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diff --git a/23740-h/23740-h.htm b/23740-h/23740-h.htm new file mode 100644 index 0000000..8ccfc80 --- /dev/null +++ b/23740-h/23740-h.htm @@ -0,0 +1,4854 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> +<html lang="de"> +<head> + <title>The Project Gutenberg eBook of + Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth</title> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1"> + + <style type="text/css"> +<!-- +h2 +{ + margin-top: 2em; +} + +span.f +{ + font-style: italic; +} + +span.g, +em.g +{ + font-style: normal; + letter-spacing: 0.5em; +} + +p +{ + text-align: justify; +} + +#footnotes dt +{ + clear: both; + float: left; + width: 0; + overflow: visible; +} + +#footnotes dd +{ + margin-right: 5em; +} +--> + </style> + +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Zauberkaftan + +Author: Koloman Mikszáth + +Translator: Viktor Sziklai + +Release Date: December 5, 2007 [EBook #23740] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Daniel Kraft and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<h1>Der Zauberkaftan</h1> + +<p>Roman +von +Koloman Mikszáth</p> + +<p>Aus dem Ungarischen von +Viktor Sziklai</p> + +<p>Leipzig</p> + +<p>Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.</p> + +<h2>Erstes Kapitel.</h2> + +<p>Jene Städte sind närrisch, welche klagen: Wir haben viel +gelitten, bei uns haben die Türken ein oder zwei Jahrhunderte +gehaust. Wahrhaft litten jene Städte, wo weder Türken +hausten, noch Labanzen und Kurutzen,<sup id="fnRef1"><a href="#fn1">1</a></sup> und welche sich +aus eigner Kraft erhielten, wie zum Beispiel Kecskemét; denn +wo von den kriegführenden Parteien sich die eine aufhielt, +dort dominierte, plünderte nur die eine und die anderen wagten +sich nicht einmal hin, wo aber keine einzige wohnte, dorthin +gingen alle Erdbeeren sammeln.</p> + +<p>Eines Tages wandelte den Ofner Pascha die Laune an, +ein wenig zu brandschatzen: »Mein Sohn Dervisch Beg, schreibe +dem Kecskeméter Richter!« Und der Brief ging sofort ab, +aus dessen üppigem Stile der Ausdruck nicht fehlte: »Ihr +spielt mit Euren Köpfen!«</p> + +<p>Aber auch der Szolnoker Musta Beg ging nicht anders +vor, denn er brandschatzte Czegléd, Körös, Kecskemét und die +umliegenden Dörfer. Jede gesegnete Woche warf er ihnen +neue Lasten aus, indem er schrieb: »Diesen Herrenbrief sollt +Ihr zu Pferde in jede Stadt, in jedes Dorf tragen und darnach +handeln.«</p> + +<p>Seine Gnaden, der tapfere Herr Emerich Koháry rechnete +gleichfalls auf die wohlhabenden Städte und erließ von Seite +der Kaiserlichen aus Szécsény Verordnungen, ja selbst der +Gácser Stuhlrichter, Seine Gnaden Herr Johann Darvas +war nicht faul, ihnen an den Leib zu gehen, wenn die Kurutzen +etwas nötig hatten. Dazu kamen noch die herumschweifenden +tatarischen Horden und die verschiedenen Truppen, +welche auf eigene Faust arbeiteten. Und mit all diesen sollte +man auf freundschaftlichem Fuße leben!</p> + +<p>In Kecskemét gab es schon damals berühmte Märkte. +Was den Augen schön, dem Munde gut ist, das alles brachten +die türkischen, deutschen und ungarischen Kaufleute haufenweise +hierher und der Markt hatte stets ein trauriges Ende, +denn wenn er eben im besten Zuge war, erhob sich eine +Wolke auf der sandigen Straße, es kam der Kurutze oder +der Türke, oder gar ein Haufe Labanzen sauste wie der Blitz +nieder und verschwand mit den wertvollsten Waren beladen +wieder in einer Staubwolke.</p> + +<p>Die bitteren Pillen aber konnte dann die wohledle Stadt +verschlucken, denn hatten die Türken die Zelte geplündert, so +fielen nunmehr die Labanzen mit großen Rechnungen über +sie her.</p> + +<p>Die Stadt habe ohne Verzug den Schaden der Kaufleute +zu bezahlen, sonst wird gestürmt; wenn der Labanze raubte, +galt es auch gleich für die armen Kecskeméter, denn dann +verlangten die Kurutzen und Türken Schadenersatz für ihre +Kaufleute und diese Forderungen erreichten fast immer die +Höhe von tausend Goldstücken.</p> + +<p>Vergebens seufzte der Oberrichter Johann Szücs: »Woher +nehmen, woher? Das ist ja nicht das Kremnitzer Goldbergwerk; +unter unseren Füßen ist ja nichts als Sand, +Sand bis hinunter zur Hölle.«</p> + +<p>Endlich ward die Sache doch unerträglich, man hielt großen +Rat und dann gingen die guten Leute zum Palatin, der +aber nach der Erzählung des Herrn Paul Fekete sehr mißmutig +wurde, als sie ihm vortrugen, daß sie eine Bitte an +ihn hätten.</p> + +<p>»Verlanget nur nichts großes, denn ich gewähre es euch +nicht.«</p> + +<p>»So sehr verlangen wir nichts großes, daß uns selbst +das zu viel ist, was wir haben.«</p> + +<p>»<span class="f" lang="la">Valde bene, valde bene</span>,« meinte der Palatin schmunzelnd.</p> + +<p>»Wir bitten Eure Gnaden, uns unsere Märkte zu nehmen.«</p> + +<p>Der Palatin dachte nach, hüstelte. »Hm, es ist kein richtiges +Regime, <span class="f" lang="la">amici</span>, das den Leuten etwas nimmt, wovon +der Nehmende keinen Vortheil hat.«</p> + +<p>Trotzdem kam bald darnach eine Ordre von Leopold I., daß +die Kecskeméter Märkte von nun an zu sein aufgehört haben. +Selbstverständlich wurden nun die Türken ebenso wütend wie +die Kurutzen. »Diese elenden Philister berauben uns unseres +Nebenerwerbes.« Sie hatten jetzt originelle Ideen. Am +schwarzen Sonntag vor Ostern stürmte der berühmte Kurutzenführer +Stefan Csuda mit seinen Truppen in die Stadt. Sie +sprengten geradenwegs zum Stiftskloster. Hier befahl der Anführer +seinen Leuten: »Nichts anrühren, Kinder, nur den +Quardian müßt ihr gefangen nehmen, denn diesen werden +sie auslösen.« Sie nahmen wirklich den Quardian, den dicken +Pater Bruno, gefangen, setzten ihn auf ein Maultier, das +bisher ein treuer Arbeiter des Klostergartens war, zumal es +die Wasserfässer schleppte. Damit aber der fluchende, strampelnde +Pater nicht vom Rücken des Buri falle (Buri hieß +das Maultier), banden sie ihn mit Stricken und Riemen +fest ... Sie hatten sich nicht verrechnet. Eine große Bestürzung +griff Platz unter den katholischen Gläubigen. Die +Witwe Paul Fábián, die bucklige Julie Galgóczi und die +verwelkte Klara Bulki begannen unter dem Präsidium des +Paters Litkei sofort das Lösegeld zu sammeln, indem sie von +Haus zu Haus wanderten. »Lösen wir den armen Pater +Bruno aus. Er hat eine prächtige Predigt zu den Osterfeiertagen +einstudiert, diese können wir nicht ungesprochen +lassen.« Hundert Goldstücke wurden gesammelt, mit diesen +begaben sich die Erwählten der Frauen auf den Weg zum +Kurutzenlager: Senator Gabriel Poroßnoki, Kurator Johann +Babos und der Wagner, Herr Georg Doma.</p> + +<p>Nach männiglichen Abenteuern und Mißgeschicken fanden +sie endlich den Stefan Csuda, der sie wild anfuhr: »Ihr seid +die Kecskeméter, nicht wahr? Nun, was wollt ihr?«</p> + +<p>»Wir sind ihn holen gekommen,« sprach der fromme Babos, +seine winzigen grauen Augen gegen den Himmel erhebend.</p> + +<p>»Wen, den Maulesel oder den Quardian?« scherzte der +gutgelaunte Stefan Csuda.</p> + +<p>»Beide, wenn wir übereinkommen können,« meinte Herr +Poroßnoki.</p> + +<p>»Der Geistliche ist nicht viel wert, aber das Maultier +können wir wohl brauchen. Es schleppt die große Trommel.«</p> + +<p>Sehr wohl gefiel den guten Kecskemétern diese Erklärung +des Kurutzen, denn wenn der Geistliche nicht viel wert ist, +wird er wohl billig zu haben sein und sie nickten beifällig mit +dem Kopfe.</p> + +<p>»Also woran sind wir mit Sr. Hochwürden?«</p> + +<p>»Ihr könnt ihn für drei Goldstücke haben.«</p> + +<p>Die drei Männer schauten sich lächelnd an, wie wenn sie +sagen wollten, »billig, wahrhaftig sehr billig!« Poroßnoki warf +einen Flügel seines blauen Mantels zurück und griff in die +Tasche, um die drei Goldstücke hervorzuholen. »Da sind sie! +Nehmt sie, Herr!«</p> + +<p>Der Kurutzenführer schob die Hand des Senators bei +Seite. »Den Geistlichen brachte das Maultier, jetzt soll auch +der Geistliche das Maultier mitnehmen. Dies ist nur gerecht, +ohne das Maultier ist kein Geschäft.«</p> + +<p>»Hol's der Teufel,« meinte der Senator wohlgelaunt. +»Welches Lösegeld bezahlen wir für das Maultier?«</p> + +<p>»Der fixe Preis desselben beträgt,« gab Csuda jedes Wort +betonend zurück, »hundertsiebenundneunzig Goldstücke.«</p> + +<p>In den Bürgern stockte das Blut; der kleine Babos +blinzelte auf den Kurutzen, ob dieser nicht spaße, doch das gebräunte +Antlitz blickte jetzt sehr ernst, vordem war es bedeutend +heiterer; die Kecskeméter verzagten trotzdem nicht.</p> + +<p>»Hättet Ihr, Herr, das Herz, für ein Maultier so viel +Geld zu nehmen, wie für vier arabische Pferde. Überlaßt uns +den Geistlichen separat! Wir kommen lieber ein andersmal +das Maultier einlösen,« ergänzte Herr Babos.</p> + +<p>Jetzt übernahm wieder Herr Georg Doma die diplomatischen +Verhandlungen. Er meinte, das Maultier könnten ja +die ehrwürdigen Patres ohnehin nicht wieder benützen, nachdem +dasselbe ein kompromittiertes Individuum sei, das bereits +Lagerdienst geleistet hat, in einem protestantischen Truppenkörper.</p> + +<p>Den meisten Verstand besaß noch Herr Poroßnoki, denn +er durchschaute sofort, daß der Kurutzenführer zweihundert +Goldstücke für den Quardian haben wollte und die Geschichte +mit dem Maultier bloß Spaßmacherei sei. Er entnahm seiner +Tasche den traditionellen Strumpf und ließ die Goldstücke +klimpern. »Hundert Stück ohne Fehl, nicht um ein +Stück mehr. Entweder nehmen wir das Geld wieder nach +Hause oder den Quardian. Es hängt von Euch ab, mein +tapferer Herr.«</p> + +<p>»Nicht möglich,« schüttelte dieser den Kopf.</p> + +<p>»Bedenket aber,« meinte Babos, »daß man unsern Herrn +Christus um dreißig Silberlinge verkaufte. Wie sollten da +für den Pater Bruno nicht hundert Goldstücke genügen?«</p> + +<p>»Biblisieren Sie nicht!« schrie der Kurutz, »denn es ist +wohl wahr, daß sie unsern Heiland für dreißig Silberlinge +verkauften, aber für wie viel ihn das Christenthum vom Tode +losgekauft hätte, das wissen Sie nicht.«</p> + +<p>Unter solchen Plänkeleien schlossen sie den Handel endlich +mit hundert Dukaten ab, welche Herr Csuda einzeln besah, +ob sie nicht abgefeilt sind, dann klingen ließ, ob man an +ihrem Klange nicht einen kleinen Siebenbürger Accent wahrnehme +(dort hielten sich nämlich zu jener Zeit die Falschmünzer +auf). Als dann alles ins reine gebracht war, lieferte +er den abgemagerten Pater Bruno aus, welchen die Deputation +in großem Triumph nach Hause führte.</p> + +<p>Aber nicht lange dauerte ihre Freude, denn als sie sich +der Heimat näherten, kaum Nagy-Körös verlassend, dessen +Häuser noch im abendlichen Nebel sichtbar waren, schimmerte +von rechts der schlanke Turm Kecskeméts hervor und +eine sich nähernde Staubwolke. »Was zum Teufel kann das +sein?« frugen sich unsere Leute.</p> + +<p>»Offenbar kommt uns eine Prozession entgegen. Es +wird auch eine Rede geben <span class="f" lang="la">reverendissime</span>, freilich wird es +eine solche geben. Es wird nichts schaden, sich auf die Antwort +vorzubereiten.«</p> + +<p>In den Augen Pater Brunos glänzten Thränen. »Meine +armen guten Gläubigen lieben mich, sie lieben mich schrecklich. +Wer wird wohl die Rede halten? Wahrscheinlich der +schön sprechende Pater Litkei. Freilich, freilich. Ich sehe ihn +ja schon. Er ist es, dort voran. Ich will ein Hund sein, +wenn er es nicht ist.«</p> + +<p>Herr Georg Doma brauchte kein Hund zu sein, denn es +war in der That Pater Litkei; seinen breiträndrigen Hut, seine +Riesengestalt konnte man schon von weitem erkennen, nur war +seine Begleitung gerade kein Prozessionsvolk, sondern es waren +türkische Soldaten. Der Galgenvogel Ali Mirze Aga führte +sie an. »Guten Abend, guten Abend!« rief er, als er an +unseren Reisenden vorüber ritt, »führt ihr den Geistlichen nach +Hause, ihr guten Leute? Wir auch den unseren.«</p> + +<p>Der Aga lachte, der Mönch Litkei rief den Namen Jesus, +Pater Bruno winkte ihm mit dem Taschentuch nach: »Auch +dich werden wir auslösen, mein lieber Sohn.«</p> + +<p>Und in der That war es seine erste Sache, zu Hause angelangt, +eine Sammlung einzuleiten. Witwe Paul Fábián, +die bucklige Julianna Galgóczi und die verblühte Klara Bulki +suchten neuerdings die barmherzigen Menschen auf: »Lasset +den armen Mönch nicht in der Hand des elenden Heiden zu +Grunde gehen. Was würde die Christenheit von uns denken?« +Wenn die Börse nicht geöffnet ward, fügte Frau Paul Fábián +hinzu:</p> + +<p>»Und was würde Nagy-Körös<sup id="fnRef2"><a href="#fn2">2</a></sup> dazu sagen?«</p> + +<p>Bei diesen Worten zog jeder Mensch von Kecskeméter +Empfindung den Zwanziger hervor und auch der Mönch Litkei +konnte nach Hause gebracht werden. Damit war die Sache +nicht zu Ende, denn der Handel mit den Geistlichen kam so +sehr in Mode, daß, sobald irgend ein Truppanführer ein klein +wenig Geld brauchte, er sofort eine Verordnung erließ: »Ich +muß einen Kecskeméter Geistlichen haben.« (Das bedeutete +schon eine gewisse Summe auf dem Geldmarkte). Eine Zeit +lang lösten sie die frommen Bürger aus, bis der Herr Oberrichter +Johann Szücs selbst, die Ausbeutung der Stadt bedauernd, +derselben mit der gottlosen Erklärung ein Ende +machte: »Wenn Gott seine Diener fortführen läßt, warum +sollen wir es nicht dulden? Schließlich ist ihr Herr in erster +Reihe verpflichtet, ihnen zu helfen.«</p> + +<p>Einige Mönche blieben den Räubern auf dem Hals, worauf +sofort der Wert der Geistlichen auf Null sank und die erobernden +Herren sich nach einer andern Ware umsahen. Es war +unmöglich sie zu übertölpeln. Am Tage Peter und Paul +verübten die Szolnoker Türken einen Einbruch und raubten +unter den aus der Kirche kommenden Frauen die junge Gattin +des Oberrichters sowie die Frau Georg Doma. Die ganze +Stadt war in Aufruhr. »Das ist schon kein Spaß mehr, +Gevatter!« Denn mit den Pfaffen zu manipulieren, war +nicht so arg. Diese erlitten keinen Schaden, so lange sie bei +den Türken waren. Aber die Frauen! Das ist ganz etwas +anderes. Donnerwetter, mit den Frauen kann man nicht so +manipulieren!...</p> + +<p>Johann Szücs war so erbittert, daß er sofort seiner Stelle +als Oberrichter entsagte und, nachdem er sein steinernes Haus +verkauft hatte, mit Georg Doma die Frauen holen ging. Herr +Szücs gab zweihundert Dukaten für seine Rippe.</p> + +<p>Georg Doma jedoch bot nur fünfundzwanzig Dukaten an, +wenn man seine Frau nach Hause läßt, hundert, wenn man +sie behält, aber für immer – so daß er eine andere Frau +nehmen kann.</p> + +<p>Zülfikar Aga überlegte eine Weile, dann sagte er traurig: +»Nimm nur die Frau, mein Freund.«</p> + +<p>Unterdessen bemächtigte sich der Kecskeméter ein panischer +Schrecken. Auch die Kurutzen waren eingebrochen und raubten +die jungfräuliche Tochter Vicza des steinreichen Thomas +Bégh bei einer Hochzeit, als sie eben mit dem jüngeren Michael +Nagy tanzte. Was wird daraus werden, Herr und Schöpfer? +Aus den Häusern werden sie heute oder morgen die kostbaren +Frauen hervorziehen!</p> + +<p>Der Kalgaer Sultan ließ wiederholt verkünden, daß er +auf die zehn schönsten Frauen rechne. Auch die Ofner Türken +konnten in jeder Stunde kommen. Obwohl damals von +den Kecskeméter Mädchen das Lied noch nicht verkündete: +»Wer ein Bursch ist, nimmt seine Braut von da«, waren +sie dennoch schon damals prächtig. Das leugneten selbst +die Köröser jungen Leute nicht. Die allgemeine Verzweiflung +war daher gar nicht zu verwundern. Die Lage war +eine solche, wie in den sagenhaften, mit schwarzem Tuch verhüllten +Städten, wo der siebenköpfige Drache die Jungfrauen +der Reihe nach verzehrt. An welche kommt die Reihe, welche +folgt jetzt? Diese Ungewißheit war ein unsichtbares Seil, +welches jedermann in der Halsgegend fühlte. Zehnmal erschrak +täglich der eine und der andere Kaufmann vor einer +Staubwolke, und wenn die dürren Bäume des Talfája-Waldes +des Nachts zu ächzen begannen, so glaubten sie auch darin +das Sausen der herannahenden Horden zu vernehmen: »Ach, +die Vagabunden kommen schon wieder.«</p> + +<p>Allabendlich falteten die Frauen ihre kleinen Hände und +flehten inbrünstig zu dem Patron der Stadt, dem Bischof +Sankt Nikolaus. Vielleicht kann der etwas thun mit dem +Krummstabe, welcher auf dem Stadtsiegel zu sehen ist.</p> + +<p>(Ich vermute, daß in diesen Gebeten <span class="f" lang="la">sub clausula</span> enthalten +war: »Wenn das aber der Wille Gottes wäre – so +gieb, o Herr, daß lieber die Husaren Czudas kommen sollen, +als die hundeköpfigen Tartaren und die Ofner Türken.«)</p> + +<h2>Zweites Kapitel.</h2> + +<p>Die Erbitterung wuchs immer mehr. Die Angelegenheiten +der Stadt sahen immer schlechter aus. In der Rechtsprechung +war eine Pause eingetreten, denn man konnte nirgends Richter +auftreiben, obwohl in Kecskemét das »aufgetriebene Gericht« +im Gebrauche stand. Man stellte aus den zum Markte +gekommenen Fremden den Gerichtshof zusammen.</p> + +<p>Jetzt aber, da Johann Szücs den Stab eines Oberrichters +niederlegte, gab es keinen, der darnach griff. Es hat niemand +Tollkirschen gegessen!</p> + +<p>Vier, fünf Verordnungen täglich zu erhalten, mit unmöglichen +Wünschen und mit dem liebenswürdigen Postskriptum: +»Denn sonst werde ich Deine Gnaden rädern lassen« – und +verrückt wie die Welt ist, führt man das auch aus. Die +Menschen beschwerten sich laut. »Entweder wir ziehen von +hier fort, oder wir sterben hier, aber so können wir nicht +weiter leben. Man muß etwas machen.«</p> + +<p>»Aber was? Die Türken können wir doch nicht allein +aus dem Lande jagen, wenn es der Kaiser selbst nicht thun +kann.«</p> + +<p>Indem die Senatoren im Stadthause auf diese Weise gedankenvoll +berieten, rief mit einem Male eine Stimme zum +geöffneten Fenster hinein: »Ich aber sage euch, daß man die +Türken nicht vertreiben, sondern hieher nach Kecskemét +bringen soll.«</p> + +<p>Die Senatoren blickten alle auf. »Wer ist der Tollkühne? +Wer spricht da draußen?«</p> + +<p>»Der Sohn des Schneiders Lestyák.«</p> + +<p>»Wie wagt der, unsere Rede zu unterbrechen,« sprach +Martin Zaládi indigniert und winkte dem Heiducken. »Schließen +Sie das Fenster!«</p> + +<p>Gabriel Poroßnoki sprang auf, als ob ihn irgend eine +elektrische Kraft emporgehoben hätte. »Ich aber sage, daß +man den jungen Mann nicht wegtreiben, sondern hereinbringen +soll, damit wir ihn anhören.«</p> + +<p>Die ernsten Stadtväter schüttelten die Köpfe, wagten es +jedoch nicht, dem angesehensten Senator zu widersprechen, nur +Christoph Agoston murrte: »Der Vater ist ein Narr und der +Sohn auch. Von einem Studenten sollen wir Rat begehren? +Freilich, er hat es schon, denn er hat es.«</p> + +<p>»Was?« frug der neugierige Franz Kriston.</p> + +<p>»Das <span class="f" lang="la">consilium abeundi</span> ... hahaha. Man hat ihn +aus Großwardein davongejagt. Ja, er soll uns Rat geben. +Wir haben ohnehin kein großes Ansehen; so soll denn unser +Ansehen noch kleiner werden.«</p> + +<p>Dann erzählte er, daß der Vater blödsinnig sei. Kürzlich +schickte der wackere Pater Bruno seinen Rock zu ihm, damit +er die Fettflecke beseitige. Er beseitigte sie auch, aber so, daß +er sie mit der Schere ausschnitt. Den armen Pater Bruno +traf beinahe der Schlag.</p> + +<p>Gyuri Pintyö, der Heiduck, brachte unterdessen atemlos +den jungen Lestyák herein. Es war ein hübscher, schlanker +Junge mit so dichtem Haar, wie eine Bürste.</p> + +<p>»Mein Sohn,« sprach ihn Poroßnoki höflich an, »vorhin +hat du etwas geschrien, was mein Ohr traf. Erkläre dich +näher.«</p> + +<p>Max Lestyák kam nicht in Verwirrung, er drechselte seine +Worte klar und verständlich. »Ich habe in der That gedacht, +wohledle Herren, daß unter den Verhältnissen, in denen sich +unsere liebe Geburtsstadt befindet, die toten Fermans, die +schriftlichen Versicherungen, nicht viel wert sind. Hundertmal +mehr Wert hätte ein lebender Beg, der unter uns wohnend +sehr viele kleine Unannehmlichkeiten von unseren Köpfen fern +hielte. Wir sind eine freie Stadt, wohledle Herren, aber unsere +Freiheit ist aus Ketten geschmiedet. Suchen wir einen +Tyrannen, damit wir leben können!«</p> + +<p>Die Senatoren blickten einander an, staunend, bezaubert. +So schöne warme Worte hatten sie schon lange nicht gehört, +eine so schöne, sonore Stimme war in diesem Saale noch +nicht erklungen. Seit morgens sitzen sie hier, ohne Rat und +siehe da, es war, als ob sich unerwartet eine Fackel im Dunkeln +entzündet hätte.</p> + +<p>»Vivat!« rief Mathé Pußta aus. »Das ist eine kluge +Rede.«</p> + +<p>»Er hat Recht!« sagte der greise Georg Pató, seine silberne +Mentekette schüttelnd, »er hat reines Korn aus der Spreu +gesondert.«</p> + +<p>Gabriel Poroßnoki stand von seinem Sitze auf, ging auf +Max Lestyák zu und klopfte ihm auf die Schulter. »Junge, +du hast von nun an eine Stimme,« sagte er feierlich. »Setzen +Sie sich zwischen uns, Herr Michael Lestyák.« (Gerade war +am grünen Tische ein Sessel frei: derjenige des Johann Szücs.)</p> + +<p>Die Begeisterung brach bei diesen Worten aus. Die Ungarn +lieben die überraschenden Wendungen und das war +eine. Die Stadtväter sprangen auf, um dem Jungen die +Hand zu drücken. Selbst Christoph Agoston murmelte versöhnt +zu Franz Kriston hingeneigt: »Wenn er nur nicht die +Züge seines Vaters hätte! Sein Vater kam noch als Slovake +in Sandalen nach Kecskemét.«</p> + +<p>»Das sieht man dem Knaben gar nicht an.«</p> + +<p>Wirklich konnte jedermann in einem ärztlichen Fachblatte +kürzlich lesen, daß wenn man die Wunde eines Weißen (in +ärztlichem Jargon: das Fehlen der Hautkontinuität) durch die +Haut eines Negers ergänzt, daß das kleine schwarze Hautstück +allmählich weiß wird und daß andererseits die weiße Haut auf +dem Körper eines Negers schwarz wird. Dieser Prozeß geht +seit Jahrhunderten in den großen ungarischen Städten vor +sich. Eine fremde Familie geht nach der anderen ganz in den +ungarischen Körper auf, sie nehmen sogar die Farbe desselben +an. Der alte Schneider Lestyák sieht mit seinem grauen Haare, +seinem runden Kopfe wie ein Azteke, während Max mit seinem +eiförmigen, harten Gesichte, mit den nußbraunen Augen, mit +seinem dünnen Schnurrbarte schon ein wahrer Kumane ist, der +sich in diesem Saale, wenn er in einem anständigen Anzuge +erschiene und nicht in Hemdärmeln, so ausnehmen würde, wie +der Enkel irgend eines an der Wand hängenden alten Senators.</p> + +<p>Die Beratung nahm nun mit großer Begeisterung ihren +Anfang. Man sprach es einstimmig aus, daß die Politik +Kecskeméts derzeit die sei, um jeden Preis die Türken zu gewinnen. +Dann ging der Vorsitzende Poroßnoki auf einen anderen +Gegenstand über: »Es ist noch die Besetzung des Oberrichterstuhles +zu erledigen. In glücklichen Zeiten ist das die Belohnung +der bürgerlichen Tugend. Die ganze Stadt nimmt +an der Wahl teil. Aber heute, da eine ganze Reihe von +Oberrichtern das Martyrium erlitt, den einen der Ofner Sandschakpascha +aufs Rad flechten ließ, der andere in trauriger +Gefangenschaft im Konstantinopler Jedikala zu Grunde ging, +einen dritten die Kurutzen mit ihren Piken totstachen, die +Gattin eines vierten raubten, heute, sage ich, ist die Annahme +des richterlichen Stabes eine heroische Selbstaufopferung und +wir haben nicht das Recht irgend einen unserer Mitbürger +auf dem Wege der Wahl in den Rachen des Unglücks zu +stürzen. Denn wem würden die einzelnen jetzt ihre Stimme +geben? Demjenigen, welchen sie am meisten hochschätzen? +Oder demjenigen, welchen sie hassen? Ist es möglich, daß +nicht das allgemeine Vertrauen, sondern der allgemeine Haß +Männer an die Spitze der öffentlichen Angelegenheiten stelle? +Ich, wohledle Herren, halte das für unmöglich.« (Stürmischer +Beifall.)</p> + +<p>»Wahr! So ist's!«</p> + +<p>»Unter solchen Umständen, da der Oberrichter aus den +Senatoren gewählt werden soll, giebt es nur den einzigen +<span class="f" lang="la">modus vivendi</span>, daß jemand von Ihnen freiwillig das Amt +eines Oberrichters übernehme.« ...</p> + +<p>Unruhig ließ er seine Blicke im Kreise umherschweifen.</p> + +<p>Es herrschte kirchliche Ruhe im Saale. Die Senatoren +rührten sich nicht.</p> + +<p>»Niemand?« frug er mit düsterer Stirne. »Dann müssen +wir zum letzten Mittel greifen, welches unsere alten Gewohnheiten +dann anordnen, wenn von den Senatoren jemand +eine Aufgabe von unheilvollem Ausgange erhält. Pintyö, +bringen Sie die Bleikiste herein.«</p> + +<p>Der Heiduck brachte eine kleine Bleikiste aus dem benachbarten +Zimmer, auf deren vier Seiten je ein Totenkopf ausgehauen +war.</p> + +<p>»Hier sind die zwölf Würfel,« sagte Poroßnoki dumpf +und ließ sie auf die Mitte des Tisches kollern, auf dessen +grüner Fläche die eindringenden Strahlen der Herbstsonne +mutwillig umhersprangen. Ein schwarzer und elf weiße +Würfel: »Wer den schwarzen zieht, wird Oberrichter!« Die +Würfel legte er wieder in die Kiste zurück.</p> + +<p>»Es sind aber nur elf Senatoren anwesend,« sprach Herr +Kriston mit zitternder Stimme dazwischen, »der eine Würfel +ist überflüssig.«</p> + +<p>»Ausgenommen, wenn auch Herr Lestyák einen zieht.«</p> + +<p>»Wenn er eine Stimme hat, muß er auch ziehen,« +meinte Herr Zaládi, »der Mantel der Rechte ist mit Pflichten +wattiert.«</p> + +<p>»Er soll ziehen!« entschied man einstimmig.</p> + +<p>Das Auge Lestyák's erglänzte, sein Gesicht erglühte. »Wenn +ich nur den schwarzen Würfel zöge,« dachte er bei sich.</p> + +<p>Unterdessen transpirierte mit Hilfe der Heiducken der Fall +Lestyáks in die draußen harrende Menge, daß die Senatoren +seit dem Morgen gedankenlos dasaßen, daß Max unter das +Fenster kam und den Funken der Weisheit unter sie warf, +worauf Gabriel Poroßnoki ihn von der Gasse hineinrufen +ließ und ihn zum grünen Tische unter die Alten der Stadt +setzte.</p> + +<p>Hat jemand schon so etwas gehört? Aber Gabriel Poroßnoki +ist dennoch ein wackerer Mann, der selbst im Schnabel +der Eule das Glänzende bemerkt.</p> + +<p>Das Volk wogte lebhaft vor dem Gebäude. Von Zeit zu +Zeit erscholl eine Stimme aus der Menge: »Es lebe Max +Lestyák! Wir wollen Lestyák sehen! Wir wollen ihn hören!«</p> + +<p>Frau Fábián sprach zu einer großen Gruppe mit lebhaften +Gebärden: »Sein Verstand hat sich enthüllt. Gott +hat ihm im Schlafe zu wissen gegeben, was er sagen soll, +wie unsere arme Stadt von den bösen Heiden befreit werden +kann. Warum Gott gerade ihn auserkor, fragen Sie, Frau +Létasi? Weil Se. heilige Majestät immer mit den Kindern +der Handwerker arbeitet. Unser Heiland, Christus, war der +Sohn eines Zimmermanns und dieser der Sohn eines Schneidermeisters. +Aber seht nur, er kommt!«</p> + +<p>Aus dem Nachbarhause kam Herr Mathias Lestyák mit +raschen Schritten, indem er in der einen Hand zornig die +Elle schwang und in der anderen einen kornblumfarbigen +Mantel hielt. »Wo ist dieser Kerl, daß ich ihn tot schlage!« +schrie er wild. »Er kam hierher, er muß hier sein.«</p> + +<p>»Er ist im Senat«.</p> + +<p>»Wer? Der Max? Wie kam er denn hin? Verbarg +er sich vor mir? Ich will doch warten, bis er herauskommt. +Ich werde diesem Kerl schon zeigen! Zu Staub will ich ihn +zermalmen. Vor einer Stunde gab ich ihm daß Bügeleisen, +damit er es wärme, denn noch heute muß ich den Mantel +des Halaser Bürgermeisters nach Hause bringen, welcher +darin mit einer Deputation morgen ins Neograder Komitat +geht. Ich rufe jetzt in die Küche: ›Max, bring' schon einmal +das Bügeleisen!‹ Aber weder Bügeleisen, noch Max erscheint. +Soll da der Mensch nicht vor Zorn bersten?«</p> + +<p>Valentin Katona, der Kürschner, ergriff die Partei des +Sohnes.</p> + +<p>»Man kann einen erwachsenen Burschen nicht mehr als +Schneidergesellen beschäftigen und mit dem Wärmen des +Plätteisens quälen.«</p> + +<p>»Kümmern Sie sich um Ihr eigenes Kalb,« erwiderte der +Schneider roh. »Was soll ich denn mit ihm anfangen? +Früher oder später wird er ohnehin aufgehängt. Er schnüffelt +immer nach städtischen Angelegenheiten umher. Ich werde +dir schon städtische Angelegenheiten geben. Ich werde den +Lumpen braun und blau schlagen.«</p> + +<p>»Daraus wird nichts!« warf Valentin Katona neuerdings +ein, an das heutige große Verdienst des Jungen denkend.</p> + +<p>»Die Erde soll mich verschlingen, wenn ich ihn nicht züchtige.«</p> + +<p>Valentin Katona wollte eben seinem in weicherem Material +arbeitenden Kollegen erklären, wie Max in den Senat +gelangte, als das Fenster des Beratungssaales mit großem +Lärm geöffnet wurde und der wohledle Herr Gabriel Poroßnoki +»Verehrliches Volk der Stadt Kecskemét!« mit Stentorstimme +hinausrief, worauf Grabesstille eintrat. »Ich melde +euch im Namen des Senates, daß vom heutigen Tage angefangen, +auf ein Jahr der wohledle und achtbare Herr Michael +Lestyák nach unseren Gesetzen und Gewohnheiten zum Oberrichter +der Stadt gewählt wurde.«</p> + +<p>Ein Gemurmel der Überraschung ging durch die dicht +gedrängte Menge.</p> + +<p>Es gab zuerst ein Gelächter: »Hahaha! Michael Lestyák! +Hehehe!«</p> + +<p>Aber bald begegneten diese Stimmen anderen, welche vielleicht +aus Gewohnheit »Eljen«<sup id="fnRef3"><a href="#fn3">3</a></sup> schrien.</p> + +<p>Und nach ihnen schlossen sich hunderte von Stimmen dem +ersten »Eljen« an und wuchsen zu einem breiten, durchdringenden +Schrei an ... Wenn das erste »Eljen« bescheidener +und das erste »Hahaha« frischer gewesen wäre, dann hätte +sich das »Eljen« geteilt und das himmelstürmende Geschrei +hätte jetzt so geklungen wie das Lachen der Hölle: Hahaha, +Hihihi!</p> + +<p>Je größer die Masse ist, desto leichter ist sie. Wie ein +weicher Flaum, welchen der erste Windhauch in die Höhe +trägt, schwankt sie nach rechts und links.</p> + +<p>Bei den stürmischen Eljenrufen ergoß sich das Volk aus +den Gassen. Von allen Seiten liefen Neugierige herbei. Einige +kamen mit Wasserkübeln und riefen: »Wo ist das Feuer?« oder +sie gebrauchten Fragen wie: »Was giebt's? Was ist geschehen?«</p> + +<p>Das Thor des Stadthauses öffnete sich und die Senatoren +traten zu zweien heraus, in der Mitte Michael Lestyák.</p> + +<p>»Er kommt! Er kommt!« Es entstand ein furchtbares +Gedränge. Jedermann wollte ihm nahe kommen.</p> + +<p>Er schritt stolz, würdevoll einher, wie wenn er nicht mehr +der Michael wäre. Die Röte der Jugend brannte auf seinen +Wangen, die Augen ließ er lächelnd über die Menge schweifen, +wie sich dies für ein Glückskind ziemt.</p> + +<p>Ihm zur Seite schritten zwei Heiducken<sup id="fnRef4"><a href="#fn4">4</a></sup> mit hocherhobenen +Stäben, gleichwie einstmal die Liktoren der römischen Konsuln. +Das waren die Attribute der Macht.</p> + +<p>Allein es war unserem wohlgeborenen Herrn Richter recht +wohl zu gönnen – denn das zweiundzwanzigjährige Bürschchen +in Hemdärmeln und abgeschabter Weste nahm sich unter +den ansehnlichen Senatoren in silberknöpfigen Dolmans<sup id="fnRef5"><a href="#fn5">5</a></sup> +etwas sonderbar aus. Vielleicht auch war gerade dies die +Sehenswürdigkeit, ob welcher das Volk in Jauchzen ausbrach.</p> + +<p>Der alte Lestyák wurde bald bleich, bald purpurrot. »Mein +Gott, mein Gott, träume ich denn?« (Und dabei rieb er +sich die kleinen grauen Augen, vielleicht auch wischte er eine +vordringliche Thräne weg.) »Nachbar, stützen Sie mich!« +Und in der That wäre er zusammengesunken, hätte Valentin +Katona ihn nicht aufrecht gehalten.</p> + +<p>»Na, jetzt möge Ew. Wohlgeboren den Oberrichter der +Stadt mit dem spanischen Rohr bearbeiten, wenn Sie ein +solch großer Potentat sind.«</p> + +<p>Er antwortete nichts, allein der Stock entfiel seiner kraftlosen +Hand; er schloß die Augen, allein selbst im Dunkeln +fühlte er das Nahen des Oberrichters; er sprang mit einem +Satz, wie ein Hamster, auf ihn zu und bedeckte ihn mit der +ungebügelten neuen Mente, welche noch die weißen Nähte und +die Kreidestriche des Schneiders aufwies.</p> + +<p>Die Menge nahm auch dies mit brausendem Beifall auf, +nur Valentin Katona rief spaßhaft aus: »Halloh! Gevatter +Mathias! In welchem Kleid geht denn nunmehr der Halaser +Bürgermeister nach Fülek?«</p> + +<p>Der alte Schneider antwortete in verbissenem Trotz: »Er +soll im Szür<sup id="fnRef6"><a href="#fn6">6</a></sup> dahin. Dazu ist er mir ein zu kleiner Mann, +daß ich ihm eine Mente nähe.«</p> + +<p>Und damit brach er sich, gleich einem wildgewordenen +Stier einen Weg durch die Menge, stürzte nach Hause, in +den kleinen Garten vor seinem Häuschen, wo ein großer Birnbaum +seine rostroten Früchte begehrenswert hängen ließ und +seine mächtigen Zweige auf die Straße hinausstreckte. Rasch +wie ein Eichhorn kletterte er bis zur Krone hinauf und wie +wahnsinnig begann er an den oberen Zweigen zu rütteln. +Die herrlich duftenden Birnen, seine eifersüchtig gehüteten +Schätze fielen dicht in die Menge »Czup, czup«, und die Kinder +und Weiber warfen sich auf den Himmelssegen, gleich wie +das Volk sich auf das Gold stürzt, das der Oberstkämmerer +bei der Krönung in die Luft streut. Auch bejahrte Männer +beugten sich nieder nach den rollenden Birnen.</p> + +<p>»Esset euch toll und voll! Da habt ihr eine Mahlzeit!« +schrie der Alte und rüttelte und schüttelte wild an dem alten +Baum, so lange dieser auch nur eine einzige Birne trug.</p> + +<p>.... So beging er die Installation seines Sohnes.</p> + +<h2>Drittes Kapitel.</h2> + +<p>Der erste Rausch der Oberrichterwahl war vorüber. Am +dritten Tag war das Publikum ernüchtert.</p> + +<p>»Es war doch nur eine Dummheit,« sagte man. »Ein +wahrhaftiger Faschingsscherz.«</p> + +<p>»Man macht die Stadt lächerlich!« ließen manche sich +vernehmen.</p> + +<p>»Das haben die Pfiffikusse, die Senatoren gethan, damit +sie ihrer eigenen lieben Haut zum Winterschlaf verhelfen.«</p> + +<p>Hier und dort brach auch der Ärger hervor, verriet sich +der Neid und ließ die Unzufriedenheit eine ihrer Blüten sehen.</p> + +<p>Allein die nüchternen Machthaber beeilten sich den neuen +Oberrichter anzuerkennen.</p> + +<p>Zülfikar Aga schrieb ihm einen freundlichen Brief aus +»der wohlgehüteten Festung Szolnok«, daß er sein Amt mit +einer edlen That beginnen könnte, wenn er die bei ihm, dem +Aga, befindlichen beiden Einsiedler auslösen wollte.</p> + +<p>Herr Stefan Csuda bat in ziemlich freundlichem Tone +um vier Wagenladungen Brot.</p> + +<p>Nur der Vertrauensmann des Ofner Kaimakam, Halil +Effendi, der nach Kecskemét kam, um hier Steuerangelegenheiten +zu ordnen, fuhr im Stadthause wütend auf, daß man +ihn mit einem bartlosen Jüngling unterhandeln lasse, worauf +der Oberrichter sich auf den Fersen umdrehte und die Thür +heftig zuwarf. Einige Minuten später erschien der Heiducke +Pintyö, einen alten Ziegenbock am Stricke nach sich schleppend.</p> + +<p>»Was willst du mit dem dummen Vieh, du ungläubiger +Hund?«</p> + +<p>»Ich brachte es auf Befehl des Herrn Oberrichters. Der Herr +möge mit dem Bock da unterhandeln, der hat einen Bart.«</p> + +<p>Dieser Trumpf gefiel in Kecskemét und die Wage sank +zu Gunsten Miskas.</p> + +<p>»Das wird ein Mann! Der läßt nicht mit sich umspringen. +Er hat's dem Effendi tüchtig gegeben. Einen +solchen Oberrichter hatten wir noch nicht.« Und sie beobachteten +ihn seither sehr aufmerksam, was wohl aus ihm werden +würde. Und richtig brachte fast jeder Tag der öffentlichen Meinung +eine kleine Delikatesse. Man erzählte sich, der Oberrichter +habe den Goldschmied Johann Balogh und den aus +Kronstadt hierher verschlagenen berühmten Goldschmied Wenzel +Walter zu sich berufen: sie mögen eine Peitsche anfertigen, +deren Griff aus reinem Gold sein solle, ausgelegt mit Topasen, +Smaragden und anderen strahlenden Edelsteinen, ferner +einen Filigran-Fokosch, dessen Stiel gleichfalls Gold und dessen +Scheide reines Silber sein müsse. Sie mögen den Tag nicht +für die Nacht ansehen, sie mögen's vielmehr umgekehrt thun. +Diese beiden wertvollen Dinge verschlängen eine Million. +(Ja, hat denn die Stadt für dergleichen Dinge Geld?) Am +folgenden Sonntag gingen die Richter und die beiden Senatoren +sämtliche Geschäftsläden durch und kauften den gesamten +Vorrat an nationalfarbenen Bändern auf, alsdann +fuhren sie mit den vier Pferden der Stadt nach dem +»Szikra« hinaus. Der Szikra ist die Sahara der Stadt +Kecskemét. Ein Meer aus Sand. Seither haben die Enkel +dort Bäume gepflanzt, damals war der Sand noch frei, er +wanderte und rollte in hohen, wilden Wellen, nach seinem +Gefallen ins Unendliche. Ringsumher auf einem unendlichen +Gebiete weder Wasser, noch Pflanze; die Sonne sendet +ihre Strahlen in lilienweißer Farbe auf die Milliarden winziger +Sandkörner, welche sich in augenblendender Schnelligkeit +bewegen, wie wenn Tausende unsichtbarer Besen unaufhörlich +arbeiten würden, oder nur der Sonnenstrahl sich auf ihnen +bewegt und umherspringt. Von einem Tier, einem lebenden +Wesen ist keine Spur vorhanden. Dieses Landgebiet kann nicht +einmal einen kleinen Maulwurf hervorbringen. Denn dieses +Gebiet ist nur auf der Durchreise begriffen. Hier kann niemand +zu Hause sein, da die Erde selbst nicht zu Hause ist. +Auch ein Maulwurf liebt es, wenn er seinen Bau verläßt, +ihn wieder vorzufinden. Ei, wer würde es versuchen hier +auch nur einen einzigen Sandhügel zu bezeichnen, den er +morgen wiederfindet? Die Hügel ziehen fort wie der unstäte +Wanderer, sie lösen sich und bilden sich an anderer Stelle +wieder. ... Es herrscht tiefe Totenstille. Nur zuweilen +zwitschert eine Schwalbe oben in der Luft, welche es nicht +verschmäht, dort vorbeizufliegen. Weit, sehr weit schnattert +ein Wildentenpaar. Dort ist irgendwo ein Weiher. Wenn +die Sonne aufgeht, ringt sie sich aus einem Sandhügel empor +und sinkt am Abend wieder auf einen Sandhügel herab. +Die Sonne selbst erscheint als ein glänzender Sandhügel, +dessen goldener Staub aus der Höhe auf die graubraune einförmige +Welt herabweht. Lange, lange muß man wandern, +bis endlich unwillkürlich ein Freudenruf auf die Lippen kommt. +Jetzt kann das Wasser schon nicht mehr weit sein. Zwischen +zwerghaften Weiden windet sich die romantische Theiß, unser +Süßwasserfluß. Links erglänzt eine kleine Hütte. Üppige +Weiden breiten sich hinter ihr aus, mit wehendem Röhricht. +Den Oberrichter interessierte das Leben der Pußten; er betrachtete +Alles der Reihe nach. Dann befahl er den Ochsen- +und Pferdehirten, daß von heute in vier Wochen bei Sonnenaufgang +hundert schön gehörnte weiße Ochsen und fünfzig der +fehlerfreiesten Hengste, deren Mähnen mit nationalfarbenen +Bändern geschmückt, vor dem Stadthause stehen müssen. +Auch von den Hörnern der Ochsen sollen nationalfarbene +Bänder herabwehen. Diese Verfügung blieb nicht geheim, +sobald die Herren nach Hause kamen, und wenn es schon +damals in Kecskemét Zeitungen gegeben haben würde, so +hätte der verantwortliche Redakteur diese Nachricht im Entrefilet +veröffentlicht. So aber sprachen die Bürger nur bei +den Weinhumpen davon: »Goldener Fokos! Mit nationalfarbigen +Bändern geschmückte Ochsen und Pferde! Vielleicht +will der Sohn des Königs sich bei der edlen Stadt als Hirt +verdingen.« Aber noch größer wurde das Staunen am anderen +Tage, als Gyurka Pintyö es bei Trommelwirbel in +den Hauptgassen mit seiner groben Stimme verkündete:</p> + +<p>»Drum! Brum! Es wird allen jenen, welche es betrifft, +kundgegeben!« Hier pflegte in der Regel der trommelrührende +Gyurka eine Pause zu machen und seinen einem Sellerie +ähnlichen Kopf zur Seite zu neigen, wie eine traurige Gans, +aber so geschickt, daß sein Mund bis an den Rand der in der +inneren Tasche seines Dolmans verborgenen Holzflasche kam, +aus welcher er einen guten Schluck that und dann mit durchnäßter +Kehle donnernd fortfuhr: »Daß, wer die Gemahlin +des türkischen Kaisers werden will, sich bis Sonntag bei dem +wohledlen Herrn Oberrichter melden soll.«</p> + +<p>Darauf entstand natürlich ein Hin- und Hergerede. »Ist +der Oberrichter wahnsinnig geworden.«</p> + +<p>»Ein unreifer Knabe!« brummten Viele. Die Eingeweihten, +welche wußten, was der Zweck sei, schüttelten die +Köpfe. »Es wird keine Wirkung haben.« Die Naiven +jedoch erstaunten und freuten sich über die Auszeichnung, +denn es ist doch schön, daß der türkische Kaiser seine Frau +aus Kecskemét wählt. Se. Majestät hat einen guten Geschmack. +(Jetzt möge Nagy-Körös reden!) Mädchen und +junge Witwen besprachen erstaunt die interessante Neuigkeit. +Sie spotteten und überhäuften einander mit mutwilligen Reden +fünf Tage lang am Brunnen. Der Plan des Oberrichters +streckte wie die Schnecke seine Hörnchen immer weiter hinaus. +Es kam die Nachricht, daß der Sultan Mahomet IV. nach +Ofen käme, auch erzählte man, daß man ihm die hundert +Ochsen und fünfzig Hengste bringe und daß für ihn die Senatoren +als Geschenk die vier schönsten Kecskeméter Mädchen +auswählen.</p> + +<p>»Nur vier?« rief mutwillig die schöne Frau Paul Inokai +aus; »armer türkischer Kaiser!«</p> + +<p>»Und wenn du noch wüßtest, Schwester Borcsa,« erklärte +Mathias Tóth, »daß er zu Hause noch dreihundertundsechsundsechzig +Frauen hat.«</p> + +<p>»Er muß viel zu thun haben,« warf die geistreiche Frau +Georg Ugi ein, »bis er sie alle des Morgens durchprügelt.« +(Und sie schnalzte mutwillig mit der Zunge.) Ein heller +Weiberverstand, derjenige der Kata Agoston, entdeckte sofort +unter den vielen Frauen die unglücklichste. »Was aber kommt +auf die Arme, welche am 29. Februar an der Reihe ist, in +einem Jahre, wo der Februar nur 28 Tage hat?«</p> + +<p>Das konnte wirklich selbst Mathias Tóth nicht beantworten, +er brummte etwas, daß bei den Türken ein anderer +Kalender sei, aber das hinderte nicht, daß ein bis zum Weinen +gehendes Mitleid über die dreihundertsechsundsechzigste Frau +sich der Weiber bemächtigte. (O, arme, unglückliche Seele.) +Dann gewann die Neugierde die Oberhand, wer wohl die Unverfrorenheit +haben wird, sich zu melden? Obwohl es keine +Narrheit wäre, zu erfahren, welche die vier schönsten Rosen +in dem Blumengarten Kecskeméts seien, welche der Magistrat +auswählen würde? Heimlich beschäftigten sich gewiß wieder +eitle Herzen mit dem eitlen Gedanken. Aber die Schamhaftigkeit +sagte: »Still!« Das Gesicht des Oberrichters nahm auch +alsbald eine enttäuschte Miene an. Bis zum Sonntag blieb +kein einziges Fischlein an der Angel hängen. Das heißt, daß +Frau Fábián mit bemalten Augenbrauen, gesteiften Röcken +hinkam. »Rathen Sie, Herr Oberrichter, warum ich kam?« +sprach sie mit ihrem Blicke kokettierend.</p> + +<p>»Vielleicht kamen Sie um Steuer zu zahlen?«</p> + +<p>»Aber gehen Sie doch.« Und mit ihrem Spitzentuche +wehte sie Lestyák kokett zu.</p> + +<p>»Vielleicht kamen Sie um jemanden anzuklagen?«</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p>»Vielleicht sammeln Sie für die Pfaffen,« fuhr der Oberrichter +fort.</p> + +<p>Frau Fábián neigte traurig das Haupt und seufzte: +»Wenn Sie es nicht erraten, dann würde ich es vergeblich +sagen.« Es lag in ihrer Stimme eine Art schmerzlicher Entsagung, +eine seelenerschütternde Melancholie.</p> + +<p>»Was! Sie kommen doch vielleicht nicht, um sich zu +melden!«</p> + +<p>»Ich bin Witwe,« sagte sie schamhaft.</p> + +<p>»Das ist ein Grund. Hm!«</p> + +<p>»Ich thue es der Stadt zuliebe,« fuhr sie, bis zu den +Ohren errötend, fort.</p> + +<p>»Aber was würden Pater Bruno, Pater Litkei dazu sagen?« +murmelte der Oberrichter halb zornig, halb lachend, »welche +Sie fast zur Heiligen gemacht haben.«</p> + +<p>»Ich werde eine Messe für meine Seele lesen lassen. +Meine Seele wird auch fernerhin der Kirche bleiben, meinen +Körper opfere ich für die Stadt.«</p> + +<p>»Schön! Schön! Ich werde Ihren Namen notiren.«</p> + +<p>Noch einige aufgeblasene Gesichter meldeten sich außer ihr. +Panna Nagy aus der Czeglédergasse, Witwe Frau Kemenes, +Maria Bán. Einige jagte der Oberrichter aus seinem Zimmer +hinaus. »Wirst du dich von hier packen, du Scheusal, +wem zum Teufel kannst du gefallen?« Einem blatternarbigen +Mädchen sagte er zornig: »Hast du zu Hause keinen Spiegel?«</p> + +<p>»Ich habe keinen, wohledler Herr Oberrichter.«</p> + +<p>»Dann geh', mein Kind, suche dir irgendwo einen Kübel +Wasser, betrachte dich darin und komme zurück, wenn du den +Mut hast.«</p> + +<p>Alle diese Details erregten in den wohlinformierten Kreisen +große Heiterkeit. Am nächsten Tage, Montag, war Senatssitzung +und die Senatoren selbst ließen einige bissige Bemerkungen +über das resultatlose Unternehmen fallen. »Nun, befindet +sich schon jemand im Käfig?«</p> + +<p>»Keine einzige ist geeignet,« antwortete Lestyák zornig.</p> + +<p>Herr Gabriel Poroßnoki lächelte gemütlich.</p> + +<p>»Wir haben uns verrechnet. Es wäre leichter für den +Kaiser in Kecskemét vier Mütter zu finden, als vier Odalisken,« +sagte der Oberrichter dezidiert. Er war hartnäckig und unbeugsam +in Dingen, die er sich einmal in den Kopf gesetzt +hat. »Wir können nicht ohne Bouquet gehen.« Und damit +schob er den Senatoren den vertraulichen Brief des Ofner +Sandschakpaschas hin, der auf die Erkundigung, welches Geschenk +Sr. Majestät angenehm wäre, mit orientalischer Dunkelheit erwiderte: +»Bring' ihm Pferde, Waffen, Braten und Blumen!«</p> + +<p>Die Blumen müssen da sein. Punktum. Freilich meldete +sich bisher niemand – weil noch keine Lockspeise ausgesetzt +war. Der türkische Sultan ist in der That keine solche. +Wer schwärmt für den türkischen Sultan? Wenn es noch +irgend ein reicher, strammer Müller aus der Theißgegend wäre, +in einem hübschen, fest anliegenden hechtgrauen Dolman, in +Stiefeln und wenn er eine legitime Gattin suchen würde. +Aber der türkische Sultan! Von dem die Frauen unserer +Gegend nur wissen, daß er der Pascha der Paschas ist. Selbst +der Spatz würde sich ja nicht in den Hinterhalt locken lassen, +in den aus weißen Pferdehaaren gewundenen Ring, wenn +zwischen den Strohhalmen nicht rötliche Fruchtkörner hervorscheinen +würden. Selbst die kleine Maus würde nicht in die +Falle gehen, wenn darin nicht das weiße Speckstück verlockend +glänzen würde. Auch den Kecskeméter Mädchen muß man +die Lockspeise ausstecken. Und was kann diese Lockspeise sein? +Nun, du lieber Himmel, was anders, als – die Kleider. +Perlen, Bänder, Spitzen. Auch das ist eine heilige Dreifaltigkeit +der Hölle. Von Belzebub angefangen waltet darin +jeder Teufel; der eine ruft: »Komm, betrachte mich,« der +andere ermutigt: »Probiere mich,« der dritte flüstert: »Sei +verdammt meinetwegen.«</p> + +<p>Michael Lestyák sandte dazu geeignete Frauen aus, die +einen nach Szegedin, die anderen nach Ofen zu den türkischen +Kaufleuten, damit sie die schönsten Seidenbrokatstoffe zusammenkaufen: +mit Gold- und Silberblumen durchwirkte Stoffe, +feine Blondspitzen, rubinenbesetzte Gürtel. Sie wurden beauftragt, +alles in der glänzendsten Pracht auszuwählen. Ihr +Sinn soll so darauf gerichtet sein, als handelte es sich +darum, vier Prinzessinnen für den Ball herauszustaffieren.</p> + +<p>Der alte Lestyák selbst ruhte nicht, er setzte sich auf einen +Wagen im Auftrage seines Sohnes, um die benachbarten +herrschaftlichen Familien aufzusuchen: Die Vays, Fáys und +Bárius, für welche er arbeitete (denn er war weit und breit +als ein meisterhafter Schneider berühmt), damit er von ihnen +für städtische Gemeinzwecke (denn auch sie alle sind Grundbesitzer +in Kecskemét) die Kleider nähenden Fräulein erbitte. +Überall waren die Herrschaftsdamen, die »Patrone der Stadt«, +gnädig. Meister Mathias konnte mit einer ganzen Wagenladung +Fräulein nach Hause kommen. Als in großen Kisten +auch die Ware ankam und alles bewundernswert war, begann +unter der Aufsicht Mathias Lestyáks die fieberhafte +Thätigkeit bei Tag und Nacht. Die Scheren, Fingerhüte +klapperten, die Nadeln funkelten und nach und nach begannen +die vielen Sammet- und Seidenstücke Gestalt zu gewinnen. +Auch Hauben wurden verfertigt, für zwei Jungfrauen und +zwei Frauen. Man braucht vielleicht nicht zu sagen, daß, so +viele Mädchen und Frauen es gab, sie alle von diesen Wunderkleidern +bei Tag sprachen und bei Nacht träumten. Es +wäre alles im besten Flusse gewesen, wenn der Quardian +Bruno und Pater Litkei sich nicht eingemischt hätten. Diesen +gefiel nämlich der Plan keineswegs, daß in Kecskemét eine +türkische Behörde sein und dies die Stadt gar selbst erbitten +solle. »Wer Jehovas Getreuer ist, der soll mit Allah nicht +kokettieren. Denn den treulosen Diener verstößt der eine Herr +und der andere nimmt ihn nicht auf. Seid auf der Hut, +Kecskeméts gottesfürchtige Einwohner.« Sie schimpften, hielten +aufreizende Reden gegen den neuen Oberrichter, der mit +den Türken gemeinsame Sache macht, indem er ihnen die +Stadt des heiligen Nikolaus zuschanzen will, die Jungfrauen +raubt und das Seelenheil verkauft.</p> + +<p>Das Ungarherz ist ein guter trockener Zündschwamm: +jeder Funke fängt. Immer mehr Menschen wurden aufgeregt. +Am folgenden Sonntag sammelten sich unruhige +Gruppen nach der heiligen Predigt vor dem Stadthause an, +welche mit drohenden Handbewegungen schrien: »Nieder mit +dem Oberrichter! Nieder mit den Senatoren!« Besonders +die Katholiken waren stark irritiert. Die Lutheraner, deren +Vorfahren vor mehr als hundert Jahren eingewandert sind +und die aus Tolna hiehergekommenen Kalviner, welche in +jener Zeit abgesondert in der Friedhofgasse wohnten, liebten +ein wenig die mit den protestantischen Siebenbürger Fürsten +paktierenden Ungläubigen. Den Protestanten erscheint +der Turban ebenso absonderlich wie die Tiara.</p> + +<p>Die Herren Poroßnoki und Agoston liefen erregt zum +Oberrichter: »Es steht sehr schlecht. Das Volk unten ist empört. +Hören Sie das nicht?«</p> + +<p>»Ich höre es,« antwortete er gleichmütig.</p> + +<p>»<span class="f" lang="la">Quid tunc?</span> Sollen wir unseren Plan aufgeben?«</p> + +<p>Max sah sie spöttisch an. »Die Frage ist, ob er schlechter +sei, seitdem der Quardian ihn hintertreibt?«</p> + +<p>»Er ist nicht schlechter geworden,« sagte Poroßnoki, »aber +wir müssen mit den Eventualitäten rechnen. In zwei Wochen +werden die beiden Patres, welche großen Einfluß auf das +Volk haben, dasselbe mit Hauen und Hacken gegen uns +treiben.«</p> + +<p>»Die Frage ist, ob wir das Schicksal Kecskeméts entscheiden +oder die Gasse? Ich glaube, wir. Es wird also +bleiben, wie wir es beschlossen haben.«</p> + +<p>Mit so viel Energie sprach der junge Oberrichter diese +Worte aus, daß sie selbst dem eisernen Charakter Poroßnokis +imponierten, nur Christoph Agoston hätte gern ein wenig +gestritten. »Der Trotz ist nicht immer vernünftig, Herr Oberrichter. +Das Übel ist da! Dagegen muß man etwas thun, ehe +es uns über den Kopf wächst.«</p> + +<p>»Wir thun ja. Sie werden sich nach einer halben Stunde +aufs Pferd setzen.«</p> + +<p>»Ich?«</p> + +<p>»Sie reisen als geheimer Gesandter in einer wichtigen +Angelegenheit.«</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>»Setzen Sie sich, wohledle Herren, aber legen Sie ein +Schloß an Ihren Mund, denn wer verrät, was ich sage, dem +mache ich einen Strafprozeß.«</p> + +<p>»Er spricht wie ein Diktator,« murrte der kränkliche Zaládi.</p> + +<p>Unterdessen waren die Senatoren herein gekommen, blaß, +mit aufgedunsenen Gesichtern, einigen sah der Schreck aus +den Augen. »Hört! Hört!«</p> + +<p>»Herr Agoston, Sie werden den Kurutzentrupp aufsuchen, +namentlich Stefan Csuda.«</p> + +<p>»Diesen Dieb! Nun, dem werde ich es geben, er soll mir +nur vor die Augen treten.«</p> + +<p>»Sie werden ihm nichts thun, sondern vielmehr mit ihm +höflich unterhandeln, um wie viel er geneigt wäre, noch einmal +den Quardian und Pater Litkei zu rauben – aber sofort. +Diese beiden Menschen haben wir einige Zeit nicht nötig.«</p> + +<p>Das ernste Gesicht der Stadtväter erheiterte sich zu einem +Lächeln, kein einziger war mehr blaß. Herr Poroßnoki schlug +sich lustig mit der Hand vor die Stirn. »Nun, das wäre +mir auch nicht eingefallen. Eure Gnaden sind ein geborener +Diplomat.«</p> + +<p>»Die Notwendigkeit ist ein guter Lehrer, oft ein besserer als +die Erfahrung. Über die Pfaffen haben wir keine Macht, +wir können sie weder gefangen nehmen, noch ihnen die Kanzel +verbieten. Es giebt nur ein Mittel: Stefan Csuda.«</p> + +<p>»Wie viel kann ich versprechen?« fragte gut gelaunt der +hinausgehende Agoston.</p> + +<p>»Sie können es billig abmachen, denn er hat jetzt nichts +mehr zu thun, überdies schlägt es in sein Fach. Versprechen +Sie ihm die Hälfte von dem, was er begehrt.«</p> + +<p>Nach einer halben Stunde wirbelte bereits die Stute +Agostons den Staub aus der Czegléder Straße auf und +am Abend des dritten Tages führten die Csudas die +frommen Mönche gebunden auf demselben Wege fort ... +So erfolgreich war die geheime Sendung des Herrn Christoph +Agoston, welche er bis zu seinem Todestage stets mit großer +Vorliebe erzählte, immer prächtiger, romantischer und in seinem +Greisenalter mit den prahlerischen Worten anfing: »Hei! +Als ich noch plenipotenter Gesandter war am Hofe Sr. Majestät +des Herrn Thököly!«</p> + +<h2>Viertes Kapitel.</h2> + +<p>Die Pfaffen wurden weggeführt, die Kecskeméter Volksrevolution +schlief ein und der denkwürdige Tag rückte heran, +an welchem man nach Ofen zog mit den Geschenken – +zum türkischen Kaiser. Die Kleider waren fertig und an +den letzten drei Tagen wurden sie auf dem Stadthause zur +allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nun, das gab eine +Prozession. Der Heiduck Pintyö behütete den großen Tisch, +auf welchem die Schätze verlockend ausgebreitet waren. Der alte +Gyurka stand dort wie ein Cherub, statt des Flammenschwertes +hielt er den Haselnußstab in der Hand. So schön war all +der Flitter, daß er selbst darüber betroffen zu sein schien. Solche +Fetzen sind den Frauengesichtern eine große Nachhilfe. Die +hübscheren Frauenzimmer ermutigte er zuweilen, auch das gehörte +zu seinem Amte. »Probieren Sie es nur, mein Täubchen, +dort im anderen Zimmer.« Und wer hätte widerstanden? +Gab es ein Herz, welches nicht lauter gepocht hätte, einen +Blick, der nicht gefangen genommen worden wäre? Alle Pracht +von »Tausend und eine Nacht« ist nichts dagegen. Wie viele +Mägdelein trippelten furchtsam wie Rehe um all diese Herrlichkeiten +und ließen die Blicke sanft über dieselben schweifen, +allein alsbald öffneten sich die Augen weit und begannen zu +leuchten wie zwei flammende Lichter, die Glieder begannen +leise zu beben, die Schläfen brannten und pulsierten rasch, und +zu solcher Zeit begann dann der Heiducke zu sprechen: »Probier's +doch, mein Täubchen!« Und sie probierten es und +wären sie daran gestorben! Allein wehe, wer den Glanz +einmal angelegt. Herrliche Bänder wurden ihnen in die +Haare geflochten, der Leib wurde schlank geschnürt, man legte +ihnen wunderbar gestickte Hemden, Kleider aus himmelblauer +Seide an, in welche silberne Halbmonde gestickt waren, und +dann die karmoisinroten Stiefelchen und den blendenden +Schmuck: »Na, mein Seelchen, jetzt besieh dich doch einmal!« +Man stellte einen Spiegel vor sie hin und die Mädchen +begannen zu jubeln vor Freude: sie sahen ein Feenmärchen. +Und wenn sie sich also bewunderten, vor Sehnsucht +brennend, mit wogendem Busen und mit dem süßen Hunger +der Eitelkeit, da trat wieder der Cherub vor: »Na, jetzt war's +aber genug, entkleide dich – oder wenn es dir beliebt, so geh' +für alle Zeit in solchen Kleidern einher.«</p> + +<p>Welche hätte wohl die Kraft, zu sagen: »Ich lache Euch +aus« und das bezaubernde Mieder zu öffnen, die wundervollen +Kleidchen vom Leib zu schälen, die reizenden Karmoisinstiefelchen +abzulegen, den funkelnden Schmuck abzulösen und +wieder hineinzukriechen in die alten Kittel. Alle wollten den +Versuch machen – keine einzige aber legte die Herrlichkeit gern +ab. Selbst ältere Frauenspersonen bekamen bald das Fieber, +sie hätten sich gern in diesen Kleidern gesehen – und es waren +ihrer, bei Gott, solche, die man in Szegedin als Hexen verbrannt +hätte. Schließlich mußte gar ein Verbot erlassen werden. +Nur die Schönen, Waisen und Armen durften die Kleider +probieren. Gevatter Pintyö hatte es so weit gebracht: er bestimmte, +wer schön sei. Paris hatte nur einen Apfel, er hatte +einen ganzen Korb voll. Man bewarb sich aber auch um seine +Protektion mit bezauberndem Lächeln, mit Schinken und +Kuchen, auch ein Krug voll Wein stellte sich von da und dort +ein. Denn es war ja das kein kleines Amt. Dies stellte +sich sozusagen erst später heraus, als es nach zehn, zwanzig +Jahren den Frauen ein gewisses Ansehen gab, wenn sie sagen +konnten: »Oho, mich hat kein Storch ausgebrütet, auf meinem +Leib prangten auch einst die Kleider der Lestyák.« Es wurde +beinahe ein Sprichwort daraus. Wie erst damals, als die +Sache noch warm war, konnte es da gleichgültig sein, wer die +Kleider tragen durfte und wer nicht, wer amtlicherseits schön +gefunden wurde und wer unbrauchbar war? Gar viele +bittere, brennende Thränen wurden da geweint. Ich will den +Alten nicht des Mißbrauchs der Amtsgewalt anklagen, auch +dessen nicht, daß er sich bestechen ließ (es fiele auch ein wenig +schwer, dies heute, nach zweihundert Jahren beweisen zu wollen) +aber Thatsache ist einmal, daß er gar viele Taktlosigkeiten beging. +Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem Zigeunermädchen.</p> + +<p>Es kam nämlich die Kleine, in Lumpen gehüllt, barfuß, +zerzaust, ließ die großen Augen über die Schätze hinfliegen +und der Mund blieb ihr offen stehen. Wie glänzende +Perlen aus dem Orient funkelten die weißen Zähne im +roten Mündchen. (Der alte Esel nahm es gar nicht wahr.) +Sie war noch ein Kind, schlank zwar, aber kräftig gebaut. +Lange strich sie um die Schätze herum, zauderte, bis +sie den Heiducken endlich anredete: »Und ich – darf ich wohl?«</p> + +<p>Gyuri Bácsi blieb erst wie Eis, dann sagte er verächtlich: +»Wozu ein Hufeisen an einer Kröte Fuß? Geh' zum Teufel?«</p> + +<p>Als wäre jedes Wort eine Wolke gewesen, die sich auf +das Antlitz des Mädchens herabließ, so traurig wurde das +Kind. Selbst dieses wild aufgewachsene Eichhörnchen wurde +von dem Tand gebannt. Es wandte sich ab und wischte +mit dem Arm die hervorquellenden Thränen aus den Augen.</p> + +<p>Zum Glück – oder vielleicht zum Unglück – war der +Oberrichter eben im Zimmer und betrachtete ihren Kummer. +Er berührte mit der Hand ihre Schulter. Erschreckt fuhr sie +in die Höhe. »Wähle unter diesen Kleidern und kleide dich an.«</p> + +<p>Zagend schaute sie zu ihm auf. »Der erlaubt es nicht!« +(Sie zeigte mit einer Gebärde auf Pintyö.)</p> + +<p>»Aber wenn ich es gestatte, ich, der Oberrichter der Stadt.«</p> + +<p>Sie lächelte unter Thränen, indem sie ihn anschaute. +»Du befiehlst hier? Wahrhaftig?«</p> + +<p>»Pintyö,« sprach der Oberrichter lächelnd, »tragen Sie +der Kleinen das schönste Kleid hinein. Sehen wir zu, was +man aus ihr machen kann.«</p> + +<p>Sie konnten es schon nach einer Viertelstunde sehen. Als +sie aus dem Ankleidezimmer trat, gewaschen und angekleidet, +da hörte man ein Murmeln der Bewunderung. Ist's ein +Traumgebilde oder ein lebendes Wesen? Sie war wie eine +Königstochter von blendender Schönheit. Das kirschrote seidene +Leibchen ließ entzückende Formen vermuten, der Rock schlängelte +sich anmutig bis zu den Knöcheln. Ihre Lippen wetteiferten +an Röte mit dem Rubin und ihr tiefschwarzer Zopf lief so +weit hinunter, als er nur etwas von ihrem Körper, sich daran +zu schmiegen, fand.</p> + +<p>»Wessen Tochter bist du?« fragte der Oberrichter entzückt.</p> + +<p>»Des alten Bürü Tochter, der beim ›Schmucken Husaren‹ +zu musizieren pflegt.« (Der ›Schmucke Husar‹ war eine berüchtigte +Csárda unter den Tanyen<sup id="fnRef7"><a href="#fn7">7</a></sup> des Theißufers.)</p> + +<p>»Wie heißt du?«</p> + +<p>»Czinna.«</p> + +<p>»Kommst du mit uns nach Ofen?«</p> + +<p>Sie zuckte gleichgiltig mit der Schulter.</p> + +<p>»Kommst du, so gehört das Kleid dir.«</p> + +<p>»Ich gehe.«</p> + +<p>So fand man die erste Blüte des Blumenstraußes. Auch +die übrigen fanden sich. Man mußte nur von den vielen die +passendsten drei auswählen. Die flachshaarige Marie Bari +mit ihren veilchenblauen Augen, ihrer reizenden Taille; die +stattliche, hohe Magdolna und die runde, üppige Agnes Pál +mit ihrem roten Gesicht, eine knospende Malve. Nie küßte +Schönere der Sultan, nie besang Herrlichere Firdusi.</p> + +<p>Nun konnten sie sich schon auf den Weg machen. Sonntags +kam die Rinderheerde, hundert prächtige Ochsen, alle mit +hübschen Glocken, bändergeschmückten Hörnern, es kamen die +Pferde, fünfzig schlanke Fohlen, jedes mit einem silbernen +Glöcklein. Auf die beiden Wagen setzten sich zu zweien die +Mädchen, das heißt, zwei unter ihnen waren Frauen, die +»falschesten« zwei Frauen, denn sie gaben sich nur als +solche. In ihren blauen, mit silbernen Spangen versehenen +Mänteln bestiegen hierauf auch die Herren Senatoren die +Wagen. Im ersten Wagen saß der Oberrichter mit Franz +Kriston, auf dem Rücksitz Josef Inockai. Einer bringt die +Hengste, der andere die Rinder. Herr Agoston, der auf +dem anderen Wagen saß, avancierte vom Deputierten zum +Blumengärtner – so ist nun einmal die Politik. Gabriel +Poroßnoki trug die Waffen in prächtigem Seidenfutteral. Der +Sechste vom Stadthause, der kleine verwachsene Georg Imecs +sah zwar nicht gut aus, aber er sprach gut türkisch und +tatarisch, so nahmen sie ihn mit zum »Schmieren«. Das +Eljengeschrei der Versammelten ertönt, die zu Hause gebliebenen +Frauen reißen die Tücher vom Kopfe, um mit denselben +zu winken, die Kutscher treiben ihre Pferde an, die +Czikose<sup id="fnRef8"><a href="#fn8">8</a></sup> schwingen ihre Peitschen und nun setzt sich der glänzende +Zug unter Musikbegleitung in Bewegung, denn die +Glocken der hundert Ochsen ertönen und die fünfzig Silberglocken +läuten. Der Weg ist eintönig, wir beschreiben ihn +nicht, im Alföld ist alles gleichförmig. Die Ortschaften, die +Städte, die Dörfer, die Ebene mit ihrer Fata Morgana, der +nur das Sinken des Himmelsgewölbes ein Ende macht, der +graue Boden, aus dem die matte Herbstsonne buntfarbige +Blumen zaubert, ist überall derselbe. Eine Gemarkung gleicht +so der anderen, wie eine Elle Tuch der anderen, wenn sie +von einem Stücke sind. Hie und da erblickt man eine einsame +Tanya, ein weißes Häuschen, einen Brunnen. Am +Ende der Ortschaften erscheinen die Windmühlen mit ihren +ausgebreiteten Flügeln. Es ist wahrlich köstlich, wie einförmig +auch die großen Städte Alfölds waren. Jede hatte ein Ding, +womit sie sich brüstete. Debreczin mit seinem Kollegium, +Szegedin mit seiner Mathiaskirche, Kecskemét mit dem Nikolausturm, +auf dem im besten Einvernehmen der kalvinische +Hahn, der lutheranische Stern und das katholische Kreuz zu +sehen waren; jede Stadt hatte auch ein berühmt gewordenes +Nahrungsmittel aufzuweisen, Debreczin die Wurst, Kecskemét +den Apfel, Szegedin den Paprika. Sie entwickelten sich auch +geistig gleichförmig, eine jede zeigte, was sie <span class="f" lang="la">in puncto</span> des +Geistes kann. Debreczin hatte seinen Csokonai, Szegedin +seinen Dugonits, Kecskemét seinen Katona.<sup id="fnRef9"><a href="#fn9">9</a></sup></p> + +<p>Unsere Helden aber reisten munter fort, bis sie sich endlich +im großen Ameisenhaufen Ofen befanden, wo sie sofort +zu ihrer Aufgabe sich stellten, jeder, wie sie ihm zugeteilt +war. Die erste Rolle fiel dem »Schmiermenschen« zu, +der sich von der »schmierenden« Frau<sup id="fnRef10"><a href="#fn10">10</a></sup> nur darin unterscheidet, +daß er den Leuten die Schmerzen nicht mit Fett, +sondern mit Gold austreibt. Er lief von Pontius zu Pilatus, +um dort zu argumentieren, daß die Audienz bewilligt +werde. Der Padischah genehmigte, daß am Mittwoch die +Stadt Kecskemét vor sein glanzvolles Angesicht trete.</p> + +<p>Fünftes Kapitel.</p> + +<p>In großer Gala erschienen unsere Freunde, den Säbel +an der Seite. Herr Michael Lestyák zeigte sich als ein fescher, +hübscher Jüngling. Er hielt die Ansprache, er beschrieb die +traurigen Zustände in Kecskemét so treu, so schön, daß die +vier hinter ihm stehenden Senatoren in Thränen ausbrachen. +(Herr Imecs wurde bereits gestern nach Hause gesendet.) Die +Rede gipfelte nach vielen Stilblüten darin, daß die Kecskeméter +dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Füßen fallen, dieser +möge ihnen einen ständig in Kecskemét wohnenden Pascha bewilligen +oder einen anderen Würdenträger, wenn er auch nur +so groß wäre, wie ein kleiner Finger, der sie fortab vor den +Plünderern bewahre. Blos das Faktum, daß ein Mann des +erhabenen Sultans in Kecskemét ist, rettet den Frieden und +die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen Wendung +malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben +der Pascha dort führen würde; sie werden ihm ein Steinhaus +bauen, werden ihn schätzen und achten, werden ihn bedienen, +aus ihrer Hand werde er den süßen Honig essen können und +so weiter.</p> + +<p>Nun übersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha Nazur +Bey die Rede dem Sultan, der dieselbe mit apathischem Gesichte +und sehr gelangweilt zu Ende hörte. Im übrigen war +dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa vierzig Jahre alt. +Hie und da nickte er dazu mit dem Kopfe.</p> + +<p>Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem +Sultan mit verschränkten Armen und lauerte mit blutunterlaufenen +Augen, wie wenn er sagen würde: »Die Rede haben +wir nun gehört, nun lasset uns die Argumente sehen.« Diese +folgten sofort.</p> + +<p>Gabriel Poroßnoki trat hervor, öffnete das apfelgrüne +seidene Futteral, das er vor sich hinhielt, er entnahm demselben +die prächtig gearbeitete goldene Peitsche und den Fokos, +dann legte er sie auf den Schemel zu Füßen des Sultans. +»Wir legen zu deinen Füßen, erhabener Herr, die Waffen +Kecskeméts.«</p> + +<p>Der Sultan bückte sich, hob die Peitsche auf und betrachtete +dieselbe eine Zeitlang. Dann wechselte er mit Ibrahim einige +leise Worte.</p> + +<p>Unterdessen hatte der Herr Senator Inokai gerade seine +Kehle gewetzt und leierte dann mit ehrerbietigem Krächzen +folgendermaßen: »Deinen heldenhaften Soldaten haben wir +einen kleinen Braten gebracht, größter der Sultane, sei so +gnädig und betrachte denselben durch das Fenster.«</p> + +<p>Bey Nazur verdolmetschte auch dies mechanisch, worauf +sich der Sultan unwillig vom Sopha erhob, um zum Fenster +zu treten, von wo aus die prächtigen Rinder und Fohlen zu +sehen waren, zu denen Herr Franz Kriston den Prolog gestammelt. +All' dies interessierte den mächtigen Herrn des +Orients nicht besonders, müde ließ er sich wieder auf das +Sopha fallen. ... Jetzt öffnete sich die Thür des Saales +und ein kühlender Windhauch schlich sich ein. Vielleicht hatte +dies das Knistern der vier Weiberröcke verursacht. Die Kecskeméter +Mädchen traten ein, frisch und lieblich.</p> + +<p>Der Sultan sprang erregt empor. Christophus Agoston +stellte sich in die Mitte des Zimmers, einem Schuljungen +gleich und mit Gesten, als ob er einen Strauß in den Händen +hielte, den er dem Papa überreicht, deklamierte er verschämt: +»Wir brachten auch ein klein wenig Blumen, gnädigster +Herr.«</p> + +<p>Der Sultan verstand gewiß nicht die ungarischen Worte, +jedoch er geruhte jetzt auch ohne jedes weitere Hinzuthun zu +lächeln. Dann rief er fröhlich dem Ofner Pascha zu: »Einen +Schleier über sie, schnell, Ibrahim,« (dies wollte in orientalischer +Sprache so viel heißen: »Befleckt sie nicht einen +Augenblick länger mit Euren wollüstigen Blicken.«)</p> + +<p>Während der Pascha hinausstürzte, um Verfügungen zu +treffen, teilte der Sultan in langen gedehnten Worten etwas +dem Dolmetsch mit.</p> + +<p>»Se. Majestät der Sultan, dessen Schatten Allah beschirme, +sagt Euch, Ihr Ungläubigen, daß er Eure Wünsche +berücksichtigen wird. Verhaltet Euch bis dahin ruhig und +wartet draußen.« Der Dolmetsch winkte und damit war die +Deputation entlassen.</p> + +<p>Als aber Herr Agoston die gute Laune des Sultans sah, +glaubte er die Zeit gekommen, irgend eine ewig denkwürdige +That zu vollführen; er zog daher die hinausgehenden Vorsteher +bei ihren Mantelflügeln zurück und sprach zu dem Dolmetsch: +»Mächtiger Dolmetsch, rechte Hand deines Herrn, +vermittle noch eine Bitte!«</p> + +<p>Der Großvezier, die anwesenden Paschas und Ulemas betrachteten +den Tollkühnen betroffen, und nicht weniger überrascht +waren die Kecskeméter Herren, aber der Sultan, an +die Blumen Kecskeméts denkend, lächelte noch immer, und +wenn der Sultan lächelt, scheint die Sonne, die Gräser wachsen, +die Steine spielen Harfe und alles ist in Ordnung.</p> + +<p>»Nun, was wollt Ihr noch?« rief der Stellvertreter +Ibrahim Paschas, Hassan, aus. »Sagt es schnell, denn es +warten noch viele Deputationen draußen.«</p> + +<p>»Gerade das ist es,« fuhr Christoph Agoston ermutigt fort, +»wir sahen draußen die Nagy-Köröser Deputation und wir +bitten Se. Majestät ganz ergebenst, daß er ihr nichts gewähre, +was sie auch verlangen möge.«</p> + +<p>Der Vertreter des Sultans lachte und interpretierte selbst +dem Beherrscher der Gläubigen diese zweite Bitte.</p> + +<p>Auch der Beherrscher der Gläubigen lachte über den sonderbaren +Wunsch (so etwas kam ihm in der Praxis noch nicht +vor) und frug lebhaft, was der Grund davon sei.</p> + +<p>Lestyák gab die Antwort: »Nagy-Körös und Kecskemét sind +so mit einander wie Mekka und Medina, wie Hund und Katze.«</p> + +<p>Der Sultan geriet in eine prächtige Laune, der Dolmetsch +interpretierte gleichfalls mit freudestrahlendem Gesicht die Antwort +des Herrschers: »Freut Euch! Der gnädige Padischah +wird Eure erste Bitte genau überlegen, die zweite vollführen.«</p> + +<p>Damit gingen die Kecskeméter in den Hof hinaus, den +auf den Einlaß wartenden Köröser Nachbarn »guten Morgen« +wünschend.</p> + +<p>Nach einigen Minuten schlich sich der Vertraute des Sultans +zu ihnen und vertröstete die Senatoren, ihnen auf die +Schulter klopfend: »Ihr seid glückliche Spitzbuben! Ihr habt +den Sultan ganz gewonnen und ihn erheitert. Kein Zweifel, +alles wird geschehen.« Er rieb sich zufrieden die Hände. Es +waren ihm nachträglich hundert Dukaten versprochen worden, +wenn in Kecskemét eine türkische Behörde installiert wird.</p> + +<p>Unter großen Hoffnungen schritten sie draußen auf und +ab, die Rede des Oberrichters lobend und das Auftreten +Agostons. Herr Agoston selbst war ganz entzückt. »Nicht +wahr, daß ich etwas wert bin? Da giebt es doch Verstand, +Gevatter?«</p> + +<p>Nach ungefähr anderthalb Stunden kam der türkische Vertrauensmann +wieder zurück. Zornig schlenkerte er mit der +Hand, sein Gesicht war rot vor Grimm wie Paprika. »Nun, +Schweine,« schrie er von weitem, »Ihr habt Euer Glück mit +Füßen getreten!«</p> + +<p>Die wackeren Herren sahen ihn versteinert an. »Was ist +geschehen, um Gotteswillen?«</p> + +<p>»Das ist geschehen, Ihr Esel, daß die Nagy-Köröser Deputation, +die Entfernung der Ofner und Szolnoker Paschas +beklagend, als Sitz einer zu errichtenden türkischen Obrigkeit +Kecskemét wünschte.«</p> + +<p>»Wir aber« ... stotterte Josef Inokai.</p> + +<p>»Ihr aber ließet den Sultan versprechen, daß er den +Wunsch der Nagy-Köröser, welcher es auch sei, nicht erfüllen +werde. Erstarret!«</p> + +<p>Damit drehte er ihnen den Rücken, nachdem er zuvor +einige Male türkisch vor sie hinspie.</p> + +<p>Man hätte die Betroffenheit sehen sollen. Lestyák nagte +den Schnurrbart, der ehrliche Poroßnoki schimpfte, Kriston +bekam Nasenbluten vor Schreck, der alte Inokai begann zu +schluchzen, während Herr Agoston direkt zu den Wagen ging, +welche an der Donau standen, sich in den einen hineinlegte +und mit der Bunda<sup id="fnRef11"><a href="#fn11">11</a></sup> zudeckte, weil ihn ein solches Fieber +schüttelte, daß es, gleichmäßig verteilt, für hundert Schnupfen +ausgereicht hätte.</p> + +<p>»Jetzt könnten wir nach Hause gehen,« unterbrach Kriston +die traurige Ruhe.</p> + +<p>»Wir warten den Beschluß des Sultans ab,« meinte +der Oberrichter.</p> + +<p>Es mag Vesperzeit gewesen sein, als der Kaimakam des +Sultans in Begleitung des Dolmetsch sie abholen kam. Er +geleitete sie in einen Saal und übergab ihnen einen Kaftan, +indem er durch den Mund des Dolmetsch sagte: »Das schickt +Euch Se. Majestät der Padischah. Ihr werdet gewiß einen +guten Gebrauch davon machen!«</p> + +<p>Die Senatoren blickten traurig auf das dunkelgrüne +Sammetkleidungsstück, welches mit goldenen Schnüren und +Bändern geschmückt war und erstaunt schienen die Kecskeméter +einander zu fragen: »Also nur so viel?«</p> + +<p>Herr Poroßnoki gab seiner Unzufriedenheit auch in Worten +Ausdruck: »Mehr ließ Se. Majestät nicht sagen?«</p> + +<p>»Mehr nicht,« erwiderte der Kaimakam mit großem Phlegma. +»Der Sultan war Euch gut gesinnt, aber er mußte sein +Wort einlösen. Ihr selbst habt es doch gewünscht.«</p> + +<p>»Könnte man nicht noch einmal zu ihm gelangen?«</p> + +<p>»Das geht nicht.«</p> + +<p>»Donnerwetter! Wir sind schön daran! Es wird zu +Hause eine Freude geben.«</p> + +<p>»Wenn dem so ist,« sagte der Oberrichter kalt, »dann +fassen Sie diesen Kaftan an, Herr Kriston.«</p> + +<p>Franz Kriston ergriff sehr zornig und unehrerbietig den +mit einer Bärenhaut wattierten Mantel, so daß das eine +Ende desselben die Erde kehrte, und schleppte ihn mit großem +Lärm dem Oberrichter nach. Als er zu den Wagen gelangte, +warf er ihn in eine Ecke wie einen Fetzen.</p> + +<p>Herr Agoston war bereits verschwunden; der eine Kutscher +konnte über ihn nur so viel Aufklärung geben, daß er sich +im Wagen nach Waitzen führen ließ, wo er eine verheiratete +Tochter hatte, er sprach wenig, denn seine Zähne klapperten +sehr, aber so viel sagte er doch, daß er Kecskemét nie wieder +sehen werde. Als man die Pferde gefüttert und getränkt +hatte und die Unserigen sich auf den Heimweg begaben, dunkelte +es bereits, der Rauch der Schornsteine vermischte sich +mit dem Nebel, die Frösche quakten häßlich in den Pester +Sümpfen (auf dem jetzigen Kettenbrückenplatze), die Priester +schrien unausstehlich von den Ofner Minarets, während aus +der Pester alten Burg die Eulen geisterhaft hervorhuschten. +Nur weit, in irgend einem Dörfchen erklang eine weinerliche +christliche Glocke. Der Nebel war rötlich-weiß, wie frisch gemolkene +Milch, halb durchsichtig, so daß man spöttisch lachende +kämpfende Drachen, gepanzerte Wundertiere, Gespenster in +Laken hervorscheinen sah. Am Himmelsgewölbe breitete sich +eine einzige dunkelblaue Wolke schwerfällig aus.</p> + +<p>Als sie die Pester Häuser verlassen hatten und mit schwerer +Not aus dem Sumpfe jenseits des Hatvaner Thores herauskamen, +wo der Wagen Kristons beinahe in einer Linnenbleiche +stecken geblieben wäre, rückte die Wolke mit einem Male fort +und verschlang plötzlich den Mond, wie wenn ein großer +Silberthaler in einem blauen Strumpf versinkt. Es ward +etwas finsterer; eine feierliche, melancholische Stille kam über +die schlafende Natur. Nur die Wagen knisterten in ihren +Achsen und hie und da wurde ein Hahnenruf in den Pester +Tanyen laut. Die Pferde zogen ungern weiter, die Kutscher +fluchten und die Senatoren saßen in tiefe Gedanken versunken +wortlos neben einander, nur zuweilen einige Worte +austauschend. Und doch hätten sie auch ihre Gedanken austauschen +können, denn diese waren die gleichen. Wenn der +eine sagte: »Wie sollen wir zu Hause das große Nichts übergeben?« +antwortete der andere, nachdem er in die Nacht +hinein gestarrt hatte: »Ich wäre jetzt lieber ein Schäferhund, +als ein Kecskeméter Senator.« Der dritte hob sein gebeugtes +Haupt und setzte seufzend hinzu: »Für hundert Ochsen und fünfzig +Pferde einen grünen Mantel – das ist ein guter Markt.« +Damit wurden sie wieder schweigsam und starrten neuerdings in +den weißen Nebel, aus welchem sich jene bizarren Gestalten +abhoben. Mit einem Male trat aus einer dieser Nebelsäulen +ein Gespenst hervor. Augenscheinlicher, wahrer als die anderen, +es stellte sich den Pferden entgegen ... und sein Schatten +bewegte sich auf der Straße. Die Pferde der Voranziehenden +stutzten. Der Kutscher blickte auf. Ein weiche weibliche +Stimme erklang: »Bleiben Sie stehen!«</p> + +<p>Der katholische Inokai machte das Zeichen des Kreuzes: +»Alle guten Geister loben den Herrn!«</p> + +<p>»Wer bist du?« fragte Kriston.</p> + +<p>»Ich bin die Czinna, das Zigeunermädchen. Nehmt mich +schnell in den Wagen.«</p> + +<p>Anfangs erschrak nur Inokai, aber jetzt waren Kriston +und Poroßnoki zu Tode erschrocken. Sogar der auf dem +anderen Wagen befindliche Oberrichter verschmähte es nicht +herabzuspringen. »Wie kommst du hierher, du Krähe?«</p> + +<p>»Ich bin davon gelaufen!« antwortete Czinna kurz.</p> + +<p>»Gerade das ist's, warum bist du geflohen?«</p> + +<p>»Weil ich mich langweilte.«</p> + +<p>»Du Hundeleber!« schrie Kriston und kratzte sich den Kopf. +»Weißt du, daß man uns alle deineswegen hängt? Wirst +du dich gleich zurückpacken! Was sollen wir thun? Was +sollen wir thun?«</p> + +<p>»Man muß sie zurückgeleiten,« meinte auch Poroßnoki.</p> + +<p>Die glänzende Fläche des Mondes trat jetzt hervor und +beleuchtete das schöne Mädchen. Ihr prächtiges Gewand war +ganz beschmutzt, ihre Stiefel waren kothig, der Rock im +Sumpfe durchnäßt, durch welchen sie watete.</p> + +<p>»Ich will nicht zurückgehen,« murrte sie trotzig und ihre +weißen Zähne leuchteten, denn sie klapperten ein wenig. +Fröstelnd knöpfte sie ihren Überwurf zu.</p> + +<p>»Du mußt zurückgehen,« sagte der Oberrichter, »wir spielen +mit unseren Köpfen.«</p> + +<p>Das Mädchen zuckte zusammen, richtete ihre schönen, +großen Augen auf den Oberrichter, aber mit einem so wunderbaren +Blicke, daß der Oberrichter ausrief: »Komm' also, +setze dich zu mir in den Wagen. Ich werde dich nach Hause +führen.«</p> + +<p>»Herr Oberrichter! Herr Oberrichter!« warnte Poroßnoki +melancholisch. »Was thun Sie?«</p> + +<p>»Auf meine Verantwortung!«</p> + +<p>»<span class="f" lang="la">Juventus ventus</span>,« murrte Inokai.</p> + +<p>Die Augen Czinnas blitzten wieder, es lag darin die +Wärme der Hundetreue. Dann sprang sie zum Oberrichter +mit einem leichten Schwunge wie eine Wildkatze.</p> + +<p>Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung.</p> + +<p>»Du frierst,« sagte Lestyák, ihrem Atemzuge lauschend. +Dann zog er den kaiserlichen Mantel hervor und breitete ihn +über ihre Knie. Er betastete mit seiner Handfläche ihre Stirn, +sie war ein wenig heiß, aber wie glatt, wie süß anzufühlen! +Das Blut des Oberrichters begann zu sieden.</p> + +<p>»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte +unterdessen auf dem ersten Wagen Inokai, »Herrn Christoph +Agoston, der seinen Kopf an einen sicheren Ort gelegt hat, +nach Waitzen.«</p> + +<p>»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte +im letzten Wagen der junge Ochsenhirt vor dem alten Roßhirt: +»Unseren Oberrichter, Herrn Lestyák, denn dieser kostet +die roten Lippen des Zigeunermädchens und mißt mit dem +Arm ihren schönen schlanken Leib.«</p> + +<p>»Sag' mir Czinna,« fragte der Oberrichter, »wie bist du +entflohen?«</p> + +<p>»Ich bestimmte den alten Türken, welcher an der Thüre +wachte, einzuschlafen und er schlief ein.«</p> + +<p>»Wie konntest du mit ihm türkisch sprechen?«</p> + +<p>»Ich nahm mein Halsband vom Halse und gab es ihm.«</p> + +<p>»Und die anderen?«</p> + +<p>»Auch diese habe ich angeeifert, aber sie wollten nicht +kommen. Hier zu Hause hätten sie sich im Tagelohn verdingen +müssen, dort gab es ein prächtiges Mittagmahl, Braten, +dreierlei geschmackvolle Fruchtgattungen. Auch Mamaliga<sup id="fnRef12"><a href="#fn12">12</a></sup> gab +es vielleicht dort. Das Nachtmahl wartete ich nicht mehr ab.«</p> + +<p>»Aber du gingst doch gut gelaunt mit uns.«</p> + +<p>»Ich freute mich über die Kleider.«</p> + +<p>»Und du hast sie schon satt?«</p> + +<p>»Ich verabscheue sie und sehne mich nach meinen Lumpen.«</p> + +<p>»Ei, ei,« sagte der Oberrichter traurig, »du kannst noch viel +Leid über Kecskemét bringen! Man wird dich suchen, Czinna!«</p> + +<p>Sie schmiegte sich furchtsam an den Oberrichter und ihr +ganzer Körper zitterte wie Espenlaub.</p> + +<p>»Fürchte nichts, ich werde dich nicht verlassen, wenn ich +es einmal aussprach. Was ich sage, das ist gesagt.«</p> + +<p>Das Mädchen beugte sich über die Hand Lestyáks, küßte +sie und weinte.</p> + +<p>Nervös, fast rauh erfaßte der junge Mann ihren Kopf, +um ihn von seiner Hand wegzuziehen und brummte ärgerlich: +»Ich bin kein Bischof.« Als er den Kopf des Mädchens +aber erhob, floß mit einem Male die Welt vor ihm zusammen, +sie drehte sich im Kreise, die Sterne sprangen vor seinen Augen +umher, der Wagen schien umzufallen und er drückte ganz +selbstvergessen das schöne Haupt an seine Brust. Plötzlich +gereute es ihn ... und er ließ es wieder los.</p> + +<p>»Nun, nun ... was zum Teufel machst du, Czinna? +Mach' keine Dummheiten und küsse mir die Hand nicht, denn +sonst werde ich deinen Zopf an den Wagen binden, damit du +deinen Kopf nicht bewegen kannst. Wie du den Menschen in +Verwirrung bringst!«</p> + +<p>Er erfaßte scherzend ihr dichtes, weiches Haargeflecht.</p> + +<p>»Nun, soll ich es an den Wagen binden?«</p> + +<p>»Wie Euer Gnaden wollen,« sagte das Mädchen sanft, +ruhig.</p> + +<p>»Ich binde es nicht an, fürchte nichts. Ich denke an +etwas anderes.«</p> + +<p>Lange Zeit schwiegen sie. Lestyák rieb sich oft mit der +Hand die Stirne.</p> + +<p>»Ich denke daran«, sagte er endlich flüsternd, »daß man +deinen Zopf bis zum Grund abschneiden müsse.«</p> + +<p>Czinna richtete ihre Augen verwundert auf ihn, diese +glänzten selbst im Finstern.</p> + +<p>»Neige dich näher zu mir, Czinna, damit der Kutscher +nicht hört, was ich sage. Schmiege dein Ohr an mein Gesicht +an. Noch näher. Fürchte nichts, ich werde Dich nicht +küssen.«</p> + +<p>»Was liegt mir daran, küssen Sie mich.«</p> + +<p>»Dein Haar muß abgeschnitten werden.«</p> + +<p>»Was liegt mir daran, schneiden Sie's ab.«</p> + +<p>»Dann mußt du vom Wagen steigen ...«</p> + +<p>Das Mädchen machte eine unruhige Bewegung.</p> + +<p>»Denn man wird dich suchen und ich habe nicht genug +Macht, um dich zu schützen. Wer weiß übrigens, was mit +mir geschieht. Ein schlimmes Schicksal steht mir bevor. Du +mußt also absteigen, das ist gewiß.«</p> + +<p>»Aber warum?«</p> + +<p>»Weil der Sultan oder der Ofner Pascha mächtiger ist, +als der Kecskeméter Richter. Wenn ich mächtiger wäre als +sie, dann würdest du jetzt bei mir bleiben und kein Haar +würde dir gekrümmt werden.«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie nicht.«</p> + +<p>»Du wirst mich bald verstehen. In dieser Kiste befindet +sich ein Männeranzug, ich habe ihn jetzt für mich in Ofen +gekauft. Wenn du vom Wagen springst, wirst du dich irgendwo +als Bursch verkleiden; ich lege dir auch ein paar Dukaten +in die Tasche. Du wirst ein hübscher Junge sein, was +glaubst du? Der Teufel selbst wird die einstige Czinna nicht +erkennen.«</p> + +<p>Czinna seufzte und fing an zu weinen.</p> + +<p>»Schön langsam, nach Verlauf von Tagen wirst du nach +Kecskemét zurückkehren, womöglich auf anderen Wegen und +bei meinem Vater als wandernder Schneidergeselle, der Arbeit +sucht, einkehren.«</p> + +<p>Czinna wischte sich die Thränen ab und lachte laut auf.</p> + +<p>»Es wird gut sein, es wird wirklich gut sein! Wenigstens +kann ich Sie täglich sehen.«</p> + +<p>»Wiehere nicht wie das kleine Füllen ... Das ist ein +ernster Zustand. Wenn der Alte sich weigern sollte dich anzunehmen, +so wirst du ihm diesen Ring zeigen, zum Zeichen +dessen, daß ich es wünsche.«</p> + +<p>»Aber Sie werden ja zu Hause sein und können es auch +mündlich sagen.«</p> + +<p>»Was weiß ich, wo ich sein werde,« antwortete er mürrisch +und zog einen Opalring vom Finger, ihn Czinna übergebend.</p> + +<p>Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Wenn er dich aber +ohne Ring aufnimmt, so zeige denselben nicht; mein Vater +soll nicht ahnen, niemand darf es wissen, wen die Männerkleidung +bedeckt. Ich wünsche es so.«</p> + +<p>»Dann wird es auch so sein,« sagte Czinna.</p> + +<p>»Und jetzt gehen wir an die Arbeit. Du mußt abspringen, +so lange es noch dunkel ist.«</p> + +<p>In der Lade befand sich eine große Scheere, mit welcher +man die Mähnen der Füllen zu ordnen pflegte. Als sie der +Oberrichter hervorzog, zitterte seine Hand, wie erst, als er die +prächtigen Zöpfe erfaßte, um dieselben zu vernichten.</p> + +<p>»Ich habe keinen Mut.« Und matt ließ er die Scheere +fallen.</p> + +<p>»Was bedauern Sie dabei?« zürnte das Mädchen, die +Scheere erfassend. Das scharfe Eisen knisterte und der Haarwald +war abgeschnitten. Das Mädchen lächelte mit kronenlosem +Kopfe. Dann flocht es aus den Zöpfen die schweren +Brokatbänder los, während Michael die Männerkleidung aus +der Kiste nahm.</p> + +<p>»Wenn du dich umgekleidet hast, merke gut auf, wirst du +an das Ufer der Theiß gehen, wo du sie am nächsten erreichst +und wirst dein abgelegtes Kleid neben einen Weidenbusch +legen, wie es die einen Selbstmord begehenden Mädchen zu +thun pflegen, welche ihre Kleider dort zurücklassen und nur +ihren Schmerz mitnehmen ...«</p> + +<p>»Alles wird so sein ... alles.«</p> + +<p>»Hoho! Wehe! Wehe!« erscholl es in diesem Momente +vom Wagen des Kriston.</p> + +<p>»Was ist geschehen?« rief der Oberrichter hinüber.</p> + +<p>»Wir sind in irgend einen Morast gesunken.« Das war +in der That kein Wunder. Damals waren die Komitate noch +Jungfrauen bezüglich des Straßenbaues. Die Klage, daß +man Kot auf Kot häufe und dies Landstraße nenne, hatte +damals noch keine Berechtigung, denn man häufte überhaupt +gar nichts. Die Ansicht war vorherrschend, »daß die Wagen +die Straße selbst machen.« Wo eine Radspur ist, dort sind +schon Menschen passiert und wenn sie schon passierten, »dann +können auch wir dort wandeln.«</p> + +<p>Mit einem Male endete die Radspur und der Wagen saß +bis zur Achse im Moraste drin, welcher beim Mondschein +einer grünseidenen Wiese glich. Dieses Alföld, welches Petöfi +ein offenes Buch nennt, ist eine tolle Gegend. Bei Tage +zeigt es mit seiner Fata Morgana das Land als Wasser, des +Nachts das Wasser als Land. (Wann soll der Mensch ihm +glauben?)</p> + +<p>Der Kutscher fluchte, schlug das Pferd, daß die Stränge +beinahe rissen, er wußte aber eigentlich nicht, welche Richtung +er wählen sollte, wo ein Ausweg sei. Der andere Wagen +versuchte in anderer Richtung sein Glück. Auch dieser geriet +in den Morast.</p> + +<p>»Wir werden hier zu Grunde gehen! Wer kennt den Weg?«</p> + +<p>Alle sprangen von den Wagen und begannen zu beraten.</p> + +<p>»So viel ist gewiß, daß wir uns bei den ›Höllenteichen‹ +befinden,« sagte Herr Poroßnoki. »Es muß irgendwo ein +Durchgang sein. Ich habe oft von den Fuhrleuten gehört, +daß man zwischen den Seen zum rechten Wege gelangen könne.«</p> + +<p>»Aber wo? Wir werden so lange suchen, bis wir versinken.«</p> + +<p>»Man muß den alten Marczi aufwecken, der hat schon +oft Ochsen nach Pest getrieben, auch in der Zeit des regnerischen +Herbstes. Wie, wenn er den Weg kennt? Du, kleiner Pferdejunge, +dort im letzten Wagen, wecke deinen Bruder Márton auf.«</p> + +<p>Der schlanke Pali brauchte nicht mehr Worte, er schüttelte +den schlafenden Alten aus Leibeskräften.</p> + +<p>»Nun, was giebts? Was schüttelst du mich, du Frechling?«</p> + +<p>»Mit Respekt zu melden, alter Verwandter, wißt ihr den +Weg nach Kecskemét?«</p> + +<p>»Ich glaube,« antwortete der kurz angebundene Ochsenhirt.</p> + +<p>»Wir befinden uns hier bei den ›Höllenteichen‹. Die +ersten zwei Wagen stecken schon im Sumpfe. Blicken Sie um +sich, wo wir einen Ausweg finden.«</p> + +<p>Marczi sah zum Himmel empor und betrachtete sehr aufmerksam +das erhabene Gewölbe mit seinen Milliarden funkelnder +Sterne.</p> + +<p>»Steigen Sie nicht hinunter, um den Platz zu sehen?«</p> + +<p>»Was soll ich daran sehen?« fuhr er mürrisch auf. »Der +eine Sumpf ist wie der andere.«</p> + +<p>Und wieder maß er aufmerksam das Himmelsgewölbe. +Mit einem Male richtete er sich im Wagen auf und rief zum +Wagen Kristons hinüber: »Siehst du, mein lieber Sohn, +diesseits des großen Bären die zwei kleinen Sterne, der eine +ist sehr blaß, hellweiß, der andere feuriger, aber kleiner, sie +befinden sich gerade einander gegenüber?«</p> + +<p>»Ich sehe, Marczi Bácsi.«<sup id="fnRef13"><a href="#fn13">13</a></sup></p> + +<p>»Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne, +mein Lieber. Dort ist der Weg.«</p> + +<p>Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder, +wie jemand, der alles ins Reine gebracht hat.</p> + +<p>Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser +auf die Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen +zurückgelangt war, befand sich Czinna nicht mehr dort. Unbemerkt +war sie während der eingetretenen Verwirrung verschwunden, +nur der große aufgelöste Zopf dunkelte aus dem +Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die herrlichen +Haare in die Faust, dann begann er die Fäden in +kleinen Büscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen +Fäden sanken leise nieder, der Wind trug sie, so daß es schien, +als flögen sie hinweg; das grünliche Wasser spielte mit ihnen +und schlang sie um die Wasserlilien, um das Schilf und die +buntkelchigen Erbsenblüten ... Nachdem man endlich in Sicherheit +war, da hielt des Oberrichters Hand nur noch einen Faden, +den er um seinen Ring wand.</p> + +<p>»Hoho!« rief er laut und dröhnend. »Wohin ist mein +Mädchen geraten? Auf welchem Wagen ist sie?«</p> + +<p>Von überall kam die Antwort: »Hier ist sie nicht! Hier +auch nicht.«</p> + +<p>»Gott sei Dank!« flüsterten die Senatoren erleichtert auf, +»daß sie nun durchgegangen ist, die kleine Kröte!«</p> + +<p>Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt gelangte +man ohne Zwischenfall von den Tanyen zu Dörfern +und von Dörfern zu Tanyen. Nur hier und dort verwischte +sich der Weg, allein das that nichts, war doch Marczi da, der +ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den richtigen Pfad wies.</p> + +<p>»Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern +zu, der dort neben dem kleinen Bären steht ...«</p> + +<p>Er war zu Hause unter den glänzenden Planeten des +Himmelszeltes. Die Erde ist unergründlich, der Himmel dagegen +mit seinem blauen Felde ist allezeit unveränderlich. +Von dort herab maß er denn auch den Weg von Pest bis +zur edlen Stadt Kecskemét. Er wußte da so genau Bescheid, +er sah den Weg so klar, daß auf demselben vor seinen Augen +förmlich Staub aufwirbelte .....</p> + +<h2>Sechstes Kapitel.</h2> + +<p>Pintyö stellte die geladenen Böller auf dem Marktplatze +auf; hier und dort wurden Transparente errichtet: »Willkommen!« +»Vivat!« und dergleichen mehr. Der glänzend beredte +Paul Fekete büffelte gerade an einer Rede, welche also +begann: »Wer kennt nicht den Ruf des weisen und achtungswerten +Seneca?« (Selbstverständlich kannte ihn jedermann, +denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprüchen dieses +achtungswerten und weisen Mannes.)</p> + +<p>Die Zigeuner des Bürüs strichen die Fiedelbogen mit Kolophonium, +kurz, es wurden große Vorbereitungen getroffen, +und man hätte vielleicht sogar die großen Glocken geläutet, +wenn Herr Poroßnoki nicht bei Czegléd, von seinem richtigen +Verstande geleitet, Pali, den schmucken Csikós, auf ein Roß +gesetzt und ihm aufgetragen hätte, daheim zu sagen, daß man +keine Komödien inszenieren solle, da zur Lustigkeit keine Ursache +vorhanden sei.</p> + +<p>Der Herold rief große Verstimmung hervor, brummig +und ärgerlich sah man gegen Abend aus den Fenstern und +hinter den Zäunen den Einzug der Vorsteher mit an. Kein +einziges »Eljen« war zu hören, nur die Hunde bellten hinter +den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu die +Schmach noch mästen, da sie ohnedies groß genug war!..</p> + +<p>Noch am selben Abende erhielten die Ofner Ereignisse +Flügel, man erfuhr, wie die Köröser Kecskemét, das heißt, +wie Kecskemét sich selbst »abgekocht« hatte und wie ihnen der +Sultan als Entgegnung auf die vielen kostbaren Geschenke +und Schätze einen Kaftan hingeworfen.</p> + +<p>Schmach und Schande!</p> + +<p>Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefühl haben +und den Kaftan auch nach Hause bringen? Am nächsten +Tage sammelten sich große Mengen vor dem Stadthause; die +angeseheneren Bürger gingen in den Saal hinauf, um hier +aus amtlichem Munde das Ergebnis der Reise zu vernehmen. +So war es nämlich Sitte nach jeder großen Expedition.</p> + +<p>Das gewöhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektakulirten +draußen, schrieen und suchten in unmöglichen Tönen eine +Melodie zu dem Verse, der soeben herrenlos auf den Lippen +des Pöbels geboren worden war:</p> + +<blockquote> +<pre> +»Kecskemét, magst glücklich sein, +Kaisers Kaftan ist ja dein!« +</pre> +</blockquote> + +<p>Einige des Weges kommende Großköröser Fuhrleute steigerten +noch die Gereiztheit. Tüchtig in ihre Pferde einhauend, +schrieen sie der Menge höhnisch zu:</p> + +<p>»Hält der Kaftan auch warm?«</p> + +<p>Und fürwahr, er heizte den Senatoren dort oben tüchtig ein. +Finster saßen sie in ihren Stühlen. Einige, so Herr Inokai, +ganz weichherzig und verzagt, nur auf dem schönen Antlitze +des Oberrichters leuchteten noch Mut und Trotz.</p> + +<p>Poroßnoki malte die Ereignisse der Reise in einer schön +komponierten Rede, und er begann mit dem Herrgott, der +Kecskemét so häufig heimsucht, daß man ihn bereits als einen +hier zuständigen Einwohner betrachten konnte. Sie waren in +gutem Glauben vorgegangen (der Herrgott ist Zeuge!) und sie +konnten nichts dafür, daß der Plan in Trümmer ging.</p> + +<p>Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren +ungeheuer, aber sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt!</p> + +<p>Anfangs hörte man fein ruhig zu und die hübsche Rede +würde vielleicht gar den Magistrat gerettet haben, hätte nicht +bei den Details, wo Poroßnoki mit großem Pathos sagte: +»Und wir erschienen am Mittwoch vor Sr. Majestät dem +türkischen Kaiser, der in königlichem Ornate da saß,« hätte, +wie gesagt, hierbei Gáspár Permete nicht dazwischen gerufen: +»Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?«</p> + +<p>Eine unbändige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern +und von da ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem +anderen. Die Autorität sank und kaum hatte der erste Funke +im Stroh verfangen, als auch schon alles aufloderte.</p> + +<p>»Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen +geworfen! Kleider mit Karfunkelsteinen haben sie jenen Personen +nähen lassen! Amtliche Gelegenheitsmacher! Eine Peitsche +mit Edelsteinen haben Sie mitgenommen! Das Geld wurde +hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum Kinderspott gemacht! +Ich komme gerade von draußen und da schreien die Köröser +auf dem Platze: ›Hält der Kaftan auch warm?‹ Eine solche +Schmach unserer Stadt!... Darauf mögen Sie antworten!«</p> + +<p>Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden +Augen, brüllender Stimme und drohender Faust +wütete er:</p> + +<p>»Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grünen Tische!«</p> + +<p>Und unheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den +Saal ein Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baumgeäste.</p> + +<p>»Danken Sie ab!«</p> + +<p>Die aufgeregten Bürger drängten sich in einem stets enger +werdenden Ring um den grünen Tisch. Lestyák warf seinen +Stuhl um, knöpfte von seiner Weste das Stadtsiegel los, +welches dort an einer Kette hing und warf dasselbe mit der +Kette zu Boden, so daß es bis in die äußerste Ecke des Saales +kollerte.</p> + +<p>»Da habt Ihr es! Ich brauch's nicht!« und er eilte +zur Thür.</p> + +<p>Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen.</p> + +<p>»Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage dich +vor Gott und Menschen an, daß du mit den Feinden der +Stadt unter einer Decke gespielt, daß du die Schätze unserer +heiligen Mutterkirche verkauft hast. Du bist der Gefangene +der Stadt!«</p> + +<p>»Auf wessen Anordnung?« fragte stolz und kalt Lestyák.</p> + +<p>Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge +abgeschnitten hätte, Lestyák hingegen entfernte sich, die Saalthür +hinter sich zuschlagend. Der Reihe nach standen jetzt die +anderen Senatoren auf, sich dem allgemeinen Willen unterwerfend. +Sie legten ihr Amt nieder. In dem entstandenen +Chaos brach sich Herr Josef Berkes Bahn bis zum Präsidentenstuhle.</p> + +<p>»Ich beantrage, daß, bis nach reiflicher Überlegung ein +neuer Beamtenkörper gewählt wird, die Angelegenheiten der +Stadt eine aus drei Mitgliedern bestehende Kommission führe. +Ein katholischer, ein kalvinischer und ein lutheranischer Mitbürger.«</p> + +<p>»So ist's!« schrie die Menge.</p> + +<p>Sofort rief man alle drei aus, die Herren Samuel Holeczy, +Balázs Putnoki und Josef Berkes. Das Triumvirat ging, +als sich die Menge zerstreute, in das benachbarte Zimmer, um +zu beraten und sein erster Beschluß war die Gefangennahme +des jungen Lestyák.</p> + +<p>Der alte Lestyák weinte und schrie, als man den Stolz +seines Herzens, seinen Max ins Gefängnis führte. Zuerst +griff er zum Bügeleisen und wollte die Haiducken totschlagen. +Als man ihm das Bügeleisen aus der Hand riß, brachte er +aus der Bibel geeignete Sätze zur Anwendung, welche er wie +Donnerkeile an die Köpfe Gyuri Pintyös und Pista Muskas +warf.</p> + +<p>»Man muß die Sache nicht so arg aufnehmen, lieber +Vater,« sagte ein wenig zornig der Ex-Oberrichter, »auch das +dauert nicht ewig.«</p> + +<p>»Sie werden das noch bitter bereuen!« rief der Alte, seine +Fäuste wie ein Theaterheld ballend. »Wehe dir, Kecskemét, +wie Sodom und Gomora wehe ward.«</p> + +<p>»Uns kann das Glück noch lächeln,« tröstete Max.</p> + +<p>»Glück?« Und der Alte begann wieder zu schluchzen, wie +ein altes Weib. »Auch das Glück ist eine Göttin, ein Weib +wie die anderen. Sie läuft immer neuen Männern nach. +Mit dem sie einmal ein Liebesverhältnis hatte und ihn verließ, +zu dem kehrt sie nicht wieder zurück.«</p> + +<p>Dann erfaßte er wieder verzweiflungsvoll mit den Bewegungen +eines Wahnsinnigen die Scheere und begann einen +neuen Dolman, den er eben fertig gestellt hatte, in Stücke zu +zerschneiden, indem er heiser röchelte:</p> + +<p>»Verdirb, Hund! Die Welt soll ein Ende haben.«</p> + +<p>Die Welt nahm zwar kein Ende, nur der Dolman und +auch den armen Max schleppte man in den dumpfen Kerker +des Stadthauses. Er lief ihm nach, aber bei der Thoreinfahrt +wankten seine alten Beine und er konnte erst an der Thürschwelle +rufen:</p> + +<p>»Fürchte nichts, lieber Sohn, ich werde dich von dort +erlösen, deine Freiheit erringen.«</p> + +<p>Nun, fürwahr, das war auch damals keine große Sache! +Man ging einfach zum Ofner Pascha, einen kleinen Befehl +zu erwirken, daß man ihn sofort frei lasse. Wenn das Herz +des Ofner Pascha nicht zu erweichen war, ging man zum +Szolnoker Pascha, auch dessen Befehl ist giltig. Nehmen wir +an, daß der Szolnoker Pascha gleichfalls in schlechter Laune +war, dann ist es ratsam, den Kalgaer Sultan aufzusuchen, +oder nach Fülek zum Vicegespan zu wandern, ja im schlimmsten +Falle kann auch Herr Csuda die Freilassung anordnen, +wenn es nicht das Einfachste ist, sich an den hochgebornen +Herrn Stefan Koháry nach Szécsény zu wenden. Alle diese +wohledlen Herrschaften befehlen in Kecskemét.</p> + +<p>Gerade kam ein Wanderbursche zur rechten Zeit, der sich +anbot, er war ein hübscher, Vertrauen erweckender Bursche.</p> + +<p>Jetzt kann Herr Lestyák zuversichtlich seine Reisetasche umhängen +und die obige Namensliste dazu, der Bursche hingegen +giebt auf das Haus acht, übernimmt die Bestellungen und +hält die ungeduldigen Kundschaften mit Worten hin, die Magd +Erzsike hingegen kocht für ihn und sucht ihn auszuforschen.</p> + +<p>»Aber dann mein Sohn Laczi? – nicht wahr du heißt +Laczi? – treibe keinen Mutwillen mit dem Mädchen, ich +warne dich, denn das ist mein Patenkind.«</p> + +<p>So ging der Alte fort und blieb lange aus, erst im späten +Winter kehrte er zurück.</p> + +<p>Das Bein der heurigen Martinsgans weissagte einen +strengen Winter und es war in der That so. Die kämpfenden +Parteien standen viel Elend aus. Von den Kriegern des +Herrn Thököly erfroren hundert bis zu Weihnachten. Wegen +des vorjährigen schlechten Jahres waren auch die Lebensmittel +knapp, die Soldaten froren nicht nur, sondern hungerten auch +dabei, kein Wunder, daß ihr Auftreten zuweilen grausam war.</p> + +<p>An jenem Abend, an welchem der alte Lestyák mit dem +Ferman des Ofner Pascha nach Hause kam, zog mit ihm zugleich +ein Trupp des übel beleumundeten Kalgaer Sultans +vor die Stadt, unter der Führung Olaj Begs, mit sehr vielen +in Sklavenketten geschlagenen Frauen und Männern und er +sandte mit einem Reiter den Befehl an das Triumvirat:</p> + +<p>»Ungläubige Hunde! Wenn ihr morgen Vormittag nicht +acht Wagen Brot, vierzig Ochsen, zwanzig Wagen Holz und +viertausendfünfhundert Gulden schickt, werde ich sie nachmittags +selbst mit meinen Soldaten holen und von den Köpfen der +Kecskeméter Regierung zwei abschneiden, denn ein Richter hat +an einem Kopfe genug. Versteht mich gut!«</p> + +<p>Im Stadthause entstand großer Schrecken. Die Haiducken +liefen in voller Eile von Haus zu Haus, daß man dem mächtigen +Olaj Beg Brot backe, daß man Holz zusammenscharre, +aber am schwersten war es, das Geld herbeizuschaffen, denn +die Lade der Stadt stand leer. Einen solchen Aderlaß erträgt +man jetzt nicht.</p> + +<p>Mit verstörten Gesichtern fand sie Michael Lestyák, als er +mit Unterwürfigkeit hereinhumpelte.</p> + +<p>»Nun, was wollen Sie?« frug Putnoki rauh ...</p> + +<p>»Ich kam wegen des Sohnes, mein großer guter Herr.«</p> + +<p>»Wegen des Sohnes?«</p> + +<p>»Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach +Hause bringen.«</p> + +<p>»Wenn wir ihn freilassen.«</p> + +<p>»Freilich, freilich,« sagte der Alte stolz, und breitete vor +Herrn Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus. »Übrigens +wie Euer Gnaden wollen.«</p> + +<p>Der Triumvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha +überflogen hatte; er griff sich sogar an den Hals vor Schrecken, +denn der gute Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr +niemals die Tinte aus, ohne eine kleine Gemütlichkeit in die +ernsten Zeilen zu mischen. Auch jetzt standen dort die wenigen +Worte: »Ich sehe, daß Euer Hals Euch stark juckt.«</p> + +<p>»Das ist etwas anderes,« sagte der Triumvir sich duckend. +»Wir gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spät +Abend, auch ist der Kerkermeister nicht hier. Wir werden +unseren Bruder morgen früh schon herauslassen.«</p> + +<p>Der Schneider ging nach Hause, aber die Morgendämmerung +fand ihn schon vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein +häßliches Wetter, ein großer Nebel ballte sich zusammen und +auch der Schnee fiel still herab. Die Stadtherren kamen früh +genug herein, besonders Putnoki, der über Nacht einen guten +Gedanken gefaßt hatte und sich beeilte, ihn seinen Kollegen +mitzuteilen.</p> + +<p>»Es wird nicht gut sein, wenn Lestyák auf freien Fuß +gesetzt wird. Sein Schädel ist mit viel Verstand und viel +Spitzbüberei gefüttert.«</p> + +<p>»Ein harter Schädel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak +Pascha können wir doch nicht Finger ziehen.«</p> + +<p>»Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke +ihn aber an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder +zurückkehrt. Überlassen Sie das nur mir!«</p> + +<p>Die Gassen bevölkerten sich ungewöhnlich früh. Die Bewohner +beförderten teils in Karren, teils in Schiebkarren ihre +Sachen auf die naheliegenden Tanyen.</p> + +<p>Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken +auf die Gesichter. Denn der wackere Olaj Beg war thatsächlich +kein solcher Kleinigkeitskrämer wie Herr Csuda oder Derwisch +Beg, welche sich mit dem Raub eines Pfaffen oder eines +schönen Mädchens begnügten. Der verständige Olaj Beg +arbeitete <span class="f" lang="fr">en gros</span>. Er kam selten, aber wenn er kam, trieb +er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, samt Frauen, Kindern, +Sack und Pack, samt Pferden, Rindern, nichts zurücklassend, +als die Schweine, welche unreine Tiere sind und mit dem +heiligen Koran in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch +war Olaj Beg, das muß man ihm lassen.</p> + +<p>Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die einflußreichsten +Männer schon zeitlich morgens einzeln in das +Rathaus; der eine brachte ein wenig Geld, der andere kam, +um Brot und Holz anzubieten. Die schlechte Nachricht ist ein +guter Wecker.</p> + +<p>Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den +jungen Lestyák aus dem Kerker vorzuführen. Er erschien ein +wenig blaß, trug aber den Kopf hoch.</p> + +<p>»Max Lestyák,« sagte der Triumvir feierlich, »Sie sind frei!«</p> + +<p>Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale.</p> + +<p>»Der Ofner Vezir ist Ihr Patron,« bemerkte der Vorige +satirisch.</p> + +<p>Lestyák erwiderte nichts. Er machte eine nervöse Bewegung, +als ob er gehen wollte.</p> + +<p>»Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner +Pascha ist nicht der römische Papst, mein Herr Ex-Oberrichter, +er kann Schlösser ausbrechen und schließen, aber nicht Sünden +vergeben. Diese müssen Sie abbüßen.«</p> + +<p>Eine peinliche Ruhe trat ein, man erwartete das Folgende +mit zurückgehaltenem Atem.</p> + +<p>»An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort +jenseits des Teiches Csalános. Er hat der Stadt einen großen +Tribut auferlegt, welchen man ihm bis heute Mittag übersenden +müßte, aber es ist unmöglich. Wissen Sie also, Lestyák, +wozu wir Sie jetzt verurteilen?«</p> + +<p>»Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen.«</p> + +<p>Balázs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort:</p> + +<p>»Sie haben den berühmten Mantel gebracht, sehen wir +nun, was Sie mit demselben anzufangen wissen. Sie werden +ihn anziehen und in ihm zum Beg gehen.«</p> + +<p>Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. Das +kam unerwartet. Seine Füße wankten fast. Aber rasch gewann +er wieder Kraft. Wie zu sich selbst sagte er: »Ich +darf nicht erschrecken, ich darf es nicht ...« Sein Herz schlug +stark, seine Stimme wurde tonlos; aber die Farbe des Gleichmuts +lagerte auf seinem Gesicht.</p> + +<p>»Und was soll ich dem Beg sagen?«</p> + +<p>»Sagen Sie ihm, daß er sich mit der Hälfte des Tributs +begnüge und auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zusammengebracht +haben. Oder aber, zum Teufel, bieten Sie +ihm den Kaftan an, welcher fünfzig Pferde, hundert Ochsen +und ungefähr viertausend Dukaten repräsentirt. Er wird zufrieden +sein. Hehehe! und was noch zurückkommt, das bringen +Sie in die städtische Kasse. Hahaha!«</p> + +<p>»Der wird mich ja sofort rädern lassen oder in Ketten +schlagen.«</p> + +<p>Putnoki zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Das ist Ihr Malheur.«</p> + +<p>»So?« rief Lestyák bitter aus. »Verurteilen Sie mich +wirklich dazu?«</p> + +<p>Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen +Greise der Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem +Kopfe zum Zeichen, daß das Urteil gerecht sei. Man muß +an den Vergeudern des öffentlichen Vermögens ein abschreckendes +Exempel statuieren.</p> + +<p>»Führen Sie mich lieber in den Kerker zurück,« sagte er +selbstvergessen, bereute es aber sofort.</p> + +<p>»Wovor fürchten Sie sich denn eigentlich so sehr?« klügelte +bissig der Triumvir, »den Kaftan werden Sie ja tragen.«</p> + +<p>Ein großes Gelächter entstand bei diesen Worten und das +Blut schoß Lestyák ins Gesicht.</p> + +<p>»Ich pflege mich nicht zu fürchten,« sagte er stolz. »Wann +soll ich gehen?«</p> + +<p>»Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen +habe. Wollen Sie bis dahin nicht beichten?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Der alte Schneider verkündete es verzweifelt der ganzen +Stadt, welch' unerhörtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den +Rachen des Tartaren-Haufens zu schicken. Das ist ein Todesurteil +ohne Verhör und Verteidigung!</p> + +<p>»Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet. +Macht einen Aufruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt, +ich führe euch an, damit ihr das ›dreiblätterige Kleeblatt‹ +abmäht.« (Das war der Spottname des Triumvirates.)</p> + +<p>Keine Hand rührte sich; Wurzeln haben ja nur die lebenden +Bäume ... höchstens in den mit Rosmarin und Muskaten +geschmückten Fenstern ward ein braunes oder blondes +Mädchenantlitz traurig und ein tiefer Seufzer brach sich vielleicht +durch die Blätter der Blumen: »Armer Max Lestyák!« +Dann blieben diese schönen Gesichter auch weiterhin auf der +Lauer.</p> + +<p>»Wann kommt er? Wie gern möchte ich ihn im Kaftan +sehen. Wie lange zögert er.«</p> + +<p>Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht +schwang er sich in den Sattel, obwohl ihm der grüne Seidenmantel +bis zu den Fersen reichte. Er pfiff sogar, als er den +linken Fuß in den Steigbügel setzte. Auch zwei Trabanten +setzten sich zu Pferde, und hielten mit gezogenen Säbeln an +seiner Seite Wache.</p> + +<p>Sie hielten aus dem rückwärtigen Thor ihren Auszug, +damit die angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen +sollten. Das war aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn +sahen zum Fenster hinaus, so lange sie wegen des immer +dichter werdenden Nebels sehen konnten. Herr Putnoki rieb +sich vergnügt die Hände.</p> + +<p>»Nun, der wird das Kecskeméter Horn auch nicht mehr +hören!« (Denn es war üblich, die Mittagszeit durch Hornrufe +vom Turm Sankt Nikolaus zu kennzeichnen.) Dann wandte +er sich lebhaft den versammelten Bürgern zu: »Jetzt aber beeilen +wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit Olaj +Beg, wenn er sich erzürnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung +schon unterwegs finde.«</p> + +<p>Die Trabanten begleiteten Lestyák nur bis ans Ende der +Stadt, wie dies bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So +stand es im Befehl. Es wäre auch schade um die Trabanten +gewesen, diese Leute bis ins feindliche Lager zu senden, wo +ihrer sicherer Tod harrte.</p> + +<p>Vielleicht geht Lestyák gar nicht weit, vielleicht schlägt er +sich irgendwo seitwärts in die Büsche, die Welt ist ja weit +und hat vier Ecken – nun, so mag er es immerhin thun, +wenn er nur nicht länger hier lästig fällt.</p> + +<p>Aber da kam man just an den Rechten. Während +er fürbaß über die endlose Schneedecke dahinritt, dachte er +bei sich:</p> + +<p>»Ich zieh von dannen; ich muß es wohl. Denn wenn +ich bleibe, bin ich für immer tot. Geh' ich aber fort, so kann +es noch geschehen, daß sie mich zurückrufen. Olaj Beg ist +ein kluger Mensch; einen Toten kann er zu nichts nützen, +ein Lebender aber ist ihm stets eine Ware, zumal er mit +Sklaven handelt. Schlimmenfalls schleppt er mich in die Gefangenschaft. +Das kann man immerhin wagen.«</p> + +<p>Mit dem herabhängenden Flügel seines Mantels hieb er +dem Gaule eins auf den Rücken, wodurch die arme Mähre +einigermaßen angespornt wurde. Das Roß hatte schöne Karriere +gemacht. Gestern noch drehte es sich in der städtischen +Tretmühle und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel. (Gut +genug für die Tartaren, spekulierten die Triumvirn.)</p> + +<p>»Ich werde auf den Richtplatz geschleppt!« murmelte der +Reisende, und das Blut kochte ihm vor Ingrimm.</p> + +<p>Er ballte die Faust.</p> + +<p>»Ei, könnt' ich nur je wieder heimkehren!«</p> + +<p>Dann gab er dem Gaul einen derben Stoß, der wohl den +Triumvirn zugedacht war, den aber das Tier ergebungsvoll +erduldete. Es erhob sich ein schärferer Wind. Vom Csalános-Teiche +her klang ein fernes Surren und Getöse: der Lärm +des Tartaren-Kriegslagers.</p> + +<p>Trabe zu, Mähre, trabe zu!</p> + +<p>Er kam an einer tragbaren aus Schilf geflochtenen Mauer +vorüber, wo die Herden zu überwintern pflegten, die aber nur +gegen den Wind Schutz bot. Lestyák mußte daran vorbeireiten. +Vom Pferde herab sah er, daß ein Mann mit breitem, +schwarzem Hut, in einen Mantel gehüllt dort stehe: vielleicht +hatte er sich vor dem Schneewehen dahin geflüchtet. Der +Mann kam näher und sprach:</p> + +<p>»Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyák.«</p> + +<p>Lestyák blickte gar nicht hin und antwortete mürrisch:</p> + +<p>»Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brächte!«</p> + +<p>»Ich bin es – Czinna.«</p> + +<p>Es gab also doch ein Wort, auf welches er stillestand, ja, +vom Pferde sprang.</p> + +<p>»Unglücksmädchen, wie kommst du hierher? Ei, was du +für ein hübscher Junge bist.« Und dabei lächelte er matt und +traurig.</p> + +<p>»Es ist gut, daß Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich +will es ohnedies besteigen. Kommen Sie doch hierher, hinter +die Mauer, aber gleich und lassen Sie mich den Kaftan umlegen.«</p> + +<p>»Bist du wahnsinnig?«</p> + +<p>»Ich habe alles bedacht, als ich daheim hörte, wohin man +Sie schickt. Wenn Sie dahingehen, so tötet man Sie, oder +schleppt Sie in die Sklaverei, nicht?«</p> + +<p>»Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam, +daß du hier bist.«</p> + +<p>Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht sattsehen +zu können.</p> + +<p>»Wenn man Sie tötet, dann giebt es kaum mehr ein +Auferstehen.«</p> + +<p>»Na, das ist wohl wahr.«</p> + +<p>»Keine Späße jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch! +Schleppt man Sie aber weg, so wird Sie gewiß niemand +auslösen. Die Senatoren würden es auch verhindern.«</p> + +<p>Max biß sich in die Lippen.</p> + +<p>»Wenn aber ich hingehe und mich als Lestyák ausgebe +und sie mich umbringen wollen, werden sie bemerken, daß ich +eine Frau bin und den Frauen thun die Tartaren nichts zu +Leide, dann können Sie mich auslösen; wenn sie mich aber +nur gefangen mitnehmen, dann können Sie mich um so eher +als Lestyák auslösen. Geben Sie also schnell den Mantel her.«</p> + +<p>Und während sie noch dies mit einschmeichelnder, süßer +Stimme sagte, hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen.</p> + +<p>Max Lestyák widersetzte sich:</p> + +<p>»Nein, nein! Wo denkst du hin?«</p> + +<p>Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotzdem +nicht verfehlt.</p> + +<p>»Es ist schon möglich, daß es so ist;« und er rieb sich die +Stirne. »Ich löse dich aus, natürlich löse ich dich aus. Du +sagst ja, du wärest mir noch ein Leben schuldig. Schweige, +man muß das nicht so nehmen. Klügele nicht, Mädchen. +Warte ein wenig. Ich weiß selbst nicht, was wir machen +sollen.«</p> + +<p>Das Mädchen aber blieb nicht stehen; sie hatte den Mantel +bereits um ihre schlanke Gestalt geworfen, im nächsten Augenblick +schwang sie sich auf das Pferd. Einen Augenblick später +hatte sie bereits der Nebel verschlungen, Lestyák lief ihr +wütend nach.</p> + +<p>»Bleibe stehen!« schrie er mit donnernder Stimme. »Ich +laß' dich nicht fort. Ich befehle dir, stehen zu bleiben!«</p> + +<p>Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick +und der Fehler war begangen. Ein Augenblick der +Schwäche ist der Kern des Sturzes großer Männer. Das +Mädchen ging und blieb erst beim Tartaren-Lager stehen.</p> + +<p>»Führet mich vor den Feldherrn. Ich bin Max Lestyák, +der Kecskeméter Abgesandte.«</p> + +<p>»Steige vom Pferde, guter Mann, ich führe dich hin –« +meinte ein untersetzter Tartare mit gutem ungarischen Accent. +»Ein schlechtes Pferd gaben dir die Kecskeméter Richter. Da +kommt eben unser Herr, Beg Olaj, Allah beglänze lange +seinen Bart.«</p> + +<p>Wahrhaftig, da erschien er, der mächtige Beg Olaj, auf +seinem schönen Rappen hielt er eben Revue über seine Truppen.</p> + +<p>»Der Kecskeméter Gesandte ist hier, mächtiger Beg!« +meldete der untersetzte Junge.</p> + +<p>Der Beg betrachtete den Gesandten und dessen Mantel +sehr aufmerksam, dann sprach er sanft:</p> + +<p>»Wende dich um, braver Junge, wenn ich dich mit der +Bitte nicht belästige.«</p> + +<p>Czinna drehte sich um.</p> + +<p>Beg Olaj warf nun von rückwärts einen Blick auf den +Mantel. Dann sprang er vom Pferde, warf sich vor Czinna +zur Erde und küßte den Saum des Mantels dreimal. Czinna +staunte ihn an mit ihren großen schwarzen Augen, sie glaubte +zu träumen.</p> + +<p>»Allah ist groß und Mohamed sein Prophet. Was befiehlst +du, Abgesandter der Stadt Kecskemét?«</p> + +<p>Demütig und gebückt stand er vor ihr. Czinna zögerte +ein wenig, dann aber sagte sie mit herber Stimme:</p> + +<p>»Verlasset die Markung der Stadt Kecskemét sofort!«</p> + +<p>Olaj Beg hob seine schläfrigen Schafaugen gegen den +Himmel, dann wendete er sich zu den Truppen und schrie laut:</p> + +<p>»Wir ziehen ab! Sattelt!«</p> + +<h2>Siebentes Kapitel.</h2> + +<p>Lestyák blieb bei der Schilfmauer und zerbrach sich den +Kopf darüber, was er beginnen, wohin er sich wenden sollte. +In seinem schweren Kopfe zerflossen die Gedanken wie geschmolzenes +Blei, seine Glieder nahm eine Schlaffheit gefangen, +an seiner Seele nagte die Selbstanklage: »Ich habe schlecht +gehandelt, es war eine egoistische Feigheit.« Eine peinigende +Unruhe stach ihn wie mit Dornen.</p> + +<p>Düster blickte er vor sich hin.</p> + +<p>»Wohin führt mich nun mein Weg ...?</p> + +<p>Der Nebel zerteilte sich ein wenig und unweit erglänzte +das Riesenauge des Sees Csalános, wie wenn er ihm +zwinkernd zugerufen hätte: »Komm, Lestyák, es wird am vernünftigsten +sein, wenn du dich hierher legst, dich mit einer +silbernen Decke zudeckst und auf einem weichen Sandpolster +träumst!... Dies ist der geradeste Weg.«</p> + +<p>Einige Schritte machte er gegen den Teich, aber ein Strauch +stellte sich ihm in den Weg, der höchste in der ganzen Gegend; +die dünnen Äste hatten die kleinen Schneeflocken überdeckt: er +bemerkte sie nicht und stolperte über dieselben. Und als sein +Ohr in diesem bitteren Augenblicke den Körper der »lieben +Mutter« berührte, da hörte er, fühlte er plötzlich, daß derselbe +weit weg erbebte, der dumpfe Schall von tausend Pferdehufen +war vernehmbar. Er schauerte zusammen. »Ach, es kommen +die Tartaren gegen die Stadt.«</p> + +<p>Doch ruhiger ward es, wie wenn der Lärm sich verzöge, er +wurde immer leiser und leiser, bald aber ging er ganz unter. +Nur ein Pferd näherte sich. Top! Top! Ja, wahrlich, es ist +nur ein Pferd, und bei Gott die Czinna sitzt darauf. Lestyák +sprang in die Höhe, er wischte gar nicht den Schmutz von +seinen Kleidern, er lief ihr atemlos entgegen.</p> + +<p>»Du bist hier? Es fehlt dir nichts? Du bist wirklich +hier? Was geschah?«</p> + +<p>Czinna lächelte munter. Bevor sie antwortete, blies sie +ihr Gesichtchen in mädchenhaftem Übermut heldenhaft auf:</p> + +<p>»Es geschah nichts anderes, wie ich gehorsamst melde, als +daß ich die Tartaren vertrieben habe. Sie laufen wie besessen.«</p> + +<p>»Schwatze nicht!«</p> + +<p>Dies sollte so viel heißen: »Ich bitte dich, rede, rede!« +Sie sprach auch, doch vorerst streifte ihr glänzender Blick mit +großer Liebe den beschneiten grünen Kaftan.</p> + +<p>»Dieser Mantel ist schon etwas wert, mein Herr Max.«</p> + +<p>»Wirklich?«</p> + +<p>»Als ihn Olaj Beg gewahrte, stieg er vom Pferde, küßte +den Saum dreimal und fragte dann mit großer Demut, was +ich befehle. Ich habe ihm nun befohlen, daß sie sofort sich +von dannen heben. Sie folgten sofort und zogen ab.«</p> + +<p>Lestyák stand mit offenem Munde da.</p> + +<p>»Ist es möglich? Hat er wirklich eine solche Zauberkraft?«</p> + +<p>»So geschah es, Wort für Wort. Ich habe aber nicht +viel Zeit zu plaudern. Nehmen Sie den Kaftan, hier ist Ihr +Pferd, setzen Sie sich darauf. Ich werde mich auf einem +andern Weg entfernen.«</p> + +<p>»Potztausend! Das ist ja ein wahrhaftiges Wunder!« +jubelte Max, der sich vor Staunen nicht erholen konnte. +»Dann ist ja dieser Kaftan ein großer Schatz!«</p> + +<p>»Das will ich wohl glauben. Jedoch beeilen Sie sich, +denn sie könnten kommen. Es ist mir, als wenn ich schon +schwarze rollende Wagen, von der Stadt kommend, sähe.«</p> + +<p>Lestyáks Stirn verfinsterte sich.</p> + +<p>»Du hast recht, Czinna, sage niemandem etwas! Ich +danke dir für das, was du gethan hast. Ich werde mit dir +noch später sprechen ... heute noch. Jawohl, ich spreche noch +mit dir, Czinna.«</p> + +<p>»Schon gut,« meinte der fesche Bursche und verschwand +gegen den Ried hin.</p> + +<p>Lestyák ging den geraden Weg. In der That fand er +die lange Wagenreihe bald vor sich; diese brachte Brot und +Holz, der Marczi trieb die Ochsen mit saftigen Verwünschungen +an. Vor dem Wagen ritt einer der Triumvirn, Herr Samuel +Holéczi, den <span class="f" lang="la">nervus rerum</span> in der an seiner Seite hängenden +gelben Ledertasche tragend. Jenes Weib aber auf einem +Wagen, umgeben von hold geröteten Brotlaiben, es ist bei +Gott Frau Fábián; sie ist aus bloßer Neugierde mit von +der Partie, um doch endlich einen »hundsköpfigen Tartaren« +zu schauen; und neben ihr kauert der redegewandte Paul Fekete, +mit den blinzelnden Hasenaugen eine Schrift lesend.</p> + +<p>»Seht da! Ist das nicht der Lestyák?« stammelten betroffen +die Kecskeméter. »Der kommt aus dem Jenseits!«</p> + +<p>Samuel Holéczi, der dem Lestyák niemals so recht gram +war (man weiß ja, daß die Lutheraner immer zu einander +halten) und den überdies eine quälende Neugierde befiel, richtete +an Herrn Max in weichem Tone die Frage:</p> + +<p>»Nicht wahr, es ist nur Eure Seele, Amice, nicht Ihr +selbst?«</p> + +<p>»Potztausend, nein, ich bin es selbst ohne meine Seele,« +brummte Lestyák bitterlich (wer weiß, woran er eben dachte?) +»Aber Ihr, wohin wandert Ihr denn?«</p> + +<p>»Es nahen Gäste unserer Gemarkung,« meinte in gemütlichem +Galgenhumor Holéczi. »Wir bringen ihnen eine kleine +Kollation entgegen.« (Der edle Herr war zumeist bei gesegneter +Laune.)</p> + +<p>»Die werden aber nicht leicht zu erreichen sein!«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>»Freilich, sie sind schon über alle Berge. Gingen fort +ohne Verabschiedung.«</p> + +<p>»Ist das möglich?« quiekte die Frau Fábián dazwischen.</p> + +<p>»Schade!« grämte sich Herr Fekete. »Da komme ich um +eine meiner schönsten Reden.«</p> + +<p>Lestyák erzählte die Geschichte mit dem Mantel, ob welcher +das Antlitz des Herrn Samuel Holéczi augenblicklich alle +Farben zu spielen begann.</p> + +<p>»Kein kleiner Fall,« brummte er, sich die stumpfe Nase +mißvergnügt kratzend. »Kein kleiner Fall, hm ... dergleichen +hat sich wohl, seitdem die Welt besteht, noch niemals zugetragen.«</p> + +<p>Indessen seine Verlegenheit währte nur einen Augenblick; +er war ein abgefeimter, schlauer Fuchs, der sich leicht wieder +auf die Höhe der Situation zu schwingen verstand.</p> + +<p>»He, ihr Fuhrleute, nun kehret wieder um! Ein großer +Tag ist für Kecskemét angebrochen.«</p> + +<p>Dann aber sprang er aus dem Sattel und sprach in ehrerbietigem +Tone:</p> + +<p>»Schwingt Euch auf mein Pferd, Herr Max Lestyák. Es +ist mir ein Kummer und eine Schande, Euch im Sattel jenes +Kleppergauls zu sehen.«</p> + +<p>»Laßt das nur. Ich danke. Mein Roß ist gut genug für +mich. Wenn drei Triumvirn mich auf dasselbe gesetzt, so +ist einer nicht genug, um mich aus dessen Sattel zu bringen.«</p> + +<p>»So mag denn Herr Fekete mein Pferd besteigen, um +der Stadt die Kunde von dem Geschehenen zu überbringen.«</p> + +<p>Das war aber dem »Cicero der Stadt« just recht, so fand +er Gelegenheit, für die ausgefallene Rede eine andere zu halten.</p> + +<p>»Freilich geh' ich. Wie sollt' ich nicht gehen? 'S ist ja +eine wahre Freude, so ein schönes Tier zu reiten. Aber +gebt mir eine Gerte dazu, da es mir nun einmal an Sporen +fehlt.«</p> + +<p>Man brauchte keine Peitsche für den feurigen Renner, er +galoppierte mit dem großen Orator von dannen, wie die Fohlen +des Märchens, denen man in die Futtersäcke glühende Kohlen +als Futter steckt. Fekete selbst aber schwitzte und pustete, er +war, als er am Platz anlangte, völlig durchnäßt. Hier verkündete +er dem sich immer mehr und mehr ansammelnden +Volke mit kühnen Redewendungen die besondere Gnade Gottes, +mit der dieser die Stadt bedachte, indem ein totes Kleidungsstück +beredt wurde und den Erzfeind von den Grenzen verjagte.</p> + +<p>»Es geschah ein Wunder. Edle Bürger Kecskeméts, lasset +die Glocken läuten. Der habgierige Olaj Beg warf sich zur +Erde und küßte den Mantel Lestyáks dreimal demütig und +fragte ihn zerknirscht: ›Was befiehlst du, Abgesandter der Stadt +Kecskemét?‹ Hierauf erhob Herr Lestyák junior sein Haupt +und antwortete: ›Stört nicht meine Kreise – das heißt, hebt +Euch von dannen.‹ Und so kommen sie zurück, die Wagen +mit Brot, die Ochsen, die Geldbeutel, der Triumvir und Max +Lestyák.«</p> + +<p>Ein großer Freudenschrei war nun vernehmbar. Wie ein +Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Straße zu Straße. +Von Haus zu Haus wurde die Nachricht getragen. Die +gefallenen, verhaßten Senatoren kamen wieder ans Tageslicht, +sich unter das Volk mengend. Poroßnoki wurde mit +Eljenrufen begrüßt, dem alten Inokai machte man entblößten +Hauptes eine Gasse. Von Herrn Franz Kriston verlangte +man mit großem Lärm, er möge reden; dieser zögerte auch +nicht lange, stellte sich auf ein Krautfaß inmitten des Marktes +und sprach blos:</p> + +<p>»Ich verlange von Euch Gerechtigkeit für jenen genialen +Jüngling, der diesen großen Sieg erfocht.«</p> + +<p>»Gerechtigkeit!« widerhallte es aus tausend Kehlen.</p> + +<p>Die Bevölkerung wogte auf und ab, wie ein angeschwollener +Strom. Lärm, Leben herrschte überall – Männer und +Frauen erzählten das Wunder des redenden Mantels. Freilich +flickte noch jeder etwas am Zeug. Eine große Begeisterung +atmeten die Leute ein. Jeder bewegte sich hin und her, jeder +schrie etwas anderes, und jeder dachte sich etwas.</p> + +<p>Schöne aufblühende Knospen, junge Mädchen kleideten die +Frauen von Kopf bis zu Fuß in Weiß, ehrsame Bürger +stürzten in den Stall der Stadt, um die berühmten vier +Rapphengste einzuspannen (schnell die Bänder in ihre Mähnen), +alte Männer schleppten die Böller auf die Straße. Unterwegs +suchten sie den Feuerwerker bei den »drei Äpfeln« auf. +(Kommen Sie doch, Herr Hupka, wenn Sie einen Gott anerkennen. – »Nur +noch einen Schluck!« bat Hupka.)</p> + +<p>Hochehrwürden Herr Péter Molitoriß, der lutheranische Pfarrer, +stieg selbst in den Turm des heiligen Nikolaus, damit er im +gelegenen Momente die Glocken läute. Aus den Dachluken +krochen die Fahnenstangen heraus mit ihren schlängelnden, +wehenden trikoloren Flügeln. Ein wenig fahl sind sie schon; +sie sind noch aus der Zeit Bethlens<sup id="fnRef14"><a href="#fn14">14</a></sup> herübergekommen. +Seitdem blühten auch die Kecskeméter Hausdächer gar wenig. +Die elf gefallenen Senatoren hingen rasch die silberknöpfigen +Mentes an, banden die rasselnden Säbel um und nun stehen +sie schon im Halbkreise beim Thore des Stadthauses.</p> + +<p>Eine bedeutend schwierigere Aufgabe fiel dem Herrn Paul +Fekete zu (woraus erhellt, daß nicht gleichmäßige Aufgaben +die Schultern der Männer des öffentlichen Lebens bedrücken), +er mußte das Manuskript umarbeiten; die Benennung mächtiger +Beg mußte gestrichen werden, statt dieser Ansprache mußte +hingeschrieben werden: »Glorreicher Patriot.« Statt der: +»Wir kamen zu dir« mußte es heißen: »Du kamst zu uns +zurück« &c. (Gleichviel, es wird sich das doch ganz hübsch +machen.)</p> + +<p>Obschon improvisiert, ging alles vortrefflich; nur der Galawagen +verspätete sich ein wenig; doch die Böller erdröhnten gleichzeitig, +die Glocken klangen feierlich und als Lestyáks Gestalt +erschien, da flutete ein Jubelgetöse durch die Straßen, das +lawinengleich sich fortwälzte, weithin, bis an die Pforten des +Stadthauses. Da war es, wo der Gefeierte abstieg, die wohlgesetzte +Rede des Herrn Paul Fekete anhörte, den weißgekleideten +Jungfrauen einen lächelnden Gruß zunickte, den +verstoßenen Senatoren die Hand drückte und den Herrn Poroßnoki +vollends umarmte – woraufhin man ihn auf die Schultern +hob, um ihn im Siegeszuge in das Stadthaus emporzutragen +und zuletzt am Präsidentenstuhle des grünen Ratstisches +abzusetzen.</p> + +<p>So wie der Lärm sich ein wenig gelegt (denn der Saal +war voll der Notabilitäten des Gemeinwesens), erbat sich der +schneeköpfige Mathäus Pußta das Wort und feierte mit leiser, +wie Wespengesumme tönender Stimme Lestyáks Verdienste, +um schließlich auszurufen:</p> + +<p>»Laßt ihn uns zum lebenslänglichen Oberrichter Kecskeméts +erwählen.«</p> + +<p>Hei, wie das Gemäuer ob des Jubelgeschreies erbebte! +Es dauerte Minuten, ehe Kaspar Permete zu Worte kam +und sich verständlich machen konnte, ob er gleich mit allen +Vieren gestikulierend andeuten wollte, daß er ungemein Wichtiges +zu sagen habe.</p> + +<p>»Ich aber, Kaspar Permete, der ich sothane Obrigkeit vor +zwölf Jahren durch ein Wort meines Mundes zu Falle gebracht, +ich stehe nicht an, zu erklären, daß ihm selbst die +lebenslängliche Übertragung unserer höchsten Würde eine zu +kurze Frist sei.«</p> + +<p>»Nach seinem Tode kann er doch nicht gut präsidieren!« +warf Herr Gerson Zeke ein.</p> + +<p>»Doch, doch ... Laßt es uns aussprechen und ins Protokoll +aufnehmen, daß gleichwie die heilige Krone unseres Landes +in der von Gottes Gnaden ruhmreich regierenden Familie +Habsburg sich von Vater auf Sohn vererbt, desgleichen der +Oberrichterstab auf die männlichen Nachkommen Lestyáks übergehen +möge für und für.«</p> + +<p><span class="g">Gerson Zeke</span>: »Es giebt doch wohl noch einen kleinen +Unterschied zwischen den beiden.«</p> + +<p><span class="g">Kaspar Permete</span> (wütend): »Es giebt keinen!«</p> + +<p><span class="g">Gerson Zeke</span>: »Die Krone ist aus Gold, der Oberrichterstab +aber aus dem Holz der Kornelienstaude!«</p> + +<p>Diesen kleinen Konflikt unterbrach Herr Johann Deák +aus der Czegléder Gasse, der im Geruche eines sehr weisen +Mannes stand.</p> + +<p>»Vetter Zeke ist im Rechte, denn die Krone glänzet stark +auch auf schwachen Häuptern, allein der Richterstab wird stets +schwach in schwachen Händen sein. Mithin geht es nicht an, +diesen Stab blindlings noch ungeborenen Nachkommen in die +Hände zu drücken. Indessen ist es ungeziemend, diesen großen +Tag durch derlei Gezanke zu entweihen. Wir wollen auf den +Pfaden des ehrwürdigen Ernstes bleiben und nichts überhasten, +denn es wird uns niemand Dank dafür wissen, wenn wir +ihm eine Würde anbieten, die derzeit noch ein anderer inne +hat. Die Versammlung möge daher beschließen, daß das ohnedies +nur provisorisch errichtete Triumvirat abgeschafft wird.«</p> + +<p>»Die sind ja freiwillig durchgebrannt! Keiner von ihnen +wagt es, sich zu zeigen!« klang es von allen Seiten.</p> + +<p>»Sonach möget ihr die alten Senatoren wiederwählen +und es kann dann die protokollarische Inaugurierung der lebenslänglichen +Oberrichterschaft Lestyák's stattfinden.«</p> + +<p>Überflüssig zu sagen, daß alldies angenommen wurde. +Der neue Oberrichter saß so würdevoll da wie ein Dynast +und nickte kühlen Dank mit dem Kopfe. Sein Antlitz, bis +dahin bleich, färbte sich jedoch scharlachrot, als sich die Rufe +erhoben:</p> + +<p>»Wir wollen die Geschichte mit dem Mantel hören! Er +selbst soll sie uns zum Besten geben!«</p> + +<p>Nervös bewegte er sich auf dem Sessel hin und her, +wie wenn eine eiserne Faust seine Kehle zusammenschnürte. +Den Fall mit Olaj Beg Hunderten zu erzählen ... Eine +Scene, die er nie durchlebt, die er nie gesehen hat. Lügen +vor dem Angesichte der ganzen Stadt! Ach, welch' großer +Fehler war es, daß er nicht ins Lager gegangen war. Der +Teufel brachte ihm jenes Mädchen in den Weg. Und wenn +er schon nicht dort war, wäre es besser gewesen dies einzugestehen. +Jetzt ist es schon unmöglich, unmöglich ...</p> + +<p>Je größer seine Herrlichkeit war, um so mehr zerriß seine +Seele das Bewußtsein, daß ein unerwarteter Windhauch dieselbe +zerstören könnte, die Ohren des Midas wurden ja auch +entdeckt. Er hatte das Gefühl, als hätte er seinen Ruhm +gestohlen, er konnte sich desselben nicht freuen, und doch, er +gebührte ihm ja, denn er war es, der den Mantel erworben hatte.</p> + +<p>Hinter dem Lehnstuhl des Oberrichters schwebte ein unangenehmer +Schatten.</p> + +<p>»Hört! Hört!« tönte es immer lebhafter und intensiver.</p> + +<p>Es gab kein Entrinnen. Verlegen nahm er den Kaftan +ab und legte ihn auf den grünen Tisch. Hier der wertvolle +Schatz der Stadt Kecskemét. Dann erzählte er stotternd noch +einmal die wundersame Geschichte des grünen Mantels. Laute +Ausbrüche der Freude würzten seinen Vortrag; jeder jubelte, +nur eine gebrochene Gestalt weinte in der letzten Bank. Der +mächtige Oberrichter, nunmehr der Diktator von Kecskemét, +stand auf, ging zu dem schluchzenden Manne, nahm ihn bei +der Hand und sprach:</p> + +<p>»Und jetzt gehen wir, mein guter Vater. Ich will daheim +ein wenig ausruhen.«</p> + +<p>Im kleinen Thore warteten schon die kleine Erzsi und der +Laczi. Die Krapfen waren schon hübsch gebacken und auch +das Pörkölt<sup id="fnRef15"><a href="#fn15">15</a></sup> war schon vollkommen, das Spanferkel bereits +ausgekühlt, gerade gut, daß sie kommen.</p> + +<p>»Ich habe es dir nicht gesagt, mein lieber Sohn, freilich, +wann hätte ich es dir sagen sollen, daß ich mit einem Gesellen +arbeite, das heißt, wir arbeiten jetzt schon zu Zweien.«</p> + +<p>Der Oberrichter machte ein gleichgiltiges Gesicht.</p> + +<p>»Der junge Bursche dort?«</p> + +<p>»Ich mußte ihn acceptieren, als ich nach Ofen zum Pascha +intervenieren ging. Denn ich habe dich zum Oberrichter gemacht, +daß du es nun erfahrest (das Auge des Alten schimmerte +grünlich). Der alte Lestyák ist ein ganzer Mann; +was?.... Der Geselle, sage ich, war zur Arbeit nötig, obzwar +ich nicht bemerke, daß er auch nur das Geringste gemacht +hat. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, zu erforschen, +was er kann. Bisher habe ich die Politik gemacht. +Lache nicht, Junge, sonst werde ich bös. Von nun an wirst +du sie machen. Ein großartiges Blut, das der Lestyák. Aber +schau, wir sind ja schon zu Hause.«</p> + +<p>Wie süß ist das Elternhaus, wenn man es lange nicht +gesehen hat. Gemütlich raucht der Schornstein, munter nicken +die Zweige des alten Birnbaumes, im Hofe springt uns der +Hund Bodri entgegen, im Zimmer die Katze Czirmos, es +lachen die Steinkrüge, die bekannten Thongefäße an der Wand, +die Möbel beginnen zu erzählen, es flackert das Feuer im +großen Ofen und wirft einen flammenden Streif auf die +braune Thür.</p> + +<p>Der Alte seufzte:</p> + +<p>»Deine arme, gute Mutter, wenn man sie zu diesem Tage +erwecken könnte!«</p> + +<p>Man bringt das Essen, die Düfte desselben erfüllen das +Zimmer, die Erzsi geht hin und her, so auch der Geselle Laczi.</p> + +<p>»Lauf', mein Laczi, in den Keller, lauf und spute dich. +Du aber, mein Sohn, setze dich nieder, denn ich weiß, du +bist hungrig, die Gefangenenkost hat dich herabgebracht. Ich +habe seit dem Schreckenstage ebenfalls nichts gegessen. Vorerst +hinderte mich die Trauer und jetzt die große Freude. +Ich habe in Ofen gelebt, wie das Pferd des Nikolaus Toldy. +Nur daß ich dich befreit habe.«</p> + +<p>»Ibrahim Pascha ist ein braver Mann,« flüsterte der +Oberrichter zerstreut (die eigenartige Situation Czinna gegenüber +hatte ihn nervös gemacht).</p> + +<p>»Ach bewahre! Ein arger Hund ist der Alte, zuerst war +er wütend über mich, es fehlte nicht viel und auch ich wäre +ins Kühle gekommen.«</p> + +<p>»Warum?«</p> + +<p>»Wegen des Zigeunermädchens, wenn du dich ihrer erinnern +kannst. Ist die Suppe vielleicht nicht genügend gesalzen? +Bringe das Salzfaß herein, du Laczi!«</p> + +<p>Laczi zitterte wie Espenlaub.</p> + +<p>»Was fehlt denn dir? Fürchtest du dich vor meinem +Sohne? Der beißt ja nicht, wenn er auch ein großer Herr ist.«</p> + +<p>»Ich danke, ich bedarf des Salzes nicht. Also des Mädchens +willen zürnte Ibrahim?«</p> + +<p>»Er sagt, sie sei mit Euch durchgegangen und solange +wir sie nicht zurückgeben, oder nicht eingestehen wo sie ist, +läßt er auch mich einsperren ... Ich sagte, ich hätte seitdem +nicht einmal ihren Schatten gesehen.«</p> + +<p>»Das haben Sie nicht vernünftig gemacht –« murmelte +der Oberrichter. »Und das Weitere?«</p> + +<p>»Zum Glück kam eben zu jener Zeit der amtliche Bericht, +daß man die Kleider des Mädchens am Theißufer aufgefunden +und auch den Leichnam aus dem Flusse gefischt hat.«</p> + +<p>»Ach,« unterbrach ihn der Oberrichter munter. »Ist das +Mädchen gestorben?«</p> + +<p>»Was!« schrie der Geselle und ließ die Bratenschüssel +fallen, die er eben ans dem Ofen gehoben hatte, um sie auf +den Tisch zu setzen.</p> + +<p>Der Meister fuhr ihn wütend an:</p> + +<p>»Du Lümmel! Hebe es auf, dann aber verschwinde!« +Bald hiernach lachte er aber schon: »Gar manches Wunder +geschieht heute, die toten Ferkel gehen auch schon durch.« +(Das schön rot gebratene Tier kollerte bis unter das Bett.)</p> + +<p>Laczi schlich krebsrot zur Thür.</p> + +<p>»Halt!« rief der Oberrichter, winkte ihm zu und flüsterte +ihm etwas ins Ohr. »Jetzt kannst du hinausgehen.«</p> + +<p>»Willst du etwas? Ich möchte es lieber der Erzsi sagen. +Dieser ist ungeschickt,« sagte er, dem Knaben nachblickend, »ich +glaube nicht, daß er vom Schneiderhandwerk viel versteht. Es +ist dies, mein Sohn, ein großartiges Handwerk, eine herrliche +Wissenschaft. Die Korrigierung der Schöpfungen Gottes; ich +korrigiere den häßlichen Leib und bringe Männlichkeit in die +schiefen Schultern. Es ist dies schon etwas, mein Söhnchen.« +(Der alte Schneider fuhr begeistert durch seine schütteren Flachshaare.) +»Es ist schade um den Jungen, er hat ein so sanftes, +liebes Gesicht, daß er ganz gut ein Mädchen sein könnte.«</p> + +<p>»Heutigen Tages ist gar nichts unmöglich, mein lieber +Vater.«</p> + +<p>»Das ist schon richtig, aber iß doch vom Braten. Wir +haben auch noch Krapfen. Ißt du den Kopf nicht gern?«</p> + +<p>»Ich esse schon, aber Sie, mein Vater, haben ja das Ende +des Ofner Ausfluges noch immer nicht erzählt.«</p> + +<p>»Als die amtliche Verständigung anlangte, wurde Ibrahim +sofort guter Laune, du kannst dir ja denken, wie ihn der +Sultan bedrängte. Er sandte sofort die Beweise des Todesfalles +zum Padischah, mich rief er zu sich, klopfte mir auf +die Schulter, indem er sagte: ›Ich sehe, ihr seid rechtschaffene +Leute,‹ (wir Lestyáks waren dies zu jeder Zeit). ›Hier ist der +Befehl, deinen Sohn frei zu geben, jedoch sage es nicht, du +Hund, daß du es unentgeltlich bekommen hast, denn damit +würdest du mich zu Grunde richten;‹ und so gelangte ich zu +dem Ferman.«</p> + +<p>»Er hat es übereilt.«</p> + +<p>»Wer? Ich?«</p> + +<p>»Nein, der Pascha.«</p> + +<p>»Ich verstehe dich nicht.«</p> + +<p>»So sehen Sie dorthin.«</p> + +<p>Durch die offene Thür schwebte heiter lächelnd Czinna, +das Zigeunermädchen, herein, sie hatte ein nettes Spitzenhemd +an und ein schwarzgetupftes Tuch: das Festgewand der Erzsike. +Der alte Lestyák taumelte zurück.</p> + +<p>»Eine feste Burg ist unser Gott!« schrie der Alte entsetzt +und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. »Das +Zigeunermädchen! Von dannen, du Gespenst!«</p> + +<p>»Es ist ja kein Gespenst, mein lieber Vater, sondern sie +selbst.«</p> + +<p>»Hole mich der Teufel, wenn ich es glaube.«</p> + +<p>Man hörte ein Klopfen an der Thür, nicht als ob der +Teufel auf den Lockruf gekommen wäre. Gewiß nicht. Der +Senator Máté Pußta trat ein in Begleitung Paul Feketes +und Gáspár Permetes.</p> + +<p>»Gott zum Gruß! Nehmen Sie Platz bei uns. Was +bringen die Herren?«</p> + +<p>»Uns sendet die Versammlung vor das Angesicht Euer +Wohlgeboren.«</p> + +<p>»Bereitwilligst lauschen wir euren Worten,« sagte der Oberrichter +würdevoll.</p> + +<p>Sie erzählten sonach kurz, was die Versammlung nach +seinem Abschied beschlossen habe: »Um den Herrn Agoston +geht eine Deputation nach Waitzen, das ist eins (dies ist sehr +vernünftig), zweitens aber wird der Kaftan dreißig Tage hindurch +öffentlich zur Schau gestellt; jeder kann ihn unentgeltlich +bewundern, der Arme, wie der Reiche, der hier Weilende, +wie der Fremde, nur der Groß-Köröser zahlt zehn Denare.« +(Auch dies ist sehr richtig.)</p> + +<p>»Der wichtigste Beschluß aber ist,« fuhr Máté Pußta +fort, »daß wir aus der Kirche des heiligen Nikolaus den +Reliquienhälter herüberbringen ließen; darin wird der Kaftan +versperrt sein bei Tag und bei Nacht. Den Schlüssel sendet +die Versammlung Ihnen, Herr Oberrichter, daß Sie darauf +achten, wie auf Ihr Augenlicht und ihn an einem Orte verwahren, +wohin keine fremde Hand gelangen kann.«</p> + +<p>Damit überreichte er den an einer grünen Schnur hängenden +Schlüssel dem Oberrichter.</p> + +<p>»Ich gehorche der Versammlung.«</p> + +<p>Er übernahm den Schlüssel, stand auf, trat zu Czinna +und hängte ihr denselben um den Hals.</p> + +<p>»Berge ihn an deiner Brust, Czinna.«</p> + +<p>Czinna errötete bis über die Ohren; sie zog mit einer +unwillkürlichen Bewegung das rote Tuch über die Augen, +freilich kamen da rückwärts die knabenhaften kurzen Haare +zum Vorschein.</p> + +<p>Herr Máté Pußta bewegte, gegen das Fenster sich wendend, +seinen großen Kopf; das also ist der Ort, wohin keine fremde +Hand gelangen kann. Der schneeweiße Busen eines schönen +Mädchens.</p> + +<p>Der Schneider rief lebhaft aus:</p> + +<p>»<span class="f" lang="la">Canis mater!</span> Der Geselle Laczi.« (Er erkannte ihn +an den Haaren.)</p> + +<p>Der Oberrichter lächelte.</p> + +<p>»So ist es, mein lieber Vater, wenn einmal die Wunder +beginnen. Es wird dies einmal zur Chronik werden, wie +aus dem Schneidergesellen eine Oberrichtersfrau wurde.«</p> + +<p>Die Glorie der Verklärung glänzte auf der Stirn des +Mädchens, die magische Kraft seines Blickes vermochte sie aber +nicht weiter zu ertragen. Sie glaubte vor Glückseligkeit sterben +zu müssen. Ihre Hand ans Herz drückend, stürzte sie aus +dem Zimmer. Der Schneider sprang giftig wie ein Hamster +in die Höhe.</p> + +<p>»Was treibst du für Kabalen mit mir? Wenn du nicht +Oberrichter der Stadt Kecskemét wärest, möchte ich dir wohl +etwas sagen. Dein Glück dies, wahrlich, dein Glück. Und +was bedeuten deine komischen Worte. Was hast du vor?«</p> + +<p>»Ich nehme sie zur Frau.«</p> + +<p>»Du, zeitlebens Oberrichter der Stadt Kecskemét?«</p> + +<p>»Warum nicht?«</p> + +<p>Der Alte ließ traurig den Kopf hängen.</p> + +<p>»Der Ofner Pascha läßt uns beide umbringen, wenn er +es erfährt.«</p> + +<p>»Auch gegen den Pascha schützt mich der Mantel. Im +übrigen sucht man ja Czinna nicht mehr, da sie sich schon +in den Gedanken gefunden haben, daß sie in der Theiß ertrunken +sei.«</p> + +<p>»Es wird sich schon jemand finden, der es ihm einflüstert. +Aber reden Sie doch um Gottes willen, meine Herren, raten +Sie ihm ab, stehen Sie doch nicht da wie Holzklötze.«</p> + +<p>Auf diese Anrede nahm Gáspár Permete das Wort und +redete ihm zu, daß der Herr Oberrichter unter den reichsten +Mädchen der Stadt wählen könne; fünfzehn auf jeden Finger, +diese niedere Abstammung aber passe nicht zu seinem hohen Rang.</p> + +<p>»Das ist nur so gesagt,« meinte Max lachend. »Wie, +wenn Czinna von den ägyptischen Königen abstammt?«</p> + +<p>»Das, Herr Oberrichter, zu beweisen, würde schwer halten.«</p> + +<p>»Genau so schwer, wie Ihnen das Gegenteil, daß sie nicht +von den Pharaonen abstammt.«</p> + +<p>Permete lachte, auch Máté Pußta lachte; denn die Meinung +Máté Pußtas war: »Der Oberrichter weiß schon, was +er thut. Man braucht ihm nie dreinzureden.«</p> + +<p>Paul Fekete aber nahm die ethische Seite der Sache:</p> + +<p>»Eine Oberrichtersfrau kann nicht jede sein, es muß wenigstens +eine Person sein, die des Lesens und der Schrift mächtig, +in allen Dingen bewandert und dabei eine kluge Person ist.«</p> + +<p>»Eh!« meinte Max Lestyák ärgerlich, »der ehrenwerte Seneca +meint, es ist genug für die Frau, wenn sie so viel weiß, daß, +wenn der Regen tropft, man unter das Dach gehen muß.«</p> + +<p>»Hier reden wir wohl vergebens,« rief Herr Permete +achselzuckend und einen guten Abend wünschend zog er auch +die anderen aus dem Zimmer.</p> + +<p>Unterwegs streuten die Herren in drei Richtungen den +Roman der Czinna aus.</p> + +<p>Es tagten auch heute überall die Klatschbasen.</p> + +<p>»Sie hat einen Zauber an ihm verübt, sie hat ihm etwas +ins Getränk gemischt, anders ist es unbegreiflich. Es ist +entsetzlich, wie fürchterlich so ein kluger Mann straucheln kann.«</p> + +<p>Besser noch als den Klatschbasen gefiel die Geschichte dem +Balázs Putnoki. Noch in derselben Nacht machte er sich auf +den Weg zum Ofner Pascha, um diesem anzuzeigen, daß das +Zigeunermädchen lebe. Max Lestyák halte sie verborgen und +wolle sie zur Frau nehmen. Er kam aber beim Ofner Pascha +merkwürdig an, wie es sich später herausstellte. Dieser hörte +ihn an und fragte ihn dann mit gerunzelter Stirn:</p> + +<p>»Du behauptest also, daß sie lebt?« – »Jawohl sie lebt.« +Der Pascha winkte die Leibgarde herbei. »Führet den Mann +hinaus, laßt ihm fünfzig Stockhiebe auf die Fußsohlen geben und +bringet ihn dann wieder herein.« Als sie ihn zurückbrachten, +frug Ibrahim überaus liebenswürdig: »Nun, lebt das Mädchen +noch immer?« – »Bewahre, sie lebt nicht mehr, gnadenreicher +Pascha.« Ibrahim rieb sich vergnügt die Hände. »Lerne +es, du Mann, daß eine Person, von der ich dem Sultan +einmal referierte, daß sie nicht lebt, zum mindesten sechs Fuß +tief unter der Erde liegt.«</p> + +<p>So erging es dem verräterischen Putnoki, aber ein Glück +wie dasjenige Max Lestyáks gehört auch zu den Seltenheiten. +In herrlichstem Glanze schien die Sonne auf ihn hernieder. +Seine Macht wuchs von Tag zu Tag, sein Ansehen festigte +sich auch nach außen.</p> + +<p>Kecskemét begann eine große Rolle zu spielen. Der +Mantel war ein ganzes Heer wert, das den Feind zügelte. +Ein Heer, das keiner Montur, keiner Munition bedurfte, dem +nichts schaden konnte, höchstens die Motten.</p> + +<p>Die Kecskeméter fürchteten keinen Feind mehr. Im Gegenteil, +sie warteten mit vielem Vergnügen auf den Augenblick, +wo eine herumstreifende Türkenschaar mit ihnen anknüpfe. Es +war dies immer ein großes Amüsement für das Volk. Der +Oberrichter zog zu solch' einer Zeit mit dem Rappen der +Stadt hinaus, vier Haiducken<sup id="fnRef16"><a href="#fn16">16</a></sup> ritten vor ihm, vier hinter +ihm, die Männer, Frauen, Kinder, gar oft die ganze Stadt +kamen mit, um den berauschenden Anblick zu genießen, wie +die türkischen Führer zum Mantelkusse sich neigten und wie +sie den Oberrichter demütig fragten:</p> + +<p>»Mein Herr, was befiehlst du?«</p> + +<p>Ganze Legenden schwirrten im Lande von dem Zauberkaftan, +mit allerlei bunten Anhängseln verziert. – Bald +hieß es, daß derselbe in Zeiten der Gefahr spreche und +dem Richter Rat erteile, dann erzählte man, daß der Kranke, +der ihn berührt, gesundet, die Witwe oder Jungfrau, die ihn +küßt, heiratet. Die Klügeren behaupteten, daß der Kaftan +kein besonderes Wunder Gottes sei, sondern daß seine ganze +Kraft darin bestehe, daß mit der Unterschrift des Sultans der +Satz hineingestickt sei: »Gehorchet dem Träger des Mantels.« +Herr Michael Lestyák selbst, der das weltberühmte Kleidungsstück +fachmännisch betrachtete, meinte verächtlich:</p> + +<p>»Daran ist nichts Besonderes. Auch ich nähe einen solchen, +wenn ich Lust dazu habe.«</p> + +<p>Die Wunderkraft des Kaftans warf ein magisches Licht +auf die Person. Max kleidete sich in das farbenprächtige +Kleid der Legenden. An schönen Abenden erzählte man von +ihm in den Hütten in einer Entfernung von Hunderten von +Meilen. Weit unter Szegedin, während der Kahn des Fischers +mit leisem Plätschern die Wellen durchschneidet, träumt er +selbst: »Was mag wohl der Kecskeméter Oberrichter machen?«</p> + +<p>Er ißt goldenen Speck zur Jause mit einem Karfunkelmesser. +Der sprechende Kaftan sagte seinem Feind nicht nur: +»Hebt Euch weg von Kecskemét,« sondern er sagte auch dem +guten Freunde und den glänzenden Kremnitzer Dukaten: +»Kommt her nach Kecskemét.« Reiche Leute, edle Herren +kamen mit ihren Schätzen hierher, um in der sichersten Stadt +zu wohnen; die Eltern sandten am liebsten ihre Kinder dahin, +damals erschienen in den Straßen Kecskeméts das erstemal die +verschiedenen Studententypen, die seitdem dort bestehen; die +Schule blühte, die Bewohner bereicherten sich märchenhaft rasch.</p> + +<p>Freilich hat alles seine schlechten Seiten. Der Mantel +zeugte das viele Geld, das viele Geld zeugte die vielen Pustenbetyáren +und Räuber, die immer wieder Einfälle in das Kecskeméter +Gebiet wagten. Jedoch auch jedes schlechte Ding hat +seine guten Seiten, der Betyáren wegen verkündete man +das Standrecht und da das Komitat sich nicht frei bewegen +konnte, wurde das Recht des Blutbannes provisorisch auf den +Kecskeméter Magistrat übertragen. Noch ein Haar und Kecskemét +wird königliche Freistadt.</p> + +<h2>Achtes Kapitel.</h2> + +<p>Max Lestyák war Herr über Leben und Tod, und damit +sein Ansehen noch wachse, sandte ihm der König den Adel +mit dem Prädikate »Von Kecskemét«. Ein Ritter mit einem +Kaftan bekleidet, stand auf dem Wappen in silbernem Felde. +In der anderen Hälfte des Schildes war auf drei goldenen +Kissen ein sich bäumender Fuchs. (Se. Majestät hat dies +gut ausgedacht.) Nur noch eines fehlte zur vollen Glückseligkeit: +die Hochzeit mit Czinna.</p> + +<p>Und auch dieser stand nichts mehr im Wege. Der alte +Lestyák hatte sich mit dem Gedanken schon lange befreundet, +das kleine Ding wußte ihm alles zu Gefallen zu thun, und +wenn sie ihm das Kinn kraute, glaubte er sich ins Himmelreich +versetzt. Sie wurde aber auch immer schöner, sie bekam +runde Formen und ihr Gesicht war wie der Pfirsich, dessen +Blutfarbe selbst die zarte Hülle durchschlägt. Niemand kam +ihr gleich in Kumanien. Sie wurde der Liebling, die Vertraute +des Alten, er nannte sie »Tochter«, »Schwiegertochter« +und redete nun selbst seinem Sohn zu, sich zu beeilen, da er +bei Gott sie sonst selbst heirate.</p> + +<p>Max tobte vor Ungeduld, wenn das kleinste Hindernis +sich offenbarte; wenn aber kein Hindernis war, nahm er die +Sache leicht.</p> + +<p>Der erste Termin war für den Tag angesetzt, wo er den +Ferman des Ofner Pascha erwirkt, denn ohne diesen geht es +denn doch nicht, obgleich der Vogel auch dann sein Haus baut, +wenn er auch befürchtet, daß grausame Hände es zerstören. +Der Ferman kam selbst: er war auf die Sohlen Putnokis geschrieben. +Es ist gewiß, daß der Pascha das Mädchen wohl +nie mehr behelligt.</p> + +<p>»Nun könnt Ihr schon Hochzeit halten!« redete ihnen der +Alte zu.</p> + +<p>»Warten wir noch, bis das Haar der Czinna wieder gewachsen +ist,« antwortete Max. »Auf kurzen Haaren würde +sich der Kranz übel ausnehmen.«</p> + +<p>Im Laufe eines Jahres wuchs ihr auch das Haar und +wie herrlich! Eines Abends löste sie es während des süßen +Geflüsters los, denn jetzt trug sie es wie die Damen als +Kranz um ihren Kopf gewunden und band die beiden Hände +ihres Max mit zwei dicken Flechten fest, wie man die der +Häftlinge zu binden pflegt.</p> + +<p>»Ein gefesselter Oberrichter,« lachte sie mutwillig.</p> + +<p>Max verstand den Wink.</p> + +<p>»Wahrlich, die Zeit der Hochzeit wäre schon da, ich erwarte +sie schon lange, aber wenn wir uns die Sache überlegen, +schadet es nichts, wenn du noch etwas lernst, ich aber +will noch vorerst so viel verdienen, um die Frau eines Oberrichters +ernähren zu können.«</p> + +<p>Der Oberrichter nämlich ließ den hochgelehrten Herrn +Molitoriß zum Unterricht der Czinna ins Haus kommen; +kaum war aber ein halbes Jahr vergangen, so meinte der +würdige Herr:</p> + +<p>»Was ich wußte, weiß sie schon.«</p> + +<p>Max Lestyák hatte etwas Geld zusammengescharrt, jedoch +gerade zu dieser Zeit kam der Adelsbrief. Das Glückskind +fing an auf großem Fuß zu leben; die Adeligen der Umgebung +schlossen Kameradschaft mit ihm, sie kamen zu ihm +zu Besuch und er erwiderte denselben. Czinna vernachlässigte +er. Ein Adeliger kann doch nicht immer girren, er macht +sich ja lächerlich. Das elende Pergament hatte ihn wie umgewandelt, +wie wenn sein Blut wirklich blaublütiger geworden +wäre, wurde er noch launenhafter.</p> + +<p>Man sprach allüberall, daß er eine Beniczky heiraten solle, +dann würde aus ihm ein Obergespan gemacht werden in +irgend einem Komitate Emerich Tökölys, das noch in des +Kaisers Händen ist. Doch dies alles ist nur Geklatsch! Die +Kecskeméter fabrizieren denselben, seitdem ihr Oberrichter so +groß wurde, daß Kecskemét neben ihm klein erscheint.</p> + +<p>Ach, wie blutete das Herz Czinnas. Auf der kleinen +Holzbank unter dem Birnbaum, wo sie an schönen Sommerabenden +so oft flüsterten, wo Czinna so glücklich war, saß +Max jetzt selten, oft blieb er Wochen hindurch in den Kastellen, +und wenn er auch kam und ihr einige schöne Worte sagte, +der Schluß war immer:</p> + +<p>»Gieb nur auf deine Worte acht, Czinna, mein Täubchen, +sprich nie von jenem Tage, du weißt ja, welchen ich meine, +sage nie, daß du dort warst ... vor Olaj Beg, denn sonst +bin ich verloren.«</p> + +<p>Czinna war es, als wenn man ihr ein Messer ins Herz stieße. +Es tauchte in ihr der Verdacht auf, daß sich Max vor ihr +fürchte, aber sie nicht liebe; er kettet sie mit dem Brautring +nur deswegen an sich, daß er sich ihres Schweigens versichere. +Von Tag zu Tag wurde sie trauriger, die roten Rosen verschwanden +vom Gesichte, in den Augen fehlte der entzückende +Glanz, eine sanfte Melancholie war an seine Stelle getreten.</p> + +<p>Schön war sie trotzdem. Der alte Lestyák erschrak; er +glaubte, daß sie krank sei, er hatte auch den Grund ihrer Krankheit +herausgefunden.</p> + +<p>»Kränke dich nicht, trauere nicht, meine kleine Resedablüte. +Er liebt dich und glaube mir, wenn ich es sage, er möchte +dich auch schon morgen zum Traualtare führen, wenn er nur +Geld hätte. Was er aber hat, verspielt er mit den Fáys +und Beniczkys. Ich kenne ihn, den Max, er ist voller Dummheiten, +aber sein Herz ist gut. Freilich könntet ihr auch bei +mir leben, wenn auch ärmlich, du weißt aber, wie verrückt +er ist, wenn er den Herrn spielen will; er ißt nicht einmal +die Erdbeeren, wenn er sie nicht auf einem silbernen Teller +bekommt. Und gerade jetzt leidet er an dieser Krankheit. +Lassen wir ihn, bis er seinen Wappenfuchs satt bekommt. Entweder +der Fuchs frißt ihn oder er den Fuchs. Im allgemeinen +fressen diese Wappentiere sehr viel, meine liebe Czinna.«</p> + +<p>Czinna seufzte bei solchen Reden; das schöne Wort war +kein Balsam auf ihre Wunde.</p> + +<p>»Seufze nicht, lächle doch ein wenig, wie ehedem. Wenn +ich reden dürfte, könnte ich dir wohl etwas sagen, daß du Lust +zum Tanzen bekämst.«</p> + +<p>Geheimnisvoll zwinkerte er mit den Augen und murmelnd +mahnte er sich: »Pst, laß deinem Mund nicht freien Lauf, +Alter!«</p> + +<p>Was dieses geheimnisvolle Ding sein mochte, konnte sich +Czinna nicht recht vorstellen. Alles in allem war ihr bloß +ein Umstand aufgefallen. Seit einigen Tagen kamen zwei +Herren zu Lestyák; spät am Abend kamen sie, lange flüsterten +sie mit einander, indem sie sich in die Hinterstube einsperrten, +nie erwähnte aber der Alte, was sie wollten, sondern schweigend +und zugeknöpft ging er unter den Seinigen herum.</p> + +<p>Endlich eines Abends nahm er den Kopf Czinnas in die +Hände und wühlte in ihrem dichten schwarzen Haar herum. +Es war dies eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.</p> + +<p>»Freue dich, Czinnchen, freue dich! – Dein Tag ist gekommen, +nun wird auch die Hochzeit stattfinden, ich lasse dir +eine Ausstattung machen, daß die Fáyschen Fräulein grün +vor Neid werden. Lache doch, Czinna, du hast ja so viel Geld, +daß deine kleinen Kinder, wenn du welche haben wirst (du +mußt deswegen nicht erröten, was schämst du dich meiner +Enkelkinder) mit Goldstücken spielen werden.«</p> + +<p>Der Alte nahm einen Haufen Gold aus seinen Taschen +und ließ diesen vor Czinna funkeln.</p> + +<p>»Woher nahmen Sie diesen großen Schatz?« fragte erstaunt +das Mädchen.</p> + +<p>»Was ist dies mit dem übrigen gemessen? Horch auf, +mein Kind, ich will dir alles erzählen. Für dich thue ich +dies, was ich thue, einerseits, weil ich weiß, daß Max dich +ohne Geld nicht heiraten kann. Einerseits, sage ich, dann +spielt auch meine Eitelkeit mit hinein. Ich will ein Kleid +hinterlassen, daß die Schneider auch nach tausend Jahren erzählen +sollen: ›Es lebte ein Mann, Namens Mathias Lestyák, +der machte dieses Kleidungsstück.‹«</p> + +<p>»Ich ahne nicht einmal, wovon die Rede ist.«</p> + +<p>Der Alte fuhr flüsternd fort:</p> + +<p>»Zwei fremde Herren kamen zu mir, du kanntest sie ja +schon, ein kleiner Dicker und ein Goliath. Sie kamen in Vertretung +einer Stadt, den Namen derselben verschwiegen sie +auch vor mir. Ich fragte sie nicht, es ist mir ja gleichgiltig, +welche es ist. Sie suchten mich, wie gesagt, auf und sagten: +›Meister, Schneider der Schneider, unter allen Schneidern +der größte! Wir suchten dich auf, um dich reich und unsterblich +zu machen.‹ ›Was wollt ihr?‹ ›Nähe uns einen +Kaftan, gleich jenem der Stadt Kecskemét, er soll aber dem +anderen vollkommen ähnlich sein, wie zwei Eier oder zwei +Weizenkörner einander gleichen; bist du dies im stande?‹</p> + +<p>›Meine Nadel näht alles,‹ antwortete ich, ›was mein +Auge erblickt.‹«</p> + +<p>Czinna zog sich fröstelnd zum alten Schneider hin ...</p> + +<p>»Und worin kamen Sie überein?«</p> + +<p>»Wir wurden handeleins. Nach vielem Hin- und Widerreden +bestimmten wir, daß sie fünftausend Goldstücke zahlen, +fünfhundert gaben sie mir im voraus, alles wird dir gehören, +mein Kind.«</p> + +<p>»Können Sie ihn aber auch so nähen?«</p> + +<p>»Ich?« Und seine Augen flammten. »Geh' du Närrin! +Wofür hältst du mich denn? Es wird eine Prachtarbeit sein, +wenn ich es dir sage.«</p> + +<p>»Wird aber kein Unglück geschehen?« fragte das Mädchen +furchtsam.</p> + +<p>Der Alte lachte.</p> + +<p>»Was könnte denn passieren? Die andere Stadt wird +nun auch einen Kaftan haben, dies ist das Ganze. Und +dann, daß der Türke, der jetzt vielleicht zweihundert Städte +plündert, gezwungen sein wird, sich mit hundertneunundneunzig +zu begnügen. Hungers wird er deswegen nicht sterben.«</p> + +<p>»Richtig, richtig,« meinte Czinna zerstreut.</p> + +<p>»Du, mein Kind, giebst mir den Schlüssel und davon +braucht niemand etwas zu wissen: ich will mir dann den +Kaftan besehen, ihn genau prüfen und studieren; alsdann +fertige ich rasch wie der Wind ein getreues Ebenbild desselben +an und nachher soll es eine Hochzeit geben, wie sie wohl +noch nicht erlebt wurde. Hei, wie sollen deine zarten Füßchen +im Brautreigen hüpfen.«</p> + +<p>Solchermaßen wurde alles aufs Genaueste ausgeklügelt: +was für ein Brautkleid es geben, wie der Kranz und das +Schuhwerk beschaffen sein werden, wie sie dem Max viertausend +von den fünftausend Dukaten geben wollen: »Da, nimm, +und wirf deinem Weibe nicht vor, daß es dir nichts mitgebracht +habe.« Daraufhin werde er fragen: »Wo habt ihr +das her?« Sie aber werden antworten: »Wir haben es gefunden +auf der löcherigen Brücke.« Und zuletzt, da wollen +sie ein Erbschaftsmärchen ersinnen und damit bricht eine Zeit +ewiger Glückseligkeit für alle an.</p> + +<p>Czinna ward heiter, lachte, klatschte sogar in die Händchen, +so unbändig gefiel ihr das Zukunftsbild, das ihr von +Lestyák vorgegaukelt worden. Andern Tags erschloß sich dem +alten Schneider dank dem Schlüssel Czinnas der Eisenschrank +im Stadthause: er besichtigte nochmals genau den Kaftan +und ging sodann nach Szegedin, um bei den vornehmen +türkischen Kaufherren, die dort lebten, alles Zubehör, so den +feinen dunkelgrünen Sammet, die Schnüre und den Bärenpelz +für das Futter einzukaufen. Und so wie das alles gekauft +war, ging er mit der Fieberhast des Schöpfungsdranges +an sein Werk.</p> + +<p>Das war aber keine geringe Aufgabe. Alle Abende holte +er heimlich unter seinem Oberkleide den Kaftan, um diesen +am Morgen auf die gleiche Weise an seinen Platz zurückzuschmuggeln. +In die Stube des Oberrichters hatte er freien +Zutritt; darum fiel es auch niemandem auf, daß er so oft +kam und ging. Vielleicht hatte ihn der Oberrichter nach etwas +gesandt?</p> + +<p>Vom Abend bis zum frühen Morgen arbeitete er, eingeschlossen +in seiner hintersten Stube, mit der Inspiration +und der Leidenschaft eines Künstlers. Zuweilen erweckte er +Czinna aus ihrem nächtigen Schlafe, um ihr die einzelnen +Stücke zu zeigen, die allmählich die Formen des herrlichen +Originals anzunehmen begannen. Seine Augen flammten, +seine Stirn glühte, seine Nüstern bebten und die Stimme +zitterte vor freudigem Hochmut:</p> + +<p>»Schau, hier diese Ärmel, den Kragen, schau!«</p> + +<p>Und erst als nach vierzehn Tagen die Kaftankopie bis +zum letzten Stiche fertig ward, da füllte sich ihm das Herz +mit süßen Empfindungen:</p> + +<p>»Kann es ein herrlicheres Werk auf der weiten Erde +geben?«</p> + +<p>Es war eben Nachtzeit. Die Hähne krähten. Der Schneider +blickte zum Fenster hinaus. Für Mitternacht hatte er +seine Leute hinbestellt und die lauerten jetzt in der Umgebung, +bis er den Kaftan fertigstellen würde. Der Hofhund Bodri +fing an, das Gekrähe mit seinem Gekläffe zu beantworten: +Aha, der wittert Menschen. Und in der That, sie kamen. +Der Schneider ließ sie ein.</p> + +<p>»Blicket hin!«</p> + +<p>Ein Ausruf der Bewunderung entrang sich ihren Lippen. +Auf dem Bett lagen zwei goldige Kaftans ausgebreitet, und +die waren einander so gleich, wie zwei Eier oder zwei Weizenkörner.</p> + +<p>»Und was meint ihr dazu?« fragte der Meister.</p> + +<p>Der Eine sprach:</p> + +<p>»Fürwahr, du bist der Schneider aller Schneider, der +größte Schneider aller Zeiten.«</p> + +<p>Der Andere sprach nichts, sondern griff nach seinem großen +Gürtel und goß einen Haufen Goldstücke mitten auf den Tisch.</p> + +<p>»Es sind genau 4500 Stück. Zähle sie nach, Meister, +so du mir nicht glauben willst.«</p> + +<p>»Der Teufel mag's zählen! Nicht für Geld, sondern um +des Ruhmes willen habe ich gearbeitet.«</p> + +<p>»Welchen sollen wir mitnehmen?« fragte der Goliath, auf +die beiden Kaftans weisend. »Welcher ist der unsere?«</p> + +<p>Lestyák stand zaudernd am Bette. Er dachte bei sich:</p> + +<p>»Soll ich ihnen <em class="g">mein</em> Werk geben? Und es niemals, +niemals wiedersehen? Sie entführen es dann, weiß Gott +wohin, und nie wieder werde ich seine Schicksale erfahren. +Und dann erfaßt mich eine quälende Sorge, was aus ihm +geworden sei? Ich sehe den Türken nicht, der sich davor zur +Erde beugt, vor meinem Werke, um es zu küssen, mein Werk! +Nein, nein! Der Erfolg kann nicht ausbleiben. Das Werk +ist vollkommen. Ich will es immerdar vor meinen Augen +haben, mich berauschen an seiner Herrlichkeit!«</p> + +<p>»Ei, warum bezeichnet Ihr uns nicht endlich den neuen?« +polterte der Goliath ungeduldig.</p> + +<p>»Und Ihr, warum steift Ihr Euch just auf den neuen?«</p> + +<p>»Weil ich weiß, daß Ihr mir den bestimmt habt.«</p> + +<p>Lestyák sprang verletzt auf.</p> + +<p>»Nein, nein,« stammelte er heiser ... »Und justament sollt +Ihr den alten wegtragen, den alten, den echten. Der neue ... +der soll den Kecskemétern bleiben.«</p> + +<p>Der Goliath nahm das Kleid und barg es hurtig unter +seinem Mantel. Die Thür ging auf und fiel gleich wieder +ins Schloß. Die beiden Gestalten entschwanden in der nächtigen +Dunkelheit.</p> + +<p>Der Alte ging zu Bette, aber kein erquickender Schlaf +wollte über ihn kommen. Ihn quälten böse Traumgesichter. +Die Dukaten, die er allesamt in einen Korb gefegt und unter +das Bett gestellt hatte, fingen an auf dünnen Spinnenfüßen +die Wand emporzuklettern: »Heda, ihr Spinnen, husch +hinab vom Gemäuer!« Ein Goldstück sprang ihm auf die +Brust und tanzte dort einen tollen Reigen. »Ei, na warte +doch, dich soll ich bald haben.« Er haschte nach der Münze, +doch es war unmöglich, sie zu fangen, obgleich ihre kalten +Füße ihn stachen und ihn schaudern machten, als ob sie Stecknadeln +mit Eisspitzen wären, daß ihm die Zähne zu klappern +begannen.</p> + +<p>Dann schien es ihm wieder, daß ein kichernder Satan das +teuflische Gold ergreift, es in einem Kessel schmilzt und dann +in sein Ohr gießt, die heiße Flüssigkeit durchläuft seine Adern +und sprengt seine Schläfe. Und während sein Blut heftig +kocht, rufen ihm entsetzliche Stimmen zu: »Lestyák, was hast +du gethan, ach was hast du gethan!«</p> + +<p>Er sprang auf, kleidete sich an, drückte seinen Kopf an die +Fenstertafel und erwartete den Morgen. Er fühlte eine große +Beklommenheit, traute es sich aber selbst nicht einzugestehen. +Ah! Es ist ja alles in Ordnung. Die Sache ist sicher, +ganz sicher. Er trug den Kaftan in die große Eisentruhe +des Stadthauses, dann ging er in die Schlafkammer von +Czinna, um ihr den Schlüssel zu übergeben, wobei er ihr ins +Ohr flüsterte:</p> + +<p>»Alles ist gut, mein Herz, dort unter dem Bette wiehern +schon die Goldfüchse. Wir haben etwas, was wir vor den +Hochzeitswagen spannen.«</p> + +<p>Vergebens strengte er sich an, ruhig zu sein; sein verstörtes +Gesicht widersprach dieser Ruhe. Er konnte nirgends +seinen Platz finden.</p> + +<p>Wie die betäubte Fliege taumelte er hin und her, bis er +endlich bei seinem Sohn eintrat, wo er schon den Haiducken +Pintyö mit einem Briefe vorfand.</p> + +<p>Der Oberrichter sah sehr gut aus, sein Gesicht glänzte +vor Lebenslust. Gerade jetzt war er mit dem Ankleiden fertig +geworden.</p> + +<p>Auch der Anzug war ganz anders, als ehedem, ganz für +einen Edelmann passend; statt des Dolmans ein Attila mit geschlitzten +Ärmeln, im Schlitz mit weichselroten Seideneinsätzen.</p> + +<p>»Guten Morgen, mein Vater! Was giebt es Neues?«</p> + +<p>»Ich wollte dich um etwas ersuchen.«</p> + +<p>»Dem Kecskeméter Oberrichter befiehlt nur ein Mann in +ganz Kecskemét.«</p> + +<p>»Meinst du mich?«</p> + +<p>»Sie haben es erraten. Nun, was befehlen Sie?«</p> + +<p>»Eine Kleinigkeit, blos eine Laune. Wenn demnächst eine +feindliche Truppe nach Kecskemét kommt, möchte ich derselben +im Kaftan entgegengehen.«</p> + +<p>»Ei Teufel! Kein schlechter Spaß. Er kommt auch mir +gelegen, denn ich hätte heute ohnehin einen anderen senden +müssen.«</p> + +<p>»Ist etwas los?« frug der Schneider hastig.</p> + +<p>»Eine Truppe des Großveziers Kara Mustafa lagert unweit +seit Mitternacht. Sie gehen von Belgrad nach Kékkö +und haben um Proviant hereingeschickt. Gerade ihren Brief +brachte Pintyö.«</p> + +<p>»Prächtig!« rief der Schneider begeistert aus. »Ich gehe +ihnen entgegen.«</p> + +<p>»Sehr gut. Pintyö, lassen Sie für meinen Vater ein +Pferd satteln.«</p> + +<p>»Welches? Den Büßke?«</p> + +<p>»Der Ráró wird vielleicht besser sein, er ist frommer. +Heute könnte ich nicht gehen, wir halten Gericht. Denken +Sie, mein Vater, der Kläger ist niemand Geringerer als der +Kalgaer Tartaren-Sultan. Einige Kecskeméter Burschen haben +eine Schafherde weggetrieben und die vier Wache habenden +Tartaren weidlich geprügelt. Einer von ihnen starb sogar.«</p> + +<p>»Die verkehrte Welt!«</p> + +<p>»Das Schönste an der Sache ist,« – fuhr der Oberrichter +fort – »der Nimbus der Stadt Kecskemét zwingt den Kalgaer +Sultan dazu, nach unseren Gesetzen das Recht zu beanspruchen, +anstatt Genugthuung zu nehmen nach seiner Laune. +Auch dies hat nur der Kaftan verursacht. Aber halt, beinahe +hätte ich es vergessen, warten Sie nur, Pintyö. Vor +allem gehen Sie auf den Marktplatz und holen Sie vier zu +Richtern passende Personen, es können unter ihnen auch +Türken sein, wenn es sich gerade so trifft.«</p> + +<p>Es war der erste Markttag (denn seitdem der Kaftan da +ist, hat Kecskemét auch seine Märkte zurückerlangt), der alte +Pintyö guckte in die Hütten, lief den gutgekleideten Leuten +nach und wenn er eine angesehene Person erwischen konnte, +leierte er die Formel her:</p> + +<p>»Im Namen des wohledlen Herrn Max Lestyák, Oberrichter +der Stadt Kecskemét! Es sei Euch, mein guter Herr, +die Ehre gegeben und möge es Euch nicht zu Lasten sein in +unserem bescheidenen Gemeindehaus, um dort weise und gerecht +Recht zu sprechen über unsere Völker. Ungehorsam zu +sein, wäre nicht angeraten.«</p> + +<p>Bald hatte er den gelehrten Paul Börcsök aus Szegedin, +den geistvollen Franz Balogh aus Szentes engagiert, er fand +den letzteren in der Laczikonyha<sup id="fnRef17"><a href="#fn17">17</a></sup> schon beim sechsten Glas. +(Jedoch auch so wird er gut sein.) Dann zitierte er den +Czegléder Lebzelter Stefan Torda und weil der Oberrichter +auch von Türken sprach, nahm er den langbärtigen Mollah +Cselebit aus Ofen mit, der Astrachen verkaufte und der jene +Städte, wo man den Kadi mit Stricken fängt, in des Teufels +Umarmung wünschte. So seinen Auftrag verrichtend, +ging er in den Stall des Stadthauses, putzte, kämmte den +Ráró, fütterte ihn mit etwas Hafer, dann legte er ihm den +Sattel auf und ließ zu den Lestyáks hinübersagen, daß der +alte Herr kommen möge.</p> + +<p>Der alte Lestyák eilte mit leichten Schritten aufs Stadthaus, +wo das Gericht schon versammelt war, der Oberrichter +hatte noch zwei Senatoren hinzugesellt, den Gabriel Poroßnoki +und Agoston Kristof, er selbst führte als Siebenter den Vorsitz. +Als er seinen Vater erblickte, sandte er Pintyö mit dem +Stadtsiegel zu Czinna um den Schlüssel, dann nahm er den +Kaftan aus der Eisentruhe und zwei Senatoren halfen dem +alten Herrn, ihn anzuziehen. Dies war die amtliche Zeremonie.</p> + +<p>»Gehen Sie, Vater, in Gottes Namen.«</p> + +<p>Draußen setzte dieser seine Füße in den Steigbügel, er warf +sich in die Brust, den Kopf nach rückwärts lehnend, wie ein +echter Ritter. Die fremden Marktgäste liefen neugierig hin, +um den Vater des mächtigen Oberrichters zu sehen, auf dessen +dünnem Körper der weltberühmte Mantel saß. Die Kecskeméter +Bürger lüfteten lächelnd die Hüte, die Kinder schrieen:</p> + +<p>»Vivat, Vivat, Lestyák bácsi!<sup id="fnRef18"><a href="#fn18">18</a></sup>«</p> + +<p>Einige flüsterten neidisch:</p> + +<p>»Glücklicher Vater, glücklicher Mensch!«</p> + +<p>Und wahrlich, jetzt war er glücklich. Mit ganzer Lunge +atmete er die balsamische Luft ein. Der Ráró tanzte stolz +unter ihm. Von den kleinen Gärten vor den Häusern lachten +ihn die Jasmine und Lilien an, aus dem eigenen Fenster +winkte ihm Czinna mit einem weißen Tuche. Seine Unruhe +verschwand, er war weder müde, noch aufgeregt. Die +Furcht des Soldaten vor der Schlacht weicht in der Schlacht. +Und er war jetzt dort im Feuer, er glaubte den Ton der +Trompeten zu hören: »Vorwärts, auf zum Triumph!«</p> + +<p>Während nun seine Gestalt im Staube des Weges verschwand, +saßen die Senatoren und der Oberrichter ruhig beisammen, +hörten den Thatbestand von der Forttreibung der +Schafherde an, so auch die langweiligen Vorträge der Zeugen +und Kläger. Nicht selten mengte sich ein Gähnen der edlen +Herren in das wüste Gespräch.</p> + +<p>Daß vor der Stadt ein hungeriger Feind stand, alterierte +die Herren wenig. Schneckenblut! Der Feind ist jetzt eine +laufende Angelegenheit, wie etwa wenn man ein Marktweib +zur Ordnung weisen muß. Hierzu bedarf es eines Mannes +und eines Stockes, dazu eines Mannes und eines Kaftans.</p> + +<p>Nur der Oberrichter bewegte sich unruhig in seinem Sessel, +seitdem im Saal in Vertretung des Kalgaer Sultans Olaj +Beg erschien, mit seinem Falkenblicke die Richter musternd, +und frug, welcher von ihnen der berühmte Oberrichter Max +Lestyák sei – worauf Agoston mit seinem Ellbogen zur Tischspitze +wies ...</p> + +<p>»Das ist nicht möglich,« murmelte Olaj Beg kopfschüttelnd.</p> + +<p>»Und doch bin ich Max Lestyák,« meinte der Oberrichter +mit tonloser Stimme.</p> + +<p>Der große Beg murrte verdrießlich:</p> + +<p>»Entweder flimmerte es vor meinen Augen, als wir vor +dritthalb Jahren in meinem Lager zusammen trafen, oder +es wurde der Kopf Euer Hochedlen seitdem vertauscht.«</p> + +<p>»Ja, man wird älter, es ist alles umsonst.«</p> + +<p>»Im übrigen habe ich Euch einen Brief gebracht. Den +Brief hat der Kalgaer Sultan geschrieben, mit honigsüßer +Feder:</p> + +<blockquote> +<p>›Mein lieber Sohn, tapferer Max Lestyák!</p> + +<p>Bestrafe, ich bitte dich, die bösen Wölfe, denn wenn du +kein abschreckendes Beispiel schaffst, so glaube mir, stehlen deine +Leute mir noch den Turban vom Kopfe. Ich würde es gern +sehen, wenn du mir einen Korb Köpfe senden würdest (die +Räuber langen auch für zwei). Schon lange habe ich mich +an abgeschnittenen Kecskeméter Köpfen nicht ergötzt. Meinen +Abgesandten Olaj Beg, der Euch die nötigen Aufklärungen +geben wird, haltet hoch in Ehren.</p> + +<p>Ich bleibe dein mächtiger Herr und Freund, der</p> + +<p>Krimer Vizekhan (Kalgaer Sultan)‹.«</p> +</blockquote> + +<p>Lestyák überflog den Brief zerstreut, verwirrt, dann schob +er ihn den Richtern hin, damit diese sehen sollen, wie heikel +die Potentaten mit dem Kecskeméter Oberrichter umgehen.</p> + +<p>Unterdessen bemerkte er, bis über die Ohren rot werdend, +den forschenden Blick Olaj Begs, der immer auf ihm ruhte. +Er saß auf Nadeln unter unangenehmen Gefühlen; hierzu +gesellte sich die Stunden andauernde Flut der Geständnisse, +der Dunst des Saales. Ein Schwindel überkam ihn und +gerade wollte er den Vorsitz an Poroßnoki abgeben, als draußen +ein Entsetzensschrei laut wurde und sich durch die Gassen +wälzte, immer näher und näher kommend, die Fenster erschütternd.</p> + +<p>Die Richter liefen entsetzt zum Fenster und taumelten +totenbleich zurück. Der Ráró lief wild gegen das Stadthaus, +auf ihm saß niedergebunden der alte Lestyák mit dem Kaftan +– aber ohne Kopf. Aus dem Rumpfe tropfte das Blut. +Das Pferd und der Kaftan waren mit Blut bedeckt.</p> + +<h2>Neuntes Kapitel.</h2> + +<p>Die Haare Poroßnokis standen zu Berge.</p> + +<p>»Entsetzlich!«</p> + +<p>Der Oberrichter fiel mit dem Gesichte auf den Tisch und +schluchzte.</p> + +<p>»Unfaßbar!« bemerkte Olaj Beg, als man ihm erklärte, +daß der Alte im Kaftan bei einer Truppe des Großveziers war.</p> + +<p>Herr Agoston befaßte sich mit dem Oberrichter.</p> + +<p>»Kommen Sie, mein edler Herr. Lösen wir den Gerichtshof +auf. Auch die Grenzen der Pflicht übersteigt der große +Schmerz, der Sie betroffen.«</p> + +<p>Max schauerte zusammen und wischte die Thränen aus den +Augen.</p> + +<p>»Ich bin stark. Keinen Schritt weiche ich von hier, bis +ich nicht Rache genommen habe für meinen Vater. Dies hat +man nicht im Türkenlager gethan.«</p> + +<p>Sofort befahl er, daß man den Leichnam nach Hause trage +und denselben wasche. Zwei berittene Trabanten aber sollten +die Blutspuren verfolgen, bis sie den Kopf und die Erklärung +des Rätsels fänden.</p> + +<p>»Den Kaftan nehmet ihm ab und bringet ihn herauf,« +ergänzte Poroßnoki die Ordre.</p> + +<p>Nach kurzer Zeit brachte Pintyö weinend den blutigen +Mantel. Olaj Beg und Mollah Cselebit sprangen in die +Höhe und eilten den Saum zu küssen, als sie aber näher +kamen, verzog der Beg sein häßliches Gesicht.</p> + +<p>»Bei Allah, das ist nicht der echte Kaftan! Es fehlt das +Zeichen des Scheik–ül–Islam.«</p> + +<p>Mollah Cselebit legte seine Hände über die Brust und +wiederholte gedankenvoll:</p> + +<p>»Das ist nicht das heilige Kleid.«</p> + +<p>Die Kecskeméter Bürger, die unter den Zuhörern saßen, +sahen erstarrt den Oberrichter an.</p> + +<p>»Verrat!« rief Kristof Agoston.</p> + +<p>Franz Kriston sprang von der Zeugenbank auf und stellte +sich vor den Oberrichter.</p> + +<p>»Verantworten Sie sich! Der Schlüssel war Ihnen anvertraut.«</p> + +<p>»Ich weiß von nichts,« sagte der Oberrichter gereizt. (Er +war wie das Eisen: desto härter, je mehr man es schlägt.)</p> + +<p>»Welch' großer Schlag, welcher Schlag für Kecskemét!« +rief Poroßnoki die Hände ringend.</p> + +<p>Wie der weggeschleuderte Stein, so schwirrten die Stimmen +in der Luft: »Tod dem Schuldigen!«</p> + +<p>»So ist's! Auch ich werde es aussprechen.«</p> + +<p>Zwischenrufe wurden laut.</p> + +<p>»Er gehört nicht auf den Präsidentenstuhl, sondern auf +die Anklagebank.«</p> + +<p>»Ruhe!« schrie der Oberrichter und klirrte mit dem Säbel, +der, seitdem er geadelt wurde, immer vor ihm auf dem Tisch +lag. »Hier sitze ich im Präsidentenstuhl und hier bleibe ich. +Ich will sehen, wer sich zu rühren getraut, wenn der Oberrichter +von Kecskemét Ruhe gebietet.«</p> + +<p>Nur auf den Friedhöfen herrscht eine solche grauenhafte +Stille, wie sie nun eintrat.</p> + +<p>»Wer ist der Elende, der seinen Stachel gegen mich ausstreckt? +Wenn ich gewußt hätte, daß der Mantel nicht der +echte ist, hätte ich in demselben meinen eigenen Vater gesendet? +Das Ding ist unbegreiflich. Gott hat es gefallen, eine Prüfung +zu senden über Kecskemét, jedoch verzagen wir nicht, +denn was immer auch geschehe, noch herrscht hier eine starke +Hand. Deswegen, mein lieber Herr Senator Kriston, eilen +Sie sofort und tragen Sie den Türken nach Talfája die +verlangte Brandschatzung, damit nicht aus zwei Übeln drei +werden.«</p> + +<p>Kriston ging sofort, bevor er aber noch zur Thür gelangt +war, öffnete sich diese mit großem Geräusch und herein stürzte +Czinna. Sie war weiß, wie eine Lilie, ihr Gang unstät, aus +ihren schönen Augen stürzten Thränen.</p> + +<p>»Was suchst du hier?« fuhr sie der Oberrichter an, seine +Brauen zusammenziehend. »Geh' nach Hause weinen!«</p> + +<p>»Hier ist mein Platz!«</p> + +<p>Und sie stürzte in die Knie. Ihr roter, unten mit Spitzen +versehener Rock hob sich ein wenig in die Höhe und ließ ihre +entzückenden Knöchel sehen.</p> + +<p>Olaj Beg schleuderte den Sessel von sich.</p> + +<p>»Das ist sie, das ist sie! Mein Herr Max Lestyák, sehen +Sie sich diese hier an. Dieses Mädchen war bei mir im Lager. +Nie erblicke ich Mekka, wenn es nicht wahr ist.«</p> + +<p>Poroßnoki und Agoston richteten ihre Augen starr auf +den Oberrichter, der merklich verlegen wurde und bis über +die Ohren rot war. Dies war seine schwache Seite. Nun +fing er an, die Energie zu verlieren. Czinna beugte traurig +den Kopf.</p> + +<p>»Nie sah ich dich, guter Mann.«</p> + +<p>Der Oberrichter warf ihr einen dankbaren Blick zu, wie +wenn er sagen wollte: »Du hast mich nur wiedergegeben,« +dann zischte er zwischen den Zähnen: »Alles fällt, stürzt, +es war alles verfehlt.«</p> + +<p>»Was willst du, mein Kind?« fragte jetzt der Szenteser +Franz Balogh. »Warum stehst du nicht auf?«</p> + +<p>Der Brust des Mädchens entrang sich ein krampfhaftes +Schluchzen.</p> + +<p>»Ich bin an allem Schuld. Ich bin die Schuldige. Ich +habe den Schlüssel der Eisentruhe dem Vater Lestyáks gegeben, +da zu ihm aus einer fremden Stadt Leute mit der Bitte kamen, +er möge ihnen einen Mantel, wie der unsrige ist, für fünftausend +Goldstücke nähen.«</p> + +<p>Ein gefahrdrohendes Gemurmel folgte diesen Worten. Der +Oberrichter wendete sein bleiches Antlitz gegen die Wand. Auf +diesen Schlag war er nicht vorbereitet.</p> + +<p>»Wie konntest du dies thun?« schrie Poroßnoki, »sei aufrichtig, +die Aufrichtigkeit kann deine Sünde mildern.«</p> + +<p>Czinna drückte ihre Hände aufs Herz, ihre langen Wimpern +schlossen sich. Sie glaubte vor Schande vergehen zu +müssen und doch mußte sie es sagen in dieser traurigen Stunde.</p> + +<p>»Weil ich liebe, ich liebe Max Lestyák mehr als mein +Leben, mehr als diese Stadt. Der Alte hat viertausend +Goldstücke für mich bestimmt, damit sein Sohn, der seit dritthalb +Jahren mit mir im Brautstand lebt, mich zur Frau +nehme. Er hat es bisher nicht gethan, weil wir beide arm +sind. Ich habe seinen Worten Glauben geschenkt und ihm +den Schlüssel übergeben.«</p> + +<p>Ihr bleiches Gesicht rötete sich, aus der weißen Lilie wurde +eine Rose, aber nur auf eine halbe Minute.</p> + +<p>»Welcher Skandal!« brüllte Herr Agoston. »Wenn ich +nur bis an mein Lebensende in Waitzen geblieben wäre.«</p> + +<p>»Was dann?« fragte Poroßnoki unruhig.</p> + +<p>Der Oberrichter faßte krampfhaft die Sessellehne, die Welt +drehte sich im Kreise, vor seinen Augen tanzten die winzigen +Buchstaben, die der Schriftführer aufs Papier warf. Seine +Lippen biß er blutig: »Nur jetzt noch, nur eine halbe Stunde +noch soll ich keine Schwäche zeigen.«</p> + +<p>»Und dann?« nahm Czinna das Wort mit ersterbender +Stimme. »Ja, dann. Was geschah mir? (Mit ihrer Hand +rieb sie ihre marmorglatte Stirn.) Er ging zur Eisentruhe, +bei Nacht nahm er den Kaftan mit und nähte dann einen +ähnlichen. In der vergangenen Nacht nahmen ihn die Besteller +mit.«</p> + +<p>»Alles ist klar,« murmelte Poroßnoki. »Er war ein +stolzer Meister und glaubte, wollte es zeigen, daß beide gleich +sind. Und heute zog er ihn an, damit er die Wirkung seines +Prachtwerkes genieße.«</p> + +<p>»Und wer waren die Besteller?« frug der Szegediner +Börcsök. Er dachte bei sich: »Ob es nicht die Unserigen +waren?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« antwortete Czinna. »Auch der Entseelte +wußte es nicht. Das Ganze geschah im Geheimen. ›Eine +weit liegende Stadt‹, mehr sagte er mir nicht.«</p> + +<p>»Die Stadt müssen wir auffinden,« meinte Herr Agoston +traurig.</p> + +<p>»Wir werden sie finden,« sagte mit dumpfem Ton der +Oberrichter. Dies war sein erstes Wort während des Geständnisses.</p> + +<p>»Dies wird der Fall sein, wenn es eben der Fall sein +wird,« meinte Herr Permete mit bitterem Ton, »jetzt aber +sind Sie ein Mann beim Urteilsspruche, wenn Sie es zu sein +vermögen.«</p> + +<p>Es war nicht anders, als wenn Herr Permete frisches +Blut in seine Adern gegossen hätte. Ihn, Max Lestyák, fordert +man auf, ein Mann zu sein! Seine Augen sprühten Funken.</p> + +<p>»Das werde ich auch sein,« sprach er rauh und zog ein +mit Siegel versehenes Dekret aus der Tasche. Er stand auf +und begann feierlich zu lesen: »Wir Leopold I. von Gottes +Gnaden Kaiser von Österreich ....«</p> + +<p>Seine Stimme versagte, sie wurde zum Röcheln, seine +Hände zitterten, nach Luft schnappend reichte er das Dekret +Herrn Agoston hin.</p> + +<p>»Lesen Sie es vor!« Dann setzte er matt hinzu: »Ich +bin ja auch nur ein Mensch!«</p> + +<p>Wie wenn es ihm aber leid thäte, dies gesagt zu haben, +rief er Pintyö zu:</p> + +<p>»Man muß die Fenster öffnen. Mir ist nicht gut .... +Die erstickende Atmosphäre!«</p> + +<p>Herr Agoston verlas unterdessen das königliche Dekret, das +auf Diebstahlsfakten und auf Verrat das Standrecht für das +Gebiet der Stadt Kecskemét verkündete und den Magistrat +von Kecskemét mit dem Blutbannrechte bekleidete.</p> + +<p>Es folgt die Abstimmung.</p> + +<p>Dem Herrn Poroßnoki gehört das erste Votum:</p> + +<p>»Dieses Mädchen hat die Stadt verraten. Ich verurteile +sie zum Tode durch das Schwert.«</p> + +<p>Nach ihm folgte Herr Börcsök.</p> + +<p>»Schwert!« sagte er kurz.</p> + +<p>Mollah Cselebit sagte:</p> + +<p>»Sie hat es aus Liebe gethan. Sie ist nicht schuldig.«</p> + +<p>Nun kam an Herrn Franz Balogh die Reihe:</p> + +<p>»Sie wußte nicht, daß für die Stadt ein so entsetzliches +Unglück daraus erwachsen konnte. Sie thue Buße.«</p> + +<p>Es herrschte eine Stille, daß man das Pochen der Herzen, +das Schwirren eines zum Fenster hereingeflogenen Schmetterlings +hören konnte. Zwei Voten verlangten den Tod, die +beiden anderen beließen das Leben. Es folgte in der Abstimmung +der Czegléder Lebzelter, er dachte lange nach, aus +seiner Stirn perlte der Schweiß.</p> + +<p>»Es wird ein wenig Kerker auch genügen,« stöhnte er.</p> + +<p>Diejenigen, deren Herz voller Teilnahme für das Mädchen +war, atmeten frei auf, sie wollten nicht, daß diesen herrlichen +Hals das Richtbeil vom Körper trenne. Nur Herr +Agoston war noch zurück.</p> + +<p>»Tod!« rief er rauh.</p> + +<p>Wieder standen die Voten gleich. Der Präsident hatte zu +entscheiden. Welch' fürchterliche Scene! Der Oberrichter erhob +sich mit bewundernswürdiger Seelenruhe: elastisch dehnte +sich seine Gestalt, er nahm den neben seinem Säbel liegenden +Stab zur Hand, und drehte an demselben. Der Stab krachte; +er war entzweigebrochen.</p> + +<p>»Tod!« sagte er vernehmbar und ruhig.</p> + +<p>Das Mädchen sah ihn entsetzt an, dann stürzte sie mit +einem markerschütternden Aufschrei zusammen. Aus den +Reihen der Zuhörer tönte Gezisch mit Eljenrufen untermengt.</p> + +<p>»Er ist doch ein großer Mann!« flüsterten die Kecskeméter +einander zu.</p> + +<p>»Ein schlechter Mensch!« murmelte Mollah Cselebit.</p> + +<p>Der Oberrichter kümmerte sich um all' dies nicht, er verließ +den Richtertisch, jetzt verpflichtete ihn nichts mehr. Er +beugte sich über seine Geliebte, hob sie auf, küßte sie und +flüsterte ihr ins Ohr:</p> + +<p>»Befürchte nichts, ich rette dich.«</p> + +<p>»Er hat zwei Herzen,« meinte Herr Permete zu seinen +Kameraden.</p> + +<p>Und der Mann mit den zwei Herzen verließ den Saal +mit sicheren, männlichen Schritten, wie wenn nichts geschehen +wäre, dann ging er nach Hause, sperrte sich mit dem geköpften +Leichnam ins Zimmer ein und redete stundenlang zu demselben:</p> + +<p>»Warum hast du das gethan, warum hast du es gethan? +Schau, welch' Unglück du auf dich, auf mich und auf sie +heraufbeschworen hast. Du warst kein schlechter Mensch, ich +weiß es wohl .... Der Ehrgeiz war dein Henker. Man hat +in dir dieses ungarische Ungeheuer erweckt. Aus Ehrgeiz hast +du den Kaftan gemacht, aus Ehrgeiz hast du den unsrigen +weggegeben. Du hast auch das arme Mädchen mit hineingerissen, +wenn du nur dies nicht gethan hättest, ihr Herz +war der Hebel. Du hast ihn gefunden. Alles zerfiel. Hier +stehe ich gebrochen ... Ich konnte den Schatz nicht ermessen, +welchen ich in jenem Mädchen besaß ...«</p> + +<p>Dann verfügte er sich in das andere Zimmer und suchte +den großen mit Gold gefüllten Korb hervor ...</p> + +<p>»Da nimm's hin, Erzsi! Gehe in den Garten und streue +es unter das Volk!«</p> + +<p>Das weinende Mädchen gaffte und staunte, gehorchte aber +dann dem mächtigen Oberrichter der Stadt und streute die +funkelnden Dukaten mit vollen Händen in den Sand der +Straße, in die Furchen, zwischen das Gestrüpp. Der Oberrichter +sah eine Weile vom Fenster aus dem Treiben der Leute +zu, wie sie um das Gold drängten und balgten.</p> + +<p>Als aber Erzsi zurückkehrte, war er nicht mehr da. Er +war nirgends. Wann er weggegangen, wohin er gegangen, +niemand, niemand hatte ihn gesehen. In Kecskemét hat +keine Seele mehr mit ihm gesprochen.</p> + +<hr> + +<p>Für den vierten Tag war Czinnas Enthauptung anberaumt +worden.</p> + +<p>Drei Tage brachte sie in der Armesünderzelle zu. Sie +betete vor dem Kruzifix, auf welchem Tag und Nacht der +Glanz zweier Wachskerzen flimmerte.</p> + +<p>Diese Zeit reichte für alle Vorbereitungen hin. Die Zimmerleute +erbauten das Blutgerüst gegenüber dem grünen Thore +des Stadthauses; Paul Fekete war als Vertrauensmann damit +beauftragt worden, den Scharfrichter aus Fülek zu holen. +(Die Senatoren hatten anderes zu thun, sie forschten in den +Kecskeméter Teichen nach dem verschwundenen Oberrichter.)</p> + +<p>Endlich am vierten Tage, als von dem Turme der +St. Nikolauskirche die neunte Stunde schlug, entstand eine +große Bewegung in der versammelten Volksmenge. Es erklang +die Armesünderglocke.</p> + +<p>Jetzt bringt man Czinna auf den Richtplatz. Sie ist mit +einem einfachen weißen Rock bekleidet, welchen fast ganz das +aufgelöste lange Haar bedeckt.</p> + +<p>Dem wird gleich Gáspár Szekeres, der Barbier abhelfen. +Flugs war er mit seiner Scheere zur Verurteilten geeilt und +mit einem Schnitt war es um das schöne Haar geschehen ... +damit's den Scharfrichter nicht in seiner Arbeit hindere. +Dann stellte sich Franz Kriston auf einen Stuhl und verlas +das Todesurteil.</p> + +<p>Nun ergriff Pater Bruno das Mädchen bei der Hand, +um es auf das Podium zu führen, wo der Scharfrichter +wartete, das scharfgeschliffene Richtschwert in der einen, die +weiße Binde in der anderen Hand haltend. Damit werden +ihr die Augen verbunden.</p> + +<p>»Entsetzlich, das mit anzusehen!« sprach Frau Paul Nagy +und schloß die Augen.</p> + +<p>»So schön und sie muß sterben –« seufzte Gerson Zeke.</p> + +<p>»Noch einen Augenblick,« erklärte Frau Fábián, »– und +es giebt ein heiratsfähiges Mädchen weniger.«</p> + +<p>»Die sind noch immer dicht genug gesäet,« meinte Johann +Szomor.</p> + +<p>»Noch nie habe ich eine solch' traurige Exekution mit angesehen,« +sagte Stefan Tóth mit wichtiger Miene, »und doch +habe ich schon viele gesehen. Erstens giebt es kein einziges +nasses Auge. Auch der alte Bürü ist schon eine ganze Woche +fort mit seiner Fiedel. Zweitens ist in diesem Falle von +nirgendsher das Wehen des Gnadentuches zu erwarten; drittens ....«</p> + +<p>Er hatte keine Zeit, den begonnenen Satz auszusprechen, +denn eine große Staubwolke entstand auf der Czegléderstraße, +schmucke Kuruczen-Hußáren mit gezogenem Säbel stürmten +mit großem Schlachtenlärm zum Richtplatz heran. Voran +einige mit herabgelassenem Helmvisier, auf schönen Pferden.</p> + +<p>»Der Feind, der Feind!« schrie die Menge und zerstob in +alle Windrichtungen.</p> + +<p>Eine große Verwirrung entstand. Pater Bruno sprang +vom Podium herab und mit klappernden Zähnen stürzte er +dem Stadthause zu:</p> + +<p>»Es wird das ein Wunder sein. Um mich kommt man, +man führt mich schon weg!«</p> + +<p>Auch die Senatoren suchten ihr Heil in der Flucht. Der +Scharfrichter ließ das Richtschwert fallen, auch er flüchtete.</p> + +<p>Das Ganze war das Werk eines Augenblickes; der eine +gepanzerte Krieger erklomm im Nu mit seinem Rosse das +Blutgerüst und schwang das Mädchen wie eine Feder in den +Sattel. Niemand stellte sich ihm in den Weg, niemand fragte, +was er wolle? Auch er fragte niemand, ob es erlaubt sei. +Die kleine Abteilung verschwand, wie sie gekommen, in einer +Nebengasse.</p> + +<p>Langsam kamen die erschreckten Einwohner wieder hervor. +Die Senatoren freuten sich, daß man nur Czinna mitgenommen +und sonst nichts. Es sei kein Schade um das Mädchen.</p> + +<p>Der Henker machte ein saures Gesicht; man möge ihm +Arbeit geben, da er sich von so weit herbemüht hat.</p> + +<p>Viele, die hinter den Umzäunungen die Szene mit angesehen +hatten, schwuren bei Himmel und Erde, daß der Held +mit dem herabgelassenen Helmvisier, der auf das Blutgerüst +gesprengt war, niemand anders sei, als Max Lestyák. Man +erkannte ihn an seiner Gestalt, an seinen Bewegungen, an +seinen glänzenden, nußbraunen Augen. Man suche ihn nicht +im Wasser des stillen Teiches.</p> + +<p>Frau Johanna Deák, die eine vertrauenswürdige Person +ist, hörte, wie Czinna dem Helden unterwegs zuflüsterte:</p> + +<p>»Wirst du noch einmal warten, bis mein Haar wieder gewachsen +ist?«</p> + +<p>Der Held antwortete ganz vernehmlich:</p> + +<p>»Nein, Czinna, nein, ich warte nicht.«</p> + +<hr> + +<p>Ob es so war, oder nicht, der Himmel weiß es. Von +diesem Tage angefangen aber suchte man Max Lestyák nicht +mehr unter den Toten, sondern erwartete ihn täglich zurück.</p> + +<p>Wenn er verschwand, so hatte er wohl seinen Grund dazu +gehabt. Er ging den Kaftan suchen und nahm auch seine +Braut mit. Was ist da weiter dabei! (Er hat gut daran +gethan.)</p> + +<p>Einmal, Ihr werdet es sehen, wird er wieder nach Hause +kommen auf einem Eisenschimmel mit goldenem Zügel, den +Kaftan umgeworfen. Einstens, wenn eine große Gefahr +Kecskemét bedrohen wird, kommt er nach Hause, setzt sich in +den Oberrichterstuhl und fährt wie ein Blitz zwischen die +Feinde.</p> + +<p>Sie warteten lange, lange. Auch jene sind schon ausgestorben, +die als Kinder dem Kaftan nachgelaufen sind, jedoch +auch die Enkel der Enkel harren noch immer seiner +Heimkehr.</p> + +<p style="text-align: center; margin-bottom: 3em; letter-spacing: 0.5em;">Ende.</p> +<dl id="footnotes"> +<dt id="fn1"><a href="#fnRef1">[1]</a></dt> +<dd>Labanzen und Kurutzen waren ungarische Soldaten.</dd> +<dt id="fn2"><a href="#fnRef2">[2]</a></dt> +<dd>Zwischen Nagy-Körös und Kecskemét herrscht seit Jahrhunderten +eine kleinliche Rivalität.</dd> +<dt id="fn3"><a href="#fnRef3">[3]</a></dt> +<dd>Hoch!</dd> +<dt id="fn4"><a href="#fnRef4">[4]</a></dt> +<dd>Komitats-Polizisten.</dd> +<dt id="fn5"><a href="#fnRef5">[5]</a></dt> +<dd>Mänteln.</dd> +<dt id="fn6"><a href="#fnRef6">[6]</a></dt> +<dd>Eine Art Weste.</dd> +<dt id="fn7"><a href="#fnRef7">[7]</a></dt> +<dd>Eine Niederlassung.</dd> +<dt id="fn8"><a href="#fnRef8">[8]</a></dt> +<dd>Pferdehirten.</dd> +<dt id="fn9"><a href="#fnRef9">[9]</a></dt> +<dd>Ungarische Dichter.</dd> +<dt id="fn10"><a href="#fnRef10">[10]</a></dt> +<dd>Eine ungarische Masseuse.</dd> +<dt id="fn11"><a href="#fnRef11">[11]</a></dt> +<dd>Ungarischer Pelz.</dd> +<dt id="fn12"><a href="#fnRef12">[12]</a></dt> +<dd>Kuchen aus Maismehl.</dd> +<dt id="fn13"><a href="#fnRef13">[13]</a></dt> +<dd>Onkel oder dem Sinne nach, Gevatter.</dd> +<dt id="fn14"><a href="#fnRef14">[14]</a></dt> +<dd>Ein Fürst Siebenbürgens.</dd> +<dt id="fn15"><a href="#fnRef15">[15]</a></dt> +<dd>Ungarische Nationalspeise.</dd> +<dt id="fn16"><a href="#fnRef16">[16]</a></dt> +<dd>Berittene städtische Beamte.</dd> +<dt id="fn17"><a href="#fnRef17">[17]</a></dt> +<dd>Volksküche.</dd> +<dt id="fn18"><a href="#fnRef18">[18]</a></dt> +<dd>Etwa »Onkel Lestyák!«</dd> +</dl> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszáth + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN *** + +***** This file should be named 23740-h.htm or 23740-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/7/4/23740/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Daniel Kraft and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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