; (wir Lestyáks waren dies zu jeder Zeit). &rsaquo;Hier ist der
+Befehl, deinen Sohn frei zu geben, jedoch sage es nicht, du
+Hund, daß du es unentgeltlich bekommen hast, denn damit
+würdest du mich zu Grunde richten;&lsaquo; und so gelangte ich zu
+dem Ferman.«</p>
+
+<p>»Er hat es übereilt.«</p>
+
+<p>»Wer? Ich?«</p>
+
+<p>»Nein, der Pascha.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe dich nicht.«</p>
+
+<p>»So sehen Sie dorthin.«</p>
+
+<p>Durch die offene Thür schwebte heiter lächelnd Czinna,
+das Zigeunermädchen, herein, sie hatte ein nettes Spitzenhemd
+an und ein schwarzgetupftes Tuch: das Festgewand der Erzsike.
+Der alte Lestyák taumelte zurück.</p>
+
+<p>»Eine feste Burg ist unser Gott!« schrie der Alte entsetzt
+und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. »Das
+Zigeunermädchen! Von dannen, du Gespenst!«</p>
+
+<p>»Es ist ja kein Gespenst, mein lieber Vater, sondern sie
+selbst.«</p>
+
+<p>»Hole mich der Teufel, wenn ich es glaube.«</p>
+
+<p>Man hörte ein Klopfen an der Thür, nicht als ob der
+Teufel auf den Lockruf gekommen wäre. Gewiß nicht. Der
+Senator Máté Pußta trat ein in Begleitung Paul Feketes
+und Gáspár Permetes.</p>
+
+<p>»Gott zum Gruß! Nehmen Sie Platz bei uns. Was
+bringen die Herren?«</p>
+
+<p>»Uns sendet die Versammlung vor das Angesicht Euer
+Wohlgeboren.«</p>
+
+<p>»Bereitwilligst lauschen wir euren Worten,« sagte der Oberrichter
+würdevoll.</p>
+
+<p>Sie erzählten sonach kurz, was die Versammlung nach
+seinem Abschied beschlossen habe: »Um den Herrn Agoston
+geht eine Deputation nach Waitzen, das ist eins (dies ist sehr
+vernünftig), zweitens aber wird der Kaftan dreißig Tage hindurch
+öffentlich zur Schau gestellt; jeder kann ihn unentgeltlich
+bewundern, der Arme, wie der Reiche, der hier Weilende,
+wie der Fremde, nur der Groß-Köröser zahlt zehn Denare.«
+(Auch dies ist sehr richtig.)</p>
+
+<p>»Der wichtigste Beschluß aber ist,« fuhr Máté Pußta
+fort, »daß wir aus der Kirche des heiligen Nikolaus den
+Reliquienhälter herüberbringen ließen; darin wird der Kaftan
+versperrt sein bei Tag und bei Nacht. Den Schlüssel sendet
+die Versammlung Ihnen, Herr Oberrichter, daß Sie darauf
+achten, wie auf Ihr Augenlicht und ihn an einem Orte verwahren,
+wohin keine fremde Hand gelangen kann.«</p>
+
+<p>Damit überreichte er den an einer grünen Schnur hängenden
+Schlüssel dem Oberrichter.</p>
+
+<p>»Ich gehorche der Versammlung.«</p>
+
+<p>Er übernahm den Schlüssel, stand auf, trat zu Czinna
+und hängte ihr denselben um den Hals.</p>
+
+<p>»Berge ihn an deiner Brust, Czinna.«</p>
+
+<p>Czinna errötete bis über die Ohren; sie zog mit einer
+unwillkürlichen Bewegung das rote Tuch über die Augen,
+freilich kamen da rückwärts die knabenhaften kurzen Haare
+zum Vorschein.</p>
+
+<p>Herr Máté Pußta bewegte, gegen das Fenster sich wendend,
+seinen großen Kopf; das also ist der Ort, wohin keine fremde
+Hand gelangen kann. Der schneeweiße Busen eines schönen
+Mädchens.</p>
+
+<p>Der Schneider rief lebhaft aus:</p>
+
+<p>»<span class="f" lang="la">Canis mater!</span> Der Geselle Laczi.« (Er erkannte ihn
+an den Haaren.)</p>
+
+<p>Der Oberrichter lächelte.</p>
+
+<p>»So ist es, mein lieber Vater, wenn einmal die Wunder
+beginnen. Es wird dies einmal zur Chronik werden, wie
+aus dem Schneidergesellen eine Oberrichtersfrau wurde.«</p>
+
+<p>Die Glorie der Verklärung glänzte auf der Stirn des
+Mädchens, die magische Kraft seines Blickes vermochte sie aber
+nicht weiter zu ertragen. Sie glaubte vor Glückseligkeit sterben
+zu müssen. Ihre Hand ans Herz drückend, stürzte sie aus
+dem Zimmer. Der Schneider sprang giftig wie ein Hamster
+in die Höhe.</p>
+
+<p>»Was treibst du für Kabalen mit mir? Wenn du nicht
+Oberrichter der Stadt Kecskemét wärest, möchte ich dir wohl
+etwas sagen. Dein Glück dies, wahrlich, dein Glück. Und
+was bedeuten deine komischen Worte. Was hast du vor?«</p>
+
+<p>»Ich nehme sie zur Frau.«</p>
+
+<p>»Du, zeitlebens Oberrichter der Stadt Kecskemét?«</p>
+
+<p>»Warum nicht?«</p>
+
+<p>Der Alte ließ traurig den Kopf hängen.</p>
+
+<p>»Der Ofner Pascha läßt uns beide umbringen, wenn er
+es erfährt.«</p>
+
+<p>»Auch gegen den Pascha schützt mich der Mantel. Im
+übrigen sucht man ja Czinna nicht mehr, da sie sich schon
+in den Gedanken gefunden haben, daß sie in der Theiß ertrunken
+sei.«</p>
+
+<p>»Es wird sich schon jemand finden, der es ihm einflüstert.
+Aber reden Sie doch um Gottes willen, meine Herren, raten
+Sie ihm ab, stehen Sie doch nicht da wie Holzklötze.«</p>
+
+<p>Auf diese Anrede nahm Gáspár Permete das Wort und
+redete ihm zu, daß der Herr Oberrichter unter den reichsten
+Mädchen der Stadt wählen könne; fünfzehn auf jeden Finger,
+diese niedere Abstammung aber passe nicht zu seinem hohen Rang.</p>
+
+<p>»Das ist nur so gesagt,« meinte Max lachend. »Wie,
+wenn Czinna von den ägyptischen Königen abstammt?«</p>
+
+<p>»Das, Herr Oberrichter, zu beweisen, würde schwer halten.«</p>
+
+<p>»Genau so schwer, wie Ihnen das Gegenteil, daß sie nicht
+von den Pharaonen abstammt.«</p>
+
+<p>Permete lachte, auch Máté Pußta lachte; denn die Meinung
+Máté Pußtas war: »Der Oberrichter weiß schon, was
+er thut. Man braucht ihm nie dreinzureden.«</p>
+
+<p>Paul Fekete aber nahm die ethische Seite der Sache:</p>
+
+<p>»Eine Oberrichtersfrau kann nicht jede sein, es muß wenigstens
+eine Person sein, die des Lesens und der Schrift mächtig,
+in allen Dingen bewandert und dabei eine kluge Person ist.«</p>
+
+<p>»Eh!« meinte Max Lestyák ärgerlich, »der ehrenwerte Seneca
+meint, es ist genug für die Frau, wenn sie so viel weiß, daß,
+wenn der Regen tropft, man unter das Dach gehen muß.«</p>
+
+<p>»Hier reden wir wohl vergebens,« rief Herr Permete
+achselzuckend und einen guten Abend wünschend zog er auch
+die anderen aus dem Zimmer.</p>
+
+<p>Unterwegs streuten die Herren in drei Richtungen den
+Roman der Czinna aus.</p>
+
+<p>Es tagten auch heute überall die Klatschbasen.</p>
+
+<p>»Sie hat einen Zauber an ihm verübt, sie hat ihm etwas
+ins Getränk gemischt, anders ist es unbegreiflich. Es ist
+entsetzlich, wie fürchterlich so ein kluger Mann straucheln kann.«</p>
+
+<p>Besser noch als den Klatschbasen gefiel die Geschichte dem
+Balázs Putnoki. Noch in derselben Nacht machte er sich auf
+den Weg zum Ofner Pascha, um diesem anzuzeigen, daß das
+Zigeunermädchen lebe. Max Lestyák halte sie verborgen und
+wolle sie zur Frau nehmen. Er kam aber beim Ofner Pascha
+merkwürdig an, wie es sich später herausstellte. Dieser hörte
+ihn an und fragte ihn dann mit gerunzelter Stirn:</p>
+
+<p>»Du behauptest also, daß sie lebt?« &ndash; »Jawohl sie lebt.«
+Der Pascha winkte die Leibgarde herbei. »Führet den Mann
+hinaus, laßt ihm fünfzig Stockhiebe auf die Fußsohlen geben und
+bringet ihn dann wieder herein.« Als sie ihn zurückbrachten,
+frug Ibrahim überaus liebenswürdig: »Nun, lebt das Mädchen
+noch immer?« &ndash; »Bewahre, sie lebt nicht mehr, gnadenreicher
+Pascha.« Ibrahim rieb sich vergnügt die Hände. »Lerne
+es, du Mann, daß eine Person, von der ich dem Sultan
+einmal referierte, daß sie nicht lebt, zum mindesten sechs Fuß
+tief unter der Erde liegt.«</p>
+
+<p>So erging es dem verräterischen Putnoki, aber ein Glück
+wie dasjenige Max Lestyáks gehört auch zu den Seltenheiten.
+In herrlichstem Glanze schien die Sonne auf ihn hernieder.
+Seine Macht wuchs von Tag zu Tag, sein Ansehen festigte
+sich auch nach außen.</p>
+
+<p>Kecskemét begann eine große Rolle zu spielen. Der
+Mantel war ein ganzes Heer wert, das den Feind zügelte.
+Ein Heer, das keiner Montur, keiner Munition bedurfte, dem
+nichts schaden konnte, höchstens die Motten.</p>
+
+<p>Die Kecskeméter fürchteten keinen Feind mehr. Im Gegenteil,
+sie warteten mit vielem Vergnügen auf den Augenblick,
+wo eine herumstreifende Türkenschaar mit ihnen anknüpfe. Es
+war dies immer ein großes Amüsement für das Volk. Der
+Oberrichter zog zu solch' einer Zeit mit dem Rappen der
+Stadt hinaus, vier Haiducken<sup id="fnRef16"><a href="#fn16">16</a></sup> ritten vor ihm, vier hinter
+ihm, die Männer, Frauen, Kinder, gar oft die ganze Stadt
+kamen mit, um den berauschenden Anblick zu genießen, wie
+die türkischen Führer zum Mantelkusse sich neigten und wie
+sie den Oberrichter demütig fragten:</p>
+
+<p>»Mein Herr, was befiehlst du?«</p>
+
+<p>Ganze Legenden schwirrten im Lande von dem Zauberkaftan,
+mit allerlei bunten Anhängseln verziert. &ndash; Bald
+hieß es, daß derselbe in Zeiten der Gefahr spreche und
+dem Richter Rat erteile, dann erzählte man, daß der Kranke,
+der ihn berührt, gesundet, die Witwe oder Jungfrau, die ihn
+küßt, heiratet. Die Klügeren behaupteten, daß der Kaftan
+kein besonderes Wunder Gottes sei, sondern daß seine ganze
+Kraft darin bestehe, daß mit der Unterschrift des Sultans der
+Satz hineingestickt sei: »Gehorchet dem Träger des Mantels.«
+Herr Michael Lestyák selbst, der das weltberühmte Kleidungsstück
+fachmännisch betrachtete, meinte verächtlich:</p>
+
+<p>»Daran ist nichts Besonderes. Auch ich nähe einen solchen,
+wenn ich Lust dazu habe.«</p>
+
+<p>Die Wunderkraft des Kaftans warf ein magisches Licht
+auf die Person. Max kleidete sich in das farbenprächtige
+Kleid der Legenden. An schönen Abenden erzählte man von
+ihm in den Hütten in einer Entfernung von Hunderten von
+Meilen. Weit unter Szegedin, während der Kahn des Fischers
+mit leisem Plätschern die Wellen durchschneidet, träumt er
+selbst: »Was mag wohl der Kecskeméter Oberrichter machen?«</p>
+
+<p>Er ißt goldenen Speck zur Jause mit einem Karfunkelmesser.
+Der sprechende Kaftan sagte seinem Feind nicht nur:
+»Hebt Euch weg von Kecskemét,« sondern er sagte auch dem
+guten Freunde und den glänzenden Kremnitzer Dukaten:
+»Kommt her nach Kecskemét.« Reiche Leute, edle Herren
+kamen mit ihren Schätzen hierher, um in der sichersten Stadt
+zu wohnen; die Eltern sandten am liebsten ihre Kinder dahin,
+damals erschienen in den Straßen Kecskeméts das erstemal die
+verschiedenen Studententypen, die seitdem dort bestehen; die
+Schule blühte, die Bewohner bereicherten sich märchenhaft rasch.</p>
+
+<p>Freilich hat alles seine schlechten Seiten. Der Mantel
+zeugte das viele Geld, das viele Geld zeugte die vielen Pustenbetyáren
+und Räuber, die immer wieder Einfälle in das Kecskeméter
+Gebiet wagten. Jedoch auch jedes schlechte Ding hat
+seine guten Seiten, der Betyáren wegen verkündete man
+das Standrecht und da das Komitat sich nicht frei bewegen
+konnte, wurde das Recht des Blutbannes provisorisch auf den
+Kecskeméter Magistrat übertragen. Noch ein Haar und Kecskemét
+wird königliche Freistadt.</p>
+
+<h2>Achtes Kapitel.</h2>
+
+<p>Max Lestyák war Herr über Leben und Tod, und damit
+sein Ansehen noch wachse, sandte ihm der König den Adel
+mit dem Prädikate »Von Kecskemét«. Ein Ritter mit einem
+Kaftan bekleidet, stand auf dem Wappen in silbernem Felde.
+In der anderen Hälfte des Schildes war auf drei goldenen
+Kissen ein sich bäumender Fuchs. (Se. Majestät hat dies
+gut ausgedacht.) Nur noch eines fehlte zur vollen Glückseligkeit:
+die Hochzeit mit Czinna.</p>
+
+<p>Und auch dieser stand nichts mehr im Wege. Der alte
+Lestyák hatte sich mit dem Gedanken schon lange befreundet,
+das kleine Ding wußte ihm alles zu Gefallen zu thun, und
+wenn sie ihm das Kinn kraute, glaubte er sich ins Himmelreich
+versetzt. Sie wurde aber auch immer schöner, sie bekam
+runde Formen und ihr Gesicht war wie der Pfirsich, dessen
+Blutfarbe selbst die zarte Hülle durchschlägt. Niemand kam
+ihr gleich in Kumanien. Sie wurde der Liebling, die Vertraute
+des Alten, er nannte sie »Tochter«, »Schwiegertochter«
+und redete nun selbst seinem Sohn zu, sich zu beeilen, da er
+bei Gott sie sonst selbst heirate.</p>
+
+<p>Max tobte vor Ungeduld, wenn das kleinste Hindernis
+sich offenbarte; wenn aber kein Hindernis war, nahm er die
+Sache leicht.</p>
+
+<p>Der erste Termin war für den Tag angesetzt, wo er den
+Ferman des Ofner Pascha erwirkt, denn ohne diesen geht es
+denn doch nicht, obgleich der Vogel auch dann sein Haus baut,
+wenn er auch befürchtet, daß grausame Hände es zerstören.
+Der Ferman kam selbst: er war auf die Sohlen Putnokis geschrieben.
+Es ist gewiß, daß der Pascha das Mädchen wohl
+nie mehr behelligt.</p>
+
+<p>»Nun könnt Ihr schon Hochzeit halten!« redete ihnen der
+Alte zu.</p>
+
+<p>»Warten wir noch, bis das Haar der Czinna wieder gewachsen
+ist,« antwortete Max. »Auf kurzen Haaren würde
+sich der Kranz übel ausnehmen.«</p>
+
+<p>Im Laufe eines Jahres wuchs ihr auch das Haar und
+wie herrlich! Eines Abends löste sie es während des süßen
+Geflüsters los, denn jetzt trug sie es wie die Damen als
+Kranz um ihren Kopf gewunden und band die beiden Hände
+ihres Max mit zwei dicken Flechten fest, wie man die der
+Häftlinge zu binden pflegt.</p>
+
+<p>»Ein gefesselter Oberrichter,« lachte sie mutwillig.</p>
+
+<p>Max verstand den Wink.</p>
+
+<p>»Wahrlich, die Zeit der Hochzeit wäre schon da, ich erwarte
+sie schon lange, aber wenn wir uns die Sache überlegen,
+schadet es nichts, wenn du noch etwas lernst, ich aber
+will noch vorerst so viel verdienen, um die Frau eines Oberrichters
+ernähren zu können.«</p>
+
+<p>Der Oberrichter nämlich ließ den hochgelehrten Herrn
+Molitoriß zum Unterricht der Czinna ins Haus kommen;
+kaum war aber ein halbes Jahr vergangen, so meinte der
+würdige Herr:</p>
+
+<p>»Was ich wußte, weiß sie schon.«</p>
+
+<p>Max Lestyák hatte etwas Geld zusammengescharrt, jedoch
+gerade zu dieser Zeit kam der Adelsbrief. Das Glückskind
+fing an auf großem Fuß zu leben; die Adeligen der Umgebung
+schlossen Kameradschaft mit ihm, sie kamen zu ihm
+zu Besuch und er erwiderte denselben. Czinna vernachlässigte
+er. Ein Adeliger kann doch nicht immer girren, er macht
+sich ja lächerlich. Das elende Pergament hatte ihn wie umgewandelt,
+wie wenn sein Blut wirklich blaublütiger geworden
+wäre, wurde er noch launenhafter.</p>
+
+<p>Man sprach allüberall, daß er eine Beniczky heiraten solle,
+dann würde aus ihm ein Obergespan gemacht werden in
+irgend einem Komitate Emerich Tökölys, das noch in des
+Kaisers Händen ist. Doch dies alles ist nur Geklatsch! Die
+Kecskeméter fabrizieren denselben, seitdem ihr Oberrichter so
+groß wurde, daß Kecskemét neben ihm klein erscheint.</p>
+
+<p>Ach, wie blutete das Herz Czinnas. Auf der kleinen
+Holzbank unter dem Birnbaum, wo sie an schönen Sommerabenden
+so oft flüsterten, wo Czinna so glücklich war, saß
+Max jetzt selten, oft blieb er Wochen hindurch in den Kastellen,
+und wenn er auch kam und ihr einige schöne Worte sagte,
+der Schluß war immer:</p>
+
+<p>»Gieb nur auf deine Worte acht, Czinna, mein Täubchen,
+sprich nie von jenem Tage, du weißt ja, welchen ich meine,
+sage nie, daß du dort warst ... vor Olaj Beg, denn sonst
+bin ich verloren.«</p>
+
+<p>Czinna war es, als wenn man ihr ein Messer ins Herz stieße.
+Es tauchte in ihr der Verdacht auf, daß sich Max vor ihr
+fürchte, aber sie nicht liebe; er kettet sie mit dem Brautring
+nur deswegen an sich, daß er sich ihres Schweigens versichere.
+Von Tag zu Tag wurde sie trauriger, die roten Rosen verschwanden
+vom Gesichte, in den Augen fehlte der entzückende
+Glanz, eine sanfte Melancholie war an seine Stelle getreten.</p>
+
+<p>Schön war sie trotzdem. Der alte Lestyák erschrak; er
+glaubte, daß sie krank sei, er hatte auch den Grund ihrer Krankheit
+herausgefunden.</p>
+
+<p>»Kränke dich nicht, trauere nicht, meine kleine Resedablüte.
+Er liebt dich und glaube mir, wenn ich es sage, er möchte
+dich auch schon morgen zum Traualtare führen, wenn er nur
+Geld hätte. Was er aber hat, verspielt er mit den Fáys
+und Beniczkys. Ich kenne ihn, den Max, er ist voller Dummheiten,
+aber sein Herz ist gut. Freilich könntet ihr auch bei
+mir leben, wenn auch ärmlich, du weißt aber, wie verrückt
+er ist, wenn er den Herrn spielen will; er ißt nicht einmal
+die Erdbeeren, wenn er sie nicht auf einem silbernen Teller
+bekommt. Und gerade jetzt leidet er an dieser Krankheit.
+Lassen wir ihn, bis er seinen Wappenfuchs satt bekommt. Entweder
+der Fuchs frißt ihn oder er den Fuchs. Im allgemeinen
+fressen diese Wappentiere sehr viel, meine liebe Czinna.«</p>
+
+<p>Czinna seufzte bei solchen Reden; das schöne Wort war
+kein Balsam auf ihre Wunde.</p>
+
+<p>»Seufze nicht, lächle doch ein wenig, wie ehedem. Wenn
+ich reden dürfte, könnte ich dir wohl etwas sagen, daß du Lust
+zum Tanzen bekämst.«</p>
+
+<p>Geheimnisvoll zwinkerte er mit den Augen und murmelnd
+mahnte er sich: »Pst, laß deinem Mund nicht freien Lauf,
+Alter!«</p>
+
+<p>Was dieses geheimnisvolle Ding sein mochte, konnte sich
+Czinna nicht recht vorstellen. Alles in allem war ihr bloß
+ein Umstand aufgefallen. Seit einigen Tagen kamen zwei
+Herren zu Lestyák; spät am Abend kamen sie, lange flüsterten
+sie mit einander, indem sie sich in die Hinterstube einsperrten,
+nie erwähnte aber der Alte, was sie wollten, sondern schweigend
+und zugeknöpft ging er unter den Seinigen herum.</p>
+
+<p>Endlich eines Abends nahm er den Kopf Czinnas in die
+Hände und wühlte in ihrem dichten schwarzen Haar herum.
+Es war dies eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.</p>
+
+<p>»Freue dich, Czinnchen, freue dich! &ndash; Dein Tag ist gekommen,
+nun wird auch die Hochzeit stattfinden, ich lasse dir
+eine Ausstattung machen, daß die Fáyschen Fräulein grün
+vor Neid werden. Lache doch, Czinna, du hast ja so viel Geld,
+daß deine kleinen Kinder, wenn du welche haben wirst (du
+mußt deswegen nicht erröten, was schämst du dich meiner
+Enkelkinder) mit Goldstücken spielen werden.«</p>
+
+<p>Der Alte nahm einen Haufen Gold aus seinen Taschen
+und ließ diesen vor Czinna funkeln.</p>
+
+<p>»Woher nahmen Sie diesen großen Schatz?« fragte erstaunt
+das Mädchen.</p>
+
+<p>»Was ist dies mit dem übrigen gemessen? Horch auf,
+mein Kind, ich will dir alles erzählen. Für dich thue ich
+dies, was ich thue, einerseits, weil ich weiß, daß Max dich
+ohne Geld nicht heiraten kann. Einerseits, sage ich, dann
+spielt auch meine Eitelkeit mit hinein. Ich will ein Kleid
+hinterlassen, daß die Schneider auch nach tausend Jahren erzählen
+sollen: &rsaquo;Es lebte ein Mann, Namens Mathias Lestyák,
+der machte dieses Kleidungsstück.&lsaquo;«</p>
+
+<p>»Ich ahne nicht einmal, wovon die Rede ist.«</p>
+
+<p>Der Alte fuhr flüsternd fort:</p>
+
+<p>»Zwei fremde Herren kamen zu mir, du kanntest sie ja
+schon, ein kleiner Dicker und ein Goliath. Sie kamen in Vertretung
+einer Stadt, den Namen derselben verschwiegen sie
+auch vor mir. Ich fragte sie nicht, es ist mir ja gleichgiltig,
+welche es ist. Sie suchten mich, wie gesagt, auf und sagten:
+&rsaquo;Meister, Schneider der Schneider, unter allen Schneidern
+der größte! Wir suchten dich auf, um dich reich und unsterblich
+zu machen.&lsaquo; &rsaquo;Was wollt ihr?&lsaquo; &rsaquo;Nähe uns einen
+Kaftan, gleich jenem der Stadt Kecskemét, er soll aber dem
+anderen vollkommen ähnlich sein, wie zwei Eier oder zwei
+Weizenkörner einander gleichen; bist du dies im stande?&lsaquo;</p>
+
+<p>&rsaquo;Meine Nadel näht alles,&lsaquo; antwortete ich, &rsaquo;was mein
+Auge erblickt.&lsaquo;«</p>
+
+<p>Czinna zog sich fröstelnd zum alten Schneider hin&nbsp;...</p>
+
+<p>»Und worin kamen Sie überein?«</p>
+
+<p>»Wir wurden handeleins. Nach vielem Hin- und Widerreden
+bestimmten wir, daß sie fünftausend Goldstücke zahlen,
+fünfhundert gaben sie mir im voraus, alles wird dir gehören,
+mein Kind.«</p>
+
+<p>»Können Sie ihn aber auch so nähen?«</p>
+
+<p>»Ich?« Und seine Augen flammten. »Geh' du Närrin!
+Wofür hältst du mich denn? Es wird eine Prachtarbeit sein,
+wenn ich es dir sage.«</p>
+
+<p>»Wird aber kein Unglück geschehen?« fragte das Mädchen
+furchtsam.</p>
+
+<p>Der Alte lachte.</p>
+
+<p>»Was könnte denn passieren? Die andere Stadt wird
+nun auch einen Kaftan haben, dies ist das Ganze. Und
+dann, daß der Türke, der jetzt vielleicht zweihundert Städte
+plündert, gezwungen sein wird, sich mit hundertneunundneunzig
+zu begnügen. Hungers wird er deswegen nicht sterben.«</p>
+
+<p>»Richtig, richtig,« meinte Czinna zerstreut.</p>
+
+<p>»Du, mein Kind, giebst mir den Schlüssel und davon
+braucht niemand etwas zu wissen: ich will mir dann den
+Kaftan besehen, ihn genau prüfen und studieren; alsdann
+fertige ich rasch wie der Wind ein getreues Ebenbild desselben
+an und nachher soll es eine Hochzeit geben, wie sie wohl
+noch nicht erlebt wurde. Hei, wie sollen deine zarten Füßchen
+im Brautreigen hüpfen.«</p>
+
+<p>Solchermaßen wurde alles aufs Genaueste ausgeklügelt:
+was für ein Brautkleid es geben, wie der Kranz und das
+Schuhwerk beschaffen sein werden, wie sie dem Max viertausend
+von den fünftausend Dukaten geben wollen: »Da, nimm,
+und wirf deinem Weibe nicht vor, daß es dir nichts mitgebracht
+habe.« Daraufhin werde er fragen: »Wo habt ihr
+das her?« Sie aber werden antworten: »Wir haben es gefunden
+auf der löcherigen Brücke.« Und zuletzt, da wollen
+sie ein Erbschaftsmärchen ersinnen und damit bricht eine Zeit
+ewiger Glückseligkeit für alle an.</p>
+
+<p>Czinna ward heiter, lachte, klatschte sogar in die Händchen,
+so unbändig gefiel ihr das Zukunftsbild, das ihr von
+Lestyák vorgegaukelt worden. Andern Tags erschloß sich dem
+alten Schneider dank dem Schlüssel Czinnas der Eisenschrank
+im Stadthause: er besichtigte nochmals genau den Kaftan
+und ging sodann nach Szegedin, um bei den vornehmen
+türkischen Kaufherren, die dort lebten, alles Zubehör, so den
+feinen dunkelgrünen Sammet, die Schnüre und den Bärenpelz
+für das Futter einzukaufen. Und so wie das alles gekauft
+war, ging er mit der Fieberhast des Schöpfungsdranges
+an sein Werk.</p>
+
+<p>Das war aber keine geringe Aufgabe. Alle Abende holte
+er heimlich unter seinem Oberkleide den Kaftan, um diesen
+am Morgen auf die gleiche Weise an seinen Platz zurückzuschmuggeln.
+In die Stube des Oberrichters hatte er freien
+Zutritt; darum fiel es auch niemandem auf, daß er so oft
+kam und ging. Vielleicht hatte ihn der Oberrichter nach etwas
+gesandt?</p>
+
+<p>Vom Abend bis zum frühen Morgen arbeitete er, eingeschlossen
+in seiner hintersten Stube, mit der Inspiration
+und der Leidenschaft eines Künstlers. Zuweilen erweckte er
+Czinna aus ihrem nächtigen Schlafe, um ihr die einzelnen
+Stücke zu zeigen, die allmählich die Formen des herrlichen
+Originals anzunehmen begannen. Seine Augen flammten,
+seine Stirn glühte, seine Nüstern bebten und die Stimme
+zitterte vor freudigem Hochmut:</p>
+
+<p>»Schau, hier diese Ärmel, den Kragen, schau!«</p>
+
+<p>Und erst als nach vierzehn Tagen die Kaftankopie bis
+zum letzten Stiche fertig ward, da füllte sich ihm das Herz
+mit süßen Empfindungen:</p>
+
+<p>»Kann es ein herrlicheres Werk auf der weiten Erde
+geben?«</p>
+
+<p>Es war eben Nachtzeit. Die Hähne krähten. Der Schneider
+blickte zum Fenster hinaus. Für Mitternacht hatte er
+seine Leute hinbestellt und die lauerten jetzt in der Umgebung,
+bis er den Kaftan fertigstellen würde. Der Hofhund Bodri
+fing an, das Gekrähe mit seinem Gekläffe zu beantworten:
+Aha, der wittert Menschen. Und in der That, sie kamen.
+Der Schneider ließ sie ein.</p>
+
+<p>»Blicket hin!«</p>
+
+<p>Ein Ausruf der Bewunderung entrang sich ihren Lippen.
+Auf dem Bett lagen zwei goldige Kaftans ausgebreitet, und
+die waren einander so gleich, wie zwei Eier oder zwei Weizenkörner.</p>
+
+<p>»Und was meint ihr dazu?« fragte der Meister.</p>
+
+<p>Der Eine sprach:</p>
+
+<p>»Fürwahr, du bist der Schneider aller Schneider, der
+größte Schneider aller Zeiten.«</p>
+
+<p>Der Andere sprach nichts, sondern griff nach seinem großen
+Gürtel und goß einen Haufen Goldstücke mitten auf den Tisch.</p>
+
+<p>»Es sind genau 4500 Stück. Zähle sie nach, Meister,
+so du mir nicht glauben willst.«</p>
+
+<p>»Der Teufel mag's zählen! Nicht für Geld, sondern um
+des Ruhmes willen habe ich gearbeitet.«</p>
+
+<p>»Welchen sollen wir mitnehmen?« fragte der Goliath, auf
+die beiden Kaftans weisend. »Welcher ist der unsere?«</p>
+
+<p>Lestyák stand zaudernd am Bette. Er dachte bei sich:</p>
+
+<p>»Soll ich ihnen <em class="g">mein</em> Werk geben? Und es niemals,
+niemals wiedersehen? Sie entführen es dann, weiß Gott
+wohin, und nie wieder werde ich seine Schicksale erfahren.
+Und dann erfaßt mich eine quälende Sorge, was aus ihm
+geworden sei? Ich sehe den Türken nicht, der sich davor zur
+Erde beugt, vor meinem Werke, um es zu küssen, mein Werk!
+Nein, nein! Der Erfolg kann nicht ausbleiben. Das Werk
+ist vollkommen. Ich will es immerdar vor meinen Augen
+haben, mich berauschen an seiner Herrlichkeit!«</p>
+
+<p>»Ei, warum bezeichnet Ihr uns nicht endlich den neuen?«
+polterte der Goliath ungeduldig.</p>
+
+<p>»Und Ihr, warum steift Ihr Euch just auf den neuen?«</p>
+
+<p>»Weil ich weiß, daß Ihr mir den bestimmt habt.«</p>
+
+<p>Lestyák sprang verletzt auf.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« stammelte er heiser ... »Und justament sollt
+Ihr den alten wegtragen, den alten, den echten. Der neue ...
+der soll den Kecskemétern bleiben.«</p>
+
+<p>Der Goliath nahm das Kleid und barg es hurtig unter
+seinem Mantel. Die Thür ging auf und fiel gleich wieder
+ins Schloß. Die beiden Gestalten entschwanden in der nächtigen
+Dunkelheit.</p>
+
+<p>Der Alte ging zu Bette, aber kein erquickender Schlaf
+wollte über ihn kommen. Ihn quälten böse Traumgesichter.
+Die Dukaten, die er allesamt in einen Korb gefegt und unter
+das Bett gestellt hatte, fingen an auf dünnen Spinnenfüßen
+die Wand emporzuklettern: »Heda, ihr Spinnen, husch
+hinab vom Gemäuer!« Ein Goldstück sprang ihm auf die
+Brust und tanzte dort einen tollen Reigen. »Ei, na warte
+doch, dich soll ich bald haben.« Er haschte nach der Münze,
+doch es war unmöglich, sie zu fangen, obgleich ihre kalten
+Füße ihn stachen und ihn schaudern machten, als ob sie Stecknadeln
+mit Eisspitzen wären, daß ihm die Zähne zu klappern
+begannen.</p>
+
+<p>Dann schien es ihm wieder, daß ein kichernder Satan das
+teuflische Gold ergreift, es in einem Kessel schmilzt und dann
+in sein Ohr gießt, die heiße Flüssigkeit durchläuft seine Adern
+und sprengt seine Schläfe. Und während sein Blut heftig
+kocht, rufen ihm entsetzliche Stimmen zu: »Lestyák, was hast
+du gethan, ach was hast du gethan!«</p>
+
+<p>Er sprang auf, kleidete sich an, drückte seinen Kopf an die
+Fenstertafel und erwartete den Morgen. Er fühlte eine große
+Beklommenheit, traute es sich aber selbst nicht einzugestehen.
+Ah! Es ist ja alles in Ordnung. Die Sache ist sicher,
+ganz sicher. Er trug den Kaftan in die große Eisentruhe
+des Stadthauses, dann ging er in die Schlafkammer von
+Czinna, um ihr den Schlüssel zu übergeben, wobei er ihr ins
+Ohr flüsterte:</p>
+
+<p>»Alles ist gut, mein Herz, dort unter dem Bette wiehern
+schon die Goldfüchse. Wir haben etwas, was wir vor den
+Hochzeitswagen spannen.«</p>
+
+<p>Vergebens strengte er sich an, ruhig zu sein; sein verstörtes
+Gesicht widersprach dieser Ruhe. Er konnte nirgends
+seinen Platz finden.</p>
+
+<p>Wie die betäubte Fliege taumelte er hin und her, bis er
+endlich bei seinem Sohn eintrat, wo er schon den Haiducken
+Pintyö mit einem Briefe vorfand.</p>
+
+<p>Der Oberrichter sah sehr gut aus, sein Gesicht glänzte
+vor Lebenslust. Gerade jetzt war er mit dem Ankleiden fertig
+geworden.</p>
+
+<p>Auch der Anzug war ganz anders, als ehedem, ganz für
+einen Edelmann passend; statt des Dolmans ein Attila mit geschlitzten
+Ärmeln, im Schlitz mit weichselroten Seideneinsätzen.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, mein Vater! Was giebt es Neues?«</p>
+
+<p>»Ich wollte dich um etwas ersuchen.«</p>
+
+<p>»Dem Kecskeméter Oberrichter befiehlt nur ein Mann in
+ganz Kecskemét.«</p>
+
+<p>»Meinst du mich?«</p>
+
+<p>»Sie haben es erraten. Nun, was befehlen Sie?«</p>
+
+<p>»Eine Kleinigkeit, blos eine Laune. Wenn demnächst eine
+feindliche Truppe nach Kecskemét kommt, möchte ich derselben
+im Kaftan entgegengehen.«</p>
+
+<p>»Ei Teufel! Kein schlechter Spaß. Er kommt auch mir
+gelegen, denn ich hätte heute ohnehin einen anderen senden
+müssen.«</p>
+
+<p>»Ist etwas los?« frug der Schneider hastig.</p>
+
+<p>»Eine Truppe des Großveziers Kara Mustafa lagert unweit
+seit Mitternacht. Sie gehen von Belgrad nach Kékkö
+und haben um Proviant hereingeschickt. Gerade ihren Brief
+brachte Pintyö.«</p>
+
+<p>»Prächtig!« rief der Schneider begeistert aus. »Ich gehe
+ihnen entgegen.«</p>
+
+<p>»Sehr gut. Pintyö, lassen Sie für meinen Vater ein
+Pferd satteln.«</p>
+
+<p>»Welches? Den Büßke?«</p>
+
+<p>»Der Ráró wird vielleicht besser sein, er ist frommer.
+Heute könnte ich nicht gehen, wir halten Gericht. Denken
+Sie, mein Vater, der Kläger ist niemand Geringerer als der
+Kalgaer Tartaren-Sultan. Einige Kecskeméter Burschen haben
+eine Schafherde weggetrieben und die vier Wache habenden
+Tartaren weidlich geprügelt. Einer von ihnen starb sogar.«</p>
+
+<p>»Die verkehrte Welt!«</p>
+
+<p>»Das Schönste an der Sache ist,« &ndash; fuhr der Oberrichter
+fort &ndash; »der Nimbus der Stadt Kecskemét zwingt den Kalgaer
+Sultan dazu, nach unseren Gesetzen das Recht zu beanspruchen,
+anstatt Genugthuung zu nehmen nach seiner Laune.
+Auch dies hat nur der Kaftan verursacht. Aber halt, beinahe
+hätte ich es vergessen, warten Sie nur, Pintyö. Vor
+allem gehen Sie auf den Marktplatz und holen Sie vier zu
+Richtern passende Personen, es können unter ihnen auch
+Türken sein, wenn es sich gerade so trifft.«</p>
+
+<p>Es war der erste Markttag (denn seitdem der Kaftan da
+ist, hat Kecskemét auch seine Märkte zurückerlangt), der alte
+Pintyö guckte in die Hütten, lief den gutgekleideten Leuten
+nach und wenn er eine angesehene Person erwischen konnte,
+leierte er die Formel her:</p>
+
+<p>»Im Namen des wohledlen Herrn Max Lestyák, Oberrichter
+der Stadt Kecskemét! Es sei Euch, mein guter Herr,
+die Ehre gegeben und möge es Euch nicht zu Lasten sein in
+unserem bescheidenen Gemeindehaus, um dort weise und gerecht
+Recht zu sprechen über unsere Völker. Ungehorsam zu
+sein, wäre nicht angeraten.«</p>
+
+<p>Bald hatte er den gelehrten Paul Börcsök aus Szegedin,
+den geistvollen Franz Balogh aus Szentes engagiert, er fand
+den letzteren in der Laczikonyha<sup id="fnRef17"><a href="#fn17">17</a></sup> schon beim sechsten Glas.
+(Jedoch auch so wird er gut sein.) Dann zitierte er den
+Czegléder Lebzelter Stefan Torda und weil der Oberrichter
+auch von Türken sprach, nahm er den langbärtigen Mollah
+Cselebit aus Ofen mit, der Astrachen verkaufte und der jene
+Städte, wo man den Kadi mit Stricken fängt, in des Teufels
+Umarmung wünschte. So seinen Auftrag verrichtend,
+ging er in den Stall des Stadthauses, putzte, kämmte den
+Ráró, fütterte ihn mit etwas Hafer, dann legte er ihm den
+Sattel auf und ließ zu den Lestyáks hinübersagen, daß der
+alte Herr kommen möge.</p>
+
+<p>Der alte Lestyák eilte mit leichten Schritten aufs Stadthaus,
+wo das Gericht schon versammelt war, der Oberrichter
+hatte noch zwei Senatoren hinzugesellt, den Gabriel Poroßnoki
+und Agoston Kristof, er selbst führte als Siebenter den Vorsitz.
+Als er seinen Vater erblickte, sandte er Pintyö mit dem
+Stadtsiegel zu Czinna um den Schlüssel, dann nahm er den
+Kaftan aus der Eisentruhe und zwei Senatoren halfen dem
+alten Herrn, ihn anzuziehen. Dies war die amtliche Zeremonie.</p>
+
+<p>»Gehen Sie, Vater, in Gottes Namen.«</p>
+
+<p>Draußen setzte dieser seine Füße in den Steigbügel, er warf
+sich in die Brust, den Kopf nach rückwärts lehnend, wie ein
+echter Ritter. Die fremden Marktgäste liefen neugierig hin,
+um den Vater des mächtigen Oberrichters zu sehen, auf dessen
+dünnem Körper der weltberühmte Mantel saß. Die Kecskeméter
+Bürger lüfteten lächelnd die Hüte, die Kinder schrieen:</p>
+
+<p>»Vivat, Vivat, Lestyák bácsi!<sup id="fnRef18"><a href="#fn18">18</a></sup>«</p>
+
+<p>Einige flüsterten neidisch:</p>
+
+<p>»Glücklicher Vater, glücklicher Mensch!«</p>
+
+<p>Und wahrlich, jetzt war er glücklich. Mit ganzer Lunge
+atmete er die balsamische Luft ein. Der Ráró tanzte stolz
+unter ihm. Von den kleinen Gärten vor den Häusern lachten
+ihn die Jasmine und Lilien an, aus dem eigenen Fenster
+winkte ihm Czinna mit einem weißen Tuche. Seine Unruhe
+verschwand, er war weder müde, noch aufgeregt. Die
+Furcht des Soldaten vor der Schlacht weicht in der Schlacht.
+Und er war jetzt dort im Feuer, er glaubte den Ton der
+Trompeten zu hören: »Vorwärts, auf zum Triumph!«</p>
+
+<p>Während nun seine Gestalt im Staube des Weges verschwand,
+saßen die Senatoren und der Oberrichter ruhig beisammen,
+hörten den Thatbestand von der Forttreibung der
+Schafherde an, so auch die langweiligen Vorträge der Zeugen
+und Kläger. Nicht selten mengte sich ein Gähnen der edlen
+Herren in das wüste Gespräch.</p>
+
+<p>Daß vor der Stadt ein hungeriger Feind stand, alterierte
+die Herren wenig. Schneckenblut! Der Feind ist jetzt eine
+laufende Angelegenheit, wie etwa wenn man ein Marktweib
+zur Ordnung weisen muß. Hierzu bedarf es eines Mannes
+und eines Stockes, dazu eines Mannes und eines Kaftans.</p>
+
+<p>Nur der Oberrichter bewegte sich unruhig in seinem Sessel,
+seitdem im Saal in Vertretung des Kalgaer Sultans Olaj
+Beg erschien, mit seinem Falkenblicke die Richter musternd,
+und frug, welcher von ihnen der berühmte Oberrichter Max
+Lestyák sei &ndash; worauf Agoston mit seinem Ellbogen zur Tischspitze
+wies&nbsp;...</p>
+
+<p>»Das ist nicht möglich,« murmelte Olaj Beg kopfschüttelnd.</p>
+
+<p>»Und doch bin ich Max Lestyák,« meinte der Oberrichter
+mit tonloser Stimme.</p>
+
+<p>Der große Beg murrte verdrießlich:</p>
+
+<p>»Entweder flimmerte es vor meinen Augen, als wir vor
+dritthalb Jahren in meinem Lager zusammen trafen, oder
+es wurde der Kopf Euer Hochedlen seitdem vertauscht.«</p>
+
+<p>»Ja, man wird älter, es ist alles umsonst.«</p>
+
+<p>»Im übrigen habe ich Euch einen Brief gebracht. Den
+Brief hat der Kalgaer Sultan geschrieben, mit honigsüßer
+Feder:</p>
+
+<blockquote>
+<p>&rsaquo;Mein lieber Sohn, tapferer Max Lestyák!</p>
+
+<p>Bestrafe, ich bitte dich, die bösen Wölfe, denn wenn du
+kein abschreckendes Beispiel schaffst, so glaube mir, stehlen deine
+Leute mir noch den Turban vom Kopfe. Ich würde es gern
+sehen, wenn du mir einen Korb Köpfe senden würdest (die
+Räuber langen auch für zwei). Schon lange habe ich mich
+an abgeschnittenen Kecskeméter Köpfen nicht ergötzt. Meinen
+Abgesandten Olaj Beg, der Euch die nötigen Aufklärungen
+geben wird, haltet hoch in Ehren.</p>
+
+<p>Ich bleibe dein mächtiger Herr und Freund, der</p>
+
+<p>Krimer Vizekhan (Kalgaer Sultan)&lsaquo;.«</p>
+</blockquote>
+
+<p>Lestyák überflog den Brief zerstreut, verwirrt, dann schob
+er ihn den Richtern hin, damit diese sehen sollen, wie heikel
+die Potentaten mit dem Kecskeméter Oberrichter umgehen.</p>
+
+<p>Unterdessen bemerkte er, bis über die Ohren rot werdend,
+den forschenden Blick Olaj Begs, der immer auf ihm ruhte.
+Er saß auf Nadeln unter unangenehmen Gefühlen; hierzu
+gesellte sich die Stunden andauernde Flut der Geständnisse,
+der Dunst des Saales. Ein Schwindel überkam ihn und
+gerade wollte er den Vorsitz an Poroßnoki abgeben, als draußen
+ein Entsetzensschrei laut wurde und sich durch die Gassen
+wälzte, immer näher und näher kommend, die Fenster erschütternd.</p>
+
+<p>Die Richter liefen entsetzt zum Fenster und taumelten
+totenbleich zurück. Der Ráró lief wild gegen das Stadthaus,
+auf ihm saß niedergebunden der alte Lestyák mit dem Kaftan
+&ndash; aber ohne Kopf. Aus dem Rumpfe tropfte das Blut.
+Das Pferd und der Kaftan waren mit Blut bedeckt.</p>
+
+<h2>Neuntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Die Haare Poroßnokis standen zu Berge.</p>
+
+<p>»Entsetzlich!«</p>
+
+<p>Der Oberrichter fiel mit dem Gesichte auf den Tisch und
+schluchzte.</p>
+
+<p>»Unfaßbar!« bemerkte Olaj Beg, als man ihm erklärte,
+daß der Alte im Kaftan bei einer Truppe des Großveziers war.</p>
+
+<p>Herr Agoston befaßte sich mit dem Oberrichter.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, mein edler Herr. Lösen wir den Gerichtshof
+auf. Auch die Grenzen der Pflicht übersteigt der große
+Schmerz, der Sie betroffen.«</p>
+
+<p>Max schauerte zusammen und wischte die Thränen aus den
+Augen.</p>
+
+<p>»Ich bin stark. Keinen Schritt weiche ich von hier, bis
+ich nicht Rache genommen habe für meinen Vater. Dies hat
+man nicht im Türkenlager gethan.«</p>
+
+<p>Sofort befahl er, daß man den Leichnam nach Hause trage
+und denselben wasche. Zwei berittene Trabanten aber sollten
+die Blutspuren verfolgen, bis sie den Kopf und die Erklärung
+des Rätsels fänden.</p>
+
+<p>»Den Kaftan nehmet ihm ab und bringet ihn herauf,«
+ergänzte Poroßnoki die Ordre.</p>
+
+<p>Nach kurzer Zeit brachte Pintyö weinend den blutigen
+Mantel. Olaj Beg und Mollah Cselebit sprangen in die
+Höhe und eilten den Saum zu küssen, als sie aber näher
+kamen, verzog der Beg sein häßliches Gesicht.</p>
+
+<p>»Bei Allah, das ist nicht der echte Kaftan! Es fehlt das
+Zeichen des Scheik&ndash;ül&ndash;Islam.«</p>
+
+<p>Mollah Cselebit legte seine Hände über die Brust und
+wiederholte gedankenvoll:</p>
+
+<p>»Das ist nicht das heilige Kleid.«</p>
+
+<p>Die Kecskeméter Bürger, die unter den Zuhörern saßen,
+sahen erstarrt den Oberrichter an.</p>
+
+<p>»Verrat!« rief Kristof Agoston.</p>
+
+<p>Franz Kriston sprang von der Zeugenbank auf und stellte
+sich vor den Oberrichter.</p>
+
+<p>»Verantworten Sie sich! Der Schlüssel war Ihnen anvertraut.«</p>
+
+<p>»Ich weiß von nichts,« sagte der Oberrichter gereizt. (Er
+war wie das Eisen: desto härter, je mehr man es schlägt.)</p>
+
+<p>»Welch' großer Schlag, welcher Schlag für Kecskemét!«
+rief Poroßnoki die Hände ringend.</p>
+
+<p>Wie der weggeschleuderte Stein, so schwirrten die Stimmen
+in der Luft: »Tod dem Schuldigen!«</p>
+
+<p>»So ist's! Auch ich werde es aussprechen.«</p>
+
+<p>Zwischenrufe wurden laut.</p>
+
+<p>»Er gehört nicht auf den Präsidentenstuhl, sondern auf
+die Anklagebank.«</p>
+
+<p>»Ruhe!« schrie der Oberrichter und klirrte mit dem Säbel,
+der, seitdem er geadelt wurde, immer vor ihm auf dem Tisch
+lag. »Hier sitze ich im Präsidentenstuhl und hier bleibe ich.
+Ich will sehen, wer sich zu rühren getraut, wenn der Oberrichter
+von Kecskemét Ruhe gebietet.«</p>
+
+<p>Nur auf den Friedhöfen herrscht eine solche grauenhafte
+Stille, wie sie nun eintrat.</p>
+
+<p>»Wer ist der Elende, der seinen Stachel gegen mich ausstreckt?
+Wenn ich gewußt hätte, daß der Mantel nicht der
+echte ist, hätte ich in demselben meinen eigenen Vater gesendet?
+Das Ding ist unbegreiflich. Gott hat es gefallen, eine Prüfung
+zu senden über Kecskemét, jedoch verzagen wir nicht,
+denn was immer auch geschehe, noch herrscht hier eine starke
+Hand. Deswegen, mein lieber Herr Senator Kriston, eilen
+Sie sofort und tragen Sie den Türken nach Talfája die
+verlangte Brandschatzung, damit nicht aus zwei Übeln drei
+werden.«</p>
+
+<p>Kriston ging sofort, bevor er aber noch zur Thür gelangt
+war, öffnete sich diese mit großem Geräusch und herein stürzte
+Czinna. Sie war weiß, wie eine Lilie, ihr Gang unstät, aus
+ihren schönen Augen stürzten Thränen.</p>
+
+<p>»Was suchst du hier?« fuhr sie der Oberrichter an, seine
+Brauen zusammenziehend. »Geh' nach Hause weinen!«</p>
+
+<p>»Hier ist mein Platz!«</p>
+
+<p>Und sie stürzte in die Knie. Ihr roter, unten mit Spitzen
+versehener Rock hob sich ein wenig in die Höhe und ließ ihre
+entzückenden Knöchel sehen.</p>
+
+<p>Olaj Beg schleuderte den Sessel von sich.</p>
+
+<p>»Das ist sie, das ist sie! Mein Herr Max Lestyák, sehen
+Sie sich diese hier an. Dieses Mädchen war bei mir im Lager.
+Nie erblicke ich Mekka, wenn es nicht wahr ist.«</p>
+
+<p>Poroßnoki und Agoston richteten ihre Augen starr auf
+den Oberrichter, der merklich verlegen wurde und bis über
+die Ohren rot war. Dies war seine schwache Seite. Nun
+fing er an, die Energie zu verlieren. Czinna beugte traurig
+den Kopf.</p>
+
+<p>»Nie sah ich dich, guter Mann.«</p>
+
+<p>Der Oberrichter warf ihr einen dankbaren Blick zu, wie
+wenn er sagen wollte: »Du hast mich nur wiedergegeben,«
+dann zischte er zwischen den Zähnen: »Alles fällt, stürzt,
+es war alles verfehlt.«</p>
+
+<p>»Was willst du, mein Kind?« fragte jetzt der Szenteser
+Franz Balogh. »Warum stehst du nicht auf?«</p>
+
+<p>Der Brust des Mädchens entrang sich ein krampfhaftes
+Schluchzen.</p>
+
+<p>»Ich bin an allem Schuld. Ich bin die Schuldige. Ich
+habe den Schlüssel der Eisentruhe dem Vater Lestyáks gegeben,
+da zu ihm aus einer fremden Stadt Leute mit der Bitte kamen,
+er möge ihnen einen Mantel, wie der unsrige ist, für fünftausend
+Goldstücke nähen.«</p>
+
+<p>Ein gefahrdrohendes Gemurmel folgte diesen Worten. Der
+Oberrichter wendete sein bleiches Antlitz gegen die Wand. Auf
+diesen Schlag war er nicht vorbereitet.</p>
+
+<p>»Wie konntest du dies thun?« schrie Poroßnoki, »sei aufrichtig,
+die Aufrichtigkeit kann deine Sünde mildern.«</p>
+
+<p>Czinna drückte ihre Hände aufs Herz, ihre langen Wimpern
+schlossen sich. Sie glaubte vor Schande vergehen zu
+müssen und doch mußte sie es sagen in dieser traurigen Stunde.</p>
+
+<p>»Weil ich liebe, ich liebe Max Lestyák mehr als mein
+Leben, mehr als diese Stadt. Der Alte hat viertausend
+Goldstücke für mich bestimmt, damit sein Sohn, der seit dritthalb
+Jahren mit mir im Brautstand lebt, mich zur Frau
+nehme. Er hat es bisher nicht gethan, weil wir beide arm
+sind. Ich habe seinen Worten Glauben geschenkt und ihm
+den Schlüssel übergeben.«</p>
+
+<p>Ihr bleiches Gesicht rötete sich, aus der weißen Lilie wurde
+eine Rose, aber nur auf eine halbe Minute.</p>
+
+<p>»Welcher Skandal!« brüllte Herr Agoston. »Wenn ich
+nur bis an mein Lebensende in Waitzen geblieben wäre.«</p>
+
+<p>»Was dann?« fragte Poroßnoki unruhig.</p>
+
+<p>Der Oberrichter faßte krampfhaft die Sessellehne, die Welt
+drehte sich im Kreise, vor seinen Augen tanzten die winzigen
+Buchstaben, die der Schriftführer aufs Papier warf. Seine
+Lippen biß er blutig: »Nur jetzt noch, nur eine halbe Stunde
+noch soll ich keine Schwäche zeigen.«</p>
+
+<p>»Und dann?« nahm Czinna das Wort mit ersterbender
+Stimme. »Ja, dann. Was geschah mir? (Mit ihrer Hand
+rieb sie ihre marmorglatte Stirn.) Er ging zur Eisentruhe,
+bei Nacht nahm er den Kaftan mit und nähte dann einen
+ähnlichen. In der vergangenen Nacht nahmen ihn die Besteller
+mit.«</p>
+
+<p>»Alles ist klar,« murmelte Poroßnoki. »Er war ein
+stolzer Meister und glaubte, wollte es zeigen, daß beide gleich
+sind. Und heute zog er ihn an, damit er die Wirkung seines
+Prachtwerkes genieße.«</p>
+
+<p>»Und wer waren die Besteller?« frug der Szegediner
+Börcsök. Er dachte bei sich: »Ob es nicht die Unserigen
+waren?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« antwortete Czinna. »Auch der Entseelte
+wußte es nicht. Das Ganze geschah im Geheimen. &rsaquo;Eine
+weit liegende Stadt&lsaquo;, mehr sagte er mir nicht.«</p>
+
+<p>»Die Stadt müssen wir auffinden,« meinte Herr Agoston
+traurig.</p>
+
+<p>»Wir werden sie finden,« sagte mit dumpfem Ton der
+Oberrichter. Dies war sein erstes Wort während des Geständnisses.</p>
+
+<p>»Dies wird der Fall sein, wenn es eben der Fall sein
+wird,« meinte Herr Permete mit bitterem Ton, »jetzt aber
+sind Sie ein Mann beim Urteilsspruche, wenn Sie es zu sein
+vermögen.«</p>
+
+<p>Es war nicht anders, als wenn Herr Permete frisches
+Blut in seine Adern gegossen hätte. Ihn, Max Lestyák, fordert
+man auf, ein Mann zu sein! Seine Augen sprühten Funken.</p>
+
+<p>»Das werde ich auch sein,« sprach er rauh und zog ein
+mit Siegel versehenes Dekret aus der Tasche. Er stand auf
+und begann feierlich zu lesen: »Wir Leopold I. von Gottes
+Gnaden Kaiser von Österreich&nbsp;....«</p>
+
+<p>Seine Stimme versagte, sie wurde zum Röcheln, seine
+Hände zitterten, nach Luft schnappend reichte er das Dekret
+Herrn Agoston hin.</p>
+
+<p>»Lesen Sie es vor!« Dann setzte er matt hinzu: »Ich
+bin ja auch nur ein Mensch!«</p>
+
+<p>Wie wenn es ihm aber leid thäte, dies gesagt zu haben,
+rief er Pintyö zu:</p>
+
+<p>»Man muß die Fenster öffnen. Mir ist nicht gut ....
+Die erstickende Atmosphäre!«</p>
+
+<p>Herr Agoston verlas unterdessen das königliche Dekret, das
+auf Diebstahlsfakten und auf Verrat das Standrecht für das
+Gebiet der Stadt Kecskemét verkündete und den Magistrat
+von Kecskemét mit dem Blutbannrechte bekleidete.</p>
+
+<p>Es folgt die Abstimmung.</p>
+
+<p>Dem Herrn Poroßnoki gehört das erste Votum:</p>
+
+<p>»Dieses Mädchen hat die Stadt verraten. Ich verurteile
+sie zum Tode durch das Schwert.«</p>
+
+<p>Nach ihm folgte Herr Börcsök.</p>
+
+<p>»Schwert!« sagte er kurz.</p>
+
+<p>Mollah Cselebit sagte:</p>
+
+<p>»Sie hat es aus Liebe gethan. Sie ist nicht schuldig.«</p>
+
+<p>Nun kam an Herrn Franz Balogh die Reihe:</p>
+
+<p>»Sie wußte nicht, daß für die Stadt ein so entsetzliches
+Unglück daraus erwachsen konnte. Sie thue Buße.«</p>
+
+<p>Es herrschte eine Stille, daß man das Pochen der Herzen,
+das Schwirren eines zum Fenster hereingeflogenen Schmetterlings
+hören konnte. Zwei Voten verlangten den Tod, die
+beiden anderen beließen das Leben. Es folgte in der Abstimmung
+der Czegléder Lebzelter, er dachte lange nach, aus
+seiner Stirn perlte der Schweiß.</p>
+
+<p>»Es wird ein wenig Kerker auch genügen,« stöhnte er.</p>
+
+<p>Diejenigen, deren Herz voller Teilnahme für das Mädchen
+war, atmeten frei auf, sie wollten nicht, daß diesen herrlichen
+Hals das Richtbeil vom Körper trenne. Nur Herr
+Agoston war noch zurück.</p>
+
+<p>»Tod!« rief er rauh.</p>
+
+<p>Wieder standen die Voten gleich. Der Präsident hatte zu
+entscheiden. Welch' fürchterliche Scene! Der Oberrichter erhob
+sich mit bewundernswürdiger Seelenruhe: elastisch dehnte
+sich seine Gestalt, er nahm den neben seinem Säbel liegenden
+Stab zur Hand, und drehte an demselben. Der Stab krachte;
+er war entzweigebrochen.</p>
+
+<p>»Tod!« sagte er vernehmbar und ruhig.</p>
+
+<p>Das Mädchen sah ihn entsetzt an, dann stürzte sie mit
+einem markerschütternden Aufschrei zusammen. Aus den
+Reihen der Zuhörer tönte Gezisch mit Eljenrufen untermengt.</p>
+
+<p>»Er ist doch ein großer Mann!« flüsterten die Kecskeméter
+einander zu.</p>
+
+<p>»Ein schlechter Mensch!« murmelte Mollah Cselebit.</p>
+
+<p>Der Oberrichter kümmerte sich um all' dies nicht, er verließ
+den Richtertisch, jetzt verpflichtete ihn nichts mehr. Er
+beugte sich über seine Geliebte, hob sie auf, küßte sie und
+flüsterte ihr ins Ohr:</p>
+
+<p>»Befürchte nichts, ich rette dich.«</p>
+
+<p>»Er hat zwei Herzen,« meinte Herr Permete zu seinen
+Kameraden.</p>
+
+<p>Und der Mann mit den zwei Herzen verließ den Saal
+mit sicheren, männlichen Schritten, wie wenn nichts geschehen
+wäre, dann ging er nach Hause, sperrte sich mit dem geköpften
+Leichnam ins Zimmer ein und redete stundenlang zu demselben:</p>
+
+<p>»Warum hast du das gethan, warum hast du es gethan?
+Schau, welch' Unglück du auf dich, auf mich und auf sie
+heraufbeschworen hast. Du warst kein schlechter Mensch, ich
+weiß es wohl .... Der Ehrgeiz war dein Henker. Man hat
+in dir dieses ungarische Ungeheuer erweckt. Aus Ehrgeiz hast
+du den Kaftan gemacht, aus Ehrgeiz hast du den unsrigen
+weggegeben. Du hast auch das arme Mädchen mit hineingerissen,
+wenn du nur dies nicht gethan hättest, ihr Herz
+war der Hebel. Du hast ihn gefunden. Alles zerfiel. Hier
+stehe ich gebrochen ... Ich konnte den Schatz nicht ermessen,
+welchen ich in jenem Mädchen besaß&nbsp;...«</p>
+
+<p>Dann verfügte er sich in das andere Zimmer und suchte
+den großen mit Gold gefüllten Korb hervor&nbsp;...</p>
+
+<p>»Da nimm's hin, Erzsi! Gehe in den Garten und streue
+es unter das Volk!«</p>
+
+<p>Das weinende Mädchen gaffte und staunte, gehorchte aber
+dann dem mächtigen Oberrichter der Stadt und streute die
+funkelnden Dukaten mit vollen Händen in den Sand der
+Straße, in die Furchen, zwischen das Gestrüpp. Der Oberrichter
+sah eine Weile vom Fenster aus dem Treiben der Leute
+zu, wie sie um das Gold drängten und balgten.</p>
+
+<p>Als aber Erzsi zurückkehrte, war er nicht mehr da. Er
+war nirgends. Wann er weggegangen, wohin er gegangen,
+niemand, niemand hatte ihn gesehen. In Kecskemét hat
+keine Seele mehr mit ihm gesprochen.</p>
+
+<hr>
+
+<p>Für den vierten Tag war Czinnas Enthauptung anberaumt
+worden.</p>
+
+<p>Drei Tage brachte sie in der Armesünderzelle zu. Sie
+betete vor dem Kruzifix, auf welchem Tag und Nacht der
+Glanz zweier Wachskerzen flimmerte.</p>
+
+<p>Diese Zeit reichte für alle Vorbereitungen hin. Die Zimmerleute
+erbauten das Blutgerüst gegenüber dem grünen Thore
+des Stadthauses; Paul Fekete war als Vertrauensmann damit
+beauftragt worden, den Scharfrichter aus Fülek zu holen.
+(Die Senatoren hatten anderes zu thun, sie forschten in den
+Kecskeméter Teichen nach dem verschwundenen Oberrichter.)</p>
+
+<p>Endlich am vierten Tage, als von dem Turme der
+St. Nikolauskirche die neunte Stunde schlug, entstand eine
+große Bewegung in der versammelten Volksmenge. Es erklang
+die Armesünderglocke.</p>
+
+<p>Jetzt bringt man Czinna auf den Richtplatz. Sie ist mit
+einem einfachen weißen Rock bekleidet, welchen fast ganz das
+aufgelöste lange Haar bedeckt.</p>
+
+<p>Dem wird gleich Gáspár Szekeres, der Barbier abhelfen.
+Flugs war er mit seiner Scheere zur Verurteilten geeilt und
+mit einem Schnitt war es um das schöne Haar geschehen ...
+damit's den Scharfrichter nicht in seiner Arbeit hindere.
+Dann stellte sich Franz Kriston auf einen Stuhl und verlas
+das Todesurteil.</p>
+
+<p>Nun ergriff Pater Bruno das Mädchen bei der Hand,
+um es auf das Podium zu führen, wo der Scharfrichter
+wartete, das scharfgeschliffene Richtschwert in der einen, die
+weiße Binde in der anderen Hand haltend. Damit werden
+ihr die Augen verbunden.</p>
+
+<p>»Entsetzlich, das mit anzusehen!« sprach Frau Paul Nagy
+und schloß die Augen.</p>
+
+<p>»So schön und sie muß sterben&nbsp;&ndash;« seufzte Gerson Zeke.</p>
+
+<p>»Noch einen Augenblick,« erklärte Frau Fábián, »&ndash;&nbsp;und
+es giebt ein heiratsfähiges Mädchen weniger.«</p>
+
+<p>»Die sind noch immer dicht genug gesäet,« meinte Johann
+Szomor.</p>
+
+<p>»Noch nie habe ich eine solch' traurige Exekution mit angesehen,«
+sagte Stefan Tóth mit wichtiger Miene, »und doch
+habe ich schon viele gesehen. Erstens giebt es kein einziges
+nasses Auge. Auch der alte Bürü ist schon eine ganze Woche
+fort mit seiner Fiedel. Zweitens ist in diesem Falle von
+nirgendsher das Wehen des Gnadentuches zu erwarten; drittens&nbsp;....«</p>
+
+<p>Er hatte keine Zeit, den begonnenen Satz auszusprechen,
+denn eine große Staubwolke entstand auf der Czegléderstraße,
+schmucke Kuruczen-Hußáren mit gezogenem Säbel stürmten
+mit großem Schlachtenlärm zum Richtplatz heran. Voran
+einige mit herabgelassenem Helmvisier, auf schönen Pferden.</p>
+
+<p>»Der Feind, der Feind!« schrie die Menge und zerstob in
+alle Windrichtungen.</p>
+
+<p>Eine große Verwirrung entstand. Pater Bruno sprang
+vom Podium herab und mit klappernden Zähnen stürzte er
+dem Stadthause zu:</p>
+
+<p>»Es wird das ein Wunder sein. Um mich kommt man,
+man führt mich schon weg!«</p>
+
+<p>Auch die Senatoren suchten ihr Heil in der Flucht. Der
+Scharfrichter ließ das Richtschwert fallen, auch er flüchtete.</p>
+
+<p>Das Ganze war das Werk eines Augenblickes; der eine
+gepanzerte Krieger erklomm im Nu mit seinem Rosse das
+Blutgerüst und schwang das Mädchen wie eine Feder in den
+Sattel. Niemand stellte sich ihm in den Weg, niemand fragte,
+was er wolle? Auch er fragte niemand, ob es erlaubt sei.
+Die kleine Abteilung verschwand, wie sie gekommen, in einer
+Nebengasse.</p>
+
+<p>Langsam kamen die erschreckten Einwohner wieder hervor.
+Die Senatoren freuten sich, daß man nur Czinna mitgenommen
+und sonst nichts. Es sei kein Schade um das Mädchen.</p>
+
+<p>Der Henker machte ein saures Gesicht; man möge ihm
+Arbeit geben, da er sich von so weit herbemüht hat.</p>
+
+<p>Viele, die hinter den Umzäunungen die Szene mit angesehen
+hatten, schwuren bei Himmel und Erde, daß der Held
+mit dem herabgelassenen Helmvisier, der auf das Blutgerüst
+gesprengt war, niemand anders sei, als Max Lestyák. Man
+erkannte ihn an seiner Gestalt, an seinen Bewegungen, an
+seinen glänzenden, nußbraunen Augen. Man suche ihn nicht
+im Wasser des stillen Teiches.</p>
+
+<p>Frau Johanna Deák, die eine vertrauenswürdige Person
+ist, hörte, wie Czinna dem Helden unterwegs zuflüsterte:</p>
+
+<p>»Wirst du noch einmal warten, bis mein Haar wieder gewachsen
+ist?«</p>
+
+<p>Der Held antwortete ganz vernehmlich:</p>
+
+<p>»Nein, Czinna, nein, ich warte nicht.«</p>
+
+<hr>
+
+<p>Ob es so war, oder nicht, der Himmel weiß es. Von
+diesem Tage angefangen aber suchte man Max Lestyák nicht
+mehr unter den Toten, sondern erwartete ihn täglich zurück.</p>
+
+<p>Wenn er verschwand, so hatte er wohl seinen Grund dazu
+gehabt. Er ging den Kaftan suchen und nahm auch seine
+Braut mit. Was ist da weiter dabei! (Er hat gut daran
+gethan.)</p>
+
+<p>Einmal, Ihr werdet es sehen, wird er wieder nach Hause
+kommen auf einem Eisenschimmel mit goldenem Zügel, den
+Kaftan umgeworfen. Einstens, wenn eine große Gefahr
+Kecskemét bedrohen wird, kommt er nach Hause, setzt sich in
+den Oberrichterstuhl und fährt wie ein Blitz zwischen die
+Feinde.</p>
+
+<p>Sie warteten lange, lange. Auch jene sind schon ausgestorben,
+die als Kinder dem Kaftan nachgelaufen sind, jedoch
+auch die Enkel der Enkel harren noch immer seiner
+Heimkehr.</p>
+
+<p style="text-align: center; margin-bottom: 3em; letter-spacing: 0.5em;">Ende.</p>
+<dl id="footnotes">
+<dt id="fn1"><a href="#fnRef1">[1]</a></dt>
+<dd>Labanzen und Kurutzen waren ungarische Soldaten.</dd>
+<dt id="fn2"><a href="#fnRef2">[2]</a></dt>
+<dd>Zwischen Nagy-Körös und Kecskemét herrscht seit Jahrhunderten
+eine kleinliche Rivalität.</dd>
+<dt id="fn3"><a href="#fnRef3">[3]</a></dt>
+<dd>Hoch!</dd>
+<dt id="fn4"><a href="#fnRef4">[4]</a></dt>
+<dd>Komitats-Polizisten.</dd>
+<dt id="fn5"><a href="#fnRef5">[5]</a></dt>
+<dd>Mänteln.</dd>
+<dt id="fn6"><a href="#fnRef6">[6]</a></dt>
+<dd>Eine Art Weste.</dd>
+<dt id="fn7"><a href="#fnRef7">[7]</a></dt>
+<dd>Eine Niederlassung.</dd>
+<dt id="fn8"><a href="#fnRef8">[8]</a></dt>
+<dd>Pferdehirten.</dd>
+<dt id="fn9"><a href="#fnRef9">[9]</a></dt>
+<dd>Ungarische Dichter.</dd>
+<dt id="fn10"><a href="#fnRef10">[10]</a></dt>
+<dd>Eine ungarische Masseuse.</dd>
+<dt id="fn11"><a href="#fnRef11">[11]</a></dt>
+<dd>Ungarischer Pelz.</dd>
+<dt id="fn12"><a href="#fnRef12">[12]</a></dt>
+<dd>Kuchen aus Maismehl.</dd>
+<dt id="fn13"><a href="#fnRef13">[13]</a></dt>
+<dd>Onkel oder dem Sinne nach, Gevatter.</dd>
+<dt id="fn14"><a href="#fnRef14">[14]</a></dt>
+<dd>Ein Fürst Siebenbürgens.</dd>
+<dt id="fn15"><a href="#fnRef15">[15]</a></dt>
+<dd>Ungarische Nationalspeise.</dd>
+<dt id="fn16"><a href="#fnRef16">[16]</a></dt>
+<dd>Berittene städtische Beamte.</dd>
+<dt id="fn17"><a href="#fnRef17">[17]</a></dt>
+<dd>Volksküche.</dd>
+<dt id="fn18"><a href="#fnRef18">[18]</a></dt>
+<dd>Etwa »Onkel Lestyák!«</dd>
+</dl>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN ***
+
+***** This file should be named 23740-h.htm or 23740-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
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+
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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